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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:42:39 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:42:39 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13658 ***
+
+Der Todesgruß der Legionen
+
+
+
+Zeit-Roman
+
+von
+
+Gregor Samarow.
+
+
+
+Zweiter Band.
+
+
+
+
+Berlin, 1874.
+
+Druck und Verlag von Otto Janke.
+
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+
+An demselben Abend befanden sich in dem Gartensalon des Hotels in der
+Rue Mansart, welches der Regierungsrath Meding, der Vertreter des Königs
+von Hannover bewohnte, zwei Personen im ernsten Gespräch.
+
+Herr Meding saß in einem Lehnstuhl zur Seite des runden Tisches, über
+dessen Mitte vom Plafond eine große Lampe mit breitem, flachem
+Glasschirm herabhing, — ihm gegenüber lehnte in einer Chaiselongue,
+welche neben dem hellen Feuer eines jener altfranzösischen großen Kamine
+stand, der Graf von Chaudordy, der frühere Cabinetsrath unter Drouyn de
+L'huys, welcher jetzt als Minister plenipotentiaire zur Disposition
+gestellt war, sich aber stets im regen Verkehr mit der politischen Welt
+befand und eine neue Verwendung in der Diplomatie erwartete.
+
+„Ich bedauere,“ sagte der Graf, „daß aus dem Project, Ihren emigrirten
+Landsleuten eine Colonie in Algier zu gründen, Nichts werden soll. Man
+hat sich hier allgemein so lebhaft dafür interessirt, und den armen
+Leuten, welche nun doch einmal ihr Vaterland verloren haben, würde dort
+Gelegenheit geboten worden sein, sich eine neue Existenz und vielleicht
+einen werthvollen Besitz zu schaffen; wir aber hätten durch so fleißige
+und tüchtige Colonisten für die öconomische Verwaltung Algiers viel
+gewonnen.“
+
+„Ich habe noch vor Kurzem,“ erwiderte Herr Meding, „mit dem Herrn Faré,
+dem Director im Ministerium der Finanzen, unter dem die algerische
+Verwaltung steht, und welcher lange Zeit die Civiladministration bei dem
+Marschall Mac Mahon geführt, ausführlich gesprochen — auch der Marschall
+selbst, mit dem ich darüber conferirte, war, obwohl er eigentlich der
+civilen Colonisation Algeriens nicht besonders günstig ist, doch bereit,
+Alles für meine Landsleute zu thun, wozu er auch vom Kaiser noch ganz
+besonders aufgefordert ist, — die Leute selbst wollen sehr gern nach
+Algerien, allein Seine Majestät hat dennoch das Project definitiv wieder
+aufgegeben.“
+
+„Ich begreife nicht warum,“ erwiderte der Graf von Chaudordy, „wenn der
+König daran denkt, jemals wieder für sein Recht unter irgend welchen
+Constellationen zu kämpfen, so muß er sich doch vor Allem diejenigen
+Leute erhalten, welche im Stande sind, ihm den Kern einer Armee zu
+bilden, die er dann durch weitere Emigranten oder durch Werbungen
+ergänzen könnte.“
+
+„Es scheint,“ erwiderte Herr Meding, „daß im Lande Hannover selbst sehr
+falsche Ideen über das Colonisationsproject verbreitet worden sind und
+daß der König in Rücksicht auf die allgemeine Abneigung, welche sich
+dort gegen dasselbe kund giebt, davon wieder Abstand genommen hat. Ich
+bedauere sehr,“ fuhr er fort, „daß man unter diesen Verhältnissen die
+Sache überhaupt angeregt hat. Ich komme hier dem Kaiser und der
+Regierung gegenüber in eine eigenthümliche Lage. Ich habe die
+Verhandlungen in Folge der vielfachen dringenden Depeschen des Grafen
+Platen so energisch als möglich betrieben und nun, nachdem alle
+Verhältnisse schon fast geordnet waren, wird die Sache wieder aufgegeben
+und zwar — wie Graf Platen angiebt — weil die Aufstellung einer
+hannöverschen Armee auf dem algerischen Territorium nicht thunlich sei.
+Ich verstehe eigentlich nicht, was man damit meint — doch gleichviel, die
+Sache ist aufgegeben, die Emigration wird aufgelöst werden und damit
+ist, wie ich glaube, die Sache des Königs und der Kampf für dieselbe
+auch zu Ende. Denn wenn einmal Diejenigen, welche in jahrelangem Exil
+dem König treu geblieben sind, in alle Welt zerstreut werden, so wird
+das Volk in Hannover den Eindruck gewinnen, daß nunmehr der König die
+neue Ordnung der Dinge anerkannt habe.“
+
+„Es wäre vielleicht das Beste,“ erwiderte der Graf von Chaudordy, „wenn
+der König dies einfach thäte, sich in den Besitz seines großen Vermögens
+brächte und sich nach England zurückzöge, wo er ja immer eine große und
+ehrenvolle Stellung behält. Ich habe Ihnen schon früher gesagt,“ fuhr er
+fort, „daß ich wenig Chancen für den König zu sehen vermöchte, wenn es
+ihm nicht gelingen könnte, in Deutschland selbst sich eine große und
+mächtige Partei zu schaffen, welche in einem gegebenen Augenblick im
+Stande wäre, eine ernste und nachdrückliche Bewegung für ihn zu
+organisiren. Von Seiten der Cabinette wird Nichts für ihn geschehen; er
+hätte sich müssen eine Stellung schaffen, daß im Fall einer großen
+Katastrophe die Regierungen gezwungen gewesen wären, mit ihm zu
+rechnen.“
+
+„Das ist aber Alles leider nicht geschehen,“ sagte Herr Meding, „alle
+Anläufe, die dazu genommen wurden, sind eben Anläufe geblieben und wie
+das leider so oft an depossedirten Höfen der Fall ist, die ganze
+Thätigkeit hat sich in kleine und kleinliche Intriguen ausgelöst. Ich
+bin hier schon lange in einer mehr als peinlichen Situation, um so mehr
+als Graf Platen — wie Sie ja wissen, den Grafen Breda hierher geschickt
+hat, welcher als geheimer Agent des Königs figurirt, obwohl Seine
+Majestät mir persönlich versichert hat, ihn gar nicht zu kennen, und
+dessen eigenthümliche Thätigkeit die Sache des Königs mehr und mehr
+discreditirt. Ich würde für meine Person nicht unzufrieden sein, wenn
+diese ganze Unruhe ein Ende nehme und wenn nur für das ganze Welfenhaus
+eine sichere und würdige Zukunft geschaffen werden könnte. Doch müßte
+man sich in Hietzing klar werden, was man will — Eins oder das Andere,
+entweder den Frieden oder einen so festen und energischen Krieg, daß man
+gefürchtet bleibt und im gegebenen Augenblick die Macht des Handelns
+behält. Es scheint aber, daß überall in der Welt heute der Entschluß und
+die Thatkraft verschwindet. Denn ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß
+ich auch hier bei Ihnen nicht mehr verstehen kann, wo man denn
+eigentlich hinaus will und was man beabsichtigt.“
+
+Der Graf Chaudordy seufzte.
+
+„In der That,“ sagte er, „häuft man hier Fehler auf Fehler. Ich
+fürchte, daß sich das eines Tages bitter rächen wird; ich bin mit Herz
+und Seele Franzose und bin dem Kaiser und dem Kaiserreich aufrichtig
+ergeben, aber für die Dynastie sehe ich in der Art und Weise, wie man
+hier die Geschäfte behandelt, wenig erfreuliche Aussichten für die
+Zukunft. Unsere Fehler beginnen von 1866; nachdem sich der Kaiser damals
+zu keinem Entschluß aufraffen konnte, mußte er dahin gedrängt werden,
+größere Freiheiten zu geben. Er hat sich auch dazu nur langsam und fast
+zu spät entschließen können, und da er diesen Entschluß so lange
+hinausgeschoben hat, so wird er nun gezwungen werden endlich den Krieg
+zu machen, welcher der größte Fehler sein wird.“
+
+„Sie hätten also gewollt,“ fragte Herr Meding, „daß der Kaiser im Jahre
+1866 entschieden für Oesterreich hätte Partei nehmen sollen?“
+
+Der Graf Chaudordy blickte ihn groß an.
+
+„Nein,“ sagte er, „nicht für Oesterreich; ich habe Herrn von Bismarck
+immer für sehr stark gehalten, ich habe Preußens Ueberlegenheit über
+Oesterreich nie bezweifelt und Oesterreichs Niederlage vorher gesehen.
+Nach meiner Ueberlegung hätte der Kaiser damals — und zwar vor dem
+Kriege — eine feste und entschiedene Alliance mit Preußen machen müssen,
+um aus derselben alle die Vortheile für Frankreich zu ziehen, welche das
+siegreiche Preußen ihm nach dem Kriege nicht mehr gewährte. Auch heute
+noch wäre es das einzig Richtige, um jeden Preis eine aufrichtige
+Verständigung mit Preußen zu suchen — das ist die einzige Macht, mit
+welcher wir eine nützliche und starke Alliance schließen können, und
+wenn wir diese Alliance nicht schließen, so werden wir ihr und zwar in
+kurzer Zeit in einem furchtbaren und gewaltigen Krieg isolirt
+entgegentreten müssen.“
+
+„Man rechnet aber doch,“ warf Herr Meding ein, „sehr erheblich auf
+Oesterreich und Italien — Sie kennen gewiß die Negotiationen, welche in
+diesem Augenblick im Gange sind, um einen Coalitionsvertrag mit den
+beiden Mächten zu schließen. Wie man mir erzählt, soll die Sache sehr
+weit gediehen sein und man verspricht sich hier sehr viel davon.“
+
+„Das wird Alles zu Nichts führen,“ sagte der Graf von Chaudordy. „Auch
+in dieser Richtung hin hat man einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt,
+in Herrn von Beust, an dessen Erhebung zum Minister in Oesterreich der
+Kaiser großen Antheil hat, einen entschiedenen Alliirten zu finden, — man
+hat sich getäuscht und hätte dies sogleich erkennen sollen, als die
+neue österreichische Regierung statt ihre ganze Kraft militairischen
+Rüstungen zu widmen, sich mit Verfassungsfragen zu beschäftigen begann.
+Wie ist es denn möglich, sich jetzt auf dieses Oesterreich zu stützen,
+welches keine Armee und kein Geld hat und uns im entscheidenden
+Augenblick um so mehr im Stich lassen wird, als die entscheidende
+Leitung der dortigen Politik täglich mehr in die Hände Ungarns übergeht.
+
+„Der Kaiser erkennt das Alles sehr gut,“ fuhr er fort, „aber er ist
+nicht mehr der er war und zwischen den verschiedensten, heterogensten
+Entschlüssen hin- und herschwankend wird er endlich dahin gedrängt
+werden, gänzlich isolirt und ohne alle Alliancen den Krieg zu machen,
+der kaum mit einem entscheidenden Siege für Frankreich enden wird, und
+der uns leicht in eine unendliche innere Verwirrung stürzen kann, auch
+giebt man alle Gründe, um vernünftiger Weise dort den Krieg
+vorzubereiten, aus der Hand. Man hat den Prager Frieden so lange
+verletzen lassen, daß es fast lächerlich sein würde, heute noch
+kategorisch dessen Erfüllung zu fordern. Jetzt läßt man die Bewegungen
+in Baden und Süddeutschland wieder ohne Beachtung und Unterstützung, — es
+wäre so leicht — und man hat uns darüber Mittheilungen gemacht, eine
+Volksbewegung in Baden gegen den von der dortigen Regierung
+projectirten Anschluß an Preußen zu erregen und dadurch die deutsche
+Frage von Neuem zum Gegenstand der Aufmerksamkeit Europas zu machen.
+Dann hätte Frankreich einen Interventionsgrund und eine ganz
+vortreffliche Stellung der deutschen Nation gegenüber — läßt man die
+Ereignisse weiter gehen, läßt man den Widerstand der süddeutschen
+Volkspartei brechen oder ermatten, dann wird man sich demnächst nicht
+mehr Preußen, sondern dem ganzen Deutschland gegenüber befinden, und das
+wird für uns die schlimmste und gefährlichste Position sein, in der wir
+uns befinden können. Es ist in der That ein Glück,“ sagte er lächelnd,
+„in diesem Augenblick von der Politik fern zu sein.“
+
+„Aber glauben Sie nicht,“ sagte Herr Meding, „daß Drouyn de L'huys, dem
+ja der Kaiser schon mehrfach das Portefeuille angeboten hat, doch
+endlich die Leitung der Angelegenheiten wieder übernehmen und größere
+Festigkeit und Klarheit in die französische Politik bringen werde?“
+
+Der Graf von Chaudordy schüttelte den Kopf.
+
+„Ich glaube nicht,“ sagte er, „daß Drouyn de L'huys sich jemals mit dem
+Kaiser definitiv verständigen wird. Drouyn de L'huys will den Frieden
+und der Kaiser kann sich nicht entschließen, weder ernsthaft den
+Frieden zu begründen, noch ernsthaft den Krieg zu machen — er läßt sich
+treiben und wird in den Krieg hineingedrängt werden, ohne es selbst zu
+wollen. Für Ihren König und dessen Sache wird es jedenfalls das Beste
+sein, wenn er einer solchen unklaren, verworrenen Katastrophe fern
+bleibt, um so mehr, wenn er selbst sich nicht zu klaren Entschlüssen
+erheben kann.“
+
+Der Kammerdiener öffnete die Thür.
+
+Herr von Düring, Herr von Tschirschnitz und die übrigen hannöverschen
+Officiere traten ein. Nach und nach kamen noch andere Herren, auch Herr
+Hansen erschien.
+
+Das Gespräch wurde allgemein; man unterhielt sich über die
+Tagesereignisse.
+
+„Wissen Sie, meine Herren,“ sagte Herr Hansen, „daß der Proceß des
+Prinzen Pierre Bonaparte beginnen wird? Wie ich höre, sind alle Juristen
+der Ansicht, daß der Prinz freigesprochen werden muß.“
+
+„Ich wüßte kaum,“ sagte der Graf von Chaudordy, „wie man ihn
+verurtheilen wollte. Wenn Jemand in seinem eigenen Zimmer insultirt und
+angegriffen wird — und Herr Fonvielle hat ja einen geladenen Revolver bei
+sich gehabt — so steht ihm doch unzweifelhaft das Recht zu, sich zu
+vertheidigen. Ich liebe den Prinzen Peter nicht, er ist eine unruhige,
+unberechenbare Natur und sein ganzes Leben, wie seine Person erregt
+wenig Sympathie, aber in dieser Sache kann man ihm keinen Vorwurf
+machen — doch ist das Alles sehr unangenehm für die Regierung — es ist,
+als ob Alles zusammenkäme, um die Stellung des Kaisers zu erschweren.
+Solche Processe mit oder ohne Schuld der Regierenden finden sich in der
+Geschichte immer vor großen Katastrophen.“
+
+„Der arme Victor Noir thut mir leid,“ sagte Herr Meding, „ich habe ihn
+gekannt, er war Redacteur an der ‚Situation‘ und Herr Grenier hat ihn
+mir zuweilen geschickt, um mir Mittheilungen zu machen. Ich habe immer
+eine Sympathie für ihn gehabt, er war eine gute kindliche Natur von
+harmloser Naivetät, man hat ihn zu dieser Demonstration gemißbraucht,
+und er ist das Opfer derselben geworden. Wie sieht es bei Ihnen aus,“
+fragte er, sich an einen jungen eleganten Herrn mit blassem Gesicht,
+schwarzem Haar und zierlichem kleinem Schnurrbart wendend, welcher so
+eben eingetreten war, „haben Sie bald einen König gefunden, oder glauben
+Sie es auf die Dauer mit der Republik versuchen zu können?“
+
+„Spanien erträgt dauernd kaum eine Republik,“ erwiderte Herr Angel de
+Miranda, der frühere Kammerherr der Königin Isabella, welcher
+gegenwärtig in Paris lebte und dort eine, zwar private, aber eifrige
+Thätigkeit für die provisorische Regierung Spaniens entwickelte. „Es hat
+viel dazu gehört, um die alte Monarchie zu zerstören, wir werden aber,“
+fuhr er mit geheimnißvoller Miene fort, „wie ich glaube, in nicht langer
+Zeit einen König finden und damit wird diese Revolution endlich zum
+Abschluß gelangen.“
+
+„Ich wünsche Ihnen das von Herzen,“ sagte Graf Chaudordy. „Für das ganze
+westliche Europa sind diese unsichern Zustände in Spanien vom
+schädlichsten Einfluß. Sie müssen übrigens,“ sagte er lächelnd, „eine
+kleine Neugier verzeihen, es interessirt mich in hohem Grade, wohin Sie
+die Blicke wohl gewendet haben könnten, um einen Herrscher für Ihr Land
+zu finden, — Sie haben da den Herzog von Montpensier, Sie haben den
+Prinzen von Asturien, Sie haben den Grafen von Montemolin, und wer weiß,
+ob nicht vielleicht der Marschall Prim, der schon einmal von einem
+kaiserlichen Diadem von Mexiko träumte, auch jetzt wieder daran denkt,
+die Gewalt fest zu halten, welche er ja durch die Armee bereits
+vorzugsweise sich zu eigen gemacht hat.“
+
+Angel de Miranda zuckte die Achseln.
+
+„Ich glaube kaum, daß Prim ähnliche Gedanken hegen könnte, er ist klug
+und weiß sehr gut, daß, wenn er vielleicht eine Zeit lang Dictator sein
+könnte, er doch niemals und zwar weder von der spanischen Grandezza,
+noch vom Volk als König acceptirt werden könnte. Ich glaube viel eher,
+daß er eine Zeit daran gedacht hat und vielleicht auch noch ein wenig
+daran denkt, den Prinzen von Asturien möglich zu machen, um dann an der
+Spitze einer Regentschaft als Majordomus die Macht in Händen zu
+behalten. Doch das Alles ist unpractisch, wir können in Spanien keinen
+König von den verschiedenen Bourbonenlinien gebrauchen, die Anhänger des
+Einen würden sich niemals den Anhängern des Andern unterwerfen wollen,
+das würde zu ewigen Bewegungen und Unruhen führen. Die einzige
+Möglichkeit dauernden innern Friedens liegt darin, einen fremden Fürsten
+zu finden, der dem Volk sympathisch ist —“
+
+„Und der vielleicht,“ fiel Herr Meding lächelnd ein, „irgend wie mit dem
+iberischen Einheitsgedanken in Verbindung stünde.“
+
+Betroffen blickte Angel de Miranda auf.
+
+„Dieser Gedanke,“ erwiderte er nach einem kurzen Stillschweigen, „ist
+heute wohl noch nicht reif. Doch liegt allerdings in ihm nach meiner
+Ueberzeugung die Zukunft der pyrenäischen Halbinsel.“
+
+Er trat zu einer andern Gruppe — nach einiger Zeit zog sich der Graf
+Chaudordy zurück, und nach einer Stunde leerte sich der Salon von den
+Besuchenden — nur die hannöverschen Officiere blieben zurück.
+
+„Nun, meine Herren,“ fragte der Regierungsrath Meding, „haben Sie
+Nachrichten, wie Ihre Vorstellungen in Hietzing aufgenommen worden sind,
+und haben Sie irgend welche Beschlüsse gefaßt über die Schritte, welche
+Sie demnächst thun wollen?“
+
+„Wir haben noch Nichts von Hietzing gehört,“ erwiderte Herr von
+Tschirschnitz. „Ich kann nicht zweifeln,“ fuhr er fort, „daß der König
+unsere Vorstellung ernstlich erwägen und berücksichtigen werde. Ich
+wenigstens bin fest entschlossen, bis auf den letzten Augenblick Alles
+aufzubieten, um das Schicksal der armen Emigrirten zu erleichtern und
+sie von völliger Isolirung im fremden Lande zu retten. Ich verstehe auch
+durchaus nicht, wie es möglich sein sollte, uns das zu verbieten. Die
+Mißverständnisse, welche da vorliegen, müssen sich ja aufklären.“
+
+„Man muß es hoffen,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „doch bin ich
+dessen nicht ganz gewiß, denn seit einiger Zeit scheinen sich um den
+König her lauter Mißverständnisse zu lagern. Sie erinnern sich, daß
+Herr von Münchhausen bei der Conferenz über das algerische
+Colonisationsproject, zu welcher er hierher gesendet wurde,
+Instructionen bei sich führte, welche, wie er sich selbst überzeugte,
+denjenigen, die mir ertheilt waren, vollständig widersprachen.“
+
+Rasch wurde die Thür geöffnet, der Lieutenant von Mengersen, ein großer,
+schlanker, junger Mann und der Lieutenant Heyse, eine ernste ruhige
+Erscheinung, traten ein.
+
+„Nun,“ rief Herr von Düring lebhaft, „Ihr seid wieder zurück? Was bringt
+Ihr? Hat sich Alles aufgeklärt?“
+
+„Nichts hat sich aufgeklärt,“ erwiderte Herr von Mengersen mit zornig
+bewegter Stimme, „der König hat uns gar nicht angenommen und uns den
+Befehl geschickt, auf der Stelle wieder zurückzureisen.“
+
+„Unglaublich,“ rief Herr von Düring.
+
+„Aber wahr,“ rief der Lieutenant Heyse im traurigen Ton, „es scheint,
+daß man eine vollständige chinesische Mauer um den König gezogen hat und
+daß Nichts, was von uns kommt, zu ihm dringen kann. Dagegen hat er den
+Feldwebel Stürmann gehört.“
+
+„Den Feldwebel Stürmann,“ rief Herr von Tschirschnitz, „und uns, seinen
+Officieren, verweigert er das Gehör! Das ist doch ein Affront für uns
+Alle, wie er stärker und kränkender nicht gedacht werden kann.“
+
+„Graf Platen ist am Tage vorher,“ sagte Herr von Mengersen, „bei
+Stürmann in seinem Gasthause in der Stadt gewesen und hat sehr lange mit
+ihm gesprochen, am andern Tage ist er dann nach Hietzing zum König
+gebracht worden.“
+
+„Und habt Ihr nicht gehört, was nun weiter geschehen soll,“ sagte Herr
+von Düring.
+
+„Mit uns zu gleicher Zeit,“ sagte der Lieutenant Heyse, „ist der Major
+von Adelebsen hierher abgereist, um das Commando zu übernehmen und die
+Legion aufzulösen. Es kommt nun darauf an, daß wir uns entschließen, was
+wir thun wollen für uns und für die Leute, denn auf Gehör beim König
+haben wir nicht mehr zu rechnen.“
+
+„Wir müssen uns fest verbinden,“ rief Herr von Tschirschnitz, „um Alles
+aufzubieten, damit die armen Emigranten noch einen Anhaltspunkt erhalten
+und nicht vereinsamt ihrem Schicksal überlassen bleiben. Ich hoffe, Sie
+werden uns darin unterstützen,“ sprach er zu dem Regierungsrath Meding
+gewendet.
+
+„Ich bedauere auf das Tiefste die Wendung, welche diese Sache genommen,“
+erwiderte dieser, „und die Unmöglichkeit mit irgend welchen
+Vorstellungen bis an Seine Majestät zu dringen, — ich bin aber hier als
+Vertreter des Königs und muß, so lange ich auf meinem Posten bin, jeden
+Befehl, den Seine Majestät mir ertheilen wird, ausführen; und ich rathe
+auch Ihnen, meine Herren, dringend, keinen Widerstand gegen die
+Ausführung der Befehle Seiner Majestät zu leisten, doch können Sie auf
+das Festeste auf meine Unterstützung dafür rechnen, daß den Emigranten
+nach Auflösung des Verbandes die Möglichkeit geboten werde, sich zu
+gegenseitiger Unterstützung zu vereinen und Unterkommen und Arbeit zu
+finden. Ich habe bereits in dieser Beziehung mit verschiedenen
+einflußreichen Personen Rücksprache genommen und mich ihrer Geneigtheit
+versichert, zu einem Comité de Patronage für die Emigrirten zusammen zu
+treten. Der Baron Thénard, welcher großen Einfluß in den Kreisen der
+Grundbesitzer hat und selbst ausgedehnte Güter besitzt, hat mir bereits
+zugesagt, mit in dieses Comité einzutreten, ebenso Herr Bocher, welcher
+in industriellen Kreisen viel Gelegenheit hat, den Emigrirten Arbeit zu
+schaffen. Ich habe bei der Wahl der Personen wesentlich darauf Rücksicht
+genommen, daß die ganze Sache gar keinen politischen Charakter habe, daß
+sie eine reine Wohlthätigkeitsangelenheit sei und denke nun noch einige
+Damen als Patronesses hinzuzuziehen. Ich zweifle nicht, daß wir dann
+binnen Kurzem für alle unsere Landsleute vollkommen ausreichende
+Beschäftigung haben werden. Auch für Diejenigen, welche etwa krank und
+arbeitsunfähig werden, wird sich dann eine reichliche Unterstützung
+ermöglichen lassen, wenn man einen Verband herstellt, in welchem Jeder
+seine Beiträge in eine Krankenkasse zahlt, für welche außerdem von allen
+Seiten reichliche Hülfsquellen sich öffnen werden. Lassen Sie also den
+Muth nicht sinken, wir werden ganz gewiß gut für die Leute zu sorgen im
+Stande sein. Sie, mein lieber Düring, und Sie, Herr von Tschirschnitz
+müssen dann mit mir in das Comité de Patronage eintreten und die innere
+Organisation des Hülfsverbandes der Emigranten übernehmen.“
+
+„Das ist eine vortreffliche Idee,“ rief Herr von Düring, „ich habe
+früher schon etwas Aehnliches überdacht und dazu einen Organisationsplan
+ausgearbeitet, den ich seiner Zeit auch dem König eingeschickt habe, den
+er aber wohl nicht beachtet zu haben scheint —“
+
+„Ich habe bereits dem Könige,“ sagte der Regierungsrath Meding, „von
+diesem Plan und den für die Bildung des Comité de Patronage gethanen
+Schritten Mittheilung gemacht. Durch dies Comité könnte dann auch für
+Diejenigen, welche so gern nach Algier gehen wollen, ohne daß der König
+irgendwie dabei betheiligt ist, dort eine vortheilhafte Niederlassung
+vermittelt werden; damit würde der Wunsch der Leute erfüllt und zugleich
+jede Betheiligung des Königs dabei ausgeschlossen, welche Seiner
+Majestät wegen der Stimmung in Hannover unerwünscht ist. Ich bitte Sie
+also nochmals, meine Herren, legen Sie den Schritten des Herrn von
+Adelebsen zur Auflösung der Legion keine Schwierigkeiten in den Weg.
+Lassen Sie diesen Herrn ruhig ausführen, was ihm vom Könige oder von wem
+es sonst sei, aufgetragen ist, und helfen Sie mir dafür sorgen, daß
+unsere Landsleute, nachdem sie aus dem Verbande geschieden sind, einen
+Mittelpunkt finden, der ihnen Schutz und Beistand gewährt.“
+
+„Aber wie der König mit uns umgeht,“ rief Herr von Tschirschnitz, „so
+hätte er ja zur Zeit des Bestandes des Königreichs Hannover mit keinem
+Officier umzugehen das Recht gehabt. Mindestens hätten wir doch Gehör
+erlangen müssen, — dies ist ja geradezu asiatischer Despotismus.“
+
+„Meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „einem unglücklichen
+Fürsten gegenüber ist die Pflicht des Gehorsams doppelt stark, und
+vergessen Sie vor Allem nicht, daß wir Alle Vertreter einer Sache sind,
+welche den Blicken der ganzen Welt ausgesetzt ist. Wir haben für diese
+Sache gefochten nach allen Kräften, — man kann uns vorwerfen, daß es
+thöricht und unvernünftig gewesen sei, aber wenigstens haben wir für die
+Sache gethan, was überhaupt zu thun war. Wenn diese Sache zu Ende sein
+soll,“ fügte er noch ernster hinzu, „und ich glaube, daß sie zu Ende
+ist, so lassen Sie uns ihr den letzten Dienst erweisen, lassen wir sie
+mit Ehren untergehen, ohne daß wir der Welt das Schauspiel der inneren
+Zerrüttung und der Fäulniß, welche sie angefressen hat, und an welcher
+wir wenigstens keinen Theil haben, geben. Wir werden vielleicht in der
+Lage sein, unsere und der Emigranten Rechte scharf und nachdrücklich zu
+vertheidigen, aber so lange es möglich ist, darf auch in dieser
+Vertheidigung Nichts gegen den König unternommen werden, auf dem die
+Hand des Schicksals schwer genug ruht, und der stets auf unsere
+Ehrfurcht Anspruch haben wird. Und sollten wir je zu den äußersten
+Grenzen der Vertheidigung gedrängt werden, so müssen wir wenigstens vor
+der ganzen Welt beweisen können, daß wir dazu unwiderstehlich gezwungen
+worden sind.“
+
+„Aber man greift unsere Ehre an,“ rief Herr von Mengersen, „unserer
+Aller Ehre, denn was in Hietzing über uns gesprochen wird, davon hat man
+gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die
+unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo
+möglich in den welfischen Zeitungen Artikel über uns lesen.“
+
+„Seien Sie ganz ruhig, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding,
+„wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen würde, unsere Ehre
+anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Rücksichten bei
+Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene
+werden dem König gegenüber zu verantworten haben, was dann geschehen
+wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurück zu
+halten, der den König verletzen könnte.“
+
+„Jedenfalls,“ rief Herr von Düring, „werde ich meine Magazinbestände dem
+Herrn von Adelebsen nicht überliefern, ohne eine vollgültige Decharge
+vom Könige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man
+mir noch immer nicht gegeben hat.“
+
+Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig,
+mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fünfzig Jahren von
+auffallender Häßlichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer
+vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schädel in das Zimmer.
+Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Höflichkeit nach allen
+Seiten, näherte sich dann in beinahe demüthiger, unterwürfiger Haltung
+dem Regierungsrath Meding und überreichte ihm ein großes, versiegeltes
+Schreiben.
+
+„Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist,“ sagte er.
+
+Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher
+langsam das Schreiben öffnete und den Inhalt durchlas.
+
+„Der Major von Adelebsen ist angekommen,“ sagte der Legationskanzlist
+Hattensauer, während Herr Meding las, „er hat diese Depesche mitgebracht
+und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen.“
+
+Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende
+gelesen, zusammen; ein trauriges Lächeln spielte um seinen Mund.
+
+„Nun,“ rief Herr von Düring, „haben Sie irgend welches Licht in der
+Sache erhalten?“
+
+„Der König,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „findet meine
+Bemühungen für die Herstellung eines Comité de Patronage, da dasselbe
+auch für eine Colonie in Algerien wirken könne, nicht vereinbar mit
+seinen Beschlüssen, nach welchen er aus militairischen Gründen die
+Gründung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb,
+aus dem Comité auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz
+zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist
+übrigens,“ fuhr er fort, „abermals eine Antwort auf etwas durchaus
+Anderes, als ich geschrieben und außerdem von einer beinah unglaublichen
+Stylisirung und Logik.“
+
+„Unerhört!“ riefen die Officiere.
+
+„Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?“ fragte Herr von Düring.
+
+„Ganz gewiß,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „ich stehe noch im
+Dienste des Königs und muß seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, daß sie
+mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin
+Nichts ändern, die Verantwortung für ihr Schicksal trifft mich nicht.“
+
+„Ich habe auch noch Briefe für Herrn von Düring und für Herrn von
+Tschirschnitz,“ sagte Hattensauer, indem er sich demüthig gebeugt den
+beiden Herren näherte und jedem ein Schreiben übergab, welches dieselben
+schnell öffneten und durchflogen.
+
+„Ich bin nach Bern verbannt,“ sagte Herr von Düring.
+
+„Und ich nach Basel!“ rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. „Die
+Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing für die
+Gebieter der Welt zu halten.“
+
+„Haben Sie Nichts für mich?“ rief Herr von Mengersen, zu Herrn
+Hattensauer sich wendend, „vielleicht hat man mich nach Sibirien
+verbannt.“
+
+„Nun, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „so müssen wir
+denn die Hannoveraner ihrem Schicksal überlassen, ich werde noch das
+Möglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen.
+Jedenfalls haben wir für sie gethan, was in unsern Kräften stand. Und
+nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir können
+sagen: ‚Finita la commedia‘. Morgen wollen wir überlegen, was weiter zu
+thun ist, und,“ sagte er lächelnd zu Herrn von Düring und Herrn von
+Tschirschnitz, „unsere Reisevorbereitungen treffen.“
+
+
+
+
+Zweites Capitel
+
+
+Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des
+Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet.
+
+Der Graf saß in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurückgelehnt,
+die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im
+Militairüberrock, — die Züge seines Gesichts waren stärker geworden und
+drückten noch mehr als früher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das
+Haar an seinen Schläfen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und
+mehr weiß gefärbt, ohne daß dadurch sein Gesicht älter erschien, — der
+frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und
+drohend, bald tief und gemüthvoll blickten, gab seiner ganzen
+Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit.
+
+Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand,
+der Legationsrath Bucher.
+
+Sein kränkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden
+kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf
+vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck
+gegenüber fast winzig erschien, — seine etwas gebückte Haltung, — das
+Alles gab der Erscheinung dieses merkwürdigen Mannes, der früher seiner
+politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das
+Vertrauen des großen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten
+gewußt hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus
+eines Bureaukraten und eines Professors.
+
+„Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen,“ fragte der Graf — ‚l'oeuvre
+de Monsieur de Bismarck‘ — es wird in Paris viel besprochen —“
+
+„Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen,“ bemerkte
+der Legationsrath, „es enthält viel Interessantes und manche sehr
+bemerkenswerthe Zeugnisse über das, was Herr Vilbort während des Krieges
+von 1866 selbst gesehen und erlebt hat. — Ob freilich Alles das wahr ist,
+was Vilbort über die Aeußerungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm
+selbst gegenüber gemacht haben, das müssen Sie selbst besser beurteilen
+können, als ich —“
+
+„Im Allgemeinen,“ sagte Graf Bismarck, „so weit ich das Buch zu
+durchblättern Zeit gefunden habe, — giebt er meine Aeußerungen richtig
+wieder, — und das ist schon sehr viel. — So oft man mit einem Journalisten
+spricht, muß man sich gefallen lassen, daß er Alles, was man gesagt oder
+nicht gesagt hat, wiedererzählt, wie er es aufgefaßt hat, — oder wie er
+es aufgefaßt zu sehen wünscht, — das hindert mich übrigens nicht,“ fuhr
+er fort, „mich ganz freimüthig und offen gegen diese Herren
+auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen; — ich
+halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem
+Berge, — die ängstliche Geheimnißkrämerei der alten Diplomatie hat keinen
+Sinn mehr in unserer Zeit, — freilich muß ich dann auch die öffentliche
+Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und, — Gott sei
+Dank, — dafür habe ich ganz gesunde Nerven.“
+
+„Herr Vilbort,“ sagte der Legationsrath Bucher, „scheint mir durch die
+Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenüber ausgesprochen
+haben, etwas eitel geworden zu sein; — er hält sich für einen
+Geschichtschreiber, — und das ist er in der That nicht, — auch geht durch
+sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern über den Krieg, der
+doch, da die Conflicte einmal unlösbar geworden, eine Nothwendigkeit
+war.“
+
+„Diese Richtung des Buches,“ fiel Graf Bismarck ein, „das jedenfalls in
+Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten
+unangenehm, — die Franzosen können in der That eine Warnung vor den
+traurigen Folgen eines großen Krieges brauchen, — es scheint, daß dort
+wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und daß man die Geister für einen
+Krieg vorbereitet, für den Fall, daß man der inneren Schwierigkeiten
+nicht Herr werden sollte.“
+
+„Glauben Eure Excellenz wirklich,“ fragte der Legationsrath, „daß man in
+Paris ernstlich an einen Krieg denken könnte, — gerade jetzt in dem
+Augenblicke, in welchem die Zügel des persönlichen Regiments gelockert
+sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens,
+Minister geworden ist?“
+
+„Die Berichte aus Paris,“ sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken,
+„sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung, — ich glaube
+auch, daß der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden
+sehnt, — schon um persönlich Ruhe zu haben, — aber Alles,“ fuhr er fort,
+„was dort geschieht, kann zu irgend einem plötzlichen Ausbruch führen,
+auf den wir heute mehr als je gefaßt sein müssen.
+
+„Sehen Sie,“ sprach er nach kurzem Nachdenken, während er die Augen
+sinnend emporschlug, „dieser unglückliche Pistolenschuß, der Victor Noir
+tödtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung
+Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles
+bricht über das Kaiserreich herein, — das ist ein furchtbares
+Verhängniß, — und das constitutionelle Regiment kann die immer höher
+aufwallenden Wogen nicht beschwören. Die Coterie des Krieges, welche
+durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder
+herstellen will, gewinnt an Boden, — der Kaiser ist schwach, — wird man
+ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeußerste zu wagen, um den
+festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm täglich mehr unter den Füßen
+verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwäche, denn die
+Schwäche ist tollkühner als die Kraft.
+
+„Für uns,“ fuhr der Graf fort, „ist der Krieg um so weniger zu fürchten,
+je mehr die innere Kraft Frankreichs täglich zersetzt wird, — aber der
+arme Kaiser thut mir leid, — es ist doch eine groß angelegte und im
+Grunde gute Natur, — und für Europa ist das Kaiserreich eine
+Wohlthat, — denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gährenden Elemente
+in Frankreich wieder entfesselt würden!
+
+„Man hat mir da,“ fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem
+Schreibtisch nahm, „einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in welchem
+dieser thätige Agent der Internationale und Secretair von Carl Marx
+in London dem Comité in Genf auseinandersetzt, daß die Zeit
+gekommen sei, in welcher der action sécrète et souterraine die
+allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen müsse.
+Merkwürdigerweise,“ sagte er, einen Blick in das Schriftstück werfend,
+„will Dupont den Ausgangspunkt dieser großen Revolution nach England
+verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei.“
+
+„England sei das einzige Land,“ fuhr er fort, „in welchem eine wirkliche
+socialistische Revolution gemacht werden könnte, das englische Volk aber
+könne diese Revolution nicht machen, Fremde müßten sie ihm machen und
+der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland.“
+
+Der Legationsrath Bucher lächelte. „Das sind Träumereien,“ sagte er,
+„wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen
+Resultaten zu führen.“
+
+„Die Ideen dieses Dupont sind Träumereien, — das ist ganz richtig,“ fiel
+Graf Bismarck ein, — „aber in Frankreich ist die Sache ernster, — dort
+haben die gemäßigten Mitglieder der Internationale vollständig die
+Führung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die
+Arbeiterbevölkerung, — bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune
+proclamirt werden. — Das Alles gährt um den Kaiser herauf und kann ihn
+eines Tages dazu drängen, einen Verzweiflungscoup zu machen; — wir müssen
+von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefaßt sein.“
+
+„Die Elemente der Gährung,“ sagte der Legationsrath, „von denen Eure
+Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern
+erfüllen die ganze Welt, — auch unter den deutschen Arbeitern macht die
+Internationale Fortschritte, — ich glaube, daß die Regierungen zu dieser
+Frage Stellung nehmen müssen.“
+
+„Das sagt mir auch Wagner,“ rief Graf Bismarck, — „aber welche Stellung
+soll man dazu nehmen? — Die alten Parteibildungen beginnen sich zu
+zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den
+neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten, — und
+gerade dieser socialen Frage gegenüber müßte doch die Regierung sich auf
+eine im Volke selbst wurzelnde Partei stützen. — Das wäre eine Aufgabe
+für die Conservativen,“ sagte er sinnend, — „aber leider verlieren gerade
+diese sich immer mehr in unmögliche und unpraktische Theorien.“
+
+„Nun,“ fuhr er fort, — „wir müssen darüber nachdenken, — jetzt will ich
+ein wenig hören, was die auswärtige Politik macht.“
+
+Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und
+dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurück.
+
+„Ist Jemand im Vorzimmer?“ fragte Graf Bismarck den Kammerdiener,
+welcher auf seinen starken Glockenzug erschien.
+
+„Der englische Botschafter, Excellenz.“
+
+„Ich lasse bitten.“
+
+Der Minister-Präsident erhob sich und machte einige Schritte nach der
+Thür, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestät
+der Königin Victoria am preußischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde,
+in das Cabinet trat.
+
+Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen
+Gesichtszügen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Würde
+und Zurückhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des
+Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preußischen
+Minister-Präsidenten gegenüber vor den großen Schreibtisch in der Mitte
+des geräumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen
+gleichgültigen Begrüßungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach
+einem kurzen Räuspern:
+
+„Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestät darauf
+bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle
+Ursachen des Mißtrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem
+Frieden Europas gefährlich werden könnten.“
+
+Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine große
+Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte
+er im höflichsten Ton einer gleichgültigen Conversation:
+
+„Die Regierung Ihrer Majestät ist in diesem Bestreben vollkommen von
+denselben Wünschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl,
+wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue
+mich, von Neuem zu constatiren, daß gerade durch diese allseitigen
+Wünsche die beste Garantie für die Erhaltung des europäischen Friedens
+gewährt wird.“
+
+Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt.
+
+„Die guten Wünsche aller europäischen Regierungen,“ sagte er, „sind
+gewiß eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen,“ fuhr er
+ein wenig zögernd fort, „um eine wirklich praktische und vor allen
+Dingen dauernde Basis für die internationale Ruhe und Stabilität zu
+schaffen, wird es vor Allem noch nöthig sein, concrete Gründe
+gegenseitigen Mißtrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen.“
+
+„Ich wüßte in der That nicht,“ sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie
+erstaunt anblickend, „daß in diesem Augenblick irgend welche Fragen
+beständen, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu
+bringen vermöchten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie
+versichern, daß wir wenigstens mit keinem europäischen Cabinet in
+Erörterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte berühren.“
+
+„Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin,“ erwiderte Lord Loftus,
+„auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwärtig zur
+Erörterung ständen und zu Differenzen führen könnten, ich dachte
+vielmehr an thatsächliche Verhältnisse, welche vielleicht weniger ein
+Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Mißtrauens sind und deren
+Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas
+liegen möchte.“
+
+„Und welche thatsächliche Verhältnisse meinen Sie?“ fragte Graf Bismarck
+mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem
+scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick.
+
+„Es ist eine Thatsache,“ sprach Lord Loftus weiter, „welche offen vor
+Europa da liegt, daß die französische Regierung in den letzten Jahren
+ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine
+außergewöhnliche Höhe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt,
+und Sie werden mir zugeben, daß es eine gewisse Besorgniß und
+Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europäischen
+Mächte bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüber stehen sieht.“
+
+„Es liegt ja aber,“ fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast
+gleichgültigen Ton ein, „zwischen Frankreich und uns durchaus keine
+Veranlassung zu irgend welchen Mißverständnissen vor; im Gegentheil kann
+ich Sie versichern, daß unsere Beziehungen zu Paris die besten und
+freundlichsten sind.“
+
+„Und doch stehen Sie sich,“ bemerkte Lord Loftus, „mit so übermäßig
+angespannten Militairkräften gegenüber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag
+den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen hätten. Dieser
+Zustand,“ fuhr er etwas lebhafter fort, „wenn er auch den Frieden nicht
+unmittelbar gefährdet, läßt doch Europa nicht zu sicherem Bewußtsein der
+Ruhe kommen, und ich glaube, daß besser als alle diplomatischen
+Versicherungen eine ernste und nachdrückliche Reducirung der unter den
+Waffen stehenden militairischen Streitkräfte alle die unruhigen
+Besorgnisse zerstreuen würde, welche angesichts des gegenwärtigen
+Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschäftswelt erfüllen, — wenn
+die Armeen Frankreichs und Preußens sich nicht mehr in voller
+Kriegsrüstung gegenüber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen
+können, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm
+lastet.“
+
+Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Züge nahmen einen ernsten
+Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und
+durchdringend auf den Botschafter und sagte dann:
+
+„Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben
+berührten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur
+Sprache zu bringen?“
+
+„Ich habe nicht den Auftrag,“ erwiderte der Lord, „bestimmte Anträge zu
+stellen, bestimmt formulirte Wünsche auszusprechen, — doch bin ich
+allerdings veranlaßt, die allgemeine Besorgniß, welche die
+militairischen Rüstungen in Frankreich und Deutschland der Regierung
+Ihrer Majestät einflößen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem
+Gedanken Ausdruck zu geben, daß Sie sowohl als die französische
+Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen großen Dienst leisten
+würden, wenn Sie sich geneigt finden ließen, im gleichen Verhältniß die
+unter den Waffen stehenden Streitkräfte zu reduciren und dadurch
+thatsächlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu
+erkennen zu geben. Würde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf
+diesen Ideengang einzugehen, so würde die Regierung Ihrer Majestät gern
+bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten
+Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Mächten eintreten zu
+lassen.“
+
+„Und wissen Sie,“ fragte Graf Bismarck, ohne daß ein Zug seines
+Gesichtes sich veränderte, „ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so
+eben auszusprechen die Güte haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenüber
+von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?“
+
+„Ich glaube, Ihnen mittheilen zu können,“ erwiderte Lord Loftus, „daß
+dies geschehen ist, und daß der Kaiser sich vollkommen bereit erklärt
+hat, seine kriegsbereiten Streitkräfte nach derselben Verhältnißzahl zu
+reduciren, welche von Ihnen angenommen werden möchte.“
+
+Ein feines, fast unmerkliches Lächeln flog über das Gesicht des Grafen
+Bismarck.
+
+„Es würde dann immer die Frage sein,“ sagte er in leichtem Ton, „wer
+denn mit der Abrüstung anzufangen hätte — und wer dieselbe controliren
+könnte, Fragen, an denen oft schon ähnliche Verhandlungen gescheitert
+sind, — doch,“ fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort,
+„ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie würde keine practische
+Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste
+erklären muß, daß ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in
+der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu können, und ich würde es
+bedauern, wenn ich in die Lage käme, der Regierung Ihrer Majestät auf
+eine directe Aeußerung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort
+geben zu müssen.“
+
+„So halten Sie es dennoch für möglich,“ fragte Lord Loftus, ein wenig
+erstaunt über diese so klare und bestimmte Erklärung, „daß aus den
+Fragen, welche gegenwärtig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher
+Richtung hin ein ernster Conflict entstehen könnte, der die Erhaltung
+einer solchen Waffenrüstung für Frankreich und für Preußen nöthig
+macht?“
+
+„Was Frankreich betrifft,“ erwiderte Graf Bismarck, „so habe ich darüber
+kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhältnissen
+gegenüber und mit Rücksicht auf seine sonstigen europäischen
+Beziehungen seine militairischen Streitkräfte vermindern zu können, so
+mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine
+Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich würde ihm
+indessen auf einem solchen Wege nicht folgen können, denn die größere
+oder geringere Stärke der preußischen Militairmacht beruht nicht in
+dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist
+eine Grundlage des preußischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen
+Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt
+werden. Ich bin aber von vorn herein überzeugt,“ fuhr er fort, „daß der
+König, mein allergnädigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja
+jede Erörterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen würde und
+ablehnen müßte. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche
+Verminderung der disponiblen Streitkräfte zu erreichen, müßte man die
+ganze Militairorganisation Preußens und des Norddeutschen Bundes ändern.
+Das ist schon verfassungsmäßig schwierig, ja beinahe unausführbar.
+Außerdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage,
+den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten muß, die preußische
+Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu
+gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist
+eine Art von hoher Schule für alle Klassen der Bevölkerung, eine Schule,
+in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfüllung
+lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung für den König
+und für das Land, in welcher der Patriotismus gekräftigt und zu vollem
+klarem Bewußtsein gebracht wird. Man könnte also die Wehrverfassung
+nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und
+der nationalen Einigkeit großen Schaden zu thun, ohne die Ueberzeugung
+des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der
+damit zusammenhängenden Stärke der Armee die beste Bürgschaft für die
+Sicherheit und Größe Preußens erblickt. Sie müssen begreifen, mein
+theurer Lord,“ fuhr er fort, „daß alle diese Gesichtspunkte es mir
+unmöglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu
+discutiren; — so lange ich Minister bin, würde ich eine solche Idee dem
+Könige nicht vorschlagen können, und jede weitere Erörterung des
+Gegenstandes würde zu gar keinem Resultat führen. Ich glaube, es ist der
+beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der größte Beweis
+aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestät, wenn
+ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen
+angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen
+gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch
+Ihrer Regierung keinen Zweifel über dieselbe zu lassen.“
+
+Lord Loftus verneigte sich und sprach:
+
+„Ich erkenne vollkommen das Gewicht der Gründe an, welche Sie mir
+angeben und werde dieselben dem auswärtigen Amt zur Kenntniß bringen.
+Ich bedaure,“ fuhr er fort, „daß Ihre Mittheilungen mich von der
+Unmöglichkeit überzeugt haben, den auf Europa lastenden Zustand
+ängstlicher Besorgniß durch ein einfaches Mittel zu beseitigen.“
+
+„Ich begreife nicht, mein lieber Lord,“ sagte Graf Bismarck, „warum Sie
+von Kriegsbesorgnissen sprechen? Ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich
+keine Frage sehe, welche dazu Veranlassung bieten könnte; — wenn einige
+chauvinistische Blätter in Frankreich nicht aufhören, die Welt von Zeit
+zu Zeit zu beunruhigen, so kann das doch keinen Einfluß auf die
+Cabinette der Großmächte haben. Mag sich die Börse hin und wieder
+darüber erschrecken, wir sollten uns dadurch doch in der That keinen
+Augenblick aus der Ruhe bringen lassen. Vor Allem,“ fuhr er mit
+volltönender Stimme fort, „können derartige auf keinen concreten
+Gründen beruhende Besorgnisse niemals der Grund sein, daß eine mit dem
+Ausbau ihrer innern Angelegenheiten beschäftigte, alle Verträge
+respectirende und mit aller Welt im Frieden lebende Macht ihre
+langjährige und bewährte Militairverfassung ändern sollte, eine
+Militairverfassung, auf welcher die Sicherheit beruht, die friedliche
+und selbstständige innere Entwickelung nöthigenfalls gegen jede Störung
+schützen zu können.“
+
+„Apropos, haben Sie Nachricht vom König Georg?“ fragte Graf Bismarck,
+als Lord Loftus sich erhob, um sich zu verschieden. „Man theilt mir mit,
+daß er diese unglückliche Legion in Frankreich, welche ihm so viel Geld
+kostet, und welche doch in der That sehr wenig geeignet ist, um Hannover
+wieder von uns zu erobern, jetzt auseinander schickt. Mir thun die armen
+Leute leid, welche durch dies ganze abenteuerliche Unternehmen ihrem
+Vaterlande und ihren Familien entzogen sind.“
+
+„Wenn der König seinen Widerstand aufgiebt,“ sagte Lord Loftus, „sollte
+es dann nicht möglich sein, ihm den Genuß seines Vermögens wieder zu
+geben, welches ihm entzogen ist? Ich weiß, daß der Herzog von Cambridge
+als nächster Agnat sehr viel Antheil an dieser Angelegenheit nimmt, und
+es wäre in der That erwünscht, wenn sie in befriedigender Weise geordnet
+werden könnte.“
+
+„Niemand wünscht das lebhafter als ich,“ rief Graf Bismarck, „wir haben
+im Interesse der Sicherheit Preußens dem Könige sein Land nehmen müssen,
+aber sowohl mein allergnädigster Herr wie ich selbst wünschen gewiß auf
+das Dringendste, daß dem alten, hochberühmten und edlen Welfenhause auch
+in seiner hannöverschen Linie für die Zukunft eine große und würdige
+Existenz gesichert bleibe. Aber,“ fuhr er fort, „wenn der König einfach
+seine Legion entläßt, weil er sie nicht bezahlen kann, ohne mit seinen
+übrigen Agitationen aufzuhören, ohne den Frieden mit uns zu machen, so
+können wir ihm doch wahrlich nicht die Mittel dazu in die Hände geben.
+Ich muß bekennen, daß mir diese Legion weniger beachtungswerth
+erschienen ist, als andere Agitationen des Königs, welche sich der
+Oeffentlichkeit mehr entziehen und für welche ich,“ sagte er mit
+entschiedener Betonung, „niemals die Mittel zur Verfügung stellen kann.
+Will sich der König in die Notwendigkeit der Verhältnisse fügen, will er
+mit uns Frieden schließen, so wird er dafür gewiß das bereitere
+Entgegenkommen finden, und wenn der Herzog von Cambridge sich dafür
+interessirt, so wird er dem König Georg und dessen ganzem Hause gewiß
+den besten Dienst leisten, wenn er seinen Einfluß anwendet, um ihn zu
+einem definitiven und aufrichtigen Frieden zu veranlassen.“
+
+„Ich werde,“ sagte Lord Loftus, „wenn sich mir die Gelegenheit bietet,
+versuchen, in diesem Sinne zu wirken, — ich glaube, daß der Herzog von
+Cambridge gern die Hand dazu bieten wird, doch ob mit Erfolg, das
+scheint mir bei dem Charakter des Königs zweifelhaft. Jedenfalls ist
+meine ganze Thätigkeit in dieser Angelegenheit eine ausschließlich
+private, hervorgehend aus dem natürlichen Interesse, welches ich für den
+erlauchten Vetter meiner Königin hege; als Vertreter der englischen
+Regierung habe ich mit der ganzen Angelegenheit nicht das Geringste zu
+thun.“
+
+Er erwiderte mit einer etwas steifen Verbeugung den Händedruck des
+Grafen Bismarck, welcher ihn nach der Thür hin begleitete, und verließ
+das Cabinet.
+
+In dem großen Vorsaal saß in einem Lehnstuhl die schmächtige, magere
+Gestalt des Grafen Benedetti mit dem bleichen, fein geschnittenen
+Gesicht, dessen Züge trotz der listigen Intelligenz, welche in ihnen
+lag, dennoch niemals einen bestimmten Ausdruck erkennen ließen.
+
+Der Graf erhob sich und begrüßte den englischen Collegen.
+
+„Nun,“ sagte er, „haben Sie Ihre Entwaffnungstheorie discutirt, über
+welche wir gestern sprachen, und von welcher ich überzeugt bin, daß sie
+in Paris das bereitwilligste Entgegenkommen finden wird?“
+
+„Ich habe darüber gesprochen,“ erwiderte Lord Loftus.
+
+„Und?“ fragte Benedetti.
+
+„Jede Discussion darüber ist auf das Bestimmteste abgelehnt, man wird
+das in London sehr bedauern, obgleich die Gründe dafür nicht ohne
+Berechtigung sind.“
+
+In den kalten klaren Augen Benedetti's erschien ein leichter Schimmer
+von Befriedigung, er schlug jedoch sogleich den Blick zu Boden und sagte
+mit ruhigem, fast ausdruckslosem Ton:
+
+„Wenn die Welt sich wegen der militairischen Rüstungen in Frankreich und
+Deutschland beunruhigt, so wird man nun wenigstens wissen, daß wir es
+nicht sind, die es verweigern zur Beseitigung dieser Unruhe beizutragen,
+welche übrigens,“ fügte er hinzu, „nach meiner Auffassung ohne
+Begründung ist.“
+
+Der Kammerdiener des Grafen Bismarck näherte sich dem französischen
+Botschafter mit der Meldung, daß der Minister-Präsident bereit sei, ihn
+zu empfangen.
+
+Graf Benedetti verabschiedete sich von Lord Loftus und trat in das
+Cabinet.
+
+„Nun,“ sagte Graf Bismarck, nachdem er ihn mit offener Herzlichkeit
+begrüßt hatte, „es scheint, daß man in Europa an den Frieden nicht recht
+glauben will. Man möchte aller Welt die Waffen aus den Händen nehmen und
+sie in irgend einem großen Arsenal aufbewahren, damit nur ja kein
+Mißbrauch damit geschieht. Soeben hat mir Lord Loftus wieder von
+Entwaffnungsideen gesprochen, welche sich ganz wesentlich auf uns
+beziehen, — ich begreife das in der That nicht,“ fuhr er ernster fort,
+„glaubt man denn, daß zwei große Mächte nur dann im Frieden neben
+einander leben können, wenn sie Beide nicht die Macht haben, Krieg zu
+führen? Ich habe nach meiner Ansicht mehr Vertrauen zur Erhaltung des
+allgemeinen Friedens, wenn alle Mächte stark und kräftig sind, sobald
+sie nur den aufrichtigen Willen haben, in guten Beziehungen mit einander
+zu leben. Ich weiß nicht, wie man bei Ihnen über die Möglichkeit einer
+Reduction der Armee denkt, bei uns ist dies unmöglich, und ich glaube
+auch, man wird an unsere friedlichen Absichten ohne Einschränkung
+unserer Armee glauben.“
+
+„Ich theile gewiß vollkommen Ihre Ansicht,“ sagte Graf Benedetti, indem
+er dem Minister-Präsidenten gegenüber vor dem Schreibtisch Platz nahm,
+„und bin weit entfernt, in einer starken Militairmacht zweier verständig
+regierten Staaten eine Gefahr für den Frieden zu erblicken. Indeß,“ fuhr
+er fort, „könnte die Idee einer theilweisen Entwaffnung dennoch
+vielleicht der Beachtung nicht ganz unwürdig sein, wenn man durch eine
+solche Maßregel der öffentlichen Meinung und den übrigen Mächten neues
+Vertrauen in die Stabilität der europäischen Ruhe und Ordnung einflößen
+kann. Von diesem Gesichtspunkt aus ist, wie ich voraussetzen darf, der
+Kaiser nicht abgeneigt, eine Reduction der militairischen Kräfte in
+Erwägung zu ziehen, wobei außerdem noch eine wesentliche Erleichterung
+des Volkes in Betracht kommt, die für die innere Stellung der
+Regierungen nicht unwesentlich ist.“
+
+„Diese Rücksicht würde bei uns von keiner Bedeutung sein,“ sagte Graf
+Bismarck, „unsere Militair-Verfassung ist mit dem Volke verwachsen, und
+Niemand im Volk verlangt eine Erleichterung der auf allen Schultern
+gleich vertheilten militairischen Pflichten.“
+
+Graf Benedetti sah einen Augenblick zu Boden, dann schlug er den Blick
+mit einer fast naiven Offenheit zu dem preußischen Minister-Präsidenten
+auf und sprach:
+
+„Ich bin natürlich nicht in der Lage, die inneren Verhältnisse bei
+Ihnen so eingehend zu beurtheilen, wie Sie dazu im Stande sind, da ich
+nur als Fremder in dieselben hineinblicke, — aber doch verfolge ich Ihr
+öffentliches Leben mit vielem Interesse und glaube bemerkt zu haben, daß
+in den Parteien Ihrer Parlamente die Frage der militairischen Lasten
+nicht ganz gleichgültig behandelt zu werden scheint. Nach der Zahl der
+Mannschaften und nach den finanziellen Mitteln ist der Verfassung gemäß
+der Militairetat auf eine Periode von fünf Jahren festgesetzt, welche im
+nächsten Jahr zu Ende geht; nach den Stimmen der Presse,“ fuhr er fort,
+„und nach dem, was ich hier und da über die Stimmung der Abgeordneten
+gehört habe, scheint das Parlament, wenn ihm im nächsten Jahre das
+Kriegsbudget vorgelegt wird, sehr geneigt zu sein, wesentliche
+Reductionen zu beschließen, welche gewissermaßen einer theilweisen
+Entwaffnung gleich kommen würden. Wenn ich mich in der Beurtheilung der
+hiesigen Verhältnisse nicht täusche,“ sprach er weiter, während Graf
+Bismarck zuhörte und von Zeit zu Zeit die Fingerspitzen an einander
+schlug, — „so bedürfen Sie, um das richtige Gleichgewicht zwischen der
+Regierung und dem Parlament zu erhalten, der Uebereinstimmung mit allen
+gemäßigten Nuancen der conservativen und liberalen Parteien. Würde es
+da nicht vielleicht ein gutes und willkommenes Auskunftsmittel sein, die
+Rücksichten auf die inneren Verhältnisse und diejenigen auf die
+auswärtigen Beziehungen zu vereinen durch eine auf diplomatischer
+Uebereinkunft beruhende Armeereduction? Sie würden die europäischen
+Mächte, England an der Spitze, verpflichten, die öffentliche Meinung
+beruhigen und vielleicht einer Verlegenheit entgehen, welche immerhin
+erwachsen könnte, wenn im nächsten Jahr Ihr Parlament erhebliche
+Reductionen des Militairbudgets beschließen sollte.“
+
+„Diese Verlegenheit,“ sagte Graf Bismarck, „kann nicht eintreten, und
+die Rücksicht, sie zu vermeiden, kann auf meine Beschlüsse keinen
+Einfluß üben.“
+
+„So glauben Sie,“ sagte der Graf Benedetti, „der Zustimmung der
+Parlamentsmajorität für das Militairbudget auch im nächsten Jahr
+vollkommen sicher zu sein? Sie verzeihen,“ fügte er hinzu, „daß ich über
+Ihre inneren Angelegenheiten mit Ihnen spreche; aber Sie wissen, wie
+sehr ich mich für dieselben interessire, und Sie haben mir früher schon
+öfter erlaubt, mich durch die Unterhaltung mit Ihnen über diese
+Verhältnisse zu belehren.“
+
+„Unsere inneren Angelegenheiten,“ erwiderte Graf Bismarck, artig den
+Kopf neigend, „liegen ja offen da, und es ist mir immer erfreulich und
+kann nur zu immer größerer Klärung meiner eigenen Anschauung dienen,
+mich mit Ihnen über dieselben zu unterhalten. Sie fragten also,“ fuhr er
+fort, „ob ich der Zustimmung des Parlaments zum bisherigen
+Militairbudget im nächsten Jahre sicher sei? Darauf kann ich Ihnen nur
+antworten: das weiß ich nicht, denn parlamentarische Majoritäten sind
+Dinge, die sich nicht vorher berechnen lassen; doch mag dem sein, wie
+ihm wolle, eine Verlegenheit, wie Sie dieselbe vorher andeuteten, kann
+für mich nach dieser Richtung hin niemals entstehen. Wenn Sie unsere
+Verfassung genau studirt haben,“ sagte er mit einer kaum vernehmbaren
+Nuance von Ironie in seiner Stimme, „wie ich nach Ihren Bemerkungen
+voraussetze, so werden Sie gesehen haben, daß der Artikel 60 — nach der
+Festsetzung der Friedensstärke in der Armee bis zum 31. Dezember
+1871 — weiter bestimmt, daß für die Zukunft die Effectivstärke durch die
+Bundesgesetzgebung bestimmt werden soll. Wenn also, was ich nicht
+voraussetzen will, aber auch ebenso wenig für unmöglich erklären kann,
+der Norddeutsche Reichstag im nächsten Jahre das von den verbündeten
+Regierungen vorgelegte Militairbudget nicht annimmt, so ist eben ein
+neues Gesetz nicht zu Stande gekommen, und selbstverständlich gilt dann
+das bisher bestandene Gesetz so lange, bis früher oder später über das
+an seine Stelle zu setzende zwischen den Volksvertretern und den
+Regierungen eine Verständigung erzielt ist. Sie sehen also, daß ich um
+mein Militairbudget nicht in Verlegenheit kommen kann, und daß, wenn
+Diejenigen,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, indem seine
+Gesichtszüge plötzlich einen sehr ernsten, fast strengen Ausdruck
+annahmen, „welche sich außerhalb Deutschlands vielleicht veranlaßt
+finden möchten, eine Verminderung der Waffenmacht zu wünschen, die zur
+Vertheidigung Preußens und des Norddeutschen Bundes nöthig ist, sich auf
+gewisse parlamentarische Abneigungen gegen die Bewilligung des
+Militairetats glauben stützen zu können, — daß sie in solchen
+Voraussetzungen ihre Rechnung — ohne die Bundesverfassung und ohne mich
+gemacht haben.“
+
+Graf Benedetti verneigte sich.
+
+„Es ist mir erfreulich,“ sprach er, „Ihre Ansichten so bestimmt und klar
+ausgesprochen zu hören. Der ganze Gegenstand,“ fuhr er mit leichtem Ton
+fort, „ist ja eigentlich keine Frage zwischen uns, Frankreich und
+Preußen können ihre gegenseitige Stärke ohne jedes Mißtrauen ansehen, es
+wäre nur ein Entgegenkommen gewesen, welches wir gemeinsam den übrigen
+Mächten hätten zeigen können —“
+
+„Welche aber ihrerseits,“ fiel Graf Bismarck ein, „ebenfalls
+fortfahren, unausgesetzt zu rüsten und zwar in weit größerem Maßstabe,
+als wir, wie ein Blick auf Oesterreich und auf Italien zeigt. Ich
+glaube, es ist besser, ein für alle Mal diese ganze Frage der Rüstungen
+unerörtert zu lassen und den Frieden wesentlich auf den guten Glauben
+und das Vertrauen zu stützen, welches die Regierungen einander
+entgegentragen. Sie können mir,“ fuhr er fort, „wahrlich den Vorwurf
+nicht machen, daß ich es an solchem Vertrauen fehlen lasse, und daß ich,
+wenn irgend Etwas vorkommt, was die guten Beziehungen nach irgend einer
+oder der anderen Richtung zu verwirren im Stande wäre, nicht sogleich
+durch offenes Aussprechen die Gelegenheit zur Aufklärung und zur
+Beseitigung der Mißverständnisse gebe.“
+
+Ein leichter Ausdruck verschärfter Aufmerksamkeit wurde in dem Blick des
+Botschafters bemerkbar.
+
+„Ich freue mich,“ sagte er, „daß diese Beziehungen gegenseitiger
+Offenheit und Aufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Gerade dadurch ist
+es ja so oft schon möglich gewesen, manche Wolke zu zerstreuen, welche
+die so guten und befriedigenden Verhältnisse zwischen beiden Regierungen
+hätte trüben können. Gegenwärtig,“ sagte er mit leichtem Lächeln, „sind
+ja solche Wolken nach keiner Richtung hin vorhanden und —“
+
+„Ganz verschwinden sie niemals,“ fiel Graf Bismarck ein, „denn immer und
+immer wieder kommen von der einen oder der andern Seite her
+Mittheilungen, welche bei ängstlichen und mißtrauischen Naturen, zu
+denen ich nicht gehöre,“ sagte er sich verneigend, „Bedenken und Sorgen
+hervorrufen könnten.“
+
+Benedetti blickte ihn erstaunt und fragend an.
+
+„Schon vor längerer Zeit,“ sagte Graf Bismarck in ruhigem und fast
+gleichgültigem Ton, „habe ich Ihnen mitgetheilt, Herr von Usedom hätte
+uns verschiedene Umstände mitgetheilt, welche fast glauben lassen
+mußten, daß geheime Unterhandlungen zwischen Frankreich und Italien, bei
+welchen auch Oesterreich betheiligt sei, stattfänden.“
+
+„Ich habe damals Gelegenheit genommen,“ sagte Graf Benedetti schnell,
+„in Paris Erkundigungen einzuziehen und Ihnen die Versicherung gegeben,
+daß die Quelle, aus welcher Herr von Usedom jene Mittheilungen geschöpft
+hat, eine nicht zuverlässige gewesen sein müsse —“
+
+„Herr von Usedom hat seine Quelle nicht angegeben,“ fiel Graf Bismarck
+ein.
+
+„Jedenfalls,“ sagte Graf Benedetti, „war er unrichtig berichtet oder
+durch den Schein getäuscht und zu falschen Schlüssen veranlaßt worden.“
+
+„Es sind nun,“ sprach Graf Bismarck weiter, „in neuester Zeit wiederholt
+Winke an mich gekommen, daß abermals eine sehr lebhafte Negociation
+zwischen den Höfen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine
+Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu
+freundlichen Absichten haben könnte. Ich meinerseits,“ fuhr er fort,
+indem er Benedetti starr ansah und seine große Papierscheere mit der
+Hand rasch hin und her bewegte, „lege keinen besonderen Werth auf
+derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer
+Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb,“ sagte er mit Betonung,
+„weil ich eine Coalition niemals fürchten würde, welche sich der
+nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht
+hätte.“
+
+„Ich werde sogleich,“ sagte Benedetti eifrig, „nach Paris schreiben und
+mir bestimmte Aufklärung über diese Frage erbitten. Ich bin aber im
+Voraus fest überzeugt, daß die Gerüchte, welche zu Ihnen gedrungen sind,
+jetzt ebenso wenig wie damals Begründung haben, denn ich kenne zu genau
+den dringenden Wunsch des Kaisers, den europäischen Frieden zu erhalten
+und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Könige
+Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen.“
+
+„Ich habe Sie nicht darüber interpelliren wollen, mein lieber
+Botschafter,“ sagte Graf Bismarck, „ich kam auf die Sache nur durch
+unser Gespräch und durch die Aeußerungen, welche Lord Loftus mir vorher
+gemacht hat. Denn wenn,“ fuhr er fort, „ähnliche Winke, wie sie an mich
+gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit
+solchen Winken die ganz besondere Thätigkeit in Verbindung bringt,
+welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so würde in dieser
+Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von
+England aus so dringend wünscht, neue und concrete Garantieen für die
+Erhaltung des europäischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese
+Garantieen an falscher Stelle; doch,“ fuhr er abbrechend fort, „ich
+glaube, wir haben unsere Ideen über den Gegenstand ausgetauscht und
+stimmen nunmehr im Wesentlichen über denselben überein. Besser als durch
+die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle
+Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Gerüchte
+beitragen können, wie ich sie mir so eben zu erwähnen erlaubte.“
+
+„Ganz gewiß,“ sagte Benedetti. „Es ist merkwürdig,“ fuhr er dann fort,
+„wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte
+und ruhige Oberfläche der europäischen Politik kräuseln. Sie erwähnten
+so eben der Gerüchte über geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz
+und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen berührt haben,
+so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, daß, wie man mir aus Paris
+ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen
+worden sind über einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den
+spanischen Thron zu bringen, einen Plan, über welchen wir ebenfalls
+früher bereits gesprochen haben und welcher, wenn er wirklich bestehen
+sollte, ebenfalls geeignet wäre, eine gewisse Beunruhigung
+hervorzurufen.“
+
+Graf Bismarck sah den Botschafter groß und erstaunt an.
+
+„Ich habe neuerdings,“ sagte er, „Nichts wieder von dieser Idee gehört,
+welche mir, wie ich Ihnen bereits früher bemerkt habe, im Ganzen ein
+wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die
+Ansicht, daß die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr
+kurzer Dauer sein würde und daß sie ihn großen Gefahren und Täuschungen
+aussetzen müßte. Ich bin fest überzeugt, daß der König, wenn die Sache
+jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewiß nicht den Rath geben
+würde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm
+denselben antragen sollten. Ich weiß auch, daß der Vater des Prinzen,
+der Fürst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er weiß,“ fügte er
+lächelnd hinzu, „durch die Erfahrung, die er mit dem Fürsten Karl von
+Rumänien gemacht hat, daß die Souverainetät zuweilen theuer werden
+kann.“
+
+„Der Prinz Leopold,“ sagte Benedetti in gleichgültig hingeworfenem Ton,
+indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, „würde
+ja auch übrigens, selbst wenn ein Beschluß der Cortes ihm die spanische
+Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubniß
+des Königs annehmen können, da der König als Chef des Hauses bei den
+Entschlüssen des Prinzen die letzte Entscheidung hat.“
+
+„Das ist nicht der Fall,“ sagte Graf Bismarck, „der Prinz würde in
+letzter Linie in seinen Entschlüssen doch nur von seinem Vater abhängen,
+und der König würde sich gewiß enthalten, einen bestimmenden Einfluß
+ausüben zu wollen, — ganz gewiß aber wird er, wie ich wiederholen muß,
+nach meiner Ueberzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so
+gefährliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube übrigens
+kaum,“ fuhr er fort, „daß man so bald zur Wahl eines Königs in Spanien
+gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwärtig die Macht in Händen
+halten, — vielleicht Prim noch mehr als Serrano — werden kaum wünschen,
+durch die definitive Wahl eines Königs dem gegenwärtigen Zustand, bei
+welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze
+Sache hat nach meiner Ueberzeugung gar keine practische Bedeutung. Man
+hat ja früher schon,“ fuhr er im leichten, gleichgültigen Ton fort, „den
+Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung
+gebracht, vielleicht wäre dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und
+ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer
+zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein möchte. Aber alle
+diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen
+eigentlichen Bestand zu haben.“
+
+„Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwähnt,“ sagte Benedetti,
+„weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren,
+zu denen auch die vorhin von Ihnen erwähnte österreichisch-italienische
+Negociation gehört.“
+
+Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann
+neigte er mit höflicher Zustimmung den Kopf.
+
+„Ich freue mich also von Neuem constatiren zu können,“ sagte Benedetti,
+indem er aufstand, „daß in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt
+existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgniß Veranlassung geben könnte,
+und man wird sich,“ fügte er lächelnd hinzu, „in London wohl überzeugen,
+daß auch ohne Entwaffnung zwei große Mächte in Frieden und Freundschaft
+neben einander leben können.“
+
+„Das bewaffnete Deutschland,“ sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti
+einige Schritte zur Thür geleitete, „ist wenigstens für Niemand eine
+Drohung — als für Diejenigen, welche sich seiner naturgemäßen freien und
+nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen möchten.“
+
+Benedetti verneigte sich, drückte die dargebotene Hand des
+Minister-Präsidenten und ging hinaus.
+
+Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder.
+
+„Es ist etwas im Werk,“ sagte er, — „dieser englische
+Entwaffnungsvorschlag beweist, daß man in London der Ruhe nicht traut,
+man muß dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einflößen,
+und diese erneuete Erwähnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer
+Sache, die ich längst vergessen habe und deren flüchtigem und
+vorübergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste
+Bedeutung beilegen mochte — diese Mittheilungen über die geheime
+Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft
+gegriffen sein können, — es scheint, daß da wieder irgend einer jener
+verborgenen Schachzüge im Werke ist, denen ich mich seit 1866
+unausgesetzt gegenüber befinde. Nun,“ sagte er, die Brust weit
+ausdehnend, „mögen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden
+diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr führen, als bisher. In
+Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschließen, die einzige
+Stütze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser
+Napoleon, der immer älter wird, möchte mit jedem Jahre immer weniger
+geneigt sein, sich den gefährlichen Chancen eines Krieges auszusetzen,
+den wir, wenn er einmal entbrannt ist,“ fügte er mit dem Ausdruck
+eiserner Entschlossenheit hinzu, „bis auf's Messer würden führen müssen.
+Freilich,“ sagte er dann nachsinnend, „je schwächer und willenloser er
+wird, um so leichter möchte es vielleicht der kriegerischen Coterie
+werden, ihn in eine unüberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die
+Schwäche des Alters könnte bei ihm zu demselben Resultat führen, das bei
+Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,“
+sagte er mit ruhigem Ton, „ich arbeite mit aller Macht daran, den
+Frieden zu erhalten — wenn es aber nicht möglich sein sollte — wir sind
+gerüstet und können jeder Eventualität mit dem ruhigen Bewußtsein
+entgegensehen, daß wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren
+zu begegnen. Leider, leider,“ sagte er nach einer Pause, „kann ich noch
+immer nicht dahin kommen, klar und genau zu übersehen, was unter dieser
+glatten Oberfläche der französischen Politik in den Tiefen gebraut und
+vorbereitet wird, — wie traurig, daß man nicht überall selbst sein kann
+und daß man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden
+Ohren zu hören.“
+
+Der Kammerdiener trat ein und überreichte dem Grafen ein Billet.
+
+„Ein Herr wünscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er
+behauptet, daß Eure Excellenz ihn anhören würden, wenn Sie seinen Brief
+gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu überreichen.“
+
+Graf Bismarck öffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die
+wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentümliches
+Lächeln um seine Lippen und er sagte:
+
+„Führen Sie den Herrn herein.“
+
+„Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes,“ sprach er
+halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen
+war, „hat mir einen Brief des Marschall Prim zu übergeben? Der Name ist
+mir vollkommen unbekannt, — es muß eine ganz besondere Angelegenheit
+sein, daß der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der
+spanischen Gesandtschaft wendet.“ —
+
+Die Thür öffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Höflichkeit, aber
+in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann
+entgegen, dessen regelmäßiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und
+schwarzen lebhaften Augen den Typus der Südländer trug.
+
+Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen
+versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks.
+
+„Der Marschall Prim,“ sagte er in französischer Sprache, „hat mir den
+ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu
+überreichen.“
+
+Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, ließ
+einen flüchtigen Blick über das Siegel und die Aufschrift gleiten und
+deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.
+
+„Sie erlauben,“ sagte er, indem er sich niederließ, — er öffnete das
+Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne daß in seinem Gesicht
+eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte.
+Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah
+einen Augenblick den ihm gegenüber sitzenden jungen Mann scharf an.
+
+„Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?“
+fragte er.
+
+„Der Marschall hat die Güte gehabt, mir denselben mitzutheilen,“
+erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. „Er hat geglaubt, in dieser
+delicaten Angelegenheit sich zunächst ganz persönlich an Eure Excellenz
+wenden zu müssen, um Ihre ebenfalls persönliche Ansicht zu hören, bevor
+in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist
+überzeugt,“ fuhr er fort, während Graf Bismarck ruhig und unbeweglich
+zuhörte, „daß der Abschluß der Revolution, in welcher sich Spanien
+gegenwärtig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie
+möglich ist und zwar unter einem Könige, welcher durch jugendliche
+Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu überwinden im
+Stande ist und welcher zugleich durch seine persönliche Stellung die
+Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit
+irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen
+Prätendenten zusammenhängenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu
+stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fürsten, der alle
+diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von
+Hohenzollern zu finden und würde diese Combination um so lieber zur
+Ausführung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er für
+Deutschland, für den König Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie
+der Wunsch mit Preußen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen
+zu stehen, thatsächlichen Ausdruck fände. Der Marschall glaubt, daß es
+leicht sein würde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen.
+Doch wünscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht
+die Ueberzeugung gewonnen hat, daß Eure Excellenz diesen Plan billigen
+und daß der König demselben seine Zustimmung geben würde.“
+
+Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.
+
+„Es ist eine eigenthümliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein
+Herr,“ sagte er dann. „Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des
+Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser
+Frage veranlassen, jedoch muß ich aufrichtig gestehen, daß ich um die
+Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll für meine Nation
+sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fürsten vertrauungsvoll
+die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indeß wird es mir
+sehr schwer, darüber namentlich in dem gegenwärtigen Stadium der Sache
+irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunächst würde doch der
+Entschluß und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie maßgebend
+sein. So schmeichelhaft nun auch für diesen Prinzen ein solcher Auftrag
+sein muß, so werden Sie mir doch auch zugeben, daß er durch ein Eingehen
+auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere
+Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich möglicher Weise großen
+Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine
+Sache, und es würde unter Umständen darüber von Ihnen mit dem Prinzen
+direct verhandelt werden müssen.“
+
+„Der Marschall wünscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und
+des Königs Ansicht darüber zu wissen.“
+
+„Was zunächst die meinige betrifft, so muß ich Ihnen aufrichtig sagen,
+daß ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum
+beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter
+Charakter — würde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone
+Spaniens anzunehmen. So bin ich fest überzeugt, daß er von dem
+Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation
+identificiren und daß es sein aufrichtiges Bestreben sein würde, ganz
+und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen würde kaum auf die
+Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland, — von denen ich ebenso wie
+der Marschall wünsche, daß sie stets die freundschaftlichsten und besten
+bleiben mögen — irgend welchen Einfluß üben können. Ich würde also auch
+kaum in der Lage mich befinden, als preußischer Minister dem Prinzen
+irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben —
+
+Wenn ich nun schon,“ fuhr er fort, „mir eine absolute Zurückhaltung
+auflegen zu müssen glaube, so scheint es mir, daß Seine Majestät der
+König, mein allergnädigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf
+die Entschlüsse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine
+Majestät ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses
+Hohenzollern, indeß ist Prinz Leopold nicht preußischer Prinz und mit
+der königlichen Familie nicht verwandt, in rein persönlichen
+Angelegenheiten würde also der König zunächst dem Prinzen und dessen
+Vater die völlig freie Entscheidung überlassen müssen. Wenn Seine
+Majestät daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben würde,
+etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden
+spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestät doch noch
+viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs-
+und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im
+Stande, im gegenwärtigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Könige
+vorzulegen, — würde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den
+Prinzen durch eine spanische Autorität herantreten, so würde es immer
+die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschlüsse
+Seiner Majestät zu unterbreiten und des Königs Meinung darüber
+einzuholen.“
+
+„Eure Excellenz,“ sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige
+und bestimmte Erklärung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrückt zu
+sein schien, „würden also der Idee des Marschalls persönlich Nichts
+entgegen zu setzen haben?“
+
+„Wie könnte ich das!“ erwiderte Graf Bismarck, — „es kann ja nur, wie
+ich wiederhole, ehrenvoll für Deutschland und für das Haus Hohenzollern
+sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem
+König erwählt. Politische Gründe _dagegen_,“ fuhr er fort, „kann ich als
+preußischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls
+bestimmt wiederholen muß, mich irgend wie _dafür_ auszusprechen im
+Stande bin. Doch bin ich,“ fuhr er fort, „dem Marschall sehr dankbar für
+das persönliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner
+Idee zu beweisen die Güte gehabt hat.“
+
+Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespräch nicht für
+beendet ansehen zu wollen.
+
+„Würden Eure Excellenz die Güte haben,“ sprach er, „Ihre Ansicht über
+die Sache — Ihre persönliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines
+Schreibens mitzutheilen?“
+
+Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der
+vor ihm auf dem Tische lag.
+
+„Ich glaube,“ sagte er, „daß ich mich deutlich und klar ausgesprochen
+habe, und Sie werden gewiß die Güte haben, dem Marschall meine Worte zu
+wiederholen.“
+
+„Ich glaube, Eurer Excellenz Erklärung genau und richtig aufgefaßt zu
+haben,“ erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, „doch bin ich überzeugt, daß
+der Marschall besonderen Werth darauf legen würde, meine Mittheilungen
+durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestätigt zu
+sehen.“
+
+Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach.
+
+„Sie werden begreifen,“ sagte er, „daß eine gewisse Schwierigkeit für
+mich darin liegt, mich über eine Angelegenheit, welche, wie ich zu
+bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preußens
+und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen,
+welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller
+Bedeutung beigelegt werden könnte. Jedenfalls müßte ich die Sache nach
+allen Richtungen hin noch sehr reiflich überlegen, bevor ich den Brief
+des Marschalls beantworten könnte, und ich muß gestehen, daß ich
+dringend wünsche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben,
+bis dieselbe etwa eine klar faßbare Gestalt annimmt und auf direct
+officiellem Wege an mich gelangt. Ich möchte unter diesen Umständen,“
+fügte er artig hinzu, „Sie nicht zu einem längeren Aufenthalt in Berlin
+veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden
+Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin überzeugt, daß der Marschall die
+Gründe vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen
+müssen, meine Antwort noch zurückzuhalten, um so mehr, da bei den
+Beziehungen persönlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls
+zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollständig die Stelle einer
+direkten Antwort ersetzen werden.“
+
+Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, daß die
+Unterredung zu Ende sei.
+
+Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zügen eine
+sichtbare Enttäuschung bemerkbar wurde.
+
+„Ich bitte Sie nochmals,“ sagte Graf Bismarck, „dem Marschall den
+Ausdruck meiner Dankbarkeit für sein Vertrauen und die Versicherungen
+meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu überbringen. Ich habe
+mich herzlich gefreut,“ fügte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, „bei
+dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“
+
+„Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben,“ sagte Herr
+Salazar-y-Mazarredo, „daß ich Schritte thue, um mich über die
+persönlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten.“
+
+„Da der persönliche Entschluß des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe,
+in erster Linie in Betracht kommt,“ sagte Graf Bismarck kalt und ruhig,
+„so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, daß Sie nach dieser
+Richtung hin sich informiren. Uebrigens,“ fügte er hinzu, „wird es ganz
+und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Aufträge auszuführen,
+welche der Marschall Ihnen gewiß auch in dieser Beziehung ertheilt hat.“
+
+Herr Salazar-y-Mazarredo verließ mit tiefer Verbeugung das Cabinet.
+
+„Es ist also doch Etwas im Gange,“ sagte Graf Bismarck, indem er sich
+wieder vor seinen Schreibtisch setzte, — „aber was kann dieser Sache zu
+Grunde liegen — warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des
+Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Rücken
+von Serrano und der übrigen Regierung gemacht werden, Prim würde bei
+seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache
+einfädeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu
+werden, — der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt,“ sagte
+er nachsinnend mit leiser Stimme — „die Candidatur des Herzogs von
+Montpensier muß dem Kaiser tief verhaßt sein, — sie könnte ihm unter
+Umständen gefährlich werden; — sollte die erneuete Anregung dieser
+Combination damit zusammenhängen?
+
+„Nun,“ — rief er nach längerem, schweigendem Nachdenken, — „einmal muß die
+große Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustände doch
+ausbrechen, — und wenn ich sie mit noch so großer Mühe und Vorsicht
+fortwährend wieder zu beschwören versuche! — Vielleicht wäre es ein
+Glück, wenn die Entscheidung bald käme,“ — sagte er ernst, — „wenn sie
+käme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschäfte
+stehe, — denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschlüssen und mit
+halben Mitteln operirt wird, — dann muß die Zukunft Deutschlands auf
+lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein. — Ich,“ rief er
+flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zügen
+leuchtete — „ich würde nicht zurückweichen, ich würde die Aufgabe
+erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf, — und — ich fühle
+es, — ich würde siegen!
+
+„O,“ sagte er dann schmerzlich, „warum ist die Zukunft unserem Blick
+verborgen, — warum können wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen
+Schleiers lüften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt?
+
+„Wie viele ringende und kämpfende Geister,“ sagte er leise, die
+gefalteten Hände leise vor sich auf den Tisch stützend, „haben vor mir
+diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet, — wie viele werden sie
+nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten — das ewige
+Schweigen!
+
+„Und doch,“ sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem
+weichen Lächeln, das seinen festen strengen Zügen einen eigenthümlichen
+Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum für fähig gehalten
+hätte, „doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so
+vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht
+gebracht hat — einfach, groß und erhaben wie Der, dessen Lippen sie
+zuerst sich entrang — Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!“
+
+Er neigte einen Augenblick das mächtige Haupt auf die Brust, dann erhob
+er sich, immer mit dem Ausdruck lächelnder Ruhe und Klarheit auf seinen
+Zügen, nahm seinen Hut, stieg in den großen Garten des auswärtigen Amtes
+hinab und ging mit großen Schritten unter den hohen noch winterlich
+kahlen Bäumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich
+hinsprechend auf und nieder.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+
+In einem großen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren
+dreißig bis vierzig von den hannöverschen Emigranten versammelt, theils
+ganz junge Männer, theils ältere Leute, deren Mienen und Haltung man die
+gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite
+des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an
+welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Königs Georg,
+saß und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und
+Goldrollen lagen.
+
+Neben dem Major von Adelebsen saß der frühere Lieutenant de Pottere, ein
+junger Mann mit dichtem, sorgfältig frisirtem Haar, welches tief in die
+auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit großen, etwas starr
+blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der
+Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgültig stereotypes Lächeln
+spielte.
+
+Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich
+und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von
+Adelebsen zu protocolliren.
+
+„Unterofficier Rühlberg!“ rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas
+unsicheren Blick seines Auges über die Emigranten hingleiten ließ.
+
+In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran.
