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diff --git a/13658-0.txt b/13658-0.txt new file mode 100644 index 0000000..4424d2a --- /dev/null +++ b/13658-0.txt @@ -0,0 +1,6888 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13658 *** + +Der Todesgruß der Legionen + + + +Zeit-Roman + +von + +Gregor Samarow. + + + +Zweiter Band. + + + + +Berlin, 1874. + +Druck und Verlag von Otto Janke. + + + + +Erstes Capitel. + + +An demselben Abend befanden sich in dem Gartensalon des Hotels in der +Rue Mansart, welches der Regierungsrath Meding, der Vertreter des Königs +von Hannover bewohnte, zwei Personen im ernsten Gespräch. + +Herr Meding saß in einem Lehnstuhl zur Seite des runden Tisches, über +dessen Mitte vom Plafond eine große Lampe mit breitem, flachem +Glasschirm herabhing, — ihm gegenüber lehnte in einer Chaiselongue, +welche neben dem hellen Feuer eines jener altfranzösischen großen Kamine +stand, der Graf von Chaudordy, der frühere Cabinetsrath unter Drouyn de +L'huys, welcher jetzt als Minister plenipotentiaire zur Disposition +gestellt war, sich aber stets im regen Verkehr mit der politischen Welt +befand und eine neue Verwendung in der Diplomatie erwartete. + +„Ich bedauere,“ sagte der Graf, „daß aus dem Project, Ihren emigrirten +Landsleuten eine Colonie in Algier zu gründen, Nichts werden soll. Man +hat sich hier allgemein so lebhaft dafür interessirt, und den armen +Leuten, welche nun doch einmal ihr Vaterland verloren haben, würde dort +Gelegenheit geboten worden sein, sich eine neue Existenz und vielleicht +einen werthvollen Besitz zu schaffen; wir aber hätten durch so fleißige +und tüchtige Colonisten für die öconomische Verwaltung Algiers viel +gewonnen.“ + +„Ich habe noch vor Kurzem,“ erwiderte Herr Meding, „mit dem Herrn Faré, +dem Director im Ministerium der Finanzen, unter dem die algerische +Verwaltung steht, und welcher lange Zeit die Civiladministration bei dem +Marschall Mac Mahon geführt, ausführlich gesprochen — auch der Marschall +selbst, mit dem ich darüber conferirte, war, obwohl er eigentlich der +civilen Colonisation Algeriens nicht besonders günstig ist, doch bereit, +Alles für meine Landsleute zu thun, wozu er auch vom Kaiser noch ganz +besonders aufgefordert ist, — die Leute selbst wollen sehr gern nach +Algerien, allein Seine Majestät hat dennoch das Project definitiv wieder +aufgegeben.“ + +„Ich begreife nicht warum,“ erwiderte der Graf von Chaudordy, „wenn der +König daran denkt, jemals wieder für sein Recht unter irgend welchen +Constellationen zu kämpfen, so muß er sich doch vor Allem diejenigen +Leute erhalten, welche im Stande sind, ihm den Kern einer Armee zu +bilden, die er dann durch weitere Emigranten oder durch Werbungen +ergänzen könnte.“ + +„Es scheint,“ erwiderte Herr Meding, „daß im Lande Hannover selbst sehr +falsche Ideen über das Colonisationsproject verbreitet worden sind und +daß der König in Rücksicht auf die allgemeine Abneigung, welche sich +dort gegen dasselbe kund giebt, davon wieder Abstand genommen hat. Ich +bedauere sehr,“ fuhr er fort, „daß man unter diesen Verhältnissen die +Sache überhaupt angeregt hat. Ich komme hier dem Kaiser und der +Regierung gegenüber in eine eigenthümliche Lage. Ich habe die +Verhandlungen in Folge der vielfachen dringenden Depeschen des Grafen +Platen so energisch als möglich betrieben und nun, nachdem alle +Verhältnisse schon fast geordnet waren, wird die Sache wieder aufgegeben +und zwar — wie Graf Platen angiebt — weil die Aufstellung einer +hannöverschen Armee auf dem algerischen Territorium nicht thunlich sei. +Ich verstehe eigentlich nicht, was man damit meint — doch gleichviel, die +Sache ist aufgegeben, die Emigration wird aufgelöst werden und damit +ist, wie ich glaube, die Sache des Königs und der Kampf für dieselbe +auch zu Ende. Denn wenn einmal Diejenigen, welche in jahrelangem Exil +dem König treu geblieben sind, in alle Welt zerstreut werden, so wird +das Volk in Hannover den Eindruck gewinnen, daß nunmehr der König die +neue Ordnung der Dinge anerkannt habe.“ + +„Es wäre vielleicht das Beste,“ erwiderte der Graf von Chaudordy, „wenn +der König dies einfach thäte, sich in den Besitz seines großen Vermögens +brächte und sich nach England zurückzöge, wo er ja immer eine große und +ehrenvolle Stellung behält. Ich habe Ihnen schon früher gesagt,“ fuhr er +fort, „daß ich wenig Chancen für den König zu sehen vermöchte, wenn es +ihm nicht gelingen könnte, in Deutschland selbst sich eine große und +mächtige Partei zu schaffen, welche in einem gegebenen Augenblick im +Stande wäre, eine ernste und nachdrückliche Bewegung für ihn zu +organisiren. Von Seiten der Cabinette wird Nichts für ihn geschehen; er +hätte sich müssen eine Stellung schaffen, daß im Fall einer großen +Katastrophe die Regierungen gezwungen gewesen wären, mit ihm zu +rechnen.“ + +„Das ist aber Alles leider nicht geschehen,“ sagte Herr Meding, „alle +Anläufe, die dazu genommen wurden, sind eben Anläufe geblieben und wie +das leider so oft an depossedirten Höfen der Fall ist, die ganze +Thätigkeit hat sich in kleine und kleinliche Intriguen ausgelöst. Ich +bin hier schon lange in einer mehr als peinlichen Situation, um so mehr +als Graf Platen — wie Sie ja wissen, den Grafen Breda hierher geschickt +hat, welcher als geheimer Agent des Königs figurirt, obwohl Seine +Majestät mir persönlich versichert hat, ihn gar nicht zu kennen, und +dessen eigenthümliche Thätigkeit die Sache des Königs mehr und mehr +discreditirt. Ich würde für meine Person nicht unzufrieden sein, wenn +diese ganze Unruhe ein Ende nehme und wenn nur für das ganze Welfenhaus +eine sichere und würdige Zukunft geschaffen werden könnte. Doch müßte +man sich in Hietzing klar werden, was man will — Eins oder das Andere, +entweder den Frieden oder einen so festen und energischen Krieg, daß man +gefürchtet bleibt und im gegebenen Augenblick die Macht des Handelns +behält. Es scheint aber, daß überall in der Welt heute der Entschluß und +die Thatkraft verschwindet. Denn ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß +ich auch hier bei Ihnen nicht mehr verstehen kann, wo man denn +eigentlich hinaus will und was man beabsichtigt.“ + +Der Graf Chaudordy seufzte. + +„In der That,“ sagte er, „häuft man hier Fehler auf Fehler. Ich +fürchte, daß sich das eines Tages bitter rächen wird; ich bin mit Herz +und Seele Franzose und bin dem Kaiser und dem Kaiserreich aufrichtig +ergeben, aber für die Dynastie sehe ich in der Art und Weise, wie man +hier die Geschäfte behandelt, wenig erfreuliche Aussichten für die +Zukunft. Unsere Fehler beginnen von 1866; nachdem sich der Kaiser damals +zu keinem Entschluß aufraffen konnte, mußte er dahin gedrängt werden, +größere Freiheiten zu geben. Er hat sich auch dazu nur langsam und fast +zu spät entschließen können, und da er diesen Entschluß so lange +hinausgeschoben hat, so wird er nun gezwungen werden endlich den Krieg +zu machen, welcher der größte Fehler sein wird.“ + +„Sie hätten also gewollt,“ fragte Herr Meding, „daß der Kaiser im Jahre +1866 entschieden für Oesterreich hätte Partei nehmen sollen?“ + +Der Graf Chaudordy blickte ihn groß an. + +„Nein,“ sagte er, „nicht für Oesterreich; ich habe Herrn von Bismarck +immer für sehr stark gehalten, ich habe Preußens Ueberlegenheit über +Oesterreich nie bezweifelt und Oesterreichs Niederlage vorher gesehen. +Nach meiner Ueberlegung hätte der Kaiser damals — und zwar vor dem +Kriege — eine feste und entschiedene Alliance mit Preußen machen müssen, +um aus derselben alle die Vortheile für Frankreich zu ziehen, welche das +siegreiche Preußen ihm nach dem Kriege nicht mehr gewährte. Auch heute +noch wäre es das einzig Richtige, um jeden Preis eine aufrichtige +Verständigung mit Preußen zu suchen — das ist die einzige Macht, mit +welcher wir eine nützliche und starke Alliance schließen können, und +wenn wir diese Alliance nicht schließen, so werden wir ihr und zwar in +kurzer Zeit in einem furchtbaren und gewaltigen Krieg isolirt +entgegentreten müssen.“ + +„Man rechnet aber doch,“ warf Herr Meding ein, „sehr erheblich auf +Oesterreich und Italien — Sie kennen gewiß die Negotiationen, welche in +diesem Augenblick im Gange sind, um einen Coalitionsvertrag mit den +beiden Mächten zu schließen. Wie man mir erzählt, soll die Sache sehr +weit gediehen sein und man verspricht sich hier sehr viel davon.“ + +„Das wird Alles zu Nichts führen,“ sagte der Graf von Chaudordy. „Auch +in dieser Richtung hin hat man einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt, +in Herrn von Beust, an dessen Erhebung zum Minister in Oesterreich der +Kaiser großen Antheil hat, einen entschiedenen Alliirten zu finden, — man +hat sich getäuscht und hätte dies sogleich erkennen sollen, als die +neue österreichische Regierung statt ihre ganze Kraft militairischen +Rüstungen zu widmen, sich mit Verfassungsfragen zu beschäftigen begann. +Wie ist es denn möglich, sich jetzt auf dieses Oesterreich zu stützen, +welches keine Armee und kein Geld hat und uns im entscheidenden +Augenblick um so mehr im Stich lassen wird, als die entscheidende +Leitung der dortigen Politik täglich mehr in die Hände Ungarns übergeht. + +„Der Kaiser erkennt das Alles sehr gut,“ fuhr er fort, „aber er ist +nicht mehr der er war und zwischen den verschiedensten, heterogensten +Entschlüssen hin- und herschwankend wird er endlich dahin gedrängt +werden, gänzlich isolirt und ohne alle Alliancen den Krieg zu machen, +der kaum mit einem entscheidenden Siege für Frankreich enden wird, und +der uns leicht in eine unendliche innere Verwirrung stürzen kann, auch +giebt man alle Gründe, um vernünftiger Weise dort den Krieg +vorzubereiten, aus der Hand. Man hat den Prager Frieden so lange +verletzen lassen, daß es fast lächerlich sein würde, heute noch +kategorisch dessen Erfüllung zu fordern. Jetzt läßt man die Bewegungen +in Baden und Süddeutschland wieder ohne Beachtung und Unterstützung, — es +wäre so leicht — und man hat uns darüber Mittheilungen gemacht, eine +Volksbewegung in Baden gegen den von der dortigen Regierung +projectirten Anschluß an Preußen zu erregen und dadurch die deutsche +Frage von Neuem zum Gegenstand der Aufmerksamkeit Europas zu machen. +Dann hätte Frankreich einen Interventionsgrund und eine ganz +vortreffliche Stellung der deutschen Nation gegenüber — läßt man die +Ereignisse weiter gehen, läßt man den Widerstand der süddeutschen +Volkspartei brechen oder ermatten, dann wird man sich demnächst nicht +mehr Preußen, sondern dem ganzen Deutschland gegenüber befinden, und das +wird für uns die schlimmste und gefährlichste Position sein, in der wir +uns befinden können. Es ist in der That ein Glück,“ sagte er lächelnd, +„in diesem Augenblick von der Politik fern zu sein.“ + +„Aber glauben Sie nicht,“ sagte Herr Meding, „daß Drouyn de L'huys, dem +ja der Kaiser schon mehrfach das Portefeuille angeboten hat, doch +endlich die Leitung der Angelegenheiten wieder übernehmen und größere +Festigkeit und Klarheit in die französische Politik bringen werde?“ + +Der Graf von Chaudordy schüttelte den Kopf. + +„Ich glaube nicht,“ sagte er, „daß Drouyn de L'huys sich jemals mit dem +Kaiser definitiv verständigen wird. Drouyn de L'huys will den Frieden +und der Kaiser kann sich nicht entschließen, weder ernsthaft den +Frieden zu begründen, noch ernsthaft den Krieg zu machen — er läßt sich +treiben und wird in den Krieg hineingedrängt werden, ohne es selbst zu +wollen. Für Ihren König und dessen Sache wird es jedenfalls das Beste +sein, wenn er einer solchen unklaren, verworrenen Katastrophe fern +bleibt, um so mehr, wenn er selbst sich nicht zu klaren Entschlüssen +erheben kann.“ + +Der Kammerdiener öffnete die Thür. + +Herr von Düring, Herr von Tschirschnitz und die übrigen hannöverschen +Officiere traten ein. Nach und nach kamen noch andere Herren, auch Herr +Hansen erschien. + +Das Gespräch wurde allgemein; man unterhielt sich über die +Tagesereignisse. + +„Wissen Sie, meine Herren,“ sagte Herr Hansen, „daß der Proceß des +Prinzen Pierre Bonaparte beginnen wird? Wie ich höre, sind alle Juristen +der Ansicht, daß der Prinz freigesprochen werden muß.“ + +„Ich wüßte kaum,“ sagte der Graf von Chaudordy, „wie man ihn +verurtheilen wollte. Wenn Jemand in seinem eigenen Zimmer insultirt und +angegriffen wird — und Herr Fonvielle hat ja einen geladenen Revolver bei +sich gehabt — so steht ihm doch unzweifelhaft das Recht zu, sich zu +vertheidigen. Ich liebe den Prinzen Peter nicht, er ist eine unruhige, +unberechenbare Natur und sein ganzes Leben, wie seine Person erregt +wenig Sympathie, aber in dieser Sache kann man ihm keinen Vorwurf +machen — doch ist das Alles sehr unangenehm für die Regierung — es ist, +als ob Alles zusammenkäme, um die Stellung des Kaisers zu erschweren. +Solche Processe mit oder ohne Schuld der Regierenden finden sich in der +Geschichte immer vor großen Katastrophen.“ + +„Der arme Victor Noir thut mir leid,“ sagte Herr Meding, „ich habe ihn +gekannt, er war Redacteur an der ‚Situation‘ und Herr Grenier hat ihn +mir zuweilen geschickt, um mir Mittheilungen zu machen. Ich habe immer +eine Sympathie für ihn gehabt, er war eine gute kindliche Natur von +harmloser Naivetät, man hat ihn zu dieser Demonstration gemißbraucht, +und er ist das Opfer derselben geworden. Wie sieht es bei Ihnen aus,“ +fragte er, sich an einen jungen eleganten Herrn mit blassem Gesicht, +schwarzem Haar und zierlichem kleinem Schnurrbart wendend, welcher so +eben eingetreten war, „haben Sie bald einen König gefunden, oder glauben +Sie es auf die Dauer mit der Republik versuchen zu können?“ + +„Spanien erträgt dauernd kaum eine Republik,“ erwiderte Herr Angel de +Miranda, der frühere Kammerherr der Königin Isabella, welcher +gegenwärtig in Paris lebte und dort eine, zwar private, aber eifrige +Thätigkeit für die provisorische Regierung Spaniens entwickelte. „Es hat +viel dazu gehört, um die alte Monarchie zu zerstören, wir werden aber,“ +fuhr er mit geheimnißvoller Miene fort, „wie ich glaube, in nicht langer +Zeit einen König finden und damit wird diese Revolution endlich zum +Abschluß gelangen.“ + +„Ich wünsche Ihnen das von Herzen,“ sagte Graf Chaudordy. „Für das ganze +westliche Europa sind diese unsichern Zustände in Spanien vom +schädlichsten Einfluß. Sie müssen übrigens,“ sagte er lächelnd, „eine +kleine Neugier verzeihen, es interessirt mich in hohem Grade, wohin Sie +die Blicke wohl gewendet haben könnten, um einen Herrscher für Ihr Land +zu finden, — Sie haben da den Herzog von Montpensier, Sie haben den +Prinzen von Asturien, Sie haben den Grafen von Montemolin, und wer weiß, +ob nicht vielleicht der Marschall Prim, der schon einmal von einem +kaiserlichen Diadem von Mexiko träumte, auch jetzt wieder daran denkt, +die Gewalt fest zu halten, welche er ja durch die Armee bereits +vorzugsweise sich zu eigen gemacht hat.“ + +Angel de Miranda zuckte die Achseln. + +„Ich glaube kaum, daß Prim ähnliche Gedanken hegen könnte, er ist klug +und weiß sehr gut, daß, wenn er vielleicht eine Zeit lang Dictator sein +könnte, er doch niemals und zwar weder von der spanischen Grandezza, +noch vom Volk als König acceptirt werden könnte. Ich glaube viel eher, +daß er eine Zeit daran gedacht hat und vielleicht auch noch ein wenig +daran denkt, den Prinzen von Asturien möglich zu machen, um dann an der +Spitze einer Regentschaft als Majordomus die Macht in Händen zu +behalten. Doch das Alles ist unpractisch, wir können in Spanien keinen +König von den verschiedenen Bourbonenlinien gebrauchen, die Anhänger des +Einen würden sich niemals den Anhängern des Andern unterwerfen wollen, +das würde zu ewigen Bewegungen und Unruhen führen. Die einzige +Möglichkeit dauernden innern Friedens liegt darin, einen fremden Fürsten +zu finden, der dem Volk sympathisch ist —“ + +„Und der vielleicht,“ fiel Herr Meding lächelnd ein, „irgend wie mit dem +iberischen Einheitsgedanken in Verbindung stünde.“ + +Betroffen blickte Angel de Miranda auf. + +„Dieser Gedanke,“ erwiderte er nach einem kurzen Stillschweigen, „ist +heute wohl noch nicht reif. Doch liegt allerdings in ihm nach meiner +Ueberzeugung die Zukunft der pyrenäischen Halbinsel.“ + +Er trat zu einer andern Gruppe — nach einiger Zeit zog sich der Graf +Chaudordy zurück, und nach einer Stunde leerte sich der Salon von den +Besuchenden — nur die hannöverschen Officiere blieben zurück. + +„Nun, meine Herren,“ fragte der Regierungsrath Meding, „haben Sie +Nachrichten, wie Ihre Vorstellungen in Hietzing aufgenommen worden sind, +und haben Sie irgend welche Beschlüsse gefaßt über die Schritte, welche +Sie demnächst thun wollen?“ + +„Wir haben noch Nichts von Hietzing gehört,“ erwiderte Herr von +Tschirschnitz. „Ich kann nicht zweifeln,“ fuhr er fort, „daß der König +unsere Vorstellung ernstlich erwägen und berücksichtigen werde. Ich +wenigstens bin fest entschlossen, bis auf den letzten Augenblick Alles +aufzubieten, um das Schicksal der armen Emigrirten zu erleichtern und +sie von völliger Isolirung im fremden Lande zu retten. Ich verstehe auch +durchaus nicht, wie es möglich sein sollte, uns das zu verbieten. Die +Mißverständnisse, welche da vorliegen, müssen sich ja aufklären.“ + +„Man muß es hoffen,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „doch bin ich +dessen nicht ganz gewiß, denn seit einiger Zeit scheinen sich um den +König her lauter Mißverständnisse zu lagern. Sie erinnern sich, daß +Herr von Münchhausen bei der Conferenz über das algerische +Colonisationsproject, zu welcher er hierher gesendet wurde, +Instructionen bei sich führte, welche, wie er sich selbst überzeugte, +denjenigen, die mir ertheilt waren, vollständig widersprachen.“ + +Rasch wurde die Thür geöffnet, der Lieutenant von Mengersen, ein großer, +schlanker, junger Mann und der Lieutenant Heyse, eine ernste ruhige +Erscheinung, traten ein. + +„Nun,“ rief Herr von Düring lebhaft, „Ihr seid wieder zurück? Was bringt +Ihr? Hat sich Alles aufgeklärt?“ + +„Nichts hat sich aufgeklärt,“ erwiderte Herr von Mengersen mit zornig +bewegter Stimme, „der König hat uns gar nicht angenommen und uns den +Befehl geschickt, auf der Stelle wieder zurückzureisen.“ + +„Unglaublich,“ rief Herr von Düring. + +„Aber wahr,“ rief der Lieutenant Heyse im traurigen Ton, „es scheint, +daß man eine vollständige chinesische Mauer um den König gezogen hat und +daß Nichts, was von uns kommt, zu ihm dringen kann. Dagegen hat er den +Feldwebel Stürmann gehört.“ + +„Den Feldwebel Stürmann,“ rief Herr von Tschirschnitz, „und uns, seinen +Officieren, verweigert er das Gehör! Das ist doch ein Affront für uns +Alle, wie er stärker und kränkender nicht gedacht werden kann.“ + +„Graf Platen ist am Tage vorher,“ sagte Herr von Mengersen, „bei +Stürmann in seinem Gasthause in der Stadt gewesen und hat sehr lange mit +ihm gesprochen, am andern Tage ist er dann nach Hietzing zum König +gebracht worden.“ + +„Und habt Ihr nicht gehört, was nun weiter geschehen soll,“ sagte Herr +von Düring. + +„Mit uns zu gleicher Zeit,“ sagte der Lieutenant Heyse, „ist der Major +von Adelebsen hierher abgereist, um das Commando zu übernehmen und die +Legion aufzulösen. Es kommt nun darauf an, daß wir uns entschließen, was +wir thun wollen für uns und für die Leute, denn auf Gehör beim König +haben wir nicht mehr zu rechnen.“ + +„Wir müssen uns fest verbinden,“ rief Herr von Tschirschnitz, „um Alles +aufzubieten, damit die armen Emigranten noch einen Anhaltspunkt erhalten +und nicht vereinsamt ihrem Schicksal überlassen bleiben. Ich hoffe, Sie +werden uns darin unterstützen,“ sprach er zu dem Regierungsrath Meding +gewendet. + +„Ich bedauere auf das Tiefste die Wendung, welche diese Sache genommen,“ +erwiderte dieser, „und die Unmöglichkeit mit irgend welchen +Vorstellungen bis an Seine Majestät zu dringen, — ich bin aber hier als +Vertreter des Königs und muß, so lange ich auf meinem Posten bin, jeden +Befehl, den Seine Majestät mir ertheilen wird, ausführen; und ich rathe +auch Ihnen, meine Herren, dringend, keinen Widerstand gegen die +Ausführung der Befehle Seiner Majestät zu leisten, doch können Sie auf +das Festeste auf meine Unterstützung dafür rechnen, daß den Emigranten +nach Auflösung des Verbandes die Möglichkeit geboten werde, sich zu +gegenseitiger Unterstützung zu vereinen und Unterkommen und Arbeit zu +finden. Ich habe bereits in dieser Beziehung mit verschiedenen +einflußreichen Personen Rücksprache genommen und mich ihrer Geneigtheit +versichert, zu einem Comité de Patronage für die Emigrirten zusammen zu +treten. Der Baron Thénard, welcher großen Einfluß in den Kreisen der +Grundbesitzer hat und selbst ausgedehnte Güter besitzt, hat mir bereits +zugesagt, mit in dieses Comité einzutreten, ebenso Herr Bocher, welcher +in industriellen Kreisen viel Gelegenheit hat, den Emigrirten Arbeit zu +schaffen. Ich habe bei der Wahl der Personen wesentlich darauf Rücksicht +genommen, daß die ganze Sache gar keinen politischen Charakter habe, daß +sie eine reine Wohlthätigkeitsangelenheit sei und denke nun noch einige +Damen als Patronesses hinzuzuziehen. Ich zweifle nicht, daß wir dann +binnen Kurzem für alle unsere Landsleute vollkommen ausreichende +Beschäftigung haben werden. Auch für Diejenigen, welche etwa krank und +arbeitsunfähig werden, wird sich dann eine reichliche Unterstützung +ermöglichen lassen, wenn man einen Verband herstellt, in welchem Jeder +seine Beiträge in eine Krankenkasse zahlt, für welche außerdem von allen +Seiten reichliche Hülfsquellen sich öffnen werden. Lassen Sie also den +Muth nicht sinken, wir werden ganz gewiß gut für die Leute zu sorgen im +Stande sein. Sie, mein lieber Düring, und Sie, Herr von Tschirschnitz +müssen dann mit mir in das Comité de Patronage eintreten und die innere +Organisation des Hülfsverbandes der Emigranten übernehmen.“ + +„Das ist eine vortreffliche Idee,“ rief Herr von Düring, „ich habe +früher schon etwas Aehnliches überdacht und dazu einen Organisationsplan +ausgearbeitet, den ich seiner Zeit auch dem König eingeschickt habe, den +er aber wohl nicht beachtet zu haben scheint —“ + +„Ich habe bereits dem Könige,“ sagte der Regierungsrath Meding, „von +diesem Plan und den für die Bildung des Comité de Patronage gethanen +Schritten Mittheilung gemacht. Durch dies Comité könnte dann auch für +Diejenigen, welche so gern nach Algier gehen wollen, ohne daß der König +irgendwie dabei betheiligt ist, dort eine vortheilhafte Niederlassung +vermittelt werden; damit würde der Wunsch der Leute erfüllt und zugleich +jede Betheiligung des Königs dabei ausgeschlossen, welche Seiner +Majestät wegen der Stimmung in Hannover unerwünscht ist. Ich bitte Sie +also nochmals, meine Herren, legen Sie den Schritten des Herrn von +Adelebsen zur Auflösung der Legion keine Schwierigkeiten in den Weg. +Lassen Sie diesen Herrn ruhig ausführen, was ihm vom Könige oder von wem +es sonst sei, aufgetragen ist, und helfen Sie mir dafür sorgen, daß +unsere Landsleute, nachdem sie aus dem Verbande geschieden sind, einen +Mittelpunkt finden, der ihnen Schutz und Beistand gewährt.“ + +„Aber wie der König mit uns umgeht,“ rief Herr von Tschirschnitz, „so +hätte er ja zur Zeit des Bestandes des Königreichs Hannover mit keinem +Officier umzugehen das Recht gehabt. Mindestens hätten wir doch Gehör +erlangen müssen, — dies ist ja geradezu asiatischer Despotismus.“ + +„Meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „einem unglücklichen +Fürsten gegenüber ist die Pflicht des Gehorsams doppelt stark, und +vergessen Sie vor Allem nicht, daß wir Alle Vertreter einer Sache sind, +welche den Blicken der ganzen Welt ausgesetzt ist. Wir haben für diese +Sache gefochten nach allen Kräften, — man kann uns vorwerfen, daß es +thöricht und unvernünftig gewesen sei, aber wenigstens haben wir für die +Sache gethan, was überhaupt zu thun war. Wenn diese Sache zu Ende sein +soll,“ fügte er noch ernster hinzu, „und ich glaube, daß sie zu Ende +ist, so lassen Sie uns ihr den letzten Dienst erweisen, lassen wir sie +mit Ehren untergehen, ohne daß wir der Welt das Schauspiel der inneren +Zerrüttung und der Fäulniß, welche sie angefressen hat, und an welcher +wir wenigstens keinen Theil haben, geben. Wir werden vielleicht in der +Lage sein, unsere und der Emigranten Rechte scharf und nachdrücklich zu +vertheidigen, aber so lange es möglich ist, darf auch in dieser +Vertheidigung Nichts gegen den König unternommen werden, auf dem die +Hand des Schicksals schwer genug ruht, und der stets auf unsere +Ehrfurcht Anspruch haben wird. Und sollten wir je zu den äußersten +Grenzen der Vertheidigung gedrängt werden, so müssen wir wenigstens vor +der ganzen Welt beweisen können, daß wir dazu unwiderstehlich gezwungen +worden sind.“ + +„Aber man greift unsere Ehre an,“ rief Herr von Mengersen, „unserer +Aller Ehre, denn was in Hietzing über uns gesprochen wird, davon hat man +gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die +unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo +möglich in den welfischen Zeitungen Artikel über uns lesen.“ + +„Seien Sie ganz ruhig, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, +„wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen würde, unsere Ehre +anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Rücksichten bei +Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene +werden dem König gegenüber zu verantworten haben, was dann geschehen +wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurück zu +halten, der den König verletzen könnte.“ + +„Jedenfalls,“ rief Herr von Düring, „werde ich meine Magazinbestände dem +Herrn von Adelebsen nicht überliefern, ohne eine vollgültige Decharge +vom Könige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man +mir noch immer nicht gegeben hat.“ + +Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig, +mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fünfzig Jahren von +auffallender Häßlichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer +vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schädel in das Zimmer. +Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Höflichkeit nach allen +Seiten, näherte sich dann in beinahe demüthiger, unterwürfiger Haltung +dem Regierungsrath Meding und überreichte ihm ein großes, versiegeltes +Schreiben. + +„Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist,“ sagte er. + +Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher +langsam das Schreiben öffnete und den Inhalt durchlas. + +„Der Major von Adelebsen ist angekommen,“ sagte der Legationskanzlist +Hattensauer, während Herr Meding las, „er hat diese Depesche mitgebracht +und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen.“ + +Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende +gelesen, zusammen; ein trauriges Lächeln spielte um seinen Mund. + +„Nun,“ rief Herr von Düring, „haben Sie irgend welches Licht in der +Sache erhalten?“ + +„Der König,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „findet meine +Bemühungen für die Herstellung eines Comité de Patronage, da dasselbe +auch für eine Colonie in Algerien wirken könne, nicht vereinbar mit +seinen Beschlüssen, nach welchen er aus militairischen Gründen die +Gründung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb, +aus dem Comité auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz +zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist +übrigens,“ fuhr er fort, „abermals eine Antwort auf etwas durchaus +Anderes, als ich geschrieben und außerdem von einer beinah unglaublichen +Stylisirung und Logik.“ + +„Unerhört!“ riefen die Officiere. + +„Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?“ fragte Herr von Düring. + +„Ganz gewiß,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „ich stehe noch im +Dienste des Königs und muß seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, daß sie +mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin +Nichts ändern, die Verantwortung für ihr Schicksal trifft mich nicht.“ + +„Ich habe auch noch Briefe für Herrn von Düring und für Herrn von +Tschirschnitz,“ sagte Hattensauer, indem er sich demüthig gebeugt den +beiden Herren näherte und jedem ein Schreiben übergab, welches dieselben +schnell öffneten und durchflogen. + +„Ich bin nach Bern verbannt,“ sagte Herr von Düring. + +„Und ich nach Basel!“ rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. „Die +Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing für die +Gebieter der Welt zu halten.“ + +„Haben Sie Nichts für mich?“ rief Herr von Mengersen, zu Herrn +Hattensauer sich wendend, „vielleicht hat man mich nach Sibirien +verbannt.“ + +„Nun, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „so müssen wir +denn die Hannoveraner ihrem Schicksal überlassen, ich werde noch das +Möglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen. +Jedenfalls haben wir für sie gethan, was in unsern Kräften stand. Und +nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir können +sagen: ‚Finita la commedia‘. Morgen wollen wir überlegen, was weiter zu +thun ist, und,“ sagte er lächelnd zu Herrn von Düring und Herrn von +Tschirschnitz, „unsere Reisevorbereitungen treffen.“ + + + + +Zweites Capitel + + +Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des +Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet. + +Der Graf saß in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurückgelehnt, +die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im +Militairüberrock, — die Züge seines Gesichts waren stärker geworden und +drückten noch mehr als früher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das +Haar an seinen Schläfen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und +mehr weiß gefärbt, ohne daß dadurch sein Gesicht älter erschien, — der +frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und +drohend, bald tief und gemüthvoll blickten, gab seiner ganzen +Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit. + +Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand, +der Legationsrath Bucher. + +Sein kränkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden +kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf +vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck +gegenüber fast winzig erschien, — seine etwas gebückte Haltung, — das +Alles gab der Erscheinung dieses merkwürdigen Mannes, der früher seiner +politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das +Vertrauen des großen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten +gewußt hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus +eines Bureaukraten und eines Professors. + +„Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen,“ fragte der Graf — ‚l'oeuvre +de Monsieur de Bismarck‘ — es wird in Paris viel besprochen —“ + +„Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen,“ bemerkte +der Legationsrath, „es enthält viel Interessantes und manche sehr +bemerkenswerthe Zeugnisse über das, was Herr Vilbort während des Krieges +von 1866 selbst gesehen und erlebt hat. — Ob freilich Alles das wahr ist, +was Vilbort über die Aeußerungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm +selbst gegenüber gemacht haben, das müssen Sie selbst besser beurteilen +können, als ich —“ + +„Im Allgemeinen,“ sagte Graf Bismarck, „so weit ich das Buch zu +durchblättern Zeit gefunden habe, — giebt er meine Aeußerungen richtig +wieder, — und das ist schon sehr viel. — So oft man mit einem Journalisten +spricht, muß man sich gefallen lassen, daß er Alles, was man gesagt oder +nicht gesagt hat, wiedererzählt, wie er es aufgefaßt hat, — oder wie er +es aufgefaßt zu sehen wünscht, — das hindert mich übrigens nicht,“ fuhr +er fort, „mich ganz freimüthig und offen gegen diese Herren +auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen; — ich +halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem +Berge, — die ängstliche Geheimnißkrämerei der alten Diplomatie hat keinen +Sinn mehr in unserer Zeit, — freilich muß ich dann auch die öffentliche +Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und, — Gott sei +Dank, — dafür habe ich ganz gesunde Nerven.“ + +„Herr Vilbort,“ sagte der Legationsrath Bucher, „scheint mir durch die +Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenüber ausgesprochen +haben, etwas eitel geworden zu sein; — er hält sich für einen +Geschichtschreiber, — und das ist er in der That nicht, — auch geht durch +sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern über den Krieg, der +doch, da die Conflicte einmal unlösbar geworden, eine Nothwendigkeit +war.“ + +„Diese Richtung des Buches,“ fiel Graf Bismarck ein, „das jedenfalls in +Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten +unangenehm, — die Franzosen können in der That eine Warnung vor den +traurigen Folgen eines großen Krieges brauchen, — es scheint, daß dort +wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und daß man die Geister für einen +Krieg vorbereitet, für den Fall, daß man der inneren Schwierigkeiten +nicht Herr werden sollte.“ + +„Glauben Eure Excellenz wirklich,“ fragte der Legationsrath, „daß man in +Paris ernstlich an einen Krieg denken könnte, — gerade jetzt in dem +Augenblicke, in welchem die Zügel des persönlichen Regiments gelockert +sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens, +Minister geworden ist?“ + +„Die Berichte aus Paris,“ sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken, +„sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung, — ich glaube +auch, daß der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden +sehnt, — schon um persönlich Ruhe zu haben, — aber Alles,“ fuhr er fort, +„was dort geschieht, kann zu irgend einem plötzlichen Ausbruch führen, +auf den wir heute mehr als je gefaßt sein müssen. + +„Sehen Sie,“ sprach er nach kurzem Nachdenken, während er die Augen +sinnend emporschlug, „dieser unglückliche Pistolenschuß, der Victor Noir +tödtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung +Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles +bricht über das Kaiserreich herein, — das ist ein furchtbares +Verhängniß, — und das constitutionelle Regiment kann die immer höher +aufwallenden Wogen nicht beschwören. Die Coterie des Krieges, welche +durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder +herstellen will, gewinnt an Boden, — der Kaiser ist schwach, — wird man +ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeußerste zu wagen, um den +festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm täglich mehr unter den Füßen +verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwäche, denn die +Schwäche ist tollkühner als die Kraft. + +„Für uns,“ fuhr der Graf fort, „ist der Krieg um so weniger zu fürchten, +je mehr die innere Kraft Frankreichs täglich zersetzt wird, — aber der +arme Kaiser thut mir leid, — es ist doch eine groß angelegte und im +Grunde gute Natur, — und für Europa ist das Kaiserreich eine +Wohlthat, — denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gährenden Elemente +in Frankreich wieder entfesselt würden! + +„Man hat mir da,“ fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem +Schreibtisch nahm, „einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in welchem +dieser thätige Agent der Internationale und Secretair von Carl Marx +in London dem Comité in Genf auseinandersetzt, daß die Zeit +gekommen sei, in welcher der action sécrète et souterraine die +allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen müsse. +Merkwürdigerweise,“ sagte er, einen Blick in das Schriftstück werfend, +„will Dupont den Ausgangspunkt dieser großen Revolution nach England +verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei.“ + +„England sei das einzige Land,“ fuhr er fort, „in welchem eine wirkliche +socialistische Revolution gemacht werden könnte, das englische Volk aber +könne diese Revolution nicht machen, Fremde müßten sie ihm machen und +der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland.“ + +Der Legationsrath Bucher lächelte. „Das sind Träumereien,“ sagte er, +„wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen +Resultaten zu führen.“ + +„Die Ideen dieses Dupont sind Träumereien, — das ist ganz richtig,“ fiel +Graf Bismarck ein, — „aber in Frankreich ist die Sache ernster, — dort +haben die gemäßigten Mitglieder der Internationale vollständig die +Führung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die +Arbeiterbevölkerung, — bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune +proclamirt werden. — Das Alles gährt um den Kaiser herauf und kann ihn +eines Tages dazu drängen, einen Verzweiflungscoup zu machen; — wir müssen +von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefaßt sein.“ + +„Die Elemente der Gährung,“ sagte der Legationsrath, „von denen Eure +Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern +erfüllen die ganze Welt, — auch unter den deutschen Arbeitern macht die +Internationale Fortschritte, — ich glaube, daß die Regierungen zu dieser +Frage Stellung nehmen müssen.“ + +„Das sagt mir auch Wagner,“ rief Graf Bismarck, — „aber welche Stellung +soll man dazu nehmen? — Die alten Parteibildungen beginnen sich zu +zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den +neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten, — und +gerade dieser socialen Frage gegenüber müßte doch die Regierung sich auf +eine im Volke selbst wurzelnde Partei stützen. — Das wäre eine Aufgabe +für die Conservativen,“ sagte er sinnend, — „aber leider verlieren gerade +diese sich immer mehr in unmögliche und unpraktische Theorien.“ + +„Nun,“ fuhr er fort, — „wir müssen darüber nachdenken, — jetzt will ich +ein wenig hören, was die auswärtige Politik macht.“ + +Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und +dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurück. + +„Ist Jemand im Vorzimmer?“ fragte Graf Bismarck den Kammerdiener, +welcher auf seinen starken Glockenzug erschien. + +„Der englische Botschafter, Excellenz.“ + +„Ich lasse bitten.“ + +Der Minister-Präsident erhob sich und machte einige Schritte nach der +Thür, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestät +der Königin Victoria am preußischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde, +in das Cabinet trat. + +Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen +Gesichtszügen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Würde +und Zurückhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des +Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preußischen +Minister-Präsidenten gegenüber vor den großen Schreibtisch in der Mitte +des geräumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen +gleichgültigen Begrüßungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach +einem kurzen Räuspern: + +„Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestät darauf +bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle +Ursachen des Mißtrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem +Frieden Europas gefährlich werden könnten.“ + +Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine große +Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte +er im höflichsten Ton einer gleichgültigen Conversation: + +„Die Regierung Ihrer Majestät ist in diesem Bestreben vollkommen von +denselben Wünschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl, +wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue +mich, von Neuem zu constatiren, daß gerade durch diese allseitigen +Wünsche die beste Garantie für die Erhaltung des europäischen Friedens +gewährt wird.“ + +Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt. + +„Die guten Wünsche aller europäischen Regierungen,“ sagte er, „sind +gewiß eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen,“ fuhr er +ein wenig zögernd fort, „um eine wirklich praktische und vor allen +Dingen dauernde Basis für die internationale Ruhe und Stabilität zu +schaffen, wird es vor Allem noch nöthig sein, concrete Gründe +gegenseitigen Mißtrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen.“ + +„Ich wüßte in der That nicht,“ sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie +erstaunt anblickend, „daß in diesem Augenblick irgend welche Fragen +beständen, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu +bringen vermöchten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie +versichern, daß wir wenigstens mit keinem europäischen Cabinet in +Erörterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte berühren.“ + +„Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin,“ erwiderte Lord Loftus, +„auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwärtig zur +Erörterung ständen und zu Differenzen führen könnten, ich dachte +vielmehr an thatsächliche Verhältnisse, welche vielleicht weniger ein +Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Mißtrauens sind und deren +Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas +liegen möchte.“ + +„Und welche thatsächliche Verhältnisse meinen Sie?“ fragte Graf Bismarck +mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem +scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick. + +„Es ist eine Thatsache,“ sprach Lord Loftus weiter, „welche offen vor +Europa da liegt, daß die französische Regierung in den letzten Jahren +ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine +außergewöhnliche Höhe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt, +und Sie werden mir zugeben, daß es eine gewisse Besorgniß und +Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europäischen +Mächte bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüber stehen sieht.“ + +„Es liegt ja aber,“ fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast +gleichgültigen Ton ein, „zwischen Frankreich und uns durchaus keine +Veranlassung zu irgend welchen Mißverständnissen vor; im Gegentheil kann +ich Sie versichern, daß unsere Beziehungen zu Paris die besten und +freundlichsten sind.“ + +„Und doch stehen Sie sich,“ bemerkte Lord Loftus, „mit so übermäßig +angespannten Militairkräften gegenüber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag +den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen hätten. Dieser +Zustand,“ fuhr er etwas lebhafter fort, „wenn er auch den Frieden nicht +unmittelbar gefährdet, läßt doch Europa nicht zu sicherem Bewußtsein der +Ruhe kommen, und ich glaube, daß besser als alle diplomatischen +Versicherungen eine ernste und nachdrückliche Reducirung der unter den +Waffen stehenden militairischen Streitkräfte alle die unruhigen +Besorgnisse zerstreuen würde, welche angesichts des gegenwärtigen +Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschäftswelt erfüllen, — wenn +die Armeen Frankreichs und Preußens sich nicht mehr in voller +Kriegsrüstung gegenüber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen +können, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm +lastet.“ + +Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Züge nahmen einen ernsten +Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und +durchdringend auf den Botschafter und sagte dann: + +„Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben +berührten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur +Sprache zu bringen?“ + +„Ich habe nicht den Auftrag,“ erwiderte der Lord, „bestimmte Anträge zu +stellen, bestimmt formulirte Wünsche auszusprechen, — doch bin ich +allerdings veranlaßt, die allgemeine Besorgniß, welche die +militairischen Rüstungen in Frankreich und Deutschland der Regierung +Ihrer Majestät einflößen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem +Gedanken Ausdruck zu geben, daß Sie sowohl als die französische +Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen großen Dienst leisten +würden, wenn Sie sich geneigt finden ließen, im gleichen Verhältniß die +unter den Waffen stehenden Streitkräfte zu reduciren und dadurch +thatsächlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu +erkennen zu geben. Würde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf +diesen Ideengang einzugehen, so würde die Regierung Ihrer Majestät gern +bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten +Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Mächten eintreten zu +lassen.“ + +„Und wissen Sie,“ fragte Graf Bismarck, ohne daß ein Zug seines +Gesichtes sich veränderte, „ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so +eben auszusprechen die Güte haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenüber +von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?“ + +„Ich glaube, Ihnen mittheilen zu können,“ erwiderte Lord Loftus, „daß +dies geschehen ist, und daß der Kaiser sich vollkommen bereit erklärt +hat, seine kriegsbereiten Streitkräfte nach derselben Verhältnißzahl zu +reduciren, welche von Ihnen angenommen werden möchte.“ + +Ein feines, fast unmerkliches Lächeln flog über das Gesicht des Grafen +Bismarck. + +„Es würde dann immer die Frage sein,“ sagte er in leichtem Ton, „wer +denn mit der Abrüstung anzufangen hätte — und wer dieselbe controliren +könnte, Fragen, an denen oft schon ähnliche Verhandlungen gescheitert +sind, — doch,“ fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort, +„ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie würde keine practische +Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste +erklären muß, daß ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in +der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu können, und ich würde es +bedauern, wenn ich in die Lage käme, der Regierung Ihrer Majestät auf +eine directe Aeußerung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort +geben zu müssen.“ + +„So halten Sie es dennoch für möglich,“ fragte Lord Loftus, ein wenig +erstaunt über diese so klare und bestimmte Erklärung, „daß aus den +Fragen, welche gegenwärtig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher +Richtung hin ein ernster Conflict entstehen könnte, der die Erhaltung +einer solchen Waffenrüstung für Frankreich und für Preußen nöthig +macht?“ + +„Was Frankreich betrifft,“ erwiderte Graf Bismarck, „so habe ich darüber +kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhältnissen +gegenüber und mit Rücksicht auf seine sonstigen europäischen +Beziehungen seine militairischen Streitkräfte vermindern zu können, so +mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine +Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich würde ihm +indessen auf einem solchen Wege nicht folgen können, denn die größere +oder geringere Stärke der preußischen Militairmacht beruht nicht in +dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist +eine Grundlage des preußischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen +Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt +werden. Ich bin aber von vorn herein überzeugt,“ fuhr er fort, „daß der +König, mein allergnädigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja +jede Erörterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen würde und +ablehnen müßte. