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Er hielt eine Photographie in Cabinetformat in der +Hand, die er, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, aufmerksam betrachtete. + +„Welch eine Anhäufung von Unruhe und Aufregung,“ sagte er mit einem +tiefem Athemzug, „die Erwartung wegen des Ausfalls des Plebiscits wäre +allein genügend, um mich in Spannung und in diese so schmerzvolle +Nervenerregung zu versetzen, — da muß noch dieses Complott hinzutreten, +das mir vor zehn Jahren gleichgültig gewesen wäre, das mir auch heute +gleichgültig ist, so weit es sich dabei um die Gefahr für mein Leben +handelt, — diesem Complott aber liegt eine größere Gefahr zu Grunde. Mein +Tod ist nur ein Theil des Plans, den man hier verfolgt, und so +abenteuerlich und thöricht diese Absicht der Zerstörung der Tuilerien +und der öffentlichen Gebäude im ersten Augenblick erscheinen mag, so +liegt darin doch eine tiefe Kenntniß der so scharf concentrirten +Zustände. Würde der Streich gelungen sein, so gehörte ganz Frankreich +dem Aufstande. Und,“ sprach er dumpf, vor sich hin starrend, „bin ich +denn schon sicher, daß er nicht gelingen wird, bin ich sicher, daß was +heute verhindert ist, sich nicht morgen wiederholen kann.“ + +Er blickte lange auf die Photographie, welche er in seiner Hand hielt +und prüfte genau mit scharfem forschendem Blick die Züge des Bildes. + +„Dieser Mensch,“ sagte er dann, „ist kein Fanatiker, — das ist kein +exaltirter Kopf, der aus überspannten Theorien in dem Gedanken sich für +eine große Idee zu opfern, zum Mörder wird, — dies Gesicht ist gemein und +gleichgültig. Dieser Mensch ist einfach ein Werkzeug — und wenn er +unschädlich gemacht wird, kann man Werkzeuge wie ihn überall +wiederfinden, — und man wird sie wiederfinden, wenn dieser Zustand +dumpfer Gährung weiter besteht, wenn die allgemeine Unzufriedenheit, +wenn das allgemeine Gefühl der Erniedrigung Frankreichs, das in der That +in diesem Augenblick die öffentliche Stimmung beherrscht, den tollkühnen +Unternehmungen der Verschwörer zu Hülfe kommt. Haben nicht vielleicht +Diejenigen doch Recht,“ sagte er in tiefem Gedanken, „welche mir rathen, +durch eine militairische Aktion das Gefühl der Nation wieder mit dem +Kaiserthum zu verbinden.“ + +Er warf die Photographie auf den Tisch und ging die Hände auf den Rücken +gelegt, den Kopf tief auf die Brust gesenkt mehrere Male langsam im +Zimmer auf und nieder. + +„Eine glänzende Action,“ sagte er dann — „ja — aber wenn sie nicht +glänzend wäre — wenn das launenhafte Glück _nicht_ über meinen Fahnen +schwebte — was dann? Dann würde all das Unheil, welches jetzt unter der +Oberfläche glimmt, in hellen Flammen emporlodern, und diese Flammen +würden über den Trümmern meines Gebäudes zusammenschlagen — warum aber +soll das Glück sich von mir wenden?“ rief er dann stehen bleibend und +den aufleuchtenden Blick seines großen geöffneten Auges auf eine +Marmorbüste Cäsars richtend, welche auf schwarzem Fuß in der Nähe seines +Schreibtisches stand. „War es mir doch bisher günstig wie jenem Römer, +dem Vorbild meines Hauses, der zwar unter den Dolchen der Verschwörer +fiel, auf dessen Thaten aber sich der glänzende Thron des Augustus +erbaute, — warum vermag ich nicht mehr an mein Glück zu glauben — wenn +dieses Plebiscit günstig ausfällt, so steht ja wieder der Wille der +ganzen Nation hinter mir, und auf diese neue Kraft gestützt, sollte ich +es wohl wagen können, dem Glück zu gebieten, denn das Glück beugt sich +dem kühnen Muth und dem festen Entschluß, — aber wenn das Plebiscit +ungünstig ausfällt,“ sprach er, wieder in sich zusammensinkend, mit +dumpfem traurigem Ton. „Doch nein,“ rief er dann, „nein, das ist +unmöglich, Alles ist gut vorbereitet, und die ersten Nachrichten über +den Erfolg der Abstimmungen lauten überraschend günstig.“ + +Er trat an den Tisch und durchblätterte die auf demselben liegenden +Telegramme. Dann nahm er einen Bleistift, schrieb einige Zahlen ab und +addirte dieselben. + +„Paris,“ sagte er, „Marseille, Toulouse, Bordeaux, die schlimmsten +Städte haben abgestimmt, und dennoch ergiebt sich nach den vorliegenden +Nachrichten bereits eine Summe von einer Million 400,000 Stimmen für +„Ja“ und nur 200,000 für „Nein.“ Wenn es so weiter geht, so ist der Sieg +gewiß.“ + +Der Dienst thuende Kammerdiener meldete den Groß-Siegelbewahrer. + +„Er ist willkommen,“ rief der Kaiser lebhaft und ging rasch nach der +Thür hin, durch welche Herr Ollivier lächelnd und freudig bewegt +eintrat. Er ergriff mit tiefer Verneigung die dargebotene Hand des +Kaisers, zog dann einige Telegramme aus seiner Tasche und rief, ohne die +Anrede seines Souverains abzuwarten: + +„Alles geht vortrefflich, Sire, bis heute morgen war das Resultat von +hundertundsechzig Wahlbezirken bekannt. Die Zahl der eingetriebenen +Wähler betrug 3,671,400 davon haben 2,614,000 mit Ja gestimmt und +432,000 mit Nein. So eben,“ fuhr er fort, „habe ich dieses zweite +Telegramm erhalten, nach welchem nunmehr bis auf sechsundzwanzig +Wahlbezirke die Resultate sämmtlich bekannt sind. Für Ja stimmten +hiernach 6,399,000, mit Nein 1,349,000. Die Stimmen der Armee und der +Marine und der Bevölkerung von Algier sind hierbei noch nicht +mitgerechnet; da die Gesammtzahl der Stimmenden ungefähr auf acht bis +zehn Millionen anzuschlagen ist, so ist eine colossale Majorität bereits +gesichert.“ + +Der Kaiser athmete tief auf und drückte noch einmal herzlich die Hand +seines Ministers. + +„Das Glück steht mir noch zur Seite,“ sagte er halblaut, mehr seinem +frühern Gedankengang folgend, als zu Herrn Ollivier sprechend. „Dies +glänzende Resultat,“ sagte er dann mit unendlich liebenswürdiger +Verbindlichkeit, „habe ich zum großen Theil meinen Ministern und Ihnen +ins Besondere, mein lieber Herr Ollivier, zu verdanken, da Sie es +verstanden haben, die Sympathien des ganzen Volkes um die kaiserliche +Regierung zu vereinigen, und vielleicht war dieses unglückliche traurige +Complott, das man entdeckt hat, ebenfalls eine glückliche Fügung, da +gerade dadurch dem ganzen Lande klar geworden ist, von welchen Gefahren +die Ordnung des Staats und der Gesellschaft bedroht wird, von Gefahren, +gegen welche nur ein freisinniges und kraftvolles kaiserliches Regiment +Schutz und Rettung bieten kann. Seien Sie überzeugt, daß ich die +Dienste, welche Sie dem Lande, mir und meinem Hause geleistet haben, +niemals vergessen werde.“ + +Herr Ollivier verneigte sich mit zufriedenem Lächeln. + +„Eure Majestät haben ganz mit Recht bemerkt,“ sagte er dann, „daß das +verbrecherische Complott, welches die Wachsamkeit der Polizei vor +einigen Tagen entdeckt, sehr günstig auf die Theilnahme der gut +gesinnten Bevölkerung auf die Abstimmungen gewirkt hat, — dessen +ungeachtet“ fuhr er fort, „bleibt die Sache sehr zu beklagen, denn +Alles, was man bis jetzt ermittelt hat, zeigt deutlich, daß man es hier +mit einem tief angelegten Plan unversöhnlicher Verschwörer zu thun hat, +und ich bitte Eure Majestät zu genehmigen, daß nicht wie in frühern +ähnlichen Fällen die Angelegenheit mit der Ihnen persönlich so nahe +liegenden Milde behandelt, sondern daß hier mit der äußersten Strenge +vorgegangen werde, um ein für allemal ernstlich und nachdrücklich von +ähnlichen Unternehmungen abzuschrecken. + +„Es widerstrebt mir,“ sagte der Kaiser mit einem sanften weichen +Ausdruck, „Unternehmungen, welche gegen meine Person und mein Leben +gerichtet sind, mit äußerster Strenge zu verfolgen. Nach meinem Gefühl +möchte ich Wahnsinnige, die derartiges versuchen, am liebsten völlig +ungestraft lassen, und das um so mehr in einem Augenblick, in welchem +mir das ganze Volk auf eine so glänzende Weise sein Vertrauen bezeigt. +Doch,“ fuhr er ernster fort, „es handelt sich hier nicht allein um mich, +man hat nicht nur mich bedroht, sondern zugleich die Sicherheit des +ganzen Staatsgebäudes, wie ich dasselbe unter Mitwirkung der besten +Kräfte des Landes und der Acclamation des ganzen Volkes errichtet habe; +hier darf keine Milde walten! Was hat man weiter entdeckt,“ fuhr er +fort. „Ich bin sehr gespannt auf die Ermittelung des Zusammenhangs der +Verschwörung.“ + +„Der Polizeipräfect befindet sich in Eurer Majestät Vorzimmer,“ +erwiderte Herr Ollivier, „und wenn Sie es erlauben, kann er hier +sogleich seinen Bericht erstatten, und Eure Majestät können die +Maßregeln genehmigen, welche ich zur gerichtlichen Verfolgung der +Verbrecher und zum Schutz der öffentlichen Sicherheit vorschlagen +möchte.“ + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf. + +Herr Ollivier ging hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem +Polizeipräfecten Pietri zurück, dessen bleiches, scharfes Gesicht +unbeweglich und kalt wie immer war und dessen scharfe Augen fast noch +stechender als gewöhnlich unter dem tiefen Schatten der vorspringenden +Stirn hervorblickten. + +Auf den Wink des Kaisers nahmen der Justizminister und der +Polizeipräfect neben dem Schreibtisch Platz, während Napoleon sich in +seinen Lehnstuhl niedersinken ließ, — den Ellenbogen auf das Knie +gestützt blickte er Herrn Pietri fragend und erwartungsvoll an. + +„Eurer Majestät,“ begann dieser, indem er eine kleine Mappe öffnete und +mehrere Papiere aus derselben hervorzog, „erlaube ich mir mitzutheilen, +daß der frühere Corporal Beaury in seiner Wohnung in der Rue St. Maur, +die er nach seiner Ankunft aus London bezogen hatte, verhaftet wurde. +Man hat bei ihm einen Dolch und einen Revolver, eine Summe von etwas +über dreihundert Francs gefunden, zugleich aber auch vor allen Dingen +Briefe von Gustav Flourens aus London, welche zweifellos beweisen, daß +Beaury den Auftrag erhalten und angenommen hatte, Eure Majestät durch +die Bomben zu tödten, von denen ich Ihnen bereits eine Probe zu +überreichen die Ehre gehabt habe.“ + +„Die Sprengbomben sind vortrefflich construirt,“ sagte der Kaiser — „ich +würde ihrer Wirkung nicht entgangen sein,“ fügte er lächelnd hinzu. + +„Die Briefe von Flourens,“ fuhr Pietri fort, „welche ich Eurer Majestät +hier vorzulegen die Ehre habe“ — er legte mehrere beschmutzte Papiere auf +den Tisch vor dem Kaiser nieder, beweisen aber zugleich, daß es sich +nicht nur um ein Attentat gegen Allerhöchst Ihre Person handelte, +sondern daß zu gleicher Zeit die Tuilerien und die sämmtlichen +öffentlichen Gebäude, in welchen die leitenden Organe der öffentlichen +Regierung ihren Sitz haben, zerstört werden sollten. Man hat auf die +Aussage Beaury's gestützt, welcher sogleich nach seiner Verhaftung +umfassende Geständnisse ablegte, Nachforschungen gehalten und bei einem +Kunsttischler Roussel, dessen die Agenten leider bis jetzt noch nicht +habhaft geworden sind, eine weitere größere Anzahl von Bomben, Massen +von Nitroglycerin, so wie bedeutende Quantitäten Petroleum gefunden; +auch steht nach den Aussagen Beaury's die Theilnahme der Internationale +an der ganzen Verschwörung außer Zweifel, was zugleich beweist, daß +diese Verbindung, welche sich nur mit der Erörterung socialer Fragen und +mit der Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes zu beschäftigen +vorgiebt, die eigentliche Triebfeder aller Attentate gegen die +bestehende Staatsordnung ist.“ + +„Haben Sie alle diese Beweisstücke da,“ fragte der Kaiser. + +„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Pietri, indem er mehrere Briefe und +Protokolle dem Kaiser überreichte. + +Dieser legte sie auf seinen Tisch. + +„Ich werde das Alles später prüfen,“ sagte er. „Es ist eine schmerzliche +Erfahrung für mich,“ fuhr er fort, „daß gerade diese internationale +Arbeiterassociation, welcher ich, so weit sie sich mit dem Interesse +der Arbeiter beschäftigte, stets wo das mit den Gesetzen vereinbar war, +mein Wohlwollen bewiesen, und meinen Schutz gewährt habe, sich jetzt zu +solchen Zwecken mißbrauchen läßt.“ + +„Ich habe Eure Majestät stets darauf aufmerksam gemacht,“ sagte Pietri, +„daß diese Organisation selbst unter ihren früheren gemäßigten, so zu +sagen philosophischen Führern eine große Gefahr für den Staat und die +Gesellschaft in sich schloß, und daß es nothwendig sei, mit der +äußersten Strenge gegen dieselbe vorzugehen, um sie und ihren weit +verzweigten Einfluß zu zerstören. Nachdem nun ihre gefährlichen und +verbrecherischen Ziele so klar an's Tageslicht getreten sind, möchte ich +Eure Majestät um die Erlaubniß bitten, die ganze Internationale mit +einem Schlage zu zertrümmern, und in allen Städten Frankreichs ihre +Führer, die mir sehr wohl bekannt sind, verhaften zu lassen.“ + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +„Ich erkenne die Nothwendigkeit energischer Maßregeln vollkommen an,“ +sagte er, „doch weiß ich nicht, ob die Verhaftung der Führer von einigem +Nutzen sein wird. So weit mir aus früheren Berichten die Organisation +jener Gesellschaft bekannt ist, hat jeder Führer einen Substitut, und +die Verhaftung der ersten Leiter würde also für die Unterdrückung der +Sache selbst nicht viel nützen, außerdem gehört dieser Internationale +eine Menge von Arbeitern an, die im Grunde gut gesinnt sind und die +verbrecherischen Absichten der Häupter weder kennen, noch billigen. Ich +glaube deshalb, daß es klug wäre, den Maßregeln, welche gegen die +Internationale getroffen werden müssen, jeden polizeilichen Character zu +nehmen und sie lediglich als die Folgen richterlichen Verfahrens +erscheinen zu lassen.“ + +Er richtete den Blick fragend auf Herrn Ollivier. + +„Ich theile vollkommen die Ansicht Eurer Majestät,“ sagte dieser. „Und +es sind in diesem Sinne alle Einleitungen getroffen, der +Generalprocurator Grandperret soll einen Bericht an mich erstatten, +welcher das Complott in seinem ganzen Zusammenhange darstellt und die +Einberufung des hohen Gerichtshofes beantragt. Ich werde diesen Bericht +des Generalprocurators, der bereits morgen in meinen Händen sein soll, +Eurer Majestät überreichen und zugleich den Entwurf eines Decrets +beilegen, welcher die Einberufung des hohen Gerichtshofes anordnet. +Sobald das geschehen, werden alle Verhaftungen, welche auf Grund der von +dem Generalprocurator Grandperret anzustellenden Anklageacte +vorgenommen werden müssen, gerichtliche und nicht mehr polizeiliche +Maßregeln sein.“ + +„Sehr gut,“ sagte der Kaiser, „ich erwarte Ihren Bericht, mein lieber +Herr Ollivier, und ich hoffe,“ fügte er sich zu Pietri wendend hinzu, +„daß Ihre Agenten geschickt genug sein werden, um keinen der Schuldigen +entwischen zu lassen.“ + +„Eure Majestät können überzeugt sein,“ erwiderte der Polizeipräfect, +„daß in meinem Ressort geschehen wird, was nur irgend zu thun möglich +ist, dennoch aber möchte ich bitten, einige Personen welche ich dem +Herrn Generalprocurator bezeichnen werde, von der Verhaftung +auszuschließen. Es sind die Personen welche wir genau zu überwachen in +der Lage sind, und durch welche wir in Folge dieser Überwachung +fortwährend Kunde von den Fäden erhalten, durch welche die revolutionäre +Bewegung im ganzen Lande geleitet wird. Würden diese Personen verhaftet +werden, so würde uns sich eine Quelle sehr wichtiger Nachrichten +verschließen, und wir würden gezwungen sein, viele Zeit aufzuwenden, um +neue Netze zu knüpfen.“ + +Der Kaiser lächelte. + +„Ich verstehe,“ sagte er — „nicht wahr, mein lieber Herr Ollivier, Sie +finden den Wunsch des Herrn Pietri gerechtfertigt —“ + +„So fern dadurch,“ sagte der Justizminister, „der gerichtlichen +Verfolgung keine Beweise entzogen werden.“ + +„Sie können sicher sein,“ sagte Herr Pietri, „daß diejenigen Personen, +um welche es sich handelt, — und zu denen in erster Linie der eitle +Schwätzer Raoul Rigault gehört, so vollständig umstellt sind, daß keine +ihrer Bewegungen, keines ihrer Worte uns entgeht, und daß ihre +Verhaftung, wenn sie jemals nothwendig werden sollte, jeden Augenblick +stattfinden kann. Es ist aber eine alte Regel der polizeilichen Praxis,“ +fügte er hinzu, „in großen und besonders bedeutungsvollen Fällen immer +einige der betreffenden Personen in scheinbarer Freiheit zu lassen, um, +wenn es nöthig ist, durch sie das herstellen zu können, was man mit dem +technischen Ausdruck eine „Mausefalle“ nennt. Hat man einmal alle +Personen, von denen man irgend etwas weiß, im Gefängniß eingeschlossen, +so ist es kaum möglich, irgend etwas Weiteres und Neues zu erfahren.“ + +„Ich bitte Sie also,“ sagte Herr Ollivier, „sich mit dem +Generalprocurator Grandperret über diesen Punkt zu verständigen.“ + +„Der Herr Marschall Kriegsminister,“ meldete der Kammerdiener. + +„Ich bitte den Marschall einzutreten,“ erwiderte der Kaiser. + +Der Marschall Leboeuf trat in das Cabinet, die militairische Haltung +seiner großen vollen Gestalt, der martialische Ausdruck seines starken +Gesichts mit dem großen, dichten Schnurrbart ließen in ihm trotz des +Civilüberrocks, den er trug, den Soldaten erkennen. + +„Nun, mein lieber Marschall,“ rief ihm der Kaiser entgegen. „Sie bringen +das Resultat der Abstimmungen der Armee.“ + +„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte der Marschall. „Leider aber habe ich +Eurer Majestät mitzutheilen, daß nach den Mittheilungen, welche nunmehr +beinahe abgeschlossen sind dreißigtausend Ihrer Soldaten mit „Nein“ +gestimmt haben.“ + +Der Kaiser ließ einen Augenblick das Haupt auf die Brust sinken, ein +trüber, trauriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. + +„So großen Einfluß,“ sagte er, „haben die Feinde meiner Regierung also +auch in den Reihen meiner Armee gewonnen, daß dreißigtausend kaiserliche +Soldaten es wagen, ein Mißtrauensvotum gegen mich auszusprechen.“ + +„Ich habe Eure Majestät,“ sagte Herr Pietri, „bereits seit lange darauf +aufmerksam gemacht, daß es vom polizeilichen Gesichtspunkt aus nicht +zweckmäßig sei, die Soldaten so lange, wie das jetzt geschehen ist, oft +über drei Jahre lang in denselben Garnisonen zu lassen, sie +fraternisiren dadurch zu sehr mit der Bevölkerung, und es sind gerade +die revolutionären Elemente, welche in kluger Berechnung und mit großem +Geschick stets danach streben, in den Reihen der Armee Propaganda zu +machen, — wenn Eure Majestät Ihre Regimenter öfter die Garnisonen +wechseln ließen, so würde so etwas nicht vorkommen.“ + +„Wir wollen darüber nachdenken,“ sagte der Kaiser, sich zum Marschall +Leboeuf wendend. „Wo sind denn besonders Stimmen mit Nein abgegeben +worden,“ fragte er, augenscheinlich noch immer sehr peinlich durch die +Mittheilung des Marschalls berührt. + +„Vor allen Dingen hier in Paris,“ erwiderte der Marschall Leboeuf, +„bei dem siebenzehnten Jägerbataillon und dem siebenzehnten +Linienregiment. — In der Kaserne Prinz Eugene,“ fuhr er fort, „hatte +sich, wie man mir meldete, die Garnison bei der Abstimmung in zwei, fast +ganz gleiche Theile gespalten. Ich bin selbst dorthin gegangen, habe die +Truppen antreten lassen und eine Ansprache an sie gehalten, in welcher +ich ihnen auseinandersetzte, daß gerade in diesem Augenblick, in +welchem die Revolution es versucht habe, die bestehende Staatsordnung +umzustürzen, die feste Treue der Armee gegen den Kaiser eine hohe +patriotische Pflicht sei.“ + +„Und,“ fragte der Kaiser. + +„Ein einstimmiges, laut schallendes Vive l'Empereur war die Antwort,“ +erwiderte der Marschall. „Ich glaube,“ fuhr er fort, „daß bei dem +negativen Votum der einzelnen Soldaten mehr der Reiz maßgebend gewesen +ist, einmal ungestraft und unbeengt durch Disciplinarvorschriften ein +wenig Opposition machen können. Ich glaube aber nicht, daß diese +Opposition gefährlich ist, und daß irgend ein Theil der Armee es an +Energie in der Bekämpfung der Revolution fehlen lassen würde, wenn es +jemals dazu käme.“ + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +„Der Faubourg du Temple ist unruhig, wie Sie mir heute gemeldet haben,“ +sagte er zu Pietri gewendet. + +„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte dieser. „Es finden dort +Zusammenrottungen statt. Bis jetzt ist noch nichts Ernstes geschehen, +als daß einige Laternen umgeworfen wurden, indessen ist zu besorgen, daß +mit dem Eintritt der Dunkelheit dort ernstere Unruhen stattfinden +möchten, und meine Agenten haben mir bereits berichtet, daß +Vorbereitungen zum Barrikadenbau getroffen wurden.“ + +„Commandiren Sie, mein lieber Marschall, das siebenzehnte Jägerbataillon +und das siebente Linienregiment heute Abend nach dem Faubourg du Temple, +um gegen die Ruhestörungen, welche man dort versuchen möchte, +einzuschreiten. Ich will den Truppen zeigen, daß ich ihr Recht des +freien Votums achte, und das mein Vertrauen in die Erfüllung ihrer +Dienstpflicht durch den Gebrauch ihres Stimmrechts auch gegen mich nicht +erschüttert werden kann. Nun aber,“ fuhr er fort, indem er sich in einer +kräftigeren Bewegung als sonst erhob und den Blick stolz und frei über +die in seinem Cabinet befindlichen Personen gleiten ließ, „ist es +nothwendig, zu der Verfolgung der Verschwörer durch die Gerichte +Maßregeln zu treffen, um den Staat gegen alle Attentate zu schützen, +welche vielleicht dennoch von denen versucht werden könnten, die sich +bisher der Wachsamkeit der Behörden zu entziehen wußten. Lassen Sie, +mein lieber Marschall,“ sprach er im festen Ton des Befehls, der keine +Erörterung und keinen Widerspruch duldet, „die Truppen sämmtlich in den +Kasernen consigniren, die Truppen sollen scharfe Patronen erhalten und +jeden Augenblick marschbereit sein. Commandiren Sie ferner nach allen +öffentlichen Gebäuden wenigstens zwei Bataillone, welche vor Allem den +Befehl erhalten müssen, jeden Eintritt unbekannter Personen +zurückzuweisen und die Keller und Souterrainräume zu überwachen. +Sodann,“ fuhr er fort, „sollen die Voltigeurs der Garde sämmtlich in die +Gallerien commandirt werden, welche den Pavillon des kaiserlichen +Prinzen mit dem Neubau vereinigen. Ich werde dem General Frossard den +Befehl schicken, daß der Prinz seine Wohnung nicht verläßt, man könnte +seinen Wagen für den Meinigen halten, und er könnte das Opfer eines +gegen mich gerichteten Attentats werden. Das darf nicht geschehen, denn +auf seinem Leben beruht die Zukunft Frankreichs. Jeder Unruhe,“ fuhr er +immer in demselben festen Ton fort, „welche heute Abend in den Straßen +von Paris stattfinden könnte, soll sofort mit scharfer Waffe und ohne +jede Schonung entgegen getreten werden. Die Corpsführer sind mir +verantwortlich dafür, daß keine Barricade länger als eine halbe Stunde +stehen bleibt, — vor Allem,“ fügte er noch hinzu, „sollen starke Posten +in das Erdgeschoß des Pavillons des kaiserlichen Prinzen gelegt werden +und Niemand dort zugelassen werden, der sich nicht durch seinen Dienst +oder durch einen besonderen Erlaubnißschein legitimiren kann. Außerdem +werden Sie, mein lieber Pietri,“ sagte er, sich an den Polizeipräfecten +wendend, „den Pavillon des Prinzen ringsum mit Ihren zuverlässigen +Agenten umgeben lassen, mit dem bestimmten Befehl, Niemand die +Annäherung an denselben zu gestatten.“ + +Herr Ollivier sah ganz erstaunt den Kaiser an, der Ton desselben, +welcher an die Zeit des unumschränkten persönlichen Regiments erinnerte, +schien ihn zu befremden. + +„Und welche Sicherheitsmaßregeln befehlen Eure Majestät,“ sagte Herr +Pietri, „für den Pavillon de l'Horloge, — für Eurer Majestät eigene +Wohnung?“ + +„Keine,“ sagte der Kaiser stolz lächelnd, „ich habe die Pflicht, für die +Sicherheit des Staates und des Erben meines Thrones zu sorgen. Was mich +betrifft, — ich vertraue meinem Stern! — Gehen Sie, meine Herren,“ sagte +er mit freundlicher Würde und Hoheit, „und sorgen Sie für die pünktliche +Ausführung meiner Befehle. Sie, mein lieber Ollivier, bitte ich, noch zu +bleiben, ich habe noch weiter mit Ihnen zu sprechen.“ + +Der Marschall Leboeuf und Herr Pietri zogen sich zurück. + +„Sie wissen,“ sagte der Kaiser, als er mit dem Großsiegelbewahrer +allein war, „daß die Kaiserin nach der Verfassung des Reichs zur +Regentin bestimmt ist, für den Fall meiner Abwesenheit oder meines Todes +während der Minderjährigkeit des Prinzen. Dieser Beaury ist gefangen,“ +fuhr er fort, „aber man könnte einen Zweiten und einen Dritten absenden, +und irgend ein plötzliches Ereigniß könnte meinem Leben ein Ende +machen.“ + +„Sire,“ rief Ollivier, die Hand auf die Brust legend, „die Vorsehung +wird verhüten —“ + +„Ich hoffe das,“ sagte der Kaiser kalt und ruhig, „indessen muß ich für +den Fall eines verhängnißvollen Ereignisses meine Bestimmung treffen, +als ob es sich um eine dritte Person handelte. Sollte ich,“ fuhr er +fort, „das Opfer eines Dolches, eines Revolvers oder einer Bombe werden, +so werden Sie unverzüglich die ganze Garnison von Paris unter die Waffen +treten lassen, meinen Sohn zum Kaiser proclamiren und die Truppen ihm +und der Regentin den Eid der Treue schwören lassen. Sie werden jeden +Versuch einer Bewegung in der Hauptstadt mit rücksichtsloser Strenge +niederwerfen und die Regierung genau so fortführen, als ob sich Nichts +geändert habe — Nichts,“ fügte er mit einem Anklang leiser Wehmuth hinzu, +„als daß neben dem Namen des Kaisers eine IV statt einer III steht. +Besprechen Sie mir das, geben Sie mir Ihr Wort darauf.“ + +Er streckte Ollivier mit einer Bewegung voll Hoheit und liebenswürdiger +Herzlichkeit zugleich die Hand hin. + +„Ich schwöre es Eurer Majestät,“ rief Ollivier mit einer von innerer +Bewegung erstickten Stimme, indem er seine Hand in die des Kaisers +legte. + +„So haben wir Vorsorge getroffen,“ sprach Napoleon im ruhigen, heiteren +Ton weiter, „für den Fall eines unglücklichen Verhängnisses, jetzt +lassen Sie uns an die Gegenwart und ihre Forderungen herantreten. +Nachdem das Plebiscit dem Kaiserreich von Neuem die feste Grundlage des +Nationalwillens gesichert hat, müssen wir darauf denken, die Regierung, +selbst wenn sie sich in einem provisorischen Stadium befindet, wieder zu +consolidiren. Das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten vor allen +Dingen, welches Sie seit dem Rücktritt des Grafen Daru mit so großer +Opferbereitwilligkeit neben der Last aller Ihrer übrigen Arbeiten +geführt haben, muß, wie es mir scheint, definitiv besetzt werden.“ + +Herr Ollivier schien durch diese Bemerkung des Kaisers nicht besonders +angenehm berührt zu werden. + +„Es ist mir eine Freude gewesen, meine Arbeitskraft auch in diesem +erhöhten Maße dem Dienste Eurer Majestät zu widmen. Und bis zu diesem +Augenblick,“ fügte er mit einem gewissen selbstbewußten Lächeln hinzu, +„ist mir diese Last nicht zu schwer geworden. Nicht, um mich den +vermehrten Arbeiten zu entziehen, möchte ich Eure Majestät zur Besetzung +des auswärtigen Portefeuille drängen.“ + +„Ich weiß, mein lieber Minister,“ sagte der Kaiser verbindlich, „daß Sie +keine Mühe scheuen, und daß Ihre eminente Kraft auch die schwerste Last +leicht zu ertragen im Stande ist. Indessen wird die gesammte politische +Leitung der Regierung Sie in der nächsten Zeit, in welcher alles jetzt +Geschaffene befestigt werden muß, so sehr in Anspruch nehmen, daß ich +nicht die Detailarbeiten Ihnen auch noch aufbürden möchte. Es kommt +darauf an,“ fuhr er fort, „einen Minister der auswärtigen +Angelegenheiten zu finden, welcher die für den internationalen Verkehr +erforderliche Geschmeidigkeit mit dem festen Willen und der Kraft +vereint, die Würde und die Interessen Frankreichs nach außen hin +energisch zu vertreten, und welcher zugleich mit den Grundsätzen, nach +welchen Sie zu meiner großen Freude meine Regierung führen, völlig +übereinstimmt. Ich habe geglaubt, daß Drouyn de L'huys, welcher bereits +mehrere Male die auswärtige Politik Frankreichs geführt hat, im +wesentlichen die erforderlichen Eigenschaften besitzt, es würde nur +darauf ankommen, ob Sie glauben, mit demselben in inniger und +aufrichtiger Uebereinstimmung zusammen arbeiten zu können.“ + +Herr Ollivier schien noch immer unter dem Eindruck einer gewissen +Verstimmung sich zu befinden. + +„Ich achte Herrn Drouyn de L'huys hoch,“ sagte er mit einiger +Zurückhaltung, „er ist ein Mann von großer und ausgedehnter Erfahrung, +von tiefen Kenntnissen und großer Charakterfestigkeit. Freilich,“ fuhr +er fort, „sagt man, daß diese Charakterfestigkeit zuweilen ein wenig die +Grenzen des Eigensinns streifen soll, —“ + +„Man hat nicht ganz Unrecht,“ fiel Napoleon, leicht das Haupt neigend, +ein. „Indeß glaube ich, daß es Ihnen bei Ihrer Gewandtheit, Andere zu +überzeugen, nicht schwer werden würde“ — + +Die Flügel der Thür des kaiserlichen Cabinets wurden geöffnet. Der +Huissier meldete die Kaiserin. + +Unmittelbar darauf trat Ihre Majestät schnell ein, ihre Hand leicht auf +den Arm des kaiserlichen Prinzen gelegt. Das schöne Gesicht der Kaiserin +leuchtete vor freudiger, innerer Erregung, ihre Augen strahlten, ein +triumphirendes Lächeln lag auf ihren Lippen, hoch und stolz trug sie das +Haupt auf dem wunderbar schönen, schlanken Halse. + +Der kaiserliche Prinz war damals vierzehn Jahre alt, seine Gestalt war +schlank und schmächtig, seine Haltung elegant und sicher, sein bleiches +Gesicht mit dem dichten, dunkel glänzenden Haar, schien älter als seine +Jahre, frühzeitige körperliche Leiden hatten ihm einen gewissen Ausdruck +von fast melancholischer Weichheit gegeben. Seine Stirn zeigte eine +auffallende Ähnlichkeit mit derjenigen des Kaisers, während der untere +Theil des Gesichts, die Nase und der Mund lebhaft an seine Mutter +erinnerten. Seine dunklen, sinnigen Augen blickten aufmerksam forschend, +es lag in denselben neben einer gewissen, kindlichen, wohlwollenden +Offenheit, doch auch ein gewisses prüfendes Mißtrauen. + +Der Prinz trug einen einfachen schwarzen Civilanzug und küßte, nachdem +die Kaiserin den Kaiser begrüßt, mit liebevoller Ehrerbietung die Hand +seines Vaters. + +„Ich komme mit unserm Louis,“ rief die Kaiserin, „um die Erste zu sein, +welche Ihnen zu dem so glänzenden Ausfall des Plebiscits von ganzem +Herzen Glück wünscht, und zugleich,“ sagte sie, mit anmuthiger Bewegung +sich zu Ollivier wendend, „dem geistvollen und treuen Rathgeber, dessen +eifriger Thätigkeit wir vor allen Dingen dieses glückliche Resultat zu +verdanken haben, auch meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank zu +sagen.“ + +Sie reichte Ollivier ihre Hand, auf welche dieser seine Lippen drückte. + +„Es scheint,“ sagte der Kaiser, „als ob gerade in diesem Augenblick, in +welchem das Glück uns lächelt, die finsteren Dämonen der Revolution von +Neuem ihr Haupt erheben, hoffentlich zum letzten Mal. Ich habe,“ fuhr er +fort, „soeben, obgleich mir das gerade in diesem Augenblick mehr als je +widerstrebt, die Befehle zur energischen Verfolgung der Schuldigen +gegeben und zugleich zum Schutz des Staats und der Dynastie die +Voltigeurs der Garde in den Pavillon des Prinzen gelegt. Und Du, mein +lieber Louis,“ sagte er, leicht mit der Hand über das Haar seines Sohnes +streichend, „wirst in den nächsten Tagen Dir gefallen lassen müssen, die +Tuilerien nicht zu verlassen, so lange wenigstens, bis das Complott in +allen seinen Verzweigungen entdeckt und unschädlich gemacht sein wird.“ + +„Oh, Papa,“ rief der junge Prinz mit blitzenden Augen, „ich fürchte mich +nicht, mögen sie nur kommen, ich werde mich zu vertheidigen wissen, +und“ fügte er hinzu, den glänzenden Blick aufwärts gerichtet, „Gott wird +nicht erlauben, daß die ruchlosen Pläne dieser Verschwörer gelingen.“ + +„Ich bin überzeugt, daß Du Dich nicht fürchtest, mein Sohn,“ sagte der +Kaiser, indem er seinen Blick voll stolzer Freude auf dem Prinzen ruhen +ließ — „Du würdest sonst nicht im Stande sein, Frankreich zu beherrschen, +aber Dein Leben gehört der Zukunft Deines Landes, Du darfst es wohl in +der Schlacht für die Ehre und den Ruhm Frankreichs einsetzen, aber es +soll nicht die Beute heimtückischer Meuchelmörder werden. Wo ist der +General Frossard?“ fragte er. + +„Der General hat den Prinzen hierher begleitet,“ erwiderte die Kaiserin, +„er befindet sich im Vorzimmer.“ + +Napoleon öffnete selbst die Thür seines Cabinets und rief den General. +Dieser, ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit einem länglichen, ernst und +streng blickenden Gesicht trat ein und erwartete schweigend die Befehle +des Kaisers. + +„Mein lieber General,“ sagte Napoleon, „ich bitte Sie, dafür Sorge zu +tragen, daß der Prinz bis auf weitere Befehle sein Zimmer nicht verläßt, +und daß er keine Audienzen ertheilt, welche ich nicht vorher genehmigt +habe. Gehe mit dem General, mein Sohn,“ fuhr er fort, dem Prinzen +freundlich auf die Schulter klopfend, „und beschäftige Dich ein wenig +mit Deinen Studien, ich werde später zu Dir kommen und ein wenig sehen, +was Du treibst.“ + +Der Prinz zögerte einen Augenblick, ein leichter Anflug von Unmuth +erschien auf seinem Gesicht, er küßte die Hand seines Vaters, umarmte +zärtlich die Kaiserin und verließ, vom General Frossard gefolgt, das +Cabinet. + +„Ich habe soeben einen Brief von Gramont erhalten,“ sagte die +Kaiserin — „er sendet uns seine aufrichtigsten Wünsche für den +glücklichen Ausfall des Plebiscits und ist entzückt über die ersten +Nachrichten, welche der Telegraph nach Wien gebracht hat, und welche +bereits erwarten lassen, was sich inzwischen vollzogen hat. Ich würde +Dir den Brief vorlesen,“ sagte sie mit einem lächelnden Seitenblick auf +Ollivier, „wenn ich nicht fürchten müßte, den Herrn Großsiegelbewahrer +in Verlegenheit zu setzen. Der Herzog ist in der That einer seiner +glühendsten Bewunderer, er preist Frankreich und das Kaiserreich +glücklich, einen solchen Mann zu den ihrigen zu zählen. + +Es ist nur zu bedauern,“ fügte sie mit einem leichten Seufzer hinzu, +„daß der Herzog so fern von hier auf entlegenem Posten in Wien sich +befindet, er wäre ein vortrefflicher Bundesgenosse des Herrn Ollivier, +er würde keinen anderen Ehrgeiz haben, als dessen Leitung zu folgen und +mit seinem Eifer und seiner Energie die Ideen auszuführen, an denen +dieser so reich und so fruchtbar ist,“ sagte sie, mit einem reizenden +Lächeln sich gegen den Justizminister verbeugend, der einen schnellen, +forschenden Blick auf den Kaiser richtete. + +Napoleon hatte den Kopf ein wenig niedergesenkt, sein verschleierter +Blick richtete sich ausdruckslos zu Boden. + +„Euer Majestät hatten so eben die Gnade,“ sagte Ollivier, indem er sich +halb zur Kaisern wendete, „mit mir über die Besetzung des auswärtigen +Ministeriums zu sprechen und den Namen des Herrn Drouyn de L'huys zu +nennen“ — ein finsterer Schatten flog einen Augenblick über die Züge der +Kaiserin, aber unmittelbar nahmen dieselben wieder ihren ruhig +lächelnden, fast gleichgültigen Ausdruck an. + +„Drouyn de L'huys,“ sagte sie, „würde reiche Erfahrungen für diesen +Posten mitbringen, — er ist ja auch, so weit ich davon gehört habe, im +Ganzen vollkommen einverstanden mit der gegenwärtigen Richtung der +Regierung. Ich bedaure nur Herrn Ollivier,“ fügte sie in heiterem Tone +hinzu, „er wird ein wenig Mühe haben, mit Herrn Drouyn de L'huys fertig +zu werden, derselbe hält viel auf seinen eigenen Willen. Aber,“ sagte +sie, „es wird ja am Ende nicht schwer sein, sich ihm zu accommodiren, er +ist ein Mann von vielem Geist und so viel älter als Herr Ollivier —“ + +Sie schwieg abbrechend. + +Der Justizminister schien einen Augenblick mit seinen Gedanken +beschäftigt, dann wandte er sich, wie einem schnellen Entschluß folgend, +zum Kaiser und sagte: + +„Ich habe Eure Majestät, vorhin die Meinung ausgesprochen, welche ich +über Herrn Drouyn de L'huys hege. Ich kann indeß eine Bemerkung nicht +unterdrücken, welche ein wenig gegen die Übertragung des auswärtigen +Ministeriums an ihn sprechen möchte. Herr Drouyn de L'huys gilt in Folge +der Verhältnisse, unter denen er das Portefeuille im Jahre 1866 +abgegeben, für einen großen Gegner Preußens und für einen Fürsprecher +kriegerischer Unternehmungen.“ + +„Drouyn de L'huys will durchaus den Frieden aufrecht erhalten wissen,“ +sagte der Kaiser schnell. + +Der Blick der Kaiserin flammte auf, sie machte eine leichte Wendung und +führte einen Augenblick ihr Taschentuch an die Lippen. + +„Ich glaube, daß Herr Drouyn de L'huys den Frieden will,“ erwiderte +Ollivier, „indessen die Welt und namentlich das Ausland glaubt einmal +das Gegentheil von ihm, es wäre vielleicht zu befürchten, daß seine +Ernennung von den fremden Mächten, in's Besondere von dem Berliner +Cabinet mit Mißtrauen aufgenommen werden möchte, und in diesem +Augenblick, in welchem wir so sehr mit den inneren Fragen beschäftigt +sind, würde eine Trübung der auswärtigen Beziehungen die Erfüllung der +Aufgaben, welche wir dem Willen Eurer Majestät gemäß uns gesteckt haben, +sehr erschweren. Es wäre vielleicht gut, das auswärtige Ministerium +einem Manne zu übertragen, welcher seit längerer Zeit dem Mittelpunkt +der Politik fern gestanden hat, und aus dessen Vergangenheit man keine +beunruhigenden Schlüsse zu ziehen im Stande ist. Ihre Majestät die +Kaiserin,“ fuhr er fort, „hatten so eben die Güte gehabt, mitzutheilen, +daß der Herzog von Gramont sehr freundliche Gesinnungen für meine +geringe Person hegt. Ich bin gewiß, Eure Majestät wissen, daß ich weit +davon entfernt bin, mich durch persönliche Eindrücke leiten zu lassen, +um so mehr als ich in diesem Falle glaube, daß die Sympathie des +Herzogs von Gramont vor allen Dingen den Prinzipien gilt, welche ich in +Uebereinstimmung mit Eurer Majestät auszuführen unternommen habe, und in +dieser Beziehung würde ich allerdings ein Zusammenwirken mit einem +Manne, der vollständig von denselben Grundsätzen durchdrungen ist, nur +für sehr nützlich halten können.“ + +„Würden Sie nicht,“ fragte die Kaiserin lächelnd, — „Sie, der bürgerliche +Stoiker, Scheu haben, durch den Herzog von Gramont sich dem Faubourg St. +Germain zu sehr zu nähern?“ + +„Ich achte alle Klassen der Gesellschaft,“ sagte Ollivier in +pathetischem Ton, „wenn sie sich den Ideen, welche den Staat in unseren +Tagen leiten müssen, unterwerfen, und wenn der alte historische Adel +Frankreichs sich entschließen könnte, den Wegen des Kaisers und seiner +Regierung zu folgen, so würde die ganze Nation dabei gewinnen.“ + +„Sie nehmen die Sache ernst“, sagte die Kaiserin leicht hin — „ich habe +gar keine Ansicht aussprechen und am wenigsten den Erwägungen vorgreifen +wollen.“ + +„Die Andeutungen Eurer Majestät,“ sagte Ollivier, während der Kaiser +fortwährend unbeweglich schwieg, „verdienen indeß die höchste Beachtung +und vielleicht hat — Euer Majestät verzeihen mir,“ fügte er, sich leicht +verneigend hinzu, „hier der weibliche Instinct schneller das Richtige +getroffen, als es die ernsthaftesten und tiefsten Erwägungen hätten +finden können. Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr will es mir +scheinen, als ob der Herzog von Gramont in der That eine sehr geeignete +Persönlichkeit für das auswärtige Ministerium wäre.“ + +Der Kaiser stand auf. + +„Wir wollen darüber nachdenken,“ sagte er in einem Tone, der jede +weitere Unterredung darüber abschnitt, „sobald das Plebiscit beendet +sein wird. Für jetzt bitte ich Sie,“ fuhr er zu Ollivier gewendet fort, +„mich zu begleiten, wenn Ihre Zeit es erlaubt, ich will einen Augenblick +auf der Terrasse des Tuileriengartens spazieren gehen.“ + +„Um Gottes Willen,“ rief die Kaiserin erschrocken, „ganz Paris ist in +unruhiger Bewegung, noch hat man nicht die Tiefe der Beschwörung +ergründet, noch sind nicht alle Mitschuldige ermittelt und gefangen — ich +bitte Sie, Louis, setzen Sie Sich einer solchen Gefahr nicht aus! Wie +leicht könnte eine jener entsetzlichen Bomben Sie treffen, bleiben Sie +im reservirten Garten.“ + +Der Kaiser lächelte. + +„Sie können Sich überzeugen, Eugenie,“ sagte er, „daß ich für die +Sicherheit des Prinzen gesorgt habe, — ich selbst will meinen Feinden und +allen Franzosen zeigen, daß wenn es ihnen vielleicht gelingen kann, mich +zu tödten, sie doch nicht dahin kommen werden, mich einzuschüchtern.“ + +Er bewegte schnell die Glocke auf seinem Schreibtisch und nahm seinen +Hut und sein spanisches Rohr. Der Huissier öffnete die Thürflügel. Der +Kaiser gab seiner Gemahlin den Arm und führte sie durch das Vorzimmer, +in welchem der Dienst thuende Adjutant und der Kammerherr der Kaiserin, +wartete, bis zum Eingang zu ihren Appartements. + +Dann stützte er seinen Arm auf den des Herrn Ollivier, stieg mit ihm die +Treppe herab und schritt langsam nach der reservirten Terrasse des +Tuileriengartens, indem er dem Adjutanten befahl, zurückzubleiben. + +Langsam schritt er unmittelbar an der Rampe dieser Terrasse nach der +Place de la Concorde hin auf und nieder, indem er sich stets so wandte, +daß er an der dem Platze zugekehrten Seite ging. + +Bald hatte man ihn erkannt, eine ziemlich dichte Menge sammelte sich +unterhalb der Terrasse an und laute Rufe begrüßten den Kaiser. + +Napoleon dankte mit der Hand, trat dicht an den Rand der Terrasse und +blickte lange auf die immer mehr anwachsende Menge herab. + +„Sie sehen,“ sagte er lächelnd, sich zu Ollivier wendend, „daß das +Schicksal noch nicht mit mir enden will. Es gehört wahrlich wenig dazu, +um mich von dort unten her zu treffen.“ + +„Je näher Euer Majestät Ihrem Volke treten,“ sagte Ollivier, „um so +sicherer werden Sie vor allen Angriffen sein — auch ich gehörte einst zu +Ihren Gegnern; es hat nichts weiter bedurft, als daß Euer Majestät mir +erlaubten, in Ihre Nähe zu treten, um mich zu Ihrem treuesten und +ergebenden Diener zu machen.“ + +Der Kaiser dankte mit einer leichten Neigung des Hauptes für diese in +etwas rhetorischem Tone ausgesprochene Schmeichelei, legte wieder seinen +Arm in den des Ministers und setzte noch eine halbe Stunde lang seinen +Spaziergang fort, indem er mit der ihm eigentümlichen bezaubernden +Liebenswürdigkeit von allen möglichen Dingen plauderte, aber trotz aller +Anspielungen Olliviers es vermied, das Thema der Besetzung des +auswärtigen Ministeriums wieder zu berühren. + + + + +Zweites Capitel. + + +Es war ungefähr um die neunte Abendstunde desselben Tages, als der +Geheimsecretair Pietri durch den besonderen Eingang aus seinem Bureau in +das Cabinet des Kaisers trat. + +Napoleon saß ernst und gedankenvoll in seinem Lehnstuhl, er trug den +Campagneüberrock der Generalsuniform und rauchte eine jener kleinen +Cigarretten von türkischem Taback, welche er sich selbst bereitete, +träumerisch den kleinen Rauchwolken nachblickend, welche durch das von +einer großen, auf dem Schreibtisch stehenden Lampe nur matt erleuchtete +Zimmer dahinzogen. + +Er richtete sich beim Eintritt Pietris leicht empor und sagte, indem er +seinen Vertrauten mit freundlichem Lächeln grüßte. + +„Haben Sie nach der Rue de Bondy gesendet?“ + +„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Herr Pietri, „die Dame ist hier und +wartet in meinem Zimmer.“ + +Der Kaiser stand auf. + +„Es wäre doch wohl besser gewesen, unerkannt dort hinzugehen. Ich +erleichtere ihr Metier zu sehr, wenn sie weiß, mit wem sie es zu thun +hat.“ + +„Aber, Sire,“ sagte Pietri, „in diesen Tagen in jene Gegenden sich zu +begeben, das wäre nicht mehr Verachtung der Gefahr, das wäre +Tollkühnheit, und wenn Euer Majestät dort erkannt worden wären, wenn +irgend ein Unglück sich ereignet hätte, so würde man mit Recht ein +solches Unternehmen als verbrecherisch verurtheilen.“ + +„Sie haben vielleicht Recht,“ sagte der Kaiser — + + — „auch kann man ja hier die Allwissenheit der Priesterin des Pietismus +prüfen, lassen Sie die Dame kommen — Mademoiselle — ?“ versetzte er +fragend. + +„Mademoiselle Lesueur,“ erwiderte Pietri. + +Der Kaiser nickte mit dem Kopfe. + +Pietri ging hinaus und führte nach wenigen Augenblicken durch die +Portiere eine junge Dame von achtzehn bis neunzehn Jahren in das +Cabinet, während er selbst einen ganz einfachen Tisch von leichtem +unpolirten Holz in der Hand trug und in die Mitte des Zimmers +niedersetzte. + +Der Kaiser grüßte die junge Dame mit verbindlicher Artigkeit und +betrachtete sie mit forschendem Blick. + +Mademoiselle Lesueur war eine äußerst elegante und sympathische +Erscheinung, sie trug ein dunkles, einfaches Seidenkleid um den Hals mit +einer kleinen Spitzenkrause geschlossen. Ihr dunkelbraunes Haar war in +leichten Flechten um den Kopf gewunden, ihr zartes Gesicht dessen +durchsichtige Blässe von einer feinen Röthe auf den Wangen belebt wurde, +war von klassischer Schönheit, ihre dunklen Augen mit den auffallend +langen Wimpern waren voll Geist, Lebendigkeit und Sanftmuth zugleich, +und um ihren zierlichen und frischen Mund lag ein Zug von fast +kindlicher Harmlosigkeit und Naivität. + +Sie verneigte sich ohne alle Befangenheit mit den Manieren der besten +Gesellschaft vor dem Kaiser, welcher ganz erstaunt schien, die berühmte +Sybille in der Gestalt eines so anmuthigen, jungen Mädchens zu +erblicken. + +„Man hat mir viel erzählt,“ sagte der Kaiser, „von der besonderen, +eigentümlichen Kraft, welche Sie besitzen, das Reich der Geister zu +öffnen. Und da ich mich für alle solche Dinge interessire, durch welche +man versucht, den Schleier der Geheimnisse zu lüften, welche unser Leben +umgeben, so habe ich gewünscht, eine Probe Ihrer Kunst zu sehen.“ + +„Es macht mich glücklich,“ erwiderte Fräulein Lesueur mit einer ungemein +wohltönenden, etwas tiefen Stimme, „Euer Majestät Wunsch zu erfüllen. Es +ist keine geheimnißvolle Kunst dabei,“ fuhr sie fort, „meine Mutter +hatte die Kraft, durch das Medium dieses kleinen Tisches eine Verbindung +mit dem unsichtbaren Reich der Geister herzustellen. Diese ihre Kraft +ist auf mich übergegangen, und nach ihrem Tode habe ich es versucht, wie +sie die Geister sprechen zu lassen, — es ist mir in vielen Fällen +gelungen, und ich hoffe, daß es mir auch Euer Majestät gegenüber +gelingen wird.“ + +„So beginnen wir,“ sagte der Kaiser. + +Pietri stellte zwei Stühle einander gegenüber an den kleinen Tisch. + +Mademoiselle Lesueur setzte sich auf den einen, zog ihre Handschuhe +aus, — legte die Spitzen ihrer zierlichen Finger leicht auf die +Tischplatte und sagte: + +„Wollen Euer Majestät die Gnade haben, mir gegenüber Platz zu nehmen.“ + +Der Kaiser setzte sich mit einem fast unwillkürlichen Lächeln an die +andere Seite des Tisches. + +„Ich bitte Euer Majestät,“ sagte Fräulein Lesueur, „Ihre Hände ebenso +wie ich auf die Platte legen zu wollen.“ + +Der Kaiser that es. + +Fräulein Lesueur schwieg einen Augenblick. Dann schlug sie ihre dunklen +Augen mit schwärmerischem Ausdruck empor und sprach mit halb lauter +Stimme: + +„Allmächtiger, dreieiniger Gott, der Du herrschest auf der Erde, wie in +den Höhen des Himmels und in den Tiefen der Hölle, ich bitte Dich den +Geistern, die ich in Deinem Namen rufe, zu erlauben, daß sie aus ihren +Wohnungen herabsteigen und auf meine Fragen antworten, zu verkündigen, +was sie wissen und was Du ihnen erlaubst, zu sagen.“ + +Der Kaiser hörte ganz erstaunt diesen im Ton des inbrünstigen Gebets +gesprochenen Worten zu. + +„Befehlen Euer Majestät,“ sagte die junge Dame sodann, „daß ich einen +bestimmten Geist rufen soll, oder wollen Sie den mir persönlich +befreundeten Geist hören.“ + +Abermals konnte der Kaiser ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. + +„Ich bitte Sie zunächst Ihren Geist kommen zu lassen, Mademoiselle,“ +sagte er. + +„Es ist der Geist meiner Mutter,“ erwiderte Mademoiselle Lesueur, „und +er wird sogleich erscheinen.“ + +Sie beugte sich ein wenig nieder und flüsterte eine unverständliche +Formel leise vor sich hin. + +Wenige Augenblicke darauf begann der Tisch leise zu zittern. + +Der Kaiser drückte die Hände stärker auf die Platte, allein die +unruhige, beinahe wellenförmige Bewegung des Holzes vermehrte sich immer +mehr und mehr. Nach kurzer Zeit hob sich der Tisch auf der Seite des +Kaisers ein wenig in die Höhe und blieb in dieser schwebenden Stellung +stehen. + +„Der Geist ist da,“ sagte Mademoiselle Lesueur, „und bereit, Euer +Majestät zu antworten. Ich bitte, Euer Majestät, zu fragen, — es ist aber +nicht nöthig, daß Sie die Frage aussprechen, Sie können Sie in Gedanken +stellen, die Geister haben die Kraft, die Gedanken zu lesen.“ + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +„Kann mir der Geist,“ fragte er, „den Namen nennen, an welchen ich in +diesem Augenblick denke?“ + +„Wie heißt der Name?“ fragte Mademoiselle Lesueur mit gesenktem Haupt +und leiser Stimme. + +Der Tisch setzte sich sogleich in eine lebhafte Bewegung. Er schwankte +einige Male stark hin und her, dann senkten sich die beiden erhobenen +Füße desselben nieder, und in rascher Folge begann er scharf und +vernehmbar auf das Parquet zu klopfen, immer nach einer gewissen Zahl +von Schlägen inne haltend. + +Mademoiselle Lesueur folgte aufmerksam diesen Schlägen, mit leiser +Stimme sagte sie: B-e-a-u-r-y. + +„Der Name, an den Euer Majestät gedacht, heißt Beaury,“ sprach sie dann +ruhig und bestimmt, den Blick fest auf den Kaiser richtend. + +Napoleon zuckte zusammen, erschrocken blickte er in das lächelnde +Gesicht der jungen Dame. + +„Sie haben Recht,“ sagte er, „der Geist hat den Namen richtig gelesen.“ + +Er bog sich einen Augenblick zurück und blickte unter den Tisch, dessen +Füße unmittelbar an der Platte befestigt waren. + +Die vier Füße standen vollkommen frei, auf dem Boden, Mademoiselle +Lesueur etwas vorgebeugt, saß so weit zurück, daß nicht einmal der Saum +ihres Kleides die Füße des Tisches berührte. + +Der Kaiser schüttelte den Kopf und legte die Hände wieder auf den Tisch. + +„Da Ihr Geist,“ sagte er, „den Namen gelesen hat, an welchen ich +gedacht, so wird er mir auch eine andere Frage beantworten können, +welche sich an diesen Namen knüpft.“ + +„Ich bitte Euer Majestät,“ sagte Mademoiselle Lesueur, „die Frage in +Ihren Gedanken zu formuliren —“ + +Abermals begann der Tisch zu schwingen und zu zittern, diesmal stärker +als vorher. + +Nach kurzer Zeit schlugen die Füße abermals regelmäßig und schnell +hinter einander auf das Parquet. + +„Wollen Sie die Güte haben, zu schreiben,“ sagte Mademoiselle Lesueur, +sich zu Pietri wendend, welcher schnell ein Blatt Papier und einen +Bleistift nahm und die Buchstaben notirte, welche Mademoiselle Lesueur +in schneller Folge ihm sagte. + +Der Tisch hielt an. + +„Wollen Sie die Antwort lesen,“ sagte die junge Dame, zu Herrn Pietri +gewendet. + +Pietri las. + +„Der Kaiser wird ruhig im Kreise der Seinen sterben, keine Waffe weder +in der Schlacht noch in der Hand des Meuchelmörders wird seinem Leben +Gefahr bringen.“ + +„Diese Antwort paßt allerdings auf meine Frage,“ sagte der Kaiser, „aber +sagt sie die Wahrheit?“ + +„Es steht Eurer Majestät frei, zu glauben oder nicht,“ erwiderte +Mademoiselle Lesueur, „ich für meine Person bin davon überzeugt, daß die +Geister die Wahrheit sagen, wenn sie sie kennen — sie sind nicht +allwissend — das ist Gott allein — aber sie wissen viel, und namentlich +ist ihnen die Macht gegeben, das Schicksal derer zu lesen, mit denen +ihre körperliche Hülle einst durch die Bande des Blutes verbunden war. + +„Noch eine Frage,“ sagte der Kaiser, „wer ist mein bester Freund?“ + +„Euer Majestät hätten nicht nöthig gehabt, die Frage auszusprechen,“ +sagte Mademoiselle Lesueur. + +Der Tisch begann seine Schwingungen, die Schläge ertönten auf dem Boden. + +Mademoiselle Lesueur flüsterte die Buchstaben vor sich hin, dann sagte +sie. + +„Die Antwort des Geistes heißt: Napoleon.“ + +Der Kaiser ließ den Kopf auf die Brust sinken, in tiefem Schweigen saß +er einen Augenblick da. + +„Der Geist hat Rechte,“ sagte er halblaut, „Niemand ist der Freund eines +Souverains, als er selbst, und aus mir allein muß ich die Entschlüsse +schöpfen, in mir allein die Kraft suchen, zu erfüllen, was ich mir +vorgesteckt.“ + +„Doch,“ rief er, indem er den brennend aus den Schleiern seiner +Augenlider hervortretenden Blick auf Mademoiselle Lesueur richtete, +„kann Ihr Geist mir sagen, wer mein größter und gefährlichster Feind +ist?“ + +Abermals bewegte sich der Tisch und Mademoiselle Lesueur buchstabirte: + +„Orleans.“ + +„Wunderbar,“ rief der Kaiser, indem er finster vor sich niederblickte. +„Es ist, als ob der Geist in den schwarzen Gedanken lesen könnte, welche +Tag und Nacht auf dem Grunde meiner Seele einher ziehen,“ flüsterte er +leise vor sich hin. „Noch eins,“ fragte er dann laut, „kann mir Ihr +Geist den Namen nennen, welcher bestimmt ist, die Stelle auszufüllen, +über welche ich in diesem Augenblick nachdenke.“ + +Das Spiel des Tisches begann wieder, und Mademoiselle Lesueur sagte, die +einzelnen Buchstaben verfolgend: + +„Gramont.“ + +Betroffen zuckte der Kaiser zusammen. + +„Sind Sie schon einmal hier in den Tuilerien gewesen,“ fragte er rasch. +„Haben Sie irgend Jemand aus dem Schlosse gesprochen? Ich bitte Sie, mir +die Wahrheit zu sagen, — die zu erfahren ich in jedem Fall im Stande +bin,“ fügte er in strengem Tone hinzu. + +„Ich war niemals hier im Schlosse,“ sagte Mademoiselle Lesueur mit +offenem, freiem Blick und unbefangenem Lächeln, „ich habe Niemanden von +hier jemals gesehen, bis dieser Herr hier,“ sie deutete auf Pietri, +„heute zu mir kam und mich ersuchte, ihm hierher zu folgen.“ + +„Seltsam — sehr seltsam“ sagte der Kaiser, augenscheinlich tief bewegt +durch die Antworten, welche er erhalten. + +„Sie haben mir vorhin gesagt, sprach er dann — ein wenig zögernd, indem +er die junge Dame scharf anblickte, daß die Geister besonders klar über +das Schicksal derjenigen zu antworten im Stande sind, mit denen sie +durch besonders nahe Bande verbunden sind?“ — + +„So ist es, Sire,“ erwiderte Mademoiselle Lesueur. — „Der Geist meiner +Mutter sieht in allen Dingen, die mich betreffen, klarer als in den +Angelegenheiten über welche andere Personen Fragen stellen.“ + +„Können Sie einen Geist citiren,“ fragte der Kaiser, „den ich Ihnen +bezeichnen würde.“ + +„Eure Majestät haben nicht nöthig, den Geist zu nennen,“ sagte Fräulein +Lesueur, — „Sie dürfen nur Ihre Gedanken fest auf denselben richten, — das +genügt.“ + +„Wie kann ich aber wissen, ob wirklich der Geist spricht, den ich zu +hören wünsche,“ fragte der Kaiser. + +„Eure Majestät werden nur nöthig haben, ihn nach seinem Namen zu +fragen,“ erwiderte die junge Dame. + +„So beginnen Sie,“ sagte der Kaiser, indem ein tiefer Ernst sich auf +seine Züge legte. + +„Erlauben Eure Majestät,“ sprach die junge Dame, „daß ich zunächst den +Geist, der Ihnen bisher geantwortet hat, entlasse.“ + +Sie beugte den Kopf nieder und flüsterte eine Zeitlang leise vor sich +hin. + +Der Tisch zitterte, hob und senkte sich in leiser Schwankung, — dann +stellte er sich fest auf seine vier Füße. + +„Nun Sire,“ sagte Fräulein Lesueur, „dann bitte ich Eure Majestät, Ihre +Gedanken sehr scharf auf die Person zu richten, deren Geist Sie zu +citiren wünschen.“ + +Der Kaiser nickte mit dem Kopf, immer tieferer Ernst erfüllte sein +Gesicht indem er die beiden Hände fest auf den Tisch legte. + +Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel. + +Einige Augenblicke herrschte eine so tiefe Stille im Zimmer, daß man den +Herzschlag der drei anwesenden Personen hätte hören können. + +Da krachte es in dem Holz der Tischplatte, — diese Platte schien zu +zucken, hoch richtete sich der Tisch auf der Seite des Kaisers empor und +mit mächtigem hallenden Schlag sank er wieder auf das Parquet nieder. + +Der Kaiser fuhr zusammen. Fast schien es als wolle er aufspringen und +seinen Platz verlassen. + +„Der Geist ist da und bereit Eurer Majestät zu antworten,“ sagte +Mademoiselle Lesueur in ruhigem Tone. + +„Will der Geist mir seinen Namen sagen?“ fragte der Kaiser. + +Der Tisch begann rasch sich zu bewegen, — er schlug auf das +Parquet — Mademoiselle Lesueur zählte, — und sagte dann sich gegen den +Kaiser verneigend: + +„Der Geist antwortet: + +„Napoleon.“ + +Die Bewegung, welche der Kaiser machte indem er den Kopf auf die Brust +sinken ließ, war fast eine ehrfurchtsvolle Verneigung. + +Er schwieg einige Augenblicke, während Fräulein Lesueur ihn mit ihren +klaren Augen erwartungsvoll anblickte. + +„Will der Geist, wenn er hier anwesend ist, mir eine Frage beantworten?“ +sagte er dann mit einer beinahe demüthigen Stimme. + +Der Tisch begann sich schnell zu bewegen. + +„Schreiben Sie, mein Herr,“ sagte Mademoiselle Lesueur zu Herrn Pietri +gewendet, und dieser nahm schnell Bleistift und Papier, um die +Buchstaben zu notiren, welche Mademoiselle Lesueur in rascher +Reihenfolge ihm nannte. + +„Die Antwort?“ rief der Kaiser, als der Tisch mit einem starken Schlage +seine Bewegung beendete. + +Herr Pietri las: + +„Mir ist nicht vergönnt, auf einzelne kleine Fragen zu antworten; — wer +auf dem Throne von Frankreich sitzt und Napoleon heißt, der sollte nicht +mit vorsichtiger Neugier einzelne Blicke hinter den Schleier zu werfen +suchen, welcher die Zukunft verhüllt, — er sollte mit kühner Hand diesen +Schleier selbst heben, indem er die Zukunft sich nach seinem Willen zu +gestalten zwingt. Denn dem festen und klaren Willen gehört die Zukunft; +aber frage, — ich werde antworten, soweit es mir erlaubt ist, — wenn Deine +Fragen das Schicksal des Hauses betreffen, das meinen Namen trägt, und +wenn Du keine einzelnen und besonderen Dinge zu wissen verlangst.“ + +Pietri schwieg. + +Der Kaiser starrte einen Augenblick vor sich hin, — brennend richtete +sich sein Blick in das Leere, — er schien nach einer sichtbaren Spur des +Geistes zu forschen, dessen Worte ihm dieses ruhige und freundlich +lächelnde junge Mädchen verdollmetschte. + +Dann beugte er sich vor, blickte Mademoiselle Lesueur durchdringend an +und öffnete die Lippen. + +„Ich bitte Eure Majestät, sich erinnern zu wollen,“ sagte die junge +Dame, „daß es nicht erforderlich ist, die Frage laut zu stellen, — der +Geist kann Ihre Gedanken lesen.“ + +„Gut denn,“ sagte der Kaiser, — „ich frage.“ + +Und schweigend blickte er voll Spannung auf den Tisch, welcher sich +unter seinen Händen zu bewegen begann. + +Fräulein Lesueur nannte diesmal schneller als sonst die +Buchstaben — Pietri schrieb. + +„Napoleon IV wird Kaiser der Franzosen sein, — er wird neuen Ruhm und +neuen Glanz an den Namen knüpfen, den er trägt.“ + +Der Kaiser athmete tief auf. Es leuchtete wie ein dankbares Gebet aus +seinen Augen, die er mit unbeschreiblich glücklichem Ausdruck +emporschlug. + +Dann rief er mit dumpfem Ton, wie aus den Tiefen seiner Brust heraus: + +„O könnte ich wissen, ob dies die Wahrheit ist.“ + +Der Tisch zuckte — er hob sich hoch empor und schlug zweimal schallend +auf den Boden. + +„Es ist die Wahrheit Sire,“ sagte Mademoiselle Lesueur ernst und +überzeugungsvoll. + +„Werde ich die Armeen Frankreichs noch einmal zum Kriege führen müssen?“ +fragte der Kaiser schnell. + +Der Tisch schlug abermals laut und fest auf. + +„Der Geist bejaht die Frage Eurer Majestät,“ sagte die junge Dame. + +„Und welches wird das Schicksal dieses Krieges sein?“ fragte der Kaiser +in athemloser Spannung. + +Einige Augenblicke vergingen, — dann bewegte sich der Tisch +wieder, — Pietri schrieb die Buchstaben nieder welche Mademoiselle +Lesueur ihm angab. + +„Wie heißt die Antwort?“ rief der Kaiser, welcher vergebens versucht +hatte, den schnell gesprochenen Buchstaben zu folgen. + +Pietri las: + +„Ave Caesar, morituri te salutant!“ + +Napoleon erbleichte und drückte die Hände an die Stirn. + +„Was ist der Sinn der dunkeln Antwort?“ flüsterte er vor sich hin — und +schnell sich aufrichtend fragte er mit lauter dringender Stimme: + +„Wird der Todesgruß der Sterbenden dem _siegreichen_ Cäsar ertönen?“ + +Mehrere Minuten vergingen, — der Tisch blieb unbeweglich. + +„Der Geist antwortet nicht mehr,“ sagte Mademoiselle Lesueur, — „es würde +vergeblich sein, ihn weiter zu fragen. — Erlauben Eure Majestät, daß ich +ihm danke und ihn entlasse?“ + +Der Kaiser neigte tief sinnend das Haupt. + +Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel, — der Kaiser faltete die +Hände in andächtigem Schweigen. + +„Wünschen Eure Majestät noch eine weitere Citation?“ fragte die junge +Dame. + +„Ich danke Ihnen, mein Fräulein,“ erwiderte Napoleon aufstehend, indem +sein Gesicht wieder seinen gewöhnlichen ruhigen Ausdruck annahm. — „Ihr +Experiment hat mich in hohem Grade interessirt, — ich hatte viel von dem +Spiritismus gehört, — aber noch nie einen Versuch gesehen, bei welchem so +durchaus kein Apparat angewendet wurde,“ — fügte er mit einem leichten +Lächeln hinzu, das aber mehr verbindlich und artig als ironisch war. + +Mademoiselle Lesueur hatte sich erhoben und verneigte sich tief bei den +Worten des Kaisers. + +„Ich bin glücklich, Sire“ sagte sie, „daß Eure Majestät zufrieden sind, +und hoffe, — oder vielmehr,“ — fügte sie mit sicherem Ausdruck hinzu, „ich +bin gewiß, daß Alles Gute, was die Geister Eurer Majestät verkündet +haben, sich erfüllen werde.“ + +„Alles Gute?“ sprach der Kaiser sinnend — „aber war es gut? — was war +es? — + +Morituri te salutant!“ flüsterte er leise. + +Dann wendete er sich zu Pietri und blickte ihn fragend an. + +Dieser reichte ihm ein kleines Etui. + +Der Kaiser nahm es und sagte mit liebenswürdiger Freundlichkeit zu +Mademoiselle Lesueur: + +„Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Ihnen ein kleines Erinnerungszeichen +an diese Stunde zu geben,“ — er öffnete das Etui ein wenig, — die Facetten +eines schönen Solitärs funkelten farbenspielend im Licht der Lampe. + +Mit der naiven Freude eines jungen Mädchens ergriff Fräulein Lesueur den +Ring und indem sie das Regenbogenspiel der Lichtreflexe entzückt +betrachtete, sagte sie: + +„Ich werde Gott unablässig bitten, daß er alle seine guten Geister zum +Schutz Eurer Majestät und Frankreichs aussende.“ + +Sie verneigte sich tief vor dem Kaiser und zog sich von Pietri geleitet, +der den kleinen Tisch forttrug, durch die Portiere zurück, durch welche +sie in das Cabinet eingeführt worden war. + +Napoleon ging in tiefem Sinnen auf und nieder. + +„Giebt es einen Zusammenhang mit jener Welt der abgeschiedenen Geister,“ +sprach er leise vor sich hin, — „und kann es ihnen erlaubt sein, auf +irgend welche Weise uns Mittheilungen zu machen über das, was ihrem +Blicke sich öffnet? + +„Dieses junge Mädchen scheint aufrichtig von ihrer Sache überzeugt,“ +sprach er gedankenvoll, — „ich wüßte nicht, wie sie den Tisch in Bewegung +setzen könnte, — und wenn dieses Kind von kaum neunzehn Jahren aus sich +selbst heraus die Antworten auf die Fragen construirt hat, die ich ihr +stellte, so ist sie ein Phänomen an Menschenkenntniß und Geist! — + +„Welch eine treffende Antwort, die mich selbst als meinen besten Freund +bezeichnete, — und wie wahr — alles, was mir feindlich ist, in diesen +einen Namen Orleans zusammenzufassen.“ + +Er ging langsam, die Hände auf dem Rücken gekreuzt auf und nieder. + +„Und Drouyn de L'huys,“ sagte er kaum hörbar, — „er war der Freund dieser +Orleans, — er ist es noch — kann jemand mein Freund sein — der zugleich +der Freund meiner Feinde ist? — Gramont“ fuhr er fort, — „der Geist +nannte Gramont als den künftigen Minister der auswärtigen +Angelegenheiten, — Gramont war Legitimist, — die Legitimität hat keine +Möglichkeit einer Zukunft, — sie ist eine fromme Erinnerung, — eine +Erinnerung, vor der ich selbst hohe Achtung habe, an die ich +anknüpfen, — deren edle Traditionen ich fortsetzen möchte. — + +„Seltsam,“ rief er, — „sehr seltsam ist das Alles, — oder sollte auch hier +eine Intrigue“ — + +Pietri trat wieder ein. + +Der Kaiser näherte sich ihm; dicht vor ihm stehen bleibend, legte er den +Arm auf seine Schulter und blickte ihn scharf und durchdringend in die +Augen. + +„Pietri“ sagte er, — „haben Sie mit diesem jungen Mädchen über die +Politik — über irgend Etwas gesprochen, was auf die gegenwärtige Lage +bezug hat?“ + +„Sire,“ erwiderte Pietri in ernstem und traurigem Ton, — „Eure +Majestät sind zum Mißtrauen gegen Jedermann berechtigt, fast +verpflichtet, — dennoch schmerzt mich dasselbe, — ich schwöre Eurer +Majestät,“ fuhr er fort, den Blick des Kaisers frei und offen erwidernd, +„daß ich mit Fräulein Lesueur nichts Anderes gesprochen habe, als was +nothwendig war, um den Auftrag Eurer Majestät auszurichten und sie +hieher zu führen.“ + +„Und was denken Sie davon?“ fragte der Kaiser. + +Pietri lächelte ein wenig. + +„Ich denke, daß dieses junge Mädchen sehr viel Geist hat,“ erwiderte +er, — „und daß sie manchen Diplomaten in der scharfen Erkenntniß der +Verhältnisse beschämen würde.“ + +Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf. + +„Wie dunkel, wie mystisch die Antworten über meine Zukunft waren,“ sagte +er. — + +„Glauben denn Eure Majestät ernsthaft an solche Dinge?“ fragte Pietri. + +„Denken Sie sich,“ erwiderte der Kaiser ernst, — „eine Welt von +Blindgebornen, — würde nicht ein Sehender, der unter sie träte, der den +Sinn besäße, der ihnen allen fehlte, Wunder unter ihnen +verrichten, — würde er ihnen nicht als ein übernatürlicher Prophet +erscheinen, — oder als ein Narr verlacht werden, — und das bloß weil er +einen Sinn mehr hätte als sie und durch diesen Sinn eine Welt wahrnehmen +könnte, welche da ist, welche die andern Alle umgiebt wie ihn, — welche +aber ihrer Wahrnehmung sich entzieht, weil ihnen das Medium dazu +fehlt. — Können denn nicht auch uns solche Welten umgeben, für welche +unser Organismus keinen Sinn besitzt, — und ist es unmöglich, daß +Einzelnen dieser Sinn gegeben ist, der sie das erblicken läßt, was uns +verschlossen bleibt und was wir deshalb in selbstgenügsamer +Beschränktheit für nicht vorhanden erklären?“ — + +„Und wenn dem so wäre,“ sagte Pietri, — „Eure Majestät können mit der +Perspective, welche Fräulein Lesueur geöffnet, zufrieden sein — Napoleon +IV wird Kaiser der Franzosen sein — hat sie ihren Geist antworten +lassen, — und“ sprach er mit herzlichem und aufrichtigem Tone, — „ich habe +dazu nur den Wunsch hinzuzufügen, daß das recht spät und nach einer noch +recht langen und glücklichen Regierung Eurer Majestät eintreten möge.“ + +„Nun,“ rief der Kaiser mit freudigem Ausdruck, — „wenn nur diese +Verkündigung sich erfüllt, so will ich darauf verzichten, das Dunkel zu +lichten, welches in den Antworten der Geister meine Zukunft +verhüllt, — ein Fürst darf keine Person sein, — er ist ein Glied in einer +großen Kette, welche die Epochen der fortschreitenden Weltgeschichte +aneinander knüpft — ob, wann und wie ich untergehe, — was liegt daran, +wenn nur meine Dynastie erhalten bleibt, um die Vergangenheit und die +Zukunft Frankreichs mit einander zu verbinden.“ + +Er schwieg und blickte wie träumend vor sich hin. + +„Gehen Sie zum Prinzen,“ sagte er dann, — „er soll seine Uniform anlegen +und sich bereit halten, mich zu begleiten. Ich will die Kaiserin +abholen, um jene braven Truppen zu besuchen, welche in den Galerien +Wache halten und die Zukunft Frankreichs beschützen.“ + +Pietri eilte hinaus. + +Der Kaiser ergriff das rothe goldgestickte Käppi der Generalsuniform, +steckte den neben seinem Tische stehenden Degen an und ging, selbst die +Thür öffnend, in das Vorzimmer. + +Er nahm den Arm des Generals Castelnau, welcher hier, ebenfalls in der +Campagne-Uniform wartete, und schritt mit ihm nach den Appartements der +Kaiserin. + +Am Eingang der Gemächer Ihrer Majestät öffnete der Huissier schnell die +Flügelthüren und eilte den Kaiser ankündigend durch die Vorzimmer in den +kleinen Salon, in welchem die Kaiserin mit der Baronin de Pierres, der +Vicomtesse Aguado und der Gräfin de la Poëze saß. + +„Der Kaiser!“ rief der Huissier. + +Die Damen standen auf, die Kaiserin ging ihrem Gemahl bis zur +Eingangsthür des Salons entgegen, Napoleon küßte ihre Hand und grüßte +die Damen verbindlich. + +„Sie sind in militärischer Tenne,“ fragte Eugenie, erstaunt den Kaiser +und den Grafen Castelnau anblickend, — „zu so später Stunde, — ist denn +etwas Außergewöhnliches geschehen?“ fügte sie unruhig hinzu, — „sind die +Unruhen in Paris bedenklicher geworden?“ „Seien Sie unbesorgt,“ +erwiderte der Kaiser lächelnd, — „es ist nichts Besonderes +geschehen, — aber die Truppen sind consignirt — und da muß auch der Kaiser +der Consigne folgen und im Dienst sein, — außerdem wollte ich mit Ihnen +und Louis die Voltigeurs der Garde besuchen, denen ich die Bewachung der +Tuilerien und den Schutz des kaiserlichen Prinzen anvertraut habe.“ + +Die Kaiserin schlug freudig bewegt die Hände zusammen. + +„Das ist ein vortrefflicher Gedanke,“ rief sie lebhaft, „je fester und +lebendiger wir die Verbindung mit unseren Truppen erhalten, um so +sicherer werden wir über alle unsere Feinde triumphiren. Ich bin +sogleich bereit,“ sagte sie, indem sie sich schnell zu dem Tisch wendete +und eine kleine, goldene Glocke bewegte, welche auf demselben stand. + +Eine Kammerfrau trat ein. + +Die Kaiserin warf einen raschen Blick auf einen großen Spiegel, welcher +ihr fast ihre ganze Gestalt zeigte. Sie trug eine einfache Robe von +blauer Seide. + +„Bringen Sie mir eine weiße Mantille und ein rothes Band.“ + +Nach wenigen Augenblicken, während welcher der Kaiser sich mit den Damen +seiner Gemahlin unterhielt, erschien die Kammerfrau wieder. Sie trug +eine Mantille von weißem Atlas und ein breites schärpenartiges Band von +rother Seide. + +Die Kaiserin ließ die Mantille über ihre Schultern legen, näherte sich +dann der Gräfin von Poëze und sagte: + +„Wollen Sie die Güte haben, meine liebe Gräfin, mir aus diesem Bande +eine große Schleife hier zu befestigen.“ + +Sie deutete mit dem Finger auf den Halsausschnitt ihrer Robe. + +Die Gräfin von Poëze machte mit geschickter Hand eine breite Schleife +mit langen herabhängenden Enden und befestigte sie dann auf der Robe der +Kaiserin. + +„Jetzt trage ich die Farben Frankreichs,“ rief Eugenie mit einem Blick +auf den Spiegel, „lassen Sie uns gehen,“ fuhr sie zum Kaiser gewendet +fort. + +„Sie werden,“ sagte Napoleon, indem er seiner Gemahlin den Arm reichte, +„diese Farben ebenso unwiderstehlich machen, wie es die Tapferkeit +unserer Soldaten auf allen Schlachtfeldern gethan hat.“ + +Er ging langsam mit der Kaiserin durch das Vorzimmer und wandte sich +nach dem Pavillon des kaiserlichen Prinzen; der Graf von Castelnau und +die Damen folgten. + +Im Vorzimmer seiner Wohnung erwartete der Prinz bereits mit dem General +Frossard seine Eltern. Der Prinz trug die Uniform eines Souslieutenants, +der General Frossord war ebenfalls in Uniform. Der kaiserliche Prinz +trat auf die rechte Seite seines Vaters, der General Frossard schritt +voraus und führte den Kaiser und die Kaiserin nach der unmittelbar an +den Pavillon stoßenden Gallerie. + +Als die Thüre derselben geöffnet wurde, bot sich ein wunderbar belebtes +Schauspiel dar, — die weithin ausgedehnten Gallerien strahlten in +hellster Beleuchtung, alle Kerzen auf den Lustres und Wandleuchtern +brannten, der Marmor und die Vergoldungen glänzten, an den Wänden her +standen kleine, mit weißen Leintüchern bedeckte Tische, auf welchen +kalte Speisen und rothe und weiße Weine in geschliffenen +Crystallcaraffen aufgestellt waren. + +An diesen Tischen saßen die Voltigeurs der Garde in vollständiger +Feldausrüstung, ihre Waffen neben sich, die Käppis auf den Köpfen, +essend, trinkend und fröhlich plaudernd. + +In gewissen Zwischenräumen befanden sich kleinere elegant servirte +Tische, an welchen die Officiere soupirten. + +Als die große Eingangsthür sich öffnete, und im Rahmen derselben der +Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz erschienen, erhoben sich +die langen Reihen der Soldaten. Die Officiere eilten rasch heran und im +lauten, einstimmigen Rufen begrüßte diese Elite-Truppe den Kaiser. + +Napoleon erhob dankend die Hand, die Kaiserin neigte grüßend das Haupt +nach allen Seiten, indem ihr strahlender Blick freudig und stolz über +diese muthigen und begeisterten Soldaten hinglitt. Der kaiserliche Prinz +hielt sein Käppi in der Hand und verneigte sich ehrerbietig gegen den +Commandeur des Regiments, welcher herantrat, um dem Kaiser zu melden, +das alle Wachen nach seinen Befehlen bezogen worden seien. + +„Lassen Sie die Leute häufig ablösen,“ sagte der Kaiser, „damit ihnen +der Dienst nicht zu schwer wird und damit sie Gelegenheit finden, sich +hier im Kreise ihrer Kameraden wieder zu erfrischen.“ + +Er trat an den nächsten Tisch, ergriff eines der dort stehenden Gläser, +füllte es aus einer Crystallcaraffe mit rothem Wein und rief mit lauter +Stimme: + +„Ich trinke auf das Wohl meiner Voltigeurs, auf das Wohl der Garde, auf +das Wohl der ganzen Armee, welche die Blüthe des französischen Volkes +ist!“ In raschen Zügen leerte er das Glas bis auf den letzten Tropfen. + +„Es lebe der Kaiser. Es lebe der kaiserliche Prinz!“ brauste ihm der Ruf +der Soldaten entgegen. + +„Ich danke Euch, meine Tapferen,“ sagte der Kaiser, als nach einigen +Minuten die Rufe der nahe herandrängenden Soldaten verstummt waren, „ich +kenne Eure Ergebenheit für mich, ich weiß, daß Ihr gegen jeden Feind +Frankreich und das Kaiserreich vertheidigen werdet. Frankreich und das +Kaiserreich,“ fügte er hinzu, der Kaiserin die Hand reichend, „deren +edle und ruhmvolle Farben meine Gemahlin, die Mutter des kaiserlichen +Prinzen, Eures Kameraden trägt.“ + +„Es lebe die Kaiserin!“ riefen die Officiere, und die Soldaten stimmten +in den Ruf ein. + +Dann gab Napoleon seiner Gemahlin wieder den Arm, die Officiere +schlossen sich dem Gefolge an und umringten den kaiserlichen Prinzen, +der ganz stolz und freudig in ihrer Mitte dahinschritt. Und so bewegte +sich der Zug langsam durch die weiten Gallerien hin, — oft blieb der +Kaiser stehen und redete diesen oder jenen mit der Tapferkeitsmedaille +und dem Orden der Ehrenlegion decorirten Soldaten an, ihn fragend, wo er +diese Ehrenzeichen erworben habe, und mit liebenswürdigster Geduld den +zuweilen etwas breiten und ausführlichen Erzählungen der Soldaten +zuhörend. Fast eine Stunde dauerte der Umgang durch die Gallerien, immer +fester wurde der Schritt des Kaisers, immer stolzer sein Blick, immer +willenskräftiger der Ausdruck seiner Gesichtszüge. Dicht umdrängt von +den Soldaten, grüßte er endlich am Eingang der Gallerie noch einmal. + +Ein gewaltiges Vive l'Empereur durchzitterte die weiten Räume, die +Officiere verabschiedeten sich vom Kaiser, die Thüren schlossen sich, +Napoleon entließ den kaiserlichen Prinzen, welcher sich mit dem General +Frossard in seine Wohnung zurückzog, und führte dann die Kaiserin nach +ihren Appartements zurück. + +„Wenn Marie Antoinette es verstanden hätte,“ sagte die Kaiserin leise zu +ihrem Gemahl, „die Begeisterung der Soldaten zu erhalten und zu +benutzen, so hätte sie niemals den dornenvollen Weg vom Thron zum +Schaffot zu gehen nöthig gehabt.“ + +„Man muß aus den Beispielen der Geschichte lernen,“ erwiderte der +Kaiser, „und die Fehler vermeiden, welche unsere Vorgänger begangen +haben.“ + +Am Eingang der Appartements der Kaiserin küßte er seiner Gemahlin die +Hand, grüßte mit artiger Verbeugung die Damen und begab sich mit dem +General Castelnau nach seinem Cabinet zurück. + +Als er dort angekommen war, rief er Pietri. + +Der Geheimsecretair trat schnell durch die Portiere, welche der Kaiser +erhoben hatte, in das Cabinet ein. + +Napoleon ging einige Augenblicke nachdenkend auf und nieder. + +„Schreiben Sie sogleich an Gramont,“ sagte er dann, „sagen Sie ihm in +kurzen Worten, daß ich entschlossen sei, ihm das Ministerium der +auswärtigen Angelegenheiten zu übertragen, und daß ich ihn bitte, +sogleich hierher zu kommen. Ich wünsche, daß er vor seiner Abreise sich +noch ausführlich und definitiv mit dem Grafen Beust unterhalte und +dessen Anschauungen über die verschiedenen Fragen und Eventualitäten der +europäischen Politik möglichst bestimmt constatire.“ + +Pietri verneigte sich. + +„Eure Majestät sind also entschlossen?“ fragte er. + +„Ich bin entschlossen,“ erwiderte der Kaiser, — „legen Sie mir morgen +früh den Brief zur Unterschrift vor, — jetzt will ich ruhen. Wenn irgend +Etwas Außergewöhnliches in Paris vorfällt, soll man mich rufen. Gute +Nacht,“ sagte er freundlich, indem er Pietri die Hand reichte. + +Dann bewegte er die Glocke. + +Sein Kammerdiener trat ein, folgte dem Kaiser, welcher sich in sein +Schlafzimmer begab. + + + + +Drittes Capitel. + + +Der junge Cappei hatte sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts im +Hause seines Oheims zu Bodenfeld ganz den Erinnerungen seiner Jugend +hingegeben, welche diese Umgebung so lebhaft in ihm erweckte. Er hatte +in liebevoller Pietät alle die Orte besucht, welche in dem Leben seiner +Kindheit vorzugsweise bedeutungsvoll gewesen waren, und war erstaunt +gewesen, wie klein und einfach ihm diese Plätze alle erschienen, die +doch in den Bildern seiner Erinnerung so groß und so schön gewesen +waren. Dennoch aber hatten alle diese Orte auch jetzt noch ihren Zauber +auf ihn ausgeübt, sie hatten die Empfindungen wieder erregt, welche +seine kindliche Seele einst erfüllten, und welche, wenn sie nach langer +Abwesenheit und selbst im hohen Alter wieder geweckt werden, immer ihre +wunderbare und unvergängliche Jugendfrische behalten. + +Er hatte einzelne seiner alten Gespielen besucht und war der Gegenstand +der Neugier des ganzen Dorfes gewesen, denn die hannöversche Legion in +Frankreich, von welcher man so wenig regelmäßige und bestimmte +Nachrichten erhielt, war in den Vorstellungen dieser einfachen Bauern +fast zu einer Mythe geworden, von der nur geheimnißvolle und beinahe +märchenhafte Nachrichten herüber gedrungen waren, über welche man nun +von dem in Fleisch und Blut hier erschienenen Mitgliede der Legion +Näheres zu hören hoffte. + +Cappei war sehr zurückhaltend und vorsichtig in seinen Aeußerungen +gewesen und hatte nur das Eine bestimmt bestätigt, daß Alles zu Ende und +die Sache des Königs nunmehr ein für allemal aufgegeben sei. Eine +Mittheilung, welche bei den Meisten zwar eine gewisse wehmüthige Trauer, +doch aber auch zu gleicher Zeit ein Gefühl der Beruhigung verursachte, +denn die das Land durchziehenden Agitatoren hatten selbst in den Kreisen +dieser einfachen Landbevölkerung eine unbehagliche Unsicherheit erzeugt +und den Wunsch hervorgerufen, daß so oder so nun einmal ein Ende werden +möge, damit man wisse, woran man sei. + +Der junge Cappei war mit seinem Oheim dann auf das Feld hinausgegangen, +hatte sich von dem vortrefflichen Zustande der Felder überzeugt und +gesehen, daß in den Zeiten seiner Abwesenheit die Wirthschaft bedeutende +Fortschritte gemacht und das Besitzthum einen erhöhten Werth erhalten +habe. + +Abends hatte er sich dann zu seiner Mutter und den alten Bauern +hingesetzt und ihnen, die nicht müde wurden, zuzuhören, immer von Neuem +von dem Leben in Frankreich erzählt — von dem Leben der Offiziere in +Paris, wo er einige Male gewesen war, von dem Leben auf dem Lande, von +den französischen Soldaten, von der französischen Feldwirthschaft. Und +immer hatte er bei diesen Erzählungen den einen Punkt umgangen, der sein +Herz erfüllte, der die Neugier seiner Mutter erregte und von dem sein +Oheim in seinem einfachen practischen Sinn nicht das Geringste bemerkte. +Dennoch beschäftigte gerade dieser Punkt den jungen Mann auf das +Lebhafteste und versetzte sein ganzes inneres Wesen in eine peinliche +und schwankende Unruhe. + +Er hatte sich gleich am Tage nach seiner Ankunft unter dem Vorwande sich +nach Mittag auszuruhen, in seinem Zimmer eingeschlossen und mit großer +Mühe einen nicht immer ganz orthographisch gehaltenen Brief an Fräulein +Luise Challier geschrieben, um ihr seine glückliche Ankunft in der +Heimath anzuzeigen und ihr zu sagen, daß er mit aller Liebe seines +Herzens ihrer gedächte und mit heißer Sehnsucht den Tag erwarte, an +welchem er nach Ordnung seiner Angelegenheiten zu ihr zurückkehren +würde. + +Konnte er sich auch ganz geläufig mündlich in französischer Sprache +ausdrücken, so fand er seinen Brief, als er ihn geschrieben hatte, +dennoch sehr ungenügend, sehr kalt und steif, indeß er hoffte, daß seine +Geliebte zwischen den Zeilen das Alles lesen würde, was der Mangel an +Gewandtheit des Ausdrucks ihn zu sagen verhinderte. Er hatte diese +Hoffnung in einem Postscriptum ausgesprochen, dann seinen Brief +sorgfältig verschlossen und sich am Abend mit einiger Mühe von seinem +Oheim und seiner Mutter entfernt, um den Brief in den Kasten der +Landpostexpedition zu werfen, welcher sich an dem Hause des +Gewürzkrämers des Dorfes befand, wobei er zu seinem Verdruß von mehreren +Bekannten aufgehalten und beobachtet wurde. + +Von einem Tage zum andern hatte er sich dann vorgenommen, über seine +Liebe und seine Zukunft zunächst mit seiner Mutter und dann mit seinem +Oheim zu sprechen. Indeß immer wieder war er nicht dazu gekommen, immer +wieder waren die Worte auf seinen Lippen stecken geblieben, obgleich er +doch sonst nicht zu denen gehörte, welche sich scheuen, das +auszusprechen, was sie für nothwendig und richtig erkannt haben. Aber er +fühlte in seinem Innern einen Widerspruch streitender Empfindungen und +sagte sich, daß das, was ihn schmerzlich und peinlich bewegte, seiner +Mutter und seinem Oheim noch viel mehr Kummer bereiten müßte. + +Die alte Heimath, diese Erde, auf der er erwachsen war, dieses Haus, +dieser Garten, diese Felder, um welche sich alle seine Erinnerungen +rankten, zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht an sich und schmerzlich +schnürte sich sein Herz bei dem Gedanken zusammen, daß er hierher +zurückgekehrt sei, nur um das Alles wieder zu verlassen. Es war, als ob +jeder Baum, jede Blume ihn mit stillem Vorwurf anblickte, daß er dies +ihm bestimmte Besitzthum, an welches sein Oheim, um es ihm reicher und +blühender zu hinterlassen, so viel Mühe und Fleiß gewendet habe, fremden +Händen überlassen solle, um im fernen Lande eine neue Heimath zu suchen. + +Auf der andern Seite fühlte er in der Entfernung noch lebhafter und +mächtiger die Macht der Liebe, welche ihn zu dem jungen Mädchen hinzog, +dessen Umgang seine Verbannung so freundlich verklärt hatte; — wenn er +die Augen schloß, so sah er ihr Bild vor sich in lebendiger Frische, er +sah ihren seelenvollen Blick, es schien ihm, daß sie die Arme +sehnsüchtig nach ihm ausstreckte und ihn fragte, wann er zu ihr +zurückkehren werde, um sie nicht mehr zu verlassen. + +Dieser Kampf zwischen der Anhänglichkeit an die Heimath und die Liebe +seines Herzens, der sich in seinem Innern bereits so schmerzlich fühlbar +machte, mußte ja viel heftiger und peinlicher die Seele seiner Mutter +bewegen, wenn sie erfahren würde, was mit ihrem Sohn vorgegangen und was +für Zukunftspläne er in sich trüge; und erst sein Oheim, der alte Mann +mit dem eigenwilligen Bauernsinn, der so fest mit der Scholle verwachsen +war, auf welcher er geboren, die er gepflegt und gehütet und welche ihm +so reiche und dankbare Frucht für seine Mühe und Arbeit gegeben hat. Was +würde er sagen bei dem Gedanken seines Neffen, dies Besitzthum, das ein +Theil seines Selbst war, zu verlassen und in der Fremde sich eine +Existenz zu gründen. Die Grundlage der ganzen Lebensfassung des alten +Bauern war. „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich“ — schon der Gedanke, +eine Fremde, welche die Sprache der Heimath nicht verstände, als +Hausfrau in diesen Bauernhof einziehen zu sehen, mußte dem Gefühl des +alten Bauern widersprechen. Was aber sollte er erst sagen, wenn er +erführe, daß sein Neffe, den er mit so viel Stolz und Liebe wieder in +den wirtschaftlichen Betrieb einführte, nun um nimmer wiederzukehren, +abermals in die weite Welt hinausziehen wolle. + +Alle diese Gedanken versetzten den jungen Mann in eine fieberhafte +Unruhe. Er mußte Klarheit in die Verhältnisse bringen, er mußte das +entscheidende Wort sprechen, und doch wußte er, daß dieses Wort die +beiden Menschen, welche ihm durch die nächsten Bande auf Erden verknüpft +waren, mit Schmerz und Bekümmerniß erfüllen würde. + +So hatte er von einem Tage zum andern die Erklärung hinausgeschoben. +Seine peinliche Unruhe war noch vermehrt worden, als die Zeit +vorübergegangen war, in welcher er eine Antwort auf seinen Brief an +seine Geliebte erwarten konnte, ohne daß eine solche eingetroffen wäre. +Mit zitternder Ungeduld sah er dem Landbriefträger entgegen, wenn +derselbe erschien, um die wenig zahlreichen Postsendungen an die +Einwohner des Dorfes zu vertheilen. Einige Male hatte er es über sich +vermocht, denselben zu fragen, ob er nichts für ihn habe, aber immer +hatte er eine verneinende Antwort erhalten und in quälender Sorge, in +einer steigenden bangen Unruhe fragte er sich, welches der Grund dieses +unerklärlichen Schweigens seiner Geliebten sein könnte, die doch so fest +versprochen hatte, ihm sogleich zu schreiben, sobald er sie von seiner +Ankunft in der Heimath benachrichtigt haben würde. Endlich konnte er +diesen Zustand widerstreitender Gefühle und quälender Sorge und Unruhe +nicht länger ertragen. + +Seine Mutter hatte ihn bereits mehrere Male mit freundlicher Theilnahme +gefragt, was ihm fehle und ihn gebeten, es ihr zu sagen, wenn ihn ein +Kummer bedrücke, — er hatte zum zweiten und dritten Male an Luise +geschrieben, sie beschworen, ihm zu antworten oder durch ihren Vater ihm +mitteilen zu lassen, wenn sie krank sei, — aber immer erfolglos. Der alte +Briefträger hatte nur immer dieselbe Antwort auf seine Fragen, — daß +nichts für ihn angekommen sei. + +Eines Morgens war sein Oheim allein auf das Feld gegangen, er war unter +dem Vorwand einer notwendigen häuslichen Arbeit zu Hause +zurückgeblieben, — fast ängstlich, mit ähnlichen Gefühlen, wie einst als +Knabe, wenn er irgend einen Fehltritt einzugestehen hatte, trat er in +das Wohnzimmer, setzte sich neben den Lehnstuhl seiner Mutter und +ergriff die Hand der alten Frau, indem er ihr halb fragend, halb +bittend in die Augen sah, die Worte suchend, um die Gefühle seines +unruhigen, gedrückten Herzens auszusprechen. + +Die alte Frau sah ihren Sohn freundlich und liebevoll mit ihren großen, +klaren Augen an. Sie hatte ruhig gewartet, sie wußte, daß der Tag kommen +mußte, an welchem sein Herz sich seiner Mutter öffnen würde, die Stunde +war da, sie war bereit, ihn anzuhören und sein Vertrauen mit all der +selbstlosen Liebe zu erwidern, an welcher das mütterliche Herz so +unerschöpflich reich ist. + +„Meine Mutter,“ sagte der junge Mann mit leicht zitternder Stimme, „ich +bin überaus glücklich gewesen, daß ich Sie und den Oheim, unser Dorf und +das alte Haus wiedergesehen habe.“ + +Er hielt einen Augenblick inne. + +„Und wir nicht minder, mein Sohn,“ sagte die alte Frau, „daß wir Dich +nach so langer Trennung hier wieder bei uns haben.“ + +Der junge Cappei schwieg einige Augenblicke, indem er sanft die welke +Hand der alten Frau streichelte. + +„Ich bin aber doch,“ sagte er dann, „nicht glücklich, wie ich es sonst +bei Euch war, ich bin unruhig und habe lange die Gelegenheit gesucht, +mit Euch allein zu sprechen, denn ich muß Euch Alles sagen, bevor ich +mit dem Oheim darüber rede, der gleich so heftig und aufbrausend ist.“ + +Die alte Frau sah ihn mit glänzenden, liebevollen Blicken an, sie +fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, in welchem das Räthsel +sich lösen müsse, sie sah die Befangenheit ihres Sohnes mit dem feinen +Tact, welcher das Eigenthum der Frauen aller Stände ist, — sie mußte ihm +entgegenkommen. + +„Du hast liebe Freunde in Frankreich zurückgelassen?“ sagte sie. + +„Ach ja, Mutter,“ erwiderte er, „sehr liebe Freunde, sie sind Alle immer +so gut gegen mich gewesen, und es wurde mir recht schwer, mich von ihnen +zu trennen,“ fügte er seufzend hinzu. + +„Sind es bloß Deine Freunde,“ fragte die Alte mit einem freundlichen, +beinahe neckischen Lächeln, „oder hast Du auch Dein Herz dort gelassen, +hast Du eine Geliebte in dem fernen Lande gefunden, — Du der Du hier so +gleichgültig gegen die hübschesten Mädchen unseres Dorfes warst?“ + +Und mit mütterlichem Stolz strich sie das Haar aus der erröthenden Stirn +ihres Sohnes, der halb verlegen, halb glücklich darüber, daß seine +Mutter ihm auf halbem Wege entgegenkam, zu ihr aufsah. + +„Ja,“ rief er, indem er ihre Hand so heftig drückte, daß sie leise +zusammenzuckte, „ja, ich habe dort eine Geliebte gefunden, sie ist so +gut und so treu, wie nur irgend ein Mädchen aus der Heimath es sein kann +und dabei ist sie doch so anders wie sie hier sind. Und so schön, +Mutter, oh, so schön,“ rief er schnell aufbringend, die alte Frau +stürmisch umarmend, „so schön, wenn Sie sie sehen würden, Sie würden sie +auch lieben, und sie ist so sanft, sie würde Ihnen eine zärtliche und +gehorsame Tochter sein, — sie, die selbst keine Mutter mehr hat, bei +ihrem Vater aufgewachsen ist, die leitende Hand der Mutter schmerzlich +entbehrend, wie sie mir so oft gesagt hat.“ + +Die alte Frau ordnete die Bänder ihrer Haube, welche durch die +stürmische Umarmung ihres Sohnes etwas zerknittert waren. Mit +freundlichem, zufriedenem Schmunzeln sah sie den glühend erregten jungen +Mann an und sagte: + +„Nun das ist ja eine gute Nachricht, und ich begreife nicht, warum Du +mir das nicht früher mitgetheilt hast; Du bist ja längst in dem Alter, +Dich zu verheirathen, Du kannst eine Frau ernähren, — daß Deine Wahl auf +keine Unwürdige gefallen, davon bin ich überzeugt. Ich werde älter und +älter, und der Hof hier bedarf einer jungen und rüstigen Hausfrau.“ + +Ihr Sohn blickte trübe zu Boden. + +„Das ist es ja eben, Mutter,“ sagte er mit leiser Stimme, „was mir so +viele Sorge gemacht und mir so lange den Mund verschlossen hat. Ich +weiß, wie Sie und namentlich der Oheim an dem Hof und an der Heimath +hängen und nun — sehen Sie, meine Braut hängt eben so sehr an ihrer +Heimath, sie ist die einzige Tochter ihres Vaters, die Erbin seines +Geschäfts, eines großen Holzhandels, und sie wünscht so dringend, daß +ich zu ihr nach Frankreich kommen möchte, um dort das Geschäft ihres +Vaters zu übernehmen und fortzuführen, — ich habe ihr das auch +versprochen,“ fuhr er ohne aufzublicken fort, — „als ich bei ihr war, +schien mir das so leicht, und nun ich wieder hierher gekommen bin, nun +ich wieder unter Euch lebe, nun ich wieder den alten Garten und die +alten Felder sehe, da fühle ich,“ sagte er mit zitternder Stimme, „wie +schwer es Ihnen werden müßte, mit mir fortzuziehen in ein fremdes Land +oder hier zu bleiben, — durch weite Entfernungen von mir getrennt.“ + +Die Alte sah einen Augenblick schmerzlich bewegt vor sich nieder, sie +strich langsam die Falten ihrer weißen Schürze glatt, als wolle sie +ihre Gedanken und Gefühle ordnen und glätten wie diese Falten. Dann +legte sich ein heiteres und ruhiges Lächeln um ihre Lippen, freundlich, +beinahe stolz und glücklich sah sie ihren Sohn an und sagte. + +„Gott fügt die Schicksale der Menschen nach seinem Wohlgefallen und hat +schon Manchen aus dem Lande seiner Väter fort geführt, um ihn sein Glück +in der Ferne finden zu lassen. Es steht geschrieben, daß der Mann Vater +und Mutter verlassen wird, um seinem Weibe zu folgen, zu dem sein Herz +ihn hinzieht, aber,“ fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, „Deine Mutter +wird ihren Sohn nicht verlassen, und wenn Du eine alte schwache Frau mit +Dir nehmen willst, die wenn sie nichts mehr für Dich thun kann doch Tag +und Nacht für Dein Glück beten wird, so bin ich bereit, mit Dir in die +Ferne zu ziehen, da wo Du glücklich bist, wo Du Deine Heimath findest, +da werde ich auch in fremder Erde sanft ruhen. Gott segne Dich, mein +Sohn, und Diejenige, zu welcher Dein Herz Dich hinzieht.“ + +„Oh, Mutter,“ rief der junge Mann, indem er zu den Füßen der alten Frau +auf die Knie niedersank und wie in der fernen glücklichen Kinderzeit +sein Haupt auf ihren Schooß legte, „wie danke ich Ihnen für dieses +Wort, das eine schwere, schwere Last von meinem Herzen nimmt.“ + +Einige Augenblicke blieb er so schweigend und unbeweglich, während sie +mit den welken, zitternden Händen über sein volles Haar hinstrich. Dann +erhob er den Kopf und sah sie sorgenvoll und fragend an. + +„Aber der Oheim,“ fragte er, „was wird er dazu sagen?“ + +„Das wird einen harten, schweren Kampf kosten,“ sagte die alte Frau, den +Kopf schüttelnd, „er wird sich so leicht nicht von hier trennen und so +leicht auch nicht damit einverstanden sein, daß Du die alte Heimath +verläßst — aber,“ sagte sie dann lächelnd nach einigen Augenblicken des +Nachdenkens, „der Oheim hat ein gutes, weiches Herz, er liebt Dich wie +seinen eigenen Sohn, und wenn er sich überzeugt, daß diese Verbindung +Dein Glück ist, so wird auch er zuletzt seine Zustimmung nicht versagen. +Laß mich das nur machen, sage Du ihm nichts, ich verstehe ihn zu +behandeln, wenn er sieht, das es Dein Ernst ist, so wird er die Reise +nicht scheuen, um sich selbst von Allem zu überzeugen, und wenn sich +Alles gut fügt, so könnt Ihr ihn ja jedes Jahr hier besuchen, so lange +er noch die Kraft hat, seine Wirtschaft zu führen — wer weiß, ob er sich +dann nicht auch entschließt, die Menschen und die lebendige Liebe seiner +Kinder höher zu stellen, als dieses Haus, und diesen Hof. Wenn er auch +Alles äußerlich ruhig hinnimmt und wenig spricht, so weiß ich doch, daß +die neuen Verhältnisse hier im Lande ihm wehe thun und ihm den +Aufenthalt hier verleiden. Ueberlaß das der Zeit, mein Sohn, und dem +lieben Gott, der Alles nach seiner Weisheit fügen wird. Zuerst aber laß +mich die Sache dem Oheim mittheilen, ich werde den ersten Sturm seiner +Heftigkeit schon auszuhalten wissen.“ + +„Doch nun, Mutter,“ sagte der junge Mann, indem ein Ausdruck tiefer +Traurigkeit auf seinem Gesicht erschien, „muß ich Euch noch etwas sagen, +das mir vielen Kummer macht, so große Hoffnungen mir auch Eure +liebevollen und freundlichen Worte gegeben haben, — ich habe,“ fuhr er +fort, „gleich nach meiner Ankunft hier an meine Braut geschrieben, — ich +habe nochmal und nochmal geschrieben, aber bis jetzt habe ich keine +Antwort erhalten, — und sie muß doch wissen, wie sehr ich mich nach einem +Lebenszeichen, nach einem Gruß von ihr sehne, und wäre es nur eine +Zeile, nur ein Wort, das mir eine Botschaft ihrer Liebe brächte — aber +nichts, gar nichts,“ — sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme. „Was +kann das bedeuten, ich habe sie gebeten, wenn sie krank wäre, mir durch +ihren Vater Nachricht geben zu lassen, — ich weiß nicht, was ich davon +sagen soll,“ fügte er traurig den Kopf schüttelnd hinzu. + +„Bist Du der Liebe Deiner Erwählten ganz sicher,“ fragte die Alte, +„kannst Du ihrer Treue und Beständigkeit vertrauen, — oder kannst Du Dir +irgend eine Veranlassung denken, durch welche sie verhindert sein +könnte, Dir Nachricht zu geben.“ + +„Oh,“ rief der junge Mann mit lauter Stimme, den Blick voll glühender +Begeisterung auf seine Mutter richtend, „ich bin ihrer sicher, wie +meiner selbst! Sie ist treu wie Gold, auf ihr Wort würde ich Häuser +bauen. Auch kann keine äußere Veranlassung sie abhalten, — ich habe mit +ihrem Vater gesprochen, er hat unserer Verbindung seinen Segen gegeben, +sie konnte offen und ohne Scheu an mich schreiben und dennoch, dennoch,“ +sagte er, wieder finster zu Boden blickend, „keine Nachricht trotz aller +meiner Bitten, keine Antwort, — oh, es muß ein großes Unglück geschehen +sein, sie muß sehr krank oder todt sein, und ihr Vater wagt es nicht, +mir diese schmerzvolle Nachricht zu geben.“ + +„Sei ruhig, mein Sohn“ sagte die Alte, „bei einer so weiten Entfernung +kann ja alles Mögliche geschehen, wie leicht kann ein Brief verloren +gehen — Alles wird sich aufklären, — sei ruhig, — wenn Du sie kennst und +ihres Herzens sicher bist, so darfst Du Dich nicht in unnützer Unruhe +aufregen. Du hast ja jetzt mich, Deine Mutter, in deren Herz Du alle +Deine Sorgen ausschütten kannst. Laß mich erst mit Deinem Oheim +sprechen. Vielleicht,“ sagte sie, wie von einem Gedanken erfaßt, +„erwartet ihr Vater erst die bestimmte Mittheilung von der Einwilligung +Deiner Angehörigen, bevor er ihr erlaubt, zu schreiben, — ja, ja,“ sagte +sie, „so wird es sein; und ich muß sagen,“ fuhr sie immer +zuversichtlicher und heiterer fort, „ich würde ihrem Vater ganz Recht +geben, — er weiß ja nichts von Deiner Familie, und Du hast ihm auch noch +nicht sagen können, daß dieselbe mit Deiner Wahl einverstanden ist.“ + +„Ja“ sagte der junge Mann sinnend, „so könnte es sein — das wäre +möglich“ — und wie getröstet durch den von seiner Mutter angeregten +Gedanken, richtete er sich empor und ging einige Male im Zimmer auf und +nieder. + +„Ich will es Ihnen ganz überlassen, Mutter,“ sagte er dann, „mit dem +Oheim zu sprechen. Ich weiß ja, Sie werden es viel besser und +geschickter machen, als ich, — aber nun erlauben Sie mir auch, meiner +Geliebten sogleich zu schreiben, daß Sie wenigstens mit meiner Wahl +einverstanden sind. Und nicht wahr,“ fügte er schmeichelnd über das +Gesicht der alten Frau streichelnd, hinzu, „Sie werden einige +freundliche Worte unter meinen Brief schreiben — sie versteht zwar nicht +deutsch, aber sie wird schon Jemanden finden, der ihr das übersetzt, und +dann wird ihr Vater sehen, daß auch hier Alles in Ordnung ist, und wird +ihr erlauben, mir zu antworten.“ + +Die alte Frau versprach ihm lächelnd, seiner Geliebten zu schreiben, und +dann setzte er sich zu ihr und plauderte lange mit ihr, und er erzählte +von seiner Geliebten, ihren schönen treuen Augen — ihrer süßen Stimme, +von dem alten Hause in St. Dizier, von den kreidereichen Weinbergen der +Champagne und von den grünen Ufern der Marne, — er malte ihr so +glückliche freundliche Bilder der Zukunft aus, wie sie dort bei ihm +leben würde, wie seine Luise sie pflegen und wie sie dann die kleinen +Enkel hüten und erziehen würde, daß die alte Frau ganz selig und stolz +sich mit ihm in diese lieblichen Zukunftsträume vertiefte. + + * * * * * + +Wieder waren dann mehrere Wochen vergangen, er hatte seinen Brief mit +der Nachschrift seiner Mutter abgesendet. + +Die Alte hatte dann mit ihrem Bruder über die Sache gesprochen. Es +hatte einen großen Sturm gegeben. Der alte Niemeyer war einige Tage in +finsterm Brüten schweigend einher gegangen, dann hatte er heftig +gescholten über junge Leute, die auf Abenteuer hinauszögen in ferne +Länder und den Sinn und die Liebe für die Heimath verlören, — der junge +Cappei hatte, dem Rath und dem Wink seiner Mutter folgend, das Alles +schweigend und ohne Erwiderung mit angehört; er hatte Abends die beiden +alten Leute allein gelassen, und dann hatte seine Mutter in ihrer Weise +mit ihrem Bruder gesprochen, sicher daß trotz seines Scheltens und +Grollens ihre Worte den Weg zu seinem Herzen fanden. Endlich hatte er +seinen Neffen gerufen, ihn ausführlich und scharf inquirirt über die +Familie seiner Geliebten, über das Geschäft und Vermögen ihres Vaters, +und die klaren, scharfen und bestimmten Antworten des jungen Mannes, +welche ihm über das Alles so befriedigende Auskunft gaben, hatten +augenscheinlich dazu beigetragen, ihn zu beruhigen und ihn die ganze +Sache in einem freundlicheren und milderen Licht ansehen zu lassen. + +Dann als nochmals einige Tage vergangen waren, hatte er allmählig +angefangen, — wenn auch noch immer murrend und scheltend, — über die +Zukunftspläne des jungen Mannes zu sprechen. Er hatte sogar die Absicht +angedeutet, trotz seines Alters und seiner Schwerfälligkeit, die Reise +nach Frankreich zu machen und mit dem alten Herrn Challier, vor dessen +ausgedehntem Geschäft ihm die Mittheilungen seines Neffen einen großen +Respect eingeflößt hatten, selbst über die Angelegenheit sich zu +berathen. + +So weit war Alles gut, und die alte Frau lebte und webte schon in dem +Gedanken an die glückliche Zukunft ihres Sohnes und ihrer künftigen +Schwiegertochter, welche sie bereits mit aller mütterlichen Zärtlichkeit +liebte, obgleich sie sie nie gesehen. + +Aber der junge Cappei wurde immer ernster und trauriger, denn auch auf +den Brief, welchen er mit der Unterschrift seiner Mutter abgesandt +hatte, war keine Antwort erfolgt, und mit jedem Tage wurde die Qual des +dumpfen Wartens angstvoller und peinlicher, und immer tiefer schnitten +die mißtrauischen Fragen seines Oheims in sein von banger Unruhe +gequältes Herz. + +Endlich konnte er diesen Zustand nicht länger ertragen, und er kündigte +den beiden alten Leuten seinen Entschluß an, selbst nach Frankreich zu +reisen und den Grund dieses unerklärlichen Schweigens zu erforschen. +Seine Mutter billigte den Entschluß, denn das Leiden ihres Sohnes +erfüllte sie mit tiefem Mitgefühl, — auch der alte Niemeyer hatte nichts +dagegen einzuwenden, sein practischer Sinn verlangte eine Abänderung +dieses Zustandes der Ungewißheit, und im Stillen hoffte er, daß sein +Neffe an Ort und Stelle irgend ein Hinderniß fände, welches diese Sache, +die so störend in seinen Lebenskreis eintrat, ein für allemal beenden +möchte. + +Der junge Cappei traf also seine Vorbereitungen zur Abreise, welche nur +in der Ordnung seines geringen Gepäcks bestanden und begab sich eines +Morgens auf das Amtshaus, um der von ihm übernommenen Verpflichtung +gemäß dort um die Erlaubniß zu seiner Reise nachzusuchen und sich einen +Urlaubspaß zu erbitten. + +Der Amtsverwalter empfing den jungen Mann sehr ernst und hörte +schweigend sein Gesuch an. + +„Sie wollen nach Frankreich gehen,“ sagte er — „welchen Zweck hat Ihre +Reise.“ + +Cappei zögerte einen Augenblick. + +„Ich bitte Sie, ganz aufrichtig zu sein,“ sagte der Beamte, — „Sie +befinden sich in einer besonderen Lage, und jede ausweichende Antwort +könnte Ihnen nur nachtheilig sein.“ + +„Ich habe keinen Grund, meine Absicht zu verheimlichen,“ sagte der +junge Mann — „ich habe eine Braut in Frankreich und wünsche dort die zu +unserer Verbindung nöthigen Vorbereitungen persönlich zu besprechen.“ + +„Sie sind landwehrpflichtig,“ sagte der Amtsverwalter, „und es thut mir +leid, daß ich im Hinblick auf ihre Vergangenheit Ihnen die nachgesuchte +Erlaubniß nicht ertheilen kann.“ + +„Ich verspreche,“ sagte der junge Mann erbleichend, „meine Adresse hier +zu lassen und jedem Ruf sofort Folge zu leisten. Auch wird ohnehin meine +Abwesenheit nicht lange dauern, ich werde in spätestens vierzehn Tagen +wieder hier sein.“ + +„Ich kann,“ erwiderte der Beamte, „auch trotz dieses Versprechens Ihnen +die Erlaubniß zur Reise und einen Paß nicht geben, — jedenfalls nicht +ohne höhere Genehmigung.“ + +Ein Ausdruck finsterer Entschlossenheit erschien auf dem Gesicht +Cappei's, es schien, daß er etwas sagen wollte, doch schwieg er und +wandte sich mit kurzer Verbeugung um, um das Zimmer zu verlassen. + +Der Amtsverwalter hatte ihn forschend angeblickt. + +„Bleiben Sie,“ rief er in strengem Ton. + +Cappei wendete sich erstaunt um und wartete. + +„Da Sie mir den Wunsch ausgesprochen haben, den Ort zu verlassen,“ +sagte der Beamte, „und da ich befürchten muß, daß Sie bei der +Verweigerung des Urlaubs heimlich abreisen möchten, so sehe ich mich +gezwungen, Sie zu verhaften.“ + +„Mich zu verhaften,“ rief Cappei mit bebenden Lippen, indem eine +tödliche Bläße sein Gesicht überzog, „und warum?“ + +Der Beamte klingelte, ein Amtsdiener trat herein. + +„Der frühere Dragoner Cappei ist Arrestant, er wird einstweilen hier im +Amtsgefängniß bleiben, bis weitere Bestimmung über ihn getroffen ist. +Ich will sogleich ein erstes und vorläufiges Verhör mit ihm vornehmen.“ + +Der junge Mann stand wie niederschmettert da, seine Gedanken verwirrten +sich, er konnte keine Erklärung für diesen Schlag finden, der ihn so +unerwartet traf. + +Der Beamte zog ein Actenstück aus seinem Schreibtisch hervor, öffnete +dasselbe, faltete dann einen Bogen Papier und ergriff eine Feder, bereit +das Protocoll aufzunehmen. + +„Haben Sie,“ fragte er, sich an Cappei wendend, „seit ihrem Aufenthalt +hier mit Personen in Frankreich in Verbindung gestanden und mit +demselben correspondirt?“ + +„Ich habe keine Verbindung dort,“ erwiderte Cappei, „als diejenige mit +meiner Braut, welche besuchen zu dürfen, ich soeben um Erlaubniß bat, +ich habe mit Niemanden correspondirt, als mit ihr, aber zu meiner tiefen +Betrübniß keine Nachricht von ihr erhalten.“ + +Der Beamte nahm mehrere beschriebene Blätter aus dem ihm vorliegenden +Actenstück und fragte, indem er Cappei winkte, näher heranzutreten. + +„Kennen Sie diese Briefe?“ + +Der junge Mann warf einen Blick auf die Papiere, er zuckte zusammen, ein +fast convulsivisches Zittern erschütterte seine Gestalt. + +„Es sind die Briefe, welche ich an meine Braut geschrieben,“ rief er mit +bebender Stimme. + +„Sie erkennen also an, daß diese Briefe von Ihrer Hand geschrieben +sind?“ + +„Gewiß,“ rief Cappei, den starren Blick fortwährend auf die Briefe +gerichtet, welchen er einen nach dem andern glaubte abgesendet zu haben, +und in welchem er immer dringender und sehnsuchtsvoller um Nachrichten +gebeten hatte. + +„Sie behaupten also,“ fuhr der Beamte fort, „daß diese Briefe wirklich +an ein junges Mädchen gerichtet sind, und daß der Inhalt derselben +keinen anderen Sinn hat, als den, welchen die Worte ausdrücken.“ + +„Welchen anderen Sinn könnte er haben?“ rief Cappei, entsetzt vor diesem +Räthsel stehend, das sich da so plötzlich vor ihm erhob. + +„Man hat Beispiele,“ sagte der Beamte, „daß scheinbar unverfängliche +Worte eine andere vorher verabredete Bedeutung haben, oder daß sie durch +darauf gelegte Papierausschnitte in anderer Reihenfolge erscheinen. Doch +das wird sich finden,“ fuhr er fort. + +Dann nahm er einige andere Blätter und hielt dieselben dem jungen Manne +vor. + +„Kennen Sie diese Handschrift?“ + +„Nein,“ rief Cappei, auf die ihm völlig fremden Schriftstücke blickend. + +„Dennoch,“ sagte der Beamte, „sind diese Briefe hier unter Ihrer Adresse +angekommen, und sie enthalten sehr bestimmte und compromittirende +Fragen, Aufträge über Truppendislocationen und politische Verhältnisse +Nachricht zu geben. Sie werden einsehen, daß das Alles sehr verdächtig +ist und daß der auf Ihnen ruhende Verdacht durch Ihren Wunsch, jetzt +nach Frankreich zu reisen, nur verstärkt werden kann. Ich muß das +Resultat meiner polizeilichen Beobachtung, zu welcher meine Pflicht mich +Ihnen gegenüber zwang, nunmehr an die Untersuchungsrichter übergeben und +kann Sie nur noch darauf aufmerksam machen, daß ein offenes Geständniß +Ihre Lage nur verbessern kann, — wenn Sie nicht im Stande sind, sogleich +eine genügende Erklärung zu geben.“ + +Der junge Mann starrte noch immer unbeweglich auf die ihm vorgelegten +Papiere. + +„Tragen diese Briefe eine Unterschrift?“ fragte er. + +„Nein,“ sagte der Beamte, „solche Correspondenzen pflegt man nicht zu +unterschreiben, da der Absender dem Empfänger doch genügend bekannt +ist,“ fügte er mit leichtem ironischen Lächeln hinzu. + +„Mein Gott, sollte es möglich sein,“ rief Cappei, indem eine glühende +Röthe sein Gesicht überflog, „ich erinnere mich, einmal ein Billet von +diesem Vergier gelesen zu haben, — sollte es möglich sein, — sollte er —“ + +„Junger Mann,“ sagte der Beamte mit ernstem Ton, durch welchen ein +gewisses Mitleid hindurchklang, ich will glauben, daß Sie irre geleitet +sind, und daß Ihre Ergebenheit für Ihren König von gewissenlosen Agenten +gemißbraucht ist. Sagen Sie offen und ehrlich Alles, was Sie über die +Sache wissen, — ich wiederhole Ihnen, es ist der einzige Weg, um Sie vor +scharfer Strafe zu schützen. + +„Herr Amtmann,“ rief Cappei in verzweiflungsvollem Ton, „ich muß +glauben, daß hier eine niederträchtige Bosheit verübt worden ist, um +mich von meiner Geliebten zu trennen. Ich schwöre Ihnen, ich weiß von +nichts, — ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich habe keine Ahnung von +diesen Briefen, und die Schreiben von mir, welche Sie da vor sich haben, +enthalten keinen verborgenen Sinn.“ + +Der Beamte schien betroffen von dem Ton der Wahrheit in den Worten des +jungen Mannes. + +„Ich will in Ihrem Interesse wünschen,“ sagte er, „daß es so ist, wie +Sie sagen, und daß Sie Ihre Unschuld beweisen können. Indeß die Indicien +erscheinen zu gravirend, und die Agitationen, um die es sich hier +handelt, sind zu staatsgefährlich, als daß ich es verantworten kann, Sie +in Freiheit zu lassen. Ich will indeß Anordnungen treffen, daß Sie gut +behandelt werden, und dafür sorgen, daß Ihre Sache so schnell als +möglich untersucht wird. Denken Sie genau über Alles nach und bedenken +Sie, daß die größte Offenherzigkeit in Ihrer Lage das Beste ist. + +Führen Sie den Arrestanten ab,“ sagte er, zu dem Amtsdiener gewendet. + +In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach dem in einem +Seitenflügel des Amtshauses befindlichen Arrestlocal führen. Er bat den +Amtsdiener nur noch, seinem Oheim und seiner Mutter Nachricht von seiner +Verhaftung zu geben und warf sich dann in dumpfer Verzweiflung auf das +einfache Bett mit einer Strohmatratze, welche nebst einem hölzernen +Tisch das ganze Ameublement des Zimmers ausmachte, dessen Fenster mit +Eisenstäben vergittert waren und vor dessen Thür sich klirrend der +schwere Riegel schob, der ihn von der Freiheit und von allen seinen +Zukunftsträumen und Hoffnungen trennte. + + + + +Viertes Capitel. + + +Wochen waren seit dem Plebiscit verflossen, die große Mehrzahl des +französischen Volkes hatte sich in ihrem Votum aufs Neue für das +Kaiserreich und die neue Verfassung desselben erklärt, — die Elemente des +Aufruhrs, welche einen Augenblick ihr Haupt aus den finsteren Vorstädten +von Paris erhoben, hatten sich wieder in ihre dunklen Schlupfwinkel +zurückgezogen, die unbequemen Mitglieder des Cabinets waren entfernt, +der Herzog von Gramont war von Wien gekommen und hatte das Portefeuille +der auswärtigen Angelegenheiten übernommen, und der Kaiser sah sich +umgeben von lauter Männern, welche sowohl dem Prinzip seiner Regierung, +als ihm persönlich vollkommen ergeben waren, und welche er, wenn er sich +die Mühe geben wollte, leicht und vollständig nach seinem Willen zu +lenken im Stande war. + +Alles schien vortrefflich geordnet und glänzend befestigt. Der +kaiserliche Hof hatte sich nach Fontainebleau begeben, es fanden dort +jene reizenden, kleinen Gartenfeste Statt, welche die Kaiserin mit ihrem +intimen Cirkel so ausgezeichnet zu arrangiren verstand. Die Zeitungen +beschäftigten sich im Ganzen wenig mit der Politik. Sie berichteten über +die Toiletten der Damen bei den Soiréen à la Watteau, welche unter dem +tiefen Schatten der Bäume des Parks von St. Cloud Statt fanden. Sie +erzählten mit hoher Befriedigung, daß die Gesundheit des Kaisers ganz +vortrefflich sei und daß Seine Majestät Napoleon III in seinem kleinen +Privatgarten in St. Cloud mit ganz besonderem Eifer sich mit der Cultur +der Rosen beschäftige und nahe daran sei, das große Problem der +Horticultur zu lösen und eine schwarze Rose zu erzielen. + +Die Zeit der Villeggiaturen begann, Graf Bismarck ritt in Varzin +spazieren, Seine Majestät der König Wilhelm badete in Ems, und der +Kaiser Napoleon mit einer blauen Schürze und einer großen Scheere in der +Hand, pflegte seine Rosen im Garten von St. Cloud. + +Der Genius des tiefen Friedens hatte sich über Europa herabgesenkt, die +Zeitungsredacteure und Correspondenten in allen Hauptstädten der Welt +konnten trotz des sorgfältigsten Spürens an dem blauen Sonnenhimmel der +Politik kein Wölkchen entdecken, aus welchem sich irgend eine +meteorologische Combination hätte machen lassen, — und die Berichte der +Zeitungen waren wahr. Denn an einem schönen, glänzenden Sommermorgen +hätten diejenigen, welche in das abgeschlossene Innere der +Sommerresidenz von St. Cloud zu blicken im Stande gewesen wären, den +Kaiser Napoleon in der That sehen können, wie er, einen breiten Strohhut +auf dem Kopf, von seinem Gärtner begleitet, zwischen den Rosenbeeten +umherging, und mit liebevoller Sorgfalt alle diese Sträucher und Stämme +musterte, auf denen so viel gestaltig und verschieden farbig die Königin +der Blumen ihre Blüthen entfaltete. Er prüfte genau jeden Stock und +jeden Zweig, er schnitt jede welkende Blüthe und jedes trocknende Blatt +ab, Alles in ein Körbchen werfend, das der Gärtner trug und sorgfältig +darüber wachend, daß kein gelbes Blatt auf den reinen Kies der Gänge +fiel. Er forschte sorgfältig nach dem Mehlthau, diesem bösen Feinde der +Rosen und blies, wenn er etwas davon entdeckte, den Dampf seiner großen +braunen Havannacigarre auf die kleinen Milben, vergnügt zusehend, wie +dieselben betäubt zu Boden fielen. + +Bei allen diesen Operationen mußte er sich oft zu den kleinen +Sträuchern herunterbücken, oft sich neben den hohen und schlanken +Stämmen auf die Spitzen der Zehen erheben, wodurch zuweilen sehr +complicirte und schwierige Stellungen hervorgerufen wurden, in denen die +kleine, von dem großen Panamastrohhut überdachte Gestalt des Kaisers für +alle Diejenigen einen sehr befremdenden und erstaunlichen Eindruck +gemacht haben würde, welche gewohnt waren, ihn von den Hundertgarden +umgeben bei den großen Truppenrevuen oder bei den großen Empfängen in +den Tuilerien inmitten der Großwürdenträger unter dem kaiserlichen +Thronhimmel stehen zu sehen. Aber das Gesicht des Kaisers war hier, wenn +er klein zusammengebückt vor einer Zwergrose saß, oder wenn er sich mit +Mühe zu einer hochstämmigen Centifolie emporhob, unendlich heiterer und +glücklicher, als in jenen Augenblicken der glänzenden, kaiserlichen +Repräsentation, sein sonst so undurchdringlich verschleierter Blick +ruhte hier frei und klar auf den Pflanzen und Blüthen, diesen ewig +jungen Kindern der stets sich erneuenden Natur, seine Lippen lächelten +und auf seinem welken, von den Linien des Alters bereits tief +durchfurchten Gesicht lag der Schimmer einer natürlichen, fast +kindlichen Heiterkeit. Er war hier der Mensch, der seine Freude hatte an +dem, was alle Menschenherzen erfreut hat, seit das Schöpfungswort +Gottes allerlei Kräuter und Blumen auf der zwischen Licht und Finsterniß +gestellten Erde erwachsen ließ, und alle Diejenigen, welche den Kaiser +haßten und bekämpften im großen Ringen des politischen Lebens, sie wären +hier vor dem Menschen entwaffnet gewesen, — denn nur ein guter Mensch +kann sich in seinem Herzen die kindlich reine Freude an der einfachen +Natur bewahren. + +Der Kaiser blieb vor einem mittelgroßen Stamm stehen, aus dessen +dunkelgrünen Blättern Knospen mit tief dunklen Spitzen hervorragten. Der +Kaiser betrachtete sorgfältig prüfend diese Knospen, die alle noch +geschlossen waren, vorsichtig die Zweige auseinander biegend, suchte er +nach, ob nicht irgend eine sich bereits geöffnet habe. + +Plötzlich stieß er einen leichten Schrei aus. An der anderen Seite des +kleinen Baumes, welche dem Morgensonnenlicht zugewendet war, entdeckte +er eine halb erschlossene Blüthe, deren tief dunkle Blätter so eben die +Umhüllung gesprengt hatten. + +„Ah,“ sagte er, indem er mit der Hand dem Gärtner winkte, welcher rasch +herzutrat, „da ist die Lösung meines Problems, die Blüthe ist +erschlossen und“ — er blickte ganz enttäuscht und niedergeschlagen auf +die Blume. + +Die dunklen Blätter derselben, welche beim ersten Anblick schwarz +erschienen waren, schimmerten im Strahl des darüber hin streifenden +Sonnenlichts in einem sehr deutlichen Purpurblau. + +„Die Rose ist blau,“ sagte der Kaiser, indem er vorsichtig die Blüthe +erfaßte und sie hin und her wendete. + +Aber von welcher Seite auch der Strahl der Sonne darauf fallen mochte, +immer zeigte sich der blaue Glanz. + +Der Gärtner lächelte mit einer gewissen Miene der Ueberlegenheit. + +„Ich habe es Eurer Majestät immer gesagt,“ sprach er, „daß es Ihnen +niemals gelingen wird eine schwarze Rose zu ziehen. Die Natur hat die +schwarze Farbe nicht, und so sehr sich auch die verschiedenen Farben +immer mehr und mehr verdunkeln mögen, es wird Ihnen doch niemals +gelingen, sie bis zum wirklichen Schwarz zu bringen.“ + +„Aber man hat doch die schwarze Farbe in der Thierwelt,“ sagte der +Kaiser. „Das Haar des Menschen ist schwarz, das Gefieder so manchen +Vogels“ — + +„Ich glaube, daß Eure Majestät sich täuschen,“ sagte der Gärtner +kopfschüttelnd, „Alles das ist nicht schwarz, — es sind nur tiefe +Schattirungen irgend einer anderen Farbe, deren Grundton Sie im +Sonnenlicht leicht erkennen können. Die wirklich schwarze Farbe kommt in +der Natur nicht vor, sie kann nur von Menschen künstlich geschaffen +werden.“ + +Der Kaiser ließ die Blüthe los. Sein bisher so heiteres Gesicht wurde +ernst, seine Augen verschleierten sich, trübe blickte er vor sich +nieder. + +„Die Natur schafft die schwarze Farbe nicht,“ sagte er — „das menschliche +Herz ist auch eine Schöpfung dieser Natur, und doch ist die Sorge so +schwarz, welche dieses Menschenherz erfüllt, — die Menschen müssen +künstlich die schwarze Farbe schaffen, — — sind alle die Sorgen, die uns +quälen, nicht auch künstliche Schöpfungen einer der reinen und heiteren +Natur entfremdeten Welt, — aus den wir uns dennoch nicht losmachen +können,“ fügte er seufzend hinzu, „um wieder zur Reinheit und Freiheit +der Natur zurückzukehren, — einer Welt, aus der uns nur der Tod +hinausführt, der uns mit dem letzten und tiefsten Schwarz +bedeckt — — werden wir dahinter,“ sprach er tief sinnend weiter, „eine +neue Welt voll Licht und Farbenglanz finden, oder wird dieser letzte +schwarze Grund für immer alles Licht und alle Farben aufsaugen?“ + +Er stand noch einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken, dann nahm +er seine blaue Schürze ab, reichte dieselbe mit der Scheere, deren er +sich zum Schneiden der Zweige bedient hatte, dem Gärtner, — grüßte +denselben freundlich mit der Hand und warf noch einen langen wehmüthigen +Blick über seinen blühenden Rosengarten, — dann wandte er sich schnell um +und stieg die Stufen hinauf, welche ihn in sein Zimmer führten. + +All das helle Licht, welches ihn im Garten umgeben hatte, all die +freundliche Heiterkeit, welche ihn dort erfüllt hatte, schien wie +verschwunden zu sein. Ernst und sorgenvoll trat er zu seinem +Schreibtisch, auf welchem Pietri am Morgen die zu des Kaisers eigener +Durchsicht bestimmten Correspondenzen gelegt hatte und ließ sich in dem +davor flehenden tiefen Lehnstuhl von Rohrgeflecht mit einem länglich +runden Sitzkissen nieder. + +„Die glücklichen Augenblicke des Tages sind vorüber,“ sagte er, „die +Sorge tritt wieder in ihr Recht und trotz des Anscheins von Ruhe und +Sicherheit, welche Frankreich und die Welt heute darbietet, stehe ich +heute mehr als je vor ungelösten Fragen der Zukunft. Dieses Deutschland +consolidirt sich,“ sagte er, „Österreich schwankt und trotz aller guten +Dispositionen des Königs Victor Emanuel wendet sich die öffentliche +Stimmung in Italien mehr und mehr von mir ab, so daß es schwer sein +wird, eine Allianz mit dieser Macht, welche ich geschaffen habe, zu +schließen. Und selbst wenn es gelänge,“ fuhr er fort, „würde eine solche +Allianz im Augenblick einer entscheidenden Action — im Augenblick der +Gefahr vielleicht — gehalten werden? Die meisten Sorgen aber,“ sagte er +nach einigen Augenblicken, „machen mir diese spanischen Angelegenheiten, +die Candidatur des Herzogs von Montpensier wird eifrig betrieben und +trotz der geringen persönlichen Popularität des Herzogs kann sie +urplötzlich mir entgegentreten, denn schließlich wird man dort nach +jedem Auskunftsmittel greifen, um nur wieder zu geordneten Zuständen zu +gelangen, und die Orleans verstehen sich auf die Agitationen und die +Intriguen. Aber ich muß Alles aufbieten, um ein orleanistisches +Königthum in Spanien zu verhindern. Ich habe soeben den Einfluß +gebrochen, welchen diese erbittertsten und gefährlichsten Feinde meiner +Regierung und meiner Dynastie hier in Frankreich wieder zu erringen +begannen, und würden sie jemals in Spanien festen Fuß fassen, so würde +ihre Agitation trotz der Pyrenäen mit erneuter Kraft Frankreich +durchziehen. Der Erbprinz von Hohenzollern wäre vielleicht eine Lösung +gewesen, — und ich will diesen Faden nicht ganz aus der Hand lassen, +aber das Erste und Nächstliegende ist doch die Wiederherstellung der +Dynastie der Königin Isabella unter dem Prinzen von Asturien. Meine +Einleitungen sind getroffen: Olozaga ist der Combination günstig, und +dieser eitle Serrano wird lieber der Majordomus des unmündigen Don +Alphonso sein, als einfacher General unter dem Herzog von Montpensier, +der sich seiner wahrscheinlich bald entledigen würde — was vielleicht +Prim auch thun wird,“ fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu — „den +ich vorläufig ganz aus dem Spiel lassen muß, um ihn mir für jene +hohenzollersche Eventualität im äußersten Falle zu reserviren.“ + +Er beugte sich über seinen Schreibtisch und ergriff die auf demselben +zurecht gelegten Briefe. Nach flüchtigem Überblick warf er mehrere +derselben bei Seite, dann ergriff er lebhaft einen andern und lehnte +sich, denselben in der Hand haltend, in seinen Stuhl zurück. + +„Von meinem Agenten in Spanien,“ rief er, — „vielleicht nähert sich diese +Sache ihrem Ende.“ + +Er durchflog rasch die ersten Zeilen des Briefes. + +„Alles ist vorbereitet,“ las er dann, den Zeilen folgend, „die +maßgebenden Personen sind der Proclamation des Prinzen von Asturien +günstig. Das Volk im Ganzen mit Ausnahme einiger unterwühlten großen +Städte würde jede feste Regierung, welche Ruhe und Stabilität verbürgt, +mit Freuden begrüßen. Die Armee ist zum großen Theil ganz alphonsistisch +gesinnt und die Proklamation des Prinzen, namentlich wenn derselbe die +unmittelbare und bestimmte Anerkennung Frankreichs fände, würde nirgends +ernsten Schwierigkeiten begegnen. Vor allen Dingen aber ist es nöthig, +daß die Königin Isabella so schnell als möglich feierlich abdicirt und +alle ihre Rechte auf ihren Sohn überträgt, zugleich auch jeden Anspruch +auf die Regentschaft ausdrücklich aufgiebt und sich verpflichtet, auch +nach der etwaigen Thronbesteigung ihres Sohnes im Auslande zu leben und +nicht nach Spanien zurückzukehren. Dies Document ist unerläßlich für +jede weitere Thätigkeit, denn Niemand, die Alphonsisten ebenso wenig, +wie alle Andern, will die Rückkehr der Königin, und man fürchtet, daß +selbst bei ihrer persönlichen Anwesenheit in Spanien sie und ihre +Umgebung auf die Regierung von Neuem einen Einfluß ausüben würden, den +man mit Recht oder Unrecht für verderblich hält. Wenn Eure Majestät die +Abdication der Königin in der oben angedeuteten Weise erreichen können, +so scheint die Thronbesteigung des Prinzen von Asturien sicher zu sein.“ + +Der Kaiser warf den Brief zurück. + +„Ich kann mich auf diese Mittheilung verlassen,“ sagte er, — „das Glück +scheint mir zu lächeln. Die Regierung des Prinzen von Asturien, mag sie +in seinem Namen geführt werden, durch wen sie wolle, wird Frankreich +günstig sein und in der auswärtigen Politik im Großen und Ganzen +derjenigen der Königin Isabella sich anschließen. Vor allen Dingen aber +wird sie dem Herzog von Montpensier und den Orleans unversöhnlich +feindlich sein — vielleicht ließe sich dann doch noch auf jene +Combination zurückkommen, welche durch diese unglückliche Revolution in +Spanien vereitelt wurde. — + +Die Königin wird sich freilich schwer zur Abdankung entschließen. Das +Document darüber ist schon aufgesetzt und befindet sich in ihren Händen. +Sie hat bis jetzt die Unterzeichnung verweigert, weil sie Bürgschaft +verlangte, daß nach ihrer Abdication die Thronbesteigung ihres Sohnes +wirklich gesichert sei. Ich glaube ihr nach dieser Nachricht, welche +durch die Mittheilungen Olozaga's vollständig bestätigt wird, jede +Garantie geben zu können.“ + +Er sann einige Minuten nach. + +„In Augenblicken wie dieser,“ sagte er dann, „kommt es auf schnelles und +entschiedenes Handeln an. Günstige Situationen muß man benutzen und zu +rascher Entscheidung führen, — man weiß niemals, wie lange sie dauern +können. Ich will sogleich zur Königin, um womöglich gleich die Sache mit +einem Schlage zu erledigen.“ Er klingelte. + +„Meinen Wagen,“ befahl er dem eintretenden Kammerdiener, „große +Attelage, ich will nach Paris fahren. General Favé soll mich begleiten.“ + +Er stand auf und ging in sein Toilettenzimmer. + + * * * * * + +An der Avenue du Roi de Rome liegt das prachtvolle Hotel Basilensky, +welches die Königin Isabella gekauft und eingerichtet hatte und über +dessen vergoldeten Gitterthoren der Lilienschild des königlichen Wappens +von Spanien glänzte. + +Die innere Eingangsthür dieses Hotels stand weit offen und ließ durch +die Gitter des äußeren Hofes den Blick in die prachtvolle weite Halle +dringen, in deren Hintergrund die breite Marmortreppe nach den obern +Gemächern emporführt. + +In dieser Halle war die Dienerschaft der Königin in ihrer dunkelblauen +goldgestickten Livrée mit den rothen Strümpfen aufgestellt, und am Fuß +der Treppe stand der Graf von Ezpeleta, der Oberhofmeister der Königin, +ein alter Mann mit grauem Haar, mit dem großen blauen Bande des Ordens +Karls III. geschmückt; neben ihm der Kammerherr Albacete, ein noch +junger, schöner Mann mit schwarzem gelocktem Haar, kleinem schwarzem +Schnurrbart und dunklen Augen, mit dem Cordon des Ordens Isabella der +Katholischen. + +Bereits eine Viertelstunde standen die beiden Herren hier, von Zeit zu +Zeit einige Worte mit einander wechselnd und oft ungeduldig durch die +Thür nach dem Vorhof hinaus blickend, zu welchem wenige Stufen +hinabführten. + +Endlich fuhr ein einfaches Coupé mit dunkler Livrée durch das Gitterthor +in den Hof und hielt vor dem Haupteingang des Hotels. + +Graf Ezpeleta eilte schnell an den Schlag des Wagens, den der vom Bock +herabspringende Diener bereits geöffnet hatte. Herr von Albacete folgte +ihm, den Hut in der Hand; beide Herren verbeugten sich tief vor einem +jungen Manne von etwa zwei und zwanzig Jahren, der hoch und schlank +gewachsen war und leicht und gewandt aus seinem Wagen auf den Boden +sprang. + +Dieser junge Mann hatte ein blasses längliches Gesicht von vornehm +strengem, aber ein wenig apathischem Ausdruck. Seine Nase war lang und +etwas stark, die von Natur weichen Linien seines Mundes waren durch +feste und energische Willenskraft zusammengezogen, — aus seinen kleinen +Augen leuchtete ein hoher unbeugsamer Stolz. Er trug einen schwarzen +Salonanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, das goldene Vließ am rothen +Bande um den Hals. + +Mit einer leichten Neigung des Kopfes, ohne den Hut zu berühren, +erwiderte er die ehrfurchtsvollen Begrüßungen des Grafen Ezpeleta und +des Herrn von Albacete. Dann stieg er, ohne ein Wort an die Herren zu +richten, die Stufen des Eingangs hinauf und schritt durch die Reihen der +sich tief verneigenden Lakaien zu der großen Treppe hin, während Herr +von Albacete halb rückwärts gewendet, einige Schritte vor ihm herging, +und der Graf Ezpeleta ehrerbietig ihm folgte. Der junge Mann stieg mit +leichtem elastischem Schritt die Stufen der Treppe hinauf. + +Am obern Ende derselben vor dem Eingang in ihre Gemächer stand die +Königin Isabella. Sie trug eine weite Robe von dunkelblauer Seide, das +rothe Band des goldenen Vließes um den Hals. + +Ihr zur Seite befand sich die Gräfin Ezpeleta und einige Hofdamen. + +Der junge Mann, welchen die Cavaliere der Königin mit so viel Ehrfurcht +begrüßt hatten, stieg ruhig die letzte Stufe der Treppe hinauf, und erst +als er unmittelbar vor der Königin stand, nahm er mit einer Bewegung +voll ritterlicher Höflichkeit, aber ohne jeden Ausdruck von Ehrerbietung +oder Unterwürfigkeit den Hut ab, ergriff die Hand, welche die Königin +ihm entgegenstreckte und führte sie leicht an die Lippen. + +„Ich danke Ihnen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „daß sie gekommen +sind, und ich bitte Gott, daß er unsere Begegnung und unsere Unterredung +segnen möge zum Wohle Spaniens und zum Wohl unseres Hauses.“ + +Der Infant Don Carlos, welchem man bei seiner Geburt den Namen des +Herzogs von Madrid gegeben, welcher in der Verbannung den Titel eines +Grafen von Monte Molin führte, und welchen die spanischen Legitimisten +den König Carlos VII nannten, erwiderte nichts auf diese Worte. +Schweigend reichte er der Königin den Arm und führte sie durch einen +großen, mit reich vergoldeten Meubeln ausstatteten Salon, in welchem +über den Fenstern und Thüren, so wie über dem großen prachtvollen Kamin +die Lilien des königlichen Hauses von Bourbon auf blauem Grunde +glänzten, nach dem Cabinet der Königin, welches von dem vordern Salon +durch eine einzige große Glaswand aus mächtigen Spiegelscheiben getrennt +war, so daß man aus dem einen Raum vollständig den andern übersehen +konnte. + +Dies Cabinet, in welchem die Königin ihre Audienzen zu ertheilen +pflegte, war mit weißem Marmor ausgelegt, neben dem Kamin, welcher der +Glaswand sich gegenüber befand, standen einander gegenüber einige große +Fauteuils mit vergoldeter Lehne und mit purpurrothem Seidendamast +überzogen. + +Die Königin nahm auf einem dieser Lehnstühle Platz. Don Carlos setzte +sich, immer schweigend und kalt, ihr gegenüber. + +„Erlauben Sie, mein Vetter,“ sagte Isabella, absichtlich jede Titulatur +in ihrer Anrede vermeidend, „daß ich Ihnen die Infanten, meine Kinder, +vorstelle?“ + +Der Graf von Monte Molin neigte artig das Haupt. + +Die Königin winkte durch die Glaswand nach dem andern Zimmer hin, in +welchem ihr Gefolge zurückgeblieben war, und kurze Zeit darauf führte +die Gräfin Ezpeleta den dreizehnjährigen Prinzen Alphons von Asturien +und seine drei jüngeren Schwestern in das Cabinet, worauf sie sich +wieder in das Vorzimmer zurückzog. + +Der Prinz von Asturien, ein bleicher, zarter Knabe mit sanftem und +kränklichem, aber intelligentem Gesicht, in einen Anzug von schwarzem +Sammet gekleidet, welcher die zarte Farbe seines Gesichts noch mehr +hervorhob, näherte sich mit offenem und unbefangenem Anstand dem Grafen +von Monte Molin. Er küßte seinem Oheim die Hand, während die drei +Infantinnen sich in einer gewissen kindlichen Befangenheit neben den +Stuhl ihrer Mutter stellten. + +„Don Alphonso,“ sagte die Königin, ihren Sohn vorfallend, „Donna Maria +del Pilar — Donna Maria della Pay, — Donna Eulalia,“ — fuhr sie fort, die +kleinen Prinzessinnen bezeichnend, welche sich nach der Reihe ihrem +Oheim näherten und ihre Lippen auf seine Hand drückten. + +Das bisher so ernste, strenge und unbewegliche Gesicht des Grafen von +Monte Molin wurde einen Augenblick von einem feuchten Schimmer +überstrahlt. Ein weiches und inniges Gefühl leuchtete aus seinen Augen, +wie in unwillkürlicher Bewegung umarmte er den Prinzen von Asturien, zog +dann die kleinen Infantinnen an sich heran und küßte sie eine nach der +andern auf die Stirn. + +„Die lieben Kinder,“ sagte er, — „die Glücklichen, die noch allen Sorgen +des Lebens — und der Politik fern stehen, — Gott segne sie.“ + +Die Königin hatte mit bewegtem Ausdruck diese Scene mit angesehen, eine +tiefe, mächtige Rührung zuckte über ihr Gesicht, ein feuchter Schimmer +verhüllte ihren Blick. Dann winkte sie mit der Hand, die Gräfin +Ezpeleta erschien wieder und führte, sich tief und ceremoniell +verneigend, die Kinder hinaus. + +„Ich habe Sie gebeten, zu nur zu kommen, mein Vetter,“ sagte die +Königin, „um mit Ihnen über die Lage Spaniens zu sprechen und mit Ihnen +zu berathen, was wir, die wir durch unser Blut mit dem Geschick der +spanischen Nation verknüpft sind, thun können, um das edle Volk aus +seiner traurigen Lage zu befreien und um auch in unserm Hause den +Frieden wieder herzustellen.“ + +Das Gesicht des Grafen von Monte Molin nahm wieder seinen früheren, +kalten und strengen Ausdruck an. + +„Über die spanische Nation,“ sagte er, „ist das Strafgericht +hereingebrochen, dem kein Volk entgehen kann, das sich von Gott abwendet +und das heilige Recht seiner Könige verleugnet. Spanien wird durch +dieses Strafgericht geläutert und so Gott will, einer glücklichen +Zukunft zugeführt werden.“ + +„Sie haben Recht, mein Vetter,“ sagte die Königin mit sanfter Stimme. +„Indeß,“ fuhr sie fort, „ist das spanische Volk vielleicht entschuldbar, +wenn es sich über das Recht seiner Fürsten täuscht, da ja bei den +Trägern dieses Rechts selbst zwei verschiedene Anschauungen über +dasselbe bestehen.“ + +„Es giebt nur ein Recht,“ erwiderte Don Carlos, „und wenn zwei +verschiedene Anschauungen darüber bestehen, so trifft die Schuld +denjenigen Fürsten unseres Hauses, welcher in unverzeihlicher Weise die +alten, die heiligsten Satzungen nach seiner persönlichen Willkür zu +ändern unternommen hat. Und Ruhe und Frieden,“ fuhr er in klangvoller +Stimme fort, „wird in Spanien nicht eher wieder herrschen, als bis das +alte, gottgeheiligte Recht wieder zur vollen Geltung gekommen ist.“ + +„Ich will darüber nicht mit Ihnen streiten, mein Vetter,“ sagte die +Königin, „wo das wahre Recht liegt. Sie müssen mir aber zugeben,“ fuhr +sie fort, indem sie ihn mit weichem Blick ansah und die Hand wie bittend +gegen ihn erhob, „daß ich unschuldig bin an dem, was vor mir — was zu +meinen Gunsten geschah. Ich habe im guten Glauben meinen Thron +bestiegen, überzeugt, daß das Gesetz, welches mich auf denselben berief, +ein im Rechte begründetes gewesen sei.“ + +„Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, meine Cousine,“ sagte Don Carlos, in +sanftem Tone, „es ist Ihre Schuld nicht, daß Sie die Vertreterin eines +Prinzips geworden sind, welchem dem wahren Königthum und der von Gott +eingesetzten Monarchie ebenso feindlich gegenüber steht, als es diese +Revolution thut, welche heute unser armes Spanien zerrüttet.“ + +„Wenn Sie das anerkennen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „so werden +Sie mit mir auch den Wunsch theilen, daß das traurige Zerwürfniß, +welches die Linien unseres königlichen Hauses von einander trennt, und +welches uns unsern Gegnern gegenüber schwächt und lähmt, beendet werde. +Sie werden gewiß die Hand dazu bieten, daß wieder das Königthum in +Spanien einig und in geschlossener Macht den Elementen des Unglaubens +und Aufruhrs gegenüber gestellt werde.“ + +Und in lebhafter, offener Bewegung reichte sie dem Infanten ihre Hand, +dieser berührte dieselbe sich artig verbeugend, einen Augenblick und +sprach dann, indem er die Königin gerade und fest ansah: + +„Sobald sich das ganze königliche Haus von Spanien unter meiner Fahne +vereinigt, wird jene traurige Spaltung verschwunden sein, und wir werden +kräftiger und erfolgreicher als bisher der Revolution gegenüber treten +können.“ + +Die Königin schwieg einen Augenblick. + +„Ich schwöre es Ihnen bei Gott, mein Vetter,“ sagte sie dann, „daß ich +mich wahrlich nicht nach der Herrschaft und nach dem Throne sehne, — sie +haben mir kein Glück in meinem Leben gebracht. Unruhe, Sorge und Kummer +ist mein Loos gewesen, und auch das Glück meines Herzens ist diesem +traurigen Glanz der Krone zum Opfer gefallen. Aber,“ fuhr sie fort, „ich +habe die Rechte meines Sohnes zu vertreten, und man sagt mir, daß die +monarchische Partei in Spanien zu einem großen Theil auf ihn seine +Hoffnungen setzt und durch seinen Namen zusammengehalten werde.“ + +Don Carlos hörte ruhig und unbeweglich zu. + +„Ich setze voraus,“ fuhr die Königin fort, „daß in Ihrem Herzen, wie in +dem meinen das Wohl Spaniens, die Größe und der Glanz unseres Hauses +weit über allen persönlichen Rücksichten und Wünschen stehen — wenn dies +der Fall ist, wenn wir uns darüber verständigen könnten, die +Vergangenheit und die Gegenwart einer besseren und glücklicheren Zukunft +zu opfern, so würde es vielleicht in unsere Hände gegeben sein, das +Schicksal Spaniens und unseres Hauses neuem Glück und neuem Glanz +entgegen zu führen.“ + +„Mein Volk und mein Haus stehen mir wahrlich höher, als meine Person,“ +erwiderte Don Carlos, „und für das Wohl Beider bin ich jeden Augenblick +bereit, mich zum Opfer zu bringen.“ + +„Oh,“ rief die Königin lebhaft, „dann werden Sie gewiß auf die Idee +eingehen, die ich Ihnen aussprechen möchte, — eine Idee, von der mir so +viele einsichtsvolle Personen sagen, daß durch sie Spanien aus seinem +jetzigen, traurigen Zustand gerettet werden könne.“ + +Don Carlos sah die Königin fragend an. + +„Mein Vetter,“ fuhr Isabella fort, „Sie sind der Vertreter des Rechts +der einen Linie unseres Hauses; ich stehe an der Spitze der andern. Sie +haben zahlreiche opferbereite Anhänger in Spanien, und auch an mir hängt +noch ein großer Theil des Volkes und der Armee. Könnten wir diese Alle +vereinigen zu gemeinsamem Kampf, der Sieg müßte unser sein. Und dazu +gehört,“ fuhr sie fort, „nichts weiter, als daß wir, Sie und ich auf den +Thron verzichten, daß wir die Selbstverleugnung haben, unsere eigenen +persönlichen Rechte aufzugeben, um diejenigen unserer Kinder sicher zu +stellen. Mein Vetter, vereinigen wir unsere beiden Linien und deren +Rechte, beschließen wir die Verbindung meines Sohnes, den Sie so eben +gesehen, mit der Infantin, Ihrer Tochter. Wenn ich dann auf die Krone +verzichte, die ich getragen und welche die Revolution mir vom Haupte +gerissen hat, wenn Sie Ihre persönlichen Ansprüche auf die älteren +Rechte Ihrer Linie aufgeben, so wird Don Alphonso der allein berechtigte +und allseitig anerkannte König von Spanien werden, Ihre Tochter wird +dereinst seinen Thron mit ihm theilen, und in Zukunft wird das +vereinigte Blut beider Linien unseres Hauses das ungetheilte +monarchische Prinzip aufrecht erhalten.“ + +Don Carlos sah die Königin, welche immer bewegter gesprochen hatte, mit +einem gewissen Erstaunen an. + +„Eine Verbindung des Infanten Don Alphonso,“ sagte er, „mit meiner +Tochter ist ein Gegenstand, der wohl ernste Erwägung verdient und der +allerdings dazu beitragen möchte, die so beklagenswerte Spaltung des +königlichen Hauses von Spanien auszugleichen. Doch begreife ich nicht, +Madame,“ fuhr er fort, „wie durch eine solche Verbindung Don Alphonso +unmittelbare Rechte auf den spanischen Thron erwerben sollte, selbst +wenn ich auf die meinigen verzichten würde, was nach meiner Überzeugung +kein Fürst, den Gott zum Throne hat geboren werden lassen, thun darf.“ + +„Wenn Sie, mein Vetter,“ erwiderte die Königin „zugleich mit der +besprochenen Verbindung Don Alphonso adoptiren würden, so wären, wie mir +scheint, alle Schwierigkeiten gelöst, der Infant würde in seiner Person +die Rechte Ihrer und meiner Linie vereinigen und der einzige Mittelpunkt +für alle Anhänger und Vertheidiger der Monarchie in Spanien sein.“ + +Don Carlos richtete sich hoch empor. + +„Ich bewundere, Madame,“ sagte er mit schneidendem Hohn, „die Klugheit +Ihrer Rathgeber, welche die Schwierigkeiten auf so einfache Weise lösen +wollen, auf die so unendlich einfache Weise, daß sie das hohe und +unveräußerliche Recht, welches Gott mir und meinen Nachkommen gegeben, +einfach wegwerfen und alle die Rechtswidrigkeiten anerkennen, durch +welche Spanien in sein gegenwärtiges Unglück gestürzt ist.“ + +„Aber, mein Gott,“ sagte die Königin erstaunt über die plötzliche +Veränderung in dem Gesichtsausdruck und Ton des Grafen von Monte Molin, +„der Vorschlag, den ich so eben gemacht, beruht ja auf der Anerkennung +Ihres Rechtes, denn mein Sohn soll ja den spanischen Thron gerade +gestützt auf unsere beiden bisher sich entgegen stehenden Rechte in +Anspruch nehmen.“ + +„Das heißt mit andern Worten,“ fiel Don Carlos ein, „ich soll mit +meinem königlichen Siegel legalisiren, was zur Verletzung des legitimen +Rechts geschehen ist. Ich soll aufgeben alle Ansprüche, welche Gottes +Willen mir gegeben und soll das alte heilige Recht in den Dienst treten +lassen der willkürlichen Verfügungen, welche die unumstößlichen +Satzungen des spanischen Königshauses verändert haben. Und wenn ich für +meine Person dies Opfer bringen wollte, wenn ich auf mein Recht +verzichten wollte, um das Unrecht zu sanctioniren, wie könnte ich eine +solche That vertreten meinen Nachkommen gegenüber, das darf ich Sie wohl +fragen, — Sie, Madame, die Sie von mir verlangen, daß ich Ihrem Sohn den +Anspruch opfern soll auf die Krone der edelsten und vornehmsten Nation +der Welt.“ + +„Aber, mein Vetter,“ sagte die Königin, „Sie haben nur eine Tochter und +wenn Sie heute König von Spanien werden, so wäre ja Don Alphonso Ihr +legitimer Erbe.“ + +„Sie vergessen, Madame,“ rief Don Carlos, „daß in den nächsten Tagen +vielleicht die Gnade der Vorsehung mir einen neuen Nachkommen schenken +wird. Wenn ich heute mit Ihnen diesen Kauf abschlösse,“ rief er lebhaft, +„über die Rechte und die Zukunft meines Hauses, und wenn dann dieses +Kind, das ich erwarte, ein Sohn wäre, müßte ich nicht erröthend die +Augen niederschlagen vor der Wiege des Säuglings, den ich um sein +königliches Recht vor seiner Geburt betrogen hätte. Nein, Madame,“ sagte +er kalt und ruhig, jedes Wort scharf und nachdrücklich betonend, „seien +Sie überzeugt, daß niemals, niemals von mir ein solcher Pact geschlossen +werden wird, und selbst wenn ich heute ein Greis wäre, der keine +Nachkommenschaft mehr zu erwarten hat — selbst dann würde ich meine +persönlichen Rechte nicht veräußern, — versagt mir Gott einen Sohn, so +ist der Infant Don Alphonso mein natürlicher und berechtigter +Nachfolger, ich werde ihn als solchen lieben und dahin arbeiten, ihm ein +großes und ruhmreiches Erbe zu hinterlassen, — aber so lange ich lebe,“ +fuhr er fort, indem er aufstand, und die Hand wie zur feierlichen +Bekräftigung seiner Worte emporhob, „so lange ich lebe, giebt es in +meinen Augen auf Erden keinen anderen König von Spanien als mich — in +Gottes Hand steht es, ob ich mein Recht erringen werde, oder ob mir das +hohe Ziel um der Sünden meiner Väter und um der meinigen willen versagt +bleiben soll — ich aber werde nichts unterlassen, um den Thron, zu dem +mich Gott hat geboren werden lassen, mir und meinem Hause wieder zu +erobern, mit Niemandem in der Welt werde ich über dieses mein höchstes +Recht, das zugleich meine heiligste Pflicht ist, handeln oder Verträge +schließen, — und eine innere Stimme sagt mir, daß dereinst noch die alte +Fahne des reinen legitimen Rechts siegreich in Spanien wehen wird. Dann, +Madame,“ fuhr er mit mildem Tone sich zur Königin wendend fort, „werde +ich Sie willkommen heißen im Escurial, Ihr Sohn wird der erste Prinz +meines Hauses — und vielleicht mein Nachfolger und Erbe sein. Ich werde +Gott bitten, daß er Sie und die Ihrigen erleuchten möge, Sich seinen +ewigen Ordnungen zu fügen, ich kann meinerseits von denselben nicht +abgehen.“ + +Die Königin erhob sich ebenfalls. + +„Ich bitte Sie, mein Vetter,“ sagte sie, „lassen Sie unsere Unterredung +nicht so enden, ich habe so große Hoffnungen auf unsere persönliche +Begegnung gebaut, bedenken Sie, daß die Spaltungen zwischen den beiden +Linien unseres Hauses ja nur unseren gemeinschaftlichen Feinden +nützt.“ — + +„Ich darf nichts bedenken,“ erwiderte Don Carlos, „als daß Gott mir das +Recht zu bewahren gegeben, das ich aufrecht halten und vertheidigen +werde bis zu meinem letzten Athemzuge.“ + +Er näherte sich der Königin, welche unschlüssig und verwirrt da stand, +küßte ihr die Hand und sprach: + +„Gott segne Sie, Madame, und die Ihrigen; — wie auch das Schicksal der +Zukunft sich wende, ich werde niemals vergessen, daß das gleiche Blut in +unsern Adern rollt.“ + +Die Königin schien sprechen zu wollen. Don Carlos bot ihr mit einer +entschiedenen Bewegung seinen Arm, sie legte schweigend mit einem tiefen +Seufzer ihre Hand in denselben und geleitete den Infanten durch das +Vorzimmer nach der Treppe, wo er mit einer artigen Verbeugung seinen Hut +aufsetzte und, von dem Grafen Ezpeleta und dem Herrn von Albacete +begleitet, langsam und ruhig die Stufen hinabstieg. Sein Coupé fuhr vor, +er winkte leicht grüßend mit der Hand und fuhr durch das Gitterthor des +Hofes hinaus. + +„Alles vergebens,“ rief die Königin, als der Graf von Ezpeleta zu ihr +zurückgekehrt war und fragenden Blickes in ihr Cabinet eintrat, — „Alles +vergebens! Er ist unbeugsam! Er steht unerschütterlich fest auf dem +Boden seines Rechts. Und es wäre doch so schön gewesen,“ rief sie, „wenn +diese Verständigung gelungen wäre. Er hat mächtige Anhänger, wenn sie +sich mit den meinigen vereinigten, sie hätten die größten Aussichten auf +Erfolg gehabt. Aber so,“ fuhr sie fort, indem sie ihr Taschentuch heftig +zusammendrückte, „ist Alles in Frage gestellt. Man verlangt von mir die +Abdankung. Aber was wird dadurch gewonnen, wenn nicht zu Gunsten meines +Sohnes eine große, monarchische Partei gebildet werden kann? — ich würde +mein Recht aufgeben, ohne ihm dadurch die Nachfolge sichern zu können —“ + +Eine Bewegung machte sich im Vorzimmer bemerkbar. + +Eiligst trat Herr von Albacete durch die Thür der großen Glaswand in das +Cabinet der Königin. + +„Seine Majestät der Kaiser ist so eben in den Hof gefahren!“ rief er und +eilte schnell wieder hinweg, um den Kaiser zu begrüßen. + +Der Graf Ezpeleta folgte ihm, und die Königin ging mit ihren Damen +abermals nach dem Ausgang der großen Treppe, an welcher sie sich kurz +vorher von dem Grafen von Monte Molin verabschiedet hatte. + +Langsam und etwas schwerfälligen Schrittes stieg Napoleon die Stufen +hinauf. + +Er trug einen schwarzen Überrock und hielt seinen Hut und ein spanisches +Rohr mit goldenem Knopf in der Hand. Mit tiefer Verbeugung küßte er der +Königin die Hand und führte sie in das Cabinet zurück. + +„Ich habe Ihnen gute Nachrichten zu bringen, Madame,“ sagte er, nachdem +er ihr gegenüber vor dem Kamin Platz genommen. „Wie befinden sich die +Infanten?“ + +„Ich danke, Eure Majestät,“ erwiderte die Königin, auf deren Gesicht bei +den ersten Worten des Kaisers der Ausdruck gespannter Erwartung +erschienen war, „sie befinden sich vortrefflich in dieser schönen Luft +des gastfreien Frankreichs, welche für sie nur den einzigen Fehler hat, +daß sie die Luft des Exils ist.“ + +„Und der König Don Franzesco,“ fragte der Kaiser, indem er leicht mit +der Hand über seinen Schnurrbart fuhr. + +„Er ist in München,“ sagte die Königin, „und braucht dort eine Kur,“ +fügte sie mit einem leichten unwillkürlichen Lächeln hinzu, „welche ihm +statt seines feinen Organs eine tiefe Stimme geben soll. Vielleicht wird +er nicht wieder zurückkehren,“ sagte sie ernst mit blitzenden Augen, „es +wäre in der That nicht —“ + +„Erlauben Eure Majestät,“ fiel der Kaiser ein, „daß ich so schnell als +möglich auf den ernsten Gegenstand meines Besuches kommen darf. Ich habe +so eben,“ fuhr er fort, „gute und zuverlässige Nachrichten erhalten, daß +in der spanischen Armee und in einem großen Theil der Bevölkerung die +monarchische Restauration immer mehr Boden gewinnt, und daß sich diese +Restauration an den Namen des Prinzen von Asturien knüpft. Der +Proclamirung des Prinzen würde, wie ich Eurer Majestät ebenfalls +versichern kann, Olozaga und Serrano günstig sein. Es ist also nunmehr +die Bedingung eingetreten, welche Eure Majestät, und wie ich glaube mit +Recht, stets als unerläßlich für Ihre Abdication bezeichneten. In diesem +Augenblick würden Sie durch die Übertragung Ihrer Rechte auf Ihren Sohn +demselben nach aller wahrscheinlichen Berechnung wirklich die Nachfolge +auf den Thron zu sichern im Stande sein. Ich werde in der Lage mich +befinden, viel dafür zu thun, wenn Eure Majestät schleunigst das +Document vollziehen, welches den Prinzen von Asturien zum Vertreter +Ihrer Rechte macht. Ich habe mir erlaubt, schon vor einiger Zeit Eurer +Majestät den Sinn der Erklärung mittheilen zu lassen, welche eine solche +Abdankungsurkunde enthalten müßte.“ + +„Ich weiß es,“ sagte die Königin mit einem bittern Lächeln, „sie soll +nicht nur die Übertragung meiner königlichen Rechte, sondern auch die +Verpflichtung enthalten, daß ich auch nach der Thronbesteigung meines +Sohnes niemals wieder den spanischen Boden betrete.“ + +„Eure Majestät,“ sagte der Kaiser, „werden überzeugt sein, wie tief ich +die unglücklichen Ereignisse beklage, welche sich in Spanien zugetragen +haben, und wie dringend und lebhaft ich gewünscht hätte, Sie selbst +wieder den spanischen Thron besteigen zu sehen. Allein,“ fuhr er fort, +„Eure Majestät werden auch ebenso wie ich die Zukunft Ihres Hauses höher +stellen, als persönliche Wünsche, — man muß im politischen Leben stets +mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und Schweres thun, um ein großes +Ziel zu erreichen, — was heute eine Nothwendigkeit ist, um Ihrem Hause +seine Krone wieder zu gewinnen, wird nach einiger Zeit verschwinden. +Diejenigen, welche sich in so schmählicher Undankbarkeit gegen Eure +Majestät erhoben haben, fürchten heute natürlich den Einfluß, den Sie +bei Ihrer Anwesenheit in Spanien auf Ihren Sohn und dessen Regierung +gewinnen würden. Lassen Sie einige Zeit vorüber gehen — Jene werden +ohnehin ihrem Verhängniß verfallen, — und ich sehe den Tag kommen und +sollte er auch bis zur Großjährigkeit Ihres Sohnes hinausgeschoben +bleiben, an welchem Sie, Madame, unter dem Jubel des Volkes von Spanien +als die Mutter seines Königs wieder in Madrid einziehen werden.“ + +Die Königin blickte nachdenkend vor sich nieder. + +„Bedenken Eure Majestät,“ sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, +„daß in großen politischen Entscheidungsmomenten jede Zögerung +gefährlich werden kann — zögern Sie daher nicht, durch Ihre Abdankung die +Action derer zu ermöglichen, welche Ihren Sohn auf den Thron führen +wollen. Bedenken Sie, daß gewandte und unermüdliche Gegner ihm gegenüber +stehen. Würden Sie Sich je verzeihen können, wenn durch die Verzögerung +des Opfers, welches die Verhältnisse von Ihnen verlangen, jener Herzog +von Montpensier dennoch endlich an das Ziel seiner Intriguen gelangen +sollte.“ + +„Er,“ rief die Königin mit flammenden Blicken, indem sie den Kopf empor +warf, „er, der falsche Heuchler, den ich wie die Andern Alle mit +Wohlthaten überschüttet habe! Niemals! Niemals! Und dieser stolze, +hochmüthige Graf von Monte Molin,“ fuhr sie fort, „der jede +Verständigung zurückwies, der mich behandelt hat, wie ein König eine +Infantin seines Hauses — Keiner von ihnen soll triumphiren — ich will +jedes Opfer bringen,“ sagte sie mit entschlossenem Ton, „wenn Eure +Majestät mir versichern können, daß dadurch wirklich meinem armen Kinde +die Krone gesichert wird.“ + +Sie blickte den Kaiser scharf und forschend an. + +„Ich bin weder allwissend, Madame,“ sagte Napoleon, „noch +allmächtig, — indeß so weit menschliche Berechnung reicht, stehen in +diesem Augenblick die Chancen Ihres Sohnes unendlich günstig, sobald +Ihre Abdankung seine Freunde in den Stand setzt, offen für ihn +aufzutreten und zu handeln, und sobald den gegenwärtigen Machthabern +Garantien geboten werden können, daß sie unter der wieder hergestellten +Monarchie die gesicherte Stellung finden, welche ihnen selbst bei der +Fortdauer der republikanischen Verwirrung immer zweifelhafter zu werden +scheint; — aber, ich wiederhole es,“ fuhr er fort, „es muß schnell +gehandelt werden, damit man allen gegenseitigen Intriguen zuvorkommt.“ + +„Ich werde die Urkunde vollziehen,“ sagte die Königin, indem sie sich +mit einem tiefen Athemzug erhob, „man soll von mir nicht sagen können, +daß ich es an irgend Etwas habe fehlen lassen, um den Rechten meines +Hauses Geltung zu verschaffen.“ + +„Seien Sie meiner ganzen Unterstützung dafür sicher,“ sagte der Kaiser, +indem er ebenfalls aufstand, „und genehmigen Sie den Ausdruck meiner +aufrichtigen Dankbarkeit, denn Sie haben durch diesen Entschluß nicht +nur Ihrem Hause, sondern auch mir und Frankreich einen großen Dienst +geleistet, — Sie wissen, wie viel auch mir daran liegen muß, jenseits der +Pyrenäen geordnete Zustände und eine befreundete Regierung zu sehen. Ich +darf Eure Majestät bitten,“ fuhr er fort, „sobald die Urkunde vollzogen +ist, mir ein Exemplar derselben zugehen zu lassen, damit ich meinerseits +alle die Schritte thue, die die Umstände erheischen.“ + +Er kehrte der Königin den Arm reichend, in das Vorzimmer zurück, sprach +mit jedem der Herren und Damen des Gefolges einige höfliche Worte und +verließ von den Cavalieren der Königin bis zum Wagen geleitet, das +Hotel. + +Die Königin rief den Grafen Ezpeleta in ihr Cabinet. + +„Lassen Sie sogleich Ihre Majestät die Königin, meine Mutter, bitten, +sich in einer wichtigen Angelegenheit hierher bemühen zu wollen. Lassen +Sie auch den Herzog von Sesto und den Marquis von Miraflores rufen. In +zwei Stunden soll mein ganzer Hof in Gala sich versammeln. Haben Sie +das Document in Bereitschaft, das ich Ihnen übergab?“ + +„Zu Befehl, Eure Majestät,“ erwiderte der Graf von Ezpeleta. + +„Ich werde es unterzeichnen,“ sagte die Königin seufzend. „Heute Abend +wird Ihr König Don Alphonso heißen.“ + + * * * * * + +Am Abend desselben Tages war in dem Empfangssaal des Hotel Basilensky +der Hof der Königin Isabella versammelt. + +Der Graf von Ezpeleta, der Kammerherr von Albacete und die übrigen +Cavaliere der Königin trugen die Uniformen ihrer Grade. Die Gräfin +Ezpeleta, welche als Camerera-Major fungirte und die Damen der Königin +waren in großer Toilette. + +Die Kerzen brannten auf den Lustres, in der Mitte des Saales stand ein +großer runder Tisch mit einer purpurnen Sammetdecke behängt, auf welchem +in einer großen Mappe mehrere Papiere lagen, dabei ein kostbares +Schreibzeug und einige große Schwanenfedern. In einiger Entfernung von +diesem Tisch standen drei mit rothem Sammet überzogene Lehnstühle, an +deren Rücklehne sich das königliche Wappen von Spanien befand. + +In dem Saal hörte man jenes leise Flüstern, welches an den Höfen dem +Eintritt der Souveraine vorauszugehen pflegt. + +Die Stunde war gekommen, zu welcher Ihre Majestät die verschiedenen +Personen befohlen hatte. Die Eingangsthür öffnete sich — aber noch war es +nicht die Königin, sondern es erschien ebenfalls in großem Galacostüm +der Herzog von Sesto, der Gemahl der Wittwe des Grafen von Morny und der +Marquis von Miraflores. Ihnen folgte der Marschall Bazaine in der großen +Uniform der Marschälle von Frankreich und der Präsident des +Civilgerichts Herr Benoist-Champy in der Hofgalatracht der +Justizbeamten. + +Abermals verging eine kurze Zeit in schweigender Erwartung. Dann +sprangen die Flügelthüren auf. Graf Ezpeleta eilte in die anstoßenden +Gemächer Ihrer Majestät und trat bald darauf in den Saal zurück, mit dem +Stabe auf das Parquet stoßend und die Königin ankündigend. + +Unmittelbar darauf trat die Königin in den Saal, sie trug eine faltige +Robe von schwarzem Sammet, ein Diadem von Brillanten auf dem Haupte, +den Hermelin um die Schultern, das goldene Vließ an der Kette um den +Hals und das große Band vom Orden Karl's III. über der Brust. + +An der rechten Seite der Königin, einen Schritt zurück, folgte die +Königin Christine, ebenfalls in schwarzen Sammet gekleidet, ebenfalls +mit dem goldenem Vließ und dem Orden Karl III. decorirt. Die hohe +Gestalt der Königin Christine, ihre scharf geschnittenen, harten und +etwas starren Züge zeigten wenig Ähnlichkeit mit ihrer Tochter, deren +sanfte, weiche Augen von Thränen geröthet erschienen, und deren großer +Mund mit den starken, vollen Lippen, durch den Ausdruck trauriger und +stiller Resignation, welcher auf demselben lag, schöner und anmuthiger +als sonst erschien. + +Zur linken Seite der Königin ebenfalls einen Schritt zurück trat der +Prinz von Asturien in den Saal. Er trug einen Knabenanzug von schwarzem +Sammet, ebenfalls das goldene Vließ um den Hals, das blaue Band von dem +Orden Karl's III. über der Brust, den Stern an dem kleinen Jaquet. + +Der Prinz war bleich und blickte voll liebevoller Theilnahme auf seine +Mutter hin. Seine ganze Erscheinung war unendlich anmuthig und +sympathisch, und als er mit einem halb kindlich verlegenen, halb +fürstlich stolzen Kopfnicken, die sich tief verneigende Versammlung +begrüßte, bot er ein ungemein interessantes und anziehendes Bild dar. + +Der alte Infant Don Sebastian, ein Mann mit grauem Haar und ruhigen, +gleichgültigen Gesichtszügen in der großen spanischen Generalsuniform +folgte. + +Die Königin durchschritt mit dem fürstlichen Anstande, welcher ihr trotz +ihrer corpulenten und kleinen Figur eigenthümlich war, den Saal und +setzte sich in den mittelsten der drei Lehnstühle. + +Die Königin Christine nahm ihr zur Rechten Platz. + +Don Alphonso stellte sich neben den dritten Lehnstuhl und der Infant Don +Sebastian hinter den Fauteuil der Königin. + +Die Königin winkte dem Grafen Ezpeleta. + +Dieser trat an den Tisch, nahm ein großes Pergament aus der dort +liegenden Mappe und trat vor den Sessel der Königin. + +„Ich, die Königin,“ sprach Donna Isabella, „habe in Erwägung der +Interessen meines Landes und meines königlichen Hauses beschlossen, +meine königliche Autorität und alle meine politischen Rechte aus freiem +Willen und lediglich aus eigenem Antriebe auf meinen viel geliebten Sohn +Don Alphonso, Prinzen von Asturien, zu übertragen. Ich habe zugleich +beschlossen,“ fuhr sie mit etwas zitternder Stimme fort, „um allen +Parteistreitigkeiten vorzubeugen und den innern Frieden meines geliebten +spanischen Volkes zu gewährleisten und zu erhalten so viel an mir liegt, +für meine Person den spanischen Boden nicht mehr zu betreten; auch wenn +mein Sohn durch die Cortes, die das rechtmäßige Votum der Nation +vertreten, auf den Thron berufen werden wird. Bis dies geschieht, und so +lange mein Sohn außer seinem Vaterlande weilen wird, behalte ich meinen +Sohn unter meinem Schutz und meiner Vormundschaft. + +Don Alphonso XII. ist also von heute an Euer wahrer König, ein +spanischer König, der König der Spanier, nicht der König einer Partei. +Ich werde zugleich mit dieser Urkunde über meine Abdankung durch ein +Manifest an die spanische Nation dieselbe verkündigen und mir wird nur +noch übrig bleiben, in glühenden Gebeten lange Tage des Friedens und des +Gedeihens für Spanien zu erflehen und für meinen Sohn, dem ich meinen +mütterlichen Segen ertheile, — Weisheit und Vorsicht und mehr Glück auf +dem Thron als seine unglückliche Mutter fand, welche bis heute Eure +Königin war.“ + +Die letzten Worte der Königin wurden fast unverständlich durch das +Schluchzen, welches ihre Stimme erstickte. + +Der junge Prinz von Asturien näherte sich seiner Mutter und kniete +weinend vor ihr nieder. + +Die Königin legte die Hände auf sein Haupt und sprach, während große +Thränen über ihre Wangen rannen, mit lauter Stimme: + +„Gott erhöre mein Gebet und segne Dich, mein Sohn, mit seinem reichsten +Segen!“ + +Sie machte über seinem Haupte das Zeichen des Kreuzes und erhob sich +dann. Don Alphonso und die Königin Christine standen gleichfalls auf. + +Isabella näherte sich dem Tisch, auf welchem der Graf von Ezpeleta die +Abdicationsurkunde niedergelegt hatte. Der Herzog von Sesto reichte der +Königin die Feder und mit einem raschen, kräftigen Zug unterzeichnete +sie das Dokument. Dann wandte sie sich um, ergriff den Prinzen von +Asturien bei der Hand und führte ihn zu dem mittleren Lehnstuhl, welchen +sie vorhin eingenommen hatte. Sie neigte sich leicht gegen ihren Sohn +und setzte sich in den Sessel zu seiner Linken. + +Der Hof trat heran, alle anwesenden Spanier defilirten an dem jungen +Prinzen, der hier in der Verbannung zum König von Spanien proclamirt +war, vorüber, beugten das Knie vor ihm und drückten die Lippen auf seine +Hand, die er Jedem reichte. + +Nachdem die Ceremonie vorüber war, wandte sich die Königin Isabella an +ihren Sohn. + +„Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß,“ sagte sie in französischer +Sprache mit starkem spanischem Guttural-Accent, „in Ihrer Gegenwart noch +ein Document aufnehmen zu dürfen, welches nicht die Politik betrifft, +sondern nur die Privatangelegenheiten unseres Hauses ordnet. Es ist mein +Testament, das ich für den Fall der Rathschluß Gottes die +Wiederherstellung des Thrones unseres Hauses nicht gestatten sollte, +nach französischem Recht habe aufnehmen lassen, und welches der Herr +Präsident des Civilgerichtshofes und der erlauchte Marschall, der uns +die Freude seiner Gegenwart macht, als Zeugen unterzeichnen sollen.“ + +Don Alphonso wandte sich in rascher Bewegung zu seiner Mutter, umarmte +sie zärtlich und küßte ihr ehrerbietig die Hand. + +Herr Benoist-Champy trat an den Tisch, nahm ein ziemlich umfangreiches +Dokument aus der Mappe und sagte: + +„Eure Majestät erklären also hier vor dem Herrn Francois Achille +Bazaine, Marschall von Frankreich, und vor mir, daß dieses Document, +dessen Inhalt Ihnen wohl bekannt ist, Ihre letztwillige Verfügung über +Ihr Privatvermögen enthält, und daß alle darin enthaltenen Bestimmungen +im Falle Ihres Todes gültig und unantastbar sein sollen, und wollen in +unserer Gegenwart aus völlig freiem Willen und eigenem Entschluß dies +durch Ihre Namensunterschrift bekräftigen?“ + +„Ich will es,“ sagte die Königin, trat an den Tisch und unterzeichnete +die Testamentsurkunde. + +Der Marschall Bazaine und Herr Benoist-Champy setzten ihre Namen unter +denjenigen der Königin. + +„Ich bitte nun Eure Majestät, zu befehlen,“ sagte die Königin Isabella, +sich abermals an ihren Sohn wendend, „daß von der Abdankungsurkunde +ebenso wie von meinem Testamente drei beglaubigte Abschriften genommen +werden mögen, und daß von denselben eine dem Herzog von Sesto, eine dem +Marquis von Miraflores und eine Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen +übergeben werde.“ + +Don Alphonso neigte mit einer gewissen, kindlichen Verlegenheit +bestätigend das Haupt, dann blickte er fragend auf die Königin. + +Diese trat zu ihm hin und legte ihren Arm in den seinigen und Beide +verließen unter Vortritt des Grafen Ezpeleta den Saal, um sich in ihre +Gemächer zurückzuziehen. Die Königin Christine und der Infant Don +Sebastian folgten. + +Schweigend ging die Versammlung auseinander, — Herr von Albacete +begleitete den Marschall Bazaine und Herrn Benoist-Champy bis zum Fuß +der Treppe des Hotels. + + + + +Fünftes Capitel. + +Der Kaiser Napoleon kehrte nach einer Spazierfahrt durch das Bois de +Boulogne nach St. Cloud zurück. Als er durch das Gitterthor in den Hof +des alten erinnerungsreichen Schlosses eingefahren war, welches die +schönen Tage von Marie Antoinette, die weithin glänzende +Siegesherrlichkeit Napoleon I. und die letzten Tage des Königthums Carls +X. gesehen hatte, und sich auf den Arm des Generals Favé gestützt, nach +seinen Gemächern begeben hatte, meldete ihm der Dienst thuende +Kammerdiener, der ihm die Thür des Vorzimmers öffnete, daß der Herzog +von Gramont angekommen sei und Seine Majestät bitte, ihm in einer +dringenden Angelegenheit sogleich nach seiner Rückkehr Gehör zu +schenken. + +Der Kaiser, welcher sich während der Fahrt heiter und lebhaft mit dem +General Favé unterhalten hatte und dessen Gesicht den Ausdruck einer +frohen, zufriedenen Stimmung trug, wurde bei dieser Mittheilung ernst +und blickte fast finster vor sich nieder. + +„Ist es denn nicht möglich,“ sagte er leise, „einen Tag von diesen +ewigen Sorgen und Qualen der Politik befreit zu bleiben, die uns wie mit +eisernen Klammern festhält, so bald sie uns einmal erfaßt hat und die +alles friedliche, menschliche Glück zerstört.“ + +Seufzend reichte er dem Kammerdiener seinen Hut und seinen Stock und +befahl, den Herzog von Gramont einzuführen, welcher wenige Augenblick +darauf in das Cabinet seines Souverains trat. + +Der Herzog war bleich, sein sonst so ruhiges, gleichmäßiges und +lächelndes Gesicht zeigte die Spuren tiefer innerer Erregung. Er hielt +einige Papiere in der Hand und erwiderte hastig und ohne seine sonstige +etwas ceremonielle und doch anmuthige, verbindliche Höflichkeit die +freundliche Begrüßung des Kaisers. + +„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte er schnell sprechend, „eine ebenso +überraschende, als unangenehme Nachricht mitzutheilen, eine Nachricht, +welche Eure Majestät ebenso sehr befremden und ebenso peinlich berühren +muß, als dies bei mir der Fall gewesen ist.“ + +Ein Ausdruck von Ermüdung und von Widerwillen erschien auf dem Gesicht +des Kaisers. Abermals tief seufzend ließ er sich in einen Lehnstuhl +sinken und sagte, indem er dem Herzog einen Sessel neben sich +bezeichnete mit matter, tonloser Stimme: + +„Sprechen Sie, mein lieber Herzog — Sie wissen,“ fügte er mit einem +gezwungenen Lächeln hinzu, „mein großer Oheim pflegte zu sagen, daß die +Mittheilung böser Nachrichten niemals aufgeschoben werden müsse, — die +guten erfährt man immer früh genug. Leider,“ sagte er ganz leise vor +sich hin, „kommen sie nicht häufig.“ + +„Ich erhielt bereits gestern, Sire,“ sprach der Herzog von Gramont, der +vor dem Kaiser stehen geblieben war, „den Wortlaut einer Rede, welche +der Marschall Prim in den Cortes gehalten hat, und welche mich auf das +Peinlichste berührt. Eure Majestät wissen, wie große Bereitwilligkeit +überall gezeigt worden ist, um die Restauration des Prinzen von Asturien +einzuleiten und zu unterstützen. Ich mußte daher auf das Höchste +erstaunt sein, zu erfahren, daß der Marschall Prim den Cortes gegenüber +auf das aller Bestimmteste erklärt hat, daß die bisherigen Negotiationen +einen König für Spanien zu finden, sich nach allen Richtungen hin +zerschlagen hätten.“ + +„Nun,“ sagte der Kaiser lächelnd, „das wissen wir ja, das ist vollkommen +wahr und sehr zufriedenstellend. Wenn man keinen andern König finden +kann, wird man endlich wohl auf den kleinen Don Alphonso zurückkommen +müssen.“ + +„Aber, Sire,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „nachdem der Marschall +diese Mittheilung gemacht, hat er hinzugefügt, er werde nicht für das +Werk der Restauration arbeiten und zur Zurückführung Don Alphonso's +niemals die Hand bieten, und dieses Niemals, Sire, hat er dreimal +betont.“ + +Der Kaiser lächelte abermals. + +„Es giebt Fälle,“ sagte er, die Spitzen seines Schnurrbarts drehend, „in +denen man Dasjenige am entschiedensten und bestimmtesten zurückweist, +was man zu thun entschlossen ist und dessen Ausführung man vorbereitet.“ + +„Eure Majestät haben vollkommen Recht,“ erwiderte der Herzog von +Gramont, „und gerade von diesem Gedanken ausgehend, bin ich dahin +gekommen, der Rede des Marschall Prim keinen besonderen Werth +beizulegen, obgleich es mich immerhin befremdete, ihn eine Combination, +über welche er ja füglich hätte schweigen können, so bestimmt ablehnen +zu sehen, während dieselbe doch von Olozaga und Serrano durchaus nicht +so absolut zurückgewiesen ist. Die Rede des Marschalls fand aber,“ fuhr +er fort, „eine sehr unerfreuliche Ergänzung und Erklärung in einem +Bericht des Herrn Mercier de Lostende, Eurer Majestät Botschafter in +Madrid. Schon gestern Abend erhielt ich ein Telegramm des Botschafters, +in welchem er mir sagt, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern +sehr weit fortgeschritten zu sein scheint, — wenn sie nicht schon +entschieden sei. Der General Prim selbst habe es ihm gesagt und er habe +sogleich Herrn Bartholdy abgesendet, um seinen detaillirten Bericht zu +überbringen, denselben durch mündliche Mittheilung zu ergänzen und die +Befehle Ihrer kaiserlichen Majestät einzuholen.“ + +„Die Candidatur Hohenzollerns,“ sagte der Kaiser, — „mein Gott, diese +Sache hielt ich ja seit einem Jahre fast für abgethan. Woher ist denn +dieselbe jetzt wieder auf die Tagesordnung gekommen,“ fragte er, den +Blick scharf und forschend auf den Herzog von Gramont richtend, „und +woher kommt es, daß ich garnichts davon erfahren habe? Man hätte sich +darüber verständigen können, da sie jetzt so plötzlich hervortritt, ist +die Sache in der That sehr unangenehm — ich habe mich der Königin +gegenüber,“ fügte er leiser hinzu, „einigermaßen engagirt, sie hat ihre +Abdankung unterzeichnet.“ + +„Es scheint,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß der Marschall Prim hier +ganz eigenmächtig und hinter dem Rücken seiner Collegen und aller +spanischen Staatsmänner gehandelt hat, denn Herr Olozaga, den ich +sogleich befragte, erklärte mir, daß er von der ganzen Angelegenheit +nichts wisse und sprach sich zugleich in den aller entschiedensten und +stärksten Ausdrücken gegen diese ganze Combination aus, von welcher er +vollkommen einsah, daß sie nur geeignet sein könne, große Verwirrungen +hervorzurufen.“ + +„Wäre die Sache früher herangetreten,“ sagte der Kaiser, immer noch halb +zu sich selbst sprechend, — „man hätte sich darüber verständigen +können — in diesem Augenblick als fait accompli setzt es mich in der That +in die äußerste Verlegenheit. — — Es scheint, daß der Marschall Prim den +Spaniern einen König geben möchte, welcher ihm allein seinen Thron zu +verdanken hätte. Er commandirt die Armee und unter einem Könige seiner +Erfindung wird er allerdings auf lange hinaus der allmächtige Minister +sein. Aber ich begreife in der That nicht, daß Serrano und die Uebrigen +darauf haben eingehen können.“ + +„Es scheint, daß sie überrumpelt sind,“ sagte der Herzog von Gramont, +„und daß sie sich in keiner Weise die Consequenzen klar gemacht haben, +welche diese Candidatur nach sich ziehen muß, — denn,“ fuhr er fort, +„wenn ein preußischer Prinz auf den spanischen Thron steigt, während +zugleich der König von Preußen schon jetzt die fast unbestrittene +Hegemonie in Deutschland hat, so ist das Reich Carl V. wieder +hergestellt und in jedem Kampf mit Deutschland würden unsere Grenzen an +den Pyrenäen bedroht sein. Die traditionelle Politik Frankreichs +erfordert es, daß wir uns einer solchen Combination auf das Aeußerste +und Entschiedenste widersetzen, um so mehr als in der Person des Prinzen +von Hohenzollern durch seine Verwandschaftsbeziehungen mit dem +portugiesischen Königshause auch die Idee der iberischen Einheit ihren +Ausdruck findet.“ + +Napoleon lächelte ein wenig bei den lebhaft und erregt gesprochenen +Worten des Herzogs. + +„Nun,“ sagte er, „der Prinz Leopold wird wohl so bald nicht in der Lage +sein, mit der unumschränkten Autorität Carl V. und Philipp II. über die +Armeen Spaniens verfügen zu können, und das spanische Nationalgefühl +würde es ihm wohl ein wenig schwer machen, im Fall einer Verwickelung +mit Deutschland unsere Grenzen zu bedrohen, um so mehr da mit der +Herstellung der Monarchie auch der Einfluß Roms auf die spanische +Politik wieder erheblich mächtiger werden muß. Allein,“ fuhr er fort, +„die Sache ist immerhin unangenehm und berührt mich besonders in diesem +Augenblick sehr peinlich. Auch ist die Art und Weise der plötzlichen +Mittheilung eines im Stillen vorbereiteten fait accompli durch den +Marschall Prim geradezu eine Beleidigung Frankreichs. Man muß auf der +Stelle in Madrid erklären lassen, daß Frankreich diese Candidatur nicht +annehmen könne. Der Marschall Prim,“ sagte er, „soll fühlen, daß er noch +nicht der Mann ist, um ohne mich auch nur zu fragen, Dinge von solcher +Wichtigkeit zum Abschluß zu bringen. Wir werden Mercier sofort anweisen +müssen, eine sehr energische Sprache zu führen ich glaube, das wird die +Sache sehr schnell erledigen.“ + +„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „ich stimme mit Eurer Majestät +vollkommen darin überein, daß sich hier eine vortreffliche Gelegenheit +bietet, um das so tief gesunkene Prestige Frankreichs in Europa wieder +herzustellen. Dies Prestige muß allerdings tief gesunken sein, wenn der +Marschall Prim, noch dazu ohne Einverständniß seiner Collegen in der +Regierung, es wagt, in einer so rücksichtslosen Weise über Frankreich +vollkommen hinweg zu gehen. Und es hat sich in Folge dessen auch,“ fuhr +er fort, „die öffentliche Meinung in Paris bei der ersten Nachricht über +diese neueste Wendung der spanischen Verhältnisse auf das Aeußerste +erregt gezeigt. Die Journale führen eine sehr heftige Sprache und +verlangen von der Regierung Eurer Majestät, daß dieselbe den Beweis +liefere, Frankreich sei noch nicht aus der Reihe der europäischen +Großmächte ausgestrichen.“ + +Der Kaiser trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Lehne seines +Fauteuils. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer tiefen Mißstimmung. + +„So sehr ich nun auch,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „die +Nothwendigkeit anerkenne, schnell und energisch zu handeln, so vermag +ich noch nicht die Ansicht zu der meinigen zu machen, daß unsere Action +sich gegen Spanien zu richten habe.“ + +Der Kaiser blickte befremdet auf. + +„Aber wohin denn,“ fragte er. + +„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem ein zufriedenes und fast +überlegenes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund spielte, „das +Prinzip der Regierung Eurer Majestät beruht auf der unbedingten +Anerkennung des souverainen Selbstbestimmungsrechts der Nation. Eure +Majestät nennen sich mit berechtigtem Stolz den Kaiser durch die Gnade +Gottes und durch den Willen der Nation — diesem Prinzip gemäß hat +Frankreich stets das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf das +Sorgfältigste geachtet und vertreten, und auch den spanischen +Angelegenheiten gegenüber vom ersten Augenblick an officiell erklärt, +daß es sich jeder Einmischung in das Recht der spanischen Nation sich +nach ihrem eigenen Willen und Belieben zu constituiren, auf das +Gewissenhafteste enthalten werde. Würde Eurer Majestät Regierung nun den +Spaniern verbieten wollen, sich irgend einen König, der ihnen passend +erscheint, zu erwählen, so würde damit einem Prinzip scharf +entgegengetreten werden, welches Frankreich so wohl im Innern wie nach +außen hin, bis jetzt proclamirt hat. Der Eindruck einer solchen +Erklärung müßte beim französischen Volke ein sehr ungünstiger sein, und +könnte bei dem großen Nationalstolz der Spanier dahin führen, daß die +ganze Nation die Partei des Prinzen von Hohenzollern ergriffe, nur um +ihr souveraines Selbstbestimmungsrecht zu wahren, und daß gerade das, +was wir vermeiden wollen, vielleicht um so sicherer geschähe. Auch +richtet sich der Unwille der öffentlichen Meinung, die sich in den +Artikeln der Journale kund giebt, nicht gegen Spanien —“ + +„Aber wie wollen Sie denn, — —“ fiel der Kaiser ein, indem er den Herzog +fragend ansah. + +„Sire,“ sprach der Minister lebhaft weiter, „nicht darin, daß die +spanische Nation ihr Recht, sich einen König zu wählen, frei ausübt, +liegt eine Gefahr für Frankreich, sondern darin, daß ein Prinz des +preußischen Königshauses eine solche Wahl annimmt, und daß in Folge +dieser Annahme später die preußische Politik im Fall feindlicher +Beziehungen zu Frankreich in Madrid Rückhalt und Unterstützung finden +wird.“ + +Der Kaiser neigte mit einem feinen Lächeln das Haupt und strich mit der +Hand über das Kinn. + +„Ich verstehe,“ sagte er leise. + +„Mir scheint deshalb,“ fuhr der Herzog fort, „daß wir nicht den Spaniern +verbieten sollen, sich irgend einen König zu wählen, sondern daß wir uns +an den Punkt wenden müssen, wo die Gefahr für uns liegt, und daß wir vom +Könige von Preußen verlangen müssen, er solle dem Prinzen von +Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten.“ + +Der Kaiser wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her. + +„Dadurch enthalten wir uns,“ fuhr der Herzog fort, „jeder Beleidigung +der spanischen Nation, jedes Eingriffs in das nationale +Selbstbestimmungsrecht — wir folgen dem Zuge der öffentlichen Meinung in +Frankreich, welche sich nicht gegen Spanien, sondern ausschließlich +gegen Preußen richtet und in der ganzen Candidatur des Erbprinzen von +Hohenzollern nur eine Intrigue des Grafen Bismarck erblickt, — wir haben +außerdem die Chance des Erfolges für uns, denn ich glaube nicht, daß man +in Berlin geneigt sein wird, um dieser Frage willen einen ernsten +Conflikt entstehen zu lassen. Und endlich,“ fügte er mit Betonung hinzu, +„wird sich durch diese Behandlung der Sache, die so oft vergebens +gesuchte Gelegenheit finden, der Welt zu zeigen, daß der Schwerpunkt der +öffentlichen Angelegenheiten Europas noch nicht definitiv von Paris nach +Berlin verlegt worden ist. Der Rückzug, welchen die preußische Politik +in dieser Sache zweifellos antreten wird, kann der öffentlichen Meinung +Frankreichs als ein großer moralischer Sieg dargestellt werden und dies +wird das schwer erschütterte Prestige mit einem Schlage wieder +herstellen. Wenn in Folge unserer Intervention die Candidatur des +Erbprinzen von Hohenzollern zurückgezogen werden muß, so wird dies der +Regierung Eurer Majestät ebenso viel nützen, als eine gewonnene Schlacht +oder die Erwerbung von Compensationsobjecten, zu welcher bisher der +vergebliche Versuch gemacht wurde.“ + +Er schwieg und blickte erwartungsvoll und forschend auf den Kaiser. + +Napoleon stand langsam auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder +und blieb am Fenster stehen, sinnend auf seine Rosenbeete +hinausblickend. Dann wandte er sich, die Hand auf die Fensterbrüstung +gestützt, zum Herzog zurück und sprach: + +„Es liegt viel Wahres in dem Gedanken, den Sie da so eben ausgesprochen +haben. Es wäre vielleicht eine Angelegenheit um die Vergangenheit zu +verbessern. Das Ganze würde freilich,“ sagte er achselzuckend, „im +Wesentlichen nur ein Theatercoup sein. Aber,“ fügte er hinzu, „die +öffentliche Meinung wird ja doch nur durch solche Theatercoups bestimmt, +und es ist jedenfalls am besten, wenn man sie ausführen kann ohne +ernsthafte Gefahr. Doch,“ sagte er dann mit tiefem Ernst, „sind wir vor +solcher Gefahr sicher, sind wir vollkommen gewiß, daß wir in Preußen +nicht auch diesmal wie so oft vorher auf einen bestimmten und festen +Widerspruch stoßen werden, daß sich aus der Sache nicht ein wirklicher +und ernster Conflikt entwickelt, den ich in diesem Augenblicke um keinen +Preis heraufbeschwören möchte.“ + +Der Herzog von Gramont richtete sich noch gerader empor als sonst, mit +einem stolzen Lächeln kräuselte er leicht seinen Schnurrbart und sagte: + +„Darüber bin ich ganz sicher, man wird es nicht wagen, ernstlichen +Widerstand in Berlin zu leisten, wenn wir nur fest und energisch +auftreten, — wie ich überzeugt bin,“ fuhr er fort, „daß man es auch bei +früheren Gelegenheiten nicht gewagt haben würde, wenn wir bestimmt auf +unserer Forderung bestanden hätten. Man hat in Berlin mit so vielen +inneren Schwierigkeiten zu kämpfen, die Haltung der süddeutschen Staaten +ist höchst widerstrebend, — Oesterreich steht auf unserer Seite und der +General Fleury erhält unausgesetzt die zweifellosesten Beweise der +Sympathie des Kaisers Alexander für Eure Majestät und für Frankreich. +Ich bin sicher, daß man nachgeben wird und zwar um so leichter und +schneller, als man die ehrgeizigen Absichten, welche nach meiner Ansicht +im Hintergrunde dieser Combination liegen, nicht wird eingestehen +wollen.“ + +„Dessen müßte man aber,“ sagte der Kaiser, „sicher sein, denn die +sympathischen Aeußerungen gegen den General Fleury vermag ich für +nichts anderes anzusehen, als für Worte und Ausdrücke persönlicher +Gesinnungen, welche der Kaiser Alexander gewiß hegt, aber welche kaum +jemals irgend einen Einfluß auf die Politik Rußlands ausüben +werden, — und was Oesterreich betrifft,“ fügte er achselzuckend +hinzu, — „Sie sehen die Verhältnisse dort günstiger an, mein lieber +Herzog, als ich es zu thun im Stande bin.“ + +Er schwieg abermals einige Augenblicke nachdenklich. + +„Auch weiß ich nicht,“ sagte er dann, „ob unsere Armee so schlagfertig +ist, daß man die Möglichkeit eines ernsten Conflikts in's Auge fassen +darf, — Niel ist todt,“ sagte er düster, „und seine sichere und +energische Hand ist bis heute noch unersetzt geblieben. + +„Doch,“ sprach er dann, „unthätig dürfen wir nicht bleiben, und ich +komme immer mehr dahin, mich Ihrem Ideengang anzuschließen. Die +Situation ist äußerst günstig, Graf Bismarck ist in Barzin, — mit ihm +würde man vielleicht nicht so leichten Kaufs fertig werden. Der König +Wilhelm ist in Ems allein, — so sehr er Soldat ist, so hegt er doch eine +tiefe Scheu vor einem ernsten Conflikt, der seine Armee, welche sein +ganzes Volk repräsentirt, auf die Schlachtfelder führen könnte. Außerdem +glaube ich nicht, daß er nach seiner persönlichen Auffassung einen +seinem Hause nahe stehenden Prinzen gern das Abenteuer dieses spanischen +Königsversuchs wird bestehen lassen. Die Sache kann in Ems vielleicht +ganz leicht und glatt erledigt werden, und Ihrer und Olliviers +Geschicklichkeit,“ sagte er lächelnd, „wird es dann überlassen sein, das +Resultat als einen Triumph unserer Energie der öffentlichen Meinung in +Frankreich darzustellen. + +„Benedetti ist in Wildbad?“ fragte er. + +„Zu Befehl, Majestät,“ sagte der Herzog von Gramont, „er muß seit +einigen Tagen dort sein, der Botschafts-Secretair Le Sourd führt die +Geschäfte in Berlin, welche ohne diesen Zwischenfall im jetzigen +Augenblick fast gänzlich bedeutungslos wären.“ + +„Geben Sie Benedetti den Auftrag,“ sagte der Kaiser, „sich sogleich nach +Ems zum König Wilhelm zu begeben und dort so schnell als möglich und +thunlichst ohne jedes Aufsehen die Zurückziehung der Candidatur des +Prinzen von Hohenzollern zu erreichen. Er kann dabei auf das Beispiel +Griechenlands hinweisen. Damals wurde ebenfalls bestimmt, daß die Wahl +des Königs auf keinen Prinzen aus den regierenden Häusern der +Schutzmächte fallen dürfe, auch an das Beispiel Neapels, wo ich selbst +dem Prinzen Murat die Aufstellung seiner Candidatur untersagt +habe, — Benedetti ist unendlich geschmeidig und insinuant, auch dem +Könige Wilhelm eine angenehme und sympathische Person, er wird dort +unter den einfachen und zwanglosen Verhältnissen des Badelebens, welche +ihm auch eine leichtere Annäherung an den König und einen freieren und +natürlicheren Verkehr mit ihm gestatten, ohne Zweifel sehr leicht +erreichen können, daß die Candidatur des Erbprinzen zurückgezogen wird. +Lassen Sie Benedetti wissen, daß er auf meine höchste Dankbarkeit +rechnen kann, wenn er diese Angelegenheit schnell und glücklich zu Ende +führt und unterlassen Sie vorläufig jeden officiellen Schritt in Berlin, +der verletzen und das Resultat der Unterhandlungen in Ems in Frage +stellen könnte.“ + +Der Herzog verneigte sich. + +„Ich werde sofort den Befehl an Benedetti abgehen lassen, Sire,“ sagte +er. + +Napoleon rieb sich mit heiterem Lächeln die Hände. + +„Wenn Benedetti reussirt,“ sagte er, „so wird Alles vortrefflich gehen. +Der König Wilhelm wird die ganze Sache als einen Act freundlicher +Höflichkeit ansehen und gern entgegenkommen, und mein Freund, der Graf +Bismarck,“ fügte er mit eigenthümlicher Betonung hinzu, „wird in seiner +ländlichen Einsamkeit zu Barzin nun auch einmal meinerseits eine jener +kleinen Ueberraschungen empfinden, die er mir so oft bereitet hat. Vor +allen Dingen aber,“ fuhr er fort, „schärfen Sie Benedetti die äußerste +Geschmeidigkeit und Rücksicht ein, — handeln Sie schnell und senden Sie +mir alle eingehenden Berichte und Telegramme sofort hierher. Wenn wir +nach dem Plebiscit dem französischen Nationalgefühl diesen Erfolg +vorführen können, so werden wir viel gewonnen haben. Wenn,“ fuhr er nach +einem augenblicklichen Nachdenken fort, „Sie dahin wirken können, daß +durch Olozaga und Serrano auch von den Spaniern die Candidatur des +Prinzen Leopold aufgegeben wird, so wird das um so besser sein, doch muß +jeder Schein eine Pression vermieden werden.“ + +Der Herzog von Gramont ergriff mit ehrerbietiger Verneigung die Hand, +welche der Kaiser ihm zum Abschied reichte und ging hinaus. + +„Fast scheint es dennoch,“ sagte der Kaiser, „daß das Glück sich mir +zuwendet. Diese Candidatur des Prinzen Leopold, dem ich,“ sprach er +lächelnd, „diesen zweifelhaften Glanz des spanischen Thrones wirklich +gern gegönnt hätte, wird die Handhabe bieten, auch den äußeren Nimbus +des Kaiserreichs wieder herzustellen, nachdem dessen nationale +Grundlagen wieder durch das Plebiscit befestigt sind, und so wird es mir +vielleicht erspart bleiben in die entsetzliche kriegerische Catastrophe, +welche seit vier Jahren wie ein Damoklesschwert über meinem Haupte +schwebt, hineingerissen zu werden.“ + +Er zündete eine seiner großen braunen Havannacigarren an, setzte den +breitrandigen Strohhut auf und stieg langsam über die, aus seinen +Gemächern herabführende Treppe in seinen Rosengarten hinab. + + + + +Sechstes Capitel. + + +Die Morgenpromenade am Kursaal in Ems war äußerst belebt und eine +zahlreiche und glänzende Gesellschaft bewegte sich in der großen Allee +hin und her. Die Damen in einfachen eleganten Sommertoiletten hielten je +nach ihrem Range und der Stellung, die sie sich durch ihre persönlichen +Eigenschaften in der Gesellschaft erworben, eine Art von Cercle, indem +sie in kurzer Unterhaltung die Herren ihrer Bekanntschaft begrüßten, +bald stehen bleibend, bald mit Diesem oder Jenem einige Schritte auf der +Promenade machend. + +Daneben sah man alte mürrische Herren, welche hierher gekommen waren, um +den während des Jahres angesammelten Staub der Bureaux aus ihren Kehlen +und ihren Lungen fortzuspülen; Diplomaten, welche hier ihre +Sommervilleggiatur hielten, weniger um der Heilkraft der Quellen willen, +als weil die Anwesenheit des Königs von Preußen, wenn derselbe auch +ganz ausschließlich seiner Badekur lebte, dennoch in dieser Zeit der +absoluten Stagnation in der Politik hier noch die meiste Gelegenheit +bot, um ein wenig zu hören und zu sehen, was in der Welt vorging oder +sich vorbereitete. + +In den letzten Tagen war in das Stillleben des Badeaufenthalts ein wenig +mehr Leben und Bewegung gekommen; man hatte gelesen, daß der Erbprinz +von Hohenzollern als Candidat für den spanischen Thron aufgestellt sei, +und daß derselbe diese Candidatur angenommen habe. Man wußte, daß dieses +Ereigniß, welches an sich von keiner besondern Bedeutung zu sein schien, +eine große Aufregung in der französischen Presse erregt hatte. Im Corps +legislatif war eine Interpellation erfolgt, und der Herzog von Gramont +hatte eine sehr kategorische und sogar etwas verletzende Erklärung +abgegeben; auch war der Botschafter des Norddeutschen Bundes Baron von +Werther in Ems angekommen. Das Alles ließ darauf schließen, daß die +spanische Thronfrage und die Candidatur des Prinzen Leopold Gegenstand +der Verhandlungen zwischen dem Könige Wilhelm und dem Kaiser Napoleon +geworden sei oder werden würde und namentlich unter den sich im +Ferienaufenthalt hier befindenden Diplomaten war dadurch eine gewiße +neugierige Spannung hervorgerufen, doch nahm im Ganzen die Gesellschaft +wenig Theil daran. Man war seit einigen Jahren ja gewöhnt, daß hier und +da kleine Differenzen zwischen Frankreich und Preußen entstanden, und da +dieselben jeder Zeit mit der äußersten Courtoisie von beiden Seiten +wieder ausgeglichen waren, so legte man auch diesmal der so plötzlich +aufgetauchten Frage keine große Bedeutung bei, und um so weniger als ja +die ganze Sache Preußen und Deutschland so unendlich wenig anzugehen +schien. + +So war denn die ganze Gesellschaft auf der Brunnenpromenade in Ems +ebenso heiter, als der blaue sonnige Himmel, welcher sich über dem +reizenden Bergthal ausspannte. Es waren nur Worte leichter und +fröhlicher Conversation, welche man unter den Klängen der Badecapelle +miteinander wechselte. + +Bereits war der Prinz Georg von Preußen auf der Promenade erschienen und +hatte sich in liebenswürdigster Weise mit den ihm bekannten Damen und +Herren der Badegesellschaft unterhalten, und mit allgemeiner Spannung +erwartete man den König Wilhelm, welchen man pünktlich zur festgesetzten +Stunde auf der Promenade erscheinen zu sehen gewohnt war, um seinen +Kränchen-Brunnen zu trinken. + +„Ich habe gestern Abend die neuesten Zeitungen mit Nachrichten aus +Frankreich gelesen,“ sagte der Präsident des evangelischen +Oberkirchenraths Dr. Matthis, eine hagere, trockene Gestalt mit +bureaukratisch faltigem, kränklichem Gesicht, indem er sich zu dem +Regierungspräsidenten von Bernuth, einem schlanken, hoch blonden Mann +mit starkem Schnurrbart, welcher in militairischer kräftiger Haltung +neben ihm ging, wandte, „es scheint mir doch ein wenig bunt in +Frankreich auszusehen. Wenn ich dazu die plötzliche Ankunft des Baron +von Werther nehme, so kommt mir die Lage der Dinge doch etwas +beunruhigend vor. Mir scheint die öffentliche Meinung in Paris sehr +montirt zu sein, und die Erklärung des Herzogs von Gramont im Corps +legislatif beweist, daß die Regierung sich ein wenig unter dem Druck +dieser öffentlichen Meinung befindet. Es wäre doch entsetzlich,“ sagte +er seufzend, „wenn wir hier aus unserm ruhigen Badeleben durch ernste +und gefährliche Catastrophen aufgeschreckt werden sollten.“ + +„Ich glaube nicht daran, Excellenz,“ sagte Herr von Bernuth, „dieses +Spiel hat sich ja seit 1866 schon oftmals wiederholt, — erinnern Sie sich +nur an Luxemburg. Damals schrieben die französischen Journale flammende +Artikel, und so viel man davon erfuhr, führte auch die französische +Diplomatie eine sehr hochmüthige Sprache, so daß Jedermann damals an den +Ausbruch des Krieges glaubte. Die ruhige kaltblütige Heftigkeit des +Kaisers und des Grafen Bismarck haben damals dem Sturm getrotzt und +derselbe hat keine gefährlichen Wetterwolken empor getrieben, — so wird +es auch diesmal wieder sein, man wird sich wohl jetzt ebenso wenig +einschüchtern lassen, wie damals und die ganze Sache hat ja auch für +beide Theile lange nicht die Bedeutung wie die Luxemburger Affaire.“ + +Der Geheimrath Matthis schüttelte bedenklich den Kopf. + +„Mir will das nicht recht geheuer vorkommen,“ sagte er, — „es wäre +wirklich traurig, wenn die Kur, die mir so gut bekommt, unterbrochen +werden sollte.“ + +Sie waren an die Quelle gekommen, Herr Matthis füllte seinen Becher und +schlürfte vorsichtig in kleinen Zügen das Heil bringende Wasser ein, +während Herr von Bernuth rasch in kräftigen Zügen seinen Becher leerte. + +„Sehen Sie, Exzellenz,“ sagte er dann, „dort kommt Seine Majestät. Ich +bitte, sehen Sie den Herrn an, so lange dies Gesicht so heiter und +ruhig blickt, haben wir nichts für den europäischen Frieden zu +fürchten.“ + +Der Geheimrath Matthis hatte bei den Worten des Präsidenten hastig +seinen Becher geleert, von der schnell in seine Kehle dringenden +Flüssigkeit gereizt, begann er heftig zu husten, und sein Taschentuch +vor den Mund haltend, blickte er nach dem Eingang der Allee hin, wo so +eben der König Wilhelm in einem einfachen dunklen Civilanzug, einen +Cylinderhut auf dem Kopf, einen Stock in der Hand erschien, begleitet +von dem Flügeladjutanten, Grafen Lehndorf, einem schönen, hoch +gewachsenen Mann mit starkem dunklem Bart, der ebenfalls in Civil +erschienen war. + +Der Präsident von Bernuth hatte Recht; der König ging so frisch, so +leichten und kräftigen Schritts einher; sein Gesicht strahlte von einer +so ruhigen milden Heiterkeit, daß man unmöglich dem Gedanken Raum geben +konnte, daß ernste Sorgen um den Frieden der Welt ihn erfüllen könnten. + +Der König schritt rasch durch die Allee nach der Quelle hin und +erwiderte rechts und links freundlich mit der Hand winkend die +ehrerbietigen Begrüßungen der bei seinem Vorbeischreiten tief sich +verneigenden Badegäste. Der König begrüßte schnell, aber herzlich den +Prinzen Georg, welcher ihm entgegentrat und wandte sich dann zu seinem +Leibarzt Dr. von Lauer, der den Becher Seiner Majestät aus dem +Kränchen-Brunnen füllen ließ. + +„Ich habe vortrefflich geschlafen, mein lieber Lauer,“ sagte der König, +indem er den Becher ergriff, „überhaupt bekommt mir diesmal die Kur ganz +ausgezeichnet. Es ist eine vortreffliche Quelle, die Sie mir verordnet +haben, sie bringt meine Natur für ein Jahr immer wieder in Ordnung.“ + +Er leerte mit langen Zügen seinen Becher und athmete dann tief auf, als +fühle er die wohlthätige Wirkung des Getränks. + +„Eure Majestät sehen in der That in den letzten Tagen und heute +besonders ganz ausnehmend wohl und kräftig aus,“ sagte Herr von Lauer, +indem er den scharfen Blick seines klugen und geistvollen Auges auf der +kräftigen Gestalt des Königs ruhen ließ. „Aber ich würde, um die Quelle +zur vollen Wirksamkeit zu bringen, am liebsten sehen, daß Eure Majestät +Ihr Militair- und Civilcabinet zu Hause gelassen hätten, denn die +Enthaltung von allen Arbeiten, von aller geistigen Unruhe ist die erste +Bedingung einer guten Wirkung des Bades, und leider halten Eure Majestät +diese nothwendige geistige Diät nicht mit eben der Sorgfalt, mit +welcher Sie die materiellen Diätvorschriften beobachten.“ + +„Leider ist das nicht so ganz möglich,“ erwiderte der König, „indeß kann +ich Sie versichern, daß ich auch in dieser Beziehung so viel als es +angeht, Ihren Vorschriften nachkomme, und namentlich habe ich keine +aufregenden und beunruhigenden Arbeiten,“ fügte er hinzu, während es wie +ein leiser vorübergehender Schatten über sein Gesicht flog. + +„Ich fürchte doch, daß Eure Majestät als Bade-Patient immer noch zu viel +arbeiten, denn nach der Anzahl von Depeschen, welche einlaufen —“ + +„Controliren Sie meine Depeschen?“ fragte der König lächelnd. + +„Als Eurer Majestät Leibarzt,“ sagte Herr von Lauer, „müßte ich hier im +Bade eigentlich Alles controliren, was in Eurer Majestät Leben +eingreift; aber zu der Bemerkung, welche ich so eben zu machen mir +erlaubte, bin ich auf zufällige Weise gekommen; ich wohne im steinernen +Hause neben dem Zimmer des Hofraths St. Blanquart“ — + +„Nun,“ fragte der König. + + — „der Geheimrath Abeken, Majestät, kommt nun sehr häufig von seiner +Wohnung in Huyns Gartenhaus zu St. Blanquart, um von den Depeschen nach +ihrer Dechiffrirung sofort Kenntniß zu nehmen, und seit einigen Tagen +höre ich bis tief in die Nacht hinein fortwährend das Vorlesen der +Zahlen der Chiffres. Diese ruhig und monoton ausgesprochenen Zahlen +tönen in meinen Schlaf hinein, und wenn ich morgens früh aufwache, so +höre ich bereits wieder, wie sich Zahl an Zahl in der Arbeit des +Dechiffrirens an einander reiht; — ob man in der Nacht überhaupt +aufgehört hat, weiß ich nicht. Und alle diese unendlichen Zahlenreihen,“ +fuhr er fort, „haben doch einen Inhalt, dieser Inhalt muß endlich zu +Eurer Majestät gelangen und ist jedenfalls der Feind meiner Kur. Ich bin +mehrmals schon sehr böse gewesen und möchte am liebsten das ganze +Dechiffrirbureau von Eurer Majestät durch eine chinesische Mauer +trennen, so lange bis mein Brunnen seine Wirkung gethan.“ + +Der König lachte herzlich. + +„Nun,“ sagte er, „Abeken und der arme St. Blanquart werden wohl nicht so +gefährliche Feinde meiner Gesundheit sein, lassen Sie sie nur immerhin, +ich verspreche Ihnen, ich werde mich nicht zu sehr anstrengen.“ + +Und freundlich den Kopf neigend, wandte er sich zur Seite. + +Der Geheimrath Matthis hatte den Hustenanfall überwunden, und der König +winkte ihn freundlich heran, fragte ihn nach der Wirkung der Kur und +wandte sich dann zu dem Präsidenten von Bernuth. + +„Wenn ich hier die Badegesellschaft in Ems ansehe,“ sagte er heiter, so +muß ich glauben, daß dies Wasser ein Lebenselixir ist, welches meine +ganze Regierungsmaschine durchdringt und verjüngt, meine +Kirchenverwaltung, meine Administration, meine Diplomatie und selbst +meine Officierscorps suchen sich hier Kraft und Stärkung, und so dringt +diese Quelle von Ems in alle Adern des preußischen Staatslebens.“ + +„Wenn die Quelle Eurer Majestät Kraft und Gesundheit stärkt,“ erwiderte +Herr von Bernuth, „so durchdringt sie ja ohnehin schon den Organismus +des preußischen Staats mit neuer Lebenskraft und verdient die +Dankbarkeit aller Ihrer Unterthanen.“ + +Der König nickte freundlich mit dem Kopf und trat dann zu dem in der +Nähe stehenden Botschafter am Pariser Hofe, Freiherrn von Werther, einem +schlanken eleganten Mann mit bleichem Gesicht und militairisch +geschnittenem Haar und Bart. + +„Benedetti ist diese Nacht angekommen,“ sagte der König mit etwas +gedämpfter Stimme, indem er durch einen Wink der Hand Herrn von Werther +aufforderte, ihn auf seiner Promenade zu begleiten. „Er hat mich um eine +Audienz gebeten, ich habe ihm sagen lassen, daß ich ihn erst Mittags +empfangen könne, da ich morgens mit meiner Kur zu thun habe und auch am +Vormittage mehrere Geschäfte zu erledigen muß. Er ist jedenfalls nicht +zufällig hier, denn er war erst vor wenigen Tagen auf Urlaub nach +Wildbad gegangen und hatte so eben seine Kur begonnen. Jedenfalls kommt +er in dieser Hohenzollerschen Angelegenheit, welche in Frankreich +täglich mehr Staub aufwirbelt. Es würde mir lieb sein, wenn ich bevor +ich ihn empfange, über den Gegenstand seiner Mission unterrichtet wäre. +Wollen Sie ihn besuchen, und wenn Sie es in der Unterredung mit ihm +erfahren können, mir ungefähr mittheilen, was er will. Ich wünsche aber +nicht,“ fuhr er fort, „daß Sie in eigentliche Discussion mit ihm +eintreten, — wenn er über die Angelegenheit spricht, so sagen Sie ihm +einfach, daß der Prinz Leopold mich um Rath gefragt habe, und daß ich +nicht im Stande gewesen sei, seinem Wunsch, die spanische Krone +anzunehmen, ein Hinderniß entgegenzustellen.“ + +„Ich zweifle nicht, Majestät,“ sagte Herr von Werther, „daß der Graf +Benedetti hierher gesendet ist, um Eurer Majestät dasselbe zu sagen, was +mir bereits der Herzog von Gramont und Herr Ollivier in ziemlich +allgemeiner Weise ausgesprochen haben, daß nämlich Frankreich die +Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern, den man dort hartnäckig +für einen preußischen Prinzen erklärt, nicht dulden könne, und daß man +verlangen müsse, daß Eure Majestät den Prinzen zur Verzichtleistung +veranlasse.“ + +„Ich begreife nicht, was sie wollen,“ sagte der König einen Augenblick +stehen bleibend, „ich kann mir unmöglich denken, daß der Kaiser +Napoleon, dessen Gesundheit in der letzten Zeit immer weniger fest +gewesen ist, darauf ausgehen sollte, einen Conflict zu suchen, und doch +erscheint diese ganze Behandlung der Hohenzollerschen Candidatur wie +eine Provocation, denn einen politischen Grund, sich so sehr darüber zu +echauffiren, sehe ich in der That nicht. Der Prinz Leopold ist kein +preußischer Prinz — und wenn er es wäre, glaubt man denn, daß er in +diesem von Parteien zerrissenen spanischen Lande preußische Politik +machen könnte? Jeder König, der dort auf den Thron steigt, wird genug zu +thun haben, um sich auf demselben zu erhalten und der inneren +Verwirrungen Herr zu werden. Ich begreife die ganze Sache nicht,“ fuhr +er fort, — „ich hoffe, daß das Alles nur ein kleines Strohfeuer sein +wird, wie man sie in Frankreich von Zeit zu Zeit anzuzünden liebt, und +daß der Kaiser Napoleon auch diesmal wie bei der Luxemburger +Angelegenheit, die doch eigentlich ernsterer Natur war, das Feuer der +Kriegspartei ein wenig dämpfen wird.“ + +„Auch ich bin davon überzeugt, Majestät,“ erwiderte Herr von Werther, +„denn nach all den Eindrücken, die ich habe, wünscht der Kaiser wirklich +aufrichtig die Erhaltung des europäischen Friedens und guter Beziehungen +zu Eurer Majestät. Indeß läßt sich nicht verkennen,“ fuhr er fort, „daß +diese Hohenzollersche Frage die öffentliche Meinung im hohen Grade +aufgeregt hat, allerdings unter Vorgang der Regierungsjournale — doch bei +meiner Abreise von Paris war diese Aufregung sehr groß, und nach dem, +was ich aus den Zeitungen sehe, steigt sie von Tage zu Tage. Ollivier +ist äußerst abhängig von der öffentlichen Meinung, der Herzog von +Gramont folgt Ollivier, und der Kaiser steht, je mehr sein Körper und +seine Nerven schwach werden, immer mehr unter dem Einfluß seiner +Minister und seiner Umgebung.“ + +„Nun,“ sagte der König, „ich werde wahrhaftig nichts dazu thun, um die +Situation zu verschlimmern, ich werde ein freundliches Entgegenkommen +zeigen, da ich wahrlich kein Interesse daran habe, den Prinzen Leopold +zu diesem spanischen Abenteuer zu treiben, aber ebenso wenig kann ich +ihm auch dasselbe verbieten, ich würde ja auch dazu eigentlich gar kein +Recht haben. Wenn er mich um Rath fragt, so ist das eine +Courtoisie, — wenn er aber meinen Rath nicht befolgen will, so kann ich +ihn kaum dazu zwingen — jedenfalls bin ich als König von Preußen der +ganzen Angelegenheit völlig fremd, meine Regierung hat mit derselben +garnichts zu thun. Nun wir werden ja sehen,“ sagte er, „gehen Sie +inzwischen zu Benedetti und erklären Sie ihm zugleich nochmals, warum +ich ihn erst am Nachmittag empfangen kann, er wohnt in der Stadt +Brüssel.“ + +Mit freundlichem Kopfnicken entließ der König den Baron Werther und +wendete sich zu dem Oberpräsidenten von Möller, einem Mann von etwa fünf +und fünfzig Jahren, dessen kluges und offenes Gesicht mit den frischen +Farben und den hellen Augen sein Alter weniger verrieth als das bereits +stark ergraute, ziemlich lang zurückgestrichene Haar. + +„Guten Morgen, mein lieber Möller,“ sagte der König, „es freut mich, Sie +hier zu sehen. Ich bin begierig, von Ihnen zu erfahren, wie es in Hessen +steht, und ob meine neuen Unterthanen dort noch immer so unzufrieden +sind, daß sie Preußen geworden sind.“ + +„Majestät,“ sagte Herr von Möller, „die allgemeine Stimmung in der +Provinz, deren Leitung Allerhöchst dieselben mir übertragen haben, +söhnt sich immer mehr mit der neuen Ordnung der Dinge aus. Alle +Vernünftigen, namentlich auch die Vertreter des Handels und der +Industrie empfinden immer mehr die Vorzüge einem großen Staatswesen +anzugehören, und ich gebe mir die größte Mühe überall auf die mildeste +Weise die alten Verhältnisse mit den neuen Zuständen zu versöhnen.“ — + +„Ganz recht, ganz recht,“ fiel der König ein, „Sie handeln darin ganz in +meinem Sinn. Man muß alle berechtigten Eigenthümlichkeiten schonen, alle +Erinnerungen an die Vergangenheit achten —“ + +„Die Erinnerungen an die Vergangenheit, Majestät, stehen uns bei der +Bevölkerung von Kurhessen vielleicht weniger entgegen, als bei +derjenigen von Hannover. Die Hessen haben viele Anhänglichkeit an die +Traditionen ihrer Vergangenheit, aber gerade durch die Persönlichkeit +des letzten Kurfürsten, der ja überall wenig Sympathie hatte, haben jene +Erinnerungen an Intensivität und Einfluß verloren. Den nachdrücklichsten +und hartnäckigen Widerstand findet die Regierung leider bei den +Geistlichen, welche befürchten, daß die Einverleibung in Preußen dem +lutherischen Bekenntniß Gefahr bringen, und daß die Einführung der Union +beabsichtigt werden könnte.“ + +Der König blieb einen Augenblick stehen und blickte sinnend vor sich +hin. + +„Mein Gott,“ fuhr er fort, „daß doch gerade die Priester des +Christenthums sich so wenig zu den Ideen der Liebe und Duldung erheben +können, welche den Erlöser selbst erfüllten. Was ist denn die Union, +dieses Werk meines unvergeßlichen Vaters, anders, als der Ausdruck der +wahrhaft christlichen Toleranz, um alle Bekenner des evangelischen +Glaubens zu einer evangelischen Kirche zu vereinigen. + +„Nun ich hoffe,“ sprach er weiter, „der gesunde Sinn der Gemeinden wird +kräftiger sein, als der eigensinnige Zelotismus der Geglichen. Uebrigens +liegt es mir ja unendlich fern, den Gewissen irgend welchen Zwang anthun +zu wollen und einen Druck zur Einführung der Union auszuüben. Sie werden +mir über das Alles noch ausführlich berichten,“ sagte er, „sobald ich +eine Stunde freie Zeit habe.“ + +Er grüßte Herrn von Möller und wendete sich zu zwei Damen, welche in +einfacher Morgentoilette an der Seite der Promenade stehen bleibend, +sich tief verneigten. + +Es waren die berliner Künstlerinnen, Fräulein Marie Keßler mit dem +anmuthig gedankenvollen Ausdruck in den weichen sinnenden Augen und +Fräulein Anna Schramm, deren lebhafte Blicke von Geist und Laune +funkelten. + +„Nun, meine Damen,“ sagte der König, „ich hoffe, daß die Vorstellung, +welche Sie mit Herrn Bethge und Herren Behrend zum Besten der +Abgebrannten in Pera veranstaltet haben, einen recht günstigen Ertrag +für die armen Opfer jener unglücklichen Catastrophe erzielt hat.“ + +„Die Rechnungen sind noch nicht abgeschlossen, Majestät,“ erwiderte +Fräulein Keßler, „doch hoffen wir, daß nach der Gesammteinnahme ein +erheblicher Ueberschuß sich ergeben wird.“ + +„Ich habe mich sehr über Ihr Unternehmen gefreut,“ sagte der König „und +spreche Ihnen nochmals meinen Dank dafür aus. Es ist ein schöner Zug des +immer mehr erstarkenden und erwachenden Nationalgefühls, daß wenn auch +im fernsten Auslande Deutsche von dem Schlage des Unglücks getroffen +werden, die besten Kräfte der Nation sich vereinigen, um ihnen +beizustehen, und es hat mich hoch erfreut, daß meine berliner Künstler +und Künstlerinnen auch in dieser Beziehung mit edlem Beispiel +vorangegangen.“ + +Mit ritterlich artigem Gruß gegen die beiden Damen schritt er weiter, +begrüßte noch die verschiedenen Bekannten auf der Promenade, während er +die vorgeschriebene Anzahl von Bechern an der Quelle leerte und kehrte +dann, vom Grafen Lehndorf gefolgt, nach seiner Wohnung im Badehause +zurück. + +Rüstigen und leichten Schrittes stieg er die Treppe hinauf, trat durch +das Wohnzimmer in den einfachen Raum, welcher ihm als Arbeitscabinet +diente; an dem Fenster dieses Zimmers stand der breite Schreibtisch; ein +Sopha und einige Lehnstühle mit rothem Plüsch überzogen, bildeten das +ganze Ameublement dieses anspruchslosen Aufenthalts des mächtigen +Monarchen. + +Der Flügeladjudant war im Vorzimmer zurückgeblieben. Der König reichte +seinen Hut und seinen Stock seinem Leibkammerdiener Engel, welcher in +ernster ruhiger Haltung, in seinem blauen Frack mit den goldenen Knöpfen +fast an einen hohen Staatsbeamten erinnernd, seinem königlichen Herrn +entgegengetreten war. + +„Ich lasse den Geheimrath Abeken bitten,“ sagte der König, setzte sich, +während der Kammerdiener hinausging, an seinen Schreibtisch und öffnete +einige für ihn dort hingelegte Privatbriefe. + +Nach kurzer Zeit trat der Geheime Legationsrath Abeken, seine +Vortragsmappe unter dem Arm in das Zimmer. + +Er war ein kleiner Mann von einundsechzig Jahren, dessen ganze +Erscheinung trotz der etwas lebhaften und nervösen unruhigen Bewegung +noch ein wenig den Stempel des geistlichen Standes trug, für den er sich +in seiner Jugend bestimmt hatte. Sein blondes Haar und sein kleiner +blonder Schnurrbart erschienen noch wenig ergraut, und aus seinen +lebhaften, scharf blickenden Augen blitzte das Feuer jugendlicher +Frische. + +„Guten Morgen, mein lieber Abeken,“ sagte der König, freundlich mit dem +Kopf nickend und seinen langjährigen vertrauten Diener, der ihn als +vortragender Rath des auswärtigen Ministeriums auf allen seinen Reisen +begleitete, die Hand reichend. „Setzen Sie sich, theilen Sie mir mit, +was Neues von Berlin gekommen ist. Ich muß Sie übrigens bitten,“ sagte +er schalkhaft lächelnd — während Herr Abeken einen Sessel heranzog und +seine Mappe öffnete — „daß Sie die Leute nicht im Schlaf stören —“ + +Herr Abeken sah ganz erstaunt den König an. + +„Ich wüßte nicht, Majestät.“ + +„Lauer hat sich beklagt,“ fuhr der König in demselben scherzhaften Ton +fort, „daß Sie und St. Blanquart am späten Abend und am frühesten Morgen +schon wieder ihn fortwährend mit dem monotonen Geräusch der Lectüre der +Zahlen des Depeschenchiffres verfolgen.“ + +„Nun Majestät,“ sagte Herr Abeken lächelnd, „ich hoffe, daran wird sich +Herr von Lauer gewöhnen, wie man sich an das Geräusch einer Mühle +gewöhnt, und wenn er nach Berlin zurückkommt, wird er das +Dechiffrirbureau neben seinem Zimmer vermissen.“ + +„Wie steht die Hohenzollersche Angelegenheit in Berlin,“ fragte der +König. „Sie wissen, daß Benedetti angekommen ist, es scheint, daß es da +einige Weitläufigkeiten geben wird.“ + +„Herr von Thiele berichtet, Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken, +indem er einen Bericht aufschlug, den er aus seiner Mappe genommen +hatte, „daß der französische Geschäftsträger Le Sourd eine äußerst +scharfe und bestimmte Sprache führe und erklärt habe, daß die +französische Regierung unter keiner Bedingung die Thronbesteigung des +Prinzen von Hohenzollern in Spanien dulden könne. Und diese Sprache des +Geschäftsträgers zusammengehalten mit den Aeußerungen des Herzogs von +Gramont im Corps legislatif flößen Herrn von Thiele die äußersten +Besorgnisse ein, und er fürchtet, daß in Paris ein Hintergedanke +bestehe. Der Legationsrath von Kendell ist nach Barzin gegangen, um dem +Grafen Bismarck persönlich über die Sache Bericht zu erstatten und +demselben den Wunsch auszusprechen, daß er, wenn möglich unter diesen +Umständen nach Berlin zurückkehren möchte.“ + +„Der arme Bismarck,“ sagte der König, „er hat seine ländliche Ruhe so +nöthig, und ich gönne sie ihm so von Herzen nach all' den Arbeiten, die +er den Winter über gehabt hat. Aber freilich,“ fuhr er fort, „wenn die +Sache, was ich noch immer nicht glauben kann, irgend wie ernsthaft +werden sollte, so wird er seine Sommerruhe wohl unterbrechen müssen. Ich +kann ja auch hier nicht ohne Minister auf irgend welche politische +Verhandlungen wirklich eingehen, doch vermag ich in der That kaum +abzusehen —“ er schwieg einen Augenblick. + +„Was haben Sie sonst noch?“ fragte er. + +„Abgesehen von dieser spanischen Frage, Majestät,“ sagte der Geheimrath +Abeken, „ist in der auswärtigen Politik völliger Stillstand. Was Eure +Majestät vielleicht besonders interessiren wird, ist ein Bericht über +die Zustände in Rumänien.“ + +Der König nickte leicht mit dem Kopf. + +„Es sieht dort bunt aus,“ sagte er. + +„Sehr bunt, Majestät,“ erwiderte der Geheimrath Abeken, „die Lage ist +dort so verworren, daß bereits in den Parteien sich Stimmen erheben, +welche das Einschreiten der Schutzmächte gegen die Verfassung von 1860 +für dringend nöthig erachten. Es scheint, daß die Zustände in Rumänien +keine freie Verfassung ertragen. In allen Schichten der Bevölkerung +fehlt es an Vertretern, welche die nötige Einsicht zur Ausübung +verfassungsmäßiger Rechte besitzen. Die Verfassung dient nur dem Ehrgeiz +der Parteien und legt der Thätigkeit des Fürsten, und wenn er persönlich +die größte Energie hätte, überall hemmende Ketten an. Gerade diejenigen +welche den Regierungsantritt des Fürsten begünstigten, die Führer der +radicalen Partei, sind am wenigsten geneigt seine Autorität zu stärken. +Sie wollen ihn zu einem lenkbaren Zögling machen und erschweren ihm das +Leben in jeder Weise, Senat und Deputirtenkammer sind seit den vier +Jahren der Regierung des Fürsten Carl schon dreimal ausgelöst, und der +Auflösung folgte jedes Mal eine Agitation durch das ganze Land, die das +öffentliche Leben aufs tiefste erschüttert.“ + +„Lassen Sie mir den Bericht hier,“ sagte der König, „der arme Carl von +Hohenzollern thut mir leid, daß er sich in diese Verwirrung hinein +begeben hat, welche zu lösen ihm kaum gelingen möchte. Es ist +merkwürdig,“ sagte er, während Herr Abeken den Bericht auf den +Schreibtisch des Königs legte, „daß das Beispiel in der Familie, den +Prinzen Leopold nicht abhält, auch seinerseits sich auf den Weg +ähnlicher Abenteuer zu begeben, die vielleicht noch unangenehmer und +verhängnißvoller werden können. Der Fürst Anton hat an diesem kleinen +rumänischen Thron schon genügend empfunden, was solche Expeditionen +kosten. Das spanische Unternehmen möchte wohl leicht noch etwas theurer +werden können. Wenn keine eiligen Sachen mehr da sind,“ sagte er dann, +„so bitte ich Sie das Uebrige für morgen zu vertagen. Ich möchte noch +hören, ob Wilmowsky etwas Dringendes vorzutragen hat und einige Briefe +lesen, die ich so eben erhalten, bevor ich Benedetti empfange,“ sagte er +mit leichtem Seufzer. „Der Kronprinz hat mir sehr ausführlich über seine +Begegnung mit dem Kaiser Alexander in Breslau geschrieben, und es ist +mir eine rechte Herzensfreude gewesen, zu sehen, daß auch dort wieder +die mir so lieben Familienbeziehungen den innigsten Ausdruck gefunden +haben. Der Kaiser hat dem Kronprinzen selbst den St. Georgsorden zweiter +Klasse an die Brust geheftet und zugleich an Fritz Carl denselben Orden +geschickt, wozu er mich schon früher um die Erlaubniß gebeten hatte. Das +Alles freut mich ungemein, die Beziehungen zu dem russischen Hause hege +und pflege ich wie ein theures Vermächtniß meines Vaters und wünsche +von Herzen, daß dieselben Beziehungen in der künftigen Generation auch +fort leben mögen.“ + +„Abgesehen von diesen Traditionen,“ sagte der Geheimrath Abeken, welcher +sich erhoben und seine Mappe unter den Arm genommen hatte, „welche ja in +der glorreichsten Geschichte Preußens wurzeln, sind die guten +Beziehungen mit Rußland auch im Hinblick auf die politischen +Verhältnisse der Gegenwart von der äußersten Wichtigkeit, und gerade in +Augenblicken wie der gegenwärtige, in welchem nach anderer Seite hin die +Keime zu Verwickelungen sich zeigen, tritt mir so recht lebhaft die +Nothwendigkeit entgegen, mit dem mächtigen Nachbar im Osten in fester +Einigkeit zu leben, damit für alle Eventualitäten nach dorthin uns der +Rücken gedeckt ist.“ + +„Nun,“ sagte der König lächelnd, „dafür ist ja gesorgt, in dieser +Beziehung dürfen wir keine Bedenken haben, nötigenfalls unsere ganze +Kraft nach der andern Seite hinzurichten. Auf Wiedersehen, mein lieber +Abeken,“ sagte der König, „wollen Sie veranlassen, daß Benedetti zum +Diner eingeladen wird. Senden Sie mir Wilmowsky und,“ fügte er lächelnd +mit dem Finger drohend hinzu, „stören Sie mir Lauer nicht wieder im +Schlaf.“ + +Der Geheime Legationsrath verließ das Cabinet. + +Kurze Zeit darauf während welcher der König noch einige der für ihn +persönlich angekommenen Briefe geöffnet und durchflogen hatte, trat der +Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky ein, auf seinem länglichen Gesicht, +dessen unterer Theil von einem kurzen weichen Bart umgeben war, lag +ruhige Heiterkeit und ein fast humoristischer Zug umgab die klaren und +scharf blickenden Augen, seine breite, von vollem ergrautem Haar +umgebene Stirn war zugleich hoch und schön gewölbt, und in seiner +Haltung zeigte er die ruhige und klare Sicherheit des Hofmannes. + +„Sind die Bestimmungen über die Feier des dritten August nunmehr +vollständig getroffen,“ fragte der König, nachdem er seinen Cabinetsrath +freundlich begrüßt und derselbe ihm gegenüber Platz genommen hatte. „Es +liegt mir diese Feier ganz besonders am Herzen. Die Aufrichtung eines +Denkmals für den hochseligen König ist eine Pflicht der Dankbarkeit, +welche ich schon lange empfunden und welche ich mich besonders freue, +noch während meines Lebens abtragen zu können.“ + +„Eure Majestät hatten befohlen,“ sagte der Geheime Cabinetsrath, „daß +von den Civilbehörden außer den Deputationen sämmtlicher in Berlin +bestehenden Behörden und der Regierung in Potsdam nur die +Oberpräsidenten der Provinzen eingeladen werden sollten.“ + +„Ganz recht,“ sagte der König, „einfach und schlicht wie der Sinn meines +Vaters war, soll auch die Feier der Enthüllung des Denkmals sein, auch +wenn kein großer Pomp entfaltet wird, so wird das Gefühl des preußischen +Volkes und seine frommen Erinnerungen dennoch diesem Act seine schöne +und hohe Bedeutung geben.“ + +„Von den Rittern des eisernen Kreuzes,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath +fort, „sollen wie Eure Majestät bestimmten, nur diejenigen von Berlin, +Potsdam und Spandau zugezogen werden —“ + +„Die Ritter des eisernen Kreuzes,“ sagte der König sinnend — „um das +Denkmal des verewigten Herrn, dessen einfacher frommer Sinn dieses +eiserne Denkzeichen an eine eiserne Zeit stiftete! Sie werden immer +weniger,“ fuhr er mit weicher Stimme fort, „diese alten Kämpfer für die +Befreiung Deutschlands — noch einige Jahre und das edle Zeichen wird aus +meiner Armee verschwunden sein, — sie werden dann dort oben Alle +versammelt sein um meinen Vater und meine Mutter — und ich auch! — So Gott +will aber soll der Geist nicht verloren gehen, welcher in jenem Zeichen +lebt, der Geist der frommen und treuen Hingebung an das Vaterland, der +Geist, der uns lehrt, das eiserne Schwert nur zu gebrauchen für eine +Sache, auf welcher der Segen des heiligen Kreuzes ruht.“ + +„Uebrigens,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky nach einigen +Augenblicken fort, „wird eine umfassende Repräsentation der Stadt Berlin +bei der Feier statt finden, worüber der Polizeipräsident von Wurmb, der +heute oder morgen hier eintrifft, Eurer Majestät noch nähere +Mittheilungen machen wird. Auch von allen Großstädten der Monarchie sind +Deputationen angemeldet, ebenso von Seiten der Provinzial-Stände.“ + +„Wenn es nur nicht zu groß und geräuschvoll wird,“ sagte der König. +„Nun,“ fuhr er fort, „Jedermann in Preußen kennt ja den Sinn meines +Vaters, und man wird verstehen, daß auch in diesem Sinne die Feier +gehalten werden muß. Es sollen Deputationen der russischen Armee +erscheinen,“ fuhr er dann fort, „ich will darüber noch mit Treskow das +nähere besprechen. Diese Aufmerksamkeit des Kaisers Alexanders freut +mich ganz besonders, der hochselige Herr legte ja stets so hohen Werth +auf die russische Freundschaft und lächelte stets so still glücklich, +wenn es im Palais hieß, die Russen kommen. Es wird ein schöner, aber +tief ergreifender Tag werden,“ sagte er, „und ich werde so recht ruhig +und zufrieden sein, wenn ich erst das liebe und so schön gelungene +Erzbild meines Vaters als ein Denkmal der großen und unvergeßlichen Zeit +werde aufgerichtet haben. Lassen Sie mir das ganze Programm hier,“ sagte +er dann, „ich will Alles genau noch prüfen, und wenn ich Wurmb gehört +habe, Alles definitiv feststellen. Was haben Sie sonst noch?“ + +Der Geheime Cabinetsrath nahm seine Papiere zur Hand und begann den +Vortrag über die laufenden Geschäftssachen, welche der König hier im +Bade mit derselben Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit erledigte, als in +Berlin. + + * * * * * + +Um drei Uhr Nachmittags erschien im Badehause der französische +Botschafter Graf Benedetti. Er war bereits zum Diner angekleidet und +trug unter dem schwarzen Frack das breite Orangeband des Ordens vom +schwarzen Adler, den Stern dieses höchsten preußischen Ordens und das +Großkreuz der Ehrenlegion auf der Brust. Sein blasses, glattes und +bartloses Gesicht, dessen runde Stirn von dünnem ergrauendem Haar +umgeben war, zeigte die vollkommenste gleichgültige Ruhe. Ein heiteres, +freundlich höfliches Lächeln lag auf seinen Lippen, und seine klaren +grauen Augen, welche selten einen bestimmten Ausdruck zeigten, blickten +so völlig unbefangen umher, daß Niemand, der den Botschafter in die +Wohnung des Königs eintreten sah, an das Vorhandensein irgend einer, +auch nur einigermaßen ernsten politischen Frage hätte glauben können. + +Der Flügeladjutant vom Dienst meldete den Botschafter sofort Seiner +Majestät und führte ihn unmittelbar darauf in das königliche +Arbeitscabinet. + +König Wilhelm hatte sich erhoben, trat dem Grafen Benedetti einen +Schritt entgegen und reichte ihm mit freundlicher Bewegung die Hand, +welche dieser, sich tief verneigend, ehrerbietig ergriff. + +„Ich glaube zu wissen, weßwegen Sie kommen,“ sagte der König, — „wir +werden uns leicht darüber verständigen und aus dieser Sache wird kein +Conflikt entstehen.“ + +Er deutete, während er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf einen +Sessel, welcher neben demselben stand. + +„Eure Majestät,“ sagte Benedetti, indem er sich niederließ, „haben die +Gnade, dieselbe Ueberzeugung auszusprechen, in welcher ich hierher +gekommen bin, — ich bin gewiß, daß es unendlich leicht sein wird, den +Gegenstand der Beunruhigung verschwinden zu lassen, welcher in den +letzten Tagen aufgetaucht ist, und welcher die Regierung des Kaisers, +meines allergnädigsten Herrn, sehr lebhaft beschäftigt.“ + +Der König blickte ruhig und erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht +des Botschafters. + +„Die öffentliche Meinung in Frankreich, Majestät,“ fuhr dieser fort, +„erblickt in der Annahme der spanischen Throncandidatur von Seiten des +Erbprinzen Leopold von Hohenzollern eine ernste Gefährdung der +französischen Interessen, und die Regierung des Kaisers, welche,“ fügte +er hinzu, „mehr als irgend eine andere Veranlassung hat, der +öffentlichen Meinung in ausgedehnter Weise Rechnung zu tragen, kann +sich, wenn sie auch weit entfernt von der allgemeinen Aufregung ist, +dennoch diesem Einfluß nicht verschließen. Eure Majestät wissen, wie +hohen Werth der Kaiser persönlich und alle Mitglieder seiner Regierung +darauf legen, daß in den Beziehungen zwischen Preußen und Frankreich +keine Trübung entstehe, und daß kein Mißverständniß die aufrichtige +Freundschaft und das Vertrauen stören, welches zum Wohl beider Nationen +besteht und zu dessen Erhaltung ich nach meinen Kräften mitzuwirken +seit Jahren den ehrenvollen und erfreulichen Beruf habe.“ + +Der König nickte wie die letzten Worte betätigend leicht mit dem Kopf, +ohne etwas zu erwidern. + +„Die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern,“ sprach Benedetti weiter, +„muß abgesehen von der Irritation in Frankreich, wie die Regierung des +Kaisers glaubt und wie auch Eure Majestät gewiß nicht verkennen werden, +auch in Spanien selbst eine große Aufregung hervorrufen und wird +unausbleiblich dort die Ursache oder wenigstens der Vorwand großer +Unruhen und Unordnungen werden. Auch in anderen Ländern, Majestät,“ fuhr +er mit fast unmerklich erhöhter Betonung fort, „hat die Sache eine +lebhafte Beunruhigung erzeugt, — wenn man den übereinstimmenden +Aeußerungen der englischen Presse Glauben schenken darf, so ist auch die +öffentliche Meinung in England einig darin, eine Combination zu +beklagen, welche die Ruhe Spaniens ebenso sehr zu bedrohen scheint, als +die guten Beziehungen, die in diesem Augenblick die großen europäischen +Mächte miteinander verbinden. Die Regierung des Kaisers hat keinen +andern Wunsch, als allen diesen Beunruhigungen so schnell als möglich +ein Ziel zu setzen, und in den Händen Eurer Majestät liegt es, diese +Wünsche, diese lebhaften und innigen Wünsche zu erfüllen. Eure Majestät +können mit einem Wort alle diese Gefahren beschwören und den Ausbruch +eines Bürgerkrieges in der pyrenäischen Halbinsel verhüten, für welche +ein Mitglied Ihres Hauses die Verantwortung tragen würde. Der Prinz von +Hohenzollern kann die spanische Königskrone nicht annehmen, ohne dazu +von Eurer Majestät autorisirt zu werden. Sobald Eure Majestät ihn von +diesem auch für ihn selbst gefährlichen Unternehmen, abzuhalten die +Gnade haben, so werden die Beunruhigungen, welche jetzt alle Welt +erfüllen, in einem Augenblick aufhören. Die hohe Weisheit Eurer Majestät +und die großherzigen Gefühle, welche Sie erfüllen, werden Ihren +Entschluß bestimmen. Ich beschwöre Eure Majestät, Europa diesen +neuen Beweis von den edlen Gesinnungen zu geben, in welchen +Allerhöchstdieselben bei jeder Gelegenheit beigetragen haben, den +allgemeinen Frieden zu erhalten und zu befestigen. Die Regierung des +Kaisers,“ fügte er hinzu, „wird in einem solchen Entschluß Eurer +Majestät eine neue und innige Befestigung der guten Beziehungen zwischen +Frankreich und Preußen erblicken und wird einen solchen Entschluß, wie +ich versichern darf, mit hoher Freude und dankbarer Anerkennung +entgegennehmen, ebenso wie sie überzeugt ist, daß derselbe in ganz +Europa allgemeine Befriedigung erregen wird.“ + +Der König hatte vollkommen ruhig und ohne ein äußeres Zeichen seiner +Gedanken die Worte des Botschafters angehört, er sah einen Augenblick +schweigend zu Boden und richtete dann den klaren Blick seines offenen, +freien Auges fest auf Benedetti. + +„Mein lieber Graf,“ sagte er, „es ist vor allen Dingen nothwendig, jedes +Mißverständniß und jede falsche Auslegung über die Art meiner +Intervention in dieser ganzen Angelegenheit auszuschließen. Alle +Verhandlungen, welche über den Gegenstand geführt wurden, haben sich +ganz ausschließlich zwischen der spanischen Regierung und dem Prinzen +von Hohenzollern bewegt. Die preußische Regierung ist allen diesen +Verhandlungen nicht nur vollkommen fern geblieben, dieselbe war ihr +sogar gänzlich unbekannt, auch ich persönlich habe in keiner Weise in +dieselbe eingegriffen. Ich habe es sogar entschieden verweigert, einen +Agenten des Marschall Prim zu empfangen, welcher in dieser Sache nach +Berlin geschickt wurde und habe mich zum ersten Male über die ganze +Frage überhaupt geäußert, als der Prinz Leopold bereits ganz entschieden +war, die ihm gemachten Vorschläge anzunehmen und meine Erklärung +darüber erbat. Dies fand bei meiner Ankunft in Ems statt, und ich habe +mich einfach darauf beschränkt, dem Prinzen zu erklären, daß ich nicht +glaubte, seinen Absichten ein Hinderniß in den Weg legen zu sollen. Die +ganze, an sich schon sehr unbedeutende Einwirkung, welche ich +meinerseits auf die Sache habe üben können, ist also rein passiver Natur +gewesen und hat sich ganz ausschließlich auf meine Stellung als Chef des +Gesammthauses Hohenzollern bezogen. Lediglich in dieser Eigenschaft und +nicht in derjenigen als König von Preußen bin ich von dem Entschluß des +Prinzen unterrichtet worden, auch habe ich meinem Ministerrath in keiner +Weise die Frage vorgelegt, und die preußische Regierung als solche, ist +außer Stande eine Interpellation über die Sache zu beantworten, die ihr +vollkommen unbekannt geblieben ist, und für welche sie ebenso wenig +verantwortlich sein kann, als irgend ein europäisches Cabinet.“ + +Der König schwieg. + +Benedetti, welcher mit schärfster, ehrerbietigster Aufmerksamkeit seinen +Worten gefolgt war, verneigte sich, wie um anzudeuten, daß er den Sinn +derselben vollkommen erfaßt habe. + +„Eure Majestät wollen mir erlauben,“ sprach er mit seiner sanften, +geschmeidigen Stimme, „ehrfurchtsvoll zu bemerken, daß die öffentliche +Meinung, namentlich diejenige in Frankreich den Sinn und die Bedeutung +des scharfen Unterschiedes in der Stellung Eurer Majestät, welche +Allerhöchstdieselben so eben hervorzuheben die Gnade hatten, nach meiner +Ueberzeugung nicht zu erfassen im Stande sein wird. Die öffentliche +Meinung sieht in dem Erbprinzen von Hohenzollern nichts anderes als ein +Mitglied der in Preußen regierenden Familie und kann sich, wie ich +glaube, von der Auffassung nicht los machen, daß der Prinz, indem er die +spanische Königskrone annimmt, in einer und derselben Dynastie zwei +Throne vereinigt. Man wird sich vergebens bemühen, diese Auffassung zu +zerstören, das Nationalgefühl Frankreichs ist vollkommen einig in dieser +Auffassung, und Eure Majestät werden die Gnade haben, anzuerkennen, daß +es der Regierung des Kaisers unmöglich ist, dieser Auffassung gegenüber +gleichgültig zu bleiben. Die Regierung des Kaisers befindet sich in der +Nothwendigkeit — und ist entschlossen, jener Auffassung der öffentlichen +Meinung mit vollem Ernst Rechnung zu tragen.“ + +„Wenn man die Sache,“ sagte der König, „von einer andern Seite auffaßt, +so wird doch aber die Regierung des Kaisers nicht verkennen wollen, daß +die gegenwärtige Regierung in Spanien von allen Mächten anerkannt und in +ihren Entschließungen vollkommen souverain ist. Ich vermag nicht +einzusehen,“ fuhr er fort, „mit welchem Recht eine europäische Macht +sich der Thronbesteigung eines Königs widersetzen könnte, welcher durch +die Vertreter des spanischen Volkes frei gewählt werden würde. Wie der +spanische Gesandte in Berlin mitgetheilt hat,“ fuhr er fort, — „und dies +ist,“ fügte er mit Betonung hinzu, „die erste und einzige Mittheilung, +welche die preußische Regierung überhaupt in der ganzen Angelegenheit +erhalten hat, — werden die spanischen Cortes auf den zwanzigsten dieses +Monats zusammen berufen werden. Wenn wirklich für die innere Ruhe +Spaniens aus der Candidatur des Prinzen Leopold diejenigen Gefahren zu +besorgen sein sollten, auf welche Sie, mein lieber Graf, vorhin +aufmerksam gemacht haben, so wird es Sache der Cortes sein, jede +Candidatur zurückzuweisen und damit die ganze Sache zu beendigen.“ + +„Ich bitte um die Erlaubniß, Eurer Majestät bemerken zu dürfen,“ +erwiderte Graf Benedetti, „daß die Regierung des Kaisers weit entfernt +ist, das freie Selbstbestimmungsrecht des spanischen Volkes beschränken +zu wollen. Die kaiserliche Regierung hat nur die Ueberzeugung, daß die +Combination, welche eigentlich persönlich von dem Marschall Prim +ausgegangen ist, die Quelle großer und trauriger Verwickelungen sein +würde. Solchen Verwickelungen gegenüber werden Eure Majestät gewiß +selbst ein Mitglied Ihrer hohen Familie nicht zur Annahme der Krone +autorisiren wollen. Eure Majestät halten allein das Mittel in Händen, um +einer so gefahrvollen Lage ein Ende zu machen; und ich bin beauftragt, +mich mit der dringenden Bitte an die Weisheit Eurer Majestät zu wenden, +von diesem Mittel Gebrauch zu machen.“ + +„Die Parteien in Spanien,“ sagte der König „sind so zahlreich und so +viel gespalten, daß auch die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern kaum im Stande sein würde, dort einen Bürgerkrieg zu +vermeiden. Die Parteien sind es dort gewohnt, sich dem Beschluß der +Majorität nicht zu fügen und mit den Waffen in der Hand, ihre Rechte +oder ihre Ansichten zu vertreten.“ + +„Ich erkenne vollkommen die Wahrheit der Bemerkung Eurer königlichen +Majestät an,“ erwiderte Benedetti, indem seine schlanke Gestalt sich +etwas zusammenbog — „indessen würde jedenfalls, wenn es trotz der +Verzichtleistung des Prinzen Leopold in Spanien zu Unruhe und Kämpfen +kommen sollte ein Mitglied Ihres Hauses nicht die Verantwortung für +vergossenes Blut zu tragen haben.“ + +Der König senkte einen Augenblick nachdenklich den Blick zu Boden. + +„Mein lieber Graf,“ sagte er dann, „Sie können überzeugt sein, daß ich +den aufrichtigen Wunsch hege, eine Situation verschwinden zu lassen, +welche zu Verwickelungen und Mißverständnissen Veranlassung giebt. Ich +muß indeß noch einmal darauf zurückkommen, daß meine ganze persönliche +Stellung zu der Frage eine rein negative, wenigstens vollkommen passive +ist. Ich habe wahrlich in keiner Weise den Prinzen Leopold irgend wie +zur Annahme der ihm angetragenen Candidatur ermuntert, ich habe mich +lediglich darauf beschränkt, seinen Entschlüssen kein Hinderniß in den +Weg zu legen. Von diesem Standpunkt würde ich mich auch jetzt nur sehr +schwer entfernen können, ich kann den Prinzen eben so wenig, wie ich ihn +zu seinem Entschluß ermuthigt habe, auch jetzt nicht zwingen, von +demselben zurückzukommen. Mir scheint, daß die Regierung des Kaisers, +wenn sie wirklich in dieser Sache so große Gefahren erblickt, die ich +noch nicht zu sehen im Stande bin, allen ihren Einfluß in Madrid +aufwenden sollte, um die dortige Regierung zu bestimmen, daß sie auf das +Projekt verzichte.“ + +„Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Majestät zu bemerken, +daß die Regierung des Kaisers in keiner Weise in das freie +Selbstbestimmungsrecht der spanischen Nation eingreifen möchte. Sie +würde die Schwierigkeit der ganzen Lage nur unendlich vergrößern, die +kaiserliche Regierung hat vielmehr geglaubt, daß der leichteste und +einfachste Weg zur Erledigung der ganzen Angelegenheit der sei, wenn +Eure Majestät Allerhöchst Ihre mächtige Autorität gebrauchen, um durch +die Verzichtleistung des Prinzen diese Candidatur verschwinden zu +lassen. Ich darf mir erlauben, Eure Majestät auf die Präcedenzfälle in +Betreff Griechenlands und Neapels aufmerksam zu machen, in welchen +ebenfalls das Prinzip festgestellt wurde, daß Prinzen, welche der +Dynastie einer Großmacht angehören, nicht zu gleicher Zeit Souveraine +eines anderen Landes sein sollen, und auch der Kaiser, mein +allergnädigster Herr, hat persönlich dies Prinzip anerkannt, indem er +dem Prinzen Murat die Bewerbung um den neapolitanischen Thron +untersagte. Eure Majestät werden sich um so mehr in diesem Sinne +entscheiden können, als ja Preußen und Deutschland keinen Antheil an den +bisherigen Versammlungen genommen haben, also auch keine Concessionen zu +machen haben würden, während für Frankreich sehr ernste Interessen auf +dem Spiel stehen und während dort, wie ich mir zu wiederholen erlauben +muß, die öffentliche Meinung sich in einer sehr bedenklichen Aufregung +befindet, einer Aufregung, welche auch der Baron Werther vor seiner +Abreise hat wahrnehmen können, und über welche er, wie ich nicht +zweifle, Eurer Majestät Bericht erstattet haben wird.“ + +„Diese Aufregung der öffentlichen Meinung in Frankreich ist mir +bekannt,“ sagte der König, „die Thatsache ihrer Existenz beweist aber +noch nichts für ihre Berechtigung und dann muß ich Ihnen aufrichtig +sagen, daß die Erklärung, welche der Herzog von Gramont im Corps +legislatif abgegeben hat, mir weit eher dazu geneigt scheint, die +öffentliche Meinung noch mehr zu echauffiren, als sie zu beruhigen. Der +erste Theil der Erklärung des Herzogs,“ fuhr der König fort, „ist sehr +richtig und sehr correct. Indessen muß ich Ihnen gestehen, daß der +Schlußsatz derselben mich allerdings sehr peinlich berührt hat. Die +Worte, welche der Herzog über die Absichten einer fremden Macht +gesprochen hat, können doch nur auf Preußen bezogen werden. Wie ich +Ihnen gesagt, hat die preußische Regierung an der ganzen Sache nicht den +geringsten Antheil gehabt. Jene Worte machen daher fast den Eindruck +einer Provokation, und wenn ich auch eine solche in denselben nicht +finden will, so wird doch dieser Eindruck in Deutschland vorhanden sein, +und er kann dazu beitragen, daß auch in Deutschland die öffentliche +Meinung sich aufzuregen beginnt, wodurch dann allerdings die ganze +Situation sehr erheblich verschlimmert werden würde.“ + +Der König hatte die letzten Worte mit etwas erhöhtem Tone gesprochen, +ohne daß indeß von seinem Gesicht der Ausdruck ruhiger und freundlicher +Höflichkeit verschwunden war. + +„Ich möchte Eure Majestät bitten, zu berücksichtigen,“ erwiderte +Benedetti, „daß der Herzog von Gramont sich in einer auf's höchste +aufgeregten Versammlung befand und daß es ihm vor allen Dingen darauf +ankommen mußte, jede aufreizende und gefährliche Discussion +abzuschneiden und deshalb eine Erklärung abzugeben, welche dieser +Versammlung versicherte, daß für den Fall einer Gefährdung der Ehre und +der Interessen Frankreichs die Haltung der kaiserlichen Regierung eine +feste und entschiedene sein werde. Eure Majestät werden anerkennen, daß +die Erklärung des Herzogs von Gramont ihm nur durch den dringenden +Wunsch dictirt sein kann, die ganze Frage offen zu halten und alle +Erörterungen auszuschließen, welche den guten Beziehungen zu Preußen, +auf welche der Kaiser und seine Regierung einen so hohen Werth legen, +hätten gefährlich werden können.“ + +Der König schüttelte langsam den Kopf, als verstehe er diese +Argumentationen des Botschafters nicht. + +„Ich begreife nicht,“ sagte er, „wie die Ehre und die Interessen +Frankreichs durch den Entschluß des Prinzen von Hohenzollern berührt +werden können. Die Verhandlungen, welche zu diesem Entschluß geführt +haben, sind ja durch die Regierung in Madrid aus freiem Antriebe +begonnen. Keine Regierung hat an denselben irgend welchen Antheil +genommen, ich begreife nicht, wie daraus irgend ein Conflikt entstehen +kann. Und ich will nicht annehmen,“ fügte er mit scharfer Betonung +hinzu, indem er voll Würde und Hoheit den Kopf emporhob, „daß der Krieg +aus einem Fall sich entwickeln könne, bei welchem gar keine europäische +Macht betheiligt ist.“ + +Ein leichtes Zucken zeigte sich in den Augenwinkeln Benedetti's, wie +abwehrend hob er ein wenig die Hand empor und rief: + +„An eine solche Eventualität, Majestät, auch nur zu denken, kann mir +nicht in den Sinn kommen. Meine Anwesenheit hier in Ems allein beweist +schon, wie dringend die Regierung des Kaisers eine versöhnliche und +allgemein befriedigende Lösung der so plötzlich entstandenen +Schwierigkeiten ersehnt, gerade um zu einer solchen Lösung zu gelangen, +bin ich beauftragt worden, Eurer Majestät alle diejenigen Gesichtspunkte +darzulegen, welche uns zwingen, die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern dringend zu wünschen.“ + +„Ich kann Ihnen nur nochmal wiederholen,“ sagte der König, „daß es mir +unendlich fern liegt, den Prinzen Leopold zur Annahme der spanischen +Königskrone zu ermuthigen oder auch eine solche Annahme seinerseits nur +zu wünschen, indeß muß ich ihm schon deßhalb, weil er nicht unmittelbar +zu meinem königlichen Hause gehört und kein preußischer Prinz ist, die +volle Freiheit seines Entschlusses lassen, seine Annahme zurückzuziehen. +Indeß,“ fügte er hinzu, „um Ihnen zu beweisen, wie sehr auch ich eine +allseitig befriedigende Lösung wünsche, kann ich Ihnen mittheilen, daß +ich sogleich, als ich von der großen Aufregung in Frankreich +unterrichtet worden bin, mich mit dem Fürsten Anton, der sich in +Sigmaringen befindet, in Verbindung gesetzt habe, um ihn über seine und +des Prinzen Leopold Ansichten zu befragen und zu erfahren, wie sie über +die in Frankreich durch den Entschluß des Prinzen Leopold +hervorgerufenen Aufregung dächten. + +Wenn der Prinz Leopold und sein Vater die ganze Erörterung über den +Gegenstand zu beseitigen geneigt wären, so würden ja dadurch alle +Schwierigkeiten gehoben, — einen Einfluß auf ihre Entschlüsse auszuüben, +aber halte ich mich nicht für berechtigt, und Sie begreifen, mein lieber +Graf, daß ich erst dann in der Lage sein werde, unsere heutige +Unterredung fortzusetzen, wenn ich genaue Mittheilungen über die +Beschlüsse des Fürsten Anton und seines Sohnes haben werde.“ + +Der König sagte die letzten Worte in einem Ton, welcher andeutete, daß +er die Unterredung für beendet halte. + +Benedetti verneigte sich tief, ohne indeß aufzustehen und sagte: + +„Ich muß mir erlauben Eurer Majestät ehrerbietigst zu bemerken, daß die +Regierung des Kaisers sich der stets wachsenden Aufregung der Kammer und +der Presse gegenüber, in großer Verlegenheit befindet und dringend +wünschen muß, so bald als irgend möglich bestimmte Erklärungen über die +endgültige Erledigung dieses Incidenzfalles abgeben zu können. Eure +Majestät würden mir daher eine besondere Gnade erweisen, wenn Sie mir +ungefähr den Zeitpunkt bezeichnen könnten, bis zu welchem Sie im Besitz +der zu erwartenden Nachricht sein können.“ + +Der König sann einen Augenblick nach. + +„Ich kann den Telegraphen nicht benutzen,“ sagte er dann, „ich habe hier +in Ems keinen Chiffre, durch den ich mit dem Prinzen Anton +correspondiren kann. Ich weiß auch nicht ganz genau, wo der Prinz +Leopold sich in diesem Augenblick befindet, — indeß kann es unmöglich +lange dauern. Ich hoffe, sehr bald genau unterrichtet zu sein und werde +Sie dann sofort benachrichtigen.“ + +Benedetti erhob sich. + +„Ich stehe zu Eurer Majestät Befehl,“ sagte er, „und habe nur noch den +dringenden Wunsch auszusprechen, daß Allerhöchstdieselben mich bald in +die Lage setzen möchten, meiner Regierung die glückliche und +befriedigende Beseitigung der ganzen Angelegenheit mittheilen zu +können.“ + +„Ich sehe Sie noch bei der Tafel, mein lieber Graf,“ sagte der Kaiser, +indem er Benedetti die Hand reichte, „und hoffe, daß Ihr Aufenthalt hier +in Ems, so gern ich Sie hier auch sehe, sich nicht zu sehr verlängere, +und daß Sie bald Ihre unterbrochene Kur in Wildbad wieder aufnehmen +können.“ + +Mit tiefer Verneigung verließ Benedetti das Cabinet, begab sich durch +das Vorzimmer in den länglichen einfenstrigen Raum, in welchem bereits +die zum Diner befohlenen Personen sich versammelten. + +Der König klingelte. Sein Kammerdiener Engel erschien und in kurzer Zeit +hatte Seine Majestät die Toilette für das Diner beendet. + +„Rufen Sie mir Abeken noch einmal,“ sagte der König. + +Wenige Minuten darauf trat der Geheime Legationsrath Abeken ebenfalls +zum Diner angekleidet in das Zimmer. + +Ernst und sinnend sagte der König: + +„Sie verlangen von mir die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern, sie wollen sich nicht nach Spanien wenden, — es ist in dem +Allen ein Hintergedanke, ich fühle das an dem ganzen Wesen Benedetti's, +er macht mir den Eindruck, daß er schärfere Instructionen hat, als seine +Worte erkennen lassen. Diese fast absichtliche Mühe, die man sich giebt, +um die Sache zu einer Frage zwischen Deutschland und Frankreich zu +machen, was sie doch nicht ist, kommt mir ein wenig bedenklich vor — und +je mehr man sie zu einer deutschen Frage macht, um so weniger bin ich +meinerseits im Stande, irgend eine Concession zu gewähren. Jedenfalls +telegraphiren Sie nach Berlin, daß Bismarck hierher kommen möge; wenn +die Sache irgend eine ernstere Dimension annimmt, muß ich ihn doch bei +mir haben. Auch wäre es gut,“ fügte er hinzu, „wenn Moltke von seinem +Urlaub zurückkäme, es ist immer besser, für alle Fälle vorbereitet zu +sein, als überrascht zu werden. Nach dem Diner theilen Sie mir sogleich +alle Nachrichten mit, die weiter von Berlin gekommen sind.“ + +Der Geheime Legationsrath ging hinaus. + +„Sollte es möglich sein,“ sprach der König mit tiefem Sinnen an das +Fenster tretend, „daß auch dieser Kampf mir noch beschieden wäre? Die +Mahnung an das Standbild meines Vaters — an das eiserne Kreuz ließen so +lebhaft in mir die Bilder jener alten vergangenen Zeiten +heraufsteigen, — nun,“ sagte er den Blick über die grünen Bäume hin zum +Himmel richtend, „in dieser Mahnung liegt auch die Bürgschaft für die +Zukunft Preußens und Deutschlands, — wenn Gott den Kampf beschlossen, so +wird auch Gott mit uns sein in diesem Kampf!“ + +Die Thür des Cabinets wurde geöffnet, der Hofmarschall Graf Perponcher +trat ein, meldete Seiner Majestät, daß das Diner servirt sei und schritt +dann dem Könige voran in den kleinen Versammlungssaal, in welchem das +Gefolge und die zur Tafel befohlenen etwa vierzehn Personen versammelt +waren. + +Der König grüßte die Anwesenden huldvoll und heiter und schritt in den +Speisesaal voran, in welchem die königlichen Jäger in ihrer +geschmackvollen grünen und silbernen Livree zum Service bereit standen. + +Graf Benedetti nahm neben Seiner Majestät Platz, der König unterhielt +sich mit ihm während des ganzen Diners in so liebenswürdig, freundlicher +und unbefangener Weise, daß alle Anwesenden die Ueberzeugung gewannen, +es könnten keine ernsthaften drohenden Wolken am politischen Horizont +bestehen, und daß diese Ueberzeugung in schnell sich fortpflanzender +Mittheilung am Abend die ganze Badegesellschaft von Ems durchdrungen +hatte. + + + + +Siebentes Capitel. + + +Die Sonne sank bereits unter den Horizont und der alte Park von St. +Cloud mit fernen gewaltigen Riesenbäumen hüllte sich in dunkle Schatten, +als der Wagen des Herzogs von Gramont in das kaiserliche Schloß einfuhr. + +Der Herzog stieg aus und schritt eiligst die Treppe zu den Appartements +des Kaisers hinauf, in welche er nach der Meldung des Dienst thuenden +Adjutanten unmittelbar eingeführt wurde. + +Auf dem Tisch des Kaisers brannte bereits eine hohe Lampe mit großem +flachem Schirm von bläulichem Glas, während durch das geöffnete Fenster +mit den Düften der blühenden Rosenbeete die letzten Strahlen des +sinkenden Tages hineindrangen. + +Der Kaiser, welcher sich nach dem Familiendiner so eben zurückgezogen +und den Frack mit einem leichten weiten Sommerrock vertauscht hatte, +lag halb in einem jener großen amerikanischen Schaukelstühle von feinen +elastischen Holzstreifen, den Kopf auf eine an der Lehne des Stuhls +hängende Schlummerrolle gestützt und in ruhiger Träumerei seine Cigarre +rauchend. Mit einem leisen Seufzer über die Störung seines Dolce far +niente erhob er sich mit einiger Mühe und ging dem Minister einige +Schritte entgegen, welcher sich in einer gewissen Erregung zu befinden +schien. + +„Ich habe Eurer Majestät eine günstige und wichtige Nachricht +mitzutheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „und Ihre Befehle zu +erbitten, wie die durch dieselbe geschaffene neue Situation behandelt +werden soll.