+
+„Ich habe Sie nunmehr aufzufordern,“ sagte Herr von Adelebsen, „zur
+Erklärung darüber, was Sie über Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich
+mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Ihnen zustehende Pension von
+Seiner Majestät erhalten können oder aber eine einmalige
+Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklärung,
+wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen.“
+
+„Ich bitte, mich ein für allemal abzufinden, Herr Major,“ erwiderte der
+Unterofficier, „ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier
+gehen, um dort unser Glück in einer Colonie zu versuchen.“
+
+„Sie wollen nach Algier gehen?“ fragte Herr von Adelebsen ein
+wenig befremdet, „Sie wissen doch, daß Seine Majestät eine
+Niederlassung in Algier nicht für zweckmäßig erachten können, und
+daß Allerhöchstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer
+Auswanderung nach Algier abzurathen.“
+
+„Zu Befehl, Herr Major,“ erwiderte der Unterofficier, „Herr Minister von
+Münchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich
+gerathen, nach Hannover zurückzukehren, und,“ fügte er mit einer
+gewissen Bitterkeit hinzu, „die Strafe, die man uns vielleicht dictiren
+würde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz überzeugt,“ fuhr er fort, „daß
+Seine Majestät die besten Absichten mit uns hat, und daß Er nach den
+Berichten, die man ihm erstattet hat, überzeugt ist, daß eine Colonie in
+Algier uns keinen Vortheil bringen könne. Aber ich muß Ihnen sagen, Herr
+Major, daß ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath
+zurückzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestät
+uns eine Amnestie würde verschaffen können, so wäre es etwas Anderes.
+Unter diesen Umständen muß ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine
+Zukunft auf meine eigene Kraft zu gründen; und ich bleibe daher bei
+meiner Erklärung, daß ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte,
+mir die Abfindungssumme auszuzahlen.“
+
+„Wenn aber doch Seine Majestät,“ sagte der Lieutenant de Pottere mit
+einer etwas näselnden Stimme, „eine solche Colonie nicht für zweckmäßig
+hält —“
+
+„Der Herr Major,“ fiel der Unteroffizier ein, „haben uns gesagt, daß wir
+die völlig freie Entschließung hätten, unsere Zukunft einzurichten, wie
+wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt und bleibe dabei,
+daß ich nach Algier gehen will. Vorzüglich,“ fuhr er fort, „möchte ich
+ein für allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und
+wird ja übrigens Seiner Majestät ganz gleichgültig sein.“
+
+„Es ist Seiner Majestät gewiß nicht gleichgültig,“ sagte Herr von
+Adelebsen mit sanfter Stimme, „wie sich die Zukunft seiner früheren
+Soldaten gestaltet, und deshalb —“
+
+„Darf ich bitten, Herr Major,“ fiel der Unterofficier, sich in strammer
+Haltung aufrichtend, ein, „meine Erklärung zu Protocoll nehmen zu
+lassen? Mein Entschluß steht unwiderruflich fest.“
+
+Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser
+schrieb die Erklärung des Unterofficiers nieder und der Major zählte die
+Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstücken ab und händigte sie
+dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter
+die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zurücktrat.
+
+„Dragoner Cappei!“ rief Herr von Adelebsen.
+
+Der junge Mann trat heran.
+
+„Ihre Erklärung?“ fragte Herr von Adelebsen.
+
+„Ich wünsche, nach Hannover zurück zu gehen,“ sagte Cappei.
+
+„Sie sind militairpflichtig gewesen,“ sagte Herr von Adelebsen. „Haben
+Sie es sich überlegt, daß man Sie vielleicht bestrafen und in die
+preußische Armee einstellen wird? Es läge vielleicht, wenn Sie sich
+dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele
+andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu
+gehen —“
+
+„Ich danke, Herr Major,“ erwiderte Cappei ruhig, „ich bin entschlossen,
+zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath
+und zu meiner Familie zurückkehren.“
+
+Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere
+protocollirte seine Erklärung und Cappei trat zurück.
+
+Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen,
+Zwei oder Drei erklärten, daß sie nach Amerika gehen wollten, alle
+Uebrigen sprachen den Entschluß aus, mit dem Unterofficier Rühlberg
+nach Algier auszuwandern.
+
+„Ich muß Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen,“ sagte Herr von
+Adelebsen, „daß, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine
+Majestät nicht glauben könne, daß Sie in Algier Ihre künftige Wohlfahrt
+finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Hülfsmittel und ohne
+Unterstützung sein und es vielleicht bereuen, daß Sie sich zu einem
+solchen Entschluß haben beeinflussen lassen.“
+
+„Niemand hat uns beeinflußt!“ riefen Mehrere der Emigranten. „Wir haben
+selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns über die Colonie
+gesprochen haben, den Gedanken gefaßt, wenn der König uns nicht mehr
+erhalten könnte, uns in Algier eine Zukunft zu gründen.“
+
+„Ich muß aber ausdrücklich bemerken,“ sagte Herr von Adelebsen, „daß
+Seine Majestät mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklären, daß
+Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine
+Unterstützung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es
+heißt, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhältnissen sich
+eine Existenz zu gründen.“
+
+„Wir werden im fremden Lande,“ rief der Unterofficier Rühlberg, einen
+Schritt vortretend, „immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und
+That beistehen und Gefühl für Leute haben, welche ihrem König im Unglück
+treu geblieben sind, — wir haben freilich nicht geglaubt, daß es so
+kommen würde, denn dann würden wir wohl kaum die Heimath verlassen
+haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben
+gemacht haben, so können Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird
+künftig die Unterstützung der Kasse Seiner Majestät in Anspruch nehmen.
+Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns
+wenigstens die französische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn
+wir über das weite Meer nach Amerika hinzögen, wo wir ohne alle Hülfe
+sterben und verderben können.“
+
+„In Amerika wären wir freilich weiter fort,“ rief eine Stimme aus den
+Reihen, „und wenn wir Alle dort wären, so wäre man doch sicher, daß
+Niemand von uns der königlichen Kasse zur Last fällt.“
+
+Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend,
+woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte
+seinen Schnurrbart und sagte:
+
+„Sie müssen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen.“
+
+„Ich glaube, wir sind abgefunden,“ rief es aus den Reihen, „und haben
+hier nichts mehr zu thun, gehen wir.“
+
+Und sich kurz umwendend, verließen sie Alle das Zimmer, indem sie den
+Refrain des alten hannöverschen Soldatenliedes anstimmten:
+
+ „Lustige Hannoveraner seien wir.“
+
+Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und
+das übrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in
+ihre Zimmer zurück.
+
+„Nun Cappei,“ sagte der Unterofficier Rühlberg zu dem jungen Dragoner,
+welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe
+hinabstieg, „wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit
+uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schön es ist, wenn wir Alle
+zusammen bleiben und unser Dorf nach althannöverscher Manier einrichten,
+da können wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und
+selbstständiges Leben führen und an die alte Heimath zurückdenken, wie
+sie früher war.“
+
+„Es thut mir leid, Euch zu verlassen,“ sagte Cappei, — „aber unsere Sache
+ist zu Ende, das alte Hannover ist für immer versunken. Was hilft es
+dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukämpfen — ich liebe meine Heimath,
+und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener
+König, dieses oder jenes Gesetz herrschen.“
+
+„Nun, geht hin,“ sagte der Unterofficier, „Ihr werdet es noch bereuen,
+aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute
+Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in
+dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier
+einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Präfecten dort, und
+das Comité, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafür sorgen,
+daß wir von dort aus gut empfohlen werden. Tüchtige und rechtliche
+Leute, die arbeiten können, kann man überall brauchen, und wir werden
+unsern Weg schon machen.“
+
+Die Emigranten zogen über den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen
+begegnenden Bürgern freundlich begrüßt, nach dem Restaurant hin, in
+welchem sie sich gewöhnlich zu versammeln pflegten.
+
+Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und
+schritt langsam dem Hause des Holzhändlers Challier zu. Er ging über den
+großen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in
+welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und
+eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den
+Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen.
+
+Der alte Herr Challier saß allein in seinem Lehnstuhl, die so eben
+ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt
+des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit
+herzlichem Gruß entgegen.
+
+„Alles ist abgemacht, Herr Challier,“ sagte Cappei in ziemlich reinem,
+aber im deutschen Accent anklingenden Französisch, „die Legion ist
+aufgelöst, wir sind Alle frei und können hingehen, wohin wir wollen. Und
+alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit
+einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder
+zusammenfinden.“
+
+„Das ist recht traurig,“ sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf
+schüttelnd. „So ist also die Sache Ihres Königs aufgegeben, — das thut
+mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie für sein
+Schicksal und für Sie Alle gehabt; und wir Bürger von St. Dizier nehmen
+gewiß ganz besondern Antheil an Allem, was den König betrifft, seit er
+unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer
+Mitbürger zu sein. Ich bin ein alter Bragars,“ sagte er, indem seine
+dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, „und ich hätte mich von
+Herzen gefreut, wenn ich Sie hätte ausziehen sehen können, um für Ihren
+König und sein Recht zu fechten, — das Schicksal geht seinen eigenen
+Weg, — es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit
+ihnen,“ fuhr er fort, „und mir wird es in meinem Hause recht leer
+vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluß fest
+gehalten,“ fragte er, „nach Ihrem Vaterlande zurückzukehren? — Ich würde
+mich kaum dazu entschließen können,“ sagte er, „wenn ich mich in Ihre
+Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft
+alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat.“
+
+Ernst erwiderte der junge Mann:
+
+„Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten für mich, Herr Challier, und
+doch kann ich nicht anders handeln. — Sie sind Franzose und wenn es
+möglich wäre, daß Ihr Vaterland ein Schicksal träfe wie das meinige, so
+würde Ihr Gefühl natürlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes,
+Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes großen
+Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland für uns Alle ist. Wir
+Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbständigkeit, wir haben mit
+fester Treue an den Fürsten gehangen, die so lange über uns geherrscht
+haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer
+Selbstständigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des
+Ganzen, — die neue Regierung, welche über uns herrscht, ist ja auch eine
+deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhältnissen.
+Sollen wir uns darum von dem großen ganzen Vaterlande ausschließen, weil
+wir nicht weiter leben können, wie wir es bisher gewohnt waren? Für das
+Recht unseres Königs konnten wir kämpfen, wenn der König aber dies Recht
+aufgiebt, wie könnten wir in ungewöhnlichem Haß den andern Deutschen
+gegenüber stehen! Uebrigens,“ fuhr er fort, „werde ich vielleicht nicht
+immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhältnisse dort
+geordnet und meine Stellung klar gemacht habe, — und darüber,“ fügte er
+etwas zögernd hinzu, „möchte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich
+scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit väterlicher
+Güte aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rückhalt meine Gedanken
+über die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht,“ sagte er
+seufzend, „so werde ich meine Pläne ändern und Hoffnungen aufgeben,
+welche mir die liebsten und schönsten sind.“
+
+Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen
+Ton:
+
+„Sie wissen, mein junger Freund, daß mein Rath und meine Erfahrung, wenn
+ich Ihnen mit denselben nützen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen.“
+
+Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem
+Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten
+Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine
+Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme:
+
+„Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen
+Flüchtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geöffnet. Sie
+haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen,
+daß Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir
+gehört, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine
+Vergangenheit war.“
+
+„Ich habe Ihnen vertraut,“ erwiderte Herr Challier, „weil Sie
+hergekommen sind als der Diener eines edlen und unglücklichen Fürsten.
+Man dient dem Unglück nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz
+hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und
+rechtschaffenen Mann aufnimmt, und,“ fügte er mit der den Franzosen so
+eigentümlichen Höflichkeit des Herzens hinzu, „ich habe mich in meinem
+Urtheil und meinem Vertrauen nicht getäuscht, denn nun Sie uns
+verlassen, fühle ich, daß ein Freund von uns scheidet.“
+
+„Ich gehe in mein Vaterland zurück,“ erwiderte Cappei, „um so bald es
+mir möglich ist, wieder vor Sie hintreten zu können, nicht mehr als der
+heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann,
+woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen,
+wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann,
+Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglück
+abhängt, — die Bitte,“ fügte er mit zitternder Stimme hinzu, „mir das
+Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller
+Wärme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind — deren Glück ich
+alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft öde
+und freudlos sein würde.“
+
+Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehört. Sein Auge ruhte
+einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann
+sprach er mit milder freundlicher Stimme:
+
+„Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, daß ich volles Vertrauen zu Ihnen
+habe, daß ich Sie für einen Ehrenmann halte, — daraus folgt, daß ich, was
+Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glück meiner
+Tochter anzuvertrauen, — ich bin nicht reich,“ fuhr er fort, „aber ich
+habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die
+Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann fällt, eine sichere Existenz
+begründen zu können. Ob Sie Vermögen besitzen oder nicht, ist deshalb
+nicht entscheidend für die Beantwortung Ihrer Frage, aber,“ fuhr er
+fort, „die Grundlage einer sorgenfreien Existenz für die Zukunft meiner
+Tochter liegt in dem Geschäft, das ich hier betreibe. Würde ich es
+verkaufen, so würde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repräsentiren,
+den es in der Hand eines geschickten und fleißigen Mannes hat. Deshalb
+habe ich stets den Wunsch gehegt, daß der Mann, den meine Tochter einst
+sich zum Gefährten ihres Lebens erwählt, mein Geschäft fortsetzt. Ich
+fühle es vollkommen,“ fuhr er fort, „was es heißt, sein Vaterland zu
+verlassen, — aber in Ihrer Heimath sind die Verhältnisse so verändert,
+und die jetzigen Zustände können Ihnen so wenig erfreulich sein, daß es
+vielleicht Ihren eigenen Wünschen entsprechen könnte, hierher zurück zu
+kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen
+und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht
+in unserer Mitte auch Ihre künftige Heimath begründen können? Könnten
+Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfüllen, so würde ich kein
+Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen,
+vorausgesetzt, daß meine Tochter die Gefühle theilt, welche Sie für sie
+hegen, — worüber Sie,“ fügte er lächelnd hinzu, „vielleicht ein wenig
+unterrichtet sind.“
+
+„Ich glaube,“ sagte Cappei mit leiser Stimme, „daß Fräulein Luise mir
+nicht abgeneigt ist —“
+
+Die Thür öffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie
+hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit
+Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr
+frisches Gesicht war vom Gang leicht geröthet, ihre glänzenden Augen
+richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den
+jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit
+anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuß dar und reichte dann Cappei mit
+freundlichem Gruß die Hand.
+
+„Du kommst eben recht,“ sagte Herr Challier, „um eine Frage zu
+beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete,
+und über welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien.“
+
+Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres
+Geliebten, — sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte
+tief erröthend den Kopf auf die Brust nieder.
+
+„Herr Cappei,“ sagte der alte Herr, „hat mir soeben mitgetheilt, daß er,
+wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu
+uns zurückkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es
+scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die
+Entscheidung darüber von Deiner Entschließung abhängig gemacht, — was
+würdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr
+auch an Dich richtetet?“
+
+Einen Augenblick blieb das junge Mädchen mit gesenktem Kopf stehen, ein
+flüchtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen
+Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite
+des jungen Mannes und sprach:
+
+„Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich
+verstehe nicht, meine Gefühle zu verbergen, — mögen Andere es für
+schicklich halten, zu verhüllen, was ihr Herz bewegt, — ich sage offen,
+was ich empfinde, — ich liebe ihn,“ fuhr sie mit strahlenden Blicken
+fort, „mein Herz gehört ihm und wird ihm ewig gehören. Und Du, mein
+Vater, weißt, daß ich meine Liebe keinem Unwürdigen schenke.“
+
+Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter.
+
+„Brav, mein Kind,“ sagte er, „das ist recht und tapfer gesprochen, und
+ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde
+Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen.“
+
+Cappei breitete die Arme aus, das junge Mädchen sank an seine Brust und
+er drückte seine Lippen auf ihr glänzendes Haar.
+
+„Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurück, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten
+und,“ fügte er hinzu, „kommen Sie bald zurück, — ich verlange nicht als
+unerläßliche Bedingung, daß Sie Ihre künftige Heimath hier in unserm
+Frankreich wählen; ein Mann muß am besten wissen, was er zu thun hat,
+und ein Weib muß dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muß es mir ja
+gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen, — das ist der Lauf der
+Natur, aber,“ fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme
+leicht zitterte, „Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie
+glücklich es mich machen würde, zu denken, daß mein Kind einst an meinem
+Sterbebette stehen wird, und daß ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus
+überlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe
+von Generationen gelebt haben.“
+
+Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres
+Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren großen glänzenden
+Augen fragend und bittend an.
+
+„Ich kehre zurück,“ sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, „um meine
+Heimath da zu begründen, wo ich das Glück meines Herzens gefunden habe.
+Ich würde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muß in die
+Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermögen
+zu sichern. Denn,“ fügte er mit fester Stimme hinzu, „nicht dem
+heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen.“
+
+Ein glückliches Lächeln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er
+streckte seine beiden Hände aus, — die jungen Leute ergriffen sie und
+beugten sich zärtlich zu ihm herab.
+
+Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hörten
+nicht, daß die Thüre sich öffnete, und erst der Ton rascher Schritte
+ließ sie aufblicken.
+
+Herr Vergier war eingetreten, — starr und bleich stand er in der Mitte
+des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen
+blickten mit unheimlich spähendem Feuer auf die Gruppe vor ihm.
+
+Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob
+sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kräftigem
+Händedruck begrüßte:
+
+„Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen
+vor allen Andern zuerst sagen, welches für meine Familie so wichtige
+Ereigniß hier so eben sich vollzogen hat.“
+
+Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit
+höhnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten,
+welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner
+Tochter mit.
+
+„Sie wissen,“ sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder,
+rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszüge vor heftiger Aufregung
+zuckten, „wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus
+betrifft, — aber die Gefühle, welche mich bei der Mittheilung erfüllen,
+die Sie mir so eben gemacht, können nicht erfreulich sein,“ fügte er mit
+bitterm Ton hinzu. „Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was
+Sie mir sagen, auf immer zerstört worden sind. Fräulein Luise,“ fuhr er
+mit brennendem Blick fort, „kannte diese Hoffnungen, sie hat mir
+dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir
+eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, daß sie nur eine so
+kurze Frist gebraucht hat, um sich über die Wahl ihres Herzens zu
+entscheiden.“
+
+Mühsam nach Fassung ringend, stützte er sich auf die Lehne eines Stuhls.
+
+Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an.
+Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand.
+
+„Niemand ist Herr der Gefühle seines Herzens,“ sagte sie — „Sie waren der
+Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund für mein künftiges Leben
+und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefühle nicht erwidern konnte, die
+Sie mir entgegen trugen, — Sie werden das vergessen,“ fügte sie
+freundlich hinzu, — „Sie werden gewiß, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen
+wünsche, bei einer andern Wahl mehr Glück finden, als ich Ihnen hätte
+bieten können.“
+
+Herr Vergier hatte nur zögernd die Hand des jungen Mädchens einen
+Augenblick ergriffen.
+
+„Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe,“ sagte er
+mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme,
+„welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's
+Herz, daß ich die Tochter meines Freundes, deren Glück mir theuer ist,
+wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit
+diesem Preußen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage
+der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muß kommen,
+Jedermann in Frankreich fühlt das, man hat schon mehrfach deutsche
+Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden,“ fuhr er
+immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine
+Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten — „schon
+sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, daß diese
+hannöversche Legion, welche so plötzlich auseinandergeht, nur der
+Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft über die inneren
+Verhältnisse unseres Landes zu erhalten. — Und wenn ich denken sollte,“
+rief er, seiner nicht mehr mächtig, indem ein leichter Schaum auf seine
+Lippen trat, — „daß meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand
+eines Feindes Frankreichs — —“
+
+Eine helle Zornröthe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners
+auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer
+drohenden Bewegung erhob er die Hand —
+
+Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Hände, ihre Augen
+richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten.
+
+Dieser ließ langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde
+ruhig, beinahe sanft und milde.
+
+„Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr,“ sagte er,
+„ich bin störend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich
+verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung, — ich muß Ihnen viel
+vergeben, — aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein
+Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,“
+fuhr er fort, „im Dienst meines Königs und als ein Feind jener Macht,
+welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies
+allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schützen,
+wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und
+Fräulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug
+kennen, um zu glauben, daß auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als
+Legionair des Königs Georg hergekommen wäre, ich doch unfähig sein
+würde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu täuschen.
+Wenn Sie ruhig darüber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit
+widerfahren lassen und,“ fügte er mit offener Herzlichkeit hinzu, „ich
+hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Böses
+gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie für Herrn Challier
+und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie überzeugt, daß
+ich Alles thun werde, um mich derselben würdig zu machen.“
+
+Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten für seine Worte.
+
+Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung
+bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen
+Lächeln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand.
+
+„Verzeihen Sie mir,“ sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur
+einzeln und abgebrochen hervordrangen, „verzeihen Sie mir meine
+kränkende Aeußerung. Mein augenblickliches Gefühl riß mich hin, — ich bin
+Franzose und mißtrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit
+und die Täuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird
+die Zeit uns in Freundschaft zusammenführen.“
+
+Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand.
+
+Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des
+Hannoveraners nicht und erschrocken ließ dieser sie wieder los.
+
+„Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe,“ sagte Herr Vergier, „ich passe
+in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft.“
+
+Und mit einer flüchtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus.
+
+„Der Arme thut mir leid,“ sagte der alte Herr Challier, ihm
+nachblickend, „er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird
+sehr leiden —“
+
+„Ich hätte ihn doch nicht lieben können,“ sagte Luise, indem sie mit
+leichtem Kopfschütteln vor sich niederblickte. „Wenn mein Herz nicht
+gesprochen hätte,“ fügte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu,
+„wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben hätte, so wären
+wir Beide unglücklich geworden.“ —
+
+Lange noch saßen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hörte der
+alte Herr ihr Geplauder und ihre Pläne für die Zukunft an. Es wurde
+beschlossen, daß der junge Cappei schon am nächsten Morgen abreisen
+sollte. —
+
+Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluß.
+
+„Je schneller er fortgeht,“ sagte sie lächelnd, „um so schneller wird
+er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und
+dauernden Glück kommen, das dann Nichts mehr stören wird.“ — —
+
+Am späten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine
+Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit
+ihnen die letzten Augenblicke zu verleben.
+
+Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstraße der
+Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der
+Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die
+Hannoveraner saßen hier um einen großen Tisch — zahlreiche Freunde aus
+der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb
+gewordenen Gästen zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt
+hatten.
+
+Auf dem Tische stand eine große Punschbowle, welcher jedoch heute nur
+sehr mäßig zugesprochen wurde, — alle Gesichter waren ernst und oft
+stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die großen
+Erschütterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengeführt hatten,
+fühlten, daß heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller
+Erinnerung im Herzen trugen, für immer abgeschlossen werde, daß das
+letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der
+alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloß, noch verband,
+nun für immer zerriß und daß sie nun als Fremde allein und vereinsamt
+hinaustreten müßten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre
+eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in mühevoller Arbeit.
+
+Der junge Cappei trat ein. — Traurig überblickte er diese Versammlung
+seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und fröhlich beisammen
+gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich
+schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen.
+
+Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Rühlberg.
+
+„Was könntet Ihr Euch für eine schöne Zukunft machen,“ sagte dieser,
+indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte, — „wenn Ihr mit uns
+gingt, — Ihr seid noch jung und kräftig, — geschickt zu aller Arbeit und
+habt mehr gelernt, als wir Alle, — Ihr würdet ein schönes Vermögen in
+Algier erwerben, — das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen
+würde, — von dem Ihr noch gar nicht einmal wißt, ob Ihr ihn
+erhaltet, — ich sage Euch noch einmal, — geht mit uns, — laßt die Phantasie
+im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt, — es hat noch nie zu
+etwas Gutem geführt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf
+verdrehen lassen.“
+
+„Ich bitte Euch, Rühlberg,“ sagte Cappei sanft aber bestimmt — „laßt
+mich, — mein Entschluß ist gefaßt, — versprecht mir,“ fuhr er abbrechend
+fort, „Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht — ich muß Euch
+sagen, daß ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe, — hätte
+der _König_ die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der französischen
+Regierung, so wäre es etwas Anderes gewesen, — aber so, — Ihr werdet
+vielleicht später einsehen, daß es besser gewesen wäre, gleich nach der
+Heimath zurückzukehren. — Doch Jeder hat seinen Entschluß gefaßt und muß
+ihm folgen.“
+
+Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite.
+
+Es verging noch eine halbe Stunde, — dann zog der Unterofficier die Uhr
+und sagte tief aufathmend:
+
+„Es ist Zeit, Leute, — wir müssen aufbrechen!“
+
+Alle erhoben sich.
+
+Rühlberg ergriff sein Glas.
+
+„Wir sind heute zum letzten Male beisammen,“ sprach er mit etwas
+unsicher klingender Stimme, — „und wir wollen auch dies letzte Mal von
+der alten Sitte hannöverscher Soldaten nicht abweichen, — ein Glas auf
+das Wohl unseres Königs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah
+gethan, — das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen,
+heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser König für uns
+gestorben — leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern
+Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath.“
+
+Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue
+Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer, — mancher blinkende
+Thränentropfen fiel in die Gläser, welche die treuen Söhne
+Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der
+Vergangenheit dem Andenken ihres Königs weihten.
+
+Dann brach man auf.
+
+Jeder nahm sein kleines Gepäck, — viel hatten sie nicht, diese armen
+Soldaten des Exils — und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln,
+leeren Straßen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten
+Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander
+und von ihren französischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof
+eingefunden hatten, — auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und
+finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Händedrücke
+der Scheidenden erwidernd.
+
+Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekränzten Anhöhe über der
+Stadt her eine Glocke zu läuten.
+
+Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester
+für einen aus dem Leben geschiedenen Bürger der Stadt zum Himmel
+sendeten.
+
+Die einfachen durch die Nacht her klingenden Töne ergriffen mächtig alle
+diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die
+Hüte ab und sprachen ein stilles Gebet für die Seele des
+Gestorbenen, — auch die Hannoveraner falteten die Hände — Niemand wußte,
+welchem Todten dies Geläut galt, — aber auch ihnen starb ja heute für
+immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt
+hatten, — ihre Heimath und ihr König.
+
+Der Zug brauste heran, — noch ein Händedruck, — ein letztes
+Abschiedswort — und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche
+sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenführen sollten.
+
+ — „Adieu — adieu — bonne chance!“ tönte es aus den Gruppen der Bürger von
+St. Dizier — Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur
+Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit
+feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin, — fast zog es den
+jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit
+dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu
+einem Leben voll Abenteuer und Gefahren — da trat das Bild Luisens mit
+ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele — rasch näherte er
+sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Rühlberg, der
+am Schlage saß, die Hand hin.
+
+„Gott befohlen!“ sagte er mit erstickter Stimme, — „und — auf fröhliches
+Wiedersehn!“
+
+„Das wird schon kommen,“ erwiderte der Unterofficier mit einem etwas
+gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen
+trachtete, „Ihr werdet zur Einsicht kommen — wir werden Euch einen Platz
+offen halten.“
+
+Die Schaffner eilten an den Zug, — die Locomotive pfiff und langsam
+begannen die Räder zu rollen.
+
+Noch einmal winkten die Zurückblickenden mit den Händen, mit leisem aber
+klar durch die nächtliche Stille dringenden Ton schallte das
+Sterbeglöcklein von der alten Kirche herüber, — die Legionaire auf dem
+abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied:
+
+ „Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen —“
+
+aber die Töne erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der
+Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden
+Glockenton begleitet, — da klang das Lied, das sonst so fröhlich in Lager
+und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten,
+den man zur letzten Ruhe hinausführt.
+
+Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne
+verschwunden, — weithin verklang das Schnauben der Maschine und das
+Rollen der Räder.
+
+Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurück.
+
+In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich
+ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine
+Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine
+Augen schienen in grünlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, während
+seine Züge von Grimm und Haß entstellt waren.
+
+Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das
+in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag.
+
+Einen Augenblick blieb er dort vor dem großen geschlossenen Thor
+stehen, — er drückte beide Hände an die Lippen und warf einen Kuß nach
+dem Hause hin.
+
+„Gute Nacht, meine süße Geliebte,“ flüsterte er, — und schritt dann rasch
+weiter nach seiner in der Nähe des Marktplatzes belegenen Wohnung.
+
+Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Nähe des
+Challier'schen Hauses gekommen.
+
+Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in
+der Dunkelheit verschwand, nach.
+
+„Hätte ich eine Waffe bei mir,“ flüsterte er mit zischender Stimme, „so
+könnte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes, — diesen
+Räuber meiner Liebe vernichten!“
+
+ — „Aber geh' nur hin,“ sagte er, die geballte Faust zum nächtlichen
+Himmel erhebend, — „es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den
+Stahl, — ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur
+hin, — Du sollst nicht hierher zurückkehren auf den heiligen Boden
+Frankreichs, — den Du als Verräther betreten, — Du sollst nicht
+zurückkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pflücken und
+mir das Glück meines Lebens zu stehlen.“
+
+Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehaßten Fremden nach, — dann
+wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.
+
+
+
+
+Viertes Capitel
+
+
+Die schöne Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball
+bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie saß in
+tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit
+welcher sie sich beschäftigte, auf ihren Schooß, während sie auf die
+noch winterlichen Bäume des Thiergartens hinausblickte.
+
+Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glückliches
+Lächeln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten
+aus ihren Augen.
+
+Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um sie in trockner und
+wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es
+sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den
+ersten Finanzgrößen der Residenz gehöre, mit Nichts bedeutenden
+untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren
+von Stellung und Distinction zurückweise. Ihre Mutter betrachtete das
+Alles nur als eine Frage der äußeren Rücksichten auf die Stellung des
+Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, daß sie sich nicht die
+entfernteste Möglichkeit träumen ließe, ihre Tochter könne wirklich in
+einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen
+guten angenehmen Tänzer.
+
+Und Fräulein Anna, hörte alle mütterlichen Ermahnungen ruhig mit
+gleichgültigem Lächeln an — sie wartete ihre Zeit ab und wußte, daß, wenn
+dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben würde, dem Zorn
+ihrer Mutter zu trotzen.
+
+Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft
+hatte er bei Tische erzählt, wie vortrefflich das Geschäft sei, welches
+er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte
+seiner Frau, welche aufmerksam, mit großem Interesse seinen
+Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein würde,
+welchen die Gesellschaft, welche er gegründet, aus der auf den Gütern
+des Barons eingeführten Industrie ziehen müsse und um wieviel sich
+zugleich durch diese Combination das Vermögens des Barons und das
+dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergrößern werde. Er hatte
+dabei die persönliche Liebenswürdigkeit des jungen Herrn von Rantow und
+seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders
+hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick
+auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte
+Fräulein Anna ihn so kalt und streng zurückweisend angesehen, hatte
+seine Bemerkungen mit einem so unverbrüchlichen eisigen Schweigen
+aufgenommen, daß der alte Herr, welcher seine Tochter abgöttisch liebte
+und ihr gegenüber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen
+durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gesprächsthema übergegangen war.
+
+Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee
+eingeladen worden. Man hatte dort einige ältere Herren, Freunde des
+Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme
+Manieren hatten, und die Commerzienräthin hatte in diesen Kreisen noch
+steifer, noch würdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstörbaren
+Lächeln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze
+sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten
+aristokratischen Grundsätze aussprachen.
+
+Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gesprächiger als je
+gewesen, er hatte den Baron mehrere Male „mein verehrter Freund“, einmal
+sogar „mein lieber Freund“ genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen
+unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer entwickelt, er hatte von den
+Hunderttausenden erzählt, die er in diesem und in jenem Geschäft
+engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine
+mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die
+Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen
+Château Lafitte zu probiren.
+
+Kurz Herr und Frau Cohnheim waren glücklich und befriedigt über diese
+intime Soirée bei dem Baron.
+
+Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Fräulein
+Anna gewidmet, ohne indeß etwas Anderes erreichen zu können als einige
+hingeworfene, gleichgültige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen.
+
+Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienräthin
+ihrer Tochter abermals eine Vorlesung über ihr abstoßendes Benehmen
+gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als
+ein tiefes Schweigen ihrer Tochter.
+
+Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu
+unterstützen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge
+Herr von Rantow für eine gute Partie sei, und wie die Damen der höchsten
+Aristokratie glücklich sein würden, wenn seine Wahl auf sie fallen
+sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick
+seines Lieblings zurückgezogen und seiner Frau allein die Sorge
+überlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem
+jungen Mädchen annehmbar zu machen.
+
+Fräulein Anna hatte nach dieser Soirée eine schlaflose Nacht zugebracht,
+sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Büchenfeld Nichts
+wieder gehört. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch
+gemacht zu einer Zeit, wo er gewiß war, Niemand zu Hause zu treffen;
+obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster saß und auf die
+lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den
+erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte.
+
+Sie saß nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das
+durch eine Hängelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr
+schöner Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gestützt und ihre
+aufgelösten Haare fielen über den weißen Arm nieder, von welchem der
+weite Ärmel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken
+war.
+
+„Er liebt mich,“ flüsterte sie leise vor sich hin, — „das hat mein Herz
+lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es
+wahr, denn für ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein
+Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,“
+fuhr sie fort, „warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken
+zwischen uns hätte hinwegräumen sollen, der uns gegenseitig unsere
+Herzen geöffnet hat, Nichts mehr von sich hören lassen? Warum hat er
+einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wußte, daß er uns nicht
+finden konnte? Ich kann das nicht ertragen,“ rief sie, leicht mit dem
+zierlichen Fuß auf den Boden tretend, „diese unklare, peinliche Lage muß
+ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von
+Rantow, — es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde!
+Auch mein Vater scheint ähnliche Gedanken zu haben. Nun,“ sagte sie
+trotzig die Lippen aufwerfend — „das beunruhigt mich nicht, mein Vater
+wird mir gegenüber nicht den Tyrannen spielen, — aber ein Ende muß das
+nehmen, klar muß Alles werden! Doch wie,“ sprach sie sinnend, „was soll
+ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlägen an mich
+herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht
+der Mühe werth hält, sich mir zu nähern?“
+
+Sie sann lange nach.
+
+„Sollte ich ihn gekränkt haben,“ flüsterte sie leise — „er ist
+empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein,“ rief sie dann, „ich
+erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte
+sprachen deutlicher vielleicht, als ich es hätte thun sollen, meine
+Liebe zu ihm aus. Nein,“ rief sie, „er kann nicht zweifeln, daß mein
+Herz ihm gehört. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn,
+der ihn von mir zurückhält. Und hat er,“ fuhr sie fort, indem ihre Augen
+sanft und weich vor sich hinblickten, „hat er nicht Recht, so stolz zu
+sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch
+fühlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade,“ rief sie
+leidenschaftlich, „darum liebe ich ihn — aber soll ich ihn verlieren,
+weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht für
+immer von mir gehen lassen — es klang wie ein Abschied in seinen letzten
+Worten. Fürchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu
+zu werden? Ich muß ihn sehen,“ sagte sie aufspringend, „ich muß ihn
+sprechen, ich muß mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und
+laut das Gefühl meines Herzens bekennen. Oh,“ sagte sie, sich hoch
+aufrichtend, „diesem Baron von Rantow gegenüber und all den Herren
+gegenüber, die mich umschwärmen, die da glauben, daß sie gestützt auf
+ihre großen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken dürfen, um
+mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein großes Vermögen zu
+erwerben, — ihnen gegenüber fühle ich den Stolz einer Königin in mir, es
+reizt mich, ihnen zu zeigen, daß ich mich höher achte, als sie Alle.
+Aber ihm gegenüber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen
+Herzen gegenüber will ich demüthig sein. Er soll sehen, wie ich Alles,
+was ich ihm bieten kann, für Nichts achte und wie ich glücklich bin, daß
+er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu
+verlassen, ihm gegenüber will ich keinen Stolz haben, und so will ich
+ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben.“
+
+Sie öffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen
+Bogen goldgerändertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig,
+während ihre Wangen sich mit dunklem Purpur färbten, einige Zeilen.
+
+Dann las sie dieselben durch.
+
+„Es ist etwas Ungewöhnliches, was ich da thue,“ sagte sie, „jedem
+andern Manne gegenüber würde es eine Selbsterniedrigung sein — aber er
+wird mich verstehen, er wird fühlen, daß er kein Recht mehr hat, seinem
+stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich
+mich so in seine Hände gebe.“
+
+Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloß ihn in eine
+Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.
+
+„Es wird Licht werden,“ sagte sie dann, „ich werde den Brief zur Post
+tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner
+Bitte folgen.“
+
+Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie
+sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer
+und gestalteten sich zu schönen und lieblichen Träumen künftigen
+Glückes.
+
+ * * * * *
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld hatte seit seiner Erklärung mit Fräulein
+Cohnheim viel mit sich selbst gekämpft. Er war nach einer ziemlich
+einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in
+Berlin zum ersten Mal in die größern Kreise der Welt eingetreten, und
+die Liebe zu dem jungen Mädchen hatte mit übermächtiger Kraft sein tief
+empfindendes, in sich selbst zurückgezogenes Herz erfüllt, ein ganz
+neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen
+von dem tiefen Gefühl, das ihn erfüllte. Die starren Begriffe von Ehre
+und männlicher Würde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt,
+kämpften gegen diese Liebe an, und sein Blut empörte sich bei dem
+Gedanken, daß man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen
+Commerzienraths materielle Motive unterlegen könnte, sein Stolz bäumte
+sich auf, wenn er sich die Möglichkeit dachte, daß er kalt und
+hochmüthig zurückgewiesen werden könnte, und selbst wenn es ihm gelingen
+würde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken
+zurück, seine Lebensstellung auf das Vermögen seiner Frau zu begründen.
+
+Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefühlen hinreißen lassen, er
+war dem jungen Mädchen näher und näher getreten, endlich aber hatte er
+mit dem festen Entschluß sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen
+sie aussprechen wollen, um zugleich für immer von ihr Abschied zu
+nehmen.
+
+Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geöffnet, er hatte
+mit Entzücken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, daß seine Gefühle
+so stark und so warm erwiedert würden.
+
+Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glückes ihn geblendet, aber
+am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm mächtig geworden, er hatte
+den festen Entschluß gefaßt, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf
+seine eigene Kraft seine Zukunft zu begründen, und er wollte, um den
+Kampf siegreich zu bestehen, Fräulein Cohnheim nicht wiedersehen, so
+lange sein Commando in Berlin noch dauerte.
+
+Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die
+geliebten Züge zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren,
+aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurück und vermied
+sorgfältig alle Kreise, in denen er Fräulein Cohnheim hätte begegnen
+können. Nur am späten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen
+Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die
+Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange
+stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Träumerei
+versunken, aber sein Entschluß blieb fest, am Tage betrat er niemals die
+Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum nächtlichen
+Himmel sandte.
+
+Er wurde in seiner stolzen Zurückhaltung noch bestärkt durch die
+Bemerkungen, welche sein Vater ihm über sein Gespräch mit dem Baron von
+Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen
+Sohn darüber geäußert, daß sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus
+bester Familie sich zu industriellen Geschäften mit dem Commerzienrath
+associirt habe, und daß er, wie es schien, sogar die Idee nicht als
+unmöglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch
+immer weiter zu vermehrenden Vermögen durch eine Heirath seines Sohnes
+mit dem Fräulein Cohnheim mit einander zu verbinden.
+
+Mit traurig bitterm Lächeln hatte der junge Mann den unwilligen Worten
+seines Vaters zugehört.
+
+Der alte Herr hatte in diesem Lächeln eine Zustimmung zu seinem so
+mißfälligen Urtheil über die moderne Handlungsweise seines Freundes zu
+finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut
+ausgerufen:
+
+„Wir würden so Etwas nicht thun, die Büchenfelds mögen kein so vornehmes
+und kein so begütertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow,
+aber mit den Börsenspeculanten würden wir weder unsere Geschäfte, noch
+unser Blut vermischen.“
+
+Unbeschreibliche Gefühle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen
+Worten seines Vaters zusammengeschnürt, ohne zu antworten, war er
+aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.
+
+Einige Tage später hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem
+Herrn von Rantow in höchster Entrüstung mitgetheilt, daß nicht nur das
+Geschäft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen
+Ausbeutung der Rantow'schen Erbgüter beschlossen sei, sondern daß er nun
+auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Fräulein Cohnheim zu
+seinem tiefen Schmerz als gewiß ansähe.
+
+Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschluß des jungen
+Mannes geworden, das junge Mädchen nicht wieder zu sehen, der alle
+Regungen seines Herzens gehörten und welche doch von ihm durch alle
+Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhältnisse der Welt
+zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind.
+
+Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft, — er suchte durch
+die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen
+durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller
+Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thätigkeit für
+eine große und wirkungsvolle Carrière vorzubereiten. Er wollte durch den
+Ehrgeiz die Liebe tödten, denn einer großen und mächtigen, Alles
+beherrschenden Regung bedurfte er für sein inneres Leben, dem das
+gleichgültige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht genügte.
+
+An dem Tage, an dessen Vorabend Fräulein Anna in nächtlicher Stille den
+Entschluß gefaßt hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden
+Lösung zuzuführen, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der
+Kriegsschule zurückgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in
+welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein
+Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen
+Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte,
+welches der alte Herr für sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen
+kleinen Hotel holen ließ.
+
+„Du siehst bleich aus,“ sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit
+sorgenvoller Theilnahme ansah, „ich fürchte, Du arbeitest zu viel. Es
+ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tüchtiges lernt, aber man darf
+darum kein Kopfhänger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast
+jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr — Du darfst
+Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit,“ sagte er, sich den
+Schnurrbart streichend, „waren wir jungen Officiere anders, wenn es
+keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus
+und machten fröhliche Streifzüge durch Wald und Feld. Damals hätten wir
+es nicht für die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Büchern zu
+sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student.“
+
+„Sei ruhig, lieber Vater,“ sagte der Lieutenant mit einem etwas
+gezwungenen Lächeln, „ich werde gewiß nicht über meine Kräfte arbeiten;
+wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, daß ich
+keine Freude in dem hiesigen weitläufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn
+ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden,
+unter den alt gewohnten Verhältnissen, so wird es anders werden.“
+
+„Nun,“ sagte der alte Oberstlieutenant, seinem früheren Gedankengang
+folgend, „es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier
+heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man muß heute
+die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm führen. Das ist
+Alles ganz gut, aber zum Kopfhänger darf darum der Soldat doch nicht
+werden. — Daß Dir übrigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht
+gefällt,“ fuhr er fort, „verstehe ich, und daß Du glücklicher in den
+einfachen Verhältnissen Deiner kleinen Garnison bist — freilich,“ sagte
+er dann wehmüthig seufzend, „wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz
+allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters — Ihr marschirt in die
+Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da können ja unsere Wege
+nicht zusammenlaufen.“
+
+Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenüber Platz, und der
+alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und
+dünne Bouillon.
+
+Der Oberstlieutenant füllte die Weingläser für sich und seinen Sohn aus
+einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stieß mit dem
+Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den künftigen
+Feldmarschallstab an. Während der junge Mann schweigend seinem Vater
+zuhörte, welcher von alten Zeiten erzählte und manche schon oft
+wiederholte Geschichte noch einmal ausführlich vortrug, hörte man ein
+starkes Klingeln an der äußern Eingangsthür der kleinen einfachen
+Wohnung.
+
+Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit
+einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurück.
+
+„Ein Brief für den Herrn Lieutenant,“ sagte er, indem er in
+dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann überreichte.
+
+Dieser nahm es mit gleichgültiger Miene, öffnete es, und ließ die Augen
+über den Inhalt gleiten. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, mit
+starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jähen Schreckens las er
+die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen
+Schooß herab, indem seine Augen fortwährend unbeweglich auf den Worten
+ruhten, die er so eben gelesen.
+
+„Mein Gott,“ rief der alte Oberstlieutenant unruhig, „was ist das? Du
+hast doch keine böse Nachricht bekommen — doch nicht etwa eine
+Ehrensache?“
+
+Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu
+gewinnen.
+
+„Es ist Nichts,“ sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine
+Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Mühe die Worte
+hervorbrachte, „ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu
+verbringen.“
+
+„Aber Du bist doch so erschrocken,“ sagte der alte Herr forschend, „Du
+bist ja ganz roth geworden, Du zitterst.“
+
+„Ich habe den ganzen Vormittag über Nichts gegessen,“ sagte der
+Lieutenant, „die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig
+echauffirt, — es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein
+leichter Schwindel, der bereits vorüber ist.“ —
+
+Der alte Herr sah ihn ein wenig enttäuscht an.
+
+Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit
+einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzählungen einzugehen,
+Erinnerungen anzuregen, von denen er wußte, daß sie seinem Vater lieb
+wären, so daß dieser bald den kleinen Vorfall vergaß und in äußerst
+zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen ließ,
+sehr vergnügt darüber, daß sein Sohn so lebendig wie lange nicht an
+seinen Gesprächen Theil nahm.
+
+Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgeräumt
+war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen großen altmodischen
+Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer
+sprechend mit seinem Sohn, deckte ein großes seidenes Tuch über seinen
+Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute
+tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern
+die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Würden
+und Auszeichnungen geschmückt den Namen derer von Büchenfeld zu immer
+höhern Ehren brachte.
+
+Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein
+kleines Zimmer zurück, setzte sich vor seinen großen Tisch von weißem
+Holz, der mit Büchern, Plänen und Karten bedeckt war, zog das kleine
+Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die
+Lectüre desselben.
+
+„Mein Gott,“ sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton,
+„mein Entschluß stand so fest, ich glaubte Alles überwunden, ich glaubte
+mit der Vergangenheit und all ihren süßen Lockungen abgeschlossen zu
+haben, — da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschlüsse
+wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel
+versenkt —
+
+„Mein lieber Freund.“
+
+Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet.
+
+„Nach unserm letzten Gespräch glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu
+sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhältnisse machen
+eine Erklärung zwischen uns nothwendig. Ich muß Sie sehen und
+sprechen, — gehen Sie heute Nachmittag fünf Uhr in der Nähe unseres
+Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen
+dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht
+und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen.“
+
+„Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen,“ sagte er, immerfort sinnend
+das Papier betrachtend, — „ein einfaches A. ist die Unterschrift. — Ich
+habe niemals Anna's Handschrift gesehen,“ fuhr er fort, „aber es ist
+kein Zweifel, dieser Brief muß von ihr kommen. Was kann sie mir sagen
+wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit
+dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein — nach ihren letzten Worten
+freilich,“ sagte er, den Kopf in die Hand stützend, „mußte ich glauben,
+daß ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht
+annehmen, sie gab mir Hoffnung, — oh, eine so süße Hoffnung, welche ich
+mit so schwerer Ueberwindung aus meinem Herzen gerissen habe.
+
+Wäre es möglich“ — ein Schimmer von Glück und Freude erleuchtete sein
+Gesicht, in einer unwillkürlichen Bewegung hob er das Papier empor,
+drückte seine Lippen auf die Schriftzüge, dann sprang er auf und ging in
+heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder. —
+
+„Sei es, was es will,“ rief er, „es wäre unritterlich und feige, der
+Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt
+habe, daß ich sie liebe — und welche dieses Geständniß so gütig und
+freundlich aufgenommen, wie sie es gethan. —
+
+Aber,“ fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, „wenn
+sie mir sagen will, daß Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden
+will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen?
+
+Nun,“ fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort,
+„auch das wäre ein Zeichen, daß ich mich nicht in ihr getäuscht habe,
+ein Zeichen, daß sie meiner Liebe werth war, und daß sie es auch
+verdient, daß ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glück opfere.
+Jedenfalls muß ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird
+ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser
+schöne Traum wird einen um so schönern Abschluß finden, und,“ sagte er
+leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glück die
+Mitte hielt, „sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen
+meine Liebe sich erneuern — ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das
+wäre ein Mißtrauen auf die eigene Kraft, — ich muß hingehen und werde
+stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhängnißvolle
+Augenblick mir bringen kann.“
+
+Er blickte auf seine Uhr.
+
+„Noch über eine Stunde,“ sagte er, — „daß doch die Zeit oft so langsam
+vergeht, wenn man ihr Flügel wünscht und so rasch dahin schwindet, wenn
+man sie fesseln möchte.“
+
+Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht
+bei seiner Lectüre, in kurzen Zwischenräumen sah er nach der Uhr, deren
+Zeiger kaum vorzurücken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin
+und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief blaß, bald
+glühend roth; ein leichter Schweiß perlte an der Wurzel seiner Haare;
+und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben,
+fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter
+Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefühle und Gedanken bei äußerer
+Unthätigkeit stets hervorruft und welcher bei kräftigen und nervösen
+Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unerträglichsten
+Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequälte Menschenleben
+so reich ist.
+
+Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte
+die Mütze auf und verließ, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu
+betreten, das Haus.
+
+ * * * * *
+
+Fräulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag
+verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um
+zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen.
+Sie war überhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen
+Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus überlegener
+Gleichgültigkeit, ihr Vater aus Zärtlichkeit selten ein Hinderniß in den
+Weg gelegt hatten.
+
+Noch einmal hatte sie sich Alles überdacht, was sie dem jungen Manne
+sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick
+entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen würden. Es war ja unmöglich,
+daß sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen könnte, da sie doch wußte,
+daß sein Herz ihr gehörte.
+
+Mit bangem Zittern, aber mit einem glücklichen, hoffnungsvollen Lächeln
+auf den Lippen verließ sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre
+Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer
+Eltern auf- und abzugehen, wie sie es öfter um diese Zeit zu thun
+pflegte um frische Luft zu schöpfen.
+
+Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all
+den alten Damen mit kleinen Hündchen in zierlichen blauen oder rothen
+Mänteln, unter all den Herren, welche in dem regelmäßig abgemessenen
+Spaziergang Erholung für die im Staub der Bureaus aller Arten
+verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem
+ihr Herz entgegenflog.
+
+Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter.
+
+„Guten Tag, Fräulein Anna,“ ertönte plötzlich eine Stimme unmittelbar
+neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow,
+welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit
+einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit
+eines alten Bekannten begrüßte, welche sie um so unangenehmer berührte,
+als ihr diese Begegnung gerade im gegenwärtigen Augenblick ungemein
+unerwünscht war.
+
+Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruß des jungen
+Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.
+
+Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.
+
+„Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich
+gesucht, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er, „in denen ich Ihnen sonst zu
+begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre
+blühende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen
+blühen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und
+Leiden keinen Platz finden,“ fügte er mit höflich gleichgültigem Ton
+hinzu, indem sein Blick oberflächlich über das Gesicht und die Gestalt
+des jungen Mädchen hinglitt.
+
+„Ich danke, Herr von Rantow,“ sagte Anna mit dem Ton einer gewissen
+Verlegenheit, „ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervös
+verstimmt, — deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und möchte
+jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um _einsam_ meinen
+Gedanken nachzuhängen.“
+
+„Das sollten Sie nicht thun,“ erwiderte Herr von Rantow, ohne den
+ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr
+in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. „Die Einsamkeit ist kein
+Heilmittel für angegriffene Nerven, eine heitere gemüthliche Plauderei
+leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu
+sein.“
+
+„Sie sind zu gütig,“ erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, „Jeder muß
+am besten wissen, was seiner Natur bei nervösen Verstimmungen gut thut,
+und für mich ist ein _einsamer_ Spaziergang in der freien Luft,“ fügte
+sie mit noch schärferer Betonung hinzu, „das beste Heilmittel.“
+
+„Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten,“ erwiderte Herr von Rantow mit
+einem leichten Lächeln, während er durch sein Glas in eine Seitenallee
+hinabsah, „meine Begleitung nicht weiter aufdrängen, und doch wird es
+mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein
+sein zu wollen —“
+
+„Mein voller Ernst,“ rief Anna schnell, indem eine dunkle Röthe ihr
+Gesicht überflog, — sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von
+Büchenfeld bemerkt und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle
+sie ihm entgegen eilen.
+
+Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung
+ihres Blickes.
+
+„Ah, da ist Herr von Büchenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch
+ein Einsamer,“ fügte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge
+Mädchen hinzu. „Wäre die Einsamkeit ein Ding, das man theilen könnte, so
+würde ich vorschlagen, daß wir uns zu Dreien ihrem Genuß hingeben.“
+
+Anna hörte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den
+jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren
+Zügen, unschlüssig hielt sie ihre Schritte an, so daß sie fast neben
+Herrn von Rantow stehen blieb.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld hatte bei ihrem Anblick zunächst in
+freudiger Bewegung einen Schritt vorwärts gemacht, dann bemerkte er den
+jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gespräch
+neben Fräulein Anna herging.
+
+Eine tiefe Blässe bedeckte plötzlich seine Züge, seine Augen öffneten
+sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen
+blieb, — ein bitteres höhnisches Lächeln verzog seine fest verschlossenen
+Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine
+Brust, schnell wandte er sich seitwärts, und mit raschen Schritten ging
+er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Höflichkeit Fräulein
+Cohnheim militairisch grüßend.
+
+Das junge Mädchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten
+sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorüberschreitenden jungen
+Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei,
+rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle
+sie die Hände ausstrecken.
+
+„Um Gottes Willen Herr von Büchenfeld!“ rief sie.
+
+Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepreßt,
+daß ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr
+stehenden Herrn von Rantow drangen. Im höflichen Diensteifer wandte sich
+dieser um.
+
+„Büchenfeld!“ rief er, „so höre doch, — wie unhöflich, so vorbei zu
+laufen, — Fräulein Cohnheim ruft Dich.“
+
+Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm
+und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes
+höhnische, bittere Lächeln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von
+Rantow geführt, zu dem jungen Mädchen zurück, das ihn zitternd
+erwartete.
+
+„Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Büchenfeld,“ stammelte
+sie mit unsicherm Ton, „ich wollte Ihnen sagen, — daß —“ sie blickte auf
+Herrn von Rantow, der mit einem artigen Lächeln auf den Lippen neben ihr
+stand, und dann schlug sie die Augen nieder, — sie schien nach Worten zu
+suchen, zornig biß sie ihre glänzenden Zähne auf die Lippen und trat
+heftig mit dem Fuß auf den Boden.
+
+„Es ist sehr freundlich, daß Sie sich meiner erinnern,“ sagte der
+Lieutenant von Büchenfeld mit kalter, schneidender Höflichkeit. „Ich
+bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen
+Bedauern muß ich aber um Verzeihung bitten, daß ich mich keinen
+Augenblick aufhalten kann, — der unerbittliche Dienst ruft mich.“
+
+Er grüßte militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow,
+und eilte dann mit schnellen Schritten davon.
+
+Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm
+nacheilen, doch das wäre vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer
+schnellerem Gang, sie — sah ihm mit brennendem Blick nach.
+
+Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht.
+
+„Ich begreife nicht,“ sagte Herr von Rantow, „was er haben kann, er sah
+ja ganz verstört aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt
+haben?“
+
+Fräulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern
+zeigte sich ein feuchter Thränenschimmer.
+
+„Ich bedaure sehr, Herr von Rantow,“ sagte sie mit kaltem Ton, „daß ich
+nicht länger das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft
+greift mich an, ich will nach Hause zurückkehren.“
+
+Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem
+leichten Gruß abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu.
+
+„Wir gehen denselben Weg,“ sagte er ganz erstaunt, „ich will so eben zu
+meinen Eltern.“
+
+Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hören. Erstaunt
+blickte er ihr nach.
+
+„Was geht denn da vor!“ sprach er kopfschüttelnd vor sich hin. „Sollte
+da eine ernste Herzensangelegenheit spielen, — das würde mir nicht zu
+meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das
+Alles fügt sich so vortrefflich, — nun, ich glaube kaum, daß es ein
+ernstes Hinderniß sein wird,“ sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart
+streichend, „dieser Büchenfeld mit seinen altfränkischen Anschauungen
+wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird
+auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der
+Nichts weiter besitzt als seinen Degen.“
+
+Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Mädchen nach und trat
+einige Zeit später als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen
+Parterre seine Eltern bewohnten.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war in schmerzlicher Erregung dem
+Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum
+die Vorübergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken
+beschäftigt.
+
+„Das also ist es gewesen,“ flüsterte er, „sie hat mir zeigen wollen, daß
+Alles zwischen uns aus sein soll, daß Alles für sie nur das flüchtige
+Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen,
+aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl
+das künftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklärt.
+Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie
+wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen,
+der das Glück besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte. —
+
+„Das Glück?“ sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug, — „kann es
+ein Glück geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den
+edelsten Gefühlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich
+weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag, — und sie
+hätte es ja nicht nöthig gehabt,“ sprach er, grimmig die Lippen auf
+einander pressend, „sie hätte es nicht nöthig gehabt, mir so meinen
+Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht
+verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurückgezogen. Warum hat
+sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich
+mich in ihr getäuscht! Wie Recht hatte mein Vater, daß in diesen Kreisen
+der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefühl giebt.“
+
+Er sah sich plötzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annäherung
+er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.
+
+„Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkörperten Fleiß,“ rief ein
+junger Dragonerofficier.
+
+„Er bereitet sich zum Chef des großen Generalstabs vor und macht Tag und
+Nacht die Pläne zu den Schlachten, die er künftig gewinnen will. Aber
+jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute
+Hohensteins Geburtstag,“ sagte er, auf einen Husarenofficier deutend,
+„wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu
+feiern. Büchenfeld darf sich nicht zurückziehen, wenn er nicht ein
+schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein
+vortrefflicher Romanée mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll.
+Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer, — aber wo man den
+Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und
+nüchtern bleiben.“
+
+Er ergriff den Arm des Lieutenants von Büchenfeld und zog ihn fort. Die
+Andern folgten.
+
+„Es ist wahr,“ rief Büchenfeld flammenden Blickes, „ich habe zu viel
+gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegrübelt, ich will mir einmal den
+Kopf frei machen von allen Gedanken. Könnte ich Vergessenheit trinken,“
+sagte er leise vor sich hin, — „wie die Alten mit dem Wasser des Flusses
+der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele
+fortspülten!“
+
+Unter heitern und fröhlichen Gesprächen schritten die Officiere die
+Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewährte Local von
+Borchard in der Französischen Straße.
+
+Der alte Kellner mit dem kränklichen, klug blickenden Gesicht, welcher
+so genau seine Gäste zu classificiren verstand und den Geschmack und die
+Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedächtniß behielt, brachte die
+dickbäuchigen Flaschen in den eisgefüllten Kühlern. Die Pfropfen wurden
+entfernt, und das edle, dunkelrothe Getränk mit dem weißen Schaum ergoß
+sich in die zierlichen Krystallkelche.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen
+sich der Gesellschaft der Uebrigen angeschlossen hatte, stürzte ein Glas
+des purpurnen Getränkes nach dem andern hinunter, — eine wilde Heiterkeit
+schien sich seiner zu bemächtigen, seine Augen flammten, seine Wangen
+glühten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit
+sprühendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen.
+
+Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd, — er war
+scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten
+Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war.
+
+Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an.
+
+„Büchenfeld muß etwas sehr Glückliches passirt sein,“ sagte der
+Dragonerofficier, „so habe ich ihn noch nie gesehen.“
+
+„Oder,“ sagte der Husar lachend, „er steht im Begriff, sich
+todtzuschießen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht.“
+
+„Weder das Eine noch das Andere,“ meinte ein Dritter, „es ist einfach
+dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund
+so gesprächig macht.“
+
+„Oder sollte er etwa verliebt sein,“ sagte der Dragoner, „das wäre ja
+das Allermerkwürdigste, das man erleben könnte, — er, der bis jetzt gar
+keine Augen für ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen
+Studien gelebt hat.“
+
+„Ja, ja,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld laut lachend, „Du hast es
+getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth,“ sagte er,
+ein neues Glas herunterstürzend, „aus seiner gewohnten Ruhe
+herauszutreten. Nein, nein,“ fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort,
+„wenn ich verliebt wäre, dann wäre mir doch wirklich besser, daß ich
+mich auf ein Pulverfaß setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die
+Liebe?“ sagte er plötzlich düster; — „die unwürdige Fessel, welche den
+Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die flüchtige Laune einer
+Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und
+sie zum Spott Derer werden läßt, die sie nicht begreifen können!“
+
+Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer höher glühten
+die Wangen des Herrn von Büchenfeld, und bereits begannen seine Freunde
+mit einiger Besorgniß zuzusehen, wie er fortwährend sein Glas füllte, um
+es augenblicklich wieder zu leeren.
+
+Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezündet. Einige einzelne
+Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz
+genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden.
+
+Der Referendar von Rantow trat herein, ließ durch sein Lorgnon den Blick
+durch das große Zimmer gleiten und näherte sich dann der Gruppe der
+Officiere, die ihm sämmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen
+freundlich begrüßt, rasch reichte man ihm einen gefüllten Kelch und
+stellte einen Sessel für ihn in den Kreis der Uebrigen.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war in die Ecke eines Divans
+zurückgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem
+Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein verächtliches Lächeln zuckte um
+seine Lippen.
+
+„Sieh da, Büchenfeld,“ sagte der Referendarius, ihm freundlich
+zunickend, „ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und
+unzugänglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die
+Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte, — das war nicht höflich.“
+
+„Ihm muß überhaupt etwas ganz Außerordentliches passirt sein,“ sagte der
+Husarenofficier, — „er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie
+gesehen habe. Sehr amüsant freilich, aber ich möchte ihn so nicht in
+fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst könnte wohl morgen Einer von uns
+das Vergnügen haben, ihm zu secundiren.“
+
+Herr von Büchenfeld warf dem Sprechenden einen flüchtigen Blick zu,
+stürzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer
+Stimme:
+
+„Das würde nicht zu besorgen sein, — ich bin im Gegentheil in sehr
+friedlicher Stimmung, — sehr friedlich — und sehr vergnügt. — Du hast
+Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein großes Glück widerfahren, ich bin
+einer großen Gefahr entronnen, — ich stand im Begriff einen tiefen Fall
+zu thun, — einen tiefen, tiefen Fall,“ sagte er mit dumpfem, allmälig
+immer leiser und leiser verklingendem Ton; — dann sank sein Haupt auf die
+Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu
+beenden.
+
+Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander.
+
+„Ich fürchtete schon,“ sagte Herr von Rantow lächelnd, „daß Du mir böse
+sein würdest, und daß ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens
+gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt, — sollten wir
+Nebenbuhler sein? Das wäre nicht hübsch,“ fügte er hinzu, „gute Freunde
+müssen sich über so Etwas verständigen.“
+
+„Nebenbuhler?“ riefen die Officiere neugierig, — „so haben wir doch
+Recht, so ist er doch verliebt. Es mußte ja auch etwas ganz
+Außerordentliches sein, was ihn so verändern konnte.“
+
+Herr von Büchenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine müden
+geschlossenen Augen öffneten sich weit und blickten mit sonderbarem
+Ausdruck im Kreise umher.
+
+„Nebenbuhler,“ rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow
+wendend, „wären wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz
+ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schätze
+dieses kindische Gefühl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren
+Werth; und ihr Werth ist sehr gering,“ fügte er achselzuckend
+hinzu, — „über Dergleichen dürfen sich Männer nicht entzweien. Wahrlich,“
+fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder
+zu leisem Ton herabsank, „stände hier eine Roulette zwischen uns, ich
+würde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und
+Liebesansprüche der Welt setzen.“
+
+„Das ist ein guter Gedanke,“ rief der Dragonerofficier, der ebenso wie
+die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einfluß der Wirkung des
+feurigen Weines befand, „ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid,
+setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur
+Klarheit zu kommen, als sich die Hälse zu brechen. Eine Roulette ist
+nicht hier, spielt eine Partie Ecarté um Eure Schöne —“
+
+„Vortrefflich, vortrefflich!“ riefen die Andern jubelnd, — „ein
+ausgezeichneter Gedanke!“
+
+„Unglück im Spiel, Glück in der Liebe!“ rief der Husarenofficier.
+
+„Wer das Spiel gewinnt, muß seine Liebesansprüche aufgeben —“
+
+„Warum nicht,“ rief Herr von Büchenfeld, dessen Blicke sich immer
+verschleierten, „gebt die Karten her!“
+
+Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige
+Bemerkungen machen, die Uebrigen ließen ihn nicht zu Worte kommen.
+
+Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartékarten gebracht, man
+räumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Büchenfeld leer und zog Herrn
+von Rantow zu dem jungen Officier hin.
+
+„Ich setze hundert Louisd'or,“ sagte dieser, indem er den Blick
+forschend auf Herrn von Büchenfeld richtete, wie es schien in der
+Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu
+bringen.
+
+„Ich nehme an,“ sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell
+leerte er noch ein Glas.
+
+„Wer gewinnt,“ rief der Dragonerofficier, „zahlt also hundert Louisd'or
+und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour
+zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr
+sprechen.“
+
+Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht
+ergriffen hatte, auf Herrn von Büchenfeld.
+
+„Angenommen,“ sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung
+nach dem Spiel und hob ab.
+
+„Drei,“ sagte Herr von Rantow, — dann coupirte und zeigte ein Aß.
+
+„Du giebst,“ sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton.
+
+Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male
+den König auf, und nach wenigen Abzügen hatte er die Partie gewonnen.
+
+Höhnisch lachte Herr von Büchenfeld laut auf.
+
+„Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen!“ rief er, die Karten
+durcheinander werfend, — „ich gratulire Dir!“ — er sank auf seinen Stuhl
+zurück, sein Haupt fiel müde auf die Brust nieder.
+
+Herr von Rantow zuckte zusammen.
+
+Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise
+herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit
+verlegenen Blicken an.
+
+„Ich habe gewonnen, nach der Verabredung muß ich den Einsatz bezahlen,“
+sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrückte, daß er dieser
+peinlichen Scene so schnell als möglich ein Ende machen wollte.
+
+Er zog einige Goldstücke aus seinem Portemonnaie, fügte aus seinem
+Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von
+Büchenfeld auf den Tisch und erhob sich.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand
+aus und streute das Geld auf dem Tisch umher.
+
+„Der Einsatz ist zu hoch,“ sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen
+Worten, „Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht
+werth, ich kann das nicht annehmen.“
+
+Und abermals sank er in seinen Stuhl zurück, seine Augen schlossen sich,
+sein Haupt fiel matt gegen die Lehne.
+
+Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurückgeschoben. Einer
+der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den
+Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath,
+der Alles mit angehört hatte.
+
+„Wie peinlich, wie unangenehm,“ sagte er, während die ernst gewordenen
+Officiere schweigend um ihn her standen.
+
+„Meine Herren,“ fuhr er fort, „ich glaube nicht, daß es möglich ist, mit
+Herrn von Büchenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm
+einen großen Dienst leisten, wenn Sie dafür sorgen, daß er so bald wie
+möglich nach Hause zurückkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter
+darüber reden.“
+
+Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine
+Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte.
+
+Die heitere und übermüthige Weinlaune der Officiere war verschwunden,
+sie Alle fühlten, daß hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das
+schwere Folgen nach sich ziehen müsse.
+
+Sie brachen auf, der Lieutenant von Büchenfeld ließ sich ruhig und ohne
+weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke führen.
+Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzählten dem alten
+Oberstlieutenant, daß sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig
+von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei.
+
+Der alte Herr lächelte ganz vergnügt darüber und freute sich im Stillen,
+daß die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg über
+seine Neigung zu einsamem Grübeln davon getragen habe.
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+
+Fräulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefühle nach Hause
+zurückgekehrt, sie hatte in das Verhältniß zu ihrem Geliebten Licht und
+Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglückseliges und
+verhängnißvolles Zusammentreffen der Umstände eine neue und noch größere
+Verwirrung entstanden.
+
+Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und riß hastig die Handschuhe von
+den zitternden Händen.
+
+„Welch ein unglückseliges Zusammentreffen,“ rief sie heftig, „ich hätte
+daran denken sollen. Aber wie ist es möglich, daß er mich nicht einmal
+anhören wollte. Einige Worte hätten Alles aufgeklärt. Es ist ja schon
+ganz widersinnig, daß er von einer so eifersüchtigen Leidenschaft erfaßt
+werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben.“
+
+Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschlüssigkeit
+zu der Decke des Zimmers empor. Sie zürnte sich selbst, sie zürnte ihrem
+Geliebten, der so hart und rücksichtslos ihr jede Erklärung
+abgeschnitten hatte, vor Allem aber zürnte sie dem Herrn von Rantow,
+welcher so unberufen und störend in ihre Combinationen eingegriffen
+hatte.
+
+„Es ist unerhört,“ rief sie, „wenn er mir zutrauen kann, daß ich mit dem
+jungen Baron in irgend welchen Beziehungen stände — aber,“ fuhr sie fort,
+„sein Charakter ist so mißtrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu
+sehen. Es ist unmöglich, eine andere Erklärung für sein Benehmen zu
+finden. Was soll ich thun? — Ihm noch einmal schreiben? — Er würde mir
+nicht glauben! Er würde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im
+Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekümmerniß und der
+Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen müssen, mir das Gehör zu
+versagen!
+
+Er ist hart wie Stein,“ rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen
+ihres Kleides zerknitternd, „aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist
+nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie
+Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt
+ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg
+finden zu diesem mit siebenfachem Erz umgürteten Herzen?“
+
+Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Pläne auf
+Pläne, um sie alle wieder zu verwerfen.
+
+„Es giebt nur einen Weg,“ rief sie endlich mit festem entschlossenen
+Ton, „Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater
+sprechen. Er kann,“ fügte sie unwillkürlich lächelnd hinzu, „meinen
+ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muß es übernehmen,
+diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glück
+meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plänen
+tragen sollte.“
+
+Dieser Entschluß schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch längere Zeit
+über die Ausführung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon
+ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.
+
+Die Frau Commerzienräthin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer
+Tochter eine kleine Vorlesung darüber zu halten, was sie der Stellung
+ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, für
+sie eine passende Verbindung zu finden, so müsse auch Anna darauf
+bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen
+Personen eine Annäherung zu erlauben, welche durch ihr Vermögen und
+ihre gesellschaftliche Stellung im Stande wären, sich in die Reihe der
+Bewerber um die Tochter des großen Finanzmannes zu stellen, welcher
+bestimmt sei, noch weit höhere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu
+ersteigen.
+
+Fräulein Anna hörte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an,
+an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabänderliches gewöhnt
+hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht für nöthig hielt,
+die erwünschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhängen.
+
+Dies tête-à-tête zwischen Tochter und Mutter hatte bereits längere Zeit
+gedauert, als der Commerzienrath in großer Aufregung in das Zimmer trat.
+Er vergaß, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu
+thun pflegte, seiner Frau die Hand zu küssen, und beachtete auch den
+freundlichen Gruß seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war
+und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen
+Schritten auf und ab, bewegte die Hände in lebhaften Gesticulationen und
+flüsterte abgebrochene Worte vor sich hin.
+
+Erstaunt sah ihm die Commerzienräthin eine Zeit lang zu, dann sagte sie
+in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger
+Besorgniß beimischte:
+
+„Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollständig in
+Deinen geschäftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht wäre es
+besser, die Berechnungen über Deine Geschäfte in Deinem Zimmer
+vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie
+zu widmen — oder,“ fuhr sie fort, „hast Du so peinliche und unangenehme
+Nachrichten erhalten, daß Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?“
+
+„Es ist unerhört,“ sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, „es
+ist eine sehr unangenehme Geschichte, — es waren noch verschiedene
+Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was
+kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?“
+
+„Aber ich bitte Dich,“ sagte die Commerzienräthin, welche jetzt
+ernstlich beunruhigt zu sein schien, „so sage uns doch endlich, was Dich
+so aufregt — wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen
+und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begründet?
+Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschäft vernichtend
+treffen?“
+
+„Haus und Geschäft,“ rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er
+noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, „das kommt nicht
+in Betracht — aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner
+Tochter — was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich
+verhöhnen!“
+
+Jetzt wurde auch Fräulein Anna aufmerksam.
+
+„Du hast von mir gesprochen, lieber Papa,“ sagte sie. „Ich bitte Dich,
+was giebt es — so erzähle uns doch.“
+
+„Ich muß Dich jetzt sehr ernstlich bitten,“ sagte die Commerzienräthin
+im strengen Ton, „uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt,
+denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als
+Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung
+aufrecht zu erhalten,“ sagte sie, den Kopf erhebend, „und über den Ruf
+meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe.“
+
+„Was es giebt,“ rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch
+herantrat, — „etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Böses, meine Tochter
+ist beleidigt, — öffentlich beleidigt, verhöhnt im Restaurationszimmer
+bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen
+unbekannten Herren, welche die Geschichte natürlich so schnell als
+möglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren,
+welche mich schon so lange beneidet haben und gewiß so sehnlich
+wünschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir rächen zu
+können.“
+
+„Was ist geschehen,“ fragte jetzt auch Fräulein Anna ernst und dringend,
+„wer hat mich beleidigt und wie? Ich muß es wissen.“
+
+„Wer?“ sagte der Commerzienrath, „Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz
+unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich
+die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur,
+weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete,
+ein kleiner Lieutenant von Büchenfeld.“
+
+Anna wurde bleich wie der Tod, ihre großen Augen starrten mit entsetztem
+Ausdruck auf ihren Vater. Sie stützte die Hand auf den Tisch, ihre ganze
+Gestalt schwankte unsicher hin und her.
+
+„Lieutenant von Büchenfeld,“ sprach sie leise mit fast tonloser Stimme,
+während ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf,
+indem ein leichtes höhnisches Lächeln um ihren hochmüthig aufgeworfenen
+Mund zuckte.
+
+„Er war,“ sprach der Commerzienrath eifrig, — „Du mußt es ja doch
+wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst, — er war in
+Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das
+Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Nähe an einem Tische Platz
+nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt, — die
+Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken
+haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen
+zwischen ihm und Herrn von Büchenfeld einige anzügliche Redensarten von
+Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht
+besonders Acht gab. Der Lieutenant von Büchenfeld machte einige sehr
+wegwerfende Bemerkungen über die fragliche Dame und sagte, er würde ihre
+Liebe im Ecarté gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere
+Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von
+Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die größte Mühe,
+das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr
+erregten Gesellschaft nicht noch größeren Eclat herbeizuführen. Herr von
+Büchenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne mächtig schien, verspielte
+das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert
+Louisd'or, — ich ahnte noch immer nichts Böses, — dann warf er die Karten
+mit den lauten Worten hin: — Du hast das schöne Fräulein Cohnheim
+gewonnen, ich wünsche Dir Glück dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich
+kann ihn nicht annehmen. — Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wußte
+kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Mühe behielt ich
+die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen.“
+
+Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben
+nieder, das Gesicht mit den Händen bedeckend und krampfhaft schluchzend.
+Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene
+ihr schönes glänzendes Haar.
+
+„Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt
+und gekränkt zu werden. Aber tröste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf.
+Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht,“ sagte er, zu seiner Frau
+gewendet, „sie mußte es ja doch erfahren.“
+
+„Das kommt davon,“ sagte die Commerzienräthin, indem sie mit kaltem
+strengem Blick zu ihrer Tochter hinübersah, „wenn man nicht vorsichtig
+in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft
+zuläßt, — der Lieutenant von Büchenfeld, glaube ich, war der junge, mir
+unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den
+Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute
+setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der
+Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schließlich
+irgend eine Niedrigkeit zum Dank für Wohlwollen und Freundlichkeit.“
+
+„O, wie wäre es möglich gewesen,“ rief Fräulein Anna, ohne die Worte
+ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt,
+„wie wäre es möglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche
+Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit zu glauben, — und das, nachdem —“ sie
+bedeckte abermals das Gesicht mit den Händen und sank still weinend in
+sich zusammen.
+
+„Nun, mein Kind,“ sagte der alte Commerzienrath, den die heftige
+Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, „so übermäßig
+ernsthaft muß man die Sache auch nicht nehmen. Es läßt sich immer noch
+ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter,
+ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin,“ fuhr er fort, „mit dem Herrn von
+Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das
+Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gespräch mit einander
+geführt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst
+morgen mittheilen wollte,“ sprach er weiter, — „indeß, da ich mich nun
+einmal habe hinreißen lassen, die ganze Sache zu erzählen, so ist es
+besser, wenn wir darüber auch heute gleich sprechen.“
+
+Fräulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male
+rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen
+bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche
+sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit
+strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann
+er, eine gewisse würdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend:
+
+„Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist,
+und der ganz genau weiß, was in der großen Welt und in der feinsten
+Gesellschaft sich schickt und paßt —“
+
+„Besser als andere Leute,“ fiel die Commerzienräthin ein, „welche sich
+in die Gesellschaft eindrängen, und welche man nie hätte aufnehmen
+sollen —“
+
+„Der Herr von Rantow,“ fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust
+hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die
+Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, „hat mir gesagt, wie leid es
+ihm thäte, daß diese Scene stattgefunden habe, — er habe alles Mögliche
+gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schließlich für das Beste
+gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so
+schnell als möglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natürlich
+nicht im Entferntesten ahnen können, daß der Herr von Büchenfeld in so
+unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und
+solchen Verhältnissen nennen würde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir
+gesagt,“ fuhr der Commerzienrath mit etwas gedämpfter Stimme fort,
+„werde ihm Nichts übrig bleiben können, als für die Ehre der Dame, die
+in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhört beleidigt
+sei, persönlich einzutreten.“
+
+Die Commerzienräthin lehnte sich steif zurück, indem ein befriedigtes
+Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.
+
+Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor.
+
+„Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen, — oh,“ fuhr
+sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Hände sich krampfhaft
+verschlangen, „warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und
+Erbärmlichkeit?“
+
+„Du bist nicht wehrlos, mein Kind,“ sagte der Commerzienrath, indem er
+zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand über den Kopf strich, „der
+junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von
+Büchenfeld wieder für vernünftige Worte zugänglich ist, ihn zu einer
+öffentlichen und bestimmten Ehrenerklärung auffordern, und, wenn er sich
+weigert, so wird er ihn zwingen,“ sagte er mit stolzem und wichtigem
+Ausdruck, „ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben.“
+
+„Damit er womöglich noch verwundet oder erschossen wird,“ rief Fräulein
+Anna, verächtlich die Achseln zuckend, „und ich noch mehr der Gegenstand
+des öffentlichen Gespräches und des öffentlichen Spottes werde.“
+
+„Des Spottes niemals, mein Kind,“ sagte die Commerzienräthin mit einem
+ruhigen kalten Ton, „wenn ein Cavalier wie Herr von Rantow zu Deiner
+Vertheidigung auftritt, so wird es Niemand wagen, Dich zu verspotten.“
+
+„Nun,“ rief Anna, „mag es sein, wie es will, ich bin Herrn von Rantow
+dankbar, daß er mich in Schutz nimmt gegen diese elende, niedrige
+Beleidigung, ich bin, weiß Gott, unschuldig an dem, was daraus entstehen
+kann.“
+
+„Herr von Rantow hat sich benommen als ein ganz vortrefflicher junger
+Mann von der besten Erziehung und dem feinsten Gefühl. Er hat mir weiter
+gesagt, daß es für eine junge Dame immer peinlich sei und unangenehm,
+wenn zwei Herren ihretwegen eine Ehrensache miteinander hätten, und wenn
+sie namentlich von Jemand vertheidigt werden müßte, der in keinen
+weiteren Beziehungen zu ihr stände — das brächte sie immer in eine
+schiefe Stellung dem Publikum gegenüber und gebe Anlaß zu allen
+möglichen Voraussetzungen und Gesprächen. Er habe nun, — hat er mir
+weiter gesagt, — schon seit längerer Zeit den Wunsch in sich getragen, in
+nähere Beziehung mit meiner Familie zu treten, nachdem sein Vater mit
+mir so nahe geschäftliche Verbindungen eingegangen sei und unsere
+Interessen auf Jahre hinaus sich verbunden hätten. Er habe Dir, mein
+Kind, aber erst Gelegenheit geben wollen, ihn genauer kennen zu lernen,
+bevor er es habe wagen wollen, bei mir um Deine Hand anzuhalten. Dieses
+zufällige und plötzliche, so unangenehme Ereigniß aber mache ihm den
+Muth und lege ihm fast die Pflicht auf, jetzt mit seinen Wünschen
+hervorzutreten. Man werde über die Sache viel sprechen und wenn er zu
+einem Rencontre mit Herrn von Büchenfeld gezwungen werden sollte, so
+werde die Welt seinen Namen ohnehin mit dem Deinigen in Verbindung
+bringen. Wenn Du deshalb nach Deiner kurzen Bekanntschaft mit ihm Dich
+entschließen könntest, ihm Dein Leben und Deine Zukunft anzuvertrauen,
+so glaubt er, daß Alles sich besser gestalten und allen peinlichen
+Erörterungen die Spitze abgebrochen werden könne, da er dann auch
+vollkommen berufen und berechtigt sei, für Dich gegen Deinen Beleidiger
+aufzutreten.“
+
+„Der junge Mann,“ sagte die Commerzienräthin, „hat wirklich ein feines
+und richtiges Gefühl, und ich theile ganz seine Ansicht, daß unter
+diesen Verhältnissen eine schnelle Erledigung einer Sache, die uns ja
+nicht ganz unerwartet kommt, am besten sei.“
+
+„Das ist ja ganz wie in alten Ritterromanen,“ sagte Anna mit
+schneidendem Hohn, „der Baron von Rantow will sich seine Dame mit dem
+Degen in der Hand erobern — aber“ fuhr sie fort „das ist doch wenigstens
+ritterlicher Sinn, wenigstens ist es wahrlich besser, als auf so plumpe
+Weise ein wehrloses Mädchen zu beleidigen. Wenn Herr von Rantow diesen
+Preis für seine Vertheidigung verlangt, — so soll er ihn haben — er ist ja
+eine vortreffliche Partie“ fuhr sie bitter fort, „und ich muß ja
+glücklich sein, daß ich aus dieser ganzen traurigen Geschichte noch mit
+einem so guten Abschluß davon komme. Sage dem Baron,“ sprach sie in
+kaltem Ton zu ihrem Vater gewendet, „daß ich seine Bewerbung annehme,
+da er so muthig und selbstverleugnend meine Vertheidigung übernommen
+hat.“
+
+Mit befriedigtem Ausdruck neigte die Commerzienräthin den Kopf.
+
+Herr Cohnheim eilte auf seine Tochter zu und küßte sie zärtlich auf die
+Stirn. Anna stand auf.
+
+„Doch muß ich,“ sprach sie, „bitten, daß er mich einige Tage von seinen
+Besuchen dispensirt. Diese ganze Sache hat mich natürlich angegriffen
+und aufgeregt, und ich wünsche, mich zu sammeln. Auch bin ich nicht im
+Stande ihn zu sehen, bevor diese Angelegenheit mit Herrn von
+Büchenfeld“ — sie sprach diesen Namen mit unendlicher Verachtung
+aus — „geordnet ist, ich kann doch unmöglich meinen künftigen Gemahl
+selbst in den Kampf mit seinem Gegner schicken.“
+
+Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie schnell das Zimmer.
+
+„Ich bin sehr erfreut,“ sagte die Commerzienräthin, „daß diese so
+äußerst unangenehme Sache doch einen so befriedigenden Ausgang nimmt.
+Ich fürchtete schon, daß die romantischen Grillen, zu welchen Anna so
+viel Neigung zeigt, unsern Plänen Schwierigkeiten entgegenstellen
+würden. So wird sich ja aber Alles ganz vortrefflich ordnen, und wenn
+sie, wie ich einen Augenblick besorgte, eine thörichte Neigung für
+diesen jungen unbedeutenden Officier gehabt haben sollte, so ist ja
+jetzt Alles auf's Beste geordnet. Hoffentlich wird auch die Affaire
+keine ernsten Folgen haben,“ fügte sie nachlässig hinzu.
+
+„So etwas kommt ja so oft zwischen diesen jungen Herren vor,“ sagte der
+Commerzienrath, „und wie selten hört man, daß es wirklich
+lebensgefährlich wird. Es läßt sich ja auch jetzt gar nicht ändern, und
+wir müssen das Beste hoffen. Ich glaube übrigens nicht,“ fügte er hinzu,
+„daß dieser junge Büchenfeld es wirklich zum Äußersten kommen lassen
+wird. Die anderen Officiere schienen mir ebenfalls durch sein Betragen
+sehr unangenehm berührt, ich glaube, daß die Sache mit einer
+Ehrenerklärung erledigt werden wird — der alte Herr von Rantow ist, so
+viel ich weiß, ein Freund von dem Vater des Lieutenants und wird
+ebenfalls darauf hinwirken können. Damit ist ja denn Alles gut, und alle
+boshaften Gespräche über uns und unsere Tochter, welche dieser Vorfall
+hervorrufen wird, werden auf der Stelle niederschlagen, wenn wir ihre
+Verlobung mit Herrn von Rantow sogleich proclamiren.“
+
+Er setzte sich behaglich in seinen Lehnstuhl und nahm eine Tasse Thee.
+
+Noch lange saß das Ehepaar beisammen, Pläne für die Zukunft
+besprechend, welche sich durch die Verbindung mit dem vornehmen Hause so
+glänzend gestalten würden.
+
+Fräulein Anna war ruhig und gefaßt in ihr Zimmer gegangen, als sie die
+Thür hinter sich geschlossen, sank sie wie gebrochen in sich
+zusammen, — lange stand sie schweigend, die Hände in einander gefaltet,
+die Blicke starr auf den Boden geheftet.
+
+„Wie schnell,“ sprach sie mit dumpfer Stimme, „sind die Träume
+verflogen, die mich hier gestern noch so süß umgaukelten, wie schnell
+sind all die Liebesblüthen meines Herzens geknickt, aus denen ich einen
+reichen Kranz für mein Leben zu winden hoffte.“
+
+Sie blickte um sich her, als ob ihr der gewohnte Raum, in dem sie sich
+befand, fremd sei, als ob sie ihre Gedanken sammeln müsse, um sich klar
+zu werden, wo sie sich befände, und was mit ihr vorgegangen sei. Dann
+zuckte wieder glühender Zorn über ihr Gesicht.
+
+„Oh, daß es so enden muß! Hätte ich ihn verloren, hätte sich selbst
+seine Liebe von mir abgewendet, es wäre ein edler Schmerz gewesen, ein
+Schmerz, der die Seele hätte beugen, aber nicht erniedrigen können. Aber
+das Bewußtsein, daß ich das edelste und reinste Gefühl meines Herzens
+unwürdig weggeworfen habe, daß ich der Gegenstand des Spottes, des
+Hohnes, der Verachtung habe sein können, — und warum?“ — rief sie, die
+Hände ringend, — „weil ich einen Schritt gethan habe, der nicht
+gewöhnlich ist, weil ich mich vor seinem Stolz habe demüthigen wollen,
+weil ich geglaubt habe, daß er einen solchen Schritt verstehen und
+würdigen könne. Oh, das ist hart, sehr hart! Ich kann alle meine
+Hoffnungen auf Lebensglück vergessen, ich werde es zu tragen wissen, wie
+so viele Frauen eine glänzende Existenz führen, beneidet von der Menge,
+aber kalt und öde in ihrem Innern. Aber das werde ich nie überwinden,
+daß meine Liebe verachtet, verhöhnt und mit Füßen getreten ist, daß Der,
+dem ich den letzten Tropfen meines Blutes hätte opfern mögen, mich
+öffentlich hat beleidigen können zum Ergötzen seiner Kameraden in ihrer
+Weinlaune.“
+
+Mit einer raschen Bewegung trat sie an einen kleinen Tisch von antik
+geschnitztem Eichenholz und öffnete mit einem zierlichen goldenen
+Schlüssel, den sie an ihrer venetianischen Uhrkette trug, eine mit
+Elfenbein und Gold incrustrirte Cassette.
+
+„Da liegen die Reliquien meiner Träume,“ sprach sie mit dumpfem
+traurigem Ton, aus ihren großem brennenden Augen fiel eine Thräne auf
+den Inhalt des kleinen Kästchens.