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche +Verminderung der disponiblen Streitkräfte zu erreichen, müßte man die +ganze Militairorganisation Preußens und des Norddeutschen Bundes ändern. +Das ist schon verfassungsmäßig schwierig, ja beinahe unausführbar. +Außerdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage, +den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten muß, die preußische +Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu +gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist +eine Art von hoher Schule für alle Klassen der Bevölkerung, eine Schule, +in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfüllung +lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung für den König +und für das Land, in welcher der Patriotismus gekräftigt und zu vollem +klarem Bewußtsein gebracht wird. Man könnte also die Wehrverfassung +nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und +der nationalen Einigkeit großen Schaden zu thun, ohne die Ueberzeugung +des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der +damit zusammenhängenden Stärke der Armee die beste Bürgschaft für die +Sicherheit und Größe Preußens erblickt. Sie müssen begreifen, mein +theurer Lord,“ fuhr er fort, „daß alle diese Gesichtspunkte es mir +unmöglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu +discutiren; — so lange ich Minister bin, würde ich eine solche Idee dem +Könige nicht vorschlagen können, und jede weitere Erörterung des +Gegenstandes würde zu gar keinem Resultat führen. Ich glaube, es ist der +beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der größte Beweis +aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestät, wenn +ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen +angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen +gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch +Ihrer Regierung keinen Zweifel über dieselbe zu lassen.“ + +Lord Loftus verneigte sich und sprach: + +„Ich erkenne vollkommen das Gewicht der Gründe an, welche Sie mir +angeben und werde dieselben dem auswärtigen Amt zur Kenntniß bringen. +Ich bedaure,“ fuhr er fort, „daß Ihre Mittheilungen mich von der +Unmöglichkeit überzeugt haben, den auf Europa lastenden Zustand +ängstlicher Besorgniß durch ein einfaches Mittel zu beseitigen.“ + +„Ich begreife nicht, mein lieber Lord,“ sagte Graf Bismarck, „warum Sie +von Kriegsbesorgnissen sprechen? Ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich +keine Frage sehe, welche dazu Veranlassung bieten könnte; — wenn einige +chauvinistische Blätter in Frankreich nicht aufhören, die Welt von Zeit +zu Zeit zu beunruhigen, so kann das doch keinen Einfluß auf die +Cabinette der Großmächte haben. Mag sich die Börse hin und wieder +darüber erschrecken, wir sollten uns dadurch doch in der That keinen +Augenblick aus der Ruhe bringen lassen. Vor Allem,“ fuhr er mit +volltönender Stimme fort, „können derartige auf keinen concreten +Gründen beruhende Besorgnisse niemals der Grund sein, daß eine mit dem +Ausbau ihrer innern Angelegenheiten beschäftigte, alle Verträge +respectirende und mit aller Welt im Frieden lebende Macht ihre +langjährige und bewährte Militairverfassung ändern sollte, eine +Militairverfassung, auf welcher die Sicherheit beruht, die friedliche +und selbstständige innere Entwickelung nöthigenfalls gegen jede Störung +schützen zu können.“ + +„Apropos, haben Sie Nachricht vom König Georg?“ fragte Graf Bismarck, +als Lord Loftus sich erhob, um sich zu verschieden. „Man theilt mir mit, +daß er diese unglückliche Legion in Frankreich, welche ihm so viel Geld +kostet, und welche doch in der That sehr wenig geeignet ist, um Hannover +wieder von uns zu erobern, jetzt auseinander schickt. Mir thun die armen +Leute leid, welche durch dies ganze abenteuerliche Unternehmen ihrem +Vaterlande und ihren Familien entzogen sind.“ + +„Wenn der König seinen Widerstand aufgiebt,“ sagte Lord Loftus, „sollte +es dann nicht möglich sein, ihm den Genuß seines Vermögens wieder zu +geben, welches ihm entzogen ist? Ich weiß, daß der Herzog von Cambridge +als nächster Agnat sehr viel Antheil an dieser Angelegenheit nimmt, und +es wäre in der That erwünscht, wenn sie in befriedigender Weise geordnet +werden könnte.“ + +„Niemand wünscht das lebhafter als ich,“ rief Graf Bismarck, „wir haben +im Interesse der Sicherheit Preußens dem Könige sein Land nehmen müssen, +aber sowohl mein allergnädigster Herr wie ich selbst wünschen gewiß auf +das Dringendste, daß dem alten, hochberühmten und edlen Welfenhause auch +in seiner hannöverschen Linie für die Zukunft eine große und würdige +Existenz gesichert bleibe. Aber,“ fuhr er fort, „wenn der König einfach +seine Legion entläßt, weil er sie nicht bezahlen kann, ohne mit seinen +übrigen Agitationen aufzuhören, ohne den Frieden mit uns zu machen, so +können wir ihm doch wahrlich nicht die Mittel dazu in die Hände geben. +Ich muß bekennen, daß mir diese Legion weniger beachtungswerth +erschienen ist, als andere Agitationen des Königs, welche sich der +Oeffentlichkeit mehr entziehen und für welche ich,“ sagte er mit +entschiedener Betonung, „niemals die Mittel zur Verfügung stellen kann. +Will sich der König in die Notwendigkeit der Verhältnisse fügen, will er +mit uns Frieden schließen, so wird er dafür gewiß das bereitere +Entgegenkommen finden, und wenn der Herzog von Cambridge sich dafür +interessirt, so wird er dem König Georg und dessen ganzem Hause gewiß +den besten Dienst leisten, wenn er seinen Einfluß anwendet, um ihn zu +einem definitiven und aufrichtigen Frieden zu veranlassen.“ + +„Ich werde,“ sagte Lord Loftus, „wenn sich mir die Gelegenheit bietet, +versuchen, in diesem Sinne zu wirken, — ich glaube, daß der Herzog von +Cambridge gern die Hand dazu bieten wird, doch ob mit Erfolg, das +scheint mir bei dem Charakter des Königs zweifelhaft. Jedenfalls ist +meine ganze Thätigkeit in dieser Angelegenheit eine ausschließlich +private, hervorgehend aus dem natürlichen Interesse, welches ich für den +erlauchten Vetter meiner Königin hege; als Vertreter der englischen +Regierung habe ich mit der ganzen Angelegenheit nicht das Geringste zu +thun.“ + +Er erwiderte mit einer etwas steifen Verbeugung den Händedruck des +Grafen Bismarck, welcher ihn nach der Thür hin begleitete, und verließ +das Cabinet. + +In dem großen Vorsaal saß in einem Lehnstuhl die schmächtige, magere +Gestalt des Grafen Benedetti mit dem bleichen, fein geschnittenen +Gesicht, dessen Züge trotz der listigen Intelligenz, welche in ihnen +lag, dennoch niemals einen bestimmten Ausdruck erkennen ließen. + +Der Graf erhob sich und begrüßte den englischen Collegen. + +„Nun,“ sagte er, „haben Sie Ihre Entwaffnungstheorie discutirt, über +welche wir gestern sprachen, und von welcher ich überzeugt bin, daß sie +in Paris das bereitwilligste Entgegenkommen finden wird?“ + +„Ich habe darüber gesprochen,“ erwiderte Lord Loftus. + +„Und?“ fragte Benedetti. + +„Jede Discussion darüber ist auf das Bestimmteste abgelehnt, man wird +das in London sehr bedauern, obgleich die Gründe dafür nicht ohne +Berechtigung sind.“ + +In den kalten klaren Augen Benedetti's erschien ein leichter Schimmer +von Befriedigung, er schlug jedoch sogleich den Blick zu Boden und sagte +mit ruhigem, fast ausdruckslosem Ton: + +„Wenn die Welt sich wegen der militairischen Rüstungen in Frankreich und +Deutschland beunruhigt, so wird man nun wenigstens wissen, daß wir es +nicht sind, die es verweigern zur Beseitigung dieser Unruhe beizutragen, +welche übrigens,“ fügte er hinzu, „nach meiner Auffassung ohne +Begründung ist.“ + +Der Kammerdiener des Grafen Bismarck näherte sich dem französischen +Botschafter mit der Meldung, daß der Minister-Präsident bereit sei, ihn +zu empfangen. + +Graf Benedetti verabschiedete sich von Lord Loftus und trat in das +Cabinet. + +„Nun,“ sagte Graf Bismarck, nachdem er ihn mit offener Herzlichkeit +begrüßt hatte, „es scheint, daß man in Europa an den Frieden nicht recht +glauben will. Man möchte aller Welt die Waffen aus den Händen nehmen und +sie in irgend einem großen Arsenal aufbewahren, damit nur ja kein +Mißbrauch damit geschieht. Soeben hat mir Lord Loftus wieder von +Entwaffnungsideen gesprochen, welche sich ganz wesentlich auf uns +beziehen, — ich begreife das in der That nicht,“ fuhr er ernster fort, +„glaubt man denn, daß zwei große Mächte nur dann im Frieden neben +einander leben können, wenn sie Beide nicht die Macht haben, Krieg zu +führen? Ich habe nach meiner Ansicht mehr Vertrauen zur Erhaltung des +allgemeinen Friedens, wenn alle Mächte stark und kräftig sind, sobald +sie nur den aufrichtigen Willen haben, in guten Beziehungen mit einander +zu leben. Ich weiß nicht, wie man bei Ihnen über die Möglichkeit einer +Reduction der Armee denkt, bei uns ist dies unmöglich, und ich glaube +auch, man wird an unsere friedlichen Absichten ohne Einschränkung +unserer Armee glauben.“ + +„Ich theile gewiß vollkommen Ihre Ansicht,“ sagte Graf Benedetti, indem +er dem Minister-Präsidenten gegenüber vor dem Schreibtisch Platz nahm, +„und bin weit entfernt, in einer starken Militairmacht zweier verständig +regierten Staaten eine Gefahr für den Frieden zu erblicken. Indeß,“ fuhr +er fort, „könnte die Idee einer theilweisen Entwaffnung dennoch +vielleicht der Beachtung nicht ganz unwürdig sein, wenn man durch eine +solche Maßregel der öffentlichen Meinung und den übrigen Mächten neues +Vertrauen in die Stabilität der europäischen Ruhe und Ordnung einflößen +kann. Von diesem Gesichtspunkt aus ist, wie ich voraussetzen darf, der +Kaiser nicht abgeneigt, eine Reduction der militairischen Kräfte in +Erwägung zu ziehen, wobei außerdem noch eine wesentliche Erleichterung +des Volkes in Betracht kommt, die für die innere Stellung der +Regierungen nicht unwesentlich ist.“ + +„Diese Rücksicht würde bei uns von keiner Bedeutung sein,“ sagte Graf +Bismarck, „unsere Militair-Verfassung ist mit dem Volke verwachsen, und +Niemand im Volk verlangt eine Erleichterung der auf allen Schultern +gleich vertheilten militairischen Pflichten.“ + +Graf Benedetti sah einen Augenblick zu Boden, dann schlug er den Blick +mit einer fast naiven Offenheit zu dem preußischen Minister-Präsidenten +auf und sprach: + +„Ich bin natürlich nicht in der Lage, die inneren Verhältnisse bei +Ihnen so eingehend zu beurtheilen, wie Sie dazu im Stande sind, da ich +nur als Fremder in dieselben hineinblicke, — aber doch verfolge ich Ihr +öffentliches Leben mit vielem Interesse und glaube bemerkt zu haben, daß +in den Parteien Ihrer Parlamente die Frage der militairischen Lasten +nicht ganz gleichgültig behandelt zu werden scheint. Nach der Zahl der +Mannschaften und nach den finanziellen Mitteln ist der Verfassung gemäß +der Militairetat auf eine Periode von fünf Jahren festgesetzt, welche im +nächsten Jahr zu Ende geht; nach den Stimmen der Presse,“ fuhr er fort, +„und nach dem, was ich hier und da über die Stimmung der Abgeordneten +gehört habe, scheint das Parlament, wenn ihm im nächsten Jahre das +Kriegsbudget vorgelegt wird, sehr geneigt zu sein, wesentliche +Reductionen zu beschließen, welche gewissermaßen einer theilweisen +Entwaffnung gleich kommen würden. Wenn ich mich in der Beurtheilung der +hiesigen Verhältnisse nicht täusche,“ sprach er weiter, während Graf +Bismarck zuhörte und von Zeit zu Zeit die Fingerspitzen an einander +schlug, — „so bedürfen Sie, um das richtige Gleichgewicht zwischen der +Regierung und dem Parlament zu erhalten, der Uebereinstimmung mit allen +gemäßigten Nuancen der conservativen und liberalen Parteien. Würde es +da nicht vielleicht ein gutes und willkommenes Auskunftsmittel sein, die +Rücksichten auf die inneren Verhältnisse und diejenigen auf die +auswärtigen Beziehungen zu vereinen durch eine auf diplomatischer +Uebereinkunft beruhende Armeereduction? Sie würden die europäischen +Mächte, England an der Spitze, verpflichten, die öffentliche Meinung +beruhigen und vielleicht einer Verlegenheit entgehen, welche immerhin +erwachsen könnte, wenn im nächsten Jahr Ihr Parlament erhebliche +Reductionen des Militairbudgets beschließen sollte.“ + +„Diese Verlegenheit,“ sagte Graf Bismarck, „kann nicht eintreten, und +die Rücksicht, sie zu vermeiden, kann auf meine Beschlüsse keinen +Einfluß üben.“ + +„So glauben Sie,“ sagte der Graf Benedetti, „der Zustimmung der +Parlamentsmajorität für das Militairbudget auch im nächsten Jahr +vollkommen sicher zu sein? Sie verzeihen,“ fügte er hinzu, „daß ich über +Ihre inneren Angelegenheiten mit Ihnen spreche; aber Sie wissen, wie +sehr ich mich für dieselben interessire, und Sie haben mir früher schon +öfter erlaubt, mich durch die Unterhaltung mit Ihnen über diese +Verhältnisse zu belehren.“ + +„Unsere inneren Angelegenheiten,“ erwiderte Graf Bismarck, artig den +Kopf neigend, „liegen ja offen da, und es ist mir immer erfreulich und +kann nur zu immer größerer Klärung meiner eigenen Anschauung dienen, +mich mit Ihnen über dieselben zu unterhalten. Sie fragten also,“ fuhr er +fort, „ob ich der Zustimmung des Parlaments zum bisherigen +Militairbudget im nächsten Jahre sicher sei? Darauf kann ich Ihnen nur +antworten: das weiß ich nicht, denn parlamentarische Majoritäten sind +Dinge, die sich nicht vorher berechnen lassen; doch mag dem sein, wie +ihm wolle, eine Verlegenheit, wie Sie dieselbe vorher andeuteten, kann +für mich nach dieser Richtung hin niemals entstehen. Wenn Sie unsere +Verfassung genau studirt haben,“ sagte er mit einer kaum vernehmbaren +Nuance von Ironie in seiner Stimme, „wie ich nach Ihren Bemerkungen +voraussetze, so werden Sie gesehen haben, daß der Artikel 60 — nach der +Festsetzung der Friedensstärke in der Armee bis zum 31. Dezember +1871 — weiter bestimmt, daß für die Zukunft die Effectivstärke durch die +Bundesgesetzgebung bestimmt werden soll. Wenn also, was ich nicht +voraussetzen will, aber auch ebenso wenig für unmöglich erklären kann, +der Norddeutsche Reichstag im nächsten Jahre das von den verbündeten +Regierungen vorgelegte Militairbudget nicht annimmt, so ist eben ein +neues Gesetz nicht zu Stande gekommen, und selbstverständlich gilt dann +das bisher bestandene Gesetz so lange, bis früher oder später über das +an seine Stelle zu setzende zwischen den Volksvertretern und den +Regierungen eine Verständigung erzielt ist. Sie sehen also, daß ich um +mein Militairbudget nicht in Verlegenheit kommen kann, und daß, wenn +Diejenigen,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, indem seine +Gesichtszüge plötzlich einen sehr ernsten, fast strengen Ausdruck +annahmen, „welche sich außerhalb Deutschlands vielleicht veranlaßt +finden möchten, eine Verminderung der Waffenmacht zu wünschen, die zur +Vertheidigung Preußens und des Norddeutschen Bundes nöthig ist, sich auf +gewisse parlamentarische Abneigungen gegen die Bewilligung des +Militairetats glauben stützen zu können, — daß sie in solchen +Voraussetzungen ihre Rechnung — ohne die Bundesverfassung und ohne mich +gemacht haben.“ + +Graf Benedetti verneigte sich. + +„Es ist mir erfreulich,“ sprach er, „Ihre Ansichten so bestimmt und klar +ausgesprochen zu hören. Der ganze Gegenstand,“ fuhr er mit leichtem Ton +fort, „ist ja eigentlich keine Frage zwischen uns, Frankreich und +Preußen können ihre gegenseitige Stärke ohne jedes Mißtrauen ansehen, es +wäre nur ein Entgegenkommen gewesen, welches wir gemeinsam den übrigen +Mächten hätten zeigen können —“ + +„Welche aber ihrerseits,“ fiel Graf Bismarck ein, „ebenfalls +fortfahren, unausgesetzt zu rüsten und zwar in weit größerem Maßstabe, +als wir, wie ein Blick auf Oesterreich und auf Italien zeigt. Ich +glaube, es ist besser, ein für alle Mal diese ganze Frage der Rüstungen +unerörtert zu lassen und den Frieden wesentlich auf den guten Glauben +und das Vertrauen zu stützen, welches die Regierungen einander +entgegentragen. Sie können mir,“ fuhr er fort, „wahrlich den Vorwurf +nicht machen, daß ich es an solchem Vertrauen fehlen lasse, und daß ich, +wenn irgend Etwas vorkommt, was die guten Beziehungen nach irgend einer +oder der anderen Richtung zu verwirren im Stande wäre, nicht sogleich +durch offenes Aussprechen die Gelegenheit zur Aufklärung und zur +Beseitigung der Mißverständnisse gebe.“ + +Ein leichter Ausdruck verschärfter Aufmerksamkeit wurde in dem Blick des +Botschafters bemerkbar. + +„Ich freue mich,“ sagte er, „daß diese Beziehungen gegenseitiger +Offenheit und Aufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Gerade dadurch ist +es ja so oft schon möglich gewesen, manche Wolke zu zerstreuen, welche +die so guten und befriedigenden Verhältnisse zwischen beiden Regierungen +hätte trüben können. Gegenwärtig,“ sagte er mit leichtem Lächeln, „sind +ja solche Wolken nach keiner Richtung hin vorhanden und —“ + +„Ganz verschwinden sie niemals,“ fiel Graf Bismarck ein, „denn immer und +immer wieder kommen von der einen oder der andern Seite her +Mittheilungen, welche bei ängstlichen und mißtrauischen Naturen, zu +denen ich nicht gehöre,“ sagte er sich verneigend, „Bedenken und Sorgen +hervorrufen könnten.“ + +Benedetti blickte ihn erstaunt und fragend an. + +„Schon vor längerer Zeit,“ sagte Graf Bismarck in ruhigem und fast +gleichgültigem Ton, „habe ich Ihnen mitgetheilt, Herr von Usedom hätte +uns verschiedene Umstände mitgetheilt, welche fast glauben lassen +mußten, daß geheime Unterhandlungen zwischen Frankreich und Italien, bei +welchen auch Oesterreich betheiligt sei, stattfänden.“ + +„Ich habe damals Gelegenheit genommen,“ sagte Graf Benedetti schnell, +„in Paris Erkundigungen einzuziehen und Ihnen die Versicherung gegeben, +daß die Quelle, aus welcher Herr von Usedom jene Mittheilungen geschöpft +hat, eine nicht zuverlässige gewesen sein müsse —“ + +„Herr von Usedom hat seine Quelle nicht angegeben,“ fiel Graf Bismarck +ein. + +„Jedenfalls,“ sagte Graf Benedetti, „war er unrichtig berichtet oder +durch den Schein getäuscht und zu falschen Schlüssen veranlaßt worden.“ + +„Es sind nun,“ sprach Graf Bismarck weiter, „in neuester Zeit wiederholt +Winke an mich gekommen, daß abermals eine sehr lebhafte Negociation +zwischen den Höfen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine +Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu +freundlichen Absichten haben könnte. Ich meinerseits,“ fuhr er fort, +indem er Benedetti starr ansah und seine große Papierscheere mit der +Hand rasch hin und her bewegte, „lege keinen besonderen Werth auf +derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer +Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb,“ sagte er mit Betonung, +„weil ich eine Coalition niemals fürchten würde, welche sich der +nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht +hätte.“ + +„Ich werde sogleich,“ sagte Benedetti eifrig, „nach Paris schreiben und +mir bestimmte Aufklärung über diese Frage erbitten. Ich bin aber im +Voraus fest überzeugt, daß die Gerüchte, welche zu Ihnen gedrungen sind, +jetzt ebenso wenig wie damals Begründung haben, denn ich kenne zu genau +den dringenden Wunsch des Kaisers, den europäischen Frieden zu erhalten +und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Könige +Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen.“ + +„Ich habe Sie nicht darüber interpelliren wollen, mein lieber +Botschafter,“ sagte Graf Bismarck, „ich kam auf die Sache nur durch +unser Gespräch und durch die Aeußerungen, welche Lord Loftus mir vorher +gemacht hat. Denn wenn,“ fuhr er fort, „ähnliche Winke, wie sie an mich +gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit +solchen Winken die ganz besondere Thätigkeit in Verbindung bringt, +welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so würde in dieser +Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von +England aus so dringend wünscht, neue und concrete Garantieen für die +Erhaltung des europäischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese +Garantieen an falscher Stelle; doch,“ fuhr er abbrechend fort, „ich +glaube, wir haben unsere Ideen über den Gegenstand ausgetauscht und +stimmen nunmehr im Wesentlichen über denselben überein. Besser als durch +die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle +Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Gerüchte +beitragen können, wie ich sie mir so eben zu erwähnen erlaubte.“ + +„Ganz gewiß,“ sagte Benedetti. „Es ist merkwürdig,“ fuhr er dann fort, +„wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte +und ruhige Oberfläche der europäischen Politik kräuseln. Sie erwähnten +so eben der Gerüchte über geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz +und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen berührt haben, +so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, daß, wie man mir aus Paris +ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen +worden sind über einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den +spanischen Thron zu bringen, einen Plan, über welchen wir ebenfalls +früher bereits gesprochen haben und welcher, wenn er wirklich bestehen +sollte, ebenfalls geeignet wäre, eine gewisse Beunruhigung +hervorzurufen.“ + +Graf Bismarck sah den Botschafter groß und erstaunt an. + +„Ich habe neuerdings,“ sagte er, „Nichts wieder von dieser Idee gehört, +welche mir, wie ich Ihnen bereits früher bemerkt habe, im Ganzen ein +wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die +Ansicht, daß die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr +kurzer Dauer sein würde und daß sie ihn großen Gefahren und Täuschungen +aussetzen müßte. Ich bin fest überzeugt, daß der König, wenn die Sache +jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewiß nicht den Rath geben +würde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm +denselben antragen sollten. Ich weiß auch, daß der Vater des Prinzen, +der Fürst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er weiß,“ fügte er +lächelnd hinzu, „durch die Erfahrung, die er mit dem Fürsten Karl von +Rumänien gemacht hat, daß die Souverainetät zuweilen theuer werden +kann.“ + +„Der Prinz Leopold,“ sagte Benedetti in gleichgültig hingeworfenem Ton, +indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, „würde +ja auch übrigens, selbst wenn ein Beschluß der Cortes ihm die spanische +Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubniß +des Königs annehmen können, da der König als Chef des Hauses bei den +Entschlüssen des Prinzen die letzte Entscheidung hat.“ + +„Das ist nicht der Fall,“ sagte Graf Bismarck, „der Prinz würde in +letzter Linie in seinen Entschlüssen doch nur von seinem Vater abhängen, +und der König würde sich gewiß enthalten, einen bestimmenden Einfluß +ausüben zu wollen, — ganz gewiß aber wird er, wie ich wiederholen muß, +nach meiner Ueberzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so +gefährliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube übrigens +kaum,“ fuhr er fort, „daß man so bald zur Wahl eines Königs in Spanien +gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwärtig die Macht in Händen +halten, — vielleicht Prim noch mehr als Serrano — werden kaum wünschen, +durch die definitive Wahl eines Königs dem gegenwärtigen Zustand, bei +welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze +Sache hat nach meiner Ueberzeugung gar keine practische Bedeutung. Man +hat ja früher schon,“ fuhr er im leichten, gleichgültigen Ton fort, „den +Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung +gebracht, vielleicht wäre dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und +ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer +zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein möchte. Aber alle +diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen +eigentlichen Bestand zu haben.“ + +„Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwähnt,“ sagte Benedetti, +„weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren, +zu denen auch die vorhin von Ihnen erwähnte österreichisch-italienische +Negociation gehört.“ + +Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann +neigte er mit höflicher Zustimmung den Kopf. + +„Ich freue mich also von Neuem constatiren zu können,“ sagte Benedetti, +indem er aufstand, „daß in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt +existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgniß Veranlassung geben könnte, +und man wird sich,“ fügte er lächelnd hinzu, „in London wohl überzeugen, +daß auch ohne Entwaffnung zwei große Mächte in Frieden und Freundschaft +neben einander leben können.“ + +„Das bewaffnete Deutschland,“ sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti +einige Schritte zur Thür geleitete, „ist wenigstens für Niemand eine +Drohung — als für Diejenigen, welche sich seiner naturgemäßen freien und +nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen möchten.“ + +Benedetti verneigte sich, drückte die dargebotene Hand des +Minister-Präsidenten und ging hinaus. + +Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder. + +„Es ist etwas im Werk,“ sagte er, — „dieser englische +Entwaffnungsvorschlag beweist, daß man in London der Ruhe nicht traut, +man muß dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einflößen, +und diese erneuete Erwähnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer +Sache, die ich längst vergessen habe und deren flüchtigem und +vorübergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste +Bedeutung beilegen mochte — diese Mittheilungen über die geheime +Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft +gegriffen sein können, — es scheint, daß da wieder irgend einer jener +verborgenen Schachzüge im Werke ist, denen ich mich seit 1866 +unausgesetzt gegenüber befinde. Nun,“ sagte er, die Brust weit +ausdehnend, „mögen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden +diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr führen, als bisher. In +Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschließen, die einzige +Stütze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser +Napoleon, der immer älter wird, möchte mit jedem Jahre immer weniger +geneigt sein, sich den gefährlichen Chancen eines Krieges auszusetzen, +den wir, wenn er einmal entbrannt ist,“ fügte er mit dem Ausdruck +eiserner Entschlossenheit hinzu, „bis auf's Messer würden führen müssen. +Freilich,“ sagte er dann nachsinnend, „je schwächer und willenloser er +wird, um so leichter möchte es vielleicht der kriegerischen Coterie +werden, ihn in eine unüberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die +Schwäche des Alters könnte bei ihm zu demselben Resultat führen, das bei +Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,“ +sagte er mit ruhigem Ton, „ich arbeite mit aller Macht daran, den +Frieden zu erhalten — wenn es aber nicht möglich sein sollte — wir sind +gerüstet und können jeder Eventualität mit dem ruhigen Bewußtsein +entgegensehen, daß wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren +zu begegnen. Leider, leider,“ sagte er nach einer Pause, „kann ich noch +immer nicht dahin kommen, klar und genau zu übersehen, was unter dieser +glatten Oberfläche der französischen Politik in den Tiefen gebraut und +vorbereitet wird, — wie traurig, daß man nicht überall selbst sein kann +und daß man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden +Ohren zu hören.“ + +Der Kammerdiener trat ein und überreichte dem Grafen ein Billet. + +„Ein Herr wünscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er +behauptet, daß Eure Excellenz ihn anhören würden, wenn Sie seinen Brief +gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu überreichen.“ + +Graf Bismarck öffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die +wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentümliches +Lächeln um seine Lippen und er sagte: + +„Führen Sie den Herrn herein.“ + +„Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes,“ sprach er +halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen +war, „hat mir einen Brief des Marschall Prim zu übergeben? Der Name ist +mir vollkommen unbekannt, — es muß eine ganz besondere Angelegenheit +sein, daß der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der +spanischen Gesandtschaft wendet.“ — + +Die Thür öffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Höflichkeit, aber +in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann +entgegen, dessen regelmäßiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und +schwarzen lebhaften Augen den Typus der Südländer trug. + +Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen +versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks. + +„Der Marschall Prim,“ sagte er in französischer Sprache, „hat mir den +ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu +überreichen.“ + +Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, ließ +einen flüchtigen Blick über das Siegel und die Aufschrift gleiten und +deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch. + +„Sie erlauben,“ sagte er, indem er sich niederließ, — er öffnete das +Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne daß in seinem Gesicht +eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte. +Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah +einen Augenblick den ihm gegenüber sitzenden jungen Mann scharf an. + +„Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?“ +fragte er. + +„Der Marschall hat die Güte gehabt, mir denselben mitzutheilen,“ +erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. „Er hat geglaubt, in dieser +delicaten Angelegenheit sich zunächst ganz persönlich an Eure Excellenz +wenden zu müssen, um Ihre ebenfalls persönliche Ansicht zu hören, bevor +in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist +überzeugt,“ fuhr er fort, während Graf Bismarck ruhig und unbeweglich +zuhörte, „daß der Abschluß der Revolution, in welcher sich Spanien +gegenwärtig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie +möglich ist und zwar unter einem Könige, welcher durch jugendliche +Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu überwinden im +Stande ist und welcher zugleich durch seine persönliche Stellung die +Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit +irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen +Prätendenten zusammenhängenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu +stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fürsten, der alle +diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von +Hohenzollern zu finden und würde diese Combination um so lieber zur +Ausführung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er für +Deutschland, für den König Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie +der Wunsch mit Preußen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen +zu stehen, thatsächlichen Ausdruck fände. Der Marschall glaubt, daß es +leicht sein würde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen. +Doch wünscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht +die Ueberzeugung gewonnen hat, daß Eure Excellenz diesen Plan billigen +und daß der König demselben seine Zustimmung geben würde.“ + +Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin. + +„Es ist eine eigenthümliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein +Herr,“ sagte er dann. „Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des +Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser +Frage veranlassen, jedoch muß ich aufrichtig gestehen, daß ich um die +Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll für meine Nation +sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fürsten vertrauungsvoll +die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indeß wird es mir +sehr schwer, darüber namentlich in dem gegenwärtigen Stadium der Sache +irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunächst würde doch der +Entschluß und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie maßgebend +sein. So schmeichelhaft nun auch für diesen Prinzen ein solcher Auftrag +sein muß, so werden Sie mir doch auch zugeben, daß er durch ein Eingehen +auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere +Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich möglicher Weise großen +Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine +Sache, und es würde unter Umständen darüber von Ihnen mit dem Prinzen +direct verhandelt werden müssen.“ + +„Der Marschall wünscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und +des Königs Ansicht darüber zu wissen.“ + +„Was zunächst die meinige betrifft, so muß ich Ihnen aufrichtig sagen, +daß ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum +beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter +Charakter — würde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone +Spaniens anzunehmen. So bin ich fest überzeugt, daß er von dem +Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation +identificiren und daß es sein aufrichtiges Bestreben sein würde, ganz +und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen würde kaum auf die +Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland, — von denen ich ebenso wie +der Marschall wünsche, daß sie stets die freundschaftlichsten und besten +bleiben mögen — irgend welchen Einfluß üben können. Ich würde also auch +kaum in der Lage mich befinden, als preußischer Minister dem Prinzen +irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben — + +Wenn ich nun schon,“ fuhr er fort, „mir eine absolute Zurückhaltung +auflegen zu müssen glaube, so scheint es mir, daß Seine Majestät der +König, mein allergnädigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf +die Entschlüsse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine +Majestät ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses +Hohenzollern, indeß ist Prinz Leopold nicht preußischer Prinz und mit +der königlichen Familie nicht verwandt, in rein persönlichen +Angelegenheiten würde also der König zunächst dem Prinzen und dessen +Vater die völlig freie Entscheidung überlassen müssen. Wenn Seine +Majestät daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben würde, +etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden +spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestät doch noch +viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs- +und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im +Stande, im gegenwärtigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Könige +vorzulegen, — würde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den +Prinzen durch eine spanische Autorität herantreten, so würde es immer +die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschlüsse +Seiner Majestät zu unterbreiten und des Königs Meinung darüber +einzuholen.“ + +„Eure Excellenz,“ sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige +und bestimmte Erklärung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrückt zu +sein schien, „würden also der Idee des Marschalls persönlich Nichts +entgegen zu setzen haben?“ + +„Wie könnte ich das!“ erwiderte Graf Bismarck, — „es kann ja nur, wie +ich wiederhole, ehrenvoll für Deutschland und für das Haus Hohenzollern +sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem +König erwählt. Politische Gründe _dagegen_,“ fuhr er fort, „kann ich als +preußischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls +bestimmt wiederholen muß, mich irgend wie _dafür_ auszusprechen im +Stande bin. Doch bin ich,“ fuhr er fort, „dem Marschall sehr dankbar für +das persönliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner +Idee zu beweisen die Güte gehabt hat.“ + +Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespräch nicht für +beendet ansehen zu wollen. + +„Würden Eure Excellenz die Güte haben,“ sprach er, „Ihre Ansicht über +die Sache — Ihre persönliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines +Schreibens mitzutheilen?“ + +Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der +vor ihm auf dem Tische lag. + +„Ich glaube,“ sagte er, „daß ich mich deutlich und klar ausgesprochen +habe, und Sie werden gewiß die Güte haben, dem Marschall meine Worte zu +wiederholen.“ + +„Ich glaube, Eurer Excellenz Erklärung genau und richtig aufgefaßt zu +haben,“ erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, „doch bin ich überzeugt, daß +der Marschall besonderen Werth darauf legen würde, meine Mittheilungen +durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestätigt zu +sehen.“ + +Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach. + +„Sie werden begreifen,“ sagte er, „daß eine gewisse Schwierigkeit für +mich darin liegt, mich über eine Angelegenheit, welche, wie ich zu +bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preußens +und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen, +welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller +Bedeutung beigelegt werden könnte. Jedenfalls müßte ich die Sache nach +allen Richtungen hin noch sehr reiflich überlegen, bevor ich den Brief +des Marschalls beantworten könnte, und ich muß gestehen, daß ich +dringend wünsche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben, +bis dieselbe etwa eine klar faßbare Gestalt annimmt und auf direct +officiellem Wege an mich gelangt. Ich möchte unter diesen Umständen,“ +fügte er artig hinzu, „Sie nicht zu einem längeren Aufenthalt in Berlin +veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden +Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin überzeugt, daß der Marschall die +Gründe vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen +müssen, meine Antwort noch zurückzuhalten, um so mehr, da bei den +Beziehungen persönlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls +zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollständig die Stelle einer +direkten Antwort ersetzen werden.“ + +Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, daß die +Unterredung zu Ende sei. + +Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zügen eine +sichtbare Enttäuschung bemerkbar wurde. + +„Ich bitte Sie nochmals,“ sagte Graf Bismarck, „dem Marschall den +Ausdruck meiner Dankbarkeit für sein Vertrauen und die Versicherungen +meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu überbringen. Ich habe +mich herzlich gefreut,“ fügte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, „bei +dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“ + +„Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben,“ sagte Herr +Salazar-y-Mazarredo, „daß ich Schritte thue, um mich über die +persönlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten.“ + +„Da der persönliche Entschluß des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe, +in erster Linie in Betracht kommt,“ sagte Graf Bismarck kalt und ruhig, +„so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, daß Sie nach dieser +Richtung hin sich informiren. Uebrigens,“ fügte er hinzu, „wird es ganz +und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Aufträge auszuführen, +welche der Marschall Ihnen gewiß auch in dieser Beziehung ertheilt hat.“ + +Herr Salazar-y-Mazarredo verließ mit tiefer Verbeugung das Cabinet. + +„Es ist also doch Etwas im Gange,“ sagte Graf Bismarck, indem er sich +wieder vor seinen Schreibtisch setzte, — „aber was kann dieser Sache zu +Grunde liegen — warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des +Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Rücken +von Serrano und der übrigen Regierung gemacht werden, Prim würde bei +seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache +einfädeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu +werden, — der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt,“ sagte +er nachsinnend mit leiser Stimme — „die Candidatur des Herzogs von +Montpensier muß dem Kaiser tief verhaßt sein, — sie könnte ihm unter +Umständen gefährlich werden; — sollte die erneuete Anregung dieser +Combination damit zusammenhängen? + +„Nun,“ — rief er nach längerem, schweigendem Nachdenken, — „einmal muß die +große Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustände doch +ausbrechen, — und wenn ich sie mit noch so großer Mühe und Vorsicht +fortwährend wieder zu beschwören versuche! — Vielleicht wäre es ein +Glück, wenn die Entscheidung bald käme,“ — sagte er ernst, — „wenn sie +käme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschäfte +stehe, — denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschlüssen und mit +halben Mitteln operirt wird, — dann muß die Zukunft Deutschlands auf +lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein. — Ich,“ rief er +flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zügen +leuchtete — „ich würde nicht zurückweichen, ich würde die Aufgabe +erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf, — und — ich fühle +es, — ich würde siegen! + +„O,“ sagte er dann schmerzlich, „warum ist die Zukunft unserem Blick +verborgen, — warum können wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen +Schleiers lüften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt? + +„Wie viele ringende und kämpfende Geister,“ sagte er leise, die +gefalteten Hände leise vor sich auf den Tisch stützend, „haben vor mir +diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet, — wie viele werden sie +nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten — das ewige +Schweigen! + +„Und doch,“ sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem +weichen Lächeln, das seinen festen strengen Zügen einen eigenthümlichen +Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum für fähig gehalten +hätte, „doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so +vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht +gebracht hat — einfach, groß und erhaben wie Der, dessen Lippen sie +zuerst sich entrang — Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!“ + +Er neigte einen Augenblick das mächtige Haupt auf die Brust, dann erhob +er sich, immer mit dem Ausdruck lächelnder Ruhe und Klarheit auf seinen +Zügen, nahm seinen Hut, stieg in den großen Garten des auswärtigen Amtes +hinab und ging mit großen Schritten unter den hohen noch winterlich +kahlen Bäumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich +hinsprechend auf und nieder. + + + + +Drittes Capitel. + + +In einem großen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren +dreißig bis vierzig von den hannöverschen Emigranten versammelt, theils +ganz junge Männer, theils ältere Leute, deren Mienen und Haltung man die +gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite +des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an +welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Königs Georg, +saß und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und +Goldrollen lagen. + +Neben dem Major von Adelebsen saß der frühere Lieutenant de Pottere, ein +junger Mann mit dichtem, sorgfältig frisirtem Haar, welches tief in die +auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit großen, etwas starr +blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der +Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgültig stereotypes Lächeln +spielte. + +Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich +und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von +Adelebsen zu protocolliren. + +„Unterofficier Rühlberg!“ rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas +unsicheren Blick seines Auges über die Emigranten hingleiten ließ. + +In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran. + +„Ich habe Sie nunmehr aufzufordern,“ sagte Herr von Adelebsen, „zur +Erklärung darüber, was Sie über Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich +mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Ihnen zustehende Pension von +Seiner Majestät erhalten können oder aber eine einmalige +Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklärung, +wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen.“ + +„Ich bitte, mich ein für allemal abzufinden, Herr Major,“ erwiderte der +Unterofficier, „ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier +gehen, um dort unser Glück in einer Colonie zu versuchen.“ + +„Sie wollen nach Algier gehen?“ fragte Herr von Adelebsen ein +wenig befremdet, „Sie wissen doch, daß Seine Majestät eine +Niederlassung in Algier nicht für zweckmäßig erachten können, und +daß Allerhöchstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer +Auswanderung nach Algier abzurathen.“ + +„Zu Befehl, Herr Major,“ erwiderte der Unterofficier, „Herr Minister von +Münchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich +gerathen, nach Hannover zurückzukehren, und,“ fügte er mit einer +gewissen Bitterkeit hinzu, „die Strafe, die man uns vielleicht dictiren +würde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz überzeugt,“ fuhr er fort, „daß +Seine Majestät die besten Absichten mit uns hat, und daß Er nach den +Berichten, die man ihm erstattet hat, überzeugt ist, daß eine Colonie in +Algier uns keinen Vortheil bringen könne. Aber ich muß Ihnen sagen, Herr +Major, daß ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath +zurückzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestät +uns eine Amnestie würde verschaffen können, so wäre es etwas Anderes. +Unter diesen Umständen muß ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine +Zukunft auf meine eigene Kraft zu gründen; und ich bleibe daher bei +meiner Erklärung, daß ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte, +mir die Abfindungssumme auszuzahlen.“ + +„Wenn aber doch Seine Majestät,“ sagte der Lieutenant de Pottere mit +einer etwas näselnden Stimme, „eine solche Colonie nicht für zweckmäßig +hält —“ + +„Der Herr Major,“ fiel der Unteroffizier ein, „haben uns gesagt, daß wir +die völlig freie Entschließung hätten, unsere Zukunft einzurichten, wie +wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt und bleibe dabei, +daß ich nach Algier gehen will. Vorzüglich,“ fuhr er fort, „möchte ich +ein für allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und +wird ja übrigens Seiner Majestät ganz gleichgültig sein.“ + +„Es ist Seiner Majestät gewiß nicht gleichgültig,“ sagte Herr von +Adelebsen mit sanfter Stimme, „wie sich die Zukunft seiner früheren +Soldaten gestaltet, und deshalb —“ + +„Darf ich bitten, Herr Major,“ fiel der Unterofficier, sich in strammer +Haltung aufrichtend, ein, „meine Erklärung zu Protocoll nehmen zu +lassen? Mein Entschluß steht unwiderruflich fest.“ + +Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser +schrieb die Erklärung des Unterofficiers nieder und der Major zählte die +Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstücken ab und händigte sie +dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter +die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zurücktrat. + +„Dragoner Cappei!