“ + +Der Kaiser athmete wie erleichtert auf. + +„Hat der König Wilhelm die Forderung Benedetti's erfüllt,“ fragte er. +„Ist dieser unangenehme und peinliche Fall erledigt?“ + +„Der Prinz von Hohenzollern, Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „hat +seine Candidatur zurückgezogen. Olozaga ist so eben bei mir gewesen, um +mir dies mitzutheilen und nach einem Telegramm von Benedetti hat der +König Wilhelm ihm ebenfalls die Verzichtleistung des Prinzen durch einen +Adjutanten mittheilen und erklären lassen, daß er diese +Verzichtleistung autorisire.“ + +„Ah,“ sagte der Kaiser mit zufriedenem Lächeln, „unser energisches +Auftreten hat also schnell seine Früchte getragen.“ + +„Wie immer, Sire,“ sagte der Herzog mit dem Ausdruck stolzer +Befriedigung, „für eine Macht wie Frankreich ist Energie und Festigkeit +immer die beste Politik, und ich freue mich von ganzem Herzen, daß durch +unser Auftreten in dieser Sache nicht nur vor der Nation, sondern vor +ganz Europa der Beweis geliefert worden ist, daß das Wort Frankreichs +noch nicht ungehört verhalle, und daß die Zeit beendet sei, in welcher +man glaubte, ohne unsere Zustimmung die großen und wichtigen +europäischen Fragen entscheiden zu können. Das einfache Wort Eurer +Majestät hat genügt, um diese Combination des Grafen von Bismarck +scheitern zu lassen. Die Situation hat sich ungemein günstig für uns +verändert, denn wir haben alle europäischen Cabinette für uns, welche +sämmtlich in der Thronbesteigung eines Hohenzollerschen Prinzen in +Spanien eine bedenkliche Gefahr für die Ruhe und das Gleichgewicht +Europas erblickten. Es kommt nun nur darauf an, den Erfolg, den wir +errungen haben, vor den Kammern und der öffentlichen Meinung in das +richtige Licht zu stellen, damit alle die Feinde der Regierung sich +überzeugen, daß das Kaiserthum noch groß und glänzend da steht, und daß +Frankreich nach der langen Zurückhaltung, welche auf die Schlacht von +Sadowa folgte, wieder entschlossen ist, mit entscheidender Hand in die +Politik einzugreifen.“ + +„Sehr gut, sehr gut,“ sagte der Kaiser, „das wird einen vortrefflichen +Eindruck machen. Wir haben da einen großen Schlag gethan, und zwar ohne +alle heftigen Verwickelungen und ohne daß selbst unsere Beziehungen zu +Preußen irgend wie getrübt werden, denn Benedetti berichtet ja, daß er +mit der größten Auszeichnung vom Könige Wilhelm behandelt worden sei. +Ich gratulire Ihnen, mein lieber Herzog, zu diesem ersten Debut als +Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Es ist ein Triumph ohne Opfer, +und ich bin überzeugt, daß einem solchen vortrefflichen Anfang immer +glänzendere Resultate folgen werden.“ + +Er reichte dem Herzog die Hand, welche dieser, sich verbeugend, mit +strahlendem Lächeln ergriff. + +„Es kommt nun darauf an,“ fuhr der Kaiser fort, „die Fassung der +Mittheilungen dieses so erfreulichen Ereignisses für die Kammer und die +Journale fest zu stellen. Es thut mir leid, Sie wieder fort zu +schicken, aber ich glaube, Sie müssen sogleich nach Paris zurückkehren, +sich mit Ollivier darüber zu verständigen. Er ist ja Meister in der +Redewendung, setzen Sie mit ihm eine Erklärung auf, welche in solenner +Weise die ganze Angelegenheit beendet und ohne Preußen zu verletzen, im +Gegentheil mit anerkennendem Ausdruck für die Weisheit und das +Entgegenkommen des Königs Wilhelm, dennoch unsern Sieg in helles Licht +stellt.“ + +„Ollivier,“ erwiderte der Herzog, „hat die Nachricht bereits privatim im +Corps legislatif verschiedenen Deputirten mitgetheilt, die Befriedigung +darüber war allgemein.“ + +„Um so besser,“ sagte der Kaiser, „wird morgen die feierliche Erklärung +aufgenommen werden. Ich bitte Sie also, dieselbe aufzusetzen und sie +mir, so bald Sie sie redigirt haben, mittheilen zu lassen — auf +Wiedersehen, lieber Herzog. Nachdem wir diesen Sturm beschworen haben,“ +fügte er lächelnd hinzu, „hoffe ich, Sie auf einige Tage hier zu sehen, +um sich in ländlicher Ruhe von den Aufregungen der letzten Tage etwas zu +erholen.“ + +Der Herzog empfahl sich Seiner Majestät und verließ immer das stolze +zufriedene Lächeln auf den Lippen das Cabinet. + +Der Kaiser athmete erleichtert auf, blickte einen Augenblick schweigend +nach dem in immer tiefere Schatten versinkenden Park hinaus und ergriff +dann eine neue Cigarre, um sie anzuzünden und sich abermals der durch +den Besuch seines Ministers unterbrochenen Träumerei zu überlassen. + +Da öffnete sich schnell die Thür, General Favé erschien und sagte: + +„Der österreichische Botschafter bittet Eure Majestät, ihn empfangen zu +wollen.“ + +Verwundert blickte der Kaiser auf. + +„Metternich,“ sagte er, „zu dieser Stunde? Was kann er bringen? — bitten +Sie ihn, einzutreten.“ + +Indem er seufzend seine Cigarre wieder fortlegte, ging er einige +Schritte dem Fürsten Richard Metternich entgegen, den der General in das +Cabinet führte. + +Der Sohn des großen Staatsmannes, welcher einst so lange die Geschicke +der österreichischen Monarchie und ein wenig diejenigen von ganz Europa +in seinen Händen gehalten hatte, war damals ungefähr zwei und vierzig +Jahre alt. Er war eine angenehme, sympathisch anmuthende Erscheinung, +die Fülle seiner Gestalt that der elastischen Eleganz seiner Bewegungen +keinen Eintrag, sein etwas bleiches Gesicht, auf dessen hohe Stirn die +leicht gelockten, dünn gewordenen Haare herabfielen, war von einem +starken, lang hinab hängenden Backenbart umrahmt; seine edel +geschnittenen Züge zeigten den Ausdruck ruhiger und sorgloser +Heiterkeit, während seine geistvollen Augen zugleich scharf beobachtend +umher blickten. Heute aber lag auf diesem Gesicht eine gewisse unruhige +Aufregung — ernst erwiderte er die Begrüßung des Kaisers und sprach, +indem er sich auf den Wink desselben ihm gegenüber setzte, mit leicht +erregter Stimme: + +„Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, daß ich es wage, noch in so +vorgerückter Abendstunde um Gehör zu bitten; aber die beunruhigenden +Nachrichten, welche die ganze politische Welt erfüllen, machen es mir +zur Pflicht, mich unverzüglich des Auftrages zu entledigen, welchen der +Graf Beust, der seine Badekur in Gastein verschoben hat, mir so eben +ertheilte.“ + +Der Kaiser lächelte ein wenig, neigte leicht das Haupt und sprach: + +„Sie wissen, lieber Fürst, daß Ihr Besuch mir zu jeder Zeit angenehm und +erfreulich ist, auch wenn Sie mir keine Mittheilung des Grafen Beust zu +machen hätten. Der Besuch eines Freundes ist immer willkommen, und zu +meinen Freunden gehört der Fürst Metternich ebenso sehr als der +Botschafter des Kaisers von Oesterreich.“ + +Der Fürst dankte durch eine ehrerbietige Verneigung für die freundlichen +Worte des Kaisers und fuhr dann in demselben ernsten Ton wie vorher +fort: + +„Das gütige Wohlwollen Eurer Majestät, von welchem ich schon so viele +Beweise erhalten habe, und welches Sie so eben von Neuem auszusprechen +die Gnade haben, giebt mir die Hoffnung, daß Sie auch dem, was ich Ihnen +zu sagen habe, ein gnädiges und aufmerksames Ohr schenken werden. Sire,“ +sprach er weiter, „die Regierung meines allergnädigsten Herrn kann sich +der Besorgniß nicht erwehren, daß die Erörterungen, welche zwischen +Frankreich und Preußen in diesem Augenblick über die Hohenzollersche +Candidatur Statt finden, bei der hoch gehenden Aufregung der +Volksstimmung in Frankreich und bei dem Beginn einer ähnlichen Aufregung +in Deutschland zu ernsten Conflicten und gefährlichen Catastrophen +führen möchte. Ich habe zu verschiedenen Zeiten zu meiner großen +Genugthuung Gelegenheit gehabt, Eurer Majestät gegenüber zu constatiren, +daß die politischen Interessen Frankreichs und Oesterreichs in allen +großen Fragen die gleichen seien, und daß eine gleichmäßige Behandlung +aller dieser Fragen im Interesse beider Staaten liege. Die gleiche +Versicherung hat auch der Herzog von Gramont während seines Aufenthalts +in Wien bei jeder Gelegenheit von dem Reichskanzler selbst erhalten.“ + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf. + +„Graf Beust hat aber bei allen solchen Gelegenheiten,“ fuhr der Fürst +Metternich fort, „dem Herzog gegenüber auch ganz bestimmt betont, daß +Oesterreich noch auf lange hinaus nicht in der Lage sei, an irgend einer +militairischen Action, selbst wenn dieselbe in seinem Interesse liegen +könnte, Theil zu nehmen, ohne dadurch die ruhige Entwickelung und damit +die Zukunft der österreichischen Monarchie auf das Höchste zu gefährden, +und daß es deßhalb für die österreichische Politik geboten sei, überall +und zu jeder Zeit zur Vermeidung von Conflicten beizutragen, welche +geeignet wären, kriegerische Consequenzen herbeizuführen. Der +_gegenwärtige_ Augenblick und die zwischen Frankreich und Preußen +schwebende Frage scheinen nun, wie ich zu bemerken die Ehre hatte, die +Befürchtung solcher Consequenzen sehr nahe zu legen, und ich bin deßhalb +beauftragt, Eurer Majestät bestimmt zu erklären, daß Oesterreich, wenn +aus dieser Hohenzollerschen Candidatur kriegerische Entwickelungen +entstehen sollten, nicht im Stande sei, in denselben irgend eine active +Rolle zu spielen und sich auf die Seite Frankreichs zu stellen.“ + +Der Kaiser blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder, dann +sagte er. + +„Mein lieber Fürst, die Erklärung, welche Herr von Beust mir da durch +Sie abgeben läßt, überrascht mich in ihrem allgemeinen Inhalt nicht, +dennoch scheint mir ihre bestimmte Wiederholung gerade in diesem +Augenblick nicht vollkommen mit der auch vom Grafen Beust anerkannten +Identität der politischen Interessen Oesterreichs und Frankreichs +übereinzustimmen. Sollte ich jemals in einen ernsten Conflict mit +Preußen gerathen, so würde, scheint es mir, der Augenblick gekommen +sein, in welchem jene Identität der Interessen sich practisch zu +bethätigen hätte, — wenn sie überhaupt irgend eine Bedeutung haben +soll, — und Oesterreich müßte doch in der That mit Freuden eine solche +Gelegenheit begrüßen, welche ihm die Möglichkeit bietet, ohne große +eigene Gefahr das im Jahre 1866 Verlorene wieder zu gewinnen; von vorn +herein eine solche Gelegenheit ausschließen zu wollen, scheint mir nicht +im Interesse Oesterreichs zu liegen, und wenn eine solche Erklärung +öffentlich abgegeben wird, — wenn sie auch andern Cabinetten bekannt +wird,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, „so wird das sehr wenig +dazu beitragen können, die nachdrückliche Vertretung der Interessen +Frankreichs zu unterstützen.“ + +„Sire,“ erwiderte der Fürst Metternich, „nach meiner Ueberzeugung, +welche wie ich glaube auch diejenige des Grafen Beust ist, würde es +allerdings Eventualitäten geben, unter denen es für Oesterreich +vortheilhaft, ja geboten erscheinen könnte, im Verein mit Frankreich +Preußen von der 1866 eroberten Stellung zurückzuwerfen, — eine solche +Eventualität könnte aber nur dann eintreten, wenn einmal der _Grund_ des +Conflicts Oesterreich das Recht und die Möglichkeit gebe, in demselben +Stellung zu nehmen und wenn sodann die Aussichten des Erfolges +einigermaßen sicher sind. In diesem Augenblick ist aber beides nicht der +Fall. Der einzige Kriegsgrund für Oesterreich könnte in einem Eingriff +Preußens in die unabhängige Selbstständigkeit der Süddeutschen Staaten +liegen; bei einem solchen Kriegsgrund würde ein großer Theil der +deutschen Nation auf Oesterreichs Seite stehen, und der Kampf würde die +großen Fragen von 1866 wieder aufnehmen unter der Mitwirkung +Frankreichs, welche damals die Verhältnisse Eurer Majestät unmöglich +machten. Gegenwärtig ist aber von einem solchen Kriegsgrunde nicht die +Rede, der Erbprinz von Hohenzollern ist ein deutscher Fürst, und wenn +Preußen einen Krieg annehmen sollte, weil Frankreich sich der +Thronbesteigung eines deutschen Prinzen in Spanien widersetzt, so würde +das Nationalgefühl sich auf die Seite Preußens stellen, und eine +Alliance Oesterreichs mit Frankreich würde in diesem Falle nur dazu +beitragen, Oesterreich als den Nationalfeind Deutschlands vor dem Volk +erscheinen zu lassen, das heißt, uns jede moralische Unterstützung zu +rauben, welche in einem solchen Kampf unumgänglich nothwendig ist. +Außerdem aber, Sire,“ fuhr er fort, „sind die Chancen des Erfolges, wie +es mir scheint, äußerst unsicher. Unsere militairischen Vorbereitungen +sind nicht beendet, unsere Finanzen sind noch nicht geordnet, schon aus +diesem Grunde würde Oesterreich zu einer nachdrücklichen Kriegführung +kaum im Stande sein —“ + +„Man würde aber doch,“ fiel der Kaiser ein, „lediglich durch eine +drohende Haltung große preußische Truppenmassen absorbiren.“ + +„Auch das ist nicht möglich, Sire,“ sagte Fürst Metternich seufzend, +„denn leider muß ich Eurer Majestät mittheilen, daß von Seiten Rußlands +uns deutlich zu verstehen gegeben worden, jede feindliche Bewegung +gegen Preußen werde sofort gleiche Schritte Rußlands gegen unsere +Grenzen zur Folge haben. Damit würde also unsere Drohung wirkungslos +gemacht und wir gezwungen werden, unsere disponiblen Truppen zur +Selbstvertheidigung an die russische Grenze zu schicken.“ + +„Der Kaiser Alexander,“ fiel Napoleon ein, „hat sich aber doch +entschieden gegen die Hohenzollersche Kandidatur erklärt und versichert +außerdem den General Fleury unausgesetzt seiner Freundschaft und seiner +Sympathien gegen Frankreich.“ + +„Das Alles wird nicht hindern, Sire,“ sagte der Fürst Metternich, „daß +wenn es wirklich zum Conflict kommt, Rußland sehr entschieden auf die +Seite Preußens treten und wenigstens ganz bestimmt Oesterreich +verhindern wird, irgend etwas zu unternehmen. Ich beschwöre also Eure +Majestät,“ fiel er lebhafter sprechend fort, „glauben zu wollen, daß +Oesterreich sich von der Liga der Neutralen nicht wird trennen +können — ich bitte Eure Majestät inständigst, in dieser ganzen Sache +keinen Schritt zu thun, der zu unheilbaren Conflicten führen kann, denn +Eure Majestät würden ganz isolirt sein und sich dem hoch aufgeregten +deutschen Nationalgefühl gegenüber befinden, welches, von Preußen +organisirt, ein furchtbar gefährlicher Gegner sein wird.“ + +„Glauben Sie,“ sagte der Kaiser, den Blick scharf und forschend auf +Metternich richtend, „daß das deutsche Nationalgefühl in Baiern und +Würtemberg sich jemals für Preußen wird erheben können, da man dort doch +einsehen muß, daß wenn man unter preußischer Führung gegen Frankreich zu +Felde zieht, man für immer die eigene Selbstständigkeit aufgiebt. Man +hat mir berichtet,“ sagte er, „daß die Stimmung in jenen Staaten sehr +preußenfeindlich ist und Sie selbst, lieber Fürst, haben mir früher +Aehnliches mitgetheilt. Sollte das Alles sich schnell ändern können?“ + +„Es wird sich ändern, Sire,“ sagte der Fürst, „und hat sich zum Theil +schon geändert, und von Berlin aus wird mit großer Geschicklichkeit +gearbeitet, um der öffentlichen Meinung die Haltung Frankreichs +gegenüber der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern als eine der +ganzen Nation angethane Beleidigung darzustellen. Glauben mir Eure +Majestät, die Süddeutschen Staaten werden in dieser Frage mit Preußen +gehen — die Süddeutschen Fürsten zunächst, sie haben im Jahre 1866 +gesehen, wie unerbittlich Preußen mit seinen Feinden verfährt, und um +sich von Neuem in einen Kampf einzulassen, müßten sie eine große +Coalition auf ihrer Seite sehen, welche ihnen Gewißheit des Sieges oder +wenigstens des Schutzes ihrer Throne gewährt.“ + +Der Kaiser versank in schweigendes Nachdenken. + +Fürst Metternich sah ihn in tiefer Bewegung an. Seine großen, klaren und +ausdrucksvollen Augen verschleierten sich mit einem leichten +Thränenschimmer und mit dem Ausdruck inniger Ueberzeugung sprach er: + +„Eure Majestät haben die Gnade gehabt, die Gefühle der tiefen +persönlichen Ergebenheit, welche ich für Allerhöchstdieselben hege, +anzuerkennen und mich Ihren Freund zu nennen. Erlauben Sie mir, Sire, +jetzt nachdem der Botschafter von Oesterreich gesprochen, auch als +treuer und ergebener Freund zu sprechen. Ich weiß sehr gut,“ fuhr er +fort, „daß die Strömung der öffentlichen Meinung Frankreichs in diesem +Augenblick zum Kriege treibt, und ich weiß ebenso gut, Sire, daß viele +Personen in Ihrer Umgebung — in Ihrer nächsten und unmittelbaren +Umgebung,“ fügte er mit Betonung hinzu, „sich die angelegentlichste Mühe +geben, jene Richtung der öffentlichen Meinung zu unterstützen und Eure +Majestät in gefährliche Unternehmungen hineinzudrängen, welche nach +meiner innigsten Ueberzeugung in diesem Augenblick nur zum Unglück +Frankreichs und zum Unglück Eurer Majestät ausschlagen können. Preußen +ist furchtbar gerüstet, Deutschland wird in dieser Hohenzollernschen +Frage hinter Preußen stehen und die Eurer Majestät feindlichen Parteien +in Frankreich, welche sich augenblicklich vor dem Plebiscit +zurückgezogen haben, warten nur auf den Augenblick eines Mißerfolges im +Kriege, um sich von Neuem zu erheben und einen entscheidenden Schlag +gegen das Kaiserreich zu führen. Ebenso wie man in Italien nur darauf +wartet, sich Roms zu bemächtigen. Allen diesen Gefahren gegenüber werden +Eure Majestät isolirt da stehen, keine der europäischen Mächte wird sich +Frankreich in dieser Frage zur Seite stellen, und ich bitte Eure +Majestät, zu glauben, daß die Erklärung, die ich Ihnen als Botschafter +gegeben, unbedingte Wahrheit ist. Der Fürst Metternich giebt Ihnen sein +Wort darauf. Oesterreich wird nicht für Eure Majestät Partei nehmen, +weil es das nicht thun kann, in dieser Frage am allerwenigsten thun +kann, und selbst wenn der Graf Beust, selbst wenn der Kaiser dazu +geneigt sein sollten, wie der Herzog von Gramont vorauszusetzen scheint, +so wird diese Neigung vor dem Widerstande des Grafen Andrassy erfolglos +bleiben. Der Graf Andrassy vertritt Ungarn, und Ungarn will keinen Krieg +mit Deutschland, da auch der günstige Ausgang desselben nur dahin +führen könnte, die dominirende Stellung des deutschen Elements im +Kaiserstaate wieder zu befestigen, ohne Ungarn aber, ohne diese +wichtigste militairische Hülfsquelle Oesterreichs ist jede Action für +uns unmöglich — ich bitte Eure Majestät,“ fuhr er fort, „dies als ganz +gewiß anzunehmen, — Graf Andrassy hat hohe Verehrung vor Eurer Majestät +und tiefe Sympathie für Frankreich. Täuschen sich aber Eure Majestät +nicht über die Bedeutung von Aeußerungen, welche diese seine Gefühle ihm +eingegeben haben können. Unter andern Umständen, wenn Frankreich +vielleicht mit Italien in Conflikt geriethe, würde Oesterreich bei einer +französischen Alliance auf die Unterstützung Ungarns rechnen +können, — gegen Deutschland niemals, — am allerwenigsten in einer Frage, +in welcher kein Vertragsrecht Oesterreichs Intervention zur Seite steht. +Eure Majestät,“ fuhr er mit tief, eindringendem Tone fort, „kennen meine +aufrichtige und liebevolle Ergebenheit für Ihre Person, Eure Majestät +haben mir Gelegenheit gegeben, die edlen Eigenschaften Ihres Herzens +ebenso sehr zu erkennen und zu bewundern, als die Klarheit und die +überlegene Schärfe Ihres Geistes — es ist die tiefe Ergebenheit, die +aufrichtige Liebe für Eure Majestät, welche mir die Worte in den Mund +legt, die ich Ihnen jetzt zu sagen mir erlaube. Hören Eure Majestät die +Bitte eines Freundes, welche ich ohne Rücksicht auf meine Eigenschaft +als Botschafter Oesterreichs aus treu besorgtem Herzen an Sie richte. +Treiben Sie, Sire, diese Sache nicht weiter, betreten Sie den +gefahrvollen Weg nicht, auf welchen man Sie drängen möchte und an dessen +Ende kaum ein glücklicher Ausgang zu erwarten ist.“ + +Der Fürst schwieg. + +Der Kaiser beugte sich vor, reichte ihm mit einem liebenswürdigen +Lächeln die Hand, indem zugleich ein warmer Strahl seinen freien Blick +erleuchtete. + +„Ich danke Ihnen, mein lieber Fürst,“ sagte er, „für die Aufrichtigkeit +und den Eifer, mit welchem Sie mir Ihre Ueberzeugung ausgesprochen und +Ihren Rath ertheilt haben. Ihre Gesinnungen für mich machen mich +stolz, — doch,“ sagte er dann, „Sie beunruhigen sich ohne Noth, die +Besorgnisse, welche gestern noch bestehen konnten, existiren heute nicht +mehr, der Prinz von Hohenzollern hat seine Candidatur zurückgezogen.“ + +Fürst Metternich athmete erleichtert auf. + +„Ich hörte davon im Augenblick meiner Abfahrt in Paris,“ sagte er. „Ist +die Nachricht bereits offiziell angekommen?“ + +„Olozaga,“ sagte der Kaiser, „hat die Mittheilung im Auftrage der +spanischen Regierung an den Herzog von Gramont gemacht, und somit +scheint mir die Angelegenheit erledigt. Die Verzichtleistung des Prinzen +wird morgen in den Kammern mitgetheilt werden, und die europäische +Diplomatie,“ fügte er lächelnd hinzu, „kann wieder ruhig baden und +Brunnen trinken.“ + +Der Fürst Metternich schwieg einen Augenblick, als zögerte er, einen +Gedanken auszusprechen, der ihn beschäftigte. + +„Sire,“ sagte er dann, „die extreme Kriegspartei wird vielleicht nach +Andeutungen, die ich hier und da gehört habe, mit der Lösung der Frage +noch nicht zufrieden sein, da sie gehofft hat, jetzt endlich mit ihren +Ideen durchzudringen. Man wird von Neuem die Stimmung zu reizen und +aufzuregen suchen, und da, wie ich weiß, auch in Deutschland bereits die +Geister sich zu entflammen beginnen, so könnte leicht irgend ein +Incidenzfall eintreten, der die Beruhigung Europa's von Neuem in Frage +stellt. Ich bitte, Eure Majestät, aus der Erklärung, welche den Kammern +gegeben werden soll, jede provocirende und verletzende Aeußerung gegen +Preußen fern halten zu lassen, damit ein für allemal alle +Auseinandersetzungen über den Gegenstand aufhören. Graf Bismarck,“ fuhr +er fort, „hat bis jetzt alle Conflikte zu vermeiden gesucht, einen +günstigeren Kriegsfall als in diesem Augenblick könnte er aber kaum +finden, und man muß ihn nicht in die Versuchung führen, durch einen +großen Aufschwung des Nationalgefühls aus der Waffenbrüderschaft aller +deutschen Staaten ein neues deutsches Reich zusammen zu schmieden.“ + +Der Kaiser lächelte. + +„Seien Sie ganz ruhig, mein lieber Fürst,“ sagte er, „ich habe Gramont +den Auftrag ertheilt, mit Ollivier eine definitive Erklärung über die +Beendigung der ganzen Sache an die Kammer zu redigiren, und morgen um +diese Stunde wird jede Besorgniß für die Störung des Friedens +verschwunden sein.“ + +Fürst Metternich stand auf. + +„Ich verlasse Eure Majestät mit erleichtertem Herzen und bitte um die +Erlaubniß, sogleich nach Paris zurückkehren zu dürfen, um das so +erfreuliche Resultat dieser Unterredung nach Wien melden zu können.“ + +„Meine herzlichsten Empfehlungen der Fürstin,“ sagte der Kaiser, „ich +hoffe, Sie Beide in den nächsten Tagen hier zu sehen.“ + +Er drückte dem Fürsten die Hand und begleitete ihn einige Schritte nach +der Thür hin. + +„Durch die Beseitigung der Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern,“ +sprach er leise, als er allein war „soll das Prestige Frankreichs wieder +hergestellt sein, sagt man mir, — sehr gut, wenn die öffentliche Meinung +dies glaubt. Leider,“ fuhr er seufzend fort, „ist es nicht der Fall, +jenes Prestige besteht in Wahrheit nicht mehr. Denn wenn es bestände, so +würde Österreich nicht zögern, in diesem Augenblick frei und offen auf +die Seite Frankreichs zu treten und die Suprematie des Hauses Habsburg +in Deutschland wieder zu erringen. Man glaubt nicht mehr an die Macht +Frankreichs, und auch meine besten Freunde nicht, — auch Metternich +nicht, der wirklich mein Freund ist. Das Ansehen Frankreichs, so wie es +früher war, wieder herzustellen, gäbe es nur ein Mittel, und dies Mittel +wäre der Sieg — aber,“ sagte er düster vor sich hin starrend, „wo ist die +Hand, welche den Sieg mit Sicherheit erkämpfen könnte, — — wenn er mir +entginge — —“ + +Er versank, die Augenbrauen finster zusammengezogen, in tiefes Sinnen. + +„Meine Gemahlin wird nicht zufrieden sein,“ sagte er dann, „über die so +friedliche Lösung — sie glaubt an den Sieg — ich will ihr selbst die Sache +sogleich mitteilen, damit sie vorsichtig in ihren Äußerungen ist und die +Kriegspartei nicht durch hingeworfene Worte ermuthigt.“ + +Er verließ sein Cabinet und begab sich nach den Gemächern der Kaiserin. + +Der Huissier öffnete die Thür. + +Der Kaiser durchschritt das Vorzimmer und trat in den Salon, an dessen +Schwelle ihn die Kaiserin empfing. + +Napoleon blieb einen Augenblick erstaunt stehen, denn hinter seiner +Gemahlin, deren Gesichtszüge eine lebhafte Erregung ausdrückten, sah er +neben dem, von großen Fauteuils umgebenen, mit Albums aller Art +bedeckten Tisch in der Mitte des Salons den Baron Jérome David und den +Herzog von Gramont. + +Der Baron Jérome David, der Führer der entschiedensten Anhänger des +Kaiserreichs im Corps legislatif, war ein Mann von etwa fünfzig Jahren +von kräftiger, schlanker Gestalt; sein auf einem kurzen Halse sich +erhebender Kopf hatte scharf markirte, von energischer Willenskraft und +etwas colerischem Temperament zeugende Gesichtszüge; das dunkle volle +Haar war über der niedrigen Stirn leicht gekräuselt; unter +hochgeschwungenen Augenbrauen blickten große, etwas hervorstehende Augen +hervor, deren etwas stechender Blick fast immer den Ausdruck zorniger +und unruhiger Erregung hatte; die etwas abgestumpfte starke Nase, die +hoch aufgedrehten Spitzen des dunklen Schnurrbarts und das mächtig +hervorspringende Kinn ließen seinen Gesichtsausdruck in der Erregung +einer lebhaften Conversation fast herausfordernd erscheinen. + +Der Kaiser trat langsam in den Salon und wandte sich mit einer Miene, in +welcher eben so viel Erstaunen, als Unzufriedenheit lag, an den Herzog +von Gramont. + +„Ich hätte nicht erwartet, Sie noch hier zu finden, Herr Herzog,“ sagte +er, ohne die Höflichkeit und den verbindlichen Ton, die ihm sonst eigen +war. + +„Ich glaubte Sie schon in Paris, um mit Ollivier jene Erklärung zu +verabreden, über welche wir vorher gesprochen haben.“ + +„Der Herzog,“ fiel die Kaiserin schnell ein, „wollte vor seiner Rückkehr +mich begrüßen, und mir zugleich die Nachricht von der Verzichtleistung +des Prinzen von Hohenzollern bringen. Ich habe ihn noch zurückgehalten, +um ihm Gelegenheit zu geben, die Mittheilungen anzuhören, welche der +Baron Jérome David mir so eben über die Stimmung in Paris und in den +Kreisen der Deputirten gemacht hat, und welche vielleicht von einigem +Einfluß auf die Entschließungen sein könnten, die man in diesem +Augenblick zu fassen hat.“ + +Der Kaiser verneigte sich leicht gegen den Baron Jérome David und sagte +immer noch in demselben strengen Ton seiner Stimme. + +„Und welche Mittheilungen haben Sie der Kaiserin gemacht, Baron?“ + +Er reichte seiner Gemahlin die Hand, führte sie zu einem der neben dem +Tisch stehenden Sessel und setzte sich an ihre Seite, den Blick mit +gespannter Aufmerksamkeit auf den Baron richtend. + +„Sire,“ sagte dieser, „ich habe mir erlaubt, der Kaiserin +mitzutheilen, — und würde im nächsten Augenblick mich bei Eurer Majestät +haben melden lassen, um auch Ihnen mitzutheilen, — daß die Nachricht von +der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf seine Candidatur +in Spanien, welche heute Abend in Paris bekannt wurde, unter den +Deputirten und in den journalistischen Kreisen durchaus nicht den +befriedigenden und beruhigenden Eindruck gemacht hat, welchen ich bei +dem Herzog von Gramont gefunden, also auch bei Eurer Majestät +voraussetzen muß.“ + +„Nun,“ sagte der Kaiser, den Baron fragend und erstaunt anblickend, „die +Sache ist doch erledigt, jene Candidatur ist verschwunden, — — vor der +Intervention Frankreichs verschwunden, — ich begreife nicht, — —“ + +„Niemand in Frankreich, Sire,“ fiel der Baron Jérome David rasch und +lebhaft ein, „hat jemals dem jungen Prinzen von Hohenzollern es +verdacht, daß er ein Abenteuer unternehmen wollte, bei welchem der +Ehrgeiz eines thatkräftigen Mannes seine Rechnung finden +könnte. — Niemandem ist es eingefallen, die spanische Nation in der +freien Wahl ihres Königs zu beschränken, die Besorgniß und die +Entrüstung Frankreichs über diese Combination hatte nur darin ihren +Grund, daß die Hohenzollernsche Candidatur ein Werk der preußischen +Politik war, daß diese Combination in Berlin vorbereitet und vom Könige +von Preußen feierlich genehmigt wurde, ohne daß man sich mit Frankreich, +das doch so nahe und so unmittelbar dabei interessirt ist, auch nur +darüber in Vernehmen gesetzt hätte. Das ist eine Nichtachtung der +französischen Würde und außerdem eine Bedrohung unserer Interessen durch +die offen kund gegebene Absicht an unserer Südgrenze eine Macht +aufzurichten, welche bei jeder Gelegenheit die preußische Politik gegen +uns zu unterstützen bestimmt sein sollte. Wenn nun der Prinz von +Hohenzollern einfach seine Candidatur zurückzieht, so ist Frankreich +dadurch keine Genugtuung gegeben, vor allen Dingen aber auch keine +Sicherheit, daß die Combination, welche heute gescheitert ist, nicht +jeden Augenblick wieder aufgenommen werden könne, wenn die europäische +Constellation derselben vielleicht günstiger sein möchte und Preußen die +Aussicht hätte, Alliirte in einem Conflikt mit uns zu finden. — Ohne eine +Genugthuung für unsere Würde, ohne eine Sicherstellung unserer +Interessen für die Zukunft aber,“ — fuhr er laut mit entschiedenem Tone +fort, „wird die öffentliche Meinung sich nicht beruhigen die bloße +einfache Anzeige der Zurückziehung der Candidatur des Prinzen Leopold +wird im Corps legislatif eine sehr ungünstige Aufnahme finden, und wenn +die Regierung sich damit begnügt, so wird man das allgemein als ein +Zeichen großer Schwäche ansehen, und das so lebhaft erregte +Nationalgefühl wird sich auf das Entschiedenste gegen Eure Majestät +wenden, zum großen Schaden für den Nimbus des Kaiserreichs, welcher erst +so eben durch das Plebiscit wieder hergestellt worden ist.“ + +„Aber welche Genugthuung, welche Garantien,“ fragte der Kaiser, +„könnten denn gegeben werden?“ + +Die Kaiserin unterdrückte mühsam ihre innere Erregung, während sie ihr +Spitzentaschentuch in der Hand zusammenpreßte. + +„Sire,“ antwortete Jérome David, „die Beleidigung Frankreichs bestand +darin, daß über die Hohenzollernsche Combination von Preußen keine +Mittheilung an Frankreich gemacht wurde. Die Frage für die Zukunft +besteht darin, daß jene heut zurückgezogene Candidatur jeden Augenblick +wieder aufgenommen werden kann, — dem entsprechend muß die Genugtuung und +diese Garantie gefordert werden. Die Genugthuung muß meiner Überzeugung +darin bestehen, daß der König von Preußen Eurer Majestät anzeigt, er +habe dem Prinzen befohlen und — zwar mit Rücksicht auf die Intervention +Frankreichs — von seiner Bewerbung um den spanischen Königsthron Abstand +zu nehmen. Die Garantie muß darin bestehen, daß der König weiter +erklärt, er werde auch in der Zukunft niemals erlauben, daß der Prinz +auf jene Candidatur zurückkomme. Wenn der Kammer eine solche Erklärung +vorgelegt wird, so wird der Eindruck ein tiefer und befriedigender sein, +jeder andere Abschluß der Sache wird dem Nationalgefühl nicht genügen +und dasselbe, wie ich wiederholen muß, gegen Eure Majestät und die +kaiserliche Regierung richten.“ + +Der Kaiser strich langsam mit der Hand über seinen Bart, dann richtete +er den Blick fragend auf den Herzog von Gramont. + +„Sire,“ sagte dieser, „ich kann den Bemerkungen des Herrn Baron David +die innere Berechtigung nicht absprechen, vor Allem aber muß derselbe +die Stimmung im Corps legislatif am allerbesten und genauer kennen, als +ich; und das Ziel, nach welchem bei der Behandlung dieser ganzen +Angelegenheit gestrebt werden muß, ist ja doch jedenfalls die Bestärkung +des Ansehens der kaiserlichen Regierung. Nachdem die Sache so weit +gediehen ist, dürfen wir nach meiner Ansicht mit keiner Halbheit +abschließen, sondern müssen wirklich den als vollgültig anerkannten +Beweis liefern, daß man die Würde Frankreichs nicht ungestraft +beleidigen, seine Interessen nicht ungestraft gefährden könne.“ + +„Nur ein solcher Beweis, über alle Zweifel und Mißdeutungen erhaben,“ +fiel der Baron Jérome David lebhaft ein, „wird das Corps legislatif und +die öffentliche Meinung von ganz Frankreich beruhigen.“ + +Der Kaiser sank seufzend in sich zusammen. + +„Ich war so zufrieden, diese Angelegenheit endlich beendet zu wissen,“ +sagte er leise. + +Die Kaiserin zuckte fast unmerklich die Achseln, ein Blitz sprühte aus +ihren Augen. + +„Glauben Sie denn,“ sagte Napoleon sich zum Herzog von Gramont wendend, +„daß eine solche Erklärung, wie sie der Baron für nöthig hält, zu +erreichen und schnell zu erreichen möglich sei, damit diese Sache nicht +noch mehr in die Länge gezogen werde und die öffentliche Meinung sich +immer mehr echauffire.“ + +„Ich bin überzeugt, Sire,“ sagte der Herzog, „daß nichts leichter sein +wird, als eine solche definitive Erklärung zu erlangen, um so mehr, wenn +man die Form wählt, welche der Baron David so eben schon angedeutet hat, +die Form eines persönlichen Briefes des Königs Wilhelm an Eure Majestät +und sich damit gewißermassen auf den vom Könige selbst eingenommenen +Standpunkt stellt, daß diese ganze Angelegenheit ihn nur persönlich als +Chef seines Hauses berühre und die preußische Regierung als solche +nichts angehe. Wenn Benedetti, der ja dem Könige eine angenehme und +sympathische Person ist, in der ihm eigenen geschickten Weise die Sache +dort darstellt, so bin ich überzeugt, daß der König keinen Augenblick +zögern wird, einen Brief an Eure Majestät zu schreiben, der die +geforderte Erklärung enthält und den man ja dann nachher der +öffentlichen Meinung in Frankreich dennoch als einen Act der preußischen +Regierung wird darstellen können. Denn,“ fügte er lächelnd hinzu, „diese +öffentliche Meinung kann sich nicht zu dem subtilen Unterschied erheben, +welchen Seine preußische Majestät zwischen seinen beiden Eigenschaften +als Familienchef und Staatsoberhaupt zu machen sich gefällt.“ + +„Die Sache müßte aber durchaus,“ sagte der Kaiser, „in aller +vorsichtigster und versöhnlichster Weise behandelt werden, damit ja kein +ernster Conflict daraus entsteht.“ + +„Und wenn ein solcher Conflict daraus entstünde,“ rief die Kaiserin, +welche ihre innere Erregung nicht länger bemeistern konnte, „wollen wir +davor zurückschrecken? Soll Frankreich, welches in der Krim und in +Italien gesiegt hat, welches die Adler des großen Kaisers auf seinen +Fahnen trägt, sich von einem Wege abschrecken lassen, welchen das Recht +und die Ehre, die Klugheit, ja die politische Nothwendigkeit +vorschreibt, aus Besorgniß, daß der Widerstand der Gegner auf diesem +Wege kriegerische Verwickelungen entstehen lassen könnte? Unsere Armee +ist im herrlichsten Zustand, sie brennt vor Ungeduld, zu zeigen, daß sie +noch immer die erste in Europa ist.“ + +„Was sagt der Marschall Leboeuf,“ fragte der Kaiser den sinnenden, +sorgenvollen, nachdenklichen Blick auf den Herzog von Gramont gerichtet. + +„Der Marschall erklärt, so bereit zu sein, als nur immer möglich,“ +erwiderte der Herzog, „er wird Eurer Majestät ohne Zweifel den Beweis +darüber liefern —“ + +„Auch sind wir der thätigen Mitwirkung Österreichs sicher,“ rief die +Kaiserin, „um dieses übermüthige Preußen von zwei Seiten zu fassen und +ihm zu zeigen, was es heißt, Frankreich zu beleidigen.“ + +„Österreich,“ sagte der Kaiser, abermals fragend den Blick auf den +Herzog von Gramont richtend, „glauben Sie, daß wir auf Österreich +rechnen können — Fürst Metternich sagt das Gegentheil wie Sie wissen +werden,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu. + +„Sire,“ sagte der Herzog lächelnd, „Fürst Metternich sagt, was er sagen +soll, und was man für die offizielle Constatirung der Haltung +Österreichs nöthig zu haben glaubt. Wenn wirklich, was ich in keiner +Weise glaube, aus der Behandlung der schwebenden Angelegenheit ein +ernster Conflict erwachsen sollte, so wird allerdings Österreich im +ersten Augenblick eine neutrale abwartende Stellung einnehmen, schon +weil der russische Einfluß lähmend auf seinen Entschlüssen lastet. Nach +den ersten Niederlagen der preußischen Armee aber“ — + +„Die sehr schnell kommen werden,“ rief die Kaiserin. + +„Nach diesen ersten Niederlagen, Sire,“ fuhr der Herzog fort, „wird +Österreich aus seiner Reserve hervortreten. Dann wird auch in Rußland +die ganze französisch gesinnte Partei mächtig werden, und der +vorsichtige Fürst Gortschakoff wird nicht wagen, sich diese Partei und +das siegreich vorschreitende Frankreich zu gleicher Zeit zu Feinden zu +machen. Dann, Sire, wird der Augenblick gekommen sein, in welchem +Preußen isolirt von zwei Seiten gefaßt, von seiner Höhe herabgestürzt +werden wird. Das Werk von 1866 wird in Trümmer sinken, und wir werden es +in unserer Hand haben, Deutschlands politische Organisation so zu +construiren, wie es für unsere Interessen genehm ist, und zugleich für +Frankreich diejenigen Gebiete zurück zu nehmen, welche man uns in der +Zeit des großen nationalen Unglücks entrissen hat.“ + +Die Augen des Kaisers leuchteten einen Augenblick in freudigem Stolz +auf. Er erhob sein Haupt, als sähe er die Bilder der Zukunft, welche der +Herzog andeutete, vor seinem Blick aufzeigen. Dann aber ließ er den Kopf +wieder matt herabsinken und sprach: + +„Dazu gehören zwei gewonnene Schlachten — und wer giebt mir die +Bürgschaft, daß sie gewonnen werden? Gewonnen über eine Armee, von +welcher mir der Oberst Stoffel schreibt, daß keine andere in Europa ihr +gleich kommt an innerer moralischer Kraft, an Intelligenz und an +einheitlicher Organisation.“ + +„Der Oberst Stoffel,“ sagte der Herzog von Gramont, während die Kaiserin +zornig mit den schönen Zähnen auf die Lippen biß, „ist ein wenig +geblendet durch die persönlichen Eigenschaften des Grafen Bismarck, +durch die Liebenswürdigkeit, mit welcher man ihn dort behandelt — er +sieht außerdem nur die Garde und nicht die Linien und die Milizen in den +Provinzen, welche nur zögernd und widerwillig in den Krieg ziehen —“ + +„Das hat das Jahr 1866 nicht bewiesen,“ sagte Napoleon, — „auch beweisen +die Berichte des Oberst Stoffel, daß er sehr genau über die ganze +militairische Organisation in Preußen unterrichtet ist, daß er +namentlich auch die Landwehrorganisation und die ausgezeichneten +Eigenschaften des preußischen Generalstabs sehr genau kennt —“ + +„Vielleicht aber hat er vergessen,“ sagte die Kaiserin heftig, „daß dem +Allen gegenüber die feurige und unwiderstehliche Tapferkeit der +französischen Armee steht —“ + +„Und das,“ fiel der Baron Jérome David ein, „in einem solchen Kriege der +gewaltig aufflammende Nationalgeist Frankreichs hinter seiner Armee +stehen würde, ebenso wie dies in den großen Kriegen Napoleon's I der +Fall war. Dieser Geist des Volks ist unbeweglich und,“ fügte er hinzu, +„wenn er richtig geleitet wird, so wird bei dieser Gelegenheit eine neue +gewaltige Macht zur Alliirten des Kaiserthums gemacht werden können.“ + +Der Kaiser sah ihn fragend an. + +„Diese Macht, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „ist die +Marseillaise, die Marseillaise, Sire, welche man verboten hat, weil sie +ein Gesang des Aufruhrs geworden, die man aber darum nicht aus dem +Herzen der Franzosen hat reißen können. Würde man bewirken können, daß +die Marseillaise aufhörte, ein Gesang der Revolution zu sein, daß sie +das Kriegslied der französischen Nation würde, daß unter ihren Klängen +die kaiserlichen Adler den Feinden entgegen getragen würden, so würde +das Kaiserreich und Eurer Majestät Dynastie von dem zauberisch +gewaltigen Hauch dieses großen Nationalhymnus auf eine vorher nie +geahnte Höhe empor getragen werden. Eine französische Armee, Sire, +welche unter den Klängen der Marseillaise ins Feld rückte, würde alle +Combinationen des preußischen Generalstabs zertrümmern und die +preußischen Landwehren in unaufhaltsamer Flucht vor sich her fegen.“ + +Die Kaiserin blickte gespannt auf ihren Gemahl. + +Napoleon schüttelte langsam und schweigend das Haupt. + +„Und wenn dann, Sire,“ fuhr der Baron David fort, „die französische +Armee siegreich zurückkehrte, so wäre der Revolution ihre Zauberformel +genommen, und die Marseillaise würde aus einem wilden Revolutionsgesang +ein kaiserlicher Siegeshymnus geworden sein.“ + +Abermals leuchteten die Augen des Kaisers auf, seine Brust dehnte sich +mit einem tiefen Athemzug aus, und er sprach nach einem Augenblick: + +„Wir debattiren da über den Krieg, zu dem es nicht kommen wird — zu dem +es nicht kommen soll,“ fügte er mit fester Stimme hinzu. „Doch in Ihrer +Bemerkung, mein lieber Baron, liegt eine tiefe Wahrheit, und ich danke +Ihnen für die Idee, welche Sie mir gegeben. Je mehr man in Frankreich an +die Möglichkeit eines Krieges glaubt, um so höher wird der Triumph +sein, wenn man ohne denselben dem Nationalgefühl volle Genugtuung +schafft. Die Gelegenheit ist günstig, um die Zaubermacht der +Marseillaise über die Franzosen, welche ich kenne und nach ihrem vollen +Werth schätze, zu einer mächtigen Waffe des Kaiserreichs zu machen. Ich +werde den Befehl geben, daß man die Marseillaise erlaubt, bewirken Sie, +daß man sie singt, daß man sie in den Theatern verlangt — das Plebiscit, +die Marseillaise und ein diplomatischer Erfolg gegen Preußen — das wird +ein festes Fundament für den Thron Napoleon's IV — das wird die Krönung +meines Gebäudes sein. Senden Sie also sogleich,“ sagte er zum Herzog von +Gramont gewendet, „den Befehl an Benedetti, die besprochene Erklärung +vom Könige von Preußen zu erbitten, aber in der geschmeidigsten und +sanftesten Form; er muß sie zu erreichen suchen, ohne daß man dort der +Sache eine zu große Bedeutung beilegt. Er wird das können, wenn er den +Schritt, den wir vom Könige von Preußen verlangen, demselben als eine +Unterstützung darstellt, die er mir zur Beruhigung der öffentlichen +Meinung gewährt — dann wird sich Alles leicht erledigen.“ + +Die Kaiserin trat leicht mit dem Fuß auf den Boden, ein Zug fast +höhnischen Unmuths erschien auf ihrem Gesicht, dann aber lächelte sie +wieder und lehnte sich schweigend in ihren Fauteuil zurück. + +„Der Baron Werther kommt heute von Ems zurück, Sire,“ sagte der Herzog +von Gramont, „ich werde ihm, nachdem ich die Instructionen an Benedetti +abgesendet, die Sache ganz in dem von Eurer Majestät gegebenen Sinn +darstellen, und er wird gewiß dazu beitragen, die so wünschenswerthe, +baldige und befriedigende Erledigung der Sache zu erreichen.“ + +„Thun Sie das, Herr Herzog,“ sagte der Kaiser, „und vergessen Sie nicht, +Benedetti die äußerste Vorsicht und die höflichste Geschmeidigkeit +anzuempfehlen.“ + +„Und ich, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „werde dafür sorgen, daß +morgen in Paris die Marseillaise erklingt, — man wird sich in Berlin +erinnern, daß es gefährlich ist, Frankreich entgegenzutreten, wenn +dieses Lied über seinen Heeren schwebt, und wenn die Tricolore und die +kaiserlichen Adler seinen Regimentern vorangetragen werden.“ + +Beide Herren verließen nach ehrerbietigem Gruß gegen die Majestäten das +Cabinet. + +„Nun,“ sagte der Kaiser, indem er aufstand und sich lächelnd zur +Kaiserin wandte, „Sie werden jetzt zufrieden sein, Eugenie, wir werden +einen großen Triumph erleben, ohne uns der Gefahr eines Krieges +auszusetzen, und Sie werden endlich die Genugthuung haben, die Politik +dieses Grafen Bismarck ein wenig gedemüthigt zu sehen. Werden Sie heute +Abend noch empfangen?“ + +„Nur meinen kleinen Cirkel,“ antwortete die Kaiserin leicht hin und +etwas zerstreut, als folge sie Gedanken, die unausgesprochen ihr Inneres +erfüllten. + +„Ich bin ermüdet,“ sagte der Kaiser, „und bitte Sie, mich zu +entschuldigen, ich möchte ein wenig meine Privatcorrespondenz ordnen, +die ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt habe.“ + +Er küßte seiner Gemahlin die Hand und kehrte langsam in seine Gemächer +zurück. + +„Welche Schwäche, welche Unschlüssigkeit!“ rief die Kaiserin, als sie +allein war. „Er möchte die Früchte des Sieges genießen und will doch den +Kampf nicht wagen. Nun,“ fuhr sie mit flammendem Blick und einem +stolzen, fast höhnischen Lächeln fort, „die Verhältnisse werden +mächtiger sein, als er; sie werden ihn über den Rubicon drängen, den er +nicht wie Cäsar zu überschreiten wagt. So sehr der König von Preußen +auch den Frieden zu erhalten wünschen mag, seine Geduld wird sich +endlich erschöpfen, wenn Forderung auf Forderung an ihn gestellt wird, +und wenn man in Paris erst die Marseillaise singt, wenn die Presse und +die Tribüne in immer steigendem Maß das Nationalgefühl erhitzen, so wird +trotz aller Unschlüssigkeit der Krieg kommen — dieser Krieg, der mein +Krieg ist, den man mir einst danken wird, der mich in den Augen von ganz +Frankreich zur wahren Französin machen wird, der nothwendig ist, um +meinem Sohn den Thron zu sichern, meinem Sohn, den ich hinaus senden +werde, um auf den Schlachtfeldern gegenwärtig zu sein, — wo man ihn +niemals gesehen hat, diesen anmaßenden Prinzen Napoleon, welcher es zu +behaupten wagt, daß in den Adern seiner Nachkommenschaft allein das Blut +des großen Kaisers fließe, und welcher so stolz darauf ist, daß seine +Mutter und die Mutter seiner Kinder purpurgeborne Prinzessinnen +waren. — Die Stunde der Entscheidung naht — sie wird den Sieg bringen — und +dieser Sieg wird Mein sein!“ + +Sie stand noch einige Augenblicke schweigend, den strahlenden Blick +auswärts gerichtet, die schönen Züge verklärt von stolzer Zuversicht. + +Dann bewegte sie die Glocke. + +„Man soll den Thee serviren,“ befahl sie dem Kammerdiener, „ich lasse +meine Damen und die Herren vom Dienst bitten, einzutreten.“ + + + + +Achtes Capitel. + + +Die Morgenpromenade in Ems war beendet. Langsam und nachdenklich +kehrte Graf Benedetti nach seiner Wohnung in der Stadt Brüssel zurück. + +Sein Kammerdiener übergab ihm zwei für ihn eingegangene Depeschen. +Benedetti trat in sein Zimmer, und reichte seinem Secretair, welcher ihn +erwartete die beiden Telegramme. Dieser zerriß hastig die Umschläge und +öffnete den großen Folioband, der den Chiffre des Botschafters enthielt, +um die Depeschen zu dechiffriren. + +Hier in seinem Zimmer verschwand von dem Gesicht Benedetti's jene +gleichgültige, höfliche, freundliche und undurchdringliche Ruhe, welche +sonst Alles verhüllte, was in seinen Gedanken vorging. Heftig bewegt +schritt er auf und nieder, sein blasses Gesicht zuckte in nervöser +Aufregung und seine sonst so klaren, unzerstörbar, heiteren Augen +blickten trübe und sorgenvoll vor sich hin. + +„Welch eine furchtbare Verantwortung liegt auf meinem Haupt,“ sagte er, +„ich fühle, daß der Faden der Unterhandlungen mir entschlüpft, weil man +ihn in Paris so scharf anzieht, daß es in der That kaum mehr möglich ist +ein anderes Ende, als den Bruch vorherzusehen — den Bruch — das heißt +einen Krieg, wie er seit Generationen Europa nicht erschüttert hat; das +heißt ein Meer von Blut, das heißt, die Zerstörung so vieler Güter, +welche der Fleiß und die Arbeit langer Jahre geschaffen haben. + +Was will man in Paris?“ fuhr er fort, indem er die Hand vor die Stirn +legte und unruhig nachdenkend schnell auf und nieder ging. „Will man den +Krieg? Das ist ja beinahe unmöglich, so wie ich den Kaiser kenne, — er +hat viele bessere Gelegenheiten vorübergehen lassen, wie sollte er jetzt +die Dinge auf's Äußerste treiben wollen. Sollte man aber wirklich den +Krieg wollen — warum es mir verheimlichen? Warum mich diese traurige und +undankbare Rolle eines Ueberlästigen spielen lassen? Warum diese unklare +Verworrenheit, welche nur dahin führen kann, daß der Bruch, wenn er +erfolgt, uns vor den Augen von ganz Europa als die absichtlichen +Friedensstörer hinstellt? Warum ist man da nicht gleich mit einer +klaren bestimmten Forderung hervorgetreten, die wenigstens zu einem +würdigen Abbruch der Verhandlungen hätte führen können? Ich habe,“ +sprach er weiter, indem er an das Fenster trat und auf die Straße +hinabblickte, „ich habe auf die coulanteste und freundlichste Weise das +erste Ziel meiner Mission erreicht — die Zurücknahme der Hohenzollerschen +Candidatur unter Autorisation des Königs. Nun steigert man successive +die Forderungen — giebt es einen Diplomaten in der Welt, der im Stande +wäre, eine solche Negotiation zu einem günstigen und würdevollen Ende zu +führen? Man verlangt die Erklärung des Königs, daß er für alle Zukunft +eine Wiederaufnahme der jetzt gescheiterten Combination nicht erlauben +werde. Eine solche Erklärung hätte sich erreichen lassen, wenn man nicht +zugleich die Aufregung in Frankreich begünstigt hätte, wenn man sich +größere Reserve bei den Erklärungen im Corps legislatif auferlegt hätte, +wenn man das persönliche Gefühl des Königs und den nationalen Stolz in +Deutschland nicht verletzt hätte, jetzt aber nach der kurzen +Unterredung, die ich so eben mit dem Könige auf der Brunnenpromenade +gehabt, ist an Erfüllung dieser Forderung garnicht zu denken. Und wenn +sie nicht erfüllt wird,“ sagte er seufzend, „nachdem man einen so +starken Anlauf genommen, nachdem man so hohe Worte gebraucht hat, so ist +der Krieg unvermeidlich — die Welt wird diesen Grund desselben kaum +verstehen, mag man nun den Bruch gewollt haben, oder mag man ohne Willen +und Plan zu demselben hingetrieben werden. + +Was telegraphirt der Herzog?“ + +Der Secretair hatte die beiden Depeschen dechiffrirt und reichte sie dem +Botschafter. + +Dieser durchflog raschen Blickes die Telegramme, seufzend warf er sie +auf den Tisch. + +„Die Festigkeit meiner Sprache,“ sagte er bitter lächelnd, „soll nicht +dem Ernst der Situation entsprechen. Aber, mein Gott, vergißt man denn +in Paris ganz, daß es sich hier um keine Unterhandlungen mit dem +Minister der auswärtigen Angelegenheiten handelt, sondern daß ich in +unmittelbarem persönlichem Verkehr mit dem Souverain stehe? Man kann +doch unmöglich von mir verlangen, daß ich die Formen verletzen sollte, +welche für diesen Verkehr maßgebend sind. Ich muß noch einen Versuch +machen, — vielleicht hat die Bitte, welche ich dem Könige durch den +Prinzen Radziwill aussprechen ließ, irgend einen Erfolg, vielleicht +entschließt sich der König, irgend ein Wort zu sagen, welches man in +Paris als genügend annehmen möchte, wenn der Grundgedanke des Kaisers +wirklich ist, den Frieden zu erhalten.“ + +Der Kammerdiener meldete den Flügeladjutanten Seiner Majestät des Königs +von Preußen, und einen Augenblick darauf trat der Oberstlieutenant Prinz +Radziwill, ein noch junger, schlanker Mann mit militairisch +geschnittenem vollem Bart in Civilmorgenanzug in das Zimmer. + +Das Gesicht des Grafen Benedetti hatte seine glatte und +undurchdringliche Ruhe wieder angenommen, er trat dem Prinzen mit +verbindlicher Höflichkeit entgegen. + +„Seine Majestät der König,“ sagte dieser im artigen Ton, „hat mich +beauftragt, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich nicht in der Lage +befinde, von einer neuen Unterredung ein Resultat voraussehen zu können, +da seine Entschließungen vollkommen fest ständen. Der König hat mir +zugleich befohlen, Eurer Excellenz in seinem Namen zu erklären, daß +Seine Majestät die Verzichtleistung des Prinzen Leopold approbirte und +zwar in demselben Sinne und demselben Geist, wie er seine Zustimmung zu +der Annahme dieser Candidatur ertheilt habe. Was den zweiten Punkt +betrifft, eine Verpachtung für die Zukunft zu übernehmen, so könne sich +Seine Majestät nur auf diejenige ablehnende Erklärung zurück beziehen, +welche er heute Morgen Eurer Excellenz persönlich gegeben habe.“ + +Keine Muskel bewegte sich im Gesicht Benedetti's, und mit ruhiger, +klarer Stimme sprach er: + +„Ich bin dem Könige unendlich dankbar, daß er die Gnade gehabt hat, mir +diese Erklärung durch Eure Durchlaucht zugehen zu lassen, und ich werde +dieselbe sogleich meiner Regierung mittheilen. Doch muß ich,“ fuhr er in +demselben ruhigen Ton fort, „Eurer Durchlaucht sagen, daß ich betreffs +des zweiten Punktes soeben noch sehr bestimmte Instructionen vom Herzog +von Gramont erhalten habe. Ich muß daher meine Bitte um eine neue +Unterredung mit Seiner Majestät nochmals wiederholen, um so mehr, als +ich dem Könige vielleicht einige neue, noch nicht erwogene +Gesichtspunkte mittheilen könnte. Ich muß nach den Instructionen, die +ich erhalten, den größten Werth auf die gnädige Gewährung meiner Bitte +um eine nochmalige Audienz legen, sei es auch nur, um nochmal von Seiner +Majestät die Erklärung wiederholen zu hören, welche er mir heute Morgen +gegeben hat. Ich bitte Eure Durchlaucht deshalb, den Wunsch, welchen ich +aussprechen muß, nochmal Seiner Majestät mittheilen zu wollen.“ + +„Ich werde nicht unterlassen, Eurer Excellenz Auftrag sogleich Seiner +Majestät auszurichten,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „und werde nicht +verfehlen, Eurer Excellenz die Allerhöchste Antwort mitzuteilen.“ + +Mit ausgesuchter Höflichkeit, in welcher jedoch eine gewisse, kalte und +stolze Zurückhaltung lag, verneigte er sich und verließ von dem +Botschafter bis zur Thür geleitet, das Zimmer. + +„Der Krieg liegt in der Luft,“ sagte er dann, indem er sich seufzend an +seinen Secretair wandte. „Ich kenne die Höfe, ich fühle, — ich weiß, was +geschehen wird. Der König wird mich nicht mehr empfangen — er hat sein +letztes Wort gesprochen.“ + +„Wenn der König den Botschafter Frankreichs zu empfangen verweigert,“ +rief der Secretair mit blitzenden Augen, „so ist das allein ein Grund +des Krieges, dessen Gerechtigkeit das Gefühl der ganzen Nation +anerkennen wird.“ + +„Sollte es das sein?“ sagte Benedetti leise, indem er nachdenklich den +Kopf schüttelte, „das würde freilich die nationale Entrüstung +entflammen. Aber,“ fuhr er fort, „würde darum der Kriegsgrund besser +werden, der Erfolg gesicherter sein? Doch ich bin erschöpft,“ sagte er +dann, „und Sie werden es auch sein, können wir auch die Entbehrung des +Schlafs ertragen, so fordert doch die körperliche Natur ihr Recht auf +Ergänzung der Substanz, lassen Sie uns frühstücken.“ — Er ließ das +Frühstück in seinem Zimmer serviren und beide Herren setzten sich +schweigend und gedankenvoll zu Tisch. — + + * * * * * + +Mehrere Stunden waren verstrichen voll unruhiger Erwartung für den +Grafen Benedetti, welcher sich in seinem Zimmer auf ein Canapé +niedergelegt hatte, um nach all der Aufregung der letzten Tage wenn +nicht Schlaf, so doch wenigstens Ruhe für seine erschöpften und +abgespannten Nerven zu finden. + +Endlich, es war bereits Abend — die Zeit des Diners des Königs war +vorüber — wurde dem Botschafter abermals der Fürst Radziwill gemeldet. + +Rasch sprang Benedetti empor und kaum gelang es ihm, den Ausdruck +unruhiger Spannung von seinem Gesicht verschwinden zu lassen, als er dem +Adjutanten des Königs entgegentrat. + +Noch kälter, noch zurückhaltender als vorher war der Ton, in welchem +dieser dem Botschafter sagte: + +„Der König hat mir befohlen, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich +verpflichtet sähe, eine neue Discussion über den zweiten, von Ihnen +angeregten Punkt — betreffend die Verpflichtungen und Garantien für die +Zukunft ganz bestimmt und kategorisch abzulehnen. Was Seine Majestät +Eurer Excellenz heute Morgen zugesagt hat, ist des Königs letztes Wort +in dieser Angelegenheit, und der König bittet Eure Excellenz sich +lediglich und ausschließlich an jenes Wort zu halten.“ + +Das Gesicht des Grafen Benedetti wurde bei diesen mit äußerster +Artigkeit, aber auch mit entschiedenster Festigkeit gesprochenen Worten +des Fürsten Radziwill noch um eine Nüance bleicher. Er ließ einen +Augenblick die Augenlider herabfallen, wie um den Ausdruck seines +Blickes zu verhüllen, und ein leichtes Nervenzucken zeigte sich eine +Secunde um seinen Mund. Schweigend neigte er den Kopf und sprach dann +mit ruhiger Stimme, in deren Ton keine Aufregung bemerkbar war. + +„Ich danke Eurer Durchlaucht für diese Mittheilung und möchte Sie nur +noch bitten, mir zu sagen, ob die Ankunft des Grafen Bismarck hier, von +welcher in diesen Tagen gesprochen wurde, heute oder morgen zu erwarten +ist.“ + +„Soviel mir bekannt geworden,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „hat der +Graf Bismarck seine Reise hierher aufgeschoben und morgen jedenfalls +wird seine Ankunft hier nicht zu erwarten sein.“ + +„Dann bitte ich Eure Durchlaucht,“ sagte Benedetti, „Seiner Majestät zu +sagen, daß ich nicht weiter auf meiner Bitte bestehe und mich bei den +Erklärungen des Königs beruhigen wolle.“ + +Der Fürst verabschiedete sich. Graf Benedetti begleitete ihn zur Thür +und blieb dann einige Augenblicke schweigend in tiefen Gedanken stehen. + +„Der Würfel ist gefallen,“ sagte er mit düsterem Ton, „das Verderben ist +entfesselt! Wen wird der Blitz treffen, der noch verborgen im Schoß der +Wolken ruht, welche den Himmel des europäischen Friedens überziehen.“ + +Er öffnete die Thür des Nebenzimmers und rief seinen Secretair. + +„Bereiten Sie Alles zur Abreise vor,“ sagte er im ernsten Ton, „meine +Mission hier ist zu Ende. Doch,“ fuhr er fort, „ich will bis zum letzten +Augenblick alle Pflichten der Höflichkeit erfüllen. Wenn es das +Schicksal will, kann sich vielleicht doch noch eine Gelegenheit bieten, +das Verhängniß zu beschwören. Gehen Sie zum Hause des Königs und sagen +Sie dem Adjutanten vom Dienst, daß ich um die Erlaubniß bäte, mich von +Seiner Majestät verabschieden zu dürfen. Damit verletze ich keine Form +und kann zugleich meinen persönlichen Wunsch erfüllen, von dem +Monarchen, der mir soviel Gnade und Wohlwollen bewiesen hat, und von +dem ich in so verhängnißvollem Augenblick scheiden muß, einen +freundlichen Abschied zu nehmen.“ + + * * * * * + +Die Aufregung unter den Badegästen in Ems, welche die ersten Nachrichten +von den Differenzen über die Hohenzollersche Candidatur erregt hatten, +war fast vollständig wieder verschwunden. Man hatte zwar die heftigen +Artikel der französischen Journale gelesen, die nationale Entrüstung, +welche ganz Deutschland bei diesen Provocationen erfaßte, war auch +dorthin in die stillen Kreise des Badelebens gedrungen, aber man hatte +auch wieder Gelegenheit gehabt, hier in unmittelbarer Nähe den so +freundlichen Verkehr des Könige mit dem französischen Botschafter zu +sehen. Man hatte gesehen, wie Seine Majestät den Grafen Benedetti +täglich auf der Promenade auf das huldvollste anredete und einige Zeit +in lebhafter Conversation mit ihm auf- und niederging. Das Lächeln +verschwand keinen Augenblick von dem glatten Gesicht des Botschafters +und der König war ruhig und heiter wie immer. + +Baron Werther war wieder nach Paris zurückgereist; der Minister des +Innern, welchen der Graf Bismarck, der von Barzin kommend, in Berlin +leicht erkrankt war, zum Könige nach Ems entsendet hatte, war wieder +nach Berlin zurückgekehrt; der Finanzminister war angekommen, um wie man +erzählte, Seiner Majestät über Angelegenheiten seines Ressorts Vortrag +zu halten, und Alles schien wieder in das gewohnte Geleis +zurückzukehren. + +Als nun gar der Telegraph die Nachricht brachte, daß der Prinz Leopold +von Hohenzollern auf seine Candidatur Verzicht geleistet, und daß Graf +Bismarck, darin die vollständige Erledigung der ganzen Angelegenheit +erblickend, seine Reise nach Ems aufgegeben habe, da verschwanden +vollends die letzten Besorgnisse, und man sah auf der Brunnenpromenade +nur heitere und lächelnde Gesichter, man verabredete Partien in die +Berge, und die Unterhaltung, welche so lange von den ernsten +Gegenständen der Politik in Anspruch genommen war, wandte sich wieder +den kleinen Ereignissen des Tages zu. + +Man sprach von den Toiletten der Herzogin von Ossuna, welche soeben mit +ihrem Gemahl angekommen war und Alles durch ihren Geschmack und ihre +Eleganz in den Schatten stellte. Man wiederholte die märchenhaften +Erzählungen über den Reichthum dieses spanischen Granden, welcher die +Königin Isabella am Hofe von St. Petersburg vertreten und an diesem +prachtvollsten Hof Europas einen Glanz entwickelt hatte, der selbst +dort noch nicht gesehen worden war. + +Da plötzlich drang am Nachmittag des 14. Juli in diese wieder zu +sorgloser, heiterer Geselligkeit sich zusammenschließenden Kreise wie +ein unvorbereiteter Wetterschlag die Nachricht, daß der König, den man, +wie er öfter that, nach Coblenz zu seiner Gemahlin hatte fahren sehen, +der am Abend zurückerwartet wurde, schon in der Frühe des nächsten +Morgens nach Berlin abreisen werde, daß alle Verhandlungen abgebrochen +seien, daß Seine Majestät sogar jede weitere Unterredung mit dem +Botschafter abgelehnt habe, und daß der Krieg unvermeidlich scheine. + +Die tiefste Bestürzung verbreitete sich überall. Diejenigen, welche mit +dem einen oder dem andern Herrn aus der Umgebung des Königs bekannt +waren, suchten sich demselben zu nähern, um Ausführliches zu +erfahren — die Umgebung des Königs vermied es zwar, sich in lange +Gespräche über die Situation einzulassen, doch der ernste, fast +feierliche Eindruck, welcher auf den Gesichtern aller dieser Herren lag, +einzelne hingeworfene Bemerkungen und die Bestätigung der für den +nächsten Morgen feststehenden Abreise des Königs zeigten deutlich genug, +daß die Befürchtungen, welche überall erregt waren, vollkommen begründet +seien. + +Der französische Botschafter war noch nicht abgereist, aber er hielt +sich in seiner Wohnung und erschien nicht auf der Abendpromenade. + +Bis spät in die Nacht hinein waren alle Straßen mit Menschen gefüllt, +und die ganze Nacht über dauerte die Unruhe in allen Häusern, denn fast +alle fremden Badegäste trafen Anstalten zur schnellen Abreise, und die +Bewohner von Ems sahen mit Bekümmerniß dem plötzlichen Ende einer so +glänzend begonnenen Saison entgegen. + +Schon lange vor acht Uhr am nächsten Morgen, zu welcher Stunde die +Abreise des Königs befohlen war, hatte der Bahnhof sich dicht gefüllt +mit einem zahlreichen Publikum, unter welchem die Damen und Herren aus +dem Kreise der Badegäste, die dem König persönlich bekannt waren, die +ersten Reihen am Perron einnahmen, der in der Nacht mit Blumenguirlanden +geschmückt worden war. + +Allmälig erschien die Umgebung des Königs, welche den Monarchen nach +Berlin begleitete. Die Waggons fuhren heran und das zahlreiche Gepäck +wurde in den bereits vorgefahrenen Zug, in dessen Mitte man den großen +königlichen Salonwagen erblickte, eingeladen. + +Zum Erstaunen aller Anwesenden erschien auch der französische +Botschafter Graf Benedetti am Bahnhof und begab sich mit unbefangen +heiterer Miene, Einen oder den Andern aus der Badegesellschaft begrüßend +auf den Perron, wo er seinen Ueberrock ablegte und im schwarzen Anzug, +das Band des schwarzen Adlerordens über der Brust, ruhig dastand, mit +den Andern den König erwartend, ohne die erstaunten und wenig +freundlichen Blicke zu beachten, mit welchen man ihn von allen Seiten +ansah. + +Die Wagen waren bepackt; die Locomotive war schnaubend herangefahren und +hatte sich an die Spitze des Zuges gestellt; die Lakaien in Reiselivreen +standen an den Thürschlägen. + +Da ertönten vom Badehause einzelne, sich schnell fortpflanzende +Hochrufe. Wenige Augenblicke darauf fuhr der König an den Perron heran, +er trug Militair-Rock und Mütze. Der Flügel-Adjutant Fürst Radziwill +begleitete ihn, der Hofmarschall Graf Perponcher ging dem Könige +entgegen und meldete, daß Alles bereit sei. + +Der König sah frisch und kräftig aus, seine Haltung war stolz und fest, +und trotz des tiefen Ernstes, der auf seinen Zügen lag, blickten seine +Augen doch in milder Heiterkeit auf die zu seiner Begrüßung Versammelten +hin. Er richtete, schnell die Reihe herabschreitend, mit freundlichem +Kopfnicken alle diese ehrerbietigen Grüße erwidernd, an einzelne +Bekannte einige Worte. Bei dem Polizei-Präsidenten von Wurmb, welcher im +Reiseanzug gegenwärtig war, blieb der König einen Augenblick stehen. + +„Ich habe Sie gebeten mit mir abzureisen,“ sagte er. „Sie werden viel zu +thun finden, — unsere Vorbereitungen für die Enthüllung des Denkmals des +hochseligen Königs,“ fügte er mit wehmüthigem Lächeln hinzu, „werden nun +wohl für längere Zeit vertagt bleiben.“ + +„Möge die Errichtung des ehernen Denkmals auch noch hinausgeschoben +werden, Majestät,“ erwiderte Herr von Wurmb mit bewegter Stimme, „das +lebendige Denkmal an die große Zeit des hochseligen Herrn, welches in +jedem Preußenherzen fest begründet ist, wird in diesen Tagen mit +lebendigen Kränzen der Erinnerung und neuer Hoffnung geschmückt. Wieder +durchdringt das ganze Volk wie damals der heilige Ruf aus der Zeit des +eisernen Kreuzes „Mit Gott für König und Vaterland.“ + +Der König neigte das Haupt, sein Blick fiel auf das schwarz-weiße Band +des eisernen Kreuzes, das er trug, und indem er dasselbe leicht mit der +Hand berührte, sagte er halb laut: + +„In diesem Zeichen werden wir siegen.“ + +Er ging weiter. Raschen und festen Schrittes trat er zu dem sich tief +verneigenden Grafen Benedetti. + +„Sie haben gewünscht, Herr Graf,“ sagte der König mit freundlicher +Höflichkeit, „sich von mir zu verabschieden — leben Sie wohl.“ + +Trotz der Gewalt, mit welcher der französische Diplomat den Ausdruck +seiner Züge beherrschte, zeigte sich doch einen Augenblick eine mächtige +Bewegung auf seinem Gesicht. + +„Ich danke Eurer Majestät,“ sagte er mit leicht zitternder Stimme, „daß +Sie mir Gelegenheit geben, von Ihnen Abschied zu nehmen, und ich danke +Ihnen auch in diesem Augenblick noch einmal für die Gnade und das +Wohlwollen, welches Sie mir während der Zeit meiner Beglaubigung an +Ihrem Hofe bewiesen haben. Möchte die Zukunft Alles zum Guten wenden.“ + +„Die Zukunft liegt in Gottes Hand,“ sagte der König mit fester Stimme, +und indem er freundlich den Kopf neigte, wandte er sich zur Thür des +Salonwagens, an welcher der Hofmarschall und die übrigen Herren des +Gefolges ihn erwarteten. + +„Kommen Sie zu mir, lieber Abeken,“ sagte der König, „wir haben +unterwegs viel zu arbeiten und nehmen Sie St. Blanquart mit, damit alle +ankommenden Depeschen sogleich dechiffrirt werden können.“ + +Der Geheime Legationsrath nahm aus der Hand eines Dieners die große +Mappe, welche seine Papiere enthielt, winkte den Hofrath St. Blanquart, +welcher in einiger Entfernung von dem königlichen Gefolge stand, heran, +und beide folgten dem Könige, welcher bereits eingestiegen war, in den +Salonwagen, während die übrigen Herren ihre Plätze in den Coupés vor und +hinter demselben einnahmen. + +Die Locomotive pfiff, der König trat noch einmal an das Fenster und +winkte grüßend mit der Hand. + +Ein brausender Hochruf ertönte als Antwort auf den königlichen +Abschiedsgruß und wiederholte sich mit wachsender Begeisterung, während +der immer schneller dahin rollende Zug den Monarchen aus dem stillen, +friedlichen Badeort nach seiner Residenz zurückführte, von wo er bald +hinausziehen sollte an der Spitze des waffengerüsteten Deutschlands, um +von Neuem den Kampf aufzunehmen gegen den alten Feind seines Hauses und +seines Landes. + +Der König hatte an dem Fenster des Salonwagens Platz genommen und +blickte durch die hellen Glasscheiben in die lachende Gegend hinaus, +während der Geheimrath Abeken ihm gegenüber Platz genommen hatte, um +ihm die verschiedenen eingegangenen Depeschen vorzutragen. + +Der Hofrath St. Blanquart saß am Ende des Salons, den Chiffre vor sich, +eine nach der andern die Depeschen dechiffrirend, welche unmittelbar vor +der Abreise eingegangen waren und bereit, diejenigen in Empfang zu +nehmen, welche man auf den einzelnen Stationen erwarten mußte. + +„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken, „sogleich zu +Anfang eine wichtige und erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Aus München +ist gemeldet, daß der König auf den Vorschlag des Ministeriums erklärt +hat den Casus foederis für gegeben zu erachten, auch hat seine Majestät +die vorgelegte Mobilisirungsordre genehmigt.“ + +Der Blick des Königs leuchtete freudig auf. + +„Das deutsche Blut der Wittelsbacher verläugnet sich nicht,“ sagte er, +„sie haben gegen uns gestanden im Kriege von 1866, und sie lieben dort +vielleicht Preußen nicht zu sehr — aber jetzt wo Deutschland in den Kampf +tritt, zweifelt dieser junge König nicht, wo sein Platz ist. Nun +Deutschland wird ihm das nicht vergessen und ich auch nicht, denn von +nun an, wenn Gott uns in diesem Kampfe beisteht, wird ja die Geschichte +Preußens und Deutschlands für immer die gleiche sein. Künftig wird die +deutsche Armee ins Feld ziehen —“ + +„Wie Brandenburg Preußen wurde, Majestät,“ sagte der Geheime +Legationsrath, „so wird Preußen Deutschland werden und damit seine große +Mission vollenden.“ + +Der König blickte schweigend weit hinaus nach dem Horizont, an welchem +die an der Bahn liegenden Bäume schnell vorüberflogen. + +„Der feste und patriotische Entschluß des Königs Ludwig,“ sagte er nach +einigen Augenblicken, „ist um so höher anzuerkennen, als es in Baiern in +allen Kreisen nicht an eifrigen Bemühungen gefehlt hat, die Gelegenheit +zu benutzen, um eine Sonderpolitik zu machen. Nun ist Deutschland einig, +und jede Hoffnung Napoleons, die Südstaaten zu sich herüber zu ziehen, +gescheitert. Von Würtemberg sind noch keine Nachrichten da?“ + +„Noch nicht,“ sagte der Geheime Legationsrath Abeken, „doch hat Herr von +Rosenberg berichtet, daß an der patriotischen Haltung Würtembergs nicht +zu zweifeln sei.“ + +„So ist denn Deutschland zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich +einig,“ sagte der König, „die Zeit ist gekommen, in welcher jener alte +Spottname der Reichsarmee verschwinden wird, und in welcher die +deutschen Heere, von Preußen geführt, den alten Kriegsruhm der Nation zu +neuem Glanz erheben sollen.“ + +„Alles vereinigt sich,“ sagte der Geheime Legationsrath, „um die +Zuversicht auf den Sieg, welche ich fest in dem Herzen trage, zu +bestärken. Auch die Besorgnisse, welche die Haltung Österreichs +einflößen könnte, sind beseitigt durch die Gewißheit von der +freundlichen Haltung Rußlands, welche Graf Bismarck meldet. Der +Ministerpräsident wird Eurer Majestät darüber persönlich ausführlicher +berichten, doch ist als gesichert zu betrachten, daß jeder feindlichen +Bewegung Österreichs energisch entgegengetreten werden wird, daß der +Handel der Ostsee keiner Gefahr ausgesetzt werden soll, alle früheren +Besprechungen über diese Eventualität sind von Neuem bestätigt worden +und es ist die volle Sicherheit vorhanden, die ganze ungeschwächte und +ungetheilte Militairkraft nach der französischen Grenze hin verwenden zu +können.“ + +„Der Kaiser Alexander ist ein treuer Freund,“ sagte der König. „Er +erkennt wie ich auch die politische Notwendigkeit, daß Deutschland und +Rußland fest zusammenhalten, um gegenseitig ihre Aufgabe zu erfüllen +und ihre Zielpunkte zu erreichen. Möchten diese beiden Mächte immer +einig bleiben, dann wird Frankreich die übermüthige Prätension aufgeben +müssen, die dominirende Rolle in Europa zu spielen.“ + +Der Zug hielt in Coblenz. Der König trat an das Fenster, nahm die +Meldung der Generalität entgegen und begrüßte freundlich die zahlreiche +Menge, welche ihm ihr jubelndes Hurrah entgegen rief. Nach wenigen +Minuten fuhr man weiter. Depeschen auf Depeschen kamen an. Der Hofrath +St. Blanquart entzifferte unermüdlich mit lang geübter Sicherheit deren +Inhalt aus den langen Zahlenreihen und der Geheime Legationsrath Abeken +trug dem Könige immer neue Nachrichten vor, welche Kunde brachten von +der immer mächtiger aufflammenden Begeisterung des deutschen Volkes in +allen Gebieten des weiten Vaterlandes. + +Nach einigen Stunden wurde im Salonwagen das einfache Frühstück des +Königs servirt, der Leibjäger brachte Körbe mit kalter Küche und das +einfache Reiseservice. + +Und einen Augenblick den Vortrag unterbrechend, aß Seine Majestät etwas +kalten Hummer und trank ein Glas Wein, während er zugleich den Geheimen +Legationsrath Abeken aufforderte, die ermatteten Kräfte nach so langer +Arbeit wieder zu ergänzen. + +Dann winkte der König noch einmal dem Leibjäger und ließ sich den Korb +reichen. Er nahm ein Butterbrod und etwas kaltes Fleisch und legte es +auf einen kleinen Teller. + +„Ein Glas Wein,“ befahl er dann. + +Der Leibjäger servirte ein Glas Bordeaux. + +Der König nahm es in die Hand, den kleinen Teller in die andere und so +ging er durch den Salon zum Hofrath St. Blanquart hin, der noch immer +eifrig und unermüdlich eine Zahlenreihe nach der andern dechiffrirte. + +„Halten Sie einen Augenblick ein,“ sagte der König mit freundlichem +Lächeln, „mein lieber St. Blanquart, von Chiffrezahlen kann kein Mensch +leben. Nehmen Sie hier, was ich Ihnen bringe, wir müssen uns schon ein +wenig an das Campagneleben gewöhnen.“ + +St. Blanquart stand ganz erschrocken auf. + +„Majestät,“ sagte er, „welche Gnade — Eure Majestät denken selbst an +mich —“ + +„Soll ich denn nicht an meine Diener denken,“ sagte der König, „die Tag +und Nacht für mich arbeiten — nehmen Sie schnell, wir haben nicht viel +Zeit zur Ruhe.“ + +Er stellte den Teller vor den Hofrath hin, gab ihm das Glas Wein in die +Hand und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Fenster zurück, wo er +gedankenvoll hinaus in die Ebene schaute, wartend, bis die beiden Herren +ihr Frühstück vollendet hatten, dann erst ließ er den Korb und das +Service hinaustragen und die Arbeiten wieder aufnehmen. + +Weiter und weiter brauste der Zug. An allen Bahnhöfen wurde der König +von dichten Menschenmassen begrüßt, deren jubelnde Zurufe immer +lebhafter und begeisterter wurden. + +„Krieg! Krieg gegen Frankreich!“ hörte man fast überall. + +Dazwischen ertönten einzelne Stimmen: + +„Nach Paris! Nieder mit Napoleon!“ + +Auf jede Weise documentirte sich die patriotische Begeisterung des +Volkes. + +Bei allen solchen Rufen blickte der König tief ernst über die +Menschenmenge hin. + +„Sie rufen nach Krieg,“ sprach er leise, „sie bewegt die patriotische +Begeisterung und hebt sie über alle Sorgen der Zukunft hinweg. Aber +Niemand kennt so genau wie ich die Opfer, welche die nächste Zeit dem +gesammten Vaterlande auflegen wird, und ich muß ja doch das +entscheidende Wort sprechen. Nun, Gott weiß, daß dies entscheidende Wort +mir abgerungen ist, und daß nicht Ehrgeiz und Übermuth mich zum Kampfe +treibt, darum wird mir Gott seinen Segen geben, an dem Alles gelegen +ist. Eine solche Hingebung, eine solche Begeisterung des Volkes ist ja +der beste Segen Gottes!“ + +Nachdem in Cassel ein schnelles Diner eingenommen war, nachdem in +Magdeburg auf dem geschmückten Bahnhof der König mit hohem Enthusiasmus +begrüßt worden, hielt der Zug in Burg. Auch hier war eine Kopf an Kopf +gedrängte Menschenmenge versammelt, und ein donnerndes Hurrahrufen +begrüßte die Abfahrt des königlichen Salonwagens. + +Der König trat abermals an das Fenster und winkte mit der Hand über den +Platz hin. + +Da mit einem Mal verstummten die jubelnden Stimmen, eine tiefe Stille +trat ein, und ein an der Seite des Perrons aufgestelltes Musikcorps +begann eine voll anklingende ergreifende Melodie zu spielen. + +Der König lauschte den Tönen, welche hier an Stelle des „Heil Dir im +Sieger-Kranz“, das ihn sonst überall begrüßt hatte, ertönten. Er schien +in seiner Erinnerung zu suchen nach diesen Tönen und blickte wie +fragend auf den Legationsrath Abeken hin, welcher rückwärts vom Fenster +neben seinem Sessel stand. + +„Es ist die Wacht am Rhein, Majestät,“ sagte der Geheime Legationsrath. + +Still schweigend blickte der König vor sich hin. + +„Die Wacht am Rhein, — die Wacht am Rhein,“ sagte er tief sinnend, +während die Melodie draußen weiter klang, und erst einzelne Stimmen, +dann ein immer vollerer Chor die Musik zu begleiten begann. — + +„Die Wacht am Rhein, — ja, ja, das ist es, das ist schön — das ist sehr +schön, das ist das wahre Wort, welches einfach, herrlich und groß den +tiefen Gedanken ausdrückt, der diese Tage bewegt, und der das ganze Volk +zusammenführt zur Abwehr des verwegenen Angriffs.“ + +Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Kein Hurrahrufen erscholl, aber +die ganze große Menschenmenge war in den Gesang eingefallen, der voll +und gewaltig dem Könige nachklang, welcher am Fenster stand und auf alle +diese entblößten Häupter, auf alle diese von Begeisterung flammenden +Gesichter hinblickend, mit leisen Bewegungen des Hauptes den Rhythmus +der Melodie begleitete, bis dieselbe unter dem Rollen der Räder und dem +Schnauben der Maschine in der Ferne verklang. + +So kam man näher und näher nach Brandenburg, wo, wie dem Könige durch +den Telegraphen gemeldet war, der Kronprinz, Graf Bismarck, der +Kriegsminister von Roon und der General von Moltke den König erwarteten. + +Endlich, der Abend dunkelte bereits herein, fuhr der Zug in den Bahnhof +der alten märkischen Stadt ein. Fast die ganze Bevölkerung war dort +versammelt, die Spitzen der Behörden, und die Officiercorps standen auf +dem Perron hinter den Ministern; Allen voran der Kronprinz, welcher, als +kaum der Zug zum Stehen gebracht war, selbst die Thür öffnete, in den +Salonwagen hineinsprang und in tiefer Bewegung die Hand des Königs an +seine Lippen führte. + +Der König breitete seine Arme aus und drückte seinen Sohn einen +Augenblick schweigend an die Brust. + +„Ich hatte gehofft,“ sagte er dann ruhig und milde, „daß der Abend +meines Lebens in Frieden enden würde, und daß die Kämpfe der Zukunft +Deinem jüngeren und kräftigeren Arm überlassen bleiben sollten, — Gott +hat es anders gewollt, Du wirst mir zur Seite stehen, um unser Volk +nochmals zum Siege zu führen.“ + +Dann trat er auf den Perron hinaus und unter den immer von Neuem sich +wiederholenden Zurufen, die sich weithin in der Umgebung des Bahnhofs +fortpflanzten, begrüßte er mit herzlichem Händedruck den Grafen Bismarck +und die Generale von Moltke und von Roon, welche ihm ernst und tief +bewegt entgegentraten. + +„Der Augenblick ist da,“ sagte Graf Bismarck, „den wir so lange mit +aller Anstrengung hinauszuschieben versucht haben. Die letzte +Entscheidung naht, und fast möchte ich frei aufathmen, nun da die Nebel +zerreißen, da die frische Luft uns umweht und in reiner Klarheit unser +großes Ziel vor uns liegt, die heiligsten Güter des Vaterlandes zu +vertheidigen, Deutschland heraufzuheben auf den ersten Platz unter den +europäischen Nationen. Der Morgen einer großen Zeit bricht an, einer so +großen Zeit, wie sie kaum je die Geschichte gekannt hat; und Gott sei +Dank, das Schwert Deutschlands liegt in Händen, die es nicht niederlegen +werden, bevor der Sieg nicht erkämpft ist.“ + +Der König neigte nur langsam das Haupt, ohne etwas zu erwidern, dann +wandte er sich auf den Perron zu den Officieren und Civilbeamten, sprach +mit den obersten Vertretern derselben einige Worte und befahl bald die +Weiterreise, indem er den Geheimen Legationsrath Abeken und den Hofrath +St. Blanquart entließ und die Minister aufforderte, mit ihm und dem +Kronprinzen in den Salonwagen zu steigen. + +„Nun, meine Herren,“ sagte der König, als der Zug sich in Bewegung +gesetzt hatte, „wir werden von Neuem zu Felde ziehen müssen, denn ich +glaube nicht, daß jetzt noch eine friedliche Wendung möglich ist und +Jeder von uns wird mit Aufbietung aller Kräfte auf dem Posten stehen +müssen, denn diesmal handelt es sich um noch schwerere Kämpfe als im +Jahre 1866, schwerer vielleicht an Anstrengung und Arbeit,“ fügte er +hinzu. „Aber,“ sagte er dann, den hellen, klaren Blick auf den +Kronprinzen richtend, „ich ziehe mit leichterem, froherem Herzen ins +Feld gegen den alten Feind Deutschlands, als damals, da ich gegen den +alten Verbündeten, da ich gegen einen Fürsten aus deutschem Stamme +kämpfen mußte.“ + +„Und Alles ist vorbereitet, Majestät,“ sagte Graf Bismarck fast im +heiteren Ton, „um uns nach allen Richtungen den Erfolg zu sichern. +Frankreich hat sich durch diesen mit so unglaublichem Unverstand +ausgewählten Kriegsfall vollkommen isolirt, so daß auch diejenigen +Mächte, welche ihm vielleicht innerlich günstiger gesinnt sind, als uns, +sich außer Stande befinden, ihm irgend welche Sympathie zu beweisen, +und vor allen Dingen sind wir nach einer vielleicht bedenklichen Seite +hin vollkommen gesichert. Ich habe ausführlich mit dem Fürsten +Gortschakoff über die Situation verhandelt, die russische Politik ist +vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Krieg +zwischen uns und Frankreich zu localisiren und wird die strenge +Neutralität Österreichs überwachen.“ + +Der König nickte mit dem Kopf. + +„Wir werden weiter darüber sprechen,“ sagte er. — „Süddeutschland steht +ohne Rückhalt und ohne Schwanken zu uns?“ + +„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „trotz aller Agitationen +der feindlichen Parteien werden die Könige von Baiern und Würtemberg +fest an ihren Verträgen halten, und die Stimmung der Bevölkerung hebt +sich nach Allem, was mir berichtet wird, immer mehr zu einmüthiger +nationaler Begeisterung. Ich denke meinerseits noch ein wenig dazu +beizutragen, die ganze öffentliche Meinung in Deutschland und in den +übrigen Ländern von der Gerechtigkeit unserer Sache zu überzeugen und +den eigentlichen Kernpunkt des französischen Angriffs klar zu legen.“ + +Der König blickte den Minister fragend an. + +„Eure Majestät erinnern sich,“ sagte Graf Bismarck, „der schmählichen +Propositionen, welche von Frankreich uns bei wiederholten Gelegenheiten +gemacht worden sind, und welche uns einen unwürdigen Handel um die +nationale Entwickelung Deutschlands anboten, indem wir durch Raub an +Dritten das erkaufen sollten, was das selbstständige Recht Deutschlands +ist. Eure Majestät erinnern sich des Vertragsentwurfs, welchen mir +Benedetti einst gegeben hat, und in welchem für die Eroberung Belgiens +die Süddeutschen Staaten, über deren Selbständigkeit und Unabhängigkeit +man in Paris so viel gesprochen hat, uns von Frankreich überliefert +werden sollten.“ + +„Ich erinnere mich,“ sagte der König. + +„Nun, nun, Majestät,“ fuhr Graf Bismarck fort, „der innere, der wahre +Grund dieses jetzt so vermessen heraufbeschworenen Krieges liegt darin, +daß wir jenen Handel alle Zeit fest und entschieden zurückgewiesen +haben. Man will jetzt versuchen mit Gewalt zu nehmen, was wir nicht +verkaufen wollten. Ich habe über alle jene Vorschläge bisher das tiefste +Stillschweigen beobachtet, damit von unserer Seite nichts geschehe, um +einen so verhängnißvollen Bruch herbeizuführen. Nun aber, Majestät, ist +wie ich glaube der Augenblick gekommen, um die wahren Absichten und +Pläne Frankreichs vor aller Welt zu enthüllen, und wenn Eure Majestät es +erlauben, werde ich jenen Vertragsentwurf, den Benedetti und der Kaiser +Napoleon nicht ableugnen können, den Vertretern der Mächte und der +öffentlichen Meinung Europas mittheilen. Die Süddeutschen werden sehen, +wohin sie mit der hier und da gehegten Hoffnung auf Frankreich gekommen +wären. England wird sehen, was die Verträge über Belgien in Frankreichs +Augen zu bedeuten haben und abgesehen von der äußeren Form dieser +unerhörten Provocation wird auch die innere Gerechtigkeit unserer Sache +vor den Augen aller Welt klar werden. Damit wird eine große moralische +Macht uns zugeführt werden.“ + +Der König nickte zustimmend mit dem Kopfe. + +„Ja, ja, darin liegt der wahre Grund dieses so lang zurückgehaltenen +Krieges, und es kann nur nützlich sein, wenn alle Welt das klar +erkennt. — Ich habe auch,“ sagte er nach einigen Augenblicken, während +eine tiefe Bewegung aus seinen Augen leuchtete, „ich habe auch daran +gedacht, unsere Waffenmacht durch eine moralische Kraft zu verstärken +und der Begeisterung des Volkes einen idealen Halt, ein heiliges Zeichen +zu geben, zu dessen siegreichem Einfluß ich ein gläubiges Vertrauen +habe.“ + +Der Kronprinz und die andern Herren blickten erwartungsvoll in das +bewegte Gesicht des Königs. + +„Ich will das eiserne Kreuz wieder herstellen,“ sagte der König, indem +er wie unwillkürlich die Hände faltete und einen Augenblick die Augen +niederschlug, um den feuchten Schimmer zu verbergen, der an seinen +Wimpern erglänzte — „das wird die großen, frommen Erinnerungen wach rufen +und die Begeisterung jener vergangenen Zeit auch der Gegenwart wieder +erwecken. Die Ritter des eisernen Kreuzes sterben aus, ich will das edle +Zeichen auch für Dich und Deine Generation,“ sagte er zum Kronprinzen +gewendet, „erhalten als ein Vermächtniß der Erinnerung an mich und +meinen Vater.“ + +„Und ich verspreche Dir,“ rief der Kronprinz in mächtiger Erregung, „daß +ich nicht ruhen und rasten will, bis ich dies heilige Zeichen mir +erkämpft habe.“ + +Schweigend, voll Liebe und Bewunderung blickten die Minister auf den +König, der noch einige Augenblicke in stillem Sinnen da saß. + +Ein langer Pfiff der Lokomotive ertönte. Man fuhr in den provisorischen +Potsdamer Bahnhof ein. Bereits war die Dunkelheit des späten Abends +herabgesunken, der mit Blumenguirlanden geschmückte Bahnhof war +erleuchtet, ein einfacher Kronleuchter hing an der Decke des +provisorisch hergestellten königlichen Wartezimmers. + +Auf dem Perron erwarteten den König die Spitzen der Behörden, der +Magistrat, die Generalität, die Hofchargen und zahlreiche Damen mit +prachtvollen Blumenbouquets in der Hand. + +Ein mächtiger Hurrahruf erschallte über den ganzen Bahnhofsplatz hin als +der königliche Zug am Perron vorfuhr. Auf dem Perron entblößten sich +alle Häupter, die Hüte wurden in die Luft erhoben, die Damen wehten mit +den Tüchern. + +Der König und der Kronprinz stiegen aus. + +In der vordersten Reihe stand der greise Feldmarschall Wrangel. + +Rasch schritt der König zu demselben hin und reichte ihm die Hand, in +tiefer Bewegung beugte sich der Feldmarschall nieder und drückte seine +Lippen auf die königliche Rechte. + +„Ich begrüße in Ihnen, mein lieber General-Feldmarschall, meine Armee, +die von Neuem zeigen wird, daß sie ihrer Veteranen würdig ist.“ + +Der Feldmarschall wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm einige +Augenblicke. + +„Oh warum, Majestät,“ sagte er endlich in abgebrochenen Worten, „warum +gehöre ich heute zu diesen Veteranen, warum wollen die alten Glieder +heute nicht so vorwärts wie das Herz, das noch immer nicht alt wird.“ + +„Nun,“ sagte der König, die Hand leicht auf die Schulter des +Feldmarschalls legend, „wenn Sie auch heute nicht mehr ins Feld ziehen +können, Ihr Geist und Alles, was Sie für meine Armee gethan, das zieht +doch mit hinaus und das wird ebenso schwer bei der Entscheidung wiegen, +ja schwerer, als die Kraft der jungen Arme, denn der ruhmvolle Geist der +Vergangenheit, der in meiner Armee weht, ist es, der sie zum Siege +führen wird. Ich werde,“ fügte er freundlich zu dem Feldmarschall +gewendet, hinzu, „das eiserne Kreuz wieder herstellen, damit die +Veteranen der künftigen Generation auch dasselbe schöne Zeichen tragen +können, das wir Alten uns in den großen Tagen der Vergangenheit erworben +haben.“ + +„Das freut mir von ganzem Herzen,“ sagte der Feldmarschall, indem sein +altes, treuherziges Gesicht von Glück und Freude strahlte. „Das haben +Eure Majestät recht gemacht, das wird unseren Jungens wieder den Geist +von 1813 einhauchen. Dieser Geist fängt schon an zu wehen, ich habe da +gestern ein Witzblatt gesehen, worüber ich mir sonst geärgert habe, die +Berliner Wespen, die haben einen preußischen Soldaten gemalt, der dem +Napoleon die Faust unter die Nase hält und ihm sagt: „Dir hat wohl lange +nicht die Nase geblutet.“ Das ist richtiger preußischer Geist, Majestät, +und ich habe mir auch gleich hingesetzt und dem Schreiber von diesem +Wespenblatt über sein Bild meinen Glückwunsch gesagt.“ + +Der König lächelte. + +„Sie haben Recht, lieber Feldmarschall, je ernster die Zeit, um so +weniger darf dem Soldaten der Humor ausgehen, und damit hat es bei uns +Berlinern noch gute Wege.“ + +Er wandte sich um und begrüßte freundlich die Damen, deren dargereichte +Bouquets er entgegennahm, sich entschuldigend, daß er sie nicht alle +halten könne und sie dem Adjutanten zur Aufbewahrung übergeben müsse. +Dann trat er in das Wartezimmer, wohin ihm die Deputationen der +städtischen Behörden, die Generale und die Hofchargen folgten. + +Der Unterstaatssecretair von Thiele war unterdessen an den Grafen +Bismarck herangetreten und hatte ihm ein für ihn angekommenes Telegramm +übergeben. + +Graf Bismarck durchflog es, dann trat er mit blitzenden Augen in das +Wartezimmer zum König, der so eben die Begrüßung des Magistrats +entgegennahm. + +„Majestät,“ rief der Graf, „ich habe so eben ein Telegramm des +Wolf'schen Bureaus erhalten. Die Entscheidung ist da.“ + +„Ist der Krieg erklärt?“ fragte der König. + +„Die Kriegserklärung ist hier noch nicht übergeben,“ erwiderte Graf +Bismarck, „aber die Erklärung, welche Ollivier im Corps legislatif +abgegeben hat, ist so gut, wie die formelle Erklärung. + +„Ich bitte Sie, zu lesen.“ + +Graf Bismarck trat, die Depesche in der Hand in den Lichtkreis des +Kronleuchters und begann mit lauter Stimme zu lesen. Das Telegramm +enthielt die Darstellung, welche der Großsiegelbewahrer im +Gesetzgebenden Körper über die Verhandlungen in Ems gegeben hat. + +„Der König weigert sich,“ las Graf Bismarck in erhöhtem Ton, „die von +uns geforderten Verpflichtungen einzugehen und erklärte Benedetti, er +wolle sich für diesen, wie für jeden andern Fall vorbehalten, die +Verhältnisse zu Rathe zu ziehen.“ + +„Richtig,“ sagte der König leise vor sich hin. + +„Trotzdem,“ fuhr Graf Bismarck zu lesen fort, „brachen wir aus +Friedensliebe die Verhandlungen nicht ab, um so größer war unsere +Überraschung, als wir erfuhren, der König von Preußen habe sich +geweigert, Benedetti zu empfangen, und die preußische Regierung habe +das amtlich mitgeteilt.“ + +„Ist das geschehen,“ fragte der König. + +„Nein, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „ein Telegramm darüber ist in +den Zeitungen erschienen. Darüber werden die Vertreter Eurer Majestät an +den Höfen, bei denen sie beglaubigt sind, gesprochen haben. Es ist eine +der Verdrehungen der Wahrheit, welche den Zweck haben, uns die Schuld +des Friedensbruchs aufzuladen und die öffentliche Meinung in Frankreich +zu erhitzen, vielleicht den Kaiser zum Äußersten zu reizen.“ + +Finster blickte der König vor sich nieder, und biß die Zähne auf +einander, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund. + +„Unter diesen Umständen,“ las Graf Bismarck weiter, „wäre es ein +Vergessen unserer Würde und eine Unklugheit gewesen, keine +Vorbereitungen zu treffen. Wir haben uns bereitet den Krieg, den man uns +anbietet, anzunehmen, indem wir Jedem seinen Antheil an der +Verantwortlichkeit hierfür überlassen.“ + +Zornig trat der König mit dem Fuß auf den Boden, mit dem etwas +verkürzten Finger seiner rechten Hand fuhr er mehrfach von oben herab +über den Schnurrbart, wie es in Augenblicken heftiger Erregung seine +Gewohnheit war. + +„General von Roon,“ rief er dann, als Graf Bismarck die Depesche +zusammenfaltete, zum Zeichen, daß er zu Ende gelesen. + +Der Kriegsminister trat heran. + +„Ich befehle die Mobilmachung der ganzen Armee,“ sagte der König im +festen Ton, „sorgen Sie für die unmittelbare Ausführung meiner Befehle.“ + +„Hurrah!“ rief der General-Feldmarschall von Wrangel. „Es lebe der +König!“ + +Die Umstehenden wiederholten diesen Ruf, brausend setzte sich derselbe +weithin über den Platz und durch die Menschen gefüllten Straßen fort. + +„Ich erwarte Sie in einer Stunde bei mir, Graf Bismarck und auch Sie, +General von Moltke, um alles weiter Erforderliche zu beschließen,“ sagte +der König. + +Dann grüßte er mit freundlichem Ernst die Anwesenden und bestieg mit dem +Kronprinzen seinen Wagen, in welchen bereits in dichter Menge die ihm +überreichten Blumenbouquets gelegt waren. Langsam fuhr er durch die +jubelnden Menschenmassen nach seinem Palais, von neuen, immer lauter +anschwellenden Hurrahrufen begrüßt, stieg er hier aus, trat noch einmal +auf die Rampe vor und winkte mit der Hand über den Platz hin. + +„Bei einer solchen Begeisterung meines Volkes ist uns der Sieg sicher, +wir können der Zukunft ohne Furcht entgegen gehen,“ sagte er dann mit +bewegter Stimme, indem er sich langsam abwandte und in sein Palais +eintrat. + +Lange noch blieb die Menge dicht gedrängt auf dem Platz versammelt, +immer nach dem Fenster hinblickend und jedesmal, so oft die Gestalt des +Königs oder auch nur ein vorübergehender Schatten dort sichtbar wurde, +in erneute Rufe ausbrechend. + +Endlich trat ein Leibjäger des Königs auf die Rampe hinaus, winkte einen +der dort aufgestellten Schutzmänner heran und sprach einige Worte mit +ihm. + +Der Schutzmann näherte sich den Ersten in seiner Nähe. + +„Meine Herren,“ sagte er, „Seine Majestät läßt bitten, nach Hause zu +gehen, der König hat diese Nacht noch viel zu arbeiten.“ + +„Der König will Ruhe,“ ertönte es unmittelbar durch die Massen hin. +„Nach Hause! Nach Hause!“ + +Einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille über den ganzen Platz. +Dann begannen einige Stimmen die feierliche, allbekannte Melodie des +„Heil Dir im Siegerkranz“ zu intoniren. + +Mit gewaltigem Klang stieg dies Lied, das in so einfach großer Weise den +Geist der unvergeßlichsten Zeit der preußischen Geschichte ausdrückte, +zum nächtlichen Himmel auf, — dann wurde wieder Alles still. + +Leise und ruhig nur in flüsternden Gesprächen sich unterhaltend, +zerstreute sich diese ganze unabsehbare Menschenmenge, um dem Könige +Ruhe zu lassen für seine Arbeit, welche dem deutschen Volk in den großen +nationalen Entscheidungskämpfen den Sieg sichern sollte. + +Bald lag der ganze weite Platz im schweigenden nächtlichen Dunkel, nur +in den Zimmern des Königs brannte bis zum Morgen hin das Licht, welches +die Arbeit beleuchtete, in die der unermüdliche Monarch sich mit seinem +Minister und seinem Heerführer vertiefte, und durch die Scheiben des +Fensters fiel der Strahl dieses Lichts in die Nacht hinaus, auf das aus +der Dunkelheit in riesigen Umrissen hervortretende Denkmal des großen +Königs hin, — die Sterne des Himmels blickten in ewiger lichter Ruhe +herab auf die schlummernde Residenzstadt, welche im täuschenden Schein +friedlicher Stille da lag, während sie schon in den nächsten Tagen +Tausende ihre Söhne hinaussenden sollte, um auf blutigen Schlachtfeldern +von Neuem ihre opferfreudige Treue für den König und das Vaterland zu +beweisen. + + + + +Neuntes Capitel. + + +Ernst und still saß Fräulein Luise Challier in dem Wohnzimmer des +alten Hauses in St. Dizier. Traurige Wochen und Monate waren verflossen, +seit ihr Geliebter sie voll freudiger Hoffnung und Zuversicht verlassen +hatte. So schwer auch der Abschied von ihm sie erschüttert hatte, so +hatte sie doch in den ersten Tagen glücklich und froh seiner gedacht; +sie hatte die Tage gezählt, welche er zu seiner Reise bedurfte, sie +hatte ausgerechnet, wie lange ein Brief von Hannover gehen müsse, um zu +ihr zu gelangen und hatte nach Verlauf dieser Zeit mit zweifelloser +Gewißheit, ungeduldig die Augenblicke zählend, einer Nachricht von ihrem +Geliebten entgegengesehen. + +Als ein Tag nach dem andern vergangen war, ohne daß eine solche +Nachricht eintraf, hatte sie dann alle Möglichkeiten der Verzögerung +sich klar gemacht, sie hatte auch wohl mit einem leichten Gefühl von +Traurigkeit sich oft gesagt, daß der junge Mann unter dem Eindruck der +Rückkehr in seine alte Heimath erfüllt von den lebhaften Gefühlen des +Wiedersehens seiner Mutter gezögert habe, ihr zu schreiben. Ja sie hatte +sich sogar in eine freudige Stimmung hinein gedacht, indem sie sich +sagte, daß ihm die Ordnung seiner Verhältnisse und die Erlangung der +Einwilligung seiner Mutter und seines Oheims zu der neuen Wendung seines +Schicksals vielleicht schneller gelungen wäre, als er selbst es gehofft, +und daß er ihr mit der ersten Nachricht vielleicht zugleicht seine +Wiederkehr nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten anzeigen wolle — damit +war wieder eine Reihe von Tagen vergangen, bis endlich auch dieser Grund +nicht mehr zur Beruhigung ihrer immer banger werdenden Unruhe genügen +wollte. Dann war jene entsetzliche, das ganze innere Wesen des Menschen +zerstörende Zeit des Wartens gekommen, welche in ihrer dumpfen, +bleiernen Schwere auf die Seele und den Geist vernichtender wirkt, als +der härteste, aber bestimmt und klar eintretende Unglücksfall. + +Wie die Blume vor dem mächtig niederrauschenden Wetter ihr Haupt senkt, +um es später wieder frisch und duftig erheben, wie sie, wenn die Blüthe +gebrochen wird, neue Blüthen treibt, so kann ein mächtiger Wetterschlag +des Schicksals das menschliche Herz und den menschlichen Geist schwer +und gewaltig erschüttern; aber nach dieser Erschütterung richtet sich +der Muth wieder empor, die Kraft kehrt zurück, und neues Glück, neue +Freude können unter wiederkehrendem Sonnenschein freundlicher +Schicksalswendungen erwachsen. + +Aber wie die Pflanze, der in dürrer Erde das Wasser entzogen wird, +langsam erstirbt, vergeblich lechzend nach frischer erquickender +Lebenskraft, und wie die vertrockneten Blüthen die verdorrten Blätter, +langsam erstarrt und gestorben, sich niemals wieder zu neuem Leben +aufrichten können, so tödtet und erstarrt das langsame erbarmungslose +Verschwinden der Hoffnung den Glauben des menschlichen Herzens, und wenn +es auch mechanisch in regelmäßigem Pulsschlag das Blut durch die Adern +treibt, sein inneres Leben, der Duft und die Farben kehren ihm nie +wieder zurück, und es ist todt, lange, lange, bevor es aufhört, zu +schlagen. + +So erstarb langsam und qualvoll die Freude und das Glück und endlich die +Hoffnung und der Glaube in dem Herzen des jungen Mädchens, und wenn auch +die Liebe, diese Tochter des Himmels, welche in dem geschaffenen +Menschen Alles überlebt, weil sie unsterblich ist, wie der Schöpfer, der +sie in sein Geschöpf legte, — wenn auch diese Liebe nicht aus ihrem +Herzen verschwand, so erfüllte sie doch das Herz nicht mehr mit Licht +und Wärme. Es war nur noch eine traurige Flamme frommer Erinnerung wie +die ewige Lampe in einem Grabgewölbe. + +Luise hatte sich zuerst in ihrer feurigen und kräftigen Natur lebhaft +aufgebäumt gegen den Gedanken, daß der, den sie so sehr liebte und an +dem ihr Herz mit so vollem und hingebendem Vertrauen hing, sie so +schnell habe vergessen können. + +Qualvolle Unruhe, Zorn, Erbitterung hatten sie erfüllt, immer und immer +wieder hatte sie Gründe für sein Verstummen gesucht, und von Neuem hatte +sie ihre Hoffnungen wieder aufgerichtet, um sie immer wieder von Neuem +zusammen sinken zu sehen. Und alle diese Kämpfe, alle diese Qualen und +Leiden hatte sie tief in sich selbst verschlossen. + +Mit lächelnder Miene hatte sie, als ihr Vater anfing, seine Verwunderung +über das Schweigen des jungen Mannes auszusprechen, Gründe aufgesucht, +an welche sie selbst nicht glaubte. Mit Anstrengung aller Willenskraft +hatte sie sich den Tag über aufrecht erhalten, um vor den Augen ihres +Vaters und ihrer Hausgenossen ruhig und heiter zu erscheinen; +sorgfältig hatte sie am Morgen ihre von Thränen und Nachtwachen +gerötheten Augen gekühlt, um die Spuren ihres innern Leidens zu +verbergen, und stolz und kalt hatte sie Herrn Vergier, wenn derselbe sie +zuweilen mit dem Anschein freundlicher Theilnahme nach dem jungen Cappei +fragte, geantwortet, daß derselbe sich vortrefflich befinde, und daß sie +hoffe, er werde bald zurückkehren. + +Endlich aber war das Alles über ihre Kräfte gegangen, alle Gründe, die +sie für sich selbst und ihren Vater aufsuchen mochte, konnten nicht mehr +ausreichen, um dies wochenlange Schweigen des jungen Hannoveraners zu +erklären, und als endlich eines Tages der alte Challier deutlicher und +bestimmter seine Besorgnisse und seine Unruhe über das Benehmen des +jungen Mannes, zu dem er so großes Vertrauen gehabt, aussprach, da war +sie wie gebrochen in sich zusammen gesunken, zu schwach, den Kampf +länger auszuhalten und ihre inneren Qualen unter lächelnder Miene zu +verbergen. + +Ein Strom heißer Thränen stürzte aus ihren Augen und laut schluchzend +warf sie sich in die Arme ihres Vaters. + +„Oh, er hat mich verlassen!“ rief sie. „Er hat mich vergessen! Er hat +sein Spiel mir getrieben hier in der Verbannung, — nun er zurückgekehrt +ist zu den Seinen in sein Vaterland und in seine alte Heimath, da +gedenkt er meiner nicht mehr. Und,“ fuhr sie heftiger weinend fort, „da +hält er es nicht einmal für nöthig, einen Vorwand zu suchen — mir ein +Wort des Abschieds zu sagen! Nein, er läßt mich langsam vergehen in +vergeblicher Erwartung! Oh, das ist schlecht,“ rief sie, den Kopf +emporhebend und mit fast verwirrtem Blick im Zimmer umher starrend — „das +ist schlecht, das habe ich nicht um ihn verdient! Ich habe ihn doch so +sehr geliebt, und auch jetzt noch liebe ich ihn,“ rief sie. „Ich zürne, +mir selbst, fast möchte ich mich verachten, daß ich ihn noch lieben +kann. Aber dann wieder, wenn sein Bild vor mich hintritt, wenn ich an +seine Augen denke, die so gut und treu blicken, an alle seine Worte so +voll Wahrheit und tiefen Gefühls — dann kann ich es nicht glauben, kann +ich es nicht für möglich halten, daß er mich so vergessen, so unwürdig +bei Seite werfen sollte, dann erfaßt mich eine namenlose Angst, daß ihm +ein Unglück widerfahren sei, daß er todt sein möchte. Oh, mein Gott, +mein Gott,“ rief sie laut aufschreiend, „gieb mir ein Ende dieser +Qualen, ein Ende dieser Angst, nur einen Lichtblick der Gewißheit, und +wäre es die traurigste, die schmerzlichste, sie wäre ein Glück gegen +diesen Zustand.“ + +Ernst und traurig hatte der alte Herr Challier diesen so plötzlichen +Ausbruch des Jammers seiner Tochter mit angehört. Voll tiefen, +liebevollen Mitgefühls sah er auf das junge Mädchen herab, welches +zitternd in sich zusammen geschmiegt vor ihm stand, die Hände gefaltet +und den brennenden Blick fragend auf ihn gerichtet, als erwarte sie von +ihm das Licht und die Aufklärung nach denen ihre Seele dürstete. + +„Meine Tochter,“ sagte er, „gieb Dich nicht der Verzweiflung hin. Das +Leben bietet harte und schwere Schicksalsschläge genug, es muß immer in +unserm Herzen etwas leben, das uns über das Unglück erhebt, und wäre es +nur der Stolz und das muthige Selbstgefühl, welches eine Tochter der +Bragars niemals verlassen soll.“ + +„Oh, mein Vater,“ rief sie, „ich würde Muth und Kraft haben, Alles zu +ertragen, wenn er mir gestorben wäre, wenn die Hand der Vorsehung mit +unwiderstehlicher übermächtiger Gewalt in meine Hoffnungen und in die +Träume meines Glücks eingegriffen hätte; aber daß es so enden soll, daß +er mich vergißt, daß er aus dem Kreise meines Lebens verschwindet, ohne +daß ich weiß wodurch und warum. Das, mein Vater, zerstört meinen Geist, +das zerbricht meinen Willen und meine Kraft, das untergräbt mein +Vertrauen an die Gerechtigkeit Gottes.“ + +„Wenn er sich unwürdig gegen Dich betragen hat, mein Kind, wenn er Dich +so leicht vergessen konnte, so sollte Dein Stolz sich um so höher +erheben und Dir den Willen und die Kraft Deiner Seele wiedergeben,“ +sagte Herr Challier mit ernstem, fast vorwurfsvollem Ton. „Aber,“ fuhr +er fort, „noch ist es so weit nicht, noch kann irgend ein Mißverständniß +vorliegen. Er kann krank geworden sein, — wenn ich an den jungen Mann +zurückdenke, wie ich ihn gekannt habe, als er unter uns lebte, wenn ich +mir sein ganzes Wesen, seinen Charakter vergegenwärtige, so kann ich es +kaum glauben, daß er Dich so leicht vergessen und verlassen hat; und ich +muß fast an irgend ein äußeres Hinderniß glauben, das diesem +unerklärlichen Schweigen zu Grunde liegt.“ + +„Das sagt auch mir mein Herz,“ rief Luise, indem sie mit einem dankbaren +und hoffnungsvollen Ausdruck zugleich ihren Vater ansah, „eine Stimme in +meinem Innern ruft mir zu, er kann nicht so niedrig, so schlecht und +undankbar sein, um, selbst wenn das Schicksal unserer Verbindung +unübersteigliche Hindernisse in den Weg entgegenstellte, sich so von mir +zu trennen.“ + +„Wenn Du das glaubst,“ sagte der alte Challier, „so mußt Du an ihn +schreiben und Erklärung von ihm verlangen. Ist er krank, was ja möglich +ist, so wird der Brief in die Hände der Seinigen kommen, und Alles wird +klar werden.“ + +„Ich soll ihm zuerst schreiben,“ rief Luise, indem eine dunkle Röthe ihr +Gesicht überflog, „ich soll ihn mit meiner Liebe verfolgen — wenn er mich +vergessen hätte.“ + +„Wenn Du ihn liebst,“ sagte Herr Challier, „wenn Du Vertrauen zu ihm +hast, so bist Du ihm und Dir selber schuldig, jenen Schritt zu thun, der +Dir Aufklärung über ein Mißverständniß oder die unleugbare Gewißheit +seiner Unwürdigkeit giebt. Es mag ihm widerfahren sein, was da wolle, so +wird Dein Brief in die Hände seiner Angehörigen kommen und Du wirst +irgend eine Nachricht erhalten. Und nur wenn er Dich wirklich verlassen +will, oder wenn er uns eine falsche Adresse gegeben hätte, um seine Spur +verschwinden zu lassen, wirst Du ohne Antwort bleiben.“ + +„Du hast Recht, mein Vater,“ sagte Luise, „ich will den Glauben und das +Vertrauen nicht so leicht aufgeben. Ich will ihm schreiben.“ + +Sie ging sogleich in ihr Zimmer und schrieb in fliegender Eile Alles, +was ihr Herz ihr eingab, und als sie geendet hatte und den Brief nochmal +überlas, sprach sie hoch aufathmend zu sich selbst: + +„Wenn dieser Brief in die Hände seiner Mutter gelangt, wenn er nur von +einem Menschen gelesen wird, der ein fühlendes Herz hat, so werde ich +erfahren, was ihm begegnet ist, und warum ich keine Nachricht von ihm +erhalten habe.“ + +Ihr Vater las den Brief, den sie geschrieben, mit wehmüthigem Blick, +voll inniger Theilnahme sah er sein Kind an. Die ganze Qual ihres +Herzens lag zwischen den Zeilen. + +Er siegelte den Brief und versah ihn mit der Adresse, welche Cappei +zurückgelassen hatte und brachte ihn selbst zur Post. + +Abermals begann nun jene Zeit der unruhigen Erwartung, des bangen +Zweifelns zwischen Furcht und Hoffen. Abermals zählte das junge Mädchen +die Tage, welche ihr eine Antwort bringen konnten. Abermals aber +verflossen diese Tage, ohne daß die ersehnte Nachricht kam, abermals +arbeitete sich ihr gemartertes Herz durch alle Fasern dieses +entsetzlichen Wartens hindurch, dessen Pein keine Ruhe und Rast, keinen +Unterschied zwischen Tag und Nacht kennt. + +Bleicher und bleicher wurden die Züge dieses sonst so lebensfrischen +Gesichts, aber es war diesmal nicht die zitternde, sehnsuchtsvolle +Unruhe, nicht die schmerzvoll ringende Verzweiflung, welche sich in +diesen Zügen malte. Kalt, finster und stolz wurde der Blick des jungen +Mädchens, oft lächelten ihre Lippen bitter oder preßten sich mit dem +Ausdruck düsterer Resignation auf einander. Kalt und ruhig ging sie +einher, verrichtete genau und pünktlich ihre häuslichen Besorgungen, und +sorgfältig wich sie jedem Gespräch mit ihrem Vater aus, welcher mit +kummervollen Blicken ihr Treiben beobachtete. + +Es waren fast drei Wochen vergangen, seit sie ihren Brief abgesendet, da +trat sie eines Tages ernst und ruhig vor ihren Vater hin, als derselbe +nach dem Diner in seinem Lehnstuhl saß und mit klarem Blick und mit +fester Stimme sprach sie zu ihm: + +„Es ist jetzt vorbei, mein Vater, der Traum, welcher eine Zeit lang mein +Leben erfüllte, ist ausgeträumt. Die Liebe, welche mein ganzes Wesen +durchdrang, ist in meinem Herzen gestorben, ich habe sie ausgerissen mit +den letzten Wurzeln, ich habe sie verachten gelernt und will sie nun +auch vergessen können. Du hast Recht gehabt, mein Vater, der Stolz +giebt die Kraft, sich aus dem Bann leidenden Jammers zu erheben und im +Gefühl der eigenen Würde die Niedrigkeit und Schlechtigkeit derer zu +vergessen, die unser Herz mit Füßen traten. Ich habe ein Jahr meines +Lebens verloren — das ist Alles,“ sagte sie bitter und hart, „vielleicht +habe ich dabei gewonnen, denn ich habe die Menschen verachten und die +eigene Kraft schätzen gelernt. Nimm mich hin, mein Vater, es ist Alles, +wie es früher war, Deine Tochter gehört wieder Dir und Dir ganz allein.“ + +Sie schlang ihre Arme um die Schultern ihres Vaters und ließ ihren Kopf +an seine Brust sinken. Ein leises Zittern flog durch ihre Gestalt wie +eine letzte Regung des tief schneidenden Schmerzes, der so lange ihr +innerstes Wesen erschüttert hatte. + +Dann aber hob sie den Kopf empor und blickte ihren Vater fest an, wie um +zu zeigen, daß ihre Kraft größer sei, als ihr Schmerz. Ihre Gesichtszüge +waren ruhig und unbeweglich, ihre Augen klar und trocken. + +Ihr Vater schüttelte langsam und schmerzlich den Kopf. + +„Ich freue mich,“ sagte er, „daß Du die eigene Kraft kennen und schätzen +gelernt hast, aber nicht so darfst Du in Dein künftiges Leben gehen, Du +darfst die Menschen nicht verachten, weil Einer sich Dir niedrig gezeigt +hat, weil Einer unwürdig gegen Dich gehandelt. Auch diese Wunde wird +heilen, mein Kind, wie so Vieles heilt in der geschaffenen Natur — Du +wirst auch das Vertrauen zu den Menschen wieder finden, Du wirst Dich +dem Leben und seinen reichen Gaben nicht verschließen. Du bist noch so +jung und es wird die Zeit kommen, wo Alles, was Du jetzt gelitten, wie +ein ferner Traum verklungen sein wird. Vergiß auch nicht,“ fügte er +hinzu, „daß Derjenige, der Dich unwürdig verlassen, kein Sohn Deines +edlen Vaterlandes war. Vielleicht ist es ein Glück, daß es so kam, für +das Leid, das der Fremde Dir zugefügt, wird, so Gott will, Frankreich +Dir Ersatz bieten.“ + +Luise trat einen Schritt von ihrem Vater zurück, hoch richtete sie sich +empor und sprach stolzen, flammenden Blickes. + +„Glaube nicht, mein Vater, daß ich mit dem Leben abschließen will, +glaube nicht, daß ich etwa daran denke, in klösterlicher Einsamkeit den +Unwürdigen zu beweinen, der mein liebevolles Vertrauen getäuscht hat. +Nein, ich werde frei und muthig, aber auch klar und kalt in das Leben +treten, ich werde alle seine Pflichten erfüllen, — aber mein Herz werde +ich für mich allein behalten und — für Dich, mein Vater,“ fügte sie mit +einem innigen Blick hinzu. „Es soll nicht wieder der Spielball +unwürdiger Laune werden.“ „Das ist brav und recht, mein Kind,“ sagte +Herr Challier, „das ist tapfer und meiner Tochter würdig. Und Gott, der +die Zukunft der Menschen lenkt,“ fügte er die Hände faltend hinzu, „er +wird auch nicht zulassen, daß Dein Herz in kalte Einsamkeit verschlossen +bleibt, auch Dir wird noch Glück, Wonne und Freude zu Theil werden.“ + +Schweigend, mit schmerzlichem Lächeln schüttelte Luise den Kopf und ging +hinaus, um die Geschäfte der häuslichen Wirthschaft zu ordnen. + +Von diesem Augenblick an war zwischen Vater und Tochter von der Sache +nie mehr die Rede, und ruhig ging das einfache Leben in dem alten Hause +seinen Weg. + +Herr Vergier, welcher sich eine Zeit lang wenig im Hause hatte sehen +lassen, kam wieder öfter dorthin. Er leistete dem Alten Gesellschaft, +sprach mit ihm über die Geschichte und über die Fragen der Politik, +welche die öffentliche Meinung bewegten. Sein früher so heftiges und +aufgeregtes Wesen war augenscheinlich ruhiger und sanfter geworden; er +schien sich allmählig von den Ansichten des alten Herrn überzeugen zu +lassen und hielt sich von allen heftigen Ausfällen gegen das +Kaiserthum, von allen scharfen Urtheilen über die Regierung zurück — er +hatte während des Plebiscits sich von jeder Agitation der democratischen +Partei, mit welcher er früher innig verbunden gewesen war, fern +gehalten, — der alte Herr Challier war darüber sehr erfreut und erblickte +darin eine Wirkung des Einflusses, den er auf die Ansichten des Herrn +Vergier ausübte. Das Verhältniß zwischen Beiden war in Folge dessen ein +immer freundschaftlicheres und herzlicheres geworden. + +Auch Fräulein Luise trat Herrn Vergier immer näher, er unterhielt sich +freundlich und ruhig mit ihr; er sprach mit ihr über viele Dinge, welche +den regen Geist des jungen Mädchens interessirten, und niemals kam ein +Wort über seine Lippen, das an die Vergangenheit erinnerte oder die +Hoffnungen und die Wünsche berührte, die er früher gehegt, und die er +früher in so heftiger und leidenschaftlicher Weise gegen sie +ausgesprochen hatte. + +Das junge Mädchen, das anfänglich verschlossen, kalt und zurückhaltend +gegen ihn gewesen war, begann in seiner Unterhaltung Zerstreuung und +Beruhigung zu finden, und so kam es, daß nach Verlauf einiger Zeit Herr +Vergier wieder der tägliche und gern gesehene Gast im Hause des Herrn +Challier war, der in den kleinen Kreis freundliches und heiteres Leben +brachte. + +Die verhängnißvollen Tage des Juli waren gekommen, die gewaltige +Aufregung, welche Paris bewegte, und welche bereits ganz Europa zu +ergreifen begann, schlug ihr helles Feuer auch hier in diesem ruhig +abgeschlossenen Leben der alten Stadt St. Dizier, und das Gefühl aller +dieser Nachkommen der Soldaten Franz I. wallte hoch auf bei den +Berichten über die Vorgänge im Corps legislatif, und als die Rede des +Herzogs von Gramont in den Journalen erschien, in welcher dieser Träger +eines edlen, alt französischen Namens das Nationalgefühl Frankreichs +aufrief gegen die Wiederherstellung des Reiches Karl V., dieses +deutschen Kaisers, der einst in seinen Kämpfen gegen den ritterlichen +König Franz I. die Stadt St. Dizier belagert und vor deren Mauern den +entscheidenden Widerstand gegen sein siegreiches Vordringen gefunden +hatte, da war in dieser kleinen Stadt nur eine Stimme der Entrüstung und +der Begeisterung, und jeder Bürger von St. Dizier wäre bereit gewesen, +die Waffen zu ergreifen, um unter den Fahnen Frankreichs hinaus zu +ziehen zum Kampf gegen die Nachkommen der Soldaten Karl V. + +Die vollste Übereinstimmung zwischen ihren Anschauungen und Gefühlen +herrschte zwischen Herrn Challier und Herrn Vergier, und wenn die +Abendzeitungen die neuesten Nachrichten über die Vorgänge in Paris und +in Ems brachten, so ergingen sich Beide in gleichen und einander +ergänzenden Ausdrücken der Entrüstung gegen die deutsche Anmaßung und +der begeisterten Hoffnung auf einen siegreichen Krieg Frankreichs; und +mit leuchtenden Blicken hörte Luise diesem Gespräch zu, — jedes Wort fand +einen Wiederhall in ihrem Herzen. Zum ersten Mal nach langer Zeit schlug +dies Herz wieder in höherer Wallung auf, die Erinnerung an ihre +verlorene Liebe verschwand fast vor dem Gefühl des nationalen Stolzes, +der sie erfüllte. + +Eines Abends trat Herr Vergier hastig und von heftiger Aufregung +zitternd in das Wohnzimmer, in welchem der alte Challier mit seiner +Tochter saß. + +„Die Entscheidung ist da,“ rief er, dem alten Herrn ein Zeitungsblatt +hinreichend, „alle diplomatischen Künste können diesmal den Krieg, nach +welchem Frankreich dürstet, nicht aufhalten. Unsere Ehre ist engagirt, +und wenn die Regierung jetzt nicht unmittelbar handelt, so wird das +Nationalgefühl dies nicht länger ertragen. Der König von Preußen,“ +sagte er, zu Luise gewendet, während Herr Challier das Zeitungsblatt +durchlas, „hat es verweigert, den Botschafter Frankreichs anzuhören, ja +nur zu empfangen. Das ist eine Beleidigung, wie sie im Verkehr der +Nationen noch nicht vorgekommen ist, und zum Überfluß hat die preußische +Regierung diese unerhörte Thatsache noch in der schroffsten und +verletzendsten Form allen übrigen Cabinetten Europa's mitgetheilt. Die +unmittelbare Kriegserklärung ist die einzige mögliche Antwort auf diese +Provocation. Bereits sind Eisenbahnzüge angemeldet,“ fuhr er fort, +„welche die Truppen nach den Grenzen führen, die Commando's sind +vertheilt, und in vierzehn Tagen vielleicht schon können wir die +Nachricht von den ersten Siegen unserer Armeen erhalten.“ + +Einen Augenblick zuckte es schmerzlich über das Gesicht Luisens, dann +aber leuchteten ihre Augen in hoher Begeisterung auf, fragend richtete +sie den Blick auf ihren Vater. + +Dieser hatte das Zeitungsblatt langsam durchgelesen. + +„Ja,“ sagte er ernst, „das ist der Krieg. Ein Krieg, der die Welt +erschüttern wird, und der hoffentlich alles Unrecht wieder gut machen +wird, welches das coalirte Europa uns einst gethan. Gott segne +Frankreich!“ fügte er hinzu, die Hände gefaltet. + +„Ja, Gott segne Frankreich,“ flüsterte Luise leise, indem ihr Blick sich +mit dem Ausdruck innigsten Gebets auswärts richtete. + +Herr Vergier schlug einen Moment die Augen zu Boden, dann trat er zu +Luise hin und sprach nach einem leichten Zögern: + +„Fräulein Luise, ich habe nie wieder dessen erwähnt, was früher zwischen +uns vorgegangen, obgleich die schmerzliche Erinnerung daran mich keinen +Augenblick verlassen hat. Verzeihen Sie, wenn ich Sie heute daran +erinnere, aber in einem Augenblick wie dieser, in welchem alle Kinder +Frankreichs in gemeinsamen Wünschen und Hoffnungen sich begegnen, soll +es auch zwischen uns klar werden. Sie haben mir einst schwer gezürnt, +als ich dem bitteren Schmerz Worte verlieh, den mein Herz darüber +empfand, daß Sie Ihre Liebe einem Fremden, einem Feinde Frankreichs, +zugewendet. Fräulein Luise, mein treues und tiefes Gefühl für Sie hat in +seinem Instinct das Richtige erkannt, jener Fremde hat Sie verlassen, +Ihre Liebe verachtet, — ich habe das nie erwähnt, aber ich habe es wohl +gesehen, und ich habe auch gesehen, was Sie gelitten haben. Ich will +heute nicht noch einmal den Verdacht aussprechen, den ich gegen jenen +Fremden gehegt; die Ereignisse haben jenen Verdacht nicht entkräftet, +und vielleicht werden auch Sie heute meine damaligen Besorgnisse anders +beurtheilen, als Sie es zu jener Zeit gethan. Ich kann mir,“ fuhr er +fort, „nicht denken, daß heute noch in Ihrem Herzen ein Rest von Liebe +gegen Denjenigen bestehen soll, der vielleicht in diesem Augenblick +schon mit der Waffe in der Hand gegen die Grenzen unseres heiligen +Vaterlandes heranzieht —“ + +Mit stolz blitzenden Augen schüttelte Luise schweigend den Kopf. + +„Ich will mir auch nicht anmaßen,“ fuhr Herr Vergier fort, indem bei der +Bewegung des jungen Mädchens ein freudiger Strahl in seinen dunklen +Augen aufleuchtete, „ich will mir auch nicht anmaßen, daß es mir möglich +sei, so schnell in Ihrem Herzen die Gefühle erwecken zu können, welche +Sie mir früher versagten, aber Freundschaft und Vertrauen werden Sie mir +heute hoffentlich nicht mehr verweigern können, heute, wo alle Franzosen +nur eine große Familie bilden.“ + +Luise reichte ihm mit einer Bewegung voll aufrichtiger Herzlichkeit die +Hand. + +„In Zeiten wie die heutigen, in denen wir großen und vielleicht +langwierigen Entscheidungskämpfen entgegengehen, bedarf eine Frau mehr +als je des Schutzes und der Gewißheit einer sichern und ruhigen Zukunft. +Sie wissen, Fräulein Luise, daß ich mein Glück nur an Ihrer Seite finden +kann, Sie wissen auch, daß Sie in mir eine treue und feste Stütze für +das ganze Leben finden werden, Sie wissen, daß Ihr Vater unsere +Verbindung einst wünschte, und daß er sie vielleicht jetzt wieder +wünscht. Erlauben Sie mir in diesem großen Augenblick die Frage an Sie +zu richten, ob Sie in Erwiderung meiner tiefen und glühenden Liebe mir +Vertrauen und Freundschaft schenken, mir Ihr Leben anvertrauen wollen.“ + +Luise sah ihn klar und frei an. + +„Ich danke Ihnen, Herr Vergier,“ sagte sie, „dafür, daß Sie all des +Schmerzlichen, das zwischen uns liegt, bisher niemals erwähnt haben, — ob +in meinem Herzen Dasjenige jemals wieder erwachen kann, was man die +Liebe nennt,“ fuhr sie mit traurigem Ton, durch welchen eine gewisse +Bitterkeit hindurchklang, fort, „weiß ich nicht. Freundschaft und +Vertrauen glaube ich Ihnen geben zu können, und in dieser Freundschaft +und in diesem Vertrauen antworte ich Ihnen frei und offen. Ja, ich will +Ihren Antrag annehmen und ich will versuchen, Ihrem Leben soviel Freude +und Glück zu geben, als aus meinem Herzen noch erblühen kann.“ + +Mit ruhigem, freundlichem Lächeln reichte sie ihm die Hand, welche er, +seine leidenschaftliche Bewegung bemeisternd, ehrerbietig an die Lippen +drückte. + +„Aber,“ fuhr Luise fort, „Sie müssen mir versprechen, daß über diesen +Gegenstand jetzt nicht weiter gesprochen wird. In diesem Augenblick, in +welchem das Vaterland in Gefahr ist, in welchem Frankreich sich zu einem +gewaltigen Kampf rüstet, schickt es sich nicht, an etwas Anderes zu +denken, als an die Zukunft unseres Landes. An dem Tage, an welchem +unsere Heere wieder siegreich in Paris einziehen, will ich Ihnen meine +Hand reichen, an jenem Tage soll unsere Verbindung vor dem Altar den +Segen des Himmels erhalten.“ + +„Das ist brav gesprochen,“ rief der alte Challier, „gesprochen wie eine +Französin, wie eine Tochter der alten Bragars.“ + +„Und damit bin ich von Herzen einverstanden,“ rief Herr Vergier, „und +wenn es möglich ist, werden nun meine Wünsche noch glühender die Waffen +Frankreichs begleiten, denn der stolze Tag des großen Nationalsieges +wird zugleich mit der erneuten herrlichen Größe des Vaterlandes das +Glück meines Lebens begründen.“ + +Luise stand langsam auf und trat an ein Pianino, welches zur Seite des +Fensters stand, sie öffnete dasselbe, setzte sich auf den davorstehenden +Sessel und schlug in einfachen kräftigen Accorden die ergreifende +Melodie des Chant du départ an, welche so mächtig und gewaltig alle +französischen Herzen erfaßt und die Erinnerung an jene von Begeisterung +glühenden Freiwilligen aufsteigen läßt, die voll Muth und +Todesverachtung nach den Grenzen hinauszogen, um dort Zeugniß abzulegen +für die edlen und großen Gedanken, welche in der Revolution lebten und +welche in dem blutigen Schlamme von Paris untergingen. + +Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend, — Herr +Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel +glühenden Abendhimmel hinausblickend. + +„Ich habe gesiegt,“ flüsterte er vor sich hin, — „möchte nun,“ fuhr er +fort, indem ein düsterer Grimm in seinen Augen brannte, „die erste +französische Kugel jenen verhaßten Feind meines Landes treffen, der fast +das Glück meines Lebens zerstört hätte.“ + + + + +Zehntes Capitel. + + +Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Straßen von Paris +auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elysées, der Tuileriengarten, +Alles war mit Menschen gefüllt und überall sah man laut sprechende und +lebhaft gesticulirende Gruppen. + +Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkündet, daß der +König von Preußen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu +empfangen und daß dieses die Würde Frankreichs beleidigende Factum durch +eine Depesche von Berlin den europäischen Höfen mitgetheilt sei. + +Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris +hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwährend gesteigert durch +alle die Mittel, über welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem +Maße verfügen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des +Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man +niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach +nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch +von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entrüstung der Bevölkerung +richtete sich gegen diesen preußischen Minister, den die Erfolge von +Sadowa so weit verblendet hatten, daß er es wagen könne, Frankreich, das +unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im +Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken +die Vorlegung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von +Preußen den übrigen Mächten mitgetheilt worden wäre und sie hatten den +ausweichenden Antworten der Minister gegenüber die schärfsten Reden +gegen dieselben geführt. + +Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehört und gelesen, denn man +las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen +wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der +Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurück und steigern +in immer wachsendem Maße ihre Gefühle bis zur höchsten Siedehitze. + +Die Nachricht hatte sich verbreitet, daß der Kaiser von St. Cloud +kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten. + +Die glühende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum +politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in +dicht gedrängten Massen auf den Champs Elysées, der Place la Concorde +und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten. + +Endlich hörte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und +bald sah man die beiden Piqueurs in den grün goldenen Livreen, welche +der vierspännigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der +Champs Elysées nach dem Place la Concorde zu. + +Der Kaiser hatte keine militairische Escorte, er saß in Civil gekleidet, +mit dem General Favé allein im Wagen, der langsam über den +Eintrachtsplatz fuhr, der so von Menschen angefüllt war, daß nur mit +Mühe ein Weg für die kaiserliche Equipage frei gemacht werden konnte. + +Der Kaiser sah wohler und heiterer aus, als man ihn in den letzten Tagen +zu sehen gewohnt gewesen war. Er saß gerade aufgerichtet da, ein +heiteres stolzes Lächeln lag auf seinem Gesicht und mit offenen klaren +Blicken sah er über diese Menschenmassen hin, welche ihn mit einem +Enthusiasmus, den er in solchem Maße lange nicht mehr gewohnt war, mit +unausgesetzten Hurrahrufen begrüßten. + +Napoleon dankte wiederholt mit der Hand winkend und wendete sich +zuweilen mit heiterer Miene zu dem General, um demselben einige Worte zu +sagen. + +Als der Wagen dem alten Hotel Talleyrands gegenüber in die Rue Rivoli +bog, stimmte eine dort stehende Gruppe junger Leute, die Hüte dem Kaiser +entgegen schwenkend mit lauter Stimme die Marseillaise an. + +Napoleon wandte schnell den Kopf nach der Seite hin, woher diese so +lange in Frankreich verpönten Töne erklangen, — er hätte auf alle Grüße +bisher nur mit freundlichen Handbewegungen gedankt. Jetzt nahm er den +Hut ab und hielt denselben, den Kopf nach jener Gruppe hinneigend, so +lange in der Hand, bis der Wagen sich der Eingangsthür des innern Hofes +der Tuilerien näherte. + +Ein betäubender Jubelruf, welcher sich bis auf den Carousselplatz +fortsetzte, dankte dem Kaiser für diese dem wieder erwachten +Nationalhymnus dargebrachte Huldigung, und immer heiterer und stolzer +wurde das Gesicht des Kaisers, der nun im schnellen Trabe durch den +innern Hof am großen Portal des Pavillon de l'Horloge vorfuhr; indem er +sich nur ganz leicht auf den Arm des General Favé stützte, stieg er mit +elastischen Schritten die Treppe hinauf und trat in sein Cabinet. + +„Sind die Minister hier,“ fragte er den Huissier, der ihm die Thür +öffnete. + +„Zu Befehl, Sire.“ + +„Ich lasse Sie bitten sogleich einzutreten.“ Wenige Augenblicke darauf +traten der Herzog von Gramont, Herr Emil Ollivier und der Marschall Le +Boeuf in das Cabinet des Kaisers. + +Trotz seiner vornehmen, ruhigen Sicherheit zeigte der Herzog von Gramont +eine gewisse Präoccupation, ein wenig unruhig und leicht befangen +blickte er auf den Kaiser, der stolz aufgerichtet, die Hand auf die +Lehne seines Sessels gestützt, neben dem runden Tisch in der Mitte des +Cabinets stand und mit freundlichem Kopfneigen die drei Minister +begrüßte. + +Herr Ollivier befand sich in zitternder, nervöser Erregung. Sein Gesicht +war bleicher als sonst, seine Lippen zuckten und sein unsicheres Auge +blickte fast fieberhaft brennend unter der schmalen Brille hervor. + +Die schwere markige Gestalt des Marschall Le Boeuf stand fest und ruhig +da wie immer, sein martialisches Gesicht mit den etwas starr blickenden +Augen und dem mächtigen Schnurrbart zeigte keinen anderen Ausdruck als +den einer ruhigen, sorglosen Sicherheit. + +Auf einen Wink des Kaisers nahmen die drei Herren um den Tisch Platz, an +dessen Mitte Napoleon sich niederließ. + +„Die Lage ist ernst, meine Herren,“ sagte der Kaiser mit fester voll +klingender Stimme und ohne jenen Ausdruck unschlüssigen Zögerns, der +sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte. „Preußen hat die +Verhandlungen, welche ich in dem versöhnlichsten Sinne begonnen, +abgebrochen, und wir werden demgemäß unsere Entschlüsse zu fassen haben. +Sie haben mir mitgetheilt, Herr Herzog, daß der König von Preußen in +beleidigender Weise Benedetti zu empfangen, verweigert habe.“ + +Der Herzog hustete leicht. + +„Die Beleidigung, welche Preußen gegen uns begangen, Sire,“ sagte er, +„liegt nicht so sehr in der Weigerung des Königs mit Benedetti über +diesen Gegenstand nicht mehr sprechen zu wollen, da er ihm bereits seine +Meinung bestimmt und endgültig mitgetheilt hatte, als in der Thatsache, +daß die Weigerung von Berlin aus den übrigen europäischen Mächten +mitgetheilt wurde.“ + +Ein sprühendes Feuer blitzte in den groß geöffneten Augen des Kaisers +auf. + +„Das hat man gethan?“ rief er. + +„Ich habe heute morgen von allen Seiten,“ erwiderte der Herzog von +Gramont, „die Mittheilung darüber durch unsere Vertreter erhalten, +überall ist das Factum durch die preußischen Diplomaten mitgetheilt +worden, und hierin, Sire, erblicke ich das letzte Glied in jener Kette +von Nichtachtung, Provokationen und Beleidigungen gegen uns, welche +Preußen seit langer Zeit an einander gefügt hat. Mein französisches +Gefühl, Sire, empört sich, das Maß der Geduld und Langmuth ist voll. War +es schon sachlich, nachdem der König von Preußen die verlangte +Genugthuung und Garantie für die Zukunft verweigert, sehr schwer, eine +friedliche Lösung für die vorliegende Differenz zu finden, so ist dies +nach meiner Überzeugung, welche von meinen Collegen getheilt wird, +nunmehr ganz unmöglich. Die öffentliche Meinung ist in einer Weise +aufgeregt, daß wenn nicht die energischste und festeste Antwort auf +diese preußische Beleidigung erfolgt, der ganze Zorn des empörten +Nationalgefühls sich gegen die Regierung wenden wird. Nach meiner +Überzeugung kann diese Antwort nur eine einzige sein. Der Würfel ist +gefallen, Sire! Wir müssen den Krieg erklären!“ + +Der Kaiser blickte auf Ollivier und den Marschall Leboeuf. + +Auf ihren Zügen lag deutlich die Zustimmung zu den Worten des Collegen. + +Napoleon erhob das Haupt und sagte ruhig und fest: + +„Ihre Ansicht, Herzog, ist die meinige. Ich habe soeben selbst die +mächtige Erregung der Bevölkerung wahrgenommen, und eine Regierung, die +wie die meinige auf dem Willen des Volkes beruht, muß einer so +gewaltigen und einmüthigen Strömung des Nationalgefühls folgen. Ich +konnte in den diplomatischen Fragen der Erhaltung des Friedens +Zugeständnisse machen, und ich habe dies gethan seit einer Reihe von +Jahren, ich habe die Ansprüche, welche Frankreich machen konnte und +vielleicht noch entschiedener hätte machen sollen, um das gestörte +Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen, vertagt, bis dieselben +vielleicht durch günstige diplomatische Constellationen ohne +kriegerische Conflicte hätten durchgeführt werden können. Ich habe +Vorschläge auf Vorschläge nach Berlin gehen lassen, um durch Erlangung +von Compensationen die Freundschaft mit Preußen zu erhalten und +vielleicht auch zu einer Allianz mit demselben zu kommen. Man hat das +Alles zurückgewiesen und ich habe geschwiegen, — immer wartend, immer +noch hoffend, endlich doch ein Arrangement zu erreichen. Jetzt aber +handelt es sich nicht mehr um das europäische Gleichgewicht, es handelt +sich nicht mehr um diese oder jene politischen Arrangements, — Frankreich +ist beleidigt! Die Ehre Frankreichs ist engagirt! — Es giebt für mich nur +einen Weg, und diesen Weg bin ich um so fester und um so ruhiger zu +gehen entschlossen, als die hohe nationale Begeisterung mir die +Bürgschaft giebt, daß selbst im Falle unglücklicher Zwischenfälle das +ganze Volk um so einmüthiger und fester hinter mir stehen wird.“ + +Der Herzog von Gramont athmete auf, seine anfängliche Befangenheit +schwand bei den Worten des Kaisers, stolze Freude lag auf seinem +Gesicht. + +„Ich glaube an den Sieg, Sire,“ rief Ollivier mit einer gewissen, +ungeduldigen Hast das Wort ergreifend, als der Kaiser schwieg. „Denn wir +sind stark und gerüstet nach allen Seiten. Aber sollte auch ein +augenblicklicher Mißerfolg uns treffen, so wird dies die nationale +Begeisterung noch mehr und mehr entflammen, und das Kaiserreich wird +sich in diesem heiligen Feuer immer fester und unauflöslicher mit dem +Blut und Leben der Nation verbinden. Eure Majestät wissen, wie ich den +Frieden gewünscht habe, wie die Erhaltung des Friedens meine Bedingung +bei Übernahme des Portefeuilles war, wenn ich jetzt sage: Der Krieg ist +nothwendig, sofortige Kriegserklärung ist eine nationale Pflicht für +Eure Majestät, dann werden Sie überzeugt sein, daß kaum Jemand in +Frankreich in diesem Augenblick den Frieden wünschen kann, wenn er nicht +zu gleicher Zeit der Feind Eurer Majestät und des Kaiserreichs ist, wenn +er nicht wünscht, daß das Kaiserreich sich von dem nationalen Aufschwung +trennen und damit den ersten Schritt zu seinem Untergang thun soll.“ + +„Herr Thiers wünscht den Frieden,“ sagte der Kaiser leicht lächelnd, „er +hat sich im Corps legislatif und auch sonst so öffentlich als möglich +dafür ausgesprochen.“ + +„Die öffentliche Meinung, Sire,“ erwiderte Herr Ollivier, „hat ihm +sogleich darauf die Antwort gegeben, man hat vor seinem Hotel sehr +lebhafte Demonstrationen gemacht und ihm zugerufen. „Nieder mit dem +kleinen Preußen!“ + +„Herr Thiers sollte nicht vergessen,“ sagte der Kaiser, „daß sein König +Louis Philippe gefallen ist, weil er einen Krieg nicht führen wollte, +den das Nationalgefühl verlangte, und weil er die Demüthigung +Frankreichs weiter trieb, als der französische Stolz es ertragen kann. +Vielleicht möchte Herr Thiers wünschen daß ich denselben Fehler begehe, +um demselben Schicksal zu verfallen, — sein Wunsch soll nicht erfüllt +werden. Wollen Sie, mein lieber Herzog, mit Herrn Ollivier die +Kriegserklärung entwerfen? Ich werde morgen wieder hereinkommen, da ich +Sie in dieser viel bewegten Zeit, nicht durch eine Fahrt nach St. Cloud +ihren Geschäften entziehen darf, um dann im gesammten Ministerrath die +Erklärung fest zu stellen. Bereiten Sie die Pässe für den Baron Werther +vor.“ + +„Der Baron, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ist heute bereits +bei mir gewesen, um mir anzuzeigen, daß er sich auf Urlaub begebe. Es +sind,“ fuhr er fort, „vor seinem Hotel einige unangenehme +Demonstrationen vorgekommen.“ + +„Man soll dort sogleich starke Polizeimacht, — wenn es nöthig ist, +Truppen aufstellen,“ rief der Kaiser, „und den Botschafter gegen jede +feindliche Kundgebung auf das Entschiedenste schützen. Die nationale +Entrüstung darf die Grenzen der völkerrechtlichen Pflichten und des +Anstandes, den die civilisirten Nationen unter allen Umständen einander +schuldig sind, nicht überschreiten. Nun aber, meine Herren,“ sagte er +dann, „nachdem der entscheidende Entschluß gefaßt ist, haben wir nicht +mehr rückwärts, sondern vorwärts zu blicken. Wir müssen uns klar machen, +auf welche Weise wir alle Chancen des Erfolges auf unserer Seite +vereinigen. Wie stehen unsere Beziehungen zu den Mächten? Haben wir +Aussichten auf Allianzen und directe Unterstützungen?“ fragte er, zum +Herzog von Gramont gewendet, — „unsere ganze Diplomatie muß die höchste +Anstrengung entwickeln, um der militairischen Action zur Seite zu +stehen.“ + +„Alle Mächte, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „haben die +Gerechtigkeit unserer Forderung auf Beseitigung der Hohenzollernschen +Candidatur anerkannt, und es liegt in der Natur der Sache, daß +Österreich, Schweden und Dänemark schon zu Anfang eine uns freundliche +Neutralität beobachten werden. Auch rechne ich auf die Preußen so +äußerst feindliche Stimmung in Süddeutschland, so wie auf die +unterwühlten Zustände in den annectirten Provinzen.“ + +„Alles das ist gut,“ sagte der Kaiser mit einer leichten Nüance von +Ungeduld im Ton, „aber wir haben keine bestimmten Thatsachen, keine +bestimmten Erklärungen.“ + +„Ich kann die vielfachen Versicherungen des Herrn von Beust über die +Identität der Interessen Frankreichs und Österreichs,“ erwiderte der +Herzog, „nur als die Grundlage der bestimmten Erwartung ansehen, daß +Österreich mindestens bei den ersten günstigen Erfolgen unserer Waffen +activ auf unsere Seite treten werde. Noch gestern habe ich eine Depesche +des Herrn von Beust erhalten, in welcher jene Versicherungen wiederholt +werden und zugleich ausgesprochen ist, daß Österreich für den Erfolg +unserer Waffen Alles in den Grenzen der Möglichkeit Liegende thun +werde, — ich habe Eurer Majestät diese Depeschen sofort zugehen lassen —“ + +„Ich habe sie gelesen,“ sagte Napoleon die Achseln zuckend, „die Grenzen +der österreichischen Möglichkeiten sind sehr weit gezogen, — Fürst +Metternich hat mich beschworen, den Conflict zu vermeiden.“ + +„Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ich gebe auf die officiellen +Schritte Österreichs wenig, sie werden gethan, um nach allen Seiten hin +sich zu decken und die neutrale Haltung constatiren zu können. Ich lege +das Hauptgewicht auf meine Kenntnisse der dortigen Verhältnisse und auf +den natürlichen und nothwendigen Wunsch, von dem sowohl der Kaiser als +Herr von Beust beseelt sein müssen, jede Gelegenheit zu benutzen, um die +Niederlage von 1866 wieder gut zu machen.“ + +„Ich rechne nicht auf Österreich,“ sagte der Kaiser, „seit Jahren habe +ich dort nichts gefunden, als ohnmächtige Wünsche und schwankendes +Zögern, das sich nach keiner Seite compromittiren möchte. Etwas Anderes +ist es mit den Sympathien, die wir in Deutschland selbst finden könnten. +Baiern und Würtemberg sind durch Frankreich auf ihre heutige Stellung +erhoben, sie werden sich hoffentlich daran erinnern, und in Baiern hat +ja die ultramontane Partei eifrig in diesem Sinne gearbeitet. Auf die +annectirten Provinzen rechne ich weniger, — höchstens bei einem Rückzug +der preußischen Armee könnte uns dort ein Aufstand unterstützen.“ + +„Ich muß Eurer Majestät mittheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß +sich ein Graf Breda auf dem auswärtigen Ministerium gemeldet hat, +welcher Propositionen zu einem Bündniß mit dem König von Hannover zu +machen beauftragt sein will.“ + +„Graf Breda?“ fragte der Kaiser, „derselbe, der früher bei unserer +Gesandtschaft in Stockholm war und dort —“ + +„Derselbe, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „er scheint jetzt +im Dienste der Depossedirten seine unterbrochene diplomatische Carriere +fortsetzen zu wollen.“ + +Der Kaiser zuckte die Achseln. + +„Was proponirt er,“ fragte er. + +„Ein hannöversches Corps von zwanzigtausend Mann, wogegen im Fall des +Sieges die früheren Besitzungen des Welfenhauses zu einem +Niedersächsischen Königreich wieder vereinigt werden sollen.“ + +Napoleon lächelte mitleidig. + +„Ein Corps von zwanzigtausend Mann,“ sagte er, — „nachdem der König seine +Legion, die ihm vielleicht die Möglichkeit hätte geben können, in die +Entwickelung der Action einzugreifen, nach allen vier Winden zerstreut +hat. Der arme König,“ fuhr er fort, „welch ein trauriges Schicksal, — in +welche Hände ist dieser arme Fürst gefallen, — ich bitte Sie, mein lieber +Herzog, diesen Grafen Breda nicht zu empfangen. Der beste Dienst, den +ich dem unglücklichen König von Hannover leisten kann, ist der, daß ich +solche Propositionen von Personen, die sich für seine Agenten ausgeben, +vollständig ignorire. Wollen die Hannoveraner sich zu seinen Gunsten +erheben, so mögen sie es thun, ich kann mich mit dieser Sache nicht +weiter befassen und ohne jeden Nutzen und Beistand den Kampf mit Preußen +nicht auf das Äußerste verbittern, — übrigens bin ich überzeugt, daß der +arme König von solchen abenteuerlichen Propositionen selbst garnichts +weiß und daß er mir dankbar sein wird, wenn ich dieselben der +Vergessenheit übergebe. + +„Ich habe ein Programm an die deutschen Völker entworfen,“ sagte er nach +einer kurzen Pause, „in welchem ich ihnen sage, daß ich nicht die +Grenzen überschreite, um Deutschland den Krieg zu erklären, daß ich im +Gegentheil Deutschland befreien will von einer übermächtigen und +übermüthigen Gewalt, welche die freie Autonomie und Selbstbestimmung der +deutschen Stämme vernichtet, und daß ich vor allen Dingen keine +Eroberung auf deutschem Boden machen will —“ + +„Eine solche Proclamation, Sire,“ fiel Herr Ollivier lebhaft ein, „ist +vortrefflich und wird unendlich dazu beitragen, daß Preußen in +Deutschland selbst jede moralische Unterstützung verliert. Wenn ich in +demselben Sinne eine Rede im Corps legislatif hielte —“ + +„Das französische Nationalgefühl, Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf, +indem er seinen großen starken Schnurrbart an beiden Enden heraufdrehte, +„wird einen solchen platonischen Krieg nicht verstehen. Der +öffentlichen Meinung in Frankreich im Allgemeinen,“ fuhr er fort, „ist +es sehr gleichgültig, wie Deutschland sich constituirt, ob es unter +preußischer Suprematie steht oder nicht, wenn nur Frankreich den Rhein +besitzt, so mag dann auf der andern Seite desselben geschehen, was da +will.“ + +Der Kaiser blickte fragend auf den Herzog von Gramont. + +„Was der Herr Marschall so eben bemerkt, Sire,“ sagte dieser, „scheint +mir nicht unbegründet, auf der andern Seite aber erkenne ich die Wirkung +einer Proclamation, wie Eure Majestät die Gnade hatten, sie anzudeuten +im hohen Grade an, sowohl in Betreff ihrer Wirkung auf die süddeutsche +Bevölkerung, als auch auf die übrigen europäischen Cabinette. Denn durch +eine solche Proclamation würde der Vorwurf eines Eroberungskrieges von +Frankreich zurückgewiesen werden. Es käme nur darauf an, durch eine +geschickte Fassung der Worte beiden Gesichtspunkten gerecht zu werden, +und die Proclamation so zu redigiren, daß sie sowohl in Frankreich, als +auch in Deutschland eine günstige Wirkung erzielt.“ + +„Eine solche Redaction wird sich finden lassen,“ rief Herr Ollivier, +„wenn Eure Majestät —“ + +„So ganz platonisch,“ sagte der Kaiser lächelnd, „würde übrigens der +Krieg nicht sein. Zunächst wird Jedermann erkennen, daß wenn wir siegen +und wenn dadurch die Constituirung eines politisch und militairisch +geeinigten Deutschlands unter preußischer Führung definitiv verhindert +wird, die Erwerbung von Compensationen auf deutschem oder anderem Gebiet +weit weniger nothwendig wird, als sie es wäre, wenn wir uns mit dem +preußischen Deutschland in Güte verständigen wollten, — sodann aber wird +wohl Niemand in ganz Europa dem siegreichen Frankreich das Recht +streitig machen wollen, diejenigen Grenzen zurückzufordern, welche man +ihm im Jahre 1814 zugestand, als es von der europäischen Coalition +besiegt darniederlag, und Niemand wird in der Wiederherstellung dieser +damals von ganz Europa sanctionirten Grenzen eine Eroberung erblicken +können.“ + +Der Geheimsecretair Pietri trat durch den besondern, für ihn bestimmten +Eingang in das Cabinet. + +„Sire,“ sagte er, „es sind zwei Depeschen vom auswärtigen Amt so eben +gebracht worden, um dieselben dem Herrn Herzog von Gramont zu +übergeben —“ + +„Ich habe die Anweisung hinterlassen, Sire,“ fiel der Herzog ein, „alle +ankommenden Depeschen sofort hierherzubringen, da sie für die von Eurer +Majestät zu fassenden Entschlüsse von Einfluß sein könnten.“ + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und auf seinen Wink reichte Pietri +die beiden Depeschen, welche er in der Hand hielt, dem Herzog von +Gramont, der sie schnell eröffnete und ihren Inhalt überflog. + +Er erbleichte und eine unruhige, zornige Erregung trat an die Stelle der +heitern, sorglosen Zuversicht, welche bisher auf seinen Zügen gelegen +hatte. + +„Nun,“ fragte der Kaiser, forschend in das so schnell veränderte Gesicht +des Herzogs blickend. + +„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem die Depeschen in seinen +Händen leise zitterten, „eine ebenso unerwartete als unangenehme +Nachricht! Aus München und Stuttgart wird gemeldet, daß man dort an dem +Bündniß mit Preußen festhält, die Armee mobil gemacht und unter den +Befehl des Königs von Preußen gestellt hat, — unsere Gesandten sehen +jeden Augenblick der Zustellung ihrer Pässe entgegen.“ + +Ollivier blickte ganz erstaunt und unruhig umher. + +Der Marschall Leboeuf strich lächelnd über seinen dichten, mächtig +hervorspringenden Kinnbart, — der Kaiser blickte einen Augenblick in +düsterm Schweigen vor sich nieder, dann hob er mit klarem, stolzem Blick +das Haupt wieder empor und sagte. + +„So weit wie die Dinge jetzt gekommen sind, darf uns keine +fehlgeschlagene Erwartung erschüttern. Das Schicksal will den +Entscheidungskampf, und wir müssen mit festem und ungebeugtem Muth in +denselben eintreten. Die Geschichte unseres Landes lehrt uns, daß die +eigene Kraft Frankreichs die beste und kräftigste Bürgschaft für unseren +Erfolg ist. Wir haben,“ fügte er mit erhobener Stimme hinzu, „öfter +durch unsere Siege Bundesgenossen gefunden, als durch unsere +Bundesgenossen Siege erfochten. Der Gegenstand, über den wir soeben +sprachen, ist durch diese Mittheilung erledigt,“ fuhr er fort, indem er +einen vor ihm liegenden, ganz mit seiner kleinen zierlichen Handschrift +beschriebenen Bogen zusammenfaltete. „Da ganz Deutschland es für gut +findet, sich unter die Führung und Botmäßigkeit Preußens zu stellen, so +haben wir nicht nöthig, uns für die Ausnutzung unseres Sieges Schranken +aufzulegen. Die Proclamation, von der wir sprachen, ist überflüssig +geworden. Frankreich wird sich die volle Freiheit erhalten, Alles das zu +nehmen und zu behalten, was seine Interessen ihm nothwendig und +wünschenswerth machen. Finden wir aber keine Alliirte in Deutschland +selbst,“ sagte er dann, „so müssen wir uns um so mehr Diejenigen zu +sichern suchen, welche außerhalb Deutschlands durch ihre eigenen +Interessen auf uns angewiesen sind. Dänemark hat seine Neutralität +erklärt, — das mag gut sein für den Beginn des Krieges; aber ich lege +einen großen Werth darauf, daß nach den ersten Erfolgen dort eine für +uns freundschaftliche Action eintrete, welche preußische Kräfte +absorbirt und uns die Möglichkeit einer Landung erleichtert. Ich will +den Herzog von Cadorn in außerordentlicher Mission nach Kopenhagen +schicken, damit er den dortigen Hof veranlasse, bei der ersten sich +darbietenden Gelegenheit, aus seiner Neutralität herauszutreten, — ich +hoffe, das wird nicht schwer sein, und das Vorgehen Dänemarks wird +dasjenige Schwedens auf der Stelle nach sich ziehen, — würde damit auch +nichts weiter erreicht, als daß Rußlands Kräfte nach dem Norden gezogen +und von einer Pression auf Österreich abgezogen werden, so wird das +schon von großer Bedeutung sein. Wollen Sie, mein lieber Herzog die +Instructionen und Creditive für Cadorn so schnell als möglich bereit +stellen lassen.“ + +„Zu Befehl, Sire,“ sagte der Herzog sich verneigend, „ich bewundre den +Gedanken Eurer Majestät und die vortreffliche Wahl der Person —“ + +„Zugleich aber,“ fuhr der Kaiser fort, „ist es nothwendig, eine +energische, diplomatische Action in Wien eintreten zu lassen, um auch +dort den ersten günstigen Augenblick zu benutzen und Alles aufzubieten, +einen schnellen Entschluß hervorzurufen. Der Fürst Latour d'Auvergne muß +sogleich seine Thätigkeit beginnen, und ich bitte Sie, auch in dieser +Beziehung das Nöthige zu veranlassen, mein lieber Herzog. Man muß auf +der Basis derjenigen Unterhandlungen wieder beginnen, welche der General +Türr eingeleitet hatte und deren Ziel die im Princip bereits approbirte +Vertragsskizze sein wird, nach welcher gegen Abtretung von Welsch-Tyrol +Italien im Fall einer russischen Intercession sich zur activen +Unterstützung Österreichs und zum Anmarsch gegen die Süddeutschen +Grenzen verpflichtet. Herr von Beust hat dem Abschluß dieses Vertrages +einst Schwierigkeiten entgegen gestellt, der erste Erfolg unserer Waffen +muß benutzt werden, um unter dem dadurch hervorgebrachten Eindruck den +unmittelbaren Abschluß jenes Vertrages kategorisch zu fordern.“ + +Der Herzog von Gramont hatte sich mit einem Crayon einige Notizen auf +einem vor ihm liegenden Blatt Papier gemacht und verneigte sich zum +Zeichen seines Einverständnisses mit den Anordnungen des Kaisers. + +„Nun, mein Herr Marschall,“ sagte Napoleon, sich zum Kriegsminister +wendend, — „Sie sehen, daß die Vorbereitungen der Diplomatie getroffen +sind, wie steht es mit den Ihrigen?“ + +„Alles ist bereit, Sire,“ erwiderte der Marschall Leboeuf mit seiner +starken rauhen Stimme, „es fehlt nicht ein Knopf an der Ausrüstung der +Armee, nicht eine Bajonettspitze an ihrer Bewaffnung. Unsere Magazine +sind gefüllt, in Toulon liegen sieben Transportschiffe bereit, um die +Armee von Algier herüberzuschaffen. Alle Vorbereitungen sind getroffen, +um die Truppen von Châlons in sechszehn Stunden an die Grenze zu +bringen. Heute sind zwölftausend Eisenbahnwagen mit Mehl und Zwieback +nach den Ostgrenzen abgegangen, und in wenigen Tagen wird Eurer Majestät +Armee bereit sein, in Deutschland einzurücken.“ + +Der Kaiser nickte bei den Mittheilungen des Marschalls mit dem Kopfe. + +„Und der Generalstab,“ fragte er dann. + +„Der Generalstab, Sire, wie Eurer Majestät Hauptquartier,“ erwiderte +der Marschall, „für welches Sie mich zu Ihrem Major-General zu bestimmen +die Gnade gehabt haben, ist formirt aus den besten Officieren, die ich +habe finden können, und in kürzester Frist werden auch die Generalstäbe +der einzelnen Corps mit tüchtigen Kräften besetzt sein.“ + +„Und hat man genügend Karten von Deutschland,“ fragte der Kaiser, „nicht +nur für den Generalstab, sondern auch für die übrigen Officiere?“ + +„Sire,“ erwiderte der Marschall, sich martialisch aufrichtend, „jeder +Officier Ihrer Armee hat eine Karte, welche ihm den sichersten und +geradesten Weg nach Berlin zeigen wird, und ich habe die Meinige bei +mir.“ + +Er schlug schallend an seinen Degen, indem er zugleich mit der andern +Hand die Spitzen seines Schnurrbarts emporkräuselte. + +Der Kaiser sah ihn einen Augenblick ganz betroffen an, während Herr +Ollivier sich ebenfalls mit kriegerisch stolzer Miene aufrichtete, und +der Herzog von Gramont noch einige Notizen niederschrieb. + +„Die Vortrefflichkeit Ihrer Karten,“ sagte Napoleon lächelnd, „hat sich +in den verschiedenen Feldzügen Frankreichs mehrfach bewährt, indessen +wäre es doch gut, wenn die Officiere daneben auch noch andere Karten +zur Verfügung hätten und nicht bloß auf die magnetische Anziehungskraft +angewiesen blieben, welche die feindliche Hauptstadt auf die Spitze +ihres Degens ausübt, ich hoffe daß Sie dafür Sorge tragen werden,“ fügte +er mit festem und bestimmtem Ton hinzu. + +Der Marschall verneigte sich, jedoch zeigte seine Miene dabei deutlich, +daß er auf die Hülfsmittel der geographischen Wissenschaft von seinem +soldatischen Gesichtspunkt aus einen nicht eben allzugroßen Werth zu +legen geneigt sei. + +„Ich erwarte Sie morgen in St. Cloud, Herr Marschall,“ fuhr Napoleon +fort, „um mir die Bestimmungen über die einzelnen Corps der Armee zur +definitiven Entscheidung vorzulegen, — eine Anweisung darüber habe ich +Ihnen schon zugehen lassen. Und nun bleibt Ihnen noch überlassen, mein +lieber Herr Ollivier,“ fuhr er dann fort, „das große Agens aller Kriege +herbeizuschaffen, nämlich das Geld. Wir bedürfen nach den angestellten +Berechnungen einen Credit von dreißig Millionen für die Armee und einen +weitern Credit von sechzig Millionen für die Marine. Die Vorlage muß so +schnell als möglich im Corps legislatif gemacht werden.“ + +„Und sie wird mit jubelnder Acclamation aufgenommen werden, Sire,“ rief +Herr Ollivier, „und wenn Eure Majestät das Doppelte und Dreifache +fordern würden, — in diesem Augenblick würde Frankreich Ihnen nichts +verweigern.“ + +„Also, meine Herren,“ sagte Napoleon aufstehend, „ich erwarte die +Vorlage der Kriegserklärung, sowie die schnelle und pünktliche +Ausführung aller eben besprochenen Maßregeln. + +„So treten wir denn nun,“ fügte er ernst hinzu, „der großen Entscheidung +entgegen, welche so lange wie ein schwüles Wetter über unsern Häuptern +geschwebt hat, und es bleibt uns nur noch die Bitte übrig: Gott schütze +Frankreich!“ + +Er sprach diese Worte tief aus der Brust heraus, während er die Augen +wie fragend emporschlug. + +„Gott schütze Frankreich!“ wiederholten die drei Minister — + +Vom Carousselplatz herauf ertönte in diesem Augenblick die Melodie der +Marseillaise, welche ein vorüberziehendes Musikkorps intonirte, und in +welche die versammelte Menge sogleich laut und kräftig einfiel. + +Der Marschall Leboeuf blickte ganz erstaunt auf, Herr Ollivier hob die +Hand empor und rief mit pathetischem Ton: + +„Der Geist Frankreichs, Sire, spricht aus diesen Tönen zu Euer +Majestät, der Geist der Freiheit und der Civilisation, vor welchem diese +preußischen Armeen schnell werden zersprengt werden.“ + +Der Kaiser lauschte einen Augenblick schweigend den immer mächtiger +anschwellenden Klängen. + +„Möchten sie,“ sprach er leise, „die Dämonen der Revolution hinausführen +auf die Schlachtfelder des nationalen Ruhms, damit ihre gewaltige Kraft +sich zu immer festerer Erstarkung des Kaiserthums entwickele.“ + +Er schwieg noch einige Augenblicke — sein brennender Blick schien den +Schleier der Zukunft durchdringen zu wollen. + +Dann sprach er mit liebenswürdiger Artigkeit. + +„Nun, meine Herren Minister, schicke ich Sie fort — Jeder von uns muß an +seine Arbeit, und die nächste Zeit wird uns deren viele bringen.“ + +Er reichte den Herren die Hand. + +Dieselben verließen ernst und schweigend das Cabinet. + +Unmittelbar darauf meldete der Kammerdiener Herrn Rouher, den früheren +Staatsminister und gegenwärtigen Senatspräsidenten. + +Auf den zustimmenden Wink Napoleons trat dieser langjährige Leiter der +kaiserlichen Regierung langsam und in fast feierlicher Haltung ein. + +Der Kaiser ging ihm heiter lächelnd entgegen und reichte ihm die Hand, +welche Herr Rouher ehrerbietig ergriff und einen Augenblick in der +Seinen hielt, während er mit einem traurigen Ausdruck den Kaiser ansah. + +„Nun, mein lieber Rouher,“ sagte Napoleon, „wir stehen an der großen +Entscheidung, und ich hoffe, daß es nunmehr gelingen wird, die Krönung +des Gebäudes zu vollenden, dessen Grundmauern Sie mit so viel Eifer und +Beharrlichkeit aufgeführt haben.“ + +Das volle Gesicht des Herrn Rouher mit dem feinen beredten Munde und den +klaren, scharf blickenden Augen zeigte eine Bewegung, welche diesem +scharf berechnenden Meister der Dialektik und der parlamentarischen +Debatte sonst nicht eigentümlich war. + +„Sire,“ sagte er, „Eure Majestät wissen, mit welcher Mühe ich Jahre lang +daran gearbeitet habe, die Krönung des kaiserlichen Gebäudes auf andere +Weise und ohne eine kriegerische Catastrophe abzuschließen. Eure +Majestät haben die Führung Ihrer Regierung andern Händen anzuvertrauen +für gut befunden, und mir bleibt nur zu hoffen übrig, daß der Erfolg den +Erwartungen Eurer Majestät und den heißen Wünschen entsprechen möge, +welche ich für denselben im Herzen trage.“ + +Der Kaiser blickte seinen langjährigen Rathgeber einen Augenblick +nachdenklich an. + +„Sie sind nicht einverstanden, mein lieber Rouher,“ sagte er dann mit +einer gewissen unsichern Befangenheit in der Stimme, „mit dem Gange der +Ereignisse und doch müssen Sie zugeben, daß es jetzt unmöglich ist, die +Dinge auf einen andern Weg zu lenken.“ + +„Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „ich würde niemals das Verfahren +desjenigen billigen können, der durch sichere und ruhige Unternehmungen +ein großes Vermögen zu gründen und zu erhalten im Stande ist und der, +statt diese Unternehmungen mit Consequenz zu verfolgen, sich auf ein +Hazardspiel einläßt, das ihn in einem Augenblick zum Millionair +machen, — aber verzeihen Eure Majestät — auch den Verlust vieler +erworbenen Güter herbei führen kann. Ebenso —“ + +„Ebenso,“ fiel der Kaiser ein, „finden Sie, daß der Krieg in der Politik +ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen müsse und das vieles +bereits Erreichte in Frage stellen könne. Aber mein Gott,“ fuhr er +lebhafter fort, „wenn die ganze Nation den Krieg will, — ich bin der +Erwählte der Nation, — ich muß dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen, +als irgend ein andrer Regent, Sie müssen zugeben, daß ganz Frankreich +zum Kriege drängt, daß Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze +hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges +durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen.“ + +Herr Rouher schüttelte langsam den Kopf. + +„Ollivier, Sire,“ sagte er dann achselzuckend, „wird Alles wollen, was +ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen +er sich so sehr gefällt. Wenn Ollivier Eurer Majestät übrigens,“ fuhr er +fort, „von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so +möchte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben — hinter +Ollivier steht Niemand. Eure Majestät haben mit ihm nicht seine früheren +Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestät haben ihn isolirt und nur +einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns,“ +sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, „wird die Zukunft zeigen. +Eure Majestät haben ferner,“ sprach er dann weiter, „von der +öffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt, +Eure Majestät haben Recht, die öffentliche Meinung verlangt den Krieg. +Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen? — und +dann, Sire, die öffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte +dieser Krieg, was Gott verhüten wolle, unglücklich für Frankreich +ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen +tönender Ruf jetzt die öffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft +an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestät und Ihre Regierung allein +wird man die Schuld desselben werfen.“ + +„Aber halten Sie es denn für möglich,“ fragte der Kaiser, „jetzt noch +den Krieg zu vermeiden?“ + +„Nein, Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „jetzt nicht mehr. Vor wenigen +Tagen vielleicht wäre das noch möglich gewesen. Man konnte die +Zurücknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen großen Triumph +der französischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen +Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen +wäre, so würde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt +sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des +Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen +ruft. Wenn diese unglückliche Frage der Garantie für die Zukunft, welche +ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt hätte, nicht gestellt wäre, +wenn man der Kammer und der ganzen französischen Nation die +Zurückweisung einer fernern Discussion von Seiten des Königs von Preußen +nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt hätte, +dann, Sire, wäre es noch möglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit +den eisernen Würfeln des Krieges zu vermeiden — jetzt, Sire, ist es nicht +mehr möglich! Unter den Umständen, welche jetzt geschaffen sind, können +wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des französischen +Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen +Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einfluß der Körperschaft, +an deren Spitze Eure Majestät mich gestellt haben, ganz Frankreich mit +dem Muthe und der Begeisterung zu erfüllen, deren wir in dieser +Katastrophe bedürfen. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß, morgen +mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu dürfen, um die +Gefühle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich +beseelen müssen. Ich bitte Gott, daß die Befürchtungen, welche ich nicht +ganz unterdrücken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen +meines Herzens zu verschließen für heilige Pflicht halte, niemals +Wirklichkeiten werden mögen.“ + +Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer Überzeugung +gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehört. Mit einer Bewegung voll +herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach. + +„Der Würfel rollt, so bleibt nichts anderes übrig, als muthig zu +erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglück nicht zu +fürchten, ist das beste Mittel, uns das Glück dienstbar zu machen.“ + +Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus. + +Napoleon blickte ihm lange sinnend nach. + +„Vielleicht hat er Recht,“ sagte er, träumerisch vor sich +hinblickend, „vielleicht hätte ich versuchen sollen, das Verhängniß +aufzuhalten, — nun,“ sagte er tiefaufathmend, „vielleicht findet sich +dazu noch der günstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte +Zurückweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der +Voraussetzung, daß ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun +nicht wagen würde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht, +wenn man sieht, daß ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird +sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der +Compensationen zurückzukommen, und ich werde dann in der günstigen Lage +sein, daß nicht ich es bin, der Vorschläge macht und Anträge stellt.“ + +Er ging noch einige Augenblicke schweigend und tief nachdenkend auf und +nieder; dann klingelte er und befahl seinen Wagen, um nach St. Cloud +zurückzufahren. + +Langsam fuhr er aus dem Hof der Tuilerien heraus und über den Place la +Concorde nach den Champs Elysées hin. Überall wogten dichte +Menschenmassen, und bis nach dem Bois de Boulogne hin wurde der Kaiser +mit enthusiastischen Hochrufen begrüßt. + +„Nieder mit Preußen!“ rief man ihm aus allen Gruppen entgegen. + +„Nach Berlin!“ + +Am Arc de Triomphe begegnete der Kaiser einem Bataillon der Voltigeurs +der Garde, welches von einer Feldübung zurückkehrte und bestimmt war, in +den nächsten Tagen nach Metz abzugehen. + +Der Kaiser fuhr langsam im Schritt an den Soldaten vorbei, welche bei +seinem Anblick ihre Käppis auf die Spitze der Bajonette steckten und +laut sangen: + + „Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc à la lanterne, + Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc on le pendra.“ + +Napoleon legte lächelnd die Hand an den Hut und lange noch klang seinem +Wagen diese alte Melodie aus der Schreckenszeit der Revolution nach, +welche der Soldatenwitz mit diesem neuen Text versehen hatte. + +Der Arc de Triomphe glänzte im Licht der Abendsonne, ruhig blickte das +steinerne Antlitz des großen Kaisers von dem stolzen Bau herab. + +Die jubelnde Menge begleitete die Soldaten, in ihren Gesang einfallend, +während der Kaiser in den frischen, zierlich gepflegten Park einfuhr, in +welchem die elegante Welt von Paris ihre Abendpromenade machte, und über +welchem am Horizont die gewaltigen Umrisse des Mont Valerien +emporragten. + +Alles war Freude, Jubel und stolze Siegeszuversicht, und kein Auge +durchdrang den Schleier der Zukunft, hinter welchem unmittelbar das +furchtbare Bild sich erhob, das die siegreichen deutschen Truppen +zeigte, wie sie in geschlossenen Reihen durch diesen Triumphbogen des +französischen Ruhmes einzogen, während aus den Tiefen von Paris jene +finstern Mächte heraufstiegen, um die Denkmäler der Jahrhunderte in +Schutt und Asche zu verwandeln. + + * * * * * + +Um dieselbe Zeit, während ganz Paris in jubelnder Aufregung sich befand, +waren in einem bescheidenen Restaurant der Passage Jeouffroi die +Officiere der früheren hannöverschen Legion versammelt. + +Sie saßen finster um den Tisch, auf welchem der Kellner mit der großen +weißen Schürze soeben ihr Diner zu serviren begann. Auf allen diesen +jugendlichen kräftigen Gesichtern war keine Spur von der Heiterkeit +ihres Alters zu entdecken, und Sorge und Kummer blickten aus Aller +Augen. + +Der Lieutenant von Tschirschnitz strich den vollen blonden Schnurrbart +zur Seite und sprach, finster die Zähne zusammenbeißend, indem er sich +zu dem neben ihm sitzenden Kriegscommissair Ebers, dem einzigen älteren +Manne von der Gesellschaft wandte. + +„Wie lange kann unsere Kasse noch reichen?“ + +„Vierzehn Tage vielleicht,“ erwiderte der Commissair Ebers +achselzuckend, „wenn wir uns auf das Äußerste einschränken, und wenn wir +alle unsere nothwendigsten Kleidungsstücke verkaufen, so können wir +vielleicht noch weitere vierzehn Tage gewinnen, dann aber ist es +jedenfalls aus.“ + +„Wer uns das gesagt hätte,“ rief der Lieutenant Götz von Ohlenhusen, +indem er einen tiefen Zug aus einem vor ihm stehenden Seidel Dreherschen +Bieres that, „als wir von Hannover auszogen und Alles im Stich ließen, +um uns dem Dienst des Königs zu erhalten —“ + +„Der hätte uns jedenfalls einen großen Dienst geleistet,“ sagte Herr von +Tschirschnitz, „ich hätte jetzt meine Kompagnie in Sachsen, eine +ehrenvolle Stellung und eine schöne Carriere vor mir, während wir uns +jetzt hier in einer Lage befinden, die in Wahrheit geeignet ist, selbst +unserem bisher unzerstörbaren Humor den Todesstoß zu geben. Hier im +fremden Lande ohne Mittel, ohne Stütze, ohne Anhalt — in Deutschland als +Hochverräther verurtheilt! — Wir werden bald in der Lage sein, daß kein +Fuß breit Erde, kein Athemzug Luft mehr in dieser Welt für uns übrig +ist.“ + +„Was bleibt uns übrig,“ sagte Herr von Götz finster, „als uns irgendwo +anwerben zu lassen. Man denkt ja daran, eine Fremdenlegion zu bilden.“ + +„Ein Glück für uns wäre es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel +getroffen hätte,“ rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein großes +Glas Rothwein herunterstürzte und das leere Glas dann heftig auf den +Tisch stieß, „dann wären wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in +welcher wir doch keinen Raum mehr für ein anständiges Leben finden.“ + +Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gäste trat schnell der +Major von Düring an den Tisch der Offiziere heran. Ihm folgte der +Regierungsrath Meding im Reiseanzug. + +Die Offiziere erhoben sich. + +„Mein Gott, Sie hier,“ rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem +Regierungsrath Meding die Hand reichte, „was führt Sie aus der Schweiz +hierher? Will der König uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen — in +diesem Augenblick?“ + +„Nein, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath, indem er die übrigen +Offiziere herzlich begrüßte und mit Herrn von Düring an deren Tisch +Platz nahm. „Ich komme nicht vom Könige, ich habe keine Verbindung mit +Hietzing und erfahre nur zufällig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich +bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander +verbunden hat, und weil ich dringend wünschte, in diesem Augenblick der +schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter +Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das +dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefährlichen und +bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und +Anforderungen zu widerstehen, sie mögen kommen, woher sie wollen.“ + +„Wir haben eben darüber gesprochen, was aus uns werden soll,“ erwiderte +Herr von Tschirschnitz, „unsere Bezüge von Hietzing sind uns, wie Sie +wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft +zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den äußerten +Einschränkungen gelebt — der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir +sämmtlich nichts mehr besitzen werden —“ + +„und in welchem uns nichts mehr übrig bleiben wird,“ rief Herr von Götz, +„als uns, wenn es sein muß, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen.“ + +„Um Gottes Willen, meine Herren,“ rief der Regierungsrath +Meding, — „bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, daß es sich in +diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866 +handelt. Bedenken Sie, daß in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint +gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, daß jeder Deutsche, der in diesem +Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres +gesammten Vaterlandes stünde, ewiger Schande verfallen müßte; daß die +Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen würde, und daß selbst im +Falle eines französischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum +für ihn haben würde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das +dringendste vor allen übereilten und verzweiflungsvollen Entschlüssen zu +warnen. Ich bitte und beschwöre Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie +nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehört, +daß hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Trümmer +der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen.“ + +Herr von Tschirschnitz lachte laut und höhnisch auf. + +„Dieser Graf Breda,“ rief er, „ist ein Franzose, ein Agent des +dunkelsten Ultramontanismus — daß er sich als Vertreter des Königs von +Hannover gerirt und eine hannöversche Legion formiren will, das ist +allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen.“ + +„Aber,“ fiel Herr von Düring ein, indem er sich zu dem Regierungsrath +Meding wendete, „Sie kennen unsere Lage und ich kann Ihnen nur +wiederholen, was ich Ihnen schon sagte, als ich Sie vom Bahnhof +hierherbrachte, was bleibt uns denn anders übrig, als uns irgendwo auf +die möglichst anständige Weise todtschießen zu lassen. Wir haben keine +andere Rettung aus unserer Lage.“ + +Der Regierungsrath Meding blickte sinnend vor sich nieder. + +„Jedes Schicksal ist besser,“ sagte er, „als in den Reihen der Feinde +des vereinigten Deutschlands zu fallen, und noch ist ja nicht jede +Möglichkeit der Rettung ausgeschlossen. Lassen Sie mich handeln. Ich +kann Ihnen nichts versprechen — aber es giebt vielleicht noch einen Weg, +der Sie alle mit Ehren vom Rande des Abgrundes zurückführt und Ihnen +eine freundliche Zukunft öffnen kann — lassen Sie mich meinen Weg gehen, +ich habe ein Gefühl, das mir sagt, er werde zum guten Ende führen. +Versprechen Sie mir nur das Eine, daß Sie sich in keine Unternehmungen +gegen Deutschland hineinziehen lassen, und daß Sie auch in der +verzweiflungsvollsten Lage des Augenblicks nicht den Muth verlieren — den +Sie sich ja so lange erhalten haben — versprechen Sie mir das, meine +Herren, und wenn es sein kann, verlassen Sie Frankreich so schnell als +möglich und geben Sie mir Nachricht, wo Sie zu finden sind — ich hoffe, +daß Sie von mir hören sollen. Ich muß Sie wieder verlassen,“ fuhr er +fort, „ich muß noch mit dem nächsten Zug wieder abreisen. Ich bin nur +gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe und bitte Sie +nochmals um Ihr Versprechen, nichts gegen Deutschland zu unternehmen.“ + +Er reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand. + +Dieser schlug kräftig ein und sagte mit bewegter Stimme: + +„Ich verspreche es, möge kommen, was da wolle.“ + +Die übrigen Herren wiederholten die Worte. + +„Und ich, meine Herren,“ rief der Regierungsrath Meding, „verspreche +Ihnen, daß ich nicht ruhen und rasten will, bis es mir gelungen ist, +einen Weg der Rettung zu finden. Leben Sie wohl, und so Gott will, auf +baldiges Wiedersehen.“ + +Er wandte sich tief ergriffen ab, verließ mit Herrn von Düring das Local +und stieg mit demselben an der Ecke der Passage in einen dort bereit +stehenden Fiaker, in welchem sich bereits sein Diener mit dem kleinen +Reisegepäck befand. + +Sie kamen auf dem Ostbahnhof eine Viertelstunde vor Abgang nach Basel +an. Ernst und schmerzlich bewegt, ging der Regierungsrath Meding mit dem +Major von Düring in der großen Vorhalle auf und nieder, von welchem man +den großen Platz vor dem Bahnhof und die weite Reihe der neuen +Boulevards überblickte, welche bereits im Schein der Gaslaternen +schimmerten und auf denen sich eine zahlreiche jubelnde und lärmende +Menschenmenge hin und her bewegte. + +„Der Anblick dieses Paris,“ sagte der Regierungsrath Meding, „in seinem +trunkenen Rausch ist mir tief schmerzlich. Ich liebe Frankreich, und +diese Stadt Paris ist mir fast zu einer lieben Heimath geworden. Und ich +sehe eine furchtbare Zeit über dies Land und diese schöne Stadt mit +ihrem wunderbar reichen Leben heraufziehen, eine Zeit, welche alle diese +Jubelklänge, die da jetzt zu uns herübertönen, in Jammer und Wehklage +verwandeln wird.“ + +„Sie glauben an die Niederlage Frankreich,“ fragte Herr von Düring, „an +eine so schwere Niederlage?“ + +„Ich bin von derselben überzeugt,“ erwiderte der Regierungsrath. „Ich +bin gestern von Basel herauf bis hierher durch die nach der Grenze hin +sich bewegenden Truppen gefahren, aber was ich gesehen habe, läßt mich +nur das Traurigste für Frankreich erwarten. Überall habe ich Truppen der +verschiedensten Waffen ohne Officiere, Cavallerie ohne Pferde, Geschütze +auf den Eisenbahnwagen ohne Bespannung gesehen. Alle diese Leute waren +im Zustande der unnatürlichen Aufregung, die meisten berauscht, und wenn +ich sie fragte, wohin sie gingen, zu welchem Corps sie gehörten, so +konnten sie mir keine genügende Antwort geben, die Meisten antworteten +mit dem fanatisch stereotypen Ruf „nach Berlin“. Mit solchen Truppen +schlägt man die preußische Armee nicht und der Elan, von dem man so viel +spricht, wird wie ein vorübergehender Rausch schnell vor der ruhigen und +sichern Taktik der deutschen Heeresleitung verfliegen. Glauben Sie mir,“ +fuhr er fort, indem er noch einmal wehmüthig über die glänzenden Reihen +der Boulevards hinblickte, „Frankreich wird einen furchtbaren Schlag zu +erleiden haben, und das Kaiserreich mit allem seinem Glanz wird +vielleicht unter diesem Schlage zusammenbrechen — ich habe hier lange +die Elemente beobachtet, welche in der Tiefe der Gesellschaft sich +organisirt haben und sie werden nicht zögern, heraufzusteigen, um von +unten her das Gebäude zu zersprengen, wenn dessen Zinnen unter den +Schlägen der deutschen Waffen fallen werden.“ + +Das Signal zur Abfahrt des Zuges ertönte. + +„Noch einmal, lieber Düring,“ sagte der Regierungsrath Meding, indem er +sich am Eingang des Wartezimmers von dem Major verabschiedete, „halten +Sie den Muth unserer Freunde aufrecht und sorgen Sie dafür, daß auf +unsere, so lange mit Ehren vertheidigte Sache kein Flecken falle.“ + +Mit Thränen in den Augen trennten sich die beiden mehrjährigen Genossen +der Verbannung. Der Regierungsrath Meding stieg in das Coupé und fuhr +unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive in die Nacht hinaus, während +der Major von Düring ernst und traurig über die hellen Boulevards hin zu +seinen Kameraden zurückkehrte, um in den Herzen dieser tapfern und +treuen Diener einer untergegangenen Sache, welche Heimath und Vaterland, +Vergangenheit und Zukunft verloren hatten, die letzten Funken der +Hoffnung und des Muthes wieder anzufachen. + + + + +Elftes Capitel. + + +Die Verlobung der Tochter des Commerzienrath Cohnheim mit dem jungen +Baron von Rantow war wenige Tage nach der Erledigung der zwischen ihm +und dem Lieutenant von Büchenfeld entstandenen Differenz proclamirt +worden. + +Der Commerzienrath hatte es sich nicht nehmen lassen, bei dieser +Gelegenheit ein großes Fest zu veranstalten, bei welchem die zahlreichen +Bekannten des Barons zu seiner und seiner Gemahlin höchsten Befriedigung +eine Menge hoch aristokratischer Namen und Erscheinungen in seine Salons +führten. + +Der kleine Commerzienrath schwamm in Entzücken. Noch behaglicher als +sonst eilte er hin und her, indem er in gelegentlichen Gesprächen seinem +alten Freunde aus der Finanzwelt auf alle diese Elemente der ersten +Gesellschaft aufmerksam machte, die sich jetzt bei ihm vereinigten. + +Die Commerzienräthin war noch steifer, noch würdevoller, noch +unnahbarer als sonst, und Fräulein Anna überstrahlte Alle durch ihre +Schönheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener +Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher früher in ihren Augen +gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Königin blickte +sie umher, mit ruhig und sicher gewählten Worten beantwortete sie die +Gluckwünsche, welche man an sie richtete, und wenn sie lächelte, so +schien es fast, als ob höhnischer Spott mehr Antheil an ihrem Lächeln +habe, als die glückliche Freude der Braut. + +Der junge Herr von Rantow war dann täglich im Hause des Commerzienraths +erschienen, hatte für seine Braut alle Höflichkeit und Aufmerksamkeit, +welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso höflich und +freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annäherung zwischen den +beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem +Takt in einer gewissen Zurückhaltung und Fräulein Anna war ihm dafür von +Herzen dankbar und nahm mit um so größerer Aufmerksamkeit alle äußeren +Rücksichten, welche ihr Verhältniß erforderte, entgegen; so daß die +Commerzienräthin äußerst befriedigt war und ihrer Tochter häufig +anerkennende Worte über ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem +Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach. + +Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen überstanden, und die Hochzeit +war für den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der für die +Aufnahme des jungen Paares bestimmte Flügel des Schlosses auf dem +Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen +Ausschmückung der Commerzienrath nicht müde wurde, von überall her das +Schönste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen. + +Da brach mitten in diese Vorbereitungen die große Catastrophe herein, +welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Fürsten und +Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in +den furchtbaren Ernst des Lebens zurücktrieb, so unterbrach sie auch die +Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Fräulein Anna +Cohnheim. + +Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub +des von ihm so sehnlichst gewünschten Familienereignisses, welcher ihn +bewegte und bekümmerte — der plötzlich hereinbrechende Krieg griff auch +zerstörend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die +Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, mußten +natürlich vorläufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhältnisse aufgeschoben +werden. + +Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das +militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne +unmittelbar gefährlich zu werden, ihm große körperliche Anstrengungen +unmöglich machte, für dienstunfähig erklärt. Von dieser Seite hätte +daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden. +Indeß Fräulein Anna erklärte mit großer Bestimmtheit, daß sie vor dem +Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so große Gefahr stürzte +und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen müßte, an die Hochzeit +nicht denken wolle. + +So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben. + +Am Vormittage des verhängnißvollen einunddreißigsten Juli, an welchem +der König Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand +sich die Commerzienräthin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner +Gemahlin. + +Die Königin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen +des Vaterlandes erlassen, um Hülfsmittel für die Verpflegung der +Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienräthin hatte mit +Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow +anzuschließen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfüllung +dieser patriotischen Aufgabe. + +Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Nähere über die Organisation +der Thätigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte +mit einer gewissen, kalten Zurückhaltung den sehr beträchtlichen Beitrag +in Empfang genommen, welchen die Commerzienräthin für die Zwecke des +Vereins ihr überreichte. + +Die beiden Damen sprachen eifrig über die zweckmäßigste Herstellung von +Charpie und Verbandzeug, während der Baron sich mit Fräulein Anna +unterhielt, für welche er eine besonders sympathische Zuneigung gefaßt +hatte, und welcher er stets mit um so größerer Herzlichkeit begegnete, +je weniger es ihm möglich war sich dem Commerzienrath und seiner +Gemahlin, deren ganzes Wesen von seinen Lebensanschauungen so tief +verschieden war, zu nähern. + +„Wir sind glücklicher,“ sagte er, „als so viele andere Familien, deren +Söhne zu den Gefahren des Krieges hinausziehen müssen, und doch macht es +mich fast traurig, daß in einem Augenblick, wo die ganze Jugend des +Landes unter den Fahnen des Königs ins Feld zieht, der Name der Rantows +in den Reihen der Armee nicht vertreten ist. Das Gefühl des Vaters und +des Patrioten streiten in mir mit einander, und oft möchte ich fast +wünschen, daß auch mein Sohn berufen wäre zu dem großen nationalen +Kampf.“ + +„Es bleibt ja auch hier noch genug zu thun,“ erwiderte Fräulein Anna in +einem ziemlich kalten und gleichgültigen Ton. „Der Staat braucht ja auch +während des Krieges Beamte, vielleicht wäre es gut, wenn Ihr Sohn +wenigstens bis zur Beendigung des Krieges seine Carriere wieder +aufnehmen würde. Für uns Frauen,“ fuhr sie lebhafter fort, „bildet ja +die Zeit ein reiches Feld der Thätigkeit, und ich fühle den lebhaftesten +Wunsch, hinauszugehen, um als Pflegerin der Kranken in dieser großen +Zeit meine Pflicht zu erfüllen.“ + +„Sie, mein Kind,“ rief der Baron erstaunt, „Sie, gewöhnt an alle +Bequemlichkeiten des Lebens, fast ein wenig verwöhnt, Sie wollten sich +einer so mühevollen angreifenden Thätigkeit widmen, welche Ihre zarten +Kräfte vielleicht bald aufreiben möchte.“ + +„Meine zarten Kräfte?“ — sagte Fräulein Anna, die Achseln zuckend, „und +wären sie es, — der feste Wille und die Begeisterung für eine große Sache +sind im Stande, auch die schwächste Kraft stark zu machen. Und wofür +könnte ein Frauenherz sich höher begeistern, als dafür, die Leiden +Derjenigen zu erleichtern, welche heldenmüthig ihr Blut und Leben zum +Schutz des Vaterlandes, zu unserm Schutz dahin geben. Glauben Sie mir, +Herr Baron, ich würde nicht ermatten in einem so hohen und heiligen +Beruf. Und wenn der Krieg fortschreitet,“ fuhr sie ernst mit dem +Ausdruck eines festen Entschlusses fort, „wenn die Lazarethe sich füllen +werden und das Bedürfniß nach weiblicher Pflege immer größer und größer +werden wird, dann werde ich doch noch die Erlaubniß meiner Eltern +erhalten, dem Zuge meines Gefühls zu folgen, und ich bin überzeugt, daß +viele Frauen denken und handeln werden, wie ich.“ + +Der junge Herr von Rantow trat ein. Er war ernster als sonst, der +gleichgültige, oberflächliche Ausdruck, welcher gewöhnlich auf seinem +Gesicht lag, war verschwunden. Eine gewisse stolze Befriedigung blickte +aus seinen Augen. + +„Ich habe einen Entschluß gefaßt,“ sagte er, nachdem er die Damen +begrüßt hatte, „einen Entschluß, den meine theure Anna gewiß billigen +wird und mit dem auch Du, mein Vater, zufrieden sein wirst.“ + +Fragend blickte Fräulein Cohnheim auf ihren Verlobten. + +„Ich habe,“ fuhr dieser fort, „mich zur Aufnahme in den Johanniterorden +gemeldet. Du wünschtest das früher, mein Vater, um mir eine ehrenvolle +Decoration zu verschaffen, in dieser Zeit gewinnt das Zeichen des +Johanniterordens, zu welchem meine Geburt mich berechtigte, eine höhere +und ernstere Bedeutung. Ich habe so eben die Mittheilung erhalten, daß +meine Bewerbung angenommen werden wird und habe zugleich die Bitte +gestellt, wenn eine Annahme erfolgen sollte, mich einer der Deputationen +beizuordnen, welche die Armee zur Leitung der Krankenpflege begleiten +werden. So werde auch ich im Stande sein, das Meinige in dem Kampf zu +thun und die Pflicht zu erfüllen, welche mein Name mir auflegt und zu +welcher mein Gefühl mich treibt.“ + +Der Baron neigte zustimmend den Kopf. + +Fräulein Anna erhob sich schnell und reichte ihrem Verlobten die Hand, +indem aus ihrem Blick ein warmes Gefühl leuchtete, wie sie es bisher +noch nie dem jungen Manne gegenüber gezeigt hatte. + +„Ich danke Ihnen von Herzen für diesen Entschluß,“ sagte sie mit +herzlichem Ton, „und da Sie ihn gefaßt haben, darf ich Ihnen sagen, daß +mich der Gedanke betrübt hat, Sie in dieser Zeit hier zurückbleiben zu +sehen — Sie werden das nicht mißverstehen,“ fügte sie hinzu, „meine +treuesten und aufrichtigen Wünsche werden Sie begleiten.“ + +Herr von Rantow küßte die Hand seiner Braut, seine Mutter blickte +liebevoll zu ihm hinüber, und die Commerzienräthin richtete sich hoch +auf, indem sie mit feierlicher Stimme sagte: + +„Das ist ein sehr edler Entschluß, ganz meines vortrefflichen +Schwiegersohns würdig.“ + +Der Diener trat ein, meldete den Oberstlieutenant und den Lieutenant von +Büchenfeld. + +Schnell erhob sich der Baron, um den Herren entgegen zu gehen. + +Die Commerzienräthin warf einen scharfen und strengen Blick auf ihre +Tochter. + +Fräulein Anna zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie +das Zimmer verlassen, dann aber faßte sie sich, tief erbleichend stützte +sie die Hand auf die Lehne eines neben ihr stehenden Sessels. Kalte und +stolze Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht. + +Der Oberstlieutenant und sein Sohn traten ein. Der alte Herr trug +Uniform, sein Gesicht strahlte vor freudiger Aufregung. Der Lieutenant +folgte ihm ernst und still, als er Fräulein Anna und den jungen Herrn +von Rantow erblickte, flog eine dunkle Röthe über sein Gesicht. Dann +näherte er sich Frau von Rantow, begrüßte dieselbe ehrerbietig und +verneigte sich mit kalter Höflichkeit gegen die Übrigen. + +Die Commerzienräthin saß gerade und steif da und erwiderte den Gruß der +eintretenden Herren mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes. + +„Ich bringe Ihnen noch einmal meinen Sohn, gnädige Frau,“ sagte der +Oberstlieutenant, „er muß noch heute zu seinem Regiment abgehen, um in +die beste Kriegsschule hinauszuziehen, — draußen im Felde, wo man in +einem Monat mehr lernt, als in Jahren hinter den Büchern. Er wollte in +der Eile gar keine Besuche machen, aber hier von den alten Freunden +seines Vaters muß er sich doch verschieden, bevor er auszieht, um sich +den Feldmarschallstab zu erkämpfen,“ fügte er lächelnd hinzu. „Er hat es +glücklich getroffen, mir wurde es in meiner Jugend nicht so gut, ich +habe mich während meiner besten Jahre durch den ewigen Garnisonsdienst +hindurch schleppen müssen, in welchem Körper und Geist müde werden.“ + +„Unsere herzlichsten Wünsche werden Sie begleiten,“ sagte Frau von +Rantow zu dem jungen Officier. „Aber Sie, lieber Büchenfeld,“ fuhr sie +lächelnd fort, „tragen ja auch wieder Uniform, Sie wollen doch nicht +etwa auch mit hinausziehen —“ + +„Wollte Gott, ich könnte es,“ sagte der Oberstlieutenant traurig, „doch +mein Podagra sorgt schon dafür, daß ich hier bleiben muß. Aber,“ fuhr +er, sich militairisch aufrichtend, fort, „ich habe mich um ein +Etappencommando beworben und es erhalten und so habe ich doch wenigstens +das Herzeleid nicht, daß ich in dieser Zeit unthätig im Civilrock +einhergehen muß. Ich kann wenigstens die alte Uniform tragen und dem +Könige dienen, so gut es mir noch möglich ist.“ + +Der Oberstlieutenant und sein Sohn blieben etwa eine Viertelstunde lang, +während welcher die Unterhaltung fast ausschließlich von dem alten Herrn +und dem Baron geführt wurde. + +Der Oberstlieutenant war in sprudelnd heiterer Laune, im Herzen des +alten Soldaten fand der Gedanke an die Gefahren, denen sein Sohn +entgegen ging, keinen Platz, für ihn war der Krieg der Beruf des +Officiers, er dachte nur an die Hoffnung auf Ruhm und Ehre, welche +dieser Krieg in sich schloß und fühlte sich neu geboren in dem Gedanken, +daß auch er in dieser großen Zeit noch einmal in der Lage sei, Dienst zu +thun und den Rock des Königs zu tragen. + +„Wir müssen aufbrechen,“ sagte er endlich, „ich weiß noch nicht, wo +meine Bestimmung sein wird und erwarte dieselbe stündlich, — mein Sohn +hat nur noch kurze Zeit bis zu seiner Abreise.“ + +Er küßte mit ritterlicher, etwas altmodischer Galanterie der Frau von +Rantow die Hand und drückte lange und herzlich die Rechte des Barons. + +Der Lieutenant, welcher während der ganzen Zeit ernst und stumm mit +niedergeschlagenem Blick da gesessen hatte, erhob sich, in rascher +Bewegung trat der junge Herr von Rantow auf ihn zu. + +„Lebe wohl, Büchenfeld,“ sprach er, — „in einer Zeit, wie die jetzige, +muß jeder vergangene Groll vergessen werden. Gott schütze Dich! Ich +werde mit den Johannitern der Armee folgen und sollte Dir ein Unglück +begegnen, so hoffe ich, daß ein gütiges Schicksal mich zu Dir führen +wird, um Dir beizustehen.“ + +Der Lieutenant hatte bei den Worten des Barons eine unwillkürliche +Bewegung gemacht, als wolle er von demselben zurücktreten. Abermals +färbte sich sein Gesicht mit dunklem Roth, er schlug die Augen auf und +richtete seine Blicke an dem Baron vorbei, mit bitterem, feindlichem +Ausdruck auf Fräulein Anna. + +Das junge Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Aus diesen Augen +strahlte es wunderbar und eigenthümlich zu ihm hin, es lag darin wie +eine Bitte, wie eine Frage, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie +sprechen, aber nur ein leiser Hauch drang aus denselben hervor und wie +unwillkürlich streckte sie zitternd die Hand nach ihm aus. + +Ein tiefer Athemzug hob die Brust des Lieutenants, sein kalter, harter +Blick wurde weicher und weicher. Kräftig drückte er die Hand des Herrn +von Rantow und sagte mit fast erstickter Stimme: + +„Vergessen und vergeben!“ + +Dann trat er rasch, wie einem übermächtigen Zuge folgend, zu Fräulein +Anna hin, deren Hand noch immer leicht erhoben, sich gegen ihn +ausstreckte und deren Augen mit immer tieferer Innigkeit auf ihm ruhten. +Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, drückte seine Lippen auf +dieselbe und fast unhörbar, nur ihr verständlich, hauchten seine Lippen +nochmal die Worte: + +„Vergessen und vergeben!“ + +Dann wandte er sich schnell um und mit kurzer rascher Verbeugung eilte +er seinem Vater nach, welcher, von dem Baron geleitet, bereits das +Zimmer verlassen hatte, während Fräulein Anna, die Hände faltend, auf +einen Stuhl niedersank und ihm mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer +nachsah. + + * * * * * + +König Wilhelm stand an seinem Schreibtisch neben dem Fenster seines +Arbeitszimmers. Der König trug den Militairüberrock und blickte mit +tiefem Ernst auf den Ministerpräsidenten Grafen Bismarck, welcher in der +Uniform des Magdeburgischen Cürassierregiments No. 7 vor Seiner Majestät +stand und die letzten noch vor der Abreise zu erledigenden +Vortragssachen beendet hatte. + +„So ist denn,“ sagte der König, „Alles vorbereitet, was menschliche +Berechnung vermag, um nach allen Seiten hin in ungehemmter Spannung +unsere Kräfte entfalten zu können, — unser Haus ist bestellt, die Armee +ist in ordnungsmäßiger Bewegung und es ist nun an unserem Alliirten da +oben, mit uns hinauszuziehen in den Kampf, an dem wir wahrlich +unschuldig sind und uns den Sieg zu verleihen, wie er ihn uns schon +einmal gab gegen den Übermuth desselben Feindes.“ + +„Und dieser Sieg wird nicht fehlen, Majestät,“ rief Graf Bismarck, indem +seine linke Hand sich fest um den Griff seines Pallaschs spannte, — „er +wird schneller und entscheidender kommen, als die Welt ihn erwartet und +er wird Alles, was sich im deutschen Nationalleben in diesen Jahren +vorbereitet hat, zu herrlicher Erfüllung bringen. Meine Zuversicht steht +fest — in diesem Kampfe wird Deutschlands glänzende Zukunft entschieden +werden!“ + +Auch über das Gesicht des Königs zog der lichte Schimmer freudiger +Siegeszuversicht, — aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige +Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu +seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier. + +„Wir haben Alles geordnet,“ sagte er, die wenigen Zeilen überlesend, +welche dieser Bogen enthielt, — „wir haben die diplomatischen Fäden +gezogen, — um unsere wohlwollenden Freunde“ fuhr er mit eigenthümlichem +Lächeln fort, „in ihrer neutralen Haltung zu befestigen, — wir haben für +die Regierung während meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten +liegen jetzt draußen bei der Armee, — ich habe jetzt nur noch ein +Bedürfniß meines Herzens zu erfüllen, das ist ein letztes Wort des +Abschieds an mein Volk zu richten, — wenn mich auch die Hoffnung erfüllt, +daß wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer +schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich +wieder nach der Heimath werde zurückkehren können. Auch kann,“ sprach er +mit tiefem Ernst, „eine feindliche Kugel da draußen mein Leben enden. In +diesem Augenblick fühle ich mehr wie je den innerlich tiefen +Zusammenhang, ich möchte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich, +wie alle Könige meines Hauses mit dem preußischen Volk verbindet, und +ich möchte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen +und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir +zu geben mein königliches Recht vergönnt, — ich möchte in dem Augenblick, +in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir +den Frieden zurücklassen, — den Frieden und die Versöhnung!“ + +Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den +König an, welcher wie zögernd, als suche er die Worte für seine +Gedanken, sagte: + +„Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen, +manches an sich edle Gefühl hat viele meiner Unterthanen, namentlich +meiner neuen Unterthanen auf Irrwege geführt und mit der nothwendigen +Strenge der Gesetze in Conflict gebracht — jetzt, wo ganz Deutschland +einmüthig in den Kampf hinauszieht, möchte ich dazu beitragen, jenen +Verwirrungen Lösung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo +ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, möchte ich +auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen, — die Lehre der +Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht +gerichtet werdet. — Der letzte Abschiedsgruß an mein Volk soll deshalb +zugleich eine Amnestie enthalten für alle politischen Verbrechen und +Vergehen. Liebe und Versöhnung soll die Vergangenheit abschließen, damit +wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen können.“ + +Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme: + +„An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für +Deutschlands Ehre und für Erhaltung ihrer höchsten Güter zu kämpfen, +will ich im Hinblick auf die einmüthige Erhebung meines Volkes eine +Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen.“ + +„Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erlaß in diesem +Sinne zu unterbreiten. + +„Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig +nicht auf unserer Seite waren. + +„Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vätern und +in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des +Vaterlandes.“ + +Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerpräsidenten, +dessen Züge in mächtiger Rührung zuckten. + +„Majestät,“ sagte er, auf die stumme Frage des Königs antwortend, „an +diesem Erlaß darf kein Titelchen geändert werden. Es ist das +königlichste Wort, das ein christlicher Fürst zu seinen Unterthanen +sprechen kann, einfach und groß, wie die Zeit. Und dies königliche Wort +wird einen mächtigen Wiederhall finden in allen Herzen.“ + +Der König neigte den Kopf, wandte sich dann zu seinem Schreibtisch, +ergriff eine Feder und setzte mit kräftigen Zügen seinen Namen unter das +Papier, das er dem Ministerpräsidenten reichte. + +„Sorgen Sie für die Veröffentlichung und für die schleunige Vorlegung +des Amnestieerlasses. Nun sind die Geschäfte hier beendet,“ sprach er +mit tiefem Athemzug, „ich habe für die Meinigen das Werk des Friedens +und der Liebe gethan. Jetzt soll die Spitze unseres Schwertes sich gegen +die Feinde richten.“ + +„Noch möchte ich,“ sagte der Ministerpräsident, „eine Bitte an Eure +Majestät richten, eine Bitte, deren Erfüllung ein schöner Nachklang zu +dem großen Wort ist, das Eure Majestät soeben gesprochen. Eure Majestät +wissen,“ fuhr er fort, als der König ihn fragend ansah, „daß wir von der +früher so weit verbreiteten Agitation in Hannover nichts mehr zu +befürchten haben, die früheren Führer derselben sind vom Könige Georg +getrennt und entschlossen, in diesem Nationalkampf nichts gegen +Deutschland zu thun. Einzelne Personen in Hannover, welche vielleicht zu +gefährlichen Unternehmungen irre geleitet werden könnten, sind in +Sicherheit gebracht, um sie vor sich selbst zu schützen, und um sie +durch eine kurze Haft der Möglichkeit zu entziehen, Dinge zu +unternehmen, für welche sie in der gegenwärtigen Zeit mit der ganzen +Schwere des Gesetzes gestraft werden müßten.“ + +„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König — „auch der Verdacht gegen den +Grafen Wedell hat sich nicht betätigt? —“ + +„Nein, Majestät,“ sagte der Ministerpräsident, „Graf Wedell steht mit +der Agitation in keiner Verbindung mehr, und es freut mich das um so +mehr, da seine ganze Familie ohnehin durch die Ereignisse schwer +getroffen ist — doch,“ fuhr er dann fort, „wovon ich Eurer Majestät +sprechen wollte, das ist das Schicksal aller hannöverschen Officiere, +welche mit der Emigration nach Frankreich gegangen waren und dort die +sogenannte Welfenlegion commandirten.“ + +„Nun?“ fragte der König. + +„Diese Officiere, Majestät,“ sprach Graf Bismarck weiter, „befinden +sich, wie ich höre, in einer verzweiflungsvollen Lage. Sie waren in +Deutschland geächtet, — das ist durch Eurer Majestät großmüthige Amnestie +beseitigt — aber sie sind ohne Subsistenzmittel, sie sind sogar der +französischen Regierung verdächtigt, und ihre Lage ist derartig, daß +nach den Äußerungen Einzelner, die mir mitgetheilt sind — ihnen nichts +übrig bliebe, als sich irgendwo mit Anstand todtschießen zu lassen.“ + +„Die armen, jungen Leute,“ sagte der König — „sie haben sich schwer +vergangen, aber es sind doch brave junge Männer und ihre Handlungsweise +ist doch nur hervorgegangen aus einem irre geführten, aber innerlich +edlen und richtigen Gefühl der Anhänglichkeit an ihren frühern +Herrn — was kann ich für sie thun?“ fragte er mit weicher, milder Stimme. + +„Majestät,“ sagte Graf Bismarck, „politisch liegt kein Grund vor, ihnen +zu Hülfe zu kommen, sie können nicht gefährlich werden, und wenn sie +wirklich, durch die Noth gedrängt, sich zu irgend einer strafbaren +Handlung hinreißen ließen, so würde dadurch in den Augen von ganz +Deutschland die welfische Agitation und alle etwa für dieselbe noch +begehende Sympathie vollkommen und für immer vernichtet werden. Aber ich +glaube nicht, Majestät,“ fuhr er im wärmeren Ton fort, „daß jenen armen +jungen Leuten gegenüber politische Betrachtungen in diesem Augenblick +maßgebend sein können. Jene Unglücklichen sind von aller Welt verlassen, +sie sind die Opfer ihrer irregeleiteten, aber doch immerhin edlen Treue +geworden, und ich möchte Eure Majestät bitten, ihnen zu helfen und ihnen +eine Grundlage für ein neues Leben zu gewähren.“ + +„Mit Freuden,“ rief König Wilhelm lebhaft, „schlagen Sie mir vor, was +ich thun soll.“ + +„Majestät,“ erwiderte Bismarck, „es befinden sich unter diesen +Emigranten frühere Offiziere verschiedener Grade, darnach aber zwischen +ihnen einen Unterschied zu machen, ist nicht möglich, — der König Georg +hat im Exil noch Ernennungen vorgenommen, die doch nicht in Betracht +gezogen werden können. Ich würde daher Eurer Majestät unterthänigst +vorschlagen, sie Alle gleich zu behandeln und Jedem von ihnen eine +lebenslängliche Pension von zwölfhundert Thalern zu geben, damit haben +sie eine Basis für ihre Existenz und einen Ersatz für ihre zerbrochene +Carriere.“ + +„Genehmigt,“ rief der König, „genehmigt, mein lieber Graf, es thut mir +unendlich wohl, diesen armen jungen Leuten helfen zu können, und ich +danke Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht und mir Gelegenheit +gegeben, noch vor meiner Abreise dies gute Werk zu thun.“ + +Und leise die Lippen bewegend, flüsterte er vor sich hin: + +„Thut wohl denen, die Euch verfolgen.“ — — + +„Es müßte dann,“ sagte Graf Bismarck, „eine Garantie von ihnen gegeben +werden, daß sie nicht etwa abermals mißleitet werden —“ + +„Sie sollen ihr Ehrenwort geben, nichts gegen mich zu unternehmen, das +genügt,“ sagte der König, „sie haben die Gesetze verletzt, aber ihre +Ehre trifft kein Vorwurf und ihrem Ehrenwort will ich glauben.“ + +„Eure Majestät haben durch diesen Entschluß,“ sagte Graf Bismarck, +„einer Anzahl junger und hoffnungsvoller Herzen Leben und Zukunft wieder +gegeben, und auch das wird zum Segen unserer Waffen werden. So ist denn +auch diese letzte schmerzliche Dissonanz des Jahres 1866 im schönen und +wohlthuenden Accord geendet und nun, Majestät, — + +Vorwärts mit Gott für König und Vaterland.“ + +„Auf Wiedersehen am Bahnhof, mein lieber Graf,“ sagte der König, „wir +werden hier wohl lange nicht wieder zusammen arbeiten —“ + +„Dann aber, Majestät,“ rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick, „wird +der preußische Adler seinen höchsten Siegesflug vollendet haben, und +eine neue, strahlende Krone wird über seinem Haupte glänzen.“ + +Er ergriff seinen Stahlhelm, der neben ihm auf einem Stuhl lag, richtete +sich hoch empor und verließ mit militairischem Gruß das Cabinet. + +Der König trat an's Fenster und richtete den sinnenden Blick auf das +Standbild Friedrich des Großen. Er bewegte leise die Lippen, ohne daß +hörbare Worte aus denselben hervordrangen. + +War es ein Gebet, das er sprach, — oder verkehrten seine Gedanken mit dem +Geiste seines großen Ahnherrn, der zuerst das alte Brandenburg in +Wahrheit zu einer Großmacht Preußens erhoben, der der Königskrone +Friedrich I. das schneidige siegreiche Schwert hinzugefügt hatte und der +wieder seinen Nachkommen die hohe Aufgabe hinterlassen hatte, durch +preußischen Geist und preußische Kraft einst das zerbröckelte +Deutschland zu einiger Macht und Herrlichkeit wieder aufzurichten? + +Die auf dem Platz vor dem königlichen Palais versammelte Menge erhob +beim Anblick des Königs die Hüte und laute Rufe grüßten den Monarchen. + +Der König dankte freundlich mit dem Kopfe nickend. Ein Ausdruck +heiterer, ruhiger Zuversicht erschien auf seinem Gesicht. Langsam wandte +er sich ab, um zur Königin zu gehen und mit seiner Gemahlin das letzte +Diner vor seiner Abreise zur Armee einzunehmen. + + * * * * * + +Es war halb sechs Uhr Abends. Dicht gedrängt standen die Menschenmassen +die Linden entlang, vom Thiergarten her bis zum Anhalter Bahnhof. Die +sonst so lauten und unruhigen Berliner hatten diesmal ihre gewöhnliche +Natur verleugnet, und eine fast lautlose Stille herrschte auf den dicht +belebten Straßen. + +Da kam vom königlichen Palais her ein einfacher zweispänniger Wagen mit +offenem Verdeck dahergefahren. Der König, im Überrock und Helm, fuhr, +von seiner Gemahlin begleitet, nach dem Bahnhof und blickte zum letzten +Mal ernst und gedankenvoll auf diese Straße seiner Residenz hin, welche +bereits so viele Herrscher seines Hauses gesehen hatte in den Tagen des +Glücks und des Unglücks, in den Tagen des Leidens und der Demüthigung, +wie in den stolzen Triumphzügen nach gewaltigen Siegen — immer aber in +gegenseitiger Liebe und Treue innig vereint mit ihrem Volk, welches das +Unglück mit ihnen getragen und opferfreudig sein Blut vergossen hatte +zur Erringung der Triumphe und Siege. + +Kein lauter Ruf ertönte, still und schweigend entblößten sich alle +Häupter und durch diese schweigenden, feierlichen Grüße hin fuhr der +königliche Wagen hinaus, während der König freundlich ernst mit der Hand +winkte und die Königin, von Bewegung überwältigt, ihr Taschentuch vor +die Augen drückte. + +Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den König der +Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgroßherzog von +Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz +Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Großherzogin +Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen +Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden +Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von +Kendell und neben den königlichen Prinzen den Grafen Bismarck, die +Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel; +die Angehörigen der Herren, welche den König begleiten sollten, waren +mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine +Tochter, in letzter wehmüthiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben +dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen +Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that — auch viele Damen der übrigen +Minister und der Hofchargen waren anwesend. + +Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie über der +Bevölkerung von Berlin, so lag auch über diesen höchsten Spitzen des +preußischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks. + +Der königliche Wagen fuhr an die Rampe, der König stieg aus und reichte +dann der Königin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann +blickte er hin über den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum +letzten Gruß die Hand. + +Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen, +wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klängen die Luft +erschütternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob +wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den +scheidenden König begrüßte. + +Dann trat abermals tiefe Stille ein. + +Der König winkte noch einmal mit der Hand, gab der Königin den Arm und +wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen +Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die +Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den königlichen +Kriegsherrn ansah, während er die in unwillkürlicher Bewegung erhobenen +Hände gegen ihn ausstreckte. + +Der König blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den +jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber faßte sie mit +seinen beiden Händen und führte sie an die Lippen, indem Thränen aus +seinen Augen stürzten. Dann faßte er sich, richtete sich in seinem Wagen +empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung: + +„Lieutenant von Sierrakowsky, Majestät —“ + +„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König freundlich, durch einen Wink die +Meldung unterbrechend, „ich vergesse die Tapfern nicht, die für mich und +das Vaterland geblutet haben — Gott hat Ihnen nicht vergönnt, auch in +diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen — aber trösten Sie sich, Sie haben +dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre, +werden neue Helden schaffen.“ + +„Gott segne Eure Majestät!“ sagte der junge Officier, mit erstickter +Stimme; „Gott segne unsere preußischen Fahnen!“ + +Der König drückte dem armen Invaliden noch einmal herzlich die Hand und +trat dann in den Wartesaal. Nur wenige Worte sprach er mit den dort +Versammelten. Alle Damen reichten ihm Blumensträuße entgegen. + +„Ich kann sie nicht alle mitnehmen,“ sagte der König freundlich +lächelnd, indem er einen schönen Strauß aus den Händen der Gräfin +Itzenplitz entgegennahm. „Diese Blumen sollen mir eine Erinnerung an Sie +Alle und an Ihre guten Wünsche sein.“ + +Kein Auge blieb trocken, Alle drängten dem scheidenden König nach, der +an der Thür des Wartesaals die Königin umarmte und dann mit den Herren +des Gefolges schnell in das Coupé stieg. + +Dahin brauste der Zug nach dem Westen, nach dem Schauplatz des noch von +den dunklen Wolken der Zukunft verhüllten Krieges. + + + + +Zwölftes Capitel. + + +Der junge Cappei hatte in einem fast bewußtlosen Zustand stumpfer +Resignation die ersten Tage nach seiner Verhaftung in dem Amtsgefängniß +zu Bodenfeld zugebracht. Vergebens strengte er sich an, um die Fäden des +Netzes zu entdecken, das ihn so geheimnißvoll und unerklärlich umsponnen +hatte. Seine Gedanken verwirrten sich, das fortwährende Schweigen seiner +Geliebten, dieser so plötzliche und unerwartet gegen ihn erhobene +Vorwurf staatsgefährlicher Verbindungen, das Alles vermochte er in +keinen klaren Zusammenhang zu bringen, und nur wenn er auf den Verdacht +zurückkam, welchen die Handschrift des ihm vorgelegten Schreibens in ihm +erweckte, so erfaßte ihn ein heftiger Paroxismus des Zornes und der +Verzweiflung. + +Oft war er nahe daran nach Mitteln zu suchen, seinem so plötzlich von +der Höhe der glücklichsten Hoffnungen in die Tiefe eines vernichtenden +Schmerzes herabgestürzten Leben ein gewaltsames Ende zu machen, und nur +die von früher Jugend in ihm gepflegte gläubige Frömmigkeit gab ihm die +Kraft, diese traurige Existenz zu ertragen und ließ ihn die Hoffnung +nicht verlieren, daß die Vorsehung Wege finden würde, das Dunkel zu +erhellen, welches ihn umgab und seine Unschuld dem wider ihn erhobenen +Verdacht gegenüber an das Licht zu bringen. + +In dieser qualvollen Ungewißheit, allein mit seinen in demselben Kreise +sich stets bewegenden Gedanken brachte er drei furchtbare Tage zu, ohne +das Geringste von der Außenwelt zu hören oder zu sehen, als ein kleines +Stück des Himmels, das über eine hohe Mauer durch das vergitterte +Fenster seines Gefängnisses hereinsah. + +Dann wurde er zum ersten Verhör vorgeführt. Ein Untersuchungsrichter aus +der nächsten Stadt war in Bodenfeld erschienen, um in Gegenwart des +Amtmanns die Vernehmung des jungen Menschen vorzunehmen. + +Cappei antwortete auf alle an ihn gestellten Fragen im vollen Bewußtsein +seiner Schuldlosigkeit, und der günstige Eindruck, den seine klaren und +bestimmten Angaben, die sich in keinem Punkt widersprachen, auf den +Richter und den Amtsverwalter machten, war unverkennbar. + +Schon begann die Hoffnung in ihm aufzuleben, daß das Alles sich als ein +Mißverständniß herausstellen werde, da legte der Untersuchungsrichter +ihm aus den beim Amte geführten Acten eine Reihe von Briefen vor mit der +Frage, ob er die Handschrift kenne, und ob diese an ihn adressirten +Briefe unter ihren scheinbar unverfänglichen Worten einen andern Sinn +verbärgen. + +Der Richter sprach dabei zugleich nochmal die Ermahnung aus, durch ein +offenes Geständniß eine mildere Beurtheilung seiner Handlungen zu +ermöglichen, zu denen eine irre geleitete Anhänglichkeit an die frühere +Regierung seines Landes ihn bestimmt haben möchte. + +Der junge Cappei trat ruhig und unbefangen an den Tisch heran, um die +ihm vorgelegten Papiere näher zu betrachten und vielleicht durch +dieselben einen Anhalt zur Aufklärung des Mißverständnisses zu gewinnen. + +Kaum hatte er indeß einen Blick auf die Briefe geworfen, als eine +schnelle fliegende Röthe auf seinem Gesicht erschien. Seine kräftige +Gestalt zitterte und bebte, und wie zusammenbrechend stützte er sich mit +beiden Händen auf den Tisch, während seine groß geöffneten Augen mit dem +starren Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens auf den Papieren +hafteten. + +Er erkannte Luisens Handschrift, und als er sich so weit gesammelt +hatte, um die im ersten Augenblick vor seinen Augen hin und her +schwirrenden Buchstaben festhalten zu können, las er, in fliegender Hast +die Blätter umwendend, immer dringendere, immer sehnsuchtsvollere Bitten +um Nachricht, Besorgnisse, daß er krank sein möge, und voll Schmerz und +Verzweiflung sah er zwischen den Zeilen dieses Briefes das Bild seiner +Geliebten erscheinen, welche in gleicher Ungewißheit und Bangigkeit wie +er, gewartet und immer wieder gewartet und vergebens um Antwort und +Nachricht gefleht hatte. + +Ein dämonischer Einfluß hatte hier die Hand im Spiele gehabt, ein wohl +durchdachter Plan voll Hinterlist und Bosheit hatte sich zwischen diese +beiden liebenden Herzen gestellt, um nicht nur ihre äußere Verbindung zu +unterbrechen, sondern sie auch mit Mißtrauen gegen einander zu erfüllen +und ihre Liebe zu zerstören. + +Als er die Briefe sämmtlich durchflogen hatte, wurde ihm Alles +klar; — wie er schon beim ersten Verhör geglaubt hatte in dem ihm damals +vorgelegten an ihn gerichteten compromittirenden Brief die Hand des +Herrn Vergier zu erkennen, so wurde ihm jetzt vollkommen deutlich, daß +dieser und kein anderer der Urheber dieses Werkes finsterer Heimtücke +sei. Und eine wilde, wüthende Verzweiflung, ein brennender Durst nach +Rache bemächtigte sich seines ganzen Wesens. + +Schweigend starrte er fortwährend auf die vor ihm liegenden Briefe, als +sei plötzlich ein drohendes Gespenst vor ihm aufgestiegen, dessen kalte +Hand sich todtbringend nach seinem Herzen ausstreckte. + +Betroffen blickte ihn der Untersuchungsrichter an. Der ganze bisherige +Verlauf des Verhörs hatte einen günstigen Eindruck für den jungen Mann +in ihm hervorgebracht, dessen plötzliche, so sichtbar tiefe Bestürzung +jedoch schien jenen Eindruck wieder zu verwischen. + +„Kennen Sie diese Briefe?“ fragte er mit strengem Ton. + +Der junge Cappei fuhr bei dieser Frage, die ihn aus seiner Betäubung +aufschreckte, empor und erwiderte, indem seine Stimme vor mächtiger +innerer Erregung zitterte: + +„Ja, ich kenne sie, sie sind an mich gerichtet, — es sind Briefe meiner +Braut, sie haben mir die Augen geöffnet über den ganzen heillosen Plan, +welchen eifersüchtiger Haß gesponnen, um uns von einander zu reißen. +Diese Briefe haben keinen verborgenen Sinn, sie bedeuten nur das, was +mit klaren Worten in ihnen geschrieben steht. Oh, mein Gott,“ rief er, +den brennenden Blick aufwärts richtend, „wie ist es möglich, daß so viel +Schlechtigkeit auf Erden wohnen kann.“ + +„Sie behaupten also,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „daß dies +wirklich Briefe eines jungen Mädchens sind, und daß dieselben keine +Bedeutung haben? — Ich muß Ihnen sagen,“ fügte er hinzu, „daß Ihre so +heftige und sichtbare Bestürzung beim Anblick dieser Papiere nicht zu +Ihren Gunsten spricht, um so weniger als unmittelbar nach Ihrer Ankunft +ein Schreiben an Sie hierher gekommen ist, in welchem Ihnen die +mündliche Verabredung in's Gedächtniß zurückgerufen wird, die +Nachrichten, welche man von Ihnen erwartet und die Fragen, welche man an +Sie stellen würde, in die Form von einfachen Liebesbriefen zu kleiden.“ + +„Welch ein Abgrund, — welch ein Abgrund,“ rief der junge Cappei +verzweiflungsvoll. „Und kann ich jenen Brief sehen?“ fragte er dann. + +Der Untersuchungsrichter nahm ein Papier und legte es ihm vor. + +„Ja, ja,“ rief Cappei heftig auffahrend, „es ist dieselbe Handschrift. +Es ist die Handschrift jenes Elenden, der mich um mein Glück betrügen +will, der es gewagt hat, mich in Frankreich als preußischen Spion zu +verdächtigen, und der nun durch seine teuflischen Künste mich hier als +Verschwörer verfolgen läßt. Ich schwöre Ihnen, meine Herren, das Alles +ist schändlicher Betrug, ich bin das Opfer der Hinterlist eines +Todfeindes, der mich verderben will. Ich bitte Sie um Gottes Willen, +lassen Sie mich einmal hier in Ihrer Gegenwart einen Brief an meine +Braut schreiben. Sie werden die Antwort sehen, Sie werden sehen, daß +nichts Geheimnißvolles, nichts Verfängliches dahinter steckt —“ + +„Die Antwort würde vielleicht ebenso unverfänglich sein, als diese +Briefe es sämmtlich zu sein scheinen,“ sagte der Untersuchungsrichter +den Kopf schüttelnd. „Ich will zu Ihrem Besten hoffen, junger Mann, daß +Ihre Angaben die Wahrheit seien, indessen kann ich Ihnen nicht +verbergen, daß das Alles sehr unwahrscheinlich scheint, — ich will für +heute das Verhör schließen, um Ihnen Zeit zu lassen, wenn Sie etwas +auszusagen haben, durch ein umfassendes und aufrichtiges Geständniß Ihre +Lage zu erleichtern.“ + +„Darf ich nicht,“ fragte der junge Mann im Ton dringendster Bitte, „darf +ich nicht zwei Worte nur an meine Braut schreiben?“ + +„Es würde zu nichts führen,“ sagte der Untersuchungsrichter, „denn eine +gleichgültige Antwort würde noch nichts zu Ihren Gunsten beweisen, — wenn +diese Briefe wirklich nur der Deckmantel einer geheimen Correspondenz +sind, so würde ohne den Schlüssel derselben, ohne Kenntniß der +chemischen Mittel,“ fuhr er fort, den Blick scharf auf den jungen Mann +richtend, „durch welche etwa andere geheime Schriftzeichen auf dem +Papier sichtbar werden, noch immer keine Klarheit in die Sache kommen. +Ich wünsche nochmals,“ sprach er dann, „daß Ihre Schuldlosigkeit an den +Tag kommen möge, denn ich habe hier über Sie und Ihre Familie nur Gutes +gehört. Wenn Sie jetzt unter dem auf Ihren Schultern ruhenden Verdacht +bleiben müssen, so trifft die Schuld zunächst davon Diejenigen, welche +nicht aufhören durch fortwährende Agitationen das Land zu beunruhigen, +und welche uns dadurch zwingen, mit den schärfsten Mitteln den +verborgenen Fäden nachzuspüren, durch die jene Agitation geleitet +wird.“ + +In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach seiner Gefängnißzelle +zurückführen. Es war eine Art von Ermattung über ihn gekommen, der +vernichtende Erfolg, welchen die vor seinen Augen jetzt klar liegende, +gegen ihn gespielte Intrigue gehabt, beraubte ihn fast des Glaubens an +die ewige Gerechtigkeit, und in stumpfer Resignation brachte er die dem +Verhör folgenden Tage zu, ohne sich von seinem Lager zu erheben, nur die +nothwendigsten Nahrungsmittel zu sich nehmend. Im Schmerz um sein +zerstörtes Liebesglück, um alle seine gebrochenen Lebenshoffnungen, +versank er in eine Art von dumpfer Lethargie, aus welcher nur die +brennende Sehnsucht emporflammte, sich an demjenigen zu rächen, dessen +Hand aus feiger Verborgenheit heraus ihn so tödtlich getroffen hatte. + + * * * * * + +Kaum hatte er die Tage gezählt, welche in diesem Zustande an ihm +vorübergegangen waren, seine ewig auf ein und denselben Punkt +gerichteten Gedanken erfüllten sein Gehirn und sein Blut mit Fieber, +seine Kräfte begannen sich zu erschöpfen, — zuweilen dachte er fast mit +Wonne daran, daß eine tödliche Krankheit ihn ergreifen und seinen Leiden +ein Ende machen könnte. Dann wieder versuchte er mit aller +Willenskraft, sich aufrecht zu erhalten, um das Ziel seines Lebens, die +Rache, nicht zu verlieren. + +Da trat eines Morgens der Amtsdiener in sein Zimmer und forderte ihn +auf, ihn zum Amtsverwalter zu begleiten. + +Cappei sprang auf, ein leiser Hoffnungsschimmer erfüllte ihn, vielleicht +war es doch möglich, daß man von seiner Unschuld sich überzeugt, +jedenfalls konnte ihm ein neues Verhör Gelegenheit geben, die gegen ihn +erhobenen Anklagen zu entkräften, und mühsam zwang er sich, seinen +schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das +Bureauzimmer folgte. + +Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in +kurzer Zeit in entsetzlicher Weise verändert hatte. + +Seine Augen blickten hohl und trübe, seine Wangen waren eingefallen, +sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet +über die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und +unwillkürlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels. + +„Setzen Sie sich,“ sagte der Amtmann freundlich. „Sie sind angegriffen. +Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu können, denn +ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben.“ + +Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er +ausgehalten, hatten ihn fast unfähig gemacht, das Gefühl der Hoffnung zu +empfinden. + +„Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen,“ sagte der Beamte ernst, „in +wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften +Übermuth seiner Erbfeinde zurückweisen. Beim Beginn dieses großen +nationalen Kampfes hat Seine Majestät der König eine allgemeine Amnestie +für politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklärung gegen +Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die +Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei.“ + +Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete +sich kräftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er: + +„Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, daß ich an Deiner Gerechtigkeit +gezweifelt habe. Es war ja unmöglich, daß das Werk finsterer Bosheit +triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurückkehren, ich +darf —“ + +„Sie sind frei und außer aller Verfolgung,“ sagte der Beamte, „aber Sie +stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine +Einberufungsordre für Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in +Hannover zu stellen, um dem Regiment, für welches Sie bestimmt sind, +zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit,“ fuhr er mit einem forschenden +Blick auf den jungen Mann fort, „diese Pflicht zu erfüllen?“ + +„Bereit?“ rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, „bereit? +Oh, Herr Amtmann,“ fuhr er fort, den Arm erhebend, „geben Sie mir eine +Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land, +dessen Erde den Elenden trägt, der mich verderben wollte, und der das +Glück und die Hoffnung meines Lebens zerstört hat — er wird auch dort +nicht müßig gewesen sein,“ fügte er mit bitterm Lachen hinzu, „und +nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem +leidenden Herzen sich als tröstender Freund genähert haben — aber die +rächende Gerechtigkeit wird mich führen, daß ich auf den Wegen dieses +Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will, +vielleicht noch seine Pläne zu durchkreuzen.“ + +„Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gemäß zu stellen und den +Fahneneid zu leisten, den man natürlich nochmals von Ihnen verlangen +wird, da Sie früher dem Könige von Hannover geschworen haben.“ + +„Ich bin bereit,“ sagte Cappei. + +„Sie dürfen nicht vergessen,“ fuhr der Beamte ernst fort, „daß wenn Sie +den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer +Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion +begehen würden, welches im gegenwärtigen Kriegszustande unfehlbar die +Todesstrafe nach sich zieht.“ + +„Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann,“ rief Cappei, „ich werde mich +pünktlich stellen, und ich wünsche nur, daß mein Regiment das erste sei, +welches die französischen Grenzen überschreitet. Darf ich vorher meine +Mutter und meinen Oheim besuchen?“ fragte er dann. + +„Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen,“ sagte der Beamte, +„vorausgesetzt, daß Sie sich pünktlich zur rechten Zeit zur Einstellung +melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, daß Ihre Angelegenheit dies Ende +genommen hat, und ich wünsche, daß Sie gesund und wohl behalten aus dem +Kriege zurückkehren mögen.“ + +Er neigte freundlich den Kopf. + +Cappei grüßte in militairischer Haltung und verließ kräftigen und festen +Schrittes das Zimmer. + +Groß war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims, +wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekümmerniß geherrscht hatte. + +Groß aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, daß sie +ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren +und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren +Krieges. + +Ernst und feierlich saßen die drei Menschen bei dem letzten Wahl +zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich für den Scheidenden +aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen berührte. + +Mit thränenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so +schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und +Gefangenschaft ihn getroffen, um noch größeren Gefahren +entgegenzugehen — finster saß der alte Niemeyer da. + +Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach +Frankreich hinausziehen, als daß dieser sich eine Heimath gesucht hätte +in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den +Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes +seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief. + +Doch endlich tröstete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles +zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten +markigen Niedersachsen so fest und unerschütterlich lebt und auch in den +schwersten Prüfungen ihren Muth aufrecht erhält. + +„Gott erhalte Dich, mein Junge,“ sagte er einfach, indem er kräftig die +Hand des Scheidenden schüttelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte, +so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den göttlichen +Willen in diesen Worten wieder. + +Die Mutter hatte den Ränzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und +Branntwein gefüllt, der Oheim fügte eine mit harten Thalern +wohlgespickte Börse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor +der alten Frau nieder. + +„Segne mich, meine Mutter,“ sagte er leise. + +Die Alte legte ihre zitternden Hände auf das Haupt des Sohnes und +bewegte ihre Lippen, ohne daß laute Worte aus denselben hervordrangen, +aber die Thränen, welche voll und heiß in diesem letzten Augenblick des +Scheidens aus ihren Augen strömten, fielen über das Haar des jungen +Mannes herab. Er fühlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und +heilige Rührung durchzitterte sein Herz, — er empfand all' den reichen +Segen, all' die heißen Gebete, all' die frommen Wünsche, welche die +Abschiedsthräne aus dem Mutterauge in sich schließt. + +Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und kräftig über den Hof +hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten +niedersächsischen Glauben, der an einen letzten Rückblick auf das +heimathliche Haus eine frohe und glückliche Heimkehr knüpft. + +Bald hatte er die nächste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine +Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken führte +ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und +Gefahr entgegen, während in seinem Herzen alle anderen Gefühle +zurücktraten vor der glühenden Sehnsucht, Rache zu nehmen für die +Frevelthat an seiner Liebe. + + + + +Dreizehntes Capitel. + + +Ein buntes und lärmendes Treiben herrschte in den Straßen und der +Umgebung von Metz. Die Wälle der alten Festungsstadt waren von den +weißen Zelten des Lagers der französischen Armee umgeben und Truppen +aller Waffengattungen durchzogen die Straßen der Stadt und des Lagers. + +Man sah die riesigen Cürassiere ernst und ruhig einherschreiten, — man +sah die bunten afrikanischen Truppen, — die leichtfüßigen Voltigeurs und +Jäger und all' dies Leben war von fröhlicher Heiterkeit und +Siegeszuversicht getragen, — die Truppen im Lager sangen, tranken und +spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit +Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, überzeugt, daß es nur eines +Vorstoßes dieser berühmten französischen Armee bedürfe, um siegreich und +unüberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen. + +Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte +mit dem kaiserlichen Prinzen in der Präfectur Wohnung genommen. Vor dem +Präfecturgebäude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die +glänzende Generalität mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und +Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines +militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein. + +Inmitten all' dieses Lärms und all' dieses Glanzes saß der Kaiser in der +Generalscampagneuniform trübe und niederschlagen in seinem Zimmer, +dessen Fenster durch dichte Vorhänge beschattet waren, um die heißen +Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der +Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit +einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder. + +Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte, +und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht +erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkürlichen Griff hatten +die Hände des Kaisers das Papier zerknittert. + +„Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee,“ sagte er, „welch ein +Chaos unter dieser glänzenden Außenseite — oh, warum habe ich nicht +vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und +unerbittlich vor meinem Blick öffnet, — jetzt wo keine Umkehr, kein +Einhalt des Verhängnisses mehr möglich ist. Ich habe eine Verständigung +im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen +von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenüberstehenden +Armeen das drohende Unheil beschwören zu können und die Concessionen zu +erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man +ist dort entschlossen, das Äußerste zu wagen. Diese Veröffentlichung des +Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an +die Mächte, das Alles beweist mir, daß alle Brücken abgebrochen sind, +und daß das furchtbare Verhängniß des Krieges seinen Weg gehen muß. Und +welche Hoffnungen bleiben mir,“ sprach er mit dumpfer Stimme, „mir, der +ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der +Hand halte.“ + +Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin. + +Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon, +welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz +trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen +Tenue trat seine Ähnlichkeit mit dem großen Kaiser noch mehr als sonst +hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug +von Carricatur hatte durch die weit stärkere Corpulenz des Prinzen, +durch seine unruhige Haltung und durch die nervösen zuckenden Bewegungen +seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesröthe +bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den +Kaiser hin und die dunklen Augen groß auf seinen wie gebrochen da +sitzenden Vetter richtend, rief er, hastig die Worte hervorstoßend: + +„Weißt Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?“ + +Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust. + +„Ich habe,“ fuhr der Prinz fort, „schon als ich von den Haiden Norwegens +nach Paris zurückkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen +Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich über dieses Abenteuer +denke — das gefährlichste und verhängnißvollste, welches Du seit Deiner +Regierung unternommen, — was ich jetzt aber hier täglich, stündlich sehe +und erfahre, das übersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als +möglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne +Organisation, ohne Führung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder +dieser Soldaten für sich den alten Paladinen Karl's des Großen an +Tapferkeit gleichkäme, so ist es unmöglich, daß sie etwas ausrichten +können gegen die Tactik und die Ordnung des preußischen Generalstabes. +Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf muß ein Interesse haben, +Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche +Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklären.“ + +Der Kaiser schwieg noch immer. + +„Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?“ + +„Der Frieden jetzt,“ sagte der Kaiser, „käme der Streichung des +französischen Namens aus der Reihe der Großmächte, käme der Abdankung +unserer Dynastie gleich,“ fügte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu. + +„Was aber denkst Du zu thun,“ rief der Prinz, „willst Du Dich, willst Du +uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschließen, +an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der +Ostsee zu übergeben. Ich bitte Dich, übertrage mir das Commando der +Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche +Streitkräfte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem +überwältigenden Angriff zu schützen.“ + +„Ich darf Rußland nicht verletzen,“ sagte der Kaiser, wie zögernd, +„auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des +preußischen Handels ausgesprochen —“ + +„Willst Du nach Rußland fragen,“ rief der Prinz, zornig mit dem Fuß auf +den Boden stoßend, „nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die +Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres +Hauses?“ + +„Der Marschall Leboeuf,“ meldete die dienstthuende Ordonnanz. + +„Dein böser Genius,“ sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster +hin, ohne den Gruß des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit +ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen +Stimme sagte: + +„Die Regimenter, welche Eure Majestät heute zu mustern befahl, stehen an +dem Eingang der Straße nach Thionville bereit, wenn Eure Majestät die +Gnade haben wollen, hinauszureiten.“ + +„Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die +Feldzugspläne besichtigen, als diese armen unglücklichen Truppen, die +verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlässigung, in +Augenschein zu nehmen,“ rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend. + +Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen +großen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an. + +„Das Alles ist von mir geordnet,“ sprach er, „und der Kriegsplan +sichert, wie ich glaube, so gut als das möglich ist, den Erfolg.“ + +„Der Kriegsplan,“ rief der Prinz, „das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr +Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie +von Straßburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon +auszustreuen, so daß sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig +unterstützen können. Der Vorstoß der preußischen Armee wird das Alles +aufrollen und zerbröckeln, ehe man überhaupt noch zum Nachdenken +gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird +vergebens sein. Wenn der Krieg,“ fuhr er immer heftiger fort, „in dem +Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit +vierzehn Tagen erklärt ist, so verstehe ich nicht, daß während die +deutsche Armee in erdrückenden Massen auf uns losrückt, man da nicht ein +einziges Corps mit dem Nöthigen versehen, vollständig hat hinstellen +können.“ + +Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die +zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem +Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton: + +„Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so +eben aus Paris erhalten habe.“ + +Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las: + +„General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris. + +Morgen werden wir kaum fünfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu +halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise +entblößt. Die Preußen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes.“ + +„Lesen Sie weiter,“ sprach der Kaiser, während der Prinz Napoleon die +Hände zusammenschlug. + +Der Marschall Leboeuf las: + +„Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in +Paris. + +Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch +Ausrüstungsgegenstände. Alles ist vollständig entblößt.“ + +„Weiter,“ sprach der Kaiser kalt und kurz. + +Der Marschall las die folgende Depesche: + +„Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert +tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration.“ + +„Immer weiter,“ sagte der Kaiser. + +Der Marschall fuhr fort, die nächste Depesche ergreifend. + +„Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Ich habe weder Kochtöpfe, noch Näpfe, die Kranken sind von Allem +entblößt. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe.“ + +„Endlich die letzte,“ sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine +Depesche reichte, die er noch zurückbehalten hatte. + +Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmäßigen Ton: + +„General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral +nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich weiß nicht, wo meine Regimenter +sind.“ + +Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran. + +„Dieser General,“ rief er, „welcher im Angesicht des Feindes seine +Armee sucht, das ist das Schlußwort aller dieser Lächerlichkeit, einer +Lächerlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragödie in sich +schließt, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein +wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hören, ich verlasse die Stadt +und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich länger in diesem Hauptquartier +bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen.“ + +Und ohne ein Wort zu sagen, stürmte er hinaus. + +„Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, „solche kleine +Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine große Armee sich +zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen.“ + +„Ich glaube nicht, Herr Marschall,“ sagte der Kaiser kalt, „daß ähnliche +Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wünsche, daß +dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein mögen. Sie werden +Ihre ganze Thätigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe, — denn, +Herr Marschall, die Verantwortung für die Folgen solcher Unordnungen +wird eine große und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte +lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen.“ + +Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, daß er kein +Wort weiter zu hören wünsche, wandte er sich von dem ganz erstaunt +dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thür näherte, öffnete sich +dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche +Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein. + +Er hielt einen Brief in der Hand, küßte schnell seines Vaters Hand und +rief mit fröhlichem Tone: + +„Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und +voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stück +vierblättrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir +Glück bringen werden. Ich werde die Blätter in ein Medaillon fassen +lassen und stets bei mir tragen.“ + +Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden +vierblättrigen Kleeblätter ganz stolz dem Kaiser entgegen. + +Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und +schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn +an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drückte seine Lippen auf +die reine Stirn und sagte: + +„Ich will zu den Truppen hinausreiten, Du sollst mich begleiten.“ + +Der Prinz steckte die Enveloppe mit den Kleeblättern, ganz überrascht, +daß sein Vater dieselben so wenig beachtete, in seine Uniform und ging +mit dem Kaiser hinaus. + +Der Marschall Leboeuf folgte ihnen. Man stieg zu Pferde. + +An der Spitze seines glänzenden Generalstabes ritt der Kaiser hinaus +durch die belebten Straßen der Stadt nach dem Felde. + +Auf der Straße von Thionville, wo zwei Brigaden der Garde aufgestellt +waren, begrüßten diese prächtigen Elitetruppen in ihrer musterhaften +Haltung den Kaiser mit jubelnden Hochrufen, in welche die in dichten +Massen umherstehenden einzelnen Soldaten laut und begeistert mit +einstimmten. Aber das Gesicht Napoleons erhellte sich nicht beim Anblick +dieser herrlichen Regimenter. Schweigend ritt er die Front ab, +schweigend ließ er die Truppen an sich vorbei defiliren und immer +schweigend wandte er nach kurzem Gruß, den Hut erhebend, sein Pferd, um +nach der Stadt zurückzureiten. + +Noch einmal brauste das vive l'empereur donnernd durch das Lager hin, +die Strahlen der Sonne funkelten auf allen diesen Waffenspitzen, auf +allen diesen Gold schimmernden Uniformen des Generalstabes, an dessen +Spitze der Kaiser gebeugt auf seinem Pferde sitzend, im langsamen +Schritt nach der Stadt zurückritt, während der kaiserliche Prinz +ungeduldig sein Pferd zügelte, um an der Seite seines Vaters zu bleiben. + +Überall grüßten erneute Hochrufe und die Klänge der Musikkorps, welche +partant pour la Syrie und die Marseillaise spielten. + +Der Kaiser schien von Allem dem nichts zu hören und zu sehen. +Ausdruckslos starrten seine Augen in's Leere und leise die Lippen +bewegend, sprach er: + + „Ave, Caesar, morituri te salutant!“ + + + + +Ende des dritten Bandes. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen, Dritter +Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13659 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Todesgruß der Legionen, Dritter Band + +Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13659] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Der Todesgruß der Legionen, *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + +Der Todesgruß der Legionen + + + +Zeit-Roman + +von + +Gregor Samarow. + + + +Dritter Band. + + + + +Berlin, 1874. + +Druck und Verlag von Otto Janke. + + + + +Erstes Capitel. + + +Der Kaiser Napoleon ging in heftiger Bewegung in seinem Cabinet auf +und nieder; die krankhafte Abgespanntheit, welche sonst auf seinem +Gesicht zu liegen pflegte, war verschwunden, an deren Stelle war eine +lebhafte Aufregung getreten, seine Lippen zuckten, seine Augen blickten +unruhig hin und her, und sein sonst so wohl geordneter Bart war durch +das Spiel seiner zitternden Finger aus der Ordnung gebracht. + +Auf seinem Schreibtisch lag eine große Anzahl von Telegrammen über +einander geworfen. Er hielt eine Photographie in Cabinetformat in der +Hand, die er, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, aufmerksam betrachtete. + +„Welch eine Anhäufung von Unruhe und Aufregung,“ sagte er mit einem +tiefem Athemzug, „die Erwartung wegen des Ausfalls des Plebiscits wäre +allein genügend, um mich in Spannung und in diese so schmerzvolle +Nervenerregung zu versetzen, — da muß noch dieses Complott hinzutreten, +das mir vor zehn Jahren gleichgültig gewesen wäre, das mir auch heute +gleichgültig ist, so weit es sich dabei um die Gefahr für mein Leben +handelt, — diesem Complott aber liegt eine größere Gefahr zu Grunde. Mein +Tod ist nur ein Theil des Plans, den man hier verfolgt, und so +abenteuerlich und thöricht diese Absicht der Zerstörung der Tuilerien +und der öffentlichen Gebäude im ersten Augenblick erscheinen mag, so +liegt darin doch eine tiefe Kenntniß der so scharf concentrirten +Zustände. Würde der Streich gelungen sein, so gehörte ganz Frankreich +dem Aufstande. Und,“ sprach er dumpf, vor sich hin starrend, „bin ich +denn schon sicher, daß er nicht gelingen wird, bin ich sicher, daß was +heute verhindert ist, sich nicht morgen wiederholen kann.