+
+„Hier ist das erste Bouquet, das er mir gegeben,“ sagte sie leise, indem
+sie einen kleinen vertrockneten Blumenstrauß emporhob, „vertrocknet wie
+diese Blumen sind meine Gefühle, welche gestern noch so schön und
+hoffnungsreich erblühten, — wie oft haben meine Lippen auf diesen Blumen
+geruht! Vorbei! Vorbei!“
+
+Und wie vor der Berührung des kleinen Bouquets zurückschaudernd, warf
+sie dasselbe mit einer raschen Wendung in den Kamin, dessen Feuer
+langsam in Kohlengluth zusammenzusinken begann. Die trockenen Blumen
+flammten hoch auf und blieben dann als ein Häuflein dunkler Asche auf
+den glühenden Kohlen liegen.
+
+Sie preßte die Hände auf ihr Herz und sah starr diesem Zerstörungswerk
+zu. Dann nahm sie den ganzen übrigen Inhalt der Cassette, ebenfalls
+kleine Bouquets, mehr oder weniger verwelkt, verschiedene andere
+Cotillongeschenke und warf Alles in die Gluth, welche einen Augenblick
+aufflackernd, mit hellem Schein das Zimmer erhellte.
+
+„Die Vergangenheit ist vorbei,“ sagte sie schmerzlich, „meine Zukunft
+wird wie diese Kohlen mehr und mehr Licht und Wärme verlieren, bis
+endlich Alles in todte Asche zusammensinkt. Oh, könnte ich mein Herz
+ebenfalls zu Asche werden lassen! Aber wenn auch seine Liebe gestorben
+ist, für das Leiden wird es immer noch Gefühle der Empfindung behalten.“
+
+Sie sank auf ihren Divan nieder, drückte den Kopf in die Hände, und ihr
+starrer Jammer löste sich in einem Strom wohltätiger Thränen. —
+
+ — Auch der Lieutenant von Büchenfeld hatte fast in starrer
+Bewußtlosigkeit die Nacht zugebracht. Seine heftige, innere Erregung,
+die unnatürliche Spannung aller seiner Gefühle, und die Wirkung des
+schweren Weines hatten ihn bis zum Morgen in einem Zustand gehalten,
+welcher weder Schlaf noch Wachen war, und in welchem die Bilder der
+Erinnerungen wild durch einander wogten, ohne sich selbst auch nur in
+den unklaren Gestalten des Traumes festhalten zu lassen.
+
+Langsam erwachte er aus diesem lethargischen Zustande am andern Morgen,
+und allmälig begann es ihm mehr und mehr klar zu werden, was am Tage
+vorher mit ihm vorgegangen. Das erste Gefühl, dessen er sich vollkommen
+bewußt wurde, war ein tiefer, bitterer Schmerz über die Täuschung seiner
+Liebe, welche trotz seines lange gefaßten Entschlusses gestern bei der
+Botschaft seiner Geliebten wieder einen Augenblick mit frischen
+Hoffnungen sich bekränzt hatte.
+
+„Warum hat sie mir nicht gleich Alles geschrieben,“ flüsterte er, ohne
+von seinem Lager sich zu erheben — „oder warum ist sie nicht allein
+gekommen, warum hat sie mir in Gegenwart des Mannes, dem sie das
+Andenken an mich geopfert, den Abschied geben wollen? Sollte das eine
+absichtliche Kränkung, ein absichtlicher Hohn sein, oder bin ich ihr so
+gleichgültig gewesen, daß sie nach der Kälte ihrer Gefühle die meinigen
+bemessen hat?“
+
+Lange lag er schweigend da unter dem Eindruck dieses schmerzlichen
+Gedankens, dann tauchte die Erinnerung der weiteren Ereignisse des Tages
+deutlicher in ihm auf. Er entsann sich des Spiels, das er gemacht, er
+entsann sich, daß er den Namen des Fräulein Cohnheim laut und mit
+bitteren Bemerkungen genannt habe. Ein Gefühl der Scham und Reue überkam
+ihn.
+
+„Das war nicht würdig, nicht männlich, nicht edel!“ rief er, indem er
+sich auf sein Lager aufsetzte und mit beiden Händen seinen schmerzenden
+Kopf hielt. „Das hätte ich nicht thun müssen, ich hätte in meiner
+heftigen Erregung die Gesellschaft fliehen und Nichts trinken
+dürfen. — Oh,“ rief er nach einer Pause, „welch' ein elendes,
+jämmerliches Ding ist diese so viel gepriesene Liebe! Erst läßt sie so
+schwer und so bitter leiden, und dann treibt sie zu unwürdigen, zu
+niedrigen Handlungen. Oh, ich schwöre es,“ rief er die Hand erhebend,
+„ich schwöre, daß ich dieses Gefühl fliehen will wie die Sünde, und daß
+nie wieder das Bild eines Weibes mein Herz erfüllen soll! Ich will frei
+sein, stark und ruhig und meiner würdig bleiben!“
+
+Der alte Diener trat ein und meldete, daß das Frühstück im Zimmer des
+Oberstlieutenants bereit sei, zugleich zeigte er dem Lieutenant an, daß
+zwei Officiere ihn zu sprechen wünschten und ihn bei seinem Vater
+erwarteten.
+
+Der Lieutenant sprang empor, kühlte seinen brennenden Kopf mit frischem
+Wasser und machte in hastiger Eile seine Toilette.
+
+Als er in das Zimmer seines Vaters trat, welcher ihn bereits völlig
+angekleidet, frisch und munter erwartete, fand er dort die beiden
+Officiere von den Dragonern und den Husaren, welche Zeugen des gestrigen
+Abends gewesen waren, in ruhiger Unterhaltung mit dem alten Herrn
+begriffen.
+
+Beide Officiere traten dem Lieutenant nicht mit der sonst gewohnten
+herzlichen Unbefangenheit und Vertraulichkeit entgegen, sondern
+begrüßten ihn mit einer gewissen kalten und gezwungenen Höflichkeit.
+
+„Du hast lange geschlafen,“ sagte der Oberstlieutenant heiter, „es war
+wohl eine scharfe Sitzung gestern Abend, — die Herren hier sind ja auch
+dabei gewesen, aber das hat sie nicht verhindert, schon frühe auf zu
+sein. Das ist Recht, man muß sich niemals aus der Ordnung bringen
+lassen, und fast muß ich mich meines Sohnes schämen, daß er ein solcher
+Weichling ist, der am andern Morgen noch spürt, wenn er am Abend vorher
+ein paar Flaschen den Hals gebrochen. Habt Ihr etwa heute Morgen schon
+wieder eine Partie vor?“ fragte er, den Schnurrbart drehend, „damit
+würde ich nicht einverstanden sein, — erst der Dienst und dann das
+Vergnügen.“
+
+Die beiden Officiere standen in einiger Verlegenheit schweigend da.
+
+„Wir haben mit Dir zu sprechen,“ sagte der Dragoner mit einem
+Seitenblick auf den alten Herrn, „und möchten es sogleich.“
+
+„Geniren Sie sich nicht vor mir,“ sagte der Oberstlieutenant mit heiterm
+Lächeln, „ich bin nicht mehr im Dienst, ich bin ja nur ein alter
+gutmüthiger Herr,“ fügte er mit einem leichten Anflug von Wehmuth hinzu,
+„der auch jung war und weiß, was man in der Jugend treibt.“
+
+„Wir möchten aber,“ sagte der Husarenofficier — „Dich einen Augenblick
+allein sprechen. Es handelt sich um eine Ehrensache,“ fügte er mit
+gedämpftem Ton hinzu, doch nicht so leise, daß es der Oberstlieutenant
+nicht verstanden.
+
+Der alte Herr wurde ernst, warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn
+und die beiden Officiere und sagte dann:
+
+„Ich lasse Dich mit den Herren einen Augenblick allein.“
+
+„Halt, lieber Vater,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld, „ich bitte
+Dich, zu bleiben. Ihr erlaubt,“ sagte er, „daß ich Euch bitte, vor
+meinem Vater zu sprechen. Er ist Officier wie wir, und ich weiß kein
+kompetenteres Urtheil in allen Ehrensachen, als das seinige. Er wird es
+mir nicht abschlagen, vorläufig mein Zeuge zu sein und sein Urtheil
+darüber abzugeben, was ich zu thun habe.“
+
+Die beiden Officiere grüßten den Oberstlieutenant militairisch.
+
+„Es wird uns eine große Ehre sein,“ sagte der Husar, „wenn der Herr
+Oberstlieutenant als Dein Zeuge unsere Erklärung mit anhören will.“
+
+Der alte Herr bat die Officiere mit einer stummen Handbewegung Platz zu
+nehmen und setzte sich dann grade und aufrecht neben seinen Sohn.
+
+„Ich bitte Sie also, meine Herren,“ sagte er mit ernster, fast
+feierlicher Stimme, „zu sagen, um was es sich handelt.“
+
+Der Dragonerofficier erzählte mit kurzen Worten den Vorgang, welcher am
+Abend vorher in dem Restaurationslokal von Borchard stattgefunden hatte.
+
+Schweigend hörte der Oberstlieutenant zu, finstere Falten legten sich
+auf seine Stirn.
+
+„Hat sich der Fall so zugetragen, wie die Herren erzählen? Erinnerst Du
+Dich, gethan und gesprochen zu haben, was sie so eben mittheilen?“
+
+„Ja,“ sagte der Lieutenant.
+
+Sein Vater schüttelte langsam den Kopf.
+
+„Der Referendarius von Rantow“, fuhr der Dragonerofficier zu dem
+Lieutenant von Büchenfeld gewendet fort, „hat uns als Augenzeugen des
+Vorfalls aufgetragen, von Dir eine bündige Ehrenerklärung zu
+verlangen.“ —
+
+Eine dunkle Röthe flammte auf dem Gesicht des Lieutenants auf, sein Auge
+blickte stolz zu seinen Kameraden hinüber, seine Lippen zuckten
+höhnisch. — „Oder wenn Du dieselbe verweigerst,“ — sprach der
+Dragoneroffizier weiter, — „Dir seine Forderung auf fünf Schritt Barriere
+mit gezogenen Pistolen zu überbringen.“
+
+„Angenommen,“ sagte der Lieutenant, „ich werde in einer Stunde meine
+Secundanten zu Euch senden.“
+
+Die Officiere erhoben sich und wollten grüßend das Zimmer verlassen. Der
+Oberstlieutenant trat ihnen in den Weg.
+
+„Ich bitte Sie, einen Augenblick zu bleiben, meine Herren,“ sagte er.
+„Mein Sohn hat gewünscht, daß ich sein vorläufiger Zeuge in dieser Sache
+sei, und Sie haben mich als solchen angenommen. Nicht nur in dieser
+Eigenschaft, sondern auch als sein Vater muß ich darauf sehen, daß Alles
+genau so zugehe, wie es seine Ehre als Officier und als Träger meines
+Namens erfordert. Sie erlauben daher, daß ich meine Meinung ausspreche.“
+
+Die beiden Herren verneigten sich schweigend.
+
+Der Lieutenant sah seinen Vater etwas erstaunt und erwartungsvoll an.
+Dieser richtete ernst und streng seinen Blick auf ihn und sprach: „Hat
+die junge Dame, um welche es sich handelt, Dir jemals durch ihr Benehmen
+gegen Dich irgend welche Veranlassung gegeben, in solchem Ton, wie Du es
+gethan, von ihr zu sprechen? Bist Du berechtigt, ihr irgend einen
+Vorwurf zu machen?“
+
+Der Lieutenant wurde bleich, im heftigen inneren Kampf preßte er die
+Lippen aufeinander, sein Auge senkte sich zu Boden, einige Augenblicke
+stand er schweigend, ein leises Beben erschütterte seine Gestalt, dann
+schlug er den Blick zu seinem Vater wieder auf, er schien seiner
+kämpfenden Gefühle Herr geworden zu sein und mit fester entschlossener
+Stimme sagte er: „Nein, niemals!“
+
+„Dann,“ sagte sein Vater, „ist es Deine Pflicht als Ehrenmann, die
+Erklärung zu geben, welche man von Dir verlangt, insofern die Ausdrücke
+derselben Nichts gegen Deine eigene Ehre enthalten. Wenn Du,“ fuhr er
+fort, „was ich tief beklage, Dich hast hinreißen lassen, eine Dame, der
+Du keinen Vorwurf zu machen hast, öffentlich zu beleidigen, so hast Du
+nicht das Recht, ihrem Ruf durch den Eclat eines Duells noch mehr zu
+nahe zu treten, Du hast nicht das Recht, Demjenigen das Leben zu nehmen,
+der berechtigt ist oder sich verpflichtet fühlt, als der Vertheidiger
+jener Dame aufzutreten.“
+
+„Herr von Rantow ist der Verlobte des Fräulein Cohnheim,“ sagte der
+Dragonerofficier, „also ihr natürlicher und berufener Vertheidiger.“
+
+„Um so weniger,“ sagte der alte Herr, während der Lieutenant abermals
+tief erbleichend die Hand einen Augenblick auf sein Herz drückte, „darf
+diese Sache ernste und gefährliche Folgen haben. Hätte die Dame Dir
+jemals einen Grund zu Deinen Äußerungen gegeben, so wärst Du berechtigt,
+die Waffen zu ergreifen gegen Denjenigen, der von Dir Rechenschaft
+darüber fordert — so aber darfst Du es nicht, Du bist verpflichtet, durch
+Deine eigene Erklärung die Beleidigung zurückzunehmen — um so mehr,“
+sagte er mit ernstem Blick auf seinen Sohn, „da man eigentlich niemals
+das Recht hat, eine Dame zu beleidigen. Du bist frei,“ fuhr er fort, „Du
+bist erwachsen, Du bist Officier, Du wirst thun, was Du verantworten
+kannst. Ich aber sage Dir als Dein Vater, als Edelmann und Officier, der
+stets auf das schärfste die feinsten Grenzen der Ehre beobachtet hat,
+daß Du nach meiner innigsten Überzeugung verpflichtet bist, die
+verlangte Ehrenerklärung zu geben.“
+
+„Wir haben dieselbe aufgeschrieben,“ sagte der Dragoner, indem er ein
+Blatt Papier aus der Uniform hervorzog und es dem Lieutenant übergab.
+
+Dieser reichte es schweigend, ohne einen Blick darauf zu werfen, seinem
+Vater.
+
+Der Oberstlieutenant überlas das Blatt langsam und sorgfältig mehrere
+Male; dann reichte er es seinem Sohn zurück.
+
+„Diese Erklärung ist in würdiger Form abgefaßt,“ sagte er, „sie enthält
+nur dasselbe Anerkenntniß, das Du so eben vor mir und vor diesen Herren
+ausgesprochen hast und spricht das Bedauern aus, daß Du in der Erregung
+in einer bewegten Gesellschaft Dich zu Deinen Äußerungen hast hinreißen
+lassen. Du kannst dieselbe unterzeichnen, — nach meiner Überzeugung mußt
+Du sie unterzeichnen. Ich hoffe, daß die beiden Herren meiner Meinung
+sein werden.“
+
+„Es ist eigentlich nicht unsere Sache,“ erwiderte der Dragonerofficier,
+„hier eine solche Meinung auszusprechen oder zu discutiren, indessen
+nehme ich in diesem besonderen Fall keinen Anstand, es auszusprechen,
+daß nach meiner Überzeugung durch die Unterzeichnung dieser Erklärung
+die Sache auf eine für alle Theile befriedigende und ehrenvolle Weise
+beigelegt sein wird.“
+
+Der Husarenofficier stimmte der Ansicht seines Kameraden bei.
+
+„Ich werde unterzeichnen,“ sagte der Lieutenant von Büchenfeld, nahm das
+Papier und begab sich in sein Zimmer.
+
+„Ob ich ihr einen Vorwurf zu machen habe,“ flüsterte er vor sich hin,
+während er sich an seinen Schreibtisch setzte und die Feder
+eintauchte, — „oh, wenn er wüßte,“ — ein schneller zorniger Blick
+leuchtete in seinem Auge auf, rasch öffnete er das Schubfach des Tisches
+und zog aus demselben das kleine Blatt hervor, welches er am Tage vorher
+von Fräulein Anna erhalten hatte.
+
+Mit einem raschen Zuge setzte er seinen Namen unter die Ehrenerklärung,
+faltete dieselbe zusammen, legte das Billet dazu und erhob sich, in das
+Zimmer seines Vaters zurückkehrend.
+
+„Nein,“ sagte er dann, indem er plötzlich sinnend stehen blieb — „das
+wäre unedel, — mag sie ruhig ihrer Wege gehen, sie ist todt für mich,
+meine Augen werden sie nie wieder sehen, und mein Herz wird das Leid
+vergessen, das sie mir angethan.“
+
+Er nahm das kleine Billet, riß es in tausend kleine Stücke und streute
+dieselben in die Luft, dann kehrte er ruhigen festen Schrittes in das
+Zimmer seines Vaters zurück und übergab das Papier den beiden
+Officieren.
+
+„Gott sei Dank,“ sagte der Dragoner, indem er dem Lieutenant von
+Büchenfeld herzlich die Hand schüttelte, „daß die Sache so gut zu Ende
+geführt ist. Ich habe sonst Nichts gegen einen kleinen Kugelwechsel,
+wenn ein vernünftiger Grund dazu vorhanden ist, aber in diesem Falle
+hätte es mir doch wahrhaftig wehe gethan, wenn wegen dieser Geschichte,
+zu der wir halb und halb Veranlassung gegeben haben, Blut hätte fließen
+sollen.“
+
+Die beiden Officiere grüßten ehrerbietig den Oberstlieutenant und
+entfernten sich augenscheinlich leichtern und fröhlichern Herzens, als
+sie gekommen waren.
+
+„Ich bin nicht mit Dir zufrieden mein Sohn,“ sagte der Oberstlieutenant
+in ernstem, aber mehr traurigem, als strengem Ton, „Du hast Dich
+hinreißen lassen, Etwas zu thun, was ein wahrer Edelmann niemals thun
+soll.“
+
+Der Lieutenant warf sich im Ausdruck eines lang unterdrückten Gefühls in
+die Arme seines Vaters.
+
+„Verzeihe mir, mein Vater,“ sagte er mit erstickter Stimme, „verzeihe
+mir, ich habe Unrecht gehabt, aber ich habe es auch hart gebüßt.“
+
+Der alte Herr schüttelte verwundert den Kopf.
+
+„Nun, nun,“ sagte er, „Jeder macht einmal einen dummen Streich, nimm
+Dich künftig mehr in Acht und thu so Etwas nicht wieder.“
+
+„Da ist Etwas nicht klar, die Sache ist nicht in Ordnung,“ sprach er
+dann leise vor sich hin, indem er von einem Seitentisch eine frisch
+gestopfte Pfeife nahm und dieselbe anzündete. „Ich fürchte, ich bin in
+Gefahr gewesen, Etwas zu erleben, was ich neulich bei meinem Freunde
+Rantow so scharf getadelt habe. Vielleicht muß ich Gott danken, daß die
+Sache so gekommen ist.“
+
+Er setzte sich an den Frühstückstisch und schenkte den duftenden Kaffee
+aus der spiegelblank geputzten messingenen Sturzmaschine in seine große
+Mundtasse.
+
+
+
+
+Sechstes Capitel.
+
+
+In der Zwischenzeit, während der Berathungen über zwei verschiedene
+Gegenstände in dem französischen Gesetzgebenden Körper, war die Salle
+des Pas perdus in dem Gebäude des Corps legislativ, woselbst sich die
+Deputirten zu begegnen und in Privatgesprächen miteinander zu
+verständigen pflegten, mit zahlreichen lebhaft sich unterhaltenden
+Gruppen angefüllt.
+
+So eben war die Nachricht verbreitet worden, daß das Plebiscit eine
+beschlossene Sache sei, und daß die liberalen Minister Chevandier de
+Valdrome, der Graf Daru, der Finanzminister Buffet und der Marquis von
+Talhouet ihre Entlassung gegeben hätten.
+
+Allgemein war die Bewegung und mit der lauten Lebhaftigkeit, welche dem
+französischen Charakter eigenthümlich ist, äußerten die Deputirten ihre
+Meinungen über dieses Ereigniß, welches die seit einiger Zeit von dem
+Kaiser eingeschlagene Richtung des öffentlichen Lebens wieder
+vollständig veränderte.
+
+In der Mitte einer Gruppe stand der Graf von Keratry, eine schlanke
+Gestalt mit einem charakteristischen Kopf, dessen unruhig umher
+blickende Augen einen beweglichen feurigen, aber nicht sehr geordneten
+Geist verriethen.
+
+„Es ist Alles bereits vorbereitet,“ sagte er, „so eben habe ich
+erfahren, daß den Präfecten befohlen worden ist, ihre ganze Thätigkeit
+auf die Vorbereitungen für das Plebiscit zu richten, und daß sie
+zugleich ermächtigt sind, den Gemeinden zu erklären, daß die
+Executivgewalt die Maires künftig stets den Vorschlägen der
+Gemeinderäthe entsprechend auswählen werde.“
+
+„Das ist unerhört,“ rief der Deputirte Picard, ein Mann mit einem
+blassen, scharfen und ein wenig verbissenem Gesicht, „das ist eine
+vollständige Corruption des öffentlichen Votums. Will man eine
+Volksabstimmung, so soll man wenigstens sie frei sich vollziehen lassen.
+Auf diese Weise aber wird die Sache eine reine Comödie. Wenn die
+Präfecten mit der ganzen Autorität ihrer Stellung in die Sache
+eingreifen, wenn man den Gemeinden zugleich Versprechungen macht, von
+denen man,“ fügte er höhnisch hinzu, „gewiß nicht die Absicht hat, sie
+je zu erfüllen, so macht man sich einer moralischen Bestechung schuldig.
+Man wird die öffentliche Meinung Frankreichs vor den Augen von ganz
+Europa fälschen, um sich dann auf diese öffentliche Meinung stützen zu
+können, wenn man beginnen wird, die abenteuerlichsten Maßregeln des
+Absolutismus durchzuführen.“
+
+Jules Favre trat hinzu, seine große volle Gestalt hatte eine etwas
+schwerfällige Haltung, und seine Bewegungen zeigten ein wenig jene
+stereotype theatralische Würde, welche die Advokaten vor den
+Gerichtshöfen anzunehmen pflegen, wenn sie mit dem Aplomb tiefer
+Überzeugung durch den persönlichen Eindruck das Gewicht ihrer Gründe zu
+verstärken trachten. Sein starkes Gesicht mit den regelmäßigen,
+angenehmen Zügen, den großen, geistvollen und klar blickenden Augen, dem
+langen, überhängenden zurückgestrichenen Haar und vollen Bart, der sich
+an einzelnen Stellen fast weiß färbte, zeigte ein gewisses
+selbstzufriedenes überlegenes Lächeln, und mit seiner vollen und tiefen
+Stimme sprach er:
+
+„Wir müssen uns organisiren, meine Herren, wir müssen unsererseits
+Comités bilden, welche dafür wirken, daß dem ganzen Volk klar gemacht
+werde, wie die freiheitliche Entwickelung nur gesichert werden könne,
+wenn man sich massenhaft von der Theilnahme am Plebiscit enthält — , wenn
+wir es erreichen können, die abgegebenen Stimmen auf ein Minimum zu
+reduciren, so wird der moralische Eindruck der Volksabstimmung
+vollständig verschwinden, der sonst nicht nur im Auslande, sondern auch
+in Frankreich selbst zu einer bedeutenden Verstärkung der moralischen
+Macht des Kaiserreiches beitragen muß. Lassen Sie uns heute
+zusammentreten und an die Bildung dieses Comités denken.“
+
+„Das ist sehr gut,“ rief Herr Picard, „allein wie sollen wir, die wir
+doch erst einen Organismus schaffen müssen und nur langsam vorgehen
+können, die wir allen Hemmungen und Hindernissen ausgesetzt sind, welche
+die Macht uns bereiten wird, wie sollen wir dem concentrirten und wohl
+geleiteten Einfluß der Präfecten gegenüber etwas ausrichten?“
+
+„Nein,“ rief der Graf von Keratry, „wir müssen laut unsere Stimmen
+erheben, um gegen diese ungesetzliche Einwirkung der Regierungsautorität
+auf die freie Abstimmung des Volkes zu protestiren. Das scheint mir
+sicherer, als in die Wahlagitation einzutreten, bei welcher wir zu spät
+kommen müßten. Können wir nachweisen, daß die Abstimmungen durch die
+Präfecten gemacht sind, so wird das Plebiscit ebenfalls seine Bedeutung
+vor der liberalen öffentlichen Meinung Europas vollständig verlieren.“
+
+„Es giebt noch ein Mittel,“ sagte Herr Barthélémy St. Hilaire, ein
+schlanker Mann von elegantem Äußern, dessen Mienen und Haltung ein wenig
+an den gelehrten Professor erinnerten, „wir müssen darauf dringen, daß
+das Plebiscit nur einen Tag dauert, das wird eine große
+Massenbetheiligung unmöglich machen. Ich werde einen solchen Antrag
+stellen, und bitte Sie, meine Herren, ihn zu unterstützen.“
+
+Der Advokat Gambetta, eine kleine schmächtige Gestalt, mit leicht
+gekrümmten Schultern, wenig elegant, fast ein wenig unsauber in seiner
+Erscheinung, hatte schweigend die verschiedenen Äußerungen mit angehört.
+
+Er stand da, das ausdrucksvolle, häßliche Gesicht mit dem schlecht
+gepflegten Haar und Bart, mit dem kalt und höhnisch lächelnden Munde,
+leicht auf die Seite geneigt, sein sehendes Auge richtete sich mit einem
+düstern, fast unheimlich drohenden Ausdruck auf eine Gruppe von Herren,
+welche in der Nähe standen, während das andere des Lichts beraubte Auge
+unter dem herabhängenden Lide verborgen war.
+
+„Dort steht ja,“ sagte er mit einer rauhen, etwas schwerfällig
+klingenden Stimme, „der große Regenerator des Kaiserreichs, unser alter
+Freund Ollivier, dem es so leicht wird, täglich eine andere Gestalt
+anzunehmen, und neben ihm Herr Chevandier de Valdrome. Fragen wir ein
+wenig diese Herren, es wird immerhin gut sein, wenn wir uns vorher etwas
+orientiren, um genau zu wissen, was wir bei den öffentlichen Debatten zu
+thun haben.“
+
+Er näherte sich den Ministern und begrüßte sie mit einer artigen, aber
+ein wenig linkischen Verbeugung, die übrigen folgten ihm und umgaben die
+beiden Minister, um welche sich sehr bald noch mehrere der im Saale
+anwesenden Deputirten gruppirten.
+
+„Es scheint, daß das Plebiscit beschlossen ist,“ sagte Herr Gambetta zu
+Ollivier gewendet, der in etwas gezierter, an die gesuchte saubere
+Einfachheit Robespierres erinnernder Haltung da stand, und dessen
+eigenthümlich geformtes Gesicht, mit der schmalen Stirn, den stark
+schielenden von einer feinen Brille beschatteten Augen und dem großen,
+über dem zurückstehenden Kinn stark hervortretenden Munde, in lebhafter
+Bewegung zitterte.
+
+„Ich habe keinen Grund,“ erwiderte der Großsiegelbewahrer des
+Kaiserreiches, indem er die Begrüßung des Herrn Gambetta mit kalter,
+abwehrender Höflichkeit erwiderte, „mich nicht über die Situation
+auszusprechen. Ja, meine Herren,“ fuhr er fort, „das Plebiscit ist
+beschlossen, und ich begreife nicht, wie Sie und Ihre Freunde,“ fügte er
+hinzu, indem sein unsicherer Blick leicht über die Gruppe hinglitt,
+welche ihn umgab, „ich begreife nicht, wie Sie Alle gegen diesen
+Gedanken sein können. Die unmittelbare Berufung des Volkes in wichtigen
+Verfassungsangelegenheiten des Landes entspricht ja so vollkommen den
+Grundsätzen einer wahren und vernünftigen Demokratie, zu welcher Sie
+sich bekennen, welchen ich meinerseits stets treu geblieben bin, und
+welchen auch diese neue Maßregel einen verstärkten Ausdruck geben wird.“
+
+Ein höhnisches Lächeln umzuckte die Lippen Gambetta's.
+
+„Darf ich Sie vielleicht fragen,“ fuhr er fort, „wie lange die
+Volksabstimmung dauern soll und ob bei derselben das Vereinsrecht zur
+Ausübung kommen werde, welches der Bevölkerung gestattet, sich vorher
+über die der Frage gegenüber einzunehmende Haltung zu verständigen.“
+
+„Zweifellos,“ erwiderte Herr Ollivier, „werden öffentliche
+Versammlungen Statt finden dürfen, und das Volk wird von allen seinen
+verfassungsmäßigen Rechten Gebrauch machen können — doch,“ fuhr er fort,
+„liegt es in der Natur der Sache, daß solche Versammlungen, da es sich
+ja hier nur um die ganz einfache Beantwortung einer einfachen Frage
+handeln wird, nicht so lange werden dauern können, als dies zum Beispiel
+bei den Wahlen zum Gesetzgebenden Körper erlaubt ist. Jeder soll nach
+seiner freien Ueberzeugung eine sehr klar gestellte Frage beantworten,
+und dazu sind in der That keine langen Debatten und keine langen
+Vorbereitungen erforderlich.“
+
+„Aber die Regierung, meine Herren,“ rief der Graf Keratry in heftigem
+und gereiztem Ton, „hält es nicht für unnütz, solche Vorbereitungen in
+dem ausgedehntesten Maße zu treffen. So eben habe ich den Herren hier
+mitgetheilt, daß ich erfahren, die Präfecten seien angewiesen, mit
+äußerster Energie das Plebiscit vorzubereiten und sogar den Gemeinden
+Versprechungen in Betreff der Maires zu machen — es scheint also doch,
+daß man es für wichtig hält, die Autorität der Macht in die Wagschale zu
+werfen, wenn die Mittheilungen,“ fügte er hinzu, den scharfen
+stechenden Blick auf Herrn Chevandier de Valdrome richtend, „die mir
+gemacht, richtig sind.“
+
+Der Minister des Innern, ein vornehm aussehender, etwas gleichgültig
+blickender Mann von matten, nervösen Gesichtszügen, ließ seinen Blick
+von oben herab über den Grafen Keratry hingleiten, ein kaltes,
+feindliches Lächeln spielte um seine Lippen und in kurzem, wenig
+verbindlichem Ton erwiderte er:
+
+„Ja, ich habe die Präfecten instruirt, wie ich das für mein Recht und
+meine Pflicht halte, ich habe ihnen befohlen, die äußerste Thätigkeit zu
+entwickeln, um die Enthaltung von der Abstimmung zu verhindern. Ich
+trage die persönliche Verantwortlichkeit für meine Anweisungen, — welche
+übrigens ganz und gar Verwaltungsmaßregeln sind.“
+
+„Ich begreife nicht,“ rief Picard, „wie der Herr Minister des Innern das
+Plebiscit als die freie Abstimmung des Volkes über die wichtigsten
+Fragen, die sein öffentliches Leben betreffen, eine Verwaltungsmaßregel
+nennen kann. Wenn es jedoch nun,“ fügte er mit ironischem Lächeln hinzu,
+„eine Verwaltungsmaßregel sein soll, so würde es für uns gewiß von
+großem Interesse sein, den Inhalt der Schreiben kennen zu lernen, welche
+in dieser Beziehung an die Präfecten erlassen worden sind.“
+
+„Die innern Maßregeln der Verwaltung,“ erwiderte Herr Chevandier de
+Valdrome in kurzem Ton, „sind kein Gegenstand von Diskussionen mit der
+Vertretung des Landes, sie sind ein ausschließliches und unbestreitbares
+Recht der Regierung.“
+
+Rasch fiel Herr Ollivier ein, indem er ein wenig die Hand erhob und
+jenen etwas salbungsvollen Ton annahm, der seiner Rede auf der Tribüne
+so oft die unmittelbare Wirksamkeit nahm:
+
+„Und wenn Sie auch nicht das formelle Recht dazu haben, so will ich
+Ihnen doch am wenigsten die moralische Berechtigung bestreiten, unsere
+Anweisungen kennen zu lernen. Interpelliren Sie mich in der Sitzung, und
+ich werde von der Tribune Ihnen unsere Instructionen mittheilen.“
+
+„Wenn der Herr Minister der Justiz statt meiner spricht,“ sagte Herr
+Chevandier de Valdrome in trockenem Ton, indem er sich gegen seinen
+Collegen verbeugte, „so habe ich ja nicht nöthig, mich länger an dieser
+Unterhaltung zu betheiligen,“ und rasch sich abwendend, entfernte er
+sich von der Gruppe.
+
+„Ich habe keinen Grund,“ fuhr Herr Ollivier fort, „unsern Standpunkt und
+unsere Maßregeln zu verhüllen, wir haben den Präfecten einfach
+geschrieben: „Sichern Sie die Freiheit der Abstimmungen, wenden Sie
+weder Drohungen, noch Druck, noch Versprechungen an, vergessen Sie aber
+nicht, daß Sie den Umtrieben der Wahlenthaltung gegenüber stehen und
+wenden Sie die verzehrendste Thätigkeit an, nur jeden Bürger zur
+Abstimmung zu drängen.“
+
+„Nun wohl,“ rief Herr Picard lachend, „diese aufreibende Thätigkeit und
+dieses Drängen der Bürger zur Abstimmung sind die deutlichen Zeichen,
+daß die so traurige Praxis der amtlichen Candidaturen auch in dieser
+Frage eben so rücksichtslos wie früher geübt werden soll. Die Enthaltung
+von der Abstimmung ist ein unzweifelhaftes Recht eines jeden Bürgers vor
+allen Dingen dann, wenn doch Niemand im Stande ist, ohne Gefahr frei
+seine Meinung zu äußern; wenn Jedermann sich scheuen muß nein zu sagen,
+so muß ihm wenigstens die Freiheit bleiben, nicht ja sagen zu dürfen.
+Das Alles ist nichts als Possenspiel“ fügte er achselzuckend hinzu.
+
+„Hier ist von keinem Possenspiel die Rede,“ rief Herr Ollivier in
+lebhafter Erregung, „deutlich und unverhüllt wird die Frage an das Volk
+gestellt werden. Die einzige Thätigkeit der Regierung wird sich nur
+darauf richten, Jeden dahin zu führen, daß er die deutlich gestellte
+Frage eben so deutlich beantworte.“
+
+„Durch die Anweisung, deren Inhalt uns so eben im Allgemeinen
+mitgetheilt ist,“ sagte Herr Jules Favres ruhig und langsam, „ist das
+Cabinet seinem liberalen Programm untreu geworden — das Mißtrauen ist
+also wohl berechtigt. Mögen die Herrn Minister,“ sagte er mit einer
+leichten Verbeugung gegen Ollivier, „es auch ehrlich meinen, die andern
+Beamten werden dennoch die Abstimmungen fälschen.“
+
+„Das wird Niemand wagen,“ rief Herr Ollivier heftig erregt, „die
+Minister können wohl das Vertrauen verlangen, daß sie den Maßregeln, zu
+denen sie sich ehrlich bekennen, auch von Seiten ihrer Untergebenen eine
+ebenso ehrliche und rückhaltslose Durchführung zu sichern im Stande sein
+werden. Uebrigens,“ fuhr er fort, „kommt das Cabinet und seine Existenz
+bei der ganzen Sache garnicht in Frage. Es handelt sich einfach um eine
+Sanctionirung der Verfassungsbestimmungen, welche die Minister mit den
+Vertretern des Landes bereits gutgeheißen haben. Die Kammern selbst sind
+also ebenso betheiligt, als das Ministerium.“
+
+„Das sind Wortklaubereien,“ rief Picard entrüstet, „Regierung ist
+Regierung, es ist traurig genug, daß man nicht im Stande ist, dem
+Ministerium, das sich mit liberalen Reformen einführte, dauerndes
+Vertrauen zu schenken.“
+
+„Das thut mir sehr leid,“ rief Herr Ollivier zitternd vor zornigem
+Eifer, „schenken Sie uns Ihr Vertrauen, schenken Sie es uns nicht, das
+ist Ihre Sache — das kann uns nicht abhalten, unsre Pflicht zu thun,
+seien Sie überzeugt, daß uns Ihre Meinung ganz gleichgültig ist.“
+
+Ein dumpfes Murren ließ sich unter der Gruppe vernehmen.
+
+„Welch ein Ton der Conversation,“ rief Jules Favres, „man sollte doch
+meinen, sich hier in der Gesellschaft von gebildeten Leuten zu
+befinden.“
+
+„Der Herr Minister ist sich gewiß über die Bedeutung seiner Worte nicht
+klar geworden,“ sagte Herr Picard kalt und höhnisch, „die Sorgen für die
+Verbreitung des Plebiscit haben, wie es scheint, seine sonst so eminente
+Fähigkeit, die Redewendungen richtig abzuwägen, gelähmt.“
+
+Herr Ollivier schien selbst ein wenig bestürzt über seinen heftigen
+Ausbruch zu sein.
+
+„Ich bin mir über meine Worte vollkommen klar,“ sagte er, „und habe mit
+denselben,“ fügte er sich leicht verneigend hinzu, „durchaus keine
+persönliche Verletzung beabsichtigt. Ich habe nur sagen wollen, daß
+eine Regierung, welche sich vollkommen klar ist über das, was sie nach
+reiflicher Ueberlegung für ihre Pflicht erkannt hat, sich nicht dadurch
+irre machen lassen darf, ob ihre Beschlüsse und Maßnahmen bei der einen
+oder bei der andern Partei beifällige oder tadelnde Beurteilung finde;
+und ich kann nur wiederholen, daß die Regierung es für ihre Pflicht
+hält, mit aller Energie gegen das System der Stimmenenthaltung
+aufzutreten. Das Kaiserthum und der Kaiser stehen nicht in Frage,“ fuhr
+er mit fester Stimme fort, „wie hier so eben bemerkt wurde, die Frage
+ist nur die, ob es gut sei, das Kaiserthum der Autorität und des
+persönlichen Regiments in ein liberales Kaiserthum umzuwandeln; daß die
+Feinde des Kaiserthums überhaupt das Letztere nicht wollen, begreife
+ich,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, „ob sie aber damit dem
+Vaterlande einen Dienst leisten, ob sie nicht ihre Parteirücksichten
+höher stellen, als das Wohl der Nation, das will ich, meine Herren,
+ihrem eigenen Gewissen überlassen.“ Und mit einer kurzen Verneigung
+wandte er sich ab und verließ das Zimmer.
+
+Ein Theil der Abgeordneten kehrte in den Saal zurück, wo man über
+einzelne Paragraphen des neuen Preßgesetzes debattirte. Die Meisten
+aber entzogen sich dieser Debatte, präoccupirt wie sie durch die ganze
+politische Situation waren, verließen sie das Palais des Gesetzgebenden
+Körpers, um in Privatzusammenkünften bei den Parteiführern sich über die
+zu fassenden Entschließungen zu berathen.
+
+Herr Ollivier durchschritt langsam die Corridore und stieg vor dem
+Palais in sein sehr einfaches und unscheinbares Coupé, indem er dem in
+dunkle Livree gekleideten Kutscher zurief:
+
+„Nach den Tuilerien.“
+
+Kurze Zeit darauf fuhr er in den innern Hof des alten Königspalastes
+ein, er hielt vor dem großen Eingang, über welchem das von Lanzen
+getragene Zeltdach sich ausdehnte.
+
+Er fand den Dienst thuenden Ordonnanzofficier im Vorzimmer; dieser
+führte ihn sogleich in das Cabinet des Kaisers ein.
+
+Napoleon III war frischer als sonst, zwar hingen seine Züge mit dem
+Ausdruck des Leidens und körperlicher Schmerzen schlaff herab, aber in
+seinem Blick machte sich eine gewisse an die vergangenen Tage seiner
+Jugend erinnernde Energie bemerkbar, als er mit seinem langsamen, etwas
+unsicheren Gang dem Minister entgegentrat, welcher es übernommen, das
+Steuer des Staatsschiffes, welches so lange die feste Hand des Herrn
+Rouher geführt hatte, durch die bedenklichen Klippen verschiedener
+Neuerungen zu führen.
+
+„Ich habe gewünscht, Sie noch vorher zu sprechen, mein lieber Herr
+Ollivier,“ sagte der Kaiser, indem er mit verbindlichem Gruß dem
+Großsiegelbewahrer die Hand reichte, „bevor ich den gesammten
+Ministerrath höre, in welcher Weise die Ereignisse geleitet werden
+müssen, damit wir das große Ziel erreichen, das öffentliche Vertrauen in
+die Regierung vollständig wieder herzustellen, — welches bereits so sehr
+wieder gewachsen ist,“ fügte er mit einer leichten Neigung des Kopfes
+hinzu, „seitdem Sie mir mit Ihrem Rath zur Seite stehen.“
+
+„Das Vertrauen Eurer Majestät macht mich sehr glücklich,“ erwiderte
+Herr Ollivier, indem er auf den vom Kaiser ihm bezeichneten Sessel
+sich niederließ. „Wenn die öffentliche Meinung mir mit einem
+gewissen sympathischen Gefühl entgegenkommt,“ fuhr er mit einem
+selbstbefriedigten Lächeln fort, „so wird mir meine Aufgabe sehr
+wesentlich durch die hochherzige Offenheit erleichtert, mit welcher Eure
+Majestät mich unterstützen.“
+
+Der Kaiser richtete einen eigentümlichen Blick aus seinen schnell sich
+entschleiernden und dann wieder in ausdruckslose Gleichgültigkeit
+zurücksinkenden Augen, während er mit der Hand über den Schnurrbart
+streichend ein unwillkürlich seine Lippen bewegendes Lächeln verbarg.
+
+„Sie glauben also,“ sagte er dann, „daß das Plebiscit der Regierung
+günstig ausfallen werde?“
+
+„Jedenfalls,“ erwiderte Herr Ollivier, „die Stimmung ist allgemein sehr
+wenig befriedigt über das Verhalten der unversöhnlichen Opposition. Man
+will Ruhe für die Geschäfte, man will Schutz gegen die herandrängende
+sociale Bewegung, und man wird dem liberalen Kaiserreich um so mehr mit
+begeisterter Wärme seine Stimme geben, als es die Freiheit mit der Kraft
+und der Ordnung vereinigt. Die Opposition fühlt dies, und ihr Bestreben
+geht nicht mehr danach, ein negatives Votum der Volkscomitien zu
+erreichen, sondern vielmehr eine massenhafte Stimmenenthaltung
+durchzusetzen, ein Bestreben, in welchem sie durch die Indolenz der
+Massen wesentlich unterstützt werden möchte.
+
+„Eure Majestät werden es gewiß billigen, daß wir auf die energischste
+Weise den Präfecten aufgetragen haben, vor allen Dingen besonders in den
+ländlichen Kreisen gegen die Enthaltung von der Abstimmung zu wirken.“
+
+„Gewiß, gewiß,“ sagte der Kaiser wie zerstreut, „man muß alle Mittel
+anwenden, um diesen Herren von der Opposition zu zeigen, daß das Volk
+von Frankreich sie verwirft und fest hinter mir steht, — doch,“ fuhr er
+fort, „wie ist es mit Daru und Buffet? Bestehen sie darauf, daß die
+Kammern zunächst über das Plebiscit befragt werden und werden sie daraus
+eine Cabinetsfrage machen?“
+
+„Ich glaube, Sire,“ sagte Herr Ollivier, „daß meine beiden Kollegen sehr
+geneigt sind, sich darüber zu verständigen; sie wollen gern ihre Kräfte
+unter dem liberalen Kaiserreich und unter Eurer Majestät erleuchteter
+und ruhmvoller Führung dem Wohle Frankreichs widmen. Indeß halten sie es
+für unmöglich, so ganz und gar von dem Prinzip abzuweichen, das sie mit
+voller Ueberzeugung vertreten. Es läßt sich vielleicht,“ fuhr er fort,
+„ein Weg finden, um im Wesentlichen die Meinungen Eurer Majestät
+aufrecht zu erhalten, und dennoch die Minister, welche bei den
+verschiedenen Parteien Vertrauen haben zu conserviren. Man könnte die
+Absicht, ein Plebiscit vorzunehmen, ohne sich einem constitutionellen
+Beschluß der Vertretung des Landes zu unterwerfen, dem Corps legislativ
+einfach durch eine Botschaft mittheilen, worauf denn eine
+Antwortsadresse erfolgen würde. Auf diese Weise ließen sich die
+verschiedenen Standpunkte vielleicht vereinigen, und es ist allerdings
+richtig, daß bei dem Plebiscit es von Wichtigkeit sein könnte, dem Volk
+zu zeigen, daß die Regierung und die regelmäßige constitutionelle
+Vertretung über den wichtigen Act in voller Uebereinstimmung sich
+befinden.“
+
+Der Kaiser senkte den Kopf und strich mehrere Male nachdenklich über
+seine Stirn.
+
+„Damit würde eigentlich,“ sagte er, „dem Plebiscit die wahre Spitze
+abgebrochen, und ich bin, wie ich Ihnen aufrichtig sagen muß, nicht sehr
+geneigt, einen solchen Weg zu gehen. Halten Sie,“ fragte er, Herrn
+Ollivier plötzlich voll und scharf anschauend, „diesen Weg prinzipmäßig
+für richtig, oder würden Sie ihn nur vorschlagen, um die Personen der
+Minister zu conserviren?“
+
+„Die Minister haben, wie ich Eurer Majestät zu bemerken die Ehre hatte,“
+fuhr der Großsiegelbewahrer fort, „ein gewisses Vertrauen, ihr Rücktritt
+könnte einen ungünstigen Eindruck machen. Dies ist wesentlich der Grund,
+weßhalb ich einen Kompromiß suchen möchte.“
+
+„Mein lieber Herr Ollivier,“ sagte der Kaiser, indem er sich ein wenig
+herüberneigte, „nach meiner Ueberzeugung beruht das Vertrauen, welches
+das Ministerium bei der Bevölkerung genießt, weder auf Herrn Buffet,
+noch auf dem Grafen Daru, noch auf irgend einem der andern Personen,
+welche gegenwärtig das Cabinet bilden, sondern vielmehr lediglich auf
+der Achtung und Sympathie, welche man Ihnen entgegenträgt, Sie sind der
+Pfeiler, auf welchem gegenwärtig meine Regierung ruht. Der Respect vor
+Ihrem Charakter, die Bewunderung für Ihre großen Talente bilden einen
+Nimbus um Sie, dessen Strahlen auch auf die übrigen Minister fallen, sie
+werden aber ebenso gut auch auf jeden Andern fallen, der das Glück haben
+wird, mit Ihnen zusammen ein Cabinet zu bilden. Die Rücksicht also,“
+fuhr er fort, „auf das Vertrauen, welches jene Herren im Lande genießen,
+und den persönlichen Einfluß, welchen sie üben können, würde mich
+niemals bestimmen können, von einem als richtig anerkannten Prinzip
+abzugehen, lediglich um ihre Personen zu conserviren. Etwas Anderes,“
+fuhr er nachdenklich fort, indem aus dem Winkel seines fast
+geschlossenen Auges ein schneller, scharf beobachtender Blick auf Herrn
+Ollivier hinüberflog, „etwas Anderes ist es freilich mit ihrer Ersetzung
+in den Geschäften. Buffet ist ein vortrefflicher Finanzminister, es
+wird nicht leicht sein, Jemanden an seine Stelle zu setzen — Ségris
+vielleicht — man müßte sich mit ihm darüber verständigen — noch
+schwieriger aber ist die Sache bei Daru. Woher kann man so schnell einen
+auswärtigen Minister finden? Namentlich, da es sich darum handeln würde,
+die Stellung ein wenig zu modificiren, welche wir dem Concil und Rom
+gegenüber eingenommen haben. Die Minister der auswärtigen
+Angelegenheiten,“ fuhr er fort, anscheinend immer tiefer im Nachsinnen
+versinkend, „wachsen nicht aus der Erde hervor. Ja, wenn,“ sagte er, den
+Blick wie fragend auf Herrn Ollivier richtend — „wenn es möglich wäre,
+daß eines Menschen Kraft die Last allein trüge, welche schon auf drei
+Schultern vertheilt nicht leicht ist, so wäre schnell eine Abhülfe zu
+finden.“
+
+Er lehnte den Kopf wie tief nachdenkend auf den auf sein Knie gestützten
+Arm.
+
+Das Gesicht Olliviers zuckte in lebhafter Bewegung, seine Augen schienen
+einem plötzlich vor ihm auftauchenden Bilde zu folgen, ein Schimmer
+hoher Befriedigung erleuchtete seine Züge und rasch mit athemloser
+Stimme sprach er:
+
+„Eure Majestät meinen — Eure Majestät haben irgend eine Idee über das
+Ressort des auswärtigen Amtes?“
+
+„Ich fürchte,“ sagte Napoleon, indem er wie in schmerzlicher
+Resignation die Achseln zuckte, „daß die Idee, welche mir einen
+Augenblick als möglich vorschwebte, der Wunsch, den ich einen Augenblick
+hegte, Unmöglichkeiten sind. Ich hatte mir gedacht, wie rasch sich das
+Alles arrangiren ließe, wenn Sie, mein lieber Herr Ollivier, mir das
+Opfer bringen könnten, für einige Zeit das Ministerium der auswärtigen
+Angelegenheiten zu führen. Ich weiß,“ fuhr er fort, „die Repräsentation,
+welche gerade mit diesem Ministerium mehr als mit andern verbunden ist,
+würde Ihnen lästig sein. Die Last der Arbeiten würde selbst Ihrem der
+Thätigkeit so gewöhnten Geist zu viel werden. Lassen wir also die Sache,
+es ist doch vielleicht besser, einen Kompromiß zu suchen, welcher uns
+den Grafen Daru und Herrn Buffet erhält.“
+
+Herr Ollivier hatte in einer gewissen Unruhe, die Hände in leichtem
+Zittern bewegend, das Ende der Bemerkungen des Kaisers erwartet. Als
+Napoleon schwieg, sagte er rasch, indem er seine Brille zurecht schob:
+
+„Ew. Majestät dürfen überzeugt sein, daß mir für Ihren Dienst und für
+das Wohl Frankreichs kein Opfer zu groß ist. Wohl widerstrebt meinem
+einfachen bürgerlichen Sinne,“ sagte er, „die große und vielseitige
+Repräsentation, wohl möchte ich auch für meine Familie leben und für
+meine Gesundheit ein wenig Muße gewinnen, dennoch aber kann ich keinen
+Augenblick anstehen, wenn es der Dienst Eurer Majestät, wenn es das Wohl
+Frankreichs erfordert, auch diese neue Last auf mich zu nehmen, und ich
+traue mir ohne Ueberschätzung dennoch die Kraft zu, sie tragen zu
+können. Ich bin an die Thätigkeit gewöhnt, Sire, und will wenigstens
+versuchen, Eurer Majestät auch diesen Beweis meiner Ergebenheit zu
+geben.“
+
+Napoleon schlug wie durch eine unerwartet günstige Wendung der Dinge
+freudig überrascht die Hände zusammen.
+
+„Aber, mein lieber Herr Ollivier,“ sagte er, „dann ist uns ja geholfen,
+dann haben wir ja garnicht nöthig, noch einen Kompromiß zu suchen, wenn
+Graf Daru wirklich heute abgeht und Sie bereit sind, an seine Stelle zu
+treten. So befinde ich mich ja nicht nur in keiner Verlegenheit, sondern
+ich werde sogar meine Lage wesentlich verbessern, denn Sie werden mir
+die Bemerkung erlauben, daß ein jedes Portefeuille bei Niemanden, und
+wäre er der Geschickteste und Bewährteste, so gut aufgehoben sein kann,
+als in Ihren Händen. Wenn Sie also wirklich bereit wären, an die Stelle
+des Grafen Daru zu treten, und wenn Ihre Kraft eine so übermäßige Last
+zu ertragen im Stande ist, dann wären wir ja, wie ich glaube,
+vollständig einig über den Gang, den wir den Ereignissen zu geben
+haben.“
+
+„Wenn Eure Majestät,“ sagte Herr Ollivier, „die Gnade haben würden, mir
+das Portefeuille des Auswärtigen zu übertragen, so sehe ich allerdings
+nicht ein, warum in der Frage des Plebiscits ein keinem Prinzip
+vollkommen entsprechender Ausweg gesucht werden sollte.“
+
+„Nun,“ sagte der Kaiser, indem er sich erhob, „ich sehe, wir verstehen
+uns vollkommen, — welche Freude wird es mir machen, mit Ihnen die Fragen
+der auswärtigen Politik zu besprechen und aus Ihrem so erleuchteten
+Geiste immer neue Gedanken zu der Beurtheilung derselben zu ziehen.“
+
+Herr Ollivier verneigte sich mit glücklichem zufriedenem Lächeln.
+
+„Ich glaube, wir werden vollständig darin übereinstimmen,“ sagte der
+Kaiser leichthin mit gleichgültigem Ton, „daß der römischen Frage auf
+dem Concil gegenüber die Haltung, welche der Graf Daru in der letzten
+Zeit eingenommen hat, modificirt werden muß. Die katholische Kirche und
+der Klerus ist ein sehr mächtiger Factor in Frankreich, dessen freien
+und rückhaltslosen Beistand wir uns sichern müssen. Und außerdem,“ fuhr
+er fort, „widerstrebt auch meinem religiösen Gefühl eine Erkaltung der
+Beziehungen zwischen meiner Regierung und dem heiligen Stuhl.“
+
+„Eure Majestät haben vollkommen Recht,“ sagte Herr Ollivier schnell,
+„Frankreich ist gut katholisch. Ich bin es auch,“ fügte er hinzu, „und
+die Rücksicht auf die Gefühle des Volkes ebenso wie auf den Einfluß des
+Klerus gebieten uns eine äußerst vorsichtige Stellung Rom gegenüber
+einzunehmen, und nichts zu thun, was die Beziehungen zur Kurie irgend
+wie trüben könnte. Ich fürchte,“ fuhr er fort, „der Graf Daru hat sich
+in dieser Sache ein wenig zu sehr von Doctrinen leiten lassen und hat zu
+wenig die concreten Verhältnisse in Betracht gezogen; auch möchten
+vielleicht seine Beziehungen zu Guizot, der entschieden Protestant ist,
+nicht ohne Einfluß auf seine Anschauungen geblieben sein.“
+
+Der Kaiser, welcher sehr aufmerksam den Worten seines Ministers zugehört
+hatte, schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn, als ob er durch
+die Aeußerungen des Herrn Ollivier besonders frappirt sei.
+
+„In der That, mein lieber Minister,“ sagte er, „Sie bringen mich da auf
+einen Gedanken, der mir Manches aufklärt, — sollten Sie, wie ich glaube,
+Recht haben, so ist es um so nöthiger, unsere Stellung Rom gegenüber zu
+modificiren, denn protestantische Anschauungen können doch gewiß niemals
+die Politik Frankreichs, dieses so tief katholischen Landes leiten.
+Welch eine Freude ist es doch,“ sagte er tief aufathmend, „so
+vollständiges Verständniß zu finden und mit einem Mann zu arbeiten, der
+uns stets neue Gesichtspunkte öffnet.“
+
+Er bewegte die Glocke.
+
+„Sind die Herren Minister versammelt,“ fragte er den eintretenden
+Kammerdiener.
+
+„Zu Befehl, Majestät.“
+
+„Wollen Sie mich in einen Augenblick im Conferenzzimmer mit den andern
+Herren erwarten,“ sagte der Kaiser zu Herrn Ollivier, „ich werde Ihnen
+sogleich folgen — wir wissen ja, was wir zu thun haben.“
+
+Der Großsiegelbewahrer verneigte sich mit zustimmender Miene und verließ
+das Kabinet des Kaisers.
+
+„Er wird thun, was ich will,“ sagte Napoleon ihm lächelnd nachblickend,
+„und ich werde die vortreffliche Stellung haben, keinerlei Initiative zu
+ergreifen; nicht meine Meinung, — sondern diejenige des Herrn Ollivier
+wird durchdringen, und man wird nicht wieder vom persönlichen Regiment
+und vom autocratischen Einfluß sprechen können.“
+
+Er trat zu einem kleinen Schrank, nahm daraus ein Fläschchen mit einer
+röthlichen Flüssigkeit, zählte in ein Glas Wasser, das der Kammerdiener
+ihm reichte, eine Anzahl von Tropfen und trank dann schnell den Inhalt,
+der ihn fast augenblicklich wohlthätig zu beleben schien.
+
+„So,“ sagte er mit einem tiefen Athemzug, „das wird mir für eine Stunde
+wieder Kraft und Elasticität geben. Jetzt will ich meine Herren Minister
+anhören.“
+
+Und mit etwas lebhafterem festerem Gang als vorhin begab er sich durch
+die schnell geöffnete Flügelthür nach dem Conferenzzimmer, einem großen
+hellen Gemach, in dessen Mitte ein runder grüner Tisch, von ebenfalls
+dunkelgrünen Fauteuils umgeben, stand.
+
+In diesem Zimmer waren die Minister bereits versammelt, sie trugen
+sämmtlich, wie der Kaiser, schwarze Morgenanzüge und verneigten sich
+tief beim Eintritt des Souverains.
+
+Da war neben Ollivier, der, aufgeregt, aber von innerer Befriedigung
+strahlend, hinter seinem Stuhl stand, Herr Chevandier de Valdrome mit
+seinem etwas cavalieren Ausdruck; der Graf Daru mit seinem kalten,
+etwas mißtrauischen Blick; Herr Buffet, der Finanzminister, eine
+bureaucratische Erscheinung mit eigensinnig doctrinairem Ausdruck; Herr
+Ségris, der Minister des Unterrichts, ein wenig an das Aeußere eines
+Professors erinnernd; dann der Marquis von Talhouet, der Minister der
+öffentlichen Arbeiten, eine schöne, elegante Erscheinung, trotz seines
+Alters von beinahe fünfzig Jahren, noch jugendlich und frisch, der wahre
+altfranzösische grand Seigneur; — Herr Maurice Richart, für welchen sein
+Freund Ollivier das Ministerium der schönen Künste geschaffen hatte, ein
+gutmüthiger, sorgloser Lebemann; dann der Kriegsminister, Marschall
+Leboeuf, eine militairisch kräftige Erscheinung, das volle, ein wenig
+aufgeschwemmte und regelmäßige Gesicht hatte durch den großen Bart auf
+der Oberlippe und dem Kinn einen etwas martialischen Ausdruck, der
+jedoch durch den gleichgültigen und oberflächlichen Blick der etwas
+vorstehenden Augen wieder abgeschwächt wurde; endlich der Admiral
+Rigault de Genouilly, dessen feines und intelligentes Gesicht mit dem
+Ausdruck verschlossenen Nachdenkens stets einen nicht ausgesprochenen
+Hintergedanken zu verstecken schien.
+
+Der Kaiser setzte sich auf seinen Lehnstuhl in der Mitte des Tisches,
+und die Minister nahmen um ihn her Platz, Herr Ollivier zu seiner
+Rechten, Graf Daru zu seiner Linken; die Uebrigen nach der Reihenfolge
+ihres Ranges; die Minister des Krieges und der Marine dem Kaiser
+gegenüber.
+
+„Ich habe Sie berufen, meine Herren Minister,“ sprach der Kaiser mit
+ruhiger, fast ausdrucksloser Stimme, indem er einen der auf dem Tische
+liegenden Bleistifte ergriff und einige unbestimmte Linien auf dem vor
+ihm bereit liegenden Papierbogen zeichnete, „ich habe Sie berufen, um
+Sie zu ersuchen, die Frage des Plebiscits, über welche ich bereits mit
+Jedem von Ihnen einzeln conferirt habe, nunmehr noch einmal
+gemeinschaftlich zu discutiren und dann darüber einen definitiven
+Beschluß zu fassen. Es handelt sich darum, die neue Institution, welche
+ich dem Kaiserreich geben zu sollen geglaubt habe und zu deren
+Befestigung Sie Alle so bereitwillig mir die Hand geboten haben, nochmal
+durch ein Votum der ganzen Nation, auf welchem ja das Kaiserreich selbst
+und seine frühere Verfassung beruhen, sanctioniren zu lassen. Und ich
+bitte Sie mit Ihrer gewohnten und von mir stets so hoch gewürdigten
+Freimüthigkeit mir Ihre Meinung darüber zu sagen.“
+
+Er wandte sich mit einer leichten Neigung des Kopfes zu Herrn Ollivier.
+
+„Sire,“ erwiderte dieser in einem Ton, welcher an den gleichförmigen
+Pathos erinnerte, der eine Eigenthümlichkeit seiner Reden auf der
+Tribüne war — „Eure Majestät wissen, daß ich aus voller Ueberzeugung dem
+großen Gedanken zugestimmt habe, welchen Sie so eben aussprachen. Eine
+Regierung, welche so offen und rückhaltslos wie wir die Verfassung im
+Sinne der Freiheit ausbaut, darf sich nicht scheuen ihr Werk der Prüfung
+und Genehmigung des ganzen Volkes vorzulegen. Wir treten vor die Nation,
+nicht um zu fordern, sondern nur zu geben, und sind der dankbaren
+Zustimmung der großen Mehrheit der Bürger Frankreichs sicher; das
+Gewicht ihres Votums wird die Autorität und Macht des Kaiserreichs den
+innern und äußern Feinden gegenüber von Neuem kräftigen, und alle die
+Elemente, welche in der letzten Zeit so vermessen an der Entwickelung
+des gesellschaftlichen Lebens gearbeitet haben, werden vor dem fest und
+klar ausgesprochenen Willen der ganzen Nation schwinden. Ich habe die
+Form des Plebiscits ausgearbeitet. Der Herr Minister des Innern hat die
+Präfecten mit ausführlichen Instruktionen versehen, um die von der
+unversöhnlichen Opposition beabsichtigte massenhafte Enthaltung von der
+Abstimmung zu verhindern, und ich erlaube mir, Eurer Majestät
+vorzuschlagen, daß so wie das Senatuskonsult festgestellt ist, das
+Plebiscit ohne weitere Verzögerung vorgenommen werde, denn jeder Tag, um
+den dasselbe noch hinausgeschoben wird, giebt den Gegnern Gelegenheit,
+sich zu organisiren und ihre Agitationen immer mehr über das Land zu
+verbreiten. Die Form des Plebiscits würde nach meiner Ueberzeugung sehr
+einfach sein, sie würde sich auf wenige Zeilen reduciren, und ich werde
+meinen Entwurf bei meinen Herren Collegen circuliren lassen, um ihn dann
+mit ihren Zustimmungen oder etwa mit ihren Gegenvorschlägen Eurer
+Majestät zu unterbreiten.“
+
+Der Kaiser wandte sich mit einem verbindlichen Wink seiner Hand zu dem
+Grafen Daru.
+
+Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten hatte ruhig und unbeweglich
+den Worten Olliviers zugehört; ebenso ruhig sprach er jetzt mit seiner
+etwas leisen, aber durch die scharfe Accentuirung der Worte deutlichen
+Stimme:
+
+„Ueber die Form des Plebiscits, Sire, wird, wie ich glaube, unter uns
+kaum eine Meinungsverschiedenheit bestehen können. Es kann ja eben nur
+eine ganz einfache mit ja oder nein zu beantwortende Frage sein. Dagegen
+aber kann ich nicht unterlassen, Eurer Majestät noch einige sehr ernste
+und gewichtige Bedenken gegen die Sache selbst auszusprechen.“
+
+Der Kaiser blickte nicht auf, mit völlig ausdrucksloser Miene sah er auf
+das Papier nieder und zeichnete große krumme Linien, welche in einander
+greifend sich zu dem Bilde eines Adlerflügels vereinigten.
+
+„Eure Majestät,“ fuhr Graf Daru fort, „haben vorhin bemerkt, daß das
+Kaiserreich auf dem freien Votum der ganzen Nation beruhe, wie das ja
+auch mit der Herrschaft des ersten Kaisers der Fall war. Das Volk hat
+seinen Willen ausgesprochen und sich nach einer Zeit innerer Unruhen und
+Kämpfe eine feste Staatsform und eine consolidirte Regierung gegeben,
+welche wir nunmehr dem Willen Eurer Majestät gemäß zu freierer, innerer
+Entwicklung zu führen haben. Da die Existenz des Kaiserreichs, der Grund
+seines Bestehens auf dem Plebiscit beruht, so halte ich es für
+bedenklich, der Sicherheit des Staatsgebäudes und vor allen Dingen auch
+der Dynastie Gefahr bringend, wenn man ohne eine absolute Nothwendigkeit
+auf die Grundfundamente der Monarchie wieder zurückgreift. Ich glaube
+nicht, — verzeihen mir Eure Majestät, daß eine Dynastie wirklich auf die
+Dauer feste und unzerstörbare Wurzeln schlagen kann, wenn bei jeder
+Gelegenheit derjenige Faktor, der ihr das Leben gegeben, wieder in die
+öffentliche Bewegung hineingezogen wird; das Volk durch unmittelbares
+Plebiscit hat einmal gesprochen und das Kaiserreich begründet — die
+weitere Entwicklung desselben muß nun seinen verfassungsmäßigen
+Vertretern überlassen werden. Das Kaiserreich selbst darf nicht wieder
+in Frage gestellt werden. Denken Eure Majestät, in welche gefährliche
+Lage, in welche falsche Position ein Souverain kommen müßte, der wie
+Eure Majestät es stets mit gerechtem Stolz gethan und wie Ihre
+Nachfolger es ohne Zweifel ebenfalls thun werden, sich den Erwählten der
+Nation nennt, wenn das Votum dieser Nation in einem spätern Plebiscit
+ihm ungünstig wäre? Ein abfälliges Votum des Corps legislativ greift nur
+das Ministerium an, ein abfälliges Plebiscit aber würde das Kaiserthum
+und die Dynastie selbst in Frage stellen.“ —
+
+„So weit wir aber die Stimmung im Lande kennen,“ fiel Herr Ollivier ein,
+während der Kaiser fortwährend ganz theilnahmlos weiter zeichnete — „ist
+garnicht an die Möglichkeit zu denken, daß die allgemeine Abstimmung
+ungünstig ausfalle, vielmehr wird sie auf's Neue die Wurzeln des
+Kaiserreichs und der Dynastie kräftigen und immer tiefer in das
+nationale Bewußtsein dringen lassen.“
+
+„Ich zweifle nicht an dem Ausfall der Abstimmungen,“ erwiderte Graf
+Daru, indem flüchtig und fast unbemerkbar ein Zug feiner Ironie auf
+seinem kalten bleichen Gesicht erschien, „auch spreche ich nicht von der
+Thatsache, sondern von dem Prinzip, und im Prinzip muß ich dabei
+bleiben, daß ein wiederholtes Plebiscit gefährlich für die Dynastie ist,
+um so gefährlicher, wenn man jetzt etwa auf einen günstigen Ausfall
+desselben einen besonderen Werth zu legen beabsichtigt. Je mehr
+Bedeutung man dem zustimmenden Votum giebt, um so mehr gefährlicher
+würde eines Tages eine feindliche Abstimmung werden können. Außerdem bin
+ich des Erfolges noch nicht so vollkommen sicher. Die Majorität
+Derjenigen, welche stimmen, wird mit ja stimmen, daran zweifle ich
+nicht, ob es aber der Opposition nicht gelingen werde, eine sehr große
+Majorität für die Stimmenenthaltung zu gewinnen, darüber bin ich noch
+nicht vollkommen beruhigt; und der Eindruck einer solchen Enthaltung
+würde nicht nur in Frankreich, sondern auch im Auslande ein sehr
+bedenklicher sein müssen.“
+
+Herr Ollivier, welcher sich unruhig hin und her bewegt hatte, wollte mit
+einer Bemerkung einfallen.
+
+Der Graf Daru erhob leicht mit einer artigen, aber bestimmten Wendung
+die Hand gegen ihn und fuhr fort.
+
+„Wenn ich schon aus Rücksicht auf das Kaiserthum selbst und auf die
+Dynastie der Meinung bin, daß ein erneutes Plebiscit nur im Augenblick
+einer öffentlichen Gefahr oder gewaltiger nationaler Anstrengungen
+vorgenommen werden darf, so bestärkt mich in dieser Ansicht noch mehr
+die Rücksicht auf die freie und verfassungsmäßige Entwicklung des
+öffentlichen Lebens, deren Sicherung unsere Aufgabe ist. Wenn es als ein
+Grundsatz des öffentlichen Rechts anerkannt wird, daß die Regierung in
+jedem Augenblick und ohne bestimmte zwingende und in der Verfassung
+vorgesehene Gründe sich an das Volk wenden kann, so wird jedes
+constitutionelle Leben überhaupt eine Unmöglichkeit, denn die Regierung
+hat es in der Hand, bei jedem Conflict mit den Gesetzgebenden
+Körperschaften durch ein Plebiscit das ganze verfassungsmäßige Leben in
+Frage zu stellen. Daß Eure Majestät niemals einen solchen Gedanken haben
+werden,“ sagte er, sich gegen den Kaiser verneigend, — „davon bin ich
+überzeugt, indessen bei der Beurtheilung öffentlicher Rechtsprinzipien
+darf man nicht an die Person, sondern an die Sache und an die völlig
+objectiv gestellte Frage denken. Für mich spricht also sowohl die
+Rücksicht auf die Stabilität und die Unantastbarkeit der monarchischen
+Staatsform und der Dynastie als diejenige auf die wahre Freiheit des
+öffentlichen Lebens gegen eine Wiederholung des Plebiscits.“
+
+„Sie würden also, mein lieber Graf,“ sagte der Kaiser, indem er einen
+Augenblick flüchtig aufblickte und dann wieder in die Betrachtung des
+auf dem Papier vor ihm nunmehr deutlich erkennbaren Adlerflügels
+versank, „Sie würden also einer Berufung an das Volk Ihre Stimme nicht
+geben und wollen?“
+
+„Ich habe meine prinzipmäßigen Gründe gegen das Plebiscit
+ausgesprochen,“ erwiderte der Graf. „Ich bin indessen ebenfalls
+überzeugt, daß beim absolut starren Festhalten an den Prinzipien
+practisch nicht regiert werden kann. Und da Eure Majestät und die
+meisten meiner Kollegen die Volksabstimmung für zweckmäßig halten, so
+würde ich mich derselben nicht unbedingt entgegenstellen.“
+
+Der Kaiser zog seine Linien weiter und weiter. Ein zweiter Adlerflügel
+begann sich an der Seite des ersten zu zeigen.
+
+Auf Herrn Olliviers Gesicht erschien bei den letzten Worten des Grafen
+Daru eine ziemlich erkennbare Verstimmung.
+
+Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten sprach weiter:
+
+„Die Bedenken, welche ich gegen eine Wiederholung des Plebiscits so eben
+ausgesprochen und motivirt habe, können nach meiner Überzeugung auf eine
+sehr einfache Weise zum großen Theil beseitigt werden: Wenn nämlich der
+Grundsatz festgehalten wird, daß die Berufung an die unmittelbare
+Volksabstimmung nur Statt finden dürfe, wenn sich die Regierung und die
+Gesetzgebenden Körperschaften darüber verständigt haben. Dadurch würde
+nach beiden Richtungen die Garantie gegen den Eintritt derjenigen
+Gefahren gegeben, welche ich vorhin bezeichnete, und so würde die
+Absicht Eurer Majestät erreicht. Ich glaube, daß der Herr
+Großsiegelbewahrer,“ sagte er, sich an Ollivier wendend, „einer
+Verständigung in der von mir angedeuteten Richtung nicht abgeneigt ist,
+wenigstens habe ich bei meiner früheren Unterredung über diesen
+Gegenstand bei ihm die Geneigtheit bemerkt, auf meine Prinzipien
+einzugehen, und auf Grund derselben den Bestand des Cabinets zu
+sichern,“ sagte er mit fester Stimme, sich gegen den Kaiser verneigend.
+
+Dieser hob ein wenig den Kopf empor und richtete den Blick seines
+vollständig verschleierten Auges auf Herrn Ollivier.
+
+„Der Gedanke des Grafen Daru,“ sagte er ruhig, „scheint mir eine sehr
+gute Grundlage für die Ausgleichung der entgegenstehenden Ansichten zu
+bieten. Es wäre gewiß sehr wünschenswerth, eine solche Verständigung zu
+erreichen, wenn dies nach Ihrer Überzeugung möglich ist.“
+
+Herr Ollivier richtete sich grade empor, ließ den unsichern Blick über
+seine in schweigender Zurückhaltung da sitzenden Kollegen gleiten und
+begann dann mit nachdrücklicher Betonung:
+
+„Ich glaube nicht, daß der Gedanke des Herrn Ministers der auswärtigen
+Angelegenheiten ausführbar sei, wenn man sich die wahre staatsrechtliche
+Natur der Frage klar macht. Das Volk,“ fuhr er fort, „die französische
+Nation ist, Eure Majestät werden mir darin beistimmen,“ sagte er, sich
+gegen den Kaiser verneigend — „der eigentliche, in letzter Instanz
+definitiv über die Geschicke Frankreichs entscheidende Souverain. Die
+Vertreter im Corps legislativ sind nur Delegirte. Es entspräche nicht
+der Würde der Nation selbst, wenn Derjenige, an welchen sie ihre
+Souverainetät deligirt hätte, erst die Genehmigung der lediglich für die
+gesetzgeberische Arbeit abgeordneten Vertreter einholen müßte, um sich
+in großen Nationallebensfragen an das Volk selbst wenden zu dürfen.
+Zwischen dem Kaiser, das heißt dem General-Mandatar der souverainen
+Nation und dem Volk selbst darf kein untergeordneter Faktor stehen. Sie
+müssen frei, wenn es nothwendig ist, miteinander verkehren können, und
+der Kaiser muß das Recht haben, auch ohne die Zustimmung der
+parlamentarischen Körperschaften an das Volk selbst sich wenden zu
+können. Jede zufällige Majorität der Kammer würde ja sonst die Macht
+haben, die Berufung an das Volk zu verhindern. Ich für meine Person,“
+schloß er mit bestimmtem Ton, „würde lieber dafür stimmen, das Plebiscit
+überhaupt aufzugeben, als es auf diese Weise von der Zustimmung einer
+Kammer abhängig zu machen, die vielleicht garnicht den Willen des ganzen
+Volkes und sein wahres Interesse vertritt.“
+
+Graf Daru hatte Herrn Ollivier ein wenig erstaunt angesehen, dann flog
+abermals jener Zug feiner Ironie über sein Gesicht, und als der
+Großsiegelbewahrer geendet, sprach er, während auf dem Papier des tief
+gebückt dasitzenden Kaisers sich nunmehr zwischen den beiden Flügeln
+auch der Kopf eines Adlers zu entwickeln begann:
+
+„Ich bedaure, daß ich die Absicht des Herrn Großsiegelbewahrers bei
+unserer letzten Unterredung so falsch oder unklar aufgefaßt habe. Wäre
+mir damals seine Meinung so bestimmt erschienen, wie ich sie jetzt
+verstehe, so hätte ich schon früher alle Hoffnungen und alle Versuche zu
+einer Verständigung zu gelangen, aufgegeben. Ich muß Eurer Majestät
+aufrichtig erklären, daß wenn das Plebiscit ohne vorherige Verständigung
+mit der Kammer beschlossen werden sollte, ich nicht im Stande sein
+würde, länger ein Mitglied des Kabinets zu bleiben.“
+
+„Ich schließe mich der Erklärung des Herrn Grafen Daru vollständig an,“
+sagte der Finanzminister Buffet mit rauhem und kurzem Ton. „Ich glaube,
+daß die Wiederholung der Plebiscite die freie Bewegung des
+konstitutionellen Lebens unmöglich macht und den Staat fortwährend mit
+der Wiederkehr absoluter Autocratie bedroht. Ich bitte Eure Majestät,
+wenn das Plebiscit nach der Anschauung des Herrn Großsiegelbewahrers
+beschlossen werden sollte, meine Entlassung zu genehmigen.“
+
+„Und was meinen die übrigen Herren Minister,“ fragte der Kaiser, unter
+dessen Bleistift sich nunmehr auch ein großer Adlerkopf bildete.
+
+„Ich stimme Herrn Ollivier bei,“ sagte Ségris.
+
+„Ich würde um der Einheit des Bestandes des Cabinets willen,“ sagte der
+Marquis von Talhouet, „wünschen, daß auf dem Boden des vom Grafen Daru
+ausgesprochenen Gedankens eine Verständigung erzielt werde. Indessen
+kann ich nicht mein Verbleiben im Cabinet von dieser Frage abhängig
+machen, und ich hoffe,“ fügte er verbindlich sich gegen den Grafen von
+Daru verneigend, hinzu, „daß auch unser verehrter Kollege von diesem
+äußersten Entschluß zurückstehen werde.“
+
+Graf Daru schüttelte schweigend den Kopf.
+
+„Ich habe,“ rief Herr Ollivier rasch, „wahrlich für die Freiheit und die
+Rechte des Volkes gesprochen und gekämpft. Niemand wird mir dies Zeugniß
+versagen können. Jetzt aber ist es auch meine Pflicht, die Rechte der
+Krone zu vertreten und zu vertheidigen, und ich würde in einer solchen
+Anschauung der kaiserlichen Initiative, wie sie der Graf Daru
+vorschlägt, eine sehr gefährliche und bedenkliche Schmälerung der
+kaiserlichen Rechte erblicken.“
+
+Der Marschall Leboeuf und der Admiral Rigault de Genouilly stimmten in
+kurzen Worten dem Herrn Ollivier bei; ebenso Herr Maurice Richart und
+Herr Chevandier de Valdrome.
+
+Zu den Flügeln und dem gekrönten Kopf des Adlers war auf dem Papier des
+Kaisers bereits noch eine Kralle hinzugetreten, auf welcher ein kleiner
+Reichsapfel ruhte.
+
+Der Kaiser richtete ein wenig den Kopf auf, ohne daß sein Bleistift
+aufhörte in langsamer, anscheinend fast unwillkürlicher Bewegung Linie
+an Linie zu reihen.
+
+„Ich höre also,“ sagte der Kaiser, „daß die Mehrzahl meiner Herren
+Minister dem Herrn Großsiegelbewahrer vollständig beipflichten, welcher
+sich für die schleunige Ausführung des Plebiscits und zwar ohne
+vorherige Verständigung mit den Kammern ausgesprochen hat. Hätten die
+Herren Minister gegen das Plebiscit überhaupt Bedenken gehabt, so hätte
+ich meinerseits kaum einen Grund gehabt, dasselbe durchaus zu wünschen,
+so sehr ich auch überzeugt bin, daß es den Institutionen des
+Kaiserreichs neue Kräfte geben werde. Da aber die große Majorität meiner
+Minister das Plebiscit für zweckmäßig und nothwendig hält, da sie zu
+gleicher Zeit die Modalität, welche der Graf Daru vorgeschlagen, nicht
+zu acceptiren geneigt sind, so bleibt mir nichts anderes übrig, als
+nochmals Sie, Herr Graf, zu bitten, aus der Sache keine Cabinetsfrage zu
+machen und Sie, Herr Minister,“ sagte er, sich an Herrn Ollivier
+wendend, „reiflich zu überlegen, ob Sie nicht im Stande wären, eine
+Kombination zu finden, welche sich dem Grafen Daru nähert, und es ihm
+möglich macht, Mitglied des Cabinets zu bleiben, in welches ich ihn mit
+so vielem Vertrauen berufen habe, und aus welchem ich ihn nur mit
+aufrichtigem Schmerz würde scheiden sehen.“
+
+Es war fast ein ängstlicher Ausdruck, mit welchem Herr Ollivier den
+Kaiser bei den letzten Worten ansah.
+
+„Eure Majestät wissen,“ sagte er schnell, „wie hohen Werth ich auf die
+Freundschaft und Mitwirkung des Grafen Daru und auf sein Verbleiben in
+dem Ministerium lege; indessen meine Anschauung und Überzeugung steht
+fest, und wie ich niemals im politischen Leben von derselben abgewichen
+bin, so kann ich es auch jetzt nicht, selbst auf die Gefahr hin, die
+bisher so fruchtbare und hoch erfreuliche gemeinschaftliche Arbeit mit
+dem Herrn Grafen zu unterbrechen. Meine Überzeugung steht fest,“ sagte
+er, die Hand auf die Brust legend, „und da auch die meisten meiner
+Kollegen dieselbe theilen, so kann ich um so weniger in einer so hoch
+wichtigen Frage auf irgend einen Kompromiß eingehen.“
+
+„Ich habe also,“ sagte der Graf Daru, ohne daß irgend eine Bewegung auf
+seinem Gesicht bemerkbar wurde, „Eure Majestät nochmals bestimmt um
+meine Entlassung zu bitten, da ich nicht im Stande bin, der von der
+Mehrzahl meiner Kollegen beschlossenen Maßregel meine Zustimmung zu
+geben.“
+
+„Ich muß die gleiche Bitte an Eure Majestät richten aus dem gleichen
+Grunde,“ sagte Herr Buffet.
+
+Der Adler auf dem Papier des Kaisers hatte eine zweite Kralle erhalten.
+
+„Ich kann,“ sagte Napoleon, „da ich ja nicht mehr der persönliche
+Autokrat bin,“ fügte er lächelnd hinzu, „gegen den Beschluß meiner
+Minister nichts thun. Ich bitte Sie indeß, meine Herren,“ fuhr er fort,
+sich an die übrigen Minister wendend, „daß Sie sich der Aufgabe
+unterziehen mögen, in privater Besprechung und durch persönliche
+Einwirkung ein Einverständniß zwischen dem Grafen Daru und Herrn
+Ollivier zu ermöglichen. Ich bin überzeugt,“ fuhr er fort, indem er mit
+der linken Hand über seinen Bart fahrend den Mund verdeckte, während
+seine Rechte in der Kralle des Adlers vor ihm ein großes, hoch
+aufragendes Schwert erscheinen ließ, „daß Herr Ollivier ebenso wie ich
+das Ausscheiden des Grafen aus dem Cabinet beklagen würde, daß er Alles
+aufbieten wird, um eine Verständigung herbeizuführen. In einem Punkt bin
+ich jedoch vollkommen der Meinung, welche sich die meisten Herren hier
+angeeinigt haben, daß nämlich schnell gehandelt werden müsse, um der
+Opposition nicht die Zeit zu lassen, die Stimmenenthaltung zu
+organisiren. Ich hoffe also,“ sagte er aufstehend, indem er den
+Bleistift neben dem nunmehr vollendeten und mächtig bewehrten Adler
+niederlegte, „daß Sie mir morgen die Mittheilung von Ihrer allseitigen
+Verständigung machen werden, daß wir Alle miteinander gemeinschaftlich
+bei der Durchführung des begonnenen Werkes weiter arbeiten werden.“
+
+Er verneigte sich mit verbindlicher Höflichkeit nach allen Seiten und
+verließ das Konferenzzimmer, in welchem die Minister noch fast eine
+Stunde zurückblieben, auf alle mögliche Weise versuchend, das
+Einverständniß zwischen Herrn Ollivier und dem Grafen Daru herzustellen.
+
+Alle Versuche scheiterten jedoch an der kalten Ruhe, mit welcher der
+Graf Daru an seiner Ansicht festhielt und an der pathetischen
+würdevollen Unbeugsamkeit, mit welcher Herr Ollivier erklärte, auch
+nicht in einem Punkt von seiner Überzeugung abgehen zu können.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+
+Napoleon war in sein Cabinet zurückgekehrt, heiter und zufrieden
+lächelnd rieb er sich leicht die Hand, während er einige Male langsam
+auf- und niederging.
+
+„Alles geht vortrefflich, Drouin de L'huys hat vollkommen Recht, diesen
+Ollivier kann man Alles thun lassen, was man will, ein wenig Balsam für
+seine Eitelkeit, ein wenig Köder für seinen Ehrgeiz, und er lancirt sich
+gesenkten Hauptes in jede Bahn, auf welcher man seiner bedarf. Die Dinge
+fügen sich so gut, wie ich es nur irgend wünschen kann, das Plebiscit
+wird gemacht, — und ich bedarf des Plebiscits,“ sagte er sinnend vor sich
+hinblickend, „um diesen unversöhnlichen Rednern der Kammer zu zeigen,
+daß sie nicht mich angreifen, sondern den Willen der Gesammtnation, und
+daß nicht sie die Vertreter der Anschauungen Frankreichs sind, sondern
+ich selbst, — ich bedarf es dem Auslande gegenüber, um den europäischen
+Cabinetten zu zeigen, daß ich noch heute so unumschränkt wie früher über
+die Macht Frankreichs gebiete, — das Plebiscit wird gemacht werden, und
+zwar bin nicht ich es, der es macht, sondern meine Minister unter der
+Führung dieses höchst liberalen und konstitutionellen Herrn Ollivier.
+Und wenn dieser zweifelhafte Graf Daru und dieser schwer zu behandelnde
+Buffet aus dem Cabinet ausscheiden, so werde nicht ich sie entlassen
+haben, sondern sie werden es sein, die sich von der Majorität der
+Minister trennen. Alles ist ja konstitutionell und verfassungsmäßig,“
+sagte er lächelnd, „und doch geschieht es wie ich will. Vielleicht,“
+sprach er nachdenklich, „läßt sich mit dieser konstitutionellen Maschine
+noch besser regieren, als wenn man allein steht und ganz allein auch
+alle Verantwortlichkeit tragen muß.“
+
+Er ließ sich langsam in seinen Lehnstuhl nieder, bereitete sich
+sorgfältig aus dem auf einem kleinen Tisch daneben stehenden türkischen
+Taback eine Cigarrette, entzündete dieselbe an der brennenden Kerze und
+bewegte eine kleine Handglocke.
+
+„Bereiten Sie Alles vor,“ sagte er dem eintretenden Kammerdiener, „ich
+will meine militairische Promenade machen, in einer Stunde habe ich
+eine Revue abzuhalten.“
+
+Der Kammerdiener entfernte sich durch die Thür, welche in das
+Toilettenzimmer des Kaisers führte.
+
+„Der Graf Bismarck,“ sagte der Kaiser, indem er mit vergnügtem Gesicht
+die blauen Wolken des aromatischen Tabacksrauchs in die Luft blies, „hat
+Recht mit dem Rath, den er mir einst gab, je mehr ich die
+konstitutionelle Doctrin in die Regierung einführe, um so mehr muß ich
+meine militairische Macht stärken und das persönliche Band zwischen mir
+und der Armee fester ziehen, damit habe ich das Correctiv in der Hand,
+und wenn die Wellen jemals zu hoch gehen sollten, so wird es leicht
+sein, sie wieder auf das richtige Niveau zurückzuführen. Bis jetzt sind
+sie noch leicht zu leiten und trägt das Schiff das Kaiserreich ruhig in
+der Richtung fort, welche ich vorgezeichnet habe,“ — und sich bequem auf
+den Stuhl zurücklehnend schloß er halb träumend die Augen, indem er in
+großen Zügen den duftigen Rauch seiner Cigarrette einsog.
+
+Nach einiger Zeit öffneten sich die Flügel der Thüre, und die Kaiserin
+schritt schnell, noch bevor der Huissier sie anmelden konnte, an
+demselben vorüber in das Zimmer.
+
+Ihre Mienen zeigten Unruhe und lebhafte Bewegung, sie eilte auf den
+Kaiser zu, welcher sich langsam erhob, drückte ihn sanft wieder in
+seinen Lehnstuhl zurück und sagte, indem sie sich ihm gegenüber setzte:
+
+„Ich höre, daß die Ministerconferenz zu Ende ist und bin
+unendlich gespannt, was das Resultat derselben sei, — sobald die
+Meinungsdifferenzen ausgeglichen, wird das Plebiscit ohne Schwierigkeit
+durchgeführt werden?“
+
+„Das Plebiscit ist beschlossen,“ sagte der Kaiser, indem er den Rest
+seiner Cigarrette fortwarf, „die große Majorität meiner Minister waren
+darüber einig, nur,“ fügte er mit einem schnellen Blick auf seine
+Gemahlin und einem fast unwillkürlichen Lächeln hinzu, „Graf Daru und
+Herr Buffet können sich der Ansicht der Uebrigen nicht anschließen. Ich
+werde sie verlieren,“ fügte er wie bedauernd den Kopf schüttelnd hinzu,
+„ich habe ihnen die Entlassung, um die sie gebeten, nicht verweigern
+können, da sie sich nicht im Einklang mit den Uebrigen befinden.“
+
+Die Kaiserin schlug ihre schlanken weißen Hände gegen einander, ein
+Blitz triumphirender Freude sprühte in ihren Augen auf.