“ rief Herr von Adelebsen. + +Der junge Mann trat heran. + +„Ihre Erklärung?“ fragte Herr von Adelebsen. + +„Ich wünsche, nach Hannover zurück zu gehen,“ sagte Cappei. + +„Sie sind militairpflichtig gewesen,“ sagte Herr von Adelebsen. „Haben +Sie es sich überlegt, daß man Sie vielleicht bestrafen und in die +preußische Armee einstellen wird? Es läge vielleicht, wenn Sie sich +dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele +andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu +gehen —“ + +„Ich danke, Herr Major,“ erwiderte Cappei ruhig, „ich bin entschlossen, +zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath +und zu meiner Familie zurückkehren.“ + +Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere +protocollirte seine Erklärung und Cappei trat zurück. + +Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen, +Zwei oder Drei erklärten, daß sie nach Amerika gehen wollten, alle +Uebrigen sprachen den Entschluß aus, mit dem Unterofficier Rühlberg +nach Algier auszuwandern. + +„Ich muß Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen,“ sagte Herr von +Adelebsen, „daß, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine +Majestät nicht glauben könne, daß Sie in Algier Ihre künftige Wohlfahrt +finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Hülfsmittel und ohne +Unterstützung sein und es vielleicht bereuen, daß Sie sich zu einem +solchen Entschluß haben beeinflussen lassen.“ + +„Niemand hat uns beeinflußt!“ riefen Mehrere der Emigranten. „Wir haben +selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns über die Colonie +gesprochen haben, den Gedanken gefaßt, wenn der König uns nicht mehr +erhalten könnte, uns in Algier eine Zukunft zu gründen.“ + +„Ich muß aber ausdrücklich bemerken,“ sagte Herr von Adelebsen, „daß +Seine Majestät mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklären, daß +Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine +Unterstützung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es +heißt, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhältnissen sich +eine Existenz zu gründen.“ + +„Wir werden im fremden Lande,“ rief der Unterofficier Rühlberg, einen +Schritt vortretend, „immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und +That beistehen und Gefühl für Leute haben, welche ihrem König im Unglück +treu geblieben sind, — wir haben freilich nicht geglaubt, daß es so +kommen würde, denn dann würden wir wohl kaum die Heimath verlassen +haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben +gemacht haben, so können Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird +künftig die Unterstützung der Kasse Seiner Majestät in Anspruch nehmen. +Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns +wenigstens die französische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn +wir über das weite Meer nach Amerika hinzögen, wo wir ohne alle Hülfe +sterben und verderben können.“ + +„In Amerika wären wir freilich weiter fort,“ rief eine Stimme aus den +Reihen, „und wenn wir Alle dort wären, so wäre man doch sicher, daß +Niemand von uns der königlichen Kasse zur Last fällt.“ + +Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend, +woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte +seinen Schnurrbart und sagte: + +„Sie müssen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen.“ + +„Ich glaube, wir sind abgefunden,“ rief es aus den Reihen, „und haben +hier nichts mehr zu thun, gehen wir.“ + +Und sich kurz umwendend, verließen sie Alle das Zimmer, indem sie den +Refrain des alten hannöverschen Soldatenliedes anstimmten: + + „Lustige Hannoveraner seien wir.“ + +Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und +das übrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in +ihre Zimmer zurück. + +„Nun Cappei,“ sagte der Unterofficier Rühlberg zu dem jungen Dragoner, +welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe +hinabstieg, „wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit +uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schön es ist, wenn wir Alle +zusammen bleiben und unser Dorf nach althannöverscher Manier einrichten, +da können wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und +selbstständiges Leben führen und an die alte Heimath zurückdenken, wie +sie früher war.“ + +„Es thut mir leid, Euch zu verlassen,“ sagte Cappei, — „aber unsere Sache +ist zu Ende, das alte Hannover ist für immer versunken. Was hilft es +dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukämpfen — ich liebe meine Heimath, +und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener +König, dieses oder jenes Gesetz herrschen.“ + +„Nun, geht hin,“ sagte der Unterofficier, „Ihr werdet es noch bereuen, +aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute +Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in +dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier +einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Präfecten dort, und +das Comité, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafür sorgen, +daß wir von dort aus gut empfohlen werden. Tüchtige und rechtliche +Leute, die arbeiten können, kann man überall brauchen, und wir werden +unsern Weg schon machen.“ + +Die Emigranten zogen über den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen +begegnenden Bürgern freundlich begrüßt, nach dem Restaurant hin, in +welchem sie sich gewöhnlich zu versammeln pflegten. + +Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und +schritt langsam dem Hause des Holzhändlers Challier zu. Er ging über den +großen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in +welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und +eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den +Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen. + +Der alte Herr Challier saß allein in seinem Lehnstuhl, die so eben +ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt +des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit +herzlichem Gruß entgegen. + +„Alles ist abgemacht, Herr Challier,“ sagte Cappei in ziemlich reinem, +aber im deutschen Accent anklingenden Französisch, „die Legion ist +aufgelöst, wir sind Alle frei und können hingehen, wohin wir wollen. Und +alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit +einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder +zusammenfinden.“ + +„Das ist recht traurig,“ sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf +schüttelnd. „So ist also die Sache Ihres Königs aufgegeben, — das thut +mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie für sein +Schicksal und für Sie Alle gehabt; und wir Bürger von St. Dizier nehmen +gewiß ganz besondern Antheil an Allem, was den König betrifft, seit er +unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer +Mitbürger zu sein. Ich bin ein alter Bragars,“ sagte er, indem seine +dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, „und ich hätte mich von +Herzen gefreut, wenn ich Sie hätte ausziehen sehen können, um für Ihren +König und sein Recht zu fechten, — das Schicksal geht seinen eigenen +Weg, — es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit +ihnen,“ fuhr er fort, „und mir wird es in meinem Hause recht leer +vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluß fest +gehalten,“ fragte er, „nach Ihrem Vaterlande zurückzukehren? — Ich würde +mich kaum dazu entschließen können,“ sagte er, „wenn ich mich in Ihre +Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft +alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat.“ + +Ernst erwiderte der junge Mann: + +„Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten für mich, Herr Challier, und +doch kann ich nicht anders handeln. — Sie sind Franzose und wenn es +möglich wäre, daß Ihr Vaterland ein Schicksal träfe wie das meinige, so +würde Ihr Gefühl natürlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes, +Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes großen +Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland für uns Alle ist. Wir +Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbständigkeit, wir haben mit +fester Treue an den Fürsten gehangen, die so lange über uns geherrscht +haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer +Selbstständigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des +Ganzen, — die neue Regierung, welche über uns herrscht, ist ja auch eine +deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhältnissen. +Sollen wir uns darum von dem großen ganzen Vaterlande ausschließen, weil +wir nicht weiter leben können, wie wir es bisher gewohnt waren? Für das +Recht unseres Königs konnten wir kämpfen, wenn der König aber dies Recht +aufgiebt, wie könnten wir in ungewöhnlichem Haß den andern Deutschen +gegenüber stehen! Uebrigens,“ fuhr er fort, „werde ich vielleicht nicht +immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhältnisse dort +geordnet und meine Stellung klar gemacht habe, — und darüber,“ fügte er +etwas zögernd hinzu, „möchte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich +scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit väterlicher +Güte aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rückhalt meine Gedanken +über die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht,“ sagte er +seufzend, „so werde ich meine Pläne ändern und Hoffnungen aufgeben, +welche mir die liebsten und schönsten sind.“ + +Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen +Ton: + +„Sie wissen, mein junger Freund, daß mein Rath und meine Erfahrung, wenn +ich Ihnen mit denselben nützen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen.“ + +Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem +Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten +Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine +Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme: + +„Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen +Flüchtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geöffnet. Sie +haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen, +daß Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir +gehört, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine +Vergangenheit war.“ + +„Ich habe Ihnen vertraut,“ erwiderte Herr Challier, „weil Sie +hergekommen sind als der Diener eines edlen und unglücklichen Fürsten. +Man dient dem Unglück nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz +hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und +rechtschaffenen Mann aufnimmt, und,“ fügte er mit der den Franzosen so +eigentümlichen Höflichkeit des Herzens hinzu, „ich habe mich in meinem +Urtheil und meinem Vertrauen nicht getäuscht, denn nun Sie uns +verlassen, fühle ich, daß ein Freund von uns scheidet.“ + +„Ich gehe in mein Vaterland zurück,“ erwiderte Cappei, „um so bald es +mir möglich ist, wieder vor Sie hintreten zu können, nicht mehr als der +heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann, +woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen, +wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann, +Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglück +abhängt, — die Bitte,“ fügte er mit zitternder Stimme hinzu, „mir das +Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller +Wärme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind — deren Glück ich +alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft öde +und freudlos sein würde.“ + +Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehört. Sein Auge ruhte +einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann +sprach er mit milder freundlicher Stimme: + +„Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, daß ich volles Vertrauen zu Ihnen +habe, daß ich Sie für einen Ehrenmann halte, — daraus folgt, daß ich, was +Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glück meiner +Tochter anzuvertrauen, — ich bin nicht reich,“ fuhr er fort, „aber ich +habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die +Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann fällt, eine sichere Existenz +begründen zu können. Ob Sie Vermögen besitzen oder nicht, ist deshalb +nicht entscheidend für die Beantwortung Ihrer Frage, aber,“ fuhr er +fort, „die Grundlage einer sorgenfreien Existenz für die Zukunft meiner +Tochter liegt in dem Geschäft, das ich hier betreibe. Würde ich es +verkaufen, so würde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repräsentiren, +den es in der Hand eines geschickten und fleißigen Mannes hat. Deshalb +habe ich stets den Wunsch gehegt, daß der Mann, den meine Tochter einst +sich zum Gefährten ihres Lebens erwählt, mein Geschäft fortsetzt. Ich +fühle es vollkommen,“ fuhr er fort, „was es heißt, sein Vaterland zu +verlassen, — aber in Ihrer Heimath sind die Verhältnisse so verändert, +und die jetzigen Zustände können Ihnen so wenig erfreulich sein, daß es +vielleicht Ihren eigenen Wünschen entsprechen könnte, hierher zurück zu +kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen +und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht +in unserer Mitte auch Ihre künftige Heimath begründen können? Könnten +Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfüllen, so würde ich kein +Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen, +vorausgesetzt, daß meine Tochter die Gefühle theilt, welche Sie für sie +hegen, — worüber Sie,“ fügte er lächelnd hinzu, „vielleicht ein wenig +unterrichtet sind.“ + +„Ich glaube,“ sagte Cappei mit leiser Stimme, „daß Fräulein Luise mir +nicht abgeneigt ist —“ + +Die Thür öffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie +hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit +Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr +frisches Gesicht war vom Gang leicht geröthet, ihre glänzenden Augen +richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den +jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit +anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuß dar und reichte dann Cappei mit +freundlichem Gruß die Hand. + +„Du kommst eben recht,“ sagte Herr Challier, „um eine Frage zu +beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete, +und über welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien.“ + +Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres +Geliebten, — sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte +tief erröthend den Kopf auf die Brust nieder. + +„Herr Cappei,“ sagte der alte Herr, „hat mir soeben mitgetheilt, daß er, +wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu +uns zurückkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es +scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die +Entscheidung darüber von Deiner Entschließung abhängig gemacht, — was +würdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr +auch an Dich richtetet?“ + +Einen Augenblick blieb das junge Mädchen mit gesenktem Kopf stehen, ein +flüchtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen +Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite +des jungen Mannes und sprach: + +„Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich +verstehe nicht, meine Gefühle zu verbergen, — mögen Andere es für +schicklich halten, zu verhüllen, was ihr Herz bewegt, — ich sage offen, +was ich empfinde, — ich liebe ihn,“ fuhr sie mit strahlenden Blicken +fort, „mein Herz gehört ihm und wird ihm ewig gehören. Und Du, mein +Vater, weißt, daß ich meine Liebe keinem Unwürdigen schenke.“ + +Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter. + +„Brav, mein Kind,“ sagte er, „das ist recht und tapfer gesprochen, und +ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde +Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen.“ + +Cappei breitete die Arme aus, das junge Mädchen sank an seine Brust und +er drückte seine Lippen auf ihr glänzendes Haar. + +„Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurück, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten +und,“ fügte er hinzu, „kommen Sie bald zurück, — ich verlange nicht als +unerläßliche Bedingung, daß Sie Ihre künftige Heimath hier in unserm +Frankreich wählen; ein Mann muß am besten wissen, was er zu thun hat, +und ein Weib muß dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muß es mir ja +gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen, — das ist der Lauf der +Natur, aber,“ fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme +leicht zitterte, „Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie +glücklich es mich machen würde, zu denken, daß mein Kind einst an meinem +Sterbebette stehen wird, und daß ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus +überlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe +von Generationen gelebt haben.“ + +Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres +Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren großen glänzenden +Augen fragend und bittend an. + +„Ich kehre zurück,“ sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, „um meine +Heimath da zu begründen, wo ich das Glück meines Herzens gefunden habe. +Ich würde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muß in die +Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermögen +zu sichern. Denn,“ fügte er mit fester Stimme hinzu, „nicht dem +heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen.“ + +Ein glückliches Lächeln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er +streckte seine beiden Hände aus, — die jungen Leute ergriffen sie und +beugten sich zärtlich zu ihm herab. + +Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hörten +nicht, daß die Thüre sich öffnete, und erst der Ton rascher Schritte +ließ sie aufblicken. + +Herr Vergier war eingetreten, — starr und bleich stand er in der Mitte +des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen +blickten mit unheimlich spähendem Feuer auf die Gruppe vor ihm. + +Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob +sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kräftigem +Händedruck begrüßte: + +„Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen +vor allen Andern zuerst sagen, welches für meine Familie so wichtige +Ereigniß hier so eben sich vollzogen hat.“ + +Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit +höhnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten, +welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner +Tochter mit. + +„Sie wissen,“ sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder, +rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszüge vor heftiger Aufregung +zuckten, „wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus +betrifft, — aber die Gefühle, welche mich bei der Mittheilung erfüllen, +die Sie mir so eben gemacht, können nicht erfreulich sein,“ fügte er mit +bitterm Ton hinzu. „Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was +Sie mir sagen, auf immer zerstört worden sind. Fräulein Luise,“ fuhr er +mit brennendem Blick fort, „kannte diese Hoffnungen, sie hat mir +dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir +eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, daß sie nur eine so +kurze Frist gebraucht hat, um sich über die Wahl ihres Herzens zu +entscheiden.“ + +Mühsam nach Fassung ringend, stützte er sich auf die Lehne eines Stuhls. + +Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an. +Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand. + +„Niemand ist Herr der Gefühle seines Herzens,“ sagte sie — „Sie waren der +Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund für mein künftiges Leben +und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefühle nicht erwidern konnte, die +Sie mir entgegen trugen, — Sie werden das vergessen,“ fügte sie +freundlich hinzu, — „Sie werden gewiß, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen +wünsche, bei einer andern Wahl mehr Glück finden, als ich Ihnen hätte +bieten können.“ + +Herr Vergier hatte nur zögernd die Hand des jungen Mädchens einen +Augenblick ergriffen. + +„Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe,“ sagte er +mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme, +„welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's +Herz, daß ich die Tochter meines Freundes, deren Glück mir theuer ist, +wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit +diesem Preußen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage +der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muß kommen, +Jedermann in Frankreich fühlt das, man hat schon mehrfach deutsche +Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden,“ fuhr er +immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine +Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten — „schon +sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, daß diese +hannöversche Legion, welche so plötzlich auseinandergeht, nur der +Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft über die inneren +Verhältnisse unseres Landes zu erhalten. — Und wenn ich denken sollte,“ +rief er, seiner nicht mehr mächtig, indem ein leichter Schaum auf seine +Lippen trat, — „daß meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand +eines Feindes Frankreichs — —“ + +Eine helle Zornröthe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners +auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer +drohenden Bewegung erhob er die Hand — + +Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Hände, ihre Augen +richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten. + +Dieser ließ langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde +ruhig, beinahe sanft und milde. + +„Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr,“ sagte er, +„ich bin störend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich +verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung, — ich muß Ihnen viel +vergeben, — aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein +Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,“ +fuhr er fort, „im Dienst meines Königs und als ein Feind jener Macht, +welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies +allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schützen, +wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und +Fräulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug +kennen, um zu glauben, daß auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als +Legionair des Königs Georg hergekommen wäre, ich doch unfähig sein +würde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu täuschen. +Wenn Sie ruhig darüber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit +widerfahren lassen und,“ fügte er mit offener Herzlichkeit hinzu, „ich +hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Böses +gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie für Herrn Challier +und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie überzeugt, daß +ich Alles thun werde, um mich derselben würdig zu machen.“ + +Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten für seine Worte. + +Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung +bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen +Lächeln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand. + +„Verzeihen Sie mir,“ sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur +einzeln und abgebrochen hervordrangen, „verzeihen Sie mir meine +kränkende Aeußerung. Mein augenblickliches Gefühl riß mich hin, — ich bin +Franzose und mißtrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit +und die Täuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird +die Zeit uns in Freundschaft zusammenführen.“ + +Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand. + +Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des +Hannoveraners nicht und erschrocken ließ dieser sie wieder los. + +„Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe,“ sagte Herr Vergier, „ich passe +in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft.“ + +Und mit einer flüchtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus. + +„Der Arme thut mir leid,“ sagte der alte Herr Challier, ihm +nachblickend, „er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird +sehr leiden —“ + +„Ich hätte ihn doch nicht lieben können,“ sagte Luise, indem sie mit +leichtem Kopfschütteln vor sich niederblickte. „Wenn mein Herz nicht +gesprochen hätte,“ fügte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu, +„wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben hätte, so wären +wir Beide unglücklich geworden.“ — + +Lange noch saßen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hörte der +alte Herr ihr Geplauder und ihre Pläne für die Zukunft an. Es wurde +beschlossen, daß der junge Cappei schon am nächsten Morgen abreisen +sollte. — + +Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluß. + +„Je schneller er fortgeht,“ sagte sie lächelnd, „um so schneller wird +er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und +dauernden Glück kommen, das dann Nichts mehr stören wird.“ — — + +Am späten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine +Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit +ihnen die letzten Augenblicke zu verleben. + +Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstraße der +Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der +Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die +Hannoveraner saßen hier um einen großen Tisch — zahlreiche Freunde aus +der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb +gewordenen Gästen zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt +hatten. + +Auf dem Tische stand eine große Punschbowle, welcher jedoch heute nur +sehr mäßig zugesprochen wurde, — alle Gesichter waren ernst und oft +stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die großen +Erschütterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengeführt hatten, +fühlten, daß heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller +Erinnerung im Herzen trugen, für immer abgeschlossen werde, daß das +letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der +alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloß, noch verband, +nun für immer zerriß und daß sie nun als Fremde allein und vereinsamt +hinaustreten müßten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre +eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in mühevoller Arbeit. + +Der junge Cappei trat ein. — Traurig überblickte er diese Versammlung +seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und fröhlich beisammen +gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich +schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen. + +Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Rühlberg. + +„Was könntet Ihr Euch für eine schöne Zukunft machen,“ sagte dieser, +indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte, — „wenn Ihr mit uns +gingt, — Ihr seid noch jung und kräftig, — geschickt zu aller Arbeit und +habt mehr gelernt, als wir Alle, — Ihr würdet ein schönes Vermögen in +Algier erwerben, — das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen +würde, — von dem Ihr noch gar nicht einmal wißt, ob Ihr ihn +erhaltet, — ich sage Euch noch einmal, — geht mit uns, — laßt die Phantasie +im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt, — es hat noch nie zu +etwas Gutem geführt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf +verdrehen lassen.“ + +„Ich bitte Euch, Rühlberg,“ sagte Cappei sanft aber bestimmt — „laßt +mich, — mein Entschluß ist gefaßt, — versprecht mir,“ fuhr er abbrechend +fort, „Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht — ich muß Euch +sagen, daß ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe, — hätte +der _König_ die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der französischen +Regierung, so wäre es etwas Anderes gewesen, — aber so, — Ihr werdet +vielleicht später einsehen, daß es besser gewesen wäre, gleich nach der +Heimath zurückzukehren. — Doch Jeder hat seinen Entschluß gefaßt und muß +ihm folgen.“ + +Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite. + +Es verging noch eine halbe Stunde, — dann zog der Unterofficier die Uhr +und sagte tief aufathmend: + +„Es ist Zeit, Leute, — wir müssen aufbrechen!“ + +Alle erhoben sich. + +Rühlberg ergriff sein Glas. + +„Wir sind heute zum letzten Male beisammen,“ sprach er mit etwas +unsicher klingender Stimme, — „und wir wollen auch dies letzte Mal von +der alten Sitte hannöverscher Soldaten nicht abweichen, — ein Glas auf +das Wohl unseres Königs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah +gethan, — das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen, +heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser König für uns +gestorben — leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern +Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath.“ + +Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue +Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer, — mancher blinkende +Thränentropfen fiel in die Gläser, welche die treuen Söhne +Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der +Vergangenheit dem Andenken ihres Königs weihten. + +Dann brach man auf. + +Jeder nahm sein kleines Gepäck, — viel hatten sie nicht, diese armen +Soldaten des Exils — und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln, +leeren Straßen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten +Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander +und von ihren französischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof +eingefunden hatten, — auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und +finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Händedrücke +der Scheidenden erwidernd. + +Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekränzten Anhöhe über der +Stadt her eine Glocke zu läuten. + +Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester +für einen aus dem Leben geschiedenen Bürger der Stadt zum Himmel +sendeten. + +Die einfachen durch die Nacht her klingenden Töne ergriffen mächtig alle +diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die +Hüte ab und sprachen ein stilles Gebet für die Seele des +Gestorbenen, — auch die Hannoveraner falteten die Hände — Niemand wußte, +welchem Todten dies Geläut galt, — aber auch ihnen starb ja heute für +immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt +hatten, — ihre Heimath und ihr König. + +Der Zug brauste heran, — noch ein Händedruck, — ein letztes +Abschiedswort — und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche +sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenführen sollten. + + — „Adieu — adieu — bonne chance!“ tönte es aus den Gruppen der Bürger von +St. Dizier — Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur +Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit +feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin, — fast zog es den +jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit +dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu +einem Leben voll Abenteuer und Gefahren — da trat das Bild Luisens mit +ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele — rasch näherte er +sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Rühlberg, der +am Schlage saß, die Hand hin. + +„Gott befohlen!“ sagte er mit erstickter Stimme, — „und — auf fröhliches +Wiedersehn!“ + +„Das wird schon kommen,“ erwiderte der Unterofficier mit einem etwas +gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen +trachtete, „Ihr werdet zur Einsicht kommen — wir werden Euch einen Platz +offen halten.“ + +Die Schaffner eilten an den Zug, — die Locomotive pfiff und langsam +begannen die Räder zu rollen. + +Noch einmal winkten die Zurückblickenden mit den Händen, mit leisem aber +klar durch die nächtliche Stille dringenden Ton schallte das +Sterbeglöcklein von der alten Kirche herüber, — die Legionaire auf dem +abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied: + + „Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen —“ + +aber die Töne erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der +Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden +Glockenton begleitet, — da klang das Lied, das sonst so fröhlich in Lager +und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten, +den man zur letzten Ruhe hinausführt. + +Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne +verschwunden, — weithin verklang das Schnauben der Maschine und das +Rollen der Räder. + +Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurück. + +In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich +ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine +Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine +Augen schienen in grünlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, während +seine Züge von Grimm und Haß entstellt waren. + +Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das +in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag. + +Einen Augenblick blieb er dort vor dem großen geschlossenen Thor +stehen, — er drückte beide Hände an die Lippen und warf einen Kuß nach +dem Hause hin. + +„Gute Nacht, meine süße Geliebte,“ flüsterte er, — und schritt dann rasch +weiter nach seiner in der Nähe des Marktplatzes belegenen Wohnung. + +Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Nähe des +Challier'schen Hauses gekommen. + +Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in +der Dunkelheit verschwand, nach. + +„Hätte ich eine Waffe bei mir,“ flüsterte er mit zischender Stimme, „so +könnte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes, — diesen +Räuber meiner Liebe vernichten!“ + + — „Aber geh' nur hin,“ sagte er, die geballte Faust zum nächtlichen +Himmel erhebend, — „es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den +Stahl, — ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur +hin, — Du sollst nicht hierher zurückkehren auf den heiligen Boden +Frankreichs, — den Du als Verräther betreten, — Du sollst nicht +zurückkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pflücken und +mir das Glück meines Lebens zu stehlen.“ + +Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehaßten Fremden nach, — dann +wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu. + + + + +Viertes Capitel + + +Die schöne Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball +bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie saß in +tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit +welcher sie sich beschäftigte, auf ihren Schooß, während sie auf die +noch winterlichen Bäume des Thiergartens hinausblickte. + +Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glückliches +Lächeln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten +aus ihren Augen. + +Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um sie in trockner und +wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es +sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den +ersten Finanzgrößen der Residenz gehöre, mit Nichts bedeutenden +untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren +von Stellung und Distinction zurückweise. Ihre Mutter betrachtete das +Alles nur als eine Frage der äußeren Rücksichten auf die Stellung des +Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, daß sie sich nicht die +entfernteste Möglichkeit träumen ließe, ihre Tochter könne wirklich in +einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen +guten angenehmen Tänzer. + +Und Fräulein Anna, hörte alle mütterlichen Ermahnungen ruhig mit +gleichgültigem Lächeln an — sie wartete ihre Zeit ab und wußte, daß, wenn +dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben würde, dem Zorn +ihrer Mutter zu trotzen. + +Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft +hatte er bei Tische erzählt, wie vortrefflich das Geschäft sei, welches +er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte +seiner Frau, welche aufmerksam, mit großem Interesse seinen +Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein würde, +welchen die Gesellschaft, welche er gegründet, aus der auf den Gütern +des Barons eingeführten Industrie ziehen müsse und um wieviel sich +zugleich durch diese Combination das Vermögens des Barons und das +dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergrößern werde. Er hatte +dabei die persönliche Liebenswürdigkeit des jungen Herrn von Rantow und +seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders +hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick +auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte +Fräulein Anna ihn so kalt und streng zurückweisend angesehen, hatte +seine Bemerkungen mit einem so unverbrüchlichen eisigen Schweigen +aufgenommen, daß der alte Herr, welcher seine Tochter abgöttisch liebte +und ihr gegenüber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen +durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gesprächsthema übergegangen war. + +Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee +eingeladen worden. Man hatte dort einige ältere Herren, Freunde des +Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme +Manieren hatten, und die Commerzienräthin hatte in diesen Kreisen noch +steifer, noch würdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstörbaren +Lächeln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze +sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten +aristokratischen Grundsätze aussprachen. + +Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gesprächiger als je +gewesen, er hatte den Baron mehrere Male „mein verehrter Freund“, einmal +sogar „mein lieber Freund“ genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen +unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer entwickelt, er hatte von den +Hunderttausenden erzählt, die er in diesem und in jenem Geschäft +engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine +mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die +Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen +Château Lafitte zu probiren. + +Kurz Herr und Frau Cohnheim waren glücklich und befriedigt über diese +intime Soirée bei dem Baron. + +Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Fräulein +Anna gewidmet, ohne indeß etwas Anderes erreichen zu können als einige +hingeworfene, gleichgültige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen. + +Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienräthin +ihrer Tochter abermals eine Vorlesung über ihr abstoßendes Benehmen +gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als +ein tiefes Schweigen ihrer Tochter. + +Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu +unterstützen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge +Herr von Rantow für eine gute Partie sei, und wie die Damen der höchsten +Aristokratie glücklich sein würden, wenn seine Wahl auf sie fallen +sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick +seines Lieblings zurückgezogen und seiner Frau allein die Sorge +überlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem +jungen Mädchen annehmbar zu machen. + +Fräulein Anna hatte nach dieser Soirée eine schlaflose Nacht zugebracht, +sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Büchenfeld Nichts +wieder gehört. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch +gemacht zu einer Zeit, wo er gewiß war, Niemand zu Hause zu treffen; +obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster saß und auf die +lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den +erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte. + +Sie saß nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das +durch eine Hängelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr +schöner Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gestützt und ihre +aufgelösten Haare fielen über den weißen Arm nieder, von welchem der +weite Ärmel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken +war. + +„Er liebt mich,“ flüsterte sie leise vor sich hin, — „das hat mein Herz +lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es +wahr, denn für ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein +Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,“ +fuhr sie fort, „warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken +zwischen uns hätte hinwegräumen sollen, der uns gegenseitig unsere +Herzen geöffnet hat, Nichts mehr von sich hören lassen? Warum hat er +einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wußte, daß er uns nicht +finden konnte? Ich kann das nicht ertragen,“ rief sie, leicht mit dem +zierlichen Fuß auf den Boden tretend, „diese unklare, peinliche Lage muß +ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von +Rantow, — es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde! +Auch mein Vater scheint ähnliche Gedanken zu haben. Nun,“ sagte sie +trotzig die Lippen aufwerfend — „das beunruhigt mich nicht, mein Vater +wird mir gegenüber nicht den Tyrannen spielen, — aber ein Ende muß das +nehmen, klar muß Alles werden! Doch wie,“ sprach sie sinnend, „was soll +ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlägen an mich +herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht +der Mühe werth hält, sich mir zu nähern?“ + +Sie sann lange nach. + +„Sollte ich ihn gekränkt haben,“ flüsterte sie leise — „er ist +empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein,“ rief sie dann, „ich +erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte +sprachen deutlicher vielleicht, als ich es hätte thun sollen, meine +Liebe zu ihm aus. Nein,“ rief sie, „er kann nicht zweifeln, daß mein +Herz ihm gehört. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn, +der ihn von mir zurückhält. Und hat er,“ fuhr sie fort, indem ihre Augen +sanft und weich vor sich hinblickten, „hat er nicht Recht, so stolz zu +sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch +fühlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade,“ rief sie +leidenschaftlich, „darum liebe ich ihn — aber soll ich ihn verlieren, +weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht für +immer von mir gehen lassen — es klang wie ein Abschied in seinen letzten +Worten. Fürchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu +zu werden? Ich muß ihn sehen,“ sagte sie aufspringend, „ich muß ihn +sprechen, ich muß mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und +laut das Gefühl meines Herzens bekennen. Oh,“ sagte sie, sich hoch +aufrichtend, „diesem Baron von Rantow gegenüber und all den Herren +gegenüber, die mich umschwärmen, die da glauben, daß sie gestützt auf +ihre großen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken dürfen, um +mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein großes Vermögen zu +erwerben, — ihnen gegenüber fühle ich den Stolz einer Königin in mir, es +reizt mich, ihnen zu zeigen, daß ich mich höher achte, als sie Alle. +Aber ihm gegenüber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen +Herzen gegenüber will ich demüthig sein. Er soll sehen, wie ich Alles, +was ich ihm bieten kann, für Nichts achte und wie ich glücklich bin, daß +er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu +verlassen, ihm gegenüber will ich keinen Stolz haben, und so will ich +ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben.“ + +Sie öffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen +Bogen goldgerändertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig, +während ihre Wangen sich mit dunklem Purpur färbten, einige Zeilen. + +Dann las sie dieselben durch. + +„Es ist etwas Ungewöhnliches, was ich da thue,“ sagte sie, „jedem +andern Manne gegenüber würde es eine Selbsterniedrigung sein — aber er +wird mich verstehen, er wird fühlen, daß er kein Recht mehr hat, seinem +stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich +mich so in seine Hände gebe.“ + +Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloß ihn in eine +Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe. + +„Es wird Licht werden,“ sagte sie dann, „ich werde den Brief zur Post +tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner +Bitte folgen.“ + +Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie +sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer +und gestalteten sich zu schönen und lieblichen Träumen künftigen +Glückes. + + * * * * * + +Der Lieutenant von Büchenfeld hatte seit seiner Erklärung mit Fräulein +Cohnheim viel mit sich selbst gekämpft. Er war nach einer ziemlich +einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in +Berlin zum ersten Mal in die größern Kreise der Welt eingetreten, und +die Liebe zu dem jungen Mädchen hatte mit übermächtiger Kraft sein tief +empfindendes, in sich selbst zurückgezogenes Herz erfüllt, ein ganz +neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen +von dem tiefen Gefühl, das ihn erfüllte. Die starren Begriffe von Ehre +und männlicher Würde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt, +kämpften gegen diese Liebe an, und sein Blut empörte sich bei dem +Gedanken, daß man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen +Commerzienraths materielle Motive unterlegen könnte, sein Stolz bäumte +sich auf, wenn er sich die Möglichkeit dachte, daß er kalt und +hochmüthig zurückgewiesen werden könnte, und selbst wenn es ihm gelingen +würde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken +zurück, seine Lebensstellung auf das Vermögen seiner Frau zu begründen. + +Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefühlen hinreißen lassen, er +war dem jungen Mädchen näher und näher getreten, endlich aber hatte er +mit dem festen Entschluß sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen +sie aussprechen wollen, um zugleich für immer von ihr Abschied zu +nehmen. + +Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geöffnet, er hatte +mit Entzücken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, daß seine Gefühle +so stark und so warm erwiedert würden. + +Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glückes ihn geblendet, aber +am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm mächtig geworden, er hatte +den festen Entschluß gefaßt, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf +seine eigene Kraft seine Zukunft zu begründen, und er wollte, um den +Kampf siegreich zu bestehen, Fräulein Cohnheim nicht wiedersehen, so +lange sein Commando in Berlin noch dauerte. + +Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die +geliebten Züge zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren, +aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurück und vermied +sorgfältig alle Kreise, in denen er Fräulein Cohnheim hätte begegnen +können. Nur am späten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen +Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die +Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange +stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Träumerei +versunken, aber sein Entschluß blieb fest, am Tage betrat er niemals die +Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum nächtlichen +Himmel sandte. + +Er wurde in seiner stolzen Zurückhaltung noch bestärkt durch die +Bemerkungen, welche sein Vater ihm über sein Gespräch mit dem Baron von +Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen +Sohn darüber geäußert, daß sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus +bester Familie sich zu industriellen Geschäften mit dem Commerzienrath +associirt habe, und daß er, wie es schien, sogar die Idee nicht als +unmöglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch +immer weiter zu vermehrenden Vermögen durch eine Heirath seines Sohnes +mit dem Fräulein Cohnheim mit einander zu verbinden. + +Mit traurig bitterm Lächeln hatte der junge Mann den unwilligen Worten +seines Vaters zugehört. + +Der alte Herr hatte in diesem Lächeln eine Zustimmung zu seinem so +mißfälligen Urtheil über die moderne Handlungsweise seines Freundes zu +finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut +ausgerufen: + +„Wir würden so Etwas nicht thun, die Büchenfelds mögen kein so vornehmes +und kein so begütertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow, +aber mit den Börsenspeculanten würden wir weder unsere Geschäfte, noch +unser Blut vermischen.