“ + +Er blickte lange auf die Photographie, welche er in seiner Hand hielt +und prüfte genau mit scharfem forschendem Blick die Züge des Bildes. + +„Dieser Mensch,“ sagte er dann, „ist kein Fanatiker, — das ist kein +exaltirter Kopf, der aus überspannten Theorien in dem Gedanken sich für +eine große Idee zu opfern, zum Mörder wird, — dies Gesicht ist gemein und +gleichgültig. Dieser Mensch ist einfach ein Werkzeug — und wenn er +unschädlich gemacht wird, kann man Werkzeuge wie ihn überall +wiederfinden, — und man wird sie wiederfinden, wenn dieser Zustand +dumpfer Gährung weiter besteht, wenn die allgemeine Unzufriedenheit, +wenn das allgemeine Gefühl der Erniedrigung Frankreichs, das in der That +in diesem Augenblick die öffentliche Stimmung beherrscht, den tollkühnen +Unternehmungen der Verschwörer zu Hülfe kommt. Haben nicht vielleicht +Diejenigen doch Recht,“ sagte er in tiefem Gedanken, „welche mir rathen, +durch eine militairische Aktion das Gefühl der Nation wieder mit dem +Kaiserthum zu verbinden.“ + +Er warf die Photographie auf den Tisch und ging die Hände auf den Rücken +gelegt, den Kopf tief auf die Brust gesenkt mehrere Male langsam im +Zimmer auf und nieder. + +„Eine glänzende Action,“ sagte er dann — „ja — aber wenn sie nicht +glänzend wäre — wenn das launenhafte Glück _nicht_ über meinen Fahnen +schwebte — was dann? Dann würde all das Unheil, welches jetzt unter der +Oberfläche glimmt, in hellen Flammen emporlodern, und diese Flammen +würden über den Trümmern meines Gebäudes zusammenschlagen — warum aber +soll das Glück sich von mir wenden?“ rief er dann stehen bleibend und +den aufleuchtenden Blick seines großen geöffneten Auges auf eine +Marmorbüste Cäsars richtend, welche auf schwarzem Fuß in der Nähe seines +Schreibtisches stand. „War es mir doch bisher günstig wie jenem Römer, +dem Vorbild meines Hauses, der zwar unter den Dolchen der Verschwörer +fiel, auf dessen Thaten aber sich der glänzende Thron des Augustus +erbaute, — warum vermag ich nicht mehr an mein Glück zu glauben — wenn +dieses Plebiscit günstig ausfällt, so steht ja wieder der Wille der +ganzen Nation hinter mir, und auf diese neue Kraft gestützt, sollte ich +es wohl wagen können, dem Glück zu gebieten, denn das Glück beugt sich +dem kühnen Muth und dem festen Entschluß, — aber wenn das Plebiscit +ungünstig ausfällt,“ sprach er, wieder in sich zusammensinkend, mit +dumpfem traurigem Ton. „Doch nein,“ rief er dann, „nein, das ist +unmöglich, Alles ist gut vorbereitet, und die ersten Nachrichten über +den Erfolg der Abstimmungen lauten überraschend günstig.“ + +Er trat an den Tisch und durchblätterte die auf demselben liegenden +Telegramme. Dann nahm er einen Bleistift, schrieb einige Zahlen ab und +addirte dieselben. + +„Paris,“ sagte er, „Marseille, Toulouse, Bordeaux, die schlimmsten +Städte haben abgestimmt, und dennoch ergiebt sich nach den vorliegenden +Nachrichten bereits eine Summe von einer Million 400,000 Stimmen für +„Ja“ und nur 200,000 für „Nein.“ Wenn es so weiter geht, so ist der Sieg +gewiß.“ + +Der Dienst thuende Kammerdiener meldete den Groß-Siegelbewahrer. + +„Er ist willkommen,“ rief der Kaiser lebhaft und ging rasch nach der +Thür hin, durch welche Herr Ollivier lächelnd und freudig bewegt +eintrat. Er ergriff mit tiefer Verneigung die dargebotene Hand des +Kaisers, zog dann einige Telegramme aus seiner Tasche und rief, ohne die +Anrede seines Souverains abzuwarten: + +„Alles geht vortrefflich, Sire, bis heute morgen war das Resultat von +hundertundsechzig Wahlbezirken bekannt. Die Zahl der eingetriebenen +Wähler betrug 3,671,400 davon haben 2,614,000 mit Ja gestimmt und +432,000 mit Nein. So eben,“ fuhr er fort, „habe ich dieses zweite +Telegramm erhalten, nach welchem nunmehr bis auf sechsundzwanzig +Wahlbezirke die Resultate sämmtlich bekannt sind. Für Ja stimmten +hiernach 6,399,000, mit Nein 1,349,000. Die Stimmen der Armee und der +Marine und der Bevölkerung von Algier sind hierbei noch nicht +mitgerechnet; da die Gesammtzahl der Stimmenden ungefähr auf acht bis +zehn Millionen anzuschlagen ist, so ist eine colossale Majorität bereits +gesichert.“ + +Der Kaiser athmete tief auf und drückte noch einmal herzlich die Hand +seines Ministers. + +„Das Glück steht mir noch zur Seite,“ sagte er halblaut, mehr seinem +frühern Gedankengang folgend, als zu Herrn Ollivier sprechend. „Dies +glänzende Resultat,“ sagte er dann mit unendlich liebenswürdiger +Verbindlichkeit, „habe ich zum großen Theil meinen Ministern und Ihnen +ins Besondere, mein lieber Herr Ollivier, zu verdanken, da Sie es +verstanden haben, die Sympathien des ganzen Volkes um die kaiserliche +Regierung zu vereinigen, und vielleicht war dieses unglückliche traurige +Complott, das man entdeckt hat, ebenfalls eine glückliche Fügung, da +gerade dadurch dem ganzen Lande klar geworden ist, von welchen Gefahren +die Ordnung des Staats und der Gesellschaft bedroht wird, von Gefahren, +gegen welche nur ein freisinniges und kraftvolles kaiserliches Regiment +Schutz und Rettung bieten kann. Seien Sie überzeugt, daß ich die +Dienste, welche Sie dem Lande, mir und meinem Hause geleistet haben, +niemals vergessen werde.“ + +Herr Ollivier verneigte sich mit zufriedenem Lächeln. + +„Eure Majestät haben ganz mit Recht bemerkt,“ sagte er dann, „daß das +verbrecherische Complott, welches die Wachsamkeit der Polizei vor +einigen Tagen entdeckt, sehr günstig auf die Theilnahme der gut +gesinnten Bevölkerung auf die Abstimmungen gewirkt hat, — dessen +ungeachtet“ fuhr er fort, „bleibt die Sache sehr zu beklagen, denn +Alles, was man bis jetzt ermittelt hat, zeigt deutlich, daß man es hier +mit einem tief angelegten Plan unversöhnlicher Verschwörer zu thun hat, +und ich bitte Eure Majestät zu genehmigen, daß nicht wie in frühern +ähnlichen Fällen die Angelegenheit mit der Ihnen persönlich so nahe +liegenden Milde behandelt, sondern daß hier mit der äußersten Strenge +vorgegangen werde, um ein für allemal ernstlich und nachdrücklich von +ähnlichen Unternehmungen abzuschrecken. + +„Es widerstrebt mir,“ sagte der Kaiser mit einem sanften weichen +Ausdruck, „Unternehmungen, welche gegen meine Person und mein Leben +gerichtet sind, mit äußerster Strenge zu verfolgen. Nach meinem Gefühl +möchte ich Wahnsinnige, die derartiges versuchen, am liebsten völlig +ungestraft lassen, und das um so mehr in einem Augenblick, in welchem +mir das ganze Volk auf eine so glänzende Weise sein Vertrauen bezeigt. +Doch,“ fuhr er ernster fort, „es handelt sich hier nicht allein um mich, +man hat nicht nur mich bedroht, sondern zugleich die Sicherheit des +ganzen Staatsgebäudes, wie ich dasselbe unter Mitwirkung der besten +Kräfte des Landes und der Acclamation des ganzen Volkes errichtet habe; +hier darf keine Milde walten! Was hat man weiter entdeckt,“ fuhr er +fort. „Ich bin sehr gespannt auf die Ermittelung des Zusammenhangs der +Verschwörung.“ + +„Der Polizeipräfect befindet sich in Eurer Majestät Vorzimmer,“ +erwiderte Herr Ollivier, „und wenn Sie es erlauben, kann er hier +sogleich seinen Bericht erstatten, und Eure Majestät können die +Maßregeln genehmigen, welche ich zur gerichtlichen Verfolgung der +Verbrecher und zum Schutz der öffentlichen Sicherheit vorschlagen +möchte.“ + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf. + +Herr Ollivier ging hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem +Polizeipräfecten Pietri zurück, dessen bleiches, scharfes Gesicht +unbeweglich und kalt wie immer war und dessen scharfe Augen fast noch +stechender als gewöhnlich unter dem tiefen Schatten der vorspringenden +Stirn hervorblickten. + +Auf den Wink des Kaisers nahmen der Justizminister und der +Polizeipräfect neben dem Schreibtisch Platz, während Napoleon sich in +seinen Lehnstuhl niedersinken ließ, — den Ellenbogen auf das Knie +gestützt blickte er Herrn Pietri fragend und erwartungsvoll an. + +„Eurer Majestät,“ begann dieser, indem er eine kleine Mappe öffnete und +mehrere Papiere aus derselben hervorzog, „erlaube ich mir mitzutheilen, +daß der frühere Corporal Beaury in seiner Wohnung in der Rue St. Maur, +die er nach seiner Ankunft aus London bezogen hatte, verhaftet wurde. +Man hat bei ihm einen Dolch und einen Revolver, eine Summe von etwas +über dreihundert Francs gefunden, zugleich aber auch vor allen Dingen +Briefe von Gustav Flourens aus London, welche zweifellos beweisen, daß +Beaury den Auftrag erhalten und angenommen hatte, Eure Majestät durch +die Bomben zu tödten, von denen ich Ihnen bereits eine Probe zu +überreichen die Ehre gehabt habe.“ + +„Die Sprengbomben sind vortrefflich construirt,“ sagte der Kaiser — „ich +würde ihrer Wirkung nicht entgangen sein,“ fügte er lächelnd hinzu. + +„Die Briefe von Flourens,“ fuhr Pietri fort, „welche ich Eurer Majestät +hier vorzulegen die Ehre habe“ — er legte mehrere beschmutzte Papiere auf +den Tisch vor dem Kaiser nieder, beweisen aber zugleich, daß es sich +nicht nur um ein Attentat gegen Allerhöchst Ihre Person handelte, +sondern daß zu gleicher Zeit die Tuilerien und die sämmtlichen +öffentlichen Gebäude, in welchen die leitenden Organe der öffentlichen +Regierung ihren Sitz haben, zerstört werden sollten. Man hat auf die +Aussage Beaury's gestützt, welcher sogleich nach seiner Verhaftung +umfassende Geständnisse ablegte, Nachforschungen gehalten und bei einem +Kunsttischler Roussel, dessen die Agenten leider bis jetzt noch nicht +habhaft geworden sind, eine weitere größere Anzahl von Bomben, Massen +von Nitroglycerin, so wie bedeutende Quantitäten Petroleum gefunden; +auch steht nach den Aussagen Beaury's die Theilnahme der Internationale +an der ganzen Verschwörung außer Zweifel, was zugleich beweist, daß +diese Verbindung, welche sich nur mit der Erörterung socialer Fragen und +mit der Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes zu beschäftigen +vorgiebt, die eigentliche Triebfeder aller Attentate gegen die +bestehende Staatsordnung ist.“ + +„Haben Sie alle diese Beweisstücke da,“ fragte der Kaiser. + +„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Pietri, indem er mehrere Briefe und +Protokolle dem Kaiser überreichte. + +Dieser legte sie auf seinen Tisch. + +„Ich werde das Alles später prüfen,“ sagte er. „Es ist eine schmerzliche +Erfahrung für mich,“ fuhr er fort, „daß gerade diese internationale +Arbeiterassociation, welcher ich, so weit sie sich mit dem Interesse +der Arbeiter beschäftigte, stets wo das mit den Gesetzen vereinbar war, +mein Wohlwollen bewiesen, und meinen Schutz gewährt habe, sich jetzt zu +solchen Zwecken mißbrauchen läßt.“ + +„Ich habe Eure Majestät stets darauf aufmerksam gemacht,“ sagte Pietri, +„daß diese Organisation selbst unter ihren früheren gemäßigten, so zu +sagen philosophischen Führern eine große Gefahr für den Staat und die +Gesellschaft in sich schloß, und daß es nothwendig sei, mit der +äußersten Strenge gegen dieselbe vorzugehen, um sie und ihren weit +verzweigten Einfluß zu zerstören. Nachdem nun ihre gefährlichen und +verbrecherischen Ziele so klar an's Tageslicht getreten sind, möchte ich +Eure Majestät um die Erlaubniß bitten, die ganze Internationale mit +einem Schlage zu zertrümmern, und in allen Städten Frankreichs ihre +Führer, die mir sehr wohl bekannt sind, verhaften zu lassen.“ + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +„Ich erkenne die Nothwendigkeit energischer Maßregeln vollkommen an,“ +sagte er, „doch weiß ich nicht, ob die Verhaftung der Führer von einigem +Nutzen sein wird. So weit mir aus früheren Berichten die Organisation +jener Gesellschaft bekannt ist, hat jeder Führer einen Substitut, und +die Verhaftung der ersten Leiter würde also für die Unterdrückung der +Sache selbst nicht viel nützen, außerdem gehört dieser Internationale +eine Menge von Arbeitern an, die im Grunde gut gesinnt sind und die +verbrecherischen Absichten der Häupter weder kennen, noch billigen. Ich +glaube deshalb, daß es klug wäre, den Maßregeln, welche gegen die +Internationale getroffen werden müssen, jeden polizeilichen Character zu +nehmen und sie lediglich als die Folgen richterlichen Verfahrens +erscheinen zu lassen.“ + +Er richtete den Blick fragend auf Herrn Ollivier. + +„Ich theile vollkommen die Ansicht Eurer Majestät,“ sagte dieser. „Und +es sind in diesem Sinne alle Einleitungen getroffen, der +Generalprocurator Grandperret soll einen Bericht an mich erstatten, +welcher das Complott in seinem ganzen Zusammenhange darstellt und die +Einberufung des hohen Gerichtshofes beantragt. Ich werde diesen Bericht +des Generalprocurators, der bereits morgen in meinen Händen sein soll, +Eurer Majestät überreichen und zugleich den Entwurf eines Decrets +beilegen, welcher die Einberufung des hohen Gerichtshofes anordnet. +Sobald das geschehen, werden alle Verhaftungen, welche auf Grund der von +dem Generalprocurator Grandperret anzustellenden Anklageacte +vorgenommen werden müssen, gerichtliche und nicht mehr polizeiliche +Maßregeln sein.“ + +„Sehr gut,“ sagte der Kaiser, „ich erwarte Ihren Bericht, mein lieber +Herr Ollivier, und ich hoffe,“ fügte er sich zu Pietri wendend hinzu, +„daß Ihre Agenten geschickt genug sein werden, um keinen der Schuldigen +entwischen zu lassen.“ + +„Eure Majestät können überzeugt sein,“ erwiderte der Polizeipräfect, +„daß in meinem Ressort geschehen wird, was nur irgend zu thun möglich +ist, dennoch aber möchte ich bitten, einige Personen welche ich dem +Herrn Generalprocurator bezeichnen werde, von der Verhaftung +auszuschließen. Es sind die Personen welche wir genau zu überwachen in +der Lage sind, und durch welche wir in Folge dieser Überwachung +fortwährend Kunde von den Fäden erhalten, durch welche die revolutionäre +Bewegung im ganzen Lande geleitet wird. Würden diese Personen verhaftet +werden, so würde uns sich eine Quelle sehr wichtiger Nachrichten +verschließen, und wir würden gezwungen sein, viele Zeit aufzuwenden, um +neue Netze zu knüpfen.“ + +Der Kaiser lächelte. + +„Ich verstehe,“ sagte er — „nicht wahr, mein lieber Herr Ollivier, Sie +finden den Wunsch des Herrn Pietri gerechtfertigt —“ + +„So fern dadurch,“ sagte der Justizminister, „der gerichtlichen +Verfolgung keine Beweise entzogen werden.“ + +„Sie können sicher sein,“ sagte Herr Pietri, „daß diejenigen Personen, +um welche es sich handelt, — und zu denen in erster Linie der eitle +Schwätzer Raoul Rigault gehört, so vollständig umstellt sind, daß keine +ihrer Bewegungen, keines ihrer Worte uns entgeht, und daß ihre +Verhaftung, wenn sie jemals nothwendig werden sollte, jeden Augenblick +stattfinden kann. Es ist aber eine alte Regel der polizeilichen Praxis,“ +fügte er hinzu, „in großen und besonders bedeutungsvollen Fällen immer +einige der betreffenden Personen in scheinbarer Freiheit zu lassen, um, +wenn es nöthig ist, durch sie das herstellen zu können, was man mit dem +technischen Ausdruck eine „Mausefalle“ nennt. Hat man einmal alle +Personen, von denen man irgend etwas weiß, im Gefängniß eingeschlossen, +so ist es kaum möglich, irgend etwas Weiteres und Neues zu erfahren.“ + +„Ich bitte Sie also,“ sagte Herr Ollivier, „sich mit dem +Generalprocurator Grandperret über diesen Punkt zu verständigen.“ + +„Der Herr Marschall Kriegsminister,“ meldete der Kammerdiener. + +„Ich bitte den Marschall einzutreten,“ erwiderte der Kaiser. + +Der Marschall Leboeuf trat in das Cabinet, die militairische Haltung +seiner großen vollen Gestalt, der martialische Ausdruck seines starken +Gesichts mit dem großen, dichten Schnurrbart ließen in ihm trotz des +Civilüberrocks, den er trug, den Soldaten erkennen. + +„Nun, mein lieber Marschall,“ rief ihm der Kaiser entgegen. „Sie bringen +das Resultat der Abstimmungen der Armee.“ + +„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte der Marschall. „Leider aber habe ich +Eurer Majestät mitzutheilen, daß nach den Mittheilungen, welche nunmehr +beinahe abgeschlossen sind dreißigtausend Ihrer Soldaten mit „Nein“ +gestimmt haben.“ + +Der Kaiser ließ einen Augenblick das Haupt auf die Brust sinken, ein +trüber, trauriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. + +„So großen Einfluß,“ sagte er, „haben die Feinde meiner Regierung also +auch in den Reihen meiner Armee gewonnen, daß dreißigtausend kaiserliche +Soldaten es wagen, ein Mißtrauensvotum gegen mich auszusprechen.“ + +„Ich habe Eure Majestät,“ sagte Herr Pietri, „bereits seit lange darauf +aufmerksam gemacht, daß es vom polizeilichen Gesichtspunkt aus nicht +zweckmäßig sei, die Soldaten so lange, wie das jetzt geschehen ist, oft +über drei Jahre lang in denselben Garnisonen zu lassen, sie +fraternisiren dadurch zu sehr mit der Bevölkerung, und es sind gerade +die revolutionären Elemente, welche in kluger Berechnung und mit großem +Geschick stets danach streben, in den Reihen der Armee Propaganda zu +machen, — wenn Eure Majestät Ihre Regimenter öfter die Garnisonen +wechseln ließen, so würde so etwas nicht vorkommen.“ + +„Wir wollen darüber nachdenken,“ sagte der Kaiser, sich zum Marschall +Leboeuf wendend. „Wo sind denn besonders Stimmen mit Nein abgegeben +worden,“ fragte er, augenscheinlich noch immer sehr peinlich durch die +Mittheilung des Marschalls berührt. + +„Vor allen Dingen hier in Paris,“ erwiderte der Marschall Leboeuf, +„bei dem siebenzehnten Jägerbataillon und dem siebenzehnten +Linienregiment. — In der Kaserne Prinz Eugene,“ fuhr er fort, „hatte +sich, wie man mir meldete, die Garnison bei der Abstimmung in zwei, fast +ganz gleiche Theile gespalten. Ich bin selbst dorthin gegangen, habe die +Truppen antreten lassen und eine Ansprache an sie gehalten, in welcher +ich ihnen auseinandersetzte, daß gerade in diesem Augenblick, in +welchem die Revolution es versucht habe, die bestehende Staatsordnung +umzustürzen, die feste Treue der Armee gegen den Kaiser eine hohe +patriotische Pflicht sei.“ + +„Und,“ fragte der Kaiser. + +„Ein einstimmiges, laut schallendes Vive l'Empereur war die Antwort,“ +erwiderte der Marschall. „Ich glaube,“ fuhr er fort, „daß bei dem +negativen Votum der einzelnen Soldaten mehr der Reiz maßgebend gewesen +ist, einmal ungestraft und unbeengt durch Disciplinarvorschriften ein +wenig Opposition machen können. Ich glaube aber nicht, daß diese +Opposition gefährlich ist, und daß irgend ein Theil der Armee es an +Energie in der Bekämpfung der Revolution fehlen lassen würde, wenn es +jemals dazu käme.“ + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +„Der Faubourg du Temple ist unruhig, wie Sie mir heute gemeldet haben,“ +sagte er zu Pietri gewendet. + +„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte dieser. „Es finden dort +Zusammenrottungen statt. Bis jetzt ist noch nichts Ernstes geschehen, +als daß einige Laternen umgeworfen wurden, indessen ist zu besorgen, daß +mit dem Eintritt der Dunkelheit dort ernstere Unruhen stattfinden +möchten, und meine Agenten haben mir bereits berichtet, daß +Vorbereitungen zum Barrikadenbau getroffen wurden.“ + +„Commandiren Sie, mein lieber Marschall, das siebenzehnte Jägerbataillon +und das siebente Linienregiment heute Abend nach dem Faubourg du Temple, +um gegen die Ruhestörungen, welche man dort versuchen möchte, +einzuschreiten. Ich will den Truppen zeigen, daß ich ihr Recht des +freien Votums achte, und das mein Vertrauen in die Erfüllung ihrer +Dienstpflicht durch den Gebrauch ihres Stimmrechts auch gegen mich nicht +erschüttert werden kann. Nun aber,“ fuhr er fort, indem er sich in einer +kräftigeren Bewegung als sonst erhob und den Blick stolz und frei über +die in seinem Cabinet befindlichen Personen gleiten ließ, „ist es +nothwendig, zu der Verfolgung der Verschwörer durch die Gerichte +Maßregeln zu treffen, um den Staat gegen alle Attentate zu schützen, +welche vielleicht dennoch von denen versucht werden könnten, die sich +bisher der Wachsamkeit der Behörden zu entziehen wußten. Lassen Sie, +mein lieber Marschall,“ sprach er im festen Ton des Befehls, der keine +Erörterung und keinen Widerspruch duldet, „die Truppen sämmtlich in den +Kasernen consigniren, die Truppen sollen scharfe Patronen erhalten und +jeden Augenblick marschbereit sein. Commandiren Sie ferner nach allen +öffentlichen Gebäuden wenigstens zwei Bataillone, welche vor Allem den +Befehl erhalten müssen, jeden Eintritt unbekannter Personen +zurückzuweisen und die Keller und Souterrainräume zu überwachen. +Sodann,“ fuhr er fort, „sollen die Voltigeurs der Garde sämmtlich in die +Gallerien commandirt werden, welche den Pavillon des kaiserlichen +Prinzen mit dem Neubau vereinigen. Ich werde dem General Frossard den +Befehl schicken, daß der Prinz seine Wohnung nicht verläßt, man könnte +seinen Wagen für den Meinigen halten, und er könnte das Opfer eines +gegen mich gerichteten Attentats werden. Das darf nicht geschehen, denn +auf seinem Leben beruht die Zukunft Frankreichs. Jeder Unruhe,“ fuhr er +immer in demselben festen Ton fort, „welche heute Abend in den Straßen +von Paris stattfinden könnte, soll sofort mit scharfer Waffe und ohne +jede Schonung entgegen getreten werden. Die Corpsführer sind mir +verantwortlich dafür, daß keine Barricade länger als eine halbe Stunde +stehen bleibt, — vor Allem,“ fügte er noch hinzu, „sollen starke Posten +in das Erdgeschoß des Pavillons des kaiserlichen Prinzen gelegt werden +und Niemand dort zugelassen werden, der sich nicht durch seinen Dienst +oder durch einen besonderen Erlaubnißschein legitimiren kann. Außerdem +werden Sie, mein lieber Pietri,“ sagte er, sich an den Polizeipräfecten +wendend, „den Pavillon des Prinzen ringsum mit Ihren zuverlässigen +Agenten umgeben lassen, mit dem bestimmten Befehl, Niemand die +Annäherung an denselben zu gestatten.“ + +Herr Ollivier sah ganz erstaunt den Kaiser an, der Ton desselben, +welcher an die Zeit des unumschränkten persönlichen Regiments erinnerte, +schien ihn zu befremden. + +„Und welche Sicherheitsmaßregeln befehlen Eure Majestät,“ sagte Herr +Pietri, „für den Pavillon de l'Horloge, — für Eurer Majestät eigene +Wohnung?“ + +„Keine,“ sagte der Kaiser stolz lächelnd, „ich habe die Pflicht, für die +Sicherheit des Staates und des Erben meines Thrones zu sorgen. Was mich +betrifft, — ich vertraue meinem Stern! — Gehen Sie, meine Herren,“ sagte +er mit freundlicher Würde und Hoheit, „und sorgen Sie für die pünktliche +Ausführung meiner Befehle. Sie, mein lieber Ollivier, bitte ich, noch zu +bleiben, ich habe noch weiter mit Ihnen zu sprechen.“ + +Der Marschall Leboeuf und Herr Pietri zogen sich zurück. + +„Sie wissen,“ sagte der Kaiser, als er mit dem Großsiegelbewahrer +allein war, „daß die Kaiserin nach der Verfassung des Reichs zur +Regentin bestimmt ist, für den Fall meiner Abwesenheit oder meines Todes +während der Minderjährigkeit des Prinzen. Dieser Beaury ist gefangen,“ +fuhr er fort, „aber man könnte einen Zweiten und einen Dritten absenden, +und irgend ein plötzliches Ereigniß könnte meinem Leben ein Ende +machen.“ + +„Sire,“ rief Ollivier, die Hand auf die Brust legend, „die Vorsehung +wird verhüten —“ + +„Ich hoffe das,“ sagte der Kaiser kalt und ruhig, „indessen muß ich für +den Fall eines verhängnißvollen Ereignisses meine Bestimmung treffen, +als ob es sich um eine dritte Person handelte. Sollte ich,“ fuhr er +fort, „das Opfer eines Dolches, eines Revolvers oder einer Bombe werden, +so werden Sie unverzüglich die ganze Garnison von Paris unter die Waffen +treten lassen, meinen Sohn zum Kaiser proclamiren und die Truppen ihm +und der Regentin den Eid der Treue schwören lassen. Sie werden jeden +Versuch einer Bewegung in der Hauptstadt mit rücksichtsloser Strenge +niederwerfen und die Regierung genau so fortführen, als ob sich Nichts +geändert habe — Nichts,“ fügte er mit einem Anklang leiser Wehmuth hinzu, +„als daß neben dem Namen des Kaisers eine IV statt einer III steht. +Besprechen Sie mir das, geben Sie mir Ihr Wort darauf.“ + +Er streckte Ollivier mit einer Bewegung voll Hoheit und liebenswürdiger +Herzlichkeit zugleich die Hand hin. + +„Ich schwöre es Eurer Majestät,“ rief Ollivier mit einer von innerer +Bewegung erstickten Stimme, indem er seine Hand in die des Kaisers +legte. + +„So haben wir Vorsorge getroffen,“ sprach Napoleon im ruhigen, heiteren +Ton weiter, „für den Fall eines unglücklichen Verhängnisses, jetzt +lassen Sie uns an die Gegenwart und ihre Forderungen herantreten. +Nachdem das Plebiscit dem Kaiserreich von Neuem die feste Grundlage des +Nationalwillens gesichert hat, müssen wir darauf denken, die Regierung, +selbst wenn sie sich in einem provisorischen Stadium befindet, wieder zu +consolidiren. Das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten vor allen +Dingen, welches Sie seit dem Rücktritt des Grafen Daru mit so großer +Opferbereitwilligkeit neben der Last aller Ihrer übrigen Arbeiten +geführt haben, muß, wie es mir scheint, definitiv besetzt werden.“ + +Herr Ollivier schien durch diese Bemerkung des Kaisers nicht besonders +angenehm berührt zu werden. + +„Es ist mir eine Freude gewesen, meine Arbeitskraft auch in diesem +erhöhten Maße dem Dienste Eurer Majestät zu widmen. Und bis zu diesem +Augenblick,“ fügte er mit einem gewissen selbstbewußten Lächeln hinzu, +„ist mir diese Last nicht zu schwer geworden. Nicht, um mich den +vermehrten Arbeiten zu entziehen, möchte ich Eure Majestät zur Besetzung +des auswärtigen Portefeuille drängen.“ + +„Ich weiß, mein lieber Minister,“ sagte der Kaiser verbindlich, „daß Sie +keine Mühe scheuen, und daß Ihre eminente Kraft auch die schwerste Last +leicht zu ertragen im Stande ist. Indessen wird die gesammte politische +Leitung der Regierung Sie in der nächsten Zeit, in welcher alles jetzt +Geschaffene befestigt werden muß, so sehr in Anspruch nehmen, daß ich +nicht die Detailarbeiten Ihnen auch noch aufbürden möchte. Es kommt +darauf an,“ fuhr er fort, „einen Minister der auswärtigen +Angelegenheiten zu finden, welcher die für den internationalen Verkehr +erforderliche Geschmeidigkeit mit dem festen Willen und der Kraft +vereint, die Würde und die Interessen Frankreichs nach außen hin +energisch zu vertreten, und welcher zugleich mit den Grundsätzen, nach +welchen Sie zu meiner großen Freude meine Regierung führen, völlig +übereinstimmt. Ich habe geglaubt, daß Drouyn de L'huys, welcher bereits +mehrere Male die auswärtige Politik Frankreichs geführt hat, im +wesentlichen die erforderlichen Eigenschaften besitzt, es würde nur +darauf ankommen, ob Sie glauben, mit demselben in inniger und +aufrichtiger Uebereinstimmung zusammen arbeiten zu können.“ + +Herr Ollivier schien noch immer unter dem Eindruck einer gewissen +Verstimmung sich zu befinden. + +„Ich achte Herrn Drouyn de L'huys hoch,“ sagte er mit einiger +Zurückhaltung, „er ist ein Mann von großer und ausgedehnter Erfahrung, +von tiefen Kenntnissen und großer Charakterfestigkeit. Freilich,“ fuhr +er fort, „sagt man, daß diese Charakterfestigkeit zuweilen ein wenig die +Grenzen des Eigensinns streifen soll, —“ + +„Man hat nicht ganz Unrecht,“ fiel Napoleon, leicht das Haupt neigend, +ein. „Indeß glaube ich, daß es Ihnen bei Ihrer Gewandtheit, Andere zu +überzeugen, nicht schwer werden würde“ — + +Die Flügel der Thür des kaiserlichen Cabinets wurden geöffnet. Der +Huissier meldete die Kaiserin. + +Unmittelbar darauf trat Ihre Majestät schnell ein, ihre Hand leicht auf +den Arm des kaiserlichen Prinzen gelegt. Das schöne Gesicht der Kaiserin +leuchtete vor freudiger, innerer Erregung, ihre Augen strahlten, ein +triumphirendes Lächeln lag auf ihren Lippen, hoch und stolz trug sie das +Haupt auf dem wunderbar schönen, schlanken Halse. + +Der kaiserliche Prinz war damals vierzehn Jahre alt, seine Gestalt war +schlank und schmächtig, seine Haltung elegant und sicher, sein bleiches +Gesicht mit dem dichten, dunkel glänzenden Haar, schien älter als seine +Jahre, frühzeitige körperliche Leiden hatten ihm einen gewissen Ausdruck +von fast melancholischer Weichheit gegeben. Seine Stirn zeigte eine +auffallende Ähnlichkeit mit derjenigen des Kaisers, während der untere +Theil des Gesichts, die Nase und der Mund lebhaft an seine Mutter +erinnerten. Seine dunklen, sinnigen Augen blickten aufmerksam forschend, +es lag in denselben neben einer gewissen, kindlichen, wohlwollenden +Offenheit, doch auch ein gewisses prüfendes Mißtrauen. + +Der Prinz trug einen einfachen schwarzen Civilanzug und küßte, nachdem +die Kaiserin den Kaiser begrüßt, mit liebevoller Ehrerbietung die Hand +seines Vaters. + +„Ich komme mit unserm Louis,“ rief die Kaiserin, „um die Erste zu sein, +welche Ihnen zu dem so glänzenden Ausfall des Plebiscits von ganzem +Herzen Glück wünscht, und zugleich,“ sagte sie, mit anmuthiger Bewegung +sich zu Ollivier wendend, „dem geistvollen und treuen Rathgeber, dessen +eifriger Thätigkeit wir vor allen Dingen dieses glückliche Resultat zu +verdanken haben, auch meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank zu +sagen.“ + +Sie reichte Ollivier ihre Hand, auf welche dieser seine Lippen drückte. + +„Es scheint,“ sagte der Kaiser, „als ob gerade in diesem Augenblick, in +welchem das Glück uns lächelt, die finsteren Dämonen der Revolution von +Neuem ihr Haupt erheben, hoffentlich zum letzten Mal. Ich habe,“ fuhr er +fort, „soeben, obgleich mir das gerade in diesem Augenblick mehr als je +widerstrebt, die Befehle zur energischen Verfolgung der Schuldigen +gegeben und zugleich zum Schutz des Staats und der Dynastie die +Voltigeurs der Garde in den Pavillon des Prinzen gelegt. Und Du, mein +lieber Louis,“ sagte er, leicht mit der Hand über das Haar seines Sohnes +streichend, „wirst in den nächsten Tagen Dir gefallen lassen müssen, die +Tuilerien nicht zu verlassen, so lange wenigstens, bis das Complott in +allen seinen Verzweigungen entdeckt und unschädlich gemacht sein wird.“ + +„Oh, Papa,“ rief der junge Prinz mit blitzenden Augen, „ich fürchte mich +nicht, mögen sie nur kommen, ich werde mich zu vertheidigen wissen, +und“ fügte er hinzu, den glänzenden Blick aufwärts gerichtet, „Gott wird +nicht erlauben, daß die ruchlosen Pläne dieser Verschwörer gelingen.“ + +„Ich bin überzeugt, daß Du Dich nicht fürchtest, mein Sohn,“ sagte der +Kaiser, indem er seinen Blick voll stolzer Freude auf dem Prinzen ruhen +ließ — „Du würdest sonst nicht im Stande sein, Frankreich zu beherrschen, +aber Dein Leben gehört der Zukunft Deines Landes, Du darfst es wohl in +der Schlacht für die Ehre und den Ruhm Frankreichs einsetzen, aber es +soll nicht die Beute heimtückischer Meuchelmörder werden. Wo ist der +General Frossard?“ fragte er. + +„Der General hat den Prinzen hierher begleitet,“ erwiderte die Kaiserin, +„er befindet sich im Vorzimmer.“ + +Napoleon öffnete selbst die Thür seines Cabinets und rief den General. +Dieser, ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit einem länglichen, ernst und +streng blickenden Gesicht trat ein und erwartete schweigend die Befehle +des Kaisers. + +„Mein lieber General,“ sagte Napoleon, „ich bitte Sie, dafür Sorge zu +tragen, daß der Prinz bis auf weitere Befehle sein Zimmer nicht verläßt, +und daß er keine Audienzen ertheilt, welche ich nicht vorher genehmigt +habe. Gehe mit dem General, mein Sohn,“ fuhr er fort, dem Prinzen +freundlich auf die Schulter klopfend, „und beschäftige Dich ein wenig +mit Deinen Studien, ich werde später zu Dir kommen und ein wenig sehen, +was Du treibst.“ + +Der Prinz zögerte einen Augenblick, ein leichter Anflug von Unmuth +erschien auf seinem Gesicht, er küßte die Hand seines Vaters, umarmte +zärtlich die Kaiserin und verließ, vom General Frossard gefolgt, das +Cabinet. + +„Ich habe soeben einen Brief von Gramont erhalten,“ sagte die +Kaiserin — „er sendet uns seine aufrichtigsten Wünsche für den +glücklichen Ausfall des Plebiscits und ist entzückt über die ersten +Nachrichten, welche der Telegraph nach Wien gebracht hat, und welche +bereits erwarten lassen, was sich inzwischen vollzogen hat. Ich würde +Dir den Brief vorlesen,“ sagte sie mit einem lächelnden Seitenblick auf +Ollivier, „wenn ich nicht fürchten müßte, den Herrn Großsiegelbewahrer +in Verlegenheit zu setzen. Der Herzog ist in der That einer seiner +glühendsten Bewunderer, er preist Frankreich und das Kaiserreich +glücklich, einen solchen Mann zu den ihrigen zu zählen. + +Es ist nur zu bedauern,“ fügte sie mit einem leichten Seufzer hinzu, +„daß der Herzog so fern von hier auf entlegenem Posten in Wien sich +befindet, er wäre ein vortrefflicher Bundesgenosse des Herrn Ollivier, +er würde keinen anderen Ehrgeiz haben, als dessen Leitung zu folgen und +mit seinem Eifer und seiner Energie die Ideen auszuführen, an denen +dieser so reich und so fruchtbar ist,“ sagte sie, mit einem reizenden +Lächeln sich gegen den Justizminister verbeugend, der einen schnellen, +forschenden Blick auf den Kaiser richtete. + +Napoleon hatte den Kopf ein wenig niedergesenkt, sein verschleierter +Blick richtete sich ausdruckslos zu Boden. + +„Euer Majestät hatten so eben die Gnade,“ sagte Ollivier, indem er sich +halb zur Kaisern wendete, „mit mir über die Besetzung des auswärtigen +Ministeriums zu sprechen und den Namen des Herrn Drouyn de L'huys zu +nennen“ — ein finsterer Schatten flog einen Augenblick über die Züge der +Kaiserin, aber unmittelbar nahmen dieselben wieder ihren ruhig +lächelnden, fast gleichgültigen Ausdruck an. + +„Drouyn de L'huys,“ sagte sie, „würde reiche Erfahrungen für diesen +Posten mitbringen, — er ist ja auch, so weit ich davon gehört habe, im +Ganzen vollkommen einverstanden mit der gegenwärtigen Richtung der +Regierung. Ich bedaure nur Herrn Ollivier,“ fügte sie in heiterem Tone +hinzu, „er wird ein wenig Mühe haben, mit Herrn Drouyn de L'huys fertig +zu werden, derselbe hält viel auf seinen eigenen Willen. Aber,“ sagte +sie, „es wird ja am Ende nicht schwer sein, sich ihm zu accommodiren, er +ist ein Mann von vielem Geist und so viel älter als Herr Ollivier —“ + +Sie schwieg abbrechend. + +Der Justizminister schien einen Augenblick mit seinen Gedanken +beschäftigt, dann wandte er sich, wie einem schnellen Entschluß folgend, +zum Kaiser und sagte: + +„Ich habe Eure Majestät, vorhin die Meinung ausgesprochen, welche ich +über Herrn Drouyn de L'huys hege. Ich kann indeß eine Bemerkung nicht +unterdrücken, welche ein wenig gegen die Übertragung des auswärtigen +Ministeriums an ihn sprechen möchte. Herr Drouyn de L'huys gilt in Folge +der Verhältnisse, unter denen er das Portefeuille im Jahre 1866 +abgegeben, für einen großen Gegner Preußens und für einen Fürsprecher +kriegerischer Unternehmungen.“ + +„Drouyn de L'huys will durchaus den Frieden aufrecht erhalten wissen,“ +sagte der Kaiser schnell. + +Der Blick der Kaiserin flammte auf, sie machte eine leichte Wendung und +führte einen Augenblick ihr Taschentuch an die Lippen. + +„Ich glaube, daß Herr Drouyn de L'huys den Frieden will,“ erwiderte +Ollivier, „indessen die Welt und namentlich das Ausland glaubt einmal +das Gegentheil von ihm, es wäre vielleicht zu befürchten, daß seine +Ernennung von den fremden Mächten, in's Besondere von dem Berliner +Cabinet mit Mißtrauen aufgenommen werden möchte, und in diesem +Augenblick, in welchem wir so sehr mit den inneren Fragen beschäftigt +sind, würde eine Trübung der auswärtigen Beziehungen die Erfüllung der +Aufgaben, welche wir dem Willen Eurer Majestät gemäß uns gesteckt haben, +sehr erschweren. Es wäre vielleicht gut, das auswärtige Ministerium +einem Manne zu übertragen, welcher seit längerer Zeit dem Mittelpunkt +der Politik fern gestanden hat, und aus dessen Vergangenheit man keine +beunruhigenden Schlüsse zu ziehen im Stande ist. Ihre Majestät die +Kaiserin,“ fuhr er fort, „hatten so eben die Güte gehabt, mitzutheilen, +daß der Herzog von Gramont sehr freundliche Gesinnungen für meine +geringe Person hegt. Ich bin gewiß, Eure Majestät wissen, daß ich weit +davon entfernt bin, mich durch persönliche Eindrücke leiten zu lassen, +um so mehr als ich in diesem Falle glaube, daß die Sympathie des +Herzogs von Gramont vor allen Dingen den Prinzipien gilt, welche ich in +Uebereinstimmung mit Eurer Majestät auszuführen unternommen habe, und in +dieser Beziehung würde ich allerdings ein Zusammenwirken mit einem +Manne, der vollständig von denselben Grundsätzen durchdrungen ist, nur +für sehr nützlich halten können.“ + +„Würden Sie nicht,“ fragte die Kaiserin lächelnd, — „Sie, der bürgerliche +Stoiker, Scheu haben, durch den Herzog von Gramont sich dem Faubourg St. +Germain zu sehr zu nähern?“ + +„Ich achte alle Klassen der Gesellschaft,“ sagte Ollivier in +pathetischem Ton, „wenn sie sich den Ideen, welche den Staat in unseren +Tagen leiten müssen, unterwerfen, und wenn der alte historische Adel +Frankreichs sich entschließen könnte, den Wegen des Kaisers und seiner +Regierung zu folgen, so würde die ganze Nation dabei gewinnen.“ + +„Sie nehmen die Sache ernst“, sagte die Kaiserin leicht hin — „ich habe +gar keine Ansicht aussprechen und am wenigsten den Erwägungen vorgreifen +wollen.“ + +„Die Andeutungen Eurer Majestät,“ sagte Ollivier, während der Kaiser +fortwährend unbeweglich schwieg, „verdienen indeß die höchste Beachtung +und vielleicht hat — Euer Majestät verzeihen mir,“ fügte er, sich leicht +verneigend hinzu, „hier der weibliche Instinct schneller das Richtige +getroffen, als es die ernsthaftesten und tiefsten Erwägungen hätten +finden können. Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr will es mir +scheinen, als ob der Herzog von Gramont in der That eine sehr geeignete +Persönlichkeit für das auswärtige Ministerium wäre.“ + +Der Kaiser stand auf. + +„Wir wollen darüber nachdenken,“ sagte er in einem Tone, der jede +weitere Unterredung darüber abschnitt, „sobald das Plebiscit beendet +sein wird. Für jetzt bitte ich Sie,“ fuhr er zu Ollivier gewendet fort, +„mich zu begleiten, wenn Ihre Zeit es erlaubt, ich will einen Augenblick +auf der Terrasse des Tuileriengartens spazieren gehen.“ + +„Um Gottes Willen,“ rief die Kaiserin erschrocken, „ganz Paris ist in +unruhiger Bewegung, noch hat man nicht die Tiefe der Beschwörung +ergründet, noch sind nicht alle Mitschuldige ermittelt und gefangen — ich +bitte Sie, Louis, setzen Sie Sich einer solchen Gefahr nicht aus! Wie +leicht könnte eine jener entsetzlichen Bomben Sie treffen, bleiben Sie +im reservirten Garten.“ + +Der Kaiser lächelte. + +„Sie können Sich überzeugen, Eugenie,“ sagte er, „daß ich für die +Sicherheit des Prinzen gesorgt habe, — ich selbst will meinen Feinden und +allen Franzosen zeigen, daß wenn es ihnen vielleicht gelingen kann, mich +zu tödten, sie doch nicht dahin kommen werden, mich einzuschüchtern.“ + +Er bewegte schnell die Glocke auf seinem Schreibtisch und nahm seinen +Hut und sein spanisches Rohr. Der Huissier öffnete die Thürflügel. Der +Kaiser gab seiner Gemahlin den Arm und führte sie durch das Vorzimmer, +in welchem der Dienst thuende Adjutant und der Kammerherr der Kaiserin, +wartete, bis zum Eingang zu ihren Appartements. + +Dann stützte er seinen Arm auf den des Herrn Ollivier, stieg mit ihm die +Treppe herab und schritt langsam nach der reservirten Terrasse des +Tuileriengartens, indem er dem Adjutanten befahl, zurückzubleiben. + +Langsam schritt er unmittelbar an der Rampe dieser Terrasse nach der +Place de la Concorde hin auf und nieder, indem er sich stets so wandte, +daß er an der dem Platze zugekehrten Seite ging. + +Bald hatte man ihn erkannt, eine ziemlich dichte Menge sammelte sich +unterhalb der Terrasse an und laute Rufe begrüßten den Kaiser. + +Napoleon dankte mit der Hand, trat dicht an den Rand der Terrasse und +blickte lange auf die immer mehr anwachsende Menge herab. + +„Sie sehen,“ sagte er lächelnd, sich zu Ollivier wendend, „daß das +Schicksal noch nicht mit mir enden will. Es gehört wahrlich wenig dazu, +um mich von dort unten her zu treffen.“ + +„Je näher Euer Majestät Ihrem Volke treten,“ sagte Ollivier, „um so +sicherer werden Sie vor allen Angriffen sein — auch ich gehörte einst zu +Ihren Gegnern; es hat nichts weiter bedurft, als daß Euer Majestät mir +erlaubten, in Ihre Nähe zu treten, um mich zu Ihrem treuesten und +ergebenden Diener zu machen.“ + +Der Kaiser dankte mit einer leichten Neigung des Hauptes für diese in +etwas rhetorischem Tone ausgesprochene Schmeichelei, legte wieder seinen +Arm in den des Ministers und setzte noch eine halbe Stunde lang seinen +Spaziergang fort, indem er mit der ihm eigentümlichen bezaubernden +Liebenswürdigkeit von allen möglichen Dingen plauderte, aber trotz aller +Anspielungen Olliviers es vermied, das Thema der Besetzung des +auswärtigen Ministeriums wieder zu berühren. + + + + +Zweites Capitel. + + +Es war ungefähr um die neunte Abendstunde desselben Tages, als der +Geheimsecretair Pietri durch den besonderen Eingang aus seinem Bureau in +das Cabinet des Kaisers trat. + +Napoleon saß ernst und gedankenvoll in seinem Lehnstuhl, er trug den +Campagneüberrock der Generalsuniform und rauchte eine jener kleinen +Cigarretten von türkischem Taback, welche er sich selbst bereitete, +träumerisch den kleinen Rauchwolken nachblickend, welche durch das von +einer großen, auf dem Schreibtisch stehenden Lampe nur matt erleuchtete +Zimmer dahinzogen. + +Er richtete sich beim Eintritt Pietris leicht empor und sagte, indem er +seinen Vertrauten mit freundlichem Lächeln grüßte. + +„Haben Sie nach der Rue de Bondy gesendet?“ + +„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Herr Pietri, „die Dame ist hier und +wartet in meinem Zimmer.“ + +Der Kaiser stand auf. + +„Es wäre doch wohl besser gewesen, unerkannt dort hinzugehen. Ich +erleichtere ihr Metier zu sehr, wenn sie weiß, mit wem sie es zu thun +hat.“ + +„Aber, Sire,“ sagte Pietri, „in diesen Tagen in jene Gegenden sich zu +begeben, das wäre nicht mehr Verachtung der Gefahr, das wäre +Tollkühnheit, und wenn Euer Majestät dort erkannt worden wären, wenn +irgend ein Unglück sich ereignet hätte, so würde man mit Recht ein +solches Unternehmen als verbrecherisch verurtheilen.“ + +„Sie haben vielleicht Recht,“ sagte der Kaiser — + + — „auch kann man ja hier die Allwissenheit der Priesterin des Pietismus +prüfen, lassen Sie die Dame kommen — Mademoiselle — ?“ versetzte er +fragend. + +„Mademoiselle Lesueur,“ erwiderte Pietri. + +Der Kaiser nickte mit dem Kopfe. + +Pietri ging hinaus und führte nach wenigen Augenblicken durch die +Portiere eine junge Dame von achtzehn bis neunzehn Jahren in das +Cabinet, während er selbst einen ganz einfachen Tisch von leichtem +unpolirten Holz in der Hand trug und in die Mitte des Zimmers +niedersetzte. + +Der Kaiser grüßte die junge Dame mit verbindlicher Artigkeit und +betrachtete sie mit forschendem Blick. + +Mademoiselle Lesueur war eine äußerst elegante und sympathische +Erscheinung, sie trug ein dunkles, einfaches Seidenkleid um den Hals mit +einer kleinen Spitzenkrause geschlossen. Ihr dunkelbraunes Haar war in +leichten Flechten um den Kopf gewunden, ihr zartes Gesicht dessen +durchsichtige Blässe von einer feinen Röthe auf den Wangen belebt wurde, +war von klassischer Schönheit, ihre dunklen Augen mit den auffallend +langen Wimpern waren voll Geist, Lebendigkeit und Sanftmuth zugleich, +und um ihren zierlichen und frischen Mund lag ein Zug von fast +kindlicher Harmlosigkeit und Naivität. + +Sie verneigte sich ohne alle Befangenheit mit den Manieren der besten +Gesellschaft vor dem Kaiser, welcher ganz erstaunt schien, die berühmte +Sybille in der Gestalt eines so anmuthigen, jungen Mädchens zu +erblicken. + +„Man hat mir viel erzählt,“ sagte der Kaiser, „von der besonderen, +eigentümlichen Kraft, welche Sie besitzen, das Reich der Geister zu +öffnen. Und da ich mich für alle solche Dinge interessire, durch welche +man versucht, den Schleier der Geheimnisse zu lüften, welche unser Leben +umgeben, so habe ich gewünscht, eine Probe Ihrer Kunst zu sehen.“ + +„Es macht mich glücklich,“ erwiderte Fräulein Lesueur mit einer ungemein +wohltönenden, etwas tiefen Stimme, „Euer Majestät Wunsch zu erfüllen. Es +ist keine geheimnißvolle Kunst dabei,“ fuhr sie fort, „meine Mutter +hatte die Kraft, durch das Medium dieses kleinen Tisches eine Verbindung +mit dem unsichtbaren Reich der Geister herzustellen. Diese ihre Kraft +ist auf mich übergegangen, und nach ihrem Tode habe ich es versucht, wie +sie die Geister sprechen zu lassen, — es ist mir in vielen Fällen +gelungen, und ich hoffe, daß es mir auch Euer Majestät gegenüber +gelingen wird.“ + +„So beginnen wir,“ sagte der Kaiser. + +Pietri stellte zwei Stühle einander gegenüber an den kleinen Tisch. + +Mademoiselle Lesueur setzte sich auf den einen, zog ihre Handschuhe +aus, — legte die Spitzen ihrer zierlichen Finger leicht auf die +Tischplatte und sagte: + +„Wollen Euer Majestät die Gnade haben, mir gegenüber Platz zu nehmen.“ + +Der Kaiser setzte sich mit einem fast unwillkürlichen Lächeln an die +andere Seite des Tisches. + +„Ich bitte Euer Majestät,“ sagte Fräulein Lesueur, „Ihre Hände ebenso +wie ich auf die Platte legen zu wollen.“ + +Der Kaiser that es. + +Fräulein Lesueur schwieg einen Augenblick. Dann schlug sie ihre dunklen +Augen mit schwärmerischem Ausdruck empor und sprach mit halb lauter +Stimme: + +„Allmächtiger, dreieiniger Gott, der Du herrschest auf der Erde, wie in +den Höhen des Himmels und in den Tiefen der Hölle, ich bitte Dich den +Geistern, die ich in Deinem Namen rufe, zu erlauben, daß sie aus ihren +Wohnungen herabsteigen und auf meine Fragen antworten, zu verkündigen, +was sie wissen und was Du ihnen erlaubst, zu sagen.“ + +Der Kaiser hörte ganz erstaunt diesen im Ton des inbrünstigen Gebets +gesprochenen Worten zu. + +„Befehlen Euer Majestät,“ sagte die junge Dame sodann, „daß ich einen +bestimmten Geist rufen soll, oder wollen Sie den mir persönlich +befreundeten Geist hören.“ + +Abermals konnte der Kaiser ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. + +„Ich bitte Sie zunächst Ihren Geist kommen zu lassen, Mademoiselle,“ +sagte er. + +„Es ist der Geist meiner Mutter,“ erwiderte Mademoiselle Lesueur, „und +er wird sogleich erscheinen.“ + +Sie beugte sich ein wenig nieder und flüsterte eine unverständliche +Formel leise vor sich hin. + +Wenige Augenblicke darauf begann der Tisch leise zu zittern. + +Der Kaiser drückte die Hände stärker auf die Platte, allein die +unruhige, beinahe wellenförmige Bewegung des Holzes vermehrte sich immer +mehr und mehr. Nach kurzer Zeit hob sich der Tisch auf der Seite des +Kaisers ein wenig in die Höhe und blieb in dieser schwebenden Stellung +stehen. + +„Der Geist ist da,“ sagte Mademoiselle Lesueur, „und bereit, Euer +Majestät zu antworten. Ich bitte, Euer Majestät, zu fragen, — es ist aber +nicht nöthig, daß Sie die Frage aussprechen, Sie können Sie in Gedanken +stellen, die Geister haben die Kraft, die Gedanken zu lesen.“ + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +„Kann mir der Geist,“ fragte er, „den Namen nennen, an welchen ich in +diesem Augenblick denke?“ + +„Wie heißt der Name?“ fragte Mademoiselle Lesueur mit gesenktem Haupt +und leiser Stimme. + +Der Tisch setzte sich sogleich in eine lebhafte Bewegung. Er schwankte +einige Male stark hin und her, dann senkten sich die beiden erhobenen +Füße desselben nieder, und in rascher Folge begann er scharf und +vernehmbar auf das Parquet zu klopfen, immer nach einer gewissen Zahl +von Schlägen inne haltend. + +Mademoiselle Lesueur folgte aufmerksam diesen Schlägen, mit leiser +Stimme sagte sie: B-e-a-u-r-y. + +„Der Name, an den Euer Majestät gedacht, heißt Beaury,“ sprach sie dann +ruhig und bestimmt, den Blick fest auf den Kaiser richtend. + +Napoleon zuckte zusammen, erschrocken blickte er in das lächelnde +Gesicht der jungen Dame. + +„Sie haben Recht,“ sagte er, „der Geist hat den Namen richtig gelesen.“ + +Er bog sich einen Augenblick zurück und blickte unter den Tisch, dessen +Füße unmittelbar an der Platte befestigt waren. + +Die vier Füße standen vollkommen frei, auf dem Boden, Mademoiselle +Lesueur etwas vorgebeugt, saß so weit zurück, daß nicht einmal der Saum +ihres Kleides die Füße des Tisches berührte. + +Der Kaiser schüttelte den Kopf und legte die Hände wieder auf den Tisch. + +„Da Ihr Geist,“ sagte er, „den Namen gelesen hat, an welchen ich +gedacht, so wird er mir auch eine andere Frage beantworten können, +welche sich an diesen Namen knüpft.“ + +„Ich bitte Euer Majestät,“ sagte Mademoiselle Lesueur, „die Frage in +Ihren Gedanken zu formuliren —“ + +Abermals begann der Tisch zu schwingen und zu zittern, diesmal stärker +als vorher. + +Nach kurzer Zeit schlugen die Füße abermals regelmäßig und schnell +hinter einander auf das Parquet. + +„Wollen Sie die Güte haben, zu schreiben,“ sagte Mademoiselle Lesueur, +sich zu Pietri wendend, welcher schnell ein Blatt Papier und einen +Bleistift nahm und die Buchstaben notirte, welche Mademoiselle Lesueur +in schneller Folge ihm sagte. + +Der Tisch hielt an. + +„Wollen Sie die Antwort lesen,“ sagte die junge Dame, zu Herrn Pietri +gewendet. + +Pietri las. + +„Der Kaiser wird ruhig im Kreise der Seinen sterben, keine Waffe weder +in der Schlacht noch in der Hand des Meuchelmörders wird seinem Leben +Gefahr bringen.“ + +„Diese Antwort paßt allerdings auf meine Frage,“ sagte der Kaiser, „aber +sagt sie die Wahrheit?“ + +„Es steht Eurer Majestät frei, zu glauben oder nicht,“ erwiderte +Mademoiselle Lesueur, „ich für meine Person bin davon überzeugt, daß die +Geister die Wahrheit sagen, wenn sie sie kennen — sie sind nicht +allwissend — das ist Gott allein — aber sie wissen viel, und namentlich +ist ihnen die Macht gegeben, das Schicksal derer zu lesen, mit denen +ihre körperliche Hülle einst durch die Bande des Blutes verbunden war. + +„Noch eine Frage,“ sagte der Kaiser, „wer ist mein bester Freund?“ + +„Euer Majestät hätten nicht nöthig gehabt, die Frage auszusprechen,“ +sagte Mademoiselle Lesueur. + +Der Tisch begann seine Schwingungen, die Schläge ertönten auf dem Boden. + +Mademoiselle Lesueur flüsterte die Buchstaben vor sich hin, dann sagte +sie. + +„Die Antwort des Geistes heißt: Napoleon.“ + +Der Kaiser ließ den Kopf auf die Brust sinken, in tiefem Schweigen saß +er einen Augenblick da. + +„Der Geist hat Rechte,“ sagte er halblaut, „Niemand ist der Freund eines +Souverains, als er selbst, und aus mir allein muß ich die Entschlüsse +schöpfen, in mir allein die Kraft suchen, zu erfüllen, was ich mir +vorgesteckt.“ + +„Doch,“ rief er, indem er den brennend aus den Schleiern seiner +Augenlider hervortretenden Blick auf Mademoiselle Lesueur richtete, +„kann Ihr Geist mir sagen, wer mein größter und gefährlichster Feind +ist?“ + +Abermals bewegte sich der Tisch und Mademoiselle Lesueur buchstabirte: + +„Orleans.“ + +„Wunderbar,“ rief der Kaiser, indem er finster vor sich niederblickte. +„Es ist, als ob der Geist in den schwarzen Gedanken lesen könnte, welche +Tag und Nacht auf dem Grunde meiner Seele einher ziehen,“ flüsterte er +leise vor sich hin. „Noch eins,“ fragte er dann laut, „kann mir Ihr +Geist den Namen nennen, welcher bestimmt ist, die Stelle auszufüllen, +über welche ich in diesem Augenblick nachdenke.“ + +Das Spiel des Tisches begann wieder, und Mademoiselle Lesueur sagte, die +einzelnen Buchstaben verfolgend: + +„Gramont.“ + +Betroffen zuckte der Kaiser zusammen. + +„Sind Sie schon einmal hier in den Tuilerien gewesen,“ fragte er rasch. +„Haben Sie irgend Jemand aus dem Schlosse gesprochen? Ich bitte Sie, mir +die Wahrheit zu sagen, — die zu erfahren ich in jedem Fall im Stande +bin,“ fügte er in strengem Tone hinzu. + +„Ich war niemals hier im Schlosse,“ sagte Mademoiselle Lesueur mit +offenem, freiem Blick und unbefangenem Lächeln, „ich habe Niemanden von +hier jemals gesehen, bis dieser Herr hier,“ sie deutete auf Pietri, +„heute zu mir kam und mich ersuchte, ihm hierher zu folgen.“ + +„Seltsam — sehr seltsam“ sagte der Kaiser, augenscheinlich tief bewegt +durch die Antworten, welche er erhalten. + +„Sie haben mir vorhin gesagt, sprach er dann — ein wenig zögernd, indem +er die junge Dame scharf anblickte, daß die Geister besonders klar über +das Schicksal derjenigen zu antworten im Stande sind, mit denen sie +durch besonders nahe Bande verbunden sind?“ — + +„So ist es, Sire,“ erwiderte Mademoiselle Lesueur. — „Der Geist meiner +Mutter sieht in allen Dingen, die mich betreffen, klarer als in den +Angelegenheiten über welche andere Personen Fragen stellen.“ + +„Können Sie einen Geist citiren,“ fragte der Kaiser, „den ich Ihnen +bezeichnen würde.“ + +„Eure Majestät haben nicht nöthig, den Geist zu nennen,“ sagte Fräulein +Lesueur, — „Sie dürfen nur Ihre Gedanken fest auf denselben richten, — das +genügt.“ + +„Wie kann ich aber wissen, ob wirklich der Geist spricht, den ich zu +hören wünsche,“ fragte der Kaiser. + +„Eure Majestät werden nur nöthig haben, ihn nach seinem Namen zu +fragen,“ erwiderte die junge Dame. + +„So beginnen Sie,“ sagte der Kaiser, indem ein tiefer Ernst sich auf +seine Züge legte. + +„Erlauben Eure Majestät,“ sprach die junge Dame, „daß ich zunächst den +Geist, der Ihnen bisher geantwortet hat, entlasse.“ + +Sie beugte den Kopf nieder und flüsterte eine Zeitlang leise vor sich +hin. + +Der Tisch zitterte, hob und senkte sich in leiser Schwankung, — dann +stellte er sich fest auf seine vier Füße. + +„Nun Sire,“ sagte Fräulein Lesueur, „dann bitte ich Eure Majestät, Ihre +Gedanken sehr scharf auf die Person zu richten, deren Geist Sie zu +citiren wünschen.“ + +Der Kaiser nickte mit dem Kopf, immer tieferer Ernst erfüllte sein +Gesicht indem er die beiden Hände fest auf den Tisch legte. + +Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel. + +Einige Augenblicke herrschte eine so tiefe Stille im Zimmer, daß man den +Herzschlag der drei anwesenden Personen hätte hören können. + +Da krachte es in dem Holz der Tischplatte, — diese Platte schien zu +zucken, hoch richtete sich der Tisch auf der Seite des Kaisers empor und +mit mächtigem hallenden Schlag sank er wieder auf das Parquet nieder. + +Der Kaiser fuhr zusammen. Fast schien es als wolle er aufspringen und +seinen Platz verlassen. + +„Der Geist ist da und bereit Eurer Majestät zu antworten,“ sagte +Mademoiselle Lesueur in ruhigem Tone. + +„Will der Geist mir seinen Namen sagen?“ fragte der Kaiser. + +Der Tisch begann rasch sich zu bewegen, — er schlug auf das +Parquet — Mademoiselle Lesueur zählte, — und sagte dann sich gegen den +Kaiser verneigend: + +„Der Geist antwortet: + +„Napoleon.“ + +Die Bewegung, welche der Kaiser machte indem er den Kopf auf die Brust +sinken ließ, war fast eine ehrfurchtsvolle Verneigung. + +Er schwieg einige Augenblicke, während Fräulein Lesueur ihn mit ihren +klaren Augen erwartungsvoll anblickte. + +„Will der Geist, wenn er hier anwesend ist, mir eine Frage beantworten?“ +sagte er dann mit einer beinahe demüthigen Stimme. + +Der Tisch begann sich schnell zu bewegen. + +„Schreiben Sie, mein Herr,“ sagte Mademoiselle Lesueur zu Herrn Pietri +gewendet, und dieser nahm schnell Bleistift und Papier, um die +Buchstaben zu notiren, welche Mademoiselle Lesueur in rascher +Reihenfolge ihm nannte. + +„Die Antwort?“ rief der Kaiser, als der Tisch mit einem starken Schlage +seine Bewegung beendete. + +Herr Pietri las: + +„Mir ist nicht vergönnt, auf einzelne kleine Fragen zu antworten; — wer +auf dem Throne von Frankreich sitzt und Napoleon heißt, der sollte nicht +mit vorsichtiger Neugier einzelne Blicke hinter den Schleier zu werfen +suchen, welcher die Zukunft verhüllt, — er sollte mit kühner Hand diesen +Schleier selbst heben, indem er die Zukunft sich nach seinem Willen zu +gestalten zwingt. Denn dem festen und klaren Willen gehört die Zukunft; +aber frage, — ich werde antworten, soweit es mir erlaubt ist, — wenn Deine +Fragen das Schicksal des Hauses betreffen, das meinen Namen trägt, und +wenn Du keine einzelnen und besonderen Dinge zu wissen verlangst.“ + +Pietri schwieg. + +Der Kaiser starrte einen Augenblick vor sich hin, — brennend richtete +sich sein Blick in das Leere, — er schien nach einer sichtbaren Spur des +Geistes zu forschen, dessen Worte ihm dieses ruhige und freundlich +lächelnde junge Mädchen verdollmetschte. + +Dann beugte er sich vor, blickte Mademoiselle Lesueur durchdringend an +und öffnete die Lippen. + +„Ich bitte Eure Majestät, sich erinnern zu wollen,“ sagte die junge +Dame, „daß es nicht erforderlich ist, die Frage laut zu stellen, — der +Geist kann Ihre Gedanken lesen.“ + +„Gut denn,“ sagte der Kaiser, — „ich frage.“ + +Und schweigend blickte er voll Spannung auf den Tisch, welcher sich +unter seinen Händen zu bewegen begann. + +Fräulein Lesueur nannte diesmal schneller als sonst die +Buchstaben — Pietri schrieb. + +„Napoleon IV wird Kaiser der Franzosen sein, — er wird neuen Ruhm und +neuen Glanz an den Namen knüpfen, den er trägt.“ + +Der Kaiser athmete tief auf. Es leuchtete wie ein dankbares Gebet aus +seinen Augen, die er mit unbeschreiblich glücklichem Ausdruck +emporschlug. + +Dann rief er mit dumpfem Ton, wie aus den Tiefen seiner Brust heraus: + +„O könnte ich wissen, ob dies die Wahrheit ist.“ + +Der Tisch zuckte — er hob sich hoch empor und schlug zweimal schallend +auf den Boden. + +„Es ist die Wahrheit Sire,“ sagte Mademoiselle Lesueur ernst und +überzeugungsvoll. + +„Werde ich die Armeen Frankreichs noch einmal zum Kriege führen müssen?“ +fragte der Kaiser schnell. + +Der Tisch schlug abermals laut und fest auf. + +„Der Geist bejaht die Frage Eurer Majestät,“ sagte die junge Dame. + +„Und welches wird das Schicksal dieses Krieges sein?“ fragte der Kaiser +in athemloser Spannung. + +Einige Augenblicke vergingen, — dann bewegte sich der Tisch +wieder, — Pietri schrieb die Buchstaben nieder welche Mademoiselle +Lesueur ihm angab. + +„Wie heißt die Antwort?“ rief der Kaiser, welcher vergebens versucht +hatte, den schnell gesprochenen Buchstaben zu folgen. + +Pietri las: + +„Ave Caesar, morituri te salutant!“ + +Napoleon erbleichte und drückte die Hände an die Stirn. + +„Was ist der Sinn der dunkeln Antwort?“ flüsterte er vor sich hin — und +schnell sich aufrichtend fragte er mit lauter dringender Stimme: + +„Wird der Todesgruß der Sterbenden dem _siegreichen_ Cäsar ertönen?“ + +Mehrere Minuten vergingen, — der Tisch blieb unbeweglich. + +„Der Geist antwortet nicht mehr,“ sagte Mademoiselle Lesueur, — „es würde +vergeblich sein, ihn weiter zu fragen. — Erlauben Eure Majestät, daß ich +ihm danke und ihn entlasse?“ + +Der Kaiser neigte tief sinnend das Haupt. + +Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel, — der Kaiser faltete die +Hände in andächtigem Schweigen. + +„Wünschen Eure Majestät noch eine weitere Citation?“ fragte die junge +Dame. + +„Ich danke Ihnen, mein Fräulein,“ erwiderte Napoleon aufstehend, indem +sein Gesicht wieder seinen gewöhnlichen ruhigen Ausdruck annahm. — „Ihr +Experiment hat mich in hohem Grade interessirt, — ich hatte viel von dem +Spiritismus gehört, — aber noch nie einen Versuch gesehen, bei welchem so +durchaus kein Apparat angewendet wurde,“ — fügte er mit einem leichten +Lächeln hinzu, das aber mehr verbindlich und artig als ironisch war. + +Mademoiselle Lesueur hatte sich erhoben und verneigte sich tief bei den +Worten des Kaisers. + +„Ich bin glücklich, Sire“ sagte sie, „daß Eure Majestät zufrieden sind, +und hoffe, — oder vielmehr,“ — fügte sie mit sicherem Ausdruck hinzu, „ich +bin gewiß, daß Alles Gute, was die Geister Eurer Majestät verkündet +haben, sich erfüllen werde.“ + +„Alles Gute?“ sprach der Kaiser sinnend — „aber war es gut? — was war +es? — + +Morituri te salutant!“ flüsterte er leise. + +Dann wendete er sich zu Pietri und blickte ihn fragend an. + +Dieser reichte ihm ein kleines Etui. + +Der Kaiser nahm es und sagte mit liebenswürdiger Freundlichkeit zu +Mademoiselle Lesueur: + +„Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Ihnen ein kleines Erinnerungszeichen +an diese Stunde zu geben,“ — er öffnete das Etui ein wenig, — die Facetten +eines schönen Solitärs funkelten farbenspielend im Licht der Lampe. + +Mit der naiven Freude eines jungen Mädchens ergriff Fräulein Lesueur den +Ring und indem sie das Regenbogenspiel der Lichtreflexe entzückt +betrachtete, sagte sie: + +„Ich werde Gott unablässig bitten, daß er alle seine guten Geister zum +Schutz Eurer Majestät und Frankreichs aussende.“ + +Sie verneigte sich tief vor dem Kaiser und zog sich von Pietri geleitet, +der den kleinen Tisch forttrug, durch die Portiere zurück, durch welche +sie in das Cabinet eingeführt worden war. + +Napoleon ging in tiefem Sinnen auf und nieder. + +„Giebt es einen Zusammenhang mit jener Welt der abgeschiedenen Geister,“ +sprach er leise vor sich hin, — „und kann es ihnen erlaubt sein, auf +irgend welche Weise uns Mittheilungen zu machen über das, was ihrem +Blicke sich öffnet? + +„Dieses junge Mädchen scheint aufrichtig von ihrer Sache überzeugt,“ +sprach er gedankenvoll, — „ich wüßte nicht, wie sie den Tisch in Bewegung +setzen könnte, — und wenn dieses Kind von kaum neunzehn Jahren aus sich +selbst heraus die Antworten auf die Fragen construirt hat, die ich ihr +stellte, so ist sie ein Phänomen an Menschenkenntniß und Geist! — + +„Welch eine treffende Antwort, die mich selbst als meinen besten Freund +bezeichnete, — und wie wahr — alles, was mir feindlich ist, in diesen +einen Namen Orleans zusammenzufassen.“ + +Er ging langsam, die Hände auf dem Rücken gekreuzt auf und nieder. + +„Und Drouyn de L'huys,“ sagte er kaum hörbar, — „er war der Freund dieser +Orleans, — er ist es noch — kann jemand mein Freund sein — der zugleich +der Freund meiner Feinde ist? — Gramont“ fuhr er fort, — „der Geist +nannte Gramont als den künftigen Minister der auswärtigen +Angelegenheiten, — Gramont war Legitimist, — die Legitimität hat keine +Möglichkeit einer Zukunft, — sie ist eine fromme Erinnerung, — eine +Erinnerung, vor der ich selbst hohe Achtung habe, an die ich +anknüpfen, — deren edle Traditionen ich fortsetzen möchte. — + +„Seltsam,“ rief er, — „sehr seltsam ist das Alles, — oder sollte auch hier +eine Intrigue“ — + +Pietri trat wieder ein. + +Der Kaiser näherte sich ihm; dicht vor ihm stehen bleibend, legte er den +Arm auf seine Schulter und blickte ihn scharf und durchdringend in die +Augen. + +„Pietri“ sagte er, — „haben Sie mit diesem jungen Mädchen über die +Politik — über irgend Etwas gesprochen, was auf die gegenwärtige Lage +bezug hat?“ + +„Sire,“ erwiderte Pietri in ernstem und traurigem Ton, — „Eure +Majestät sind zum Mißtrauen gegen Jedermann berechtigt, fast +verpflichtet, — dennoch schmerzt mich dasselbe, — ich schwöre Eurer +Majestät,“ fuhr er fort, den Blick des Kaisers frei und offen erwidernd, +„daß ich mit Fräulein Lesueur nichts Anderes gesprochen habe, als was +nothwendig war, um den Auftrag Eurer Majestät auszurichten und sie +hieher zu führen.“ + +„Und was denken Sie davon?“ fragte der Kaiser. + +Pietri lächelte ein wenig. + +„Ich denke, daß dieses junge Mädchen sehr viel Geist hat,“ erwiderte +er, — „und daß sie manchen Diplomaten in der scharfen Erkenntniß der +Verhältnisse beschämen würde.“ + +Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf. + +„Wie dunkel, wie mystisch die Antworten über meine Zukunft waren,“ sagte +er. — + +„Glauben denn Eure Majestät ernsthaft an solche Dinge?“ fragte Pietri. + +„Denken Sie sich,“ erwiderte der Kaiser ernst, — „eine Welt von +Blindgebornen, — würde nicht ein Sehender, der unter sie träte, der den +Sinn besäße, der ihnen allen fehlte, Wunder unter ihnen +verrichten, — würde er ihnen nicht als ein übernatürlicher Prophet +erscheinen, — oder als ein Narr verlacht werden, — und das bloß weil er +einen Sinn mehr hätte als sie und durch diesen Sinn eine Welt wahrnehmen +könnte, welche da ist, welche die andern Alle umgiebt wie ihn, — welche +aber ihrer Wahrnehmung sich entzieht, weil ihnen das Medium dazu +fehlt. — Können denn nicht auch uns solche Welten umgeben, für welche +unser Organismus keinen Sinn besitzt, — und ist es unmöglich, daß +Einzelnen dieser Sinn gegeben ist, der sie das erblicken läßt, was uns +verschlossen bleibt und was wir deshalb in selbstgenügsamer +Beschränktheit für nicht vorhanden erklären?“ — + +„Und wenn dem so wäre,“ sagte Pietri, — „Eure Majestät können mit der +Perspective, welche Fräulein Lesueur geöffnet, zufrieden sein — Napoleon +IV wird Kaiser der Franzosen sein — hat sie ihren Geist antworten +lassen, — und“ sprach er mit herzlichem und aufrichtigem Tone, — „ich habe +dazu nur den Wunsch hinzuzufügen, daß das recht spät und nach einer noch +recht langen und glücklichen Regierung Eurer Majestät eintreten möge.“ + +„Nun,“ rief der Kaiser mit freudigem Ausdruck, — „wenn nur diese +Verkündigung sich erfüllt, so will ich darauf verzichten, das Dunkel zu +lichten, welches in den Antworten der Geister meine Zukunft +verhüllt, — ein Fürst darf keine Person sein, — er ist ein Glied in einer +großen Kette, welche die Epochen der fortschreitenden Weltgeschichte +aneinander knüpft — ob, wann und wie ich untergehe, — was liegt daran, +wenn nur meine Dynastie erhalten bleibt, um die Vergangenheit und die +Zukunft Frankreichs mit einander zu verbinden.“ + +Er schwieg und blickte wie träumend vor sich hin. + +„Gehen Sie zum Prinzen,“ sagte er dann, — „er soll seine Uniform anlegen +und sich bereit halten, mich zu begleiten. Ich will die Kaiserin +abholen, um jene braven Truppen zu besuchen, welche in den Galerien +Wache halten und die Zukunft Frankreichs beschützen.“ + +Pietri eilte hinaus. + +Der Kaiser ergriff das rothe goldgestickte Käppi der Generalsuniform, +steckte den neben seinem Tische stehenden Degen an und ging, selbst die +Thür öffnend, in das Vorzimmer. + +Er nahm den Arm des Generals Castelnau, welcher hier, ebenfalls in der +Campagne-Uniform wartete, und schritt mit ihm nach den Appartements der +Kaiserin. + +Am Eingang der Gemächer Ihrer Majestät öffnete der Huissier schnell die +Flügelthüren und eilte den Kaiser ankündigend durch die Vorzimmer in den +kleinen Salon, in welchem die Kaiserin mit der Baronin de Pierres, der +Vicomtesse Aguado und der Gräfin de la Poëze saß. + +„Der Kaiser!“ rief der Huissier. + +Die Damen standen auf, die Kaiserin ging ihrem Gemahl bis zur +Eingangsthür des Salons entgegen, Napoleon küßte ihre Hand und grüßte +die Damen verbindlich. + +„Sie sind in militärischer Tenne,“ fragte Eugenie, erstaunt den Kaiser +und den Grafen Castelnau anblickend, — „zu so später Stunde, — ist denn +etwas Außergewöhnliches geschehen?“ fügte sie unruhig hinzu, — „sind die +Unruhen in Paris bedenklicher geworden?“ „Seien Sie unbesorgt,“ +erwiderte der Kaiser lächelnd, — „es ist nichts Besonderes +geschehen, — aber die Truppen sind consignirt — und da muß auch der Kaiser +der Consigne folgen und im Dienst sein, — außerdem wollte ich mit Ihnen +und Louis die Voltigeurs der Garde besuchen, denen ich die Bewachung der +Tuilerien und den Schutz des kaiserlichen Prinzen anvertraut habe.“ + +Die Kaiserin schlug freudig bewegt die Hände zusammen. + +„Das ist ein vortrefflicher Gedanke,“ rief sie lebhaft, „je fester und +lebendiger wir die Verbindung mit unseren Truppen erhalten, um so +sicherer werden wir über alle unsere Feinde triumphiren. Ich bin +sogleich bereit,“ sagte sie, indem sie sich schnell zu dem Tisch wendete +und eine kleine, goldene Glocke bewegte, welche auf demselben stand. + +Eine Kammerfrau trat ein. + +Die Kaiserin warf einen raschen Blick auf einen großen Spiegel, welcher +ihr fast ihre ganze Gestalt zeigte. Sie trug eine einfache Robe von +blauer Seide. + +„Bringen Sie mir eine weiße Mantille und ein rothes Band.“ + +Nach wenigen Augenblicken, während welcher der Kaiser sich mit den Damen +seiner Gemahlin unterhielt, erschien die Kammerfrau wieder. Sie trug +eine Mantille von weißem Atlas und ein breites schärpenartiges Band von +rother Seide. + +Die Kaiserin ließ die Mantille über ihre Schultern legen, näherte sich +dann der Gräfin von Poëze und sagte: + +„Wollen Sie die Güte haben, meine liebe Gräfin, mir aus diesem Bande +eine große Schleife hier zu befestigen.“ + +Sie deutete mit dem Finger auf den Halsausschnitt ihrer Robe. + +Die Gräfin von Poëze machte mit geschickter Hand eine breite Schleife +mit langen herabhängenden Enden und befestigte sie dann auf der Robe der +Kaiserin. + +„Jetzt trage ich die Farben Frankreichs,“ rief Eugenie mit einem Blick +auf den Spiegel, „lassen Sie uns gehen,“ fuhr sie zum Kaiser gewendet +fort. + +„Sie werden,“ sagte Napoleon, indem er seiner Gemahlin den Arm reichte, +„diese Farben ebenso unwiderstehlich machen, wie es die Tapferkeit +unserer Soldaten auf allen Schlachtfeldern gethan hat.“ + +Er ging langsam mit der Kaiserin durch das Vorzimmer und wandte sich +nach dem Pavillon des kaiserlichen Prinzen; der Graf von Castelnau und +die Damen folgten. + +Im Vorzimmer seiner Wohnung erwartete der Prinz bereits mit dem General +Frossard seine Eltern. Der Prinz trug die Uniform eines Souslieutenants, +der General Frossord war ebenfalls in Uniform. Der kaiserliche Prinz +trat auf die rechte Seite seines Vaters, der General Frossard schritt +voraus und führte den Kaiser und die Kaiserin nach der unmittelbar an +den Pavillon stoßenden Gallerie. + +Als die Thüre derselben geöffnet wurde, bot sich ein wunderbar belebtes +Schauspiel dar, — die weithin ausgedehnten Gallerien strahlten in +hellster Beleuchtung, alle Kerzen auf den Lustres und Wandleuchtern +brannten, der Marmor und die Vergoldungen glänzten, an den Wänden her +standen kleine, mit weißen Leintüchern bedeckte Tische, auf welchen +kalte Speisen und rothe und weiße Weine in geschliffenen +Crystallcaraffen aufgestellt waren. + +An diesen Tischen saßen die Voltigeurs der Garde in vollständiger +Feldausrüstung, ihre Waffen neben sich, die Käppis auf den Köpfen, +essend, trinkend und fröhlich plaudernd. + +In gewissen Zwischenräumen befanden sich kleinere elegant servirte +Tische, an welchen die Officiere soupirten. + +Als die große Eingangsthür sich öffnete, und im Rahmen derselben der +Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz erschienen, erhoben sich +die langen Reihen der Soldaten. Die Officiere eilten rasch heran und im +lauten, einstimmigen Rufen begrüßte diese Elite-Truppe den Kaiser. + +Napoleon erhob dankend die Hand, die Kaiserin neigte grüßend das Haupt +nach allen Seiten, indem ihr strahlender Blick freudig und stolz über +diese muthigen und begeisterten Soldaten hinglitt. Der kaiserliche Prinz +hielt sein Käppi in der Hand und verneigte sich ehrerbietig gegen den +Commandeur des Regiments, welcher herantrat, um dem Kaiser zu melden, +das alle Wachen nach seinen Befehlen bezogen worden seien. + +„Lassen Sie die Leute häufig ablösen,“ sagte der Kaiser, „damit ihnen +der Dienst nicht zu schwer wird und damit sie Gelegenheit finden, sich +hier im Kreise ihrer Kameraden wieder zu erfrischen.“ + +Er trat an den nächsten Tisch, ergriff eines der dort stehenden Gläser, +füllte es aus einer Crystallcaraffe mit rothem Wein und rief mit lauter +Stimme: + +„Ich trinke auf das Wohl meiner Voltigeurs, auf das Wohl der Garde, auf +das Wohl der ganzen Armee, welche die Blüthe des französischen Volkes +ist!“ In raschen Zügen leerte er das Glas bis auf den letzten Tropfen. + +„Es lebe der Kaiser. Es lebe der kaiserliche Prinz!“ brauste ihm der Ruf +der Soldaten entgegen. + +„Ich danke Euch, meine Tapferen,“ sagte der Kaiser, als nach einigen +Minuten die Rufe der nahe herandrängenden Soldaten verstummt waren, „ich +kenne Eure Ergebenheit für mich, ich weiß, daß Ihr gegen jeden Feind +Frankreich und das Kaiserreich vertheidigen werdet. Frankreich und das +Kaiserreich,“ fügte er hinzu, der Kaiserin die Hand reichend, „deren +edle und ruhmvolle Farben meine Gemahlin, die Mutter des kaiserlichen +Prinzen, Eures Kameraden trägt.“ + +„Es lebe die Kaiserin!“ riefen die Officiere, und die Soldaten stimmten +in den Ruf ein. + +Dann gab Napoleon seiner Gemahlin wieder den Arm, die Officiere +schlossen sich dem Gefolge an und umringten den kaiserlichen Prinzen, +der ganz stolz und freudig in ihrer Mitte dahinschritt. Und so bewegte +sich der Zug langsam durch die weiten Gallerien hin, — oft blieb der +Kaiser stehen und redete diesen oder jenen mit der Tapferkeitsmedaille +und dem Orden der Ehrenlegion decorirten Soldaten an, ihn fragend, wo er +diese Ehrenzeichen erworben habe, und mit liebenswürdigster Geduld den +zuweilen etwas breiten und ausführlichen Erzählungen der Soldaten +zuhörend. Fast eine Stunde dauerte der Umgang durch die Gallerien, immer +fester wurde der Schritt des Kaisers, immer stolzer sein Blick, immer +willenskräftiger der Ausdruck seiner Gesichtszüge. Dicht umdrängt von +den Soldaten, grüßte er endlich am Eingang der Gallerie noch einmal. + +Ein gewaltiges Vive l'Empereur durchzitterte die weiten Räume, die +Officiere verabschiedeten sich vom Kaiser, die Thüren schlossen sich, +Napoleon entließ den kaiserlichen Prinzen, welcher sich mit dem General +Frossard in seine Wohnung zurückzog, und führte dann die Kaiserin nach +ihren Appartements zurück. + +„Wenn Marie Antoinette es verstanden hätte,“ sagte die Kaiserin leise zu +ihrem Gemahl, „die Begeisterung der Soldaten zu erhalten und zu +benutzen, so hätte sie niemals den dornenvollen Weg vom Thron zum +Schaffot zu gehen nöthig gehabt.“ + +„Man muß aus den Beispielen der Geschichte lernen,“ erwiderte der +Kaiser, „und die Fehler vermeiden, welche unsere Vorgänger begangen +haben.“ + +Am Eingang der Appartements der Kaiserin küßte er seiner Gemahlin die +Hand, grüßte mit artiger Verbeugung die Damen und begab sich mit dem +General Castelnau nach seinem Cabinet zurück. + +Als er dort angekommen war, rief er Pietri. + +Der Geheimsecretair trat schnell durch die Portiere, welche der Kaiser +erhoben hatte, in das Cabinet ein. + +Napoleon ging einige Augenblicke nachdenkend auf und nieder. + +„Schreiben Sie sogleich an Gramont,“ sagte er dann, „sagen Sie ihm in +kurzen Worten, daß ich entschlossen sei, ihm das Ministerium der +auswärtigen Angelegenheiten zu übertragen, und daß ich ihn bitte, +sogleich hierher zu kommen. Ich wünsche, daß er vor seiner Abreise sich +noch ausführlich und definitiv mit dem Grafen Beust unterhalte und +dessen Anschauungen über die verschiedenen Fragen und Eventualitäten der +europäischen Politik möglichst bestimmt constatire.“ + +Pietri verneigte sich. + +„Eure Majestät sind also entschlossen?“ fragte er. + +„Ich bin entschlossen,“ erwiderte der Kaiser, — „legen Sie mir morgen +früh den Brief zur Unterschrift vor, — jetzt will ich ruhen. Wenn irgend +Etwas Außergewöhnliches in Paris vorfällt, soll man mich rufen. Gute +Nacht,“ sagte er freundlich, indem er Pietri die Hand reichte. + +Dann bewegte er die Glocke. + +Sein Kammerdiener trat ein, folgte dem Kaiser, welcher sich in sein +Schlafzimmer begab. + + + + +Drittes Capitel. + + +Der junge Cappei hatte sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts im +Hause seines Oheims zu Bodenfeld ganz den Erinnerungen seiner Jugend +hingegeben, welche diese Umgebung so lebhaft in ihm erweckte. Er hatte +in liebevoller Pietät alle die Orte besucht, welche in dem Leben seiner +Kindheit vorzugsweise bedeutungsvoll gewesen waren, und war erstaunt +gewesen, wie klein und einfach ihm diese Plätze alle erschienen, die +doch in den Bildern seiner Erinnerung so groß und so schön gewesen +waren. Dennoch aber hatten alle diese Orte auch jetzt noch ihren Zauber +auf ihn ausgeübt, sie hatten die Empfindungen wieder erregt, welche +seine kindliche Seele einst erfüllten, und welche, wenn sie nach langer +Abwesenheit und selbst im hohen Alter wieder geweckt werden, immer ihre +wunderbare und unvergängliche Jugendfrische behalten. + +Er hatte einzelne seiner alten Gespielen besucht und war der Gegenstand +der Neugier des ganzen Dorfes gewesen, denn die hannöversche Legion in +Frankreich, von welcher man so wenig regelmäßige und bestimmte +Nachrichten erhielt, war in den Vorstellungen dieser einfachen Bauern +fast zu einer Mythe geworden, von der nur geheimnißvolle und beinahe +märchenhafte Nachrichten herüber gedrungen waren, über welche man nun +von dem in Fleisch und Blut hier erschienenen Mitgliede der Legion +Näheres zu hören hoffte. + +Cappei war sehr zurückhaltend und vorsichtig in seinen Aeußerungen +gewesen und hatte nur das Eine bestimmt bestätigt, daß Alles zu Ende und +die Sache des Königs nunmehr ein für allemal aufgegeben sei. Eine +Mittheilung, welche bei den Meisten zwar eine gewisse wehmüthige Trauer, +doch aber auch zu gleicher Zeit ein Gefühl der Beruhigung verursachte, +denn die das Land durchziehenden Agitatoren hatten selbst in den Kreisen +dieser einfachen Landbevölkerung eine unbehagliche Unsicherheit erzeugt +und den Wunsch hervorgerufen, daß so oder so nun einmal ein Ende werden +möge, damit man wisse, woran man sei. + +Der junge Cappei war mit seinem Oheim dann auf das Feld hinausgegangen, +hatte sich von dem vortrefflichen Zustande der Felder überzeugt und +gesehen, daß in den Zeiten seiner Abwesenheit die Wirthschaft bedeutende +Fortschritte gemacht und das Besitzthum einen erhöhten Werth erhalten +habe. + +Abends hatte er sich dann zu seiner Mutter und den alten Bauern +hingesetzt und ihnen, die nicht müde wurden, zuzuhören, immer von Neuem +von dem Leben in Frankreich erzählt — von dem Leben der Offiziere in +Paris, wo er einige Male gewesen war, von dem Leben auf dem Lande, von +den französischen Soldaten, von der französischen Feldwirthschaft. Und +immer hatte er bei diesen Erzählungen den einen Punkt umgangen, der sein +Herz erfüllte, der die Neugier seiner Mutter erregte und von dem sein +Oheim in seinem einfachen practischen Sinn nicht das Geringste bemerkte. +Dennoch beschäftigte gerade dieser Punkt den jungen Mann auf das +Lebhafteste und versetzte sein ganzes inneres Wesen in eine peinliche +und schwankende Unruhe. + +Er hatte sich gleich am Tage nach seiner Ankunft unter dem Vorwande sich +nach Mittag auszuruhen, in seinem Zimmer eingeschlossen und mit großer +Mühe einen nicht immer ganz orthographisch gehaltenen Brief an Fräulein +Luise Challier geschrieben, um ihr seine glückliche Ankunft in der +Heimath anzuzeigen und ihr zu sagen, daß er mit aller Liebe seines +Herzens ihrer gedächte und mit heißer Sehnsucht den Tag erwarte, an +welchem er nach Ordnung seiner Angelegenheiten zu ihr zurückkehren +würde. + +Konnte er sich auch ganz geläufig mündlich in französischer Sprache +ausdrücken, so fand er seinen Brief, als er ihn geschrieben hatte, +dennoch sehr ungenügend, sehr kalt und steif, indeß er hoffte, daß seine +Geliebte zwischen den Zeilen das Alles lesen würde, was der Mangel an +Gewandtheit des Ausdrucks ihn zu sagen verhinderte. Er hatte diese +Hoffnung in einem Postscriptum ausgesprochen, dann seinen Brief +sorgfältig verschlossen und sich am Abend mit einiger Mühe von seinem +Oheim und seiner Mutter entfernt, um den Brief in den Kasten der +Landpostexpedition zu werfen, welcher sich an dem Hause des +Gewürzkrämers des Dorfes befand, wobei er zu seinem Verdruß von mehreren +Bekannten aufgehalten und beobachtet wurde. + +Von einem Tage zum andern hatte er sich dann vorgenommen, über seine +Liebe und seine Zukunft zunächst mit seiner Mutter und dann mit seinem +Oheim zu sprechen. Indeß immer wieder war er nicht dazu gekommen, immer +wieder waren die Worte auf seinen Lippen stecken geblieben, obgleich er +doch sonst nicht zu denen gehörte, welche sich scheuen, das +auszusprechen, was sie für nothwendig und richtig erkannt haben. Aber er +fühlte in seinem Innern einen Widerspruch streitender Empfindungen und +sagte sich, daß das, was ihn schmerzlich und peinlich bewegte, seiner +Mutter und seinem Oheim noch viel mehr Kummer bereiten müßte. + +Die alte Heimath, diese Erde, auf der er erwachsen war, dieses Haus, +dieser Garten, diese Felder, um welche sich alle seine Erinnerungen +rankten, zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht an sich und schmerzlich +schnürte sich sein Herz bei dem Gedanken zusammen, daß er hierher +zurückgekehrt sei, nur um das Alles wieder zu verlassen. Es war, als ob +jeder Baum, jede Blume ihn mit stillem Vorwurf anblickte, daß er dies +ihm bestimmte Besitzthum, an welches sein Oheim, um es ihm reicher und +blühender zu hinterlassen, so viel Mühe und Fleiß gewendet habe, fremden +Händen überlassen solle, um im fernen Lande eine neue Heimath zu suchen. + +Auf der andern Seite fühlte er in der Entfernung noch lebhafter und +mächtiger die Macht der Liebe, welche ihn zu dem jungen Mädchen hinzog, +dessen Umgang seine Verbannung so freundlich verklärt hatte; — wenn er +die Augen schloß, so sah er ihr Bild vor sich in lebendiger Frische, er +sah ihren seelenvollen Blick, es schien ihm, daß sie die Arme +sehnsüchtig nach ihm ausstreckte und ihn fragte, wann er zu ihr +zurückkehren werde, um sie nicht mehr zu verlassen. + +Dieser Kampf zwischen der Anhänglichkeit an die Heimath und die Liebe +seines Herzens, der sich in seinem Innern bereits so schmerzlich fühlbar +machte, mußte ja viel heftiger und peinlicher die Seele seiner Mutter +bewegen, wenn sie erfahren würde, was mit ihrem Sohn vorgegangen und was +für Zukunftspläne er in sich trüge; und erst sein Oheim, der alte Mann +mit dem eigenwilligen Bauernsinn, der so fest mit der Scholle verwachsen +war, auf welcher er geboren, die er gepflegt und gehütet und welche ihm +so reiche und dankbare Frucht für seine Mühe und Arbeit gegeben hat. Was +würde er sagen bei dem Gedanken seines Neffen, dies Besitzthum, das ein +Theil seines Selbst war, zu verlassen und in der Fremde sich eine +Existenz zu gründen. Die Grundlage der ganzen Lebensfassung des alten +Bauern war. „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich“ — schon der Gedanke, +eine Fremde, welche die Sprache der Heimath nicht verstände, als +Hausfrau in diesen Bauernhof einziehen zu sehen, mußte dem Gefühl des +alten Bauern widersprechen. Was aber sollte er erst sagen, wenn er +erführe, daß sein Neffe, den er mit so viel Stolz und Liebe wieder in +den wirtschaftlichen Betrieb einführte, nun um nimmer wiederzukehren, +abermals in die weite Welt hinausziehen wolle. + +Alle diese Gedanken versetzten den jungen Mann in eine fieberhafte +Unruhe. Er mußte Klarheit in die Verhältnisse bringen, er mußte das +entscheidende Wort sprechen, und doch wußte er, daß dieses Wort die +beiden Menschen, welche ihm durch die nächsten Bande auf Erden verknüpft +waren, mit Schmerz und Bekümmerniß erfüllen würde. + +So hatte er von einem Tage zum andern die Erklärung hinausgeschoben. +Seine peinliche Unruhe war noch vermehrt worden, als die Zeit +vorübergegangen war, in welcher er eine Antwort auf seinen Brief an +seine Geliebte erwarten konnte, ohne daß eine solche eingetroffen wäre. +Mit zitternder Ungeduld sah er dem Landbriefträger entgegen, wenn +derselbe erschien, um die wenig zahlreichen Postsendungen an die +Einwohner des Dorfes zu vertheilen. Einige Male hatte er es über sich +vermocht, denselben zu fragen, ob er nichts für ihn habe, aber immer +hatte er eine verneinende Antwort erhalten und in quälender Sorge, in +einer steigenden bangen Unruhe fragte er sich, welches der Grund dieses +unerklärlichen Schweigens seiner Geliebten sein könnte, die doch so fest +versprochen hatte, ihm sogleich zu schreiben, sobald er sie von seiner +Ankunft in der Heimath benachrichtigt haben würde. Endlich konnte er +diesen Zustand widerstreitender Gefühle und quälender Sorge und Unruhe +nicht länger ertragen. + +Seine Mutter hatte ihn bereits mehrere Male mit freundlicher Theilnahme +gefragt, was ihm fehle und ihn gebeten, es ihr zu sagen, wenn ihn ein +Kummer bedrücke, — er hatte zum zweiten und dritten Male an Luise +geschrieben, sie beschworen, ihm zu antworten oder durch ihren Vater ihm +mitteilen zu lassen, wenn sie krank sei, — aber immer erfolglos. Der alte +Briefträger hatte nur immer dieselbe Antwort auf seine Fragen, — daß +nichts für ihn angekommen sei. + +Eines Morgens war sein Oheim allein auf das Feld gegangen, er war unter +dem Vorwand einer notwendigen häuslichen Arbeit zu Hause +zurückgeblieben, — fast ängstlich, mit ähnlichen Gefühlen, wie einst als +Knabe, wenn er irgend einen Fehltritt einzugestehen hatte, trat er in +das Wohnzimmer, setzte sich neben den Lehnstuhl seiner Mutter und +ergriff die Hand der alten Frau, indem er ihr halb fragend, halb +bittend in die Augen sah, die Worte suchend, um die Gefühle seines +unruhigen, gedrückten Herzens auszusprechen. + +Die alte Frau sah ihren Sohn freundlich und liebevoll mit ihren großen, +klaren Augen an. Sie hatte ruhig gewartet, sie wußte, daß der Tag kommen +mußte, an welchem sein Herz sich seiner Mutter öffnen würde, die Stunde +war da, sie war bereit, ihn anzuhören und sein Vertrauen mit all der +selbstlosen Liebe zu erwidern, an welcher das mütterliche Herz so +unerschöpflich reich ist. + +„Meine Mutter,“ sagte der junge Mann mit leicht zitternder Stimme, „ich +bin überaus glücklich gewesen, daß ich Sie und den Oheim, unser Dorf und +das alte Haus wiedergesehen habe.“ + +Er hielt einen Augenblick inne. + +„Und wir nicht minder, mein Sohn,“ sagte die alte Frau, „daß wir Dich +nach so langer Trennung hier wieder bei uns haben.“ + +Der junge Cappei schwieg einige Augenblicke, indem er sanft die welke +Hand der alten Frau streichelte. + +„Ich bin aber doch,“ sagte er dann, „nicht glücklich, wie ich es sonst +bei Euch war, ich bin unruhig und habe lange die Gelegenheit gesucht, +mit Euch allein zu sprechen, denn ich muß Euch Alles sagen, bevor ich +mit dem Oheim darüber rede, der gleich so heftig und aufbrausend ist.“ + +Die alte Frau sah ihn mit glänzenden, liebevollen Blicken an, sie +fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, in welchem das Räthsel +sich lösen müsse, sie sah die Befangenheit ihres Sohnes mit dem feinen +Tact, welcher das Eigenthum der Frauen aller Stände ist, — sie mußte ihm +entgegenkommen. + +„Du hast liebe Freunde in Frankreich zurückgelassen?“ sagte sie. + +„Ach ja, Mutter,“ erwiderte er, „sehr liebe Freunde, sie sind Alle immer +so gut gegen mich gewesen, und es wurde mir recht schwer, mich von ihnen +zu trennen,“ fügte er seufzend hinzu. + +„Sind es bloß Deine Freunde,“ fragte die Alte mit einem freundlichen, +beinahe neckischen Lächeln, „oder hast Du auch Dein Herz dort gelassen, +hast Du eine Geliebte in dem fernen Lande gefunden, — Du der Du hier so +gleichgültig gegen die hübschesten Mädchen unseres Dorfes warst?“ + +Und mit mütterlichem Stolz strich sie das Haar aus der erröthenden Stirn +ihres Sohnes, der halb verlegen, halb glücklich darüber, daß seine +Mutter ihm auf halbem Wege entgegenkam, zu ihr aufsah. + +„Ja,“ rief er, indem er ihre Hand so heftig drückte, daß sie leise +zusammenzuckte, „ja, ich habe dort eine Geliebte gefunden, sie ist so +gut und so treu, wie nur irgend ein Mädchen aus der Heimath es sein kann +und dabei ist sie doch so anders wie sie hier sind. Und so schön, +Mutter, oh, so schön,“ rief er schnell aufbringend, die alte Frau +stürmisch umarmend, „so schön, wenn Sie sie sehen würden, Sie würden sie +auch lieben, und sie ist so sanft, sie würde Ihnen eine zärtliche und +gehorsame Tochter sein, — sie, die selbst keine Mutter mehr hat, bei +ihrem Vater aufgewachsen ist, die leitende Hand der Mutter schmerzlich +entbehrend, wie sie mir so oft gesagt hat.“ + +Die alte Frau ordnete die Bänder ihrer Haube, welche durch die +stürmische Umarmung ihres Sohnes etwas zerknittert waren. Mit +freundlichem, zufriedenem Schmunzeln sah sie den glühend erregten jungen +Mann an und sagte: + +„Nun das ist ja eine gute Nachricht, und ich begreife nicht, warum Du +mir das nicht früher mitgetheilt hast; Du bist ja längst in dem Alter, +Dich zu verheirathen, Du kannst eine Frau ernähren, — daß Deine Wahl auf +keine Unwürdige gefallen, davon bin ich überzeugt. Ich werde älter und +älter, und der Hof hier bedarf einer jungen und rüstigen Hausfrau.“ + +Ihr Sohn blickte trübe zu Boden. + +„Das ist es ja eben, Mutter,“ sagte er mit leiser Stimme, „was mir so +viele Sorge gemacht und mir so lange den Mund verschlossen hat. Ich +weiß, wie Sie und namentlich der Oheim an dem Hof und an der Heimath +hängen und nun — sehen Sie, meine Braut hängt eben so sehr an ihrer +Heimath, sie ist die einzige Tochter ihres Vaters, die Erbin seines +Geschäfts, eines großen Holzhandels, und sie wünscht so dringend, daß +ich zu ihr nach Frankreich kommen möchte, um dort das Geschäft ihres +Vaters zu übernehmen und fortzuführen, — ich habe ihr das auch +versprochen,“ fuhr er ohne aufzublicken fort, — „als ich bei ihr war, +schien mir das so leicht, und nun ich wieder hierher gekommen bin, nun +ich wieder unter Euch lebe, nun ich wieder den alten Garten und die +alten Felder sehe, da fühle ich,“ sagte er mit zitternder Stimme, „wie +schwer es Ihnen werden müßte, mit mir fortzuziehen in ein fremdes Land +oder hier zu bleiben, — durch weite Entfernungen von mir getrennt.“ + +Die Alte sah einen Augenblick schmerzlich bewegt vor sich nieder, sie +strich langsam die Falten ihrer weißen Schürze glatt, als wolle sie +ihre Gedanken und Gefühle ordnen und glätten wie diese Falten. Dann +legte sich ein heiteres und ruhiges Lächeln um ihre Lippen, freundlich, +beinahe stolz und glücklich sah sie ihren Sohn an und sagte. + +„Gott fügt die Schicksale der Menschen nach seinem Wohlgefallen und hat +schon Manchen aus dem Lande seiner Väter fort geführt, um ihn sein Glück +in der Ferne finden zu lassen. Es steht geschrieben, daß der Mann Vater +und Mutter verlassen wird, um seinem Weibe zu folgen, zu dem sein Herz +ihn hinzieht, aber,“ fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, „Deine Mutter +wird ihren Sohn nicht verlassen, und wenn Du eine alte schwache Frau mit +Dir nehmen willst, die wenn sie nichts mehr für Dich thun kann doch Tag +und Nacht für Dein Glück beten wird, so bin ich bereit, mit Dir in die +Ferne zu ziehen, da wo Du glücklich bist, wo Du Deine Heimath findest, +da werde ich auch in fremder Erde sanft ruhen. Gott segne Dich, mein +Sohn, und Diejenige, zu welcher Dein Herz Dich hinzieht.“ + +„Oh, Mutter,“ rief der junge Mann, indem er zu den Füßen der alten Frau +auf die Knie niedersank und wie in der fernen glücklichen Kinderzeit +sein Haupt auf ihren Schooß legte, „wie danke ich Ihnen für dieses +Wort, das eine schwere, schwere Last von meinem Herzen nimmt.“ + +Einige Augenblicke blieb er so schweigend und unbeweglich, während sie +mit den welken, zitternden Händen über sein volles Haar hinstrich. Dann +erhob er den Kopf und sah sie sorgenvoll und fragend an. + +„Aber der Oheim,“ fragte er, „was wird er dazu sagen?“ + +„Das wird einen harten, schweren Kampf kosten,“ sagte die alte Frau, den +Kopf schüttelnd, „er wird sich so leicht nicht von hier trennen und so +leicht auch nicht damit einverstanden sein, daß Du die alte Heimath +verläßst — aber,“ sagte sie dann lächelnd nach einigen Augenblicken des +Nachdenkens, „der Oheim hat ein gutes, weiches Herz, er liebt Dich wie +seinen eigenen Sohn, und wenn er sich überzeugt, daß diese Verbindung +Dein Glück ist, so wird auch er zuletzt seine Zustimmung nicht versagen. +Laß mich das nur machen, sage Du ihm nichts, ich verstehe ihn zu +behandeln, wenn er sieht, das es Dein Ernst ist, so wird er die Reise +nicht scheuen, um sich selbst von Allem zu überzeugen, und wenn sich +Alles gut fügt, so könnt Ihr ihn ja jedes Jahr hier besuchen, so lange +er noch die Kraft hat, seine Wirtschaft zu führen — wer weiß, ob er sich +dann nicht auch entschließt, die Menschen und die lebendige Liebe seiner +Kinder höher zu stellen, als dieses Haus, und diesen Hof. Wenn er auch +Alles äußerlich ruhig hinnimmt und wenig spricht, so weiß ich doch, daß +die neuen Verhältnisse hier im Lande ihm wehe thun und ihm den +Aufenthalt hier verleiden. Ueberlaß das der Zeit, mein Sohn, und dem +lieben Gott, der Alles nach seiner Weisheit fügen wird. Zuerst aber laß +mich die Sache dem Oheim mittheilen, ich werde den ersten Sturm seiner +Heftigkeit schon auszuhalten wissen.“ + +„Doch nun, Mutter,“ sagte der junge Mann, indem ein Ausdruck tiefer +Traurigkeit auf seinem Gesicht erschien, „muß ich Euch noch etwas sagen, +das mir vielen Kummer macht, so große Hoffnungen mir auch Eure +liebevollen und freundlichen Worte gegeben haben, — ich habe,“ fuhr er +fort, „gleich nach meiner Ankunft hier an meine Braut geschrieben, — ich +habe nochmal und nochmal geschrieben, aber bis jetzt habe ich keine +Antwort erhalten, — und sie muß doch wissen, wie sehr ich mich nach einem +Lebenszeichen, nach einem Gruß von ihr sehne, und wäre es nur eine +Zeile, nur ein Wort, das mir eine Botschaft ihrer Liebe brächte — aber +nichts, gar nichts,“ — sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme. „Was +kann das bedeuten, ich habe sie gebeten, wenn sie krank wäre, mir durch +ihren Vater Nachricht geben zu lassen, — ich weiß nicht, was ich davon +sagen soll,“ fügte er traurig den Kopf schüttelnd hinzu. + +„Bist Du der Liebe Deiner Erwählten ganz sicher,“ fragte die Alte, +„kannst Du ihrer Treue und Beständigkeit vertrauen, — oder kannst Du Dir +irgend eine Veranlassung denken, durch welche sie verhindert sein +könnte, Dir Nachricht zu geben.“ + +„Oh,“ rief der junge Mann mit lauter Stimme, den Blick voll glühender +Begeisterung auf seine Mutter richtend, „ich bin ihrer sicher, wie +meiner selbst! Sie ist treu wie Gold, auf ihr Wort würde ich Häuser +bauen. Auch kann keine äußere Veranlassung sie abhalten, — ich habe mit +ihrem Vater gesprochen, er hat unserer Verbindung seinen Segen gegeben, +sie konnte offen und ohne Scheu an mich schreiben und dennoch, dennoch,“ +sagte er, wieder finster zu Boden blickend, „keine Nachricht trotz aller +meiner Bitten, keine Antwort, — oh, es muß ein großes Unglück geschehen +sein, sie muß sehr krank oder todt sein, und ihr Vater wagt es nicht, +mir diese schmerzvolle Nachricht zu geben.“ + +„Sei ruhig, mein Sohn“ sagte die Alte, „bei einer so weiten Entfernung +kann ja alles Mögliche geschehen, wie leicht kann ein Brief verloren +gehen — Alles wird sich aufklären, — sei ruhig, — wenn Du sie kennst und +ihres Herzens sicher bist, so darfst Du Dich nicht in unnützer Unruhe +aufregen. Du hast ja jetzt mich, Deine Mutter, in deren Herz Du alle +Deine Sorgen ausschütten kannst. Laß mich erst mit Deinem Oheim +sprechen. Vielleicht,“ sagte sie, wie von einem Gedanken erfaßt, +„erwartet ihr Vater erst die bestimmte Mittheilung von der Einwilligung +Deiner Angehörigen, bevor er ihr erlaubt, zu schreiben, — ja, ja,“ sagte +sie, „so wird es sein; und ich muß sagen,“ fuhr sie immer +zuversichtlicher und heiterer fort, „ich würde ihrem Vater ganz Recht +geben, — er weiß ja nichts von Deiner Familie, und Du hast ihm auch noch +nicht sagen können, daß dieselbe mit Deiner Wahl einverstanden ist.“ + +„Ja“ sagte der junge Mann sinnend, „so könnte es sein — das wäre +möglich“ — und wie getröstet durch den von seiner Mutter angeregten +Gedanken, richtete er sich empor und ging einige Male im Zimmer auf und +nieder. + +„Ich will es Ihnen ganz überlassen, Mutter,“ sagte er dann, „mit dem +Oheim zu sprechen. Ich weiß ja, Sie werden es viel besser und +geschickter machen, als ich, — aber nun erlauben Sie mir auch, meiner +Geliebten sogleich zu schreiben, daß Sie wenigstens mit meiner Wahl +einverstanden sind. Und nicht wahr,“ fügte er schmeichelnd über das +Gesicht der alten Frau streichelnd, hinzu, „Sie werden einige +freundliche Worte unter meinen Brief schreiben — sie versteht zwar nicht +deutsch, aber sie wird schon Jemanden finden, der ihr das übersetzt, und +dann wird ihr Vater sehen, daß auch hier Alles in Ordnung ist, und wird +ihr erlauben, mir zu antworten.“ + +Die alte Frau versprach ihm lächelnd, seiner Geliebten zu schreiben, und +dann setzte er sich zu ihr und plauderte lange mit ihr, und er erzählte +von seiner Geliebten, ihren schönen treuen Augen — ihrer süßen Stimme, +von dem alten Hause in St. Dizier, von den kreidereichen Weinbergen der +Champagne und von den grünen Ufern der Marne, — er malte ihr so +glückliche freundliche Bilder der Zukunft aus, wie sie dort bei ihm +leben würde, wie seine Luise sie pflegen und wie sie dann die kleinen +Enkel hüten und erziehen würde, daß die alte Frau ganz selig und stolz +sich mit ihm in diese lieblichen Zukunftsträume vertiefte. + + * * * * * + +Wieder waren dann mehrere Wochen vergangen, er hatte seinen Brief mit +der Nachschrift seiner Mutter abgesendet. + +Die Alte hatte dann mit ihrem Bruder über die Sache gesprochen. Es +hatte einen großen Sturm gegeben. Der alte Niemeyer war einige Tage in +finsterm Brüten schweigend einher gegangen, dann hatte er heftig +gescholten über junge Leute, die auf Abenteuer hinauszögen in ferne +Länder und den Sinn und die Liebe für die Heimath verlören, — der junge +Cappei hatte, dem Rath und dem Wink seiner Mutter folgend, das Alles +schweigend und ohne Erwiderung mit angehört; er hatte Abends die beiden +alten Leute allein gelassen, und dann hatte seine Mutter in ihrer Weise +mit ihrem Bruder gesprochen, sicher daß trotz seines Scheltens und +Grollens ihre Worte den Weg zu seinem Herzen fanden. Endlich hatte er +seinen Neffen gerufen, ihn ausführlich und scharf inquirirt über die +Familie seiner Geliebten, über das Geschäft und Vermögen ihres Vaters, +und die klaren, scharfen und bestimmten Antworten des jungen Mannes, +welche ihm über das Alles so befriedigende Auskunft gaben, hatten +augenscheinlich dazu beigetragen, ihn zu beruhigen und ihn die ganze +Sache in einem freundlicheren und milderen Licht ansehen zu lassen. + +Dann als nochmals einige Tage vergangen waren, hatte er allmählig +angefangen, — wenn auch noch immer murrend und scheltend, — über die +Zukunftspläne des jungen Mannes zu sprechen. Er hatte sogar die Absicht +angedeutet, trotz seines Alters und seiner Schwerfälligkeit, die Reise +nach Frankreich zu machen und mit dem alten Herrn Challier, vor dessen +ausgedehntem Geschäft ihm die Mittheilungen seines Neffen einen großen +Respect eingeflößt hatten, selbst über die Angelegenheit sich zu +berathen. + +So weit war Alles gut, und die alte Frau lebte und webte schon in dem +Gedanken an die glückliche Zukunft ihres Sohnes und ihrer künftigen +Schwiegertochter, welche sie bereits mit aller mütterlichen Zärtlichkeit +liebte, obgleich sie sie nie gesehen. + +Aber der junge Cappei wurde immer ernster und trauriger, denn auch auf +den Brief, welchen er mit der Unterschrift seiner Mutter abgesandt +hatte, war keine Antwort erfolgt, und mit jedem Tage wurde die Qual des +dumpfen Wartens angstvoller und peinlicher, und immer tiefer schnitten +die mißtrauischen Fragen seines Oheims in sein von banger Unruhe +gequältes Herz. + +Endlich konnte er diesen Zustand nicht länger ertragen, und er kündigte +den beiden alten Leuten seinen Entschluß an, selbst nach Frankreich zu +reisen und den Grund dieses unerklärlichen Schweigens zu erforschen. +Seine Mutter billigte den Entschluß, denn das Leiden ihres Sohnes +erfüllte sie mit tiefem Mitgefühl, — auch der alte Niemeyer hatte nichts +dagegen einzuwenden, sein practischer Sinn verlangte eine Abänderung +dieses Zustandes der Ungewißheit, und im Stillen hoffte er, daß sein +Neffe an Ort und Stelle irgend ein Hinderniß fände, welches diese Sache, +die so störend in seinen Lebenskreis eintrat, ein für allemal beenden +möchte. + +Der junge Cappei traf also seine Vorbereitungen zur Abreise, welche nur +in der Ordnung seines geringen Gepäcks bestanden und begab sich eines +Morgens auf das Amtshaus, um der von ihm übernommenen Verpflichtung +gemäß dort um die Erlaubniß zu seiner Reise nachzusuchen und sich einen +Urlaubspaß zu erbitten. + +Der Amtsverwalter empfing den jungen Mann sehr ernst und hörte +schweigend sein Gesuch an. + +„Sie wollen nach Frankreich gehen,“ sagte er — „welchen Zweck hat Ihre +Reise.“ + +Cappei zögerte einen Augenblick. + +„Ich bitte Sie, ganz aufrichtig zu sein,“ sagte der Beamte, — „Sie +befinden sich in einer besonderen Lage, und jede ausweichende Antwort +könnte Ihnen nur nachtheilig sein.“ + +„Ich habe keinen Grund, meine Absicht zu verheimlichen,“ sagte der +junge Mann — „ich habe eine Braut in Frankreich und wünsche dort die zu +unserer Verbindung nöthigen Vorbereitungen persönlich zu besprechen.“ + +„Sie sind landwehrpflichtig,“ sagte der Amtsverwalter, „und es thut mir +leid, daß ich im Hinblick auf ihre Vergangenheit Ihnen die nachgesuchte +Erlaubniß nicht ertheilen kann.“ + +„Ich verspreche,“ sagte der junge Mann erbleichend, „meine Adresse hier +zu lassen und jedem Ruf sofort Folge zu leisten. Auch wird ohnehin meine +Abwesenheit nicht lange dauern, ich werde in spätestens vierzehn Tagen +wieder hier sein.“ + +„Ich kann,“ erwiderte der Beamte, „auch trotz dieses Versprechens Ihnen +die Erlaubniß zur Reise und einen Paß nicht geben, — jedenfalls nicht +ohne höhere Genehmigung.“ + +Ein Ausdruck finsterer Entschlossenheit erschien auf dem Gesicht +Cappei's, es schien, daß er etwas sagen wollte, doch schwieg er und +wandte sich mit kurzer Verbeugung um, um das Zimmer zu verlassen. + +Der Amtsverwalter hatte ihn forschend angeblickt. + +„Bleiben Sie,“ rief er in strengem Ton. + +Cappei wendete sich erstaunt um und wartete. + +„Da Sie mir den Wunsch ausgesprochen haben, den Ort zu verlassen,“ +sagte der Beamte, „und da ich befürchten muß, daß Sie bei der +Verweigerung des Urlaubs heimlich abreisen möchten, so sehe ich mich +gezwungen, Sie zu verhaften.“ + +„Mich zu verhaften,“ rief Cappei mit bebenden Lippen, indem eine +tödliche Bläße sein Gesicht überzog, „und warum?“ + +Der Beamte klingelte, ein Amtsdiener trat herein. + +„Der frühere Dragoner Cappei ist Arrestant, er wird einstweilen hier im +Amtsgefängniß bleiben, bis weitere Bestimmung über ihn getroffen ist. +Ich will sogleich ein erstes und vorläufiges Verhör mit ihm vornehmen.“ + +Der junge Mann stand wie niederschmettert da, seine Gedanken verwirrten +sich, er konnte keine Erklärung für diesen Schlag finden, der ihn so +unerwartet traf. + +Der Beamte zog ein Actenstück aus seinem Schreibtisch hervor, öffnete +dasselbe, faltete dann einen Bogen Papier und ergriff eine Feder, bereit +das Protocoll aufzunehmen. + +„Haben Sie,“ fragte er, sich an Cappei wendend, „seit ihrem Aufenthalt +hier mit Personen in Frankreich in Verbindung gestanden und mit +demselben correspondirt?“ + +„Ich habe keine Verbindung dort,“ erwiderte Cappei, „als diejenige mit +meiner Braut, welche besuchen zu dürfen, ich soeben um Erlaubniß bat, +ich habe mit Niemanden correspondirt, als mit ihr, aber zu meiner tiefen +Betrübniß keine Nachricht von ihr erhalten.“ + +Der Beamte nahm mehrere beschriebene Blätter aus dem ihm vorliegenden +Actenstück und fragte, indem er Cappei winkte, näher heranzutreten. + +„Kennen Sie diese Briefe?“ + +Der junge Mann warf einen Blick auf die Papiere, er zuckte zusammen, ein +fast convulsivisches Zittern erschütterte seine Gestalt. + +„Es sind die Briefe, welche ich an meine Braut geschrieben,“ rief er mit +bebender Stimme. + +„Sie erkennen also an, daß diese Briefe von Ihrer Hand geschrieben +sind?“ + +„Gewiß,“ rief Cappei, den starren Blick fortwährend auf die Briefe +gerichtet, welchen er einen nach dem andern glaubte abgesendet zu haben, +und in welchem er immer dringender und sehnsuchtsvoller um Nachrichten +gebeten hatte. + +„Sie behaupten also,“ fuhr der Beamte fort, „daß diese Briefe wirklich +an ein junges Mädchen gerichtet sind, und daß der Inhalt derselben +keinen anderen Sinn hat, als den, welchen die Worte ausdrücken.“ + +„Welchen anderen Sinn könnte er haben?“ rief Cappei, entsetzt vor diesem +Räthsel stehend, das sich da so plötzlich vor ihm erhob. + +„Man hat Beispiele,“ sagte der Beamte, „daß scheinbar unverfängliche +Worte eine andere vorher verabredete Bedeutung haben, oder daß sie durch +darauf gelegte Papierausschnitte in anderer Reihenfolge erscheinen. Doch +das wird sich finden,“ fuhr er fort. + +Dann nahm er einige andere Blätter und hielt dieselben dem jungen Manne +vor. + +„Kennen Sie diese Handschrift?“ + +„Nein,“ rief Cappei, auf die ihm völlig fremden Schriftstücke blickend. + +„Dennoch,“ sagte der Beamte, „sind diese Briefe hier unter Ihrer Adresse +angekommen, und sie enthalten sehr bestimmte und compromittirende +Fragen, Aufträge über Truppendislocationen und politische Verhältnisse +Nachricht zu geben. Sie werden einsehen, daß das Alles sehr verdächtig +ist und daß der auf Ihnen ruhende Verdacht durch Ihren Wunsch, jetzt +nach Frankreich zu reisen, nur verstärkt werden kann. Ich muß das +Resultat meiner polizeilichen Beobachtung, zu welcher meine Pflicht mich +Ihnen gegenüber zwang, nunmehr an die Untersuchungsrichter übergeben und +kann Sie nur noch darauf aufmerksam machen, daß ein offenes Geständniß +Ihre Lage nur verbessern kann, — wenn Sie nicht im Stande sind, sogleich +eine genügende Erklärung zu geben.“ + +Der junge Mann starrte noch immer unbeweglich auf die ihm vorgelegten +Papiere. + +„Tragen diese Briefe eine Unterschrift?“ fragte er. + +„Nein,“ sagte der Beamte, „solche Correspondenzen pflegt man nicht zu +unterschreiben, da der Absender dem Empfänger doch genügend bekannt +ist,“ fügte er mit leichtem ironischen Lächeln hinzu. + +„Mein Gott, sollte es möglich sein,“ rief Cappei, indem eine glühende +Röthe sein Gesicht überflog, „ich erinnere mich, einmal ein Billet von +diesem Vergier gelesen zu haben, — sollte es möglich sein, — sollte er —“ + +„Junger Mann,“ sagte der Beamte mit ernstem Ton, durch welchen ein +gewisses Mitleid hindurchklang, ich will glauben, daß Sie irre geleitet +sind, und daß Ihre Ergebenheit für Ihren König von gewissenlosen Agenten +gemißbraucht ist. Sagen Sie offen und ehrlich Alles, was Sie über die +Sache wissen, — ich wiederhole Ihnen, es ist der einzige Weg, um Sie vor +scharfer Strafe zu schützen. + +„Herr Amtmann,“ rief Cappei in verzweiflungsvollem Ton, „ich muß +glauben, daß hier eine niederträchtige Bosheit verübt worden ist, um +mich von meiner Geliebten zu trennen. Ich schwöre Ihnen, ich weiß von +nichts, — ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich habe keine Ahnung von +diesen Briefen, und die Schreiben von mir, welche Sie da vor sich haben, +enthalten keinen verborgenen Sinn.“ + +Der Beamte schien betroffen von dem Ton der Wahrheit in den Worten des +jungen Mannes. + +„Ich will in Ihrem Interesse wünschen,“ sagte er, „daß es so ist, wie +Sie sagen, und daß Sie Ihre Unschuld beweisen können. Indeß die Indicien +erscheinen zu gravirend, und die Agitationen, um die es sich hier +handelt, sind zu staatsgefährlich, als daß ich es verantworten kann, Sie +in Freiheit zu lassen. Ich will indeß Anordnungen treffen, daß Sie gut +behandelt werden, und dafür sorgen, daß Ihre Sache so schnell als +möglich untersucht wird. Denken Sie genau über Alles nach und bedenken +Sie, daß die größte Offenherzigkeit in Ihrer Lage das Beste ist. + +Führen Sie den Arrestanten ab,“ sagte er, zu dem Amtsdiener gewendet. + +In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach dem in einem +Seitenflügel des Amtshauses befindlichen Arrestlocal führen. Er bat den +Amtsdiener nur noch, seinem Oheim und seiner Mutter Nachricht von seiner +Verhaftung zu geben und warf sich dann in dumpfer Verzweiflung auf das +einfache Bett mit einer Strohmatratze, welche nebst einem hölzernen +Tisch das ganze Ameublement des Zimmers ausmachte, dessen Fenster mit +Eisenstäben vergittert waren und vor dessen Thür sich klirrend der +schwere Riegel schob, der ihn von der Freiheit und von allen seinen +Zukunftsträumen und Hoffnungen trennte. + + + + +Viertes Capitel. + + +Wochen waren seit dem Plebiscit verflossen, die große Mehrzahl des +französischen Volkes hatte sich in ihrem Votum aufs Neue für das +Kaiserreich und die neue Verfassung desselben erklärt, — die Elemente des +Aufruhrs, welche einen Augenblick ihr Haupt aus den finsteren Vorstädten +von Paris erhoben, hatten sich wieder in ihre dunklen Schlupfwinkel +zurückgezogen, die unbequemen Mitglieder des Cabinets waren entfernt, +der Herzog von Gramont war von Wien gekommen und hatte das Portefeuille +der auswärtigen Angelegenheiten übernommen, und der Kaiser sah sich +umgeben von lauter Männern, welche sowohl dem Prinzip seiner Regierung, +als ihm persönlich vollkommen ergeben waren, und welche er, wenn er sich +die Mühe geben wollte, leicht und vollständig nach seinem Willen zu +lenken im Stande war. + +Alles schien vortrefflich geordnet und glänzend befestigt. Der +kaiserliche Hof hatte sich nach Fontainebleau begeben, es fanden dort +jene reizenden, kleinen Gartenfeste Statt, welche die Kaiserin mit ihrem +intimen Cirkel so ausgezeichnet zu arrangiren verstand. Die Zeitungen +beschäftigten sich im Ganzen wenig mit der Politik. Sie berichteten über +die Toiletten der Damen bei den Soiréen à la Watteau, welche unter dem +tiefen Schatten der Bäume des Parks von St. Cloud Statt fanden. Sie +erzählten mit hoher Befriedigung, daß die Gesundheit des Kaisers ganz +vortrefflich sei und daß Seine Majestät Napoleon III in seinem kleinen +Privatgarten in St. Cloud mit ganz besonderem Eifer sich mit der Cultur +der Rosen beschäftige und nahe daran sei, das große Problem der +Horticultur zu lösen und eine schwarze Rose zu erzielen. + +Die Zeit der Villeggiaturen begann, Graf Bismarck ritt in Varzin +spazieren, Seine Majestät der König Wilhelm badete in Ems, und der +Kaiser Napoleon mit einer blauen Schürze und einer großen Scheere in der +Hand, pflegte seine Rosen im Garten von St. Cloud. + +Der Genius des tiefen Friedens hatte sich über Europa herabgesenkt, die +Zeitungsredacteure und Correspondenten in allen Hauptstädten der Welt +konnten trotz des sorgfältigsten Spürens an dem blauen Sonnenhimmel der +Politik kein Wölkchen entdecken, aus welchem sich irgend eine +meteorologische Combination hätte machen lassen, — und die Berichte der +Zeitungen waren wahr. Denn an einem schönen, glänzenden Sommermorgen +hätten diejenigen, welche in das abgeschlossene Innere der +Sommerresidenz von St. Cloud zu blicken im Stande gewesen wären, den +Kaiser Napoleon in der That sehen können, wie er, einen breiten Strohhut +auf dem Kopf, von seinem Gärtner begleitet, zwischen den Rosenbeeten +umherging, und mit liebevoller Sorgfalt alle diese Sträucher und Stämme +musterte, auf denen so viel gestaltig und verschieden farbig die Königin +der Blumen ihre Blüthen entfaltete. Er prüfte genau jeden Stock und +jeden Zweig, er schnitt jede welkende Blüthe und jedes trocknende Blatt +ab, Alles in ein Körbchen werfend, das der Gärtner trug und sorgfältig +darüber wachend, daß kein gelbes Blatt auf den reinen Kies der Gänge +fiel. Er forschte sorgfältig nach dem Mehlthau, diesem bösen Feinde der +Rosen und blies, wenn er etwas davon entdeckte, den Dampf seiner großen +braunen Havannacigarre auf die kleinen Milben, vergnügt zusehend, wie +dieselben betäubt zu Boden fielen. + +Bei allen diesen Operationen mußte er sich oft zu den kleinen +Sträuchern herunterbücken, oft sich neben den hohen und schlanken +Stämmen auf die Spitzen der Zehen erheben, wodurch zuweilen sehr +complicirte und schwierige Stellungen hervorgerufen wurden, in denen die +kleine, von dem großen Panamastrohhut überdachte Gestalt des Kaisers für +alle Diejenigen einen sehr befremdenden und erstaunlichen Eindruck +gemacht haben würde, welche gewohnt waren, ihn von den Hundertgarden +umgeben bei den großen Truppenrevuen oder bei den großen Empfängen in +den Tuilerien inmitten der Großwürdenträger unter dem kaiserlichen +Thronhimmel stehen zu sehen. Aber das Gesicht des Kaisers war hier, wenn +er klein zusammengebückt vor einer Zwergrose saß, oder wenn er sich mit +Mühe zu einer hochstämmigen Centifolie emporhob, unendlich heiterer und +glücklicher, als in jenen Augenblicken der glänzenden, kaiserlichen +Repräsentation, sein sonst so undurchdringlich verschleierter Blick +ruhte hier frei und klar auf den Pflanzen und Blüthen, diesen ewig +jungen Kindern der stets sich erneuenden Natur, seine Lippen lächelten +und auf seinem welken, von den Linien des Alters bereits tief +durchfurchten Gesicht lag der Schimmer einer natürlichen, fast +kindlichen Heiterkeit. Er war hier der Mensch, der seine Freude hatte an +dem, was alle Menschenherzen erfreut hat, seit das Schöpfungswort +Gottes allerlei Kräuter und Blumen auf der zwischen Licht und Finsterniß +gestellten Erde erwachsen ließ, und alle Diejenigen, welche den Kaiser +haßten und bekämpften im großen Ringen des politischen Lebens, sie wären +hier vor dem Menschen entwaffnet gewesen, — denn nur ein guter Mensch +kann sich in seinem Herzen die kindlich reine Freude an der einfachen +Natur bewahren. + +Der Kaiser blieb vor einem mittelgroßen Stamm stehen, aus dessen +dunkelgrünen Blättern Knospen mit tief dunklen Spitzen hervorragten. Der +Kaiser betrachtete sorgfältig prüfend diese Knospen, die alle noch +geschlossen waren, vorsichtig die Zweige auseinander biegend, suchte er +nach, ob nicht irgend eine sich bereits geöffnet habe. + +Plötzlich stieß er einen leichten Schrei aus. An der anderen Seite des +kleinen Baumes, welche dem Morgensonnenlicht zugewendet war, entdeckte +er eine halb erschlossene Blüthe, deren tief dunkle Blätter so eben die +Umhüllung gesprengt hatten. + +„Ah,“ sagte er, indem er mit der Hand dem Gärtner winkte, welcher rasch +herzutrat, „da ist die Lösung meines Problems, die Blüthe ist +erschlossen und“ — er blickte ganz enttäuscht und niedergeschlagen auf +die Blume. + +Die dunklen Blätter derselben, welche beim ersten Anblick schwarz +erschienen waren, schimmerten im Strahl des darüber hin streifenden +Sonnenlichts in einem sehr deutlichen Purpurblau. + +„Die Rose ist blau,“ sagte der Kaiser, indem er vorsichtig die Blüthe +erfaßte und sie hin und her wendete. + +Aber von welcher Seite auch der Strahl der Sonne darauf fallen mochte, +immer zeigte sich der blaue Glanz. + +Der Gärtner lächelte mit einer gewissen Miene der Ueberlegenheit. + +„Ich habe es Eurer Majestät immer gesagt,“ sprach er, „daß es Ihnen +niemals gelingen wird eine schwarze Rose zu ziehen. Die Natur hat die +schwarze Farbe nicht, und so sehr sich auch die verschiedenen Farben +immer mehr und mehr verdunkeln mögen, es wird Ihnen doch niemals +gelingen, sie bis zum wirklichen Schwarz zu bringen.“ + +„Aber man hat doch die schwarze Farbe in der Thierwelt,“ sagte der +Kaiser. „Das Haar des Menschen ist schwarz, das Gefieder so manchen +Vogels“ — + +„Ich glaube, daß Eure Majestät sich täuschen,“ sagte der Gärtner +kopfschüttelnd, „Alles das ist nicht schwarz, — es sind nur tiefe +Schattirungen irgend einer anderen Farbe, deren Grundton Sie im +Sonnenlicht leicht erkennen können. Die wirklich schwarze Farbe kommt in +der Natur nicht vor, sie kann nur von Menschen künstlich geschaffen +werden.“ + +Der Kaiser ließ die Blüthe los. Sein bisher so heiteres Gesicht wurde +ernst, seine Augen verschleierten sich, trübe blickte er vor sich +nieder. + +„Die Natur schafft die schwarze Farbe nicht,“ sagte er — „das menschliche +Herz ist auch eine Schöpfung dieser Natur, und doch ist die Sorge so +schwarz, welche dieses Menschenherz erfüllt, — die Menschen müssen +künstlich die schwarze Farbe schaffen, — — sind alle die Sorgen, die uns +quälen, nicht auch künstliche Schöpfungen einer der reinen und heiteren +Natur entfremdeten Welt, — aus den wir uns dennoch nicht losmachen +können,“ fügte er seufzend hinzu, „um wieder zur Reinheit und Freiheit +der Natur zurückzukehren, — einer Welt, aus der uns nur der Tod +hinausführt, der uns mit dem letzten und tiefsten Schwarz +bedeckt — — werden wir dahinter,“ sprach er tief sinnend weiter, „eine +neue Welt voll Licht und Farbenglanz finden, oder wird dieser letzte +schwarze Grund für immer alles Licht und alle Farben aufsaugen?“ + +Er stand noch einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken, dann nahm +er seine blaue Schürze ab, reichte dieselbe mit der Scheere, deren er +sich zum Schneiden der Zweige bedient hatte, dem Gärtner, — grüßte +denselben freundlich mit der Hand und warf noch einen langen wehmüthigen +Blick über seinen blühenden Rosengarten, — dann wandte er sich schnell um +und stieg die Stufen hinauf, welche ihn in sein Zimmer führten. + +All das helle Licht, welches ihn im Garten umgeben hatte, all die +freundliche Heiterkeit, welche ihn dort erfüllt hatte, schien wie +verschwunden zu sein. Ernst und sorgenvoll trat er zu seinem +Schreibtisch, auf welchem Pietri am Morgen die zu des Kaisers eigener +Durchsicht bestimmten Correspondenzen gelegt hatte und ließ sich in dem +davor flehenden tiefen Lehnstuhl von Rohrgeflecht mit einem länglich +runden Sitzkissen nieder. + +„Die glücklichen Augenblicke des Tages sind vorüber,“ sagte er, „die +Sorge tritt wieder in ihr Recht und trotz des Anscheins von Ruhe und +Sicherheit, welche Frankreich und die Welt heute darbietet, stehe ich +heute mehr als je vor ungelösten Fragen der Zukunft. Dieses Deutschland +consolidirt sich,“ sagte er, „Österreich schwankt und trotz aller guten +Dispositionen des Königs Victor Emanuel wendet sich die öffentliche +Stimmung in Italien mehr und mehr von mir ab, so daß es schwer sein +wird, eine Allianz mit dieser Macht, welche ich geschaffen habe, zu +schließen. Und selbst wenn es gelänge,“ fuhr er fort, „würde eine solche +Allianz im Augenblick einer entscheidenden Action — im Augenblick der +Gefahr vielleicht — gehalten werden? Die meisten Sorgen aber,“ sagte er +nach einigen Augenblicken, „machen mir diese spanischen Angelegenheiten, +die Candidatur des Herzogs von Montpensier wird eifrig betrieben und +trotz der geringen persönlichen Popularität des Herzogs kann sie +urplötzlich mir entgegentreten, denn schließlich wird man dort nach +jedem Auskunftsmittel greifen, um nur wieder zu geordneten Zuständen zu +gelangen, und die Orleans verstehen sich auf die Agitationen und die +Intriguen. Aber ich muß Alles aufbieten, um ein orleanistisches +Königthum in Spanien zu verhindern. Ich habe soeben den Einfluß +gebrochen, welchen diese erbittertsten und gefährlichsten Feinde meiner +Regierung und meiner Dynastie hier in Frankreich wieder zu erringen +begannen, und würden sie jemals in Spanien festen Fuß fassen, so würde +ihre Agitation trotz der Pyrenäen mit erneuter Kraft Frankreich +durchziehen. Der Erbprinz von Hohenzollern wäre vielleicht eine Lösung +gewesen, — und ich will diesen Faden nicht ganz aus der Hand lassen, +aber das Erste und Nächstliegende ist doch die Wiederherstellung der +Dynastie der Königin Isabella unter dem Prinzen von Asturien. Meine +Einleitungen sind getroffen: Olozaga ist der Combination günstig, und +dieser eitle Serrano wird lieber der Majordomus des unmündigen Don +Alphonso sein, als einfacher General unter dem Herzog von Montpensier, +der sich seiner wahrscheinlich bald entledigen würde — was vielleicht +Prim auch thun wird,“ fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu — „den +ich vorläufig ganz aus dem Spiel lassen muß, um ihn mir für jene +hohenzollersche Eventualität im äußersten Falle zu reserviren.“ + +Er beugte sich über seinen Schreibtisch und ergriff die auf demselben +zurecht gelegten Briefe. Nach flüchtigem Überblick warf er mehrere +derselben bei Seite, dann ergriff er lebhaft einen andern und lehnte +sich, denselben in der Hand haltend, in seinen Stuhl zurück. + +„Von meinem Agenten in Spanien,“ rief er, — „vielleicht nähert sich diese +Sache ihrem Ende.“ + +Er durchflog rasch die ersten Zeilen des Briefes. + +„Alles ist vorbereitet,“ las er dann, den Zeilen folgend, „die +maßgebenden Personen sind der Proclamation des Prinzen von Asturien +günstig. Das Volk im Ganzen mit Ausnahme einiger unterwühlten großen +Städte würde jede feste Regierung, welche Ruhe und Stabilität verbürgt, +mit Freuden begrüßen. Die Armee ist zum großen Theil ganz alphonsistisch +gesinnt und die Proklamation des Prinzen, namentlich wenn derselbe die +unmittelbare und bestimmte Anerkennung Frankreichs fände, würde nirgends +ernsten Schwierigkeiten begegnen. Vor allen Dingen aber ist es nöthig, +daß die Königin Isabella so schnell als möglich feierlich abdicirt und +alle ihre Rechte auf ihren Sohn überträgt, zugleich auch jeden Anspruch +auf die Regentschaft ausdrücklich aufgiebt und sich verpflichtet, auch +nach der etwaigen Thronbesteigung ihres Sohnes im Auslande zu leben und +nicht nach Spanien zurückzukehren. Dies Document ist unerläßlich für +jede weitere Thätigkeit, denn Niemand, die Alphonsisten ebenso wenig, +wie alle Andern, will die Rückkehr der Königin, und man fürchtet, daß +selbst bei ihrer persönlichen Anwesenheit in Spanien sie und ihre +Umgebung auf die Regierung von Neuem einen Einfluß ausüben würden, den +man mit Recht oder Unrecht für verderblich hält. Wenn Eure Majestät die +Abdication der Königin in der oben angedeuteten Weise erreichen können, +so scheint die Thronbesteigung des Prinzen von Asturien sicher zu sein.“ + +Der Kaiser warf den Brief zurück. + +„Ich kann mich auf diese Mittheilung verlassen,“ sagte er, — „das Glück +scheint mir zu lächeln. Die Regierung des Prinzen von Asturien, mag sie +in seinem Namen geführt werden, durch wen sie wolle, wird Frankreich +günstig sein und in der auswärtigen Politik im Großen und Ganzen +derjenigen der Königin Isabella sich anschließen. Vor allen Dingen aber +wird sie dem Herzog von Montpensier und den Orleans unversöhnlich +feindlich sein — vielleicht ließe sich dann doch noch auf jene +Combination zurückkommen, welche durch diese unglückliche Revolution in +Spanien vereitelt wurde. — + +Die Königin wird sich freilich schwer zur Abdankung entschließen. Das +Document darüber ist schon aufgesetzt und befindet sich in ihren Händen. +Sie hat bis jetzt die Unterzeichnung verweigert, weil sie Bürgschaft +verlangte, daß nach ihrer Abdication die Thronbesteigung ihres Sohnes +wirklich gesichert sei. Ich glaube ihr nach dieser Nachricht, welche +durch die Mittheilungen Olozaga's vollständig bestätigt wird, jede +Garantie geben zu können.“ + +Er sann einige Minuten nach. + +„In Augenblicken wie dieser,“ sagte er dann, „kommt es auf schnelles und +entschiedenes Handeln an. Günstige Situationen muß man benutzen und zu +rascher Entscheidung führen, — man weiß niemals, wie lange sie dauern +können. Ich will sogleich zur Königin, um womöglich gleich die Sache mit +einem Schlage zu erledigen.“ Er klingelte. + +„Meinen Wagen,“ befahl er dem eintretenden Kammerdiener, „große +Attelage, ich will nach Paris fahren. General Favé soll mich begleiten.“ + +Er stand auf und ging in sein Toilettenzimmer. + + * * * * * + +An der Avenue du Roi de Rome liegt das prachtvolle Hotel Basilensky, +welches die Königin Isabella gekauft und eingerichtet hatte und über +dessen vergoldeten Gitterthoren der Lilienschild des königlichen Wappens +von Spanien glänzte. + +Die innere Eingangsthür dieses Hotels stand weit offen und ließ durch +die Gitter des äußeren Hofes den Blick in die prachtvolle weite Halle +dringen, in deren Hintergrund die breite Marmortreppe nach den obern +Gemächern emporführt. + +In dieser Halle war die Dienerschaft der Königin in ihrer dunkelblauen +goldgestickten Livrée mit den rothen Strümpfen aufgestellt, und am Fuß +der Treppe stand der Graf von Ezpeleta, der Oberhofmeister der Königin, +ein alter Mann mit grauem Haar, mit dem großen blauen Bande des Ordens +Karls III. geschmückt; neben ihm der Kammerherr Albacete, ein noch +junger, schöner Mann mit schwarzem gelocktem Haar, kleinem schwarzem +Schnurrbart und dunklen Augen, mit dem Cordon des Ordens Isabella der +Katholischen. + +Bereits eine Viertelstunde standen die beiden Herren hier, von Zeit zu +Zeit einige Worte mit einander wechselnd und oft ungeduldig durch die +Thür nach dem Vorhof hinaus blickend, zu welchem wenige Stufen +hinabführten. + +Endlich fuhr ein einfaches Coupé mit dunkler Livrée durch das Gitterthor +in den Hof und hielt vor dem Haupteingang des Hotels. + +Graf Ezpeleta eilte schnell an den Schlag des Wagens, den der vom Bock +herabspringende Diener bereits geöffnet hatte. Herr von Albacete folgte +ihm, den Hut in der Hand; beide Herren verbeugten sich tief vor einem +jungen Manne von etwa zwei und zwanzig Jahren, der hoch und schlank +gewachsen war und leicht und gewandt aus seinem Wagen auf den Boden +sprang. + +Dieser junge Mann hatte ein blasses längliches Gesicht von vornehm +strengem, aber ein wenig apathischem Ausdruck. Seine Nase war lang und +etwas stark, die von Natur weichen Linien seines Mundes waren durch +feste und energische Willenskraft zusammengezogen, — aus seinen kleinen +Augen leuchtete ein hoher unbeugsamer Stolz. Er trug einen schwarzen +Salonanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, das goldene Vließ am rothen +Bande um den Hals. + +Mit einer leichten Neigung des Kopfes, ohne den Hut zu berühren, +erwiderte er die ehrfurchtsvollen Begrüßungen des Grafen Ezpeleta und +des Herrn von Albacete. Dann stieg er, ohne ein Wort an die Herren zu +richten, die Stufen des Eingangs hinauf und schritt durch die Reihen der +sich tief verneigenden Lakaien zu der großen Treppe hin, während Herr +von Albacete halb rückwärts gewendet, einige Schritte vor ihm herging, +und der Graf Ezpeleta ehrerbietig ihm folgte. Der junge Mann stieg mit +leichtem elastischem Schritt die Stufen der Treppe hinauf. + +Am obern Ende derselben vor dem Eingang in ihre Gemächer stand die +Königin Isabella. Sie trug eine weite Robe von dunkelblauer Seide, das +rothe Band des goldenen Vließes um den Hals. + +Ihr zur Seite befand sich die Gräfin Ezpeleta und einige Hofdamen. + +Der junge Mann, welchen die Cavaliere der Königin mit so viel Ehrfurcht +begrüßt hatten, stieg ruhig die letzte Stufe der Treppe hinauf, und erst +als er unmittelbar vor der Königin stand, nahm er mit einer Bewegung +voll ritterlicher Höflichkeit, aber ohne jeden Ausdruck von Ehrerbietung +oder Unterwürfigkeit den Hut ab, ergriff die Hand, welche die Königin +ihm entgegenstreckte und führte sie leicht an die Lippen. + +„Ich danke Ihnen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „daß sie gekommen +sind, und ich bitte Gott, daß er unsere Begegnung und unsere Unterredung +segnen möge zum Wohle Spaniens und zum Wohl unseres Hauses.“ + +Der Infant Don Carlos, welchem man bei seiner Geburt den Namen des +Herzogs von Madrid gegeben, welcher in der Verbannung den Titel eines +Grafen von Monte Molin führte, und welchen die spanischen Legitimisten +den König Carlos VII nannten, erwiderte nichts auf diese Worte. +Schweigend reichte er der Königin den Arm und führte sie durch einen +großen, mit reich vergoldeten Meubeln ausstatteten Salon, in welchem +über den Fenstern und Thüren, so wie über dem großen prachtvollen Kamin +die Lilien des königlichen Hauses von Bourbon auf blauem Grunde +glänzten, nach dem Cabinet der Königin, welches von dem vordern Salon +durch eine einzige große Glaswand aus mächtigen Spiegelscheiben getrennt +war, so daß man aus dem einen Raum vollständig den andern übersehen +konnte. + +Dies Cabinet, in welchem die Königin ihre Audienzen zu ertheilen +pflegte, war mit weißem Marmor ausgelegt, neben dem Kamin, welcher der +Glaswand sich gegenüber befand, standen einander gegenüber einige große +Fauteuils mit vergoldeter Lehne und mit purpurrothem Seidendamast +überzogen. + +Die Königin nahm auf einem dieser Lehnstühle Platz. Don Carlos setzte +sich, immer schweigend und kalt, ihr gegenüber. + +„Erlauben Sie, mein Vetter,“ sagte Isabella, absichtlich jede Titulatur +in ihrer Anrede vermeidend, „daß ich Ihnen die Infanten, meine Kinder, +vorstelle?“ + +Der Graf von Monte Molin neigte artig das Haupt. + +Die Königin winkte durch die Glaswand nach dem andern Zimmer hin, in +welchem ihr Gefolge zurückgeblieben war, und kurze Zeit darauf führte +die Gräfin Ezpeleta den dreizehnjährigen Prinzen Alphons von Asturien +und seine drei jüngeren Schwestern in das Cabinet, worauf sie sich +wieder in das Vorzimmer zurückzog. + +Der Prinz von Asturien, ein bleicher, zarter Knabe mit sanftem und +kränklichem, aber intelligentem Gesicht, in einen Anzug von schwarzem +Sammet gekleidet, welcher die zarte Farbe seines Gesichts noch mehr +hervorhob, näherte sich mit offenem und unbefangenem Anstand dem Grafen +von Monte Molin. Er küßte seinem Oheim die Hand, während die drei +Infantinnen sich in einer gewissen kindlichen Befangenheit neben den +Stuhl ihrer Mutter stellten. + +„Don Alphonso,“ sagte die Königin, ihren Sohn vorfallend, „Donna Maria +del Pilar — Donna Maria della Pay, — Donna Eulalia,“ — fuhr sie fort, die +kleinen Prinzessinnen bezeichnend, welche sich nach der Reihe ihrem +Oheim näherten und ihre Lippen auf seine Hand drückten. + +Das bisher so ernste, strenge und unbewegliche Gesicht des Grafen von +Monte Molin wurde einen Augenblick von einem feuchten Schimmer +überstrahlt. Ein weiches und inniges Gefühl leuchtete aus seinen Augen, +wie in unwillkürlicher Bewegung umarmte er den Prinzen von Asturien, zog +dann die kleinen Infantinnen an sich heran und küßte sie eine nach der +andern auf die Stirn. + +„Die lieben Kinder,“ sagte er, — „die Glücklichen, die noch allen Sorgen +des Lebens — und der Politik fern stehen, — Gott segne sie.“ + +Die Königin hatte mit bewegtem Ausdruck diese Scene mit angesehen, eine +tiefe, mächtige Rührung zuckte über ihr Gesicht, ein feuchter Schimmer +verhüllte ihren Blick. Dann winkte sie mit der Hand, die Gräfin +Ezpeleta erschien wieder und führte, sich tief und ceremoniell +verneigend, die Kinder hinaus. + +„Ich habe Sie gebeten, zu nur zu kommen, mein Vetter,“ sagte die +Königin, „um mit Ihnen über die Lage Spaniens zu sprechen und mit Ihnen +zu berathen, was wir, die wir durch unser Blut mit dem Geschick der +spanischen Nation verknüpft sind, thun können, um das edle Volk aus +seiner traurigen Lage zu befreien und um auch in unserm Hause den +Frieden wieder herzustellen.“ + +Das Gesicht des Grafen von Monte Molin nahm wieder seinen früheren, +kalten und strengen Ausdruck an. + +„Über die spanische Nation,“ sagte er, „ist das Strafgericht +hereingebrochen, dem kein Volk entgehen kann, das sich von Gott abwendet +und das heilige Recht seiner Könige verleugnet. Spanien wird durch +dieses Strafgericht geläutert und so Gott will, einer glücklichen +Zukunft zugeführt werden.“ + +„Sie haben Recht, mein Vetter,“ sagte die Königin mit sanfter Stimme. +„Indeß,“ fuhr sie fort, „ist das spanische Volk vielleicht entschuldbar, +wenn es sich über das Recht seiner Fürsten täuscht, da ja bei den +Trägern dieses Rechts selbst zwei verschiedene Anschauungen über +dasselbe bestehen.“ + +„Es giebt nur ein Recht,“ erwiderte Don Carlos, „und wenn zwei +verschiedene Anschauungen darüber bestehen, so trifft die Schuld +denjenigen Fürsten unseres Hauses, welcher in unverzeihlicher Weise die +alten, die heiligsten Satzungen nach seiner persönlichen Willkür zu +ändern unternommen hat. Und Ruhe und Frieden,“ fuhr er in klangvoller +Stimme fort, „wird in Spanien nicht eher wieder herrschen, als bis das +alte, gottgeheiligte Recht wieder zur vollen Geltung gekommen ist.“ + +„Ich will darüber nicht mit Ihnen streiten, mein Vetter,“ sagte die +Königin, „wo das wahre Recht liegt. Sie müssen mir aber zugeben,“ fuhr +sie fort, indem sie ihn mit weichem Blick ansah und die Hand wie bittend +gegen ihn erhob, „daß ich unschuldig bin an dem, was vor mir — was zu +meinen Gunsten geschah. Ich habe im guten Glauben meinen Thron +bestiegen, überzeugt, daß das Gesetz, welches mich auf denselben berief, +ein im Rechte begründetes gewesen sei.“ + +„Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, meine Cousine,“ sagte Don Carlos, in +sanftem Tone, „es ist Ihre Schuld nicht, daß Sie die Vertreterin eines +Prinzips geworden sind, welchem dem wahren Königthum und der von Gott +eingesetzten Monarchie ebenso feindlich gegenüber steht, als es diese +Revolution thut, welche heute unser armes Spanien zerrüttet.“ + +„Wenn Sie das anerkennen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „so werden +Sie mit mir auch den Wunsch theilen, daß das traurige Zerwürfniß, +welches die Linien unseres königlichen Hauses von einander trennt, und +welches uns unsern Gegnern gegenüber schwächt und lähmt, beendet werde. +Sie werden gewiß die Hand dazu bieten, daß wieder das Königthum in +Spanien einig und in geschlossener Macht den Elementen des Unglaubens +und Aufruhrs gegenüber gestellt werde.“ + +Und in lebhafter, offener Bewegung reichte sie dem Infanten ihre Hand, +dieser berührte dieselbe sich artig verbeugend, einen Augenblick und +sprach dann, indem er die Königin gerade und fest ansah: + +„Sobald sich das ganze königliche Haus von Spanien unter meiner Fahne +vereinigt, wird jene traurige Spaltung verschwunden sein, und wir werden +kräftiger und erfolgreicher als bisher der Revolution gegenüber treten +können.“ + +Die Königin schwieg einen Augenblick. + +„Ich schwöre es Ihnen bei Gott, mein Vetter,“ sagte sie dann, „daß ich +mich wahrlich nicht nach der Herrschaft und nach dem Throne sehne, — sie +haben mir kein Glück in meinem Leben gebracht. Unruhe, Sorge und Kummer +ist mein Loos gewesen, und auch das Glück meines Herzens ist diesem +traurigen Glanz der Krone zum Opfer gefallen. Aber,“ fuhr sie fort, „ich +habe die Rechte meines Sohnes zu vertreten, und man sagt mir, daß die +monarchische Partei in Spanien zu einem großen Theil auf ihn seine +Hoffnungen setzt und durch seinen Namen zusammengehalten werde.“ + +Don Carlos hörte ruhig und unbeweglich zu. + +„Ich setze voraus,“ fuhr die Königin fort, „daß in Ihrem Herzen, wie in +dem meinen das Wohl Spaniens, die Größe und der Glanz unseres Hauses +weit über allen persönlichen Rücksichten und Wünschen stehen — wenn dies +der Fall ist, wenn wir uns darüber verständigen könnten, die +Vergangenheit und die Gegenwart einer besseren und glücklicheren Zukunft +zu opfern, so würde es vielleicht in unsere Hände gegeben sein, das +Schicksal Spaniens und unseres Hauses neuem Glück und neuem Glanz +entgegen zu führen.“ + +„Mein Volk und mein Haus stehen mir wahrlich höher, als meine Person,“ +erwiderte Don Carlos, „und für das Wohl Beider bin ich jeden Augenblick +bereit, mich zum Opfer zu bringen.“ + +„Oh,“ rief die Königin lebhaft, „dann werden Sie gewiß auf die Idee +eingehen, die ich Ihnen aussprechen möchte, — eine Idee, von der mir so +viele einsichtsvolle Personen sagen, daß durch sie Spanien aus seinem +jetzigen, traurigen Zustand gerettet werden könne.“ + +Don Carlos sah die Königin fragend an. + +„Mein Vetter,“ fuhr Isabella fort, „Sie sind der Vertreter des Rechts +der einen Linie unseres Hauses; ich stehe an der Spitze der andern. Sie +haben zahlreiche opferbereite Anhänger in Spanien, und auch an mir hängt +noch ein großer Theil des Volkes und der Armee. Könnten wir diese Alle +vereinigen zu gemeinsamem Kampf, der Sieg müßte unser sein. Und dazu +gehört,“ fuhr sie fort, „nichts weiter, als daß wir, Sie und ich auf den +Thron verzichten, daß wir die Selbstverleugnung haben, unsere eigenen +persönlichen Rechte aufzugeben, um diejenigen unserer Kinder sicher zu +stellen. Mein Vetter, vereinigen wir unsere beiden Linien und deren +Rechte, beschließen wir die Verbindung meines Sohnes, den Sie so eben +gesehen, mit der Infantin, Ihrer Tochter. Wenn ich dann auf die Krone +verzichte, die ich getragen und welche die Revolution mir vom Haupte +gerissen hat, wenn Sie Ihre persönlichen Ansprüche auf die älteren +Rechte Ihrer Linie aufgeben, so wird Don Alphonso der allein berechtigte +und allseitig anerkannte König von Spanien werden, Ihre Tochter wird +dereinst seinen Thron mit ihm theilen, und in Zukunft wird das +vereinigte Blut beider Linien unseres Hauses das ungetheilte +monarchische Prinzip aufrecht erhalten.“ + +Don Carlos sah die Königin, welche immer bewegter gesprochen hatte, mit +einem gewissen Erstaunen an. + +„Eine Verbindung des Infanten Don Alphonso,“ sagte er, „mit meiner +Tochter ist ein Gegenstand, der wohl ernste Erwägung verdient und der +allerdings dazu beitragen möchte, die so beklagenswerte Spaltung des +königlichen Hauses von Spanien auszugleichen. Doch begreife ich nicht, +Madame,“ fuhr er fort, „wie durch eine solche Verbindung Don Alphonso +unmittelbare Rechte auf den spanischen Thron erwerben sollte, selbst +wenn ich auf die meinigen verzichten würde, was nach meiner Überzeugung +kein Fürst, den Gott zum Throne hat geboren werden lassen, thun darf.“ + +„Wenn Sie, mein Vetter,“ erwiderte die Königin „zugleich mit der +besprochenen Verbindung Don Alphonso adoptiren würden, so wären, wie mir +scheint, alle Schwierigkeiten gelöst, der Infant würde in seiner Person +die Rechte Ihrer und meiner Linie vereinigen und der einzige Mittelpunkt +für alle Anhänger und Vertheidiger der Monarchie in Spanien sein.“ + +Don Carlos richtete sich hoch empor. + +„Ich bewundere, Madame,“ sagte er mit schneidendem Hohn, „die Klugheit +Ihrer Rathgeber, welche die Schwierigkeiten auf so einfache Weise lösen +wollen, auf die so unendlich einfache Weise, daß sie das hohe und +unveräußerliche Recht, welches Gott mir und meinen Nachkommen gegeben, +einfach wegwerfen und alle die Rechtswidrigkeiten anerkennen, durch +welche Spanien in sein gegenwärtiges Unglück gestürzt ist.“ + +„Aber, mein Gott,“ sagte die Königin erstaunt über die plötzliche +Veränderung in dem Gesichtsausdruck und Ton des Grafen von Monte Molin, +„der Vorschlag, den ich so eben gemacht, beruht ja auf der Anerkennung +Ihres Rechtes, denn mein Sohn soll ja den spanischen Thron gerade +gestützt auf unsere beiden bisher sich entgegen stehenden Rechte in +Anspruch nehmen.“ + +„Das heißt mit andern Worten,“ fiel Don Carlos ein, „ich soll mit +meinem königlichen Siegel legalisiren, was zur Verletzung des legitimen +Rechts geschehen ist. Ich soll aufgeben alle Ansprüche, welche Gottes +Willen mir gegeben und soll das alte heilige Recht in den Dienst treten +lassen der willkürlichen Verfügungen, welche die unumstößlichen +Satzungen des spanischen Königshauses verändert haben. Und wenn ich für +meine Person dies Opfer bringen wollte, wenn ich auf mein Recht +verzichten wollte, um das Unrecht zu sanctioniren, wie könnte ich eine +solche That vertreten meinen Nachkommen gegenüber, das darf ich Sie wohl +fragen, — Sie, Madame, die Sie von mir verlangen, daß ich Ihrem Sohn den +Anspruch opfern soll auf die Krone der edelsten und vornehmsten Nation +der Welt.“ + +„Aber, mein Vetter,“ sagte die Königin, „Sie haben nur eine Tochter und +wenn Sie heute König von Spanien werden, so wäre ja Don Alphonso Ihr +legitimer Erbe.“ + +„Sie vergessen, Madame,“ rief Don Carlos, „daß in den nächsten Tagen +vielleicht die Gnade der Vorsehung mir einen neuen Nachkommen schenken +wird. Wenn ich heute mit Ihnen diesen Kauf abschlösse,“ rief er lebhaft, +„über die Rechte und die Zukunft meines Hauses, und wenn dann dieses +Kind, das ich erwarte, ein Sohn wäre, müßte ich nicht erröthend die +Augen niederschlagen vor der Wiege des Säuglings, den ich um sein +königliches Recht vor seiner Geburt betrogen hätte. Nein, Madame,“ sagte +er kalt und ruhig, jedes Wort scharf und nachdrücklich betonend, „seien +Sie überzeugt, daß niemals, niemals von mir ein solcher Pact geschlossen +werden wird, und selbst wenn ich heute ein Greis wäre, der keine +Nachkommenschaft mehr zu erwarten hat — selbst dann würde ich meine +persönlichen Rechte nicht veräußern, — versagt mir Gott einen Sohn, so +ist der Infant Don Alphonso mein natürlicher und berechtigter +Nachfolger, ich werde ihn als solchen lieben und dahin arbeiten, ihm ein +großes und ruhmreiches Erbe zu hinterlassen, — aber so lange ich lebe,“ +fuhr er fort, indem er aufstand, und die Hand wie zur feierlichen +Bekräftigung seiner Worte emporhob, „so lange ich lebe, giebt es in +meinen Augen auf Erden keinen anderen König von Spanien als mich — in +Gottes Hand steht es, ob ich mein Recht erringen werde, oder ob mir das +hohe Ziel um der Sünden meiner Väter und um der meinigen willen versagt +bleiben soll — ich aber werde nichts unterlassen, um den Thron, zu dem +mich Gott hat geboren werden lassen, mir und meinem Hause wieder zu +erobern, mit Niemandem in der Welt werde ich über dieses mein höchstes +Recht, das zugleich meine heiligste Pflicht ist, handeln oder Verträge +schließen, — und eine innere Stimme sagt mir, daß dereinst noch die alte +Fahne des reinen legitimen Rechts siegreich in Spanien wehen wird. Dann, +Madame,“ fuhr er mit mildem Tone sich zur Königin wendend fort, „werde +ich Sie willkommen heißen im Escurial, Ihr Sohn wird der erste Prinz +meines Hauses — und vielleicht mein Nachfolger und Erbe sein. Ich werde +Gott bitten, daß er Sie und die Ihrigen erleuchten möge, Sich seinen +ewigen Ordnungen zu fügen, ich kann meinerseits von denselben nicht +abgehen.“ + +Die Königin erhob sich ebenfalls. + +„Ich bitte Sie, mein Vetter,“ sagte sie, „lassen Sie unsere Unterredung +nicht so enden, ich habe so große Hoffnungen auf unsere persönliche +Begegnung gebaut, bedenken Sie, daß die Spaltungen zwischen den beiden +Linien unseres Hauses ja nur unseren gemeinschaftlichen Feinden +nützt.“ — + +„Ich darf nichts bedenken,“ erwiderte Don Carlos, „als daß Gott mir das +Recht zu bewahren gegeben, das ich aufrecht halten und vertheidigen +werde bis zu meinem letzten Athemzuge.“ + +Er näherte sich der Königin, welche unschlüssig und verwirrt da stand, +küßte ihr die Hand und sprach: + +„Gott segne Sie, Madame, und die Ihrigen; — wie auch das Schicksal der +Zukunft sich wende, ich werde niemals vergessen, daß das gleiche Blut in +unsern Adern rollt.“ + +Die Königin schien sprechen zu wollen. Don Carlos bot ihr mit einer +entschiedenen Bewegung seinen Arm, sie legte schweigend mit einem tiefen +Seufzer ihre Hand in denselben und geleitete den Infanten durch das +Vorzimmer nach der Treppe, wo er mit einer artigen Verbeugung seinen Hut +aufsetzte und, von dem Grafen Ezpeleta und dem Herrn von Albacete +begleitet, langsam und ruhig die Stufen hinabstieg. Sein Coupé fuhr vor, +er winkte leicht grüßend mit der Hand und fuhr durch das Gitterthor des +Hofes hinaus. + +„Alles vergebens,“ rief die Königin, als der Graf von Ezpeleta zu ihr +zurückgekehrt war und fragenden Blickes in ihr Cabinet eintrat, — „Alles +vergebens! Er ist unbeugsam! Er steht unerschütterlich fest auf dem +Boden seines Rechts. Und es wäre doch so schön gewesen,“ rief sie, „wenn +diese Verständigung gelungen wäre. Er hat mächtige Anhänger, wenn sie +sich mit den meinigen vereinigten, sie hätten die größten Aussichten auf +Erfolg gehabt. Aber so,“ fuhr sie fort, indem sie ihr Taschentuch heftig +zusammendrückte, „ist Alles in Frage gestellt. Man verlangt von mir die +Abdankung. Aber was wird dadurch gewonnen, wenn nicht zu Gunsten meines +Sohnes eine große, monarchische Partei gebildet werden kann? — ich würde +mein Recht aufgeben, ohne ihm dadurch die Nachfolge sichern zu können —“ + +Eine Bewegung machte sich im Vorzimmer bemerkbar. + +Eiligst trat Herr von Albacete durch die Thür der großen Glaswand in das +Cabinet der Königin. + +„Seine Majestät der Kaiser ist so eben in den Hof gefahren!“ rief er und +eilte schnell wieder hinweg, um den Kaiser zu begrüßen. + +Der Graf Ezpeleta folgte ihm, und die Königin ging mit ihren Damen +abermals nach dem Ausgang der großen Treppe, an welcher sie sich kurz +vorher von dem Grafen von Monte Molin verabschiedet hatte. + +Langsam und etwas schwerfälligen Schrittes stieg Napoleon die Stufen +hinauf. + +Er trug einen schwarzen Überrock und hielt seinen Hut und ein spanisches +Rohr mit goldenem Knopf in der Hand. Mit tiefer Verbeugung küßte er der +Königin die Hand und führte sie in das Cabinet zurück. + +„Ich habe Ihnen gute Nachrichten zu bringen, Madame,“ sagte er, nachdem +er ihr gegenüber vor dem Kamin Platz genommen. „Wie befinden sich die +Infanten?“ + +„Ich danke, Eure Majestät,“ erwiderte die Königin, auf deren Gesicht bei +den ersten Worten des Kaisers der Ausdruck gespannter Erwartung +erschienen war, „sie befinden sich vortrefflich in dieser schönen Luft +des gastfreien Frankreichs, welche für sie nur den einzigen Fehler hat, +daß sie die Luft des Exils ist.“ + +„Und der König Don Franzesco,“ fragte der Kaiser, indem er leicht mit +der Hand über seinen Schnurrbart fuhr. + +„Er ist in München,“ sagte die Königin, „und braucht dort eine Kur,“ +fügte sie mit einem leichten unwillkürlichen Lächeln hinzu, „welche ihm +statt seines feinen Organs eine tiefe Stimme geben soll. Vielleicht wird +er nicht wieder zurückkehren,“ sagte sie ernst mit blitzenden Augen, „es +wäre in der That nicht —“ + +„Erlauben Eure Majestät,“ fiel der Kaiser ein, „daß ich so schnell als +möglich auf den ernsten Gegenstand meines Besuches kommen darf. Ich habe +so eben,“ fuhr er fort, „gute und zuverlässige Nachrichten erhalten, daß +in der spanischen Armee und in einem großen Theil der Bevölkerung die +monarchische Restauration immer mehr Boden gewinnt, und daß sich diese +Restauration an den Namen des Prinzen von Asturien knüpft. Der +Proclamirung des Prinzen würde, wie ich Eurer Majestät ebenfalls +versichern kann, Olozaga und Serrano günstig sein. Es ist also nunmehr +die Bedingung eingetreten, welche Eure Majestät, und wie ich glaube mit +Recht, stets als unerläßlich für Ihre Abdication bezeichneten. In diesem +Augenblick würden Sie durch die Übertragung Ihrer Rechte auf Ihren Sohn +demselben nach aller wahrscheinlichen Berechnung wirklich die Nachfolge +auf den Thron zu sichern im Stande sein. Ich werde in der Lage mich +befinden, viel dafür zu thun, wenn Eure Majestät schleunigst das +Document vollziehen, welches den Prinzen von Asturien zum Vertreter +Ihrer Rechte macht. Ich habe mir erlaubt, schon vor einiger Zeit Eurer +Majestät den Sinn der Erklärung mittheilen zu lassen, welche eine solche +Abdankungsurkunde enthalten müßte.“ + +„Ich weiß es,“ sagte die Königin mit einem bittern Lächeln, „sie soll +nicht nur die Übertragung meiner königlichen Rechte, sondern auch die +Verpflichtung enthalten, daß ich auch nach der Thronbesteigung meines +Sohnes niemals wieder den spanischen Boden betrete.“ + +„Eure Majestät,“ sagte der Kaiser, „werden überzeugt sein, wie tief ich +die unglücklichen Ereignisse beklage, welche sich in Spanien zugetragen +haben, und wie dringend und lebhaft ich gewünscht hätte, Sie selbst +wieder den spanischen Thron besteigen zu sehen. Allein,“ fuhr er fort, +„Eure Majestät werden auch ebenso wie ich die Zukunft Ihres Hauses höher +stellen, als persönliche Wünsche, — man muß im politischen Leben stets +mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und Schweres thun, um ein großes +Ziel zu erreichen, — was heute eine Nothwendigkeit ist, um Ihrem Hause +seine Krone wieder zu gewinnen, wird nach einiger Zeit verschwinden. +Diejenigen, welche sich in so schmählicher Undankbarkeit gegen Eure +Majestät erhoben haben, fürchten heute natürlich den Einfluß, den Sie +bei Ihrer Anwesenheit in Spanien auf Ihren Sohn und dessen Regierung +gewinnen würden. Lassen Sie einige Zeit vorüber gehen — Jene werden +ohnehin ihrem Verhängniß verfallen, — und ich sehe den Tag kommen und +sollte er auch bis zur Großjährigkeit Ihres Sohnes hinausgeschoben +bleiben, an welchem Sie, Madame, unter dem Jubel des Volkes von Spanien +als die Mutter seines Königs wieder in Madrid einziehen werden.“ + +Die Königin blickte nachdenkend vor sich nieder. + +„Bedenken Eure Majestät,“ sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, +„daß in großen politischen Entscheidungsmomenten jede Zögerung +gefährlich werden kann — zögern Sie daher nicht, durch Ihre Abdankung die +Action derer zu ermöglichen, welche Ihren Sohn auf den Thron führen +wollen. Bedenken Sie, daß gewandte und unermüdliche Gegner ihm gegenüber +stehen. Würden Sie Sich je verzeihen können, wenn durch die Verzögerung +des Opfers, welches die Verhältnisse von Ihnen verlangen, jener Herzog +von Montpensier dennoch endlich an das Ziel seiner Intriguen gelangen +sollte.“ + +„Er,“ rief die Königin mit flammenden Blicken, indem sie den Kopf empor +warf, „er, der falsche Heuchler, den ich wie die Andern Alle mit +Wohlthaten überschüttet habe! Niemals! Niemals! Und dieser stolze, +hochmüthige Graf von Monte Molin,“ fuhr sie fort, „der jede +Verständigung zurückwies, der mich behandelt hat, wie ein König eine +Infantin seines Hauses — Keiner von ihnen soll triumphiren — ich will +jedes Opfer bringen,“ sagte sie mit entschlossenem Ton, „wenn Eure +Majestät mir versichern können, daß dadurch wirklich meinem armen Kinde +die Krone gesichert wird.“ + +Sie blickte den Kaiser scharf und forschend an. + +„Ich bin weder allwissend, Madame,“ sagte Napoleon, „noch +allmächtig, — indeß so weit menschliche Berechnung reicht, stehen in +diesem Augenblick die Chancen Ihres Sohnes unendlich günstig, sobald +Ihre Abdankung seine Freunde in den Stand setzt, offen für ihn +aufzutreten und zu handeln, und sobald den gegenwärtigen Machthabern +Garantien geboten werden können, daß sie unter der wieder hergestellten +Monarchie die gesicherte Stellung finden, welche ihnen selbst bei der +Fortdauer der republikanischen Verwirrung immer zweifelhafter zu werden +scheint; — aber, ich wiederhole es,“ fuhr er fort, „es muß schnell +gehandelt werden, damit man allen gegenseitigen Intriguen zuvorkommt.“ + +„Ich werde die Urkunde vollziehen,“ sagte die Königin, indem sie sich +mit einem tiefen Athemzug erhob, „man soll von mir nicht sagen können, +daß ich es an irgend Etwas habe fehlen lassen, um den Rechten meines +Hauses Geltung zu verschaffen.“ + +„Seien Sie meiner ganzen Unterstützung dafür sicher,“ sagte der Kaiser, +indem er ebenfalls aufstand, „und genehmigen Sie den Ausdruck meiner +aufrichtigen Dankbarkeit, denn Sie haben durch diesen Entschluß nicht +nur Ihrem Hause, sondern auch mir und Frankreich einen großen Dienst +geleistet, — Sie wissen, wie viel auch mir daran liegen muß, jenseits der +Pyrenäen geordnete Zustände und eine befreundete Regierung zu sehen. Ich +darf Eure Majestät bitten,“ fuhr er fort, „sobald die Urkunde vollzogen +ist, mir ein Exemplar derselben zugehen zu lassen, damit ich meinerseits +alle die Schritte thue, die die Umstände erheischen.“ + +Er kehrte der Königin den Arm reichend, in das Vorzimmer zurück, sprach +mit jedem der Herren und Damen des Gefolges einige höfliche Worte und +verließ von den Cavalieren der Königin bis zum Wagen geleitet, das +Hotel. + +Die Königin rief den Grafen Ezpeleta in ihr Cabinet. + +„Lassen Sie sogleich Ihre Majestät die Königin, meine Mutter, bitten, +sich in einer wichtigen Angelegenheit hierher bemühen zu wollen. Lassen +Sie auch den Herzog von Sesto und den Marquis von Miraflores rufen. In +zwei Stunden soll mein ganzer Hof in Gala sich versammeln. Haben Sie +das Document in Bereitschaft, das ich Ihnen übergab?“ + +„Zu Befehl, Eure Majestät,“ erwiderte der Graf von Ezpeleta. + +„Ich werde es unterzeichnen,“ sagte die Königin seufzend. „Heute Abend +wird Ihr König Don Alphonso heißen.“ + + * * * * * + +Am Abend desselben Tages war in dem Empfangssaal des Hotel Basilensky +der Hof der Königin Isabella versammelt. + +Der Graf von Ezpeleta, der Kammerherr von Albacete und die übrigen +Cavaliere der Königin trugen die Uniformen ihrer Grade. Die Gräfin +Ezpeleta, welche als Camerera-Major fungirte und die Damen der Königin +waren in großer Toilette. + +Die Kerzen brannten auf den Lustres, in der Mitte des Saales stand ein +großer runder Tisch mit einer purpurnen Sammetdecke behängt, auf welchem +in einer großen Mappe mehrere Papiere lagen, dabei ein kostbares +Schreibzeug und einige große Schwanenfedern. In einiger Entfernung von +diesem Tisch standen drei mit rothem Sammet überzogene Lehnstühle, an +deren Rücklehne sich das königliche Wappen von Spanien befand. + +In dem Saal hörte man jenes leise Flüstern, welches an den Höfen dem +Eintritt der Souveraine vorauszugehen pflegt. + +Die Stunde war gekommen, zu welcher Ihre Majestät die verschiedenen +Personen befohlen hatte. Die Eingangsthür öffnete sich — aber noch war es +nicht die Königin, sondern es erschien ebenfalls in großem Galacostüm +der Herzog von Sesto, der Gemahl der Wittwe des Grafen von Morny und der +Marquis von Miraflores. Ihnen folgte der Marschall Bazaine in der großen +Uniform der Marschälle von Frankreich und der Präsident des +Civilgerichts Herr Benoist-Champy in der Hofgalatracht der +Justizbeamten. + +Abermals verging eine kurze Zeit in schweigender Erwartung. Dann +sprangen die Flügelthüren auf. Graf Ezpeleta eilte in die anstoßenden +Gemächer Ihrer Majestät und trat bald darauf in den Saal zurück, mit dem +Stabe auf das Parquet stoßend und die Königin ankündigend. + +Unmittelbar darauf trat die Königin in den Saal, sie trug eine faltige +Robe von schwarzem Sammet, ein Diadem von Brillanten auf dem Haupte, +den Hermelin um die Schultern, das goldene Vließ an der Kette um den +Hals und das große Band vom Orden Karl's III. über der Brust. + +An der rechten Seite der Königin, einen Schritt zurück, folgte die +Königin Christine, ebenfalls in schwarzen Sammet gekleidet, ebenfalls +mit dem goldenem Vließ und dem Orden Karl III. decorirt. Die hohe +Gestalt der Königin Christine, ihre scharf geschnittenen, harten und +etwas starren Züge zeigten wenig Ähnlichkeit mit ihrer Tochter, deren +sanfte, weiche Augen von Thränen geröthet erschienen, und deren großer +Mund mit den starken, vollen Lippen, durch den Ausdruck trauriger und +stiller Resignation, welcher auf demselben lag, schöner und anmuthiger +als sonst erschien. + +Zur linken Seite der Königin ebenfalls einen Schritt zurück trat der +Prinz von Asturien in den Saal. Er trug einen Knabenanzug von schwarzem +Sammet, ebenfalls das goldene Vließ um den Hals, das blaue Band von dem +Orden Karl's III. über der Brust, den Stern an dem kleinen Jaquet. + +Der Prinz war bleich und blickte voll liebevoller Theilnahme auf seine +Mutter hin. Seine ganze Erscheinung war unendlich anmuthig und +sympathisch, und als er mit einem halb kindlich verlegenen, halb +fürstlich stolzen Kopfnicken, die sich tief verneigende Versammlung +begrüßte, bot er ein ungemein interessantes und anziehendes Bild dar. + +Der alte Infant Don Sebastian, ein Mann mit grauem Haar und ruhigen, +gleichgültigen Gesichtszügen in der großen spanischen Generalsuniform +folgte. + +Die Königin durchschritt mit dem fürstlichen Anstande, welcher ihr trotz +ihrer corpulenten und kleinen Figur eigenthümlich war, den Saal und +setzte sich in den mittelsten der drei Lehnstühle. + +Die Königin Christine nahm ihr zur Rechten Platz. + +Don Alphonso stellte sich neben den dritten Lehnstuhl und der Infant Don +Sebastian hinter den Fauteuil der Königin. + +Die Königin winkte dem Grafen Ezpeleta. + +Dieser trat an den Tisch, nahm ein großes Pergament aus der dort +liegenden Mappe und trat vor den Sessel der Königin. + +„Ich, die Königin,“ sprach Donna Isabella, „habe in Erwägung der +Interessen meines Landes und meines königlichen Hauses beschlossen, +meine königliche Autorität und alle meine politischen Rechte aus freiem +Willen und lediglich aus eigenem Antriebe auf meinen viel geliebten Sohn +Don Alphonso, Prinzen von Asturien, zu übertragen. Ich habe zugleich +beschlossen,“ fuhr sie mit etwas zitternder Stimme fort, „um allen +Parteistreitigkeiten vorzubeugen und den innern Frieden meines geliebten +spanischen Volkes zu gewährleisten und zu erhalten so viel an mir liegt, +für meine Person den spanischen Boden nicht mehr zu betreten; auch wenn +mein Sohn durch die Cortes, die das rechtmäßige Votum der Nation +vertreten, auf den Thron berufen werden wird. Bis dies geschieht, und so +lange mein Sohn außer seinem Vaterlande weilen wird, behalte ich meinen +Sohn unter meinem Schutz und meiner Vormundschaft. + +Don Alphonso XII. ist also von heute an Euer wahrer König, ein +spanischer König, der König der Spanier, nicht der König einer Partei. +Ich werde zugleich mit dieser Urkunde über meine Abdankung durch ein +Manifest an die spanische Nation dieselbe verkündigen und mir wird nur +noch übrig bleiben, in glühenden Gebeten lange Tage des Friedens und des +Gedeihens für Spanien zu erflehen und für meinen Sohn, dem ich meinen +mütterlichen Segen ertheile, — Weisheit und Vorsicht und mehr Glück auf +dem Thron als seine unglückliche Mutter fand, welche bis heute Eure +Königin war.“ + +Die letzten Worte der Königin wurden fast unverständlich durch das +Schluchzen, welches ihre Stimme erstickte. + +Der junge Prinz von Asturien näherte sich seiner Mutter und kniete +weinend vor ihr nieder. + +Die Königin legte die Hände auf sein Haupt und sprach, während große +Thränen über ihre Wangen rannen, mit lauter Stimme: + +„Gott erhöre mein Gebet und segne Dich, mein Sohn, mit seinem reichsten +Segen!“ + +Sie machte über seinem Haupte das Zeichen des Kreuzes und erhob sich +dann. Don Alphonso und die Königin Christine standen gleichfalls auf. + +Isabella näherte sich dem Tisch, auf welchem der Graf von Ezpeleta die +Abdicationsurkunde niedergelegt hatte. Der Herzog von Sesto reichte der +Königin die Feder und mit einem raschen, kräftigen Zug unterzeichnete +sie das Dokument. Dann wandte sie sich um, ergriff den Prinzen von +Asturien bei der Hand und führte ihn zu dem mittleren Lehnstuhl, welchen +sie vorhin eingenommen hatte. Sie neigte sich leicht gegen ihren Sohn +und setzte sich in den Sessel zu seiner Linken. + +Der Hof trat heran, alle anwesenden Spanier defilirten an dem jungen +Prinzen, der hier in der Verbannung zum König von Spanien proclamirt +war, vorüber, beugten das Knie vor ihm und drückten die Lippen auf seine +Hand, die er Jedem reichte. + +Nachdem die Ceremonie vorüber war, wandte sich die Königin Isabella an +ihren Sohn. + +„Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß,“ sagte sie in französischer +Sprache mit starkem spanischem Guttural-Accent, „in Ihrer Gegenwart noch +ein Document aufnehmen zu dürfen, welches nicht die Politik betrifft, +sondern nur die Privatangelegenheiten unseres Hauses ordnet. Es ist mein +Testament, das ich für den Fall der Rathschluß Gottes die +Wiederherstellung des Thrones unseres Hauses nicht gestatten sollte, +nach französischem Recht habe aufnehmen lassen, und welches der Herr +Präsident des Civilgerichtshofes und der erlauchte Marschall, der uns +die Freude seiner Gegenwart macht, als Zeugen unterzeichnen sollen.“ + +Don Alphonso wandte sich in rascher Bewegung zu seiner Mutter, umarmte +sie zärtlich und küßte ihr ehrerbietig die Hand. + +Herr Benoist-Champy trat an den Tisch, nahm ein ziemlich umfangreiches +Dokument aus der Mappe und sagte: + +„Eure Majestät erklären also hier vor dem Herrn Francois Achille +Bazaine, Marschall von Frankreich, und vor mir, daß dieses Document, +dessen Inhalt Ihnen wohl bekannt ist, Ihre letztwillige Verfügung über +Ihr Privatvermögen enthält, und daß alle darin enthaltenen Bestimmungen +im Falle Ihres Todes gültig und unantastbar sein sollen, und wollen in +unserer Gegenwart aus völlig freiem Willen und eigenem Entschluß dies +durch Ihre Namensunterschrift bekräftigen?“ + +„Ich will es,“ sagte die Königin, trat an den Tisch und unterzeichnete +die Testamentsurkunde. + +Der Marschall Bazaine und Herr Benoist-Champy setzten ihre Namen unter +denjenigen der Königin. + +„Ich bitte nun Eure Majestät, zu befehlen,“ sagte die Königin Isabella, +sich abermals an ihren Sohn wendend, „daß von der Abdankungsurkunde +ebenso wie von meinem Testamente drei beglaubigte Abschriften genommen +werden mögen, und daß von denselben eine dem Herzog von Sesto, eine dem +Marquis von Miraflores und eine Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen +übergeben werde.“ + +Don Alphonso neigte mit einer gewissen, kindlichen Verlegenheit +bestätigend das Haupt, dann blickte er fragend auf die Königin. + +Diese trat zu ihm hin und legte ihren Arm in den seinigen und Beide +verließen unter Vortritt des Grafen Ezpeleta den Saal, um sich in ihre +Gemächer zurückzuziehen. Die Königin Christine und der Infant Don +Sebastian folgten. + +Schweigend ging die Versammlung auseinander, — Herr von Albacete +begleitete den Marschall Bazaine und Herrn Benoist-Champy bis zum Fuß +der Treppe des Hotels. + + + + +Fünftes Capitel. + +Der Kaiser Napoleon kehrte nach einer Spazierfahrt durch das Bois de +Boulogne nach St. Cloud zurück. Als er durch das Gitterthor in den Hof +des alten erinnerungsreichen Schlosses eingefahren war, welches die +schönen Tage von Marie Antoinette, die weithin glänzende +Siegesherrlichkeit Napoleon I. und die letzten Tage des Königthums Carls +X. gesehen hatte, und sich auf den Arm des Generals Favé gestützt, nach +seinen Gemächern begeben hatte, meldete ihm der Dienst thuende +Kammerdiener, der ihm die Thür des Vorzimmers öffnete, daß der Herzog +von Gramont angekommen sei und Seine Majestät bitte, ihm in einer +dringenden Angelegenheit sogleich nach seiner Rückkehr Gehör zu +schenken. + +Der Kaiser, welcher sich während der Fahrt heiter und lebhaft mit dem +General Favé unterhalten hatte und dessen Gesicht den Ausdruck einer +frohen, zufriedenen Stimmung trug, wurde bei dieser Mittheilung ernst +und blickte fast finster vor sich nieder. + +„Ist es denn nicht möglich,“ sagte er leise, „einen Tag von diesen +ewigen Sorgen und Qualen der Politik befreit zu bleiben, die uns wie mit +eisernen Klammern festhält, so bald sie uns einmal erfaßt hat und die +alles friedliche, menschliche Glück zerstört.“ + +Seufzend reichte er dem Kammerdiener seinen Hut und seinen Stock und +befahl, den Herzog von Gramont einzuführen, welcher wenige Augenblick +darauf in das Cabinet seines Souverains trat. + +Der Herzog war bleich, sein sonst so ruhiges, gleichmäßiges und +lächelndes Gesicht zeigte die Spuren tiefer innerer Erregung. Er hielt +einige Papiere in der Hand und erwiderte hastig und ohne seine sonstige +etwas ceremonielle und doch anmuthige, verbindliche Höflichkeit die +freundliche Begrüßung des Kaisers. + +„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte er schnell sprechend, „eine ebenso +überraschende, als unangenehme Nachricht mitzutheilen, eine Nachricht, +welche Eure Majestät ebenso sehr befremden und ebenso peinlich berühren +muß, als dies bei mir der Fall gewesen ist.“ + +Ein Ausdruck von Ermüdung und von Widerwillen erschien auf dem Gesicht +des Kaisers. Abermals tief seufzend ließ er sich in einen Lehnstuhl +sinken und sagte, indem er dem Herzog einen Sessel neben sich +bezeichnete mit matter, tonloser Stimme: + +„Sprechen Sie, mein lieber Herzog — Sie wissen,“ fügte er mit einem +gezwungenen Lächeln hinzu, „mein großer Oheim pflegte zu sagen, daß die +Mittheilung böser Nachrichten niemals aufgeschoben werden müsse, — die +guten erfährt man immer früh genug. Leider,“ sagte er ganz leise vor +sich hin, „kommen sie nicht häufig.“ + +„Ich erhielt bereits gestern, Sire,“ sprach der Herzog von Gramont, der +vor dem Kaiser stehen geblieben war, „den Wortlaut einer Rede, welche +der Marschall Prim in den Cortes gehalten hat, und welche mich auf das +Peinlichste berührt. Eure Majestät wissen, wie große Bereitwilligkeit +überall gezeigt worden ist, um die Restauration des Prinzen von Asturien +einzuleiten und zu unterstützen. Ich mußte daher auf das Höchste +erstaunt sein, zu erfahren, daß der Marschall Prim den Cortes gegenüber +auf das aller Bestimmteste erklärt hat, daß die bisherigen Negotiationen +einen König für Spanien zu finden, sich nach allen Richtungen hin +zerschlagen hätten.“ + +„Nun,“ sagte der Kaiser lächelnd, „das wissen wir ja, das ist vollkommen +wahr und sehr zufriedenstellend. Wenn man keinen andern König finden +kann, wird man endlich wohl auf den kleinen Don Alphonso zurückkommen +müssen.“ + +„Aber, Sire,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „nachdem der Marschall +diese Mittheilung gemacht, hat er hinzugefügt, er werde nicht für das +Werk der Restauration arbeiten und zur Zurückführung Don Alphonso's +niemals die Hand bieten, und dieses Niemals, Sire, hat er dreimal +betont.“ + +Der Kaiser lächelte abermals. + +„Es giebt Fälle,“ sagte er, die Spitzen seines Schnurrbarts drehend, „in +denen man Dasjenige am entschiedensten und bestimmtesten zurückweist, +was man zu thun entschlossen ist und dessen Ausführung man vorbereitet.“ + +„Eure Majestät haben vollkommen Recht,“ erwiderte der Herzog von +Gramont, „und gerade von diesem Gedanken ausgehend, bin ich dahin +gekommen, der Rede des Marschall Prim keinen besonderen Werth +beizulegen, obgleich es mich immerhin befremdete, ihn eine Combination, +über welche er ja füglich hätte schweigen können, so bestimmt ablehnen +zu sehen, während dieselbe doch von Olozaga und Serrano durchaus nicht +so absolut zurückgewiesen ist. Die Rede des Marschalls fand aber,“ fuhr +er fort, „eine sehr unerfreuliche Ergänzung und Erklärung in einem +Bericht des Herrn Mercier de Lostende, Eurer Majestät Botschafter in +Madrid. Schon gestern Abend erhielt ich ein Telegramm des Botschafters, +in welchem er mir sagt, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern +sehr weit fortgeschritten zu sein scheint, — wenn sie nicht schon +entschieden sei. Der General Prim selbst habe es ihm gesagt und er habe +sogleich Herrn Bartholdy abgesendet, um seinen detaillirten Bericht zu +überbringen, denselben durch mündliche Mittheilung zu ergänzen und die +Befehle Ihrer kaiserlichen Majestät einzuholen.“ + +„Die Candidatur Hohenzollerns,“ sagte der Kaiser, — „mein Gott, diese +Sache hielt ich ja seit einem Jahre fast für abgethan. Woher ist denn +dieselbe jetzt wieder auf die Tagesordnung gekommen,“ fragte er, den +Blick scharf und forschend auf den Herzog von Gramont richtend, „und +woher kommt es, daß ich garnichts davon erfahren habe? Man hätte sich +darüber verständigen können, da sie jetzt so plötzlich hervortritt, ist +die Sache in der That sehr unangenehm — ich habe mich der Königin +gegenüber,“ fügte er leiser hinzu, „einigermaßen engagirt, sie hat ihre +Abdankung unterzeichnet.“ + +„Es scheint,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß der Marschall Prim hier +ganz eigenmächtig und hinter dem Rücken seiner Collegen und aller +spanischen Staatsmänner gehandelt hat, denn Herr Olozaga, den ich +sogleich befragte, erklärte mir, daß er von der ganzen Angelegenheit +nichts wisse und sprach sich zugleich in den aller entschiedensten und +stärksten Ausdrücken gegen diese ganze Combination aus, von welcher er +vollkommen einsah, daß sie nur geeignet sein könne, große Verwirrungen +hervorzurufen.“ + +„Wäre die Sache früher herangetreten,“ sagte der Kaiser, immer noch halb +zu sich selbst sprechend, — „man hätte sich darüber verständigen +können — in diesem Augenblick als fait accompli setzt es mich in der That +in die äußerste Verlegenheit. — — Es scheint, daß der Marschall Prim den +Spaniern einen König geben möchte, welcher ihm allein seinen Thron zu +verdanken hätte. Er commandirt die Armee und unter einem Könige seiner +Erfindung wird er allerdings auf lange hinaus der allmächtige Minister +sein. Aber ich begreife in der That nicht, daß Serrano und die Uebrigen +darauf haben eingehen können.“ + +„Es scheint, daß sie überrumpelt sind,“ sagte der Herzog von Gramont, +„und daß sie sich in keiner Weise die Consequenzen klar gemacht haben, +welche diese Candidatur nach sich ziehen muß, — denn,“ fuhr er fort, +„wenn ein preußischer Prinz auf den spanischen Thron steigt, während +zugleich der König von Preußen schon jetzt die fast unbestrittene +Hegemonie in Deutschland hat, so ist das Reich Carl V. wieder +hergestellt und in jedem Kampf mit Deutschland würden unsere Grenzen an +den Pyrenäen bedroht sein. Die traditionelle Politik Frankreichs +erfordert es, daß wir uns einer solchen Combination auf das Aeußerste +und Entschiedenste widersetzen, um so mehr als in der Person des Prinzen +von Hohenzollern durch seine Verwandschaftsbeziehungen mit dem +portugiesischen Königshause auch die Idee der iberischen Einheit ihren +Ausdruck findet.“ + +Napoleon lächelte ein wenig bei den lebhaft und erregt gesprochenen +Worten des Herzogs. + +„Nun,“ sagte er, „der Prinz Leopold wird wohl so bald nicht in der Lage +sein, mit der unumschränkten Autorität Carl V. und Philipp II. über die +Armeen Spaniens verfügen zu können, und das spanische Nationalgefühl +würde es ihm wohl ein wenig schwer machen, im Fall einer Verwickelung +mit Deutschland unsere Grenzen zu bedrohen, um so mehr da mit der +Herstellung der Monarchie auch der Einfluß Roms auf die spanische +Politik wieder erheblich mächtiger werden muß. Allein,“ fuhr er fort, +„die Sache ist immerhin unangenehm und berührt mich besonders in diesem +Augenblick sehr peinlich. Auch ist die Art und Weise der plötzlichen +Mittheilung eines im Stillen vorbereiteten fait accompli durch den +Marschall Prim geradezu eine Beleidigung Frankreichs. Man muß auf der +Stelle in Madrid erklären lassen, daß Frankreich diese Candidatur nicht +annehmen könne. Der Marschall Prim,“ sagte er, „soll fühlen, daß er noch +nicht der Mann ist, um ohne mich auch nur zu fragen, Dinge von solcher +Wichtigkeit zum Abschluß zu bringen. Wir werden Mercier sofort anweisen +müssen, eine sehr energische Sprache zu führen ich glaube, das wird die +Sache sehr schnell erledigen.“ + +„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „ich stimme mit Eurer Majestät +vollkommen darin überein, daß sich hier eine vortreffliche Gelegenheit +bietet, um das so tief gesunkene Prestige Frankreichs in Europa wieder +herzustellen. Dies Prestige muß allerdings tief gesunken sein, wenn der +Marschall Prim, noch dazu ohne Einverständniß seiner Collegen in der +Regierung, es wagt, in einer so rücksichtslosen Weise über Frankreich +vollkommen hinweg zu gehen. Und es hat sich in Folge dessen auch,“ fuhr +er fort, „die öffentliche Meinung in Paris bei der ersten Nachricht über +diese neueste Wendung der spanischen Verhältnisse auf das Aeußerste +erregt gezeigt. Die Journale führen eine sehr heftige Sprache und +verlangen von der Regierung Eurer Majestät, daß dieselbe den Beweis +liefere, Frankreich sei noch nicht aus der Reihe der europäischen +Großmächte ausgestrichen.“ + +Der Kaiser trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Lehne seines +Fauteuils. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer tiefen Mißstimmung. + +„So sehr ich nun auch,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „die +Nothwendigkeit anerkenne, schnell und energisch zu handeln, so vermag +ich noch nicht die Ansicht zu der meinigen zu machen, daß unsere Action +sich gegen Spanien zu richten habe.“ + +Der Kaiser blickte befremdet auf. + +„Aber wohin denn,“ fragte er. + +„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem ein zufriedenes und fast +überlegenes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund spielte, „das +Prinzip der Regierung Eurer Majestät beruht auf der unbedingten +Anerkennung des souverainen Selbstbestimmungsrechts der Nation. Eure +Majestät nennen sich mit berechtigtem Stolz den Kaiser durch die Gnade +Gottes und durch den Willen der Nation — diesem Prinzip gemäß hat +Frankreich stets das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf das +Sorgfältigste geachtet und vertreten, und auch den spanischen +Angelegenheiten gegenüber vom ersten Augenblick an officiell erklärt, +daß es sich jeder Einmischung in das Recht der spanischen Nation sich +nach ihrem eigenen Willen und Belieben zu constituiren, auf das +Gewissenhafteste enthalten werde. Würde Eurer Majestät Regierung nun den +Spaniern verbieten wollen, sich irgend einen König, der ihnen passend +erscheint, zu erwählen, so würde damit einem Prinzip scharf +entgegengetreten werden, welches Frankreich so wohl im Innern wie nach +außen hin, bis jetzt proclamirt hat. Der Eindruck einer solchen +Erklärung müßte beim französischen Volke ein sehr ungünstiger sein, und +könnte bei dem großen Nationalstolz der Spanier dahin führen, daß die +ganze Nation die Partei des Prinzen von Hohenzollern ergriffe, nur um +ihr souveraines Selbstbestimmungsrecht zu wahren, und daß gerade das, +was wir vermeiden wollen, vielleicht um so sicherer geschähe. Auch +richtet sich der Unwille der öffentlichen Meinung, die sich in den +Artikeln der Journale kund giebt, nicht gegen Spanien —“ + +„Aber wie wollen Sie denn, — —“ fiel der Kaiser ein, indem er den Herzog +fragend ansah. + +„Sire,“ sprach der Minister lebhaft weiter, „nicht darin, daß die +spanische Nation ihr Recht, sich einen König zu wählen, frei ausübt, +liegt eine Gefahr für Frankreich, sondern darin, daß ein Prinz des +preußischen Königshauses eine solche Wahl annimmt, und daß in Folge +dieser Annahme später die preußische Politik im Fall feindlicher +Beziehungen zu Frankreich in Madrid Rückhalt und Unterstützung finden +wird.“ + +Der Kaiser neigte mit einem feinen Lächeln das Haupt und strich mit der +Hand über das Kinn. + +„Ich verstehe,“ sagte er leise. + +„Mir scheint deshalb,“ fuhr der Herzog fort, „daß wir nicht den Spaniern +verbieten sollen, sich irgend einen König zu wählen, sondern daß wir uns +an den Punkt wenden müssen, wo die Gefahr für uns liegt, und daß wir vom +Könige von Preußen verlangen müssen, er solle dem Prinzen von +Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten.“ + +Der Kaiser wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her. + +„Dadurch enthalten wir uns,“ fuhr der Herzog fort, „jeder Beleidigung +der spanischen Nation, jedes Eingriffs in das nationale +Selbstbestimmungsrecht — wir folgen dem Zuge der öffentlichen Meinung in +Frankreich, welche sich nicht gegen Spanien, sondern ausschließlich +gegen Preußen richtet und in der ganzen Candidatur des Erbprinzen von +Hohenzollern nur eine Intrigue des Grafen Bismarck erblickt, — wir haben +außerdem die Chance des Erfolges für uns, denn ich glaube nicht, daß man +in Berlin geneigt sein wird, um dieser Frage willen einen ernsten +Conflikt entstehen zu lassen. Und endlich,“ fügte er mit Betonung hinzu, +„wird sich durch diese Behandlung der Sache, die so oft vergebens +gesuchte Gelegenheit finden, der Welt zu zeigen, daß der Schwerpunkt der +öffentlichen Angelegenheiten Europas noch nicht definitiv von Paris nach +Berlin verlegt worden ist. Der Rückzug, welchen die preußische Politik +in dieser Sache zweifellos antreten wird, kann der öffentlichen Meinung +Frankreichs als ein großer moralischer Sieg dargestellt werden und dies +wird das schwer erschütterte Prestige mit einem Schlage wieder +herstellen. Wenn in Folge unserer Intervention die Candidatur des +Erbprinzen von Hohenzollern zurückgezogen werden muß, so wird dies der +Regierung Eurer Majestät ebenso viel nützen, als eine gewonnene Schlacht +oder die Erwerbung von Compensationsobjecten, zu welcher bisher der +vergebliche Versuch gemacht wurde.“ + +Er schwieg und blickte erwartungsvoll und forschend auf den Kaiser. + +Napoleon stand langsam auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder +und blieb am Fenster stehen, sinnend auf seine Rosenbeete +hinausblickend. Dann wandte er sich, die Hand auf die Fensterbrüstung +gestützt, zum Herzog zurück und sprach: + +„Es liegt viel Wahres in dem Gedanken, den Sie da so eben ausgesprochen +haben. Es wäre vielleicht eine Angelegenheit um die Vergangenheit zu +verbessern. Das Ganze würde freilich,“ sagte er achselzuckend, „im +Wesentlichen nur ein Theatercoup sein. Aber,“ fügte er hinzu, „die +öffentliche Meinung wird ja doch nur durch solche Theatercoups bestimmt, +und es ist jedenfalls am besten, wenn man sie ausführen kann ohne +ernsthafte Gefahr. Doch,“ sagte er dann mit tiefem Ernst, „sind wir vor +solcher Gefahr sicher, sind wir vollkommen gewiß, daß wir in Preußen +nicht auch diesmal wie so oft vorher auf einen bestimmten und festen +Widerspruch stoßen werden, daß sich aus der Sache nicht ein wirklicher +und ernster Conflikt entwickelt, den ich in diesem Augenblicke um keinen +Preis heraufbeschwören möchte.“ + +Der Herzog von Gramont richtete sich noch gerader empor als sonst, mit +einem stolzen Lächeln kräuselte er leicht seinen Schnurrbart und sagte: + +„Darüber bin ich ganz sicher, man wird es nicht wagen, ernstlichen +Widerstand in Berlin zu leisten, wenn wir nur fest und energisch +auftreten, — wie ich überzeugt bin,“ fuhr er fort, „daß man es auch bei +früheren Gelegenheiten nicht gewagt haben würde, wenn wir bestimmt auf +unserer Forderung bestanden hätten. Man hat in Berlin mit so vielen +inneren Schwierigkeiten zu kämpfen, die Haltung der süddeutschen Staaten +ist höchst widerstrebend, — Oesterreich steht auf unserer Seite und der +General Fleury erhält unausgesetzt die zweifellosesten Beweise der +Sympathie des Kaisers Alexander für Eure Majestät und für Frankreich. +Ich bin sicher, daß man nachgeben wird und zwar um so leichter und +schneller, als man die ehrgeizigen Absichten, welche nach meiner Ansicht +im Hintergrunde dieser Combination liegen, nicht wird eingestehen +wollen.“ + +„Dessen müßte man aber,“ sagte der Kaiser, „sicher sein, denn die +sympathischen Aeußerungen gegen den General Fleury vermag ich für +nichts anderes anzusehen, als für Worte und Ausdrücke persönlicher +Gesinnungen, welche der Kaiser Alexander gewiß hegt, aber welche kaum +jemals irgend einen Einfluß auf die Politik Rußlands ausüben +werden, — und was Oesterreich betrifft,“ fügte er achselzuckend +hinzu, — „Sie sehen die Verhältnisse dort günstiger an, mein lieber +Herzog, als ich es zu thun im Stande bin.“ + +Er schwieg abermals einige Augenblicke nachdenklich. + +„Auch weiß ich nicht,“ sagte er dann, „ob unsere Armee so schlagfertig +ist, daß man die Möglichkeit eines ernsten Conflikts in's Auge fassen +darf, — Niel ist todt,“ sagte er düster, „und seine sichere und +energische Hand ist bis heute noch unersetzt geblieben. + +„Doch,“ sprach er dann, „unthätig dürfen wir nicht bleiben, und ich +komme immer mehr dahin, mich Ihrem Ideengang anzuschließen. Die +Situation ist äußerst günstig, Graf Bismarck ist in Barzin, — mit ihm +würde man vielleicht nicht so leichten Kaufs fertig werden. Der König +Wilhelm ist in Ems allein, — so sehr er Soldat ist, so hegt er doch eine +tiefe Scheu vor einem ernsten Conflikt, der seine Armee, welche sein +ganzes Volk repräsentirt, auf die Schlachtfelder führen könnte. Außerdem +glaube ich nicht, daß er nach seiner persönlichen Auffassung einen +seinem Hause nahe stehenden Prinzen gern das Abenteuer dieses spanischen +Königsversuchs wird bestehen lassen. Die Sache kann in Ems vielleicht +ganz leicht und glatt erledigt werden, und Ihrer und Olliviers +Geschicklichkeit,“ sagte er lächelnd, „wird es dann überlassen sein, das +Resultat als einen Triumph unserer Energie der öffentlichen Meinung in +Frankreich darzustellen. + +„Benedetti ist in Wildbad?“ fragte er. + +„Zu Befehl, Majestät,“ sagte der Herzog von Gramont, „er muß seit +einigen Tagen dort sein, der Botschafts-Secretair Le Sourd führt die +Geschäfte in Berlin, welche ohne diesen Zwischenfall im jetzigen +Augenblick fast gänzlich bedeutungslos wären.“ + +„Geben Sie Benedetti den Auftrag,“ sagte der Kaiser, „sich sogleich nach +Ems zum König Wilhelm zu begeben und dort so schnell als möglich und +thunlichst ohne jedes Aufsehen die Zurückziehung der Candidatur des +Prinzen von Hohenzollern zu erreichen. Er kann dabei auf das Beispiel +Griechenlands hinweisen. Damals wurde ebenfalls bestimmt, daß die Wahl +des Königs auf keinen Prinzen aus den regierenden Häusern der +Schutzmächte fallen dürfe, auch an das Beispiel Neapels, wo ich selbst +dem Prinzen Murat die Aufstellung seiner Candidatur untersagt +habe, — Benedetti ist unendlich geschmeidig und insinuant, auch dem +Könige Wilhelm eine angenehme und sympathische Person, er wird dort +unter den einfachen und zwanglosen Verhältnissen des Badelebens, welche +ihm auch eine leichtere Annäherung an den König und einen freieren und +natürlicheren Verkehr mit ihm gestatten, ohne Zweifel sehr leicht +erreichen können, daß die Candidatur des Erbprinzen zurückgezogen wird. +Lassen Sie Benedetti wissen, daß er auf meine höchste Dankbarkeit +rechnen kann, wenn er diese Angelegenheit schnell und glücklich zu Ende +führt und unterlassen Sie vorläufig jeden officiellen Schritt in Berlin, +der verletzen und das Resultat der Unterhandlungen in Ems in Frage +stellen könnte.“ + +Der Herzog verneigte sich. + +„Ich werde sofort den Befehl an Benedetti abgehen lassen, Sire,“ sagte +er. + +Napoleon rieb sich mit heiterem Lächeln die Hände. + +„Wenn Benedetti reussirt,“ sagte er, „so wird Alles vortrefflich gehen. +Der König Wilhelm wird die ganze Sache als einen Act freundlicher +Höflichkeit ansehen und gern entgegenkommen, und mein Freund, der Graf +Bismarck,“ fügte er mit eigenthümlicher Betonung hinzu, „wird in seiner +ländlichen Einsamkeit zu Barzin nun auch einmal meinerseits eine jener +kleinen Ueberraschungen empfinden, die er mir so oft bereitet hat. Vor +allen Dingen aber,“ fuhr er fort, „schärfen Sie Benedetti die äußerste +Geschmeidigkeit und Rücksicht ein, — handeln Sie schnell und senden Sie +mir alle eingehenden Berichte und Telegramme sofort hierher. Wenn wir +nach dem Plebiscit dem französischen Nationalgefühl diesen Erfolg +vorführen können, so werden wir viel gewonnen haben. Wenn,“ fuhr er nach +einem augenblicklichen Nachdenken fort, „Sie dahin wirken können, daß +durch Olozaga und Serrano auch von den Spaniern die Candidatur des +Prinzen Leopold aufgegeben wird, so wird das um so besser sein, doch muß +jeder Schein eine Pression vermieden werden.“ + +Der Herzog von Gramont ergriff mit ehrerbietiger Verneigung die Hand, +welche der Kaiser ihm zum Abschied reichte und ging hinaus. + +„Fast scheint es dennoch,“ sagte der Kaiser, „daß das Glück sich mir +zuwendet. Diese Candidatur des Prinzen Leopold, dem ich,“ sprach er +lächelnd, „diesen zweifelhaften Glanz des spanischen Thrones wirklich +gern gegönnt hätte, wird die Handhabe bieten, auch den äußeren Nimbus +des Kaiserreichs wieder herzustellen, nachdem dessen nationale +Grundlagen wieder durch das Plebiscit befestigt sind, und so wird es mir +vielleicht erspart bleiben in die entsetzliche kriegerische Catastrophe, +welche seit vier Jahren wie ein Damoklesschwert über meinem Haupte +schwebt, hineingerissen zu werden.“ + +Er zündete eine seiner großen braunen Havannacigarren an, setzte den +breitrandigen Strohhut auf und stieg langsam über die, aus seinen +Gemächern herabführende Treppe in seinen Rosengarten hinab. + + + + +Sechstes Capitel. + + +Die Morgenpromenade am Kursaal in Ems war äußerst belebt und eine +zahlreiche und glänzende Gesellschaft bewegte sich in der großen Allee +hin und her. Die Damen in einfachen eleganten Sommertoiletten hielten je +nach ihrem Range und der Stellung, die sie sich durch ihre persönlichen +Eigenschaften in der Gesellschaft erworben, eine Art von Cercle, indem +sie in kurzer Unterhaltung die Herren ihrer Bekanntschaft begrüßten, +bald stehen bleibend, bald mit Diesem oder Jenem einige Schritte auf der +Promenade machend. + +Daneben sah man alte mürrische Herren, welche hierher gekommen waren, um +den während des Jahres angesammelten Staub der Bureaux aus ihren Kehlen +und ihren Lungen fortzuspülen; Diplomaten, welche hier ihre +Sommervilleggiatur hielten, weniger um der Heilkraft der Quellen willen, +als weil die Anwesenheit des Königs von Preußen, wenn derselbe auch +ganz ausschließlich seiner Badekur lebte, dennoch in dieser Zeit der +absoluten Stagnation in der Politik hier noch die meiste Gelegenheit +bot, um ein wenig zu hören und zu sehen, was in der Welt vorging oder +sich vorbereitete. + +In den letzten Tagen war in das Stillleben des Badeaufenthalts ein wenig +mehr Leben und Bewegung gekommen; man hatte gelesen, daß der Erbprinz +von Hohenzollern als Candidat für den spanischen Thron aufgestellt sei, +und daß derselbe diese Candidatur angenommen habe. Man wußte, daß dieses +Ereigniß, welches an sich von keiner besondern Bedeutung zu sein schien, +eine große Aufregung in der französischen Presse erregt hatte. Im Corps +legislatif war eine Interpellation erfolgt, und der Herzog von Gramont +hatte eine sehr kategorische und sogar etwas verletzende Erklärung +abgegeben; auch war der Botschafter des Norddeutschen Bundes Baron von +Werther in Ems angekommen. Das Alles ließ darauf schließen, daß die +spanische Thronfrage und die Candidatur des Prinzen Leopold Gegenstand +der Verhandlungen zwischen dem Könige Wilhelm und dem Kaiser Napoleon +geworden sei oder werden würde und namentlich unter den sich im +Ferienaufenthalt hier befindenden Diplomaten war dadurch eine gewiße +neugierige Spannung hervorgerufen, doch nahm im Ganzen die Gesellschaft +wenig Theil daran. Man war seit einigen Jahren ja gewöhnt, daß hier und +da kleine Differenzen zwischen Frankreich und Preußen entstanden, und da +dieselben jeder Zeit mit der äußersten Courtoisie von beiden Seiten +wieder ausgeglichen waren, so legte man auch diesmal der so plötzlich +aufgetauchten Frage keine große Bedeutung bei, und um so weniger als ja +die ganze Sache Preußen und Deutschland so unendlich wenig anzugehen +schien. + +So war denn die ganze Gesellschaft auf der Brunnenpromenade in Ems +ebenso heiter, als der blaue sonnige Himmel, welcher sich über dem +reizenden Bergthal ausspannte. Es waren nur Worte leichter und +fröhlicher Conversation, welche man unter den Klängen der Badecapelle +miteinander wechselte. + +Bereits war der Prinz Georg von Preußen auf der Promenade erschienen und +hatte sich in liebenswürdigster Weise mit den ihm bekannten Damen und +Herren der Badegesellschaft unterhalten, und mit allgemeiner Spannung +erwartete man den König Wilhelm, welchen man pünktlich zur festgesetzten +Stunde auf der Promenade erscheinen zu sehen gewohnt war, um seinen +Kränchen-Brunnen zu trinken. + +„Ich habe gestern Abend die neuesten Zeitungen mit Nachrichten aus +Frankreich gelesen,“ sagte der Präsident des evangelischen +Oberkirchenraths Dr. Matthis, eine hagere, trockene Gestalt mit +bureaukratisch faltigem, kränklichem Gesicht, indem er sich zu dem +Regierungspräsidenten von Bernuth, einem schlanken, hoch blonden Mann +mit starkem Schnurrbart, welcher in militairischer kräftiger Haltung +neben ihm ging, wandte, „es scheint mir doch ein wenig bunt in +Frankreich auszusehen. Wenn ich dazu die plötzliche Ankunft des Baron +von Werther nehme, so kommt mir die Lage der Dinge doch etwas +beunruhigend vor. Mir scheint die öffentliche Meinung in Paris sehr +montirt zu sein, und die Erklärung des Herzogs von Gramont im Corps +legislatif beweist, daß die Regierung sich ein wenig unter dem Druck +dieser öffentlichen Meinung befindet. Es wäre doch entsetzlich,“ sagte +er seufzend, „wenn wir hier aus unserm ruhigen Badeleben durch ernste +und gefährliche Catastrophen aufgeschreckt werden sollten.“ + +„Ich glaube nicht daran, Excellenz,“ sagte Herr von Bernuth, „dieses +Spiel hat sich ja seit 1866 schon oftmals wiederholt, — erinnern Sie sich +nur an Luxemburg. Damals schrieben die französischen Journale flammende +Artikel, und so viel man davon erfuhr, führte auch die französische +Diplomatie eine sehr hochmüthige Sprache, so daß Jedermann damals an den +Ausbruch des Krieges glaubte. Die ruhige kaltblütige Heftigkeit des +Kaisers und des Grafen Bismarck haben damals dem Sturm getrotzt und +derselbe hat keine gefährlichen Wetterwolken empor getrieben, — so wird +es auch diesmal wieder sein, man wird sich wohl jetzt ebenso wenig +einschüchtern lassen, wie damals und die ganze Sache hat ja auch für +beide Theile lange nicht die Bedeutung wie die Luxemburger Affaire.“ + +Der Geheimrath Matthis schüttelte bedenklich den Kopf. + +„Mir will das nicht recht geheuer vorkommen,“ sagte er, — „es wäre +wirklich traurig, wenn die Kur, die mir so gut bekommt, unterbrochen +werden sollte.“ + +Sie waren an die Quelle gekommen, Herr Matthis füllte seinen Becher und +schlürfte vorsichtig in kleinen Zügen das Heil bringende Wasser ein, +während Herr von Bernuth rasch in kräftigen Zügen seinen Becher leerte. + +„Sehen Sie, Exzellenz,“ sagte er dann, „dort kommt Seine Majestät. Ich +bitte, sehen Sie den Herrn an, so lange dies Gesicht so heiter und +ruhig blickt, haben wir nichts für den europäischen Frieden zu +fürchten.“ + +Der Geheimrath Matthis hatte bei den Worten des Präsidenten hastig +seinen Becher geleert, von der schnell in seine Kehle dringenden +Flüssigkeit gereizt, begann er heftig zu husten, und sein Taschentuch +vor den Mund haltend, blickte er nach dem Eingang der Allee hin, wo so +eben der König Wilhelm in einem einfachen dunklen Civilanzug, einen +Cylinderhut auf dem Kopf, einen Stock in der Hand erschien, begleitet +von dem Flügeladjutanten, Grafen Lehndorf, einem schönen, hoch +gewachsenen Mann mit starkem dunklem Bart, der ebenfalls in Civil +erschienen war. + +Der Präsident von Bernuth hatte Recht; der König ging so frisch, so +leichten und kräftigen Schritts einher; sein Gesicht strahlte von einer +so ruhigen milden Heiterkeit, daß man unmöglich dem Gedanken Raum geben +konnte, daß ernste Sorgen um den Frieden der Welt ihn erfüllen könnten. + +Der König schritt rasch durch die Allee nach der Quelle hin und +erwiderte rechts und links freundlich mit der Hand winkend die +ehrerbietigen Begrüßungen der bei seinem Vorbeischreiten tief sich +verneigenden Badegäste. Der König begrüßte schnell, aber herzlich den +Prinzen Georg, welcher ihm entgegentrat und wandte sich dann zu seinem +Leibarzt Dr. von Lauer, der den Becher Seiner Majestät aus dem +Kränchen-Brunnen füllen ließ. + +„Ich habe vortrefflich geschlafen, mein lieber Lauer,“ sagte der König, +indem er den Becher ergriff, „überhaupt bekommt mir diesmal die Kur ganz +ausgezeichnet. Es ist eine vortreffliche Quelle, die Sie mir verordnet +haben, sie bringt meine Natur für ein Jahr immer wieder in Ordnung.“ + +Er leerte mit langen Zügen seinen Becher und athmete dann tief auf, als +fühle er die wohlthätige Wirkung des Getränks. + +„Eure Majestät sehen in der That in den letzten Tagen und heute +besonders ganz ausnehmend wohl und kräftig aus,“ sagte Herr von Lauer, +indem er den scharfen Blick seines klugen und geistvollen Auges auf der +kräftigen Gestalt des Königs ruhen ließ. „Aber ich würde, um die Quelle +zur vollen Wirksamkeit zu bringen, am liebsten sehen, daß Eure Majestät +Ihr Militair- und Civilcabinet zu Hause gelassen hätten, denn die +Enthaltung von allen Arbeiten, von aller geistigen Unruhe ist die erste +Bedingung einer guten Wirkung des Bades, und leider halten Eure Majestät +diese nothwendige geistige Diät nicht mit eben der Sorgfalt, mit +welcher Sie die materiellen Diätvorschriften beobachten.“ + +„Leider ist das nicht so ganz möglich,“ erwiderte der König, „indeß kann +ich Sie versichern, daß ich auch in dieser Beziehung so viel als es +angeht, Ihren Vorschriften nachkomme, und namentlich habe ich keine +aufregenden und beunruhigenden Arbeiten,“ fügte er hinzu, während es wie +ein leiser vorübergehender Schatten über sein Gesicht flog. + +„Ich fürchte doch, daß Eure Majestät als Bade-Patient immer noch zu viel +arbeiten, denn nach der Anzahl von Depeschen, welche einlaufen —“ + +„Controliren Sie meine Depeschen?“ fragte der König lächelnd. + +„Als Eurer Majestät Leibarzt,“ sagte Herr von Lauer, „müßte ich hier im +Bade eigentlich Alles controliren, was in Eurer Majestät Leben +eingreift; aber zu der Bemerkung, welche ich so eben zu machen mir +erlaubte, bin ich auf zufällige Weise gekommen; ich wohne im steinernen +Hause neben dem Zimmer des Hofraths St. Blanquart“ — + +„Nun,“ fragte der König. + + — „der Geheimrath Abeken, Majestät, kommt nun sehr häufig von seiner +Wohnung in Huyns Gartenhaus zu St. Blanquart, um von den Depeschen nach +ihrer Dechiffrirung sofort Kenntniß zu nehmen, und seit einigen Tagen +höre ich bis tief in die Nacht hinein fortwährend das Vorlesen der +Zahlen der Chiffres. Diese ruhig und monoton ausgesprochenen Zahlen +tönen in meinen Schlaf hinein, und wenn ich morgens früh aufwache, so +höre ich bereits wieder, wie sich Zahl an Zahl in der Arbeit des +Dechiffrirens an einander reiht; — ob man in der Nacht überhaupt +aufgehört hat, weiß ich nicht. Und alle diese unendlichen Zahlenreihen,“ +fuhr er fort, „haben doch einen Inhalt, dieser Inhalt muß endlich zu +Eurer Majestät gelangen und ist jedenfalls der Feind meiner Kur. Ich bin +mehrmals schon sehr böse gewesen und möchte am liebsten das ganze +Dechiffrirbureau von Eurer Majestät durch eine chinesische Mauer +trennen, so lange bis mein Brunnen seine Wirkung gethan.“ + +Der König lachte herzlich. + +„Nun,“ sagte er, „Abeken und der arme St. Blanquart werden wohl nicht so +gefährliche Feinde meiner Gesundheit sein, lassen Sie sie nur immerhin, +ich verspreche Ihnen, ich werde mich nicht zu sehr anstrengen.“ + +Und freundlich den Kopf neigend, wandte er sich zur Seite. + +Der Geheimrath Matthis hatte den Hustenanfall überwunden, und der König +winkte ihn freundlich heran, fragte ihn nach der Wirkung der Kur und +wandte sich dann zu dem Präsidenten von Bernuth. + +„Wenn ich hier die Badegesellschaft in Ems ansehe,“ sagte er heiter, so +muß ich glauben, daß dies Wasser ein Lebenselixir ist, welches meine +ganze Regierungsmaschine durchdringt und verjüngt, meine +Kirchenverwaltung, meine Administration, meine Diplomatie und selbst +meine Officierscorps suchen sich hier Kraft und Stärkung, und so dringt +diese Quelle von Ems in alle Adern des preußischen Staatslebens.“ + +„Wenn die Quelle Eurer Majestät Kraft und Gesundheit stärkt,“ erwiderte +Herr von Bernuth, „so durchdringt sie ja ohnehin schon den Organismus +des preußischen Staats mit neuer Lebenskraft und verdient die +Dankbarkeit aller Ihrer Unterthanen.“ + +Der König nickte freundlich mit dem Kopf und trat dann zu dem in der +Nähe stehenden Botschafter am Pariser Hofe, Freiherrn von Werther, einem +schlanken eleganten Mann mit bleichem Gesicht und militairisch +geschnittenem Haar und Bart. + +„Benedetti ist diese Nacht angekommen,“ sagte der König mit etwas +gedämpfter Stimme, indem er durch einen Wink der Hand Herrn von Werther +aufforderte, ihn auf seiner Promenade zu begleiten. „Er hat mich um eine +Audienz gebeten, ich habe ihm sagen lassen, daß ich ihn erst Mittags +empfangen könne, da ich morgens mit meiner Kur zu thun habe und auch am +Vormittage mehrere Geschäfte zu erledigen muß. Er ist jedenfalls nicht +zufällig hier, denn er war erst vor wenigen Tagen auf Urlaub nach +Wildbad gegangen und hatte so eben seine Kur begonnen. Jedenfalls kommt +er in dieser Hohenzollerschen Angelegenheit, welche in Frankreich +täglich mehr Staub aufwirbelt. Es würde mir lieb sein, wenn ich bevor +ich ihn empfange, über den Gegenstand seiner Mission unterrichtet wäre. +Wollen Sie ihn besuchen, und wenn Sie es in der Unterredung mit ihm +erfahren können, mir ungefähr mittheilen, was er will. Ich wünsche aber +nicht,“ fuhr er fort, „daß Sie in eigentliche Discussion mit ihm +eintreten, — wenn er über die Angelegenheit spricht, so sagen Sie ihm +einfach, daß der Prinz Leopold mich um Rath gefragt habe, und daß ich +nicht im Stande gewesen sei, seinem Wunsch, die spanische Krone +anzunehmen, ein Hinderniß entgegenzustellen.“ + +„Ich zweifle nicht, Majestät,“ sagte Herr von Werther, „daß der Graf +Benedetti hierher gesendet ist, um Eurer Majestät dasselbe zu sagen, was +mir bereits der Herzog von Gramont und Herr Ollivier in ziemlich +allgemeiner Weise ausgesprochen haben, daß nämlich Frankreich die +Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern, den man dort hartnäckig +für einen preußischen Prinzen erklärt, nicht dulden könne, und daß man +verlangen müsse, daß Eure Majestät den Prinzen zur Verzichtleistung +veranlasse.“ + +„Ich begreife nicht, was sie wollen,“ sagte der König einen Augenblick +stehen bleibend, „ich kann mir unmöglich denken, daß der Kaiser +Napoleon, dessen Gesundheit in der letzten Zeit immer weniger fest +gewesen ist, darauf ausgehen sollte, einen Conflict zu suchen, und doch +erscheint diese ganze Behandlung der Hohenzollerschen Candidatur wie +eine Provocation, denn einen politischen Grund, sich so sehr darüber zu +echauffiren, sehe ich in der That nicht. Der Prinz Leopold ist kein +preußischer Prinz — und wenn er es wäre, glaubt man denn, daß er in +diesem von Parteien zerrissenen spanischen Lande preußische Politik +machen könnte? Jeder König, der dort auf den Thron steigt, wird genug zu +thun haben, um sich auf demselben zu erhalten und der inneren +Verwirrungen Herr zu werden. Ich begreife die ganze Sache nicht,“ fuhr +er fort, — „ich hoffe, daß das Alles nur ein kleines Strohfeuer sein +wird, wie man sie in Frankreich von Zeit zu Zeit anzuzünden liebt, und +daß der Kaiser Napoleon auch diesmal wie bei der Luxemburger +Angelegenheit, die doch eigentlich ernsterer Natur war, das Feuer der +Kriegspartei ein wenig dämpfen wird.“ + +„Auch ich bin davon überzeugt, Majestät,“ erwiderte Herr von Werther, +„denn nach all den Eindrücken, die ich habe, wünscht der Kaiser wirklich +aufrichtig die Erhaltung des europäischen Friedens und guter Beziehungen +zu Eurer Majestät. Indeß läßt sich nicht verkennen,“ fuhr er fort, „daß +diese Hohenzollersche Frage die öffentliche Meinung im hohen Grade +aufgeregt hat, allerdings unter Vorgang der Regierungsjournale — doch bei +meiner Abreise von Paris war diese Aufregung sehr groß, und nach dem, +was ich aus den Zeitungen sehe, steigt sie von Tage zu Tage. Ollivier +ist äußerst abhängig von der öffentlichen Meinung, der Herzog von +Gramont folgt Ollivier, und der Kaiser steht, je mehr sein Körper und +seine Nerven schwach werden, immer mehr unter dem Einfluß seiner +Minister und seiner Umgebung.“ + +„Nun,“ sagte der König, „ich werde wahrhaftig nichts dazu thun, um die +Situation zu verschlimmern, ich werde ein freundliches Entgegenkommen +zeigen, da ich wahrlich kein Interesse daran habe, den Prinzen Leopold +zu diesem spanischen Abenteuer zu treiben, aber ebenso wenig kann ich +ihm auch dasselbe verbieten, ich würde ja auch dazu eigentlich gar kein +Recht haben. Wenn er mich um Rath fragt, so ist das eine +Courtoisie, — wenn er aber meinen Rath nicht befolgen will, so kann ich +ihn kaum dazu zwingen — jedenfalls bin ich als König von Preußen der +ganzen Angelegenheit völlig fremd, meine Regierung hat mit derselben +garnichts zu thun. Nun wir werden ja sehen,“ sagte er, „gehen Sie +inzwischen zu Benedetti und erklären Sie ihm zugleich nochmals, warum +ich ihn erst am Nachmittag empfangen kann, er wohnt in der Stadt +Brüssel.“ + +Mit freundlichem Kopfnicken entließ der König den Baron Werther und +wendete sich zu dem Oberpräsidenten von Möller, einem Mann von etwa fünf +und fünfzig Jahren, dessen kluges und offenes Gesicht mit den frischen +Farben und den hellen Augen sein Alter weniger verrieth als das bereits +stark ergraute, ziemlich lang zurückgestrichene Haar. + +„Guten Morgen, mein lieber Möller,“ sagte der König, „es freut mich, Sie +hier zu sehen. Ich bin begierig, von Ihnen zu erfahren, wie es in Hessen +steht, und ob meine neuen Unterthanen dort noch immer so unzufrieden +sind, daß sie Preußen geworden sind.“ + +„Majestät,“ sagte Herr von Möller, „die allgemeine Stimmung in der +Provinz, deren Leitung Allerhöchst dieselben mir übertragen haben, +söhnt sich immer mehr mit der neuen Ordnung der Dinge aus. Alle +Vernünftigen, namentlich auch die Vertreter des Handels und der +Industrie empfinden immer mehr die Vorzüge einem großen Staatswesen +anzugehören, und ich gebe mir die größte Mühe überall auf die mildeste +Weise die alten Verhältnisse mit den neuen Zuständen zu versöhnen.“ — + +„Ganz recht, ganz recht,“ fiel der König ein, „Sie handeln darin ganz in +meinem Sinn. Man muß alle berechtigten Eigenthümlichkeiten schonen, alle +Erinnerungen an die Vergangenheit achten —“ + +„Die Erinnerungen an die Vergangenheit, Majestät, stehen uns bei der +Bevölkerung von Kurhessen vielleicht weniger entgegen, als bei +derjenigen von Hannover. Die Hessen haben viele Anhänglichkeit an die +Traditionen ihrer Vergangenheit, aber gerade durch die Persönlichkeit +des letzten Kurfürsten, der ja überall wenig Sympathie hatte, haben jene +Erinnerungen an Intensivität und Einfluß verloren. Den nachdrücklichsten +und hartnäckigen Widerstand findet die Regierung leider bei den +Geistlichen, welche befürchten, daß die Einverleibung in Preußen dem +lutherischen Bekenntniß Gefahr bringen, und daß die Einführung der Union +beabsichtigt werden könnte.“ + +Der König blieb einen Augenblick stehen und blickte sinnend vor sich +hin. + +„Mein Gott,“ fuhr er fort, „daß doch gerade die Priester des +Christenthums sich so wenig zu den Ideen der Liebe und Duldung erheben +können, welche den Erlöser selbst erfüllten. Was ist denn die Union, +dieses Werk meines unvergeßlichen Vaters, anders, als der Ausdruck der +wahrhaft christlichen Toleranz, um alle Bekenner des evangelischen +Glaubens zu einer evangelischen Kirche zu vereinigen. + +„Nun ich hoffe,“ sprach er weiter, „der gesunde Sinn der Gemeinden wird +kräftiger sein, als der eigensinnige Zelotismus der Geglichen. Uebrigens +liegt es mir ja unendlich fern, den Gewissen irgend welchen Zwang anthun +zu wollen und einen Druck zur Einführung der Union auszuüben. Sie werden +mir über das Alles noch ausführlich berichten,“ sagte er, „sobald ich +eine Stunde freie Zeit habe.“ + +Er grüßte Herrn von Möller und wendete sich zu zwei Damen, welche in +einfacher Morgentoilette an der Seite der Promenade stehen bleibend, +sich tief verneigten. + +Es waren die berliner Künstlerinnen, Fräulein Marie Keßler mit dem +anmuthig gedankenvollen Ausdruck in den weichen sinnenden Augen und +Fräulein Anna Schramm, deren lebhafte Blicke von Geist und Laune +funkelten. + +„Nun, meine Damen,“ sagte der König, „ich hoffe, daß die Vorstellung, +welche Sie mit Herrn Bethge und Herren Behrend zum Besten der +Abgebrannten in Pera veranstaltet haben, einen recht günstigen Ertrag +für die armen Opfer jener unglücklichen Catastrophe erzielt hat.“ + +„Die Rechnungen sind noch nicht abgeschlossen, Majestät,“ erwiderte +Fräulein Keßler, „doch hoffen wir, daß nach der Gesammteinnahme ein +erheblicher Ueberschuß sich ergeben wird.“ + +„Ich habe mich sehr über Ihr Unternehmen gefreut,“ sagte der König „und +spreche Ihnen nochmals meinen Dank dafür aus. Es ist ein schöner Zug des +immer mehr erstarkenden und erwachenden Nationalgefühls, daß wenn auch +im fernsten Auslande Deutsche von dem Schlage des Unglücks getroffen +werden, die besten Kräfte der Nation sich vereinigen, um ihnen +beizustehen, und es hat mich hoch erfreut, daß meine berliner Künstler +und Künstlerinnen auch in dieser Beziehung mit edlem Beispiel +vorangegangen.“ + +Mit ritterlich artigem Gruß gegen die beiden Damen schritt er weiter, +begrüßte noch die verschiedenen Bekannten auf der Promenade, während er +die vorgeschriebene Anzahl von Bechern an der Quelle leerte und kehrte +dann, vom Grafen Lehndorf gefolgt, nach seiner Wohnung im Badehause +zurück. + +Rüstigen und leichten Schrittes stieg er die Treppe hinauf, trat durch +das Wohnzimmer in den einfachen Raum, welcher ihm als Arbeitscabinet +diente; an dem Fenster dieses Zimmers stand der breite Schreibtisch; ein +Sopha und einige Lehnstühle mit rothem Plüsch überzogen, bildeten das +ganze Ameublement dieses anspruchslosen Aufenthalts des mächtigen +Monarchen. + +Der Flügeladjudant war im Vorzimmer zurückgeblieben. Der König reichte +seinen Hut und seinen Stock seinem Leibkammerdiener Engel, welcher in +ernster ruhiger Haltung, in seinem blauen Frack mit den goldenen Knöpfen +fast an einen hohen Staatsbeamten erinnernd, seinem königlichen Herrn +entgegengetreten war. + +„Ich lasse den Geheimrath Abeken bitten,“ sagte der König, setzte sich, +während der Kammerdiener hinausging, an seinen Schreibtisch und öffnete +einige für ihn dort hingelegte Privatbriefe. + +Nach kurzer Zeit trat der Geheime Legationsrath Abeken, seine +Vortragsmappe unter dem Arm in das Zimmer. + +Er war ein kleiner Mann von einundsechzig Jahren, dessen ganze +Erscheinung trotz der etwas lebhaften und nervösen unruhigen Bewegung +noch ein wenig den Stempel des geistlichen Standes trug, für den er sich +in seiner Jugend bestimmt hatte. Sein blondes Haar und sein kleiner +blonder Schnurrbart erschienen noch wenig ergraut, und aus seinen +lebhaften, scharf blickenden Augen blitzte das Feuer jugendlicher +Frische. + +„Guten Morgen, mein lieber Abeken,“ sagte der König, freundlich mit dem +Kopf nickend und seinen langjährigen vertrauten Diener, der ihn als +vortragender Rath des auswärtigen Ministeriums auf allen seinen Reisen +begleitete, die Hand reichend. „Setzen Sie sich, theilen Sie mir mit, +was Neues von Berlin gekommen ist. Ich muß Sie übrigens bitten,“ sagte +er schalkhaft lächelnd — während Herr Abeken einen Sessel heranzog und +seine Mappe öffnete — „daß Sie die Leute nicht im Schlaf stören —“ + +Herr Abeken sah ganz erstaunt den König an. + +„Ich wüßte nicht, Majestät.“ + +„Lauer hat sich beklagt,“ fuhr der König in demselben scherzhaften Ton +fort, „daß Sie und St. Blanquart am späten Abend und am frühesten Morgen +schon wieder ihn fortwährend mit dem monotonen Geräusch der Lectüre der +Zahlen des Depeschenchiffres verfolgen.“ + +„Nun Majestät,“ sagte Herr Abeken lächelnd, „ich hoffe, daran wird sich +Herr von Lauer gewöhnen, wie man sich an das Geräusch einer Mühle +gewöhnt, und wenn er nach Berlin zurückkommt, wird er das +Dechiffrirbureau neben seinem Zimmer vermissen.“ + +„Wie steht die Hohenzollersche Angelegenheit in Berlin,“ fragte der +König. „Sie wissen, daß Benedetti angekommen ist, es scheint, daß es da +einige Weitläufigkeiten geben wird.“ + +„Herr von Thiele berichtet, Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken, +indem er einen Bericht aufschlug, den er aus seiner Mappe genommen +hatte, „daß der französische Geschäftsträger Le Sourd eine äußerst +scharfe und bestimmte Sprache führe und erklärt habe, daß die +französische Regierung unter keiner Bedingung die Thronbesteigung des +Prinzen von Hohenzollern in Spanien dulden könne. Und diese Sprache des +Geschäftsträgers zusammengehalten mit den Aeußerungen des Herzogs von +Gramont im Corps legislatif flößen Herrn von Thiele die äußersten +Besorgnisse ein, und er fürchtet, daß in Paris ein Hintergedanke +bestehe. Der Legationsrath von Kendell ist nach Barzin gegangen, um dem +Grafen Bismarck persönlich über die Sache Bericht zu erstatten und +demselben den Wunsch auszusprechen, daß er, wenn möglich unter diesen +Umständen nach Berlin zurückkehren möchte.“ + +„Der arme Bismarck,“ sagte der König, „er hat seine ländliche Ruhe so +nöthig, und ich gönne sie ihm so von Herzen nach all' den Arbeiten, die +er den Winter über gehabt hat. Aber freilich,“ fuhr er fort, „wenn die +Sache, was ich noch immer nicht glauben kann, irgend wie ernsthaft +werden sollte, so wird er seine Sommerruhe wohl unterbrechen müssen. Ich +kann ja auch hier nicht ohne Minister auf irgend welche politische +Verhandlungen wirklich eingehen, doch vermag ich in der That kaum +abzusehen —“ er schwieg einen Augenblick. + +„Was haben Sie sonst noch?“ fragte er. + +„Abgesehen von dieser spanischen Frage, Majestät,“ sagte der Geheimrath +Abeken, „ist in der auswärtigen Politik völliger Stillstand. Was Eure +Majestät vielleicht besonders interessiren wird, ist ein Bericht über +die Zustände in Rumänien.“ + +Der König nickte leicht mit dem Kopf. + +„Es sieht dort bunt aus,“ sagte er. + +„Sehr bunt, Majestät,“ erwiderte der Geheimrath Abeken, „die Lage ist +dort so verworren, daß bereits in den Parteien sich Stimmen erheben, +welche das Einschreiten der Schutzmächte gegen die Verfassung von 1860 +für dringend nöthig erachten. Es scheint, daß die Zustände in Rumänien +keine freie Verfassung ertragen. In allen Schichten der Bevölkerung +fehlt es an Vertretern, welche die nötige Einsicht zur Ausübung +verfassungsmäßiger Rechte besitzen. Die Verfassung dient nur dem Ehrgeiz +der Parteien und legt der Thätigkeit des Fürsten, und wenn er persönlich +die größte Energie hätte, überall hemmende Ketten an. Gerade diejenigen +welche den Regierungsantritt des Fürsten begünstigten, die Führer der +radicalen Partei, sind am wenigsten geneigt seine Autorität zu stärken. +Sie wollen ihn zu einem lenkbaren Zögling machen und erschweren ihm das +Leben in jeder Weise, Senat und Deputirtenkammer sind seit den vier +Jahren der Regierung des Fürsten Carl schon dreimal ausgelöst, und der +Auflösung folgte jedes Mal eine Agitation durch das ganze Land, die das +öffentliche Leben aufs tiefste erschüttert.“ + +„Lassen Sie mir den Bericht hier,“ sagte der König, „der arme Carl von +Hohenzollern thut mir leid, daß er sich in diese Verwirrung hinein +begeben hat, welche zu lösen ihm kaum gelingen möchte. Es ist +merkwürdig,“ sagte er, während Herr Abeken den Bericht auf den +Schreibtisch des Königs legte, „daß das Beispiel in der Familie, den +Prinzen Leopold nicht abhält, auch seinerseits sich auf den Weg +ähnlicher Abenteuer zu begeben, die vielleicht noch unangenehmer und +verhängnißvoller werden können. Der Fürst Anton hat an diesem kleinen +rumänischen Thron schon genügend empfunden, was solche Expeditionen +kosten. Das spanische Unternehmen möchte wohl leicht noch etwas theurer +werden können. Wenn keine eiligen Sachen mehr da sind,“ sagte er dann, +„so bitte ich Sie das Uebrige für morgen zu vertagen. Ich möchte noch +hören, ob Wilmowsky etwas Dringendes vorzutragen hat und einige Briefe +lesen, die ich so eben erhalten, bevor ich Benedetti empfange,“ sagte er +mit leichtem Seufzer. „Der Kronprinz hat mir sehr ausführlich über seine +Begegnung mit dem Kaiser Alexander in Breslau geschrieben, und es ist +mir eine rechte Herzensfreude gewesen, zu sehen, daß auch dort wieder +die mir so lieben Familienbeziehungen den innigsten Ausdruck gefunden +haben. Der Kaiser hat dem Kronprinzen selbst den St. Georgsorden zweiter +Klasse an die Brust geheftet und zugleich an Fritz Carl denselben Orden +geschickt, wozu er mich schon früher um die Erlaubniß gebeten hatte. Das +Alles freut mich ungemein, die Beziehungen zu dem russischen Hause hege +und pflege ich wie ein theures Vermächtniß meines Vaters und wünsche +von Herzen, daß dieselben Beziehungen in der künftigen Generation auch +fort leben mögen.“ + +„Abgesehen von diesen Traditionen,“ sagte der Geheimrath Abeken, welcher +sich erhoben und seine Mappe unter den Arm genommen hatte, „welche ja in +der glorreichsten Geschichte Preußens wurzeln, sind die guten +Beziehungen mit Rußland auch im Hinblick auf die politischen +Verhältnisse der Gegenwart von der äußersten Wichtigkeit, und gerade in +Augenblicken wie der gegenwärtige, in welchem nach anderer Seite hin die +Keime zu Verwickelungen sich zeigen, tritt mir so recht lebhaft die +Nothwendigkeit entgegen, mit dem mächtigen Nachbar im Osten in fester +Einigkeit zu leben, damit für alle Eventualitäten nach dorthin uns der +Rücken gedeckt ist.“ + +„Nun,“ sagte der König lächelnd, „dafür ist ja gesorgt, in dieser +Beziehung dürfen wir keine Bedenken haben, nötigenfalls unsere ganze +Kraft nach der andern Seite hinzurichten. Auf Wiedersehen, mein lieber +Abeken,“ sagte der König, „wollen Sie veranlassen, daß Benedetti zum +Diner eingeladen wird. Senden Sie mir Wilmowsky und,“ fügte er lächelnd +mit dem Finger drohend hinzu, „stören Sie mir Lauer nicht wieder im +Schlaf.“ + +Der Geheime Legationsrath verließ das Cabinet. + +Kurze Zeit darauf während welcher der König noch einige der für ihn +persönlich angekommenen Briefe geöffnet und durchflogen hatte, trat der +Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky ein, auf seinem länglichen Gesicht, +dessen unterer Theil von einem kurzen weichen Bart umgeben war, lag +ruhige Heiterkeit und ein fast humoristischer Zug umgab die klaren und +scharf blickenden Augen, seine breite, von vollem ergrautem Haar +umgebene Stirn war zugleich hoch und schön gewölbt, und in seiner +Haltung zeigte er die ruhige und klare Sicherheit des Hofmannes. + +„Sind die Bestimmungen über die Feier des dritten August nunmehr +vollständig getroffen,“ fragte der König, nachdem er seinen Cabinetsrath +freundlich begrüßt und derselbe ihm gegenüber Platz genommen hatte. „Es +liegt mir diese Feier ganz besonders am Herzen. Die Aufrichtung eines +Denkmals für den hochseligen König ist eine Pflicht der Dankbarkeit, +welche ich schon lange empfunden und welche ich mich besonders freue, +noch während meines Lebens abtragen zu können.“ + +„Eure Majestät hatten befohlen,“ sagte der Geheime Cabinetsrath, „daß +von den Civilbehörden außer den Deputationen sämmtlicher in Berlin +bestehenden Behörden und der Regierung in Potsdam nur die +Oberpräsidenten der Provinzen eingeladen werden sollten.“ + +„Ganz recht,“ sagte der König, „einfach und schlicht wie der Sinn meines +Vaters war, soll auch die Feier der Enthüllung des Denkmals sein, auch +wenn kein großer Pomp entfaltet wird, so wird das Gefühl des preußischen +Volkes und seine frommen Erinnerungen dennoch diesem Act seine schöne +und hohe Bedeutung geben.“ + +„Von den Rittern des eisernen Kreuzes,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath +fort, „sollen wie Eure Majestät bestimmten, nur diejenigen von Berlin, +Potsdam und Spandau zugezogen werden —“ + +„Die Ritter des eisernen Kreuzes,“ sagte der König sinnend — „um das +Denkmal des verewigten Herrn, dessen einfacher frommer Sinn dieses +eiserne Denkzeichen an eine eiserne Zeit stiftete! Sie werden immer +weniger,“ fuhr er mit weicher Stimme fort, „diese alten Kämpfer für die +Befreiung Deutschlands — noch einige Jahre und das edle Zeichen wird aus +meiner Armee verschwunden sein, — sie werden dann dort oben Alle +versammelt sein um meinen Vater und meine Mutter — und ich auch! — So Gott +will aber soll der Geist nicht verloren gehen, welcher in jenem Zeichen +lebt, der Geist der frommen und treuen Hingebung an das Vaterland, der +Geist, der uns lehrt, das eiserne Schwert nur zu gebrauchen für eine +Sache, auf welcher der Segen des heiligen Kreuzes ruht.“ + +„Uebrigens,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky nach einigen +Augenblicken fort, „wird eine umfassende Repräsentation der Stadt Berlin +bei der Feier statt finden, worüber der Polizeipräsident von Wurmb, der +heute oder morgen hier eintrifft, Eurer Majestät noch nähere +Mittheilungen machen wird. Auch von allen Großstädten der Monarchie sind +Deputationen angemeldet, ebenso von Seiten der Provinzial-Stände.“ + +„Wenn es nur nicht zu groß und geräuschvoll wird,“ sagte der König. +„Nun,“ fuhr er fort, „Jedermann in Preußen kennt ja den Sinn meines +Vaters, und man wird verstehen, daß auch in diesem Sinne die Feier +gehalten werden muß. Es sollen Deputationen der russischen Armee +erscheinen,“ fuhr er dann fort, „ich will darüber noch mit Treskow das +nähere besprechen. Diese Aufmerksamkeit des Kaisers Alexanders freut +mich ganz besonders, der hochselige Herr legte ja stets so hohen Werth +auf die russische Freundschaft und lächelte stets so still glücklich, +wenn es im Palais hieß, die Russen kommen. Es wird ein schöner, aber +tief ergreifender Tag werden,“ sagte er, „und ich werde so recht ruhig +und zufrieden sein, wenn ich erst das liebe und so schön gelungene +Erzbild meines Vaters als ein Denkmal der großen und unvergeßlichen Zeit +werde aufgerichtet haben. Lassen Sie mir das ganze Programm hier,“ sagte +er dann, „ich will Alles genau noch prüfen, und wenn ich Wurmb gehört +habe, Alles definitiv feststellen. Was haben Sie sonst noch?“ + +Der Geheime Cabinetsrath nahm seine Papiere zur Hand und begann den +Vortrag über die laufenden Geschäftssachen, welche der König hier im +Bade mit derselben Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit erledigte, als in +Berlin. + + * * * * * + +Um drei Uhr Nachmittags erschien im Badehause der französische +Botschafter Graf Benedetti. Er war bereits zum Diner angekleidet und +trug unter dem schwarzen Frack das breite Orangeband des Ordens vom +schwarzen Adler, den Stern dieses höchsten preußischen Ordens und das +Großkreuz der Ehrenlegion auf der Brust. Sein blasses, glattes und +bartloses Gesicht, dessen runde Stirn von dünnem ergrauendem Haar +umgeben war, zeigte die vollkommenste gleichgültige Ruhe. Ein heiteres, +freundlich höfliches Lächeln lag auf seinen Lippen, und seine klaren +grauen Augen, welche selten einen bestimmten Ausdruck zeigten, blickten +so völlig unbefangen umher, daß Niemand, der den Botschafter in die +Wohnung des Königs eintreten sah, an das Vorhandensein irgend einer, +auch nur einigermaßen ernsten politischen Frage hätte glauben können. + +Der Flügeladjutant vom Dienst meldete den Botschafter sofort Seiner +Majestät und führte ihn unmittelbar darauf in das königliche +Arbeitscabinet. + +König Wilhelm hatte sich erhoben, trat dem Grafen Benedetti einen +Schritt entgegen und reichte ihm mit freundlicher Bewegung die Hand, +welche dieser, sich tief verneigend, ehrerbietig ergriff. + +„Ich glaube zu wissen, weßwegen Sie kommen,“ sagte der König, — „wir +werden uns leicht darüber verständigen und aus dieser Sache wird kein +Conflikt entstehen.“ + +Er deutete, während er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf einen +Sessel, welcher neben demselben stand. + +„Eure Majestät,“ sagte Benedetti, indem er sich niederließ, „haben die +Gnade, dieselbe Ueberzeugung auszusprechen, in welcher ich hierher +gekommen bin, — ich bin gewiß, daß es unendlich leicht sein wird, den +Gegenstand der Beunruhigung verschwinden zu lassen, welcher in den +letzten Tagen aufgetaucht ist, und welcher die Regierung des Kaisers, +meines allergnädigsten Herrn, sehr lebhaft beschäftigt.“ + +Der König blickte ruhig und erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht +des Botschafters. + +„Die öffentliche Meinung in Frankreich, Majestät,“ fuhr dieser fort, +„erblickt in der Annahme der spanischen Throncandidatur von Seiten des +Erbprinzen Leopold von Hohenzollern eine ernste Gefährdung der +französischen Interessen, und die Regierung des Kaisers, welche,“ fügte +er hinzu, „mehr als irgend eine andere Veranlassung hat, der +öffentlichen Meinung in ausgedehnter Weise Rechnung zu tragen, kann +sich, wenn sie auch weit entfernt von der allgemeinen Aufregung ist, +dennoch diesem Einfluß nicht verschließen. Eure Majestät wissen, wie +hohen Werth der Kaiser persönlich und alle Mitglieder seiner Regierung +darauf legen, daß in den Beziehungen zwischen Preußen und Frankreich +keine Trübung entstehe, und daß kein Mißverständniß die aufrichtige +Freundschaft und das Vertrauen stören, welches zum Wohl beider Nationen +besteht und zu dessen Erhaltung ich nach meinen Kräften mitzuwirken +seit Jahren den ehrenvollen und erfreulichen Beruf habe.“ + +Der König nickte wie die letzten Worte betätigend leicht mit dem Kopf, +ohne etwas zu erwidern. + +„Die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern,“ sprach Benedetti weiter, +„muß abgesehen von der Irritation in Frankreich, wie die Regierung des +Kaisers glaubt und wie auch Eure Majestät gewiß nicht verkennen werden, +auch in Spanien selbst eine große Aufregung hervorrufen und wird +unausbleiblich dort die Ursache oder wenigstens der Vorwand großer +Unruhen und Unordnungen werden. Auch in anderen Ländern, Majestät,“ fuhr +er mit fast unmerklich erhöhter Betonung fort, „hat die Sache eine +lebhafte Beunruhigung erzeugt, — wenn man den übereinstimmenden +Aeußerungen der englischen Presse Glauben schenken darf, so ist auch die +öffentliche Meinung in England einig darin, eine Combination zu +beklagen, welche die Ruhe Spaniens ebenso sehr zu bedrohen scheint, als +die guten Beziehungen, die in diesem Augenblick die großen europäischen +Mächte miteinander verbinden. Die Regierung des Kaisers hat keinen +andern Wunsch, als allen diesen Beunruhigungen so schnell als möglich +ein Ziel zu setzen, und in den Händen Eurer Majestät liegt es, diese +Wünsche, diese lebhaften und innigen Wünsche zu erfüllen. Eure Majestät +können mit einem Wort alle diese Gefahren beschwören und den Ausbruch +eines Bürgerkrieges in der pyrenäischen Halbinsel verhüten, für welche +ein Mitglied Ihres Hauses die Verantwortung tragen würde. Der Prinz von +Hohenzollern kann die spanische Königskrone nicht annehmen, ohne dazu +von Eurer Majestät autorisirt zu werden. Sobald Eure Majestät ihn von +diesem auch für ihn selbst gefährlichen Unternehmen, abzuhalten die +Gnade haben, so werden die Beunruhigungen, welche jetzt alle Welt +erfüllen, in einem Augenblick aufhören. Die hohe Weisheit Eurer Majestät +und die großherzigen Gefühle, welche Sie erfüllen, werden Ihren +Entschluß bestimmen. Ich beschwöre Eure Majestät, Europa diesen +neuen Beweis von den edlen Gesinnungen zu geben, in welchen +Allerhöchstdieselben bei jeder Gelegenheit beigetragen haben, den +allgemeinen Frieden zu erhalten und zu befestigen. Die Regierung des +Kaisers,“ fügte er hinzu, „wird in einem solchen Entschluß Eurer +Majestät eine neue und innige Befestigung der guten Beziehungen zwischen +Frankreich und Preußen erblicken und wird einen solchen Entschluß, wie +ich versichern darf, mit hoher Freude und dankbarer Anerkennung +entgegennehmen, ebenso wie sie überzeugt ist, daß derselbe in ganz +Europa allgemeine Befriedigung erregen wird.“ + +Der König hatte vollkommen ruhig und ohne ein äußeres Zeichen seiner +Gedanken die Worte des Botschafters angehört, er sah einen Augenblick +schweigend zu Boden und richtete dann den klaren Blick seines offenen, +freien Auges fest auf Benedetti. + +„Mein lieber Graf,“ sagte er, „es ist vor allen Dingen nothwendig, jedes +Mißverständniß und jede falsche Auslegung über die Art meiner +Intervention in dieser ganzen Angelegenheit auszuschließen. Alle +Verhandlungen, welche über den Gegenstand geführt wurden, haben sich +ganz ausschließlich zwischen der spanischen Regierung und dem Prinzen +von Hohenzollern bewegt. Die preußische Regierung ist allen diesen +Verhandlungen nicht nur vollkommen fern geblieben, dieselbe war ihr +sogar gänzlich unbekannt, auch ich persönlich habe in keiner Weise in +dieselbe eingegriffen. Ich habe es sogar entschieden verweigert, einen +Agenten des Marschall Prim zu empfangen, welcher in dieser Sache nach +Berlin geschickt wurde und habe mich zum ersten Male über die ganze +Frage überhaupt geäußert, als der Prinz Leopold bereits ganz entschieden +war, die ihm gemachten Vorschläge anzunehmen und meine Erklärung +darüber erbat. Dies fand bei meiner Ankunft in Ems statt, und ich habe +mich einfach darauf beschränkt, dem Prinzen zu erklären, daß ich nicht +glaubte, seinen Absichten ein Hinderniß in den Weg legen zu sollen. Die +ganze, an sich schon sehr unbedeutende Einwirkung, welche ich +meinerseits auf die Sache habe üben können, ist also rein passiver Natur +gewesen und hat sich ganz ausschließlich auf meine Stellung als Chef des +Gesammthauses Hohenzollern bezogen. Lediglich in dieser Eigenschaft und +nicht in derjenigen als König von Preußen bin ich von dem Entschluß des +Prinzen unterrichtet worden, auch habe ich meinem Ministerrath in keiner +Weise die Frage vorgelegt, und die preußische Regierung als solche, ist +außer Stande eine Interpellation über die Sache zu beantworten, die ihr +vollkommen unbekannt geblieben ist, und für welche sie ebenso wenig +verantwortlich sein kann, als irgend ein europäisches Cabinet.“ + +Der König schwieg. + +Benedetti, welcher mit schärfster, ehrerbietigster Aufmerksamkeit seinen +Worten gefolgt war, verneigte sich, wie um anzudeuten, daß er den Sinn +derselben vollkommen erfaßt habe. + +„Eure Majestät wollen mir erlauben,“ sprach er mit seiner sanften, +geschmeidigen Stimme, „ehrfurchtsvoll zu bemerken, daß die öffentliche +Meinung, namentlich diejenige in Frankreich den Sinn und die Bedeutung +des scharfen Unterschiedes in der Stellung Eurer Majestät, welche +Allerhöchstdieselben so eben hervorzuheben die Gnade hatten, nach meiner +Ueberzeugung nicht zu erfassen im Stande sein wird. Die öffentliche +Meinung sieht in dem Erbprinzen von Hohenzollern nichts anderes als ein +Mitglied der in Preußen regierenden Familie und kann sich, wie ich +glaube, von der Auffassung nicht los machen, daß der Prinz, indem er die +spanische Königskrone annimmt, in einer und derselben Dynastie zwei +Throne vereinigt. Man wird sich vergebens bemühen, diese Auffassung zu +zerstören, das Nationalgefühl Frankreichs ist vollkommen einig in dieser +Auffassung, und Eure Majestät werden die Gnade haben, anzuerkennen, daß +es der Regierung des Kaisers unmöglich ist, dieser Auffassung gegenüber +gleichgültig zu bleiben. Die Regierung des Kaisers befindet sich in der +Nothwendigkeit — und ist entschlossen, jener Auffassung der öffentlichen +Meinung mit vollem Ernst Rechnung zu tragen.“ + +„Wenn man die Sache,“ sagte der König, „von einer andern Seite auffaßt, +so wird doch aber die Regierung des Kaisers nicht verkennen wollen, daß +die gegenwärtige Regierung in Spanien von allen Mächten anerkannt und in +ihren Entschließungen vollkommen souverain ist. Ich vermag nicht +einzusehen,“ fuhr er fort, „mit welchem Recht eine europäische Macht +sich der Thronbesteigung eines Königs widersetzen könnte, welcher durch +die Vertreter des spanischen Volkes frei gewählt werden würde. Wie der +spanische Gesandte in Berlin mitgetheilt hat,“ fuhr er fort, — „und dies +ist,“ fügte er mit Betonung hinzu, „die erste und einzige Mittheilung, +welche die preußische Regierung überhaupt in der ganzen Angelegenheit +erhalten hat, — werden die spanischen Cortes auf den zwanzigsten dieses +Monats zusammen berufen werden. Wenn wirklich für die innere Ruhe +Spaniens aus der Candidatur des Prinzen Leopold diejenigen Gefahren zu +besorgen sein sollten, auf welche Sie, mein lieber Graf, vorhin +aufmerksam gemacht haben, so wird es Sache der Cortes sein, jede +Candidatur zurückzuweisen und damit die ganze Sache zu beendigen.“ + +„Ich bitte um die Erlaubniß, Eurer Majestät bemerken zu dürfen,“ +erwiderte Graf Benedetti, „daß die Regierung des Kaisers weit entfernt +ist, das freie Selbstbestimmungsrecht des spanischen Volkes beschränken +zu wollen. Die kaiserliche Regierung hat nur die Ueberzeugung, daß die +Combination, welche eigentlich persönlich von dem Marschall Prim +ausgegangen ist, die Quelle großer und trauriger Verwickelungen sein +würde. Solchen Verwickelungen gegenüber werden Eure Majestät gewiß +selbst ein Mitglied Ihrer hohen Familie nicht zur Annahme der Krone +autorisiren wollen. Eure Majestät halten allein das Mittel in Händen, um +einer so gefahrvollen Lage ein Ende zu machen; und ich bin beauftragt, +mich mit der dringenden Bitte an die Weisheit Eurer Majestät zu wenden, +von diesem Mittel Gebrauch zu machen.“ + +„Die Parteien in Spanien,“ sagte der König „sind so zahlreich und so +viel gespalten, daß auch die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern kaum im Stande sein würde, dort einen Bürgerkrieg zu +vermeiden. Die Parteien sind es dort gewohnt, sich dem Beschluß der +Majorität nicht zu fügen und mit den Waffen in der Hand, ihre Rechte +oder ihre Ansichten zu vertreten.“ + +„Ich erkenne vollkommen die Wahrheit der Bemerkung Eurer königlichen +Majestät an,“ erwiderte Benedetti, indem seine schlanke Gestalt sich +etwas zusammenbog — „indessen würde jedenfalls, wenn es trotz der +Verzichtleistung des Prinzen Leopold in Spanien zu Unruhe und Kämpfen +kommen sollte ein Mitglied Ihres Hauses nicht die Verantwortung für +vergossenes Blut zu tragen haben.“ + +Der König senkte einen Augenblick nachdenklich den Blick zu Boden. + +„Mein lieber Graf,“ sagte er dann, „Sie können überzeugt sein, daß ich +den aufrichtigen Wunsch hege, eine Situation verschwinden zu lassen, +welche zu Verwickelungen und Mißverständnissen Veranlassung giebt. Ich +muß indeß noch einmal darauf zurückkommen, daß meine ganze persönliche +Stellung zu der Frage eine rein negative, wenigstens vollkommen passive +ist. Ich habe wahrlich in keiner Weise den Prinzen Leopold irgend wie +zur Annahme der ihm angetragenen Candidatur ermuntert, ich habe mich +lediglich darauf beschränkt, seinen Entschlüssen kein Hinderniß in den +Weg zu legen. Von diesem Standpunkt würde ich mich auch jetzt nur sehr +schwer entfernen können, ich kann den Prinzen eben so wenig, wie ich ihn +zu seinem Entschluß ermuthigt habe, auch jetzt nicht zwingen, von +demselben zurückzukommen. Mir scheint, daß die Regierung des Kaisers, +wenn sie wirklich in dieser Sache so große Gefahren erblickt, die ich +noch nicht zu sehen im Stande bin, allen ihren Einfluß in Madrid +aufwenden sollte, um die dortige Regierung zu bestimmen, daß sie auf das +Projekt verzichte.“ + +„Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Majestät zu bemerken, +daß die Regierung des Kaisers in keiner Weise in das freie +Selbstbestimmungsrecht der spanischen Nation eingreifen möchte. Sie +würde die Schwierigkeit der ganzen Lage nur unendlich vergrößern, die +kaiserliche Regierung hat vielmehr geglaubt, daß der leichteste und +einfachste Weg zur Erledigung der ganzen Angelegenheit der sei, wenn +Eure Majestät Allerhöchst Ihre mächtige Autorität gebrauchen, um durch +die Verzichtleistung des Prinzen diese Candidatur verschwinden zu +lassen. Ich darf mir erlauben, Eure Majestät auf die Präcedenzfälle in +Betreff Griechenlands und Neapels aufmerksam zu machen, in welchen +ebenfalls das Prinzip festgestellt wurde, daß Prinzen, welche der +Dynastie einer Großmacht angehören, nicht zu gleicher Zeit Souveraine +eines anderen Landes sein sollen, und auch der Kaiser, mein +allergnädigster Herr, hat persönlich dies Prinzip anerkannt, indem er +dem Prinzen Murat die Bewerbung um den neapolitanischen Thron +untersagte. Eure Majestät werden sich um so mehr in diesem Sinne +entscheiden können, als ja Preußen und Deutschland keinen Antheil an den +bisherigen Versammlungen genommen haben, also auch keine Concessionen zu +machen haben würden, während für Frankreich sehr ernste Interessen auf +dem Spiel stehen und während dort, wie ich mir zu wiederholen erlauben +muß, die öffentliche Meinung sich in einer sehr bedenklichen Aufregung +befindet, einer Aufregung, welche auch der Baron Werther vor seiner +Abreise hat wahrnehmen können, und über welche er, wie ich nicht +zweifle, Eurer Majestät Bericht erstattet haben wird.“ + +„Diese Aufregung der öffentlichen Meinung in Frankreich ist mir +bekannt,“ sagte der König, „die Thatsache ihrer Existenz beweist aber +noch nichts für ihre Berechtigung und dann muß ich Ihnen aufrichtig +sagen, daß die Erklärung, welche der Herzog von Gramont im Corps +legislatif abgegeben hat, mir weit eher dazu geneigt scheint, die +öffentliche Meinung noch mehr zu echauffiren, als sie zu beruhigen. Der +erste Theil der Erklärung des Herzogs,“ fuhr der König fort, „ist sehr +richtig und sehr correct. Indessen muß ich Ihnen gestehen, daß der +Schlußsatz derselben mich allerdings sehr peinlich berührt hat. Die +Worte, welche der Herzog über die Absichten einer fremden Macht +gesprochen hat, können doch nur auf Preußen bezogen werden. Wie ich +Ihnen gesagt, hat die preußische Regierung an der ganzen Sache nicht den +geringsten Antheil gehabt. Jene Worte machen daher fast den Eindruck +einer Provokation, und wenn ich auch eine solche in denselben nicht +finden will, so wird doch dieser Eindruck in Deutschland vorhanden sein, +und er kann dazu beitragen, daß auch in Deutschland die öffentliche +Meinung sich aufzuregen beginnt, wodurch dann allerdings die ganze +Situation sehr erheblich verschlimmert werden würde.“ + +Der König hatte die letzten Worte mit etwas erhöhtem Tone gesprochen, +ohne daß indeß von seinem Gesicht der Ausdruck ruhiger und freundlicher +Höflichkeit verschwunden war. + +„Ich möchte Eure Majestät bitten, zu berücksichtigen,“ erwiderte +Benedetti, „daß der Herzog von Gramont sich in einer auf's höchste +aufgeregten Versammlung befand und daß es ihm vor allen Dingen darauf +ankommen mußte, jede aufreizende und gefährliche Discussion +abzuschneiden und deshalb eine Erklärung abzugeben, welche dieser +Versammlung versicherte, daß für den Fall einer Gefährdung der Ehre und +der Interessen Frankreichs die Haltung der kaiserlichen Regierung eine +feste und entschiedene sein werde. Eure Majestät werden anerkennen, daß +die Erklärung des Herzogs von Gramont ihm nur durch den dringenden +Wunsch dictirt sein kann, die ganze Frage offen zu halten und alle +Erörterungen auszuschließen, welche den guten Beziehungen zu Preußen, +auf welche der Kaiser und seine Regierung einen so hohen Werth legen, +hätten gefährlich werden können.“ + +Der König schüttelte langsam den Kopf, als verstehe er diese +Argumentationen des Botschafters nicht. + +„Ich begreife nicht,“ sagte er, „wie die Ehre und die Interessen +Frankreichs durch den Entschluß des Prinzen von Hohenzollern berührt +werden können. Die Verhandlungen, welche zu diesem Entschluß geführt +haben, sind ja durch die Regierung in Madrid aus freiem Antriebe +begonnen. Keine Regierung hat an denselben irgend welchen Antheil +genommen, ich begreife nicht, wie daraus irgend ein Conflikt entstehen +kann. Und ich will nicht annehmen,“ fügte er mit scharfer Betonung +hinzu, indem er voll Würde und Hoheit den Kopf emporhob, „daß der Krieg +aus einem Fall sich entwickeln könne, bei welchem gar keine europäische +Macht betheiligt ist.“ + +Ein leichtes Zucken zeigte sich in den Augenwinkeln Benedetti's, wie +abwehrend hob er ein wenig die Hand empor und rief: + +„An eine solche Eventualität, Majestät, auch nur zu denken, kann mir +nicht in den Sinn kommen. Meine Anwesenheit hier in Ems allein beweist +schon, wie dringend die Regierung des Kaisers eine versöhnliche und +allgemein befriedigende Lösung der so plötzlich entstandenen +Schwierigkeiten ersehnt, gerade um zu einer solchen Lösung zu gelangen, +bin ich beauftragt worden, Eurer Majestät alle diejenigen Gesichtspunkte +darzulegen, welche uns zwingen, die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern dringend zu wünschen.“ + +„Ich kann Ihnen nur nochmal wiederholen,“ sagte der König, „daß es mir +unendlich fern liegt, den Prinzen Leopold zur Annahme der spanischen +Königskrone zu ermuthigen oder auch eine solche Annahme seinerseits nur +zu wünschen, indeß muß ich ihm schon deßhalb, weil er nicht unmittelbar +zu meinem königlichen Hause gehört und kein preußischer Prinz ist, die +volle Freiheit seines Entschlusses lassen, seine Annahme zurückzuziehen. +Indeß,“ fügte er hinzu, „um Ihnen zu beweisen, wie sehr auch ich eine +allseitig befriedigende Lösung wünsche, kann ich Ihnen mittheilen, daß +ich sogleich, als ich von der großen Aufregung in Frankreich +unterrichtet worden bin, mich mit dem Fürsten Anton, der sich in +Sigmaringen befindet, in Verbindung gesetzt habe, um ihn über seine und +des Prinzen Leopold Ansichten zu befragen und zu erfahren, wie sie über +die in Frankreich durch den Entschluß des Prinzen Leopold +hervorgerufenen Aufregung dächten. + +Wenn der Prinz Leopold und sein Vater die ganze Erörterung über den +Gegenstand zu beseitigen geneigt wären, so würden ja dadurch alle +Schwierigkeiten gehoben, — einen Einfluß auf ihre Entschlüsse auszuüben, +aber halte ich mich nicht für berechtigt, und Sie begreifen, mein lieber +Graf, daß ich erst dann in der Lage sein werde, unsere heutige +Unterredung fortzusetzen, wenn ich genaue Mittheilungen über die +Beschlüsse des Fürsten Anton und seines Sohnes haben werde.“ + +Der König sagte die letzten Worte in einem Ton, welcher andeutete, daß +er die Unterredung für beendet halte. + +Benedetti verneigte sich tief, ohne indeß aufzustehen und sagte: + +„Ich muß mir erlauben Eurer Majestät ehrerbietigst zu bemerken, daß die +Regierung des Kaisers sich der stets wachsenden Aufregung der Kammer und +der Presse gegenüber, in großer Verlegenheit befindet und dringend +wünschen muß, so bald als irgend möglich bestimmte Erklärungen über die +endgültige Erledigung dieses Incidenzfalles abgeben zu können. Eure +Majestät würden mir daher eine besondere Gnade erweisen, wenn Sie mir +ungefähr den Zeitpunkt bezeichnen könnten, bis zu welchem Sie im Besitz +der zu erwartenden Nachricht sein können.“ + +Der König sann einen Augenblick nach. + +„Ich kann den Telegraphen nicht benutzen,“ sagte er dann, „ich habe hier +in Ems keinen Chiffre, durch den ich mit dem Prinzen Anton +correspondiren kann. Ich weiß auch nicht ganz genau, wo der Prinz +Leopold sich in diesem Augenblick befindet, — indeß kann es unmöglich +lange dauern. Ich hoffe, sehr bald genau unterrichtet zu sein und werde +Sie dann sofort benachrichtigen.“ + +Benedetti erhob sich. + +„Ich stehe zu Eurer Majestät Befehl,“ sagte er, „und habe nur noch den +dringenden Wunsch auszusprechen, daß Allerhöchstdieselben mich bald in +die Lage setzen möchten, meiner Regierung die glückliche und +befriedigende Beseitigung der ganzen Angelegenheit mittheilen zu +können.“ + +„Ich sehe Sie noch bei der Tafel, mein lieber Graf,“ sagte der Kaiser, +indem er Benedetti die Hand reichte, „und hoffe, daß Ihr Aufenthalt hier +in Ems, so gern ich Sie hier auch sehe, sich nicht zu sehr verlängere, +und daß Sie bald Ihre unterbrochene Kur in Wildbad wieder aufnehmen +können.“ + +Mit tiefer Verneigung verließ Benedetti das Cabinet, begab sich durch +das Vorzimmer in den länglichen einfenstrigen Raum, in welchem bereits +die zum Diner befohlenen Personen sich versammelten. + +Der König klingelte. Sein Kammerdiener Engel erschien und in kurzer Zeit +hatte Seine Majestät die Toilette für das Diner beendet. + +„Rufen Sie mir Abeken noch einmal,“ sagte der König. + +Wenige Minuten darauf trat der Geheime Legationsrath Abeken ebenfalls +zum Diner angekleidet in das Zimmer. + +Ernst und sinnend sagte der König: + +„Sie verlangen von mir die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern, sie wollen sich nicht nach Spanien wenden, — es ist in dem +Allen ein Hintergedanke, ich fühle das an dem ganzen Wesen Benedetti's, +er macht mir den Eindruck, daß er schärfere Instructionen hat, als seine +Worte erkennen lassen. Diese fast absichtliche Mühe, die man sich giebt, +um die Sache zu einer Frage zwischen Deutschland und Frankreich zu +machen, was sie doch nicht ist, kommt mir ein wenig bedenklich vor — und +je mehr man sie zu einer deutschen Frage macht, um so weniger bin ich +meinerseits im Stande, irgend eine Concession zu gewähren. Jedenfalls +telegraphiren Sie nach Berlin, daß Bismarck hierher kommen möge; wenn +die Sache irgend eine ernstere Dimension annimmt, muß ich ihn doch bei +mir haben. Auch wäre es gut,“ fügte er hinzu, „wenn Moltke von seinem +Urlaub zurückkäme, es ist immer besser, für alle Fälle vorbereitet zu +sein, als überrascht zu werden. Nach dem Diner theilen Sie mir sogleich +alle Nachrichten mit, die weiter von Berlin gekommen sind.“ + +Der Geheime Legationsrath ging hinaus. + +„Sollte es möglich sein,“ sprach der König mit tiefem Sinnen an das +Fenster tretend, „daß auch dieser Kampf mir noch beschieden wäre? Die +Mahnung an das Standbild meines Vaters — an das eiserne Kreuz ließen so +lebhaft in mir die Bilder jener alten vergangenen Zeiten +heraufsteigen, — nun,“ sagte er den Blick über die grünen Bäume hin zum +Himmel richtend, „in dieser Mahnung liegt auch die Bürgschaft für die +Zukunft Preußens und Deutschlands, — wenn Gott den Kampf beschlossen, so +wird auch Gott mit uns sein in diesem Kampf!“ + +Die Thür des Cabinets wurde geöffnet, der Hofmarschall Graf Perponcher +trat ein, meldete Seiner Majestät, daß das Diner servirt sei und schritt +dann dem Könige voran in den kleinen Versammlungssaal, in welchem das +Gefolge und die zur Tafel befohlenen etwa vierzehn Personen versammelt +waren. + +Der König grüßte die Anwesenden huldvoll und heiter und schritt in den +Speisesaal voran, in welchem die königlichen Jäger in ihrer +geschmackvollen grünen und silbernen Livree zum Service bereit standen. + +Graf Benedetti nahm neben Seiner Majestät Platz, der König unterhielt +sich mit ihm während des ganzen Diners in so liebenswürdig, freundlicher +und unbefangener Weise, daß alle Anwesenden die Ueberzeugung gewannen, +es könnten keine ernsthaften drohenden Wolken am politischen Horizont +bestehen, und daß diese Ueberzeugung in schnell sich fortpflanzender +Mittheilung am Abend die ganze Badegesellschaft von Ems durchdrungen +hatte. + + + + +Siebentes Capitel. + + +Die Sonne sank bereits unter den Horizont und der alte Park von St. +Cloud mit fernen gewaltigen Riesenbäumen hüllte sich in dunkle Schatten, +als der Wagen des Herzogs von Gramont in das kaiserliche Schloß einfuhr. + +Der Herzog stieg aus und schritt eiligst die Treppe zu den Appartements +des Kaisers hinauf, in welche er nach der Meldung des Dienst thuenden +Adjutanten unmittelbar eingeführt wurde. + +Auf dem Tisch des Kaisers brannte bereits eine hohe Lampe mit großem +flachem Schirm von bläulichem Glas, während durch das geöffnete Fenster +mit den Düften der blühenden Rosenbeete die letzten Strahlen des +sinkenden Tages hineindrangen. + +Der Kaiser, welcher sich nach dem Familiendiner so eben zurückgezogen +und den Frack mit einem leichten weiten Sommerrock vertauscht hatte, +lag halb in einem jener großen amerikanischen Schaukelstühle von feinen +elastischen Holzstreifen, den Kopf auf eine an der Lehne des Stuhls +hängende Schlummerrolle gestützt und in ruhiger Träumerei seine Cigarre +rauchend. Mit einem leisen Seufzer über die Störung seines Dolce far +niente erhob er sich mit einiger Mühe und ging dem Minister einige +Schritte entgegen, welcher sich in einer gewissen Erregung zu befinden +schien. + +„Ich habe Eurer Majestät eine günstige und wichtige Nachricht +mitzutheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „und Ihre Befehle zu +erbitten, wie die durch dieselbe geschaffene neue Situation behandelt +werden soll.“ + +Der Kaiser athmete wie erleichtert auf. + +„Hat der König Wilhelm die Forderung Benedetti's erfüllt,“ fragte er. +„Ist dieser unangenehme und peinliche Fall erledigt?“ + +„Der Prinz von Hohenzollern, Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „hat +seine Candidatur zurückgezogen. Olozaga ist so eben bei mir gewesen, um +mir dies mitzutheilen und nach einem Telegramm von Benedetti hat der +König Wilhelm ihm ebenfalls die Verzichtleistung des Prinzen durch einen +Adjutanten mittheilen und erklären lassen, daß er diese +Verzichtleistung autorisire.