+
+„Wir sind Daru los,“ rief sie aus, „diesen verkappten Orleanisten,
+diesen Freund des Protestanten Guizot, der uns mit dem heiligen Stuhl
+hätte brouilliren mögen. Welch ein Glück,“ — fuhr sie nach einer kleinen
+Pause fort, — „haben Sie schon darüber nachgedacht, wer sein Nachfolger
+in den auswärtigen Angelegenheiten sein soll?“
+
+„Das ist eine sehr schwierige Frage,“ sagte Napoleon langsam, — „eine
+sehr schwierige Frage, welche ein tiefes und eingehendes Nachdenken
+erfordert. Ich glaube, da das ganze Interesse sich in diesem Augenblick
+auf die inneren Fragen concentrirt und wir eigentlich gar keine
+auswärtige Politik machen, so wird es am besten sein, das Provisorium
+einige Zeit lang bestehen zu lassen — Ollivier ist bereit, dasselbe zu
+führen.“
+
+Immer strahlender und heiterer wurde das Gesicht der Kaiserin.
+
+„Ollivier,“ rief sie, „das Provisorium des auswärtigen Ministeriums!
+Louis,“ rief sie, ihm die Hand reichend, welche er galant an die Lippen
+führte, „ich bewundere Sie, das ist ein Meisterstreich! Dieser Ollivier
+ist ein Schleier, den man ganz Europa gegenüber über unsere Politik
+wirft, und hinter diesem Schleier wird man thun und vorbereiten können,
+was man will, ohne daß irgend Jemand, er selbst am wenigsten,“ sagte
+sie lachend, „eine Idee davon hat. Aber später,“ sagte sie dann — „nach
+Ollivier, denn Ollivier kann doch nur so lange Minister sein, bis —“ sie
+unterbrach sich —
+
+„bis wir es für zweckmäßig finden werden,“ ergänzte der Kaiser ihren
+Satz, „unserer auswärtigen Politik einen bestimmten Stempel
+aufzudrücken, und dann wird die Wahl der Person doch immer von dem
+System abhängig sein müssen, welches dann zu befolgen für nothwendig
+erscheinen sollte.“
+
+„Ich habe Ihnen neulich von Grammont gesprochen,“ sagte Eugenie mit
+einem forschenden Blick auf den Kaiser, „der mir alle Eigenschaften in
+sich zu vereinigen scheint, welche Ihr auswärtiger Minister in einem
+entscheidenden Augenblick haben müßte, und der Ihnen persönlich und
+unserer Dynastie tief ergeben ist, indem er die monarchischen
+Traditionen seiner legitimistischen Familie nunmehr auf das Kaiserreich
+überträgt, nachdem er sich dem Dienst desselben gewidmet hat. Grammont
+kennt besonders genau die Verhältnisse Österreichs, das doch für unsere
+auswärtige Politik und für unsere auswärtige Action,“ fügte sie mit
+besonderer Betonung hinzu, „einer der wichtigsten Factoren ist.“
+
+„Es würde nur darauf ankommen,“ sagte der Kaiser, ohne den Blick seiner
+Gemahlin zu erwidern, „welche Politik man nach Außen inauguriren wird,
+nachdem diese inneren Angelegenheiten zum Abschluß gebracht sind. Unter
+gewissen Verhältnissen würde allerdings Grammont eine sehr geeignete
+Persönlichkeit sein.“
+
+„Unter allen,“ sagte die Kaiserin, „Grammont ist ebenso geschickt und
+geschmeidig, als ergeben.“
+
+„Nun,“ sagte der Kaiser, „man könnte ihn ja dann wieder hierher kommen
+lassen. Ich habe früher ausführlich mit ihm über die Lage der
+Verhältnisse gesprochen und würde persönlich sehr gern mit ihm
+verkehren. Es käme aber darauf an, ob er sich mit den übrigen Führern
+des Cabinets verständigen könnte, denn wir haben ja jetzt ein
+constitutionelles Regiment —“
+
+Die Kaiserin zuckte die Achseln.
+
+„Namentlich,“ fuhr Napoleon fort, „ob er mit Ollivier zu harmoniren im
+Stande wäre!“
+
+„Ollivier,“ rief die Kaiserin, „dieser spartanische Bürger wird
+überglücklich sein, in einem Cabinet mit einem Herzoge aus dem alten
+Hause der Guiche und der Grammont sich zu befinden.“ —
+
+„Wir wollen weiter darüber sprechen, wenn das Plebiscit vollendet sein
+wird,“ sagte der Kaiser.
+
+Die Kaiserin ließ einen Augenblick mit einer anmuthigen Beugung ihres
+schlanken Halses den Kopf auf die Brust sinken.
+
+„Er hat einen Hintergedanken,“ flüsterte sie unhörbar.
+
+Dann blickte sie den Kaiser mit ihren großen, klaren Augen ruhig und
+gleichgültig an.
+
+„Man hat in diesen Tagen,“ sagte sie, „wieder von einer Combination
+gesprochen, welche, wie ich glaube, schon im vorigen Jahre einmal
+flüchtig erörtert wurde, von einer Candidatur des Prinzen von
+Hohenzollern für den spanischen Thron“ —
+
+Der Kaiser warf schnell einen flüchtigen Blick auf seine Gemahlin hin —
+
+ — „vielleicht wäre es gut, wenn sich das machen ließ,“ fuhr Eugenie
+fort, „ich bedaure die unglückselige Königin Isabella auf's tiefste und
+würde vor allen Dingen wünschen, daß ihr oder ihrem Sohn der spanische
+Thron gerettet werden könnte, allein, wie die Verhältnisse stehen und
+bei den so unschlüssigen und politisch unklaren Rathgebern, mit denen
+sie umgeben ist, scheint mir leider zu meinem tiefen Bedauern dazu wenig
+Aussicht zu sein. Wenn es nun möglich wäre, die für Frankreich und für
+uns ungünstigste Chance auszuschließen, — die Candidatur des Herzogs von
+Montpensier, welcher der Orleanistischen Agitation in Spanien einen
+festen Halt geben würde, so wäre es vielleicht nicht unerwünscht, einen
+jungen, uns befreundeten und verwandten Prinzen, der außerdem gut
+katholisch ist, auf diesem spanischen Thron zu wissen.“
+
+„Der Prinz von Hohenzollern,“ sagte der Kaiser in demselben
+gleichgültigen Ton, in welchem seine Gemahlin gesprochen hatte, „steht
+dem preußischen Hause sehr nahe, und seine Thronbesteigung in Spanien
+würde einen Einfluß des Berliner Cabinets im Süden der Pyrenäen
+begründen, der den Interessen Frankreichs nicht zu entsprechen scheint.
+Ich habe deshalb, als im vorigen Jahre die Sache angeregt wurde,
+erklären lassen, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern eine
+antinationale sei, während diejenige des Herzogs von Montpensier nur
+meiner Dynastie feindlich ist. So sehr ich daher,“ fuhr er fort, „an dem
+einmal ausgesprochenen Prinzip festhalte, der spanischen Nation
+gegenüber, was ihre Entschließungen für die Zukunft betrifft, die
+strengste Zurückhaltung zu beobachten, so habe ich doch auch nicht
+verhehlt, daß eine Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf eine
+Zustimmung von Frankreich nicht zu rechnen habe. Seit jener Zeit,“ sagte
+er, die Achseln zuckend, „habe ich nichts wieder davon gehört, möglich,
+daß die Sache noch einmal wieder aufgenommen wird. Ich stehe noch auf
+demselben Standpunkt wie damals und ich glaube nicht, daß Frankreich
+einen preußischen Prinzen auf dem spanischen Thron sich ruhig gefallen
+lassen könnte.“
+
+„Sie würden also,“ sagte die Kaiserin, „noch lieber Montpensier als den
+Erbprinzen von Hohenzollern in Madrid regieren sehen?“
+
+„Unbedingt,“ erwiderte der Kaiser mit festem Ton, „denn ich werde stets
+die Interessen meiner Person und meines Hauses denjenigen Frankreichs
+nachstellen.“
+
+„Nun,“ sagte die Kaiserin, „dann wird aus der Sache nichts werden, denn
+ich glaube nicht, daß Prim etwas thun wird, wovon er weiß, daß Sie es
+nicht billigen.“
+
+„Ich habe keine Veranlassung gehabt,“ sagte der Kaiser, „über diese
+Frage mit Prim meine Gedanken auszutauschen, und es ist in der That
+nicht nur eine Phrase, wenn ich versichere, dieser ganzen spanischen
+Angelegenheit völlig fern bleiben zu wollen. — Sie wollen mich nicht zu
+der Revue begleiten, die ich auf dem Carousselplatz abhalten will,“
+sagte er abbrechend, „ich habe die Garde de Paris und die Pompiers,
+auch eine Schwadron Seine-Gendarmerie zu der Truppenaufstellung
+hinzugezogen. Es ist in dieser Zeit immer gut, wenn man auch diesen
+Corps möglichst viel militairisches Gefühl einflößt.“
+
+„Ich danke,“ erwiderte die Kaiserin, „ich habe verschiedene Audienzen zu
+geben.
+
+Au revoir,“ fügte sie hinzu, indem sie aufstand und ihrem Gemahl die
+Wange reichte. „Ich wünsche Ihnen nochmals Glück, diesen heimlichen
+Orleanisten aus Ihrem Rath entfernt zu haben.“
+
+Der Kaiser geleitete seine Gemahlin zur Thür und kehrte dann
+nachdenklich und ernst in sein Zimmer zurück.
+
+„Es geht etwas mit dieser spanischen Candidatur Hohenzollerns vor,“
+flüsterte er vor sich hin, „man möchte diesen Fall zu einer Kriegsfrage
+zurecht machen — ich durchschaue das Alles sehr gut, man will sich
+versichern, daß ich mich wirklich einer solchen Candidatur ernstlich und
+energisch widersetzen würde, um in diesem Falle die Ereignisse danach
+gestalten zu können. Ich lasse das Alles gehen,“ sagte er lächelnd,
+„diese Candidatur des Prinzen Leopold, die man da so unvermuthet als
+einen plötzlichen und unabwendbaren Kriegsfall vor mich hinstellen
+möchte, kann mir vielleicht sehr gute Dienste leisten und mir die
+Handhabe bieten, die ganze Lage der Dinge, ohne diese lärmende und
+unsichere Entscheidung der Waffen zu meinen Gunsten zu gestalten. Ich
+glaube nicht,“ sagte er nachdenklich, „daß das Cabinet von Berlin oder
+der König von Preußen auf diese Hohenzollernsche Candidatur einen
+besondern Werth legen wird, — Benedetti glaubt, daß der Graf Bismarck ihm
+nicht seinen letzten und innersten Gedanken ausgesprochen habe, — mir
+scheint, Benedetti täuscht sich, vielleicht möchte es eher dem
+preußischen Stolz widerstreben, einen Prinzen, der in vielen Beziehungen
+mit dem dortigen königlichen Hause zusammenhängt, sich auf einen Weg
+begeben zu sehen, der zu einem ähnlichen Schicksal führen kann, als es
+den Herzog Maximilian in Mexico erreichte. Wenn diese Candidatur
+wirklich eine ernste Form gewinnt, so wird die Gelegenheit da sein, ein
+kräftiges und volltönendes Wort zu sprechen und die Zurückziehung
+derselben vor dem übrigen Europa als einen moralischen Sieg über
+Deutschland und Preußen erscheinen zu lassen. Damit wird eine große
+Sache gewonnen sein — die Wiederherstellung des französischen
+erschütterten Selbstgefühls und des Vertrauens in die Überlegenheit der
+kaiserlichen Regierung. Lassen wir also die Dinge immerhin gehen, — ich
+glaube, sie gehen einen guten Weg, und ich werde dahin kommen, mich aus
+allen Verlegenheiten, die mich umringen, ohne eine kriegerische
+Entscheidung, welche ich in den Leiden meiner Krankheit mehr als je
+vorher scheue — zu entziehen.“
+
+Der Huissier öffnete die Thür und meldete:
+
+„Seine kaiserliche Hoheit der Prinz Napoleon.“
+
+Der Kaiser seufzte und zuckte unwillkürlich die Achseln mit einer Miene,
+welche anzudeuten schien, daß ihm dieser Besuch nicht allzu erfreulich
+sei, indessen neigte er zustimmend den Kopf und ging mit freundlichem
+Gruß dem Prinzen die Hand reichend, seinem Vetter entgegen, welcher
+raschen und unruhigen Schritts in das Cabinet trat.
+
+„Ich bin erfreut, Dich zu sehen, mein lieber Vetter,“ sagte der Kaiser,
+„indessen habe ich nur wenige Augenblicke, da die Truppen bereits auf
+dem Carousselplatz aufgestellt sind und die Stunde der Revue geschlagen
+hat.“
+
+Der Prinz Napoleon war eine eigenthümliche Erscheinung, welche man kaum
+hätte vergessen können, wenn man ihm einmal begegnet war. Sowohl in
+seiner Figur, als in seinem olivenfarbenen scharf geschnittenen
+bartlosen Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar zeigte er eine sehr
+charakteristische Ähnlichkeit mit seinem großen kaiserlichen
+Oheim; — während indeß auf den Zügen des Letzteren jene edle, antik
+klassische Ruhe lag, welche die Köpfe aus der großen Kaiserzeit des
+alten Roms charakterisirt, während die Augen des weltbeherrschenden
+Imperators tief sinnend vor sich hinblickten oder weltentzündende
+zorngewaltige Blitze schleuderten, — lag in dem ganzen Wesen des Prinzen
+eine zerfahrene Unruhe und fieberhafte Hast, welche mit dem antiken
+Schnitt seines Gesichts durchaus nicht vereinbar schienen und seiner
+ganzen Erscheinung den Ausdruck wohlthätiger Ruhe und Harmonie raubten;
+seine Augen blickten unstät hin und her, seine Lippen zuckten in
+fortwährend bewegtem Mienenspiel, und in kurzen Zwischenräumen öffnete
+sich sein Mund zu einem unwillkürlichen, krampfhaft nervösen Gähnen.
+Auch seine Gestalt war stärker und gedrungener als die des großen
+Kaisers, und wenn er mit heftigen Gesticulationen seine Worte
+begleitete, so brachten seine Bewegungen fast einen komischen Ausdruck
+hervor.
+
+Der Prinz trug einen schwarzen Civilmorgenanzug, einen hohen Cylinderhut
+in der Hand, die große Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.
+
+„Ich will Eure Majestät nur einen Augenblick aufhalten,“ sagte er, mit
+einer gewissen rauhen Betonung die Worte hervorstoßend, „es drängt mich,
+von Eurer Majestät selbst zu hören, ob die Gerüchte, welche die Stadt
+zu durchlaufen beginnen, wahr sind. Eure Majestät,“ fuhr er fort,
+„kennen die tiefe Ergebenheit, welche ich für Sie hege als für den Chef
+meiner Familie und für den liebevollen Freund meiner Jugend, — bei dieser
+tiefen Ergebenheit müssen die Gerüchte, welche so eben bis zu mir
+gedrungen sind, mich mit tiefer Unruhe erfüllen.“
+
+„Und welche Gerüchte meinst Du,“ fragte der Kaiser ruhig und kalt, indem
+er sich in seinen Lehnstuhl niederließ und den vollen Blick seines groß
+geöffneten Auges auf den Prinzen richtete, welcher vor ihm stehen blieb
+und vor diesem scharfen forschenden Blick mit leichter Verlegenheit die
+Augen zu Boden schlug.
+
+„Ich meine das Gerücht von dem Grafen Daru,“ sagte der Prinz rasch und
+heftig, „ganz Paris spricht bereits davon. Man erzählt, daß Du,“ fuhr er
+immer lebhafter fort, indem er die ceremonielle Haltung, welche er bei
+seinem Eintritte angenommen hatte, vergaß, — „das Plebiscit unter allen
+Umständen durchführen willst, und daß deswegen Graf Daru, der in der
+That nicht zu meinen Freunden gehört, aber der dadurch in diesem
+Augenblick populär werden wird, sich von den Geschäften zurückziehen
+will.“
+
+„Es handelt sich um keine Differenz zwischen dem Grafen Daru und mir,“
+erwiderte der Kaiser. „Der Graf befindet sich in Meinungsverschiedenheit
+mit Ollivier und den übrigen Ministern, es ist eine vollständig
+constitutionelle Krisis,“ fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, „in
+welche ich einzugreifen außer Stande bin.“
+
+„Eine constitutionelle Krisis,“ rief der Prinz lebhaft, indem er laut
+auflachte und dann die Hand einen Augenblick vor den Mund hielt, um
+einen Gähnkrampf zu verbergen, der ihn erfaßte, — „eine Meinungsdifferenz
+mit Ollivier? Hat denn dieser Ollivier,“ fuhr er fort, „eine Meinung,
+die nicht die Deinige ist? — Doch darum handelt es sich nicht, es handelt
+sich nicht um die augenblickliche Situation,“ sprach er rasch
+weiter, — „ob Daru bleibt oder geht, ist mir in der That sehr
+gleichgültig, — aber der Grund dieser Krisis — der Grund dieses
+Plebiscits — was willst Du mit dem Plebiscit machen — wozu diese
+fortwährenden Revuen in einer Zeit, in welcher alle militairischen
+Fragen so vollständig in den Hintergrund treten, — Du hast einen Plan, Du
+willst den Krieg, Du willst unter der Maske dieses Ollivier, unter dem
+Schein des Constitutionalismus die Dictatur wieder herstellen, um
+plötzlich hervorbrechen zu können und den europäischen Staatsstreich,
+wie man es nennt, auszuführen, oder vielleicht,“ fuhr er fort, indem
+sein stechender Blick sich mit dem Ausdruck des Hasses und des Zorns
+erfüllte, „oder vielmehr Andere wollen dies. Man will Dich dahin
+bringen, es auszuführen.“
+
+Der Kaiser hatte völlig unbeweglich ohne jeglichen Ausdruck auf seinem
+Gesicht den heftigen Worten des Prinzen zugehört, ein wenig auf die
+Seite geneigt, ließ er langsam die Spitzen seines Schnurrbarts durch die
+Finger gleiten und sagte mit einem unendlich naiven Ton:
+
+„Du glaubst?“
+
+„Ja,“ rief der Prinz zornig, mit dem Fuße stampfend, „ich glaube es und
+ich glaube auch, daß Du auf einen Weg gehst, der Frankreich, Dich und
+uns Alle in's Verderben stürzen wird, — wir können nicht schlagen, — ich
+weiß es, — man täuscht Dich, — Deine großsprechenden Generale, dieser
+Leboeuf an der Spitze, glauben, daß man mit Phrasen den Kampf gegen eine
+so furchtbare Macht wie Preußen aufnehmen kann. Sie Alle haben gar keine
+Idee von dem, was man zum Kriege nöthig hat — selbst Niel wäre nach
+meiner Überzeugung noch nicht fertig für einen so gewaltigen Kampf, aber
+diese — die Dich jetzt umgeben, haben das Werk Niels nicht nur nicht
+fortgesetzt, sie haben es wieder zu Grunde gerichtet. Deine Armee ist in
+Unordnung, die Festungen sind nicht im gehörigen Stand, die Magazine
+sind nicht gefüllt, die Organisation der Militairverwaltung ist mehr als
+mangelhaft, und wenn Du Dich zu diesem Kriege hinreißen läßt, so wirst
+Du, — ich wiederhole es — uns Alle zu Grunde richten.“
+
+Der Kaiser blieb fortwährend unbeweglich.
+
+„Ich begreife nicht, mein lieber Vetter, wie Du auf diese Idee
+kommst, — es ist ja nicht die kleinste Wolke am politischen Himmel, und
+es handelt sich ja in diesem Augenblick ganz ausschließlich nur um
+innere Fragen. Was übrigens unsere Armee und die Militairverwaltung
+betrifft, so ist die Ansicht sehr bewährter Generale eine andere als die
+Deinige und,“ fügte er mit einem mehr gutmüthigen als ironischen Lächeln
+hinzu, „jenen steht vielleicht eine größere praktische Erfahrung als Dir
+zur Seite.“
+
+„Es gehört nicht eine allzu große praktische Erfahrung dazu,“ erwiderte
+der Prinz in entrüstetem Ton, „um das zu sehen, was Jedermann sehen kann
+und was man Dir allein mit Erfolg zu verbergen sucht, da Dein zu großes
+Vertrauen Dich verhindert, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bitte
+Dich, untersuche wenigstens, bevor Du Dich zu gefährlichen
+Unternehmungen hinreißen läßt, genau den Zustand der Armee, — untersuche
+ganz besonders den Zustand der Flotte, dieser ist noch bedenklicher als
+der der Landtruppen.“
+
+„Mein liebes Kind,“ sagte der Kaiser in einem väterlichen freundlichen
+Ton, „Du agitirst Dich ohne Grund, glaube mir, die Absichten, die Du
+voraussetzest, bestehen nicht.“
+
+„Sie bestehen nicht?“ rief der Prinz. „Sie bestehen vielleicht bei Dir
+nicht, aber sie bestehen rings um Dich her, und man wird Dich so
+umgarnen, man wird alle Verhältnisse so drehen und wenden, daß Du
+schließlich nicht anders können wirst, als die Pläne derer auszuführen,
+welche in ihrer Verblendung dazu bestimmt scheinen, Dich und uns Alle
+in's Unglück zu stürzen. Die Kaiserin —“
+
+Der Kaiser stand auf; für einen Augenblick schien er vollkommen Herr
+über die Schwäche zu sein, welche seine Haltung gewöhnlich unsicher und
+schwankend erscheinen ließ. Er richtete den Kopf hoch empor, seine Augen
+öffneten sich weit und leuchteten im tiefen Glanz auf, aus seinen Zügen
+strahlte eine wunderbare Hoheit und Ueberlegenheit, und mit einer
+vollen, metallisch klingenden Stimme sprach er:
+
+„Mein lieber Vetter, ich bin das Haupt unserer Familie und das erwählte
+Oberhaupt der französischen Nation, ich trage die Verantwortlichkeit für
+meine Entschließungen und bin mir dieser Verantwortlichkeit vollkommen
+bewußt, — auf meine Entschließungen aber hat Niemand Einfluß, als die
+ruhige Erwägung und die richtige Beurtheilung der Verhältnisse,
+Niemand,“ wiederholte er mit strenger Betonung, „und auch kein Glied
+meiner Familie — kein Glied derselben ohne Ausnahme.“
+
+Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er mit milderem Ton hinzu, indem
+er dem Prinzen die Hand reichte:
+
+„Ich danke Dir für Deine Theilnahme an dem Geschick Frankreichs und an
+dem Meinigen und bin überzeugt, daß, wenn ernstere Ereignisse eintreten
+sollten, wozu in diesem Augenblick nicht die geringste Veranlassung
+vorliegt, Du an dem Platz, an welchem ich Dich dann zu stellen
+beschließen werde, mit voller Hingebung und Selbstverleugnung Deine
+Schuldigkeit thun wirst.
+
+„Ich bin,“ sagte er mit höflichem, aber bestimmtem Ton, „bereit, mit Dir
+in ruhigen Augenblicken diese Unterhaltung fortzusetzen; für jetzt muß
+ich Dich bitten, mich zu entschuldigen, denn die Stunde der angesagten
+Revue ist bereits vorüber, und Du weißt, daß selbst unser großer Oheim
+den unumstößlichen Grundsatz hatte, die Truppen niemals warten zu
+lassen, sondern ihnen stets das Beispiel genauester Pünktlichkeit zu
+geben.“
+
+„Du willst mich nicht hören,“ rief der Prinz heftig, — „Du kannst Dich
+noch immer nicht gewöhnen, in mir den reifen Mann zu sehen, Du glaubst
+also den Fremden mehr — als mir, der ich Dir doch wahrlich am nächsten
+stehe. Nun, ich werde nicht müde werden, auch auf die Gefahr hin, Dir zu
+mißfallen, bis zum letzten Augenblick Dir meine Meinung zu sagen.“
+
+„Und ich werde Dich immer mit Aufmerksamkeit und mit der alten Liebe
+anhören, die ich Dir stets bewiesen habe,“ sagte der Kaiser, indem er
+seinem Vetter die Hand reichte, „auf Wiedersehen!“
+
+Der Prinz drückte die Hand des Kaisers so heftig, daß dieser sie schnell
+zurückzog. Seine Lippen öffneten sich, es schien, als wolle er noch
+Etwas sagen, doch er verneigte sich nur schweigend und sich schnell
+umwendend, stürmte er aus dem Cabinet hinaus.
+
+„Welch' ein unregelmäßiger Geist,“ sagte der Kaiser, ihm nachblickend,
+„wie schade ist es um all' die vortrefflichen Eigenschaften, welche er
+besitzt, um all' die großen Keime, welche unerschlossen in ihm ruhen
+oder welche nach falscher Richtung hin sich entwickelt haben. — Was meine
+Verwandten betrifft,“ sagte er dann mit einem halb ironischen, halb
+wehmüthigen Lächeln, „so könnten die Prinzen der ältesten und
+legitimsten Dynastie ihrem Souverain kaum mehr Verlegenheit bereiten,
+als meine Herren Vettern es mir thun, — dieser unglückliche Pierre, der
+Victor Noir erschossen, — Murat, der diesen kleinen Lecomte
+geprügelt — und dieser Napoleon, der seinen reichen Geist und seine
+wirklich tiefen Kenntnisse nur dazu benutzt, um überall Verwirrungen zu
+stiften, — vielleicht sollte ich strenge gegen ihn sein, ich sollte ihn
+mehr fühlen lassen, daß ich der Chef des Hauses und der Souverain
+Frankreichs bin, denn zuweilen überschreitet er wirklich die Grenzen des
+Erlaubten. Aber,“ sagte er, den Kopf sinnend auf die Brust senkend, „ich
+habe eine Schwäche für ihn, — ich habe ihn ein wenig mit erzogen, — in
+seinen Adern rollt das Blut des großen Kaisers, und dann — er ist der
+Bruder dieser so edlen und so großherzigen Mathilde, — die unter Allen
+meine treueste Freundin ist.“
+
+Er faltete die Hände und blieb längere Zeit in tiefem Sinnen stehen,
+dann fuhr er auf, strich mit der Hand über die Stirn, als wolle er
+Bilder und Erinnerungen verscheuchen, die vor ihm aufgestiegen waren,
+warf einen raschen Blick auf seine Uhr und begab sich schleunigst in
+sein Toilettenzimmer.
+
+Auf dem Carousselplatz innerhalb des großen Vierecks, welches die durch
+den Kaiser vereinigten Paläste der Tuilerien und des Louvre bildeten,
+war eine Division Infanterie aufgestellt, darunter das zweite Regiment
+der Grenadiere der Garde mit den gewaltigen Bärenmützen, welche man auf
+den Schlachtenbildern des ersten Kaiserreichs erblickt und welche noch
+bis zu jener Stunde den Stolz der alten Garde bildeten; die langbärtigen
+Sappeurs mit ihren weißen Schurzfellen, ihren hohen Stulphandschuhen und
+ihren blitzenden Beilen an der Spitze der Bataillone — daneben acht
+Batterien der Artillerie mit der an die deutschen Husaren erinnernden
+Uniform, den Dolmans und Colpacks, — die Garde de Paris und die
+Seine-Gendarmerie zu Pferde, welche fast unverändert die Uniform der
+Grenadiere à Cheval des ersten Kaiserreichs trugen; neben diesen standen
+die Pompiers, diese militairische Feuerwehr mit ihren blitzenden Helmen.
+
+Eine große Menschenmenge umringte, von den Sergeants de Ville
+zurückgehalten, die Aufstellung der Truppen, deren Waffen im hellen
+Sonnenschein blitzten.
+
+Das alte Schloß der Tuilerien und alle diese Uniformen nach den Mustern
+des ersten Kaiserreichs riefen lebhaft die Bilder der Vergangenheit in's
+Gedächtniß. Und als nun das Gitterthor an dem innern Hof der Tuilerien
+sich öffnete, die zwei davor haltenden Kürassierposten sich militairisch
+empor richteten, — als die Suite der Adjutanten und Ordonnanzofficiere
+vor dem Haupteingang des Palastes sich rangirten, die Reitknechte die
+Pferde heranführten und der Marschall Canrobert, der in der
+goldglänzenden Uniform mit den weißen wallenden Federn auf dem
+goldbordirten Hut, den Marschallstab in der Hand, von seiner Suite
+umgeben, in der Mitte der Truppnenaufstellung hielt, sich in dem Sattel
+aufrichtete und noch einen letzten Blick über die in musterhafter
+Haltung dastehenden Truppen warf, da hätte man fast erwarten können, aus
+dem großen Portal der Tuilerien heraus die kleine Gestalt des
+welterobernden Cäsars mit dem ehernen Gesicht und dem leuchtenden
+Feldherrnblick hervortreten zu sehen, um wie an dem Tage der großen
+Vergangenheit seine Soldaten zu mustern, welche die Adler Frankreichs
+siegreich nach allen Hauptstädten Europa's getragen hatten. —
+
+Die Stallknechte führten das schöne weiße Leibpferd des Kaisers vor das
+Portal.
+
+Etwas unsichern Ganges erschien Napoleon III. in der
+Generallieutenants-Uniform, das große rothe Band der Ehrenlegion über
+der Brust. Die Hinfälligkeit seiner Gestalt, die krankhafte Schlaffheit
+seiner Gesichtszüge waren in der militairischen Kleidung noch sichtbarer
+und auffälliger, als im Civilanzug. Er setzte den Fuß in den Bügel und
+langsam, mit einer gewissen Anstrengung hob er sich in den Sattel
+hinauf. Ein Augenblick zuckte es wie stechender Schmerz durch sein
+Gesicht, dann nahm er wie mit lebhafter Willensanstrengung eine feste
+Haltung an; und selbst jetzt, trotz seiner von Alter und Krankheit
+gebrochenen Kraft konnte man doch noch eine Spur jener Leichtigkeit und
+Sicherheit erkennen, welche ihn einst zu einem der besten Reiter
+Europa's gemacht hatten.
+
+Die ganze glänzende militairische Suite des Kaisers, welche ihn
+zu Fuß erwartet hatte, saß in demselben Augenblick, in welchem der
+Kaiser in den Sattel gestiegen war, zu Pferde. Hundert Garden
+mit den goldglänzenden antiken Helmen und den blauen gold- und
+scharlachschimmernden Uniformen sprengten vor; und langsam ritt der
+Kaiser durch das Gitterthor der Truppenaufstellung entgegen.
+
+Marschall Canrobert und sein Stab sprengten heran, der Marschall grüßte
+mit dem Stabe und erhob denselben dann, indem er sich nach den Truppen
+hinwandte; in demselben Augenblick begannen die sämmtlichen Musikkorps
+jene einfache Melodie zu spielen, welche die schöne Hortense Beauharnais
+einst für die alte Romanze „partant pour la Syrie“ componirt hatte, die
+man zu jener Zeit nicht auf den jeune et beau Dunois, sondern auf den
+vom ersten glänzenden Strahl seines Ruhmes beleuchteten Feldherrn bezog,
+der später die Krone Karl des Großen auf sein Haupt zu setzen bestimmt
+war. Zu gleicher Zeit brauste in donnerndem Ruf das „Vive l'empereur“
+von allen Truppenabtheilungen herüber.
+
+Der Kaiser nahm den Hut ab, und sein Blick flog über diese blitzenden
+Geschütze, über diese kühn blickenden Männer, über diese schnaubenden
+Pferde hin — ein Augenblick färbte ein leichtes Roth seine Züge, seine
+Augen leuchteten auf, fester richtete er sich im Sattel empor; da fiel
+sein Blick auf die Menge, welche sich bis dicht an die Truppen
+herangedrängt hatte und am Eingang des Gitterthors höchstens zehn
+Schritt von ihm entfernt war.
+
+In der ersten Reihe der Zuschauer sah er eine lange, hagere Gestalt
+stehen, in zerrissene Lumpen gehüllt, das Haupt, welches aus diesen
+Lumpen hervorragte, war unbedeckt, sein dunkles Haar hing ungeordnet um
+die Schläfen herab; unter der vorspringenden niedrigen Stirn blickten
+dunkle tief liegende Augen hervor, eine lange, weit vorspringende Nase,
+tief eingesunkene Wangen und ein struppiger Bart gaben diesem Gesicht
+etwas Fanatisches und Krankhaftes.
+
+Der Blick des Kaisers wurde unwillkürlich durch diese Erscheinung
+gefesselt, denn der Mann, der da unbeweglich stand, sah ihn mit einer
+Gluth so wilden und unversöhnlichen Hasses an, daß der Kaiser
+zusammenschauerte. Er wandte sich einen Augenblick um, als wolle er
+einen Befehl geben, dann blickte er wieder auf jenen Mann hin, dessen
+beide Hände frei waren und der ohne jede Bewegung starr wie eine
+Bildsäule da stand, — noch einmal erhob sich gewaltig und weithin über
+den Platz schallend das „Vive l'empereur“ der Truppen.
+
+Dann trat eine augenblickliche tiefe Stille ein, der Marschall Canrobert
+sprengte an die Seite des Kaisers, um ihn beim Heranreiten der Fronte zu
+begleiten.
+
+Napoleon gab seinem Pferde einen leichten Schenkeldruck, indem er noch
+einmal wie fascinirt nach jenem in Lumpen gehüllten Mann hinsah.
+
+Da trat dieser Mann plötzlich einige Schritte vor, immer die Augen voll
+grimmigen fanatischen Hasses auf den Kaiser gerichtet. Er erhob die Arme
+nicht, er machte keine Bewegung, aber mit einer lauten, gellenden
+Stimme, welche schaurig durch die augenblickliche Stille, die dem lauten
+Rufen der Truppen gefolgt war, über den Hof hinschallte, rief er mehrere
+Male hinter einander:
+
+„Nach Cayenne! Nach Cayenne!“
+
+Napoleon parirte sein Pferd, die ganze Suite hielt an, ein Ruf des
+Entsetzens ertönte aus der nächsten Umgebung des Kaisers. Verschiedene
+Officiere waren im Augenblick vom Pferde gesprungen und hatten im Verein
+mit einer großen Anzahl von Sergeants de Ville und Polizeibeamten in
+Civil, welche im Nu aus der Menge der Zuschauer hervorbrachen, den
+Unbekannten umringt und festgenommen.
+
+Er machte keine Miene des Widerstands und ließ sich, nachdem er noch
+einmal einen Blick tiefen und unversöhnlichen Hasses auf den Kaiser
+geworfen, nach dem Erdgeschoß der Tuilerien hinführen.
+
+Napoleon hatte schnell mit der ihm stets eigenen Selbstbeherrschung
+seine Ruhe wiedergefunden.
+
+„Ein armer Wahnsinniger,“ sagte er lächelnd zu dem Marschall Canrobert
+gewendet, und in kurzem Galopp sprengte er, von seiner glänzenden Suite
+gefolgt nach dem Flügel der Truppenaufstellung; langsam ritt er dann
+die Reihen hinunter, und noch enthusiastischer als vorher wurde er
+überall mit jubelnden Zurufen begrüßt.
+
+Er schien aus seiner früheren gleichgültigen Lethargie erwacht zu sein,
+und mit stolzem festem Blick sah er diese herrlichen Truppen an, die ihm
+so laut und freudig ihre Ergebenheit beweisen wollten. Lächelnd machte
+er dem Marschall seine Complimente über die Haltung der Truppen, dann
+sprengte er zurück, nahm eine Aufstellung vor dem Gitterthor — seiner
+Suite weit voran, und indem er einen scharfen, festen, herausfordernden
+Blick auf die herandrängende Menge warf, gab er das Zeichen zum Beginn
+des Vorbeimarsches. Während die einzelnen Regimenter vor ihm
+vorbeidefilirten, nach französischer Sitte als Zeichen ihrer
+begeisterten Huldigung die Kopfbedeckungen an der Spitze ihrer Waffen
+schwingend, ertönte von Neuem immer und immer wieder der alte Ruf „Vive
+l'empereur“, welcher schon so oft und in großen Augenblicken von diesen
+altersgrauen Mauern wiederhallt war an derselben Stelle, wo die
+sterbenden Diener des versinkenden Königthums zum letzten Male „Vive le
+roi“ gerufen hatten, und wo bereits zwei Mal eine wilde blutige Masse
+ihr „Vive la Republique“ geheult hatte.
+
+Die Revue war beendet, der Kaiser dankte dem Marschall und den
+Officieren, ritt langsam zum Portal zurück, stieg ab und begab sich,
+sein Gefolge freundlich mit der Hand grüßend, nach seinem Cabinet
+zurück.
+
+Hier angekommen warf er sich erschöpft in seinen Lehnstuhl, die stolze
+und feste Haltung, welche er den Truppen gegenüber beobachtet hatte,
+verschwand, körperlicher Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit zeigte
+sich in seinen schlaffen, zusammensinkenden Gesichtszügen.
+
+„Ist der Polizeipräfect hier?“ fragte er den Kammerdiener, welcher ihm
+Hut und Handschuhe abnahm.
+
+„Er befindet sich in einem Zimmer des Erdgeschosses und verhört den
+Elenden, welcher es gewagt, Eure Majestät zu insultiren.“
+
+„Ich lasse ihn bitten, sogleich zu mir zu kommen.“
+
+Er sank in sich zusammen und erwartete schweigend die Ankunft des Chefs
+der Polizei.
+
+Nach kurzer Zeit trat Herr Pietri in das Zimmer. Dieser Leiter der weit
+ausgedehnten Polizei von Paris war eine schmächtige schlanke Gestalt,
+geschmeidig und biegsam, — sein Kopf mit der weit vorspringenden, stark
+gewölbten Stirn war oberhalb spitz emporspringend, das dünne dunkle Haar
+lag auf den Schädel glatt an und bildete zur Seite der tief
+eingefallenen Schläfen zwei kleine, etwas abstehende Locken. Die
+Backenknochen standen stark hervor, die Augen lagen so tief zurück, daß
+der scharfe stechende Blick wie aus dunklen Schatten hervorblitzte; die
+stark gebogene Nase hing weit raubvogelartig gekrümmt über den von einem
+langen schwarzen Schnurrbart verdeckten Mund herab. Der ganze Eindruck
+dieses eigenthümlichen, gelb gefärbten Gesichts war ernst, kalt und
+finster.
+
+„Was für ein Mensch ist das?“ fragte Napoleon mit leichtem Kopfnicken
+den Gruß des Polizeichefs erwidernd.
+
+„Er heißt Lezurier,“ erwiderte Pietri. „Trotz der Lumpen, in welche er
+gehüllt war,“ fuhr er fort, „fand man bei ihm eine Börse mit elftausend
+Francs in Gold, drei Staatsrentenbriefe über dreißigtausend Francs
+jährlicher Rente und ein Dolchmesser. Man hat sofort seine Wohnung
+ermittelt, und soeben berichtet man mir, daß bei der ersten Nachsuchung
+eine Menge von Waffen dort entdeckt worden ist, Keulen, Säbel, Lanzen,
+Revolver, Todtschläger, Dolche, Bayonette und Stockdegen, außerdem fand
+man in einem alten Pult noch sechzigtausend Francs in Gold. Seine ganze
+Behausung ist höchst ärmlich, er aß bei einem Lumpensammler in der
+unmittelbaren Nachbarschaft, bezahlte demselben monatlich dreißig
+Francs.“
+
+„Räthselhaft,“ sagte der Kaiser tief nachdenkend. „Und was hat er
+bezweckt? Was war der Grund seiner Handlung?“
+
+„Er setzt allen Fragen ein hartnäckiges Schweigen entgegen,“ erwiderte
+Pietri.
+
+Ein rascher Entschluß blitzte im Auge des Kaisers auf.
+
+„Führen Sie ihn her, ich will ihn sehen,“ sprach er, — „ich will ihn
+selber fragen.“
+
+„Sire,“ sagte Pietri fast erschrocken, „Eure Majestät wollen —“
+
+„Er konnte mir doch in der That,“ sagte der Kaiser, „draußen auf dem
+Tuilerienhof gefährlicher werden, als hier in meinem Zimmer, nachdem man
+ihm alle Mittel zu schaden abgenommen hat. Führen Sie ihn mir hierher,
+aber kommen Sie allein mit ihm, lassen Sie keinen untergeordneten
+Beamten mit eintreten. Wir werden uns ja wohl gegen ihn verteidigen
+können,“ fügte er lächelnd hinzu.
+
+Pietri verneigte sich und ging hinaus. Nach einigen Augenblicken kehrte
+er zurück — ihm folgte, von zwei Polizeibeamten bis zur Thür geführt,
+der räthselhafte Unbekannte.
+
+Derselbe trat ruhigen und festen Schrittes ein und blieb in einiger
+Entfernung von der Thür stehen. Sein Anblick war erschreckend, die
+ohnehin schon zerfetzten Lumpen, die ihn einhüllten, waren bei seiner
+Arretirung noch mehr zerrissen und hingen in fast formlosen Stücken um
+seinen Körper her, von einem Schlage, den er erhalten, hatte seine Nase
+geblutet, auch hatte er eine nicht unbedeutende Wunde an der Stirn
+erhalten, sein Gesicht war mit Blut befleckt und seine Haare klebten an
+den Schläfen mit Blut und Staub fest, er war noch bleicher als vorher
+und seine unheimlich glühenden Augen blickten mit demselben tiefen und
+unversöhnlichen Haß zu dem Kaiser hinüber.
+
+Napoleon sah diesen Mann lange schweigend an, die Schleier, welche fast
+immer seine Augen verhüllten, waren verschwunden, voll und frei ruhte
+sein forschender Blick auf der Gestalt des Gefangenen, doch fand der
+grimmige Ausdruck des Hasses, welcher dessen Züge erfüllte, in den Augen
+des Kaisers keine Erwiderung. Er sah diesen Mann mit einer Mischung von
+Verwunderung und wehmüthiger Trauer an.
+
+„Sie haben,“ fragte Napoleon endlich mit sanfter Stimme, „so eben in
+dem Hof der Tuilerien einen Ruf ausgestoßen, den man als eine feindliche
+Demonstration gegen mich deutet. Ich wünsche von Ihnen selbst zu
+erfahren, was Sie dabei bezweckt haben, ob es wirklich Ihre Absicht war,
+den Souverain Ihres Landes, welchen die große Majorität der Bürger
+Frankreichs auf den Thron berufen, zu beleidigen? Warum haben Sie den
+Ruf ausgestoßen „nach Cayenne?“
+
+Lezurier machte keine Bewegung, nur wurde die zornige Gluth seines auf
+den Kaiser gerichteten Blickes noch wilder und intensiver, und mit einer
+heisern, aber scharf und deutlich die Worte betonenden Stimme sprach er:
+
+„Ich habe das Geschrei der Soldaten gehört, welche vive l'empereur
+riefen, da erfaßte mich ein unbezähmbarer Zorn, und mein ganzes Wesen
+loderte auf in wilder Wuth, als ich Denjenigen jubelnd begrüßen hörte,
+dessen Verbrechen gegen Frankreich und seine Freiheit ihn zu jenem
+todtbringenden Exil hätten verurtheilen müssen, in welches er so viele
+Märtyrer der heiligen Sache des Volkes geschickt hat — nach Cayenne!“
+
+Der Kaiser sah den Mann groß an und schüttelte langsam mit einem fast
+mitleidigen Lächeln den Kopf.
+
+„Man hat ein Messer bei Ihnen gefunden,“ sagte er, „und ein kleines
+Waffenarsenal in Ihrer Wohnung. Hatten Sie die Absicht, mich zu tödten?“
+
+„Nein,“ erwiderte Lezurier, „diese Absicht hatte ich nicht. Ich war nur
+auf den Tuilerienhof gekommen, um meinen heiligen Haß durch den Anblick
+des Tyrannen zu kräftigen. Die Sache des Volkes bedarf des Meuchelmordes
+nicht, welcher wohl den Tyrannen tödten, aber nicht die Tyrannei
+vernichten würde.“
+
+„Wozu also diese Waffen?“ fragte der Kaiser — „außerdem,“ fügte er hinzu,
+„hat man viel Geld bei Ihnen gefunden, und doch sind Sie in Lumpen
+gekleidet.“
+
+„Ich habe mein Vermögen und mich,“ erwiderte Lezurier immer in demselben
+Ton, „der Sache des Volkes gewidmet, für mich will ich nur übrig
+behalten, was zur nothdürftigsten Ernährung und Bekleidung meines
+Körpers unerläßlich ist. Alles Uebrige war bestimmt, bei der großen
+Erhebung des Volkes verwendet zu werden, welche sich vorbereitet, welche
+kommen wird und welche Sie herabschleudern wird in den Abgrund, aus
+welchem Sie heraufgestiegen.“
+
+„Warum haben Sie denn,“ fragte der Kaiser weiter, „den Ruf ausgestoßen,
+der Sie den Gesetzen überliefert und alle Ihre Vorbereitungen erfolglos
+macht?“
+
+„Ich habe es gethan,“ erwiderte Lezurier, „weil die augenblickliche
+Entrüstung mich übermannte, weil eine blutige Wolke meinen Blick
+verdunkelte, weil ich nicht mehr Herr meiner selbst war. Ich bereue es,
+daß ich es gethan, weil ich meine Kraft und meine Mittel dadurch für den
+großen heiligen Kampf gehemmt habe, der aber,“ fuhr er fort, „dessen
+ungeachtet begonnen und siegreich durchgeführt werden wird. Ein
+Einzelner mehr oder weniger in der Phalanx des Volkes kann auf den
+Erfolg keinen Einfluß haben.“
+
+„Sie sind nicht, was Sie scheinen,“ erwiderte der Kaiser, „Ihre Worte
+sprechen von höherer Bildung, als Ihre Kleidung vermuthen läßt.“
+
+„Je höher mein Geist gebildet ist,“ erwiderte Lezurier, „um so mehr muß
+ich das Elend Frankreichs erkennen und die Mittel zu seiner Beseitigung
+suchen. Je reiner meine Gesinnungen sind und je fester mein Charakter
+sich entwickelt hat, mit um so höherer Begeisterung muß ich meine ganze
+Existenz für die Freiheit Frankreichs einsetzen, — um so glühender muß
+ich Denjenigen hassen, welcher diese Freiheit verrätherisch geknechtet
+hat.“
+
+„Wenn Sie mich hassen,“ sagte der Kaiser mit einer sanften, fast
+weichen Stimme, „so können Sie mich doch nicht für klein halten, Sie
+würden mir sonst nicht sagen, was Sie so eben ausgesprochen.“
+
+„Mein unbesonnener Ruf,“ erwiderte Lezurier, „hat mich ohnehin in Ihre
+Hände geliefert und meine Theilnahme am Kampf der Zukunft beinahe
+unmöglich gemacht, ich kann mir also die Genugthuung gewähren, dem
+Tyrannen in's Gesicht zu sagen, was ich von ihm denke. Er hat ja doch
+nur die Macht,“ fügte er mit verächtlichem Achselzucken hinzu, „diesen
+Körper zu vernichten, diese Form zu zerbrechen, in welcher ein kleiner
+Theil jenes Geistes eingeschlossen ist, der im gewaltigen
+unwiderstehlichen Flug die Trümmer seines Thrones fortreißen wird in die
+Abgründe der ewigen Vernichtung!“
+
+„Und was wollten Sie mit jenen Waffen machen,“ fragte der Kaiser,
+„welche Sie in Ihrer Wohnung aufgesammelt haben, mit jenem Gelde,
+welches Sie dort aufbewahrten?“
+
+„Die Waffen wollte ich am Tage der großen Erhebung allen Denen in die
+Hand drücken,“ erwiderte Lezurier, „welchen ich begegnen würde, deren
+Arm noch nicht bewehrt wäre, um dem Zorn und dem Haß ihres Herzens
+Nachdruck zu geben. Mit dem Gelde wollte ich die Kämpfer ernähren und
+die Verwundeten pflegen.“
+
+„Stehen Sie mit Andern in Verbindung?“ fragte der Kaiser weiter.
+
+Ein finsterer Hohn zuckte um die Lippen Lezurier's.
+
+„Sie sind gewöhnt,“ erwiderte er, „den Verrath zu erkaufen. Aber,“ fuhr
+er fort, „ich habe Nichts zu verrathen, und was ich weiß, kann ich laut
+aussprechen, ohne irgend Jemanden in die Hände Ihrer Häscher zu liefern.
+Mein Verbündeter ist das Volk von Frankreich in seiner großen Mehrheit,
+das denkt und fühlt wie ich, das aber vielleicht nicht immer und nicht
+überall dieselbe Energie und Thatkraft hat, welche ich angewandt haben
+würde zur Erreichung des großen Ziels — zur Befreiung des Vaterlandes!“
+
+„Sie haben mich beleidigt,“ sagte der Kaiser, „dafür sind Sie dem Gesetz
+verfallen, doch liegt in meinen Händen das schöne Recht der Gnade, und
+ich mache Gebrauch davon, indem ich Ihnen die Beleidigung verzeihe,
+welche Sie gegen mich ausgestoßen. Derjenige,“ sprach er stolz den Kopf
+erhebend, „den die große Mehrzahl seiner Nation vertrauensvoll auf den
+Thron berufen, kann die Beleidigung eines Einzelnen leicht vergeben.
+Aber Sie haben Vorbereitungen getroffen,“ fuhr er fort, „um nicht mir
+allein zu schaden, sondern um die Staatsordnung, welche die französische
+Nation sich in freier Entschließung gegeben, zu zerstören. Wollen Sie
+sich verpflichten, in Paris unter den Augen der Sicherheitsbehörde ruhig
+zu leben, so will ich Ihnen Ihre Freiheit schenken und Ihnen auch das
+verzeihen, was Sie gegen den Staat und gegen die öffentliche Ordnung
+gethan und beabsichtigt haben. Wollen Sie mir das versprechen?“ fügte er
+fast in bittendem Ton hinzu.
+
+„Nein,“ erwiderte Lezurier kalt und starr, „ich will Sie nicht
+betrügen, — ich will nicht,“ fügte er mit bitterem Hohn hinzu, „in Ihre
+kaiserliche Prärogative der Lüge eingreifen, ich würde vom ersten
+Augenblick an meine ganze Kraft, mein ganzes Denken wiederum darauf
+richten, die große Revolution zu fördern und herbei zu führen, welche
+bestimmt ist, Ihre Herrschaft zu zertrümmern.“
+
+„Dann,“ erwiderte der Kaiser, „kann ich Nichts für Sie thun, und der
+Ruf, den Sie ausgestoßen, wird Ihr Urtheil sein.“
+
+Lezurier schwieg, ohne eine Bewegung zu machen, ohne eine Miene seines
+Gesichts zu verändern.
+
+„Ich wünsche nicht,“ sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, „daß
+irgend Jemand anders durch Sie leidet. Das Vermögen, welches Sie in
+wahnsinniger Verblendung zum Kampf gegen den Staat und die Gesellschaft
+bestimmten, soll Ihrer Familie zurückgegeben werden. Haben Sie
+Angehörige?“
+
+Die Züge des Gefangenen verzerrten sich im dämonischen Haß.
+
+„Ich hatte ein Weib,“ sagte er, „sie ist lange todt und hinterließ mir
+einen Sohn. Dieser Sohn und ein Bruder, jünger als ich, bildeten meine
+ganze Familie. Beide sind gefallen auf den Barrikaden unter den
+Kartätschenkugeln, welche die Bahn öffneten für den blutigen Triumphzug
+Ihrer kaiserlichen Herrlichkeit.“
+
+Die Züge des Kaisers nahmen einen Ausdruck unendlicher Weichheit und
+Milde an, seine groß geöffneten Augen schimmerten im feuchten Glanz, er
+stützte einen Augenblick den Kopf in die Hand und seufzte tief auf, dann
+blickte er noch einmal voll mitleidiger Theilnahme auf diese in Lumpen
+gehüllte Gestalt, auf dieses blutbefleckte bleiche Gesicht und sagte.
+
+„Ich habe versucht, was ich versuchen konnte, um Böses mit Gutem zu
+vergelten, Sie haben Alles zurückgewiesen und für das Schicksal, das
+Ihnen bevorsteht, werden Sie mir keinen Vorwurf zu machen haben.“
+
+Er winkte mit der Hand. Pietri öffnete die Thür und übergab den
+Gefangenen den beiden Polizeibeamten, zwischen denen derselbe hoch
+aufgerichtet mit festem Schritt das Cabinet verließ.
+
+„Welches Urtheil erwartet ihn?“ fragte der Kaiser.
+
+„Die Deportation,“ erwiderte Pietri.
+
+„Man soll ihn mit Milde behandeln,“ sagte Napoleon, „und auch sein Exil,
+wenn er zu demselben verurtheilt wird, so schonend als möglich
+einrichten, — er ist krank, — er _muß_ krank sein, — ein gesunder Geist
+kann einen solchen Haß nicht entwickeln. Besorgen Sie, daß er ärztlich
+untersucht wird.“
+
+Er winkte entlassend mit der Hand, mit tiefer Verbeugung zog sich der
+Polizeipräfect zurück.
+
+Der Kaiser saß lange in tiefem, finsterm Schweigen versunken.
+
+„Ist es wahr,“ sagte er endlich mit dumpfem Ton, „ist wirklich die Masse
+des Volks von Frankreich der Verbündete dieses Rasenden, — müßte ich
+wirklich um dieses aus der Tiefe herauf gährenden Hasses Herr zu werden,
+von Neuem meinen kaiserlichen Purpur in Blut tauchen? Wäre es da nicht
+besser, wie jener alte Römer sich selbst in den Abgrund zu stürzen zur
+Versöhnung des Schicksals, als diesen Abgrund mit Hekatomben von
+Menschenopfern zu füllen, — ist die Gestalt dieses Mannes der mahnende
+Geist, den das Verhängniß vor mir ansteigen ließ, wie es einst bei
+Philippi dem träumenden Brutus jene drohende Erscheinung sandte? Oh,“
+rief er, die Hände faltend und den Blick nach oben richtend, „gieb mir
+Licht in diesem Dunkel, Du große Vorsehung, welche mich auf so
+wunderbaren Wegen bis hierher geführt hat, — gieb mir Kraft,“ fügte er
+mit tief schmerzlichem Ausdruck hinzu, — „denn wo die Kraft ist, da ist
+das Licht, — meine Kraft aber versiegt und zerbricht, — und höher und
+höher steigt die Dunkelheit herauf, welche meinem Geist das klare
+Erkennen raubt.“
+
+Er sank in sich zusammen und blieb wie gebrochen in seinem Lehnstuhl
+sitzen.
+
+
+
+
+Achtes Capitel.
+
+
+Einige Meilen unterhalb Hannovers fast hart an dem Ufer der Leine
+liegt das Dorf Bodenfeld.
+
+Der Ort im flachen Lande inmitten reicher Wiesen und üppigen
+Fruchtfeldern gelegen, bietet nur wenig Naturschönheiten und besteht aus
+geschlossenen Gehöften, welche, in einiger Entfernung von einander
+bestehend, unregelmäßige, aber gut und sauber gehaltene Straßen bilden,
+die von der Wohlhabenheit und dem Ordnungssinn der Bevölkerung zeugen.
+
+Trotz der verhältnißmäßig geringen Einwohnerzahl bietet Bodenfeld sowohl
+wegen seiner Lage, als wegen des Reichthums und des ausgedehnten
+Grundbesitzes seiner Bewohner den Mittelpunkt der Gegend.
+
+Es hatte eine große und schöne Kirche mit einem stattlichen, von einem
+freundlichen Garten umgebenen Pfarrhause; daneben in einiger Entfernung
+von der Kirche lag das weite und geräumige Amthaus; denn man hatte auch
+den Amtssitz bei der neuen Verwaltungsorganisation hierher gelegt, um
+den Eingesessenen bequemere Gelegenheit zu geben, den Mittelpunkt der
+Localverwaltung zu erreichen.
+
+Die Häuser der Bauerngehöfte zeugten alle von Wohlhabenheit, große
+Viehställe umgaben sie, und ihre Eigenthümer, obwohl in die
+eigenthümliche Tracht des Landes gekleidet und nach alter einfacher
+Sitte lebend, würden doch nach der Ausdehnung ihrer Ländereien, nach der
+Zahl ihrer Gespanne und ihres Viehstandes, nach der Menge der von ihnen
+beschäftigten Knechte und Arbeiter in andern Gegenden kaum noch für
+Bauern gegolten haben.
+
+Ein kleiner Hof am Ende des Dorfes stach ein wenig gegen die übrigen
+reichen Besitzungen ab.
+
+In der Mitte einer fast im regelmäßigen Viereck sich ausdehnenden
+Feldmark lag ein kleines, einfaches Haus, daneben ein sauber gehaltener
+Obstgarten, eine Allee von Obstbäumen führte von dem Hause durch das
+Feld hin zu der in einiger Entfernung vorüberziehenden Landstraße.
+
+Auf der andern Seite des Wohngebäudes lag ein kleiner Hof, von Ställen
+umgeben, ein Taubenschlag in der Mitte; in den Ställen standen drei
+sauber gepflegte Kühe, zwei Zug Ochsen und zwei jener starken kräftigen
+Pferde, an welchen das hannöversche Land so reich ist; den reinlichen,
+mit gelbem Sand bestreuten Hof belebte zahlreiches und vortrefflich
+gehaltenes Federvieh; hinter den glänzenden, blank geputzten Scheiben
+der kleinen Fenster sah man einfache, aber blendend weiße Gardinen,
+blühender Geranium leuchtete im dunklen Roth durch die Scheiben; kurz
+Alles trug den Stempel von Wohlhabenheit, Ordnung und Behaglichkeit; und
+wenn auch dieser kleine Hof an Ausdehnung hinter den übrigen Besitzungen
+des Dorfes erheblich zurückstand, so zeichnete er sich doch vor allen
+Uebrigen durch eine beinahe bis zur Eleganz gehende Zierlichkeit und
+Sauberkeit aus.
+
+An einem schönen Aprilabend saßen in den Wohnzimmern des kleinen Hauses,
+dessen einfache Einrichtung aus einem großen eichenen Tisch, einigen
+Stühlen mit starkem Rohrgeflecht und zwei jener alten mächtigen, mit
+braunem Leder überzogenen Lehnstühlen bestand und dessen Wände ebenfalls
+mit schwarz gewordenem Eichenholz bekleidet waren, ein alter Mann und
+eine alte Frau neben einander. Jede von Ihnen hatte einen der großen
+Lehnstühle eingenommen, und sie schienen sich nach der Arbeit des Tages
+jener tiefen, anmuthenden Ruhe zu erfreuen, welche auf dem Lande mit der
+Feierabendstunde das häusliche Leben mit einem fast sonntäglichen
+Frieden umgiebt.
+
+Der Mann war ein hoher Sechziger, kräftig und markig gebaut, das weiße
+dichte Haar hing lang an den Schläfen herunter, sein scharf markirtes,
+von fester Willenskraft zeugendes Gesicht war glatt rasirt, und aus
+seinen großen klaren Augen blickte neben dem klugen, beinahe listigen
+Verstand, der den Bauern jener Gegenden eigenthümlich ist, auch eine
+tiefe Weiche und Milde heraus.
+
+Er trug einen Faltenrock von dunkler Farbe, den Hemdkragen über dem
+Halstuch von schwerer schwarzer Seide hervorgezogen und hohe Stiefel bis
+zu den Knieen und war beschäftigt, durch eine silberne Brille mit
+großen, runden Gläsern die Zeitung zu lesen, welche der Landpostbote vor
+Kurzem gebracht hatte.
+
+Die alte Frau, welche in dem andern Lehnstuhl neben ihm saß, schien
+älter zu sein, als er. Ihre Haltung war etwas zusammengesunken und
+gebrechlich, ihr blasses Gesicht mit den sanft und weich, beinahe
+traurig blickenden Augen war mager und kränklich, ihr fast weißes, glatt
+gescheiteltes Haar war unter einer großen weißen Haube mit breitem
+Strich und unter dem Kinn zusammengebundenen Bändern fast ganz
+verborgen.
+
+Sie trug einen glatt anliegenden, schwarzen Rock und ein großes,
+schwarzes Seidentuch um Brust und Schultern und war beschäftigt, nachdem
+sie das Federvieh, dem sie ihre besondere Sorgfalt widmete, besorgt
+hatte, mit langen starken Nadeln einen großen Strumpf zu stricken, wobei
+sie leise zählend die Lippen bewegte.
+
+Der Mann war der Eigenthümer des Hofes, der alte Bauer Niemeyer, welcher
+ohne Kinder in seiner schönen, kleinen Besitzung lebte; die Frau neben
+ihm war seine Schwester, die Wittwe des lang verstorbenen Unterofficiers
+Cappei, welche nach dem Tode ihres Mannes mit einer kleinen
+Wittwenpension aus der englischen Legionskasse und mit ihrem einzigen
+Sohn ein Asyl bei ihrem Bruder gefunden hatte und bei demselben die
+Stelle der Hausfrau vertrat.
+
+Das Jahr 1866 hatte in den kleinen Familienkreis tief und schneidend
+eingegriffen. Der junge Cappei, welcher den Feldzug jenes Jahres in der
+hannöverschen Armee mitgemacht hatte und dann zu seinem Oheim und zu
+seiner Mutter zurückgekehrt war, um seinem Oheim in der Bewirtschaftung
+des Hofes, der zu seinem einstigen Erbtheil bestimmt war, Beistand zu
+leisten, hatte sich voll Begeisterung für die Sache des Königs Georg
+und fortgerissen von der Bewegung, welche beim Beginn des Jahres 1867
+unter den jungen Leuten jener Gegend herrschte, der Emigration
+angeschlossen, und seit jener Zeit lebten die beiden Alten wieder einsam
+in dem kleinen Hause, eifrig und sorgfältig die Wirthschaftsgeschäfte
+besorgend, aber traurig, des fernen Sohnes und Neffen gedenkend, dessen
+Abwesenheit alle ihre Hoffnungen für die Zukunft in Frage stellte.
+
+Sie hatten nur seltene und wenig ausführliche Nachrichten von ihm
+erhalten, denn die Emigranten scheuten sich eingehend nach ihrer Heimath
+zu schreiben aus Furcht, ihre Angehörigen in Verwickelung mit den
+Behörden zu bringen, und so waren die beiden alten Leute darauf
+angewiesen, die Zeitung, welche sie seit jener Zeit hielten, zu
+durchforschen, um irgend etwas über die Legion zu erfahren.
+
+Aber auch diese Nachrichten waren nur sehr spärlich und unklar gewesen
+und hatten sie oft recht traurig gestimmt, wenn sie von den
+unglücklichen Verhältnissen lasen, in welchen nach einzelnen
+Mittheilungen aus Frankreich die Emigranten dort leben sollten.
+
+Die alte Mutter Cappei glaubte fest an die Versicherung, welche ihr Sohn
+ihr beim Abschied gegeben, daß er siegreich mit allen seinen Kameraden
+den König in der Mitte wieder in die Heimath zurückkehren werde.
+
+Ihr Bruder hatte tiefes Mißtrauen in diese Hoffnungen, er hing zwar mit
+zäher und liebevoller Anhänglichkeit an den alten Verhältnissen, aber
+sein scharfer und practischer Verstand ließ ihn wenig an eine
+Möglichkeit der Wiederkehr derselben glauben.
+
+Es war dies ein Punkt, über welchen die beiden alten Leute, welche sonst
+in so inniger und liebevoller Einigkeit miteinander lebten, häufig in
+lebhaften Wortwechsel geriethen.
+
+Der alte Niemeyer war sehr unzufrieden mit der Emigration seines Neffen
+und wurde nicht müde, in seine Schwester zu dringen, daß sie mit ihm
+gemeinsam dem jungen Menschen den kategorischen Befehl schicken möge,
+wieder in die Heimath zurückzukehren.
+
+Doch dazu konnte sich die alte Frau, so tiefen Schmerz sie über die
+Abwesenheit ihres einzigen Kindes empfand, nicht entschließen. Es
+erfüllte sie mit hohem Stolz, daß ihr Sohn „in des Königs Legion
+diente“, wie es ja auch ihr verstorbener Mann einst gethan zur Zeit der
+Occupation Hannovers im Anfang dieses Jahrhunderts, und trotz aller
+Mühe, die sich ihr Bruder gab, gelang es ihm nicht, sie zu überzeugen,
+daß die damaligen Verhältnisse und die damalige Legion, welche der
+mächtige König von England aus seinen hannöverschen Unterthanen
+gebildet, etwas ganz anderes sei, als die Emigration, welche heute ihrem
+verbannten, machtlosen König in das Exil gefolgt war; sie war überzeugt,
+daß es wieder anders werden müsse, wie es damals anders geworden war,
+und daß ihr Sohn einst siegreich wiederkehren werde, belohnt und
+ausgezeichnet von dem König, dem er so treu geblieben — und ihn dieser
+glänzenden Zukunft zu entziehen, dazu konnte sie sich nicht
+entschließen.
+
+So saßen sie denn auch heute wieder da, — sie hatten ihre Arbeit gethan,
+der Alte las die Zeitung, wie es ihm nun seit längerer Zeit zur
+Gewohnheit geworden war, und seine Schwester füllte die Muße ihres
+Abends durch die Beschäftigung mit ihrem Strickstrumpf aus, indem sie
+mit jeder Masche desselben theils eine wehmüthige Erinnerung an ihren
+Sohn, theils eine freudige Hoffnung auf dessen glänzende Zukunft
+verwebte.
+
+Plötzlich warf der Alte das Blatt vor sich hin und schlug kräftig mit
+der Hand auf den Tisch, indem er zugleich die ihm unbequeme Brille hoch
+auf die Stirn hinausschob.
+
+„Das ist eine gute Nachricht,“ rief er laut, „der König hat die Legion
+aufgelöst, welche ihm so viel Geld kostete, und welche so viele brave
+junge Leute ihrer Heimath entfremdete und den Gefahren eines unthätigen
+Lebens aussetzte. Das freut mich, das ist ein guter Entschluß, der
+vernünftigste, den unser Herr hat fassen können. Jetzt haben wir doch
+Hoffnung, daß der Junge wieder zu uns zurückkommt, und daß unser altes,
+liebes Besitzthum nicht noch in fremde Hände übergehen wird, während
+sein rechter und richtiger Erbe weit in der Ferne ein unruhiges und
+abenteuerliches Leben führt.“
+
+Die alte Frau Cappei ließ den Strickstrumpf in ihren Schooß sinken, ein
+freudiger Ausdruck erschien einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann
+aber schüttelte sie trübe und traurig den Kopf.
+
+„Das wird wieder eine von den Nachrichten sein,“ sagte sie, „welche
+schon oft von Zeit zu Zeit in den Zeitungen erschienen sind und immer
+nicht wahr waren. Wie oft hast Du schon an die Rückkehr meines Sohnes
+geglaubt, wie oft hat man gesagt, die Legion wäre auseinandergegangen,
+und immer ist es nicht wahr gewesen. Und es wird auch diesmal nicht wahr
+sein,“ sagte sie mit einem gewissen Stolz, „der König kann ja seine
+Soldaten nicht fortschicken. Er braucht ja seine Legion, wenn er sein
+Land wieder erobern will, und so sehr ich mich sehne, den Jungen wieder
+hier zu sehen, so möchte ich doch nicht wünschen, daß er als Flüchtling
+hierher wieder zurückkehrt, ohne für seinen König sich geschlagen zu
+haben, wie es sein Vater seiner Zeit auch gethan hat.“
+
+„Du bist thöricht,“ sagte der Alte, „Du möchtest womöglich Deinen Jungen
+noch als großen Feldherrn wiedersehen.“
+
+„Nun das Zeug dazu hat er schon,“ fiel seine Schwester etwas gereizt
+ein, „daß er Officier wird, wenn es zum Schlagen kommt, daran zweifle
+ich garnicht. Was hat er nicht Alles gelernt, wie hübsch und fein sieht
+er aus! Und wie viele Beispiele hat man nicht, daß große Generale sich
+ganz von unten herauf gearbeitet haben! Auch in der Legion in Spanien
+sind damals ganz einfache Soldaten hohe Officiere geworden, — wenn es
+meinem seligen Mann nicht so gut gegangen ist, so hat es nur den Grund
+gehabt, daß er keine Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen.“
+
+„Das sind Alles Possen,“ rief der Alte mürrisch, „und ich hoffe, daß der
+Junge selbst nicht solche thörichten Gedanken in seinem Kopf haben wird.
+Er sollte Gott danken, daß er hier eine feste Heimath und einen wohl
+geordneten Besitz hat und sollte so schnell als möglich hierher
+zurückkehren, um diesen Hof zu übernehmen, dessen Bewirthschaftung mir
+täglich schwerer zu werden anfängt. Nun,“ fuhr er fort, „das wird sich
+jawohl von selbst machen. Ich habe mit dem preußischen Amtmann, den sie
+uns hierher geschickt haben, neulich gesprochen und er hat mir
+versichert, daß er nicht glaube, daß gegen meinen Neffen irgend etwas
+Unangenehmes unternommen werden möchte, wenn er zurückkäme und sich zur
+Erfüllung seiner Landwehr-Militairpflicht stellte, eine eigentliche
+Desertion liege ja nicht vor und“ —
+
+Er wurde durch ein lautes Anschlagen des Hofhundes unterbrochen.
+
+Schnelle, kräftige Schritte ließen sich vor dem Hause vernehmen, rasch
+wurde die Thür geöffnet, und Derjenige, über dessen Schicksal die beiden
+Alten sich soeben unterhalten hatten, trat in das Zimmer.
+
+Der junge Cappei trug einen kleinen Ränzel auf dem Rücken, sein Gesicht
+war von dem raschen Gang geröthet und erschien dadurch noch blühender,
+als sonst; seine hellen offenen Augen strahlten von Glück und Freude,
+als er das alte Haus, die Heimath seiner Kindheit, das alte wohlbekannte
+Zimmer, in welchem kein Meubel sich verändert hatte, als er seine Mutter
+und seinen Oheim, diese beiden einzigen Wesen wiedersah, welche in dem
+alten Vaterlande ihm nahe standen.
+
+Rasch eilte er auf die alte Frau zu, welche ihm zitternd ihre offenen
+Arme entgegenstreckte; er drückte ihren Kopf an seine Brust und küßte
+zärtlich ihre weißen Haare. Dann wandte er sich zu seinem Oheim, welcher
+aufgestanden war und mit glücklichem stolzem Ausdruck auf die kräftige
+Gestalt des jungen Mannes blickte, er schlug fest in dessen dargebotene
+Hand ein und sagte tief aufathmend:
+
+„Da bin ich wieder bei Euch — Gott sei Dank, daß ich Euch Beide am Leben
+und wohl und munter finde. Ich habe lange keinen Brief von Euch
+erhalten, und als ich von der Eisenbahnstation zu Fuß hierher ging, hat
+mich eine entsetzliche Angst erfaßt, daß ich das Alles hier vielleicht
+nicht so wiederfinden könnte, wie ich es verlassen habe. Nun Gott sei
+Dank, es ist ja Alles gut, und meine Angst ist umsonst gewesen.“
+
+Abermals schloß er seine Mutter in die Arme, und dann setzte er sich an
+den Tisch und begann in hastigen abgebrochenen Worten zu erzählen von
+seinem Leben in Frankreich, von den Kameraden, welche dort mit ihm
+gewesen, von den Hoffnungen, die sie gehabt hatten, und wie das nun
+Alles zu Ende sei, da der König die Legionaire entlassen habe und eine
+große Anzahl von ihnen nach Amerika ausgewandert sei, während Andere in
+Algier ihr Glück versuchen wollten. „Sie haben mir viel zugeredet,“
+sagte er, „auch dorthin zu gehen, aber ich habe das nicht gewollt. Ich
+will nicht mehr als heimathloser Flüchtling in der Welt leben, und auch
+Euch wollte ich wiedersehen, mein Herz zog mich hierher, und ich muß
+meine Verhältnisse hier in der alten Heimath ordnen, um wieder ein
+richtiger Mensch zu werden, der seinen Platz klar und fest in der Welt
+behaupten kann.“
+
+„Das hast Du brav gemacht, mein Junge,“ sagte der Alte, indem er ihm
+kräftig auf die Schulter schlug, während die Mutter zusammentrug, was im
+Hause zu finden war, Brod, kaltes Fleisch und einen großen Bierkrug,
+damit der lange entbehrte Sohn wieder am heimathlichen Tisch esse und
+trinke, wodurch nach ihrer Auffassung eigentlich erst das Band zwischen
+ihm und dem alten Hause wieder fest geknüpft wurde.
+
+Eine Zeit lang sahen die beiden Alten schweigend zu, sich des kräftigen
+Appetits freuend, den der junge Mensch zeigte.
+
+Dann begannen sie wieder zu fragen nach allen Einzelheiten seines Lebens
+in der Fremde, nach diesem und jenem Bekannten; und er erzählte ihnen
+von Allem, und doch schien es, als ob immer noch etwas im Rückhalt
+bliebe, denn oft brach er plötzlich ab, sah schweigend vor sich nieder,
+und erst auf erneuerte Fragen nahm er seine Mittheilungen wieder auf.
+
+Dem scharfen Blick der alten Frau entging dies nicht, — eine Mutter liest
+ja so tief in dem Herzen ihres Sohnes und das wunderbare Band, welches
+sie mit ihrem Kinde verknüpft, wird durch die Zeit und das Alter niemals
+gelockert. Die Alte schüttelte das Haupt, sie fühlte, daß da noch Etwas
+war in dem Herzen ihres Sohnes, wovon er nicht sprach — aber sie sagte
+nichts darüber, sie behielt sich vor, später ihn danach zu fragen,
+überzeugt, daß es ihr gelingen würde, auch die verschlossensten Tiefen
+seines Innern zu öffnen.
+
+„Jetzt aber,“ sagte der alte Niemeyer endlich, „obgleich es schon spät
+ist, mußt Du dennoch gleich mit mir zum Amtmann. Du mußt Dich auf der
+Stelle melden, Deine Rückkehr darf keine heimliche sein, und was die
+Behörden über Dich verfügen, mußt Du ruhig über Dich ergehen lassen.
+Schlimm werden sie es mit Dir nicht machen, ich habe es schon
+vorbereitet, da ich immer überzeugt war, Du würdest früher oder später
+hierher wieder zurückkehren.“
+
+Sie gingen bei dem schon hereindunkelnden Abend nach dem großen Amthaus
+hin, ließen sich bei dem Amtmann, einem preußischen Assessor, welcher
+hierher versetzt war, melden und wurden in dessen Wohnzimmer geführt,
+welches bereits von einer Lampe erleuchtet war.
+
+Der Amtsverwalter, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, ernst und
+ruhig, aber auch zugleich freundlich und wohlwollend in seinem Wesen
+erhob sich bei dem Eintritt des alten Bauern von seinem Schreibtisch, an
+welchem er mit Durchsicht von Acten beschäftigt war und trat demselben
+entgegen, indem er einen schnellen forschenden Blick auf den hinter
+seinem Oheim hereintretenden jungen Cappei warf.
+
+„Herr Amtmann,“ sagte der alte Niemeyer, „ich bringe Ihnen hier einen
+Flüchtling, der nach der alten Heimath zurückgekehrt ist, und der nun
+nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung über
+uns verhängt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige
+Behandlung für das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares
+begangen haben könnte und stellt sich zu Ihrer Verfügung.“
+
+Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem
+Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und
+fest an.
+
+„Es freut mich,“ sagte der Beamte, auf welchen die Erscheinung des
+jungen Mannes einen wohlthuenden Eindruck zu machen schien, „daß Sie
+sich entschlossen haben, in die geordneten Verhältnisse zurückzukehren
+und auf thörichte und abenteuerliche Unternehmungen zu verzichten. Ich
+will nicht fragen und untersuchen, welche Pläne Sie bei Ihrer
+Auswanderung gehegt haben, welchen Unternehmungen Sie sich angeschlossen
+haben — allein Sie sind nach den preußischen Gesetzen noch
+landwehrpflichtig gewesen und werden sich über Ihre eigenmächtige
+Entfernung zu verantworten haben. Ich wäre berechtigt, Sie zu arretiren
+und Sie in Untersuchungshaft zu behalten, da ich jedoch nach Ihrem
+freiwilligen Wiedererscheinen keinen Verdacht hege, daß Sie sich der
+Untersuchung und der eventuell zu verhängenden Strafe entziehen werden,
+so will ich von einer solchen Maßregel Abstand nehmen und Ihnen Ihre
+Freiheit lassen, allein um der Form zu genügen, müssen Sie eine
+Bürgschaft leisten.“ —
+
+„Die Bürgschaft übernehme ich, Herr Amtmann,“ rief der alte Niemeyer
+lebhaft. „Ich stelle mein Haus und meinen Hof als Haft dafür, daß der
+junge Mann sich nicht von hier entfernt und sich jeder Anforderung
+stellen wird.“
+
+„Ich will diese Garantie annehmen,“ erwiderte der Beamte — er setzte
+sich an seinen Schreibtisch, nahm ein kleines Protokoll auf, das der
+alte Bauer und sein Neffe unterzeichnen mußten und entließ dann die
+Beiden.
+
+Als sie hinausgegangen waren, zog er ein kleines Aktenfascikel aus einem
+verschlossenen Fach seines Schreibtisches hervor und öffnete dasselbe.
+
+„Die Erscheinung dieses jungen Mannes,“ sagte er, „ist durchaus
+Vertrauen erweckend, er hat ein so freies Gesicht und einen so offenen
+Blick, daß ich ihm kaum geheime und verborgene Absichten zutrauen kann.
+Auch ist mir der Alte als ein Mann von ruhigem praktischen Sinn, der
+sich den thatsächlichen Verhältnissen stillschweigend unterordnet und
+alle Agitationen und Conspirationen mißbilligend, bekannt; und doch ist
+mir hier ein sehr bestimmter Avis zugegangen, nach welchem die
+Gesandtschaft in Paris gerade diesen jungen Cappei auf Grund ihr
+zugegangener Mittheilungen als einen fanatischen Feind der preußischen
+Herrschaft und als einen gefährlichen Verschwörer und Agitator
+bezeichnet, welcher nur deshalb hierher zurückgekehrt, um nach
+Frankreich hin Mittheilungen über die hiesigen Verhältnisse,
+Truppendislokationen und so weiter gelangen zu lassen, — mir kommt das
+ein wenig unwahrscheinlich vor,“ fuhr er fort, „allein die Mittheilung
+ist bestimmt, und die Zeitverhältnisse gebieten die größte Vorsicht. Ich
+werde ihn genau beobachten lassen und eine Ueberwachung seiner
+Correspondenz bei der Postbehörde anordnen, — ist jene Mittheilung
+richtig, so wird sich bald ein greifbares Indicium finden lassen.“
+
+Er schrieb nach genauer Durchsicht des Aktenfascikels eine Verfügung,
+ließ seinen Secretair rufen und übergab ihm dieselbe mit dem Befehl
+schleuniger und discreter Expedition. Dann verschloß er das geheime
+Aktenstück wieder in seinen Secretair und wandte sich seinen
+regelmäßigen Arbeiten zu.
+
+Lange noch saß der alte Bauer Niemeyer mit seiner Schwester und dem
+jungen Cappei bei der großen Lampe im Wohnzimmer seines Hauses
+beisammen. Immer noch forschten und fragten die beiden Alten — immer
+erzählte der junge Mann, — immer deutlicher fühlte die Mutter, daß in
+allen diesen Erzählungen noch Etwas fehlte und zwar Etwas, was tief und
+innig mit dem Herzensleben ihres Sohnes zusammenhängen müsse.
+
+Und als sie endlich die Ruhe aufsuchten, als sie den Sohn in seine
+schnell hergerichtete Schlafkammer mit dem sauberen, hoch
+aufgeschichteten Federbett geführt, und die Hände segnend auf sein
+Haupt gelegt hatte, da blieb sie noch lange wach in ihrer Kammer in dem
+Lehnstuhl am Fußende ihres Bettes sitzend und tief nachdenkend über die
+Fügungen der Vorsehung, welche zwar die ehrgeizigen Träume zerstört
+hatte, in welchen sie an den fernen Sohn gedacht, welche aber doch
+diesen Sohn lebendig, frisch und blühend ihr wieder zugeführt hatte und
+jetzt opferte sie jenen Traum gern der schönen und lieben Wirklichkeit.
+Sie fühlte auch mit dem so feinen weiblichen Instinct, welches der
+verborgene Punkt sei, der in allen Erzählungen ihres Sohnes noch dunkel
+geblieben; sie fühlte, daß die Liebe zwischen ihm und dem fernen Land,
+aus welchem er zurückgekehrt ein Band geknüpft habe.
+
+Aber sie war nicht traurig darüber und wieder regten sich ehrgeizige
+Hoffnungen in ihrem Herzen. Denn ein so guter, so braver und so hübscher
+junger Mann wie ja ihr Sohn, konnte nur eine Wahl getroffen haben, die
+ihm und seiner ganzen Familie ehrenvoll war.
+
+Und als sie endlich ihr Lager aufsuchte, schloß sie Diejenige, welche
+ihr Sohn gewählt haben möchte, und welche ihr mütterlicher Stolz in
+hohen und angesehenen Kreisen suchte voll freudiger Hoffnung und
+Zuversicht in ihr frommes Abendgebet mit ein.
+
+Der junge Cappei aber war in körperlicher Ermüdung, welche die kräftige
+Jugend noch stärker fühlt, als das Alter, und in jenem süßen Wohlgefühl,
+welches das Bewußtsein erzeugt, nach langer Abwesenheit wieder im Schooß
+des heimathlichen Hauses zu ruhen, bald in einen festen und tiefen
+Schlaf versunken.
+
+Und wunderbar verschmolzen sich in seinen Träumen die Bilder der Ferne,
+zu welcher sein Herz ihn hinzog und der Heimath, in welche die Wurzeln
+seines Lebens geschlagen waren, miteinander.
+
+Bald sah er sich im Hause des alten Challier an der Seite seiner
+Louise und an der Spitze des immer blühender erwachsenden
+Handelsgeschäfts — bald wieder zeigte ihm der Traum das theure Bild
+seiner Geliebten, wie dieselbe glücklich lächelnd in das Haus seines
+Oheims eintrat, wie sie seiner Mutter zur Hand ging in häuslichen
+Geschäften und neues fröhliches Leben in die alte Heimath brachte.
+
+So schwer diese verschiedenen Bilder in der Wirklichkeit zu vereinigen
+waren, so verband sie doch das wunderbare Spiel des Traumes zu
+harmonischer Einigkeit, welche ihn mit einem süßen Gefühl des Glücks und
+der Freude erfüllten.
+
+
+
+
+Neuntes Capitel.
+
+
+In einem großen saalartigen Zimmer im Hinterhofe eines düstern Hauses
+des Faubourg St. Antoine war das democratische Comité versammelt,
+welches sich gebildet hatte, um auf das Plebiscit einzuwirken und das
+Volk in Massen dahin zu bestimmen, daß es die Abstimmung entweder ganz
+verhindere oder wo die Kühnheit dazu vorhanden sein möchte mit „Nein“
+stimme.
+
+Die Versammlung fand bei bereits ziemlich vorgerückter Abendstunde
+statt, der große finstere Raum mit den schmutzigen, von Rauch
+geschwärzten Wänden war durch einige Petroleumlampen, die auf einem
+großen Tisch in der Mitte standen, nur wenig erhellt; um diesen Tisch
+saßen die Leiter des Comités in scharfer Beleuchtung, während der übrige
+Theil des Saales, in welchem sich etwa vierzig bis fünfzig der
+hervorragendsten Agenten des Comités befanden, in Dunkelheit gehüllt
+war.
+
+An diesem Tisch sah man in der Mitte Jules Lermina, einen der
+unermüdlichen Agitatoren der republikanischen Bewegung in Frankreich,
+einen Mann mit tief blassem, wie aus Erz gegossenem Gesicht, in welchem
+nur die glühenden, unheimlich und finster blickenden Augen zu leben
+schienen und welches, wenn er mit seiner harten jede Modulation
+ausschließenden Stimme sprach, durch kein Mienenspiel bewegt wurde.
+
+Hier sah man Ulric de Fonvielle, den Begleiter Victor Noirs bei dessen
+verhängnißvollem Besuch im Hause des Prinzen Pierre Bonaparte — mit
+seinem großen Bart und seinem unruhigen, aufgeregten und wichtig
+thuenden Wesen.
+
+Hier war Varlin, der Buchbinder, in seiner gebückten Haltung mit dem
+kalten höhnischen Lächeln auf den Lippen, mit dem niedergeschlagenen
+Blick, der nur zuweilen im schnellen Blitz von unten hinauf schoß und
+dann fast immer Denjenigen, auf welchen er sich richtete, durch seinen
+stechenden scharfen Ausdruck aus der Fassung brachte.
+
+Hier sah man Raoul Rigault, den jungen einundzwanzigjährigen Verschwörer
+mit seinem blassen, selbstgefällig lächelnden Gesicht, den müden, etwas
+gleichgültigen Blick hinter dem Monocle verbergend, in seiner
+stutzerhaften, aber etwas abgeschabten Eleganz, mit der Wäsche von
+zweifelhafter Reinheit, das kleine Stöckchen mit dem unechten
+Silberknopf in der Hand.
+
+Hier sah man Ancel, Boyer, Delacour, Dembrun, Portalier, Robin,
+Mangold — theils in Blousen, theils im einfachen bürgerlichen Anzug — und
+auf allen diesen finstern Gesichtern ruhte der Ausdruck starrer düsterer
+Entschlossenheit und grimmiger Unversöhnlichkeit. Sie waren zum großen
+Theil die Führer des Pariser Zweigvereins der internationalen
+Arbeiterassociation, welche aber jetzt nicht mehr wie früher sich einer
+gewissen wohlwollenden Duldung der Regierung zu erfreuen hatte, nachdem
+sie durch richterliches Erkenntniß aufgelöst worden war. Es war nicht
+mehr jene Internationale von Tolain und Fribourg, welche durch Belehrung
+und ruhige gesetzliche Agitationen die Lage des Arbeiterstandes zu
+verbessern strebte, und welche von idealen Anschauungen geleitet wurde.
+
+Jene Führer waren verschwunden, die Internationale von heute war eine
+proscribirte und geächtete Gesellschaft, welche sich lange den
+Nachforschungen der Polizei verbarg, und im Geheimen dafür aber um so
+wirksamer ihre Lehren propagirte und ihre Pläne verfolgte. Diese Lehren
+aber waren heute offen und rückhaltslos auf die Zertrümmerung der
+bestehenden Staatsordnung und der bestehenden Gesellschaft gerichtet,
+und die Pläne, deren eigentliches Geheimniß nur den ausgewählten
+Kreisen, den Leitern, bekannt war, richtete sich auf eine möglichst
+schnelle und nachdrückliche Vernichtung aller Autorität und alles
+Besitzes.
+
+Die internationale Association als solche konnte sich mit der Frage des
+Plebiscits nicht beschäftigen, sie konnte sich nicht versammeln, ohne
+sich sogleich polizeilicher Auflösung auszusetzen, sie hatte deshalb das
+democratische Comité gebildet, an dessen Spitze wiederum ihre Leiter
+standen, um in dieser Form ihren Einfluß auf das Plebiscit auszuüben und
+um wo möglich diese Gelegenheit zur Herbeiführung einer Catastrophe zu
+benutzen.