“ + +Unbeschreibliche Gefühle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen +Worten seines Vaters zusammengeschnürt, ohne zu antworten, war er +aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen. + +Einige Tage später hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem +Herrn von Rantow in höchster Entrüstung mitgetheilt, daß nicht nur das +Geschäft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen +Ausbeutung der Rantow'schen Erbgüter beschlossen sei, sondern daß er nun +auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Fräulein Cohnheim zu +seinem tiefen Schmerz als gewiß ansähe. + +Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschluß des jungen +Mannes geworden, das junge Mädchen nicht wieder zu sehen, der alle +Regungen seines Herzens gehörten und welche doch von ihm durch alle +Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhältnisse der Welt +zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind. + +Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft, — er suchte durch +die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen +durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller +Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thätigkeit für +eine große und wirkungsvolle Carrière vorzubereiten. Er wollte durch den +Ehrgeiz die Liebe tödten, denn einer großen und mächtigen, Alles +beherrschenden Regung bedurfte er für sein inneres Leben, dem das +gleichgültige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht genügte. + +An dem Tage, an dessen Vorabend Fräulein Anna in nächtlicher Stille den +Entschluß gefaßt hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden +Lösung zuzuführen, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der +Kriegsschule zurückgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in +welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein +Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen +Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte, +welches der alte Herr für sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen +kleinen Hotel holen ließ. + +„Du siehst bleich aus,“ sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit +sorgenvoller Theilnahme ansah, „ich fürchte, Du arbeitest zu viel. Es +ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tüchtiges lernt, aber man darf +darum kein Kopfhänger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast +jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr — Du darfst +Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit,“ sagte er, sich den +Schnurrbart streichend, „waren wir jungen Officiere anders, wenn es +keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus +und machten fröhliche Streifzüge durch Wald und Feld. Damals hätten wir +es nicht für die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Büchern zu +sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student.“ + +„Sei ruhig, lieber Vater,“ sagte der Lieutenant mit einem etwas +gezwungenen Lächeln, „ich werde gewiß nicht über meine Kräfte arbeiten; +wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, daß ich +keine Freude in dem hiesigen weitläufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn +ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden, +unter den alt gewohnten Verhältnissen, so wird es anders werden.“ + +„Nun,“ sagte der alte Oberstlieutenant, seinem früheren Gedankengang +folgend, „es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier +heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man muß heute +die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm führen. Das ist +Alles ganz gut, aber zum Kopfhänger darf darum der Soldat doch nicht +werden. — Daß Dir übrigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht +gefällt,“ fuhr er fort, „verstehe ich, und daß Du glücklicher in den +einfachen Verhältnissen Deiner kleinen Garnison bist — freilich,“ sagte +er dann wehmüthig seufzend, „wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz +allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters — Ihr marschirt in die +Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da können ja unsere Wege +nicht zusammenlaufen.“ + +Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenüber Platz, und der +alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und +dünne Bouillon. + +Der Oberstlieutenant füllte die Weingläser für sich und seinen Sohn aus +einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stieß mit dem +Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den künftigen +Feldmarschallstab an. Während der junge Mann schweigend seinem Vater +zuhörte, welcher von alten Zeiten erzählte und manche schon oft +wiederholte Geschichte noch einmal ausführlich vortrug, hörte man ein +starkes Klingeln an der äußern Eingangsthür der kleinen einfachen +Wohnung. + +Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit +einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurück. + +„Ein Brief für den Herrn Lieutenant,“ sagte er, indem er in +dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann überreichte. + +Dieser nahm es mit gleichgültiger Miene, öffnete es, und ließ die Augen +über den Inhalt gleiten. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, mit +starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jähen Schreckens las er +die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen +Schooß herab, indem seine Augen fortwährend unbeweglich auf den Worten +ruhten, die er so eben gelesen. + +„Mein Gott,“ rief der alte Oberstlieutenant unruhig, „was ist das? Du +hast doch keine böse Nachricht bekommen — doch nicht etwa eine +Ehrensache?“ + +Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu +gewinnen. + +„Es ist Nichts,“ sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine +Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Mühe die Worte +hervorbrachte, „ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu +verbringen.“ + +„Aber Du bist doch so erschrocken,“ sagte der alte Herr forschend, „Du +bist ja ganz roth geworden, Du zitterst.“ + +„Ich habe den ganzen Vormittag über Nichts gegessen,“ sagte der +Lieutenant, „die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig +echauffirt, — es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein +leichter Schwindel, der bereits vorüber ist.“ — + +Der alte Herr sah ihn ein wenig enttäuscht an. + +Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit +einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzählungen einzugehen, +Erinnerungen anzuregen, von denen er wußte, daß sie seinem Vater lieb +wären, so daß dieser bald den kleinen Vorfall vergaß und in äußerst +zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen ließ, +sehr vergnügt darüber, daß sein Sohn so lebendig wie lange nicht an +seinen Gesprächen Theil nahm. + +Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgeräumt +war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen großen altmodischen +Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer +sprechend mit seinem Sohn, deckte ein großes seidenes Tuch über seinen +Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute +tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern +die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Würden +und Auszeichnungen geschmückt den Namen derer von Büchenfeld zu immer +höhern Ehren brachte. + +Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein +kleines Zimmer zurück, setzte sich vor seinen großen Tisch von weißem +Holz, der mit Büchern, Plänen und Karten bedeckt war, zog das kleine +Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die +Lectüre desselben. + +„Mein Gott,“ sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton, +„mein Entschluß stand so fest, ich glaubte Alles überwunden, ich glaubte +mit der Vergangenheit und all ihren süßen Lockungen abgeschlossen zu +haben, — da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschlüsse +wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel +versenkt — + +„Mein lieber Freund.“ + +Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet. + +„Nach unserm letzten Gespräch glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu +sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhältnisse machen +eine Erklärung zwischen uns nothwendig. Ich muß Sie sehen und +sprechen, — gehen Sie heute Nachmittag fünf Uhr in der Nähe unseres +Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen +dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht +und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen.“ + +„Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen,“ sagte er, immerfort sinnend +das Papier betrachtend, — „ein einfaches A. ist die Unterschrift. — Ich +habe niemals Anna's Handschrift gesehen,“ fuhr er fort, „aber es ist +kein Zweifel, dieser Brief muß von ihr kommen. Was kann sie mir sagen +wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit +dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein — nach ihren letzten Worten +freilich,“ sagte er, den Kopf in die Hand stützend, „mußte ich glauben, +daß ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht +annehmen, sie gab mir Hoffnung, — oh, eine so süße Hoffnung, welche ich +mit so schwerer Ueberwindung aus meinem Herzen gerissen habe. + +Wäre es möglich“ — ein Schimmer von Glück und Freude erleuchtete sein +Gesicht, in einer unwillkürlichen Bewegung hob er das Papier empor, +drückte seine Lippen auf die Schriftzüge, dann sprang er auf und ging in +heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder. — + +„Sei es, was es will,“ rief er, „es wäre unritterlich und feige, der +Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt +habe, daß ich sie liebe — und welche dieses Geständniß so gütig und +freundlich aufgenommen, wie sie es gethan. — + +Aber,“ fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, „wenn +sie mir sagen will, daß Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden +will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen? + +Nun,“ fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort, +„auch das wäre ein Zeichen, daß ich mich nicht in ihr getäuscht habe, +ein Zeichen, daß sie meiner Liebe werth war, und daß sie es auch +verdient, daß ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glück opfere. +Jedenfalls muß ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird +ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser +schöne Traum wird einen um so schönern Abschluß finden, und,“ sagte er +leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glück die +Mitte hielt, „sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen +meine Liebe sich erneuern — ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das +wäre ein Mißtrauen auf die eigene Kraft, — ich muß hingehen und werde +stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhängnißvolle +Augenblick mir bringen kann.“ + +Er blickte auf seine Uhr. + +„Noch über eine Stunde,“ sagte er, — „daß doch die Zeit oft so langsam +vergeht, wenn man ihr Flügel wünscht und so rasch dahin schwindet, wenn +man sie fesseln möchte.“ + +Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht +bei seiner Lectüre, in kurzen Zwischenräumen sah er nach der Uhr, deren +Zeiger kaum vorzurücken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin +und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief blaß, bald +glühend roth; ein leichter Schweiß perlte an der Wurzel seiner Haare; +und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben, +fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter +Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefühle und Gedanken bei äußerer +Unthätigkeit stets hervorruft und welcher bei kräftigen und nervösen +Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unerträglichsten +Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequälte Menschenleben +so reich ist. + +Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte +die Mütze auf und verließ, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu +betreten, das Haus. + + * * * * * + +Fräulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag +verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um +zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen. +Sie war überhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen +Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus überlegener +Gleichgültigkeit, ihr Vater aus Zärtlichkeit selten ein Hinderniß in den +Weg gelegt hatten. + +Noch einmal hatte sie sich Alles überdacht, was sie dem jungen Manne +sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick +entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen würden. Es war ja unmöglich, +daß sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen könnte, da sie doch wußte, +daß sein Herz ihr gehörte. + +Mit bangem Zittern, aber mit einem glücklichen, hoffnungsvollen Lächeln +auf den Lippen verließ sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre +Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer +Eltern auf- und abzugehen, wie sie es öfter um diese Zeit zu thun +pflegte um frische Luft zu schöpfen. + +Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all +den alten Damen mit kleinen Hündchen in zierlichen blauen oder rothen +Mänteln, unter all den Herren, welche in dem regelmäßig abgemessenen +Spaziergang Erholung für die im Staub der Bureaus aller Arten +verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem +ihr Herz entgegenflog. + +Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter. + +„Guten Tag, Fräulein Anna,“ ertönte plötzlich eine Stimme unmittelbar +neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow, +welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit +einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit +eines alten Bekannten begrüßte, welche sie um so unangenehmer berührte, +als ihr diese Begegnung gerade im gegenwärtigen Augenblick ungemein +unerwünscht war. + +Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruß des jungen +Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen. + +Herr von Rantow blieb an ihrer Seite. + +„Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich +gesucht, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er, „in denen ich Ihnen sonst zu +begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre +blühende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen +blühen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und +Leiden keinen Platz finden,“ fügte er mit höflich gleichgültigem Ton +hinzu, indem sein Blick oberflächlich über das Gesicht und die Gestalt +des jungen Mädchen hinglitt. + +„Ich danke, Herr von Rantow,“ sagte Anna mit dem Ton einer gewissen +Verlegenheit, „ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervös +verstimmt, — deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und möchte +jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um _einsam_ meinen +Gedanken nachzuhängen.“ + +„Das sollten Sie nicht thun,“ erwiderte Herr von Rantow, ohne den +ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr +in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. „Die Einsamkeit ist kein +Heilmittel für angegriffene Nerven, eine heitere gemüthliche Plauderei +leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu +sein.“ + +„Sie sind zu gütig,“ erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, „Jeder muß +am besten wissen, was seiner Natur bei nervösen Verstimmungen gut thut, +und für mich ist ein _einsamer_ Spaziergang in der freien Luft,“ fügte +sie mit noch schärferer Betonung hinzu, „das beste Heilmittel.“ + +„Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten,“ erwiderte Herr von Rantow mit +einem leichten Lächeln, während er durch sein Glas in eine Seitenallee +hinabsah, „meine Begleitung nicht weiter aufdrängen, und doch wird es +mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein +sein zu wollen —“ + +„Mein voller Ernst,“ rief Anna schnell, indem eine dunkle Röthe ihr +Gesicht überflog, — sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von +Büchenfeld bemerkt und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle +sie ihm entgegen eilen. + +Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung +ihres Blickes. + +„Ah, da ist Herr von Büchenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch +ein Einsamer,“ fügte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge +Mädchen hinzu. „Wäre die Einsamkeit ein Ding, das man theilen könnte, so +würde ich vorschlagen, daß wir uns zu Dreien ihrem Genuß hingeben.“ + +Anna hörte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den +jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren +Zügen, unschlüssig hielt sie ihre Schritte an, so daß sie fast neben +Herrn von Rantow stehen blieb. + +Der Lieutenant von Büchenfeld hatte bei ihrem Anblick zunächst in +freudiger Bewegung einen Schritt vorwärts gemacht, dann bemerkte er den +jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gespräch +neben Fräulein Anna herging. + +Eine tiefe Blässe bedeckte plötzlich seine Züge, seine Augen öffneten +sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen +blieb, — ein bitteres höhnisches Lächeln verzog seine fest verschlossenen +Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine +Brust, schnell wandte er sich seitwärts, und mit raschen Schritten ging +er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Höflichkeit Fräulein +Cohnheim militairisch grüßend. + +Das junge Mädchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten +sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorüberschreitenden jungen +Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei, +rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle +sie die Hände ausstrecken. + +„Um Gottes Willen Herr von Büchenfeld!“ rief sie. + +Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepreßt, +daß ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr +stehenden Herrn von Rantow drangen. Im höflichen Diensteifer wandte sich +dieser um. + +„Büchenfeld!“ rief er, „so höre doch, — wie unhöflich, so vorbei zu +laufen, — Fräulein Cohnheim ruft Dich.“ + +Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm +und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes +höhnische, bittere Lächeln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von +Rantow geführt, zu dem jungen Mädchen zurück, das ihn zitternd +erwartete. + +„Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Büchenfeld,“ stammelte +sie mit unsicherm Ton, „ich wollte Ihnen sagen, — daß —“ sie blickte auf +Herrn von Rantow, der mit einem artigen Lächeln auf den Lippen neben ihr +stand, und dann schlug sie die Augen nieder, — sie schien nach Worten zu +suchen, zornig biß sie ihre glänzenden Zähne auf die Lippen und trat +heftig mit dem Fuß auf den Boden. + +„Es ist sehr freundlich, daß Sie sich meiner erinnern,“ sagte der +Lieutenant von Büchenfeld mit kalter, schneidender Höflichkeit. „Ich +bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen +Bedauern muß ich aber um Verzeihung bitten, daß ich mich keinen +Augenblick aufhalten kann, — der unerbittliche Dienst ruft mich.“ + +Er grüßte militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow, +und eilte dann mit schnellen Schritten davon. + +Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm +nacheilen, doch das wäre vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer +schnellerem Gang, sie — sah ihm mit brennendem Blick nach. + +Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht. + +„Ich begreife nicht,“ sagte Herr von Rantow, „was er haben kann, er sah +ja ganz verstört aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt +haben?“ + +Fräulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern +zeigte sich ein feuchter Thränenschimmer. + +„Ich bedaure sehr, Herr von Rantow,“ sagte sie mit kaltem Ton, „daß ich +nicht länger das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft +greift mich an, ich will nach Hause zurückkehren.“ + +Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem +leichten Gruß abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu. + +„Wir gehen denselben Weg,“ sagte er ganz erstaunt, „ich will so eben zu +meinen Eltern.“ + +Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hören. Erstaunt +blickte er ihr nach. + +„Was geht denn da vor!“ sprach er kopfschüttelnd vor sich hin. „Sollte +da eine ernste Herzensangelegenheit spielen, — das würde mir nicht zu +meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das +Alles fügt sich so vortrefflich, — nun, ich glaube kaum, daß es ein +ernstes Hinderniß sein wird,“ sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart +streichend, „dieser Büchenfeld mit seinen altfränkischen Anschauungen +wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird +auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der +Nichts weiter besitzt als seinen Degen.“ + +Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Mädchen nach und trat +einige Zeit später als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen +Parterre seine Eltern bewohnten. + +Der Lieutenant von Büchenfeld war in schmerzlicher Erregung dem +Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum +die Vorübergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken +beschäftigt. + +„Das also ist es gewesen,“ flüsterte er, „sie hat mir zeigen wollen, daß +Alles zwischen uns aus sein soll, daß Alles für sie nur das flüchtige +Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen, +aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl +das künftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklärt. +Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie +wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen, +der das Glück besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte. — + +„Das Glück?“ sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug, — „kann es +ein Glück geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den +edelsten Gefühlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich +weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag, — und sie +hätte es ja nicht nöthig gehabt,“ sprach er, grimmig die Lippen auf +einander pressend, „sie hätte es nicht nöthig gehabt, mir so meinen +Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht +verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurückgezogen. Warum hat +sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich +mich in ihr getäuscht! Wie Recht hatte mein Vater, daß in diesen Kreisen +der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefühl giebt.“ + +Er sah sich plötzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annäherung +er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten. + +„Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkörperten Fleiß,“ rief ein +junger Dragonerofficier. + +„Er bereitet sich zum Chef des großen Generalstabs vor und macht Tag und +Nacht die Pläne zu den Schlachten, die er künftig gewinnen will. Aber +jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute +Hohensteins Geburtstag,“ sagte er, auf einen Husarenofficier deutend, +„wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu +feiern. Büchenfeld darf sich nicht zurückziehen, wenn er nicht ein +schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein +vortrefflicher Romanée mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll. +Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer, — aber wo man den +Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und +nüchtern bleiben.“ + +Er ergriff den Arm des Lieutenants von Büchenfeld und zog ihn fort. Die +Andern folgten. + +„Es ist wahr,“ rief Büchenfeld flammenden Blickes, „ich habe zu viel +gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegrübelt, ich will mir einmal den +Kopf frei machen von allen Gedanken. Könnte ich Vergessenheit trinken,“ +sagte er leise vor sich hin, — „wie die Alten mit dem Wasser des Flusses +der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele +fortspülten!“ + +Unter heitern und fröhlichen Gesprächen schritten die Officiere die +Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewährte Local von +Borchard in der Französischen Straße. + +Der alte Kellner mit dem kränklichen, klug blickenden Gesicht, welcher +so genau seine Gäste zu classificiren verstand und den Geschmack und die +Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedächtniß behielt, brachte die +dickbäuchigen Flaschen in den eisgefüllten Kühlern. Die Pfropfen wurden +entfernt, und das edle, dunkelrothe Getränk mit dem weißen Schaum ergoß +sich in die zierlichen Krystallkelche. + +Der Lieutenant von Büchenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen +sich der Gesellschaft der Uebrigen angeschlossen hatte, stürzte ein Glas +des purpurnen Getränkes nach dem andern hinunter, — eine wilde Heiterkeit +schien sich seiner zu bemächtigen, seine Augen flammten, seine Wangen +glühten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit +sprühendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen. + +Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd, — er war +scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten +Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war. + +Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an. + +„Büchenfeld muß etwas sehr Glückliches passirt sein,“ sagte der +Dragonerofficier, „so habe ich ihn noch nie gesehen.“ + +„Oder,“ sagte der Husar lachend, „er steht im Begriff, sich +todtzuschießen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht.“ + +„Weder das Eine noch das Andere,“ meinte ein Dritter, „es ist einfach +dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund +so gesprächig macht.“ + +„Oder sollte er etwa verliebt sein,“ sagte der Dragoner, „das wäre ja +das Allermerkwürdigste, das man erleben könnte, — er, der bis jetzt gar +keine Augen für ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen +Studien gelebt hat.“ + +„Ja, ja,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld laut lachend, „Du hast es +getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth,“ sagte er, +ein neues Glas herunterstürzend, „aus seiner gewohnten Ruhe +herauszutreten. Nein, nein,“ fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort, +„wenn ich verliebt wäre, dann wäre mir doch wirklich besser, daß ich +mich auf ein Pulverfaß setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die +Liebe?“ sagte er plötzlich düster; — „die unwürdige Fessel, welche den +Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die flüchtige Laune einer +Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und +sie zum Spott Derer werden läßt, die sie nicht begreifen können!“ + +Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer höher glühten +die Wangen des Herrn von Büchenfeld, und bereits begannen seine Freunde +mit einiger Besorgniß zuzusehen, wie er fortwährend sein Glas füllte, um +es augenblicklich wieder zu leeren. + +Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezündet. Einige einzelne +Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz +genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden. + +Der Referendar von Rantow trat herein, ließ durch sein Lorgnon den Blick +durch das große Zimmer gleiten und näherte sich dann der Gruppe der +Officiere, die ihm sämmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen +freundlich begrüßt, rasch reichte man ihm einen gefüllten Kelch und +stellte einen Sessel für ihn in den Kreis der Uebrigen. + +Der Lieutenant von Büchenfeld war in die Ecke eines Divans +zurückgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem +Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein verächtliches Lächeln zuckte um +seine Lippen. + +„Sieh da, Büchenfeld,“ sagte der Referendarius, ihm freundlich +zunickend, „ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und +unzugänglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die +Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte, — das war nicht höflich.“ + +„Ihm muß überhaupt etwas ganz Außerordentliches passirt sein,“ sagte der +Husarenofficier, — „er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie +gesehen habe. Sehr amüsant freilich, aber ich möchte ihn so nicht in +fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst könnte wohl morgen Einer von uns +das Vergnügen haben, ihm zu secundiren.“ + +Herr von Büchenfeld warf dem Sprechenden einen flüchtigen Blick zu, +stürzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer +Stimme: + +„Das würde nicht zu besorgen sein, — ich bin im Gegentheil in sehr +friedlicher Stimmung, — sehr friedlich — und sehr vergnügt. — Du hast +Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein großes Glück widerfahren, ich bin +einer großen Gefahr entronnen, — ich stand im Begriff einen tiefen Fall +zu thun, — einen tiefen, tiefen Fall,“ sagte er mit dumpfem, allmälig +immer leiser und leiser verklingendem Ton; — dann sank sein Haupt auf die +Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu +beenden. + +Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander. + +„Ich fürchtete schon,“ sagte Herr von Rantow lächelnd, „daß Du mir böse +sein würdest, und daß ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens +gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt, — sollten wir +Nebenbuhler sein? Das wäre nicht hübsch,“ fügte er hinzu, „gute Freunde +müssen sich über so Etwas verständigen.“ + +„Nebenbuhler?“ riefen die Officiere neugierig, — „so haben wir doch +Recht, so ist er doch verliebt. Es mußte ja auch etwas ganz +Außerordentliches sein, was ihn so verändern konnte.“ + +Herr von Büchenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine müden +geschlossenen Augen öffneten sich weit und blickten mit sonderbarem +Ausdruck im Kreise umher. + +„Nebenbuhler,“ rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow +wendend, „wären wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz +ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schätze +dieses kindische Gefühl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren +Werth; und ihr Werth ist sehr gering,“ fügte er achselzuckend +hinzu, — „über Dergleichen dürfen sich Männer nicht entzweien. Wahrlich,“ +fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder +zu leisem Ton herabsank, „stände hier eine Roulette zwischen uns, ich +würde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und +Liebesansprüche der Welt setzen.“ + +„Das ist ein guter Gedanke,“ rief der Dragonerofficier, der ebenso wie +die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einfluß der Wirkung des +feurigen Weines befand, „ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid, +setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur +Klarheit zu kommen, als sich die Hälse zu brechen. Eine Roulette ist +nicht hier, spielt eine Partie Ecarté um Eure Schöne —“ + +„Vortrefflich, vortrefflich!“ riefen die Andern jubelnd, — „ein +ausgezeichneter Gedanke!“ + +„Unglück im Spiel, Glück in der Liebe!“ rief der Husarenofficier. + +„Wer das Spiel gewinnt, muß seine Liebesansprüche aufgeben —“ + +„Warum nicht,“ rief Herr von Büchenfeld, dessen Blicke sich immer +verschleierten, „gebt die Karten her!“ + +Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige +Bemerkungen machen, die Uebrigen ließen ihn nicht zu Worte kommen. + +Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartékarten gebracht, man +räumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Büchenfeld leer und zog Herrn +von Rantow zu dem jungen Officier hin. + +„Ich setze hundert Louisd'or,“ sagte dieser, indem er den Blick +forschend auf Herrn von Büchenfeld richtete, wie es schien in der +Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu +bringen. + +„Ich nehme an,“ sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell +leerte er noch ein Glas. + +„Wer gewinnt,“ rief der Dragonerofficier, „zahlt also hundert Louisd'or +und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour +zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr +sprechen.“ + +Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht +ergriffen hatte, auf Herrn von Büchenfeld. + +„Angenommen,“ sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung +nach dem Spiel und hob ab. + +„Drei,“ sagte Herr von Rantow, — dann coupirte und zeigte ein Aß. + +„Du giebst,“ sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton. + +Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male +den König auf, und nach wenigen Abzügen hatte er die Partie gewonnen. + +Höhnisch lachte Herr von Büchenfeld laut auf. + +„Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen!“ rief er, die Karten +durcheinander werfend, — „ich gratulire Dir!“ — er sank auf seinen Stuhl +zurück, sein Haupt fiel müde auf die Brust nieder. + +Herr von Rantow zuckte zusammen. + +Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise +herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit +verlegenen Blicken an. + +„Ich habe gewonnen, nach der Verabredung muß ich den Einsatz bezahlen,“ +sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrückte, daß er dieser +peinlichen Scene so schnell als möglich ein Ende machen wollte. + +Er zog einige Goldstücke aus seinem Portemonnaie, fügte aus seinem +Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von +Büchenfeld auf den Tisch und erhob sich. + +Der Lieutenant von Büchenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand +aus und streute das Geld auf dem Tisch umher. + +„Der Einsatz ist zu hoch,“ sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen +Worten, „Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht +werth, ich kann das nicht annehmen.“ + +Und abermals sank er in seinen Stuhl zurück, seine Augen schlossen sich, +sein Haupt fiel matt gegen die Lehne. + +Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurückgeschoben. Einer +der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den +Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath, +der Alles mit angehört hatte. + +„Wie peinlich, wie unangenehm,“ sagte er, während die ernst gewordenen +Officiere schweigend um ihn her standen. + +„Meine Herren,“ fuhr er fort, „ich glaube nicht, daß es möglich ist, mit +Herrn von Büchenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm +einen großen Dienst leisten, wenn Sie dafür sorgen, daß er so bald wie +möglich nach Hause zurückkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter +darüber reden.“ + +Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine +Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte. + +Die heitere und übermüthige Weinlaune der Officiere war verschwunden, +sie Alle fühlten, daß hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das +schwere Folgen nach sich ziehen müsse. + +Sie brachen auf, der Lieutenant von Büchenfeld ließ sich ruhig und ohne +weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke führen. +Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzählten dem alten +Oberstlieutenant, daß sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig +von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei. + +Der alte Herr lächelte ganz vergnügt darüber und freute sich im Stillen, +daß die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg über +seine Neigung zu einsamem Grübeln davon getragen habe. + + + + +Fünftes Capitel. + + +Fräulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefühle nach Hause +zurückgekehrt, sie hatte in das Verhältniß zu ihrem Geliebten Licht und +Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglückseliges und +verhängnißvolles Zusammentreffen der Umstände eine neue und noch größere +Verwirrung entstanden. + +Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und riß hastig die Handschuhe von +den zitternden Händen. + +„Welch ein unglückseliges Zusammentreffen,“ rief sie heftig, „ich hätte +daran denken sollen. Aber wie ist es möglich, daß er mich nicht einmal +anhören wollte. Einige Worte hätten Alles aufgeklärt. Es ist ja schon +ganz widersinnig, daß er von einer so eifersüchtigen Leidenschaft erfaßt +werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben.“ + +Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschlüssigkeit +zu der Decke des Zimmers empor. Sie zürnte sich selbst, sie zürnte ihrem +Geliebten, der so hart und rücksichtslos ihr jede Erklärung +abgeschnitten hatte, vor Allem aber zürnte sie dem Herrn von Rantow, +welcher so unberufen und störend in ihre Combinationen eingegriffen +hatte. + +„Es ist unerhört,“ rief sie, „wenn er mir zutrauen kann, daß ich mit dem +jungen Baron in irgend welchen Beziehungen stände — aber,“ fuhr sie fort, +„sein Charakter ist so mißtrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu +sehen. Es ist unmöglich, eine andere Erklärung für sein Benehmen zu +finden. Was soll ich thun? — Ihm noch einmal schreiben? — Er würde mir +nicht glauben! Er würde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im +Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekümmerniß und der +Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen müssen, mir das Gehör zu +versagen! + +Er ist hart wie Stein,“ rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen +ihres Kleides zerknitternd, „aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist +nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie +Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt +ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg +finden zu diesem mit siebenfachem Erz umgürteten Herzen?“ + +Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Pläne auf +Pläne, um sie alle wieder zu verwerfen. + +„Es giebt nur einen Weg,“ rief sie endlich mit festem entschlossenen +Ton, „Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater +sprechen. Er kann,“ fügte sie unwillkürlich lächelnd hinzu, „meinen +ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muß es übernehmen, +diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glück +meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plänen +tragen sollte.“ + +Dieser Entschluß schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch längere Zeit +über die Ausführung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon +ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete. + +Die Frau Commerzienräthin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer +Tochter eine kleine Vorlesung darüber zu halten, was sie der Stellung +ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, für +sie eine passende Verbindung zu finden, so müsse auch Anna darauf +bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen +Personen eine Annäherung zu erlauben, welche durch ihr Vermögen und +ihre gesellschaftliche Stellung im Stande wären, sich in die Reihe der +Bewerber um die Tochter des großen Finanzmannes zu stellen, welcher +bestimmt sei, noch weit höhere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu +ersteigen. + +Fräulein Anna hörte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an, +an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabänderliches gewöhnt +hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht für nöthig hielt, +die erwünschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhängen. + +Dies tête-à-tête zwischen Tochter und Mutter hatte bereits längere Zeit +gedauert, als der Commerzienrath in großer Aufregung in das Zimmer trat. +Er vergaß, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu +thun pflegte, seiner Frau die Hand zu küssen, und beachtete auch den +freundlichen Gruß seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war +und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen +Schritten auf und ab, bewegte die Hände in lebhaften Gesticulationen und +flüsterte abgebrochene Worte vor sich hin. + +Erstaunt sah ihm die Commerzienräthin eine Zeit lang zu, dann sagte sie +in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger +Besorgniß beimischte: + +„Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollständig in +Deinen geschäftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht wäre es +besser, die Berechnungen über Deine Geschäfte in Deinem Zimmer +vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie +zu widmen — oder,“ fuhr sie fort, „hast Du so peinliche und unangenehme +Nachrichten erhalten, daß Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?“ + +„Es ist unerhört,“ sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, „es +ist eine sehr unangenehme Geschichte, — es waren noch verschiedene +Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was +kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?“ + +„Aber ich bitte Dich,“ sagte die Commerzienräthin, welche jetzt +ernstlich beunruhigt zu sein schien, „so sage uns doch endlich, was Dich +so aufregt — wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen +und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begründet? +Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschäft vernichtend +treffen?“ + +„Haus und Geschäft,“ rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er +noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, „das kommt nicht +in Betracht — aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner +Tochter — was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich +verhöhnen!“ + +Jetzt wurde auch Fräulein Anna aufmerksam. + +„Du hast von mir gesprochen, lieber Papa,“ sagte sie. „Ich bitte Dich, +was giebt es — so erzähle uns doch.“ + +„Ich muß Dich jetzt sehr ernstlich bitten,“ sagte die Commerzienräthin +im strengen Ton, „uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt, +denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als +Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung +aufrecht zu erhalten,“ sagte sie, den Kopf erhebend, „und über den Ruf +meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe.“ + +„Was es giebt,“ rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch +herantrat, — „etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Böses, meine Tochter +ist beleidigt, — öffentlich beleidigt, verhöhnt im Restaurationszimmer +bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen +unbekannten Herren, welche die Geschichte natürlich so schnell als +möglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren, +welche mich schon so lange beneidet haben und gewiß so sehnlich +wünschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir rächen zu +können.“ + +„Was ist geschehen,“ fragte jetzt auch Fräulein Anna ernst und dringend, +„wer hat mich beleidigt und wie? Ich muß es wissen.“ + +„Wer?“ sagte der Commerzienrath, „Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz +unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich +die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur, +weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete, +ein kleiner Lieutenant von Büchenfeld.“ + +Anna wurde bleich wie der Tod, ihre großen Augen starrten mit entsetztem +Ausdruck auf ihren Vater. Sie stützte die Hand auf den Tisch, ihre ganze +Gestalt schwankte unsicher hin und her. + +„Lieutenant von Büchenfeld,“ sprach sie leise mit fast tonloser Stimme, +während ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf, +indem ein leichtes höhnisches Lächeln um ihren hochmüthig aufgeworfenen +Mund zuckte. + +„Er war,“ sprach der Commerzienrath eifrig, — „Du mußt es ja doch +wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst, — er war in +Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das +Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Nähe an einem Tische Platz +nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt, — die +Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken +haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen +zwischen ihm und Herrn von Büchenfeld einige anzügliche Redensarten von +Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht +besonders Acht gab. Der Lieutenant von Büchenfeld machte einige sehr +wegwerfende Bemerkungen über die fragliche Dame und sagte, er würde ihre +Liebe im Ecarté gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere +Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von +Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die größte Mühe, +das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr +erregten Gesellschaft nicht noch größeren Eclat herbeizuführen. Herr von +Büchenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne mächtig schien, verspielte +das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert +Louisd'or, — ich ahnte noch immer nichts Böses, — dann warf er die Karten +mit den lauten Worten hin: — Du hast das schöne Fräulein Cohnheim +gewonnen, ich wünsche Dir Glück dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich +kann ihn nicht annehmen. — Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wußte +kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Mühe behielt ich +die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen.“ + +Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben +nieder, das Gesicht mit den Händen bedeckend und krampfhaft schluchzend. +Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene +ihr schönes glänzendes Haar. + +„Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt +und gekränkt zu werden. Aber tröste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf. +Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht,“ sagte er, zu seiner Frau +gewendet, „sie mußte es ja doch erfahren.