“ + +„Ah,“ sagte der Kaiser mit zufriedenem Lächeln, „unser energisches +Auftreten hat also schnell seine Früchte getragen.“ + +„Wie immer, Sire,“ sagte der Herzog mit dem Ausdruck stolzer +Befriedigung, „für eine Macht wie Frankreich ist Energie und Festigkeit +immer die beste Politik, und ich freue mich von ganzem Herzen, daß durch +unser Auftreten in dieser Sache nicht nur vor der Nation, sondern vor +ganz Europa der Beweis geliefert worden ist, daß das Wort Frankreichs +noch nicht ungehört verhalle, und daß die Zeit beendet sei, in welcher +man glaubte, ohne unsere Zustimmung die großen und wichtigen +europäischen Fragen entscheiden zu können. Das einfache Wort Eurer +Majestät hat genügt, um diese Combination des Grafen von Bismarck +scheitern zu lassen. Die Situation hat sich ungemein günstig für uns +verändert, denn wir haben alle europäischen Cabinette für uns, welche +sämmtlich in der Thronbesteigung eines Hohenzollerschen Prinzen in +Spanien eine bedenkliche Gefahr für die Ruhe und das Gleichgewicht +Europas erblickten. Es kommt nun nur darauf an, den Erfolg, den wir +errungen haben, vor den Kammern und der öffentlichen Meinung in das +richtige Licht zu stellen, damit alle die Feinde der Regierung sich +überzeugen, daß das Kaiserthum noch groß und glänzend da steht, und daß +Frankreich nach der langen Zurückhaltung, welche auf die Schlacht von +Sadowa folgte, wieder entschlossen ist, mit entscheidender Hand in die +Politik einzugreifen.“ + +„Sehr gut, sehr gut,“ sagte der Kaiser, „das wird einen vortrefflichen +Eindruck machen. Wir haben da einen großen Schlag gethan, und zwar ohne +alle heftigen Verwickelungen und ohne daß selbst unsere Beziehungen zu +Preußen irgend wie getrübt werden, denn Benedetti berichtet ja, daß er +mit der größten Auszeichnung vom Könige Wilhelm behandelt worden sei. +Ich gratulire Ihnen, mein lieber Herzog, zu diesem ersten Debut als +Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Es ist ein Triumph ohne Opfer, +und ich bin überzeugt, daß einem solchen vortrefflichen Anfang immer +glänzendere Resultate folgen werden.“ + +Er reichte dem Herzog die Hand, welche dieser, sich verbeugend, mit +strahlendem Lächeln ergriff. + +„Es kommt nun darauf an,“ fuhr der Kaiser fort, „die Fassung der +Mittheilungen dieses so erfreulichen Ereignisses für die Kammer und die +Journale fest zu stellen. Es thut mir leid, Sie wieder fort zu +schicken, aber ich glaube, Sie müssen sogleich nach Paris zurückkehren, +sich mit Ollivier darüber zu verständigen. Er ist ja Meister in der +Redewendung, setzen Sie mit ihm eine Erklärung auf, welche in solenner +Weise die ganze Angelegenheit beendet und ohne Preußen zu verletzen, im +Gegentheil mit anerkennendem Ausdruck für die Weisheit und das +Entgegenkommen des Königs Wilhelm, dennoch unsern Sieg in helles Licht +stellt.“ + +„Ollivier,“ erwiderte der Herzog, „hat die Nachricht bereits privatim im +Corps legislatif verschiedenen Deputirten mitgetheilt, die Befriedigung +darüber war allgemein.“ + +„Um so besser,“ sagte der Kaiser, „wird morgen die feierliche Erklärung +aufgenommen werden. Ich bitte Sie also, dieselbe aufzusetzen und sie +mir, so bald Sie sie redigirt haben, mittheilen zu lassen — auf +Wiedersehen, lieber Herzog. Nachdem wir diesen Sturm beschworen haben,“ +fügte er lächelnd hinzu, „hoffe ich, Sie auf einige Tage hier zu sehen, +um sich in ländlicher Ruhe von den Aufregungen der letzten Tage etwas zu +erholen.“ + +Der Herzog empfahl sich Seiner Majestät und verließ immer das stolze +zufriedene Lächeln auf den Lippen das Cabinet. + +Der Kaiser athmete erleichtert auf, blickte einen Augenblick schweigend +nach dem in immer tiefere Schatten versinkenden Park hinaus und ergriff +dann eine neue Cigarre, um sie anzuzünden und sich abermals der durch +den Besuch seines Ministers unterbrochenen Träumerei zu überlassen. + +Da öffnete sich schnell die Thür, General Favé erschien und sagte: + +„Der österreichische Botschafter bittet Eure Majestät, ihn empfangen zu +wollen.“ + +Verwundert blickte der Kaiser auf. + +„Metternich,“ sagte er, „zu dieser Stunde? Was kann er bringen? — bitten +Sie ihn, einzutreten.“ + +Indem er seufzend seine Cigarre wieder fortlegte, ging er einige +Schritte dem Fürsten Richard Metternich entgegen, den der General in das +Cabinet führte. + +Der Sohn des großen Staatsmannes, welcher einst so lange die Geschicke +der österreichischen Monarchie und ein wenig diejenigen von ganz Europa +in seinen Händen gehalten hatte, war damals ungefähr zwei und vierzig +Jahre alt. Er war eine angenehme, sympathisch anmuthende Erscheinung, +die Fülle seiner Gestalt that der elastischen Eleganz seiner Bewegungen +keinen Eintrag, sein etwas bleiches Gesicht, auf dessen hohe Stirn die +leicht gelockten, dünn gewordenen Haare herabfielen, war von einem +starken, lang hinab hängenden Backenbart umrahmt; seine edel +geschnittenen Züge zeigten den Ausdruck ruhiger und sorgloser +Heiterkeit, während seine geistvollen Augen zugleich scharf beobachtend +umher blickten. Heute aber lag auf diesem Gesicht eine gewisse unruhige +Aufregung — ernst erwiderte er die Begrüßung des Kaisers und sprach, +indem er sich auf den Wink desselben ihm gegenüber setzte, mit leicht +erregter Stimme: + +„Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, daß ich es wage, noch in so +vorgerückter Abendstunde um Gehör zu bitten; aber die beunruhigenden +Nachrichten, welche die ganze politische Welt erfüllen, machen es mir +zur Pflicht, mich unverzüglich des Auftrages zu entledigen, welchen der +Graf Beust, der seine Badekur in Gastein verschoben hat, mir so eben +ertheilte.“ + +Der Kaiser lächelte ein wenig, neigte leicht das Haupt und sprach: + +„Sie wissen, lieber Fürst, daß Ihr Besuch mir zu jeder Zeit angenehm und +erfreulich ist, auch wenn Sie mir keine Mittheilung des Grafen Beust zu +machen hätten. Der Besuch eines Freundes ist immer willkommen, und zu +meinen Freunden gehört der Fürst Metternich ebenso sehr als der +Botschafter des Kaisers von Oesterreich.“ + +Der Fürst dankte durch eine ehrerbietige Verneigung für die freundlichen +Worte des Kaisers und fuhr dann in demselben ernsten Ton wie vorher +fort: + +„Das gütige Wohlwollen Eurer Majestät, von welchem ich schon so viele +Beweise erhalten habe, und welches Sie so eben von Neuem auszusprechen +die Gnade haben, giebt mir die Hoffnung, daß Sie auch dem, was ich Ihnen +zu sagen habe, ein gnädiges und aufmerksames Ohr schenken werden. Sire,“ +sprach er weiter, „die Regierung meines allergnädigsten Herrn kann sich +der Besorgniß nicht erwehren, daß die Erörterungen, welche zwischen +Frankreich und Preußen in diesem Augenblick über die Hohenzollersche +Candidatur Statt finden, bei der hoch gehenden Aufregung der +Volksstimmung in Frankreich und bei dem Beginn einer ähnlichen Aufregung +in Deutschland zu ernsten Conflicten und gefährlichen Catastrophen +führen möchte. Ich habe zu verschiedenen Zeiten zu meiner großen +Genugthuung Gelegenheit gehabt, Eurer Majestät gegenüber zu constatiren, +daß die politischen Interessen Frankreichs und Oesterreichs in allen +großen Fragen die gleichen seien, und daß eine gleichmäßige Behandlung +aller dieser Fragen im Interesse beider Staaten liege. Die gleiche +Versicherung hat auch der Herzog von Gramont während seines Aufenthalts +in Wien bei jeder Gelegenheit von dem Reichskanzler selbst erhalten.“ + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf. + +„Graf Beust hat aber bei allen solchen Gelegenheiten,“ fuhr der Fürst +Metternich fort, „dem Herzog gegenüber auch ganz bestimmt betont, daß +Oesterreich noch auf lange hinaus nicht in der Lage sei, an irgend einer +militairischen Action, selbst wenn dieselbe in seinem Interesse liegen +könnte, Theil zu nehmen, ohne dadurch die ruhige Entwickelung und damit +die Zukunft der österreichischen Monarchie auf das Höchste zu gefährden, +und daß es deßhalb für die österreichische Politik geboten sei, überall +und zu jeder Zeit zur Vermeidung von Conflicten beizutragen, welche +geeignet wären, kriegerische Consequenzen herbeizuführen. Der +_gegenwärtige_ Augenblick und die zwischen Frankreich und Preußen +schwebende Frage scheinen nun, wie ich zu bemerken die Ehre hatte, die +Befürchtung solcher Consequenzen sehr nahe zu legen, und ich bin deßhalb +beauftragt, Eurer Majestät bestimmt zu erklären, daß Oesterreich, wenn +aus dieser Hohenzollerschen Candidatur kriegerische Entwickelungen +entstehen sollten, nicht im Stande sei, in denselben irgend eine active +Rolle zu spielen und sich auf die Seite Frankreichs zu stellen.“ + +Der Kaiser blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder, dann +sagte er. + +„Mein lieber Fürst, die Erklärung, welche Herr von Beust mir da durch +Sie abgeben läßt, überrascht mich in ihrem allgemeinen Inhalt nicht, +dennoch scheint mir ihre bestimmte Wiederholung gerade in diesem +Augenblick nicht vollkommen mit der auch vom Grafen Beust anerkannten +Identität der politischen Interessen Oesterreichs und Frankreichs +übereinzustimmen. Sollte ich jemals in einen ernsten Conflict mit +Preußen gerathen, so würde, scheint es mir, der Augenblick gekommen +sein, in welchem jene Identität der Interessen sich practisch zu +bethätigen hätte, — wenn sie überhaupt irgend eine Bedeutung haben +soll, — und Oesterreich müßte doch in der That mit Freuden eine solche +Gelegenheit begrüßen, welche ihm die Möglichkeit bietet, ohne große +eigene Gefahr das im Jahre 1866 Verlorene wieder zu gewinnen; von vorn +herein eine solche Gelegenheit ausschließen zu wollen, scheint mir nicht +im Interesse Oesterreichs zu liegen, und wenn eine solche Erklärung +öffentlich abgegeben wird, — wenn sie auch andern Cabinetten bekannt +wird,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, „so wird das sehr wenig +dazu beitragen können, die nachdrückliche Vertretung der Interessen +Frankreichs zu unterstützen.“ + +„Sire,“ erwiderte der Fürst Metternich, „nach meiner Ueberzeugung, +welche wie ich glaube auch diejenige des Grafen Beust ist, würde es +allerdings Eventualitäten geben, unter denen es für Oesterreich +vortheilhaft, ja geboten erscheinen könnte, im Verein mit Frankreich +Preußen von der 1866 eroberten Stellung zurückzuwerfen, — eine solche +Eventualität könnte aber nur dann eintreten, wenn einmal der _Grund_ des +Conflicts Oesterreich das Recht und die Möglichkeit gebe, in demselben +Stellung zu nehmen und wenn sodann die Aussichten des Erfolges +einigermaßen sicher sind. In diesem Augenblick ist aber beides nicht der +Fall. Der einzige Kriegsgrund für Oesterreich könnte in einem Eingriff +Preußens in die unabhängige Selbstständigkeit der Süddeutschen Staaten +liegen; bei einem solchen Kriegsgrund würde ein großer Theil der +deutschen Nation auf Oesterreichs Seite stehen, und der Kampf würde die +großen Fragen von 1866 wieder aufnehmen unter der Mitwirkung +Frankreichs, welche damals die Verhältnisse Eurer Majestät unmöglich +machten. Gegenwärtig ist aber von einem solchen Kriegsgrunde nicht die +Rede, der Erbprinz von Hohenzollern ist ein deutscher Fürst, und wenn +Preußen einen Krieg annehmen sollte, weil Frankreich sich der +Thronbesteigung eines deutschen Prinzen in Spanien widersetzt, so würde +das Nationalgefühl sich auf die Seite Preußens stellen, und eine +Alliance Oesterreichs mit Frankreich würde in diesem Falle nur dazu +beitragen, Oesterreich als den Nationalfeind Deutschlands vor dem Volk +erscheinen zu lassen, das heißt, uns jede moralische Unterstützung zu +rauben, welche in einem solchen Kampf unumgänglich nothwendig ist. +Außerdem aber, Sire,“ fuhr er fort, „sind die Chancen des Erfolges, wie +es mir scheint, äußerst unsicher. Unsere militairischen Vorbereitungen +sind nicht beendet, unsere Finanzen sind noch nicht geordnet, schon aus +diesem Grunde würde Oesterreich zu einer nachdrücklichen Kriegführung +kaum im Stande sein —“ + +„Man würde aber doch,“ fiel der Kaiser ein, „lediglich durch eine +drohende Haltung große preußische Truppenmassen absorbiren.“ + +„Auch das ist nicht möglich, Sire,“ sagte Fürst Metternich seufzend, +„denn leider muß ich Eurer Majestät mittheilen, daß von Seiten Rußlands +uns deutlich zu verstehen gegeben worden, jede feindliche Bewegung +gegen Preußen werde sofort gleiche Schritte Rußlands gegen unsere +Grenzen zur Folge haben. Damit würde also unsere Drohung wirkungslos +gemacht und wir gezwungen werden, unsere disponiblen Truppen zur +Selbstvertheidigung an die russische Grenze zu schicken.“ + +„Der Kaiser Alexander,“ fiel Napoleon ein, „hat sich aber doch +entschieden gegen die Hohenzollersche Kandidatur erklärt und versichert +außerdem den General Fleury unausgesetzt seiner Freundschaft und seiner +Sympathien gegen Frankreich.“ + +„Das Alles wird nicht hindern, Sire,“ sagte der Fürst Metternich, „daß +wenn es wirklich zum Conflict kommt, Rußland sehr entschieden auf die +Seite Preußens treten und wenigstens ganz bestimmt Oesterreich +verhindern wird, irgend etwas zu unternehmen. Ich beschwöre also Eure +Majestät,“ fiel er lebhafter sprechend fort, „glauben zu wollen, daß +Oesterreich sich von der Liga der Neutralen nicht wird trennen +können — ich bitte Eure Majestät inständigst, in dieser ganzen Sache +keinen Schritt zu thun, der zu unheilbaren Conflicten führen kann, denn +Eure Majestät würden ganz isolirt sein und sich dem hoch aufgeregten +deutschen Nationalgefühl gegenüber befinden, welches, von Preußen +organisirt, ein furchtbar gefährlicher Gegner sein wird.“ + +„Glauben Sie,“ sagte der Kaiser, den Blick scharf und forschend auf +Metternich richtend, „daß das deutsche Nationalgefühl in Baiern und +Würtemberg sich jemals für Preußen wird erheben können, da man dort doch +einsehen muß, daß wenn man unter preußischer Führung gegen Frankreich zu +Felde zieht, man für immer die eigene Selbstständigkeit aufgiebt. Man +hat mir berichtet,“ sagte er, „daß die Stimmung in jenen Staaten sehr +preußenfeindlich ist und Sie selbst, lieber Fürst, haben mir früher +Aehnliches mitgetheilt. Sollte das Alles sich schnell ändern können?“ + +„Es wird sich ändern, Sire,“ sagte der Fürst, „und hat sich zum Theil +schon geändert, und von Berlin aus wird mit großer Geschicklichkeit +gearbeitet, um der öffentlichen Meinung die Haltung Frankreichs +gegenüber der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern als eine der +ganzen Nation angethane Beleidigung darzustellen. Glauben mir Eure +Majestät, die Süddeutschen Staaten werden in dieser Frage mit Preußen +gehen — die Süddeutschen Fürsten zunächst, sie haben im Jahre 1866 +gesehen, wie unerbittlich Preußen mit seinen Feinden verfährt, und um +sich von Neuem in einen Kampf einzulassen, müßten sie eine große +Coalition auf ihrer Seite sehen, welche ihnen Gewißheit des Sieges oder +wenigstens des Schutzes ihrer Throne gewährt.“ + +Der Kaiser versank in schweigendes Nachdenken. + +Fürst Metternich sah ihn in tiefer Bewegung an. Seine großen, klaren und +ausdrucksvollen Augen verschleierten sich mit einem leichten +Thränenschimmer und mit dem Ausdruck inniger Ueberzeugung sprach er: + +„Eure Majestät haben die Gnade gehabt, die Gefühle der tiefen +persönlichen Ergebenheit, welche ich für Allerhöchstdieselben hege, +anzuerkennen und mich Ihren Freund zu nennen. Erlauben Sie mir, Sire, +jetzt nachdem der Botschafter von Oesterreich gesprochen, auch als +treuer und ergebener Freund zu sprechen. Ich weiß sehr gut,“ fuhr er +fort, „daß die Strömung der öffentlichen Meinung Frankreichs in diesem +Augenblick zum Kriege treibt, und ich weiß ebenso gut, Sire, daß viele +Personen in Ihrer Umgebung — in Ihrer nächsten und unmittelbaren +Umgebung,“ fügte er mit Betonung hinzu, „sich die angelegentlichste Mühe +geben, jene Richtung der öffentlichen Meinung zu unterstützen und Eure +Majestät in gefährliche Unternehmungen hineinzudrängen, welche nach +meiner innigsten Ueberzeugung in diesem Augenblick nur zum Unglück +Frankreichs und zum Unglück Eurer Majestät ausschlagen können. Preußen +ist furchtbar gerüstet, Deutschland wird in dieser Hohenzollernschen +Frage hinter Preußen stehen und die Eurer Majestät feindlichen Parteien +in Frankreich, welche sich augenblicklich vor dem Plebiscit +zurückgezogen haben, warten nur auf den Augenblick eines Mißerfolges im +Kriege, um sich von Neuem zu erheben und einen entscheidenden Schlag +gegen das Kaiserreich zu führen. Ebenso wie man in Italien nur darauf +wartet, sich Roms zu bemächtigen. Allen diesen Gefahren gegenüber werden +Eure Majestät isolirt da stehen, keine der europäischen Mächte wird sich +Frankreich in dieser Frage zur Seite stellen, und ich bitte Eure +Majestät, zu glauben, daß die Erklärung, die ich Ihnen als Botschafter +gegeben, unbedingte Wahrheit ist. Der Fürst Metternich giebt Ihnen sein +Wort darauf. Oesterreich wird nicht für Eure Majestät Partei nehmen, +weil es das nicht thun kann, in dieser Frage am allerwenigsten thun +kann, und selbst wenn der Graf Beust, selbst wenn der Kaiser dazu +geneigt sein sollten, wie der Herzog von Gramont vorauszusetzen scheint, +so wird diese Neigung vor dem Widerstande des Grafen Andrassy erfolglos +bleiben. Der Graf Andrassy vertritt Ungarn, und Ungarn will keinen Krieg +mit Deutschland, da auch der günstige Ausgang desselben nur dahin +führen könnte, die dominirende Stellung des deutschen Elements im +Kaiserstaate wieder zu befestigen, ohne Ungarn aber, ohne diese +wichtigste militairische Hülfsquelle Oesterreichs ist jede Action für +uns unmöglich — ich bitte Eure Majestät,“ fuhr er fort, „dies als ganz +gewiß anzunehmen, — Graf Andrassy hat hohe Verehrung vor Eurer Majestät +und tiefe Sympathie für Frankreich. Täuschen sich aber Eure Majestät +nicht über die Bedeutung von Aeußerungen, welche diese seine Gefühle ihm +eingegeben haben können. Unter andern Umständen, wenn Frankreich +vielleicht mit Italien in Conflikt geriethe, würde Oesterreich bei einer +französischen Alliance auf die Unterstützung Ungarns rechnen +können, — gegen Deutschland niemals, — am allerwenigsten in einer Frage, +in welcher kein Vertragsrecht Oesterreichs Intervention zur Seite steht. +Eure Majestät,“ fuhr er mit tief, eindringendem Tone fort, „kennen meine +aufrichtige und liebevolle Ergebenheit für Ihre Person, Eure Majestät +haben mir Gelegenheit gegeben, die edlen Eigenschaften Ihres Herzens +ebenso sehr zu erkennen und zu bewundern, als die Klarheit und die +überlegene Schärfe Ihres Geistes — es ist die tiefe Ergebenheit, die +aufrichtige Liebe für Eure Majestät, welche mir die Worte in den Mund +legt, die ich Ihnen jetzt zu sagen mir erlaube. Hören Eure Majestät die +Bitte eines Freundes, welche ich ohne Rücksicht auf meine Eigenschaft +als Botschafter Oesterreichs aus treu besorgtem Herzen an Sie richte. +Treiben Sie, Sire, diese Sache nicht weiter, betreten Sie den +gefahrvollen Weg nicht, auf welchen man Sie drängen möchte und an dessen +Ende kaum ein glücklicher Ausgang zu erwarten ist.“ + +Der Fürst schwieg. + +Der Kaiser beugte sich vor, reichte ihm mit einem liebenswürdigen +Lächeln die Hand, indem zugleich ein warmer Strahl seinen freien Blick +erleuchtete. + +„Ich danke Ihnen, mein lieber Fürst,“ sagte er, „für die Aufrichtigkeit +und den Eifer, mit welchem Sie mir Ihre Ueberzeugung ausgesprochen und +Ihren Rath ertheilt haben. Ihre Gesinnungen für mich machen mich +stolz, — doch,“ sagte er dann, „Sie beunruhigen sich ohne Noth, die +Besorgnisse, welche gestern noch bestehen konnten, existiren heute nicht +mehr, der Prinz von Hohenzollern hat seine Candidatur zurückgezogen.“ + +Fürst Metternich athmete erleichtert auf. + +„Ich hörte davon im Augenblick meiner Abfahrt in Paris,“ sagte er. „Ist +die Nachricht bereits offiziell angekommen?“ + +„Olozaga,“ sagte der Kaiser, „hat die Mittheilung im Auftrage der +spanischen Regierung an den Herzog von Gramont gemacht, und somit +scheint mir die Angelegenheit erledigt. Die Verzichtleistung des Prinzen +wird morgen in den Kammern mitgetheilt werden, und die europäische +Diplomatie,“ fügte er lächelnd hinzu, „kann wieder ruhig baden und +Brunnen trinken.“ + +Der Fürst Metternich schwieg einen Augenblick, als zögerte er, einen +Gedanken auszusprechen, der ihn beschäftigte. + +„Sire,“ sagte er dann, „die extreme Kriegspartei wird vielleicht nach +Andeutungen, die ich hier und da gehört habe, mit der Lösung der Frage +noch nicht zufrieden sein, da sie gehofft hat, jetzt endlich mit ihren +Ideen durchzudringen. Man wird von Neuem die Stimmung zu reizen und +aufzuregen suchen, und da, wie ich weiß, auch in Deutschland bereits die +Geister sich zu entflammen beginnen, so könnte leicht irgend ein +Incidenzfall eintreten, der die Beruhigung Europa's von Neuem in Frage +stellt. Ich bitte, Eure Majestät, aus der Erklärung, welche den Kammern +gegeben werden soll, jede provocirende und verletzende Aeußerung gegen +Preußen fern halten zu lassen, damit ein für allemal alle +Auseinandersetzungen über den Gegenstand aufhören. Graf Bismarck,“ fuhr +er fort, „hat bis jetzt alle Conflikte zu vermeiden gesucht, einen +günstigeren Kriegsfall als in diesem Augenblick könnte er aber kaum +finden, und man muß ihn nicht in die Versuchung führen, durch einen +großen Aufschwung des Nationalgefühls aus der Waffenbrüderschaft aller +deutschen Staaten ein neues deutsches Reich zusammen zu schmieden.“ + +Der Kaiser lächelte. + +„Seien Sie ganz ruhig, mein lieber Fürst,“ sagte er, „ich habe Gramont +den Auftrag ertheilt, mit Ollivier eine definitive Erklärung über die +Beendigung der ganzen Sache an die Kammer zu redigiren, und morgen um +diese Stunde wird jede Besorgniß für die Störung des Friedens +verschwunden sein.“ + +Fürst Metternich stand auf. + +„Ich verlasse Eure Majestät mit erleichtertem Herzen und bitte um die +Erlaubniß, sogleich nach Paris zurückkehren zu dürfen, um das so +erfreuliche Resultat dieser Unterredung nach Wien melden zu können.“ + +„Meine herzlichsten Empfehlungen der Fürstin,“ sagte der Kaiser, „ich +hoffe, Sie Beide in den nächsten Tagen hier zu sehen.“ + +Er drückte dem Fürsten die Hand und begleitete ihn einige Schritte nach +der Thür hin. + +„Durch die Beseitigung der Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern,“ +sprach er leise, als er allein war „soll das Prestige Frankreichs wieder +hergestellt sein, sagt man mir, — sehr gut, wenn die öffentliche Meinung +dies glaubt. Leider,“ fuhr er seufzend fort, „ist es nicht der Fall, +jenes Prestige besteht in Wahrheit nicht mehr. Denn wenn es bestände, so +würde Österreich nicht zögern, in diesem Augenblick frei und offen auf +die Seite Frankreichs zu treten und die Suprematie des Hauses Habsburg +in Deutschland wieder zu erringen. Man glaubt nicht mehr an die Macht +Frankreichs, und auch meine besten Freunde nicht, — auch Metternich +nicht, der wirklich mein Freund ist. Das Ansehen Frankreichs, so wie es +früher war, wieder herzustellen, gäbe es nur ein Mittel, und dies Mittel +wäre der Sieg — aber,“ sagte er düster vor sich hin starrend, „wo ist die +Hand, welche den Sieg mit Sicherheit erkämpfen könnte, — — wenn er mir +entginge — —“ + +Er versank, die Augenbrauen finster zusammengezogen, in tiefes Sinnen. + +„Meine Gemahlin wird nicht zufrieden sein,“ sagte er dann, „über die so +friedliche Lösung — sie glaubt an den Sieg — ich will ihr selbst die Sache +sogleich mitteilen, damit sie vorsichtig in ihren Äußerungen ist und die +Kriegspartei nicht durch hingeworfene Worte ermuthigt.“ + +Er verließ sein Cabinet und begab sich nach den Gemächern der Kaiserin. + +Der Huissier öffnete die Thür. + +Der Kaiser durchschritt das Vorzimmer und trat in den Salon, an dessen +Schwelle ihn die Kaiserin empfing. + +Napoleon blieb einen Augenblick erstaunt stehen, denn hinter seiner +Gemahlin, deren Gesichtszüge eine lebhafte Erregung ausdrückten, sah er +neben dem, von großen Fauteuils umgebenen, mit Albums aller Art +bedeckten Tisch in der Mitte des Salons den Baron Jérome David und den +Herzog von Gramont. + +Der Baron Jérome David, der Führer der entschiedensten Anhänger des +Kaiserreichs im Corps legislatif, war ein Mann von etwa fünfzig Jahren +von kräftiger, schlanker Gestalt; sein auf einem kurzen Halse sich +erhebender Kopf hatte scharf markirte, von energischer Willenskraft und +etwas colerischem Temperament zeugende Gesichtszüge; das dunkle volle +Haar war über der niedrigen Stirn leicht gekräuselt; unter +hochgeschwungenen Augenbrauen blickten große, etwas hervorstehende Augen +hervor, deren etwas stechender Blick fast immer den Ausdruck zorniger +und unruhiger Erregung hatte; die etwas abgestumpfte starke Nase, die +hoch aufgedrehten Spitzen des dunklen Schnurrbarts und das mächtig +hervorspringende Kinn ließen seinen Gesichtsausdruck in der Erregung +einer lebhaften Conversation fast herausfordernd erscheinen. + +Der Kaiser trat langsam in den Salon und wandte sich mit einer Miene, in +welcher eben so viel Erstaunen, als Unzufriedenheit lag, an den Herzog +von Gramont. + +„Ich hätte nicht erwartet, Sie noch hier zu finden, Herr Herzog,“ sagte +er, ohne die Höflichkeit und den verbindlichen Ton, die ihm sonst eigen +war. + +„Ich glaubte Sie schon in Paris, um mit Ollivier jene Erklärung zu +verabreden, über welche wir vorher gesprochen haben.“ + +„Der Herzog,“ fiel die Kaiserin schnell ein, „wollte vor seiner Rückkehr +mich begrüßen, und mir zugleich die Nachricht von der Verzichtleistung +des Prinzen von Hohenzollern bringen. Ich habe ihn noch zurückgehalten, +um ihm Gelegenheit zu geben, die Mittheilungen anzuhören, welche der +Baron Jérome David mir so eben über die Stimmung in Paris und in den +Kreisen der Deputirten gemacht hat, und welche vielleicht von einigem +Einfluß auf die Entschließungen sein könnten, die man in diesem +Augenblick zu fassen hat.“ + +Der Kaiser verneigte sich leicht gegen den Baron Jérome David und sagte +immer noch in demselben strengen Ton seiner Stimme. + +„Und welche Mittheilungen haben Sie der Kaiserin gemacht, Baron?“ + +Er reichte seiner Gemahlin die Hand, führte sie zu einem der neben dem +Tisch stehenden Sessel und setzte sich an ihre Seite, den Blick mit +gespannter Aufmerksamkeit auf den Baron richtend. + +„Sire,“ sagte dieser, „ich habe mir erlaubt, der Kaiserin +mitzutheilen, — und würde im nächsten Augenblick mich bei Eurer Majestät +haben melden lassen, um auch Ihnen mitzutheilen, — daß die Nachricht von +der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf seine Candidatur +in Spanien, welche heute Abend in Paris bekannt wurde, unter den +Deputirten und in den journalistischen Kreisen durchaus nicht den +befriedigenden und beruhigenden Eindruck gemacht hat, welchen ich bei +dem Herzog von Gramont gefunden, also auch bei Eurer Majestät +voraussetzen muß.“ + +„Nun,“ sagte der Kaiser, den Baron fragend und erstaunt anblickend, „die +Sache ist doch erledigt, jene Candidatur ist verschwunden, — — vor der +Intervention Frankreichs verschwunden, — ich begreife nicht, — —“ + +„Niemand in Frankreich, Sire,“ fiel der Baron Jérome David rasch und +lebhaft ein, „hat jemals dem jungen Prinzen von Hohenzollern es +verdacht, daß er ein Abenteuer unternehmen wollte, bei welchem der +Ehrgeiz eines thatkräftigen Mannes seine Rechnung finden +könnte. — Niemandem ist es eingefallen, die spanische Nation in der +freien Wahl ihres Königs zu beschränken, die Besorgniß und die +Entrüstung Frankreichs über diese Combination hatte nur darin ihren +Grund, daß die Hohenzollernsche Candidatur ein Werk der preußischen +Politik war, daß diese Combination in Berlin vorbereitet und vom Könige +von Preußen feierlich genehmigt wurde, ohne daß man sich mit Frankreich, +das doch so nahe und so unmittelbar dabei interessirt ist, auch nur +darüber in Vernehmen gesetzt hätte. Das ist eine Nichtachtung der +französischen Würde und außerdem eine Bedrohung unserer Interessen durch +die offen kund gegebene Absicht an unserer Südgrenze eine Macht +aufzurichten, welche bei jeder Gelegenheit die preußische Politik gegen +uns zu unterstützen bestimmt sein sollte. Wenn nun der Prinz von +Hohenzollern einfach seine Candidatur zurückzieht, so ist Frankreich +dadurch keine Genugtuung gegeben, vor allen Dingen aber auch keine +Sicherheit, daß die Combination, welche heute gescheitert ist, nicht +jeden Augenblick wieder aufgenommen werden könne, wenn die europäische +Constellation derselben vielleicht günstiger sein möchte und Preußen die +Aussicht hätte, Alliirte in einem Conflikt mit uns zu finden. — Ohne eine +Genugthuung für unsere Würde, ohne eine Sicherstellung unserer +Interessen für die Zukunft aber,“ — fuhr er laut mit entschiedenem Tone +fort, „wird die öffentliche Meinung sich nicht beruhigen die bloße +einfache Anzeige der Zurückziehung der Candidatur des Prinzen Leopold +wird im Corps legislatif eine sehr ungünstige Aufnahme finden, und wenn +die Regierung sich damit begnügt, so wird man das allgemein als ein +Zeichen großer Schwäche ansehen, und das so lebhaft erregte +Nationalgefühl wird sich auf das Entschiedenste gegen Eure Majestät +wenden, zum großen Schaden für den Nimbus des Kaiserreichs, welcher erst +so eben durch das Plebiscit wieder hergestellt worden ist.“ + +„Aber welche Genugthuung, welche Garantien,“ fragte der Kaiser, +„könnten denn gegeben werden?“ + +Die Kaiserin unterdrückte mühsam ihre innere Erregung, während sie ihr +Spitzentaschentuch in der Hand zusammenpreßte. + +„Sire,“ antwortete Jérome David, „die Beleidigung Frankreichs bestand +darin, daß über die Hohenzollernsche Combination von Preußen keine +Mittheilung an Frankreich gemacht wurde. Die Frage für die Zukunft +besteht darin, daß jene heut zurückgezogene Candidatur jeden Augenblick +wieder aufgenommen werden kann, — dem entsprechend muß die Genugtuung und +diese Garantie gefordert werden. Die Genugthuung muß meiner Überzeugung +darin bestehen, daß der König von Preußen Eurer Majestät anzeigt, er +habe dem Prinzen befohlen und — zwar mit Rücksicht auf die Intervention +Frankreichs — von seiner Bewerbung um den spanischen Königsthron Abstand +zu nehmen. Die Garantie muß darin bestehen, daß der König weiter +erklärt, er werde auch in der Zukunft niemals erlauben, daß der Prinz +auf jene Candidatur zurückkomme. Wenn der Kammer eine solche Erklärung +vorgelegt wird, so wird der Eindruck ein tiefer und befriedigender sein, +jeder andere Abschluß der Sache wird dem Nationalgefühl nicht genügen +und dasselbe, wie ich wiederholen muß, gegen Eure Majestät und die +kaiserliche Regierung richten.“ + +Der Kaiser strich langsam mit der Hand über seinen Bart, dann richtete +er den Blick fragend auf den Herzog von Gramont. + +„Sire,“ sagte dieser, „ich kann den Bemerkungen des Herrn Baron David +die innere Berechtigung nicht absprechen, vor Allem aber muß derselbe +die Stimmung im Corps legislatif am allerbesten und genauer kennen, als +ich; und das Ziel, nach welchem bei der Behandlung dieser ganzen +Angelegenheit gestrebt werden muß, ist ja doch jedenfalls die Bestärkung +des Ansehens der kaiserlichen Regierung. Nachdem die Sache so weit +gediehen ist, dürfen wir nach meiner Ansicht mit keiner Halbheit +abschließen, sondern müssen wirklich den als vollgültig anerkannten +Beweis liefern, daß man die Würde Frankreichs nicht ungestraft +beleidigen, seine Interessen nicht ungestraft gefährden könne.“ + +„Nur ein solcher Beweis, über alle Zweifel und Mißdeutungen erhaben,“ +fiel der Baron Jérome David lebhaft ein, „wird das Corps legislatif und +die öffentliche Meinung von ganz Frankreich beruhigen.“ + +Der Kaiser sank seufzend in sich zusammen. + +„Ich war so zufrieden, diese Angelegenheit endlich beendet zu wissen,“ +sagte er leise. + +Die Kaiserin zuckte fast unmerklich die Achseln, ein Blitz sprühte aus +ihren Augen. + +„Glauben Sie denn,“ sagte Napoleon sich zum Herzog von Gramont wendend, +„daß eine solche Erklärung, wie sie der Baron für nöthig hält, zu +erreichen und schnell zu erreichen möglich sei, damit diese Sache nicht +noch mehr in die Länge gezogen werde und die öffentliche Meinung sich +immer mehr echauffire.“ + +„Ich bin überzeugt, Sire,“ sagte der Herzog, „daß nichts leichter sein +wird, als eine solche definitive Erklärung zu erlangen, um so mehr, wenn +man die Form wählt, welche der Baron David so eben schon angedeutet hat, +die Form eines persönlichen Briefes des Königs Wilhelm an Eure Majestät +und sich damit gewißermassen auf den vom Könige selbst eingenommenen +Standpunkt stellt, daß diese ganze Angelegenheit ihn nur persönlich als +Chef seines Hauses berühre und die preußische Regierung als solche +nichts angehe. Wenn Benedetti, der ja dem Könige eine angenehme und +sympathische Person ist, in der ihm eigenen geschickten Weise die Sache +dort darstellt, so bin ich überzeugt, daß der König keinen Augenblick +zögern wird, einen Brief an Eure Majestät zu schreiben, der die +geforderte Erklärung enthält und den man ja dann nachher der +öffentlichen Meinung in Frankreich dennoch als einen Act der preußischen +Regierung wird darstellen können. Denn,“ fügte er lächelnd hinzu, „diese +öffentliche Meinung kann sich nicht zu dem subtilen Unterschied erheben, +welchen Seine preußische Majestät zwischen seinen beiden Eigenschaften +als Familienchef und Staatsoberhaupt zu machen sich gefällt.“ + +„Die Sache müßte aber durchaus,“ sagte der Kaiser, „in aller +vorsichtigster und versöhnlichster Weise behandelt werden, damit ja kein +ernster Conflict daraus entsteht.“ + +„Und wenn ein solcher Conflict daraus entstünde,“ rief die Kaiserin, +welche ihre innere Erregung nicht länger bemeistern konnte, „wollen wir +davor zurückschrecken? Soll Frankreich, welches in der Krim und in +Italien gesiegt hat, welches die Adler des großen Kaisers auf seinen +Fahnen trägt, sich von einem Wege abschrecken lassen, welchen das Recht +und die Ehre, die Klugheit, ja die politische Nothwendigkeit +vorschreibt, aus Besorgniß, daß der Widerstand der Gegner auf diesem +Wege kriegerische Verwickelungen entstehen lassen könnte? Unsere Armee +ist im herrlichsten Zustand, sie brennt vor Ungeduld, zu zeigen, daß sie +noch immer die erste in Europa ist.“ + +„Was sagt der Marschall Leboeuf,“ fragte der Kaiser den sinnenden, +sorgenvollen, nachdenklichen Blick auf den Herzog von Gramont gerichtet. + +„Der Marschall erklärt, so bereit zu sein, als nur immer möglich,“ +erwiderte der Herzog, „er wird Eurer Majestät ohne Zweifel den Beweis +darüber liefern —“ + +„Auch sind wir der thätigen Mitwirkung Österreichs sicher,“ rief die +Kaiserin, „um dieses übermüthige Preußen von zwei Seiten zu fassen und +ihm zu zeigen, was es heißt, Frankreich zu beleidigen.“ + +„Österreich,“ sagte der Kaiser, abermals fragend den Blick auf den +Herzog von Gramont richtend, „glauben Sie, daß wir auf Österreich +rechnen können — Fürst Metternich sagt das Gegentheil wie Sie wissen +werden,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu. + +„Sire,“ sagte der Herzog lächelnd, „Fürst Metternich sagt, was er sagen +soll, und was man für die offizielle Constatirung der Haltung +Österreichs nöthig zu haben glaubt. Wenn wirklich, was ich in keiner +Weise glaube, aus der Behandlung der schwebenden Angelegenheit ein +ernster Conflict erwachsen sollte, so wird allerdings Österreich im +ersten Augenblick eine neutrale abwartende Stellung einnehmen, schon +weil der russische Einfluß lähmend auf seinen Entschlüssen lastet. Nach +den ersten Niederlagen der preußischen Armee aber“ — + +„Die sehr schnell kommen werden,“ rief die Kaiserin. + +„Nach diesen ersten Niederlagen, Sire,“ fuhr der Herzog fort, „wird +Österreich aus seiner Reserve hervortreten. Dann wird auch in Rußland +die ganze französisch gesinnte Partei mächtig werden, und der +vorsichtige Fürst Gortschakoff wird nicht wagen, sich diese Partei und +das siegreich vorschreitende Frankreich zu gleicher Zeit zu Feinden zu +machen. Dann, Sire, wird der Augenblick gekommen sein, in welchem +Preußen isolirt von zwei Seiten gefaßt, von seiner Höhe herabgestürzt +werden wird. Das Werk von 1866 wird in Trümmer sinken, und wir werden es +in unserer Hand haben, Deutschlands politische Organisation so zu +construiren, wie es für unsere Interessen genehm ist, und zugleich für +Frankreich diejenigen Gebiete zurück zu nehmen, welche man uns in der +Zeit des großen nationalen Unglücks entrissen hat.“ + +Die Augen des Kaisers leuchteten einen Augenblick in freudigem Stolz +auf. Er erhob sein Haupt, als sähe er die Bilder der Zukunft, welche der +Herzog andeutete, vor seinem Blick aufzeigen. Dann aber ließ er den Kopf +wieder matt herabsinken und sprach: + +„Dazu gehören zwei gewonnene Schlachten — und wer giebt mir die +Bürgschaft, daß sie gewonnen werden? Gewonnen über eine Armee, von +welcher mir der Oberst Stoffel schreibt, daß keine andere in Europa ihr +gleich kommt an innerer moralischer Kraft, an Intelligenz und an +einheitlicher Organisation.“ + +„Der Oberst Stoffel,“ sagte der Herzog von Gramont, während die Kaiserin +zornig mit den schönen Zähnen auf die Lippen biß, „ist ein wenig +geblendet durch die persönlichen Eigenschaften des Grafen Bismarck, +durch die Liebenswürdigkeit, mit welcher man ihn dort behandelt — er +sieht außerdem nur die Garde und nicht die Linien und die Milizen in den +Provinzen, welche nur zögernd und widerwillig in den Krieg ziehen —“ + +„Das hat das Jahr 1866 nicht bewiesen,“ sagte Napoleon, — „auch beweisen +die Berichte des Oberst Stoffel, daß er sehr genau über die ganze +militairische Organisation in Preußen unterrichtet ist, daß er +namentlich auch die Landwehrorganisation und die ausgezeichneten +Eigenschaften des preußischen Generalstabs sehr genau kennt —“ + +„Vielleicht aber hat er vergessen,“ sagte die Kaiserin heftig, „daß dem +Allen gegenüber die feurige und unwiderstehliche Tapferkeit der +französischen Armee steht —“ + +„Und das,“ fiel der Baron Jérome David ein, „in einem solchen Kriege der +gewaltig aufflammende Nationalgeist Frankreichs hinter seiner Armee +stehen würde, ebenso wie dies in den großen Kriegen Napoleon's I der +Fall war. Dieser Geist des Volks ist unbeweglich und,“ fügte er hinzu, +„wenn er richtig geleitet wird, so wird bei dieser Gelegenheit eine neue +gewaltige Macht zur Alliirten des Kaiserthums gemacht werden können.“ + +Der Kaiser sah ihn fragend an. + +„Diese Macht, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „ist die +Marseillaise, die Marseillaise, Sire, welche man verboten hat, weil sie +ein Gesang des Aufruhrs geworden, die man aber darum nicht aus dem +Herzen der Franzosen hat reißen können. Würde man bewirken können, daß +die Marseillaise aufhörte, ein Gesang der Revolution zu sein, daß sie +das Kriegslied der französischen Nation würde, daß unter ihren Klängen +die kaiserlichen Adler den Feinden entgegen getragen würden, so würde +das Kaiserreich und Eurer Majestät Dynastie von dem zauberisch +gewaltigen Hauch dieses großen Nationalhymnus auf eine vorher nie +geahnte Höhe empor getragen werden. Eine französische Armee, Sire, +welche unter den Klängen der Marseillaise ins Feld rückte, würde alle +Combinationen des preußischen Generalstabs zertrümmern und die +preußischen Landwehren in unaufhaltsamer Flucht vor sich her fegen.“ + +Die Kaiserin blickte gespannt auf ihren Gemahl. + +Napoleon schüttelte langsam und schweigend das Haupt. + +„Und wenn dann, Sire,“ fuhr der Baron David fort, „die französische +Armee siegreich zurückkehrte, so wäre der Revolution ihre Zauberformel +genommen, und die Marseillaise würde aus einem wilden Revolutionsgesang +ein kaiserlicher Siegeshymnus geworden sein.“ + +Abermals leuchteten die Augen des Kaisers auf, seine Brust dehnte sich +mit einem tiefen Athemzug aus, und er sprach nach einem Augenblick: + +„Wir debattiren da über den Krieg, zu dem es nicht kommen wird — zu dem +es nicht kommen soll,“ fügte er mit fester Stimme hinzu. „Doch in Ihrer +Bemerkung, mein lieber Baron, liegt eine tiefe Wahrheit, und ich danke +Ihnen für die Idee, welche Sie mir gegeben. Je mehr man in Frankreich an +die Möglichkeit eines Krieges glaubt, um so höher wird der Triumph +sein, wenn man ohne denselben dem Nationalgefühl volle Genugtuung +schafft. Die Gelegenheit ist günstig, um die Zaubermacht der +Marseillaise über die Franzosen, welche ich kenne und nach ihrem vollen +Werth schätze, zu einer mächtigen Waffe des Kaiserreichs zu machen. Ich +werde den Befehl geben, daß man die Marseillaise erlaubt, bewirken Sie, +daß man sie singt, daß man sie in den Theatern verlangt — das Plebiscit, +die Marseillaise und ein diplomatischer Erfolg gegen Preußen — das wird +ein festes Fundament für den Thron Napoleon's IV — das wird die Krönung +meines Gebäudes sein. Senden Sie also sogleich,“ sagte er zum Herzog von +Gramont gewendet, „den Befehl an Benedetti, die besprochene Erklärung +vom Könige von Preußen zu erbitten, aber in der geschmeidigsten und +sanftesten Form; er muß sie zu erreichen suchen, ohne daß man dort der +Sache eine zu große Bedeutung beilegt. Er wird das können, wenn er den +Schritt, den wir vom Könige von Preußen verlangen, demselben als eine +Unterstützung darstellt, die er mir zur Beruhigung der öffentlichen +Meinung gewährt — dann wird sich Alles leicht erledigen.“ + +Die Kaiserin trat leicht mit dem Fuß auf den Boden, ein Zug fast +höhnischen Unmuths erschien auf ihrem Gesicht, dann aber lächelte sie +wieder und lehnte sich schweigend in ihren Fauteuil zurück. + +„Der Baron Werther kommt heute von Ems zurück, Sire,“ sagte der Herzog +von Gramont, „ich werde ihm, nachdem ich die Instructionen an Benedetti +abgesendet, die Sache ganz in dem von Eurer Majestät gegebenen Sinn +darstellen, und er wird gewiß dazu beitragen, die so wünschenswerthe, +baldige und befriedigende Erledigung der Sache zu erreichen.“ + +„Thun Sie das, Herr Herzog,“ sagte der Kaiser, „und vergessen Sie nicht, +Benedetti die äußerste Vorsicht und die höflichste Geschmeidigkeit +anzuempfehlen.“ + +„Und ich, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „werde dafür sorgen, daß +morgen in Paris die Marseillaise erklingt, — man wird sich in Berlin +erinnern, daß es gefährlich ist, Frankreich entgegenzutreten, wenn +dieses Lied über seinen Heeren schwebt, und wenn die Tricolore und die +kaiserlichen Adler seinen Regimentern vorangetragen werden.“ + +Beide Herren verließen nach ehrerbietigem Gruß gegen die Majestäten das +Cabinet. + +„Nun,“ sagte der Kaiser, indem er aufstand und sich lächelnd zur +Kaiserin wandte, „Sie werden jetzt zufrieden sein, Eugenie, wir werden +einen großen Triumph erleben, ohne uns der Gefahr eines Krieges +auszusetzen, und Sie werden endlich die Genugthuung haben, die Politik +dieses Grafen Bismarck ein wenig gedemüthigt zu sehen. Werden Sie heute +Abend noch empfangen?“ + +„Nur meinen kleinen Cirkel,“ antwortete die Kaiserin leicht hin und +etwas zerstreut, als folge sie Gedanken, die unausgesprochen ihr Inneres +erfüllten. + +„Ich bin ermüdet,“ sagte der Kaiser, „und bitte Sie, mich zu +entschuldigen, ich möchte ein wenig meine Privatcorrespondenz ordnen, +die ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt habe.“ + +Er küßte seiner Gemahlin die Hand und kehrte langsam in seine Gemächer +zurück. + +„Welche Schwäche, welche Unschlüssigkeit!“ rief die Kaiserin, als sie +allein war. „Er möchte die Früchte des Sieges genießen und will doch den +Kampf nicht wagen. Nun,“ fuhr sie mit flammendem Blick und einem +stolzen, fast höhnischen Lächeln fort, „die Verhältnisse werden +mächtiger sein, als er; sie werden ihn über den Rubicon drängen, den er +nicht wie Cäsar zu überschreiten wagt. So sehr der König von Preußen +auch den Frieden zu erhalten wünschen mag, seine Geduld wird sich +endlich erschöpfen, wenn Forderung auf Forderung an ihn gestellt wird, +und wenn man in Paris erst die Marseillaise singt, wenn die Presse und +die Tribüne in immer steigendem Maß das Nationalgefühl erhitzen, so wird +trotz aller Unschlüssigkeit der Krieg kommen — dieser Krieg, der mein +Krieg ist, den man mir einst danken wird, der mich in den Augen von ganz +Frankreich zur wahren Französin machen wird, der nothwendig ist, um +meinem Sohn den Thron zu sichern, meinem Sohn, den ich hinaus senden +werde, um auf den Schlachtfeldern gegenwärtig zu sein, — wo man ihn +niemals gesehen hat, diesen anmaßenden Prinzen Napoleon, welcher es zu +behaupten wagt, daß in den Adern seiner Nachkommenschaft allein das Blut +des großen Kaisers fließe, und welcher so stolz darauf ist, daß seine +Mutter und die Mutter seiner Kinder purpurgeborne Prinzessinnen +waren. — Die Stunde der Entscheidung naht — sie wird den Sieg bringen — und +dieser Sieg wird Mein sein!“ + +Sie stand noch einige Augenblicke schweigend, den strahlenden Blick +auswärts gerichtet, die schönen Züge verklärt von stolzer Zuversicht. + +Dann bewegte sie die Glocke. + +„Man soll den Thee serviren,“ befahl sie dem Kammerdiener, „ich lasse +meine Damen und die Herren vom Dienst bitten, einzutreten.“ + + + + +Achtes Capitel. + + +Die Morgenpromenade in Ems war beendet. Langsam und nachdenklich +kehrte Graf Benedetti nach seiner Wohnung in der Stadt Brüssel zurück. + +Sein Kammerdiener übergab ihm zwei für ihn eingegangene Depeschen. +Benedetti trat in sein Zimmer, und reichte seinem Secretair, welcher ihn +erwartete die beiden Telegramme. Dieser zerriß hastig die Umschläge und +öffnete den großen Folioband, der den Chiffre des Botschafters enthielt, +um die Depeschen zu dechiffriren. + +Hier in seinem Zimmer verschwand von dem Gesicht Benedetti's jene +gleichgültige, höfliche, freundliche und undurchdringliche Ruhe, welche +sonst Alles verhüllte, was in seinen Gedanken vorging. Heftig bewegt +schritt er auf und nieder, sein blasses Gesicht zuckte in nervöser +Aufregung und seine sonst so klaren, unzerstörbar, heiteren Augen +blickten trübe und sorgenvoll vor sich hin. + +„Welch eine furchtbare Verantwortung liegt auf meinem Haupt,“ sagte er, +„ich fühle, daß der Faden der Unterhandlungen mir entschlüpft, weil man +ihn in Paris so scharf anzieht, daß es in der That kaum mehr möglich ist +ein anderes Ende, als den Bruch vorherzusehen — den Bruch — das heißt +einen Krieg, wie er seit Generationen Europa nicht erschüttert hat; das +heißt ein Meer von Blut, das heißt, die Zerstörung so vieler Güter, +welche der Fleiß und die Arbeit langer Jahre geschaffen haben. + +Was will man in Paris?“ fuhr er fort, indem er die Hand vor die Stirn +legte und unruhig nachdenkend schnell auf und nieder ging. „Will man den +Krieg? Das ist ja beinahe unmöglich, so wie ich den Kaiser kenne, — er +hat viele bessere Gelegenheiten vorübergehen lassen, wie sollte er jetzt +die Dinge auf's Äußerste treiben wollen. Sollte man aber wirklich den +Krieg wollen — warum es mir verheimlichen? Warum mich diese traurige und +undankbare Rolle eines Ueberlästigen spielen lassen? Warum diese unklare +Verworrenheit, welche nur dahin führen kann, daß der Bruch, wenn er +erfolgt, uns vor den Augen von ganz Europa als die absichtlichen +Friedensstörer hinstellt? Warum ist man da nicht gleich mit einer +klaren bestimmten Forderung hervorgetreten, die wenigstens zu einem +würdigen Abbruch der Verhandlungen hätte führen können? Ich habe,“ +sprach er weiter, indem er an das Fenster trat und auf die Straße +hinabblickte, „ich habe auf die coulanteste und freundlichste Weise das +erste Ziel meiner Mission erreicht — die Zurücknahme der Hohenzollerschen +Candidatur unter Autorisation des Königs. Nun steigert man successive +die Forderungen — giebt es einen Diplomaten in der Welt, der im Stande +wäre, eine solche Negotiation zu einem günstigen und würdevollen Ende zu +führen? Man verlangt die Erklärung des Königs, daß er für alle Zukunft +eine Wiederaufnahme der jetzt gescheiterten Combination nicht erlauben +werde. Eine solche Erklärung hätte sich erreichen lassen, wenn man nicht +zugleich die Aufregung in Frankreich begünstigt hätte, wenn man sich +größere Reserve bei den Erklärungen im Corps legislatif auferlegt hätte, +wenn man das persönliche Gefühl des Königs und den nationalen Stolz in +Deutschland nicht verletzt hätte, jetzt aber nach der kurzen +Unterredung, die ich so eben mit dem Könige auf der Brunnenpromenade +gehabt, ist an Erfüllung dieser Forderung garnicht zu denken. Und wenn +sie nicht erfüllt wird,“ sagte er seufzend, „nachdem man einen so +starken Anlauf genommen, nachdem man so hohe Worte gebraucht hat, so ist +der Krieg unvermeidlich — die Welt wird diesen Grund desselben kaum +verstehen, mag man nun den Bruch gewollt haben, oder mag man ohne Willen +und Plan zu demselben hingetrieben werden. + +Was telegraphirt der Herzog?“ + +Der Secretair hatte die beiden Depeschen dechiffrirt und reichte sie dem +Botschafter. + +Dieser durchflog raschen Blickes die Telegramme, seufzend warf er sie +auf den Tisch. + +„Die Festigkeit meiner Sprache,“ sagte er bitter lächelnd, „soll nicht +dem Ernst der Situation entsprechen. Aber, mein Gott, vergißt man denn +in Paris ganz, daß es sich hier um keine Unterhandlungen mit dem +Minister der auswärtigen Angelegenheiten handelt, sondern daß ich in +unmittelbarem persönlichem Verkehr mit dem Souverain stehe? Man kann +doch unmöglich von mir verlangen, daß ich die Formen verletzen sollte, +welche für diesen Verkehr maßgebend sind. Ich muß noch einen Versuch +machen, — vielleicht hat die Bitte, welche ich dem Könige durch den +Prinzen Radziwill aussprechen ließ, irgend einen Erfolg, vielleicht +entschließt sich der König, irgend ein Wort zu sagen, welches man in +Paris als genügend annehmen möchte, wenn der Grundgedanke des Kaisers +wirklich ist, den Frieden zu erhalten.“ + +Der Kammerdiener meldete den Flügeladjutanten Seiner Majestät des Königs +von Preußen, und einen Augenblick darauf trat der Oberstlieutenant Prinz +Radziwill, ein noch junger, schlanker Mann mit militairisch +geschnittenem vollem Bart in Civilmorgenanzug in das Zimmer. + +Das Gesicht des Grafen Benedetti hatte seine glatte und +undurchdringliche Ruhe wieder angenommen, er trat dem Prinzen mit +verbindlicher Höflichkeit entgegen. + +„Seine Majestät der König,“ sagte dieser im artigen Ton, „hat mich +beauftragt, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich nicht in der Lage +befinde, von einer neuen Unterredung ein Resultat voraussehen zu können, +da seine Entschließungen vollkommen fest ständen. Der König hat mir +zugleich befohlen, Eurer Excellenz in seinem Namen zu erklären, daß +Seine Majestät die Verzichtleistung des Prinzen Leopold approbirte und +zwar in demselben Sinne und demselben Geist, wie er seine Zustimmung zu +der Annahme dieser Candidatur ertheilt habe. Was den zweiten Punkt +betrifft, eine Verpachtung für die Zukunft zu übernehmen, so könne sich +Seine Majestät nur auf diejenige ablehnende Erklärung zurück beziehen, +welche er heute Morgen Eurer Excellenz persönlich gegeben habe.“ + +Keine Muskel bewegte sich im Gesicht Benedetti's, und mit ruhiger, +klarer Stimme sprach er: + +„Ich bin dem Könige unendlich dankbar, daß er die Gnade gehabt hat, mir +diese Erklärung durch Eure Durchlaucht zugehen zu lassen, und ich werde +dieselbe sogleich meiner Regierung mittheilen. Doch muß ich,“ fuhr er in +demselben ruhigen Ton fort, „Eurer Durchlaucht sagen, daß ich betreffs +des zweiten Punktes soeben noch sehr bestimmte Instructionen vom Herzog +von Gramont erhalten habe. Ich muß daher meine Bitte um eine neue +Unterredung mit Seiner Majestät nochmals wiederholen, um so mehr, als +ich dem Könige vielleicht einige neue, noch nicht erwogene +Gesichtspunkte mittheilen könnte. Ich muß nach den Instructionen, die +ich erhalten, den größten Werth auf die gnädige Gewährung meiner Bitte +um eine nochmalige Audienz legen, sei es auch nur, um nochmal von Seiner +Majestät die Erklärung wiederholen zu hören, welche er mir heute Morgen +gegeben hat. Ich bitte Eure Durchlaucht deshalb, den Wunsch, welchen ich +aussprechen muß, nochmal Seiner Majestät mittheilen zu wollen.“ + +„Ich werde nicht unterlassen, Eurer Excellenz Auftrag sogleich Seiner +Majestät auszurichten,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „und werde nicht +verfehlen, Eurer Excellenz die Allerhöchste Antwort mitzuteilen.“ + +Mit ausgesuchter Höflichkeit, in welcher jedoch eine gewisse, kalte und +stolze Zurückhaltung lag, verneigte er sich und verließ von dem +Botschafter bis zur Thür geleitet, das Zimmer. + +„Der Krieg liegt in der Luft,“ sagte er dann, indem er sich seufzend an +seinen Secretair wandte. „Ich kenne die Höfe, ich fühle, — ich weiß, was +geschehen wird. Der König wird mich nicht mehr empfangen — er hat sein +letztes Wort gesprochen.“ + +„Wenn der König den Botschafter Frankreichs zu empfangen verweigert,“ +rief der Secretair mit blitzenden Augen, „so ist das allein ein Grund +des Krieges, dessen Gerechtigkeit das Gefühl der ganzen Nation +anerkennen wird.“ + +„Sollte es das sein?“ sagte Benedetti leise, indem er nachdenklich den +Kopf schüttelte, „das würde freilich die nationale Entrüstung +entflammen. Aber,“ fuhr er fort, „würde darum der Kriegsgrund besser +werden, der Erfolg gesicherter sein? Doch ich bin erschöpft,“ sagte er +dann, „und Sie werden es auch sein, können wir auch die Entbehrung des +Schlafs ertragen, so fordert doch die körperliche Natur ihr Recht auf +Ergänzung der Substanz, lassen Sie uns frühstücken.“ — Er ließ das +Frühstück in seinem Zimmer serviren und beide Herren setzten sich +schweigend und gedankenvoll zu Tisch. — + + * * * * * + +Mehrere Stunden waren verstrichen voll unruhiger Erwartung für den +Grafen Benedetti, welcher sich in seinem Zimmer auf ein Canapé +niedergelegt hatte, um nach all der Aufregung der letzten Tage wenn +nicht Schlaf, so doch wenigstens Ruhe für seine erschöpften und +abgespannten Nerven zu finden. + +Endlich, es war bereits Abend — die Zeit des Diners des Königs war +vorüber — wurde dem Botschafter abermals der Fürst Radziwill gemeldet. + +Rasch sprang Benedetti empor und kaum gelang es ihm, den Ausdruck +unruhiger Spannung von seinem Gesicht verschwinden zu lassen, als er dem +Adjutanten des Königs entgegentrat. + +Noch kälter, noch zurückhaltender als vorher war der Ton, in welchem +dieser dem Botschafter sagte: + +„Der König hat mir befohlen, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich +verpflichtet sähe, eine neue Discussion über den zweiten, von Ihnen +angeregten Punkt — betreffend die Verpflichtungen und Garantien für die +Zukunft ganz bestimmt und kategorisch abzulehnen. Was Seine Majestät +Eurer Excellenz heute Morgen zugesagt hat, ist des Königs letztes Wort +in dieser Angelegenheit, und der König bittet Eure Excellenz sich +lediglich und ausschließlich an jenes Wort zu halten.“ + +Das Gesicht des Grafen Benedetti wurde bei diesen mit äußerster +Artigkeit, aber auch mit entschiedenster Festigkeit gesprochenen Worten +des Fürsten Radziwill noch um eine Nüance bleicher. Er ließ einen +Augenblick die Augenlider herabfallen, wie um den Ausdruck seines +Blickes zu verhüllen, und ein leichtes Nervenzucken zeigte sich eine +Secunde um seinen Mund. Schweigend neigte er den Kopf und sprach dann +mit ruhiger Stimme, in deren Ton keine Aufregung bemerkbar war. + +„Ich danke Eurer Durchlaucht für diese Mittheilung und möchte Sie nur +noch bitten, mir zu sagen, ob die Ankunft des Grafen Bismarck hier, von +welcher in diesen Tagen gesprochen wurde, heute oder morgen zu erwarten +ist.“ + +„Soviel mir bekannt geworden,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „hat der +Graf Bismarck seine Reise hierher aufgeschoben und morgen jedenfalls +wird seine Ankunft hier nicht zu erwarten sein.“ + +„Dann bitte ich Eure Durchlaucht,“ sagte Benedetti, „Seiner Majestät zu +sagen, daß ich nicht weiter auf meiner Bitte bestehe und mich bei den +Erklärungen des Königs beruhigen wolle.“ + +Der Fürst verabschiedete sich. Graf Benedetti begleitete ihn zur Thür +und blieb dann einige Augenblicke schweigend in tiefen Gedanken stehen. + +„Der Würfel ist gefallen,“ sagte er mit düsterem Ton, „das Verderben ist +entfesselt! Wen wird der Blitz treffen, der noch verborgen im Schoß der +Wolken ruht, welche den Himmel des europäischen Friedens überziehen.“ + +Er öffnete die Thür des Nebenzimmers und rief seinen Secretair. + +„Bereiten Sie Alles zur Abreise vor,“ sagte er im ernsten Ton, „meine +Mission hier ist zu Ende. Doch,“ fuhr er fort, „ich will bis zum letzten +Augenblick alle Pflichten der Höflichkeit erfüllen. Wenn es das +Schicksal will, kann sich vielleicht doch noch eine Gelegenheit bieten, +das Verhängniß zu beschwören. Gehen Sie zum Hause des Königs und sagen +Sie dem Adjutanten vom Dienst, daß ich um die Erlaubniß bäte, mich von +Seiner Majestät verabschieden zu dürfen. Damit verletze ich keine Form +und kann zugleich meinen persönlichen Wunsch erfüllen, von dem +Monarchen, der mir soviel Gnade und Wohlwollen bewiesen hat, und von +dem ich in so verhängnißvollem Augenblick scheiden muß, einen +freundlichen Abschied zu nehmen.“ + + * * * * * + +Die Aufregung unter den Badegästen in Ems, welche die ersten Nachrichten +von den Differenzen über die Hohenzollersche Candidatur erregt hatten, +war fast vollständig wieder verschwunden. Man hatte zwar die heftigen +Artikel der französischen Journale gelesen, die nationale Entrüstung, +welche ganz Deutschland bei diesen Provocationen erfaßte, war auch +dorthin in die stillen Kreise des Badelebens gedrungen, aber man hatte +auch wieder Gelegenheit gehabt, hier in unmittelbarer Nähe den so +freundlichen Verkehr des Könige mit dem französischen Botschafter zu +sehen. Man hatte gesehen, wie Seine Majestät den Grafen Benedetti +täglich auf der Promenade auf das huldvollste anredete und einige Zeit +in lebhafter Conversation mit ihm auf- und niederging. Das Lächeln +verschwand keinen Augenblick von dem glatten Gesicht des Botschafters +und der König war ruhig und heiter wie immer. + +Baron Werther war wieder nach Paris zurückgereist; der Minister des +Innern, welchen der Graf Bismarck, der von Barzin kommend, in Berlin +leicht erkrankt war, zum Könige nach Ems entsendet hatte, war wieder +nach Berlin zurückgekehrt; der Finanzminister war angekommen, um wie man +erzählte, Seiner Majestät über Angelegenheiten seines Ressorts Vortrag +zu halten, und Alles schien wieder in das gewohnte Geleis +zurückzukehren. + +Als nun gar der Telegraph die Nachricht brachte, daß der Prinz Leopold +von Hohenzollern auf seine Candidatur Verzicht geleistet, und daß Graf +Bismarck, darin die vollständige Erledigung der ganzen Angelegenheit +erblickend, seine Reise nach Ems aufgegeben habe, da verschwanden +vollends die letzten Besorgnisse, und man sah auf der Brunnenpromenade +nur heitere und lächelnde Gesichter, man verabredete Partien in die +Berge, und die Unterhaltung, welche so lange von den ernsten +Gegenständen der Politik in Anspruch genommen war, wandte sich wieder +den kleinen Ereignissen des Tages zu. + +Man sprach von den Toiletten der Herzogin von Ossuna, welche soeben mit +ihrem Gemahl angekommen war und Alles durch ihren Geschmack und ihre +Eleganz in den Schatten stellte. Man wiederholte die märchenhaften +Erzählungen über den Reichthum dieses spanischen Granden, welcher die +Königin Isabella am Hofe von St. Petersburg vertreten und an diesem +prachtvollsten Hof Europas einen Glanz entwickelt hatte, der selbst +dort noch nicht gesehen worden war. + +Da plötzlich drang am Nachmittag des 14. Juli in diese wieder zu +sorgloser, heiterer Geselligkeit sich zusammenschließenden Kreise wie +ein unvorbereiteter Wetterschlag die Nachricht, daß der König, den man, +wie er öfter that, nach Coblenz zu seiner Gemahlin hatte fahren sehen, +der am Abend zurückerwartet wurde, schon in der Frühe des nächsten +Morgens nach Berlin abreisen werde, daß alle Verhandlungen abgebrochen +seien, daß Seine Majestät sogar jede weitere Unterredung mit dem +Botschafter abgelehnt habe, und daß der Krieg unvermeidlich scheine. + +Die tiefste Bestürzung verbreitete sich überall. Diejenigen, welche mit +dem einen oder dem andern Herrn aus der Umgebung des Königs bekannt +waren, suchten sich demselben zu nähern, um Ausführliches zu +erfahren — die Umgebung des Königs vermied es zwar, sich in lange +Gespräche über die Situation einzulassen, doch der ernste, fast +feierliche Eindruck, welcher auf den Gesichtern aller dieser Herren lag, +einzelne hingeworfene Bemerkungen und die Bestätigung der für den +nächsten Morgen feststehenden Abreise des Königs zeigten deutlich genug, +daß die Befürchtungen, welche überall erregt waren, vollkommen begründet +seien. + +Der französische Botschafter war noch nicht abgereist, aber er hielt +sich in seiner Wohnung und erschien nicht auf der Abendpromenade. + +Bis spät in die Nacht hinein waren alle Straßen mit Menschen gefüllt, +und die ganze Nacht über dauerte die Unruhe in allen Häusern, denn fast +alle fremden Badegäste trafen Anstalten zur schnellen Abreise, und die +Bewohner von Ems sahen mit Bekümmerniß dem plötzlichen Ende einer so +glänzend begonnenen Saison entgegen. + +Schon lange vor acht Uhr am nächsten Morgen, zu welcher Stunde die +Abreise des Königs befohlen war, hatte der Bahnhof sich dicht gefüllt +mit einem zahlreichen Publikum, unter welchem die Damen und Herren aus +dem Kreise der Badegäste, die dem König persönlich bekannt waren, die +ersten Reihen am Perron einnahmen, der in der Nacht mit Blumenguirlanden +geschmückt worden war. + +Allmälig erschien die Umgebung des Königs, welche den Monarchen nach +Berlin begleitete. Die Waggons fuhren heran und das zahlreiche Gepäck +wurde in den bereits vorgefahrenen Zug, in dessen Mitte man den großen +königlichen Salonwagen erblickte, eingeladen. + +Zum Erstaunen aller Anwesenden erschien auch der französische +Botschafter Graf Benedetti am Bahnhof und begab sich mit unbefangen +heiterer Miene, Einen oder den Andern aus der Badegesellschaft begrüßend +auf den Perron, wo er seinen Ueberrock ablegte und im schwarzen Anzug, +das Band des schwarzen Adlerordens über der Brust, ruhig dastand, mit +den Andern den König erwartend, ohne die erstaunten und wenig +freundlichen Blicke zu beachten, mit welchen man ihn von allen Seiten +ansah. + +Die Wagen waren bepackt; die Locomotive war schnaubend herangefahren und +hatte sich an die Spitze des Zuges gestellt; die Lakaien in Reiselivreen +standen an den Thürschlägen. + +Da ertönten vom Badehause einzelne, sich schnell fortpflanzende +Hochrufe. Wenige Augenblicke darauf fuhr der König an den Perron heran, +er trug Militair-Rock und Mütze. Der Flügel-Adjutant Fürst Radziwill +begleitete ihn, der Hofmarschall Graf Perponcher ging dem Könige +entgegen und meldete, daß Alles bereit sei. + +Der König sah frisch und kräftig aus, seine Haltung war stolz und fest, +und trotz des tiefen Ernstes, der auf seinen Zügen lag, blickten seine +Augen doch in milder Heiterkeit auf die zu seiner Begrüßung Versammelten +hin. Er richtete, schnell die Reihe herabschreitend, mit freundlichem +Kopfnicken alle diese ehrerbietigen Grüße erwidernd, an einzelne +Bekannte einige Worte. Bei dem Polizei-Präsidenten von Wurmb, welcher im +Reiseanzug gegenwärtig war, blieb der König einen Augenblick stehen. + +„Ich habe Sie gebeten mit mir abzureisen,“ sagte er. „Sie werden viel zu +thun finden, — unsere Vorbereitungen für die Enthüllung des Denkmals des +hochseligen Königs,“ fügte er mit wehmüthigem Lächeln hinzu, „werden nun +wohl für längere Zeit vertagt bleiben.“ + +„Möge die Errichtung des ehernen Denkmals auch noch hinausgeschoben +werden, Majestät,“ erwiderte Herr von Wurmb mit bewegter Stimme, „das +lebendige Denkmal an die große Zeit des hochseligen Herrn, welches in +jedem Preußenherzen fest begründet ist, wird in diesen Tagen mit +lebendigen Kränzen der Erinnerung und neuer Hoffnung geschmückt. Wieder +durchdringt das ganze Volk wie damals der heilige Ruf aus der Zeit des +eisernen Kreuzes „Mit Gott für König und Vaterland.“ + +Der König neigte das Haupt, sein Blick fiel auf das schwarz-weiße Band +des eisernen Kreuzes, das er trug, und indem er dasselbe leicht mit der +Hand berührte, sagte er halb laut: + +„In diesem Zeichen werden wir siegen.“ + +Er ging weiter. Raschen und festen Schrittes trat er zu dem sich tief +verneigenden Grafen Benedetti. + +„Sie haben gewünscht, Herr Graf,“ sagte der König mit freundlicher +Höflichkeit, „sich von mir zu verabschieden — leben Sie wohl.“ + +Trotz der Gewalt, mit welcher der französische Diplomat den Ausdruck +seiner Züge beherrschte, zeigte sich doch einen Augenblick eine mächtige +Bewegung auf seinem Gesicht. + +„Ich danke Eurer Majestät,“ sagte er mit leicht zitternder Stimme, „daß +Sie mir Gelegenheit geben, von Ihnen Abschied zu nehmen, und ich danke +Ihnen auch in diesem Augenblick noch einmal für die Gnade und das +Wohlwollen, welches Sie mir während der Zeit meiner Beglaubigung an +Ihrem Hofe bewiesen haben. Möchte die Zukunft Alles zum Guten wenden.“ + +„Die Zukunft liegt in Gottes Hand,“ sagte der König mit fester Stimme, +und indem er freundlich den Kopf neigte, wandte er sich zur Thür des +Salonwagens, an welcher der Hofmarschall und die übrigen Herren des +Gefolges ihn erwarteten. + +„Kommen Sie zu mir, lieber Abeken,“ sagte der König, „wir haben +unterwegs viel zu arbeiten und nehmen Sie St. Blanquart mit, damit alle +ankommenden Depeschen sogleich dechiffrirt werden können.“ + +Der Geheime Legationsrath nahm aus der Hand eines Dieners die große +Mappe, welche seine Papiere enthielt, winkte den Hofrath St. Blanquart, +welcher in einiger Entfernung von dem königlichen Gefolge stand, heran, +und beide folgten dem Könige, welcher bereits eingestiegen war, in den +Salonwagen, während die übrigen Herren ihre Plätze in den Coupés vor und +hinter demselben einnahmen. + +Die Locomotive pfiff, der König trat noch einmal an das Fenster und +winkte grüßend mit der Hand. + +Ein brausender Hochruf ertönte als Antwort auf den königlichen +Abschiedsgruß und wiederholte sich mit wachsender Begeisterung, während +der immer schneller dahin rollende Zug den Monarchen aus dem stillen, +friedlichen Badeort nach seiner Residenz zurückführte, von wo er bald +hinausziehen sollte an der Spitze des waffengerüsteten Deutschlands, um +von Neuem den Kampf aufzunehmen gegen den alten Feind seines Hauses und +seines Landes. + +Der König hatte an dem Fenster des Salonwagens Platz genommen und +blickte durch die hellen Glasscheiben in die lachende Gegend hinaus, +während der Geheimrath Abeken ihm gegenüber Platz genommen hatte, um +ihm die verschiedenen eingegangenen Depeschen vorzutragen. + +Der Hofrath St. Blanquart saß am Ende des Salons, den Chiffre vor sich, +eine nach der andern die Depeschen dechiffrirend, welche unmittelbar vor +der Abreise eingegangen waren und bereit, diejenigen in Empfang zu +nehmen, welche man auf den einzelnen Stationen erwarten mußte. + +„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken, „sogleich zu +Anfang eine wichtige und erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Aus München +ist gemeldet, daß der König auf den Vorschlag des Ministeriums erklärt +hat den Casus foederis für gegeben zu erachten, auch hat seine Majestät +die vorgelegte Mobilisirungsordre genehmigt.“ + +Der Blick des Königs leuchtete freudig auf. + +„Das deutsche Blut der Wittelsbacher verläugnet sich nicht,“ sagte er, +„sie haben gegen uns gestanden im Kriege von 1866, und sie lieben dort +vielleicht Preußen nicht zu sehr — aber jetzt wo Deutschland in den Kampf +tritt, zweifelt dieser junge König nicht, wo sein Platz ist. Nun +Deutschland wird ihm das nicht vergessen und ich auch nicht, denn von +nun an, wenn Gott uns in diesem Kampfe beisteht, wird ja die Geschichte +Preußens und Deutschlands für immer die gleiche sein. Künftig wird die +deutsche Armee ins Feld ziehen —“ + +„Wie Brandenburg Preußen wurde, Majestät,“ sagte der Geheime +Legationsrath, „so wird Preußen Deutschland werden und damit seine große +Mission vollenden.“ + +Der König blickte schweigend weit hinaus nach dem Horizont, an welchem +die an der Bahn liegenden Bäume schnell vorüberflogen. + +„Der feste und patriotische Entschluß des Königs Ludwig,“ sagte er nach +einigen Augenblicken, „ist um so höher anzuerkennen, als es in Baiern in +allen Kreisen nicht an eifrigen Bemühungen gefehlt hat, die Gelegenheit +zu benutzen, um eine Sonderpolitik zu machen. Nun ist Deutschland einig, +und jede Hoffnung Napoleons, die Südstaaten zu sich herüber zu ziehen, +gescheitert. Von Würtemberg sind noch keine Nachrichten da?“ + +„Noch nicht,“ sagte der Geheime Legationsrath Abeken, „doch hat Herr von +Rosenberg berichtet, daß an der patriotischen Haltung Würtembergs nicht +zu zweifeln sei.“ + +„So ist denn Deutschland zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich +einig,“ sagte der König, „die Zeit ist gekommen, in welcher jener alte +Spottname der Reichsarmee verschwinden wird, und in welcher die +deutschen Heere, von Preußen geführt, den alten Kriegsruhm der Nation zu +neuem Glanz erheben sollen.“ + +„Alles vereinigt sich,“ sagte der Geheime Legationsrath, „um die +Zuversicht auf den Sieg, welche ich fest in dem Herzen trage, zu +bestärken. Auch die Besorgnisse, welche die Haltung Österreichs +einflößen könnte, sind beseitigt durch die Gewißheit von der +freundlichen Haltung Rußlands, welche Graf Bismarck meldet. Der +Ministerpräsident wird Eurer Majestät darüber persönlich ausführlicher +berichten, doch ist als gesichert zu betrachten, daß jeder feindlichen +Bewegung Österreichs energisch entgegengetreten werden wird, daß der +Handel der Ostsee keiner Gefahr ausgesetzt werden soll, alle früheren +Besprechungen über diese Eventualität sind von Neuem bestätigt worden +und es ist die volle Sicherheit vorhanden, die ganze ungeschwächte und +ungetheilte Militairkraft nach der französischen Grenze hin verwenden zu +können.“ + +„Der Kaiser Alexander ist ein treuer Freund,“ sagte der König. „Er +erkennt wie ich auch die politische Notwendigkeit, daß Deutschland und +Rußland fest zusammenhalten, um gegenseitig ihre Aufgabe zu erfüllen +und ihre Zielpunkte zu erreichen. Möchten diese beiden Mächte immer +einig bleiben, dann wird Frankreich die übermüthige Prätension aufgeben +müssen, die dominirende Rolle in Europa zu spielen.“ + +Der Zug hielt in Coblenz. Der König trat an das Fenster, nahm die +Meldung der Generalität entgegen und begrüßte freundlich die zahlreiche +Menge, welche ihm ihr jubelndes Hurrah entgegen rief. Nach wenigen +Minuten fuhr man weiter. Depeschen auf Depeschen kamen an. Der Hofrath +St. Blanquart entzifferte unermüdlich mit lang geübter Sicherheit deren +Inhalt aus den langen Zahlenreihen und der Geheime Legationsrath Abeken +trug dem Könige immer neue Nachrichten vor, welche Kunde brachten von +der immer mächtiger aufflammenden Begeisterung des deutschen Volkes in +allen Gebieten des weiten Vaterlandes. + +Nach einigen Stunden wurde im Salonwagen das einfache Frühstück des +Königs servirt, der Leibjäger brachte Körbe mit kalter Küche und das +einfache Reiseservice. + +Und einen Augenblick den Vortrag unterbrechend, aß Seine Majestät etwas +kalten Hummer und trank ein Glas Wein, während er zugleich den Geheimen +Legationsrath Abeken aufforderte, die ermatteten Kräfte nach so langer +Arbeit wieder zu ergänzen. + +Dann winkte der König noch einmal dem Leibjäger und ließ sich den Korb +reichen. Er nahm ein Butterbrod und etwas kaltes Fleisch und legte es +auf einen kleinen Teller. + +„Ein Glas Wein,“ befahl er dann. + +Der Leibjäger servirte ein Glas Bordeaux. + +Der König nahm es in die Hand, den kleinen Teller in die andere und so +ging er durch den Salon zum Hofrath St. Blanquart hin, der noch immer +eifrig und unermüdlich eine Zahlenreihe nach der andern dechiffrirte. + +„Halten Sie einen Augenblick ein,“ sagte der König mit freundlichem +Lächeln, „mein lieber St. Blanquart, von Chiffrezahlen kann kein Mensch +leben. Nehmen Sie hier, was ich Ihnen bringe, wir müssen uns schon ein +wenig an das Campagneleben gewöhnen.“ + +St. Blanquart stand ganz erschrocken auf. + +„Majestät,“ sagte er, „welche Gnade — Eure Majestät denken selbst an +mich —“ + +„Soll ich denn nicht an meine Diener denken,“ sagte der König, „die Tag +und Nacht für mich arbeiten — nehmen Sie schnell, wir haben nicht viel +Zeit zur Ruhe.“ + +Er stellte den Teller vor den Hofrath hin, gab ihm das Glas Wein in die +Hand und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Fenster zurück, wo er +gedankenvoll hinaus in die Ebene schaute, wartend, bis die beiden Herren +ihr Frühstück vollendet hatten, dann erst ließ er den Korb und das +Service hinaustragen und die Arbeiten wieder aufnehmen. + +Weiter und weiter brauste der Zug. An allen Bahnhöfen wurde der König +von dichten Menschenmassen begrüßt, deren jubelnde Zurufe immer +lebhafter und begeisterter wurden. + +„Krieg! Krieg gegen Frankreich!“ hörte man fast überall. + +Dazwischen ertönten einzelne Stimmen: + +„Nach Paris! Nieder mit Napoleon!“ + +Auf jede Weise documentirte sich die patriotische Begeisterung des +Volkes. + +Bei allen solchen Rufen blickte der König tief ernst über die +Menschenmenge hin. + +„Sie rufen nach Krieg,“ sprach er leise, „sie bewegt die patriotische +Begeisterung und hebt sie über alle Sorgen der Zukunft hinweg. Aber +Niemand kennt so genau wie ich die Opfer, welche die nächste Zeit dem +gesammten Vaterlande auflegen wird, und ich muß ja doch das +entscheidende Wort sprechen. Nun, Gott weiß, daß dies entscheidende Wort +mir abgerungen ist, und daß nicht Ehrgeiz und Übermuth mich zum Kampfe +treibt, darum wird mir Gott seinen Segen geben, an dem Alles gelegen +ist. Eine solche Hingebung, eine solche Begeisterung des Volkes ist ja +der beste Segen Gottes!“ + +Nachdem in Cassel ein schnelles Diner eingenommen war, nachdem in +Magdeburg auf dem geschmückten Bahnhof der König mit hohem Enthusiasmus +begrüßt worden, hielt der Zug in Burg. Auch hier war eine Kopf an Kopf +gedrängte Menschenmenge versammelt, und ein donnerndes Hurrahrufen +begrüßte die Abfahrt des königlichen Salonwagens. + +Der König trat abermals an das Fenster und winkte mit der Hand über den +Platz hin. + +Da mit einem Mal verstummten die jubelnden Stimmen, eine tiefe Stille +trat ein, und ein an der Seite des Perrons aufgestelltes Musikcorps +begann eine voll anklingende ergreifende Melodie zu spielen. + +Der König lauschte den Tönen, welche hier an Stelle des „Heil Dir im +Sieger-Kranz“, das ihn sonst überall begrüßt hatte, ertönten. Er schien +in seiner Erinnerung zu suchen nach diesen Tönen und blickte wie +fragend auf den Legationsrath Abeken hin, welcher rückwärts vom Fenster +neben seinem Sessel stand. + +„Es ist die Wacht am Rhein, Majestät,“ sagte der Geheime Legationsrath. + +Still schweigend blickte der König vor sich hin. + +„Die Wacht am Rhein, — die Wacht am Rhein,“ sagte er tief sinnend, +während die Melodie draußen weiter klang, und erst einzelne Stimmen, +dann ein immer vollerer Chor die Musik zu begleiten begann. — + +„Die Wacht am Rhein, — ja, ja, das ist es, das ist schön — das ist sehr +schön, das ist das wahre Wort, welches einfach, herrlich und groß den +tiefen Gedanken ausdrückt, der diese Tage bewegt, und der das ganze Volk +zusammenführt zur Abwehr des verwegenen Angriffs.“ + +Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Kein Hurrahrufen erscholl, aber +die ganze große Menschenmenge war in den Gesang eingefallen, der voll +und gewaltig dem Könige nachklang, welcher am Fenster stand und auf alle +diese entblößten Häupter, auf alle diese von Begeisterung flammenden +Gesichter hinblickend, mit leisen Bewegungen des Hauptes den Rhythmus +der Melodie begleitete, bis dieselbe unter dem Rollen der Räder und dem +Schnauben der Maschine in der Ferne verklang. + +So kam man näher und näher nach Brandenburg, wo, wie dem Könige durch +den Telegraphen gemeldet war, der Kronprinz, Graf Bismarck, der +Kriegsminister von Roon und der General von Moltke den König erwarteten. + +Endlich, der Abend dunkelte bereits herein, fuhr der Zug in den Bahnhof +der alten märkischen Stadt ein. Fast die ganze Bevölkerung war dort +versammelt, die Spitzen der Behörden, und die Officiercorps standen auf +dem Perron hinter den Ministern; Allen voran der Kronprinz, welcher, als +kaum der Zug zum Stehen gebracht war, selbst die Thür öffnete, in den +Salonwagen hineinsprang und in tiefer Bewegung die Hand des Königs an +seine Lippen führte. + +Der König breitete seine Arme aus und drückte seinen Sohn einen +Augenblick schweigend an die Brust. + +„Ich hatte gehofft,“ sagte er dann ruhig und milde, „daß der Abend +meines Lebens in Frieden enden würde, und daß die Kämpfe der Zukunft +Deinem jüngeren und kräftigeren Arm überlassen bleiben sollten, — Gott +hat es anders gewollt, Du wirst mir zur Seite stehen, um unser Volk +nochmals zum Siege zu führen.“ + +Dann trat er auf den Perron hinaus und unter den immer von Neuem sich +wiederholenden Zurufen, die sich weithin in der Umgebung des Bahnhofs +fortpflanzten, begrüßte er mit herzlichem Händedruck den Grafen Bismarck +und die Generale von Moltke und von Roon, welche ihm ernst und tief +bewegt entgegentraten. + +„Der Augenblick ist da,“ sagte Graf Bismarck, „den wir so lange mit +aller Anstrengung hinauszuschieben versucht haben. Die letzte +Entscheidung naht, und fast möchte ich frei aufathmen, nun da die Nebel +zerreißen, da die frische Luft uns umweht und in reiner Klarheit unser +großes Ziel vor uns liegt, die heiligsten Güter des Vaterlandes zu +vertheidigen, Deutschland heraufzuheben auf den ersten Platz unter den +europäischen Nationen. Der Morgen einer großen Zeit bricht an, einer so +großen Zeit, wie sie kaum je die Geschichte gekannt hat; und Gott sei +Dank, das Schwert Deutschlands liegt in Händen, die es nicht niederlegen +werden, bevor der Sieg nicht erkämpft ist.“ + +Der König neigte nur langsam das Haupt, ohne etwas zu erwidern, dann +wandte er sich auf den Perron zu den Officieren und Civilbeamten, sprach +mit den obersten Vertretern derselben einige Worte und befahl bald die +Weiterreise, indem er den Geheimen Legationsrath Abeken und den Hofrath +St. Blanquart entließ und die Minister aufforderte, mit ihm und dem +Kronprinzen in den Salonwagen zu steigen. + +„Nun, meine Herren,“ sagte der König, als der Zug sich in Bewegung +gesetzt hatte, „wir werden von Neuem zu Felde ziehen müssen, denn ich +glaube nicht, daß jetzt noch eine friedliche Wendung möglich ist und +Jeder von uns wird mit Aufbietung aller Kräfte auf dem Posten stehen +müssen, denn diesmal handelt es sich um noch schwerere Kämpfe als im +Jahre 1866, schwerer vielleicht an Anstrengung und Arbeit,“ fügte er +hinzu. „Aber,“ sagte er dann, den hellen, klaren Blick auf den +Kronprinzen richtend, „ich ziehe mit leichterem, froherem Herzen ins +Feld gegen den alten Feind Deutschlands, als damals, da ich gegen den +alten Verbündeten, da ich gegen einen Fürsten aus deutschem Stamme +kämpfen mußte.“ + +„Und Alles ist vorbereitet, Majestät,“ sagte Graf Bismarck fast im +heiteren Ton, „um uns nach allen Richtungen den Erfolg zu sichern. +Frankreich hat sich durch diesen mit so unglaublichem Unverstand +ausgewählten Kriegsfall vollkommen isolirt, so daß auch diejenigen +Mächte, welche ihm vielleicht innerlich günstiger gesinnt sind, als uns, +sich außer Stande befinden, ihm irgend welche Sympathie zu beweisen, +und vor allen Dingen sind wir nach einer vielleicht bedenklichen Seite +hin vollkommen gesichert. Ich habe ausführlich mit dem Fürsten +Gortschakoff über die Situation verhandelt, die russische Politik ist +vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Krieg +zwischen uns und Frankreich zu localisiren und wird die strenge +Neutralität Österreichs überwachen.“ + +Der König nickte mit dem Kopf. + +„Wir werden weiter darüber sprechen,“ sagte er. — „Süddeutschland steht +ohne Rückhalt und ohne Schwanken zu uns?“ + +„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „trotz aller Agitationen +der feindlichen Parteien werden die Könige von Baiern und Würtemberg +fest an ihren Verträgen halten, und die Stimmung der Bevölkerung hebt +sich nach Allem, was mir berichtet wird, immer mehr zu einmüthiger +nationaler Begeisterung. Ich denke meinerseits noch ein wenig dazu +beizutragen, die ganze öffentliche Meinung in Deutschland und in den +übrigen Ländern von der Gerechtigkeit unserer Sache zu überzeugen und +den eigentlichen Kernpunkt des französischen Angriffs klar zu legen.“ + +Der König blickte den Minister fragend an. + +„Eure Majestät erinnern sich,“ sagte Graf Bismarck, „der schmählichen +Propositionen, welche von Frankreich uns bei wiederholten Gelegenheiten +gemacht worden sind, und welche uns einen unwürdigen Handel um die +nationale Entwickelung Deutschlands anboten, indem wir durch Raub an +Dritten das erkaufen sollten, was das selbstständige Recht Deutschlands +ist. Eure Majestät erinnern sich des Vertragsentwurfs, welchen mir +Benedetti einst gegeben hat, und in welchem für die Eroberung Belgiens +die Süddeutschen Staaten, über deren Selbständigkeit und Unabhängigkeit +man in Paris so viel gesprochen hat, uns von Frankreich überliefert +werden sollten.“ + +„Ich erinnere mich,“ sagte der König. + +„Nun, nun, Majestät,“ fuhr Graf Bismarck fort, „der innere, der wahre +Grund dieses jetzt so vermessen heraufbeschworenen Krieges liegt darin, +daß wir jenen Handel alle Zeit fest und entschieden zurückgewiesen +haben. Man will jetzt versuchen mit Gewalt zu nehmen, was wir nicht +verkaufen wollten. Ich habe über alle jene Vorschläge bisher das tiefste +Stillschweigen beobachtet, damit von unserer Seite nichts geschehe, um +einen so verhängnißvollen Bruch herbeizuführen. Nun aber, Majestät, ist +wie ich glaube der Augenblick gekommen, um die wahren Absichten und +Pläne Frankreichs vor aller Welt zu enthüllen, und wenn Eure Majestät es +erlauben, werde ich jenen Vertragsentwurf, den Benedetti und der Kaiser +Napoleon nicht ableugnen können, den Vertretern der Mächte und der +öffentlichen Meinung Europas mittheilen. Die Süddeutschen werden sehen, +wohin sie mit der hier und da gehegten Hoffnung auf Frankreich gekommen +wären. England wird sehen, was die Verträge über Belgien in Frankreichs +Augen zu bedeuten haben und abgesehen von der äußeren Form dieser +unerhörten Provocation wird auch die innere Gerechtigkeit unserer Sache +vor den Augen aller Welt klar werden. Damit wird eine große moralische +Macht uns zugeführt werden.“ + +Der König nickte zustimmend mit dem Kopfe. + +„Ja, ja, darin liegt der wahre Grund dieses so lang zurückgehaltenen +Krieges, und es kann nur nützlich sein, wenn alle Welt das klar +erkennt. — Ich habe auch,“ sagte er nach einigen Augenblicken, während +eine tiefe Bewegung aus seinen Augen leuchtete, „ich habe auch daran +gedacht, unsere Waffenmacht durch eine moralische Kraft zu verstärken +und der Begeisterung des Volkes einen idealen Halt, ein heiliges Zeichen +zu geben, zu dessen siegreichem Einfluß ich ein gläubiges Vertrauen +habe.“ + +Der Kronprinz und die andern Herren blickten erwartungsvoll in das +bewegte Gesicht des Königs. + +„Ich will das eiserne Kreuz wieder herstellen,“ sagte der König, indem +er wie unwillkürlich die Hände faltete und einen Augenblick die Augen +niederschlug, um den feuchten Schimmer zu verbergen, der an seinen +Wimpern erglänzte — „das wird die großen, frommen Erinnerungen wach rufen +und die Begeisterung jener vergangenen Zeit auch der Gegenwart wieder +erwecken. Die Ritter des eisernen Kreuzes sterben aus, ich will das edle +Zeichen auch für Dich und Deine Generation,“ sagte er zum Kronprinzen +gewendet, „erhalten als ein Vermächtniß der Erinnerung an mich und +meinen Vater.“ + +„Und ich verspreche Dir,“ rief der Kronprinz in mächtiger Erregung, „daß +ich nicht ruhen und rasten will, bis ich dies heilige Zeichen mir +erkämpft habe.“ + +Schweigend, voll Liebe und Bewunderung blickten die Minister auf den +König, der noch einige Augenblicke in stillem Sinnen da saß. + +Ein langer Pfiff der Lokomotive ertönte. Man fuhr in den provisorischen +Potsdamer Bahnhof ein. Bereits war die Dunkelheit des späten Abends +herabgesunken, der mit Blumenguirlanden geschmückte Bahnhof war +erleuchtet, ein einfacher Kronleuchter hing an der Decke des +provisorisch hergestellten königlichen Wartezimmers. + +Auf dem Perron erwarteten den König die Spitzen der Behörden, der +Magistrat, die Generalität, die Hofchargen und zahlreiche Damen mit +prachtvollen Blumenbouquets in der Hand. + +Ein mächtiger Hurrahruf erschallte über den ganzen Bahnhofsplatz hin als +der königliche Zug am Perron vorfuhr. Auf dem Perron entblößten sich +alle Häupter, die Hüte wurden in die Luft erhoben, die Damen wehten mit +den Tüchern. + +Der König und der Kronprinz stiegen aus. + +In der vordersten Reihe stand der greise Feldmarschall Wrangel. + +Rasch schritt der König zu demselben hin und reichte ihm die Hand, in +tiefer Bewegung beugte sich der Feldmarschall nieder und drückte seine +Lippen auf die königliche Rechte. + +„Ich begrüße in Ihnen, mein lieber General-Feldmarschall, meine Armee, +die von Neuem zeigen wird, daß sie ihrer Veteranen würdig ist.“ + +Der Feldmarschall wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm einige +Augenblicke. + +„Oh warum, Majestät,“ sagte er endlich in abgebrochenen Worten, „warum +gehöre ich heute zu diesen Veteranen, warum wollen die alten Glieder +heute nicht so vorwärts wie das Herz, das noch immer nicht alt wird.“ + +„Nun,“ sagte der König, die Hand leicht auf die Schulter des +Feldmarschalls legend, „wenn Sie auch heute nicht mehr ins Feld ziehen +können, Ihr Geist und Alles, was Sie für meine Armee gethan, das zieht +doch mit hinaus und das wird ebenso schwer bei der Entscheidung wiegen, +ja schwerer, als die Kraft der jungen Arme, denn der ruhmvolle Geist der +Vergangenheit, der in meiner Armee weht, ist es, der sie zum Siege +führen wird. Ich werde,“ fügte er freundlich zu dem Feldmarschall +gewendet, hinzu, „das eiserne Kreuz wieder herstellen, damit die +Veteranen der künftigen Generation auch dasselbe schöne Zeichen tragen +können, das wir Alten uns in den großen Tagen der Vergangenheit erworben +haben.“ + +„Das freut mir von ganzem Herzen,“ sagte der Feldmarschall, indem sein +altes, treuherziges Gesicht von Glück und Freude strahlte. „Das haben +Eure Majestät recht gemacht, das wird unseren Jungens wieder den Geist +von 1813 einhauchen. Dieser Geist fängt schon an zu wehen, ich habe da +gestern ein Witzblatt gesehen, worüber ich mir sonst geärgert habe, die +Berliner Wespen, die haben einen preußischen Soldaten gemalt, der dem +Napoleon die Faust unter die Nase hält und ihm sagt: „Dir hat wohl lange +nicht die Nase geblutet.“ Das ist richtiger preußischer Geist, Majestät, +und ich habe mir auch gleich hingesetzt und dem Schreiber von diesem +Wespenblatt über sein Bild meinen Glückwunsch gesagt.“ + +Der König lächelte. + +„Sie haben Recht, lieber Feldmarschall, je ernster die Zeit, um so +weniger darf dem Soldaten der Humor ausgehen, und damit hat es bei uns +Berlinern noch gute Wege.“ + +Er wandte sich um und begrüßte freundlich die Damen, deren dargereichte +Bouquets er entgegennahm, sich entschuldigend, daß er sie nicht alle +halten könne und sie dem Adjutanten zur Aufbewahrung übergeben müsse. +Dann trat er in das Wartezimmer, wohin ihm die Deputationen der +städtischen Behörden, die Generale und die Hofchargen folgten. + +Der Unterstaatssecretair von Thiele war unterdessen an den Grafen +Bismarck herangetreten und hatte ihm ein für ihn angekommenes Telegramm +übergeben. + +Graf Bismarck durchflog es, dann trat er mit blitzenden Augen in das +Wartezimmer zum König, der so eben die Begrüßung des Magistrats +entgegennahm. + +„Majestät,“ rief der Graf, „ich habe so eben ein Telegramm des +Wolf'schen Bureaus erhalten. Die Entscheidung ist da.“ + +„Ist der Krieg erklärt?“ fragte der König. + +„Die Kriegserklärung ist hier noch nicht übergeben,“ erwiderte Graf +Bismarck, „aber die Erklärung, welche Ollivier im Corps legislatif +abgegeben hat, ist so gut, wie die formelle Erklärung. + +„Ich bitte Sie, zu lesen.“ + +Graf Bismarck trat, die Depesche in der Hand in den Lichtkreis des +Kronleuchters und begann mit lauter Stimme zu lesen. Das Telegramm +enthielt die Darstellung, welche der Großsiegelbewahrer im +Gesetzgebenden Körper über die Verhandlungen in Ems gegeben hat. + +„Der König weigert sich,“ las Graf Bismarck in erhöhtem Ton, „die von +uns geforderten Verpflichtungen einzugehen und erklärte Benedetti, er +wolle sich für diesen, wie für jeden andern Fall vorbehalten, die +Verhältnisse zu Rathe zu ziehen.“ + +„Richtig,“ sagte der König leise vor sich hin. + +„Trotzdem,“ fuhr Graf Bismarck zu lesen fort, „brachen wir aus +Friedensliebe die Verhandlungen nicht ab, um so größer war unsere +Überraschung, als wir erfuhren, der König von Preußen habe sich +geweigert, Benedetti zu empfangen, und die preußische Regierung habe +das amtlich mitgeteilt.“ + +„Ist das geschehen,“ fragte der König. + +„Nein, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „ein Telegramm darüber ist in +den Zeitungen erschienen. Darüber werden die Vertreter Eurer Majestät an +den Höfen, bei denen sie beglaubigt sind, gesprochen haben. Es ist eine +der Verdrehungen der Wahrheit, welche den Zweck haben, uns die Schuld +des Friedensbruchs aufzuladen und die öffentliche Meinung in Frankreich +zu erhitzen, vielleicht den Kaiser zum Äußersten zu reizen.“ + +Finster blickte der König vor sich nieder, und biß die Zähne auf +einander, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund. + +„Unter diesen Umständen,“ las Graf Bismarck weiter, „wäre es ein +Vergessen unserer Würde und eine Unklugheit gewesen, keine +Vorbereitungen zu treffen. Wir haben uns bereitet den Krieg, den man uns +anbietet, anzunehmen, indem wir Jedem seinen Antheil an der +Verantwortlichkeit hierfür überlassen.“ + +Zornig trat der König mit dem Fuß auf den Boden, mit dem etwas +verkürzten Finger seiner rechten Hand fuhr er mehrfach von oben herab +über den Schnurrbart, wie es in Augenblicken heftiger Erregung seine +Gewohnheit war. + +„General von Roon,“ rief er dann, als Graf Bismarck die Depesche +zusammenfaltete, zum Zeichen, daß er zu Ende gelesen. + +Der Kriegsminister trat heran. + +„Ich befehle die Mobilmachung der ganzen Armee,“ sagte der König im +festen Ton, „sorgen Sie für die unmittelbare Ausführung meiner Befehle.“ + +„Hurrah!“ rief der General-Feldmarschall von Wrangel. „Es lebe der +König!“ + +Die Umstehenden wiederholten diesen Ruf, brausend setzte sich derselbe +weithin über den Platz und durch die Menschen gefüllten Straßen fort. + +„Ich erwarte Sie in einer Stunde bei mir, Graf Bismarck und auch Sie, +General von Moltke, um alles weiter Erforderliche zu beschließen,“ sagte +der König. + +Dann grüßte er mit freundlichem Ernst die Anwesenden und bestieg mit dem +Kronprinzen seinen Wagen, in welchen bereits in dichter Menge die ihm +überreichten Blumenbouquets gelegt waren. Langsam fuhr er durch die +jubelnden Menschenmassen nach seinem Palais, von neuen, immer lauter +anschwellenden Hurrahrufen begrüßt, stieg er hier aus, trat noch einmal +auf die Rampe vor und winkte mit der Hand über den Platz hin. + +„Bei einer solchen Begeisterung meines Volkes ist uns der Sieg sicher, +wir können der Zukunft ohne Furcht entgegen gehen,“ sagte er dann mit +bewegter Stimme, indem er sich langsam abwandte und in sein Palais +eintrat. + +Lange noch blieb die Menge dicht gedrängt auf dem Platz versammelt, +immer nach dem Fenster hinblickend und jedesmal, so oft die Gestalt des +Königs oder auch nur ein vorübergehender Schatten dort sichtbar wurde, +in erneute Rufe ausbrechend. + +Endlich trat ein Leibjäger des Königs auf die Rampe hinaus, winkte einen +der dort aufgestellten Schutzmänner heran und sprach einige Worte mit +ihm. + +Der Schutzmann näherte sich den Ersten in seiner Nähe. + +„Meine Herren,“ sagte er, „Seine Majestät läßt bitten, nach Hause zu +gehen, der König hat diese Nacht noch viel zu arbeiten.“ + +„Der König will Ruhe,“ ertönte es unmittelbar durch die Massen hin. +„Nach Hause! Nach Hause!“ + +Einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille über den ganzen Platz. +Dann begannen einige Stimmen die feierliche, allbekannte Melodie des +„Heil Dir im Siegerkranz“ zu intoniren. + +Mit gewaltigem Klang stieg dies Lied, das in so einfach großer Weise den +Geist der unvergeßlichsten Zeit der preußischen Geschichte ausdrückte, +zum nächtlichen Himmel auf, — dann wurde wieder Alles still. + +Leise und ruhig nur in flüsternden Gesprächen sich unterhaltend, +zerstreute sich diese ganze unabsehbare Menschenmenge, um dem Könige +Ruhe zu lassen für seine Arbeit, welche dem deutschen Volk in den großen +nationalen Entscheidungskämpfen den Sieg sichern sollte. + +Bald lag der ganze weite Platz im schweigenden nächtlichen Dunkel, nur +in den Zimmern des Königs brannte bis zum Morgen hin das Licht, welches +die Arbeit beleuchtete, in die der unermüdliche Monarch sich mit seinem +Minister und seinem Heerführer vertiefte, und durch die Scheiben des +Fensters fiel der Strahl dieses Lichts in die Nacht hinaus, auf das aus +der Dunkelheit in riesigen Umrissen hervortretende Denkmal des großen +Königs hin, — die Sterne des Himmels blickten in ewiger lichter Ruhe +herab auf die schlummernde Residenzstadt, welche im täuschenden Schein +friedlicher Stille da lag, während sie schon in den nächsten Tagen +Tausende ihre Söhne hinaussenden sollte, um auf blutigen Schlachtfeldern +von Neuem ihre opferfreudige Treue für den König und das Vaterland zu +beweisen. + + + + +Neuntes Capitel. + + +Ernst und still saß Fräulein Luise Challier in dem Wohnzimmer des +alten Hauses in St. Dizier. Traurige Wochen und Monate waren verflossen, +seit ihr Geliebter sie voll freudiger Hoffnung und Zuversicht verlassen +hatte. So schwer auch der Abschied von ihm sie erschüttert hatte, so +hatte sie doch in den ersten Tagen glücklich und froh seiner gedacht; +sie hatte die Tage gezählt, welche er zu seiner Reise bedurfte, sie +hatte ausgerechnet, wie lange ein Brief von Hannover gehen müsse, um zu +ihr zu gelangen und hatte nach Verlauf dieser Zeit mit zweifelloser +Gewißheit, ungeduldig die Augenblicke zählend, einer Nachricht von ihrem +Geliebten entgegengesehen. + +Als ein Tag nach dem andern vergangen war, ohne daß eine solche +Nachricht eintraf, hatte sie dann alle Möglichkeiten der Verzögerung +sich klar gemacht, sie hatte auch wohl mit einem leichten Gefühl von +Traurigkeit sich oft gesagt, daß der junge Mann unter dem Eindruck der +Rückkehr in seine alte Heimath erfüllt von den lebhaften Gefühlen des +Wiedersehens seiner Mutter gezögert habe, ihr zu schreiben. Ja sie hatte +sich sogar in eine freudige Stimmung hinein gedacht, indem sie sich +sagte, daß ihm die Ordnung seiner Verhältnisse und die Erlangung der +Einwilligung seiner Mutter und seines Oheims zu der neuen Wendung seines +Schicksals vielleicht schneller gelungen wäre, als er selbst es gehofft, +und daß er ihr mit der ersten Nachricht vielleicht zugleicht seine +Wiederkehr nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten anzeigen wolle — damit +war wieder eine Reihe von Tagen vergangen, bis endlich auch dieser Grund +nicht mehr zur Beruhigung ihrer immer banger werdenden Unruhe genügen +wollte. Dann war jene entsetzliche, das ganze innere Wesen des Menschen +zerstörende Zeit des Wartens gekommen, welche in ihrer dumpfen, +bleiernen Schwere auf die Seele und den Geist vernichtender wirkt, als +der härteste, aber bestimmt und klar eintretende Unglücksfall. + +Wie die Blume vor dem mächtig niederrauschenden Wetter ihr Haupt senkt, +um es später wieder frisch und duftig erheben, wie sie, wenn die Blüthe +gebrochen wird, neue Blüthen treibt, so kann ein mächtiger Wetterschlag +des Schicksals das menschliche Herz und den menschlichen Geist schwer +und gewaltig erschüttern; aber nach dieser Erschütterung richtet sich +der Muth wieder empor, die Kraft kehrt zurück, und neues Glück, neue +Freude können unter wiederkehrendem Sonnenschein freundlicher +Schicksalswendungen erwachsen. + +Aber wie die Pflanze, der in dürrer Erde das Wasser entzogen wird, +langsam erstirbt, vergeblich lechzend nach frischer erquickender +Lebenskraft, und wie die vertrockneten Blüthen die verdorrten Blätter, +langsam erstarrt und gestorben, sich niemals wieder zu neuem Leben +aufrichten können, so tödtet und erstarrt das langsame erbarmungslose +Verschwinden der Hoffnung den Glauben des menschlichen Herzens, und wenn +es auch mechanisch in regelmäßigem Pulsschlag das Blut durch die Adern +treibt, sein inneres Leben, der Duft und die Farben kehren ihm nie +wieder zurück, und es ist todt, lange, lange, bevor es aufhört, zu +schlagen. + +So erstarb langsam und qualvoll die Freude und das Glück und endlich die +Hoffnung und der Glaube in dem Herzen des jungen Mädchens, und wenn auch +die Liebe, diese Tochter des Himmels, welche in dem geschaffenen +Menschen Alles überlebt, weil sie unsterblich ist, wie der Schöpfer, der +sie in sein Geschöpf legte, — wenn auch diese Liebe nicht aus ihrem +Herzen verschwand, so erfüllte sie doch das Herz nicht mehr mit Licht +und Wärme. Es war nur noch eine traurige Flamme frommer Erinnerung wie +die ewige Lampe in einem Grabgewölbe. + +Luise hatte sich zuerst in ihrer feurigen und kräftigen Natur lebhaft +aufgebäumt gegen den Gedanken, daß der, den sie so sehr liebte und an +dem ihr Herz mit so vollem und hingebendem Vertrauen hing, sie so +schnell habe vergessen können. + +Qualvolle Unruhe, Zorn, Erbitterung hatten sie erfüllt, immer und immer +wieder hatte sie Gründe für sein Verstummen gesucht, und von Neuem hatte +sie ihre Hoffnungen wieder aufgerichtet, um sie immer wieder von Neuem +zusammen sinken zu sehen. Und alle diese Kämpfe, alle diese Qualen und +Leiden hatte sie tief in sich selbst verschlossen. + +Mit lächelnder Miene hatte sie, als ihr Vater anfing, seine Verwunderung +über das Schweigen des jungen Mannes auszusprechen, Gründe aufgesucht, +an welche sie selbst nicht glaubte. Mit Anstrengung aller Willenskraft +hatte sie sich den Tag über aufrecht erhalten, um vor den Augen ihres +Vaters und ihrer Hausgenossen ruhig und heiter zu erscheinen; +sorgfältig hatte sie am Morgen ihre von Thränen und Nachtwachen +gerötheten Augen gekühlt, um die Spuren ihres innern Leidens zu +verbergen, und stolz und kalt hatte sie Herrn Vergier, wenn derselbe sie +zuweilen mit dem Anschein freundlicher Theilnahme nach dem jungen Cappei +fragte, geantwortet, daß derselbe sich vortrefflich befinde, und daß sie +hoffe, er werde bald zurückkehren. + +Endlich aber war das Alles über ihre Kräfte gegangen, alle Gründe, die +sie für sich selbst und ihren Vater aufsuchen mochte, konnten nicht mehr +ausreichen, um dies wochenlange Schweigen des jungen Hannoveraners zu +erklären, und als endlich eines Tages der alte Challier deutlicher und +bestimmter seine Besorgnisse und seine Unruhe über das Benehmen des +jungen Mannes, zu dem er so großes Vertrauen gehabt, aussprach, da war +sie wie gebrochen in sich zusammen gesunken, zu schwach, den Kampf +länger auszuhalten und ihre inneren Qualen unter lächelnder Miene zu +verbergen. + +Ein Strom heißer Thränen stürzte aus ihren Augen und laut schluchzend +warf sie sich in die Arme ihres Vaters. + +„Oh, er hat mich verlassen!“ rief sie. „Er hat mich vergessen! Er hat +sein Spiel mir getrieben hier in der Verbannung, — nun er zurückgekehrt +ist zu den Seinen in sein Vaterland und in seine alte Heimath, da +gedenkt er meiner nicht mehr. Und,“ fuhr sie heftiger weinend fort, „da +hält er es nicht einmal für nöthig, einen Vorwand zu suchen — mir ein +Wort des Abschieds zu sagen! Nein, er läßt mich langsam vergehen in +vergeblicher Erwartung! Oh, das ist schlecht,“ rief sie, den Kopf +emporhebend und mit fast verwirrtem Blick im Zimmer umher starrend — „das +ist schlecht, das habe ich nicht um ihn verdient! Ich habe ihn doch so +sehr geliebt, und auch jetzt noch liebe ich ihn,“ rief sie. „Ich zürne, +mir selbst, fast möchte ich mich verachten, daß ich ihn noch lieben +kann. Aber dann wieder, wenn sein Bild vor mich hintritt, wenn ich an +seine Augen denke, die so gut und treu blicken, an alle seine Worte so +voll Wahrheit und tiefen Gefühls — dann kann ich es nicht glauben, kann +ich es nicht für möglich halten, daß er mich so vergessen, so unwürdig +bei Seite werfen sollte, dann erfaßt mich eine namenlose Angst, daß ihm +ein Unglück widerfahren sei, daß er todt sein möchte. Oh, mein Gott, +mein Gott,“ rief sie laut aufschreiend, „gieb mir ein Ende dieser +Qualen, ein Ende dieser Angst, nur einen Lichtblick der Gewißheit, und +wäre es die traurigste, die schmerzlichste, sie wäre ein Glück gegen +diesen Zustand.“ + +Ernst und traurig hatte der alte Herr Challier diesen so plötzlichen +Ausbruch des Jammers seiner Tochter mit angehört. Voll tiefen, +liebevollen Mitgefühls sah er auf das junge Mädchen herab, welches +zitternd in sich zusammen geschmiegt vor ihm stand, die Hände gefaltet +und den brennenden Blick fragend auf ihn gerichtet, als erwarte sie von +ihm das Licht und die Aufklärung nach denen ihre Seele dürstete. + +„Meine Tochter,“ sagte er, „gieb Dich nicht der Verzweiflung hin. Das +Leben bietet harte und schwere Schicksalsschläge genug, es muß immer in +unserm Herzen etwas leben, das uns über das Unglück erhebt, und wäre es +nur der Stolz und das muthige Selbstgefühl, welches eine Tochter der +Bragars niemals verlassen soll.“ + +„Oh, mein Vater,“ rief sie, „ich würde Muth und Kraft haben, Alles zu +ertragen, wenn er mir gestorben wäre, wenn die Hand der Vorsehung mit +unwiderstehlicher übermächtiger Gewalt in meine Hoffnungen und in die +Träume meines Glücks eingegriffen hätte; aber daß es so enden soll, daß +er mich vergißt, daß er aus dem Kreise meines Lebens verschwindet, ohne +daß ich weiß wodurch und warum. Das, mein Vater, zerstört meinen Geist, +das zerbricht meinen Willen und meine Kraft, das untergräbt mein +Vertrauen an die Gerechtigkeit Gottes.“ + +„Wenn er sich unwürdig gegen Dich betragen hat, mein Kind, wenn er Dich +so leicht vergessen konnte, so sollte Dein Stolz sich um so höher +erheben und Dir den Willen und die Kraft Deiner Seele wiedergeben,“ +sagte Herr Challier mit ernstem, fast vorwurfsvollem Ton. „Aber,“ fuhr +er fort, „noch ist es so weit nicht, noch kann irgend ein Mißverständniß +vorliegen. Er kann krank geworden sein, — wenn ich an den jungen Mann +zurückdenke, wie ich ihn gekannt habe, als er unter uns lebte, wenn ich +mir sein ganzes Wesen, seinen Charakter vergegenwärtige, so kann ich es +kaum glauben, daß er Dich so leicht vergessen und verlassen hat; und ich +muß fast an irgend ein äußeres Hinderniß glauben, das diesem +unerklärlichen Schweigen zu Grunde liegt.“ + +„Das sagt auch mir mein Herz,“ rief Luise, indem sie mit einem dankbaren +und hoffnungsvollen Ausdruck zugleich ihren Vater ansah, „eine Stimme in +meinem Innern ruft mir zu, er kann nicht so niedrig, so schlecht und +undankbar sein, um, selbst wenn das Schicksal unserer Verbindung +unübersteigliche Hindernisse in den Weg entgegenstellte, sich so von mir +zu trennen.“ + +„Wenn Du das glaubst,“ sagte der alte Challier, „so mußt Du an ihn +schreiben und Erklärung von ihm verlangen. Ist er krank, was ja möglich +ist, so wird der Brief in die Hände der Seinigen kommen, und Alles wird +klar werden.“ + +„Ich soll ihm zuerst schreiben,“ rief Luise, indem eine dunkle Röthe ihr +Gesicht überflog, „ich soll ihn mit meiner Liebe verfolgen — wenn er mich +vergessen hätte.“ + +„Wenn Du ihn liebst,“ sagte Herr Challier, „wenn Du Vertrauen zu ihm +hast, so bist Du ihm und Dir selber schuldig, jenen Schritt zu thun, der +Dir Aufklärung über ein Mißverständniß oder die unleugbare Gewißheit +seiner Unwürdigkeit giebt. Es mag ihm widerfahren sein, was da wolle, so +wird Dein Brief in die Hände seiner Angehörigen kommen und Du wirst +irgend eine Nachricht erhalten. Und nur wenn er Dich wirklich verlassen +will, oder wenn er uns eine falsche Adresse gegeben hätte, um seine Spur +verschwinden zu lassen, wirst Du ohne Antwort bleiben.“ + +„Du hast Recht, mein Vater,“ sagte Luise, „ich will den Glauben und das +Vertrauen nicht so leicht aufgeben. Ich will ihm schreiben.“ + +Sie ging sogleich in ihr Zimmer und schrieb in fliegender Eile Alles, +was ihr Herz ihr eingab, und als sie geendet hatte und den Brief nochmal +überlas, sprach sie hoch aufathmend zu sich selbst: + +„Wenn dieser Brief in die Hände seiner Mutter gelangt, wenn er nur von +einem Menschen gelesen wird, der ein fühlendes Herz hat, so werde ich +erfahren, was ihm begegnet ist, und warum ich keine Nachricht von ihm +erhalten habe.“ + +Ihr Vater las den Brief, den sie geschrieben, mit wehmüthigem Blick, +voll inniger Theilnahme sah er sein Kind an. Die ganze Qual ihres +Herzens lag zwischen den Zeilen. + +Er siegelte den Brief und versah ihn mit der Adresse, welche Cappei +zurückgelassen hatte und brachte ihn selbst zur Post. + +Abermals begann nun jene Zeit der unruhigen Erwartung, des bangen +Zweifelns zwischen Furcht und Hoffen. Abermals zählte das junge Mädchen +die Tage, welche ihr eine Antwort bringen konnten. Abermals aber +verflossen diese Tage, ohne daß die ersehnte Nachricht kam, abermals +arbeitete sich ihr gemartertes Herz durch alle Fasern dieses +entsetzlichen Wartens hindurch, dessen Pein keine Ruhe und Rast, keinen +Unterschied zwischen Tag und Nacht kennt. + +Bleicher und bleicher wurden die Züge dieses sonst so lebensfrischen +Gesichts, aber es war diesmal nicht die zitternde, sehnsuchtsvolle +Unruhe, nicht die schmerzvoll ringende Verzweiflung, welche sich in +diesen Zügen malte. Kalt, finster und stolz wurde der Blick des jungen +Mädchens, oft lächelten ihre Lippen bitter oder preßten sich mit dem +Ausdruck düsterer Resignation auf einander. Kalt und ruhig ging sie +einher, verrichtete genau und pünktlich ihre häuslichen Besorgungen, und +sorgfältig wich sie jedem Gespräch mit ihrem Vater aus, welcher mit +kummervollen Blicken ihr Treiben beobachtete. + +Es waren fast drei Wochen vergangen, seit sie ihren Brief abgesendet, da +trat sie eines Tages ernst und ruhig vor ihren Vater hin, als derselbe +nach dem Diner in seinem Lehnstuhl saß und mit klarem Blick und mit +fester Stimme sprach sie zu ihm: + +„Es ist jetzt vorbei, mein Vater, der Traum, welcher eine Zeit lang mein +Leben erfüllte, ist ausgeträumt. Die Liebe, welche mein ganzes Wesen +durchdrang, ist in meinem Herzen gestorben, ich habe sie ausgerissen mit +den letzten Wurzeln, ich habe sie verachten gelernt und will sie nun +auch vergessen können. Du hast Recht gehabt, mein Vater, der Stolz +giebt die Kraft, sich aus dem Bann leidenden Jammers zu erheben und im +Gefühl der eigenen Würde die Niedrigkeit und Schlechtigkeit derer zu +vergessen, die unser Herz mit Füßen traten. Ich habe ein Jahr meines +Lebens verloren — das ist Alles,“ sagte sie bitter und hart, „vielleicht +habe ich dabei gewonnen, denn ich habe die Menschen verachten und die +eigene Kraft schätzen gelernt. Nimm mich hin, mein Vater, es ist Alles, +wie es früher war, Deine Tochter gehört wieder Dir und Dir ganz allein.“ + +Sie schlang ihre Arme um die Schultern ihres Vaters und ließ ihren Kopf +an seine Brust sinken. Ein leises Zittern flog durch ihre Gestalt wie +eine letzte Regung des tief schneidenden Schmerzes, der so lange ihr +innerstes Wesen erschüttert hatte. + +Dann aber hob sie den Kopf empor und blickte ihren Vater fest an, wie um +zu zeigen, daß ihre Kraft größer sei, als ihr Schmerz. Ihre Gesichtszüge +waren ruhig und unbeweglich, ihre Augen klar und trocken. + +Ihr Vater schüttelte langsam und schmerzlich den Kopf. + +„Ich freue mich,“ sagte er, „daß Du die eigene Kraft kennen und schätzen +gelernt hast, aber nicht so darfst Du in Dein künftiges Leben gehen, Du +darfst die Menschen nicht verachten, weil Einer sich Dir niedrig gezeigt +hat, weil Einer unwürdig gegen Dich gehandelt. Auch diese Wunde wird +heilen, mein Kind, wie so Vieles heilt in der geschaffenen Natur — Du +wirst auch das Vertrauen zu den Menschen wieder finden, Du wirst Dich +dem Leben und seinen reichen Gaben nicht verschließen. Du bist noch so +jung und es wird die Zeit kommen, wo Alles, was Du jetzt gelitten, wie +ein ferner Traum verklungen sein wird. Vergiß auch nicht,“ fügte er +hinzu, „daß Derjenige, der Dich unwürdig verlassen, kein Sohn Deines +edlen Vaterlandes war. Vielleicht ist es ein Glück, daß es so kam, für +das Leid, das der Fremde Dir zugefügt, wird, so Gott will, Frankreich +Dir Ersatz bieten.“ + +Luise trat einen Schritt von ihrem Vater zurück, hoch richtete sie sich +empor und sprach stolzen, flammenden Blickes. + +„Glaube nicht, mein Vater, daß ich mit dem Leben abschließen will, +glaube nicht, daß ich etwa daran denke, in klösterlicher Einsamkeit den +Unwürdigen zu beweinen, der mein liebevolles Vertrauen getäuscht hat. +Nein, ich werde frei und muthig, aber auch klar und kalt in das Leben +treten, ich werde alle seine Pflichten erfüllen, — aber mein Herz werde +ich für mich allein behalten und — für Dich, mein Vater,“ fügte sie mit +einem innigen Blick hinzu. „Es soll nicht wieder der Spielball +unwürdiger Laune werden.“ „Das ist brav und recht, mein Kind,“ sagte +Herr Challier, „das ist tapfer und meiner Tochter würdig. Und Gott, der +die Zukunft der Menschen lenkt,“ fügte er die Hände faltend hinzu, „er +wird auch nicht zulassen, daß Dein Herz in kalte Einsamkeit verschlossen +bleibt, auch Dir wird noch Glück, Wonne und Freude zu Theil werden.“ + +Schweigend, mit schmerzlichem Lächeln schüttelte Luise den Kopf und ging +hinaus, um die Geschäfte der häuslichen Wirthschaft zu ordnen. + +Von diesem Augenblick an war zwischen Vater und Tochter von der Sache +nie mehr die Rede, und ruhig ging das einfache Leben in dem alten Hause +seinen Weg. + +Herr Vergier, welcher sich eine Zeit lang wenig im Hause hatte sehen +lassen, kam wieder öfter dorthin. Er leistete dem Alten Gesellschaft, +sprach mit ihm über die Geschichte und über die Fragen der Politik, +welche die öffentliche Meinung bewegten. Sein früher so heftiges und +aufgeregtes Wesen war augenscheinlich ruhiger und sanfter geworden; er +schien sich allmählig von den Ansichten des alten Herrn überzeugen zu +lassen und hielt sich von allen heftigen Ausfällen gegen das +Kaiserthum, von allen scharfen Urtheilen über die Regierung zurück — er +hatte während des Plebiscits sich von jeder Agitation der democratischen +Partei, mit welcher er früher innig verbunden gewesen war, fern +gehalten, — der alte Herr Challier war darüber sehr erfreut und erblickte +darin eine Wirkung des Einflusses, den er auf die Ansichten des Herrn +Vergier ausübte. Das Verhältniß zwischen Beiden war in Folge dessen ein +immer freundschaftlicheres und herzlicheres geworden. + +Auch Fräulein Luise trat Herrn Vergier immer näher, er unterhielt sich +freundlich und ruhig mit ihr; er sprach mit ihr über viele Dinge, welche +den regen Geist des jungen Mädchens interessirten, und niemals kam ein +Wort über seine Lippen, das an die Vergangenheit erinnerte oder die +Hoffnungen und die Wünsche berührte, die er früher gehegt, und die er +früher in so heftiger und leidenschaftlicher Weise gegen sie +ausgesprochen hatte. + +Das junge Mädchen, das anfänglich verschlossen, kalt und zurückhaltend +gegen ihn gewesen war, begann in seiner Unterhaltung Zerstreuung und +Beruhigung zu finden, und so kam es, daß nach Verlauf einiger Zeit Herr +Vergier wieder der tägliche und gern gesehene Gast im Hause des Herrn +Challier war, der in den kleinen Kreis freundliches und heiteres Leben +brachte. + +Die verhängnißvollen Tage des Juli waren gekommen, die gewaltige +Aufregung, welche Paris bewegte, und welche bereits ganz Europa zu +ergreifen begann, schlug ihr helles Feuer auch hier in diesem ruhig +abgeschlossenen Leben der alten Stadt St. Dizier, und das Gefühl aller +dieser Nachkommen der Soldaten Franz I. wallte hoch auf bei den +Berichten über die Vorgänge im Corps legislatif, und als die Rede des +Herzogs von Gramont in den Journalen erschien, in welcher dieser Träger +eines edlen, alt französischen Namens das Nationalgefühl Frankreichs +aufrief gegen die Wiederherstellung des Reiches Karl V., dieses +deutschen Kaisers, der einst in seinen Kämpfen gegen den ritterlichen +König Franz I. die Stadt St. Dizier belagert und vor deren Mauern den +entscheidenden Widerstand gegen sein siegreiches Vordringen gefunden +hatte, da war in dieser kleinen Stadt nur eine Stimme der Entrüstung und +der Begeisterung, und jeder Bürger von St. Dizier wäre bereit gewesen, +die Waffen zu ergreifen, um unter den Fahnen Frankreichs hinaus zu +ziehen zum Kampf gegen die Nachkommen der Soldaten Karl V. + +Die vollste Übereinstimmung zwischen ihren Anschauungen und Gefühlen +herrschte zwischen Herrn Challier und Herrn Vergier, und wenn die +Abendzeitungen die neuesten Nachrichten über die Vorgänge in Paris und +in Ems brachten, so ergingen sich Beide in gleichen und einander +ergänzenden Ausdrücken der Entrüstung gegen die deutsche Anmaßung und +der begeisterten Hoffnung auf einen siegreichen Krieg Frankreichs; und +mit leuchtenden Blicken hörte Luise diesem Gespräch zu, — jedes Wort fand +einen Wiederhall in ihrem Herzen. Zum ersten Mal nach langer Zeit schlug +dies Herz wieder in höherer Wallung auf, die Erinnerung an ihre +verlorene Liebe verschwand fast vor dem Gefühl des nationalen Stolzes, +der sie erfüllte. + +Eines Abends trat Herr Vergier hastig und von heftiger Aufregung +zitternd in das Wohnzimmer, in welchem der alte Challier mit seiner +Tochter saß. + +„Die Entscheidung ist da,“ rief er, dem alten Herrn ein Zeitungsblatt +hinreichend, „alle diplomatischen Künste können diesmal den Krieg, nach +welchem Frankreich dürstet, nicht aufhalten. Unsere Ehre ist engagirt, +und wenn die Regierung jetzt nicht unmittelbar handelt, so wird das +Nationalgefühl dies nicht länger ertragen. Der König von Preußen,“ +sagte er, zu Luise gewendet, während Herr Challier das Zeitungsblatt +durchlas, „hat es verweigert, den Botschafter Frankreichs anzuhören, ja +nur zu empfangen. Das ist eine Beleidigung, wie sie im Verkehr der +Nationen noch nicht vorgekommen ist, und zum Überfluß hat die preußische +Regierung diese unerhörte Thatsache noch in der schroffsten und +verletzendsten Form allen übrigen Cabinetten Europa's mitgetheilt. Die +unmittelbare Kriegserklärung ist die einzige mögliche Antwort auf diese +Provocation. Bereits sind Eisenbahnzüge angemeldet,“ fuhr er fort, +„welche die Truppen nach den Grenzen führen, die Commando's sind +vertheilt, und in vierzehn Tagen vielleicht schon können wir die +Nachricht von den ersten Siegen unserer Armeen erhalten.“ + +Einen Augenblick zuckte es schmerzlich über das Gesicht Luisens, dann +aber leuchteten ihre Augen in hoher Begeisterung auf, fragend richtete +sie den Blick auf ihren Vater. + +Dieser hatte das Zeitungsblatt langsam durchgelesen. + +„Ja,“ sagte er ernst, „das ist der Krieg. Ein Krieg, der die Welt +erschüttern wird, und der hoffentlich alles Unrecht wieder gut machen +wird, welches das coalirte Europa uns einst gethan. Gott segne +Frankreich!“ fügte er hinzu, die Hände gefaltet. + +„Ja, Gott segne Frankreich,“ flüsterte Luise leise, indem ihr Blick sich +mit dem Ausdruck innigsten Gebets auswärts richtete. + +Herr Vergier schlug einen Moment die Augen zu Boden, dann trat er zu +Luise hin und sprach nach einem leichten Zögern: + +„Fräulein Luise, ich habe nie wieder dessen erwähnt, was früher zwischen +uns vorgegangen, obgleich die schmerzliche Erinnerung daran mich keinen +Augenblick verlassen hat. Verzeihen Sie, wenn ich Sie heute daran +erinnere, aber in einem Augenblick wie dieser, in welchem alle Kinder +Frankreichs in gemeinsamen Wünschen und Hoffnungen sich begegnen, soll +es auch zwischen uns klar werden. Sie haben mir einst schwer gezürnt, +als ich dem bitteren Schmerz Worte verlieh, den mein Herz darüber +empfand, daß Sie Ihre Liebe einem Fremden, einem Feinde Frankreichs, +zugewendet. Fräulein Luise, mein treues und tiefes Gefühl für Sie hat in +seinem Instinct das Richtige erkannt, jener Fremde hat Sie verlassen, +Ihre Liebe verachtet, — ich habe das nie erwähnt, aber ich habe es wohl +gesehen, und ich habe auch gesehen, was Sie gelitten haben. Ich will +heute nicht noch einmal den Verdacht aussprechen, den ich gegen jenen +Fremden gehegt; die Ereignisse haben jenen Verdacht nicht entkräftet, +und vielleicht werden auch Sie heute meine damaligen Besorgnisse anders +beurtheilen, als Sie es zu jener Zeit gethan. Ich kann mir,“ fuhr er +fort, „nicht denken, daß heute noch in Ihrem Herzen ein Rest von Liebe +gegen Denjenigen bestehen soll, der vielleicht in diesem Augenblick +schon mit der Waffe in der Hand gegen die Grenzen unseres heiligen +Vaterlandes heranzieht —“ + +Mit stolz blitzenden Augen schüttelte Luise schweigend den Kopf. + +„Ich will mir auch nicht anmaßen,“ fuhr Herr Vergier fort, indem bei der +Bewegung des jungen Mädchens ein freudiger Strahl in seinen dunklen +Augen aufleuchtete, „ich will mir auch nicht anmaßen, daß es mir möglich +sei, so schnell in Ihrem Herzen die Gefühle erwecken zu können, welche +Sie mir früher versagten, aber Freundschaft und Vertrauen werden Sie mir +heute hoffentlich nicht mehr verweigern können, heute, wo alle Franzosen +nur eine große Familie bilden.“ + +Luise reichte ihm mit einer Bewegung voll aufrichtiger Herzlichkeit die +Hand. + +„In Zeiten wie die heutigen, in denen wir großen und vielleicht +langwierigen Entscheidungskämpfen entgegengehen, bedarf eine Frau mehr +als je des Schutzes und der Gewißheit einer sichern und ruhigen Zukunft. +Sie wissen, Fräulein Luise, daß ich mein Glück nur an Ihrer Seite finden +kann, Sie wissen auch, daß Sie in mir eine treue und feste Stütze für +das ganze Leben finden werden, Sie wissen, daß Ihr Vater unsere +Verbindung einst wünschte, und daß er sie vielleicht jetzt wieder +wünscht. Erlauben Sie mir in diesem großen Augenblick die Frage an Sie +zu richten, ob Sie in Erwiderung meiner tiefen und glühenden Liebe mir +Vertrauen und Freundschaft schenken, mir Ihr Leben anvertrauen wollen.“ + +Luise sah ihn klar und frei an. + +„Ich danke Ihnen, Herr Vergier,“ sagte sie, „dafür, daß Sie all des +Schmerzlichen, das zwischen uns liegt, bisher niemals erwähnt haben, — ob +in meinem Herzen Dasjenige jemals wieder erwachen kann, was man die +Liebe nennt,“ fuhr sie mit traurigem Ton, durch welchen eine gewisse +Bitterkeit hindurchklang, fort, „weiß ich nicht. Freundschaft und +Vertrauen glaube ich Ihnen geben zu können, und in dieser Freundschaft +und in diesem Vertrauen antworte ich Ihnen frei und offen. Ja, ich will +Ihren Antrag annehmen und ich will versuchen, Ihrem Leben soviel Freude +und Glück zu geben, als aus meinem Herzen noch erblühen kann.“ + +Mit ruhigem, freundlichem Lächeln reichte sie ihm die Hand, welche er, +seine leidenschaftliche Bewegung bemeisternd, ehrerbietig an die Lippen +drückte. + +„Aber,“ fuhr Luise fort, „Sie müssen mir versprechen, daß über diesen +Gegenstand jetzt nicht weiter gesprochen wird. In diesem Augenblick, in +welchem das Vaterland in Gefahr ist, in welchem Frankreich sich zu einem +gewaltigen Kampf rüstet, schickt es sich nicht, an etwas Anderes zu +denken, als an die Zukunft unseres Landes. An dem Tage, an welchem +unsere Heere wieder siegreich in Paris einziehen, will ich Ihnen meine +Hand reichen, an jenem Tage soll unsere Verbindung vor dem Altar den +Segen des Himmels erhalten.“ + +„Das ist brav gesprochen,“ rief der alte Challier, „gesprochen wie eine +Französin, wie eine Tochter der alten Bragars.“ + +„Und damit bin ich von Herzen einverstanden,“ rief Herr Vergier, „und +wenn es möglich ist, werden nun meine Wünsche noch glühender die Waffen +Frankreichs begleiten, denn der stolze Tag des großen Nationalsieges +wird zugleich mit der erneuten herrlichen Größe des Vaterlandes das +Glück meines Lebens begründen.“ + +Luise stand langsam auf und trat an ein Pianino, welches zur Seite des +Fensters stand, sie öffnete dasselbe, setzte sich auf den davorstehenden +Sessel und schlug in einfachen kräftigen Accorden die ergreifende +Melodie des Chant du départ an, welche so mächtig und gewaltig alle +französischen Herzen erfaßt und die Erinnerung an jene von Begeisterung +glühenden Freiwilligen aufsteigen läßt, die voll Muth und +Todesverachtung nach den Grenzen hinauszogen, um dort Zeugniß abzulegen +für die edlen und großen Gedanken, welche in der Revolution lebten und +welche in dem blutigen Schlamme von Paris untergingen. + +Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend, — Herr +Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel +glühenden Abendhimmel hinausblickend. + +„Ich habe gesiegt,“ flüsterte er vor sich hin, — „möchte nun,“ fuhr er +fort, indem ein düsterer Grimm in seinen Augen brannte, „die erste +französische Kugel jenen verhaßten Feind meines Landes treffen, der fast +das Glück meines Lebens zerstört hätte.“ + + + + +Zehntes Capitel. + + +Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Straßen von Paris +auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elysées, der Tuileriengarten, +Alles war mit Menschen gefüllt und überall sah man laut sprechende und +lebhaft gesticulirende Gruppen. + +Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkündet, daß der +König von Preußen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu +empfangen und daß dieses die Würde Frankreichs beleidigende Factum durch +eine Depesche von Berlin den europäischen Höfen mitgetheilt sei. + +Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris +hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwährend gesteigert durch +alle die Mittel, über welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem +Maße verfügen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des +Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man +niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach +nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch +von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entrüstung der Bevölkerung +richtete sich gegen diesen preußischen Minister, den die Erfolge von +Sadowa so weit verblendet hatten, daß er es wagen könne, Frankreich, das +unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im +Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken +die Vorlegung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von +Preußen den übrigen Mächten mitgetheilt worden wäre und sie hatten den +ausweichenden Antworten der Minister gegenüber die schärfsten Reden +gegen dieselben geführt. + +Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehört und gelesen, denn man +las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen +wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der +Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurück und steigern +in immer wachsendem Maße ihre Gefühle bis zur höchsten Siedehitze. + +Die Nachricht hatte sich verbreitet, daß der Kaiser von St. Cloud +kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten. + +Die glühende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum +politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in +dicht gedrängten Massen auf den Champs Elysées, der Place la Concorde +und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten. + +Endlich hörte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und +bald sah man die beiden Piqueurs in den grün goldenen Livreen, welche +der vierspännigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der +Champs Elysées nach dem Place la Concorde zu. + +Der Kaiser hatte keine militairische Escorte, er saß in Civil gekleidet, +mit dem General Favé allein im Wagen, der langsam über den +Eintrachtsplatz fuhr, der so von Menschen angefüllt war, daß nur mit +Mühe ein Weg für die kaiserliche Equipage frei gemacht werden konnte. + +Der Kaiser sah wohler und heiterer aus, als man ihn in den letzten Tagen +zu sehen gewohnt gewesen war. Er saß gerade aufgerichtet da, ein +heiteres stolzes Lächeln lag auf seinem Gesicht und mit offenen klaren +Blicken sah er über diese Menschenmassen hin, welche ihn mit einem +Enthusiasmus, den er in solchem Maße lange nicht mehr gewohnt war, mit +unausgesetzten Hurrahrufen begrüßten. + +Napoleon dankte wiederholt mit der Hand winkend und wendete sich +zuweilen mit heiterer Miene zu dem General, um demselben einige Worte zu +sagen. + +Als der Wagen dem alten Hotel Talleyrands gegenüber in die Rue Rivoli +bog, stimmte eine dort stehende Gruppe junger Leute, die Hüte dem Kaiser +entgegen schwenkend mit lauter Stimme die Marseillaise an. + +Napoleon wandte schnell den Kopf nach der Seite hin, woher diese so +lange in Frankreich verpönten Töne erklangen, — er hätte auf alle Grüße +bisher nur mit freundlichen Handbewegungen gedankt. Jetzt nahm er den +Hut ab und hielt denselben, den Kopf nach jener Gruppe hinneigend, so +lange in der Hand, bis der Wagen sich der Eingangsthür des innern Hofes +der Tuilerien näherte. + +Ein betäubender Jubelruf, welcher sich bis auf den Carousselplatz +fortsetzte, dankte dem Kaiser für diese dem wieder erwachten +Nationalhymnus dargebrachte Huldigung, und immer heiterer und stolzer +wurde das Gesicht des Kaisers, der nun im schnellen Trabe durch den +innern Hof am großen Portal des Pavillon de l'Horloge vorfuhr; indem er +sich nur ganz leicht auf den Arm des General Favé stützte, stieg er mit +elastischen Schritten die Treppe hinauf und trat in sein Cabinet. + +„Sind die Minister hier,“ fragte er den Huissier, der ihm die Thür +öffnete. + +„Zu Befehl, Sire.“ + +„Ich lasse Sie bitten sogleich einzutreten.“ Wenige Augenblicke darauf +traten der Herzog von Gramont, Herr Emil Ollivier und der Marschall Le +Boeuf in das Cabinet des Kaisers. + +Trotz seiner vornehmen, ruhigen Sicherheit zeigte der Herzog von Gramont +eine gewisse Präoccupation, ein wenig unruhig und leicht befangen +blickte er auf den Kaiser, der stolz aufgerichtet, die Hand auf die +Lehne seines Sessels gestützt, neben dem runden Tisch in der Mitte des +Cabinets stand und mit freundlichem Kopfneigen die drei Minister +begrüßte. + +Herr Ollivier befand sich in zitternder, nervöser Erregung. Sein Gesicht +war bleicher als sonst, seine Lippen zuckten und sein unsicheres Auge +blickte fast fieberhaft brennend unter der schmalen Brille hervor. + +Die schwere markige Gestalt des Marschall Le Boeuf stand fest und ruhig +da wie immer, sein martialisches Gesicht mit den etwas starr blickenden +Augen und dem mächtigen Schnurrbart zeigte keinen anderen Ausdruck als +den einer ruhigen, sorglosen Sicherheit. + +Auf einen Wink des Kaisers nahmen die drei Herren um den Tisch Platz, an +dessen Mitte Napoleon sich niederließ. + +„Die Lage ist ernst, meine Herren,“ sagte der Kaiser mit fester voll +klingender Stimme und ohne jenen Ausdruck unschlüssigen Zögerns, der +sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte. „Preußen hat die +Verhandlungen, welche ich in dem versöhnlichsten Sinne begonnen, +abgebrochen, und wir werden demgemäß unsere Entschlüsse zu fassen haben. +Sie haben mir mitgetheilt, Herr Herzog, daß der König von Preußen in +beleidigender Weise Benedetti zu empfangen, verweigert habe.“ + +Der Herzog hustete leicht. + +„Die Beleidigung, welche Preußen gegen uns begangen, Sire,“ sagte er, +„liegt nicht so sehr in der Weigerung des Königs mit Benedetti über +diesen Gegenstand nicht mehr sprechen zu wollen, da er ihm bereits seine +Meinung bestimmt und endgültig mitgetheilt hatte, als in der Thatsache, +daß die Weigerung von Berlin aus den übrigen europäischen Mächten +mitgetheilt wurde.“ + +Ein sprühendes Feuer blitzte in den groß geöffneten Augen des Kaisers +auf. + +„Das hat man gethan?“ rief er. + +„Ich habe heute morgen von allen Seiten,“ erwiderte der Herzog von +Gramont, „die Mittheilung darüber durch unsere Vertreter erhalten, +überall ist das Factum durch die preußischen Diplomaten mitgetheilt +worden, und hierin, Sire, erblicke ich das letzte Glied in jener Kette +von Nichtachtung, Provokationen und Beleidigungen gegen uns, welche +Preußen seit langer Zeit an einander gefügt hat. Mein französisches +Gefühl, Sire, empört sich, das Maß der Geduld und Langmuth ist voll. War +es schon sachlich, nachdem der König von Preußen die verlangte +Genugthuung und Garantie für die Zukunft verweigert, sehr schwer, eine +friedliche Lösung für die vorliegende Differenz zu finden, so ist dies +nach meiner Überzeugung, welche von meinen Collegen getheilt wird, +nunmehr ganz unmöglich. Die öffentliche Meinung ist in einer Weise +aufgeregt, daß wenn nicht die energischste und festeste Antwort auf +diese preußische Beleidigung erfolgt, der ganze Zorn des empörten +Nationalgefühls sich gegen die Regierung wenden wird. Nach meiner +Überzeugung kann diese Antwort nur eine einzige sein. Der Würfel ist +gefallen, Sire! Wir müssen den Krieg erklären!“ + +Der Kaiser blickte auf Ollivier und den Marschall Leboeuf. + +Auf ihren Zügen lag deutlich die Zustimmung zu den Worten des Collegen. + +Napoleon erhob das Haupt und sagte ruhig und fest: + +„Ihre Ansicht, Herzog, ist die meinige. Ich habe soeben selbst die +mächtige Erregung der Bevölkerung wahrgenommen, und eine Regierung, die +wie die meinige auf dem Willen des Volkes beruht, muß einer so +gewaltigen und einmüthigen Strömung des Nationalgefühls folgen. Ich +konnte in den diplomatischen Fragen der Erhaltung des Friedens +Zugeständnisse machen, und ich habe dies gethan seit einer Reihe von +Jahren, ich habe die Ansprüche, welche Frankreich machen konnte und +vielleicht noch entschiedener hätte machen sollen, um das gestörte +Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen, vertagt, bis dieselben +vielleicht durch günstige diplomatische Constellationen ohne +kriegerische Conflicte hätten durchgeführt werden können. Ich habe +Vorschläge auf Vorschläge nach Berlin gehen lassen, um durch Erlangung +von Compensationen die Freundschaft mit Preußen zu erhalten und +vielleicht auch zu einer Allianz mit demselben zu kommen. Man hat das +Alles zurückgewiesen und ich habe geschwiegen, — immer wartend, immer +noch hoffend, endlich doch ein Arrangement zu erreichen. Jetzt aber +handelt es sich nicht mehr um das europäische Gleichgewicht, es handelt +sich nicht mehr um diese oder jene politischen Arrangements, — Frankreich +ist beleidigt! Die Ehre Frankreichs ist engagirt! — Es giebt für mich nur +einen Weg, und diesen Weg bin ich um so fester und um so ruhiger zu +gehen entschlossen, als die hohe nationale Begeisterung mir die +Bürgschaft giebt, daß selbst im Falle unglücklicher Zwischenfälle das +ganze Volk um so einmüthiger und fester hinter mir stehen wird.“ + +Der Herzog von Gramont athmete auf, seine anfängliche Befangenheit +schwand bei den Worten des Kaisers, stolze Freude lag auf seinem +Gesicht. + +„Ich glaube an den Sieg, Sire,“ rief Ollivier mit einer gewissen, +ungeduldigen Hast das Wort ergreifend, als der Kaiser schwieg. „Denn wir +sind stark und gerüstet nach allen Seiten. Aber sollte auch ein +augenblicklicher Mißerfolg uns treffen, so wird dies die nationale +Begeisterung noch mehr und mehr entflammen, und das Kaiserreich wird +sich in diesem heiligen Feuer immer fester und unauflöslicher mit dem +Blut und Leben der Nation verbinden. Eure Majestät wissen, wie ich den +Frieden gewünscht habe, wie die Erhaltung des Friedens meine Bedingung +bei Übernahme des Portefeuilles war, wenn ich jetzt sage: Der Krieg ist +nothwendig, sofortige Kriegserklärung ist eine nationale Pflicht für +Eure Majestät, dann werden Sie überzeugt sein, daß kaum Jemand in +Frankreich in diesem Augenblick den Frieden wünschen kann, wenn er nicht +zu gleicher Zeit der Feind Eurer Majestät und des Kaiserreichs ist, wenn +er nicht wünscht, daß das Kaiserreich sich von dem nationalen Aufschwung +trennen und damit den ersten Schritt zu seinem Untergang thun soll.“ + +„Herr Thiers wünscht den Frieden,“ sagte der Kaiser leicht lächelnd, „er +hat sich im Corps legislatif und auch sonst so öffentlich als möglich +dafür ausgesprochen.“ + +„Die öffentliche Meinung, Sire,“ erwiderte Herr Ollivier, „hat ihm +sogleich darauf die Antwort gegeben, man hat vor seinem Hotel sehr +lebhafte Demonstrationen gemacht und ihm zugerufen. „Nieder mit dem +kleinen Preußen!“ + +„Herr Thiers sollte nicht vergessen,“ sagte der Kaiser, „daß sein König +Louis Philippe gefallen ist, weil er einen Krieg nicht führen wollte, +den das Nationalgefühl verlangte, und weil er die Demüthigung +Frankreichs weiter trieb, als der französische Stolz es ertragen kann. +Vielleicht möchte Herr Thiers wünschen daß ich denselben Fehler begehe, +um demselben Schicksal zu verfallen, — sein Wunsch soll nicht erfüllt +werden. Wollen Sie, mein lieber Herzog, mit Herrn Ollivier die +Kriegserklärung entwerfen? Ich werde morgen wieder hereinkommen, da ich +Sie in dieser viel bewegten Zeit, nicht durch eine Fahrt nach St. Cloud +ihren Geschäften entziehen darf, um dann im gesammten Ministerrath die +Erklärung fest zu stellen. Bereiten Sie die Pässe für den Baron Werther +vor.“ + +„Der Baron, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ist heute bereits +bei mir gewesen, um mir anzuzeigen, daß er sich auf Urlaub begebe. Es +sind,“ fuhr er fort, „vor seinem Hotel einige unangenehme +Demonstrationen vorgekommen.“ + +„Man soll dort sogleich starke Polizeimacht, — wenn es nöthig ist, +Truppen aufstellen,“ rief der Kaiser, „und den Botschafter gegen jede +feindliche Kundgebung auf das Entschiedenste schützen. Die nationale +Entrüstung darf die Grenzen der völkerrechtlichen Pflichten und des +Anstandes, den die civilisirten Nationen unter allen Umständen einander +schuldig sind, nicht überschreiten. Nun aber, meine Herren,“ sagte er +dann, „nachdem der entscheidende Entschluß gefaßt ist, haben wir nicht +mehr rückwärts, sondern vorwärts zu blicken. Wir müssen uns klar machen, +auf welche Weise wir alle Chancen des Erfolges auf unserer Seite +vereinigen. Wie stehen unsere Beziehungen zu den Mächten? Haben wir +Aussichten auf Allianzen und directe Unterstützungen?“ fragte er, zum +Herzog von Gramont gewendet, — „unsere ganze Diplomatie muß die höchste +Anstrengung entwickeln, um der militairischen Action zur Seite zu +stehen.“ + +„Alle Mächte, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „haben die +Gerechtigkeit unserer Forderung auf Beseitigung der Hohenzollernschen +Candidatur anerkannt, und es liegt in der Natur der Sache, daß +Österreich, Schweden und Dänemark schon zu Anfang eine uns freundliche +Neutralität beobachten werden. Auch rechne ich auf die Preußen so +äußerst feindliche Stimmung in Süddeutschland, so wie auf die +unterwühlten Zustände in den annectirten Provinzen.“ + +„Alles das ist gut,“ sagte der Kaiser mit einer leichten Nüance von +Ungeduld im Ton, „aber wir haben keine bestimmten Thatsachen, keine +bestimmten Erklärungen.“ + +„Ich kann die vielfachen Versicherungen des Herrn von Beust über die +Identität der Interessen Frankreichs und Österreichs,“ erwiderte der +Herzog, „nur als die Grundlage der bestimmten Erwartung ansehen, daß +Österreich mindestens bei den ersten günstigen Erfolgen unserer Waffen +activ auf unsere Seite treten werde. Noch gestern habe ich eine Depesche +des Herrn von Beust erhalten, in welcher jene Versicherungen wiederholt +werden und zugleich ausgesprochen ist, daß Österreich für den Erfolg +unserer Waffen Alles in den Grenzen der Möglichkeit Liegende thun +werde, — ich habe Eurer Majestät diese Depeschen sofort zugehen lassen —“ + +„Ich habe sie gelesen,“ sagte Napoleon die Achseln zuckend, „die Grenzen +der österreichischen Möglichkeiten sind sehr weit gezogen, — Fürst +Metternich hat mich beschworen, den Conflict zu vermeiden.“ + +„Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ich gebe auf die officiellen +Schritte Österreichs wenig, sie werden gethan, um nach allen Seiten hin +sich zu decken und die neutrale Haltung constatiren zu können. Ich lege +das Hauptgewicht auf meine Kenntnisse der dortigen Verhältnisse und auf +den natürlichen und nothwendigen Wunsch, von dem sowohl der Kaiser als +Herr von Beust beseelt sein müssen, jede Gelegenheit zu benutzen, um die +Niederlage von 1866 wieder gut zu machen.“ + +„Ich rechne nicht auf Österreich,“ sagte der Kaiser, „seit Jahren habe +ich dort nichts gefunden, als ohnmächtige Wünsche und schwankendes +Zögern, das sich nach keiner Seite compromittiren möchte. Etwas Anderes +ist es mit den Sympathien, die wir in Deutschland selbst finden könnten. +Baiern und Würtemberg sind durch Frankreich auf ihre heutige Stellung +erhoben, sie werden sich hoffentlich daran erinnern, und in Baiern hat +ja die ultramontane Partei eifrig in diesem Sinne gearbeitet. Auf die +annectirten Provinzen rechne ich weniger, — höchstens bei einem Rückzug +der preußischen Armee könnte uns dort ein Aufstand unterstützen.“ + +„Ich muß Eurer Majestät mittheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß +sich ein Graf Breda auf dem auswärtigen Ministerium gemeldet hat, +welcher Propositionen zu einem Bündniß mit dem König von Hannover zu +machen beauftragt sein will.“ + +„Graf Breda?“ fragte der Kaiser, „derselbe, der früher bei unserer +Gesandtschaft in Stockholm war und dort —“ + +„Derselbe, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „er scheint jetzt +im Dienste der Depossedirten seine unterbrochene diplomatische Carriere +fortsetzen zu wollen.“ + +Der Kaiser zuckte die Achseln. + +„Was proponirt er,“ fragte er. + +„Ein hannöversches Corps von zwanzigtausend Mann, wogegen im Fall des +Sieges die früheren Besitzungen des Welfenhauses zu einem +Niedersächsischen Königreich wieder vereinigt werden sollen.“ + +Napoleon lächelte mitleidig. + +„Ein Corps von zwanzigtausend Mann,“ sagte er, — „nachdem der König seine +Legion, die ihm vielleicht die Möglichkeit hätte geben können, in die +Entwickelung der Action einzugreifen, nach allen vier Winden zerstreut +hat. Der arme König,“ fuhr er fort, „welch ein trauriges Schicksal, — in +welche Hände ist dieser arme Fürst gefallen, — ich bitte Sie, mein lieber +Herzog, diesen Grafen Breda nicht zu empfangen. Der beste Dienst, den +ich dem unglücklichen König von Hannover leisten kann, ist der, daß ich +solche Propositionen von Personen, die sich für seine Agenten ausgeben, +vollständig ignorire. Wollen die Hannoveraner sich zu seinen Gunsten +erheben, so mögen sie es thun, ich kann mich mit dieser Sache nicht +weiter befassen und ohne jeden Nutzen und Beistand den Kampf mit Preußen +nicht auf das Äußerste verbittern, — übrigens bin ich überzeugt, daß der +arme König von solchen abenteuerlichen Propositionen selbst garnichts +weiß und daß er mir dankbar sein wird, wenn ich dieselben der +Vergessenheit übergebe. + +„Ich habe ein Programm an die deutschen Völker entworfen,“ sagte er nach +einer kurzen Pause, „in welchem ich ihnen sage, daß ich nicht die +Grenzen überschreite, um Deutschland den Krieg zu erklären, daß ich im +Gegentheil Deutschland befreien will von einer übermächtigen und +übermüthigen Gewalt, welche die freie Autonomie und Selbstbestimmung der +deutschen Stämme vernichtet, und daß ich vor allen Dingen keine +Eroberung auf deutschem Boden machen will —“ + +„Eine solche Proclamation, Sire,“ fiel Herr Ollivier lebhaft ein, „ist +vortrefflich und wird unendlich dazu beitragen, daß Preußen in +Deutschland selbst jede moralische Unterstützung verliert. Wenn ich in +demselben Sinne eine Rede im Corps legislatif hielte —“ + +„Das französische Nationalgefühl, Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf, +indem er seinen großen starken Schnurrbart an beiden Enden heraufdrehte, +„wird einen solchen platonischen Krieg nicht verstehen. Der +öffentlichen Meinung in Frankreich im Allgemeinen,“ fuhr er fort, „ist +es sehr gleichgültig, wie Deutschland sich constituirt, ob es unter +preußischer Suprematie steht oder nicht, wenn nur Frankreich den Rhein +besitzt, so mag dann auf der andern Seite desselben geschehen, was da +will.“ + +Der Kaiser blickte fragend auf den Herzog von Gramont. + +„Was der Herr Marschall so eben bemerkt, Sire,“ sagte dieser, „scheint +mir nicht unbegründet, auf der andern Seite aber erkenne ich die Wirkung +einer Proclamation, wie Eure Majestät die Gnade hatten, sie anzudeuten +im hohen Grade an, sowohl in Betreff ihrer Wirkung auf die süddeutsche +Bevölkerung, als auch auf die übrigen europäischen Cabinette. Denn durch +eine solche Proclamation würde der Vorwurf eines Eroberungskrieges von +Frankreich zurückgewiesen werden. Es käme nur darauf an, durch eine +geschickte Fassung der Worte beiden Gesichtspunkten gerecht zu werden, +und die Proclamation so zu redigiren, daß sie sowohl in Frankreich, als +auch in Deutschland eine günstige Wirkung erzielt.“ + +„Eine solche Redaction wird sich finden lassen,“ rief Herr Ollivier, +„wenn Eure Majestät —“ + +„So ganz platonisch,“ sagte der Kaiser lächelnd, „würde übrigens der +Krieg nicht sein. Zunächst wird Jedermann erkennen, daß wenn wir siegen +und wenn dadurch die Constituirung eines politisch und militairisch +geeinigten Deutschlands unter preußischer Führung definitiv verhindert +wird, die Erwerbung von Compensationen auf deutschem oder anderem Gebiet +weit weniger nothwendig wird, als sie es wäre, wenn wir uns mit dem +preußischen Deutschland in Güte verständigen wollten, — sodann aber wird +wohl Niemand in ganz Europa dem siegreichen Frankreich das Recht +streitig machen wollen, diejenigen Grenzen zurückzufordern, welche man +ihm im Jahre 1814 zugestand, als es von der europäischen Coalition +besiegt darniederlag, und Niemand wird in der Wiederherstellung dieser +damals von ganz Europa sanctionirten Grenzen eine Eroberung erblicken +können.“ + +Der Geheimsecretair Pietri trat durch den besondern, für ihn bestimmten +Eingang in das Cabinet. + +„Sire,“ sagte er, „es sind zwei Depeschen vom auswärtigen Amt so eben +gebracht worden, um dieselben dem Herrn Herzog von Gramont zu +übergeben —“ + +„Ich habe die Anweisung hinterlassen, Sire,“ fiel der Herzog ein, „alle +ankommenden Depeschen sofort hierherzubringen, da sie für die von Eurer +Majestät zu fassenden Entschlüsse von Einfluß sein könnten.“ + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und auf seinen Wink reichte Pietri +die beiden Depeschen, welche er in der Hand hielt, dem Herzog von +Gramont, der sie schnell eröffnete und ihren Inhalt überflog. + +Er erbleichte und eine unruhige, zornige Erregung trat an die Stelle der +heitern, sorglosen Zuversicht, welche bisher auf seinen Zügen gelegen +hatte. + +„Nun,“ fragte der Kaiser, forschend in das so schnell veränderte Gesicht +des Herzogs blickend. + +„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem die Depeschen in seinen +Händen leise zitterten, „eine ebenso unerwartete als unangenehme +Nachricht! Aus München und Stuttgart wird gemeldet, daß man dort an dem +Bündniß mit Preußen festhält, die Armee mobil gemacht und unter den +Befehl des Königs von Preußen gestellt hat, — unsere Gesandten sehen +jeden Augenblick der Zustellung ihrer Pässe entgegen.“ + +Ollivier blickte ganz erstaunt und unruhig umher. + +Der Marschall Leboeuf strich lächelnd über seinen dichten, mächtig +hervorspringenden Kinnbart, — der Kaiser blickte einen Augenblick in +düsterm Schweigen vor sich nieder, dann hob er mit klarem, stolzem Blick +das Haupt wieder empor und sagte. + +„So weit wie die Dinge jetzt gekommen sind, darf uns keine +fehlgeschlagene Erwartung erschüttern. Das Schicksal will den +Entscheidungskampf, und wir müssen mit festem und ungebeugtem Muth in +denselben eintreten. Die Geschichte unseres Landes lehrt uns, daß die +eigene Kraft Frankreichs die beste und kräftigste Bürgschaft für unseren +Erfolg ist. Wir haben,“ fügte er mit erhobener Stimme hinzu, „öfter +durch unsere Siege Bundesgenossen gefunden, als durch unsere +Bundesgenossen Siege erfochten. Der Gegenstand, über den wir soeben +sprachen, ist durch diese Mittheilung erledigt,“ fuhr er fort, indem er +einen vor ihm liegenden, ganz mit seiner kleinen zierlichen Handschrift +beschriebenen Bogen zusammenfaltete. „Da ganz Deutschland es für gut +findet, sich unter die Führung und Botmäßigkeit Preußens zu stellen, so +haben wir nicht nöthig, uns für die Ausnutzung unseres Sieges Schranken +aufzulegen. Die Proclamation, von der wir sprachen, ist überflüssig +geworden. Frankreich wird sich die volle Freiheit erhalten, Alles das zu +nehmen und zu behalten, was seine Interessen ihm nothwendig und +wünschenswerth machen. Finden wir aber keine Alliirte in Deutschland +selbst,“ sagte er dann, „so müssen wir uns um so mehr Diejenigen zu +sichern suchen, welche außerhalb Deutschlands durch ihre eigenen +Interessen auf uns angewiesen sind. Dänemark hat seine Neutralität +erklärt, — das mag gut sein für den Beginn des Krieges; aber ich lege +einen großen Werth darauf, daß nach den ersten Erfolgen dort eine für +uns freundschaftliche Action eintrete, welche preußische Kräfte +absorbirt und uns die Möglichkeit einer Landung erleichtert. Ich will +den Herzog von Cadorn in außerordentlicher Mission nach Kopenhagen +schicken, damit er den dortigen Hof veranlasse, bei der ersten sich +darbietenden Gelegenheit, aus seiner Neutralität herauszutreten, — ich +hoffe, das wird nicht schwer sein, und das Vorgehen Dänemarks wird +dasjenige Schwedens auf der Stelle nach sich ziehen, — würde damit auch +nichts weiter erreicht, als daß Rußlands Kräfte nach dem Norden gezogen +und von einer Pression auf Österreich abgezogen werden, so wird das +schon von großer Bedeutung sein. Wollen Sie, mein lieber Herzog die +Instructionen und Creditive für Cadorn so schnell als möglich bereit +stellen lassen.“ + +„Zu Befehl, Sire,“ sagte der Herzog sich verneigend, „ich bewundre den +Gedanken Eurer Majestät und die vortreffliche Wahl der Person —“ + +„Zugleich aber,“ fuhr der Kaiser fort, „ist es nothwendig, eine +energische, diplomatische Action in Wien eintreten zu lassen, um auch +dort den ersten günstigen Augenblick zu benutzen und Alles aufzubieten, +einen schnellen Entschluß hervorzurufen. Der Fürst Latour d'Auvergne muß +sogleich seine Thätigkeit beginnen, und ich bitte Sie, auch in dieser +Beziehung das Nöthige zu veranlassen, mein lieber Herzog. Man muß auf +der Basis derjenigen Unterhandlungen wieder beginnen, welche der General +Türr eingeleitet hatte und deren Ziel die im Princip bereits approbirte +Vertragsskizze sein wird, nach welcher gegen Abtretung von Welsch-Tyrol +Italien im Fall einer russischen Intercession sich zur activen +Unterstützung Österreichs und zum Anmarsch gegen die Süddeutschen +Grenzen verpflichtet. Herr von Beust hat dem Abschluß dieses Vertrages +einst Schwierigkeiten entgegen gestellt, der erste Erfolg unserer Waffen +muß benutzt werden, um unter dem dadurch hervorgebrachten Eindruck den +unmittelbaren Abschluß jenes Vertrages kategorisch zu fordern.“ + +Der Herzog von Gramont hatte sich mit einem Crayon einige Notizen auf +einem vor ihm liegenden Blatt Papier gemacht und verneigte sich zum +Zeichen seines Einverständnisses mit den Anordnungen des Kaisers. + +„Nun, mein Herr Marschall,“ sagte Napoleon, sich zum Kriegsminister +wendend, — „Sie sehen, daß die Vorbereitungen der Diplomatie getroffen +sind, wie steht es mit den Ihrigen?“ + +„Alles ist bereit, Sire,“ erwiderte der Marschall Leboeuf mit seiner +starken rauhen Stimme, „es fehlt nicht ein Knopf an der Ausrüstung der +Armee, nicht eine Bajonettspitze an ihrer Bewaffnung. Unsere Magazine +sind gefüllt, in Toulon liegen sieben Transportschiffe bereit, um die +Armee von Algier herüberzuschaffen. Alle Vorbereitungen sind getroffen, +um die Truppen von Châlons in sechszehn Stunden an die Grenze zu +bringen. Heute sind zwölftausend Eisenbahnwagen mit Mehl und Zwieback +nach den Ostgrenzen abgegangen, und in wenigen Tagen wird Eurer Majestät +Armee bereit sein, in Deutschland einzurücken.“ + +Der Kaiser nickte bei den Mittheilungen des Marschalls mit dem Kopfe. + +„Und der Generalstab,“ fragte er dann. + +„Der Generalstab, Sire, wie Eurer Majestät Hauptquartier,“ erwiderte +der Marschall, „für welches Sie mich zu Ihrem Major-General zu bestimmen +die Gnade gehabt haben, ist formirt aus den besten Officieren, die ich +habe finden können, und in kürzester Frist werden auch die Generalstäbe +der einzelnen Corps mit tüchtigen Kräften besetzt sein.“ + +„Und hat man genügend Karten von Deutschland,“ fragte der Kaiser, „nicht +nur für den Generalstab, sondern auch für die übrigen Officiere?“ + +„Sire,“ erwiderte der Marschall, sich martialisch aufrichtend, „jeder +Officier Ihrer Armee hat eine Karte, welche ihm den sichersten und +geradesten Weg nach Berlin zeigen wird, und ich habe die Meinige bei +mir.“ + +Er schlug schallend an seinen Degen, indem er zugleich mit der andern +Hand die Spitzen seines Schnurrbarts emporkräuselte. + +Der Kaiser sah ihn einen Augenblick ganz betroffen an, während Herr +Ollivier sich ebenfalls mit kriegerisch stolzer Miene aufrichtete, und +der Herzog von Gramont noch einige Notizen niederschrieb. + +„Die Vortrefflichkeit Ihrer Karten,“ sagte Napoleon lächelnd, „hat sich +in den verschiedenen Feldzügen Frankreichs mehrfach bewährt, indessen +wäre es doch gut, wenn die Officiere daneben auch noch andere Karten +zur Verfügung hätten und nicht bloß auf die magnetische Anziehungskraft +angewiesen blieben, welche die feindliche Hauptstadt auf die Spitze +ihres Degens ausübt, ich hoffe daß Sie dafür Sorge tragen werden,“ fügte +er mit festem und bestimmtem Ton hinzu. + +Der Marschall verneigte sich, jedoch zeigte seine Miene dabei deutlich, +daß er auf die Hülfsmittel der geographischen Wissenschaft von seinem +soldatischen Gesichtspunkt aus einen nicht eben allzugroßen Werth zu +legen geneigt sei. + +„Ich erwarte Sie morgen in St. Cloud, Herr Marschall,“ fuhr Napoleon +fort, „um mir die Bestimmungen über die einzelnen Corps der Armee zur +definitiven Entscheidung vorzulegen, — eine Anweisung darüber habe ich +Ihnen schon zugehen lassen. Und nun bleibt Ihnen noch überlassen, mein +lieber Herr Ollivier,“ fuhr er dann fort, „das große Agens aller Kriege +herbeizuschaffen, nämlich das Geld. Wir bedürfen nach den angestellten +Berechnungen einen Credit von dreißig Millionen für die Armee und einen +weitern Credit von sechzig Millionen für die Marine. Die Vorlage muß so +schnell als möglich im Corps legislatif gemacht werden.“ + +„Und sie wird mit jubelnder Acclamation aufgenommen werden, Sire,“ rief +Herr Ollivier, „und wenn Eure Majestät das Doppelte und Dreifache +fordern würden, — in diesem Augenblick würde Frankreich Ihnen nichts +verweigern.“ + +„Also, meine Herren,“ sagte Napoleon aufstehend, „ich erwarte die +Vorlage der Kriegserklärung, sowie die schnelle und pünktliche +Ausführung aller eben besprochenen Maßregeln. + +„So treten wir denn nun,“ fügte er ernst hinzu, „der großen Entscheidung +entgegen, welche so lange wie ein schwüles Wetter über unsern Häuptern +geschwebt hat, und es bleibt uns nur noch die Bitte übrig: Gott schütze +Frankreich!“ + +Er sprach diese Worte tief aus der Brust heraus, während er die Augen +wie fragend emporschlug. + +„Gott schütze Frankreich!“ wiederholten die drei Minister — + +Vom Carousselplatz herauf ertönte in diesem Augenblick die Melodie der +Marseillaise, welche ein vorüberziehendes Musikkorps intonirte, und in +welche die versammelte Menge sogleich laut und kräftig einfiel. + +Der Marschall Leboeuf blickte ganz erstaunt auf, Herr Ollivier hob die +Hand empor und rief mit pathetischem Ton: + +„Der Geist Frankreichs, Sire, spricht aus diesen Tönen zu Euer +Majestät, der Geist der Freiheit und der Civilisation, vor welchem diese +preußischen Armeen schnell werden zersprengt werden.“ + +Der Kaiser lauschte einen Augenblick schweigend den immer mächtiger +anschwellenden Klängen. + +„Möchten sie,“ sprach er leise, „die Dämonen der Revolution hinausführen +auf die Schlachtfelder des nationalen Ruhms, damit ihre gewaltige Kraft +sich zu immer festerer Erstarkung des Kaiserthums entwickele.“ + +Er schwieg noch einige Augenblicke — sein brennender Blick schien den +Schleier der Zukunft durchdringen zu wollen. + +Dann sprach er mit liebenswürdiger Artigkeit. + +„Nun, meine Herren Minister, schicke ich Sie fort — Jeder von uns muß an +seine Arbeit, und die nächste Zeit wird uns deren viele bringen.“ + +Er reichte den Herren die Hand. + +Dieselben verließen ernst und schweigend das Cabinet. + +Unmittelbar darauf meldete der Kammerdiener Herrn Rouher, den früheren +Staatsminister und gegenwärtigen Senatspräsidenten. + +Auf den zustimmenden Wink Napoleons trat dieser langjährige Leiter der +kaiserlichen Regierung langsam und in fast feierlicher Haltung ein. + +Der Kaiser ging ihm heiter lächelnd entgegen und reichte ihm die Hand, +welche Herr Rouher ehrerbietig ergriff und einen Augenblick in der +Seinen hielt, während er mit einem traurigen Ausdruck den Kaiser ansah. + +„Nun, mein lieber Rouher,“ sagte Napoleon, „wir stehen an der großen +Entscheidung, und ich hoffe, daß es nunmehr gelingen wird, die Krönung +des Gebäudes zu vollenden, dessen Grundmauern Sie mit so viel Eifer und +Beharrlichkeit aufgeführt haben.“ + +Das volle Gesicht des Herrn Rouher mit dem feinen beredten Munde und den +klaren, scharf blickenden Augen zeigte eine Bewegung, welche diesem +scharf berechnenden Meister der Dialektik und der parlamentarischen +Debatte sonst nicht eigentümlich war. + +„Sire,“ sagte er, „Eure Majestät wissen, mit welcher Mühe ich Jahre lang +daran gearbeitet habe, die Krönung des kaiserlichen Gebäudes auf andere +Weise und ohne eine kriegerische Catastrophe abzuschließen. Eure +Majestät haben die Führung Ihrer Regierung andern Händen anzuvertrauen +für gut befunden, und mir bleibt nur zu hoffen übrig, daß der Erfolg den +Erwartungen Eurer Majestät und den heißen Wünschen entsprechen möge, +welche ich für denselben im Herzen trage.“ + +Der Kaiser blickte seinen langjährigen Rathgeber einen Augenblick +nachdenklich an. + +„Sie sind nicht einverstanden, mein lieber Rouher,“ sagte er dann mit +einer gewissen unsichern Befangenheit in der Stimme, „mit dem Gange der +Ereignisse und doch müssen Sie zugeben, daß es jetzt unmöglich ist, die +Dinge auf einen andern Weg zu lenken.“ + +„Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „ich würde niemals das Verfahren +desjenigen billigen können, der durch sichere und ruhige Unternehmungen +ein großes Vermögen zu gründen und zu erhalten im Stande ist und der, +statt diese Unternehmungen mit Consequenz zu verfolgen, sich auf ein +Hazardspiel einläßt, das ihn in einem Augenblick zum Millionair +machen, — aber verzeihen Eure Majestät — auch den Verlust vieler +erworbenen Güter herbei führen kann. Ebenso —“ + +„Ebenso,“ fiel der Kaiser ein, „finden Sie, daß der Krieg in der Politik +ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen müsse und das vieles +bereits Erreichte in Frage stellen könne. Aber mein Gott,“ fuhr er +lebhafter fort, „wenn die ganze Nation den Krieg will, — ich bin der +Erwählte der Nation, — ich muß dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen, +als irgend ein andrer Regent, Sie müssen zugeben, daß ganz Frankreich +zum Kriege drängt, daß Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze +hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges +durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen.“ + +Herr Rouher schüttelte langsam den Kopf. + +„Ollivier, Sire,“ sagte er dann achselzuckend, „wird Alles wollen, was +ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen +er sich so sehr gefällt. Wenn Ollivier Eurer Majestät übrigens,“ fuhr er +fort, „von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so +möchte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben — hinter +Ollivier steht Niemand. Eure Majestät haben mit ihm nicht seine früheren +Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestät haben ihn isolirt und nur +einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns,“ +sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, „wird die Zukunft zeigen. +Eure Majestät haben ferner,“ sprach er dann weiter, „von der +öffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt, +Eure Majestät haben Recht, die öffentliche Meinung verlangt den Krieg. +Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen? — und +dann, Sire, die öffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte +dieser Krieg, was Gott verhüten wolle, unglücklich für Frankreich +ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen +tönender Ruf jetzt die öffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft +an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestät und Ihre Regierung allein +wird man die Schuld desselben werfen.“ + +„Aber halten Sie es denn für möglich,“ fragte der Kaiser, „jetzt noch +den Krieg zu vermeiden?“ + +„Nein, Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „jetzt nicht mehr. Vor wenigen +Tagen vielleicht wäre das noch möglich gewesen. Man konnte die +Zurücknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen großen Triumph +der französischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen +Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen +wäre, so würde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt +sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des +Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen +ruft. Wenn diese unglückliche Frage der Garantie für die Zukunft, welche +ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt hätte, nicht gestellt wäre, +wenn man der Kammer und der ganzen französischen Nation die +Zurückweisung einer fernern Discussion von Seiten des Königs von Preußen +nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt hätte, +dann, Sire, wäre es noch möglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit +den eisernen Würfeln des Krieges zu vermeiden — jetzt, Sire, ist es nicht +mehr möglich! Unter den Umständen, welche jetzt geschaffen sind, können +wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des französischen +Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen +Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einfluß der Körperschaft, +an deren Spitze Eure Majestät mich gestellt haben, ganz Frankreich mit +dem Muthe und der Begeisterung zu erfüllen, deren wir in dieser +Katastrophe bedürfen. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß, morgen +mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu dürfen, um die +Gefühle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich +beseelen müssen. Ich bitte Gott, daß die Befürchtungen, welche ich nicht +ganz unterdrücken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen +meines Herzens zu verschließen für heilige Pflicht halte, niemals +Wirklichkeiten werden mögen.“ + +Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer Überzeugung +gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehört. Mit einer Bewegung voll +herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach. + +„Der Würfel rollt, so bleibt nichts anderes übrig, als muthig zu +erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglück nicht zu +fürchten, ist das beste Mittel, uns das Glück dienstbar zu machen.“ + +Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus. + +Napoleon blickte ihm lange sinnend nach. + +„Vielleicht hat er Recht,“ sagte er, träumerisch vor sich +hinblickend, „vielleicht hätte ich versuchen sollen, das Verhängniß +aufzuhalten, — nun,“ sagte er tiefaufathmend, „vielleicht findet sich +dazu noch der günstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte +Zurückweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der +Voraussetzung, daß ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun +nicht wagen würde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht, +wenn man sieht, daß ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird +sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der +Compensationen zurückzukommen, und ich werde dann in der günstigen Lage +sein, daß nicht ich es bin, der Vorschläge macht und Anträge stellt.“ + +Er ging noch einige Augenblicke schweigend und tief nachdenkend auf und +nieder; dann klingelte er und befahl seinen Wagen, um nach St. Cloud +zurückzufahren. + +Langsam fuhr er aus dem Hof der Tuilerien heraus und über den Place la +Concorde nach den Champs Elysées hin. Überall wogten dichte +Menschenmassen, und bis nach dem Bois de Boulogne hin wurde der Kaiser +mit enthusiastischen Hochrufen begrüßt. + +„Nieder mit Preußen!“ rief man ihm aus allen Gruppen entgegen. + +„Nach Berlin!“ + +Am Arc de Triomphe begegnete der Kaiser einem Bataillon der Voltigeurs +der Garde, welches von einer Feldübung zurückkehrte und bestimmt war, in +den nächsten Tagen nach Metz abzugehen. + +Der Kaiser fuhr langsam im Schritt an den Soldaten vorbei, welche bei +seinem Anblick ihre Käppis auf die Spitze der Bajonette steckten und +laut sangen: + + „Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc à la lanterne, + Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc on le pendra.“ + +Napoleon legte lächelnd die Hand an den Hut und lange noch klang seinem +Wagen diese alte Melodie aus der Schreckenszeit der Revolution nach, +welche der Soldatenwitz mit diesem neuen Text versehen hatte. + +Der Arc de Triomphe glänzte im Licht der Abendsonne, ruhig blickte das +steinerne Antlitz des großen Kaisers von dem stolzen Bau herab. + +Die jubelnde Menge begleitete die Soldaten, in ihren Gesang einfallend, +während der Kaiser in den frischen, zierlich gepflegten Park einfuhr, in +welchem die elegante Welt von Paris ihre Abendpromenade machte, und über +welchem am Horizont die gewaltigen Umrisse des Mont Valerien +emporragten. + +Alles war Freude, Jubel und stolze Siegeszuversicht, und kein Auge +durchdrang den Schleier der Zukunft, hinter welchem unmittelbar das +furchtbare Bild sich erhob, das die siegreichen deutschen Truppen +zeigte, wie sie in geschlossenen Reihen durch diesen Triumphbogen des +französischen Ruhmes einzogen, während aus den Tiefen von Paris jene +finstern Mächte heraufstiegen, um die Denkmäler der Jahrhunderte in +Schutt und Asche zu verwandeln. + + * * * * * + +Um dieselbe Zeit, während ganz Paris in jubelnder Aufregung sich befand, +waren in einem bescheidenen Restaurant der Passage Jeouffroi die +Officiere der früheren hannöverschen Legion versammelt. + +Sie saßen finster um den Tisch, auf welchem der Kellner mit der großen +weißen Schürze soeben ihr Diner zu serviren begann. Auf allen diesen +jugendlichen kräftigen Gesichtern war keine Spur von der Heiterkeit +ihres Alters zu entdecken, und Sorge und Kummer blickten aus Aller +Augen. + +Der Lieutenant von Tschirschnitz strich den vollen blonden Schnurrbart +zur Seite und sprach, finster die Zähne zusammenbeißend, indem er sich +zu dem neben ihm sitzenden Kriegscommissair Ebers, dem einzigen älteren +Manne von der Gesellschaft wandte. + +„Wie lange kann unsere Kasse noch reichen?“ + +„Vierzehn Tage vielleicht,“ erwiderte der Commissair Ebers +achselzuckend, „wenn wir uns auf das Äußerste einschränken, und wenn wir +alle unsere nothwendigsten Kleidungsstücke verkaufen, so können wir +vielleicht noch weitere vierzehn Tage gewinnen, dann aber ist es +jedenfalls aus.“ + +„Wer uns das gesagt hätte,“ rief der Lieutenant Götz von Ohlenhusen, +indem er einen tiefen Zug aus einem vor ihm stehenden Seidel Dreherschen +Bieres that, „als wir von Hannover auszogen und Alles im Stich ließen, +um uns dem Dienst des Königs zu erhalten —“ + +„Der hätte uns jedenfalls einen großen Dienst geleistet,“ sagte Herr von +Tschirschnitz, „ich hätte jetzt meine Kompagnie in Sachsen, eine +ehrenvolle Stellung und eine schöne Carriere vor mir, während wir uns +jetzt hier in einer Lage befinden, die in Wahrheit geeignet ist, selbst +unserem bisher unzerstörbaren Humor den Todesstoß zu geben. Hier im +fremden Lande ohne Mittel, ohne Stütze, ohne Anhalt — in Deutschland als +Hochverräther verurtheilt! — Wir werden bald in der Lage sein, daß kein +Fuß breit Erde, kein Athemzug Luft mehr in dieser Welt für uns übrig +ist.“ + +„Was bleibt uns übrig,“ sagte Herr von Götz finster, „als uns irgendwo +anwerben zu lassen. Man denkt ja daran, eine Fremdenlegion zu bilden.“ + +„Ein Glück für uns wäre es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel +getroffen hätte,“ rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein großes +Glas Rothwein herunterstürzte und das leere Glas dann heftig auf den +Tisch stieß, „dann wären wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in +welcher wir doch keinen Raum mehr für ein anständiges Leben finden.“ + +Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gäste trat schnell der +Major von Düring an den Tisch der Offiziere heran. Ihm folgte der +Regierungsrath Meding im Reiseanzug. + +Die Offiziere erhoben sich. + +„Mein Gott, Sie hier,“ rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem +Regierungsrath Meding die Hand reichte, „was führt Sie aus der Schweiz +hierher? Will der König uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen — in +diesem Augenblick?“ + +„Nein, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath, indem er die übrigen +Offiziere herzlich begrüßte und mit Herrn von Düring an deren Tisch +Platz nahm. „Ich komme nicht vom Könige, ich habe keine Verbindung mit +Hietzing und erfahre nur zufällig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich +bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander +verbunden hat, und weil ich dringend wünschte, in diesem Augenblick der +schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter +Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das +dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefährlichen und +bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und +Anforderungen zu widerstehen, sie mögen kommen, woher sie wollen.“ + +„Wir haben eben darüber gesprochen, was aus uns werden soll,“ erwiderte +Herr von Tschirschnitz, „unsere Bezüge von Hietzing sind uns, wie Sie +wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft +zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den äußerten +Einschränkungen gelebt — der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir +sämmtlich nichts mehr besitzen werden —“ + +„und in welchem uns nichts mehr übrig bleiben wird,“ rief Herr von Götz, +„als uns, wenn es sein muß, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen.“ + +„Um Gottes Willen, meine Herren,“ rief der Regierungsrath +Meding, — „bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, daß es sich in +diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866 +handelt. Bedenken Sie, daß in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint +gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, daß jeder Deutsche, der in diesem +Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres +gesammten Vaterlandes stünde, ewiger Schande verfallen müßte; daß die +Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen würde, und daß selbst im +Falle eines französischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum +für ihn haben würde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das +dringendste vor allen übereilten und verzweiflungsvollen Entschlüssen zu +warnen. Ich bitte und beschwöre Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie +nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehört, +daß hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Trümmer +der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen.“ + +Herr von Tschirschnitz lachte laut und höhnisch auf. + +„Dieser Graf Breda,“ rief er, „ist ein Franzose, ein Agent des +dunkelsten Ultramontanismus — daß er sich als Vertreter des Königs von +Hannover gerirt und eine hannöversche Legion formiren will, das ist +allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen.“ + +„Aber,“ fiel Herr von Düring ein, indem er sich zu dem Regierungsrath +Meding wendete, „Sie kennen unsere Lage und ich kann Ihnen nur +wiederholen, was ich Ihnen schon sagte, als ich Sie vom Bahnhof +hierherbrachte, was bleibt uns denn anders übrig, als uns irgendwo auf +die möglichst anständige Weise todtschießen zu lassen. Wir haben keine +andere Rettung aus unserer Lage.“ + +Der Regierungsrath Meding blickte sinnend vor sich nieder. + +„Jedes Schicksal ist besser,“ sagte er, „als in den Reihen der Feinde +des vereinigten Deutschlands zu fallen, und noch ist ja nicht jede +Möglichkeit der Rettung ausgeschlossen. Lassen Sie mich handeln. Ich +kann Ihnen nichts versprechen — aber es giebt vielleicht noch einen Weg, +der Sie alle mit Ehren vom Rande des Abgrundes zurückführt und Ihnen +eine freundliche Zukunft öffnen kann — lassen Sie mich meinen Weg gehen, +ich habe ein Gefühl, das mir sagt, er werde zum guten Ende führen. +Versprechen Sie mir nur das Eine, daß Sie sich in keine Unternehmungen +gegen Deutschland hineinziehen lassen, und daß Sie auch in der +verzweiflungsvollsten Lage des Augenblicks nicht den Muth verlieren — den +Sie sich ja so lange erhalten haben — versprechen Sie mir das, meine +Herren, und wenn es sein kann, verlassen Sie Frankreich so schnell als +möglich und geben Sie mir Nachricht, wo Sie zu finden sind — ich hoffe, +daß Sie von mir hören sollen. Ich muß Sie wieder verlassen,“ fuhr er +fort, „ich muß noch mit dem nächsten Zug wieder abreisen. Ich bin nur +gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe und bitte Sie +nochmals um Ihr Versprechen, nichts gegen Deutschland zu unternehmen.“ + +Er reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand. + +Dieser schlug kräftig ein und sagte mit bewegter Stimme: + +„Ich verspreche es, möge kommen, was da wolle.“ + +Die übrigen Herren wiederholten die Worte. + +„Und ich, meine Herren,“ rief der Regierungsrath Meding, „verspreche +Ihnen, daß ich nicht ruhen und rasten will, bis es mir gelungen ist, +einen Weg der Rettung zu finden. Leben Sie wohl, und so Gott will, auf +baldiges Wiedersehen.“ + +Er wandte sich tief ergriffen ab, verließ mit Herrn von Düring das Local +und stieg mit demselben an der Ecke der Passage in einen dort bereit +stehenden Fiaker, in welchem sich bereits sein Diener mit dem kleinen +Reisegepäck befand. + +Sie kamen auf dem Ostbahnhof eine Viertelstunde vor Abgang nach Basel +an. Ernst und schmerzlich bewegt, ging der Regierungsrath Meding mit dem +Major von Düring in der großen Vorhalle auf und nieder, von welchem man +den großen Platz vor dem Bahnhof und die weite Reihe der neuen +Boulevards überblickte, welche bereits im Schein der Gaslaternen +schimmerten und auf denen sich eine zahlreiche jubelnde und lärmende +Menschenmenge hin und her bewegte. + +„Der Anblick dieses Paris,“ sagte der Regierungsrath Meding, „in seinem +trunkenen Rausch ist mir tief schmerzlich. Ich liebe Frankreich, und +diese Stadt Paris ist mir fast zu einer lieben Heimath geworden. Und ich +sehe eine furchtbare Zeit über dies Land und diese schöne Stadt mit +ihrem wunderbar reichen Leben heraufziehen, eine Zeit, welche alle diese +Jubelklänge, die da jetzt zu uns herübertönen, in Jammer und Wehklage +verwandeln wird.“ + +„Sie glauben an die Niederlage Frankreich,“ fragte Herr von Düring, „an +eine so schwere Niederlage?“ + +„Ich bin von derselben überzeugt,“ erwiderte der Regierungsrath. „Ich +bin gestern von Basel herauf bis hierher durch die nach der Grenze hin +sich bewegenden Truppen gefahren, aber was ich gesehen habe, läßt mich +nur das Traurigste für Frankreich erwarten. Überall habe ich Truppen der +verschiedensten Waffen ohne Officiere, Cavallerie ohne Pferde, Geschütze +auf den Eisenbahnwagen ohne Bespannung gesehen. Alle diese Leute waren +im Zustande der unnatürlichen Aufregung, die meisten berauscht, und wenn +ich sie fragte, wohin sie gingen, zu welchem Corps sie gehörten, so +konnten sie mir keine genügende Antwort geben, die Meisten antworteten +mit dem fanatisch stereotypen Ruf „nach Berlin“. Mit solchen Truppen +schlägt man die preußische Armee nicht und der Elan, von dem man so viel +spricht, wird wie ein vorübergehender Rausch schnell vor der ruhigen und +sichern Taktik der deutschen Heeresleitung verfliegen. Glauben Sie mir,“ +fuhr er fort, indem er noch einmal wehmüthig über die glänzenden Reihen +der Boulevards hinblickte, „Frankreich wird einen furchtbaren Schlag zu +erleiden haben, und das Kaiserreich mit allem seinem Glanz wird +vielleicht unter diesem Schlage zusammenbrechen — ich habe hier lange +die Elemente beobachtet, welche in der Tiefe der Gesellschaft sich +organisirt haben und sie werden nicht zögern, heraufzusteigen, um von +unten her das Gebäude zu zersprengen, wenn dessen Zinnen unter den +Schlägen der deutschen Waffen fallen werden.“ + +Das Signal zur Abfahrt des Zuges ertönte. + +„Noch einmal, lieber Düring,“ sagte der Regierungsrath Meding, indem er +sich am Eingang des Wartezimmers von dem Major verabschiedete, „halten +Sie den Muth unserer Freunde aufrecht und sorgen Sie dafür, daß auf +unsere, so lange mit Ehren vertheidigte Sache kein Flecken falle.“ + +Mit Thränen in den Augen trennten sich die beiden mehrjährigen Genossen +der Verbannung. Der Regierungsrath Meding stieg in das Coupé und fuhr +unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive in die Nacht hinaus, während +der Major von Düring ernst und traurig über die hellen Boulevards hin zu +seinen Kameraden zurückkehrte, um in den Herzen dieser tapfern und +treuen Diener einer untergegangenen Sache, welche Heimath und Vaterland, +Vergangenheit und Zukunft verloren hatten, die letzten Funken der +Hoffnung und des Muthes wieder anzufachen. + + + + +Elftes Capitel. + + +Die Verlobung der Tochter des Commerzienrath Cohnheim mit dem jungen +Baron von Rantow war wenige Tage nach der Erledigung der zwischen ihm +und dem Lieutenant von Büchenfeld entstandenen Differenz proclamirt +worden. + +Der Commerzienrath hatte es sich nicht nehmen lassen, bei dieser +Gelegenheit ein großes Fest zu veranstalten, bei welchem die zahlreichen +Bekannten des Barons zu seiner und seiner Gemahlin höchsten Befriedigung +eine Menge hoch aristokratischer Namen und Erscheinungen in seine Salons +führten. + +Der kleine Commerzienrath schwamm in Entzücken. Noch behaglicher als +sonst eilte er hin und her, indem er in gelegentlichen Gesprächen seinem +alten Freunde aus der Finanzwelt auf alle diese Elemente der ersten +Gesellschaft aufmerksam machte, die sich jetzt bei ihm vereinigten. + +Die Commerzienräthin war noch steifer, noch würdevoller, noch +unnahbarer als sonst, und Fräulein Anna überstrahlte Alle durch ihre +Schönheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener +Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher früher in ihren Augen +gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Königin blickte +sie umher, mit ruhig und sicher gewählten Worten beantwortete sie die +Gluckwünsche, welche man an sie richtete, und wenn sie lächelte, so +schien es fast, als ob höhnischer Spott mehr Antheil an ihrem Lächeln +habe, als die glückliche Freude der Braut. + +Der junge Herr von Rantow war dann täglich im Hause des Commerzienraths +erschienen, hatte für seine Braut alle Höflichkeit und Aufmerksamkeit, +welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso höflich und +freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annäherung zwischen den +beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem +Takt in einer gewissen Zurückhaltung und Fräulein Anna war ihm dafür von +Herzen dankbar und nahm mit um so größerer Aufmerksamkeit alle äußeren +Rücksichten, welche ihr Verhältniß erforderte, entgegen; so daß die +Commerzienräthin äußerst befriedigt war und ihrer Tochter häufig +anerkennende Worte über ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem +Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach. + +Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen überstanden, und die Hochzeit +war für den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der für die +Aufnahme des jungen Paares bestimmte Flügel des Schlosses auf dem +Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen +Ausschmückung der Commerzienrath nicht müde wurde, von überall her das +Schönste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen. + +Da brach mitten in diese Vorbereitungen die große Catastrophe herein, +welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Fürsten und +Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in +den furchtbaren Ernst des Lebens zurücktrieb, so unterbrach sie auch die +Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Fräulein Anna +Cohnheim. + +Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub +des von ihm so sehnlichst gewünschten Familienereignisses, welcher ihn +bewegte und bekümmerte — der plötzlich hereinbrechende Krieg griff auch +zerstörend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die +Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, mußten +natürlich vorläufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhältnisse aufgeschoben +werden. + +Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das +militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne +unmittelbar gefährlich zu werden, ihm große körperliche Anstrengungen +unmöglich machte, für dienstunfähig erklärt. Von dieser Seite hätte +daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden. +Indeß Fräulein Anna erklärte mit großer Bestimmtheit, daß sie vor dem +Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so große Gefahr stürzte +und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen müßte, an die Hochzeit +nicht denken wolle. + +So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben. + +Am Vormittage des verhängnißvollen einunddreißigsten Juli, an welchem +der König Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand +sich die Commerzienräthin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner +Gemahlin. + +Die Königin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen +des Vaterlandes erlassen, um Hülfsmittel für die Verpflegung der +Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienräthin hatte mit +Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow +anzuschließen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfüllung +dieser patriotischen Aufgabe. + +Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Nähere über die Organisation +der Thätigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte +mit einer gewissen, kalten Zurückhaltung den sehr beträchtlichen Beitrag +in Empfang genommen, welchen die Commerzienräthin für die Zwecke des +Vereins ihr überreichte. + +Die beiden Damen sprachen eifrig über die zweckmäßigste Herstellung von +Charpie und Verbandzeug, während der Baron sich mit Fräulein Anna +unterhielt, für welche er eine besonders sympathische Zuneigung gefaßt +hatte, und welcher er stets mit um so größerer Herzlichkeit begegnete, +je weniger es ihm möglich war sich dem Commerzienrath und seiner +Gemahlin, deren ganzes Wesen von seinen Lebensanschauungen so tief +verschieden war, zu nähern. + +„Wir sind glücklicher,“ sagte er, „als so viele andere Familien, deren +Söhne zu den Gefahren des Krieges hinausziehen müssen, und doch macht es +mich fast traurig, daß in einem Augenblick, wo die ganze Jugend des +Landes unter den Fahnen des Königs ins Feld zieht, der Name der Rantows +in den Reihen der Armee nicht vertreten ist. Das Gefühl des Vaters und +des Patrioten streiten in mir mit einander, und oft möchte ich fast +wünschen, daß auch mein Sohn berufen wäre zu dem großen nationalen +Kampf.“ + +„Es bleibt ja auch hier noch genug zu thun,“ erwiderte Fräulein Anna in +einem ziemlich kalten und gleichgültigen Ton. „Der Staat braucht ja auch +während des Krieges Beamte, vielleicht wäre es gut, wenn Ihr Sohn +wenigstens bis zur Beendigung des Krieges seine Carriere wieder +aufnehmen würde. Für uns Frauen,“ fuhr sie lebhafter fort, „bildet ja +die Zeit ein reiches Feld der Thätigkeit, und ich fühle den lebhaftesten +Wunsch, hinauszugehen, um als Pflegerin der Kranken in dieser großen +Zeit meine Pflicht zu erfüllen.“ + +„Sie, mein Kind,“ rief der Baron erstaunt, „Sie, gewöhnt an alle +Bequemlichkeiten des Lebens, fast ein wenig verwöhnt, Sie wollten sich +einer so mühevollen angreifenden Thätigkeit widmen, welche Ihre zarten +Kräfte vielleicht bald aufreiben möchte.“ + +„Meine zarten Kräfte?“ — sagte Fräulein Anna, die Achseln zuckend, „und +wären sie es, — der feste Wille und die Begeisterung für eine große Sache +sind im Stande, auch die schwächste Kraft stark zu machen. Und wofür +könnte ein Frauenherz sich höher begeistern, als dafür, die Leiden +Derjenigen zu erleichtern, welche heldenmüthig ihr Blut und Leben zum +Schutz des Vaterlandes, zu unserm Schutz dahin geben. Glauben Sie mir, +Herr Baron, ich würde nicht ermatten in einem so hohen und heiligen +Beruf. Und wenn der Krieg fortschreitet,“ fuhr sie ernst mit dem +Ausdruck eines festen Entschlusses fort, „wenn die Lazarethe sich füllen +werden und das Bedürfniß nach weiblicher Pflege immer größer und größer +werden wird, dann werde ich doch noch die Erlaubniß meiner Eltern +erhalten, dem Zuge meines Gefühls zu folgen, und ich bin überzeugt, daß +viele Frauen denken und handeln werden, wie ich.“ + +Der junge Herr von Rantow trat ein. Er war ernster als sonst, der +gleichgültige, oberflächliche Ausdruck, welcher gewöhnlich auf seinem +Gesicht lag, war verschwunden. Eine gewisse stolze Befriedigung blickte +aus seinen Augen. + +„Ich habe einen Entschluß gefaßt,“ sagte er, nachdem er die Damen +begrüßt hatte, „einen Entschluß, den meine theure Anna gewiß billigen +wird und mit dem auch Du, mein Vater, zufrieden sein wirst.“ + +Fragend blickte Fräulein Cohnheim auf ihren Verlobten. + +„Ich habe,“ fuhr dieser fort, „mich zur Aufnahme in den Johanniterorden +gemeldet. Du wünschtest das früher, mein Vater, um mir eine ehrenvolle +Decoration zu verschaffen, in dieser Zeit gewinnt das Zeichen des +Johanniterordens, zu welchem meine Geburt mich berechtigte, eine höhere +und ernstere Bedeutung. Ich habe so eben die Mittheilung erhalten, daß +meine Bewerbung angenommen werden wird und habe zugleich die Bitte +gestellt, wenn eine Annahme erfolgen sollte, mich einer der Deputationen +beizuordnen, welche die Armee zur Leitung der Krankenpflege begleiten +werden. So werde auch ich im Stande sein, das Meinige in dem Kampf zu +thun und die Pflicht zu erfüllen, welche mein Name mir auflegt und zu +welcher mein Gefühl mich treibt.“ + +Der Baron neigte zustimmend den Kopf. + +Fräulein Anna erhob sich schnell und reichte ihrem Verlobten die Hand, +indem aus ihrem Blick ein warmes Gefühl leuchtete, wie sie es bisher +noch nie dem jungen Manne gegenüber gezeigt hatte. + +„Ich danke Ihnen von Herzen für diesen Entschluß,“ sagte sie mit +herzlichem Ton, „und da Sie ihn gefaßt haben, darf ich Ihnen sagen, daß +mich der Gedanke betrübt hat, Sie in dieser Zeit hier zurückbleiben zu +sehen — Sie werden das nicht mißverstehen,“ fügte sie hinzu, „meine +treuesten und aufrichtigen Wünsche werden Sie begleiten.“ + +Herr von Rantow küßte die Hand seiner Braut, seine Mutter blickte +liebevoll zu ihm hinüber, und die Commerzienräthin richtete sich hoch +auf, indem sie mit feierlicher Stimme sagte: + +„Das ist ein sehr edler Entschluß, ganz meines vortrefflichen +Schwiegersohns würdig.“ + +Der Diener trat ein, meldete den Oberstlieutenant und den Lieutenant von +Büchenfeld. + +Schnell erhob sich der Baron, um den Herren entgegen zu gehen. + +Die Commerzienräthin warf einen scharfen und strengen Blick auf ihre +Tochter. + +Fräulein Anna zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie +das Zimmer verlassen, dann aber faßte sie sich, tief erbleichend stützte +sie die Hand auf die Lehne eines neben ihr stehenden Sessels. Kalte und +stolze Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht. + +Der Oberstlieutenant und sein Sohn traten ein. Der alte Herr trug +Uniform, sein Gesicht strahlte vor freudiger Aufregung. Der Lieutenant +folgte ihm ernst und still, als er Fräulein Anna und den jungen Herrn +von Rantow erblickte, flog eine dunkle Röthe über sein Gesicht. Dann +näherte er sich Frau von Rantow, begrüßte dieselbe ehrerbietig und +verneigte sich mit kalter Höflichkeit gegen die Übrigen. + +Die Commerzienräthin saß gerade und steif da und erwiderte den Gruß der +eintretenden Herren mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes. + +„Ich bringe Ihnen noch einmal meinen Sohn, gnädige Frau,“ sagte der +Oberstlieutenant, „er muß noch heute zu seinem Regiment abgehen, um in +die beste Kriegsschule hinauszuziehen, — draußen im Felde, wo man in +einem Monat mehr lernt, als in Jahren hinter den Büchern. Er wollte in +der Eile gar keine Besuche machen, aber hier von den alten Freunden +seines Vaters muß er sich doch verschieden, bevor er auszieht, um sich +den Feldmarschallstab zu erkämpfen,“ fügte er lächelnd hinzu. „Er hat es +glücklich getroffen, mir wurde es in meiner Jugend nicht so gut, ich +habe mich während meiner besten Jahre durch den ewigen Garnisonsdienst +hindurch schleppen müssen, in welchem Körper und Geist müde werden.“ + +„Unsere herzlichsten Wünsche werden Sie begleiten,“ sagte Frau von +Rantow zu dem jungen Officier. „Aber Sie, lieber Büchenfeld,“ fuhr sie +lächelnd fort, „tragen ja auch wieder Uniform, Sie wollen doch nicht +etwa auch mit hinausziehen —“ + +„Wollte Gott, ich könnte es,“ sagte der Oberstlieutenant traurig, „doch +mein Podagra sorgt schon dafür, daß ich hier bleiben muß. Aber,“ fuhr +er, sich militairisch aufrichtend, fort, „ich habe mich um ein +Etappencommando beworben und es erhalten und so habe ich doch wenigstens +das Herzeleid nicht, daß ich in dieser Zeit unthätig im Civilrock +einhergehen muß. Ich kann wenigstens die alte Uniform tragen und dem +Könige dienen, so gut es mir noch möglich ist.“ + +Der Oberstlieutenant und sein Sohn blieben etwa eine Viertelstunde lang, +während welcher die Unterhaltung fast ausschließlich von dem alten Herrn +und dem Baron geführt wurde. + +Der Oberstlieutenant war in sprudelnd heiterer Laune, im Herzen des +alten Soldaten fand der Gedanke an die Gefahren, denen sein Sohn +entgegen ging, keinen Platz, für ihn war der Krieg der Beruf des +Officiers, er dachte nur an die Hoffnung auf Ruhm und Ehre, welche +dieser Krieg in sich schloß und fühlte sich neu geboren in dem Gedanken, +daß auch er in dieser großen Zeit noch einmal in der Lage sei, Dienst zu +thun und den Rock des Königs zu tragen. + +„Wir müssen aufbrechen,“ sagte er endlich, „ich weiß noch nicht, wo +meine Bestimmung sein wird und erwarte dieselbe stündlich, — mein Sohn +hat nur noch kurze Zeit bis zu seiner Abreise.“ + +Er küßte mit ritterlicher, etwas altmodischer Galanterie der Frau von +Rantow die Hand und drückte lange und herzlich die Rechte des Barons. + +Der Lieutenant, welcher während der ganzen Zeit ernst und stumm mit +niedergeschlagenem Blick da gesessen hatte, erhob sich, in rascher +Bewegung trat der junge Herr von Rantow auf ihn zu. + +„Lebe wohl, Büchenfeld,“ sprach er, — „in einer Zeit, wie die jetzige, +muß jeder vergangene Groll vergessen werden. Gott schütze Dich! Ich +werde mit den Johannitern der Armee folgen und sollte Dir ein Unglück +begegnen, so hoffe ich, daß ein gütiges Schicksal mich zu Dir führen +wird, um Dir beizustehen.“ + +Der Lieutenant hatte bei den Worten des Barons eine unwillkürliche +Bewegung gemacht, als wolle er von demselben zurücktreten. Abermals +färbte sich sein Gesicht mit dunklem Roth, er schlug die Augen auf und +richtete seine Blicke an dem Baron vorbei, mit bitterem, feindlichem +Ausdruck auf Fräulein Anna. + +Das junge Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Aus diesen Augen +strahlte es wunderbar und eigenthümlich zu ihm hin, es lag darin wie +eine Bitte, wie eine Frage, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie +sprechen, aber nur ein leiser Hauch drang aus denselben hervor und wie +unwillkürlich streckte sie zitternd die Hand nach ihm aus. + +Ein tiefer Athemzug hob die Brust des Lieutenants, sein kalter, harter +Blick wurde weicher und weicher. Kräftig drückte er die Hand des Herrn +von Rantow und sagte mit fast erstickter Stimme: + +„Vergessen und vergeben!“ + +Dann trat er rasch, wie einem übermächtigen Zuge folgend, zu Fräulein +Anna hin, deren Hand noch immer leicht erhoben, sich gegen ihn +ausstreckte und deren Augen mit immer tieferer Innigkeit auf ihm ruhten. +Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, drückte seine Lippen auf +dieselbe und fast unhörbar, nur ihr verständlich, hauchten seine Lippen +nochmal die Worte: + +„Vergessen und vergeben!“ + +Dann wandte er sich schnell um und mit kurzer rascher Verbeugung eilte +er seinem Vater nach, welcher, von dem Baron geleitet, bereits das +Zimmer verlassen hatte, während Fräulein Anna, die Hände faltend, auf +einen Stuhl niedersank und ihm mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer +nachsah. + + * * * * * + +König Wilhelm stand an seinem Schreibtisch neben dem Fenster seines +Arbeitszimmers. Der König trug den Militairüberrock und blickte mit +tiefem Ernst auf den Ministerpräsidenten Grafen Bismarck, welcher in der +Uniform des Magdeburgischen Cürassierregiments No. 7 vor Seiner Majestät +stand und die letzten noch vor der Abreise zu erledigenden +Vortragssachen beendet hatte. + +„So ist denn,“ sagte der König, „Alles vorbereitet, was menschliche +Berechnung vermag, um nach allen Seiten hin in ungehemmter Spannung +unsere Kräfte entfalten zu können, — unser Haus ist bestellt, die Armee +ist in ordnungsmäßiger Bewegung und es ist nun an unserem Alliirten da +oben, mit uns hinauszuziehen in den Kampf, an dem wir wahrlich +unschuldig sind und uns den Sieg zu verleihen, wie er ihn uns schon +einmal gab gegen den Übermuth desselben Feindes.“ + +„Und dieser Sieg wird nicht fehlen, Majestät,“ rief Graf Bismarck, indem +seine linke Hand sich fest um den Griff seines Pallaschs spannte, — „er +wird schneller und entscheidender kommen, als die Welt ihn erwartet und +er wird Alles, was sich im deutschen Nationalleben in diesen Jahren +vorbereitet hat, zu herrlicher Erfüllung bringen. Meine Zuversicht steht +fest — in diesem Kampfe wird Deutschlands glänzende Zukunft entschieden +werden!“ + +Auch über das Gesicht des Königs zog der lichte Schimmer freudiger +Siegeszuversicht, — aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige +Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu +seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier. + +„Wir haben Alles geordnet,“ sagte er, die wenigen Zeilen überlesend, +welche dieser Bogen enthielt, — „wir haben die diplomatischen Fäden +gezogen, — um unsere wohlwollenden Freunde“ fuhr er mit eigenthümlichem +Lächeln fort, „in ihrer neutralen Haltung zu befestigen, — wir haben für +die Regierung während meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten +liegen jetzt draußen bei der Armee, — ich habe jetzt nur noch ein +Bedürfniß meines Herzens zu erfüllen, das ist ein letztes Wort des +Abschieds an mein Volk zu richten, — wenn mich auch die Hoffnung erfüllt, +daß wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer +schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich +wieder nach der Heimath werde zurückkehren können. Auch kann,“ sprach er +mit tiefem Ernst, „eine feindliche Kugel da draußen mein Leben enden. In +diesem Augenblick fühle ich mehr wie je den innerlich tiefen +Zusammenhang, ich möchte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich, +wie alle Könige meines Hauses mit dem preußischen Volk verbindet, und +ich möchte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen +und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir +zu geben mein königliches Recht vergönnt, — ich möchte in dem Augenblick, +in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir +den Frieden zurücklassen, — den Frieden und die Versöhnung!“ + +Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den +König an, welcher wie zögernd, als suche er die Worte für seine +Gedanken, sagte: + +„Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen, +manches an sich edle Gefühl hat viele meiner Unterthanen, namentlich +meiner neuen Unterthanen auf Irrwege geführt und mit der nothwendigen +Strenge der Gesetze in Conflict gebracht — jetzt, wo ganz Deutschland +einmüthig in den Kampf hinauszieht, möchte ich dazu beitragen, jenen +Verwirrungen Lösung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo +ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, möchte ich +auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen, — die Lehre der +Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht +gerichtet werdet. — Der letzte Abschiedsgruß an mein Volk soll deshalb +zugleich eine Amnestie enthalten für alle politischen Verbrechen und +Vergehen. Liebe und Versöhnung soll die Vergangenheit abschließen, damit +wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen können.“ + +Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme: + +„An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für +Deutschlands Ehre und für Erhaltung ihrer höchsten Güter zu kämpfen, +will ich im Hinblick auf die einmüthige Erhebung meines Volkes eine +Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen.“ + +„Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erlaß in diesem +Sinne zu unterbreiten. + +„Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig +nicht auf unserer Seite waren. + +„Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vätern und +in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des +Vaterlandes.“ + +Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerpräsidenten, +dessen Züge in mächtiger Rührung zuckten. + +„Majestät,“ sagte er, auf die stumme Frage des Königs antwortend, „an +diesem Erlaß darf kein Titelchen geändert werden. Es ist das +königlichste Wort, das ein christlicher Fürst zu seinen Unterthanen +sprechen kann, einfach und groß, wie die Zeit. Und dies königliche Wort +wird einen mächtigen Wiederhall finden in allen Herzen.“ + +Der König neigte den Kopf, wandte sich dann zu seinem Schreibtisch, +ergriff eine Feder und setzte mit kräftigen Zügen seinen Namen unter das +Papier, das er dem Ministerpräsidenten reichte. + +„Sorgen Sie für die Veröffentlichung und für die schleunige Vorlegung +des Amnestieerlasses. Nun sind die Geschäfte hier beendet,“ sprach er +mit tiefem Athemzug, „ich habe für die Meinigen das Werk des Friedens +und der Liebe gethan. Jetzt soll die Spitze unseres Schwertes sich gegen +die Feinde richten.“ + +„Noch möchte ich,“ sagte der Ministerpräsident, „eine Bitte an Eure +Majestät richten, eine Bitte, deren Erfüllung ein schöner Nachklang zu +dem großen Wort ist, das Eure Majestät soeben gesprochen. Eure Majestät +wissen,“ fuhr er fort, als der König ihn fragend ansah, „daß wir von der +früher so weit verbreiteten Agitation in Hannover nichts mehr zu +befürchten haben, die früheren Führer derselben sind vom Könige Georg +getrennt und entschlossen, in diesem Nationalkampf nichts gegen +Deutschland zu thun. Einzelne Personen in Hannover, welche vielleicht zu +gefährlichen Unternehmungen irre geleitet werden könnten, sind in +Sicherheit gebracht, um sie vor sich selbst zu schützen, und um sie +durch eine kurze Haft der Möglichkeit zu entziehen, Dinge zu +unternehmen, für welche sie in der gegenwärtigen Zeit mit der ganzen +Schwere des Gesetzes gestraft werden müßten.“ + +„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König — „auch der Verdacht gegen den +Grafen Wedell hat sich nicht betätigt? —“ + +„Nein, Majestät,“ sagte der Ministerpräsident, „Graf Wedell steht mit +der Agitation in keiner Verbindung mehr, und es freut mich das um so +mehr, da seine ganze Familie ohnehin durch die Ereignisse schwer +getroffen ist — doch,“ fuhr er dann fort, „wovon ich Eurer Majestät +sprechen wollte, das ist das Schicksal aller hannöverschen Officiere, +welche mit der Emigration nach Frankreich gegangen waren und dort die +sogenannte Welfenlegion commandirten.“ + +„Nun?“ fragte der König. + +„Diese Officiere, Majestät,“ sprach Graf Bismarck weiter, „befinden +sich, wie ich höre, in einer verzweiflungsvollen Lage. Sie waren in +Deutschland geächtet, — das ist durch Eurer Majestät großmüthige Amnestie +beseitigt — aber sie sind ohne Subsistenzmittel, sie sind sogar der +französischen Regierung verdächtigt, und ihre Lage ist derartig, daß +nach den Äußerungen Einzelner, die mir mitgetheilt sind — ihnen nichts +übrig bliebe, als sich irgendwo mit Anstand todtschießen zu lassen.“ + +„Die armen, jungen Leute,“ sagte der König — „sie haben sich schwer +vergangen, aber es sind doch brave junge Männer und ihre Handlungsweise +ist doch nur hervorgegangen aus einem irre geführten, aber innerlich +edlen und richtigen Gefühl der Anhänglichkeit an ihren frühern +Herrn — was kann ich für sie thun?“ fragte er mit weicher, milder Stimme. + +„Majestät,“ sagte Graf Bismarck, „politisch liegt kein Grund vor, ihnen +zu Hülfe zu kommen, sie können nicht gefährlich werden, und wenn sie +wirklich, durch die Noth gedrängt, sich zu irgend einer strafbaren +Handlung hinreißen ließen, so würde dadurch in den Augen von ganz +Deutschland die welfische Agitation und alle etwa für dieselbe noch +begehende Sympathie vollkommen und für immer vernichtet werden. Aber ich +glaube nicht, Majestät,“ fuhr er im wärmeren Ton fort, „daß jenen armen +jungen Leuten gegenüber politische Betrachtungen in diesem Augenblick +maßgebend sein können. Jene Unglücklichen sind von aller Welt verlassen, +sie sind die Opfer ihrer irregeleiteten, aber doch immerhin edlen Treue +geworden, und ich möchte Eure Majestät bitten, ihnen zu helfen und ihnen +eine Grundlage für ein neues Leben zu gewähren.“ + +„Mit Freuden,“ rief König Wilhelm lebhaft, „schlagen Sie mir vor, was +ich thun soll.“ + +„Majestät,“ erwiderte Bismarck, „es befinden sich unter diesen +Emigranten frühere Offiziere verschiedener Grade, darnach aber zwischen +ihnen einen Unterschied zu machen, ist nicht möglich, — der König Georg +hat im Exil noch Ernennungen vorgenommen, die doch nicht in Betracht +gezogen werden können. Ich würde daher Eurer Majestät unterthänigst +vorschlagen, sie Alle gleich zu behandeln und Jedem von ihnen eine +lebenslängliche Pension von zwölfhundert Thalern zu geben, damit haben +sie eine Basis für ihre Existenz und einen Ersatz für ihre zerbrochene +Carriere.“ + +„Genehmigt,“ rief der König, „genehmigt, mein lieber Graf, es thut mir +unendlich wohl, diesen armen jungen Leuten helfen zu können, und ich +danke Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht und mir Gelegenheit +gegeben, noch vor meiner Abreise dies gute Werk zu thun.“ + +Und leise die Lippen bewegend, flüsterte er vor sich hin: + +„Thut wohl denen, die Euch verfolgen.“ — — + +„Es müßte dann,“ sagte Graf Bismarck, „eine Garantie von ihnen gegeben +werden, daß sie nicht etwa abermals mißleitet werden —“ + +„Sie sollen ihr Ehrenwort geben, nichts gegen mich zu unternehmen, das +genügt,“ sagte der König, „sie haben die Gesetze verletzt, aber ihre +Ehre trifft kein Vorwurf und ihrem Ehrenwort will ich glauben.“ + +„Eure Majestät haben durch diesen Entschluß,“ sagte Graf Bismarck, +„einer Anzahl junger und hoffnungsvoller Herzen Leben und Zukunft wieder +gegeben, und auch das wird zum Segen unserer Waffen werden. So ist denn +auch diese letzte schmerzliche Dissonanz des Jahres 1866 im schönen und +wohlthuenden Accord geendet und nun, Majestät, — + +Vorwärts mit Gott für König und Vaterland.“ + +„Auf Wiedersehen am Bahnhof, mein lieber Graf,“ sagte der König, „wir +werden hier wohl lange nicht wieder zusammen arbeiten —“ + +„Dann aber, Majestät,“ rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick, „wird +der preußische Adler seinen höchsten Siegesflug vollendet haben, und +eine neue, strahlende Krone wird über seinem Haupte glänzen.“ + +Er ergriff seinen Stahlhelm, der neben ihm auf einem Stuhl lag, richtete +sich hoch empor und verließ mit militairischem Gruß das Cabinet. + +Der König trat an's Fenster und richtete den sinnenden Blick auf das +Standbild Friedrich des Großen. Er bewegte leise die Lippen, ohne daß +hörbare Worte aus denselben hervordrangen. + +War es ein Gebet, das er sprach, — oder verkehrten seine Gedanken mit dem +Geiste seines großen Ahnherrn, der zuerst das alte Brandenburg in +Wahrheit zu einer Großmacht Preußens erhoben, der der Königskrone +Friedrich I. das schneidige siegreiche Schwert hinzugefügt hatte und der +wieder seinen Nachkommen die hohe Aufgabe hinterlassen hatte, durch +preußischen Geist und preußische Kraft einst das zerbröckelte +Deutschland zu einiger Macht und Herrlichkeit wieder aufzurichten? + +Die auf dem Platz vor dem königlichen Palais versammelte Menge erhob +beim Anblick des Königs die Hüte und laute Rufe grüßten den Monarchen. + +Der König dankte freundlich mit dem Kopfe nickend. Ein Ausdruck +heiterer, ruhiger Zuversicht erschien auf seinem Gesicht. Langsam wandte +er sich ab, um zur Königin zu gehen und mit seiner Gemahlin das letzte +Diner vor seiner Abreise zur Armee einzunehmen. + + * * * * * + +Es war halb sechs Uhr Abends. Dicht gedrängt standen die Menschenmassen +die Linden entlang, vom Thiergarten her bis zum Anhalter Bahnhof. Die +sonst so lauten und unruhigen Berliner hatten diesmal ihre gewöhnliche +Natur verleugnet, und eine fast lautlose Stille herrschte auf den dicht +belebten Straßen. + +Da kam vom königlichen Palais her ein einfacher zweispänniger Wagen mit +offenem Verdeck dahergefahren. Der König, im Überrock und Helm, fuhr, +von seiner Gemahlin begleitet, nach dem Bahnhof und blickte zum letzten +Mal ernst und gedankenvoll auf diese Straße seiner Residenz hin, welche +bereits so viele Herrscher seines Hauses gesehen hatte in den Tagen des +Glücks und des Unglücks, in den Tagen des Leidens und der Demüthigung, +wie in den stolzen Triumphzügen nach gewaltigen Siegen — immer aber in +gegenseitiger Liebe und Treue innig vereint mit ihrem Volk, welches das +Unglück mit ihnen getragen und opferfreudig sein Blut vergossen hatte +zur Erringung der Triumphe und Siege. + +Kein lauter Ruf ertönte, still und schweigend entblößten sich alle +Häupter und durch diese schweigenden, feierlichen Grüße hin fuhr der +königliche Wagen hinaus, während der König freundlich ernst mit der Hand +winkte und die Königin, von Bewegung überwältigt, ihr Taschentuch vor +die Augen drückte. + +Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den König der +Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgroßherzog von +Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz +Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Großherzogin +Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen +Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden +Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von +Kendell und neben den königlichen Prinzen den Grafen Bismarck, die +Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel; +die Angehörigen der Herren, welche den König begleiten sollten, waren +mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine +Tochter, in letzter wehmüthiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben +dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen +Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that — auch viele Damen der übrigen +Minister und der Hofchargen waren anwesend. + +Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie über der +Bevölkerung von Berlin, so lag auch über diesen höchsten Spitzen des +preußischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks. + +Der königliche Wagen fuhr an die Rampe, der König stieg aus und reichte +dann der Königin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann +blickte er hin über den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum +letzten Gruß die Hand. + +Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen, +wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klängen die Luft +erschütternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob +wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den +scheidenden König begrüßte. + +Dann trat abermals tiefe Stille ein. + +Der König winkte noch einmal mit der Hand, gab der Königin den Arm und +wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen +Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die +Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den königlichen +Kriegsherrn ansah, während er die in unwillkürlicher Bewegung erhobenen +Hände gegen ihn ausstreckte. + +Der König blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den +jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber faßte sie mit +seinen beiden Händen und führte sie an die Lippen, indem Thränen aus +seinen Augen stürzten. Dann faßte er sich, richtete sich in seinem Wagen +empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung: + +„Lieutenant von Sierrakowsky, Majestät —“ + +„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König freundlich, durch einen Wink die +Meldung unterbrechend, „ich vergesse die Tapfern nicht, die für mich und +das Vaterland geblutet haben — Gott hat Ihnen nicht vergönnt, auch in +diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen — aber trösten Sie sich, Sie haben +dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre, +werden neue Helden schaffen.“ + +„Gott segne Eure Majestät!“ sagte der junge Officier, mit erstickter +Stimme; „Gott segne unsere preußischen Fahnen!“ + +Der König drückte dem armen Invaliden noch einmal herzlich die Hand und +trat dann in den Wartesaal. Nur wenige Worte sprach er mit den dort +Versammelten. Alle Damen reichten ihm Blumensträuße entgegen. + +„Ich kann sie nicht alle mitnehmen,“ sagte der König freundlich +lächelnd, indem er einen schönen Strauß aus den Händen der Gräfin +Itzenplitz entgegennahm. „Diese Blumen sollen mir eine Erinnerung an Sie +Alle und an Ihre guten Wünsche sein.“ + +Kein Auge blieb trocken, Alle drängten dem scheidenden König nach, der +an der Thür des Wartesaals die Königin umarmte und dann mit den Herren +des Gefolges schnell in das Coupé stieg. + +Dahin brauste der Zug nach dem Westen, nach dem Schauplatz des noch von +den dunklen Wolken der Zukunft verhüllten Krieges. + + + + +Zwölftes Capitel. + + +Der junge Cappei hatte in einem fast bewußtlosen Zustand stumpfer +Resignation die ersten Tage nach seiner Verhaftung in dem Amtsgefängniß +zu Bodenfeld zugebracht. Vergebens strengte er sich an, um die Fäden des +Netzes zu entdecken, das ihn so geheimnißvoll und unerklärlich umsponnen +hatte. Seine Gedanken verwirrten sich, das fortwährende Schweigen seiner +Geliebten, dieser so plötzliche und unerwartet gegen ihn erhobene +Vorwurf staatsgefährlicher Verbindungen, das Alles vermochte er in +keinen klaren Zusammenhang zu bringen, und nur wenn er auf den Verdacht +zurückkam, welchen die Handschrift des ihm vorgelegten Schreibens in ihm +erweckte, so erfaßte ihn ein heftiger Paroxismus des Zornes und der +Verzweiflung. + +Oft war er nahe daran nach Mitteln zu suchen, seinem so plötzlich von +der Höhe der glücklichsten Hoffnungen in die Tiefe eines vernichtenden +Schmerzes herabgestürzten Leben ein gewaltsames Ende zu machen, und nur +die von früher Jugend in ihm gepflegte gläubige Frömmigkeit gab ihm die +Kraft, diese traurige Existenz zu ertragen und ließ ihn die Hoffnung +nicht verlieren, daß die Vorsehung Wege finden würde, das Dunkel zu +erhellen, welches ihn umgab und seine Unschuld dem wider ihn erhobenen +Verdacht gegenüber an das Licht zu bringen. + +In dieser qualvollen Ungewißheit, allein mit seinen in demselben Kreise +sich stets bewegenden Gedanken brachte er drei furchtbare Tage zu, ohne +das Geringste von der Außenwelt zu hören oder zu sehen, als ein kleines +Stück des Himmels, das über eine hohe Mauer durch das vergitterte +Fenster seines Gefängnisses hereinsah. + +Dann wurde er zum ersten Verhör vorgeführt. Ein Untersuchungsrichter aus +der nächsten Stadt war in Bodenfeld erschienen, um in Gegenwart des +Amtmanns die Vernehmung des jungen Menschen vorzunehmen. + +Cappei antwortete auf alle an ihn gestellten Fragen im vollen Bewußtsein +seiner Schuldlosigkeit, und der günstige Eindruck, den seine klaren und +bestimmten Angaben, die sich in keinem Punkt widersprachen, auf den +Richter und den Amtsverwalter machten, war unverkennbar. + +Schon begann die Hoffnung in ihm aufzuleben, daß das Alles sich als ein +Mißverständniß herausstellen werde, da legte der Untersuchungsrichter +ihm aus den beim Amte geführten Acten eine Reihe von Briefen vor mit der +Frage, ob er die Handschrift kenne, und ob diese an ihn adressirten +Briefe unter ihren scheinbar unverfänglichen Worten einen andern Sinn +verbärgen. + +Der Richter sprach dabei zugleich nochmal die Ermahnung aus, durch ein +offenes Geständniß eine mildere Beurtheilung seiner Handlungen zu +ermöglichen, zu denen eine irre geleitete Anhänglichkeit an die frühere +Regierung seines Landes ihn bestimmt haben möchte. + +Der junge Cappei trat ruhig und unbefangen an den Tisch heran, um die +ihm vorgelegten Papiere näher zu betrachten und vielleicht durch +dieselben einen Anhalt zur Aufklärung des Mißverständnisses zu gewinnen. + +Kaum hatte er indeß einen Blick auf die Briefe geworfen, als eine +schnelle fliegende Röthe auf seinem Gesicht erschien. Seine kräftige +Gestalt zitterte und bebte, und wie zusammenbrechend stützte er sich mit +beiden Händen auf den Tisch, während seine groß geöffneten Augen mit dem +starren Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens auf den Papieren +hafteten. + +Er erkannte Luisens Handschrift, und als er sich so weit gesammelt +hatte, um die im ersten Augenblick vor seinen Augen hin und her +schwirrenden Buchstaben festhalten zu können, las er, in fliegender Hast +die Blätter umwendend, immer dringendere, immer sehnsuchtsvollere Bitten +um Nachricht, Besorgnisse, daß er krank sein möge, und voll Schmerz und +Verzweiflung sah er zwischen den Zeilen dieses Briefes das Bild seiner +Geliebten erscheinen, welche in gleicher Ungewißheit und Bangigkeit wie +er, gewartet und immer wieder gewartet und vergebens um Antwort und +Nachricht gefleht hatte. + +Ein dämonischer Einfluß hatte hier die Hand im Spiele gehabt, ein wohl +durchdachter Plan voll Hinterlist und Bosheit hatte sich zwischen diese +beiden liebenden Herzen gestellt, um nicht nur ihre äußere Verbindung zu +unterbrechen, sondern sie auch mit Mißtrauen gegen einander zu erfüllen +und ihre Liebe zu zerstören. + +Als er die Briefe sämmtlich durchflogen hatte, wurde ihm Alles +klar; — wie er schon beim ersten Verhör geglaubt hatte in dem ihm damals +vorgelegten an ihn gerichteten compromittirenden Brief die Hand des +Herrn Vergier zu erkennen, so wurde ihm jetzt vollkommen deutlich, daß +dieser und kein anderer der Urheber dieses Werkes finsterer Heimtücke +sei. Und eine wilde, wüthende Verzweiflung, ein brennender Durst nach +Rache bemächtigte sich seines ganzen Wesens. + +Schweigend starrte er fortwährend auf die vor ihm liegenden Briefe, als +sei plötzlich ein drohendes Gespenst vor ihm aufgestiegen, dessen kalte +Hand sich todtbringend nach seinem Herzen ausstreckte. + +Betroffen blickte ihn der Untersuchungsrichter an. Der ganze bisherige +Verlauf des Verhörs hatte einen günstigen Eindruck für den jungen Mann +in ihm hervorgebracht, dessen plötzliche, so sichtbar tiefe Bestürzung +jedoch schien jenen Eindruck wieder zu verwischen. + +„Kennen Sie diese Briefe?“ fragte er mit strengem Ton. + +Der junge Cappei fuhr bei dieser Frage, die ihn aus seiner Betäubung +aufschreckte, empor und erwiderte, indem seine Stimme vor mächtiger +innerer Erregung zitterte: + +„Ja, ich kenne sie, sie sind an mich gerichtet, — es sind Briefe meiner +Braut, sie haben mir die Augen geöffnet über den ganzen heillosen Plan, +welchen eifersüchtiger Haß gesponnen, um uns von einander zu reißen. +Diese Briefe haben keinen verborgenen Sinn, sie bedeuten nur das, was +mit klaren Worten in ihnen geschrieben steht. Oh, mein Gott,“ rief er, +den brennenden Blick aufwärts richtend, „wie ist es möglich, daß so viel +Schlechtigkeit auf Erden wohnen kann.“ + +„Sie behaupten also,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „daß dies +wirklich Briefe eines jungen Mädchens sind, und daß dieselben keine +Bedeutung haben? — Ich muß Ihnen sagen,“ fügte er hinzu, „daß Ihre so +heftige und sichtbare Bestürzung beim Anblick dieser Papiere nicht zu +Ihren Gunsten spricht, um so weniger als unmittelbar nach Ihrer Ankunft +ein Schreiben an Sie hierher gekommen ist, in welchem Ihnen die +mündliche Verabredung in's Gedächtniß zurückgerufen wird, die +Nachrichten, welche man von Ihnen erwartet und die Fragen, welche man an +Sie stellen würde, in die Form von einfachen Liebesbriefen zu kleiden.“ + +„Welch ein Abgrund, — welch ein Abgrund,“ rief der junge Cappei +verzweiflungsvoll. „Und kann ich jenen Brief sehen?“ fragte er dann. + +Der Untersuchungsrichter nahm ein Papier und legte es ihm vor. + +„Ja, ja,“ rief Cappei heftig auffahrend, „es ist dieselbe Handschrift. +Es ist die Handschrift jenes Elenden, der mich um mein Glück betrügen +will, der es gewagt hat, mich in Frankreich als preußischen Spion zu +verdächtigen, und der nun durch seine teuflischen Künste mich hier als +Verschwörer verfolgen läßt. Ich schwöre Ihnen, meine Herren, das Alles +ist schändlicher Betrug, ich bin das Opfer der Hinterlist eines +Todfeindes, der mich verderben will. Ich bitte Sie um Gottes Willen, +lassen Sie mich einmal hier in Ihrer Gegenwart einen Brief an meine +Braut schreiben. Sie werden die Antwort sehen, Sie werden sehen, daß +nichts Geheimnißvolles, nichts Verfängliches dahinter steckt —“ + +„Die Antwort würde vielleicht ebenso unverfänglich sein, als diese +Briefe es sämmtlich zu sein scheinen,“ sagte der Untersuchungsrichter +den Kopf schüttelnd. „Ich will zu Ihrem Besten hoffen, junger Mann, daß +Ihre Angaben die Wahrheit seien, indessen kann ich Ihnen nicht +verbergen, daß das Alles sehr unwahrscheinlich scheint, — ich will für +heute das Verhör schließen, um Ihnen Zeit zu lassen, wenn Sie etwas +auszusagen haben, durch ein umfassendes und aufrichtiges Geständniß Ihre +Lage zu erleichtern.“ + +„Darf ich nicht,“ fragte der junge Mann im Ton dringendster Bitte, „darf +ich nicht zwei Worte nur an meine Braut schreiben?“ + +„Es würde zu nichts führen,“ sagte der Untersuchungsrichter, „denn eine +gleichgültige Antwort würde noch nichts zu Ihren Gunsten beweisen, — wenn +diese Briefe wirklich nur der Deckmantel einer geheimen Correspondenz +sind, so würde ohne den Schlüssel derselben, ohne Kenntniß der +chemischen Mittel,“ fuhr er fort, den Blick scharf auf den jungen Mann +richtend, „durch welche etwa andere geheime Schriftzeichen auf dem +Papier sichtbar werden, noch immer keine Klarheit in die Sache kommen. +Ich wünsche nochmals,“ sprach er dann, „daß Ihre Schuldlosigkeit an den +Tag kommen möge, denn ich habe hier über Sie und Ihre Familie nur Gutes +gehört. Wenn Sie jetzt unter dem auf Ihren Schultern ruhenden Verdacht +bleiben müssen, so trifft die Schuld zunächst davon Diejenigen, welche +nicht aufhören durch fortwährende Agitationen das Land zu beunruhigen, +und welche uns dadurch zwingen, mit den schärfsten Mitteln den +verborgenen Fäden nachzuspüren, durch die jene Agitation geleitet +wird.“ + +In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach seiner Gefängnißzelle +zurückführen. Es war eine Art von Ermattung über ihn gekommen, der +vernichtende Erfolg, welchen die vor seinen Augen jetzt klar liegende, +gegen ihn gespielte Intrigue gehabt, beraubte ihn fast des Glaubens an +die ewige Gerechtigkeit, und in stumpfer Resignation brachte er die dem +Verhör folgenden Tage zu, ohne sich von seinem Lager zu erheben, nur die +nothwendigsten Nahrungsmittel zu sich nehmend. Im Schmerz um sein +zerstörtes Liebesglück, um alle seine gebrochenen Lebenshoffnungen, +versank er in eine Art von dumpfer Lethargie, aus welcher nur die +brennende Sehnsucht emporflammte, sich an demjenigen zu rächen, dessen +Hand aus feiger Verborgenheit heraus ihn so tödtlich getroffen hatte. + + * * * * * + +Kaum hatte er die Tage gezählt, welche in diesem Zustande an ihm +vorübergegangen waren, seine ewig auf ein und denselben Punkt +gerichteten Gedanken erfüllten sein Gehirn und sein Blut mit Fieber, +seine Kräfte begannen sich zu erschöpfen, — zuweilen dachte er fast mit +Wonne daran, daß eine tödliche Krankheit ihn ergreifen und seinen Leiden +ein Ende machen könnte. Dann wieder versuchte er mit aller +Willenskraft, sich aufrecht zu erhalten, um das Ziel seines Lebens, die +Rache, nicht zu verlieren. + +Da trat eines Morgens der Amtsdiener in sein Zimmer und forderte ihn +auf, ihn zum Amtsverwalter zu begleiten. + +Cappei sprang auf, ein leiser Hoffnungsschimmer erfüllte ihn, vielleicht +war es doch möglich, daß man von seiner Unschuld sich überzeugt, +jedenfalls konnte ihm ein neues Verhör Gelegenheit geben, die gegen ihn +erhobenen Anklagen zu entkräften, und mühsam zwang er sich, seinen +schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das +Bureauzimmer folgte. + +Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in +kurzer Zeit in entsetzlicher Weise verändert hatte. + +Seine Augen blickten hohl und trübe, seine Wangen waren eingefallen, +sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet +über die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und +unwillkürlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels. + +„Setzen Sie sich,“ sagte der Amtmann freundlich. „Sie sind angegriffen. +Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu können, denn +ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben.“ + +Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er +ausgehalten, hatten ihn fast unfähig gemacht, das Gefühl der Hoffnung zu +empfinden. + +„Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen,“ sagte der Beamte ernst, „in +wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften +Übermuth seiner Erbfeinde zurückweisen. Beim Beginn dieses großen +nationalen Kampfes hat Seine Majestät der König eine allgemeine Amnestie +für politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklärung gegen +Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die +Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei.“ + +Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete +sich kräftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er: + +„Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, daß ich an Deiner Gerechtigkeit +gezweifelt habe. Es war ja unmöglich, daß das Werk finsterer Bosheit +triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurückkehren, ich +darf —“ + +„Sie sind frei und außer aller Verfolgung,“ sagte der Beamte, „aber Sie +stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine +Einberufungsordre für Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in +Hannover zu stellen, um dem Regiment, für welches Sie bestimmt sind, +zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit,“ fuhr er mit einem forschenden +Blick auf den jungen Mann fort, „diese Pflicht zu erfüllen?“ + +„Bereit?“ rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, „bereit? +Oh, Herr Amtmann,“ fuhr er fort, den Arm erhebend, „geben Sie mir eine +Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land, +dessen Erde den Elenden trägt, der mich verderben wollte, und der das +Glück und die Hoffnung meines Lebens zerstört hat — er wird auch dort +nicht müßig gewesen sein,“ fügte er mit bitterm Lachen hinzu, „und +nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem +leidenden Herzen sich als tröstender Freund genähert haben — aber die +rächende Gerechtigkeit wird mich führen, daß ich auf den Wegen dieses +Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will, +vielleicht noch seine Pläne zu durchkreuzen.“ + +„Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gemäß zu stellen und den +Fahneneid zu leisten, den man natürlich nochmals von Ihnen verlangen +wird, da Sie früher dem Könige von Hannover geschworen haben.“ + +„Ich bin bereit,“ sagte Cappei. + +„Sie dürfen nicht vergessen,“ fuhr der Beamte ernst fort, „daß wenn Sie +den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer +Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion +begehen würden, welches im gegenwärtigen Kriegszustande unfehlbar die +Todesstrafe nach sich zieht.“ + +„Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann,“ rief Cappei, „ich werde mich +pünktlich stellen, und ich wünsche nur, daß mein Regiment das erste sei, +welches die französischen Grenzen überschreitet. Darf ich vorher meine +Mutter und meinen Oheim besuchen?“ fragte er dann. + +„Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen,“ sagte der Beamte, +„vorausgesetzt, daß Sie sich pünktlich zur rechten Zeit zur Einstellung +melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, daß Ihre Angelegenheit dies Ende +genommen hat, und ich wünsche, daß Sie gesund und wohl behalten aus dem +Kriege zurückkehren mögen.“ + +Er neigte freundlich den Kopf. + +Cappei grüßte in militairischer Haltung und verließ kräftigen und festen +Schrittes das Zimmer. + +Groß war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims, +wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekümmerniß geherrscht hatte. + +Groß aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, daß sie +ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren +und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren +Krieges. + +Ernst und feierlich saßen die drei Menschen bei dem letzten Wahl +zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich für den Scheidenden +aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen berührte. + +Mit thränenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so +schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und +Gefangenschaft ihn getroffen, um noch größeren Gefahren +entgegenzugehen — finster saß der alte Niemeyer da. + +Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach +Frankreich hinausziehen, als daß dieser sich eine Heimath gesucht hätte +in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den +Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes +seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief. + +Doch endlich tröstete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles +zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten +markigen Niedersachsen so fest und unerschütterlich lebt und auch in den +schwersten Prüfungen ihren Muth aufrecht erhält. + +„Gott erhalte Dich, mein Junge,“ sagte er einfach, indem er kräftig die +Hand des Scheidenden schüttelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte, +so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den göttlichen +Willen in diesen Worten wieder. + +Die Mutter hatte den Ränzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und +Branntwein gefüllt, der Oheim fügte eine mit harten Thalern +wohlgespickte Börse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor +der alten Frau nieder. + +„Segne mich, meine Mutter,“ sagte er leise. + +Die Alte legte ihre zitternden Hände auf das Haupt des Sohnes und +bewegte ihre Lippen, ohne daß laute Worte aus denselben hervordrangen, +aber die Thränen, welche voll und heiß in diesem letzten Augenblick des +Scheidens aus ihren Augen strömten, fielen über das Haar des jungen +Mannes herab. Er fühlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und +heilige Rührung durchzitterte sein Herz, — er empfand all' den reichen +Segen, all' die heißen Gebete, all' die frommen Wünsche, welche die +Abschiedsthräne aus dem Mutterauge in sich schließt. + +Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und kräftig über den Hof +hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten +niedersächsischen Glauben, der an einen letzten Rückblick auf das +heimathliche Haus eine frohe und glückliche Heimkehr knüpft. + +Bald hatte er die nächste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine +Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken führte +ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und +Gefahr entgegen, während in seinem Herzen alle anderen Gefühle +zurücktraten vor der glühenden Sehnsucht, Rache zu nehmen für die +Frevelthat an seiner Liebe. + + + + +Dreizehntes Capitel. + + +Ein buntes und lärmendes Treiben herrschte in den Straßen und der +Umgebung von Metz. Die Wälle der alten Festungsstadt waren von den +weißen Zelten des Lagers der französischen Armee umgeben und Truppen +aller Waffengattungen durchzogen die Straßen der Stadt und des Lagers. + +Man sah die riesigen Cürassiere ernst und ruhig einherschreiten, — man +sah die bunten afrikanischen Truppen, — die leichtfüßigen Voltigeurs und +Jäger und all' dies Leben war von fröhlicher Heiterkeit und +Siegeszuversicht getragen, — die Truppen im Lager sangen, tranken und +spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit +Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, überzeugt, daß es nur eines +Vorstoßes dieser berühmten französischen Armee bedürfe, um siegreich und +unüberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen. + +Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte +mit dem kaiserlichen Prinzen in der Präfectur Wohnung genommen. Vor dem +Präfecturgebäude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die +glänzende Generalität mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und +Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines +militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein. + +Inmitten all' dieses Lärms und all' dieses Glanzes saß der Kaiser in der +Generalscampagneuniform trübe und niederschlagen in seinem Zimmer, +dessen Fenster durch dichte Vorhänge beschattet waren, um die heißen +Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der +Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit +einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder. + +Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte, +und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht +erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkürlichen Griff hatten +die Hände des Kaisers das Papier zerknittert. + +„Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee,“ sagte er, „welch ein +Chaos unter dieser glänzenden Außenseite — oh, warum habe ich nicht +vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und +unerbittlich vor meinem Blick öffnet, — jetzt wo keine Umkehr, kein +Einhalt des Verhängnisses mehr möglich ist. Ich habe eine Verständigung +im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen +von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenüberstehenden +Armeen das drohende Unheil beschwören zu können und die Concessionen zu +erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man +ist dort entschlossen, das Äußerste zu wagen. Diese Veröffentlichung des +Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an +die Mächte, das Alles beweist mir, daß alle Brücken abgebrochen sind, +und daß das furchtbare Verhängniß des Krieges seinen Weg gehen muß. Und +welche Hoffnungen bleiben mir,“ sprach er mit dumpfer Stimme, „mir, der +ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der +Hand halte.“ + +Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin. + +Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon, +welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz +trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen +Tenue trat seine Ähnlichkeit mit dem großen Kaiser noch mehr als sonst +hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug +von Carricatur hatte durch die weit stärkere Corpulenz des Prinzen, +durch seine unruhige Haltung und durch die nervösen zuckenden Bewegungen +seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesröthe +bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den +Kaiser hin und die dunklen Augen groß auf seinen wie gebrochen da +sitzenden Vetter richtend, rief er, hastig die Worte hervorstoßend: + +„Weißt Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?“ + +Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust. + +„Ich habe,“ fuhr der Prinz fort, „schon als ich von den Haiden Norwegens +nach Paris zurückkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen +Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich über dieses Abenteuer +denke — das gefährlichste und verhängnißvollste, welches Du seit Deiner +Regierung unternommen, — was ich jetzt aber hier täglich, stündlich sehe +und erfahre, das übersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als +möglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne +Organisation, ohne Führung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder +dieser Soldaten für sich den alten Paladinen Karl's des Großen an +Tapferkeit gleichkäme, so ist es unmöglich, daß sie etwas ausrichten +können gegen die Tactik und die Ordnung des preußischen Generalstabes. +Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf muß ein Interesse haben, +Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche +Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklären.“ + +Der Kaiser schwieg noch immer. + +„Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?“ + +„Der Frieden jetzt,“ sagte der Kaiser, „käme der Streichung des +französischen Namens aus der Reihe der Großmächte, käme der Abdankung +unserer Dynastie gleich,“ fügte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu. + +„Was aber denkst Du zu thun,“ rief der Prinz, „willst Du Dich, willst Du +uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschließen, +an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der +Ostsee zu übergeben. Ich bitte Dich, übertrage mir das Commando der +Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche +Streitkräfte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem +überwältigenden Angriff zu schützen.“ + +„Ich darf Rußland nicht verletzen,“ sagte der Kaiser, wie zögernd, +„auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des +preußischen Handels ausgesprochen —“ + +„Willst Du nach Rußland fragen,“ rief der Prinz, zornig mit dem Fuß auf +den Boden stoßend, „nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die +Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres +Hauses?“ + +„Der Marschall Leboeuf,“ meldete die dienstthuende Ordonnanz. + +„Dein böser Genius,“ sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster +hin, ohne den Gruß des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit +ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen +Stimme sagte: + +„Die Regimenter, welche Eure Majestät heute zu mustern befahl, stehen an +dem Eingang der Straße nach Thionville bereit, wenn Eure Majestät die +Gnade haben wollen, hinauszureiten.“ + +„Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die +Feldzugspläne besichtigen, als diese armen unglücklichen Truppen, die +verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlässigung, in +Augenschein zu nehmen,“ rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend. + +Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen +großen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an. + +„Das Alles ist von mir geordnet,“ sprach er, „und der Kriegsplan +sichert, wie ich glaube, so gut als das möglich ist, den Erfolg.“ + +„Der Kriegsplan,“ rief der Prinz, „das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr +Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie +von Straßburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon +auszustreuen, so daß sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig +unterstützen können. Der Vorstoß der preußischen Armee wird das Alles +aufrollen und zerbröckeln, ehe man überhaupt noch zum Nachdenken +gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird +vergebens sein. Wenn der Krieg,“ fuhr er immer heftiger fort, „in dem +Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit +vierzehn Tagen erklärt ist, so verstehe ich nicht, daß während die +deutsche Armee in erdrückenden Massen auf uns losrückt, man da nicht ein +einziges Corps mit dem Nöthigen versehen, vollständig hat hinstellen +können.“ + +Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die +zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem +Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton: + +„Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so +eben aus Paris erhalten habe.“ + +Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las: + +„General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris. + +Morgen werden wir kaum fünfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu +halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise +entblößt. Die Preußen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes.“ + +„Lesen Sie weiter,“ sprach der Kaiser, während der Prinz Napoleon die +Hände zusammenschlug. + +Der Marschall Leboeuf las: + +„Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in +Paris. + +Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch +Ausrüstungsgegenstände. Alles ist vollständig entblößt.“ + +„Weiter,“ sprach der Kaiser kalt und kurz. + +Der Marschall las die folgende Depesche: + +„Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert +tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration.“ + +„Immer weiter,“ sagte der Kaiser. + +Der Marschall fuhr fort, die nächste Depesche ergreifend. + +„Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Ich habe weder Kochtöpfe, noch Näpfe, die Kranken sind von Allem +entblößt. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe.“ + +„Endlich die letzte,“ sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine +Depesche reichte, die er noch zurückbehalten hatte. + +Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmäßigen Ton: + +„General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral +nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich weiß nicht, wo meine Regimenter +sind.“ + +Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran. + +„Dieser General,“ rief er, „welcher im Angesicht des Feindes seine +Armee sucht, das ist das Schlußwort aller dieser Lächerlichkeit, einer +Lächerlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragödie in sich +schließt, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein +wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hören, ich verlasse die Stadt +und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich länger in diesem Hauptquartier +bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen.“ + +Und ohne ein Wort zu sagen, stürmte er hinaus. + +„Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, „solche kleine +Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine große Armee sich +zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen.“ + +„Ich glaube nicht, Herr Marschall,“ sagte der Kaiser kalt, „daß ähnliche +Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wünsche, daß +dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein mögen. Sie werden +Ihre ganze Thätigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe, — denn, +Herr Marschall, die Verantwortung für die Folgen solcher Unordnungen +wird eine große und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte +lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen.“ + +Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, daß er kein +Wort weiter zu hören wünsche, wandte er sich von dem ganz erstaunt +dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thür näherte, öffnete sich +dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche +Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein. + +Er hielt einen Brief in der Hand, küßte schnell seines Vaters Hand und +rief mit fröhlichem Tone: + +„Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und +voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stück +vierblättrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir +Glück bringen werden. Ich werde die Blätter in ein Medaillon fassen +lassen und stets bei mir tragen.“ + +Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden +vierblättrigen Kleeblätter ganz stolz dem Kaiser entgegen. + +Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und +schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn +an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drückte seine Lippen auf +die reine Stirn und sagte: + +„Ich will zu den Truppen hinausreiten, Du sollst mich begleiten.“ + +Der Prinz steckte die Enveloppe mit den Kleeblättern, ganz überrascht, +daß sein Vater dieselben so wenig beachtete, in seine Uniform und ging +mit dem Kaiser hinaus. + +Der Marschall Leboeuf folgte ihnen. Man stieg zu Pferde. + +An der Spitze seines glänzenden Generalstabes ritt der Kaiser hinaus +durch die belebten Straßen der Stadt nach dem Felde. + +Auf der Straße von Thionville, wo zwei Brigaden der Garde aufgestellt +waren, begrüßten diese prächtigen Elitetruppen in ihrer musterhaften +Haltung den Kaiser mit jubelnden Hochrufen, in welche die in dichten +Massen umherstehenden einzelnen Soldaten laut und begeistert mit +einstimmten. Aber das Gesicht Napoleons erhellte sich nicht beim Anblick +dieser herrlichen Regimenter. Schweigend ritt er die Front ab, +schweigend ließ er die Truppen an sich vorbei defiliren und immer +schweigend wandte er nach kurzem Gruß, den Hut erhebend, sein Pferd, um +nach der Stadt zurückzureiten. + +Noch einmal brauste das vive l'empereur donnernd durch das Lager hin, +die Strahlen der Sonne funkelten auf allen diesen Waffenspitzen, auf +allen diesen Gold schimmernden Uniformen des Generalstabes, an dessen +Spitze der Kaiser gebeugt auf seinem Pferde sitzend, im langsamen +Schritt nach der Stadt zurückritt, während der kaiserliche Prinz +ungeduldig sein Pferd zügelte, um an der Seite seines Vaters zu bleiben. + +Überall grüßten erneute Hochrufe und die Klänge der Musikkorps, welche +partant pour la Syrie und die Marseillaise spielten. + +Der Kaiser schien von Allem dem nichts zu hören und zu sehen. +Ausdruckslos starrten seine Augen in's Leere und leise die Lippen +bewegend, sprach er: + + „Ave, Caesar, morituri te salutant!“ + + + + +Ende des dritten Bandes. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen, Dritter +Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Der Todesgruß der Legionen, *** + +***** This file should be named 13659-0.txt or 13659-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/5/13659/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Todesgruß der Legionen, Dritter Band + +Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13659] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN, *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + +Der Todesgruß der Legionen + + + +Zeit-Roman + +von + +Gregor Samarow. + + + +Dritter Band. + + + + +Berlin, 1874. + +Druck und Verlag von Otto Janke. + + + + +Erstes Capitel. + + +Der Kaiser Napoleon ging in heftiger Bewegung in seinem Cabinet auf +und nieder; die krankhafte Abgespanntheit, welche sonst auf seinem +Gesicht zu liegen pflegte, war verschwunden, an deren Stelle war eine +lebhafte Aufregung getreten, seine Lippen zuckten, seine Augen blickten +unruhig hin und her, und sein sonst so wohl geordneter Bart war durch +das Spiel seiner zitternden Finger aus der Ordnung gebracht. + +Auf seinem Schreibtisch lag eine große Anzahl von Telegrammen über +einander geworfen. Er hielt eine Photographie in Cabinetformat in der +Hand, die er, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, aufmerksam betrachtete. + +"Welch eine Anhäufung von Unruhe und Aufregung," sagte er mit einem +tiefem Athemzug, "die Erwartung wegen des Ausfalls des Plebiscits wäre +allein genügend, um mich in Spannung und in diese so schmerzvolle +Nervenerregung zu versetzen,--da muß noch dieses Complott hinzutreten, +das mir vor zehn Jahren gleichgültig gewesen wäre, das mir auch heute +gleichgültig ist, so weit es sich dabei um die Gefahr für mein Leben +handelt,--diesem Complott aber liegt eine größere Gefahr zu Grunde. Mein +Tod ist nur ein Theil des Plans, den man hier verfolgt, und so +abenteuerlich und thöricht diese Absicht der Zerstörung der Tuilerien +und der öffentlichen Gebäude im ersten Augenblick erscheinen mag, so +liegt darin doch eine tiefe Kenntniß der so scharf concentrirten +Zustände. Würde der Streich gelungen sein, so gehörte ganz Frankreich +dem Aufstande. Und," sprach er dumpf, vor sich hin starrend, "bin ich +denn schon sicher, daß er nicht gelingen wird, bin ich sicher, daß was +heute verhindert ist, sich nicht morgen wiederholen kann." + +Er blickte lange auf die Photographie, welche er in seiner Hand hielt +und prüfte genau mit scharfem forschendem Blick die Züge des Bildes. + +"Dieser Mensch," sagte er dann, "ist kein Fanatiker,--das ist kein +exaltirter Kopf, der aus überspannten Theorien in dem Gedanken sich für +eine große Idee zu opfern, zum Mörder wird,--dies Gesicht ist gemein und +gleichgültig. Dieser Mensch ist einfach ein Werkzeug--und wenn er +unschädlich gemacht wird, kann man Werkzeuge wie ihn überall +wiederfinden,--und man wird sie wiederfinden, wenn dieser Zustand +dumpfer Gährung weiter besteht, wenn die allgemeine Unzufriedenheit, +wenn das allgemeine Gefühl der Erniedrigung Frankreichs, das in der That +in diesem Augenblick die öffentliche Stimmung beherrscht, den tollkühnen +Unternehmungen der Verschwörer zu Hülfe kommt. Haben nicht vielleicht +Diejenigen doch Recht," sagte er in tiefem Gedanken, "welche mir rathen, +durch eine militairische Aktion das Gefühl der Nation wieder mit dem +Kaiserthum zu verbinden." + +Er warf die Photographie auf den Tisch und ging die Hände auf den Rücken +gelegt, den Kopf tief auf die Brust gesenkt mehrere Male langsam im +Zimmer auf und nieder. + +"Eine glänzende Action," sagte er dann--"ja--aber wenn sie nicht +glänzend wäre--wenn das launenhafte Glück _nicht_ über meinen Fahnen +schwebte--was dann? Dann würde all das Unheil, welches jetzt unter der +Oberfläche glimmt, in hellen Flammen emporlodern, und diese Flammen +würden über den Trümmern meines Gebäudes zusammenschlagen--warum aber +soll das Glück sich von mir wenden?" rief er dann stehen bleibend und +den aufleuchtenden Blick seines großen geöffneten Auges auf eine +Marmorbüste Cäsars richtend, welche auf schwarzem Fuß in der Nähe seines +Schreibtisches stand. "War es mir doch bisher günstig wie jenem Römer, +dem Vorbild meines Hauses, der zwar unter den Dolchen der Verschwörer +fiel, auf dessen Thaten aber sich der glänzende Thron des Augustus +erbaute,--warum vermag ich nicht mehr an mein Glück zu glauben--wenn +dieses Plebiscit günstig ausfällt, so steht ja wieder der Wille der +ganzen Nation hinter mir, und auf diese neue Kraft gestützt, sollte ich +es wohl wagen können, dem Glück zu gebieten, denn das Glück beugt sich +dem kühnen Muth und dem festen Entschluß,--aber wenn das Plebiscit +ungünstig ausfällt," sprach er, wieder in sich zusammensinkend, mit +dumpfem traurigem Ton. "Doch nein," rief er dann, "nein, das ist +unmöglich, Alles ist gut vorbereitet, und die ersten Nachrichten über +den Erfolg der Abstimmungen lauten überraschend günstig." + +Er trat an den Tisch und durchblätterte die auf demselben liegenden +Telegramme. Dann nahm er einen Bleistift, schrieb einige Zahlen ab und +addirte dieselben. + +"Paris," sagte er, "Marseille, Toulouse, Bordeaux, die schlimmsten +Städte haben abgestimmt, und dennoch ergiebt sich nach den vorliegenden +Nachrichten bereits eine Summe von einer Million 400,000 Stimmen für +"Ja" und nur 200,000 für "Nein." Wenn es so weiter geht, so ist der Sieg +gewiß." + +Der Dienst thuende Kammerdiener meldete den Groß-Siegelbewahrer. + +"Er ist willkommen," rief der Kaiser lebhaft und ging rasch nach der +Thür hin, durch welche Herr Ollivier lächelnd und freudig bewegt +eintrat. Er ergriff mit tiefer Verneigung die dargebotene Hand des +Kaisers, zog dann einige Telegramme aus seiner Tasche und rief, ohne die +Anrede seines Souverains abzuwarten: + +"Alles geht vortrefflich, Sire, bis heute morgen war das Resultat von +hundertundsechzig Wahlbezirken bekannt. Die Zahl der eingetriebenen +Wähler betrug 3,671,400 davon haben 2,614,000 mit Ja gestimmt und +432,000 mit Nein. So eben," fuhr er fort, "habe ich dieses zweite +Telegramm erhalten, nach welchem nunmehr bis auf sechsundzwanzig +Wahlbezirke die Resultate sämmtlich bekannt sind. Für Ja stimmten +hiernach 6,399,000, mit Nein 1,349,000. Die Stimmen der Armee und der +Marine und der Bevölkerung von Algier sind hierbei noch nicht +mitgerechnet; da die Gesammtzahl der Stimmenden ungefähr auf acht bis +zehn Millionen anzuschlagen ist, so ist eine colossale Majorität bereits +gesichert." + +Der Kaiser athmete tief auf und drückte noch einmal herzlich die Hand +seines Ministers. + +"Das Glück steht mir noch zur Seite," sagte er halblaut, mehr seinem +frühern Gedankengang folgend, als zu Herrn Ollivier sprechend. "Dies +glänzende Resultat," sagte er dann mit unendlich liebenswürdiger +Verbindlichkeit, "habe ich zum großen Theil meinen Ministern und Ihnen +ins Besondere, mein lieber Herr Ollivier, zu verdanken, da Sie es +verstanden haben, die Sympathien des ganzen Volkes um die kaiserliche +Regierung zu vereinigen, und vielleicht war dieses unglückliche traurige +Complott, das man entdeckt hat, ebenfalls eine glückliche Fügung, da +gerade dadurch dem ganzen Lande klar geworden ist, von welchen Gefahren +die Ordnung des Staats und der Gesellschaft bedroht wird, von Gefahren, +gegen welche nur ein freisinniges und kraftvolles kaiserliches Regiment +Schutz und Rettung bieten kann. Seien Sie überzeugt, daß ich die +Dienste, welche Sie dem Lande, mir und meinem Hause geleistet haben, +niemals vergessen werde." + +Herr Ollivier verneigte sich mit zufriedenem Lächeln. + +"Eure Majestät haben ganz mit Recht bemerkt," sagte er dann, "daß das +verbrecherische Complott, welches die Wachsamkeit der Polizei vor +einigen Tagen entdeckt, sehr günstig auf die Theilnahme der gut +gesinnten Bevölkerung auf die Abstimmungen gewirkt hat,--dessen +ungeachtet" fuhr er fort, "bleibt die Sache sehr zu beklagen, denn +Alles, was man bis jetzt ermittelt hat, zeigt deutlich, daß man es hier +mit einem tief angelegten Plan unversöhnlicher Verschwörer zu thun hat, +und ich bitte Eure Majestät zu genehmigen, daß nicht wie in frühern +ähnlichen Fällen die Angelegenheit mit der Ihnen persönlich so nahe +liegenden Milde behandelt, sondern daß hier mit der äußersten Strenge +vorgegangen werde, um ein für allemal ernstlich und nachdrücklich von +ähnlichen Unternehmungen abzuschrecken. + +"Es widerstrebt mir," sagte der Kaiser mit einem sanften weichen +Ausdruck, "Unternehmungen, welche gegen meine Person und mein Leben +gerichtet sind, mit äußerster Strenge zu verfolgen. Nach meinem Gefühl +möchte ich Wahnsinnige, die derartiges versuchen, am liebsten völlig +ungestraft lassen, und das um so mehr in einem Augenblick, in welchem +mir das ganze Volk auf eine so glänzende Weise sein Vertrauen bezeigt. +Doch," fuhr er ernster fort, "es handelt sich hier nicht allein um mich, +man hat nicht nur mich bedroht, sondern zugleich die Sicherheit des +ganzen Staatsgebäudes, wie ich dasselbe unter Mitwirkung der besten +Kräfte des Landes und der Acclamation des ganzen Volkes errichtet habe; +hier darf keine Milde walten! Was hat man weiter entdeckt," fuhr er +fort. "Ich bin sehr gespannt auf die Ermittelung des Zusammenhangs der +Verschwörung." + +"Der Polizeipräfect befindet sich in Eurer Majestät Vorzimmer," +erwiderte Herr Ollivier, "und wenn Sie es erlauben, kann er hier +sogleich seinen Bericht erstatten, und Eure Majestät können die +Maßregeln genehmigen, welche ich zur gerichtlichen Verfolgung der +Verbrecher und zum Schutz der öffentlichen Sicherheit vorschlagen +möchte." + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf. + +Herr Ollivier ging hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem +Polizeipräfecten Pietri zurück, dessen bleiches, scharfes Gesicht +unbeweglich und kalt wie immer war und dessen scharfe Augen fast noch +stechender als gewöhnlich unter dem tiefen Schatten der vorspringenden +Stirn hervorblickten. + +Auf den Wink des Kaisers nahmen der Justizminister und der +Polizeipräfect neben dem Schreibtisch Platz, während Napoleon sich in +seinen Lehnstuhl niedersinken ließ,--den Ellenbogen auf das Knie +gestützt blickte er Herrn Pietri fragend und erwartungsvoll an. + +"Eurer Majestät," begann dieser, indem er eine kleine Mappe öffnete und +mehrere Papiere aus derselben hervorzog, "erlaube ich mir mitzutheilen, +daß der frühere Corporal Beaury in seiner Wohnung in der Rue St. Maur, +die er nach seiner Ankunft aus London bezogen hatte, verhaftet wurde. +Man hat bei ihm einen Dolch und einen Revolver, eine Summe von etwas +über dreihundert Francs gefunden, zugleich aber auch vor allen Dingen +Briefe von Gustav Flourens aus London, welche zweifellos beweisen, daß +Beaury den Auftrag erhalten und angenommen hatte, Eure Majestät durch +die Bomben zu tödten, von denen ich Ihnen bereits eine Probe zu +überreichen die Ehre gehabt habe." + +"Die Sprengbomben sind vortrefflich construirt," sagte der Kaiser--"ich +würde ihrer Wirkung nicht entgangen sein," fügte er lächelnd hinzu. + +"Die Briefe von Flourens," fuhr Pietri fort, "welche ich Eurer Majestät +hier vorzulegen die Ehre habe"--er legte mehrere beschmutzte Papiere auf +den Tisch vor dem Kaiser nieder, beweisen aber zugleich, daß es sich +nicht nur um ein Attentat gegen Allerhöchst Ihre Person handelte, +sondern daß zu gleicher Zeit die Tuilerien und die sämmtlichen +öffentlichen Gebäude, in welchen die leitenden Organe der öffentlichen +Regierung ihren Sitz haben, zerstört werden sollten. Man hat auf die +Aussage Beaury's gestützt, welcher sogleich nach seiner Verhaftung +umfassende Geständnisse ablegte, Nachforschungen gehalten und bei einem +Kunsttischler Roussel, dessen die Agenten leider bis jetzt noch nicht +habhaft geworden sind, eine weitere größere Anzahl von Bomben, Massen +von Nitroglycerin, so wie bedeutende Quantitäten Petroleum gefunden; +auch steht nach den Aussagen Beaury's die Theilnahme der Internationale +an der ganzen Verschwörung außer Zweifel, was zugleich beweist, daß +diese Verbindung, welche sich nur mit der Erörterung socialer Fragen und +mit der Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes zu beschäftigen +vorgiebt, die eigentliche Triebfeder aller Attentate gegen die +bestehende Staatsordnung ist." + +"Haben Sie alle diese Beweisstücke da," fragte der Kaiser. + +"Zu Befehl, Majestät," erwiderte Pietri, indem er mehrere Briefe und +Protokolle dem Kaiser überreichte. + +Dieser legte sie auf seinen Tisch. + +"Ich werde das Alles später prüfen," sagte er. "Es ist eine schmerzliche +Erfahrung für mich," fuhr er fort, "daß gerade diese internationale +Arbeiterassociation, welcher ich, so weit sie sich mit dem Interesse +der Arbeiter beschäftigte, stets wo das mit den Gesetzen vereinbar war, +mein Wohlwollen bewiesen, und meinen Schutz gewährt habe, sich jetzt zu +solchen Zwecken mißbrauchen läßt." + +"Ich habe Eure Majestät stets darauf aufmerksam gemacht," sagte Pietri, +"daß diese Organisation selbst unter ihren früheren gemäßigten, so zu +sagen philosophischen Führern eine große Gefahr für den Staat und die +Gesellschaft in sich schloß, und daß es nothwendig sei, mit der +äußersten Strenge gegen dieselbe vorzugehen, um sie und ihren weit +verzweigten Einfluß zu zerstören. Nachdem nun ihre gefährlichen und +verbrecherischen Ziele so klar an's Tageslicht getreten sind, möchte ich +Eure Majestät um die Erlaubniß bitten, die ganze Internationale mit +einem Schlage zu zertrümmern, und in allen Städten Frankreichs ihre +Führer, die mir sehr wohl bekannt sind, verhaften zu lassen." + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +"Ich erkenne die Nothwendigkeit energischer Maßregeln vollkommen an," +sagte er, "doch weiß ich nicht, ob die Verhaftung der Führer von einigem +Nutzen sein wird. So weit mir aus früheren Berichten die Organisation +jener Gesellschaft bekannt ist, hat jeder Führer einen Substitut, und +die Verhaftung der ersten Leiter würde also für die Unterdrückung der +Sache selbst nicht viel nützen, außerdem gehört dieser Internationale +eine Menge von Arbeitern an, die im Grunde gut gesinnt sind und die +verbrecherischen Absichten der Häupter weder kennen, noch billigen. Ich +glaube deshalb, daß es klug wäre, den Maßregeln, welche gegen die +Internationale getroffen werden müssen, jeden polizeilichen Character zu +nehmen und sie lediglich als die Folgen richterlichen Verfahrens +erscheinen zu lassen." + +Er richtete den Blick fragend auf Herrn Ollivier. + +"Ich theile vollkommen die Ansicht Eurer Majestät," sagte dieser. "Und +es sind in diesem Sinne alle Einleitungen getroffen, der +Generalprocurator Grandperret soll einen Bericht an mich erstatten, +welcher das Complott in seinem ganzen Zusammenhange darstellt und die +Einberufung des hohen Gerichtshofes beantragt. Ich werde diesen Bericht +des Generalprocurators, der bereits morgen in meinen Händen sein soll, +Eurer Majestät überreichen und zugleich den Entwurf eines Decrets +beilegen, welcher die Einberufung des hohen Gerichtshofes anordnet. +Sobald das geschehen, werden alle Verhaftungen, welche auf Grund der von +dem Generalprocurator Grandperret anzustellenden Anklageacte +vorgenommen werden müssen, gerichtliche und nicht mehr polizeiliche +Maßregeln sein." + +"Sehr gut," sagte der Kaiser, "ich erwarte Ihren Bericht, mein lieber +Herr Ollivier, und ich hoffe," fügte er sich zu Pietri wendend hinzu, +"daß Ihre Agenten geschickt genug sein werden, um keinen der Schuldigen +entwischen zu lassen." + +"Eure Majestät können überzeugt sein," erwiderte der Polizeipräfect, +"daß in meinem Ressort geschehen wird, was nur irgend zu thun möglich +ist, dennoch aber möchte ich bitten, einige Personen welche ich dem +Herrn Generalprocurator bezeichnen werde, von der Verhaftung +auszuschließen. Es sind die Personen welche wir genau zu überwachen in +der Lage sind, und durch welche wir in Folge dieser Überwachung +fortwährend Kunde von den Fäden erhalten, durch welche die revolutionäre +Bewegung im ganzen Lande geleitet wird. Würden diese Personen verhaftet +werden, so würde uns sich eine Quelle sehr wichtiger Nachrichten +verschließen, und wir würden gezwungen sein, viele Zeit aufzuwenden, um +neue Netze zu knüpfen." + +Der Kaiser lächelte. + +"Ich verstehe," sagte er--"nicht wahr, mein lieber Herr Ollivier, Sie +finden den Wunsch des Herrn Pietri gerechtfertigt--" + +"So fern dadurch," sagte der Justizminister, "der gerichtlichen +Verfolgung keine Beweise entzogen werden." + +"Sie können sicher sein," sagte Herr Pietri, "daß diejenigen Personen, +um welche es sich handelt,--und zu denen in erster Linie der eitle +Schwätzer Raoul Rigault gehört, so vollständig umstellt sind, daß keine +ihrer Bewegungen, keines ihrer Worte uns entgeht, und daß ihre +Verhaftung, wenn sie jemals nothwendig werden sollte, jeden Augenblick +stattfinden kann. Es ist aber eine alte Regel der polizeilichen Praxis," +fügte er hinzu, "in großen und besonders bedeutungsvollen Fällen immer +einige der betreffenden Personen in scheinbarer Freiheit zu lassen, um, +wenn es nöthig ist, durch sie das herstellen zu können, was man mit dem +technischen Ausdruck eine "Mausefalle" nennt. Hat man einmal alle +Personen, von denen man irgend etwas weiß, im Gefängniß eingeschlossen, +so ist es kaum möglich, irgend etwas Weiteres und Neues zu erfahren." + +"Ich bitte Sie also," sagte Herr Ollivier, "sich mit dem +Generalprocurator Grandperret über diesen Punkt zu verständigen." + +"Der Herr Marschall Kriegsminister," meldete der Kammerdiener. + +"Ich bitte den Marschall einzutreten," erwiderte der Kaiser. + +Der Marschall Leboeuf trat in das Cabinet, die militairische Haltung +seiner großen vollen Gestalt, der martialische Ausdruck seines starken +Gesichts mit dem großen, dichten Schnurrbart ließen in ihm trotz des +Civilüberrocks, den er trug, den Soldaten erkennen. + +"Nun, mein lieber Marschall," rief ihm der Kaiser entgegen. "Sie bringen +das Resultat der Abstimmungen der Armee." + +"Zu Befehl, Majestät," erwiderte der Marschall. "Leider aber habe ich +Eurer Majestät mitzutheilen, daß nach den Mittheilungen, welche nunmehr +beinahe abgeschlossen sind dreißigtausend Ihrer Soldaten mit "Nein" +gestimmt haben." + +Der Kaiser ließ einen Augenblick das Haupt auf die Brust sinken, ein +trüber, trauriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. + +"So großen Einfluß," sagte er, "haben die Feinde meiner Regierung also +auch in den Reihen meiner Armee gewonnen, daß dreißigtausend kaiserliche +Soldaten es wagen, ein Mißtrauensvotum gegen mich auszusprechen." + +"Ich habe Eure Majestät," sagte Herr Pietri, "bereits seit lange darauf +aufmerksam gemacht, daß es vom polizeilichen Gesichtspunkt aus nicht +zweckmäßig sei, die Soldaten so lange, wie das jetzt geschehen ist, oft +über drei Jahre lang in denselben Garnisonen zu lassen, sie +fraternisiren dadurch zu sehr mit der Bevölkerung, und es sind gerade +die revolutionären Elemente, welche in kluger Berechnung und mit großem +Geschick stets danach streben, in den Reihen der Armee Propaganda zu +machen,--wenn Eure Majestät Ihre Regimenter öfter die Garnisonen +wechseln ließen, so würde so etwas nicht vorkommen." + +"Wir wollen darüber nachdenken," sagte der Kaiser, sich zum Marschall +Leboeuf wendend. "Wo sind denn besonders Stimmen mit Nein abgegeben +worden," fragte er, augenscheinlich noch immer sehr peinlich durch die +Mittheilung des Marschalls berührt. + +"Vor allen Dingen hier in Paris," erwiderte der Marschall Leboeuf, +"bei dem siebenzehnten Jägerbataillon und dem siebenzehnten +Linienregiment.--In der Kaserne Prinz Eugene," fuhr er fort, "hatte +sich, wie man mir meldete, die Garnison bei der Abstimmung in zwei, fast +ganz gleiche Theile gespalten. Ich bin selbst dorthin gegangen, habe die +Truppen antreten lassen und eine Ansprache an sie gehalten, in welcher +ich ihnen auseinandersetzte, daß gerade in diesem Augenblick, in +welchem die Revolution es versucht habe, die bestehende Staatsordnung +umzustürzen, die feste Treue der Armee gegen den Kaiser eine hohe +patriotische Pflicht sei." + +"Und," fragte der Kaiser. + +"Ein einstimmiges, laut schallendes Vive l'Empereur war die Antwort," +erwiderte der Marschall. "Ich glaube," fuhr er fort, "daß bei dem +negativen Votum der einzelnen Soldaten mehr der Reiz maßgebend gewesen +ist, einmal ungestraft und unbeengt durch Disciplinarvorschriften ein +wenig Opposition machen können. Ich glaube aber nicht, daß diese +Opposition gefährlich ist, und daß irgend ein Theil der Armee es an +Energie in der Bekämpfung der Revolution fehlen lassen würde, wenn es +jemals dazu käme." + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +"Der Faubourg du Temple ist unruhig, wie Sie mir heute gemeldet haben," +sagte er zu Pietri gewendet. + +"Zu Befehl, Majestät," erwiderte dieser. "Es finden dort +Zusammenrottungen statt. Bis jetzt ist noch nichts Ernstes geschehen, +als daß einige Laternen umgeworfen wurden, indessen ist zu besorgen, daß +mit dem Eintritt der Dunkelheit dort ernstere Unruhen stattfinden +möchten, und meine Agenten haben mir bereits berichtet, daß +Vorbereitungen zum Barrikadenbau getroffen wurden." + +"Commandiren Sie, mein lieber Marschall, das siebenzehnte Jägerbataillon +und das siebente Linienregiment heute Abend nach dem Faubourg du Temple, +um gegen die Ruhestörungen, welche man dort versuchen möchte, +einzuschreiten. Ich will den Truppen zeigen, daß ich ihr Recht des +freien Votums achte, und das mein Vertrauen in die Erfüllung ihrer +Dienstpflicht durch den Gebrauch ihres Stimmrechts auch gegen mich nicht +erschüttert werden kann. Nun aber," fuhr er fort, indem er sich in einer +kräftigeren Bewegung als sonst erhob und den Blick stolz und frei über +die in seinem Cabinet befindlichen Personen gleiten ließ, "ist es +nothwendig, zu der Verfolgung der Verschwörer durch die Gerichte +Maßregeln zu treffen, um den Staat gegen alle Attentate zu schützen, +welche vielleicht dennoch von denen versucht werden könnten, die sich +bisher der Wachsamkeit der Behörden zu entziehen wußten. Lassen Sie, +mein lieber Marschall," sprach er im festen Ton des Befehls, der keine +Erörterung und keinen Widerspruch duldet, "die Truppen sämmtlich in den +Kasernen consigniren, die Truppen sollen scharfe Patronen erhalten und +jeden Augenblick marschbereit sein. Commandiren Sie ferner nach allen +öffentlichen Gebäuden wenigstens zwei Bataillone, welche vor Allem den +Befehl erhalten müssen, jeden Eintritt unbekannter Personen +zurückzuweisen und die Keller und Souterrainräume zu überwachen. +Sodann," fuhr er fort, "sollen die Voltigeurs der Garde sämmtlich in die +Gallerien commandirt werden, welche den Pavillon des kaiserlichen +Prinzen mit dem Neubau vereinigen. Ich werde dem General Frossard den +Befehl schicken, daß der Prinz seine Wohnung nicht verläßt, man könnte +seinen Wagen für den Meinigen halten, und er könnte das Opfer eines +gegen mich gerichteten Attentats werden. Das darf nicht geschehen, denn +auf seinem Leben beruht die Zukunft Frankreichs. Jeder Unruhe," fuhr er +immer in demselben festen Ton fort, "welche heute Abend in den Straßen +von Paris stattfinden könnte, soll sofort mit scharfer Waffe und ohne +jede Schonung entgegen getreten werden. Die Corpsführer sind mir +verantwortlich dafür, daß keine Barricade länger als eine halbe Stunde +stehen bleibt,--vor Allem," fügte er noch hinzu, "sollen starke Posten +in das Erdgeschoß des Pavillons des kaiserlichen Prinzen gelegt werden +und Niemand dort zugelassen werden, der sich nicht durch seinen Dienst +oder durch einen besonderen Erlaubnißschein legitimiren kann. Außerdem +werden Sie, mein lieber Pietri," sagte er, sich an den Polizeipräfecten +wendend, "den Pavillon des Prinzen ringsum mit Ihren zuverlässigen +Agenten umgeben lassen, mit dem bestimmten Befehl, Niemand die +Annäherung an denselben zu gestatten." + +Herr Ollivier sah ganz erstaunt den Kaiser an, der Ton desselben, +welcher an die Zeit des unumschränkten persönlichen Regiments erinnerte, +schien ihn zu befremden. + +"Und welche Sicherheitsmaßregeln befehlen Eure Majestät," sagte Herr +Pietri, "für den Pavillon de l'Horloge,--für Eurer Majestät eigene +Wohnung?" + +"Keine," sagte der Kaiser stolz lächelnd, "ich habe die Pflicht, für die +Sicherheit des Staates und des Erben meines Thrones zu sorgen. Was mich +betrifft,--ich vertraue meinem Stern!--Gehen Sie, meine Herren," sagte +er mit freundlicher Würde und Hoheit, "und sorgen Sie für die pünktliche +Ausführung meiner Befehle. Sie, mein lieber Ollivier, bitte ich, noch zu +bleiben, ich habe noch weiter mit Ihnen zu sprechen." + +Der Marschall Leboeuf und Herr Pietri zogen sich zurück. + +"Sie wissen," sagte der Kaiser, als er mit dem Großsiegelbewahrer +allein war, "daß die Kaiserin nach der Verfassung des Reichs zur +Regentin bestimmt ist, für den Fall meiner Abwesenheit oder meines Todes +während der Minderjährigkeit des Prinzen. Dieser Beaury ist gefangen," +fuhr er fort, "aber man könnte einen Zweiten und einen Dritten absenden, +und irgend ein plötzliches Ereigniß könnte meinem Leben ein Ende +machen." + +"Sire," rief Ollivier, die Hand auf die Brust legend, "die Vorsehung +wird verhüten--" + +"Ich hoffe das," sagte der Kaiser kalt und ruhig, "indessen muß ich für +den Fall eines verhängnißvollen Ereignisses meine Bestimmung treffen, +als ob es sich um eine dritte Person handelte. Sollte ich," fuhr er +fort, "das Opfer eines Dolches, eines Revolvers oder einer Bombe werden, +so werden Sie unverzüglich die ganze Garnison von Paris unter die Waffen +treten lassen, meinen Sohn zum Kaiser proclamiren und die Truppen ihm +und der Regentin den Eid der Treue schwören lassen. Sie werden jeden +Versuch einer Bewegung in der Hauptstadt mit rücksichtsloser Strenge +niederwerfen und die Regierung genau so fortführen, als ob sich Nichts +geändert habe--Nichts," fügte er mit einem Anklang leiser Wehmuth hinzu, +"als daß neben dem Namen des Kaisers eine IV statt einer III steht. +Besprechen Sie mir das, geben Sie mir Ihr Wort darauf." + +Er streckte Ollivier mit einer Bewegung voll Hoheit und liebenswürdiger +Herzlichkeit zugleich die Hand hin. + +"Ich schwöre es Eurer Majestät," rief Ollivier mit einer von innerer +Bewegung erstickten Stimme, indem er seine Hand in die des Kaisers +legte. + +"So haben wir Vorsorge getroffen," sprach Napoleon im ruhigen, heiteren +Ton weiter, "für den Fall eines unglücklichen Verhängnisses, jetzt +lassen Sie uns an die Gegenwart und ihre Forderungen herantreten. +Nachdem das Plebiscit dem Kaiserreich von Neuem die feste Grundlage des +Nationalwillens gesichert hat, müssen wir darauf denken, die Regierung, +selbst wenn sie sich in einem provisorischen Stadium befindet, wieder zu +consolidiren. Das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten vor allen +Dingen, welches Sie seit dem Rücktritt des Grafen Daru mit so großer +Opferbereitwilligkeit neben der Last aller Ihrer übrigen Arbeiten +geführt haben, muß, wie es mir scheint, definitiv besetzt werden." + +Herr Ollivier schien durch diese Bemerkung des Kaisers nicht besonders +angenehm berührt zu werden. + +"Es ist mir eine Freude gewesen, meine Arbeitskraft auch in diesem +erhöhten Maße dem Dienste Eurer Majestät zu widmen. Und bis zu diesem +Augenblick," fügte er mit einem gewissen selbstbewußten Lächeln hinzu, +"ist mir diese Last nicht zu schwer geworden. Nicht, um mich den +vermehrten Arbeiten zu entziehen, möchte ich Eure Majestät zur Besetzung +des auswärtigen Portefeuille drängen." + +"Ich weiß, mein lieber Minister," sagte der Kaiser verbindlich, "daß Sie +keine Mühe scheuen, und daß Ihre eminente Kraft auch die schwerste Last +leicht zu ertragen im Stande ist. Indessen wird die gesammte politische +Leitung der Regierung Sie in der nächsten Zeit, in welcher alles jetzt +Geschaffene befestigt werden muß, so sehr in Anspruch nehmen, daß ich +nicht die Detailarbeiten Ihnen auch noch aufbürden möchte. Es kommt +darauf an," fuhr er fort, "einen Minister der auswärtigen +Angelegenheiten zu finden, welcher die für den internationalen Verkehr +erforderliche Geschmeidigkeit mit dem festen Willen und der Kraft +vereint, die Würde und die Interessen Frankreichs nach außen hin +energisch zu vertreten, und welcher zugleich mit den Grundsätzen, nach +welchen Sie zu meiner großen Freude meine Regierung führen, völlig +übereinstimmt. Ich habe geglaubt, daß Drouyn de L'huys, welcher bereits +mehrere Male die auswärtige Politik Frankreichs geführt hat, im +wesentlichen die erforderlichen Eigenschaften besitzt, es würde nur +darauf ankommen, ob Sie glauben, mit demselben in inniger und +aufrichtiger Uebereinstimmung zusammen arbeiten zu können." + +Herr Ollivier schien noch immer unter dem Eindruck einer gewissen +Verstimmung sich zu befinden. + +"Ich achte Herrn Drouyn de L'huys hoch," sagte er mit einiger +Zurückhaltung, "er ist ein Mann von großer und ausgedehnter Erfahrung, +von tiefen Kenntnissen und großer Charakterfestigkeit. Freilich," fuhr +er fort, "sagt man, daß diese Charakterfestigkeit zuweilen ein wenig die +Grenzen des Eigensinns streifen soll,--" + +"Man hat nicht ganz Unrecht," fiel Napoleon, leicht das Haupt neigend, +ein. "Indeß glaube ich, daß es Ihnen bei Ihrer Gewandtheit, Andere zu +überzeugen, nicht schwer werden würde"-- + +Die Flügel der Thür des kaiserlichen Cabinets wurden geöffnet. Der +Huissier meldete die Kaiserin. + +Unmittelbar darauf trat Ihre Majestät schnell ein, ihre Hand leicht auf +den Arm des kaiserlichen Prinzen gelegt. Das schöne Gesicht der Kaiserin +leuchtete vor freudiger, innerer Erregung, ihre Augen strahlten, ein +triumphirendes Lächeln lag auf ihren Lippen, hoch und stolz trug sie das +Haupt auf dem wunderbar schönen, schlanken Halse. + +Der kaiserliche Prinz war damals vierzehn Jahre alt, seine Gestalt war +schlank und schmächtig, seine Haltung elegant und sicher, sein bleiches +Gesicht mit dem dichten, dunkel glänzenden Haar, schien älter als seine +Jahre, frühzeitige körperliche Leiden hatten ihm einen gewissen Ausdruck +von fast melancholischer Weichheit gegeben. Seine Stirn zeigte eine +auffallende Ähnlichkeit mit derjenigen des Kaisers, während der untere +Theil des Gesichts, die Nase und der Mund lebhaft an seine Mutter +erinnerten. Seine dunklen, sinnigen Augen blickten aufmerksam forschend, +es lag in denselben neben einer gewissen, kindlichen, wohlwollenden +Offenheit, doch auch ein gewisses prüfendes Mißtrauen. + +Der Prinz trug einen einfachen schwarzen Civilanzug und küßte, nachdem +die Kaiserin den Kaiser begrüßt, mit liebevoller Ehrerbietung die Hand +seines Vaters. + +"Ich komme mit unserm Louis," rief die Kaiserin, "um die Erste zu sein, +welche Ihnen zu dem so glänzenden Ausfall des Plebiscits von ganzem +Herzen Glück wünscht, und zugleich," sagte sie, mit anmuthiger Bewegung +sich zu Ollivier wendend, "dem geistvollen und treuen Rathgeber, dessen +eifriger Thätigkeit wir vor allen Dingen dieses glückliche Resultat zu +verdanken haben, auch meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank zu +sagen." + +Sie reichte Ollivier ihre Hand, auf welche dieser seine Lippen drückte. + +"Es scheint," sagte der Kaiser, "als ob gerade in diesem Augenblick, in +welchem das Glück uns lächelt, die finsteren Dämonen der Revolution von +Neuem ihr Haupt erheben, hoffentlich zum letzten Mal. Ich habe," fuhr er +fort, "soeben, obgleich mir das gerade in diesem Augenblick mehr als je +widerstrebt, die Befehle zur energischen Verfolgung der Schuldigen +gegeben und zugleich zum Schutz des Staats und der Dynastie die +Voltigeurs der Garde in den Pavillon des Prinzen gelegt. Und Du, mein +lieber Louis," sagte er, leicht mit der Hand über das Haar seines Sohnes +streichend, "wirst in den nächsten Tagen Dir gefallen lassen müssen, die +Tuilerien nicht zu verlassen, so lange wenigstens, bis das Complott in +allen seinen Verzweigungen entdeckt und unschädlich gemacht sein wird." + +"Oh, Papa," rief der junge Prinz mit blitzenden Augen, "ich fürchte mich +nicht, mögen sie nur kommen, ich werde mich zu vertheidigen wissen, +und" fügte er hinzu, den glänzenden Blick aufwärts gerichtet, "Gott wird +nicht erlauben, daß die ruchlosen Pläne dieser Verschwörer gelingen." + +"Ich bin überzeugt, daß Du Dich nicht fürchtest, mein Sohn," sagte der +Kaiser, indem er seinen Blick voll stolzer Freude auf dem Prinzen ruhen +ließ--"Du würdest sonst nicht im Stande sein, Frankreich zu beherrschen, +aber Dein Leben gehört der Zukunft Deines Landes, Du darfst es wohl in +der Schlacht für die Ehre und den Ruhm Frankreichs einsetzen, aber es +soll nicht die Beute heimtückischer Meuchelmörder werden. Wo ist der +General Frossard?" fragte er. + +"Der General hat den Prinzen hierher begleitet," erwiderte die Kaiserin, +"er befindet sich im Vorzimmer." + +Napoleon öffnete selbst die Thür seines Cabinets und rief den General. +Dieser, ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit einem länglichen, ernst und +streng blickenden Gesicht trat ein und erwartete schweigend die Befehle +des Kaisers. + +"Mein lieber General," sagte Napoleon, "ich bitte Sie, dafür Sorge zu +tragen, daß der Prinz bis auf weitere Befehle sein Zimmer nicht verläßt, +und daß er keine Audienzen ertheilt, welche ich nicht vorher genehmigt +habe. Gehe mit dem General, mein Sohn," fuhr er fort, dem Prinzen +freundlich auf die Schulter klopfend, "und beschäftige Dich ein wenig +mit Deinen Studien, ich werde später zu Dir kommen und ein wenig sehen, +was Du treibst." + +Der Prinz zögerte einen Augenblick, ein leichter Anflug von Unmuth +erschien auf seinem Gesicht, er küßte die Hand seines Vaters, umarmte +zärtlich die Kaiserin und verließ, vom General Frossard gefolgt, das +Cabinet. + +"Ich habe soeben einen Brief von Gramont erhalten," sagte die +Kaiserin--"er sendet uns seine aufrichtigsten Wünsche für den +glücklichen Ausfall des Plebiscits und ist entzückt über die ersten +Nachrichten, welche der Telegraph nach Wien gebracht hat, und welche +bereits erwarten lassen, was sich inzwischen vollzogen hat. Ich würde +Dir den Brief vorlesen," sagte sie mit einem lächelnden Seitenblick auf +Ollivier, "wenn ich nicht fürchten müßte, den Herrn Großsiegelbewahrer +in Verlegenheit zu setzen. Der Herzog ist in der That einer seiner +glühendsten Bewunderer, er preist Frankreich und das Kaiserreich +glücklich, einen solchen Mann zu den ihrigen zu zählen. + +Es ist nur zu bedauern," fügte sie mit einem leichten Seufzer hinzu, +"daß der Herzog so fern von hier auf entlegenem Posten in Wien sich +befindet, er wäre ein vortrefflicher Bundesgenosse des Herrn Ollivier, +er würde keinen anderen Ehrgeiz haben, als dessen Leitung zu folgen und +mit seinem Eifer und seiner Energie die Ideen auszuführen, an denen +dieser so reich und so fruchtbar ist," sagte sie, mit einem reizenden +Lächeln sich gegen den Justizminister verbeugend, der einen schnellen, +forschenden Blick auf den Kaiser richtete. + +Napoleon hatte den Kopf ein wenig niedergesenkt, sein verschleierter +Blick richtete sich ausdruckslos zu Boden. + +"Euer Majestät hatten so eben die Gnade," sagte Ollivier, indem er sich +halb zur Kaisern wendete, "mit mir über die Besetzung des auswärtigen +Ministeriums zu sprechen und den Namen des Herrn Drouyn de L'huys zu +nennen"--ein finsterer Schatten flog einen Augenblick über die Züge der +Kaiserin, aber unmittelbar nahmen dieselben wieder ihren ruhig +lächelnden, fast gleichgültigen Ausdruck an. + +"Drouyn de L'huys," sagte sie, "würde reiche Erfahrungen für diesen +Posten mitbringen,--er ist ja auch, so weit ich davon gehört habe, im +Ganzen vollkommen einverstanden mit der gegenwärtigen Richtung der +Regierung. Ich bedaure nur Herrn Ollivier," fügte sie in heiterem Tone +hinzu, "er wird ein wenig Mühe haben, mit Herrn Drouyn de L'huys fertig +zu werden, derselbe hält viel auf seinen eigenen Willen. Aber," sagte +sie, "es wird ja am Ende nicht schwer sein, sich ihm zu accommodiren, er +ist ein Mann von vielem Geist und so viel älter als Herr Ollivier--" + +Sie schwieg abbrechend. + +Der Justizminister schien einen Augenblick mit seinen Gedanken +beschäftigt, dann wandte er sich, wie einem schnellen Entschluß folgend, +zum Kaiser und sagte: + +"Ich habe Eure Majestät, vorhin die Meinung ausgesprochen, welche ich +über Herrn Drouyn de L'huys hege. Ich kann indeß eine Bemerkung nicht +unterdrücken, welche ein wenig gegen die Übertragung des auswärtigen +Ministeriums an ihn sprechen möchte. Herr Drouyn de L'huys gilt in Folge +der Verhältnisse, unter denen er das Portefeuille im Jahre 1866 +abgegeben, für einen großen Gegner Preußens und für einen Fürsprecher +kriegerischer Unternehmungen." + +"Drouyn de L'huys will durchaus den Frieden aufrecht erhalten wissen," +sagte der Kaiser schnell. + +Der Blick der Kaiserin flammte auf, sie machte eine leichte Wendung und +führte einen Augenblick ihr Taschentuch an die Lippen. + +"Ich glaube, daß Herr Drouyn de L'huys den Frieden will," erwiderte +Ollivier, "indessen die Welt und namentlich das Ausland glaubt einmal +das Gegentheil von ihm, es wäre vielleicht zu befürchten, daß seine +Ernennung von den fremden Mächten, in's Besondere von dem Berliner +Cabinet mit Mißtrauen aufgenommen werden möchte, und in diesem +Augenblick, in welchem wir so sehr mit den inneren Fragen beschäftigt +sind, würde eine Trübung der auswärtigen Beziehungen die Erfüllung der +Aufgaben, welche wir dem Willen Eurer Majestät gemäß uns gesteckt haben, +sehr erschweren. Es wäre vielleicht gut, das auswärtige Ministerium +einem Manne zu übertragen, welcher seit längerer Zeit dem Mittelpunkt +der Politik fern gestanden hat, und aus dessen Vergangenheit man keine +beunruhigenden Schlüsse zu ziehen im Stande ist. Ihre Majestät die +Kaiserin," fuhr er fort, "hatten so eben die Güte gehabt, mitzutheilen, +daß der Herzog von Gramont sehr freundliche Gesinnungen für meine +geringe Person hegt. Ich bin gewiß, Eure Majestät wissen, daß ich weit +davon entfernt bin, mich durch persönliche Eindrücke leiten zu lassen, +um so mehr als ich in diesem Falle glaube, daß die Sympathie des +Herzogs von Gramont vor allen Dingen den Prinzipien gilt, welche ich in +Uebereinstimmung mit Eurer Majestät auszuführen unternommen habe, und in +dieser Beziehung würde ich allerdings ein Zusammenwirken mit einem +Manne, der vollständig von denselben Grundsätzen durchdrungen ist, nur +für sehr nützlich halten können." + +"Würden Sie nicht," fragte die Kaiserin lächelnd,--"Sie, der bürgerliche +Stoiker, Scheu haben, durch den Herzog von Gramont sich dem Faubourg St. +Germain zu sehr zu nähern?" + +"Ich achte alle Klassen der Gesellschaft," sagte Ollivier in +pathetischem Ton, "wenn sie sich den Ideen, welche den Staat in unseren +Tagen leiten müssen, unterwerfen, und wenn der alte historische Adel +Frankreichs sich entschließen könnte, den Wegen des Kaisers und seiner +Regierung zu folgen, so würde die ganze Nation dabei gewinnen." + +"Sie nehmen die Sache ernst", sagte die Kaiserin leicht hin--"ich habe +gar keine Ansicht aussprechen und am wenigsten den Erwägungen vorgreifen +wollen." + +"Die Andeutungen Eurer Majestät," sagte Ollivier, während der Kaiser +fortwährend unbeweglich schwieg, "verdienen indeß die höchste Beachtung +und vielleicht hat--Euer Majestät verzeihen mir," fügte er, sich leicht +verneigend hinzu, "hier der weibliche Instinct schneller das Richtige +getroffen, als es die ernsthaftesten und tiefsten Erwägungen hätten +finden können. Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr will es mir +scheinen, als ob der Herzog von Gramont in der That eine sehr geeignete +Persönlichkeit für das auswärtige Ministerium wäre." + +Der Kaiser stand auf. + +"Wir wollen darüber nachdenken," sagte er in einem Tone, der jede +weitere Unterredung darüber abschnitt, "sobald das Plebiscit beendet +sein wird. Für jetzt bitte ich Sie," fuhr er zu Ollivier gewendet fort, +"mich zu begleiten, wenn Ihre Zeit es erlaubt, ich will einen Augenblick +auf der Terrasse des Tuileriengartens spazieren gehen." + +"Um Gottes Willen," rief die Kaiserin erschrocken, "ganz Paris ist in +unruhiger Bewegung, noch hat man nicht die Tiefe der Beschwörung +ergründet, noch sind nicht alle Mitschuldige ermittelt und gefangen--ich +bitte Sie, Louis, setzen Sie Sich einer solchen Gefahr nicht aus! Wie +leicht könnte eine jener entsetzlichen Bomben Sie treffen, bleiben Sie +im reservirten Garten." + +Der Kaiser lächelte. + +"Sie können Sich überzeugen, Eugenie," sagte er, "daß ich für die +Sicherheit des Prinzen gesorgt habe,--ich selbst will meinen Feinden und +allen Franzosen zeigen, daß wenn es ihnen vielleicht gelingen kann, mich +zu tödten, sie doch nicht dahin kommen werden, mich einzuschüchtern." + +Er bewegte schnell die Glocke auf seinem Schreibtisch und nahm seinen +Hut und sein spanisches Rohr. Der Huissier öffnete die Thürflügel. Der +Kaiser gab seiner Gemahlin den Arm und führte sie durch das Vorzimmer, +in welchem der Dienst thuende Adjutant und der Kammerherr der Kaiserin, +wartete, bis zum Eingang zu ihren Appartements. + +Dann stützte er seinen Arm auf den des Herrn Ollivier, stieg mit ihm die +Treppe herab und schritt langsam nach der reservirten Terrasse des +Tuileriengartens, indem er dem Adjutanten befahl, zurückzubleiben. + +Langsam schritt er unmittelbar an der Rampe dieser Terrasse nach der +Place de la Concorde hin auf und nieder, indem er sich stets so wandte, +daß er an der dem Platze zugekehrten Seite ging. + +Bald hatte man ihn erkannt, eine ziemlich dichte Menge sammelte sich +unterhalb der Terrasse an und laute Rufe begrüßten den Kaiser. + +Napoleon dankte mit der Hand, trat dicht an den Rand der Terrasse und +blickte lange auf die immer mehr anwachsende Menge herab. + +"Sie sehen," sagte er lächelnd, sich zu Ollivier wendend, "daß das +Schicksal noch nicht mit mir enden will. Es gehört wahrlich wenig dazu, +um mich von dort unten her zu treffen." + +"Je näher Euer Majestät Ihrem Volke treten," sagte Ollivier, "um so +sicherer werden Sie vor allen Angriffen sein--auch ich gehörte einst zu +Ihren Gegnern; es hat nichts weiter bedurft, als daß Euer Majestät mir +erlaubten, in Ihre Nähe zu treten, um mich zu Ihrem treuesten und +ergebenden Diener zu machen." + +Der Kaiser dankte mit einer leichten Neigung des Hauptes für diese in +etwas rhetorischem Tone ausgesprochene Schmeichelei, legte wieder seinen +Arm in den des Ministers und setzte noch eine halbe Stunde lang seinen +Spaziergang fort, indem er mit der ihm eigentümlichen bezaubernden +Liebenswürdigkeit von allen möglichen Dingen plauderte, aber trotz aller +Anspielungen Olliviers es vermied, das Thema der Besetzung des +auswärtigen Ministeriums wieder zu berühren. + + + + +Zweites Capitel. + + +Es war ungefähr um die neunte Abendstunde desselben Tages, als der +Geheimsecretair Pietri durch den besonderen Eingang aus seinem Bureau in +das Cabinet des Kaisers trat. + +Napoleon saß ernst und gedankenvoll in seinem Lehnstuhl, er trug den +Campagneüberrock der Generalsuniform und rauchte eine jener kleinen +Cigarretten von türkischem Taback, welche er sich selbst bereitete, +träumerisch den kleinen Rauchwolken nachblickend, welche durch das von +einer großen, auf dem Schreibtisch stehenden Lampe nur matt erleuchtete +Zimmer dahinzogen. + +Er richtete sich beim Eintritt Pietris leicht empor und sagte, indem er +seinen Vertrauten mit freundlichem Lächeln grüßte. + +"Haben Sie nach der Rue de Bondy gesendet?" + +"Zu Befehl, Majestät," erwiderte Herr Pietri, "die Dame ist hier und +wartet in meinem Zimmer." + +Der Kaiser stand auf. + +"Es wäre doch wohl besser gewesen, unerkannt dort hinzugehen. Ich +erleichtere ihr Metier zu sehr, wenn sie weiß, mit wem sie es zu thun +hat." + +"Aber, Sire," sagte Pietri, "in diesen Tagen in jene Gegenden sich zu +begeben, das wäre nicht mehr Verachtung der Gefahr, das wäre +Tollkühnheit, und wenn Euer Majestät dort erkannt worden wären, wenn +irgend ein Unglück sich ereignet hätte, so würde man mit Recht ein +solches Unternehmen als verbrecherisch verurtheilen." + +"Sie haben vielleicht Recht," sagte der Kaiser-- + +--"auch kann man ja hier die Allwissenheit der Priesterin des Pietismus +prüfen, lassen Sie die Dame kommen--Mademoiselle--?" versetzte er +fragend. + +"Mademoiselle Lesueur," erwiderte Pietri. + +Der Kaiser nickte mit dem Kopfe. + +Pietri ging hinaus und führte nach wenigen Augenblicken durch die +Portiere eine junge Dame von achtzehn bis neunzehn Jahren in das +Cabinet, während er selbst einen ganz einfachen Tisch von leichtem +unpolirten Holz in der Hand trug und in die Mitte des Zimmers +niedersetzte. + +Der Kaiser grüßte die junge Dame mit verbindlicher Artigkeit und +betrachtete sie mit forschendem Blick. + +Mademoiselle Lesueur war eine äußerst elegante und sympathische +Erscheinung, sie trug ein dunkles, einfaches Seidenkleid um den Hals mit +einer kleinen Spitzenkrause geschlossen. Ihr dunkelbraunes Haar war in +leichten Flechten um den Kopf gewunden, ihr zartes Gesicht dessen +durchsichtige Blässe von einer feinen Röthe auf den Wangen belebt wurde, +war von klassischer Schönheit, ihre dunklen Augen mit den auffallend +langen Wimpern waren voll Geist, Lebendigkeit und Sanftmuth zugleich, +und um ihren zierlichen und frischen Mund lag ein Zug von fast +kindlicher Harmlosigkeit und Naivität. + +Sie verneigte sich ohne alle Befangenheit mit den Manieren der besten +Gesellschaft vor dem Kaiser, welcher ganz erstaunt schien, die berühmte +Sybille in der Gestalt eines so anmuthigen, jungen Mädchens zu +erblicken. + +"Man hat mir viel erzählt," sagte der Kaiser, "von der besonderen, +eigentümlichen Kraft, welche Sie besitzen, das Reich der Geister zu +öffnen. Und da ich mich für alle solche Dinge interessire, durch welche +man versucht, den Schleier der Geheimnisse zu lüften, welche unser Leben +umgeben, so habe ich gewünscht, eine Probe Ihrer Kunst zu sehen." + +"Es macht mich glücklich," erwiderte Fräulein Lesueur mit einer ungemein +wohltönenden, etwas tiefen Stimme, "Euer Majestät Wunsch zu erfüllen. Es +ist keine geheimnißvolle Kunst dabei," fuhr sie fort, "meine Mutter +hatte die Kraft, durch das Medium dieses kleinen Tisches eine Verbindung +mit dem unsichtbaren Reich der Geister herzustellen. Diese ihre Kraft +ist auf mich übergegangen, und nach ihrem Tode habe ich es versucht, wie +sie die Geister sprechen zu lassen,--es ist mir in vielen Fällen +gelungen, und ich hoffe, daß es mir auch Euer Majestät gegenüber +gelingen wird." + +"So beginnen wir," sagte der Kaiser. + +Pietri stellte zwei Stühle einander gegenüber an den kleinen Tisch. + +Mademoiselle Lesueur setzte sich auf den einen, zog ihre Handschuhe +aus,--legte die Spitzen ihrer zierlichen Finger leicht auf die +Tischplatte und sagte: + +"Wollen Euer Majestät die Gnade haben, mir gegenüber Platz zu nehmen." + +Der Kaiser setzte sich mit einem fast unwillkürlichen Lächeln an die +andere Seite des Tisches. + +"Ich bitte Euer Majestät," sagte Fräulein Lesueur, "Ihre Hände ebenso +wie ich auf die Platte legen zu wollen." + +Der Kaiser that es. + +Fräulein Lesueur schwieg einen Augenblick. Dann schlug sie ihre dunklen +Augen mit schwärmerischem Ausdruck empor und sprach mit halb lauter +Stimme: + +"Allmächtiger, dreieiniger Gott, der Du herrschest auf der Erde, wie in +den Höhen des Himmels und in den Tiefen der Hölle, ich bitte Dich den +Geistern, die ich in Deinem Namen rufe, zu erlauben, daß sie aus ihren +Wohnungen herabsteigen und auf meine Fragen antworten, zu verkündigen, +was sie wissen und was Du ihnen erlaubst, zu sagen." + +Der Kaiser hörte ganz erstaunt diesen im Ton des inbrünstigen Gebets +gesprochenen Worten zu. + +"Befehlen Euer Majestät," sagte die junge Dame sodann, "daß ich einen +bestimmten Geist rufen soll, oder wollen Sie den mir persönlich +befreundeten Geist hören." + +Abermals konnte der Kaiser ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. + +"Ich bitte Sie zunächst Ihren Geist kommen zu lassen, Mademoiselle," +sagte er. + +"Es ist der Geist meiner Mutter," erwiderte Mademoiselle Lesueur, "und +er wird sogleich erscheinen." + +Sie beugte sich ein wenig nieder und flüsterte eine unverständliche +Formel leise vor sich hin. + +Wenige Augenblicke darauf begann der Tisch leise zu zittern. + +Der Kaiser drückte die Hände stärker auf die Platte, allein die +unruhige, beinahe wellenförmige Bewegung des Holzes vermehrte sich immer +mehr und mehr. Nach kurzer Zeit hob sich der Tisch auf der Seite des +Kaisers ein wenig in die Höhe und blieb in dieser schwebenden Stellung +stehen. + +"Der Geist ist da," sagte Mademoiselle Lesueur, "und bereit, Euer +Majestät zu antworten. Ich bitte, Euer Majestät, zu fragen,--es ist aber +nicht nöthig, daß Sie die Frage aussprechen, Sie können Sie in Gedanken +stellen, die Geister haben die Kraft, die Gedanken zu lesen." + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +"Kann mir der Geist," fragte er, "den Namen nennen, an welchen ich in +diesem Augenblick denke?" + +"Wie heißt der Name?" fragte Mademoiselle Lesueur mit gesenktem Haupt +und leiser Stimme. + +Der Tisch setzte sich sogleich in eine lebhafte Bewegung. Er schwankte +einige Male stark hin und her, dann senkten sich die beiden erhobenen +Füße desselben nieder, und in rascher Folge begann er scharf und +vernehmbar auf das Parquet zu klopfen, immer nach einer gewissen Zahl +von Schlägen inne haltend. + +Mademoiselle Lesueur folgte aufmerksam diesen Schlägen, mit leiser +Stimme sagte sie: B-e-a-u-r-y. + +"Der Name, an den Euer Majestät gedacht, heißt Beaury," sprach sie dann +ruhig und bestimmt, den Blick fest auf den Kaiser richtend. + +Napoleon zuckte zusammen, erschrocken blickte er in das lächelnde +Gesicht der jungen Dame. + +"Sie haben Recht," sagte er, "der Geist hat den Namen richtig gelesen." + +Er bog sich einen Augenblick zurück und blickte unter den Tisch, dessen +Füße unmittelbar an der Platte befestigt waren. + +Die vier Füße standen vollkommen frei, auf dem Boden, Mademoiselle +Lesueur etwas vorgebeugt, saß so weit zurück, daß nicht einmal der Saum +ihres Kleides die Füße des Tisches berührte. + +Der Kaiser schüttelte den Kopf und legte die Hände wieder auf den Tisch. + +"Da Ihr Geist," sagte er, "den Namen gelesen hat, an welchen ich +gedacht, so wird er mir auch eine andere Frage beantworten können, +welche sich an diesen Namen knüpft." + +"Ich bitte Euer Majestät," sagte Mademoiselle Lesueur, "die Frage in +Ihren Gedanken zu formuliren--" + +Abermals begann der Tisch zu schwingen und zu zittern, diesmal stärker +als vorher. + +Nach kurzer Zeit schlugen die Füße abermals regelmäßig und schnell +hinter einander auf das Parquet. + +"Wollen Sie die Güte haben, zu schreiben," sagte Mademoiselle Lesueur, +sich zu Pietri wendend, welcher schnell ein Blatt Papier und einen +Bleistift nahm und die Buchstaben notirte, welche Mademoiselle Lesueur +in schneller Folge ihm sagte. + +Der Tisch hielt an. + +"Wollen Sie die Antwort lesen," sagte die junge Dame, zu Herrn Pietri +gewendet. + +Pietri las. + +"Der Kaiser wird ruhig im Kreise der Seinen sterben, keine Waffe weder +in der Schlacht noch in der Hand des Meuchelmörders wird seinem Leben +Gefahr bringen." + +"Diese Antwort paßt allerdings auf meine Frage," sagte der Kaiser, "aber +sagt sie die Wahrheit?" + +"Es steht Eurer Majestät frei, zu glauben oder nicht," erwiderte +Mademoiselle Lesueur, "ich für meine Person bin davon überzeugt, daß die +Geister die Wahrheit sagen, wenn sie sie kennen--sie sind nicht +allwissend--das ist Gott allein--aber sie wissen viel, und namentlich +ist ihnen die Macht gegeben, das Schicksal derer zu lesen, mit denen +ihre körperliche Hülle einst durch die Bande des Blutes verbunden war. + +"Noch eine Frage," sagte der Kaiser, "wer ist mein bester Freund?" + +"Euer Majestät hätten nicht nöthig gehabt, die Frage auszusprechen," +sagte Mademoiselle Lesueur. + +Der Tisch begann seine Schwingungen, die Schläge ertönten auf dem Boden. + +Mademoiselle Lesueur flüsterte die Buchstaben vor sich hin, dann sagte +sie. + +"Die Antwort des Geistes heißt: Napoleon." + +Der Kaiser ließ den Kopf auf die Brust sinken, in tiefem Schweigen saß +er einen Augenblick da. + +"Der Geist hat Rechte," sagte er halblaut, "Niemand ist der Freund eines +Souverains, als er selbst, und aus mir allein muß ich die Entschlüsse +schöpfen, in mir allein die Kraft suchen, zu erfüllen, was ich mir +vorgesteckt." + +"Doch," rief er, indem er den brennend aus den Schleiern seiner +Augenlider hervortretenden Blick auf Mademoiselle Lesueur richtete, +"kann Ihr Geist mir sagen, wer mein größter und gefährlichster Feind +ist?" + +Abermals bewegte sich der Tisch und Mademoiselle Lesueur buchstabirte: + +"Orleans." + +"Wunderbar," rief der Kaiser, indem er finster vor sich niederblickte. +"Es ist, als ob der Geist in den schwarzen Gedanken lesen könnte, welche +Tag und Nacht auf dem Grunde meiner Seele einher ziehen," flüsterte er +leise vor sich hin. "Noch eins," fragte er dann laut, "kann mir Ihr +Geist den Namen nennen, welcher bestimmt ist, die Stelle auszufüllen, +über welche ich in diesem Augenblick nachdenke." + +Das Spiel des Tisches begann wieder, und Mademoiselle Lesueur sagte, die +einzelnen Buchstaben verfolgend: + +"Gramont." + +Betroffen zuckte der Kaiser zusammen. + +"Sind Sie schon einmal hier in den Tuilerien gewesen," fragte er rasch. +"Haben Sie irgend Jemand aus dem Schlosse gesprochen? Ich bitte Sie, mir +die Wahrheit zu sagen,--die zu erfahren ich in jedem Fall im Stande +bin," fügte er in strengem Tone hinzu. + +"Ich war niemals hier im Schlosse," sagte Mademoiselle Lesueur mit +offenem, freiem Blick und unbefangenem Lächeln, "ich habe Niemanden von +hier jemals gesehen, bis dieser Herr hier," sie deutete auf Pietri, +"heute zu mir kam und mich ersuchte, ihm hierher zu folgen." + +"Seltsam--sehr seltsam" sagte der Kaiser, augenscheinlich tief bewegt +durch die Antworten, welche er erhalten. + +"Sie haben mir vorhin gesagt, sprach er dann--ein wenig zögernd, indem +er die junge Dame scharf anblickte, daß die Geister besonders klar über +das Schicksal derjenigen zu antworten im Stande sind, mit denen sie +durch besonders nahe Bande verbunden sind?"-- + +"So ist es, Sire," erwiderte Mademoiselle Lesueur.--"Der Geist meiner +Mutter sieht in allen Dingen, die mich betreffen, klarer als in den +Angelegenheiten über welche andere Personen Fragen stellen." + +"Können Sie einen Geist citiren," fragte der Kaiser, "den ich Ihnen +bezeichnen würde." + +"Eure Majestät haben nicht nöthig, den Geist zu nennen," sagte Fräulein +Lesueur,--"Sie dürfen nur Ihre Gedanken fest auf denselben richten,--das +genügt." + +"Wie kann ich aber wissen, ob wirklich der Geist spricht, den ich zu +hören wünsche," fragte der Kaiser. + +"Eure Majestät werden nur nöthig haben, ihn nach seinem Namen zu +fragen," erwiderte die junge Dame. + +"So beginnen Sie," sagte der Kaiser, indem ein tiefer Ernst sich auf +seine Züge legte. + +"Erlauben Eure Majestät," sprach die junge Dame, "daß ich zunächst den +Geist, der Ihnen bisher geantwortet hat, entlasse." + +Sie beugte den Kopf nieder und flüsterte eine Zeitlang leise vor sich +hin. + +Der Tisch zitterte, hob und senkte sich in leiser Schwankung,--dann +stellte er sich fest auf seine vier Füße. + +"Nun Sire," sagte Fräulein Lesueur, "dann bitte ich Eure Majestät, Ihre +Gedanken sehr scharf auf die Person zu richten, deren Geist Sie zu +citiren wünschen." + +Der Kaiser nickte mit dem Kopf, immer tieferer Ernst erfüllte sein +Gesicht indem er die beiden Hände fest auf den Tisch legte. + +Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel. + +Einige Augenblicke herrschte eine so tiefe Stille im Zimmer, daß man den +Herzschlag der drei anwesenden Personen hätte hören können. + +Da krachte es in dem Holz der Tischplatte,--diese Platte schien zu +zucken, hoch richtete sich der Tisch auf der Seite des Kaisers empor und +mit mächtigem hallenden Schlag sank er wieder auf das Parquet nieder. + +Der Kaiser fuhr zusammen. Fast schien es als wolle er aufspringen und +seinen Platz verlassen. + +"Der Geist ist da und bereit Eurer Majestät zu antworten," sagte +Mademoiselle Lesueur in ruhigem Tone. + +"Will der Geist mir seinen Namen sagen?" fragte der Kaiser. + +Der Tisch begann rasch sich zu bewegen,--er schlug auf das +Parquet--Mademoiselle Lesueur zählte,--und sagte dann sich gegen den +Kaiser verneigend: + +"Der Geist antwortet: + +"Napoleon." + +Die Bewegung, welche der Kaiser machte indem er den Kopf auf die Brust +sinken ließ, war fast eine ehrfurchtsvolle Verneigung. + +Er schwieg einige Augenblicke, während Fräulein Lesueur ihn mit ihren +klaren Augen erwartungsvoll anblickte. + +"Will der Geist, wenn er hier anwesend ist, mir eine Frage beantworten?" +sagte er dann mit einer beinahe demüthigen Stimme. + +Der Tisch begann sich schnell zu bewegen. + +"Schreiben Sie, mein Herr," sagte Mademoiselle Lesueur zu Herrn Pietri +gewendet, und dieser nahm schnell Bleistift und Papier, um die +Buchstaben zu notiren, welche Mademoiselle Lesueur in rascher +Reihenfolge ihm nannte. + +"Die Antwort?" rief der Kaiser, als der Tisch mit einem starken Schlage +seine Bewegung beendete. + +Herr Pietri las: + +"Mir ist nicht vergönnt, auf einzelne kleine Fragen zu antworten;--wer +auf dem Throne von Frankreich sitzt und Napoleon heißt, der sollte nicht +mit vorsichtiger Neugier einzelne Blicke hinter den Schleier zu werfen +suchen, welcher die Zukunft verhüllt,--er sollte mit kühner Hand diesen +Schleier selbst heben, indem er die Zukunft sich nach seinem Willen zu +gestalten zwingt. Denn dem festen und klaren Willen gehört die Zukunft; +aber frage,--ich werde antworten, soweit es mir erlaubt ist,--wenn Deine +Fragen das Schicksal des Hauses betreffen, das meinen Namen trägt, und +wenn Du keine einzelnen und besonderen Dinge zu wissen verlangst." + +Pietri schwieg. + +Der Kaiser starrte einen Augenblick vor sich hin,--brennend richtete +sich sein Blick in das Leere,--er schien nach einer sichtbaren Spur des +Geistes zu forschen, dessen Worte ihm dieses ruhige und freundlich +lächelnde junge Mädchen verdollmetschte. + +Dann beugte er sich vor, blickte Mademoiselle Lesueur durchdringend an +und öffnete die Lippen. + +"Ich bitte Eure Majestät, sich erinnern zu wollen," sagte die junge +Dame, "daß es nicht erforderlich ist, die Frage laut zu stellen,--der +Geist kann Ihre Gedanken lesen." + +"Gut denn," sagte der Kaiser,--"ich frage." + +Und schweigend blickte er voll Spannung auf den Tisch, welcher sich +unter seinen Händen zu bewegen begann. + +Fräulein Lesueur nannte diesmal schneller als sonst die +Buchstaben--Pietri schrieb. + +"Napoleon IV wird Kaiser der Franzosen sein,--er wird neuen Ruhm und +neuen Glanz an den Namen knüpfen, den er trägt." + +Der Kaiser athmete tief auf. Es leuchtete wie ein dankbares Gebet aus +seinen Augen, die er mit unbeschreiblich glücklichem Ausdruck +emporschlug. + +Dann rief er mit dumpfem Ton, wie aus den Tiefen seiner Brust heraus: + +"O könnte ich wissen, ob dies die Wahrheit ist." + +Der Tisch zuckte--er hob sich hoch empor und schlug zweimal schallend +auf den Boden. + +"Es ist die Wahrheit Sire," sagte Mademoiselle Lesueur ernst und +überzeugungsvoll. + +"Werde ich die Armeen Frankreichs noch einmal zum Kriege führen müssen?" +fragte der Kaiser schnell. + +Der Tisch schlug abermals laut und fest auf. + +"Der Geist bejaht die Frage Eurer Majestät," sagte die junge Dame. + +"Und welches wird das Schicksal dieses Krieges sein?" fragte der Kaiser +in athemloser Spannung. + +Einige Augenblicke vergingen,--dann bewegte sich der Tisch +wieder,--Pietri schrieb die Buchstaben nieder welche Mademoiselle +Lesueur ihm angab. + +"Wie heißt die Antwort?" rief der Kaiser, welcher vergebens versucht +hatte, den schnell gesprochenen Buchstaben zu folgen. + +Pietri las: + +"Ave Caesar, morituri te salutant!" + +Napoleon erbleichte und drückte die Hände an die Stirn. + +"Was ist der Sinn der dunkeln Antwort?" flüsterte er vor sich hin--und +schnell sich aufrichtend fragte er mit lauter dringender Stimme: + +"Wird der Todesgruß der Sterbenden dem _siegreichen_ Cäsar ertönen?" + +Mehrere Minuten vergingen,--der Tisch blieb unbeweglich. + +"Der Geist antwortet nicht mehr," sagte Mademoiselle Lesueur,--"es würde +vergeblich sein, ihn weiter zu fragen.--Erlauben Eure Majestät, daß ich +ihm danke und ihn entlasse?" + +Der Kaiser neigte tief sinnend das Haupt. + +Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel,--der Kaiser faltete die +Hände in andächtigem Schweigen. + +"Wünschen Eure Majestät noch eine weitere Citation?" fragte die junge +Dame. + +"Ich danke Ihnen, mein Fräulein," erwiderte Napoleon aufstehend, indem +sein Gesicht wieder seinen gewöhnlichen ruhigen Ausdruck annahm.--"Ihr +Experiment hat mich in hohem Grade interessirt,--ich hatte viel von dem +Spiritismus gehört,--aber noch nie einen Versuch gesehen, bei welchem so +durchaus kein Apparat angewendet wurde,"--fügte er mit einem leichten +Lächeln hinzu, das aber mehr verbindlich und artig als ironisch war. + +Mademoiselle Lesueur hatte sich erhoben und verneigte sich tief bei den +Worten des Kaisers. + +"Ich bin glücklich, Sire" sagte sie, "daß Eure Majestät zufrieden sind, +und hoffe,--oder vielmehr,"--fügte sie mit sicherem Ausdruck hinzu, "ich +bin gewiß, daß Alles Gute, was die Geister Eurer Majestät verkündet +haben, sich erfüllen werde." + +"Alles Gute?" sprach der Kaiser sinnend--"aber war es gut?--was war +es?-- + +Morituri te salutant!" flüsterte er leise. + +Dann wendete er sich zu Pietri und blickte ihn fragend an. + +Dieser reichte ihm ein kleines Etui. + +Der Kaiser nahm es und sagte mit liebenswürdiger Freundlichkeit zu +Mademoiselle Lesueur: + +"Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Ihnen ein kleines Erinnerungszeichen +an diese Stunde zu geben,"--er öffnete das Etui ein wenig,--die Facetten +eines schönen Solitärs funkelten farbenspielend im Licht der Lampe. + +Mit der naiven Freude eines jungen Mädchens ergriff Fräulein Lesueur den +Ring und indem sie das Regenbogenspiel der Lichtreflexe entzückt +betrachtete, sagte sie: + +"Ich werde Gott unablässig bitten, daß er alle seine guten Geister zum +Schutz Eurer Majestät und Frankreichs aussende." + +Sie verneigte sich tief vor dem Kaiser und zog sich von Pietri geleitet, +der den kleinen Tisch forttrug, durch die Portiere zurück, durch welche +sie in das Cabinet eingeführt worden war. + +Napoleon ging in tiefem Sinnen auf und nieder. + +"Giebt es einen Zusammenhang mit jener Welt der abgeschiedenen Geister," +sprach er leise vor sich hin,--"und kann es ihnen erlaubt sein, auf +irgend welche Weise uns Mittheilungen zu machen über das, was ihrem +Blicke sich öffnet? + +"Dieses junge Mädchen scheint aufrichtig von ihrer Sache überzeugt," +sprach er gedankenvoll,--"ich wüßte nicht, wie sie den Tisch in Bewegung +setzen könnte,--und wenn dieses Kind von kaum neunzehn Jahren aus sich +selbst heraus die Antworten auf die Fragen construirt hat, die ich ihr +stellte, so ist sie ein Phänomen an Menschenkenntniß und Geist!-- + +"Welch eine treffende Antwort, die mich selbst als meinen besten Freund +bezeichnete,--und wie wahr--alles, was mir feindlich ist, in diesen +einen Namen Orleans zusammenzufassen." + +Er ging langsam, die Hände auf dem Rücken gekreuzt auf und nieder. + +"Und Drouyn de L'huys," sagte er kaum hörbar,--"er war der Freund dieser +Orleans,--er ist es noch--kann jemand mein Freund sein--der zugleich +der Freund meiner Feinde ist?--Gramont" fuhr er fort,--"der Geist +nannte Gramont als den künftigen Minister der auswärtigen +Angelegenheiten,--Gramont war Legitimist,--die Legitimität hat keine +Möglichkeit einer Zukunft,--sie ist eine fromme Erinnerung,--eine +Erinnerung, vor der ich selbst hohe Achtung habe, an die ich +anknüpfen,--deren edle Traditionen ich fortsetzen möchte.-- + +"Seltsam," rief er,--"sehr seltsam ist das Alles,--oder sollte auch hier +eine Intrigue"-- + +Pietri trat wieder ein. + +Der Kaiser näherte sich ihm; dicht vor ihm stehen bleibend, legte er den +Arm auf seine Schulter und blickte ihn scharf und durchdringend in die +Augen. + +"Pietri" sagte er,--"haben Sie mit diesem jungen Mädchen über die +Politik--über irgend Etwas gesprochen, was auf die gegenwärtige Lage +bezug hat?" + +"Sire," erwiderte Pietri in ernstem und traurigem Ton,--"Eure +Majestät sind zum Mißtrauen gegen Jedermann berechtigt, fast +verpflichtet,--dennoch schmerzt mich dasselbe,--ich schwöre Eurer +Majestät," fuhr er fort, den Blick des Kaisers frei und offen erwidernd, +"daß ich mit Fräulein Lesueur nichts Anderes gesprochen habe, als was +nothwendig war, um den Auftrag Eurer Majestät auszurichten und sie +hieher zu führen." + +"Und was denken Sie davon?" fragte der Kaiser. + +Pietri lächelte ein wenig. + +"Ich denke, daß dieses junge Mädchen sehr viel Geist hat," erwiderte +er,--"und daß sie manchen Diplomaten in der scharfen Erkenntniß der +Verhältnisse beschämen würde." + +Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf. + +"Wie dunkel, wie mystisch die Antworten über meine Zukunft waren," sagte +er.-- + +"Glauben denn Eure Majestät ernsthaft an solche Dinge?" fragte Pietri. + +"Denken Sie sich," erwiderte der Kaiser ernst,--"eine Welt von +Blindgebornen,--würde nicht ein Sehender, der unter sie träte, der den +Sinn besäße, der ihnen allen fehlte, Wunder unter ihnen +verrichten,--würde er ihnen nicht als ein übernatürlicher Prophet +erscheinen,--oder als ein Narr verlacht werden,--und das bloß weil er +einen Sinn mehr hätte als sie und durch diesen Sinn eine Welt wahrnehmen +könnte, welche da ist, welche die andern Alle umgiebt wie ihn,--welche +aber ihrer Wahrnehmung sich entzieht, weil ihnen das Medium dazu +fehlt.--Können denn nicht auch uns solche Welten umgeben, für welche +unser Organismus keinen Sinn besitzt,--und ist es unmöglich, daß +Einzelnen dieser Sinn gegeben ist, der sie das erblicken läßt, was uns +verschlossen bleibt und was wir deshalb in selbstgenügsamer +Beschränktheit für nicht vorhanden erklären?"-- + +"Und wenn dem so wäre," sagte Pietri,--"Eure Majestät können mit der +Perspective, welche Fräulein Lesueur geöffnet, zufrieden sein--Napoleon +IV wird Kaiser der Franzosen sein--hat sie ihren Geist antworten +lassen,--und" sprach er mit herzlichem und aufrichtigem Tone,--"ich habe +dazu nur den Wunsch hinzuzufügen, daß das recht spät und nach einer noch +recht langen und glücklichen Regierung Eurer Majestät eintreten möge." + +"Nun," rief der Kaiser mit freudigem Ausdruck,--"wenn nur diese +Verkündigung sich erfüllt, so will ich darauf verzichten, das Dunkel zu +lichten, welches in den Antworten der Geister meine Zukunft +verhüllt,--ein Fürst darf keine Person sein,--er ist ein Glied in einer +großen Kette, welche die Epochen der fortschreitenden Weltgeschichte +aneinander knüpft--ob, wann und wie ich untergehe,--was liegt daran, +wenn nur meine Dynastie erhalten bleibt, um die Vergangenheit und die +Zukunft Frankreichs mit einander zu verbinden." + +Er schwieg und blickte wie träumend vor sich hin. + +"Gehen Sie zum Prinzen," sagte er dann,--"er soll seine Uniform anlegen +und sich bereit halten, mich zu begleiten. Ich will die Kaiserin +abholen, um jene braven Truppen zu besuchen, welche in den Galerien +Wache halten und die Zukunft Frankreichs beschützen." + +Pietri eilte hinaus. + +Der Kaiser ergriff das rothe goldgestickte Käppi der Generalsuniform, +steckte den neben seinem Tische stehenden Degen an und ging, selbst die +Thür öffnend, in das Vorzimmer. + +Er nahm den Arm des Generals Castelnau, welcher hier, ebenfalls in der +Campagne-Uniform wartete, und schritt mit ihm nach den Appartements der +Kaiserin. + +Am Eingang der Gemächer Ihrer Majestät öffnete der Huissier schnell die +Flügelthüren und eilte den Kaiser ankündigend durch die Vorzimmer in den +kleinen Salon, in welchem die Kaiserin mit der Baronin de Pierres, der +Vicomtesse Aguado und der Gräfin de la Poëze saß. + +"Der Kaiser!" rief der Huissier. + +Die Damen standen auf, die Kaiserin ging ihrem Gemahl bis zur +Eingangsthür des Salons entgegen, Napoleon küßte ihre Hand und grüßte +die Damen verbindlich. + +"Sie sind in militärischer Tenne," fragte Eugenie, erstaunt den Kaiser +und den Grafen Castelnau anblickend,--"zu so später Stunde,--ist denn +etwas Außergewöhnliches geschehen?" fügte sie unruhig hinzu,--"sind die +Unruhen in Paris bedenklicher geworden?" "Seien Sie unbesorgt," +erwiderte der Kaiser lächelnd,--"es ist nichts Besonderes +geschehen,--aber die Truppen sind consignirt--und da muß auch der Kaiser +der Consigne folgen und im Dienst sein,--außerdem wollte ich mit Ihnen +und Louis die Voltigeurs der Garde besuchen, denen ich die Bewachung der +Tuilerien und den Schutz des kaiserlichen Prinzen anvertraut habe." + +Die Kaiserin schlug freudig bewegt die Hände zusammen. + +"Das ist ein vortrefflicher Gedanke," rief sie lebhaft, "je fester und +lebendiger wir die Verbindung mit unseren Truppen erhalten, um so +sicherer werden wir über alle unsere Feinde triumphiren. Ich bin +sogleich bereit," sagte sie, indem sie sich schnell zu dem Tisch wendete +und eine kleine, goldene Glocke bewegte, welche auf demselben stand. + +Eine Kammerfrau trat ein. + +Die Kaiserin warf einen raschen Blick auf einen großen Spiegel, welcher +ihr fast ihre ganze Gestalt zeigte. Sie trug eine einfache Robe von +blauer Seide. + +"Bringen Sie mir eine weiße Mantille und ein rothes Band." + +Nach wenigen Augenblicken, während welcher der Kaiser sich mit den Damen +seiner Gemahlin unterhielt, erschien die Kammerfrau wieder. Sie trug +eine Mantille von weißem Atlas und ein breites schärpenartiges Band von +rother Seide. + +Die Kaiserin ließ die Mantille über ihre Schultern legen, näherte sich +dann der Gräfin von Poëze und sagte: + +"Wollen Sie die Güte haben, meine liebe Gräfin, mir aus diesem Bande +eine große Schleife hier zu befestigen." + +Sie deutete mit dem Finger auf den Halsausschnitt ihrer Robe. + +Die Gräfin von Poëze machte mit geschickter Hand eine breite Schleife +mit langen herabhängenden Enden und befestigte sie dann auf der Robe der +Kaiserin. + +"Jetzt trage ich die Farben Frankreichs," rief Eugenie mit einem Blick +auf den Spiegel, "lassen Sie uns gehen," fuhr sie zum Kaiser gewendet +fort. + +"Sie werden," sagte Napoleon, indem er seiner Gemahlin den Arm reichte, +"diese Farben ebenso unwiderstehlich machen, wie es die Tapferkeit +unserer Soldaten auf allen Schlachtfeldern gethan hat." + +Er ging langsam mit der Kaiserin durch das Vorzimmer und wandte sich +nach dem Pavillon des kaiserlichen Prinzen; der Graf von Castelnau und +die Damen folgten. + +Im Vorzimmer seiner Wohnung erwartete der Prinz bereits mit dem General +Frossard seine Eltern. Der Prinz trug die Uniform eines Souslieutenants, +der General Frossord war ebenfalls in Uniform. Der kaiserliche Prinz +trat auf die rechte Seite seines Vaters, der General Frossard schritt +voraus und führte den Kaiser und die Kaiserin nach der unmittelbar an +den Pavillon stoßenden Gallerie. + +Als die Thüre derselben geöffnet wurde, bot sich ein wunderbar belebtes +Schauspiel dar,--die weithin ausgedehnten Gallerien strahlten in +hellster Beleuchtung, alle Kerzen auf den Lustres und Wandleuchtern +brannten, der Marmor und die Vergoldungen glänzten, an den Wänden her +standen kleine, mit weißen Leintüchern bedeckte Tische, auf welchen +kalte Speisen und rothe und weiße Weine in geschliffenen +Crystallcaraffen aufgestellt waren. + +An diesen Tischen saßen die Voltigeurs der Garde in vollständiger +Feldausrüstung, ihre Waffen neben sich, die Käppis auf den Köpfen, +essend, trinkend und fröhlich plaudernd. + +In gewissen Zwischenräumen befanden sich kleinere elegant servirte +Tische, an welchen die Officiere soupirten. + +Als die große Eingangsthür sich öffnete, und im Rahmen derselben der +Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz erschienen, erhoben sich +die langen Reihen der Soldaten. Die Officiere eilten rasch heran und im +lauten, einstimmigen Rufen begrüßte diese Elite-Truppe den Kaiser. + +Napoleon erhob dankend die Hand, die Kaiserin neigte grüßend das Haupt +nach allen Seiten, indem ihr strahlender Blick freudig und stolz über +diese muthigen und begeisterten Soldaten hinglitt. Der kaiserliche Prinz +hielt sein Käppi in der Hand und verneigte sich ehrerbietig gegen den +Commandeur des Regiments, welcher herantrat, um dem Kaiser zu melden, +das alle Wachen nach seinen Befehlen bezogen worden seien. + +"Lassen Sie die Leute häufig ablösen," sagte der Kaiser, "damit ihnen +der Dienst nicht zu schwer wird und damit sie Gelegenheit finden, sich +hier im Kreise ihrer Kameraden wieder zu erfrischen." + +Er trat an den nächsten Tisch, ergriff eines der dort stehenden Gläser, +füllte es aus einer Crystallcaraffe mit rothem Wein und rief mit lauter +Stimme: + +"Ich trinke auf das Wohl meiner Voltigeurs, auf das Wohl der Garde, auf +das Wohl der ganzen Armee, welche die Blüthe des französischen Volkes +ist!" In raschen Zügen leerte er das Glas bis auf den letzten Tropfen. + +"Es lebe der Kaiser. Es lebe der kaiserliche Prinz!" brauste ihm der Ruf +der Soldaten entgegen. + +"Ich danke Euch, meine Tapferen," sagte der Kaiser, als nach einigen +Minuten die Rufe der nahe herandrängenden Soldaten verstummt waren, "ich +kenne Eure Ergebenheit für mich, ich weiß, daß Ihr gegen jeden Feind +Frankreich und das Kaiserreich vertheidigen werdet. Frankreich und das +Kaiserreich," fügte er hinzu, der Kaiserin die Hand reichend, "deren +edle und ruhmvolle Farben meine Gemahlin, die Mutter des kaiserlichen +Prinzen, Eures Kameraden trägt." + +"Es lebe die Kaiserin!" riefen die Officiere, und die Soldaten stimmten +in den Ruf ein. + +Dann gab Napoleon seiner Gemahlin wieder den Arm, die Officiere +schlossen sich dem Gefolge an und umringten den kaiserlichen Prinzen, +der ganz stolz und freudig in ihrer Mitte dahinschritt. Und so bewegte +sich der Zug langsam durch die weiten Gallerien hin,--oft blieb der +Kaiser stehen und redete diesen oder jenen mit der Tapferkeitsmedaille +und dem Orden der Ehrenlegion decorirten Soldaten an, ihn fragend, wo er +diese Ehrenzeichen erworben habe, und mit liebenswürdigster Geduld den +zuweilen etwas breiten und ausführlichen Erzählungen der Soldaten +zuhörend. Fast eine Stunde dauerte der Umgang durch die Gallerien, immer +fester wurde der Schritt des Kaisers, immer stolzer sein Blick, immer +willenskräftiger der Ausdruck seiner Gesichtszüge. Dicht umdrängt von +den Soldaten, grüßte er endlich am Eingang der Gallerie noch einmal. + +Ein gewaltiges Vive l'Empereur durchzitterte die weiten Räume, die +Officiere verabschiedeten sich vom Kaiser, die Thüren schlossen sich, +Napoleon entließ den kaiserlichen Prinzen, welcher sich mit dem General +Frossard in seine Wohnung zurückzog, und führte dann die Kaiserin nach +ihren Appartements zurück. + +"Wenn Marie Antoinette es verstanden hätte," sagte die Kaiserin leise zu +ihrem Gemahl, "die Begeisterung der Soldaten zu erhalten und zu +benutzen, so hätte sie niemals den dornenvollen Weg vom Thron zum +Schaffot zu gehen nöthig gehabt." + +"Man muß aus den Beispielen der Geschichte lernen," erwiderte der +Kaiser, "und die Fehler vermeiden, welche unsere Vorgänger begangen +haben." + +Am Eingang der Appartements der Kaiserin küßte er seiner Gemahlin die +Hand, grüßte mit artiger Verbeugung die Damen und begab sich mit dem +General Castelnau nach seinem Cabinet zurück. + +Als er dort angekommen war, rief er Pietri. + +Der Geheimsecretair trat schnell durch die Portiere, welche der Kaiser +erhoben hatte, in das Cabinet ein. + +Napoleon ging einige Augenblicke nachdenkend auf und nieder. + +"Schreiben Sie sogleich an Gramont," sagte er dann, "sagen Sie ihm in +kurzen Worten, daß ich entschlossen sei, ihm das Ministerium der +auswärtigen Angelegenheiten zu übertragen, und daß ich ihn bitte, +sogleich hierher zu kommen. Ich wünsche, daß er vor seiner Abreise sich +noch ausführlich und definitiv mit dem Grafen Beust unterhalte und +dessen Anschauungen über die verschiedenen Fragen und Eventualitäten der +europäischen Politik möglichst bestimmt constatire." + +Pietri verneigte sich. + +"Eure Majestät sind also entschlossen?" fragte er. + +"Ich bin entschlossen," erwiderte der Kaiser,--"legen Sie mir morgen +früh den Brief zur Unterschrift vor,--jetzt will ich ruhen. Wenn irgend +Etwas Außergewöhnliches in Paris vorfällt, soll man mich rufen. Gute +Nacht," sagte er freundlich, indem er Pietri die Hand reichte. + +Dann bewegte er die Glocke. + +Sein Kammerdiener trat ein, folgte dem Kaiser, welcher sich in sein +Schlafzimmer begab. + + + + +Drittes Capitel. + + +Der junge Cappei hatte sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts im +Hause seines Oheims zu Bodenfeld ganz den Erinnerungen seiner Jugend +hingegeben, welche diese Umgebung so lebhaft in ihm erweckte. Er hatte +in liebevoller Pietät alle die Orte besucht, welche in dem Leben seiner +Kindheit vorzugsweise bedeutungsvoll gewesen waren, und war erstaunt +gewesen, wie klein und einfach ihm diese Plätze alle erschienen, die +doch in den Bildern seiner Erinnerung so groß und so schön gewesen +waren. Dennoch aber hatten alle diese Orte auch jetzt noch ihren Zauber +auf ihn ausgeübt, sie hatten die Empfindungen wieder erregt, welche +seine kindliche Seele einst erfüllten, und welche, wenn sie nach langer +Abwesenheit und selbst im hohen Alter wieder geweckt werden, immer ihre +wunderbare und unvergängliche Jugendfrische behalten. + +Er hatte einzelne seiner alten Gespielen besucht und war der Gegenstand +der Neugier des ganzen Dorfes gewesen, denn die hannöversche Legion in +Frankreich, von welcher man so wenig regelmäßige und bestimmte +Nachrichten erhielt, war in den Vorstellungen dieser einfachen Bauern +fast zu einer Mythe geworden, von der nur geheimnißvolle und beinahe +märchenhafte Nachrichten herüber gedrungen waren, über welche man nun +von dem in Fleisch und Blut hier erschienenen Mitgliede der Legion +Näheres zu hören hoffte. + +Cappei war sehr zurückhaltend und vorsichtig in seinen Aeußerungen +gewesen und hatte nur das Eine bestimmt bestätigt, daß Alles zu Ende und +die Sache des Königs nunmehr ein für allemal aufgegeben sei. Eine +Mittheilung, welche bei den Meisten zwar eine gewisse wehmüthige Trauer, +doch aber auch zu gleicher Zeit ein Gefühl der Beruhigung verursachte, +denn die das Land durchziehenden Agitatoren hatten selbst in den Kreisen +dieser einfachen Landbevölkerung eine unbehagliche Unsicherheit erzeugt +und den Wunsch hervorgerufen, daß so oder so nun einmal ein Ende werden +möge, damit man wisse, woran man sei. + +Der junge Cappei war mit seinem Oheim dann auf das Feld hinausgegangen, +hatte sich von dem vortrefflichen Zustande der Felder überzeugt und +gesehen, daß in den Zeiten seiner Abwesenheit die Wirthschaft bedeutende +Fortschritte gemacht und das Besitzthum einen erhöhten Werth erhalten +habe. + +Abends hatte er sich dann zu seiner Mutter und den alten Bauern +hingesetzt und ihnen, die nicht müde wurden, zuzuhören, immer von Neuem +von dem Leben in Frankreich erzählt--von dem Leben der Offiziere in +Paris, wo er einige Male gewesen war, von dem Leben auf dem Lande, von +den französischen Soldaten, von der französischen Feldwirthschaft. Und +immer hatte er bei diesen Erzählungen den einen Punkt umgangen, der sein +Herz erfüllte, der die Neugier seiner Mutter erregte und von dem sein +Oheim in seinem einfachen practischen Sinn nicht das Geringste bemerkte. +Dennoch beschäftigte gerade dieser Punkt den jungen Mann auf das +Lebhafteste und versetzte sein ganzes inneres Wesen in eine peinliche +und schwankende Unruhe. + +Er hatte sich gleich am Tage nach seiner Ankunft unter dem Vorwande sich +nach Mittag auszuruhen, in seinem Zimmer eingeschlossen und mit großer +Mühe einen nicht immer ganz orthographisch gehaltenen Brief an Fräulein +Luise Challier geschrieben, um ihr seine glückliche Ankunft in der +Heimath anzuzeigen und ihr zu sagen, daß er mit aller Liebe seines +Herzens ihrer gedächte und mit heißer Sehnsucht den Tag erwarte, an +welchem er nach Ordnung seiner Angelegenheiten zu ihr zurückkehren +würde. + +Konnte er sich auch ganz geläufig mündlich in französischer Sprache +ausdrücken, so fand er seinen Brief, als er ihn geschrieben hatte, +dennoch sehr ungenügend, sehr kalt und steif, indeß er hoffte, daß seine +Geliebte zwischen den Zeilen das Alles lesen würde, was der Mangel an +Gewandtheit des Ausdrucks ihn zu sagen verhinderte. Er hatte diese +Hoffnung in einem Postscriptum ausgesprochen, dann seinen Brief +sorgfältig verschlossen und sich am Abend mit einiger Mühe von seinem +Oheim und seiner Mutter entfernt, um den Brief in den Kasten der +Landpostexpedition zu werfen, welcher sich an dem Hause des +Gewürzkrämers des Dorfes befand, wobei er zu seinem Verdruß von mehreren +Bekannten aufgehalten und beobachtet wurde. + +Von einem Tage zum andern hatte er sich dann vorgenommen, über seine +Liebe und seine Zukunft zunächst mit seiner Mutter und dann mit seinem +Oheim zu sprechen. Indeß immer wieder war er nicht dazu gekommen, immer +wieder waren die Worte auf seinen Lippen stecken geblieben, obgleich er +doch sonst nicht zu denen gehörte, welche sich scheuen, das +auszusprechen, was sie für nothwendig und richtig erkannt haben. Aber er +fühlte in seinem Innern einen Widerspruch streitender Empfindungen und +sagte sich, daß das, was ihn schmerzlich und peinlich bewegte, seiner +Mutter und seinem Oheim noch viel mehr Kummer bereiten müßte. + +Die alte Heimath, diese Erde, auf der er erwachsen war, dieses Haus, +dieser Garten, diese Felder, um welche sich alle seine Erinnerungen +rankten, zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht an sich und schmerzlich +schnürte sich sein Herz bei dem Gedanken zusammen, daß er hierher +zurückgekehrt sei, nur um das Alles wieder zu verlassen. Es war, als ob +jeder Baum, jede Blume ihn mit stillem Vorwurf anblickte, daß er dies +ihm bestimmte Besitzthum, an welches sein Oheim, um es ihm reicher und +blühender zu hinterlassen, so viel Mühe und Fleiß gewendet habe, fremden +Händen überlassen solle, um im fernen Lande eine neue Heimath zu suchen. + +Auf der andern Seite fühlte er in der Entfernung noch lebhafter und +mächtiger die Macht der Liebe, welche ihn zu dem jungen Mädchen hinzog, +dessen Umgang seine Verbannung so freundlich verklärt hatte;--wenn er +die Augen schloß, so sah er ihr Bild vor sich in lebendiger Frische, er +sah ihren seelenvollen Blick, es schien ihm, daß sie die Arme +sehnsüchtig nach ihm ausstreckte und ihn fragte, wann er zu ihr +zurückkehren werde, um sie nicht mehr zu verlassen. + +Dieser Kampf zwischen der Anhänglichkeit an die Heimath und die Liebe +seines Herzens, der sich in seinem Innern bereits so schmerzlich fühlbar +machte, mußte ja viel heftiger und peinlicher die Seele seiner Mutter +bewegen, wenn sie erfahren würde, was mit ihrem Sohn vorgegangen und was +für Zukunftspläne er in sich trüge; und erst sein Oheim, der alte Mann +mit dem eigenwilligen Bauernsinn, der so fest mit der Scholle verwachsen +war, auf welcher er geboren, die er gepflegt und gehütet und welche ihm +so reiche und dankbare Frucht für seine Mühe und Arbeit gegeben hat. Was +würde er sagen bei dem Gedanken seines Neffen, dies Besitzthum, das ein +Theil seines Selbst war, zu verlassen und in der Fremde sich eine +Existenz zu gründen. Die Grundlage der ganzen Lebensfassung des alten +Bauern war. "Bleibe im Lande und nähre Dich redlich"--schon der Gedanke, +eine Fremde, welche die Sprache der Heimath nicht verstände, als +Hausfrau in diesen Bauernhof einziehen zu sehen, mußte dem Gefühl des +alten Bauern widersprechen. Was aber sollte er erst sagen, wenn er +erführe, daß sein Neffe, den er mit so viel Stolz und Liebe wieder in +den wirtschaftlichen Betrieb einführte, nun um nimmer wiederzukehren, +abermals in die weite Welt hinausziehen wolle. + +Alle diese Gedanken versetzten den jungen Mann in eine fieberhafte +Unruhe. Er mußte Klarheit in die Verhältnisse bringen, er mußte das +entscheidende Wort sprechen, und doch wußte er, daß dieses Wort die +beiden Menschen, welche ihm durch die nächsten Bande auf Erden verknüpft +waren, mit Schmerz und Bekümmerniß erfüllen würde. + +So hatte er von einem Tage zum andern die Erklärung hinausgeschoben. +Seine peinliche Unruhe war noch vermehrt worden, als die Zeit +vorübergegangen war, in welcher er eine Antwort auf seinen Brief an +seine Geliebte erwarten konnte, ohne daß eine solche eingetroffen wäre. +Mit zitternder Ungeduld sah er dem Landbriefträger entgegen, wenn +derselbe erschien, um die wenig zahlreichen Postsendungen an die +Einwohner des Dorfes zu vertheilen. Einige Male hatte er es über sich +vermocht, denselben zu fragen, ob er nichts für ihn habe, aber immer +hatte er eine verneinende Antwort erhalten und in quälender Sorge, in +einer steigenden bangen Unruhe fragte er sich, welches der Grund dieses +unerklärlichen Schweigens seiner Geliebten sein könnte, die doch so fest +versprochen hatte, ihm sogleich zu schreiben, sobald er sie von seiner +Ankunft in der Heimath benachrichtigt haben würde. Endlich konnte er +diesen Zustand widerstreitender Gefühle und quälender Sorge und Unruhe +nicht länger ertragen. + +Seine Mutter hatte ihn bereits mehrere Male mit freundlicher Theilnahme +gefragt, was ihm fehle und ihn gebeten, es ihr zu sagen, wenn ihn ein +Kummer bedrücke,--er hatte zum zweiten und dritten Male an Luise +geschrieben, sie beschworen, ihm zu antworten oder durch ihren Vater ihm +mitteilen zu lassen, wenn sie krank sei,--aber immer erfolglos. Der alte +Briefträger hatte nur immer dieselbe Antwort auf seine Fragen,--daß +nichts für ihn angekommen sei. + +Eines Morgens war sein Oheim allein auf das Feld gegangen, er war unter +dem Vorwand einer notwendigen häuslichen Arbeit zu Hause +zurückgeblieben,--fast ängstlich, mit ähnlichen Gefühlen, wie einst als +Knabe, wenn er irgend einen Fehltritt einzugestehen hatte, trat er in +das Wohnzimmer, setzte sich neben den Lehnstuhl seiner Mutter und +ergriff die Hand der alten Frau, indem er ihr halb fragend, halb +bittend in die Augen sah, die Worte suchend, um die Gefühle seines +unruhigen, gedrückten Herzens auszusprechen. + +Die alte Frau sah ihren Sohn freundlich und liebevoll mit ihren großen, +klaren Augen an. Sie hatte ruhig gewartet, sie wußte, daß der Tag kommen +mußte, an welchem sein Herz sich seiner Mutter öffnen würde, die Stunde +war da, sie war bereit, ihn anzuhören und sein Vertrauen mit all der +selbstlosen Liebe zu erwidern, an welcher das mütterliche Herz so +unerschöpflich reich ist. + +"Meine Mutter," sagte der junge Mann mit leicht zitternder Stimme, "ich +bin überaus glücklich gewesen, daß ich Sie und den Oheim, unser Dorf und +das alte Haus wiedergesehen habe." + +Er hielt einen Augenblick inne. + +"Und wir nicht minder, mein Sohn," sagte die alte Frau, "daß wir Dich +nach so langer Trennung hier wieder bei uns haben." + +Der junge Cappei schwieg einige Augenblicke, indem er sanft die welke +Hand der alten Frau streichelte. + +"Ich bin aber doch," sagte er dann, "nicht glücklich, wie ich es sonst +bei Euch war, ich bin unruhig und habe lange die Gelegenheit gesucht, +mit Euch allein zu sprechen, denn ich muß Euch Alles sagen, bevor ich +mit dem Oheim darüber rede, der gleich so heftig und aufbrausend ist." + +Die alte Frau sah ihn mit glänzenden, liebevollen Blicken an, sie +fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, in welchem das Räthsel +sich lösen müsse, sie sah die Befangenheit ihres Sohnes mit dem feinen +Tact, welcher das Eigenthum der Frauen aller Stände ist,--sie mußte ihm +entgegenkommen. + +"Du hast liebe Freunde in Frankreich zurückgelassen?" sagte sie. + +"Ach ja, Mutter," erwiderte er, "sehr liebe Freunde, sie sind Alle immer +so gut gegen mich gewesen, und es wurde mir recht schwer, mich von ihnen +zu trennen," fügte er seufzend hinzu. + +"Sind es bloß Deine Freunde," fragte die Alte mit einem freundlichen, +beinahe neckischen Lächeln, "oder hast Du auch Dein Herz dort gelassen, +hast Du eine Geliebte in dem fernen Lande gefunden,--Du der Du hier so +gleichgültig gegen die hübschesten Mädchen unseres Dorfes warst?" + +Und mit mütterlichem Stolz strich sie das Haar aus der erröthenden Stirn +ihres Sohnes, der halb verlegen, halb glücklich darüber, daß seine +Mutter ihm auf halbem Wege entgegenkam, zu ihr aufsah. + +"Ja," rief er, indem er ihre Hand so heftig drückte, daß sie leise +zusammenzuckte, "ja, ich habe dort eine Geliebte gefunden, sie ist so +gut und so treu, wie nur irgend ein Mädchen aus der Heimath es sein kann +und dabei ist sie doch so anders wie sie hier sind. Und so schön, +Mutter, oh, so schön," rief er schnell aufbringend, die alte Frau +stürmisch umarmend, "so schön, wenn Sie sie sehen würden, Sie würden sie +auch lieben, und sie ist so sanft, sie würde Ihnen eine zärtliche und +gehorsame Tochter sein,--sie, die selbst keine Mutter mehr hat, bei +ihrem Vater aufgewachsen ist, die leitende Hand der Mutter schmerzlich +entbehrend, wie sie mir so oft gesagt hat." + +Die alte Frau ordnete die Bänder ihrer Haube, welche durch die +stürmische Umarmung ihres Sohnes etwas zerknittert waren. Mit +freundlichem, zufriedenem Schmunzeln sah sie den glühend erregten jungen +Mann an und sagte: + +"Nun das ist ja eine gute Nachricht, und ich begreife nicht, warum Du +mir das nicht früher mitgetheilt hast; Du bist ja längst in dem Alter, +Dich zu verheirathen, Du kannst eine Frau ernähren,--daß Deine Wahl auf +keine Unwürdige gefallen, davon bin ich überzeugt. Ich werde älter und +älter, und der Hof hier bedarf einer jungen und rüstigen Hausfrau." + +Ihr Sohn blickte trübe zu Boden. + +"Das ist es ja eben, Mutter," sagte er mit leiser Stimme, "was mir so +viele Sorge gemacht und mir so lange den Mund verschlossen hat. Ich +weiß, wie Sie und namentlich der Oheim an dem Hof und an der Heimath +hängen und nun--sehen Sie, meine Braut hängt eben so sehr an ihrer +Heimath, sie ist die einzige Tochter ihres Vaters, die Erbin seines +Geschäfts, eines großen Holzhandels, und sie wünscht so dringend, daß +ich zu ihr nach Frankreich kommen möchte, um dort das Geschäft ihres +Vaters zu übernehmen und fortzuführen,--ich habe ihr das auch +versprochen," fuhr er ohne aufzublicken fort,--"als ich bei ihr war, +schien mir das so leicht, und nun ich wieder hierher gekommen bin, nun +ich wieder unter Euch lebe, nun ich wieder den alten Garten und die +alten Felder sehe, da fühle ich," sagte er mit zitternder Stimme, "wie +schwer es Ihnen werden müßte, mit mir fortzuziehen in ein fremdes Land +oder hier zu bleiben,--durch weite Entfernungen von mir getrennt." + +Die Alte sah einen Augenblick schmerzlich bewegt vor sich nieder, sie +strich langsam die Falten ihrer weißen Schürze glatt, als wolle sie +ihre Gedanken und Gefühle ordnen und glätten wie diese Falten. Dann +legte sich ein heiteres und ruhiges Lächeln um ihre Lippen, freundlich, +beinahe stolz und glücklich sah sie ihren Sohn an und sagte. + +"Gott fügt die Schicksale der Menschen nach seinem Wohlgefallen und hat +schon Manchen aus dem Lande seiner Väter fort geführt, um ihn sein Glück +in der Ferne finden zu lassen. Es steht geschrieben, daß der Mann Vater +und Mutter verlassen wird, um seinem Weibe zu folgen, zu dem sein Herz +ihn hinzieht, aber," fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, "Deine Mutter +wird ihren Sohn nicht verlassen, und wenn Du eine alte schwache Frau mit +Dir nehmen willst, die wenn sie nichts mehr für Dich thun kann doch Tag +und Nacht für Dein Glück beten wird, so bin ich bereit, mit Dir in die +Ferne zu ziehen, da wo Du glücklich bist, wo Du Deine Heimath findest, +da werde ich auch in fremder Erde sanft ruhen. Gott segne Dich, mein +Sohn, und Diejenige, zu welcher Dein Herz Dich hinzieht." + +"Oh, Mutter," rief der junge Mann, indem er zu den Füßen der alten Frau +auf die Knie niedersank und wie in der fernen glücklichen Kinderzeit +sein Haupt auf ihren Schooß legte, "wie danke ich Ihnen für dieses +Wort, das eine schwere, schwere Last von meinem Herzen nimmt." + +Einige Augenblicke blieb er so schweigend und unbeweglich, während sie +mit den welken, zitternden Händen über sein volles Haar hinstrich. Dann +erhob er den Kopf und sah sie sorgenvoll und fragend an. + +"Aber der Oheim," fragte er, "was wird er dazu sagen?" + +"Das wird einen harten, schweren Kampf kosten," sagte die alte Frau, den +Kopf schüttelnd, "er wird sich so leicht nicht von hier trennen und so +leicht auch nicht damit einverstanden sein, daß Du die alte Heimath +verläßst--aber," sagte sie dann lächelnd nach einigen Augenblicken des +Nachdenkens, "der Oheim hat ein gutes, weiches Herz, er liebt Dich wie +seinen eigenen Sohn, und wenn er sich überzeugt, daß diese Verbindung +Dein Glück ist, so wird auch er zuletzt seine Zustimmung nicht versagen. +Laß mich das nur machen, sage Du ihm nichts, ich verstehe ihn zu +behandeln, wenn er sieht, das es Dein Ernst ist, so wird er die Reise +nicht scheuen, um sich selbst von Allem zu überzeugen, und wenn sich +Alles gut fügt, so könnt Ihr ihn ja jedes Jahr hier besuchen, so lange +er noch die Kraft hat, seine Wirtschaft zu führen--wer weiß, ob er sich +dann nicht auch entschließt, die Menschen und die lebendige Liebe seiner +Kinder höher zu stellen, als dieses Haus, und diesen Hof. Wenn er auch +Alles äußerlich ruhig hinnimmt und wenig spricht, so weiß ich doch, daß +die neuen Verhältnisse hier im Lande ihm wehe thun und ihm den +Aufenthalt hier verleiden. Ueberlaß das der Zeit, mein Sohn, und dem +lieben Gott, der Alles nach seiner Weisheit fügen wird. Zuerst aber laß +mich die Sache dem Oheim mittheilen, ich werde den ersten Sturm seiner +Heftigkeit schon auszuhalten wissen." + +"Doch nun, Mutter," sagte der junge Mann, indem ein Ausdruck tiefer +Traurigkeit auf seinem Gesicht erschien, "muß ich Euch noch etwas sagen, +das mir vielen Kummer macht, so große Hoffnungen mir auch Eure +liebevollen und freundlichen Worte gegeben haben,--ich habe," fuhr er +fort, "gleich nach meiner Ankunft hier an meine Braut geschrieben,--ich +habe nochmal und nochmal geschrieben, aber bis jetzt habe ich keine +Antwort erhalten,--und sie muß doch wissen, wie sehr ich mich nach einem +Lebenszeichen, nach einem Gruß von ihr sehne, und wäre es nur eine +Zeile, nur ein Wort, das mir eine Botschaft ihrer Liebe brächte--aber +nichts, gar nichts,"--sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme. "Was +kann das bedeuten, ich habe sie gebeten, wenn sie krank wäre, mir durch +ihren Vater Nachricht geben zu lassen,--ich weiß nicht, was ich davon +sagen soll," fügte er traurig den Kopf schüttelnd hinzu. + +"Bist Du der Liebe Deiner Erwählten ganz sicher," fragte die Alte, +"kannst Du ihrer Treue und Beständigkeit vertrauen,--oder kannst Du Dir +irgend eine Veranlassung denken, durch welche sie verhindert sein +könnte, Dir Nachricht zu geben." + +"Oh," rief der junge Mann mit lauter Stimme, den Blick voll glühender +Begeisterung auf seine Mutter richtend, "ich bin ihrer sicher, wie +meiner selbst! Sie ist treu wie Gold, auf ihr Wort würde ich Häuser +bauen. Auch kann keine äußere Veranlassung sie abhalten,--ich habe mit +ihrem Vater gesprochen, er hat unserer Verbindung seinen Segen gegeben, +sie konnte offen und ohne Scheu an mich schreiben und dennoch, dennoch," +sagte er, wieder finster zu Boden blickend, "keine Nachricht trotz aller +meiner Bitten, keine Antwort,--oh, es muß ein großes Unglück geschehen +sein, sie muß sehr krank oder todt sein, und ihr Vater wagt es nicht, +mir diese schmerzvolle Nachricht zu geben." + +"Sei ruhig, mein Sohn" sagte die Alte, "bei einer so weiten Entfernung +kann ja alles Mögliche geschehen, wie leicht kann ein Brief verloren +gehen--Alles wird sich aufklären,--sei ruhig,--wenn Du sie kennst und +ihres Herzens sicher bist, so darfst Du Dich nicht in unnützer Unruhe +aufregen. Du hast ja jetzt mich, Deine Mutter, in deren Herz Du alle +Deine Sorgen ausschütten kannst. Laß mich erst mit Deinem Oheim +sprechen. Vielleicht," sagte sie, wie von einem Gedanken erfaßt, +"erwartet ihr Vater erst die bestimmte Mittheilung von der Einwilligung +Deiner Angehörigen, bevor er ihr erlaubt, zu schreiben,--ja, ja," sagte +sie, "so wird es sein; und ich muß sagen," fuhr sie immer +zuversichtlicher und heiterer fort, "ich würde ihrem Vater ganz Recht +geben,--er weiß ja nichts von Deiner Familie, und Du hast ihm auch noch +nicht sagen können, daß dieselbe mit Deiner Wahl einverstanden ist." + +"Ja" sagte der junge Mann sinnend, "so könnte es sein--das wäre +möglich"--und wie getröstet durch den von seiner Mutter angeregten +Gedanken, richtete er sich empor und ging einige Male im Zimmer auf und +nieder. + +"Ich will es Ihnen ganz überlassen, Mutter," sagte er dann, "mit dem +Oheim zu sprechen. Ich weiß ja, Sie werden es viel besser und +geschickter machen, als ich,--aber nun erlauben Sie mir auch, meiner +Geliebten sogleich zu schreiben, daß Sie wenigstens mit meiner Wahl +einverstanden sind. Und nicht wahr," fügte er schmeichelnd über das +Gesicht der alten Frau streichelnd, hinzu, "Sie werden einige +freundliche Worte unter meinen Brief schreiben--sie versteht zwar nicht +deutsch, aber sie wird schon Jemanden finden, der ihr das übersetzt, und +dann wird ihr Vater sehen, daß auch hier Alles in Ordnung ist, und wird +ihr erlauben, mir zu antworten." + +Die alte Frau versprach ihm lächelnd, seiner Geliebten zu schreiben, und +dann setzte er sich zu ihr und plauderte lange mit ihr, und er erzählte +von seiner Geliebten, ihren schönen treuen Augen--ihrer süßen Stimme, +von dem alten Hause in St. Dizier, von den kreidereichen Weinbergen der +Champagne und von den grünen Ufern der Marne,--er malte ihr so +glückliche freundliche Bilder der Zukunft aus, wie sie dort bei ihm +leben würde, wie seine Luise sie pflegen und wie sie dann die kleinen +Enkel hüten und erziehen würde, daß die alte Frau ganz selig und stolz +sich mit ihm in diese lieblichen Zukunftsträume vertiefte. + + * * * * * + +Wieder waren dann mehrere Wochen vergangen, er hatte seinen Brief mit +der Nachschrift seiner Mutter abgesendet. + +Die Alte hatte dann mit ihrem Bruder über die Sache gesprochen. Es +hatte einen großen Sturm gegeben. Der alte Niemeyer war einige Tage in +finsterm Brüten schweigend einher gegangen, dann hatte er heftig +gescholten über junge Leute, die auf Abenteuer hinauszögen in ferne +Länder und den Sinn und die Liebe für die Heimath verlören,--der junge +Cappei hatte, dem Rath und dem Wink seiner Mutter folgend, das Alles +schweigend und ohne Erwiderung mit angehört; er hatte Abends die beiden +alten Leute allein gelassen, und dann hatte seine Mutter in ihrer Weise +mit ihrem Bruder gesprochen, sicher daß trotz seines Scheltens und +Grollens ihre Worte den Weg zu seinem Herzen fanden. Endlich hatte er +seinen Neffen gerufen, ihn ausführlich und scharf inquirirt über die +Familie seiner Geliebten, über das Geschäft und Vermögen ihres Vaters, +und die klaren, scharfen und bestimmten Antworten des jungen Mannes, +welche ihm über das Alles so befriedigende Auskunft gaben, hatten +augenscheinlich dazu beigetragen, ihn zu beruhigen und ihn die ganze +Sache in einem freundlicheren und milderen Licht ansehen zu lassen. + +Dann als nochmals einige Tage vergangen waren, hatte er allmählig +angefangen,--wenn auch noch immer murrend und scheltend,--über die +Zukunftspläne des jungen Mannes zu sprechen. Er hatte sogar die Absicht +angedeutet, trotz seines Alters und seiner Schwerfälligkeit, die Reise +nach Frankreich zu machen und mit dem alten Herrn Challier, vor dessen +ausgedehntem Geschäft ihm die Mittheilungen seines Neffen einen großen +Respect eingeflößt hatten, selbst über die Angelegenheit sich zu +berathen. + +So weit war Alles gut, und die alte Frau lebte und webte schon in dem +Gedanken an die glückliche Zukunft ihres Sohnes und ihrer künftigen +Schwiegertochter, welche sie bereits mit aller mütterlichen Zärtlichkeit +liebte, obgleich sie sie nie gesehen. + +Aber der junge Cappei wurde immer ernster und trauriger, denn auch auf +den Brief, welchen er mit der Unterschrift seiner Mutter abgesandt +hatte, war keine Antwort erfolgt, und mit jedem Tage wurde die Qual des +dumpfen Wartens angstvoller und peinlicher, und immer tiefer schnitten +die mißtrauischen Fragen seines Oheims in sein von banger Unruhe +gequältes Herz. + +Endlich konnte er diesen Zustand nicht länger ertragen, und er kündigte +den beiden alten Leuten seinen Entschluß an, selbst nach Frankreich zu +reisen und den Grund dieses unerklärlichen Schweigens zu erforschen. +Seine Mutter billigte den Entschluß, denn das Leiden ihres Sohnes +erfüllte sie mit tiefem Mitgefühl,--auch der alte Niemeyer hatte nichts +dagegen einzuwenden, sein practischer Sinn verlangte eine Abänderung +dieses Zustandes der Ungewißheit, und im Stillen hoffte er, daß sein +Neffe an Ort und Stelle irgend ein Hinderniß fände, welches diese Sache, +die so störend in seinen Lebenskreis eintrat, ein für allemal beenden +möchte. + +Der junge Cappei traf also seine Vorbereitungen zur Abreise, welche nur +in der Ordnung seines geringen Gepäcks bestanden und begab sich eines +Morgens auf das Amtshaus, um der von ihm übernommenen Verpflichtung +gemäß dort um die Erlaubniß zu seiner Reise nachzusuchen und sich einen +Urlaubspaß zu erbitten. + +Der Amtsverwalter empfing den jungen Mann sehr ernst und hörte +schweigend sein Gesuch an. + +"Sie wollen nach Frankreich gehen," sagte er--"welchen Zweck hat Ihre +Reise." + +Cappei zögerte einen Augenblick. + +"Ich bitte Sie, ganz aufrichtig zu sein," sagte der Beamte,--"Sie +befinden sich in einer besonderen Lage, und jede ausweichende Antwort +könnte Ihnen nur nachtheilig sein." + +"Ich habe keinen Grund, meine Absicht zu verheimlichen," sagte der +junge Mann--"ich habe eine Braut in Frankreich und wünsche dort die zu +unserer Verbindung nöthigen Vorbereitungen persönlich zu besprechen." + +"Sie sind landwehrpflichtig," sagte der Amtsverwalter, "und es thut mir +leid, daß ich im Hinblick auf ihre Vergangenheit Ihnen die nachgesuchte +Erlaubniß nicht ertheilen kann." + +"Ich verspreche," sagte der junge Mann erbleichend, "meine Adresse hier +zu lassen und jedem Ruf sofort Folge zu leisten. Auch wird ohnehin meine +Abwesenheit nicht lange dauern, ich werde in spätestens vierzehn Tagen +wieder hier sein." + +"Ich kann," erwiderte der Beamte, "auch trotz dieses Versprechens Ihnen +die Erlaubniß zur Reise und einen Paß nicht geben,--jedenfalls nicht +ohne höhere Genehmigung." + +Ein Ausdruck finsterer Entschlossenheit erschien auf dem Gesicht +Cappei's, es schien, daß er etwas sagen wollte, doch schwieg er und +wandte sich mit kurzer Verbeugung um, um das Zimmer zu verlassen. + +Der Amtsverwalter hatte ihn forschend angeblickt. + +"Bleiben Sie," rief er in strengem Ton. + +Cappei wendete sich erstaunt um und wartete. + +"Da Sie mir den Wunsch ausgesprochen haben, den Ort zu verlassen," +sagte der Beamte, "und da ich befürchten muß, daß Sie bei der +Verweigerung des Urlaubs heimlich abreisen möchten, so sehe ich mich +gezwungen, Sie zu verhaften." + +"Mich zu verhaften," rief Cappei mit bebenden Lippen, indem eine +tödliche Bläße sein Gesicht überzog, "und warum?" + +Der Beamte klingelte, ein Amtsdiener trat herein. + +"Der frühere Dragoner Cappei ist Arrestant, er wird einstweilen hier im +Amtsgefängniß bleiben, bis weitere Bestimmung über ihn getroffen ist. +Ich will sogleich ein erstes und vorläufiges Verhör mit ihm vornehmen." + +Der junge Mann stand wie niederschmettert da, seine Gedanken verwirrten +sich, er konnte keine Erklärung für diesen Schlag finden, der ihn so +unerwartet traf. + +Der Beamte zog ein Actenstück aus seinem Schreibtisch hervor, öffnete +dasselbe, faltete dann einen Bogen Papier und ergriff eine Feder, bereit +das Protocoll aufzunehmen. + +"Haben Sie," fragte er, sich an Cappei wendend, "seit ihrem Aufenthalt +hier mit Personen in Frankreich in Verbindung gestanden und mit +demselben correspondirt?" + +"Ich habe keine Verbindung dort," erwiderte Cappei, "als diejenige mit +meiner Braut, welche besuchen zu dürfen, ich soeben um Erlaubniß bat, +ich habe mit Niemanden correspondirt, als mit ihr, aber zu meiner tiefen +Betrübniß keine Nachricht von ihr erhalten." + +Der Beamte nahm mehrere beschriebene Blätter aus dem ihm vorliegenden +Actenstück und fragte, indem er Cappei winkte, näher heranzutreten. + +"Kennen Sie diese Briefe?" + +Der junge Mann warf einen Blick auf die Papiere, er zuckte zusammen, ein +fast convulsivisches Zittern erschütterte seine Gestalt. + +"Es sind die Briefe, welche ich an meine Braut geschrieben," rief er mit +bebender Stimme. + +"Sie erkennen also an, daß diese Briefe von Ihrer Hand geschrieben +sind?" + +"Gewiß," rief Cappei, den starren Blick fortwährend auf die Briefe +gerichtet, welchen er einen nach dem andern glaubte abgesendet zu haben, +und in welchem er immer dringender und sehnsuchtsvoller um Nachrichten +gebeten hatte. + +"Sie behaupten also," fuhr der Beamte fort, "daß diese Briefe wirklich +an ein junges Mädchen gerichtet sind, und daß der Inhalt derselben +keinen anderen Sinn hat, als den, welchen die Worte ausdrücken." + +"Welchen anderen Sinn könnte er haben?" rief Cappei, entsetzt vor diesem +Räthsel stehend, das sich da so plötzlich vor ihm erhob. + +"Man hat Beispiele," sagte der Beamte, "daß scheinbar unverfängliche +Worte eine andere vorher verabredete Bedeutung haben, oder daß sie durch +darauf gelegte Papierausschnitte in anderer Reihenfolge erscheinen. Doch +das wird sich finden," fuhr er fort. + +Dann nahm er einige andere Blätter und hielt dieselben dem jungen Manne +vor. + +"Kennen Sie diese Handschrift?" + +"Nein," rief Cappei, auf die ihm völlig fremden Schriftstücke blickend. + +"Dennoch," sagte der Beamte, "sind diese Briefe hier unter Ihrer Adresse +angekommen, und sie enthalten sehr bestimmte und compromittirende +Fragen, Aufträge über Truppendislocationen und politische Verhältnisse +Nachricht zu geben. Sie werden einsehen, daß das Alles sehr verdächtig +ist und daß der auf Ihnen ruhende Verdacht durch Ihren Wunsch, jetzt +nach Frankreich zu reisen, nur verstärkt werden kann. Ich muß das +Resultat meiner polizeilichen Beobachtung, zu welcher meine Pflicht mich +Ihnen gegenüber zwang, nunmehr an die Untersuchungsrichter übergeben und +kann Sie nur noch darauf aufmerksam machen, daß ein offenes Geständniß +Ihre Lage nur verbessern kann,--wenn Sie nicht im Stande sind, sogleich +eine genügende Erklärung zu geben." + +Der junge Mann starrte noch immer unbeweglich auf die ihm vorgelegten +Papiere. + +"Tragen diese Briefe eine Unterschrift?" fragte er. + +"Nein," sagte der Beamte, "solche Correspondenzen pflegt man nicht zu +unterschreiben, da der Absender dem Empfänger doch genügend bekannt +ist," fügte er mit leichtem ironischen Lächeln hinzu. + +"Mein Gott, sollte es möglich sein," rief Cappei, indem eine glühende +Röthe sein Gesicht überflog, "ich erinnere mich, einmal ein Billet von +diesem Vergier gelesen zu haben,--sollte es möglich sein,--sollte er--" + +"Junger Mann," sagte der Beamte mit ernstem Ton, durch welchen ein +gewisses Mitleid hindurchklang, ich will glauben, daß Sie irre geleitet +sind, und daß Ihre Ergebenheit für Ihren König von gewissenlosen Agenten +gemißbraucht ist. Sagen Sie offen und ehrlich Alles, was Sie über die +Sache wissen,--ich wiederhole Ihnen, es ist der einzige Weg, um Sie vor +scharfer Strafe zu schützen. + +"Herr Amtmann," rief Cappei in verzweiflungsvollem Ton, "ich muß +glauben, daß hier eine niederträchtige Bosheit verübt worden ist, um +mich von meiner Geliebten zu trennen. Ich schwöre Ihnen, ich weiß von +nichts,--ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich habe keine Ahnung von +diesen Briefen, und die Schreiben von mir, welche Sie da vor sich haben, +enthalten keinen verborgenen Sinn." + +Der Beamte schien betroffen von dem Ton der Wahrheit in den Worten des +jungen Mannes. + +"Ich will in Ihrem Interesse wünschen," sagte er, "daß es so ist, wie +Sie sagen, und daß Sie Ihre Unschuld beweisen können. Indeß die Indicien +erscheinen zu gravirend, und die Agitationen, um die es sich hier +handelt, sind zu staatsgefährlich, als daß ich es verantworten kann, Sie +in Freiheit zu lassen. Ich will indeß Anordnungen treffen, daß Sie gut +behandelt werden, und dafür sorgen, daß Ihre Sache so schnell als +möglich untersucht wird. Denken Sie genau über Alles nach und bedenken +Sie, daß die größte Offenherzigkeit in Ihrer Lage das Beste ist. + +Führen Sie den Arrestanten ab," sagte er, zu dem Amtsdiener gewendet. + +In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach dem in einem +Seitenflügel des Amtshauses befindlichen Arrestlocal führen. Er bat den +Amtsdiener nur noch, seinem Oheim und seiner Mutter Nachricht von seiner +Verhaftung zu geben und warf sich dann in dumpfer Verzweiflung auf das +einfache Bett mit einer Strohmatratze, welche nebst einem hölzernen +Tisch das ganze Ameublement des Zimmers ausmachte, dessen Fenster mit +Eisenstäben vergittert waren und vor dessen Thür sich klirrend der +schwere Riegel schob, der ihn von der Freiheit und von allen seinen +Zukunftsträumen und Hoffnungen trennte. + + + + +Viertes Capitel. + + +Wochen waren seit dem Plebiscit verflossen, die große Mehrzahl des +französischen Volkes hatte sich in ihrem Votum aufs Neue für das +Kaiserreich und die neue Verfassung desselben erklärt,--die Elemente des +Aufruhrs, welche einen Augenblick ihr Haupt aus den finsteren Vorstädten +von Paris erhoben, hatten sich wieder in ihre dunklen Schlupfwinkel +zurückgezogen, die unbequemen Mitglieder des Cabinets waren entfernt, +der Herzog von Gramont war von Wien gekommen und hatte das Portefeuille +der auswärtigen Angelegenheiten übernommen, und der Kaiser sah sich +umgeben von lauter Männern, welche sowohl dem Prinzip seiner Regierung, +als ihm persönlich vollkommen ergeben waren, und welche er, wenn er sich +die Mühe geben wollte, leicht und vollständig nach seinem Willen zu +lenken im Stande war. + +Alles schien vortrefflich geordnet und glänzend befestigt. Der +kaiserliche Hof hatte sich nach Fontainebleau begeben, es fanden dort +jene reizenden, kleinen Gartenfeste Statt, welche die Kaiserin mit ihrem +intimen Cirkel so ausgezeichnet zu arrangiren verstand. Die Zeitungen +beschäftigten sich im Ganzen wenig mit der Politik. Sie berichteten über +die Toiletten der Damen bei den Soiréen à la Watteau, welche unter dem +tiefen Schatten der Bäume des Parks von St. Cloud Statt fanden. Sie +erzählten mit hoher Befriedigung, daß die Gesundheit des Kaisers ganz +vortrefflich sei und daß Seine Majestät Napoleon III in seinem kleinen +Privatgarten in St. Cloud mit ganz besonderem Eifer sich mit der Cultur +der Rosen beschäftige und nahe daran sei, das große Problem der +Horticultur zu lösen und eine schwarze Rose zu erzielen. + +Die Zeit der Villeggiaturen begann, Graf Bismarck ritt in Varzin +spazieren, Seine Majestät der König Wilhelm badete in Ems, und der +Kaiser Napoleon mit einer blauen Schürze und einer großen Scheere in der +Hand, pflegte seine Rosen im Garten von St. Cloud. + +Der Genius des tiefen Friedens hatte sich über Europa herabgesenkt, die +Zeitungsredacteure und Correspondenten in allen Hauptstädten der Welt +konnten trotz des sorgfältigsten Spürens an dem blauen Sonnenhimmel der +Politik kein Wölkchen entdecken, aus welchem sich irgend eine +meteorologische Combination hätte machen lassen,--und die Berichte der +Zeitungen waren wahr. Denn an einem schönen, glänzenden Sommermorgen +hätten diejenigen, welche in das abgeschlossene Innere der +Sommerresidenz von St. Cloud zu blicken im Stande gewesen wären, den +Kaiser Napoleon in der That sehen können, wie er, einen breiten Strohhut +auf dem Kopf, von seinem Gärtner begleitet, zwischen den Rosenbeeten +umherging, und mit liebevoller Sorgfalt alle diese Sträucher und Stämme +musterte, auf denen so viel gestaltig und verschieden farbig die Königin +der Blumen ihre Blüthen entfaltete. Er prüfte genau jeden Stock und +jeden Zweig, er schnitt jede welkende Blüthe und jedes trocknende Blatt +ab, Alles in ein Körbchen werfend, das der Gärtner trug und sorgfältig +darüber wachend, daß kein gelbes Blatt auf den reinen Kies der Gänge +fiel. Er forschte sorgfältig nach dem Mehlthau, diesem bösen Feinde der +Rosen und blies, wenn er etwas davon entdeckte, den Dampf seiner großen +braunen Havannacigarre auf die kleinen Milben, vergnügt zusehend, wie +dieselben betäubt zu Boden fielen. + +Bei allen diesen Operationen mußte er sich oft zu den kleinen +Sträuchern herunterbücken, oft sich neben den hohen und schlanken +Stämmen auf die Spitzen der Zehen erheben, wodurch zuweilen sehr +complicirte und schwierige Stellungen hervorgerufen wurden, in denen die +kleine, von dem großen Panamastrohhut überdachte Gestalt des Kaisers für +alle Diejenigen einen sehr befremdenden und erstaunlichen Eindruck +gemacht haben würde, welche gewohnt waren, ihn von den Hundertgarden +umgeben bei den großen Truppenrevuen oder bei den großen Empfängen in +den Tuilerien inmitten der Großwürdenträger unter dem kaiserlichen +Thronhimmel stehen zu sehen. Aber das Gesicht des Kaisers war hier, wenn +er klein zusammengebückt vor einer Zwergrose saß, oder wenn er sich mit +Mühe zu einer hochstämmigen Centifolie emporhob, unendlich heiterer und +glücklicher, als in jenen Augenblicken der glänzenden, kaiserlichen +Repräsentation, sein sonst so undurchdringlich verschleierter Blick +ruhte hier frei und klar auf den Pflanzen und Blüthen, diesen ewig +jungen Kindern der stets sich erneuenden Natur, seine Lippen lächelten +und auf seinem welken, von den Linien des Alters bereits tief +durchfurchten Gesicht lag der Schimmer einer natürlichen, fast +kindlichen Heiterkeit. Er war hier der Mensch, der seine Freude hatte an +dem, was alle Menschenherzen erfreut hat, seit das Schöpfungswort +Gottes allerlei Kräuter und Blumen auf der zwischen Licht und Finsterniß +gestellten Erde erwachsen ließ, und alle Diejenigen, welche den Kaiser +haßten und bekämpften im großen Ringen des politischen Lebens, sie wären +hier vor dem Menschen entwaffnet gewesen,--denn nur ein guter Mensch +kann sich in seinem Herzen die kindlich reine Freude an der einfachen +Natur bewahren. + +Der Kaiser blieb vor einem mittelgroßen Stamm stehen, aus dessen +dunkelgrünen Blättern Knospen mit tief dunklen Spitzen hervorragten. Der +Kaiser betrachtete sorgfältig prüfend diese Knospen, die alle noch +geschlossen waren, vorsichtig die Zweige auseinander biegend, suchte er +nach, ob nicht irgend eine sich bereits geöffnet habe. + +Plötzlich stieß er einen leichten Schrei aus. An der anderen Seite des +kleinen Baumes, welche dem Morgensonnenlicht zugewendet war, entdeckte +er eine halb erschlossene Blüthe, deren tief dunkle Blätter so eben die +Umhüllung gesprengt hatten. + +"Ah," sagte er, indem er mit der Hand dem Gärtner winkte, welcher rasch +herzutrat, "da ist die Lösung meines Problems, die Blüthe ist +erschlossen und"--er blickte ganz enttäuscht und niedergeschlagen auf +die Blume. + +Die dunklen Blätter derselben, welche beim ersten Anblick schwarz +erschienen waren, schimmerten im Strahl des darüber hin streifenden +Sonnenlichts in einem sehr deutlichen Purpurblau. + +"Die Rose ist blau," sagte der Kaiser, indem er vorsichtig die Blüthe +erfaßte und sie hin und her wendete. + +Aber von welcher Seite auch der Strahl der Sonne darauf fallen mochte, +immer zeigte sich der blaue Glanz. + +Der Gärtner lächelte mit einer gewissen Miene der Ueberlegenheit. + +"Ich habe es Eurer Majestät immer gesagt," sprach er, "daß es Ihnen +niemals gelingen wird eine schwarze Rose zu ziehen. Die Natur hat die +schwarze Farbe nicht, und so sehr sich auch die verschiedenen Farben +immer mehr und mehr verdunkeln mögen, es wird Ihnen doch niemals +gelingen, sie bis zum wirklichen Schwarz zu bringen." + +"Aber man hat doch die schwarze Farbe in der Thierwelt," sagte der +Kaiser. "Das Haar des Menschen ist schwarz, das Gefieder so manchen +Vogels"-- + +"Ich glaube, daß Eure Majestät sich täuschen," sagte der Gärtner +kopfschüttelnd, "Alles das ist nicht schwarz,--es sind nur tiefe +Schattirungen irgend einer anderen Farbe, deren Grundton Sie im +Sonnenlicht leicht erkennen können. Die wirklich schwarze Farbe kommt in +der Natur nicht vor, sie kann nur von Menschen künstlich geschaffen +werden." + +Der Kaiser ließ die Blüthe los. Sein bisher so heiteres Gesicht wurde +ernst, seine Augen verschleierten sich, trübe blickte er vor sich +nieder. + +"Die Natur schafft die schwarze Farbe nicht," sagte er--"das menschliche +Herz ist auch eine Schöpfung dieser Natur, und doch ist die Sorge so +schwarz, welche dieses Menschenherz erfüllt,--die Menschen müssen +künstlich die schwarze Farbe schaffen,----sind alle die Sorgen, die uns +quälen, nicht auch künstliche Schöpfungen einer der reinen und heiteren +Natur entfremdeten Welt,--aus den wir uns dennoch nicht losmachen +können," fügte er seufzend hinzu, "um wieder zur Reinheit und Freiheit +der Natur zurückzukehren,--einer Welt, aus der uns nur der Tod +hinausführt, der uns mit dem letzten und tiefsten Schwarz +bedeckt----werden wir dahinter," sprach er tief sinnend weiter, "eine +neue Welt voll Licht und Farbenglanz finden, oder wird dieser letzte +schwarze Grund für immer alles Licht und alle Farben aufsaugen?" + +Er stand noch einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken, dann nahm +er seine blaue Schürze ab, reichte dieselbe mit der Scheere, deren er +sich zum Schneiden der Zweige bedient hatte, dem Gärtner,--grüßte +denselben freundlich mit der Hand und warf noch einen langen wehmüthigen +Blick über seinen blühenden Rosengarten,--dann wandte er sich schnell um +und stieg die Stufen hinauf, welche ihn in sein Zimmer führten. + +All das helle Licht, welches ihn im Garten umgeben hatte, all die +freundliche Heiterkeit, welche ihn dort erfüllt hatte, schien wie +verschwunden zu sein. Ernst und sorgenvoll trat er zu seinem +Schreibtisch, auf welchem Pietri am Morgen die zu des Kaisers eigener +Durchsicht bestimmten Correspondenzen gelegt hatte und ließ sich in dem +davor flehenden tiefen Lehnstuhl von Rohrgeflecht mit einem länglich +runden Sitzkissen nieder. + +"Die glücklichen Augenblicke des Tages sind vorüber," sagte er, "die +Sorge tritt wieder in ihr Recht und trotz des Anscheins von Ruhe und +Sicherheit, welche Frankreich und die Welt heute darbietet, stehe ich +heute mehr als je vor ungelösten Fragen der Zukunft. Dieses Deutschland +consolidirt sich," sagte er, "Österreich schwankt und trotz aller guten +Dispositionen des Königs Victor Emanuel wendet sich die öffentliche +Stimmung in Italien mehr und mehr von mir ab, so daß es schwer sein +wird, eine Allianz mit dieser Macht, welche ich geschaffen habe, zu +schließen. Und selbst wenn es gelänge," fuhr er fort, "würde eine solche +Allianz im Augenblick einer entscheidenden Action--im Augenblick der +Gefahr vielleicht--gehalten werden? Die meisten Sorgen aber," sagte er +nach einigen Augenblicken, "machen mir diese spanischen Angelegenheiten, +die Candidatur des Herzogs von Montpensier wird eifrig betrieben und +trotz der geringen persönlichen Popularität des Herzogs kann sie +urplötzlich mir entgegentreten, denn schließlich wird man dort nach +jedem Auskunftsmittel greifen, um nur wieder zu geordneten Zuständen zu +gelangen, und die Orleans verstehen sich auf die Agitationen und die +Intriguen. Aber ich muß Alles aufbieten, um ein orleanistisches +Königthum in Spanien zu verhindern. Ich habe soeben den Einfluß +gebrochen, welchen diese erbittertsten und gefährlichsten Feinde meiner +Regierung und meiner Dynastie hier in Frankreich wieder zu erringen +begannen, und würden sie jemals in Spanien festen Fuß fassen, so würde +ihre Agitation trotz der Pyrenäen mit erneuter Kraft Frankreich +durchziehen. Der Erbprinz von Hohenzollern wäre vielleicht eine Lösung +gewesen,--und ich will diesen Faden nicht ganz aus der Hand lassen, +aber das Erste und Nächstliegende ist doch die Wiederherstellung der +Dynastie der Königin Isabella unter dem Prinzen von Asturien. Meine +Einleitungen sind getroffen: Olozaga ist der Combination günstig, und +dieser eitle Serrano wird lieber der Majordomus des unmündigen Don +Alphonso sein, als einfacher General unter dem Herzog von Montpensier, +der sich seiner wahrscheinlich bald entledigen würde--was vielleicht +Prim auch thun wird," fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu--"den +ich vorläufig ganz aus dem Spiel lassen muß, um ihn mir für jene +hohenzollersche Eventualität im äußersten Falle zu reserviren." + +Er beugte sich über seinen Schreibtisch und ergriff die auf demselben +zurecht gelegten Briefe. Nach flüchtigem Überblick warf er mehrere +derselben bei Seite, dann ergriff er lebhaft einen andern und lehnte +sich, denselben in der Hand haltend, in seinen Stuhl zurück. + +"Von meinem Agenten in Spanien," rief er,--"vielleicht nähert sich diese +Sache ihrem Ende." + +Er durchflog rasch die ersten Zeilen des Briefes. + +"Alles ist vorbereitet," las er dann, den Zeilen folgend, "die +maßgebenden Personen sind der Proclamation des Prinzen von Asturien +günstig. Das Volk im Ganzen mit Ausnahme einiger unterwühlten großen +Städte würde jede feste Regierung, welche Ruhe und Stabilität verbürgt, +mit Freuden begrüßen. Die Armee ist zum großen Theil ganz alphonsistisch +gesinnt und die Proklamation des Prinzen, namentlich wenn derselbe die +unmittelbare und bestimmte Anerkennung Frankreichs fände, würde nirgends +ernsten Schwierigkeiten begegnen. Vor allen Dingen aber ist es nöthig, +daß die Königin Isabella so schnell als möglich feierlich abdicirt und +alle ihre Rechte auf ihren Sohn überträgt, zugleich auch jeden Anspruch +auf die Regentschaft ausdrücklich aufgiebt und sich verpflichtet, auch +nach der etwaigen Thronbesteigung ihres Sohnes im Auslande zu leben und +nicht nach Spanien zurückzukehren. Dies Document ist unerläßlich für +jede weitere Thätigkeit, denn Niemand, die Alphonsisten ebenso wenig, +wie alle Andern, will die Rückkehr der Königin, und man fürchtet, daß +selbst bei ihrer persönlichen Anwesenheit in Spanien sie und ihre +Umgebung auf die Regierung von Neuem einen Einfluß ausüben würden, den +man mit Recht oder Unrecht für verderblich hält. Wenn Eure Majestät die +Abdication der Königin in der oben angedeuteten Weise erreichen können, +so scheint die Thronbesteigung des Prinzen von Asturien sicher zu sein." + +Der Kaiser warf den Brief zurück. + +"Ich kann mich auf diese Mittheilung verlassen," sagte er,--"das Glück +scheint mir zu lächeln. Die Regierung des Prinzen von Asturien, mag sie +in seinem Namen geführt werden, durch wen sie wolle, wird Frankreich +günstig sein und in der auswärtigen Politik im Großen und Ganzen +derjenigen der Königin Isabella sich anschließen. Vor allen Dingen aber +wird sie dem Herzog von Montpensier und den Orleans unversöhnlich +feindlich sein--vielleicht ließe sich dann doch noch auf jene +Combination zurückkommen, welche durch diese unglückliche Revolution in +Spanien vereitelt wurde.-- + +Die Königin wird sich freilich schwer zur Abdankung entschließen. Das +Document darüber ist schon aufgesetzt und befindet sich in ihren Händen. +Sie hat bis jetzt die Unterzeichnung verweigert, weil sie Bürgschaft +verlangte, daß nach ihrer Abdication die Thronbesteigung ihres Sohnes +wirklich gesichert sei. Ich glaube ihr nach dieser Nachricht, welche +durch die Mittheilungen Olozaga's vollständig bestätigt wird, jede +Garantie geben zu können." + +Er sann einige Minuten nach. + +"In Augenblicken wie dieser," sagte er dann, "kommt es auf schnelles und +entschiedenes Handeln an. Günstige Situationen muß man benutzen und zu +rascher Entscheidung führen,--man weiß niemals, wie lange sie dauern +können. Ich will sogleich zur Königin, um womöglich gleich die Sache mit +einem Schlage zu erledigen." Er klingelte. + +"Meinen Wagen," befahl er dem eintretenden Kammerdiener, "große +Attelage, ich will nach Paris fahren. General Favé soll mich begleiten." + +Er stand auf und ging in sein Toilettenzimmer. + + * * * * * + +An der Avenue du Roi de Rome liegt das prachtvolle Hotel Basilensky, +welches die Königin Isabella gekauft und eingerichtet hatte und über +dessen vergoldeten Gitterthoren der Lilienschild des königlichen Wappens +von Spanien glänzte. + +Die innere Eingangsthür dieses Hotels stand weit offen und ließ durch +die Gitter des äußeren Hofes den Blick in die prachtvolle weite Halle +dringen, in deren Hintergrund die breite Marmortreppe nach den obern +Gemächern emporführt. + +In dieser Halle war die Dienerschaft der Königin in ihrer dunkelblauen +goldgestickten Livrée mit den rothen Strümpfen aufgestellt, und am Fuß +der Treppe stand der Graf von Ezpeleta, der Oberhofmeister der Königin, +ein alter Mann mit grauem Haar, mit dem großen blauen Bande des Ordens +Karls III. geschmückt; neben ihm der Kammerherr Albacete, ein noch +junger, schöner Mann mit schwarzem gelocktem Haar, kleinem schwarzem +Schnurrbart und dunklen Augen, mit dem Cordon des Ordens Isabella der +Katholischen. + +Bereits eine Viertelstunde standen die beiden Herren hier, von Zeit zu +Zeit einige Worte mit einander wechselnd und oft ungeduldig durch die +Thür nach dem Vorhof hinaus blickend, zu welchem wenige Stufen +hinabführten. + +Endlich fuhr ein einfaches Coupé mit dunkler Livrée durch das Gitterthor +in den Hof und hielt vor dem Haupteingang des Hotels. + +Graf Ezpeleta eilte schnell an den Schlag des Wagens, den der vom Bock +herabspringende Diener bereits geöffnet hatte. Herr von Albacete folgte +ihm, den Hut in der Hand; beide Herren verbeugten sich tief vor einem +jungen Manne von etwa zwei und zwanzig Jahren, der hoch und schlank +gewachsen war und leicht und gewandt aus seinem Wagen auf den Boden +sprang. + +Dieser junge Mann hatte ein blasses längliches Gesicht von vornehm +strengem, aber ein wenig apathischem Ausdruck. Seine Nase war lang und +etwas stark, die von Natur weichen Linien seines Mundes waren durch +feste und energische Willenskraft zusammengezogen,--aus seinen kleinen +Augen leuchtete ein hoher unbeugsamer Stolz. Er trug einen schwarzen +Salonanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, das goldene Vließ am rothen +Bande um den Hals. + +Mit einer leichten Neigung des Kopfes, ohne den Hut zu berühren, +erwiderte er die ehrfurchtsvollen Begrüßungen des Grafen Ezpeleta und +des Herrn von Albacete. Dann stieg er, ohne ein Wort an die Herren zu +richten, die Stufen des Eingangs hinauf und schritt durch die Reihen der +sich tief verneigenden Lakaien zu der großen Treppe hin, während Herr +von Albacete halb rückwärts gewendet, einige Schritte vor ihm herging, +und der Graf Ezpeleta ehrerbietig ihm folgte. Der junge Mann stieg mit +leichtem elastischem Schritt die Stufen der Treppe hinauf. + +Am obern Ende derselben vor dem Eingang in ihre Gemächer stand die +Königin Isabella. Sie trug eine weite Robe von dunkelblauer Seide, das +rothe Band des goldenen Vließes um den Hals. + +Ihr zur Seite befand sich die Gräfin Ezpeleta und einige Hofdamen. + +Der junge Mann, welchen die Cavaliere der Königin mit so viel Ehrfurcht +begrüßt hatten, stieg ruhig die letzte Stufe der Treppe hinauf, und erst +als er unmittelbar vor der Königin stand, nahm er mit einer Bewegung +voll ritterlicher Höflichkeit, aber ohne jeden Ausdruck von Ehrerbietung +oder Unterwürfigkeit den Hut ab, ergriff die Hand, welche die Königin +ihm entgegenstreckte und führte sie leicht an die Lippen. + +"Ich danke Ihnen, mein Vetter," sagte die Königin, "daß sie gekommen +sind, und ich bitte Gott, daß er unsere Begegnung und unsere Unterredung +segnen möge zum Wohle Spaniens und zum Wohl unseres Hauses." + +Der Infant Don Carlos, welchem man bei seiner Geburt den Namen des +Herzogs von Madrid gegeben, welcher in der Verbannung den Titel eines +Grafen von Monte Molin führte, und welchen die spanischen Legitimisten +den König Carlos VII nannten, erwiderte nichts auf diese Worte. +Schweigend reichte er der Königin den Arm und führte sie durch einen +großen, mit reich vergoldeten Meubeln ausstatteten Salon, in welchem +über den Fenstern und Thüren, so wie über dem großen prachtvollen Kamin +die Lilien des königlichen Hauses von Bourbon auf blauem Grunde +glänzten, nach dem Cabinet der Königin, welches von dem vordern Salon +durch eine einzige große Glaswand aus mächtigen Spiegelscheiben getrennt +war, so daß man aus dem einen Raum vollständig den andern übersehen +konnte. + +Dies Cabinet, in welchem die Königin ihre Audienzen zu ertheilen +pflegte, war mit weißem Marmor ausgelegt, neben dem Kamin, welcher der +Glaswand sich gegenüber befand, standen einander gegenüber einige große +Fauteuils mit vergoldeter Lehne und mit purpurrothem Seidendamast +überzogen. + +Die Königin nahm auf einem dieser Lehnstühle Platz. Don Carlos setzte +sich, immer schweigend und kalt, ihr gegenüber. + +"Erlauben Sie, mein Vetter," sagte Isabella, absichtlich jede Titulatur +in ihrer Anrede vermeidend, "daß ich Ihnen die Infanten, meine Kinder, +vorstelle?" + +Der Graf von Monte Molin neigte artig das Haupt. + +Die Königin winkte durch die Glaswand nach dem andern Zimmer hin, in +welchem ihr Gefolge zurückgeblieben war, und kurze Zeit darauf führte +die Gräfin Ezpeleta den dreizehnjährigen Prinzen Alphons von Asturien +und seine drei jüngeren Schwestern in das Cabinet, worauf sie sich +wieder in das Vorzimmer zurückzog. + +Der Prinz von Asturien, ein bleicher, zarter Knabe mit sanftem und +kränklichem, aber intelligentem Gesicht, in einen Anzug von schwarzem +Sammet gekleidet, welcher die zarte Farbe seines Gesichts noch mehr +hervorhob, näherte sich mit offenem und unbefangenem Anstand dem Grafen +von Monte Molin. Er küßte seinem Oheim die Hand, während die drei +Infantinnen sich in einer gewissen kindlichen Befangenheit neben den +Stuhl ihrer Mutter stellten. + +"Don Alphonso," sagte die Königin, ihren Sohn vorfallend, "Donna Maria +del Pilar--Donna Maria della Pay,--Donna Eulalia,"--fuhr sie fort, die +kleinen Prinzessinnen bezeichnend, welche sich nach der Reihe ihrem +Oheim näherten und ihre Lippen auf seine Hand drückten. + +Das bisher so ernste, strenge und unbewegliche Gesicht des Grafen von +Monte Molin wurde einen Augenblick von einem feuchten Schimmer +überstrahlt. Ein weiches und inniges Gefühl leuchtete aus seinen Augen, +wie in unwillkürlicher Bewegung umarmte er den Prinzen von Asturien, zog +dann die kleinen Infantinnen an sich heran und küßte sie eine nach der +andern auf die Stirn. + +"Die lieben Kinder," sagte er,--"die Glücklichen, die noch allen Sorgen +des Lebens--und der Politik fern stehen,--Gott segne sie." + +Die Königin hatte mit bewegtem Ausdruck diese Scene mit angesehen, eine +tiefe, mächtige Rührung zuckte über ihr Gesicht, ein feuchter Schimmer +verhüllte ihren Blick. Dann winkte sie mit der Hand, die Gräfin +Ezpeleta erschien wieder und führte, sich tief und ceremoniell +verneigend, die Kinder hinaus. + +"Ich habe Sie gebeten, zu nur zu kommen, mein Vetter," sagte die +Königin, "um mit Ihnen über die Lage Spaniens zu sprechen und mit Ihnen +zu berathen, was wir, die wir durch unser Blut mit dem Geschick der +spanischen Nation verknüpft sind, thun können, um das edle Volk aus +seiner traurigen Lage zu befreien und um auch in unserm Hause den +Frieden wieder herzustellen." + +Das Gesicht des Grafen von Monte Molin nahm wieder seinen früheren, +kalten und strengen Ausdruck an. + +"Über die spanische Nation," sagte er, "ist das Strafgericht +hereingebrochen, dem kein Volk entgehen kann, das sich von Gott abwendet +und das heilige Recht seiner Könige verleugnet. Spanien wird durch +dieses Strafgericht geläutert und so Gott will, einer glücklichen +Zukunft zugeführt werden." + +"Sie haben Recht, mein Vetter," sagte die Königin mit sanfter Stimme. +"Indeß," fuhr sie fort, "ist das spanische Volk vielleicht entschuldbar, +wenn es sich über das Recht seiner Fürsten täuscht, da ja bei den +Trägern dieses Rechts selbst zwei verschiedene Anschauungen über +dasselbe bestehen." + +"Es giebt nur ein Recht," erwiderte Don Carlos, "und wenn zwei +verschiedene Anschauungen darüber bestehen, so trifft die Schuld +denjenigen Fürsten unseres Hauses, welcher in unverzeihlicher Weise die +alten, die heiligsten Satzungen nach seiner persönlichen Willkür zu +ändern unternommen hat. Und Ruhe und Frieden," fuhr er in klangvoller +Stimme fort, "wird in Spanien nicht eher wieder herrschen, als bis das +alte, gottgeheiligte Recht wieder zur vollen Geltung gekommen ist." + +"Ich will darüber nicht mit Ihnen streiten, mein Vetter," sagte die +Königin, "wo das wahre Recht liegt. Sie müssen mir aber zugeben," fuhr +sie fort, indem sie ihn mit weichem Blick ansah und die Hand wie bittend +gegen ihn erhob, "daß ich unschuldig bin an dem, was vor mir--was zu +meinen Gunsten geschah. Ich habe im guten Glauben meinen Thron +bestiegen, überzeugt, daß das Gesetz, welches mich auf denselben berief, +ein im Rechte begründetes gewesen sei." + +"Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, meine Cousine," sagte Don Carlos, in +sanftem Tone, "es ist Ihre Schuld nicht, daß Sie die Vertreterin eines +Prinzips geworden sind, welchem dem wahren Königthum und der von Gott +eingesetzten Monarchie ebenso feindlich gegenüber steht, als es diese +Revolution thut, welche heute unser armes Spanien zerrüttet." + +"Wenn Sie das anerkennen, mein Vetter," sagte die Königin, "so werden +Sie mit mir auch den Wunsch theilen, daß das traurige Zerwürfniß, +welches die Linien unseres königlichen Hauses von einander trennt, und +welches uns unsern Gegnern gegenüber schwächt und lähmt, beendet werde. +Sie werden gewiß die Hand dazu bieten, daß wieder das Königthum in +Spanien einig und in geschlossener Macht den Elementen des Unglaubens +und Aufruhrs gegenüber gestellt werde." + +Und in lebhafter, offener Bewegung reichte sie dem Infanten ihre Hand, +dieser berührte dieselbe sich artig verbeugend, einen Augenblick und +sprach dann, indem er die Königin gerade und fest ansah: + +"Sobald sich das ganze königliche Haus von Spanien unter meiner Fahne +vereinigt, wird jene traurige Spaltung verschwunden sein, und wir werden +kräftiger und erfolgreicher als bisher der Revolution gegenüber treten +können." + +Die Königin schwieg einen Augenblick. + +"Ich schwöre es Ihnen bei Gott, mein Vetter," sagte sie dann, "daß ich +mich wahrlich nicht nach der Herrschaft und nach dem Throne sehne,--sie +haben mir kein Glück in meinem Leben gebracht. Unruhe, Sorge und Kummer +ist mein Loos gewesen, und auch das Glück meines Herzens ist diesem +traurigen Glanz der Krone zum Opfer gefallen. Aber," fuhr sie fort, "ich +habe die Rechte meines Sohnes zu vertreten, und man sagt mir, daß die +monarchische Partei in Spanien zu einem großen Theil auf ihn seine +Hoffnungen setzt und durch seinen Namen zusammengehalten werde." + +Don Carlos hörte ruhig und unbeweglich zu. + +"Ich setze voraus," fuhr die Königin fort, "daß in Ihrem Herzen, wie in +dem meinen das Wohl Spaniens, die Größe und der Glanz unseres Hauses +weit über allen persönlichen Rücksichten und Wünschen stehen--wenn dies +der Fall ist, wenn wir uns darüber verständigen könnten, die +Vergangenheit und die Gegenwart einer besseren und glücklicheren Zukunft +zu opfern, so würde es vielleicht in unsere Hände gegeben sein, das +Schicksal Spaniens und unseres Hauses neuem Glück und neuem Glanz +entgegen zu führen." + +"Mein Volk und mein Haus stehen mir wahrlich höher, als meine Person," +erwiderte Don Carlos, "und für das Wohl Beider bin ich jeden Augenblick +bereit, mich zum Opfer zu bringen." + +"Oh," rief die Königin lebhaft, "dann werden Sie gewiß auf die Idee +eingehen, die ich Ihnen aussprechen möchte,--eine Idee, von der mir so +viele einsichtsvolle Personen sagen, daß durch sie Spanien aus seinem +jetzigen, traurigen Zustand gerettet werden könne." + +Don Carlos sah die Königin fragend an. + +"Mein Vetter," fuhr Isabella fort, "Sie sind der Vertreter des Rechts +der einen Linie unseres Hauses; ich stehe an der Spitze der andern. Sie +haben zahlreiche opferbereite Anhänger in Spanien, und auch an mir hängt +noch ein großer Theil des Volkes und der Armee. Könnten wir diese Alle +vereinigen zu gemeinsamem Kampf, der Sieg müßte unser sein. Und dazu +gehört," fuhr sie fort, "nichts weiter, als daß wir, Sie und ich auf den +Thron verzichten, daß wir die Selbstverleugnung haben, unsere eigenen +persönlichen Rechte aufzugeben, um diejenigen unserer Kinder sicher zu +stellen. Mein Vetter, vereinigen wir unsere beiden Linien und deren +Rechte, beschließen wir die Verbindung meines Sohnes, den Sie so eben +gesehen, mit der Infantin, Ihrer Tochter. Wenn ich dann auf die Krone +verzichte, die ich getragen und welche die Revolution mir vom Haupte +gerissen hat, wenn Sie Ihre persönlichen Ansprüche auf die älteren +Rechte Ihrer Linie aufgeben, so wird Don Alphonso der allein berechtigte +und allseitig anerkannte König von Spanien werden, Ihre Tochter wird +dereinst seinen Thron mit ihm theilen, und in Zukunft wird das +vereinigte Blut beider Linien unseres Hauses das ungetheilte +monarchische Prinzip aufrecht erhalten." + +Don Carlos sah die Königin, welche immer bewegter gesprochen hatte, mit +einem gewissen Erstaunen an. + +"Eine Verbindung des Infanten Don Alphonso," sagte er, "mit meiner +Tochter ist ein Gegenstand, der wohl ernste Erwägung verdient und der +allerdings dazu beitragen möchte, die so beklagenswerte Spaltung des +königlichen Hauses von Spanien auszugleichen. Doch begreife ich nicht, +Madame," fuhr er fort, "wie durch eine solche Verbindung Don Alphonso +unmittelbare Rechte auf den spanischen Thron erwerben sollte, selbst +wenn ich auf die meinigen verzichten würde, was nach meiner Überzeugung +kein Fürst, den Gott zum Throne hat geboren werden lassen, thun darf." + +"Wenn Sie, mein Vetter," erwiderte die Königin "zugleich mit der +besprochenen Verbindung Don Alphonso adoptiren würden, so wären, wie mir +scheint, alle Schwierigkeiten gelöst, der Infant würde in seiner Person +die Rechte Ihrer und meiner Linie vereinigen und der einzige Mittelpunkt +für alle Anhänger und Vertheidiger der Monarchie in Spanien sein." + +Don Carlos richtete sich hoch empor. + +"Ich bewundere, Madame," sagte er mit schneidendem Hohn, "die Klugheit +Ihrer Rathgeber, welche die Schwierigkeiten auf so einfache Weise lösen +wollen, auf die so unendlich einfache Weise, daß sie das hohe und +unveräußerliche Recht, welches Gott mir und meinen Nachkommen gegeben, +einfach wegwerfen und alle die Rechtswidrigkeiten anerkennen, durch +welche Spanien in sein gegenwärtiges Unglück gestürzt ist." + +"Aber, mein Gott," sagte die Königin erstaunt über die plötzliche +Veränderung in dem Gesichtsausdruck und Ton des Grafen von Monte Molin, +"der Vorschlag, den ich so eben gemacht, beruht ja auf der Anerkennung +Ihres Rechtes, denn mein Sohn soll ja den spanischen Thron gerade +gestützt auf unsere beiden bisher sich entgegen stehenden Rechte in +Anspruch nehmen." + +"Das heißt mit andern Worten," fiel Don Carlos ein, "ich soll mit +meinem königlichen Siegel legalisiren, was zur Verletzung des legitimen +Rechts geschehen ist. Ich soll aufgeben alle Ansprüche, welche Gottes +Willen mir gegeben und soll das alte heilige Recht in den Dienst treten +lassen der willkürlichen Verfügungen, welche die unumstößlichen +Satzungen des spanischen Königshauses verändert haben. Und wenn ich für +meine Person dies Opfer bringen wollte, wenn ich auf mein Recht +verzichten wollte, um das Unrecht zu sanctioniren, wie könnte ich eine +solche That vertreten meinen Nachkommen gegenüber, das darf ich Sie wohl +fragen,--Sie, Madame, die Sie von mir verlangen, daß ich Ihrem Sohn den +Anspruch opfern soll auf die Krone der edelsten und vornehmsten Nation +der Welt." + +"Aber, mein Vetter," sagte die Königin, "Sie haben nur eine Tochter und +wenn Sie heute König von Spanien werden, so wäre ja Don Alphonso Ihr +legitimer Erbe." + +"Sie vergessen, Madame," rief Don Carlos, "daß in den nächsten Tagen +vielleicht die Gnade der Vorsehung mir einen neuen Nachkommen schenken +wird. Wenn ich heute mit Ihnen diesen Kauf abschlösse," rief er lebhaft, +"über die Rechte und die Zukunft meines Hauses, und wenn dann dieses +Kind, das ich erwarte, ein Sohn wäre, müßte ich nicht erröthend die +Augen niederschlagen vor der Wiege des Säuglings, den ich um sein +königliches Recht vor seiner Geburt betrogen hätte. Nein, Madame," sagte +er kalt und ruhig, jedes Wort scharf und nachdrücklich betonend, "seien +Sie überzeugt, daß niemals, niemals von mir ein solcher Pact geschlossen +werden wird, und selbst wenn ich heute ein Greis wäre, der keine +Nachkommenschaft mehr zu erwarten hat--selbst dann würde ich meine +persönlichen Rechte nicht veräußern,--versagt mir Gott einen Sohn, so +ist der Infant Don Alphonso mein natürlicher und berechtigter +Nachfolger, ich werde ihn als solchen lieben und dahin arbeiten, ihm ein +großes und ruhmreiches Erbe zu hinterlassen,--aber so lange ich lebe," +fuhr er fort, indem er aufstand, und die Hand wie zur feierlichen +Bekräftigung seiner Worte emporhob, "so lange ich lebe, giebt es in +meinen Augen auf Erden keinen anderen König von Spanien als mich--in +Gottes Hand steht es, ob ich mein Recht erringen werde, oder ob mir das +hohe Ziel um der Sünden meiner Väter und um der meinigen willen versagt +bleiben soll--ich aber werde nichts unterlassen, um den Thron, zu dem +mich Gott hat geboren werden lassen, mir und meinem Hause wieder zu +erobern, mit Niemandem in der Welt werde ich über dieses mein höchstes +Recht, das zugleich meine heiligste Pflicht ist, handeln oder Verträge +schließen,--und eine innere Stimme sagt mir, daß dereinst noch die alte +Fahne des reinen legitimen Rechts siegreich in Spanien wehen wird. Dann, +Madame," fuhr er mit mildem Tone sich zur Königin wendend fort, "werde +ich Sie willkommen heißen im Escurial, Ihr Sohn wird der erste Prinz +meines Hauses--und vielleicht mein Nachfolger und Erbe sein. Ich werde +Gott bitten, daß er Sie und die Ihrigen erleuchten möge, Sich seinen +ewigen Ordnungen zu fügen, ich kann meinerseits von denselben nicht +abgehen." + +Die Königin erhob sich ebenfalls. + +"Ich bitte Sie, mein Vetter," sagte sie, "lassen Sie unsere Unterredung +nicht so enden, ich habe so große Hoffnungen auf unsere persönliche +Begegnung gebaut, bedenken Sie, daß die Spaltungen zwischen den beiden +Linien unseres Hauses ja nur unseren gemeinschaftlichen Feinden +nützt."-- + +"Ich darf nichts bedenken," erwiderte Don Carlos, "als daß Gott mir das +Recht zu bewahren gegeben, das ich aufrecht halten und vertheidigen +werde bis zu meinem letzten Athemzuge." + +Er näherte sich der Königin, welche unschlüssig und verwirrt da stand, +küßte ihr die Hand und sprach: + +"Gott segne Sie, Madame, und die Ihrigen;--wie auch das Schicksal der +Zukunft sich wende, ich werde niemals vergessen, daß das gleiche Blut in +unsern Adern rollt." + +Die Königin schien sprechen zu wollen. Don Carlos bot ihr mit einer +entschiedenen Bewegung seinen Arm, sie legte schweigend mit einem tiefen +Seufzer ihre Hand in denselben und geleitete den Infanten durch das +Vorzimmer nach der Treppe, wo er mit einer artigen Verbeugung seinen Hut +aufsetzte und, von dem Grafen Ezpeleta und dem Herrn von Albacete +begleitet, langsam und ruhig die Stufen hinabstieg. Sein Coupé fuhr vor, +er winkte leicht grüßend mit der Hand und fuhr durch das Gitterthor des +Hofes hinaus. + +"Alles vergebens," rief die Königin, als der Graf von Ezpeleta zu ihr +zurückgekehrt war und fragenden Blickes in ihr Cabinet eintrat,--"Alles +vergebens! Er ist unbeugsam! Er steht unerschütterlich fest auf dem +Boden seines Rechts. Und es wäre doch so schön gewesen," rief sie, "wenn +diese Verständigung gelungen wäre. Er hat mächtige Anhänger, wenn sie +sich mit den meinigen vereinigten, sie hätten die größten Aussichten auf +Erfolg gehabt. Aber so," fuhr sie fort, indem sie ihr Taschentuch heftig +zusammendrückte, "ist Alles in Frage gestellt. Man verlangt von mir die +Abdankung. Aber was wird dadurch gewonnen, wenn nicht zu Gunsten meines +Sohnes eine große, monarchische Partei gebildet werden kann?--ich würde +mein Recht aufgeben, ohne ihm dadurch die Nachfolge sichern zu können--" + +Eine Bewegung machte sich im Vorzimmer bemerkbar. + +Eiligst trat Herr von Albacete durch die Thür der großen Glaswand in das +Cabinet der Königin. + +"Seine Majestät der Kaiser ist so eben in den Hof gefahren!" rief er und +eilte schnell wieder hinweg, um den Kaiser zu begrüßen. + +Der Graf Ezpeleta folgte ihm, und die Königin ging mit ihren Damen +abermals nach dem Ausgang der großen Treppe, an welcher sie sich kurz +vorher von dem Grafen von Monte Molin verabschiedet hatte. + +Langsam und etwas schwerfälligen Schrittes stieg Napoleon die Stufen +hinauf. + +Er trug einen schwarzen Überrock und hielt seinen Hut und ein spanisches +Rohr mit goldenem Knopf in der Hand. Mit tiefer Verbeugung küßte er der +Königin die Hand und führte sie in das Cabinet zurück. + +"Ich habe Ihnen gute Nachrichten zu bringen, Madame," sagte er, nachdem +er ihr gegenüber vor dem Kamin Platz genommen. "Wie befinden sich die +Infanten?" + +"Ich danke, Eure Majestät," erwiderte die Königin, auf deren Gesicht bei +den ersten Worten des Kaisers der Ausdruck gespannter Erwartung +erschienen war, "sie befinden sich vortrefflich in dieser schönen Luft +des gastfreien Frankreichs, welche für sie nur den einzigen Fehler hat, +daß sie die Luft des Exils ist." + +"Und der König Don Franzesco," fragte der Kaiser, indem er leicht mit +der Hand über seinen Schnurrbart fuhr. + +"Er ist in München," sagte die Königin, "und braucht dort eine Kur," +fügte sie mit einem leichten unwillkürlichen Lächeln hinzu, "welche ihm +statt seines feinen Organs eine tiefe Stimme geben soll. Vielleicht wird +er nicht wieder zurückkehren," sagte sie ernst mit blitzenden Augen, "es +wäre in der That nicht--" + +"Erlauben Eure Majestät," fiel der Kaiser ein, "daß ich so schnell als +möglich auf den ernsten Gegenstand meines Besuches kommen darf. Ich habe +so eben," fuhr er fort, "gute und zuverlässige Nachrichten erhalten, daß +in der spanischen Armee und in einem großen Theil der Bevölkerung die +monarchische Restauration immer mehr Boden gewinnt, und daß sich diese +Restauration an den Namen des Prinzen von Asturien knüpft. Der +Proclamirung des Prinzen würde, wie ich Eurer Majestät ebenfalls +versichern kann, Olozaga und Serrano günstig sein. Es ist also nunmehr +die Bedingung eingetreten, welche Eure Majestät, und wie ich glaube mit +Recht, stets als unerläßlich für Ihre Abdication bezeichneten. In diesem +Augenblick würden Sie durch die Übertragung Ihrer Rechte auf Ihren Sohn +demselben nach aller wahrscheinlichen Berechnung wirklich die Nachfolge +auf den Thron zu sichern im Stande sein. Ich werde in der Lage mich +befinden, viel dafür zu thun, wenn Eure Majestät schleunigst das +Document vollziehen, welches den Prinzen von Asturien zum Vertreter +Ihrer Rechte macht. Ich habe mir erlaubt, schon vor einiger Zeit Eurer +Majestät den Sinn der Erklärung mittheilen zu lassen, welche eine solche +Abdankungsurkunde enthalten müßte." + +"Ich weiß es," sagte die Königin mit einem bittern Lächeln, "sie soll +nicht nur die Übertragung meiner königlichen Rechte, sondern auch die +Verpflichtung enthalten, daß ich auch nach der Thronbesteigung meines +Sohnes niemals wieder den spanischen Boden betrete." + +"Eure Majestät," sagte der Kaiser, "werden überzeugt sein, wie tief ich +die unglücklichen Ereignisse beklage, welche sich in Spanien zugetragen +haben, und wie dringend und lebhaft ich gewünscht hätte, Sie selbst +wieder den spanischen Thron besteigen zu sehen. Allein," fuhr er fort, +"Eure Majestät werden auch ebenso wie ich die Zukunft Ihres Hauses höher +stellen, als persönliche Wünsche,--man muß im politischen Leben stets +mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und Schweres thun, um ein großes +Ziel zu erreichen,--was heute eine Nothwendigkeit ist, um Ihrem Hause +seine Krone wieder zu gewinnen, wird nach einiger Zeit verschwinden. +Diejenigen, welche sich in so schmählicher Undankbarkeit gegen Eure +Majestät erhoben haben, fürchten heute natürlich den Einfluß, den Sie +bei Ihrer Anwesenheit in Spanien auf Ihren Sohn und dessen Regierung +gewinnen würden. Lassen Sie einige Zeit vorüber gehen--Jene werden +ohnehin ihrem Verhängniß verfallen,--und ich sehe den Tag kommen und +sollte er auch bis zur Großjährigkeit Ihres Sohnes hinausgeschoben +bleiben, an welchem Sie, Madame, unter dem Jubel des Volkes von Spanien +als die Mutter seines Königs wieder in Madrid einziehen werden." + +Die Königin blickte nachdenkend vor sich nieder. + +"Bedenken Eure Majestät," sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, +"daß in großen politischen Entscheidungsmomenten jede Zögerung +gefährlich werden kann--zögern Sie daher nicht, durch Ihre Abdankung die +Action derer zu ermöglichen, welche Ihren Sohn auf den Thron führen +wollen. Bedenken Sie, daß gewandte und unermüdliche Gegner ihm gegenüber +stehen. Würden Sie Sich je verzeihen können, wenn durch die Verzögerung +des Opfers, welches die Verhältnisse von Ihnen verlangen, jener Herzog +von Montpensier dennoch endlich an das Ziel seiner Intriguen gelangen +sollte." + +"Er," rief die Königin mit flammenden Blicken, indem sie den Kopf empor +warf, "er, der falsche Heuchler, den ich wie die Andern Alle mit +Wohlthaten überschüttet habe! Niemals! Niemals! Und dieser stolze, +hochmüthige Graf von Monte Molin," fuhr sie fort, "der jede +Verständigung zurückwies, der mich behandelt hat, wie ein König eine +Infantin seines Hauses--Keiner von ihnen soll triumphiren--ich will +jedes Opfer bringen," sagte sie mit entschlossenem Ton, "wenn Eure +Majestät mir versichern können, daß dadurch wirklich meinem armen Kinde +die Krone gesichert wird." + +Sie blickte den Kaiser scharf und forschend an. + +"Ich bin weder allwissend, Madame," sagte Napoleon, "noch +allmächtig,--indeß so weit menschliche Berechnung reicht, stehen in +diesem Augenblick die Chancen Ihres Sohnes unendlich günstig, sobald +Ihre Abdankung seine Freunde in den Stand setzt, offen für ihn +aufzutreten und zu handeln, und sobald den gegenwärtigen Machthabern +Garantien geboten werden können, daß sie unter der wieder hergestellten +Monarchie die gesicherte Stellung finden, welche ihnen selbst bei der +Fortdauer der republikanischen Verwirrung immer zweifelhafter zu werden +scheint;--aber, ich wiederhole es," fuhr er fort, "es muß schnell +gehandelt werden, damit man allen gegenseitigen Intriguen zuvorkommt." + +"Ich werde die Urkunde vollziehen," sagte die Königin, indem sie sich +mit einem tiefen Athemzug erhob, "man soll von mir nicht sagen können, +daß ich es an irgend Etwas habe fehlen lassen, um den Rechten meines +Hauses Geltung zu verschaffen." + +"Seien Sie meiner ganzen Unterstützung dafür sicher," sagte der Kaiser, +indem er ebenfalls aufstand, "und genehmigen Sie den Ausdruck meiner +aufrichtigen Dankbarkeit, denn Sie haben durch diesen Entschluß nicht +nur Ihrem Hause, sondern auch mir und Frankreich einen großen Dienst +geleistet,--Sie wissen, wie viel auch mir daran liegen muß, jenseits der +Pyrenäen geordnete Zustände und eine befreundete Regierung zu sehen. Ich +darf Eure Majestät bitten," fuhr er fort, "sobald die Urkunde vollzogen +ist, mir ein Exemplar derselben zugehen zu lassen, damit ich meinerseits +alle die Schritte thue, die die Umstände erheischen." + +Er kehrte der Königin den Arm reichend, in das Vorzimmer zurück, sprach +mit jedem der Herren und Damen des Gefolges einige höfliche Worte und +verließ von den Cavalieren der Königin bis zum Wagen geleitet, das +Hotel. + +Die Königin rief den Grafen Ezpeleta in ihr Cabinet. + +"Lassen Sie sogleich Ihre Majestät die Königin, meine Mutter, bitten, +sich in einer wichtigen Angelegenheit hierher bemühen zu wollen. Lassen +Sie auch den Herzog von Sesto und den Marquis von Miraflores rufen. In +zwei Stunden soll mein ganzer Hof in Gala sich versammeln. Haben Sie +das Document in Bereitschaft, das ich Ihnen übergab?" + +"Zu Befehl, Eure Majestät," erwiderte der Graf von Ezpeleta. + +"Ich werde es unterzeichnen," sagte die Königin seufzend. "Heute Abend +wird Ihr König Don Alphonso heißen." + + * * * * * + +Am Abend desselben Tages war in dem Empfangssaal des Hotel Basilensky +der Hof der Königin Isabella versammelt. + +Der Graf von Ezpeleta, der Kammerherr von Albacete und die übrigen +Cavaliere der Königin trugen die Uniformen ihrer Grade. Die Gräfin +Ezpeleta, welche als Camerera-Major fungirte und die Damen der Königin +waren in großer Toilette. + +Die Kerzen brannten auf den Lustres, in der Mitte des Saales stand ein +großer runder Tisch mit einer purpurnen Sammetdecke behängt, auf welchem +in einer großen Mappe mehrere Papiere lagen, dabei ein kostbares +Schreibzeug und einige große Schwanenfedern. In einiger Entfernung von +diesem Tisch standen drei mit rothem Sammet überzogene Lehnstühle, an +deren Rücklehne sich das königliche Wappen von Spanien befand. + +In dem Saal hörte man jenes leise Flüstern, welches an den Höfen dem +Eintritt der Souveraine vorauszugehen pflegt. + +Die Stunde war gekommen, zu welcher Ihre Majestät die verschiedenen +Personen befohlen hatte. Die Eingangsthür öffnete sich--aber noch war es +nicht die Königin, sondern es erschien ebenfalls in großem Galacostüm +der Herzog von Sesto, der Gemahl der Wittwe des Grafen von Morny und der +Marquis von Miraflores. Ihnen folgte der Marschall Bazaine in der großen +Uniform der Marschälle von Frankreich und der Präsident des +Civilgerichts Herr Benoist-Champy in der Hofgalatracht der +Justizbeamten. + +Abermals verging eine kurze Zeit in schweigender Erwartung. Dann +sprangen die Flügelthüren auf. Graf Ezpeleta eilte in die anstoßenden +Gemächer Ihrer Majestät und trat bald darauf in den Saal zurück, mit dem +Stabe auf das Parquet stoßend und die Königin ankündigend. + +Unmittelbar darauf trat die Königin in den Saal, sie trug eine faltige +Robe von schwarzem Sammet, ein Diadem von Brillanten auf dem Haupte, +den Hermelin um die Schultern, das goldene Vließ an der Kette um den +Hals und das große Band vom Orden Karl's III. über der Brust. + +An der rechten Seite der Königin, einen Schritt zurück, folgte die +Königin Christine, ebenfalls in schwarzen Sammet gekleidet, ebenfalls +mit dem goldenem Vließ und dem Orden Karl III. decorirt. Die hohe +Gestalt der Königin Christine, ihre scharf geschnittenen, harten und +etwas starren Züge zeigten wenig Ähnlichkeit mit ihrer Tochter, deren +sanfte, weiche Augen von Thränen geröthet erschienen, und deren großer +Mund mit den starken, vollen Lippen, durch den Ausdruck trauriger und +stiller Resignation, welcher auf demselben lag, schöner und anmuthiger +als sonst erschien. + +Zur linken Seite der Königin ebenfalls einen Schritt zurück trat der +Prinz von Asturien in den Saal. Er trug einen Knabenanzug von schwarzem +Sammet, ebenfalls das goldene Vließ um den Hals, das blaue Band von dem +Orden Karl's III. über der Brust, den Stern an dem kleinen Jaquet. + +Der Prinz war bleich und blickte voll liebevoller Theilnahme auf seine +Mutter hin. Seine ganze Erscheinung war unendlich anmuthig und +sympathisch, und als er mit einem halb kindlich verlegenen, halb +fürstlich stolzen Kopfnicken, die sich tief verneigende Versammlung +begrüßte, bot er ein ungemein interessantes und anziehendes Bild dar. + +Der alte Infant Don Sebastian, ein Mann mit grauem Haar und ruhigen, +gleichgültigen Gesichtszügen in der großen spanischen Generalsuniform +folgte. + +Die Königin durchschritt mit dem fürstlichen Anstande, welcher ihr trotz +ihrer corpulenten und kleinen Figur eigenthümlich war, den Saal und +setzte sich in den mittelsten der drei Lehnstühle. + +Die Königin Christine nahm ihr zur Rechten Platz. + +Don Alphonso stellte sich neben den dritten Lehnstuhl und der Infant Don +Sebastian hinter den Fauteuil der Königin. + +Die Königin winkte dem Grafen Ezpeleta. + +Dieser trat an den Tisch, nahm ein großes Pergament aus der dort +liegenden Mappe und trat vor den Sessel der Königin. + +"Ich, die Königin," sprach Donna Isabella, "habe in Erwägung der +Interessen meines Landes und meines königlichen Hauses beschlossen, +meine königliche Autorität und alle meine politischen Rechte aus freiem +Willen und lediglich aus eigenem Antriebe auf meinen viel geliebten Sohn +Don Alphonso, Prinzen von Asturien, zu übertragen. Ich habe zugleich +beschlossen," fuhr sie mit etwas zitternder Stimme fort, "um allen +Parteistreitigkeiten vorzubeugen und den innern Frieden meines geliebten +spanischen Volkes zu gewährleisten und zu erhalten so viel an mir liegt, +für meine Person den spanischen Boden nicht mehr zu betreten; auch wenn +mein Sohn durch die Cortes, die das rechtmäßige Votum der Nation +vertreten, auf den Thron berufen werden wird. Bis dies geschieht, und so +lange mein Sohn außer seinem Vaterlande weilen wird, behalte ich meinen +Sohn unter meinem Schutz und meiner Vormundschaft. + +Don Alphonso XII. ist also von heute an Euer wahrer König, ein +spanischer König, der König der Spanier, nicht der König einer Partei. +Ich werde zugleich mit dieser Urkunde über meine Abdankung durch ein +Manifest an die spanische Nation dieselbe verkündigen und mir wird nur +noch übrig bleiben, in glühenden Gebeten lange Tage des Friedens und des +Gedeihens für Spanien zu erflehen und für meinen Sohn, dem ich meinen +mütterlichen Segen ertheile,--Weisheit und Vorsicht und mehr Glück auf +dem Thron als seine unglückliche Mutter fand, welche bis heute Eure +Königin war." + +Die letzten Worte der Königin wurden fast unverständlich durch das +Schluchzen, welches ihre Stimme erstickte. + +Der junge Prinz von Asturien näherte sich seiner Mutter und kniete +weinend vor ihr nieder. + +Die Königin legte die Hände auf sein Haupt und sprach, während große +Thränen über ihre Wangen rannen, mit lauter Stimme: + +"Gott erhöre mein Gebet und segne Dich, mein Sohn, mit seinem reichsten +Segen!" + +Sie machte über seinem Haupte das Zeichen des Kreuzes und erhob sich +dann. Don Alphonso und die Königin Christine standen gleichfalls auf. + +Isabella näherte sich dem Tisch, auf welchem der Graf von Ezpeleta die +Abdicationsurkunde niedergelegt hatte. Der Herzog von Sesto reichte der +Königin die Feder und mit einem raschen, kräftigen Zug unterzeichnete +sie das Dokument. Dann wandte sie sich um, ergriff den Prinzen von +Asturien bei der Hand und führte ihn zu dem mittleren Lehnstuhl, welchen +sie vorhin eingenommen hatte. Sie neigte sich leicht gegen ihren Sohn +und setzte sich in den Sessel zu seiner Linken. + +Der Hof trat heran, alle anwesenden Spanier defilirten an dem jungen +Prinzen, der hier in der Verbannung zum König von Spanien proclamirt +war, vorüber, beugten das Knie vor ihm und drückten die Lippen auf seine +Hand, die er Jedem reichte. + +Nachdem die Ceremonie vorüber war, wandte sich die Königin Isabella an +ihren Sohn. + +"Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß," sagte sie in französischer +Sprache mit starkem spanischem Guttural-Accent, "in Ihrer Gegenwart noch +ein Document aufnehmen zu dürfen, welches nicht die Politik betrifft, +sondern nur die Privatangelegenheiten unseres Hauses ordnet. Es ist mein +Testament, das ich für den Fall der Rathschluß Gottes die +Wiederherstellung des Thrones unseres Hauses nicht gestatten sollte, +nach französischem Recht habe aufnehmen lassen, und welches der Herr +Präsident des Civilgerichtshofes und der erlauchte Marschall, der uns +die Freude seiner Gegenwart macht, als Zeugen unterzeichnen sollen." + +Don Alphonso wandte sich in rascher Bewegung zu seiner Mutter, umarmte +sie zärtlich und küßte ihr ehrerbietig die Hand. + +Herr Benoist-Champy trat an den Tisch, nahm ein ziemlich umfangreiches +Dokument aus der Mappe und sagte: + +"Eure Majestät erklären also hier vor dem Herrn Francois Achille +Bazaine, Marschall von Frankreich, und vor mir, daß dieses Document, +dessen Inhalt Ihnen wohl bekannt ist, Ihre letztwillige Verfügung über +Ihr Privatvermögen enthält, und daß alle darin enthaltenen Bestimmungen +im Falle Ihres Todes gültig und unantastbar sein sollen, und wollen in +unserer Gegenwart aus völlig freiem Willen und eigenem Entschluß dies +durch Ihre Namensunterschrift bekräftigen?" + +"Ich will es," sagte die Königin, trat an den Tisch und unterzeichnete +die Testamentsurkunde. + +Der Marschall Bazaine und Herr Benoist-Champy setzten ihre Namen unter +denjenigen der Königin. + +"Ich bitte nun Eure Majestät, zu befehlen," sagte die Königin Isabella, +sich abermals an ihren Sohn wendend, "daß von der Abdankungsurkunde +ebenso wie von meinem Testamente drei beglaubigte Abschriften genommen +werden mögen, und daß von denselben eine dem Herzog von Sesto, eine dem +Marquis von Miraflores und eine Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen +übergeben werde." + +Don Alphonso neigte mit einer gewissen, kindlichen Verlegenheit +bestätigend das Haupt, dann blickte er fragend auf die Königin. + +Diese trat zu ihm hin und legte ihren Arm in den seinigen und Beide +verließen unter Vortritt des Grafen Ezpeleta den Saal, um sich in ihre +Gemächer zurückzuziehen. Die Königin Christine und der Infant Don +Sebastian folgten. + +Schweigend ging die Versammlung auseinander,--Herr von Albacete +begleitete den Marschall Bazaine und Herrn Benoist-Champy bis zum Fuß +der Treppe des Hotels. + + + + +Fünftes Capitel. + +Der Kaiser Napoleon kehrte nach einer Spazierfahrt durch das Bois de +Boulogne nach St. Cloud zurück. Als er durch das Gitterthor in den Hof +des alten erinnerungsreichen Schlosses eingefahren war, welches die +schönen Tage von Marie Antoinette, die weithin glänzende +Siegesherrlichkeit Napoleon I. und die letzten Tage des Königthums Carls +X. gesehen hatte, und sich auf den Arm des Generals Favé gestützt, nach +seinen Gemächern begeben hatte, meldete ihm der Dienst thuende +Kammerdiener, der ihm die Thür des Vorzimmers öffnete, daß der Herzog +von Gramont angekommen sei und Seine Majestät bitte, ihm in einer +dringenden Angelegenheit sogleich nach seiner Rückkehr Gehör zu +schenken. + +Der Kaiser, welcher sich während der Fahrt heiter und lebhaft mit dem +General Favé unterhalten hatte und dessen Gesicht den Ausdruck einer +frohen, zufriedenen Stimmung trug, wurde bei dieser Mittheilung ernst +und blickte fast finster vor sich nieder. + +"Ist es denn nicht möglich," sagte er leise, "einen Tag von diesen +ewigen Sorgen und Qualen der Politik befreit zu bleiben, die uns wie mit +eisernen Klammern festhält, so bald sie uns einmal erfaßt hat und die +alles friedliche, menschliche Glück zerstört." + +Seufzend reichte er dem Kammerdiener seinen Hut und seinen Stock und +befahl, den Herzog von Gramont einzuführen, welcher wenige Augenblick +darauf in das Cabinet seines Souverains trat. + +Der Herzog war bleich, sein sonst so ruhiges, gleichmäßiges und +lächelndes Gesicht zeigte die Spuren tiefer innerer Erregung. Er hielt +einige Papiere in der Hand und erwiderte hastig und ohne seine sonstige +etwas ceremonielle und doch anmuthige, verbindliche Höflichkeit die +freundliche Begrüßung des Kaisers. + +"Ich habe Eurer Majestät," sagte er schnell sprechend, "eine ebenso +überraschende, als unangenehme Nachricht mitzutheilen, eine Nachricht, +welche Eure Majestät ebenso sehr befremden und ebenso peinlich berühren +muß, als dies bei mir der Fall gewesen ist." + +Ein Ausdruck von Ermüdung und von Widerwillen erschien auf dem Gesicht +des Kaisers. Abermals tief seufzend ließ er sich in einen Lehnstuhl +sinken und sagte, indem er dem Herzog einen Sessel neben sich +bezeichnete mit matter, tonloser Stimme: + +"Sprechen Sie, mein lieber Herzog--Sie wissen," fügte er mit einem +gezwungenen Lächeln hinzu, "mein großer Oheim pflegte zu sagen, daß die +Mittheilung böser Nachrichten niemals aufgeschoben werden müsse,--die +guten erfährt man immer früh genug. Leider," sagte er ganz leise vor +sich hin, "kommen sie nicht häufig." + +"Ich erhielt bereits gestern, Sire," sprach der Herzog von Gramont, der +vor dem Kaiser stehen geblieben war, "den Wortlaut einer Rede, welche +der Marschall Prim in den Cortes gehalten hat, und welche mich auf das +Peinlichste berührt. Eure Majestät wissen, wie große Bereitwilligkeit +überall gezeigt worden ist, um die Restauration des Prinzen von Asturien +einzuleiten und zu unterstützen. Ich mußte daher auf das Höchste +erstaunt sein, zu erfahren, daß der Marschall Prim den Cortes gegenüber +auf das aller Bestimmteste erklärt hat, daß die bisherigen Negotiationen +einen König für Spanien zu finden, sich nach allen Richtungen hin +zerschlagen hätten." + +"Nun," sagte der Kaiser lächelnd, "das wissen wir ja, das ist vollkommen +wahr und sehr zufriedenstellend. Wenn man keinen andern König finden +kann, wird man endlich wohl auf den kleinen Don Alphonso zurückkommen +müssen." + +"Aber, Sire," fuhr der Herzog von Gramont fort, "nachdem der Marschall +diese Mittheilung gemacht, hat er hinzugefügt, er werde nicht für das +Werk der Restauration arbeiten und zur Zurückführung Don Alphonso's +niemals die Hand bieten, und dieses Niemals, Sire, hat er dreimal +betont." + +Der Kaiser lächelte abermals. + +"Es giebt Fälle," sagte er, die Spitzen seines Schnurrbarts drehend, "in +denen man Dasjenige am entschiedensten und bestimmtesten zurückweist, +was man zu thun entschlossen ist und dessen Ausführung man vorbereitet." + +"Eure Majestät haben vollkommen Recht," erwiderte der Herzog von +Gramont, "und gerade von diesem Gedanken ausgehend, bin ich dahin +gekommen, der Rede des Marschall Prim keinen besonderen Werth +beizulegen, obgleich es mich immerhin befremdete, ihn eine Combination, +über welche er ja füglich hätte schweigen können, so bestimmt ablehnen +zu sehen, während dieselbe doch von Olozaga und Serrano durchaus nicht +so absolut zurückgewiesen ist. Die Rede des Marschalls fand aber," fuhr +er fort, "eine sehr unerfreuliche Ergänzung und Erklärung in einem +Bericht des Herrn Mercier de Lostende, Eurer Majestät Botschafter in +Madrid. Schon gestern Abend erhielt ich ein Telegramm des Botschafters, +in welchem er mir sagt, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern +sehr weit fortgeschritten zu sein scheint,--wenn sie nicht schon +entschieden sei. Der General Prim selbst habe es ihm gesagt und er habe +sogleich Herrn Bartholdy abgesendet, um seinen detaillirten Bericht zu +überbringen, denselben durch mündliche Mittheilung zu ergänzen und die +Befehle Ihrer kaiserlichen Majestät einzuholen." + +"Die Candidatur Hohenzollerns," sagte der Kaiser,--"mein Gott, diese +Sache hielt ich ja seit einem Jahre fast für abgethan. Woher ist denn +dieselbe jetzt wieder auf die Tagesordnung gekommen," fragte er, den +Blick scharf und forschend auf den Herzog von Gramont richtend, "und +woher kommt es, daß ich garnichts davon erfahren habe? Man hätte sich +darüber verständigen können, da sie jetzt so plötzlich hervortritt, ist +die Sache in der That sehr unangenehm--ich habe mich der Königin +gegenüber," fügte er leiser hinzu, "einigermaßen engagirt, sie hat ihre +Abdankung unterzeichnet." + +"Es scheint," sagte der Herzog von Gramont, "daß der Marschall Prim hier +ganz eigenmächtig und hinter dem Rücken seiner Collegen und aller +spanischen Staatsmänner gehandelt hat, denn Herr Olozaga, den ich +sogleich befragte, erklärte mir, daß er von der ganzen Angelegenheit +nichts wisse und sprach sich zugleich in den aller entschiedensten und +stärksten Ausdrücken gegen diese ganze Combination aus, von welcher er +vollkommen einsah, daß sie nur geeignet sein könne, große Verwirrungen +hervorzurufen." + +"Wäre die Sache früher herangetreten," sagte der Kaiser, immer noch halb +zu sich selbst sprechend,--"man hätte sich darüber verständigen +können--in diesem Augenblick als fait accompli setzt es mich in der That +in die äußerste Verlegenheit.----Es scheint, daß der Marschall Prim den +Spaniern einen König geben möchte, welcher ihm allein seinen Thron zu +verdanken hätte. Er commandirt die Armee und unter einem Könige seiner +Erfindung wird er allerdings auf lange hinaus der allmächtige Minister +sein. Aber ich begreife in der That nicht, daß Serrano und die Uebrigen +darauf haben eingehen können." + +"Es scheint, daß sie überrumpelt sind," sagte der Herzog von Gramont, +"und daß sie sich in keiner Weise die Consequenzen klar gemacht haben, +welche diese Candidatur nach sich ziehen muß,--denn," fuhr er fort, +"wenn ein preußischer Prinz auf den spanischen Thron steigt, während +zugleich der König von Preußen schon jetzt die fast unbestrittene +Hegemonie in Deutschland hat, so ist das Reich Carl V. wieder +hergestellt und in jedem Kampf mit Deutschland würden unsere Grenzen an +den Pyrenäen bedroht sein. Die traditionelle Politik Frankreichs +erfordert es, daß wir uns einer solchen Combination auf das Aeußerste +und Entschiedenste widersetzen, um so mehr als in der Person des Prinzen +von Hohenzollern durch seine Verwandschaftsbeziehungen mit dem +portugiesischen Königshause auch die Idee der iberischen Einheit ihren +Ausdruck findet." + +Napoleon lächelte ein wenig bei den lebhaft und erregt gesprochenen +Worten des Herzogs. + +"Nun," sagte er, "der Prinz Leopold wird wohl so bald nicht in der Lage +sein, mit der unumschränkten Autorität Carl V. und Philipp II. über die +Armeen Spaniens verfügen zu können, und das spanische Nationalgefühl +würde es ihm wohl ein wenig schwer machen, im Fall einer Verwickelung +mit Deutschland unsere Grenzen zu bedrohen, um so mehr da mit der +Herstellung der Monarchie auch der Einfluß Roms auf die spanische +Politik wieder erheblich mächtiger werden muß. Allein," fuhr er fort, +"die Sache ist immerhin unangenehm und berührt mich besonders in diesem +Augenblick sehr peinlich. Auch ist die Art und Weise der plötzlichen +Mittheilung eines im Stillen vorbereiteten fait accompli durch den +Marschall Prim geradezu eine Beleidigung Frankreichs. Man muß auf der +Stelle in Madrid erklären lassen, daß Frankreich diese Candidatur nicht +annehmen könne. Der Marschall Prim," sagte er, "soll fühlen, daß er noch +nicht der Mann ist, um ohne mich auch nur zu fragen, Dinge von solcher +Wichtigkeit zum Abschluß zu bringen. Wir werden Mercier sofort anweisen +müssen, eine sehr energische Sprache zu führen ich glaube, das wird die +Sache sehr schnell erledigen." + +"Sire," sagte der Herzog von Gramont, "ich stimme mit Eurer Majestät +vollkommen darin überein, daß sich hier eine vortreffliche Gelegenheit +bietet, um das so tief gesunkene Prestige Frankreichs in Europa wieder +herzustellen. Dies Prestige muß allerdings tief gesunken sein, wenn der +Marschall Prim, noch dazu ohne Einverständniß seiner Collegen in der +Regierung, es wagt, in einer so rücksichtslosen Weise über Frankreich +vollkommen hinweg zu gehen. Und es hat sich in Folge dessen auch," fuhr +er fort, "die öffentliche Meinung in Paris bei der ersten Nachricht über +diese neueste Wendung der spanischen Verhältnisse auf das Aeußerste +erregt gezeigt. Die Journale führen eine sehr heftige Sprache und +verlangen von der Regierung Eurer Majestät, daß dieselbe den Beweis +liefere, Frankreich sei noch nicht aus der Reihe der europäischen +Großmächte ausgestrichen." + +Der Kaiser trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Lehne seines +Fauteuils. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer tiefen Mißstimmung. + +"So sehr ich nun auch," fuhr der Herzog von Gramont fort, "die +Nothwendigkeit anerkenne, schnell und energisch zu handeln, so vermag +ich noch nicht die Ansicht zu der meinigen zu machen, daß unsere Action +sich gegen Spanien zu richten habe." + +Der Kaiser blickte befremdet auf. + +"Aber wohin denn," fragte er. + +"Sire," sagte der Herzog von Gramont, indem ein zufriedenes und fast +überlegenes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund spielte, "das +Prinzip der Regierung Eurer Majestät beruht auf der unbedingten +Anerkennung des souverainen Selbstbestimmungsrechts der Nation. Eure +Majestät nennen sich mit berechtigtem Stolz den Kaiser durch die Gnade +Gottes und durch den Willen der Nation--diesem Prinzip gemäß hat +Frankreich stets das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf das +Sorgfältigste geachtet und vertreten, und auch den spanischen +Angelegenheiten gegenüber vom ersten Augenblick an officiell erklärt, +daß es sich jeder Einmischung in das Recht der spanischen Nation sich +nach ihrem eigenen Willen und Belieben zu constituiren, auf das +Gewissenhafteste enthalten werde. Würde Eurer Majestät Regierung nun den +Spaniern verbieten wollen, sich irgend einen König, der ihnen passend +erscheint, zu erwählen, so würde damit einem Prinzip scharf +entgegengetreten werden, welches Frankreich so wohl im Innern wie nach +außen hin, bis jetzt proclamirt hat. Der Eindruck einer solchen +Erklärung müßte beim französischen Volke ein sehr ungünstiger sein, und +könnte bei dem großen Nationalstolz der Spanier dahin führen, daß die +ganze Nation die Partei des Prinzen von Hohenzollern ergriffe, nur um +ihr souveraines Selbstbestimmungsrecht zu wahren, und daß gerade das, +was wir vermeiden wollen, vielleicht um so sicherer geschähe. Auch +richtet sich der Unwille der öffentlichen Meinung, die sich in den +Artikeln der Journale kund giebt, nicht gegen Spanien--" + +"Aber wie wollen Sie denn,----" fiel der Kaiser ein, indem er den Herzog +fragend ansah. + +"Sire," sprach der Minister lebhaft weiter, "nicht darin, daß die +spanische Nation ihr Recht, sich einen König zu wählen, frei ausübt, +liegt eine Gefahr für Frankreich, sondern darin, daß ein Prinz des +preußischen Königshauses eine solche Wahl annimmt, und daß in Folge +dieser Annahme später die preußische Politik im Fall feindlicher +Beziehungen zu Frankreich in Madrid Rückhalt und Unterstützung finden +wird." + +Der Kaiser neigte mit einem feinen Lächeln das Haupt und strich mit der +Hand über das Kinn. + +"Ich verstehe," sagte er leise. + +"Mir scheint deshalb," fuhr der Herzog fort, "daß wir nicht den Spaniern +verbieten sollen, sich irgend einen König zu wählen, sondern daß wir uns +an den Punkt wenden müssen, wo die Gefahr für uns liegt, und daß wir vom +Könige von Preußen verlangen müssen, er solle dem Prinzen von +Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten." + +Der Kaiser wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her. + +"Dadurch enthalten wir uns," fuhr der Herzog fort, "jeder Beleidigung +der spanischen Nation, jedes Eingriffs in das nationale +Selbstbestimmungsrecht--wir folgen dem Zuge der öffentlichen Meinung in +Frankreich, welche sich nicht gegen Spanien, sondern ausschließlich +gegen Preußen richtet und in der ganzen Candidatur des Erbprinzen von +Hohenzollern nur eine Intrigue des Grafen Bismarck erblickt,--wir haben +außerdem die Chance des Erfolges für uns, denn ich glaube nicht, daß man +in Berlin geneigt sein wird, um dieser Frage willen einen ernsten +Conflikt entstehen zu lassen. Und endlich," fügte er mit Betonung hinzu, +"wird sich durch diese Behandlung der Sache, die so oft vergebens +gesuchte Gelegenheit finden, der Welt zu zeigen, daß der Schwerpunkt der +öffentlichen Angelegenheiten Europas noch nicht definitiv von Paris nach +Berlin verlegt worden ist. Der Rückzug, welchen die preußische Politik +in dieser Sache zweifellos antreten wird, kann der öffentlichen Meinung +Frankreichs als ein großer moralischer Sieg dargestellt werden und dies +wird das schwer erschütterte Prestige mit einem Schlage wieder +herstellen. Wenn in Folge unserer Intervention die Candidatur des +Erbprinzen von Hohenzollern zurückgezogen werden muß, so wird dies der +Regierung Eurer Majestät ebenso viel nützen, als eine gewonnene Schlacht +oder die Erwerbung von Compensationsobjecten, zu welcher bisher der +vergebliche Versuch gemacht wurde." + +Er schwieg und blickte erwartungsvoll und forschend auf den Kaiser. + +Napoleon stand langsam auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder +und blieb am Fenster stehen, sinnend auf seine Rosenbeete +hinausblickend. Dann wandte er sich, die Hand auf die Fensterbrüstung +gestützt, zum Herzog zurück und sprach: + +"Es liegt viel Wahres in dem Gedanken, den Sie da so eben ausgesprochen +haben. Es wäre vielleicht eine Angelegenheit um die Vergangenheit zu +verbessern. Das Ganze würde freilich," sagte er achselzuckend, "im +Wesentlichen nur ein Theatercoup sein. Aber," fügte er hinzu, "die +öffentliche Meinung wird ja doch nur durch solche Theatercoups bestimmt, +und es ist jedenfalls am besten, wenn man sie ausführen kann ohne +ernsthafte Gefahr. Doch," sagte er dann mit tiefem Ernst, "sind wir vor +solcher Gefahr sicher, sind wir vollkommen gewiß, daß wir in Preußen +nicht auch diesmal wie so oft vorher auf einen bestimmten und festen +Widerspruch stoßen werden, daß sich aus der Sache nicht ein wirklicher +und ernster Conflikt entwickelt, den ich in diesem Augenblicke um keinen +Preis heraufbeschwören möchte." + +Der Herzog von Gramont richtete sich noch gerader empor als sonst, mit +einem stolzen Lächeln kräuselte er leicht seinen Schnurrbart und sagte: + +"Darüber bin ich ganz sicher, man wird es nicht wagen, ernstlichen +Widerstand in Berlin zu leisten, wenn wir nur fest und energisch +auftreten,--wie ich überzeugt bin," fuhr er fort, "daß man es auch bei +früheren Gelegenheiten nicht gewagt haben würde, wenn wir bestimmt auf +unserer Forderung bestanden hätten. Man hat in Berlin mit so vielen +inneren Schwierigkeiten zu kämpfen, die Haltung der süddeutschen Staaten +ist höchst widerstrebend,--Oesterreich steht auf unserer Seite und der +General Fleury erhält unausgesetzt die zweifellosesten Beweise der +Sympathie des Kaisers Alexander für Eure Majestät und für Frankreich. +Ich bin sicher, daß man nachgeben wird und zwar um so leichter und +schneller, als man die ehrgeizigen Absichten, welche nach meiner Ansicht +im Hintergrunde dieser Combination liegen, nicht wird eingestehen +wollen." + +"Dessen müßte man aber," sagte der Kaiser, "sicher sein, denn die +sympathischen Aeußerungen gegen den General Fleury vermag ich für +nichts anderes anzusehen, als für Worte und Ausdrücke persönlicher +Gesinnungen, welche der Kaiser Alexander gewiß hegt, aber welche kaum +jemals irgend einen Einfluß auf die Politik Rußlands ausüben +werden,--und was Oesterreich betrifft," fügte er achselzuckend +hinzu,--"Sie sehen die Verhältnisse dort günstiger an, mein lieber +Herzog, als ich es zu thun im Stande bin." + +Er schwieg abermals einige Augenblicke nachdenklich. + +"Auch weiß ich nicht," sagte er dann, "ob unsere Armee so schlagfertig +ist, daß man die Möglichkeit eines ernsten Conflikts in's Auge fassen +darf,--Niel ist todt," sagte er düster, "und seine sichere und +energische Hand ist bis heute noch unersetzt geblieben. + +"Doch," sprach er dann, "unthätig dürfen wir nicht bleiben, und ich +komme immer mehr dahin, mich Ihrem Ideengang anzuschließen. Die +Situation ist äußerst günstig, Graf Bismarck ist in Barzin,--mit ihm +würde man vielleicht nicht so leichten Kaufs fertig werden. Der König +Wilhelm ist in Ems allein,--so sehr er Soldat ist, so hegt er doch eine +tiefe Scheu vor einem ernsten Conflikt, der seine Armee, welche sein +ganzes Volk repräsentirt, auf die Schlachtfelder führen könnte. Außerdem +glaube ich nicht, daß er nach seiner persönlichen Auffassung einen +seinem Hause nahe stehenden Prinzen gern das Abenteuer dieses spanischen +Königsversuchs wird bestehen lassen. Die Sache kann in Ems vielleicht +ganz leicht und glatt erledigt werden, und Ihrer und Olliviers +Geschicklichkeit," sagte er lächelnd, "wird es dann überlassen sein, das +Resultat als einen Triumph unserer Energie der öffentlichen Meinung in +Frankreich darzustellen. + +"Benedetti ist in Wildbad?" fragte er. + +"Zu Befehl, Majestät," sagte der Herzog von Gramont, "er muß seit +einigen Tagen dort sein, der Botschafts-Secretair Le Sourd führt die +Geschäfte in Berlin, welche ohne diesen Zwischenfall im jetzigen +Augenblick fast gänzlich bedeutungslos wären." + +"Geben Sie Benedetti den Auftrag," sagte der Kaiser, "sich sogleich nach +Ems zum König Wilhelm zu begeben und dort so schnell als möglich und +thunlichst ohne jedes Aufsehen die Zurückziehung der Candidatur des +Prinzen von Hohenzollern zu erreichen. Er kann dabei auf das Beispiel +Griechenlands hinweisen. Damals wurde ebenfalls bestimmt, daß die Wahl +des Königs auf keinen Prinzen aus den regierenden Häusern der +Schutzmächte fallen dürfe, auch an das Beispiel Neapels, wo ich selbst +dem Prinzen Murat die Aufstellung seiner Candidatur untersagt +habe,--Benedetti ist unendlich geschmeidig und insinuant, auch dem +Könige Wilhelm eine angenehme und sympathische Person, er wird dort +unter den einfachen und zwanglosen Verhältnissen des Badelebens, welche +ihm auch eine leichtere Annäherung an den König und einen freieren und +natürlicheren Verkehr mit ihm gestatten, ohne Zweifel sehr leicht +erreichen können, daß die Candidatur des Erbprinzen zurückgezogen wird. +Lassen Sie Benedetti wissen, daß er auf meine höchste Dankbarkeit +rechnen kann, wenn er diese Angelegenheit schnell und glücklich zu Ende +führt und unterlassen Sie vorläufig jeden officiellen Schritt in Berlin, +der verletzen und das Resultat der Unterhandlungen in Ems in Frage +stellen könnte." + +Der Herzog verneigte sich. + +"Ich werde sofort den Befehl an Benedetti abgehen lassen, Sire," sagte +er. + +Napoleon rieb sich mit heiterem Lächeln die Hände. + +"Wenn Benedetti reussirt," sagte er, "so wird Alles vortrefflich gehen. +Der König Wilhelm wird die ganze Sache als einen Act freundlicher +Höflichkeit ansehen und gern entgegenkommen, und mein Freund, der Graf +Bismarck," fügte er mit eigenthümlicher Betonung hinzu, "wird in seiner +ländlichen Einsamkeit zu Barzin nun auch einmal meinerseits eine jener +kleinen Ueberraschungen empfinden, die er mir so oft bereitet hat. Vor +allen Dingen aber," fuhr er fort, "schärfen Sie Benedetti die äußerste +Geschmeidigkeit und Rücksicht ein,--handeln Sie schnell und senden Sie +mir alle eingehenden Berichte und Telegramme sofort hierher. Wenn wir +nach dem Plebiscit dem französischen Nationalgefühl diesen Erfolg +vorführen können, so werden wir viel gewonnen haben. Wenn," fuhr er nach +einem augenblicklichen Nachdenken fort, "Sie dahin wirken können, daß +durch Olozaga und Serrano auch von den Spaniern die Candidatur des +Prinzen Leopold aufgegeben wird, so wird das um so besser sein, doch muß +jeder Schein eine Pression vermieden werden." + +Der Herzog von Gramont ergriff mit ehrerbietiger Verneigung die Hand, +welche der Kaiser ihm zum Abschied reichte und ging hinaus. + +"Fast scheint es dennoch," sagte der Kaiser, "daß das Glück sich mir +zuwendet. Diese Candidatur des Prinzen Leopold, dem ich," sprach er +lächelnd, "diesen zweifelhaften Glanz des spanischen Thrones wirklich +gern gegönnt hätte, wird die Handhabe bieten, auch den äußeren Nimbus +des Kaiserreichs wieder herzustellen, nachdem dessen nationale +Grundlagen wieder durch das Plebiscit befestigt sind, und so wird es mir +vielleicht erspart bleiben in die entsetzliche kriegerische Catastrophe, +welche seit vier Jahren wie ein Damoklesschwert über meinem Haupte +schwebt, hineingerissen zu werden." + +Er zündete eine seiner großen braunen Havannacigarren an, setzte den +breitrandigen Strohhut auf und stieg langsam über die, aus seinen +Gemächern herabführende Treppe in seinen Rosengarten hinab. + + + + +Sechstes Capitel. + + +Die Morgenpromenade am Kursaal in Ems war äußerst belebt und eine +zahlreiche und glänzende Gesellschaft bewegte sich in der großen Allee +hin und her. Die Damen in einfachen eleganten Sommertoiletten hielten je +nach ihrem Range und der Stellung, die sie sich durch ihre persönlichen +Eigenschaften in der Gesellschaft erworben, eine Art von Cercle, indem +sie in kurzer Unterhaltung die Herren ihrer Bekanntschaft begrüßten, +bald stehen bleibend, bald mit Diesem oder Jenem einige Schritte auf der +Promenade machend. + +Daneben sah man alte mürrische Herren, welche hierher gekommen waren, um +den während des Jahres angesammelten Staub der Bureaux aus ihren Kehlen +und ihren Lungen fortzuspülen; Diplomaten, welche hier ihre +Sommervilleggiatur hielten, weniger um der Heilkraft der Quellen willen, +als weil die Anwesenheit des Königs von Preußen, wenn derselbe auch +ganz ausschließlich seiner Badekur lebte, dennoch in dieser Zeit der +absoluten Stagnation in der Politik hier noch die meiste Gelegenheit +bot, um ein wenig zu hören und zu sehen, was in der Welt vorging oder +sich vorbereitete. + +In den letzten Tagen war in das Stillleben des Badeaufenthalts ein wenig +mehr Leben und Bewegung gekommen; man hatte gelesen, daß der Erbprinz +von Hohenzollern als Candidat für den spanischen Thron aufgestellt sei, +und daß derselbe diese Candidatur angenommen habe. Man wußte, daß dieses +Ereigniß, welches an sich von keiner besondern Bedeutung zu sein schien, +eine große Aufregung in der französischen Presse erregt hatte. Im Corps +legislatif war eine Interpellation erfolgt, und der Herzog von Gramont +hatte eine sehr kategorische und sogar etwas verletzende Erklärung +abgegeben; auch war der Botschafter des Norddeutschen Bundes Baron von +Werther in Ems angekommen. Das Alles ließ darauf schließen, daß die +spanische Thronfrage und die Candidatur des Prinzen Leopold Gegenstand +der Verhandlungen zwischen dem Könige Wilhelm und dem Kaiser Napoleon +geworden sei oder werden würde und namentlich unter den sich im +Ferienaufenthalt hier befindenden Diplomaten war dadurch eine gewiße +neugierige Spannung hervorgerufen, doch nahm im Ganzen die Gesellschaft +wenig Theil daran. Man war seit einigen Jahren ja gewöhnt, daß hier und +da kleine Differenzen zwischen Frankreich und Preußen entstanden, und da +dieselben jeder Zeit mit der äußersten Courtoisie von beiden Seiten +wieder ausgeglichen waren, so legte man auch diesmal der so plötzlich +aufgetauchten Frage keine große Bedeutung bei, und um so weniger als ja +die ganze Sache Preußen und Deutschland so unendlich wenig anzugehen +schien. + +So war denn die ganze Gesellschaft auf der Brunnenpromenade in Ems +ebenso heiter, als der blaue sonnige Himmel, welcher sich über dem +reizenden Bergthal ausspannte. Es waren nur Worte leichter und +fröhlicher Conversation, welche man unter den Klängen der Badecapelle +miteinander wechselte. + +Bereits war der Prinz Georg von Preußen auf der Promenade erschienen und +hatte sich in liebenswürdigster Weise mit den ihm bekannten Damen und +Herren der Badegesellschaft unterhalten, und mit allgemeiner Spannung +erwartete man den König Wilhelm, welchen man pünktlich zur festgesetzten +Stunde auf der Promenade erscheinen zu sehen gewohnt war, um seinen +Kränchen-Brunnen zu trinken. + +"Ich habe gestern Abend die neuesten Zeitungen mit Nachrichten aus +Frankreich gelesen," sagte der Präsident des evangelischen +Oberkirchenraths Dr. Matthis, eine hagere, trockene Gestalt mit +bureaukratisch faltigem, kränklichem Gesicht, indem er sich zu dem +Regierungspräsidenten von Bernuth, einem schlanken, hoch blonden Mann +mit starkem Schnurrbart, welcher in militairischer kräftiger Haltung +neben ihm ging, wandte, "es scheint mir doch ein wenig bunt in +Frankreich auszusehen. Wenn ich dazu die plötzliche Ankunft des Baron +von Werther nehme, so kommt mir die Lage der Dinge doch etwas +beunruhigend vor. Mir scheint die öffentliche Meinung in Paris sehr +montirt zu sein, und die Erklärung des Herzogs von Gramont im Corps +legislatif beweist, daß die Regierung sich ein wenig unter dem Druck +dieser öffentlichen Meinung befindet. Es wäre doch entsetzlich," sagte +er seufzend, "wenn wir hier aus unserm ruhigen Badeleben durch ernste +und gefährliche Catastrophen aufgeschreckt werden sollten." + +"Ich glaube nicht daran, Excellenz," sagte Herr von Bernuth, "dieses +Spiel hat sich ja seit 1866 schon oftmals wiederholt,--erinnern Sie sich +nur an Luxemburg. Damals schrieben die französischen Journale flammende +Artikel, und so viel man davon erfuhr, führte auch die französische +Diplomatie eine sehr hochmüthige Sprache, so daß Jedermann damals an den +Ausbruch des Krieges glaubte. Die ruhige kaltblütige Heftigkeit des +Kaisers und des Grafen Bismarck haben damals dem Sturm getrotzt und +derselbe hat keine gefährlichen Wetterwolken empor getrieben,--so wird +es auch diesmal wieder sein, man wird sich wohl jetzt ebenso wenig +einschüchtern lassen, wie damals und die ganze Sache hat ja auch für +beide Theile lange nicht die Bedeutung wie die Luxemburger Affaire." + +Der Geheimrath Matthis schüttelte bedenklich den Kopf. + +"Mir will das nicht recht geheuer vorkommen," sagte er,--"es wäre +wirklich traurig, wenn die Kur, die mir so gut bekommt, unterbrochen +werden sollte." + +Sie waren an die Quelle gekommen, Herr Matthis füllte seinen Becher und +schlürfte vorsichtig in kleinen Zügen das Heil bringende Wasser ein, +während Herr von Bernuth rasch in kräftigen Zügen seinen Becher leerte. + +"Sehen Sie, Exzellenz," sagte er dann, "dort kommt Seine Majestät. Ich +bitte, sehen Sie den Herrn an, so lange dies Gesicht so heiter und +ruhig blickt, haben wir nichts für den europäischen Frieden zu +fürchten." + +Der Geheimrath Matthis hatte bei den Worten des Präsidenten hastig +seinen Becher geleert, von der schnell in seine Kehle dringenden +Flüssigkeit gereizt, begann er heftig zu husten, und sein Taschentuch +vor den Mund haltend, blickte er nach dem Eingang der Allee hin, wo so +eben der König Wilhelm in einem einfachen dunklen Civilanzug, einen +Cylinderhut auf dem Kopf, einen Stock in der Hand erschien, begleitet +von dem Flügeladjutanten, Grafen Lehndorf, einem schönen, hoch +gewachsenen Mann mit starkem dunklem Bart, der ebenfalls in Civil +erschienen war. + +Der Präsident von Bernuth hatte Recht; der König ging so frisch, so +leichten und kräftigen Schritts einher; sein Gesicht strahlte von einer +so ruhigen milden Heiterkeit, daß man unmöglich dem Gedanken Raum geben +konnte, daß ernste Sorgen um den Frieden der Welt ihn erfüllen könnten. + +Der König schritt rasch durch die Allee nach der Quelle hin und +erwiderte rechts und links freundlich mit der Hand winkend die +ehrerbietigen Begrüßungen der bei seinem Vorbeischreiten tief sich +verneigenden Badegäste. Der König begrüßte schnell, aber herzlich den +Prinzen Georg, welcher ihm entgegentrat und wandte sich dann zu seinem +Leibarzt Dr. von Lauer, der den Becher Seiner Majestät aus dem +Kränchen-Brunnen füllen ließ. + +"Ich habe vortrefflich geschlafen, mein lieber Lauer," sagte der König, +indem er den Becher ergriff, "überhaupt bekommt mir diesmal die Kur ganz +ausgezeichnet. Es ist eine vortreffliche Quelle, die Sie mir verordnet +haben, sie bringt meine Natur für ein Jahr immer wieder in Ordnung." + +Er leerte mit langen Zügen seinen Becher und athmete dann tief auf, als +fühle er die wohlthätige Wirkung des Getränks. + +"Eure Majestät sehen in der That in den letzten Tagen und heute +besonders ganz ausnehmend wohl und kräftig aus," sagte Herr von Lauer, +indem er den scharfen Blick seines klugen und geistvollen Auges auf der +kräftigen Gestalt des Königs ruhen ließ. "Aber ich würde, um die Quelle +zur vollen Wirksamkeit zu bringen, am liebsten sehen, daß Eure Majestät +Ihr Militair- und Civilcabinet zu Hause gelassen hätten, denn die +Enthaltung von allen Arbeiten, von aller geistigen Unruhe ist die erste +Bedingung einer guten Wirkung des Bades, und leider halten Eure Majestät +diese nothwendige geistige Diät nicht mit eben der Sorgfalt, mit +welcher Sie die materiellen Diätvorschriften beobachten." + +"Leider ist das nicht so ganz möglich," erwiderte der König, "indeß kann +ich Sie versichern, daß ich auch in dieser Beziehung so viel als es +angeht, Ihren Vorschriften nachkomme, und namentlich habe ich keine +aufregenden und beunruhigenden Arbeiten," fügte er hinzu, während es wie +ein leiser vorübergehender Schatten über sein Gesicht flog. + +"Ich fürchte doch, daß Eure Majestät als Bade-Patient immer noch zu viel +arbeiten, denn nach der Anzahl von Depeschen, welche einlaufen--" + +"Controliren Sie meine Depeschen?" fragte der König lächelnd. + +"Als Eurer Majestät Leibarzt," sagte Herr von Lauer, "müßte ich hier im +Bade eigentlich Alles controliren, was in Eurer Majestät Leben +eingreift; aber zu der Bemerkung, welche ich so eben zu machen mir +erlaubte, bin ich auf zufällige Weise gekommen; ich wohne im steinernen +Hause neben dem Zimmer des Hofraths St. Blanquart"-- + +"Nun," fragte der König. + +--"der Geheimrath Abeken, Majestät, kommt nun sehr häufig von seiner +Wohnung in Huyns Gartenhaus zu St. Blanquart, um von den Depeschen nach +ihrer Dechiffrirung sofort Kenntniß zu nehmen, und seit einigen Tagen +höre ich bis tief in die Nacht hinein fortwährend das Vorlesen der +Zahlen der Chiffres. Diese ruhig und monoton ausgesprochenen Zahlen +tönen in meinen Schlaf hinein, und wenn ich morgens früh aufwache, so +höre ich bereits wieder, wie sich Zahl an Zahl in der Arbeit des +Dechiffrirens an einander reiht;--ob man in der Nacht überhaupt +aufgehört hat, weiß ich nicht. Und alle diese unendlichen Zahlenreihen," +fuhr er fort, "haben doch einen Inhalt, dieser Inhalt muß endlich zu +Eurer Majestät gelangen und ist jedenfalls der Feind meiner Kur. Ich bin +mehrmals schon sehr böse gewesen und möchte am liebsten das ganze +Dechiffrirbureau von Eurer Majestät durch eine chinesische Mauer +trennen, so lange bis mein Brunnen seine Wirkung gethan." + +Der König lachte herzlich. + +"Nun," sagte er, "Abeken und der arme St. Blanquart werden wohl nicht so +gefährliche Feinde meiner Gesundheit sein, lassen Sie sie nur immerhin, +ich verspreche Ihnen, ich werde mich nicht zu sehr anstrengen." + +Und freundlich den Kopf neigend, wandte er sich zur Seite. + +Der Geheimrath Matthis hatte den Hustenanfall überwunden, und der König +winkte ihn freundlich heran, fragte ihn nach der Wirkung der Kur und +wandte sich dann zu dem Präsidenten von Bernuth. + +"Wenn ich hier die Badegesellschaft in Ems ansehe," sagte er heiter, so +muß ich glauben, daß dies Wasser ein Lebenselixir ist, welches meine +ganze Regierungsmaschine durchdringt und verjüngt, meine +Kirchenverwaltung, meine Administration, meine Diplomatie und selbst +meine Officierscorps suchen sich hier Kraft und Stärkung, und so dringt +diese Quelle von Ems in alle Adern des preußischen Staatslebens." + +"Wenn die Quelle Eurer Majestät Kraft und Gesundheit stärkt," erwiderte +Herr von Bernuth, "so durchdringt sie ja ohnehin schon den Organismus +des preußischen Staats mit neuer Lebenskraft und verdient die +Dankbarkeit aller Ihrer Unterthanen." + +Der König nickte freundlich mit dem Kopf und trat dann zu dem in der +Nähe stehenden Botschafter am Pariser Hofe, Freiherrn von Werther, einem +schlanken eleganten Mann mit bleichem Gesicht und militairisch +geschnittenem Haar und Bart. + +"Benedetti ist diese Nacht angekommen," sagte der König mit etwas +gedämpfter Stimme, indem er durch einen Wink der Hand Herrn von Werther +aufforderte, ihn auf seiner Promenade zu begleiten. "Er hat mich um eine +Audienz gebeten, ich habe ihm sagen lassen, daß ich ihn erst Mittags +empfangen könne, da ich morgens mit meiner Kur zu thun habe und auch am +Vormittage mehrere Geschäfte zu erledigen muß. Er ist jedenfalls nicht +zufällig hier, denn er war erst vor wenigen Tagen auf Urlaub nach +Wildbad gegangen und hatte so eben seine Kur begonnen. Jedenfalls kommt +er in dieser Hohenzollerschen Angelegenheit, welche in Frankreich +täglich mehr Staub aufwirbelt. Es würde mir lieb sein, wenn ich bevor +ich ihn empfange, über den Gegenstand seiner Mission unterrichtet wäre. +Wollen Sie ihn besuchen, und wenn Sie es in der Unterredung mit ihm +erfahren können, mir ungefähr mittheilen, was er will. Ich wünsche aber +nicht," fuhr er fort, "daß Sie in eigentliche Discussion mit ihm +eintreten,--wenn er über die Angelegenheit spricht, so sagen Sie ihm +einfach, daß der Prinz Leopold mich um Rath gefragt habe, und daß ich +nicht im Stande gewesen sei, seinem Wunsch, die spanische Krone +anzunehmen, ein Hinderniß entgegenzustellen." + +"Ich zweifle nicht, Majestät," sagte Herr von Werther, "daß der Graf +Benedetti hierher gesendet ist, um Eurer Majestät dasselbe zu sagen, was +mir bereits der Herzog von Gramont und Herr Ollivier in ziemlich +allgemeiner Weise ausgesprochen haben, daß nämlich Frankreich die +Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern, den man dort hartnäckig +für einen preußischen Prinzen erklärt, nicht dulden könne, und daß man +verlangen müsse, daß Eure Majestät den Prinzen zur Verzichtleistung +veranlasse." + +"Ich begreife nicht, was sie wollen," sagte der König einen Augenblick +stehen bleibend, "ich kann mir unmöglich denken, daß der Kaiser +Napoleon, dessen Gesundheit in der letzten Zeit immer weniger fest +gewesen ist, darauf ausgehen sollte, einen Conflict zu suchen, und doch +erscheint diese ganze Behandlung der Hohenzollerschen Candidatur wie +eine Provocation, denn einen politischen Grund, sich so sehr darüber zu +echauffiren, sehe ich in der That nicht. Der Prinz Leopold ist kein +preußischer Prinz--und wenn er es wäre, glaubt man denn, daß er in +diesem von Parteien zerrissenen spanischen Lande preußische Politik +machen könnte? Jeder König, der dort auf den Thron steigt, wird genug zu +thun haben, um sich auf demselben zu erhalten und der inneren +Verwirrungen Herr zu werden. Ich begreife die ganze Sache nicht," fuhr +er fort,--"ich hoffe, daß das Alles nur ein kleines Strohfeuer sein +wird, wie man sie in Frankreich von Zeit zu Zeit anzuzünden liebt, und +daß der Kaiser Napoleon auch diesmal wie bei der Luxemburger +Angelegenheit, die doch eigentlich ernsterer Natur war, das Feuer der +Kriegspartei ein wenig dämpfen wird." + +"Auch ich bin davon überzeugt, Majestät," erwiderte Herr von Werther, +"denn nach all den Eindrücken, die ich habe, wünscht der Kaiser wirklich +aufrichtig die Erhaltung des europäischen Friedens und guter Beziehungen +zu Eurer Majestät. Indeß läßt sich nicht verkennen," fuhr er fort, "daß +diese Hohenzollersche Frage die öffentliche Meinung im hohen Grade +aufgeregt hat, allerdings unter Vorgang der Regierungsjournale--doch bei +meiner Abreise von Paris war diese Aufregung sehr groß, und nach dem, +was ich aus den Zeitungen sehe, steigt sie von Tage zu Tage. Ollivier +ist äußerst abhängig von der öffentlichen Meinung, der Herzog von +Gramont folgt Ollivier, und der Kaiser steht, je mehr sein Körper und +seine Nerven schwach werden, immer mehr unter dem Einfluß seiner +Minister und seiner Umgebung." + +"Nun," sagte der König, "ich werde wahrhaftig nichts dazu thun, um die +Situation zu verschlimmern, ich werde ein freundliches Entgegenkommen +zeigen, da ich wahrlich kein Interesse daran habe, den Prinzen Leopold +zu diesem spanischen Abenteuer zu treiben, aber ebenso wenig kann ich +ihm auch dasselbe verbieten, ich würde ja auch dazu eigentlich gar kein +Recht haben. Wenn er mich um Rath fragt, so ist das eine +Courtoisie,--wenn er aber meinen Rath nicht befolgen will, so kann ich +ihn kaum dazu zwingen--jedenfalls bin ich als König von Preußen der +ganzen Angelegenheit völlig fremd, meine Regierung hat mit derselben +garnichts zu thun. Nun wir werden ja sehen," sagte er, "gehen Sie +inzwischen zu Benedetti und erklären Sie ihm zugleich nochmals, warum +ich ihn erst am Nachmittag empfangen kann, er wohnt in der Stadt +Brüssel." + +Mit freundlichem Kopfnicken entließ der König den Baron Werther und +wendete sich zu dem Oberpräsidenten von Möller, einem Mann von etwa fünf +und fünfzig Jahren, dessen kluges und offenes Gesicht mit den frischen +Farben und den hellen Augen sein Alter weniger verrieth als das bereits +stark ergraute, ziemlich lang zurückgestrichene Haar. + +"Guten Morgen, mein lieber Möller," sagte der König, "es freut mich, Sie +hier zu sehen. Ich bin begierig, von Ihnen zu erfahren, wie es in Hessen +steht, und ob meine neuen Unterthanen dort noch immer so unzufrieden +sind, daß sie Preußen geworden sind." + +"Majestät," sagte Herr von Möller, "die allgemeine Stimmung in der +Provinz, deren Leitung Allerhöchst dieselben mir übertragen haben, +söhnt sich immer mehr mit der neuen Ordnung der Dinge aus. Alle +Vernünftigen, namentlich auch die Vertreter des Handels und der +Industrie empfinden immer mehr die Vorzüge einem großen Staatswesen +anzugehören, und ich gebe mir die größte Mühe überall auf die mildeste +Weise die alten Verhältnisse mit den neuen Zuständen zu versöhnen."-- + +"Ganz recht, ganz recht," fiel der König ein, "Sie handeln darin ganz in +meinem Sinn. Man muß alle berechtigten Eigenthümlichkeiten schonen, alle +Erinnerungen an die Vergangenheit achten--" + +"Die Erinnerungen an die Vergangenheit, Majestät, stehen uns bei der +Bevölkerung von Kurhessen vielleicht weniger entgegen, als bei +derjenigen von Hannover. Die Hessen haben viele Anhänglichkeit an die +Traditionen ihrer Vergangenheit, aber gerade durch die Persönlichkeit +des letzten Kurfürsten, der ja überall wenig Sympathie hatte, haben jene +Erinnerungen an Intensivität und Einfluß verloren. Den nachdrücklichsten +und hartnäckigen Widerstand findet die Regierung leider bei den +Geistlichen, welche befürchten, daß die Einverleibung in Preußen dem +lutherischen Bekenntniß Gefahr bringen, und daß die Einführung der Union +beabsichtigt werden könnte." + +Der König blieb einen Augenblick stehen und blickte sinnend vor sich +hin. + +"Mein Gott," fuhr er fort, "daß doch gerade die Priester des +Christenthums sich so wenig zu den Ideen der Liebe und Duldung erheben +können, welche den Erlöser selbst erfüllten. Was ist denn die Union, +dieses Werk meines unvergeßlichen Vaters, anders, als der Ausdruck der +wahrhaft christlichen Toleranz, um alle Bekenner des evangelischen +Glaubens zu einer evangelischen Kirche zu vereinigen. + +"Nun ich hoffe," sprach er weiter, "der gesunde Sinn der Gemeinden wird +kräftiger sein, als der eigensinnige Zelotismus der Geglichen. Uebrigens +liegt es mir ja unendlich fern, den Gewissen irgend welchen Zwang anthun +zu wollen und einen Druck zur Einführung der Union auszuüben. Sie werden +mir über das Alles noch ausführlich berichten," sagte er, "sobald ich +eine Stunde freie Zeit habe." + +Er grüßte Herrn von Möller und wendete sich zu zwei Damen, welche in +einfacher Morgentoilette an der Seite der Promenade stehen bleibend, +sich tief verneigten. + +Es waren die berliner Künstlerinnen, Fräulein Marie Keßler mit dem +anmuthig gedankenvollen Ausdruck in den weichen sinnenden Augen und +Fräulein Anna Schramm, deren lebhafte Blicke von Geist und Laune +funkelten. + +"Nun, meine Damen," sagte der König, "ich hoffe, daß die Vorstellung, +welche Sie mit Herrn Bethge und Herren Behrend zum Besten der +Abgebrannten in Pera veranstaltet haben, einen recht günstigen Ertrag +für die armen Opfer jener unglücklichen Catastrophe erzielt hat." + +"Die Rechnungen sind noch nicht abgeschlossen, Majestät," erwiderte +Fräulein Keßler, "doch hoffen wir, daß nach der Gesammteinnahme ein +erheblicher Ueberschuß sich ergeben wird." + +"Ich habe mich sehr über Ihr Unternehmen gefreut," sagte der König "und +spreche Ihnen nochmals meinen Dank dafür aus. Es ist ein schöner Zug des +immer mehr erstarkenden und erwachenden Nationalgefühls, daß wenn auch +im fernsten Auslande Deutsche von dem Schlage des Unglücks getroffen +werden, die besten Kräfte der Nation sich vereinigen, um ihnen +beizustehen, und es hat mich hoch erfreut, daß meine berliner Künstler +und Künstlerinnen auch in dieser Beziehung mit edlem Beispiel +vorangegangen." + +Mit ritterlich artigem Gruß gegen die beiden Damen schritt er weiter, +begrüßte noch die verschiedenen Bekannten auf der Promenade, während er +die vorgeschriebene Anzahl von Bechern an der Quelle leerte und kehrte +dann, vom Grafen Lehndorf gefolgt, nach seiner Wohnung im Badehause +zurück. + +Rüstigen und leichten Schrittes stieg er die Treppe hinauf, trat durch +das Wohnzimmer in den einfachen Raum, welcher ihm als Arbeitscabinet +diente; an dem Fenster dieses Zimmers stand der breite Schreibtisch; ein +Sopha und einige Lehnstühle mit rothem Plüsch überzogen, bildeten das +ganze Ameublement dieses anspruchslosen Aufenthalts des mächtigen +Monarchen. + +Der Flügeladjudant war im Vorzimmer zurückgeblieben. Der König reichte +seinen Hut und seinen Stock seinem Leibkammerdiener Engel, welcher in +ernster ruhiger Haltung, in seinem blauen Frack mit den goldenen Knöpfen +fast an einen hohen Staatsbeamten erinnernd, seinem königlichen Herrn +entgegengetreten war. + +"Ich lasse den Geheimrath Abeken bitten," sagte der König, setzte sich, +während der Kammerdiener hinausging, an seinen Schreibtisch und öffnete +einige für ihn dort hingelegte Privatbriefe. + +Nach kurzer Zeit trat der Geheime Legationsrath Abeken, seine +Vortragsmappe unter dem Arm in das Zimmer. + +Er war ein kleiner Mann von einundsechzig Jahren, dessen ganze +Erscheinung trotz der etwas lebhaften und nervösen unruhigen Bewegung +noch ein wenig den Stempel des geistlichen Standes trug, für den er sich +in seiner Jugend bestimmt hatte. Sein blondes Haar und sein kleiner +blonder Schnurrbart erschienen noch wenig ergraut, und aus seinen +lebhaften, scharf blickenden Augen blitzte das Feuer jugendlicher +Frische. + +"Guten Morgen, mein lieber Abeken," sagte der König, freundlich mit dem +Kopf nickend und seinen langjährigen vertrauten Diener, der ihn als +vortragender Rath des auswärtigen Ministeriums auf allen seinen Reisen +begleitete, die Hand reichend. "Setzen Sie sich, theilen Sie mir mit, +was Neues von Berlin gekommen ist. Ich muß Sie übrigens bitten," sagte +er schalkhaft lächelnd--während Herr Abeken einen Sessel heranzog und +seine Mappe öffnete--"daß Sie die Leute nicht im Schlaf stören--" + +Herr Abeken sah ganz erstaunt den König an. + +"Ich wüßte nicht, Majestät." + +"Lauer hat sich beklagt," fuhr der König in demselben scherzhaften Ton +fort, "daß Sie und St. Blanquart am späten Abend und am frühesten Morgen +schon wieder ihn fortwährend mit dem monotonen Geräusch der Lectüre der +Zahlen des Depeschenchiffres verfolgen." + +"Nun Majestät," sagte Herr Abeken lächelnd, "ich hoffe, daran wird sich +Herr von Lauer gewöhnen, wie man sich an das Geräusch einer Mühle +gewöhnt, und wenn er nach Berlin zurückkommt, wird er das +Dechiffrirbureau neben seinem Zimmer vermissen." + +"Wie steht die Hohenzollersche Angelegenheit in Berlin," fragte der +König. "Sie wissen, daß Benedetti angekommen ist, es scheint, daß es da +einige Weitläufigkeiten geben wird." + +"Herr von Thiele berichtet, Majestät," sagte der Geheimrath Abeken, +indem er einen Bericht aufschlug, den er aus seiner Mappe genommen +hatte, "daß der französische Geschäftsträger Le Sourd eine äußerst +scharfe und bestimmte Sprache führe und erklärt habe, daß die +französische Regierung unter keiner Bedingung die Thronbesteigung des +Prinzen von Hohenzollern in Spanien dulden könne. Und diese Sprache des +Geschäftsträgers zusammengehalten mit den Aeußerungen des Herzogs von +Gramont im Corps legislatif flößen Herrn von Thiele die äußersten +Besorgnisse ein, und er fürchtet, daß in Paris ein Hintergedanke +bestehe. Der Legationsrath von Kendell ist nach Barzin gegangen, um dem +Grafen Bismarck persönlich über die Sache Bericht zu erstatten und +demselben den Wunsch auszusprechen, daß er, wenn möglich unter diesen +Umständen nach Berlin zurückkehren möchte." + +"Der arme Bismarck," sagte der König, "er hat seine ländliche Ruhe so +nöthig, und ich gönne sie ihm so von Herzen nach all' den Arbeiten, die +er den Winter über gehabt hat. Aber freilich," fuhr er fort, "wenn die +Sache, was ich noch immer nicht glauben kann, irgend wie ernsthaft +werden sollte, so wird er seine Sommerruhe wohl unterbrechen müssen. Ich +kann ja auch hier nicht ohne Minister auf irgend welche politische +Verhandlungen wirklich eingehen, doch vermag ich in der That kaum +abzusehen--" er schwieg einen Augenblick. + +"Was haben Sie sonst noch?" fragte er. + +"Abgesehen von dieser spanischen Frage, Majestät," sagte der Geheimrath +Abeken, "ist in der auswärtigen Politik völliger Stillstand. Was Eure +Majestät vielleicht besonders interessiren wird, ist ein Bericht über +die Zustände in Rumänien." + +Der König nickte leicht mit dem Kopf. + +"Es sieht dort bunt aus," sagte er. + +"Sehr bunt, Majestät," erwiderte der Geheimrath Abeken, "die Lage ist +dort so verworren, daß bereits in den Parteien sich Stimmen erheben, +welche das Einschreiten der Schutzmächte gegen die Verfassung von 1860 +für dringend nöthig erachten. Es scheint, daß die Zustände in Rumänien +keine freie Verfassung ertragen. In allen Schichten der Bevölkerung +fehlt es an Vertretern, welche die nötige Einsicht zur Ausübung +verfassungsmäßiger Rechte besitzen. Die Verfassung dient nur dem Ehrgeiz +der Parteien und legt der Thätigkeit des Fürsten, und wenn er persönlich +die größte Energie hätte, überall hemmende Ketten an. Gerade diejenigen +welche den Regierungsantritt des Fürsten begünstigten, die Führer der +radicalen Partei, sind am wenigsten geneigt seine Autorität zu stärken. +Sie wollen ihn zu einem lenkbaren Zögling machen und erschweren ihm das +Leben in jeder Weise, Senat und Deputirtenkammer sind seit den vier +Jahren der Regierung des Fürsten Carl schon dreimal ausgelöst, und der +Auflösung folgte jedes Mal eine Agitation durch das ganze Land, die das +öffentliche Leben aufs tiefste erschüttert." + +"Lassen Sie mir den Bericht hier," sagte der König, "der arme Carl von +Hohenzollern thut mir leid, daß er sich in diese Verwirrung hinein +begeben hat, welche zu lösen ihm kaum gelingen möchte. Es ist +merkwürdig," sagte er, während Herr Abeken den Bericht auf den +Schreibtisch des Königs legte, "daß das Beispiel in der Familie, den +Prinzen Leopold nicht abhält, auch seinerseits sich auf den Weg +ähnlicher Abenteuer zu begeben, die vielleicht noch unangenehmer und +verhängnißvoller werden können. Der Fürst Anton hat an diesem kleinen +rumänischen Thron schon genügend empfunden, was solche Expeditionen +kosten. Das spanische Unternehmen möchte wohl leicht noch etwas theurer +werden können. Wenn keine eiligen Sachen mehr da sind," sagte er dann, +"so bitte ich Sie das Uebrige für morgen zu vertagen. Ich möchte noch +hören, ob Wilmowsky etwas Dringendes vorzutragen hat und einige Briefe +lesen, die ich so eben erhalten, bevor ich Benedetti empfange," sagte er +mit leichtem Seufzer. "Der Kronprinz hat mir sehr ausführlich über seine +Begegnung mit dem Kaiser Alexander in Breslau geschrieben, und es ist +mir eine rechte Herzensfreude gewesen, zu sehen, daß auch dort wieder +die mir so lieben Familienbeziehungen den innigsten Ausdruck gefunden +haben. Der Kaiser hat dem Kronprinzen selbst den St. Georgsorden zweiter +Klasse an die Brust geheftet und zugleich an Fritz Carl denselben Orden +geschickt, wozu er mich schon früher um die Erlaubniß gebeten hatte. Das +Alles freut mich ungemein, die Beziehungen zu dem russischen Hause hege +und pflege ich wie ein theures Vermächtniß meines Vaters und wünsche +von Herzen, daß dieselben Beziehungen in der künftigen Generation auch +fort leben mögen." + +"Abgesehen von diesen Traditionen," sagte der Geheimrath Abeken, welcher +sich erhoben und seine Mappe unter den Arm genommen hatte, "welche ja in +der glorreichsten Geschichte Preußens wurzeln, sind die guten +Beziehungen mit Rußland auch im Hinblick auf die politischen +Verhältnisse der Gegenwart von der äußersten Wichtigkeit, und gerade in +Augenblicken wie der gegenwärtige, in welchem nach anderer Seite hin die +Keime zu Verwickelungen sich zeigen, tritt mir so recht lebhaft die +Nothwendigkeit entgegen, mit dem mächtigen Nachbar im Osten in fester +Einigkeit zu leben, damit für alle Eventualitäten nach dorthin uns der +Rücken gedeckt ist." + +"Nun," sagte der König lächelnd, "dafür ist ja gesorgt, in dieser +Beziehung dürfen wir keine Bedenken haben, nötigenfalls unsere ganze +Kraft nach der andern Seite hinzurichten. Auf Wiedersehen, mein lieber +Abeken," sagte der König, "wollen Sie veranlassen, daß Benedetti zum +Diner eingeladen wird. Senden Sie mir Wilmowsky und," fügte er lächelnd +mit dem Finger drohend hinzu, "stören Sie mir Lauer nicht wieder im +Schlaf." + +Der Geheime Legationsrath verließ das Cabinet. + +Kurze Zeit darauf während welcher der König noch einige der für ihn +persönlich angekommenen Briefe geöffnet und durchflogen hatte, trat der +Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky ein, auf seinem länglichen Gesicht, +dessen unterer Theil von einem kurzen weichen Bart umgeben war, lag +ruhige Heiterkeit und ein fast humoristischer Zug umgab die klaren und +scharf blickenden Augen, seine breite, von vollem ergrautem Haar +umgebene Stirn war zugleich hoch und schön gewölbt, und in seiner +Haltung zeigte er die ruhige und klare Sicherheit des Hofmannes. + +"Sind die Bestimmungen über die Feier des dritten August nunmehr +vollständig getroffen," fragte der König, nachdem er seinen Cabinetsrath +freundlich begrüßt und derselbe ihm gegenüber Platz genommen hatte. "Es +liegt mir diese Feier ganz besonders am Herzen. Die Aufrichtung eines +Denkmals für den hochseligen König ist eine Pflicht der Dankbarkeit, +welche ich schon lange empfunden und welche ich mich besonders freue, +noch während meines Lebens abtragen zu können." + +"Eure Majestät hatten befohlen," sagte der Geheime Cabinetsrath, "daß +von den Civilbehörden außer den Deputationen sämmtlicher in Berlin +bestehenden Behörden und der Regierung in Potsdam nur die +Oberpräsidenten der Provinzen eingeladen werden sollten." + +"Ganz recht," sagte der König, "einfach und schlicht wie der Sinn meines +Vaters war, soll auch die Feier der Enthüllung des Denkmals sein, auch +wenn kein großer Pomp entfaltet wird, so wird das Gefühl des preußischen +Volkes und seine frommen Erinnerungen dennoch diesem Act seine schöne +und hohe Bedeutung geben." + +"Von den Rittern des eisernen Kreuzes," fuhr der Geheime Cabinetsrath +fort, "sollen wie Eure Majestät bestimmten, nur diejenigen von Berlin, +Potsdam und Spandau zugezogen werden--" + +"Die Ritter des eisernen Kreuzes," sagte der König sinnend--"um das +Denkmal des verewigten Herrn, dessen einfacher frommer Sinn dieses +eiserne Denkzeichen an eine eiserne Zeit stiftete! Sie werden immer +weniger," fuhr er mit weicher Stimme fort, "diese alten Kämpfer für die +Befreiung Deutschlands--noch einige Jahre und das edle Zeichen wird aus +meiner Armee verschwunden sein,--sie werden dann dort oben Alle +versammelt sein um meinen Vater und meine Mutter--und ich auch!--So Gott +will aber soll der Geist nicht verloren gehen, welcher in jenem Zeichen +lebt, der Geist der frommen und treuen Hingebung an das Vaterland, der +Geist, der uns lehrt, das eiserne Schwert nur zu gebrauchen für eine +Sache, auf welcher der Segen des heiligen Kreuzes ruht." + +"Uebrigens," fuhr der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky nach einigen +Augenblicken fort, "wird eine umfassende Repräsentation der Stadt Berlin +bei der Feier statt finden, worüber der Polizeipräsident von Wurmb, der +heute oder morgen hier eintrifft, Eurer Majestät noch nähere +Mittheilungen machen wird. Auch von allen Großstädten der Monarchie sind +Deputationen angemeldet, ebenso von Seiten der Provinzial-Stände." + +"Wenn es nur nicht zu groß und geräuschvoll wird," sagte der König. +"Nun," fuhr er fort, "Jedermann in Preußen kennt ja den Sinn meines +Vaters, und man wird verstehen, daß auch in diesem Sinne die Feier +gehalten werden muß. Es sollen Deputationen der russischen Armee +erscheinen," fuhr er dann fort, "ich will darüber noch mit Treskow das +nähere besprechen. Diese Aufmerksamkeit des Kaisers Alexanders freut +mich ganz besonders, der hochselige Herr legte ja stets so hohen Werth +auf die russische Freundschaft und lächelte stets so still glücklich, +wenn es im Palais hieß, die Russen kommen. Es wird ein schöner, aber +tief ergreifender Tag werden," sagte er, "und ich werde so recht ruhig +und zufrieden sein, wenn ich erst das liebe und so schön gelungene +Erzbild meines Vaters als ein Denkmal der großen und unvergeßlichen Zeit +werde aufgerichtet haben. Lassen Sie mir das ganze Programm hier," sagte +er dann, "ich will Alles genau noch prüfen, und wenn ich Wurmb gehört +habe, Alles definitiv feststellen. Was haben Sie sonst noch?" + +Der Geheime Cabinetsrath nahm seine Papiere zur Hand und begann den +Vortrag über die laufenden Geschäftssachen, welche der König hier im +Bade mit derselben Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit erledigte, als in +Berlin. + + * * * * * + +Um drei Uhr Nachmittags erschien im Badehause der französische +Botschafter Graf Benedetti. Er war bereits zum Diner angekleidet und +trug unter dem schwarzen Frack das breite Orangeband des Ordens vom +schwarzen Adler, den Stern dieses höchsten preußischen Ordens und das +Großkreuz der Ehrenlegion auf der Brust. Sein blasses, glattes und +bartloses Gesicht, dessen runde Stirn von dünnem ergrauendem Haar +umgeben war, zeigte die vollkommenste gleichgültige Ruhe. Ein heiteres, +freundlich höfliches Lächeln lag auf seinen Lippen, und seine klaren +grauen Augen, welche selten einen bestimmten Ausdruck zeigten, blickten +so völlig unbefangen umher, daß Niemand, der den Botschafter in die +Wohnung des Königs eintreten sah, an das Vorhandensein irgend einer, +auch nur einigermaßen ernsten politischen Frage hätte glauben können. + +Der Flügeladjutant vom Dienst meldete den Botschafter sofort Seiner +Majestät und führte ihn unmittelbar darauf in das königliche +Arbeitscabinet. + +König Wilhelm hatte sich erhoben, trat dem Grafen Benedetti einen +Schritt entgegen und reichte ihm mit freundlicher Bewegung die Hand, +welche dieser, sich tief verneigend, ehrerbietig ergriff. + +"Ich glaube zu wissen, weßwegen Sie kommen," sagte der König,--"wir +werden uns leicht darüber verständigen und aus dieser Sache wird kein +Conflikt entstehen." + +Er deutete, während er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf einen +Sessel, welcher neben demselben stand. + +"Eure Majestät," sagte Benedetti, indem er sich niederließ, "haben die +Gnade, dieselbe Ueberzeugung auszusprechen, in welcher ich hierher +gekommen bin,--ich bin gewiß, daß es unendlich leicht sein wird, den +Gegenstand der Beunruhigung verschwinden zu lassen, welcher in den +letzten Tagen aufgetaucht ist, und welcher die Regierung des Kaisers, +meines allergnädigsten Herrn, sehr lebhaft beschäftigt." + +Der König blickte ruhig und erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht +des Botschafters. + +"Die öffentliche Meinung in Frankreich, Majestät," fuhr dieser fort, +"erblickt in der Annahme der spanischen Throncandidatur von Seiten des +Erbprinzen Leopold von Hohenzollern eine ernste Gefährdung der +französischen Interessen, und die Regierung des Kaisers, welche," fügte +er hinzu, "mehr als irgend eine andere Veranlassung hat, der +öffentlichen Meinung in ausgedehnter Weise Rechnung zu tragen, kann +sich, wenn sie auch weit entfernt von der allgemeinen Aufregung ist, +dennoch diesem Einfluß nicht verschließen. Eure Majestät wissen, wie +hohen Werth der Kaiser persönlich und alle Mitglieder seiner Regierung +darauf legen, daß in den Beziehungen zwischen Preußen und Frankreich +keine Trübung entstehe, und daß kein Mißverständniß die aufrichtige +Freundschaft und das Vertrauen stören, welches zum Wohl beider Nationen +besteht und zu dessen Erhaltung ich nach meinen Kräften mitzuwirken +seit Jahren den ehrenvollen und erfreulichen Beruf habe." + +Der König nickte wie die letzten Worte betätigend leicht mit dem Kopf, +ohne etwas zu erwidern. + +"Die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern," sprach Benedetti weiter, +"muß abgesehen von der Irritation in Frankreich, wie die Regierung des +Kaisers glaubt und wie auch Eure Majestät gewiß nicht verkennen werden, +auch in Spanien selbst eine große Aufregung hervorrufen und wird +unausbleiblich dort die Ursache oder wenigstens der Vorwand großer +Unruhen und Unordnungen werden. Auch in anderen Ländern, Majestät," fuhr +er mit fast unmerklich erhöhter Betonung fort, "hat die Sache eine +lebhafte Beunruhigung erzeugt,--wenn man den übereinstimmenden +Aeußerungen der englischen Presse Glauben schenken darf, so ist auch die +öffentliche Meinung in England einig darin, eine Combination zu +beklagen, welche die Ruhe Spaniens ebenso sehr zu bedrohen scheint, als +die guten Beziehungen, die in diesem Augenblick die großen europäischen +Mächte miteinander verbinden. Die Regierung des Kaisers hat keinen +andern Wunsch, als allen diesen Beunruhigungen so schnell als möglich +ein Ziel zu setzen, und in den Händen Eurer Majestät liegt es, diese +Wünsche, diese lebhaften und innigen Wünsche zu erfüllen. Eure Majestät +können mit einem Wort alle diese Gefahren beschwören und den Ausbruch +eines Bürgerkrieges in der pyrenäischen Halbinsel verhüten, für welche +ein Mitglied Ihres Hauses die Verantwortung tragen würde. Der Prinz von +Hohenzollern kann die spanische Königskrone nicht annehmen, ohne dazu +von Eurer Majestät autorisirt zu werden. Sobald Eure Majestät ihn von +diesem auch für ihn selbst gefährlichen Unternehmen, abzuhalten die +Gnade haben, so werden die Beunruhigungen, welche jetzt alle Welt +erfüllen, in einem Augenblick aufhören. Die hohe Weisheit Eurer Majestät +und die großherzigen Gefühle, welche Sie erfüllen, werden Ihren +Entschluß bestimmen. Ich beschwöre Eure Majestät, Europa diesen +neuen Beweis von den edlen Gesinnungen zu geben, in welchen +Allerhöchstdieselben bei jeder Gelegenheit beigetragen haben, den +allgemeinen Frieden zu erhalten und zu befestigen. Die Regierung des +Kaisers," fügte er hinzu, "wird in einem solchen Entschluß Eurer +Majestät eine neue und innige Befestigung der guten Beziehungen zwischen +Frankreich und Preußen erblicken und wird einen solchen Entschluß, wie +ich versichern darf, mit hoher Freude und dankbarer Anerkennung +entgegennehmen, ebenso wie sie überzeugt ist, daß derselbe in ganz +Europa allgemeine Befriedigung erregen wird." + +Der König hatte vollkommen ruhig und ohne ein äußeres Zeichen seiner +Gedanken die Worte des Botschafters angehört, er sah einen Augenblick +schweigend zu Boden und richtete dann den klaren Blick seines offenen, +freien Auges fest auf Benedetti. + +"Mein lieber Graf," sagte er, "es ist vor allen Dingen nothwendig, jedes +Mißverständniß und jede falsche Auslegung über die Art meiner +Intervention in dieser ganzen Angelegenheit auszuschließen. Alle +Verhandlungen, welche über den Gegenstand geführt wurden, haben sich +ganz ausschließlich zwischen der spanischen Regierung und dem Prinzen +von Hohenzollern bewegt. Die preußische Regierung ist allen diesen +Verhandlungen nicht nur vollkommen fern geblieben, dieselbe war ihr +sogar gänzlich unbekannt, auch ich persönlich habe in keiner Weise in +dieselbe eingegriffen. Ich habe es sogar entschieden verweigert, einen +Agenten des Marschall Prim zu empfangen, welcher in dieser Sache nach +Berlin geschickt wurde und habe mich zum ersten Male über die ganze +Frage überhaupt geäußert, als der Prinz Leopold bereits ganz entschieden +war, die ihm gemachten Vorschläge anzunehmen und meine Erklärung +darüber erbat. Dies fand bei meiner Ankunft in Ems statt, und ich habe +mich einfach darauf beschränkt, dem Prinzen zu erklären, daß ich nicht +glaubte, seinen Absichten ein Hinderniß in den Weg legen zu sollen. Die +ganze, an sich schon sehr unbedeutende Einwirkung, welche ich +meinerseits auf die Sache habe üben können, ist also rein passiver Natur +gewesen und hat sich ganz ausschließlich auf meine Stellung als Chef des +Gesammthauses Hohenzollern bezogen. Lediglich in dieser Eigenschaft und +nicht in derjenigen als König von Preußen bin ich von dem Entschluß des +Prinzen unterrichtet worden, auch habe ich meinem Ministerrath in keiner +Weise die Frage vorgelegt, und die preußische Regierung als solche, ist +außer Stande eine Interpellation über die Sache zu beantworten, die ihr +vollkommen unbekannt geblieben ist, und für welche sie ebenso wenig +verantwortlich sein kann, als irgend ein europäisches Cabinet." + +Der König schwieg. + +Benedetti, welcher mit schärfster, ehrerbietigster Aufmerksamkeit seinen +Worten gefolgt war, verneigte sich, wie um anzudeuten, daß er den Sinn +derselben vollkommen erfaßt habe. + +"Eure Majestät wollen mir erlauben," sprach er mit seiner sanften, +geschmeidigen Stimme, "ehrfurchtsvoll zu bemerken, daß die öffentliche +Meinung, namentlich diejenige in Frankreich den Sinn und die Bedeutung +des scharfen Unterschiedes in der Stellung Eurer Majestät, welche +Allerhöchstdieselben so eben hervorzuheben die Gnade hatten, nach meiner +Ueberzeugung nicht zu erfassen im Stande sein wird. Die öffentliche +Meinung sieht in dem Erbprinzen von Hohenzollern nichts anderes als ein +Mitglied der in Preußen regierenden Familie und kann sich, wie ich +glaube, von der Auffassung nicht los machen, daß der Prinz, indem er die +spanische Königskrone annimmt, in einer und derselben Dynastie zwei +Throne vereinigt. Man wird sich vergebens bemühen, diese Auffassung zu +zerstören, das Nationalgefühl Frankreichs ist vollkommen einig in dieser +Auffassung, und Eure Majestät werden die Gnade haben, anzuerkennen, daß +es der Regierung des Kaisers unmöglich ist, dieser Auffassung gegenüber +gleichgültig zu bleiben. Die Regierung des Kaisers befindet sich in der +Nothwendigkeit--und ist entschlossen, jener Auffassung der öffentlichen +Meinung mit vollem Ernst Rechnung zu tragen." + +"Wenn man die Sache," sagte der König, "von einer andern Seite auffaßt, +so wird doch aber die Regierung des Kaisers nicht verkennen wollen, daß +die gegenwärtige Regierung in Spanien von allen Mächten anerkannt und in +ihren Entschließungen vollkommen souverain ist. Ich vermag nicht +einzusehen," fuhr er fort, "mit welchem Recht eine europäische Macht +sich der Thronbesteigung eines Königs widersetzen könnte, welcher durch +die Vertreter des spanischen Volkes frei gewählt werden würde. Wie der +spanische Gesandte in Berlin mitgetheilt hat," fuhr er fort,--"und dies +ist," fügte er mit Betonung hinzu, "die erste und einzige Mittheilung, +welche die preußische Regierung überhaupt in der ganzen Angelegenheit +erhalten hat,--werden die spanischen Cortes auf den zwanzigsten dieses +Monats zusammen berufen werden. Wenn wirklich für die innere Ruhe +Spaniens aus der Candidatur des Prinzen Leopold diejenigen Gefahren zu +besorgen sein sollten, auf welche Sie, mein lieber Graf, vorhin +aufmerksam gemacht haben, so wird es Sache der Cortes sein, jede +Candidatur zurückzuweisen und damit die ganze Sache zu beendigen." + +"Ich bitte um die Erlaubniß, Eurer Majestät bemerken zu dürfen," +erwiderte Graf Benedetti, "daß die Regierung des Kaisers weit entfernt +ist, das freie Selbstbestimmungsrecht des spanischen Volkes beschränken +zu wollen. Die kaiserliche Regierung hat nur die Ueberzeugung, daß die +Combination, welche eigentlich persönlich von dem Marschall Prim +ausgegangen ist, die Quelle großer und trauriger Verwickelungen sein +würde. Solchen Verwickelungen gegenüber werden Eure Majestät gewiß +selbst ein Mitglied Ihrer hohen Familie nicht zur Annahme der Krone +autorisiren wollen. Eure Majestät halten allein das Mittel in Händen, um +einer so gefahrvollen Lage ein Ende zu machen; und ich bin beauftragt, +mich mit der dringenden Bitte an die Weisheit Eurer Majestät zu wenden, +von diesem Mittel Gebrauch zu machen." + +"Die Parteien in Spanien," sagte der König "sind so zahlreich und so +viel gespalten, daß auch die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern kaum im Stande sein würde, dort einen Bürgerkrieg zu +vermeiden. Die Parteien sind es dort gewohnt, sich dem Beschluß der +Majorität nicht zu fügen und mit den Waffen in der Hand, ihre Rechte +oder ihre Ansichten zu vertreten." + +"Ich erkenne vollkommen die Wahrheit der Bemerkung Eurer königlichen +Majestät an," erwiderte Benedetti, indem seine schlanke Gestalt sich +etwas zusammenbog--"indessen würde jedenfalls, wenn es trotz der +Verzichtleistung des Prinzen Leopold in Spanien zu Unruhe und Kämpfen +kommen sollte ein Mitglied Ihres Hauses nicht die Verantwortung für +vergossenes Blut zu tragen haben." + +Der König senkte einen Augenblick nachdenklich den Blick zu Boden. + +"Mein lieber Graf," sagte er dann, "Sie können überzeugt sein, daß ich +den aufrichtigen Wunsch hege, eine Situation verschwinden zu lassen, +welche zu Verwickelungen und Mißverständnissen Veranlassung giebt. Ich +muß indeß noch einmal darauf zurückkommen, daß meine ganze persönliche +Stellung zu der Frage eine rein negative, wenigstens vollkommen passive +ist. Ich habe wahrlich in keiner Weise den Prinzen Leopold irgend wie +zur Annahme der ihm angetragenen Candidatur ermuntert, ich habe mich +lediglich darauf beschränkt, seinen Entschlüssen kein Hinderniß in den +Weg zu legen. Von diesem Standpunkt würde ich mich auch jetzt nur sehr +schwer entfernen können, ich kann den Prinzen eben so wenig, wie ich ihn +zu seinem Entschluß ermuthigt habe, auch jetzt nicht zwingen, von +demselben zurückzukommen. Mir scheint, daß die Regierung des Kaisers, +wenn sie wirklich in dieser Sache so große Gefahren erblickt, die ich +noch nicht zu sehen im Stande bin, allen ihren Einfluß in Madrid +aufwenden sollte, um die dortige Regierung zu bestimmen, daß sie auf das +Projekt verzichte." + +"Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Majestät zu bemerken, +daß die Regierung des Kaisers in keiner Weise in das freie +Selbstbestimmungsrecht der spanischen Nation eingreifen möchte. Sie +würde die Schwierigkeit der ganzen Lage nur unendlich vergrößern, die +kaiserliche Regierung hat vielmehr geglaubt, daß der leichteste und +einfachste Weg zur Erledigung der ganzen Angelegenheit der sei, wenn +Eure Majestät Allerhöchst Ihre mächtige Autorität gebrauchen, um durch +die Verzichtleistung des Prinzen diese Candidatur verschwinden zu +lassen. Ich darf mir erlauben, Eure Majestät auf die Präcedenzfälle in +Betreff Griechenlands und Neapels aufmerksam zu machen, in welchen +ebenfalls das Prinzip festgestellt wurde, daß Prinzen, welche der +Dynastie einer Großmacht angehören, nicht zu gleicher Zeit Souveraine +eines anderen Landes sein sollen, und auch der Kaiser, mein +allergnädigster Herr, hat persönlich dies Prinzip anerkannt, indem er +dem Prinzen Murat die Bewerbung um den neapolitanischen Thron +untersagte. Eure Majestät werden sich um so mehr in diesem Sinne +entscheiden können, als ja Preußen und Deutschland keinen Antheil an den +bisherigen Versammlungen genommen haben, also auch keine Concessionen zu +machen haben würden, während für Frankreich sehr ernste Interessen auf +dem Spiel stehen und während dort, wie ich mir zu wiederholen erlauben +muß, die öffentliche Meinung sich in einer sehr bedenklichen Aufregung +befindet, einer Aufregung, welche auch der Baron Werther vor seiner +Abreise hat wahrnehmen können, und über welche er, wie ich nicht +zweifle, Eurer Majestät Bericht erstattet haben wird." + +"Diese Aufregung der öffentlichen Meinung in Frankreich ist mir +bekannt," sagte der König, "die Thatsache ihrer Existenz beweist aber +noch nichts für ihre Berechtigung und dann muß ich Ihnen aufrichtig +sagen, daß die Erklärung, welche der Herzog von Gramont im Corps +legislatif abgegeben hat, mir weit eher dazu geneigt scheint, die +öffentliche Meinung noch mehr zu echauffiren, als sie zu beruhigen. Der +erste Theil der Erklärung des Herzogs," fuhr der König fort, "ist sehr +richtig und sehr correct. Indessen muß ich Ihnen gestehen, daß der +Schlußsatz derselben mich allerdings sehr peinlich berührt hat. Die +Worte, welche der Herzog über die Absichten einer fremden Macht +gesprochen hat, können doch nur auf Preußen bezogen werden. Wie ich +Ihnen gesagt, hat die preußische Regierung an der ganzen Sache nicht den +geringsten Antheil gehabt. Jene Worte machen daher fast den Eindruck +einer Provokation, und wenn ich auch eine solche in denselben nicht +finden will, so wird doch dieser Eindruck in Deutschland vorhanden sein, +und er kann dazu beitragen, daß auch in Deutschland die öffentliche +Meinung sich aufzuregen beginnt, wodurch dann allerdings die ganze +Situation sehr erheblich verschlimmert werden würde." + +Der König hatte die letzten Worte mit etwas erhöhtem Tone gesprochen, +ohne daß indeß von seinem Gesicht der Ausdruck ruhiger und freundlicher +Höflichkeit verschwunden war. + +"Ich möchte Eure Majestät bitten, zu berücksichtigen," erwiderte +Benedetti, "daß der Herzog von Gramont sich in einer auf's höchste +aufgeregten Versammlung befand und daß es ihm vor allen Dingen darauf +ankommen mußte, jede aufreizende und gefährliche Discussion +abzuschneiden und deshalb eine Erklärung abzugeben, welche dieser +Versammlung versicherte, daß für den Fall einer Gefährdung der Ehre und +der Interessen Frankreichs die Haltung der kaiserlichen Regierung eine +feste und entschiedene sein werde. Eure Majestät werden anerkennen, daß +die Erklärung des Herzogs von Gramont ihm nur durch den dringenden +Wunsch dictirt sein kann, die ganze Frage offen zu halten und alle +Erörterungen auszuschließen, welche den guten Beziehungen zu Preußen, +auf welche der Kaiser und seine Regierung einen so hohen Werth legen, +hätten gefährlich werden können." + +Der König schüttelte langsam den Kopf, als verstehe er diese +Argumentationen des Botschafters nicht. + +"Ich begreife nicht," sagte er, "wie die Ehre und die Interessen +Frankreichs durch den Entschluß des Prinzen von Hohenzollern berührt +werden können. Die Verhandlungen, welche zu diesem Entschluß geführt +haben, sind ja durch die Regierung in Madrid aus freiem Antriebe +begonnen. Keine Regierung hat an denselben irgend welchen Antheil +genommen, ich begreife nicht, wie daraus irgend ein Conflikt entstehen +kann. Und ich will nicht annehmen," fügte er mit scharfer Betonung +hinzu, indem er voll Würde und Hoheit den Kopf emporhob, "daß der Krieg +aus einem Fall sich entwickeln könne, bei welchem gar keine europäische +Macht betheiligt ist." + +Ein leichtes Zucken zeigte sich in den Augenwinkeln Benedetti's, wie +abwehrend hob er ein wenig die Hand empor und rief: + +"An eine solche Eventualität, Majestät, auch nur zu denken, kann mir +nicht in den Sinn kommen. Meine Anwesenheit hier in Ems allein beweist +schon, wie dringend die Regierung des Kaisers eine versöhnliche und +allgemein befriedigende Lösung der so plötzlich entstandenen +Schwierigkeiten ersehnt, gerade um zu einer solchen Lösung zu gelangen, +bin ich beauftragt worden, Eurer Majestät alle diejenigen Gesichtspunkte +darzulegen, welche uns zwingen, die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern dringend zu wünschen." + +"Ich kann Ihnen nur nochmal wiederholen," sagte der König, "daß es mir +unendlich fern liegt, den Prinzen Leopold zur Annahme der spanischen +Königskrone zu ermuthigen oder auch eine solche Annahme seinerseits nur +zu wünschen, indeß muß ich ihm schon deßhalb, weil er nicht unmittelbar +zu meinem königlichen Hause gehört und kein preußischer Prinz ist, die +volle Freiheit seines Entschlusses lassen, seine Annahme zurückzuziehen. +Indeß," fügte er hinzu, "um Ihnen zu beweisen, wie sehr auch ich eine +allseitig befriedigende Lösung wünsche, kann ich Ihnen mittheilen, daß +ich sogleich, als ich von der großen Aufregung in Frankreich +unterrichtet worden bin, mich mit dem Fürsten Anton, der sich in +Sigmaringen befindet, in Verbindung gesetzt habe, um ihn über seine und +des Prinzen Leopold Ansichten zu befragen und zu erfahren, wie sie über +die in Frankreich durch den Entschluß des Prinzen Leopold +hervorgerufenen Aufregung dächten. + +Wenn der Prinz Leopold und sein Vater die ganze Erörterung über den +Gegenstand zu beseitigen geneigt wären, so würden ja dadurch alle +Schwierigkeiten gehoben,--einen Einfluß auf ihre Entschlüsse auszuüben, +aber halte ich mich nicht für berechtigt, und Sie begreifen, mein lieber +Graf, daß ich erst dann in der Lage sein werde, unsere heutige +Unterredung fortzusetzen, wenn ich genaue Mittheilungen über die +Beschlüsse des Fürsten Anton und seines Sohnes haben werde." + +Der König sagte die letzten Worte in einem Ton, welcher andeutete, daß +er die Unterredung für beendet halte. + +Benedetti verneigte sich tief, ohne indeß aufzustehen und sagte: + +"Ich muß mir erlauben Eurer Majestät ehrerbietigst zu bemerken, daß die +Regierung des Kaisers sich der stets wachsenden Aufregung der Kammer und +der Presse gegenüber, in großer Verlegenheit befindet und dringend +wünschen muß, so bald als irgend möglich bestimmte Erklärungen über die +endgültige Erledigung dieses Incidenzfalles abgeben zu können. Eure +Majestät würden mir daher eine besondere Gnade erweisen, wenn Sie mir +ungefähr den Zeitpunkt bezeichnen könnten, bis zu welchem Sie im Besitz +der zu erwartenden Nachricht sein können." + +Der König sann einen Augenblick nach. + +"Ich kann den Telegraphen nicht benutzen," sagte er dann, "ich habe hier +in Ems keinen Chiffre, durch den ich mit dem Prinzen Anton +correspondiren kann. Ich weiß auch nicht ganz genau, wo der Prinz +Leopold sich in diesem Augenblick befindet,--indeß kann es unmöglich +lange dauern. Ich hoffe, sehr bald genau unterrichtet zu sein und werde +Sie dann sofort benachrichtigen." + +Benedetti erhob sich. + +"Ich stehe zu Eurer Majestät Befehl," sagte er, "und habe nur noch den +dringenden Wunsch auszusprechen, daß Allerhöchstdieselben mich bald in +die Lage setzen möchten, meiner Regierung die glückliche und +befriedigende Beseitigung der ganzen Angelegenheit mittheilen zu +können." + +"Ich sehe Sie noch bei der Tafel, mein lieber Graf," sagte der Kaiser, +indem er Benedetti die Hand reichte, "und hoffe, daß Ihr Aufenthalt hier +in Ems, so gern ich Sie hier auch sehe, sich nicht zu sehr verlängere, +und daß Sie bald Ihre unterbrochene Kur in Wildbad wieder aufnehmen +können." + +Mit tiefer Verneigung verließ Benedetti das Cabinet, begab sich durch +das Vorzimmer in den länglichen einfenstrigen Raum, in welchem bereits +die zum Diner befohlenen Personen sich versammelten. + +Der König klingelte. Sein Kammerdiener Engel erschien und in kurzer Zeit +hatte Seine Majestät die Toilette für das Diner beendet. + +"Rufen Sie mir Abeken noch einmal," sagte der König. + +Wenige Minuten darauf trat der Geheime Legationsrath Abeken ebenfalls +zum Diner angekleidet in das Zimmer. + +Ernst und sinnend sagte der König: + +"Sie verlangen von mir die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern, sie wollen sich nicht nach Spanien wenden,--es ist in dem +Allen ein Hintergedanke, ich fühle das an dem ganzen Wesen Benedetti's, +er macht mir den Eindruck, daß er schärfere Instructionen hat, als seine +Worte erkennen lassen. Diese fast absichtliche Mühe, die man sich giebt, +um die Sache zu einer Frage zwischen Deutschland und Frankreich zu +machen, was sie doch nicht ist, kommt mir ein wenig bedenklich vor--und +je mehr man sie zu einer deutschen Frage macht, um so weniger bin ich +meinerseits im Stande, irgend eine Concession zu gewähren. Jedenfalls +telegraphiren Sie nach Berlin, daß Bismarck hierher kommen möge; wenn +die Sache irgend eine ernstere Dimension annimmt, muß ich ihn doch bei +mir haben. Auch wäre es gut," fügte er hinzu, "wenn Moltke von seinem +Urlaub zurückkäme, es ist immer besser, für alle Fälle vorbereitet zu +sein, als überrascht zu werden. Nach dem Diner theilen Sie mir sogleich +alle Nachrichten mit, die weiter von Berlin gekommen sind." + +Der Geheime Legationsrath ging hinaus. + +"Sollte es möglich sein," sprach der König mit tiefem Sinnen an das +Fenster tretend, "daß auch dieser Kampf mir noch beschieden wäre? Die +Mahnung an das Standbild meines Vaters--an das eiserne Kreuz ließen so +lebhaft in mir die Bilder jener alten vergangenen Zeiten +heraufsteigen,--nun," sagte er den Blick über die grünen Bäume hin zum +Himmel richtend, "in dieser Mahnung liegt auch die Bürgschaft für die +Zukunft Preußens und Deutschlands,--wenn Gott den Kampf beschlossen, so +wird auch Gott mit uns sein in diesem Kampf!" + +Die Thür des Cabinets wurde geöffnet, der Hofmarschall Graf Perponcher +trat ein, meldete Seiner Majestät, daß das Diner servirt sei und schritt +dann dem Könige voran in den kleinen Versammlungssaal, in welchem das +Gefolge und die zur Tafel befohlenen etwa vierzehn Personen versammelt +waren. + +Der König grüßte die Anwesenden huldvoll und heiter und schritt in den +Speisesaal voran, in welchem die königlichen Jäger in ihrer +geschmackvollen grünen und silbernen Livree zum Service bereit standen. + +Graf Benedetti nahm neben Seiner Majestät Platz, der König unterhielt +sich mit ihm während des ganzen Diners in so liebenswürdig, freundlicher +und unbefangener Weise, daß alle Anwesenden die Ueberzeugung gewannen, +es könnten keine ernsthaften drohenden Wolken am politischen Horizont +bestehen, und daß diese Ueberzeugung in schnell sich fortpflanzender +Mittheilung am Abend die ganze Badegesellschaft von Ems durchdrungen +hatte. + + + + +Siebentes Capitel. + + +Die Sonne sank bereits unter den Horizont und der alte Park von St. +Cloud mit fernen gewaltigen Riesenbäumen hüllte sich in dunkle Schatten, +als der Wagen des Herzogs von Gramont in das kaiserliche Schloß einfuhr. + +Der Herzog stieg aus und schritt eiligst die Treppe zu den Appartements +des Kaisers hinauf, in welche er nach der Meldung des Dienst thuenden +Adjutanten unmittelbar eingeführt wurde. + +Auf dem Tisch des Kaisers brannte bereits eine hohe Lampe mit großem +flachem Schirm von bläulichem Glas, während durch das geöffnete Fenster +mit den Düften der blühenden Rosenbeete die letzten Strahlen des +sinkenden Tages hineindrangen. + +Der Kaiser, welcher sich nach dem Familiendiner so eben zurückgezogen +und den Frack mit einem leichten weiten Sommerrock vertauscht hatte, +lag halb in einem jener großen amerikanischen Schaukelstühle von feinen +elastischen Holzstreifen, den Kopf auf eine an der Lehne des Stuhls +hängende Schlummerrolle gestützt und in ruhiger Träumerei seine Cigarre +rauchend. Mit einem leisen Seufzer über die Störung seines Dolce far +niente erhob er sich mit einiger Mühe und ging dem Minister einige +Schritte entgegen, welcher sich in einer gewissen Erregung zu befinden +schien. + +"Ich habe Eurer Majestät eine günstige und wichtige Nachricht +mitzutheilen," sagte der Herzog von Gramont, "und Ihre Befehle zu +erbitten, wie die durch dieselbe geschaffene neue Situation behandelt +werden soll." + +Der Kaiser athmete wie erleichtert auf. + +"Hat der König Wilhelm die Forderung Benedetti's erfüllt," fragte er. +"Ist dieser unangenehme und peinliche Fall erledigt?" + +"Der Prinz von Hohenzollern, Sire," sagte der Herzog von Gramont, "hat +seine Candidatur zurückgezogen. Olozaga ist so eben bei mir gewesen, um +mir dies mitzutheilen und nach einem Telegramm von Benedetti hat der +König Wilhelm ihm ebenfalls die Verzichtleistung des Prinzen durch einen +Adjutanten mittheilen und erklären lassen, daß er diese +Verzichtleistung autorisire." + +"Ah," sagte der Kaiser mit zufriedenem Lächeln, "unser energisches +Auftreten hat also schnell seine Früchte getragen." + +"Wie immer, Sire," sagte der Herzog mit dem Ausdruck stolzer +Befriedigung, "für eine Macht wie Frankreich ist Energie und Festigkeit +immer die beste Politik, und ich freue mich von ganzem Herzen, daß durch +unser Auftreten in dieser Sache nicht nur vor der Nation, sondern vor +ganz Europa der Beweis geliefert worden ist, daß das Wort Frankreichs +noch nicht ungehört verhalle, und daß die Zeit beendet sei, in welcher +man glaubte, ohne unsere Zustimmung die großen und wichtigen +europäischen Fragen entscheiden zu können. Das einfache Wort Eurer +Majestät hat genügt, um diese Combination des Grafen von Bismarck +scheitern zu lassen. Die Situation hat sich ungemein günstig für uns +verändert, denn wir haben alle europäischen Cabinette für uns, welche +sämmtlich in der Thronbesteigung eines Hohenzollerschen Prinzen in +Spanien eine bedenkliche Gefahr für die Ruhe und das Gleichgewicht +Europas erblickten. Es kommt nun nur darauf an, den Erfolg, den wir +errungen haben, vor den Kammern und der öffentlichen Meinung in das +richtige Licht zu stellen, damit alle die Feinde der Regierung sich +überzeugen, daß das Kaiserthum noch groß und glänzend da steht, und daß +Frankreich nach der langen Zurückhaltung, welche auf die Schlacht von +Sadowa folgte, wieder entschlossen ist, mit entscheidender Hand in die +Politik einzugreifen." + +"Sehr gut, sehr gut," sagte der Kaiser, "das wird einen vortrefflichen +Eindruck machen. Wir haben da einen großen Schlag gethan, und zwar ohne +alle heftigen Verwickelungen und ohne daß selbst unsere Beziehungen zu +Preußen irgend wie getrübt werden, denn Benedetti berichtet ja, daß er +mit der größten Auszeichnung vom Könige Wilhelm behandelt worden sei. +Ich gratulire Ihnen, mein lieber Herzog, zu diesem ersten Debut als +Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Es ist ein Triumph ohne Opfer, +und ich bin überzeugt, daß einem solchen vortrefflichen Anfang immer +glänzendere Resultate folgen werden." + +Er reichte dem Herzog die Hand, welche dieser, sich verbeugend, mit +strahlendem Lächeln ergriff. + +"Es kommt nun darauf an," fuhr der Kaiser fort, "die Fassung der +Mittheilungen dieses so erfreulichen Ereignisses für die Kammer und die +Journale fest zu stellen. Es thut mir leid, Sie wieder fort zu +schicken, aber ich glaube, Sie müssen sogleich nach Paris zurückkehren, +sich mit Ollivier darüber zu verständigen. Er ist ja Meister in der +Redewendung, setzen Sie mit ihm eine Erklärung auf, welche in solenner +Weise die ganze Angelegenheit beendet und ohne Preußen zu verletzen, im +Gegentheil mit anerkennendem Ausdruck für die Weisheit und das +Entgegenkommen des Königs Wilhelm, dennoch unsern Sieg in helles Licht +stellt." + +"Ollivier," erwiderte der Herzog, "hat die Nachricht bereits privatim im +Corps legislatif verschiedenen Deputirten mitgetheilt, die Befriedigung +darüber war allgemein." + +"Um so besser," sagte der Kaiser, "wird morgen die feierliche Erklärung +aufgenommen werden. Ich bitte Sie also, dieselbe aufzusetzen und sie +mir, so bald Sie sie redigirt haben, mittheilen zu lassen--auf +Wiedersehen, lieber Herzog. Nachdem wir diesen Sturm beschworen haben," +fügte er lächelnd hinzu, "hoffe ich, Sie auf einige Tage hier zu sehen, +um sich in ländlicher Ruhe von den Aufregungen der letzten Tage etwas zu +erholen." + +Der Herzog empfahl sich Seiner Majestät und verließ immer das stolze +zufriedene Lächeln auf den Lippen das Cabinet. + +Der Kaiser athmete erleichtert auf, blickte einen Augenblick schweigend +nach dem in immer tiefere Schatten versinkenden Park hinaus und ergriff +dann eine neue Cigarre, um sie anzuzünden und sich abermals der durch +den Besuch seines Ministers unterbrochenen Träumerei zu überlassen. + +Da öffnete sich schnell die Thür, General Favé erschien und sagte: + +"Der österreichische Botschafter bittet Eure Majestät, ihn empfangen zu +wollen." + +Verwundert blickte der Kaiser auf. + +"Metternich," sagte er, "zu dieser Stunde? Was kann er bringen?