+
+Auf Bänken und Stühlen ringsum den Tisch des eigentlich leitenden
+Comités saßen dessen hervorragende Agenten in den verschiedenen
+Stadttheilen von Paris fast Alle in der Blouse der Arbeiter, Alle
+denselben Ausdruck ruhiger und kaltblütiger Unversöhnlichkeit in den
+Gesichtern.
+
+Lermina erhob sich:
+
+„Wir haben, meine Freunde,“ sprach er, „nunmehr die Berichte aus allen
+Theilen von Frankreich empfangen, welche uns mittheilen, daß überall
+die Comités constituirt sind, um diesem frevelhaftem Possenspiel
+entgegenzutreten, durch welches man in einem gefälschten Ausdruck des
+Volkswillens für den Despotismus und die Tyrannei eine neue Stütze
+suchen will. Allgemein ist die democratische Partei organisirt, um auf
+die unklare und furchtsame Bevölkerung den Druck ihres Einflusses
+auszuüben. Nach Allem, was man uns mittheilt, wird es schwer werden,
+eine große Majorität dahin zu bringen, daß die an das Volk gestellte
+Frage mit „Nein“ beantwortet wird. Die Furcht vor den Machtmitteln der
+Gewalt ist zu groß — dagegen müssen wir aber mit aller Kraft dahin
+streben, daß der größte Theil der Bevölkerung sich von jeder Abstimmung
+zurückhält, um vor der Welt beweisen zu können, daß die Majorität,
+welche die Regierung erreichen möchte, im Verhältniß zur Gesammtzahl der
+Bevölkerung garnichts bedeutet. Ich habe deshalb die Instructionen,
+welche Sie Alle früher bereits gebilligt haben, an eine Anzahl von
+zuverlässigen Personen vertheilt, die in diesem Augenblick bereits in
+die Provinzen abgegangen sind, um überall die Agitation noch fester zu
+organisiren und zu beleben. Unser unermüdlicher Freund Cernuschi hat mir
+von London aus abermals die Summe von hunderttausend Francs übersendet,
+um die nothwendigen und unvermeidlichen Kosten unserer Thätigkeit zu
+bereiten.“
+
+Ein Ruf des Beifalls tönte durch den Saal.
+
+„Ich habe ihm den Dank des Comités ausgesprochen,“ fuhr Lermina fort,
+„und schlage nunmehr vor, daß wir hier in Paris selbst unvorzüglich eine
+demonstrative Versammlung in Scene setzen, welche hier in der Hauptstadt
+die Bewegung in Fluß bringt und den Provinzen ein Beispiel giebt. Ich
+schlage zu diesem Zweck den Saal der Folie-Bergère vor, welcher den
+nothwendigen Raum bietet und zugleich der ganzen Bevölkerung von Paris
+bekannt ist. Hat Einer von Euch, meine Freunde, gegen den Vorschlag
+Etwas einzuwenden?“
+
+Die Versammlung schwieg — einzelne Rufe der Zustimmung ließen sich hören.
+
+„So wollen wir also,“ fuhr Lermina fort, „die democratische
+Volksversammlung in der Folie-Bergère auf den vierten Tag, von heute an
+gerechnet, festsetzen. Und ich bitte alle unsere Freunde,“ fuhr er sich
+nach den Zuhörern im Hinterraum des Saales wendend fort, „in den
+verschiedenen Stadttheilen von Paris ihre ganze Thätigkeit aufzubieten,
+um den Besuch der Versammlung so zahlreich als möglich zu machen.
+Zugleich ersuche ich Euch alle, meine Freunde, Euch vorzubereiten und
+nachzudenken über das, was Jeder von Euch der Versammlung sagen will,
+damit die Worte zünden und die Massen zu energischem Widerstand
+entflammen.
+
+„Vor Allem,“ rief Ulric de Fonvielle mit lauter Stimme, „müssen wir
+diesen verrätherischen Lügner und Heuchler Ollivier dem Volk in seiner
+wahren Gestalt zeigen. Es giebt immer noch Leute,“ fuhr er fort, „welche
+sich durch seine Vergangenheit täuschen lassen und auf welche sein Name
+einen gewissen Einfluß übt, — durch ihn will die kaiserliche Tyrannei das
+Volk irre führen, ihn gilt es zu vernichten und ihn des letzten Restes
+seiner Popularität zu berauben. Ich werde über Ollivier sprechen,“ rief
+er mit der Hand durch seinen Bart fahrend, „das Volk hat Ollivier in die
+Gosse geworfen — und das Kaiserthum hat ihn daraus wieder
+hervorgefischt!“ —
+
+Lautes Gelächter, Beifallsrufen und Händeklatschen erfüllten den Saal.
+Dann trat eine augenblickliche Stille ein.
+
+Varlin erhob sich, zog ein Papier aus der Tasche und sprach:
+
+„Ich bin in Allem mit den Maßregeln des Comités und mit seinen
+Vorschlägen vollkommen einverstanden. Doch ich habe nunmehr meinerseits
+einen Vorschlag zu machen, welcher in der Vorsicht begründet ist und zum
+Zweck hat, unsere Agitatoren gegen einen Gewaltstreich der Regierung zu
+schützen.“
+
+Aufmerksam hörten Alle zu.
+
+„Ihr wißt, meine Freunde,“ fuhr Varlin fort, „daß die Internationale
+gesetzlich verboten ist, und daß die Polizei das Recht hat, jede
+Thätigkeit dieser Association sofort zu verhindern. Nun aber ist unsere
+ganze Organisation, wenn wir uns auch als democratisches Comité
+constituirt haben, dennoch die der Internationalen. Wir Alle sind
+Mitglieder des Bureaus derselben, und in allen Provinzen sind es wieder
+die Zweigvereine der Internationalen, in deren Händen die Agitation
+liegt. Das giebt der Polizei Gelegenheit, sobald sie will, unsere ganze
+Agitation als eine Thätigkeit der Internationalen zu bezeichnen und zu
+verbieten — es wäre unklug, ein solches Verbot zu provociren oder möglich
+zu machen, und ich halte es demnach für nothwendig, daß von Seiten der
+Internationalen eine öffentliche Kundgebung stattfindet, welche
+vollkommen klar stellt, daß die democratische Association gegen das
+Plebiscit mit der internationalen Arbeiteragitation nichts zu thun hat.
+Ich halte eine solche Kundthuung practisch für nothwendig, außerdem
+aber,“ fuhr er einen raschen Blick im Kreise umherwerfend fort, „deshalb
+für geboten, weil allerdings die jetzt von uns ausgeübte Thätigkeit mit
+den eigentlichen Zielen der Internationalen wie dieselbe in den Statuten
+derselben ausgestellt sind, nicht identisch ist.“
+
+„So soll die Internationale die Thätigkeit des democratischen Comités
+desavouiren,“ fragte Lermina, den flammenden Blick auf Varlin richtend.
+
+„Das nicht,“ erwiderte dieser, „doch soll sie erklären, daß sie mit
+dieser rein politischen Sache nichts zu thun hat. Ich wiederhole,“ fuhr
+er fort, „daß diese Erklärung nach meiner Ueberzeugung zunächst der
+Polizei gegenüber nöthig ist, um ihr die Möglichkeit zu nehmen, gegen
+das democratische Comité unter dem Vorwand einzutreten, daß es mit den
+Internationalen identisch sei, so dann aber auch im Interesse der Macht
+der Internationalen selbst. Wir Alle, meine Freunde,“ fuhr er fort,
+„sind darüber einig, daß nur durch eine politische Revolution, durch
+welche das jetzt begehende Regiment und die ganze Staatsordnung
+zertrümmert, die socialen Ziele in der Internationalen erreicht werden
+können, aber — ihr müßt wissen, wie ich, daß unter den Arbeitern,
+namentlich in den Provinzen, noch sehr viele vorhanden sind, welche vor
+einer politischen Revolution zurückschrecken, und welche noch in der
+Idee befangen sind, von welcher wir in dem leitenden Mittelpunkt uns
+frei gemacht haben, — von der Idee nämlich, daß auf friedlichem und
+gesetzlichem Wege eine Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes
+erreicht werden könne; um Aller dieser willen ist es ebenfalls nöthig,
+daß wir die Internationale als solche von jeder Thätigkeit gegen das
+Plebiscit fern halten.“
+
+Lermina blickte nachdenklich vor sich hin, die Gründe Varlins schienen
+ihm einzuleuchten, dennoch mochte es seiner im Grunde ehrlichen und
+graden Natur widerstreben, aus Rücksichten der Klugheit solche
+Doppelwege zu gehen.
+
+Einzelne Stimmen der Mißbilligung erhoben sich aus dem Zuhörerkreise.
+
+„Das würde nur Verwirrungen in die Begriffe bringen,“ rief man — „warum
+nicht etwas sagen, wovon man überzeugt ist, — um so besser, wenn in
+diesem Augenblick ein Zusammenstoß mit der Gewalt erfolgt, — einmal muß
+es ja doch dazu kommen.“
+
+„Halt, meine Freunde,“ rief Varlin mit seiner durchdringenden Stimme die
+verschiedenen Rufe übertönend, „höret zunächst an, wie ich die Erklärung
+der Internationalen entworfen habe, Euch wird dann Alles besser klar
+werden. Sie soll wahrlich die Thätigkeit unseres democratischen Comités
+nicht desavouiren, und sie soll uns nur davor schützen, daß wir durch
+einen rohen Eingriff der Polizeigewalt in unserer Wirksamkeit gehemmt
+und unterbrochen werden, bevor dieselbe ihre Früchte getragen hat.“
+
+Er winkte gebieterisch mit der Hand und während der aufmerksamen Stille,
+die unmittelbar eintrat, las er, den Blick auf das Papier in seiner Hand
+geheftet, den von ihm vorgeschlagenen Entwurf der Erklärung der
+Internationalen:
+
+„Der Bundesrath des internationalen Arbeitervereins giebt den
+Insinuationen und Anschuldigungen der offiziellen und offiziösen Blätter
+über seine Theilnahme an der politischen Agitation dieser Tage hiermit
+ein formelles Dementi. Die Internationale weiß nur zu gut, daß die
+Leiden aller Art, welche das Proletariat zu dulden hat, bei weitem mehr
+den ökonomischen Zuständen der Gegenwart, als den Zufälligkeiten des
+Despotismus einiger Staatsmänner zuzuschreiben sind. Sie wird ihre Zeit
+nicht mit Nachsinnen über die Befestigung des kaiserlichen Despotismus
+verlieren. Der internationale Arbeiterverein, der eine permanente
+Verschwörung aller Unterdrückten, aller Ausgebeuteten ist, wird den
+ohnmächtigen Verfolgungen gegen seine Führer trotzend, so lange fort
+bestehen, bis alle Ausbeuter der Arbeit, alle Capitalisten, alle Pfaffen
+und alle politischen Abenteurer verschwunden sein werden.“
+
+„Ich glaube,“ sprach er, indem sein Blick über die Versammlung hinglitt,
+„daß nach dieser Erklärung Niemand wird sagen können, es sei die
+Internationale, welche die gegenwärtige democratische Agitation
+führe, — und doch wird darin gewiß kein abfälliges Urtheil über seine
+Thätigkeit gesprochen.“
+
+„Varlin hat Recht,“ rief man von allen Seiten — „er ist klug und
+vorsichtig, — er denkt an Alles, die Proclamation ist gut, sie soll
+erlassen werden.“
+
+Niemand widersprach an dem Tisch des Comités, nur Raoul Rigault zuckte
+leicht die Achseln und schlug mit dem Spazierstöckchen auf seine
+Stiefel.
+
+Varlin legte das Papier, dessen Inhalt er vorgelesen, Lermina vor, der
+es mit einem raschen Federzug unterzeichnete. Die Uebrigen folgten Alle.
+
+Lermina erklärte sodann die Sitzung für geschlossen, und die
+Versammelten verließen in einzelnen Gruppen, um kein Aufsehen zu
+erregen, langsam und schweigend das Zimmer, indem sie sich, sobald sie
+aus dem äußern Theil des Hauses auf die Straße traten, nach
+verschiedenen Richtungen hin zerstreuten.
+
+Raoul Rigault näherte sich Lermina.
+
+„Bleibt noch einen Augenblick hier,“ sprach er, „ich habe Euch eine
+Mittheilung zu machen.“
+
+„Gut,“ sagte Lermina.
+
+Raoul Rigault trat zu Varlin und dann zu Ulric de Fonvielle, indem er
+sie ebenfalls aufforderte, noch zu bleiben.
+
+Bald war das Zimmer leer, und an dem großen Tisch befanden sich nur noch
+Lermina, Varlin, Ulric de Fonvielle und Raoul Rigault.
+
+In der Tiefe des Zimmers war ebenfalls eine Gestalt sitzen geblieben,
+welche man bei der matten Beleuchtung nur in dunkeln Umrissen erkennen
+konnte.
+
+„Meine Freunde,“ sagte Raoul Rigault indem er das herabgefallene Monocle
+mit einer etwas gezierten Bewegung wieder in das Auge warf, „ich habe
+Euch ruhig sprechen und beschließen lassen, ohne irgend Etwas dabei zu
+bemerken, weil ich Alles das für ein Geschwätz halte, durch welches
+Nichts erreicht wird; — dieses Plebiscit,“ fuhr er mit selbstgefälligem
+Lächeln fort, „— wird trotz unserer Agitation ganz nach dem Plan seiner
+Arrangeurs ausgeführt werden, — und“ sagte er sich zu Varlin
+wendend — „trotz des Protestes der Internationale wird man uns alle
+verhaften, wenn man irgend dazu Lust verspürt.“
+
+„Das ist Alles was Sie uns zu sagen haben und weshalb Sie uns gebeten
+haben, hier zu bleiben?“ fragte Lermina mit seiner harten klanglosen
+Stimme.
+
+„Der Bürger Rigault ist sehr jung,“ sagte Varlin mit einem finstern
+Blick auf den stutzerhaft lächelnden jungen Mann, — „es würde ihm
+vielleicht besser anstehen aus den Erfahrungen ältere Personen zu
+lernen, als deren Handlungen zu critisiren.“
+
+Ulric de Fonvielle sagte Nichts, — er kannte Raoul Rigault und wußte, daß
+wenn dieser junge Mensch mit dem blasirten gleichgültigen Gesicht
+lächelte ein furchtbarer, blutiger Gedanke in seinem Gehirn arbeitete.
+Er blickte ihn forschend an und wartete.
+
+„Handlungen?“ fragte Raoul Rigault höhnisch die Achseln zuckend, ohne
+die unmuthigen finstern Blicke Lermina's und Varlin's zu
+beobachten, — „Ihr nennt das Handlungen — diese versteckten Agitationen,
+diese zweideutigen Erklärungen und Proteste? Handelt“ — fuhr er fort,
+„handelt, wie man in großen ernsten Angelegenheiten handeln muß, und
+meine Critik wird schweigen, — ich werde wahrlich der Erste sein mit Euch
+zu handeln, — aber ich sehe nicht ein wozu alle diese Geschäftigkeit
+führen soll.“
+
+„Wenn man tadeln will was Andere thun, so muß man Etwas Besseres
+vorzuschlagen haben,“ sagte Lermina kurz und hart.
+
+Varlin machte eine Bewegung, als wollte er ausstehen.
+
+„Hört mich an,“ sagte Raoul Rigault, indem er ihn mit der Hand
+zurückhielt.
+
+Er stützte die Arme auf den Tisch und bewegte sein Stöckchen leicht in
+der Luft hin und her.
+
+„Der Augenblick ist günstig,“ sprach er weiter in einem Tone als
+unterhielte er sich über irgend ein gleichgültiges Tagesereigniß, — „der
+Augenblick ist günstig um einen großen Schlag auszuführen, — einen Schlag
+der uns mit einem Mal an das Ziel aller unserer Bestrebungen führen
+kann.“
+
+„Und wie sollte dieser Schlag ausgeführt werden,“ fragte Varlin mit
+einem fast verächtlichen Lächeln.
+
+„Sehr einfach,“ erwiderte Raoul Rigault, immer mit seinem Stöckchen
+spielend, „unsere Vereine sind in ganz Frankreich vortrefflich
+organisirt, wir können sie von hier aus mit einem Wort in active
+Bewegung setzen, wir können überall den Aufstand ausbrechen lassen.“
+
+„Das können wir,“ erwiderte Lermina, „wenn wir es aber thun, so wird das
+in diesem Augenblick keine weitere Folgen haben, als daß der Aufstand
+überall durch die rohe Gewalt der Tyrannei niedergeschlagen und für die
+Zukunft alle unsere Hoffnungen zertrümmert werden.“
+
+„Wenn eben die Tyrannei noch besteht,“ erwiderte Raoul Rigault, „wenn
+diese Maschine, welche man die kaiserliche Regierung nennt, überhaupt in
+jenem Augenblick noch arbeitet.“
+
+„Und wie wollen Sie,“ fragte Lermina, „indem Augenblick des Aufstandes
+die so fest gegliederte Regierungsmaschine zerstören und unwirksam
+machen?“
+
+„Die Maschine,“ sagte Raoul Rigault, „wird von selbst unwirksam, wenn
+sie keinen Mittelpunkt, eine bewegende Triebfeder mehr hat. Ich kümmere
+mich nicht um die Maschine, ich zerstöre den Mittelpunkt, und die Arbeit
+des Ganzen hört auf — Frankreich gehört uns.“
+
+Lermina begann aufmerksam zu werden.
+
+„Der Gedanke ist logisch,“ sagte er. „Wie kann er ausgeführt werden?“
+
+„Sehr einfach,“ erwiderte Raoul Rigault, „indem man den Kaiser tödtet
+und den Sitz der Regierung zerstört.“
+
+Ganz erstaunt blickten Lermina und Varlin auf diesen jungen Menschen,
+welcher im gleichgültigen und ruhigsten Ton von der Welt einen Satz
+aussprach, der in seinen wenigen Worten den Umsturz der öffentlichen
+Ordnung Frankreichs vielleicht Europas enthielt.
+
+„Um den Kaiser zu tödten,“ fuhr Raoul Rigault fort, „bedarf es nur eines
+entschlossenen Menschen, welcher sein Leben aufs Spiel setzt, wie dies
+ja alle Soldaten oft für viel unwichtigere und gleichgültigere Dinge
+thun, und in dessen Hand man ein Werkzeug legen würde, welches den
+Erfolg seines Unternehmens nicht von dem Zufall abhängig macht, — zur
+Zerstörung des Mittelpunkts der Regierung bedarf es nur,“ sagte er mit
+selbstgefälligem Lächeln, „einiger practischen Anwendungen der
+Chemie, — und was sonst die Folge der Revolution war, wird gegenwärtig
+der Revolution vorangehen und ihr den Weg frei machen. Die Mittel, von
+denen ich so eben gesprochen habe, sind gefunden. Um den Kaiser sicher
+zu tödten, ohne die Sache von einem falschen Augenmaß oder von einem
+nervösen Zittern der Hand abhängig zu machen, ist hier das Mittel.“
+
+Er zog aus der Tasche seines Rockes einige kleine eirunde Eisenkörper
+mit verlängerter Spitze hervor und legte sie auf den Tisch.
+
+„Sie sind,“ sagte er lächelnd, „allerliebste Sprengbomben von einer
+gewaltigen Explosionskraft. Man hat garnicht nöthig zu zielen. Man wirst
+sie eine nach der andern in den Wagen des Kaisers, wenn er vorüber fährt
+und vor die Füße seines Pferdes, wenn er reitet, und bevor die vierte
+oder fünfte geworfen ist, wird von Demjenigen, der heute Frankreich zu
+beherrschen glaubt, nichts mehr übrig sein, als einige kleine in der
+Luft zerstreute Atome. Um diese Bomben zu werfen,“ fuhr er, die Stimme
+etwas dämpfend, fort, „gehört ein Mann, welcher fanatisch oder
+gleichgültig genug ist, um sein Leben an dies Wagniß zu setzen — ein
+Gleichgültiger,“ fügte er hinzu, „ist mir lieber, als ein
+Fanatiker, — und dieser Mann ist gefunden.“
+
+Er erhob sich, wandte sich nach der Tiefe des Zimmers, die dunkle
+Gestalt, welche von den Uebrigen unbemerkt dort bei der Entfernung der
+Versammlung geblieben war, trat in den Lichtkreis, und man sah einen
+jungen Mann von höchstens zwanzig bis einundzwanzig Jahren, dessen
+völlig bartloses, gleichgültiges und etwas stupides Gesicht einen noch
+fast knabenhaften Ausdruck hatte.
+
+Raoul Rigault ergriff diesen jungen Mann, der einen einfachen Anzug von
+sogenannter Marengofarbe und einen kleinen runden Hut trug, bei der Hand
+und sagte:
+
+„Hier ist der Bürger Beaury, welcher von London kommt und bereit ist,
+den ersten und gefährlichsten Schlag in dem großem Entscheidungskampf
+für die Rechte der arbeitenden Gesellschaft zu führen. Er wird diese
+Bombe werfen und den fanatischen Imperator, vor welchem sich heute die
+blöde Menge in den Staub beugt in die Luft sprengen.“
+
+Tief erstaunt, beinahe bestürzt und erschrocken blickten die drei Andern
+auf diesen jungen Menschen, welcher da so plötzlich wie aus der Erde
+hervorgezaubert unter ihnen stand und sie mit einem ruhigen
+gleichgültigen Lächeln anblickte.
+
+„Wer sind Sie,“ fragte Lermina.
+
+„Ich heiße Beaury,“ erwiderte der junge Mann. „Ich war früher Corporal
+in der Armee des Tyrannen, seit einem Jahr bin ich Flüchtling in London,
+Herr Flourens hat mich hierhergeschickt, — hier ist meine Beglaubigung.“
+
+Er zog aus der Tasche seines Rockes ein offenes, etwas zerknittertes
+Papier hervor und überreichte es Lermina.
+
+„Ein Brief von Flourens,“ sagte dieser.
+
+„An meine Genossen in Frankreich,“ fuhr er fort, das Papier lesend, „der
+Ueberbringer dieses, der Bürger Beaury ist bereit und geschickt Alles
+das auszuführen, was man ihm austragen wird, man kann sich vollkommen
+auf ihn verlassen. Gustav Flourens.“
+
+Er reichte das Papier Varlin, Fonvielle neigte sich herüber und sah über
+dessen Schulter in die Schrift.
+
+„Es ist Flourens' Handschrift,“ sagten Beide.
+
+„Sie wissen, was Sie thun sollen,“ fragte Lermina, immer noch verwundert
+den knabenhaften jungen Menschen ansehend.
+
+„Gewiß“ erwiderte dieser, „ich soll diese Bombe da,“ er deutete auf den
+Tisch, „nach dem Kaiser werfen, den ich sehr genau kenne, und den ich
+nicht verfehlen werde. Ich habe auch noch dies zu übergeben,“ sagte er
+dann.
+
+Er zog ein anderes Papier aus der Tasche und gab es Lermina.
+
+„Eine Anweisung auf vierhundert Francs,“ sagte dieser, „ebenfalls von
+Flourens unterzeichnet.“
+
+Lermina gab die Anweisung an Varlin, welcher einen Schlüssel aus der
+Tasche zog, eine Schublade des Tisches öffnete und dem jungen Menschen
+vier Bankbillets von hundert Francs übergab.
+
+„Nun gehen Sie,“ sagte Raoul Rigault zu Beaury, welcher ganz vergnügt
+seine Bankbillets einsteckte, „Sie werden Ihre näheren Anweisungen
+erhalten. Ihre Adresse?“
+
+„Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig,“ sagte der junge Mensch, indem er
+sich leicht gegen die Uebrigen verneigte und das Zimmer verließ.
+
+„Ihr seht,“ sagte Raoul Rigault mit zufriedenem Lächeln, „daß ich mich
+ein wenig auf das verstehe, was Handeln heißt, und daß ich vielleicht
+ein wenig Recht habe, unpractische Maßregeln zu kritisiren.“
+
+Varlin und Lermina erwiderten nichts.
+
+„Doch weiter,“ sagte Ulric de Fonvielle, „die Ermordung des Kaisers
+nützt uns wenig, wie wir ja langst überlegt haben.“
+
+„Das ist eine Ansicht, die ich stets vertreten habe,“ sagte Raoul
+Rigault, „Ihr könnt also nicht erwarten, daß ich glauben sollte, mit
+diesem ersten Schlage sei Alles gethan. Auch habe ich Euch ja vorhin
+gesagt, daß meine Pläne zur Handlung zwei Punkte haben. Der Erste war
+die Ermordung des Kaisers; der Zweite ist die Zerstörung des
+Mittelpunkts der Regierung.“
+
+„Das wird etwas schwerer sein,“ sagte Varlin, den Kopf schüttelnd.
+
+„Allzu umfassendere Vorbereitungen bedürfen wir nicht,“ sagte Raoul
+Rigault. „Wir haben von diesen kleinen Maschinen,“ fuhr er fort auf die
+auf dem Tische liegenden Bomben deutend, „einen Vorrath von tausend
+Stück, welche ein Herr Lepet, ein harmloser Mann, in dem Gedanken
+gegossen hat, daß es Theile eines neu erfundenen Vélocipédes wären. Sie
+befinden sich an einem sichern Ort und können im Lauf weniger Stunden
+gefüllt werben. Wir bedürfen dann nur noch einer gewissen Quantität
+Petroleums, einer Quantität Pikrinsäure und eines Haufens alter Weiber
+und kleiner Kinder, wie wir sie in beliebiger Menge in Belleville und
+St. Antoine finden können.“
+
+„Und dann,“ fragte Lermina.
+
+„Dann,“ sagte Raoul Rigault die Achseln zuckend, „nehmen diese alten
+Weiber und die Kinder die Bomben, werfen je einige hundert Stück
+davon durch die Fenster der Tuilerien und der verschiedenen
+Ministerialgebäude, gießen zu gleicher Zeit Jeder sein Gefäß voll
+Petroleum in die Keller und Souterrains und zünden diese angenehme
+Flüssigkeit mit einem kleinen Schwefelholz an. In wenigen Augenblicken
+werden alle diese Centren der Regierungsgewalt in Flammen stehen, alle
+diese Minister, Bureauchefs und Beamten werden fliehen. Das Ende der
+Fäden, welche in die Provinzen führen und dort die Regierungskräfte in
+Bewegung setzen, wird zerstört sein, und das Volk wird sich aus den
+Vorstädten heranwälzen, und bevor noch irgend Jemand weiß, was
+eigentlich vorgeht, wird Alles gethan sein, Paris wird uns gehören, und
+diese träge, unentschlossene Masse, welche man Volk nennt, wird hier wie
+im ganzen Lande unsern Befehlen folgen und durch unsere Organisation in
+Bewegung gesetzt werden. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, daß die
+Sache schnell und auf allen Punkten gleichzeitig ausgeführt wird.
+
+Das ist mein Vorschlag,“ sagte er, sich auf seinen Stuhl zurücklehnend
+und mit dem Stöckchen an seine Stiefel klopfend, „er ist einfach, leicht
+ausführbar und wirksam. Die Vorbereitungen sind getroffen. Wollt Ihr
+handeln, so handelt, wollt Ihr es nicht, so laßt es bleiben, dann aber
+werde ich mich zurückziehen, denn ich habe keine Lust mehr, meine Zeit
+mit Redensarten und zwecklosen Agitationen zu verschwenden.“
+
+„Der Plan ist großartig, vortrefflich! Dieser kleine Raoul Rigault hat
+wirklich eine Armee in seinem Kopf,“ rief Ulric de Fonvielle.
+
+„Die Sache ist allerdings gut ausgedacht,“ sagte Lermina, „und sie kann
+reussiren.“
+
+Varlin sagte nichts. Er saß tief nachdenkend da, doch zeigte der
+Ausdruck seines Gesichts, daß er den Plan Raouls billige und über dessen
+Ausführung nachsann.
+
+„Natürlich kann die Sache reussiren,“ sagte Raoul Rigault, „und sie muß
+reussiren, wenn sie nicht überaus dumm angegriffen wird, und daß dies
+nicht geschieht, dafür müßt Ihr sorgen. Ich habe nicht Lust,“ fügte er
+im affectirt hochmüthigen Ton hinzu, „mich um diese petites besognes zu
+kümmern. Ich habe Euch die Instrumente geschafft, ich habe Euch einen
+Menschen gestellt, welcher den ersten Schlag führen wird, an Euch ist
+es, die Stunde fest zu stellen und Eure alten Weiber und Kinder an die
+richtigen Orte zu führen, um aus diesen alten dumpfen Bureaus und
+Aktenhaufen ein lustiges, fröhliches Feuer aussteigen zu lassen. In drei
+Tagen könnt Ihr damit fertig sein. Jetzt laßt uns gehen, es könnte im
+Hause Aufsehen erregen, wenn wir noch länger hier bleiben.“
+
+Er stand auf, grüßte mit einer stutzerhaften Bewegung mit der Hand und
+ging hinaus.
+
+„Er hat uns in der That überflügelt,“ sagte Lermina, ihm finster
+nachblickend, — „ich liebe ihn nicht, diese ganze geckenhafte Art
+wichtige Dinge zu behandeln, mißfällt mir. Aber seine Ideen sind gut und
+seine Vorbereitungen vortrefflich. Wenn Ihr einverstanden seid, soll der
+Plan ausgeführt werden, er kann uns Jahre langer Agitationen überheben
+und mit einem Schlage an das Ziel unserer Wünsche führen, — und selbst,
+wenn der Plan mißlingen sollte, was ist dabei verloren — ein
+zerschmetterter Kaiser, einige ausgebrannte Steinhaufen, — weiter
+nichts,“ fügte er mit einem entsetzlichen Lächeln hinzu, welches seine
+steinernen und unbeweglichen Züge in furchtbarer Weise verzerrte.
+
+„Der Plan wird gelingen,“ rief Ulric de Fonvielle lebhaft, „die ganze
+Kraft der Regierung ist zertrümmert, sobald der Mittelpunkt zerstört
+ist, Frankreich und die Zukunft gehört uns.“
+
+Varlin stand auf.
+
+„Der Plan _kann_ gelingen,“ sagte er, „wenn Niemand außer uns etwas
+davon erfährt, keines der Werkzeuge, die wir benutzen werden, darf den
+ganzen Zusammenhang dessen, was geschehen soll, auch nur ahnen.“
+
+Er streckte seine Hand aus.
+
+„Schwören wir uns gegenseitig,“ sagte er, „bei unserm Hasse gegen die
+Ausbeuter der Arbeit Verschwiegenheit und Tod dem, der den Schwur
+bricht.“
+
+Lermina und Fonvielle legten ihre Hände in diejenige Varlins.
+
+„Wir schwören Verschwiegenheit,“ sprachen sie, „Tod dem, der diesen
+Schwur bricht.“
+
+Dann verschlossen sie sorgfältig alle Schubladen des großen Tisches, in
+welche sie vorher die von Raoul Rigault mitgebrachten Proben der
+Sprengbomben legten, verließen das als ein einfaches Versammlungslocal
+erscheinende Zimmer, ohne dessen Thür zu verschließen und gingen vor dem
+äußern Thor des Hauses nach verschiedenen Richtungen auseinander.
+
+Einige Augenblicke blieb der große dunkle Raum im tiefen Schweigen, dann
+ließ sich ein leises Geräusch vernehmen; — unter dem Tisch, an welchem
+die vier Verschwörer so eben gesessen hatten, drang ein Lichtstrahl
+hervor, eines der Bretter des Fußbodens erhob sich, aus der Öffnung
+stieg ein Mann mit einer kleinen Blendlaterne hervor. Er leuchtete mit
+dem hellen Strahl seiner Laterne nach allen Seiten in die Tiefe des
+Zimmers hinein, dann drückte er das erhobene Brett sorgfältig in seine
+alte Stelle zurück, scharrte etwas von dem auf dem Boden liegenden Staub
+in die Spalten, zog dann mehrere sauber gearbeitete Schlüsselhaken aus
+der Tasche und öffnete die Schublade des Tisches. Er nahm eine der
+Bomben und steckte sie in seine Tasche, dann zog er ein kleines
+Notizbuch hervor und schrieb beim Schein seiner Laterne einige Worte in
+dasselbe, indem er vor sich hinflüsterte.
+
+„Lepet, Gießer, — Beaury, Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig.“
+
+Dann ging er zur Thür, löschte seine Laterne aus, verließ leisen
+Schrittes den Hof und das Haus und begab sich ruhig, die damals so
+beliebte Melodie des Pompier de Nanterre vor sich hin pfeifend nach der
+Polizeipräfectur, wo er durch den Dienst thuenden Huissier sogleich in
+das Cabinet des Präfecten geführt wurde.
+
+
+
+
+Ende des zweiten Bandes.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgru� der Legionen, Zweiter
+Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13658 ***
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+++ b/old/13658-0.txt
@@ -0,0 +1,7273 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der Todesgru� der Legionen, Zweiter Band
+by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Der Todesgru� der Legionen, Zweiter Band
+
+Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+Release Date: October 6, 2004 [EBook #13658]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRU� DER LEGIONEN, ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders.
+
+
+
+
+Der Todesgruß der Legionen
+
+
+
+Zeit-Roman
+
+von
+
+Gregor Samarow.
+
+
+
+Zweiter Band.
+
+
+
+
+Berlin, 1874.
+
+Druck und Verlag von Otto Janke.
+
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+
+An demselben Abend befanden sich in dem Gartensalon des Hotels in der
+Rue Mansart, welches der Regierungsrath Meding, der Vertreter des Königs
+von Hannover bewohnte, zwei Personen im ernsten Gespräch.
+
+Herr Meding saß in einem Lehnstuhl zur Seite des runden Tisches, über
+dessen Mitte vom Plafond eine große Lampe mit breitem, flachem
+Glasschirm herabhing, — ihm gegenüber lehnte in einer Chaiselongue,
+welche neben dem hellen Feuer eines jener altfranzösischen großen Kamine
+stand, der Graf von Chaudordy, der frühere Cabinetsrath unter Drouyn de
+L'huys, welcher jetzt als Minister plenipotentiaire zur Disposition
+gestellt war, sich aber stets im regen Verkehr mit der politischen Welt
+befand und eine neue Verwendung in der Diplomatie erwartete.
+
+„Ich bedauere,“ sagte der Graf, „daß aus dem Project, Ihren emigrirten
+Landsleuten eine Colonie in Algier zu gründen, Nichts werden soll. Man
+hat sich hier allgemein so lebhaft dafür interessirt, und den armen
+Leuten, welche nun doch einmal ihr Vaterland verloren haben, würde dort
+Gelegenheit geboten worden sein, sich eine neue Existenz und vielleicht
+einen werthvollen Besitz zu schaffen; wir aber hätten durch so fleißige
+und tüchtige Colonisten für die öconomische Verwaltung Algiers viel
+gewonnen.“
+
+„Ich habe noch vor Kurzem,“ erwiderte Herr Meding, „mit dem Herrn Faré,
+dem Director im Ministerium der Finanzen, unter dem die algerische
+Verwaltung steht, und welcher lange Zeit die Civiladministration bei dem
+Marschall Mac Mahon geführt, ausführlich gesprochen — auch der Marschall
+selbst, mit dem ich darüber conferirte, war, obwohl er eigentlich der
+civilen Colonisation Algeriens nicht besonders günstig ist, doch bereit,
+Alles für meine Landsleute zu thun, wozu er auch vom Kaiser noch ganz
+besonders aufgefordert ist, — die Leute selbst wollen sehr gern nach
+Algerien, allein Seine Majestät hat dennoch das Project definitiv wieder
+aufgegeben.“
+
+„Ich begreife nicht warum,“ erwiderte der Graf von Chaudordy, „wenn der
+König daran denkt, jemals wieder für sein Recht unter irgend welchen
+Constellationen zu kämpfen, so muß er sich doch vor Allem diejenigen
+Leute erhalten, welche im Stande sind, ihm den Kern einer Armee zu
+bilden, die er dann durch weitere Emigranten oder durch Werbungen
+ergänzen könnte.“
+
+„Es scheint,“ erwiderte Herr Meding, „daß im Lande Hannover selbst sehr
+falsche Ideen über das Colonisationsproject verbreitet worden sind und
+daß der König in Rücksicht auf die allgemeine Abneigung, welche sich
+dort gegen dasselbe kund giebt, davon wieder Abstand genommen hat. Ich
+bedauere sehr,“ fuhr er fort, „daß man unter diesen Verhältnissen die
+Sache überhaupt angeregt hat. Ich komme hier dem Kaiser und der
+Regierung gegenüber in eine eigenthümliche Lage. Ich habe die
+Verhandlungen in Folge der vielfachen dringenden Depeschen des Grafen
+Platen so energisch als möglich betrieben und nun, nachdem alle
+Verhältnisse schon fast geordnet waren, wird die Sache wieder aufgegeben
+und zwar — wie Graf Platen angiebt — weil die Aufstellung einer
+hannöverschen Armee auf dem algerischen Territorium nicht thunlich sei.
+Ich verstehe eigentlich nicht, was man damit meint — doch gleichviel, die
+Sache ist aufgegeben, die Emigration wird aufgelöst werden und damit
+ist, wie ich glaube, die Sache des Königs und der Kampf für dieselbe
+auch zu Ende. Denn wenn einmal Diejenigen, welche in jahrelangem Exil
+dem König treu geblieben sind, in alle Welt zerstreut werden, so wird
+das Volk in Hannover den Eindruck gewinnen, daß nunmehr der König die
+neue Ordnung der Dinge anerkannt habe.“
+
+„Es wäre vielleicht das Beste,“ erwiderte der Graf von Chaudordy, „wenn
+der König dies einfach thäte, sich in den Besitz seines großen Vermögens
+brächte und sich nach England zurückzöge, wo er ja immer eine große und
+ehrenvolle Stellung behält. Ich habe Ihnen schon früher gesagt,“ fuhr er
+fort, „daß ich wenig Chancen für den König zu sehen vermöchte, wenn es
+ihm nicht gelingen könnte, in Deutschland selbst sich eine große und
+mächtige Partei zu schaffen, welche in einem gegebenen Augenblick im
+Stande wäre, eine ernste und nachdrückliche Bewegung für ihn zu
+organisiren. Von Seiten der Cabinette wird Nichts für ihn geschehen; er
+hätte sich müssen eine Stellung schaffen, daß im Fall einer großen
+Katastrophe die Regierungen gezwungen gewesen wären, mit ihm zu
+rechnen.“
+
+„Das ist aber Alles leider nicht geschehen,“ sagte Herr Meding, „alle
+Anläufe, die dazu genommen wurden, sind eben Anläufe geblieben und wie
+das leider so oft an depossedirten Höfen der Fall ist, die ganze
+Thätigkeit hat sich in kleine und kleinliche Intriguen ausgelöst. Ich
+bin hier schon lange in einer mehr als peinlichen Situation, um so mehr
+als Graf Platen — wie Sie ja wissen, den Grafen Breda hierher geschickt
+hat, welcher als geheimer Agent des Königs figurirt, obwohl Seine
+Majestät mir persönlich versichert hat, ihn gar nicht zu kennen, und
+dessen eigenthümliche Thätigkeit die Sache des Königs mehr und mehr
+discreditirt. Ich würde für meine Person nicht unzufrieden sein, wenn
+diese ganze Unruhe ein Ende nehme und wenn nur für das ganze Welfenhaus
+eine sichere und würdige Zukunft geschaffen werden könnte. Doch müßte
+man sich in Hietzing klar werden, was man will — Eins oder das Andere,
+entweder den Frieden oder einen so festen und energischen Krieg, daß man
+gefürchtet bleibt und im gegebenen Augenblick die Macht des Handelns
+behält. Es scheint aber, daß überall in der Welt heute der Entschluß und
+die Thatkraft verschwindet. Denn ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß
+ich auch hier bei Ihnen nicht mehr verstehen kann, wo man denn
+eigentlich hinaus will und was man beabsichtigt.“
+
+Der Graf Chaudordy seufzte.
+
+„In der That,“ sagte er, „häuft man hier Fehler auf Fehler. Ich
+fürchte, daß sich das eines Tages bitter rächen wird; ich bin mit Herz
+und Seele Franzose und bin dem Kaiser und dem Kaiserreich aufrichtig
+ergeben, aber für die Dynastie sehe ich in der Art und Weise, wie man
+hier die Geschäfte behandelt, wenig erfreuliche Aussichten für die
+Zukunft. Unsere Fehler beginnen von 1866; nachdem sich der Kaiser damals
+zu keinem Entschluß aufraffen konnte, mußte er dahin gedrängt werden,
+größere Freiheiten zu geben. Er hat sich auch dazu nur langsam und fast
+zu spät entschließen können, und da er diesen Entschluß so lange
+hinausgeschoben hat, so wird er nun gezwungen werden endlich den Krieg
+zu machen, welcher der größte Fehler sein wird.“
+
+„Sie hätten also gewollt,“ fragte Herr Meding, „daß der Kaiser im Jahre
+1866 entschieden für Oesterreich hätte Partei nehmen sollen?“
+
+Der Graf Chaudordy blickte ihn groß an.
+
+„Nein,“ sagte er, „nicht für Oesterreich; ich habe Herrn von Bismarck
+immer für sehr stark gehalten, ich habe Preußens Ueberlegenheit über
+Oesterreich nie bezweifelt und Oesterreichs Niederlage vorher gesehen.
+Nach meiner Ueberlegung hätte der Kaiser damals — und zwar vor dem
+Kriege — eine feste und entschiedene Alliance mit Preußen machen müssen,
+um aus derselben alle die Vortheile für Frankreich zu ziehen, welche das
+siegreiche Preußen ihm nach dem Kriege nicht mehr gewährte. Auch heute
+noch wäre es das einzig Richtige, um jeden Preis eine aufrichtige
+Verständigung mit Preußen zu suchen — das ist die einzige Macht, mit
+welcher wir eine nützliche und starke Alliance schließen können, und
+wenn wir diese Alliance nicht schließen, so werden wir ihr und zwar in
+kurzer Zeit in einem furchtbaren und gewaltigen Krieg isolirt
+entgegentreten müssen.“
+
+„Man rechnet aber doch,“ warf Herr Meding ein, „sehr erheblich auf
+Oesterreich und Italien — Sie kennen gewiß die Negotiationen, welche in
+diesem Augenblick im Gange sind, um einen Coalitionsvertrag mit den
+beiden Mächten zu schließen. Wie man mir erzählt, soll die Sache sehr
+weit gediehen sein und man verspricht sich hier sehr viel davon.“
+
+„Das wird Alles zu Nichts führen,“ sagte der Graf von Chaudordy. „Auch
+in dieser Richtung hin hat man einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt,
+in Herrn von Beust, an dessen Erhebung zum Minister in Oesterreich der
+Kaiser großen Antheil hat, einen entschiedenen Alliirten zu finden, — man
+hat sich getäuscht und hätte dies sogleich erkennen sollen, als die
+neue österreichische Regierung statt ihre ganze Kraft militairischen
+Rüstungen zu widmen, sich mit Verfassungsfragen zu beschäftigen begann.
+Wie ist es denn möglich, sich jetzt auf dieses Oesterreich zu stützen,
+welches keine Armee und kein Geld hat und uns im entscheidenden
+Augenblick um so mehr im Stich lassen wird, als die entscheidende
+Leitung der dortigen Politik täglich mehr in die Hände Ungarns übergeht.
+
+„Der Kaiser erkennt das Alles sehr gut,“ fuhr er fort, „aber er ist
+nicht mehr der er war und zwischen den verschiedensten, heterogensten
+Entschlüssen hin- und herschwankend wird er endlich dahin gedrängt
+werden, gänzlich isolirt und ohne alle Alliancen den Krieg zu machen,
+der kaum mit einem entscheidenden Siege für Frankreich enden wird, und
+der uns leicht in eine unendliche innere Verwirrung stürzen kann, auch
+giebt man alle Gründe, um vernünftiger Weise dort den Krieg
+vorzubereiten, aus der Hand. Man hat den Prager Frieden so lange
+verletzen lassen, daß es fast lächerlich sein würde, heute noch
+kategorisch dessen Erfüllung zu fordern. Jetzt läßt man die Bewegungen
+in Baden und Süddeutschland wieder ohne Beachtung und Unterstützung, — es
+wäre so leicht — und man hat uns darüber Mittheilungen gemacht, eine
+Volksbewegung in Baden gegen den von der dortigen Regierung
+projectirten Anschluß an Preußen zu erregen und dadurch die deutsche
+Frage von Neuem zum Gegenstand der Aufmerksamkeit Europas zu machen.
+Dann hätte Frankreich einen Interventionsgrund und eine ganz
+vortreffliche Stellung der deutschen Nation gegenüber — läßt man die
+Ereignisse weiter gehen, läßt man den Widerstand der süddeutschen
+Volkspartei brechen oder ermatten, dann wird man sich demnächst nicht
+mehr Preußen, sondern dem ganzen Deutschland gegenüber befinden, und das
+wird für uns die schlimmste und gefährlichste Position sein, in der wir
+uns befinden können. Es ist in der That ein Glück,“ sagte er lächelnd,
+„in diesem Augenblick von der Politik fern zu sein.“
+
+„Aber glauben Sie nicht,“ sagte Herr Meding, „daß Drouyn de L'huys, dem
+ja der Kaiser schon mehrfach das Portefeuille angeboten hat, doch
+endlich die Leitung der Angelegenheiten wieder übernehmen und größere
+Festigkeit und Klarheit in die französische Politik bringen werde?“
+
+Der Graf von Chaudordy schüttelte den Kopf.
+
+„Ich glaube nicht,“ sagte er, „daß Drouyn de L'huys sich jemals mit dem
+Kaiser definitiv verständigen wird. Drouyn de L'huys will den Frieden
+und der Kaiser kann sich nicht entschließen, weder ernsthaft den
+Frieden zu begründen, noch ernsthaft den Krieg zu machen — er läßt sich
+treiben und wird in den Krieg hineingedrängt werden, ohne es selbst zu
+wollen. Für Ihren König und dessen Sache wird es jedenfalls das Beste
+sein, wenn er einer solchen unklaren, verworrenen Katastrophe fern
+bleibt, um so mehr, wenn er selbst sich nicht zu klaren Entschlüssen
+erheben kann.“
+
+Der Kammerdiener öffnete die Thür.
+
+Herr von Düring, Herr von Tschirschnitz und die übrigen hannöverschen
+Officiere traten ein. Nach und nach kamen noch andere Herren, auch Herr
+Hansen erschien.
+
+Das Gespräch wurde allgemein; man unterhielt sich über die
+Tagesereignisse.
+
+„Wissen Sie, meine Herren,“ sagte Herr Hansen, „daß der Proceß des
+Prinzen Pierre Bonaparte beginnen wird? Wie ich höre, sind alle Juristen
+der Ansicht, daß der Prinz freigesprochen werden muß.“
+
+„Ich wüßte kaum,“ sagte der Graf von Chaudordy, „wie man ihn
+verurtheilen wollte. Wenn Jemand in seinem eigenen Zimmer insultirt und
+angegriffen wird — und Herr Fonvielle hat ja einen geladenen Revolver bei
+sich gehabt — so steht ihm doch unzweifelhaft das Recht zu, sich zu
+vertheidigen. Ich liebe den Prinzen Peter nicht, er ist eine unruhige,
+unberechenbare Natur und sein ganzes Leben, wie seine Person erregt
+wenig Sympathie, aber in dieser Sache kann man ihm keinen Vorwurf
+machen — doch ist das Alles sehr unangenehm für die Regierung — es ist,
+als ob Alles zusammenkäme, um die Stellung des Kaisers zu erschweren.
+Solche Processe mit oder ohne Schuld der Regierenden finden sich in der
+Geschichte immer vor großen Katastrophen.“
+
+„Der arme Victor Noir thut mir leid,“ sagte Herr Meding, „ich habe ihn
+gekannt, er war Redacteur an der ‚Situation‘ und Herr Grenier hat ihn
+mir zuweilen geschickt, um mir Mittheilungen zu machen. Ich habe immer
+eine Sympathie für ihn gehabt, er war eine gute kindliche Natur von
+harmloser Naivetät, man hat ihn zu dieser Demonstration gemißbraucht,
+und er ist das Opfer derselben geworden. Wie sieht es bei Ihnen aus,“
+fragte er, sich an einen jungen eleganten Herrn mit blassem Gesicht,
+schwarzem Haar und zierlichem kleinem Schnurrbart wendend, welcher so
+eben eingetreten war, „haben Sie bald einen König gefunden, oder glauben
+Sie es auf die Dauer mit der Republik versuchen zu können?“
+
+„Spanien erträgt dauernd kaum eine Republik,“ erwiderte Herr Angel de
+Miranda, der frühere Kammerherr der Königin Isabella, welcher
+gegenwärtig in Paris lebte und dort eine, zwar private, aber eifrige
+Thätigkeit für die provisorische Regierung Spaniens entwickelte. „Es hat
+viel dazu gehört, um die alte Monarchie zu zerstören, wir werden aber,“
+fuhr er mit geheimnißvoller Miene fort, „wie ich glaube, in nicht langer
+Zeit einen König finden und damit wird diese Revolution endlich zum
+Abschluß gelangen.“
+
+„Ich wünsche Ihnen das von Herzen,“ sagte Graf Chaudordy. „Für das ganze
+westliche Europa sind diese unsichern Zustände in Spanien vom
+schädlichsten Einfluß. Sie müssen übrigens,“ sagte er lächelnd, „eine
+kleine Neugier verzeihen, es interessirt mich in hohem Grade, wohin Sie
+die Blicke wohl gewendet haben könnten, um einen Herrscher für Ihr Land
+zu finden, — Sie haben da den Herzog von Montpensier, Sie haben den
+Prinzen von Asturien, Sie haben den Grafen von Montemolin, und wer weiß,
+ob nicht vielleicht der Marschall Prim, der schon einmal von einem
+kaiserlichen Diadem von Mexiko träumte, auch jetzt wieder daran denkt,
+die Gewalt fest zu halten, welche er ja durch die Armee bereits
+vorzugsweise sich zu eigen gemacht hat.“
+
+Angel de Miranda zuckte die Achseln.
+
+„Ich glaube kaum, daß Prim ähnliche Gedanken hegen könnte, er ist klug
+und weiß sehr gut, daß, wenn er vielleicht eine Zeit lang Dictator sein
+könnte, er doch niemals und zwar weder von der spanischen Grandezza,
+noch vom Volk als König acceptirt werden könnte. Ich glaube viel eher,
+daß er eine Zeit daran gedacht hat und vielleicht auch noch ein wenig
+daran denkt, den Prinzen von Asturien möglich zu machen, um dann an der
+Spitze einer Regentschaft als Majordomus die Macht in Händen zu
+behalten. Doch das Alles ist unpractisch, wir können in Spanien keinen
+König von den verschiedenen Bourbonenlinien gebrauchen, die Anhänger des
+Einen würden sich niemals den Anhängern des Andern unterwerfen wollen,
+das würde zu ewigen Bewegungen und Unruhen führen. Die einzige
+Möglichkeit dauernden innern Friedens liegt darin, einen fremden Fürsten
+zu finden, der dem Volk sympathisch ist —“
+
+„Und der vielleicht,“ fiel Herr Meding lächelnd ein, „irgend wie mit dem
+iberischen Einheitsgedanken in Verbindung stünde.“
+
+Betroffen blickte Angel de Miranda auf.
+
+„Dieser Gedanke,“ erwiderte er nach einem kurzen Stillschweigen, „ist
+heute wohl noch nicht reif. Doch liegt allerdings in ihm nach meiner
+Ueberzeugung die Zukunft der pyrenäischen Halbinsel.“
+
+Er trat zu einer andern Gruppe — nach einiger Zeit zog sich der Graf
+Chaudordy zurück, und nach einer Stunde leerte sich der Salon von den
+Besuchenden — nur die hannöverschen Officiere blieben zurück.
+
+„Nun, meine Herren,“ fragte der Regierungsrath Meding, „haben Sie
+Nachrichten, wie Ihre Vorstellungen in Hietzing aufgenommen worden sind,
+und haben Sie irgend welche Beschlüsse gefaßt über die Schritte, welche
+Sie demnächst thun wollen?“
+
+„Wir haben noch Nichts von Hietzing gehört,“ erwiderte Herr von
+Tschirschnitz. „Ich kann nicht zweifeln,“ fuhr er fort, „daß der König
+unsere Vorstellung ernstlich erwägen und berücksichtigen werde. Ich
+wenigstens bin fest entschlossen, bis auf den letzten Augenblick Alles
+aufzubieten, um das Schicksal der armen Emigrirten zu erleichtern und
+sie von völliger Isolirung im fremden Lande zu retten. Ich verstehe auch
+durchaus nicht, wie es möglich sein sollte, uns das zu verbieten. Die
+Mißverständnisse, welche da vorliegen, müssen sich ja aufklären.“
+
+„Man muß es hoffen,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „doch bin ich
+dessen nicht ganz gewiß, denn seit einiger Zeit scheinen sich um den
+König her lauter Mißverständnisse zu lagern. Sie erinnern sich, daß
+Herr von Münchhausen bei der Conferenz über das algerische
+Colonisationsproject, zu welcher er hierher gesendet wurde,
+Instructionen bei sich führte, welche, wie er sich selbst überzeugte,
+denjenigen, die mir ertheilt waren, vollständig widersprachen.“
+
+Rasch wurde die Thür geöffnet, der Lieutenant von Mengersen, ein großer,
+schlanker, junger Mann und der Lieutenant Heyse, eine ernste ruhige
+Erscheinung, traten ein.
+
+„Nun,“ rief Herr von Düring lebhaft, „Ihr seid wieder zurück? Was bringt
+Ihr? Hat sich Alles aufgeklärt?“
+
+„Nichts hat sich aufgeklärt,“ erwiderte Herr von Mengersen mit zornig
+bewegter Stimme, „der König hat uns gar nicht angenommen und uns den
+Befehl geschickt, auf der Stelle wieder zurückzureisen.“
+
+„Unglaublich,“ rief Herr von Düring.
+
+„Aber wahr,“ rief der Lieutenant Heyse im traurigen Ton, „es scheint,
+daß man eine vollständige chinesische Mauer um den König gezogen hat und
+daß Nichts, was von uns kommt, zu ihm dringen kann. Dagegen hat er den
+Feldwebel Stürmann gehört.“
+
+„Den Feldwebel Stürmann,“ rief Herr von Tschirschnitz, „und uns, seinen
+Officieren, verweigert er das Gehör! Das ist doch ein Affront für uns
+Alle, wie er stärker und kränkender nicht gedacht werden kann.“
+
+„Graf Platen ist am Tage vorher,“ sagte Herr von Mengersen, „bei
+Stürmann in seinem Gasthause in der Stadt gewesen und hat sehr lange mit
+ihm gesprochen, am andern Tage ist er dann nach Hietzing zum König
+gebracht worden.“
+
+„Und habt Ihr nicht gehört, was nun weiter geschehen soll,“ sagte Herr
+von Düring.
+
+„Mit uns zu gleicher Zeit,“ sagte der Lieutenant Heyse, „ist der Major
+von Adelebsen hierher abgereist, um das Commando zu übernehmen und die
+Legion aufzulösen. Es kommt nun darauf an, daß wir uns entschließen, was
+wir thun wollen für uns und für die Leute, denn auf Gehör beim König
+haben wir nicht mehr zu rechnen.“
+
+„Wir müssen uns fest verbinden,“ rief Herr von Tschirschnitz, „um Alles
+aufzubieten, damit die armen Emigranten noch einen Anhaltspunkt erhalten
+und nicht vereinsamt ihrem Schicksal überlassen bleiben. Ich hoffe, Sie
+werden uns darin unterstützen,“ sprach er zu dem Regierungsrath Meding
+gewendet.
+
+„Ich bedauere auf das Tiefste die Wendung, welche diese Sache genommen,“
+erwiderte dieser, „und die Unmöglichkeit mit irgend welchen
+Vorstellungen bis an Seine Majestät zu dringen, — ich bin aber hier als
+Vertreter des Königs und muß, so lange ich auf meinem Posten bin, jeden
+Befehl, den Seine Majestät mir ertheilen wird, ausführen; und ich rathe
+auch Ihnen, meine Herren, dringend, keinen Widerstand gegen die
+Ausführung der Befehle Seiner Majestät zu leisten, doch können Sie auf
+das Festeste auf meine Unterstützung dafür rechnen, daß den Emigranten
+nach Auflösung des Verbandes die Möglichkeit geboten werde, sich zu
+gegenseitiger Unterstützung zu vereinen und Unterkommen und Arbeit zu
+finden. Ich habe bereits in dieser Beziehung mit verschiedenen
+einflußreichen Personen Rücksprache genommen und mich ihrer Geneigtheit
+versichert, zu einem Comité de Patronage für die Emigrirten zusammen zu
+treten. Der Baron Thénard, welcher großen Einfluß in den Kreisen der
+Grundbesitzer hat und selbst ausgedehnte Güter besitzt, hat mir bereits
+zugesagt, mit in dieses Comité einzutreten, ebenso Herr Bocher, welcher
+in industriellen Kreisen viel Gelegenheit hat, den Emigrirten Arbeit zu
+schaffen. Ich habe bei der Wahl der Personen wesentlich darauf Rücksicht
+genommen, daß die ganze Sache gar keinen politischen Charakter habe, daß
+sie eine reine Wohlthätigkeitsangelenheit sei und denke nun noch einige
+Damen als Patronesses hinzuzuziehen. Ich zweifle nicht, daß wir dann
+binnen Kurzem für alle unsere Landsleute vollkommen ausreichende
+Beschäftigung haben werden. Auch für Diejenigen, welche etwa krank und
+arbeitsunfähig werden, wird sich dann eine reichliche Unterstützung
+ermöglichen lassen, wenn man einen Verband herstellt, in welchem Jeder
+seine Beiträge in eine Krankenkasse zahlt, für welche außerdem von allen
+Seiten reichliche Hülfsquellen sich öffnen werden. Lassen Sie also den
+Muth nicht sinken, wir werden ganz gewiß gut für die Leute zu sorgen im
+Stande sein. Sie, mein lieber Düring, und Sie, Herr von Tschirschnitz
+müssen dann mit mir in das Comité de Patronage eintreten und die innere
+Organisation des Hülfsverbandes der Emigranten übernehmen.“
+
+„Das ist eine vortreffliche Idee,“ rief Herr von Düring, „ich habe
+früher schon etwas Aehnliches überdacht und dazu einen Organisationsplan
+ausgearbeitet, den ich seiner Zeit auch dem König eingeschickt habe, den
+er aber wohl nicht beachtet zu haben scheint —“
+
+„Ich habe bereits dem Könige,“ sagte der Regierungsrath Meding, „von
+diesem Plan und den für die Bildung des Comité de Patronage gethanen
+Schritten Mittheilung gemacht. Durch dies Comité könnte dann auch für
+Diejenigen, welche so gern nach Algier gehen wollen, ohne daß der König
+irgendwie dabei betheiligt ist, dort eine vortheilhafte Niederlassung
+vermittelt werden; damit würde der Wunsch der Leute erfüllt und zugleich
+jede Betheiligung des Königs dabei ausgeschlossen, welche Seiner
+Majestät wegen der Stimmung in Hannover unerwünscht ist. Ich bitte Sie
+also nochmals, meine Herren, legen Sie den Schritten des Herrn von
+Adelebsen zur Auflösung der Legion keine Schwierigkeiten in den Weg.
+Lassen Sie diesen Herrn ruhig ausführen, was ihm vom Könige oder von wem
+es sonst sei, aufgetragen ist, und helfen Sie mir dafür sorgen, daß
+unsere Landsleute, nachdem sie aus dem Verbande geschieden sind, einen
+Mittelpunkt finden, der ihnen Schutz und Beistand gewährt.“
+
+„Aber wie der König mit uns umgeht,“ rief Herr von Tschirschnitz, „so
+hätte er ja zur Zeit des Bestandes des Königreichs Hannover mit keinem
+Officier umzugehen das Recht gehabt. Mindestens hätten wir doch Gehör
+erlangen müssen, — dies ist ja geradezu asiatischer Despotismus.“
+
+„Meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „einem unglücklichen
+Fürsten gegenüber ist die Pflicht des Gehorsams doppelt stark, und
+vergessen Sie vor Allem nicht, daß wir Alle Vertreter einer Sache sind,
+welche den Blicken der ganzen Welt ausgesetzt ist. Wir haben für diese
+Sache gefochten nach allen Kräften, — man kann uns vorwerfen, daß es
+thöricht und unvernünftig gewesen sei, aber wenigstens haben wir für die
+Sache gethan, was überhaupt zu thun war. Wenn diese Sache zu Ende sein
+soll,“ fügte er noch ernster hinzu, „und ich glaube, daß sie zu Ende
+ist, so lassen Sie uns ihr den letzten Dienst erweisen, lassen wir sie
+mit Ehren untergehen, ohne daß wir der Welt das Schauspiel der inneren
+Zerrüttung und der Fäulniß, welche sie angefressen hat, und an welcher
+wir wenigstens keinen Theil haben, geben. Wir werden vielleicht in der
+Lage sein, unsere und der Emigranten Rechte scharf und nachdrücklich zu
+vertheidigen, aber so lange es möglich ist, darf auch in dieser
+Vertheidigung Nichts gegen den König unternommen werden, auf dem die
+Hand des Schicksals schwer genug ruht, und der stets auf unsere
+Ehrfurcht Anspruch haben wird. Und sollten wir je zu den äußersten
+Grenzen der Vertheidigung gedrängt werden, so müssen wir wenigstens vor
+der ganzen Welt beweisen können, daß wir dazu unwiderstehlich gezwungen
+worden sind.“
+
+„Aber man greift unsere Ehre an,“ rief Herr von Mengersen, „unserer
+Aller Ehre, denn was in Hietzing über uns gesprochen wird, davon hat man
+gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die
+unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo
+möglich in den welfischen Zeitungen Artikel über uns lesen.“
+
+„Seien Sie ganz ruhig, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding,
+„wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen würde, unsere Ehre
+anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Rücksichten bei
+Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene
+werden dem König gegenüber zu verantworten haben, was dann geschehen
+wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurück zu
+halten, der den König verletzen könnte.“
+
+„Jedenfalls,“ rief Herr von Düring, „werde ich meine Magazinbestände dem
+Herrn von Adelebsen nicht überliefern, ohne eine vollgültige Decharge
+vom Könige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man
+mir noch immer nicht gegeben hat.“
+
+Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig,
+mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fünfzig Jahren von
+auffallender Häßlichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer
+vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schädel in das Zimmer.
+Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Höflichkeit nach allen
+Seiten, näherte sich dann in beinahe demüthiger, unterwürfiger Haltung
+dem Regierungsrath Meding und überreichte ihm ein großes, versiegeltes
+Schreiben.
+
+„Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist,“ sagte er.
+
+Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher
+langsam das Schreiben öffnete und den Inhalt durchlas.
+
+„Der Major von Adelebsen ist angekommen,“ sagte der Legationskanzlist
+Hattensauer, während Herr Meding las, „er hat diese Depesche mitgebracht
+und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen.“
+
+Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende
+gelesen, zusammen; ein trauriges Lächeln spielte um seinen Mund.
+
+„Nun,“ rief Herr von Düring, „haben Sie irgend welches Licht in der
+Sache erhalten?“
+
+„Der König,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „findet meine
+Bemühungen für die Herstellung eines Comité de Patronage, da dasselbe
+auch für eine Colonie in Algerien wirken könne, nicht vereinbar mit
+seinen Beschlüssen, nach welchen er aus militairischen Gründen die
+Gründung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb,
+aus dem Comité auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz
+zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist
+übrigens,“ fuhr er fort, „abermals eine Antwort auf etwas durchaus
+Anderes, als ich geschrieben und außerdem von einer beinah unglaublichen
+Stylisirung und Logik.“
+
+„Unerhört!“ riefen die Officiere.
+
+„Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?“ fragte Herr von Düring.
+
+„Ganz gewiß,“ erwiderte der Regierungsrath Meding, „ich stehe noch im
+Dienste des Königs und muß seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, daß sie
+mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin
+Nichts ändern, die Verantwortung für ihr Schicksal trifft mich nicht.“
+
+„Ich habe auch noch Briefe für Herrn von Düring und für Herrn von
+Tschirschnitz,“ sagte Hattensauer, indem er sich demüthig gebeugt den
+beiden Herren näherte und jedem ein Schreiben übergab, welches dieselben
+schnell öffneten und durchflogen.
+
+„Ich bin nach Bern verbannt,“ sagte Herr von Düring.
+
+„Und ich nach Basel!“ rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. „Die
+Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing für die
+Gebieter der Welt zu halten.“
+
+„Haben Sie Nichts für mich?“ rief Herr von Mengersen, zu Herrn
+Hattensauer sich wendend, „vielleicht hat man mich nach Sibirien
+verbannt.“
+
+„Nun, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath Meding, „so müssen wir
+denn die Hannoveraner ihrem Schicksal überlassen, ich werde noch das
+Möglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen.
+Jedenfalls haben wir für sie gethan, was in unsern Kräften stand. Und
+nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir können
+sagen: ‚Finita la commedia‘. Morgen wollen wir überlegen, was weiter zu
+thun ist, und,“ sagte er lächelnd zu Herrn von Düring und Herrn von
+Tschirschnitz, „unsere Reisevorbereitungen treffen.“
+
+
+
+
+Zweites Capitel
+
+
+Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des
+Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet.
+
+Der Graf saß in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurückgelehnt,
+die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im
+Militairüberrock, — die Züge seines Gesichts waren stärker geworden und
+drückten noch mehr als früher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das
+Haar an seinen Schläfen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und
+mehr weiß gefärbt, ohne daß dadurch sein Gesicht älter erschien, — der
+frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und
+drohend, bald tief und gemüthvoll blickten, gab seiner ganzen
+Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit.
+
+Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand,
+der Legationsrath Bucher.
+
+Sein kränkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden
+kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf
+vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck
+gegenüber fast winzig erschien, — seine etwas gebückte Haltung, — das
+Alles gab der Erscheinung dieses merkwürdigen Mannes, der früher seiner
+politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das
+Vertrauen des großen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten
+gewußt hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus
+eines Bureaukraten und eines Professors.
+
+„Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen,“ fragte der Graf — ‚l'oeuvre
+de Monsieur de Bismarck‘ — es wird in Paris viel besprochen —“
+
+„Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen,“ bemerkte
+der Legationsrath, „es enthält viel Interessantes und manche sehr
+bemerkenswerthe Zeugnisse über das, was Herr Vilbort während des Krieges
+von 1866 selbst gesehen und erlebt hat. — Ob freilich Alles das wahr ist,
+was Vilbort über die Aeußerungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm
+selbst gegenüber gemacht haben, das müssen Sie selbst besser beurteilen
+können, als ich —“
+
+„Im Allgemeinen,“ sagte Graf Bismarck, „so weit ich das Buch zu
+durchblättern Zeit gefunden habe, — giebt er meine Aeußerungen richtig
+wieder, — und das ist schon sehr viel. — So oft man mit einem Journalisten
+spricht, muß man sich gefallen lassen, daß er Alles, was man gesagt oder
+nicht gesagt hat, wiedererzählt, wie er es aufgefaßt hat, — oder wie er
+es aufgefaßt zu sehen wünscht, — das hindert mich übrigens nicht,“ fuhr
+er fort, „mich ganz freimüthig und offen gegen diese Herren
+auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen; — ich
+halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem
+Berge, — die ängstliche Geheimnißkrämerei der alten Diplomatie hat keinen
+Sinn mehr in unserer Zeit, — freilich muß ich dann auch die öffentliche
+Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und, — Gott sei
+Dank, — dafür habe ich ganz gesunde Nerven.“
+
+„Herr Vilbort,“ sagte der Legationsrath Bucher, „scheint mir durch die
+Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenüber ausgesprochen
+haben, etwas eitel geworden zu sein; — er hält sich für einen
+Geschichtschreiber, — und das ist er in der That nicht, — auch geht durch
+sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern über den Krieg, der
+doch, da die Conflicte einmal unlösbar geworden, eine Nothwendigkeit
+war.“
+
+„Diese Richtung des Buches,“ fiel Graf Bismarck ein, „das jedenfalls in
+Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten
+unangenehm, — die Franzosen können in der That eine Warnung vor den
+traurigen Folgen eines großen Krieges brauchen, — es scheint, daß dort
+wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und daß man die Geister für einen
+Krieg vorbereitet, für den Fall, daß man der inneren Schwierigkeiten
+nicht Herr werden sollte.“
+
+„Glauben Eure Excellenz wirklich,“ fragte der Legationsrath, „daß man in
+Paris ernstlich an einen Krieg denken könnte, — gerade jetzt in dem
+Augenblicke, in welchem die Zügel des persönlichen Regiments gelockert
+sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens,
+Minister geworden ist?“
+
+„Die Berichte aus Paris,“ sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken,
+„sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung, — ich glaube
+auch, daß der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden
+sehnt, — schon um persönlich Ruhe zu haben, — aber Alles,“ fuhr er fort,
+„was dort geschieht, kann zu irgend einem plötzlichen Ausbruch führen,
+auf den wir heute mehr als je gefaßt sein müssen.
+
+„Sehen Sie,“ sprach er nach kurzem Nachdenken, während er die Augen
+sinnend emporschlug, „dieser unglückliche Pistolenschuß, der Victor Noir
+tödtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung
+Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles
+bricht über das Kaiserreich herein, — das ist ein furchtbares
+Verhängniß, — und das constitutionelle Regiment kann die immer höher
+aufwallenden Wogen nicht beschwören. Die Coterie des Krieges, welche
+durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder
+herstellen will, gewinnt an Boden, — der Kaiser ist schwach, — wird man
+ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeußerste zu wagen, um den
+festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm täglich mehr unter den Füßen
+verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwäche, denn die
+Schwäche ist tollkühner als die Kraft.
+
+„Für uns,“ fuhr der Graf fort, „ist der Krieg um so weniger zu fürchten,
+je mehr die innere Kraft Frankreichs täglich zersetzt wird, — aber der
+arme Kaiser thut mir leid, — es ist doch eine groß angelegte und im
+Grunde gute Natur, — und für Europa ist das Kaiserreich eine
+Wohlthat, — denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gährenden Elemente
+in Frankreich wieder entfesselt würden!
+
+„Man hat mir da,“ fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem
+Schreibtisch nahm, „einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in welchem
+dieser thätige Agent der Internationale und Secretair von Carl Marx
+in London dem Comité in Genf auseinandersetzt, daß die Zeit
+gekommen sei, in welcher der action sécrète et souterraine die
+allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen müsse.
+Merkwürdigerweise,“ sagte er, einen Blick in das Schriftstück werfend,
+„will Dupont den Ausgangspunkt dieser großen Revolution nach England
+verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei.“
+
+„England sei das einzige Land,“ fuhr er fort, „in welchem eine wirkliche
+socialistische Revolution gemacht werden könnte, das englische Volk aber
+könne diese Revolution nicht machen, Fremde müßten sie ihm machen und
+der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland.“
+
+Der Legationsrath Bucher lächelte. „Das sind Träumereien,“ sagte er,
+„wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen
+Resultaten zu führen.“
+
+„Die Ideen dieses Dupont sind Träumereien, — das ist ganz richtig,“ fiel
+Graf Bismarck ein, — „aber in Frankreich ist die Sache ernster, — dort
+haben die gemäßigten Mitglieder der Internationale vollständig die
+Führung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die
+Arbeiterbevölkerung, — bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune
+proclamirt werden. — Das Alles gährt um den Kaiser herauf und kann ihn
+eines Tages dazu drängen, einen Verzweiflungscoup zu machen; — wir müssen
+von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefaßt sein.“
+
+„Die Elemente der Gährung,“ sagte der Legationsrath, „von denen Eure
+Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern
+erfüllen die ganze Welt, — auch unter den deutschen Arbeitern macht die
+Internationale Fortschritte, — ich glaube, daß die Regierungen zu dieser
+Frage Stellung nehmen müssen.“
+
+„Das sagt mir auch Wagner,“ rief Graf Bismarck, — „aber welche Stellung
+soll man dazu nehmen? — Die alten Parteibildungen beginnen sich zu
+zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den
+neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten, — und
+gerade dieser socialen Frage gegenüber müßte doch die Regierung sich auf
+eine im Volke selbst wurzelnde Partei stützen. — Das wäre eine Aufgabe
+für die Conservativen,“ sagte er sinnend, — „aber leider verlieren gerade
+diese sich immer mehr in unmögliche und unpraktische Theorien.“
+
+„Nun,“ fuhr er fort, — „wir müssen darüber nachdenken, — jetzt will ich
+ein wenig hören, was die auswärtige Politik macht.“
+
+Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und
+dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurück.
+
+„Ist Jemand im Vorzimmer?“ fragte Graf Bismarck den Kammerdiener,
+welcher auf seinen starken Glockenzug erschien.
+
+„Der englische Botschafter, Excellenz.“
+
+„Ich lasse bitten.“
+
+Der Minister-Präsident erhob sich und machte einige Schritte nach der
+Thür, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestät
+der Königin Victoria am preußischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde,
+in das Cabinet trat.
+
+Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen
+Gesichtszügen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Würde
+und Zurückhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des
+Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preußischen
+Minister-Präsidenten gegenüber vor den großen Schreibtisch in der Mitte
+des geräumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen
+gleichgültigen Begrüßungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach
+einem kurzen Räuspern:
+
+„Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestät darauf
+bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle
+Ursachen des Mißtrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem
+Frieden Europas gefährlich werden könnten.“
+
+Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine große
+Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte
+er im höflichsten Ton einer gleichgültigen Conversation:
+
+„Die Regierung Ihrer Majestät ist in diesem Bestreben vollkommen von
+denselben Wünschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl,
+wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue
+mich, von Neuem zu constatiren, daß gerade durch diese allseitigen
+Wünsche die beste Garantie für die Erhaltung des europäischen Friedens
+gewährt wird.“
+
+Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt.
+
+„Die guten Wünsche aller europäischen Regierungen,“ sagte er, „sind
+gewiß eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen,“ fuhr er
+ein wenig zögernd fort, „um eine wirklich praktische und vor allen
+Dingen dauernde Basis für die internationale Ruhe und Stabilität zu
+schaffen, wird es vor Allem noch nöthig sein, concrete Gründe
+gegenseitigen Mißtrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen.“
+
+„Ich wüßte in der That nicht,“ sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie
+erstaunt anblickend, „daß in diesem Augenblick irgend welche Fragen
+beständen, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu
+bringen vermöchten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie
+versichern, daß wir wenigstens mit keinem europäischen Cabinet in
+Erörterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte berühren.“
+
+„Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin,“ erwiderte Lord Loftus,
+„auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwärtig zur
+Erörterung ständen und zu Differenzen führen könnten, ich dachte
+vielmehr an thatsächliche Verhältnisse, welche vielleicht weniger ein
+Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Mißtrauens sind und deren
+Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas
+liegen möchte.“
+
+„Und welche thatsächliche Verhältnisse meinen Sie?“ fragte Graf Bismarck
+mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem
+scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick.
+
+„Es ist eine Thatsache,“ sprach Lord Loftus weiter, „welche offen vor
+Europa da liegt, daß die französische Regierung in den letzten Jahren
+ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine
+außergewöhnliche Höhe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt,
+und Sie werden mir zugeben, daß es eine gewisse Besorgniß und
+Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europäischen
+Mächte bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüber stehen sieht.“
+
+„Es liegt ja aber,“ fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast
+gleichgültigen Ton ein, „zwischen Frankreich und uns durchaus keine
+Veranlassung zu irgend welchen Mißverständnissen vor; im Gegentheil kann
+ich Sie versichern, daß unsere Beziehungen zu Paris die besten und
+freundlichsten sind.“
+
+„Und doch stehen Sie sich,“ bemerkte Lord Loftus, „mit so übermäßig
+angespannten Militairkräften gegenüber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag
+den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen hätten. Dieser
+Zustand,“ fuhr er etwas lebhafter fort, „wenn er auch den Frieden nicht
+unmittelbar gefährdet, läßt doch Europa nicht zu sicherem Bewußtsein der
+Ruhe kommen, und ich glaube, daß besser als alle diplomatischen
+Versicherungen eine ernste und nachdrückliche Reducirung der unter den
+Waffen stehenden militairischen Streitkräfte alle die unruhigen
+Besorgnisse zerstreuen würde, welche angesichts des gegenwärtigen
+Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschäftswelt erfüllen, — wenn
+die Armeen Frankreichs und Preußens sich nicht mehr in voller
+Kriegsrüstung gegenüber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen
+können, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm
+lastet.“
+
+Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Züge nahmen einen ernsten
+Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und
+durchdringend auf den Botschafter und sagte dann:
+
+„Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben
+berührten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur
+Sprache zu bringen?“
+
+„Ich habe nicht den Auftrag,“ erwiderte der Lord, „bestimmte Anträge zu
+stellen, bestimmt formulirte Wünsche auszusprechen, — doch bin ich
+allerdings veranlaßt, die allgemeine Besorgniß, welche die
+militairischen Rüstungen in Frankreich und Deutschland der Regierung
+Ihrer Majestät einflößen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem
+Gedanken Ausdruck zu geben, daß Sie sowohl als die französische
+Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen großen Dienst leisten
+würden, wenn Sie sich geneigt finden ließen, im gleichen Verhältniß die
+unter den Waffen stehenden Streitkräfte zu reduciren und dadurch
+thatsächlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu
+erkennen zu geben. Würde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf
+diesen Ideengang einzugehen, so würde die Regierung Ihrer Majestät gern
+bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten
+Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Mächten eintreten zu
+lassen.“
+
+„Und wissen Sie,“ fragte Graf Bismarck, ohne daß ein Zug seines
+Gesichtes sich veränderte, „ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so
+eben auszusprechen die Güte haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenüber
+von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?“
+
+„Ich glaube, Ihnen mittheilen zu können,“ erwiderte Lord Loftus, „daß
+dies geschehen ist, und daß der Kaiser sich vollkommen bereit erklärt
+hat, seine kriegsbereiten Streitkräfte nach derselben Verhältnißzahl zu
+reduciren, welche von Ihnen angenommen werden möchte.“
+
+Ein feines, fast unmerkliches Lächeln flog über das Gesicht des Grafen
+Bismarck.
+
+„Es würde dann immer die Frage sein,“ sagte er in leichtem Ton, „wer
+denn mit der Abrüstung anzufangen hätte — und wer dieselbe controliren
+könnte, Fragen, an denen oft schon ähnliche Verhandlungen gescheitert
+sind, — doch,“ fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort,
+„ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie würde keine practische
+Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste
+erklären muß, daß ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in
+der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu können, und ich würde es
+bedauern, wenn ich in die Lage käme, der Regierung Ihrer Majestät auf
+eine directe Aeußerung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort
+geben zu müssen.“
+
+„So halten Sie es dennoch für möglich,“ fragte Lord Loftus, ein wenig
+erstaunt über diese so klare und bestimmte Erklärung, „daß aus den
+Fragen, welche gegenwärtig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher
+Richtung hin ein ernster Conflict entstehen könnte, der die Erhaltung
+einer solchen Waffenrüstung für Frankreich und für Preußen nöthig
+macht?“
+
+„Was Frankreich betrifft,“ erwiderte Graf Bismarck, „so habe ich darüber
+kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhältnissen
+gegenüber und mit Rücksicht auf seine sonstigen europäischen
+Beziehungen seine militairischen Streitkräfte vermindern zu können, so
+mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine
+Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich würde ihm
+indessen auf einem solchen Wege nicht folgen können, denn die größere
+oder geringere Stärke der preußischen Militairmacht beruht nicht in
+dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist
+eine Grundlage des preußischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen
+Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt
+werden. Ich bin aber von vorn herein überzeugt,“ fuhr er fort, „daß der
+König, mein allergnädigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja
+jede Erörterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen würde und
+ablehnen müßte. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche
+Verminderung der disponiblen Streitkräfte zu erreichen, müßte man die
+ganze Militairorganisation Preußens und des Norddeutschen Bundes ändern.
+Das ist schon verfassungsmäßig schwierig, ja beinahe unausführbar.
+Außerdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage,
+den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten muß, die preußische
+Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu
+gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist
+eine Art von hoher Schule für alle Klassen der Bevölkerung, eine Schule,
+in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfüllung
+lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung für den König
+und für das Land, in welcher der Patriotismus gekräftigt und zu vollem
+klarem Bewußtsein gebracht wird. Man könnte also die Wehrverfassung
+nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und
+der nationalen Einigkeit großen Schaden zu thun, ohne die Ueberzeugung
+des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der
+damit zusammenhängenden Stärke der Armee die beste Bürgschaft für die
+Sicherheit und Größe Preußens erblickt. Sie müssen begreifen, mein
+theurer Lord,“ fuhr er fort, „daß alle diese Gesichtspunkte es mir
+unmöglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu
+discutiren; — so lange ich Minister bin, würde ich eine solche Idee dem
+Könige nicht vorschlagen können, und jede weitere Erörterung des
+Gegenstandes würde zu gar keinem Resultat führen. Ich glaube, es ist der
+beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der größte Beweis
+aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestät, wenn
+ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen
+angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen
+gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch
+Ihrer Regierung keinen Zweifel über dieselbe zu lassen.“
+
+Lord Loftus verneigte sich und sprach:
+
+„Ich erkenne vollkommen das Gewicht der Gründe an, welche Sie mir
+angeben und werde dieselben dem auswärtigen Amt zur Kenntniß bringen.
+Ich bedaure,“ fuhr er fort, „daß Ihre Mittheilungen mich von der
+Unmöglichkeit überzeugt haben, den auf Europa lastenden Zustand
+ängstlicher Besorgniß durch ein einfaches Mittel zu beseitigen.“
+
+„Ich begreife nicht, mein lieber Lord,“ sagte Graf Bismarck, „warum Sie
+von Kriegsbesorgnissen sprechen? Ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich
+keine Frage sehe, welche dazu Veranlassung bieten könnte; — wenn einige
+chauvinistische Blätter in Frankreich nicht aufhören, die Welt von Zeit
+zu Zeit zu beunruhigen, so kann das doch keinen Einfluß auf die
+Cabinette der Großmächte haben. Mag sich die Börse hin und wieder
+darüber erschrecken, wir sollten uns dadurch doch in der That keinen
+Augenblick aus der Ruhe bringen lassen. Vor Allem,“ fuhr er mit
+volltönender Stimme fort, „können derartige auf keinen concreten
+Gründen beruhende Besorgnisse niemals der Grund sein, daß eine mit dem
+Ausbau ihrer innern Angelegenheiten beschäftigte, alle Verträge
+respectirende und mit aller Welt im Frieden lebende Macht ihre
+langjährige und bewährte Militairverfassung ändern sollte, eine
+Militairverfassung, auf welcher die Sicherheit beruht, die friedliche
+und selbstständige innere Entwickelung nöthigenfalls gegen jede Störung
+schützen zu können.“
+
+„Apropos, haben Sie Nachricht vom König Georg?“ fragte Graf Bismarck,
+als Lord Loftus sich erhob, um sich zu verschieden. „Man theilt mir mit,
+daß er diese unglückliche Legion in Frankreich, welche ihm so viel Geld
+kostet, und welche doch in der That sehr wenig geeignet ist, um Hannover
+wieder von uns zu erobern, jetzt auseinander schickt. Mir thun die armen
+Leute leid, welche durch dies ganze abenteuerliche Unternehmen ihrem
+Vaterlande und ihren Familien entzogen sind.“
+
+„Wenn der König seinen Widerstand aufgiebt,“ sagte Lord Loftus, „sollte
+es dann nicht möglich sein, ihm den Genuß seines Vermögens wieder zu
+geben, welches ihm entzogen ist? Ich weiß, daß der Herzog von Cambridge
+als nächster Agnat sehr viel Antheil an dieser Angelegenheit nimmt, und
+es wäre in der That erwünscht, wenn sie in befriedigender Weise geordnet
+werden könnte.“
+
+„Niemand wünscht das lebhafter als ich,“ rief Graf Bismarck, „wir haben
+im Interesse der Sicherheit Preußens dem Könige sein Land nehmen müssen,
+aber sowohl mein allergnädigster Herr wie ich selbst wünschen gewiß auf
+das Dringendste, daß dem alten, hochberühmten und edlen Welfenhause auch
+in seiner hannöverschen Linie für die Zukunft eine große und würdige
+Existenz gesichert bleibe. Aber,“ fuhr er fort, „wenn der König einfach
+seine Legion entläßt, weil er sie nicht bezahlen kann, ohne mit seinen
+übrigen Agitationen aufzuhören, ohne den Frieden mit uns zu machen, so
+können wir ihm doch wahrlich nicht die Mittel dazu in die Hände geben.
+Ich muß bekennen, daß mir diese Legion weniger beachtungswerth
+erschienen ist, als andere Agitationen des Königs, welche sich der
+Oeffentlichkeit mehr entziehen und für welche ich,“ sagte er mit
+entschiedener Betonung, „niemals die Mittel zur Verfügung stellen kann.
+Will sich der König in die Notwendigkeit der Verhältnisse fügen, will er
+mit uns Frieden schließen, so wird er dafür gewiß das bereitere
+Entgegenkommen finden, und wenn der Herzog von Cambridge sich dafür
+interessirt, so wird er dem König Georg und dessen ganzem Hause gewiß
+den besten Dienst leisten, wenn er seinen Einfluß anwendet, um ihn zu
+einem definitiven und aufrichtigen Frieden zu veranlassen.“
+
+„Ich werde,“ sagte Lord Loftus, „wenn sich mir die Gelegenheit bietet,
+versuchen, in diesem Sinne zu wirken, — ich glaube, daß der Herzog von
+Cambridge gern die Hand dazu bieten wird, doch ob mit Erfolg, das
+scheint mir bei dem Charakter des Königs zweifelhaft. Jedenfalls ist
+meine ganze Thätigkeit in dieser Angelegenheit eine ausschließlich
+private, hervorgehend aus dem natürlichen Interesse, welches ich für den
+erlauchten Vetter meiner Königin hege; als Vertreter der englischen
+Regierung habe ich mit der ganzen Angelegenheit nicht das Geringste zu
+thun.“
+
+Er erwiderte mit einer etwas steifen Verbeugung den Händedruck des
+Grafen Bismarck, welcher ihn nach der Thür hin begleitete, und verließ
+das Cabinet.
+
+In dem großen Vorsaal saß in einem Lehnstuhl die schmächtige, magere
+Gestalt des Grafen Benedetti mit dem bleichen, fein geschnittenen
+Gesicht, dessen Züge trotz der listigen Intelligenz, welche in ihnen
+lag, dennoch niemals einen bestimmten Ausdruck erkennen ließen.
+
+Der Graf erhob sich und begrüßte den englischen Collegen.
+
+„Nun,“ sagte er, „haben Sie Ihre Entwaffnungstheorie discutirt, über
+welche wir gestern sprachen, und von welcher ich überzeugt bin, daß sie
+in Paris das bereitwilligste Entgegenkommen finden wird?“
+
+„Ich habe darüber gesprochen,“ erwiderte Lord Loftus.
+
+„Und?“ fragte Benedetti.
+
+„Jede Discussion darüber ist auf das Bestimmteste abgelehnt, man wird
+das in London sehr bedauern, obgleich die Gründe dafür nicht ohne
+Berechtigung sind.“
+
+In den kalten klaren Augen Benedetti's erschien ein leichter Schimmer
+von Befriedigung, er schlug jedoch sogleich den Blick zu Boden und sagte
+mit ruhigem, fast ausdruckslosem Ton:
+
+„Wenn die Welt sich wegen der militairischen Rüstungen in Frankreich und
+Deutschland beunruhigt, so wird man nun wenigstens wissen, daß wir es
+nicht sind, die es verweigern zur Beseitigung dieser Unruhe beizutragen,
+welche übrigens,“ fügte er hinzu, „nach meiner Auffassung ohne
+Begründung ist.“
+
+Der Kammerdiener des Grafen Bismarck näherte sich dem französischen
+Botschafter mit der Meldung, daß der Minister-Präsident bereit sei, ihn
+zu empfangen.