“ + +„Das kommt davon,“ sagte die Commerzienräthin, indem sie mit kaltem +strengem Blick zu ihrer Tochter hinübersah, „wenn man nicht vorsichtig +in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft +zuläßt, — der Lieutenant von Büchenfeld, glaube ich, war der junge, mir +unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den +Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute +setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der +Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schließlich +irgend eine Niedrigkeit zum Dank für Wohlwollen und Freundlichkeit.“ + +„O, wie wäre es möglich gewesen,“ rief Fräulein Anna, ohne die Worte +ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, +„wie wäre es möglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche +Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit zu glauben, — und das, nachdem —“ sie +bedeckte abermals das Gesicht mit den Händen und sank still weinend in +sich zusammen. + +„Nun, mein Kind,“ sagte der alte Commerzienrath, den die heftige +Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, „so übermäßig +ernsthaft muß man die Sache auch nicht nehmen. Es läßt sich immer noch +ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter, +ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin,“ fuhr er fort, „mit dem Herrn von +Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das +Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gespräch mit einander +geführt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst +morgen mittheilen wollte,“ sprach er weiter, — „indeß, da ich mich nun +einmal habe hinreißen lassen, die ganze Sache zu erzählen, so ist es +besser, wenn wir darüber auch heute gleich sprechen.“ + +Fräulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male +rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen +bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche +sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit +strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann +er, eine gewisse würdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend: + +„Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist, +und der ganz genau weiß, was in der großen Welt und in der feinsten +Gesellschaft sich schickt und paßt —“ + +„Besser als andere Leute,“ fiel die Commerzienräthin ein, „welche sich +in die Gesellschaft eindrängen, und welche man nie hätte aufnehmen +sollen —“ + +„Der Herr von Rantow,“ fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust +hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die +Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, „hat mir gesagt, wie leid es +ihm thäte, daß diese Scene stattgefunden habe, — er habe alles Mögliche +gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schließlich für das Beste +gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so +schnell als möglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natürlich +nicht im Entferntesten ahnen können, daß der Herr von Büchenfeld in so +unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und +solchen Verhältnissen nennen würde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir +gesagt,“ fuhr der Commerzienrath mit etwas gedämpfter Stimme fort, +„werde ihm Nichts übrig bleiben können, als für die Ehre der Dame, die +in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhört beleidigt +sei, persönlich einzutreten.“ + +Die Commerzienräthin lehnte sich steif zurück, indem ein befriedigtes +Lächeln auf ihrem Gesicht erschien. + +Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor. + +„Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen, — oh,“ fuhr +sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Hände sich krampfhaft +verschlangen, „warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und +Erbärmlichkeit?“ + +„Du bist nicht wehrlos, mein Kind,“ sagte der Commerzienrath, indem er +zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand über den Kopf strich, „der +junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von +Büchenfeld wieder für vernünftige Worte zugänglich ist, ihn zu einer +öffentlichen und bestimmten Ehrenerklärung auffordern, und, wenn er sich +weigert, so wird er ihn zwingen,“ sagte er mit stolzem und wichtigem +Ausdruck, „ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben.“ + +„Damit er womöglich noch verwundet oder erschossen wird,“ rief Fräulein +Anna, verächtlich die Achseln zuckend, „und ich noch mehr der Gegenstand +des öffentlichen Gespräches und des öffentlichen Spottes werde.“ + +„Des Spottes niemals, mein Kind,“ sagte die Commerzienräthin mit einem +ruhigen kalten Ton, „wenn ein Cavalier wie Herr von Rantow zu Deiner +Vertheidigung auftritt, so wird es Niemand wagen, Dich zu verspotten.“ + +„Nun,“ rief Anna, „mag es sein, wie es will, ich bin Herrn von Rantow +dankbar, daß er mich in Schutz nimmt gegen diese elende, niedrige +Beleidigung, ich bin, weiß Gott, unschuldig an dem, was daraus entstehen +kann.“ + +„Herr von Rantow hat sich benommen als ein ganz vortrefflicher junger +Mann von der besten Erziehung und dem feinsten Gefühl. Er hat mir weiter +gesagt, daß es für eine junge Dame immer peinlich sei und unangenehm, +wenn zwei Herren ihretwegen eine Ehrensache miteinander hätten, und wenn +sie namentlich von Jemand vertheidigt werden müßte, der in keinen +weiteren Beziehungen zu ihr stände — das brächte sie immer in eine +schiefe Stellung dem Publikum gegenüber und gebe Anlaß zu allen +möglichen Voraussetzungen und Gesprächen. Er habe nun, — hat er mir +weiter gesagt, — schon seit längerer Zeit den Wunsch in sich getragen, in +nähere Beziehung mit meiner Familie zu treten, nachdem sein Vater mit +mir so nahe geschäftliche Verbindungen eingegangen sei und unsere +Interessen auf Jahre hinaus sich verbunden hätten. Er habe Dir, mein +Kind, aber erst Gelegenheit geben wollen, ihn genauer kennen zu lernen, +bevor er es habe wagen wollen, bei mir um Deine Hand anzuhalten. Dieses +zufällige und plötzliche, so unangenehme Ereigniß aber mache ihm den +Muth und lege ihm fast die Pflicht auf, jetzt mit seinen Wünschen +hervorzutreten. Man werde über die Sache viel sprechen und wenn er zu +einem Rencontre mit Herrn von Büchenfeld gezwungen werden sollte, so +werde die Welt seinen Namen ohnehin mit dem Deinigen in Verbindung +bringen. Wenn Du deshalb nach Deiner kurzen Bekanntschaft mit ihm Dich +entschließen könntest, ihm Dein Leben und Deine Zukunft anzuvertrauen, +so glaubt er, daß Alles sich besser gestalten und allen peinlichen +Erörterungen die Spitze abgebrochen werden könne, da er dann auch +vollkommen berufen und berechtigt sei, für Dich gegen Deinen Beleidiger +aufzutreten.“ + +„Der junge Mann,“ sagte die Commerzienräthin, „hat wirklich ein feines +und richtiges Gefühl, und ich theile ganz seine Ansicht, daß unter +diesen Verhältnissen eine schnelle Erledigung einer Sache, die uns ja +nicht ganz unerwartet kommt, am besten sei.“ + +„Das ist ja ganz wie in alten Ritterromanen,“ sagte Anna mit +schneidendem Hohn, „der Baron von Rantow will sich seine Dame mit dem +Degen in der Hand erobern — aber“ fuhr sie fort „das ist doch wenigstens +ritterlicher Sinn, wenigstens ist es wahrlich besser, als auf so plumpe +Weise ein wehrloses Mädchen zu beleidigen. Wenn Herr von Rantow diesen +Preis für seine Vertheidigung verlangt, — so soll er ihn haben — er ist ja +eine vortreffliche Partie“ fuhr sie bitter fort, „und ich muß ja +glücklich sein, daß ich aus dieser ganzen traurigen Geschichte noch mit +einem so guten Abschluß davon komme. Sage dem Baron,“ sprach sie in +kaltem Ton zu ihrem Vater gewendet, „daß ich seine Bewerbung annehme, +da er so muthig und selbstverleugnend meine Vertheidigung übernommen +hat.“ + +Mit befriedigtem Ausdruck neigte die Commerzienräthin den Kopf. + +Herr Cohnheim eilte auf seine Tochter zu und küßte sie zärtlich auf die +Stirn. Anna stand auf. + +„Doch muß ich,“ sprach sie, „bitten, daß er mich einige Tage von seinen +Besuchen dispensirt. Diese ganze Sache hat mich natürlich angegriffen +und aufgeregt, und ich wünsche, mich zu sammeln. Auch bin ich nicht im +Stande ihn zu sehen, bevor diese Angelegenheit mit Herrn von +Büchenfeld“ — sie sprach diesen Namen mit unendlicher Verachtung +aus — „geordnet ist, ich kann doch unmöglich meinen künftigen Gemahl +selbst in den Kampf mit seinem Gegner schicken.“ + +Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie schnell das Zimmer. + +„Ich bin sehr erfreut,“ sagte die Commerzienräthin, „daß diese so +äußerst unangenehme Sache doch einen so befriedigenden Ausgang nimmt. +Ich fürchtete schon, daß die romantischen Grillen, zu welchen Anna so +viel Neigung zeigt, unsern Plänen Schwierigkeiten entgegenstellen +würden. So wird sich ja aber Alles ganz vortrefflich ordnen, und wenn +sie, wie ich einen Augenblick besorgte, eine thörichte Neigung für +diesen jungen unbedeutenden Officier gehabt haben sollte, so ist ja +jetzt Alles auf's Beste geordnet. Hoffentlich wird auch die Affaire +keine ernsten Folgen haben,“ fügte sie nachlässig hinzu. + +„So etwas kommt ja so oft zwischen diesen jungen Herren vor,“ sagte der +Commerzienrath, „und wie selten hört man, daß es wirklich +lebensgefährlich wird. Es läßt sich ja auch jetzt gar nicht ändern, und +wir müssen das Beste hoffen. Ich glaube übrigens nicht,“ fügte er hinzu, +„daß dieser junge Büchenfeld es wirklich zum Äußersten kommen lassen +wird. Die anderen Officiere schienen mir ebenfalls durch sein Betragen +sehr unangenehm berührt, ich glaube, daß die Sache mit einer +Ehrenerklärung erledigt werden wird — der alte Herr von Rantow ist, so +viel ich weiß, ein Freund von dem Vater des Lieutenants und wird +ebenfalls darauf hinwirken können. Damit ist ja denn Alles gut, und alle +boshaften Gespräche über uns und unsere Tochter, welche dieser Vorfall +hervorrufen wird, werden auf der Stelle niederschlagen, wenn wir ihre +Verlobung mit Herrn von Rantow sogleich proclamiren.“ + +Er setzte sich behaglich in seinen Lehnstuhl und nahm eine Tasse Thee. + +Noch lange saß das Ehepaar beisammen, Pläne für die Zukunft +besprechend, welche sich durch die Verbindung mit dem vornehmen Hause so +glänzend gestalten würden. + +Fräulein Anna war ruhig und gefaßt in ihr Zimmer gegangen, als sie die +Thür hinter sich geschlossen, sank sie wie gebrochen in sich +zusammen, — lange stand sie schweigend, die Hände in einander gefaltet, +die Blicke starr auf den Boden geheftet. + +„Wie schnell,“ sprach sie mit dumpfer Stimme, „sind die Träume +verflogen, die mich hier gestern noch so süß umgaukelten, wie schnell +sind all die Liebesblüthen meines Herzens geknickt, aus denen ich einen +reichen Kranz für mein Leben zu winden hoffte.“ + +Sie blickte um sich her, als ob ihr der gewohnte Raum, in dem sie sich +befand, fremd sei, als ob sie ihre Gedanken sammeln müsse, um sich klar +zu werden, wo sie sich befände, und was mit ihr vorgegangen sei. Dann +zuckte wieder glühender Zorn über ihr Gesicht. + +„Oh, daß es so enden muß! Hätte ich ihn verloren, hätte sich selbst +seine Liebe von mir abgewendet, es wäre ein edler Schmerz gewesen, ein +Schmerz, der die Seele hätte beugen, aber nicht erniedrigen können. Aber +das Bewußtsein, daß ich das edelste und reinste Gefühl meines Herzens +unwürdig weggeworfen habe, daß ich der Gegenstand des Spottes, des +Hohnes, der Verachtung habe sein können, — und warum?“ — rief sie, die +Hände ringend, — „weil ich einen Schritt gethan habe, der nicht +gewöhnlich ist, weil ich mich vor seinem Stolz habe demüthigen wollen, +weil ich geglaubt habe, daß er einen solchen Schritt verstehen und +würdigen könne. Oh, das ist hart, sehr hart! Ich kann alle meine +Hoffnungen auf Lebensglück vergessen, ich werde es zu tragen wissen, wie +so viele Frauen eine glänzende Existenz führen, beneidet von der Menge, +aber kalt und öde in ihrem Innern. Aber das werde ich nie überwinden, +daß meine Liebe verachtet, verhöhnt und mit Füßen getreten ist, daß Der, +dem ich den letzten Tropfen meines Blutes hätte opfern mögen, mich +öffentlich hat beleidigen können zum Ergötzen seiner Kameraden in ihrer +Weinlaune.“ + +Mit einer raschen Bewegung trat sie an einen kleinen Tisch von antik +geschnitztem Eichenholz und öffnete mit einem zierlichen goldenen +Schlüssel, den sie an ihrer venetianischen Uhrkette trug, eine mit +Elfenbein und Gold incrustrirte Cassette. + +„Da liegen die Reliquien meiner Träume,“ sprach sie mit dumpfem +traurigem Ton, aus ihren großem brennenden Augen fiel eine Thräne auf +den Inhalt des kleinen Kästchens. + +„Hier ist das erste Bouquet, das er mir gegeben,“ sagte sie leise, indem +sie einen kleinen vertrockneten Blumenstrauß emporhob, „vertrocknet wie +diese Blumen sind meine Gefühle, welche gestern noch so schön und +hoffnungsreich erblühten, — wie oft haben meine Lippen auf diesen Blumen +geruht! Vorbei! Vorbei!“ + +Und wie vor der Berührung des kleinen Bouquets zurückschaudernd, warf +sie dasselbe mit einer raschen Wendung in den Kamin, dessen Feuer +langsam in Kohlengluth zusammenzusinken begann. Die trockenen Blumen +flammten hoch auf und blieben dann als ein Häuflein dunkler Asche auf +den glühenden Kohlen liegen. + +Sie preßte die Hände auf ihr Herz und sah starr diesem Zerstörungswerk +zu. Dann nahm sie den ganzen übrigen Inhalt der Cassette, ebenfalls +kleine Bouquets, mehr oder weniger verwelkt, verschiedene andere +Cotillongeschenke und warf Alles in die Gluth, welche einen Augenblick +aufflackernd, mit hellem Schein das Zimmer erhellte. + +„Die Vergangenheit ist vorbei,“ sagte sie schmerzlich, „meine Zukunft +wird wie diese Kohlen mehr und mehr Licht und Wärme verlieren, bis +endlich Alles in todte Asche zusammensinkt. Oh, könnte ich mein Herz +ebenfalls zu Asche werden lassen! Aber wenn auch seine Liebe gestorben +ist, für das Leiden wird es immer noch Gefühle der Empfindung behalten.“ + +Sie sank auf ihren Divan nieder, drückte den Kopf in die Hände, und ihr +starrer Jammer löste sich in einem Strom wohltätiger Thränen. — + + — Auch der Lieutenant von Büchenfeld hatte fast in starrer +Bewußtlosigkeit die Nacht zugebracht. Seine heftige, innere Erregung, +die unnatürliche Spannung aller seiner Gefühle, und die Wirkung des +schweren Weines hatten ihn bis zum Morgen in einem Zustand gehalten, +welcher weder Schlaf noch Wachen war, und in welchem die Bilder der +Erinnerungen wild durch einander wogten, ohne sich selbst auch nur in +den unklaren Gestalten des Traumes festhalten zu lassen. + +Langsam erwachte er aus diesem lethargischen Zustande am andern Morgen, +und allmälig begann es ihm mehr und mehr klar zu werden, was am Tage +vorher mit ihm vorgegangen. Das erste Gefühl, dessen er sich vollkommen +bewußt wurde, war ein tiefer, bitterer Schmerz über die Täuschung seiner +Liebe, welche trotz seines lange gefaßten Entschlusses gestern bei der +Botschaft seiner Geliebten wieder einen Augenblick mit frischen +Hoffnungen sich bekränzt hatte. + +„Warum hat sie mir nicht gleich Alles geschrieben,“ flüsterte er, ohne +von seinem Lager sich zu erheben — „oder warum ist sie nicht allein +gekommen, warum hat sie mir in Gegenwart des Mannes, dem sie das +Andenken an mich geopfert, den Abschied geben wollen? Sollte das eine +absichtliche Kränkung, ein absichtlicher Hohn sein, oder bin ich ihr so +gleichgültig gewesen, daß sie nach der Kälte ihrer Gefühle die meinigen +bemessen hat?“ + +Lange lag er schweigend da unter dem Eindruck dieses schmerzlichen +Gedankens, dann tauchte die Erinnerung der weiteren Ereignisse des Tages +deutlicher in ihm auf. Er entsann sich des Spiels, das er gemacht, er +entsann sich, daß er den Namen des Fräulein Cohnheim laut und mit +bitteren Bemerkungen genannt habe. Ein Gefühl der Scham und Reue überkam +ihn. + +„Das war nicht würdig, nicht männlich, nicht edel!“ rief er, indem er +sich auf sein Lager aufsetzte und mit beiden Händen seinen schmerzenden +Kopf hielt. „Das hätte ich nicht thun müssen, ich hätte in meiner +heftigen Erregung die Gesellschaft fliehen und Nichts trinken +dürfen. — Oh,“ rief er nach einer Pause, „welch' ein elendes, +jämmerliches Ding ist diese so viel gepriesene Liebe! Erst läßt sie so +schwer und so bitter leiden, und dann treibt sie zu unwürdigen, zu +niedrigen Handlungen. Oh, ich schwöre es,“ rief er die Hand erhebend, +„ich schwöre, daß ich dieses Gefühl fliehen will wie die Sünde, und daß +nie wieder das Bild eines Weibes mein Herz erfüllen soll! Ich will frei +sein, stark und ruhig und meiner würdig bleiben!“ + +Der alte Diener trat ein und meldete, daß das Frühstück im Zimmer des +Oberstlieutenants bereit sei, zugleich zeigte er dem Lieutenant an, daß +zwei Officiere ihn zu sprechen wünschten und ihn bei seinem Vater +erwarteten. + +Der Lieutenant sprang empor, kühlte seinen brennenden Kopf mit frischem +Wasser und machte in hastiger Eile seine Toilette. + +Als er in das Zimmer seines Vaters trat, welcher ihn bereits völlig +angekleidet, frisch und munter erwartete, fand er dort die beiden +Officiere von den Dragonern und den Husaren, welche Zeugen des gestrigen +Abends gewesen waren, in ruhiger Unterhaltung mit dem alten Herrn +begriffen. + +Beide Officiere traten dem Lieutenant nicht mit der sonst gewohnten +herzlichen Unbefangenheit und Vertraulichkeit entgegen, sondern +begrüßten ihn mit einer gewissen kalten und gezwungenen Höflichkeit. + +„Du hast lange geschlafen,“ sagte der Oberstlieutenant heiter, „es war +wohl eine scharfe Sitzung gestern Abend, — die Herren hier sind ja auch +dabei gewesen, aber das hat sie nicht verhindert, schon frühe auf zu +sein. Das ist Recht, man muß sich niemals aus der Ordnung bringen +lassen, und fast muß ich mich meines Sohnes schämen, daß er ein solcher +Weichling ist, der am andern Morgen noch spürt, wenn er am Abend vorher +ein paar Flaschen den Hals gebrochen. Habt Ihr etwa heute Morgen schon +wieder eine Partie vor?“ fragte er, den Schnurrbart drehend, „damit +würde ich nicht einverstanden sein, — erst der Dienst und dann das +Vergnügen.“ + +Die beiden Officiere standen in einiger Verlegenheit schweigend da. + +„Wir haben mit Dir zu sprechen,“ sagte der Dragoner mit einem +Seitenblick auf den alten Herrn, „und möchten es sogleich.“ + +„Geniren Sie sich nicht vor mir,“ sagte der Oberstlieutenant mit heiterm +Lächeln, „ich bin nicht mehr im Dienst, ich bin ja nur ein alter +gutmüthiger Herr,“ fügte er mit einem leichten Anflug von Wehmuth hinzu, +„der auch jung war und weiß, was man in der Jugend treibt.“ + +„Wir möchten aber,“ sagte der Husarenofficier — „Dich einen Augenblick +allein sprechen. Es handelt sich um eine Ehrensache,“ fügte er mit +gedämpftem Ton hinzu, doch nicht so leise, daß es der Oberstlieutenant +nicht verstanden. + +Der alte Herr wurde ernst, warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn +und die beiden Officiere und sagte dann: + +„Ich lasse Dich mit den Herren einen Augenblick allein.“ + +„Halt, lieber Vater,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld, „ich bitte +Dich, zu bleiben. Ihr erlaubt,“ sagte er, „daß ich Euch bitte, vor +meinem Vater zu sprechen. Er ist Officier wie wir, und ich weiß kein +kompetenteres Urtheil in allen Ehrensachen, als das seinige. Er wird es +mir nicht abschlagen, vorläufig mein Zeuge zu sein und sein Urtheil +darüber abzugeben, was ich zu thun habe.“ + +Die beiden Officiere grüßten den Oberstlieutenant militairisch. + +„Es wird uns eine große Ehre sein,“ sagte der Husar, „wenn der Herr +Oberstlieutenant als Dein Zeuge unsere Erklärung mit anhören will.“ + +Der alte Herr bat die Officiere mit einer stummen Handbewegung Platz zu +nehmen und setzte sich dann grade und aufrecht neben seinen Sohn. + +„Ich bitte Sie also, meine Herren,“ sagte er mit ernster, fast +feierlicher Stimme, „zu sagen, um was es sich handelt.“ + +Der Dragonerofficier erzählte mit kurzen Worten den Vorgang, welcher am +Abend vorher in dem Restaurationslokal von Borchard stattgefunden hatte. + +Schweigend hörte der Oberstlieutenant zu, finstere Falten legten sich +auf seine Stirn. + +„Hat sich der Fall so zugetragen, wie die Herren erzählen? Erinnerst Du +Dich, gethan und gesprochen zu haben, was sie so eben mittheilen?“ + +„Ja,“ sagte der Lieutenant. + +Sein Vater schüttelte langsam den Kopf. + +„Der Referendarius von Rantow“, fuhr der Dragonerofficier zu dem +Lieutenant von Büchenfeld gewendet fort, „hat uns als Augenzeugen des +Vorfalls aufgetragen, von Dir eine bündige Ehrenerklärung zu +verlangen.“ — + +Eine dunkle Röthe flammte auf dem Gesicht des Lieutenants auf, sein Auge +blickte stolz zu seinen Kameraden hinüber, seine Lippen zuckten +höhnisch. — „Oder wenn Du dieselbe verweigerst,“ — sprach der +Dragoneroffizier weiter, — „Dir seine Forderung auf fünf Schritt Barriere +mit gezogenen Pistolen zu überbringen.“ + +„Angenommen,“ sagte der Lieutenant, „ich werde in einer Stunde meine +Secundanten zu Euch senden.“ + +Die Officiere erhoben sich und wollten grüßend das Zimmer verlassen. Der +Oberstlieutenant trat ihnen in den Weg. + +„Ich bitte Sie, einen Augenblick zu bleiben, meine Herren,“ sagte er. +„Mein Sohn hat gewünscht, daß ich sein vorläufiger Zeuge in dieser Sache +sei, und Sie haben mich als solchen angenommen. Nicht nur in dieser +Eigenschaft, sondern auch als sein Vater muß ich darauf sehen, daß Alles +genau so zugehe, wie es seine Ehre als Officier und als Träger meines +Namens erfordert. Sie erlauben daher, daß ich meine Meinung ausspreche.“ + +Die beiden Herren verneigten sich schweigend. + +Der Lieutenant sah seinen Vater etwas erstaunt und erwartungsvoll an. +Dieser richtete ernst und streng seinen Blick auf ihn und sprach: „Hat +die junge Dame, um welche es sich handelt, Dir jemals durch ihr Benehmen +gegen Dich irgend welche Veranlassung gegeben, in solchem Ton, wie Du es +gethan, von ihr zu sprechen? Bist Du berechtigt, ihr irgend einen +Vorwurf zu machen?“ + +Der Lieutenant wurde bleich, im heftigen inneren Kampf preßte er die +Lippen aufeinander, sein Auge senkte sich zu Boden, einige Augenblicke +stand er schweigend, ein leises Beben erschütterte seine Gestalt, dann +schlug er den Blick zu seinem Vater wieder auf, er schien seiner +kämpfenden Gefühle Herr geworden zu sein und mit fester entschlossener +Stimme sagte er: „Nein, niemals!“ + +„Dann,“ sagte sein Vater, „ist es Deine Pflicht als Ehrenmann, die +Erklärung zu geben, welche man von Dir verlangt, insofern die Ausdrücke +derselben Nichts gegen Deine eigene Ehre enthalten. Wenn Du,“ fuhr er +fort, „was ich tief beklage, Dich hast hinreißen lassen, eine Dame, der +Du keinen Vorwurf zu machen hast, öffentlich zu beleidigen, so hast Du +nicht das Recht, ihrem Ruf durch den Eclat eines Duells noch mehr zu +nahe zu treten, Du hast nicht das Recht, Demjenigen das Leben zu nehmen, +der berechtigt ist oder sich verpflichtet fühlt, als der Vertheidiger +jener Dame aufzutreten.“ + +„Herr von Rantow ist der Verlobte des Fräulein Cohnheim,“ sagte der +Dragonerofficier, „also ihr natürlicher und berufener Vertheidiger.“ + +„Um so weniger,“ sagte der alte Herr, während der Lieutenant abermals +tief erbleichend die Hand einen Augenblick auf sein Herz drückte, „darf +diese Sache ernste und gefährliche Folgen haben. Hätte die Dame Dir +jemals einen Grund zu Deinen Äußerungen gegeben, so wärst Du berechtigt, +die Waffen zu ergreifen gegen Denjenigen, der von Dir Rechenschaft +darüber fordert — so aber darfst Du es nicht, Du bist verpflichtet, durch +Deine eigene Erklärung die Beleidigung zurückzunehmen — um so mehr,“ +sagte er mit ernstem Blick auf seinen Sohn, „da man eigentlich niemals +das Recht hat, eine Dame zu beleidigen. Du bist frei,“ fuhr er fort, „Du +bist erwachsen, Du bist Officier, Du wirst thun, was Du verantworten +kannst. Ich aber sage Dir als Dein Vater, als Edelmann und Officier, der +stets auf das schärfste die feinsten Grenzen der Ehre beobachtet hat, +daß Du nach meiner innigsten Überzeugung verpflichtet bist, die +verlangte Ehrenerklärung zu geben.“ + +„Wir haben dieselbe aufgeschrieben,“ sagte der Dragoner, indem er ein +Blatt Papier aus der Uniform hervorzog und es dem Lieutenant übergab. + +Dieser reichte es schweigend, ohne einen Blick darauf zu werfen, seinem +Vater. + +Der Oberstlieutenant überlas das Blatt langsam und sorgfältig mehrere +Male; dann reichte er es seinem Sohn zurück. + +„Diese Erklärung ist in würdiger Form abgefaßt,“ sagte er, „sie enthält +nur dasselbe Anerkenntniß, das Du so eben vor mir und vor diesen Herren +ausgesprochen hast und spricht das Bedauern aus, daß Du in der Erregung +in einer bewegten Gesellschaft Dich zu Deinen Äußerungen hast hinreißen +lassen. Du kannst dieselbe unterzeichnen, — nach meiner Überzeugung mußt +Du sie unterzeichnen. Ich hoffe, daß die beiden Herren meiner Meinung +sein werden.“ + +„Es ist eigentlich nicht unsere Sache,“ erwiderte der Dragonerofficier, +„hier eine solche Meinung auszusprechen oder zu discutiren, indessen +nehme ich in diesem besonderen Fall keinen Anstand, es auszusprechen, +daß nach meiner Überzeugung durch die Unterzeichnung dieser Erklärung +die Sache auf eine für alle Theile befriedigende und ehrenvolle Weise +beigelegt sein wird.“ + +Der Husarenofficier stimmte der Ansicht seines Kameraden bei. + +„Ich werde unterzeichnen,“ sagte der Lieutenant von Büchenfeld, nahm das +Papier und begab sich in sein Zimmer. + +„Ob ich ihr einen Vorwurf zu machen habe,“ flüsterte er vor sich hin, +während er sich an seinen Schreibtisch setzte und die Feder +eintauchte, — „oh, wenn er wüßte,“ — ein schneller zorniger Blick +leuchtete in seinem Auge auf, rasch öffnete er das Schubfach des Tisches +und zog aus demselben das kleine Blatt hervor, welches er am Tage vorher +von Fräulein Anna erhalten hatte. + +Mit einem raschen Zuge setzte er seinen Namen unter die Ehrenerklärung, +faltete dieselbe zusammen, legte das Billet dazu und erhob sich, in das +Zimmer seines Vaters zurückkehrend. + +„Nein,“ sagte er dann, indem er plötzlich sinnend stehen blieb — „das +wäre unedel, — mag sie ruhig ihrer Wege gehen, sie ist todt für mich, +meine Augen werden sie nie wieder sehen, und mein Herz wird das Leid +vergessen, das sie mir angethan.“ + +Er nahm das kleine Billet, riß es in tausend kleine Stücke und streute +dieselben in die Luft, dann kehrte er ruhigen festen Schrittes in das +Zimmer seines Vaters zurück und übergab das Papier den beiden +Officieren. + +„Gott sei Dank,“ sagte der Dragoner, indem er dem Lieutenant von +Büchenfeld herzlich die Hand schüttelte, „daß die Sache so gut zu Ende +geführt ist. Ich habe sonst Nichts gegen einen kleinen Kugelwechsel, +wenn ein vernünftiger Grund dazu vorhanden ist, aber in diesem Falle +hätte es mir doch wahrhaftig wehe gethan, wenn wegen dieser Geschichte, +zu der wir halb und halb Veranlassung gegeben haben, Blut hätte fließen +sollen.“ + +Die beiden Officiere grüßten ehrerbietig den Oberstlieutenant und +entfernten sich augenscheinlich leichtern und fröhlichern Herzens, als +sie gekommen waren. + +„Ich bin nicht mit Dir zufrieden mein Sohn,“ sagte der Oberstlieutenant +in ernstem, aber mehr traurigem, als strengem Ton, „Du hast Dich +hinreißen lassen, Etwas zu thun, was ein wahrer Edelmann niemals thun +soll.“ + +Der Lieutenant warf sich im Ausdruck eines lang unterdrückten Gefühls in +die Arme seines Vaters. + +„Verzeihe mir, mein Vater,“ sagte er mit erstickter Stimme, „verzeihe +mir, ich habe Unrecht gehabt, aber ich habe es auch hart gebüßt.“ + +Der alte Herr schüttelte verwundert den Kopf. + +„Nun, nun,“ sagte er, „Jeder macht einmal einen dummen Streich, nimm +Dich künftig mehr in Acht und thu so Etwas nicht wieder.“ + +„Da ist Etwas nicht klar, die Sache ist nicht in Ordnung,“ sprach er +dann leise vor sich hin, indem er von einem Seitentisch eine frisch +gestopfte Pfeife nahm und dieselbe anzündete. „Ich fürchte, ich bin in +Gefahr gewesen, Etwas zu erleben, was ich neulich bei meinem Freunde +Rantow so scharf getadelt habe. Vielleicht muß ich Gott danken, daß die +Sache so gekommen ist.“ + +Er setzte sich an den Frühstückstisch und schenkte den duftenden Kaffee +aus der spiegelblank geputzten messingenen Sturzmaschine in seine große +Mundtasse. + + + + +Sechstes Capitel. + + +In der Zwischenzeit, während der Berathungen über zwei verschiedene +Gegenstände in dem französischen Gesetzgebenden Körper, war die Salle +des Pas perdus in dem Gebäude des Corps legislativ, woselbst sich die +Deputirten zu begegnen und in Privatgesprächen miteinander zu +verständigen pflegten, mit zahlreichen lebhaft sich unterhaltenden +Gruppen angefüllt. + +So eben war die Nachricht verbreitet worden, daß das Plebiscit eine +beschlossene Sache sei, und daß die liberalen Minister Chevandier de +Valdrome, der Graf Daru, der Finanzminister Buffet und der Marquis von +Talhouet ihre Entlassung gegeben hätten. + +Allgemein war die Bewegung und mit der lauten Lebhaftigkeit, welche dem +französischen Charakter eigenthümlich ist, äußerten die Deputirten ihre +Meinungen über dieses Ereigniß, welches die seit einiger Zeit von dem +Kaiser eingeschlagene Richtung des öffentlichen Lebens wieder +vollständig veränderte. + +In der Mitte einer Gruppe stand der Graf von Keratry, eine schlanke +Gestalt mit einem charakteristischen Kopf, dessen unruhig umher +blickende Augen einen beweglichen feurigen, aber nicht sehr geordneten +Geist verriethen. + +„Es ist Alles bereits vorbereitet,“ sagte er, „so eben habe ich +erfahren, daß den Präfecten befohlen worden ist, ihre ganze Thätigkeit +auf die Vorbereitungen für das Plebiscit zu richten, und daß sie +zugleich ermächtigt sind, den Gemeinden zu erklären, daß die +Executivgewalt die Maires künftig stets den Vorschlägen der +Gemeinderäthe entsprechend auswählen werde.“ + +„Das ist unerhört,“ rief der Deputirte Picard, ein Mann mit einem +blassen, scharfen und ein wenig verbissenem Gesicht, „das ist eine +vollständige Corruption des öffentlichen Votums. Will man eine +Volksabstimmung, so soll man wenigstens sie frei sich vollziehen lassen. +Auf diese Weise aber wird die Sache eine reine Comödie. Wenn die +Präfecten mit der ganzen Autorität ihrer Stellung in die Sache +eingreifen, wenn man den Gemeinden zugleich Versprechungen macht, von +denen man,“ fügte er höhnisch hinzu, „gewiß nicht die Absicht hat, sie +je zu erfüllen, so macht man sich einer moralischen Bestechung schuldig. +Man wird die öffentliche Meinung Frankreichs vor den Augen von ganz +Europa fälschen, um sich dann auf diese öffentliche Meinung stützen zu +können, wenn man beginnen wird, die abenteuerlichsten Maßregeln des +Absolutismus durchzuführen.“ + +Jules Favre trat hinzu, seine große volle Gestalt hatte eine etwas +schwerfällige Haltung, und seine Bewegungen zeigten ein wenig jene +stereotype theatralische Würde, welche die Advokaten vor den +Gerichtshöfen anzunehmen pflegen, wenn sie mit dem Aplomb tiefer +Überzeugung durch den persönlichen Eindruck das Gewicht ihrer Gründe zu +verstärken trachten. Sein starkes Gesicht mit den regelmäßigen, +angenehmen Zügen, den großen, geistvollen und klar blickenden Augen, dem +langen, überhängenden zurückgestrichenen Haar und vollen Bart, der sich +an einzelnen Stellen fast weiß färbte, zeigte ein gewisses +selbstzufriedenes überlegenes Lächeln, und mit seiner vollen und tiefen +Stimme sprach er: + +„Wir müssen uns organisiren, meine Herren, wir müssen unsererseits +Comités bilden, welche dafür wirken, daß dem ganzen Volk klar gemacht +werde, wie die freiheitliche Entwickelung nur gesichert werden könne, +wenn man sich massenhaft von der Theilnahme am Plebiscit enthält — , wenn +wir es erreichen können, die abgegebenen Stimmen auf ein Minimum zu +reduciren, so wird der moralische Eindruck der Volksabstimmung +vollständig verschwinden, der sonst nicht nur im Auslande, sondern auch +in Frankreich selbst zu einer bedeutenden Verstärkung der moralischen +Macht des Kaiserreiches beitragen muß. Lassen Sie uns heute +zusammentreten und an die Bildung dieses Comités denken.“ + +„Das ist sehr gut,“ rief Herr Picard, „allein wie sollen wir, die wir +doch erst einen Organismus schaffen müssen und nur langsam vorgehen +können, die wir allen Hemmungen und Hindernissen ausgesetzt sind, welche +die Macht uns bereiten wird, wie sollen wir dem concentrirten und wohl +geleiteten Einfluß der Präfecten gegenüber etwas ausrichten?“ + +„Nein,“ rief der Graf von Keratry, „wir müssen laut unsere Stimmen +erheben, um gegen diese ungesetzliche Einwirkung der Regierungsautorität +auf die freie Abstimmung des Volkes zu protestiren. Das scheint mir +sicherer, als in die Wahlagitation einzutreten, bei welcher wir zu spät +kommen müßten. Können wir nachweisen, daß die Abstimmungen durch die +Präfecten gemacht sind, so wird das Plebiscit ebenfalls seine Bedeutung +vor der liberalen öffentlichen Meinung Europas vollständig verlieren.“ + +„Es giebt noch ein Mittel,“ sagte Herr Barthélémy St. Hilaire, ein +schlanker Mann von elegantem Äußern, dessen Mienen und Haltung ein wenig +an den gelehrten Professor erinnerten, „wir müssen darauf dringen, daß +das Plebiscit nur einen Tag dauert, das wird eine große +Massenbetheiligung unmöglich machen. Ich werde einen solchen Antrag +stellen, und bitte Sie, meine Herren, ihn zu unterstützen.“ + +Der Advokat Gambetta, eine kleine schmächtige Gestalt, mit leicht +gekrümmten Schultern, wenig elegant, fast ein wenig unsauber in seiner +Erscheinung, hatte schweigend die verschiedenen Äußerungen mit angehört. + +Er stand da, das ausdrucksvolle, häßliche Gesicht mit dem schlecht +gepflegten Haar und Bart, mit dem kalt und höhnisch lächelnden Munde, +leicht auf die Seite geneigt, sein sehendes Auge richtete sich mit einem +düstern, fast unheimlich drohenden Ausdruck auf eine Gruppe von Herren, +welche in der Nähe standen, während das andere des Lichts beraubte Auge +unter dem herabhängenden Lide verborgen war. + +„Dort steht ja,“ sagte er mit einer rauhen, etwas schwerfällig +klingenden Stimme, „der große Regenerator des Kaiserreichs, unser alter +Freund Ollivier, dem es so leicht wird, täglich eine andere Gestalt +anzunehmen, und neben ihm Herr Chevandier de Valdrome. Fragen wir ein +wenig diese Herren, es wird immerhin gut sein, wenn wir uns vorher etwas +orientiren, um genau zu wissen, was wir bei den öffentlichen Debatten zu +thun haben.“ + +Er näherte sich den Ministern und begrüßte sie mit einer artigen, aber +ein wenig linkischen Verbeugung, die übrigen folgten ihm und umgaben die +beiden Minister, um welche sich sehr bald noch mehrere der im Saale +anwesenden Deputirten gruppirten. + +„Es scheint, daß das Plebiscit beschlossen ist,“ sagte Herr Gambetta zu +Ollivier gewendet, der in etwas gezierter, an die gesuchte saubere +Einfachheit Robespierres erinnernder Haltung da stand, und dessen +eigenthümlich geformtes Gesicht, mit der schmalen Stirn, den stark +schielenden von einer feinen Brille beschatteten Augen und dem großen, +über dem zurückstehenden Kinn stark hervortretenden Munde, in lebhafter +Bewegung zitterte. + +„Ich habe keinen Grund,“ erwiderte der Großsiegelbewahrer des +Kaiserreiches, indem er die Begrüßung des Herrn Gambetta mit kalter, +abwehrender Höflichkeit erwiderte, „mich nicht über die Situation +auszusprechen. Ja, meine Herren,“ fuhr er fort, „das Plebiscit ist +beschlossen, und ich begreife nicht, wie Sie und Ihre Freunde,“ fügte er +hinzu, indem sein unsicherer Blick leicht über die Gruppe hinglitt, +welche ihn umgab, „ich begreife nicht, wie Sie Alle gegen diesen +Gedanken sein können. Die unmittelbare Berufung des Volkes in wichtigen +Verfassungsangelegenheiten des Landes entspricht ja so vollkommen den +Grundsätzen einer wahren und vernünftigen Demokratie, zu welcher Sie +sich bekennen, welchen ich meinerseits stets treu geblieben bin, und +welchen auch diese neue Maßregel einen verstärkten Ausdruck geben wird.“ + +Ein höhnisches Lächeln umzuckte die Lippen Gambetta's. + +„Darf ich Sie vielleicht fragen,“ fuhr er fort, „wie lange die +Volksabstimmung dauern soll und ob bei derselben das Vereinsrecht zur +Ausübung kommen werde, welches der Bevölkerung gestattet, sich vorher +über die der Frage gegenüber einzunehmende Haltung zu verständigen.“ + +„Zweifellos,“ erwiderte Herr Ollivier, „werden öffentliche +Versammlungen Statt finden dürfen, und das Volk wird von allen seinen +verfassungsmäßigen Rechten Gebrauch machen können — doch,“ fuhr er fort, +„liegt es in der Natur der Sache, daß solche Versammlungen, da es sich +ja hier nur um die ganz einfache Beantwortung einer einfachen Frage +handeln wird, nicht so lange werden dauern können, als dies zum Beispiel +bei den Wahlen zum Gesetzgebenden Körper erlaubt ist. Jeder soll nach +seiner freien Ueberzeugung eine sehr klar gestellte Frage beantworten, +und dazu sind in der That keine langen Debatten und keine langen +Vorbereitungen erforderlich.“ + +„Aber die Regierung, meine Herren,“ rief der Graf Keratry in heftigem +und gereiztem Ton, „hält es nicht für unnütz, solche Vorbereitungen in +dem ausgedehntesten Maße zu treffen. So eben habe ich den Herren hier +mitgetheilt, daß ich erfahren, die Präfecten seien angewiesen, mit +äußerster Energie das Plebiscit vorzubereiten und sogar den Gemeinden +Versprechungen in Betreff der Maires zu machen — es scheint also doch, +daß man es für wichtig hält, die Autorität der Macht in die Wagschale zu +werfen, wenn die Mittheilungen,“ fügte er hinzu, den scharfen +stechenden Blick auf Herrn Chevandier de Valdrome richtend, „die mir +gemacht, richtig sind.“ + +Der Minister des Innern, ein vornehm aussehender, etwas gleichgültig +blickender Mann von matten, nervösen Gesichtszügen, ließ seinen Blick +von oben herab über den Grafen Keratry hingleiten, ein kaltes, +feindliches Lächeln spielte um seine Lippen und in kurzem, wenig +verbindlichem Ton erwiderte er: + +„Ja, ich habe die Präfecten instruirt, wie ich das für mein Recht und +meine Pflicht halte, ich habe ihnen befohlen, die äußerste Thätigkeit zu +entwickeln, um die Enthaltung von der Abstimmung zu verhindern. Ich +trage die persönliche Verantwortlichkeit für meine Anweisungen, — welche +übrigens ganz und gar Verwaltungsmaßregeln sind.“ + +„Ich begreife nicht,“ rief Picard, „wie der Herr Minister des Innern das +Plebiscit als die freie Abstimmung des Volkes über die wichtigsten +Fragen, die sein öffentliches Leben betreffen, eine Verwaltungsmaßregel +nennen kann. Wenn es jedoch nun,“ fügte er mit ironischem Lächeln hinzu, +„eine Verwaltungsmaßregel sein soll, so würde es für uns gewiß von +großem Interesse sein, den Inhalt der Schreiben kennen zu lernen, welche +in dieser Beziehung an die Präfecten erlassen worden sind.“ + +„Die innern Maßregeln der Verwaltung,“ erwiderte Herr Chevandier de +Valdrome in kurzem Ton, „sind kein Gegenstand von Diskussionen mit der +Vertretung des Landes, sie sind ein ausschließliches und unbestreitbares +Recht der Regierung.“ + +Rasch fiel Herr Ollivier ein, indem er ein wenig die Hand erhob und +jenen etwas salbungsvollen Ton annahm, der seiner Rede auf der Tribüne +so oft die unmittelbare Wirksamkeit nahm: + +„Und wenn Sie auch nicht das formelle Recht dazu haben, so will ich +Ihnen doch am wenigsten die moralische Berechtigung bestreiten, unsere +Anweisungen kennen zu lernen. Interpelliren Sie mich in der Sitzung, und +ich werde von der Tribune Ihnen unsere Instructionen mittheilen.“ + +„Wenn der Herr Minister der Justiz statt meiner spricht,“ sagte Herr +Chevandier de Valdrome in trockenem Ton, indem er sich gegen seinen +Collegen verbeugte, „so habe ich ja nicht nöthig, mich länger an dieser +Unterhaltung zu betheiligen,“ und rasch sich abwendend, entfernte er +sich von der Gruppe. + +„Ich habe keinen Grund,“ fuhr Herr Ollivier fort, „unsern Standpunkt und +unsere Maßregeln zu verhüllen, wir haben den Präfecten einfach +geschrieben: „Sichern Sie die Freiheit der Abstimmungen, wenden Sie +weder Drohungen, noch Druck, noch Versprechungen an, vergessen Sie aber +nicht, daß Sie den Umtrieben der Wahlenthaltung gegenüber stehen und +wenden Sie die verzehrendste Thätigkeit an, nur jeden Bürger zur +Abstimmung zu drängen.“ + +„Nun wohl,“ rief Herr Picard lachend, „diese aufreibende Thätigkeit und +dieses Drängen der Bürger zur Abstimmung sind die deutlichen Zeichen, +daß die so traurige Praxis der amtlichen Candidaturen auch in dieser +Frage eben so rücksichtslos wie früher geübt werden soll. Die Enthaltung +von der Abstimmung ist ein unzweifelhaftes Recht eines jeden Bürgers vor +allen Dingen dann, wenn doch Niemand im Stande ist, ohne Gefahr frei +seine Meinung zu äußern; wenn Jedermann sich scheuen muß nein zu sagen, +so muß ihm wenigstens die Freiheit bleiben, nicht ja sagen zu dürfen. +Das Alles ist nichts als Possenspiel“ fügte er achselzuckend hinzu. + +„Hier ist von keinem Possenspiel die Rede,“ rief Herr Ollivier in +lebhafter Erregung, „deutlich und unverhüllt wird die Frage an das Volk +gestellt werden. Die einzige Thätigkeit der Regierung wird sich nur +darauf richten, Jeden dahin zu führen, daß er die deutlich gestellte +Frage eben so deutlich beantworte.“ + +„Durch die Anweisung, deren Inhalt uns so eben im Allgemeinen +mitgetheilt ist,“ sagte Herr Jules Favres ruhig und langsam, „ist das +Cabinet seinem liberalen Programm untreu geworden — das Mißtrauen ist +also wohl berechtigt. Mögen die Herrn Minister,“ sagte er mit einer +leichten Verbeugung gegen Ollivier, „es auch ehrlich meinen, die andern +Beamten werden dennoch die Abstimmungen fälschen.“ + +„Das wird Niemand wagen,“ rief Herr Ollivier heftig erregt, „die +Minister können wohl das Vertrauen verlangen, daß sie den Maßregeln, zu +denen sie sich ehrlich bekennen, auch von Seiten ihrer Untergebenen eine +ebenso ehrliche und rückhaltslose Durchführung zu sichern im Stande sein +werden. Uebrigens,“ fuhr er fort, „kommt das Cabinet und seine Existenz +bei der ganzen Sache garnicht in Frage. Es handelt sich einfach um eine +Sanctionirung der Verfassungsbestimmungen, welche die Minister mit den +Vertretern des Landes bereits gutgeheißen haben. Die Kammern selbst sind +also ebenso betheiligt, als das Ministerium.“ + +„Das sind Wortklaubereien,“ rief Picard entrüstet, „Regierung ist +Regierung, es ist traurig genug, daß man nicht im Stande ist, dem +Ministerium, das sich mit liberalen Reformen einführte, dauerndes +Vertrauen zu schenken.“ + +„Das thut mir sehr leid,“ rief Herr Ollivier zitternd vor zornigem +Eifer, „schenken Sie uns Ihr Vertrauen, schenken Sie es uns nicht, das +ist Ihre Sache — das kann uns nicht abhalten, unsre Pflicht zu thun, +seien Sie überzeugt, daß uns Ihre Meinung ganz gleichgültig ist.“ + +Ein dumpfes Murren ließ sich unter der Gruppe vernehmen. + +„Welch ein Ton der Conversation,“ rief Jules Favres, „man sollte doch +meinen, sich hier in der Gesellschaft von gebildeten Leuten zu +befinden.“ + +„Der Herr Minister ist sich gewiß über die Bedeutung seiner Worte nicht +klar geworden,“ sagte Herr Picard kalt und höhnisch, „die Sorgen für die +Verbreitung des Plebiscit haben, wie es scheint, seine sonst so eminente +Fähigkeit, die Redewendungen richtig abzuwägen, gelähmt.“ + +Herr Ollivier schien selbst ein wenig bestürzt über seinen heftigen +Ausbruch zu sein. + +„Ich bin mir über meine Worte vollkommen klar,“ sagte er, „und habe mit +denselben,“ fügte er sich leicht verneigend hinzu, „durchaus keine +persönliche Verletzung beabsichtigt. Ich habe nur sagen wollen, daß +eine Regierung, welche sich vollkommen klar ist über das, was sie nach +reiflicher Ueberlegung für ihre Pflicht erkannt hat, sich nicht dadurch +irre machen lassen darf, ob ihre Beschlüsse und Maßnahmen bei der einen +oder bei der andern Partei beifällige oder tadelnde Beurteilung finde; +und ich kann nur wiederholen, daß die Regierung es für ihre Pflicht +hält, mit aller Energie gegen das System der Stimmenenthaltung +aufzutreten. Das Kaiserthum und der Kaiser stehen nicht in Frage,“ fuhr +er mit fester Stimme fort, „wie hier so eben bemerkt wurde, die Frage +ist nur die, ob es gut sei, das Kaiserthum der Autorität und des +persönlichen Regiments in ein liberales Kaiserthum umzuwandeln; daß die +Feinde des Kaiserthums überhaupt das Letztere nicht wollen, begreife +ich,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, „ob sie aber damit dem +Vaterlande einen Dienst leisten, ob sie nicht ihre Parteirücksichten +höher stellen, als das Wohl der Nation, das will ich, meine Herren, +ihrem eigenen Gewissen überlassen.“ Und mit einer kurzen Verneigung +wandte er sich ab und verließ das Zimmer. + +Ein Theil der Abgeordneten kehrte in den Saal zurück, wo man über +einzelne Paragraphen des neuen Preßgesetzes debattirte. Die Meisten +aber entzogen sich dieser Debatte, präoccupirt wie sie durch die ganze +politische Situation waren, verließen sie das Palais des Gesetzgebenden +Körpers, um in Privatzusammenkünften bei den Parteiführern sich über die +zu fassenden Entschließungen zu berathen. + +Herr Ollivier durchschritt langsam die Corridore und stieg vor dem +Palais in sein sehr einfaches und unscheinbares Coupé, indem er dem in +dunkle Livree gekleideten Kutscher zurief: + +„Nach den Tuilerien.“ + +Kurze Zeit darauf fuhr er in den innern Hof des alten Königspalastes +ein, er hielt vor dem großen Eingang, über welchem das von Lanzen +getragene Zeltdach sich ausdehnte. + +Er fand den Dienst thuenden Ordonnanzofficier im Vorzimmer; dieser +führte ihn sogleich in das Cabinet des Kaisers ein. + +Napoleon III war frischer als sonst, zwar hingen seine Züge mit dem +Ausdruck des Leidens und körperlicher Schmerzen schlaff herab, aber in +seinem Blick machte sich eine gewisse an die vergangenen Tage seiner +Jugend erinnernde Energie bemerkbar, als er mit seinem langsamen, etwas +unsicheren Gang dem Minister entgegentrat, welcher es übernommen, das +Steuer des Staatsschiffes, welches so lange die feste Hand des Herrn +Rouher geführt hatte, durch die bedenklichen Klippen verschiedener +Neuerungen zu führen. + +„Ich habe gewünscht, Sie noch vorher zu sprechen, mein lieber Herr +Ollivier,“ sagte der Kaiser, indem er mit verbindlichem Gruß dem +Großsiegelbewahrer die Hand reichte, „bevor ich den gesammten +Ministerrath höre, in welcher Weise die Ereignisse geleitet werden +müssen, damit wir das große Ziel erreichen, das öffentliche Vertrauen in +die Regierung vollständig wieder herzustellen, — welches bereits so sehr +wieder gewachsen ist,“ fügte er mit einer leichten Neigung des Kopfes +hinzu, „seitdem Sie mir mit Ihrem Rath zur Seite stehen.“ + +„Das Vertrauen Eurer Majestät macht mich sehr glücklich,“ erwiderte +Herr Ollivier, indem er auf den vom Kaiser ihm bezeichneten Sessel +sich niederließ. „Wenn die öffentliche Meinung mir mit einem +gewissen sympathischen Gefühl entgegenkommt,“ fuhr er mit einem +selbstbefriedigten Lächeln fort, „so wird mir meine Aufgabe sehr +wesentlich durch die hochherzige Offenheit erleichtert, mit welcher Eure +Majestät mich unterstützen.