--bitten +Sie ihn, einzutreten." + +Indem er seufzend seine Cigarre wieder fortlegte, ging er einige +Schritte dem Fürsten Richard Metternich entgegen, den der General in das +Cabinet führte. + +Der Sohn des großen Staatsmannes, welcher einst so lange die Geschicke +der österreichischen Monarchie und ein wenig diejenigen von ganz Europa +in seinen Händen gehalten hatte, war damals ungefähr zwei und vierzig +Jahre alt. Er war eine angenehme, sympathisch anmuthende Erscheinung, +die Fülle seiner Gestalt that der elastischen Eleganz seiner Bewegungen +keinen Eintrag, sein etwas bleiches Gesicht, auf dessen hohe Stirn die +leicht gelockten, dünn gewordenen Haare herabfielen, war von einem +starken, lang hinab hängenden Backenbart umrahmt; seine edel +geschnittenen Züge zeigten den Ausdruck ruhiger und sorgloser +Heiterkeit, während seine geistvollen Augen zugleich scharf beobachtend +umher blickten. Heute aber lag auf diesem Gesicht eine gewisse unruhige +Aufregung--ernst erwiderte er die Begrüßung des Kaisers und sprach, +indem er sich auf den Wink desselben ihm gegenüber setzte, mit leicht +erregter Stimme: + +"Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, daß ich es wage, noch in so +vorgerückter Abendstunde um Gehör zu bitten; aber die beunruhigenden +Nachrichten, welche die ganze politische Welt erfüllen, machen es mir +zur Pflicht, mich unverzüglich des Auftrages zu entledigen, welchen der +Graf Beust, der seine Badekur in Gastein verschoben hat, mir so eben +ertheilte." + +Der Kaiser lächelte ein wenig, neigte leicht das Haupt und sprach: + +"Sie wissen, lieber Fürst, daß Ihr Besuch mir zu jeder Zeit angenehm und +erfreulich ist, auch wenn Sie mir keine Mittheilung des Grafen Beust zu +machen hätten. Der Besuch eines Freundes ist immer willkommen, und zu +meinen Freunden gehört der Fürst Metternich ebenso sehr als der +Botschafter des Kaisers von Oesterreich." + +Der Fürst dankte durch eine ehrerbietige Verneigung für die freundlichen +Worte des Kaisers und fuhr dann in demselben ernsten Ton wie vorher +fort: + +"Das gütige Wohlwollen Eurer Majestät, von welchem ich schon so viele +Beweise erhalten habe, und welches Sie so eben von Neuem auszusprechen +die Gnade haben, giebt mir die Hoffnung, daß Sie auch dem, was ich Ihnen +zu sagen habe, ein gnädiges und aufmerksames Ohr schenken werden. Sire," +sprach er weiter, "die Regierung meines allergnädigsten Herrn kann sich +der Besorgniß nicht erwehren, daß die Erörterungen, welche zwischen +Frankreich und Preußen in diesem Augenblick über die Hohenzollersche +Candidatur Statt finden, bei der hoch gehenden Aufregung der +Volksstimmung in Frankreich und bei dem Beginn einer ähnlichen Aufregung +in Deutschland zu ernsten Conflicten und gefährlichen Catastrophen +führen möchte. Ich habe zu verschiedenen Zeiten zu meiner großen +Genugthuung Gelegenheit gehabt, Eurer Majestät gegenüber zu constatiren, +daß die politischen Interessen Frankreichs und Oesterreichs in allen +großen Fragen die gleichen seien, und daß eine gleichmäßige Behandlung +aller dieser Fragen im Interesse beider Staaten liege. Die gleiche +Versicherung hat auch der Herzog von Gramont während seines Aufenthalts +in Wien bei jeder Gelegenheit von dem Reichskanzler selbst erhalten." + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf. + +"Graf Beust hat aber bei allen solchen Gelegenheiten," fuhr der Fürst +Metternich fort, "dem Herzog gegenüber auch ganz bestimmt betont, daß +Oesterreich noch auf lange hinaus nicht in der Lage sei, an irgend einer +militairischen Action, selbst wenn dieselbe in seinem Interesse liegen +könnte, Theil zu nehmen, ohne dadurch die ruhige Entwickelung und damit +die Zukunft der österreichischen Monarchie auf das Höchste zu gefährden, +und daß es deßhalb für die österreichische Politik geboten sei, überall +und zu jeder Zeit zur Vermeidung von Conflicten beizutragen, welche +geeignet wären, kriegerische Consequenzen herbeizuführen. Der +_gegenwärtige_ Augenblick und die zwischen Frankreich und Preußen +schwebende Frage scheinen nun, wie ich zu bemerken die Ehre hatte, die +Befürchtung solcher Consequenzen sehr nahe zu legen, und ich bin deßhalb +beauftragt, Eurer Majestät bestimmt zu erklären, daß Oesterreich, wenn +aus dieser Hohenzollerschen Candidatur kriegerische Entwickelungen +entstehen sollten, nicht im Stande sei, in denselben irgend eine active +Rolle zu spielen und sich auf die Seite Frankreichs zu stellen." + +Der Kaiser blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder, dann +sagte er. + +"Mein lieber Fürst, die Erklärung, welche Herr von Beust mir da durch +Sie abgeben läßt, überrascht mich in ihrem allgemeinen Inhalt nicht, +dennoch scheint mir ihre bestimmte Wiederholung gerade in diesem +Augenblick nicht vollkommen mit der auch vom Grafen Beust anerkannten +Identität der politischen Interessen Oesterreichs und Frankreichs +übereinzustimmen. Sollte ich jemals in einen ernsten Conflict mit +Preußen gerathen, so würde, scheint es mir, der Augenblick gekommen +sein, in welchem jene Identität der Interessen sich practisch zu +bethätigen hätte,--wenn sie überhaupt irgend eine Bedeutung haben +soll,--und Oesterreich müßte doch in der That mit Freuden eine solche +Gelegenheit begrüßen, welche ihm die Möglichkeit bietet, ohne große +eigene Gefahr das im Jahre 1866 Verlorene wieder zu gewinnen; von vorn +herein eine solche Gelegenheit ausschließen zu wollen, scheint mir nicht +im Interesse Oesterreichs zu liegen, und wenn eine solche Erklärung +öffentlich abgegeben wird,--wenn sie auch andern Cabinetten bekannt +wird," fügte er mit scharfer Betonung hinzu, "so wird das sehr wenig +dazu beitragen können, die nachdrückliche Vertretung der Interessen +Frankreichs zu unterstützen." + +"Sire," erwiderte der Fürst Metternich, "nach meiner Ueberzeugung, +welche wie ich glaube auch diejenige des Grafen Beust ist, würde es +allerdings Eventualitäten geben, unter denen es für Oesterreich +vortheilhaft, ja geboten erscheinen könnte, im Verein mit Frankreich +Preußen von der 1866 eroberten Stellung zurückzuwerfen,--eine solche +Eventualität könnte aber nur dann eintreten, wenn einmal der _Grund_ des +Conflicts Oesterreich das Recht und die Möglichkeit gebe, in demselben +Stellung zu nehmen und wenn sodann die Aussichten des Erfolges +einigermaßen sicher sind. In diesem Augenblick ist aber beides nicht der +Fall. Der einzige Kriegsgrund für Oesterreich könnte in einem Eingriff +Preußens in die unabhängige Selbstständigkeit der Süddeutschen Staaten +liegen; bei einem solchen Kriegsgrund würde ein großer Theil der +deutschen Nation auf Oesterreichs Seite stehen, und der Kampf würde die +großen Fragen von 1866 wieder aufnehmen unter der Mitwirkung +Frankreichs, welche damals die Verhältnisse Eurer Majestät unmöglich +machten. Gegenwärtig ist aber von einem solchen Kriegsgrunde nicht die +Rede, der Erbprinz von Hohenzollern ist ein deutscher Fürst, und wenn +Preußen einen Krieg annehmen sollte, weil Frankreich sich der +Thronbesteigung eines deutschen Prinzen in Spanien widersetzt, so würde +das Nationalgefühl sich auf die Seite Preußens stellen, und eine +Alliance Oesterreichs mit Frankreich würde in diesem Falle nur dazu +beitragen, Oesterreich als den Nationalfeind Deutschlands vor dem Volk +erscheinen zu lassen, das heißt, uns jede moralische Unterstützung zu +rauben, welche in einem solchen Kampf unumgänglich nothwendig ist. +Außerdem aber, Sire," fuhr er fort, "sind die Chancen des Erfolges, wie +es mir scheint, äußerst unsicher. Unsere militairischen Vorbereitungen +sind nicht beendet, unsere Finanzen sind noch nicht geordnet, schon aus +diesem Grunde würde Oesterreich zu einer nachdrücklichen Kriegführung +kaum im Stande sein--" + +"Man würde aber doch," fiel der Kaiser ein, "lediglich durch eine +drohende Haltung große preußische Truppenmassen absorbiren." + +"Auch das ist nicht möglich, Sire," sagte Fürst Metternich seufzend, +"denn leider muß ich Eurer Majestät mittheilen, daß von Seiten Rußlands +uns deutlich zu verstehen gegeben worden, jede feindliche Bewegung +gegen Preußen werde sofort gleiche Schritte Rußlands gegen unsere +Grenzen zur Folge haben. Damit würde also unsere Drohung wirkungslos +gemacht und wir gezwungen werden, unsere disponiblen Truppen zur +Selbstvertheidigung an die russische Grenze zu schicken." + +"Der Kaiser Alexander," fiel Napoleon ein, "hat sich aber doch +entschieden gegen die Hohenzollersche Kandidatur erklärt und versichert +außerdem den General Fleury unausgesetzt seiner Freundschaft und seiner +Sympathien gegen Frankreich." + +"Das Alles wird nicht hindern, Sire," sagte der Fürst Metternich, "daß +wenn es wirklich zum Conflict kommt, Rußland sehr entschieden auf die +Seite Preußens treten und wenigstens ganz bestimmt Oesterreich +verhindern wird, irgend etwas zu unternehmen. Ich beschwöre also Eure +Majestät," fiel er lebhafter sprechend fort, "glauben zu wollen, daß +Oesterreich sich von der Liga der Neutralen nicht wird trennen +können--ich bitte Eure Majestät inständigst, in dieser ganzen Sache +keinen Schritt zu thun, der zu unheilbaren Conflicten führen kann, denn +Eure Majestät würden ganz isolirt sein und sich dem hoch aufgeregten +deutschen Nationalgefühl gegenüber befinden, welches, von Preußen +organisirt, ein furchtbar gefährlicher Gegner sein wird." + +"Glauben Sie," sagte der Kaiser, den Blick scharf und forschend auf +Metternich richtend, "daß das deutsche Nationalgefühl in Baiern und +Würtemberg sich jemals für Preußen wird erheben können, da man dort doch +einsehen muß, daß wenn man unter preußischer Führung gegen Frankreich zu +Felde zieht, man für immer die eigene Selbstständigkeit aufgiebt. Man +hat mir berichtet," sagte er, "daß die Stimmung in jenen Staaten sehr +preußenfeindlich ist und Sie selbst, lieber Fürst, haben mir früher +Aehnliches mitgetheilt. Sollte das Alles sich schnell ändern können?" + +"Es wird sich ändern, Sire," sagte der Fürst, "und hat sich zum Theil +schon geändert, und von Berlin aus wird mit großer Geschicklichkeit +gearbeitet, um der öffentlichen Meinung die Haltung Frankreichs +gegenüber der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern als eine der +ganzen Nation angethane Beleidigung darzustellen. Glauben mir Eure +Majestät, die Süddeutschen Staaten werden in dieser Frage mit Preußen +gehen--die Süddeutschen Fürsten zunächst, sie haben im Jahre 1866 +gesehen, wie unerbittlich Preußen mit seinen Feinden verfährt, und um +sich von Neuem in einen Kampf einzulassen, müßten sie eine große +Coalition auf ihrer Seite sehen, welche ihnen Gewißheit des Sieges oder +wenigstens des Schutzes ihrer Throne gewährt." + +Der Kaiser versank in schweigendes Nachdenken. + +Fürst Metternich sah ihn in tiefer Bewegung an. Seine großen, klaren und +ausdrucksvollen Augen verschleierten sich mit einem leichten +Thränenschimmer und mit dem Ausdruck inniger Ueberzeugung sprach er: + +"Eure Majestät haben die Gnade gehabt, die Gefühle der tiefen +persönlichen Ergebenheit, welche ich für Allerhöchstdieselben hege, +anzuerkennen und mich Ihren Freund zu nennen. Erlauben Sie mir, Sire, +jetzt nachdem der Botschafter von Oesterreich gesprochen, auch als +treuer und ergebener Freund zu sprechen. Ich weiß sehr gut," fuhr er +fort, "daß die Strömung der öffentlichen Meinung Frankreichs in diesem +Augenblick zum Kriege treibt, und ich weiß ebenso gut, Sire, daß viele +Personen in Ihrer Umgebung--in Ihrer nächsten und unmittelbaren +Umgebung," fügte er mit Betonung hinzu, "sich die angelegentlichste Mühe +geben, jene Richtung der öffentlichen Meinung zu unterstützen und Eure +Majestät in gefährliche Unternehmungen hineinzudrängen, welche nach +meiner innigsten Ueberzeugung in diesem Augenblick nur zum Unglück +Frankreichs und zum Unglück Eurer Majestät ausschlagen können. Preußen +ist furchtbar gerüstet, Deutschland wird in dieser Hohenzollernschen +Frage hinter Preußen stehen und die Eurer Majestät feindlichen Parteien +in Frankreich, welche sich augenblicklich vor dem Plebiscit +zurückgezogen haben, warten nur auf den Augenblick eines Mißerfolges im +Kriege, um sich von Neuem zu erheben und einen entscheidenden Schlag +gegen das Kaiserreich zu führen. Ebenso wie man in Italien nur darauf +wartet, sich Roms zu bemächtigen. Allen diesen Gefahren gegenüber werden +Eure Majestät isolirt da stehen, keine der europäischen Mächte wird sich +Frankreich in dieser Frage zur Seite stellen, und ich bitte Eure +Majestät, zu glauben, daß die Erklärung, die ich Ihnen als Botschafter +gegeben, unbedingte Wahrheit ist. Der Fürst Metternich giebt Ihnen sein +Wort darauf. Oesterreich wird nicht für Eure Majestät Partei nehmen, +weil es das nicht thun kann, in dieser Frage am allerwenigsten thun +kann, und selbst wenn der Graf Beust, selbst wenn der Kaiser dazu +geneigt sein sollten, wie der Herzog von Gramont vorauszusetzen scheint, +so wird diese Neigung vor dem Widerstande des Grafen Andrassy erfolglos +bleiben. Der Graf Andrassy vertritt Ungarn, und Ungarn will keinen Krieg +mit Deutschland, da auch der günstige Ausgang desselben nur dahin +führen könnte, die dominirende Stellung des deutschen Elements im +Kaiserstaate wieder zu befestigen, ohne Ungarn aber, ohne diese +wichtigste militairische Hülfsquelle Oesterreichs ist jede Action für +uns unmöglich--ich bitte Eure Majestät," fuhr er fort, "dies als ganz +gewiß anzunehmen,--Graf Andrassy hat hohe Verehrung vor Eurer Majestät +und tiefe Sympathie für Frankreich. Täuschen sich aber Eure Majestät +nicht über die Bedeutung von Aeußerungen, welche diese seine Gefühle ihm +eingegeben haben können. Unter andern Umständen, wenn Frankreich +vielleicht mit Italien in Conflikt geriethe, würde Oesterreich bei einer +französischen Alliance auf die Unterstützung Ungarns rechnen +können,--gegen Deutschland niemals,--am allerwenigsten in einer Frage, +in welcher kein Vertragsrecht Oesterreichs Intervention zur Seite steht. +Eure Majestät," fuhr er mit tief, eindringendem Tone fort, "kennen meine +aufrichtige und liebevolle Ergebenheit für Ihre Person, Eure Majestät +haben mir Gelegenheit gegeben, die edlen Eigenschaften Ihres Herzens +ebenso sehr zu erkennen und zu bewundern, als die Klarheit und die +überlegene Schärfe Ihres Geistes--es ist die tiefe Ergebenheit, die +aufrichtige Liebe für Eure Majestät, welche mir die Worte in den Mund +legt, die ich Ihnen jetzt zu sagen mir erlaube. Hören Eure Majestät die +Bitte eines Freundes, welche ich ohne Rücksicht auf meine Eigenschaft +als Botschafter Oesterreichs aus treu besorgtem Herzen an Sie richte. +Treiben Sie, Sire, diese Sache nicht weiter, betreten Sie den +gefahrvollen Weg nicht, auf welchen man Sie drängen möchte und an dessen +Ende kaum ein glücklicher Ausgang zu erwarten ist." + +Der Fürst schwieg. + +Der Kaiser beugte sich vor, reichte ihm mit einem liebenswürdigen +Lächeln die Hand, indem zugleich ein warmer Strahl seinen freien Blick +erleuchtete. + +"Ich danke Ihnen, mein lieber Fürst," sagte er, "für die Aufrichtigkeit +und den Eifer, mit welchem Sie mir Ihre Ueberzeugung ausgesprochen und +Ihren Rath ertheilt haben. Ihre Gesinnungen für mich machen mich +stolz,--doch," sagte er dann, "Sie beunruhigen sich ohne Noth, die +Besorgnisse, welche gestern noch bestehen konnten, existiren heute nicht +mehr, der Prinz von Hohenzollern hat seine Candidatur zurückgezogen." + +Fürst Metternich athmete erleichtert auf. + +"Ich hörte davon im Augenblick meiner Abfahrt in Paris," sagte er. "Ist +die Nachricht bereits offiziell angekommen?" + +"Olozaga," sagte der Kaiser, "hat die Mittheilung im Auftrage der +spanischen Regierung an den Herzog von Gramont gemacht, und somit +scheint mir die Angelegenheit erledigt. Die Verzichtleistung des Prinzen +wird morgen in den Kammern mitgetheilt werden, und die europäische +Diplomatie," fügte er lächelnd hinzu, "kann wieder ruhig baden und +Brunnen trinken." + +Der Fürst Metternich schwieg einen Augenblick, als zögerte er, einen +Gedanken auszusprechen, der ihn beschäftigte. + +"Sire," sagte er dann, "die extreme Kriegspartei wird vielleicht nach +Andeutungen, die ich hier und da gehört habe, mit der Lösung der Frage +noch nicht zufrieden sein, da sie gehofft hat, jetzt endlich mit ihren +Ideen durchzudringen. Man wird von Neuem die Stimmung zu reizen und +aufzuregen suchen, und da, wie ich weiß, auch in Deutschland bereits die +Geister sich zu entflammen beginnen, so könnte leicht irgend ein +Incidenzfall eintreten, der die Beruhigung Europa's von Neuem in Frage +stellt. Ich bitte, Eure Majestät, aus der Erklärung, welche den Kammern +gegeben werden soll, jede provocirende und verletzende Aeußerung gegen +Preußen fern halten zu lassen, damit ein für allemal alle +Auseinandersetzungen über den Gegenstand aufhören. Graf Bismarck," fuhr +er fort, "hat bis jetzt alle Conflikte zu vermeiden gesucht, einen +günstigeren Kriegsfall als in diesem Augenblick könnte er aber kaum +finden, und man muß ihn nicht in die Versuchung führen, durch einen +großen Aufschwung des Nationalgefühls aus der Waffenbrüderschaft aller +deutschen Staaten ein neues deutsches Reich zusammen zu schmieden." + +Der Kaiser lächelte. + +"Seien Sie ganz ruhig, mein lieber Fürst," sagte er, "ich habe Gramont +den Auftrag ertheilt, mit Ollivier eine definitive Erklärung über die +Beendigung der ganzen Sache an die Kammer zu redigiren, und morgen um +diese Stunde wird jede Besorgniß für die Störung des Friedens +verschwunden sein." + +Fürst Metternich stand auf. + +"Ich verlasse Eure Majestät mit erleichtertem Herzen und bitte um die +Erlaubniß, sogleich nach Paris zurückkehren zu dürfen, um das so +erfreuliche Resultat dieser Unterredung nach Wien melden zu können." + +"Meine herzlichsten Empfehlungen der Fürstin," sagte der Kaiser, "ich +hoffe, Sie Beide in den nächsten Tagen hier zu sehen." + +Er drückte dem Fürsten die Hand und begleitete ihn einige Schritte nach +der Thür hin. + +"Durch die Beseitigung der Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern," +sprach er leise, als er allein war "soll das Prestige Frankreichs wieder +hergestellt sein, sagt man mir,--sehr gut, wenn die öffentliche Meinung +dies glaubt. Leider," fuhr er seufzend fort, "ist es nicht der Fall, +jenes Prestige besteht in Wahrheit nicht mehr. Denn wenn es bestände, so +würde Österreich nicht zögern, in diesem Augenblick frei und offen auf +die Seite Frankreichs zu treten und die Suprematie des Hauses Habsburg +in Deutschland wieder zu erringen. Man glaubt nicht mehr an die Macht +Frankreichs, und auch meine besten Freunde nicht,--auch Metternich +nicht, der wirklich mein Freund ist. Das Ansehen Frankreichs, so wie es +früher war, wieder herzustellen, gäbe es nur ein Mittel, und dies Mittel +wäre der Sieg--aber," sagte er düster vor sich hin starrend, "wo ist die +Hand, welche den Sieg mit Sicherheit erkämpfen könnte,----wenn er mir +entginge----" + +Er versank, die Augenbrauen finster zusammengezogen, in tiefes Sinnen. + +"Meine Gemahlin wird nicht zufrieden sein," sagte er dann, "über die so +friedliche Lösung--sie glaubt an den Sieg--ich will ihr selbst die Sache +sogleich mitteilen, damit sie vorsichtig in ihren Äußerungen ist und die +Kriegspartei nicht durch hingeworfene Worte ermuthigt." + +Er verließ sein Cabinet und begab sich nach den Gemächern der Kaiserin. + +Der Huissier öffnete die Thür. + +Der Kaiser durchschritt das Vorzimmer und trat in den Salon, an dessen +Schwelle ihn die Kaiserin empfing. + +Napoleon blieb einen Augenblick erstaunt stehen, denn hinter seiner +Gemahlin, deren Gesichtszüge eine lebhafte Erregung ausdrückten, sah er +neben dem, von großen Fauteuils umgebenen, mit Albums aller Art +bedeckten Tisch in der Mitte des Salons den Baron Jérome David und den +Herzog von Gramont. + +Der Baron Jérome David, der Führer der entschiedensten Anhänger des +Kaiserreichs im Corps legislatif, war ein Mann von etwa fünfzig Jahren +von kräftiger, schlanker Gestalt; sein auf einem kurzen Halse sich +erhebender Kopf hatte scharf markirte, von energischer Willenskraft und +etwas colerischem Temperament zeugende Gesichtszüge; das dunkle volle +Haar war über der niedrigen Stirn leicht gekräuselt; unter +hochgeschwungenen Augenbrauen blickten große, etwas hervorstehende Augen +hervor, deren etwas stechender Blick fast immer den Ausdruck zorniger +und unruhiger Erregung hatte; die etwas abgestumpfte starke Nase, die +hoch aufgedrehten Spitzen des dunklen Schnurrbarts und das mächtig +hervorspringende Kinn ließen seinen Gesichtsausdruck in der Erregung +einer lebhaften Conversation fast herausfordernd erscheinen. + +Der Kaiser trat langsam in den Salon und wandte sich mit einer Miene, in +welcher eben so viel Erstaunen, als Unzufriedenheit lag, an den Herzog +von Gramont. + +"Ich hätte nicht erwartet, Sie noch hier zu finden, Herr Herzog," sagte +er, ohne die Höflichkeit und den verbindlichen Ton, die ihm sonst eigen +war. + +"Ich glaubte Sie schon in Paris, um mit Ollivier jene Erklärung zu +verabreden, über welche wir vorher gesprochen haben." + +"Der Herzog," fiel die Kaiserin schnell ein, "wollte vor seiner Rückkehr +mich begrüßen, und mir zugleich die Nachricht von der Verzichtleistung +des Prinzen von Hohenzollern bringen. Ich habe ihn noch zurückgehalten, +um ihm Gelegenheit zu geben, die Mittheilungen anzuhören, welche der +Baron Jérome David mir so eben über die Stimmung in Paris und in den +Kreisen der Deputirten gemacht hat, und welche vielleicht von einigem +Einfluß auf die Entschließungen sein könnten, die man in diesem +Augenblick zu fassen hat." + +Der Kaiser verneigte sich leicht gegen den Baron Jérome David und sagte +immer noch in demselben strengen Ton seiner Stimme. + +"Und welche Mittheilungen haben Sie der Kaiserin gemacht, Baron?" + +Er reichte seiner Gemahlin die Hand, führte sie zu einem der neben dem +Tisch stehenden Sessel und setzte sich an ihre Seite, den Blick mit +gespannter Aufmerksamkeit auf den Baron richtend. + +"Sire," sagte dieser, "ich habe mir erlaubt, der Kaiserin +mitzutheilen,--und würde im nächsten Augenblick mich bei Eurer Majestät +haben melden lassen, um auch Ihnen mitzutheilen,--daß die Nachricht von +der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf seine Candidatur +in Spanien, welche heute Abend in Paris bekannt wurde, unter den +Deputirten und in den journalistischen Kreisen durchaus nicht den +befriedigenden und beruhigenden Eindruck gemacht hat, welchen ich bei +dem Herzog von Gramont gefunden, also auch bei Eurer Majestät +voraussetzen muß." + +"Nun," sagte der Kaiser, den Baron fragend und erstaunt anblickend, "die +Sache ist doch erledigt, jene Candidatur ist verschwunden,----vor der +Intervention Frankreichs verschwunden,--ich begreife nicht,----" + +"Niemand in Frankreich, Sire," fiel der Baron Jérome David rasch und +lebhaft ein, "hat jemals dem jungen Prinzen von Hohenzollern es +verdacht, daß er ein Abenteuer unternehmen wollte, bei welchem der +Ehrgeiz eines thatkräftigen Mannes seine Rechnung finden +könnte.--Niemandem ist es eingefallen, die spanische Nation in der +freien Wahl ihres Königs zu beschränken, die Besorgniß und die +Entrüstung Frankreichs über diese Combination hatte nur darin ihren +Grund, daß die Hohenzollernsche Candidatur ein Werk der preußischen +Politik war, daß diese Combination in Berlin vorbereitet und vom Könige +von Preußen feierlich genehmigt wurde, ohne daß man sich mit Frankreich, +das doch so nahe und so unmittelbar dabei interessirt ist, auch nur +darüber in Vernehmen gesetzt hätte. Das ist eine Nichtachtung der +französischen Würde und außerdem eine Bedrohung unserer Interessen durch +die offen kund gegebene Absicht an unserer Südgrenze eine Macht +aufzurichten, welche bei jeder Gelegenheit die preußische Politik gegen +uns zu unterstützen bestimmt sein sollte. Wenn nun der Prinz von +Hohenzollern einfach seine Candidatur zurückzieht, so ist Frankreich +dadurch keine Genugtuung gegeben, vor allen Dingen aber auch keine +Sicherheit, daß die Combination, welche heute gescheitert ist, nicht +jeden Augenblick wieder aufgenommen werden könne, wenn die europäische +Constellation derselben vielleicht günstiger sein möchte und Preußen die +Aussicht hätte, Alliirte in einem Conflikt mit uns zu finden.--Ohne eine +Genugthuung für unsere Würde, ohne eine Sicherstellung unserer +Interessen für die Zukunft aber,"--fuhr er laut mit entschiedenem Tone +fort, "wird die öffentliche Meinung sich nicht beruhigen die bloße +einfache Anzeige der Zurückziehung der Candidatur des Prinzen Leopold +wird im Corps legislatif eine sehr ungünstige Aufnahme finden, und wenn +die Regierung sich damit begnügt, so wird man das allgemein als ein +Zeichen großer Schwäche ansehen, und das so lebhaft erregte +Nationalgefühl wird sich auf das Entschiedenste gegen Eure Majestät +wenden, zum großen Schaden für den Nimbus des Kaiserreichs, welcher erst +so eben durch das Plebiscit wieder hergestellt worden ist." + +"Aber welche Genugthuung, welche Garantien," fragte der Kaiser, +"könnten denn gegeben werden?" + +Die Kaiserin unterdrückte mühsam ihre innere Erregung, während sie ihr +Spitzentaschentuch in der Hand zusammenpreßte. + +"Sire," antwortete Jérome David, "die Beleidigung Frankreichs bestand +darin, daß über die Hohenzollernsche Combination von Preußen keine +Mittheilung an Frankreich gemacht wurde. Die Frage für die Zukunft +besteht darin, daß jene heut zurückgezogene Candidatur jeden Augenblick +wieder aufgenommen werden kann,--dem entsprechend muß die Genugtuung und +diese Garantie gefordert werden. Die Genugthuung muß meiner Überzeugung +darin bestehen, daß der König von Preußen Eurer Majestät anzeigt, er +habe dem Prinzen befohlen und--zwar mit Rücksicht auf die Intervention +Frankreichs--von seiner Bewerbung um den spanischen Königsthron Abstand +zu nehmen. Die Garantie muß darin bestehen, daß der König weiter +erklärt, er werde auch in der Zukunft niemals erlauben, daß der Prinz +auf jene Candidatur zurückkomme. Wenn der Kammer eine solche Erklärung +vorgelegt wird, so wird der Eindruck ein tiefer und befriedigender sein, +jeder andere Abschluß der Sache wird dem Nationalgefühl nicht genügen +und dasselbe, wie ich wiederholen muß, gegen Eure Majestät und die +kaiserliche Regierung richten." + +Der Kaiser strich langsam mit der Hand über seinen Bart, dann richtete +er den Blick fragend auf den Herzog von Gramont. + +"Sire," sagte dieser, "ich kann den Bemerkungen des Herrn Baron David +die innere Berechtigung nicht absprechen, vor Allem aber muß derselbe +die Stimmung im Corps legislatif am allerbesten und genauer kennen, als +ich; und das Ziel, nach welchem bei der Behandlung dieser ganzen +Angelegenheit gestrebt werden muß, ist ja doch jedenfalls die Bestärkung +des Ansehens der kaiserlichen Regierung. Nachdem die Sache so weit +gediehen ist, dürfen wir nach meiner Ansicht mit keiner Halbheit +abschließen, sondern müssen wirklich den als vollgültig anerkannten +Beweis liefern, daß man die Würde Frankreichs nicht ungestraft +beleidigen, seine Interessen nicht ungestraft gefährden könne." + +"Nur ein solcher Beweis, über alle Zweifel und Mißdeutungen erhaben," +fiel der Baron Jérome David lebhaft ein, "wird das Corps legislatif und +die öffentliche Meinung von ganz Frankreich beruhigen." + +Der Kaiser sank seufzend in sich zusammen. + +"Ich war so zufrieden, diese Angelegenheit endlich beendet zu wissen," +sagte er leise. + +Die Kaiserin zuckte fast unmerklich die Achseln, ein Blitz sprühte aus +ihren Augen. + +"Glauben Sie denn," sagte Napoleon sich zum Herzog von Gramont wendend, +"daß eine solche Erklärung, wie sie der Baron für nöthig hält, zu +erreichen und schnell zu erreichen möglich sei, damit diese Sache nicht +noch mehr in die Länge gezogen werde und die öffentliche Meinung sich +immer mehr echauffire." + +"Ich bin überzeugt, Sire," sagte der Herzog, "daß nichts leichter sein +wird, als eine solche definitive Erklärung zu erlangen, um so mehr, wenn +man die Form wählt, welche der Baron David so eben schon angedeutet hat, +die Form eines persönlichen Briefes des Königs Wilhelm an Eure Majestät +und sich damit gewißermassen auf den vom Könige selbst eingenommenen +Standpunkt stellt, daß diese ganze Angelegenheit ihn nur persönlich als +Chef seines Hauses berühre und die preußische Regierung als solche +nichts angehe. Wenn Benedetti, der ja dem Könige eine angenehme und +sympathische Person ist, in der ihm eigenen geschickten Weise die Sache +dort darstellt, so bin ich überzeugt, daß der König keinen Augenblick +zögern wird, einen Brief an Eure Majestät zu schreiben, der die +geforderte Erklärung enthält und den man ja dann nachher der +öffentlichen Meinung in Frankreich dennoch als einen Act der preußischen +Regierung wird darstellen können. Denn," fügte er lächelnd hinzu, "diese +öffentliche Meinung kann sich nicht zu dem subtilen Unterschied erheben, +welchen Seine preußische Majestät zwischen seinen beiden Eigenschaften +als Familienchef und Staatsoberhaupt zu machen sich gefällt." + +"Die Sache müßte aber durchaus," sagte der Kaiser, "in aller +vorsichtigster und versöhnlichster Weise behandelt werden, damit ja kein +ernster Conflict daraus entsteht." + +"Und wenn ein solcher Conflict daraus entstünde," rief die Kaiserin, +welche ihre innere Erregung nicht länger bemeistern konnte, "wollen wir +davor zurückschrecken? Soll Frankreich, welches in der Krim und in +Italien gesiegt hat, welches die Adler des großen Kaisers auf seinen +Fahnen trägt, sich von einem Wege abschrecken lassen, welchen das Recht +und die Ehre, die Klugheit, ja die politische Nothwendigkeit +vorschreibt, aus Besorgniß, daß der Widerstand der Gegner auf diesem +Wege kriegerische Verwickelungen entstehen lassen könnte? Unsere Armee +ist im herrlichsten Zustand, sie brennt vor Ungeduld, zu zeigen, daß sie +noch immer die erste in Europa ist." + +"Was sagt der Marschall Leboeuf," fragte der Kaiser den sinnenden, +sorgenvollen, nachdenklichen Blick auf den Herzog von Gramont gerichtet. + +"Der Marschall erklärt, so bereit zu sein, als nur immer möglich," +erwiderte der Herzog, "er wird Eurer Majestät ohne Zweifel den Beweis +darüber liefern--" + +"Auch sind wir der thätigen Mitwirkung Österreichs sicher," rief die +Kaiserin, "um dieses übermüthige Preußen von zwei Seiten zu fassen und +ihm zu zeigen, was es heißt, Frankreich zu beleidigen." + +"Österreich," sagte der Kaiser, abermals fragend den Blick auf den +Herzog von Gramont richtend, "glauben Sie, daß wir auf Österreich +rechnen können--Fürst Metternich sagt das Gegentheil wie Sie wissen +werden," fügte er mit scharfer Betonung hinzu. + +"Sire," sagte der Herzog lächelnd, "Fürst Metternich sagt, was er sagen +soll, und was man für die offizielle Constatirung der Haltung +Österreichs nöthig zu haben glaubt. Wenn wirklich, was ich in keiner +Weise glaube, aus der Behandlung der schwebenden Angelegenheit ein +ernster Conflict erwachsen sollte, so wird allerdings Österreich im +ersten Augenblick eine neutrale abwartende Stellung einnehmen, schon +weil der russische Einfluß lähmend auf seinen Entschlüssen lastet. Nach +den ersten Niederlagen der preußischen Armee aber"-- + +"Die sehr schnell kommen werden," rief die Kaiserin. + +"Nach diesen ersten Niederlagen, Sire," fuhr der Herzog fort, "wird +Österreich aus seiner Reserve hervortreten. Dann wird auch in Rußland +die ganze französisch gesinnte Partei mächtig werden, und der +vorsichtige Fürst Gortschakoff wird nicht wagen, sich diese Partei und +das siegreich vorschreitende Frankreich zu gleicher Zeit zu Feinden zu +machen. Dann, Sire, wird der Augenblick gekommen sein, in welchem +Preußen isolirt von zwei Seiten gefaßt, von seiner Höhe herabgestürzt +werden wird. Das Werk von 1866 wird in Trümmer sinken, und wir werden es +in unserer Hand haben, Deutschlands politische Organisation so zu +construiren, wie es für unsere Interessen genehm ist, und zugleich für +Frankreich diejenigen Gebiete zurück zu nehmen, welche man uns in der +Zeit des großen nationalen Unglücks entrissen hat." + +Die Augen des Kaisers leuchteten einen Augenblick in freudigem Stolz +auf. Er erhob sein Haupt, als sähe er die Bilder der Zukunft, welche der +Herzog andeutete, vor seinem Blick aufzeigen. Dann aber ließ er den Kopf +wieder matt herabsinken und sprach: + +"Dazu gehören zwei gewonnene Schlachten--und wer giebt mir die +Bürgschaft, daß sie gewonnen werden? Gewonnen über eine Armee, von +welcher mir der Oberst Stoffel schreibt, daß keine andere in Europa ihr +gleich kommt an innerer moralischer Kraft, an Intelligenz und an +einheitlicher Organisation." + +"Der Oberst Stoffel," sagte der Herzog von Gramont, während die Kaiserin +zornig mit den schönen Zähnen auf die Lippen biß, "ist ein wenig +geblendet durch die persönlichen Eigenschaften des Grafen Bismarck, +durch die Liebenswürdigkeit, mit welcher man ihn dort behandelt--er +sieht außerdem nur die Garde und nicht die Linien und die Milizen in den +Provinzen, welche nur zögernd und widerwillig in den Krieg ziehen--" + +"Das hat das Jahr 1866 nicht bewiesen," sagte Napoleon,--"auch beweisen +die Berichte des Oberst Stoffel, daß er sehr genau über die ganze +militairische Organisation in Preußen unterrichtet ist, daß er +namentlich auch die Landwehrorganisation und die ausgezeichneten +Eigenschaften des preußischen Generalstabs sehr genau kennt--" + +"Vielleicht aber hat er vergessen," sagte die Kaiserin heftig, "daß dem +Allen gegenüber die feurige und unwiderstehliche Tapferkeit der +französischen Armee steht--" + +"Und das," fiel der Baron Jérome David ein, "in einem solchen Kriege der +gewaltig aufflammende Nationalgeist Frankreichs hinter seiner Armee +stehen würde, ebenso wie dies in den großen Kriegen Napoleon's I der +Fall war. Dieser Geist des Volks ist unbeweglich und," fügte er hinzu, +"wenn er richtig geleitet wird, so wird bei dieser Gelegenheit eine neue +gewaltige Macht zur Alliirten des Kaiserthums gemacht werden können." + +Der Kaiser sah ihn fragend an. + +"Diese Macht, Sire," sagte der Baron Jérome David, "ist die +Marseillaise, die Marseillaise, Sire, welche man verboten hat, weil sie +ein Gesang des Aufruhrs geworden, die man aber darum nicht aus dem +Herzen der Franzosen hat reißen können. Würde man bewirken können, daß +die Marseillaise aufhörte, ein Gesang der Revolution zu sein, daß sie +das Kriegslied der französischen Nation würde, daß unter ihren Klängen +die kaiserlichen Adler den Feinden entgegen getragen würden, so würde +das Kaiserreich und Eurer Majestät Dynastie von dem zauberisch +gewaltigen Hauch dieses großen Nationalhymnus auf eine vorher nie +geahnte Höhe empor getragen werden. Eine französische Armee, Sire, +welche unter den Klängen der Marseillaise ins Feld rückte, würde alle +Combinationen des preußischen Generalstabs zertrümmern und die +preußischen Landwehren in unaufhaltsamer Flucht vor sich her fegen." + +Die Kaiserin blickte gespannt auf ihren Gemahl. + +Napoleon schüttelte langsam und schweigend das Haupt. + +"Und wenn dann, Sire," fuhr der Baron David fort, "die französische +Armee siegreich zurückkehrte, so wäre der Revolution ihre Zauberformel +genommen, und die Marseillaise würde aus einem wilden Revolutionsgesang +ein kaiserlicher Siegeshymnus geworden sein." + +Abermals leuchteten die Augen des Kaisers auf, seine Brust dehnte sich +mit einem tiefen Athemzug aus, und er sprach nach einem Augenblick: + +"Wir debattiren da über den Krieg, zu dem es nicht kommen wird--zu dem +es nicht kommen soll," fügte er mit fester Stimme hinzu. "Doch in Ihrer +Bemerkung, mein lieber Baron, liegt eine tiefe Wahrheit, und ich danke +Ihnen für die Idee, welche Sie mir gegeben. Je mehr man in Frankreich an +die Möglichkeit eines Krieges glaubt, um so höher wird der Triumph +sein, wenn man ohne denselben dem Nationalgefühl volle Genugtuung +schafft. Die Gelegenheit ist günstig, um die Zaubermacht der +Marseillaise über die Franzosen, welche ich kenne und nach ihrem vollen +Werth schätze, zu einer mächtigen Waffe des Kaiserreichs zu machen. Ich +werde den Befehl geben, daß man die Marseillaise erlaubt, bewirken Sie, +daß man sie singt, daß man sie in den Theatern verlangt--das Plebiscit, +die Marseillaise und ein diplomatischer Erfolg gegen Preußen--das wird +ein festes Fundament für den Thron Napoleon's IV--das wird die Krönung +meines Gebäudes sein. Senden Sie also sogleich," sagte er zum Herzog von +Gramont gewendet, "den Befehl an Benedetti, die besprochene Erklärung +vom Könige von Preußen zu erbitten, aber in der geschmeidigsten und +sanftesten Form; er muß sie zu erreichen suchen, ohne daß man dort der +Sache eine zu große Bedeutung beilegt. Er wird das können, wenn er den +Schritt, den wir vom Könige von Preußen verlangen, demselben als eine +Unterstützung darstellt, die er mir zur Beruhigung der öffentlichen +Meinung gewährt--dann wird sich Alles leicht erledigen." + +Die Kaiserin trat leicht mit dem Fuß auf den Boden, ein Zug fast +höhnischen Unmuths erschien auf ihrem Gesicht, dann aber lächelte sie +wieder und lehnte sich schweigend in ihren Fauteuil zurück. + +"Der Baron Werther kommt heute von Ems zurück, Sire," sagte der Herzog +von Gramont, "ich werde ihm, nachdem ich die Instructionen an Benedetti +abgesendet, die Sache ganz in dem von Eurer Majestät gegebenen Sinn +darstellen, und er wird gewiß dazu beitragen, die so wünschenswerthe, +baldige und befriedigende Erledigung der Sache zu erreichen." + +"Thun Sie das, Herr Herzog," sagte der Kaiser, "und vergessen Sie nicht, +Benedetti die äußerste Vorsicht und die höflichste Geschmeidigkeit +anzuempfehlen." + +"Und ich, Sire," sagte der Baron Jérome David, "werde dafür sorgen, daß +morgen in Paris die Marseillaise erklingt,--man wird sich in Berlin +erinnern, daß es gefährlich ist, Frankreich entgegenzutreten, wenn +dieses Lied über seinen Heeren schwebt, und wenn die Tricolore und die +kaiserlichen Adler seinen Regimentern vorangetragen werden." + +Beide Herren verließen nach ehrerbietigem Gruß gegen die Majestäten das +Cabinet. + +"Nun," sagte der Kaiser, indem er aufstand und sich lächelnd zur +Kaiserin wandte, "Sie werden jetzt zufrieden sein, Eugenie, wir werden +einen großen Triumph erleben, ohne uns der Gefahr eines Krieges +auszusetzen, und Sie werden endlich die Genugthuung haben, die Politik +dieses Grafen Bismarck ein wenig gedemüthigt zu sehen. Werden Sie heute +Abend noch empfangen?" + +"Nur meinen kleinen Cirkel," antwortete die Kaiserin leicht hin und +etwas zerstreut, als folge sie Gedanken, die unausgesprochen ihr Inneres +erfüllten. + +"Ich bin ermüdet," sagte der Kaiser, "und bitte Sie, mich zu +entschuldigen, ich möchte ein wenig meine Privatcorrespondenz ordnen, +die ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt habe." + +Er küßte seiner Gemahlin die Hand und kehrte langsam in seine Gemächer +zurück. + +"Welche Schwäche, welche Unschlüssigkeit!" rief die Kaiserin, als sie +allein war. "Er möchte die Früchte des Sieges genießen und will doch den +Kampf nicht wagen. Nun," fuhr sie mit flammendem Blick und einem +stolzen, fast höhnischen Lächeln fort, "die Verhältnisse werden +mächtiger sein, als er; sie werden ihn über den Rubicon drängen, den er +nicht wie Cäsar zu überschreiten wagt. So sehr der König von Preußen +auch den Frieden zu erhalten wünschen mag, seine Geduld wird sich +endlich erschöpfen, wenn Forderung auf Forderung an ihn gestellt wird, +und wenn man in Paris erst die Marseillaise singt, wenn die Presse und +die Tribüne in immer steigendem Maß das Nationalgefühl erhitzen, so wird +trotz aller Unschlüssigkeit der Krieg kommen--dieser Krieg, der mein +Krieg ist, den man mir einst danken wird, der mich in den Augen von ganz +Frankreich zur wahren Französin machen wird, der nothwendig ist, um +meinem Sohn den Thron zu sichern, meinem Sohn, den ich hinaus senden +werde, um auf den Schlachtfeldern gegenwärtig zu sein,--wo man ihn +niemals gesehen hat, diesen anmaßenden Prinzen Napoleon, welcher es zu +behaupten wagt, daß in den Adern seiner Nachkommenschaft allein das Blut +des großen Kaisers fließe, und welcher so stolz darauf ist, daß seine +Mutter und die Mutter seiner Kinder purpurgeborne Prinzessinnen +waren.--Die Stunde der Entscheidung naht--sie wird den Sieg bringen--und +dieser Sieg wird Mein sein!" + +Sie stand noch einige Augenblicke schweigend, den strahlenden Blick +auswärts gerichtet, die schönen Züge verklärt von stolzer Zuversicht. + +Dann bewegte sie die Glocke. + +"Man soll den Thee serviren," befahl sie dem Kammerdiener, "ich lasse +meine Damen und die Herren vom Dienst bitten, einzutreten." + + + + +Achtes Capitel. + + +Die Morgenpromenade in Ems war beendet. Langsam und nachdenklich +kehrte Graf Benedetti nach seiner Wohnung in der Stadt Brüssel zurück. + +Sein Kammerdiener übergab ihm zwei für ihn eingegangene Depeschen. +Benedetti trat in sein Zimmer, und reichte seinem Secretair, welcher ihn +erwartete die beiden Telegramme. Dieser zerriß hastig die Umschläge und +öffnete den großen Folioband, der den Chiffre des Botschafters enthielt, +um die Depeschen zu dechiffriren. + +Hier in seinem Zimmer verschwand von dem Gesicht Benedetti's jene +gleichgültige, höfliche, freundliche und undurchdringliche Ruhe, welche +sonst Alles verhüllte, was in seinen Gedanken vorging. Heftig bewegt +schritt er auf und nieder, sein blasses Gesicht zuckte in nervöser +Aufregung und seine sonst so klaren, unzerstörbar, heiteren Augen +blickten trübe und sorgenvoll vor sich hin. + +"Welch eine furchtbare Verantwortung liegt auf meinem Haupt," sagte er, +"ich fühle, daß der Faden der Unterhandlungen mir entschlüpft, weil man +ihn in Paris so scharf anzieht, daß es in der That kaum mehr möglich ist +ein anderes Ende, als den Bruch vorherzusehen--den Bruch--das heißt +einen Krieg, wie er seit Generationen Europa nicht erschüttert hat; das +heißt ein Meer von Blut, das heißt, die Zerstörung so vieler Güter, +welche der Fleiß und die Arbeit langer Jahre geschaffen haben. + +Was will man in Paris?" fuhr er fort, indem er die Hand vor die Stirn +legte und unruhig nachdenkend schnell auf und nieder ging. "Will man den +Krieg? Das ist ja beinahe unmöglich, so wie ich den Kaiser kenne,--er +hat viele bessere Gelegenheiten vorübergehen lassen, wie sollte er jetzt +die Dinge auf's Äußerste treiben wollen. Sollte man aber wirklich den +Krieg wollen--warum es mir verheimlichen? Warum mich diese traurige und +undankbare Rolle eines Ueberlästigen spielen lassen? Warum diese unklare +Verworrenheit, welche nur dahin führen kann, daß der Bruch, wenn er +erfolgt, uns vor den Augen von ganz Europa als die absichtlichen +Friedensstörer hinstellt? Warum ist man da nicht gleich mit einer +klaren bestimmten Forderung hervorgetreten, die wenigstens zu einem +würdigen Abbruch der Verhandlungen hätte führen können? Ich habe," +sprach er weiter, indem er an das Fenster trat und auf die Straße +hinabblickte, "ich habe auf die coulanteste und freundlichste Weise das +erste Ziel meiner Mission erreicht--die Zurücknahme der Hohenzollerschen +Candidatur unter Autorisation des Königs. Nun steigert man successive +die Forderungen--giebt es einen Diplomaten in der Welt, der im Stande +wäre, eine solche Negotiation zu einem günstigen und würdevollen Ende zu +führen? Man verlangt die Erklärung des Königs, daß er für alle Zukunft +eine Wiederaufnahme der jetzt gescheiterten Combination nicht erlauben +werde. Eine solche Erklärung hätte sich erreichen lassen, wenn man nicht +zugleich die Aufregung in Frankreich begünstigt hätte, wenn man sich +größere Reserve bei den Erklärungen im Corps legislatif auferlegt hätte, +wenn man das persönliche Gefühl des Königs und den nationalen Stolz in +Deutschland nicht verletzt hätte, jetzt aber nach der kurzen +Unterredung, die ich so eben mit dem Könige auf der Brunnenpromenade +gehabt, ist an Erfüllung dieser Forderung garnicht zu denken. Und wenn +sie nicht erfüllt wird," sagte er seufzend, "nachdem man einen so +starken Anlauf genommen, nachdem man so hohe Worte gebraucht hat, so ist +der Krieg unvermeidlich--die Welt wird diesen Grund desselben kaum +verstehen, mag man nun den Bruch gewollt haben, oder mag man ohne Willen +und Plan zu demselben hingetrieben werden. + +Was telegraphirt der Herzog?" + +Der Secretair hatte die beiden Depeschen dechiffrirt und reichte sie dem +Botschafter. + +Dieser durchflog raschen Blickes die Telegramme, seufzend warf er sie +auf den Tisch. + +"Die Festigkeit meiner Sprache," sagte er bitter lächelnd, "soll nicht +dem Ernst der Situation entsprechen. Aber, mein Gott, vergißt man denn +in Paris ganz, daß es sich hier um keine Unterhandlungen mit dem +Minister der auswärtigen Angelegenheiten handelt, sondern daß ich in +unmittelbarem persönlichem Verkehr mit dem Souverain stehe? Man kann +doch unmöglich von mir verlangen, daß ich die Formen verletzen sollte, +welche für diesen Verkehr maßgebend sind. Ich muß noch einen Versuch +machen,--vielleicht hat die Bitte, welche ich dem Könige durch den +Prinzen Radziwill aussprechen ließ, irgend einen Erfolg, vielleicht +entschließt sich der König, irgend ein Wort zu sagen, welches man in +Paris als genügend annehmen möchte, wenn der Grundgedanke des Kaisers +wirklich ist, den Frieden zu erhalten." + +Der Kammerdiener meldete den Flügeladjutanten Seiner Majestät des Königs +von Preußen, und einen Augenblick darauf trat der Oberstlieutenant Prinz +Radziwill, ein noch junger, schlanker Mann mit militairisch +geschnittenem vollem Bart in Civilmorgenanzug in das Zimmer. + +Das Gesicht des Grafen Benedetti hatte seine glatte und +undurchdringliche Ruhe wieder angenommen, er trat dem Prinzen mit +verbindlicher Höflichkeit entgegen. + +"Seine Majestät der König," sagte dieser im artigen Ton, "hat mich +beauftragt, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich nicht in der Lage +befinde, von einer neuen Unterredung ein Resultat voraussehen zu können, +da seine Entschließungen vollkommen fest ständen. Der König hat mir +zugleich befohlen, Eurer Excellenz in seinem Namen zu erklären, daß +Seine Majestät die Verzichtleistung des Prinzen Leopold approbirte und +zwar in demselben Sinne und demselben Geist, wie er seine Zustimmung zu +der Annahme dieser Candidatur ertheilt habe. Was den zweiten Punkt +betrifft, eine Verpachtung für die Zukunft zu übernehmen, so könne sich +Seine Majestät nur auf diejenige ablehnende Erklärung zurück beziehen, +welche er heute Morgen Eurer Excellenz persönlich gegeben habe." + +Keine Muskel bewegte sich im Gesicht Benedetti's, und mit ruhiger, +klarer Stimme sprach er: + +"Ich bin dem Könige unendlich dankbar, daß er die Gnade gehabt hat, mir +diese Erklärung durch Eure Durchlaucht zugehen zu lassen, und ich werde +dieselbe sogleich meiner Regierung mittheilen. Doch muß ich," fuhr er in +demselben ruhigen Ton fort, "Eurer Durchlaucht sagen, daß ich betreffs +des zweiten Punktes soeben noch sehr bestimmte Instructionen vom Herzog +von Gramont erhalten habe. Ich muß daher meine Bitte um eine neue +Unterredung mit Seiner Majestät nochmals wiederholen, um so mehr, als +ich dem Könige vielleicht einige neue, noch nicht erwogene +Gesichtspunkte mittheilen könnte. Ich muß nach den Instructionen, die +ich erhalten, den größten Werth auf die gnädige Gewährung meiner Bitte +um eine nochmalige Audienz legen, sei es auch nur, um nochmal von Seiner +Majestät die Erklärung wiederholen zu hören, welche er mir heute Morgen +gegeben hat. Ich bitte Eure Durchlaucht deshalb, den Wunsch, welchen ich +aussprechen muß, nochmal Seiner Majestät mittheilen zu wollen." + +"Ich werde nicht unterlassen, Eurer Excellenz Auftrag sogleich Seiner +Majestät auszurichten," erwiderte der Fürst Radziwill, "und werde nicht +verfehlen, Eurer Excellenz die Allerhöchste Antwort mitzuteilen." + +Mit ausgesuchter Höflichkeit, in welcher jedoch eine gewisse, kalte und +stolze Zurückhaltung lag, verneigte er sich und verließ von dem +Botschafter bis zur Thür geleitet, das Zimmer. + +"Der Krieg liegt in der Luft," sagte er dann, indem er sich seufzend an +seinen Secretair wandte. "Ich kenne die Höfe, ich fühle,--ich weiß, was +geschehen wird. Der König wird mich nicht mehr empfangen--er hat sein +letztes Wort gesprochen." + +"Wenn der König den Botschafter Frankreichs zu empfangen verweigert," +rief der Secretair mit blitzenden Augen, "so ist das allein ein Grund +des Krieges, dessen Gerechtigkeit das Gefühl der ganzen Nation +anerkennen wird." + +"Sollte es das sein?" sagte Benedetti leise, indem er nachdenklich den +Kopf schüttelte, "das würde freilich die nationale Entrüstung +entflammen. Aber," fuhr er fort, "würde darum der Kriegsgrund besser +werden, der Erfolg gesicherter sein? Doch ich bin erschöpft," sagte er +dann, "und Sie werden es auch sein, können wir auch die Entbehrung des +Schlafs ertragen, so fordert doch die körperliche Natur ihr Recht auf +Ergänzung der Substanz, lassen Sie uns frühstücken."--Er ließ das +Frühstück in seinem Zimmer serviren und beide Herren setzten sich +schweigend und gedankenvoll zu Tisch.-- + + * * * * * + +Mehrere Stunden waren verstrichen voll unruhiger Erwartung für den +Grafen Benedetti, welcher sich in seinem Zimmer auf ein Canapé +niedergelegt hatte, um nach all der Aufregung der letzten Tage wenn +nicht Schlaf, so doch wenigstens Ruhe für seine erschöpften und +abgespannten Nerven zu finden. + +Endlich, es war bereits Abend--die Zeit des Diners des Königs war +vorüber--wurde dem Botschafter abermals der Fürst Radziwill gemeldet. + +Rasch sprang Benedetti empor und kaum gelang es ihm, den Ausdruck +unruhiger Spannung von seinem Gesicht verschwinden zu lassen, als er dem +Adjutanten des Königs entgegentrat. + +Noch kälter, noch zurückhaltender als vorher war der Ton, in welchem +dieser dem Botschafter sagte: + +"Der König hat mir befohlen, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich +verpflichtet sähe, eine neue Discussion über den zweiten, von Ihnen +angeregten Punkt--betreffend die Verpflichtungen und Garantien für die +Zukunft ganz bestimmt und kategorisch abzulehnen. Was Seine Majestät +Eurer Excellenz heute Morgen zugesagt hat, ist des Königs letztes Wort +in dieser Angelegenheit, und der König bittet Eure Excellenz sich +lediglich und ausschließlich an jenes Wort zu halten." + +Das Gesicht des Grafen Benedetti wurde bei diesen mit äußerster +Artigkeit, aber auch mit entschiedenster Festigkeit gesprochenen Worten +des Fürsten Radziwill noch um eine Nüance bleicher. Er ließ einen +Augenblick die Augenlider herabfallen, wie um den Ausdruck seines +Blickes zu verhüllen, und ein leichtes Nervenzucken zeigte sich eine +Secunde um seinen Mund. Schweigend neigte er den Kopf und sprach dann +mit ruhiger Stimme, in deren Ton keine Aufregung bemerkbar war. + +"Ich danke Eurer Durchlaucht für diese Mittheilung und möchte Sie nur +noch bitten, mir zu sagen, ob die Ankunft des Grafen Bismarck hier, von +welcher in diesen Tagen gesprochen wurde, heute oder morgen zu erwarten +ist." + +"Soviel mir bekannt geworden," erwiderte der Fürst Radziwill, "hat der +Graf Bismarck seine Reise hierher aufgeschoben und morgen jedenfalls +wird seine Ankunft hier nicht zu erwarten sein." + +"Dann bitte ich Eure Durchlaucht," sagte Benedetti, "Seiner Majestät zu +sagen, daß ich nicht weiter auf meiner Bitte bestehe und mich bei den +Erklärungen des Königs beruhigen wolle." + +Der Fürst verabschiedete sich. Graf Benedetti begleitete ihn zur Thür +und blieb dann einige Augenblicke schweigend in tiefen Gedanken stehen. + +"Der Würfel ist gefallen," sagte er mit düsterem Ton, "das Verderben ist +entfesselt! Wen wird der Blitz treffen, der noch verborgen im Schoß der +Wolken ruht, welche den Himmel des europäischen Friedens überziehen." + +Er öffnete die Thür des Nebenzimmers und rief seinen Secretair. + +"Bereiten Sie Alles zur Abreise vor," sagte er im ernsten Ton, "meine +Mission hier ist zu Ende. Doch," fuhr er fort, "ich will bis zum letzten +Augenblick alle Pflichten der Höflichkeit erfüllen. Wenn es das +Schicksal will, kann sich vielleicht doch noch eine Gelegenheit bieten, +das Verhängniß zu beschwören. Gehen Sie zum Hause des Königs und sagen +Sie dem Adjutanten vom Dienst, daß ich um die Erlaubniß bäte, mich von +Seiner Majestät verabschieden zu dürfen. Damit verletze ich keine Form +und kann zugleich meinen persönlichen Wunsch erfüllen, von dem +Monarchen, der mir soviel Gnade und Wohlwollen bewiesen hat, und von +dem ich in so verhängnißvollem Augenblick scheiden muß, einen +freundlichen Abschied zu nehmen." + + * * * * * + +Die Aufregung unter den Badegästen in Ems, welche die ersten Nachrichten +von den Differenzen über die Hohenzollersche Candidatur erregt hatten, +war fast vollständig wieder verschwunden. Man hatte zwar die heftigen +Artikel der französischen Journale gelesen, die nationale Entrüstung, +welche ganz Deutschland bei diesen Provocationen erfaßte, war auch +dorthin in die stillen Kreise des Badelebens gedrungen, aber man hatte +auch wieder Gelegenheit gehabt, hier in unmittelbarer Nähe den so +freundlichen Verkehr des Könige mit dem französischen Botschafter zu +sehen. Man hatte gesehen, wie Seine Majestät den Grafen Benedetti +täglich auf der Promenade auf das huldvollste anredete und einige Zeit +in lebhafter Conversation mit ihm auf- und niederging. Das Lächeln +verschwand keinen Augenblick von dem glatten Gesicht des Botschafters +und der König war ruhig und heiter wie immer. + +Baron Werther war wieder nach Paris zurückgereist; der Minister des +Innern, welchen der Graf Bismarck, der von Barzin kommend, in Berlin +leicht erkrankt war, zum Könige nach Ems entsendet hatte, war wieder +nach Berlin zurückgekehrt; der Finanzminister war angekommen, um wie man +erzählte, Seiner Majestät über Angelegenheiten seines Ressorts Vortrag +zu halten, und Alles schien wieder in das gewohnte Geleis +zurückzukehren. + +Als nun gar der Telegraph die Nachricht brachte, daß der Prinz Leopold +von Hohenzollern auf seine Candidatur Verzicht geleistet, und daß Graf +Bismarck, darin die vollständige Erledigung der ganzen Angelegenheit +erblickend, seine Reise nach Ems aufgegeben habe, da verschwanden +vollends die letzten Besorgnisse, und man sah auf der Brunnenpromenade +nur heitere und lächelnde Gesichter, man verabredete Partien in die +Berge, und die Unterhaltung, welche so lange von den ernsten +Gegenständen der Politik in Anspruch genommen war, wandte sich wieder +den kleinen Ereignissen des Tages zu. + +Man sprach von den Toiletten der Herzogin von Ossuna, welche soeben mit +ihrem Gemahl angekommen war und Alles durch ihren Geschmack und ihre +Eleganz in den Schatten stellte. Man wiederholte die märchenhaften +Erzählungen über den Reichthum dieses spanischen Granden, welcher die +Königin Isabella am Hofe von St. Petersburg vertreten und an diesem +prachtvollsten Hof Europas einen Glanz entwickelt hatte, der selbst +dort noch nicht gesehen worden war. + +Da plötzlich drang am Nachmittag des 14. Juli in diese wieder zu +sorgloser, heiterer Geselligkeit sich zusammenschließenden Kreise wie +ein unvorbereiteter Wetterschlag die Nachricht, daß der König, den man, +wie er öfter that, nach Coblenz zu seiner Gemahlin hatte fahren sehen, +der am Abend zurückerwartet wurde, schon in der Frühe des nächsten +Morgens nach Berlin abreisen werde, daß alle Verhandlungen abgebrochen +seien, daß Seine Majestät sogar jede weitere Unterredung mit dem +Botschafter abgelehnt habe, und daß der Krieg unvermeidlich scheine. + +Die tiefste Bestürzung verbreitete sich überall. Diejenigen, welche mit +dem einen oder dem andern Herrn aus der Umgebung des Königs bekannt +waren, suchten sich demselben zu nähern, um Ausführliches zu +erfahren--die Umgebung des Königs vermied es zwar, sich in lange +Gespräche über die Situation einzulassen, doch der ernste, fast +feierliche Eindruck, welcher auf den Gesichtern aller dieser Herren lag, +einzelne hingeworfene Bemerkungen und die Bestätigung der für den +nächsten Morgen feststehenden Abreise des Königs zeigten deutlich genug, +daß die Befürchtungen, welche überall erregt waren, vollkommen begründet +seien. + +Der französische Botschafter war noch nicht abgereist, aber er hielt +sich in seiner Wohnung und erschien nicht auf der Abendpromenade. + +Bis spät in die Nacht hinein waren alle Straßen mit Menschen gefüllt, +und die ganze Nacht über dauerte die Unruhe in allen Häusern, denn fast +alle fremden Badegäste trafen Anstalten zur schnellen Abreise, und die +Bewohner von Ems sahen mit Bekümmerniß dem plötzlichen Ende einer so +glänzend begonnenen Saison entgegen. + +Schon lange vor acht Uhr am nächsten Morgen, zu welcher Stunde die +Abreise des Königs befohlen war, hatte der Bahnhof sich dicht gefüllt +mit einem zahlreichen Publikum, unter welchem die Damen und Herren aus +dem Kreise der Badegäste, die dem König persönlich bekannt waren, die +ersten Reihen am Perron einnahmen, der in der Nacht mit Blumenguirlanden +geschmückt worden war. + +Allmälig erschien die Umgebung des Königs, welche den Monarchen nach +Berlin begleitete. Die Waggons fuhren heran und das zahlreiche Gepäck +wurde in den bereits vorgefahrenen Zug, in dessen Mitte man den großen +königlichen Salonwagen erblickte, eingeladen. + +Zum Erstaunen aller Anwesenden erschien auch der französische +Botschafter Graf Benedetti am Bahnhof und begab sich mit unbefangen +heiterer Miene, Einen oder den Andern aus der Badegesellschaft begrüßend +auf den Perron, wo er seinen Ueberrock ablegte und im schwarzen Anzug, +das Band des schwarzen Adlerordens über der Brust, ruhig dastand, mit +den Andern den König erwartend, ohne die erstaunten und wenig +freundlichen Blicke zu beachten, mit welchen man ihn von allen Seiten +ansah. + +Die Wagen waren bepackt; die Locomotive war schnaubend herangefahren und +hatte sich an die Spitze des Zuges gestellt; die Lakaien in Reiselivreen +standen an den Thürschlägen. + +Da ertönten vom Badehause einzelne, sich schnell fortpflanzende +Hochrufe. Wenige Augenblicke darauf fuhr der König an den Perron heran, +er trug Militair-Rock und Mütze. Der Flügel-Adjutant Fürst Radziwill +begleitete ihn, der Hofmarschall Graf Perponcher ging dem Könige +entgegen und meldete, daß Alles bereit sei. + +Der König sah frisch und kräftig aus, seine Haltung war stolz und fest, +und trotz des tiefen Ernstes, der auf seinen Zügen lag, blickten seine +Augen doch in milder Heiterkeit auf die zu seiner Begrüßung Versammelten +hin. Er richtete, schnell die Reihe herabschreitend, mit freundlichem +Kopfnicken alle diese ehrerbietigen Grüße erwidernd, an einzelne +Bekannte einige Worte. Bei dem Polizei-Präsidenten von Wurmb, welcher im +Reiseanzug gegenwärtig war, blieb der König einen Augenblick stehen. + +"Ich habe Sie gebeten mit mir abzureisen," sagte er. "Sie werden viel zu +thun finden,--unsere Vorbereitungen für die Enthüllung des Denkmals des +hochseligen Königs," fügte er mit wehmüthigem Lächeln hinzu, "werden nun +wohl für längere Zeit vertagt bleiben." + +"Möge die Errichtung des ehernen Denkmals auch noch hinausgeschoben +werden, Majestät," erwiderte Herr von Wurmb mit bewegter Stimme, "das +lebendige Denkmal an die große Zeit des hochseligen Herrn, welches in +jedem Preußenherzen fest begründet ist, wird in diesen Tagen mit +lebendigen Kränzen der Erinnerung und neuer Hoffnung geschmückt. Wieder +durchdringt das ganze Volk wie damals der heilige Ruf aus der Zeit des +eisernen Kreuzes "Mit Gott für König und Vaterland." + +Der König neigte das Haupt, sein Blick fiel auf das schwarz-weiße Band +des eisernen Kreuzes, das er trug, und indem er dasselbe leicht mit der +Hand berührte, sagte er halb laut: + +"In diesem Zeichen werden wir siegen." + +Er ging weiter. Raschen und festen Schrittes trat er zu dem sich tief +verneigenden Grafen Benedetti. + +"Sie haben gewünscht, Herr Graf," sagte der König mit freundlicher +Höflichkeit, "sich von mir zu verabschieden--leben Sie wohl." + +Trotz der Gewalt, mit welcher der französische Diplomat den Ausdruck +seiner Züge beherrschte, zeigte sich doch einen Augenblick eine mächtige +Bewegung auf seinem Gesicht. + +"Ich danke Eurer Majestät," sagte er mit leicht zitternder Stimme, "daß +Sie mir Gelegenheit geben, von Ihnen Abschied zu nehmen, und ich danke +Ihnen auch in diesem Augenblick noch einmal für die Gnade und das +Wohlwollen, welches Sie mir während der Zeit meiner Beglaubigung an +Ihrem Hofe bewiesen haben. Möchte die Zukunft Alles zum Guten wenden." + +"Die Zukunft liegt in Gottes Hand," sagte der König mit fester Stimme, +und indem er freundlich den Kopf neigte, wandte er sich zur Thür des +Salonwagens, an welcher der Hofmarschall und die übrigen Herren des +Gefolges ihn erwarteten. + +"Kommen Sie zu mir, lieber Abeken," sagte der König, "wir haben +unterwegs viel zu arbeiten und nehmen Sie St. Blanquart mit, damit alle +ankommenden Depeschen sogleich dechiffrirt werden können." + +Der Geheime Legationsrath nahm aus der Hand eines Dieners die große +Mappe, welche seine Papiere enthielt, winkte den Hofrath St. Blanquart, +welcher in einiger Entfernung von dem königlichen Gefolge stand, heran, +und beide folgten dem Könige, welcher bereits eingestiegen war, in den +Salonwagen, während die übrigen Herren ihre Plätze in den Coupés vor und +hinter demselben einnahmen. + +Die Locomotive pfiff, der König trat noch einmal an das Fenster und +winkte grüßend mit der Hand. + +Ein brausender Hochruf ertönte als Antwort auf den königlichen +Abschiedsgruß und wiederholte sich mit wachsender Begeisterung, während +der immer schneller dahin rollende Zug den Monarchen aus dem stillen, +friedlichen Badeort nach seiner Residenz zurückführte, von wo er bald +hinausziehen sollte an der Spitze des waffengerüsteten Deutschlands, um +von Neuem den Kampf aufzunehmen gegen den alten Feind seines Hauses und +seines Landes. + +Der König hatte an dem Fenster des Salonwagens Platz genommen und +blickte durch die hellen Glasscheiben in die lachende Gegend hinaus, +während der Geheimrath Abeken ihm gegenüber Platz genommen hatte, um +ihm die verschiedenen eingegangenen Depeschen vorzutragen. + +Der Hofrath St. Blanquart saß am Ende des Salons, den Chiffre vor sich, +eine nach der andern die Depeschen dechiffrirend, welche unmittelbar vor +der Abreise eingegangen waren und bereit, diejenigen in Empfang zu +nehmen, welche man auf den einzelnen Stationen erwarten mußte. + +"Ich habe Eurer Majestät," sagte der Geheimrath Abeken, "sogleich zu +Anfang eine wichtige und erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Aus München +ist gemeldet, daß der König auf den Vorschlag des Ministeriums erklärt +hat den Casus foederis für gegeben zu erachten, auch hat seine Majestät +die vorgelegte Mobilisirungsordre genehmigt." + +Der Blick des Königs leuchtete freudig auf. + +"Das deutsche Blut der Wittelsbacher verläugnet sich nicht," sagte er, +"sie haben gegen uns gestanden im Kriege von 1866, und sie lieben dort +vielleicht Preußen nicht zu sehr--aber jetzt wo Deutschland in den Kampf +tritt, zweifelt dieser junge König nicht, wo sein Platz ist. Nun +Deutschland wird ihm das nicht vergessen und ich auch nicht, denn von +nun an, wenn Gott uns in diesem Kampfe beisteht, wird ja die Geschichte +Preußens und Deutschlands für immer die gleiche sein. Künftig wird die +deutsche Armee ins Feld ziehen--" + +"Wie Brandenburg Preußen wurde, Majestät," sagte der Geheime +Legationsrath, "so wird Preußen Deutschland werden und damit seine große +Mission vollenden." + +Der König blickte schweigend weit hinaus nach dem Horizont, an welchem +die an der Bahn liegenden Bäume schnell vorüberflogen. + +"Der feste und patriotische Entschluß des Königs Ludwig," sagte er nach +einigen Augenblicken, "ist um so höher anzuerkennen, als es in Baiern in +allen Kreisen nicht an eifrigen Bemühungen gefehlt hat, die Gelegenheit +zu benutzen, um eine Sonderpolitik zu machen. Nun ist Deutschland einig, +und jede Hoffnung Napoleons, die Südstaaten zu sich herüber zu ziehen, +gescheitert. Von Würtemberg sind noch keine Nachrichten da?" + +"Noch nicht," sagte der Geheime Legationsrath Abeken, "doch hat Herr von +Rosenberg berichtet, daß an der patriotischen Haltung Würtembergs nicht +zu zweifeln sei." + +"So ist denn Deutschland zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich +einig," sagte der König, "die Zeit ist gekommen, in welcher jener alte +Spottname der Reichsarmee verschwinden wird, und in welcher die +deutschen Heere, von Preußen geführt, den alten Kriegsruhm der Nation zu +neuem Glanz erheben sollen." + +"Alles vereinigt sich," sagte der Geheime Legationsrath, "um die +Zuversicht auf den Sieg, welche ich fest in dem Herzen trage, zu +bestärken. Auch die Besorgnisse, welche die Haltung Österreichs +einflößen könnte, sind beseitigt durch die Gewißheit von der +freundlichen Haltung Rußlands, welche Graf Bismarck meldet. Der +Ministerpräsident wird Eurer Majestät darüber persönlich ausführlicher +berichten, doch ist als gesichert zu betrachten, daß jeder feindlichen +Bewegung Österreichs energisch entgegengetreten werden wird, daß der +Handel der Ostsee keiner Gefahr ausgesetzt werden soll, alle früheren +Besprechungen über diese Eventualität sind von Neuem bestätigt worden +und es ist die volle Sicherheit vorhanden, die ganze ungeschwächte und +ungetheilte Militairkraft nach der französischen Grenze hin verwenden zu +können." + +"Der Kaiser Alexander ist ein treuer Freund," sagte der König. "Er +erkennt wie ich auch die politische Notwendigkeit, daß Deutschland und +Rußland fest zusammenhalten, um gegenseitig ihre Aufgabe zu erfüllen +und ihre Zielpunkte zu erreichen. Möchten diese beiden Mächte immer +einig bleiben, dann wird Frankreich die übermüthige Prätension aufgeben +müssen, die dominirende Rolle in Europa zu spielen." + +Der Zug hielt in Coblenz. Der König trat an das Fenster, nahm die +Meldung der Generalität entgegen und begrüßte freundlich die zahlreiche +Menge, welche ihm ihr jubelndes Hurrah entgegen rief. Nach wenigen +Minuten fuhr man weiter. Depeschen auf Depeschen kamen an. Der Hofrath +St. Blanquart entzifferte unermüdlich mit lang geübter Sicherheit deren +Inhalt aus den langen Zahlenreihen und der Geheime Legationsrath Abeken +trug dem Könige immer neue Nachrichten vor, welche Kunde brachten von +der immer mächtiger aufflammenden Begeisterung des deutschen Volkes in +allen Gebieten des weiten Vaterlandes. + +Nach einigen Stunden wurde im Salonwagen das einfache Frühstück des +Königs servirt, der Leibjäger brachte Körbe mit kalter Küche und das +einfache Reiseservice. + +Und einen Augenblick den Vortrag unterbrechend, aß Seine Majestät etwas +kalten Hummer und trank ein Glas Wein, während er zugleich den Geheimen +Legationsrath Abeken aufforderte, die ermatteten Kräfte nach so langer +Arbeit wieder zu ergänzen. + +Dann winkte der König noch einmal dem Leibjäger und ließ sich den Korb +reichen. Er nahm ein Butterbrod und etwas kaltes Fleisch und legte es +auf einen kleinen Teller. + +"Ein Glas Wein," befahl er dann. + +Der Leibjäger servirte ein Glas Bordeaux. + +Der König nahm es in die Hand, den kleinen Teller in die andere und so +ging er durch den Salon zum Hofrath St. Blanquart hin, der noch immer +eifrig und unermüdlich eine Zahlenreihe nach der andern dechiffrirte. + +"Halten Sie einen Augenblick ein," sagte der König mit freundlichem +Lächeln, "mein lieber St. Blanquart, von Chiffrezahlen kann kein Mensch +leben. Nehmen Sie hier, was ich Ihnen bringe, wir müssen uns schon ein +wenig an das Campagneleben gewöhnen." + +St. Blanquart stand ganz erschrocken auf. + +"Majestät," sagte er, "welche Gnade--Eure Majestät denken selbst an +mich--" + +"Soll ich denn nicht an meine Diener denken," sagte der König, "die Tag +und Nacht für mich arbeiten--nehmen Sie schnell, wir haben nicht viel +Zeit zur Ruhe." + +Er stellte den Teller vor den Hofrath hin, gab ihm das Glas Wein in die +Hand und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Fenster zurück, wo er +gedankenvoll hinaus in die Ebene schaute, wartend, bis die beiden Herren +ihr Frühstück vollendet hatten, dann erst ließ er den Korb und das +Service hinaustragen und die Arbeiten wieder aufnehmen. + +Weiter und weiter brauste der Zug. An allen Bahnhöfen wurde der König +von dichten Menschenmassen begrüßt, deren jubelnde Zurufe immer +lebhafter und begeisterter wurden. + +"Krieg! Krieg gegen Frankreich!" hörte man fast überall. + +Dazwischen ertönten einzelne Stimmen: + +"Nach Paris! Nieder mit Napoleon!" + +Auf jede Weise documentirte sich die patriotische Begeisterung des +Volkes. + +Bei allen solchen Rufen blickte der König tief ernst über die +Menschenmenge hin. + +"Sie rufen nach Krieg," sprach er leise, "sie bewegt die patriotische +Begeisterung und hebt sie über alle Sorgen der Zukunft hinweg. Aber +Niemand kennt so genau wie ich die Opfer, welche die nächste Zeit dem +gesammten Vaterlande auflegen wird, und ich muß ja doch das +entscheidende Wort sprechen. Nun, Gott weiß, daß dies entscheidende Wort +mir abgerungen ist, und daß nicht Ehrgeiz und Übermuth mich zum Kampfe +treibt, darum wird mir Gott seinen Segen geben, an dem Alles gelegen +ist. Eine solche Hingebung, eine solche Begeisterung des Volkes ist ja +der beste Segen Gottes!" + +Nachdem in Cassel ein schnelles Diner eingenommen war, nachdem in +Magdeburg auf dem geschmückten Bahnhof der König mit hohem Enthusiasmus +begrüßt worden, hielt der Zug in Burg. Auch hier war eine Kopf an Kopf +gedrängte Menschenmenge versammelt, und ein donnerndes Hurrahrufen +begrüßte die Abfahrt des königlichen Salonwagens. + +Der König trat abermals an das Fenster und winkte mit der Hand über den +Platz hin. + +Da mit einem Mal verstummten die jubelnden Stimmen, eine tiefe Stille +trat ein, und ein an der Seite des Perrons aufgestelltes Musikcorps +begann eine voll anklingende ergreifende Melodie zu spielen. + +Der König lauschte den Tönen, welche hier an Stelle des "Heil Dir im +Sieger-Kranz", das ihn sonst überall begrüßt hatte, ertönten. Er schien +in seiner Erinnerung zu suchen nach diesen Tönen und blickte wie +fragend auf den Legationsrath Abeken hin, welcher rückwärts vom Fenster +neben seinem Sessel stand. + +"Es ist die Wacht am Rhein, Majestät," sagte der Geheime Legationsrath. + +Still schweigend blickte der König vor sich hin. + +"Die Wacht am Rhein,--die Wacht am Rhein," sagte er tief sinnend, +während die Melodie draußen weiter klang, und erst einzelne Stimmen, +dann ein immer vollerer Chor die Musik zu begleiten begann.-- + +"Die Wacht am Rhein,--ja, ja, das ist es, das ist schön--das ist sehr +schön, das ist das wahre Wort, welches einfach, herrlich und groß den +tiefen Gedanken ausdrückt, der diese Tage bewegt, und der das ganze Volk +zusammenführt zur Abwehr des verwegenen Angriffs." + +Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Kein Hurrahrufen erscholl, aber +die ganze große Menschenmenge war in den Gesang eingefallen, der voll +und gewaltig dem Könige nachklang, welcher am Fenster stand und auf alle +diese entblößten Häupter, auf alle diese von Begeisterung flammenden +Gesichter hinblickend, mit leisen Bewegungen des Hauptes den Rhythmus +der Melodie begleitete, bis dieselbe unter dem Rollen der Räder und dem +Schnauben der Maschine in der Ferne verklang. + +So kam man näher und näher nach Brandenburg, wo, wie dem Könige durch +den Telegraphen gemeldet war, der Kronprinz, Graf Bismarck, der +Kriegsminister von Roon und der General von Moltke den König erwarteten. + +Endlich, der Abend dunkelte bereits herein, fuhr der Zug in den Bahnhof +der alten märkischen Stadt ein. Fast die ganze Bevölkerung war dort +versammelt, die Spitzen der Behörden, und die Officiercorps standen auf +dem Perron hinter den Ministern; Allen voran der Kronprinz, welcher, als +kaum der Zug zum Stehen gebracht war, selbst die Thür öffnete, in den +Salonwagen hineinsprang und in tiefer Bewegung die Hand des Königs an +seine Lippen führte. + +Der König breitete seine Arme aus und drückte seinen Sohn einen +Augenblick schweigend an die Brust. + +"Ich hatte gehofft," sagte er dann ruhig und milde, "daß der Abend +meines Lebens in Frieden enden würde, und daß die Kämpfe der Zukunft +Deinem jüngeren und kräftigeren Arm überlassen bleiben sollten,--Gott +hat es anders gewollt, Du wirst mir zur Seite stehen, um unser Volk +nochmals zum Siege zu führen." + +Dann trat er auf den Perron hinaus und unter den immer von Neuem sich +wiederholenden Zurufen, die sich weithin in der Umgebung des Bahnhofs +fortpflanzten, begrüßte er mit herzlichem Händedruck den Grafen Bismarck +und die Generale von Moltke und von Roon, welche ihm ernst und tief +bewegt entgegentraten. + +"Der Augenblick ist da," sagte Graf Bismarck, "den wir so lange mit +aller Anstrengung hinauszuschieben versucht haben. Die letzte +Entscheidung naht, und fast möchte ich frei aufathmen, nun da die Nebel +zerreißen, da die frische Luft uns umweht und in reiner Klarheit unser +großes Ziel vor uns liegt, die heiligsten Güter des Vaterlandes zu +vertheidigen, Deutschland heraufzuheben auf den ersten Platz unter den +europäischen Nationen. Der Morgen einer großen Zeit bricht an, einer so +großen Zeit, wie sie kaum je die Geschichte gekannt hat; und Gott sei +Dank, das Schwert Deutschlands liegt in Händen, die es nicht niederlegen +werden, bevor der Sieg nicht erkämpft ist." + +Der König neigte nur langsam das Haupt, ohne etwas zu erwidern, dann +wandte er sich auf den Perron zu den Officieren und Civilbeamten, sprach +mit den obersten Vertretern derselben einige Worte und befahl bald die +Weiterreise, indem er den Geheimen Legationsrath Abeken und den Hofrath +St. Blanquart entließ und die Minister aufforderte, mit ihm und dem +Kronprinzen in den Salonwagen zu steigen. + +"Nun, meine Herren," sagte der König, als der Zug sich in Bewegung +gesetzt hatte, "wir werden von Neuem zu Felde ziehen müssen, denn ich +glaube nicht, daß jetzt noch eine friedliche Wendung möglich ist und +Jeder von uns wird mit Aufbietung aller Kräfte auf dem Posten stehen +müssen, denn diesmal handelt es sich um noch schwerere Kämpfe als im +Jahre 1866, schwerer vielleicht an Anstrengung und Arbeit," fügte er +hinzu. "Aber," sagte er dann, den hellen, klaren Blick auf den +Kronprinzen richtend, "ich ziehe mit leichterem, froherem Herzen ins +Feld gegen den alten Feind Deutschlands, als damals, da ich gegen den +alten Verbündeten, da ich gegen einen Fürsten aus deutschem Stamme +kämpfen mußte." + +"Und Alles ist vorbereitet, Majestät," sagte Graf Bismarck fast im +heiteren Ton, "um uns nach allen Richtungen den Erfolg zu sichern. +Frankreich hat sich durch diesen mit so unglaublichem Unverstand +ausgewählten Kriegsfall vollkommen isolirt, so daß auch diejenigen +Mächte, welche ihm vielleicht innerlich günstiger gesinnt sind, als uns, +sich außer Stande befinden, ihm irgend welche Sympathie zu beweisen, +und vor allen Dingen sind wir nach einer vielleicht bedenklichen Seite +hin vollkommen gesichert. Ich habe ausführlich mit dem Fürsten +Gortschakoff über die Situation verhandelt, die russische Politik ist +vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Krieg +zwischen uns und Frankreich zu localisiren und wird die strenge +Neutralität Österreichs überwachen." + +Der König nickte mit dem Kopf. + +"Wir werden weiter darüber sprechen," sagte er.--"Süddeutschland steht +ohne Rückhalt und ohne Schwanken zu uns?" + +"Zu Befehl, Majestät," erwiderte Graf Bismarck, "trotz aller Agitationen +der feindlichen Parteien werden die Könige von Baiern und Würtemberg +fest an ihren Verträgen halten, und die Stimmung der Bevölkerung hebt +sich nach Allem, was mir berichtet wird, immer mehr zu einmüthiger +nationaler Begeisterung. Ich denke meinerseits noch ein wenig dazu +beizutragen, die ganze öffentliche Meinung in Deutschland und in den +übrigen Ländern von der Gerechtigkeit unserer Sache zu überzeugen und +den eigentlichen Kernpunkt des französischen Angriffs klar zu legen." + +Der König blickte den Minister fragend an. + +"Eure Majestät erinnern sich," sagte Graf Bismarck, "der schmählichen +Propositionen, welche von Frankreich uns bei wiederholten Gelegenheiten +gemacht worden sind, und welche uns einen unwürdigen Handel um die +nationale Entwickelung Deutschlands anboten, indem wir durch Raub an +Dritten das erkaufen sollten, was das selbstständige Recht Deutschlands +ist. Eure Majestät erinnern sich des Vertragsentwurfs, welchen mir +Benedetti einst gegeben hat, und in welchem für die Eroberung Belgiens +die Süddeutschen Staaten, über deren Selbständigkeit und Unabhängigkeit +man in Paris so viel gesprochen hat, uns von Frankreich überliefert +werden sollten." + +"Ich erinnere mich," sagte der König. + +"Nun, nun, Majestät," fuhr Graf Bismarck fort, "der innere, der wahre +Grund dieses jetzt so vermessen heraufbeschworenen Krieges liegt darin, +daß wir jenen Handel alle Zeit fest und entschieden zurückgewiesen +haben. Man will jetzt versuchen mit Gewalt zu nehmen, was wir nicht +verkaufen wollten. Ich habe über alle jene Vorschläge bisher das tiefste +Stillschweigen beobachtet, damit von unserer Seite nichts geschehe, um +einen so verhängnißvollen Bruch herbeizuführen. Nun aber, Majestät, ist +wie ich glaube der Augenblick gekommen, um die wahren Absichten und +Pläne Frankreichs vor aller Welt zu enthüllen, und wenn Eure Majestät es +erlauben, werde ich jenen Vertragsentwurf, den Benedetti und der Kaiser +Napoleon nicht ableugnen können, den Vertretern der Mächte und der +öffentlichen Meinung Europas mittheilen. Die Süddeutschen werden sehen, +wohin sie mit der hier und da gehegten Hoffnung auf Frankreich gekommen +wären. England wird sehen, was die Verträge über Belgien in Frankreichs +Augen zu bedeuten haben und abgesehen von der äußeren Form dieser +unerhörten Provocation wird auch die innere Gerechtigkeit unserer Sache +vor den Augen aller Welt klar werden. Damit wird eine große moralische +Macht uns zugeführt werden." + +Der König nickte zustimmend mit dem Kopfe. + +"Ja, ja, darin liegt der wahre Grund dieses so lang zurückgehaltenen +Krieges, und es kann nur nützlich sein, wenn alle Welt das klar +erkennt.--Ich habe auch," sagte er nach einigen Augenblicken, während +eine tiefe Bewegung aus seinen Augen leuchtete, "ich habe auch daran +gedacht, unsere Waffenmacht durch eine moralische Kraft zu verstärken +und der Begeisterung des Volkes einen idealen Halt, ein heiliges Zeichen +zu geben, zu dessen siegreichem Einfluß ich ein gläubiges Vertrauen +habe." + +Der Kronprinz und die andern Herren blickten erwartungsvoll in das +bewegte Gesicht des Königs. + +"Ich will das eiserne Kreuz wieder herstellen," sagte der König, indem +er wie unwillkürlich die Hände faltete und einen Augenblick die Augen +niederschlug, um den feuchten Schimmer zu verbergen, der an seinen +Wimpern erglänzte--"das wird die großen, frommen Erinnerungen wach rufen +und die Begeisterung jener vergangenen Zeit auch der Gegenwart wieder +erwecken. Die Ritter des eisernen Kreuzes sterben aus, ich will das edle +Zeichen auch für Dich und Deine Generation," sagte er zum Kronprinzen +gewendet, "erhalten als ein Vermächtniß der Erinnerung an mich und +meinen Vater." + +"Und ich verspreche Dir," rief der Kronprinz in mächtiger Erregung, "daß +ich nicht ruhen und rasten will, bis ich dies heilige Zeichen mir +erkämpft habe." + +Schweigend, voll Liebe und Bewunderung blickten die Minister auf den +König, der noch einige Augenblicke in stillem Sinnen da saß. + +Ein langer Pfiff der Lokomotive ertönte. Man fuhr in den provisorischen +Potsdamer Bahnhof ein. Bereits war die Dunkelheit des späten Abends +herabgesunken, der mit Blumenguirlanden geschmückte Bahnhof war +erleuchtet, ein einfacher Kronleuchter hing an der Decke des +provisorisch hergestellten königlichen Wartezimmers. + +Auf dem Perron erwarteten den König die Spitzen der Behörden, der +Magistrat, die Generalität, die Hofchargen und zahlreiche Damen mit +prachtvollen Blumenbouquets in der Hand. + +Ein mächtiger Hurrahruf erschallte über den ganzen Bahnhofsplatz hin als +der königliche Zug am Perron vorfuhr. Auf dem Perron entblößten sich +alle Häupter, die Hüte wurden in die Luft erhoben, die Damen wehten mit +den Tüchern. + +Der König und der Kronprinz stiegen aus. + +In der vordersten Reihe stand der greise Feldmarschall Wrangel. + +Rasch schritt der König zu demselben hin und reichte ihm die Hand, in +tiefer Bewegung beugte sich der Feldmarschall nieder und drückte seine +Lippen auf die königliche Rechte. + +"Ich begrüße in Ihnen, mein lieber General-Feldmarschall, meine Armee, +die von Neuem zeigen wird, daß sie ihrer Veteranen würdig ist." + +Der Feldmarschall wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm einige +Augenblicke. + +"Oh warum, Majestät," sagte er endlich in abgebrochenen Worten, "warum +gehöre ich heute zu diesen Veteranen, warum wollen die alten Glieder +heute nicht so vorwärts wie das Herz, das noch immer nicht alt wird." + +"Nun," sagte der König, die Hand leicht auf die Schulter des +Feldmarschalls legend, "wenn Sie auch heute nicht mehr ins Feld ziehen +können, Ihr Geist und Alles, was Sie für meine Armee gethan, das zieht +doch mit hinaus und das wird ebenso schwer bei der Entscheidung wiegen, +ja schwerer, als die Kraft der jungen Arme, denn der ruhmvolle Geist der +Vergangenheit, der in meiner Armee weht, ist es, der sie zum Siege +führen wird. Ich werde," fügte er freundlich zu dem Feldmarschall +gewendet, hinzu, "das eiserne Kreuz wieder herstellen, damit die +Veteranen der künftigen Generation auch dasselbe schöne Zeichen tragen +können, das wir Alten uns in den großen Tagen der Vergangenheit erworben +haben." + +"Das freut mir von ganzem Herzen," sagte der Feldmarschall, indem sein +altes, treuherziges Gesicht von Glück und Freude strahlte. "Das haben +Eure Majestät recht gemacht, das wird unseren Jungens wieder den Geist +von 1813 einhauchen. Dieser Geist fängt schon an zu wehen, ich habe da +gestern ein Witzblatt gesehen, worüber ich mir sonst geärgert habe, die +Berliner Wespen, die haben einen preußischen Soldaten gemalt, der dem +Napoleon die Faust unter die Nase hält und ihm sagt: "Dir hat wohl lange +nicht die Nase geblutet." Das ist richtiger preußischer Geist, Majestät, +und ich habe mir auch gleich hingesetzt und dem Schreiber von diesem +Wespenblatt über sein Bild meinen Glückwunsch gesagt." + +Der König lächelte. + +"Sie haben Recht, lieber Feldmarschall, je ernster die Zeit, um so +weniger darf dem Soldaten der Humor ausgehen, und damit hat es bei uns +Berlinern noch gute Wege." + +Er wandte sich um und begrüßte freundlich die Damen, deren dargereichte +Bouquets er entgegennahm, sich entschuldigend, daß er sie nicht alle +halten könne und sie dem Adjutanten zur Aufbewahrung übergeben müsse. +Dann trat er in das Wartezimmer, wohin ihm die Deputationen der +städtischen Behörden, die Generale und die Hofchargen folgten. + +Der Unterstaatssecretair von Thiele war unterdessen an den Grafen +Bismarck herangetreten und hatte ihm ein für ihn angekommenes Telegramm +übergeben. + +Graf Bismarck durchflog es, dann trat er mit blitzenden Augen in das +Wartezimmer zum König, der so eben die Begrüßung des Magistrats +entgegennahm. + +"Majestät," rief der Graf, "ich habe so eben ein Telegramm des +Wolf'schen Bureaus erhalten. Die Entscheidung ist da." + +"Ist der Krieg erklärt?" fragte der König. + +"Die Kriegserklärung ist hier noch nicht übergeben," erwiderte Graf +Bismarck, "aber die Erklärung, welche Ollivier im Corps legislatif +abgegeben hat, ist so gut, wie die formelle Erklärung. + +"Ich bitte Sie, zu lesen." + +Graf Bismarck trat, die Depesche in der Hand in den Lichtkreis des +Kronleuchters und begann mit lauter Stimme zu lesen. Das Telegramm +enthielt die Darstellung, welche der Großsiegelbewahrer im +Gesetzgebenden Körper über die Verhandlungen in Ems gegeben hat. + +"Der König weigert sich," las Graf Bismarck in erhöhtem Ton, "die von +uns geforderten Verpflichtungen einzugehen und erklärte Benedetti, er +wolle sich für diesen, wie für jeden andern Fall vorbehalten, die +Verhältnisse zu Rathe zu ziehen." + +"Richtig," sagte der König leise vor sich hin. + +"Trotzdem," fuhr Graf Bismarck zu lesen fort, "brachen wir aus +Friedensliebe die Verhandlungen nicht ab, um so größer war unsere +Überraschung, als wir erfuhren, der König von Preußen habe sich +geweigert, Benedetti zu empfangen, und die preußische Regierung habe +das amtlich mitgeteilt." + +"Ist das geschehen," fragte der König. + +"Nein, Majestät," erwiderte Graf Bismarck, "ein Telegramm darüber ist in +den Zeitungen erschienen. Darüber werden die Vertreter Eurer Majestät an +den Höfen, bei denen sie beglaubigt sind, gesprochen haben. Es ist eine +der Verdrehungen der Wahrheit, welche den Zweck haben, uns die Schuld +des Friedensbruchs aufzuladen und die öffentliche Meinung in Frankreich +zu erhitzen, vielleicht den Kaiser zum Äußersten zu reizen." + +Finster blickte der König vor sich nieder, und biß die Zähne auf +einander, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund. + +"Unter diesen Umständen," las Graf Bismarck weiter, "wäre es ein +Vergessen unserer Würde und eine Unklugheit gewesen, keine +Vorbereitungen zu treffen. Wir haben uns bereitet den Krieg, den man uns +anbietet, anzunehmen, indem wir Jedem seinen Antheil an der +Verantwortlichkeit hierfür überlassen." + +Zornig trat der König mit dem Fuß auf den Boden, mit dem etwas +verkürzten Finger seiner rechten Hand fuhr er mehrfach von oben herab +über den Schnurrbart, wie es in Augenblicken heftiger Erregung seine +Gewohnheit war. + +"General von Roon," rief er dann, als Graf Bismarck die Depesche +zusammenfaltete, zum Zeichen, daß er zu Ende gelesen. + +Der Kriegsminister trat heran. + +"Ich befehle die Mobilmachung der ganzen Armee," sagte der König im +festen Ton, "sorgen Sie für die unmittelbare Ausführung meiner Befehle." + +"Hurrah!" rief der General-Feldmarschall von Wrangel. "Es lebe der +König!" + +Die Umstehenden wiederholten diesen Ruf, brausend setzte sich derselbe +weithin über den Platz und durch die Menschen gefüllten Straßen fort. + +"Ich erwarte Sie in einer Stunde bei mir, Graf Bismarck und auch Sie, +General von Moltke, um alles weiter Erforderliche zu beschließen," sagte +der König. + +Dann grüßte er mit freundlichem Ernst die Anwesenden und bestieg mit dem +Kronprinzen seinen Wagen, in welchen bereits in dichter Menge die ihm +überreichten Blumenbouquets gelegt waren. Langsam fuhr er durch die +jubelnden Menschenmassen nach seinem Palais, von neuen, immer lauter +anschwellenden Hurrahrufen begrüßt, stieg er hier aus, trat noch einmal +auf die Rampe vor und winkte mit der Hand über den Platz hin. + +"Bei einer solchen Begeisterung meines Volkes ist uns der Sieg sicher, +wir können der Zukunft ohne Furcht entgegen gehen," sagte er dann mit +bewegter Stimme, indem er sich langsam abwandte und in sein Palais +eintrat. + +Lange noch blieb die Menge dicht gedrängt auf dem Platz versammelt, +immer nach dem Fenster hinblickend und jedesmal, so oft die Gestalt des +Königs oder auch nur ein vorübergehender Schatten dort sichtbar wurde, +in erneute Rufe ausbrechend. + +Endlich trat ein Leibjäger des Königs auf die Rampe hinaus, winkte einen +der dort aufgestellten Schutzmänner heran und sprach einige Worte mit +ihm. + +Der Schutzmann näherte sich den Ersten in seiner Nähe. + +"Meine Herren," sagte er, "Seine Majestät läßt bitten, nach Hause zu +gehen, der König hat diese Nacht noch viel zu arbeiten." + +"Der König will Ruhe," ertönte es unmittelbar durch die Massen hin. +"Nach Hause! Nach Hause!" + +Einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille über den ganzen Platz. +Dann begannen einige Stimmen die feierliche, allbekannte Melodie des +"Heil Dir im Siegerkranz" zu intoniren. + +Mit gewaltigem Klang stieg dies Lied, das in so einfach großer Weise den +Geist der unvergeßlichsten Zeit der preußischen Geschichte ausdrückte, +zum nächtlichen Himmel auf,--dann wurde wieder Alles still. + +Leise und ruhig nur in flüsternden Gesprächen sich unterhaltend, +zerstreute sich diese ganze unabsehbare Menschenmenge, um dem Könige +Ruhe zu lassen für seine Arbeit, welche dem deutschen Volk in den großen +nationalen Entscheidungskämpfen den Sieg sichern sollte. + +Bald lag der ganze weite Platz im schweigenden nächtlichen Dunkel, nur +in den Zimmern des Königs brannte bis zum Morgen hin das Licht, welches +die Arbeit beleuchtete, in die der unermüdliche Monarch sich mit seinem +Minister und seinem Heerführer vertiefte, und durch die Scheiben des +Fensters fiel der Strahl dieses Lichts in die Nacht hinaus, auf das aus +der Dunkelheit in riesigen Umrissen hervortretende Denkmal des großen +Königs hin,--die Sterne des Himmels blickten in ewiger lichter Ruhe +herab auf die schlummernde Residenzstadt, welche im täuschenden Schein +friedlicher Stille da lag, während sie schon in den nächsten Tagen +Tausende ihre Söhne hinaussenden sollte, um auf blutigen Schlachtfeldern +von Neuem ihre opferfreudige Treue für den König und das Vaterland zu +beweisen. + + + + +Neuntes Capitel. + + +Ernst und still saß Fräulein Luise Challier in dem Wohnzimmer des +alten Hauses in St. Dizier. Traurige Wochen und Monate waren verflossen, +seit ihr Geliebter sie voll freudiger Hoffnung und Zuversicht verlassen +hatte. So schwer auch der Abschied von ihm sie erschüttert hatte, so +hatte sie doch in den ersten Tagen glücklich und froh seiner gedacht; +sie hatte die Tage gezählt, welche er zu seiner Reise bedurfte, sie +hatte ausgerechnet, wie lange ein Brief von Hannover gehen müsse, um zu +ihr zu gelangen und hatte nach Verlauf dieser Zeit mit zweifelloser +Gewißheit, ungeduldig die Augenblicke zählend, einer Nachricht von ihrem +Geliebten entgegengesehen. + +Als ein Tag nach dem andern vergangen war, ohne daß eine solche +Nachricht eintraf, hatte sie dann alle Möglichkeiten der Verzögerung +sich klar gemacht, sie hatte auch wohl mit einem leichten Gefühl von +Traurigkeit sich oft gesagt, daß der junge Mann unter dem Eindruck der +Rückkehr in seine alte Heimath erfüllt von den lebhaften Gefühlen des +Wiedersehens seiner Mutter gezögert habe, ihr zu schreiben. Ja sie hatte +sich sogar in eine freudige Stimmung hinein gedacht, indem sie sich +sagte, daß ihm die Ordnung seiner Verhältnisse und die Erlangung der +Einwilligung seiner Mutter und seines Oheims zu der neuen Wendung seines +Schicksals vielleicht schneller gelungen wäre, als er selbst es gehofft, +und daß er ihr mit der ersten Nachricht vielleicht zugleicht seine +Wiederkehr nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten anzeigen wolle--damit +war wieder eine Reihe von Tagen vergangen, bis endlich auch dieser Grund +nicht mehr zur Beruhigung ihrer immer banger werdenden Unruhe genügen +wollte. Dann war jene entsetzliche, das ganze innere Wesen des Menschen +zerstörende Zeit des Wartens gekommen, welche in ihrer dumpfen, +bleiernen Schwere auf die Seele und den Geist vernichtender wirkt, als +der härteste, aber bestimmt und klar eintretende Unglücksfall. + +Wie die Blume vor dem mächtig niederrauschenden Wetter ihr Haupt senkt, +um es später wieder frisch und duftig erheben, wie sie, wenn die Blüthe +gebrochen wird, neue Blüthen treibt, so kann ein mächtiger Wetterschlag +des Schicksals das menschliche Herz und den menschlichen Geist schwer +und gewaltig erschüttern; aber nach dieser Erschütterung richtet sich +der Muth wieder empor, die Kraft kehrt zurück, und neues Glück, neue +Freude können unter wiederkehrendem Sonnenschein freundlicher +Schicksalswendungen erwachsen. + +Aber wie die Pflanze, der in dürrer Erde das Wasser entzogen wird, +langsam erstirbt, vergeblich lechzend nach frischer erquickender +Lebenskraft, und wie die vertrockneten Blüthen die verdorrten Blätter, +langsam erstarrt und gestorben, sich niemals wieder zu neuem Leben +aufrichten können, so tödtet und erstarrt das langsame erbarmungslose +Verschwinden der Hoffnung den Glauben des menschlichen Herzens, und wenn +es auch mechanisch in regelmäßigem Pulsschlag das Blut durch die Adern +treibt, sein inneres Leben, der Duft und die Farben kehren ihm nie +wieder zurück, und es ist todt, lange, lange, bevor es aufhört, zu +schlagen. + +So erstarb langsam und qualvoll die Freude und das Glück und endlich die +Hoffnung und der Glaube in dem Herzen des jungen Mädchens, und wenn auch +die Liebe, diese Tochter des Himmels, welche in dem geschaffenen +Menschen Alles überlebt, weil sie unsterblich ist, wie der Schöpfer, der +sie in sein Geschöpf legte,--wenn auch diese Liebe nicht aus ihrem +Herzen verschwand, so erfüllte sie doch das Herz nicht mehr mit Licht +und Wärme. Es war nur noch eine traurige Flamme frommer Erinnerung wie +die ewige Lampe in einem Grabgewölbe. + +Luise hatte sich zuerst in ihrer feurigen und kräftigen Natur lebhaft +aufgebäumt gegen den Gedanken, daß der, den sie so sehr liebte und an +dem ihr Herz mit so vollem und hingebendem Vertrauen hing, sie so +schnell habe vergessen können. + +Qualvolle Unruhe, Zorn, Erbitterung hatten sie erfüllt, immer und immer +wieder hatte sie Gründe für sein Verstummen gesucht, und von Neuem hatte +sie ihre Hoffnungen wieder aufgerichtet, um sie immer wieder von Neuem +zusammen sinken zu sehen. Und alle diese Kämpfe, alle diese Qualen und +Leiden hatte sie tief in sich selbst verschlossen. + +Mit lächelnder Miene hatte sie, als ihr Vater anfing, seine Verwunderung +über das Schweigen des jungen Mannes auszusprechen, Gründe aufgesucht, +an welche sie selbst nicht glaubte. Mit Anstrengung aller Willenskraft +hatte sie sich den Tag über aufrecht erhalten, um vor den Augen ihres +Vaters und ihrer Hausgenossen ruhig und heiter zu erscheinen; +sorgfältig hatte sie am Morgen ihre von Thränen und Nachtwachen +gerötheten Augen gekühlt, um die Spuren ihres innern Leidens zu +verbergen, und stolz und kalt hatte sie Herrn Vergier, wenn derselbe sie +zuweilen mit dem Anschein freundlicher Theilnahme nach dem jungen Cappei +fragte, geantwortet, daß derselbe sich vortrefflich befinde, und daß sie +hoffe, er werde bald zurückkehren. + +Endlich aber war das Alles über ihre Kräfte gegangen, alle Gründe, die +sie für sich selbst und ihren Vater aufsuchen mochte, konnten nicht mehr +ausreichen, um dies wochenlange Schweigen des jungen Hannoveraners zu +erklären, und als endlich eines Tages der alte Challier deutlicher und +bestimmter seine Besorgnisse und seine Unruhe über das Benehmen des +jungen Mannes, zu dem er so großes Vertrauen gehabt, aussprach, da war +sie wie gebrochen in sich zusammen gesunken, zu schwach, den Kampf +länger auszuhalten und ihre inneren Qualen unter lächelnder Miene zu +verbergen. + +Ein Strom heißer Thränen stürzte aus ihren Augen und laut schluchzend +warf sie sich in die Arme ihres Vaters. + +"Oh, er hat mich verlassen!" rief sie. "Er hat mich vergessen! Er hat +sein Spiel mir getrieben hier in der Verbannung,--nun er zurückgekehrt +ist zu den Seinen in sein Vaterland und in seine alte Heimath, da +gedenkt er meiner nicht mehr. Und," fuhr sie heftiger weinend fort, "da +hält er es nicht einmal für nöthig, einen Vorwand zu suchen--mir ein +Wort des Abschieds zu sagen! Nein, er läßt mich langsam vergehen in +vergeblicher Erwartung! Oh, das ist schlecht," rief sie, den Kopf +emporhebend und mit fast verwirrtem Blick im Zimmer umher starrend--"das +ist schlecht, das habe ich nicht um ihn verdient! Ich habe ihn doch so +sehr geliebt, und auch jetzt noch liebe ich ihn," rief sie. "Ich zürne, +mir selbst, fast möchte ich mich verachten, daß ich ihn noch lieben +kann. Aber dann wieder, wenn sein Bild vor mich hintritt, wenn ich an +seine Augen denke, die so gut und treu blicken, an alle seine Worte so +voll Wahrheit und tiefen Gefühls--dann kann ich es nicht glauben, kann +ich es nicht für möglich halten, daß er mich so vergessen, so unwürdig +bei Seite werfen sollte, dann erfaßt mich eine namenlose Angst, daß ihm +ein Unglück widerfahren sei, daß er todt sein möchte. Oh, mein Gott, +mein Gott," rief sie laut aufschreiend, "gieb mir ein Ende dieser +Qualen, ein Ende dieser Angst, nur einen Lichtblick der Gewißheit, und +wäre es die traurigste, die schmerzlichste, sie wäre ein Glück gegen +diesen Zustand." + +Ernst und traurig hatte der alte Herr Challier diesen so plötzlichen +Ausbruch des Jammers seiner Tochter mit angehört. Voll tiefen, +liebevollen Mitgefühls sah er auf das junge Mädchen herab, welches +zitternd in sich zusammen geschmiegt vor ihm stand, die Hände gefaltet +und den brennenden Blick fragend auf ihn gerichtet, als erwarte sie von +ihm das Licht und die Aufklärung nach denen ihre Seele dürstete. + +"Meine Tochter," sagte er, "gieb Dich nicht der Verzweiflung hin. Das +Leben bietet harte und schwere Schicksalsschläge genug, es muß immer in +unserm Herzen etwas leben, das uns über das Unglück erhebt, und wäre es +nur der Stolz und das muthige Selbstgefühl, welches eine Tochter der +Bragars niemals verlassen soll." + +"Oh, mein Vater," rief sie, "ich würde Muth und Kraft haben, Alles zu +ertragen, wenn er mir gestorben wäre, wenn die Hand der Vorsehung mit +unwiderstehlicher übermächtiger Gewalt in meine Hoffnungen und in die +Träume meines Glücks eingegriffen hätte; aber daß es so enden soll, daß +er mich vergißt, daß er aus dem Kreise meines Lebens verschwindet, ohne +daß ich weiß wodurch und warum. Das, mein Vater, zerstört meinen Geist, +das zerbricht meinen Willen und meine Kraft, das untergräbt mein +Vertrauen an die Gerechtigkeit Gottes." + +"Wenn er sich unwürdig gegen Dich betragen hat, mein Kind, wenn er Dich +so leicht vergessen konnte, so sollte Dein Stolz sich um so höher +erheben und Dir den Willen und die Kraft Deiner Seele wiedergeben," +sagte Herr Challier mit ernstem, fast vorwurfsvollem Ton. "Aber," fuhr +er fort, "noch ist es so weit nicht, noch kann irgend ein Mißverständniß +vorliegen. Er kann krank geworden sein,--wenn ich an den jungen Mann +zurückdenke, wie ich ihn gekannt habe, als er unter uns lebte, wenn ich +mir sein ganzes Wesen, seinen Charakter vergegenwärtige, so kann ich es +kaum glauben, daß er Dich so leicht vergessen und verlassen hat; und ich +muß fast an irgend ein äußeres Hinderniß glauben, das diesem +unerklärlichen Schweigen zu Grunde liegt." + +"Das sagt auch mir mein Herz," rief Luise, indem sie mit einem dankbaren +und hoffnungsvollen Ausdruck zugleich ihren Vater ansah, "eine Stimme in +meinem Innern ruft mir zu, er kann nicht so niedrig, so schlecht und +undankbar sein, um, selbst wenn das Schicksal unserer Verbindung +unübersteigliche Hindernisse in den Weg entgegenstellte, sich so von mir +zu trennen." + +"Wenn Du das glaubst," sagte der alte Challier, "so mußt Du an ihn +schreiben und Erklärung von ihm verlangen. Ist er krank, was ja möglich +ist, so wird der Brief in die Hände der Seinigen kommen, und Alles wird +klar werden." + +"Ich soll ihm zuerst schreiben," rief Luise, indem eine dunkle Röthe ihr +Gesicht überflog, "ich soll ihn mit meiner Liebe verfolgen--wenn er mich +vergessen hätte." + +"Wenn Du ihn liebst," sagte Herr Challier, "wenn Du Vertrauen zu ihm +hast, so bist Du ihm und Dir selber schuldig, jenen Schritt zu thun, der +Dir Aufklärung über ein Mißverständniß oder die unleugbare Gewißheit +seiner Unwürdigkeit giebt. Es mag ihm widerfahren sein, was da wolle, so +wird Dein Brief in die Hände seiner Angehörigen kommen und Du wirst +irgend eine Nachricht erhalten. Und nur wenn er Dich wirklich verlassen +will, oder wenn er uns eine falsche Adresse gegeben hätte, um seine Spur +verschwinden zu lassen, wirst Du ohne Antwort bleiben." + +"Du hast Recht, mein Vater," sagte Luise, "ich will den Glauben und das +Vertrauen nicht so leicht aufgeben. Ich will ihm schreiben." + +Sie ging sogleich in ihr Zimmer und schrieb in fliegender Eile Alles, +was ihr Herz ihr eingab, und als sie geendet hatte und den Brief nochmal +überlas, sprach sie hoch aufathmend zu sich selbst: + +"Wenn dieser Brief in die Hände seiner Mutter gelangt, wenn er nur von +einem Menschen gelesen wird, der ein fühlendes Herz hat, so werde ich +erfahren, was ihm begegnet ist, und warum ich keine Nachricht von ihm +erhalten habe." + +Ihr Vater las den Brief, den sie geschrieben, mit wehmüthigem Blick, +voll inniger Theilnahme sah er sein Kind an. Die ganze Qual ihres +Herzens lag zwischen den Zeilen. + +Er siegelte den Brief und versah ihn mit der Adresse, welche Cappei +zurückgelassen hatte und brachte ihn selbst zur Post. + +Abermals begann nun jene Zeit der unruhigen Erwartung, des bangen +Zweifelns zwischen Furcht und Hoffen. Abermals zählte das junge Mädchen +die Tage, welche ihr eine Antwort bringen konnten. Abermals aber +verflossen diese Tage, ohne daß die ersehnte Nachricht kam, abermals +arbeitete sich ihr gemartertes Herz durch alle Fasern dieses +entsetzlichen Wartens hindurch, dessen Pein keine Ruhe und Rast, keinen +Unterschied zwischen Tag und Nacht kennt. + +Bleicher und bleicher wurden die Züge dieses sonst so lebensfrischen +Gesichts, aber es war diesmal nicht die zitternde, sehnsuchtsvolle +Unruhe, nicht die schmerzvoll ringende Verzweiflung, welche sich in +diesen Zügen malte. Kalt, finster und stolz wurde der Blick des jungen +Mädchens, oft lächelten ihre Lippen bitter oder preßten sich mit dem +Ausdruck düsterer Resignation auf einander. Kalt und ruhig ging sie +einher, verrichtete genau und pünktlich ihre häuslichen Besorgungen, und +sorgfältig wich sie jedem Gespräch mit ihrem Vater aus, welcher mit +kummervollen Blicken ihr Treiben beobachtete. + +Es waren fast drei Wochen vergangen, seit sie ihren Brief abgesendet, da +trat sie eines Tages ernst und ruhig vor ihren Vater hin, als derselbe +nach dem Diner in seinem Lehnstuhl saß und mit klarem Blick und mit +fester Stimme sprach sie zu ihm: + +"Es ist jetzt vorbei, mein Vater, der Traum, welcher eine Zeit lang mein +Leben erfüllte, ist ausgeträumt. Die Liebe, welche mein ganzes Wesen +durchdrang, ist in meinem Herzen gestorben, ich habe sie ausgerissen mit +den letzten Wurzeln, ich habe sie verachten gelernt und will sie nun +auch vergessen können. Du hast Recht gehabt, mein Vater, der Stolz +giebt die Kraft, sich aus dem Bann leidenden Jammers zu erheben und im +Gefühl der eigenen Würde die Niedrigkeit und Schlechtigkeit derer zu +vergessen, die unser Herz mit Füßen traten. Ich habe ein Jahr meines +Lebens verloren--das ist Alles," sagte sie bitter und hart, "vielleicht +habe ich dabei gewonnen, denn ich habe die Menschen verachten und die +eigene Kraft schätzen gelernt. Nimm mich hin, mein Vater, es ist Alles, +wie es früher war, Deine Tochter gehört wieder Dir und Dir ganz allein." + +Sie schlang ihre Arme um die Schultern ihres Vaters und ließ ihren Kopf +an seine Brust sinken. Ein leises Zittern flog durch ihre Gestalt wie +eine letzte Regung des tief schneidenden Schmerzes, der so lange ihr +innerstes Wesen erschüttert hatte. + +Dann aber hob sie den Kopf empor und blickte ihren Vater fest an, wie um +zu zeigen, daß ihre Kraft größer sei, als ihr Schmerz. Ihre Gesichtszüge +waren ruhig und unbeweglich, ihre Augen klar und trocken. + +Ihr Vater schüttelte langsam und schmerzlich den Kopf. + +"Ich freue mich," sagte er, "daß Du die eigene Kraft kennen und schätzen +gelernt hast, aber nicht so darfst Du in Dein künftiges Leben gehen, Du +darfst die Menschen nicht verachten, weil Einer sich Dir niedrig gezeigt +hat, weil Einer unwürdig gegen Dich gehandelt. Auch diese Wunde wird +heilen, mein Kind, wie so Vieles heilt in der geschaffenen Natur--Du +wirst auch das Vertrauen zu den Menschen wieder finden, Du wirst Dich +dem Leben und seinen reichen Gaben nicht verschließen. Du bist noch so +jung und es wird die Zeit kommen, wo Alles, was Du jetzt gelitten, wie +ein ferner Traum verklungen sein wird. Vergiß auch nicht," fügte er +hinzu, "daß Derjenige, der Dich unwürdig verlassen, kein Sohn Deines +edlen Vaterlandes war. Vielleicht ist es ein Glück, daß es so kam, für +das Leid, das der Fremde Dir zugefügt, wird, so Gott will, Frankreich +Dir Ersatz bieten." + +Luise trat einen Schritt von ihrem Vater zurück, hoch richtete sie sich +empor und sprach stolzen, flammenden Blickes. + +"Glaube nicht, mein Vater, daß ich mit dem Leben abschließen will, +glaube nicht, daß ich etwa daran denke, in klösterlicher Einsamkeit den +Unwürdigen zu beweinen, der mein liebevolles Vertrauen getäuscht hat. +Nein, ich werde frei und muthig, aber auch klar und kalt in das Leben +treten, ich werde alle seine Pflichten erfüllen,--aber mein Herz werde +ich für mich allein behalten und--für Dich, mein Vater," fügte sie mit +einem innigen Blick hinzu. "Es soll nicht wieder der Spielball +unwürdiger Laune werden." "Das ist brav und recht, mein Kind," sagte +Herr Challier, "das ist tapfer und meiner Tochter würdig. Und Gott, der +die Zukunft der Menschen lenkt," fügte er die Hände faltend hinzu, "er +wird auch nicht zulassen, daß Dein Herz in kalte Einsamkeit verschlossen +bleibt, auch Dir wird noch Glück, Wonne und Freude zu Theil werden." + +Schweigend, mit schmerzlichem Lächeln schüttelte Luise den Kopf und ging +hinaus, um die Geschäfte der häuslichen Wirthschaft zu ordnen. + +Von diesem Augenblick an war zwischen Vater und Tochter von der Sache +nie mehr die Rede, und ruhig ging das einfache Leben in dem alten Hause +seinen Weg. + +Herr Vergier, welcher sich eine Zeit lang wenig im Hause hatte sehen +lassen, kam wieder öfter dorthin. Er leistete dem Alten Gesellschaft, +sprach mit ihm über die Geschichte und über die Fragen der Politik, +welche die öffentliche Meinung bewegten. Sein früher so heftiges und +aufgeregtes Wesen war augenscheinlich ruhiger und sanfter geworden; er +schien sich allmählig von den Ansichten des alten Herrn überzeugen zu +lassen und hielt sich von allen heftigen Ausfällen gegen das +Kaiserthum, von allen scharfen Urtheilen über die Regierung zurück--er +hatte während des Plebiscits sich von jeder Agitation der democratischen +Partei, mit welcher er früher innig verbunden gewesen war, fern +gehalten,--der alte Herr Challier war darüber sehr erfreut und erblickte +darin eine Wirkung des Einflusses, den er auf die Ansichten des Herrn +Vergier ausübte. Das Verhältniß zwischen Beiden war in Folge dessen ein +immer freundschaftlicheres und herzlicheres geworden. + +Auch Fräulein Luise trat Herrn Vergier immer näher, er unterhielt sich +freundlich und ruhig mit ihr; er sprach mit ihr über viele Dinge, welche +den regen Geist des jungen Mädchens interessirten, und niemals kam ein +Wort über seine Lippen, das an die Vergangenheit erinnerte oder die +Hoffnungen und die Wünsche berührte, die er früher gehegt, und die er +früher in so heftiger und leidenschaftlicher Weise gegen sie +ausgesprochen hatte. + +Das junge Mädchen, das anfänglich verschlossen, kalt und zurückhaltend +gegen ihn gewesen war, begann in seiner Unterhaltung Zerstreuung und +Beruhigung zu finden, und so kam es, daß nach Verlauf einiger Zeit Herr +Vergier wieder der tägliche und gern gesehene Gast im Hause des Herrn +Challier war, der in den kleinen Kreis freundliches und heiteres Leben +brachte. + +Die verhängnißvollen Tage des Juli waren gekommen, die gewaltige +Aufregung, welche Paris bewegte, und welche bereits ganz Europa zu +ergreifen begann, schlug ihr helles Feuer auch hier in diesem ruhig +abgeschlossenen Leben der alten Stadt St. Dizier, und das Gefühl aller +dieser Nachkommen der Soldaten Franz I. wallte hoch auf bei den +Berichten über die Vorgänge im Corps legislatif, und als die Rede des +Herzogs von Gramont in den Journalen erschien, in welcher dieser Träger +eines edlen, alt französischen Namens das Nationalgefühl Frankreichs +aufrief gegen die Wiederherstellung des Reiches Karl V., dieses +deutschen Kaisers, der einst in seinen Kämpfen gegen den ritterlichen +König Franz I. die Stadt St. Dizier belagert und vor deren Mauern den +entscheidenden Widerstand gegen sein siegreiches Vordringen gefunden +hatte, da war in dieser kleinen Stadt nur eine Stimme der Entrüstung und +der Begeisterung, und jeder Bürger von St. Dizier wäre bereit gewesen, +die Waffen zu ergreifen, um unter den Fahnen Frankreichs hinaus zu +ziehen zum Kampf gegen die Nachkommen der Soldaten Karl V. + +Die vollste Übereinstimmung zwischen ihren Anschauungen und Gefühlen +herrschte zwischen Herrn Challier und Herrn Vergier, und wenn die +Abendzeitungen die neuesten Nachrichten über die Vorgänge in Paris und +in Ems brachten, so ergingen sich Beide in gleichen und einander +ergänzenden Ausdrücken der Entrüstung gegen die deutsche Anmaßung und +der begeisterten Hoffnung auf einen siegreichen Krieg Frankreichs; und +mit leuchtenden Blicken hörte Luise diesem Gespräch zu,--jedes Wort fand +einen Wiederhall in ihrem Herzen. Zum ersten Mal nach langer Zeit schlug +dies Herz wieder in höherer Wallung auf, die Erinnerung an ihre +verlorene Liebe verschwand fast vor dem Gefühl des nationalen Stolzes, +der sie erfüllte. + +Eines Abends trat Herr Vergier hastig und von heftiger Aufregung +zitternd in das Wohnzimmer, in welchem der alte Challier mit seiner +Tochter saß. + +"Die Entscheidung ist da," rief er, dem alten Herrn ein Zeitungsblatt +hinreichend, "alle diplomatischen Künste können diesmal den Krieg, nach +welchem Frankreich dürstet, nicht aufhalten. Unsere Ehre ist engagirt, +und wenn die Regierung jetzt nicht unmittelbar handelt, so wird das +Nationalgefühl dies nicht länger ertragen. Der König von Preußen," +sagte er, zu Luise gewendet, während Herr Challier das Zeitungsblatt +durchlas, "hat es verweigert, den Botschafter Frankreichs anzuhören, ja +nur zu empfangen. Das ist eine Beleidigung, wie sie im Verkehr der +Nationen noch nicht vorgekommen ist, und zum Überfluß hat die preußische +Regierung diese unerhörte Thatsache noch in der schroffsten und +verletzendsten Form allen übrigen Cabinetten Europa's mitgetheilt. Die +unmittelbare Kriegserklärung ist die einzige mögliche Antwort auf diese +Provocation. Bereits sind Eisenbahnzüge angemeldet," fuhr er fort, +"welche die Truppen nach den Grenzen führen, die Commando's sind +vertheilt, und in vierzehn Tagen vielleicht schon können wir die +Nachricht von den ersten Siegen unserer Armeen erhalten." + +Einen Augenblick zuckte es schmerzlich über das Gesicht Luisens, dann +aber leuchteten ihre Augen in hoher Begeisterung auf, fragend richtete +sie den Blick auf ihren Vater. + +Dieser hatte das Zeitungsblatt langsam durchgelesen. + +"Ja," sagte er ernst, "das ist der Krieg. Ein Krieg, der die Welt +erschüttern wird, und der hoffentlich alles Unrecht wieder gut machen +wird, welches das coalirte Europa uns einst gethan. Gott segne +Frankreich!" fügte er hinzu, die Hände gefaltet. + +"Ja, Gott segne Frankreich," flüsterte Luise leise, indem ihr Blick sich +mit dem Ausdruck innigsten Gebets auswärts richtete. + +Herr Vergier schlug einen Moment die Augen zu Boden, dann trat er zu +Luise hin und sprach nach einem leichten Zögern: + +"Fräulein Luise, ich habe nie wieder dessen erwähnt, was früher zwischen +uns vorgegangen, obgleich die schmerzliche Erinnerung daran mich keinen +Augenblick verlassen hat. Verzeihen Sie, wenn ich Sie heute daran +erinnere, aber in einem Augenblick wie dieser, in welchem alle Kinder +Frankreichs in gemeinsamen Wünschen und Hoffnungen sich begegnen, soll +es auch zwischen uns klar werden. Sie haben mir einst schwer gezürnt, +als ich dem bitteren Schmerz Worte verlieh, den mein Herz darüber +empfand, daß Sie Ihre Liebe einem Fremden, einem Feinde Frankreichs, +zugewendet. Fräulein Luise, mein treues und tiefes Gefühl für Sie hat in +seinem Instinct das Richtige erkannt, jener Fremde hat Sie verlassen, +Ihre Liebe verachtet,--ich habe das nie erwähnt, aber ich habe es wohl +gesehen, und ich habe auch gesehen, was Sie gelitten haben. Ich will +heute nicht noch einmal den Verdacht aussprechen, den ich gegen jenen +Fremden gehegt; die Ereignisse haben jenen Verdacht nicht entkräftet, +und vielleicht werden auch Sie heute meine damaligen Besorgnisse anders +beurtheilen, als Sie es zu jener Zeit gethan. Ich kann mir," fuhr er +fort, "nicht denken, daß heute noch in Ihrem Herzen ein Rest von Liebe +gegen Denjenigen bestehen soll, der vielleicht in diesem Augenblick +schon mit der Waffe in der Hand gegen die Grenzen unseres heiligen +Vaterlandes heranzieht--" + +Mit stolz blitzenden Augen schüttelte Luise schweigend den Kopf. + +"Ich will mir auch nicht anmaßen," fuhr Herr Vergier fort, indem bei der +Bewegung des jungen Mädchens ein freudiger Strahl in seinen dunklen +Augen aufleuchtete, "ich will mir auch nicht anmaßen, daß es mir möglich +sei, so schnell in Ihrem Herzen die Gefühle erwecken zu können, welche +Sie mir früher versagten, aber Freundschaft und Vertrauen werden Sie mir +heute hoffentlich nicht mehr verweigern können, heute, wo alle Franzosen +nur eine große Familie bilden." + +Luise reichte ihm mit einer Bewegung voll aufrichtiger Herzlichkeit die +Hand. + +"In Zeiten wie die heutigen, in denen wir großen und vielleicht +langwierigen Entscheidungskämpfen entgegengehen, bedarf eine Frau mehr +als je des Schutzes und der Gewißheit einer sichern und ruhigen Zukunft. +Sie wissen, Fräulein Luise, daß ich mein Glück nur an Ihrer Seite finden +kann, Sie wissen auch, daß Sie in mir eine treue und feste Stütze für +das ganze Leben finden werden, Sie wissen, daß Ihr Vater unsere +Verbindung einst wünschte, und daß er sie vielleicht jetzt wieder +wünscht. Erlauben Sie mir in diesem großen Augenblick die Frage an Sie +zu richten, ob Sie in Erwiderung meiner tiefen und glühenden Liebe mir +Vertrauen und Freundschaft schenken, mir Ihr Leben anvertrauen wollen." + +Luise sah ihn klar und frei an. + +"Ich danke Ihnen, Herr Vergier," sagte sie, "dafür, daß Sie all des +Schmerzlichen, das zwischen uns liegt, bisher niemals erwähnt haben,--ob +in meinem Herzen Dasjenige jemals wieder erwachen kann, was man die +Liebe nennt," fuhr sie mit traurigem Ton, durch welchen eine gewisse +Bitterkeit hindurchklang, fort, "weiß ich nicht. Freundschaft und +Vertrauen glaube ich Ihnen geben zu können, und in dieser Freundschaft +und in diesem Vertrauen antworte ich Ihnen frei und offen. Ja, ich will +Ihren Antrag annehmen und ich will versuchen, Ihrem Leben soviel Freude +und Glück zu geben, als aus meinem Herzen noch erblühen kann." + +Mit ruhigem, freundlichem Lächeln reichte sie ihm die Hand, welche er, +seine leidenschaftliche Bewegung bemeisternd, ehrerbietig an die Lippen +drückte. + +"Aber," fuhr Luise fort, "Sie müssen mir versprechen, daß über diesen +Gegenstand jetzt nicht weiter gesprochen wird. In diesem Augenblick, in +welchem das Vaterland in Gefahr ist, in welchem Frankreich sich zu einem +gewaltigen Kampf rüstet, schickt es sich nicht, an etwas Anderes zu +denken, als an die Zukunft unseres Landes. An dem Tage, an welchem +unsere Heere wieder siegreich in Paris einziehen, will ich Ihnen meine +Hand reichen, an jenem Tage soll unsere Verbindung vor dem Altar den +Segen des Himmels erhalten." + +"Das ist brav gesprochen," rief der alte Challier, "gesprochen wie eine +Französin, wie eine Tochter der alten Bragars." + +"Und damit bin ich von Herzen einverstanden," rief Herr Vergier, "und +wenn es möglich ist, werden nun meine Wünsche noch glühender die Waffen +Frankreichs begleiten, denn der stolze Tag des großen Nationalsieges +wird zugleich mit der erneuten herrlichen Größe des Vaterlandes das +Glück meines Lebens begründen." + +Luise stand langsam auf und trat an ein Pianino, welches zur Seite des +Fensters stand, sie öffnete dasselbe, setzte sich auf den davorstehenden +Sessel und schlug in einfachen kräftigen Accorden die ergreifende +Melodie des Chant du départ an, welche so mächtig und gewaltig alle +französischen Herzen erfaßt und die Erinnerung an jene von Begeisterung +glühenden Freiwilligen aufsteigen läßt, die voll Muth und +Todesverachtung nach den Grenzen hinauszogen, um dort Zeugniß abzulegen +für die edlen und großen Gedanken, welche in der Revolution lebten und +welche in dem blutigen Schlamme von Paris untergingen. + +Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend,--Herr +Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel +glühenden Abendhimmel hinausblickend. + +"Ich habe gesiegt," flüsterte er vor sich hin,--"möchte nun," fuhr er +fort, indem ein düsterer Grimm in seinen Augen brannte, "die erste +französische Kugel jenen verhaßten Feind meines Landes treffen, der fast +das Glück meines Lebens zerstört hätte." + + + + +Zehntes Capitel. + + +Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Straßen von Paris +auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elysées, der Tuileriengarten, +Alles war mit Menschen gefüllt und überall sah man laut sprechende und +lebhaft gesticulirende Gruppen. + +Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkündet, daß der +König von Preußen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu +empfangen und daß dieses die Würde Frankreichs beleidigende Factum durch +eine Depesche von Berlin den europäischen Höfen mitgetheilt sei. + +Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris +hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwährend gesteigert durch +alle die Mittel, über welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem +Maße verfügen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des +Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man +niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach +nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch +von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entrüstung der Bevölkerung +richtete sich gegen diesen preußischen Minister, den die Erfolge von +Sadowa so weit verblendet hatten, daß er es wagen könne, Frankreich, das +unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im +Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken +die Vorlegung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von +Preußen den übrigen Mächten mitgetheilt worden wäre und sie hatten den +ausweichenden Antworten der Minister gegenüber die schärfsten Reden +gegen dieselben geführt. + +Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehört und gelesen, denn man +las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen +wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der +Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurück und steigern +in immer wachsendem Maße ihre Gefühle bis zur höchsten Siedehitze. + +Die Nachricht hatte sich verbreitet, daß der Kaiser von St. Cloud +kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten. + +Die glühende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum +politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in +dicht gedrängten Massen auf den Champs Elysées, der Place la Concorde +und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten. + +Endlich hörte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und +bald sah man die beiden Piqueurs in den grün goldenen Livreen, welche +der vierspännigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der +Champs Elysées nach dem Place la Concorde zu. + +Der Kaiser hatte keine militairische Escorte, er saß in Civil gekleidet, +mit dem General Favé allein im Wagen, der langsam über den +Eintrachtsplatz fuhr, der so von Menschen angefüllt war, daß nur mit +Mühe ein Weg für die kaiserliche Equipage frei gemacht werden konnte. + +Der Kaiser sah wohler und heiterer aus, als man ihn in den letzten Tagen +zu sehen gewohnt gewesen war. Er saß gerade aufgerichtet da, ein +heiteres stolzes Lächeln lag auf seinem Gesicht und mit offenen klaren +Blicken sah er über diese Menschenmassen hin, welche ihn mit einem +Enthusiasmus, den er in solchem Maße lange nicht mehr gewohnt war, mit +unausgesetzten Hurrahrufen begrüßten. + +Napoleon dankte wiederholt mit der Hand winkend und wendete sich +zuweilen mit heiterer Miene zu dem General, um demselben einige Worte zu +sagen. + +Als der Wagen dem alten Hotel Talleyrands gegenüber in die Rue Rivoli +bog, stimmte eine dort stehende Gruppe junger Leute, die Hüte dem Kaiser +entgegen schwenkend mit lauter Stimme die Marseillaise an. + +Napoleon wandte schnell den Kopf nach der Seite hin, woher diese so +lange in Frankreich verpönten Töne erklangen,--er hätte auf alle Grüße +bisher nur mit freundlichen Handbewegungen gedankt. Jetzt nahm er den +Hut ab und hielt denselben, den Kopf nach jener Gruppe hinneigend, so +lange in der Hand, bis der Wagen sich der Eingangsthür des innern Hofes +der Tuilerien näherte. + +Ein betäubender Jubelruf, welcher sich bis auf den Carousselplatz +fortsetzte, dankte dem Kaiser für diese dem wieder erwachten +Nationalhymnus dargebrachte Huldigung, und immer heiterer und stolzer +wurde das Gesicht des Kaisers, der nun im schnellen Trabe durch den +innern Hof am großen Portal des Pavillon de l'Horloge vorfuhr; indem er +sich nur ganz leicht auf den Arm des General Favé stützte, stieg er mit +elastischen Schritten die Treppe hinauf und trat in sein Cabinet. + +"Sind die Minister hier," fragte er den Huissier, der ihm die Thür +öffnete. + +"Zu Befehl, Sire." + +"Ich lasse Sie bitten sogleich einzutreten." Wenige Augenblicke darauf +traten der Herzog von Gramont, Herr Emil Ollivier und der Marschall Le +Boeuf in das Cabinet des Kaisers. + +Trotz seiner vornehmen, ruhigen Sicherheit zeigte der Herzog von Gramont +eine gewisse Präoccupation, ein wenig unruhig und leicht befangen +blickte er auf den Kaiser, der stolz aufgerichtet, die Hand auf die +Lehne seines Sessels gestützt, neben dem runden Tisch in der Mitte des +Cabinets stand und mit freundlichem Kopfneigen die drei Minister +begrüßte. + +Herr Ollivier befand sich in zitternder, nervöser Erregung. Sein Gesicht +war bleicher als sonst, seine Lippen zuckten und sein unsicheres Auge +blickte fast fieberhaft brennend unter der schmalen Brille hervor. + +Die schwere markige Gestalt des Marschall Le Boeuf stand fest und ruhig +da wie immer, sein martialisches Gesicht mit den etwas starr blickenden +Augen und dem mächtigen Schnurrbart zeigte keinen anderen Ausdruck als +den einer ruhigen, sorglosen Sicherheit. + +Auf einen Wink des Kaisers nahmen die drei Herren um den Tisch Platz, an +dessen Mitte Napoleon sich niederließ. + +"Die Lage ist ernst, meine Herren," sagte der Kaiser mit fester voll +klingender Stimme und ohne jenen Ausdruck unschlüssigen Zögerns, der +sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte. "Preußen hat die +Verhandlungen, welche ich in dem versöhnlichsten Sinne begonnen, +abgebrochen, und wir werden demgemäß unsere Entschlüsse zu fassen haben. +Sie haben mir mitgetheilt, Herr Herzog, daß der König von Preußen in +beleidigender Weise Benedetti zu empfangen, verweigert habe." + +Der Herzog hustete leicht. + +"Die Beleidigung, welche Preußen gegen uns begangen, Sire," sagte er, +"liegt nicht so sehr in der Weigerung des Königs mit Benedetti über +diesen Gegenstand nicht mehr sprechen zu wollen, da er ihm bereits seine +Meinung bestimmt und endgültig mitgetheilt hatte, als in der Thatsache, +daß die Weigerung von Berlin aus den übrigen europäischen Mächten +mitgetheilt wurde." + +Ein sprühendes Feuer blitzte in den groß geöffneten Augen des Kaisers +auf. + +"Das hat man gethan?" rief er. + +"Ich habe heute morgen von allen Seiten," erwiderte der Herzog von +Gramont, "die Mittheilung darüber durch unsere Vertreter erhalten, +überall ist das Factum durch die preußischen Diplomaten mitgetheilt +worden, und hierin, Sire, erblicke ich das letzte Glied in jener Kette +von Nichtachtung, Provokationen und Beleidigungen gegen uns, welche +Preußen seit langer Zeit an einander gefügt hat. Mein französisches +Gefühl, Sire, empört sich, das Maß der Geduld und Langmuth ist voll. War +es schon sachlich, nachdem der König von Preußen die verlangte +Genugthuung und Garantie für die Zukunft verweigert, sehr schwer, eine +friedliche Lösung für die vorliegende Differenz zu finden, so ist dies +nach meiner Überzeugung, welche von meinen Collegen getheilt wird, +nunmehr ganz unmöglich. Die öffentliche Meinung ist in einer Weise +aufgeregt, daß wenn nicht die energischste und festeste Antwort auf +diese preußische Beleidigung erfolgt, der ganze Zorn des empörten +Nationalgefühls sich gegen die Regierung wenden wird. Nach meiner +Überzeugung kann diese Antwort nur eine einzige sein. Der Würfel ist +gefallen, Sire! Wir müssen den Krieg erklären!" + +Der Kaiser blickte auf Ollivier und den Marschall Leboeuf. + +Auf ihren Zügen lag deutlich die Zustimmung zu den Worten des Collegen. + +Napoleon erhob das Haupt und sagte ruhig und fest: + +"Ihre Ansicht, Herzog, ist die meinige. Ich habe soeben selbst die +mächtige Erregung der Bevölkerung wahrgenommen, und eine Regierung, die +wie die meinige auf dem Willen des Volkes beruht, muß einer so +gewaltigen und einmüthigen Strömung des Nationalgefühls folgen. Ich +konnte in den diplomatischen Fragen der Erhaltung des Friedens +Zugeständnisse machen, und ich habe dies gethan seit einer Reihe von +Jahren, ich habe die Ansprüche, welche Frankreich machen konnte und +vielleicht noch entschiedener hätte machen sollen, um das gestörte +Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen, vertagt, bis dieselben +vielleicht durch günstige diplomatische Constellationen ohne +kriegerische Conflicte hätten durchgeführt werden können. Ich habe +Vorschläge auf Vorschläge nach Berlin gehen lassen, um durch Erlangung +von Compensationen die Freundschaft mit Preußen zu erhalten und +vielleicht auch zu einer Allianz mit demselben zu kommen. Man hat das +Alles zurückgewiesen und ich habe geschwiegen,--immer wartend, immer +noch hoffend, endlich doch ein Arrangement zu erreichen. Jetzt aber +handelt es sich nicht mehr um das europäische Gleichgewicht, es handelt +sich nicht mehr um diese oder jene politischen Arrangements,--Frankreich +ist beleidigt! Die Ehre Frankreichs ist engagirt!--Es giebt für mich nur +einen Weg, und diesen Weg bin ich um so fester und um so ruhiger zu +gehen entschlossen, als die hohe nationale Begeisterung mir die +Bürgschaft giebt, daß selbst im Falle unglücklicher Zwischenfälle das +ganze Volk um so einmüthiger und fester hinter mir stehen wird." + +Der Herzog von Gramont athmete auf, seine anfängliche Befangenheit +schwand bei den Worten des Kaisers, stolze Freude lag auf seinem +Gesicht. + +"Ich glaube an den Sieg, Sire," rief Ollivier mit einer gewissen, +ungeduldigen Hast das Wort ergreifend, als der Kaiser schwieg. "Denn wir +sind stark und gerüstet nach allen Seiten. Aber sollte auch ein +augenblicklicher Mißerfolg uns treffen, so wird dies die nationale +Begeisterung noch mehr und mehr entflammen, und das Kaiserreich wird +sich in diesem heiligen Feuer immer fester und unauflöslicher mit dem +Blut und Leben der Nation verbinden. Eure Majestät wissen, wie ich den +Frieden gewünscht habe, wie die Erhaltung des Friedens meine Bedingung +bei Übernahme des Portefeuilles war, wenn ich jetzt sage: Der Krieg ist +nothwendig, sofortige Kriegserklärung ist eine nationale Pflicht für +Eure Majestät, dann werden Sie überzeugt sein, daß kaum Jemand in +Frankreich in diesem Augenblick den Frieden wünschen kann, wenn er nicht +zu gleicher Zeit der Feind Eurer Majestät und des Kaiserreichs ist, wenn +er nicht wünscht, daß das Kaiserreich sich von dem nationalen Aufschwung +trennen und damit den ersten Schritt zu seinem Untergang thun soll." + +"Herr Thiers wünscht den Frieden," sagte der Kaiser leicht lächelnd, "er +hat sich im Corps legislatif und auch sonst so öffentlich als möglich +dafür ausgesprochen." + +"Die öffentliche Meinung, Sire," erwiderte Herr Ollivier, "hat ihm +sogleich darauf die Antwort gegeben, man hat vor seinem Hotel sehr +lebhafte Demonstrationen gemacht und ihm zugerufen. "Nieder mit dem +kleinen Preußen!" + +"Herr Thiers sollte nicht vergessen," sagte der Kaiser, "daß sein König +Louis Philippe gefallen ist, weil er einen Krieg nicht führen wollte, +den das Nationalgefühl verlangte, und weil er die Demüthigung +Frankreichs weiter trieb, als der französische Stolz es ertragen kann. +Vielleicht möchte Herr Thiers wünschen daß ich denselben Fehler begehe, +um demselben Schicksal zu verfallen,--sein Wunsch soll nicht erfüllt +werden. Wollen Sie, mein lieber Herzog, mit Herrn Ollivier die +Kriegserklärung entwerfen? Ich werde morgen wieder hereinkommen, da ich +Sie in dieser viel bewegten Zeit, nicht durch eine Fahrt nach St. Cloud +ihren Geschäften entziehen darf, um dann im gesammten Ministerrath die +Erklärung fest zu stellen. Bereiten Sie die Pässe für den Baron Werther +vor." + +"Der Baron, Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "ist heute bereits +bei mir gewesen, um mir anzuzeigen, daß er sich auf Urlaub begebe. Es +sind," fuhr er fort, "vor seinem Hotel einige unangenehme +Demonstrationen vorgekommen." + +"Man soll dort sogleich starke Polizeimacht,--wenn es nöthig ist, +Truppen aufstellen," rief der Kaiser, "und den Botschafter gegen jede +feindliche Kundgebung auf das Entschiedenste schützen. Die nationale +Entrüstung darf die Grenzen der völkerrechtlichen Pflichten und des +Anstandes, den die civilisirten Nationen unter allen Umständen einander +schuldig sind, nicht überschreiten. Nun aber, meine Herren," sagte er +dann, "nachdem der entscheidende Entschluß gefaßt ist, haben wir nicht +mehr rückwärts, sondern vorwärts zu blicken. Wir müssen uns klar machen, +auf welche Weise wir alle Chancen des Erfolges auf unserer Seite +vereinigen. Wie stehen unsere Beziehungen zu den Mächten? Haben wir +Aussichten auf Allianzen und directe Unterstützungen?" fragte er, zum +Herzog von Gramont gewendet,--"unsere ganze Diplomatie muß die höchste +Anstrengung entwickeln, um der militairischen Action zur Seite zu +stehen." + +"Alle Mächte, Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "haben die +Gerechtigkeit unserer Forderung auf Beseitigung der Hohenzollernschen +Candidatur anerkannt, und es liegt in der Natur der Sache, daß +Österreich, Schweden und Dänemark schon zu Anfang eine uns freundliche +Neutralität beobachten werden. Auch rechne ich auf die Preußen so +äußerst feindliche Stimmung in Süddeutschland, so wie auf die +unterwühlten Zustände in den annectirten Provinzen." + +"Alles das ist gut," sagte der Kaiser mit einer leichten Nüance von +Ungeduld im Ton, "aber wir haben keine bestimmten Thatsachen, keine +bestimmten Erklärungen." + +"Ich kann die vielfachen Versicherungen des Herrn von Beust über die +Identität der Interessen Frankreichs und Österreichs," erwiderte der +Herzog, "nur als die Grundlage der bestimmten Erwartung ansehen, daß +Österreich mindestens bei den ersten günstigen Erfolgen unserer Waffen +activ auf unsere Seite treten werde. Noch gestern habe ich eine Depesche +des Herrn von Beust erhalten, in welcher jene Versicherungen wiederholt +werden und zugleich ausgesprochen ist, daß Österreich für den Erfolg +unserer Waffen Alles in den Grenzen der Möglichkeit Liegende thun +werde,--ich habe Eurer Majestät diese Depeschen sofort zugehen lassen--" + +"Ich habe sie gelesen," sagte Napoleon die Achseln zuckend, "die Grenzen +der österreichischen Möglichkeiten sind sehr weit gezogen,--Fürst +Metternich hat mich beschworen, den Conflict zu vermeiden." + +"Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "ich gebe auf die officiellen +Schritte Österreichs wenig, sie werden gethan, um nach allen Seiten hin +sich zu decken und die neutrale Haltung constatiren zu können. Ich lege +das Hauptgewicht auf meine Kenntnisse der dortigen Verhältnisse und auf +den natürlichen und nothwendigen Wunsch, von dem sowohl der Kaiser als +Herr von Beust beseelt sein müssen, jede Gelegenheit zu benutzen, um die +Niederlage von 1866 wieder gut zu machen." + +"Ich rechne nicht auf Österreich," sagte der Kaiser, "seit Jahren habe +ich dort nichts gefunden, als ohnmächtige Wünsche und schwankendes +Zögern, das sich nach keiner Seite compromittiren möchte. Etwas Anderes +ist es mit den Sympathien, die wir in Deutschland selbst finden könnten. +Baiern und Würtemberg sind durch Frankreich auf ihre heutige Stellung +erhoben, sie werden sich hoffentlich daran erinnern, und in Baiern hat +ja die ultramontane Partei eifrig in diesem Sinne gearbeitet. Auf die +annectirten Provinzen rechne ich weniger,--höchstens bei einem Rückzug +der preußischen Armee könnte uns dort ein Aufstand unterstützen." + +"Ich muß Eurer Majestät mittheilen," sagte der Herzog von Gramont, "daß +sich ein Graf Breda auf dem auswärtigen Ministerium gemeldet hat, +welcher Propositionen zu einem Bündniß mit dem König von Hannover zu +machen beauftragt sein will." + +"Graf Breda?" fragte der Kaiser, "derselbe, der früher bei unserer +Gesandtschaft in Stockholm war und dort--" + +"Derselbe, Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "er scheint jetzt +im Dienste der Depossedirten seine unterbrochene diplomatische Carriere +fortsetzen zu wollen." + +Der Kaiser zuckte die Achseln. + +"Was proponirt er," fragte er. + +"Ein hannöversches Corps von zwanzigtausend Mann, wogegen im Fall des +Sieges die früheren Besitzungen des Welfenhauses zu einem +Niedersächsischen Königreich wieder vereinigt werden sollen." + +Napoleon lächelte mitleidig. + +"Ein Corps von zwanzigtausend Mann," sagte er,--"nachdem der König seine +Legion, die ihm vielleicht die Möglichkeit hätte geben können, in die +Entwickelung der Action einzugreifen, nach allen vier Winden zerstreut +hat. Der arme König," fuhr er fort, "welch ein trauriges Schicksal,--in +welche Hände ist dieser arme Fürst gefallen,--ich bitte Sie, mein lieber +Herzog, diesen Grafen Breda nicht zu empfangen. Der beste Dienst, den +ich dem unglücklichen König von Hannover leisten kann, ist der, daß ich +solche Propositionen von Personen, die sich für seine Agenten ausgeben, +vollständig ignorire. Wollen die Hannoveraner sich zu seinen Gunsten +erheben, so mögen sie es thun, ich kann mich mit dieser Sache nicht +weiter befassen und ohne jeden Nutzen und Beistand den Kampf mit Preußen +nicht auf das Äußerste verbittern,--übrigens bin ich überzeugt, daß der +arme König von solchen abenteuerlichen Propositionen selbst garnichts +weiß und daß er mir dankbar sein wird, wenn ich dieselben der +Vergessenheit übergebe. + +"Ich habe ein Programm an die deutschen Völker entworfen," sagte er nach +einer kurzen Pause, "in welchem ich ihnen sage, daß ich nicht die +Grenzen überschreite, um Deutschland den Krieg zu erklären, daß ich im +Gegentheil Deutschland befreien will von einer übermächtigen und +übermüthigen Gewalt, welche die freie Autonomie und Selbstbestimmung der +deutschen Stämme vernichtet, und daß ich vor allen Dingen keine +Eroberung auf deutschem Boden machen will--" + +"Eine solche Proclamation, Sire," fiel Herr Ollivier lebhaft ein, "ist +vortrefflich und wird unendlich dazu beitragen, daß Preußen in +Deutschland selbst jede moralische Unterstützung verliert. Wenn ich in +demselben Sinne eine Rede im Corps legislatif hielte--" + +"Das französische Nationalgefühl, Sire," sagte der Marschall Leboeuf, +indem er seinen großen starken Schnurrbart an beiden Enden heraufdrehte, +"wird einen solchen platonischen Krieg nicht verstehen. Der +öffentlichen Meinung in Frankreich im Allgemeinen," fuhr er fort, "ist +es sehr gleichgültig, wie Deutschland sich constituirt, ob es unter +preußischer Suprematie steht oder nicht, wenn nur Frankreich den Rhein +besitzt, so mag dann auf der andern Seite desselben geschehen, was da +will." + +Der Kaiser blickte fragend auf den Herzog von Gramont. + +"Was der Herr Marschall so eben bemerkt, Sire," sagte dieser, "scheint +mir nicht unbegründet, auf der andern Seite aber erkenne ich die Wirkung +einer Proclamation, wie Eure Majestät die Gnade hatten, sie anzudeuten +im hohen Grade an, sowohl in Betreff ihrer Wirkung auf die süddeutsche +Bevölkerung, als auch auf die übrigen europäischen Cabinette. Denn durch +eine solche Proclamation würde der Vorwurf eines Eroberungskrieges von +Frankreich zurückgewiesen werden. Es käme nur darauf an, durch eine +geschickte Fassung der Worte beiden Gesichtspunkten gerecht zu werden, +und die Proclamation so zu redigiren, daß sie sowohl in Frankreich, als +auch in Deutschland eine günstige Wirkung erzielt." + +"Eine solche Redaction wird sich finden lassen," rief Herr Ollivier, +"wenn Eure Majestät--" + +"So ganz platonisch," sagte der Kaiser lächelnd, "würde übrigens der +Krieg nicht sein. Zunächst wird Jedermann erkennen, daß wenn wir siegen +und wenn dadurch die Constituirung eines politisch und militairisch +geeinigten Deutschlands unter preußischer Führung definitiv verhindert +wird, die Erwerbung von Compensationen auf deutschem oder anderem Gebiet +weit weniger nothwendig wird, als sie es wäre, wenn wir uns mit dem +preußischen Deutschland in Güte verständigen wollten,--sodann aber wird +wohl Niemand in ganz Europa dem siegreichen Frankreich das Recht +streitig machen wollen, diejenigen Grenzen zurückzufordern, welche man +ihm im Jahre 1814 zugestand, als es von der europäischen Coalition +besiegt darniederlag, und Niemand wird in der Wiederherstellung dieser +damals von ganz Europa sanctionirten Grenzen eine Eroberung erblicken +können." + +Der Geheimsecretair Pietri trat durch den besondern, für ihn bestimmten +Eingang in das Cabinet. + +"Sire," sagte er, "es sind zwei Depeschen vom auswärtigen Amt so eben +gebracht worden, um dieselben dem Herrn Herzog von Gramont zu +übergeben--" + +"Ich habe die Anweisung hinterlassen, Sire," fiel der Herzog ein, "alle +ankommenden Depeschen sofort hierherzubringen, da sie für die von Eurer +Majestät zu fassenden Entschlüsse von Einfluß sein könnten." + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und auf seinen Wink reichte Pietri +die beiden Depeschen, welche er in der Hand hielt, dem Herzog von +Gramont, der sie schnell eröffnete und ihren Inhalt überflog. + +Er erbleichte und eine unruhige, zornige Erregung trat an die Stelle der +heitern, sorglosen Zuversicht, welche bisher auf seinen Zügen gelegen +hatte. + +"Nun," fragte der Kaiser, forschend in das so schnell veränderte Gesicht +des Herzogs blickend. + +"Sire," sagte der Herzog von Gramont, indem die Depeschen in seinen +Händen leise zitterten, "eine ebenso unerwartete als unangenehme +Nachricht! Aus München und Stuttgart wird gemeldet, daß man dort an dem +Bündniß mit Preußen festhält, die Armee mobil gemacht und unter den +Befehl des Königs von Preußen gestellt hat,--unsere Gesandten sehen +jeden Augenblick der Zustellung ihrer Pässe entgegen." + +Ollivier blickte ganz erstaunt und unruhig umher. + +Der Marschall Leboeuf strich lächelnd über seinen dichten, mächtig +hervorspringenden Kinnbart,--der Kaiser blickte einen Augenblick in +düsterm Schweigen vor sich nieder, dann hob er mit klarem, stolzem Blick +das Haupt wieder empor und sagte. + +"So weit wie die Dinge jetzt gekommen sind, darf uns keine +fehlgeschlagene Erwartung erschüttern. Das Schicksal will den +Entscheidungskampf, und wir müssen mit festem und ungebeugtem Muth in +denselben eintreten. Die Geschichte unseres Landes lehrt uns, daß die +eigene Kraft Frankreichs die beste und kräftigste Bürgschaft für unseren +Erfolg ist. Wir haben," fügte er mit erhobener Stimme hinzu, "öfter +durch unsere Siege Bundesgenossen gefunden, als durch unsere +Bundesgenossen Siege erfochten. Der Gegenstand, über den wir soeben +sprachen, ist durch diese Mittheilung erledigt," fuhr er fort, indem er +einen vor ihm liegenden, ganz mit seiner kleinen zierlichen Handschrift +beschriebenen Bogen zusammenfaltete. "Da ganz Deutschland es für gut +findet, sich unter die Führung und Botmäßigkeit Preußens zu stellen, so +haben wir nicht nöthig, uns für die Ausnutzung unseres Sieges Schranken +aufzulegen. Die Proclamation, von der wir sprachen, ist überflüssig +geworden. Frankreich wird sich die volle Freiheit erhalten, Alles das zu +nehmen und zu behalten, was seine Interessen ihm nothwendig und +wünschenswerth machen. Finden wir aber keine Alliirte in Deutschland +selbst," sagte er dann, "so müssen wir uns um so mehr Diejenigen zu +sichern suchen, welche außerhalb Deutschlands durch ihre eigenen +Interessen auf uns angewiesen sind. Dänemark hat seine Neutralität +erklärt,--das mag gut sein für den Beginn des Krieges; aber ich lege +einen großen Werth darauf, daß nach den ersten Erfolgen dort eine für +uns freundschaftliche Action eintrete, welche preußische Kräfte +absorbirt und uns die Möglichkeit einer Landung erleichtert. Ich will +den Herzog von Cadorn in außerordentlicher Mission nach Kopenhagen +schicken, damit er den dortigen Hof veranlasse, bei der ersten sich +darbietenden Gelegenheit, aus seiner Neutralität herauszutreten,--ich +hoffe, das wird nicht schwer sein, und das Vorgehen Dänemarks wird +dasjenige Schwedens auf der Stelle nach sich ziehen,--würde damit auch +nichts weiter erreicht, als daß Rußlands Kräfte nach dem Norden gezogen +und von einer Pression auf Österreich abgezogen werden, so wird das +schon von großer Bedeutung sein. Wollen Sie, mein lieber Herzog die +Instructionen und Creditive für Cadorn so schnell als möglich bereit +stellen lassen." + +"Zu Befehl, Sire," sagte der Herzog sich verneigend, "ich bewundre den +Gedanken Eurer Majestät und die vortreffliche Wahl der Person--" + +"Zugleich aber," fuhr der Kaiser fort, "ist es nothwendig, eine +energische, diplomatische Action in Wien eintreten zu lassen, um auch +dort den ersten günstigen Augenblick zu benutzen und Alles aufzubieten, +einen schnellen Entschluß hervorzurufen. Der Fürst Latour d'Auvergne muß +sogleich seine Thätigkeit beginnen, und ich bitte Sie, auch in dieser +Beziehung das Nöthige zu veranlassen, mein lieber Herzog. Man muß auf +der Basis derjenigen Unterhandlungen wieder beginnen, welche der General +Türr eingeleitet hatte und deren Ziel die im Princip bereits approbirte +Vertragsskizze sein wird, nach welcher gegen Abtretung von Welsch-Tyrol +Italien im Fall einer russischen Intercession sich zur activen +Unterstützung Österreichs und zum Anmarsch gegen die Süddeutschen +Grenzen verpflichtet. Herr von Beust hat dem Abschluß dieses Vertrages +einst Schwierigkeiten entgegen gestellt, der erste Erfolg unserer Waffen +muß benutzt werden, um unter dem dadurch hervorgebrachten Eindruck den +unmittelbaren Abschluß jenes Vertrages kategorisch zu fordern." + +Der Herzog von Gramont hatte sich mit einem Crayon einige Notizen auf +einem vor ihm liegenden Blatt Papier gemacht und verneigte sich zum +Zeichen seines Einverständnisses mit den Anordnungen des Kaisers. + +"Nun, mein Herr Marschall," sagte Napoleon, sich zum Kriegsminister +wendend,--"Sie sehen, daß die Vorbereitungen der Diplomatie getroffen +sind, wie steht es mit den Ihrigen?" + +"Alles ist bereit, Sire," erwiderte der Marschall Leboeuf mit seiner +starken rauhen Stimme, "es fehlt nicht ein Knopf an der Ausrüstung der +Armee, nicht eine Bajonettspitze an ihrer Bewaffnung. Unsere Magazine +sind gefüllt, in Toulon liegen sieben Transportschiffe bereit, um die +Armee von Algier herüberzuschaffen. Alle Vorbereitungen sind getroffen, +um die Truppen von Châlons in sechszehn Stunden an die Grenze zu +bringen. Heute sind zwölftausend Eisenbahnwagen mit Mehl und Zwieback +nach den Ostgrenzen abgegangen, und in wenigen Tagen wird Eurer Majestät +Armee bereit sein, in Deutschland einzurücken." + +Der Kaiser nickte bei den Mittheilungen des Marschalls mit dem Kopfe. + +"Und der Generalstab," fragte er dann. + +"Der Generalstab, Sire, wie Eurer Majestät Hauptquartier," erwiderte +der Marschall, "für welches Sie mich zu Ihrem Major-General zu bestimmen +die Gnade gehabt haben, ist formirt aus den besten Officieren, die ich +habe finden können, und in kürzester Frist werden auch die Generalstäbe +der einzelnen Corps mit tüchtigen Kräften besetzt sein." + +"Und hat man genügend Karten von Deutschland," fragte der Kaiser, "nicht +nur für den Generalstab, sondern auch für die übrigen Officiere?" + +"Sire," erwiderte der Marschall, sich martialisch aufrichtend, "jeder +Officier Ihrer Armee hat eine Karte, welche ihm den sichersten und +geradesten Weg nach Berlin zeigen wird, und ich habe die Meinige bei +mir." + +Er schlug schallend an seinen Degen, indem er zugleich mit der andern +Hand die Spitzen seines Schnurrbarts emporkräuselte. + +Der Kaiser sah ihn einen Augenblick ganz betroffen an, während Herr +Ollivier sich ebenfalls mit kriegerisch stolzer Miene aufrichtete, und +der Herzog von Gramont noch einige Notizen niederschrieb. + +"Die Vortrefflichkeit Ihrer Karten," sagte Napoleon lächelnd, "hat sich +in den verschiedenen Feldzügen Frankreichs mehrfach bewährt, indessen +wäre es doch gut, wenn die Officiere daneben auch noch andere Karten +zur Verfügung hätten und nicht bloß auf die magnetische Anziehungskraft +angewiesen blieben, welche die feindliche Hauptstadt auf die Spitze +ihres Degens ausübt, ich hoffe daß Sie dafür Sorge tragen werden," fügte +er mit festem und bestimmtem Ton hinzu. + +Der Marschall verneigte sich, jedoch zeigte seine Miene dabei deutlich, +daß er auf die Hülfsmittel der geographischen Wissenschaft von seinem +soldatischen Gesichtspunkt aus einen nicht eben allzugroßen Werth zu +legen geneigt sei. + +"Ich erwarte Sie morgen in St. Cloud, Herr Marschall," fuhr Napoleon +fort, "um mir die Bestimmungen über die einzelnen Corps der Armee zur +definitiven Entscheidung vorzulegen,--eine Anweisung darüber habe ich +Ihnen schon zugehen lassen. Und nun bleibt Ihnen noch überlassen, mein +lieber Herr Ollivier," fuhr er dann fort, "das große Agens aller Kriege +herbeizuschaffen, nämlich das Geld. Wir bedürfen nach den angestellten +Berechnungen einen Credit von dreißig Millionen für die Armee und einen +weitern Credit von sechzig Millionen für die Marine. Die Vorlage muß so +schnell als möglich im Corps legislatif gemacht werden." + +"Und sie wird mit jubelnder Acclamation aufgenommen werden, Sire," rief +Herr Ollivier, "und wenn Eure Majestät das Doppelte und Dreifache +fordern würden,--in diesem Augenblick würde Frankreich Ihnen nichts +verweigern." + +"Also, meine Herren," sagte Napoleon aufstehend, "ich erwarte die +Vorlage der Kriegserklärung, sowie die schnelle und pünktliche +Ausführung aller eben besprochenen Maßregeln. + +"So treten wir denn nun," fügte er ernst hinzu, "der großen Entscheidung +entgegen, welche so lange wie ein schwüles Wetter über unsern Häuptern +geschwebt hat, und es bleibt uns nur noch die Bitte übrig: Gott schütze +Frankreich!" + +Er sprach diese Worte tief aus der Brust heraus, während er die Augen +wie fragend emporschlug. + +"Gott schütze Frankreich!" wiederholten die drei Minister-- + +Vom Carousselplatz herauf ertönte in diesem Augenblick die Melodie der +Marseillaise, welche ein vorüberziehendes Musikkorps intonirte, und in +welche die versammelte Menge sogleich laut und kräftig einfiel. + +Der Marschall Leboeuf blickte ganz erstaunt auf, Herr Ollivier hob die +Hand empor und rief mit pathetischem Ton: + +"Der Geist Frankreichs, Sire, spricht aus diesen Tönen zu Euer +Majestät, der Geist der Freiheit und der Civilisation, vor welchem diese +preußischen Armeen schnell werden zersprengt werden." + +Der Kaiser lauschte einen Augenblick schweigend den immer mächtiger +anschwellenden Klängen. + +"Möchten sie," sprach er leise, "die Dämonen der Revolution hinausführen +auf die Schlachtfelder des nationalen Ruhms, damit ihre gewaltige Kraft +sich zu immer festerer Erstarkung des Kaiserthums entwickele." + +Er schwieg noch einige Augenblicke--sein brennender Blick schien den +Schleier der Zukunft durchdringen zu wollen. + +Dann sprach er mit liebenswürdiger Artigkeit. + +"Nun, meine Herren Minister, schicke ich Sie fort--Jeder von uns muß an +seine Arbeit, und die nächste Zeit wird uns deren viele bringen." + +Er reichte den Herren die Hand. + +Dieselben verließen ernst und schweigend das Cabinet. + +Unmittelbar darauf meldete der Kammerdiener Herrn Rouher, den früheren +Staatsminister und gegenwärtigen Senatspräsidenten. + +Auf den zustimmenden Wink Napoleons trat dieser langjährige Leiter der +kaiserlichen Regierung langsam und in fast feierlicher Haltung ein. + +Der Kaiser ging ihm heiter lächelnd entgegen und reichte ihm die Hand, +welche Herr Rouher ehrerbietig ergriff und einen Augenblick in der +Seinen hielt, während er mit einem traurigen Ausdruck den Kaiser ansah. + +"Nun, mein lieber Rouher," sagte Napoleon, "wir stehen an der großen +Entscheidung, und ich hoffe, daß es nunmehr gelingen wird, die Krönung +des Gebäudes zu vollenden, dessen Grundmauern Sie mit so viel Eifer und +Beharrlichkeit aufgeführt haben." + +Das volle Gesicht des Herrn Rouher mit dem feinen beredten Munde und den +klaren, scharf blickenden Augen zeigte eine Bewegung, welche diesem +scharf berechnenden Meister der Dialektik und der parlamentarischen +Debatte sonst nicht eigentümlich war. + +"Sire," sagte er, "Eure Majestät wissen, mit welcher Mühe ich Jahre lang +daran gearbeitet habe, die Krönung des kaiserlichen Gebäudes auf andere +Weise und ohne eine kriegerische Catastrophe abzuschließen. Eure +Majestät haben die Führung Ihrer Regierung andern Händen anzuvertrauen +für gut befunden, und mir bleibt nur zu hoffen übrig, daß der Erfolg den +Erwartungen Eurer Majestät und den heißen Wünschen entsprechen möge, +welche ich für denselben im Herzen trage." + +Der Kaiser blickte seinen langjährigen Rathgeber einen Augenblick +nachdenklich an. + +"Sie sind nicht einverstanden, mein lieber Rouher," sagte er dann mit +einer gewissen unsichern Befangenheit in der Stimme, "mit dem Gange der +Ereignisse und doch müssen Sie zugeben, daß es jetzt unmöglich ist, die +Dinge auf einen andern Weg zu lenken." + +"Majestät," erwiderte Herr Rouher, "ich würde niemals das Verfahren +desjenigen billigen können, der durch sichere und ruhige Unternehmungen +ein großes Vermögen zu gründen und zu erhalten im Stande ist und der, +statt diese Unternehmungen mit Consequenz zu verfolgen, sich auf ein +Hazardspiel einläßt, das ihn in einem Augenblick zum Millionair +machen,--aber verzeihen Eure Majestät--auch den Verlust vieler +erworbenen Güter herbei führen kann. Ebenso--" + +"Ebenso," fiel der Kaiser ein, "finden Sie, daß der Krieg in der Politik +ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen müsse und das vieles +bereits Erreichte in Frage stellen könne. Aber mein Gott," fuhr er +lebhafter fort, "wenn die ganze Nation den Krieg will,--ich bin der +Erwählte der Nation,--ich muß dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen, +als irgend ein andrer Regent, Sie müssen zugeben, daß ganz Frankreich +zum Kriege drängt, daß Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze +hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges +durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen." + +Herr Rouher schüttelte langsam den Kopf. + +"Ollivier, Sire," sagte er dann achselzuckend, "wird Alles wollen, was +ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen +er sich so sehr gefällt. Wenn Ollivier Eurer Majestät übrigens," fuhr er +fort, "von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so +möchte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben--hinter +Ollivier steht Niemand. Eure Majestät haben mit ihm nicht seine früheren +Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestät haben ihn isolirt und nur +einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns," +sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, "wird die Zukunft zeigen. +Eure Majestät haben ferner," sprach er dann weiter, "von der +öffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt, +Eure Majestät haben Recht, die öffentliche Meinung verlangt den Krieg. +Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen?--und +dann, Sire, die öffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte +dieser Krieg, was Gott verhüten wolle, unglücklich für Frankreich +ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen +tönender Ruf jetzt die öffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft +an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestät und Ihre Regierung allein +wird man die Schuld desselben werfen." + +"Aber halten Sie es denn für möglich," fragte der Kaiser, "jetzt noch +den Krieg zu vermeiden?" + +"Nein, Majestät," erwiderte Herr Rouher, "jetzt nicht mehr. Vor wenigen +Tagen vielleicht wäre das noch möglich gewesen. Man konnte die +Zurücknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen großen Triumph +der französischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen +Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen +wäre, so würde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt +sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des +Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen +ruft. Wenn diese unglückliche Frage der Garantie für die Zukunft, welche +ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt hätte, nicht gestellt wäre, +wenn man der Kammer und der ganzen französischen Nation die +Zurückweisung einer fernern Discussion von Seiten des Königs von Preußen +nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt hätte, +dann, Sire, wäre es noch möglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit +den eisernen Würfeln des Krieges zu vermeiden--jetzt, Sire, ist es nicht +mehr möglich! Unter den Umständen, welche jetzt geschaffen sind, können +wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des französischen +Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen +Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einfluß der Körperschaft, +an deren Spitze Eure Majestät mich gestellt haben, ganz Frankreich mit +dem Muthe und der Begeisterung zu erfüllen, deren wir in dieser +Katastrophe bedürfen. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß, morgen +mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu dürfen, um die +Gefühle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich +beseelen müssen. Ich bitte Gott, daß die Befürchtungen, welche ich nicht +ganz unterdrücken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen +meines Herzens zu verschließen für heilige Pflicht halte, niemals +Wirklichkeiten werden mögen." + +Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer Überzeugung +gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehört. Mit einer Bewegung voll +herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach. + +"Der Würfel rollt, so bleibt nichts anderes übrig, als muthig zu +erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglück nicht zu +fürchten, ist das beste Mittel, uns das Glück dienstbar zu machen." + +Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus. + +Napoleon blickte ihm lange sinnend nach. + +"Vielleicht hat er Recht," sagte er, träumerisch vor sich +hinblickend, "vielleicht hätte ich versuchen sollen, das Verhängniß +aufzuhalten,--nun," sagte er tiefaufathmend, "vielleicht findet sich +dazu noch der günstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte +Zurückweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der +Voraussetzung, daß ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun +nicht wagen würde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht, +wenn man sieht, daß ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird +sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der +Compensationen zurückzukommen, und ich werde dann in der günstigen Lage +sein, daß nicht ich es bin, der Vorschläge macht und Anträge stellt." + +Er ging noch einige Augenblicke schweigend und tief nachdenkend auf und +nieder; dann klingelte er und befahl seinen Wagen, um nach St. Cloud +zurückzufahren. + +Langsam fuhr er aus dem Hof der Tuilerien heraus und über den Place la +Concorde nach den Champs Elysées hin. Überall wogten dichte +Menschenmassen, und bis nach dem Bois de Boulogne hin wurde der Kaiser +mit enthusiastischen Hochrufen begrüßt. + +"Nieder mit Preußen!" rief man ihm aus allen Gruppen entgegen. + +"Nach Berlin!" + +Am Arc de Triomphe begegnete der Kaiser einem Bataillon der Voltigeurs +der Garde, welches von einer Feldübung zurückkehrte und bestimmt war, in +den nächsten Tagen nach Metz abzugehen. + +Der Kaiser fuhr langsam im Schritt an den Soldaten vorbei, welche bei +seinem Anblick ihre Käppis auf die Spitze der Bajonette steckten und +laut sangen: + + "Ça ira, ça ira, ça ira--Bismarc à la lanterne, + Ça ira, ça ira, ça ira--Bismarc on le pendra." + +Napoleon legte lächelnd die Hand an den Hut und lange noch klang seinem +Wagen diese alte Melodie aus der Schreckenszeit der Revolution nach, +welche der Soldatenwitz mit diesem neuen Text versehen hatte. + +Der Arc de Triomphe glänzte im Licht der Abendsonne, ruhig blickte das +steinerne Antlitz des großen Kaisers von dem stolzen Bau herab. + +Die jubelnde Menge begleitete die Soldaten, in ihren Gesang einfallend, +während der Kaiser in den frischen, zierlich gepflegten Park einfuhr, in +welchem die elegante Welt von Paris ihre Abendpromenade machte, und über +welchem am Horizont die gewaltigen Umrisse des Mont Valerien +emporragten. + +Alles war Freude, Jubel und stolze Siegeszuversicht, und kein Auge +durchdrang den Schleier der Zukunft, hinter welchem unmittelbar das +furchtbare Bild sich erhob, das die siegreichen deutschen Truppen +zeigte, wie sie in geschlossenen Reihen durch diesen Triumphbogen des +französischen Ruhmes einzogen, während aus den Tiefen von Paris jene +finstern Mächte heraufstiegen, um die Denkmäler der Jahrhunderte in +Schutt und Asche zu verwandeln. + + * * * * * + +Um dieselbe Zeit, während ganz Paris in jubelnder Aufregung sich befand, +waren in einem bescheidenen Restaurant der Passage Jeouffroi die +Officiere der früheren hannöverschen Legion versammelt. + +Sie saßen finster um den Tisch, auf welchem der Kellner mit der großen +weißen Schürze soeben ihr Diner zu serviren begann. Auf allen diesen +jugendlichen kräftigen Gesichtern war keine Spur von der Heiterkeit +ihres Alters zu entdecken, und Sorge und Kummer blickten aus Aller +Augen. + +Der Lieutenant von Tschirschnitz strich den vollen blonden Schnurrbart +zur Seite und sprach, finster die Zähne zusammenbeißend, indem er sich +zu dem neben ihm sitzenden Kriegscommissair Ebers, dem einzigen älteren +Manne von der Gesellschaft wandte. + +"Wie lange kann unsere Kasse noch reichen?" + +"Vierzehn Tage vielleicht," erwiderte der Commissair Ebers +achselzuckend, "wenn wir uns auf das Äußerste einschränken, und wenn wir +alle unsere nothwendigsten Kleidungsstücke verkaufen, so können wir +vielleicht noch weitere vierzehn Tage gewinnen, dann aber ist es +jedenfalls aus." + +"Wer uns das gesagt hätte," rief der Lieutenant Götz von Ohlenhusen, +indem er einen tiefen Zug aus einem vor ihm stehenden Seidel Dreherschen +Bieres that, "als wir von Hannover auszogen und Alles im Stich ließen, +um uns dem Dienst des Königs zu erhalten--" + +"Der hätte uns jedenfalls einen großen Dienst geleistet," sagte Herr von +Tschirschnitz, "ich hätte jetzt meine Kompagnie in Sachsen, eine +ehrenvolle Stellung und eine schöne Carriere vor mir, während wir uns +jetzt hier in einer Lage befinden, die in Wahrheit geeignet ist, selbst +unserem bisher unzerstörbaren Humor den Todesstoß zu geben. Hier im +fremden Lande ohne Mittel, ohne Stütze, ohne Anhalt--in Deutschland als +Hochverräther verurtheilt!--Wir werden bald in der Lage sein, daß kein +Fuß breit Erde, kein Athemzug Luft mehr in dieser Welt für uns übrig +ist." + +"Was bleibt uns übrig," sagte Herr von Götz finster, "als uns irgendwo +anwerben zu lassen. Man denkt ja daran, eine Fremdenlegion zu bilden." + +"Ein Glück für uns wäre es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel +getroffen hätte," rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein großes +Glas Rothwein herunterstürzte und das leere Glas dann heftig auf den +Tisch stieß, "dann wären wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in +welcher wir doch keinen Raum mehr für ein anständiges Leben finden." + +Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gäste trat schnell der +Major von Düring an den Tisch der Offiziere heran. Ihm folgte der +Regierungsrath Meding im Reiseanzug. + +Die Offiziere erhoben sich. + +"Mein Gott, Sie hier," rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem +Regierungsrath Meding die Hand reichte, "was führt Sie aus der Schweiz +hierher? Will der König uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen--in +diesem Augenblick?" + +"Nein, meine Herren," sagte der Regierungsrath, indem er die übrigen +Offiziere herzlich begrüßte und mit Herrn von Düring an deren Tisch +Platz nahm. "Ich komme nicht vom Könige, ich habe keine Verbindung mit +Hietzing und erfahre nur zufällig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich +bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander +verbunden hat, und weil ich dringend wünschte, in diesem Augenblick der +schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter +Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das +dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefährlichen und +bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und +Anforderungen zu widerstehen, sie mögen kommen, woher sie wollen." + +"Wir haben eben darüber gesprochen, was aus uns werden soll," erwiderte +Herr von Tschirschnitz, "unsere Bezüge von Hietzing sind uns, wie Sie +wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft +zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den äußerten +Einschränkungen gelebt--der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir +sämmtlich nichts mehr besitzen werden--" + +"und in welchem uns nichts mehr übrig bleiben wird," rief Herr von Götz, +"als uns, wenn es sein muß, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen." + +"Um Gottes Willen, meine Herren," rief der Regierungsrath +Meding,--"bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, daß es sich in +diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866 +handelt. Bedenken Sie, daß in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint +gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, daß jeder Deutsche, der in diesem +Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres +gesammten Vaterlandes stünde, ewiger Schande verfallen müßte; daß die +Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen würde, und daß selbst im +Falle eines französischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum +für ihn haben würde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das +dringendste vor allen übereilten und verzweiflungsvollen Entschlüssen zu +warnen. Ich bitte und beschwöre Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie +nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehört, +daß hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Trümmer +der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen." + +Herr von Tschirschnitz lachte laut und höhnisch auf. + +"Dieser Graf Breda," rief er, "ist ein Franzose, ein Agent des +dunkelsten Ultramontanismus--daß er sich als Vertreter des Königs von +Hannover gerirt und eine hannöversche Legion formiren will, das ist +allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen." + +"Aber," fiel Herr von Düring ein, indem er sich zu dem Regierungsrath +Meding wendete, "Sie kennen unsere Lage und ich kann Ihnen nur +wiederholen, was ich Ihnen schon sagte, als ich Sie vom Bahnhof +hierherbrachte, was bleibt uns denn anders übrig, als uns irgendwo auf +die möglichst anständige Weise todtschießen zu lassen. Wir haben keine +andere Rettung aus unserer Lage." + +Der Regierungsrath Meding blickte sinnend vor sich nieder. + +"Jedes Schicksal ist besser," sagte er, "als in den Reihen der Feinde +des vereinigten Deutschlands zu fallen, und noch ist ja nicht jede +Möglichkeit der Rettung ausgeschlossen. Lassen Sie mich handeln. Ich +kann Ihnen nichts versprechen--aber es giebt vielleicht noch einen Weg, +der Sie alle mit Ehren vom Rande des Abgrundes zurückführt und Ihnen +eine freundliche Zukunft öffnen kann--lassen Sie mich meinen Weg gehen, +ich habe ein Gefühl, das mir sagt, er werde zum guten Ende führen. +Versprechen Sie mir nur das Eine, daß Sie sich in keine Unternehmungen +gegen Deutschland hineinziehen lassen, und daß Sie auch in der +verzweiflungsvollsten Lage des Augenblicks nicht den Muth verlieren--den +Sie sich ja so lange erhalten haben--versprechen Sie mir das, meine +Herren, und wenn es sein kann, verlassen Sie Frankreich so schnell als +möglich und geben Sie mir Nachricht, wo Sie zu finden sind--ich hoffe, +daß Sie von mir hören sollen. Ich muß Sie wieder verlassen," fuhr er +fort, "ich muß noch mit dem nächsten Zug wieder abreisen. Ich bin nur +gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe und bitte Sie +nochmals um Ihr Versprechen, nichts gegen Deutschland zu unternehmen." + +Er reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand. + +Dieser schlug kräftig ein und sagte mit bewegter Stimme: + +"Ich verspreche es, möge kommen, was da wolle." + +Die übrigen Herren wiederholten die Worte. + +"Und ich, meine Herren," rief der Regierungsrath Meding, "verspreche +Ihnen, daß ich nicht ruhen und rasten will, bis es mir gelungen ist, +einen Weg der Rettung zu finden. Leben Sie wohl, und so Gott will, auf +baldiges Wiedersehen." + +Er wandte sich tief ergriffen ab, verließ mit Herrn von Düring das Local +und stieg mit demselben an der Ecke der Passage in einen dort bereit +stehenden Fiaker, in welchem sich bereits sein Diener mit dem kleinen +Reisegepäck befand. + +Sie kamen auf dem Ostbahnhof eine Viertelstunde vor Abgang nach Basel +an. Ernst und schmerzlich bewegt, ging der Regierungsrath Meding mit dem +Major von Düring in der großen Vorhalle auf und nieder, von welchem man +den großen Platz vor dem Bahnhof und die weite Reihe der neuen +Boulevards überblickte, welche bereits im Schein der Gaslaternen +schimmerten und auf denen sich eine zahlreiche jubelnde und lärmende +Menschenmenge hin und her bewegte. + +"Der Anblick dieses Paris," sagte der Regierungsrath Meding, "in seinem +trunkenen Rausch ist mir tief schmerzlich. Ich liebe Frankreich, und +diese Stadt Paris ist mir fast zu einer lieben Heimath geworden. Und ich +sehe eine furchtbare Zeit über dies Land und diese schöne Stadt mit +ihrem wunderbar reichen Leben heraufziehen, eine Zeit, welche alle diese +Jubelklänge, die da jetzt zu uns herübertönen, in Jammer und Wehklage +verwandeln wird." + +"Sie glauben an die Niederlage Frankreich," fragte Herr von Düring, "an +eine so schwere Niederlage?" + +"Ich bin von derselben überzeugt," erwiderte der Regierungsrath. "Ich +bin gestern von Basel herauf bis hierher durch die nach der Grenze hin +sich bewegenden Truppen gefahren, aber was ich gesehen habe, läßt mich +nur das Traurigste für Frankreich erwarten. Überall habe ich Truppen der +verschiedensten Waffen ohne Officiere, Cavallerie ohne Pferde, Geschütze +auf den Eisenbahnwagen ohne Bespannung gesehen. Alle diese Leute waren +im Zustande der unnatürlichen Aufregung, die meisten berauscht, und wenn +ich sie fragte, wohin sie gingen, zu welchem Corps sie gehörten, so +konnten sie mir keine genügende Antwort geben, die Meisten antworteten +mit dem fanatisch stereotypen Ruf "nach Berlin". Mit solchen Truppen +schlägt man die preußische Armee nicht und der Elan, von dem man so viel +spricht, wird wie ein vorübergehender Rausch schnell vor der ruhigen und +sichern Taktik der deutschen Heeresleitung verfliegen. Glauben Sie mir," +fuhr er fort, indem er noch einmal wehmüthig über die glänzenden Reihen +der Boulevards hinblickte, "Frankreich wird einen furchtbaren Schlag zu +erleiden haben, und das Kaiserreich mit allem seinem Glanz wird +vielleicht unter diesem Schlage zusammenbrechen--ich habe hier lange +die Elemente beobachtet, welche in der Tiefe der Gesellschaft sich +organisirt haben und sie werden nicht zögern, heraufzusteigen, um von +unten her das Gebäude zu zersprengen, wenn dessen Zinnen unter den +Schlägen der deutschen Waffen fallen werden." + +Das Signal zur Abfahrt des Zuges ertönte. + +"Noch einmal, lieber Düring," sagte der Regierungsrath Meding, indem er +sich am Eingang des Wartezimmers von dem Major verabschiedete, "halten +Sie den Muth unserer Freunde aufrecht und sorgen Sie dafür, daß auf +unsere, so lange mit Ehren vertheidigte Sache kein Flecken falle." + +Mit Thränen in den Augen trennten sich die beiden mehrjährigen Genossen +der Verbannung. Der Regierungsrath Meding stieg in das Coupé und fuhr +unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive in die Nacht hinaus, während +der Major von Düring ernst und traurig über die hellen Boulevards hin zu +seinen Kameraden zurückkehrte, um in den Herzen dieser tapfern und +treuen Diener einer untergegangenen Sache, welche Heimath und Vaterland, +Vergangenheit und Zukunft verloren hatten, die letzten Funken der +Hoffnung und des Muthes wieder anzufachen. + + + + +Elftes Capitel. + + +Die Verlobung der Tochter des Commerzienrath Cohnheim mit dem jungen +Baron von Rantow war wenige Tage nach der Erledigung der zwischen ihm +und dem Lieutenant von Büchenfeld entstandenen Differenz proclamirt +worden. + +Der Commerzienrath hatte es sich nicht nehmen lassen, bei dieser +Gelegenheit ein großes Fest zu veranstalten, bei welchem die zahlreichen +Bekannten des Barons zu seiner und seiner Gemahlin höchsten Befriedigung +eine Menge hoch aristokratischer Namen und Erscheinungen in seine Salons +führten. + +Der kleine Commerzienrath schwamm in Entzücken. Noch behaglicher als +sonst eilte er hin und her, indem er in gelegentlichen Gesprächen seinem +alten Freunde aus der Finanzwelt auf alle diese Elemente der ersten +Gesellschaft aufmerksam machte, die sich jetzt bei ihm vereinigten. + +Die Commerzienräthin war noch steifer, noch würdevoller, noch +unnahbarer als sonst, und Fräulein Anna überstrahlte Alle durch ihre +Schönheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener +Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher früher in ihren Augen +gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Königin blickte +sie umher, mit ruhig und sicher gewählten Worten beantwortete sie die +Gluckwünsche, welche man an sie richtete, und wenn sie lächelte, so +schien es fast, als ob höhnischer Spott mehr Antheil an ihrem Lächeln +habe, als die glückliche Freude der Braut. + +Der junge Herr von Rantow war dann täglich im Hause des Commerzienraths +erschienen, hatte für seine Braut alle Höflichkeit und Aufmerksamkeit, +welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso höflich und +freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annäherung zwischen den +beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem +Takt in einer gewissen Zurückhaltung und Fräulein Anna war ihm dafür von +Herzen dankbar und nahm mit um so größerer Aufmerksamkeit alle äußeren +Rücksichten, welche ihr Verhältniß erforderte, entgegen; so daß die +Commerzienräthin äußerst befriedigt war und ihrer Tochter häufig +anerkennende Worte über ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem +Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach. + +Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen überstanden, und die Hochzeit +war für den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der für die +Aufnahme des jungen Paares bestimmte Flügel des Schlosses auf dem +Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen +Ausschmückung der Commerzienrath nicht müde wurde, von überall her das +Schönste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen. + +Da brach mitten in diese Vorbereitungen die große Catastrophe herein, +welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Fürsten und +Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in +den furchtbaren Ernst des Lebens zurücktrieb, so unterbrach sie auch die +Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Fräulein Anna +Cohnheim. + +Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub +des von ihm so sehnlichst gewünschten Familienereignisses, welcher ihn +bewegte und bekümmerte--der plötzlich hereinbrechende Krieg griff auch +zerstörend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die +Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, mußten +natürlich vorläufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhältnisse aufgeschoben +werden. + +Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das +militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne +unmittelbar gefährlich zu werden, ihm große körperliche Anstrengungen +unmöglich machte, für dienstunfähig erklärt. Von dieser Seite hätte +daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden. +Indeß Fräulein Anna erklärte mit großer Bestimmtheit, daß sie vor dem +Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so große Gefahr stürzte +und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen müßte, an die Hochzeit +nicht denken wolle. + +So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben. + +Am Vormittage des verhängnißvollen einunddreißigsten Juli, an welchem +der König Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand +sich die Commerzienräthin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner +Gemahlin. + +Die Königin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen +des Vaterlandes erlassen, um Hülfsmittel für die Verpflegung der +Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienräthin hatte mit +Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow +anzuschließen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfüllung +dieser patriotischen Aufgabe. + +Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Nähere über die Organisation +der Thätigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte +mit einer gewissen, kalten Zurückhaltung den sehr beträchtlichen Beitrag +in Empfang genommen, welchen die Commerzienräthin für die Zwecke des +Vereins ihr überreichte. + +Die beiden Damen sprachen eifrig über die zweckmäßigste Herstellung von +Charpie und Verbandzeug, während der Baron sich mit Fräulein Anna +unterhielt, für welche er eine besonders sympathische Zuneigung gefaßt +hatte, und welcher er stets mit um so größerer Herzlichkeit begegnete, +je weniger es ihm möglich war sich dem Commerzienrath und seiner +Gemahlin, deren ganzes Wesen von seinen Lebensanschauungen so tief +verschieden war, zu nähern. + +"Wir sind glücklicher," sagte er, "als so viele andere Familien, deren +Söhne zu den Gefahren des Krieges hinausziehen müssen, und doch macht es +mich fast traurig, daß in einem Augenblick, wo die ganze Jugend des +Landes unter den Fahnen des Königs ins Feld zieht, der Name der Rantows +in den Reihen der Armee nicht vertreten ist. Das Gefühl des Vaters und +des Patrioten streiten in mir mit einander, und oft möchte ich fast +wünschen, daß auch mein Sohn berufen wäre zu dem großen nationalen +Kampf." + +"Es bleibt ja auch hier noch genug zu thun," erwiderte Fräulein Anna in +einem ziemlich kalten und gleichgültigen Ton. "Der Staat braucht ja auch +während des Krieges Beamte, vielleicht wäre es gut, wenn Ihr Sohn +wenigstens bis zur Beendigung des Krieges seine Carriere wieder +aufnehmen würde. Für uns Frauen," fuhr sie lebhafter fort, "bildet ja +die Zeit ein reiches Feld der Thätigkeit, und ich fühle den lebhaftesten +Wunsch, hinauszugehen, um als Pflegerin der Kranken in dieser großen +Zeit meine Pflicht zu erfüllen." + +"Sie, mein Kind," rief der Baron erstaunt, "Sie, gewöhnt an alle +Bequemlichkeiten des Lebens, fast ein wenig verwöhnt, Sie wollten sich +einer so mühevollen angreifenden Thätigkeit widmen, welche Ihre zarten +Kräfte vielleicht bald aufreiben möchte." + +"Meine zarten Kräfte?"--sagte Fräulein Anna, die Achseln zuckend, "und +wären sie es,--der feste Wille und die Begeisterung für eine große Sache +sind im Stande, auch die schwächste Kraft stark zu machen. Und wofür +könnte ein Frauenherz sich höher begeistern, als dafür, die Leiden +Derjenigen zu erleichtern, welche heldenmüthig ihr Blut und Leben zum +Schutz des Vaterlandes, zu unserm Schutz dahin geben. Glauben Sie mir, +Herr Baron, ich würde nicht ermatten in einem so hohen und heiligen +Beruf. Und wenn der Krieg fortschreitet," fuhr sie ernst mit dem +Ausdruck eines festen Entschlusses fort, "wenn die Lazarethe sich füllen +werden und das Bedürfniß nach weiblicher Pflege immer größer und größer +werden wird, dann werde ich doch noch die Erlaubniß meiner Eltern +erhalten, dem Zuge meines Gefühls zu folgen, und ich bin überzeugt, daß +viele Frauen denken und handeln werden, wie ich." + +Der junge Herr von Rantow trat ein. Er war ernster als sonst, der +gleichgültige, oberflächliche Ausdruck, welcher gewöhnlich auf seinem +Gesicht lag, war verschwunden. Eine gewisse stolze Befriedigung blickte +aus seinen Augen. + +"Ich habe einen Entschluß gefaßt," sagte er, nachdem er die Damen +begrüßt hatte, "einen Entschluß, den meine theure Anna gewiß billigen +wird und mit dem auch Du, mein Vater, zufrieden sein wirst." + +Fragend blickte Fräulein Cohnheim auf ihren Verlobten. + +"Ich habe," fuhr dieser fort, "mich zur Aufnahme in den Johanniterorden +gemeldet. Du wünschtest das früher, mein Vater, um mir eine ehrenvolle +Decoration zu verschaffen, in dieser Zeit gewinnt das Zeichen des +Johanniterordens, zu welchem meine Geburt mich berechtigte, eine höhere +und ernstere Bedeutung. Ich habe so eben die Mittheilung erhalten, daß +meine Bewerbung angenommen werden wird und habe zugleich die Bitte +gestellt, wenn eine Annahme erfolgen sollte, mich einer der Deputationen +beizuordnen, welche die Armee zur Leitung der Krankenpflege begleiten +werden. So werde auch ich im Stande sein, das Meinige in dem Kampf zu +thun und die Pflicht zu erfüllen, welche mein Name mir auflegt und zu +welcher mein Gefühl mich treibt." + +Der Baron neigte zustimmend den Kopf. + +Fräulein Anna erhob sich schnell und reichte ihrem Verlobten die Hand, +indem aus ihrem Blick ein warmes Gefühl leuchtete, wie sie es bisher +noch nie dem jungen Manne gegenüber gezeigt hatte. + +"Ich danke Ihnen von Herzen für diesen Entschluß," sagte sie mit +herzlichem Ton, "und da Sie ihn gefaßt haben, darf ich Ihnen sagen, daß +mich der Gedanke betrübt hat, Sie in dieser Zeit hier zurückbleiben zu +sehen--Sie werden das nicht mißverstehen," fügte sie hinzu, "meine +treuesten und aufrichtigen Wünsche werden Sie begleiten." + +Herr von Rantow küßte die Hand seiner Braut, seine Mutter blickte +liebevoll zu ihm hinüber, und die Commerzienräthin richtete sich hoch +auf, indem sie mit feierlicher Stimme sagte: + +"Das ist ein sehr edler Entschluß, ganz meines vortrefflichen +Schwiegersohns würdig." + +Der Diener trat ein, meldete den Oberstlieutenant und den Lieutenant von +Büchenfeld. + +Schnell erhob sich der Baron, um den Herren entgegen zu gehen. + +Die Commerzienräthin warf einen scharfen und strengen Blick auf ihre +Tochter. + +Fräulein Anna zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie +das Zimmer verlassen, dann aber faßte sie sich, tief erbleichend stützte +sie die Hand auf die Lehne eines neben ihr stehenden Sessels. Kalte und +stolze Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht. + +Der Oberstlieutenant und sein Sohn traten ein. Der alte Herr trug +Uniform, sein Gesicht strahlte vor freudiger Aufregung. Der Lieutenant +folgte ihm ernst und still, als er Fräulein Anna und den jungen Herrn +von Rantow erblickte, flog eine dunkle Röthe über sein Gesicht. Dann +näherte er sich Frau von Rantow, begrüßte dieselbe ehrerbietig und +verneigte sich mit kalter Höflichkeit gegen die Übrigen. + +Die Commerzienräthin saß gerade und steif da und erwiderte den Gruß der +eintretenden Herren mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes. + +"Ich bringe Ihnen noch einmal meinen Sohn, gnädige Frau," sagte der +Oberstlieutenant, "er muß noch heute zu seinem Regiment abgehen, um in +die beste Kriegsschule hinauszuziehen,--draußen im Felde, wo man in +einem Monat mehr lernt, als in Jahren hinter den Büchern. Er wollte in +der Eile gar keine Besuche machen, aber hier von den alten Freunden +seines Vaters muß er sich doch verschieden, bevor er auszieht, um sich +den Feldmarschallstab zu erkämpfen," fügte er lächelnd hinzu. "Er hat es +glücklich getroffen, mir wurde es in meiner Jugend nicht so gut, ich +habe mich während meiner besten Jahre durch den ewigen Garnisonsdienst +hindurch schleppen müssen, in welchem Körper und Geist müde werden." + +"Unsere herzlichsten Wünsche werden Sie begleiten," sagte Frau von +Rantow zu dem jungen Officier. "Aber Sie, lieber Büchenfeld," fuhr sie +lächelnd fort, "tragen ja auch wieder Uniform, Sie wollen doch nicht +etwa auch mit hinausziehen--" + +"Wollte Gott, ich könnte es," sagte der Oberstlieutenant traurig, "doch +mein Podagra sorgt schon dafür, daß ich hier bleiben muß. Aber," fuhr +er, sich militairisch aufrichtend, fort, "ich habe mich um ein +Etappencommando beworben und es erhalten und so habe ich doch wenigstens +das Herzeleid nicht, daß ich in dieser Zeit unthätig im Civilrock +einhergehen muß. Ich kann wenigstens die alte Uniform tragen und dem +Könige dienen, so gut es mir noch möglich ist." + +Der Oberstlieutenant und sein Sohn blieben etwa eine Viertelstunde lang, +während welcher die Unterhaltung fast ausschließlich von dem alten Herrn +und dem Baron geführt wurde. + +Der Oberstlieutenant war in sprudelnd heiterer Laune, im Herzen des +alten Soldaten fand der Gedanke an die Gefahren, denen sein Sohn +entgegen ging, keinen Platz, für ihn war der Krieg der Beruf des +Officiers, er dachte nur an die Hoffnung auf Ruhm und Ehre, welche +dieser Krieg in sich schloß und fühlte sich neu geboren in dem Gedanken, +daß auch er in dieser großen Zeit noch einmal in der Lage sei, Dienst zu +thun und den Rock des Königs zu tragen. + +"Wir müssen aufbrechen," sagte er endlich, "ich weiß noch nicht, wo +meine Bestimmung sein wird und erwarte dieselbe stündlich,--mein Sohn +hat nur noch kurze Zeit bis zu seiner Abreise." + +Er küßte mit ritterlicher, etwas altmodischer Galanterie der Frau von +Rantow die Hand und drückte lange und herzlich die Rechte des Barons. + +Der Lieutenant, welcher während der ganzen Zeit ernst und stumm mit +niedergeschlagenem Blick da gesessen hatte, erhob sich, in rascher +Bewegung trat der junge Herr von Rantow auf ihn zu. + +"Lebe wohl, Büchenfeld," sprach er,--"in einer Zeit, wie die jetzige, +muß jeder vergangene Groll vergessen werden. Gott schütze Dich! Ich +werde mit den Johannitern der Armee folgen und sollte Dir ein Unglück +begegnen, so hoffe ich, daß ein gütiges Schicksal mich zu Dir führen +wird, um Dir beizustehen." + +Der Lieutenant hatte bei den Worten des Barons eine unwillkürliche +Bewegung gemacht, als wolle er von demselben zurücktreten. Abermals +färbte sich sein Gesicht mit dunklem Roth, er schlug die Augen auf und +richtete seine Blicke an dem Baron vorbei, mit bitterem, feindlichem +Ausdruck auf Fräulein Anna. + +Das junge Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Aus diesen Augen +strahlte es wunderbar und eigenthümlich zu ihm hin, es lag darin wie +eine Bitte, wie eine Frage, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie +sprechen, aber nur ein leiser Hauch drang aus denselben hervor und wie +unwillkürlich streckte sie zitternd die Hand nach ihm aus. + +Ein tiefer Athemzug hob die Brust des Lieutenants, sein kalter, harter +Blick wurde weicher und weicher. Kräftig drückte er die Hand des Herrn +von Rantow und sagte mit fast erstickter Stimme: + +"Vergessen und vergeben!" + +Dann trat er rasch, wie einem übermächtigen Zuge folgend, zu Fräulein +Anna hin, deren Hand noch immer leicht erhoben, sich gegen ihn +ausstreckte und deren Augen mit immer tieferer Innigkeit auf ihm ruhten. +Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, drückte seine Lippen auf +dieselbe und fast unhörbar, nur ihr verständlich, hauchten seine Lippen +nochmal die Worte: + +"Vergessen und vergeben!" + +Dann wandte er sich schnell um und mit kurzer rascher Verbeugung eilte +er seinem Vater nach, welcher, von dem Baron geleitet, bereits das +Zimmer verlassen hatte, während Fräulein Anna, die Hände faltend, auf +einen Stuhl niedersank und ihm mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer +nachsah. + + * * * * * + +König Wilhelm stand an seinem Schreibtisch neben dem Fenster seines +Arbeitszimmers. Der König trug den Militairüberrock und blickte mit +tiefem Ernst auf den Ministerpräsidenten Grafen Bismarck, welcher in der +Uniform des Magdeburgischen Cürassierregiments No. 7 vor Seiner Majestät +stand und die letzten noch vor der Abreise zu erledigenden +Vortragssachen beendet hatte. + +"So ist denn," sagte der König, "Alles vorbereitet, was menschliche +Berechnung vermag, um nach allen Seiten hin in ungehemmter Spannung +unsere Kräfte entfalten zu können,--unser Haus ist bestellt, die Armee +ist in ordnungsmäßiger Bewegung und es ist nun an unserem Alliirten da +oben, mit uns hinauszuziehen in den Kampf, an dem wir wahrlich +unschuldig sind und uns den Sieg zu verleihen, wie er ihn uns schon +einmal gab gegen den Übermuth desselben Feindes." + +"Und dieser Sieg wird nicht fehlen, Majestät," rief Graf Bismarck, indem +seine linke Hand sich fest um den Griff seines Pallaschs spannte,--"er +wird schneller und entscheidender kommen, als die Welt ihn erwartet und +er wird Alles, was sich im deutschen Nationalleben in diesen Jahren +vorbereitet hat, zu herrlicher Erfüllung bringen. Meine Zuversicht steht +fest--in diesem Kampfe wird Deutschlands glänzende Zukunft entschieden +werden!" + +Auch über das Gesicht des Königs zog der lichte Schimmer freudiger +Siegeszuversicht,--aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige +Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu +seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier. + +"Wir haben Alles geordnet," sagte er, die wenigen Zeilen überlesend, +welche dieser Bogen enthielt,--"wir haben die diplomatischen Fäden +gezogen,--um unsere wohlwollenden Freunde" fuhr er mit eigenthümlichem +Lächeln fort, "in ihrer neutralen Haltung zu befestigen,--wir haben für +die Regierung während meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten +liegen jetzt draußen bei der Armee,--ich habe jetzt nur noch ein +Bedürfniß meines Herzens zu erfüllen, das ist ein letztes Wort des +Abschieds an mein Volk zu richten,--wenn mich auch die Hoffnung erfüllt, +daß wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer +schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich +wieder nach der Heimath werde zurückkehren können. Auch kann," sprach er +mit tiefem Ernst, "eine feindliche Kugel da draußen mein Leben enden. In +diesem Augenblick fühle ich mehr wie je den innerlich tiefen +Zusammenhang, ich möchte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich, +wie alle Könige meines Hauses mit dem preußischen Volk verbindet, und +ich möchte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen +und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir +zu geben mein königliches Recht vergönnt,--ich möchte in dem Augenblick, +in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir +den Frieden zurücklassen,--den Frieden und die Versöhnung!" + +Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den +König an, welcher wie zögernd, als suche er die Worte für seine +Gedanken, sagte: + +"Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen, +manches an sich edle Gefühl hat viele meiner Unterthanen, namentlich +meiner neuen Unterthanen auf Irrwege geführt und mit der nothwendigen +Strenge der Gesetze in Conflict gebracht--jetzt, wo ganz Deutschland +einmüthig in den Kampf hinauszieht, möchte ich dazu beitragen, jenen +Verwirrungen Lösung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo +ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, möchte ich +auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen,--die Lehre der +Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht +gerichtet werdet.--Der letzte Abschiedsgruß an mein Volk soll deshalb +zugleich eine Amnestie enthalten für alle politischen Verbrechen und +Vergehen. Liebe und Versöhnung soll die Vergangenheit abschließen, damit +wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen können." + +Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme: + +"An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für +Deutschlands Ehre und für Erhaltung ihrer höchsten Güter zu kämpfen, +will ich im Hinblick auf die einmüthige Erhebung meines Volkes eine +Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen." + +"Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erlaß in diesem +Sinne zu unterbreiten. + +"Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig +nicht auf unserer Seite waren. + +"Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vätern und +in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des +Vaterlandes." + +Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerpräsidenten, +dessen Züge in mächtiger Rührung zuckten. + +"Majestät," sagte er, auf die stumme Frage des Königs antwortend, "an +diesem Erlaß darf kein Titelchen geändert werden. Es ist das +königlichste Wort, das ein christlicher Fürst zu seinen Unterthanen +sprechen kann, einfach und groß, wie die Zeit. Und dies königliche Wort +wird einen mächtigen Wiederhall finden in allen Herzen." + +Der König neigte den Kopf, wandte sich dann zu seinem Schreibtisch, +ergriff eine Feder und setzte mit kräftigen Zügen seinen Namen unter das +Papier, das er dem Ministerpräsidenten reichte. + +"Sorgen Sie für die Veröffentlichung und für die schleunige Vorlegung +des Amnestieerlasses. Nun sind die Geschäfte hier beendet," sprach er +mit tiefem Athemzug, "ich habe für die Meinigen das Werk des Friedens +und der Liebe gethan. Jetzt soll die Spitze unseres Schwertes sich gegen +die Feinde richten." + +"Noch möchte ich," sagte der Ministerpräsident, "eine Bitte an Eure +Majestät richten, eine Bitte, deren Erfüllung ein schöner Nachklang zu +dem großen Wort ist, das Eure Majestät soeben gesprochen. Eure Majestät +wissen," fuhr er fort, als der König ihn fragend ansah, "daß wir von der +früher so weit verbreiteten Agitation in Hannover nichts mehr zu +befürchten haben, die früheren Führer derselben sind vom Könige Georg +getrennt und entschlossen, in diesem Nationalkampf nichts gegen +Deutschland zu thun. Einzelne Personen in Hannover, welche vielleicht zu +gefährlichen Unternehmungen irre geleitet werden könnten, sind in +Sicherheit gebracht, um sie vor sich selbst zu schützen, und um sie +durch eine kurze Haft der Möglichkeit zu entziehen, Dinge zu +unternehmen, für welche sie in der gegenwärtigen Zeit mit der ganzen +Schwere des Gesetzes gestraft werden müßten." + +"Ich weiß, ich weiß," sagte der König--"auch der Verdacht gegen den +Grafen Wedell hat sich nicht betätigt?--" + +"Nein, Majestät," sagte der Ministerpräsident, "Graf Wedell steht mit +der Agitation in keiner Verbindung mehr, und es freut mich das um so +mehr, da seine ganze Familie ohnehin durch die Ereignisse schwer +getroffen ist--doch," fuhr er dann fort, "wovon ich Eurer Majestät +sprechen wollte, das ist das Schicksal aller hannöverschen Officiere, +welche mit der Emigration nach Frankreich gegangen waren und dort die +sogenannte Welfenlegion commandirten." + +"Nun?" fragte der König. + +"Diese Officiere, Majestät," sprach Graf Bismarck weiter, "befinden +sich, wie ich höre, in einer verzweiflungsvollen Lage. Sie waren in +Deutschland geächtet,--das ist durch Eurer Majestät großmüthige Amnestie +beseitigt--aber sie sind ohne Subsistenzmittel, sie sind sogar der +französischen Regierung verdächtigt, und ihre Lage ist derartig, daß +nach den Äußerungen Einzelner, die mir mitgetheilt sind--ihnen nichts +übrig bliebe, als sich irgendwo mit Anstand todtschießen zu lassen." + +"Die armen, jungen Leute," sagte der König--"sie haben sich schwer +vergangen, aber es sind doch brave junge Männer und ihre Handlungsweise +ist doch nur hervorgegangen aus einem irre geführten, aber innerlich +edlen und richtigen Gefühl der Anhänglichkeit an ihren frühern +Herrn--was kann ich für sie thun?" fragte er mit weicher, milder Stimme. + +"Majestät," sagte Graf Bismarck, "politisch liegt kein Grund vor, ihnen +zu Hülfe zu kommen, sie können nicht gefährlich werden, und wenn sie +wirklich, durch die Noth gedrängt, sich zu irgend einer strafbaren +Handlung hinreißen ließen, so würde dadurch in den Augen von ganz +Deutschland die welfische Agitation und alle etwa für dieselbe noch +begehende Sympathie vollkommen und für immer vernichtet werden. Aber ich +glaube nicht, Majestät," fuhr er im wärmeren Ton fort, "daß jenen armen +jungen Leuten gegenüber politische Betrachtungen in diesem Augenblick +maßgebend sein können. Jene Unglücklichen sind von aller Welt verlassen, +sie sind die Opfer ihrer irregeleiteten, aber doch immerhin edlen Treue +geworden, und ich möchte Eure Majestät bitten, ihnen zu helfen und ihnen +eine Grundlage für ein neues Leben zu gewähren." + +"Mit Freuden," rief König Wilhelm lebhaft, "schlagen Sie mir vor, was +ich thun soll." + +"Majestät," erwiderte Bismarck, "es befinden sich unter diesen +Emigranten frühere Offiziere verschiedener Grade, darnach aber zwischen +ihnen einen Unterschied zu machen, ist nicht möglich,--der König Georg +hat im Exil noch Ernennungen vorgenommen, die doch nicht in Betracht +gezogen werden können. Ich würde daher Eurer Majestät unterthänigst +vorschlagen, sie Alle gleich zu behandeln und Jedem von ihnen eine +lebenslängliche Pension von zwölfhundert Thalern zu geben, damit haben +sie eine Basis für ihre Existenz und einen Ersatz für ihre zerbrochene +Carriere." + +"Genehmigt," rief der König, "genehmigt, mein lieber Graf, es thut mir +unendlich wohl, diesen armen jungen Leuten helfen zu können, und ich +danke Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht und mir Gelegenheit +gegeben, noch vor meiner Abreise dies gute Werk zu thun." + +Und leise die Lippen bewegend, flüsterte er vor sich hin: + +"Thut wohl denen, die Euch verfolgen."---- + +"Es müßte dann," sagte Graf Bismarck, "eine Garantie von ihnen gegeben +werden, daß sie nicht etwa abermals mißleitet werden--" + +"Sie sollen ihr Ehrenwort geben, nichts gegen mich zu unternehmen, das +genügt," sagte der König, "sie haben die Gesetze verletzt, aber ihre +Ehre trifft kein Vorwurf und ihrem Ehrenwort will ich glauben." + +"Eure Majestät haben durch diesen Entschluß," sagte Graf Bismarck, +"einer Anzahl junger und hoffnungsvoller Herzen Leben und Zukunft wieder +gegeben, und auch das wird zum Segen unserer Waffen werden. So ist denn +auch diese letzte schmerzliche Dissonanz des Jahres 1866 im schönen und +wohlthuenden Accord geendet und nun, Majestät,-- + +Vorwärts mit Gott für König und Vaterland." + +"Auf Wiedersehen am Bahnhof, mein lieber Graf," sagte der König, "wir +werden hier wohl lange nicht wieder zusammen arbeiten--" + +"Dann aber, Majestät," rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick, "wird +der preußische Adler seinen höchsten Siegesflug vollendet haben, und +eine neue, strahlende Krone wird über seinem Haupte glänzen." + +Er ergriff seinen Stahlhelm, der neben ihm auf einem Stuhl lag, richtete +sich hoch empor und verließ mit militairischem Gruß das Cabinet. + +Der König trat an's Fenster und richtete den sinnenden Blick auf das +Standbild Friedrich des Großen. Er bewegte leise die Lippen, ohne daß +hörbare Worte aus denselben hervordrangen. + +War es ein Gebet, das er sprach,--oder verkehrten seine Gedanken mit dem +Geiste seines großen Ahnherrn, der zuerst das alte Brandenburg in +Wahrheit zu einer Großmacht Preußens erhoben, der der Königskrone +Friedrich I. das schneidige siegreiche Schwert hinzugefügt hatte und der +wieder seinen Nachkommen die hohe Aufgabe hinterlassen hatte, durch +preußischen Geist und preußische Kraft einst das zerbröckelte +Deutschland zu einiger Macht und Herrlichkeit wieder aufzurichten? + +Die auf dem Platz vor dem königlichen Palais versammelte Menge erhob +beim Anblick des Königs die Hüte und laute Rufe grüßten den Monarchen. + +Der König dankte freundlich mit dem Kopfe nickend. Ein Ausdruck +heiterer, ruhiger Zuversicht erschien auf seinem Gesicht. Langsam wandte +er sich ab, um zur Königin zu gehen und mit seiner Gemahlin das letzte +Diner vor seiner Abreise zur Armee einzunehmen. + + * * * * * + +Es war halb sechs Uhr Abends. Dicht gedrängt standen die Menschenmassen +die Linden entlang, vom Thiergarten her bis zum Anhalter Bahnhof. Die +sonst so lauten und unruhigen Berliner hatten diesmal ihre gewöhnliche +Natur verleugnet, und eine fast lautlose Stille herrschte auf den dicht +belebten Straßen. + +Da kam vom königlichen Palais her ein einfacher zweispänniger Wagen mit +offenem Verdeck dahergefahren. Der König, im Überrock und Helm, fuhr, +von seiner Gemahlin begleitet, nach dem Bahnhof und blickte zum letzten +Mal ernst und gedankenvoll auf diese Straße seiner Residenz hin, welche +bereits so viele Herrscher seines Hauses gesehen hatte in den Tagen des +Glücks und des Unglücks, in den Tagen des Leidens und der Demüthigung, +wie in den stolzen Triumphzügen nach gewaltigen Siegen--immer aber in +gegenseitiger Liebe und Treue innig vereint mit ihrem Volk, welches das +Unglück mit ihnen getragen und opferfreudig sein Blut vergossen hatte +zur Erringung der Triumphe und Siege. + +Kein lauter Ruf ertönte, still und schweigend entblößten sich alle +Häupter und durch diese schweigenden, feierlichen Grüße hin fuhr der +königliche Wagen hinaus, während der König freundlich ernst mit der Hand +winkte und die Königin, von Bewegung überwältigt, ihr Taschentuch vor +die Augen drückte. + +Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den König der +Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgroßherzog von +Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz +Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Großherzogin +Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen +Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden +Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von +Kendell und neben den königlichen Prinzen den Grafen Bismarck, die +Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel; +die Angehörigen der Herren, welche den König begleiten sollten, waren +mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine +Tochter, in letzter wehmüthiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben +dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen +Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that--auch viele Damen der übrigen +Minister und der Hofchargen waren anwesend. + +Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie über der +Bevölkerung von Berlin, so lag auch über diesen höchsten Spitzen des +preußischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks. + +Der königliche Wagen fuhr an die Rampe, der König stieg aus und reichte +dann der Königin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann +blickte er hin über den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum +letzten Gruß die Hand. + +Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen, +wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klängen die Luft +erschütternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob +wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den +scheidenden König begrüßte. + +Dann trat abermals tiefe Stille ein. + +Der König winkte noch einmal mit der Hand, gab der Königin den Arm und +wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen +Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die +Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den königlichen +Kriegsherrn ansah, während er die in unwillkürlicher Bewegung erhobenen +Hände gegen ihn ausstreckte. + +Der König blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den +jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber faßte sie mit +seinen beiden Händen und führte sie an die Lippen, indem Thränen aus +seinen Augen stürzten. Dann faßte er sich, richtete sich in seinem Wagen +empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung: + +"Lieutenant von Sierrakowsky, Majestät--" + +"Ich weiß, ich weiß," sagte der König freundlich, durch einen Wink die +Meldung unterbrechend, "ich vergesse die Tapfern nicht, die für mich und +das Vaterland geblutet haben--Gott hat Ihnen nicht vergönnt, auch in +diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen--aber trösten Sie sich, Sie haben +dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre, +werden neue Helden schaffen." + +"Gott segne Eure Majestät!" sagte der junge Officier, mit erstickter +Stimme; "Gott segne unsere preußischen Fahnen!" + +Der König drückte dem armen Invaliden noch einmal herzlich die Hand und +trat dann in den Wartesaal. Nur wenige Worte sprach er mit den dort +Versammelten. Alle Damen reichten ihm Blumensträuße entgegen. + +"Ich kann sie nicht alle mitnehmen," sagte der König freundlich +lächelnd, indem er einen schönen Strauß aus den Händen der Gräfin +Itzenplitz entgegennahm. "Diese Blumen sollen mir eine Erinnerung an Sie +Alle und an Ihre guten Wünsche sein." + +Kein Auge blieb trocken, Alle drängten dem scheidenden König nach, der +an der Thür des Wartesaals die Königin umarmte und dann mit den Herren +des Gefolges schnell in das Coupé stieg. + +Dahin brauste der Zug nach dem Westen, nach dem Schauplatz des noch von +den dunklen Wolken der Zukunft verhüllten Krieges. + + + + +Zwölftes Capitel. + + +Der junge Cappei hatte in einem fast bewußtlosen Zustand stumpfer +Resignation die ersten Tage nach seiner Verhaftung in dem Amtsgefängniß +zu Bodenfeld zugebracht. Vergebens strengte er sich an, um die Fäden des +Netzes zu entdecken, das ihn so geheimnißvoll und unerklärlich umsponnen +hatte. Seine Gedanken verwirrten sich, das fortwährende Schweigen seiner +Geliebten, dieser so plötzliche und unerwartet gegen ihn erhobene +Vorwurf staatsgefährlicher Verbindungen, das Alles vermochte er in +keinen klaren Zusammenhang zu bringen, und nur wenn er auf den Verdacht +zurückkam, welchen die Handschrift des ihm vorgelegten Schreibens in ihm +erweckte, so erfaßte ihn ein heftiger Paroxismus des Zornes und der +Verzweiflung. + +Oft war er nahe daran nach Mitteln zu suchen, seinem so plötzlich von +der Höhe der glücklichsten Hoffnungen in die Tiefe eines vernichtenden +Schmerzes herabgestürzten Leben ein gewaltsames Ende zu machen, und nur +die von früher Jugend in ihm gepflegte gläubige Frömmigkeit gab ihm die +Kraft, diese traurige Existenz zu ertragen und ließ ihn die Hoffnung +nicht verlieren, daß die Vorsehung Wege finden würde, das Dunkel zu +erhellen, welches ihn umgab und seine Unschuld dem wider ihn erhobenen +Verdacht gegenüber an das Licht zu bringen. + +In dieser qualvollen Ungewißheit, allein mit seinen in demselben Kreise +sich stets bewegenden Gedanken brachte er drei furchtbare Tage zu, ohne +das Geringste von der Außenwelt zu hören oder zu sehen, als ein kleines +Stück des Himmels, das über eine hohe Mauer durch das vergitterte +Fenster seines Gefängnisses hereinsah. + +Dann wurde er zum ersten Verhör vorgeführt. Ein Untersuchungsrichter aus +der nächsten Stadt war in Bodenfeld erschienen, um in Gegenwart des +Amtmanns die Vernehmung des jungen Menschen vorzunehmen. + +Cappei antwortete auf alle an ihn gestellten Fragen im vollen Bewußtsein +seiner Schuldlosigkeit, und der günstige Eindruck, den seine klaren und +bestimmten Angaben, die sich in keinem Punkt widersprachen, auf den +Richter und den Amtsverwalter machten, war unverkennbar. + +Schon begann die Hoffnung in ihm aufzuleben, daß das Alles sich als ein +Mißverständniß herausstellen werde, da legte der Untersuchungsrichter +ihm aus den beim Amte geführten Acten eine Reihe von Briefen vor mit der +Frage, ob er die Handschrift kenne, und ob diese an ihn adressirten +Briefe unter ihren scheinbar unverfänglichen Worten einen andern Sinn +verbärgen. + +Der Richter sprach dabei zugleich nochmal die Ermahnung aus, durch ein +offenes Geständniß eine mildere Beurtheilung seiner Handlungen zu +ermöglichen, zu denen eine irre geleitete Anhänglichkeit an die frühere +Regierung seines Landes ihn bestimmt haben möchte. + +Der junge Cappei trat ruhig und unbefangen an den Tisch heran, um die +ihm vorgelegten Papiere näher zu betrachten und vielleicht durch +dieselben einen Anhalt zur Aufklärung des Mißverständnisses zu gewinnen. + +Kaum hatte er indeß einen Blick auf die Briefe geworfen, als eine +schnelle fliegende Röthe auf seinem Gesicht erschien. Seine kräftige +Gestalt zitterte und bebte, und wie zusammenbrechend stützte er sich mit +beiden Händen auf den Tisch, während seine groß geöffneten Augen mit dem +starren Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens auf den Papieren +hafteten. + +Er erkannte Luisens Handschrift, und als er sich so weit gesammelt +hatte, um die im ersten Augenblick vor seinen Augen hin und her +schwirrenden Buchstaben festhalten zu können, las er, in fliegender Hast +die Blätter umwendend, immer dringendere, immer sehnsuchtsvollere Bitten +um Nachricht, Besorgnisse, daß er krank sein möge, und voll Schmerz und +Verzweiflung sah er zwischen den Zeilen dieses Briefes das Bild seiner +Geliebten erscheinen, welche in gleicher Ungewißheit und Bangigkeit wie +er, gewartet und immer wieder gewartet und vergebens um Antwort und +Nachricht gefleht hatte. + +Ein dämonischer Einfluß hatte hier die Hand im Spiele gehabt, ein wohl +durchdachter Plan voll Hinterlist und Bosheit hatte sich zwischen diese +beiden liebenden Herzen gestellt, um nicht nur ihre äußere Verbindung zu +unterbrechen, sondern sie auch mit Mißtrauen gegen einander zu erfüllen +und ihre Liebe zu zerstören. + +Als er die Briefe sämmtlich durchflogen hatte, wurde ihm Alles +klar;--wie er schon beim ersten Verhör geglaubt hatte in dem ihm damals +vorgelegten an ihn gerichteten compromittirenden Brief die Hand des +Herrn Vergier zu erkennen, so wurde ihm jetzt vollkommen deutlich, daß +dieser und kein anderer der Urheber dieses Werkes finsterer Heimtücke +sei. Und eine wilde, wüthende Verzweiflung, ein brennender Durst nach +Rache bemächtigte sich seines ganzen Wesens. + +Schweigend starrte er fortwährend auf die vor ihm liegenden Briefe, als +sei plötzlich ein drohendes Gespenst vor ihm aufgestiegen, dessen kalte +Hand sich todtbringend nach seinem Herzen ausstreckte. + +Betroffen blickte ihn der Untersuchungsrichter an. Der ganze bisherige +Verlauf des Verhörs hatte einen günstigen Eindruck für den jungen Mann +in ihm hervorgebracht, dessen plötzliche, so sichtbar tiefe Bestürzung +jedoch schien jenen Eindruck wieder zu verwischen. + +"Kennen Sie diese Briefe?" fragte er mit strengem Ton. + +Der junge Cappei fuhr bei dieser Frage, die ihn aus seiner Betäubung +aufschreckte, empor und erwiderte, indem seine Stimme vor mächtiger +innerer Erregung zitterte: + +"Ja, ich kenne sie, sie sind an mich gerichtet,--es sind Briefe meiner +Braut, sie haben mir die Augen geöffnet über den ganzen heillosen Plan, +welchen eifersüchtiger Haß gesponnen, um uns von einander zu reißen. +Diese Briefe haben keinen verborgenen Sinn, sie bedeuten nur das, was +mit klaren Worten in ihnen geschrieben steht. Oh, mein Gott," rief er, +den brennenden Blick aufwärts richtend, "wie ist es möglich, daß so viel +Schlechtigkeit auf Erden wohnen kann." + +"Sie behaupten also," fuhr der Untersuchungsrichter fort, "daß dies +wirklich Briefe eines jungen Mädchens sind, und daß dieselben keine +Bedeutung haben?--Ich muß Ihnen sagen," fügte er hinzu, "daß Ihre so +heftige und sichtbare Bestürzung beim Anblick dieser Papiere nicht zu +Ihren Gunsten spricht, um so weniger als unmittelbar nach Ihrer Ankunft +ein Schreiben an Sie hierher gekommen ist, in welchem Ihnen die +mündliche Verabredung in's Gedächtniß zurückgerufen wird, die +Nachrichten, welche man von Ihnen erwartet und die Fragen, welche man an +Sie stellen würde, in die Form von einfachen Liebesbriefen zu kleiden." + +"Welch ein Abgrund,--welch ein Abgrund," rief der junge Cappei +verzweiflungsvoll. "Und kann ich jenen Brief sehen?" fragte er dann. + +Der Untersuchungsrichter nahm ein Papier und legte es ihm vor. + +"Ja, ja," rief Cappei heftig auffahrend, "es ist dieselbe Handschrift. +Es ist die Handschrift jenes Elenden, der mich um mein Glück betrügen +will, der es gewagt hat, mich in Frankreich als preußischen Spion zu +verdächtigen, und der nun durch seine teuflischen Künste mich hier als +Verschwörer verfolgen läßt. Ich schwöre Ihnen, meine Herren, das Alles +ist schändlicher Betrug, ich bin das Opfer der Hinterlist eines +Todfeindes, der mich verderben will. Ich bitte Sie um Gottes Willen, +lassen Sie mich einmal hier in Ihrer Gegenwart einen Brief an meine +Braut schreiben. Sie werden die Antwort sehen, Sie werden sehen, daß +nichts Geheimnißvolles, nichts Verfängliches dahinter steckt--" + +"Die Antwort würde vielleicht ebenso unverfänglich sein, als diese +Briefe es sämmtlich zu sein scheinen," sagte der Untersuchungsrichter +den Kopf schüttelnd. "Ich will zu Ihrem Besten hoffen, junger Mann, daß +Ihre Angaben die Wahrheit seien, indessen kann ich Ihnen nicht +verbergen, daß das Alles sehr unwahrscheinlich scheint,--ich will für +heute das Verhör schließen, um Ihnen Zeit zu lassen, wenn Sie etwas +auszusagen haben, durch ein umfassendes und aufrichtiges Geständniß Ihre +Lage zu erleichtern." + +"Darf ich nicht," fragte der junge Mann im Ton dringendster Bitte, "darf +ich nicht zwei Worte nur an meine Braut schreiben?" + +"Es würde zu nichts führen," sagte der Untersuchungsrichter, "denn eine +gleichgültige Antwort würde noch nichts zu Ihren Gunsten beweisen,--wenn +diese Briefe wirklich nur der Deckmantel einer geheimen Correspondenz +sind, so würde ohne den Schlüssel derselben, ohne Kenntniß der +chemischen Mittel," fuhr er fort, den Blick scharf auf den jungen Mann +richtend, "durch welche etwa andere geheime Schriftzeichen auf dem +Papier sichtbar werden, noch immer keine Klarheit in die Sache kommen. +Ich wünsche nochmals," sprach er dann, "daß Ihre Schuldlosigkeit an den +Tag kommen möge, denn ich habe hier über Sie und Ihre Familie nur Gutes +gehört. Wenn Sie jetzt unter dem auf Ihren Schultern ruhenden Verdacht +bleiben müssen, so trifft die Schuld zunächst davon Diejenigen, welche +nicht aufhören durch fortwährende Agitationen das Land zu beunruhigen, +und welche uns dadurch zwingen, mit den schärfsten Mitteln den +verborgenen Fäden nachzuspüren, durch die jene Agitation geleitet +wird." + +In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach seiner Gefängnißzelle +zurückführen. Es war eine Art von Ermattung über ihn gekommen, der +vernichtende Erfolg, welchen die vor seinen Augen jetzt klar liegende, +gegen ihn gespielte Intrigue gehabt, beraubte ihn fast des Glaubens an +die ewige Gerechtigkeit, und in stumpfer Resignation brachte er die dem +Verhör folgenden Tage zu, ohne sich von seinem Lager zu erheben, nur die +nothwendigsten Nahrungsmittel zu sich nehmend. Im Schmerz um sein +zerstörtes Liebesglück, um alle seine gebrochenen Lebenshoffnungen, +versank er in eine Art von dumpfer Lethargie, aus welcher nur die +brennende Sehnsucht emporflammte, sich an demjenigen zu rächen, dessen +Hand aus feiger Verborgenheit heraus ihn so tödtlich getroffen hatte. + + * * * * * + +Kaum hatte er die Tage gezählt, welche in diesem Zustande an ihm +vorübergegangen waren, seine ewig auf ein und denselben Punkt +gerichteten Gedanken erfüllten sein Gehirn und sein Blut mit Fieber, +seine Kräfte begannen sich zu erschöpfen,--zuweilen dachte er fast mit +Wonne daran, daß eine tödliche Krankheit ihn ergreifen und seinen Leiden +ein Ende machen könnte. Dann wieder versuchte er mit aller +Willenskraft, sich aufrecht zu erhalten, um das Ziel seines Lebens, die +Rache, nicht zu verlieren. + +Da trat eines Morgens der Amtsdiener in sein Zimmer und forderte ihn +auf, ihn zum Amtsverwalter zu begleiten. + +Cappei sprang auf, ein leiser Hoffnungsschimmer erfüllte ihn, vielleicht +war es doch möglich, daß man von seiner Unschuld sich überzeugt, +jedenfalls konnte ihm ein neues Verhör Gelegenheit geben, die gegen ihn +erhobenen Anklagen zu entkräften, und mühsam zwang er sich, seinen +schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das +Bureauzimmer folgte. + +Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in +kurzer Zeit in entsetzlicher Weise verändert hatte. + +Seine Augen blickten hohl und trübe, seine Wangen waren eingefallen, +sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet +über die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und +unwillkürlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels. + +"Setzen Sie sich," sagte der Amtmann freundlich. "Sie sind angegriffen. +Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu können, denn +ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben." + +Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er +ausgehalten, hatten ihn fast unfähig gemacht, das Gefühl der Hoffnung zu +empfinden. + +"Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen," sagte der Beamte ernst, "in +wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften +Übermuth seiner Erbfeinde zurückweisen. Beim Beginn dieses großen +nationalen Kampfes hat Seine Majestät der König eine allgemeine Amnestie +für politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklärung gegen +Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die +Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei." + +Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete +sich kräftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er: + +"Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, daß ich an Deiner Gerechtigkeit +gezweifelt habe. Es war ja unmöglich, daß das Werk finsterer Bosheit +triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurückkehren, ich +darf--" + +"Sie sind frei und außer aller Verfolgung," sagte der Beamte, "aber Sie +stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine +Einberufungsordre für Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in +Hannover zu stellen, um dem Regiment, für welches Sie bestimmt sind, +zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit," fuhr er mit einem forschenden +Blick auf den jungen Mann fort, "diese Pflicht zu erfüllen?" + +"Bereit?" rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, "bereit? +Oh, Herr Amtmann," fuhr er fort, den Arm erhebend, "geben Sie mir eine +Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land, +dessen Erde den Elenden trägt, der mich verderben wollte, und der das +Glück und die Hoffnung meines Lebens zerstört hat--er wird auch dort +nicht müßig gewesen sein," fügte er mit bitterm Lachen hinzu, "und +nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem +leidenden Herzen sich als tröstender Freund genähert haben--aber die +rächende Gerechtigkeit wird mich führen, daß ich auf den Wegen dieses +Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will, +vielleicht noch seine Pläne zu durchkreuzen." + +"Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gemäß zu stellen und den +Fahneneid zu leisten, den man natürlich nochmals von Ihnen verlangen +wird, da Sie früher dem Könige von Hannover geschworen haben." + +"Ich bin bereit," sagte Cappei. + +"Sie dürfen nicht vergessen," fuhr der Beamte ernst fort, "daß wenn Sie +den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer +Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion +begehen würden, welches im gegenwärtigen Kriegszustande unfehlbar die +Todesstrafe nach sich zieht." + +"Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann," rief Cappei, "ich werde mich +pünktlich stellen, und ich wünsche nur, daß mein Regiment das erste sei, +welches die französischen Grenzen überschreitet. Darf ich vorher meine +Mutter und meinen Oheim besuchen?" fragte er dann. + +"Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen," sagte der Beamte, +"vorausgesetzt, daß Sie sich pünktlich zur rechten Zeit zur Einstellung +melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, daß Ihre Angelegenheit dies Ende +genommen hat, und ich wünsche, daß Sie gesund und wohl behalten aus dem +Kriege zurückkehren mögen." + +Er neigte freundlich den Kopf. + +Cappei grüßte in militairischer Haltung und verließ kräftigen und festen +Schrittes das Zimmer. + +Groß war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims, +wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekümmerniß geherrscht hatte. + +Groß aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, daß sie +ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren +und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren +Krieges. + +Ernst und feierlich saßen die drei Menschen bei dem letzten Wahl +zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich für den Scheidenden +aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen berührte. + +Mit thränenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so +schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und +Gefangenschaft ihn getroffen, um noch größeren Gefahren +entgegenzugehen--finster saß der alte Niemeyer da. + +Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach +Frankreich hinausziehen, als daß dieser sich eine Heimath gesucht hätte +in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den +Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes +seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief. + +Doch endlich tröstete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles +zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten +markigen Niedersachsen so fest und unerschütterlich lebt und auch in den +schwersten Prüfungen ihren Muth aufrecht erhält. + +"Gott erhalte Dich, mein Junge," sagte er einfach, indem er kräftig die +Hand des Scheidenden schüttelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte, +so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den göttlichen +Willen in diesen Worten wieder. + +Die Mutter hatte den Ränzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und +Branntwein gefüllt, der Oheim fügte eine mit harten Thalern +wohlgespickte Börse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor +der alten Frau nieder. + +"Segne mich, meine Mutter," sagte er leise. + +Die Alte legte ihre zitternden Hände auf das Haupt des Sohnes und +bewegte ihre Lippen, ohne daß laute Worte aus denselben hervordrangen, +aber die Thränen, welche voll und heiß in diesem letzten Augenblick des +Scheidens aus ihren Augen strömten, fielen über das Haar des jungen +Mannes herab. Er fühlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und +heilige Rührung durchzitterte sein Herz,--er empfand all' den reichen +Segen, all' die heißen Gebete, all' die frommen Wünsche, welche die +Abschiedsthräne aus dem Mutterauge in sich schließt. + +Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und kräftig über den Hof +hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten +niedersächsischen Glauben, der an einen letzten Rückblick auf das +heimathliche Haus eine frohe und glückliche Heimkehr knüpft. + +Bald hatte er die nächste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine +Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken führte +ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und +Gefahr entgegen, während in seinem Herzen alle anderen Gefühle +zurücktraten vor der glühenden Sehnsucht, Rache zu nehmen für die +Frevelthat an seiner Liebe. + + + + +Dreizehntes Capitel. + + +Ein buntes und lärmendes Treiben herrschte in den Straßen und der +Umgebung von Metz. Die Wälle der alten Festungsstadt waren von den +weißen Zelten des Lagers der französischen Armee umgeben und Truppen +aller Waffengattungen durchzogen die Straßen der Stadt und des Lagers. + +Man sah die riesigen Cürassiere ernst und ruhig einherschreiten,--man +sah die bunten afrikanischen Truppen,--die leichtfüßigen Voltigeurs und +Jäger und all' dies Leben war von fröhlicher Heiterkeit und +Siegeszuversicht getragen,--die Truppen im Lager sangen, tranken und +spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit +Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, überzeugt, daß es nur eines +Vorstoßes dieser berühmten französischen Armee bedürfe, um siegreich und +unüberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen. + +Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte +mit dem kaiserlichen Prinzen in der Präfectur Wohnung genommen. Vor dem +Präfecturgebäude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die +glänzende Generalität mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und +Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines +militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein. + +Inmitten all' dieses Lärms und all' dieses Glanzes saß der Kaiser in der +Generalscampagneuniform trübe und niederschlagen in seinem Zimmer, +dessen Fenster durch dichte Vorhänge beschattet waren, um die heißen +Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der +Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit +einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder. + +Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte, +und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht +erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkürlichen Griff hatten +die Hände des Kaisers das Papier zerknittert. + +"Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee," sagte er, "welch ein +Chaos unter dieser glänzenden Außenseite--oh, warum habe ich nicht +vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und +unerbittlich vor meinem Blick öffnet,--jetzt wo keine Umkehr, kein +Einhalt des Verhängnisses mehr möglich ist. Ich habe eine Verständigung +im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen +von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenüberstehenden +Armeen das drohende Unheil beschwören zu können und die Concessionen zu +erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man +ist dort entschlossen, das Äußerste zu wagen. Diese Veröffentlichung des +Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an +die Mächte, das Alles beweist mir, daß alle Brücken abgebrochen sind, +und daß das furchtbare Verhängniß des Krieges seinen Weg gehen muß. Und +welche Hoffnungen bleiben mir," sprach er mit dumpfer Stimme, "mir, der +ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der +Hand halte." + +Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin. + +Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon, +welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz +trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen +Tenue trat seine Ähnlichkeit mit dem großen Kaiser noch mehr als sonst +hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug +von Carricatur hatte durch die weit stärkere Corpulenz des Prinzen, +durch seine unruhige Haltung und durch die nervösen zuckenden Bewegungen +seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesröthe +bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den +Kaiser hin und die dunklen Augen groß auf seinen wie gebrochen da +sitzenden Vetter richtend, rief er, hastig die Worte hervorstoßend: + +"Weißt Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?" + +Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust. + +"Ich habe," fuhr der Prinz fort, "schon als ich von den Haiden Norwegens +nach Paris zurückkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen +Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich über dieses Abenteuer +denke--das gefährlichste und verhängnißvollste, welches Du seit Deiner +Regierung unternommen,--was ich jetzt aber hier täglich, stündlich sehe +und erfahre, das übersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als +möglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne +Organisation, ohne Führung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder +dieser Soldaten für sich den alten Paladinen Karl's des Großen an +Tapferkeit gleichkäme, so ist es unmöglich, daß sie etwas ausrichten +können gegen die Tactik und die Ordnung des preußischen Generalstabes. +Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf muß ein Interesse haben, +Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche +Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklären." + +Der Kaiser schwieg noch immer. + +"Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?" + +"Der Frieden jetzt," sagte der Kaiser, "käme der Streichung des +französischen Namens aus der Reihe der Großmächte, käme der Abdankung +unserer Dynastie gleich," fügte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu. + +"Was aber denkst Du zu thun," rief der Prinz, "willst Du Dich, willst Du +uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschließen, +an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der +Ostsee zu übergeben. Ich bitte Dich, übertrage mir das Commando der +Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche +Streitkräfte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem +überwältigenden Angriff zu schützen." + +"Ich darf Rußland nicht verletzen," sagte der Kaiser, wie zögernd, +"auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des +preußischen Handels ausgesprochen--" + +"Willst Du nach Rußland fragen," rief der Prinz, zornig mit dem Fuß auf +den Boden stoßend, "nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die +Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres +Hauses?" + +"Der Marschall Leboeuf," meldete die dienstthuende Ordonnanz. + +"Dein böser Genius," sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster +hin, ohne den Gruß des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit +ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen +Stimme sagte: + +"Die Regimenter, welche Eure Majestät heute zu mustern befahl, stehen an +dem Eingang der Straße nach Thionville bereit, wenn Eure Majestät die +Gnade haben wollen, hinauszureiten." + +"Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die +Feldzugspläne besichtigen, als diese armen unglücklichen Truppen, die +verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlässigung, in +Augenschein zu nehmen," rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend. + +Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen +großen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an. + +"Das Alles ist von mir geordnet," sprach er, "und der Kriegsplan +sichert, wie ich glaube, so gut als das möglich ist, den Erfolg." + +"Der Kriegsplan," rief der Prinz, "das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr +Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie +von Straßburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon +auszustreuen, so daß sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig +unterstützen können. Der Vorstoß der preußischen Armee wird das Alles +aufrollen und zerbröckeln, ehe man überhaupt noch zum Nachdenken +gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird +vergebens sein. Wenn der Krieg," fuhr er immer heftiger fort, "in dem +Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit +vierzehn Tagen erklärt ist, so verstehe ich nicht, daß während die +deutsche Armee in erdrückenden Massen auf uns losrückt, man da nicht ein +einziges Corps mit dem Nöthigen versehen, vollständig hat hinstellen +können." + +Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die +zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem +Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton: + +"Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so +eben aus Paris erhalten habe." + +Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las: + +"General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris. + +Morgen werden wir kaum fünfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu +halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise +entblößt. Die Preußen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes." + +"Lesen Sie weiter," sprach der Kaiser, während der Prinz Napoleon die +Hände zusammenschlug. + +Der Marschall Leboeuf las: + +"Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in +Paris. + +Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch +Ausrüstungsgegenstände. Alles ist vollständig entblößt." + +"Weiter," sprach der Kaiser kalt und kurz. + +Der Marschall las die folgende Depesche: + +"Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert +tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration." + +"Immer weiter," sagte der Kaiser. + +Der Marschall fuhr fort, die nächste Depesche ergreifend. + +"Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Ich habe weder Kochtöpfe, noch Näpfe, die Kranken sind von Allem +entblößt. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe." + +"Endlich die letzte," sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine +Depesche reichte, die er noch zurückbehalten hatte. + +Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmäßigen Ton: + +"General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral +nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich weiß nicht, wo meine Regimenter +sind." + +Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran. + +"Dieser General," rief er, "welcher im Angesicht des Feindes seine +Armee sucht, das ist das Schlußwort aller dieser Lächerlichkeit, einer +Lächerlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragödie in sich +schließt, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein +wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hören, ich verlasse die Stadt +und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich länger in diesem Hauptquartier +bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen." + +Und ohne ein Wort zu sagen, stürmte er hinaus. + +"Sire," sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, "solche kleine +Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine große Armee sich +zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen." + +"Ich glaube nicht, Herr Marschall," sagte der Kaiser kalt, "daß ähnliche +Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wünsche, daß +dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein mögen. Sie werden +Ihre ganze Thätigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe,--denn, +Herr Marschall, die Verantwortung für die Folgen solcher Unordnungen +wird eine große und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte +lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen." + +Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, daß er kein +Wort weiter zu hören wünsche, wandte er sich von dem ganz erstaunt +dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thür näherte, öffnete sich +dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche +Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein. + +Er hielt einen Brief in der Hand, küßte schnell seines Vaters Hand und +rief mit fröhlichem Tone: + +"Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und +voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stück +vierblättrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir +Glück bringen werden. Ich werde die Blätter in ein Medaillon fassen +lassen und stets bei mir tragen." + +Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden +vierblättrigen Kleeblätter ganz stolz dem Kaiser entgegen. + +Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und +schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn +an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drückte seine Lippen auf +die reine Stirn und sagte: + +"Ich will zu den Truppen hinausreiten, Du sollst mich begleiten." + +Der Prinz steckte die Enveloppe mit den Kleeblättern, ganz überrascht, +daß sein Vater dieselben so wenig beachtete, in seine Uniform und ging +mit dem Kaiser hinaus. + +Der Marschall Leboeuf folgte ihnen. Man stieg zu Pferde. + +An der Spitze seines glänzenden Generalstabes ritt der Kaiser hinaus +durch die belebten Straßen der Stadt nach dem Felde. + +Auf der Straße von Thionville, wo zwei Brigaden der Garde aufgestellt +waren, begrüßten diese prächtigen Elitetruppen in ihrer musterhaften +Haltung den Kaiser mit jubelnden Hochrufen, in welche die in dichten +Massen umherstehenden einzelnen Soldaten laut und begeistert mit +einstimmten. Aber das Gesicht Napoleons erhellte sich nicht beim Anblick +dieser herrlichen Regimenter. Schweigend ritt er die Front ab, +schweigend ließ er die Truppen an sich vorbei defiliren und immer +schweigend wandte er nach kurzem Gruß, den Hut erhebend, sein Pferd, um +nach der Stadt zurückzureiten. + +Noch einmal brauste das vive l'empereur donnernd durch das Lager hin, +die Strahlen der Sonne funkelten auf allen diesen Waffenspitzen, auf +allen diesen Gold schimmernden Uniformen des Generalstabes, an dessen +Spitze der Kaiser gebeugt auf seinem Pferde sitzend, im langsamen +Schritt nach der Stadt zurückritt, während der kaiserliche Prinz +ungeduldig sein Pferd zügelte, um an der Seite seines Vaters zu bleiben. + +Überall grüßten erneute Hochrufe und die Klänge der Musikkorps, welche +partant pour la Syrie und die Marseillaise spielten. + +Der Kaiser schien von Allem dem nichts zu hören und zu sehen. +Ausdruckslos starrten seine Augen in's Leere und leise die Lippen +bewegend, sprach er: + + "Ave, Caesar, morituri te salutant!" + + + + +Ende des dritten Bandes. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen, Dritter +Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN, *** + +***** This file should be named 13659-8.txt or 13659-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/5/13659/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Todesgruss der Legionen, Dritter Band + +Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13659] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUss DER LEGIONEN, *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + +Der Todesgruss der Legionen + + + +Zeit-Roman + +von + +Gregor Samarow. + + + +Dritter Band. + + + + +Berlin, 1874. + +Druck und Verlag von Otto Janke. + + + + +Erstes Capitel. + + +Der Kaiser Napoleon ging in heftiger Bewegung in seinem Cabinet auf +und nieder; die krankhafte Abgespanntheit, welche sonst auf seinem +Gesicht zu liegen pflegte, war verschwunden, an deren Stelle war eine +lebhafte Aufregung getreten, seine Lippen zuckten, seine Augen blickten +unruhig hin und her, und sein sonst so wohl geordneter Bart war durch +das Spiel seiner zitternden Finger aus der Ordnung gebracht. + +Auf seinem Schreibtisch lag eine grosse Anzahl von Telegrammen ueber +einander geworfen. Er hielt eine Photographie in Cabinetformat in der +Hand, die er, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, aufmerksam betrachtete. + +"Welch eine Anhaeufung von Unruhe und Aufregung," sagte er mit einem +tiefem Athemzug, "die Erwartung wegen des Ausfalls des Plebiscits waere +allein genuegend, um mich in Spannung und in diese so schmerzvolle +Nervenerregung zu versetzen,--da muss noch dieses Complott hinzutreten, +das mir vor zehn Jahren gleichgueltig gewesen waere, das mir auch heute +gleichgueltig ist, so weit es sich dabei um die Gefahr fuer mein Leben +handelt,--diesem Complott aber liegt eine groessere Gefahr zu Grunde. Mein +Tod ist nur ein Theil des Plans, den man hier verfolgt, und so +abenteuerlich und thoericht diese Absicht der Zerstoerung der Tuilerien +und der oeffentlichen Gebaeude im ersten Augenblick erscheinen mag, so +liegt darin doch eine tiefe Kenntniss der so scharf concentrirten +Zustaende. Wuerde der Streich gelungen sein, so gehoerte ganz Frankreich +dem Aufstande. Und," sprach er dumpf, vor sich hin starrend, "bin ich +denn schon sicher, dass er nicht gelingen wird, bin ich sicher, dass was +heute verhindert ist, sich nicht morgen wiederholen kann." + +Er blickte lange auf die Photographie, welche er in seiner Hand hielt +und pruefte genau mit scharfem forschendem Blick die Zuege des Bildes. + +"Dieser Mensch," sagte er dann, "ist kein Fanatiker,--das ist kein +exaltirter Kopf, der aus ueberspannten Theorien in dem Gedanken sich fuer +eine grosse Idee zu opfern, zum Moerder wird,--dies Gesicht ist gemein und +gleichgueltig. Dieser Mensch ist einfach ein Werkzeug--und wenn er +unschaedlich gemacht wird, kann man Werkzeuge wie ihn ueberall +wiederfinden,--und man wird sie wiederfinden, wenn dieser Zustand +dumpfer Gaehrung weiter besteht, wenn die allgemeine Unzufriedenheit, +wenn das allgemeine Gefuehl der Erniedrigung Frankreichs, das in der That +in diesem Augenblick die oeffentliche Stimmung beherrscht, den tollkuehnen +Unternehmungen der Verschwoerer zu Huelfe kommt. Haben nicht vielleicht +Diejenigen doch Recht," sagte er in tiefem Gedanken, "welche mir rathen, +durch eine militairische Aktion das Gefuehl der Nation wieder mit dem +Kaiserthum zu verbinden." + +Er warf die Photographie auf den Tisch und ging die Haende auf den Ruecken +gelegt, den Kopf tief auf die Brust gesenkt mehrere Male langsam im +Zimmer auf und nieder. + +"Eine glaenzende Action," sagte er dann--"ja--aber wenn sie nicht +glaenzend waere--wenn das launenhafte Glueck _nicht_ ueber meinen Fahnen +schwebte--was dann? Dann wuerde all das Unheil, welches jetzt unter der +Oberflaeche glimmt, in hellen Flammen emporlodern, und diese Flammen +wuerden ueber den Truemmern meines Gebaeudes zusammenschlagen--warum aber +soll das Glueck sich von mir wenden?" rief er dann stehen bleibend und +den aufleuchtenden Blick seines grossen geoeffneten Auges auf eine +Marmorbueste Caesars richtend, welche auf schwarzem Fuss in der Naehe seines +Schreibtisches stand. "War es mir doch bisher guenstig wie jenem Roemer, +dem Vorbild meines Hauses, der zwar unter den Dolchen der Verschwoerer +fiel, auf dessen Thaten aber sich der glaenzende Thron des Augustus +erbaute,--warum vermag ich nicht mehr an mein Glueck zu glauben--wenn +dieses Plebiscit guenstig ausfaellt, so steht ja wieder der Wille der +ganzen Nation hinter mir, und auf diese neue Kraft gestuetzt, sollte ich +es wohl wagen koennen, dem Glueck zu gebieten, denn das Glueck beugt sich +dem kuehnen Muth und dem festen Entschluss,--aber wenn das Plebiscit +unguenstig ausfaellt," sprach er, wieder in sich zusammensinkend, mit +dumpfem traurigem Ton. "Doch nein," rief er dann, "nein, das ist +unmoeglich, Alles ist gut vorbereitet, und die ersten Nachrichten ueber +den Erfolg der Abstimmungen lauten ueberraschend guenstig." + +Er trat an den Tisch und durchblaetterte die auf demselben liegenden +Telegramme. Dann nahm er einen Bleistift, schrieb einige Zahlen ab und +addirte dieselben. + +"Paris," sagte er, "Marseille, Toulouse, Bordeaux, die schlimmsten +Staedte haben abgestimmt, und dennoch ergiebt sich nach den vorliegenden +Nachrichten bereits eine Summe von einer Million 400,000 Stimmen fuer +"Ja" und nur 200,000 fuer "Nein." Wenn es so weiter geht, so ist der Sieg +gewiss." + +Der Dienst thuende Kammerdiener meldete den Gross-Siegelbewahrer. + +"Er ist willkommen," rief der Kaiser lebhaft und ging rasch nach der +Thuer hin, durch welche Herr Ollivier laechelnd und freudig bewegt +eintrat. Er ergriff mit tiefer Verneigung die dargebotene Hand des +Kaisers, zog dann einige Telegramme aus seiner Tasche und rief, ohne die +Anrede seines Souverains abzuwarten: + +"Alles geht vortrefflich, Sire, bis heute morgen war das Resultat von +hundertundsechzig Wahlbezirken bekannt. Die Zahl der eingetriebenen +Waehler betrug 3,671,400 davon haben 2,614,000 mit Ja gestimmt und +432,000 mit Nein. So eben," fuhr er fort, "habe ich dieses zweite +Telegramm erhalten, nach welchem nunmehr bis auf sechsundzwanzig +Wahlbezirke die Resultate saemmtlich bekannt sind. Fuer Ja stimmten +hiernach 6,399,000, mit Nein 1,349,000. Die Stimmen der Armee und der +Marine und der Bevoelkerung von Algier sind hierbei noch nicht +mitgerechnet; da die Gesammtzahl der Stimmenden ungefaehr auf acht bis +zehn Millionen anzuschlagen ist, so ist eine colossale Majoritaet bereits +gesichert." + +Der Kaiser athmete tief auf und drueckte noch einmal herzlich die Hand +seines Ministers. + +"Das Glueck steht mir noch zur Seite," sagte er halblaut, mehr seinem +fruehern Gedankengang folgend, als zu Herrn Ollivier sprechend. "Dies +glaenzende Resultat," sagte er dann mit unendlich liebenswuerdiger +Verbindlichkeit, "habe ich zum grossen Theil meinen Ministern und Ihnen +ins Besondere, mein lieber Herr Ollivier, zu verdanken, da Sie es +verstanden haben, die Sympathien des ganzen Volkes um die kaiserliche +Regierung zu vereinigen, und vielleicht war dieses unglueckliche traurige +Complott, das man entdeckt hat, ebenfalls eine glueckliche Fuegung, da +gerade dadurch dem ganzen Lande klar geworden ist, von welchen Gefahren +die Ordnung des Staats und der Gesellschaft bedroht wird, von Gefahren, +gegen welche nur ein freisinniges und kraftvolles kaiserliches Regiment +Schutz und Rettung bieten kann. Seien Sie ueberzeugt, dass ich die +Dienste, welche Sie dem Lande, mir und meinem Hause geleistet haben, +niemals vergessen werde." + +Herr Ollivier verneigte sich mit zufriedenem Laecheln. + +"Eure Majestaet haben ganz mit Recht bemerkt," sagte er dann, "dass das +verbrecherische Complott, welches die Wachsamkeit der Polizei vor +einigen Tagen entdeckt, sehr guenstig auf die Theilnahme der gut +gesinnten Bevoelkerung auf die Abstimmungen gewirkt hat,--dessen +ungeachtet" fuhr er fort, "bleibt die Sache sehr zu beklagen, denn +Alles, was man bis jetzt ermittelt hat, zeigt deutlich, dass man es hier +mit einem tief angelegten Plan unversoehnlicher Verschwoerer zu thun hat, +und ich bitte Eure Majestaet zu genehmigen, dass nicht wie in fruehern +aehnlichen Faellen die Angelegenheit mit der Ihnen persoenlich so nahe +liegenden Milde behandelt, sondern dass hier mit der aeussersten Strenge +vorgegangen werde, um ein fuer allemal ernstlich und nachdruecklich von +aehnlichen Unternehmungen abzuschrecken. + +"Es widerstrebt mir," sagte der Kaiser mit einem sanften weichen +Ausdruck, "Unternehmungen, welche gegen meine Person und mein Leben +gerichtet sind, mit aeusserster Strenge zu verfolgen. Nach meinem Gefuehl +moechte ich Wahnsinnige, die derartiges versuchen, am liebsten voellig +ungestraft lassen, und das um so mehr in einem Augenblick, in welchem +mir das ganze Volk auf eine so glaenzende Weise sein Vertrauen bezeigt. +Doch," fuhr er ernster fort, "es handelt sich hier nicht allein um mich, +man hat nicht nur mich bedroht, sondern zugleich die Sicherheit des +ganzen Staatsgebaeudes, wie ich dasselbe unter Mitwirkung der besten +Kraefte des Landes und der Acclamation des ganzen Volkes errichtet habe; +hier darf keine Milde walten! Was hat man weiter entdeckt," fuhr er +fort. "Ich bin sehr gespannt auf die Ermittelung des Zusammenhangs der +Verschwoerung." + +"Der Polizeipraefect befindet sich in Eurer Majestaet Vorzimmer," +erwiderte Herr Ollivier, "und wenn Sie es erlauben, kann er hier +sogleich seinen Bericht erstatten, und Eure Majestaet koennen die +Massregeln genehmigen, welche ich zur gerichtlichen Verfolgung der +Verbrecher und zum Schutz der oeffentlichen Sicherheit vorschlagen +moechte." + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf. + +Herr Ollivier ging hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem +Polizeipraefecten Pietri zurueck, dessen bleiches, scharfes Gesicht +unbeweglich und kalt wie immer war und dessen scharfe Augen fast noch +stechender als gewoehnlich unter dem tiefen Schatten der vorspringenden +Stirn hervorblickten. + +Auf den Wink des Kaisers nahmen der Justizminister und der +Polizeipraefect neben dem Schreibtisch Platz, waehrend Napoleon sich in +seinen Lehnstuhl niedersinken liess,--den Ellenbogen auf das Knie +gestuetzt blickte er Herrn Pietri fragend und erwartungsvoll an. + +"Eurer Majestaet," begann dieser, indem er eine kleine Mappe oeffnete und +mehrere Papiere aus derselben hervorzog, "erlaube ich mir mitzutheilen, +dass der fruehere Corporal Beaury in seiner Wohnung in der Rue St. Maur, +die er nach seiner Ankunft aus London bezogen hatte, verhaftet wurde. +Man hat bei ihm einen Dolch und einen Revolver, eine Summe von etwas +ueber dreihundert Francs gefunden, zugleich aber auch vor allen Dingen +Briefe von Gustav Flourens aus London, welche zweifellos beweisen, dass +Beaury den Auftrag erhalten und angenommen hatte, Eure Majestaet durch +die Bomben zu toedten, von denen ich Ihnen bereits eine Probe zu +ueberreichen die Ehre gehabt habe." + +"Die Sprengbomben sind vortrefflich construirt," sagte der Kaiser--"ich +wuerde ihrer Wirkung nicht entgangen sein," fuegte er laechelnd hinzu. + +"Die Briefe von Flourens," fuhr Pietri fort, "welche ich Eurer Majestaet +hier vorzulegen die Ehre habe"--er legte mehrere beschmutzte Papiere auf +den Tisch vor dem Kaiser nieder, beweisen aber zugleich, dass es sich +nicht nur um ein Attentat gegen Allerhoechst Ihre Person handelte, +sondern dass zu gleicher Zeit die Tuilerien und die saemmtlichen +oeffentlichen Gebaeude, in welchen die leitenden Organe der oeffentlichen +Regierung ihren Sitz haben, zerstoert werden sollten. Man hat auf die +Aussage Beaury's gestuetzt, welcher sogleich nach seiner Verhaftung +umfassende Gestaendnisse ablegte, Nachforschungen gehalten und bei einem +Kunsttischler Roussel, dessen die Agenten leider bis jetzt noch nicht +habhaft geworden sind, eine weitere groessere Anzahl von Bomben, Massen +von Nitroglycerin, so wie bedeutende Quantitaeten Petroleum gefunden; +auch steht nach den Aussagen Beaury's die Theilnahme der Internationale +an der ganzen Verschwoerung ausser Zweifel, was zugleich beweist, dass +diese Verbindung, welche sich nur mit der Eroerterung socialer Fragen und +mit der Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes zu beschaeftigen +vorgiebt, die eigentliche Triebfeder aller Attentate gegen die +bestehende Staatsordnung ist." + +"Haben Sie alle diese Beweisstuecke da," fragte der Kaiser. + +"Zu Befehl, Majestaet," erwiderte Pietri, indem er mehrere Briefe und +Protokolle dem Kaiser ueberreichte. + +Dieser legte sie auf seinen Tisch. + +"Ich werde das Alles spaeter pruefen," sagte er. "Es ist eine schmerzliche +Erfahrung fuer mich," fuhr er fort, "dass gerade diese internationale +Arbeiterassociation, welcher ich, so weit sie sich mit dem Interesse +der Arbeiter beschaeftigte, stets wo das mit den Gesetzen vereinbar war, +mein Wohlwollen bewiesen, und meinen Schutz gewaehrt habe, sich jetzt zu +solchen Zwecken missbrauchen laesst." + +"Ich habe Eure Majestaet stets darauf aufmerksam gemacht," sagte Pietri, +"dass diese Organisation selbst unter ihren frueheren gemaessigten, so zu +sagen philosophischen Fuehrern eine grosse Gefahr fuer den Staat und die +Gesellschaft in sich schloss, und dass es nothwendig sei, mit der +aeussersten Strenge gegen dieselbe vorzugehen, um sie und ihren weit +verzweigten Einfluss zu zerstoeren. Nachdem nun ihre gefaehrlichen und +verbrecherischen Ziele so klar an's Tageslicht getreten sind, moechte ich +Eure Majestaet um die Erlaubniss bitten, die ganze Internationale mit +einem Schlage zu zertruemmern, und in allen Staedten Frankreichs ihre +Fuehrer, die mir sehr wohl bekannt sind, verhaften zu lassen." + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +"Ich erkenne die Nothwendigkeit energischer Massregeln vollkommen an," +sagte er, "doch weiss ich nicht, ob die Verhaftung der Fuehrer von einigem +Nutzen sein wird. So weit mir aus frueheren Berichten die Organisation +jener Gesellschaft bekannt ist, hat jeder Fuehrer einen Substitut, und +die Verhaftung der ersten Leiter wuerde also fuer die Unterdrueckung der +Sache selbst nicht viel nuetzen, ausserdem gehoert dieser Internationale +eine Menge von Arbeitern an, die im Grunde gut gesinnt sind und die +verbrecherischen Absichten der Haeupter weder kennen, noch billigen. Ich +glaube deshalb, dass es klug waere, den Massregeln, welche gegen die +Internationale getroffen werden muessen, jeden polizeilichen Character zu +nehmen und sie lediglich als die Folgen richterlichen Verfahrens +erscheinen zu lassen." + +Er richtete den Blick fragend auf Herrn Ollivier. + +"Ich theile vollkommen die Ansicht Eurer Majestaet," sagte dieser. "Und +es sind in diesem Sinne alle Einleitungen getroffen, der +Generalprocurator Grandperret soll einen Bericht an mich erstatten, +welcher das Complott in seinem ganzen Zusammenhange darstellt und die +Einberufung des hohen Gerichtshofes beantragt. Ich werde diesen Bericht +des Generalprocurators, der bereits morgen in meinen Haenden sein soll, +Eurer Majestaet ueberreichen und zugleich den Entwurf eines Decrets +beilegen, welcher die Einberufung des hohen Gerichtshofes anordnet. +Sobald das geschehen, werden alle Verhaftungen, welche auf Grund der von +dem Generalprocurator Grandperret anzustellenden Anklageacte +vorgenommen werden muessen, gerichtliche und nicht mehr polizeiliche +Massregeln sein." + +"Sehr gut," sagte der Kaiser, "ich erwarte Ihren Bericht, mein lieber +Herr Ollivier, und ich hoffe," fuegte er sich zu Pietri wendend hinzu, +"dass Ihre Agenten geschickt genug sein werden, um keinen der Schuldigen +entwischen zu lassen." + +"Eure Majestaet koennen ueberzeugt sein," erwiderte der Polizeipraefect, +"dass in meinem Ressort geschehen wird, was nur irgend zu thun moeglich +ist, dennoch aber moechte ich bitten, einige Personen welche ich dem +Herrn Generalprocurator bezeichnen werde, von der Verhaftung +auszuschliessen. Es sind die Personen welche wir genau zu ueberwachen in +der Lage sind, und durch welche wir in Folge dieser Ueberwachung +fortwaehrend Kunde von den Faeden erhalten, durch welche die revolutionaere +Bewegung im ganzen Lande geleitet wird. Wuerden diese Personen verhaftet +werden, so wuerde uns sich eine Quelle sehr wichtiger Nachrichten +verschliessen, und wir wuerden gezwungen sein, viele Zeit aufzuwenden, um +neue Netze zu knuepfen." + +Der Kaiser laechelte. + +"Ich verstehe," sagte er--"nicht wahr, mein lieber Herr Ollivier, Sie +finden den Wunsch des Herrn Pietri gerechtfertigt--" + +"So fern dadurch," sagte der Justizminister, "der gerichtlichen +Verfolgung keine Beweise entzogen werden." + +"Sie koennen sicher sein," sagte Herr Pietri, "dass diejenigen Personen, +um welche es sich handelt,--und zu denen in erster Linie der eitle +Schwaetzer Raoul Rigault gehoert, so vollstaendig umstellt sind, dass keine +ihrer Bewegungen, keines ihrer Worte uns entgeht, und dass ihre +Verhaftung, wenn sie jemals nothwendig werden sollte, jeden Augenblick +stattfinden kann. Es ist aber eine alte Regel der polizeilichen Praxis," +fuegte er hinzu, "in grossen und besonders bedeutungsvollen Faellen immer +einige der betreffenden Personen in scheinbarer Freiheit zu lassen, um, +wenn es noethig ist, durch sie das herstellen zu koennen, was man mit dem +technischen Ausdruck eine "Mausefalle" nennt. Hat man einmal alle +Personen, von denen man irgend etwas weiss, im Gefaengniss eingeschlossen, +so ist es kaum moeglich, irgend etwas Weiteres und Neues zu erfahren." + +"Ich bitte Sie also," sagte Herr Ollivier, "sich mit dem +Generalprocurator Grandperret ueber diesen Punkt zu verstaendigen." + +"Der Herr Marschall Kriegsminister," meldete der Kammerdiener. + +"Ich bitte den Marschall einzutreten," erwiderte der Kaiser. + +Der Marschall Leboeuf trat in das Cabinet, die militairische Haltung +seiner grossen vollen Gestalt, der martialische Ausdruck seines starken +Gesichts mit dem grossen, dichten Schnurrbart liessen in ihm trotz des +Civilueberrocks, den er trug, den Soldaten erkennen. + +"Nun, mein lieber Marschall," rief ihm der Kaiser entgegen. "Sie bringen +das Resultat der Abstimmungen der Armee." + +"Zu Befehl, Majestaet," erwiderte der Marschall. "Leider aber habe ich +Eurer Majestaet mitzutheilen, dass nach den Mittheilungen, welche nunmehr +beinahe abgeschlossen sind dreissigtausend Ihrer Soldaten mit "Nein" +gestimmt haben." + +Der Kaiser liess einen Augenblick das Haupt auf die Brust sinken, ein +trueber, trauriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. + +"So grossen Einfluss," sagte er, "haben die Feinde meiner Regierung also +auch in den Reihen meiner Armee gewonnen, dass dreissigtausend kaiserliche +Soldaten es wagen, ein Misstrauensvotum gegen mich auszusprechen." + +"Ich habe Eure Majestaet," sagte Herr Pietri, "bereits seit lange darauf +aufmerksam gemacht, dass es vom polizeilichen Gesichtspunkt aus nicht +zweckmaessig sei, die Soldaten so lange, wie das jetzt geschehen ist, oft +ueber drei Jahre lang in denselben Garnisonen zu lassen, sie +fraternisiren dadurch zu sehr mit der Bevoelkerung, und es sind gerade +die revolutionaeren Elemente, welche in kluger Berechnung und mit grossem +Geschick stets danach streben, in den Reihen der Armee Propaganda zu +machen,--wenn Eure Majestaet Ihre Regimenter oefter die Garnisonen +wechseln liessen, so wuerde so etwas nicht vorkommen." + +"Wir wollen darueber nachdenken," sagte der Kaiser, sich zum Marschall +Leboeuf wendend. "Wo sind denn besonders Stimmen mit Nein abgegeben +worden," fragte er, augenscheinlich noch immer sehr peinlich durch die +Mittheilung des Marschalls beruehrt. + +"Vor allen Dingen hier in Paris," erwiderte der Marschall Leboeuf, +"bei dem siebenzehnten Jaegerbataillon und dem siebenzehnten +Linienregiment.--In der Kaserne Prinz Eugene," fuhr er fort, "hatte +sich, wie man mir meldete, die Garnison bei der Abstimmung in zwei, fast +ganz gleiche Theile gespalten. Ich bin selbst dorthin gegangen, habe die +Truppen antreten lassen und eine Ansprache an sie gehalten, in welcher +ich ihnen auseinandersetzte, dass gerade in diesem Augenblick, in +welchem die Revolution es versucht habe, die bestehende Staatsordnung +umzustuerzen, die feste Treue der Armee gegen den Kaiser eine hohe +patriotische Pflicht sei." + +"Und," fragte der Kaiser. + +"Ein einstimmiges, laut schallendes Vive l'Empereur war die Antwort," +erwiderte der Marschall. "Ich glaube," fuhr er fort, "dass bei dem +negativen Votum der einzelnen Soldaten mehr der Reiz massgebend gewesen +ist, einmal ungestraft und unbeengt durch Disciplinarvorschriften ein +wenig Opposition machen koennen. Ich glaube aber nicht, dass diese +Opposition gefaehrlich ist, und dass irgend ein Theil der Armee es an +Energie in der Bekaempfung der Revolution fehlen lassen wuerde, wenn es +jemals dazu kaeme." + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +"Der Faubourg du Temple ist unruhig, wie Sie mir heute gemeldet haben," +sagte er zu Pietri gewendet. + +"Zu Befehl, Majestaet," erwiderte dieser. "Es finden dort +Zusammenrottungen statt. Bis jetzt ist noch nichts Ernstes geschehen, +als dass einige Laternen umgeworfen wurden, indessen ist zu besorgen, dass +mit dem Eintritt der Dunkelheit dort ernstere Unruhen stattfinden +moechten, und meine Agenten haben mir bereits berichtet, dass +Vorbereitungen zum Barrikadenbau getroffen wurden." + +"Commandiren Sie, mein lieber Marschall, das siebenzehnte Jaegerbataillon +und das siebente Linienregiment heute Abend nach dem Faubourg du Temple, +um gegen die Ruhestoerungen, welche man dort versuchen moechte, +einzuschreiten. Ich will den Truppen zeigen, dass ich ihr Recht des +freien Votums achte, und das mein Vertrauen in die Erfuellung ihrer +Dienstpflicht durch den Gebrauch ihres Stimmrechts auch gegen mich nicht +erschuettert werden kann. Nun aber," fuhr er fort, indem er sich in einer +kraeftigeren Bewegung als sonst erhob und den Blick stolz und frei ueber +die in seinem Cabinet befindlichen Personen gleiten liess, "ist es +nothwendig, zu der Verfolgung der Verschwoerer durch die Gerichte +Massregeln zu treffen, um den Staat gegen alle Attentate zu schuetzen, +welche vielleicht dennoch von denen versucht werden koennten, die sich +bisher der Wachsamkeit der Behoerden zu entziehen wussten. Lassen Sie, +mein lieber Marschall," sprach er im festen Ton des Befehls, der keine +Eroerterung und keinen Widerspruch duldet, "die Truppen saemmtlich in den +Kasernen consigniren, die Truppen sollen scharfe Patronen erhalten und +jeden Augenblick marschbereit sein. Commandiren Sie ferner nach allen +oeffentlichen Gebaeuden wenigstens zwei Bataillone, welche vor Allem den +Befehl erhalten muessen, jeden Eintritt unbekannter Personen +zurueckzuweisen und die Keller und Souterrainraeume zu ueberwachen. +Sodann," fuhr er fort, "sollen die Voltigeurs der Garde saemmtlich in die +Gallerien commandirt werden, welche den Pavillon des kaiserlichen +Prinzen mit dem Neubau vereinigen. Ich werde dem General Frossard den +Befehl schicken, dass der Prinz seine Wohnung nicht verlaesst, man koennte +seinen Wagen fuer den Meinigen halten, und er koennte das Opfer eines +gegen mich gerichteten Attentats werden. Das darf nicht geschehen, denn +auf seinem Leben beruht die Zukunft Frankreichs. Jeder Unruhe," fuhr er +immer in demselben festen Ton fort, "welche heute Abend in den Strassen +von Paris stattfinden koennte, soll sofort mit scharfer Waffe und ohne +jede Schonung entgegen getreten werden. Die Corpsfuehrer sind mir +verantwortlich dafuer, dass keine Barricade laenger als eine halbe Stunde +stehen bleibt,--vor Allem," fuegte er noch hinzu, "sollen starke Posten +in das Erdgeschoss des Pavillons des kaiserlichen Prinzen gelegt werden +und Niemand dort zugelassen werden, der sich nicht durch seinen Dienst +oder durch einen besonderen Erlaubnissschein legitimiren kann. Ausserdem +werden Sie, mein lieber Pietri," sagte er, sich an den Polizeipraefecten +wendend, "den Pavillon des Prinzen ringsum mit Ihren zuverlaessigen +Agenten umgeben lassen, mit dem bestimmten Befehl, Niemand die +Annaeherung an denselben zu gestatten." + +Herr Ollivier sah ganz erstaunt den Kaiser an, der Ton desselben, +welcher an die Zeit des unumschraenkten persoenlichen Regiments erinnerte, +schien ihn zu befremden. + +"Und welche Sicherheitsmassregeln befehlen Eure Majestaet," sagte Herr +Pietri, "fuer den Pavillon de l'Horloge,--fuer Eurer Majestaet eigene +Wohnung?" + +"Keine," sagte der Kaiser stolz laechelnd, "ich habe die Pflicht, fuer die +Sicherheit des Staates und des Erben meines Thrones zu sorgen. Was mich +betrifft,--ich vertraue meinem Stern!--Gehen Sie, meine Herren," sagte +er mit freundlicher Wuerde und Hoheit, "und sorgen Sie fuer die puenktliche +Ausfuehrung meiner Befehle. Sie, mein lieber Ollivier, bitte ich, noch zu +bleiben, ich habe noch weiter mit Ihnen zu sprechen." + +Der Marschall Leboeuf und Herr Pietri zogen sich zurueck. + +"Sie wissen," sagte der Kaiser, als er mit dem Grosssiegelbewahrer +allein war, "dass die Kaiserin nach der Verfassung des Reichs zur +Regentin bestimmt ist, fuer den Fall meiner Abwesenheit oder meines Todes +waehrend der Minderjaehrigkeit des Prinzen. Dieser Beaury ist gefangen," +fuhr er fort, "aber man koennte einen Zweiten und einen Dritten absenden, +und irgend ein ploetzliches Ereigniss koennte meinem Leben ein Ende +machen." + +"Sire," rief Ollivier, die Hand auf die Brust legend, "die Vorsehung +wird verhueten--" + +"Ich hoffe das," sagte der Kaiser kalt und ruhig, "indessen muss ich fuer +den Fall eines verhaengnissvollen Ereignisses meine Bestimmung treffen, +als ob es sich um eine dritte Person handelte. Sollte ich," fuhr er +fort, "das Opfer eines Dolches, eines Revolvers oder einer Bombe werden, +so werden Sie unverzueglich die ganze Garnison von Paris unter die Waffen +treten lassen, meinen Sohn zum Kaiser proclamiren und die Truppen ihm +und der Regentin den Eid der Treue schwoeren lassen. Sie werden jeden +Versuch einer Bewegung in der Hauptstadt mit ruecksichtsloser Strenge +niederwerfen und die Regierung genau so fortfuehren, als ob sich Nichts +geaendert habe--Nichts," fuegte er mit einem Anklang leiser Wehmuth hinzu, +"als dass neben dem Namen des Kaisers eine IV statt einer III steht. +Besprechen Sie mir das, geben Sie mir Ihr Wort darauf." + +Er streckte Ollivier mit einer Bewegung voll Hoheit und liebenswuerdiger +Herzlichkeit zugleich die Hand hin. + +"Ich schwoere es Eurer Majestaet," rief Ollivier mit einer von innerer +Bewegung erstickten Stimme, indem er seine Hand in die des Kaisers +legte. + +"So haben wir Vorsorge getroffen," sprach Napoleon im ruhigen, heiteren +Ton weiter, "fuer den Fall eines ungluecklichen Verhaengnisses, jetzt +lassen Sie uns an die Gegenwart und ihre Forderungen herantreten. +Nachdem das Plebiscit dem Kaiserreich von Neuem die feste Grundlage des +Nationalwillens gesichert hat, muessen wir darauf denken, die Regierung, +selbst wenn sie sich in einem provisorischen Stadium befindet, wieder zu +consolidiren. Das Ministerium der auswaertigen Angelegenheiten vor allen +Dingen, welches Sie seit dem Ruecktritt des Grafen Daru mit so grosser +Opferbereitwilligkeit neben der Last aller Ihrer uebrigen Arbeiten +gefuehrt haben, muss, wie es mir scheint, definitiv besetzt werden." + +Herr Ollivier schien durch diese Bemerkung des Kaisers nicht besonders +angenehm beruehrt zu werden. + +"Es ist mir eine Freude gewesen, meine Arbeitskraft auch in diesem +erhoehten Masse dem Dienste Eurer Majestaet zu widmen. Und bis zu diesem +Augenblick," fuegte er mit einem gewissen selbstbewussten Laecheln hinzu, +"ist mir diese Last nicht zu schwer geworden. Nicht, um mich den +vermehrten Arbeiten zu entziehen, moechte ich Eure Majestaet zur Besetzung +des auswaertigen Portefeuille draengen." + +"Ich weiss, mein lieber Minister," sagte der Kaiser verbindlich, "dass Sie +keine Muehe scheuen, und dass Ihre eminente Kraft auch die schwerste Last +leicht zu ertragen im Stande ist. Indessen wird die gesammte politische +Leitung der Regierung Sie in der naechsten Zeit, in welcher alles jetzt +Geschaffene befestigt werden muss, so sehr in Anspruch nehmen, dass ich +nicht die Detailarbeiten Ihnen auch noch aufbuerden moechte. Es kommt +darauf an," fuhr er fort, "einen Minister der auswaertigen +Angelegenheiten zu finden, welcher die fuer den internationalen Verkehr +erforderliche Geschmeidigkeit mit dem festen Willen und der Kraft +vereint, die Wuerde und die Interessen Frankreichs nach aussen hin +energisch zu vertreten, und welcher zugleich mit den Grundsaetzen, nach +welchen Sie zu meiner grossen Freude meine Regierung fuehren, voellig +uebereinstimmt. Ich habe geglaubt, dass Drouyn de L'huys, welcher bereits +mehrere Male die auswaertige Politik Frankreichs gefuehrt hat, im +wesentlichen die erforderlichen Eigenschaften besitzt, es wuerde nur +darauf ankommen, ob Sie glauben, mit demselben in inniger und +aufrichtiger Uebereinstimmung zusammen arbeiten zu koennen." + +Herr Ollivier schien noch immer unter dem Eindruck einer gewissen +Verstimmung sich zu befinden. + +"Ich achte Herrn Drouyn de L'huys hoch," sagte er mit einiger +Zurueckhaltung, "er ist ein Mann von grosser und ausgedehnter Erfahrung, +von tiefen Kenntnissen und grosser Charakterfestigkeit. Freilich," fuhr +er fort, "sagt man, dass diese Charakterfestigkeit zuweilen ein wenig die +Grenzen des Eigensinns streifen soll,--" + +"Man hat nicht ganz Unrecht," fiel Napoleon, leicht das Haupt neigend, +ein. "Indess glaube ich, dass es Ihnen bei Ihrer Gewandtheit, Andere zu +ueberzeugen, nicht schwer werden wuerde"-- + +Die Fluegel der Thuer des kaiserlichen Cabinets wurden geoeffnet. Der +Huissier meldete die Kaiserin. + +Unmittelbar darauf trat Ihre Majestaet schnell ein, ihre Hand leicht auf +den Arm des kaiserlichen Prinzen gelegt. Das schoene Gesicht der Kaiserin +leuchtete vor freudiger, innerer Erregung, ihre Augen strahlten, ein +triumphirendes Laecheln lag auf ihren Lippen, hoch und stolz trug sie das +Haupt auf dem wunderbar schoenen, schlanken Halse. + +Der kaiserliche Prinz war damals vierzehn Jahre alt, seine Gestalt war +schlank und schmaechtig, seine Haltung elegant und sicher, sein bleiches +Gesicht mit dem dichten, dunkel glaenzenden Haar, schien aelter als seine +Jahre, fruehzeitige koerperliche Leiden hatten ihm einen gewissen Ausdruck +von fast melancholischer Weichheit gegeben. Seine Stirn zeigte eine +auffallende Aehnlichkeit mit derjenigen des Kaisers, waehrend der untere +Theil des Gesichts, die Nase und der Mund lebhaft an seine Mutter +erinnerten. Seine dunklen, sinnigen Augen blickten aufmerksam forschend, +es lag in denselben neben einer gewissen, kindlichen, wohlwollenden +Offenheit, doch auch ein gewisses pruefendes Misstrauen. + +Der Prinz trug einen einfachen schwarzen Civilanzug und kuesste, nachdem +die Kaiserin den Kaiser begruesst, mit liebevoller Ehrerbietung die Hand +seines Vaters. + +"Ich komme mit unserm Louis," rief die Kaiserin, "um die Erste zu sein, +welche Ihnen zu dem so glaenzenden Ausfall des Plebiscits von ganzem +Herzen Glueck wuenscht, und zugleich," sagte sie, mit anmuthiger Bewegung +sich zu Ollivier wendend, "dem geistvollen und treuen Rathgeber, dessen +eifriger Thaetigkeit wir vor allen Dingen dieses glueckliche Resultat zu +verdanken haben, auch meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank zu +sagen." + +Sie reichte Ollivier ihre Hand, auf welche dieser seine Lippen drueckte. + +"Es scheint," sagte der Kaiser, "als ob gerade in diesem Augenblick, in +welchem das Glueck uns laechelt, die finsteren Daemonen der Revolution von +Neuem ihr Haupt erheben, hoffentlich zum letzten Mal. Ich habe," fuhr er +fort, "soeben, obgleich mir das gerade in diesem Augenblick mehr als je +widerstrebt, die Befehle zur energischen Verfolgung der Schuldigen +gegeben und zugleich zum Schutz des Staats und der Dynastie die +Voltigeurs der Garde in den Pavillon des Prinzen gelegt. Und Du, mein +lieber Louis," sagte er, leicht mit der Hand ueber das Haar seines Sohnes +streichend, "wirst in den naechsten Tagen Dir gefallen lassen muessen, die +Tuilerien nicht zu verlassen, so lange wenigstens, bis das Complott in +allen seinen Verzweigungen entdeckt und unschaedlich gemacht sein wird." + +"Oh, Papa," rief der junge Prinz mit blitzenden Augen, "ich fuerchte mich +nicht, moegen sie nur kommen, ich werde mich zu vertheidigen wissen, +und" fuegte er hinzu, den glaenzenden Blick aufwaerts gerichtet, "Gott wird +nicht erlauben, dass die ruchlosen Plaene dieser Verschwoerer gelingen." + +"Ich bin ueberzeugt, dass Du Dich nicht fuerchtest, mein Sohn," sagte der +Kaiser, indem er seinen Blick voll stolzer Freude auf dem Prinzen ruhen +liess--"Du wuerdest sonst nicht im Stande sein, Frankreich zu beherrschen, +aber Dein Leben gehoert der Zukunft Deines Landes, Du darfst es wohl in +der Schlacht fuer die Ehre und den Ruhm Frankreichs einsetzen, aber es +soll nicht die Beute heimtueckischer Meuchelmoerder werden. Wo ist der +General Frossard?" fragte er. + +"Der General hat den Prinzen hierher begleitet," erwiderte die Kaiserin, +"er befindet sich im Vorzimmer." + +Napoleon oeffnete selbst die Thuer seines Cabinets und rief den General. +Dieser, ein Mann von etwa fuenfzig Jahren mit einem laenglichen, ernst und +streng blickenden Gesicht trat ein und erwartete schweigend die Befehle +des Kaisers. + +"Mein lieber General," sagte Napoleon, "ich bitte Sie, dafuer Sorge zu +tragen, dass der Prinz bis auf weitere Befehle sein Zimmer nicht verlaesst, +und dass er keine Audienzen ertheilt, welche ich nicht vorher genehmigt +habe. Gehe mit dem General, mein Sohn," fuhr er fort, dem Prinzen +freundlich auf die Schulter klopfend, "und beschaeftige Dich ein wenig +mit Deinen Studien, ich werde spaeter zu Dir kommen und ein wenig sehen, +was Du treibst." + +Der Prinz zoegerte einen Augenblick, ein leichter Anflug von Unmuth +erschien auf seinem Gesicht, er kuesste die Hand seines Vaters, umarmte +zaertlich die Kaiserin und verliess, vom General Frossard gefolgt, das +Cabinet. + +"Ich habe soeben einen Brief von Gramont erhalten," sagte die +Kaiserin--"er sendet uns seine aufrichtigsten Wuensche fuer den +gluecklichen Ausfall des Plebiscits und ist entzueckt ueber die ersten +Nachrichten, welche der Telegraph nach Wien gebracht hat, und welche +bereits erwarten lassen, was sich inzwischen vollzogen hat. Ich wuerde +Dir den Brief vorlesen," sagte sie mit einem laechelnden Seitenblick auf +Ollivier, "wenn ich nicht fuerchten muesste, den Herrn Grosssiegelbewahrer +in Verlegenheit zu setzen. Der Herzog ist in der That einer seiner +gluehendsten Bewunderer, er preist Frankreich und das Kaiserreich +gluecklich, einen solchen Mann zu den ihrigen zu zaehlen. + +Es ist nur zu bedauern," fuegte sie mit einem leichten Seufzer hinzu, +"dass der Herzog so fern von hier auf entlegenem Posten in Wien sich +befindet, er waere ein vortrefflicher Bundesgenosse des Herrn Ollivier, +er wuerde keinen anderen Ehrgeiz haben, als dessen Leitung zu folgen und +mit seinem Eifer und seiner Energie die Ideen auszufuehren, an denen +dieser so reich und so fruchtbar ist," sagte sie, mit einem reizenden +Laecheln sich gegen den Justizminister verbeugend, der einen schnellen, +forschenden Blick auf den Kaiser richtete. + +Napoleon hatte den Kopf ein wenig niedergesenkt, sein verschleierter +Blick richtete sich ausdruckslos zu Boden. + +"Euer Majestaet hatten so eben die Gnade," sagte Ollivier, indem er sich +halb zur Kaisern wendete, "mit mir ueber die Besetzung des auswaertigen +Ministeriums zu sprechen und den Namen des Herrn Drouyn de L'huys zu +nennen"--ein finsterer Schatten flog einen Augenblick ueber die Zuege der +Kaiserin, aber unmittelbar nahmen dieselben wieder ihren ruhig +laechelnden, fast gleichgueltigen Ausdruck an. + +"Drouyn de L'huys," sagte sie, "wuerde reiche Erfahrungen fuer diesen +Posten mitbringen,--er ist ja auch, so weit ich davon gehoert habe, im +Ganzen vollkommen einverstanden mit der gegenwaertigen Richtung der +Regierung. Ich bedaure nur Herrn Ollivier," fuegte sie in heiterem Tone +hinzu, "er wird ein wenig Muehe haben, mit Herrn Drouyn de L'huys fertig +zu werden, derselbe haelt viel auf seinen eigenen Willen. Aber," sagte +sie, "es wird ja am Ende nicht schwer sein, sich ihm zu accommodiren, er +ist ein Mann von vielem Geist und so viel aelter als Herr Ollivier--" + +Sie schwieg abbrechend. + +Der Justizminister schien einen Augenblick mit seinen Gedanken +beschaeftigt, dann wandte er sich, wie einem schnellen Entschluss folgend, +zum Kaiser und sagte: + +"Ich habe Eure Majestaet, vorhin die Meinung ausgesprochen, welche ich +ueber Herrn Drouyn de L'huys hege. Ich kann indess eine Bemerkung nicht +unterdruecken, welche ein wenig gegen die Uebertragung des auswaertigen +Ministeriums an ihn sprechen moechte. Herr Drouyn de L'huys gilt in Folge +der Verhaeltnisse, unter denen er das Portefeuille im Jahre 1866 +abgegeben, fuer einen grossen Gegner Preussens und fuer einen Fuersprecher +kriegerischer Unternehmungen." + +"Drouyn de L'huys will durchaus den Frieden aufrecht erhalten wissen," +sagte der Kaiser schnell. + +Der Blick der Kaiserin flammte auf, sie machte eine leichte Wendung und +fuehrte einen Augenblick ihr Taschentuch an die Lippen. + +"Ich glaube, dass Herr Drouyn de L'huys den Frieden will," erwiderte +Ollivier, "indessen die Welt und namentlich das Ausland glaubt einmal +das Gegentheil von ihm, es waere vielleicht zu befuerchten, dass seine +Ernennung von den fremden Maechten, in's Besondere von dem Berliner +Cabinet mit Misstrauen aufgenommen werden moechte, und in diesem +Augenblick, in welchem wir so sehr mit den inneren Fragen beschaeftigt +sind, wuerde eine Truebung der auswaertigen Beziehungen die Erfuellung der +Aufgaben, welche wir dem Willen Eurer Majestaet gemaess uns gesteckt haben, +sehr erschweren. Es waere vielleicht gut, das auswaertige Ministerium +einem Manne zu uebertragen, welcher seit laengerer Zeit dem Mittelpunkt +der Politik fern gestanden hat, und aus dessen Vergangenheit man keine +beunruhigenden Schluesse zu ziehen im Stande ist. Ihre Majestaet die +Kaiserin," fuhr er fort, "hatten so eben die Guete gehabt, mitzutheilen, +dass der Herzog von Gramont sehr freundliche Gesinnungen fuer meine +geringe Person hegt. Ich bin gewiss, Eure Majestaet wissen, dass ich weit +davon entfernt bin, mich durch persoenliche Eindruecke leiten zu lassen, +um so mehr als ich in diesem Falle glaube, dass die Sympathie des +Herzogs von Gramont vor allen Dingen den Prinzipien gilt, welche ich in +Uebereinstimmung mit Eurer Majestaet auszufuehren unternommen habe, und in +dieser Beziehung wuerde ich allerdings ein Zusammenwirken mit einem +Manne, der vollstaendig von denselben Grundsaetzen durchdrungen ist, nur +fuer sehr nuetzlich halten koennen." + +"Wuerden Sie nicht," fragte die Kaiserin laechelnd,--"Sie, der buergerliche +Stoiker, Scheu haben, durch den Herzog von Gramont sich dem Faubourg St. +Germain zu sehr zu naehern?" + +"Ich achte alle Klassen der Gesellschaft," sagte Ollivier in +pathetischem Ton, "wenn sie sich den Ideen, welche den Staat in unseren +Tagen leiten muessen, unterwerfen, und wenn der alte historische Adel +Frankreichs sich entschliessen koennte, den Wegen des Kaisers und seiner +Regierung zu folgen, so wuerde die ganze Nation dabei gewinnen." + +"Sie nehmen die Sache ernst", sagte die Kaiserin leicht hin--"ich habe +gar keine Ansicht aussprechen und am wenigsten den Erwaegungen vorgreifen +wollen." + +"Die Andeutungen Eurer Majestaet," sagte Ollivier, waehrend der Kaiser +fortwaehrend unbeweglich schwieg, "verdienen indess die hoechste Beachtung +und vielleicht hat--Euer Majestaet verzeihen mir," fuegte er, sich leicht +verneigend hinzu, "hier der weibliche Instinct schneller das Richtige +getroffen, als es die ernsthaftesten und tiefsten Erwaegungen haetten +finden koennen. Je mehr ich darueber nachdenke, um so mehr will es mir +scheinen, als ob der Herzog von Gramont in der That eine sehr geeignete +Persoenlichkeit fuer das auswaertige Ministerium waere." + +Der Kaiser stand auf. + +"Wir wollen darueber nachdenken," sagte er in einem Tone, der jede +weitere Unterredung darueber abschnitt, "sobald das Plebiscit beendet +sein wird. Fuer jetzt bitte ich Sie," fuhr er zu Ollivier gewendet fort, +"mich zu begleiten, wenn Ihre Zeit es erlaubt, ich will einen Augenblick +auf der Terrasse des Tuileriengartens spazieren gehen." + +"Um Gottes Willen," rief die Kaiserin erschrocken, "ganz Paris ist in +unruhiger Bewegung, noch hat man nicht die Tiefe der Beschwoerung +ergruendet, noch sind nicht alle Mitschuldige ermittelt und gefangen--ich +bitte Sie, Louis, setzen Sie Sich einer solchen Gefahr nicht aus! Wie +leicht koennte eine jener entsetzlichen Bomben Sie treffen, bleiben Sie +im reservirten Garten." + +Der Kaiser laechelte. + +"Sie koennen Sich ueberzeugen, Eugenie," sagte er, "dass ich fuer die +Sicherheit des Prinzen gesorgt habe,--ich selbst will meinen Feinden und +allen Franzosen zeigen, dass wenn es ihnen vielleicht gelingen kann, mich +zu toedten, sie doch nicht dahin kommen werden, mich einzuschuechtern." + +Er bewegte schnell die Glocke auf seinem Schreibtisch und nahm seinen +Hut und sein spanisches Rohr. Der Huissier oeffnete die Thuerfluegel. Der +Kaiser gab seiner Gemahlin den Arm und fuehrte sie durch das Vorzimmer, +in welchem der Dienst thuende Adjutant und der Kammerherr der Kaiserin, +wartete, bis zum Eingang zu ihren Appartements. + +Dann stuetzte er seinen Arm auf den des Herrn Ollivier, stieg mit ihm die +Treppe herab und schritt langsam nach der reservirten Terrasse des +Tuileriengartens, indem er dem Adjutanten befahl, zurueckzubleiben. + +Langsam schritt er unmittelbar an der Rampe dieser Terrasse nach der +Place de la Concorde hin auf und nieder, indem er sich stets so wandte, +dass er an der dem Platze zugekehrten Seite ging. + +Bald hatte man ihn erkannt, eine ziemlich dichte Menge sammelte sich +unterhalb der Terrasse an und laute Rufe begruessten den Kaiser. + +Napoleon dankte mit der Hand, trat dicht an den Rand der Terrasse und +blickte lange auf die immer mehr anwachsende Menge herab. + +"Sie sehen," sagte er laechelnd, sich zu Ollivier wendend, "dass das +Schicksal noch nicht mit mir enden will. Es gehoert wahrlich wenig dazu, +um mich von dort unten her zu treffen." + +"Je naeher Euer Majestaet Ihrem Volke treten," sagte Ollivier, "um so +sicherer werden Sie vor allen Angriffen sein--auch ich gehoerte einst zu +Ihren Gegnern; es hat nichts weiter bedurft, als dass Euer Majestaet mir +erlaubten, in Ihre Naehe zu treten, um mich zu Ihrem treuesten und +ergebenden Diener zu machen." + +Der Kaiser dankte mit einer leichten Neigung des Hauptes fuer diese in +etwas rhetorischem Tone ausgesprochene Schmeichelei, legte wieder seinen +Arm in den des Ministers und setzte noch eine halbe Stunde lang seinen +Spaziergang fort, indem er mit der ihm eigentuemlichen bezaubernden +Liebenswuerdigkeit von allen moeglichen Dingen plauderte, aber trotz aller +Anspielungen Olliviers es vermied, das Thema der Besetzung des +auswaertigen Ministeriums wieder zu beruehren. + + + + +Zweites Capitel. + + +Es war ungefaehr um die neunte Abendstunde desselben Tages, als der +Geheimsecretair Pietri durch den besonderen Eingang aus seinem Bureau in +das Cabinet des Kaisers trat. + +Napoleon sass ernst und gedankenvoll in seinem Lehnstuhl, er trug den +Campagneueberrock der Generalsuniform und rauchte eine jener kleinen +Cigarretten von tuerkischem Taback, welche er sich selbst bereitete, +traeumerisch den kleinen Rauchwolken nachblickend, welche durch das von +einer grossen, auf dem Schreibtisch stehenden Lampe nur matt erleuchtete +Zimmer dahinzogen. + +Er richtete sich beim Eintritt Pietris leicht empor und sagte, indem er +seinen Vertrauten mit freundlichem Laecheln gruesste. + +"Haben Sie nach der Rue de Bondy gesendet?" + +"Zu Befehl, Majestaet," erwiderte Herr Pietri, "die Dame ist hier und +wartet in meinem Zimmer." + +Der Kaiser stand auf. + +"Es waere doch wohl besser gewesen, unerkannt dort hinzugehen. Ich +erleichtere ihr Metier zu sehr, wenn sie weiss, mit wem sie es zu thun +hat." + +"Aber, Sire," sagte Pietri, "in diesen Tagen in jene Gegenden sich zu +begeben, das waere nicht mehr Verachtung der Gefahr, das waere +Tollkuehnheit, und wenn Euer Majestaet dort erkannt worden waeren, wenn +irgend ein Unglueck sich ereignet haette, so wuerde man mit Recht ein +solches Unternehmen als verbrecherisch verurtheilen." + +"Sie haben vielleicht Recht," sagte der Kaiser-- + +--"auch kann man ja hier die Allwissenheit der Priesterin des Pietismus +pruefen, lassen Sie die Dame kommen--Mademoiselle--?" versetzte er +fragend. + +"Mademoiselle Lesueur," erwiderte Pietri. + +Der Kaiser nickte mit dem Kopfe. + +Pietri ging hinaus und fuehrte nach wenigen Augenblicken durch die +Portiere eine junge Dame von achtzehn bis neunzehn Jahren in das +Cabinet, waehrend er selbst einen ganz einfachen Tisch von leichtem +unpolirten Holz in der Hand trug und in die Mitte des Zimmers +niedersetzte. + +Der Kaiser gruesste die junge Dame mit verbindlicher Artigkeit und +betrachtete sie mit forschendem Blick. + +Mademoiselle Lesueur war eine aeusserst elegante und sympathische +Erscheinung, sie trug ein dunkles, einfaches Seidenkleid um den Hals mit +einer kleinen Spitzenkrause geschlossen. Ihr dunkelbraunes Haar war in +leichten Flechten um den Kopf gewunden, ihr zartes Gesicht dessen +durchsichtige Blaesse von einer feinen Roethe auf den Wangen belebt wurde, +war von klassischer Schoenheit, ihre dunklen Augen mit den auffallend +langen Wimpern waren voll Geist, Lebendigkeit und Sanftmuth zugleich, +und um ihren zierlichen und frischen Mund lag ein Zug von fast +kindlicher Harmlosigkeit und Naivitaet. + +Sie verneigte sich ohne alle Befangenheit mit den Manieren der besten +Gesellschaft vor dem Kaiser, welcher ganz erstaunt schien, die beruehmte +Sybille in der Gestalt eines so anmuthigen, jungen Maedchens zu +erblicken. + +"Man hat mir viel erzaehlt," sagte der Kaiser, "von der besonderen, +eigentuemlichen Kraft, welche Sie besitzen, das Reich der Geister zu +oeffnen. Und da ich mich fuer alle solche Dinge interessire, durch welche +man versucht, den Schleier der Geheimnisse zu lueften, welche unser Leben +umgeben, so habe ich gewuenscht, eine Probe Ihrer Kunst zu sehen." + +"Es macht mich gluecklich," erwiderte Fraeulein Lesueur mit einer ungemein +wohltoenenden, etwas tiefen Stimme, "Euer Majestaet Wunsch zu erfuellen. Es +ist keine geheimnissvolle Kunst dabei," fuhr sie fort, "meine Mutter +hatte die Kraft, durch das Medium dieses kleinen Tisches eine Verbindung +mit dem unsichtbaren Reich der Geister herzustellen. Diese ihre Kraft +ist auf mich uebergegangen, und nach ihrem Tode habe ich es versucht, wie +sie die Geister sprechen zu lassen,--es ist mir in vielen Faellen +gelungen, und ich hoffe, dass es mir auch Euer Majestaet gegenueber +gelingen wird." + +"So beginnen wir," sagte der Kaiser. + +Pietri stellte zwei Stuehle einander gegenueber an den kleinen Tisch. + +Mademoiselle Lesueur setzte sich auf den einen, zog ihre Handschuhe +aus,--legte die Spitzen ihrer zierlichen Finger leicht auf die +Tischplatte und sagte: + +"Wollen Euer Majestaet die Gnade haben, mir gegenueber Platz zu nehmen." + +Der Kaiser setzte sich mit einem fast unwillkuerlichen Laecheln an die +andere Seite des Tisches. + +"Ich bitte Euer Majestaet," sagte Fraeulein Lesueur, "Ihre Haende ebenso +wie ich auf die Platte legen zu wollen." + +Der Kaiser that es. + +Fraeulein Lesueur schwieg einen Augenblick. Dann schlug sie ihre dunklen +Augen mit schwaermerischem Ausdruck empor und sprach mit halb lauter +Stimme: + +"Allmaechtiger, dreieiniger Gott, der Du herrschest auf der Erde, wie in +den Hoehen des Himmels und in den Tiefen der Hoelle, ich bitte Dich den +Geistern, die ich in Deinem Namen rufe, zu erlauben, dass sie aus ihren +Wohnungen herabsteigen und auf meine Fragen antworten, zu verkuendigen, +was sie wissen und was Du ihnen erlaubst, zu sagen." + +Der Kaiser hoerte ganz erstaunt diesen im Ton des inbruenstigen Gebets +gesprochenen Worten zu. + +"Befehlen Euer Majestaet," sagte die junge Dame sodann, "dass ich einen +bestimmten Geist rufen soll, oder wollen Sie den mir persoenlich +befreundeten Geist hoeren." + +Abermals konnte der Kaiser ein leichtes Laecheln nicht unterdruecken. + +"Ich bitte Sie zunaechst Ihren Geist kommen zu lassen, Mademoiselle," +sagte er. + +"Es ist der Geist meiner Mutter," erwiderte Mademoiselle Lesueur, "und +er wird sogleich erscheinen." + +Sie beugte sich ein wenig nieder und fluesterte eine unverstaendliche +Formel leise vor sich hin. + +Wenige Augenblicke darauf begann der Tisch leise zu zittern. + +Der Kaiser drueckte die Haende staerker auf die Platte, allein die +unruhige, beinahe wellenfoermige Bewegung des Holzes vermehrte sich immer +mehr und mehr. Nach kurzer Zeit hob sich der Tisch auf der Seite des +Kaisers ein wenig in die Hoehe und blieb in dieser schwebenden Stellung +stehen. + +"Der Geist ist da," sagte Mademoiselle Lesueur, "und bereit, Euer +Majestaet zu antworten. Ich bitte, Euer Majestaet, zu fragen,--es ist aber +nicht noethig, dass Sie die Frage aussprechen, Sie koennen Sie in Gedanken +stellen, die Geister haben die Kraft, die Gedanken zu lesen." + +Der Kaiser dachte einen Augenblick nach. + +"Kann mir der Geist," fragte er, "den Namen nennen, an welchen ich in +diesem Augenblick denke?" + +"Wie heisst der Name?" fragte Mademoiselle Lesueur mit gesenktem Haupt +und leiser Stimme. + +Der Tisch setzte sich sogleich in eine lebhafte Bewegung. Er schwankte +einige Male stark hin und her, dann senkten sich die beiden erhobenen +Fuesse desselben nieder, und in rascher Folge begann er scharf und +vernehmbar auf das Parquet zu klopfen, immer nach einer gewissen Zahl +von Schlaegen inne haltend. + +Mademoiselle Lesueur folgte aufmerksam diesen Schlaegen, mit leiser +Stimme sagte sie: B-e-a-u-r-y. + +"Der Name, an den Euer Majestaet gedacht, heisst Beaury," sprach sie dann +ruhig und bestimmt, den Blick fest auf den Kaiser richtend. + +Napoleon zuckte zusammen, erschrocken blickte er in das laechelnde +Gesicht der jungen Dame. + +"Sie haben Recht," sagte er, "der Geist hat den Namen richtig gelesen." + +Er bog sich einen Augenblick zurueck und blickte unter den Tisch, dessen +Fuesse unmittelbar an der Platte befestigt waren. + +Die vier Fuesse standen vollkommen frei, auf dem Boden, Mademoiselle +Lesueur etwas vorgebeugt, sass so weit zurueck, dass nicht einmal der Saum +ihres Kleides die Fuesse des Tisches beruehrte. + +Der Kaiser schuettelte den Kopf und legte die Haende wieder auf den Tisch. + +"Da Ihr Geist," sagte er, "den Namen gelesen hat, an welchen ich +gedacht, so wird er mir auch eine andere Frage beantworten koennen, +welche sich an diesen Namen knuepft." + +"Ich bitte Euer Majestaet," sagte Mademoiselle Lesueur, "die Frage in +Ihren Gedanken zu formuliren--" + +Abermals begann der Tisch zu schwingen und zu zittern, diesmal staerker +als vorher. + +Nach kurzer Zeit schlugen die Fuesse abermals regelmaessig und schnell +hinter einander auf das Parquet. + +"Wollen Sie die Guete haben, zu schreiben," sagte Mademoiselle Lesueur, +sich zu Pietri wendend, welcher schnell ein Blatt Papier und einen +Bleistift nahm und die Buchstaben notirte, welche Mademoiselle Lesueur +in schneller Folge ihm sagte. + +Der Tisch hielt an. + +"Wollen Sie die Antwort lesen," sagte die junge Dame, zu Herrn Pietri +gewendet. + +Pietri las. + +"Der Kaiser wird ruhig im Kreise der Seinen sterben, keine Waffe weder +in der Schlacht noch in der Hand des Meuchelmoerders wird seinem Leben +Gefahr bringen." + +"Diese Antwort passt allerdings auf meine Frage," sagte der Kaiser, "aber +sagt sie die Wahrheit?" + +"Es steht Eurer Majestaet frei, zu glauben oder nicht," erwiderte +Mademoiselle Lesueur, "ich fuer meine Person bin davon ueberzeugt, dass die +Geister die Wahrheit sagen, wenn sie sie kennen--sie sind nicht +allwissend--das ist Gott allein--aber sie wissen viel, und namentlich +ist ihnen die Macht gegeben, das Schicksal derer zu lesen, mit denen +ihre koerperliche Huelle einst durch die Bande des Blutes verbunden war. + +"Noch eine Frage," sagte der Kaiser, "wer ist mein bester Freund?" + +"Euer Majestaet haetten nicht noethig gehabt, die Frage auszusprechen," +sagte Mademoiselle Lesueur. + +Der Tisch begann seine Schwingungen, die Schlaege ertoenten auf dem Boden. + +Mademoiselle Lesueur fluesterte die Buchstaben vor sich hin, dann sagte +sie. + +"Die Antwort des Geistes heisst: Napoleon." + +Der Kaiser liess den Kopf auf die Brust sinken, in tiefem Schweigen sass +er einen Augenblick da. + +"Der Geist hat Rechte," sagte er halblaut, "Niemand ist der Freund eines +Souverains, als er selbst, und aus mir allein muss ich die Entschluesse +schoepfen, in mir allein die Kraft suchen, zu erfuellen, was ich mir +vorgesteckt." + +"Doch," rief er, indem er den brennend aus den Schleiern seiner +Augenlider hervortretenden Blick auf Mademoiselle Lesueur richtete, +"kann Ihr Geist mir sagen, wer mein groesster und gefaehrlichster Feind +ist?" + +Abermals bewegte sich der Tisch und Mademoiselle Lesueur buchstabirte: + +"Orleans." + +"Wunderbar," rief der Kaiser, indem er finster vor sich niederblickte. +"Es ist, als ob der Geist in den schwarzen Gedanken lesen koennte, welche +Tag und Nacht auf dem Grunde meiner Seele einher ziehen," fluesterte er +leise vor sich hin. "Noch eins," fragte er dann laut, "kann mir Ihr +Geist den Namen nennen, welcher bestimmt ist, die Stelle auszufuellen, +ueber welche ich in diesem Augenblick nachdenke." + +Das Spiel des Tisches begann wieder, und Mademoiselle Lesueur sagte, die +einzelnen Buchstaben verfolgend: + +"Gramont." + +Betroffen zuckte der Kaiser zusammen. + +"Sind Sie schon einmal hier in den Tuilerien gewesen," fragte er rasch. +"Haben Sie irgend Jemand aus dem Schlosse gesprochen? Ich bitte Sie, mir +die Wahrheit zu sagen,--die zu erfahren ich in jedem Fall im Stande +bin," fuegte er in strengem Tone hinzu. + +"Ich war niemals hier im Schlosse," sagte Mademoiselle Lesueur mit +offenem, freiem Blick und unbefangenem Laecheln, "ich habe Niemanden von +hier jemals gesehen, bis dieser Herr hier," sie deutete auf Pietri, +"heute zu mir kam und mich ersuchte, ihm hierher zu folgen." + +"Seltsam--sehr seltsam" sagte der Kaiser, augenscheinlich tief bewegt +durch die Antworten, welche er erhalten. + +"Sie haben mir vorhin gesagt, sprach er dann--ein wenig zoegernd, indem +er die junge Dame scharf anblickte, dass die Geister besonders klar ueber +das Schicksal derjenigen zu antworten im Stande sind, mit denen sie +durch besonders nahe Bande verbunden sind?"-- + +"So ist es, Sire," erwiderte Mademoiselle Lesueur.--"Der Geist meiner +Mutter sieht in allen Dingen, die mich betreffen, klarer als in den +Angelegenheiten ueber welche andere Personen Fragen stellen." + +"Koennen Sie einen Geist citiren," fragte der Kaiser, "den ich Ihnen +bezeichnen wuerde." + +"Eure Majestaet haben nicht noethig, den Geist zu nennen," sagte Fraeulein +Lesueur,--"Sie duerfen nur Ihre Gedanken fest auf denselben richten,--das +genuegt." + +"Wie kann ich aber wissen, ob wirklich der Geist spricht, den ich zu +hoeren wuensche," fragte der Kaiser. + +"Eure Majestaet werden nur noethig haben, ihn nach seinem Namen zu +fragen," erwiderte die junge Dame. + +"So beginnen Sie," sagte der Kaiser, indem ein tiefer Ernst sich auf +seine Zuege legte. + +"Erlauben Eure Majestaet," sprach die junge Dame, "dass ich zunaechst den +Geist, der Ihnen bisher geantwortet hat, entlasse." + +Sie beugte den Kopf nieder und fluesterte eine Zeitlang leise vor sich +hin. + +Der Tisch zitterte, hob und senkte sich in leiser Schwankung,--dann +stellte er sich fest auf seine vier Fuesse. + +"Nun Sire," sagte Fraeulein Lesueur, "dann bitte ich Eure Majestaet, Ihre +Gedanken sehr scharf auf die Person zu richten, deren Geist Sie zu +citiren wuenschen." + +Der Kaiser nickte mit dem Kopf, immer tieferer Ernst erfuellte sein +Gesicht indem er die beiden Haende fest auf den Tisch legte. + +Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel. + +Einige Augenblicke herrschte eine so tiefe Stille im Zimmer, dass man den +Herzschlag der drei anwesenden Personen haette hoeren koennen. + +Da krachte es in dem Holz der Tischplatte,--diese Platte schien zu +zucken, hoch richtete sich der Tisch auf der Seite des Kaisers empor und +mit maechtigem hallenden Schlag sank er wieder auf das Parquet nieder. + +Der Kaiser fuhr zusammen. Fast schien es als wolle er aufspringen und +seinen Platz verlassen. + +"Der Geist ist da und bereit Eurer Majestaet zu antworten," sagte +Mademoiselle Lesueur in ruhigem Tone. + +"Will der Geist mir seinen Namen sagen?" fragte der Kaiser. + +Der Tisch begann rasch sich zu bewegen,--er schlug auf das +Parquet--Mademoiselle Lesueur zaehlte,--und sagte dann sich gegen den +Kaiser verneigend: + +"Der Geist antwortet: + +"Napoleon." + +Die Bewegung, welche der Kaiser machte indem er den Kopf auf die Brust +sinken liess, war fast eine ehrfurchtsvolle Verneigung. + +Er schwieg einige Augenblicke, waehrend Fraeulein Lesueur ihn mit ihren +klaren Augen erwartungsvoll anblickte. + +"Will der Geist, wenn er hier anwesend ist, mir eine Frage beantworten?" +sagte er dann mit einer beinahe demuethigen Stimme. + +Der Tisch begann sich schnell zu bewegen. + +"Schreiben Sie, mein Herr," sagte Mademoiselle Lesueur zu Herrn Pietri +gewendet, und dieser nahm schnell Bleistift und Papier, um die +Buchstaben zu notiren, welche Mademoiselle Lesueur in rascher +Reihenfolge ihm nannte. + +"Die Antwort?" rief der Kaiser, als der Tisch mit einem starken Schlage +seine Bewegung beendete. + +Herr Pietri las: + +"Mir ist nicht vergoennt, auf einzelne kleine Fragen zu antworten;--wer +auf dem Throne von Frankreich sitzt und Napoleon heisst, der sollte nicht +mit vorsichtiger Neugier einzelne Blicke hinter den Schleier zu werfen +suchen, welcher die Zukunft verhuellt,--er sollte mit kuehner Hand diesen +Schleier selbst heben, indem er die Zukunft sich nach seinem Willen zu +gestalten zwingt. Denn dem festen und klaren Willen gehoert die Zukunft; +aber frage,--ich werde antworten, soweit es mir erlaubt ist,--wenn Deine +Fragen das Schicksal des Hauses betreffen, das meinen Namen traegt, und +wenn Du keine einzelnen und besonderen Dinge zu wissen verlangst." + +Pietri schwieg. + +Der Kaiser starrte einen Augenblick vor sich hin,--brennend richtete +sich sein Blick in das Leere,--er schien nach einer sichtbaren Spur des +Geistes zu forschen, dessen Worte ihm dieses ruhige und freundlich +laechelnde junge Maedchen verdollmetschte. + +Dann beugte er sich vor, blickte Mademoiselle Lesueur durchdringend an +und oeffnete die Lippen. + +"Ich bitte Eure Majestaet, sich erinnern zu wollen," sagte die junge +Dame, "dass es nicht erforderlich ist, die Frage laut zu stellen,--der +Geist kann Ihre Gedanken lesen." + +"Gut denn," sagte der Kaiser,--"ich frage." + +Und schweigend blickte er voll Spannung auf den Tisch, welcher sich +unter seinen Haenden zu bewegen begann. + +Fraeulein Lesueur nannte diesmal schneller als sonst die +Buchstaben--Pietri schrieb. + +"Napoleon IV wird Kaiser der Franzosen sein,--er wird neuen Ruhm und +neuen Glanz an den Namen knuepfen, den er traegt." + +Der Kaiser athmete tief auf. Es leuchtete wie ein dankbares Gebet aus +seinen Augen, die er mit unbeschreiblich gluecklichem Ausdruck +emporschlug. + +Dann rief er mit dumpfem Ton, wie aus den Tiefen seiner Brust heraus: + +"O koennte ich wissen, ob dies die Wahrheit ist." + +Der Tisch zuckte--er hob sich hoch empor und schlug zweimal schallend +auf den Boden. + +"Es ist die Wahrheit Sire," sagte Mademoiselle Lesueur ernst und +ueberzeugungsvoll. + +"Werde ich die Armeen Frankreichs noch einmal zum Kriege fuehren muessen?" +fragte der Kaiser schnell. + +Der Tisch schlug abermals laut und fest auf. + +"Der Geist bejaht die Frage Eurer Majestaet," sagte die junge Dame. + +"Und welches wird das Schicksal dieses Krieges sein?" fragte der Kaiser +in athemloser Spannung. + +Einige Augenblicke vergingen,--dann bewegte sich der Tisch +wieder,--Pietri schrieb die Buchstaben nieder welche Mademoiselle +Lesueur ihm angab. + +"Wie heisst die Antwort?" rief der Kaiser, welcher vergebens versucht +hatte, den schnell gesprochenen Buchstaben zu folgen. + +Pietri las: + +"Ave Caesar, morituri te salutant!" + +Napoleon erbleichte und drueckte die Haende an die Stirn. + +"Was ist der Sinn der dunkeln Antwort?" fluesterte er vor sich hin--und +schnell sich aufrichtend fragte er mit lauter dringender Stimme: + +"Wird der Todesgruss der Sterbenden dem _siegreichen_ Caesar ertoenen?" + +Mehrere Minuten vergingen,--der Tisch blieb unbeweglich. + +"Der Geist antwortet nicht mehr," sagte Mademoiselle Lesueur,--"es wuerde +vergeblich sein, ihn weiter zu fragen.--Erlauben Eure Majestaet, dass ich +ihm danke und ihn entlasse?" + +Der Kaiser neigte tief sinnend das Haupt. + +Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel,--der Kaiser faltete die +Haende in andaechtigem Schweigen. + +"Wuenschen Eure Majestaet noch eine weitere Citation?" fragte die junge +Dame. + +"Ich danke Ihnen, mein Fraeulein," erwiderte Napoleon aufstehend, indem +sein Gesicht wieder seinen gewoehnlichen ruhigen Ausdruck annahm.--"Ihr +Experiment hat mich in hohem Grade interessirt,--ich hatte viel von dem +Spiritismus gehoert,--aber noch nie einen Versuch gesehen, bei welchem so +durchaus kein Apparat angewendet wurde,"--fuegte er mit einem leichten +Laecheln hinzu, das aber mehr verbindlich und artig als ironisch war. + +Mademoiselle Lesueur hatte sich erhoben und verneigte sich tief bei den +Worten des Kaisers. + +"Ich bin gluecklich, Sire" sagte sie, "dass Eure Majestaet zufrieden sind, +und hoffe,--oder vielmehr,"--fuegte sie mit sicherem Ausdruck hinzu, "ich +bin gewiss, dass Alles Gute, was die Geister Eurer Majestaet verkuendet +haben, sich erfuellen werde." + +"Alles Gute?" sprach der Kaiser sinnend--"aber war es gut?--was war +es?-- + +Morituri te salutant!" fluesterte er leise. + +Dann wendete er sich zu Pietri und blickte ihn fragend an. + +Dieser reichte ihm ein kleines Etui. + +Der Kaiser nahm es und sagte mit liebenswuerdiger Freundlichkeit zu +Mademoiselle Lesueur: + +"Erlauben Sie mir, mein Fraeulein, Ihnen ein kleines Erinnerungszeichen +an diese Stunde zu geben,"--er oeffnete das Etui ein wenig,--die Facetten +eines schoenen Solitaers funkelten farbenspielend im Licht der Lampe. + +Mit der naiven Freude eines jungen Maedchens ergriff Fraeulein Lesueur den +Ring und indem sie das Regenbogenspiel der Lichtreflexe entzueckt +betrachtete, sagte sie: + +"Ich werde Gott unablaessig bitten, dass er alle seine guten Geister zum +Schutz Eurer Majestaet und Frankreichs aussende." + +Sie verneigte sich tief vor dem Kaiser und zog sich von Pietri geleitet, +der den kleinen Tisch forttrug, durch die Portiere zurueck, durch welche +sie in das Cabinet eingefuehrt worden war. + +Napoleon ging in tiefem Sinnen auf und nieder. + +"Giebt es einen Zusammenhang mit jener Welt der abgeschiedenen Geister," +sprach er leise vor sich hin,--"und kann es ihnen erlaubt sein, auf +irgend welche Weise uns Mittheilungen zu machen ueber das, was ihrem +Blicke sich oeffnet? + +"Dieses junge Maedchen scheint aufrichtig von ihrer Sache ueberzeugt," +sprach er gedankenvoll,--"ich wuesste nicht, wie sie den Tisch in Bewegung +setzen koennte,--und wenn dieses Kind von kaum neunzehn Jahren aus sich +selbst heraus die Antworten auf die Fragen construirt hat, die ich ihr +stellte, so ist sie ein Phaenomen an Menschenkenntniss und Geist!-- + +"Welch eine treffende Antwort, die mich selbst als meinen besten Freund +bezeichnete,--und wie wahr--alles, was mir feindlich ist, in diesen +einen Namen Orleans zusammenzufassen." + +Er ging langsam, die Haende auf dem Ruecken gekreuzt auf und nieder. + +"Und Drouyn de L'huys," sagte er kaum hoerbar,--"er war der Freund dieser +Orleans,--er ist es noch--kann jemand mein Freund sein--der zugleich +der Freund meiner Feinde ist?--Gramont" fuhr er fort,--"der Geist +nannte Gramont als den kuenftigen Minister der auswaertigen +Angelegenheiten,--Gramont war Legitimist,--die Legitimitaet hat keine +Moeglichkeit einer Zukunft,--sie ist eine fromme Erinnerung,--eine +Erinnerung, vor der ich selbst hohe Achtung habe, an die ich +anknuepfen,--deren edle Traditionen ich fortsetzen moechte.-- + +"Seltsam," rief er,--"sehr seltsam ist das Alles,--oder sollte auch hier +eine Intrigue"-- + +Pietri trat wieder ein. + +Der Kaiser naeherte sich ihm; dicht vor ihm stehen bleibend, legte er den +Arm auf seine Schulter und blickte ihn scharf und durchdringend in die +Augen. + +"Pietri" sagte er,--"haben Sie mit diesem jungen Maedchen ueber die +Politik--ueber irgend Etwas gesprochen, was auf die gegenwaertige Lage +bezug hat?" + +"Sire," erwiderte Pietri in ernstem und traurigem Ton,--"Eure +Majestaet sind zum Misstrauen gegen Jedermann berechtigt, fast +verpflichtet,--dennoch schmerzt mich dasselbe,--ich schwoere Eurer +Majestaet," fuhr er fort, den Blick des Kaisers frei und offen erwidernd, +"dass ich mit Fraeulein Lesueur nichts Anderes gesprochen habe, als was +nothwendig war, um den Auftrag Eurer Majestaet auszurichten und sie +hieher zu fuehren." + +"Und was denken Sie davon?" fragte der Kaiser. + +Pietri laechelte ein wenig. + +"Ich denke, dass dieses junge Maedchen sehr viel Geist hat," erwiderte +er,--"und dass sie manchen Diplomaten in der scharfen Erkenntniss der +Verhaeltnisse beschaemen wuerde." + +Der Kaiser schuettelte langsam den Kopf. + +"Wie dunkel, wie mystisch die Antworten ueber meine Zukunft waren," sagte +er.-- + +"Glauben denn Eure Majestaet ernsthaft an solche Dinge?" fragte Pietri. + +"Denken Sie sich," erwiderte der Kaiser ernst,--"eine Welt von +Blindgebornen,--wuerde nicht ein Sehender, der unter sie traete, der den +Sinn besaesse, der ihnen allen fehlte, Wunder unter ihnen +verrichten,--wuerde er ihnen nicht als ein uebernatuerlicher Prophet +erscheinen,--oder als ein Narr verlacht werden,--und das bloss weil er +einen Sinn mehr haette als sie und durch diesen Sinn eine Welt wahrnehmen +koennte, welche da ist, welche die andern Alle umgiebt wie ihn,--welche +aber ihrer Wahrnehmung sich entzieht, weil ihnen das Medium dazu +fehlt.--Koennen denn nicht auch uns solche Welten umgeben, fuer welche +unser Organismus keinen Sinn besitzt,--und ist es unmoeglich, dass +Einzelnen dieser Sinn gegeben ist, der sie das erblicken laesst, was uns +verschlossen bleibt und was wir deshalb in selbstgenuegsamer +Beschraenktheit fuer nicht vorhanden erklaeren?"-- + +"Und wenn dem so waere," sagte Pietri,--"Eure Majestaet koennen mit der +Perspective, welche Fraeulein Lesueur geoeffnet, zufrieden sein--Napoleon +IV wird Kaiser der Franzosen sein--hat sie ihren Geist antworten +lassen,--und" sprach er mit herzlichem und aufrichtigem Tone,--"ich habe +dazu nur den Wunsch hinzuzufuegen, dass das recht spaet und nach einer noch +recht langen und gluecklichen Regierung Eurer Majestaet eintreten moege." + +"Nun," rief der Kaiser mit freudigem Ausdruck,--"wenn nur diese +Verkuendigung sich erfuellt, so will ich darauf verzichten, das Dunkel zu +lichten, welches in den Antworten der Geister meine Zukunft +verhuellt,--ein Fuerst darf keine Person sein,--er ist ein Glied in einer +grossen Kette, welche die Epochen der fortschreitenden Weltgeschichte +aneinander knuepft--ob, wann und wie ich untergehe,--was liegt daran, +wenn nur meine Dynastie erhalten bleibt, um die Vergangenheit und die +Zukunft Frankreichs mit einander zu verbinden." + +Er schwieg und blickte wie traeumend vor sich hin. + +"Gehen Sie zum Prinzen," sagte er dann,--"er soll seine Uniform anlegen +und sich bereit halten, mich zu begleiten. Ich will die Kaiserin +abholen, um jene braven Truppen zu besuchen, welche in den Galerien +Wache halten und die Zukunft Frankreichs beschuetzen." + +Pietri eilte hinaus. + +Der Kaiser ergriff das rothe goldgestickte Kaeppi der Generalsuniform, +steckte den neben seinem Tische stehenden Degen an und ging, selbst die +Thuer oeffnend, in das Vorzimmer. + +Er nahm den Arm des Generals Castelnau, welcher hier, ebenfalls in der +Campagne-Uniform wartete, und schritt mit ihm nach den Appartements der +Kaiserin. + +Am Eingang der Gemaecher Ihrer Majestaet oeffnete der Huissier schnell die +Fluegelthueren und eilte den Kaiser ankuendigend durch die Vorzimmer in den +kleinen Salon, in welchem die Kaiserin mit der Baronin de Pierres, der +Vicomtesse Aguado und der Graefin de la Poeze sass. + +"Der Kaiser!" rief der Huissier. + +Die Damen standen auf, die Kaiserin ging ihrem Gemahl bis zur +Eingangsthuer des Salons entgegen, Napoleon kuesste ihre Hand und gruesste +die Damen verbindlich. + +"Sie sind in militaerischer Tenne," fragte Eugenie, erstaunt den Kaiser +und den Grafen Castelnau anblickend,--"zu so spaeter Stunde,--ist denn +etwas Aussergewoehnliches geschehen?" fuegte sie unruhig hinzu,--"sind die +Unruhen in Paris bedenklicher geworden?" "Seien Sie unbesorgt," +erwiderte der Kaiser laechelnd,--"es ist nichts Besonderes +geschehen,--aber die Truppen sind consignirt--und da muss auch der Kaiser +der Consigne folgen und im Dienst sein,--ausserdem wollte ich mit Ihnen +und Louis die Voltigeurs der Garde besuchen, denen ich die Bewachung der +Tuilerien und den Schutz des kaiserlichen Prinzen anvertraut habe." + +Die Kaiserin schlug freudig bewegt die Haende zusammen. + +"Das ist ein vortrefflicher Gedanke," rief sie lebhaft, "je fester und +lebendiger wir die Verbindung mit unseren Truppen erhalten, um so +sicherer werden wir ueber alle unsere Feinde triumphiren. Ich bin +sogleich bereit," sagte sie, indem sie sich schnell zu dem Tisch wendete +und eine kleine, goldene Glocke bewegte, welche auf demselben stand. + +Eine Kammerfrau trat ein. + +Die Kaiserin warf einen raschen Blick auf einen grossen Spiegel, welcher +ihr fast ihre ganze Gestalt zeigte. Sie trug eine einfache Robe von +blauer Seide. + +"Bringen Sie mir eine weisse Mantille und ein rothes Band." + +Nach wenigen Augenblicken, waehrend welcher der Kaiser sich mit den Damen +seiner Gemahlin unterhielt, erschien die Kammerfrau wieder. Sie trug +eine Mantille von weissem Atlas und ein breites schaerpenartiges Band von +rother Seide. + +Die Kaiserin liess die Mantille ueber ihre Schultern legen, naeherte sich +dann der Graefin von Poeze und sagte: + +"Wollen Sie die Guete haben, meine liebe Graefin, mir aus diesem Bande +eine grosse Schleife hier zu befestigen." + +Sie deutete mit dem Finger auf den Halsausschnitt ihrer Robe. + +Die Graefin von Poeze machte mit geschickter Hand eine breite Schleife +mit langen herabhaengenden Enden und befestigte sie dann auf der Robe der +Kaiserin. + +"Jetzt trage ich die Farben Frankreichs," rief Eugenie mit einem Blick +auf den Spiegel, "lassen Sie uns gehen," fuhr sie zum Kaiser gewendet +fort. + +"Sie werden," sagte Napoleon, indem er seiner Gemahlin den Arm reichte, +"diese Farben ebenso unwiderstehlich machen, wie es die Tapferkeit +unserer Soldaten auf allen Schlachtfeldern gethan hat." + +Er ging langsam mit der Kaiserin durch das Vorzimmer und wandte sich +nach dem Pavillon des kaiserlichen Prinzen; der Graf von Castelnau und +die Damen folgten. + +Im Vorzimmer seiner Wohnung erwartete der Prinz bereits mit dem General +Frossard seine Eltern. Der Prinz trug die Uniform eines Souslieutenants, +der General Frossord war ebenfalls in Uniform. Der kaiserliche Prinz +trat auf die rechte Seite seines Vaters, der General Frossard schritt +voraus und fuehrte den Kaiser und die Kaiserin nach der unmittelbar an +den Pavillon stossenden Gallerie. + +Als die Thuere derselben geoeffnet wurde, bot sich ein wunderbar belebtes +Schauspiel dar,--die weithin ausgedehnten Gallerien strahlten in +hellster Beleuchtung, alle Kerzen auf den Lustres und Wandleuchtern +brannten, der Marmor und die Vergoldungen glaenzten, an den Waenden her +standen kleine, mit weissen Leintuechern bedeckte Tische, auf welchen +kalte Speisen und rothe und weisse Weine in geschliffenen +Crystallcaraffen aufgestellt waren. + +An diesen Tischen sassen die Voltigeurs der Garde in vollstaendiger +Feldausruestung, ihre Waffen neben sich, die Kaeppis auf den Koepfen, +essend, trinkend und froehlich plaudernd. + +In gewissen Zwischenraeumen befanden sich kleinere elegant servirte +Tische, an welchen die Officiere soupirten. + +Als die grosse Eingangsthuer sich oeffnete, und im Rahmen derselben der +Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz erschienen, erhoben sich +die langen Reihen der Soldaten. Die Officiere eilten rasch heran und im +lauten, einstimmigen Rufen begruesste diese Elite-Truppe den Kaiser. + +Napoleon erhob dankend die Hand, die Kaiserin neigte gruessend das Haupt +nach allen Seiten, indem ihr strahlender Blick freudig und stolz ueber +diese muthigen und begeisterten Soldaten hinglitt. Der kaiserliche Prinz +hielt sein Kaeppi in der Hand und verneigte sich ehrerbietig gegen den +Commandeur des Regiments, welcher herantrat, um dem Kaiser zu melden, +das alle Wachen nach seinen Befehlen bezogen worden seien. + +"Lassen Sie die Leute haeufig abloesen," sagte der Kaiser, "damit ihnen +der Dienst nicht zu schwer wird und damit sie Gelegenheit finden, sich +hier im Kreise ihrer Kameraden wieder zu erfrischen." + +Er trat an den naechsten Tisch, ergriff eines der dort stehenden Glaeser, +fuellte es aus einer Crystallcaraffe mit rothem Wein und rief mit lauter +Stimme: + +"Ich trinke auf das Wohl meiner Voltigeurs, auf das Wohl der Garde, auf +das Wohl der ganzen Armee, welche die Bluethe des franzoesischen Volkes +ist!" In raschen Zuegen leerte er das Glas bis auf den letzten Tropfen. + +"Es lebe der Kaiser. Es lebe der kaiserliche Prinz!" brauste ihm der Ruf +der Soldaten entgegen. + +"Ich danke Euch, meine Tapferen," sagte der Kaiser, als nach einigen +Minuten die Rufe der nahe herandraengenden Soldaten verstummt waren, "ich +kenne Eure Ergebenheit fuer mich, ich weiss, dass Ihr gegen jeden Feind +Frankreich und das Kaiserreich vertheidigen werdet. Frankreich und das +Kaiserreich," fuegte er hinzu, der Kaiserin die Hand reichend, "deren +edle und ruhmvolle Farben meine Gemahlin, die Mutter des kaiserlichen +Prinzen, Eures Kameraden traegt." + +"Es lebe die Kaiserin!" riefen die Officiere, und die Soldaten stimmten +in den Ruf ein. + +Dann gab Napoleon seiner Gemahlin wieder den Arm, die Officiere +schlossen sich dem Gefolge an und umringten den kaiserlichen Prinzen, +der ganz stolz und freudig in ihrer Mitte dahinschritt. Und so bewegte +sich der Zug langsam durch die weiten Gallerien hin,--oft blieb der +Kaiser stehen und redete diesen oder jenen mit der Tapferkeitsmedaille +und dem Orden der Ehrenlegion decorirten Soldaten an, ihn fragend, wo er +diese Ehrenzeichen erworben habe, und mit liebenswuerdigster Geduld den +zuweilen etwas breiten und ausfuehrlichen Erzaehlungen der Soldaten +zuhoerend. Fast eine Stunde dauerte der Umgang durch die Gallerien, immer +fester wurde der Schritt des Kaisers, immer stolzer sein Blick, immer +willenskraeftiger der Ausdruck seiner Gesichtszuege. Dicht umdraengt von +den Soldaten, gruesste er endlich am Eingang der Gallerie noch einmal. + +Ein gewaltiges Vive l'Empereur durchzitterte die weiten Raeume, die +Officiere verabschiedeten sich vom Kaiser, die Thueren schlossen sich, +Napoleon entliess den kaiserlichen Prinzen, welcher sich mit dem General +Frossard in seine Wohnung zurueckzog, und fuehrte dann die Kaiserin nach +ihren Appartements zurueck. + +"Wenn Marie Antoinette es verstanden haette," sagte die Kaiserin leise zu +ihrem Gemahl, "die Begeisterung der Soldaten zu erhalten und zu +benutzen, so haette sie niemals den dornenvollen Weg vom Thron zum +Schaffot zu gehen noethig gehabt." + +"Man muss aus den Beispielen der Geschichte lernen," erwiderte der +Kaiser, "und die Fehler vermeiden, welche unsere Vorgaenger begangen +haben." + +Am Eingang der Appartements der Kaiserin kuesste er seiner Gemahlin die +Hand, gruesste mit artiger Verbeugung die Damen und begab sich mit dem +General Castelnau nach seinem Cabinet zurueck. + +Als er dort angekommen war, rief er Pietri. + +Der Geheimsecretair trat schnell durch die Portiere, welche der Kaiser +erhoben hatte, in das Cabinet ein. + +Napoleon ging einige Augenblicke nachdenkend auf und nieder. + +"Schreiben Sie sogleich an Gramont," sagte er dann, "sagen Sie ihm in +kurzen Worten, dass ich entschlossen sei, ihm das Ministerium der +auswaertigen Angelegenheiten zu uebertragen, und dass ich ihn bitte, +sogleich hierher zu kommen. Ich wuensche, dass er vor seiner Abreise sich +noch ausfuehrlich und definitiv mit dem Grafen Beust unterhalte und +dessen Anschauungen ueber die verschiedenen Fragen und Eventualitaeten der +europaeischen Politik moeglichst bestimmt constatire." + +Pietri verneigte sich. + +"Eure Majestaet sind also entschlossen?" fragte er. + +"Ich bin entschlossen," erwiderte der Kaiser,--"legen Sie mir morgen +frueh den Brief zur Unterschrift vor,--jetzt will ich ruhen. Wenn irgend +Etwas Aussergewoehnliches in Paris vorfaellt, soll man mich rufen. Gute +Nacht," sagte er freundlich, indem er Pietri die Hand reichte. + +Dann bewegte er die Glocke. + +Sein Kammerdiener trat ein, folgte dem Kaiser, welcher sich in sein +Schlafzimmer begab. + + + + +Drittes Capitel. + + +Der junge Cappei hatte sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts im +Hause seines Oheims zu Bodenfeld ganz den Erinnerungen seiner Jugend +hingegeben, welche diese Umgebung so lebhaft in ihm erweckte. Er hatte +in liebevoller Pietaet alle die Orte besucht, welche in dem Leben seiner +Kindheit vorzugsweise bedeutungsvoll gewesen waren, und war erstaunt +gewesen, wie klein und einfach ihm diese Plaetze alle erschienen, die +doch in den Bildern seiner Erinnerung so gross und so schoen gewesen +waren. Dennoch aber hatten alle diese Orte auch jetzt noch ihren Zauber +auf ihn ausgeuebt, sie hatten die Empfindungen wieder erregt, welche +seine kindliche Seele einst erfuellten, und welche, wenn sie nach langer +Abwesenheit und selbst im hohen Alter wieder geweckt werden, immer ihre +wunderbare und unvergaengliche Jugendfrische behalten. + +Er hatte einzelne seiner alten Gespielen besucht und war der Gegenstand +der Neugier des ganzen Dorfes gewesen, denn die hannoeversche Legion in +Frankreich, von welcher man so wenig regelmaessige und bestimmte +Nachrichten erhielt, war in den Vorstellungen dieser einfachen Bauern +fast zu einer Mythe geworden, von der nur geheimnissvolle und beinahe +maerchenhafte Nachrichten herueber gedrungen waren, ueber welche man nun +von dem in Fleisch und Blut hier erschienenen Mitgliede der Legion +Naeheres zu hoeren hoffte. + +Cappei war sehr zurueckhaltend und vorsichtig in seinen Aeusserungen +gewesen und hatte nur das Eine bestimmt bestaetigt, dass Alles zu Ende und +die Sache des Koenigs nunmehr ein fuer allemal aufgegeben sei. Eine +Mittheilung, welche bei den Meisten zwar eine gewisse wehmuethige Trauer, +doch aber auch zu gleicher Zeit ein Gefuehl der Beruhigung verursachte, +denn die das Land durchziehenden Agitatoren hatten selbst in den Kreisen +dieser einfachen Landbevoelkerung eine unbehagliche Unsicherheit erzeugt +und den Wunsch hervorgerufen, dass so oder so nun einmal ein Ende werden +moege, damit man wisse, woran man sei. + +Der junge Cappei war mit seinem Oheim dann auf das Feld hinausgegangen, +hatte sich von dem vortrefflichen Zustande der Felder ueberzeugt und +gesehen, dass in den Zeiten seiner Abwesenheit die Wirthschaft bedeutende +Fortschritte gemacht und das Besitzthum einen erhoehten Werth erhalten +habe. + +Abends hatte er sich dann zu seiner Mutter und den alten Bauern +hingesetzt und ihnen, die nicht muede wurden, zuzuhoeren, immer von Neuem +von dem Leben in Frankreich erzaehlt--von dem Leben der Offiziere in +Paris, wo er einige Male gewesen war, von dem Leben auf dem Lande, von +den franzoesischen Soldaten, von der franzoesischen Feldwirthschaft. Und +immer hatte er bei diesen Erzaehlungen den einen Punkt umgangen, der sein +Herz erfuellte, der die Neugier seiner Mutter erregte und von dem sein +Oheim in seinem einfachen practischen Sinn nicht das Geringste bemerkte. +Dennoch beschaeftigte gerade dieser Punkt den jungen Mann auf das +Lebhafteste und versetzte sein ganzes inneres Wesen in eine peinliche +und schwankende Unruhe. + +Er hatte sich gleich am Tage nach seiner Ankunft unter dem Vorwande sich +nach Mittag auszuruhen, in seinem Zimmer eingeschlossen und mit grosser +Muehe einen nicht immer ganz orthographisch gehaltenen Brief an Fraeulein +Luise Challier geschrieben, um ihr seine glueckliche Ankunft in der +Heimath anzuzeigen und ihr zu sagen, dass er mit aller Liebe seines +Herzens ihrer gedaechte und mit heisser Sehnsucht den Tag erwarte, an +welchem er nach Ordnung seiner Angelegenheiten zu ihr zurueckkehren +wuerde. + +Konnte er sich auch ganz gelaeufig muendlich in franzoesischer Sprache +ausdruecken, so fand er seinen Brief, als er ihn geschrieben hatte, +dennoch sehr ungenuegend, sehr kalt und steif, indess er hoffte, dass seine +Geliebte zwischen den Zeilen das Alles lesen wuerde, was der Mangel an +Gewandtheit des Ausdrucks ihn zu sagen verhinderte. Er hatte diese +Hoffnung in einem Postscriptum ausgesprochen, dann seinen Brief +sorgfaeltig verschlossen und sich am Abend mit einiger Muehe von seinem +Oheim und seiner Mutter entfernt, um den Brief in den Kasten der +Landpostexpedition zu werfen, welcher sich an dem Hause des +Gewuerzkraemers des Dorfes befand, wobei er zu seinem Verdruss von mehreren +Bekannten aufgehalten und beobachtet wurde. + +Von einem Tage zum andern hatte er sich dann vorgenommen, ueber seine +Liebe und seine Zukunft zunaechst mit seiner Mutter und dann mit seinem +Oheim zu sprechen. Indess immer wieder war er nicht dazu gekommen, immer +wieder waren die Worte auf seinen Lippen stecken geblieben, obgleich er +doch sonst nicht zu denen gehoerte, welche sich scheuen, das +auszusprechen, was sie fuer nothwendig und richtig erkannt haben. Aber er +fuehlte in seinem Innern einen Widerspruch streitender Empfindungen und +sagte sich, dass das, was ihn schmerzlich und peinlich bewegte, seiner +Mutter und seinem Oheim noch viel mehr Kummer bereiten muesste. + +Die alte Heimath, diese Erde, auf der er erwachsen war, dieses Haus, +dieser Garten, diese Felder, um welche sich alle seine Erinnerungen +rankten, zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht an sich und schmerzlich +schnuerte sich sein Herz bei dem Gedanken zusammen, dass er hierher +zurueckgekehrt sei, nur um das Alles wieder zu verlassen. Es war, als ob +jeder Baum, jede Blume ihn mit stillem Vorwurf anblickte, dass er dies +ihm bestimmte Besitzthum, an welches sein Oheim, um es ihm reicher und +bluehender zu hinterlassen, so viel Muehe und Fleiss gewendet habe, fremden +Haenden ueberlassen solle, um im fernen Lande eine neue Heimath zu suchen. + +Auf der andern Seite fuehlte er in der Entfernung noch lebhafter und +maechtiger die Macht der Liebe, welche ihn zu dem jungen Maedchen hinzog, +dessen Umgang seine Verbannung so freundlich verklaert hatte;--wenn er +die Augen schloss, so sah er ihr Bild vor sich in lebendiger Frische, er +sah ihren seelenvollen Blick, es schien ihm, dass sie die Arme +sehnsuechtig nach ihm ausstreckte und ihn fragte, wann er zu ihr +zurueckkehren werde, um sie nicht mehr zu verlassen. + +Dieser Kampf zwischen der Anhaenglichkeit an die Heimath und die Liebe +seines Herzens, der sich in seinem Innern bereits so schmerzlich fuehlbar +machte, musste ja viel heftiger und peinlicher die Seele seiner Mutter +bewegen, wenn sie erfahren wuerde, was mit ihrem Sohn vorgegangen und was +fuer Zukunftsplaene er in sich truege; und erst sein Oheim, der alte Mann +mit dem eigenwilligen Bauernsinn, der so fest mit der Scholle verwachsen +war, auf welcher er geboren, die er gepflegt und gehuetet und welche ihm +so reiche und dankbare Frucht fuer seine Muehe und Arbeit gegeben hat. Was +wuerde er sagen bei dem Gedanken seines Neffen, dies Besitzthum, das ein +Theil seines Selbst war, zu verlassen und in der Fremde sich eine +Existenz zu gruenden. Die Grundlage der ganzen Lebensfassung des alten +Bauern war. "Bleibe im Lande und naehre Dich redlich"--schon der Gedanke, +eine Fremde, welche die Sprache der Heimath nicht verstaende, als +Hausfrau in diesen Bauernhof einziehen zu sehen, musste dem Gefuehl des +alten Bauern widersprechen. Was aber sollte er erst sagen, wenn er +erfuehre, dass sein Neffe, den er mit so viel Stolz und Liebe wieder in +den wirtschaftlichen Betrieb einfuehrte, nun um nimmer wiederzukehren, +abermals in die weite Welt hinausziehen wolle. + +Alle diese Gedanken versetzten den jungen Mann in eine fieberhafte +Unruhe. Er musste Klarheit in die Verhaeltnisse bringen, er musste das +entscheidende Wort sprechen, und doch wusste er, dass dieses Wort die +beiden Menschen, welche ihm durch die naechsten Bande auf Erden verknuepft +waren, mit Schmerz und Bekuemmerniss erfuellen wuerde. + +So hatte er von einem Tage zum andern die Erklaerung hinausgeschoben. +Seine peinliche Unruhe war noch vermehrt worden, als die Zeit +voruebergegangen war, in welcher er eine Antwort auf seinen Brief an +seine Geliebte erwarten konnte, ohne dass eine solche eingetroffen waere. +Mit zitternder Ungeduld sah er dem Landbrieftraeger entgegen, wenn +derselbe erschien, um die wenig zahlreichen Postsendungen an die +Einwohner des Dorfes zu vertheilen. Einige Male hatte er es ueber sich +vermocht, denselben zu fragen, ob er nichts fuer ihn habe, aber immer +hatte er eine verneinende Antwort erhalten und in quaelender Sorge, in +einer steigenden bangen Unruhe fragte er sich, welches der Grund dieses +unerklaerlichen Schweigens seiner Geliebten sein koennte, die doch so fest +versprochen hatte, ihm sogleich zu schreiben, sobald er sie von seiner +Ankunft in der Heimath benachrichtigt haben wuerde. Endlich konnte er +diesen Zustand widerstreitender Gefuehle und quaelender Sorge und Unruhe +nicht laenger ertragen. + +Seine Mutter hatte ihn bereits mehrere Male mit freundlicher Theilnahme +gefragt, was ihm fehle und ihn gebeten, es ihr zu sagen, wenn ihn ein +Kummer bedruecke,--er hatte zum zweiten und dritten Male an Luise +geschrieben, sie beschworen, ihm zu antworten oder durch ihren Vater ihm +mitteilen zu lassen, wenn sie krank sei,--aber immer erfolglos. Der alte +Brieftraeger hatte nur immer dieselbe Antwort auf seine Fragen,--dass +nichts fuer ihn angekommen sei. + +Eines Morgens war sein Oheim allein auf das Feld gegangen, er war unter +dem Vorwand einer notwendigen haeuslichen Arbeit zu Hause +zurueckgeblieben,--fast aengstlich, mit aehnlichen Gefuehlen, wie einst als +Knabe, wenn er irgend einen Fehltritt einzugestehen hatte, trat er in +das Wohnzimmer, setzte sich neben den Lehnstuhl seiner Mutter und +ergriff die Hand der alten Frau, indem er ihr halb fragend, halb +bittend in die Augen sah, die Worte suchend, um die Gefuehle seines +unruhigen, gedrueckten Herzens auszusprechen. + +Die alte Frau sah ihren Sohn freundlich und liebevoll mit ihren grossen, +klaren Augen an. Sie hatte ruhig gewartet, sie wusste, dass der Tag kommen +musste, an welchem sein Herz sich seiner Mutter oeffnen wuerde, die Stunde +war da, sie war bereit, ihn anzuhoeren und sein Vertrauen mit all der +selbstlosen Liebe zu erwidern, an welcher das muetterliche Herz so +unerschoepflich reich ist. + +"Meine Mutter," sagte der junge Mann mit leicht zitternder Stimme, "ich +bin ueberaus gluecklich gewesen, dass ich Sie und den Oheim, unser Dorf und +das alte Haus wiedergesehen habe." + +Er hielt einen Augenblick inne. + +"Und wir nicht minder, mein Sohn," sagte die alte Frau, "dass wir Dich +nach so langer Trennung hier wieder bei uns haben." + +Der junge Cappei schwieg einige Augenblicke, indem er sanft die welke +Hand der alten Frau streichelte. + +"Ich bin aber doch," sagte er dann, "nicht gluecklich, wie ich es sonst +bei Euch war, ich bin unruhig und habe lange die Gelegenheit gesucht, +mit Euch allein zu sprechen, denn ich muss Euch Alles sagen, bevor ich +mit dem Oheim darueber rede, der gleich so heftig und aufbrausend ist." + +Die alte Frau sah ihn mit glaenzenden, liebevollen Blicken an, sie +fuehlte, dass jetzt der Augenblick gekommen sei, in welchem das Raethsel +sich loesen muesse, sie sah die Befangenheit ihres Sohnes mit dem feinen +Tact, welcher das Eigenthum der Frauen aller Staende ist,--sie musste ihm +entgegenkommen. + +"Du hast liebe Freunde in Frankreich zurueckgelassen?" sagte sie. + +"Ach ja, Mutter," erwiderte er, "sehr liebe Freunde, sie sind Alle immer +so gut gegen mich gewesen, und es wurde mir recht schwer, mich von ihnen +zu trennen," fuegte er seufzend hinzu. + +"Sind es bloss Deine Freunde," fragte die Alte mit einem freundlichen, +beinahe neckischen Laecheln, "oder hast Du auch Dein Herz dort gelassen, +hast Du eine Geliebte in dem fernen Lande gefunden,--Du der Du hier so +gleichgueltig gegen die huebschesten Maedchen unseres Dorfes warst?" + +Und mit muetterlichem Stolz strich sie das Haar aus der erroethenden Stirn +ihres Sohnes, der halb verlegen, halb gluecklich darueber, dass seine +Mutter ihm auf halbem Wege entgegenkam, zu ihr aufsah. + +"Ja," rief er, indem er ihre Hand so heftig drueckte, dass sie leise +zusammenzuckte, "ja, ich habe dort eine Geliebte gefunden, sie ist so +gut und so treu, wie nur irgend ein Maedchen aus der Heimath es sein kann +und dabei ist sie doch so anders wie sie hier sind. Und so schoen, +Mutter, oh, so schoen," rief er schnell aufbringend, die alte Frau +stuermisch umarmend, "so schoen, wenn Sie sie sehen wuerden, Sie wuerden sie +auch lieben, und sie ist so sanft, sie wuerde Ihnen eine zaertliche und +gehorsame Tochter sein,--sie, die selbst keine Mutter mehr hat, bei +ihrem Vater aufgewachsen ist, die leitende Hand der Mutter schmerzlich +entbehrend, wie sie mir so oft gesagt hat." + +Die alte Frau ordnete die Baender ihrer Haube, welche durch die +stuermische Umarmung ihres Sohnes etwas zerknittert waren. Mit +freundlichem, zufriedenem Schmunzeln sah sie den gluehend erregten jungen +Mann an und sagte: + +"Nun das ist ja eine gute Nachricht, und ich begreife nicht, warum Du +mir das nicht frueher mitgetheilt hast; Du bist ja laengst in dem Alter, +Dich zu verheirathen, Du kannst eine Frau ernaehren,--dass Deine Wahl auf +keine Unwuerdige gefallen, davon bin ich ueberzeugt. Ich werde aelter und +aelter, und der Hof hier bedarf einer jungen und ruestigen Hausfrau." + +Ihr Sohn blickte truebe zu Boden. + +"Das ist es ja eben, Mutter," sagte er mit leiser Stimme, "was mir so +viele Sorge gemacht und mir so lange den Mund verschlossen hat. Ich +weiss, wie Sie und namentlich der Oheim an dem Hof und an der Heimath +haengen und nun--sehen Sie, meine Braut haengt eben so sehr an ihrer +Heimath, sie ist die einzige Tochter ihres Vaters, die Erbin seines +Geschaefts, eines grossen Holzhandels, und sie wuenscht so dringend, dass +ich zu ihr nach Frankreich kommen moechte, um dort das Geschaeft ihres +Vaters zu uebernehmen und fortzufuehren,--ich habe ihr das auch +versprochen," fuhr er ohne aufzublicken fort,--"als ich bei ihr war, +schien mir das so leicht, und nun ich wieder hierher gekommen bin, nun +ich wieder unter Euch lebe, nun ich wieder den alten Garten und die +alten Felder sehe, da fuehle ich," sagte er mit zitternder Stimme, "wie +schwer es Ihnen werden muesste, mit mir fortzuziehen in ein fremdes Land +oder hier zu bleiben,--durch weite Entfernungen von mir getrennt." + +Die Alte sah einen Augenblick schmerzlich bewegt vor sich nieder, sie +strich langsam die Falten ihrer weissen Schuerze glatt, als wolle sie +ihre Gedanken und Gefuehle ordnen und glaetten wie diese Falten. Dann +legte sich ein heiteres und ruhiges Laecheln um ihre Lippen, freundlich, +beinahe stolz und gluecklich sah sie ihren Sohn an und sagte. + +"Gott fuegt die Schicksale der Menschen nach seinem Wohlgefallen und hat +schon Manchen aus dem Lande seiner Vaeter fort gefuehrt, um ihn sein Glueck +in der Ferne finden zu lassen. Es steht geschrieben, dass der Mann Vater +und Mutter verlassen wird, um seinem Weibe zu folgen, zu dem sein Herz +ihn hinzieht, aber," fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, "Deine Mutter +wird ihren Sohn nicht verlassen, und wenn Du eine alte schwache Frau mit +Dir nehmen willst, die wenn sie nichts mehr fuer Dich thun kann doch Tag +und Nacht fuer Dein Glueck beten wird, so bin ich bereit, mit Dir in die +Ferne zu ziehen, da wo Du gluecklich bist, wo Du Deine Heimath findest, +da werde ich auch in fremder Erde sanft ruhen. Gott segne Dich, mein +Sohn, und Diejenige, zu welcher Dein Herz Dich hinzieht." + +"Oh, Mutter," rief der junge Mann, indem er zu den Fuessen der alten Frau +auf die Knie niedersank und wie in der fernen gluecklichen Kinderzeit +sein Haupt auf ihren Schooss legte, "wie danke ich Ihnen fuer dieses +Wort, das eine schwere, schwere Last von meinem Herzen nimmt." + +Einige Augenblicke blieb er so schweigend und unbeweglich, waehrend sie +mit den welken, zitternden Haenden ueber sein volles Haar hinstrich. Dann +erhob er den Kopf und sah sie sorgenvoll und fragend an. + +"Aber der Oheim," fragte er, "was wird er dazu sagen?" + +"Das wird einen harten, schweren Kampf kosten," sagte die alte Frau, den +Kopf schuettelnd, "er wird sich so leicht nicht von hier trennen und so +leicht auch nicht damit einverstanden sein, dass Du die alte Heimath +verlaessst--aber," sagte sie dann laechelnd nach einigen Augenblicken des +Nachdenkens, "der Oheim hat ein gutes, weiches Herz, er liebt Dich wie +seinen eigenen Sohn, und wenn er sich ueberzeugt, dass diese Verbindung +Dein Glueck ist, so wird auch er zuletzt seine Zustimmung nicht versagen. +Lass mich das nur machen, sage Du ihm nichts, ich verstehe ihn zu +behandeln, wenn er sieht, das es Dein Ernst ist, so wird er die Reise +nicht scheuen, um sich selbst von Allem zu ueberzeugen, und wenn sich +Alles gut fuegt, so koennt Ihr ihn ja jedes Jahr hier besuchen, so lange +er noch die Kraft hat, seine Wirtschaft zu fuehren--wer weiss, ob er sich +dann nicht auch entschliesst, die Menschen und die lebendige Liebe seiner +Kinder hoeher zu stellen, als dieses Haus, und diesen Hof. Wenn er auch +Alles aeusserlich ruhig hinnimmt und wenig spricht, so weiss ich doch, dass +die neuen Verhaeltnisse hier im Lande ihm wehe thun und ihm den +Aufenthalt hier verleiden. Ueberlass das der Zeit, mein Sohn, und dem +lieben Gott, der Alles nach seiner Weisheit fuegen wird. Zuerst aber lass +mich die Sache dem Oheim mittheilen, ich werde den ersten Sturm seiner +Heftigkeit schon auszuhalten wissen." + +"Doch nun, Mutter," sagte der junge Mann, indem ein Ausdruck tiefer +Traurigkeit auf seinem Gesicht erschien, "muss ich Euch noch etwas sagen, +das mir vielen Kummer macht, so grosse Hoffnungen mir auch Eure +liebevollen und freundlichen Worte gegeben haben,--ich habe," fuhr er +fort, "gleich nach meiner Ankunft hier an meine Braut geschrieben,--ich +habe nochmal und nochmal geschrieben, aber bis jetzt habe ich keine +Antwort erhalten,--und sie muss doch wissen, wie sehr ich mich nach einem +Lebenszeichen, nach einem Gruss von ihr sehne, und waere es nur eine +Zeile, nur ein Wort, das mir eine Botschaft ihrer Liebe braechte--aber +nichts, gar nichts,"--sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme. "Was +kann das bedeuten, ich habe sie gebeten, wenn sie krank waere, mir durch +ihren Vater Nachricht geben zu lassen,--ich weiss nicht, was ich davon +sagen soll," fuegte er traurig den Kopf schuettelnd hinzu. + +"Bist Du der Liebe Deiner Erwaehlten ganz sicher," fragte die Alte, +"kannst Du ihrer Treue und Bestaendigkeit vertrauen,--oder kannst Du Dir +irgend eine Veranlassung denken, durch welche sie verhindert sein +koennte, Dir Nachricht zu geben." + +"Oh," rief der junge Mann mit lauter Stimme, den Blick voll gluehender +Begeisterung auf seine Mutter richtend, "ich bin ihrer sicher, wie +meiner selbst! Sie ist treu wie Gold, auf ihr Wort wuerde ich Haeuser +bauen. Auch kann keine aeussere Veranlassung sie abhalten,--ich habe mit +ihrem Vater gesprochen, er hat unserer Verbindung seinen Segen gegeben, +sie konnte offen und ohne Scheu an mich schreiben und dennoch, dennoch," +sagte er, wieder finster zu Boden blickend, "keine Nachricht trotz aller +meiner Bitten, keine Antwort,--oh, es muss ein grosses Unglueck geschehen +sein, sie muss sehr krank oder todt sein, und ihr Vater wagt es nicht, +mir diese schmerzvolle Nachricht zu geben." + +"Sei ruhig, mein Sohn" sagte die Alte, "bei einer so weiten Entfernung +kann ja alles Moegliche geschehen, wie leicht kann ein Brief verloren +gehen--Alles wird sich aufklaeren,--sei ruhig,--wenn Du sie kennst und +ihres Herzens sicher bist, so darfst Du Dich nicht in unnuetzer Unruhe +aufregen. Du hast ja jetzt mich, Deine Mutter, in deren Herz Du alle +Deine Sorgen ausschuetten kannst. Lass mich erst mit Deinem Oheim +sprechen. Vielleicht," sagte sie, wie von einem Gedanken erfasst, +"erwartet ihr Vater erst die bestimmte Mittheilung von der Einwilligung +Deiner Angehoerigen, bevor er ihr erlaubt, zu schreiben,--ja, ja," sagte +sie, "so wird es sein; und ich muss sagen," fuhr sie immer +zuversichtlicher und heiterer fort, "ich wuerde ihrem Vater ganz Recht +geben,--er weiss ja nichts von Deiner Familie, und Du hast ihm auch noch +nicht sagen koennen, dass dieselbe mit Deiner Wahl einverstanden ist." + +"Ja" sagte der junge Mann sinnend, "so koennte es sein--das waere +moeglich"--und wie getroestet durch den von seiner Mutter angeregten +Gedanken, richtete er sich empor und ging einige Male im Zimmer auf und +nieder. + +"Ich will es Ihnen ganz ueberlassen, Mutter," sagte er dann, "mit dem +Oheim zu sprechen. Ich weiss ja, Sie werden es viel besser und +geschickter machen, als ich,--aber nun erlauben Sie mir auch, meiner +Geliebten sogleich zu schreiben, dass Sie wenigstens mit meiner Wahl +einverstanden sind. Und nicht wahr," fuegte er schmeichelnd ueber das +Gesicht der alten Frau streichelnd, hinzu, "Sie werden einige +freundliche Worte unter meinen Brief schreiben--sie versteht zwar nicht +deutsch, aber sie wird schon Jemanden finden, der ihr das uebersetzt, und +dann wird ihr Vater sehen, dass auch hier Alles in Ordnung ist, und wird +ihr erlauben, mir zu antworten." + +Die alte Frau versprach ihm laechelnd, seiner Geliebten zu schreiben, und +dann setzte er sich zu ihr und plauderte lange mit ihr, und er erzaehlte +von seiner Geliebten, ihren schoenen treuen Augen--ihrer suessen Stimme, +von dem alten Hause in St. Dizier, von den kreidereichen Weinbergen der +Champagne und von den gruenen Ufern der Marne,--er malte ihr so +glueckliche freundliche Bilder der Zukunft aus, wie sie dort bei ihm +leben wuerde, wie seine Luise sie pflegen und wie sie dann die kleinen +Enkel hueten und erziehen wuerde, dass die alte Frau ganz selig und stolz +sich mit ihm in diese lieblichen Zukunftstraeume vertiefte. + + * * * * * + +Wieder waren dann mehrere Wochen vergangen, er hatte seinen Brief mit +der Nachschrift seiner Mutter abgesendet. + +Die Alte hatte dann mit ihrem Bruder ueber die Sache gesprochen. Es +hatte einen grossen Sturm gegeben. Der alte Niemeyer war einige Tage in +finsterm Brueten schweigend einher gegangen, dann hatte er heftig +gescholten ueber junge Leute, die auf Abenteuer hinauszoegen in ferne +Laender und den Sinn und die Liebe fuer die Heimath verloeren,--der junge +Cappei hatte, dem Rath und dem Wink seiner Mutter folgend, das Alles +schweigend und ohne Erwiderung mit angehoert; er hatte Abends die beiden +alten Leute allein gelassen, und dann hatte seine Mutter in ihrer Weise +mit ihrem Bruder gesprochen, sicher dass trotz seines Scheltens und +Grollens ihre Worte den Weg zu seinem Herzen fanden. Endlich hatte er +seinen Neffen gerufen, ihn ausfuehrlich und scharf inquirirt ueber die +Familie seiner Geliebten, ueber das Geschaeft und Vermoegen ihres Vaters, +und die klaren, scharfen und bestimmten Antworten des jungen Mannes, +welche ihm ueber das Alles so befriedigende Auskunft gaben, hatten +augenscheinlich dazu beigetragen, ihn zu beruhigen und ihn die ganze +Sache in einem freundlicheren und milderen Licht ansehen zu lassen. + +Dann als nochmals einige Tage vergangen waren, hatte er allmaehlig +angefangen,--wenn auch noch immer murrend und scheltend,--ueber die +Zukunftsplaene des jungen Mannes zu sprechen. Er hatte sogar die Absicht +angedeutet, trotz seines Alters und seiner Schwerfaelligkeit, die Reise +nach Frankreich zu machen und mit dem alten Herrn Challier, vor dessen +ausgedehntem Geschaeft ihm die Mittheilungen seines Neffen einen grossen +Respect eingefloesst hatten, selbst ueber die Angelegenheit sich zu +berathen. + +So weit war Alles gut, und die alte Frau lebte und webte schon in dem +Gedanken an die glueckliche Zukunft ihres Sohnes und ihrer kuenftigen +Schwiegertochter, welche sie bereits mit aller muetterlichen Zaertlichkeit +liebte, obgleich sie sie nie gesehen. + +Aber der junge Cappei wurde immer ernster und trauriger, denn auch auf +den Brief, welchen er mit der Unterschrift seiner Mutter abgesandt +hatte, war keine Antwort erfolgt, und mit jedem Tage wurde die Qual des +dumpfen Wartens angstvoller und peinlicher, und immer tiefer schnitten +die misstrauischen Fragen seines Oheims in sein von banger Unruhe +gequaeltes Herz. + +Endlich konnte er diesen Zustand nicht laenger ertragen, und er kuendigte +den beiden alten Leuten seinen Entschluss an, selbst nach Frankreich zu +reisen und den Grund dieses unerklaerlichen Schweigens zu erforschen. +Seine Mutter billigte den Entschluss, denn das Leiden ihres Sohnes +erfuellte sie mit tiefem Mitgefuehl,--auch der alte Niemeyer hatte nichts +dagegen einzuwenden, sein practischer Sinn verlangte eine Abaenderung +dieses Zustandes der Ungewissheit, und im Stillen hoffte er, dass sein +Neffe an Ort und Stelle irgend ein Hinderniss faende, welches diese Sache, +die so stoerend in seinen Lebenskreis eintrat, ein fuer allemal beenden +moechte. + +Der junge Cappei traf also seine Vorbereitungen zur Abreise, welche nur +in der Ordnung seines geringen Gepaecks bestanden und begab sich eines +Morgens auf das Amtshaus, um der von ihm uebernommenen Verpflichtung +gemaess dort um die Erlaubniss zu seiner Reise nachzusuchen und sich einen +Urlaubspass zu erbitten. + +Der Amtsverwalter empfing den jungen Mann sehr ernst und hoerte +schweigend sein Gesuch an. + +"Sie wollen nach Frankreich gehen," sagte er--"welchen Zweck hat Ihre +Reise." + +Cappei zoegerte einen Augenblick. + +"Ich bitte Sie, ganz aufrichtig zu sein," sagte der Beamte,--"Sie +befinden sich in einer besonderen Lage, und jede ausweichende Antwort +koennte Ihnen nur nachtheilig sein." + +"Ich habe keinen Grund, meine Absicht zu verheimlichen," sagte der +junge Mann--"ich habe eine Braut in Frankreich und wuensche dort die zu +unserer Verbindung noethigen Vorbereitungen persoenlich zu besprechen." + +"Sie sind landwehrpflichtig," sagte der Amtsverwalter, "und es thut mir +leid, dass ich im Hinblick auf ihre Vergangenheit Ihnen die nachgesuchte +Erlaubniss nicht ertheilen kann." + +"Ich verspreche," sagte der junge Mann erbleichend, "meine Adresse hier +zu lassen und jedem Ruf sofort Folge zu leisten. Auch wird ohnehin meine +Abwesenheit nicht lange dauern, ich werde in spaetestens vierzehn Tagen +wieder hier sein." + +"Ich kann," erwiderte der Beamte, "auch trotz dieses Versprechens Ihnen +die Erlaubniss zur Reise und einen Pass nicht geben,--jedenfalls nicht +ohne hoehere Genehmigung." + +Ein Ausdruck finsterer Entschlossenheit erschien auf dem Gesicht +Cappei's, es schien, dass er etwas sagen wollte, doch schwieg er und +wandte sich mit kurzer Verbeugung um, um das Zimmer zu verlassen. + +Der Amtsverwalter hatte ihn forschend angeblickt. + +"Bleiben Sie," rief er in strengem Ton. + +Cappei wendete sich erstaunt um und wartete. + +"Da Sie mir den Wunsch ausgesprochen haben, den Ort zu verlassen," +sagte der Beamte, "und da ich befuerchten muss, dass Sie bei der +Verweigerung des Urlaubs heimlich abreisen moechten, so sehe ich mich +gezwungen, Sie zu verhaften." + +"Mich zu verhaften," rief Cappei mit bebenden Lippen, indem eine +toedliche Blaesse sein Gesicht ueberzog, "und warum?" + +Der Beamte klingelte, ein Amtsdiener trat herein. + +"Der fruehere Dragoner Cappei ist Arrestant, er wird einstweilen hier im +Amtsgefaengniss bleiben, bis weitere Bestimmung ueber ihn getroffen ist. +Ich will sogleich ein erstes und vorlaeufiges Verhoer mit ihm vornehmen." + +Der junge Mann stand wie niederschmettert da, seine Gedanken verwirrten +sich, er konnte keine Erklaerung fuer diesen Schlag finden, der ihn so +unerwartet traf. + +Der Beamte zog ein Actenstueck aus seinem Schreibtisch hervor, oeffnete +dasselbe, faltete dann einen Bogen Papier und ergriff eine Feder, bereit +das Protocoll aufzunehmen. + +"Haben Sie," fragte er, sich an Cappei wendend, "seit ihrem Aufenthalt +hier mit Personen in Frankreich in Verbindung gestanden und mit +demselben correspondirt?" + +"Ich habe keine Verbindung dort," erwiderte Cappei, "als diejenige mit +meiner Braut, welche besuchen zu duerfen, ich soeben um Erlaubniss bat, +ich habe mit Niemanden correspondirt, als mit ihr, aber zu meiner tiefen +Betruebniss keine Nachricht von ihr erhalten." + +Der Beamte nahm mehrere beschriebene Blaetter aus dem ihm vorliegenden +Actenstueck und fragte, indem er Cappei winkte, naeher heranzutreten. + +"Kennen Sie diese Briefe?" + +Der junge Mann warf einen Blick auf die Papiere, er zuckte zusammen, ein +fast convulsivisches Zittern erschuetterte seine Gestalt. + +"Es sind die Briefe, welche ich an meine Braut geschrieben," rief er mit +bebender Stimme. + +"Sie erkennen also an, dass diese Briefe von Ihrer Hand geschrieben +sind?" + +"Gewiss," rief Cappei, den starren Blick fortwaehrend auf die Briefe +gerichtet, welchen er einen nach dem andern glaubte abgesendet zu haben, +und in welchem er immer dringender und sehnsuchtsvoller um Nachrichten +gebeten hatte. + +"Sie behaupten also," fuhr der Beamte fort, "dass diese Briefe wirklich +an ein junges Maedchen gerichtet sind, und dass der Inhalt derselben +keinen anderen Sinn hat, als den, welchen die Worte ausdruecken." + +"Welchen anderen Sinn koennte er haben?" rief Cappei, entsetzt vor diesem +Raethsel stehend, das sich da so ploetzlich vor ihm erhob. + +"Man hat Beispiele," sagte der Beamte, "dass scheinbar unverfaengliche +Worte eine andere vorher verabredete Bedeutung haben, oder dass sie durch +darauf gelegte Papierausschnitte in anderer Reihenfolge erscheinen. Doch +das wird sich finden," fuhr er fort. + +Dann nahm er einige andere Blaetter und hielt dieselben dem jungen Manne +vor. + +"Kennen Sie diese Handschrift?" + +"Nein," rief Cappei, auf die ihm voellig fremden Schriftstuecke blickend. + +"Dennoch," sagte der Beamte, "sind diese Briefe hier unter Ihrer Adresse +angekommen, und sie enthalten sehr bestimmte und compromittirende +Fragen, Auftraege ueber Truppendislocationen und politische Verhaeltnisse +Nachricht zu geben. Sie werden einsehen, dass das Alles sehr verdaechtig +ist und dass der auf Ihnen ruhende Verdacht durch Ihren Wunsch, jetzt +nach Frankreich zu reisen, nur verstaerkt werden kann. Ich muss das +Resultat meiner polizeilichen Beobachtung, zu welcher meine Pflicht mich +Ihnen gegenueber zwang, nunmehr an die Untersuchungsrichter uebergeben und +kann Sie nur noch darauf aufmerksam machen, dass ein offenes Gestaendniss +Ihre Lage nur verbessern kann,--wenn Sie nicht im Stande sind, sogleich +eine genuegende Erklaerung zu geben." + +Der junge Mann starrte noch immer unbeweglich auf die ihm vorgelegten +Papiere. + +"Tragen diese Briefe eine Unterschrift?" fragte er. + +"Nein," sagte der Beamte, "solche Correspondenzen pflegt man nicht zu +unterschreiben, da der Absender dem Empfaenger doch genuegend bekannt +ist," fuegte er mit leichtem ironischen Laecheln hinzu. + +"Mein Gott, sollte es moeglich sein," rief Cappei, indem eine gluehende +Roethe sein Gesicht ueberflog, "ich erinnere mich, einmal ein Billet von +diesem Vergier gelesen zu haben,--sollte es moeglich sein,--sollte er--" + +"Junger Mann," sagte der Beamte mit ernstem Ton, durch welchen ein +gewisses Mitleid hindurchklang, ich will glauben, dass Sie irre geleitet +sind, und dass Ihre Ergebenheit fuer Ihren Koenig von gewissenlosen Agenten +gemissbraucht ist. Sagen Sie offen und ehrlich Alles, was Sie ueber die +Sache wissen,--ich wiederhole Ihnen, es ist der einzige Weg, um Sie vor +scharfer Strafe zu schuetzen. + +"Herr Amtmann," rief Cappei in verzweiflungsvollem Ton, "ich muss +glauben, dass hier eine niedertraechtige Bosheit veruebt worden ist, um +mich von meiner Geliebten zu trennen. Ich schwoere Ihnen, ich weiss von +nichts,--ich bin mir keiner Schuld bewusst, ich habe keine Ahnung von +diesen Briefen, und die Schreiben von mir, welche Sie da vor sich haben, +enthalten keinen verborgenen Sinn." + +Der Beamte schien betroffen von dem Ton der Wahrheit in den Worten des +jungen Mannes. + +"Ich will in Ihrem Interesse wuenschen," sagte er, "dass es so ist, wie +Sie sagen, und dass Sie Ihre Unschuld beweisen koennen. Indess die Indicien +erscheinen zu gravirend, und die Agitationen, um die es sich hier +handelt, sind zu staatsgefaehrlich, als dass ich es verantworten kann, Sie +in Freiheit zu lassen. Ich will indess Anordnungen treffen, dass Sie gut +behandelt werden, und dafuer sorgen, dass Ihre Sache so schnell als +moeglich untersucht wird. Denken Sie genau ueber Alles nach und bedenken +Sie, dass die groesste Offenherzigkeit in Ihrer Lage das Beste ist. + +Fuehren Sie den Arrestanten ab," sagte er, zu dem Amtsdiener gewendet. + +In dumpfem Schweigen liess sich der junge Mann nach dem in einem +Seitenfluegel des Amtshauses befindlichen Arrestlocal fuehren. Er bat den +Amtsdiener nur noch, seinem Oheim und seiner Mutter Nachricht von seiner +Verhaftung zu geben und warf sich dann in dumpfer Verzweiflung auf das +einfache Bett mit einer Strohmatratze, welche nebst einem hoelzernen +Tisch das ganze Ameublement des Zimmers ausmachte, dessen Fenster mit +Eisenstaeben vergittert waren und vor dessen Thuer sich klirrend der +schwere Riegel schob, der ihn von der Freiheit und von allen seinen +Zukunftstraeumen und Hoffnungen trennte. + + + + +Viertes Capitel. + + +Wochen waren seit dem Plebiscit verflossen, die grosse Mehrzahl des +franzoesischen Volkes hatte sich in ihrem Votum aufs Neue fuer das +Kaiserreich und die neue Verfassung desselben erklaert,--die Elemente des +Aufruhrs, welche einen Augenblick ihr Haupt aus den finsteren Vorstaedten +von Paris erhoben, hatten sich wieder in ihre dunklen Schlupfwinkel +zurueckgezogen, die unbequemen Mitglieder des Cabinets waren entfernt, +der Herzog von Gramont war von Wien gekommen und hatte das Portefeuille +der auswaertigen Angelegenheiten uebernommen, und der Kaiser sah sich +umgeben von lauter Maennern, welche sowohl dem Prinzip seiner Regierung, +als ihm persoenlich vollkommen ergeben waren, und welche er, wenn er sich +die Muehe geben wollte, leicht und vollstaendig nach seinem Willen zu +lenken im Stande war. + +Alles schien vortrefflich geordnet und glaenzend befestigt. Der +kaiserliche Hof hatte sich nach Fontainebleau begeben, es fanden dort +jene reizenden, kleinen Gartenfeste Statt, welche die Kaiserin mit ihrem +intimen Cirkel so ausgezeichnet zu arrangiren verstand. Die Zeitungen +beschaeftigten sich im Ganzen wenig mit der Politik. Sie berichteten ueber +die Toiletten der Damen bei den Soireen a la Watteau, welche unter dem +tiefen Schatten der Baeume des Parks von St. Cloud Statt fanden. Sie +erzaehlten mit hoher Befriedigung, dass die Gesundheit des Kaisers ganz +vortrefflich sei und dass Seine Majestaet Napoleon III in seinem kleinen +Privatgarten in St. Cloud mit ganz besonderem Eifer sich mit der Cultur +der Rosen beschaeftige und nahe daran sei, das grosse Problem der +Horticultur zu loesen und eine schwarze Rose zu erzielen. + +Die Zeit der Villeggiaturen begann, Graf Bismarck ritt in Varzin +spazieren, Seine Majestaet der Koenig Wilhelm badete in Ems, und der +Kaiser Napoleon mit einer blauen Schuerze und einer grossen Scheere in der +Hand, pflegte seine Rosen im Garten von St. Cloud. + +Der Genius des tiefen Friedens hatte sich ueber Europa herabgesenkt, die +Zeitungsredacteure und Correspondenten in allen Hauptstaedten der Welt +konnten trotz des sorgfaeltigsten Spuerens an dem blauen Sonnenhimmel der +Politik kein Woelkchen entdecken, aus welchem sich irgend eine +meteorologische Combination haette machen lassen,--und die Berichte der +Zeitungen waren wahr. Denn an einem schoenen, glaenzenden Sommermorgen +haetten diejenigen, welche in das abgeschlossene Innere der +Sommerresidenz von St. Cloud zu blicken im Stande gewesen waeren, den +Kaiser Napoleon in der That sehen koennen, wie er, einen breiten Strohhut +auf dem Kopf, von seinem Gaertner begleitet, zwischen den Rosenbeeten +umherging, und mit liebevoller Sorgfalt alle diese Straeucher und Staemme +musterte, auf denen so viel gestaltig und verschieden farbig die Koenigin +der Blumen ihre Bluethen entfaltete. Er pruefte genau jeden Stock und +jeden Zweig, er schnitt jede welkende Bluethe und jedes trocknende Blatt +ab, Alles in ein Koerbchen werfend, das der Gaertner trug und sorgfaeltig +darueber wachend, dass kein gelbes Blatt auf den reinen Kies der Gaenge +fiel. Er forschte sorgfaeltig nach dem Mehlthau, diesem boesen Feinde der +Rosen und blies, wenn er etwas davon entdeckte, den Dampf seiner grossen +braunen Havannacigarre auf die kleinen Milben, vergnuegt zusehend, wie +dieselben betaeubt zu Boden fielen. + +Bei allen diesen Operationen musste er sich oft zu den kleinen +Straeuchern herunterbuecken, oft sich neben den hohen und schlanken +Staemmen auf die Spitzen der Zehen erheben, wodurch zuweilen sehr +complicirte und schwierige Stellungen hervorgerufen wurden, in denen die +kleine, von dem grossen Panamastrohhut ueberdachte Gestalt des Kaisers fuer +alle Diejenigen einen sehr befremdenden und erstaunlichen Eindruck +gemacht haben wuerde, welche gewohnt waren, ihn von den Hundertgarden +umgeben bei den grossen Truppenrevuen oder bei den grossen Empfaengen in +den Tuilerien inmitten der Grosswuerdentraeger unter dem kaiserlichen +Thronhimmel stehen zu sehen. Aber das Gesicht des Kaisers war hier, wenn +er klein zusammengebueckt vor einer Zwergrose sass, oder wenn er sich mit +Muehe zu einer hochstaemmigen Centifolie emporhob, unendlich heiterer und +gluecklicher, als in jenen Augenblicken der glaenzenden, kaiserlichen +Repraesentation, sein sonst so undurchdringlich verschleierter Blick +ruhte hier frei und klar auf den Pflanzen und Bluethen, diesen ewig +jungen Kindern der stets sich erneuenden Natur, seine Lippen laechelten +und auf seinem welken, von den Linien des Alters bereits tief +durchfurchten Gesicht lag der Schimmer einer natuerlichen, fast +kindlichen Heiterkeit. Er war hier der Mensch, der seine Freude hatte an +dem, was alle Menschenherzen erfreut hat, seit das Schoepfungswort +Gottes allerlei Kraeuter und Blumen auf der zwischen Licht und Finsterniss +gestellten Erde erwachsen liess, und alle Diejenigen, welche den Kaiser +hassten und bekaempften im grossen Ringen des politischen Lebens, sie waeren +hier vor dem Menschen entwaffnet gewesen,--denn nur ein guter Mensch +kann sich in seinem Herzen die kindlich reine Freude an der einfachen +Natur bewahren. + +Der Kaiser blieb vor einem mittelgrossen Stamm stehen, aus dessen +dunkelgruenen Blaettern Knospen mit tief dunklen Spitzen hervorragten. Der +Kaiser betrachtete sorgfaeltig pruefend diese Knospen, die alle noch +geschlossen waren, vorsichtig die Zweige auseinander biegend, suchte er +nach, ob nicht irgend eine sich bereits geoeffnet habe. + +Ploetzlich stiess er einen leichten Schrei aus. An der anderen Seite des +kleinen Baumes, welche dem Morgensonnenlicht zugewendet war, entdeckte +er eine halb erschlossene Bluethe, deren tief dunkle Blaetter so eben die +Umhuellung gesprengt hatten. + +"Ah," sagte er, indem er mit der Hand dem Gaertner winkte, welcher rasch +herzutrat, "da ist die Loesung meines Problems, die Bluethe ist +erschlossen und"--er blickte ganz enttaeuscht und niedergeschlagen auf +die Blume. + +Die dunklen Blaetter derselben, welche beim ersten Anblick schwarz +erschienen waren, schimmerten im Strahl des darueber hin streifenden +Sonnenlichts in einem sehr deutlichen Purpurblau. + +"Die Rose ist blau," sagte der Kaiser, indem er vorsichtig die Bluethe +erfasste und sie hin und her wendete. + +Aber von welcher Seite auch der Strahl der Sonne darauf fallen mochte, +immer zeigte sich der blaue Glanz. + +Der Gaertner laechelte mit einer gewissen Miene der Ueberlegenheit. + +"Ich habe es Eurer Majestaet immer gesagt," sprach er, "dass es Ihnen +niemals gelingen wird eine schwarze Rose zu ziehen. Die Natur hat die +schwarze Farbe nicht, und so sehr sich auch die verschiedenen Farben +immer mehr und mehr verdunkeln moegen, es wird Ihnen doch niemals +gelingen, sie bis zum wirklichen Schwarz zu bringen." + +"Aber man hat doch die schwarze Farbe in der Thierwelt," sagte der +Kaiser. "Das Haar des Menschen ist schwarz, das Gefieder so manchen +Vogels"-- + +"Ich glaube, dass Eure Majestaet sich taeuschen," sagte der Gaertner +kopfschuettelnd, "Alles das ist nicht schwarz,--es sind nur tiefe +Schattirungen irgend einer anderen Farbe, deren Grundton Sie im +Sonnenlicht leicht erkennen koennen. Die wirklich schwarze Farbe kommt in +der Natur nicht vor, sie kann nur von Menschen kuenstlich geschaffen +werden." + +Der Kaiser liess die Bluethe los. Sein bisher so heiteres Gesicht wurde +ernst, seine Augen verschleierten sich, truebe blickte er vor sich +nieder. + +"Die Natur schafft die schwarze Farbe nicht," sagte er--"das menschliche +Herz ist auch eine Schoepfung dieser Natur, und doch ist die Sorge so +schwarz, welche dieses Menschenherz erfuellt,--die Menschen muessen +kuenstlich die schwarze Farbe schaffen,----sind alle die Sorgen, die uns +quaelen, nicht auch kuenstliche Schoepfungen einer der reinen und heiteren +Natur entfremdeten Welt,--aus den wir uns dennoch nicht losmachen +koennen," fuegte er seufzend hinzu, "um wieder zur Reinheit und Freiheit +der Natur zurueckzukehren,--einer Welt, aus der uns nur der Tod +hinausfuehrt, der uns mit dem letzten und tiefsten Schwarz +bedeckt----werden wir dahinter," sprach er tief sinnend weiter, "eine +neue Welt voll Licht und Farbenglanz finden, oder wird dieser letzte +schwarze Grund fuer immer alles Licht und alle Farben aufsaugen?" + +Er stand noch einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken, dann nahm +er seine blaue Schuerze ab, reichte dieselbe mit der Scheere, deren er +sich zum Schneiden der Zweige bedient hatte, dem Gaertner,--gruesste +denselben freundlich mit der Hand und warf noch einen langen wehmuethigen +Blick ueber seinen bluehenden Rosengarten,--dann wandte er sich schnell um +und stieg die Stufen hinauf, welche ihn in sein Zimmer fuehrten. + +All das helle Licht, welches ihn im Garten umgeben hatte, all die +freundliche Heiterkeit, welche ihn dort erfuellt hatte, schien wie +verschwunden zu sein. Ernst und sorgenvoll trat er zu seinem +Schreibtisch, auf welchem Pietri am Morgen die zu des Kaisers eigener +Durchsicht bestimmten Correspondenzen gelegt hatte und liess sich in dem +davor flehenden tiefen Lehnstuhl von Rohrgeflecht mit einem laenglich +runden Sitzkissen nieder. + +"Die gluecklichen Augenblicke des Tages sind vorueber," sagte er, "die +Sorge tritt wieder in ihr Recht und trotz des Anscheins von Ruhe und +Sicherheit, welche Frankreich und die Welt heute darbietet, stehe ich +heute mehr als je vor ungeloesten Fragen der Zukunft. Dieses Deutschland +consolidirt sich," sagte er, "Oesterreich schwankt und trotz aller guten +Dispositionen des Koenigs Victor Emanuel wendet sich die oeffentliche +Stimmung in Italien mehr und mehr von mir ab, so dass es schwer sein +wird, eine Allianz mit dieser Macht, welche ich geschaffen habe, zu +schliessen. Und selbst wenn es gelaenge," fuhr er fort, "wuerde eine solche +Allianz im Augenblick einer entscheidenden Action--im Augenblick der +Gefahr vielleicht--gehalten werden? Die meisten Sorgen aber," sagte er +nach einigen Augenblicken, "machen mir diese spanischen Angelegenheiten, +die Candidatur des Herzogs von Montpensier wird eifrig betrieben und +trotz der geringen persoenlichen Popularitaet des Herzogs kann sie +urploetzlich mir entgegentreten, denn schliesslich wird man dort nach +jedem Auskunftsmittel greifen, um nur wieder zu geordneten Zustaenden zu +gelangen, und die Orleans verstehen sich auf die Agitationen und die +Intriguen. Aber ich muss Alles aufbieten, um ein orleanistisches +Koenigthum in Spanien zu verhindern. Ich habe soeben den Einfluss +gebrochen, welchen diese erbittertsten und gefaehrlichsten Feinde meiner +Regierung und meiner Dynastie hier in Frankreich wieder zu erringen +begannen, und wuerden sie jemals in Spanien festen Fuss fassen, so wuerde +ihre Agitation trotz der Pyrenaeen mit erneuter Kraft Frankreich +durchziehen. Der Erbprinz von Hohenzollern waere vielleicht eine Loesung +gewesen,--und ich will diesen Faden nicht ganz aus der Hand lassen, +aber das Erste und Naechstliegende ist doch die Wiederherstellung der +Dynastie der Koenigin Isabella unter dem Prinzen von Asturien. Meine +Einleitungen sind getroffen: Olozaga ist der Combination guenstig, und +dieser eitle Serrano wird lieber der Majordomus des unmuendigen Don +Alphonso sein, als einfacher General unter dem Herzog von Montpensier, +der sich seiner wahrscheinlich bald entledigen wuerde--was vielleicht +Prim auch thun wird," fuegte er mit einem leichten Laecheln hinzu--"den +ich vorlaeufig ganz aus dem Spiel lassen muss, um ihn mir fuer jene +hohenzollersche Eventualitaet im aeussersten Falle zu reserviren." + +Er beugte sich ueber seinen Schreibtisch und ergriff die auf demselben +zurecht gelegten Briefe. Nach fluechtigem Ueberblick warf er mehrere +derselben bei Seite, dann ergriff er lebhaft einen andern und lehnte +sich, denselben in der Hand haltend, in seinen Stuhl zurueck. + +"Von meinem Agenten in Spanien," rief er,--"vielleicht naehert sich diese +Sache ihrem Ende." + +Er durchflog rasch die ersten Zeilen des Briefes. + +"Alles ist vorbereitet," las er dann, den Zeilen folgend, "die +massgebenden Personen sind der Proclamation des Prinzen von Asturien +guenstig. Das Volk im Ganzen mit Ausnahme einiger unterwuehlten grossen +Staedte wuerde jede feste Regierung, welche Ruhe und Stabilitaet verbuergt, +mit Freuden begruessen. Die Armee ist zum grossen Theil ganz alphonsistisch +gesinnt und die Proklamation des Prinzen, namentlich wenn derselbe die +unmittelbare und bestimmte Anerkennung Frankreichs faende, wuerde nirgends +ernsten Schwierigkeiten begegnen. Vor allen Dingen aber ist es noethig, +dass die Koenigin Isabella so schnell als moeglich feierlich abdicirt und +alle ihre Rechte auf ihren Sohn uebertraegt, zugleich auch jeden Anspruch +auf die Regentschaft ausdruecklich aufgiebt und sich verpflichtet, auch +nach der etwaigen Thronbesteigung ihres Sohnes im Auslande zu leben und +nicht nach Spanien zurueckzukehren. Dies Document ist unerlaesslich fuer +jede weitere Thaetigkeit, denn Niemand, die Alphonsisten ebenso wenig, +wie alle Andern, will die Rueckkehr der Koenigin, und man fuerchtet, dass +selbst bei ihrer persoenlichen Anwesenheit in Spanien sie und ihre +Umgebung auf die Regierung von Neuem einen Einfluss ausueben wuerden, den +man mit Recht oder Unrecht fuer verderblich haelt. Wenn Eure Majestaet die +Abdication der Koenigin in der oben angedeuteten Weise erreichen koennen, +so scheint die Thronbesteigung des Prinzen von Asturien sicher zu sein." + +Der Kaiser warf den Brief zurueck. + +"Ich kann mich auf diese Mittheilung verlassen," sagte er,--"das Glueck +scheint mir zu laecheln. Die Regierung des Prinzen von Asturien, mag sie +in seinem Namen gefuehrt werden, durch wen sie wolle, wird Frankreich +guenstig sein und in der auswaertigen Politik im Grossen und Ganzen +derjenigen der Koenigin Isabella sich anschliessen. Vor allen Dingen aber +wird sie dem Herzog von Montpensier und den Orleans unversoehnlich +feindlich sein--vielleicht liesse sich dann doch noch auf jene +Combination zurueckkommen, welche durch diese unglueckliche Revolution in +Spanien vereitelt wurde.-- + +Die Koenigin wird sich freilich schwer zur Abdankung entschliessen. Das +Document darueber ist schon aufgesetzt und befindet sich in ihren Haenden. +Sie hat bis jetzt die Unterzeichnung verweigert, weil sie Buergschaft +verlangte, dass nach ihrer Abdication die Thronbesteigung ihres Sohnes +wirklich gesichert sei. Ich glaube ihr nach dieser Nachricht, welche +durch die Mittheilungen Olozaga's vollstaendig bestaetigt wird, jede +Garantie geben zu koennen." + +Er sann einige Minuten nach. + +"In Augenblicken wie dieser," sagte er dann, "kommt es auf schnelles und +entschiedenes Handeln an. Guenstige Situationen muss man benutzen und zu +rascher Entscheidung fuehren,--man weiss niemals, wie lange sie dauern +koennen. Ich will sogleich zur Koenigin, um womoeglich gleich die Sache mit +einem Schlage zu erledigen." Er klingelte. + +"Meinen Wagen," befahl er dem eintretenden Kammerdiener, "grosse +Attelage, ich will nach Paris fahren. General Fave soll mich begleiten." + +Er stand auf und ging in sein Toilettenzimmer. + + * * * * * + +An der Avenue du Roi de Rome liegt das prachtvolle Hotel Basilensky, +welches die Koenigin Isabella gekauft und eingerichtet hatte und ueber +dessen vergoldeten Gitterthoren der Lilienschild des koeniglichen Wappens +von Spanien glaenzte. + +Die innere Eingangsthuer dieses Hotels stand weit offen und liess durch +die Gitter des aeusseren Hofes den Blick in die prachtvolle weite Halle +dringen, in deren Hintergrund die breite Marmortreppe nach den obern +Gemaechern emporfuehrt. + +In dieser Halle war die Dienerschaft der Koenigin in ihrer dunkelblauen +goldgestickten Livree mit den rothen Struempfen aufgestellt, und am Fuss +der Treppe stand der Graf von Ezpeleta, der Oberhofmeister der Koenigin, +ein alter Mann mit grauem Haar, mit dem grossen blauen Bande des Ordens +Karls III. geschmueckt; neben ihm der Kammerherr Albacete, ein noch +junger, schoener Mann mit schwarzem gelocktem Haar, kleinem schwarzem +Schnurrbart und dunklen Augen, mit dem Cordon des Ordens Isabella der +Katholischen. + +Bereits eine Viertelstunde standen die beiden Herren hier, von Zeit zu +Zeit einige Worte mit einander wechselnd und oft ungeduldig durch die +Thuer nach dem Vorhof hinaus blickend, zu welchem wenige Stufen +hinabfuehrten. + +Endlich fuhr ein einfaches Coupe mit dunkler Livree durch das Gitterthor +in den Hof und hielt vor dem Haupteingang des Hotels. + +Graf Ezpeleta eilte schnell an den Schlag des Wagens, den der vom Bock +herabspringende Diener bereits geoeffnet hatte. Herr von Albacete folgte +ihm, den Hut in der Hand; beide Herren verbeugten sich tief vor einem +jungen Manne von etwa zwei und zwanzig Jahren, der hoch und schlank +gewachsen war und leicht und gewandt aus seinem Wagen auf den Boden +sprang. + +Dieser junge Mann hatte ein blasses laengliches Gesicht von vornehm +strengem, aber ein wenig apathischem Ausdruck. Seine Nase war lang und +etwas stark, die von Natur weichen Linien seines Mundes waren durch +feste und energische Willenskraft zusammengezogen,--aus seinen kleinen +Augen leuchtete ein hoher unbeugsamer Stolz. Er trug einen schwarzen +Salonanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, das goldene Vliess am rothen +Bande um den Hals. + +Mit einer leichten Neigung des Kopfes, ohne den Hut zu beruehren, +erwiderte er die ehrfurchtsvollen Begruessungen des Grafen Ezpeleta und +des Herrn von Albacete. Dann stieg er, ohne ein Wort an die Herren zu +richten, die Stufen des Eingangs hinauf und schritt durch die Reihen der +sich tief verneigenden Lakaien zu der grossen Treppe hin, waehrend Herr +von Albacete halb rueckwaerts gewendet, einige Schritte vor ihm herging, +und der Graf Ezpeleta ehrerbietig ihm folgte. Der junge Mann stieg mit +leichtem elastischem Schritt die Stufen der Treppe hinauf. + +Am obern Ende derselben vor dem Eingang in ihre Gemaecher stand die +Koenigin Isabella. Sie trug eine weite Robe von dunkelblauer Seide, das +rothe Band des goldenen Vliesses um den Hals. + +Ihr zur Seite befand sich die Graefin Ezpeleta und einige Hofdamen. + +Der junge Mann, welchen die Cavaliere der Koenigin mit so viel Ehrfurcht +begruesst hatten, stieg ruhig die letzte Stufe der Treppe hinauf, und erst +als er unmittelbar vor der Koenigin stand, nahm er mit einer Bewegung +voll ritterlicher Hoeflichkeit, aber ohne jeden Ausdruck von Ehrerbietung +oder Unterwuerfigkeit den Hut ab, ergriff die Hand, welche die Koenigin +ihm entgegenstreckte und fuehrte sie leicht an die Lippen. + +"Ich danke Ihnen, mein Vetter," sagte die Koenigin, "dass sie gekommen +sind, und ich bitte Gott, dass er unsere Begegnung und unsere Unterredung +segnen moege zum Wohle Spaniens und zum Wohl unseres Hauses." + +Der Infant Don Carlos, welchem man bei seiner Geburt den Namen des +Herzogs von Madrid gegeben, welcher in der Verbannung den Titel eines +Grafen von Monte Molin fuehrte, und welchen die spanischen Legitimisten +den Koenig Carlos VII nannten, erwiderte nichts auf diese Worte. +Schweigend reichte er der Koenigin den Arm und fuehrte sie durch einen +grossen, mit reich vergoldeten Meubeln ausstatteten Salon, in welchem +ueber den Fenstern und Thueren, so wie ueber dem grossen prachtvollen Kamin +die Lilien des koeniglichen Hauses von Bourbon auf blauem Grunde +glaenzten, nach dem Cabinet der Koenigin, welches von dem vordern Salon +durch eine einzige grosse Glaswand aus maechtigen Spiegelscheiben getrennt +war, so dass man aus dem einen Raum vollstaendig den andern uebersehen +konnte. + +Dies Cabinet, in welchem die Koenigin ihre Audienzen zu ertheilen +pflegte, war mit weissem Marmor ausgelegt, neben dem Kamin, welcher der +Glaswand sich gegenueber befand, standen einander gegenueber einige grosse +Fauteuils mit vergoldeter Lehne und mit purpurrothem Seidendamast +ueberzogen. + +Die Koenigin nahm auf einem dieser Lehnstuehle Platz. Don Carlos setzte +sich, immer schweigend und kalt, ihr gegenueber. + +"Erlauben Sie, mein Vetter," sagte Isabella, absichtlich jede Titulatur +in ihrer Anrede vermeidend, "dass ich Ihnen die Infanten, meine Kinder, +vorstelle?" + +Der Graf von Monte Molin neigte artig das Haupt. + +Die Koenigin winkte durch die Glaswand nach dem andern Zimmer hin, in +welchem ihr Gefolge zurueckgeblieben war, und kurze Zeit darauf fuehrte +die Graefin Ezpeleta den dreizehnjaehrigen Prinzen Alphons von Asturien +und seine drei juengeren Schwestern in das Cabinet, worauf sie sich +wieder in das Vorzimmer zurueckzog. + +Der Prinz von Asturien, ein bleicher, zarter Knabe mit sanftem und +kraenklichem, aber intelligentem Gesicht, in einen Anzug von schwarzem +Sammet gekleidet, welcher die zarte Farbe seines Gesichts noch mehr +hervorhob, naeherte sich mit offenem und unbefangenem Anstand dem Grafen +von Monte Molin. Er kuesste seinem Oheim die Hand, waehrend die drei +Infantinnen sich in einer gewissen kindlichen Befangenheit neben den +Stuhl ihrer Mutter stellten. + +"Don Alphonso," sagte die Koenigin, ihren Sohn vorfallend, "Donna Maria +del Pilar--Donna Maria della Pay,--Donna Eulalia,"--fuhr sie fort, die +kleinen Prinzessinnen bezeichnend, welche sich nach der Reihe ihrem +Oheim naeherten und ihre Lippen auf seine Hand drueckten. + +Das bisher so ernste, strenge und unbewegliche Gesicht des Grafen von +Monte Molin wurde einen Augenblick von einem feuchten Schimmer +ueberstrahlt. Ein weiches und inniges Gefuehl leuchtete aus seinen Augen, +wie in unwillkuerlicher Bewegung umarmte er den Prinzen von Asturien, zog +dann die kleinen Infantinnen an sich heran und kuesste sie eine nach der +andern auf die Stirn. + +"Die lieben Kinder," sagte er,--"die Gluecklichen, die noch allen Sorgen +des Lebens--und der Politik fern stehen,--Gott segne sie." + +Die Koenigin hatte mit bewegtem Ausdruck diese Scene mit angesehen, eine +tiefe, maechtige Ruehrung zuckte ueber ihr Gesicht, ein feuchter Schimmer +verhuellte ihren Blick. Dann winkte sie mit der Hand, die Graefin +Ezpeleta erschien wieder und fuehrte, sich tief und ceremoniell +verneigend, die Kinder hinaus. + +"Ich habe Sie gebeten, zu nur zu kommen, mein Vetter," sagte die +Koenigin, "um mit Ihnen ueber die Lage Spaniens zu sprechen und mit Ihnen +zu berathen, was wir, die wir durch unser Blut mit dem Geschick der +spanischen Nation verknuepft sind, thun koennen, um das edle Volk aus +seiner traurigen Lage zu befreien und um auch in unserm Hause den +Frieden wieder herzustellen." + +Das Gesicht des Grafen von Monte Molin nahm wieder seinen frueheren, +kalten und strengen Ausdruck an. + +"Ueber die spanische Nation," sagte er, "ist das Strafgericht +hereingebrochen, dem kein Volk entgehen kann, das sich von Gott abwendet +und das heilige Recht seiner Koenige verleugnet. Spanien wird durch +dieses Strafgericht gelaeutert und so Gott will, einer gluecklichen +Zukunft zugefuehrt werden." + +"Sie haben Recht, mein Vetter," sagte die Koenigin mit sanfter Stimme. +"Indess," fuhr sie fort, "ist das spanische Volk vielleicht entschuldbar, +wenn es sich ueber das Recht seiner Fuersten taeuscht, da ja bei den +Traegern dieses Rechts selbst zwei verschiedene Anschauungen ueber +dasselbe bestehen." + +"Es giebt nur ein Recht," erwiderte Don Carlos, "und wenn zwei +verschiedene Anschauungen darueber bestehen, so trifft die Schuld +denjenigen Fuersten unseres Hauses, welcher in unverzeihlicher Weise die +alten, die heiligsten Satzungen nach seiner persoenlichen Willkuer zu +aendern unternommen hat. Und Ruhe und Frieden," fuhr er in klangvoller +Stimme fort, "wird in Spanien nicht eher wieder herrschen, als bis das +alte, gottgeheiligte Recht wieder zur vollen Geltung gekommen ist." + +"Ich will darueber nicht mit Ihnen streiten, mein Vetter," sagte die +Koenigin, "wo das wahre Recht liegt. Sie muessen mir aber zugeben," fuhr +sie fort, indem sie ihn mit weichem Blick ansah und die Hand wie bittend +gegen ihn erhob, "dass ich unschuldig bin an dem, was vor mir--was zu +meinen Gunsten geschah. Ich habe im guten Glauben meinen Thron +bestiegen, ueberzeugt, dass das Gesetz, welches mich auf denselben berief, +ein im Rechte begruendetes gewesen sei." + +"Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, meine Cousine," sagte Don Carlos, in +sanftem Tone, "es ist Ihre Schuld nicht, dass Sie die Vertreterin eines +Prinzips geworden sind, welchem dem wahren Koenigthum und der von Gott +eingesetzten Monarchie ebenso feindlich gegenueber steht, als es diese +Revolution thut, welche heute unser armes Spanien zerruettet." + +"Wenn Sie das anerkennen, mein Vetter," sagte die Koenigin, "so werden +Sie mit mir auch den Wunsch theilen, dass das traurige Zerwuerfniss, +welches die Linien unseres koeniglichen Hauses von einander trennt, und +welches uns unsern Gegnern gegenueber schwaecht und laehmt, beendet werde. +Sie werden gewiss die Hand dazu bieten, dass wieder das Koenigthum in +Spanien einig und in geschlossener Macht den Elementen des Unglaubens +und Aufruhrs gegenueber gestellt werde." + +Und in lebhafter, offener Bewegung reichte sie dem Infanten ihre Hand, +dieser beruehrte dieselbe sich artig verbeugend, einen Augenblick und +sprach dann, indem er die Koenigin gerade und fest ansah: + +"Sobald sich das ganze koenigliche Haus von Spanien unter meiner Fahne +vereinigt, wird jene traurige Spaltung verschwunden sein, und wir werden +kraeftiger und erfolgreicher als bisher der Revolution gegenueber treten +koennen." + +Die Koenigin schwieg einen Augenblick. + +"Ich schwoere es Ihnen bei Gott, mein Vetter," sagte sie dann, "dass ich +mich wahrlich nicht nach der Herrschaft und nach dem Throne sehne,--sie +haben mir kein Glueck in meinem Leben gebracht. Unruhe, Sorge und Kummer +ist mein Loos gewesen, und auch das Glueck meines Herzens ist diesem +traurigen Glanz der Krone zum Opfer gefallen. Aber," fuhr sie fort, "ich +habe die Rechte meines Sohnes zu vertreten, und man sagt mir, dass die +monarchische Partei in Spanien zu einem grossen Theil auf ihn seine +Hoffnungen setzt und durch seinen Namen zusammengehalten werde." + +Don Carlos hoerte ruhig und unbeweglich zu. + +"Ich setze voraus," fuhr die Koenigin fort, "dass in Ihrem Herzen, wie in +dem meinen das Wohl Spaniens, die Groesse und der Glanz unseres Hauses +weit ueber allen persoenlichen Ruecksichten und Wuenschen stehen--wenn dies +der Fall ist, wenn wir uns darueber verstaendigen koennten, die +Vergangenheit und die Gegenwart einer besseren und gluecklicheren Zukunft +zu opfern, so wuerde es vielleicht in unsere Haende gegeben sein, das +Schicksal Spaniens und unseres Hauses neuem Glueck und neuem Glanz +entgegen zu fuehren." + +"Mein Volk und mein Haus stehen mir wahrlich hoeher, als meine Person," +erwiderte Don Carlos, "und fuer das Wohl Beider bin ich jeden Augenblick +bereit, mich zum Opfer zu bringen." + +"Oh," rief die Koenigin lebhaft, "dann werden Sie gewiss auf die Idee +eingehen, die ich Ihnen aussprechen moechte,--eine Idee, von der mir so +viele einsichtsvolle Personen sagen, dass durch sie Spanien aus seinem +jetzigen, traurigen Zustand gerettet werden koenne." + +Don Carlos sah die Koenigin fragend an. + +"Mein Vetter," fuhr Isabella fort, "Sie sind der Vertreter des Rechts +der einen Linie unseres Hauses; ich stehe an der Spitze der andern. Sie +haben zahlreiche opferbereite Anhaenger in Spanien, und auch an mir haengt +noch ein grosser Theil des Volkes und der Armee. Koennten wir diese Alle +vereinigen zu gemeinsamem Kampf, der Sieg muesste unser sein. Und dazu +gehoert," fuhr sie fort, "nichts weiter, als dass wir, Sie und ich auf den +Thron verzichten, dass wir die Selbstverleugnung haben, unsere eigenen +persoenlichen Rechte aufzugeben, um diejenigen unserer Kinder sicher zu +stellen. Mein Vetter, vereinigen wir unsere beiden Linien und deren +Rechte, beschliessen wir die Verbindung meines Sohnes, den Sie so eben +gesehen, mit der Infantin, Ihrer Tochter. Wenn ich dann auf die Krone +verzichte, die ich getragen und welche die Revolution mir vom Haupte +gerissen hat, wenn Sie Ihre persoenlichen Ansprueche auf die aelteren +Rechte Ihrer Linie aufgeben, so wird Don Alphonso der allein berechtigte +und allseitig anerkannte Koenig von Spanien werden, Ihre Tochter wird +dereinst seinen Thron mit ihm theilen, und in Zukunft wird das +vereinigte Blut beider Linien unseres Hauses das ungetheilte +monarchische Prinzip aufrecht erhalten." + +Don Carlos sah die Koenigin, welche immer bewegter gesprochen hatte, mit +einem gewissen Erstaunen an. + +"Eine Verbindung des Infanten Don Alphonso," sagte er, "mit meiner +Tochter ist ein Gegenstand, der wohl ernste Erwaegung verdient und der +allerdings dazu beitragen moechte, die so beklagenswerte Spaltung des +koeniglichen Hauses von Spanien auszugleichen. Doch begreife ich nicht, +Madame," fuhr er fort, "wie durch eine solche Verbindung Don Alphonso +unmittelbare Rechte auf den spanischen Thron erwerben sollte, selbst +wenn ich auf die meinigen verzichten wuerde, was nach meiner Ueberzeugung +kein Fuerst, den Gott zum Throne hat geboren werden lassen, thun darf." + +"Wenn Sie, mein Vetter," erwiderte die Koenigin "zugleich mit der +besprochenen Verbindung Don Alphonso adoptiren wuerden, so waeren, wie mir +scheint, alle Schwierigkeiten geloest, der Infant wuerde in seiner Person +die Rechte Ihrer und meiner Linie vereinigen und der einzige Mittelpunkt +fuer alle Anhaenger und Vertheidiger der Monarchie in Spanien sein." + +Don Carlos richtete sich hoch empor. + +"Ich bewundere, Madame," sagte er mit schneidendem Hohn, "die Klugheit +Ihrer Rathgeber, welche die Schwierigkeiten auf so einfache Weise loesen +wollen, auf die so unendlich einfache Weise, dass sie das hohe und +unveraeusserliche Recht, welches Gott mir und meinen Nachkommen gegeben, +einfach wegwerfen und alle die Rechtswidrigkeiten anerkennen, durch +welche Spanien in sein gegenwaertiges Unglueck gestuerzt ist." + +"Aber, mein Gott," sagte die Koenigin erstaunt ueber die ploetzliche +Veraenderung in dem Gesichtsausdruck und Ton des Grafen von Monte Molin, +"der Vorschlag, den ich so eben gemacht, beruht ja auf der Anerkennung +Ihres Rechtes, denn mein Sohn soll ja den spanischen Thron gerade +gestuetzt auf unsere beiden bisher sich entgegen stehenden Rechte in +Anspruch nehmen." + +"Das heisst mit andern Worten," fiel Don Carlos ein, "ich soll mit +meinem koeniglichen Siegel legalisiren, was zur Verletzung des legitimen +Rechts geschehen ist. Ich soll aufgeben alle Ansprueche, welche Gottes +Willen mir gegeben und soll das alte heilige Recht in den Dienst treten +lassen der willkuerlichen Verfuegungen, welche die unumstoesslichen +Satzungen des spanischen Koenigshauses veraendert haben. Und wenn ich fuer +meine Person dies Opfer bringen wollte, wenn ich auf mein Recht +verzichten wollte, um das Unrecht zu sanctioniren, wie koennte ich eine +solche That vertreten meinen Nachkommen gegenueber, das darf ich Sie wohl +fragen,--Sie, Madame, die Sie von mir verlangen, dass ich Ihrem Sohn den +Anspruch opfern soll auf die Krone der edelsten und vornehmsten Nation +der Welt." + +"Aber, mein Vetter," sagte die Koenigin, "Sie haben nur eine Tochter und +wenn Sie heute Koenig von Spanien werden, so waere ja Don Alphonso Ihr +legitimer Erbe." + +"Sie vergessen, Madame," rief Don Carlos, "dass in den naechsten Tagen +vielleicht die Gnade der Vorsehung mir einen neuen Nachkommen schenken +wird. Wenn ich heute mit Ihnen diesen Kauf abschloesse," rief er lebhaft, +"ueber die Rechte und die Zukunft meines Hauses, und wenn dann dieses +Kind, das ich erwarte, ein Sohn waere, muesste ich nicht erroethend die +Augen niederschlagen vor der Wiege des Saeuglings, den ich um sein +koenigliches Recht vor seiner Geburt betrogen haette. Nein, Madame," sagte +er kalt und ruhig, jedes Wort scharf und nachdruecklich betonend, "seien +Sie ueberzeugt, dass niemals, niemals von mir ein solcher Pact geschlossen +werden wird, und selbst wenn ich heute ein Greis waere, der keine +Nachkommenschaft mehr zu erwarten hat--selbst dann wuerde ich meine +persoenlichen Rechte nicht veraeussern,--versagt mir Gott einen Sohn, so +ist der Infant Don Alphonso mein natuerlicher und berechtigter +Nachfolger, ich werde ihn als solchen lieben und dahin arbeiten, ihm ein +grosses und ruhmreiches Erbe zu hinterlassen,--aber so lange ich lebe," +fuhr er fort, indem er aufstand, und die Hand wie zur feierlichen +Bekraeftigung seiner Worte emporhob, "so lange ich lebe, giebt es in +meinen Augen auf Erden keinen anderen Koenig von Spanien als mich--in +Gottes Hand steht es, ob ich mein Recht erringen werde, oder ob mir das +hohe Ziel um der Suenden meiner Vaeter und um der meinigen willen versagt +bleiben soll--ich aber werde nichts unterlassen, um den Thron, zu dem +mich Gott hat geboren werden lassen, mir und meinem Hause wieder zu +erobern, mit Niemandem in der Welt werde ich ueber dieses mein hoechstes +Recht, das zugleich meine heiligste Pflicht ist, handeln oder Vertraege +schliessen,--und eine innere Stimme sagt mir, dass dereinst noch die alte +Fahne des reinen legitimen Rechts siegreich in Spanien wehen wird. Dann, +Madame," fuhr er mit mildem Tone sich zur Koenigin wendend fort, "werde +ich Sie willkommen heissen im Escurial, Ihr Sohn wird der erste Prinz +meines Hauses--und vielleicht mein Nachfolger und Erbe sein. Ich werde +Gott bitten, dass er Sie und die Ihrigen erleuchten moege, Sich seinen +ewigen Ordnungen zu fuegen, ich kann meinerseits von denselben nicht +abgehen." + +Die Koenigin erhob sich ebenfalls. + +"Ich bitte Sie, mein Vetter," sagte sie, "lassen Sie unsere Unterredung +nicht so enden, ich habe so grosse Hoffnungen auf unsere persoenliche +Begegnung gebaut, bedenken Sie, dass die Spaltungen zwischen den beiden +Linien unseres Hauses ja nur unseren gemeinschaftlichen Feinden +nuetzt."-- + +"Ich darf nichts bedenken," erwiderte Don Carlos, "als dass Gott mir das +Recht zu bewahren gegeben, das ich aufrecht halten und vertheidigen +werde bis zu meinem letzten Athemzuge." + +Er naeherte sich der Koenigin, welche unschluessig und verwirrt da stand, +kuesste ihr die Hand und sprach: + +"Gott segne Sie, Madame, und die Ihrigen;--wie auch das Schicksal der +Zukunft sich wende, ich werde niemals vergessen, dass das gleiche Blut in +unsern Adern rollt." + +Die Koenigin schien sprechen zu wollen. Don Carlos bot ihr mit einer +entschiedenen Bewegung seinen Arm, sie legte schweigend mit einem tiefen +Seufzer ihre Hand in denselben und geleitete den Infanten durch das +Vorzimmer nach der Treppe, wo er mit einer artigen Verbeugung seinen Hut +aufsetzte und, von dem Grafen Ezpeleta und dem Herrn von Albacete +begleitet, langsam und ruhig die Stufen hinabstieg. Sein Coupe fuhr vor, +er winkte leicht gruessend mit der Hand und fuhr durch das Gitterthor des +Hofes hinaus. + +"Alles vergebens," rief die Koenigin, als der Graf von Ezpeleta zu ihr +zurueckgekehrt war und fragenden Blickes in ihr Cabinet eintrat,--"Alles +vergebens! Er ist unbeugsam! Er steht unerschuetterlich fest auf dem +Boden seines Rechts. Und es waere doch so schoen gewesen," rief sie, "wenn +diese Verstaendigung gelungen waere. Er hat maechtige Anhaenger, wenn sie +sich mit den meinigen vereinigten, sie haetten die groessten Aussichten auf +Erfolg gehabt. Aber so," fuhr sie fort, indem sie ihr Taschentuch heftig +zusammendrueckte, "ist Alles in Frage gestellt. Man verlangt von mir die +Abdankung. Aber was wird dadurch gewonnen, wenn nicht zu Gunsten meines +Sohnes eine grosse, monarchische Partei gebildet werden kann?--ich wuerde +mein Recht aufgeben, ohne ihm dadurch die Nachfolge sichern zu koennen--" + +Eine Bewegung machte sich im Vorzimmer bemerkbar. + +Eiligst trat Herr von Albacete durch die Thuer der grossen Glaswand in das +Cabinet der Koenigin. + +"Seine Majestaet der Kaiser ist so eben in den Hof gefahren!" rief er und +eilte schnell wieder hinweg, um den Kaiser zu begruessen. + +Der Graf Ezpeleta folgte ihm, und die Koenigin ging mit ihren Damen +abermals nach dem Ausgang der grossen Treppe, an welcher sie sich kurz +vorher von dem Grafen von Monte Molin verabschiedet hatte. + +Langsam und etwas schwerfaelligen Schrittes stieg Napoleon die Stufen +hinauf. + +Er trug einen schwarzen Ueberrock und hielt seinen Hut und ein spanisches +Rohr mit goldenem Knopf in der Hand. Mit tiefer Verbeugung kuesste er der +Koenigin die Hand und fuehrte sie in das Cabinet zurueck. + +"Ich habe Ihnen gute Nachrichten zu bringen, Madame," sagte er, nachdem +er ihr gegenueber vor dem Kamin Platz genommen. "Wie befinden sich die +Infanten?" + +"Ich danke, Eure Majestaet," erwiderte die Koenigin, auf deren Gesicht bei +den ersten Worten des Kaisers der Ausdruck gespannter Erwartung +erschienen war, "sie befinden sich vortrefflich in dieser schoenen Luft +des gastfreien Frankreichs, welche fuer sie nur den einzigen Fehler hat, +dass sie die Luft des Exils ist." + +"Und der Koenig Don Franzesco," fragte der Kaiser, indem er leicht mit +der Hand ueber seinen Schnurrbart fuhr. + +"Er ist in Muenchen," sagte die Koenigin, "und braucht dort eine Kur," +fuegte sie mit einem leichten unwillkuerlichen Laecheln hinzu, "welche ihm +statt seines feinen Organs eine tiefe Stimme geben soll. Vielleicht wird +er nicht wieder zurueckkehren," sagte sie ernst mit blitzenden Augen, "es +waere in der That nicht--" + +"Erlauben Eure Majestaet," fiel der Kaiser ein, "dass ich so schnell als +moeglich auf den ernsten Gegenstand meines Besuches kommen darf. Ich habe +so eben," fuhr er fort, "gute und zuverlaessige Nachrichten erhalten, dass +in der spanischen Armee und in einem grossen Theil der Bevoelkerung die +monarchische Restauration immer mehr Boden gewinnt, und dass sich diese +Restauration an den Namen des Prinzen von Asturien knuepft. Der +Proclamirung des Prinzen wuerde, wie ich Eurer Majestaet ebenfalls +versichern kann, Olozaga und Serrano guenstig sein. Es ist also nunmehr +die Bedingung eingetreten, welche Eure Majestaet, und wie ich glaube mit +Recht, stets als unerlaesslich fuer Ihre Abdication bezeichneten. In diesem +Augenblick wuerden Sie durch die Uebertragung Ihrer Rechte auf Ihren Sohn +demselben nach aller wahrscheinlichen Berechnung wirklich die Nachfolge +auf den Thron zu sichern im Stande sein. Ich werde in der Lage mich +befinden, viel dafuer zu thun, wenn Eure Majestaet schleunigst das +Document vollziehen, welches den Prinzen von Asturien zum Vertreter +Ihrer Rechte macht. Ich habe mir erlaubt, schon vor einiger Zeit Eurer +Majestaet den Sinn der Erklaerung mittheilen zu lassen, welche eine solche +Abdankungsurkunde enthalten muesste." + +"Ich weiss es," sagte die Koenigin mit einem bittern Laecheln, "sie soll +nicht nur die Uebertragung meiner koeniglichen Rechte, sondern auch die +Verpflichtung enthalten, dass ich auch nach der Thronbesteigung meines +Sohnes niemals wieder den spanischen Boden betrete." + +"Eure Majestaet," sagte der Kaiser, "werden ueberzeugt sein, wie tief ich +die ungluecklichen Ereignisse beklage, welche sich in Spanien zugetragen +haben, und wie dringend und lebhaft ich gewuenscht haette, Sie selbst +wieder den spanischen Thron besteigen zu sehen. Allein," fuhr er fort, +"Eure Majestaet werden auch ebenso wie ich die Zukunft Ihres Hauses hoeher +stellen, als persoenliche Wuensche,--man muss im politischen Leben stets +mit den gegebenen Verhaeltnissen rechnen und Schweres thun, um ein grosses +Ziel zu erreichen,--was heute eine Nothwendigkeit ist, um Ihrem Hause +seine Krone wieder zu gewinnen, wird nach einiger Zeit verschwinden. +Diejenigen, welche sich in so schmaehlicher Undankbarkeit gegen Eure +Majestaet erhoben haben, fuerchten heute natuerlich den Einfluss, den Sie +bei Ihrer Anwesenheit in Spanien auf Ihren Sohn und dessen Regierung +gewinnen wuerden. Lassen Sie einige Zeit vorueber gehen--Jene werden +ohnehin ihrem Verhaengniss verfallen,--und ich sehe den Tag kommen und +sollte er auch bis zur Grossjaehrigkeit Ihres Sohnes hinausgeschoben +bleiben, an welchem Sie, Madame, unter dem Jubel des Volkes von Spanien +als die Mutter seines Koenigs wieder in Madrid einziehen werden." + +Die Koenigin blickte nachdenkend vor sich nieder. + +"Bedenken Eure Majestaet," sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, +"dass in grossen politischen Entscheidungsmomenten jede Zoegerung +gefaehrlich werden kann--zoegern Sie daher nicht, durch Ihre Abdankung die +Action derer zu ermoeglichen, welche Ihren Sohn auf den Thron fuehren +wollen. Bedenken Sie, dass gewandte und unermuedliche Gegner ihm gegenueber +stehen. Wuerden Sie Sich je verzeihen koennen, wenn durch die Verzoegerung +des Opfers, welches die Verhaeltnisse von Ihnen verlangen, jener Herzog +von Montpensier dennoch endlich an das Ziel seiner Intriguen gelangen +sollte." + +"Er," rief die Koenigin mit flammenden Blicken, indem sie den Kopf empor +warf, "er, der falsche Heuchler, den ich wie die Andern Alle mit +Wohlthaten ueberschuettet habe! Niemals! Niemals! Und dieser stolze, +hochmuethige Graf von Monte Molin," fuhr sie fort, "der jede +Verstaendigung zurueckwies, der mich behandelt hat, wie ein Koenig eine +Infantin seines Hauses--Keiner von ihnen soll triumphiren--ich will +jedes Opfer bringen," sagte sie mit entschlossenem Ton, "wenn Eure +Majestaet mir versichern koennen, dass dadurch wirklich meinem armen Kinde +die Krone gesichert wird." + +Sie blickte den Kaiser scharf und forschend an. + +"Ich bin weder allwissend, Madame," sagte Napoleon, "noch +allmaechtig,--indess so weit menschliche Berechnung reicht, stehen in +diesem Augenblick die Chancen Ihres Sohnes unendlich guenstig, sobald +Ihre Abdankung seine Freunde in den Stand setzt, offen fuer ihn +aufzutreten und zu handeln, und sobald den gegenwaertigen Machthabern +Garantien geboten werden koennen, dass sie unter der wieder hergestellten +Monarchie die gesicherte Stellung finden, welche ihnen selbst bei der +Fortdauer der republikanischen Verwirrung immer zweifelhafter zu werden +scheint;--aber, ich wiederhole es," fuhr er fort, "es muss schnell +gehandelt werden, damit man allen gegenseitigen Intriguen zuvorkommt." + +"Ich werde die Urkunde vollziehen," sagte die Koenigin, indem sie sich +mit einem tiefen Athemzug erhob, "man soll von mir nicht sagen koennen, +dass ich es an irgend Etwas habe fehlen lassen, um den Rechten meines +Hauses Geltung zu verschaffen." + +"Seien Sie meiner ganzen Unterstuetzung dafuer sicher," sagte der Kaiser, +indem er ebenfalls aufstand, "und genehmigen Sie den Ausdruck meiner +aufrichtigen Dankbarkeit, denn Sie haben durch diesen Entschluss nicht +nur Ihrem Hause, sondern auch mir und Frankreich einen grossen Dienst +geleistet,--Sie wissen, wie viel auch mir daran liegen muss, jenseits der +Pyrenaeen geordnete Zustaende und eine befreundete Regierung zu sehen. Ich +darf Eure Majestaet bitten," fuhr er fort, "sobald die Urkunde vollzogen +ist, mir ein Exemplar derselben zugehen zu lassen, damit ich meinerseits +alle die Schritte thue, die die Umstaende erheischen." + +Er kehrte der Koenigin den Arm reichend, in das Vorzimmer zurueck, sprach +mit jedem der Herren und Damen des Gefolges einige hoefliche Worte und +verliess von den Cavalieren der Koenigin bis zum Wagen geleitet, das +Hotel. + +Die Koenigin rief den Grafen Ezpeleta in ihr Cabinet. + +"Lassen Sie sogleich Ihre Majestaet die Koenigin, meine Mutter, bitten, +sich in einer wichtigen Angelegenheit hierher bemuehen zu wollen. Lassen +Sie auch den Herzog von Sesto und den Marquis von Miraflores rufen. In +zwei Stunden soll mein ganzer Hof in Gala sich versammeln. Haben Sie +das Document in Bereitschaft, das ich Ihnen uebergab?" + +"Zu Befehl, Eure Majestaet," erwiderte der Graf von Ezpeleta. + +"Ich werde es unterzeichnen," sagte die Koenigin seufzend. "Heute Abend +wird Ihr Koenig Don Alphonso heissen." + + * * * * * + +Am Abend desselben Tages war in dem Empfangssaal des Hotel Basilensky +der Hof der Koenigin Isabella versammelt. + +Der Graf von Ezpeleta, der Kammerherr von Albacete und die uebrigen +Cavaliere der Koenigin trugen die Uniformen ihrer Grade. Die Graefin +Ezpeleta, welche als Camerera-Major fungirte und die Damen der Koenigin +waren in grosser Toilette. + +Die Kerzen brannten auf den Lustres, in der Mitte des Saales stand ein +grosser runder Tisch mit einer purpurnen Sammetdecke behaengt, auf welchem +in einer grossen Mappe mehrere Papiere lagen, dabei ein kostbares +Schreibzeug und einige grosse Schwanenfedern. In einiger Entfernung von +diesem Tisch standen drei mit rothem Sammet ueberzogene Lehnstuehle, an +deren Ruecklehne sich das koenigliche Wappen von Spanien befand. + +In dem Saal hoerte man jenes leise Fluestern, welches an den Hoefen dem +Eintritt der Souveraine vorauszugehen pflegt. + +Die Stunde war gekommen, zu welcher Ihre Majestaet die verschiedenen +Personen befohlen hatte. Die Eingangsthuer oeffnete sich--aber noch war es +nicht die Koenigin, sondern es erschien ebenfalls in grossem Galacostuem +der Herzog von Sesto, der Gemahl der Wittwe des Grafen von Morny und der +Marquis von Miraflores. Ihnen folgte der Marschall Bazaine in der grossen +Uniform der Marschaelle von Frankreich und der Praesident des +Civilgerichts Herr Benoist-Champy in der Hofgalatracht der +Justizbeamten. + +Abermals verging eine kurze Zeit in schweigender Erwartung. Dann +sprangen die Fluegelthueren auf. Graf Ezpeleta eilte in die anstossenden +Gemaecher Ihrer Majestaet und trat bald darauf in den Saal zurueck, mit dem +Stabe auf das Parquet stossend und die Koenigin ankuendigend. + +Unmittelbar darauf trat die Koenigin in den Saal, sie trug eine faltige +Robe von schwarzem Sammet, ein Diadem von Brillanten auf dem Haupte, +den Hermelin um die Schultern, das goldene Vliess an der Kette um den +Hals und das grosse Band vom Orden Karl's III. ueber der Brust. + +An der rechten Seite der Koenigin, einen Schritt zurueck, folgte die +Koenigin Christine, ebenfalls in schwarzen Sammet gekleidet, ebenfalls +mit dem goldenem Vliess und dem Orden Karl III. decorirt. Die hohe +Gestalt der Koenigin Christine, ihre scharf geschnittenen, harten und +etwas starren Zuege zeigten wenig Aehnlichkeit mit ihrer Tochter, deren +sanfte, weiche Augen von Thraenen geroethet erschienen, und deren grosser +Mund mit den starken, vollen Lippen, durch den Ausdruck trauriger und +stiller Resignation, welcher auf demselben lag, schoener und anmuthiger +als sonst erschien. + +Zur linken Seite der Koenigin ebenfalls einen Schritt zurueck trat der +Prinz von Asturien in den Saal. Er trug einen Knabenanzug von schwarzem +Sammet, ebenfalls das goldene Vliess um den Hals, das blaue Band von dem +Orden Karl's III. ueber der Brust, den Stern an dem kleinen Jaquet. + +Der Prinz war bleich und blickte voll liebevoller Theilnahme auf seine +Mutter hin. Seine ganze Erscheinung war unendlich anmuthig und +sympathisch, und als er mit einem halb kindlich verlegenen, halb +fuerstlich stolzen Kopfnicken, die sich tief verneigende Versammlung +begruesste, bot er ein ungemein interessantes und anziehendes Bild dar. + +Der alte Infant Don Sebastian, ein Mann mit grauem Haar und ruhigen, +gleichgueltigen Gesichtszuegen in der grossen spanischen Generalsuniform +folgte. + +Die Koenigin durchschritt mit dem fuerstlichen Anstande, welcher ihr trotz +ihrer corpulenten und kleinen Figur eigenthuemlich war, den Saal und +setzte sich in den mittelsten der drei Lehnstuehle. + +Die Koenigin Christine nahm ihr zur Rechten Platz. + +Don Alphonso stellte sich neben den dritten Lehnstuhl und der Infant Don +Sebastian hinter den Fauteuil der Koenigin. + +Die Koenigin winkte dem Grafen Ezpeleta. + +Dieser trat an den Tisch, nahm ein grosses Pergament aus der dort +liegenden Mappe und trat vor den Sessel der Koenigin. + +"Ich, die Koenigin," sprach Donna Isabella, "habe in Erwaegung der +Interessen meines Landes und meines koeniglichen Hauses beschlossen, +meine koenigliche Autoritaet und alle meine politischen Rechte aus freiem +Willen und lediglich aus eigenem Antriebe auf meinen viel geliebten Sohn +Don Alphonso, Prinzen von Asturien, zu uebertragen. Ich habe zugleich +beschlossen," fuhr sie mit etwas zitternder Stimme fort, "um allen +Parteistreitigkeiten vorzubeugen und den innern Frieden meines geliebten +spanischen Volkes zu gewaehrleisten und zu erhalten so viel an mir liegt, +fuer meine Person den spanischen Boden nicht mehr zu betreten; auch wenn +mein Sohn durch die Cortes, die das rechtmaessige Votum der Nation +vertreten, auf den Thron berufen werden wird. Bis dies geschieht, und so +lange mein Sohn ausser seinem Vaterlande weilen wird, behalte ich meinen +Sohn unter meinem Schutz und meiner Vormundschaft. + +Don Alphonso XII. ist also von heute an Euer wahrer Koenig, ein +spanischer Koenig, der Koenig der Spanier, nicht der Koenig einer Partei. +Ich werde zugleich mit dieser Urkunde ueber meine Abdankung durch ein +Manifest an die spanische Nation dieselbe verkuendigen und mir wird nur +noch uebrig bleiben, in gluehenden Gebeten lange Tage des Friedens und des +Gedeihens fuer Spanien zu erflehen und fuer meinen Sohn, dem ich meinen +muetterlichen Segen ertheile,--Weisheit und Vorsicht und mehr Glueck auf +dem Thron als seine unglueckliche Mutter fand, welche bis heute Eure +Koenigin war." + +Die letzten Worte der Koenigin wurden fast unverstaendlich durch das +Schluchzen, welches ihre Stimme erstickte. + +Der junge Prinz von Asturien naeherte sich seiner Mutter und kniete +weinend vor ihr nieder. + +Die Koenigin legte die Haende auf sein Haupt und sprach, waehrend grosse +Thraenen ueber ihre Wangen rannen, mit lauter Stimme: + +"Gott erhoere mein Gebet und segne Dich, mein Sohn, mit seinem reichsten +Segen!" + +Sie machte ueber seinem Haupte das Zeichen des Kreuzes und erhob sich +dann. Don Alphonso und die Koenigin Christine standen gleichfalls auf. + +Isabella naeherte sich dem Tisch, auf welchem der Graf von Ezpeleta die +Abdicationsurkunde niedergelegt hatte. Der Herzog von Sesto reichte der +Koenigin die Feder und mit einem raschen, kraeftigen Zug unterzeichnete +sie das Dokument. Dann wandte sie sich um, ergriff den Prinzen von +Asturien bei der Hand und fuehrte ihn zu dem mittleren Lehnstuhl, welchen +sie vorhin eingenommen hatte. Sie neigte sich leicht gegen ihren Sohn +und setzte sich in den Sessel zu seiner Linken. + +Der Hof trat heran, alle anwesenden Spanier defilirten an dem jungen +Prinzen, der hier in der Verbannung zum Koenig von Spanien proclamirt +war, vorueber, beugten das Knie vor ihm und drueckten die Lippen auf seine +Hand, die er Jedem reichte. + +Nachdem die Ceremonie vorueber war, wandte sich die Koenigin Isabella an +ihren Sohn. + +"Ich bitte Eure Majestaet um die Erlaubniss," sagte sie in franzoesischer +Sprache mit starkem spanischem Guttural-Accent, "in Ihrer Gegenwart noch +ein Document aufnehmen zu duerfen, welches nicht die Politik betrifft, +sondern nur die Privatangelegenheiten unseres Hauses ordnet. Es ist mein +Testament, das ich fuer den Fall der Rathschluss Gottes die +Wiederherstellung des Thrones unseres Hauses nicht gestatten sollte, +nach franzoesischem Recht habe aufnehmen lassen, und welches der Herr +Praesident des Civilgerichtshofes und der erlauchte Marschall, der uns +die Freude seiner Gegenwart macht, als Zeugen unterzeichnen sollen." + +Don Alphonso wandte sich in rascher Bewegung zu seiner Mutter, umarmte +sie zaertlich und kuesste ihr ehrerbietig die Hand. + +Herr Benoist-Champy trat an den Tisch, nahm ein ziemlich umfangreiches +Dokument aus der Mappe und sagte: + +"Eure Majestaet erklaeren also hier vor dem Herrn Francois Achille +Bazaine, Marschall von Frankreich, und vor mir, dass dieses Document, +dessen Inhalt Ihnen wohl bekannt ist, Ihre letztwillige Verfuegung ueber +Ihr Privatvermoegen enthaelt, und dass alle darin enthaltenen Bestimmungen +im Falle Ihres Todes gueltig und unantastbar sein sollen, und wollen in +unserer Gegenwart aus voellig freiem Willen und eigenem Entschluss dies +durch Ihre Namensunterschrift bekraeftigen?" + +"Ich will es," sagte die Koenigin, trat an den Tisch und unterzeichnete +die Testamentsurkunde. + +Der Marschall Bazaine und Herr Benoist-Champy setzten ihre Namen unter +denjenigen der Koenigin. + +"Ich bitte nun Eure Majestaet, zu befehlen," sagte die Koenigin Isabella, +sich abermals an ihren Sohn wendend, "dass von der Abdankungsurkunde +ebenso wie von meinem Testamente drei beglaubigte Abschriften genommen +werden moegen, und dass von denselben eine dem Herzog von Sesto, eine dem +Marquis von Miraflores und eine Seiner Majestaet dem Kaiser der Franzosen +uebergeben werde." + +Don Alphonso neigte mit einer gewissen, kindlichen Verlegenheit +bestaetigend das Haupt, dann blickte er fragend auf die Koenigin. + +Diese trat zu ihm hin und legte ihren Arm in den seinigen und Beide +verliessen unter Vortritt des Grafen Ezpeleta den Saal, um sich in ihre +Gemaecher zurueckzuziehen. Die Koenigin Christine und der Infant Don +Sebastian folgten. + +Schweigend ging die Versammlung auseinander,--Herr von Albacete +begleitete den Marschall Bazaine und Herrn Benoist-Champy bis zum Fuss +der Treppe des Hotels. + + + + +Fuenftes Capitel. + +Der Kaiser Napoleon kehrte nach einer Spazierfahrt durch das Bois de +Boulogne nach St. Cloud zurueck. Als er durch das Gitterthor in den Hof +des alten erinnerungsreichen Schlosses eingefahren war, welches die +schoenen Tage von Marie Antoinette, die weithin glaenzende +Siegesherrlichkeit Napoleon I. und die letzten Tage des Koenigthums Carls +X. gesehen hatte, und sich auf den Arm des Generals Fave gestuetzt, nach +seinen Gemaechern begeben hatte, meldete ihm der Dienst thuende +Kammerdiener, der ihm die Thuer des Vorzimmers oeffnete, dass der Herzog +von Gramont angekommen sei und Seine Majestaet bitte, ihm in einer +dringenden Angelegenheit sogleich nach seiner Rueckkehr Gehoer zu +schenken. + +Der Kaiser, welcher sich waehrend der Fahrt heiter und lebhaft mit dem +General Fave unterhalten hatte und dessen Gesicht den Ausdruck einer +frohen, zufriedenen Stimmung trug, wurde bei dieser Mittheilung ernst +und blickte fast finster vor sich nieder. + +"Ist es denn nicht moeglich," sagte er leise, "einen Tag von diesen +ewigen Sorgen und Qualen der Politik befreit zu bleiben, die uns wie mit +eisernen Klammern festhaelt, so bald sie uns einmal erfasst hat und die +alles friedliche, menschliche Glueck zerstoert." + +Seufzend reichte er dem Kammerdiener seinen Hut und seinen Stock und +befahl, den Herzog von Gramont einzufuehren, welcher wenige Augenblick +darauf in das Cabinet seines Souverains trat. + +Der Herzog war bleich, sein sonst so ruhiges, gleichmaessiges und +laechelndes Gesicht zeigte die Spuren tiefer innerer Erregung. Er hielt +einige Papiere in der Hand und erwiderte hastig und ohne seine sonstige +etwas ceremonielle und doch anmuthige, verbindliche Hoeflichkeit die +freundliche Begruessung des Kaisers. + +"Ich habe Eurer Majestaet," sagte er schnell sprechend, "eine ebenso +ueberraschende, als unangenehme Nachricht mitzutheilen, eine Nachricht, +welche Eure Majestaet ebenso sehr befremden und ebenso peinlich beruehren +muss, als dies bei mir der Fall gewesen ist." + +Ein Ausdruck von Ermuedung und von Widerwillen erschien auf dem Gesicht +des Kaisers. Abermals tief seufzend liess er sich in einen Lehnstuhl +sinken und sagte, indem er dem Herzog einen Sessel neben sich +bezeichnete mit matter, tonloser Stimme: + +"Sprechen Sie, mein lieber Herzog--Sie wissen," fuegte er mit einem +gezwungenen Laecheln hinzu, "mein grosser Oheim pflegte zu sagen, dass die +Mittheilung boeser Nachrichten niemals aufgeschoben werden muesse,--die +guten erfaehrt man immer frueh genug. Leider," sagte er ganz leise vor +sich hin, "kommen sie nicht haeufig." + +"Ich erhielt bereits gestern, Sire," sprach der Herzog von Gramont, der +vor dem Kaiser stehen geblieben war, "den Wortlaut einer Rede, welche +der Marschall Prim in den Cortes gehalten hat, und welche mich auf das +Peinlichste beruehrt. Eure Majestaet wissen, wie grosse Bereitwilligkeit +ueberall gezeigt worden ist, um die Restauration des Prinzen von Asturien +einzuleiten und zu unterstuetzen. Ich musste daher auf das Hoechste +erstaunt sein, zu erfahren, dass der Marschall Prim den Cortes gegenueber +auf das aller Bestimmteste erklaert hat, dass die bisherigen Negotiationen +einen Koenig fuer Spanien zu finden, sich nach allen Richtungen hin +zerschlagen haetten." + +"Nun," sagte der Kaiser laechelnd, "das wissen wir ja, das ist vollkommen +wahr und sehr zufriedenstellend. Wenn man keinen andern Koenig finden +kann, wird man endlich wohl auf den kleinen Don Alphonso zurueckkommen +muessen." + +"Aber, Sire," fuhr der Herzog von Gramont fort, "nachdem der Marschall +diese Mittheilung gemacht, hat er hinzugefuegt, er werde nicht fuer das +Werk der Restauration arbeiten und zur Zurueckfuehrung Don Alphonso's +niemals die Hand bieten, und dieses Niemals, Sire, hat er dreimal +betont." + +Der Kaiser laechelte abermals. + +"Es giebt Faelle," sagte er, die Spitzen seines Schnurrbarts drehend, "in +denen man Dasjenige am entschiedensten und bestimmtesten zurueckweist, +was man zu thun entschlossen ist und dessen Ausfuehrung man vorbereitet." + +"Eure Majestaet haben vollkommen Recht," erwiderte der Herzog von +Gramont, "und gerade von diesem Gedanken ausgehend, bin ich dahin +gekommen, der Rede des Marschall Prim keinen besonderen Werth +beizulegen, obgleich es mich immerhin befremdete, ihn eine Combination, +ueber welche er ja fueglich haette schweigen koennen, so bestimmt ablehnen +zu sehen, waehrend dieselbe doch von Olozaga und Serrano durchaus nicht +so absolut zurueckgewiesen ist. Die Rede des Marschalls fand aber," fuhr +er fort, "eine sehr unerfreuliche Ergaenzung und Erklaerung in einem +Bericht des Herrn Mercier de Lostende, Eurer Majestaet Botschafter in +Madrid. Schon gestern Abend erhielt ich ein Telegramm des Botschafters, +in welchem er mir sagt, dass die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern +sehr weit fortgeschritten zu sein scheint,--wenn sie nicht schon +entschieden sei. Der General Prim selbst habe es ihm gesagt und er habe +sogleich Herrn Bartholdy abgesendet, um seinen detaillirten Bericht zu +ueberbringen, denselben durch muendliche Mittheilung zu ergaenzen und die +Befehle Ihrer kaiserlichen Majestaet einzuholen." + +"Die Candidatur Hohenzollerns," sagte der Kaiser,--"mein Gott, diese +Sache hielt ich ja seit einem Jahre fast fuer abgethan. Woher ist denn +dieselbe jetzt wieder auf die Tagesordnung gekommen," fragte er, den +Blick scharf und forschend auf den Herzog von Gramont richtend, "und +woher kommt es, dass ich garnichts davon erfahren habe? Man haette sich +darueber verstaendigen koennen, da sie jetzt so ploetzlich hervortritt, ist +die Sache in der That sehr unangenehm--ich habe mich der Koenigin +gegenueber," fuegte er leiser hinzu, "einigermassen engagirt, sie hat ihre +Abdankung unterzeichnet." + +"Es scheint," sagte der Herzog von Gramont, "dass der Marschall Prim hier +ganz eigenmaechtig und hinter dem Ruecken seiner Collegen und aller +spanischen Staatsmaenner gehandelt hat, denn Herr Olozaga, den ich +sogleich befragte, erklaerte mir, dass er von der ganzen Angelegenheit +nichts wisse und sprach sich zugleich in den aller entschiedensten und +staerksten Ausdruecken gegen diese ganze Combination aus, von welcher er +vollkommen einsah, dass sie nur geeignet sein koenne, grosse Verwirrungen +hervorzurufen." + +"Waere die Sache frueher herangetreten," sagte der Kaiser, immer noch halb +zu sich selbst sprechend,--"man haette sich darueber verstaendigen +koennen--in diesem Augenblick als fait accompli setzt es mich in der That +in die aeusserste Verlegenheit.----Es scheint, dass der Marschall Prim den +Spaniern einen Koenig geben moechte, welcher ihm allein seinen Thron zu +verdanken haette. Er commandirt die Armee und unter einem Koenige seiner +Erfindung wird er allerdings auf lange hinaus der allmaechtige Minister +sein. Aber ich begreife in der That nicht, dass Serrano und die Uebrigen +darauf haben eingehen koennen." + +"Es scheint, dass sie ueberrumpelt sind," sagte der Herzog von Gramont, +"und dass sie sich in keiner Weise die Consequenzen klar gemacht haben, +welche diese Candidatur nach sich ziehen muss,--denn," fuhr er fort, +"wenn ein preussischer Prinz auf den spanischen Thron steigt, waehrend +zugleich der Koenig von Preussen schon jetzt die fast unbestrittene +Hegemonie in Deutschland hat, so ist das Reich Carl V. wieder +hergestellt und in jedem Kampf mit Deutschland wuerden unsere Grenzen an +den Pyrenaeen bedroht sein. Die traditionelle Politik Frankreichs +erfordert es, dass wir uns einer solchen Combination auf das Aeusserste +und Entschiedenste widersetzen, um so mehr als in der Person des Prinzen +von Hohenzollern durch seine Verwandschaftsbeziehungen mit dem +portugiesischen Koenigshause auch die Idee der iberischen Einheit ihren +Ausdruck findet." + +Napoleon laechelte ein wenig bei den lebhaft und erregt gesprochenen +Worten des Herzogs. + +"Nun," sagte er, "der Prinz Leopold wird wohl so bald nicht in der Lage +sein, mit der unumschraenkten Autoritaet Carl V. und Philipp II. ueber die +Armeen Spaniens verfuegen zu koennen, und das spanische Nationalgefuehl +wuerde es ihm wohl ein wenig schwer machen, im Fall einer Verwickelung +mit Deutschland unsere Grenzen zu bedrohen, um so mehr da mit der +Herstellung der Monarchie auch der Einfluss Roms auf die spanische +Politik wieder erheblich maechtiger werden muss. Allein," fuhr er fort, +"die Sache ist immerhin unangenehm und beruehrt mich besonders in diesem +Augenblick sehr peinlich. Auch ist die Art und Weise der ploetzlichen +Mittheilung eines im Stillen vorbereiteten fait accompli durch den +Marschall Prim geradezu eine Beleidigung Frankreichs. Man muss auf der +Stelle in Madrid erklaeren lassen, dass Frankreich diese Candidatur nicht +annehmen koenne. Der Marschall Prim," sagte er, "soll fuehlen, dass er noch +nicht der Mann ist, um ohne mich auch nur zu fragen, Dinge von solcher +Wichtigkeit zum Abschluss zu bringen. Wir werden Mercier sofort anweisen +muessen, eine sehr energische Sprache zu fuehren ich glaube, das wird die +Sache sehr schnell erledigen." + +"Sire," sagte der Herzog von Gramont, "ich stimme mit Eurer Majestaet +vollkommen darin ueberein, dass sich hier eine vortreffliche Gelegenheit +bietet, um das so tief gesunkene Prestige Frankreichs in Europa wieder +herzustellen. Dies Prestige muss allerdings tief gesunken sein, wenn der +Marschall Prim, noch dazu ohne Einverstaendniss seiner Collegen in der +Regierung, es wagt, in einer so ruecksichtslosen Weise ueber Frankreich +vollkommen hinweg zu gehen. Und es hat sich in Folge dessen auch," fuhr +er fort, "die oeffentliche Meinung in Paris bei der ersten Nachricht ueber +diese neueste Wendung der spanischen Verhaeltnisse auf das Aeusserste +erregt gezeigt. Die Journale fuehren eine sehr heftige Sprache und +verlangen von der Regierung Eurer Majestaet, dass dieselbe den Beweis +liefere, Frankreich sei noch nicht aus der Reihe der europaeischen +Grossmaechte ausgestrichen." + +Der Kaiser trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Lehne seines +Fauteuils. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer tiefen Missstimmung. + +"So sehr ich nun auch," fuhr der Herzog von Gramont fort, "die +Nothwendigkeit anerkenne, schnell und energisch zu handeln, so vermag +ich noch nicht die Ansicht zu der meinigen zu machen, dass unsere Action +sich gegen Spanien zu richten habe." + +Der Kaiser blickte befremdet auf. + +"Aber wohin denn," fragte er. + +"Sire," sagte der Herzog von Gramont, indem ein zufriedenes und fast +ueberlegenes Laecheln um seinen fein geschnittenen Mund spielte, "das +Prinzip der Regierung Eurer Majestaet beruht auf der unbedingten +Anerkennung des souverainen Selbstbestimmungsrechts der Nation. Eure +Majestaet nennen sich mit berechtigtem Stolz den Kaiser durch die Gnade +Gottes und durch den Willen der Nation--diesem Prinzip gemaess hat +Frankreich stets das Selbstbestimmungsrecht der Voelker auf das +Sorgfaeltigste geachtet und vertreten, und auch den spanischen +Angelegenheiten gegenueber vom ersten Augenblick an officiell erklaert, +dass es sich jeder Einmischung in das Recht der spanischen Nation sich +nach ihrem eigenen Willen und Belieben zu constituiren, auf das +Gewissenhafteste enthalten werde. Wuerde Eurer Majestaet Regierung nun den +Spaniern verbieten wollen, sich irgend einen Koenig, der ihnen passend +erscheint, zu erwaehlen, so wuerde damit einem Prinzip scharf +entgegengetreten werden, welches Frankreich so wohl im Innern wie nach +aussen hin, bis jetzt proclamirt hat. Der Eindruck einer solchen +Erklaerung muesste beim franzoesischen Volke ein sehr unguenstiger sein, und +koennte bei dem grossen Nationalstolz der Spanier dahin fuehren, dass die +ganze Nation die Partei des Prinzen von Hohenzollern ergriffe, nur um +ihr souveraines Selbstbestimmungsrecht zu wahren, und dass gerade das, +was wir vermeiden wollen, vielleicht um so sicherer geschaehe. Auch +richtet sich der Unwille der oeffentlichen Meinung, die sich in den +Artikeln der Journale kund giebt, nicht gegen Spanien--" + +"Aber wie wollen Sie denn,----" fiel der Kaiser ein, indem er den Herzog +fragend ansah. + +"Sire," sprach der Minister lebhaft weiter, "nicht darin, dass die +spanische Nation ihr Recht, sich einen Koenig zu waehlen, frei ausuebt, +liegt eine Gefahr fuer Frankreich, sondern darin, dass ein Prinz des +preussischen Koenigshauses eine solche Wahl annimmt, und dass in Folge +dieser Annahme spaeter die preussische Politik im Fall feindlicher +Beziehungen zu Frankreich in Madrid Rueckhalt und Unterstuetzung finden +wird." + +Der Kaiser neigte mit einem feinen Laecheln das Haupt und strich mit der +Hand ueber das Kinn. + +"Ich verstehe," sagte er leise. + +"Mir scheint deshalb," fuhr der Herzog fort, "dass wir nicht den Spaniern +verbieten sollen, sich irgend einen Koenig zu waehlen, sondern dass wir uns +an den Punkt wenden muessen, wo die Gefahr fuer uns liegt, und dass wir vom +Koenige von Preussen verlangen muessen, er solle dem Prinzen von +Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten." + +Der Kaiser wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her. + +"Dadurch enthalten wir uns," fuhr der Herzog fort, "jeder Beleidigung +der spanischen Nation, jedes Eingriffs in das nationale +Selbstbestimmungsrecht--wir folgen dem Zuge der oeffentlichen Meinung in +Frankreich, welche sich nicht gegen Spanien, sondern ausschliesslich +gegen Preussen richtet und in der ganzen Candidatur des Erbprinzen von +Hohenzollern nur eine Intrigue des Grafen Bismarck erblickt,--wir haben +ausserdem die Chance des Erfolges fuer uns, denn ich glaube nicht, dass man +in Berlin geneigt sein wird, um dieser Frage willen einen ernsten +Conflikt entstehen zu lassen. Und endlich," fuegte er mit Betonung hinzu, +"wird sich durch diese Behandlung der Sache, die so oft vergebens +gesuchte Gelegenheit finden, der Welt zu zeigen, dass der Schwerpunkt der +oeffentlichen Angelegenheiten Europas noch nicht definitiv von Paris nach +Berlin verlegt worden ist. Der Rueckzug, welchen die preussische Politik +in dieser Sache zweifellos antreten wird, kann der oeffentlichen Meinung +Frankreichs als ein grosser moralischer Sieg dargestellt werden und dies +wird das schwer erschuetterte Prestige mit einem Schlage wieder +herstellen. Wenn in Folge unserer Intervention die Candidatur des +Erbprinzen von Hohenzollern zurueckgezogen werden muss, so wird dies der +Regierung Eurer Majestaet ebenso viel nuetzen, als eine gewonnene Schlacht +oder die Erwerbung von Compensationsobjecten, zu welcher bisher der +vergebliche Versuch gemacht wurde." + +Er schwieg und blickte erwartungsvoll und forschend auf den Kaiser. + +Napoleon stand langsam auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder +und blieb am Fenster stehen, sinnend auf seine Rosenbeete +hinausblickend. Dann wandte er sich, die Hand auf die Fensterbruestung +gestuetzt, zum Herzog zurueck und sprach: + +"Es liegt viel Wahres in dem Gedanken, den Sie da so eben ausgesprochen +haben. Es waere vielleicht eine Angelegenheit um die Vergangenheit zu +verbessern. Das Ganze wuerde freilich," sagte er achselzuckend, "im +Wesentlichen nur ein Theatercoup sein. Aber," fuegte er hinzu, "die +oeffentliche Meinung wird ja doch nur durch solche Theatercoups bestimmt, +und es ist jedenfalls am besten, wenn man sie ausfuehren kann ohne +ernsthafte Gefahr. Doch," sagte er dann mit tiefem Ernst, "sind wir vor +solcher Gefahr sicher, sind wir vollkommen gewiss, dass wir in Preussen +nicht auch diesmal wie so oft vorher auf einen bestimmten und festen +Widerspruch stossen werden, dass sich aus der Sache nicht ein wirklicher +und ernster Conflikt entwickelt, den ich in diesem Augenblicke um keinen +Preis heraufbeschwoeren moechte." + +Der Herzog von Gramont richtete sich noch gerader empor als sonst, mit +einem stolzen Laecheln kraeuselte er leicht seinen Schnurrbart und sagte: + +"Darueber bin ich ganz sicher, man wird es nicht wagen, ernstlichen +Widerstand in Berlin zu leisten, wenn wir nur fest und energisch +auftreten,--wie ich ueberzeugt bin," fuhr er fort, "dass man es auch bei +frueheren Gelegenheiten nicht gewagt haben wuerde, wenn wir bestimmt auf +unserer Forderung bestanden haetten. Man hat in Berlin mit so vielen +inneren Schwierigkeiten zu kaempfen, die Haltung der sueddeutschen Staaten +ist hoechst widerstrebend,--Oesterreich steht auf unserer Seite und der +General Fleury erhaelt unausgesetzt die zweifellosesten Beweise der +Sympathie des Kaisers Alexander fuer Eure Majestaet und fuer Frankreich. +Ich bin sicher, dass man nachgeben wird und zwar um so leichter und +schneller, als man die ehrgeizigen Absichten, welche nach meiner Ansicht +im Hintergrunde dieser Combination liegen, nicht wird eingestehen +wollen." + +"Dessen muesste man aber," sagte der Kaiser, "sicher sein, denn die +sympathischen Aeusserungen gegen den General Fleury vermag ich fuer +nichts anderes anzusehen, als fuer Worte und Ausdruecke persoenlicher +Gesinnungen, welche der Kaiser Alexander gewiss hegt, aber welche kaum +jemals irgend einen Einfluss auf die Politik Russlands ausueben +werden,--und was Oesterreich betrifft," fuegte er achselzuckend +hinzu,--"Sie sehen die Verhaeltnisse dort guenstiger an, mein lieber +Herzog, als ich es zu thun im Stande bin." + +Er schwieg abermals einige Augenblicke nachdenklich. + +"Auch weiss ich nicht," sagte er dann, "ob unsere Armee so schlagfertig +ist, dass man die Moeglichkeit eines ernsten Conflikts in's Auge fassen +darf,--Niel ist todt," sagte er duester, "und seine sichere und +energische Hand ist bis heute noch unersetzt geblieben. + +"Doch," sprach er dann, "unthaetig duerfen wir nicht bleiben, und ich +komme immer mehr dahin, mich Ihrem Ideengang anzuschliessen. Die +Situation ist aeusserst guenstig, Graf Bismarck ist in Barzin,--mit ihm +wuerde man vielleicht nicht so leichten Kaufs fertig werden. Der Koenig +Wilhelm ist in Ems allein,--so sehr er Soldat ist, so hegt er doch eine +tiefe Scheu vor einem ernsten Conflikt, der seine Armee, welche sein +ganzes Volk repraesentirt, auf die Schlachtfelder fuehren koennte. Ausserdem +glaube ich nicht, dass er nach seiner persoenlichen Auffassung einen +seinem Hause nahe stehenden Prinzen gern das Abenteuer dieses spanischen +Koenigsversuchs wird bestehen lassen. Die Sache kann in Ems vielleicht +ganz leicht und glatt erledigt werden, und Ihrer und Olliviers +Geschicklichkeit," sagte er laechelnd, "wird es dann ueberlassen sein, das +Resultat als einen Triumph unserer Energie der oeffentlichen Meinung in +Frankreich darzustellen. + +"Benedetti ist in Wildbad?" fragte er. + +"Zu Befehl, Majestaet," sagte der Herzog von Gramont, "er muss seit +einigen Tagen dort sein, der Botschafts-Secretair Le Sourd fuehrt die +Geschaefte in Berlin, welche ohne diesen Zwischenfall im jetzigen +Augenblick fast gaenzlich bedeutungslos waeren." + +"Geben Sie Benedetti den Auftrag," sagte der Kaiser, "sich sogleich nach +Ems zum Koenig Wilhelm zu begeben und dort so schnell als moeglich und +thunlichst ohne jedes Aufsehen die Zurueckziehung der Candidatur des +Prinzen von Hohenzollern zu erreichen. Er kann dabei auf das Beispiel +Griechenlands hinweisen. Damals wurde ebenfalls bestimmt, dass die Wahl +des Koenigs auf keinen Prinzen aus den regierenden Haeusern der +Schutzmaechte fallen duerfe, auch an das Beispiel Neapels, wo ich selbst +dem Prinzen Murat die Aufstellung seiner Candidatur untersagt +habe,--Benedetti ist unendlich geschmeidig und insinuant, auch dem +Koenige Wilhelm eine angenehme und sympathische Person, er wird dort +unter den einfachen und zwanglosen Verhaeltnissen des Badelebens, welche +ihm auch eine leichtere Annaeherung an den Koenig und einen freieren und +natuerlicheren Verkehr mit ihm gestatten, ohne Zweifel sehr leicht +erreichen koennen, dass die Candidatur des Erbprinzen zurueckgezogen wird. +Lassen Sie Benedetti wissen, dass er auf meine hoechste Dankbarkeit +rechnen kann, wenn er diese Angelegenheit schnell und gluecklich zu Ende +fuehrt und unterlassen Sie vorlaeufig jeden officiellen Schritt in Berlin, +der verletzen und das Resultat der Unterhandlungen in Ems in Frage +stellen koennte." + +Der Herzog verneigte sich. + +"Ich werde sofort den Befehl an Benedetti abgehen lassen, Sire," sagte +er. + +Napoleon rieb sich mit heiterem Laecheln die Haende. + +"Wenn Benedetti reussirt," sagte er, "so wird Alles vortrefflich gehen. +Der Koenig Wilhelm wird die ganze Sache als einen Act freundlicher +Hoeflichkeit ansehen und gern entgegenkommen, und mein Freund, der Graf +Bismarck," fuegte er mit eigenthuemlicher Betonung hinzu, "wird in seiner +laendlichen Einsamkeit zu Barzin nun auch einmal meinerseits eine jener +kleinen Ueberraschungen empfinden, die er mir so oft bereitet hat. Vor +allen Dingen aber," fuhr er fort, "schaerfen Sie Benedetti die aeusserste +Geschmeidigkeit und Ruecksicht ein,--handeln Sie schnell und senden Sie +mir alle eingehenden Berichte und Telegramme sofort hierher. Wenn wir +nach dem Plebiscit dem franzoesischen Nationalgefuehl diesen Erfolg +vorfuehren koennen, so werden wir viel gewonnen haben. Wenn," fuhr er nach +einem augenblicklichen Nachdenken fort, "Sie dahin wirken koennen, dass +durch Olozaga und Serrano auch von den Spaniern die Candidatur des +Prinzen Leopold aufgegeben wird, so wird das um so besser sein, doch muss +jeder Schein eine Pression vermieden werden." + +Der Herzog von Gramont ergriff mit ehrerbietiger Verneigung die Hand, +welche der Kaiser ihm zum Abschied reichte und ging hinaus. + +"Fast scheint es dennoch," sagte der Kaiser, "dass das Glueck sich mir +zuwendet. Diese Candidatur des Prinzen Leopold, dem ich," sprach er +laechelnd, "diesen zweifelhaften Glanz des spanischen Thrones wirklich +gern gegoennt haette, wird die Handhabe bieten, auch den aeusseren Nimbus +des Kaiserreichs wieder herzustellen, nachdem dessen nationale +Grundlagen wieder durch das Plebiscit befestigt sind, und so wird es mir +vielleicht erspart bleiben in die entsetzliche kriegerische Catastrophe, +welche seit vier Jahren wie ein Damoklesschwert ueber meinem Haupte +schwebt, hineingerissen zu werden." + +Er zuendete eine seiner grossen braunen Havannacigarren an, setzte den +breitrandigen Strohhut auf und stieg langsam ueber die, aus seinen +Gemaechern herabfuehrende Treppe in seinen Rosengarten hinab. + + + + +Sechstes Capitel. + + +Die Morgenpromenade am Kursaal in Ems war aeusserst belebt und eine +zahlreiche und glaenzende Gesellschaft bewegte sich in der grossen Allee +hin und her. Die Damen in einfachen eleganten Sommertoiletten hielten je +nach ihrem Range und der Stellung, die sie sich durch ihre persoenlichen +Eigenschaften in der Gesellschaft erworben, eine Art von Cercle, indem +sie in kurzer Unterhaltung die Herren ihrer Bekanntschaft begruessten, +bald stehen bleibend, bald mit Diesem oder Jenem einige Schritte auf der +Promenade machend. + +Daneben sah man alte muerrische Herren, welche hierher gekommen waren, um +den waehrend des Jahres angesammelten Staub der Bureaux aus ihren Kehlen +und ihren Lungen fortzuspuelen; Diplomaten, welche hier ihre +Sommervilleggiatur hielten, weniger um der Heilkraft der Quellen willen, +als weil die Anwesenheit des Koenigs von Preussen, wenn derselbe auch +ganz ausschliesslich seiner Badekur lebte, dennoch in dieser Zeit der +absoluten Stagnation in der Politik hier noch die meiste Gelegenheit +bot, um ein wenig zu hoeren und zu sehen, was in der Welt vorging oder +sich vorbereitete. + +In den letzten Tagen war in das Stillleben des Badeaufenthalts ein wenig +mehr Leben und Bewegung gekommen; man hatte gelesen, dass der Erbprinz +von Hohenzollern als Candidat fuer den spanischen Thron aufgestellt sei, +und dass derselbe diese Candidatur angenommen habe. Man wusste, dass dieses +Ereigniss, welches an sich von keiner besondern Bedeutung zu sein schien, +eine grosse Aufregung in der franzoesischen Presse erregt hatte. Im Corps +legislatif war eine Interpellation erfolgt, und der Herzog von Gramont +hatte eine sehr kategorische und sogar etwas verletzende Erklaerung +abgegeben; auch war der Botschafter des Norddeutschen Bundes Baron von +Werther in Ems angekommen. Das Alles liess darauf schliessen, dass die +spanische Thronfrage und die Candidatur des Prinzen Leopold Gegenstand +der Verhandlungen zwischen dem Koenige Wilhelm und dem Kaiser Napoleon +geworden sei oder werden wuerde und namentlich unter den sich im +Ferienaufenthalt hier befindenden Diplomaten war dadurch eine gewisse +neugierige Spannung hervorgerufen, doch nahm im Ganzen die Gesellschaft +wenig Theil daran. Man war seit einigen Jahren ja gewoehnt, dass hier und +da kleine Differenzen zwischen Frankreich und Preussen entstanden, und da +dieselben jeder Zeit mit der aeussersten Courtoisie von beiden Seiten +wieder ausgeglichen waren, so legte man auch diesmal der so ploetzlich +aufgetauchten Frage keine grosse Bedeutung bei, und um so weniger als ja +die ganze Sache Preussen und Deutschland so unendlich wenig anzugehen +schien. + +So war denn die ganze Gesellschaft auf der Brunnenpromenade in Ems +ebenso heiter, als der blaue sonnige Himmel, welcher sich ueber dem +reizenden Bergthal ausspannte. Es waren nur Worte leichter und +froehlicher Conversation, welche man unter den Klaengen der Badecapelle +miteinander wechselte. + +Bereits war der Prinz Georg von Preussen auf der Promenade erschienen und +hatte sich in liebenswuerdigster Weise mit den ihm bekannten Damen und +Herren der Badegesellschaft unterhalten, und mit allgemeiner Spannung +erwartete man den Koenig Wilhelm, welchen man puenktlich zur festgesetzten +Stunde auf der Promenade erscheinen zu sehen gewohnt war, um seinen +Kraenchen-Brunnen zu trinken. + +"Ich habe gestern Abend die neuesten Zeitungen mit Nachrichten aus +Frankreich gelesen," sagte der Praesident des evangelischen +Oberkirchenraths Dr. Matthis, eine hagere, trockene Gestalt mit +bureaukratisch faltigem, kraenklichem Gesicht, indem er sich zu dem +Regierungspraesidenten von Bernuth, einem schlanken, hoch blonden Mann +mit starkem Schnurrbart, welcher in militairischer kraeftiger Haltung +neben ihm ging, wandte, "es scheint mir doch ein wenig bunt in +Frankreich auszusehen. Wenn ich dazu die ploetzliche Ankunft des Baron +von Werther nehme, so kommt mir die Lage der Dinge doch etwas +beunruhigend vor. Mir scheint die oeffentliche Meinung in Paris sehr +montirt zu sein, und die Erklaerung des Herzogs von Gramont im Corps +legislatif beweist, dass die Regierung sich ein wenig unter dem Druck +dieser oeffentlichen Meinung befindet. Es waere doch entsetzlich," sagte +er seufzend, "wenn wir hier aus unserm ruhigen Badeleben durch ernste +und gefaehrliche Catastrophen aufgeschreckt werden sollten." + +"Ich glaube nicht daran, Excellenz," sagte Herr von Bernuth, "dieses +Spiel hat sich ja seit 1866 schon oftmals wiederholt,--erinnern Sie sich +nur an Luxemburg. Damals schrieben die franzoesischen Journale flammende +Artikel, und so viel man davon erfuhr, fuehrte auch die franzoesische +Diplomatie eine sehr hochmuethige Sprache, so dass Jedermann damals an den +Ausbruch des Krieges glaubte. Die ruhige kaltbluetige Heftigkeit des +Kaisers und des Grafen Bismarck haben damals dem Sturm getrotzt und +derselbe hat keine gefaehrlichen Wetterwolken empor getrieben,--so wird +es auch diesmal wieder sein, man wird sich wohl jetzt ebenso wenig +einschuechtern lassen, wie damals und die ganze Sache hat ja auch fuer +beide Theile lange nicht die Bedeutung wie die Luxemburger Affaire." + +Der Geheimrath Matthis schuettelte bedenklich den Kopf. + +"Mir will das nicht recht geheuer vorkommen," sagte er,--"es waere +wirklich traurig, wenn die Kur, die mir so gut bekommt, unterbrochen +werden sollte." + +Sie waren an die Quelle gekommen, Herr Matthis fuellte seinen Becher und +schluerfte vorsichtig in kleinen Zuegen das Heil bringende Wasser ein, +waehrend Herr von Bernuth rasch in kraeftigen Zuegen seinen Becher leerte. + +"Sehen Sie, Exzellenz," sagte er dann, "dort kommt Seine Majestaet. Ich +bitte, sehen Sie den Herrn an, so lange dies Gesicht so heiter und +ruhig blickt, haben wir nichts fuer den europaeischen Frieden zu +fuerchten." + +Der Geheimrath Matthis hatte bei den Worten des Praesidenten hastig +seinen Becher geleert, von der schnell in seine Kehle dringenden +Fluessigkeit gereizt, begann er heftig zu husten, und sein Taschentuch +vor den Mund haltend, blickte er nach dem Eingang der Allee hin, wo so +eben der Koenig Wilhelm in einem einfachen dunklen Civilanzug, einen +Cylinderhut auf dem Kopf, einen Stock in der Hand erschien, begleitet +von dem Fluegeladjutanten, Grafen Lehndorf, einem schoenen, hoch +gewachsenen Mann mit starkem dunklem Bart, der ebenfalls in Civil +erschienen war. + +Der Praesident von Bernuth hatte Recht; der Koenig ging so frisch, so +leichten und kraeftigen Schritts einher; sein Gesicht strahlte von einer +so ruhigen milden Heiterkeit, dass man unmoeglich dem Gedanken Raum geben +konnte, dass ernste Sorgen um den Frieden der Welt ihn erfuellen koennten. + +Der Koenig schritt rasch durch die Allee nach der Quelle hin und +erwiderte rechts und links freundlich mit der Hand winkend die +ehrerbietigen Begruessungen der bei seinem Vorbeischreiten tief sich +verneigenden Badegaeste. Der Koenig begruesste schnell, aber herzlich den +Prinzen Georg, welcher ihm entgegentrat und wandte sich dann zu seinem +Leibarzt Dr. von Lauer, der den Becher Seiner Majestaet aus dem +Kraenchen-Brunnen fuellen liess. + +"Ich habe vortrefflich geschlafen, mein lieber Lauer," sagte der Koenig, +indem er den Becher ergriff, "ueberhaupt bekommt mir diesmal die Kur ganz +ausgezeichnet. Es ist eine vortreffliche Quelle, die Sie mir verordnet +haben, sie bringt meine Natur fuer ein Jahr immer wieder in Ordnung." + +Er leerte mit langen Zuegen seinen Becher und athmete dann tief auf, als +fuehle er die wohlthaetige Wirkung des Getraenks. + +"Eure Majestaet sehen in der That in den letzten Tagen und heute +besonders ganz ausnehmend wohl und kraeftig aus," sagte Herr von Lauer, +indem er den scharfen Blick seines klugen und geistvollen Auges auf der +kraeftigen Gestalt des Koenigs ruhen liess. "Aber ich wuerde, um die Quelle +zur vollen Wirksamkeit zu bringen, am liebsten sehen, dass Eure Majestaet +Ihr Militair- und Civilcabinet zu Hause gelassen haetten, denn die +Enthaltung von allen Arbeiten, von aller geistigen Unruhe ist die erste +Bedingung einer guten Wirkung des Bades, und leider halten Eure Majestaet +diese nothwendige geistige Diaet nicht mit eben der Sorgfalt, mit +welcher Sie die materiellen Diaetvorschriften beobachten." + +"Leider ist das nicht so ganz moeglich," erwiderte der Koenig, "indess kann +ich Sie versichern, dass ich auch in dieser Beziehung so viel als es +angeht, Ihren Vorschriften nachkomme, und namentlich habe ich keine +aufregenden und beunruhigenden Arbeiten," fuegte er hinzu, waehrend es wie +ein leiser voruebergehender Schatten ueber sein Gesicht flog. + +"Ich fuerchte doch, dass Eure Majestaet als Bade-Patient immer noch zu viel +arbeiten, denn nach der Anzahl von Depeschen, welche einlaufen--" + +"Controliren Sie meine Depeschen?" fragte der Koenig laechelnd. + +"Als Eurer Majestaet Leibarzt," sagte Herr von Lauer, "muesste ich hier im +Bade eigentlich Alles controliren, was in Eurer Majestaet Leben +eingreift; aber zu der Bemerkung, welche ich so eben zu machen mir +erlaubte, bin ich auf zufaellige Weise gekommen; ich wohne im steinernen +Hause neben dem Zimmer des Hofraths St. Blanquart"-- + +"Nun," fragte der Koenig. + +--"der Geheimrath Abeken, Majestaet, kommt nun sehr haeufig von seiner +Wohnung in Huyns Gartenhaus zu St. Blanquart, um von den Depeschen nach +ihrer Dechiffrirung sofort Kenntniss zu nehmen, und seit einigen Tagen +hoere ich bis tief in die Nacht hinein fortwaehrend das Vorlesen der +Zahlen der Chiffres. Diese ruhig und monoton ausgesprochenen Zahlen +toenen in meinen Schlaf hinein, und wenn ich morgens frueh aufwache, so +hoere ich bereits wieder, wie sich Zahl an Zahl in der Arbeit des +Dechiffrirens an einander reiht;--ob man in der Nacht ueberhaupt +aufgehoert hat, weiss ich nicht. Und alle diese unendlichen Zahlenreihen," +fuhr er fort, "haben doch einen Inhalt, dieser Inhalt muss endlich zu +Eurer Majestaet gelangen und ist jedenfalls der Feind meiner Kur. Ich bin +mehrmals schon sehr boese gewesen und moechte am liebsten das ganze +Dechiffrirbureau von Eurer Majestaet durch eine chinesische Mauer +trennen, so lange bis mein Brunnen seine Wirkung gethan." + +Der Koenig lachte herzlich. + +"Nun," sagte er, "Abeken und der arme St. Blanquart werden wohl nicht so +gefaehrliche Feinde meiner Gesundheit sein, lassen Sie sie nur immerhin, +ich verspreche Ihnen, ich werde mich nicht zu sehr anstrengen." + +Und freundlich den Kopf neigend, wandte er sich zur Seite. + +Der Geheimrath Matthis hatte den Hustenanfall ueberwunden, und der Koenig +winkte ihn freundlich heran, fragte ihn nach der Wirkung der Kur und +wandte sich dann zu dem Praesidenten von Bernuth. + +"Wenn ich hier die Badegesellschaft in Ems ansehe," sagte er heiter, so +muss ich glauben, dass dies Wasser ein Lebenselixir ist, welches meine +ganze Regierungsmaschine durchdringt und verjuengt, meine +Kirchenverwaltung, meine Administration, meine Diplomatie und selbst +meine Officierscorps suchen sich hier Kraft und Staerkung, und so dringt +diese Quelle von Ems in alle Adern des preussischen Staatslebens." + +"Wenn die Quelle Eurer Majestaet Kraft und Gesundheit staerkt," erwiderte +Herr von Bernuth, "so durchdringt sie ja ohnehin schon den Organismus +des preussischen Staats mit neuer Lebenskraft und verdient die +Dankbarkeit aller Ihrer Unterthanen." + +Der Koenig nickte freundlich mit dem Kopf und trat dann zu dem in der +Naehe stehenden Botschafter am Pariser Hofe, Freiherrn von Werther, einem +schlanken eleganten Mann mit bleichem Gesicht und militairisch +geschnittenem Haar und Bart. + +"Benedetti ist diese Nacht angekommen," sagte der Koenig mit etwas +gedaempfter Stimme, indem er durch einen Wink der Hand Herrn von Werther +aufforderte, ihn auf seiner Promenade zu begleiten. "Er hat mich um eine +Audienz gebeten, ich habe ihm sagen lassen, dass ich ihn erst Mittags +empfangen koenne, da ich morgens mit meiner Kur zu thun habe und auch am +Vormittage mehrere Geschaefte zu erledigen muss. Er ist jedenfalls nicht +zufaellig hier, denn er war erst vor wenigen Tagen auf Urlaub nach +Wildbad gegangen und hatte so eben seine Kur begonnen. Jedenfalls kommt +er in dieser Hohenzollerschen Angelegenheit, welche in Frankreich +taeglich mehr Staub aufwirbelt. Es wuerde mir lieb sein, wenn ich bevor +ich ihn empfange, ueber den Gegenstand seiner Mission unterrichtet waere. +Wollen Sie ihn besuchen, und wenn Sie es in der Unterredung mit ihm +erfahren koennen, mir ungefaehr mittheilen, was er will. Ich wuensche aber +nicht," fuhr er fort, "dass Sie in eigentliche Discussion mit ihm +eintreten,--wenn er ueber die Angelegenheit spricht, so sagen Sie ihm +einfach, dass der Prinz Leopold mich um Rath gefragt habe, und dass ich +nicht im Stande gewesen sei, seinem Wunsch, die spanische Krone +anzunehmen, ein Hinderniss entgegenzustellen." + +"Ich zweifle nicht, Majestaet," sagte Herr von Werther, "dass der Graf +Benedetti hierher gesendet ist, um Eurer Majestaet dasselbe zu sagen, was +mir bereits der Herzog von Gramont und Herr Ollivier in ziemlich +allgemeiner Weise ausgesprochen haben, dass naemlich Frankreich die +Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern, den man dort hartnaeckig +fuer einen preussischen Prinzen erklaert, nicht dulden koenne, und dass man +verlangen muesse, dass Eure Majestaet den Prinzen zur Verzichtleistung +veranlasse." + +"Ich begreife nicht, was sie wollen," sagte der Koenig einen Augenblick +stehen bleibend, "ich kann mir unmoeglich denken, dass der Kaiser +Napoleon, dessen Gesundheit in der letzten Zeit immer weniger fest +gewesen ist, darauf ausgehen sollte, einen Conflict zu suchen, und doch +erscheint diese ganze Behandlung der Hohenzollerschen Candidatur wie +eine Provocation, denn einen politischen Grund, sich so sehr darueber zu +echauffiren, sehe ich in der That nicht. Der Prinz Leopold ist kein +preussischer Prinz--und wenn er es waere, glaubt man denn, dass er in +diesem von Parteien zerrissenen spanischen Lande preussische Politik +machen koennte? Jeder Koenig, der dort auf den Thron steigt, wird genug zu +thun haben, um sich auf demselben zu erhalten und der inneren +Verwirrungen Herr zu werden. Ich begreife die ganze Sache nicht," fuhr +er fort,--"ich hoffe, dass das Alles nur ein kleines Strohfeuer sein +wird, wie man sie in Frankreich von Zeit zu Zeit anzuzuenden liebt, und +dass der Kaiser Napoleon auch diesmal wie bei der Luxemburger +Angelegenheit, die doch eigentlich ernsterer Natur war, das Feuer der +Kriegspartei ein wenig daempfen wird." + +"Auch ich bin davon ueberzeugt, Majestaet," erwiderte Herr von Werther, +"denn nach all den Eindruecken, die ich habe, wuenscht der Kaiser wirklich +aufrichtig die Erhaltung des europaeischen Friedens und guter Beziehungen +zu Eurer Majestaet. Indess laesst sich nicht verkennen," fuhr er fort, "dass +diese Hohenzollersche Frage die oeffentliche Meinung im hohen Grade +aufgeregt hat, allerdings unter Vorgang der Regierungsjournale--doch bei +meiner Abreise von Paris war diese Aufregung sehr gross, und nach dem, +was ich aus den Zeitungen sehe, steigt sie von Tage zu Tage. Ollivier +ist aeusserst abhaengig von der oeffentlichen Meinung, der Herzog von +Gramont folgt Ollivier, und der Kaiser steht, je mehr sein Koerper und +seine Nerven schwach werden, immer mehr unter dem Einfluss seiner +Minister und seiner Umgebung." + +"Nun," sagte der Koenig, "ich werde wahrhaftig nichts dazu thun, um die +Situation zu verschlimmern, ich werde ein freundliches Entgegenkommen +zeigen, da ich wahrlich kein Interesse daran habe, den Prinzen Leopold +zu diesem spanischen Abenteuer zu treiben, aber ebenso wenig kann ich +ihm auch dasselbe verbieten, ich wuerde ja auch dazu eigentlich gar kein +Recht haben. Wenn er mich um Rath fragt, so ist das eine +Courtoisie,--wenn er aber meinen Rath nicht befolgen will, so kann ich +ihn kaum dazu zwingen--jedenfalls bin ich als Koenig von Preussen der +ganzen Angelegenheit voellig fremd, meine Regierung hat mit derselben +garnichts zu thun. Nun wir werden ja sehen," sagte er, "gehen Sie +inzwischen zu Benedetti und erklaeren Sie ihm zugleich nochmals, warum +ich ihn erst am Nachmittag empfangen kann, er wohnt in der Stadt +Bruessel." + +Mit freundlichem Kopfnicken entliess der Koenig den Baron Werther und +wendete sich zu dem Oberpraesidenten von Moeller, einem Mann von etwa fuenf +und fuenfzig Jahren, dessen kluges und offenes Gesicht mit den frischen +Farben und den hellen Augen sein Alter weniger verrieth als das bereits +stark ergraute, ziemlich lang zurueckgestrichene Haar. + +"Guten Morgen, mein lieber Moeller," sagte der Koenig, "es freut mich, Sie +hier zu sehen. Ich bin begierig, von Ihnen zu erfahren, wie es in Hessen +steht, und ob meine neuen Unterthanen dort noch immer so unzufrieden +sind, dass sie Preussen geworden sind." + +"Majestaet," sagte Herr von Moeller, "die allgemeine Stimmung in der +Provinz, deren Leitung Allerhoechst dieselben mir uebertragen haben, +soehnt sich immer mehr mit der neuen Ordnung der Dinge aus. Alle +Vernuenftigen, namentlich auch die Vertreter des Handels und der +Industrie empfinden immer mehr die Vorzuege einem grossen Staatswesen +anzugehoeren, und ich gebe mir die groesste Muehe ueberall auf die mildeste +Weise die alten Verhaeltnisse mit den neuen Zustaenden zu versoehnen."-- + +"Ganz recht, ganz recht," fiel der Koenig ein, "Sie handeln darin ganz in +meinem Sinn. Man muss alle berechtigten Eigenthuemlichkeiten schonen, alle +Erinnerungen an die Vergangenheit achten--" + +"Die Erinnerungen an die Vergangenheit, Majestaet, stehen uns bei der +Bevoelkerung von Kurhessen vielleicht weniger entgegen, als bei +derjenigen von Hannover. Die Hessen haben viele Anhaenglichkeit an die +Traditionen ihrer Vergangenheit, aber gerade durch die Persoenlichkeit +des letzten Kurfuersten, der ja ueberall wenig Sympathie hatte, haben jene +Erinnerungen an Intensivitaet und Einfluss verloren. Den nachdruecklichsten +und hartnaeckigen Widerstand findet die Regierung leider bei den +Geistlichen, welche befuerchten, dass die Einverleibung in Preussen dem +lutherischen Bekenntniss Gefahr bringen, und dass die Einfuehrung der Union +beabsichtigt werden koennte." + +Der Koenig blieb einen Augenblick stehen und blickte sinnend vor sich +hin. + +"Mein Gott," fuhr er fort, "dass doch gerade die Priester des +Christenthums sich so wenig zu den Ideen der Liebe und Duldung erheben +koennen, welche den Erloeser selbst erfuellten. Was ist denn die Union, +dieses Werk meines unvergesslichen Vaters, anders, als der Ausdruck der +wahrhaft christlichen Toleranz, um alle Bekenner des evangelischen +Glaubens zu einer evangelischen Kirche zu vereinigen. + +"Nun ich hoffe," sprach er weiter, "der gesunde Sinn der Gemeinden wird +kraeftiger sein, als der eigensinnige Zelotismus der Geglichen. Uebrigens +liegt es mir ja unendlich fern, den Gewissen irgend welchen Zwang anthun +zu wollen und einen Druck zur Einfuehrung der Union auszuueben. Sie werden +mir ueber das Alles noch ausfuehrlich berichten," sagte er, "sobald ich +eine Stunde freie Zeit habe." + +Er gruesste Herrn von Moeller und wendete sich zu zwei Damen, welche in +einfacher Morgentoilette an der Seite der Promenade stehen bleibend, +sich tief verneigten. + +Es waren die berliner Kuenstlerinnen, Fraeulein Marie Kessler mit dem +anmuthig gedankenvollen Ausdruck in den weichen sinnenden Augen und +Fraeulein Anna Schramm, deren lebhafte Blicke von Geist und Laune +funkelten. + +"Nun, meine Damen," sagte der Koenig, "ich hoffe, dass die Vorstellung, +welche Sie mit Herrn Bethge und Herren Behrend zum Besten der +Abgebrannten in Pera veranstaltet haben, einen recht guenstigen Ertrag +fuer die armen Opfer jener ungluecklichen Catastrophe erzielt hat." + +"Die Rechnungen sind noch nicht abgeschlossen, Majestaet," erwiderte +Fraeulein Kessler, "doch hoffen wir, dass nach der Gesammteinnahme ein +erheblicher Ueberschuss sich ergeben wird." + +"Ich habe mich sehr ueber Ihr Unternehmen gefreut," sagte der Koenig "und +spreche Ihnen nochmals meinen Dank dafuer aus. Es ist ein schoener Zug des +immer mehr erstarkenden und erwachenden Nationalgefuehls, dass wenn auch +im fernsten Auslande Deutsche von dem Schlage des Ungluecks getroffen +werden, die besten Kraefte der Nation sich vereinigen, um ihnen +beizustehen, und es hat mich hoch erfreut, dass meine berliner Kuenstler +und Kuenstlerinnen auch in dieser Beziehung mit edlem Beispiel +vorangegangen." + +Mit ritterlich artigem Gruss gegen die beiden Damen schritt er weiter, +begruesste noch die verschiedenen Bekannten auf der Promenade, waehrend er +die vorgeschriebene Anzahl von Bechern an der Quelle leerte und kehrte +dann, vom Grafen Lehndorf gefolgt, nach seiner Wohnung im Badehause +zurueck. + +Ruestigen und leichten Schrittes stieg er die Treppe hinauf, trat durch +das Wohnzimmer in den einfachen Raum, welcher ihm als Arbeitscabinet +diente; an dem Fenster dieses Zimmers stand der breite Schreibtisch; ein +Sopha und einige Lehnstuehle mit rothem Pluesch ueberzogen, bildeten das +ganze Ameublement dieses anspruchslosen Aufenthalts des maechtigen +Monarchen. + +Der Fluegeladjudant war im Vorzimmer zurueckgeblieben. Der Koenig reichte +seinen Hut und seinen Stock seinem Leibkammerdiener Engel, welcher in +ernster ruhiger Haltung, in seinem blauen Frack mit den goldenen Knoepfen +fast an einen hohen Staatsbeamten erinnernd, seinem koeniglichen Herrn +entgegengetreten war. + +"Ich lasse den Geheimrath Abeken bitten," sagte der Koenig, setzte sich, +waehrend der Kammerdiener hinausging, an seinen Schreibtisch und oeffnete +einige fuer ihn dort hingelegte Privatbriefe. + +Nach kurzer Zeit trat der Geheime Legationsrath Abeken, seine +Vortragsmappe unter dem Arm in das Zimmer. + +Er war ein kleiner Mann von einundsechzig Jahren, dessen ganze +Erscheinung trotz der etwas lebhaften und nervoesen unruhigen Bewegung +noch ein wenig den Stempel des geistlichen Standes trug, fuer den er sich +in seiner Jugend bestimmt hatte. Sein blondes Haar und sein kleiner +blonder Schnurrbart erschienen noch wenig ergraut, und aus seinen +lebhaften, scharf blickenden Augen blitzte das Feuer jugendlicher +Frische. + +"Guten Morgen, mein lieber Abeken," sagte der Koenig, freundlich mit dem +Kopf nickend und seinen langjaehrigen vertrauten Diener, der ihn als +vortragender Rath des auswaertigen Ministeriums auf allen seinen Reisen +begleitete, die Hand reichend. "Setzen Sie sich, theilen Sie mir mit, +was Neues von Berlin gekommen ist. Ich muss Sie uebrigens bitten," sagte +er schalkhaft laechelnd--waehrend Herr Abeken einen Sessel heranzog und +seine Mappe oeffnete--"dass Sie die Leute nicht im Schlaf stoeren--" + +Herr Abeken sah ganz erstaunt den Koenig an. + +"Ich wuesste nicht, Majestaet." + +"Lauer hat sich beklagt," fuhr der Koenig in demselben scherzhaften Ton +fort, "dass Sie und St. Blanquart am spaeten Abend und am fruehesten Morgen +schon wieder ihn fortwaehrend mit dem monotonen Geraeusch der Lectuere der +Zahlen des Depeschenchiffres verfolgen." + +"Nun Majestaet," sagte Herr Abeken laechelnd, "ich hoffe, daran wird sich +Herr von Lauer gewoehnen, wie man sich an das Geraeusch einer Muehle +gewoehnt, und wenn er nach Berlin zurueckkommt, wird er das +Dechiffrirbureau neben seinem Zimmer vermissen." + +"Wie steht die Hohenzollersche Angelegenheit in Berlin," fragte der +Koenig. "Sie wissen, dass Benedetti angekommen ist, es scheint, dass es da +einige Weitlaeufigkeiten geben wird." + +"Herr von Thiele berichtet, Majestaet," sagte der Geheimrath Abeken, +indem er einen Bericht aufschlug, den er aus seiner Mappe genommen +hatte, "dass der franzoesische Geschaeftstraeger Le Sourd eine aeusserst +scharfe und bestimmte Sprache fuehre und erklaert habe, dass die +franzoesische Regierung unter keiner Bedingung die Thronbesteigung des +Prinzen von Hohenzollern in Spanien dulden koenne. Und diese Sprache des +Geschaeftstraegers zusammengehalten mit den Aeusserungen des Herzogs von +Gramont im Corps legislatif floessen Herrn von Thiele die aeussersten +Besorgnisse ein, und er fuerchtet, dass in Paris ein Hintergedanke +bestehe. Der Legationsrath von Kendell ist nach Barzin gegangen, um dem +Grafen Bismarck persoenlich ueber die Sache Bericht zu erstatten und +demselben den Wunsch auszusprechen, dass er, wenn moeglich unter diesen +Umstaenden nach Berlin zurueckkehren moechte." + +"Der arme Bismarck," sagte der Koenig, "er hat seine laendliche Ruhe so +noethig, und ich goenne sie ihm so von Herzen nach all' den Arbeiten, die +er den Winter ueber gehabt hat. Aber freilich," fuhr er fort, "wenn die +Sache, was ich noch immer nicht glauben kann, irgend wie ernsthaft +werden sollte, so wird er seine Sommerruhe wohl unterbrechen muessen. Ich +kann ja auch hier nicht ohne Minister auf irgend welche politische +Verhandlungen wirklich eingehen, doch vermag ich in der That kaum +abzusehen--" er schwieg einen Augenblick. + +"Was haben Sie sonst noch?" fragte er. + +"Abgesehen von dieser spanischen Frage, Majestaet," sagte der Geheimrath +Abeken, "ist in der auswaertigen Politik voelliger Stillstand. Was Eure +Majestaet vielleicht besonders interessiren wird, ist ein Bericht ueber +die Zustaende in Rumaenien." + +Der Koenig nickte leicht mit dem Kopf. + +"Es sieht dort bunt aus," sagte er. + +"Sehr bunt, Majestaet," erwiderte der Geheimrath Abeken, "die Lage ist +dort so verworren, dass bereits in den Parteien sich Stimmen erheben, +welche das Einschreiten der Schutzmaechte gegen die Verfassung von 1860 +fuer dringend noethig erachten. Es scheint, dass die Zustaende in Rumaenien +keine freie Verfassung ertragen. In allen Schichten der Bevoelkerung +fehlt es an Vertretern, welche die noetige Einsicht zur Ausuebung +verfassungsmaessiger Rechte besitzen. Die Verfassung dient nur dem Ehrgeiz +der Parteien und legt der Thaetigkeit des Fuersten, und wenn er persoenlich +die groesste Energie haette, ueberall hemmende Ketten an. Gerade diejenigen +welche den Regierungsantritt des Fuersten beguenstigten, die Fuehrer der +radicalen Partei, sind am wenigsten geneigt seine Autoritaet zu staerken. +Sie wollen ihn zu einem lenkbaren Zoegling machen und erschweren ihm das +Leben in jeder Weise, Senat und Deputirtenkammer sind seit den vier +Jahren der Regierung des Fuersten Carl schon dreimal ausgeloest, und der +Aufloesung folgte jedes Mal eine Agitation durch das ganze Land, die das +oeffentliche Leben aufs tiefste erschuettert." + +"Lassen Sie mir den Bericht hier," sagte der Koenig, "der arme Carl von +Hohenzollern thut mir leid, dass er sich in diese Verwirrung hinein +begeben hat, welche zu loesen ihm kaum gelingen moechte. Es ist +merkwuerdig," sagte er, waehrend Herr Abeken den Bericht auf den +Schreibtisch des Koenigs legte, "dass das Beispiel in der Familie, den +Prinzen Leopold nicht abhaelt, auch seinerseits sich auf den Weg +aehnlicher Abenteuer zu begeben, die vielleicht noch unangenehmer und +verhaengnissvoller werden koennen. Der Fuerst Anton hat an diesem kleinen +rumaenischen Thron schon genuegend empfunden, was solche Expeditionen +kosten. Das spanische Unternehmen moechte wohl leicht noch etwas theurer +werden koennen. Wenn keine eiligen Sachen mehr da sind," sagte er dann, +"so bitte ich Sie das Uebrige fuer morgen zu vertagen. Ich moechte noch +hoeren, ob Wilmowsky etwas Dringendes vorzutragen hat und einige Briefe +lesen, die ich so eben erhalten, bevor ich Benedetti empfange," sagte er +mit leichtem Seufzer. "Der Kronprinz hat mir sehr ausfuehrlich ueber seine +Begegnung mit dem Kaiser Alexander in Breslau geschrieben, und es ist +mir eine rechte Herzensfreude gewesen, zu sehen, dass auch dort wieder +die mir so lieben Familienbeziehungen den innigsten Ausdruck gefunden +haben. Der Kaiser hat dem Kronprinzen selbst den St. Georgsorden zweiter +Klasse an die Brust geheftet und zugleich an Fritz Carl denselben Orden +geschickt, wozu er mich schon frueher um die Erlaubniss gebeten hatte. Das +Alles freut mich ungemein, die Beziehungen zu dem russischen Hause hege +und pflege ich wie ein theures Vermaechtniss meines Vaters und wuensche +von Herzen, dass dieselben Beziehungen in der kuenftigen Generation auch +fort leben moegen." + +"Abgesehen von diesen Traditionen," sagte der Geheimrath Abeken, welcher +sich erhoben und seine Mappe unter den Arm genommen hatte, "welche ja in +der glorreichsten Geschichte Preussens wurzeln, sind die guten +Beziehungen mit Russland auch im Hinblick auf die politischen +Verhaeltnisse der Gegenwart von der aeussersten Wichtigkeit, und gerade in +Augenblicken wie der gegenwaertige, in welchem nach anderer Seite hin die +Keime zu Verwickelungen sich zeigen, tritt mir so recht lebhaft die +Nothwendigkeit entgegen, mit dem maechtigen Nachbar im Osten in fester +Einigkeit zu leben, damit fuer alle Eventualitaeten nach dorthin uns der +Ruecken gedeckt ist." + +"Nun," sagte der Koenig laechelnd, "dafuer ist ja gesorgt, in dieser +Beziehung duerfen wir keine Bedenken haben, noetigenfalls unsere ganze +Kraft nach der andern Seite hinzurichten. Auf Wiedersehen, mein lieber +Abeken," sagte der Koenig, "wollen Sie veranlassen, dass Benedetti zum +Diner eingeladen wird. Senden Sie mir Wilmowsky und," fuegte er laechelnd +mit dem Finger drohend hinzu, "stoeren Sie mir Lauer nicht wieder im +Schlaf." + +Der Geheime Legationsrath verliess das Cabinet. + +Kurze Zeit darauf waehrend welcher der Koenig noch einige der fuer ihn +persoenlich angekommenen Briefe geoeffnet und durchflogen hatte, trat der +Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky ein, auf seinem laenglichen Gesicht, +dessen unterer Theil von einem kurzen weichen Bart umgeben war, lag +ruhige Heiterkeit und ein fast humoristischer Zug umgab die klaren und +scharf blickenden Augen, seine breite, von vollem ergrautem Haar +umgebene Stirn war zugleich hoch und schoen gewoelbt, und in seiner +Haltung zeigte er die ruhige und klare Sicherheit des Hofmannes. + +"Sind die Bestimmungen ueber die Feier des dritten August nunmehr +vollstaendig getroffen," fragte der Koenig, nachdem er seinen Cabinetsrath +freundlich begruesst und derselbe ihm gegenueber Platz genommen hatte. "Es +liegt mir diese Feier ganz besonders am Herzen. Die Aufrichtung eines +Denkmals fuer den hochseligen Koenig ist eine Pflicht der Dankbarkeit, +welche ich schon lange empfunden und welche ich mich besonders freue, +noch waehrend meines Lebens abtragen zu koennen." + +"Eure Majestaet hatten befohlen," sagte der Geheime Cabinetsrath, "dass +von den Civilbehoerden ausser den Deputationen saemmtlicher in Berlin +bestehenden Behoerden und der Regierung in Potsdam nur die +Oberpraesidenten der Provinzen eingeladen werden sollten." + +"Ganz recht," sagte der Koenig, "einfach und schlicht wie der Sinn meines +Vaters war, soll auch die Feier der Enthuellung des Denkmals sein, auch +wenn kein grosser Pomp entfaltet wird, so wird das Gefuehl des preussischen +Volkes und seine frommen Erinnerungen dennoch diesem Act seine schoene +und hohe Bedeutung geben." + +"Von den Rittern des eisernen Kreuzes," fuhr der Geheime Cabinetsrath +fort, "sollen wie Eure Majestaet bestimmten, nur diejenigen von Berlin, +Potsdam und Spandau zugezogen werden--" + +"Die Ritter des eisernen Kreuzes," sagte der Koenig sinnend--"um das +Denkmal des verewigten Herrn, dessen einfacher frommer Sinn dieses +eiserne Denkzeichen an eine eiserne Zeit stiftete! Sie werden immer +weniger," fuhr er mit weicher Stimme fort, "diese alten Kaempfer fuer die +Befreiung Deutschlands--noch einige Jahre und das edle Zeichen wird aus +meiner Armee verschwunden sein,--sie werden dann dort oben Alle +versammelt sein um meinen Vater und meine Mutter--und ich auch!--So Gott +will aber soll der Geist nicht verloren gehen, welcher in jenem Zeichen +lebt, der Geist der frommen und treuen Hingebung an das Vaterland, der +Geist, der uns lehrt, das eiserne Schwert nur zu gebrauchen fuer eine +Sache, auf welcher der Segen des heiligen Kreuzes ruht." + +"Uebrigens," fuhr der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky nach einigen +Augenblicken fort, "wird eine umfassende Repraesentation der Stadt Berlin +bei der Feier statt finden, worueber der Polizeipraesident von Wurmb, der +heute oder morgen hier eintrifft, Eurer Majestaet noch naehere +Mittheilungen machen wird. Auch von allen Grossstaedten der Monarchie sind +Deputationen angemeldet, ebenso von Seiten der Provinzial-Staende." + +"Wenn es nur nicht zu gross und geraeuschvoll wird," sagte der Koenig. +"Nun," fuhr er fort, "Jedermann in Preussen kennt ja den Sinn meines +Vaters, und man wird verstehen, dass auch in diesem Sinne die Feier +gehalten werden muss. Es sollen Deputationen der russischen Armee +erscheinen," fuhr er dann fort, "ich will darueber noch mit Treskow das +naehere besprechen. Diese Aufmerksamkeit des Kaisers Alexanders freut +mich ganz besonders, der hochselige Herr legte ja stets so hohen Werth +auf die russische Freundschaft und laechelte stets so still gluecklich, +wenn es im Palais hiess, die Russen kommen. Es wird ein schoener, aber +tief ergreifender Tag werden," sagte er, "und ich werde so recht ruhig +und zufrieden sein, wenn ich erst das liebe und so schoen gelungene +Erzbild meines Vaters als ein Denkmal der grossen und unvergesslichen Zeit +werde aufgerichtet haben. Lassen Sie mir das ganze Programm hier," sagte +er dann, "ich will Alles genau noch pruefen, und wenn ich Wurmb gehoert +habe, Alles definitiv feststellen. Was haben Sie sonst noch?" + +Der Geheime Cabinetsrath nahm seine Papiere zur Hand und begann den +Vortrag ueber die laufenden Geschaeftssachen, welche der Koenig hier im +Bade mit derselben Puenktlichkeit und Regelmaessigkeit erledigte, als in +Berlin. + + * * * * * + +Um drei Uhr Nachmittags erschien im Badehause der franzoesische +Botschafter Graf Benedetti. Er war bereits zum Diner angekleidet und +trug unter dem schwarzen Frack das breite Orangeband des Ordens vom +schwarzen Adler, den Stern dieses hoechsten preussischen Ordens und das +Grosskreuz der Ehrenlegion auf der Brust. Sein blasses, glattes und +bartloses Gesicht, dessen runde Stirn von duennem ergrauendem Haar +umgeben war, zeigte die vollkommenste gleichgueltige Ruhe. Ein heiteres, +freundlich hoefliches Laecheln lag auf seinen Lippen, und seine klaren +grauen Augen, welche selten einen bestimmten Ausdruck zeigten, blickten +so voellig unbefangen umher, dass Niemand, der den Botschafter in die +Wohnung des Koenigs eintreten sah, an das Vorhandensein irgend einer, +auch nur einigermassen ernsten politischen Frage haette glauben koennen. + +Der Fluegeladjutant vom Dienst meldete den Botschafter sofort Seiner +Majestaet und fuehrte ihn unmittelbar darauf in das koenigliche +Arbeitscabinet. + +Koenig Wilhelm hatte sich erhoben, trat dem Grafen Benedetti einen +Schritt entgegen und reichte ihm mit freundlicher Bewegung die Hand, +welche dieser, sich tief verneigend, ehrerbietig ergriff. + +"Ich glaube zu wissen, wesswegen Sie kommen," sagte der Koenig,--"wir +werden uns leicht darueber verstaendigen und aus dieser Sache wird kein +Conflikt entstehen." + +Er deutete, waehrend er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf einen +Sessel, welcher neben demselben stand. + +"Eure Majestaet," sagte Benedetti, indem er sich niederliess, "haben die +Gnade, dieselbe Ueberzeugung auszusprechen, in welcher ich hierher +gekommen bin,--ich bin gewiss, dass es unendlich leicht sein wird, den +Gegenstand der Beunruhigung verschwinden zu lassen, welcher in den +letzten Tagen aufgetaucht ist, und welcher die Regierung des Kaisers, +meines allergnaedigsten Herrn, sehr lebhaft beschaeftigt." + +Der Koenig blickte ruhig und erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht +des Botschafters. + +"Die oeffentliche Meinung in Frankreich, Majestaet," fuhr dieser fort, +"erblickt in der Annahme der spanischen Throncandidatur von Seiten des +Erbprinzen Leopold von Hohenzollern eine ernste Gefaehrdung der +franzoesischen Interessen, und die Regierung des Kaisers, welche," fuegte +er hinzu, "mehr als irgend eine andere Veranlassung hat, der +oeffentlichen Meinung in ausgedehnter Weise Rechnung zu tragen, kann +sich, wenn sie auch weit entfernt von der allgemeinen Aufregung ist, +dennoch diesem Einfluss nicht verschliessen. Eure Majestaet wissen, wie +hohen Werth der Kaiser persoenlich und alle Mitglieder seiner Regierung +darauf legen, dass in den Beziehungen zwischen Preussen und Frankreich +keine Truebung entstehe, und dass kein Missverstaendniss die aufrichtige +Freundschaft und das Vertrauen stoeren, welches zum Wohl beider Nationen +besteht und zu dessen Erhaltung ich nach meinen Kraeften mitzuwirken +seit Jahren den ehrenvollen und erfreulichen Beruf habe." + +Der Koenig nickte wie die letzten Worte betaetigend leicht mit dem Kopf, +ohne etwas zu erwidern. + +"Die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern," sprach Benedetti weiter, +"muss abgesehen von der Irritation in Frankreich, wie die Regierung des +Kaisers glaubt und wie auch Eure Majestaet gewiss nicht verkennen werden, +auch in Spanien selbst eine grosse Aufregung hervorrufen und wird +unausbleiblich dort die Ursache oder wenigstens der Vorwand grosser +Unruhen und Unordnungen werden. Auch in anderen Laendern, Majestaet," fuhr +er mit fast unmerklich erhoehter Betonung fort, "hat die Sache eine +lebhafte Beunruhigung erzeugt,--wenn man den uebereinstimmenden +Aeusserungen der englischen Presse Glauben schenken darf, so ist auch die +oeffentliche Meinung in England einig darin, eine Combination zu +beklagen, welche die Ruhe Spaniens ebenso sehr zu bedrohen scheint, als +die guten Beziehungen, die in diesem Augenblick die grossen europaeischen +Maechte miteinander verbinden. Die Regierung des Kaisers hat keinen +andern Wunsch, als allen diesen Beunruhigungen so schnell als moeglich +ein Ziel zu setzen, und in den Haenden Eurer Majestaet liegt es, diese +Wuensche, diese lebhaften und innigen Wuensche zu erfuellen. Eure Majestaet +koennen mit einem Wort alle diese Gefahren beschwoeren und den Ausbruch +eines Buergerkrieges in der pyrenaeischen Halbinsel verhueten, fuer welche +ein Mitglied Ihres Hauses die Verantwortung tragen wuerde. Der Prinz von +Hohenzollern kann die spanische Koenigskrone nicht annehmen, ohne dazu +von Eurer Majestaet autorisirt zu werden. Sobald Eure Majestaet ihn von +diesem auch fuer ihn selbst gefaehrlichen Unternehmen, abzuhalten die +Gnade haben, so werden die Beunruhigungen, welche jetzt alle Welt +erfuellen, in einem Augenblick aufhoeren. Die hohe Weisheit Eurer Majestaet +und die grossherzigen Gefuehle, welche Sie erfuellen, werden Ihren +Entschluss bestimmen. Ich beschwoere Eure Majestaet, Europa diesen +neuen Beweis von den edlen Gesinnungen zu geben, in welchen +Allerhoechstdieselben bei jeder Gelegenheit beigetragen haben, den +allgemeinen Frieden zu erhalten und zu befestigen. Die Regierung des +Kaisers," fuegte er hinzu, "wird in einem solchen Entschluss Eurer +Majestaet eine neue und innige Befestigung der guten Beziehungen zwischen +Frankreich und Preussen erblicken und wird einen solchen Entschluss, wie +ich versichern darf, mit hoher Freude und dankbarer Anerkennung +entgegennehmen, ebenso wie sie ueberzeugt ist, dass derselbe in ganz +Europa allgemeine Befriedigung erregen wird." + +Der Koenig hatte vollkommen ruhig und ohne ein aeusseres Zeichen seiner +Gedanken die Worte des Botschafters angehoert, er sah einen Augenblick +schweigend zu Boden und richtete dann den klaren Blick seines offenen, +freien Auges fest auf Benedetti. + +"Mein lieber Graf," sagte er, "es ist vor allen Dingen nothwendig, jedes +Missverstaendniss und jede falsche Auslegung ueber die Art meiner +Intervention in dieser ganzen Angelegenheit auszuschliessen. Alle +Verhandlungen, welche ueber den Gegenstand gefuehrt wurden, haben sich +ganz ausschliesslich zwischen der spanischen Regierung und dem Prinzen +von Hohenzollern bewegt. Die preussische Regierung ist allen diesen +Verhandlungen nicht nur vollkommen fern geblieben, dieselbe war ihr +sogar gaenzlich unbekannt, auch ich persoenlich habe in keiner Weise in +dieselbe eingegriffen. Ich habe es sogar entschieden verweigert, einen +Agenten des Marschall Prim zu empfangen, welcher in dieser Sache nach +Berlin geschickt wurde und habe mich zum ersten Male ueber die ganze +Frage ueberhaupt geaeussert, als der Prinz Leopold bereits ganz entschieden +war, die ihm gemachten Vorschlaege anzunehmen und meine Erklaerung +darueber erbat. Dies fand bei meiner Ankunft in Ems statt, und ich habe +mich einfach darauf beschraenkt, dem Prinzen zu erklaeren, dass ich nicht +glaubte, seinen Absichten ein Hinderniss in den Weg legen zu sollen. Die +ganze, an sich schon sehr unbedeutende Einwirkung, welche ich +meinerseits auf die Sache habe ueben koennen, ist also rein passiver Natur +gewesen und hat sich ganz ausschliesslich auf meine Stellung als Chef des +Gesammthauses Hohenzollern bezogen. Lediglich in dieser Eigenschaft und +nicht in derjenigen als Koenig von Preussen bin ich von dem Entschluss des +Prinzen unterrichtet worden, auch habe ich meinem Ministerrath in keiner +Weise die Frage vorgelegt, und die preussische Regierung als solche, ist +ausser Stande eine Interpellation ueber die Sache zu beantworten, die ihr +vollkommen unbekannt geblieben ist, und fuer welche sie ebenso wenig +verantwortlich sein kann, als irgend ein europaeisches Cabinet." + +Der Koenig schwieg. + +Benedetti, welcher mit schaerfster, ehrerbietigster Aufmerksamkeit seinen +Worten gefolgt war, verneigte sich, wie um anzudeuten, dass er den Sinn +derselben vollkommen erfasst habe. + +"Eure Majestaet wollen mir erlauben," sprach er mit seiner sanften, +geschmeidigen Stimme, "ehrfurchtsvoll zu bemerken, dass die oeffentliche +Meinung, namentlich diejenige in Frankreich den Sinn und die Bedeutung +des scharfen Unterschiedes in der Stellung Eurer Majestaet, welche +Allerhoechstdieselben so eben hervorzuheben die Gnade hatten, nach meiner +Ueberzeugung nicht zu erfassen im Stande sein wird. Die oeffentliche +Meinung sieht in dem Erbprinzen von Hohenzollern nichts anderes als ein +Mitglied der in Preussen regierenden Familie und kann sich, wie ich +glaube, von der Auffassung nicht los machen, dass der Prinz, indem er die +spanische Koenigskrone annimmt, in einer und derselben Dynastie zwei +Throne vereinigt. Man wird sich vergebens bemuehen, diese Auffassung zu +zerstoeren, das Nationalgefuehl Frankreichs ist vollkommen einig in dieser +Auffassung, und Eure Majestaet werden die Gnade haben, anzuerkennen, dass +es der Regierung des Kaisers unmoeglich ist, dieser Auffassung gegenueber +gleichgueltig zu bleiben. Die Regierung des Kaisers befindet sich in der +Nothwendigkeit--und ist entschlossen, jener Auffassung der oeffentlichen +Meinung mit vollem Ernst Rechnung zu tragen." + +"Wenn man die Sache," sagte der Koenig, "von einer andern Seite auffasst, +so wird doch aber die Regierung des Kaisers nicht verkennen wollen, dass +die gegenwaertige Regierung in Spanien von allen Maechten anerkannt und in +ihren Entschliessungen vollkommen souverain ist. Ich vermag nicht +einzusehen," fuhr er fort, "mit welchem Recht eine europaeische Macht +sich der Thronbesteigung eines Koenigs widersetzen koennte, welcher durch +die Vertreter des spanischen Volkes frei gewaehlt werden wuerde. Wie der +spanische Gesandte in Berlin mitgetheilt hat," fuhr er fort,--"und dies +ist," fuegte er mit Betonung hinzu, "die erste und einzige Mittheilung, +welche die preussische Regierung ueberhaupt in der ganzen Angelegenheit +erhalten hat,--werden die spanischen Cortes auf den zwanzigsten dieses +Monats zusammen berufen werden. Wenn wirklich fuer die innere Ruhe +Spaniens aus der Candidatur des Prinzen Leopold diejenigen Gefahren zu +besorgen sein sollten, auf welche Sie, mein lieber Graf, vorhin +aufmerksam gemacht haben, so wird es Sache der Cortes sein, jede +Candidatur zurueckzuweisen und damit die ganze Sache zu beendigen." + +"Ich bitte um die Erlaubniss, Eurer Majestaet bemerken zu duerfen," +erwiderte Graf Benedetti, "dass die Regierung des Kaisers weit entfernt +ist, das freie Selbstbestimmungsrecht des spanischen Volkes beschraenken +zu wollen. Die kaiserliche Regierung hat nur die Ueberzeugung, dass die +Combination, welche eigentlich persoenlich von dem Marschall Prim +ausgegangen ist, die Quelle grosser und trauriger Verwickelungen sein +wuerde. Solchen Verwickelungen gegenueber werden Eure Majestaet gewiss +selbst ein Mitglied Ihrer hohen Familie nicht zur Annahme der Krone +autorisiren wollen. Eure Majestaet halten allein das Mittel in Haenden, um +einer so gefahrvollen Lage ein Ende zu machen; und ich bin beauftragt, +mich mit der dringenden Bitte an die Weisheit Eurer Majestaet zu wenden, +von diesem Mittel Gebrauch zu machen." + +"Die Parteien in Spanien," sagte der Koenig "sind so zahlreich und so +viel gespalten, dass auch die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern kaum im Stande sein wuerde, dort einen Buergerkrieg zu +vermeiden. Die Parteien sind es dort gewohnt, sich dem Beschluss der +Majoritaet nicht zu fuegen und mit den Waffen in der Hand, ihre Rechte +oder ihre Ansichten zu vertreten." + +"Ich erkenne vollkommen die Wahrheit der Bemerkung Eurer koeniglichen +Majestaet an," erwiderte Benedetti, indem seine schlanke Gestalt sich +etwas zusammenbog--"indessen wuerde jedenfalls, wenn es trotz der +Verzichtleistung des Prinzen Leopold in Spanien zu Unruhe und Kaempfen +kommen sollte ein Mitglied Ihres Hauses nicht die Verantwortung fuer +vergossenes Blut zu tragen haben." + +Der Koenig senkte einen Augenblick nachdenklich den Blick zu Boden. + +"Mein lieber Graf," sagte er dann, "Sie koennen ueberzeugt sein, dass ich +den aufrichtigen Wunsch hege, eine Situation verschwinden zu lassen, +welche zu Verwickelungen und Missverstaendnissen Veranlassung giebt. Ich +muss indess noch einmal darauf zurueckkommen, dass meine ganze persoenliche +Stellung zu der Frage eine rein negative, wenigstens vollkommen passive +ist. Ich habe wahrlich in keiner Weise den Prinzen Leopold irgend wie +zur Annahme der ihm angetragenen Candidatur ermuntert, ich habe mich +lediglich darauf beschraenkt, seinen Entschluessen kein Hinderniss in den +Weg zu legen. Von diesem Standpunkt wuerde ich mich auch jetzt nur sehr +schwer entfernen koennen, ich kann den Prinzen eben so wenig, wie ich ihn +zu seinem Entschluss ermuthigt habe, auch jetzt nicht zwingen, von +demselben zurueckzukommen. Mir scheint, dass die Regierung des Kaisers, +wenn sie wirklich in dieser Sache so grosse Gefahren erblickt, die ich +noch nicht zu sehen im Stande bin, allen ihren Einfluss in Madrid +aufwenden sollte, um die dortige Regierung zu bestimmen, dass sie auf das +Projekt verzichte." + +"Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Majestaet zu bemerken, +dass die Regierung des Kaisers in keiner Weise in das freie +Selbstbestimmungsrecht der spanischen Nation eingreifen moechte. Sie +wuerde die Schwierigkeit der ganzen Lage nur unendlich vergroessern, die +kaiserliche Regierung hat vielmehr geglaubt, dass der leichteste und +einfachste Weg zur Erledigung der ganzen Angelegenheit der sei, wenn +Eure Majestaet Allerhoechst Ihre maechtige Autoritaet gebrauchen, um durch +die Verzichtleistung des Prinzen diese Candidatur verschwinden zu +lassen. Ich darf mir erlauben, Eure Majestaet auf die Praecedenzfaelle in +Betreff Griechenlands und Neapels aufmerksam zu machen, in welchen +ebenfalls das Prinzip festgestellt wurde, dass Prinzen, welche der +Dynastie einer Grossmacht angehoeren, nicht zu gleicher Zeit Souveraine +eines anderen Landes sein sollen, und auch der Kaiser, mein +allergnaedigster Herr, hat persoenlich dies Prinzip anerkannt, indem er +dem Prinzen Murat die Bewerbung um den neapolitanischen Thron +untersagte. Eure Majestaet werden sich um so mehr in diesem Sinne +entscheiden koennen, als ja Preussen und Deutschland keinen Antheil an den +bisherigen Versammlungen genommen haben, also auch keine Concessionen zu +machen haben wuerden, waehrend fuer Frankreich sehr ernste Interessen auf +dem Spiel stehen und waehrend dort, wie ich mir zu wiederholen erlauben +muss, die oeffentliche Meinung sich in einer sehr bedenklichen Aufregung +befindet, einer Aufregung, welche auch der Baron Werther vor seiner +Abreise hat wahrnehmen koennen, und ueber welche er, wie ich nicht +zweifle, Eurer Majestaet Bericht erstattet haben wird." + +"Diese Aufregung der oeffentlichen Meinung in Frankreich ist mir +bekannt," sagte der Koenig, "die Thatsache ihrer Existenz beweist aber +noch nichts fuer ihre Berechtigung und dann muss ich Ihnen aufrichtig +sagen, dass die Erklaerung, welche der Herzog von Gramont im Corps +legislatif abgegeben hat, mir weit eher dazu geneigt scheint, die +oeffentliche Meinung noch mehr zu echauffiren, als sie zu beruhigen. Der +erste Theil der Erklaerung des Herzogs," fuhr der Koenig fort, "ist sehr +richtig und sehr correct. Indessen muss ich Ihnen gestehen, dass der +Schlusssatz derselben mich allerdings sehr peinlich beruehrt hat. Die +Worte, welche der Herzog ueber die Absichten einer fremden Macht +gesprochen hat, koennen doch nur auf Preussen bezogen werden. Wie ich +Ihnen gesagt, hat die preussische Regierung an der ganzen Sache nicht den +geringsten Antheil gehabt. Jene Worte machen daher fast den Eindruck +einer Provokation, und wenn ich auch eine solche in denselben nicht +finden will, so wird doch dieser Eindruck in Deutschland vorhanden sein, +und er kann dazu beitragen, dass auch in Deutschland die oeffentliche +Meinung sich aufzuregen beginnt, wodurch dann allerdings die ganze +Situation sehr erheblich verschlimmert werden wuerde." + +Der Koenig hatte die letzten Worte mit etwas erhoehtem Tone gesprochen, +ohne dass indess von seinem Gesicht der Ausdruck ruhiger und freundlicher +Hoeflichkeit verschwunden war. + +"Ich moechte Eure Majestaet bitten, zu beruecksichtigen," erwiderte +Benedetti, "dass der Herzog von Gramont sich in einer auf's hoechste +aufgeregten Versammlung befand und dass es ihm vor allen Dingen darauf +ankommen musste, jede aufreizende und gefaehrliche Discussion +abzuschneiden und deshalb eine Erklaerung abzugeben, welche dieser +Versammlung versicherte, dass fuer den Fall einer Gefaehrdung der Ehre und +der Interessen Frankreichs die Haltung der kaiserlichen Regierung eine +feste und entschiedene sein werde. Eure Majestaet werden anerkennen, dass +die Erklaerung des Herzogs von Gramont ihm nur durch den dringenden +Wunsch dictirt sein kann, die ganze Frage offen zu halten und alle +Eroerterungen auszuschliessen, welche den guten Beziehungen zu Preussen, +auf welche der Kaiser und seine Regierung einen so hohen Werth legen, +haetten gefaehrlich werden koennen." + +Der Koenig schuettelte langsam den Kopf, als verstehe er diese +Argumentationen des Botschafters nicht. + +"Ich begreife nicht," sagte er, "wie die Ehre und die Interessen +Frankreichs durch den Entschluss des Prinzen von Hohenzollern beruehrt +werden koennen. Die Verhandlungen, welche zu diesem Entschluss gefuehrt +haben, sind ja durch die Regierung in Madrid aus freiem Antriebe +begonnen. Keine Regierung hat an denselben irgend welchen Antheil +genommen, ich begreife nicht, wie daraus irgend ein Conflikt entstehen +kann. Und ich will nicht annehmen," fuegte er mit scharfer Betonung +hinzu, indem er voll Wuerde und Hoheit den Kopf emporhob, "dass der Krieg +aus einem Fall sich entwickeln koenne, bei welchem gar keine europaeische +Macht betheiligt ist." + +Ein leichtes Zucken zeigte sich in den Augenwinkeln Benedetti's, wie +abwehrend hob er ein wenig die Hand empor und rief: + +"An eine solche Eventualitaet, Majestaet, auch nur zu denken, kann mir +nicht in den Sinn kommen. Meine Anwesenheit hier in Ems allein beweist +schon, wie dringend die Regierung des Kaisers eine versoehnliche und +allgemein befriedigende Loesung der so ploetzlich entstandenen +Schwierigkeiten ersehnt, gerade um zu einer solchen Loesung zu gelangen, +bin ich beauftragt worden, Eurer Majestaet alle diejenigen Gesichtspunkte +darzulegen, welche uns zwingen, die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern dringend zu wuenschen." + +"Ich kann Ihnen nur nochmal wiederholen," sagte der Koenig, "dass es mir +unendlich fern liegt, den Prinzen Leopold zur Annahme der spanischen +Koenigskrone zu ermuthigen oder auch eine solche Annahme seinerseits nur +zu wuenschen, indess muss ich ihm schon desshalb, weil er nicht unmittelbar +zu meinem koeniglichen Hause gehoert und kein preussischer Prinz ist, die +volle Freiheit seines Entschlusses lassen, seine Annahme zurueckzuziehen. +Indess," fuegte er hinzu, "um Ihnen zu beweisen, wie sehr auch ich eine +allseitig befriedigende Loesung wuensche, kann ich Ihnen mittheilen, dass +ich sogleich, als ich von der grossen Aufregung in Frankreich +unterrichtet worden bin, mich mit dem Fuersten Anton, der sich in +Sigmaringen befindet, in Verbindung gesetzt habe, um ihn ueber seine und +des Prinzen Leopold Ansichten zu befragen und zu erfahren, wie sie ueber +die in Frankreich durch den Entschluss des Prinzen Leopold +hervorgerufenen Aufregung daechten. + +Wenn der Prinz Leopold und sein Vater die ganze Eroerterung ueber den +Gegenstand zu beseitigen geneigt waeren, so wuerden ja dadurch alle +Schwierigkeiten gehoben,--einen Einfluss auf ihre Entschluesse auszuueben, +aber halte ich mich nicht fuer berechtigt, und Sie begreifen, mein lieber +Graf, dass ich erst dann in der Lage sein werde, unsere heutige +Unterredung fortzusetzen, wenn ich genaue Mittheilungen ueber die +Beschluesse des Fuersten Anton und seines Sohnes haben werde." + +Der Koenig sagte die letzten Worte in einem Ton, welcher andeutete, dass +er die Unterredung fuer beendet halte. + +Benedetti verneigte sich tief, ohne indess aufzustehen und sagte: + +"Ich muss mir erlauben Eurer Majestaet ehrerbietigst zu bemerken, dass die +Regierung des Kaisers sich der stets wachsenden Aufregung der Kammer und +der Presse gegenueber, in grosser Verlegenheit befindet und dringend +wuenschen muss, so bald als irgend moeglich bestimmte Erklaerungen ueber die +endgueltige Erledigung dieses Incidenzfalles abgeben zu koennen. Eure +Majestaet wuerden mir daher eine besondere Gnade erweisen, wenn Sie mir +ungefaehr den Zeitpunkt bezeichnen koennten, bis zu welchem Sie im Besitz +der zu erwartenden Nachricht sein koennen." + +Der Koenig sann einen Augenblick nach. + +"Ich kann den Telegraphen nicht benutzen," sagte er dann, "ich habe hier +in Ems keinen Chiffre, durch den ich mit dem Prinzen Anton +correspondiren kann. Ich weiss auch nicht ganz genau, wo der Prinz +Leopold sich in diesem Augenblick befindet,--indess kann es unmoeglich +lange dauern. Ich hoffe, sehr bald genau unterrichtet zu sein und werde +Sie dann sofort benachrichtigen." + +Benedetti erhob sich. + +"Ich stehe zu Eurer Majestaet Befehl," sagte er, "und habe nur noch den +dringenden Wunsch auszusprechen, dass Allerhoechstdieselben mich bald in +die Lage setzen moechten, meiner Regierung die glueckliche und +befriedigende Beseitigung der ganzen Angelegenheit mittheilen zu +koennen." + +"Ich sehe Sie noch bei der Tafel, mein lieber Graf," sagte der Kaiser, +indem er Benedetti die Hand reichte, "und hoffe, dass Ihr Aufenthalt hier +in Ems, so gern ich Sie hier auch sehe, sich nicht zu sehr verlaengere, +und dass Sie bald Ihre unterbrochene Kur in Wildbad wieder aufnehmen +koennen." + +Mit tiefer Verneigung verliess Benedetti das Cabinet, begab sich durch +das Vorzimmer in den laenglichen einfenstrigen Raum, in welchem bereits +die zum Diner befohlenen Personen sich versammelten. + +Der Koenig klingelte. Sein Kammerdiener Engel erschien und in kurzer Zeit +hatte Seine Majestaet die Toilette fuer das Diner beendet. + +"Rufen Sie mir Abeken noch einmal," sagte der Koenig. + +Wenige Minuten darauf trat der Geheime Legationsrath Abeken ebenfalls +zum Diner angekleidet in das Zimmer. + +Ernst und sinnend sagte der Koenig: + +"Sie verlangen von mir die Verzichtleistung des Prinzen von +Hohenzollern, sie wollen sich nicht nach Spanien wenden,--es ist in dem +Allen ein Hintergedanke, ich fuehle das an dem ganzen Wesen Benedetti's, +er macht mir den Eindruck, dass er schaerfere Instructionen hat, als seine +Worte erkennen lassen. Diese fast absichtliche Muehe, die man sich giebt, +um die Sache zu einer Frage zwischen Deutschland und Frankreich zu +machen, was sie doch nicht ist, kommt mir ein wenig bedenklich vor--und +je mehr man sie zu einer deutschen Frage macht, um so weniger bin ich +meinerseits im Stande, irgend eine Concession zu gewaehren. Jedenfalls +telegraphiren Sie nach Berlin, dass Bismarck hierher kommen moege; wenn +die Sache irgend eine ernstere Dimension annimmt, muss ich ihn doch bei +mir haben. Auch waere es gut," fuegte er hinzu, "wenn Moltke von seinem +Urlaub zurueckkaeme, es ist immer besser, fuer alle Faelle vorbereitet zu +sein, als ueberrascht zu werden. Nach dem Diner theilen Sie mir sogleich +alle Nachrichten mit, die weiter von Berlin gekommen sind." + +Der Geheime Legationsrath ging hinaus. + +"Sollte es moeglich sein," sprach der Koenig mit tiefem Sinnen an das +Fenster tretend, "dass auch dieser Kampf mir noch beschieden waere? Die +Mahnung an das Standbild meines Vaters--an das eiserne Kreuz liessen so +lebhaft in mir die Bilder jener alten vergangenen Zeiten +heraufsteigen,--nun," sagte er den Blick ueber die gruenen Baeume hin zum +Himmel richtend, "in dieser Mahnung liegt auch die Buergschaft fuer die +Zukunft Preussens und Deutschlands,--wenn Gott den Kampf beschlossen, so +wird auch Gott mit uns sein in diesem Kampf!" + +Die Thuer des Cabinets wurde geoeffnet, der Hofmarschall Graf Perponcher +trat ein, meldete Seiner Majestaet, dass das Diner servirt sei und schritt +dann dem Koenige voran in den kleinen Versammlungssaal, in welchem das +Gefolge und die zur Tafel befohlenen etwa vierzehn Personen versammelt +waren. + +Der Koenig gruesste die Anwesenden huldvoll und heiter und schritt in den +Speisesaal voran, in welchem die koeniglichen Jaeger in ihrer +geschmackvollen gruenen und silbernen Livree zum Service bereit standen. + +Graf Benedetti nahm neben Seiner Majestaet Platz, der Koenig unterhielt +sich mit ihm waehrend des ganzen Diners in so liebenswuerdig, freundlicher +und unbefangener Weise, dass alle Anwesenden die Ueberzeugung gewannen, +es koennten keine ernsthaften drohenden Wolken am politischen Horizont +bestehen, und dass diese Ueberzeugung in schnell sich fortpflanzender +Mittheilung am Abend die ganze Badegesellschaft von Ems durchdrungen +hatte. + + + + +Siebentes Capitel. + + +Die Sonne sank bereits unter den Horizont und der alte Park von St. +Cloud mit fernen gewaltigen Riesenbaeumen huellte sich in dunkle Schatten, +als der Wagen des Herzogs von Gramont in das kaiserliche Schloss einfuhr. + +Der Herzog stieg aus und schritt eiligst die Treppe zu den Appartements +des Kaisers hinauf, in welche er nach der Meldung des Dienst thuenden +Adjutanten unmittelbar eingefuehrt wurde. + +Auf dem Tisch des Kaisers brannte bereits eine hohe Lampe mit grossem +flachem Schirm von blaeulichem Glas, waehrend durch das geoeffnete Fenster +mit den Dueften der bluehenden Rosenbeete die letzten Strahlen des +sinkenden Tages hineindrangen. + +Der Kaiser, welcher sich nach dem Familiendiner so eben zurueckgezogen +und den Frack mit einem leichten weiten Sommerrock vertauscht hatte, +lag halb in einem jener grossen amerikanischen Schaukelstuehle von feinen +elastischen Holzstreifen, den Kopf auf eine an der Lehne des Stuhls +haengende Schlummerrolle gestuetzt und in ruhiger Traeumerei seine Cigarre +rauchend. Mit einem leisen Seufzer ueber die Stoerung seines Dolce far +niente erhob er sich mit einiger Muehe und ging dem Minister einige +Schritte entgegen, welcher sich in einer gewissen Erregung zu befinden +schien. + +"Ich habe Eurer Majestaet eine guenstige und wichtige Nachricht +mitzutheilen," sagte der Herzog von Gramont, "und Ihre Befehle zu +erbitten, wie die durch dieselbe geschaffene neue Situation behandelt +werden soll." + +Der Kaiser athmete wie erleichtert auf. + +"Hat der Koenig Wilhelm die Forderung Benedetti's erfuellt," fragte er. +"Ist dieser unangenehme und peinliche Fall erledigt?" + +"Der Prinz von Hohenzollern, Sire," sagte der Herzog von Gramont, "hat +seine Candidatur zurueckgezogen. Olozaga ist so eben bei mir gewesen, um +mir dies mitzutheilen und nach einem Telegramm von Benedetti hat der +Koenig Wilhelm ihm ebenfalls die Verzichtleistung des Prinzen durch einen +Adjutanten mittheilen und erklaeren lassen, dass er diese +Verzichtleistung autorisire." + +"Ah," sagte der Kaiser mit zufriedenem Laecheln, "unser energisches +Auftreten hat also schnell seine Fruechte getragen." + +"Wie immer, Sire," sagte der Herzog mit dem Ausdruck stolzer +Befriedigung, "fuer eine Macht wie Frankreich ist Energie und Festigkeit +immer die beste Politik, und ich freue mich von ganzem Herzen, dass durch +unser Auftreten in dieser Sache nicht nur vor der Nation, sondern vor +ganz Europa der Beweis geliefert worden ist, dass das Wort Frankreichs +noch nicht ungehoert verhalle, und dass die Zeit beendet sei, in welcher +man glaubte, ohne unsere Zustimmung die grossen und wichtigen +europaeischen Fragen entscheiden zu koennen. Das einfache Wort Eurer +Majestaet hat genuegt, um diese Combination des Grafen von Bismarck +scheitern zu lassen. Die Situation hat sich ungemein guenstig fuer uns +veraendert, denn wir haben alle europaeischen Cabinette fuer uns, welche +saemmtlich in der Thronbesteigung eines Hohenzollerschen Prinzen in +Spanien eine bedenkliche Gefahr fuer die Ruhe und das Gleichgewicht +Europas erblickten. Es kommt nun nur darauf an, den Erfolg, den wir +errungen haben, vor den Kammern und der oeffentlichen Meinung in das +richtige Licht zu stellen, damit alle die Feinde der Regierung sich +ueberzeugen, dass das Kaiserthum noch gross und glaenzend da steht, und dass +Frankreich nach der langen Zurueckhaltung, welche auf die Schlacht von +Sadowa folgte, wieder entschlossen ist, mit entscheidender Hand in die +Politik einzugreifen." + +"Sehr gut, sehr gut," sagte der Kaiser, "das wird einen vortrefflichen +Eindruck machen. Wir haben da einen grossen Schlag gethan, und zwar ohne +alle heftigen Verwickelungen und ohne dass selbst unsere Beziehungen zu +Preussen irgend wie getruebt werden, denn Benedetti berichtet ja, dass er +mit der groessten Auszeichnung vom Koenige Wilhelm behandelt worden sei. +Ich gratulire Ihnen, mein lieber Herzog, zu diesem ersten Debut als +Minister der auswaertigen Angelegenheiten. Es ist ein Triumph ohne Opfer, +und ich bin ueberzeugt, dass einem solchen vortrefflichen Anfang immer +glaenzendere Resultate folgen werden." + +Er reichte dem Herzog die Hand, welche dieser, sich verbeugend, mit +strahlendem Laecheln ergriff. + +"Es kommt nun darauf an," fuhr der Kaiser fort, "die Fassung der +Mittheilungen dieses so erfreulichen Ereignisses fuer die Kammer und die +Journale fest zu stellen. Es thut mir leid, Sie wieder fort zu +schicken, aber ich glaube, Sie muessen sogleich nach Paris zurueckkehren, +sich mit Ollivier darueber zu verstaendigen. Er ist ja Meister in der +Redewendung, setzen Sie mit ihm eine Erklaerung auf, welche in solenner +Weise die ganze Angelegenheit beendet und ohne Preussen zu verletzen, im +Gegentheil mit anerkennendem Ausdruck fuer die Weisheit und das +Entgegenkommen des Koenigs Wilhelm, dennoch unsern Sieg in helles Licht +stellt." + +"Ollivier," erwiderte der Herzog, "hat die Nachricht bereits privatim im +Corps legislatif verschiedenen Deputirten mitgetheilt, die Befriedigung +darueber war allgemein." + +"Um so besser," sagte der Kaiser, "wird morgen die feierliche Erklaerung +aufgenommen werden. Ich bitte Sie also, dieselbe aufzusetzen und sie +mir, so bald Sie sie redigirt haben, mittheilen zu lassen--auf +Wiedersehen, lieber Herzog. Nachdem wir diesen Sturm beschworen haben," +fuegte er laechelnd hinzu, "hoffe ich, Sie auf einige Tage hier zu sehen, +um sich in laendlicher Ruhe von den Aufregungen der letzten Tage etwas zu +erholen." + +Der Herzog empfahl sich Seiner Majestaet und verliess immer das stolze +zufriedene Laecheln auf den Lippen das Cabinet. + +Der Kaiser athmete erleichtert auf, blickte einen Augenblick schweigend +nach dem in immer tiefere Schatten versinkenden Park hinaus und ergriff +dann eine neue Cigarre, um sie anzuzuenden und sich abermals der durch +den Besuch seines Ministers unterbrochenen Traeumerei zu ueberlassen. + +Da oeffnete sich schnell die Thuer, General Fave erschien und sagte: + +"Der oesterreichische Botschafter bittet Eure Majestaet, ihn empfangen zu +wollen." + +Verwundert blickte der Kaiser auf. + +"Metternich," sagte er, "zu dieser Stunde? Was kann er bringen?