+
+Graf Benedetti verabschiedete sich von Lord Loftus und trat in das
+Cabinet.
+
+„Nun,“ sagte Graf Bismarck, nachdem er ihn mit offener Herzlichkeit
+begrüßt hatte, „es scheint, daß man in Europa an den Frieden nicht recht
+glauben will. Man möchte aller Welt die Waffen aus den Händen nehmen und
+sie in irgend einem großen Arsenal aufbewahren, damit nur ja kein
+Mißbrauch damit geschieht. Soeben hat mir Lord Loftus wieder von
+Entwaffnungsideen gesprochen, welche sich ganz wesentlich auf uns
+beziehen, — ich begreife das in der That nicht,“ fuhr er ernster fort,
+„glaubt man denn, daß zwei große Mächte nur dann im Frieden neben
+einander leben können, wenn sie Beide nicht die Macht haben, Krieg zu
+führen? Ich habe nach meiner Ansicht mehr Vertrauen zur Erhaltung des
+allgemeinen Friedens, wenn alle Mächte stark und kräftig sind, sobald
+sie nur den aufrichtigen Willen haben, in guten Beziehungen mit einander
+zu leben. Ich weiß nicht, wie man bei Ihnen über die Möglichkeit einer
+Reduction der Armee denkt, bei uns ist dies unmöglich, und ich glaube
+auch, man wird an unsere friedlichen Absichten ohne Einschränkung
+unserer Armee glauben.“
+
+„Ich theile gewiß vollkommen Ihre Ansicht,“ sagte Graf Benedetti, indem
+er dem Minister-Präsidenten gegenüber vor dem Schreibtisch Platz nahm,
+„und bin weit entfernt, in einer starken Militairmacht zweier verständig
+regierten Staaten eine Gefahr für den Frieden zu erblicken. Indeß,“ fuhr
+er fort, „könnte die Idee einer theilweisen Entwaffnung dennoch
+vielleicht der Beachtung nicht ganz unwürdig sein, wenn man durch eine
+solche Maßregel der öffentlichen Meinung und den übrigen Mächten neues
+Vertrauen in die Stabilität der europäischen Ruhe und Ordnung einflößen
+kann. Von diesem Gesichtspunkt aus ist, wie ich voraussetzen darf, der
+Kaiser nicht abgeneigt, eine Reduction der militairischen Kräfte in
+Erwägung zu ziehen, wobei außerdem noch eine wesentliche Erleichterung
+des Volkes in Betracht kommt, die für die innere Stellung der
+Regierungen nicht unwesentlich ist.“
+
+„Diese Rücksicht würde bei uns von keiner Bedeutung sein,“ sagte Graf
+Bismarck, „unsere Militair-Verfassung ist mit dem Volke verwachsen, und
+Niemand im Volk verlangt eine Erleichterung der auf allen Schultern
+gleich vertheilten militairischen Pflichten.“
+
+Graf Benedetti sah einen Augenblick zu Boden, dann schlug er den Blick
+mit einer fast naiven Offenheit zu dem preußischen Minister-Präsidenten
+auf und sprach:
+
+„Ich bin natürlich nicht in der Lage, die inneren Verhältnisse bei
+Ihnen so eingehend zu beurtheilen, wie Sie dazu im Stande sind, da ich
+nur als Fremder in dieselben hineinblicke, — aber doch verfolge ich Ihr
+öffentliches Leben mit vielem Interesse und glaube bemerkt zu haben, daß
+in den Parteien Ihrer Parlamente die Frage der militairischen Lasten
+nicht ganz gleichgültig behandelt zu werden scheint. Nach der Zahl der
+Mannschaften und nach den finanziellen Mitteln ist der Verfassung gemäß
+der Militairetat auf eine Periode von fünf Jahren festgesetzt, welche im
+nächsten Jahr zu Ende geht; nach den Stimmen der Presse,“ fuhr er fort,
+„und nach dem, was ich hier und da über die Stimmung der Abgeordneten
+gehört habe, scheint das Parlament, wenn ihm im nächsten Jahre das
+Kriegsbudget vorgelegt wird, sehr geneigt zu sein, wesentliche
+Reductionen zu beschließen, welche gewissermaßen einer theilweisen
+Entwaffnung gleich kommen würden. Wenn ich mich in der Beurtheilung der
+hiesigen Verhältnisse nicht täusche,“ sprach er weiter, während Graf
+Bismarck zuhörte und von Zeit zu Zeit die Fingerspitzen an einander
+schlug, — „so bedürfen Sie, um das richtige Gleichgewicht zwischen der
+Regierung und dem Parlament zu erhalten, der Uebereinstimmung mit allen
+gemäßigten Nuancen der conservativen und liberalen Parteien. Würde es
+da nicht vielleicht ein gutes und willkommenes Auskunftsmittel sein, die
+Rücksichten auf die inneren Verhältnisse und diejenigen auf die
+auswärtigen Beziehungen zu vereinen durch eine auf diplomatischer
+Uebereinkunft beruhende Armeereduction? Sie würden die europäischen
+Mächte, England an der Spitze, verpflichten, die öffentliche Meinung
+beruhigen und vielleicht einer Verlegenheit entgehen, welche immerhin
+erwachsen könnte, wenn im nächsten Jahr Ihr Parlament erhebliche
+Reductionen des Militairbudgets beschließen sollte.“
+
+„Diese Verlegenheit,“ sagte Graf Bismarck, „kann nicht eintreten, und
+die Rücksicht, sie zu vermeiden, kann auf meine Beschlüsse keinen
+Einfluß üben.“
+
+„So glauben Sie,“ sagte der Graf Benedetti, „der Zustimmung der
+Parlamentsmajorität für das Militairbudget auch im nächsten Jahr
+vollkommen sicher zu sein? Sie verzeihen,“ fügte er hinzu, „daß ich über
+Ihre inneren Angelegenheiten mit Ihnen spreche; aber Sie wissen, wie
+sehr ich mich für dieselben interessire, und Sie haben mir früher schon
+öfter erlaubt, mich durch die Unterhaltung mit Ihnen über diese
+Verhältnisse zu belehren.“
+
+„Unsere inneren Angelegenheiten,“ erwiderte Graf Bismarck, artig den
+Kopf neigend, „liegen ja offen da, und es ist mir immer erfreulich und
+kann nur zu immer größerer Klärung meiner eigenen Anschauung dienen,
+mich mit Ihnen über dieselben zu unterhalten. Sie fragten also,“ fuhr er
+fort, „ob ich der Zustimmung des Parlaments zum bisherigen
+Militairbudget im nächsten Jahre sicher sei? Darauf kann ich Ihnen nur
+antworten: das weiß ich nicht, denn parlamentarische Majoritäten sind
+Dinge, die sich nicht vorher berechnen lassen; doch mag dem sein, wie
+ihm wolle, eine Verlegenheit, wie Sie dieselbe vorher andeuteten, kann
+für mich nach dieser Richtung hin niemals entstehen. Wenn Sie unsere
+Verfassung genau studirt haben,“ sagte er mit einer kaum vernehmbaren
+Nuance von Ironie in seiner Stimme, „wie ich nach Ihren Bemerkungen
+voraussetze, so werden Sie gesehen haben, daß der Artikel 60 — nach der
+Festsetzung der Friedensstärke in der Armee bis zum 31. Dezember
+1871 — weiter bestimmt, daß für die Zukunft die Effectivstärke durch die
+Bundesgesetzgebung bestimmt werden soll. Wenn also, was ich nicht
+voraussetzen will, aber auch ebenso wenig für unmöglich erklären kann,
+der Norddeutsche Reichstag im nächsten Jahre das von den verbündeten
+Regierungen vorgelegte Militairbudget nicht annimmt, so ist eben ein
+neues Gesetz nicht zu Stande gekommen, und selbstverständlich gilt dann
+das bisher bestandene Gesetz so lange, bis früher oder später über das
+an seine Stelle zu setzende zwischen den Volksvertretern und den
+Regierungen eine Verständigung erzielt ist. Sie sehen also, daß ich um
+mein Militairbudget nicht in Verlegenheit kommen kann, und daß, wenn
+Diejenigen,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, indem seine
+Gesichtszüge plötzlich einen sehr ernsten, fast strengen Ausdruck
+annahmen, „welche sich außerhalb Deutschlands vielleicht veranlaßt
+finden möchten, eine Verminderung der Waffenmacht zu wünschen, die zur
+Vertheidigung Preußens und des Norddeutschen Bundes nöthig ist, sich auf
+gewisse parlamentarische Abneigungen gegen die Bewilligung des
+Militairetats glauben stützen zu können, — daß sie in solchen
+Voraussetzungen ihre Rechnung — ohne die Bundesverfassung und ohne mich
+gemacht haben.“
+
+Graf Benedetti verneigte sich.
+
+„Es ist mir erfreulich,“ sprach er, „Ihre Ansichten so bestimmt und klar
+ausgesprochen zu hören. Der ganze Gegenstand,“ fuhr er mit leichtem Ton
+fort, „ist ja eigentlich keine Frage zwischen uns, Frankreich und
+Preußen können ihre gegenseitige Stärke ohne jedes Mißtrauen ansehen, es
+wäre nur ein Entgegenkommen gewesen, welches wir gemeinsam den übrigen
+Mächten hätten zeigen können —“
+
+„Welche aber ihrerseits,“ fiel Graf Bismarck ein, „ebenfalls
+fortfahren, unausgesetzt zu rüsten und zwar in weit größerem Maßstabe,
+als wir, wie ein Blick auf Oesterreich und auf Italien zeigt. Ich
+glaube, es ist besser, ein für alle Mal diese ganze Frage der Rüstungen
+unerörtert zu lassen und den Frieden wesentlich auf den guten Glauben
+und das Vertrauen zu stützen, welches die Regierungen einander
+entgegentragen. Sie können mir,“ fuhr er fort, „wahrlich den Vorwurf
+nicht machen, daß ich es an solchem Vertrauen fehlen lasse, und daß ich,
+wenn irgend Etwas vorkommt, was die guten Beziehungen nach irgend einer
+oder der anderen Richtung zu verwirren im Stande wäre, nicht sogleich
+durch offenes Aussprechen die Gelegenheit zur Aufklärung und zur
+Beseitigung der Mißverständnisse gebe.“
+
+Ein leichter Ausdruck verschärfter Aufmerksamkeit wurde in dem Blick des
+Botschafters bemerkbar.
+
+„Ich freue mich,“ sagte er, „daß diese Beziehungen gegenseitiger
+Offenheit und Aufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Gerade dadurch ist
+es ja so oft schon möglich gewesen, manche Wolke zu zerstreuen, welche
+die so guten und befriedigenden Verhältnisse zwischen beiden Regierungen
+hätte trüben können. Gegenwärtig,“ sagte er mit leichtem Lächeln, „sind
+ja solche Wolken nach keiner Richtung hin vorhanden und —“
+
+„Ganz verschwinden sie niemals,“ fiel Graf Bismarck ein, „denn immer und
+immer wieder kommen von der einen oder der andern Seite her
+Mittheilungen, welche bei ängstlichen und mißtrauischen Naturen, zu
+denen ich nicht gehöre,“ sagte er sich verneigend, „Bedenken und Sorgen
+hervorrufen könnten.“
+
+Benedetti blickte ihn erstaunt und fragend an.
+
+„Schon vor längerer Zeit,“ sagte Graf Bismarck in ruhigem und fast
+gleichgültigem Ton, „habe ich Ihnen mitgetheilt, Herr von Usedom hätte
+uns verschiedene Umstände mitgetheilt, welche fast glauben lassen
+mußten, daß geheime Unterhandlungen zwischen Frankreich und Italien, bei
+welchen auch Oesterreich betheiligt sei, stattfänden.“
+
+„Ich habe damals Gelegenheit genommen,“ sagte Graf Benedetti schnell,
+„in Paris Erkundigungen einzuziehen und Ihnen die Versicherung gegeben,
+daß die Quelle, aus welcher Herr von Usedom jene Mittheilungen geschöpft
+hat, eine nicht zuverlässige gewesen sein müsse —“
+
+„Herr von Usedom hat seine Quelle nicht angegeben,“ fiel Graf Bismarck
+ein.
+
+„Jedenfalls,“ sagte Graf Benedetti, „war er unrichtig berichtet oder
+durch den Schein getäuscht und zu falschen Schlüssen veranlaßt worden.“
+
+„Es sind nun,“ sprach Graf Bismarck weiter, „in neuester Zeit wiederholt
+Winke an mich gekommen, daß abermals eine sehr lebhafte Negociation
+zwischen den Höfen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine
+Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu
+freundlichen Absichten haben könnte. Ich meinerseits,“ fuhr er fort,
+indem er Benedetti starr ansah und seine große Papierscheere mit der
+Hand rasch hin und her bewegte, „lege keinen besonderen Werth auf
+derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer
+Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb,“ sagte er mit Betonung,
+„weil ich eine Coalition niemals fürchten würde, welche sich der
+nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht
+hätte.“
+
+„Ich werde sogleich,“ sagte Benedetti eifrig, „nach Paris schreiben und
+mir bestimmte Aufklärung über diese Frage erbitten. Ich bin aber im
+Voraus fest überzeugt, daß die Gerüchte, welche zu Ihnen gedrungen sind,
+jetzt ebenso wenig wie damals Begründung haben, denn ich kenne zu genau
+den dringenden Wunsch des Kaisers, den europäischen Frieden zu erhalten
+und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Könige
+Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen.“
+
+„Ich habe Sie nicht darüber interpelliren wollen, mein lieber
+Botschafter,“ sagte Graf Bismarck, „ich kam auf die Sache nur durch
+unser Gespräch und durch die Aeußerungen, welche Lord Loftus mir vorher
+gemacht hat. Denn wenn,“ fuhr er fort, „ähnliche Winke, wie sie an mich
+gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit
+solchen Winken die ganz besondere Thätigkeit in Verbindung bringt,
+welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so würde in dieser
+Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von
+England aus so dringend wünscht, neue und concrete Garantieen für die
+Erhaltung des europäischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese
+Garantieen an falscher Stelle; doch,“ fuhr er abbrechend fort, „ich
+glaube, wir haben unsere Ideen über den Gegenstand ausgetauscht und
+stimmen nunmehr im Wesentlichen über denselben überein. Besser als durch
+die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle
+Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Gerüchte
+beitragen können, wie ich sie mir so eben zu erwähnen erlaubte.“
+
+„Ganz gewiß,“ sagte Benedetti. „Es ist merkwürdig,“ fuhr er dann fort,
+„wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte
+und ruhige Oberfläche der europäischen Politik kräuseln. Sie erwähnten
+so eben der Gerüchte über geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz
+und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen berührt haben,
+so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, daß, wie man mir aus Paris
+ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen
+worden sind über einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den
+spanischen Thron zu bringen, einen Plan, über welchen wir ebenfalls
+früher bereits gesprochen haben und welcher, wenn er wirklich bestehen
+sollte, ebenfalls geeignet wäre, eine gewisse Beunruhigung
+hervorzurufen.“
+
+Graf Bismarck sah den Botschafter groß und erstaunt an.
+
+„Ich habe neuerdings,“ sagte er, „Nichts wieder von dieser Idee gehört,
+welche mir, wie ich Ihnen bereits früher bemerkt habe, im Ganzen ein
+wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die
+Ansicht, daß die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr
+kurzer Dauer sein würde und daß sie ihn großen Gefahren und Täuschungen
+aussetzen müßte. Ich bin fest überzeugt, daß der König, wenn die Sache
+jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewiß nicht den Rath geben
+würde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm
+denselben antragen sollten. Ich weiß auch, daß der Vater des Prinzen,
+der Fürst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er weiß,“ fügte er
+lächelnd hinzu, „durch die Erfahrung, die er mit dem Fürsten Karl von
+Rumänien gemacht hat, daß die Souverainetät zuweilen theuer werden
+kann.“
+
+„Der Prinz Leopold,“ sagte Benedetti in gleichgültig hingeworfenem Ton,
+indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, „würde
+ja auch übrigens, selbst wenn ein Beschluß der Cortes ihm die spanische
+Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubniß
+des Königs annehmen können, da der König als Chef des Hauses bei den
+Entschlüssen des Prinzen die letzte Entscheidung hat.“
+
+„Das ist nicht der Fall,“ sagte Graf Bismarck, „der Prinz würde in
+letzter Linie in seinen Entschlüssen doch nur von seinem Vater abhängen,
+und der König würde sich gewiß enthalten, einen bestimmenden Einfluß
+ausüben zu wollen, — ganz gewiß aber wird er, wie ich wiederholen muß,
+nach meiner Ueberzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so
+gefährliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube übrigens
+kaum,“ fuhr er fort, „daß man so bald zur Wahl eines Königs in Spanien
+gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwärtig die Macht in Händen
+halten, — vielleicht Prim noch mehr als Serrano — werden kaum wünschen,
+durch die definitive Wahl eines Königs dem gegenwärtigen Zustand, bei
+welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze
+Sache hat nach meiner Ueberzeugung gar keine practische Bedeutung. Man
+hat ja früher schon,“ fuhr er im leichten, gleichgültigen Ton fort, „den
+Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung
+gebracht, vielleicht wäre dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und
+ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer
+zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein möchte. Aber alle
+diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen
+eigentlichen Bestand zu haben.“
+
+„Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwähnt,“ sagte Benedetti,
+„weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren,
+zu denen auch die vorhin von Ihnen erwähnte österreichisch-italienische
+Negociation gehört.“
+
+Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann
+neigte er mit höflicher Zustimmung den Kopf.
+
+„Ich freue mich also von Neuem constatiren zu können,“ sagte Benedetti,
+indem er aufstand, „daß in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt
+existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgniß Veranlassung geben könnte,
+und man wird sich,“ fügte er lächelnd hinzu, „in London wohl überzeugen,
+daß auch ohne Entwaffnung zwei große Mächte in Frieden und Freundschaft
+neben einander leben können.“
+
+„Das bewaffnete Deutschland,“ sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti
+einige Schritte zur Thür geleitete, „ist wenigstens für Niemand eine
+Drohung — als für Diejenigen, welche sich seiner naturgemäßen freien und
+nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen möchten.“
+
+Benedetti verneigte sich, drückte die dargebotene Hand des
+Minister-Präsidenten und ging hinaus.
+
+Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder.
+
+„Es ist etwas im Werk,“ sagte er, — „dieser englische
+Entwaffnungsvorschlag beweist, daß man in London der Ruhe nicht traut,
+man muß dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einflößen,
+und diese erneuete Erwähnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer
+Sache, die ich längst vergessen habe und deren flüchtigem und
+vorübergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste
+Bedeutung beilegen mochte — diese Mittheilungen über die geheime
+Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft
+gegriffen sein können, — es scheint, daß da wieder irgend einer jener
+verborgenen Schachzüge im Werke ist, denen ich mich seit 1866
+unausgesetzt gegenüber befinde. Nun,“ sagte er, die Brust weit
+ausdehnend, „mögen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden
+diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr führen, als bisher. In
+Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschließen, die einzige
+Stütze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser
+Napoleon, der immer älter wird, möchte mit jedem Jahre immer weniger
+geneigt sein, sich den gefährlichen Chancen eines Krieges auszusetzen,
+den wir, wenn er einmal entbrannt ist,“ fügte er mit dem Ausdruck
+eiserner Entschlossenheit hinzu, „bis auf's Messer würden führen müssen.
+Freilich,“ sagte er dann nachsinnend, „je schwächer und willenloser er
+wird, um so leichter möchte es vielleicht der kriegerischen Coterie
+werden, ihn in eine unüberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die
+Schwäche des Alters könnte bei ihm zu demselben Resultat führen, das bei
+Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,“
+sagte er mit ruhigem Ton, „ich arbeite mit aller Macht daran, den
+Frieden zu erhalten — wenn es aber nicht möglich sein sollte — wir sind
+gerüstet und können jeder Eventualität mit dem ruhigen Bewußtsein
+entgegensehen, daß wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren
+zu begegnen. Leider, leider,“ sagte er nach einer Pause, „kann ich noch
+immer nicht dahin kommen, klar und genau zu übersehen, was unter dieser
+glatten Oberfläche der französischen Politik in den Tiefen gebraut und
+vorbereitet wird, — wie traurig, daß man nicht überall selbst sein kann
+und daß man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden
+Ohren zu hören.“
+
+Der Kammerdiener trat ein und überreichte dem Grafen ein Billet.
+
+„Ein Herr wünscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er
+behauptet, daß Eure Excellenz ihn anhören würden, wenn Sie seinen Brief
+gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu überreichen.“
+
+Graf Bismarck öffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die
+wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentümliches
+Lächeln um seine Lippen und er sagte:
+
+„Führen Sie den Herrn herein.“
+
+„Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes,“ sprach er
+halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen
+war, „hat mir einen Brief des Marschall Prim zu übergeben? Der Name ist
+mir vollkommen unbekannt, — es muß eine ganz besondere Angelegenheit
+sein, daß der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der
+spanischen Gesandtschaft wendet.“ —
+
+Die Thür öffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Höflichkeit, aber
+in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann
+entgegen, dessen regelmäßiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und
+schwarzen lebhaften Augen den Typus der Südländer trug.
+
+Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen
+versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks.
+
+„Der Marschall Prim,“ sagte er in französischer Sprache, „hat mir den
+ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu
+überreichen.“
+
+Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, ließ
+einen flüchtigen Blick über das Siegel und die Aufschrift gleiten und
+deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.
+
+„Sie erlauben,“ sagte er, indem er sich niederließ, — er öffnete das
+Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne daß in seinem Gesicht
+eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte.
+Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah
+einen Augenblick den ihm gegenüber sitzenden jungen Mann scharf an.
+
+„Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?“
+fragte er.
+
+„Der Marschall hat die Güte gehabt, mir denselben mitzutheilen,“
+erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. „Er hat geglaubt, in dieser
+delicaten Angelegenheit sich zunächst ganz persönlich an Eure Excellenz
+wenden zu müssen, um Ihre ebenfalls persönliche Ansicht zu hören, bevor
+in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist
+überzeugt,“ fuhr er fort, während Graf Bismarck ruhig und unbeweglich
+zuhörte, „daß der Abschluß der Revolution, in welcher sich Spanien
+gegenwärtig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie
+möglich ist und zwar unter einem Könige, welcher durch jugendliche
+Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu überwinden im
+Stande ist und welcher zugleich durch seine persönliche Stellung die
+Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit
+irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen
+Prätendenten zusammenhängenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu
+stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fürsten, der alle
+diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von
+Hohenzollern zu finden und würde diese Combination um so lieber zur
+Ausführung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er für
+Deutschland, für den König Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie
+der Wunsch mit Preußen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen
+zu stehen, thatsächlichen Ausdruck fände. Der Marschall glaubt, daß es
+leicht sein würde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen.
+Doch wünscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht
+die Ueberzeugung gewonnen hat, daß Eure Excellenz diesen Plan billigen
+und daß der König demselben seine Zustimmung geben würde.“
+
+Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.
+
+„Es ist eine eigenthümliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein
+Herr,“ sagte er dann. „Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des
+Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser
+Frage veranlassen, jedoch muß ich aufrichtig gestehen, daß ich um die
+Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll für meine Nation
+sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fürsten vertrauungsvoll
+die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indeß wird es mir
+sehr schwer, darüber namentlich in dem gegenwärtigen Stadium der Sache
+irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunächst würde doch der
+Entschluß und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie maßgebend
+sein. So schmeichelhaft nun auch für diesen Prinzen ein solcher Auftrag
+sein muß, so werden Sie mir doch auch zugeben, daß er durch ein Eingehen
+auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere
+Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich möglicher Weise großen
+Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine
+Sache, und es würde unter Umständen darüber von Ihnen mit dem Prinzen
+direct verhandelt werden müssen.“
+
+„Der Marschall wünscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und
+des Königs Ansicht darüber zu wissen.“
+
+„Was zunächst die meinige betrifft, so muß ich Ihnen aufrichtig sagen,
+daß ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum
+beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter
+Charakter — würde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone
+Spaniens anzunehmen. So bin ich fest überzeugt, daß er von dem
+Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation
+identificiren und daß es sein aufrichtiges Bestreben sein würde, ganz
+und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen würde kaum auf die
+Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland, — von denen ich ebenso wie
+der Marschall wünsche, daß sie stets die freundschaftlichsten und besten
+bleiben mögen — irgend welchen Einfluß üben können. Ich würde also auch
+kaum in der Lage mich befinden, als preußischer Minister dem Prinzen
+irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben —
+
+Wenn ich nun schon,“ fuhr er fort, „mir eine absolute Zurückhaltung
+auflegen zu müssen glaube, so scheint es mir, daß Seine Majestät der
+König, mein allergnädigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf
+die Entschlüsse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine
+Majestät ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses
+Hohenzollern, indeß ist Prinz Leopold nicht preußischer Prinz und mit
+der königlichen Familie nicht verwandt, in rein persönlichen
+Angelegenheiten würde also der König zunächst dem Prinzen und dessen
+Vater die völlig freie Entscheidung überlassen müssen. Wenn Seine
+Majestät daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben würde,
+etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden
+spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestät doch noch
+viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs-
+und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im
+Stande, im gegenwärtigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Könige
+vorzulegen, — würde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den
+Prinzen durch eine spanische Autorität herantreten, so würde es immer
+die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschlüsse
+Seiner Majestät zu unterbreiten und des Königs Meinung darüber
+einzuholen.“
+
+„Eure Excellenz,“ sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige
+und bestimmte Erklärung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrückt zu
+sein schien, „würden also der Idee des Marschalls persönlich Nichts
+entgegen zu setzen haben?“
+
+„Wie könnte ich das!“ erwiderte Graf Bismarck, — „es kann ja nur, wie
+ich wiederhole, ehrenvoll für Deutschland und für das Haus Hohenzollern
+sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem
+König erwählt. Politische Gründe _dagegen_,“ fuhr er fort, „kann ich als
+preußischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls
+bestimmt wiederholen muß, mich irgend wie _dafür_ auszusprechen im
+Stande bin. Doch bin ich,“ fuhr er fort, „dem Marschall sehr dankbar für
+das persönliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner
+Idee zu beweisen die Güte gehabt hat.“
+
+Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespräch nicht für
+beendet ansehen zu wollen.
+
+„Würden Eure Excellenz die Güte haben,“ sprach er, „Ihre Ansicht über
+die Sache — Ihre persönliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines
+Schreibens mitzutheilen?“
+
+Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der
+vor ihm auf dem Tische lag.
+
+„Ich glaube,“ sagte er, „daß ich mich deutlich und klar ausgesprochen
+habe, und Sie werden gewiß die Güte haben, dem Marschall meine Worte zu
+wiederholen.“
+
+„Ich glaube, Eurer Excellenz Erklärung genau und richtig aufgefaßt zu
+haben,“ erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, „doch bin ich überzeugt, daß
+der Marschall besonderen Werth darauf legen würde, meine Mittheilungen
+durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestätigt zu
+sehen.“
+
+Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach.
+
+„Sie werden begreifen,“ sagte er, „daß eine gewisse Schwierigkeit für
+mich darin liegt, mich über eine Angelegenheit, welche, wie ich zu
+bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preußens
+und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen,
+welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller
+Bedeutung beigelegt werden könnte. Jedenfalls müßte ich die Sache nach
+allen Richtungen hin noch sehr reiflich überlegen, bevor ich den Brief
+des Marschalls beantworten könnte, und ich muß gestehen, daß ich
+dringend wünsche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben,
+bis dieselbe etwa eine klar faßbare Gestalt annimmt und auf direct
+officiellem Wege an mich gelangt. Ich möchte unter diesen Umständen,“
+fügte er artig hinzu, „Sie nicht zu einem längeren Aufenthalt in Berlin
+veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden
+Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin überzeugt, daß der Marschall die
+Gründe vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen
+müssen, meine Antwort noch zurückzuhalten, um so mehr, da bei den
+Beziehungen persönlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls
+zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollständig die Stelle einer
+direkten Antwort ersetzen werden.“
+
+Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, daß die
+Unterredung zu Ende sei.
+
+Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zügen eine
+sichtbare Enttäuschung bemerkbar wurde.
+
+„Ich bitte Sie nochmals,“ sagte Graf Bismarck, „dem Marschall den
+Ausdruck meiner Dankbarkeit für sein Vertrauen und die Versicherungen
+meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu überbringen. Ich habe
+mich herzlich gefreut,“ fügte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, „bei
+dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“
+
+„Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben,“ sagte Herr
+Salazar-y-Mazarredo, „daß ich Schritte thue, um mich über die
+persönlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten.“
+
+„Da der persönliche Entschluß des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe,
+in erster Linie in Betracht kommt,“ sagte Graf Bismarck kalt und ruhig,
+„so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, daß Sie nach dieser
+Richtung hin sich informiren. Uebrigens,“ fügte er hinzu, „wird es ganz
+und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Aufträge auszuführen,
+welche der Marschall Ihnen gewiß auch in dieser Beziehung ertheilt hat.“
+
+Herr Salazar-y-Mazarredo verließ mit tiefer Verbeugung das Cabinet.
+
+„Es ist also doch Etwas im Gange,“ sagte Graf Bismarck, indem er sich
+wieder vor seinen Schreibtisch setzte, — „aber was kann dieser Sache zu
+Grunde liegen — warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des
+Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Rücken
+von Serrano und der übrigen Regierung gemacht werden, Prim würde bei
+seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache
+einfädeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu
+werden, — der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt,“ sagte
+er nachsinnend mit leiser Stimme — „die Candidatur des Herzogs von
+Montpensier muß dem Kaiser tief verhaßt sein, — sie könnte ihm unter
+Umständen gefährlich werden; — sollte die erneuete Anregung dieser
+Combination damit zusammenhängen?
+
+„Nun,“ — rief er nach längerem, schweigendem Nachdenken, — „einmal muß die
+große Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustände doch
+ausbrechen, — und wenn ich sie mit noch so großer Mühe und Vorsicht
+fortwährend wieder zu beschwören versuche! — Vielleicht wäre es ein
+Glück, wenn die Entscheidung bald käme,“ — sagte er ernst, — „wenn sie
+käme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschäfte
+stehe, — denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschlüssen und mit
+halben Mitteln operirt wird, — dann muß die Zukunft Deutschlands auf
+lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein. — Ich,“ rief er
+flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zügen
+leuchtete — „ich würde nicht zurückweichen, ich würde die Aufgabe
+erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf, — und — ich fühle
+es, — ich würde siegen!
+
+„O,“ sagte er dann schmerzlich, „warum ist die Zukunft unserem Blick
+verborgen, — warum können wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen
+Schleiers lüften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt?
+
+„Wie viele ringende und kämpfende Geister,“ sagte er leise, die
+gefalteten Hände leise vor sich auf den Tisch stützend, „haben vor mir
+diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet, — wie viele werden sie
+nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten — das ewige
+Schweigen!
+
+„Und doch,“ sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem
+weichen Lächeln, das seinen festen strengen Zügen einen eigenthümlichen
+Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum für fähig gehalten
+hätte, „doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so
+vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht
+gebracht hat — einfach, groß und erhaben wie Der, dessen Lippen sie
+zuerst sich entrang — Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!“
+
+Er neigte einen Augenblick das mächtige Haupt auf die Brust, dann erhob
+er sich, immer mit dem Ausdruck lächelnder Ruhe und Klarheit auf seinen
+Zügen, nahm seinen Hut, stieg in den großen Garten des auswärtigen Amtes
+hinab und ging mit großen Schritten unter den hohen noch winterlich
+kahlen Bäumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich
+hinsprechend auf und nieder.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+
+In einem großen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren
+dreißig bis vierzig von den hannöverschen Emigranten versammelt, theils
+ganz junge Männer, theils ältere Leute, deren Mienen und Haltung man die
+gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite
+des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an
+welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Königs Georg,
+saß und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und
+Goldrollen lagen.
+
+Neben dem Major von Adelebsen saß der frühere Lieutenant de Pottere, ein
+junger Mann mit dichtem, sorgfältig frisirtem Haar, welches tief in die
+auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit großen, etwas starr
+blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der
+Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgültig stereotypes Lächeln
+spielte.
+
+Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich
+und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von
+Adelebsen zu protocolliren.
+
+„Unterofficier Rühlberg!“ rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas
+unsicheren Blick seines Auges über die Emigranten hingleiten ließ.
+
+In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran.
+
+„Ich habe Sie nunmehr aufzufordern,“ sagte Herr von Adelebsen, „zur
+Erklärung darüber, was Sie über Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich
+mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Ihnen zustehende Pension von
+Seiner Majestät erhalten können oder aber eine einmalige
+Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklärung,
+wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen.“
+
+„Ich bitte, mich ein für allemal abzufinden, Herr Major,“ erwiderte der
+Unterofficier, „ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier
+gehen, um dort unser Glück in einer Colonie zu versuchen.“
+
+„Sie wollen nach Algier gehen?“ fragte Herr von Adelebsen ein
+wenig befremdet, „Sie wissen doch, daß Seine Majestät eine
+Niederlassung in Algier nicht für zweckmäßig erachten können, und
+daß Allerhöchstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer
+Auswanderung nach Algier abzurathen.“
+
+„Zu Befehl, Herr Major,“ erwiderte der Unterofficier, „Herr Minister von
+Münchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich
+gerathen, nach Hannover zurückzukehren, und,“ fügte er mit einer
+gewissen Bitterkeit hinzu, „die Strafe, die man uns vielleicht dictiren
+würde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz überzeugt,“ fuhr er fort, „daß
+Seine Majestät die besten Absichten mit uns hat, und daß Er nach den
+Berichten, die man ihm erstattet hat, überzeugt ist, daß eine Colonie in
+Algier uns keinen Vortheil bringen könne. Aber ich muß Ihnen sagen, Herr
+Major, daß ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath
+zurückzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestät
+uns eine Amnestie würde verschaffen können, so wäre es etwas Anderes.
+Unter diesen Umständen muß ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine
+Zukunft auf meine eigene Kraft zu gründen; und ich bleibe daher bei
+meiner Erklärung, daß ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte,
+mir die Abfindungssumme auszuzahlen.“
+
+„Wenn aber doch Seine Majestät,“ sagte der Lieutenant de Pottere mit
+einer etwas näselnden Stimme, „eine solche Colonie nicht für zweckmäßig
+hält —“
+
+„Der Herr Major,“ fiel der Unteroffizier ein, „haben uns gesagt, daß wir
+die völlig freie Entschließung hätten, unsere Zukunft einzurichten, wie
+wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt und bleibe dabei,
+daß ich nach Algier gehen will. Vorzüglich,“ fuhr er fort, „möchte ich
+ein für allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und
+wird ja übrigens Seiner Majestät ganz gleichgültig sein.“
+
+„Es ist Seiner Majestät gewiß nicht gleichgültig,“ sagte Herr von
+Adelebsen mit sanfter Stimme, „wie sich die Zukunft seiner früheren
+Soldaten gestaltet, und deshalb —“
+
+„Darf ich bitten, Herr Major,“ fiel der Unterofficier, sich in strammer
+Haltung aufrichtend, ein, „meine Erklärung zu Protocoll nehmen zu
+lassen? Mein Entschluß steht unwiderruflich fest.“
+
+Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser
+schrieb die Erklärung des Unterofficiers nieder und der Major zählte die
+Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstücken ab und händigte sie
+dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter
+die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zurücktrat.
+
+„Dragoner Cappei!“ rief Herr von Adelebsen.
+
+Der junge Mann trat heran.
+
+„Ihre Erklärung?“ fragte Herr von Adelebsen.
+
+„Ich wünsche, nach Hannover zurück zu gehen,“ sagte Cappei.
+
+„Sie sind militairpflichtig gewesen,“ sagte Herr von Adelebsen. „Haben
+Sie es sich überlegt, daß man Sie vielleicht bestrafen und in die
+preußische Armee einstellen wird? Es läge vielleicht, wenn Sie sich
+dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele
+andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu
+gehen —“
+
+„Ich danke, Herr Major,“ erwiderte Cappei ruhig, „ich bin entschlossen,
+zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath
+und zu meiner Familie zurückkehren.“
+
+Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere
+protocollirte seine Erklärung und Cappei trat zurück.
+
+Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen,
+Zwei oder Drei erklärten, daß sie nach Amerika gehen wollten, alle
+Uebrigen sprachen den Entschluß aus, mit dem Unterofficier Rühlberg
+nach Algier auszuwandern.
+
+„Ich muß Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen,“ sagte Herr von
+Adelebsen, „daß, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine
+Majestät nicht glauben könne, daß Sie in Algier Ihre künftige Wohlfahrt
+finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Hülfsmittel und ohne
+Unterstützung sein und es vielleicht bereuen, daß Sie sich zu einem
+solchen Entschluß haben beeinflussen lassen.“
+
+„Niemand hat uns beeinflußt!“ riefen Mehrere der Emigranten. „Wir haben
+selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns über die Colonie
+gesprochen haben, den Gedanken gefaßt, wenn der König uns nicht mehr
+erhalten könnte, uns in Algier eine Zukunft zu gründen.“
+
+„Ich muß aber ausdrücklich bemerken,“ sagte Herr von Adelebsen, „daß
+Seine Majestät mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklären, daß
+Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine
+Unterstützung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es
+heißt, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhältnissen sich
+eine Existenz zu gründen.“
+
+„Wir werden im fremden Lande,“ rief der Unterofficier Rühlberg, einen
+Schritt vortretend, „immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und
+That beistehen und Gefühl für Leute haben, welche ihrem König im Unglück
+treu geblieben sind, — wir haben freilich nicht geglaubt, daß es so
+kommen würde, denn dann würden wir wohl kaum die Heimath verlassen
+haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben
+gemacht haben, so können Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird
+künftig die Unterstützung der Kasse Seiner Majestät in Anspruch nehmen.
+Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns
+wenigstens die französische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn
+wir über das weite Meer nach Amerika hinzögen, wo wir ohne alle Hülfe
+sterben und verderben können.“
+
+„In Amerika wären wir freilich weiter fort,“ rief eine Stimme aus den
+Reihen, „und wenn wir Alle dort wären, so wäre man doch sicher, daß
+Niemand von uns der königlichen Kasse zur Last fällt.“
+
+Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend,
+woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte
+seinen Schnurrbart und sagte:
+
+„Sie müssen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen.“
+
+„Ich glaube, wir sind abgefunden,“ rief es aus den Reihen, „und haben
+hier nichts mehr zu thun, gehen wir.“
+
+Und sich kurz umwendend, verließen sie Alle das Zimmer, indem sie den
+Refrain des alten hannöverschen Soldatenliedes anstimmten:
+
+ „Lustige Hannoveraner seien wir.“
+
+Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und
+das übrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in
+ihre Zimmer zurück.
+
+„Nun Cappei,“ sagte der Unterofficier Rühlberg zu dem jungen Dragoner,
+welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe
+hinabstieg, „wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit
+uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schön es ist, wenn wir Alle
+zusammen bleiben und unser Dorf nach althannöverscher Manier einrichten,
+da können wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und
+selbstständiges Leben führen und an die alte Heimath zurückdenken, wie
+sie früher war.“
+
+„Es thut mir leid, Euch zu verlassen,“ sagte Cappei, — „aber unsere Sache
+ist zu Ende, das alte Hannover ist für immer versunken. Was hilft es
+dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukämpfen — ich liebe meine Heimath,
+und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener
+König, dieses oder jenes Gesetz herrschen.“
+
+„Nun, geht hin,“ sagte der Unterofficier, „Ihr werdet es noch bereuen,
+aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute
+Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in
+dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier
+einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Präfecten dort, und
+das Comité, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafür sorgen,
+daß wir von dort aus gut empfohlen werden. Tüchtige und rechtliche
+Leute, die arbeiten können, kann man überall brauchen, und wir werden
+unsern Weg schon machen.“
+
+Die Emigranten zogen über den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen
+begegnenden Bürgern freundlich begrüßt, nach dem Restaurant hin, in
+welchem sie sich gewöhnlich zu versammeln pflegten.
+
+Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und
+schritt langsam dem Hause des Holzhändlers Challier zu. Er ging über den
+großen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in
+welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und
+eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den
+Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen.
+
+Der alte Herr Challier saß allein in seinem Lehnstuhl, die so eben
+ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt
+des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit
+herzlichem Gruß entgegen.
+
+„Alles ist abgemacht, Herr Challier,“ sagte Cappei in ziemlich reinem,
+aber im deutschen Accent anklingenden Französisch, „die Legion ist
+aufgelöst, wir sind Alle frei und können hingehen, wohin wir wollen. Und
+alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit
+einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder
+zusammenfinden.“
+
+„Das ist recht traurig,“ sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf
+schüttelnd. „So ist also die Sache Ihres Königs aufgegeben, — das thut
+mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie für sein
+Schicksal und für Sie Alle gehabt; und wir Bürger von St. Dizier nehmen
+gewiß ganz besondern Antheil an Allem, was den König betrifft, seit er
+unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer
+Mitbürger zu sein. Ich bin ein alter Bragars,“ sagte er, indem seine
+dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, „und ich hätte mich von
+Herzen gefreut, wenn ich Sie hätte ausziehen sehen können, um für Ihren
+König und sein Recht zu fechten, — das Schicksal geht seinen eigenen
+Weg, — es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit
+ihnen,“ fuhr er fort, „und mir wird es in meinem Hause recht leer
+vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluß fest
+gehalten,“ fragte er, „nach Ihrem Vaterlande zurückzukehren? — Ich würde
+mich kaum dazu entschließen können,“ sagte er, „wenn ich mich in Ihre
+Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft
+alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat.“
+
+Ernst erwiderte der junge Mann:
+
+„Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten für mich, Herr Challier, und
+doch kann ich nicht anders handeln. — Sie sind Franzose und wenn es
+möglich wäre, daß Ihr Vaterland ein Schicksal träfe wie das meinige, so
+würde Ihr Gefühl natürlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes,
+Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes großen
+Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland für uns Alle ist. Wir
+Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbständigkeit, wir haben mit
+fester Treue an den Fürsten gehangen, die so lange über uns geherrscht
+haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer
+Selbstständigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des
+Ganzen, — die neue Regierung, welche über uns herrscht, ist ja auch eine
+deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhältnissen.
+Sollen wir uns darum von dem großen ganzen Vaterlande ausschließen, weil
+wir nicht weiter leben können, wie wir es bisher gewohnt waren? Für das
+Recht unseres Königs konnten wir kämpfen, wenn der König aber dies Recht
+aufgiebt, wie könnten wir in ungewöhnlichem Haß den andern Deutschen
+gegenüber stehen! Uebrigens,“ fuhr er fort, „werde ich vielleicht nicht
+immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhältnisse dort
+geordnet und meine Stellung klar gemacht habe, — und darüber,“ fügte er
+etwas zögernd hinzu, „möchte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich
+scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit väterlicher
+Güte aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rückhalt meine Gedanken
+über die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht,“ sagte er
+seufzend, „so werde ich meine Pläne ändern und Hoffnungen aufgeben,
+welche mir die liebsten und schönsten sind.“
+
+Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen
+Ton:
+
+„Sie wissen, mein junger Freund, daß mein Rath und meine Erfahrung, wenn
+ich Ihnen mit denselben nützen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen.“
+
+Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem
+Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten
+Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine
+Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme:
+
+„Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen
+Flüchtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geöffnet. Sie
+haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen,
+daß Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir
+gehört, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine
+Vergangenheit war.“
+
+„Ich habe Ihnen vertraut,“ erwiderte Herr Challier, „weil Sie
+hergekommen sind als der Diener eines edlen und unglücklichen Fürsten.
+Man dient dem Unglück nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz
+hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und
+rechtschaffenen Mann aufnimmt, und,“ fügte er mit der den Franzosen so
+eigentümlichen Höflichkeit des Herzens hinzu, „ich habe mich in meinem
+Urtheil und meinem Vertrauen nicht getäuscht, denn nun Sie uns
+verlassen, fühle ich, daß ein Freund von uns scheidet.“
+
+„Ich gehe in mein Vaterland zurück,“ erwiderte Cappei, „um so bald es
+mir möglich ist, wieder vor Sie hintreten zu können, nicht mehr als der
+heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann,
+woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen,
+wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann,
+Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglück
+abhängt, — die Bitte,“ fügte er mit zitternder Stimme hinzu, „mir das
+Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller
+Wärme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind — deren Glück ich
+alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft öde
+und freudlos sein würde.“
+
+Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehört. Sein Auge ruhte
+einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann
+sprach er mit milder freundlicher Stimme:
+
+„Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, daß ich volles Vertrauen zu Ihnen
+habe, daß ich Sie für einen Ehrenmann halte, — daraus folgt, daß ich, was
+Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glück meiner
+Tochter anzuvertrauen, — ich bin nicht reich,“ fuhr er fort, „aber ich
+habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die
+Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann fällt, eine sichere Existenz
+begründen zu können. Ob Sie Vermögen besitzen oder nicht, ist deshalb
+nicht entscheidend für die Beantwortung Ihrer Frage, aber,“ fuhr er
+fort, „die Grundlage einer sorgenfreien Existenz für die Zukunft meiner
+Tochter liegt in dem Geschäft, das ich hier betreibe. Würde ich es
+verkaufen, so würde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repräsentiren,
+den es in der Hand eines geschickten und fleißigen Mannes hat. Deshalb
+habe ich stets den Wunsch gehegt, daß der Mann, den meine Tochter einst
+sich zum Gefährten ihres Lebens erwählt, mein Geschäft fortsetzt. Ich
+fühle es vollkommen,“ fuhr er fort, „was es heißt, sein Vaterland zu
+verlassen, — aber in Ihrer Heimath sind die Verhältnisse so verändert,
+und die jetzigen Zustände können Ihnen so wenig erfreulich sein, daß es
+vielleicht Ihren eigenen Wünschen entsprechen könnte, hierher zurück zu
+kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen
+und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht
+in unserer Mitte auch Ihre künftige Heimath begründen können? Könnten
+Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfüllen, so würde ich kein
+Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen,
+vorausgesetzt, daß meine Tochter die Gefühle theilt, welche Sie für sie
+hegen, — worüber Sie,“ fügte er lächelnd hinzu, „vielleicht ein wenig
+unterrichtet sind.“
+
+„Ich glaube,“ sagte Cappei mit leiser Stimme, „daß Fräulein Luise mir
+nicht abgeneigt ist —“
+
+Die Thür öffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie
+hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit
+Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr
+frisches Gesicht war vom Gang leicht geröthet, ihre glänzenden Augen
+richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den
+jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit
+anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuß dar und reichte dann Cappei mit
+freundlichem Gruß die Hand.
+
+„Du kommst eben recht,“ sagte Herr Challier, „um eine Frage zu
+beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete,
+und über welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien.“
+
+Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres
+Geliebten, — sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte
+tief erröthend den Kopf auf die Brust nieder.
+
+„Herr Cappei,“ sagte der alte Herr, „hat mir soeben mitgetheilt, daß er,
+wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu
+uns zurückkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es
+scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die
+Entscheidung darüber von Deiner Entschließung abhängig gemacht, — was
+würdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr
+auch an Dich richtetet?“
+
+Einen Augenblick blieb das junge Mädchen mit gesenktem Kopf stehen, ein
+flüchtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen
+Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite
+des jungen Mannes und sprach:
+
+„Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich
+verstehe nicht, meine Gefühle zu verbergen, — mögen Andere es für
+schicklich halten, zu verhüllen, was ihr Herz bewegt, — ich sage offen,
+was ich empfinde, — ich liebe ihn,“ fuhr sie mit strahlenden Blicken
+fort, „mein Herz gehört ihm und wird ihm ewig gehören. Und Du, mein
+Vater, weißt, daß ich meine Liebe keinem Unwürdigen schenke.“
+
+Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter.
+
+„Brav, mein Kind,“ sagte er, „das ist recht und tapfer gesprochen, und
+ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde
+Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen.“
+
+Cappei breitete die Arme aus, das junge Mädchen sank an seine Brust und
+er drückte seine Lippen auf ihr glänzendes Haar.
+
+„Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurück, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten
+und,“ fügte er hinzu, „kommen Sie bald zurück, — ich verlange nicht als
+unerläßliche Bedingung, daß Sie Ihre künftige Heimath hier in unserm
+Frankreich wählen; ein Mann muß am besten wissen, was er zu thun hat,
+und ein Weib muß dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muß es mir ja
+gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen, — das ist der Lauf der
+Natur, aber,“ fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme
+leicht zitterte, „Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie
+glücklich es mich machen würde, zu denken, daß mein Kind einst an meinem
+Sterbebette stehen wird, und daß ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus
+überlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe
+von Generationen gelebt haben.“
+
+Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres
+Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren großen glänzenden
+Augen fragend und bittend an.
+
+„Ich kehre zurück,“ sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, „um meine
+Heimath da zu begründen, wo ich das Glück meines Herzens gefunden habe.
+Ich würde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muß in die
+Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermögen
+zu sichern. Denn,“ fügte er mit fester Stimme hinzu, „nicht dem
+heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen.“
+
+Ein glückliches Lächeln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er
+streckte seine beiden Hände aus, — die jungen Leute ergriffen sie und
+beugten sich zärtlich zu ihm herab.
+
+Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hörten
+nicht, daß die Thüre sich öffnete, und erst der Ton rascher Schritte
+ließ sie aufblicken.
+
+Herr Vergier war eingetreten, — starr und bleich stand er in der Mitte
+des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen
+blickten mit unheimlich spähendem Feuer auf die Gruppe vor ihm.
+
+Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob
+sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kräftigem
+Händedruck begrüßte:
+
+„Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen
+vor allen Andern zuerst sagen, welches für meine Familie so wichtige
+Ereigniß hier so eben sich vollzogen hat.“
+
+Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit
+höhnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten,
+welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner
+Tochter mit.
+
+„Sie wissen,“ sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder,
+rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszüge vor heftiger Aufregung
+zuckten, „wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus
+betrifft, — aber die Gefühle, welche mich bei der Mittheilung erfüllen,
+die Sie mir so eben gemacht, können nicht erfreulich sein,“ fügte er mit
+bitterm Ton hinzu. „Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was
+Sie mir sagen, auf immer zerstört worden sind. Fräulein Luise,“ fuhr er
+mit brennendem Blick fort, „kannte diese Hoffnungen, sie hat mir
+dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir
+eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, daß sie nur eine so
+kurze Frist gebraucht hat, um sich über die Wahl ihres Herzens zu
+entscheiden.“
+
+Mühsam nach Fassung ringend, stützte er sich auf die Lehne eines Stuhls.
+
+Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an.
+Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand.
+
+„Niemand ist Herr der Gefühle seines Herzens,“ sagte sie — „Sie waren der
+Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund für mein künftiges Leben
+und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefühle nicht erwidern konnte, die
+Sie mir entgegen trugen, — Sie werden das vergessen,“ fügte sie
+freundlich hinzu, — „Sie werden gewiß, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen
+wünsche, bei einer andern Wahl mehr Glück finden, als ich Ihnen hätte
+bieten können.“
+
+Herr Vergier hatte nur zögernd die Hand des jungen Mädchens einen
+Augenblick ergriffen.
+
+„Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe,“ sagte er
+mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme,
+„welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's
+Herz, daß ich die Tochter meines Freundes, deren Glück mir theuer ist,
+wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit
+diesem Preußen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage
+der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muß kommen,
+Jedermann in Frankreich fühlt das, man hat schon mehrfach deutsche
+Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden,“ fuhr er
+immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine
+Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten — „schon
+sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, daß diese
+hannöversche Legion, welche so plötzlich auseinandergeht, nur der
+Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft über die inneren
+Verhältnisse unseres Landes zu erhalten. — Und wenn ich denken sollte,“
+rief er, seiner nicht mehr mächtig, indem ein leichter Schaum auf seine
+Lippen trat, — „daß meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand
+eines Feindes Frankreichs — —“
+
+Eine helle Zornröthe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners
+auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer
+drohenden Bewegung erhob er die Hand —
+
+Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Hände, ihre Augen
+richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten.
+
+Dieser ließ langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde
+ruhig, beinahe sanft und milde.
+
+„Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr,“ sagte er,
+„ich bin störend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich
+verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung, — ich muß Ihnen viel
+vergeben, — aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein
+Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,“
+fuhr er fort, „im Dienst meines Königs und als ein Feind jener Macht,
+welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies
+allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schützen,
+wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und
+Fräulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug
+kennen, um zu glauben, daß auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als
+Legionair des Königs Georg hergekommen wäre, ich doch unfähig sein
+würde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu täuschen.
+Wenn Sie ruhig darüber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit
+widerfahren lassen und,“ fügte er mit offener Herzlichkeit hinzu, „ich
+hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Böses
+gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie für Herrn Challier
+und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie überzeugt, daß
+ich Alles thun werde, um mich derselben würdig zu machen.“
+
+Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten für seine Worte.
+
+Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung
+bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen
+Lächeln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand.
+
+„Verzeihen Sie mir,“ sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur
+einzeln und abgebrochen hervordrangen, „verzeihen Sie mir meine
+kränkende Aeußerung. Mein augenblickliches Gefühl riß mich hin, — ich bin
+Franzose und mißtrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit
+und die Täuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird
+die Zeit uns in Freundschaft zusammenführen.“
+
+Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand.
+
+Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des
+Hannoveraners nicht und erschrocken ließ dieser sie wieder los.
+
+„Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe,“ sagte Herr Vergier, „ich passe
+in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft.“
+
+Und mit einer flüchtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus.
+
+„Der Arme thut mir leid,“ sagte der alte Herr Challier, ihm
+nachblickend, „er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird
+sehr leiden —“
+
+„Ich hätte ihn doch nicht lieben können,“ sagte Luise, indem sie mit
+leichtem Kopfschütteln vor sich niederblickte. „Wenn mein Herz nicht
+gesprochen hätte,“ fügte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu,
+„wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben hätte, so wären
+wir Beide unglücklich geworden.“ —
+
+Lange noch saßen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hörte der
+alte Herr ihr Geplauder und ihre Pläne für die Zukunft an. Es wurde
+beschlossen, daß der junge Cappei schon am nächsten Morgen abreisen
+sollte. —
+
+Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluß.
+
+„Je schneller er fortgeht,“ sagte sie lächelnd, „um so schneller wird
+er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und
+dauernden Glück kommen, das dann Nichts mehr stören wird.“ — —
+
+Am späten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine
+Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit
+ihnen die letzten Augenblicke zu verleben.
+
+Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstraße der
+Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der
+Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die
+Hannoveraner saßen hier um einen großen Tisch — zahlreiche Freunde aus
+der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb
+gewordenen Gästen zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt
+hatten.
+
+Auf dem Tische stand eine große Punschbowle, welcher jedoch heute nur
+sehr mäßig zugesprochen wurde, — alle Gesichter waren ernst und oft
+stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die großen
+Erschütterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengeführt hatten,
+fühlten, daß heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller
+Erinnerung im Herzen trugen, für immer abgeschlossen werde, daß das
+letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der
+alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloß, noch verband,
+nun für immer zerriß und daß sie nun als Fremde allein und vereinsamt
+hinaustreten müßten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre
+eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in mühevoller Arbeit.
+
+Der junge Cappei trat ein. — Traurig überblickte er diese Versammlung
+seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und fröhlich beisammen
+gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich
+schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen.
+
+Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Rühlberg.
+
+„Was könntet Ihr Euch für eine schöne Zukunft machen,“ sagte dieser,
+indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte, — „wenn Ihr mit uns
+gingt, — Ihr seid noch jung und kräftig, — geschickt zu aller Arbeit und
+habt mehr gelernt, als wir Alle, — Ihr würdet ein schönes Vermögen in
+Algier erwerben, — das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen
+würde, — von dem Ihr noch gar nicht einmal wißt, ob Ihr ihn
+erhaltet, — ich sage Euch noch einmal, — geht mit uns, — laßt die Phantasie
+im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt, — es hat noch nie zu
+etwas Gutem geführt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf
+verdrehen lassen.“
+
+„Ich bitte Euch, Rühlberg,“ sagte Cappei sanft aber bestimmt — „laßt
+mich, — mein Entschluß ist gefaßt, — versprecht mir,“ fuhr er abbrechend
+fort, „Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht — ich muß Euch
+sagen, daß ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe, — hätte
+der _König_ die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der französischen
+Regierung, so wäre es etwas Anderes gewesen, — aber so, — Ihr werdet
+vielleicht später einsehen, daß es besser gewesen wäre, gleich nach der
+Heimath zurückzukehren. — Doch Jeder hat seinen Entschluß gefaßt und muß
+ihm folgen.“
+
+Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite.
+
+Es verging noch eine halbe Stunde, — dann zog der Unterofficier die Uhr
+und sagte tief aufathmend:
+
+„Es ist Zeit, Leute, — wir müssen aufbrechen!“
+
+Alle erhoben sich.
+
+Rühlberg ergriff sein Glas.
+
+„Wir sind heute zum letzten Male beisammen,“ sprach er mit etwas
+unsicher klingender Stimme, — „und wir wollen auch dies letzte Mal von
+der alten Sitte hannöverscher Soldaten nicht abweichen, — ein Glas auf
+das Wohl unseres Königs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah
+gethan, — das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen,
+heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser König für uns
+gestorben — leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern
+Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath.“
+
+Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue
+Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer, — mancher blinkende
+Thränentropfen fiel in die Gläser, welche die treuen Söhne
+Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der
+Vergangenheit dem Andenken ihres Königs weihten.
+
+Dann brach man auf.
+
+Jeder nahm sein kleines Gepäck, — viel hatten sie nicht, diese armen
+Soldaten des Exils — und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln,
+leeren Straßen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten
+Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander
+und von ihren französischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof
+eingefunden hatten, — auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und
+finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Händedrücke
+der Scheidenden erwidernd.
+
+Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekränzten Anhöhe über der
+Stadt her eine Glocke zu läuten.
+
+Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester
+für einen aus dem Leben geschiedenen Bürger der Stadt zum Himmel
+sendeten.
+
+Die einfachen durch die Nacht her klingenden Töne ergriffen mächtig alle
+diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die
+Hüte ab und sprachen ein stilles Gebet für die Seele des
+Gestorbenen, — auch die Hannoveraner falteten die Hände — Niemand wußte,
+welchem Todten dies Geläut galt, — aber auch ihnen starb ja heute für
+immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt
+hatten, — ihre Heimath und ihr König.
+
+Der Zug brauste heran, — noch ein Händedruck, — ein letztes
+Abschiedswort — und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche
+sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenführen sollten.
+
+ — „Adieu — adieu — bonne chance!“ tönte es aus den Gruppen der Bürger von
+St. Dizier — Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur
+Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit
+feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin, — fast zog es den
+jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit
+dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu
+einem Leben voll Abenteuer und Gefahren — da trat das Bild Luisens mit
+ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele — rasch näherte er
+sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Rühlberg, der
+am Schlage saß, die Hand hin.
+
+„Gott befohlen!“ sagte er mit erstickter Stimme, — „und — auf fröhliches
+Wiedersehn!“
+
+„Das wird schon kommen,“ erwiderte der Unterofficier mit einem etwas
+gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen
+trachtete, „Ihr werdet zur Einsicht kommen — wir werden Euch einen Platz
+offen halten.“
+
+Die Schaffner eilten an den Zug, — die Locomotive pfiff und langsam
+begannen die Räder zu rollen.
+
+Noch einmal winkten die Zurückblickenden mit den Händen, mit leisem aber
+klar durch die nächtliche Stille dringenden Ton schallte das
+Sterbeglöcklein von der alten Kirche herüber, — die Legionaire auf dem
+abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied:
+
+ „Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen —“
+
+aber die Töne erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der
+Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden
+Glockenton begleitet, — da klang das Lied, das sonst so fröhlich in Lager
+und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten,
+den man zur letzten Ruhe hinausführt.
+
+Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne
+verschwunden, — weithin verklang das Schnauben der Maschine und das
+Rollen der Räder.
+
+Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurück.
+
+In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich
+ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine
+Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine
+Augen schienen in grünlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, während
+seine Züge von Grimm und Haß entstellt waren.
+
+Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das
+in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag.
+
+Einen Augenblick blieb er dort vor dem großen geschlossenen Thor
+stehen, — er drückte beide Hände an die Lippen und warf einen Kuß nach
+dem Hause hin.
+
+„Gute Nacht, meine süße Geliebte,“ flüsterte er, — und schritt dann rasch
+weiter nach seiner in der Nähe des Marktplatzes belegenen Wohnung.
+
+Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Nähe des
+Challier'schen Hauses gekommen.
+
+Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in
+der Dunkelheit verschwand, nach.
+
+„Hätte ich eine Waffe bei mir,“ flüsterte er mit zischender Stimme, „so
+könnte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes, — diesen
+Räuber meiner Liebe vernichten!“
+
+ — „Aber geh' nur hin,“ sagte er, die geballte Faust zum nächtlichen
+Himmel erhebend, — „es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den
+Stahl, — ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur
+hin, — Du sollst nicht hierher zurückkehren auf den heiligen Boden
+Frankreichs, — den Du als Verräther betreten, — Du sollst nicht
+zurückkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pflücken und
+mir das Glück meines Lebens zu stehlen.“
+
+Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehaßten Fremden nach, — dann
+wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.
+
+
+
+
+Viertes Capitel
+
+
+Die schöne Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball
+bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie saß in
+tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit
+welcher sie sich beschäftigte, auf ihren Schooß, während sie auf die
+noch winterlichen Bäume des Thiergartens hinausblickte.
+
+Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glückliches
+Lächeln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten
+aus ihren Augen.
+
+Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um sie in trockner und
+wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es
+sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den
+ersten Finanzgrößen der Residenz gehöre, mit Nichts bedeutenden
+untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren
+von Stellung und Distinction zurückweise. Ihre Mutter betrachtete das
+Alles nur als eine Frage der äußeren Rücksichten auf die Stellung des
+Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, daß sie sich nicht die
+entfernteste Möglichkeit träumen ließe, ihre Tochter könne wirklich in
+einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen
+guten angenehmen Tänzer.
+
+Und Fräulein Anna, hörte alle mütterlichen Ermahnungen ruhig mit
+gleichgültigem Lächeln an — sie wartete ihre Zeit ab und wußte, daß, wenn
+dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben würde, dem Zorn
+ihrer Mutter zu trotzen.
+
+Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft
+hatte er bei Tische erzählt, wie vortrefflich das Geschäft sei, welches
+er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte
+seiner Frau, welche aufmerksam, mit großem Interesse seinen
+Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein würde,
+welchen die Gesellschaft, welche er gegründet, aus der auf den Gütern
+des Barons eingeführten Industrie ziehen müsse und um wieviel sich
+zugleich durch diese Combination das Vermögens des Barons und das
+dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergrößern werde. Er hatte
+dabei die persönliche Liebenswürdigkeit des jungen Herrn von Rantow und
+seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders
+hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick
+auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte
+Fräulein Anna ihn so kalt und streng zurückweisend angesehen, hatte
+seine Bemerkungen mit einem so unverbrüchlichen eisigen Schweigen
+aufgenommen, daß der alte Herr, welcher seine Tochter abgöttisch liebte
+und ihr gegenüber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen
+durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gesprächsthema übergegangen war.
+
+Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee
+eingeladen worden. Man hatte dort einige ältere Herren, Freunde des
+Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme
+Manieren hatten, und die Commerzienräthin hatte in diesen Kreisen noch
+steifer, noch würdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstörbaren
+Lächeln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze
+sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten
+aristokratischen Grundsätze aussprachen.
+
+Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gesprächiger als je
+gewesen, er hatte den Baron mehrere Male „mein verehrter Freund“, einmal
+sogar „mein lieber Freund“ genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen
+unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer entwickelt, er hatte von den
+Hunderttausenden erzählt, die er in diesem und in jenem Geschäft
+engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine
+mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die
+Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen
+Château Lafitte zu probiren.
+
+Kurz Herr und Frau Cohnheim waren glücklich und befriedigt über diese
+intime Soirée bei dem Baron.
+
+Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Fräulein
+Anna gewidmet, ohne indeß etwas Anderes erreichen zu können als einige
+hingeworfene, gleichgültige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen.
+
+Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienräthin
+ihrer Tochter abermals eine Vorlesung über ihr abstoßendes Benehmen
+gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als
+ein tiefes Schweigen ihrer Tochter.
+
+Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu
+unterstützen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge
+Herr von Rantow für eine gute Partie sei, und wie die Damen der höchsten
+Aristokratie glücklich sein würden, wenn seine Wahl auf sie fallen
+sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick
+seines Lieblings zurückgezogen und seiner Frau allein die Sorge
+überlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem
+jungen Mädchen annehmbar zu machen.
+
+Fräulein Anna hatte nach dieser Soirée eine schlaflose Nacht zugebracht,
+sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Büchenfeld Nichts
+wieder gehört. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch
+gemacht zu einer Zeit, wo er gewiß war, Niemand zu Hause zu treffen;
+obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster saß und auf die
+lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den
+erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte.
+
+Sie saß nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das
+durch eine Hängelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr
+schöner Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gestützt und ihre
+aufgelösten Haare fielen über den weißen Arm nieder, von welchem der
+weite Ärmel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken
+war.
+
+„Er liebt mich,“ flüsterte sie leise vor sich hin, — „das hat mein Herz
+lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es
+wahr, denn für ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein
+Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,“
+fuhr sie fort, „warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken
+zwischen uns hätte hinwegräumen sollen, der uns gegenseitig unsere
+Herzen geöffnet hat, Nichts mehr von sich hören lassen? Warum hat er
+einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wußte, daß er uns nicht
+finden konnte? Ich kann das nicht ertragen,“ rief sie, leicht mit dem
+zierlichen Fuß auf den Boden tretend, „diese unklare, peinliche Lage muß
+ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von
+Rantow, — es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde!
+Auch mein Vater scheint ähnliche Gedanken zu haben. Nun,“ sagte sie
+trotzig die Lippen aufwerfend — „das beunruhigt mich nicht, mein Vater
+wird mir gegenüber nicht den Tyrannen spielen, — aber ein Ende muß das
+nehmen, klar muß Alles werden! Doch wie,“ sprach sie sinnend, „was soll
+ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlägen an mich
+herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht
+der Mühe werth hält, sich mir zu nähern?“
+
+Sie sann lange nach.
+
+„Sollte ich ihn gekränkt haben,“ flüsterte sie leise — „er ist
+empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein,“ rief sie dann, „ich
+erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte
+sprachen deutlicher vielleicht, als ich es hätte thun sollen, meine
+Liebe zu ihm aus. Nein,“ rief sie, „er kann nicht zweifeln, daß mein
+Herz ihm gehört. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn,
+der ihn von mir zurückhält. Und hat er,“ fuhr sie fort, indem ihre Augen
+sanft und weich vor sich hinblickten, „hat er nicht Recht, so stolz zu
+sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch
+fühlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade,“ rief sie
+leidenschaftlich, „darum liebe ich ihn — aber soll ich ihn verlieren,
+weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht für
+immer von mir gehen lassen — es klang wie ein Abschied in seinen letzten
+Worten. Fürchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu
+zu werden? Ich muß ihn sehen,“ sagte sie aufspringend, „ich muß ihn
+sprechen, ich muß mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und
+laut das Gefühl meines Herzens bekennen. Oh,“ sagte sie, sich hoch
+aufrichtend, „diesem Baron von Rantow gegenüber und all den Herren
+gegenüber, die mich umschwärmen, die da glauben, daß sie gestützt auf
+ihre großen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken dürfen, um
+mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein großes Vermögen zu
+erwerben, — ihnen gegenüber fühle ich den Stolz einer Königin in mir, es
+reizt mich, ihnen zu zeigen, daß ich mich höher achte, als sie Alle.
+Aber ihm gegenüber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen
+Herzen gegenüber will ich demüthig sein. Er soll sehen, wie ich Alles,
+was ich ihm bieten kann, für Nichts achte und wie ich glücklich bin, daß
+er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu
+verlassen, ihm gegenüber will ich keinen Stolz haben, und so will ich
+ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben.“
+
+Sie öffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen
+Bogen goldgerändertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig,
+während ihre Wangen sich mit dunklem Purpur färbten, einige Zeilen.
+
+Dann las sie dieselben durch.
+
+„Es ist etwas Ungewöhnliches, was ich da thue,“ sagte sie, „jedem
+andern Manne gegenüber würde es eine Selbsterniedrigung sein — aber er
+wird mich verstehen, er wird fühlen, daß er kein Recht mehr hat, seinem
+stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich
+mich so in seine Hände gebe.“
+
+Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloß ihn in eine
+Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.
+
+„Es wird Licht werden,“ sagte sie dann, „ich werde den Brief zur Post
+tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner
+Bitte folgen.“
+
+Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie
+sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer
+und gestalteten sich zu schönen und lieblichen Träumen künftigen
+Glückes.
+
+ * * * * *
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld hatte seit seiner Erklärung mit Fräulein
+Cohnheim viel mit sich selbst gekämpft. Er war nach einer ziemlich
+einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in
+Berlin zum ersten Mal in die größern Kreise der Welt eingetreten, und
+die Liebe zu dem jungen Mädchen hatte mit übermächtiger Kraft sein tief
+empfindendes, in sich selbst zurückgezogenes Herz erfüllt, ein ganz
+neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen
+von dem tiefen Gefühl, das ihn erfüllte. Die starren Begriffe von Ehre
+und männlicher Würde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt,
+kämpften gegen diese Liebe an, und sein Blut empörte sich bei dem
+Gedanken, daß man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen
+Commerzienraths materielle Motive unterlegen könnte, sein Stolz bäumte
+sich auf, wenn er sich die Möglichkeit dachte, daß er kalt und
+hochmüthig zurückgewiesen werden könnte, und selbst wenn es ihm gelingen
+würde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken
+zurück, seine Lebensstellung auf das Vermögen seiner Frau zu begründen.
+
+Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefühlen hinreißen lassen, er
+war dem jungen Mädchen näher und näher getreten, endlich aber hatte er
+mit dem festen Entschluß sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen
+sie aussprechen wollen, um zugleich für immer von ihr Abschied zu
+nehmen.
+
+Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geöffnet, er hatte
+mit Entzücken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, daß seine Gefühle
+so stark und so warm erwiedert würden.
+
+Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glückes ihn geblendet, aber
+am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm mächtig geworden, er hatte
+den festen Entschluß gefaßt, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf
+seine eigene Kraft seine Zukunft zu begründen, und er wollte, um den
+Kampf siegreich zu bestehen, Fräulein Cohnheim nicht wiedersehen, so
+lange sein Commando in Berlin noch dauerte.
+
+Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die
+geliebten Züge zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren,
+aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurück und vermied
+sorgfältig alle Kreise, in denen er Fräulein Cohnheim hätte begegnen
+können. Nur am späten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen
+Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die
+Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange
+stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Träumerei
+versunken, aber sein Entschluß blieb fest, am Tage betrat er niemals die
+Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum nächtlichen
+Himmel sandte.
+
+Er wurde in seiner stolzen Zurückhaltung noch bestärkt durch die
+Bemerkungen, welche sein Vater ihm über sein Gespräch mit dem Baron von
+Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen
+Sohn darüber geäußert, daß sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus
+bester Familie sich zu industriellen Geschäften mit dem Commerzienrath
+associirt habe, und daß er, wie es schien, sogar die Idee nicht als
+unmöglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch
+immer weiter zu vermehrenden Vermögen durch eine Heirath seines Sohnes
+mit dem Fräulein Cohnheim mit einander zu verbinden.
+
+Mit traurig bitterm Lächeln hatte der junge Mann den unwilligen Worten
+seines Vaters zugehört.
+
+Der alte Herr hatte in diesem Lächeln eine Zustimmung zu seinem so
+mißfälligen Urtheil über die moderne Handlungsweise seines Freundes zu
+finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut
+ausgerufen:
+
+„Wir würden so Etwas nicht thun, die Büchenfelds mögen kein so vornehmes
+und kein so begütertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow,
+aber mit den Börsenspeculanten würden wir weder unsere Geschäfte, noch
+unser Blut vermischen.“
+
+Unbeschreibliche Gefühle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen
+Worten seines Vaters zusammengeschnürt, ohne zu antworten, war er
+aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.
+
+Einige Tage später hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem
+Herrn von Rantow in höchster Entrüstung mitgetheilt, daß nicht nur das
+Geschäft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen
+Ausbeutung der Rantow'schen Erbgüter beschlossen sei, sondern daß er nun
+auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Fräulein Cohnheim zu
+seinem tiefen Schmerz als gewiß ansähe.
+
+Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschluß des jungen
+Mannes geworden, das junge Mädchen nicht wieder zu sehen, der alle
+Regungen seines Herzens gehörten und welche doch von ihm durch alle
+Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhältnisse der Welt
+zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind.
+
+Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft, — er suchte durch
+die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen
+durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller
+Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thätigkeit für
+eine große und wirkungsvolle Carrière vorzubereiten. Er wollte durch den
+Ehrgeiz die Liebe tödten, denn einer großen und mächtigen, Alles
+beherrschenden Regung bedurfte er für sein inneres Leben, dem das
+gleichgültige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht genügte.
+
+An dem Tage, an dessen Vorabend Fräulein Anna in nächtlicher Stille den
+Entschluß gefaßt hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden
+Lösung zuzuführen, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der
+Kriegsschule zurückgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in
+welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein
+Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen
+Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte,
+welches der alte Herr für sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen
+kleinen Hotel holen ließ.
+
+„Du siehst bleich aus,“ sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit
+sorgenvoller Theilnahme ansah, „ich fürchte, Du arbeitest zu viel. Es
+ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tüchtiges lernt, aber man darf
+darum kein Kopfhänger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast
+jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr — Du darfst
+Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit,“ sagte er, sich den
+Schnurrbart streichend, „waren wir jungen Officiere anders, wenn es
+keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus
+und machten fröhliche Streifzüge durch Wald und Feld. Damals hätten wir
+es nicht für die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Büchern zu
+sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student.“
+
+„Sei ruhig, lieber Vater,“ sagte der Lieutenant mit einem etwas
+gezwungenen Lächeln, „ich werde gewiß nicht über meine Kräfte arbeiten;
+wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, daß ich
+keine Freude in dem hiesigen weitläufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn
+ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden,
+unter den alt gewohnten Verhältnissen, so wird es anders werden.“
+
+„Nun,“ sagte der alte Oberstlieutenant, seinem früheren Gedankengang
+folgend, „es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier
+heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man muß heute
+die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm führen. Das ist
+Alles ganz gut, aber zum Kopfhänger darf darum der Soldat doch nicht
+werden. — Daß Dir übrigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht
+gefällt,“ fuhr er fort, „verstehe ich, und daß Du glücklicher in den
+einfachen Verhältnissen Deiner kleinen Garnison bist — freilich,“ sagte
+er dann wehmüthig seufzend, „wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz
+allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters — Ihr marschirt in die
+Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da können ja unsere Wege
+nicht zusammenlaufen.“
+
+Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenüber Platz, und der
+alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und
+dünne Bouillon.
+
+Der Oberstlieutenant füllte die Weingläser für sich und seinen Sohn aus
+einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stieß mit dem
+Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den künftigen
+Feldmarschallstab an. Während der junge Mann schweigend seinem Vater
+zuhörte, welcher von alten Zeiten erzählte und manche schon oft
+wiederholte Geschichte noch einmal ausführlich vortrug, hörte man ein
+starkes Klingeln an der äußern Eingangsthür der kleinen einfachen
+Wohnung.
+
+Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit
+einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurück.
+
+„Ein Brief für den Herrn Lieutenant,“ sagte er, indem er in
+dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann überreichte.
+
+Dieser nahm es mit gleichgültiger Miene, öffnete es, und ließ die Augen
+über den Inhalt gleiten. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, mit
+starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jähen Schreckens las er
+die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen
+Schooß herab, indem seine Augen fortwährend unbeweglich auf den Worten
+ruhten, die er so eben gelesen.
+
+„Mein Gott,“ rief der alte Oberstlieutenant unruhig, „was ist das? Du
+hast doch keine böse Nachricht bekommen — doch nicht etwa eine
+Ehrensache?“
+
+Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu
+gewinnen.
+
+„Es ist Nichts,“ sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine
+Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Mühe die Worte
+hervorbrachte, „ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu
+verbringen.“
+
+„Aber Du bist doch so erschrocken,“ sagte der alte Herr forschend, „Du
+bist ja ganz roth geworden, Du zitterst.“
+
+„Ich habe den ganzen Vormittag über Nichts gegessen,“ sagte der
+Lieutenant, „die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig
+echauffirt, — es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein
+leichter Schwindel, der bereits vorüber ist.“ —
+
+Der alte Herr sah ihn ein wenig enttäuscht an.
+
+Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit
+einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzählungen einzugehen,
+Erinnerungen anzuregen, von denen er wußte, daß sie seinem Vater lieb
+wären, so daß dieser bald den kleinen Vorfall vergaß und in äußerst
+zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen ließ,
+sehr vergnügt darüber, daß sein Sohn so lebendig wie lange nicht an
+seinen Gesprächen Theil nahm.
+
+Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgeräumt
+war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen großen altmodischen
+Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer
+sprechend mit seinem Sohn, deckte ein großes seidenes Tuch über seinen
+Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute
+tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern
+die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Würden
+und Auszeichnungen geschmückt den Namen derer von Büchenfeld zu immer
+höhern Ehren brachte.
+
+Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein
+kleines Zimmer zurück, setzte sich vor seinen großen Tisch von weißem
+Holz, der mit Büchern, Plänen und Karten bedeckt war, zog das kleine
+Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die
+Lectüre desselben.
+
+„Mein Gott,“ sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton,
+„mein Entschluß stand so fest, ich glaubte Alles überwunden, ich glaubte
+mit der Vergangenheit und all ihren süßen Lockungen abgeschlossen zu
+haben, — da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschlüsse
+wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel
+versenkt —
+
+„Mein lieber Freund.“
+
+Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet.
+
+„Nach unserm letzten Gespräch glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu
+sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhältnisse machen
+eine Erklärung zwischen uns nothwendig. Ich muß Sie sehen und
+sprechen, — gehen Sie heute Nachmittag fünf Uhr in der Nähe unseres
+Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen
+dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht
+und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen.“
+
+„Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen,“ sagte er, immerfort sinnend
+das Papier betrachtend, — „ein einfaches A. ist die Unterschrift. — Ich
+habe niemals Anna's Handschrift gesehen,“ fuhr er fort, „aber es ist
+kein Zweifel, dieser Brief muß von ihr kommen. Was kann sie mir sagen
+wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit
+dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein — nach ihren letzten Worten
+freilich,“ sagte er, den Kopf in die Hand stützend, „mußte ich glauben,
+daß ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht
+annehmen, sie gab mir Hoffnung, — oh, eine so süße Hoffnung, welche ich
+mit so schwerer Ueberwindung aus meinem Herzen gerissen habe.
+
+Wäre es möglich“ — ein Schimmer von Glück und Freude erleuchtete sein
+Gesicht, in einer unwillkürlichen Bewegung hob er das Papier empor,
+drückte seine Lippen auf die Schriftzüge, dann sprang er auf und ging in
+heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder. —
+
+„Sei es, was es will,“ rief er, „es wäre unritterlich und feige, der
+Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt
+habe, daß ich sie liebe — und welche dieses Geständniß so gütig und
+freundlich aufgenommen, wie sie es gethan. —
+
+Aber,“ fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, „wenn
+sie mir sagen will, daß Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden
+will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen?
+
+Nun,“ fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort,
+„auch das wäre ein Zeichen, daß ich mich nicht in ihr getäuscht habe,
+ein Zeichen, daß sie meiner Liebe werth war, und daß sie es auch
+verdient, daß ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glück opfere.
+Jedenfalls muß ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird
+ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser
+schöne Traum wird einen um so schönern Abschluß finden, und,“ sagte er
+leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glück die
+Mitte hielt, „sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen
+meine Liebe sich erneuern — ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das
+wäre ein Mißtrauen auf die eigene Kraft, — ich muß hingehen und werde
+stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhängnißvolle
+Augenblick mir bringen kann.“
+
+Er blickte auf seine Uhr.
+
+„Noch über eine Stunde,“ sagte er, — „daß doch die Zeit oft so langsam
+vergeht, wenn man ihr Flügel wünscht und so rasch dahin schwindet, wenn
+man sie fesseln möchte.“
+
+Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht
+bei seiner Lectüre, in kurzen Zwischenräumen sah er nach der Uhr, deren
+Zeiger kaum vorzurücken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin
+und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief blaß, bald
+glühend roth; ein leichter Schweiß perlte an der Wurzel seiner Haare;
+und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben,
+fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter
+Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefühle und Gedanken bei äußerer
+Unthätigkeit stets hervorruft und welcher bei kräftigen und nervösen
+Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unerträglichsten
+Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequälte Menschenleben
+so reich ist.
+
+Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte
+die Mütze auf und verließ, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu
+betreten, das Haus.
+
+ * * * * *
+
+Fräulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag
+verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um
+zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen.
+Sie war überhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen
+Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus überlegener
+Gleichgültigkeit, ihr Vater aus Zärtlichkeit selten ein Hinderniß in den
+Weg gelegt hatten.
+
+Noch einmal hatte sie sich Alles überdacht, was sie dem jungen Manne
+sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick
+entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen würden. Es war ja unmöglich,
+daß sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen könnte, da sie doch wußte,
+daß sein Herz ihr gehörte.
+
+Mit bangem Zittern, aber mit einem glücklichen, hoffnungsvollen Lächeln
+auf den Lippen verließ sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre
+Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer
+Eltern auf- und abzugehen, wie sie es öfter um diese Zeit zu thun
+pflegte um frische Luft zu schöpfen.
+
+Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all
+den alten Damen mit kleinen Hündchen in zierlichen blauen oder rothen
+Mänteln, unter all den Herren, welche in dem regelmäßig abgemessenen
+Spaziergang Erholung für die im Staub der Bureaus aller Arten
+verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem
+ihr Herz entgegenflog.
+
+Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter.
+
+„Guten Tag, Fräulein Anna,“ ertönte plötzlich eine Stimme unmittelbar
+neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow,
+welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit
+einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit
+eines alten Bekannten begrüßte, welche sie um so unangenehmer berührte,
+als ihr diese Begegnung gerade im gegenwärtigen Augenblick ungemein
+unerwünscht war.
+
+Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruß des jungen
+Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.
+
+Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.
+
+„Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich
+gesucht, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er, „in denen ich Ihnen sonst zu
+begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre
+blühende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen
+blühen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und
+Leiden keinen Platz finden,“ fügte er mit höflich gleichgültigem Ton
+hinzu, indem sein Blick oberflächlich über das Gesicht und die Gestalt
+des jungen Mädchen hinglitt.
+
+„Ich danke, Herr von Rantow,“ sagte Anna mit dem Ton einer gewissen
+Verlegenheit, „ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervös
+verstimmt, — deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und möchte
+jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um _einsam_ meinen
+Gedanken nachzuhängen.“
+
+„Das sollten Sie nicht thun,“ erwiderte Herr von Rantow, ohne den
+ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr
+in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. „Die Einsamkeit ist kein
+Heilmittel für angegriffene Nerven, eine heitere gemüthliche Plauderei
+leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu
+sein.“
+
+„Sie sind zu gütig,“ erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, „Jeder muß
+am besten wissen, was seiner Natur bei nervösen Verstimmungen gut thut,
+und für mich ist ein _einsamer_ Spaziergang in der freien Luft,“ fügte
+sie mit noch schärferer Betonung hinzu, „das beste Heilmittel.“
+
+„Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten,“ erwiderte Herr von Rantow mit
+einem leichten Lächeln, während er durch sein Glas in eine Seitenallee
+hinabsah, „meine Begleitung nicht weiter aufdrängen, und doch wird es
+mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein
+sein zu wollen —“
+
+„Mein voller Ernst,“ rief Anna schnell, indem eine dunkle Röthe ihr
+Gesicht überflog, — sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von
+Büchenfeld bemerkt und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle
+sie ihm entgegen eilen.
+
+Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung
+ihres Blickes.
+
+„Ah, da ist Herr von Büchenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch
+ein Einsamer,“ fügte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge
+Mädchen hinzu. „Wäre die Einsamkeit ein Ding, das man theilen könnte, so
+würde ich vorschlagen, daß wir uns zu Dreien ihrem Genuß hingeben.“
+
+Anna hörte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den
+jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren
+Zügen, unschlüssig hielt sie ihre Schritte an, so daß sie fast neben
+Herrn von Rantow stehen blieb.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld hatte bei ihrem Anblick zunächst in
+freudiger Bewegung einen Schritt vorwärts gemacht, dann bemerkte er den
+jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gespräch
+neben Fräulein Anna herging.
+
+Eine tiefe Blässe bedeckte plötzlich seine Züge, seine Augen öffneten
+sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen
+blieb, — ein bitteres höhnisches Lächeln verzog seine fest verschlossenen
+Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine
+Brust, schnell wandte er sich seitwärts, und mit raschen Schritten ging
+er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Höflichkeit Fräulein
+Cohnheim militairisch grüßend.
+
+Das junge Mädchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten
+sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorüberschreitenden jungen
+Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei,
+rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle
+sie die Hände ausstrecken.
+
+„Um Gottes Willen Herr von Büchenfeld!“ rief sie.
+
+Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepreßt,
+daß ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr
+stehenden Herrn von Rantow drangen. Im höflichen Diensteifer wandte sich
+dieser um.
+
+„Büchenfeld!“ rief er, „so höre doch, — wie unhöflich, so vorbei zu
+laufen, — Fräulein Cohnheim ruft Dich.“
+
+Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm
+und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes
+höhnische, bittere Lächeln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von
+Rantow geführt, zu dem jungen Mädchen zurück, das ihn zitternd
+erwartete.
+
+„Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Büchenfeld,“ stammelte
+sie mit unsicherm Ton, „ich wollte Ihnen sagen, — daß —“ sie blickte auf
+Herrn von Rantow, der mit einem artigen Lächeln auf den Lippen neben ihr
+stand, und dann schlug sie die Augen nieder, — sie schien nach Worten zu
+suchen, zornig biß sie ihre glänzenden Zähne auf die Lippen und trat
+heftig mit dem Fuß auf den Boden.
+
+„Es ist sehr freundlich, daß Sie sich meiner erinnern,“ sagte der
+Lieutenant von Büchenfeld mit kalter, schneidender Höflichkeit. „Ich
+bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen
+Bedauern muß ich aber um Verzeihung bitten, daß ich mich keinen
+Augenblick aufhalten kann, — der unerbittliche Dienst ruft mich.“
+
+Er grüßte militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow,
+und eilte dann mit schnellen Schritten davon.
+
+Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm
+nacheilen, doch das wäre vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer
+schnellerem Gang, sie — sah ihm mit brennendem Blick nach.
+
+Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht.
+
+„Ich begreife nicht,“ sagte Herr von Rantow, „was er haben kann, er sah
+ja ganz verstört aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt
+haben?“
+
+Fräulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern
+zeigte sich ein feuchter Thränenschimmer.
+
+„Ich bedaure sehr, Herr von Rantow,“ sagte sie mit kaltem Ton, „daß ich
+nicht länger das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft
+greift mich an, ich will nach Hause zurückkehren.“
+
+Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem
+leichten Gruß abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu.