“ + +Der Kaiser richtete einen eigentümlichen Blick aus seinen schnell sich +entschleiernden und dann wieder in ausdruckslose Gleichgültigkeit +zurücksinkenden Augen, während er mit der Hand über den Schnurrbart +streichend ein unwillkürlich seine Lippen bewegendes Lächeln verbarg. + +„Sie glauben also,“ sagte er dann, „daß das Plebiscit der Regierung +günstig ausfallen werde?“ + +„Jedenfalls,“ erwiderte Herr Ollivier, „die Stimmung ist allgemein sehr +wenig befriedigt über das Verhalten der unversöhnlichen Opposition. Man +will Ruhe für die Geschäfte, man will Schutz gegen die herandrängende +sociale Bewegung, und man wird dem liberalen Kaiserreich um so mehr mit +begeisterter Wärme seine Stimme geben, als es die Freiheit mit der Kraft +und der Ordnung vereinigt. Die Opposition fühlt dies, und ihr Bestreben +geht nicht mehr danach, ein negatives Votum der Volkscomitien zu +erreichen, sondern vielmehr eine massenhafte Stimmenenthaltung +durchzusetzen, ein Bestreben, in welchem sie durch die Indolenz der +Massen wesentlich unterstützt werden möchte. + +„Eure Majestät werden es gewiß billigen, daß wir auf die energischste +Weise den Präfecten aufgetragen haben, vor allen Dingen besonders in den +ländlichen Kreisen gegen die Enthaltung von der Abstimmung zu wirken.“ + +„Gewiß, gewiß,“ sagte der Kaiser wie zerstreut, „man muß alle Mittel +anwenden, um diesen Herren von der Opposition zu zeigen, daß das Volk +von Frankreich sie verwirft und fest hinter mir steht, — doch,“ fuhr er +fort, „wie ist es mit Daru und Buffet? Bestehen sie darauf, daß die +Kammern zunächst über das Plebiscit befragt werden und werden sie daraus +eine Cabinetsfrage machen?“ + +„Ich glaube, Sire,“ sagte Herr Ollivier, „daß meine beiden Kollegen sehr +geneigt sind, sich darüber zu verständigen; sie wollen gern ihre Kräfte +unter dem liberalen Kaiserreich und unter Eurer Majestät erleuchteter +und ruhmvoller Führung dem Wohle Frankreichs widmen. Indeß halten sie es +für unmöglich, so ganz und gar von dem Prinzip abzuweichen, das sie mit +voller Ueberzeugung vertreten. Es läßt sich vielleicht,“ fuhr er fort, +„ein Weg finden, um im Wesentlichen die Meinungen Eurer Majestät +aufrecht zu erhalten, und dennoch die Minister, welche bei den +verschiedenen Parteien Vertrauen haben zu conserviren. Man könnte die +Absicht, ein Plebiscit vorzunehmen, ohne sich einem constitutionellen +Beschluß der Vertretung des Landes zu unterwerfen, dem Corps legislativ +einfach durch eine Botschaft mittheilen, worauf denn eine +Antwortsadresse erfolgen würde. Auf diese Weise ließen sich die +verschiedenen Standpunkte vielleicht vereinigen, und es ist allerdings +richtig, daß bei dem Plebiscit es von Wichtigkeit sein könnte, dem Volk +zu zeigen, daß die Regierung und die regelmäßige constitutionelle +Vertretung über den wichtigen Act in voller Uebereinstimmung sich +befinden.“ + +Der Kaiser senkte den Kopf und strich mehrere Male nachdenklich über +seine Stirn. + +„Damit würde eigentlich,“ sagte er, „dem Plebiscit die wahre Spitze +abgebrochen, und ich bin, wie ich Ihnen aufrichtig sagen muß, nicht sehr +geneigt, einen solchen Weg zu gehen. Halten Sie,“ fragte er, Herrn +Ollivier plötzlich voll und scharf anschauend, „diesen Weg prinzipmäßig +für richtig, oder würden Sie ihn nur vorschlagen, um die Personen der +Minister zu conserviren?“ + +„Die Minister haben, wie ich Eurer Majestät zu bemerken die Ehre hatte,“ +fuhr der Großsiegelbewahrer fort, „ein gewisses Vertrauen, ihr Rücktritt +könnte einen ungünstigen Eindruck machen. Dies ist wesentlich der Grund, +weßhalb ich einen Kompromiß suchen möchte.“ + +„Mein lieber Herr Ollivier,“ sagte der Kaiser, indem er sich ein wenig +herüberneigte, „nach meiner Ueberzeugung beruht das Vertrauen, welches +das Ministerium bei der Bevölkerung genießt, weder auf Herrn Buffet, +noch auf dem Grafen Daru, noch auf irgend einem der andern Personen, +welche gegenwärtig das Cabinet bilden, sondern vielmehr lediglich auf +der Achtung und Sympathie, welche man Ihnen entgegenträgt, Sie sind der +Pfeiler, auf welchem gegenwärtig meine Regierung ruht. Der Respect vor +Ihrem Charakter, die Bewunderung für Ihre großen Talente bilden einen +Nimbus um Sie, dessen Strahlen auch auf die übrigen Minister fallen, sie +werden aber ebenso gut auch auf jeden Andern fallen, der das Glück haben +wird, mit Ihnen zusammen ein Cabinet zu bilden. Die Rücksicht also,“ +fuhr er fort, „auf das Vertrauen, welches jene Herren im Lande genießen, +und den persönlichen Einfluß, welchen sie üben können, würde mich +niemals bestimmen können, von einem als richtig anerkannten Prinzip +abzugehen, lediglich um ihre Personen zu conserviren. Etwas Anderes,“ +fuhr er nachdenklich fort, indem aus dem Winkel seines fast +geschlossenen Auges ein schneller, scharf beobachtender Blick auf Herrn +Ollivier hinüberflog, „etwas Anderes ist es freilich mit ihrer Ersetzung +in den Geschäften. Buffet ist ein vortrefflicher Finanzminister, es +wird nicht leicht sein, Jemanden an seine Stelle zu setzen — Ségris +vielleicht — man müßte sich mit ihm darüber verständigen — noch +schwieriger aber ist die Sache bei Daru. Woher kann man so schnell einen +auswärtigen Minister finden? Namentlich, da es sich darum handeln würde, +die Stellung ein wenig zu modificiren, welche wir dem Concil und Rom +gegenüber eingenommen haben. Die Minister der auswärtigen +Angelegenheiten,“ fuhr er fort, anscheinend immer tiefer im Nachsinnen +versinkend, „wachsen nicht aus der Erde hervor. Ja, wenn,“ sagte er, den +Blick wie fragend auf Herrn Ollivier richtend — „wenn es möglich wäre, +daß eines Menschen Kraft die Last allein trüge, welche schon auf drei +Schultern vertheilt nicht leicht ist, so wäre schnell eine Abhülfe zu +finden.“ + +Er lehnte den Kopf wie tief nachdenkend auf den auf sein Knie gestützten +Arm. + +Das Gesicht Olliviers zuckte in lebhafter Bewegung, seine Augen schienen +einem plötzlich vor ihm auftauchenden Bilde zu folgen, ein Schimmer +hoher Befriedigung erleuchtete seine Züge und rasch mit athemloser +Stimme sprach er: + +„Eure Majestät meinen — Eure Majestät haben irgend eine Idee über das +Ressort des auswärtigen Amtes?“ + +„Ich fürchte,“ sagte Napoleon, indem er wie in schmerzlicher +Resignation die Achseln zuckte, „daß die Idee, welche mir einen +Augenblick als möglich vorschwebte, der Wunsch, den ich einen Augenblick +hegte, Unmöglichkeiten sind. Ich hatte mir gedacht, wie rasch sich das +Alles arrangiren ließe, wenn Sie, mein lieber Herr Ollivier, mir das +Opfer bringen könnten, für einige Zeit das Ministerium der auswärtigen +Angelegenheiten zu führen. Ich weiß,“ fuhr er fort, „die Repräsentation, +welche gerade mit diesem Ministerium mehr als mit andern verbunden ist, +würde Ihnen lästig sein. Die Last der Arbeiten würde selbst Ihrem der +Thätigkeit so gewöhnten Geist zu viel werden. Lassen wir also die Sache, +es ist doch vielleicht besser, einen Kompromiß zu suchen, welcher uns +den Grafen Daru und Herrn Buffet erhält.“ + +Herr Ollivier hatte in einer gewissen Unruhe, die Hände in leichtem +Zittern bewegend, das Ende der Bemerkungen des Kaisers erwartet. Als +Napoleon schwieg, sagte er rasch, indem er seine Brille zurecht schob: + +„Ew. Majestät dürfen überzeugt sein, daß mir für Ihren Dienst und für +das Wohl Frankreichs kein Opfer zu groß ist. Wohl widerstrebt meinem +einfachen bürgerlichen Sinne,“ sagte er, „die große und vielseitige +Repräsentation, wohl möchte ich auch für meine Familie leben und für +meine Gesundheit ein wenig Muße gewinnen, dennoch aber kann ich keinen +Augenblick anstehen, wenn es der Dienst Eurer Majestät, wenn es das Wohl +Frankreichs erfordert, auch diese neue Last auf mich zu nehmen, und ich +traue mir ohne Ueberschätzung dennoch die Kraft zu, sie tragen zu +können. Ich bin an die Thätigkeit gewöhnt, Sire, und will wenigstens +versuchen, Eurer Majestät auch diesen Beweis meiner Ergebenheit zu +geben.“ + +Napoleon schlug wie durch eine unerwartet günstige Wendung der Dinge +freudig überrascht die Hände zusammen. + +„Aber, mein lieber Herr Ollivier,“ sagte er, „dann ist uns ja geholfen, +dann haben wir ja garnicht nöthig, noch einen Kompromiß zu suchen, wenn +Graf Daru wirklich heute abgeht und Sie bereit sind, an seine Stelle zu +treten. So befinde ich mich ja nicht nur in keiner Verlegenheit, sondern +ich werde sogar meine Lage wesentlich verbessern, denn Sie werden mir +die Bemerkung erlauben, daß ein jedes Portefeuille bei Niemanden, und +wäre er der Geschickteste und Bewährteste, so gut aufgehoben sein kann, +als in Ihren Händen. Wenn Sie also wirklich bereit wären, an die Stelle +des Grafen Daru zu treten, und wenn Ihre Kraft eine so übermäßige Last +zu ertragen im Stande ist, dann wären wir ja, wie ich glaube, +vollständig einig über den Gang, den wir den Ereignissen zu geben +haben.“ + +„Wenn Eure Majestät,“ sagte Herr Ollivier, „die Gnade haben würden, mir +das Portefeuille des Auswärtigen zu übertragen, so sehe ich allerdings +nicht ein, warum in der Frage des Plebiscits ein keinem Prinzip +vollkommen entsprechender Ausweg gesucht werden sollte.“ + +„Nun,“ sagte der Kaiser, indem er sich erhob, „ich sehe, wir verstehen +uns vollkommen, — welche Freude wird es mir machen, mit Ihnen die Fragen +der auswärtigen Politik zu besprechen und aus Ihrem so erleuchteten +Geiste immer neue Gedanken zu der Beurtheilung derselben zu ziehen.“ + +Herr Ollivier verneigte sich mit glücklichem zufriedenem Lächeln. + +„Ich glaube, wir werden vollständig darin übereinstimmen,“ sagte der +Kaiser leichthin mit gleichgültigem Ton, „daß der römischen Frage auf +dem Concil gegenüber die Haltung, welche der Graf Daru in der letzten +Zeit eingenommen hat, modificirt werden muß. Die katholische Kirche und +der Klerus ist ein sehr mächtiger Factor in Frankreich, dessen freien +und rückhaltslosen Beistand wir uns sichern müssen. Und außerdem,“ fuhr +er fort, „widerstrebt auch meinem religiösen Gefühl eine Erkaltung der +Beziehungen zwischen meiner Regierung und dem heiligen Stuhl.“ + +„Eure Majestät haben vollkommen Recht,“ sagte Herr Ollivier schnell, +„Frankreich ist gut katholisch. Ich bin es auch,“ fügte er hinzu, „und +die Rücksicht auf die Gefühle des Volkes ebenso wie auf den Einfluß des +Klerus gebieten uns eine äußerst vorsichtige Stellung Rom gegenüber +einzunehmen, und nichts zu thun, was die Beziehungen zur Kurie irgend +wie trüben könnte. Ich fürchte,“ fuhr er fort, „der Graf Daru hat sich +in dieser Sache ein wenig zu sehr von Doctrinen leiten lassen und hat zu +wenig die concreten Verhältnisse in Betracht gezogen; auch möchten +vielleicht seine Beziehungen zu Guizot, der entschieden Protestant ist, +nicht ohne Einfluß auf seine Anschauungen geblieben sein.“ + +Der Kaiser, welcher sehr aufmerksam den Worten seines Ministers zugehört +hatte, schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn, als ob er durch +die Aeußerungen des Herrn Ollivier besonders frappirt sei. + +„In der That, mein lieber Minister,“ sagte er, „Sie bringen mich da auf +einen Gedanken, der mir Manches aufklärt, — sollten Sie, wie ich glaube, +Recht haben, so ist es um so nöthiger, unsere Stellung Rom gegenüber zu +modificiren, denn protestantische Anschauungen können doch gewiß niemals +die Politik Frankreichs, dieses so tief katholischen Landes leiten. +Welch eine Freude ist es doch,“ sagte er tief aufathmend, „so +vollständiges Verständniß zu finden und mit einem Mann zu arbeiten, der +uns stets neue Gesichtspunkte öffnet.“ + +Er bewegte die Glocke. + +„Sind die Herren Minister versammelt,“ fragte er den eintretenden +Kammerdiener. + +„Zu Befehl, Majestät.“ + +„Wollen Sie mich in einen Augenblick im Conferenzzimmer mit den andern +Herren erwarten,“ sagte der Kaiser zu Herrn Ollivier, „ich werde Ihnen +sogleich folgen — wir wissen ja, was wir zu thun haben.“ + +Der Großsiegelbewahrer verneigte sich mit zustimmender Miene und verließ +das Kabinet des Kaisers. + +„Er wird thun, was ich will,“ sagte Napoleon ihm lächelnd nachblickend, +„und ich werde die vortreffliche Stellung haben, keinerlei Initiative zu +ergreifen; nicht meine Meinung, — sondern diejenige des Herrn Ollivier +wird durchdringen, und man wird nicht wieder vom persönlichen Regiment +und vom autocratischen Einfluß sprechen können.“ + +Er trat zu einem kleinen Schrank, nahm daraus ein Fläschchen mit einer +röthlichen Flüssigkeit, zählte in ein Glas Wasser, das der Kammerdiener +ihm reichte, eine Anzahl von Tropfen und trank dann schnell den Inhalt, +der ihn fast augenblicklich wohlthätig zu beleben schien. + +„So,“ sagte er mit einem tiefen Athemzug, „das wird mir für eine Stunde +wieder Kraft und Elasticität geben. Jetzt will ich meine Herren Minister +anhören.“ + +Und mit etwas lebhafterem festerem Gang als vorhin begab er sich durch +die schnell geöffnete Flügelthür nach dem Conferenzzimmer, einem großen +hellen Gemach, in dessen Mitte ein runder grüner Tisch, von ebenfalls +dunkelgrünen Fauteuils umgeben, stand. + +In diesem Zimmer waren die Minister bereits versammelt, sie trugen +sämmtlich, wie der Kaiser, schwarze Morgenanzüge und verneigten sich +tief beim Eintritt des Souverains. + +Da war neben Ollivier, der, aufgeregt, aber von innerer Befriedigung +strahlend, hinter seinem Stuhl stand, Herr Chevandier de Valdrome mit +seinem etwas cavalieren Ausdruck; der Graf Daru mit seinem kalten, +etwas mißtrauischen Blick; Herr Buffet, der Finanzminister, eine +bureaucratische Erscheinung mit eigensinnig doctrinairem Ausdruck; Herr +Ségris, der Minister des Unterrichts, ein wenig an das Aeußere eines +Professors erinnernd; dann der Marquis von Talhouet, der Minister der +öffentlichen Arbeiten, eine schöne, elegante Erscheinung, trotz seines +Alters von beinahe fünfzig Jahren, noch jugendlich und frisch, der wahre +altfranzösische grand Seigneur; — Herr Maurice Richart, für welchen sein +Freund Ollivier das Ministerium der schönen Künste geschaffen hatte, ein +gutmüthiger, sorgloser Lebemann; dann der Kriegsminister, Marschall +Leboeuf, eine militairisch kräftige Erscheinung, das volle, ein wenig +aufgeschwemmte und regelmäßige Gesicht hatte durch den großen Bart auf +der Oberlippe und dem Kinn einen etwas martialischen Ausdruck, der +jedoch durch den gleichgültigen und oberflächlichen Blick der etwas +vorstehenden Augen wieder abgeschwächt wurde; endlich der Admiral +Rigault de Genouilly, dessen feines und intelligentes Gesicht mit dem +Ausdruck verschlossenen Nachdenkens stets einen nicht ausgesprochenen +Hintergedanken zu verstecken schien. + +Der Kaiser setzte sich auf seinen Lehnstuhl in der Mitte des Tisches, +und die Minister nahmen um ihn her Platz, Herr Ollivier zu seiner +Rechten, Graf Daru zu seiner Linken; die Uebrigen nach der Reihenfolge +ihres Ranges; die Minister des Krieges und der Marine dem Kaiser +gegenüber. + +„Ich habe Sie berufen, meine Herren Minister,“ sprach der Kaiser mit +ruhiger, fast ausdrucksloser Stimme, indem er einen der auf dem Tische +liegenden Bleistifte ergriff und einige unbestimmte Linien auf dem vor +ihm bereit liegenden Papierbogen zeichnete, „ich habe Sie berufen, um +Sie zu ersuchen, die Frage des Plebiscits, über welche ich bereits mit +Jedem von Ihnen einzeln conferirt habe, nunmehr noch einmal +gemeinschaftlich zu discutiren und dann darüber einen definitiven +Beschluß zu fassen. Es handelt sich darum, die neue Institution, welche +ich dem Kaiserreich geben zu sollen geglaubt habe und zu deren +Befestigung Sie Alle so bereitwillig mir die Hand geboten haben, nochmal +durch ein Votum der ganzen Nation, auf welchem ja das Kaiserreich selbst +und seine frühere Verfassung beruhen, sanctioniren zu lassen. Und ich +bitte Sie mit Ihrer gewohnten und von mir stets so hoch gewürdigten +Freimüthigkeit mir Ihre Meinung darüber zu sagen.“ + +Er wandte sich mit einer leichten Neigung des Kopfes zu Herrn Ollivier. + +„Sire,“ erwiderte dieser in einem Ton, welcher an den gleichförmigen +Pathos erinnerte, der eine Eigenthümlichkeit seiner Reden auf der +Tribüne war — „Eure Majestät wissen, daß ich aus voller Ueberzeugung dem +großen Gedanken zugestimmt habe, welchen Sie so eben aussprachen. Eine +Regierung, welche so offen und rückhaltslos wie wir die Verfassung im +Sinne der Freiheit ausbaut, darf sich nicht scheuen ihr Werk der Prüfung +und Genehmigung des ganzen Volkes vorzulegen. Wir treten vor die Nation, +nicht um zu fordern, sondern nur zu geben, und sind der dankbaren +Zustimmung der großen Mehrheit der Bürger Frankreichs sicher; das +Gewicht ihres Votums wird die Autorität und Macht des Kaiserreichs den +innern und äußern Feinden gegenüber von Neuem kräftigen, und alle die +Elemente, welche in der letzten Zeit so vermessen an der Entwickelung +des gesellschaftlichen Lebens gearbeitet haben, werden vor dem fest und +klar ausgesprochenen Willen der ganzen Nation schwinden. Ich habe die +Form des Plebiscits ausgearbeitet. Der Herr Minister des Innern hat die +Präfecten mit ausführlichen Instruktionen versehen, um die von der +unversöhnlichen Opposition beabsichtigte massenhafte Enthaltung von der +Abstimmung zu verhindern, und ich erlaube mir, Eurer Majestät +vorzuschlagen, daß so wie das Senatuskonsult festgestellt ist, das +Plebiscit ohne weitere Verzögerung vorgenommen werde, denn jeder Tag, um +den dasselbe noch hinausgeschoben wird, giebt den Gegnern Gelegenheit, +sich zu organisiren und ihre Agitationen immer mehr über das Land zu +verbreiten. Die Form des Plebiscits würde nach meiner Ueberzeugung sehr +einfach sein, sie würde sich auf wenige Zeilen reduciren, und ich werde +meinen Entwurf bei meinen Herren Collegen circuliren lassen, um ihn dann +mit ihren Zustimmungen oder etwa mit ihren Gegenvorschlägen Eurer +Majestät zu unterbreiten.“ + +Der Kaiser wandte sich mit einem verbindlichen Wink seiner Hand zu dem +Grafen Daru. + +Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten hatte ruhig und unbeweglich +den Worten Olliviers zugehört; ebenso ruhig sprach er jetzt mit seiner +etwas leisen, aber durch die scharfe Accentuirung der Worte deutlichen +Stimme: + +„Ueber die Form des Plebiscits, Sire, wird, wie ich glaube, unter uns +kaum eine Meinungsverschiedenheit bestehen können. Es kann ja eben nur +eine ganz einfache mit ja oder nein zu beantwortende Frage sein. Dagegen +aber kann ich nicht unterlassen, Eurer Majestät noch einige sehr ernste +und gewichtige Bedenken gegen die Sache selbst auszusprechen.“ + +Der Kaiser blickte nicht auf, mit völlig ausdrucksloser Miene sah er auf +das Papier nieder und zeichnete große krumme Linien, welche in einander +greifend sich zu dem Bilde eines Adlerflügels vereinigten. + +„Eure Majestät,“ fuhr Graf Daru fort, „haben vorhin bemerkt, daß das +Kaiserreich auf dem freien Votum der ganzen Nation beruhe, wie das ja +auch mit der Herrschaft des ersten Kaisers der Fall war. Das Volk hat +seinen Willen ausgesprochen und sich nach einer Zeit innerer Unruhen und +Kämpfe eine feste Staatsform und eine consolidirte Regierung gegeben, +welche wir nunmehr dem Willen Eurer Majestät gemäß zu freierer, innerer +Entwicklung zu führen haben. Da die Existenz des Kaiserreichs, der Grund +seines Bestehens auf dem Plebiscit beruht, so halte ich es für +bedenklich, der Sicherheit des Staatsgebäudes und vor allen Dingen auch +der Dynastie Gefahr bringend, wenn man ohne eine absolute Nothwendigkeit +auf die Grundfundamente der Monarchie wieder zurückgreift. Ich glaube +nicht, — verzeihen mir Eure Majestät, daß eine Dynastie wirklich auf die +Dauer feste und unzerstörbare Wurzeln schlagen kann, wenn bei jeder +Gelegenheit derjenige Faktor, der ihr das Leben gegeben, wieder in die +öffentliche Bewegung hineingezogen wird; das Volk durch unmittelbares +Plebiscit hat einmal gesprochen und das Kaiserreich begründet — die +weitere Entwicklung desselben muß nun seinen verfassungsmäßigen +Vertretern überlassen werden. Das Kaiserreich selbst darf nicht wieder +in Frage gestellt werden. Denken Eure Majestät, in welche gefährliche +Lage, in welche falsche Position ein Souverain kommen müßte, der wie +Eure Majestät es stets mit gerechtem Stolz gethan und wie Ihre +Nachfolger es ohne Zweifel ebenfalls thun werden, sich den Erwählten der +Nation nennt, wenn das Votum dieser Nation in einem spätern Plebiscit +ihm ungünstig wäre? Ein abfälliges Votum des Corps legislativ greift nur +das Ministerium an, ein abfälliges Plebiscit aber würde das Kaiserthum +und die Dynastie selbst in Frage stellen.“ — + +„So weit wir aber die Stimmung im Lande kennen,“ fiel Herr Ollivier ein, +während der Kaiser fortwährend ganz theilnahmlos weiter zeichnete — „ist +garnicht an die Möglichkeit zu denken, daß die allgemeine Abstimmung +ungünstig ausfalle, vielmehr wird sie auf's Neue die Wurzeln des +Kaiserreichs und der Dynastie kräftigen und immer tiefer in das +nationale Bewußtsein dringen lassen.“ + +„Ich zweifle nicht an dem Ausfall der Abstimmungen,“ erwiderte Graf +Daru, indem flüchtig und fast unbemerkbar ein Zug feiner Ironie auf +seinem kalten bleichen Gesicht erschien, „auch spreche ich nicht von der +Thatsache, sondern von dem Prinzip, und im Prinzip muß ich dabei +bleiben, daß ein wiederholtes Plebiscit gefährlich für die Dynastie ist, +um so gefährlicher, wenn man jetzt etwa auf einen günstigen Ausfall +desselben einen besonderen Werth zu legen beabsichtigt. Je mehr +Bedeutung man dem zustimmenden Votum giebt, um so mehr gefährlicher +würde eines Tages eine feindliche Abstimmung werden können. Außerdem bin +ich des Erfolges noch nicht so vollkommen sicher. Die Majorität +Derjenigen, welche stimmen, wird mit ja stimmen, daran zweifle ich +nicht, ob es aber der Opposition nicht gelingen werde, eine sehr große +Majorität für die Stimmenenthaltung zu gewinnen, darüber bin ich noch +nicht vollkommen beruhigt; und der Eindruck einer solchen Enthaltung +würde nicht nur in Frankreich, sondern auch im Auslande ein sehr +bedenklicher sein müssen.“ + +Herr Ollivier, welcher sich unruhig hin und her bewegt hatte, wollte mit +einer Bemerkung einfallen. + +Der Graf Daru erhob leicht mit einer artigen, aber bestimmten Wendung +die Hand gegen ihn und fuhr fort. + +„Wenn ich schon aus Rücksicht auf das Kaiserthum selbst und auf die +Dynastie der Meinung bin, daß ein erneutes Plebiscit nur im Augenblick +einer öffentlichen Gefahr oder gewaltiger nationaler Anstrengungen +vorgenommen werden darf, so bestärkt mich in dieser Ansicht noch mehr +die Rücksicht auf die freie und verfassungsmäßige Entwicklung des +öffentlichen Lebens, deren Sicherung unsere Aufgabe ist. Wenn es als ein +Grundsatz des öffentlichen Rechts anerkannt wird, daß die Regierung in +jedem Augenblick und ohne bestimmte zwingende und in der Verfassung +vorgesehene Gründe sich an das Volk wenden kann, so wird jedes +constitutionelle Leben überhaupt eine Unmöglichkeit, denn die Regierung +hat es in der Hand, bei jedem Conflict mit den Gesetzgebenden +Körperschaften durch ein Plebiscit das ganze verfassungsmäßige Leben in +Frage zu stellen. Daß Eure Majestät niemals einen solchen Gedanken haben +werden,“ sagte er, sich gegen den Kaiser verneigend, — „davon bin ich +überzeugt, indessen bei der Beurtheilung öffentlicher Rechtsprinzipien +darf man nicht an die Person, sondern an die Sache und an die völlig +objectiv gestellte Frage denken. Für mich spricht also sowohl die +Rücksicht auf die Stabilität und die Unantastbarkeit der monarchischen +Staatsform und der Dynastie als diejenige auf die wahre Freiheit des +öffentlichen Lebens gegen eine Wiederholung des Plebiscits.“ + +„Sie würden also, mein lieber Graf,“ sagte der Kaiser, indem er einen +Augenblick flüchtig aufblickte und dann wieder in die Betrachtung des +auf dem Papier vor ihm nunmehr deutlich erkennbaren Adlerflügels +versank, „Sie würden also einer Berufung an das Volk Ihre Stimme nicht +geben und wollen?“ + +„Ich habe meine prinzipmäßigen Gründe gegen das Plebiscit +ausgesprochen,“ erwiderte der Graf. „Ich bin indessen ebenfalls +überzeugt, daß beim absolut starren Festhalten an den Prinzipien +practisch nicht regiert werden kann. Und da Eure Majestät und die +meisten meiner Kollegen die Volksabstimmung für zweckmäßig halten, so +würde ich mich derselben nicht unbedingt entgegenstellen.“ + +Der Kaiser zog seine Linien weiter und weiter. Ein zweiter Adlerflügel +begann sich an der Seite des ersten zu zeigen. + +Auf Herrn Olliviers Gesicht erschien bei den letzten Worten des Grafen +Daru eine ziemlich erkennbare Verstimmung. + +Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten sprach weiter: + +„Die Bedenken, welche ich gegen eine Wiederholung des Plebiscits so eben +ausgesprochen und motivirt habe, können nach meiner Überzeugung auf eine +sehr einfache Weise zum großen Theil beseitigt werden: Wenn nämlich der +Grundsatz festgehalten wird, daß die Berufung an die unmittelbare +Volksabstimmung nur Statt finden dürfe, wenn sich die Regierung und die +Gesetzgebenden Körperschaften darüber verständigt haben. Dadurch würde +nach beiden Richtungen die Garantie gegen den Eintritt derjenigen +Gefahren gegeben, welche ich vorhin bezeichnete, und so würde die +Absicht Eurer Majestät erreicht. Ich glaube, daß der Herr +Großsiegelbewahrer,“ sagte er, sich an Ollivier wendend, „einer +Verständigung in der von mir angedeuteten Richtung nicht abgeneigt ist, +wenigstens habe ich bei meiner früheren Unterredung über diesen +Gegenstand bei ihm die Geneigtheit bemerkt, auf meine Prinzipien +einzugehen, und auf Grund derselben den Bestand des Cabinets zu +sichern,“ sagte er mit fester Stimme, sich gegen den Kaiser verneigend. + +Dieser hob ein wenig den Kopf empor und richtete den Blick seines +vollständig verschleierten Auges auf Herrn Ollivier. + +„Der Gedanke des Grafen Daru,“ sagte er ruhig, „scheint mir eine sehr +gute Grundlage für die Ausgleichung der entgegenstehenden Ansichten zu +bieten. Es wäre gewiß sehr wünschenswerth, eine solche Verständigung zu +erreichen, wenn dies nach Ihrer Überzeugung möglich ist.“ + +Herr Ollivier richtete sich grade empor, ließ den unsichern Blick über +seine in schweigender Zurückhaltung da sitzenden Kollegen gleiten und +begann dann mit nachdrücklicher Betonung: + +„Ich glaube nicht, daß der Gedanke des Herrn Ministers der auswärtigen +Angelegenheiten ausführbar sei, wenn man sich die wahre staatsrechtliche +Natur der Frage klar macht. Das Volk,“ fuhr er fort, „die französische +Nation ist, Eure Majestät werden mir darin beistimmen,“ sagte er, sich +gegen den Kaiser verneigend — „der eigentliche, in letzter Instanz +definitiv über die Geschicke Frankreichs entscheidende Souverain. Die +Vertreter im Corps legislativ sind nur Delegirte. Es entspräche nicht +der Würde der Nation selbst, wenn Derjenige, an welchen sie ihre +Souverainetät deligirt hätte, erst die Genehmigung der lediglich für die +gesetzgeberische Arbeit abgeordneten Vertreter einholen müßte, um sich +in großen Nationallebensfragen an das Volk selbst wenden zu dürfen. +Zwischen dem Kaiser, das heißt dem General-Mandatar der souverainen +Nation und dem Volk selbst darf kein untergeordneter Faktor stehen. Sie +müssen frei, wenn es nothwendig ist, miteinander verkehren können, und +der Kaiser muß das Recht haben, auch ohne die Zustimmung der +parlamentarischen Körperschaften an das Volk selbst sich wenden zu +können. Jede zufällige Majorität der Kammer würde ja sonst die Macht +haben, die Berufung an das Volk zu verhindern. Ich für meine Person,“ +schloß er mit bestimmtem Ton, „würde lieber dafür stimmen, das Plebiscit +überhaupt aufzugeben, als es auf diese Weise von der Zustimmung einer +Kammer abhängig zu machen, die vielleicht garnicht den Willen des ganzen +Volkes und sein wahres Interesse vertritt.“ + +Graf Daru hatte Herrn Ollivier ein wenig erstaunt angesehen, dann flog +abermals jener Zug feiner Ironie über sein Gesicht, und als der +Großsiegelbewahrer geendet, sprach er, während auf dem Papier des tief +gebückt dasitzenden Kaisers sich nunmehr zwischen den beiden Flügeln +auch der Kopf eines Adlers zu entwickeln begann: + +„Ich bedaure, daß ich die Absicht des Herrn Großsiegelbewahrers bei +unserer letzten Unterredung so falsch oder unklar aufgefaßt habe. Wäre +mir damals seine Meinung so bestimmt erschienen, wie ich sie jetzt +verstehe, so hätte ich schon früher alle Hoffnungen und alle Versuche zu +einer Verständigung zu gelangen, aufgegeben. Ich muß Eurer Majestät +aufrichtig erklären, daß wenn das Plebiscit ohne vorherige Verständigung +mit der Kammer beschlossen werden sollte, ich nicht im Stande sein +würde, länger ein Mitglied des Kabinets zu bleiben.“ + +„Ich schließe mich der Erklärung des Herrn Grafen Daru vollständig an,“ +sagte der Finanzminister Buffet mit rauhem und kurzem Ton. „Ich glaube, +daß die Wiederholung der Plebiscite die freie Bewegung des +konstitutionellen Lebens unmöglich macht und den Staat fortwährend mit +der Wiederkehr absoluter Autocratie bedroht. Ich bitte Eure Majestät, +wenn das Plebiscit nach der Anschauung des Herrn Großsiegelbewahrers +beschlossen werden sollte, meine Entlassung zu genehmigen.“ + +„Und was meinen die übrigen Herren Minister,“ fragte der Kaiser, unter +dessen Bleistift sich nunmehr auch ein großer Adlerkopf bildete. + +„Ich stimme Herrn Ollivier bei,“ sagte Ségris. + +„Ich würde um der Einheit des Bestandes des Cabinets willen,“ sagte der +Marquis von Talhouet, „wünschen, daß auf dem Boden des vom Grafen Daru +ausgesprochenen Gedankens eine Verständigung erzielt werde. Indessen +kann ich nicht mein Verbleiben im Cabinet von dieser Frage abhängig +machen, und ich hoffe,“ fügte er verbindlich sich gegen den Grafen von +Daru verneigend, hinzu, „daß auch unser verehrter Kollege von diesem +äußersten Entschluß zurückstehen werde.“ + +Graf Daru schüttelte schweigend den Kopf. + +„Ich habe,“ rief Herr Ollivier rasch, „wahrlich für die Freiheit und die +Rechte des Volkes gesprochen und gekämpft. Niemand wird mir dies Zeugniß +versagen können. Jetzt aber ist es auch meine Pflicht, die Rechte der +Krone zu vertreten und zu vertheidigen, und ich würde in einer solchen +Anschauung der kaiserlichen Initiative, wie sie der Graf Daru +vorschlägt, eine sehr gefährliche und bedenkliche Schmälerung der +kaiserlichen Rechte erblicken.“ + +Der Marschall Leboeuf und der Admiral Rigault de Genouilly stimmten in +kurzen Worten dem Herrn Ollivier bei; ebenso Herr Maurice Richart und +Herr Chevandier de Valdrome. + +Zu den Flügeln und dem gekrönten Kopf des Adlers war auf dem Papier des +Kaisers bereits noch eine Kralle hinzugetreten, auf welcher ein kleiner +Reichsapfel ruhte. + +Der Kaiser richtete ein wenig den Kopf auf, ohne daß sein Bleistift +aufhörte in langsamer, anscheinend fast unwillkürlicher Bewegung Linie +an Linie zu reihen. + +„Ich höre also,“ sagte der Kaiser, „daß die Mehrzahl meiner Herren +Minister dem Herrn Großsiegelbewahrer vollständig beipflichten, welcher +sich für die schleunige Ausführung des Plebiscits und zwar ohne +vorherige Verständigung mit den Kammern ausgesprochen hat. Hätten die +Herren Minister gegen das Plebiscit überhaupt Bedenken gehabt, so hätte +ich meinerseits kaum einen Grund gehabt, dasselbe durchaus zu wünschen, +so sehr ich auch überzeugt bin, daß es den Institutionen des +Kaiserreichs neue Kräfte geben werde. Da aber die große Majorität meiner +Minister das Plebiscit für zweckmäßig und nothwendig hält, da sie zu +gleicher Zeit die Modalität, welche der Graf Daru vorgeschlagen, nicht +zu acceptiren geneigt sind, so bleibt mir nichts anderes übrig, als +nochmals Sie, Herr Graf, zu bitten, aus der Sache keine Cabinetsfrage zu +machen und Sie, Herr Minister,“ sagte er, sich an Herrn Ollivier +wendend, „reiflich zu überlegen, ob Sie nicht im Stande wären, eine +Kombination zu finden, welche sich dem Grafen Daru nähert, und es ihm +möglich macht, Mitglied des Cabinets zu bleiben, in welches ich ihn mit +so vielem Vertrauen berufen habe, und aus welchem ich ihn nur mit +aufrichtigem Schmerz würde scheiden sehen.“ + +Es war fast ein ängstlicher Ausdruck, mit welchem Herr Ollivier den +Kaiser bei den letzten Worten ansah. + +„Eure Majestät wissen,“ sagte er schnell, „wie hohen Werth ich auf die +Freundschaft und Mitwirkung des Grafen Daru und auf sein Verbleiben in +dem Ministerium lege; indessen meine Anschauung und Überzeugung steht +fest, und wie ich niemals im politischen Leben von derselben abgewichen +bin, so kann ich es auch jetzt nicht, selbst auf die Gefahr hin, die +bisher so fruchtbare und hoch erfreuliche gemeinschaftliche Arbeit mit +dem Herrn Grafen zu unterbrechen. Meine Überzeugung steht fest,“ sagte +er, die Hand auf die Brust legend, „und da auch die meisten meiner +Kollegen dieselbe theilen, so kann ich um so weniger in einer so hoch +wichtigen Frage auf irgend einen Kompromiß eingehen.“ + +„Ich habe also,“ sagte der Graf Daru, ohne daß irgend eine Bewegung auf +seinem Gesicht bemerkbar wurde, „Eure Majestät nochmals bestimmt um +meine Entlassung zu bitten, da ich nicht im Stande bin, der von der +Mehrzahl meiner Kollegen beschlossenen Maßregel meine Zustimmung zu +geben.“ + +„Ich muß die gleiche Bitte an Eure Majestät richten aus dem gleichen +Grunde,“ sagte Herr Buffet. + +Der Adler auf dem Papier des Kaisers hatte eine zweite Kralle erhalten. + +„Ich kann,“ sagte Napoleon, „da ich ja nicht mehr der persönliche +Autokrat bin,“ fügte er lächelnd hinzu, „gegen den Beschluß meiner +Minister nichts thun. Ich bitte Sie indeß, meine Herren,“ fuhr er fort, +sich an die übrigen Minister wendend, „daß Sie sich der Aufgabe +unterziehen mögen, in privater Besprechung und durch persönliche +Einwirkung ein Einverständniß zwischen dem Grafen Daru und Herrn +Ollivier zu ermöglichen. Ich bin überzeugt,“ fuhr er fort, indem er mit +der linken Hand über seinen Bart fahrend den Mund verdeckte, während +seine Rechte in der Kralle des Adlers vor ihm ein großes, hoch +aufragendes Schwert erscheinen ließ, „daß Herr Ollivier ebenso wie ich +das Ausscheiden des Grafen aus dem Cabinet beklagen würde, daß er Alles +aufbieten wird, um eine Verständigung herbeizuführen. In einem Punkt bin +ich jedoch vollkommen der Meinung, welche sich die meisten Herren hier +angeeinigt haben, daß nämlich schnell gehandelt werden müsse, um der +Opposition nicht die Zeit zu lassen, die Stimmenenthaltung zu +organisiren. Ich hoffe also,“ sagte er aufstehend, indem er den +Bleistift neben dem nunmehr vollendeten und mächtig bewehrten Adler +niederlegte, „daß Sie mir morgen die Mittheilung von Ihrer allseitigen +Verständigung machen werden, daß wir Alle miteinander gemeinschaftlich +bei der Durchführung des begonnenen Werkes weiter arbeiten werden.“ + +Er verneigte sich mit verbindlicher Höflichkeit nach allen Seiten und +verließ das Konferenzzimmer, in welchem die Minister noch fast eine +Stunde zurückblieben, auf alle mögliche Weise versuchend, das +Einverständniß zwischen Herrn Ollivier und dem Grafen Daru herzustellen. + +Alle Versuche scheiterten jedoch an der kalten Ruhe, mit welcher der +Graf Daru an seiner Ansicht festhielt und an der pathetischen +würdevollen Unbeugsamkeit, mit welcher Herr Ollivier erklärte, auch +nicht in einem Punkt von seiner Überzeugung abgehen zu können. + + + + +Siebentes Capitel. + + +Napoleon war in sein Cabinet zurückgekehrt, heiter und zufrieden +lächelnd rieb er sich leicht die Hand, während er einige Male langsam +auf- und niederging. + +„Alles geht vortrefflich, Drouin de L'huys hat vollkommen Recht, diesen +Ollivier kann man Alles thun lassen, was man will, ein wenig Balsam für +seine Eitelkeit, ein wenig Köder für seinen Ehrgeiz, und er lancirt sich +gesenkten Hauptes in jede Bahn, auf welcher man seiner bedarf. Die Dinge +fügen sich so gut, wie ich es nur irgend wünschen kann, das Plebiscit +wird gemacht, — und ich bedarf des Plebiscits,“ sagte er sinnend vor sich +hinblickend, „um diesen unversöhnlichen Rednern der Kammer zu zeigen, +daß sie nicht mich angreifen, sondern den Willen der Gesammtnation, und +daß nicht sie die Vertreter der Anschauungen Frankreichs sind, sondern +ich selbst, — ich bedarf es dem Auslande gegenüber, um den europäischen +Cabinetten zu zeigen, daß ich noch heute so unumschränkt wie früher über +die Macht Frankreichs gebiete, — das Plebiscit wird gemacht werden, und +zwar bin nicht ich es, der es macht, sondern meine Minister unter der +Führung dieses höchst liberalen und konstitutionellen Herrn Ollivier. +Und wenn dieser zweifelhafte Graf Daru und dieser schwer zu behandelnde +Buffet aus dem Cabinet ausscheiden, so werde nicht ich sie entlassen +haben, sondern sie werden es sein, die sich von der Majorität der +Minister trennen. Alles ist ja konstitutionell und verfassungsmäßig,“ +sagte er lächelnd, „und doch geschieht es wie ich will. Vielleicht,“ +sprach er nachdenklich, „läßt sich mit dieser konstitutionellen Maschine +noch besser regieren, als wenn man allein steht und ganz allein auch +alle Verantwortlichkeit tragen muß.“ + +Er ließ sich langsam in seinen Lehnstuhl nieder, bereitete sich +sorgfältig aus dem auf einem kleinen Tisch daneben stehenden türkischen +Taback eine Cigarrette, entzündete dieselbe an der brennenden Kerze und +bewegte eine kleine Handglocke. + +„Bereiten Sie Alles vor,“ sagte er dem eintretenden Kammerdiener, „ich +will meine militairische Promenade machen, in einer Stunde habe ich +eine Revue abzuhalten.“ + +Der Kammerdiener entfernte sich durch die Thür, welche in das +Toilettenzimmer des Kaisers führte. + +„Der Graf Bismarck,“ sagte der Kaiser, indem er mit vergnügtem Gesicht +die blauen Wolken des aromatischen Tabacksrauchs in die Luft blies, „hat +Recht mit dem Rath, den er mir einst gab, je mehr ich die +konstitutionelle Doctrin in die Regierung einführe, um so mehr muß ich +meine militairische Macht stärken und das persönliche Band zwischen mir +und der Armee fester ziehen, damit habe ich das Correctiv in der Hand, +und wenn die Wellen jemals zu hoch gehen sollten, so wird es leicht +sein, sie wieder auf das richtige Niveau zurückzuführen. Bis jetzt sind +sie noch leicht zu leiten und trägt das Schiff das Kaiserreich ruhig in +der Richtung fort, welche ich vorgezeichnet habe,“ — und sich bequem auf +den Stuhl zurücklehnend schloß er halb träumend die Augen, indem er in +großen Zügen den duftigen Rauch seiner Cigarrette einsog. + +Nach einiger Zeit öffneten sich die Flügel der Thüre, und die Kaiserin +schritt schnell, noch bevor der Huissier sie anmelden konnte, an +demselben vorüber in das Zimmer. + +Ihre Mienen zeigten Unruhe und lebhafte Bewegung, sie eilte auf den +Kaiser zu, welcher sich langsam erhob, drückte ihn sanft wieder in +seinen Lehnstuhl zurück und sagte, indem sie sich ihm gegenüber setzte: + +„Ich höre, daß die Ministerconferenz zu Ende ist und bin +unendlich gespannt, was das Resultat derselben sei, — sobald die +Meinungsdifferenzen ausgeglichen, wird das Plebiscit ohne Schwierigkeit +durchgeführt werden?“ + +„Das Plebiscit ist beschlossen,“ sagte der Kaiser, indem er den Rest +seiner Cigarrette fortwarf, „die große Majorität meiner Minister waren +darüber einig, nur,“ fügte er mit einem schnellen Blick auf seine +Gemahlin und einem fast unwillkürlichen Lächeln hinzu, „Graf Daru und +Herr Buffet können sich der Ansicht der Uebrigen nicht anschließen. Ich +werde sie verlieren,“ fügte er wie bedauernd den Kopf schüttelnd hinzu, +„ich habe ihnen die Entlassung, um die sie gebeten, nicht verweigern +können, da sie sich nicht im Einklang mit den Uebrigen befinden.“ + +Die Kaiserin schlug ihre schlanken weißen Hände gegen einander, ein +Blitz triumphirender Freude sprühte in ihren Augen auf. + +„Wir sind Daru los,“ rief sie aus, „diesen verkappten Orleanisten, +diesen Freund des Protestanten Guizot, der uns mit dem heiligen Stuhl +hätte brouilliren mögen. Welch ein Glück,“ — fuhr sie nach einer kleinen +Pause fort, — „haben Sie schon darüber nachgedacht, wer sein Nachfolger +in den auswärtigen Angelegenheiten sein soll?“ + +„Das ist eine sehr schwierige Frage,“ sagte Napoleon langsam, — „eine +sehr schwierige Frage, welche ein tiefes und eingehendes Nachdenken +erfordert. Ich glaube, da das ganze Interesse sich in diesem Augenblick +auf die inneren Fragen concentrirt und wir eigentlich gar keine +auswärtige Politik machen, so wird es am besten sein, das Provisorium +einige Zeit lang bestehen zu lassen — Ollivier ist bereit, dasselbe zu +führen.“ + +Immer strahlender und heiterer wurde das Gesicht der Kaiserin. + +„Ollivier,“ rief sie, „das Provisorium des auswärtigen Ministeriums! +Louis,“ rief sie, ihm die Hand reichend, welche er galant an die Lippen +führte, „ich bewundere Sie, das ist ein Meisterstreich! Dieser Ollivier +ist ein Schleier, den man ganz Europa gegenüber über unsere Politik +wirft, und hinter diesem Schleier wird man thun und vorbereiten können, +was man will, ohne daß irgend Jemand, er selbst am wenigsten,“ sagte +sie lachend, „eine Idee davon hat. Aber später,“ sagte sie dann — „nach +Ollivier, denn Ollivier kann doch nur so lange Minister sein, bis —“ sie +unterbrach sich — + +„bis wir es für zweckmäßig finden werden,“ ergänzte der Kaiser ihren +Satz, „unserer auswärtigen Politik einen bestimmten Stempel +aufzudrücken, und dann wird die Wahl der Person doch immer von dem +System abhängig sein müssen, welches dann zu befolgen für nothwendig +erscheinen sollte.“ + +„Ich habe Ihnen neulich von Grammont gesprochen,“ sagte Eugenie mit +einem forschenden Blick auf den Kaiser, „der mir alle Eigenschaften in +sich zu vereinigen scheint, welche Ihr auswärtiger Minister in einem +entscheidenden Augenblick haben müßte, und der Ihnen persönlich und +unserer Dynastie tief ergeben ist, indem er die monarchischen +Traditionen seiner legitimistischen Familie nunmehr auf das Kaiserreich +überträgt, nachdem er sich dem Dienst desselben gewidmet hat. Grammont +kennt besonders genau die Verhältnisse Österreichs, das doch für unsere +auswärtige Politik und für unsere auswärtige Action,“ fügte sie mit +besonderer Betonung hinzu, „einer der wichtigsten Factoren ist.“ + +„Es würde nur darauf ankommen,“ sagte der Kaiser, ohne den Blick seiner +Gemahlin zu erwidern, „welche Politik man nach Außen inauguriren wird, +nachdem diese inneren Angelegenheiten zum Abschluß gebracht sind. Unter +gewissen Verhältnissen würde allerdings Grammont eine sehr geeignete +Persönlichkeit sein.“ + +„Unter allen,“ sagte die Kaiserin, „Grammont ist ebenso geschickt und +geschmeidig, als ergeben.“ + +„Nun,“ sagte der Kaiser, „man könnte ihn ja dann wieder hierher kommen +lassen. Ich habe früher ausführlich mit ihm über die Lage der +Verhältnisse gesprochen und würde persönlich sehr gern mit ihm +verkehren. Es käme aber darauf an, ob er sich mit den übrigen Führern +des Cabinets verständigen könnte, denn wir haben ja jetzt ein +constitutionelles Regiment —“ + +Die Kaiserin zuckte die Achseln. + +„Namentlich,“ fuhr Napoleon fort, „ob er mit Ollivier zu harmoniren im +Stande wäre!“ + +„Ollivier,“ rief die Kaiserin, „dieser spartanische Bürger wird +überglücklich sein, in einem Cabinet mit einem Herzoge aus dem alten +Hause der Guiche und der Grammont sich zu befinden.“ — + +„Wir wollen weiter darüber sprechen, wenn das Plebiscit vollendet sein +wird,“ sagte der Kaiser. + +Die Kaiserin ließ einen Augenblick mit einer anmuthigen Beugung ihres +schlanken Halses den Kopf auf die Brust sinken. + +„Er hat einen Hintergedanken,“ flüsterte sie unhörbar. + +Dann blickte sie den Kaiser mit ihren großen, klaren Augen ruhig und +gleichgültig an. + +„Man hat in diesen Tagen,“ sagte sie, „wieder von einer Combination +gesprochen, welche, wie ich glaube, schon im vorigen Jahre einmal +flüchtig erörtert wurde, von einer Candidatur des Prinzen von +Hohenzollern für den spanischen Thron“ — + +Der Kaiser warf schnell einen flüchtigen Blick auf seine Gemahlin hin — + + — „vielleicht wäre es gut, wenn sich das machen ließ,“ fuhr Eugenie +fort, „ich bedaure die unglückselige Königin Isabella auf's tiefste und +würde vor allen Dingen wünschen, daß ihr oder ihrem Sohn der spanische +Thron gerettet werden könnte, allein, wie die Verhältnisse stehen und +bei den so unschlüssigen und politisch unklaren Rathgebern, mit denen +sie umgeben ist, scheint mir leider zu meinem tiefen Bedauern dazu wenig +Aussicht zu sein. Wenn es nun möglich wäre, die für Frankreich und für +uns ungünstigste Chance auszuschließen, — die Candidatur des Herzogs von +Montpensier, welcher der Orleanistischen Agitation in Spanien einen +festen Halt geben würde, so wäre es vielleicht nicht unerwünscht, einen +jungen, uns befreundeten und verwandten Prinzen, der außerdem gut +katholisch ist, auf diesem spanischen Thron zu wissen.“ + +„Der Prinz von Hohenzollern,“ sagte der Kaiser in demselben +gleichgültigen Ton, in welchem seine Gemahlin gesprochen hatte, „steht +dem preußischen Hause sehr nahe, und seine Thronbesteigung in Spanien +würde einen Einfluß des Berliner Cabinets im Süden der Pyrenäen +begründen, der den Interessen Frankreichs nicht zu entsprechen scheint. +Ich habe deshalb, als im vorigen Jahre die Sache angeregt wurde, +erklären lassen, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern eine +antinationale sei, während diejenige des Herzogs von Montpensier nur +meiner Dynastie feindlich ist. So sehr ich daher,“ fuhr er fort, „an dem +einmal ausgesprochenen Prinzip festhalte, der spanischen Nation +gegenüber, was ihre Entschließungen für die Zukunft betrifft, die +strengste Zurückhaltung zu beobachten, so habe ich doch auch nicht +verhehlt, daß eine Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf eine +Zustimmung von Frankreich nicht zu rechnen habe. Seit jener Zeit,“ sagte +er, die Achseln zuckend, „habe ich nichts wieder davon gehört, möglich, +daß die Sache noch einmal wieder aufgenommen wird. Ich stehe noch auf +demselben Standpunkt wie damals und ich glaube nicht, daß Frankreich +einen preußischen Prinzen auf dem spanischen Thron sich ruhig gefallen +lassen könnte.“ + +„Sie würden also,“ sagte die Kaiserin, „noch lieber Montpensier als den +Erbprinzen von Hohenzollern in Madrid regieren sehen?“ + +„Unbedingt,“ erwiderte der Kaiser mit festem Ton, „denn ich werde stets +die Interessen meiner Person und meines Hauses denjenigen Frankreichs +nachstellen.“ + +„Nun,“ sagte die Kaiserin, „dann wird aus der Sache nichts werden, denn +ich glaube nicht, daß Prim etwas thun wird, wovon er weiß, daß Sie es +nicht billigen.“ + +„Ich habe keine Veranlassung gehabt,“ sagte der Kaiser, „über diese +Frage mit Prim meine Gedanken auszutauschen, und es ist in der That +nicht nur eine Phrase, wenn ich versichere, dieser ganzen spanischen +Angelegenheit völlig fern bleiben zu wollen. — Sie wollen mich nicht zu +der Revue begleiten, die ich auf dem Carousselplatz abhalten will,“ +sagte er abbrechend, „ich habe die Garde de Paris und die Pompiers, +auch eine Schwadron Seine-Gendarmerie zu der Truppenaufstellung +hinzugezogen. Es ist in dieser Zeit immer gut, wenn man auch diesen +Corps möglichst viel militairisches Gefühl einflößt.