--bitten +Sie ihn, einzutreten." + +Indem er seufzend seine Cigarre wieder fortlegte, ging er einige +Schritte dem Fuersten Richard Metternich entgegen, den der General in das +Cabinet fuehrte. + +Der Sohn des grossen Staatsmannes, welcher einst so lange die Geschicke +der oesterreichischen Monarchie und ein wenig diejenigen von ganz Europa +in seinen Haenden gehalten hatte, war damals ungefaehr zwei und vierzig +Jahre alt. Er war eine angenehme, sympathisch anmuthende Erscheinung, +die Fuelle seiner Gestalt that der elastischen Eleganz seiner Bewegungen +keinen Eintrag, sein etwas bleiches Gesicht, auf dessen hohe Stirn die +leicht gelockten, duenn gewordenen Haare herabfielen, war von einem +starken, lang hinab haengenden Backenbart umrahmt; seine edel +geschnittenen Zuege zeigten den Ausdruck ruhiger und sorgloser +Heiterkeit, waehrend seine geistvollen Augen zugleich scharf beobachtend +umher blickten. Heute aber lag auf diesem Gesicht eine gewisse unruhige +Aufregung--ernst erwiderte er die Begruessung des Kaisers und sprach, +indem er sich auf den Wink desselben ihm gegenueber setzte, mit leicht +erregter Stimme: + +"Ich bitte Eure Majestaet um Verzeihung, dass ich es wage, noch in so +vorgerueckter Abendstunde um Gehoer zu bitten; aber die beunruhigenden +Nachrichten, welche die ganze politische Welt erfuellen, machen es mir +zur Pflicht, mich unverzueglich des Auftrages zu entledigen, welchen der +Graf Beust, der seine Badekur in Gastein verschoben hat, mir so eben +ertheilte." + +Der Kaiser laechelte ein wenig, neigte leicht das Haupt und sprach: + +"Sie wissen, lieber Fuerst, dass Ihr Besuch mir zu jeder Zeit angenehm und +erfreulich ist, auch wenn Sie mir keine Mittheilung des Grafen Beust zu +machen haetten. Der Besuch eines Freundes ist immer willkommen, und zu +meinen Freunden gehoert der Fuerst Metternich ebenso sehr als der +Botschafter des Kaisers von Oesterreich." + +Der Fuerst dankte durch eine ehrerbietige Verneigung fuer die freundlichen +Worte des Kaisers und fuhr dann in demselben ernsten Ton wie vorher +fort: + +"Das guetige Wohlwollen Eurer Majestaet, von welchem ich schon so viele +Beweise erhalten habe, und welches Sie so eben von Neuem auszusprechen +die Gnade haben, giebt mir die Hoffnung, dass Sie auch dem, was ich Ihnen +zu sagen habe, ein gnaediges und aufmerksames Ohr schenken werden. Sire," +sprach er weiter, "die Regierung meines allergnaedigsten Herrn kann sich +der Besorgniss nicht erwehren, dass die Eroerterungen, welche zwischen +Frankreich und Preussen in diesem Augenblick ueber die Hohenzollersche +Candidatur Statt finden, bei der hoch gehenden Aufregung der +Volksstimmung in Frankreich und bei dem Beginn einer aehnlichen Aufregung +in Deutschland zu ernsten Conflicten und gefaehrlichen Catastrophen +fuehren moechte. Ich habe zu verschiedenen Zeiten zu meiner grossen +Genugthuung Gelegenheit gehabt, Eurer Majestaet gegenueber zu constatiren, +dass die politischen Interessen Frankreichs und Oesterreichs in allen +grossen Fragen die gleichen seien, und dass eine gleichmaessige Behandlung +aller dieser Fragen im Interesse beider Staaten liege. Die gleiche +Versicherung hat auch der Herzog von Gramont waehrend seines Aufenthalts +in Wien bei jeder Gelegenheit von dem Reichskanzler selbst erhalten." + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf. + +"Graf Beust hat aber bei allen solchen Gelegenheiten," fuhr der Fuerst +Metternich fort, "dem Herzog gegenueber auch ganz bestimmt betont, dass +Oesterreich noch auf lange hinaus nicht in der Lage sei, an irgend einer +militairischen Action, selbst wenn dieselbe in seinem Interesse liegen +koennte, Theil zu nehmen, ohne dadurch die ruhige Entwickelung und damit +die Zukunft der oesterreichischen Monarchie auf das Hoechste zu gefaehrden, +und dass es desshalb fuer die oesterreichische Politik geboten sei, ueberall +und zu jeder Zeit zur Vermeidung von Conflicten beizutragen, welche +geeignet waeren, kriegerische Consequenzen herbeizufuehren. Der +_gegenwaertige_ Augenblick und die zwischen Frankreich und Preussen +schwebende Frage scheinen nun, wie ich zu bemerken die Ehre hatte, die +Befuerchtung solcher Consequenzen sehr nahe zu legen, und ich bin desshalb +beauftragt, Eurer Majestaet bestimmt zu erklaeren, dass Oesterreich, wenn +aus dieser Hohenzollerschen Candidatur kriegerische Entwickelungen +entstehen sollten, nicht im Stande sei, in denselben irgend eine active +Rolle zu spielen und sich auf die Seite Frankreichs zu stellen." + +Der Kaiser blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder, dann +sagte er. + +"Mein lieber Fuerst, die Erklaerung, welche Herr von Beust mir da durch +Sie abgeben laesst, ueberrascht mich in ihrem allgemeinen Inhalt nicht, +dennoch scheint mir ihre bestimmte Wiederholung gerade in diesem +Augenblick nicht vollkommen mit der auch vom Grafen Beust anerkannten +Identitaet der politischen Interessen Oesterreichs und Frankreichs +uebereinzustimmen. Sollte ich jemals in einen ernsten Conflict mit +Preussen gerathen, so wuerde, scheint es mir, der Augenblick gekommen +sein, in welchem jene Identitaet der Interessen sich practisch zu +bethaetigen haette,--wenn sie ueberhaupt irgend eine Bedeutung haben +soll,--und Oesterreich muesste doch in der That mit Freuden eine solche +Gelegenheit begruessen, welche ihm die Moeglichkeit bietet, ohne grosse +eigene Gefahr das im Jahre 1866 Verlorene wieder zu gewinnen; von vorn +herein eine solche Gelegenheit ausschliessen zu wollen, scheint mir nicht +im Interesse Oesterreichs zu liegen, und wenn eine solche Erklaerung +oeffentlich abgegeben wird,--wenn sie auch andern Cabinetten bekannt +wird," fuegte er mit scharfer Betonung hinzu, "so wird das sehr wenig +dazu beitragen koennen, die nachdrueckliche Vertretung der Interessen +Frankreichs zu unterstuetzen." + +"Sire," erwiderte der Fuerst Metternich, "nach meiner Ueberzeugung, +welche wie ich glaube auch diejenige des Grafen Beust ist, wuerde es +allerdings Eventualitaeten geben, unter denen es fuer Oesterreich +vortheilhaft, ja geboten erscheinen koennte, im Verein mit Frankreich +Preussen von der 1866 eroberten Stellung zurueckzuwerfen,--eine solche +Eventualitaet koennte aber nur dann eintreten, wenn einmal der _Grund_ des +Conflicts Oesterreich das Recht und die Moeglichkeit gebe, in demselben +Stellung zu nehmen und wenn sodann die Aussichten des Erfolges +einigermassen sicher sind. In diesem Augenblick ist aber beides nicht der +Fall. Der einzige Kriegsgrund fuer Oesterreich koennte in einem Eingriff +Preussens in die unabhaengige Selbststaendigkeit der Sueddeutschen Staaten +liegen; bei einem solchen Kriegsgrund wuerde ein grosser Theil der +deutschen Nation auf Oesterreichs Seite stehen, und der Kampf wuerde die +grossen Fragen von 1866 wieder aufnehmen unter der Mitwirkung +Frankreichs, welche damals die Verhaeltnisse Eurer Majestaet unmoeglich +machten. Gegenwaertig ist aber von einem solchen Kriegsgrunde nicht die +Rede, der Erbprinz von Hohenzollern ist ein deutscher Fuerst, und wenn +Preussen einen Krieg annehmen sollte, weil Frankreich sich der +Thronbesteigung eines deutschen Prinzen in Spanien widersetzt, so wuerde +das Nationalgefuehl sich auf die Seite Preussens stellen, und eine +Alliance Oesterreichs mit Frankreich wuerde in diesem Falle nur dazu +beitragen, Oesterreich als den Nationalfeind Deutschlands vor dem Volk +erscheinen zu lassen, das heisst, uns jede moralische Unterstuetzung zu +rauben, welche in einem solchen Kampf unumgaenglich nothwendig ist. +Ausserdem aber, Sire," fuhr er fort, "sind die Chancen des Erfolges, wie +es mir scheint, aeusserst unsicher. Unsere militairischen Vorbereitungen +sind nicht beendet, unsere Finanzen sind noch nicht geordnet, schon aus +diesem Grunde wuerde Oesterreich zu einer nachdruecklichen Kriegfuehrung +kaum im Stande sein--" + +"Man wuerde aber doch," fiel der Kaiser ein, "lediglich durch eine +drohende Haltung grosse preussische Truppenmassen absorbiren." + +"Auch das ist nicht moeglich, Sire," sagte Fuerst Metternich seufzend, +"denn leider muss ich Eurer Majestaet mittheilen, dass von Seiten Russlands +uns deutlich zu verstehen gegeben worden, jede feindliche Bewegung +gegen Preussen werde sofort gleiche Schritte Russlands gegen unsere +Grenzen zur Folge haben. Damit wuerde also unsere Drohung wirkungslos +gemacht und wir gezwungen werden, unsere disponiblen Truppen zur +Selbstvertheidigung an die russische Grenze zu schicken." + +"Der Kaiser Alexander," fiel Napoleon ein, "hat sich aber doch +entschieden gegen die Hohenzollersche Kandidatur erklaert und versichert +ausserdem den General Fleury unausgesetzt seiner Freundschaft und seiner +Sympathien gegen Frankreich." + +"Das Alles wird nicht hindern, Sire," sagte der Fuerst Metternich, "dass +wenn es wirklich zum Conflict kommt, Russland sehr entschieden auf die +Seite Preussens treten und wenigstens ganz bestimmt Oesterreich +verhindern wird, irgend etwas zu unternehmen. Ich beschwoere also Eure +Majestaet," fiel er lebhafter sprechend fort, "glauben zu wollen, dass +Oesterreich sich von der Liga der Neutralen nicht wird trennen +koennen--ich bitte Eure Majestaet instaendigst, in dieser ganzen Sache +keinen Schritt zu thun, der zu unheilbaren Conflicten fuehren kann, denn +Eure Majestaet wuerden ganz isolirt sein und sich dem hoch aufgeregten +deutschen Nationalgefuehl gegenueber befinden, welches, von Preussen +organisirt, ein furchtbar gefaehrlicher Gegner sein wird." + +"Glauben Sie," sagte der Kaiser, den Blick scharf und forschend auf +Metternich richtend, "dass das deutsche Nationalgefuehl in Baiern und +Wuertemberg sich jemals fuer Preussen wird erheben koennen, da man dort doch +einsehen muss, dass wenn man unter preussischer Fuehrung gegen Frankreich zu +Felde zieht, man fuer immer die eigene Selbststaendigkeit aufgiebt. Man +hat mir berichtet," sagte er, "dass die Stimmung in jenen Staaten sehr +preussenfeindlich ist und Sie selbst, lieber Fuerst, haben mir frueher +Aehnliches mitgetheilt. Sollte das Alles sich schnell aendern koennen?" + +"Es wird sich aendern, Sire," sagte der Fuerst, "und hat sich zum Theil +schon geaendert, und von Berlin aus wird mit grosser Geschicklichkeit +gearbeitet, um der oeffentlichen Meinung die Haltung Frankreichs +gegenueber der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern als eine der +ganzen Nation angethane Beleidigung darzustellen. Glauben mir Eure +Majestaet, die Sueddeutschen Staaten werden in dieser Frage mit Preussen +gehen--die Sueddeutschen Fuersten zunaechst, sie haben im Jahre 1866 +gesehen, wie unerbittlich Preussen mit seinen Feinden verfaehrt, und um +sich von Neuem in einen Kampf einzulassen, muessten sie eine grosse +Coalition auf ihrer Seite sehen, welche ihnen Gewissheit des Sieges oder +wenigstens des Schutzes ihrer Throne gewaehrt." + +Der Kaiser versank in schweigendes Nachdenken. + +Fuerst Metternich sah ihn in tiefer Bewegung an. Seine grossen, klaren und +ausdrucksvollen Augen verschleierten sich mit einem leichten +Thraenenschimmer und mit dem Ausdruck inniger Ueberzeugung sprach er: + +"Eure Majestaet haben die Gnade gehabt, die Gefuehle der tiefen +persoenlichen Ergebenheit, welche ich fuer Allerhoechstdieselben hege, +anzuerkennen und mich Ihren Freund zu nennen. Erlauben Sie mir, Sire, +jetzt nachdem der Botschafter von Oesterreich gesprochen, auch als +treuer und ergebener Freund zu sprechen. Ich weiss sehr gut," fuhr er +fort, "dass die Stroemung der oeffentlichen Meinung Frankreichs in diesem +Augenblick zum Kriege treibt, und ich weiss ebenso gut, Sire, dass viele +Personen in Ihrer Umgebung--in Ihrer naechsten und unmittelbaren +Umgebung," fuegte er mit Betonung hinzu, "sich die angelegentlichste Muehe +geben, jene Richtung der oeffentlichen Meinung zu unterstuetzen und Eure +Majestaet in gefaehrliche Unternehmungen hineinzudraengen, welche nach +meiner innigsten Ueberzeugung in diesem Augenblick nur zum Unglueck +Frankreichs und zum Unglueck Eurer Majestaet ausschlagen koennen. Preussen +ist furchtbar geruestet, Deutschland wird in dieser Hohenzollernschen +Frage hinter Preussen stehen und die Eurer Majestaet feindlichen Parteien +in Frankreich, welche sich augenblicklich vor dem Plebiscit +zurueckgezogen haben, warten nur auf den Augenblick eines Misserfolges im +Kriege, um sich von Neuem zu erheben und einen entscheidenden Schlag +gegen das Kaiserreich zu fuehren. Ebenso wie man in Italien nur darauf +wartet, sich Roms zu bemaechtigen. Allen diesen Gefahren gegenueber werden +Eure Majestaet isolirt da stehen, keine der europaeischen Maechte wird sich +Frankreich in dieser Frage zur Seite stellen, und ich bitte Eure +Majestaet, zu glauben, dass die Erklaerung, die ich Ihnen als Botschafter +gegeben, unbedingte Wahrheit ist. Der Fuerst Metternich giebt Ihnen sein +Wort darauf. Oesterreich wird nicht fuer Eure Majestaet Partei nehmen, +weil es das nicht thun kann, in dieser Frage am allerwenigsten thun +kann, und selbst wenn der Graf Beust, selbst wenn der Kaiser dazu +geneigt sein sollten, wie der Herzog von Gramont vorauszusetzen scheint, +so wird diese Neigung vor dem Widerstande des Grafen Andrassy erfolglos +bleiben. Der Graf Andrassy vertritt Ungarn, und Ungarn will keinen Krieg +mit Deutschland, da auch der guenstige Ausgang desselben nur dahin +fuehren koennte, die dominirende Stellung des deutschen Elements im +Kaiserstaate wieder zu befestigen, ohne Ungarn aber, ohne diese +wichtigste militairische Huelfsquelle Oesterreichs ist jede Action fuer +uns unmoeglich--ich bitte Eure Majestaet," fuhr er fort, "dies als ganz +gewiss anzunehmen,--Graf Andrassy hat hohe Verehrung vor Eurer Majestaet +und tiefe Sympathie fuer Frankreich. Taeuschen sich aber Eure Majestaet +nicht ueber die Bedeutung von Aeusserungen, welche diese seine Gefuehle ihm +eingegeben haben koennen. Unter andern Umstaenden, wenn Frankreich +vielleicht mit Italien in Conflikt geriethe, wuerde Oesterreich bei einer +franzoesischen Alliance auf die Unterstuetzung Ungarns rechnen +koennen,--gegen Deutschland niemals,--am allerwenigsten in einer Frage, +in welcher kein Vertragsrecht Oesterreichs Intervention zur Seite steht. +Eure Majestaet," fuhr er mit tief, eindringendem Tone fort, "kennen meine +aufrichtige und liebevolle Ergebenheit fuer Ihre Person, Eure Majestaet +haben mir Gelegenheit gegeben, die edlen Eigenschaften Ihres Herzens +ebenso sehr zu erkennen und zu bewundern, als die Klarheit und die +ueberlegene Schaerfe Ihres Geistes--es ist die tiefe Ergebenheit, die +aufrichtige Liebe fuer Eure Majestaet, welche mir die Worte in den Mund +legt, die ich Ihnen jetzt zu sagen mir erlaube. Hoeren Eure Majestaet die +Bitte eines Freundes, welche ich ohne Ruecksicht auf meine Eigenschaft +als Botschafter Oesterreichs aus treu besorgtem Herzen an Sie richte. +Treiben Sie, Sire, diese Sache nicht weiter, betreten Sie den +gefahrvollen Weg nicht, auf welchen man Sie draengen moechte und an dessen +Ende kaum ein gluecklicher Ausgang zu erwarten ist." + +Der Fuerst schwieg. + +Der Kaiser beugte sich vor, reichte ihm mit einem liebenswuerdigen +Laecheln die Hand, indem zugleich ein warmer Strahl seinen freien Blick +erleuchtete. + +"Ich danke Ihnen, mein lieber Fuerst," sagte er, "fuer die Aufrichtigkeit +und den Eifer, mit welchem Sie mir Ihre Ueberzeugung ausgesprochen und +Ihren Rath ertheilt haben. Ihre Gesinnungen fuer mich machen mich +stolz,--doch," sagte er dann, "Sie beunruhigen sich ohne Noth, die +Besorgnisse, welche gestern noch bestehen konnten, existiren heute nicht +mehr, der Prinz von Hohenzollern hat seine Candidatur zurueckgezogen." + +Fuerst Metternich athmete erleichtert auf. + +"Ich hoerte davon im Augenblick meiner Abfahrt in Paris," sagte er. "Ist +die Nachricht bereits offiziell angekommen?" + +"Olozaga," sagte der Kaiser, "hat die Mittheilung im Auftrage der +spanischen Regierung an den Herzog von Gramont gemacht, und somit +scheint mir die Angelegenheit erledigt. Die Verzichtleistung des Prinzen +wird morgen in den Kammern mitgetheilt werden, und die europaeische +Diplomatie," fuegte er laechelnd hinzu, "kann wieder ruhig baden und +Brunnen trinken." + +Der Fuerst Metternich schwieg einen Augenblick, als zoegerte er, einen +Gedanken auszusprechen, der ihn beschaeftigte. + +"Sire," sagte er dann, "die extreme Kriegspartei wird vielleicht nach +Andeutungen, die ich hier und da gehoert habe, mit der Loesung der Frage +noch nicht zufrieden sein, da sie gehofft hat, jetzt endlich mit ihren +Ideen durchzudringen. Man wird von Neuem die Stimmung zu reizen und +aufzuregen suchen, und da, wie ich weiss, auch in Deutschland bereits die +Geister sich zu entflammen beginnen, so koennte leicht irgend ein +Incidenzfall eintreten, der die Beruhigung Europa's von Neuem in Frage +stellt. Ich bitte, Eure Majestaet, aus der Erklaerung, welche den Kammern +gegeben werden soll, jede provocirende und verletzende Aeusserung gegen +Preussen fern halten zu lassen, damit ein fuer allemal alle +Auseinandersetzungen ueber den Gegenstand aufhoeren. Graf Bismarck," fuhr +er fort, "hat bis jetzt alle Conflikte zu vermeiden gesucht, einen +guenstigeren Kriegsfall als in diesem Augenblick koennte er aber kaum +finden, und man muss ihn nicht in die Versuchung fuehren, durch einen +grossen Aufschwung des Nationalgefuehls aus der Waffenbruederschaft aller +deutschen Staaten ein neues deutsches Reich zusammen zu schmieden." + +Der Kaiser laechelte. + +"Seien Sie ganz ruhig, mein lieber Fuerst," sagte er, "ich habe Gramont +den Auftrag ertheilt, mit Ollivier eine definitive Erklaerung ueber die +Beendigung der ganzen Sache an die Kammer zu redigiren, und morgen um +diese Stunde wird jede Besorgniss fuer die Stoerung des Friedens +verschwunden sein." + +Fuerst Metternich stand auf. + +"Ich verlasse Eure Majestaet mit erleichtertem Herzen und bitte um die +Erlaubniss, sogleich nach Paris zurueckkehren zu duerfen, um das so +erfreuliche Resultat dieser Unterredung nach Wien melden zu koennen." + +"Meine herzlichsten Empfehlungen der Fuerstin," sagte der Kaiser, "ich +hoffe, Sie Beide in den naechsten Tagen hier zu sehen." + +Er drueckte dem Fuersten die Hand und begleitete ihn einige Schritte nach +der Thuer hin. + +"Durch die Beseitigung der Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern," +sprach er leise, als er allein war "soll das Prestige Frankreichs wieder +hergestellt sein, sagt man mir,--sehr gut, wenn die oeffentliche Meinung +dies glaubt. Leider," fuhr er seufzend fort, "ist es nicht der Fall, +jenes Prestige besteht in Wahrheit nicht mehr. Denn wenn es bestaende, so +wuerde Oesterreich nicht zoegern, in diesem Augenblick frei und offen auf +die Seite Frankreichs zu treten und die Suprematie des Hauses Habsburg +in Deutschland wieder zu erringen. Man glaubt nicht mehr an die Macht +Frankreichs, und auch meine besten Freunde nicht,--auch Metternich +nicht, der wirklich mein Freund ist. Das Ansehen Frankreichs, so wie es +frueher war, wieder herzustellen, gaebe es nur ein Mittel, und dies Mittel +waere der Sieg--aber," sagte er duester vor sich hin starrend, "wo ist die +Hand, welche den Sieg mit Sicherheit erkaempfen koennte,----wenn er mir +entginge----" + +Er versank, die Augenbrauen finster zusammengezogen, in tiefes Sinnen. + +"Meine Gemahlin wird nicht zufrieden sein," sagte er dann, "ueber die so +friedliche Loesung--sie glaubt an den Sieg--ich will ihr selbst die Sache +sogleich mitteilen, damit sie vorsichtig in ihren Aeusserungen ist und die +Kriegspartei nicht durch hingeworfene Worte ermuthigt." + +Er verliess sein Cabinet und begab sich nach den Gemaechern der Kaiserin. + +Der Huissier oeffnete die Thuer. + +Der Kaiser durchschritt das Vorzimmer und trat in den Salon, an dessen +Schwelle ihn die Kaiserin empfing. + +Napoleon blieb einen Augenblick erstaunt stehen, denn hinter seiner +Gemahlin, deren Gesichtszuege eine lebhafte Erregung ausdrueckten, sah er +neben dem, von grossen Fauteuils umgebenen, mit Albums aller Art +bedeckten Tisch in der Mitte des Salons den Baron Jerome David und den +Herzog von Gramont. + +Der Baron Jerome David, der Fuehrer der entschiedensten Anhaenger des +Kaiserreichs im Corps legislatif, war ein Mann von etwa fuenfzig Jahren +von kraeftiger, schlanker Gestalt; sein auf einem kurzen Halse sich +erhebender Kopf hatte scharf markirte, von energischer Willenskraft und +etwas colerischem Temperament zeugende Gesichtszuege; das dunkle volle +Haar war ueber der niedrigen Stirn leicht gekraeuselt; unter +hochgeschwungenen Augenbrauen blickten grosse, etwas hervorstehende Augen +hervor, deren etwas stechender Blick fast immer den Ausdruck zorniger +und unruhiger Erregung hatte; die etwas abgestumpfte starke Nase, die +hoch aufgedrehten Spitzen des dunklen Schnurrbarts und das maechtig +hervorspringende Kinn liessen seinen Gesichtsausdruck in der Erregung +einer lebhaften Conversation fast herausfordernd erscheinen. + +Der Kaiser trat langsam in den Salon und wandte sich mit einer Miene, in +welcher eben so viel Erstaunen, als Unzufriedenheit lag, an den Herzog +von Gramont. + +"Ich haette nicht erwartet, Sie noch hier zu finden, Herr Herzog," sagte +er, ohne die Hoeflichkeit und den verbindlichen Ton, die ihm sonst eigen +war. + +"Ich glaubte Sie schon in Paris, um mit Ollivier jene Erklaerung zu +verabreden, ueber welche wir vorher gesprochen haben." + +"Der Herzog," fiel die Kaiserin schnell ein, "wollte vor seiner Rueckkehr +mich begruessen, und mir zugleich die Nachricht von der Verzichtleistung +des Prinzen von Hohenzollern bringen. Ich habe ihn noch zurueckgehalten, +um ihm Gelegenheit zu geben, die Mittheilungen anzuhoeren, welche der +Baron Jerome David mir so eben ueber die Stimmung in Paris und in den +Kreisen der Deputirten gemacht hat, und welche vielleicht von einigem +Einfluss auf die Entschliessungen sein koennten, die man in diesem +Augenblick zu fassen hat." + +Der Kaiser verneigte sich leicht gegen den Baron Jerome David und sagte +immer noch in demselben strengen Ton seiner Stimme. + +"Und welche Mittheilungen haben Sie der Kaiserin gemacht, Baron?" + +Er reichte seiner Gemahlin die Hand, fuehrte sie zu einem der neben dem +Tisch stehenden Sessel und setzte sich an ihre Seite, den Blick mit +gespannter Aufmerksamkeit auf den Baron richtend. + +"Sire," sagte dieser, "ich habe mir erlaubt, der Kaiserin +mitzutheilen,--und wuerde im naechsten Augenblick mich bei Eurer Majestaet +haben melden lassen, um auch Ihnen mitzutheilen,--dass die Nachricht von +der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf seine Candidatur +in Spanien, welche heute Abend in Paris bekannt wurde, unter den +Deputirten und in den journalistischen Kreisen durchaus nicht den +befriedigenden und beruhigenden Eindruck gemacht hat, welchen ich bei +dem Herzog von Gramont gefunden, also auch bei Eurer Majestaet +voraussetzen muss." + +"Nun," sagte der Kaiser, den Baron fragend und erstaunt anblickend, "die +Sache ist doch erledigt, jene Candidatur ist verschwunden,----vor der +Intervention Frankreichs verschwunden,--ich begreife nicht,----" + +"Niemand in Frankreich, Sire," fiel der Baron Jerome David rasch und +lebhaft ein, "hat jemals dem jungen Prinzen von Hohenzollern es +verdacht, dass er ein Abenteuer unternehmen wollte, bei welchem der +Ehrgeiz eines thatkraeftigen Mannes seine Rechnung finden +koennte.--Niemandem ist es eingefallen, die spanische Nation in der +freien Wahl ihres Koenigs zu beschraenken, die Besorgniss und die +Entruestung Frankreichs ueber diese Combination hatte nur darin ihren +Grund, dass die Hohenzollernsche Candidatur ein Werk der preussischen +Politik war, dass diese Combination in Berlin vorbereitet und vom Koenige +von Preussen feierlich genehmigt wurde, ohne dass man sich mit Frankreich, +das doch so nahe und so unmittelbar dabei interessirt ist, auch nur +darueber in Vernehmen gesetzt haette. Das ist eine Nichtachtung der +franzoesischen Wuerde und ausserdem eine Bedrohung unserer Interessen durch +die offen kund gegebene Absicht an unserer Suedgrenze eine Macht +aufzurichten, welche bei jeder Gelegenheit die preussische Politik gegen +uns zu unterstuetzen bestimmt sein sollte. Wenn nun der Prinz von +Hohenzollern einfach seine Candidatur zurueckzieht, so ist Frankreich +dadurch keine Genugtuung gegeben, vor allen Dingen aber auch keine +Sicherheit, dass die Combination, welche heute gescheitert ist, nicht +jeden Augenblick wieder aufgenommen werden koenne, wenn die europaeische +Constellation derselben vielleicht guenstiger sein moechte und Preussen die +Aussicht haette, Alliirte in einem Conflikt mit uns zu finden.--Ohne eine +Genugthuung fuer unsere Wuerde, ohne eine Sicherstellung unserer +Interessen fuer die Zukunft aber,"--fuhr er laut mit entschiedenem Tone +fort, "wird die oeffentliche Meinung sich nicht beruhigen die blosse +einfache Anzeige der Zurueckziehung der Candidatur des Prinzen Leopold +wird im Corps legislatif eine sehr unguenstige Aufnahme finden, und wenn +die Regierung sich damit begnuegt, so wird man das allgemein als ein +Zeichen grosser Schwaeche ansehen, und das so lebhaft erregte +Nationalgefuehl wird sich auf das Entschiedenste gegen Eure Majestaet +wenden, zum grossen Schaden fuer den Nimbus des Kaiserreichs, welcher erst +so eben durch das Plebiscit wieder hergestellt worden ist." + +"Aber welche Genugthuung, welche Garantien," fragte der Kaiser, +"koennten denn gegeben werden?" + +Die Kaiserin unterdrueckte muehsam ihre innere Erregung, waehrend sie ihr +Spitzentaschentuch in der Hand zusammenpresste. + +"Sire," antwortete Jerome David, "die Beleidigung Frankreichs bestand +darin, dass ueber die Hohenzollernsche Combination von Preussen keine +Mittheilung an Frankreich gemacht wurde. Die Frage fuer die Zukunft +besteht darin, dass jene heut zurueckgezogene Candidatur jeden Augenblick +wieder aufgenommen werden kann,--dem entsprechend muss die Genugtuung und +diese Garantie gefordert werden. Die Genugthuung muss meiner Ueberzeugung +darin bestehen, dass der Koenig von Preussen Eurer Majestaet anzeigt, er +habe dem Prinzen befohlen und--zwar mit Ruecksicht auf die Intervention +Frankreichs--von seiner Bewerbung um den spanischen Koenigsthron Abstand +zu nehmen. Die Garantie muss darin bestehen, dass der Koenig weiter +erklaert, er werde auch in der Zukunft niemals erlauben, dass der Prinz +auf jene Candidatur zurueckkomme. Wenn der Kammer eine solche Erklaerung +vorgelegt wird, so wird der Eindruck ein tiefer und befriedigender sein, +jeder andere Abschluss der Sache wird dem Nationalgefuehl nicht genuegen +und dasselbe, wie ich wiederholen muss, gegen Eure Majestaet und die +kaiserliche Regierung richten." + +Der Kaiser strich langsam mit der Hand ueber seinen Bart, dann richtete +er den Blick fragend auf den Herzog von Gramont. + +"Sire," sagte dieser, "ich kann den Bemerkungen des Herrn Baron David +die innere Berechtigung nicht absprechen, vor Allem aber muss derselbe +die Stimmung im Corps legislatif am allerbesten und genauer kennen, als +ich; und das Ziel, nach welchem bei der Behandlung dieser ganzen +Angelegenheit gestrebt werden muss, ist ja doch jedenfalls die Bestaerkung +des Ansehens der kaiserlichen Regierung. Nachdem die Sache so weit +gediehen ist, duerfen wir nach meiner Ansicht mit keiner Halbheit +abschliessen, sondern muessen wirklich den als vollgueltig anerkannten +Beweis liefern, dass man die Wuerde Frankreichs nicht ungestraft +beleidigen, seine Interessen nicht ungestraft gefaehrden koenne." + +"Nur ein solcher Beweis, ueber alle Zweifel und Missdeutungen erhaben," +fiel der Baron Jerome David lebhaft ein, "wird das Corps legislatif und +die oeffentliche Meinung von ganz Frankreich beruhigen." + +Der Kaiser sank seufzend in sich zusammen. + +"Ich war so zufrieden, diese Angelegenheit endlich beendet zu wissen," +sagte er leise. + +Die Kaiserin zuckte fast unmerklich die Achseln, ein Blitz spruehte aus +ihren Augen. + +"Glauben Sie denn," sagte Napoleon sich zum Herzog von Gramont wendend, +"dass eine solche Erklaerung, wie sie der Baron fuer noethig haelt, zu +erreichen und schnell zu erreichen moeglich sei, damit diese Sache nicht +noch mehr in die Laenge gezogen werde und die oeffentliche Meinung sich +immer mehr echauffire." + +"Ich bin ueberzeugt, Sire," sagte der Herzog, "dass nichts leichter sein +wird, als eine solche definitive Erklaerung zu erlangen, um so mehr, wenn +man die Form waehlt, welche der Baron David so eben schon angedeutet hat, +die Form eines persoenlichen Briefes des Koenigs Wilhelm an Eure Majestaet +und sich damit gewissermassen auf den vom Koenige selbst eingenommenen +Standpunkt stellt, dass diese ganze Angelegenheit ihn nur persoenlich als +Chef seines Hauses beruehre und die preussische Regierung als solche +nichts angehe. Wenn Benedetti, der ja dem Koenige eine angenehme und +sympathische Person ist, in der ihm eigenen geschickten Weise die Sache +dort darstellt, so bin ich ueberzeugt, dass der Koenig keinen Augenblick +zoegern wird, einen Brief an Eure Majestaet zu schreiben, der die +geforderte Erklaerung enthaelt und den man ja dann nachher der +oeffentlichen Meinung in Frankreich dennoch als einen Act der preussischen +Regierung wird darstellen koennen. Denn," fuegte er laechelnd hinzu, "diese +oeffentliche Meinung kann sich nicht zu dem subtilen Unterschied erheben, +welchen Seine preussische Majestaet zwischen seinen beiden Eigenschaften +als Familienchef und Staatsoberhaupt zu machen sich gefaellt." + +"Die Sache muesste aber durchaus," sagte der Kaiser, "in aller +vorsichtigster und versoehnlichster Weise behandelt werden, damit ja kein +ernster Conflict daraus entsteht." + +"Und wenn ein solcher Conflict daraus entstuende," rief die Kaiserin, +welche ihre innere Erregung nicht laenger bemeistern konnte, "wollen wir +davor zurueckschrecken? Soll Frankreich, welches in der Krim und in +Italien gesiegt hat, welches die Adler des grossen Kaisers auf seinen +Fahnen traegt, sich von einem Wege abschrecken lassen, welchen das Recht +und die Ehre, die Klugheit, ja die politische Nothwendigkeit +vorschreibt, aus Besorgniss, dass der Widerstand der Gegner auf diesem +Wege kriegerische Verwickelungen entstehen lassen koennte? Unsere Armee +ist im herrlichsten Zustand, sie brennt vor Ungeduld, zu zeigen, dass sie +noch immer die erste in Europa ist." + +"Was sagt der Marschall Leboeuf," fragte der Kaiser den sinnenden, +sorgenvollen, nachdenklichen Blick auf den Herzog von Gramont gerichtet. + +"Der Marschall erklaert, so bereit zu sein, als nur immer moeglich," +erwiderte der Herzog, "er wird Eurer Majestaet ohne Zweifel den Beweis +darueber liefern--" + +"Auch sind wir der thaetigen Mitwirkung Oesterreichs sicher," rief die +Kaiserin, "um dieses uebermuethige Preussen von zwei Seiten zu fassen und +ihm zu zeigen, was es heisst, Frankreich zu beleidigen." + +"Oesterreich," sagte der Kaiser, abermals fragend den Blick auf den +Herzog von Gramont richtend, "glauben Sie, dass wir auf Oesterreich +rechnen koennen--Fuerst Metternich sagt das Gegentheil wie Sie wissen +werden," fuegte er mit scharfer Betonung hinzu. + +"Sire," sagte der Herzog laechelnd, "Fuerst Metternich sagt, was er sagen +soll, und was man fuer die offizielle Constatirung der Haltung +Oesterreichs noethig zu haben glaubt. Wenn wirklich, was ich in keiner +Weise glaube, aus der Behandlung der schwebenden Angelegenheit ein +ernster Conflict erwachsen sollte, so wird allerdings Oesterreich im +ersten Augenblick eine neutrale abwartende Stellung einnehmen, schon +weil der russische Einfluss laehmend auf seinen Entschluessen lastet. Nach +den ersten Niederlagen der preussischen Armee aber"-- + +"Die sehr schnell kommen werden," rief die Kaiserin. + +"Nach diesen ersten Niederlagen, Sire," fuhr der Herzog fort, "wird +Oesterreich aus seiner Reserve hervortreten. Dann wird auch in Russland +die ganze franzoesisch gesinnte Partei maechtig werden, und der +vorsichtige Fuerst Gortschakoff wird nicht wagen, sich diese Partei und +das siegreich vorschreitende Frankreich zu gleicher Zeit zu Feinden zu +machen. Dann, Sire, wird der Augenblick gekommen sein, in welchem +Preussen isolirt von zwei Seiten gefasst, von seiner Hoehe herabgestuerzt +werden wird. Das Werk von 1866 wird in Truemmer sinken, und wir werden es +in unserer Hand haben, Deutschlands politische Organisation so zu +construiren, wie es fuer unsere Interessen genehm ist, und zugleich fuer +Frankreich diejenigen Gebiete zurueck zu nehmen, welche man uns in der +Zeit des grossen nationalen Ungluecks entrissen hat." + +Die Augen des Kaisers leuchteten einen Augenblick in freudigem Stolz +auf. Er erhob sein Haupt, als saehe er die Bilder der Zukunft, welche der +Herzog andeutete, vor seinem Blick aufzeigen. Dann aber liess er den Kopf +wieder matt herabsinken und sprach: + +"Dazu gehoeren zwei gewonnene Schlachten--und wer giebt mir die +Buergschaft, dass sie gewonnen werden? Gewonnen ueber eine Armee, von +welcher mir der Oberst Stoffel schreibt, dass keine andere in Europa ihr +gleich kommt an innerer moralischer Kraft, an Intelligenz und an +einheitlicher Organisation." + +"Der Oberst Stoffel," sagte der Herzog von Gramont, waehrend die Kaiserin +zornig mit den schoenen Zaehnen auf die Lippen biss, "ist ein wenig +geblendet durch die persoenlichen Eigenschaften des Grafen Bismarck, +durch die Liebenswuerdigkeit, mit welcher man ihn dort behandelt--er +sieht ausserdem nur die Garde und nicht die Linien und die Milizen in den +Provinzen, welche nur zoegernd und widerwillig in den Krieg ziehen--" + +"Das hat das Jahr 1866 nicht bewiesen," sagte Napoleon,--"auch beweisen +die Berichte des Oberst Stoffel, dass er sehr genau ueber die ganze +militairische Organisation in Preussen unterrichtet ist, dass er +namentlich auch die Landwehrorganisation und die ausgezeichneten +Eigenschaften des preussischen Generalstabs sehr genau kennt--" + +"Vielleicht aber hat er vergessen," sagte die Kaiserin heftig, "dass dem +Allen gegenueber die feurige und unwiderstehliche Tapferkeit der +franzoesischen Armee steht--" + +"Und das," fiel der Baron Jerome David ein, "in einem solchen Kriege der +gewaltig aufflammende Nationalgeist Frankreichs hinter seiner Armee +stehen wuerde, ebenso wie dies in den grossen Kriegen Napoleon's I der +Fall war. Dieser Geist des Volks ist unbeweglich und," fuegte er hinzu, +"wenn er richtig geleitet wird, so wird bei dieser Gelegenheit eine neue +gewaltige Macht zur Alliirten des Kaiserthums gemacht werden koennen." + +Der Kaiser sah ihn fragend an. + +"Diese Macht, Sire," sagte der Baron Jerome David, "ist die +Marseillaise, die Marseillaise, Sire, welche man verboten hat, weil sie +ein Gesang des Aufruhrs geworden, die man aber darum nicht aus dem +Herzen der Franzosen hat reissen koennen. Wuerde man bewirken koennen, dass +die Marseillaise aufhoerte, ein Gesang der Revolution zu sein, dass sie +das Kriegslied der franzoesischen Nation wuerde, dass unter ihren Klaengen +die kaiserlichen Adler den Feinden entgegen getragen wuerden, so wuerde +das Kaiserreich und Eurer Majestaet Dynastie von dem zauberisch +gewaltigen Hauch dieses grossen Nationalhymnus auf eine vorher nie +geahnte Hoehe empor getragen werden. Eine franzoesische Armee, Sire, +welche unter den Klaengen der Marseillaise ins Feld rueckte, wuerde alle +Combinationen des preussischen Generalstabs zertruemmern und die +preussischen Landwehren in unaufhaltsamer Flucht vor sich her fegen." + +Die Kaiserin blickte gespannt auf ihren Gemahl. + +Napoleon schuettelte langsam und schweigend das Haupt. + +"Und wenn dann, Sire," fuhr der Baron David fort, "die franzoesische +Armee siegreich zurueckkehrte, so waere der Revolution ihre Zauberformel +genommen, und die Marseillaise wuerde aus einem wilden Revolutionsgesang +ein kaiserlicher Siegeshymnus geworden sein." + +Abermals leuchteten die Augen des Kaisers auf, seine Brust dehnte sich +mit einem tiefen Athemzug aus, und er sprach nach einem Augenblick: + +"Wir debattiren da ueber den Krieg, zu dem es nicht kommen wird--zu dem +es nicht kommen soll," fuegte er mit fester Stimme hinzu. "Doch in Ihrer +Bemerkung, mein lieber Baron, liegt eine tiefe Wahrheit, und ich danke +Ihnen fuer die Idee, welche Sie mir gegeben. Je mehr man in Frankreich an +die Moeglichkeit eines Krieges glaubt, um so hoeher wird der Triumph +sein, wenn man ohne denselben dem Nationalgefuehl volle Genugtuung +schafft. Die Gelegenheit ist guenstig, um die Zaubermacht der +Marseillaise ueber die Franzosen, welche ich kenne und nach ihrem vollen +Werth schaetze, zu einer maechtigen Waffe des Kaiserreichs zu machen. Ich +werde den Befehl geben, dass man die Marseillaise erlaubt, bewirken Sie, +dass man sie singt, dass man sie in den Theatern verlangt--das Plebiscit, +die Marseillaise und ein diplomatischer Erfolg gegen Preussen--das wird +ein festes Fundament fuer den Thron Napoleon's IV--das wird die Kroenung +meines Gebaeudes sein. Senden Sie also sogleich," sagte er zum Herzog von +Gramont gewendet, "den Befehl an Benedetti, die besprochene Erklaerung +vom Koenige von Preussen zu erbitten, aber in der geschmeidigsten und +sanftesten Form; er muss sie zu erreichen suchen, ohne dass man dort der +Sache eine zu grosse Bedeutung beilegt. Er wird das koennen, wenn er den +Schritt, den wir vom Koenige von Preussen verlangen, demselben als eine +Unterstuetzung darstellt, die er mir zur Beruhigung der oeffentlichen +Meinung gewaehrt--dann wird sich Alles leicht erledigen." + +Die Kaiserin trat leicht mit dem Fuss auf den Boden, ein Zug fast +hoehnischen Unmuths erschien auf ihrem Gesicht, dann aber laechelte sie +wieder und lehnte sich schweigend in ihren Fauteuil zurueck. + +"Der Baron Werther kommt heute von Ems zurueck, Sire," sagte der Herzog +von Gramont, "ich werde ihm, nachdem ich die Instructionen an Benedetti +abgesendet, die Sache ganz in dem von Eurer Majestaet gegebenen Sinn +darstellen, und er wird gewiss dazu beitragen, die so wuenschenswerthe, +baldige und befriedigende Erledigung der Sache zu erreichen." + +"Thun Sie das, Herr Herzog," sagte der Kaiser, "und vergessen Sie nicht, +Benedetti die aeusserste Vorsicht und die hoeflichste Geschmeidigkeit +anzuempfehlen." + +"Und ich, Sire," sagte der Baron Jerome David, "werde dafuer sorgen, dass +morgen in Paris die Marseillaise erklingt,--man wird sich in Berlin +erinnern, dass es gefaehrlich ist, Frankreich entgegenzutreten, wenn +dieses Lied ueber seinen Heeren schwebt, und wenn die Tricolore und die +kaiserlichen Adler seinen Regimentern vorangetragen werden." + +Beide Herren verliessen nach ehrerbietigem Gruss gegen die Majestaeten das +Cabinet. + +"Nun," sagte der Kaiser, indem er aufstand und sich laechelnd zur +Kaiserin wandte, "Sie werden jetzt zufrieden sein, Eugenie, wir werden +einen grossen Triumph erleben, ohne uns der Gefahr eines Krieges +auszusetzen, und Sie werden endlich die Genugthuung haben, die Politik +dieses Grafen Bismarck ein wenig gedemuethigt zu sehen. Werden Sie heute +Abend noch empfangen?" + +"Nur meinen kleinen Cirkel," antwortete die Kaiserin leicht hin und +etwas zerstreut, als folge sie Gedanken, die unausgesprochen ihr Inneres +erfuellten. + +"Ich bin ermuedet," sagte der Kaiser, "und bitte Sie, mich zu +entschuldigen, ich moechte ein wenig meine Privatcorrespondenz ordnen, +die ich in den letzten Tagen etwas vernachlaessigt habe." + +Er kuesste seiner Gemahlin die Hand und kehrte langsam in seine Gemaecher +zurueck. + +"Welche Schwaeche, welche Unschluessigkeit!" rief die Kaiserin, als sie +allein war. "Er moechte die Fruechte des Sieges geniessen und will doch den +Kampf nicht wagen. Nun," fuhr sie mit flammendem Blick und einem +stolzen, fast hoehnischen Laecheln fort, "die Verhaeltnisse werden +maechtiger sein, als er; sie werden ihn ueber den Rubicon draengen, den er +nicht wie Caesar zu ueberschreiten wagt. So sehr der Koenig von Preussen +auch den Frieden zu erhalten wuenschen mag, seine Geduld wird sich +endlich erschoepfen, wenn Forderung auf Forderung an ihn gestellt wird, +und wenn man in Paris erst die Marseillaise singt, wenn die Presse und +die Tribuene in immer steigendem Mass das Nationalgefuehl erhitzen, so wird +trotz aller Unschluessigkeit der Krieg kommen--dieser Krieg, der mein +Krieg ist, den man mir einst danken wird, der mich in den Augen von ganz +Frankreich zur wahren Franzoesin machen wird, der nothwendig ist, um +meinem Sohn den Thron zu sichern, meinem Sohn, den ich hinaus senden +werde, um auf den Schlachtfeldern gegenwaertig zu sein,--wo man ihn +niemals gesehen hat, diesen anmassenden Prinzen Napoleon, welcher es zu +behaupten wagt, dass in den Adern seiner Nachkommenschaft allein das Blut +des grossen Kaisers fliesse, und welcher so stolz darauf ist, dass seine +Mutter und die Mutter seiner Kinder purpurgeborne Prinzessinnen +waren.--Die Stunde der Entscheidung naht--sie wird den Sieg bringen--und +dieser Sieg wird Mein sein!" + +Sie stand noch einige Augenblicke schweigend, den strahlenden Blick +auswaerts gerichtet, die schoenen Zuege verklaert von stolzer Zuversicht. + +Dann bewegte sie die Glocke. + +"Man soll den Thee serviren," befahl sie dem Kammerdiener, "ich lasse +meine Damen und die Herren vom Dienst bitten, einzutreten." + + + + +Achtes Capitel. + + +Die Morgenpromenade in Ems war beendet. Langsam und nachdenklich +kehrte Graf Benedetti nach seiner Wohnung in der Stadt Bruessel zurueck. + +Sein Kammerdiener uebergab ihm zwei fuer ihn eingegangene Depeschen. +Benedetti trat in sein Zimmer, und reichte seinem Secretair, welcher ihn +erwartete die beiden Telegramme. Dieser zerriss hastig die Umschlaege und +oeffnete den grossen Folioband, der den Chiffre des Botschafters enthielt, +um die Depeschen zu dechiffriren. + +Hier in seinem Zimmer verschwand von dem Gesicht Benedetti's jene +gleichgueltige, hoefliche, freundliche und undurchdringliche Ruhe, welche +sonst Alles verhuellte, was in seinen Gedanken vorging. Heftig bewegt +schritt er auf und nieder, sein blasses Gesicht zuckte in nervoeser +Aufregung und seine sonst so klaren, unzerstoerbar, heiteren Augen +blickten truebe und sorgenvoll vor sich hin. + +"Welch eine furchtbare Verantwortung liegt auf meinem Haupt," sagte er, +"ich fuehle, dass der Faden der Unterhandlungen mir entschluepft, weil man +ihn in Paris so scharf anzieht, dass es in der That kaum mehr moeglich ist +ein anderes Ende, als den Bruch vorherzusehen--den Bruch--das heisst +einen Krieg, wie er seit Generationen Europa nicht erschuettert hat; das +heisst ein Meer von Blut, das heisst, die Zerstoerung so vieler Gueter, +welche der Fleiss und die Arbeit langer Jahre geschaffen haben. + +Was will man in Paris?" fuhr er fort, indem er die Hand vor die Stirn +legte und unruhig nachdenkend schnell auf und nieder ging. "Will man den +Krieg? Das ist ja beinahe unmoeglich, so wie ich den Kaiser kenne,--er +hat viele bessere Gelegenheiten voruebergehen lassen, wie sollte er jetzt +die Dinge auf's Aeusserste treiben wollen. Sollte man aber wirklich den +Krieg wollen--warum es mir verheimlichen? Warum mich diese traurige und +undankbare Rolle eines Ueberlaestigen spielen lassen? Warum diese unklare +Verworrenheit, welche nur dahin fuehren kann, dass der Bruch, wenn er +erfolgt, uns vor den Augen von ganz Europa als die absichtlichen +Friedensstoerer hinstellt? Warum ist man da nicht gleich mit einer +klaren bestimmten Forderung hervorgetreten, die wenigstens zu einem +wuerdigen Abbruch der Verhandlungen haette fuehren koennen? Ich habe," +sprach er weiter, indem er an das Fenster trat und auf die Strasse +hinabblickte, "ich habe auf die coulanteste und freundlichste Weise das +erste Ziel meiner Mission erreicht--die Zuruecknahme der Hohenzollerschen +Candidatur unter Autorisation des Koenigs. Nun steigert man successive +die Forderungen--giebt es einen Diplomaten in der Welt, der im Stande +waere, eine solche Negotiation zu einem guenstigen und wuerdevollen Ende zu +fuehren? Man verlangt die Erklaerung des Koenigs, dass er fuer alle Zukunft +eine Wiederaufnahme der jetzt gescheiterten Combination nicht erlauben +werde. Eine solche Erklaerung haette sich erreichen lassen, wenn man nicht +zugleich die Aufregung in Frankreich beguenstigt haette, wenn man sich +groessere Reserve bei den Erklaerungen im Corps legislatif auferlegt haette, +wenn man das persoenliche Gefuehl des Koenigs und den nationalen Stolz in +Deutschland nicht verletzt haette, jetzt aber nach der kurzen +Unterredung, die ich so eben mit dem Koenige auf der Brunnenpromenade +gehabt, ist an Erfuellung dieser Forderung garnicht zu denken. Und wenn +sie nicht erfuellt wird," sagte er seufzend, "nachdem man einen so +starken Anlauf genommen, nachdem man so hohe Worte gebraucht hat, so ist +der Krieg unvermeidlich--die Welt wird diesen Grund desselben kaum +verstehen, mag man nun den Bruch gewollt haben, oder mag man ohne Willen +und Plan zu demselben hingetrieben werden. + +Was telegraphirt der Herzog?" + +Der Secretair hatte die beiden Depeschen dechiffrirt und reichte sie dem +Botschafter. + +Dieser durchflog raschen Blickes die Telegramme, seufzend warf er sie +auf den Tisch. + +"Die Festigkeit meiner Sprache," sagte er bitter laechelnd, "soll nicht +dem Ernst der Situation entsprechen. Aber, mein Gott, vergisst man denn +in Paris ganz, dass es sich hier um keine Unterhandlungen mit dem +Minister der auswaertigen Angelegenheiten handelt, sondern dass ich in +unmittelbarem persoenlichem Verkehr mit dem Souverain stehe? Man kann +doch unmoeglich von mir verlangen, dass ich die Formen verletzen sollte, +welche fuer diesen Verkehr massgebend sind. Ich muss noch einen Versuch +machen,--vielleicht hat die Bitte, welche ich dem Koenige durch den +Prinzen Radziwill aussprechen liess, irgend einen Erfolg, vielleicht +entschliesst sich der Koenig, irgend ein Wort zu sagen, welches man in +Paris als genuegend annehmen moechte, wenn der Grundgedanke des Kaisers +wirklich ist, den Frieden zu erhalten." + +Der Kammerdiener meldete den Fluegeladjutanten Seiner Majestaet des Koenigs +von Preussen, und einen Augenblick darauf trat der Oberstlieutenant Prinz +Radziwill, ein noch junger, schlanker Mann mit militairisch +geschnittenem vollem Bart in Civilmorgenanzug in das Zimmer. + +Das Gesicht des Grafen Benedetti hatte seine glatte und +undurchdringliche Ruhe wieder angenommen, er trat dem Prinzen mit +verbindlicher Hoeflichkeit entgegen. + +"Seine Majestaet der Koenig," sagte dieser im artigen Ton, "hat mich +beauftragt, Eurer Excellenz mitzutheilen, dass er sich nicht in der Lage +befinde, von einer neuen Unterredung ein Resultat voraussehen zu koennen, +da seine Entschliessungen vollkommen fest staenden. Der Koenig hat mir +zugleich befohlen, Eurer Excellenz in seinem Namen zu erklaeren, dass +Seine Majestaet die Verzichtleistung des Prinzen Leopold approbirte und +zwar in demselben Sinne und demselben Geist, wie er seine Zustimmung zu +der Annahme dieser Candidatur ertheilt habe. Was den zweiten Punkt +betrifft, eine Verpachtung fuer die Zukunft zu uebernehmen, so koenne sich +Seine Majestaet nur auf diejenige ablehnende Erklaerung zurueck beziehen, +welche er heute Morgen Eurer Excellenz persoenlich gegeben habe." + +Keine Muskel bewegte sich im Gesicht Benedetti's, und mit ruhiger, +klarer Stimme sprach er: + +"Ich bin dem Koenige unendlich dankbar, dass er die Gnade gehabt hat, mir +diese Erklaerung durch Eure Durchlaucht zugehen zu lassen, und ich werde +dieselbe sogleich meiner Regierung mittheilen. Doch muss ich," fuhr er in +demselben ruhigen Ton fort, "Eurer Durchlaucht sagen, dass ich betreffs +des zweiten Punktes soeben noch sehr bestimmte Instructionen vom Herzog +von Gramont erhalten habe. Ich muss daher meine Bitte um eine neue +Unterredung mit Seiner Majestaet nochmals wiederholen, um so mehr, als +ich dem Koenige vielleicht einige neue, noch nicht erwogene +Gesichtspunkte mittheilen koennte. Ich muss nach den Instructionen, die +ich erhalten, den groessten Werth auf die gnaedige Gewaehrung meiner Bitte +um eine nochmalige Audienz legen, sei es auch nur, um nochmal von Seiner +Majestaet die Erklaerung wiederholen zu hoeren, welche er mir heute Morgen +gegeben hat. Ich bitte Eure Durchlaucht deshalb, den Wunsch, welchen ich +aussprechen muss, nochmal Seiner Majestaet mittheilen zu wollen." + +"Ich werde nicht unterlassen, Eurer Excellenz Auftrag sogleich Seiner +Majestaet auszurichten," erwiderte der Fuerst Radziwill, "und werde nicht +verfehlen, Eurer Excellenz die Allerhoechste Antwort mitzuteilen." + +Mit ausgesuchter Hoeflichkeit, in welcher jedoch eine gewisse, kalte und +stolze Zurueckhaltung lag, verneigte er sich und verliess von dem +Botschafter bis zur Thuer geleitet, das Zimmer. + +"Der Krieg liegt in der Luft," sagte er dann, indem er sich seufzend an +seinen Secretair wandte. "Ich kenne die Hoefe, ich fuehle,--ich weiss, was +geschehen wird. Der Koenig wird mich nicht mehr empfangen--er hat sein +letztes Wort gesprochen." + +"Wenn der Koenig den Botschafter Frankreichs zu empfangen verweigert," +rief der Secretair mit blitzenden Augen, "so ist das allein ein Grund +des Krieges, dessen Gerechtigkeit das Gefuehl der ganzen Nation +anerkennen wird." + +"Sollte es das sein?" sagte Benedetti leise, indem er nachdenklich den +Kopf schuettelte, "das wuerde freilich die nationale Entruestung +entflammen. Aber," fuhr er fort, "wuerde darum der Kriegsgrund besser +werden, der Erfolg gesicherter sein? Doch ich bin erschoepft," sagte er +dann, "und Sie werden es auch sein, koennen wir auch die Entbehrung des +Schlafs ertragen, so fordert doch die koerperliche Natur ihr Recht auf +Ergaenzung der Substanz, lassen Sie uns fruehstuecken."--Er liess das +Fruehstueck in seinem Zimmer serviren und beide Herren setzten sich +schweigend und gedankenvoll zu Tisch.-- + + * * * * * + +Mehrere Stunden waren verstrichen voll unruhiger Erwartung fuer den +Grafen Benedetti, welcher sich in seinem Zimmer auf ein Canape +niedergelegt hatte, um nach all der Aufregung der letzten Tage wenn +nicht Schlaf, so doch wenigstens Ruhe fuer seine erschoepften und +abgespannten Nerven zu finden. + +Endlich, es war bereits Abend--die Zeit des Diners des Koenigs war +vorueber--wurde dem Botschafter abermals der Fuerst Radziwill gemeldet. + +Rasch sprang Benedetti empor und kaum gelang es ihm, den Ausdruck +unruhiger Spannung von seinem Gesicht verschwinden zu lassen, als er dem +Adjutanten des Koenigs entgegentrat. + +Noch kaelter, noch zurueckhaltender als vorher war der Ton, in welchem +dieser dem Botschafter sagte: + +"Der Koenig hat mir befohlen, Eurer Excellenz mitzutheilen, dass er sich +verpflichtet saehe, eine neue Discussion ueber den zweiten, von Ihnen +angeregten Punkt--betreffend die Verpflichtungen und Garantien fuer die +Zukunft ganz bestimmt und kategorisch abzulehnen. Was Seine Majestaet +Eurer Excellenz heute Morgen zugesagt hat, ist des Koenigs letztes Wort +in dieser Angelegenheit, und der Koenig bittet Eure Excellenz sich +lediglich und ausschliesslich an jenes Wort zu halten." + +Das Gesicht des Grafen Benedetti wurde bei diesen mit aeusserster +Artigkeit, aber auch mit entschiedenster Festigkeit gesprochenen Worten +des Fuersten Radziwill noch um eine Nueance bleicher. Er liess einen +Augenblick die Augenlider herabfallen, wie um den Ausdruck seines +Blickes zu verhuellen, und ein leichtes Nervenzucken zeigte sich eine +Secunde um seinen Mund. Schweigend neigte er den Kopf und sprach dann +mit ruhiger Stimme, in deren Ton keine Aufregung bemerkbar war. + +"Ich danke Eurer Durchlaucht fuer diese Mittheilung und moechte Sie nur +noch bitten, mir zu sagen, ob die Ankunft des Grafen Bismarck hier, von +welcher in diesen Tagen gesprochen wurde, heute oder morgen zu erwarten +ist." + +"Soviel mir bekannt geworden," erwiderte der Fuerst Radziwill, "hat der +Graf Bismarck seine Reise hierher aufgeschoben und morgen jedenfalls +wird seine Ankunft hier nicht zu erwarten sein." + +"Dann bitte ich Eure Durchlaucht," sagte Benedetti, "Seiner Majestaet zu +sagen, dass ich nicht weiter auf meiner Bitte bestehe und mich bei den +Erklaerungen des Koenigs beruhigen wolle." + +Der Fuerst verabschiedete sich. Graf Benedetti begleitete ihn zur Thuer +und blieb dann einige Augenblicke schweigend in tiefen Gedanken stehen. + +"Der Wuerfel ist gefallen," sagte er mit duesterem Ton, "das Verderben ist +entfesselt! Wen wird der Blitz treffen, der noch verborgen im Schoss der +Wolken ruht, welche den Himmel des europaeischen Friedens ueberziehen." + +Er oeffnete die Thuer des Nebenzimmers und rief seinen Secretair. + +"Bereiten Sie Alles zur Abreise vor," sagte er im ernsten Ton, "meine +Mission hier ist zu Ende. Doch," fuhr er fort, "ich will bis zum letzten +Augenblick alle Pflichten der Hoeflichkeit erfuellen. Wenn es das +Schicksal will, kann sich vielleicht doch noch eine Gelegenheit bieten, +das Verhaengniss zu beschwoeren. Gehen Sie zum Hause des Koenigs und sagen +Sie dem Adjutanten vom Dienst, dass ich um die Erlaubniss baete, mich von +Seiner Majestaet verabschieden zu duerfen. Damit verletze ich keine Form +und kann zugleich meinen persoenlichen Wunsch erfuellen, von dem +Monarchen, der mir soviel Gnade und Wohlwollen bewiesen hat, und von +dem ich in so verhaengnissvollem Augenblick scheiden muss, einen +freundlichen Abschied zu nehmen." + + * * * * * + +Die Aufregung unter den Badegaesten in Ems, welche die ersten Nachrichten +von den Differenzen ueber die Hohenzollersche Candidatur erregt hatten, +war fast vollstaendig wieder verschwunden. Man hatte zwar die heftigen +Artikel der franzoesischen Journale gelesen, die nationale Entruestung, +welche ganz Deutschland bei diesen Provocationen erfasste, war auch +dorthin in die stillen Kreise des Badelebens gedrungen, aber man hatte +auch wieder Gelegenheit gehabt, hier in unmittelbarer Naehe den so +freundlichen Verkehr des Koenige mit dem franzoesischen Botschafter zu +sehen. Man hatte gesehen, wie Seine Majestaet den Grafen Benedetti +taeglich auf der Promenade auf das huldvollste anredete und einige Zeit +in lebhafter Conversation mit ihm auf- und niederging. Das Laecheln +verschwand keinen Augenblick von dem glatten Gesicht des Botschafters +und der Koenig war ruhig und heiter wie immer. + +Baron Werther war wieder nach Paris zurueckgereist; der Minister des +Innern, welchen der Graf Bismarck, der von Barzin kommend, in Berlin +leicht erkrankt war, zum Koenige nach Ems entsendet hatte, war wieder +nach Berlin zurueckgekehrt; der Finanzminister war angekommen, um wie man +erzaehlte, Seiner Majestaet ueber Angelegenheiten seines Ressorts Vortrag +zu halten, und Alles schien wieder in das gewohnte Geleis +zurueckzukehren. + +Als nun gar der Telegraph die Nachricht brachte, dass der Prinz Leopold +von Hohenzollern auf seine Candidatur Verzicht geleistet, und dass Graf +Bismarck, darin die vollstaendige Erledigung der ganzen Angelegenheit +erblickend, seine Reise nach Ems aufgegeben habe, da verschwanden +vollends die letzten Besorgnisse, und man sah auf der Brunnenpromenade +nur heitere und laechelnde Gesichter, man verabredete Partien in die +Berge, und die Unterhaltung, welche so lange von den ernsten +Gegenstaenden der Politik in Anspruch genommen war, wandte sich wieder +den kleinen Ereignissen des Tages zu. + +Man sprach von den Toiletten der Herzogin von Ossuna, welche soeben mit +ihrem Gemahl angekommen war und Alles durch ihren Geschmack und ihre +Eleganz in den Schatten stellte. Man wiederholte die maerchenhaften +Erzaehlungen ueber den Reichthum dieses spanischen Granden, welcher die +Koenigin Isabella am Hofe von St. Petersburg vertreten und an diesem +prachtvollsten Hof Europas einen Glanz entwickelt hatte, der selbst +dort noch nicht gesehen worden war. + +Da ploetzlich drang am Nachmittag des 14. Juli in diese wieder zu +sorgloser, heiterer Geselligkeit sich zusammenschliessenden Kreise wie +ein unvorbereiteter Wetterschlag die Nachricht, dass der Koenig, den man, +wie er oefter that, nach Coblenz zu seiner Gemahlin hatte fahren sehen, +der am Abend zurueckerwartet wurde, schon in der Fruehe des naechsten +Morgens nach Berlin abreisen werde, dass alle Verhandlungen abgebrochen +seien, dass Seine Majestaet sogar jede weitere Unterredung mit dem +Botschafter abgelehnt habe, und dass der Krieg unvermeidlich scheine. + +Die tiefste Bestuerzung verbreitete sich ueberall. Diejenigen, welche mit +dem einen oder dem andern Herrn aus der Umgebung des Koenigs bekannt +waren, suchten sich demselben zu naehern, um Ausfuehrliches zu +erfahren--die Umgebung des Koenigs vermied es zwar, sich in lange +Gespraeche ueber die Situation einzulassen, doch der ernste, fast +feierliche Eindruck, welcher auf den Gesichtern aller dieser Herren lag, +einzelne hingeworfene Bemerkungen und die Bestaetigung der fuer den +naechsten Morgen feststehenden Abreise des Koenigs zeigten deutlich genug, +dass die Befuerchtungen, welche ueberall erregt waren, vollkommen begruendet +seien. + +Der franzoesische Botschafter war noch nicht abgereist, aber er hielt +sich in seiner Wohnung und erschien nicht auf der Abendpromenade. + +Bis spaet in die Nacht hinein waren alle Strassen mit Menschen gefuellt, +und die ganze Nacht ueber dauerte die Unruhe in allen Haeusern, denn fast +alle fremden Badegaeste trafen Anstalten zur schnellen Abreise, und die +Bewohner von Ems sahen mit Bekuemmerniss dem ploetzlichen Ende einer so +glaenzend begonnenen Saison entgegen. + +Schon lange vor acht Uhr am naechsten Morgen, zu welcher Stunde die +Abreise des Koenigs befohlen war, hatte der Bahnhof sich dicht gefuellt +mit einem zahlreichen Publikum, unter welchem die Damen und Herren aus +dem Kreise der Badegaeste, die dem Koenig persoenlich bekannt waren, die +ersten Reihen am Perron einnahmen, der in der Nacht mit Blumenguirlanden +geschmueckt worden war. + +Allmaelig erschien die Umgebung des Koenigs, welche den Monarchen nach +Berlin begleitete. Die Waggons fuhren heran und das zahlreiche Gepaeck +wurde in den bereits vorgefahrenen Zug, in dessen Mitte man den grossen +koeniglichen Salonwagen erblickte, eingeladen. + +Zum Erstaunen aller Anwesenden erschien auch der franzoesische +Botschafter Graf Benedetti am Bahnhof und begab sich mit unbefangen +heiterer Miene, Einen oder den Andern aus der Badegesellschaft begruessend +auf den Perron, wo er seinen Ueberrock ablegte und im schwarzen Anzug, +das Band des schwarzen Adlerordens ueber der Brust, ruhig dastand, mit +den Andern den Koenig erwartend, ohne die erstaunten und wenig +freundlichen Blicke zu beachten, mit welchen man ihn von allen Seiten +ansah. + +Die Wagen waren bepackt; die Locomotive war schnaubend herangefahren und +hatte sich an die Spitze des Zuges gestellt; die Lakaien in Reiselivreen +standen an den Thuerschlaegen. + +Da ertoenten vom Badehause einzelne, sich schnell fortpflanzende +Hochrufe. Wenige Augenblicke darauf fuhr der Koenig an den Perron heran, +er trug Militair-Rock und Muetze. Der Fluegel-Adjutant Fuerst Radziwill +begleitete ihn, der Hofmarschall Graf Perponcher ging dem Koenige +entgegen und meldete, dass Alles bereit sei. + +Der Koenig sah frisch und kraeftig aus, seine Haltung war stolz und fest, +und trotz des tiefen Ernstes, der auf seinen Zuegen lag, blickten seine +Augen doch in milder Heiterkeit auf die zu seiner Begruessung Versammelten +hin. Er richtete, schnell die Reihe herabschreitend, mit freundlichem +Kopfnicken alle diese ehrerbietigen Gruesse erwidernd, an einzelne +Bekannte einige Worte. Bei dem Polizei-Praesidenten von Wurmb, welcher im +Reiseanzug gegenwaertig war, blieb der Koenig einen Augenblick stehen. + +"Ich habe Sie gebeten mit mir abzureisen," sagte er. "Sie werden viel zu +thun finden,--unsere Vorbereitungen fuer die Enthuellung des Denkmals des +hochseligen Koenigs," fuegte er mit wehmuethigem Laecheln hinzu, "werden nun +wohl fuer laengere Zeit vertagt bleiben." + +"Moege die Errichtung des ehernen Denkmals auch noch hinausgeschoben +werden, Majestaet," erwiderte Herr von Wurmb mit bewegter Stimme, "das +lebendige Denkmal an die grosse Zeit des hochseligen Herrn, welches in +jedem Preussenherzen fest begruendet ist, wird in diesen Tagen mit +lebendigen Kraenzen der Erinnerung und neuer Hoffnung geschmueckt. Wieder +durchdringt das ganze Volk wie damals der heilige Ruf aus der Zeit des +eisernen Kreuzes "Mit Gott fuer Koenig und Vaterland." + +Der Koenig neigte das Haupt, sein Blick fiel auf das schwarz-weisse Band +des eisernen Kreuzes, das er trug, und indem er dasselbe leicht mit der +Hand beruehrte, sagte er halb laut: + +"In diesem Zeichen werden wir siegen." + +Er ging weiter. Raschen und festen Schrittes trat er zu dem sich tief +verneigenden Grafen Benedetti. + +"Sie haben gewuenscht, Herr Graf," sagte der Koenig mit freundlicher +Hoeflichkeit, "sich von mir zu verabschieden--leben Sie wohl." + +Trotz der Gewalt, mit welcher der franzoesische Diplomat den Ausdruck +seiner Zuege beherrschte, zeigte sich doch einen Augenblick eine maechtige +Bewegung auf seinem Gesicht. + +"Ich danke Eurer Majestaet," sagte er mit leicht zitternder Stimme, "dass +Sie mir Gelegenheit geben, von Ihnen Abschied zu nehmen, und ich danke +Ihnen auch in diesem Augenblick noch einmal fuer die Gnade und das +Wohlwollen, welches Sie mir waehrend der Zeit meiner Beglaubigung an +Ihrem Hofe bewiesen haben. Moechte die Zukunft Alles zum Guten wenden." + +"Die Zukunft liegt in Gottes Hand," sagte der Koenig mit fester Stimme, +und indem er freundlich den Kopf neigte, wandte er sich zur Thuer des +Salonwagens, an welcher der Hofmarschall und die uebrigen Herren des +Gefolges ihn erwarteten. + +"Kommen Sie zu mir, lieber Abeken," sagte der Koenig, "wir haben +unterwegs viel zu arbeiten und nehmen Sie St. Blanquart mit, damit alle +ankommenden Depeschen sogleich dechiffrirt werden koennen." + +Der Geheime Legationsrath nahm aus der Hand eines Dieners die grosse +Mappe, welche seine Papiere enthielt, winkte den Hofrath St. Blanquart, +welcher in einiger Entfernung von dem koeniglichen Gefolge stand, heran, +und beide folgten dem Koenige, welcher bereits eingestiegen war, in den +Salonwagen, waehrend die uebrigen Herren ihre Plaetze in den Coupes vor und +hinter demselben einnahmen. + +Die Locomotive pfiff, der Koenig trat noch einmal an das Fenster und +winkte gruessend mit der Hand. + +Ein brausender Hochruf ertoente als Antwort auf den koeniglichen +Abschiedsgruss und wiederholte sich mit wachsender Begeisterung, waehrend +der immer schneller dahin rollende Zug den Monarchen aus dem stillen, +friedlichen Badeort nach seiner Residenz zurueckfuehrte, von wo er bald +hinausziehen sollte an der Spitze des waffengeruesteten Deutschlands, um +von Neuem den Kampf aufzunehmen gegen den alten Feind seines Hauses und +seines Landes. + +Der Koenig hatte an dem Fenster des Salonwagens Platz genommen und +blickte durch die hellen Glasscheiben in die lachende Gegend hinaus, +waehrend der Geheimrath Abeken ihm gegenueber Platz genommen hatte, um +ihm die verschiedenen eingegangenen Depeschen vorzutragen. + +Der Hofrath St. Blanquart sass am Ende des Salons, den Chiffre vor sich, +eine nach der andern die Depeschen dechiffrirend, welche unmittelbar vor +der Abreise eingegangen waren und bereit, diejenigen in Empfang zu +nehmen, welche man auf den einzelnen Stationen erwarten musste. + +"Ich habe Eurer Majestaet," sagte der Geheimrath Abeken, "sogleich zu +Anfang eine wichtige und erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Aus Muenchen +ist gemeldet, dass der Koenig auf den Vorschlag des Ministeriums erklaert +hat den Casus foederis fuer gegeben zu erachten, auch hat seine Majestaet +die vorgelegte Mobilisirungsordre genehmigt." + +Der Blick des Koenigs leuchtete freudig auf. + +"Das deutsche Blut der Wittelsbacher verlaeugnet sich nicht," sagte er, +"sie haben gegen uns gestanden im Kriege von 1866, und sie lieben dort +vielleicht Preussen nicht zu sehr--aber jetzt wo Deutschland in den Kampf +tritt, zweifelt dieser junge Koenig nicht, wo sein Platz ist. Nun +Deutschland wird ihm das nicht vergessen und ich auch nicht, denn von +nun an, wenn Gott uns in diesem Kampfe beisteht, wird ja die Geschichte +Preussens und Deutschlands fuer immer die gleiche sein. Kuenftig wird die +deutsche Armee ins Feld ziehen--" + +"Wie Brandenburg Preussen wurde, Majestaet," sagte der Geheime +Legationsrath, "so wird Preussen Deutschland werden und damit seine grosse +Mission vollenden." + +Der Koenig blickte schweigend weit hinaus nach dem Horizont, an welchem +die an der Bahn liegenden Baeume schnell vorueberflogen. + +"Der feste und patriotische Entschluss des Koenigs Ludwig," sagte er nach +einigen Augenblicken, "ist um so hoeher anzuerkennen, als es in Baiern in +allen Kreisen nicht an eifrigen Bemuehungen gefehlt hat, die Gelegenheit +zu benutzen, um eine Sonderpolitik zu machen. Nun ist Deutschland einig, +und jede Hoffnung Napoleons, die Suedstaaten zu sich herueber zu ziehen, +gescheitert. Von Wuertemberg sind noch keine Nachrichten da?" + +"Noch nicht," sagte der Geheime Legationsrath Abeken, "doch hat Herr von +Rosenberg berichtet, dass an der patriotischen Haltung Wuertembergs nicht +zu zweifeln sei." + +"So ist denn Deutschland zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich +einig," sagte der Koenig, "die Zeit ist gekommen, in welcher jener alte +Spottname der Reichsarmee verschwinden wird, und in welcher die +deutschen Heere, von Preussen gefuehrt, den alten Kriegsruhm der Nation zu +neuem Glanz erheben sollen." + +"Alles vereinigt sich," sagte der Geheime Legationsrath, "um die +Zuversicht auf den Sieg, welche ich fest in dem Herzen trage, zu +bestaerken. Auch die Besorgnisse, welche die Haltung Oesterreichs +einfloessen koennte, sind beseitigt durch die Gewissheit von der +freundlichen Haltung Russlands, welche Graf Bismarck meldet. Der +Ministerpraesident wird Eurer Majestaet darueber persoenlich ausfuehrlicher +berichten, doch ist als gesichert zu betrachten, dass jeder feindlichen +Bewegung Oesterreichs energisch entgegengetreten werden wird, dass der +Handel der Ostsee keiner Gefahr ausgesetzt werden soll, alle frueheren +Besprechungen ueber diese Eventualitaet sind von Neuem bestaetigt worden +und es ist die volle Sicherheit vorhanden, die ganze ungeschwaechte und +ungetheilte Militairkraft nach der franzoesischen Grenze hin verwenden zu +koennen." + +"Der Kaiser Alexander ist ein treuer Freund," sagte der Koenig. "Er +erkennt wie ich auch die politische Notwendigkeit, dass Deutschland und +Russland fest zusammenhalten, um gegenseitig ihre Aufgabe zu erfuellen +und ihre Zielpunkte zu erreichen. Moechten diese beiden Maechte immer +einig bleiben, dann wird Frankreich die uebermuethige Praetension aufgeben +muessen, die dominirende Rolle in Europa zu spielen." + +Der Zug hielt in Coblenz. Der Koenig trat an das Fenster, nahm die +Meldung der Generalitaet entgegen und begruesste freundlich die zahlreiche +Menge, welche ihm ihr jubelndes Hurrah entgegen rief. Nach wenigen +Minuten fuhr man weiter. Depeschen auf Depeschen kamen an. Der Hofrath +St. Blanquart entzifferte unermuedlich mit lang geuebter Sicherheit deren +Inhalt aus den langen Zahlenreihen und der Geheime Legationsrath Abeken +trug dem Koenige immer neue Nachrichten vor, welche Kunde brachten von +der immer maechtiger aufflammenden Begeisterung des deutschen Volkes in +allen Gebieten des weiten Vaterlandes. + +Nach einigen Stunden wurde im Salonwagen das einfache Fruehstueck des +Koenigs servirt, der Leibjaeger brachte Koerbe mit kalter Kueche und das +einfache Reiseservice. + +Und einen Augenblick den Vortrag unterbrechend, ass Seine Majestaet etwas +kalten Hummer und trank ein Glas Wein, waehrend er zugleich den Geheimen +Legationsrath Abeken aufforderte, die ermatteten Kraefte nach so langer +Arbeit wieder zu ergaenzen. + +Dann winkte der Koenig noch einmal dem Leibjaeger und liess sich den Korb +reichen. Er nahm ein Butterbrod und etwas kaltes Fleisch und legte es +auf einen kleinen Teller. + +"Ein Glas Wein," befahl er dann. + +Der Leibjaeger servirte ein Glas Bordeaux. + +Der Koenig nahm es in die Hand, den kleinen Teller in die andere und so +ging er durch den Salon zum Hofrath St. Blanquart hin, der noch immer +eifrig und unermuedlich eine Zahlenreihe nach der andern dechiffrirte. + +"Halten Sie einen Augenblick ein," sagte der Koenig mit freundlichem +Laecheln, "mein lieber St. Blanquart, von Chiffrezahlen kann kein Mensch +leben. Nehmen Sie hier, was ich Ihnen bringe, wir muessen uns schon ein +wenig an das Campagneleben gewoehnen." + +St. Blanquart stand ganz erschrocken auf. + +"Majestaet," sagte er, "welche Gnade--Eure Majestaet denken selbst an +mich--" + +"Soll ich denn nicht an meine Diener denken," sagte der Koenig, "die Tag +und Nacht fuer mich arbeiten--nehmen Sie schnell, wir haben nicht viel +Zeit zur Ruhe." + +Er stellte den Teller vor den Hofrath hin, gab ihm das Glas Wein in die +Hand und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Fenster zurueck, wo er +gedankenvoll hinaus in die Ebene schaute, wartend, bis die beiden Herren +ihr Fruehstueck vollendet hatten, dann erst liess er den Korb und das +Service hinaustragen und die Arbeiten wieder aufnehmen. + +Weiter und weiter brauste der Zug. An allen Bahnhoefen wurde der Koenig +von dichten Menschenmassen begruesst, deren jubelnde Zurufe immer +lebhafter und begeisterter wurden. + +"Krieg! Krieg gegen Frankreich!" hoerte man fast ueberall. + +Dazwischen ertoenten einzelne Stimmen: + +"Nach Paris! Nieder mit Napoleon!" + +Auf jede Weise documentirte sich die patriotische Begeisterung des +Volkes. + +Bei allen solchen Rufen blickte der Koenig tief ernst ueber die +Menschenmenge hin. + +"Sie rufen nach Krieg," sprach er leise, "sie bewegt die patriotische +Begeisterung und hebt sie ueber alle Sorgen der Zukunft hinweg. Aber +Niemand kennt so genau wie ich die Opfer, welche die naechste Zeit dem +gesammten Vaterlande auflegen wird, und ich muss ja doch das +entscheidende Wort sprechen. Nun, Gott weiss, dass dies entscheidende Wort +mir abgerungen ist, und dass nicht Ehrgeiz und Uebermuth mich zum Kampfe +treibt, darum wird mir Gott seinen Segen geben, an dem Alles gelegen +ist. Eine solche Hingebung, eine solche Begeisterung des Volkes ist ja +der beste Segen Gottes!" + +Nachdem in Cassel ein schnelles Diner eingenommen war, nachdem in +Magdeburg auf dem geschmueckten Bahnhof der Koenig mit hohem Enthusiasmus +begruesst worden, hielt der Zug in Burg. Auch hier war eine Kopf an Kopf +gedraengte Menschenmenge versammelt, und ein donnerndes Hurrahrufen +begruesste die Abfahrt des koeniglichen Salonwagens. + +Der Koenig trat abermals an das Fenster und winkte mit der Hand ueber den +Platz hin. + +Da mit einem Mal verstummten die jubelnden Stimmen, eine tiefe Stille +trat ein, und ein an der Seite des Perrons aufgestelltes Musikcorps +begann eine voll anklingende ergreifende Melodie zu spielen. + +Der Koenig lauschte den Toenen, welche hier an Stelle des "Heil Dir im +Sieger-Kranz", das ihn sonst ueberall begruesst hatte, ertoenten. Er schien +in seiner Erinnerung zu suchen nach diesen Toenen und blickte wie +fragend auf den Legationsrath Abeken hin, welcher rueckwaerts vom Fenster +neben seinem Sessel stand. + +"Es ist die Wacht am Rhein, Majestaet," sagte der Geheime Legationsrath. + +Still schweigend blickte der Koenig vor sich hin. + +"Die Wacht am Rhein,--die Wacht am Rhein," sagte er tief sinnend, +waehrend die Melodie draussen weiter klang, und erst einzelne Stimmen, +dann ein immer vollerer Chor die Musik zu begleiten begann.-- + +"Die Wacht am Rhein,--ja, ja, das ist es, das ist schoen--das ist sehr +schoen, das ist das wahre Wort, welches einfach, herrlich und gross den +tiefen Gedanken ausdrueckt, der diese Tage bewegt, und der das ganze Volk +zusammenfuehrt zur Abwehr des verwegenen Angriffs." + +Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Kein Hurrahrufen erscholl, aber +die ganze grosse Menschenmenge war in den Gesang eingefallen, der voll +und gewaltig dem Koenige nachklang, welcher am Fenster stand und auf alle +diese entbloessten Haeupter, auf alle diese von Begeisterung flammenden +Gesichter hinblickend, mit leisen Bewegungen des Hauptes den Rhythmus +der Melodie begleitete, bis dieselbe unter dem Rollen der Raeder und dem +Schnauben der Maschine in der Ferne verklang. + +So kam man naeher und naeher nach Brandenburg, wo, wie dem Koenige durch +den Telegraphen gemeldet war, der Kronprinz, Graf Bismarck, der +Kriegsminister von Roon und der General von Moltke den Koenig erwarteten. + +Endlich, der Abend dunkelte bereits herein, fuhr der Zug in den Bahnhof +der alten maerkischen Stadt ein. Fast die ganze Bevoelkerung war dort +versammelt, die Spitzen der Behoerden, und die Officiercorps standen auf +dem Perron hinter den Ministern; Allen voran der Kronprinz, welcher, als +kaum der Zug zum Stehen gebracht war, selbst die Thuer oeffnete, in den +Salonwagen hineinsprang und in tiefer Bewegung die Hand des Koenigs an +seine Lippen fuehrte. + +Der Koenig breitete seine Arme aus und drueckte seinen Sohn einen +Augenblick schweigend an die Brust. + +"Ich hatte gehofft," sagte er dann ruhig und milde, "dass der Abend +meines Lebens in Frieden enden wuerde, und dass die Kaempfe der Zukunft +Deinem juengeren und kraeftigeren Arm ueberlassen bleiben sollten,--Gott +hat es anders gewollt, Du wirst mir zur Seite stehen, um unser Volk +nochmals zum Siege zu fuehren." + +Dann trat er auf den Perron hinaus und unter den immer von Neuem sich +wiederholenden Zurufen, die sich weithin in der Umgebung des Bahnhofs +fortpflanzten, begruesste er mit herzlichem Haendedruck den Grafen Bismarck +und die Generale von Moltke und von Roon, welche ihm ernst und tief +bewegt entgegentraten. + +"Der Augenblick ist da," sagte Graf Bismarck, "den wir so lange mit +aller Anstrengung hinauszuschieben versucht haben. Die letzte +Entscheidung naht, und fast moechte ich frei aufathmen, nun da die Nebel +zerreissen, da die frische Luft uns umweht und in reiner Klarheit unser +grosses Ziel vor uns liegt, die heiligsten Gueter des Vaterlandes zu +vertheidigen, Deutschland heraufzuheben auf den ersten Platz unter den +europaeischen Nationen. Der Morgen einer grossen Zeit bricht an, einer so +grossen Zeit, wie sie kaum je die Geschichte gekannt hat; und Gott sei +Dank, das Schwert Deutschlands liegt in Haenden, die es nicht niederlegen +werden, bevor der Sieg nicht erkaempft ist." + +Der Koenig neigte nur langsam das Haupt, ohne etwas zu erwidern, dann +wandte er sich auf den Perron zu den Officieren und Civilbeamten, sprach +mit den obersten Vertretern derselben einige Worte und befahl bald die +Weiterreise, indem er den Geheimen Legationsrath Abeken und den Hofrath +St. Blanquart entliess und die Minister aufforderte, mit ihm und dem +Kronprinzen in den Salonwagen zu steigen. + +"Nun, meine Herren," sagte der Koenig, als der Zug sich in Bewegung +gesetzt hatte, "wir werden von Neuem zu Felde ziehen muessen, denn ich +glaube nicht, dass jetzt noch eine friedliche Wendung moeglich ist und +Jeder von uns wird mit Aufbietung aller Kraefte auf dem Posten stehen +muessen, denn diesmal handelt es sich um noch schwerere Kaempfe als im +Jahre 1866, schwerer vielleicht an Anstrengung und Arbeit," fuegte er +hinzu. "Aber," sagte er dann, den hellen, klaren Blick auf den +Kronprinzen richtend, "ich ziehe mit leichterem, froherem Herzen ins +Feld gegen den alten Feind Deutschlands, als damals, da ich gegen den +alten Verbuendeten, da ich gegen einen Fuersten aus deutschem Stamme +kaempfen musste." + +"Und Alles ist vorbereitet, Majestaet," sagte Graf Bismarck fast im +heiteren Ton, "um uns nach allen Richtungen den Erfolg zu sichern. +Frankreich hat sich durch diesen mit so unglaublichem Unverstand +ausgewaehlten Kriegsfall vollkommen isolirt, so dass auch diejenigen +Maechte, welche ihm vielleicht innerlich guenstiger gesinnt sind, als uns, +sich ausser Stande befinden, ihm irgend welche Sympathie zu beweisen, +und vor allen Dingen sind wir nach einer vielleicht bedenklichen Seite +hin vollkommen gesichert. Ich habe ausfuehrlich mit dem Fuersten +Gortschakoff ueber die Situation verhandelt, die russische Politik ist +vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Krieg +zwischen uns und Frankreich zu localisiren und wird die strenge +Neutralitaet Oesterreichs ueberwachen." + +Der Koenig nickte mit dem Kopf. + +"Wir werden weiter darueber sprechen," sagte er.--"Sueddeutschland steht +ohne Rueckhalt und ohne Schwanken zu uns?" + +"Zu Befehl, Majestaet," erwiderte Graf Bismarck, "trotz aller Agitationen +der feindlichen Parteien werden die Koenige von Baiern und Wuertemberg +fest an ihren Vertraegen halten, und die Stimmung der Bevoelkerung hebt +sich nach Allem, was mir berichtet wird, immer mehr zu einmuethiger +nationaler Begeisterung. Ich denke meinerseits noch ein wenig dazu +beizutragen, die ganze oeffentliche Meinung in Deutschland und in den +uebrigen Laendern von der Gerechtigkeit unserer Sache zu ueberzeugen und +den eigentlichen Kernpunkt des franzoesischen Angriffs klar zu legen." + +Der Koenig blickte den Minister fragend an. + +"Eure Majestaet erinnern sich," sagte Graf Bismarck, "der schmaehlichen +Propositionen, welche von Frankreich uns bei wiederholten Gelegenheiten +gemacht worden sind, und welche uns einen unwuerdigen Handel um die +nationale Entwickelung Deutschlands anboten, indem wir durch Raub an +Dritten das erkaufen sollten, was das selbststaendige Recht Deutschlands +ist. Eure Majestaet erinnern sich des Vertragsentwurfs, welchen mir +Benedetti einst gegeben hat, und in welchem fuer die Eroberung Belgiens +die Sueddeutschen Staaten, ueber deren Selbstaendigkeit und Unabhaengigkeit +man in Paris so viel gesprochen hat, uns von Frankreich ueberliefert +werden sollten." + +"Ich erinnere mich," sagte der Koenig. + +"Nun, nun, Majestaet," fuhr Graf Bismarck fort, "der innere, der wahre +Grund dieses jetzt so vermessen heraufbeschworenen Krieges liegt darin, +dass wir jenen Handel alle Zeit fest und entschieden zurueckgewiesen +haben. Man will jetzt versuchen mit Gewalt zu nehmen, was wir nicht +verkaufen wollten. Ich habe ueber alle jene Vorschlaege bisher das tiefste +Stillschweigen beobachtet, damit von unserer Seite nichts geschehe, um +einen so verhaengnissvollen Bruch herbeizufuehren. Nun aber, Majestaet, ist +wie ich glaube der Augenblick gekommen, um die wahren Absichten und +Plaene Frankreichs vor aller Welt zu enthuellen, und wenn Eure Majestaet es +erlauben, werde ich jenen Vertragsentwurf, den Benedetti und der Kaiser +Napoleon nicht ableugnen koennen, den Vertretern der Maechte und der +oeffentlichen Meinung Europas mittheilen. Die Sueddeutschen werden sehen, +wohin sie mit der hier und da gehegten Hoffnung auf Frankreich gekommen +waeren. England wird sehen, was die Vertraege ueber Belgien in Frankreichs +Augen zu bedeuten haben und abgesehen von der aeusseren Form dieser +unerhoerten Provocation wird auch die innere Gerechtigkeit unserer Sache +vor den Augen aller Welt klar werden. Damit wird eine grosse moralische +Macht uns zugefuehrt werden." + +Der Koenig nickte zustimmend mit dem Kopfe. + +"Ja, ja, darin liegt der wahre Grund dieses so lang zurueckgehaltenen +Krieges, und es kann nur nuetzlich sein, wenn alle Welt das klar +erkennt.--Ich habe auch," sagte er nach einigen Augenblicken, waehrend +eine tiefe Bewegung aus seinen Augen leuchtete, "ich habe auch daran +gedacht, unsere Waffenmacht durch eine moralische Kraft zu verstaerken +und der Begeisterung des Volkes einen idealen Halt, ein heiliges Zeichen +zu geben, zu dessen siegreichem Einfluss ich ein glaeubiges Vertrauen +habe." + +Der Kronprinz und die andern Herren blickten erwartungsvoll in das +bewegte Gesicht des Koenigs. + +"Ich will das eiserne Kreuz wieder herstellen," sagte der Koenig, indem +er wie unwillkuerlich die Haende faltete und einen Augenblick die Augen +niederschlug, um den feuchten Schimmer zu verbergen, der an seinen +Wimpern erglaenzte--"das wird die grossen, frommen Erinnerungen wach rufen +und die Begeisterung jener vergangenen Zeit auch der Gegenwart wieder +erwecken. Die Ritter des eisernen Kreuzes sterben aus, ich will das edle +Zeichen auch fuer Dich und Deine Generation," sagte er zum Kronprinzen +gewendet, "erhalten als ein Vermaechtniss der Erinnerung an mich und +meinen Vater." + +"Und ich verspreche Dir," rief der Kronprinz in maechtiger Erregung, "dass +ich nicht ruhen und rasten will, bis ich dies heilige Zeichen mir +erkaempft habe." + +Schweigend, voll Liebe und Bewunderung blickten die Minister auf den +Koenig, der noch einige Augenblicke in stillem Sinnen da sass. + +Ein langer Pfiff der Lokomotive ertoente. Man fuhr in den provisorischen +Potsdamer Bahnhof ein. Bereits war die Dunkelheit des spaeten Abends +herabgesunken, der mit Blumenguirlanden geschmueckte Bahnhof war +erleuchtet, ein einfacher Kronleuchter hing an der Decke des +provisorisch hergestellten koeniglichen Wartezimmers. + +Auf dem Perron erwarteten den Koenig die Spitzen der Behoerden, der +Magistrat, die Generalitaet, die Hofchargen und zahlreiche Damen mit +prachtvollen Blumenbouquets in der Hand. + +Ein maechtiger Hurrahruf erschallte ueber den ganzen Bahnhofsplatz hin als +der koenigliche Zug am Perron vorfuhr. Auf dem Perron entbloessten sich +alle Haeupter, die Huete wurden in die Luft erhoben, die Damen wehten mit +den Tuechern. + +Der Koenig und der Kronprinz stiegen aus. + +In der vordersten Reihe stand der greise Feldmarschall Wrangel. + +Rasch schritt der Koenig zu demselben hin und reichte ihm die Hand, in +tiefer Bewegung beugte sich der Feldmarschall nieder und drueckte seine +Lippen auf die koenigliche Rechte. + +"Ich begruesse in Ihnen, mein lieber General-Feldmarschall, meine Armee, +die von Neuem zeigen wird, dass sie ihrer Veteranen wuerdig ist." + +Der Feldmarschall wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm einige +Augenblicke. + +"Oh warum, Majestaet," sagte er endlich in abgebrochenen Worten, "warum +gehoere ich heute zu diesen Veteranen, warum wollen die alten Glieder +heute nicht so vorwaerts wie das Herz, das noch immer nicht alt wird." + +"Nun," sagte der Koenig, die Hand leicht auf die Schulter des +Feldmarschalls legend, "wenn Sie auch heute nicht mehr ins Feld ziehen +koennen, Ihr Geist und Alles, was Sie fuer meine Armee gethan, das zieht +doch mit hinaus und das wird ebenso schwer bei der Entscheidung wiegen, +ja schwerer, als die Kraft der jungen Arme, denn der ruhmvolle Geist der +Vergangenheit, der in meiner Armee weht, ist es, der sie zum Siege +fuehren wird. Ich werde," fuegte er freundlich zu dem Feldmarschall +gewendet, hinzu, "das eiserne Kreuz wieder herstellen, damit die +Veteranen der kuenftigen Generation auch dasselbe schoene Zeichen tragen +koennen, das wir Alten uns in den grossen Tagen der Vergangenheit erworben +haben." + +"Das freut mir von ganzem Herzen," sagte der Feldmarschall, indem sein +altes, treuherziges Gesicht von Glueck und Freude strahlte. "Das haben +Eure Majestaet recht gemacht, das wird unseren Jungens wieder den Geist +von 1813 einhauchen. Dieser Geist faengt schon an zu wehen, ich habe da +gestern ein Witzblatt gesehen, worueber ich mir sonst geaergert habe, die +Berliner Wespen, die haben einen preussischen Soldaten gemalt, der dem +Napoleon die Faust unter die Nase haelt und ihm sagt: "Dir hat wohl lange +nicht die Nase geblutet." Das ist richtiger preussischer Geist, Majestaet, +und ich habe mir auch gleich hingesetzt und dem Schreiber von diesem +Wespenblatt ueber sein Bild meinen Glueckwunsch gesagt." + +Der Koenig laechelte. + +"Sie haben Recht, lieber Feldmarschall, je ernster die Zeit, um so +weniger darf dem Soldaten der Humor ausgehen, und damit hat es bei uns +Berlinern noch gute Wege." + +Er wandte sich um und begruesste freundlich die Damen, deren dargereichte +Bouquets er entgegennahm, sich entschuldigend, dass er sie nicht alle +halten koenne und sie dem Adjutanten zur Aufbewahrung uebergeben muesse. +Dann trat er in das Wartezimmer, wohin ihm die Deputationen der +staedtischen Behoerden, die Generale und die Hofchargen folgten. + +Der Unterstaatssecretair von Thiele war unterdessen an den Grafen +Bismarck herangetreten und hatte ihm ein fuer ihn angekommenes Telegramm +uebergeben. + +Graf Bismarck durchflog es, dann trat er mit blitzenden Augen in das +Wartezimmer zum Koenig, der so eben die Begruessung des Magistrats +entgegennahm. + +"Majestaet," rief der Graf, "ich habe so eben ein Telegramm des +Wolf'schen Bureaus erhalten. Die Entscheidung ist da." + +"Ist der Krieg erklaert?" fragte der Koenig. + +"Die Kriegserklaerung ist hier noch nicht uebergeben," erwiderte Graf +Bismarck, "aber die Erklaerung, welche Ollivier im Corps legislatif +abgegeben hat, ist so gut, wie die formelle Erklaerung. + +"Ich bitte Sie, zu lesen." + +Graf Bismarck trat, die Depesche in der Hand in den Lichtkreis des +Kronleuchters und begann mit lauter Stimme zu lesen. Das Telegramm +enthielt die Darstellung, welche der Grosssiegelbewahrer im +Gesetzgebenden Koerper ueber die Verhandlungen in Ems gegeben hat. + +"Der Koenig weigert sich," las Graf Bismarck in erhoehtem Ton, "die von +uns geforderten Verpflichtungen einzugehen und erklaerte Benedetti, er +wolle sich fuer diesen, wie fuer jeden andern Fall vorbehalten, die +Verhaeltnisse zu Rathe zu ziehen." + +"Richtig," sagte der Koenig leise vor sich hin. + +"Trotzdem," fuhr Graf Bismarck zu lesen fort, "brachen wir aus +Friedensliebe die Verhandlungen nicht ab, um so groesser war unsere +Ueberraschung, als wir erfuhren, der Koenig von Preussen habe sich +geweigert, Benedetti zu empfangen, und die preussische Regierung habe +das amtlich mitgeteilt." + +"Ist das geschehen," fragte der Koenig. + +"Nein, Majestaet," erwiderte Graf Bismarck, "ein Telegramm darueber ist in +den Zeitungen erschienen. Darueber werden die Vertreter Eurer Majestaet an +den Hoefen, bei denen sie beglaubigt sind, gesprochen haben. Es ist eine +der Verdrehungen der Wahrheit, welche den Zweck haben, uns die Schuld +des Friedensbruchs aufzuladen und die oeffentliche Meinung in Frankreich +zu erhitzen, vielleicht den Kaiser zum Aeussersten zu reizen." + +Finster blickte der Koenig vor sich nieder, und biss die Zaehne auf +einander, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund. + +"Unter diesen Umstaenden," las Graf Bismarck weiter, "waere es ein +Vergessen unserer Wuerde und eine Unklugheit gewesen, keine +Vorbereitungen zu treffen. Wir haben uns bereitet den Krieg, den man uns +anbietet, anzunehmen, indem wir Jedem seinen Antheil an der +Verantwortlichkeit hierfuer ueberlassen." + +Zornig trat der Koenig mit dem Fuss auf den Boden, mit dem etwas +verkuerzten Finger seiner rechten Hand fuhr er mehrfach von oben herab +ueber den Schnurrbart, wie es in Augenblicken heftiger Erregung seine +Gewohnheit war. + +"General von Roon," rief er dann, als Graf Bismarck die Depesche +zusammenfaltete, zum Zeichen, dass er zu Ende gelesen. + +Der Kriegsminister trat heran. + +"Ich befehle die Mobilmachung der ganzen Armee," sagte der Koenig im +festen Ton, "sorgen Sie fuer die unmittelbare Ausfuehrung meiner Befehle." + +"Hurrah!" rief der General-Feldmarschall von Wrangel. "Es lebe der +Koenig!" + +Die Umstehenden wiederholten diesen Ruf, brausend setzte sich derselbe +weithin ueber den Platz und durch die Menschen gefuellten Strassen fort. + +"Ich erwarte Sie in einer Stunde bei mir, Graf Bismarck und auch Sie, +General von Moltke, um alles weiter Erforderliche zu beschliessen," sagte +der Koenig. + +Dann gruesste er mit freundlichem Ernst die Anwesenden und bestieg mit dem +Kronprinzen seinen Wagen, in welchen bereits in dichter Menge die ihm +ueberreichten Blumenbouquets gelegt waren. Langsam fuhr er durch die +jubelnden Menschenmassen nach seinem Palais, von neuen, immer lauter +anschwellenden Hurrahrufen begruesst, stieg er hier aus, trat noch einmal +auf die Rampe vor und winkte mit der Hand ueber den Platz hin. + +"Bei einer solchen Begeisterung meines Volkes ist uns der Sieg sicher, +wir koennen der Zukunft ohne Furcht entgegen gehen," sagte er dann mit +bewegter Stimme, indem er sich langsam abwandte und in sein Palais +eintrat. + +Lange noch blieb die Menge dicht gedraengt auf dem Platz versammelt, +immer nach dem Fenster hinblickend und jedesmal, so oft die Gestalt des +Koenigs oder auch nur ein voruebergehender Schatten dort sichtbar wurde, +in erneute Rufe ausbrechend. + +Endlich trat ein Leibjaeger des Koenigs auf die Rampe hinaus, winkte einen +der dort aufgestellten Schutzmaenner heran und sprach einige Worte mit +ihm. + +Der Schutzmann naeherte sich den Ersten in seiner Naehe. + +"Meine Herren," sagte er, "Seine Majestaet laesst bitten, nach Hause zu +gehen, der Koenig hat diese Nacht noch viel zu arbeiten." + +"Der Koenig will Ruhe," ertoente es unmittelbar durch die Massen hin. +"Nach Hause! Nach Hause!" + +Einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille ueber den ganzen Platz. +Dann begannen einige Stimmen die feierliche, allbekannte Melodie des +"Heil Dir im Siegerkranz" zu intoniren. + +Mit gewaltigem Klang stieg dies Lied, das in so einfach grosser Weise den +Geist der unvergesslichsten Zeit der preussischen Geschichte ausdrueckte, +zum naechtlichen Himmel auf,--dann wurde wieder Alles still. + +Leise und ruhig nur in fluesternden Gespraechen sich unterhaltend, +zerstreute sich diese ganze unabsehbare Menschenmenge, um dem Koenige +Ruhe zu lassen fuer seine Arbeit, welche dem deutschen Volk in den grossen +nationalen Entscheidungskaempfen den Sieg sichern sollte. + +Bald lag der ganze weite Platz im schweigenden naechtlichen Dunkel, nur +in den Zimmern des Koenigs brannte bis zum Morgen hin das Licht, welches +die Arbeit beleuchtete, in die der unermuedliche Monarch sich mit seinem +Minister und seinem Heerfuehrer vertiefte, und durch die Scheiben des +Fensters fiel der Strahl dieses Lichts in die Nacht hinaus, auf das aus +der Dunkelheit in riesigen Umrissen hervortretende Denkmal des grossen +Koenigs hin,--die Sterne des Himmels blickten in ewiger lichter Ruhe +herab auf die schlummernde Residenzstadt, welche im taeuschenden Schein +friedlicher Stille da lag, waehrend sie schon in den naechsten Tagen +Tausende ihre Soehne hinaussenden sollte, um auf blutigen Schlachtfeldern +von Neuem ihre opferfreudige Treue fuer den Koenig und das Vaterland zu +beweisen. + + + + +Neuntes Capitel. + + +Ernst und still sass Fraeulein Luise Challier in dem Wohnzimmer des +alten Hauses in St. Dizier. Traurige Wochen und Monate waren verflossen, +seit ihr Geliebter sie voll freudiger Hoffnung und Zuversicht verlassen +hatte. So schwer auch der Abschied von ihm sie erschuettert hatte, so +hatte sie doch in den ersten Tagen gluecklich und froh seiner gedacht; +sie hatte die Tage gezaehlt, welche er zu seiner Reise bedurfte, sie +hatte ausgerechnet, wie lange ein Brief von Hannover gehen muesse, um zu +ihr zu gelangen und hatte nach Verlauf dieser Zeit mit zweifelloser +Gewissheit, ungeduldig die Augenblicke zaehlend, einer Nachricht von ihrem +Geliebten entgegengesehen. + +Als ein Tag nach dem andern vergangen war, ohne dass eine solche +Nachricht eintraf, hatte sie dann alle Moeglichkeiten der Verzoegerung +sich klar gemacht, sie hatte auch wohl mit einem leichten Gefuehl von +Traurigkeit sich oft gesagt, dass der junge Mann unter dem Eindruck der +Rueckkehr in seine alte Heimath erfuellt von den lebhaften Gefuehlen des +Wiedersehens seiner Mutter gezoegert habe, ihr zu schreiben. Ja sie hatte +sich sogar in eine freudige Stimmung hinein gedacht, indem sie sich +sagte, dass ihm die Ordnung seiner Verhaeltnisse und die Erlangung der +Einwilligung seiner Mutter und seines Oheims zu der neuen Wendung seines +Schicksals vielleicht schneller gelungen waere, als er selbst es gehofft, +und dass er ihr mit der ersten Nachricht vielleicht zugleicht seine +Wiederkehr nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten anzeigen wolle--damit +war wieder eine Reihe von Tagen vergangen, bis endlich auch dieser Grund +nicht mehr zur Beruhigung ihrer immer banger werdenden Unruhe genuegen +wollte. Dann war jene entsetzliche, das ganze innere Wesen des Menschen +zerstoerende Zeit des Wartens gekommen, welche in ihrer dumpfen, +bleiernen Schwere auf die Seele und den Geist vernichtender wirkt, als +der haerteste, aber bestimmt und klar eintretende Ungluecksfall. + +Wie die Blume vor dem maechtig niederrauschenden Wetter ihr Haupt senkt, +um es spaeter wieder frisch und duftig erheben, wie sie, wenn die Bluethe +gebrochen wird, neue Bluethen treibt, so kann ein maechtiger Wetterschlag +des Schicksals das menschliche Herz und den menschlichen Geist schwer +und gewaltig erschuettern; aber nach dieser Erschuetterung richtet sich +der Muth wieder empor, die Kraft kehrt zurueck, und neues Glueck, neue +Freude koennen unter wiederkehrendem Sonnenschein freundlicher +Schicksalswendungen erwachsen. + +Aber wie die Pflanze, der in duerrer Erde das Wasser entzogen wird, +langsam erstirbt, vergeblich lechzend nach frischer erquickender +Lebenskraft, und wie die vertrockneten Bluethen die verdorrten Blaetter, +langsam erstarrt und gestorben, sich niemals wieder zu neuem Leben +aufrichten koennen, so toedtet und erstarrt das langsame erbarmungslose +Verschwinden der Hoffnung den Glauben des menschlichen Herzens, und wenn +es auch mechanisch in regelmaessigem Pulsschlag das Blut durch die Adern +treibt, sein inneres Leben, der Duft und die Farben kehren ihm nie +wieder zurueck, und es ist todt, lange, lange, bevor es aufhoert, zu +schlagen. + +So erstarb langsam und qualvoll die Freude und das Glueck und endlich die +Hoffnung und der Glaube in dem Herzen des jungen Maedchens, und wenn auch +die Liebe, diese Tochter des Himmels, welche in dem geschaffenen +Menschen Alles ueberlebt, weil sie unsterblich ist, wie der Schoepfer, der +sie in sein Geschoepf legte,--wenn auch diese Liebe nicht aus ihrem +Herzen verschwand, so erfuellte sie doch das Herz nicht mehr mit Licht +und Waerme. Es war nur noch eine traurige Flamme frommer Erinnerung wie +die ewige Lampe in einem Grabgewoelbe. + +Luise hatte sich zuerst in ihrer feurigen und kraeftigen Natur lebhaft +aufgebaeumt gegen den Gedanken, dass der, den sie so sehr liebte und an +dem ihr Herz mit so vollem und hingebendem Vertrauen hing, sie so +schnell habe vergessen koennen. + +Qualvolle Unruhe, Zorn, Erbitterung hatten sie erfuellt, immer und immer +wieder hatte sie Gruende fuer sein Verstummen gesucht, und von Neuem hatte +sie ihre Hoffnungen wieder aufgerichtet, um sie immer wieder von Neuem +zusammen sinken zu sehen. Und alle diese Kaempfe, alle diese Qualen und +Leiden hatte sie tief in sich selbst verschlossen. + +Mit laechelnder Miene hatte sie, als ihr Vater anfing, seine Verwunderung +ueber das Schweigen des jungen Mannes auszusprechen, Gruende aufgesucht, +an welche sie selbst nicht glaubte. Mit Anstrengung aller Willenskraft +hatte sie sich den Tag ueber aufrecht erhalten, um vor den Augen ihres +Vaters und ihrer Hausgenossen ruhig und heiter zu erscheinen; +sorgfaeltig hatte sie am Morgen ihre von Thraenen und Nachtwachen +geroetheten Augen gekuehlt, um die Spuren ihres innern Leidens zu +verbergen, und stolz und kalt hatte sie Herrn Vergier, wenn derselbe sie +zuweilen mit dem Anschein freundlicher Theilnahme nach dem jungen Cappei +fragte, geantwortet, dass derselbe sich vortrefflich befinde, und dass sie +hoffe, er werde bald zurueckkehren. + +Endlich aber war das Alles ueber ihre Kraefte gegangen, alle Gruende, die +sie fuer sich selbst und ihren Vater aufsuchen mochte, konnten nicht mehr +ausreichen, um dies wochenlange Schweigen des jungen Hannoveraners zu +erklaeren, und als endlich eines Tages der alte Challier deutlicher und +bestimmter seine Besorgnisse und seine Unruhe ueber das Benehmen des +jungen Mannes, zu dem er so grosses Vertrauen gehabt, aussprach, da war +sie wie gebrochen in sich zusammen gesunken, zu schwach, den Kampf +laenger auszuhalten und ihre inneren Qualen unter laechelnder Miene zu +verbergen. + +Ein Strom heisser Thraenen stuerzte aus ihren Augen und laut schluchzend +warf sie sich in die Arme ihres Vaters. + +"Oh, er hat mich verlassen!" rief sie. "Er hat mich vergessen! Er hat +sein Spiel mir getrieben hier in der Verbannung,--nun er zurueckgekehrt +ist zu den Seinen in sein Vaterland und in seine alte Heimath, da +gedenkt er meiner nicht mehr. Und," fuhr sie heftiger weinend fort, "da +haelt er es nicht einmal fuer noethig, einen Vorwand zu suchen--mir ein +Wort des Abschieds zu sagen! Nein, er laesst mich langsam vergehen in +vergeblicher Erwartung! Oh, das ist schlecht," rief sie, den Kopf +emporhebend und mit fast verwirrtem Blick im Zimmer umher starrend--"das +ist schlecht, das habe ich nicht um ihn verdient! Ich habe ihn doch so +sehr geliebt, und auch jetzt noch liebe ich ihn," rief sie. "Ich zuerne, +mir selbst, fast moechte ich mich verachten, dass ich ihn noch lieben +kann. Aber dann wieder, wenn sein Bild vor mich hintritt, wenn ich an +seine Augen denke, die so gut und treu blicken, an alle seine Worte so +voll Wahrheit und tiefen Gefuehls--dann kann ich es nicht glauben, kann +ich es nicht fuer moeglich halten, dass er mich so vergessen, so unwuerdig +bei Seite werfen sollte, dann erfasst mich eine namenlose Angst, dass ihm +ein Unglueck widerfahren sei, dass er todt sein moechte. Oh, mein Gott, +mein Gott," rief sie laut aufschreiend, "gieb mir ein Ende dieser +Qualen, ein Ende dieser Angst, nur einen Lichtblick der Gewissheit, und +waere es die traurigste, die schmerzlichste, sie waere ein Glueck gegen +diesen Zustand." + +Ernst und traurig hatte der alte Herr Challier diesen so ploetzlichen +Ausbruch des Jammers seiner Tochter mit angehoert. Voll tiefen, +liebevollen Mitgefuehls sah er auf das junge Maedchen herab, welches +zitternd in sich zusammen geschmiegt vor ihm stand, die Haende gefaltet +und den brennenden Blick fragend auf ihn gerichtet, als erwarte sie von +ihm das Licht und die Aufklaerung nach denen ihre Seele duerstete. + +"Meine Tochter," sagte er, "gieb Dich nicht der Verzweiflung hin. Das +Leben bietet harte und schwere Schicksalsschlaege genug, es muss immer in +unserm Herzen etwas leben, das uns ueber das Unglueck erhebt, und waere es +nur der Stolz und das muthige Selbstgefuehl, welches eine Tochter der +Bragars niemals verlassen soll." + +"Oh, mein Vater," rief sie, "ich wuerde Muth und Kraft haben, Alles zu +ertragen, wenn er mir gestorben waere, wenn die Hand der Vorsehung mit +unwiderstehlicher uebermaechtiger Gewalt in meine Hoffnungen und in die +Traeume meines Gluecks eingegriffen haette; aber dass es so enden soll, dass +er mich vergisst, dass er aus dem Kreise meines Lebens verschwindet, ohne +dass ich weiss wodurch und warum. Das, mein Vater, zerstoert meinen Geist, +das zerbricht meinen Willen und meine Kraft, das untergraebt mein +Vertrauen an die Gerechtigkeit Gottes." + +"Wenn er sich unwuerdig gegen Dich betragen hat, mein Kind, wenn er Dich +so leicht vergessen konnte, so sollte Dein Stolz sich um so hoeher +erheben und Dir den Willen und die Kraft Deiner Seele wiedergeben," +sagte Herr Challier mit ernstem, fast vorwurfsvollem Ton. "Aber," fuhr +er fort, "noch ist es so weit nicht, noch kann irgend ein Missverstaendniss +vorliegen. Er kann krank geworden sein,--wenn ich an den jungen Mann +zurueckdenke, wie ich ihn gekannt habe, als er unter uns lebte, wenn ich +mir sein ganzes Wesen, seinen Charakter vergegenwaertige, so kann ich es +kaum glauben, dass er Dich so leicht vergessen und verlassen hat; und ich +muss fast an irgend ein aeusseres Hinderniss glauben, das diesem +unerklaerlichen Schweigen zu Grunde liegt." + +"Das sagt auch mir mein Herz," rief Luise, indem sie mit einem dankbaren +und hoffnungsvollen Ausdruck zugleich ihren Vater ansah, "eine Stimme in +meinem Innern ruft mir zu, er kann nicht so niedrig, so schlecht und +undankbar sein, um, selbst wenn das Schicksal unserer Verbindung +unuebersteigliche Hindernisse in den Weg entgegenstellte, sich so von mir +zu trennen." + +"Wenn Du das glaubst," sagte der alte Challier, "so musst Du an ihn +schreiben und Erklaerung von ihm verlangen. Ist er krank, was ja moeglich +ist, so wird der Brief in die Haende der Seinigen kommen, und Alles wird +klar werden." + +"Ich soll ihm zuerst schreiben," rief Luise, indem eine dunkle Roethe ihr +Gesicht ueberflog, "ich soll ihn mit meiner Liebe verfolgen--wenn er mich +vergessen haette." + +"Wenn Du ihn liebst," sagte Herr Challier, "wenn Du Vertrauen zu ihm +hast, so bist Du ihm und Dir selber schuldig, jenen Schritt zu thun, der +Dir Aufklaerung ueber ein Missverstaendniss oder die unleugbare Gewissheit +seiner Unwuerdigkeit giebt. Es mag ihm widerfahren sein, was da wolle, so +wird Dein Brief in die Haende seiner Angehoerigen kommen und Du wirst +irgend eine Nachricht erhalten. Und nur wenn er Dich wirklich verlassen +will, oder wenn er uns eine falsche Adresse gegeben haette, um seine Spur +verschwinden zu lassen, wirst Du ohne Antwort bleiben." + +"Du hast Recht, mein Vater," sagte Luise, "ich will den Glauben und das +Vertrauen nicht so leicht aufgeben. Ich will ihm schreiben." + +Sie ging sogleich in ihr Zimmer und schrieb in fliegender Eile Alles, +was ihr Herz ihr eingab, und als sie geendet hatte und den Brief nochmal +ueberlas, sprach sie hoch aufathmend zu sich selbst: + +"Wenn dieser Brief in die Haende seiner Mutter gelangt, wenn er nur von +einem Menschen gelesen wird, der ein fuehlendes Herz hat, so werde ich +erfahren, was ihm begegnet ist, und warum ich keine Nachricht von ihm +erhalten habe." + +Ihr Vater las den Brief, den sie geschrieben, mit wehmuethigem Blick, +voll inniger Theilnahme sah er sein Kind an. Die ganze Qual ihres +Herzens lag zwischen den Zeilen. + +Er siegelte den Brief und versah ihn mit der Adresse, welche Cappei +zurueckgelassen hatte und brachte ihn selbst zur Post. + +Abermals begann nun jene Zeit der unruhigen Erwartung, des bangen +Zweifelns zwischen Furcht und Hoffen. Abermals zaehlte das junge Maedchen +die Tage, welche ihr eine Antwort bringen konnten. Abermals aber +verflossen diese Tage, ohne dass die ersehnte Nachricht kam, abermals +arbeitete sich ihr gemartertes Herz durch alle Fasern dieses +entsetzlichen Wartens hindurch, dessen Pein keine Ruhe und Rast, keinen +Unterschied zwischen Tag und Nacht kennt. + +Bleicher und bleicher wurden die Zuege dieses sonst so lebensfrischen +Gesichts, aber es war diesmal nicht die zitternde, sehnsuchtsvolle +Unruhe, nicht die schmerzvoll ringende Verzweiflung, welche sich in +diesen Zuegen malte. Kalt, finster und stolz wurde der Blick des jungen +Maedchens, oft laechelten ihre Lippen bitter oder pressten sich mit dem +Ausdruck duesterer Resignation auf einander. Kalt und ruhig ging sie +einher, verrichtete genau und puenktlich ihre haeuslichen Besorgungen, und +sorgfaeltig wich sie jedem Gespraech mit ihrem Vater aus, welcher mit +kummervollen Blicken ihr Treiben beobachtete. + +Es waren fast drei Wochen vergangen, seit sie ihren Brief abgesendet, da +trat sie eines Tages ernst und ruhig vor ihren Vater hin, als derselbe +nach dem Diner in seinem Lehnstuhl sass und mit klarem Blick und mit +fester Stimme sprach sie zu ihm: + +"Es ist jetzt vorbei, mein Vater, der Traum, welcher eine Zeit lang mein +Leben erfuellte, ist ausgetraeumt. Die Liebe, welche mein ganzes Wesen +durchdrang, ist in meinem Herzen gestorben, ich habe sie ausgerissen mit +den letzten Wurzeln, ich habe sie verachten gelernt und will sie nun +auch vergessen koennen. Du hast Recht gehabt, mein Vater, der Stolz +giebt die Kraft, sich aus dem Bann leidenden Jammers zu erheben und im +Gefuehl der eigenen Wuerde die Niedrigkeit und Schlechtigkeit derer zu +vergessen, die unser Herz mit Fuessen traten. Ich habe ein Jahr meines +Lebens verloren--das ist Alles," sagte sie bitter und hart, "vielleicht +habe ich dabei gewonnen, denn ich habe die Menschen verachten und die +eigene Kraft schaetzen gelernt. Nimm mich hin, mein Vater, es ist Alles, +wie es frueher war, Deine Tochter gehoert wieder Dir und Dir ganz allein." + +Sie schlang ihre Arme um die Schultern ihres Vaters und liess ihren Kopf +an seine Brust sinken. Ein leises Zittern flog durch ihre Gestalt wie +eine letzte Regung des tief schneidenden Schmerzes, der so lange ihr +innerstes Wesen erschuettert hatte. + +Dann aber hob sie den Kopf empor und blickte ihren Vater fest an, wie um +zu zeigen, dass ihre Kraft groesser sei, als ihr Schmerz. Ihre Gesichtszuege +waren ruhig und unbeweglich, ihre Augen klar und trocken. + +Ihr Vater schuettelte langsam und schmerzlich den Kopf. + +"Ich freue mich," sagte er, "dass Du die eigene Kraft kennen und schaetzen +gelernt hast, aber nicht so darfst Du in Dein kuenftiges Leben gehen, Du +darfst die Menschen nicht verachten, weil Einer sich Dir niedrig gezeigt +hat, weil Einer unwuerdig gegen Dich gehandelt. Auch diese Wunde wird +heilen, mein Kind, wie so Vieles heilt in der geschaffenen Natur--Du +wirst auch das Vertrauen zu den Menschen wieder finden, Du wirst Dich +dem Leben und seinen reichen Gaben nicht verschliessen. Du bist noch so +jung und es wird die Zeit kommen, wo Alles, was Du jetzt gelitten, wie +ein ferner Traum verklungen sein wird. Vergiss auch nicht," fuegte er +hinzu, "dass Derjenige, der Dich unwuerdig verlassen, kein Sohn Deines +edlen Vaterlandes war. Vielleicht ist es ein Glueck, dass es so kam, fuer +das Leid, das der Fremde Dir zugefuegt, wird, so Gott will, Frankreich +Dir Ersatz bieten." + +Luise trat einen Schritt von ihrem Vater zurueck, hoch richtete sie sich +empor und sprach stolzen, flammenden Blickes. + +"Glaube nicht, mein Vater, dass ich mit dem Leben abschliessen will, +glaube nicht, dass ich etwa daran denke, in kloesterlicher Einsamkeit den +Unwuerdigen zu beweinen, der mein liebevolles Vertrauen getaeuscht hat. +Nein, ich werde frei und muthig, aber auch klar und kalt in das Leben +treten, ich werde alle seine Pflichten erfuellen,--aber mein Herz werde +ich fuer mich allein behalten und--fuer Dich, mein Vater," fuegte sie mit +einem innigen Blick hinzu. "Es soll nicht wieder der Spielball +unwuerdiger Laune werden." "Das ist brav und recht, mein Kind," sagte +Herr Challier, "das ist tapfer und meiner Tochter wuerdig. Und Gott, der +die Zukunft der Menschen lenkt," fuegte er die Haende faltend hinzu, "er +wird auch nicht zulassen, dass Dein Herz in kalte Einsamkeit verschlossen +bleibt, auch Dir wird noch Glueck, Wonne und Freude zu Theil werden." + +Schweigend, mit schmerzlichem Laecheln schuettelte Luise den Kopf und ging +hinaus, um die Geschaefte der haeuslichen Wirthschaft zu ordnen. + +Von diesem Augenblick an war zwischen Vater und Tochter von der Sache +nie mehr die Rede, und ruhig ging das einfache Leben in dem alten Hause +seinen Weg. + +Herr Vergier, welcher sich eine Zeit lang wenig im Hause hatte sehen +lassen, kam wieder oefter dorthin. Er leistete dem Alten Gesellschaft, +sprach mit ihm ueber die Geschichte und ueber die Fragen der Politik, +welche die oeffentliche Meinung bewegten. Sein frueher so heftiges und +aufgeregtes Wesen war augenscheinlich ruhiger und sanfter geworden; er +schien sich allmaehlig von den Ansichten des alten Herrn ueberzeugen zu +lassen und hielt sich von allen heftigen Ausfaellen gegen das +Kaiserthum, von allen scharfen Urtheilen ueber die Regierung zurueck--er +hatte waehrend des Plebiscits sich von jeder Agitation der democratischen +Partei, mit welcher er frueher innig verbunden gewesen war, fern +gehalten,--der alte Herr Challier war darueber sehr erfreut und erblickte +darin eine Wirkung des Einflusses, den er auf die Ansichten des Herrn +Vergier ausuebte. Das Verhaeltniss zwischen Beiden war in Folge dessen ein +immer freundschaftlicheres und herzlicheres geworden. + +Auch Fraeulein Luise trat Herrn Vergier immer naeher, er unterhielt sich +freundlich und ruhig mit ihr; er sprach mit ihr ueber viele Dinge, welche +den regen Geist des jungen Maedchens interessirten, und niemals kam ein +Wort ueber seine Lippen, das an die Vergangenheit erinnerte oder die +Hoffnungen und die Wuensche beruehrte, die er frueher gehegt, und die er +frueher in so heftiger und leidenschaftlicher Weise gegen sie +ausgesprochen hatte. + +Das junge Maedchen, das anfaenglich verschlossen, kalt und zurueckhaltend +gegen ihn gewesen war, begann in seiner Unterhaltung Zerstreuung und +Beruhigung zu finden, und so kam es, dass nach Verlauf einiger Zeit Herr +Vergier wieder der taegliche und gern gesehene Gast im Hause des Herrn +Challier war, der in den kleinen Kreis freundliches und heiteres Leben +brachte. + +Die verhaengnissvollen Tage des Juli waren gekommen, die gewaltige +Aufregung, welche Paris bewegte, und welche bereits ganz Europa zu +ergreifen begann, schlug ihr helles Feuer auch hier in diesem ruhig +abgeschlossenen Leben der alten Stadt St. Dizier, und das Gefuehl aller +dieser Nachkommen der Soldaten Franz I. wallte hoch auf bei den +Berichten ueber die Vorgaenge im Corps legislatif, und als die Rede des +Herzogs von Gramont in den Journalen erschien, in welcher dieser Traeger +eines edlen, alt franzoesischen Namens das Nationalgefuehl Frankreichs +aufrief gegen die Wiederherstellung des Reiches Karl V., dieses +deutschen Kaisers, der einst in seinen Kaempfen gegen den ritterlichen +Koenig Franz I. die Stadt St. Dizier belagert und vor deren Mauern den +entscheidenden Widerstand gegen sein siegreiches Vordringen gefunden +hatte, da war in dieser kleinen Stadt nur eine Stimme der Entruestung und +der Begeisterung, und jeder Buerger von St. Dizier waere bereit gewesen, +die Waffen zu ergreifen, um unter den Fahnen Frankreichs hinaus zu +ziehen zum Kampf gegen die Nachkommen der Soldaten Karl V. + +Die vollste Uebereinstimmung zwischen ihren Anschauungen und Gefuehlen +herrschte zwischen Herrn Challier und Herrn Vergier, und wenn die +Abendzeitungen die neuesten Nachrichten ueber die Vorgaenge in Paris und +in Ems brachten, so ergingen sich Beide in gleichen und einander +ergaenzenden Ausdruecken der Entruestung gegen die deutsche Anmassung und +der begeisterten Hoffnung auf einen siegreichen Krieg Frankreichs; und +mit leuchtenden Blicken hoerte Luise diesem Gespraech zu,--jedes Wort fand +einen Wiederhall in ihrem Herzen. Zum ersten Mal nach langer Zeit schlug +dies Herz wieder in hoeherer Wallung auf, die Erinnerung an ihre +verlorene Liebe verschwand fast vor dem Gefuehl des nationalen Stolzes, +der sie erfuellte. + +Eines Abends trat Herr Vergier hastig und von heftiger Aufregung +zitternd in das Wohnzimmer, in welchem der alte Challier mit seiner +Tochter sass. + +"Die Entscheidung ist da," rief er, dem alten Herrn ein Zeitungsblatt +hinreichend, "alle diplomatischen Kuenste koennen diesmal den Krieg, nach +welchem Frankreich duerstet, nicht aufhalten. Unsere Ehre ist engagirt, +und wenn die Regierung jetzt nicht unmittelbar handelt, so wird das +Nationalgefuehl dies nicht laenger ertragen. Der Koenig von Preussen," +sagte er, zu Luise gewendet, waehrend Herr Challier das Zeitungsblatt +durchlas, "hat es verweigert, den Botschafter Frankreichs anzuhoeren, ja +nur zu empfangen. Das ist eine Beleidigung, wie sie im Verkehr der +Nationen noch nicht vorgekommen ist, und zum Ueberfluss hat die preussische +Regierung diese unerhoerte Thatsache noch in der schroffsten und +verletzendsten Form allen uebrigen Cabinetten Europa's mitgetheilt. Die +unmittelbare Kriegserklaerung ist die einzige moegliche Antwort auf diese +Provocation. Bereits sind Eisenbahnzuege angemeldet," fuhr er fort, +"welche die Truppen nach den Grenzen fuehren, die Commando's sind +vertheilt, und in vierzehn Tagen vielleicht schon koennen wir die +Nachricht von den ersten Siegen unserer Armeen erhalten." + +Einen Augenblick zuckte es schmerzlich ueber das Gesicht Luisens, dann +aber leuchteten ihre Augen in hoher Begeisterung auf, fragend richtete +sie den Blick auf ihren Vater. + +Dieser hatte das Zeitungsblatt langsam durchgelesen. + +"Ja," sagte er ernst, "das ist der Krieg. Ein Krieg, der die Welt +erschuettern wird, und der hoffentlich alles Unrecht wieder gut machen +wird, welches das coalirte Europa uns einst gethan. Gott segne +Frankreich!" fuegte er hinzu, die Haende gefaltet. + +"Ja, Gott segne Frankreich," fluesterte Luise leise, indem ihr Blick sich +mit dem Ausdruck innigsten Gebets auswaerts richtete. + +Herr Vergier schlug einen Moment die Augen zu Boden, dann trat er zu +Luise hin und sprach nach einem leichten Zoegern: + +"Fraeulein Luise, ich habe nie wieder dessen erwaehnt, was frueher zwischen +uns vorgegangen, obgleich die schmerzliche Erinnerung daran mich keinen +Augenblick verlassen hat. Verzeihen Sie, wenn ich Sie heute daran +erinnere, aber in einem Augenblick wie dieser, in welchem alle Kinder +Frankreichs in gemeinsamen Wuenschen und Hoffnungen sich begegnen, soll +es auch zwischen uns klar werden. Sie haben mir einst schwer gezuernt, +als ich dem bitteren Schmerz Worte verlieh, den mein Herz darueber +empfand, dass Sie Ihre Liebe einem Fremden, einem Feinde Frankreichs, +zugewendet. Fraeulein Luise, mein treues und tiefes Gefuehl fuer Sie hat in +seinem Instinct das Richtige erkannt, jener Fremde hat Sie verlassen, +Ihre Liebe verachtet,--ich habe das nie erwaehnt, aber ich habe es wohl +gesehen, und ich habe auch gesehen, was Sie gelitten haben. Ich will +heute nicht noch einmal den Verdacht aussprechen, den ich gegen jenen +Fremden gehegt; die Ereignisse haben jenen Verdacht nicht entkraeftet, +und vielleicht werden auch Sie heute meine damaligen Besorgnisse anders +beurtheilen, als Sie es zu jener Zeit gethan. Ich kann mir," fuhr er +fort, "nicht denken, dass heute noch in Ihrem Herzen ein Rest von Liebe +gegen Denjenigen bestehen soll, der vielleicht in diesem Augenblick +schon mit der Waffe in der Hand gegen die Grenzen unseres heiligen +Vaterlandes heranzieht--" + +Mit stolz blitzenden Augen schuettelte Luise schweigend den Kopf. + +"Ich will mir auch nicht anmassen," fuhr Herr Vergier fort, indem bei der +Bewegung des jungen Maedchens ein freudiger Strahl in seinen dunklen +Augen aufleuchtete, "ich will mir auch nicht anmassen, dass es mir moeglich +sei, so schnell in Ihrem Herzen die Gefuehle erwecken zu koennen, welche +Sie mir frueher versagten, aber Freundschaft und Vertrauen werden Sie mir +heute hoffentlich nicht mehr verweigern koennen, heute, wo alle Franzosen +nur eine grosse Familie bilden." + +Luise reichte ihm mit einer Bewegung voll aufrichtiger Herzlichkeit die +Hand. + +"In Zeiten wie die heutigen, in denen wir grossen und vielleicht +langwierigen Entscheidungskaempfen entgegengehen, bedarf eine Frau mehr +als je des Schutzes und der Gewissheit einer sichern und ruhigen Zukunft. +Sie wissen, Fraeulein Luise, dass ich mein Glueck nur an Ihrer Seite finden +kann, Sie wissen auch, dass Sie in mir eine treue und feste Stuetze fuer +das ganze Leben finden werden, Sie wissen, dass Ihr Vater unsere +Verbindung einst wuenschte, und dass er sie vielleicht jetzt wieder +wuenscht. Erlauben Sie mir in diesem grossen Augenblick die Frage an Sie +zu richten, ob Sie in Erwiderung meiner tiefen und gluehenden Liebe mir +Vertrauen und Freundschaft schenken, mir Ihr Leben anvertrauen wollen." + +Luise sah ihn klar und frei an. + +"Ich danke Ihnen, Herr Vergier," sagte sie, "dafuer, dass Sie all des +Schmerzlichen, das zwischen uns liegt, bisher niemals erwaehnt haben,--ob +in meinem Herzen Dasjenige jemals wieder erwachen kann, was man die +Liebe nennt," fuhr sie mit traurigem Ton, durch welchen eine gewisse +Bitterkeit hindurchklang, fort, "weiss ich nicht. Freundschaft und +Vertrauen glaube ich Ihnen geben zu koennen, und in dieser Freundschaft +und in diesem Vertrauen antworte ich Ihnen frei und offen. Ja, ich will +Ihren Antrag annehmen und ich will versuchen, Ihrem Leben soviel Freude +und Glueck zu geben, als aus meinem Herzen noch erbluehen kann." + +Mit ruhigem, freundlichem Laecheln reichte sie ihm die Hand, welche er, +seine leidenschaftliche Bewegung bemeisternd, ehrerbietig an die Lippen +drueckte. + +"Aber," fuhr Luise fort, "Sie muessen mir versprechen, dass ueber diesen +Gegenstand jetzt nicht weiter gesprochen wird. In diesem Augenblick, in +welchem das Vaterland in Gefahr ist, in welchem Frankreich sich zu einem +gewaltigen Kampf ruestet, schickt es sich nicht, an etwas Anderes zu +denken, als an die Zukunft unseres Landes. An dem Tage, an welchem +unsere Heere wieder siegreich in Paris einziehen, will ich Ihnen meine +Hand reichen, an jenem Tage soll unsere Verbindung vor dem Altar den +Segen des Himmels erhalten." + +"Das ist brav gesprochen," rief der alte Challier, "gesprochen wie eine +Franzoesin, wie eine Tochter der alten Bragars." + +"Und damit bin ich von Herzen einverstanden," rief Herr Vergier, "und +wenn es moeglich ist, werden nun meine Wuensche noch gluehender die Waffen +Frankreichs begleiten, denn der stolze Tag des grossen Nationalsieges +wird zugleich mit der erneuten herrlichen Groesse des Vaterlandes das +Glueck meines Lebens begruenden." + +Luise stand langsam auf und trat an ein Pianino, welches zur Seite des +Fensters stand, sie oeffnete dasselbe, setzte sich auf den davorstehenden +Sessel und schlug in einfachen kraeftigen Accorden die ergreifende +Melodie des Chant du depart an, welche so maechtig und gewaltig alle +franzoesischen Herzen erfasst und die Erinnerung an jene von Begeisterung +gluehenden Freiwilligen aufsteigen laesst, die voll Muth und +Todesverachtung nach den Grenzen hinauszogen, um dort Zeugniss abzulegen +fuer die edlen und grossen Gedanken, welche in der Revolution lebten und +welche in dem blutigen Schlamme von Paris untergingen. + +Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend,--Herr +Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel +gluehenden Abendhimmel hinausblickend. + +"Ich habe gesiegt," fluesterte er vor sich hin,--"moechte nun," fuhr er +fort, indem ein duesterer Grimm in seinen Augen brannte, "die erste +franzoesische Kugel jenen verhassten Feind meines Landes treffen, der fast +das Glueck meines Lebens zerstoert haette." + + + + +Zehntes Capitel. + + +Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Strassen von Paris +auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elysees, der Tuileriengarten, +Alles war mit Menschen gefuellt und ueberall sah man laut sprechende und +lebhaft gesticulirende Gruppen. + +Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkuendet, dass der +Koenig von Preussen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu +empfangen und dass dieses die Wuerde Frankreichs beleidigende Factum durch +eine Depesche von Berlin den europaeischen Hoefen mitgetheilt sei. + +Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris +hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwaehrend gesteigert durch +alle die Mittel, ueber welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem +Masse verfuegen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des +Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man +niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach +nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch +von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entruestung der Bevoelkerung +richtete sich gegen diesen preussischen Minister, den die Erfolge von +Sadowa so weit verblendet hatten, dass er es wagen koenne, Frankreich, das +unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im +Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken +die Vorlegung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von +Preussen den uebrigen Maechten mitgetheilt worden waere und sie hatten den +ausweichenden Antworten der Minister gegenueber die schaerfsten Reden +gegen dieselben gefuehrt. + +Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehoert und gelesen, denn man +las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen +wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der +Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurueck und steigern +in immer wachsendem Masse ihre Gefuehle bis zur hoechsten Siedehitze. + +Die Nachricht hatte sich verbreitet, dass der Kaiser von St. Cloud +kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten. + +Die gluehende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum +politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in +dicht gedraengten Massen auf den Champs Elysees, der Place la Concorde +und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten. + +Endlich hoerte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und +bald sah man die beiden Piqueurs in den gruen goldenen Livreen, welche +der vierspaennigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der +Champs Elysees nach dem Place la Concorde zu. + +Der Kaiser hatte keine militairische Escorte, er sass in Civil gekleidet, +mit dem General Fave allein im Wagen, der langsam ueber den +Eintrachtsplatz fuhr, der so von Menschen angefuellt war, dass nur mit +Muehe ein Weg fuer die kaiserliche Equipage frei gemacht werden konnte. + +Der Kaiser sah wohler und heiterer aus, als man ihn in den letzten Tagen +zu sehen gewohnt gewesen war. Er sass gerade aufgerichtet da, ein +heiteres stolzes Laecheln lag auf seinem Gesicht und mit offenen klaren +Blicken sah er ueber diese Menschenmassen hin, welche ihn mit einem +Enthusiasmus, den er in solchem Masse lange nicht mehr gewohnt war, mit +unausgesetzten Hurrahrufen begruessten. + +Napoleon dankte wiederholt mit der Hand winkend und wendete sich +zuweilen mit heiterer Miene zu dem General, um demselben einige Worte zu +sagen. + +Als der Wagen dem alten Hotel Talleyrands gegenueber in die Rue Rivoli +bog, stimmte eine dort stehende Gruppe junger Leute, die Huete dem Kaiser +entgegen schwenkend mit lauter Stimme die Marseillaise an. + +Napoleon wandte schnell den Kopf nach der Seite hin, woher diese so +lange in Frankreich verpoenten Toene erklangen,--er haette auf alle Gruesse +bisher nur mit freundlichen Handbewegungen gedankt. Jetzt nahm er den +Hut ab und hielt denselben, den Kopf nach jener Gruppe hinneigend, so +lange in der Hand, bis der Wagen sich der Eingangsthuer des innern Hofes +der Tuilerien naeherte. + +Ein betaeubender Jubelruf, welcher sich bis auf den Carousselplatz +fortsetzte, dankte dem Kaiser fuer diese dem wieder erwachten +Nationalhymnus dargebrachte Huldigung, und immer heiterer und stolzer +wurde das Gesicht des Kaisers, der nun im schnellen Trabe durch den +innern Hof am grossen Portal des Pavillon de l'Horloge vorfuhr; indem er +sich nur ganz leicht auf den Arm des General Fave stuetzte, stieg er mit +elastischen Schritten die Treppe hinauf und trat in sein Cabinet. + +"Sind die Minister hier," fragte er den Huissier, der ihm die Thuer +oeffnete. + +"Zu Befehl, Sire." + +"Ich lasse Sie bitten sogleich einzutreten." Wenige Augenblicke darauf +traten der Herzog von Gramont, Herr Emil Ollivier und der Marschall Le +Boeuf in das Cabinet des Kaisers. + +Trotz seiner vornehmen, ruhigen Sicherheit zeigte der Herzog von Gramont +eine gewisse Praeoccupation, ein wenig unruhig und leicht befangen +blickte er auf den Kaiser, der stolz aufgerichtet, die Hand auf die +Lehne seines Sessels gestuetzt, neben dem runden Tisch in der Mitte des +Cabinets stand und mit freundlichem Kopfneigen die drei Minister +begruesste. + +Herr Ollivier befand sich in zitternder, nervoeser Erregung. Sein Gesicht +war bleicher als sonst, seine Lippen zuckten und sein unsicheres Auge +blickte fast fieberhaft brennend unter der schmalen Brille hervor. + +Die schwere markige Gestalt des Marschall Le Boeuf stand fest und ruhig +da wie immer, sein martialisches Gesicht mit den etwas starr blickenden +Augen und dem maechtigen Schnurrbart zeigte keinen anderen Ausdruck als +den einer ruhigen, sorglosen Sicherheit. + +Auf einen Wink des Kaisers nahmen die drei Herren um den Tisch Platz, an +dessen Mitte Napoleon sich niederliess. + +"Die Lage ist ernst, meine Herren," sagte der Kaiser mit fester voll +klingender Stimme und ohne jenen Ausdruck unschluessigen Zoegerns, der +sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte. "Preussen hat die +Verhandlungen, welche ich in dem versoehnlichsten Sinne begonnen, +abgebrochen, und wir werden demgemaess unsere Entschluesse zu fassen haben. +Sie haben mir mitgetheilt, Herr Herzog, dass der Koenig von Preussen in +beleidigender Weise Benedetti zu empfangen, verweigert habe." + +Der Herzog hustete leicht. + +"Die Beleidigung, welche Preussen gegen uns begangen, Sire," sagte er, +"liegt nicht so sehr in der Weigerung des Koenigs mit Benedetti ueber +diesen Gegenstand nicht mehr sprechen zu wollen, da er ihm bereits seine +Meinung bestimmt und endgueltig mitgetheilt hatte, als in der Thatsache, +dass die Weigerung von Berlin aus den uebrigen europaeischen Maechten +mitgetheilt wurde." + +Ein spruehendes Feuer blitzte in den gross geoeffneten Augen des Kaisers +auf. + +"Das hat man gethan?" rief er. + +"Ich habe heute morgen von allen Seiten," erwiderte der Herzog von +Gramont, "die Mittheilung darueber durch unsere Vertreter erhalten, +ueberall ist das Factum durch die preussischen Diplomaten mitgetheilt +worden, und hierin, Sire, erblicke ich das letzte Glied in jener Kette +von Nichtachtung, Provokationen und Beleidigungen gegen uns, welche +Preussen seit langer Zeit an einander gefuegt hat. Mein franzoesisches +Gefuehl, Sire, empoert sich, das Mass der Geduld und Langmuth ist voll. War +es schon sachlich, nachdem der Koenig von Preussen die verlangte +Genugthuung und Garantie fuer die Zukunft verweigert, sehr schwer, eine +friedliche Loesung fuer die vorliegende Differenz zu finden, so ist dies +nach meiner Ueberzeugung, welche von meinen Collegen getheilt wird, +nunmehr ganz unmoeglich. Die oeffentliche Meinung ist in einer Weise +aufgeregt, dass wenn nicht die energischste und festeste Antwort auf +diese preussische Beleidigung erfolgt, der ganze Zorn des empoerten +Nationalgefuehls sich gegen die Regierung wenden wird. Nach meiner +Ueberzeugung kann diese Antwort nur eine einzige sein. Der Wuerfel ist +gefallen, Sire! Wir muessen den Krieg erklaeren!" + +Der Kaiser blickte auf Ollivier und den Marschall Leboeuf. + +Auf ihren Zuegen lag deutlich die Zustimmung zu den Worten des Collegen. + +Napoleon erhob das Haupt und sagte ruhig und fest: + +"Ihre Ansicht, Herzog, ist die meinige. Ich habe soeben selbst die +maechtige Erregung der Bevoelkerung wahrgenommen, und eine Regierung, die +wie die meinige auf dem Willen des Volkes beruht, muss einer so +gewaltigen und einmuethigen Stroemung des Nationalgefuehls folgen. Ich +konnte in den diplomatischen Fragen der Erhaltung des Friedens +Zugestaendnisse machen, und ich habe dies gethan seit einer Reihe von +Jahren, ich habe die Ansprueche, welche Frankreich machen konnte und +vielleicht noch entschiedener haette machen sollen, um das gestoerte +Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen, vertagt, bis dieselben +vielleicht durch guenstige diplomatische Constellationen ohne +kriegerische Conflicte haetten durchgefuehrt werden koennen. Ich habe +Vorschlaege auf Vorschlaege nach Berlin gehen lassen, um durch Erlangung +von Compensationen die Freundschaft mit Preussen zu erhalten und +vielleicht auch zu einer Allianz mit demselben zu kommen. Man hat das +Alles zurueckgewiesen und ich habe geschwiegen,--immer wartend, immer +noch hoffend, endlich doch ein Arrangement zu erreichen. Jetzt aber +handelt es sich nicht mehr um das europaeische Gleichgewicht, es handelt +sich nicht mehr um diese oder jene politischen Arrangements,--Frankreich +ist beleidigt! Die Ehre Frankreichs ist engagirt!--Es giebt fuer mich nur +einen Weg, und diesen Weg bin ich um so fester und um so ruhiger zu +gehen entschlossen, als die hohe nationale Begeisterung mir die +Buergschaft giebt, dass selbst im Falle ungluecklicher Zwischenfaelle das +ganze Volk um so einmuethiger und fester hinter mir stehen wird." + +Der Herzog von Gramont athmete auf, seine anfaengliche Befangenheit +schwand bei den Worten des Kaisers, stolze Freude lag auf seinem +Gesicht. + +"Ich glaube an den Sieg, Sire," rief Ollivier mit einer gewissen, +ungeduldigen Hast das Wort ergreifend, als der Kaiser schwieg. "Denn wir +sind stark und geruestet nach allen Seiten. Aber sollte auch ein +augenblicklicher Misserfolg uns treffen, so wird dies die nationale +Begeisterung noch mehr und mehr entflammen, und das Kaiserreich wird +sich in diesem heiligen Feuer immer fester und unaufloeslicher mit dem +Blut und Leben der Nation verbinden. Eure Majestaet wissen, wie ich den +Frieden gewuenscht habe, wie die Erhaltung des Friedens meine Bedingung +bei Uebernahme des Portefeuilles war, wenn ich jetzt sage: Der Krieg ist +nothwendig, sofortige Kriegserklaerung ist eine nationale Pflicht fuer +Eure Majestaet, dann werden Sie ueberzeugt sein, dass kaum Jemand in +Frankreich in diesem Augenblick den Frieden wuenschen kann, wenn er nicht +zu gleicher Zeit der Feind Eurer Majestaet und des Kaiserreichs ist, wenn +er nicht wuenscht, dass das Kaiserreich sich von dem nationalen Aufschwung +trennen und damit den ersten Schritt zu seinem Untergang thun soll." + +"Herr Thiers wuenscht den Frieden," sagte der Kaiser leicht laechelnd, "er +hat sich im Corps legislatif und auch sonst so oeffentlich als moeglich +dafuer ausgesprochen." + +"Die oeffentliche Meinung, Sire," erwiderte Herr Ollivier, "hat ihm +sogleich darauf die Antwort gegeben, man hat vor seinem Hotel sehr +lebhafte Demonstrationen gemacht und ihm zugerufen. "Nieder mit dem +kleinen Preussen!" + +"Herr Thiers sollte nicht vergessen," sagte der Kaiser, "dass sein Koenig +Louis Philippe gefallen ist, weil er einen Krieg nicht fuehren wollte, +den das Nationalgefuehl verlangte, und weil er die Demuethigung +Frankreichs weiter trieb, als der franzoesische Stolz es ertragen kann. +Vielleicht moechte Herr Thiers wuenschen dass ich denselben Fehler begehe, +um demselben Schicksal zu verfallen,--sein Wunsch soll nicht erfuellt +werden. Wollen Sie, mein lieber Herzog, mit Herrn Ollivier die +Kriegserklaerung entwerfen? Ich werde morgen wieder hereinkommen, da ich +Sie in dieser viel bewegten Zeit, nicht durch eine Fahrt nach St. Cloud +ihren Geschaeften entziehen darf, um dann im gesammten Ministerrath die +Erklaerung fest zu stellen. Bereiten Sie die Paesse fuer den Baron Werther +vor." + +"Der Baron, Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "ist heute bereits +bei mir gewesen, um mir anzuzeigen, dass er sich auf Urlaub begebe. Es +sind," fuhr er fort, "vor seinem Hotel einige unangenehme +Demonstrationen vorgekommen." + +"Man soll dort sogleich starke Polizeimacht,--wenn es noethig ist, +Truppen aufstellen," rief der Kaiser, "und den Botschafter gegen jede +feindliche Kundgebung auf das Entschiedenste schuetzen. Die nationale +Entruestung darf die Grenzen der voelkerrechtlichen Pflichten und des +Anstandes, den die civilisirten Nationen unter allen Umstaenden einander +schuldig sind, nicht ueberschreiten. Nun aber, meine Herren," sagte er +dann, "nachdem der entscheidende Entschluss gefasst ist, haben wir nicht +mehr rueckwaerts, sondern vorwaerts zu blicken. Wir muessen uns klar machen, +auf welche Weise wir alle Chancen des Erfolges auf unserer Seite +vereinigen. Wie stehen unsere Beziehungen zu den Maechten? Haben wir +Aussichten auf Allianzen und directe Unterstuetzungen?" fragte er, zum +Herzog von Gramont gewendet,--"unsere ganze Diplomatie muss die hoechste +Anstrengung entwickeln, um der militairischen Action zur Seite zu +stehen." + +"Alle Maechte, Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "haben die +Gerechtigkeit unserer Forderung auf Beseitigung der Hohenzollernschen +Candidatur anerkannt, und es liegt in der Natur der Sache, dass +Oesterreich, Schweden und Daenemark schon zu Anfang eine uns freundliche +Neutralitaet beobachten werden. Auch rechne ich auf die Preussen so +aeusserst feindliche Stimmung in Sueddeutschland, so wie auf die +unterwuehlten Zustaende in den annectirten Provinzen." + +"Alles das ist gut," sagte der Kaiser mit einer leichten Nueance von +Ungeduld im Ton, "aber wir haben keine bestimmten Thatsachen, keine +bestimmten Erklaerungen." + +"Ich kann die vielfachen Versicherungen des Herrn von Beust ueber die +Identitaet der Interessen Frankreichs und Oesterreichs," erwiderte der +Herzog, "nur als die Grundlage der bestimmten Erwartung ansehen, dass +Oesterreich mindestens bei den ersten guenstigen Erfolgen unserer Waffen +activ auf unsere Seite treten werde. Noch gestern habe ich eine Depesche +des Herrn von Beust erhalten, in welcher jene Versicherungen wiederholt +werden und zugleich ausgesprochen ist, dass Oesterreich fuer den Erfolg +unserer Waffen Alles in den Grenzen der Moeglichkeit Liegende thun +werde,--ich habe Eurer Majestaet diese Depeschen sofort zugehen lassen--" + +"Ich habe sie gelesen," sagte Napoleon die Achseln zuckend, "die Grenzen +der oesterreichischen Moeglichkeiten sind sehr weit gezogen,--Fuerst +Metternich hat mich beschworen, den Conflict zu vermeiden." + +"Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "ich gebe auf die officiellen +Schritte Oesterreichs wenig, sie werden gethan, um nach allen Seiten hin +sich zu decken und die neutrale Haltung constatiren zu koennen. Ich lege +das Hauptgewicht auf meine Kenntnisse der dortigen Verhaeltnisse und auf +den natuerlichen und nothwendigen Wunsch, von dem sowohl der Kaiser als +Herr von Beust beseelt sein muessen, jede Gelegenheit zu benutzen, um die +Niederlage von 1866 wieder gut zu machen." + +"Ich rechne nicht auf Oesterreich," sagte der Kaiser, "seit Jahren habe +ich dort nichts gefunden, als ohnmaechtige Wuensche und schwankendes +Zoegern, das sich nach keiner Seite compromittiren moechte. Etwas Anderes +ist es mit den Sympathien, die wir in Deutschland selbst finden koennten. +Baiern und Wuertemberg sind durch Frankreich auf ihre heutige Stellung +erhoben, sie werden sich hoffentlich daran erinnern, und in Baiern hat +ja die ultramontane Partei eifrig in diesem Sinne gearbeitet. Auf die +annectirten Provinzen rechne ich weniger,--hoechstens bei einem Rueckzug +der preussischen Armee koennte uns dort ein Aufstand unterstuetzen." + +"Ich muss Eurer Majestaet mittheilen," sagte der Herzog von Gramont, "dass +sich ein Graf Breda auf dem auswaertigen Ministerium gemeldet hat, +welcher Propositionen zu einem Buendniss mit dem Koenig von Hannover zu +machen beauftragt sein will." + +"Graf Breda?" fragte der Kaiser, "derselbe, der frueher bei unserer +Gesandtschaft in Stockholm war und dort--" + +"Derselbe, Sire," erwiderte der Herzog von Gramont, "er scheint jetzt +im Dienste der Depossedirten seine unterbrochene diplomatische Carriere +fortsetzen zu wollen." + +Der Kaiser zuckte die Achseln. + +"Was proponirt er," fragte er. + +"Ein hannoeversches Corps von zwanzigtausend Mann, wogegen im Fall des +Sieges die frueheren Besitzungen des Welfenhauses zu einem +Niedersaechsischen Koenigreich wieder vereinigt werden sollen." + +Napoleon laechelte mitleidig. + +"Ein Corps von zwanzigtausend Mann," sagte er,--"nachdem der Koenig seine +Legion, die ihm vielleicht die Moeglichkeit haette geben koennen, in die +Entwickelung der Action einzugreifen, nach allen vier Winden zerstreut +hat. Der arme Koenig," fuhr er fort, "welch ein trauriges Schicksal,--in +welche Haende ist dieser arme Fuerst gefallen,--ich bitte Sie, mein lieber +Herzog, diesen Grafen Breda nicht zu empfangen. Der beste Dienst, den +ich dem ungluecklichen Koenig von Hannover leisten kann, ist der, dass ich +solche Propositionen von Personen, die sich fuer seine Agenten ausgeben, +vollstaendig ignorire. Wollen die Hannoveraner sich zu seinen Gunsten +erheben, so moegen sie es thun, ich kann mich mit dieser Sache nicht +weiter befassen und ohne jeden Nutzen und Beistand den Kampf mit Preussen +nicht auf das Aeusserste verbittern,--uebrigens bin ich ueberzeugt, dass der +arme Koenig von solchen abenteuerlichen Propositionen selbst garnichts +weiss und dass er mir dankbar sein wird, wenn ich dieselben der +Vergessenheit uebergebe. + +"Ich habe ein Programm an die deutschen Voelker entworfen," sagte er nach +einer kurzen Pause, "in welchem ich ihnen sage, dass ich nicht die +Grenzen ueberschreite, um Deutschland den Krieg zu erklaeren, dass ich im +Gegentheil Deutschland befreien will von einer uebermaechtigen und +uebermuethigen Gewalt, welche die freie Autonomie und Selbstbestimmung der +deutschen Staemme vernichtet, und dass ich vor allen Dingen keine +Eroberung auf deutschem Boden machen will--" + +"Eine solche Proclamation, Sire," fiel Herr Ollivier lebhaft ein, "ist +vortrefflich und wird unendlich dazu beitragen, dass Preussen in +Deutschland selbst jede moralische Unterstuetzung verliert. Wenn ich in +demselben Sinne eine Rede im Corps legislatif hielte--" + +"Das franzoesische Nationalgefuehl, Sire," sagte der Marschall Leboeuf, +indem er seinen grossen starken Schnurrbart an beiden Enden heraufdrehte, +"wird einen solchen platonischen Krieg nicht verstehen. Der +oeffentlichen Meinung in Frankreich im Allgemeinen," fuhr er fort, "ist +es sehr gleichgueltig, wie Deutschland sich constituirt, ob es unter +preussischer Suprematie steht oder nicht, wenn nur Frankreich den Rhein +besitzt, so mag dann auf der andern Seite desselben geschehen, was da +will." + +Der Kaiser blickte fragend auf den Herzog von Gramont. + +"Was der Herr Marschall so eben bemerkt, Sire," sagte dieser, "scheint +mir nicht unbegruendet, auf der andern Seite aber erkenne ich die Wirkung +einer Proclamation, wie Eure Majestaet die Gnade hatten, sie anzudeuten +im hohen Grade an, sowohl in Betreff ihrer Wirkung auf die sueddeutsche +Bevoelkerung, als auch auf die uebrigen europaeischen Cabinette. Denn durch +eine solche Proclamation wuerde der Vorwurf eines Eroberungskrieges von +Frankreich zurueckgewiesen werden. Es kaeme nur darauf an, durch eine +geschickte Fassung der Worte beiden Gesichtspunkten gerecht zu werden, +und die Proclamation so zu redigiren, dass sie sowohl in Frankreich, als +auch in Deutschland eine guenstige Wirkung erzielt." + +"Eine solche Redaction wird sich finden lassen," rief Herr Ollivier, +"wenn Eure Majestaet--" + +"So ganz platonisch," sagte der Kaiser laechelnd, "wuerde uebrigens der +Krieg nicht sein. Zunaechst wird Jedermann erkennen, dass wenn wir siegen +und wenn dadurch die Constituirung eines politisch und militairisch +geeinigten Deutschlands unter preussischer Fuehrung definitiv verhindert +wird, die Erwerbung von Compensationen auf deutschem oder anderem Gebiet +weit weniger nothwendig wird, als sie es waere, wenn wir uns mit dem +preussischen Deutschland in Guete verstaendigen wollten,--sodann aber wird +wohl Niemand in ganz Europa dem siegreichen Frankreich das Recht +streitig machen wollen, diejenigen Grenzen zurueckzufordern, welche man +ihm im Jahre 1814 zugestand, als es von der europaeischen Coalition +besiegt darniederlag, und Niemand wird in der Wiederherstellung dieser +damals von ganz Europa sanctionirten Grenzen eine Eroberung erblicken +koennen." + +Der Geheimsecretair Pietri trat durch den besondern, fuer ihn bestimmten +Eingang in das Cabinet. + +"Sire," sagte er, "es sind zwei Depeschen vom auswaertigen Amt so eben +gebracht worden, um dieselben dem Herrn Herzog von Gramont zu +uebergeben--" + +"Ich habe die Anweisung hinterlassen, Sire," fiel der Herzog ein, "alle +ankommenden Depeschen sofort hierherzubringen, da sie fuer die von Eurer +Majestaet zu fassenden Entschluesse von Einfluss sein koennten." + +Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und auf seinen Wink reichte Pietri +die beiden Depeschen, welche er in der Hand hielt, dem Herzog von +Gramont, der sie schnell eroeffnete und ihren Inhalt ueberflog. + +Er erbleichte und eine unruhige, zornige Erregung trat an die Stelle der +heitern, sorglosen Zuversicht, welche bisher auf seinen Zuegen gelegen +hatte. + +"Nun," fragte der Kaiser, forschend in das so schnell veraenderte Gesicht +des Herzogs blickend. + +"Sire," sagte der Herzog von Gramont, indem die Depeschen in seinen +Haenden leise zitterten, "eine ebenso unerwartete als unangenehme +Nachricht! Aus Muenchen und Stuttgart wird gemeldet, dass man dort an dem +Buendniss mit Preussen festhaelt, die Armee mobil gemacht und unter den +Befehl des Koenigs von Preussen gestellt hat,--unsere Gesandten sehen +jeden Augenblick der Zustellung ihrer Paesse entgegen." + +Ollivier blickte ganz erstaunt und unruhig umher. + +Der Marschall Leboeuf strich laechelnd ueber seinen dichten, maechtig +hervorspringenden Kinnbart,--der Kaiser blickte einen Augenblick in +duesterm Schweigen vor sich nieder, dann hob er mit klarem, stolzem Blick +das Haupt wieder empor und sagte. + +"So weit wie die Dinge jetzt gekommen sind, darf uns keine +fehlgeschlagene Erwartung erschuettern. Das Schicksal will den +Entscheidungskampf, und wir muessen mit festem und ungebeugtem Muth in +denselben eintreten. Die Geschichte unseres Landes lehrt uns, dass die +eigene Kraft Frankreichs die beste und kraeftigste Buergschaft fuer unseren +Erfolg ist. Wir haben," fuegte er mit erhobener Stimme hinzu, "oefter +durch unsere Siege Bundesgenossen gefunden, als durch unsere +Bundesgenossen Siege erfochten. Der Gegenstand, ueber den wir soeben +sprachen, ist durch diese Mittheilung erledigt," fuhr er fort, indem er +einen vor ihm liegenden, ganz mit seiner kleinen zierlichen Handschrift +beschriebenen Bogen zusammenfaltete. "Da ganz Deutschland es fuer gut +findet, sich unter die Fuehrung und Botmaessigkeit Preussens zu stellen, so +haben wir nicht noethig, uns fuer die Ausnutzung unseres Sieges Schranken +aufzulegen. Die Proclamation, von der wir sprachen, ist ueberfluessig +geworden. Frankreich wird sich die volle Freiheit erhalten, Alles das zu +nehmen und zu behalten, was seine Interessen ihm nothwendig und +wuenschenswerth machen. Finden wir aber keine Alliirte in Deutschland +selbst," sagte er dann, "so muessen wir uns um so mehr Diejenigen zu +sichern suchen, welche ausserhalb Deutschlands durch ihre eigenen +Interessen auf uns angewiesen sind. Daenemark hat seine Neutralitaet +erklaert,--das mag gut sein fuer den Beginn des Krieges; aber ich lege +einen grossen Werth darauf, dass nach den ersten Erfolgen dort eine fuer +uns freundschaftliche Action eintrete, welche preussische Kraefte +absorbirt und uns die Moeglichkeit einer Landung erleichtert. Ich will +den Herzog von Cadorn in ausserordentlicher Mission nach Kopenhagen +schicken, damit er den dortigen Hof veranlasse, bei der ersten sich +darbietenden Gelegenheit, aus seiner Neutralitaet herauszutreten,--ich +hoffe, das wird nicht schwer sein, und das Vorgehen Daenemarks wird +dasjenige Schwedens auf der Stelle nach sich ziehen,--wuerde damit auch +nichts weiter erreicht, als dass Russlands Kraefte nach dem Norden gezogen +und von einer Pression auf Oesterreich abgezogen werden, so wird das +schon von grosser Bedeutung sein. Wollen Sie, mein lieber Herzog die +Instructionen und Creditive fuer Cadorn so schnell als moeglich bereit +stellen lassen." + +"Zu Befehl, Sire," sagte der Herzog sich verneigend, "ich bewundre den +Gedanken Eurer Majestaet und die vortreffliche Wahl der Person--" + +"Zugleich aber," fuhr der Kaiser fort, "ist es nothwendig, eine +energische, diplomatische Action in Wien eintreten zu lassen, um auch +dort den ersten guenstigen Augenblick zu benutzen und Alles aufzubieten, +einen schnellen Entschluss hervorzurufen. Der Fuerst Latour d'Auvergne muss +sogleich seine Thaetigkeit beginnen, und ich bitte Sie, auch in dieser +Beziehung das Noethige zu veranlassen, mein lieber Herzog. Man muss auf +der Basis derjenigen Unterhandlungen wieder beginnen, welche der General +Tuerr eingeleitet hatte und deren Ziel die im Princip bereits approbirte +Vertragsskizze sein wird, nach welcher gegen Abtretung von Welsch-Tyrol +Italien im Fall einer russischen Intercession sich zur activen +Unterstuetzung Oesterreichs und zum Anmarsch gegen die Sueddeutschen +Grenzen verpflichtet. Herr von Beust hat dem Abschluss dieses Vertrages +einst Schwierigkeiten entgegen gestellt, der erste Erfolg unserer Waffen +muss benutzt werden, um unter dem dadurch hervorgebrachten Eindruck den +unmittelbaren Abschluss jenes Vertrages kategorisch zu fordern." + +Der Herzog von Gramont hatte sich mit einem Crayon einige Notizen auf +einem vor ihm liegenden Blatt Papier gemacht und verneigte sich zum +Zeichen seines Einverstaendnisses mit den Anordnungen des Kaisers. + +"Nun, mein Herr Marschall," sagte Napoleon, sich zum Kriegsminister +wendend,--"Sie sehen, dass die Vorbereitungen der Diplomatie getroffen +sind, wie steht es mit den Ihrigen?" + +"Alles ist bereit, Sire," erwiderte der Marschall Leboeuf mit seiner +starken rauhen Stimme, "es fehlt nicht ein Knopf an der Ausruestung der +Armee, nicht eine Bajonettspitze an ihrer Bewaffnung. Unsere Magazine +sind gefuellt, in Toulon liegen sieben Transportschiffe bereit, um die +Armee von Algier herueberzuschaffen. Alle Vorbereitungen sind getroffen, +um die Truppen von Chalons in sechszehn Stunden an die Grenze zu +bringen. Heute sind zwoelftausend Eisenbahnwagen mit Mehl und Zwieback +nach den Ostgrenzen abgegangen, und in wenigen Tagen wird Eurer Majestaet +Armee bereit sein, in Deutschland einzuruecken." + +Der Kaiser nickte bei den Mittheilungen des Marschalls mit dem Kopfe. + +"Und der Generalstab," fragte er dann. + +"Der Generalstab, Sire, wie Eurer Majestaet Hauptquartier," erwiderte +der Marschall, "fuer welches Sie mich zu Ihrem Major-General zu bestimmen +die Gnade gehabt haben, ist formirt aus den besten Officieren, die ich +habe finden koennen, und in kuerzester Frist werden auch die Generalstaebe +der einzelnen Corps mit tuechtigen Kraeften besetzt sein." + +"Und hat man genuegend Karten von Deutschland," fragte der Kaiser, "nicht +nur fuer den Generalstab, sondern auch fuer die uebrigen Officiere?" + +"Sire," erwiderte der Marschall, sich martialisch aufrichtend, "jeder +Officier Ihrer Armee hat eine Karte, welche ihm den sichersten und +geradesten Weg nach Berlin zeigen wird, und ich habe die Meinige bei +mir." + +Er schlug schallend an seinen Degen, indem er zugleich mit der andern +Hand die Spitzen seines Schnurrbarts emporkraeuselte. + +Der Kaiser sah ihn einen Augenblick ganz betroffen an, waehrend Herr +Ollivier sich ebenfalls mit kriegerisch stolzer Miene aufrichtete, und +der Herzog von Gramont noch einige Notizen niederschrieb. + +"Die Vortrefflichkeit Ihrer Karten," sagte Napoleon laechelnd, "hat sich +in den verschiedenen Feldzuegen Frankreichs mehrfach bewaehrt, indessen +waere es doch gut, wenn die Officiere daneben auch noch andere Karten +zur Verfuegung haetten und nicht bloss auf die magnetische Anziehungskraft +angewiesen blieben, welche die feindliche Hauptstadt auf die Spitze +ihres Degens ausuebt, ich hoffe dass Sie dafuer Sorge tragen werden," fuegte +er mit festem und bestimmtem Ton hinzu. + +Der Marschall verneigte sich, jedoch zeigte seine Miene dabei deutlich, +dass er auf die Huelfsmittel der geographischen Wissenschaft von seinem +soldatischen Gesichtspunkt aus einen nicht eben allzugrossen Werth zu +legen geneigt sei. + +"Ich erwarte Sie morgen in St. Cloud, Herr Marschall," fuhr Napoleon +fort, "um mir die Bestimmungen ueber die einzelnen Corps der Armee zur +definitiven Entscheidung vorzulegen,--eine Anweisung darueber habe ich +Ihnen schon zugehen lassen. Und nun bleibt Ihnen noch ueberlassen, mein +lieber Herr Ollivier," fuhr er dann fort, "das grosse Agens aller Kriege +herbeizuschaffen, naemlich das Geld. Wir beduerfen nach den angestellten +Berechnungen einen Credit von dreissig Millionen fuer die Armee und einen +weitern Credit von sechzig Millionen fuer die Marine. Die Vorlage muss so +schnell als moeglich im Corps legislatif gemacht werden." + +"Und sie wird mit jubelnder Acclamation aufgenommen werden, Sire," rief +Herr Ollivier, "und wenn Eure Majestaet das Doppelte und Dreifache +fordern wuerden,--in diesem Augenblick wuerde Frankreich Ihnen nichts +verweigern." + +"Also, meine Herren," sagte Napoleon aufstehend, "ich erwarte die +Vorlage der Kriegserklaerung, sowie die schnelle und puenktliche +Ausfuehrung aller eben besprochenen Massregeln. + +"So treten wir denn nun," fuegte er ernst hinzu, "der grossen Entscheidung +entgegen, welche so lange wie ein schwueles Wetter ueber unsern Haeuptern +geschwebt hat, und es bleibt uns nur noch die Bitte uebrig: Gott schuetze +Frankreich!" + +Er sprach diese Worte tief aus der Brust heraus, waehrend er die Augen +wie fragend emporschlug. + +"Gott schuetze Frankreich!" wiederholten die drei Minister-- + +Vom Carousselplatz herauf ertoente in diesem Augenblick die Melodie der +Marseillaise, welche ein vorueberziehendes Musikkorps intonirte, und in +welche die versammelte Menge sogleich laut und kraeftig einfiel. + +Der Marschall Leboeuf blickte ganz erstaunt auf, Herr Ollivier hob die +Hand empor und rief mit pathetischem Ton: + +"Der Geist Frankreichs, Sire, spricht aus diesen Toenen zu Euer +Majestaet, der Geist der Freiheit und der Civilisation, vor welchem diese +preussischen Armeen schnell werden zersprengt werden." + +Der Kaiser lauschte einen Augenblick schweigend den immer maechtiger +anschwellenden Klaengen. + +"Moechten sie," sprach er leise, "die Daemonen der Revolution hinausfuehren +auf die Schlachtfelder des nationalen Ruhms, damit ihre gewaltige Kraft +sich zu immer festerer Erstarkung des Kaiserthums entwickele." + +Er schwieg noch einige Augenblicke--sein brennender Blick schien den +Schleier der Zukunft durchdringen zu wollen. + +Dann sprach er mit liebenswuerdiger Artigkeit. + +"Nun, meine Herren Minister, schicke ich Sie fort--Jeder von uns muss an +seine Arbeit, und die naechste Zeit wird uns deren viele bringen." + +Er reichte den Herren die Hand. + +Dieselben verliessen ernst und schweigend das Cabinet. + +Unmittelbar darauf meldete der Kammerdiener Herrn Rouher, den frueheren +Staatsminister und gegenwaertigen Senatspraesidenten. + +Auf den zustimmenden Wink Napoleons trat dieser langjaehrige Leiter der +kaiserlichen Regierung langsam und in fast feierlicher Haltung ein. + +Der Kaiser ging ihm heiter laechelnd entgegen und reichte ihm die Hand, +welche Herr Rouher ehrerbietig ergriff und einen Augenblick in der +Seinen hielt, waehrend er mit einem traurigen Ausdruck den Kaiser ansah. + +"Nun, mein lieber Rouher," sagte Napoleon, "wir stehen an der grossen +Entscheidung, und ich hoffe, dass es nunmehr gelingen wird, die Kroenung +des Gebaeudes zu vollenden, dessen Grundmauern Sie mit so viel Eifer und +Beharrlichkeit aufgefuehrt haben." + +Das volle Gesicht des Herrn Rouher mit dem feinen beredten Munde und den +klaren, scharf blickenden Augen zeigte eine Bewegung, welche diesem +scharf berechnenden Meister der Dialektik und der parlamentarischen +Debatte sonst nicht eigentuemlich war. + +"Sire," sagte er, "Eure Majestaet wissen, mit welcher Muehe ich Jahre lang +daran gearbeitet habe, die Kroenung des kaiserlichen Gebaeudes auf andere +Weise und ohne eine kriegerische Catastrophe abzuschliessen. Eure +Majestaet haben die Fuehrung Ihrer Regierung andern Haenden anzuvertrauen +fuer gut befunden, und mir bleibt nur zu hoffen uebrig, dass der Erfolg den +Erwartungen Eurer Majestaet und den heissen Wuenschen entsprechen moege, +welche ich fuer denselben im Herzen trage." + +Der Kaiser blickte seinen langjaehrigen Rathgeber einen Augenblick +nachdenklich an. + +"Sie sind nicht einverstanden, mein lieber Rouher," sagte er dann mit +einer gewissen unsichern Befangenheit in der Stimme, "mit dem Gange der +Ereignisse und doch muessen Sie zugeben, dass es jetzt unmoeglich ist, die +Dinge auf einen andern Weg zu lenken." + +"Majestaet," erwiderte Herr Rouher, "ich wuerde niemals das Verfahren +desjenigen billigen koennen, der durch sichere und ruhige Unternehmungen +ein grosses Vermoegen zu gruenden und zu erhalten im Stande ist und der, +statt diese Unternehmungen mit Consequenz zu verfolgen, sich auf ein +Hazardspiel einlaesst, das ihn in einem Augenblick zum Millionair +machen,--aber verzeihen Eure Majestaet--auch den Verlust vieler +erworbenen Gueter herbei fuehren kann. Ebenso--" + +"Ebenso," fiel der Kaiser ein, "finden Sie, dass der Krieg in der Politik +ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen muesse und das vieles +bereits Erreichte in Frage stellen koenne. Aber mein Gott," fuhr er +lebhafter fort, "wenn die ganze Nation den Krieg will,--ich bin der +Erwaehlte der Nation,--ich muss dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen, +als irgend ein andrer Regent, Sie muessen zugeben, dass ganz Frankreich +zum Kriege draengt, dass Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze +hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges +durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen." + +Herr Rouher schuettelte langsam den Kopf. + +"Ollivier, Sire," sagte er dann achselzuckend, "wird Alles wollen, was +ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen +er sich so sehr gefaellt. Wenn Ollivier Eurer Majestaet uebrigens," fuhr er +fort, "von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so +moechte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben--hinter +Ollivier steht Niemand. Eure Majestaet haben mit ihm nicht seine frueheren +Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestaet haben ihn isolirt und nur +einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns," +sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, "wird die Zukunft zeigen. +Eure Majestaet haben ferner," sprach er dann weiter, "von der +oeffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt, +Eure Majestaet haben Recht, die oeffentliche Meinung verlangt den Krieg. +Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen?--und +dann, Sire, die oeffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte +dieser Krieg, was Gott verhueten wolle, ungluecklich fuer Frankreich +ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen +toenender Ruf jetzt die oeffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft +an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestaet und Ihre Regierung allein +wird man die Schuld desselben werfen." + +"Aber halten Sie es denn fuer moeglich," fragte der Kaiser, "jetzt noch +den Krieg zu vermeiden?" + +"Nein, Majestaet," erwiderte Herr Rouher, "jetzt nicht mehr. Vor wenigen +Tagen vielleicht waere das noch moeglich gewesen. Man konnte die +Zuruecknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen grossen Triumph +der franzoesischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen +Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen +waere, so wuerde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt +sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des +Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen +ruft. Wenn diese unglueckliche Frage der Garantie fuer die Zukunft, welche +ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt haette, nicht gestellt waere, +wenn man der Kammer und der ganzen franzoesischen Nation die +Zurueckweisung einer fernern Discussion von Seiten des Koenigs von Preussen +nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt haette, +dann, Sire, waere es noch moeglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit +den eisernen Wuerfeln des Krieges zu vermeiden--jetzt, Sire, ist es nicht +mehr moeglich! Unter den Umstaenden, welche jetzt geschaffen sind, koennen +wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des franzoesischen +Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen +Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einfluss der Koerperschaft, +an deren Spitze Eure Majestaet mich gestellt haben, ganz Frankreich mit +dem Muthe und der Begeisterung zu erfuellen, deren wir in dieser +Katastrophe beduerfen. Ich bitte Eure Majestaet um die Erlaubniss, morgen +mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu duerfen, um die +Gefuehle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich +beseelen muessen. Ich bitte Gott, dass die Befuerchtungen, welche ich nicht +ganz unterdruecken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen +meines Herzens zu verschliessen fuer heilige Pflicht halte, niemals +Wirklichkeiten werden moegen." + +Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer Ueberzeugung +gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehoert. Mit einer Bewegung voll +herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach. + +"Der Wuerfel rollt, so bleibt nichts anderes uebrig, als muthig zu +erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglueck nicht zu +fuerchten, ist das beste Mittel, uns das Glueck dienstbar zu machen." + +Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus. + +Napoleon blickte ihm lange sinnend nach. + +"Vielleicht hat er Recht," sagte er, traeumerisch vor sich +hinblickend, "vielleicht haette ich versuchen sollen, das Verhaengniss +aufzuhalten,--nun," sagte er tiefaufathmend, "vielleicht findet sich +dazu noch der guenstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte +Zurueckweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der +Voraussetzung, dass ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun +nicht wagen wuerde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht, +wenn man sieht, dass ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird +sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der +Compensationen zurueckzukommen, und ich werde dann in der guenstigen Lage +sein, dass nicht ich es bin, der Vorschlaege macht und Antraege stellt." + +Er ging noch einige Augenblicke schweigend und tief nachdenkend auf und +nieder; dann klingelte er und befahl seinen Wagen, um nach St. Cloud +zurueckzufahren. + +Langsam fuhr er aus dem Hof der Tuilerien heraus und ueber den Place la +Concorde nach den Champs Elysees hin. Ueberall wogten dichte +Menschenmassen, und bis nach dem Bois de Boulogne hin wurde der Kaiser +mit enthusiastischen Hochrufen begruesst. + +"Nieder mit Preussen!" rief man ihm aus allen Gruppen entgegen. + +"Nach Berlin!" + +Am Arc de Triomphe begegnete der Kaiser einem Bataillon der Voltigeurs +der Garde, welches von einer Felduebung zurueckkehrte und bestimmt war, in +den naechsten Tagen nach Metz abzugehen. + +Der Kaiser fuhr langsam im Schritt an den Soldaten vorbei, welche bei +seinem Anblick ihre Kaeppis auf die Spitze der Bajonette steckten und +laut sangen: + + "Ca ira, ca ira, ca ira--Bismarc a la lanterne, + Ca ira, ca ira, ca ira--Bismarc on le pendra." + +Napoleon legte laechelnd die Hand an den Hut und lange noch klang seinem +Wagen diese alte Melodie aus der Schreckenszeit der Revolution nach, +welche der Soldatenwitz mit diesem neuen Text versehen hatte. + +Der Arc de Triomphe glaenzte im Licht der Abendsonne, ruhig blickte das +steinerne Antlitz des grossen Kaisers von dem stolzen Bau herab. + +Die jubelnde Menge begleitete die Soldaten, in ihren Gesang einfallend, +waehrend der Kaiser in den frischen, zierlich gepflegten Park einfuhr, in +welchem die elegante Welt von Paris ihre Abendpromenade machte, und ueber +welchem am Horizont die gewaltigen Umrisse des Mont Valerien +emporragten. + +Alles war Freude, Jubel und stolze Siegeszuversicht, und kein Auge +durchdrang den Schleier der Zukunft, hinter welchem unmittelbar das +furchtbare Bild sich erhob, das die siegreichen deutschen Truppen +zeigte, wie sie in geschlossenen Reihen durch diesen Triumphbogen des +franzoesischen Ruhmes einzogen, waehrend aus den Tiefen von Paris jene +finstern Maechte heraufstiegen, um die Denkmaeler der Jahrhunderte in +Schutt und Asche zu verwandeln. + + * * * * * + +Um dieselbe Zeit, waehrend ganz Paris in jubelnder Aufregung sich befand, +waren in einem bescheidenen Restaurant der Passage Jeouffroi die +Officiere der frueheren hannoeverschen Legion versammelt. + +Sie sassen finster um den Tisch, auf welchem der Kellner mit der grossen +weissen Schuerze soeben ihr Diner zu serviren begann. Auf allen diesen +jugendlichen kraeftigen Gesichtern war keine Spur von der Heiterkeit +ihres Alters zu entdecken, und Sorge und Kummer blickten aus Aller +Augen. + +Der Lieutenant von Tschirschnitz strich den vollen blonden Schnurrbart +zur Seite und sprach, finster die Zaehne zusammenbeissend, indem er sich +zu dem neben ihm sitzenden Kriegscommissair Ebers, dem einzigen aelteren +Manne von der Gesellschaft wandte. + +"Wie lange kann unsere Kasse noch reichen?" + +"Vierzehn Tage vielleicht," erwiderte der Commissair Ebers +achselzuckend, "wenn wir uns auf das Aeusserste einschraenken, und wenn wir +alle unsere nothwendigsten Kleidungsstuecke verkaufen, so koennen wir +vielleicht noch weitere vierzehn Tage gewinnen, dann aber ist es +jedenfalls aus." + +"Wer uns das gesagt haette," rief der Lieutenant Goetz von Ohlenhusen, +indem er einen tiefen Zug aus einem vor ihm stehenden Seidel Dreherschen +Bieres that, "als wir von Hannover auszogen und Alles im Stich liessen, +um uns dem Dienst des Koenigs zu erhalten--" + +"Der haette uns jedenfalls einen grossen Dienst geleistet," sagte Herr von +Tschirschnitz, "ich haette jetzt meine Kompagnie in Sachsen, eine +ehrenvolle Stellung und eine schoene Carriere vor mir, waehrend wir uns +jetzt hier in einer Lage befinden, die in Wahrheit geeignet ist, selbst +unserem bisher unzerstoerbaren Humor den Todesstoss zu geben. Hier im +fremden Lande ohne Mittel, ohne Stuetze, ohne Anhalt--in Deutschland als +Hochverraether verurtheilt!--Wir werden bald in der Lage sein, dass kein +Fuss breit Erde, kein Athemzug Luft mehr in dieser Welt fuer uns uebrig +ist." + +"Was bleibt uns uebrig," sagte Herr von Goetz finster, "als uns irgendwo +anwerben zu lassen. Man denkt ja daran, eine Fremdenlegion zu bilden." + +"Ein Glueck fuer uns waere es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel +getroffen haette," rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein grosses +Glas Rothwein herunterstuerzte und das leere Glas dann heftig auf den +Tisch stiess, "dann waeren wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in +welcher wir doch keinen Raum mehr fuer ein anstaendiges Leben finden." + +Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gaeste trat schnell der +Major von Duering an den Tisch der Offiziere heran. Ihm folgte der +Regierungsrath Meding im Reiseanzug. + +Die Offiziere erhoben sich. + +"Mein Gott, Sie hier," rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem +Regierungsrath Meding die Hand reichte, "was fuehrt Sie aus der Schweiz +hierher? Will der Koenig uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen--in +diesem Augenblick?" + +"Nein, meine Herren," sagte der Regierungsrath, indem er die uebrigen +Offiziere herzlich begruesste und mit Herrn von Duering an deren Tisch +Platz nahm. "Ich komme nicht vom Koenige, ich habe keine Verbindung mit +Hietzing und erfahre nur zufaellig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich +bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander +verbunden hat, und weil ich dringend wuenschte, in diesem Augenblick der +schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter +Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das +dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefaehrlichen und +bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und +Anforderungen zu widerstehen, sie moegen kommen, woher sie wollen." + +"Wir haben eben darueber gesprochen, was aus uns werden soll," erwiderte +Herr von Tschirschnitz, "unsere Bezuege von Hietzing sind uns, wie Sie +wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft +zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den aeusserten +Einschraenkungen gelebt--der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir +saemmtlich nichts mehr besitzen werden--" + +"und in welchem uns nichts mehr uebrig bleiben wird," rief Herr von Goetz, +"als uns, wenn es sein muss, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen." + +"Um Gottes Willen, meine Herren," rief der Regierungsrath +Meding,--"bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, dass es sich in +diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866 +handelt. Bedenken Sie, dass in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint +gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, dass jeder Deutsche, der in diesem +Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres +gesammten Vaterlandes stuende, ewiger Schande verfallen muesste; dass die +Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen wuerde, und dass selbst im +Falle eines franzoesischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum +fuer ihn haben wuerde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das +dringendste vor allen uebereilten und verzweiflungsvollen Entschluessen zu +warnen. Ich bitte und beschwoere Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie +nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehoert, +dass hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Truemmer +der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen." + +Herr von Tschirschnitz lachte laut und hoehnisch auf. + +"Dieser Graf Breda," rief er, "ist ein Franzose, ein Agent des +dunkelsten Ultramontanismus--dass er sich als Vertreter des Koenigs von +Hannover gerirt und eine hannoeversche Legion formiren will, das ist +allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen." + +"Aber," fiel Herr von Duering ein, indem er sich zu dem Regierungsrath +Meding wendete, "Sie kennen unsere Lage und ich kann Ihnen nur +wiederholen, was ich Ihnen schon sagte, als ich Sie vom Bahnhof +hierherbrachte, was bleibt uns denn anders uebrig, als uns irgendwo auf +die moeglichst anstaendige Weise todtschiessen zu lassen. Wir haben keine +andere Rettung aus unserer Lage." + +Der Regierungsrath Meding blickte sinnend vor sich nieder. + +"Jedes Schicksal ist besser," sagte er, "als in den Reihen der Feinde +des vereinigten Deutschlands zu fallen, und noch ist ja nicht jede +Moeglichkeit der Rettung ausgeschlossen. Lassen Sie mich handeln. Ich +kann Ihnen nichts versprechen--aber es giebt vielleicht noch einen Weg, +der Sie alle mit Ehren vom Rande des Abgrundes zurueckfuehrt und Ihnen +eine freundliche Zukunft oeffnen kann--lassen Sie mich meinen Weg gehen, +ich habe ein Gefuehl, das mir sagt, er werde zum guten Ende fuehren. +Versprechen Sie mir nur das Eine, dass Sie sich in keine Unternehmungen +gegen Deutschland hineinziehen lassen, und dass Sie auch in der +verzweiflungsvollsten Lage des Augenblicks nicht den Muth verlieren--den +Sie sich ja so lange erhalten haben--versprechen Sie mir das, meine +Herren, und wenn es sein kann, verlassen Sie Frankreich so schnell als +moeglich und geben Sie mir Nachricht, wo Sie zu finden sind--ich hoffe, +dass Sie von mir hoeren sollen. Ich muss Sie wieder verlassen," fuhr er +fort, "ich muss noch mit dem naechsten Zug wieder abreisen. Ich bin nur +gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe und bitte Sie +nochmals um Ihr Versprechen, nichts gegen Deutschland zu unternehmen." + +Er reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand. + +Dieser schlug kraeftig ein und sagte mit bewegter Stimme: + +"Ich verspreche es, moege kommen, was da wolle." + +Die uebrigen Herren wiederholten die Worte. + +"Und ich, meine Herren," rief der Regierungsrath Meding, "verspreche +Ihnen, dass ich nicht ruhen und rasten will, bis es mir gelungen ist, +einen Weg der Rettung zu finden. Leben Sie wohl, und so Gott will, auf +baldiges Wiedersehen." + +Er wandte sich tief ergriffen ab, verliess mit Herrn von Duering das Local +und stieg mit demselben an der Ecke der Passage in einen dort bereit +stehenden Fiaker, in welchem sich bereits sein Diener mit dem kleinen +Reisegepaeck befand. + +Sie kamen auf dem Ostbahnhof eine Viertelstunde vor Abgang nach Basel +an. Ernst und schmerzlich bewegt, ging der Regierungsrath Meding mit dem +Major von Duering in der grossen Vorhalle auf und nieder, von welchem man +den grossen Platz vor dem Bahnhof und die weite Reihe der neuen +Boulevards ueberblickte, welche bereits im Schein der Gaslaternen +schimmerten und auf denen sich eine zahlreiche jubelnde und laermende +Menschenmenge hin und her bewegte. + +"Der Anblick dieses Paris," sagte der Regierungsrath Meding, "in seinem +trunkenen Rausch ist mir tief schmerzlich. Ich liebe Frankreich, und +diese Stadt Paris ist mir fast zu einer lieben Heimath geworden. Und ich +sehe eine furchtbare Zeit ueber dies Land und diese schoene Stadt mit +ihrem wunderbar reichen Leben heraufziehen, eine Zeit, welche alle diese +Jubelklaenge, die da jetzt zu uns heruebertoenen, in Jammer und Wehklage +verwandeln wird." + +"Sie glauben an die Niederlage Frankreich," fragte Herr von Duering, "an +eine so schwere Niederlage?" + +"Ich bin von derselben ueberzeugt," erwiderte der Regierungsrath. "Ich +bin gestern von Basel herauf bis hierher durch die nach der Grenze hin +sich bewegenden Truppen gefahren, aber was ich gesehen habe, laesst mich +nur das Traurigste fuer Frankreich erwarten. Ueberall habe ich Truppen der +verschiedensten Waffen ohne Officiere, Cavallerie ohne Pferde, Geschuetze +auf den Eisenbahnwagen ohne Bespannung gesehen. Alle diese Leute waren +im Zustande der unnatuerlichen Aufregung, die meisten berauscht, und wenn +ich sie fragte, wohin sie gingen, zu welchem Corps sie gehoerten, so +konnten sie mir keine genuegende Antwort geben, die Meisten antworteten +mit dem fanatisch stereotypen Ruf "nach Berlin". Mit solchen Truppen +schlaegt man die preussische Armee nicht und der Elan, von dem man so viel +spricht, wird wie ein voruebergehender Rausch schnell vor der ruhigen und +sichern Taktik der deutschen Heeresleitung verfliegen. Glauben Sie mir," +fuhr er fort, indem er noch einmal wehmuethig ueber die glaenzenden Reihen +der Boulevards hinblickte, "Frankreich wird einen furchtbaren Schlag zu +erleiden haben, und das Kaiserreich mit allem seinem Glanz wird +vielleicht unter diesem Schlage zusammenbrechen--ich habe hier lange +die Elemente beobachtet, welche in der Tiefe der Gesellschaft sich +organisirt haben und sie werden nicht zoegern, heraufzusteigen, um von +unten her das Gebaeude zu zersprengen, wenn dessen Zinnen unter den +Schlaegen der deutschen Waffen fallen werden." + +Das Signal zur Abfahrt des Zuges ertoente. + +"Noch einmal, lieber Duering," sagte der Regierungsrath Meding, indem er +sich am Eingang des Wartezimmers von dem Major verabschiedete, "halten +Sie den Muth unserer Freunde aufrecht und sorgen Sie dafuer, dass auf +unsere, so lange mit Ehren vertheidigte Sache kein Flecken falle." + +Mit Thraenen in den Augen trennten sich die beiden mehrjaehrigen Genossen +der Verbannung. Der Regierungsrath Meding stieg in das Coupe und fuhr +unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive in die Nacht hinaus, waehrend +der Major von Duering ernst und traurig ueber die hellen Boulevards hin zu +seinen Kameraden zurueckkehrte, um in den Herzen dieser tapfern und +treuen Diener einer untergegangenen Sache, welche Heimath und Vaterland, +Vergangenheit und Zukunft verloren hatten, die letzten Funken der +Hoffnung und des Muthes wieder anzufachen. + + + + +Elftes Capitel. + + +Die Verlobung der Tochter des Commerzienrath Cohnheim mit dem jungen +Baron von Rantow war wenige Tage nach der Erledigung der zwischen ihm +und dem Lieutenant von Buechenfeld entstandenen Differenz proclamirt +worden. + +Der Commerzienrath hatte es sich nicht nehmen lassen, bei dieser +Gelegenheit ein grosses Fest zu veranstalten, bei welchem die zahlreichen +Bekannten des Barons zu seiner und seiner Gemahlin hoechsten Befriedigung +eine Menge hoch aristokratischer Namen und Erscheinungen in seine Salons +fuehrten. + +Der kleine Commerzienrath schwamm in Entzuecken. Noch behaglicher als +sonst eilte er hin und her, indem er in gelegentlichen Gespraechen seinem +alten Freunde aus der Finanzwelt auf alle diese Elemente der ersten +Gesellschaft aufmerksam machte, die sich jetzt bei ihm vereinigten. + +Die Commerzienraethin war noch steifer, noch wuerdevoller, noch +unnahbarer als sonst, und Fraeulein Anna ueberstrahlte Alle durch ihre +Schoenheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener +Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher frueher in ihren Augen +gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Koenigin blickte +sie umher, mit ruhig und sicher gewaehlten Worten beantwortete sie die +Gluckwuensche, welche man an sie richtete, und wenn sie laechelte, so +schien es fast, als ob hoehnischer Spott mehr Antheil an ihrem Laecheln +habe, als die glueckliche Freude der Braut. + +Der junge Herr von Rantow war dann taeglich im Hause des Commerzienraths +erschienen, hatte fuer seine Braut alle Hoeflichkeit und Aufmerksamkeit, +welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso hoeflich und +freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annaeherung zwischen den +beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem +Takt in einer gewissen Zurueckhaltung und Fraeulein Anna war ihm dafuer von +Herzen dankbar und nahm mit um so groesserer Aufmerksamkeit alle aeusseren +Ruecksichten, welche ihr Verhaeltniss erforderte, entgegen; so dass die +Commerzienraethin aeusserst befriedigt war und ihrer Tochter haeufig +anerkennende Worte ueber ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem +Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach. + +Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen ueberstanden, und die Hochzeit +war fuer den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der fuer die +Aufnahme des jungen Paares bestimmte Fluegel des Schlosses auf dem +Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen +Ausschmueckung der Commerzienrath nicht muede wurde, von ueberall her das +Schoenste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen. + +Da brach mitten in diese Vorbereitungen die grosse Catastrophe herein, +welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Fuersten und +Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in +den furchtbaren Ernst des Lebens zuruecktrieb, so unterbrach sie auch die +Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Fraeulein Anna +Cohnheim. + +Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub +des von ihm so sehnlichst gewuenschten Familienereignisses, welcher ihn +bewegte und bekuemmerte--der ploetzlich hereinbrechende Krieg griff auch +zerstoerend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die +Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, mussten +natuerlich vorlaeufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhaeltnisse aufgeschoben +werden. + +Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das +militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne +unmittelbar gefaehrlich zu werden, ihm grosse koerperliche Anstrengungen +unmoeglich machte, fuer dienstunfaehig erklaert. Von dieser Seite haette +daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden. +Indess Fraeulein Anna erklaerte mit grosser Bestimmtheit, dass sie vor dem +Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so grosse Gefahr stuerzte +und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen muesste, an die Hochzeit +nicht denken wolle. + +So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben. + +Am Vormittage des verhaengnissvollen einunddreissigsten Juli, an welchem +der Koenig Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand +sich die Commerzienraethin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner +Gemahlin. + +Die Koenigin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen +des Vaterlandes erlassen, um Huelfsmittel fuer die Verpflegung der +Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienraethin hatte mit +Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow +anzuschliessen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfuellung +dieser patriotischen Aufgabe. + +Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Naehere ueber die Organisation +der Thaetigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte +mit einer gewissen, kalten Zurueckhaltung den sehr betraechtlichen Beitrag +in Empfang genommen, welchen die Commerzienraethin fuer die Zwecke des +Vereins ihr ueberreichte. + +Die beiden Damen sprachen eifrig ueber die zweckmaessigste Herstellung von +Charpie und Verbandzeug, waehrend der Baron sich mit Fraeulein Anna +unterhielt, fuer welche er eine besonders sympathische Zuneigung gefasst +hatte, und welcher er stets mit um so groesserer Herzlichkeit begegnete, +je weniger es ihm moeglich war sich dem Commerzienrath und seiner +Gemahlin, deren ganzes Wesen von seinen Lebensanschauungen so tief +verschieden war, zu naehern. + +"Wir sind gluecklicher," sagte er, "als so viele andere Familien, deren +Soehne zu den Gefahren des Krieges hinausziehen muessen, und doch macht es +mich fast traurig, dass in einem Augenblick, wo die ganze Jugend des +Landes unter den Fahnen des Koenigs ins Feld zieht, der Name der Rantows +in den Reihen der Armee nicht vertreten ist. Das Gefuehl des Vaters und +des Patrioten streiten in mir mit einander, und oft moechte ich fast +wuenschen, dass auch mein Sohn berufen waere zu dem grossen nationalen +Kampf." + +"Es bleibt ja auch hier noch genug zu thun," erwiderte Fraeulein Anna in +einem ziemlich kalten und gleichgueltigen Ton. "Der Staat braucht ja auch +waehrend des Krieges Beamte, vielleicht waere es gut, wenn Ihr Sohn +wenigstens bis zur Beendigung des Krieges seine Carriere wieder +aufnehmen wuerde. Fuer uns Frauen," fuhr sie lebhafter fort, "bildet ja +die Zeit ein reiches Feld der Thaetigkeit, und ich fuehle den lebhaftesten +Wunsch, hinauszugehen, um als Pflegerin der Kranken in dieser grossen +Zeit meine Pflicht zu erfuellen." + +"Sie, mein Kind," rief der Baron erstaunt, "Sie, gewoehnt an alle +Bequemlichkeiten des Lebens, fast ein wenig verwoehnt, Sie wollten sich +einer so muehevollen angreifenden Thaetigkeit widmen, welche Ihre zarten +Kraefte vielleicht bald aufreiben moechte." + +"Meine zarten Kraefte?"--sagte Fraeulein Anna, die Achseln zuckend, "und +waeren sie es,--der feste Wille und die Begeisterung fuer eine grosse Sache +sind im Stande, auch die schwaechste Kraft stark zu machen. Und wofuer +koennte ein Frauenherz sich hoeher begeistern, als dafuer, die Leiden +Derjenigen zu erleichtern, welche heldenmuethig ihr Blut und Leben zum +Schutz des Vaterlandes, zu unserm Schutz dahin geben. Glauben Sie mir, +Herr Baron, ich wuerde nicht ermatten in einem so hohen und heiligen +Beruf. Und wenn der Krieg fortschreitet," fuhr sie ernst mit dem +Ausdruck eines festen Entschlusses fort, "wenn die Lazarethe sich fuellen +werden und das Beduerfniss nach weiblicher Pflege immer groesser und groesser +werden wird, dann werde ich doch noch die Erlaubniss meiner Eltern +erhalten, dem Zuge meines Gefuehls zu folgen, und ich bin ueberzeugt, dass +viele Frauen denken und handeln werden, wie ich." + +Der junge Herr von Rantow trat ein. Er war ernster als sonst, der +gleichgueltige, oberflaechliche Ausdruck, welcher gewoehnlich auf seinem +Gesicht lag, war verschwunden. Eine gewisse stolze Befriedigung blickte +aus seinen Augen. + +"Ich habe einen Entschluss gefasst," sagte er, nachdem er die Damen +begruesst hatte, "einen Entschluss, den meine theure Anna gewiss billigen +wird und mit dem auch Du, mein Vater, zufrieden sein wirst." + +Fragend blickte Fraeulein Cohnheim auf ihren Verlobten. + +"Ich habe," fuhr dieser fort, "mich zur Aufnahme in den Johanniterorden +gemeldet. Du wuenschtest das frueher, mein Vater, um mir eine ehrenvolle +Decoration zu verschaffen, in dieser Zeit gewinnt das Zeichen des +Johanniterordens, zu welchem meine Geburt mich berechtigte, eine hoehere +und ernstere Bedeutung. Ich habe so eben die Mittheilung erhalten, dass +meine Bewerbung angenommen werden wird und habe zugleich die Bitte +gestellt, wenn eine Annahme erfolgen sollte, mich einer der Deputationen +beizuordnen, welche die Armee zur Leitung der Krankenpflege begleiten +werden. So werde auch ich im Stande sein, das Meinige in dem Kampf zu +thun und die Pflicht zu erfuellen, welche mein Name mir auflegt und zu +welcher mein Gefuehl mich treibt." + +Der Baron neigte zustimmend den Kopf. + +Fraeulein Anna erhob sich schnell und reichte ihrem Verlobten die Hand, +indem aus ihrem Blick ein warmes Gefuehl leuchtete, wie sie es bisher +noch nie dem jungen Manne gegenueber gezeigt hatte. + +"Ich danke Ihnen von Herzen fuer diesen Entschluss," sagte sie mit +herzlichem Ton, "und da Sie ihn gefasst haben, darf ich Ihnen sagen, dass +mich der Gedanke betruebt hat, Sie in dieser Zeit hier zurueckbleiben zu +sehen--Sie werden das nicht missverstehen," fuegte sie hinzu, "meine +treuesten und aufrichtigen Wuensche werden Sie begleiten." + +Herr von Rantow kuesste die Hand seiner Braut, seine Mutter blickte +liebevoll zu ihm hinueber, und die Commerzienraethin richtete sich hoch +auf, indem sie mit feierlicher Stimme sagte: + +"Das ist ein sehr edler Entschluss, ganz meines vortrefflichen +Schwiegersohns wuerdig." + +Der Diener trat ein, meldete den Oberstlieutenant und den Lieutenant von +Buechenfeld. + +Schnell erhob sich der Baron, um den Herren entgegen zu gehen. + +Die Commerzienraethin warf einen scharfen und strengen Blick auf ihre +Tochter. + +Fraeulein Anna zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie +das Zimmer verlassen, dann aber fasste sie sich, tief erbleichend stuetzte +sie die Hand auf die Lehne eines neben ihr stehenden Sessels. Kalte und +stolze Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht. + +Der Oberstlieutenant und sein Sohn traten ein. Der alte Herr trug +Uniform, sein Gesicht strahlte vor freudiger Aufregung. Der Lieutenant +folgte ihm ernst und still, als er Fraeulein Anna und den jungen Herrn +von Rantow erblickte, flog eine dunkle Roethe ueber sein Gesicht. Dann +naeherte er sich Frau von Rantow, begruesste dieselbe ehrerbietig und +verneigte sich mit kalter Hoeflichkeit gegen die Uebrigen. + +Die Commerzienraethin sass gerade und steif da und erwiderte den Gruss der +eintretenden Herren mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes. + +"Ich bringe Ihnen noch einmal meinen Sohn, gnaedige Frau," sagte der +Oberstlieutenant, "er muss noch heute zu seinem Regiment abgehen, um in +die beste Kriegsschule hinauszuziehen,--draussen im Felde, wo man in +einem Monat mehr lernt, als in Jahren hinter den Buechern. Er wollte in +der Eile gar keine Besuche machen, aber hier von den alten Freunden +seines Vaters muss er sich doch verschieden, bevor er auszieht, um sich +den Feldmarschallstab zu erkaempfen," fuegte er laechelnd hinzu. "Er hat es +gluecklich getroffen, mir wurde es in meiner Jugend nicht so gut, ich +habe mich waehrend meiner besten Jahre durch den ewigen Garnisonsdienst +hindurch schleppen muessen, in welchem Koerper und Geist muede werden." + +"Unsere herzlichsten Wuensche werden Sie begleiten," sagte Frau von +Rantow zu dem jungen Officier. "Aber Sie, lieber Buechenfeld," fuhr sie +laechelnd fort, "tragen ja auch wieder Uniform, Sie wollen doch nicht +etwa auch mit hinausziehen--" + +"Wollte Gott, ich koennte es," sagte der Oberstlieutenant traurig, "doch +mein Podagra sorgt schon dafuer, dass ich hier bleiben muss. Aber," fuhr +er, sich militairisch aufrichtend, fort, "ich habe mich um ein +Etappencommando beworben und es erhalten und so habe ich doch wenigstens +das Herzeleid nicht, dass ich in dieser Zeit unthaetig im Civilrock +einhergehen muss. Ich kann wenigstens die alte Uniform tragen und dem +Koenige dienen, so gut es mir noch moeglich ist." + +Der Oberstlieutenant und sein Sohn blieben etwa eine Viertelstunde lang, +waehrend welcher die Unterhaltung fast ausschliesslich von dem alten Herrn +und dem Baron gefuehrt wurde. + +Der Oberstlieutenant war in sprudelnd heiterer Laune, im Herzen des +alten Soldaten fand der Gedanke an die Gefahren, denen sein Sohn +entgegen ging, keinen Platz, fuer ihn war der Krieg der Beruf des +Officiers, er dachte nur an die Hoffnung auf Ruhm und Ehre, welche +dieser Krieg in sich schloss und fuehlte sich neu geboren in dem Gedanken, +dass auch er in dieser grossen Zeit noch einmal in der Lage sei, Dienst zu +thun und den Rock des Koenigs zu tragen. + +"Wir muessen aufbrechen," sagte er endlich, "ich weiss noch nicht, wo +meine Bestimmung sein wird und erwarte dieselbe stuendlich,--mein Sohn +hat nur noch kurze Zeit bis zu seiner Abreise." + +Er kuesste mit ritterlicher, etwas altmodischer Galanterie der Frau von +Rantow die Hand und drueckte lange und herzlich die Rechte des Barons. + +Der Lieutenant, welcher waehrend der ganzen Zeit ernst und stumm mit +niedergeschlagenem Blick da gesessen hatte, erhob sich, in rascher +Bewegung trat der junge Herr von Rantow auf ihn zu. + +"Lebe wohl, Buechenfeld," sprach er,--"in einer Zeit, wie die jetzige, +muss jeder vergangene Groll vergessen werden. Gott schuetze Dich! Ich +werde mit den Johannitern der Armee folgen und sollte Dir ein Unglueck +begegnen, so hoffe ich, dass ein guetiges Schicksal mich zu Dir fuehren +wird, um Dir beizustehen." + +Der Lieutenant hatte bei den Worten des Barons eine unwillkuerliche +Bewegung gemacht, als wolle er von demselben zuruecktreten. Abermals +faerbte sich sein Gesicht mit dunklem Roth, er schlug die Augen auf und +richtete seine Blicke an dem Baron vorbei, mit bitterem, feindlichem +Ausdruck auf Fraeulein Anna. + +Das junge Maedchen sah ihn mit grossen Augen an. Aus diesen Augen +strahlte es wunderbar und eigenthuemlich zu ihm hin, es lag darin wie +eine Bitte, wie eine Frage, ihre Lippen oeffneten sich, als wolle sie +sprechen, aber nur ein leiser Hauch drang aus denselben hervor und wie +unwillkuerlich streckte sie zitternd die Hand nach ihm aus. + +Ein tiefer Athemzug hob die Brust des Lieutenants, sein kalter, harter +Blick wurde weicher und weicher. Kraeftig drueckte er die Hand des Herrn +von Rantow und sagte mit fast erstickter Stimme: + +"Vergessen und vergeben!" + +Dann trat er rasch, wie einem uebermaechtigen Zuge folgend, zu Fraeulein +Anna hin, deren Hand noch immer leicht erhoben, sich gegen ihn +ausstreckte und deren Augen mit immer tieferer Innigkeit auf ihm ruhten. +Er ergriff die Hand des jungen Maedchens, drueckte seine Lippen auf +dieselbe und fast unhoerbar, nur ihr verstaendlich, hauchten seine Lippen +nochmal die Worte: + +"Vergessen und vergeben!" + +Dann wandte er sich schnell um und mit kurzer rascher Verbeugung eilte +er seinem Vater nach, welcher, von dem Baron geleitet, bereits das +Zimmer verlassen hatte, waehrend Fraeulein Anna, die Haende faltend, auf +einen Stuhl niedersank und ihm mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer +nachsah. + + * * * * * + +Koenig Wilhelm stand an seinem Schreibtisch neben dem Fenster seines +Arbeitszimmers. Der Koenig trug den Militairueberrock und blickte mit +tiefem Ernst auf den Ministerpraesidenten Grafen Bismarck, welcher in der +Uniform des Magdeburgischen Cuerassierregiments No. 7 vor Seiner Majestaet +stand und die letzten noch vor der Abreise zu erledigenden +Vortragssachen beendet hatte. + +"So ist denn," sagte der Koenig, "Alles vorbereitet, was menschliche +Berechnung vermag, um nach allen Seiten hin in ungehemmter Spannung +unsere Kraefte entfalten zu koennen,--unser Haus ist bestellt, die Armee +ist in ordnungsmaessiger Bewegung und es ist nun an unserem Alliirten da +oben, mit uns hinauszuziehen in den Kampf, an dem wir wahrlich +unschuldig sind und uns den Sieg zu verleihen, wie er ihn uns schon +einmal gab gegen den Uebermuth desselben Feindes." + +"Und dieser Sieg wird nicht fehlen, Majestaet," rief Graf Bismarck, indem +seine linke Hand sich fest um den Griff seines Pallaschs spannte,--"er +wird schneller und entscheidender kommen, als die Welt ihn erwartet und +er wird Alles, was sich im deutschen Nationalleben in diesen Jahren +vorbereitet hat, zu herrlicher Erfuellung bringen. Meine Zuversicht steht +fest--in diesem Kampfe wird Deutschlands glaenzende Zukunft entschieden +werden!" + +Auch ueber das Gesicht des Koenigs zog der lichte Schimmer freudiger +Siegeszuversicht,--aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige +Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu +seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier. + +"Wir haben Alles geordnet," sagte er, die wenigen Zeilen ueberlesend, +welche dieser Bogen enthielt,--"wir haben die diplomatischen Faeden +gezogen,--um unsere wohlwollenden Freunde" fuhr er mit eigenthuemlichem +Laecheln fort, "in ihrer neutralen Haltung zu befestigen,--wir haben fuer +die Regierung waehrend meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten +liegen jetzt draussen bei der Armee,--ich habe jetzt nur noch ein +Beduerfniss meines Herzens zu erfuellen, das ist ein letztes Wort des +Abschieds an mein Volk zu richten,--wenn mich auch die Hoffnung erfuellt, +dass wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer +schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich +wieder nach der Heimath werde zurueckkehren koennen. Auch kann," sprach er +mit tiefem Ernst, "eine feindliche Kugel da draussen mein Leben enden. In +diesem Augenblick fuehle ich mehr wie je den innerlich tiefen +Zusammenhang, ich moechte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich, +wie alle Koenige meines Hauses mit dem preussischen Volk verbindet, und +ich moechte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen +und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir +zu geben mein koenigliches Recht vergoennt,--ich moechte in dem Augenblick, +in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir +den Frieden zuruecklassen,--den Frieden und die Versoehnung!" + +Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den +Koenig an, welcher wie zoegernd, als suche er die Worte fuer seine +Gedanken, sagte: + +"Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen, +manches an sich edle Gefuehl hat viele meiner Unterthanen, namentlich +meiner neuen Unterthanen auf Irrwege gefuehrt und mit der nothwendigen +Strenge der Gesetze in Conflict gebracht--jetzt, wo ganz Deutschland +einmuethig in den Kampf hinauszieht, moechte ich dazu beitragen, jenen +Verwirrungen Loesung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo +ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, moechte ich +auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen,--die Lehre der +Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf dass Ihr nicht +gerichtet werdet.--Der letzte Abschiedsgruss an mein Volk soll deshalb +zugleich eine Amnestie enthalten fuer alle politischen Verbrechen und +Vergehen. Liebe und Versoehnung soll die Vergangenheit abschliessen, damit +wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen koennen." + +Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme: + +"An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr fuer +Deutschlands Ehre und fuer Erhaltung ihrer hoechsten Gueter zu kaempfen, +will ich im Hinblick auf die einmuethige Erhebung meines Volkes eine +Amnestie fuer politische Verbrechen und Vergehen ertheilen." + +"Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erlass in diesem +Sinne zu unterbreiten. + +"Mein Volk weiss mit mir, dass Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig +nicht auf unserer Seite waren. + +"Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vaetern und +in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des +Vaterlandes." + +Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerpraesidenten, +dessen Zuege in maechtiger Ruehrung zuckten. + +"Majestaet," sagte er, auf die stumme Frage des Koenigs antwortend, "an +diesem Erlass darf kein Titelchen geaendert werden. Es ist das +koeniglichste Wort, das ein christlicher Fuerst zu seinen Unterthanen +sprechen kann, einfach und gross, wie die Zeit. Und dies koenigliche Wort +wird einen maechtigen Wiederhall finden in allen Herzen." + +Der Koenig neigte den Kopf, wandte sich dann zu seinem Schreibtisch, +ergriff eine Feder und setzte mit kraeftigen Zuegen seinen Namen unter das +Papier, das er dem Ministerpraesidenten reichte. + +"Sorgen Sie fuer die Veroeffentlichung und fuer die schleunige Vorlegung +des Amnestieerlasses. Nun sind die Geschaefte hier beendet," sprach er +mit tiefem Athemzug, "ich habe fuer die Meinigen das Werk des Friedens +und der Liebe gethan. Jetzt soll die Spitze unseres Schwertes sich gegen +die Feinde richten." + +"Noch moechte ich," sagte der Ministerpraesident, "eine Bitte an Eure +Majestaet richten, eine Bitte, deren Erfuellung ein schoener Nachklang zu +dem grossen Wort ist, das Eure Majestaet soeben gesprochen. Eure Majestaet +wissen," fuhr er fort, als der Koenig ihn fragend ansah, "dass wir von der +frueher so weit verbreiteten Agitation in Hannover nichts mehr zu +befuerchten haben, die frueheren Fuehrer derselben sind vom Koenige Georg +getrennt und entschlossen, in diesem Nationalkampf nichts gegen +Deutschland zu thun. Einzelne Personen in Hannover, welche vielleicht zu +gefaehrlichen Unternehmungen irre geleitet werden koennten, sind in +Sicherheit gebracht, um sie vor sich selbst zu schuetzen, und um sie +durch eine kurze Haft der Moeglichkeit zu entziehen, Dinge zu +unternehmen, fuer welche sie in der gegenwaertigen Zeit mit der ganzen +Schwere des Gesetzes gestraft werden muessten." + +"Ich weiss, ich weiss," sagte der Koenig--"auch der Verdacht gegen den +Grafen Wedell hat sich nicht betaetigt?--" + +"Nein, Majestaet," sagte der Ministerpraesident, "Graf Wedell steht mit +der Agitation in keiner Verbindung mehr, und es freut mich das um so +mehr, da seine ganze Familie ohnehin durch die Ereignisse schwer +getroffen ist--doch," fuhr er dann fort, "wovon ich Eurer Majestaet +sprechen wollte, das ist das Schicksal aller hannoeverschen Officiere, +welche mit der Emigration nach Frankreich gegangen waren und dort die +sogenannte Welfenlegion commandirten." + +"Nun?" fragte der Koenig. + +"Diese Officiere, Majestaet," sprach Graf Bismarck weiter, "befinden +sich, wie ich hoere, in einer verzweiflungsvollen Lage. Sie waren in +Deutschland geaechtet,--das ist durch Eurer Majestaet grossmuethige Amnestie +beseitigt--aber sie sind ohne Subsistenzmittel, sie sind sogar der +franzoesischen Regierung verdaechtigt, und ihre Lage ist derartig, dass +nach den Aeusserungen Einzelner, die mir mitgetheilt sind--ihnen nichts +uebrig bliebe, als sich irgendwo mit Anstand todtschiessen zu lassen." + +"Die armen, jungen Leute," sagte der Koenig--"sie haben sich schwer +vergangen, aber es sind doch brave junge Maenner und ihre Handlungsweise +ist doch nur hervorgegangen aus einem irre gefuehrten, aber innerlich +edlen und richtigen Gefuehl der Anhaenglichkeit an ihren fruehern +Herrn--was kann ich fuer sie thun?" fragte er mit weicher, milder Stimme. + +"Majestaet," sagte Graf Bismarck, "politisch liegt kein Grund vor, ihnen +zu Huelfe zu kommen, sie koennen nicht gefaehrlich werden, und wenn sie +wirklich, durch die Noth gedraengt, sich zu irgend einer strafbaren +Handlung hinreissen liessen, so wuerde dadurch in den Augen von ganz +Deutschland die welfische Agitation und alle etwa fuer dieselbe noch +begehende Sympathie vollkommen und fuer immer vernichtet werden. Aber ich +glaube nicht, Majestaet," fuhr er im waermeren Ton fort, "dass jenen armen +jungen Leuten gegenueber politische Betrachtungen in diesem Augenblick +massgebend sein koennen. Jene Ungluecklichen sind von aller Welt verlassen, +sie sind die Opfer ihrer irregeleiteten, aber doch immerhin edlen Treue +geworden, und ich moechte Eure Majestaet bitten, ihnen zu helfen und ihnen +eine Grundlage fuer ein neues Leben zu gewaehren." + +"Mit Freuden," rief Koenig Wilhelm lebhaft, "schlagen Sie mir vor, was +ich thun soll." + +"Majestaet," erwiderte Bismarck, "es befinden sich unter diesen +Emigranten fruehere Offiziere verschiedener Grade, darnach aber zwischen +ihnen einen Unterschied zu machen, ist nicht moeglich,--der Koenig Georg +hat im Exil noch Ernennungen vorgenommen, die doch nicht in Betracht +gezogen werden koennen. Ich wuerde daher Eurer Majestaet unterthaenigst +vorschlagen, sie Alle gleich zu behandeln und Jedem von ihnen eine +lebenslaengliche Pension von zwoelfhundert Thalern zu geben, damit haben +sie eine Basis fuer ihre Existenz und einen Ersatz fuer ihre zerbrochene +Carriere." + +"Genehmigt," rief der Koenig, "genehmigt, mein lieber Graf, es thut mir +unendlich wohl, diesen armen jungen Leuten helfen zu koennen, und ich +danke Ihnen, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht und mir Gelegenheit +gegeben, noch vor meiner Abreise dies gute Werk zu thun." + +Und leise die Lippen bewegend, fluesterte er vor sich hin: + +"Thut wohl denen, die Euch verfolgen."---- + +"Es muesste dann," sagte Graf Bismarck, "eine Garantie von ihnen gegeben +werden, dass sie nicht etwa abermals missleitet werden--" + +"Sie sollen ihr Ehrenwort geben, nichts gegen mich zu unternehmen, das +genuegt," sagte der Koenig, "sie haben die Gesetze verletzt, aber ihre +Ehre trifft kein Vorwurf und ihrem Ehrenwort will ich glauben." + +"Eure Majestaet haben durch diesen Entschluss," sagte Graf Bismarck, +"einer Anzahl junger und hoffnungsvoller Herzen Leben und Zukunft wieder +gegeben, und auch das wird zum Segen unserer Waffen werden. So ist denn +auch diese letzte schmerzliche Dissonanz des Jahres 1866 im schoenen und +wohlthuenden Accord geendet und nun, Majestaet,-- + +Vorwaerts mit Gott fuer Koenig und Vaterland." + +"Auf Wiedersehen am Bahnhof, mein lieber Graf," sagte der Koenig, "wir +werden hier wohl lange nicht wieder zusammen arbeiten--" + +"Dann aber, Majestaet," rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick, "wird +der preussische Adler seinen hoechsten Siegesflug vollendet haben, und +eine neue, strahlende Krone wird ueber seinem Haupte glaenzen." + +Er ergriff seinen Stahlhelm, der neben ihm auf einem Stuhl lag, richtete +sich hoch empor und verliess mit militairischem Gruss das Cabinet. + +Der Koenig trat an's Fenster und richtete den sinnenden Blick auf das +Standbild Friedrich des Grossen. Er bewegte leise die Lippen, ohne dass +hoerbare Worte aus denselben hervordrangen. + +War es ein Gebet, das er sprach,--oder verkehrten seine Gedanken mit dem +Geiste seines grossen Ahnherrn, der zuerst das alte Brandenburg in +Wahrheit zu einer Grossmacht Preussens erhoben, der der Koenigskrone +Friedrich I. das schneidige siegreiche Schwert hinzugefuegt hatte und der +wieder seinen Nachkommen die hohe Aufgabe hinterlassen hatte, durch +preussischen Geist und preussische Kraft einst das zerbroeckelte +Deutschland zu einiger Macht und Herrlichkeit wieder aufzurichten? + +Die auf dem Platz vor dem koeniglichen Palais versammelte Menge erhob +beim Anblick des Koenigs die Huete und laute Rufe gruessten den Monarchen. + +Der Koenig dankte freundlich mit dem Kopfe nickend. Ein Ausdruck +heiterer, ruhiger Zuversicht erschien auf seinem Gesicht. Langsam wandte +er sich ab, um zur Koenigin zu gehen und mit seiner Gemahlin das letzte +Diner vor seiner Abreise zur Armee einzunehmen. + + * * * * * + +Es war halb sechs Uhr Abends. Dicht gedraengt standen die Menschenmassen +die Linden entlang, vom Thiergarten her bis zum Anhalter Bahnhof. Die +sonst so lauten und unruhigen Berliner hatten diesmal ihre gewoehnliche +Natur verleugnet, und eine fast lautlose Stille herrschte auf den dicht +belebten Strassen. + +Da kam vom koeniglichen Palais her ein einfacher zweispaenniger Wagen mit +offenem Verdeck dahergefahren. Der Koenig, im Ueberrock und Helm, fuhr, +von seiner Gemahlin begleitet, nach dem Bahnhof und blickte zum letzten +Mal ernst und gedankenvoll auf diese Strasse seiner Residenz hin, welche +bereits so viele Herrscher seines Hauses gesehen hatte in den Tagen des +Gluecks und des Ungluecks, in den Tagen des Leidens und der Demuethigung, +wie in den stolzen Triumphzuegen nach gewaltigen Siegen--immer aber in +gegenseitiger Liebe und Treue innig vereint mit ihrem Volk, welches das +Unglueck mit ihnen getragen und opferfreudig sein Blut vergossen hatte +zur Erringung der Triumphe und Siege. + +Kein lauter Ruf ertoente, still und schweigend entbloessten sich alle +Haeupter und durch diese schweigenden, feierlichen Gruesse hin fuhr der +koenigliche Wagen hinaus, waehrend der Koenig freundlich ernst mit der Hand +winkte und die Koenigin, von Bewegung ueberwaeltigt, ihr Taschentuch vor +die Augen drueckte. + +Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den Koenig der +Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgrossherzog von +Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz +Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Grossherzogin +Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen +Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden +Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von +Kendell und neben den koeniglichen Prinzen den Grafen Bismarck, die +Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel; +die Angehoerigen der Herren, welche den Koenig begleiten sollten, waren +mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine +Tochter, in letzter wehmuethiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben +dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen +Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that--auch viele Damen der uebrigen +Minister und der Hofchargen waren anwesend. + +Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie ueber der +Bevoelkerung von Berlin, so lag auch ueber diesen hoechsten Spitzen des +preussischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks. + +Der koenigliche Wagen fuhr an die Rampe, der Koenig stieg aus und reichte +dann der Koenigin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann +blickte er hin ueber den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum +letzten Gruss die Hand. + +Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen, +wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klaengen die Luft +erschuetternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob +wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den +scheidenden Koenig begruesste. + +Dann trat abermals tiefe Stille ein. + +Der Koenig winkte noch einmal mit der Hand, gab der Koenigin den Arm und +wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen +Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die +Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den koeniglichen +Kriegsherrn ansah, waehrend er die in unwillkuerlicher Bewegung erhobenen +Haende gegen ihn ausstreckte. + +Der Koenig blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den +jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber fasste sie mit +seinen beiden Haenden und fuehrte sie an die Lippen, indem Thraenen aus +seinen Augen stuerzten. Dann fasste er sich, richtete sich in seinem Wagen +empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung: + +"Lieutenant von Sierrakowsky, Majestaet--" + +"Ich weiss, ich weiss," sagte der Koenig freundlich, durch einen Wink die +Meldung unterbrechend, "ich vergesse die Tapfern nicht, die fuer mich und +das Vaterland geblutet haben--Gott hat Ihnen nicht vergoennt, auch in +diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen--aber troesten Sie sich, Sie haben +dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre, +werden neue Helden schaffen." + +"Gott segne Eure Majestaet!" sagte der junge Officier, mit erstickter +Stimme; "Gott segne unsere preussischen Fahnen!" + +Der Koenig drueckte dem armen Invaliden noch einmal herzlich die Hand und +trat dann in den Wartesaal. Nur wenige Worte sprach er mit den dort +Versammelten. Alle Damen reichten ihm Blumenstraeusse entgegen. + +"Ich kann sie nicht alle mitnehmen," sagte der Koenig freundlich +laechelnd, indem er einen schoenen Strauss aus den Haenden der Graefin +Itzenplitz entgegennahm. "Diese Blumen sollen mir eine Erinnerung an Sie +Alle und an Ihre guten Wuensche sein." + +Kein Auge blieb trocken, Alle draengten dem scheidenden Koenig nach, der +an der Thuer des Wartesaals die Koenigin umarmte und dann mit den Herren +des Gefolges schnell in das Coupe stieg. + +Dahin brauste der Zug nach dem Westen, nach dem Schauplatz des noch von +den dunklen Wolken der Zukunft verhuellten Krieges. + + + + +Zwoelftes Capitel. + + +Der junge Cappei hatte in einem fast bewusstlosen Zustand stumpfer +Resignation die ersten Tage nach seiner Verhaftung in dem Amtsgefaengniss +zu Bodenfeld zugebracht. Vergebens strengte er sich an, um die Faeden des +Netzes zu entdecken, das ihn so geheimnissvoll und unerklaerlich umsponnen +hatte. Seine Gedanken verwirrten sich, das fortwaehrende Schweigen seiner +Geliebten, dieser so ploetzliche und unerwartet gegen ihn erhobene +Vorwurf staatsgefaehrlicher Verbindungen, das Alles vermochte er in +keinen klaren Zusammenhang zu bringen, und nur wenn er auf den Verdacht +zurueckkam, welchen die Handschrift des ihm vorgelegten Schreibens in ihm +erweckte, so erfasste ihn ein heftiger Paroxismus des Zornes und der +Verzweiflung. + +Oft war er nahe daran nach Mitteln zu suchen, seinem so ploetzlich von +der Hoehe der gluecklichsten Hoffnungen in die Tiefe eines vernichtenden +Schmerzes herabgestuerzten Leben ein gewaltsames Ende zu machen, und nur +die von frueher Jugend in ihm gepflegte glaeubige Froemmigkeit gab ihm die +Kraft, diese traurige Existenz zu ertragen und liess ihn die Hoffnung +nicht verlieren, dass die Vorsehung Wege finden wuerde, das Dunkel zu +erhellen, welches ihn umgab und seine Unschuld dem wider ihn erhobenen +Verdacht gegenueber an das Licht zu bringen. + +In dieser qualvollen Ungewissheit, allein mit seinen in demselben Kreise +sich stets bewegenden Gedanken brachte er drei furchtbare Tage zu, ohne +das Geringste von der Aussenwelt zu hoeren oder zu sehen, als ein kleines +Stueck des Himmels, das ueber eine hohe Mauer durch das vergitterte +Fenster seines Gefaengnisses hereinsah. + +Dann wurde er zum ersten Verhoer vorgefuehrt. Ein Untersuchungsrichter aus +der naechsten Stadt war in Bodenfeld erschienen, um in Gegenwart des +Amtmanns die Vernehmung des jungen Menschen vorzunehmen. + +Cappei antwortete auf alle an ihn gestellten Fragen im vollen Bewusstsein +seiner Schuldlosigkeit, und der guenstige Eindruck, den seine klaren und +bestimmten Angaben, die sich in keinem Punkt widersprachen, auf den +Richter und den Amtsverwalter machten, war unverkennbar. + +Schon begann die Hoffnung in ihm aufzuleben, dass das Alles sich als ein +Missverstaendniss herausstellen werde, da legte der Untersuchungsrichter +ihm aus den beim Amte gefuehrten Acten eine Reihe von Briefen vor mit der +Frage, ob er die Handschrift kenne, und ob diese an ihn adressirten +Briefe unter ihren scheinbar unverfaenglichen Worten einen andern Sinn +verbaergen. + +Der Richter sprach dabei zugleich nochmal die Ermahnung aus, durch ein +offenes Gestaendniss eine mildere Beurtheilung seiner Handlungen zu +ermoeglichen, zu denen eine irre geleitete Anhaenglichkeit an die fruehere +Regierung seines Landes ihn bestimmt haben moechte. + +Der junge Cappei trat ruhig und unbefangen an den Tisch heran, um die +ihm vorgelegten Papiere naeher zu betrachten und vielleicht durch +dieselben einen Anhalt zur Aufklaerung des Missverstaendnisses zu gewinnen. + +Kaum hatte er indess einen Blick auf die Briefe geworfen, als eine +schnelle fliegende Roethe auf seinem Gesicht erschien. Seine kraeftige +Gestalt zitterte und bebte, und wie zusammenbrechend stuetzte er sich mit +beiden Haenden auf den Tisch, waehrend seine gross geoeffneten Augen mit dem +starren Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens auf den Papieren +hafteten. + +Er erkannte Luisens Handschrift, und als er sich so weit gesammelt +hatte, um die im ersten Augenblick vor seinen Augen hin und her +schwirrenden Buchstaben festhalten zu koennen, las er, in fliegender Hast +die Blaetter umwendend, immer dringendere, immer sehnsuchtsvollere Bitten +um Nachricht, Besorgnisse, dass er krank sein moege, und voll Schmerz und +Verzweiflung sah er zwischen den Zeilen dieses Briefes das Bild seiner +Geliebten erscheinen, welche in gleicher Ungewissheit und Bangigkeit wie +er, gewartet und immer wieder gewartet und vergebens um Antwort und +Nachricht gefleht hatte. + +Ein daemonischer Einfluss hatte hier die Hand im Spiele gehabt, ein wohl +durchdachter Plan voll Hinterlist und Bosheit hatte sich zwischen diese +beiden liebenden Herzen gestellt, um nicht nur ihre aeussere Verbindung zu +unterbrechen, sondern sie auch mit Misstrauen gegen einander zu erfuellen +und ihre Liebe zu zerstoeren. + +Als er die Briefe saemmtlich durchflogen hatte, wurde ihm Alles +klar;--wie er schon beim ersten Verhoer geglaubt hatte in dem ihm damals +vorgelegten an ihn gerichteten compromittirenden Brief die Hand des +Herrn Vergier zu erkennen, so wurde ihm jetzt vollkommen deutlich, dass +dieser und kein anderer der Urheber dieses Werkes finsterer Heimtuecke +sei. Und eine wilde, wuethende Verzweiflung, ein brennender Durst nach +Rache bemaechtigte sich seines ganzen Wesens. + +Schweigend starrte er fortwaehrend auf die vor ihm liegenden Briefe, als +sei ploetzlich ein drohendes Gespenst vor ihm aufgestiegen, dessen kalte +Hand sich todtbringend nach seinem Herzen ausstreckte. + +Betroffen blickte ihn der Untersuchungsrichter an. Der ganze bisherige +Verlauf des Verhoers hatte einen guenstigen Eindruck fuer den jungen Mann +in ihm hervorgebracht, dessen ploetzliche, so sichtbar tiefe Bestuerzung +jedoch schien jenen Eindruck wieder zu verwischen. + +"Kennen Sie diese Briefe?" fragte er mit strengem Ton. + +Der junge Cappei fuhr bei dieser Frage, die ihn aus seiner Betaeubung +aufschreckte, empor und erwiderte, indem seine Stimme vor maechtiger +innerer Erregung zitterte: + +"Ja, ich kenne sie, sie sind an mich gerichtet,--es sind Briefe meiner +Braut, sie haben mir die Augen geoeffnet ueber den ganzen heillosen Plan, +welchen eifersuechtiger Hass gesponnen, um uns von einander zu reissen. +Diese Briefe haben keinen verborgenen Sinn, sie bedeuten nur das, was +mit klaren Worten in ihnen geschrieben steht. Oh, mein Gott," rief er, +den brennenden Blick aufwaerts richtend, "wie ist es moeglich, dass so viel +Schlechtigkeit auf Erden wohnen kann." + +"Sie behaupten also," fuhr der Untersuchungsrichter fort, "dass dies +wirklich Briefe eines jungen Maedchens sind, und dass dieselben keine +Bedeutung haben?--Ich muss Ihnen sagen," fuegte er hinzu, "dass Ihre so +heftige und sichtbare Bestuerzung beim Anblick dieser Papiere nicht zu +Ihren Gunsten spricht, um so weniger als unmittelbar nach Ihrer Ankunft +ein Schreiben an Sie hierher gekommen ist, in welchem Ihnen die +muendliche Verabredung in's Gedaechtniss zurueckgerufen wird, die +Nachrichten, welche man von Ihnen erwartet und die Fragen, welche man an +Sie stellen wuerde, in die Form von einfachen Liebesbriefen zu kleiden." + +"Welch ein Abgrund,--welch ein Abgrund," rief der junge Cappei +verzweiflungsvoll. "Und kann ich jenen Brief sehen?" fragte er dann. + +Der Untersuchungsrichter nahm ein Papier und legte es ihm vor. + +"Ja, ja," rief Cappei heftig auffahrend, "es ist dieselbe Handschrift. +Es ist die Handschrift jenes Elenden, der mich um mein Glueck betruegen +will, der es gewagt hat, mich in Frankreich als preussischen Spion zu +verdaechtigen, und der nun durch seine teuflischen Kuenste mich hier als +Verschwoerer verfolgen laesst. Ich schwoere Ihnen, meine Herren, das Alles +ist schaendlicher Betrug, ich bin das Opfer der Hinterlist eines +Todfeindes, der mich verderben will. Ich bitte Sie um Gottes Willen, +lassen Sie mich einmal hier in Ihrer Gegenwart einen Brief an meine +Braut schreiben. Sie werden die Antwort sehen, Sie werden sehen, dass +nichts Geheimnissvolles, nichts Verfaengliches dahinter steckt--" + +"Die Antwort wuerde vielleicht ebenso unverfaenglich sein, als diese +Briefe es saemmtlich zu sein scheinen," sagte der Untersuchungsrichter +den Kopf schuettelnd. "Ich will zu Ihrem Besten hoffen, junger Mann, dass +Ihre Angaben die Wahrheit seien, indessen kann ich Ihnen nicht +verbergen, dass das Alles sehr unwahrscheinlich scheint,--ich will fuer +heute das Verhoer schliessen, um Ihnen Zeit zu lassen, wenn Sie etwas +auszusagen haben, durch ein umfassendes und aufrichtiges Gestaendniss Ihre +Lage zu erleichtern." + +"Darf ich nicht," fragte der junge Mann im Ton dringendster Bitte, "darf +ich nicht zwei Worte nur an meine Braut schreiben?" + +"Es wuerde zu nichts fuehren," sagte der Untersuchungsrichter, "denn eine +gleichgueltige Antwort wuerde noch nichts zu Ihren Gunsten beweisen,--wenn +diese Briefe wirklich nur der Deckmantel einer geheimen Correspondenz +sind, so wuerde ohne den Schluessel derselben, ohne Kenntniss der +chemischen Mittel," fuhr er fort, den Blick scharf auf den jungen Mann +richtend, "durch welche etwa andere geheime Schriftzeichen auf dem +Papier sichtbar werden, noch immer keine Klarheit in die Sache kommen. +Ich wuensche nochmals," sprach er dann, "dass Ihre Schuldlosigkeit an den +Tag kommen moege, denn ich habe hier ueber Sie und Ihre Familie nur Gutes +gehoert. Wenn Sie jetzt unter dem auf Ihren Schultern ruhenden Verdacht +bleiben muessen, so trifft die Schuld zunaechst davon Diejenigen, welche +nicht aufhoeren durch fortwaehrende Agitationen das Land zu beunruhigen, +und welche uns dadurch zwingen, mit den schaerfsten Mitteln den +verborgenen Faeden nachzuspueren, durch die jene Agitation geleitet +wird." + +In dumpfem Schweigen liess sich der junge Mann nach seiner Gefaengnisszelle +zurueckfuehren. Es war eine Art von Ermattung ueber ihn gekommen, der +vernichtende Erfolg, welchen die vor seinen Augen jetzt klar liegende, +gegen ihn gespielte Intrigue gehabt, beraubte ihn fast des Glaubens an +die ewige Gerechtigkeit, und in stumpfer Resignation brachte er die dem +Verhoer folgenden Tage zu, ohne sich von seinem Lager zu erheben, nur die +nothwendigsten Nahrungsmittel zu sich nehmend. Im Schmerz um sein +zerstoertes Liebesglueck, um alle seine gebrochenen Lebenshoffnungen, +versank er in eine Art von dumpfer Lethargie, aus welcher nur die +brennende Sehnsucht emporflammte, sich an demjenigen zu raechen, dessen +Hand aus feiger Verborgenheit heraus ihn so toedtlich getroffen hatte. + + * * * * * + +Kaum hatte er die Tage gezaehlt, welche in diesem Zustande an ihm +voruebergegangen waren, seine ewig auf ein und denselben Punkt +gerichteten Gedanken erfuellten sein Gehirn und sein Blut mit Fieber, +seine Kraefte begannen sich zu erschoepfen,--zuweilen dachte er fast mit +Wonne daran, dass eine toedliche Krankheit ihn ergreifen und seinen Leiden +ein Ende machen koennte. Dann wieder versuchte er mit aller +Willenskraft, sich aufrecht zu erhalten, um das Ziel seines Lebens, die +Rache, nicht zu verlieren. + +Da trat eines Morgens der Amtsdiener in sein Zimmer und forderte ihn +auf, ihn zum Amtsverwalter zu begleiten. + +Cappei sprang auf, ein leiser Hoffnungsschimmer erfuellte ihn, vielleicht +war es doch moeglich, dass man von seiner Unschuld sich ueberzeugt, +jedenfalls konnte ihm ein neues Verhoer Gelegenheit geben, die gegen ihn +erhobenen Anklagen zu entkraeften, und muehsam zwang er sich, seinen +schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das +Bureauzimmer folgte. + +Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in +kurzer Zeit in entsetzlicher Weise veraendert hatte. + +Seine Augen blickten hohl und truebe, seine Wangen waren eingefallen, +sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet +ueber die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und +unwillkuerlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels. + +"Setzen Sie sich," sagte der Amtmann freundlich. "Sie sind angegriffen. +Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu koennen, denn +ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben." + +Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er +ausgehalten, hatten ihn fast unfaehig gemacht, das Gefuehl der Hoffnung zu +empfinden. + +"Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen," sagte der Beamte ernst, "in +wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften +Uebermuth seiner Erbfeinde zurueckweisen. Beim Beginn dieses grossen +nationalen Kampfes hat Seine Majestaet der Koenig eine allgemeine Amnestie +fuer politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklaerung gegen +Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die +Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei." + +Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete +sich kraeftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er: + +"Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, dass ich an Deiner Gerechtigkeit +gezweifelt habe. Es war ja unmoeglich, dass das Werk finsterer Bosheit +triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurueckkehren, ich +darf--" + +"Sie sind frei und ausser aller Verfolgung," sagte der Beamte, "aber Sie +stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine +Einberufungsordre fuer Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in +Hannover zu stellen, um dem Regiment, fuer welches Sie bestimmt sind, +zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit," fuhr er mit einem forschenden +Blick auf den jungen Mann fort, "diese Pflicht zu erfuellen?" + +"Bereit?" rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, "bereit? +Oh, Herr Amtmann," fuhr er fort, den Arm erhebend, "geben Sie mir eine +Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land, +dessen Erde den Elenden traegt, der mich verderben wollte, und der das +Glueck und die Hoffnung meines Lebens zerstoert hat--er wird auch dort +nicht muessig gewesen sein," fuegte er mit bitterm Lachen hinzu, "und +nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem +leidenden Herzen sich als troestender Freund genaehert haben--aber die +raechende Gerechtigkeit wird mich fuehren, dass ich auf den Wegen dieses +Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will, +vielleicht noch seine Plaene zu durchkreuzen." + +"Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gemaess zu stellen und den +Fahneneid zu leisten, den man natuerlich nochmals von Ihnen verlangen +wird, da Sie frueher dem Koenige von Hannover geschworen haben." + +"Ich bin bereit," sagte Cappei. + +"Sie duerfen nicht vergessen," fuhr der Beamte ernst fort, "dass wenn Sie +den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer +Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion +begehen wuerden, welches im gegenwaertigen Kriegszustande unfehlbar die +Todesstrafe nach sich zieht." + +"Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann," rief Cappei, "ich werde mich +puenktlich stellen, und ich wuensche nur, dass mein Regiment das erste sei, +welches die franzoesischen Grenzen ueberschreitet. Darf ich vorher meine +Mutter und meinen Oheim besuchen?" fragte er dann. + +"Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen," sagte der Beamte, +"vorausgesetzt, dass Sie sich puenktlich zur rechten Zeit zur Einstellung +melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, dass Ihre Angelegenheit dies Ende +genommen hat, und ich wuensche, dass Sie gesund und wohl behalten aus dem +Kriege zurueckkehren moegen." + +Er neigte freundlich den Kopf. + +Cappei gruesste in militairischer Haltung und verliess kraeftigen und festen +Schrittes das Zimmer. + +Gross war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims, +wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekuemmerniss geherrscht hatte. + +Gross aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, dass sie +ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren +und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren +Krieges. + +Ernst und feierlich sassen die drei Menschen bei dem letzten Wahl +zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich fuer den Scheidenden +aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen beruehrte. + +Mit thraenenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so +schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und +Gefangenschaft ihn getroffen, um noch groesseren Gefahren +entgegenzugehen--finster sass der alte Niemeyer da. + +Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach +Frankreich hinausziehen, als dass dieser sich eine Heimath gesucht haette +in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den +Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes +seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief. + +Doch endlich troestete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles +zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten +markigen Niedersachsen so fest und unerschuetterlich lebt und auch in den +schwersten Pruefungen ihren Muth aufrecht erhaelt. + +"Gott erhalte Dich, mein Junge," sagte er einfach, indem er kraeftig die +Hand des Scheidenden schuettelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte, +so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den goettlichen +Willen in diesen Worten wieder. + +Die Mutter hatte den Raenzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und +Branntwein gefuellt, der Oheim fuegte eine mit harten Thalern +wohlgespickte Boerse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor +der alten Frau nieder. + +"Segne mich, meine Mutter," sagte er leise. + +Die Alte legte ihre zitternden Haende auf das Haupt des Sohnes und +bewegte ihre Lippen, ohne dass laute Worte aus denselben hervordrangen, +aber die Thraenen, welche voll und heiss in diesem letzten Augenblick des +Scheidens aus ihren Augen stroemten, fielen ueber das Haar des jungen +Mannes herab. Er fuehlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und +heilige Ruehrung durchzitterte sein Herz,--er empfand all' den reichen +Segen, all' die heissen Gebete, all' die frommen Wuensche, welche die +Abschiedsthraene aus dem Mutterauge in sich schliesst. + +Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und kraeftig ueber den Hof +hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten +niedersaechsischen Glauben, der an einen letzten Rueckblick auf das +heimathliche Haus eine frohe und glueckliche Heimkehr knuepft. + +Bald hatte er die naechste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine +Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken fuehrte +ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und +Gefahr entgegen, waehrend in seinem Herzen alle anderen Gefuehle +zuruecktraten vor der gluehenden Sehnsucht, Rache zu nehmen fuer die +Frevelthat an seiner Liebe. + + + + +Dreizehntes Capitel. + + +Ein buntes und laermendes Treiben herrschte in den Strassen und der +Umgebung von Metz. Die Waelle der alten Festungsstadt waren von den +weissen Zelten des Lagers der franzoesischen Armee umgeben und Truppen +aller Waffengattungen durchzogen die Strassen der Stadt und des Lagers. + +Man sah die riesigen Cuerassiere ernst und ruhig einherschreiten,--man +sah die bunten afrikanischen Truppen,--die leichtfuessigen Voltigeurs und +Jaeger und all' dies Leben war von froehlicher Heiterkeit und +Siegeszuversicht getragen,--die Truppen im Lager sangen, tranken und +spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit +Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, ueberzeugt, dass es nur eines +Vorstosses dieser beruehmten franzoesischen Armee beduerfe, um siegreich und +unueberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen. + +Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte +mit dem kaiserlichen Prinzen in der Praefectur Wohnung genommen. Vor dem +Praefecturgebaeude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die +glaenzende Generalitaet mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und +Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines +militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein. + +Inmitten all' dieses Laerms und all' dieses Glanzes sass der Kaiser in der +Generalscampagneuniform truebe und niederschlagen in seinem Zimmer, +dessen Fenster durch dichte Vorhaenge beschattet waren, um die heissen +Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der +Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit +einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder. + +Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte, +und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht +erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkuerlichen Griff hatten +die Haende des Kaisers das Papier zerknittert. + +"Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee," sagte er, "welch ein +Chaos unter dieser glaenzenden Aussenseite--oh, warum habe ich nicht +vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und +unerbittlich vor meinem Blick oeffnet,--jetzt wo keine Umkehr, kein +Einhalt des Verhaengnisses mehr moeglich ist. Ich habe eine Verstaendigung +im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen +von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenueberstehenden +Armeen das drohende Unheil beschwoeren zu koennen und die Concessionen zu +erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man +ist dort entschlossen, das Aeusserste zu wagen. Diese Veroeffentlichung des +Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an +die Maechte, das Alles beweist mir, dass alle Bruecken abgebrochen sind, +und dass das furchtbare Verhaengniss des Krieges seinen Weg gehen muss. Und +welche Hoffnungen bleiben mir," sprach er mit dumpfer Stimme, "mir, der +ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der +Hand halte." + +Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin. + +Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon, +welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz +trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen +Tenue trat seine Aehnlichkeit mit dem grossen Kaiser noch mehr als sonst +hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug +von Carricatur hatte durch die weit staerkere Corpulenz des Prinzen, +durch seine unruhige Haltung und durch die nervoesen zuckenden Bewegungen +seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesroethe +bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den +Kaiser hin und die dunklen Augen gross auf seinen wie gebrochen da +sitzenden Vetter richtend, rief er, hastig die Worte hervorstossend: + +"Weisst Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?" + +Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust. + +"Ich habe," fuhr der Prinz fort, "schon als ich von den Haiden Norwegens +nach Paris zurueckkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen +Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich ueber dieses Abenteuer +denke--das gefaehrlichste und verhaengnissvollste, welches Du seit Deiner +Regierung unternommen,--was ich jetzt aber hier taeglich, stuendlich sehe +und erfahre, das uebersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als +moeglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne +Organisation, ohne Fuehrung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder +dieser Soldaten fuer sich den alten Paladinen Karl's des Grossen an +Tapferkeit gleichkaeme, so ist es unmoeglich, dass sie etwas ausrichten +koennen gegen die Tactik und die Ordnung des preussischen Generalstabes. +Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf muss ein Interesse haben, +Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche +Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklaeren." + +Der Kaiser schwieg noch immer. + +"Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?" + +"Der Frieden jetzt," sagte der Kaiser, "kaeme der Streichung des +franzoesischen Namens aus der Reihe der Grossmaechte, kaeme der Abdankung +unserer Dynastie gleich," fuegte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu. + +"Was aber denkst Du zu thun," rief der Prinz, "willst Du Dich, willst Du +uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschliessen, +an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der +Ostsee zu uebergeben. Ich bitte Dich, uebertrage mir das Commando der +Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche +Streitkraefte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem +ueberwaeltigenden Angriff zu schuetzen." + +"Ich darf Russland nicht verletzen," sagte der Kaiser, wie zoegernd, +"auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des +preussischen Handels ausgesprochen--" + +"Willst Du nach Russland fragen," rief der Prinz, zornig mit dem Fuss auf +den Boden stossend, "nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die +Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres +Hauses?" + +"Der Marschall Leboeuf," meldete die dienstthuende Ordonnanz. + +"Dein boeser Genius," sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster +hin, ohne den Gruss des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit +ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen +Stimme sagte: + +"Die Regimenter, welche Eure Majestaet heute zu mustern befahl, stehen an +dem Eingang der Strasse nach Thionville bereit, wenn Eure Majestaet die +Gnade haben wollen, hinauszureiten." + +"Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die +Feldzugsplaene besichtigen, als diese armen ungluecklichen Truppen, die +verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlaessigung, in +Augenschein zu nehmen," rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend. + +Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen +grossen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an. + +"Das Alles ist von mir geordnet," sprach er, "und der Kriegsplan +sichert, wie ich glaube, so gut als das moeglich ist, den Erfolg." + +"Der Kriegsplan," rief der Prinz, "das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr +Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie +von Strassburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon +auszustreuen, so dass sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig +unterstuetzen koennen. Der Vorstoss der preussischen Armee wird das Alles +aufrollen und zerbroeckeln, ehe man ueberhaupt noch zum Nachdenken +gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird +vergebens sein. Wenn der Krieg," fuhr er immer heftiger fort, "in dem +Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit +vierzehn Tagen erklaert ist, so verstehe ich nicht, dass waehrend die +deutsche Armee in erdrueckenden Massen auf uns losrueckt, man da nicht ein +einziges Corps mit dem Noethigen versehen, vollstaendig hat hinstellen +koennen." + +Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die +zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem +Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton: + +"Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so +eben aus Paris erhalten habe." + +Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las: + +"General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris. + +Morgen werden wir kaum fuenfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu +halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise +entbloesst. Die Preussen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes." + +"Lesen Sie weiter," sprach der Kaiser, waehrend der Prinz Napoleon die +Haende zusammenschlug. + +Der Marschall Leboeuf las: + +"Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in +Paris. + +Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch +Ausruestungsgegenstaende. Alles ist vollstaendig entbloesst." + +"Weiter," sprach der Kaiser kalt und kurz. + +Der Marschall las die folgende Depesche: + +"Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert +tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration." + +"Immer weiter," sagte der Kaiser. + +Der Marschall fuhr fort, die naechste Depesche ergreifend. + +"Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Ich habe weder Kochtoepfe, noch Naepfe, die Kranken sind von Allem +entbloesst. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe." + +"Endlich die letzte," sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine +Depesche reichte, die er noch zurueckbehalten hatte. + +Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmaessigen Ton: + +"General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris. + +Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral +nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich weiss nicht, wo meine Regimenter +sind." + +Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran. + +"Dieser General," rief er, "welcher im Angesicht des Feindes seine +Armee sucht, das ist das Schlusswort aller dieser Laecherlichkeit, einer +Laecherlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragoedie in sich +schliesst, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein +wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hoeren, ich verlasse die Stadt +und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich laenger in diesem Hauptquartier +bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen." + +Und ohne ein Wort zu sagen, stuermte er hinaus. + +"Sire," sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, "solche kleine +Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine grosse Armee sich +zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen." + +"Ich glaube nicht, Herr Marschall," sagte der Kaiser kalt, "dass aehnliche +Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wuensche, dass +dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein moegen. Sie werden +Ihre ganze Thaetigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe,--denn, +Herr Marschall, die Verantwortung fuer die Folgen solcher Unordnungen +wird eine grosse und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte +lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen." + +Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, dass er kein +Wort weiter zu hoeren wuensche, wandte er sich von dem ganz erstaunt +dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thuer naeherte, oeffnete sich +dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche +Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein. + +Er hielt einen Brief in der Hand, kuesste schnell seines Vaters Hand und +rief mit froehlichem Tone: + +"Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und +voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stueck +vierblaettrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir +Glueck bringen werden. Ich werde die Blaetter in ein Medaillon fassen +lassen und stets bei mir tragen." + +Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden +vierblaettrigen Kleeblaetter ganz stolz dem Kaiser entgegen. + +Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und +schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn +an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drueckte seine Lippen auf +die reine Stirn und sagte: + +"Ich will zu den Truppen hinausreiten, Du sollst mich begleiten." + +Der Prinz steckte die Enveloppe mit den Kleeblaettern, ganz ueberrascht, +dass sein Vater dieselben so wenig beachtete, in seine Uniform und ging +mit dem Kaiser hinaus. + +Der Marschall Leboeuf folgte ihnen. Man stieg zu Pferde. + +An der Spitze seines glaenzenden Generalstabes ritt der Kaiser hinaus +durch die belebten Strassen der Stadt nach dem Felde. + +Auf der Strasse von Thionville, wo zwei Brigaden der Garde aufgestellt +waren, begruessten diese praechtigen Elitetruppen in ihrer musterhaften +Haltung den Kaiser mit jubelnden Hochrufen, in welche die in dichten +Massen umherstehenden einzelnen Soldaten laut und begeistert mit +einstimmten. Aber das Gesicht Napoleons erhellte sich nicht beim Anblick +dieser herrlichen Regimenter. Schweigend ritt er die Front ab, +schweigend liess er die Truppen an sich vorbei defiliren und immer +schweigend wandte er nach kurzem Gruss, den Hut erhebend, sein Pferd, um +nach der Stadt zurueckzureiten. + +Noch einmal brauste das vive l'empereur donnernd durch das Lager hin, +die Strahlen der Sonne funkelten auf allen diesen Waffenspitzen, auf +allen diesen Gold schimmernden Uniformen des Generalstabes, an dessen +Spitze der Kaiser gebeugt auf seinem Pferde sitzend, im langsamen +Schritt nach der Stadt zurueckritt, waehrend der kaiserliche Prinz +ungeduldig sein Pferd zuegelte, um an der Seite seines Vaters zu bleiben. + +Ueberall gruessten erneute Hochrufe und die Klaenge der Musikkorps, welche +partant pour la Syrie und die Marseillaise spielten. + +Der Kaiser schien von Allem dem nichts zu hoeren und zu sehen. +Ausdruckslos starrten seine Augen in's Leere und leise die Lippen +bewegend, sprach er: + + "Ave, Caesar, morituri te salutant!" + + + + +Ende des dritten Bandes. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen, Dritter +Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUss DER LEGIONEN, *** + +***** This file should be named 13659.txt or 13659.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/5/13659/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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