+
+„Wir gehen denselben Weg,“ sagte er ganz erstaunt, „ich will so eben zu
+meinen Eltern.“
+
+Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hören. Erstaunt
+blickte er ihr nach.
+
+„Was geht denn da vor!“ sprach er kopfschüttelnd vor sich hin. „Sollte
+da eine ernste Herzensangelegenheit spielen, — das würde mir nicht zu
+meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das
+Alles fügt sich so vortrefflich, — nun, ich glaube kaum, daß es ein
+ernstes Hinderniß sein wird,“ sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart
+streichend, „dieser Büchenfeld mit seinen altfränkischen Anschauungen
+wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird
+auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der
+Nichts weiter besitzt als seinen Degen.“
+
+Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Mädchen nach und trat
+einige Zeit später als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen
+Parterre seine Eltern bewohnten.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war in schmerzlicher Erregung dem
+Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum
+die Vorübergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken
+beschäftigt.
+
+„Das also ist es gewesen,“ flüsterte er, „sie hat mir zeigen wollen, daß
+Alles zwischen uns aus sein soll, daß Alles für sie nur das flüchtige
+Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen,
+aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl
+das künftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklärt.
+Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie
+wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen,
+der das Glück besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte. —
+
+„Das Glück?“ sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug, — „kann es
+ein Glück geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den
+edelsten Gefühlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich
+weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag, — und sie
+hätte es ja nicht nöthig gehabt,“ sprach er, grimmig die Lippen auf
+einander pressend, „sie hätte es nicht nöthig gehabt, mir so meinen
+Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht
+verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurückgezogen. Warum hat
+sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich
+mich in ihr getäuscht! Wie Recht hatte mein Vater, daß in diesen Kreisen
+der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefühl giebt.“
+
+Er sah sich plötzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annäherung
+er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.
+
+„Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkörperten Fleiß,“ rief ein
+junger Dragonerofficier.
+
+„Er bereitet sich zum Chef des großen Generalstabs vor und macht Tag und
+Nacht die Pläne zu den Schlachten, die er künftig gewinnen will. Aber
+jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute
+Hohensteins Geburtstag,“ sagte er, auf einen Husarenofficier deutend,
+„wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu
+feiern. Büchenfeld darf sich nicht zurückziehen, wenn er nicht ein
+schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein
+vortrefflicher Romanée mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll.
+Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer, — aber wo man den
+Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und
+nüchtern bleiben.“
+
+Er ergriff den Arm des Lieutenants von Büchenfeld und zog ihn fort. Die
+Andern folgten.
+
+„Es ist wahr,“ rief Büchenfeld flammenden Blickes, „ich habe zu viel
+gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegrübelt, ich will mir einmal den
+Kopf frei machen von allen Gedanken. Könnte ich Vergessenheit trinken,“
+sagte er leise vor sich hin, — „wie die Alten mit dem Wasser des Flusses
+der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele
+fortspülten!“
+
+Unter heitern und fröhlichen Gesprächen schritten die Officiere die
+Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewährte Local von
+Borchard in der Französischen Straße.
+
+Der alte Kellner mit dem kränklichen, klug blickenden Gesicht, welcher
+so genau seine Gäste zu classificiren verstand und den Geschmack und die
+Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedächtniß behielt, brachte die
+dickbäuchigen Flaschen in den eisgefüllten Kühlern. Die Pfropfen wurden
+entfernt, und das edle, dunkelrothe Getränk mit dem weißen Schaum ergoß
+sich in die zierlichen Krystallkelche.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen
+sich der Gesellschaft der Uebrigen angeschlossen hatte, stürzte ein Glas
+des purpurnen Getränkes nach dem andern hinunter, — eine wilde Heiterkeit
+schien sich seiner zu bemächtigen, seine Augen flammten, seine Wangen
+glühten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit
+sprühendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen.
+
+Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd, — er war
+scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten
+Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war.
+
+Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an.
+
+„Büchenfeld muß etwas sehr Glückliches passirt sein,“ sagte der
+Dragonerofficier, „so habe ich ihn noch nie gesehen.“
+
+„Oder,“ sagte der Husar lachend, „er steht im Begriff, sich
+todtzuschießen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht.“
+
+„Weder das Eine noch das Andere,“ meinte ein Dritter, „es ist einfach
+dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund
+so gesprächig macht.“
+
+„Oder sollte er etwa verliebt sein,“ sagte der Dragoner, „das wäre ja
+das Allermerkwürdigste, das man erleben könnte, — er, der bis jetzt gar
+keine Augen für ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen
+Studien gelebt hat.“
+
+„Ja, ja,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld laut lachend, „Du hast es
+getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth,“ sagte er,
+ein neues Glas herunterstürzend, „aus seiner gewohnten Ruhe
+herauszutreten. Nein, nein,“ fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort,
+„wenn ich verliebt wäre, dann wäre mir doch wirklich besser, daß ich
+mich auf ein Pulverfaß setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die
+Liebe?“ sagte er plötzlich düster; — „die unwürdige Fessel, welche den
+Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die flüchtige Laune einer
+Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und
+sie zum Spott Derer werden läßt, die sie nicht begreifen können!“
+
+Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer höher glühten
+die Wangen des Herrn von Büchenfeld, und bereits begannen seine Freunde
+mit einiger Besorgniß zuzusehen, wie er fortwährend sein Glas füllte, um
+es augenblicklich wieder zu leeren.
+
+Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezündet. Einige einzelne
+Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz
+genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden.
+
+Der Referendar von Rantow trat herein, ließ durch sein Lorgnon den Blick
+durch das große Zimmer gleiten und näherte sich dann der Gruppe der
+Officiere, die ihm sämmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen
+freundlich begrüßt, rasch reichte man ihm einen gefüllten Kelch und
+stellte einen Sessel für ihn in den Kreis der Uebrigen.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war in die Ecke eines Divans
+zurückgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem
+Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein verächtliches Lächeln zuckte um
+seine Lippen.
+
+„Sieh da, Büchenfeld,“ sagte der Referendarius, ihm freundlich
+zunickend, „ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und
+unzugänglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die
+Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte, — das war nicht höflich.“
+
+„Ihm muß überhaupt etwas ganz Außerordentliches passirt sein,“ sagte der
+Husarenofficier, — „er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie
+gesehen habe. Sehr amüsant freilich, aber ich möchte ihn so nicht in
+fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst könnte wohl morgen Einer von uns
+das Vergnügen haben, ihm zu secundiren.“
+
+Herr von Büchenfeld warf dem Sprechenden einen flüchtigen Blick zu,
+stürzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer
+Stimme:
+
+„Das würde nicht zu besorgen sein, — ich bin im Gegentheil in sehr
+friedlicher Stimmung, — sehr friedlich — und sehr vergnügt. — Du hast
+Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein großes Glück widerfahren, ich bin
+einer großen Gefahr entronnen, — ich stand im Begriff einen tiefen Fall
+zu thun, — einen tiefen, tiefen Fall,“ sagte er mit dumpfem, allmälig
+immer leiser und leiser verklingendem Ton; — dann sank sein Haupt auf die
+Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu
+beenden.
+
+Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander.
+
+„Ich fürchtete schon,“ sagte Herr von Rantow lächelnd, „daß Du mir böse
+sein würdest, und daß ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens
+gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt, — sollten wir
+Nebenbuhler sein? Das wäre nicht hübsch,“ fügte er hinzu, „gute Freunde
+müssen sich über so Etwas verständigen.“
+
+„Nebenbuhler?“ riefen die Officiere neugierig, — „so haben wir doch
+Recht, so ist er doch verliebt. Es mußte ja auch etwas ganz
+Außerordentliches sein, was ihn so verändern konnte.“
+
+Herr von Büchenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine müden
+geschlossenen Augen öffneten sich weit und blickten mit sonderbarem
+Ausdruck im Kreise umher.
+
+„Nebenbuhler,“ rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow
+wendend, „wären wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz
+ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schätze
+dieses kindische Gefühl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren
+Werth; und ihr Werth ist sehr gering,“ fügte er achselzuckend
+hinzu, — „über Dergleichen dürfen sich Männer nicht entzweien. Wahrlich,“
+fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder
+zu leisem Ton herabsank, „stände hier eine Roulette zwischen uns, ich
+würde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und
+Liebesansprüche der Welt setzen.“
+
+„Das ist ein guter Gedanke,“ rief der Dragonerofficier, der ebenso wie
+die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einfluß der Wirkung des
+feurigen Weines befand, „ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid,
+setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur
+Klarheit zu kommen, als sich die Hälse zu brechen. Eine Roulette ist
+nicht hier, spielt eine Partie Ecarté um Eure Schöne —“
+
+„Vortrefflich, vortrefflich!“ riefen die Andern jubelnd, — „ein
+ausgezeichneter Gedanke!“
+
+„Unglück im Spiel, Glück in der Liebe!“ rief der Husarenofficier.
+
+„Wer das Spiel gewinnt, muß seine Liebesansprüche aufgeben —“
+
+„Warum nicht,“ rief Herr von Büchenfeld, dessen Blicke sich immer
+verschleierten, „gebt die Karten her!“
+
+Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige
+Bemerkungen machen, die Uebrigen ließen ihn nicht zu Worte kommen.
+
+Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartékarten gebracht, man
+räumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Büchenfeld leer und zog Herrn
+von Rantow zu dem jungen Officier hin.
+
+„Ich setze hundert Louisd'or,“ sagte dieser, indem er den Blick
+forschend auf Herrn von Büchenfeld richtete, wie es schien in der
+Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu
+bringen.
+
+„Ich nehme an,“ sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell
+leerte er noch ein Glas.
+
+„Wer gewinnt,“ rief der Dragonerofficier, „zahlt also hundert Louisd'or
+und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour
+zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr
+sprechen.“
+
+Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht
+ergriffen hatte, auf Herrn von Büchenfeld.
+
+„Angenommen,“ sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung
+nach dem Spiel und hob ab.
+
+„Drei,“ sagte Herr von Rantow, — dann coupirte und zeigte ein Aß.
+
+„Du giebst,“ sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton.
+
+Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male
+den König auf, und nach wenigen Abzügen hatte er die Partie gewonnen.
+
+Höhnisch lachte Herr von Büchenfeld laut auf.
+
+„Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen!“ rief er, die Karten
+durcheinander werfend, — „ich gratulire Dir!“ — er sank auf seinen Stuhl
+zurück, sein Haupt fiel müde auf die Brust nieder.
+
+Herr von Rantow zuckte zusammen.
+
+Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise
+herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit
+verlegenen Blicken an.
+
+„Ich habe gewonnen, nach der Verabredung muß ich den Einsatz bezahlen,“
+sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrückte, daß er dieser
+peinlichen Scene so schnell als möglich ein Ende machen wollte.
+
+Er zog einige Goldstücke aus seinem Portemonnaie, fügte aus seinem
+Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von
+Büchenfeld auf den Tisch und erhob sich.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand
+aus und streute das Geld auf dem Tisch umher.
+
+„Der Einsatz ist zu hoch,“ sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen
+Worten, „Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht
+werth, ich kann das nicht annehmen.“
+
+Und abermals sank er in seinen Stuhl zurück, seine Augen schlossen sich,
+sein Haupt fiel matt gegen die Lehne.
+
+Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurückgeschoben. Einer
+der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den
+Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath,
+der Alles mit angehört hatte.
+
+„Wie peinlich, wie unangenehm,“ sagte er, während die ernst gewordenen
+Officiere schweigend um ihn her standen.
+
+„Meine Herren,“ fuhr er fort, „ich glaube nicht, daß es möglich ist, mit
+Herrn von Büchenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm
+einen großen Dienst leisten, wenn Sie dafür sorgen, daß er so bald wie
+möglich nach Hause zurückkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter
+darüber reden.“
+
+Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine
+Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte.
+
+Die heitere und übermüthige Weinlaune der Officiere war verschwunden,
+sie Alle fühlten, daß hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das
+schwere Folgen nach sich ziehen müsse.
+
+Sie brachen auf, der Lieutenant von Büchenfeld ließ sich ruhig und ohne
+weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke führen.
+Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzählten dem alten
+Oberstlieutenant, daß sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig
+von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei.
+
+Der alte Herr lächelte ganz vergnügt darüber und freute sich im Stillen,
+daß die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg über
+seine Neigung zu einsamem Grübeln davon getragen habe.
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+
+Fräulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefühle nach Hause
+zurückgekehrt, sie hatte in das Verhältniß zu ihrem Geliebten Licht und
+Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglückseliges und
+verhängnißvolles Zusammentreffen der Umstände eine neue und noch größere
+Verwirrung entstanden.
+
+Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und riß hastig die Handschuhe von
+den zitternden Händen.
+
+„Welch ein unglückseliges Zusammentreffen,“ rief sie heftig, „ich hätte
+daran denken sollen. Aber wie ist es möglich, daß er mich nicht einmal
+anhören wollte. Einige Worte hätten Alles aufgeklärt. Es ist ja schon
+ganz widersinnig, daß er von einer so eifersüchtigen Leidenschaft erfaßt
+werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben.“
+
+Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschlüssigkeit
+zu der Decke des Zimmers empor. Sie zürnte sich selbst, sie zürnte ihrem
+Geliebten, der so hart und rücksichtslos ihr jede Erklärung
+abgeschnitten hatte, vor Allem aber zürnte sie dem Herrn von Rantow,
+welcher so unberufen und störend in ihre Combinationen eingegriffen
+hatte.
+
+„Es ist unerhört,“ rief sie, „wenn er mir zutrauen kann, daß ich mit dem
+jungen Baron in irgend welchen Beziehungen stände — aber,“ fuhr sie fort,
+„sein Charakter ist so mißtrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu
+sehen. Es ist unmöglich, eine andere Erklärung für sein Benehmen zu
+finden. Was soll ich thun? — Ihm noch einmal schreiben? — Er würde mir
+nicht glauben! Er würde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im
+Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekümmerniß und der
+Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen müssen, mir das Gehör zu
+versagen!
+
+Er ist hart wie Stein,“ rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen
+ihres Kleides zerknitternd, „aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist
+nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie
+Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt
+ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg
+finden zu diesem mit siebenfachem Erz umgürteten Herzen?“
+
+Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Pläne auf
+Pläne, um sie alle wieder zu verwerfen.
+
+„Es giebt nur einen Weg,“ rief sie endlich mit festem entschlossenen
+Ton, „Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater
+sprechen. Er kann,“ fügte sie unwillkürlich lächelnd hinzu, „meinen
+ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muß es übernehmen,
+diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glück
+meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plänen
+tragen sollte.“
+
+Dieser Entschluß schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch längere Zeit
+über die Ausführung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon
+ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.
+
+Die Frau Commerzienräthin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer
+Tochter eine kleine Vorlesung darüber zu halten, was sie der Stellung
+ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, für
+sie eine passende Verbindung zu finden, so müsse auch Anna darauf
+bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen
+Personen eine Annäherung zu erlauben, welche durch ihr Vermögen und
+ihre gesellschaftliche Stellung im Stande wären, sich in die Reihe der
+Bewerber um die Tochter des großen Finanzmannes zu stellen, welcher
+bestimmt sei, noch weit höhere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu
+ersteigen.
+
+Fräulein Anna hörte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an,
+an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabänderliches gewöhnt
+hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht für nöthig hielt,
+die erwünschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhängen.
+
+Dies tête-à-tête zwischen Tochter und Mutter hatte bereits längere Zeit
+gedauert, als der Commerzienrath in großer Aufregung in das Zimmer trat.
+Er vergaß, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu
+thun pflegte, seiner Frau die Hand zu küssen, und beachtete auch den
+freundlichen Gruß seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war
+und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen
+Schritten auf und ab, bewegte die Hände in lebhaften Gesticulationen und
+flüsterte abgebrochene Worte vor sich hin.
+
+Erstaunt sah ihm die Commerzienräthin eine Zeit lang zu, dann sagte sie
+in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger
+Besorgniß beimischte:
+
+„Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollständig in
+Deinen geschäftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht wäre es
+besser, die Berechnungen über Deine Geschäfte in Deinem Zimmer
+vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie
+zu widmen — oder,“ fuhr sie fort, „hast Du so peinliche und unangenehme
+Nachrichten erhalten, daß Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?“
+
+„Es ist unerhört,“ sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, „es
+ist eine sehr unangenehme Geschichte, — es waren noch verschiedene
+Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was
+kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?“
+
+„Aber ich bitte Dich,“ sagte die Commerzienräthin, welche jetzt
+ernstlich beunruhigt zu sein schien, „so sage uns doch endlich, was Dich
+so aufregt — wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen
+und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begründet?
+Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschäft vernichtend
+treffen?“
+
+„Haus und Geschäft,“ rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er
+noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, „das kommt nicht
+in Betracht — aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner
+Tochter — was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich
+verhöhnen!“
+
+Jetzt wurde auch Fräulein Anna aufmerksam.
+
+„Du hast von mir gesprochen, lieber Papa,“ sagte sie. „Ich bitte Dich,
+was giebt es — so erzähle uns doch.“
+
+„Ich muß Dich jetzt sehr ernstlich bitten,“ sagte die Commerzienräthin
+im strengen Ton, „uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt,
+denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als
+Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung
+aufrecht zu erhalten,“ sagte sie, den Kopf erhebend, „und über den Ruf
+meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe.“
+
+„Was es giebt,“ rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch
+herantrat, — „etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Böses, meine Tochter
+ist beleidigt, — öffentlich beleidigt, verhöhnt im Restaurationszimmer
+bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen
+unbekannten Herren, welche die Geschichte natürlich so schnell als
+möglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren,
+welche mich schon so lange beneidet haben und gewiß so sehnlich
+wünschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir rächen zu
+können.“
+
+„Was ist geschehen,“ fragte jetzt auch Fräulein Anna ernst und dringend,
+„wer hat mich beleidigt und wie? Ich muß es wissen.“
+
+„Wer?“ sagte der Commerzienrath, „Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz
+unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich
+die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur,
+weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete,
+ein kleiner Lieutenant von Büchenfeld.“
+
+Anna wurde bleich wie der Tod, ihre großen Augen starrten mit entsetztem
+Ausdruck auf ihren Vater. Sie stützte die Hand auf den Tisch, ihre ganze
+Gestalt schwankte unsicher hin und her.
+
+„Lieutenant von Büchenfeld,“ sprach sie leise mit fast tonloser Stimme,
+während ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf,
+indem ein leichtes höhnisches Lächeln um ihren hochmüthig aufgeworfenen
+Mund zuckte.
+
+„Er war,“ sprach der Commerzienrath eifrig, — „Du mußt es ja doch
+wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst, — er war in
+Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das
+Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Nähe an einem Tische Platz
+nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt, — die
+Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken
+haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen
+zwischen ihm und Herrn von Büchenfeld einige anzügliche Redensarten von
+Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht
+besonders Acht gab. Der Lieutenant von Büchenfeld machte einige sehr
+wegwerfende Bemerkungen über die fragliche Dame und sagte, er würde ihre
+Liebe im Ecarté gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere
+Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von
+Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die größte Mühe,
+das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr
+erregten Gesellschaft nicht noch größeren Eclat herbeizuführen. Herr von
+Büchenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne mächtig schien, verspielte
+das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert
+Louisd'or, — ich ahnte noch immer nichts Böses, — dann warf er die Karten
+mit den lauten Worten hin: — Du hast das schöne Fräulein Cohnheim
+gewonnen, ich wünsche Dir Glück dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich
+kann ihn nicht annehmen. — Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wußte
+kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Mühe behielt ich
+die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen.“
+
+Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben
+nieder, das Gesicht mit den Händen bedeckend und krampfhaft schluchzend.
+Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene
+ihr schönes glänzendes Haar.
+
+„Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt
+und gekränkt zu werden. Aber tröste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf.
+Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht,“ sagte er, zu seiner Frau
+gewendet, „sie mußte es ja doch erfahren.“
+
+„Das kommt davon,“ sagte die Commerzienräthin, indem sie mit kaltem
+strengem Blick zu ihrer Tochter hinübersah, „wenn man nicht vorsichtig
+in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft
+zuläßt, — der Lieutenant von Büchenfeld, glaube ich, war der junge, mir
+unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den
+Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute
+setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der
+Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schließlich
+irgend eine Niedrigkeit zum Dank für Wohlwollen und Freundlichkeit.“
+
+„O, wie wäre es möglich gewesen,“ rief Fräulein Anna, ohne die Worte
+ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt,
+„wie wäre es möglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche
+Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit zu glauben, — und das, nachdem —“ sie
+bedeckte abermals das Gesicht mit den Händen und sank still weinend in
+sich zusammen.
+
+„Nun, mein Kind,“ sagte der alte Commerzienrath, den die heftige
+Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, „so übermäßig
+ernsthaft muß man die Sache auch nicht nehmen. Es läßt sich immer noch
+ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter,
+ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin,“ fuhr er fort, „mit dem Herrn von
+Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das
+Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gespräch mit einander
+geführt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst
+morgen mittheilen wollte,“ sprach er weiter, — „indeß, da ich mich nun
+einmal habe hinreißen lassen, die ganze Sache zu erzählen, so ist es
+besser, wenn wir darüber auch heute gleich sprechen.“
+
+Fräulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male
+rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen
+bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche
+sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit
+strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann
+er, eine gewisse würdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend:
+
+„Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist,
+und der ganz genau weiß, was in der großen Welt und in der feinsten
+Gesellschaft sich schickt und paßt —“
+
+„Besser als andere Leute,“ fiel die Commerzienräthin ein, „welche sich
+in die Gesellschaft eindrängen, und welche man nie hätte aufnehmen
+sollen —“
+
+„Der Herr von Rantow,“ fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust
+hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die
+Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, „hat mir gesagt, wie leid es
+ihm thäte, daß diese Scene stattgefunden habe, — er habe alles Mögliche
+gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schließlich für das Beste
+gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so
+schnell als möglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natürlich
+nicht im Entferntesten ahnen können, daß der Herr von Büchenfeld in so
+unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und
+solchen Verhältnissen nennen würde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir
+gesagt,“ fuhr der Commerzienrath mit etwas gedämpfter Stimme fort,
+„werde ihm Nichts übrig bleiben können, als für die Ehre der Dame, die
+in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhört beleidigt
+sei, persönlich einzutreten.“
+
+Die Commerzienräthin lehnte sich steif zurück, indem ein befriedigtes
+Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.
+
+Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor.
+
+„Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen, — oh,“ fuhr
+sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Hände sich krampfhaft
+verschlangen, „warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und
+Erbärmlichkeit?“
+
+„Du bist nicht wehrlos, mein Kind,“ sagte der Commerzienrath, indem er
+zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand über den Kopf strich, „der
+junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von
+Büchenfeld wieder für vernünftige Worte zugänglich ist, ihn zu einer
+öffentlichen und bestimmten Ehrenerklärung auffordern, und, wenn er sich
+weigert, so wird er ihn zwingen,“ sagte er mit stolzem und wichtigem
+Ausdruck, „ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben.“
+
+„Damit er womöglich noch verwundet oder erschossen wird,“ rief Fräulein
+Anna, verächtlich die Achseln zuckend, „und ich noch mehr der Gegenstand
+des öffentlichen Gespräches und des öffentlichen Spottes werde.“
+
+„Des Spottes niemals, mein Kind,“ sagte die Commerzienräthin mit einem
+ruhigen kalten Ton, „wenn ein Cavalier wie Herr von Rantow zu Deiner
+Vertheidigung auftritt, so wird es Niemand wagen, Dich zu verspotten.“
+
+„Nun,“ rief Anna, „mag es sein, wie es will, ich bin Herrn von Rantow
+dankbar, daß er mich in Schutz nimmt gegen diese elende, niedrige
+Beleidigung, ich bin, weiß Gott, unschuldig an dem, was daraus entstehen
+kann.“
+
+„Herr von Rantow hat sich benommen als ein ganz vortrefflicher junger
+Mann von der besten Erziehung und dem feinsten Gefühl. Er hat mir weiter
+gesagt, daß es für eine junge Dame immer peinlich sei und unangenehm,
+wenn zwei Herren ihretwegen eine Ehrensache miteinander hätten, und wenn
+sie namentlich von Jemand vertheidigt werden müßte, der in keinen
+weiteren Beziehungen zu ihr stände — das brächte sie immer in eine
+schiefe Stellung dem Publikum gegenüber und gebe Anlaß zu allen
+möglichen Voraussetzungen und Gesprächen. Er habe nun, — hat er mir
+weiter gesagt, — schon seit längerer Zeit den Wunsch in sich getragen, in
+nähere Beziehung mit meiner Familie zu treten, nachdem sein Vater mit
+mir so nahe geschäftliche Verbindungen eingegangen sei und unsere
+Interessen auf Jahre hinaus sich verbunden hätten. Er habe Dir, mein
+Kind, aber erst Gelegenheit geben wollen, ihn genauer kennen zu lernen,
+bevor er es habe wagen wollen, bei mir um Deine Hand anzuhalten. Dieses
+zufällige und plötzliche, so unangenehme Ereigniß aber mache ihm den
+Muth und lege ihm fast die Pflicht auf, jetzt mit seinen Wünschen
+hervorzutreten. Man werde über die Sache viel sprechen und wenn er zu
+einem Rencontre mit Herrn von Büchenfeld gezwungen werden sollte, so
+werde die Welt seinen Namen ohnehin mit dem Deinigen in Verbindung
+bringen. Wenn Du deshalb nach Deiner kurzen Bekanntschaft mit ihm Dich
+entschließen könntest, ihm Dein Leben und Deine Zukunft anzuvertrauen,
+so glaubt er, daß Alles sich besser gestalten und allen peinlichen
+Erörterungen die Spitze abgebrochen werden könne, da er dann auch
+vollkommen berufen und berechtigt sei, für Dich gegen Deinen Beleidiger
+aufzutreten.“
+
+„Der junge Mann,“ sagte die Commerzienräthin, „hat wirklich ein feines
+und richtiges Gefühl, und ich theile ganz seine Ansicht, daß unter
+diesen Verhältnissen eine schnelle Erledigung einer Sache, die uns ja
+nicht ganz unerwartet kommt, am besten sei.“
+
+„Das ist ja ganz wie in alten Ritterromanen,“ sagte Anna mit
+schneidendem Hohn, „der Baron von Rantow will sich seine Dame mit dem
+Degen in der Hand erobern — aber“ fuhr sie fort „das ist doch wenigstens
+ritterlicher Sinn, wenigstens ist es wahrlich besser, als auf so plumpe
+Weise ein wehrloses Mädchen zu beleidigen. Wenn Herr von Rantow diesen
+Preis für seine Vertheidigung verlangt, — so soll er ihn haben — er ist ja
+eine vortreffliche Partie“ fuhr sie bitter fort, „und ich muß ja
+glücklich sein, daß ich aus dieser ganzen traurigen Geschichte noch mit
+einem so guten Abschluß davon komme. Sage dem Baron,“ sprach sie in
+kaltem Ton zu ihrem Vater gewendet, „daß ich seine Bewerbung annehme,
+da er so muthig und selbstverleugnend meine Vertheidigung übernommen
+hat.“
+
+Mit befriedigtem Ausdruck neigte die Commerzienräthin den Kopf.
+
+Herr Cohnheim eilte auf seine Tochter zu und küßte sie zärtlich auf die
+Stirn. Anna stand auf.
+
+„Doch muß ich,“ sprach sie, „bitten, daß er mich einige Tage von seinen
+Besuchen dispensirt. Diese ganze Sache hat mich natürlich angegriffen
+und aufgeregt, und ich wünsche, mich zu sammeln. Auch bin ich nicht im
+Stande ihn zu sehen, bevor diese Angelegenheit mit Herrn von
+Büchenfeld“ — sie sprach diesen Namen mit unendlicher Verachtung
+aus — „geordnet ist, ich kann doch unmöglich meinen künftigen Gemahl
+selbst in den Kampf mit seinem Gegner schicken.“
+
+Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie schnell das Zimmer.
+
+„Ich bin sehr erfreut,“ sagte die Commerzienräthin, „daß diese so
+äußerst unangenehme Sache doch einen so befriedigenden Ausgang nimmt.
+Ich fürchtete schon, daß die romantischen Grillen, zu welchen Anna so
+viel Neigung zeigt, unsern Plänen Schwierigkeiten entgegenstellen
+würden. So wird sich ja aber Alles ganz vortrefflich ordnen, und wenn
+sie, wie ich einen Augenblick besorgte, eine thörichte Neigung für
+diesen jungen unbedeutenden Officier gehabt haben sollte, so ist ja
+jetzt Alles auf's Beste geordnet. Hoffentlich wird auch die Affaire
+keine ernsten Folgen haben,“ fügte sie nachlässig hinzu.
+
+„So etwas kommt ja so oft zwischen diesen jungen Herren vor,“ sagte der
+Commerzienrath, „und wie selten hört man, daß es wirklich
+lebensgefährlich wird. Es läßt sich ja auch jetzt gar nicht ändern, und
+wir müssen das Beste hoffen. Ich glaube übrigens nicht,“ fügte er hinzu,
+„daß dieser junge Büchenfeld es wirklich zum Äußersten kommen lassen
+wird. Die anderen Officiere schienen mir ebenfalls durch sein Betragen
+sehr unangenehm berührt, ich glaube, daß die Sache mit einer
+Ehrenerklärung erledigt werden wird — der alte Herr von Rantow ist, so
+viel ich weiß, ein Freund von dem Vater des Lieutenants und wird
+ebenfalls darauf hinwirken können. Damit ist ja denn Alles gut, und alle
+boshaften Gespräche über uns und unsere Tochter, welche dieser Vorfall
+hervorrufen wird, werden auf der Stelle niederschlagen, wenn wir ihre
+Verlobung mit Herrn von Rantow sogleich proclamiren.“
+
+Er setzte sich behaglich in seinen Lehnstuhl und nahm eine Tasse Thee.
+
+Noch lange saß das Ehepaar beisammen, Pläne für die Zukunft
+besprechend, welche sich durch die Verbindung mit dem vornehmen Hause so
+glänzend gestalten würden.
+
+Fräulein Anna war ruhig und gefaßt in ihr Zimmer gegangen, als sie die
+Thür hinter sich geschlossen, sank sie wie gebrochen in sich
+zusammen, — lange stand sie schweigend, die Hände in einander gefaltet,
+die Blicke starr auf den Boden geheftet.
+
+„Wie schnell,“ sprach sie mit dumpfer Stimme, „sind die Träume
+verflogen, die mich hier gestern noch so süß umgaukelten, wie schnell
+sind all die Liebesblüthen meines Herzens geknickt, aus denen ich einen
+reichen Kranz für mein Leben zu winden hoffte.“
+
+Sie blickte um sich her, als ob ihr der gewohnte Raum, in dem sie sich
+befand, fremd sei, als ob sie ihre Gedanken sammeln müsse, um sich klar
+zu werden, wo sie sich befände, und was mit ihr vorgegangen sei. Dann
+zuckte wieder glühender Zorn über ihr Gesicht.
+
+„Oh, daß es so enden muß! Hätte ich ihn verloren, hätte sich selbst
+seine Liebe von mir abgewendet, es wäre ein edler Schmerz gewesen, ein
+Schmerz, der die Seele hätte beugen, aber nicht erniedrigen können. Aber
+das Bewußtsein, daß ich das edelste und reinste Gefühl meines Herzens
+unwürdig weggeworfen habe, daß ich der Gegenstand des Spottes, des
+Hohnes, der Verachtung habe sein können, — und warum?“ — rief sie, die
+Hände ringend, — „weil ich einen Schritt gethan habe, der nicht
+gewöhnlich ist, weil ich mich vor seinem Stolz habe demüthigen wollen,
+weil ich geglaubt habe, daß er einen solchen Schritt verstehen und
+würdigen könne. Oh, das ist hart, sehr hart! Ich kann alle meine
+Hoffnungen auf Lebensglück vergessen, ich werde es zu tragen wissen, wie
+so viele Frauen eine glänzende Existenz führen, beneidet von der Menge,
+aber kalt und öde in ihrem Innern. Aber das werde ich nie überwinden,
+daß meine Liebe verachtet, verhöhnt und mit Füßen getreten ist, daß Der,
+dem ich den letzten Tropfen meines Blutes hätte opfern mögen, mich
+öffentlich hat beleidigen können zum Ergötzen seiner Kameraden in ihrer
+Weinlaune.“
+
+Mit einer raschen Bewegung trat sie an einen kleinen Tisch von antik
+geschnitztem Eichenholz und öffnete mit einem zierlichen goldenen
+Schlüssel, den sie an ihrer venetianischen Uhrkette trug, eine mit
+Elfenbein und Gold incrustrirte Cassette.
+
+„Da liegen die Reliquien meiner Träume,“ sprach sie mit dumpfem
+traurigem Ton, aus ihren großem brennenden Augen fiel eine Thräne auf
+den Inhalt des kleinen Kästchens.
+
+„Hier ist das erste Bouquet, das er mir gegeben,“ sagte sie leise, indem
+sie einen kleinen vertrockneten Blumenstrauß emporhob, „vertrocknet wie
+diese Blumen sind meine Gefühle, welche gestern noch so schön und
+hoffnungsreich erblühten, — wie oft haben meine Lippen auf diesen Blumen
+geruht! Vorbei! Vorbei!“
+
+Und wie vor der Berührung des kleinen Bouquets zurückschaudernd, warf
+sie dasselbe mit einer raschen Wendung in den Kamin, dessen Feuer
+langsam in Kohlengluth zusammenzusinken begann. Die trockenen Blumen
+flammten hoch auf und blieben dann als ein Häuflein dunkler Asche auf
+den glühenden Kohlen liegen.
+
+Sie preßte die Hände auf ihr Herz und sah starr diesem Zerstörungswerk
+zu. Dann nahm sie den ganzen übrigen Inhalt der Cassette, ebenfalls
+kleine Bouquets, mehr oder weniger verwelkt, verschiedene andere
+Cotillongeschenke und warf Alles in die Gluth, welche einen Augenblick
+aufflackernd, mit hellem Schein das Zimmer erhellte.
+
+„Die Vergangenheit ist vorbei,“ sagte sie schmerzlich, „meine Zukunft
+wird wie diese Kohlen mehr und mehr Licht und Wärme verlieren, bis
+endlich Alles in todte Asche zusammensinkt. Oh, könnte ich mein Herz
+ebenfalls zu Asche werden lassen! Aber wenn auch seine Liebe gestorben
+ist, für das Leiden wird es immer noch Gefühle der Empfindung behalten.“
+
+Sie sank auf ihren Divan nieder, drückte den Kopf in die Hände, und ihr
+starrer Jammer löste sich in einem Strom wohltätiger Thränen. —
+
+ — Auch der Lieutenant von Büchenfeld hatte fast in starrer
+Bewußtlosigkeit die Nacht zugebracht. Seine heftige, innere Erregung,
+die unnatürliche Spannung aller seiner Gefühle, und die Wirkung des
+schweren Weines hatten ihn bis zum Morgen in einem Zustand gehalten,
+welcher weder Schlaf noch Wachen war, und in welchem die Bilder der
+Erinnerungen wild durch einander wogten, ohne sich selbst auch nur in
+den unklaren Gestalten des Traumes festhalten zu lassen.
+
+Langsam erwachte er aus diesem lethargischen Zustande am andern Morgen,
+und allmälig begann es ihm mehr und mehr klar zu werden, was am Tage
+vorher mit ihm vorgegangen. Das erste Gefühl, dessen er sich vollkommen
+bewußt wurde, war ein tiefer, bitterer Schmerz über die Täuschung seiner
+Liebe, welche trotz seines lange gefaßten Entschlusses gestern bei der
+Botschaft seiner Geliebten wieder einen Augenblick mit frischen
+Hoffnungen sich bekränzt hatte.
+
+„Warum hat sie mir nicht gleich Alles geschrieben,“ flüsterte er, ohne
+von seinem Lager sich zu erheben — „oder warum ist sie nicht allein
+gekommen, warum hat sie mir in Gegenwart des Mannes, dem sie das
+Andenken an mich geopfert, den Abschied geben wollen? Sollte das eine
+absichtliche Kränkung, ein absichtlicher Hohn sein, oder bin ich ihr so
+gleichgültig gewesen, daß sie nach der Kälte ihrer Gefühle die meinigen
+bemessen hat?“
+
+Lange lag er schweigend da unter dem Eindruck dieses schmerzlichen
+Gedankens, dann tauchte die Erinnerung der weiteren Ereignisse des Tages
+deutlicher in ihm auf. Er entsann sich des Spiels, das er gemacht, er
+entsann sich, daß er den Namen des Fräulein Cohnheim laut und mit
+bitteren Bemerkungen genannt habe. Ein Gefühl der Scham und Reue überkam
+ihn.
+
+„Das war nicht würdig, nicht männlich, nicht edel!“ rief er, indem er
+sich auf sein Lager aufsetzte und mit beiden Händen seinen schmerzenden
+Kopf hielt. „Das hätte ich nicht thun müssen, ich hätte in meiner
+heftigen Erregung die Gesellschaft fliehen und Nichts trinken
+dürfen. — Oh,“ rief er nach einer Pause, „welch' ein elendes,
+jämmerliches Ding ist diese so viel gepriesene Liebe! Erst läßt sie so
+schwer und so bitter leiden, und dann treibt sie zu unwürdigen, zu
+niedrigen Handlungen. Oh, ich schwöre es,“ rief er die Hand erhebend,
+„ich schwöre, daß ich dieses Gefühl fliehen will wie die Sünde, und daß
+nie wieder das Bild eines Weibes mein Herz erfüllen soll! Ich will frei
+sein, stark und ruhig und meiner würdig bleiben!“
+
+Der alte Diener trat ein und meldete, daß das Frühstück im Zimmer des
+Oberstlieutenants bereit sei, zugleich zeigte er dem Lieutenant an, daß
+zwei Officiere ihn zu sprechen wünschten und ihn bei seinem Vater
+erwarteten.
+
+Der Lieutenant sprang empor, kühlte seinen brennenden Kopf mit frischem
+Wasser und machte in hastiger Eile seine Toilette.
+
+Als er in das Zimmer seines Vaters trat, welcher ihn bereits völlig
+angekleidet, frisch und munter erwartete, fand er dort die beiden
+Officiere von den Dragonern und den Husaren, welche Zeugen des gestrigen
+Abends gewesen waren, in ruhiger Unterhaltung mit dem alten Herrn
+begriffen.
+
+Beide Officiere traten dem Lieutenant nicht mit der sonst gewohnten
+herzlichen Unbefangenheit und Vertraulichkeit entgegen, sondern
+begrüßten ihn mit einer gewissen kalten und gezwungenen Höflichkeit.
+
+„Du hast lange geschlafen,“ sagte der Oberstlieutenant heiter, „es war
+wohl eine scharfe Sitzung gestern Abend, — die Herren hier sind ja auch
+dabei gewesen, aber das hat sie nicht verhindert, schon frühe auf zu
+sein. Das ist Recht, man muß sich niemals aus der Ordnung bringen
+lassen, und fast muß ich mich meines Sohnes schämen, daß er ein solcher
+Weichling ist, der am andern Morgen noch spürt, wenn er am Abend vorher
+ein paar Flaschen den Hals gebrochen. Habt Ihr etwa heute Morgen schon
+wieder eine Partie vor?“ fragte er, den Schnurrbart drehend, „damit
+würde ich nicht einverstanden sein, — erst der Dienst und dann das
+Vergnügen.“
+
+Die beiden Officiere standen in einiger Verlegenheit schweigend da.
+
+„Wir haben mit Dir zu sprechen,“ sagte der Dragoner mit einem
+Seitenblick auf den alten Herrn, „und möchten es sogleich.“
+
+„Geniren Sie sich nicht vor mir,“ sagte der Oberstlieutenant mit heiterm
+Lächeln, „ich bin nicht mehr im Dienst, ich bin ja nur ein alter
+gutmüthiger Herr,“ fügte er mit einem leichten Anflug von Wehmuth hinzu,
+„der auch jung war und weiß, was man in der Jugend treibt.“
+
+„Wir möchten aber,“ sagte der Husarenofficier — „Dich einen Augenblick
+allein sprechen. Es handelt sich um eine Ehrensache,“ fügte er mit
+gedämpftem Ton hinzu, doch nicht so leise, daß es der Oberstlieutenant
+nicht verstanden.
+
+Der alte Herr wurde ernst, warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn
+und die beiden Officiere und sagte dann:
+
+„Ich lasse Dich mit den Herren einen Augenblick allein.“
+
+„Halt, lieber Vater,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld, „ich bitte
+Dich, zu bleiben. Ihr erlaubt,“ sagte er, „daß ich Euch bitte, vor
+meinem Vater zu sprechen. Er ist Officier wie wir, und ich weiß kein
+kompetenteres Urtheil in allen Ehrensachen, als das seinige. Er wird es
+mir nicht abschlagen, vorläufig mein Zeuge zu sein und sein Urtheil
+darüber abzugeben, was ich zu thun habe.“
+
+Die beiden Officiere grüßten den Oberstlieutenant militairisch.
+
+„Es wird uns eine große Ehre sein,“ sagte der Husar, „wenn der Herr
+Oberstlieutenant als Dein Zeuge unsere Erklärung mit anhören will.“
+
+Der alte Herr bat die Officiere mit einer stummen Handbewegung Platz zu
+nehmen und setzte sich dann grade und aufrecht neben seinen Sohn.
+
+„Ich bitte Sie also, meine Herren,“ sagte er mit ernster, fast
+feierlicher Stimme, „zu sagen, um was es sich handelt.“
+
+Der Dragonerofficier erzählte mit kurzen Worten den Vorgang, welcher am
+Abend vorher in dem Restaurationslokal von Borchard stattgefunden hatte.
+
+Schweigend hörte der Oberstlieutenant zu, finstere Falten legten sich
+auf seine Stirn.
+
+„Hat sich der Fall so zugetragen, wie die Herren erzählen? Erinnerst Du
+Dich, gethan und gesprochen zu haben, was sie so eben mittheilen?“
+
+„Ja,“ sagte der Lieutenant.
+
+Sein Vater schüttelte langsam den Kopf.
+
+„Der Referendarius von Rantow“, fuhr der Dragonerofficier zu dem
+Lieutenant von Büchenfeld gewendet fort, „hat uns als Augenzeugen des
+Vorfalls aufgetragen, von Dir eine bündige Ehrenerklärung zu
+verlangen.“ —
+
+Eine dunkle Röthe flammte auf dem Gesicht des Lieutenants auf, sein Auge
+blickte stolz zu seinen Kameraden hinüber, seine Lippen zuckten
+höhnisch. — „Oder wenn Du dieselbe verweigerst,“ — sprach der
+Dragoneroffizier weiter, — „Dir seine Forderung auf fünf Schritt Barriere
+mit gezogenen Pistolen zu überbringen.“
+
+„Angenommen,“ sagte der Lieutenant, „ich werde in einer Stunde meine
+Secundanten zu Euch senden.“
+
+Die Officiere erhoben sich und wollten grüßend das Zimmer verlassen. Der
+Oberstlieutenant trat ihnen in den Weg.
+
+„Ich bitte Sie, einen Augenblick zu bleiben, meine Herren,“ sagte er.
+„Mein Sohn hat gewünscht, daß ich sein vorläufiger Zeuge in dieser Sache
+sei, und Sie haben mich als solchen angenommen. Nicht nur in dieser
+Eigenschaft, sondern auch als sein Vater muß ich darauf sehen, daß Alles
+genau so zugehe, wie es seine Ehre als Officier und als Träger meines
+Namens erfordert. Sie erlauben daher, daß ich meine Meinung ausspreche.“
+
+Die beiden Herren verneigten sich schweigend.
+
+Der Lieutenant sah seinen Vater etwas erstaunt und erwartungsvoll an.
+Dieser richtete ernst und streng seinen Blick auf ihn und sprach: „Hat
+die junge Dame, um welche es sich handelt, Dir jemals durch ihr Benehmen
+gegen Dich irgend welche Veranlassung gegeben, in solchem Ton, wie Du es
+gethan, von ihr zu sprechen? Bist Du berechtigt, ihr irgend einen
+Vorwurf zu machen?“
+
+Der Lieutenant wurde bleich, im heftigen inneren Kampf preßte er die
+Lippen aufeinander, sein Auge senkte sich zu Boden, einige Augenblicke
+stand er schweigend, ein leises Beben erschütterte seine Gestalt, dann
+schlug er den Blick zu seinem Vater wieder auf, er schien seiner
+kämpfenden Gefühle Herr geworden zu sein und mit fester entschlossener
+Stimme sagte er: „Nein, niemals!“
+
+„Dann,“ sagte sein Vater, „ist es Deine Pflicht als Ehrenmann, die
+Erklärung zu geben, welche man von Dir verlangt, insofern die Ausdrücke
+derselben Nichts gegen Deine eigene Ehre enthalten. Wenn Du,“ fuhr er
+fort, „was ich tief beklage, Dich hast hinreißen lassen, eine Dame, der
+Du keinen Vorwurf zu machen hast, öffentlich zu beleidigen, so hast Du
+nicht das Recht, ihrem Ruf durch den Eclat eines Duells noch mehr zu
+nahe zu treten, Du hast nicht das Recht, Demjenigen das Leben zu nehmen,
+der berechtigt ist oder sich verpflichtet fühlt, als der Vertheidiger
+jener Dame aufzutreten.“
+
+„Herr von Rantow ist der Verlobte des Fräulein Cohnheim,“ sagte der
+Dragonerofficier, „also ihr natürlicher und berufener Vertheidiger.“
+
+„Um so weniger,“ sagte der alte Herr, während der Lieutenant abermals
+tief erbleichend die Hand einen Augenblick auf sein Herz drückte, „darf
+diese Sache ernste und gefährliche Folgen haben. Hätte die Dame Dir
+jemals einen Grund zu Deinen Äußerungen gegeben, so wärst Du berechtigt,
+die Waffen zu ergreifen gegen Denjenigen, der von Dir Rechenschaft
+darüber fordert — so aber darfst Du es nicht, Du bist verpflichtet, durch
+Deine eigene Erklärung die Beleidigung zurückzunehmen — um so mehr,“
+sagte er mit ernstem Blick auf seinen Sohn, „da man eigentlich niemals
+das Recht hat, eine Dame zu beleidigen. Du bist frei,“ fuhr er fort, „Du
+bist erwachsen, Du bist Officier, Du wirst thun, was Du verantworten
+kannst. Ich aber sage Dir als Dein Vater, als Edelmann und Officier, der
+stets auf das schärfste die feinsten Grenzen der Ehre beobachtet hat,
+daß Du nach meiner innigsten Überzeugung verpflichtet bist, die
+verlangte Ehrenerklärung zu geben.“
+
+„Wir haben dieselbe aufgeschrieben,“ sagte der Dragoner, indem er ein
+Blatt Papier aus der Uniform hervorzog und es dem Lieutenant übergab.
+
+Dieser reichte es schweigend, ohne einen Blick darauf zu werfen, seinem
+Vater.
+
+Der Oberstlieutenant überlas das Blatt langsam und sorgfältig mehrere
+Male; dann reichte er es seinem Sohn zurück.
+
+„Diese Erklärung ist in würdiger Form abgefaßt,“ sagte er, „sie enthält
+nur dasselbe Anerkenntniß, das Du so eben vor mir und vor diesen Herren
+ausgesprochen hast und spricht das Bedauern aus, daß Du in der Erregung
+in einer bewegten Gesellschaft Dich zu Deinen Äußerungen hast hinreißen
+lassen. Du kannst dieselbe unterzeichnen, — nach meiner Überzeugung mußt
+Du sie unterzeichnen. Ich hoffe, daß die beiden Herren meiner Meinung
+sein werden.“
+
+„Es ist eigentlich nicht unsere Sache,“ erwiderte der Dragonerofficier,
+„hier eine solche Meinung auszusprechen oder zu discutiren, indessen
+nehme ich in diesem besonderen Fall keinen Anstand, es auszusprechen,
+daß nach meiner Überzeugung durch die Unterzeichnung dieser Erklärung
+die Sache auf eine für alle Theile befriedigende und ehrenvolle Weise
+beigelegt sein wird.“
+
+Der Husarenofficier stimmte der Ansicht seines Kameraden bei.
+
+„Ich werde unterzeichnen,“ sagte der Lieutenant von Büchenfeld, nahm das
+Papier und begab sich in sein Zimmer.
+
+„Ob ich ihr einen Vorwurf zu machen habe,“ flüsterte er vor sich hin,
+während er sich an seinen Schreibtisch setzte und die Feder
+eintauchte, — „oh, wenn er wüßte,“ — ein schneller zorniger Blick
+leuchtete in seinem Auge auf, rasch öffnete er das Schubfach des Tisches
+und zog aus demselben das kleine Blatt hervor, welches er am Tage vorher
+von Fräulein Anna erhalten hatte.
+
+Mit einem raschen Zuge setzte er seinen Namen unter die Ehrenerklärung,
+faltete dieselbe zusammen, legte das Billet dazu und erhob sich, in das
+Zimmer seines Vaters zurückkehrend.
+
+„Nein,“ sagte er dann, indem er plötzlich sinnend stehen blieb — „das
+wäre unedel, — mag sie ruhig ihrer Wege gehen, sie ist todt für mich,
+meine Augen werden sie nie wieder sehen, und mein Herz wird das Leid
+vergessen, das sie mir angethan.“
+
+Er nahm das kleine Billet, riß es in tausend kleine Stücke und streute
+dieselben in die Luft, dann kehrte er ruhigen festen Schrittes in das
+Zimmer seines Vaters zurück und übergab das Papier den beiden
+Officieren.
+
+„Gott sei Dank,“ sagte der Dragoner, indem er dem Lieutenant von
+Büchenfeld herzlich die Hand schüttelte, „daß die Sache so gut zu Ende
+geführt ist. Ich habe sonst Nichts gegen einen kleinen Kugelwechsel,
+wenn ein vernünftiger Grund dazu vorhanden ist, aber in diesem Falle
+hätte es mir doch wahrhaftig wehe gethan, wenn wegen dieser Geschichte,
+zu der wir halb und halb Veranlassung gegeben haben, Blut hätte fließen
+sollen.“
+
+Die beiden Officiere grüßten ehrerbietig den Oberstlieutenant und
+entfernten sich augenscheinlich leichtern und fröhlichern Herzens, als
+sie gekommen waren.
+
+„Ich bin nicht mit Dir zufrieden mein Sohn,“ sagte der Oberstlieutenant
+in ernstem, aber mehr traurigem, als strengem Ton, „Du hast Dich
+hinreißen lassen, Etwas zu thun, was ein wahrer Edelmann niemals thun
+soll.“
+
+Der Lieutenant warf sich im Ausdruck eines lang unterdrückten Gefühls in
+die Arme seines Vaters.
+
+„Verzeihe mir, mein Vater,“ sagte er mit erstickter Stimme, „verzeihe
+mir, ich habe Unrecht gehabt, aber ich habe es auch hart gebüßt.“
+
+Der alte Herr schüttelte verwundert den Kopf.
+
+„Nun, nun,“ sagte er, „Jeder macht einmal einen dummen Streich, nimm
+Dich künftig mehr in Acht und thu so Etwas nicht wieder.“
+
+„Da ist Etwas nicht klar, die Sache ist nicht in Ordnung,“ sprach er
+dann leise vor sich hin, indem er von einem Seitentisch eine frisch
+gestopfte Pfeife nahm und dieselbe anzündete. „Ich fürchte, ich bin in
+Gefahr gewesen, Etwas zu erleben, was ich neulich bei meinem Freunde
+Rantow so scharf getadelt habe. Vielleicht muß ich Gott danken, daß die
+Sache so gekommen ist.“
+
+Er setzte sich an den Frühstückstisch und schenkte den duftenden Kaffee
+aus der spiegelblank geputzten messingenen Sturzmaschine in seine große
+Mundtasse.
+
+
+
+
+Sechstes Capitel.
+
+
+In der Zwischenzeit, während der Berathungen über zwei verschiedene
+Gegenstände in dem französischen Gesetzgebenden Körper, war die Salle
+des Pas perdus in dem Gebäude des Corps legislativ, woselbst sich die
+Deputirten zu begegnen und in Privatgesprächen miteinander zu
+verständigen pflegten, mit zahlreichen lebhaft sich unterhaltenden
+Gruppen angefüllt.
+
+So eben war die Nachricht verbreitet worden, daß das Plebiscit eine
+beschlossene Sache sei, und daß die liberalen Minister Chevandier de
+Valdrome, der Graf Daru, der Finanzminister Buffet und der Marquis von
+Talhouet ihre Entlassung gegeben hätten.
+
+Allgemein war die Bewegung und mit der lauten Lebhaftigkeit, welche dem
+französischen Charakter eigenthümlich ist, äußerten die Deputirten ihre
+Meinungen über dieses Ereigniß, welches die seit einiger Zeit von dem
+Kaiser eingeschlagene Richtung des öffentlichen Lebens wieder
+vollständig veränderte.
+
+In der Mitte einer Gruppe stand der Graf von Keratry, eine schlanke
+Gestalt mit einem charakteristischen Kopf, dessen unruhig umher
+blickende Augen einen beweglichen feurigen, aber nicht sehr geordneten
+Geist verriethen.
+
+„Es ist Alles bereits vorbereitet,“ sagte er, „so eben habe ich
+erfahren, daß den Präfecten befohlen worden ist, ihre ganze Thätigkeit
+auf die Vorbereitungen für das Plebiscit zu richten, und daß sie
+zugleich ermächtigt sind, den Gemeinden zu erklären, daß die
+Executivgewalt die Maires künftig stets den Vorschlägen der
+Gemeinderäthe entsprechend auswählen werde.“
+
+„Das ist unerhört,“ rief der Deputirte Picard, ein Mann mit einem
+blassen, scharfen und ein wenig verbissenem Gesicht, „das ist eine
+vollständige Corruption des öffentlichen Votums. Will man eine
+Volksabstimmung, so soll man wenigstens sie frei sich vollziehen lassen.
+Auf diese Weise aber wird die Sache eine reine Comödie. Wenn die
+Präfecten mit der ganzen Autorität ihrer Stellung in die Sache
+eingreifen, wenn man den Gemeinden zugleich Versprechungen macht, von
+denen man,“ fügte er höhnisch hinzu, „gewiß nicht die Absicht hat, sie
+je zu erfüllen, so macht man sich einer moralischen Bestechung schuldig.
+Man wird die öffentliche Meinung Frankreichs vor den Augen von ganz
+Europa fälschen, um sich dann auf diese öffentliche Meinung stützen zu
+können, wenn man beginnen wird, die abenteuerlichsten Maßregeln des
+Absolutismus durchzuführen.“
+
+Jules Favre trat hinzu, seine große volle Gestalt hatte eine etwas
+schwerfällige Haltung, und seine Bewegungen zeigten ein wenig jene
+stereotype theatralische Würde, welche die Advokaten vor den
+Gerichtshöfen anzunehmen pflegen, wenn sie mit dem Aplomb tiefer
+Überzeugung durch den persönlichen Eindruck das Gewicht ihrer Gründe zu
+verstärken trachten. Sein starkes Gesicht mit den regelmäßigen,
+angenehmen Zügen, den großen, geistvollen und klar blickenden Augen, dem
+langen, überhängenden zurückgestrichenen Haar und vollen Bart, der sich
+an einzelnen Stellen fast weiß färbte, zeigte ein gewisses
+selbstzufriedenes überlegenes Lächeln, und mit seiner vollen und tiefen
+Stimme sprach er:
+
+„Wir müssen uns organisiren, meine Herren, wir müssen unsererseits
+Comités bilden, welche dafür wirken, daß dem ganzen Volk klar gemacht
+werde, wie die freiheitliche Entwickelung nur gesichert werden könne,
+wenn man sich massenhaft von der Theilnahme am Plebiscit enthält — , wenn
+wir es erreichen können, die abgegebenen Stimmen auf ein Minimum zu
+reduciren, so wird der moralische Eindruck der Volksabstimmung
+vollständig verschwinden, der sonst nicht nur im Auslande, sondern auch
+in Frankreich selbst zu einer bedeutenden Verstärkung der moralischen
+Macht des Kaiserreiches beitragen muß. Lassen Sie uns heute
+zusammentreten und an die Bildung dieses Comités denken.“
+
+„Das ist sehr gut,“ rief Herr Picard, „allein wie sollen wir, die wir
+doch erst einen Organismus schaffen müssen und nur langsam vorgehen
+können, die wir allen Hemmungen und Hindernissen ausgesetzt sind, welche
+die Macht uns bereiten wird, wie sollen wir dem concentrirten und wohl
+geleiteten Einfluß der Präfecten gegenüber etwas ausrichten?“
+
+„Nein,“ rief der Graf von Keratry, „wir müssen laut unsere Stimmen
+erheben, um gegen diese ungesetzliche Einwirkung der Regierungsautorität
+auf die freie Abstimmung des Volkes zu protestiren. Das scheint mir
+sicherer, als in die Wahlagitation einzutreten, bei welcher wir zu spät
+kommen müßten. Können wir nachweisen, daß die Abstimmungen durch die
+Präfecten gemacht sind, so wird das Plebiscit ebenfalls seine Bedeutung
+vor der liberalen öffentlichen Meinung Europas vollständig verlieren.“
+
+„Es giebt noch ein Mittel,“ sagte Herr Barthélémy St. Hilaire, ein
+schlanker Mann von elegantem Äußern, dessen Mienen und Haltung ein wenig
+an den gelehrten Professor erinnerten, „wir müssen darauf dringen, daß
+das Plebiscit nur einen Tag dauert, das wird eine große
+Massenbetheiligung unmöglich machen. Ich werde einen solchen Antrag
+stellen, und bitte Sie, meine Herren, ihn zu unterstützen.“
+
+Der Advokat Gambetta, eine kleine schmächtige Gestalt, mit leicht
+gekrümmten Schultern, wenig elegant, fast ein wenig unsauber in seiner
+Erscheinung, hatte schweigend die verschiedenen Äußerungen mit angehört.
+
+Er stand da, das ausdrucksvolle, häßliche Gesicht mit dem schlecht
+gepflegten Haar und Bart, mit dem kalt und höhnisch lächelnden Munde,
+leicht auf die Seite geneigt, sein sehendes Auge richtete sich mit einem
+düstern, fast unheimlich drohenden Ausdruck auf eine Gruppe von Herren,
+welche in der Nähe standen, während das andere des Lichts beraubte Auge
+unter dem herabhängenden Lide verborgen war.
+
+„Dort steht ja,“ sagte er mit einer rauhen, etwas schwerfällig
+klingenden Stimme, „der große Regenerator des Kaiserreichs, unser alter
+Freund Ollivier, dem es so leicht wird, täglich eine andere Gestalt
+anzunehmen, und neben ihm Herr Chevandier de Valdrome. Fragen wir ein
+wenig diese Herren, es wird immerhin gut sein, wenn wir uns vorher etwas
+orientiren, um genau zu wissen, was wir bei den öffentlichen Debatten zu
+thun haben.“
+
+Er näherte sich den Ministern und begrüßte sie mit einer artigen, aber
+ein wenig linkischen Verbeugung, die übrigen folgten ihm und umgaben die
+beiden Minister, um welche sich sehr bald noch mehrere der im Saale
+anwesenden Deputirten gruppirten.
+
+„Es scheint, daß das Plebiscit beschlossen ist,“ sagte Herr Gambetta zu
+Ollivier gewendet, der in etwas gezierter, an die gesuchte saubere
+Einfachheit Robespierres erinnernder Haltung da stand, und dessen
+eigenthümlich geformtes Gesicht, mit der schmalen Stirn, den stark
+schielenden von einer feinen Brille beschatteten Augen und dem großen,
+über dem zurückstehenden Kinn stark hervortretenden Munde, in lebhafter
+Bewegung zitterte.
+
+„Ich habe keinen Grund,“ erwiderte der Großsiegelbewahrer des
+Kaiserreiches, indem er die Begrüßung des Herrn Gambetta mit kalter,
+abwehrender Höflichkeit erwiderte, „mich nicht über die Situation
+auszusprechen. Ja, meine Herren,“ fuhr er fort, „das Plebiscit ist
+beschlossen, und ich begreife nicht, wie Sie und Ihre Freunde,“ fügte er
+hinzu, indem sein unsicherer Blick leicht über die Gruppe hinglitt,
+welche ihn umgab, „ich begreife nicht, wie Sie Alle gegen diesen
+Gedanken sein können. Die unmittelbare Berufung des Volkes in wichtigen
+Verfassungsangelegenheiten des Landes entspricht ja so vollkommen den
+Grundsätzen einer wahren und vernünftigen Demokratie, zu welcher Sie
+sich bekennen, welchen ich meinerseits stets treu geblieben bin, und
+welchen auch diese neue Maßregel einen verstärkten Ausdruck geben wird.“
+
+Ein höhnisches Lächeln umzuckte die Lippen Gambetta's.
+
+„Darf ich Sie vielleicht fragen,“ fuhr er fort, „wie lange die
+Volksabstimmung dauern soll und ob bei derselben das Vereinsrecht zur
+Ausübung kommen werde, welches der Bevölkerung gestattet, sich vorher
+über die der Frage gegenüber einzunehmende Haltung zu verständigen.“
+
+„Zweifellos,“ erwiderte Herr Ollivier, „werden öffentliche
+Versammlungen Statt finden dürfen, und das Volk wird von allen seinen
+verfassungsmäßigen Rechten Gebrauch machen können — doch,“ fuhr er fort,
+„liegt es in der Natur der Sache, daß solche Versammlungen, da es sich
+ja hier nur um die ganz einfache Beantwortung einer einfachen Frage
+handeln wird, nicht so lange werden dauern können, als dies zum Beispiel
+bei den Wahlen zum Gesetzgebenden Körper erlaubt ist. Jeder soll nach
+seiner freien Ueberzeugung eine sehr klar gestellte Frage beantworten,
+und dazu sind in der That keine langen Debatten und keine langen
+Vorbereitungen erforderlich.“
+
+„Aber die Regierung, meine Herren,“ rief der Graf Keratry in heftigem
+und gereiztem Ton, „hält es nicht für unnütz, solche Vorbereitungen in
+dem ausgedehntesten Maße zu treffen. So eben habe ich den Herren hier
+mitgetheilt, daß ich erfahren, die Präfecten seien angewiesen, mit
+äußerster Energie das Plebiscit vorzubereiten und sogar den Gemeinden
+Versprechungen in Betreff der Maires zu machen — es scheint also doch,
+daß man es für wichtig hält, die Autorität der Macht in die Wagschale zu
+werfen, wenn die Mittheilungen,“ fügte er hinzu, den scharfen
+stechenden Blick auf Herrn Chevandier de Valdrome richtend, „die mir
+gemacht, richtig sind.“
+
+Der Minister des Innern, ein vornehm aussehender, etwas gleichgültig
+blickender Mann von matten, nervösen Gesichtszügen, ließ seinen Blick
+von oben herab über den Grafen Keratry hingleiten, ein kaltes,
+feindliches Lächeln spielte um seine Lippen und in kurzem, wenig
+verbindlichem Ton erwiderte er:
+
+„Ja, ich habe die Präfecten instruirt, wie ich das für mein Recht und
+meine Pflicht halte, ich habe ihnen befohlen, die äußerste Thätigkeit zu
+entwickeln, um die Enthaltung von der Abstimmung zu verhindern. Ich
+trage die persönliche Verantwortlichkeit für meine Anweisungen, — welche
+übrigens ganz und gar Verwaltungsmaßregeln sind.“
+
+„Ich begreife nicht,“ rief Picard, „wie der Herr Minister des Innern das
+Plebiscit als die freie Abstimmung des Volkes über die wichtigsten
+Fragen, die sein öffentliches Leben betreffen, eine Verwaltungsmaßregel
+nennen kann. Wenn es jedoch nun,“ fügte er mit ironischem Lächeln hinzu,
+„eine Verwaltungsmaßregel sein soll, so würde es für uns gewiß von
+großem Interesse sein, den Inhalt der Schreiben kennen zu lernen, welche
+in dieser Beziehung an die Präfecten erlassen worden sind.“
+
+„Die innern Maßregeln der Verwaltung,“ erwiderte Herr Chevandier de
+Valdrome in kurzem Ton, „sind kein Gegenstand von Diskussionen mit der
+Vertretung des Landes, sie sind ein ausschließliches und unbestreitbares
+Recht der Regierung.“
+
+Rasch fiel Herr Ollivier ein, indem er ein wenig die Hand erhob und
+jenen etwas salbungsvollen Ton annahm, der seiner Rede auf der Tribüne
+so oft die unmittelbare Wirksamkeit nahm:
+
+„Und wenn Sie auch nicht das formelle Recht dazu haben, so will ich
+Ihnen doch am wenigsten die moralische Berechtigung bestreiten, unsere
+Anweisungen kennen zu lernen. Interpelliren Sie mich in der Sitzung, und
+ich werde von der Tribune Ihnen unsere Instructionen mittheilen.“
+
+„Wenn der Herr Minister der Justiz statt meiner spricht,“ sagte Herr
+Chevandier de Valdrome in trockenem Ton, indem er sich gegen seinen
+Collegen verbeugte, „so habe ich ja nicht nöthig, mich länger an dieser
+Unterhaltung zu betheiligen,“ und rasch sich abwendend, entfernte er
+sich von der Gruppe.
+
+„Ich habe keinen Grund,“ fuhr Herr Ollivier fort, „unsern Standpunkt und
+unsere Maßregeln zu verhüllen, wir haben den Präfecten einfach
+geschrieben: „Sichern Sie die Freiheit der Abstimmungen, wenden Sie
+weder Drohungen, noch Druck, noch Versprechungen an, vergessen Sie aber
+nicht, daß Sie den Umtrieben der Wahlenthaltung gegenüber stehen und
+wenden Sie die verzehrendste Thätigkeit an, nur jeden Bürger zur
+Abstimmung zu drängen.“
+
+„Nun wohl,“ rief Herr Picard lachend, „diese aufreibende Thätigkeit und
+dieses Drängen der Bürger zur Abstimmung sind die deutlichen Zeichen,
+daß die so traurige Praxis der amtlichen Candidaturen auch in dieser
+Frage eben so rücksichtslos wie früher geübt werden soll. Die Enthaltung
+von der Abstimmung ist ein unzweifelhaftes Recht eines jeden Bürgers vor
+allen Dingen dann, wenn doch Niemand im Stande ist, ohne Gefahr frei
+seine Meinung zu äußern; wenn Jedermann sich scheuen muß nein zu sagen,
+so muß ihm wenigstens die Freiheit bleiben, nicht ja sagen zu dürfen.
+Das Alles ist nichts als Possenspiel“ fügte er achselzuckend hinzu.
+
+„Hier ist von keinem Possenspiel die Rede,“ rief Herr Ollivier in
+lebhafter Erregung, „deutlich und unverhüllt wird die Frage an das Volk
+gestellt werden. Die einzige Thätigkeit der Regierung wird sich nur
+darauf richten, Jeden dahin zu führen, daß er die deutlich gestellte
+Frage eben so deutlich beantworte.“
+
+„Durch die Anweisung, deren Inhalt uns so eben im Allgemeinen
+mitgetheilt ist,“ sagte Herr Jules Favres ruhig und langsam, „ist das
+Cabinet seinem liberalen Programm untreu geworden — das Mißtrauen ist
+also wohl berechtigt. Mögen die Herrn Minister,“ sagte er mit einer
+leichten Verbeugung gegen Ollivier, „es auch ehrlich meinen, die andern
+Beamten werden dennoch die Abstimmungen fälschen.“
+
+„Das wird Niemand wagen,“ rief Herr Ollivier heftig erregt, „die
+Minister können wohl das Vertrauen verlangen, daß sie den Maßregeln, zu
+denen sie sich ehrlich bekennen, auch von Seiten ihrer Untergebenen eine
+ebenso ehrliche und rückhaltslose Durchführung zu sichern im Stande sein
+werden. Uebrigens,“ fuhr er fort, „kommt das Cabinet und seine Existenz
+bei der ganzen Sache garnicht in Frage. Es handelt sich einfach um eine
+Sanctionirung der Verfassungsbestimmungen, welche die Minister mit den
+Vertretern des Landes bereits gutgeheißen haben. Die Kammern selbst sind
+also ebenso betheiligt, als das Ministerium.“
+
+„Das sind Wortklaubereien,“ rief Picard entrüstet, „Regierung ist
+Regierung, es ist traurig genug, daß man nicht im Stande ist, dem
+Ministerium, das sich mit liberalen Reformen einführte, dauerndes
+Vertrauen zu schenken.“
+
+„Das thut mir sehr leid,“ rief Herr Ollivier zitternd vor zornigem
+Eifer, „schenken Sie uns Ihr Vertrauen, schenken Sie es uns nicht, das
+ist Ihre Sache — das kann uns nicht abhalten, unsre Pflicht zu thun,
+seien Sie überzeugt, daß uns Ihre Meinung ganz gleichgültig ist.“
+
+Ein dumpfes Murren ließ sich unter der Gruppe vernehmen.
+
+„Welch ein Ton der Conversation,“ rief Jules Favres, „man sollte doch
+meinen, sich hier in der Gesellschaft von gebildeten Leuten zu
+befinden.“
+
+„Der Herr Minister ist sich gewiß über die Bedeutung seiner Worte nicht
+klar geworden,“ sagte Herr Picard kalt und höhnisch, „die Sorgen für die
+Verbreitung des Plebiscit haben, wie es scheint, seine sonst so eminente
+Fähigkeit, die Redewendungen richtig abzuwägen, gelähmt.“
+
+Herr Ollivier schien selbst ein wenig bestürzt über seinen heftigen
+Ausbruch zu sein.
+
+„Ich bin mir über meine Worte vollkommen klar,“ sagte er, „und habe mit
+denselben,“ fügte er sich leicht verneigend hinzu, „durchaus keine
+persönliche Verletzung beabsichtigt. Ich habe nur sagen wollen, daß
+eine Regierung, welche sich vollkommen klar ist über das, was sie nach
+reiflicher Ueberlegung für ihre Pflicht erkannt hat, sich nicht dadurch
+irre machen lassen darf, ob ihre Beschlüsse und Maßnahmen bei der einen
+oder bei der andern Partei beifällige oder tadelnde Beurteilung finde;
+und ich kann nur wiederholen, daß die Regierung es für ihre Pflicht
+hält, mit aller Energie gegen das System der Stimmenenthaltung
+aufzutreten. Das Kaiserthum und der Kaiser stehen nicht in Frage,“ fuhr
+er mit fester Stimme fort, „wie hier so eben bemerkt wurde, die Frage
+ist nur die, ob es gut sei, das Kaiserthum der Autorität und des
+persönlichen Regiments in ein liberales Kaiserthum umzuwandeln; daß die
+Feinde des Kaiserthums überhaupt das Letztere nicht wollen, begreife
+ich,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, „ob sie aber damit dem
+Vaterlande einen Dienst leisten, ob sie nicht ihre Parteirücksichten
+höher stellen, als das Wohl der Nation, das will ich, meine Herren,
+ihrem eigenen Gewissen überlassen.“ Und mit einer kurzen Verneigung
+wandte er sich ab und verließ das Zimmer.
+
+Ein Theil der Abgeordneten kehrte in den Saal zurück, wo man über
+einzelne Paragraphen des neuen Preßgesetzes debattirte. Die Meisten
+aber entzogen sich dieser Debatte, präoccupirt wie sie durch die ganze
+politische Situation waren, verließen sie das Palais des Gesetzgebenden
+Körpers, um in Privatzusammenkünften bei den Parteiführern sich über die
+zu fassenden Entschließungen zu berathen.
+
+Herr Ollivier durchschritt langsam die Corridore und stieg vor dem
+Palais in sein sehr einfaches und unscheinbares Coupé, indem er dem in
+dunkle Livree gekleideten Kutscher zurief:
+
+„Nach den Tuilerien.“
+
+Kurze Zeit darauf fuhr er in den innern Hof des alten Königspalastes
+ein, er hielt vor dem großen Eingang, über welchem das von Lanzen
+getragene Zeltdach sich ausdehnte.
+
+Er fand den Dienst thuenden Ordonnanzofficier im Vorzimmer; dieser
+führte ihn sogleich in das Cabinet des Kaisers ein.
+
+Napoleon III war frischer als sonst, zwar hingen seine Züge mit dem
+Ausdruck des Leidens und körperlicher Schmerzen schlaff herab, aber in
+seinem Blick machte sich eine gewisse an die vergangenen Tage seiner
+Jugend erinnernde Energie bemerkbar, als er mit seinem langsamen, etwas
+unsicheren Gang dem Minister entgegentrat, welcher es übernommen, das
+Steuer des Staatsschiffes, welches so lange die feste Hand des Herrn
+Rouher geführt hatte, durch die bedenklichen Klippen verschiedener
+Neuerungen zu führen.
+
+„Ich habe gewünscht, Sie noch vorher zu sprechen, mein lieber Herr
+Ollivier,“ sagte der Kaiser, indem er mit verbindlichem Gruß dem
+Großsiegelbewahrer die Hand reichte, „bevor ich den gesammten
+Ministerrath höre, in welcher Weise die Ereignisse geleitet werden
+müssen, damit wir das große Ziel erreichen, das öffentliche Vertrauen in
+die Regierung vollständig wieder herzustellen, — welches bereits so sehr
+wieder gewachsen ist,“ fügte er mit einer leichten Neigung des Kopfes
+hinzu, „seitdem Sie mir mit Ihrem Rath zur Seite stehen.“
+
+„Das Vertrauen Eurer Majestät macht mich sehr glücklich,“ erwiderte
+Herr Ollivier, indem er auf den vom Kaiser ihm bezeichneten Sessel
+sich niederließ. „Wenn die öffentliche Meinung mir mit einem
+gewissen sympathischen Gefühl entgegenkommt,“ fuhr er mit einem
+selbstbefriedigten Lächeln fort, „so wird mir meine Aufgabe sehr
+wesentlich durch die hochherzige Offenheit erleichtert, mit welcher Eure
+Majestät mich unterstützen.“
+
+Der Kaiser richtete einen eigentümlichen Blick aus seinen schnell sich
+entschleiernden und dann wieder in ausdruckslose Gleichgültigkeit
+zurücksinkenden Augen, während er mit der Hand über den Schnurrbart
+streichend ein unwillkürlich seine Lippen bewegendes Lächeln verbarg.
+
+„Sie glauben also,“ sagte er dann, „daß das Plebiscit der Regierung
+günstig ausfallen werde?“
+
+„Jedenfalls,“ erwiderte Herr Ollivier, „die Stimmung ist allgemein sehr
+wenig befriedigt über das Verhalten der unversöhnlichen Opposition. Man
+will Ruhe für die Geschäfte, man will Schutz gegen die herandrängende
+sociale Bewegung, und man wird dem liberalen Kaiserreich um so mehr mit
+begeisterter Wärme seine Stimme geben, als es die Freiheit mit der Kraft
+und der Ordnung vereinigt. Die Opposition fühlt dies, und ihr Bestreben
+geht nicht mehr danach, ein negatives Votum der Volkscomitien zu
+erreichen, sondern vielmehr eine massenhafte Stimmenenthaltung
+durchzusetzen, ein Bestreben, in welchem sie durch die Indolenz der
+Massen wesentlich unterstützt werden möchte.
+
+„Eure Majestät werden es gewiß billigen, daß wir auf die energischste
+Weise den Präfecten aufgetragen haben, vor allen Dingen besonders in den
+ländlichen Kreisen gegen die Enthaltung von der Abstimmung zu wirken.“
+
+„Gewiß, gewiß,“ sagte der Kaiser wie zerstreut, „man muß alle Mittel
+anwenden, um diesen Herren von der Opposition zu zeigen, daß das Volk
+von Frankreich sie verwirft und fest hinter mir steht, — doch,“ fuhr er
+fort, „wie ist es mit Daru und Buffet? Bestehen sie darauf, daß die
+Kammern zunächst über das Plebiscit befragt werden und werden sie daraus
+eine Cabinetsfrage machen?“
+
+„Ich glaube, Sire,“ sagte Herr Ollivier, „daß meine beiden Kollegen sehr
+geneigt sind, sich darüber zu verständigen; sie wollen gern ihre Kräfte
+unter dem liberalen Kaiserreich und unter Eurer Majestät erleuchteter
+und ruhmvoller Führung dem Wohle Frankreichs widmen. Indeß halten sie es
+für unmöglich, so ganz und gar von dem Prinzip abzuweichen, das sie mit
+voller Ueberzeugung vertreten. Es läßt sich vielleicht,“ fuhr er fort,
+„ein Weg finden, um im Wesentlichen die Meinungen Eurer Majestät
+aufrecht zu erhalten, und dennoch die Minister, welche bei den
+verschiedenen Parteien Vertrauen haben zu conserviren. Man könnte die
+Absicht, ein Plebiscit vorzunehmen, ohne sich einem constitutionellen
+Beschluß der Vertretung des Landes zu unterwerfen, dem Corps legislativ
+einfach durch eine Botschaft mittheilen, worauf denn eine
+Antwortsadresse erfolgen würde. Auf diese Weise ließen sich die
+verschiedenen Standpunkte vielleicht vereinigen, und es ist allerdings
+richtig, daß bei dem Plebiscit es von Wichtigkeit sein könnte, dem Volk
+zu zeigen, daß die Regierung und die regelmäßige constitutionelle
+Vertretung über den wichtigen Act in voller Uebereinstimmung sich
+befinden.“
+
+Der Kaiser senkte den Kopf und strich mehrere Male nachdenklich über
+seine Stirn.
+
+„Damit würde eigentlich,“ sagte er, „dem Plebiscit die wahre Spitze
+abgebrochen, und ich bin, wie ich Ihnen aufrichtig sagen muß, nicht sehr
+geneigt, einen solchen Weg zu gehen. Halten Sie,“ fragte er, Herrn
+Ollivier plötzlich voll und scharf anschauend, „diesen Weg prinzipmäßig
+für richtig, oder würden Sie ihn nur vorschlagen, um die Personen der
+Minister zu conserviren?“
+
+„Die Minister haben, wie ich Eurer Majestät zu bemerken die Ehre hatte,“
+fuhr der Großsiegelbewahrer fort, „ein gewisses Vertrauen, ihr Rücktritt
+könnte einen ungünstigen Eindruck machen. Dies ist wesentlich der Grund,
+weßhalb ich einen Kompromiß suchen möchte.“
+
+„Mein lieber Herr Ollivier,“ sagte der Kaiser, indem er sich ein wenig
+herüberneigte, „nach meiner Ueberzeugung beruht das Vertrauen, welches
+das Ministerium bei der Bevölkerung genießt, weder auf Herrn Buffet,
+noch auf dem Grafen Daru, noch auf irgend einem der andern Personen,
+welche gegenwärtig das Cabinet bilden, sondern vielmehr lediglich auf
+der Achtung und Sympathie, welche man Ihnen entgegenträgt, Sie sind der
+Pfeiler, auf welchem gegenwärtig meine Regierung ruht. Der Respect vor
+Ihrem Charakter, die Bewunderung für Ihre großen Talente bilden einen
+Nimbus um Sie, dessen Strahlen auch auf die übrigen Minister fallen, sie
+werden aber ebenso gut auch auf jeden Andern fallen, der das Glück haben
+wird, mit Ihnen zusammen ein Cabinet zu bilden. Die Rücksicht also,“
+fuhr er fort, „auf das Vertrauen, welches jene Herren im Lande genießen,
+und den persönlichen Einfluß, welchen sie üben können, würde mich
+niemals bestimmen können, von einem als richtig anerkannten Prinzip
+abzugehen, lediglich um ihre Personen zu conserviren. Etwas Anderes,“
+fuhr er nachdenklich fort, indem aus dem Winkel seines fast
+geschlossenen Auges ein schneller, scharf beobachtender Blick auf Herrn
+Ollivier hinüberflog, „etwas Anderes ist es freilich mit ihrer Ersetzung
+in den Geschäften. Buffet ist ein vortrefflicher Finanzminister, es
+wird nicht leicht sein, Jemanden an seine Stelle zu setzen — Ségris
+vielleicht — man müßte sich mit ihm darüber verständigen — noch
+schwieriger aber ist die Sache bei Daru. Woher kann man so schnell einen
+auswärtigen Minister finden? Namentlich, da es sich darum handeln würde,
+die Stellung ein wenig zu modificiren, welche wir dem Concil und Rom
+gegenüber eingenommen haben. Die Minister der auswärtigen
+Angelegenheiten,“ fuhr er fort, anscheinend immer tiefer im Nachsinnen
+versinkend, „wachsen nicht aus der Erde hervor. Ja, wenn,“ sagte er, den
+Blick wie fragend auf Herrn Ollivier richtend — „wenn es möglich wäre,
+daß eines Menschen Kraft die Last allein trüge, welche schon auf drei
+Schultern vertheilt nicht leicht ist, so wäre schnell eine Abhülfe zu
+finden.“
+
+Er lehnte den Kopf wie tief nachdenkend auf den auf sein Knie gestützten
+Arm.
+
+Das Gesicht Olliviers zuckte in lebhafter Bewegung, seine Augen schienen
+einem plötzlich vor ihm auftauchenden Bilde zu folgen, ein Schimmer
+hoher Befriedigung erleuchtete seine Züge und rasch mit athemloser
+Stimme sprach er:
+
+„Eure Majestät meinen — Eure Majestät haben irgend eine Idee über das
+Ressort des auswärtigen Amtes?“
+
+„Ich fürchte,“ sagte Napoleon, indem er wie in schmerzlicher
+Resignation die Achseln zuckte, „daß die Idee, welche mir einen
+Augenblick als möglich vorschwebte, der Wunsch, den ich einen Augenblick
+hegte, Unmöglichkeiten sind. Ich hatte mir gedacht, wie rasch sich das
+Alles arrangiren ließe, wenn Sie, mein lieber Herr Ollivier, mir das
+Opfer bringen könnten, für einige Zeit das Ministerium der auswärtigen
+Angelegenheiten zu führen. Ich weiß,“ fuhr er fort, „die Repräsentation,
+welche gerade mit diesem Ministerium mehr als mit andern verbunden ist,
+würde Ihnen lästig sein. Die Last der Arbeiten würde selbst Ihrem der
+Thätigkeit so gewöhnten Geist zu viel werden. Lassen wir also die Sache,
+es ist doch vielleicht besser, einen Kompromiß zu suchen, welcher uns
+den Grafen Daru und Herrn Buffet erhält.“
+
+Herr Ollivier hatte in einer gewissen Unruhe, die Hände in leichtem
+Zittern bewegend, das Ende der Bemerkungen des Kaisers erwartet. Als
+Napoleon schwieg, sagte er rasch, indem er seine Brille zurecht schob:
+
+„Ew. Majestät dürfen überzeugt sein, daß mir für Ihren Dienst und für
+das Wohl Frankreichs kein Opfer zu groß ist. Wohl widerstrebt meinem
+einfachen bürgerlichen Sinne,“ sagte er, „die große und vielseitige
+Repräsentation, wohl möchte ich auch für meine Familie leben und für
+meine Gesundheit ein wenig Muße gewinnen, dennoch aber kann ich keinen
+Augenblick anstehen, wenn es der Dienst Eurer Majestät, wenn es das Wohl
+Frankreichs erfordert, auch diese neue Last auf mich zu nehmen, und ich
+traue mir ohne Ueberschätzung dennoch die Kraft zu, sie tragen zu
+können. Ich bin an die Thätigkeit gewöhnt, Sire, und will wenigstens
+versuchen, Eurer Majestät auch diesen Beweis meiner Ergebenheit zu
+geben.“
+
+Napoleon schlug wie durch eine unerwartet günstige Wendung der Dinge
+freudig überrascht die Hände zusammen.
+
+„Aber, mein lieber Herr Ollivier,“ sagte er, „dann ist uns ja geholfen,
+dann haben wir ja garnicht nöthig, noch einen Kompromiß zu suchen, wenn
+Graf Daru wirklich heute abgeht und Sie bereit sind, an seine Stelle zu
+treten. So befinde ich mich ja nicht nur in keiner Verlegenheit, sondern
+ich werde sogar meine Lage wesentlich verbessern, denn Sie werden mir
+die Bemerkung erlauben, daß ein jedes Portefeuille bei Niemanden, und
+wäre er der Geschickteste und Bewährteste, so gut aufgehoben sein kann,
+als in Ihren Händen. Wenn Sie also wirklich bereit wären, an die Stelle
+des Grafen Daru zu treten, und wenn Ihre Kraft eine so übermäßige Last
+zu ertragen im Stande ist, dann wären wir ja, wie ich glaube,
+vollständig einig über den Gang, den wir den Ereignissen zu geben
+haben.“
+
+„Wenn Eure Majestät,“ sagte Herr Ollivier, „die Gnade haben würden, mir
+das Portefeuille des Auswärtigen zu übertragen, so sehe ich allerdings
+nicht ein, warum in der Frage des Plebiscits ein keinem Prinzip
+vollkommen entsprechender Ausweg gesucht werden sollte.“
+
+„Nun,“ sagte der Kaiser, indem er sich erhob, „ich sehe, wir verstehen
+uns vollkommen, — welche Freude wird es mir machen, mit Ihnen die Fragen
+der auswärtigen Politik zu besprechen und aus Ihrem so erleuchteten
+Geiste immer neue Gedanken zu der Beurtheilung derselben zu ziehen.“
+
+Herr Ollivier verneigte sich mit glücklichem zufriedenem Lächeln.
+
+„Ich glaube, wir werden vollständig darin übereinstimmen,“ sagte der
+Kaiser leichthin mit gleichgültigem Ton, „daß der römischen Frage auf
+dem Concil gegenüber die Haltung, welche der Graf Daru in der letzten
+Zeit eingenommen hat, modificirt werden muß. Die katholische Kirche und
+der Klerus ist ein sehr mächtiger Factor in Frankreich, dessen freien
+und rückhaltslosen Beistand wir uns sichern müssen. Und außerdem,“ fuhr
+er fort, „widerstrebt auch meinem religiösen Gefühl eine Erkaltung der
+Beziehungen zwischen meiner Regierung und dem heiligen Stuhl.“
+
+„Eure Majestät haben vollkommen Recht,“ sagte Herr Ollivier schnell,
+„Frankreich ist gut katholisch. Ich bin es auch,“ fügte er hinzu, „und
+die Rücksicht auf die Gefühle des Volkes ebenso wie auf den Einfluß des
+Klerus gebieten uns eine äußerst vorsichtige Stellung Rom gegenüber
+einzunehmen, und nichts zu thun, was die Beziehungen zur Kurie irgend
+wie trüben könnte. Ich fürchte,“ fuhr er fort, „der Graf Daru hat sich
+in dieser Sache ein wenig zu sehr von Doctrinen leiten lassen und hat zu
+wenig die concreten Verhältnisse in Betracht gezogen; auch möchten
+vielleicht seine Beziehungen zu Guizot, der entschieden Protestant ist,
+nicht ohne Einfluß auf seine Anschauungen geblieben sein.“
+
+Der Kaiser, welcher sehr aufmerksam den Worten seines Ministers zugehört
+hatte, schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn, als ob er durch
+die Aeußerungen des Herrn Ollivier besonders frappirt sei.
+
+„In der That, mein lieber Minister,“ sagte er, „Sie bringen mich da auf
+einen Gedanken, der mir Manches aufklärt, — sollten Sie, wie ich glaube,
+Recht haben, so ist es um so nöthiger, unsere Stellung Rom gegenüber zu
+modificiren, denn protestantische Anschauungen können doch gewiß niemals
+die Politik Frankreichs, dieses so tief katholischen Landes leiten.