“ + +„Ich danke,“ erwiderte die Kaiserin, „ich habe verschiedene Audienzen zu +geben. + +Au revoir,“ fügte sie hinzu, indem sie aufstand und ihrem Gemahl die +Wange reichte. „Ich wünsche Ihnen nochmals Glück, diesen heimlichen +Orleanisten aus Ihrem Rath entfernt zu haben.“ + +Der Kaiser geleitete seine Gemahlin zur Thür und kehrte dann +nachdenklich und ernst in sein Zimmer zurück. + +„Es geht etwas mit dieser spanischen Candidatur Hohenzollerns vor,“ +flüsterte er vor sich hin, „man möchte diesen Fall zu einer Kriegsfrage +zurecht machen — ich durchschaue das Alles sehr gut, man will sich +versichern, daß ich mich wirklich einer solchen Candidatur ernstlich und +energisch widersetzen würde, um in diesem Falle die Ereignisse danach +gestalten zu können. Ich lasse das Alles gehen,“ sagte er lächelnd, +„diese Candidatur des Prinzen Leopold, die man da so unvermuthet als +einen plötzlichen und unabwendbaren Kriegsfall vor mich hinstellen +möchte, kann mir vielleicht sehr gute Dienste leisten und mir die +Handhabe bieten, die ganze Lage der Dinge, ohne diese lärmende und +unsichere Entscheidung der Waffen zu meinen Gunsten zu gestalten. Ich +glaube nicht,“ sagte er nachdenklich, „daß das Cabinet von Berlin oder +der König von Preußen auf diese Hohenzollernsche Candidatur einen +besondern Werth legen wird, — Benedetti glaubt, daß der Graf Bismarck ihm +nicht seinen letzten und innersten Gedanken ausgesprochen habe, — mir +scheint, Benedetti täuscht sich, vielleicht möchte es eher dem +preußischen Stolz widerstreben, einen Prinzen, der in vielen Beziehungen +mit dem dortigen königlichen Hause zusammenhängt, sich auf einen Weg +begeben zu sehen, der zu einem ähnlichen Schicksal führen kann, als es +den Herzog Maximilian in Mexico erreichte. Wenn diese Candidatur +wirklich eine ernste Form gewinnt, so wird die Gelegenheit da sein, ein +kräftiges und volltönendes Wort zu sprechen und die Zurückziehung +derselben vor dem übrigen Europa als einen moralischen Sieg über +Deutschland und Preußen erscheinen zu lassen. Damit wird eine große +Sache gewonnen sein — die Wiederherstellung des französischen +erschütterten Selbstgefühls und des Vertrauens in die Überlegenheit der +kaiserlichen Regierung. Lassen wir also die Dinge immerhin gehen, — ich +glaube, sie gehen einen guten Weg, und ich werde dahin kommen, mich aus +allen Verlegenheiten, die mich umringen, ohne eine kriegerische +Entscheidung, welche ich in den Leiden meiner Krankheit mehr als je +vorher scheue — zu entziehen.“ + +Der Huissier öffnete die Thür und meldete: + +„Seine kaiserliche Hoheit der Prinz Napoleon.“ + +Der Kaiser seufzte und zuckte unwillkürlich die Achseln mit einer Miene, +welche anzudeuten schien, daß ihm dieser Besuch nicht allzu erfreulich +sei, indessen neigte er zustimmend den Kopf und ging mit freundlichem +Gruß dem Prinzen die Hand reichend, seinem Vetter entgegen, welcher +raschen und unruhigen Schritts in das Cabinet trat. + +„Ich bin erfreut, Dich zu sehen, mein lieber Vetter,“ sagte der Kaiser, +„indessen habe ich nur wenige Augenblicke, da die Truppen bereits auf +dem Carousselplatz aufgestellt sind und die Stunde der Revue geschlagen +hat.“ + +Der Prinz Napoleon war eine eigenthümliche Erscheinung, welche man kaum +hätte vergessen können, wenn man ihm einmal begegnet war. Sowohl in +seiner Figur, als in seinem olivenfarbenen scharf geschnittenen +bartlosen Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar zeigte er eine sehr +charakteristische Ähnlichkeit mit seinem großen kaiserlichen +Oheim; — während indeß auf den Zügen des Letzteren jene edle, antik +klassische Ruhe lag, welche die Köpfe aus der großen Kaiserzeit des +alten Roms charakterisirt, während die Augen des weltbeherrschenden +Imperators tief sinnend vor sich hinblickten oder weltentzündende +zorngewaltige Blitze schleuderten, — lag in dem ganzen Wesen des Prinzen +eine zerfahrene Unruhe und fieberhafte Hast, welche mit dem antiken +Schnitt seines Gesichts durchaus nicht vereinbar schienen und seiner +ganzen Erscheinung den Ausdruck wohlthätiger Ruhe und Harmonie raubten; +seine Augen blickten unstät hin und her, seine Lippen zuckten in +fortwährend bewegtem Mienenspiel, und in kurzen Zwischenräumen öffnete +sich sein Mund zu einem unwillkürlichen, krampfhaft nervösen Gähnen. +Auch seine Gestalt war stärker und gedrungener als die des großen +Kaisers, und wenn er mit heftigen Gesticulationen seine Worte +begleitete, so brachten seine Bewegungen fast einen komischen Ausdruck +hervor. + +Der Prinz trug einen schwarzen Civilmorgenanzug, einen hohen Cylinderhut +in der Hand, die große Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch. + +„Ich will Eure Majestät nur einen Augenblick aufhalten,“ sagte er, mit +einer gewissen rauhen Betonung die Worte hervorstoßend, „es drängt mich, +von Eurer Majestät selbst zu hören, ob die Gerüchte, welche die Stadt +zu durchlaufen beginnen, wahr sind. Eure Majestät,“ fuhr er fort, +„kennen die tiefe Ergebenheit, welche ich für Sie hege als für den Chef +meiner Familie und für den liebevollen Freund meiner Jugend, — bei dieser +tiefen Ergebenheit müssen die Gerüchte, welche so eben bis zu mir +gedrungen sind, mich mit tiefer Unruhe erfüllen.“ + +„Und welche Gerüchte meinst Du,“ fragte der Kaiser ruhig und kalt, indem +er sich in seinen Lehnstuhl niederließ und den vollen Blick seines groß +geöffneten Auges auf den Prinzen richtete, welcher vor ihm stehen blieb +und vor diesem scharfen forschenden Blick mit leichter Verlegenheit die +Augen zu Boden schlug. + +„Ich meine das Gerücht von dem Grafen Daru,“ sagte der Prinz rasch und +heftig, „ganz Paris spricht bereits davon. Man erzählt, daß Du,“ fuhr er +immer lebhafter fort, indem er die ceremonielle Haltung, welche er bei +seinem Eintritte angenommen hatte, vergaß, — „das Plebiscit unter allen +Umständen durchführen willst, und daß deswegen Graf Daru, der in der +That nicht zu meinen Freunden gehört, aber der dadurch in diesem +Augenblick populär werden wird, sich von den Geschäften zurückziehen +will.“ + +„Es handelt sich um keine Differenz zwischen dem Grafen Daru und mir,“ +erwiderte der Kaiser. „Der Graf befindet sich in Meinungsverschiedenheit +mit Ollivier und den übrigen Ministern, es ist eine vollständig +constitutionelle Krisis,“ fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, „in +welche ich einzugreifen außer Stande bin.“ + +„Eine constitutionelle Krisis,“ rief der Prinz lebhaft, indem er laut +auflachte und dann die Hand einen Augenblick vor den Mund hielt, um +einen Gähnkrampf zu verbergen, der ihn erfaßte, — „eine Meinungsdifferenz +mit Ollivier? Hat denn dieser Ollivier,“ fuhr er fort, „eine Meinung, +die nicht die Deinige ist? — Doch darum handelt es sich nicht, es handelt +sich nicht um die augenblickliche Situation,“ sprach er rasch +weiter, — „ob Daru bleibt oder geht, ist mir in der That sehr +gleichgültig, — aber der Grund dieser Krisis — der Grund dieses +Plebiscits — was willst Du mit dem Plebiscit machen — wozu diese +fortwährenden Revuen in einer Zeit, in welcher alle militairischen +Fragen so vollständig in den Hintergrund treten, — Du hast einen Plan, Du +willst den Krieg, Du willst unter der Maske dieses Ollivier, unter dem +Schein des Constitutionalismus die Dictatur wieder herstellen, um +plötzlich hervorbrechen zu können und den europäischen Staatsstreich, +wie man es nennt, auszuführen, oder vielleicht,“ fuhr er fort, indem +sein stechender Blick sich mit dem Ausdruck des Hasses und des Zorns +erfüllte, „oder vielmehr Andere wollen dies. Man will Dich dahin +bringen, es auszuführen.“ + +Der Kaiser hatte völlig unbeweglich ohne jeglichen Ausdruck auf seinem +Gesicht den heftigen Worten des Prinzen zugehört, ein wenig auf die +Seite geneigt, ließ er langsam die Spitzen seines Schnurrbarts durch die +Finger gleiten und sagte mit einem unendlich naiven Ton: + +„Du glaubst?“ + +„Ja,“ rief der Prinz zornig, mit dem Fuße stampfend, „ich glaube es und +ich glaube auch, daß Du auf einen Weg gehst, der Frankreich, Dich und +uns Alle in's Verderben stürzen wird, — wir können nicht schlagen, — ich +weiß es, — man täuscht Dich, — Deine großsprechenden Generale, dieser +Leboeuf an der Spitze, glauben, daß man mit Phrasen den Kampf gegen eine +so furchtbare Macht wie Preußen aufnehmen kann. Sie Alle haben gar keine +Idee von dem, was man zum Kriege nöthig hat — selbst Niel wäre nach +meiner Überzeugung noch nicht fertig für einen so gewaltigen Kampf, aber +diese — die Dich jetzt umgeben, haben das Werk Niels nicht nur nicht +fortgesetzt, sie haben es wieder zu Grunde gerichtet. Deine Armee ist in +Unordnung, die Festungen sind nicht im gehörigen Stand, die Magazine +sind nicht gefüllt, die Organisation der Militairverwaltung ist mehr als +mangelhaft, und wenn Du Dich zu diesem Kriege hinreißen läßt, so wirst +Du, — ich wiederhole es — uns Alle zu Grunde richten.“ + +Der Kaiser blieb fortwährend unbeweglich. + +„Ich begreife nicht, mein lieber Vetter, wie Du auf diese Idee +kommst, — es ist ja nicht die kleinste Wolke am politischen Himmel, und +es handelt sich ja in diesem Augenblick ganz ausschließlich nur um +innere Fragen. Was übrigens unsere Armee und die Militairverwaltung +betrifft, so ist die Ansicht sehr bewährter Generale eine andere als die +Deinige und,“ fügte er mit einem mehr gutmüthigen als ironischen Lächeln +hinzu, „jenen steht vielleicht eine größere praktische Erfahrung als Dir +zur Seite.“ + +„Es gehört nicht eine allzu große praktische Erfahrung dazu,“ erwiderte +der Prinz in entrüstetem Ton, „um das zu sehen, was Jedermann sehen kann +und was man Dir allein mit Erfolg zu verbergen sucht, da Dein zu großes +Vertrauen Dich verhindert, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bitte +Dich, untersuche wenigstens, bevor Du Dich zu gefährlichen +Unternehmungen hinreißen läßt, genau den Zustand der Armee, — untersuche +ganz besonders den Zustand der Flotte, dieser ist noch bedenklicher als +der der Landtruppen.“ + +„Mein liebes Kind,“ sagte der Kaiser in einem väterlichen freundlichen +Ton, „Du agitirst Dich ohne Grund, glaube mir, die Absichten, die Du +voraussetzest, bestehen nicht.“ + +„Sie bestehen nicht?“ rief der Prinz. „Sie bestehen vielleicht bei Dir +nicht, aber sie bestehen rings um Dich her, und man wird Dich so +umgarnen, man wird alle Verhältnisse so drehen und wenden, daß Du +schließlich nicht anders können wirst, als die Pläne derer auszuführen, +welche in ihrer Verblendung dazu bestimmt scheinen, Dich und uns Alle +in's Unglück zu stürzen. Die Kaiserin —“ + +Der Kaiser stand auf; für einen Augenblick schien er vollkommen Herr +über die Schwäche zu sein, welche seine Haltung gewöhnlich unsicher und +schwankend erscheinen ließ. Er richtete den Kopf hoch empor, seine Augen +öffneten sich weit und leuchteten im tiefen Glanz auf, aus seinen Zügen +strahlte eine wunderbare Hoheit und Ueberlegenheit, und mit einer +vollen, metallisch klingenden Stimme sprach er: + +„Mein lieber Vetter, ich bin das Haupt unserer Familie und das erwählte +Oberhaupt der französischen Nation, ich trage die Verantwortlichkeit für +meine Entschließungen und bin mir dieser Verantwortlichkeit vollkommen +bewußt, — auf meine Entschließungen aber hat Niemand Einfluß, als die +ruhige Erwägung und die richtige Beurtheilung der Verhältnisse, +Niemand,“ wiederholte er mit strenger Betonung, „und auch kein Glied +meiner Familie — kein Glied derselben ohne Ausnahme.“ + +Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er mit milderem Ton hinzu, indem +er dem Prinzen die Hand reichte: + +„Ich danke Dir für Deine Theilnahme an dem Geschick Frankreichs und an +dem Meinigen und bin überzeugt, daß, wenn ernstere Ereignisse eintreten +sollten, wozu in diesem Augenblick nicht die geringste Veranlassung +vorliegt, Du an dem Platz, an welchem ich Dich dann zu stellen +beschließen werde, mit voller Hingebung und Selbstverleugnung Deine +Schuldigkeit thun wirst. + +„Ich bin,“ sagte er mit höflichem, aber bestimmtem Ton, „bereit, mit Dir +in ruhigen Augenblicken diese Unterhaltung fortzusetzen; für jetzt muß +ich Dich bitten, mich zu entschuldigen, denn die Stunde der angesagten +Revue ist bereits vorüber, und Du weißt, daß selbst unser großer Oheim +den unumstößlichen Grundsatz hatte, die Truppen niemals warten zu +lassen, sondern ihnen stets das Beispiel genauester Pünktlichkeit zu +geben.“ + +„Du willst mich nicht hören,“ rief der Prinz heftig, — „Du kannst Dich +noch immer nicht gewöhnen, in mir den reifen Mann zu sehen, Du glaubst +also den Fremden mehr — als mir, der ich Dir doch wahrlich am nächsten +stehe. Nun, ich werde nicht müde werden, auch auf die Gefahr hin, Dir zu +mißfallen, bis zum letzten Augenblick Dir meine Meinung zu sagen.“ + +„Und ich werde Dich immer mit Aufmerksamkeit und mit der alten Liebe +anhören, die ich Dir stets bewiesen habe,“ sagte der Kaiser, indem er +seinem Vetter die Hand reichte, „auf Wiedersehen!“ + +Der Prinz drückte die Hand des Kaisers so heftig, daß dieser sie schnell +zurückzog. Seine Lippen öffneten sich, es schien, als wolle er noch +Etwas sagen, doch er verneigte sich nur schweigend und sich schnell +umwendend, stürmte er aus dem Cabinet hinaus. + +„Welch' ein unregelmäßiger Geist,“ sagte der Kaiser, ihm nachblickend, +„wie schade ist es um all' die vortrefflichen Eigenschaften, welche er +besitzt, um all' die großen Keime, welche unerschlossen in ihm ruhen +oder welche nach falscher Richtung hin sich entwickelt haben. — Was meine +Verwandten betrifft,“ sagte er dann mit einem halb ironischen, halb +wehmüthigen Lächeln, „so könnten die Prinzen der ältesten und +legitimsten Dynastie ihrem Souverain kaum mehr Verlegenheit bereiten, +als meine Herren Vettern es mir thun, — dieser unglückliche Pierre, der +Victor Noir erschossen, — Murat, der diesen kleinen Lecomte +geprügelt — und dieser Napoleon, der seinen reichen Geist und seine +wirklich tiefen Kenntnisse nur dazu benutzt, um überall Verwirrungen zu +stiften, — vielleicht sollte ich strenge gegen ihn sein, ich sollte ihn +mehr fühlen lassen, daß ich der Chef des Hauses und der Souverain +Frankreichs bin, denn zuweilen überschreitet er wirklich die Grenzen des +Erlaubten. Aber,“ sagte er, den Kopf sinnend auf die Brust senkend, „ich +habe eine Schwäche für ihn, — ich habe ihn ein wenig mit erzogen, — in +seinen Adern rollt das Blut des großen Kaisers, und dann — er ist der +Bruder dieser so edlen und so großherzigen Mathilde, — die unter Allen +meine treueste Freundin ist.“ + +Er faltete die Hände und blieb längere Zeit in tiefem Sinnen stehen, +dann fuhr er auf, strich mit der Hand über die Stirn, als wolle er +Bilder und Erinnerungen verscheuchen, die vor ihm aufgestiegen waren, +warf einen raschen Blick auf seine Uhr und begab sich schleunigst in +sein Toilettenzimmer. + +Auf dem Carousselplatz innerhalb des großen Vierecks, welches die durch +den Kaiser vereinigten Paläste der Tuilerien und des Louvre bildeten, +war eine Division Infanterie aufgestellt, darunter das zweite Regiment +der Grenadiere der Garde mit den gewaltigen Bärenmützen, welche man auf +den Schlachtenbildern des ersten Kaiserreichs erblickt und welche noch +bis zu jener Stunde den Stolz der alten Garde bildeten; die langbärtigen +Sappeurs mit ihren weißen Schurzfellen, ihren hohen Stulphandschuhen und +ihren blitzenden Beilen an der Spitze der Bataillone — daneben acht +Batterien der Artillerie mit der an die deutschen Husaren erinnernden +Uniform, den Dolmans und Colpacks, — die Garde de Paris und die +Seine-Gendarmerie zu Pferde, welche fast unverändert die Uniform der +Grenadiere à Cheval des ersten Kaiserreichs trugen; neben diesen standen +die Pompiers, diese militairische Feuerwehr mit ihren blitzenden Helmen. + +Eine große Menschenmenge umringte, von den Sergeants de Ville +zurückgehalten, die Aufstellung der Truppen, deren Waffen im hellen +Sonnenschein blitzten. + +Das alte Schloß der Tuilerien und alle diese Uniformen nach den Mustern +des ersten Kaiserreichs riefen lebhaft die Bilder der Vergangenheit in's +Gedächtniß. Und als nun das Gitterthor an dem innern Hof der Tuilerien +sich öffnete, die zwei davor haltenden Kürassierposten sich militairisch +empor richteten, — als die Suite der Adjutanten und Ordonnanzofficiere +vor dem Haupteingang des Palastes sich rangirten, die Reitknechte die +Pferde heranführten und der Marschall Canrobert, der in der +goldglänzenden Uniform mit den weißen wallenden Federn auf dem +goldbordirten Hut, den Marschallstab in der Hand, von seiner Suite +umgeben, in der Mitte der Truppnenaufstellung hielt, sich in dem Sattel +aufrichtete und noch einen letzten Blick über die in musterhafter +Haltung dastehenden Truppen warf, da hätte man fast erwarten können, aus +dem großen Portal der Tuilerien heraus die kleine Gestalt des +welterobernden Cäsars mit dem ehernen Gesicht und dem leuchtenden +Feldherrnblick hervortreten zu sehen, um wie an dem Tage der großen +Vergangenheit seine Soldaten zu mustern, welche die Adler Frankreichs +siegreich nach allen Hauptstädten Europa's getragen hatten. — + +Die Stallknechte führten das schöne weiße Leibpferd des Kaisers vor das +Portal. + +Etwas unsichern Ganges erschien Napoleon III. in der +Generallieutenants-Uniform, das große rothe Band der Ehrenlegion über +der Brust. Die Hinfälligkeit seiner Gestalt, die krankhafte Schlaffheit +seiner Gesichtszüge waren in der militairischen Kleidung noch sichtbarer +und auffälliger, als im Civilanzug. Er setzte den Fuß in den Bügel und +langsam, mit einer gewissen Anstrengung hob er sich in den Sattel +hinauf. Ein Augenblick zuckte es wie stechender Schmerz durch sein +Gesicht, dann nahm er wie mit lebhafter Willensanstrengung eine feste +Haltung an; und selbst jetzt, trotz seiner von Alter und Krankheit +gebrochenen Kraft konnte man doch noch eine Spur jener Leichtigkeit und +Sicherheit erkennen, welche ihn einst zu einem der besten Reiter +Europa's gemacht hatten. + +Die ganze glänzende militairische Suite des Kaisers, welche ihn +zu Fuß erwartet hatte, saß in demselben Augenblick, in welchem der +Kaiser in den Sattel gestiegen war, zu Pferde. Hundert Garden +mit den goldglänzenden antiken Helmen und den blauen gold- und +scharlachschimmernden Uniformen sprengten vor; und langsam ritt der +Kaiser durch das Gitterthor der Truppenaufstellung entgegen. + +Marschall Canrobert und sein Stab sprengten heran, der Marschall grüßte +mit dem Stabe und erhob denselben dann, indem er sich nach den Truppen +hinwandte; in demselben Augenblick begannen die sämmtlichen Musikkorps +jene einfache Melodie zu spielen, welche die schöne Hortense Beauharnais +einst für die alte Romanze „partant pour la Syrie“ componirt hatte, die +man zu jener Zeit nicht auf den jeune et beau Dunois, sondern auf den +vom ersten glänzenden Strahl seines Ruhmes beleuchteten Feldherrn bezog, +der später die Krone Karl des Großen auf sein Haupt zu setzen bestimmt +war. Zu gleicher Zeit brauste in donnerndem Ruf das „Vive l'empereur“ +von allen Truppenabtheilungen herüber. + +Der Kaiser nahm den Hut ab, und sein Blick flog über diese blitzenden +Geschütze, über diese kühn blickenden Männer, über diese schnaubenden +Pferde hin — ein Augenblick färbte ein leichtes Roth seine Züge, seine +Augen leuchteten auf, fester richtete er sich im Sattel empor; da fiel +sein Blick auf die Menge, welche sich bis dicht an die Truppen +herangedrängt hatte und am Eingang des Gitterthors höchstens zehn +Schritt von ihm entfernt war. + +In der ersten Reihe der Zuschauer sah er eine lange, hagere Gestalt +stehen, in zerrissene Lumpen gehüllt, das Haupt, welches aus diesen +Lumpen hervorragte, war unbedeckt, sein dunkles Haar hing ungeordnet um +die Schläfen herab; unter der vorspringenden niedrigen Stirn blickten +dunkle tief liegende Augen hervor, eine lange, weit vorspringende Nase, +tief eingesunkene Wangen und ein struppiger Bart gaben diesem Gesicht +etwas Fanatisches und Krankhaftes. + +Der Blick des Kaisers wurde unwillkürlich durch diese Erscheinung +gefesselt, denn der Mann, der da unbeweglich stand, sah ihn mit einer +Gluth so wilden und unversöhnlichen Hasses an, daß der Kaiser +zusammenschauerte. Er wandte sich einen Augenblick um, als wolle er +einen Befehl geben, dann blickte er wieder auf jenen Mann hin, dessen +beide Hände frei waren und der ohne jede Bewegung starr wie eine +Bildsäule da stand, — noch einmal erhob sich gewaltig und weithin über +den Platz schallend das „Vive l'empereur“ der Truppen. + +Dann trat eine augenblickliche tiefe Stille ein, der Marschall Canrobert +sprengte an die Seite des Kaisers, um ihn beim Heranreiten der Fronte zu +begleiten. + +Napoleon gab seinem Pferde einen leichten Schenkeldruck, indem er noch +einmal wie fascinirt nach jenem in Lumpen gehüllten Mann hinsah. + +Da trat dieser Mann plötzlich einige Schritte vor, immer die Augen voll +grimmigen fanatischen Hasses auf den Kaiser gerichtet. Er erhob die Arme +nicht, er machte keine Bewegung, aber mit einer lauten, gellenden +Stimme, welche schaurig durch die augenblickliche Stille, die dem lauten +Rufen der Truppen gefolgt war, über den Hof hinschallte, rief er mehrere +Male hinter einander: + +„Nach Cayenne! Nach Cayenne!“ + +Napoleon parirte sein Pferd, die ganze Suite hielt an, ein Ruf des +Entsetzens ertönte aus der nächsten Umgebung des Kaisers. Verschiedene +Officiere waren im Augenblick vom Pferde gesprungen und hatten im Verein +mit einer großen Anzahl von Sergeants de Ville und Polizeibeamten in +Civil, welche im Nu aus der Menge der Zuschauer hervorbrachen, den +Unbekannten umringt und festgenommen. + +Er machte keine Miene des Widerstands und ließ sich, nachdem er noch +einmal einen Blick tiefen und unversöhnlichen Hasses auf den Kaiser +geworfen, nach dem Erdgeschoß der Tuilerien hinführen. + +Napoleon hatte schnell mit der ihm stets eigenen Selbstbeherrschung +seine Ruhe wiedergefunden. + +„Ein armer Wahnsinniger,“ sagte er lächelnd zu dem Marschall Canrobert +gewendet, und in kurzem Galopp sprengte er, von seiner glänzenden Suite +gefolgt nach dem Flügel der Truppenaufstellung; langsam ritt er dann +die Reihen hinunter, und noch enthusiastischer als vorher wurde er +überall mit jubelnden Zurufen begrüßt. + +Er schien aus seiner früheren gleichgültigen Lethargie erwacht zu sein, +und mit stolzem festem Blick sah er diese herrlichen Truppen an, die ihm +so laut und freudig ihre Ergebenheit beweisen wollten. Lächelnd machte +er dem Marschall seine Complimente über die Haltung der Truppen, dann +sprengte er zurück, nahm eine Aufstellung vor dem Gitterthor — seiner +Suite weit voran, und indem er einen scharfen, festen, herausfordernden +Blick auf die herandrängende Menge warf, gab er das Zeichen zum Beginn +des Vorbeimarsches. Während die einzelnen Regimenter vor ihm +vorbeidefilirten, nach französischer Sitte als Zeichen ihrer +begeisterten Huldigung die Kopfbedeckungen an der Spitze ihrer Waffen +schwingend, ertönte von Neuem immer und immer wieder der alte Ruf „Vive +l'empereur“, welcher schon so oft und in großen Augenblicken von diesen +altersgrauen Mauern wiederhallt war an derselben Stelle, wo die +sterbenden Diener des versinkenden Königthums zum letzten Male „Vive le +roi“ gerufen hatten, und wo bereits zwei Mal eine wilde blutige Masse +ihr „Vive la Republique“ geheult hatte. + +Die Revue war beendet, der Kaiser dankte dem Marschall und den +Officieren, ritt langsam zum Portal zurück, stieg ab und begab sich, +sein Gefolge freundlich mit der Hand grüßend, nach seinem Cabinet +zurück. + +Hier angekommen warf er sich erschöpft in seinen Lehnstuhl, die stolze +und feste Haltung, welche er den Truppen gegenüber beobachtet hatte, +verschwand, körperlicher Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit zeigte +sich in seinen schlaffen, zusammensinkenden Gesichtszügen. + +„Ist der Polizeipräfect hier?“ fragte er den Kammerdiener, welcher ihm +Hut und Handschuhe abnahm. + +„Er befindet sich in einem Zimmer des Erdgeschosses und verhört den +Elenden, welcher es gewagt, Eure Majestät zu insultiren.“ + +„Ich lasse ihn bitten, sogleich zu mir zu kommen.“ + +Er sank in sich zusammen und erwartete schweigend die Ankunft des Chefs +der Polizei. + +Nach kurzer Zeit trat Herr Pietri in das Zimmer. Dieser Leiter der weit +ausgedehnten Polizei von Paris war eine schmächtige schlanke Gestalt, +geschmeidig und biegsam, — sein Kopf mit der weit vorspringenden, stark +gewölbten Stirn war oberhalb spitz emporspringend, das dünne dunkle Haar +lag auf den Schädel glatt an und bildete zur Seite der tief +eingefallenen Schläfen zwei kleine, etwas abstehende Locken. Die +Backenknochen standen stark hervor, die Augen lagen so tief zurück, daß +der scharfe stechende Blick wie aus dunklen Schatten hervorblitzte; die +stark gebogene Nase hing weit raubvogelartig gekrümmt über den von einem +langen schwarzen Schnurrbart verdeckten Mund herab. Der ganze Eindruck +dieses eigenthümlichen, gelb gefärbten Gesichts war ernst, kalt und +finster. + +„Was für ein Mensch ist das?“ fragte Napoleon mit leichtem Kopfnicken +den Gruß des Polizeichefs erwidernd. + +„Er heißt Lezurier,“ erwiderte Pietri. „Trotz der Lumpen, in welche er +gehüllt war,“ fuhr er fort, „fand man bei ihm eine Börse mit elftausend +Francs in Gold, drei Staatsrentenbriefe über dreißigtausend Francs +jährlicher Rente und ein Dolchmesser. Man hat sofort seine Wohnung +ermittelt, und soeben berichtet man mir, daß bei der ersten Nachsuchung +eine Menge von Waffen dort entdeckt worden ist, Keulen, Säbel, Lanzen, +Revolver, Todtschläger, Dolche, Bayonette und Stockdegen, außerdem fand +man in einem alten Pult noch sechzigtausend Francs in Gold. Seine ganze +Behausung ist höchst ärmlich, er aß bei einem Lumpensammler in der +unmittelbaren Nachbarschaft, bezahlte demselben monatlich dreißig +Francs.“ + +„Räthselhaft,“ sagte der Kaiser tief nachdenkend. „Und was hat er +bezweckt? Was war der Grund seiner Handlung?“ + +„Er setzt allen Fragen ein hartnäckiges Schweigen entgegen,“ erwiderte +Pietri. + +Ein rascher Entschluß blitzte im Auge des Kaisers auf. + +„Führen Sie ihn her, ich will ihn sehen,“ sprach er, — „ich will ihn +selber fragen.“ + +„Sire,“ sagte Pietri fast erschrocken, „Eure Majestät wollen —“ + +„Er konnte mir doch in der That,“ sagte der Kaiser, „draußen auf dem +Tuilerienhof gefährlicher werden, als hier in meinem Zimmer, nachdem man +ihm alle Mittel zu schaden abgenommen hat. Führen Sie ihn mir hierher, +aber kommen Sie allein mit ihm, lassen Sie keinen untergeordneten +Beamten mit eintreten. Wir werden uns ja wohl gegen ihn verteidigen +können,“ fügte er lächelnd hinzu. + +Pietri verneigte sich und ging hinaus. Nach einigen Augenblicken kehrte +er zurück — ihm folgte, von zwei Polizeibeamten bis zur Thür geführt, +der räthselhafte Unbekannte. + +Derselbe trat ruhigen und festen Schrittes ein und blieb in einiger +Entfernung von der Thür stehen. Sein Anblick war erschreckend, die +ohnehin schon zerfetzten Lumpen, die ihn einhüllten, waren bei seiner +Arretirung noch mehr zerrissen und hingen in fast formlosen Stücken um +seinen Körper her, von einem Schlage, den er erhalten, hatte seine Nase +geblutet, auch hatte er eine nicht unbedeutende Wunde an der Stirn +erhalten, sein Gesicht war mit Blut befleckt und seine Haare klebten an +den Schläfen mit Blut und Staub fest, er war noch bleicher als vorher +und seine unheimlich glühenden Augen blickten mit demselben tiefen und +unversöhnlichen Haß zu dem Kaiser hinüber. + +Napoleon sah diesen Mann lange schweigend an, die Schleier, welche fast +immer seine Augen verhüllten, waren verschwunden, voll und frei ruhte +sein forschender Blick auf der Gestalt des Gefangenen, doch fand der +grimmige Ausdruck des Hasses, welcher dessen Züge erfüllte, in den Augen +des Kaisers keine Erwiderung. Er sah diesen Mann mit einer Mischung von +Verwunderung und wehmüthiger Trauer an. + +„Sie haben,“ fragte Napoleon endlich mit sanfter Stimme, „so eben in +dem Hof der Tuilerien einen Ruf ausgestoßen, den man als eine feindliche +Demonstration gegen mich deutet. Ich wünsche von Ihnen selbst zu +erfahren, was Sie dabei bezweckt haben, ob es wirklich Ihre Absicht war, +den Souverain Ihres Landes, welchen die große Majorität der Bürger +Frankreichs auf den Thron berufen, zu beleidigen? Warum haben Sie den +Ruf ausgestoßen „nach Cayenne?“ + +Lezurier machte keine Bewegung, nur wurde die zornige Gluth seines auf +den Kaiser gerichteten Blickes noch wilder und intensiver, und mit einer +heisern, aber scharf und deutlich die Worte betonenden Stimme sprach er: + +„Ich habe das Geschrei der Soldaten gehört, welche vive l'empereur +riefen, da erfaßte mich ein unbezähmbarer Zorn, und mein ganzes Wesen +loderte auf in wilder Wuth, als ich Denjenigen jubelnd begrüßen hörte, +dessen Verbrechen gegen Frankreich und seine Freiheit ihn zu jenem +todtbringenden Exil hätten verurtheilen müssen, in welches er so viele +Märtyrer der heiligen Sache des Volkes geschickt hat — nach Cayenne!“ + +Der Kaiser sah den Mann groß an und schüttelte langsam mit einem fast +mitleidigen Lächeln den Kopf. + +„Man hat ein Messer bei Ihnen gefunden,“ sagte er, „und ein kleines +Waffenarsenal in Ihrer Wohnung. Hatten Sie die Absicht, mich zu tödten?“ + +„Nein,“ erwiderte Lezurier, „diese Absicht hatte ich nicht. Ich war nur +auf den Tuilerienhof gekommen, um meinen heiligen Haß durch den Anblick +des Tyrannen zu kräftigen. Die Sache des Volkes bedarf des Meuchelmordes +nicht, welcher wohl den Tyrannen tödten, aber nicht die Tyrannei +vernichten würde.“ + +„Wozu also diese Waffen?“ fragte der Kaiser — „außerdem,“ fügte er hinzu, +„hat man viel Geld bei Ihnen gefunden, und doch sind Sie in Lumpen +gekleidet.“ + +„Ich habe mein Vermögen und mich,“ erwiderte Lezurier immer in demselben +Ton, „der Sache des Volkes gewidmet, für mich will ich nur übrig +behalten, was zur nothdürftigsten Ernährung und Bekleidung meines +Körpers unerläßlich ist. Alles Uebrige war bestimmt, bei der großen +Erhebung des Volkes verwendet zu werden, welche sich vorbereitet, welche +kommen wird und welche Sie herabschleudern wird in den Abgrund, aus +welchem Sie heraufgestiegen.“ + +„Warum haben Sie denn,“ fragte der Kaiser weiter, „den Ruf ausgestoßen, +der Sie den Gesetzen überliefert und alle Ihre Vorbereitungen erfolglos +macht?“ + +„Ich habe es gethan,“ erwiderte Lezurier, „weil die augenblickliche +Entrüstung mich übermannte, weil eine blutige Wolke meinen Blick +verdunkelte, weil ich nicht mehr Herr meiner selbst war. Ich bereue es, +daß ich es gethan, weil ich meine Kraft und meine Mittel dadurch für den +großen heiligen Kampf gehemmt habe, der aber,“ fuhr er fort, „dessen +ungeachtet begonnen und siegreich durchgeführt werden wird. Ein +Einzelner mehr oder weniger in der Phalanx des Volkes kann auf den +Erfolg keinen Einfluß haben.“ + +„Sie sind nicht, was Sie scheinen,“ erwiderte der Kaiser, „Ihre Worte +sprechen von höherer Bildung, als Ihre Kleidung vermuthen läßt.“ + +„Je höher mein Geist gebildet ist,“ erwiderte Lezurier, „um so mehr muß +ich das Elend Frankreichs erkennen und die Mittel zu seiner Beseitigung +suchen. Je reiner meine Gesinnungen sind und je fester mein Charakter +sich entwickelt hat, mit um so höherer Begeisterung muß ich meine ganze +Existenz für die Freiheit Frankreichs einsetzen, — um so glühender muß +ich Denjenigen hassen, welcher diese Freiheit verrätherisch geknechtet +hat.“ + +„Wenn Sie mich hassen,“ sagte der Kaiser mit einer sanften, fast +weichen Stimme, „so können Sie mich doch nicht für klein halten, Sie +würden mir sonst nicht sagen, was Sie so eben ausgesprochen.“ + +„Mein unbesonnener Ruf,“ erwiderte Lezurier, „hat mich ohnehin in Ihre +Hände geliefert und meine Theilnahme am Kampf der Zukunft beinahe +unmöglich gemacht, ich kann mir also die Genugthuung gewähren, dem +Tyrannen in's Gesicht zu sagen, was ich von ihm denke. Er hat ja doch +nur die Macht,“ fügte er mit verächtlichem Achselzucken hinzu, „diesen +Körper zu vernichten, diese Form zu zerbrechen, in welcher ein kleiner +Theil jenes Geistes eingeschlossen ist, der im gewaltigen +unwiderstehlichen Flug die Trümmer seines Thrones fortreißen wird in die +Abgründe der ewigen Vernichtung!“ + +„Und was wollten Sie mit jenen Waffen machen,“ fragte der Kaiser, +„welche Sie in Ihrer Wohnung aufgesammelt haben, mit jenem Gelde, +welches Sie dort aufbewahrten?“ + +„Die Waffen wollte ich am Tage der großen Erhebung allen Denen in die +Hand drücken,“ erwiderte Lezurier, „welchen ich begegnen würde, deren +Arm noch nicht bewehrt wäre, um dem Zorn und dem Haß ihres Herzens +Nachdruck zu geben. Mit dem Gelde wollte ich die Kämpfer ernähren und +die Verwundeten pflegen.“ + +„Stehen Sie mit Andern in Verbindung?“ fragte der Kaiser weiter. + +Ein finsterer Hohn zuckte um die Lippen Lezurier's. + +„Sie sind gewöhnt,“ erwiderte er, „den Verrath zu erkaufen. Aber,“ fuhr +er fort, „ich habe Nichts zu verrathen, und was ich weiß, kann ich laut +aussprechen, ohne irgend Jemanden in die Hände Ihrer Häscher zu liefern. +Mein Verbündeter ist das Volk von Frankreich in seiner großen Mehrheit, +das denkt und fühlt wie ich, das aber vielleicht nicht immer und nicht +überall dieselbe Energie und Thatkraft hat, welche ich angewandt haben +würde zur Erreichung des großen Ziels — zur Befreiung des Vaterlandes!“ + +„Sie haben mich beleidigt,“ sagte der Kaiser, „dafür sind Sie dem Gesetz +verfallen, doch liegt in meinen Händen das schöne Recht der Gnade, und +ich mache Gebrauch davon, indem ich Ihnen die Beleidigung verzeihe, +welche Sie gegen mich ausgestoßen. Derjenige,“ sprach er stolz den Kopf +erhebend, „den die große Mehrzahl seiner Nation vertrauensvoll auf den +Thron berufen, kann die Beleidigung eines Einzelnen leicht vergeben. +Aber Sie haben Vorbereitungen getroffen,“ fuhr er fort, „um nicht mir +allein zu schaden, sondern um die Staatsordnung, welche die französische +Nation sich in freier Entschließung gegeben, zu zerstören. Wollen Sie +sich verpflichten, in Paris unter den Augen der Sicherheitsbehörde ruhig +zu leben, so will ich Ihnen Ihre Freiheit schenken und Ihnen auch das +verzeihen, was Sie gegen den Staat und gegen die öffentliche Ordnung +gethan und beabsichtigt haben. Wollen Sie mir das versprechen?“ fügte er +fast in bittendem Ton hinzu. + +„Nein,“ erwiderte Lezurier kalt und starr, „ich will Sie nicht +betrügen, — ich will nicht,“ fügte er mit bitterem Hohn hinzu, „in Ihre +kaiserliche Prärogative der Lüge eingreifen, ich würde vom ersten +Augenblick an meine ganze Kraft, mein ganzes Denken wiederum darauf +richten, die große Revolution zu fördern und herbei zu führen, welche +bestimmt ist, Ihre Herrschaft zu zertrümmern.“ + +„Dann,“ erwiderte der Kaiser, „kann ich Nichts für Sie thun, und der +Ruf, den Sie ausgestoßen, wird Ihr Urtheil sein.“ + +Lezurier schwieg, ohne eine Bewegung zu machen, ohne eine Miene seines +Gesichts zu verändern. + +„Ich wünsche nicht,“ sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, „daß +irgend Jemand anders durch Sie leidet. Das Vermögen, welches Sie in +wahnsinniger Verblendung zum Kampf gegen den Staat und die Gesellschaft +bestimmten, soll Ihrer Familie zurückgegeben werden. Haben Sie +Angehörige?“ + +Die Züge des Gefangenen verzerrten sich im dämonischen Haß. + +„Ich hatte ein Weib,“ sagte er, „sie ist lange todt und hinterließ mir +einen Sohn. Dieser Sohn und ein Bruder, jünger als ich, bildeten meine +ganze Familie. Beide sind gefallen auf den Barrikaden unter den +Kartätschenkugeln, welche die Bahn öffneten für den blutigen Triumphzug +Ihrer kaiserlichen Herrlichkeit.“ + +Die Züge des Kaisers nahmen einen Ausdruck unendlicher Weichheit und +Milde an, seine groß geöffneten Augen schimmerten im feuchten Glanz, er +stützte einen Augenblick den Kopf in die Hand und seufzte tief auf, dann +blickte er noch einmal voll mitleidiger Theilnahme auf diese in Lumpen +gehüllte Gestalt, auf dieses blutbefleckte bleiche Gesicht und sagte. + +„Ich habe versucht, was ich versuchen konnte, um Böses mit Gutem zu +vergelten, Sie haben Alles zurückgewiesen und für das Schicksal, das +Ihnen bevorsteht, werden Sie mir keinen Vorwurf zu machen haben.“ + +Er winkte mit der Hand. Pietri öffnete die Thür und übergab den +Gefangenen den beiden Polizeibeamten, zwischen denen derselbe hoch +aufgerichtet mit festem Schritt das Cabinet verließ. + +„Welches Urtheil erwartet ihn?“ fragte der Kaiser. + +„Die Deportation,“ erwiderte Pietri. + +„Man soll ihn mit Milde behandeln,“ sagte Napoleon, „und auch sein Exil, +wenn er zu demselben verurtheilt wird, so schonend als möglich +einrichten, — er ist krank, — er _muß_ krank sein, — ein gesunder Geist +kann einen solchen Haß nicht entwickeln. Besorgen Sie, daß er ärztlich +untersucht wird.“ + +Er winkte entlassend mit der Hand, mit tiefer Verbeugung zog sich der +Polizeipräfect zurück. + +Der Kaiser saß lange in tiefem, finsterm Schweigen versunken. + +„Ist es wahr,“ sagte er endlich mit dumpfem Ton, „ist wirklich die Masse +des Volks von Frankreich der Verbündete dieses Rasenden, — müßte ich +wirklich um dieses aus der Tiefe herauf gährenden Hasses Herr zu werden, +von Neuem meinen kaiserlichen Purpur in Blut tauchen? Wäre es da nicht +besser, wie jener alte Römer sich selbst in den Abgrund zu stürzen zur +Versöhnung des Schicksals, als diesen Abgrund mit Hekatomben von +Menschenopfern zu füllen, — ist die Gestalt dieses Mannes der mahnende +Geist, den das Verhängniß vor mir ansteigen ließ, wie es einst bei +Philippi dem träumenden Brutus jene drohende Erscheinung sandte? Oh,“ +rief er, die Hände faltend und den Blick nach oben richtend, „gieb mir +Licht in diesem Dunkel, Du große Vorsehung, welche mich auf so +wunderbaren Wegen bis hierher geführt hat, — gieb mir Kraft,“ fügte er +mit tief schmerzlichem Ausdruck hinzu, — „denn wo die Kraft ist, da ist +das Licht, — meine Kraft aber versiegt und zerbricht, — und höher und +höher steigt die Dunkelheit herauf, welche meinem Geist das klare +Erkennen raubt.“ + +Er sank in sich zusammen und blieb wie gebrochen in seinem Lehnstuhl +sitzen. + + + + +Achtes Capitel. + + +Einige Meilen unterhalb Hannovers fast hart an dem Ufer der Leine +liegt das Dorf Bodenfeld. + +Der Ort im flachen Lande inmitten reicher Wiesen und üppigen +Fruchtfeldern gelegen, bietet nur wenig Naturschönheiten und besteht aus +geschlossenen Gehöften, welche, in einiger Entfernung von einander +bestehend, unregelmäßige, aber gut und sauber gehaltene Straßen bilden, +die von der Wohlhabenheit und dem Ordnungssinn der Bevölkerung zeugen. + +Trotz der verhältnißmäßig geringen Einwohnerzahl bietet Bodenfeld sowohl +wegen seiner Lage, als wegen des Reichthums und des ausgedehnten +Grundbesitzes seiner Bewohner den Mittelpunkt der Gegend. + +Es hatte eine große und schöne Kirche mit einem stattlichen, von einem +freundlichen Garten umgebenen Pfarrhause; daneben in einiger Entfernung +von der Kirche lag das weite und geräumige Amthaus; denn man hatte auch +den Amtssitz bei der neuen Verwaltungsorganisation hierher gelegt, um +den Eingesessenen bequemere Gelegenheit zu geben, den Mittelpunkt der +Localverwaltung zu erreichen. + +Die Häuser der Bauerngehöfte zeugten alle von Wohlhabenheit, große +Viehställe umgaben sie, und ihre Eigenthümer, obwohl in die +eigenthümliche Tracht des Landes gekleidet und nach alter einfacher +Sitte lebend, würden doch nach der Ausdehnung ihrer Ländereien, nach der +Zahl ihrer Gespanne und ihres Viehstandes, nach der Menge der von ihnen +beschäftigten Knechte und Arbeiter in andern Gegenden kaum noch für +Bauern gegolten haben. + +Ein kleiner Hof am Ende des Dorfes stach ein wenig gegen die übrigen +reichen Besitzungen ab. + +In der Mitte einer fast im regelmäßigen Viereck sich ausdehnenden +Feldmark lag ein kleines, einfaches Haus, daneben ein sauber gehaltener +Obstgarten, eine Allee von Obstbäumen führte von dem Hause durch das +Feld hin zu der in einiger Entfernung vorüberziehenden Landstraße. + +Auf der andern Seite des Wohngebäudes lag ein kleiner Hof, von Ställen +umgeben, ein Taubenschlag in der Mitte; in den Ställen standen drei +sauber gepflegte Kühe, zwei Zug Ochsen und zwei jener starken kräftigen +Pferde, an welchen das hannöversche Land so reich ist; den reinlichen, +mit gelbem Sand bestreuten Hof belebte zahlreiches und vortrefflich +gehaltenes Federvieh; hinter den glänzenden, blank geputzten Scheiben +der kleinen Fenster sah man einfache, aber blendend weiße Gardinen, +blühender Geranium leuchtete im dunklen Roth durch die Scheiben; kurz +Alles trug den Stempel von Wohlhabenheit, Ordnung und Behaglichkeit; und +wenn auch dieser kleine Hof an Ausdehnung hinter den übrigen Besitzungen +des Dorfes erheblich zurückstand, so zeichnete er sich doch vor allen +Uebrigen durch eine beinahe bis zur Eleganz gehende Zierlichkeit und +Sauberkeit aus. + +An einem schönen Aprilabend saßen in den Wohnzimmern des kleinen Hauses, +dessen einfache Einrichtung aus einem großen eichenen Tisch, einigen +Stühlen mit starkem Rohrgeflecht und zwei jener alten mächtigen, mit +braunem Leder überzogenen Lehnstühlen bestand und dessen Wände ebenfalls +mit schwarz gewordenem Eichenholz bekleidet waren, ein alter Mann und +eine alte Frau neben einander. Jede von Ihnen hatte einen der großen +Lehnstühle eingenommen, und sie schienen sich nach der Arbeit des Tages +jener tiefen, anmuthenden Ruhe zu erfreuen, welche auf dem Lande mit der +Feierabendstunde das häusliche Leben mit einem fast sonntäglichen +Frieden umgiebt. + +Der Mann war ein hoher Sechziger, kräftig und markig gebaut, das weiße +dichte Haar hing lang an den Schläfen herunter, sein scharf markirtes, +von fester Willenskraft zeugendes Gesicht war glatt rasirt, und aus +seinen großen klaren Augen blickte neben dem klugen, beinahe listigen +Verstand, der den Bauern jener Gegenden eigenthümlich ist, auch eine +tiefe Weiche und Milde heraus. + +Er trug einen Faltenrock von dunkler Farbe, den Hemdkragen über dem +Halstuch von schwerer schwarzer Seide hervorgezogen und hohe Stiefel bis +zu den Knieen und war beschäftigt, durch eine silberne Brille mit +großen, runden Gläsern die Zeitung zu lesen, welche der Landpostbote vor +Kurzem gebracht hatte. + +Die alte Frau, welche in dem andern Lehnstuhl neben ihm saß, schien +älter zu sein, als er. Ihre Haltung war etwas zusammengesunken und +gebrechlich, ihr blasses Gesicht mit den sanft und weich, beinahe +traurig blickenden Augen war mager und kränklich, ihr fast weißes, glatt +gescheiteltes Haar war unter einer großen weißen Haube mit breitem +Strich und unter dem Kinn zusammengebundenen Bändern fast ganz +verborgen. + +Sie trug einen glatt anliegenden, schwarzen Rock und ein großes, +schwarzes Seidentuch um Brust und Schultern und war beschäftigt, nachdem +sie das Federvieh, dem sie ihre besondere Sorgfalt widmete, besorgt +hatte, mit langen starken Nadeln einen großen Strumpf zu stricken, wobei +sie leise zählend die Lippen bewegte. + +Der Mann war der Eigenthümer des Hofes, der alte Bauer Niemeyer, welcher +ohne Kinder in seiner schönen, kleinen Besitzung lebte; die Frau neben +ihm war seine Schwester, die Wittwe des lang verstorbenen Unterofficiers +Cappei, welche nach dem Tode ihres Mannes mit einer kleinen +Wittwenpension aus der englischen Legionskasse und mit ihrem einzigen +Sohn ein Asyl bei ihrem Bruder gefunden hatte und bei demselben die +Stelle der Hausfrau vertrat. + +Das Jahr 1866 hatte in den kleinen Familienkreis tief und schneidend +eingegriffen. Der junge Cappei, welcher den Feldzug jenes Jahres in der +hannöverschen Armee mitgemacht hatte und dann zu seinem Oheim und zu +seiner Mutter zurückgekehrt war, um seinem Oheim in der Bewirtschaftung +des Hofes, der zu seinem einstigen Erbtheil bestimmt war, Beistand zu +leisten, hatte sich voll Begeisterung für die Sache des Königs Georg +und fortgerissen von der Bewegung, welche beim Beginn des Jahres 1867 +unter den jungen Leuten jener Gegend herrschte, der Emigration +angeschlossen, und seit jener Zeit lebten die beiden Alten wieder einsam +in dem kleinen Hause, eifrig und sorgfältig die Wirthschaftsgeschäfte +besorgend, aber traurig, des fernen Sohnes und Neffen gedenkend, dessen +Abwesenheit alle ihre Hoffnungen für die Zukunft in Frage stellte. + +Sie hatten nur seltene und wenig ausführliche Nachrichten von ihm +erhalten, denn die Emigranten scheuten sich eingehend nach ihrer Heimath +zu schreiben aus Furcht, ihre Angehörigen in Verwickelung mit den +Behörden zu bringen, und so waren die beiden alten Leute darauf +angewiesen, die Zeitung, welche sie seit jener Zeit hielten, zu +durchforschen, um irgend etwas über die Legion zu erfahren. + +Aber auch diese Nachrichten waren nur sehr spärlich und unklar gewesen +und hatten sie oft recht traurig gestimmt, wenn sie von den +unglücklichen Verhältnissen lasen, in welchen nach einzelnen +Mittheilungen aus Frankreich die Emigranten dort leben sollten. + +Die alte Mutter Cappei glaubte fest an die Versicherung, welche ihr Sohn +ihr beim Abschied gegeben, daß er siegreich mit allen seinen Kameraden +den König in der Mitte wieder in die Heimath zurückkehren werde. + +Ihr Bruder hatte tiefes Mißtrauen in diese Hoffnungen, er hing zwar mit +zäher und liebevoller Anhänglichkeit an den alten Verhältnissen, aber +sein scharfer und practischer Verstand ließ ihn wenig an eine +Möglichkeit der Wiederkehr derselben glauben. + +Es war dies ein Punkt, über welchen die beiden alten Leute, welche sonst +in so inniger und liebevoller Einigkeit miteinander lebten, häufig in +lebhaften Wortwechsel geriethen. + +Der alte Niemeyer war sehr unzufrieden mit der Emigration seines Neffen +und wurde nicht müde, in seine Schwester zu dringen, daß sie mit ihm +gemeinsam dem jungen Menschen den kategorischen Befehl schicken möge, +wieder in die Heimath zurückzukehren. + +Doch dazu konnte sich die alte Frau, so tiefen Schmerz sie über die +Abwesenheit ihres einzigen Kindes empfand, nicht entschließen. Es +erfüllte sie mit hohem Stolz, daß ihr Sohn „in des Königs Legion +diente“, wie es ja auch ihr verstorbener Mann einst gethan zur Zeit der +Occupation Hannovers im Anfang dieses Jahrhunderts, und trotz aller +Mühe, die sich ihr Bruder gab, gelang es ihm nicht, sie zu überzeugen, +daß die damaligen Verhältnisse und die damalige Legion, welche der +mächtige König von England aus seinen hannöverschen Unterthanen +gebildet, etwas ganz anderes sei, als die Emigration, welche heute ihrem +verbannten, machtlosen König in das Exil gefolgt war; sie war überzeugt, +daß es wieder anders werden müsse, wie es damals anders geworden war, +und daß ihr Sohn einst siegreich wiederkehren werde, belohnt und +ausgezeichnet von dem König, dem er so treu geblieben — und ihn dieser +glänzenden Zukunft zu entziehen, dazu konnte sie sich nicht +entschließen. + +So saßen sie denn auch heute wieder da, — sie hatten ihre Arbeit gethan, +der Alte las die Zeitung, wie es ihm nun seit längerer Zeit zur +Gewohnheit geworden war, und seine Schwester füllte die Muße ihres +Abends durch die Beschäftigung mit ihrem Strickstrumpf aus, indem sie +mit jeder Masche desselben theils eine wehmüthige Erinnerung an ihren +Sohn, theils eine freudige Hoffnung auf dessen glänzende Zukunft +verwebte. + +Plötzlich warf der Alte das Blatt vor sich hin und schlug kräftig mit +der Hand auf den Tisch, indem er zugleich die ihm unbequeme Brille hoch +auf die Stirn hinausschob. + +„Das ist eine gute Nachricht,“ rief er laut, „der König hat die Legion +aufgelöst, welche ihm so viel Geld kostete, und welche so viele brave +junge Leute ihrer Heimath entfremdete und den Gefahren eines unthätigen +Lebens aussetzte. Das freut mich, das ist ein guter Entschluß, der +vernünftigste, den unser Herr hat fassen können. Jetzt haben wir doch +Hoffnung, daß der Junge wieder zu uns zurückkommt, und daß unser altes, +liebes Besitzthum nicht noch in fremde Hände übergehen wird, während +sein rechter und richtiger Erbe weit in der Ferne ein unruhiges und +abenteuerliches Leben führt.“ + +Die alte Frau Cappei ließ den Strickstrumpf in ihren Schooß sinken, ein +freudiger Ausdruck erschien einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann +aber schüttelte sie trübe und traurig den Kopf. + +„Das wird wieder eine von den Nachrichten sein,“ sagte sie, „welche +schon oft von Zeit zu Zeit in den Zeitungen erschienen sind und immer +nicht wahr waren. Wie oft hast Du schon an die Rückkehr meines Sohnes +geglaubt, wie oft hat man gesagt, die Legion wäre auseinandergegangen, +und immer ist es nicht wahr gewesen. Und es wird auch diesmal nicht wahr +sein,“ sagte sie mit einem gewissen Stolz, „der König kann ja seine +Soldaten nicht fortschicken. Er braucht ja seine Legion, wenn er sein +Land wieder erobern will, und so sehr ich mich sehne, den Jungen wieder +hier zu sehen, so möchte ich doch nicht wünschen, daß er als Flüchtling +hierher wieder zurückkehrt, ohne für seinen König sich geschlagen zu +haben, wie es sein Vater seiner Zeit auch gethan hat.“ + +„Du bist thöricht,“ sagte der Alte, „Du möchtest womöglich Deinen Jungen +noch als großen Feldherrn wiedersehen.“ + +„Nun das Zeug dazu hat er schon,“ fiel seine Schwester etwas gereizt +ein, „daß er Officier wird, wenn es zum Schlagen kommt, daran zweifle +ich garnicht. Was hat er nicht Alles gelernt, wie hübsch und fein sieht +er aus! Und wie viele Beispiele hat man nicht, daß große Generale sich +ganz von unten herauf gearbeitet haben! Auch in der Legion in Spanien +sind damals ganz einfache Soldaten hohe Officiere geworden, — wenn es +meinem seligen Mann nicht so gut gegangen ist, so hat es nur den Grund +gehabt, daß er keine Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen.“ + +„Das sind Alles Possen,“ rief der Alte mürrisch, „und ich hoffe, daß der +Junge selbst nicht solche thörichten Gedanken in seinem Kopf haben wird. +Er sollte Gott danken, daß er hier eine feste Heimath und einen wohl +geordneten Besitz hat und sollte so schnell als möglich hierher +zurückkehren, um diesen Hof zu übernehmen, dessen Bewirthschaftung mir +täglich schwerer zu werden anfängt. Nun,“ fuhr er fort, „das wird sich +jawohl von selbst machen. Ich habe mit dem preußischen Amtmann, den sie +uns hierher geschickt haben, neulich gesprochen und er hat mir +versichert, daß er nicht glaube, daß gegen meinen Neffen irgend etwas +Unangenehmes unternommen werden möchte, wenn er zurückkäme und sich zur +Erfüllung seiner Landwehr-Militairpflicht stellte, eine eigentliche +Desertion liege ja nicht vor und“ — + +Er wurde durch ein lautes Anschlagen des Hofhundes unterbrochen. + +Schnelle, kräftige Schritte ließen sich vor dem Hause vernehmen, rasch +wurde die Thür geöffnet, und Derjenige, über dessen Schicksal die beiden +Alten sich soeben unterhalten hatten, trat in das Zimmer. + +Der junge Cappei trug einen kleinen Ränzel auf dem Rücken, sein Gesicht +war von dem raschen Gang geröthet und erschien dadurch noch blühender, +als sonst; seine hellen offenen Augen strahlten von Glück und Freude, +als er das alte Haus, die Heimath seiner Kindheit, das alte wohlbekannte +Zimmer, in welchem kein Meubel sich verändert hatte, als er seine Mutter +und seinen Oheim, diese beiden einzigen Wesen wiedersah, welche in dem +alten Vaterlande ihm nahe standen. + +Rasch eilte er auf die alte Frau zu, welche ihm zitternd ihre offenen +Arme entgegenstreckte; er drückte ihren Kopf an seine Brust und küßte +zärtlich ihre weißen Haare. Dann wandte er sich zu seinem Oheim, welcher +aufgestanden war und mit glücklichem stolzem Ausdruck auf die kräftige +Gestalt des jungen Mannes blickte, er schlug fest in dessen dargebotene +Hand ein und sagte tief aufathmend: + +„Da bin ich wieder bei Euch — Gott sei Dank, daß ich Euch Beide am Leben +und wohl und munter finde. Ich habe lange keinen Brief von Euch +erhalten, und als ich von der Eisenbahnstation zu Fuß hierher ging, hat +mich eine entsetzliche Angst erfaßt, daß ich das Alles hier vielleicht +nicht so wiederfinden könnte, wie ich es verlassen habe. Nun Gott sei +Dank, es ist ja Alles gut, und meine Angst ist umsonst gewesen.“ + +Abermals schloß er seine Mutter in die Arme, und dann setzte er sich an +den Tisch und begann in hastigen abgebrochenen Worten zu erzählen von +seinem Leben in Frankreich, von den Kameraden, welche dort mit ihm +gewesen, von den Hoffnungen, die sie gehabt hatten, und wie das nun +Alles zu Ende sei, da der König die Legionaire entlassen habe und eine +große Anzahl von ihnen nach Amerika ausgewandert sei, während Andere in +Algier ihr Glück versuchen wollten. „Sie haben mir viel zugeredet,“ +sagte er, „auch dorthin zu gehen, aber ich habe das nicht gewollt. Ich +will nicht mehr als heimathloser Flüchtling in der Welt leben, und auch +Euch wollte ich wiedersehen, mein Herz zog mich hierher, und ich muß +meine Verhältnisse hier in der alten Heimath ordnen, um wieder ein +richtiger Mensch zu werden, der seinen Platz klar und fest in der Welt +behaupten kann.“ + +„Das hast Du brav gemacht, mein Junge,“ sagte der Alte, indem er ihm +kräftig auf die Schulter schlug, während die Mutter zusammentrug, was im +Hause zu finden war, Brod, kaltes Fleisch und einen großen Bierkrug, +damit der lange entbehrte Sohn wieder am heimathlichen Tisch esse und +trinke, wodurch nach ihrer Auffassung eigentlich erst das Band zwischen +ihm und dem alten Hause wieder fest geknüpft wurde. + +Eine Zeit lang sahen die beiden Alten schweigend zu, sich des kräftigen +Appetits freuend, den der junge Mensch zeigte. + +Dann begannen sie wieder zu fragen nach allen Einzelheiten seines Lebens +in der Fremde, nach diesem und jenem Bekannten; und er erzählte ihnen +von Allem, und doch schien es, als ob immer noch etwas im Rückhalt +bliebe, denn oft brach er plötzlich ab, sah schweigend vor sich nieder, +und erst auf erneuerte Fragen nahm er seine Mittheilungen wieder auf. + +Dem scharfen Blick der alten Frau entging dies nicht, — eine Mutter liest +ja so tief in dem Herzen ihres Sohnes und das wunderbare Band, welches +sie mit ihrem Kinde verknüpft, wird durch die Zeit und das Alter niemals +gelockert. Die Alte schüttelte das Haupt, sie fühlte, daß da noch Etwas +war in dem Herzen ihres Sohnes, wovon er nicht sprach — aber sie sagte +nichts darüber, sie behielt sich vor, später ihn danach zu fragen, +überzeugt, daß es ihr gelingen würde, auch die verschlossensten Tiefen +seines Innern zu öffnen. + +„Jetzt aber,“ sagte der alte Niemeyer endlich, „obgleich es schon spät +ist, mußt Du dennoch gleich mit mir zum Amtmann. Du mußt Dich auf der +Stelle melden, Deine Rückkehr darf keine heimliche sein, und was die +Behörden über Dich verfügen, mußt Du ruhig über Dich ergehen lassen. +Schlimm werden sie es mit Dir nicht machen, ich habe es schon +vorbereitet, da ich immer überzeugt war, Du würdest früher oder später +hierher wieder zurückkehren.“ + +Sie gingen bei dem schon hereindunkelnden Abend nach dem großen Amthaus +hin, ließen sich bei dem Amtmann, einem preußischen Assessor, welcher +hierher versetzt war, melden und wurden in dessen Wohnzimmer geführt, +welches bereits von einer Lampe erleuchtet war. + +Der Amtsverwalter, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, ernst und +ruhig, aber auch zugleich freundlich und wohlwollend in seinem Wesen +erhob sich bei dem Eintritt des alten Bauern von seinem Schreibtisch, an +welchem er mit Durchsicht von Acten beschäftigt war und trat demselben +entgegen, indem er einen schnellen forschenden Blick auf den hinter +seinem Oheim hereintretenden jungen Cappei warf. + +„Herr Amtmann,“ sagte der alte Niemeyer, „ich bringe Ihnen hier einen +Flüchtling, der nach der alten Heimath zurückgekehrt ist, und der nun +nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung über +uns verhängt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige +Behandlung für das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares +begangen haben könnte und stellt sich zu Ihrer Verfügung.“ + +Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem +Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und +fest an. + +„Es freut mich,“ sagte der Beamte, auf welchen die Erscheinung des +jungen Mannes einen wohlthuenden Eindruck zu machen schien, „daß Sie +sich entschlossen haben, in die geordneten Verhältnisse zurückzukehren +und auf thörichte und abenteuerliche Unternehmungen zu verzichten. Ich +will nicht fragen und untersuchen, welche Pläne Sie bei Ihrer +Auswanderung gehegt haben, welchen Unternehmungen Sie sich angeschlossen +haben — allein Sie sind nach den preußischen Gesetzen noch +landwehrpflichtig gewesen und werden sich über Ihre eigenmächtige +Entfernung zu verantworten haben. Ich wäre berechtigt, Sie zu arretiren +und Sie in Untersuchungshaft zu behalten, da ich jedoch nach Ihrem +freiwilligen Wiedererscheinen keinen Verdacht hege, daß Sie sich der +Untersuchung und der eventuell zu verhängenden Strafe entziehen werden, +so will ich von einer solchen Maßregel Abstand nehmen und Ihnen Ihre +Freiheit lassen, allein um der Form zu genügen, müssen Sie eine +Bürgschaft leisten.“ — + +„Die Bürgschaft übernehme ich, Herr Amtmann,“ rief der alte Niemeyer +lebhaft. „Ich stelle mein Haus und meinen Hof als Haft dafür, daß der +junge Mann sich nicht von hier entfernt und sich jeder Anforderung +stellen wird.“ + +„Ich will diese Garantie annehmen,“ erwiderte der Beamte — er setzte +sich an seinen Schreibtisch, nahm ein kleines Protokoll auf, das der +alte Bauer und sein Neffe unterzeichnen mußten und entließ dann die +Beiden. + +Als sie hinausgegangen waren, zog er ein kleines Aktenfascikel aus einem +verschlossenen Fach seines Schreibtisches hervor und öffnete dasselbe. + +„Die Erscheinung dieses jungen Mannes,“ sagte er, „ist durchaus +Vertrauen erweckend, er hat ein so freies Gesicht und einen so offenen +Blick, daß ich ihm kaum geheime und verborgene Absichten zutrauen kann. +Auch ist mir der Alte als ein Mann von ruhigem praktischen Sinn, der +sich den thatsächlichen Verhältnissen stillschweigend unterordnet und +alle Agitationen und Conspirationen mißbilligend, bekannt; und doch ist +mir hier ein sehr bestimmter Avis zugegangen, nach welchem die +Gesandtschaft in Paris gerade diesen jungen Cappei auf Grund ihr +zugegangener Mittheilungen als einen fanatischen Feind der preußischen +Herrschaft und als einen gefährlichen Verschwörer und Agitator +bezeichnet, welcher nur deshalb hierher zurückgekehrt, um nach +Frankreich hin Mittheilungen über die hiesigen Verhältnisse, +Truppendislokationen und so weiter gelangen zu lassen, — mir kommt das +ein wenig unwahrscheinlich vor,“ fuhr er fort, „allein die Mittheilung +ist bestimmt, und die Zeitverhältnisse gebieten die größte Vorsicht. Ich +werde ihn genau beobachten lassen und eine Ueberwachung seiner +Correspondenz bei der Postbehörde anordnen, — ist jene Mittheilung +richtig, so wird sich bald ein greifbares Indicium finden lassen.“ + +Er schrieb nach genauer Durchsicht des Aktenfascikels eine Verfügung, +ließ seinen Secretair rufen und übergab ihm dieselbe mit dem Befehl +schleuniger und discreter Expedition. Dann verschloß er das geheime +Aktenstück wieder in seinen Secretair und wandte sich seinen +regelmäßigen Arbeiten zu. + +Lange noch saß der alte Bauer Niemeyer mit seiner Schwester und dem +jungen Cappei bei der großen Lampe im Wohnzimmer seines Hauses +beisammen. Immer noch forschten und fragten die beiden Alten — immer +erzählte der junge Mann, — immer deutlicher fühlte die Mutter, daß in +allen diesen Erzählungen noch Etwas fehlte und zwar Etwas, was tief und +innig mit dem Herzensleben ihres Sohnes zusammenhängen müsse. + +Und als sie endlich die Ruhe aufsuchten, als sie den Sohn in seine +schnell hergerichtete Schlafkammer mit dem sauberen, hoch +aufgeschichteten Federbett geführt, und die Hände segnend auf sein +Haupt gelegt hatte, da blieb sie noch lange wach in ihrer Kammer in dem +Lehnstuhl am Fußende ihres Bettes sitzend und tief nachdenkend über die +Fügungen der Vorsehung, welche zwar die ehrgeizigen Träume zerstört +hatte, in welchen sie an den fernen Sohn gedacht, welche aber doch +diesen Sohn lebendig, frisch und blühend ihr wieder zugeführt hatte und +jetzt opferte sie jenen Traum gern der schönen und lieben Wirklichkeit. +Sie fühlte auch mit dem so feinen weiblichen Instinct, welches der +verborgene Punkt sei, der in allen Erzählungen ihres Sohnes noch dunkel +geblieben; sie fühlte, daß die Liebe zwischen ihm und dem fernen Land, +aus welchem er zurückgekehrt ein Band geknüpft habe. + +Aber sie war nicht traurig darüber und wieder regten sich ehrgeizige +Hoffnungen in ihrem Herzen. Denn ein so guter, so braver und so hübscher +junger Mann wie ja ihr Sohn, konnte nur eine Wahl getroffen haben, die +ihm und seiner ganzen Familie ehrenvoll war. + +Und als sie endlich ihr Lager aufsuchte, schloß sie Diejenige, welche +ihr Sohn gewählt haben möchte, und welche ihr mütterlicher Stolz in +hohen und angesehenen Kreisen suchte voll freudiger Hoffnung und +Zuversicht in ihr frommes Abendgebet mit ein. + +Der junge Cappei aber war in körperlicher Ermüdung, welche die kräftige +Jugend noch stärker fühlt, als das Alter, und in jenem süßen Wohlgefühl, +welches das Bewußtsein erzeugt, nach langer Abwesenheit wieder im Schooß +des heimathlichen Hauses zu ruhen, bald in einen festen und tiefen +Schlaf versunken. + +Und wunderbar verschmolzen sich in seinen Träumen die Bilder der Ferne, +zu welcher sein Herz ihn hinzog und der Heimath, in welche die Wurzeln +seines Lebens geschlagen waren, miteinander. + +Bald sah er sich im Hause des alten Challier an der Seite seiner +Louise und an der Spitze des immer blühender erwachsenden +Handelsgeschäfts — bald wieder zeigte ihm der Traum das theure Bild +seiner Geliebten, wie dieselbe glücklich lächelnd in das Haus seines +Oheims eintrat, wie sie seiner Mutter zur Hand ging in häuslichen +Geschäften und neues fröhliches Leben in die alte Heimath brachte. + +So schwer diese verschiedenen Bilder in der Wirklichkeit zu vereinigen +waren, so verband sie doch das wunderbare Spiel des Traumes zu +harmonischer Einigkeit, welche ihn mit einem süßen Gefühl des Glücks und +der Freude erfüllten. + + + + +Neuntes Capitel. + + +In einem großen saalartigen Zimmer im Hinterhofe eines düstern Hauses +des Faubourg St. Antoine war das democratische Comité versammelt, +welches sich gebildet hatte, um auf das Plebiscit einzuwirken und das +Volk in Massen dahin zu bestimmen, daß es die Abstimmung entweder ganz +verhindere oder wo die Kühnheit dazu vorhanden sein möchte mit „Nein“ +stimme. + +Die Versammlung fand bei bereits ziemlich vorgerückter Abendstunde +statt, der große finstere Raum mit den schmutzigen, von Rauch +geschwärzten Wänden war durch einige Petroleumlampen, die auf einem +großen Tisch in der Mitte standen, nur wenig erhellt; um diesen Tisch +saßen die Leiter des Comités in scharfer Beleuchtung, während der übrige +Theil des Saales, in welchem sich etwa vierzig bis fünfzig der +hervorragendsten Agenten des Comités befanden, in Dunkelheit gehüllt +war. + +An diesem Tisch sah man in der Mitte Jules Lermina, einen der +unermüdlichen Agitatoren der republikanischen Bewegung in Frankreich, +einen Mann mit tief blassem, wie aus Erz gegossenem Gesicht, in welchem +nur die glühenden, unheimlich und finster blickenden Augen zu leben +schienen und welches, wenn er mit seiner harten jede Modulation +ausschließenden Stimme sprach, durch kein Mienenspiel bewegt wurde. + +Hier sah man Ulric de Fonvielle, den Begleiter Victor Noirs bei dessen +verhängnißvollem Besuch im Hause des Prinzen Pierre Bonaparte — mit +seinem großen Bart und seinem unruhigen, aufgeregten und wichtig +thuenden Wesen. + +Hier war Varlin, der Buchbinder, in seiner gebückten Haltung mit dem +kalten höhnischen Lächeln auf den Lippen, mit dem niedergeschlagenen +Blick, der nur zuweilen im schnellen Blitz von unten hinauf schoß und +dann fast immer Denjenigen, auf welchen er sich richtete, durch seinen +stechenden scharfen Ausdruck aus der Fassung brachte. + +Hier sah man Raoul Rigault, den jungen einundzwanzigjährigen Verschwörer +mit seinem blassen, selbstgefällig lächelnden Gesicht, den müden, etwas +gleichgültigen Blick hinter dem Monocle verbergend, in seiner +stutzerhaften, aber etwas abgeschabten Eleganz, mit der Wäsche von +zweifelhafter Reinheit, das kleine Stöckchen mit dem unechten +Silberknopf in der Hand. + +Hier sah man Ancel, Boyer, Delacour, Dembrun, Portalier, Robin, +Mangold — theils in Blousen, theils im einfachen bürgerlichen Anzug — und +auf allen diesen finstern Gesichtern ruhte der Ausdruck starrer düsterer +Entschlossenheit und grimmiger Unversöhnlichkeit. Sie waren zum großen +Theil die Führer des Pariser Zweigvereins der internationalen +Arbeiterassociation, welche aber jetzt nicht mehr wie früher sich einer +gewissen wohlwollenden Duldung der Regierung zu erfreuen hatte, nachdem +sie durch richterliches Erkenntniß aufgelöst worden war. Es war nicht +mehr jene Internationale von Tolain und Fribourg, welche durch Belehrung +und ruhige gesetzliche Agitationen die Lage des Arbeiterstandes zu +verbessern strebte, und welche von idealen Anschauungen geleitet wurde. + +Jene Führer waren verschwunden, die Internationale von heute war eine +proscribirte und geächtete Gesellschaft, welche sich lange den +Nachforschungen der Polizei verbarg, und im Geheimen dafür aber um so +wirksamer ihre Lehren propagirte und ihre Pläne verfolgte. Diese Lehren +aber waren heute offen und rückhaltslos auf die Zertrümmerung der +bestehenden Staatsordnung und der bestehenden Gesellschaft gerichtet, +und die Pläne, deren eigentliches Geheimniß nur den ausgewählten +Kreisen, den Leitern, bekannt war, richtete sich auf eine möglichst +schnelle und nachdrückliche Vernichtung aller Autorität und alles +Besitzes. + +Die internationale Association als solche konnte sich mit der Frage des +Plebiscits nicht beschäftigen, sie konnte sich nicht versammeln, ohne +sich sogleich polizeilicher Auflösung auszusetzen, sie hatte deshalb das +democratische Comité gebildet, an dessen Spitze wiederum ihre Leiter +standen, um in dieser Form ihren Einfluß auf das Plebiscit auszuüben und +um wo möglich diese Gelegenheit zur Herbeiführung einer Catastrophe zu +benutzen. + +Auf Bänken und Stühlen ringsum den Tisch des eigentlich leitenden +Comités saßen dessen hervorragende Agenten in den verschiedenen +Stadttheilen von Paris fast Alle in der Blouse der Arbeiter, Alle +denselben Ausdruck ruhiger und kaltblütiger Unversöhnlichkeit in den +Gesichtern. + +Lermina erhob sich: + +„Wir haben, meine Freunde,“ sprach er, „nunmehr die Berichte aus allen +Theilen von Frankreich empfangen, welche uns mittheilen, daß überall +die Comités constituirt sind, um diesem frevelhaftem Possenspiel +entgegenzutreten, durch welches man in einem gefälschten Ausdruck des +Volkswillens für den Despotismus und die Tyrannei eine neue Stütze +suchen will. Allgemein ist die democratische Partei organisirt, um auf +die unklare und furchtsame Bevölkerung den Druck ihres Einflusses +auszuüben. Nach Allem, was man uns mittheilt, wird es schwer werden, +eine große Majorität dahin zu bringen, daß die an das Volk gestellte +Frage mit „Nein“ beantwortet wird. Die Furcht vor den Machtmitteln der +Gewalt ist zu groß — dagegen müssen wir aber mit aller Kraft dahin +streben, daß der größte Theil der Bevölkerung sich von jeder Abstimmung +zurückhält, um vor der Welt beweisen zu können, daß die Majorität, +welche die Regierung erreichen möchte, im Verhältniß zur Gesammtzahl der +Bevölkerung garnichts bedeutet. Ich habe deshalb die Instructionen, +welche Sie Alle früher bereits gebilligt haben, an eine Anzahl von +zuverlässigen Personen vertheilt, die in diesem Augenblick bereits in +die Provinzen abgegangen sind, um überall die Agitation noch fester zu +organisiren und zu beleben. Unser unermüdlicher Freund Cernuschi hat mir +von London aus abermals die Summe von hunderttausend Francs übersendet, +um die nothwendigen und unvermeidlichen Kosten unserer Thätigkeit zu +bereiten.“ + +Ein Ruf des Beifalls tönte durch den Saal. + +„Ich habe ihm den Dank des Comités ausgesprochen,“ fuhr Lermina fort, +„und schlage nunmehr vor, daß wir hier in Paris selbst unvorzüglich eine +demonstrative Versammlung in Scene setzen, welche hier in der Hauptstadt +die Bewegung in Fluß bringt und den Provinzen ein Beispiel giebt. Ich +schlage zu diesem Zweck den Saal der Folie-Bergère vor, welcher den +nothwendigen Raum bietet und zugleich der ganzen Bevölkerung von Paris +bekannt ist. Hat Einer von Euch, meine Freunde, gegen den Vorschlag +Etwas einzuwenden?“ + +Die Versammlung schwieg — einzelne Rufe der Zustimmung ließen sich hören. + +„So wollen wir also,“ fuhr Lermina fort, „die democratische +Volksversammlung in der Folie-Bergère auf den vierten Tag, von heute an +gerechnet, festsetzen. Und ich bitte alle unsere Freunde,“ fuhr er sich +nach den Zuhörern im Hinterraum des Saales wendend fort, „in den +verschiedenen Stadttheilen von Paris ihre ganze Thätigkeit aufzubieten, +um den Besuch der Versammlung so zahlreich als möglich zu machen. +Zugleich ersuche ich Euch alle, meine Freunde, Euch vorzubereiten und +nachzudenken über das, was Jeder von Euch der Versammlung sagen will, +damit die Worte zünden und die Massen zu energischem Widerstand +entflammen. + +„Vor Allem,“ rief Ulric de Fonvielle mit lauter Stimme, „müssen wir +diesen verrätherischen Lügner und Heuchler Ollivier dem Volk in seiner +wahren Gestalt zeigen. Es giebt immer noch Leute,“ fuhr er fort, „welche +sich durch seine Vergangenheit täuschen lassen und auf welche sein Name +einen gewissen Einfluß übt, — durch ihn will die kaiserliche Tyrannei das +Volk irre führen, ihn gilt es zu vernichten und ihn des letzten Restes +seiner Popularität zu berauben. Ich werde über Ollivier sprechen,“ rief +er mit der Hand durch seinen Bart fahrend, „das Volk hat Ollivier in die +Gosse geworfen — und das Kaiserthum hat ihn daraus wieder +hervorgefischt!“ — + +Lautes Gelächter, Beifallsrufen und Händeklatschen erfüllten den Saal. +Dann trat eine augenblickliche Stille ein. + +Varlin erhob sich, zog ein Papier aus der Tasche und sprach: + +„Ich bin in Allem mit den Maßregeln des Comités und mit seinen +Vorschlägen vollkommen einverstanden. Doch ich habe nunmehr meinerseits +einen Vorschlag zu machen, welcher in der Vorsicht begründet ist und zum +Zweck hat, unsere Agitatoren gegen einen Gewaltstreich der Regierung zu +schützen.“ + +Aufmerksam hörten Alle zu. + +„Ihr wißt, meine Freunde,“ fuhr Varlin fort, „daß die Internationale +gesetzlich verboten ist, und daß die Polizei das Recht hat, jede +Thätigkeit dieser Association sofort zu verhindern. Nun aber ist unsere +ganze Organisation, wenn wir uns auch als democratisches Comité +constituirt haben, dennoch die der Internationalen. Wir Alle sind +Mitglieder des Bureaus derselben, und in allen Provinzen sind es wieder +die Zweigvereine der Internationalen, in deren Händen die Agitation +liegt. Das giebt der Polizei Gelegenheit, sobald sie will, unsere ganze +Agitation als eine Thätigkeit der Internationalen zu bezeichnen und zu +verbieten — es wäre unklug, ein solches Verbot zu provociren oder möglich +zu machen, und ich halte es demnach für nothwendig, daß von Seiten der +Internationalen eine öffentliche Kundgebung stattfindet, welche +vollkommen klar stellt, daß die democratische Association gegen das +Plebiscit mit der internationalen Arbeiteragitation nichts zu thun hat. +Ich halte eine solche Kundthuung practisch für nothwendig, außerdem +aber,“ fuhr er einen raschen Blick im Kreise umherwerfend fort, „deshalb +für geboten, weil allerdings die jetzt von uns ausgeübte Thätigkeit mit +den eigentlichen Zielen der Internationalen wie dieselbe in den Statuten +derselben ausgestellt sind, nicht identisch ist.“ + +„So soll die Internationale die Thätigkeit des democratischen Comités +desavouiren,“ fragte Lermina, den flammenden Blick auf Varlin richtend. + +„Das nicht,“ erwiderte dieser, „doch soll sie erklären, daß sie mit +dieser rein politischen Sache nichts zu thun hat. Ich wiederhole,“ fuhr +er fort, „daß diese Erklärung nach meiner Ueberzeugung zunächst der +Polizei gegenüber nöthig ist, um ihr die Möglichkeit zu nehmen, gegen +das democratische Comité unter dem Vorwand einzutreten, daß es mit den +Internationalen identisch sei, so dann aber auch im Interesse der Macht +der Internationalen selbst. Wir Alle, meine Freunde,“ fuhr er fort, +„sind darüber einig, daß nur durch eine politische Revolution, durch +welche das jetzt begehende Regiment und die ganze Staatsordnung +zertrümmert, die socialen Ziele in der Internationalen erreicht werden +können, aber — ihr müßt wissen, wie ich, daß unter den Arbeitern, +namentlich in den Provinzen, noch sehr viele vorhanden sind, welche vor +einer politischen Revolution zurückschrecken, und welche noch in der +Idee befangen sind, von welcher wir in dem leitenden Mittelpunkt uns +frei gemacht haben, — von der Idee nämlich, daß auf friedlichem und +gesetzlichem Wege eine Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes +erreicht werden könne; um Aller dieser willen ist es ebenfalls nöthig, +daß wir die Internationale als solche von jeder Thätigkeit gegen das +Plebiscit fern halten.“ + +Lermina blickte nachdenklich vor sich hin, die Gründe Varlins schienen +ihm einzuleuchten, dennoch mochte es seiner im Grunde ehrlichen und +graden Natur widerstreben, aus Rücksichten der Klugheit solche +Doppelwege zu gehen. + +Einzelne Stimmen der Mißbilligung erhoben sich aus dem Zuhörerkreise. + +„Das würde nur Verwirrungen in die Begriffe bringen,“ rief man — „warum +nicht etwas sagen, wovon man überzeugt ist, — um so besser, wenn in +diesem Augenblick ein Zusammenstoß mit der Gewalt erfolgt, — einmal muß +es ja doch dazu kommen.“ + +„Halt, meine Freunde,“ rief Varlin mit seiner durchdringenden Stimme die +verschiedenen Rufe übertönend, „höret zunächst an, wie ich die Erklärung +der Internationalen entworfen habe, Euch wird dann Alles besser klar +werden. Sie soll wahrlich die Thätigkeit unseres democratischen Comités +nicht desavouiren, und sie soll uns nur davor schützen, daß wir durch +einen rohen Eingriff der Polizeigewalt in unserer Wirksamkeit gehemmt +und unterbrochen werden, bevor dieselbe ihre Früchte getragen hat.“ + +Er winkte gebieterisch mit der Hand und während der aufmerksamen Stille, +die unmittelbar eintrat, las er, den Blick auf das Papier in seiner Hand +geheftet, den von ihm vorgeschlagenen Entwurf der Erklärung der +Internationalen: + +„Der Bundesrath des internationalen Arbeitervereins giebt den +Insinuationen und Anschuldigungen der offiziellen und offiziösen Blätter +über seine Theilnahme an der politischen Agitation dieser Tage hiermit +ein formelles Dementi. Die Internationale weiß nur zu gut, daß die +Leiden aller Art, welche das Proletariat zu dulden hat, bei weitem mehr +den ökonomischen Zuständen der Gegenwart, als den Zufälligkeiten des +Despotismus einiger Staatsmänner zuzuschreiben sind. Sie wird ihre Zeit +nicht mit Nachsinnen über die Befestigung des kaiserlichen Despotismus +verlieren. Der internationale Arbeiterverein, der eine permanente +Verschwörung aller Unterdrückten, aller Ausgebeuteten ist, wird den +ohnmächtigen Verfolgungen gegen seine Führer trotzend, so lange fort +bestehen, bis alle Ausbeuter der Arbeit, alle Capitalisten, alle Pfaffen +und alle politischen Abenteurer verschwunden sein werden.“ + +„Ich glaube,“ sprach er, indem sein Blick über die Versammlung hinglitt, +„daß nach dieser Erklärung Niemand wird sagen können, es sei die +Internationale, welche die gegenwärtige democratische Agitation +führe, — und doch wird darin gewiß kein abfälliges Urtheil über seine +Thätigkeit gesprochen.“ + +„Varlin hat Recht,“ rief man von allen Seiten — „er ist klug und +vorsichtig, — er denkt an Alles, die Proclamation ist gut, sie soll +erlassen werden.“ + +Niemand widersprach an dem Tisch des Comités, nur Raoul Rigault zuckte +leicht die Achseln und schlug mit dem Spazierstöckchen auf seine +Stiefel. + +Varlin legte das Papier, dessen Inhalt er vorgelesen, Lermina vor, der +es mit einem raschen Federzug unterzeichnete. Die Uebrigen folgten Alle. + +Lermina erklärte sodann die Sitzung für geschlossen, und die +Versammelten verließen in einzelnen Gruppen, um kein Aufsehen zu +erregen, langsam und schweigend das Zimmer, indem sie sich, sobald sie +aus dem äußern Theil des Hauses auf die Straße traten, nach +verschiedenen Richtungen hin zerstreuten. + +Raoul Rigault näherte sich Lermina. + +„Bleibt noch einen Augenblick hier,“ sprach er, „ich habe Euch eine +Mittheilung zu machen.“ + +„Gut,“ sagte Lermina. + +Raoul Rigault trat zu Varlin und dann zu Ulric de Fonvielle, indem er +sie ebenfalls aufforderte, noch zu bleiben. + +Bald war das Zimmer leer, und an dem großen Tisch befanden sich nur noch +Lermina, Varlin, Ulric de Fonvielle und Raoul Rigault. + +In der Tiefe des Zimmers war ebenfalls eine Gestalt sitzen geblieben, +welche man bei der matten Beleuchtung nur in dunkeln Umrissen erkennen +konnte. + +„Meine Freunde,“ sagte Raoul Rigault indem er das herabgefallene Monocle +mit einer etwas gezierten Bewegung wieder in das Auge warf, „ich habe +Euch ruhig sprechen und beschließen lassen, ohne irgend Etwas dabei zu +bemerken, weil ich Alles das für ein Geschwätz halte, durch welches +Nichts erreicht wird; — dieses Plebiscit,“ fuhr er mit selbstgefälligem +Lächeln fort, „— wird trotz unserer Agitation ganz nach dem Plan seiner +Arrangeurs ausgeführt werden, — und“ sagte er sich zu Varlin +wendend — „trotz des Protestes der Internationale wird man uns alle +verhaften, wenn man irgend dazu Lust verspürt.“ + +„Das ist Alles was Sie uns zu sagen haben und weshalb Sie uns gebeten +haben, hier zu bleiben?“ fragte Lermina mit seiner harten klanglosen +Stimme. + +„Der Bürger Rigault ist sehr jung,“ sagte Varlin mit einem finstern +Blick auf den stutzerhaft lächelnden jungen Mann, — „es würde ihm +vielleicht besser anstehen aus den Erfahrungen ältere Personen zu +lernen, als deren Handlungen zu critisiren.“ + +Ulric de Fonvielle sagte Nichts, — er kannte Raoul Rigault und wußte, daß +wenn dieser junge Mensch mit dem blasirten gleichgültigen Gesicht +lächelte ein furchtbarer, blutiger Gedanke in seinem Gehirn arbeitete. +Er blickte ihn forschend an und wartete. + +„Handlungen?“ fragte Raoul Rigault höhnisch die Achseln zuckend, ohne +die unmuthigen finstern Blicke Lermina's und Varlin's zu +beobachten, — „Ihr nennt das Handlungen — diese versteckten Agitationen, +diese zweideutigen Erklärungen und Proteste? Handelt“ — fuhr er fort, +„handelt, wie man in großen ernsten Angelegenheiten handeln muß, und +meine Critik wird schweigen, — ich werde wahrlich der Erste sein mit Euch +zu handeln, — aber ich sehe nicht ein wozu alle diese Geschäftigkeit +führen soll.“ + +„Wenn man tadeln will was Andere thun, so muß man Etwas Besseres +vorzuschlagen haben,“ sagte Lermina kurz und hart. + +Varlin machte eine Bewegung, als wollte er ausstehen. + +„Hört mich an,“ sagte Raoul Rigault, indem er ihn mit der Hand +zurückhielt. + +Er stützte die Arme auf den Tisch und bewegte sein Stöckchen leicht in +der Luft hin und her. + +„Der Augenblick ist günstig,“ sprach er weiter in einem Tone als +unterhielte er sich über irgend ein gleichgültiges Tagesereigniß, — „der +Augenblick ist günstig um einen großen Schlag auszuführen, — einen Schlag +der uns mit einem Mal an das Ziel aller unserer Bestrebungen führen +kann.“ + +„Und wie sollte dieser Schlag ausgeführt werden,“ fragte Varlin mit +einem fast verächtlichen Lächeln. + +„Sehr einfach,“ erwiderte Raoul Rigault, immer mit seinem Stöckchen +spielend, „unsere Vereine sind in ganz Frankreich vortrefflich +organisirt, wir können sie von hier aus mit einem Wort in active +Bewegung setzen, wir können überall den Aufstand ausbrechen lassen.“ + +„Das können wir,“ erwiderte Lermina, „wenn wir es aber thun, so wird das +in diesem Augenblick keine weitere Folgen haben, als daß der Aufstand +überall durch die rohe Gewalt der Tyrannei niedergeschlagen und für die +Zukunft alle unsere Hoffnungen zertrümmert werden.“ + +„Wenn eben die Tyrannei noch besteht,“ erwiderte Raoul Rigault, „wenn +diese Maschine, welche man die kaiserliche Regierung nennt, überhaupt in +jenem Augenblick noch arbeitet.“ + +„Und wie wollen Sie,“ fragte Lermina, „indem Augenblick des Aufstandes +die so fest gegliederte Regierungsmaschine zerstören und unwirksam +machen?“ + +„Die Maschine,“ sagte Raoul Rigault, „wird von selbst unwirksam, wenn +sie keinen Mittelpunkt, eine bewegende Triebfeder mehr hat. Ich kümmere +mich nicht um die Maschine, ich zerstöre den Mittelpunkt, und die Arbeit +des Ganzen hört auf — Frankreich gehört uns.“ + +Lermina begann aufmerksam zu werden. + +„Der Gedanke ist logisch,“ sagte er. „Wie kann er ausgeführt werden?“ + +„Sehr einfach,“ erwiderte Raoul Rigault, „indem man den Kaiser tödtet +und den Sitz der Regierung zerstört.“ + +Ganz erstaunt blickten Lermina und Varlin auf diesen jungen Menschen, +welcher im gleichgültigen und ruhigsten Ton von der Welt einen Satz +aussprach, der in seinen wenigen Worten den Umsturz der öffentlichen +Ordnung Frankreichs vielleicht Europas enthielt. + +„Um den Kaiser zu tödten,“ fuhr Raoul Rigault fort, „bedarf es nur eines +entschlossenen Menschen, welcher sein Leben aufs Spiel setzt, wie dies +ja alle Soldaten oft für viel unwichtigere und gleichgültigere Dinge +thun, und in dessen Hand man ein Werkzeug legen würde, welches den +Erfolg seines Unternehmens nicht von dem Zufall abhängig macht, — zur +Zerstörung des Mittelpunkts der Regierung bedarf es nur,“ sagte er mit +selbstgefälligem Lächeln, „einiger practischen Anwendungen der +Chemie, — und was sonst die Folge der Revolution war, wird gegenwärtig +der Revolution vorangehen und ihr den Weg frei machen. Die Mittel, von +denen ich so eben gesprochen habe, sind gefunden. Um den Kaiser sicher +zu tödten, ohne die Sache von einem falschen Augenmaß oder von einem +nervösen Zittern der Hand abhängig zu machen, ist hier das Mittel.“ + +Er zog aus der Tasche seines Rockes einige kleine eirunde Eisenkörper +mit verlängerter Spitze hervor und legte sie auf den Tisch. + +„Sie sind,“ sagte er lächelnd, „allerliebste Sprengbomben von einer +gewaltigen Explosionskraft. Man hat garnicht nöthig zu zielen. Man wirst +sie eine nach der andern in den Wagen des Kaisers, wenn er vorüber fährt +und vor die Füße seines Pferdes, wenn er reitet, und bevor die vierte +oder fünfte geworfen ist, wird von Demjenigen, der heute Frankreich zu +beherrschen glaubt, nichts mehr übrig sein, als einige kleine in der +Luft zerstreute Atome. Um diese Bomben zu werfen,“ fuhr er, die Stimme +etwas dämpfend, fort, „gehört ein Mann, welcher fanatisch oder +gleichgültig genug ist, um sein Leben an dies Wagniß zu setzen — ein +Gleichgültiger,“ fügte er hinzu, „ist mir lieber, als ein +Fanatiker, — und dieser Mann ist gefunden.“ + +Er erhob sich, wandte sich nach der Tiefe des Zimmers, die dunkle +Gestalt, welche von den Uebrigen unbemerkt dort bei der Entfernung der +Versammlung geblieben war, trat in den Lichtkreis, und man sah einen +jungen Mann von höchstens zwanzig bis einundzwanzig Jahren, dessen +völlig bartloses, gleichgültiges und etwas stupides Gesicht einen noch +fast knabenhaften Ausdruck hatte. + +Raoul Rigault ergriff diesen jungen Mann, der einen einfachen Anzug von +sogenannter Marengofarbe und einen kleinen runden Hut trug, bei der Hand +und sagte: + +„Hier ist der Bürger Beaury, welcher von London kommt und bereit ist, +den ersten und gefährlichsten Schlag in dem großem Entscheidungskampf +für die Rechte der arbeitenden Gesellschaft zu führen. Er wird diese +Bombe werfen und den fanatischen Imperator, vor welchem sich heute die +blöde Menge in den Staub beugt in die Luft sprengen.“ + +Tief erstaunt, beinahe bestürzt und erschrocken blickten die drei Andern +auf diesen jungen Menschen, welcher da so plötzlich wie aus der Erde +hervorgezaubert unter ihnen stand und sie mit einem ruhigen +gleichgültigen Lächeln anblickte. + +„Wer sind Sie,“ fragte Lermina. + +„Ich heiße Beaury,“ erwiderte der junge Mann. „Ich war früher Corporal +in der Armee des Tyrannen, seit einem Jahr bin ich Flüchtling in London, +Herr Flourens hat mich hierhergeschickt, — hier ist meine Beglaubigung.“ + +Er zog aus der Tasche seines Rockes ein offenes, etwas zerknittertes +Papier hervor und überreichte es Lermina. + +„Ein Brief von Flourens,“ sagte dieser. + +„An meine Genossen in Frankreich,“ fuhr er fort, das Papier lesend, „der +Ueberbringer dieses, der Bürger Beaury ist bereit und geschickt Alles +das auszuführen, was man ihm austragen wird, man kann sich vollkommen +auf ihn verlassen. Gustav Flourens.“ + +Er reichte das Papier Varlin, Fonvielle neigte sich herüber und sah über +dessen Schulter in die Schrift. + +„Es ist Flourens' Handschrift,“ sagten Beide. + +„Sie wissen, was Sie thun sollen,“ fragte Lermina, immer noch verwundert +den knabenhaften jungen Menschen ansehend. + +„Gewiß“ erwiderte dieser, „ich soll diese Bombe da,“ er deutete auf den +Tisch, „nach dem Kaiser werfen, den ich sehr genau kenne, und den ich +nicht verfehlen werde. Ich habe auch noch dies zu übergeben,“ sagte er +dann. + +Er zog ein anderes Papier aus der Tasche und gab es Lermina. + +„Eine Anweisung auf vierhundert Francs,“ sagte dieser, „ebenfalls von +Flourens unterzeichnet.“ + +Lermina gab die Anweisung an Varlin, welcher einen Schlüssel aus der +Tasche zog, eine Schublade des Tisches öffnete und dem jungen Menschen +vier Bankbillets von hundert Francs übergab. + +„Nun gehen Sie,“ sagte Raoul Rigault zu Beaury, welcher ganz vergnügt +seine Bankbillets einsteckte, „Sie werden Ihre näheren Anweisungen +erhalten. Ihre Adresse?“ + +„Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig,“ sagte der junge Mensch, indem er +sich leicht gegen die Uebrigen verneigte und das Zimmer verließ. + +„Ihr seht,“ sagte Raoul Rigault mit zufriedenem Lächeln, „daß ich mich +ein wenig auf das verstehe, was Handeln heißt, und daß ich vielleicht +ein wenig Recht habe, unpractische Maßregeln zu kritisiren.“ + +Varlin und Lermina erwiderten nichts. + +„Doch weiter,“ sagte Ulric de Fonvielle, „die Ermordung des Kaisers +nützt uns wenig, wie wir ja langst überlegt haben.“ + +„Das ist eine Ansicht, die ich stets vertreten habe,“ sagte Raoul +Rigault, „Ihr könnt also nicht erwarten, daß ich glauben sollte, mit +diesem ersten Schlage sei Alles gethan. Auch habe ich Euch ja vorhin +gesagt, daß meine Pläne zur Handlung zwei Punkte haben. Der Erste war +die Ermordung des Kaisers; der Zweite ist die Zerstörung des +Mittelpunkts der Regierung.“ + +„Das wird etwas schwerer sein,“ sagte Varlin, den Kopf schüttelnd. + +„Allzu umfassendere Vorbereitungen bedürfen wir nicht,“ sagte Raoul +Rigault. „Wir haben von diesen kleinen Maschinen,“ fuhr er fort auf die +auf dem Tische liegenden Bomben deutend, „einen Vorrath von tausend +Stück, welche ein Herr Lepet, ein harmloser Mann, in dem Gedanken +gegossen hat, daß es Theile eines neu erfundenen Vélocipédes wären. Sie +befinden sich an einem sichern Ort und können im Lauf weniger Stunden +gefüllt werben. Wir bedürfen dann nur noch einer gewissen Quantität +Petroleums, einer Quantität Pikrinsäure und eines Haufens alter Weiber +und kleiner Kinder, wie wir sie in beliebiger Menge in Belleville und +St. Antoine finden können.“ + +„Und dann,“ fragte Lermina. + +„Dann,“ sagte Raoul Rigault die Achseln zuckend, „nehmen diese alten +Weiber und die Kinder die Bomben, werfen je einige hundert Stück +davon durch die Fenster der Tuilerien und der verschiedenen +Ministerialgebäude, gießen zu gleicher Zeit Jeder sein Gefäß voll +Petroleum in die Keller und Souterrains und zünden diese angenehme +Flüssigkeit mit einem kleinen Schwefelholz an. In wenigen Augenblicken +werden alle diese Centren der Regierungsgewalt in Flammen stehen, alle +diese Minister, Bureauchefs und Beamten werden fliehen. Das Ende der +Fäden, welche in die Provinzen führen und dort die Regierungskräfte in +Bewegung setzen, wird zerstört sein, und das Volk wird sich aus den +Vorstädten heranwälzen, und bevor noch irgend Jemand weiß, was +eigentlich vorgeht, wird Alles gethan sein, Paris wird uns gehören, und +diese träge, unentschlossene Masse, welche man Volk nennt, wird hier wie +im ganzen Lande unsern Befehlen folgen und durch unsere Organisation in +Bewegung gesetzt werden. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, daß die +Sache schnell und auf allen Punkten gleichzeitig ausgeführt wird. + +Das ist mein Vorschlag,“ sagte er, sich auf seinen Stuhl zurücklehnend +und mit dem Stöckchen an seine Stiefel klopfend, „er ist einfach, leicht +ausführbar und wirksam. Die Vorbereitungen sind getroffen. Wollt Ihr +handeln, so handelt, wollt Ihr es nicht, so laßt es bleiben, dann aber +werde ich mich zurückziehen, denn ich habe keine Lust mehr, meine Zeit +mit Redensarten und zwecklosen Agitationen zu verschwenden.“ + +„Der Plan ist großartig, vortrefflich! Dieser kleine Raoul Rigault hat +wirklich eine Armee in seinem Kopf,“ rief Ulric de Fonvielle. + +„Die Sache ist allerdings gut ausgedacht,“ sagte Lermina, „und sie kann +reussiren.“ + +Varlin sagte nichts. Er saß tief nachdenkend da, doch zeigte der +Ausdruck seines Gesichts, daß er den Plan Raouls billige und über dessen +Ausführung nachsann. + +„Natürlich kann die Sache reussiren,“ sagte Raoul Rigault, „und sie muß +reussiren, wenn sie nicht überaus dumm angegriffen wird, und daß dies +nicht geschieht, dafür müßt Ihr sorgen. Ich habe nicht Lust,“ fügte er +im affectirt hochmüthigen Ton hinzu, „mich um diese petites besognes zu +kümmern. Ich habe Euch die Instrumente geschafft, ich habe Euch einen +Menschen gestellt, welcher den ersten Schlag führen wird, an Euch ist +es, die Stunde fest zu stellen und Eure alten Weiber und Kinder an die +richtigen Orte zu führen, um aus diesen alten dumpfen Bureaus und +Aktenhaufen ein lustiges, fröhliches Feuer aussteigen zu lassen. In drei +Tagen könnt Ihr damit fertig sein. Jetzt laßt uns gehen, es könnte im +Hause Aufsehen erregen, wenn wir noch länger hier bleiben.“ + +Er stand auf, grüßte mit einer stutzerhaften Bewegung mit der Hand und +ging hinaus. + +„Er hat uns in der That überflügelt,“ sagte Lermina, ihm finster +nachblickend, — „ich liebe ihn nicht, diese ganze geckenhafte Art +wichtige Dinge zu behandeln, mißfällt mir. Aber seine Ideen sind gut und +seine Vorbereitungen vortrefflich. Wenn Ihr einverstanden seid, soll der +Plan ausgeführt werden, er kann uns Jahre langer Agitationen überheben +und mit einem Schlage an das Ziel unserer Wünsche führen, — und selbst, +wenn der Plan mißlingen sollte, was ist dabei verloren — ein +zerschmetterter Kaiser, einige ausgebrannte Steinhaufen, — weiter +nichts,“ fügte er mit einem entsetzlichen Lächeln hinzu, welches seine +steinernen und unbeweglichen Züge in furchtbarer Weise verzerrte. + +„Der Plan wird gelingen,“ rief Ulric de Fonvielle lebhaft, „die ganze +Kraft der Regierung ist zertrümmert, sobald der Mittelpunkt zerstört +ist, Frankreich und die Zukunft gehört uns.“ + +Varlin stand auf. + +„Der Plan _kann_ gelingen,“ sagte er, „wenn Niemand außer uns etwas +davon erfährt, keines der Werkzeuge, die wir benutzen werden, darf den +ganzen Zusammenhang dessen, was geschehen soll, auch nur ahnen.“ + +Er streckte seine Hand aus. + +„Schwören wir uns gegenseitig,“ sagte er, „bei unserm Hasse gegen die +Ausbeuter der Arbeit Verschwiegenheit und Tod dem, der den Schwur +bricht.“ + +Lermina und Fonvielle legten ihre Hände in diejenige Varlins. + +„Wir schwören Verschwiegenheit,“ sprachen sie, „Tod dem, der diesen +Schwur bricht.“ + +Dann verschlossen sie sorgfältig alle Schubladen des großen Tisches, in +welche sie vorher die von Raoul Rigault mitgebrachten Proben der +Sprengbomben legten, verließen das als ein einfaches Versammlungslocal +erscheinende Zimmer, ohne dessen Thür zu verschließen und gingen vor dem +äußern Thor des Hauses nach verschiedenen Richtungen auseinander. + +Einige Augenblicke blieb der große dunkle Raum im tiefen Schweigen, dann +ließ sich ein leises Geräusch vernehmen; — unter dem Tisch, an welchem +die vier Verschwörer so eben gesessen hatten, drang ein Lichtstrahl +hervor, eines der Bretter des Fußbodens erhob sich, aus der Öffnung +stieg ein Mann mit einer kleinen Blendlaterne hervor. Er leuchtete mit +dem hellen Strahl seiner Laterne nach allen Seiten in die Tiefe des +Zimmers hinein, dann drückte er das erhobene Brett sorgfältig in seine +alte Stelle zurück, scharrte etwas von dem auf dem Boden liegenden Staub +in die Spalten, zog dann mehrere sauber gearbeitete Schlüsselhaken aus +der Tasche und öffnete die Schublade des Tisches. Er nahm eine der +Bomben und steckte sie in seine Tasche, dann zog er ein kleines +Notizbuch hervor und schrieb beim Schein seiner Laterne einige Worte in +dasselbe, indem er vor sich hinflüsterte. + +„Lepet, Gießer, — Beaury, Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig.“ + +Dann ging er zur Thür, löschte seine Laterne aus, verließ leisen +Schrittes den Hof und das Haus und begab sich ruhig, die damals so +beliebte Melodie des Pompier de Nanterre vor sich hin pfeifend nach der +Polizeipräfectur, wo er durch den Dienst thuenden Huissier sogleich in +das Cabinet des Präfecten geführt wurde. + + + + +Ende des zweiten Bandes. + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgru� der Legionen, Zweiter +Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13658 *** |