+Welch eine Freude ist es doch,“ sagte er tief aufathmend, „so
+vollständiges Verständniß zu finden und mit einem Mann zu arbeiten, der
+uns stets neue Gesichtspunkte öffnet.“
+
+Er bewegte die Glocke.
+
+„Sind die Herren Minister versammelt,“ fragte er den eintretenden
+Kammerdiener.
+
+„Zu Befehl, Majestät.“
+
+„Wollen Sie mich in einen Augenblick im Conferenzzimmer mit den andern
+Herren erwarten,“ sagte der Kaiser zu Herrn Ollivier, „ich werde Ihnen
+sogleich folgen — wir wissen ja, was wir zu thun haben.“
+
+Der Großsiegelbewahrer verneigte sich mit zustimmender Miene und verließ
+das Kabinet des Kaisers.
+
+„Er wird thun, was ich will,“ sagte Napoleon ihm lächelnd nachblickend,
+„und ich werde die vortreffliche Stellung haben, keinerlei Initiative zu
+ergreifen; nicht meine Meinung, — sondern diejenige des Herrn Ollivier
+wird durchdringen, und man wird nicht wieder vom persönlichen Regiment
+und vom autocratischen Einfluß sprechen können.“
+
+Er trat zu einem kleinen Schrank, nahm daraus ein Fläschchen mit einer
+röthlichen Flüssigkeit, zählte in ein Glas Wasser, das der Kammerdiener
+ihm reichte, eine Anzahl von Tropfen und trank dann schnell den Inhalt,
+der ihn fast augenblicklich wohlthätig zu beleben schien.
+
+„So,“ sagte er mit einem tiefen Athemzug, „das wird mir für eine Stunde
+wieder Kraft und Elasticität geben. Jetzt will ich meine Herren Minister
+anhören.“
+
+Und mit etwas lebhafterem festerem Gang als vorhin begab er sich durch
+die schnell geöffnete Flügelthür nach dem Conferenzzimmer, einem großen
+hellen Gemach, in dessen Mitte ein runder grüner Tisch, von ebenfalls
+dunkelgrünen Fauteuils umgeben, stand.
+
+In diesem Zimmer waren die Minister bereits versammelt, sie trugen
+sämmtlich, wie der Kaiser, schwarze Morgenanzüge und verneigten sich
+tief beim Eintritt des Souverains.
+
+Da war neben Ollivier, der, aufgeregt, aber von innerer Befriedigung
+strahlend, hinter seinem Stuhl stand, Herr Chevandier de Valdrome mit
+seinem etwas cavalieren Ausdruck; der Graf Daru mit seinem kalten,
+etwas mißtrauischen Blick; Herr Buffet, der Finanzminister, eine
+bureaucratische Erscheinung mit eigensinnig doctrinairem Ausdruck; Herr
+Ségris, der Minister des Unterrichts, ein wenig an das Aeußere eines
+Professors erinnernd; dann der Marquis von Talhouet, der Minister der
+öffentlichen Arbeiten, eine schöne, elegante Erscheinung, trotz seines
+Alters von beinahe fünfzig Jahren, noch jugendlich und frisch, der wahre
+altfranzösische grand Seigneur; — Herr Maurice Richart, für welchen sein
+Freund Ollivier das Ministerium der schönen Künste geschaffen hatte, ein
+gutmüthiger, sorgloser Lebemann; dann der Kriegsminister, Marschall
+Leboeuf, eine militairisch kräftige Erscheinung, das volle, ein wenig
+aufgeschwemmte und regelmäßige Gesicht hatte durch den großen Bart auf
+der Oberlippe und dem Kinn einen etwas martialischen Ausdruck, der
+jedoch durch den gleichgültigen und oberflächlichen Blick der etwas
+vorstehenden Augen wieder abgeschwächt wurde; endlich der Admiral
+Rigault de Genouilly, dessen feines und intelligentes Gesicht mit dem
+Ausdruck verschlossenen Nachdenkens stets einen nicht ausgesprochenen
+Hintergedanken zu verstecken schien.
+
+Der Kaiser setzte sich auf seinen Lehnstuhl in der Mitte des Tisches,
+und die Minister nahmen um ihn her Platz, Herr Ollivier zu seiner
+Rechten, Graf Daru zu seiner Linken; die Uebrigen nach der Reihenfolge
+ihres Ranges; die Minister des Krieges und der Marine dem Kaiser
+gegenüber.
+
+„Ich habe Sie berufen, meine Herren Minister,“ sprach der Kaiser mit
+ruhiger, fast ausdrucksloser Stimme, indem er einen der auf dem Tische
+liegenden Bleistifte ergriff und einige unbestimmte Linien auf dem vor
+ihm bereit liegenden Papierbogen zeichnete, „ich habe Sie berufen, um
+Sie zu ersuchen, die Frage des Plebiscits, über welche ich bereits mit
+Jedem von Ihnen einzeln conferirt habe, nunmehr noch einmal
+gemeinschaftlich zu discutiren und dann darüber einen definitiven
+Beschluß zu fassen. Es handelt sich darum, die neue Institution, welche
+ich dem Kaiserreich geben zu sollen geglaubt habe und zu deren
+Befestigung Sie Alle so bereitwillig mir die Hand geboten haben, nochmal
+durch ein Votum der ganzen Nation, auf welchem ja das Kaiserreich selbst
+und seine frühere Verfassung beruhen, sanctioniren zu lassen. Und ich
+bitte Sie mit Ihrer gewohnten und von mir stets so hoch gewürdigten
+Freimüthigkeit mir Ihre Meinung darüber zu sagen.“
+
+Er wandte sich mit einer leichten Neigung des Kopfes zu Herrn Ollivier.
+
+„Sire,“ erwiderte dieser in einem Ton, welcher an den gleichförmigen
+Pathos erinnerte, der eine Eigenthümlichkeit seiner Reden auf der
+Tribüne war — „Eure Majestät wissen, daß ich aus voller Ueberzeugung dem
+großen Gedanken zugestimmt habe, welchen Sie so eben aussprachen. Eine
+Regierung, welche so offen und rückhaltslos wie wir die Verfassung im
+Sinne der Freiheit ausbaut, darf sich nicht scheuen ihr Werk der Prüfung
+und Genehmigung des ganzen Volkes vorzulegen. Wir treten vor die Nation,
+nicht um zu fordern, sondern nur zu geben, und sind der dankbaren
+Zustimmung der großen Mehrheit der Bürger Frankreichs sicher; das
+Gewicht ihres Votums wird die Autorität und Macht des Kaiserreichs den
+innern und äußern Feinden gegenüber von Neuem kräftigen, und alle die
+Elemente, welche in der letzten Zeit so vermessen an der Entwickelung
+des gesellschaftlichen Lebens gearbeitet haben, werden vor dem fest und
+klar ausgesprochenen Willen der ganzen Nation schwinden. Ich habe die
+Form des Plebiscits ausgearbeitet. Der Herr Minister des Innern hat die
+Präfecten mit ausführlichen Instruktionen versehen, um die von der
+unversöhnlichen Opposition beabsichtigte massenhafte Enthaltung von der
+Abstimmung zu verhindern, und ich erlaube mir, Eurer Majestät
+vorzuschlagen, daß so wie das Senatuskonsult festgestellt ist, das
+Plebiscit ohne weitere Verzögerung vorgenommen werde, denn jeder Tag, um
+den dasselbe noch hinausgeschoben wird, giebt den Gegnern Gelegenheit,
+sich zu organisiren und ihre Agitationen immer mehr über das Land zu
+verbreiten. Die Form des Plebiscits würde nach meiner Ueberzeugung sehr
+einfach sein, sie würde sich auf wenige Zeilen reduciren, und ich werde
+meinen Entwurf bei meinen Herren Collegen circuliren lassen, um ihn dann
+mit ihren Zustimmungen oder etwa mit ihren Gegenvorschlägen Eurer
+Majestät zu unterbreiten.“
+
+Der Kaiser wandte sich mit einem verbindlichen Wink seiner Hand zu dem
+Grafen Daru.
+
+Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten hatte ruhig und unbeweglich
+den Worten Olliviers zugehört; ebenso ruhig sprach er jetzt mit seiner
+etwas leisen, aber durch die scharfe Accentuirung der Worte deutlichen
+Stimme:
+
+„Ueber die Form des Plebiscits, Sire, wird, wie ich glaube, unter uns
+kaum eine Meinungsverschiedenheit bestehen können. Es kann ja eben nur
+eine ganz einfache mit ja oder nein zu beantwortende Frage sein. Dagegen
+aber kann ich nicht unterlassen, Eurer Majestät noch einige sehr ernste
+und gewichtige Bedenken gegen die Sache selbst auszusprechen.“
+
+Der Kaiser blickte nicht auf, mit völlig ausdrucksloser Miene sah er auf
+das Papier nieder und zeichnete große krumme Linien, welche in einander
+greifend sich zu dem Bilde eines Adlerflügels vereinigten.
+
+„Eure Majestät,“ fuhr Graf Daru fort, „haben vorhin bemerkt, daß das
+Kaiserreich auf dem freien Votum der ganzen Nation beruhe, wie das ja
+auch mit der Herrschaft des ersten Kaisers der Fall war. Das Volk hat
+seinen Willen ausgesprochen und sich nach einer Zeit innerer Unruhen und
+Kämpfe eine feste Staatsform und eine consolidirte Regierung gegeben,
+welche wir nunmehr dem Willen Eurer Majestät gemäß zu freierer, innerer
+Entwicklung zu führen haben. Da die Existenz des Kaiserreichs, der Grund
+seines Bestehens auf dem Plebiscit beruht, so halte ich es für
+bedenklich, der Sicherheit des Staatsgebäudes und vor allen Dingen auch
+der Dynastie Gefahr bringend, wenn man ohne eine absolute Nothwendigkeit
+auf die Grundfundamente der Monarchie wieder zurückgreift. Ich glaube
+nicht, — verzeihen mir Eure Majestät, daß eine Dynastie wirklich auf die
+Dauer feste und unzerstörbare Wurzeln schlagen kann, wenn bei jeder
+Gelegenheit derjenige Faktor, der ihr das Leben gegeben, wieder in die
+öffentliche Bewegung hineingezogen wird; das Volk durch unmittelbares
+Plebiscit hat einmal gesprochen und das Kaiserreich begründet — die
+weitere Entwicklung desselben muß nun seinen verfassungsmäßigen
+Vertretern überlassen werden. Das Kaiserreich selbst darf nicht wieder
+in Frage gestellt werden. Denken Eure Majestät, in welche gefährliche
+Lage, in welche falsche Position ein Souverain kommen müßte, der wie
+Eure Majestät es stets mit gerechtem Stolz gethan und wie Ihre
+Nachfolger es ohne Zweifel ebenfalls thun werden, sich den Erwählten der
+Nation nennt, wenn das Votum dieser Nation in einem spätern Plebiscit
+ihm ungünstig wäre? Ein abfälliges Votum des Corps legislativ greift nur
+das Ministerium an, ein abfälliges Plebiscit aber würde das Kaiserthum
+und die Dynastie selbst in Frage stellen.“ —
+
+„So weit wir aber die Stimmung im Lande kennen,“ fiel Herr Ollivier ein,
+während der Kaiser fortwährend ganz theilnahmlos weiter zeichnete — „ist
+garnicht an die Möglichkeit zu denken, daß die allgemeine Abstimmung
+ungünstig ausfalle, vielmehr wird sie auf's Neue die Wurzeln des
+Kaiserreichs und der Dynastie kräftigen und immer tiefer in das
+nationale Bewußtsein dringen lassen.“
+
+„Ich zweifle nicht an dem Ausfall der Abstimmungen,“ erwiderte Graf
+Daru, indem flüchtig und fast unbemerkbar ein Zug feiner Ironie auf
+seinem kalten bleichen Gesicht erschien, „auch spreche ich nicht von der
+Thatsache, sondern von dem Prinzip, und im Prinzip muß ich dabei
+bleiben, daß ein wiederholtes Plebiscit gefährlich für die Dynastie ist,
+um so gefährlicher, wenn man jetzt etwa auf einen günstigen Ausfall
+desselben einen besonderen Werth zu legen beabsichtigt. Je mehr
+Bedeutung man dem zustimmenden Votum giebt, um so mehr gefährlicher
+würde eines Tages eine feindliche Abstimmung werden können. Außerdem bin
+ich des Erfolges noch nicht so vollkommen sicher. Die Majorität
+Derjenigen, welche stimmen, wird mit ja stimmen, daran zweifle ich
+nicht, ob es aber der Opposition nicht gelingen werde, eine sehr große
+Majorität für die Stimmenenthaltung zu gewinnen, darüber bin ich noch
+nicht vollkommen beruhigt; und der Eindruck einer solchen Enthaltung
+würde nicht nur in Frankreich, sondern auch im Auslande ein sehr
+bedenklicher sein müssen.“
+
+Herr Ollivier, welcher sich unruhig hin und her bewegt hatte, wollte mit
+einer Bemerkung einfallen.
+
+Der Graf Daru erhob leicht mit einer artigen, aber bestimmten Wendung
+die Hand gegen ihn und fuhr fort.
+
+„Wenn ich schon aus Rücksicht auf das Kaiserthum selbst und auf die
+Dynastie der Meinung bin, daß ein erneutes Plebiscit nur im Augenblick
+einer öffentlichen Gefahr oder gewaltiger nationaler Anstrengungen
+vorgenommen werden darf, so bestärkt mich in dieser Ansicht noch mehr
+die Rücksicht auf die freie und verfassungsmäßige Entwicklung des
+öffentlichen Lebens, deren Sicherung unsere Aufgabe ist. Wenn es als ein
+Grundsatz des öffentlichen Rechts anerkannt wird, daß die Regierung in
+jedem Augenblick und ohne bestimmte zwingende und in der Verfassung
+vorgesehene Gründe sich an das Volk wenden kann, so wird jedes
+constitutionelle Leben überhaupt eine Unmöglichkeit, denn die Regierung
+hat es in der Hand, bei jedem Conflict mit den Gesetzgebenden
+Körperschaften durch ein Plebiscit das ganze verfassungsmäßige Leben in
+Frage zu stellen. Daß Eure Majestät niemals einen solchen Gedanken haben
+werden,“ sagte er, sich gegen den Kaiser verneigend, — „davon bin ich
+überzeugt, indessen bei der Beurtheilung öffentlicher Rechtsprinzipien
+darf man nicht an die Person, sondern an die Sache und an die völlig
+objectiv gestellte Frage denken. Für mich spricht also sowohl die
+Rücksicht auf die Stabilität und die Unantastbarkeit der monarchischen
+Staatsform und der Dynastie als diejenige auf die wahre Freiheit des
+öffentlichen Lebens gegen eine Wiederholung des Plebiscits.“
+
+„Sie würden also, mein lieber Graf,“ sagte der Kaiser, indem er einen
+Augenblick flüchtig aufblickte und dann wieder in die Betrachtung des
+auf dem Papier vor ihm nunmehr deutlich erkennbaren Adlerflügels
+versank, „Sie würden also einer Berufung an das Volk Ihre Stimme nicht
+geben und wollen?“
+
+„Ich habe meine prinzipmäßigen Gründe gegen das Plebiscit
+ausgesprochen,“ erwiderte der Graf. „Ich bin indessen ebenfalls
+überzeugt, daß beim absolut starren Festhalten an den Prinzipien
+practisch nicht regiert werden kann. Und da Eure Majestät und die
+meisten meiner Kollegen die Volksabstimmung für zweckmäßig halten, so
+würde ich mich derselben nicht unbedingt entgegenstellen.“
+
+Der Kaiser zog seine Linien weiter und weiter. Ein zweiter Adlerflügel
+begann sich an der Seite des ersten zu zeigen.
+
+Auf Herrn Olliviers Gesicht erschien bei den letzten Worten des Grafen
+Daru eine ziemlich erkennbare Verstimmung.
+
+Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten sprach weiter:
+
+„Die Bedenken, welche ich gegen eine Wiederholung des Plebiscits so eben
+ausgesprochen und motivirt habe, können nach meiner Überzeugung auf eine
+sehr einfache Weise zum großen Theil beseitigt werden: Wenn nämlich der
+Grundsatz festgehalten wird, daß die Berufung an die unmittelbare
+Volksabstimmung nur Statt finden dürfe, wenn sich die Regierung und die
+Gesetzgebenden Körperschaften darüber verständigt haben. Dadurch würde
+nach beiden Richtungen die Garantie gegen den Eintritt derjenigen
+Gefahren gegeben, welche ich vorhin bezeichnete, und so würde die
+Absicht Eurer Majestät erreicht. Ich glaube, daß der Herr
+Großsiegelbewahrer,“ sagte er, sich an Ollivier wendend, „einer
+Verständigung in der von mir angedeuteten Richtung nicht abgeneigt ist,
+wenigstens habe ich bei meiner früheren Unterredung über diesen
+Gegenstand bei ihm die Geneigtheit bemerkt, auf meine Prinzipien
+einzugehen, und auf Grund derselben den Bestand des Cabinets zu
+sichern,“ sagte er mit fester Stimme, sich gegen den Kaiser verneigend.
+
+Dieser hob ein wenig den Kopf empor und richtete den Blick seines
+vollständig verschleierten Auges auf Herrn Ollivier.
+
+„Der Gedanke des Grafen Daru,“ sagte er ruhig, „scheint mir eine sehr
+gute Grundlage für die Ausgleichung der entgegenstehenden Ansichten zu
+bieten. Es wäre gewiß sehr wünschenswerth, eine solche Verständigung zu
+erreichen, wenn dies nach Ihrer Überzeugung möglich ist.“
+
+Herr Ollivier richtete sich grade empor, ließ den unsichern Blick über
+seine in schweigender Zurückhaltung da sitzenden Kollegen gleiten und
+begann dann mit nachdrücklicher Betonung:
+
+„Ich glaube nicht, daß der Gedanke des Herrn Ministers der auswärtigen
+Angelegenheiten ausführbar sei, wenn man sich die wahre staatsrechtliche
+Natur der Frage klar macht. Das Volk,“ fuhr er fort, „die französische
+Nation ist, Eure Majestät werden mir darin beistimmen,“ sagte er, sich
+gegen den Kaiser verneigend — „der eigentliche, in letzter Instanz
+definitiv über die Geschicke Frankreichs entscheidende Souverain. Die
+Vertreter im Corps legislativ sind nur Delegirte. Es entspräche nicht
+der Würde der Nation selbst, wenn Derjenige, an welchen sie ihre
+Souverainetät deligirt hätte, erst die Genehmigung der lediglich für die
+gesetzgeberische Arbeit abgeordneten Vertreter einholen müßte, um sich
+in großen Nationallebensfragen an das Volk selbst wenden zu dürfen.
+Zwischen dem Kaiser, das heißt dem General-Mandatar der souverainen
+Nation und dem Volk selbst darf kein untergeordneter Faktor stehen. Sie
+müssen frei, wenn es nothwendig ist, miteinander verkehren können, und
+der Kaiser muß das Recht haben, auch ohne die Zustimmung der
+parlamentarischen Körperschaften an das Volk selbst sich wenden zu
+können. Jede zufällige Majorität der Kammer würde ja sonst die Macht
+haben, die Berufung an das Volk zu verhindern. Ich für meine Person,“
+schloß er mit bestimmtem Ton, „würde lieber dafür stimmen, das Plebiscit
+überhaupt aufzugeben, als es auf diese Weise von der Zustimmung einer
+Kammer abhängig zu machen, die vielleicht garnicht den Willen des ganzen
+Volkes und sein wahres Interesse vertritt.“
+
+Graf Daru hatte Herrn Ollivier ein wenig erstaunt angesehen, dann flog
+abermals jener Zug feiner Ironie über sein Gesicht, und als der
+Großsiegelbewahrer geendet, sprach er, während auf dem Papier des tief
+gebückt dasitzenden Kaisers sich nunmehr zwischen den beiden Flügeln
+auch der Kopf eines Adlers zu entwickeln begann:
+
+„Ich bedaure, daß ich die Absicht des Herrn Großsiegelbewahrers bei
+unserer letzten Unterredung so falsch oder unklar aufgefaßt habe. Wäre
+mir damals seine Meinung so bestimmt erschienen, wie ich sie jetzt
+verstehe, so hätte ich schon früher alle Hoffnungen und alle Versuche zu
+einer Verständigung zu gelangen, aufgegeben. Ich muß Eurer Majestät
+aufrichtig erklären, daß wenn das Plebiscit ohne vorherige Verständigung
+mit der Kammer beschlossen werden sollte, ich nicht im Stande sein
+würde, länger ein Mitglied des Kabinets zu bleiben.“
+
+„Ich schließe mich der Erklärung des Herrn Grafen Daru vollständig an,“
+sagte der Finanzminister Buffet mit rauhem und kurzem Ton. „Ich glaube,
+daß die Wiederholung der Plebiscite die freie Bewegung des
+konstitutionellen Lebens unmöglich macht und den Staat fortwährend mit
+der Wiederkehr absoluter Autocratie bedroht. Ich bitte Eure Majestät,
+wenn das Plebiscit nach der Anschauung des Herrn Großsiegelbewahrers
+beschlossen werden sollte, meine Entlassung zu genehmigen.“
+
+„Und was meinen die übrigen Herren Minister,“ fragte der Kaiser, unter
+dessen Bleistift sich nunmehr auch ein großer Adlerkopf bildete.
+
+„Ich stimme Herrn Ollivier bei,“ sagte Ségris.
+
+„Ich würde um der Einheit des Bestandes des Cabinets willen,“ sagte der
+Marquis von Talhouet, „wünschen, daß auf dem Boden des vom Grafen Daru
+ausgesprochenen Gedankens eine Verständigung erzielt werde. Indessen
+kann ich nicht mein Verbleiben im Cabinet von dieser Frage abhängig
+machen, und ich hoffe,“ fügte er verbindlich sich gegen den Grafen von
+Daru verneigend, hinzu, „daß auch unser verehrter Kollege von diesem
+äußersten Entschluß zurückstehen werde.“
+
+Graf Daru schüttelte schweigend den Kopf.
+
+„Ich habe,“ rief Herr Ollivier rasch, „wahrlich für die Freiheit und die
+Rechte des Volkes gesprochen und gekämpft. Niemand wird mir dies Zeugniß
+versagen können. Jetzt aber ist es auch meine Pflicht, die Rechte der
+Krone zu vertreten und zu vertheidigen, und ich würde in einer solchen
+Anschauung der kaiserlichen Initiative, wie sie der Graf Daru
+vorschlägt, eine sehr gefährliche und bedenkliche Schmälerung der
+kaiserlichen Rechte erblicken.“
+
+Der Marschall Leboeuf und der Admiral Rigault de Genouilly stimmten in
+kurzen Worten dem Herrn Ollivier bei; ebenso Herr Maurice Richart und
+Herr Chevandier de Valdrome.
+
+Zu den Flügeln und dem gekrönten Kopf des Adlers war auf dem Papier des
+Kaisers bereits noch eine Kralle hinzugetreten, auf welcher ein kleiner
+Reichsapfel ruhte.
+
+Der Kaiser richtete ein wenig den Kopf auf, ohne daß sein Bleistift
+aufhörte in langsamer, anscheinend fast unwillkürlicher Bewegung Linie
+an Linie zu reihen.
+
+„Ich höre also,“ sagte der Kaiser, „daß die Mehrzahl meiner Herren
+Minister dem Herrn Großsiegelbewahrer vollständig beipflichten, welcher
+sich für die schleunige Ausführung des Plebiscits und zwar ohne
+vorherige Verständigung mit den Kammern ausgesprochen hat. Hätten die
+Herren Minister gegen das Plebiscit überhaupt Bedenken gehabt, so hätte
+ich meinerseits kaum einen Grund gehabt, dasselbe durchaus zu wünschen,
+so sehr ich auch überzeugt bin, daß es den Institutionen des
+Kaiserreichs neue Kräfte geben werde. Da aber die große Majorität meiner
+Minister das Plebiscit für zweckmäßig und nothwendig hält, da sie zu
+gleicher Zeit die Modalität, welche der Graf Daru vorgeschlagen, nicht
+zu acceptiren geneigt sind, so bleibt mir nichts anderes übrig, als
+nochmals Sie, Herr Graf, zu bitten, aus der Sache keine Cabinetsfrage zu
+machen und Sie, Herr Minister,“ sagte er, sich an Herrn Ollivier
+wendend, „reiflich zu überlegen, ob Sie nicht im Stande wären, eine
+Kombination zu finden, welche sich dem Grafen Daru nähert, und es ihm
+möglich macht, Mitglied des Cabinets zu bleiben, in welches ich ihn mit
+so vielem Vertrauen berufen habe, und aus welchem ich ihn nur mit
+aufrichtigem Schmerz würde scheiden sehen.“
+
+Es war fast ein ängstlicher Ausdruck, mit welchem Herr Ollivier den
+Kaiser bei den letzten Worten ansah.
+
+„Eure Majestät wissen,“ sagte er schnell, „wie hohen Werth ich auf die
+Freundschaft und Mitwirkung des Grafen Daru und auf sein Verbleiben in
+dem Ministerium lege; indessen meine Anschauung und Überzeugung steht
+fest, und wie ich niemals im politischen Leben von derselben abgewichen
+bin, so kann ich es auch jetzt nicht, selbst auf die Gefahr hin, die
+bisher so fruchtbare und hoch erfreuliche gemeinschaftliche Arbeit mit
+dem Herrn Grafen zu unterbrechen. Meine Überzeugung steht fest,“ sagte
+er, die Hand auf die Brust legend, „und da auch die meisten meiner
+Kollegen dieselbe theilen, so kann ich um so weniger in einer so hoch
+wichtigen Frage auf irgend einen Kompromiß eingehen.“
+
+„Ich habe also,“ sagte der Graf Daru, ohne daß irgend eine Bewegung auf
+seinem Gesicht bemerkbar wurde, „Eure Majestät nochmals bestimmt um
+meine Entlassung zu bitten, da ich nicht im Stande bin, der von der
+Mehrzahl meiner Kollegen beschlossenen Maßregel meine Zustimmung zu
+geben.“
+
+„Ich muß die gleiche Bitte an Eure Majestät richten aus dem gleichen
+Grunde,“ sagte Herr Buffet.
+
+Der Adler auf dem Papier des Kaisers hatte eine zweite Kralle erhalten.
+
+„Ich kann,“ sagte Napoleon, „da ich ja nicht mehr der persönliche
+Autokrat bin,“ fügte er lächelnd hinzu, „gegen den Beschluß meiner
+Minister nichts thun. Ich bitte Sie indeß, meine Herren,“ fuhr er fort,
+sich an die übrigen Minister wendend, „daß Sie sich der Aufgabe
+unterziehen mögen, in privater Besprechung und durch persönliche
+Einwirkung ein Einverständniß zwischen dem Grafen Daru und Herrn
+Ollivier zu ermöglichen. Ich bin überzeugt,“ fuhr er fort, indem er mit
+der linken Hand über seinen Bart fahrend den Mund verdeckte, während
+seine Rechte in der Kralle des Adlers vor ihm ein großes, hoch
+aufragendes Schwert erscheinen ließ, „daß Herr Ollivier ebenso wie ich
+das Ausscheiden des Grafen aus dem Cabinet beklagen würde, daß er Alles
+aufbieten wird, um eine Verständigung herbeizuführen. In einem Punkt bin
+ich jedoch vollkommen der Meinung, welche sich die meisten Herren hier
+angeeinigt haben, daß nämlich schnell gehandelt werden müsse, um der
+Opposition nicht die Zeit zu lassen, die Stimmenenthaltung zu
+organisiren. Ich hoffe also,“ sagte er aufstehend, indem er den
+Bleistift neben dem nunmehr vollendeten und mächtig bewehrten Adler
+niederlegte, „daß Sie mir morgen die Mittheilung von Ihrer allseitigen
+Verständigung machen werden, daß wir Alle miteinander gemeinschaftlich
+bei der Durchführung des begonnenen Werkes weiter arbeiten werden.“
+
+Er verneigte sich mit verbindlicher Höflichkeit nach allen Seiten und
+verließ das Konferenzzimmer, in welchem die Minister noch fast eine
+Stunde zurückblieben, auf alle mögliche Weise versuchend, das
+Einverständniß zwischen Herrn Ollivier und dem Grafen Daru herzustellen.
+
+Alle Versuche scheiterten jedoch an der kalten Ruhe, mit welcher der
+Graf Daru an seiner Ansicht festhielt und an der pathetischen
+würdevollen Unbeugsamkeit, mit welcher Herr Ollivier erklärte, auch
+nicht in einem Punkt von seiner Überzeugung abgehen zu können.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+
+Napoleon war in sein Cabinet zurückgekehrt, heiter und zufrieden
+lächelnd rieb er sich leicht die Hand, während er einige Male langsam
+auf- und niederging.
+
+„Alles geht vortrefflich, Drouin de L'huys hat vollkommen Recht, diesen
+Ollivier kann man Alles thun lassen, was man will, ein wenig Balsam für
+seine Eitelkeit, ein wenig Köder für seinen Ehrgeiz, und er lancirt sich
+gesenkten Hauptes in jede Bahn, auf welcher man seiner bedarf. Die Dinge
+fügen sich so gut, wie ich es nur irgend wünschen kann, das Plebiscit
+wird gemacht, — und ich bedarf des Plebiscits,“ sagte er sinnend vor sich
+hinblickend, „um diesen unversöhnlichen Rednern der Kammer zu zeigen,
+daß sie nicht mich angreifen, sondern den Willen der Gesammtnation, und
+daß nicht sie die Vertreter der Anschauungen Frankreichs sind, sondern
+ich selbst, — ich bedarf es dem Auslande gegenüber, um den europäischen
+Cabinetten zu zeigen, daß ich noch heute so unumschränkt wie früher über
+die Macht Frankreichs gebiete, — das Plebiscit wird gemacht werden, und
+zwar bin nicht ich es, der es macht, sondern meine Minister unter der
+Führung dieses höchst liberalen und konstitutionellen Herrn Ollivier.
+Und wenn dieser zweifelhafte Graf Daru und dieser schwer zu behandelnde
+Buffet aus dem Cabinet ausscheiden, so werde nicht ich sie entlassen
+haben, sondern sie werden es sein, die sich von der Majorität der
+Minister trennen. Alles ist ja konstitutionell und verfassungsmäßig,“
+sagte er lächelnd, „und doch geschieht es wie ich will. Vielleicht,“
+sprach er nachdenklich, „läßt sich mit dieser konstitutionellen Maschine
+noch besser regieren, als wenn man allein steht und ganz allein auch
+alle Verantwortlichkeit tragen muß.“
+
+Er ließ sich langsam in seinen Lehnstuhl nieder, bereitete sich
+sorgfältig aus dem auf einem kleinen Tisch daneben stehenden türkischen
+Taback eine Cigarrette, entzündete dieselbe an der brennenden Kerze und
+bewegte eine kleine Handglocke.
+
+„Bereiten Sie Alles vor,“ sagte er dem eintretenden Kammerdiener, „ich
+will meine militairische Promenade machen, in einer Stunde habe ich
+eine Revue abzuhalten.“
+
+Der Kammerdiener entfernte sich durch die Thür, welche in das
+Toilettenzimmer des Kaisers führte.
+
+„Der Graf Bismarck,“ sagte der Kaiser, indem er mit vergnügtem Gesicht
+die blauen Wolken des aromatischen Tabacksrauchs in die Luft blies, „hat
+Recht mit dem Rath, den er mir einst gab, je mehr ich die
+konstitutionelle Doctrin in die Regierung einführe, um so mehr muß ich
+meine militairische Macht stärken und das persönliche Band zwischen mir
+und der Armee fester ziehen, damit habe ich das Correctiv in der Hand,
+und wenn die Wellen jemals zu hoch gehen sollten, so wird es leicht
+sein, sie wieder auf das richtige Niveau zurückzuführen. Bis jetzt sind
+sie noch leicht zu leiten und trägt das Schiff das Kaiserreich ruhig in
+der Richtung fort, welche ich vorgezeichnet habe,“ — und sich bequem auf
+den Stuhl zurücklehnend schloß er halb träumend die Augen, indem er in
+großen Zügen den duftigen Rauch seiner Cigarrette einsog.
+
+Nach einiger Zeit öffneten sich die Flügel der Thüre, und die Kaiserin
+schritt schnell, noch bevor der Huissier sie anmelden konnte, an
+demselben vorüber in das Zimmer.
+
+Ihre Mienen zeigten Unruhe und lebhafte Bewegung, sie eilte auf den
+Kaiser zu, welcher sich langsam erhob, drückte ihn sanft wieder in
+seinen Lehnstuhl zurück und sagte, indem sie sich ihm gegenüber setzte:
+
+„Ich höre, daß die Ministerconferenz zu Ende ist und bin
+unendlich gespannt, was das Resultat derselben sei, — sobald die
+Meinungsdifferenzen ausgeglichen, wird das Plebiscit ohne Schwierigkeit
+durchgeführt werden?“
+
+„Das Plebiscit ist beschlossen,“ sagte der Kaiser, indem er den Rest
+seiner Cigarrette fortwarf, „die große Majorität meiner Minister waren
+darüber einig, nur,“ fügte er mit einem schnellen Blick auf seine
+Gemahlin und einem fast unwillkürlichen Lächeln hinzu, „Graf Daru und
+Herr Buffet können sich der Ansicht der Uebrigen nicht anschließen. Ich
+werde sie verlieren,“ fügte er wie bedauernd den Kopf schüttelnd hinzu,
+„ich habe ihnen die Entlassung, um die sie gebeten, nicht verweigern
+können, da sie sich nicht im Einklang mit den Uebrigen befinden.“
+
+Die Kaiserin schlug ihre schlanken weißen Hände gegen einander, ein
+Blitz triumphirender Freude sprühte in ihren Augen auf.
+
+„Wir sind Daru los,“ rief sie aus, „diesen verkappten Orleanisten,
+diesen Freund des Protestanten Guizot, der uns mit dem heiligen Stuhl
+hätte brouilliren mögen. Welch ein Glück,“ — fuhr sie nach einer kleinen
+Pause fort, — „haben Sie schon darüber nachgedacht, wer sein Nachfolger
+in den auswärtigen Angelegenheiten sein soll?“
+
+„Das ist eine sehr schwierige Frage,“ sagte Napoleon langsam, — „eine
+sehr schwierige Frage, welche ein tiefes und eingehendes Nachdenken
+erfordert. Ich glaube, da das ganze Interesse sich in diesem Augenblick
+auf die inneren Fragen concentrirt und wir eigentlich gar keine
+auswärtige Politik machen, so wird es am besten sein, das Provisorium
+einige Zeit lang bestehen zu lassen — Ollivier ist bereit, dasselbe zu
+führen.“
+
+Immer strahlender und heiterer wurde das Gesicht der Kaiserin.
+
+„Ollivier,“ rief sie, „das Provisorium des auswärtigen Ministeriums!
+Louis,“ rief sie, ihm die Hand reichend, welche er galant an die Lippen
+führte, „ich bewundere Sie, das ist ein Meisterstreich! Dieser Ollivier
+ist ein Schleier, den man ganz Europa gegenüber über unsere Politik
+wirft, und hinter diesem Schleier wird man thun und vorbereiten können,
+was man will, ohne daß irgend Jemand, er selbst am wenigsten,“ sagte
+sie lachend, „eine Idee davon hat. Aber später,“ sagte sie dann — „nach
+Ollivier, denn Ollivier kann doch nur so lange Minister sein, bis —“ sie
+unterbrach sich —
+
+„bis wir es für zweckmäßig finden werden,“ ergänzte der Kaiser ihren
+Satz, „unserer auswärtigen Politik einen bestimmten Stempel
+aufzudrücken, und dann wird die Wahl der Person doch immer von dem
+System abhängig sein müssen, welches dann zu befolgen für nothwendig
+erscheinen sollte.“
+
+„Ich habe Ihnen neulich von Grammont gesprochen,“ sagte Eugenie mit
+einem forschenden Blick auf den Kaiser, „der mir alle Eigenschaften in
+sich zu vereinigen scheint, welche Ihr auswärtiger Minister in einem
+entscheidenden Augenblick haben müßte, und der Ihnen persönlich und
+unserer Dynastie tief ergeben ist, indem er die monarchischen
+Traditionen seiner legitimistischen Familie nunmehr auf das Kaiserreich
+überträgt, nachdem er sich dem Dienst desselben gewidmet hat. Grammont
+kennt besonders genau die Verhältnisse Österreichs, das doch für unsere
+auswärtige Politik und für unsere auswärtige Action,“ fügte sie mit
+besonderer Betonung hinzu, „einer der wichtigsten Factoren ist.“
+
+„Es würde nur darauf ankommen,“ sagte der Kaiser, ohne den Blick seiner
+Gemahlin zu erwidern, „welche Politik man nach Außen inauguriren wird,
+nachdem diese inneren Angelegenheiten zum Abschluß gebracht sind. Unter
+gewissen Verhältnissen würde allerdings Grammont eine sehr geeignete
+Persönlichkeit sein.“
+
+„Unter allen,“ sagte die Kaiserin, „Grammont ist ebenso geschickt und
+geschmeidig, als ergeben.“
+
+„Nun,“ sagte der Kaiser, „man könnte ihn ja dann wieder hierher kommen
+lassen. Ich habe früher ausführlich mit ihm über die Lage der
+Verhältnisse gesprochen und würde persönlich sehr gern mit ihm
+verkehren. Es käme aber darauf an, ob er sich mit den übrigen Führern
+des Cabinets verständigen könnte, denn wir haben ja jetzt ein
+constitutionelles Regiment —“
+
+Die Kaiserin zuckte die Achseln.
+
+„Namentlich,“ fuhr Napoleon fort, „ob er mit Ollivier zu harmoniren im
+Stande wäre!“
+
+„Ollivier,“ rief die Kaiserin, „dieser spartanische Bürger wird
+überglücklich sein, in einem Cabinet mit einem Herzoge aus dem alten
+Hause der Guiche und der Grammont sich zu befinden.“ —
+
+„Wir wollen weiter darüber sprechen, wenn das Plebiscit vollendet sein
+wird,“ sagte der Kaiser.
+
+Die Kaiserin ließ einen Augenblick mit einer anmuthigen Beugung ihres
+schlanken Halses den Kopf auf die Brust sinken.
+
+„Er hat einen Hintergedanken,“ flüsterte sie unhörbar.
+
+Dann blickte sie den Kaiser mit ihren großen, klaren Augen ruhig und
+gleichgültig an.
+
+„Man hat in diesen Tagen,“ sagte sie, „wieder von einer Combination
+gesprochen, welche, wie ich glaube, schon im vorigen Jahre einmal
+flüchtig erörtert wurde, von einer Candidatur des Prinzen von
+Hohenzollern für den spanischen Thron“ —
+
+Der Kaiser warf schnell einen flüchtigen Blick auf seine Gemahlin hin —
+
+ — „vielleicht wäre es gut, wenn sich das machen ließ,“ fuhr Eugenie
+fort, „ich bedaure die unglückselige Königin Isabella auf's tiefste und
+würde vor allen Dingen wünschen, daß ihr oder ihrem Sohn der spanische
+Thron gerettet werden könnte, allein, wie die Verhältnisse stehen und
+bei den so unschlüssigen und politisch unklaren Rathgebern, mit denen
+sie umgeben ist, scheint mir leider zu meinem tiefen Bedauern dazu wenig
+Aussicht zu sein. Wenn es nun möglich wäre, die für Frankreich und für
+uns ungünstigste Chance auszuschließen, — die Candidatur des Herzogs von
+Montpensier, welcher der Orleanistischen Agitation in Spanien einen
+festen Halt geben würde, so wäre es vielleicht nicht unerwünscht, einen
+jungen, uns befreundeten und verwandten Prinzen, der außerdem gut
+katholisch ist, auf diesem spanischen Thron zu wissen.“
+
+„Der Prinz von Hohenzollern,“ sagte der Kaiser in demselben
+gleichgültigen Ton, in welchem seine Gemahlin gesprochen hatte, „steht
+dem preußischen Hause sehr nahe, und seine Thronbesteigung in Spanien
+würde einen Einfluß des Berliner Cabinets im Süden der Pyrenäen
+begründen, der den Interessen Frankreichs nicht zu entsprechen scheint.
+Ich habe deshalb, als im vorigen Jahre die Sache angeregt wurde,
+erklären lassen, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern eine
+antinationale sei, während diejenige des Herzogs von Montpensier nur
+meiner Dynastie feindlich ist. So sehr ich daher,“ fuhr er fort, „an dem
+einmal ausgesprochenen Prinzip festhalte, der spanischen Nation
+gegenüber, was ihre Entschließungen für die Zukunft betrifft, die
+strengste Zurückhaltung zu beobachten, so habe ich doch auch nicht
+verhehlt, daß eine Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf eine
+Zustimmung von Frankreich nicht zu rechnen habe. Seit jener Zeit,“ sagte
+er, die Achseln zuckend, „habe ich nichts wieder davon gehört, möglich,
+daß die Sache noch einmal wieder aufgenommen wird. Ich stehe noch auf
+demselben Standpunkt wie damals und ich glaube nicht, daß Frankreich
+einen preußischen Prinzen auf dem spanischen Thron sich ruhig gefallen
+lassen könnte.“
+
+„Sie würden also,“ sagte die Kaiserin, „noch lieber Montpensier als den
+Erbprinzen von Hohenzollern in Madrid regieren sehen?“
+
+„Unbedingt,“ erwiderte der Kaiser mit festem Ton, „denn ich werde stets
+die Interessen meiner Person und meines Hauses denjenigen Frankreichs
+nachstellen.“
+
+„Nun,“ sagte die Kaiserin, „dann wird aus der Sache nichts werden, denn
+ich glaube nicht, daß Prim etwas thun wird, wovon er weiß, daß Sie es
+nicht billigen.“
+
+„Ich habe keine Veranlassung gehabt,“ sagte der Kaiser, „über diese
+Frage mit Prim meine Gedanken auszutauschen, und es ist in der That
+nicht nur eine Phrase, wenn ich versichere, dieser ganzen spanischen
+Angelegenheit völlig fern bleiben zu wollen. — Sie wollen mich nicht zu
+der Revue begleiten, die ich auf dem Carousselplatz abhalten will,“
+sagte er abbrechend, „ich habe die Garde de Paris und die Pompiers,
+auch eine Schwadron Seine-Gendarmerie zu der Truppenaufstellung
+hinzugezogen. Es ist in dieser Zeit immer gut, wenn man auch diesen
+Corps möglichst viel militairisches Gefühl einflößt.“
+
+„Ich danke,“ erwiderte die Kaiserin, „ich habe verschiedene Audienzen zu
+geben.
+
+Au revoir,“ fügte sie hinzu, indem sie aufstand und ihrem Gemahl die
+Wange reichte. „Ich wünsche Ihnen nochmals Glück, diesen heimlichen
+Orleanisten aus Ihrem Rath entfernt zu haben.“
+
+Der Kaiser geleitete seine Gemahlin zur Thür und kehrte dann
+nachdenklich und ernst in sein Zimmer zurück.
+
+„Es geht etwas mit dieser spanischen Candidatur Hohenzollerns vor,“
+flüsterte er vor sich hin, „man möchte diesen Fall zu einer Kriegsfrage
+zurecht machen — ich durchschaue das Alles sehr gut, man will sich
+versichern, daß ich mich wirklich einer solchen Candidatur ernstlich und
+energisch widersetzen würde, um in diesem Falle die Ereignisse danach
+gestalten zu können. Ich lasse das Alles gehen,“ sagte er lächelnd,
+„diese Candidatur des Prinzen Leopold, die man da so unvermuthet als
+einen plötzlichen und unabwendbaren Kriegsfall vor mich hinstellen
+möchte, kann mir vielleicht sehr gute Dienste leisten und mir die
+Handhabe bieten, die ganze Lage der Dinge, ohne diese lärmende und
+unsichere Entscheidung der Waffen zu meinen Gunsten zu gestalten. Ich
+glaube nicht,“ sagte er nachdenklich, „daß das Cabinet von Berlin oder
+der König von Preußen auf diese Hohenzollernsche Candidatur einen
+besondern Werth legen wird, — Benedetti glaubt, daß der Graf Bismarck ihm
+nicht seinen letzten und innersten Gedanken ausgesprochen habe, — mir
+scheint, Benedetti täuscht sich, vielleicht möchte es eher dem
+preußischen Stolz widerstreben, einen Prinzen, der in vielen Beziehungen
+mit dem dortigen königlichen Hause zusammenhängt, sich auf einen Weg
+begeben zu sehen, der zu einem ähnlichen Schicksal führen kann, als es
+den Herzog Maximilian in Mexico erreichte. Wenn diese Candidatur
+wirklich eine ernste Form gewinnt, so wird die Gelegenheit da sein, ein
+kräftiges und volltönendes Wort zu sprechen und die Zurückziehung
+derselben vor dem übrigen Europa als einen moralischen Sieg über
+Deutschland und Preußen erscheinen zu lassen. Damit wird eine große
+Sache gewonnen sein — die Wiederherstellung des französischen
+erschütterten Selbstgefühls und des Vertrauens in die Überlegenheit der
+kaiserlichen Regierung. Lassen wir also die Dinge immerhin gehen, — ich
+glaube, sie gehen einen guten Weg, und ich werde dahin kommen, mich aus
+allen Verlegenheiten, die mich umringen, ohne eine kriegerische
+Entscheidung, welche ich in den Leiden meiner Krankheit mehr als je
+vorher scheue — zu entziehen.“
+
+Der Huissier öffnete die Thür und meldete:
+
+„Seine kaiserliche Hoheit der Prinz Napoleon.“
+
+Der Kaiser seufzte und zuckte unwillkürlich die Achseln mit einer Miene,
+welche anzudeuten schien, daß ihm dieser Besuch nicht allzu erfreulich
+sei, indessen neigte er zustimmend den Kopf und ging mit freundlichem
+Gruß dem Prinzen die Hand reichend, seinem Vetter entgegen, welcher
+raschen und unruhigen Schritts in das Cabinet trat.
+
+„Ich bin erfreut, Dich zu sehen, mein lieber Vetter,“ sagte der Kaiser,
+„indessen habe ich nur wenige Augenblicke, da die Truppen bereits auf
+dem Carousselplatz aufgestellt sind und die Stunde der Revue geschlagen
+hat.“
+
+Der Prinz Napoleon war eine eigenthümliche Erscheinung, welche man kaum
+hätte vergessen können, wenn man ihm einmal begegnet war. Sowohl in
+seiner Figur, als in seinem olivenfarbenen scharf geschnittenen
+bartlosen Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar zeigte er eine sehr
+charakteristische Ähnlichkeit mit seinem großen kaiserlichen
+Oheim; — während indeß auf den Zügen des Letzteren jene edle, antik
+klassische Ruhe lag, welche die Köpfe aus der großen Kaiserzeit des
+alten Roms charakterisirt, während die Augen des weltbeherrschenden
+Imperators tief sinnend vor sich hinblickten oder weltentzündende
+zorngewaltige Blitze schleuderten, — lag in dem ganzen Wesen des Prinzen
+eine zerfahrene Unruhe und fieberhafte Hast, welche mit dem antiken
+Schnitt seines Gesichts durchaus nicht vereinbar schienen und seiner
+ganzen Erscheinung den Ausdruck wohlthätiger Ruhe und Harmonie raubten;
+seine Augen blickten unstät hin und her, seine Lippen zuckten in
+fortwährend bewegtem Mienenspiel, und in kurzen Zwischenräumen öffnete
+sich sein Mund zu einem unwillkürlichen, krampfhaft nervösen Gähnen.
+Auch seine Gestalt war stärker und gedrungener als die des großen
+Kaisers, und wenn er mit heftigen Gesticulationen seine Worte
+begleitete, so brachten seine Bewegungen fast einen komischen Ausdruck
+hervor.
+
+Der Prinz trug einen schwarzen Civilmorgenanzug, einen hohen Cylinderhut
+in der Hand, die große Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.
+
+„Ich will Eure Majestät nur einen Augenblick aufhalten,“ sagte er, mit
+einer gewissen rauhen Betonung die Worte hervorstoßend, „es drängt mich,
+von Eurer Majestät selbst zu hören, ob die Gerüchte, welche die Stadt
+zu durchlaufen beginnen, wahr sind. Eure Majestät,“ fuhr er fort,
+„kennen die tiefe Ergebenheit, welche ich für Sie hege als für den Chef
+meiner Familie und für den liebevollen Freund meiner Jugend, — bei dieser
+tiefen Ergebenheit müssen die Gerüchte, welche so eben bis zu mir
+gedrungen sind, mich mit tiefer Unruhe erfüllen.“
+
+„Und welche Gerüchte meinst Du,“ fragte der Kaiser ruhig und kalt, indem
+er sich in seinen Lehnstuhl niederließ und den vollen Blick seines groß
+geöffneten Auges auf den Prinzen richtete, welcher vor ihm stehen blieb
+und vor diesem scharfen forschenden Blick mit leichter Verlegenheit die
+Augen zu Boden schlug.
+
+„Ich meine das Gerücht von dem Grafen Daru,“ sagte der Prinz rasch und
+heftig, „ganz Paris spricht bereits davon. Man erzählt, daß Du,“ fuhr er
+immer lebhafter fort, indem er die ceremonielle Haltung, welche er bei
+seinem Eintritte angenommen hatte, vergaß, — „das Plebiscit unter allen
+Umständen durchführen willst, und daß deswegen Graf Daru, der in der
+That nicht zu meinen Freunden gehört, aber der dadurch in diesem
+Augenblick populär werden wird, sich von den Geschäften zurückziehen
+will.“
+
+„Es handelt sich um keine Differenz zwischen dem Grafen Daru und mir,“
+erwiderte der Kaiser. „Der Graf befindet sich in Meinungsverschiedenheit
+mit Ollivier und den übrigen Ministern, es ist eine vollständig
+constitutionelle Krisis,“ fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, „in
+welche ich einzugreifen außer Stande bin.“
+
+„Eine constitutionelle Krisis,“ rief der Prinz lebhaft, indem er laut
+auflachte und dann die Hand einen Augenblick vor den Mund hielt, um
+einen Gähnkrampf zu verbergen, der ihn erfaßte, — „eine Meinungsdifferenz
+mit Ollivier? Hat denn dieser Ollivier,“ fuhr er fort, „eine Meinung,
+die nicht die Deinige ist? — Doch darum handelt es sich nicht, es handelt
+sich nicht um die augenblickliche Situation,“ sprach er rasch
+weiter, — „ob Daru bleibt oder geht, ist mir in der That sehr
+gleichgültig, — aber der Grund dieser Krisis — der Grund dieses
+Plebiscits — was willst Du mit dem Plebiscit machen — wozu diese
+fortwährenden Revuen in einer Zeit, in welcher alle militairischen
+Fragen so vollständig in den Hintergrund treten, — Du hast einen Plan, Du
+willst den Krieg, Du willst unter der Maske dieses Ollivier, unter dem
+Schein des Constitutionalismus die Dictatur wieder herstellen, um
+plötzlich hervorbrechen zu können und den europäischen Staatsstreich,
+wie man es nennt, auszuführen, oder vielleicht,“ fuhr er fort, indem
+sein stechender Blick sich mit dem Ausdruck des Hasses und des Zorns
+erfüllte, „oder vielmehr Andere wollen dies. Man will Dich dahin
+bringen, es auszuführen.“
+
+Der Kaiser hatte völlig unbeweglich ohne jeglichen Ausdruck auf seinem
+Gesicht den heftigen Worten des Prinzen zugehört, ein wenig auf die
+Seite geneigt, ließ er langsam die Spitzen seines Schnurrbarts durch die
+Finger gleiten und sagte mit einem unendlich naiven Ton:
+
+„Du glaubst?“
+
+„Ja,“ rief der Prinz zornig, mit dem Fuße stampfend, „ich glaube es und
+ich glaube auch, daß Du auf einen Weg gehst, der Frankreich, Dich und
+uns Alle in's Verderben stürzen wird, — wir können nicht schlagen, — ich
+weiß es, — man täuscht Dich, — Deine großsprechenden Generale, dieser
+Leboeuf an der Spitze, glauben, daß man mit Phrasen den Kampf gegen eine
+so furchtbare Macht wie Preußen aufnehmen kann. Sie Alle haben gar keine
+Idee von dem, was man zum Kriege nöthig hat — selbst Niel wäre nach
+meiner Überzeugung noch nicht fertig für einen so gewaltigen Kampf, aber
+diese — die Dich jetzt umgeben, haben das Werk Niels nicht nur nicht
+fortgesetzt, sie haben es wieder zu Grunde gerichtet. Deine Armee ist in
+Unordnung, die Festungen sind nicht im gehörigen Stand, die Magazine
+sind nicht gefüllt, die Organisation der Militairverwaltung ist mehr als
+mangelhaft, und wenn Du Dich zu diesem Kriege hinreißen läßt, so wirst
+Du, — ich wiederhole es — uns Alle zu Grunde richten.“
+
+Der Kaiser blieb fortwährend unbeweglich.
+
+„Ich begreife nicht, mein lieber Vetter, wie Du auf diese Idee
+kommst, — es ist ja nicht die kleinste Wolke am politischen Himmel, und
+es handelt sich ja in diesem Augenblick ganz ausschließlich nur um
+innere Fragen. Was übrigens unsere Armee und die Militairverwaltung
+betrifft, so ist die Ansicht sehr bewährter Generale eine andere als die
+Deinige und,“ fügte er mit einem mehr gutmüthigen als ironischen Lächeln
+hinzu, „jenen steht vielleicht eine größere praktische Erfahrung als Dir
+zur Seite.“
+
+„Es gehört nicht eine allzu große praktische Erfahrung dazu,“ erwiderte
+der Prinz in entrüstetem Ton, „um das zu sehen, was Jedermann sehen kann
+und was man Dir allein mit Erfolg zu verbergen sucht, da Dein zu großes
+Vertrauen Dich verhindert, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bitte
+Dich, untersuche wenigstens, bevor Du Dich zu gefährlichen
+Unternehmungen hinreißen läßt, genau den Zustand der Armee, — untersuche
+ganz besonders den Zustand der Flotte, dieser ist noch bedenklicher als
+der der Landtruppen.“
+
+„Mein liebes Kind,“ sagte der Kaiser in einem väterlichen freundlichen
+Ton, „Du agitirst Dich ohne Grund, glaube mir, die Absichten, die Du
+voraussetzest, bestehen nicht.“
+
+„Sie bestehen nicht?“ rief der Prinz. „Sie bestehen vielleicht bei Dir
+nicht, aber sie bestehen rings um Dich her, und man wird Dich so
+umgarnen, man wird alle Verhältnisse so drehen und wenden, daß Du
+schließlich nicht anders können wirst, als die Pläne derer auszuführen,
+welche in ihrer Verblendung dazu bestimmt scheinen, Dich und uns Alle
+in's Unglück zu stürzen. Die Kaiserin —“
+
+Der Kaiser stand auf; für einen Augenblick schien er vollkommen Herr
+über die Schwäche zu sein, welche seine Haltung gewöhnlich unsicher und
+schwankend erscheinen ließ. Er richtete den Kopf hoch empor, seine Augen
+öffneten sich weit und leuchteten im tiefen Glanz auf, aus seinen Zügen
+strahlte eine wunderbare Hoheit und Ueberlegenheit, und mit einer
+vollen, metallisch klingenden Stimme sprach er:
+
+„Mein lieber Vetter, ich bin das Haupt unserer Familie und das erwählte
+Oberhaupt der französischen Nation, ich trage die Verantwortlichkeit für
+meine Entschließungen und bin mir dieser Verantwortlichkeit vollkommen
+bewußt, — auf meine Entschließungen aber hat Niemand Einfluß, als die
+ruhige Erwägung und die richtige Beurtheilung der Verhältnisse,
+Niemand,“ wiederholte er mit strenger Betonung, „und auch kein Glied
+meiner Familie — kein Glied derselben ohne Ausnahme.“
+
+Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er mit milderem Ton hinzu, indem
+er dem Prinzen die Hand reichte:
+
+„Ich danke Dir für Deine Theilnahme an dem Geschick Frankreichs und an
+dem Meinigen und bin überzeugt, daß, wenn ernstere Ereignisse eintreten
+sollten, wozu in diesem Augenblick nicht die geringste Veranlassung
+vorliegt, Du an dem Platz, an welchem ich Dich dann zu stellen
+beschließen werde, mit voller Hingebung und Selbstverleugnung Deine
+Schuldigkeit thun wirst.
+
+„Ich bin,“ sagte er mit höflichem, aber bestimmtem Ton, „bereit, mit Dir
+in ruhigen Augenblicken diese Unterhaltung fortzusetzen; für jetzt muß
+ich Dich bitten, mich zu entschuldigen, denn die Stunde der angesagten
+Revue ist bereits vorüber, und Du weißt, daß selbst unser großer Oheim
+den unumstößlichen Grundsatz hatte, die Truppen niemals warten zu
+lassen, sondern ihnen stets das Beispiel genauester Pünktlichkeit zu
+geben.“
+
+„Du willst mich nicht hören,“ rief der Prinz heftig, — „Du kannst Dich
+noch immer nicht gewöhnen, in mir den reifen Mann zu sehen, Du glaubst
+also den Fremden mehr — als mir, der ich Dir doch wahrlich am nächsten
+stehe. Nun, ich werde nicht müde werden, auch auf die Gefahr hin, Dir zu
+mißfallen, bis zum letzten Augenblick Dir meine Meinung zu sagen.“
+
+„Und ich werde Dich immer mit Aufmerksamkeit und mit der alten Liebe
+anhören, die ich Dir stets bewiesen habe,“ sagte der Kaiser, indem er
+seinem Vetter die Hand reichte, „auf Wiedersehen!“
+
+Der Prinz drückte die Hand des Kaisers so heftig, daß dieser sie schnell
+zurückzog. Seine Lippen öffneten sich, es schien, als wolle er noch
+Etwas sagen, doch er verneigte sich nur schweigend und sich schnell
+umwendend, stürmte er aus dem Cabinet hinaus.
+
+„Welch' ein unregelmäßiger Geist,“ sagte der Kaiser, ihm nachblickend,
+„wie schade ist es um all' die vortrefflichen Eigenschaften, welche er
+besitzt, um all' die großen Keime, welche unerschlossen in ihm ruhen
+oder welche nach falscher Richtung hin sich entwickelt haben. — Was meine
+Verwandten betrifft,“ sagte er dann mit einem halb ironischen, halb
+wehmüthigen Lächeln, „so könnten die Prinzen der ältesten und
+legitimsten Dynastie ihrem Souverain kaum mehr Verlegenheit bereiten,
+als meine Herren Vettern es mir thun, — dieser unglückliche Pierre, der
+Victor Noir erschossen, — Murat, der diesen kleinen Lecomte
+geprügelt — und dieser Napoleon, der seinen reichen Geist und seine
+wirklich tiefen Kenntnisse nur dazu benutzt, um überall Verwirrungen zu
+stiften, — vielleicht sollte ich strenge gegen ihn sein, ich sollte ihn
+mehr fühlen lassen, daß ich der Chef des Hauses und der Souverain
+Frankreichs bin, denn zuweilen überschreitet er wirklich die Grenzen des
+Erlaubten. Aber,“ sagte er, den Kopf sinnend auf die Brust senkend, „ich
+habe eine Schwäche für ihn, — ich habe ihn ein wenig mit erzogen, — in
+seinen Adern rollt das Blut des großen Kaisers, und dann — er ist der
+Bruder dieser so edlen und so großherzigen Mathilde, — die unter Allen
+meine treueste Freundin ist.“
+
+Er faltete die Hände und blieb längere Zeit in tiefem Sinnen stehen,
+dann fuhr er auf, strich mit der Hand über die Stirn, als wolle er
+Bilder und Erinnerungen verscheuchen, die vor ihm aufgestiegen waren,
+warf einen raschen Blick auf seine Uhr und begab sich schleunigst in
+sein Toilettenzimmer.
+
+Auf dem Carousselplatz innerhalb des großen Vierecks, welches die durch
+den Kaiser vereinigten Paläste der Tuilerien und des Louvre bildeten,
+war eine Division Infanterie aufgestellt, darunter das zweite Regiment
+der Grenadiere der Garde mit den gewaltigen Bärenmützen, welche man auf
+den Schlachtenbildern des ersten Kaiserreichs erblickt und welche noch
+bis zu jener Stunde den Stolz der alten Garde bildeten; die langbärtigen
+Sappeurs mit ihren weißen Schurzfellen, ihren hohen Stulphandschuhen und
+ihren blitzenden Beilen an der Spitze der Bataillone — daneben acht
+Batterien der Artillerie mit der an die deutschen Husaren erinnernden
+Uniform, den Dolmans und Colpacks, — die Garde de Paris und die
+Seine-Gendarmerie zu Pferde, welche fast unverändert die Uniform der
+Grenadiere à Cheval des ersten Kaiserreichs trugen; neben diesen standen
+die Pompiers, diese militairische Feuerwehr mit ihren blitzenden Helmen.
+
+Eine große Menschenmenge umringte, von den Sergeants de Ville
+zurückgehalten, die Aufstellung der Truppen, deren Waffen im hellen
+Sonnenschein blitzten.
+
+Das alte Schloß der Tuilerien und alle diese Uniformen nach den Mustern
+des ersten Kaiserreichs riefen lebhaft die Bilder der Vergangenheit in's
+Gedächtniß. Und als nun das Gitterthor an dem innern Hof der Tuilerien
+sich öffnete, die zwei davor haltenden Kürassierposten sich militairisch
+empor richteten, — als die Suite der Adjutanten und Ordonnanzofficiere
+vor dem Haupteingang des Palastes sich rangirten, die Reitknechte die
+Pferde heranführten und der Marschall Canrobert, der in der
+goldglänzenden Uniform mit den weißen wallenden Federn auf dem
+goldbordirten Hut, den Marschallstab in der Hand, von seiner Suite
+umgeben, in der Mitte der Truppnenaufstellung hielt, sich in dem Sattel
+aufrichtete und noch einen letzten Blick über die in musterhafter
+Haltung dastehenden Truppen warf, da hätte man fast erwarten können, aus
+dem großen Portal der Tuilerien heraus die kleine Gestalt des
+welterobernden Cäsars mit dem ehernen Gesicht und dem leuchtenden
+Feldherrnblick hervortreten zu sehen, um wie an dem Tage der großen
+Vergangenheit seine Soldaten zu mustern, welche die Adler Frankreichs
+siegreich nach allen Hauptstädten Europa's getragen hatten. —
+
+Die Stallknechte führten das schöne weiße Leibpferd des Kaisers vor das
+Portal.
+
+Etwas unsichern Ganges erschien Napoleon III. in der
+Generallieutenants-Uniform, das große rothe Band der Ehrenlegion über
+der Brust. Die Hinfälligkeit seiner Gestalt, die krankhafte Schlaffheit
+seiner Gesichtszüge waren in der militairischen Kleidung noch sichtbarer
+und auffälliger, als im Civilanzug. Er setzte den Fuß in den Bügel und
+langsam, mit einer gewissen Anstrengung hob er sich in den Sattel
+hinauf. Ein Augenblick zuckte es wie stechender Schmerz durch sein
+Gesicht, dann nahm er wie mit lebhafter Willensanstrengung eine feste
+Haltung an; und selbst jetzt, trotz seiner von Alter und Krankheit
+gebrochenen Kraft konnte man doch noch eine Spur jener Leichtigkeit und
+Sicherheit erkennen, welche ihn einst zu einem der besten Reiter
+Europa's gemacht hatten.
+
+Die ganze glänzende militairische Suite des Kaisers, welche ihn
+zu Fuß erwartet hatte, saß in demselben Augenblick, in welchem der
+Kaiser in den Sattel gestiegen war, zu Pferde. Hundert Garden
+mit den goldglänzenden antiken Helmen und den blauen gold- und
+scharlachschimmernden Uniformen sprengten vor; und langsam ritt der
+Kaiser durch das Gitterthor der Truppenaufstellung entgegen.
+
+Marschall Canrobert und sein Stab sprengten heran, der Marschall grüßte
+mit dem Stabe und erhob denselben dann, indem er sich nach den Truppen
+hinwandte; in demselben Augenblick begannen die sämmtlichen Musikkorps
+jene einfache Melodie zu spielen, welche die schöne Hortense Beauharnais
+einst für die alte Romanze „partant pour la Syrie“ componirt hatte, die
+man zu jener Zeit nicht auf den jeune et beau Dunois, sondern auf den
+vom ersten glänzenden Strahl seines Ruhmes beleuchteten Feldherrn bezog,
+der später die Krone Karl des Großen auf sein Haupt zu setzen bestimmt
+war. Zu gleicher Zeit brauste in donnerndem Ruf das „Vive l'empereur“
+von allen Truppenabtheilungen herüber.
+
+Der Kaiser nahm den Hut ab, und sein Blick flog über diese blitzenden
+Geschütze, über diese kühn blickenden Männer, über diese schnaubenden
+Pferde hin — ein Augenblick färbte ein leichtes Roth seine Züge, seine
+Augen leuchteten auf, fester richtete er sich im Sattel empor; da fiel
+sein Blick auf die Menge, welche sich bis dicht an die Truppen
+herangedrängt hatte und am Eingang des Gitterthors höchstens zehn
+Schritt von ihm entfernt war.
+
+In der ersten Reihe der Zuschauer sah er eine lange, hagere Gestalt
+stehen, in zerrissene Lumpen gehüllt, das Haupt, welches aus diesen
+Lumpen hervorragte, war unbedeckt, sein dunkles Haar hing ungeordnet um
+die Schläfen herab; unter der vorspringenden niedrigen Stirn blickten
+dunkle tief liegende Augen hervor, eine lange, weit vorspringende Nase,
+tief eingesunkene Wangen und ein struppiger Bart gaben diesem Gesicht
+etwas Fanatisches und Krankhaftes.
+
+Der Blick des Kaisers wurde unwillkürlich durch diese Erscheinung
+gefesselt, denn der Mann, der da unbeweglich stand, sah ihn mit einer
+Gluth so wilden und unversöhnlichen Hasses an, daß der Kaiser
+zusammenschauerte. Er wandte sich einen Augenblick um, als wolle er
+einen Befehl geben, dann blickte er wieder auf jenen Mann hin, dessen
+beide Hände frei waren und der ohne jede Bewegung starr wie eine
+Bildsäule da stand, — noch einmal erhob sich gewaltig und weithin über
+den Platz schallend das „Vive l'empereur“ der Truppen.
+
+Dann trat eine augenblickliche tiefe Stille ein, der Marschall Canrobert
+sprengte an die Seite des Kaisers, um ihn beim Heranreiten der Fronte zu
+begleiten.
+
+Napoleon gab seinem Pferde einen leichten Schenkeldruck, indem er noch
+einmal wie fascinirt nach jenem in Lumpen gehüllten Mann hinsah.
+
+Da trat dieser Mann plötzlich einige Schritte vor, immer die Augen voll
+grimmigen fanatischen Hasses auf den Kaiser gerichtet. Er erhob die Arme
+nicht, er machte keine Bewegung, aber mit einer lauten, gellenden
+Stimme, welche schaurig durch die augenblickliche Stille, die dem lauten
+Rufen der Truppen gefolgt war, über den Hof hinschallte, rief er mehrere
+Male hinter einander:
+
+„Nach Cayenne! Nach Cayenne!“
+
+Napoleon parirte sein Pferd, die ganze Suite hielt an, ein Ruf des
+Entsetzens ertönte aus der nächsten Umgebung des Kaisers. Verschiedene
+Officiere waren im Augenblick vom Pferde gesprungen und hatten im Verein
+mit einer großen Anzahl von Sergeants de Ville und Polizeibeamten in
+Civil, welche im Nu aus der Menge der Zuschauer hervorbrachen, den
+Unbekannten umringt und festgenommen.
+
+Er machte keine Miene des Widerstands und ließ sich, nachdem er noch
+einmal einen Blick tiefen und unversöhnlichen Hasses auf den Kaiser
+geworfen, nach dem Erdgeschoß der Tuilerien hinführen.
+
+Napoleon hatte schnell mit der ihm stets eigenen Selbstbeherrschung
+seine Ruhe wiedergefunden.
+
+„Ein armer Wahnsinniger,“ sagte er lächelnd zu dem Marschall Canrobert
+gewendet, und in kurzem Galopp sprengte er, von seiner glänzenden Suite
+gefolgt nach dem Flügel der Truppenaufstellung; langsam ritt er dann
+die Reihen hinunter, und noch enthusiastischer als vorher wurde er
+überall mit jubelnden Zurufen begrüßt.
+
+Er schien aus seiner früheren gleichgültigen Lethargie erwacht zu sein,
+und mit stolzem festem Blick sah er diese herrlichen Truppen an, die ihm
+so laut und freudig ihre Ergebenheit beweisen wollten. Lächelnd machte
+er dem Marschall seine Complimente über die Haltung der Truppen, dann
+sprengte er zurück, nahm eine Aufstellung vor dem Gitterthor — seiner
+Suite weit voran, und indem er einen scharfen, festen, herausfordernden
+Blick auf die herandrängende Menge warf, gab er das Zeichen zum Beginn
+des Vorbeimarsches. Während die einzelnen Regimenter vor ihm
+vorbeidefilirten, nach französischer Sitte als Zeichen ihrer
+begeisterten Huldigung die Kopfbedeckungen an der Spitze ihrer Waffen
+schwingend, ertönte von Neuem immer und immer wieder der alte Ruf „Vive
+l'empereur“, welcher schon so oft und in großen Augenblicken von diesen
+altersgrauen Mauern wiederhallt war an derselben Stelle, wo die
+sterbenden Diener des versinkenden Königthums zum letzten Male „Vive le
+roi“ gerufen hatten, und wo bereits zwei Mal eine wilde blutige Masse
+ihr „Vive la Republique“ geheult hatte.
+
+Die Revue war beendet, der Kaiser dankte dem Marschall und den
+Officieren, ritt langsam zum Portal zurück, stieg ab und begab sich,
+sein Gefolge freundlich mit der Hand grüßend, nach seinem Cabinet
+zurück.
+
+Hier angekommen warf er sich erschöpft in seinen Lehnstuhl, die stolze
+und feste Haltung, welche er den Truppen gegenüber beobachtet hatte,
+verschwand, körperlicher Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit zeigte
+sich in seinen schlaffen, zusammensinkenden Gesichtszügen.
+
+„Ist der Polizeipräfect hier?“ fragte er den Kammerdiener, welcher ihm
+Hut und Handschuhe abnahm.
+
+„Er befindet sich in einem Zimmer des Erdgeschosses und verhört den
+Elenden, welcher es gewagt, Eure Majestät zu insultiren.“
+
+„Ich lasse ihn bitten, sogleich zu mir zu kommen.“
+
+Er sank in sich zusammen und erwartete schweigend die Ankunft des Chefs
+der Polizei.
+
+Nach kurzer Zeit trat Herr Pietri in das Zimmer. Dieser Leiter der weit
+ausgedehnten Polizei von Paris war eine schmächtige schlanke Gestalt,
+geschmeidig und biegsam, — sein Kopf mit der weit vorspringenden, stark
+gewölbten Stirn war oberhalb spitz emporspringend, das dünne dunkle Haar
+lag auf den Schädel glatt an und bildete zur Seite der tief
+eingefallenen Schläfen zwei kleine, etwas abstehende Locken. Die
+Backenknochen standen stark hervor, die Augen lagen so tief zurück, daß
+der scharfe stechende Blick wie aus dunklen Schatten hervorblitzte; die
+stark gebogene Nase hing weit raubvogelartig gekrümmt über den von einem
+langen schwarzen Schnurrbart verdeckten Mund herab. Der ganze Eindruck
+dieses eigenthümlichen, gelb gefärbten Gesichts war ernst, kalt und
+finster.
+
+„Was für ein Mensch ist das?“ fragte Napoleon mit leichtem Kopfnicken
+den Gruß des Polizeichefs erwidernd.
+
+„Er heißt Lezurier,“ erwiderte Pietri. „Trotz der Lumpen, in welche er
+gehüllt war,“ fuhr er fort, „fand man bei ihm eine Börse mit elftausend
+Francs in Gold, drei Staatsrentenbriefe über dreißigtausend Francs
+jährlicher Rente und ein Dolchmesser. Man hat sofort seine Wohnung
+ermittelt, und soeben berichtet man mir, daß bei der ersten Nachsuchung
+eine Menge von Waffen dort entdeckt worden ist, Keulen, Säbel, Lanzen,
+Revolver, Todtschläger, Dolche, Bayonette und Stockdegen, außerdem fand
+man in einem alten Pult noch sechzigtausend Francs in Gold. Seine ganze
+Behausung ist höchst ärmlich, er aß bei einem Lumpensammler in der
+unmittelbaren Nachbarschaft, bezahlte demselben monatlich dreißig
+Francs.“
+
+„Räthselhaft,“ sagte der Kaiser tief nachdenkend. „Und was hat er
+bezweckt? Was war der Grund seiner Handlung?“
+
+„Er setzt allen Fragen ein hartnäckiges Schweigen entgegen,“ erwiderte
+Pietri.
+
+Ein rascher Entschluß blitzte im Auge des Kaisers auf.
+
+„Führen Sie ihn her, ich will ihn sehen,“ sprach er, — „ich will ihn
+selber fragen.“
+
+„Sire,“ sagte Pietri fast erschrocken, „Eure Majestät wollen —“
+
+„Er konnte mir doch in der That,“ sagte der Kaiser, „draußen auf dem
+Tuilerienhof gefährlicher werden, als hier in meinem Zimmer, nachdem man
+ihm alle Mittel zu schaden abgenommen hat. Führen Sie ihn mir hierher,
+aber kommen Sie allein mit ihm, lassen Sie keinen untergeordneten
+Beamten mit eintreten. Wir werden uns ja wohl gegen ihn verteidigen
+können,“ fügte er lächelnd hinzu.
+
+Pietri verneigte sich und ging hinaus. Nach einigen Augenblicken kehrte
+er zurück — ihm folgte, von zwei Polizeibeamten bis zur Thür geführt,
+der räthselhafte Unbekannte.
+
+Derselbe trat ruhigen und festen Schrittes ein und blieb in einiger
+Entfernung von der Thür stehen. Sein Anblick war erschreckend, die
+ohnehin schon zerfetzten Lumpen, die ihn einhüllten, waren bei seiner
+Arretirung noch mehr zerrissen und hingen in fast formlosen Stücken um
+seinen Körper her, von einem Schlage, den er erhalten, hatte seine Nase
+geblutet, auch hatte er eine nicht unbedeutende Wunde an der Stirn
+erhalten, sein Gesicht war mit Blut befleckt und seine Haare klebten an
+den Schläfen mit Blut und Staub fest, er war noch bleicher als vorher
+und seine unheimlich glühenden Augen blickten mit demselben tiefen und
+unversöhnlichen Haß zu dem Kaiser hinüber.
+
+Napoleon sah diesen Mann lange schweigend an, die Schleier, welche fast
+immer seine Augen verhüllten, waren verschwunden, voll und frei ruhte
+sein forschender Blick auf der Gestalt des Gefangenen, doch fand der
+grimmige Ausdruck des Hasses, welcher dessen Züge erfüllte, in den Augen
+des Kaisers keine Erwiderung. Er sah diesen Mann mit einer Mischung von
+Verwunderung und wehmüthiger Trauer an.
+
+„Sie haben,“ fragte Napoleon endlich mit sanfter Stimme, „so eben in
+dem Hof der Tuilerien einen Ruf ausgestoßen, den man als eine feindliche
+Demonstration gegen mich deutet. Ich wünsche von Ihnen selbst zu
+erfahren, was Sie dabei bezweckt haben, ob es wirklich Ihre Absicht war,
+den Souverain Ihres Landes, welchen die große Majorität der Bürger
+Frankreichs auf den Thron berufen, zu beleidigen? Warum haben Sie den
+Ruf ausgestoßen „nach Cayenne?“
+
+Lezurier machte keine Bewegung, nur wurde die zornige Gluth seines auf
+den Kaiser gerichteten Blickes noch wilder und intensiver, und mit einer
+heisern, aber scharf und deutlich die Worte betonenden Stimme sprach er:
+
+„Ich habe das Geschrei der Soldaten gehört, welche vive l'empereur
+riefen, da erfaßte mich ein unbezähmbarer Zorn, und mein ganzes Wesen
+loderte auf in wilder Wuth, als ich Denjenigen jubelnd begrüßen hörte,
+dessen Verbrechen gegen Frankreich und seine Freiheit ihn zu jenem
+todtbringenden Exil hätten verurtheilen müssen, in welches er so viele
+Märtyrer der heiligen Sache des Volkes geschickt hat — nach Cayenne!“
+
+Der Kaiser sah den Mann groß an und schüttelte langsam mit einem fast
+mitleidigen Lächeln den Kopf.
+
+„Man hat ein Messer bei Ihnen gefunden,“ sagte er, „und ein kleines
+Waffenarsenal in Ihrer Wohnung. Hatten Sie die Absicht, mich zu tödten?“
+
+„Nein,“ erwiderte Lezurier, „diese Absicht hatte ich nicht. Ich war nur
+auf den Tuilerienhof gekommen, um meinen heiligen Haß durch den Anblick
+des Tyrannen zu kräftigen. Die Sache des Volkes bedarf des Meuchelmordes
+nicht, welcher wohl den Tyrannen tödten, aber nicht die Tyrannei
+vernichten würde.“
+
+„Wozu also diese Waffen?“ fragte der Kaiser — „außerdem,“ fügte er hinzu,
+„hat man viel Geld bei Ihnen gefunden, und doch sind Sie in Lumpen
+gekleidet.“
+
+„Ich habe mein Vermögen und mich,“ erwiderte Lezurier immer in demselben
+Ton, „der Sache des Volkes gewidmet, für mich will ich nur übrig
+behalten, was zur nothdürftigsten Ernährung und Bekleidung meines
+Körpers unerläßlich ist. Alles Uebrige war bestimmt, bei der großen
+Erhebung des Volkes verwendet zu werden, welche sich vorbereitet, welche
+kommen wird und welche Sie herabschleudern wird in den Abgrund, aus
+welchem Sie heraufgestiegen.“
+
+„Warum haben Sie denn,“ fragte der Kaiser weiter, „den Ruf ausgestoßen,
+der Sie den Gesetzen überliefert und alle Ihre Vorbereitungen erfolglos
+macht?“
+
+„Ich habe es gethan,“ erwiderte Lezurier, „weil die augenblickliche
+Entrüstung mich übermannte, weil eine blutige Wolke meinen Blick
+verdunkelte, weil ich nicht mehr Herr meiner selbst war. Ich bereue es,
+daß ich es gethan, weil ich meine Kraft und meine Mittel dadurch für den
+großen heiligen Kampf gehemmt habe, der aber,“ fuhr er fort, „dessen
+ungeachtet begonnen und siegreich durchgeführt werden wird. Ein
+Einzelner mehr oder weniger in der Phalanx des Volkes kann auf den
+Erfolg keinen Einfluß haben.“
+
+„Sie sind nicht, was Sie scheinen,“ erwiderte der Kaiser, „Ihre Worte
+sprechen von höherer Bildung, als Ihre Kleidung vermuthen läßt.“
+
+„Je höher mein Geist gebildet ist,“ erwiderte Lezurier, „um so mehr muß
+ich das Elend Frankreichs erkennen und die Mittel zu seiner Beseitigung
+suchen. Je reiner meine Gesinnungen sind und je fester mein Charakter
+sich entwickelt hat, mit um so höherer Begeisterung muß ich meine ganze
+Existenz für die Freiheit Frankreichs einsetzen, — um so glühender muß
+ich Denjenigen hassen, welcher diese Freiheit verrätherisch geknechtet
+hat.“
+
+„Wenn Sie mich hassen,“ sagte der Kaiser mit einer sanften, fast
+weichen Stimme, „so können Sie mich doch nicht für klein halten, Sie
+würden mir sonst nicht sagen, was Sie so eben ausgesprochen.“
+
+„Mein unbesonnener Ruf,“ erwiderte Lezurier, „hat mich ohnehin in Ihre
+Hände geliefert und meine Theilnahme am Kampf der Zukunft beinahe
+unmöglich gemacht, ich kann mir also die Genugthuung gewähren, dem
+Tyrannen in's Gesicht zu sagen, was ich von ihm denke. Er hat ja doch
+nur die Macht,“ fügte er mit verächtlichem Achselzucken hinzu, „diesen
+Körper zu vernichten, diese Form zu zerbrechen, in welcher ein kleiner
+Theil jenes Geistes eingeschlossen ist, der im gewaltigen
+unwiderstehlichen Flug die Trümmer seines Thrones fortreißen wird in die
+Abgründe der ewigen Vernichtung!“
+
+„Und was wollten Sie mit jenen Waffen machen,“ fragte der Kaiser,
+„welche Sie in Ihrer Wohnung aufgesammelt haben, mit jenem Gelde,
+welches Sie dort aufbewahrten?“
+
+„Die Waffen wollte ich am Tage der großen Erhebung allen Denen in die
+Hand drücken,“ erwiderte Lezurier, „welchen ich begegnen würde, deren
+Arm noch nicht bewehrt wäre, um dem Zorn und dem Haß ihres Herzens
+Nachdruck zu geben. Mit dem Gelde wollte ich die Kämpfer ernähren und
+die Verwundeten pflegen.“
+
+„Stehen Sie mit Andern in Verbindung?“ fragte der Kaiser weiter.
+
+Ein finsterer Hohn zuckte um die Lippen Lezurier's.
+
+„Sie sind gewöhnt,“ erwiderte er, „den Verrath zu erkaufen. Aber,“ fuhr
+er fort, „ich habe Nichts zu verrathen, und was ich weiß, kann ich laut
+aussprechen, ohne irgend Jemanden in die Hände Ihrer Häscher zu liefern.
+Mein Verbündeter ist das Volk von Frankreich in seiner großen Mehrheit,
+das denkt und fühlt wie ich, das aber vielleicht nicht immer und nicht
+überall dieselbe Energie und Thatkraft hat, welche ich angewandt haben
+würde zur Erreichung des großen Ziels — zur Befreiung des Vaterlandes!“
+
+„Sie haben mich beleidigt,“ sagte der Kaiser, „dafür sind Sie dem Gesetz
+verfallen, doch liegt in meinen Händen das schöne Recht der Gnade, und
+ich mache Gebrauch davon, indem ich Ihnen die Beleidigung verzeihe,
+welche Sie gegen mich ausgestoßen. Derjenige,“ sprach er stolz den Kopf
+erhebend, „den die große Mehrzahl seiner Nation vertrauensvoll auf den
+Thron berufen, kann die Beleidigung eines Einzelnen leicht vergeben.
+Aber Sie haben Vorbereitungen getroffen,“ fuhr er fort, „um nicht mir
+allein zu schaden, sondern um die Staatsordnung, welche die französische
+Nation sich in freier Entschließung gegeben, zu zerstören. Wollen Sie
+sich verpflichten, in Paris unter den Augen der Sicherheitsbehörde ruhig
+zu leben, so will ich Ihnen Ihre Freiheit schenken und Ihnen auch das
+verzeihen, was Sie gegen den Staat und gegen die öffentliche Ordnung
+gethan und beabsichtigt haben. Wollen Sie mir das versprechen?“ fügte er
+fast in bittendem Ton hinzu.
+
+„Nein,“ erwiderte Lezurier kalt und starr, „ich will Sie nicht
+betrügen, — ich will nicht,“ fügte er mit bitterem Hohn hinzu, „in Ihre
+kaiserliche Prärogative der Lüge eingreifen, ich würde vom ersten
+Augenblick an meine ganze Kraft, mein ganzes Denken wiederum darauf
+richten, die große Revolution zu fördern und herbei zu führen, welche
+bestimmt ist, Ihre Herrschaft zu zertrümmern.“
+
+„Dann,“ erwiderte der Kaiser, „kann ich Nichts für Sie thun, und der
+Ruf, den Sie ausgestoßen, wird Ihr Urtheil sein.“
+
+Lezurier schwieg, ohne eine Bewegung zu machen, ohne eine Miene seines
+Gesichts zu verändern.
+
+„Ich wünsche nicht,“ sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, „daß
+irgend Jemand anders durch Sie leidet. Das Vermögen, welches Sie in
+wahnsinniger Verblendung zum Kampf gegen den Staat und die Gesellschaft
+bestimmten, soll Ihrer Familie zurückgegeben werden. Haben Sie
+Angehörige?“
+
+Die Züge des Gefangenen verzerrten sich im dämonischen Haß.
+
+„Ich hatte ein Weib,“ sagte er, „sie ist lange todt und hinterließ mir
+einen Sohn. Dieser Sohn und ein Bruder, jünger als ich, bildeten meine
+ganze Familie. Beide sind gefallen auf den Barrikaden unter den
+Kartätschenkugeln, welche die Bahn öffneten für den blutigen Triumphzug
+Ihrer kaiserlichen Herrlichkeit.“
+
+Die Züge des Kaisers nahmen einen Ausdruck unendlicher Weichheit und
+Milde an, seine groß geöffneten Augen schimmerten im feuchten Glanz, er
+stützte einen Augenblick den Kopf in die Hand und seufzte tief auf, dann
+blickte er noch einmal voll mitleidiger Theilnahme auf diese in Lumpen
+gehüllte Gestalt, auf dieses blutbefleckte bleiche Gesicht und sagte.
+
+„Ich habe versucht, was ich versuchen konnte, um Böses mit Gutem zu
+vergelten, Sie haben Alles zurückgewiesen und für das Schicksal, das
+Ihnen bevorsteht, werden Sie mir keinen Vorwurf zu machen haben.“
+
+Er winkte mit der Hand. Pietri öffnete die Thür und übergab den
+Gefangenen den beiden Polizeibeamten, zwischen denen derselbe hoch
+aufgerichtet mit festem Schritt das Cabinet verließ.
+
+„Welches Urtheil erwartet ihn?“ fragte der Kaiser.
+
+„Die Deportation,“ erwiderte Pietri.
+
+„Man soll ihn mit Milde behandeln,“ sagte Napoleon, „und auch sein Exil,
+wenn er zu demselben verurtheilt wird, so schonend als möglich
+einrichten, — er ist krank, — er _muß_ krank sein, — ein gesunder Geist
+kann einen solchen Haß nicht entwickeln. Besorgen Sie, daß er ärztlich
+untersucht wird.“
+
+Er winkte entlassend mit der Hand, mit tiefer Verbeugung zog sich der
+Polizeipräfect zurück.
+
+Der Kaiser saß lange in tiefem, finsterm Schweigen versunken.
+
+„Ist es wahr,“ sagte er endlich mit dumpfem Ton, „ist wirklich die Masse
+des Volks von Frankreich der Verbündete dieses Rasenden, — müßte ich
+wirklich um dieses aus der Tiefe herauf gährenden Hasses Herr zu werden,
+von Neuem meinen kaiserlichen Purpur in Blut tauchen? Wäre es da nicht
+besser, wie jener alte Römer sich selbst in den Abgrund zu stürzen zur
+Versöhnung des Schicksals, als diesen Abgrund mit Hekatomben von
+Menschenopfern zu füllen, — ist die Gestalt dieses Mannes der mahnende
+Geist, den das Verhängniß vor mir ansteigen ließ, wie es einst bei
+Philippi dem träumenden Brutus jene drohende Erscheinung sandte? Oh,“
+rief er, die Hände faltend und den Blick nach oben richtend, „gieb mir
+Licht in diesem Dunkel, Du große Vorsehung, welche mich auf so
+wunderbaren Wegen bis hierher geführt hat, — gieb mir Kraft,“ fügte er
+mit tief schmerzlichem Ausdruck hinzu, — „denn wo die Kraft ist, da ist
+das Licht, — meine Kraft aber versiegt und zerbricht, — und höher und
+höher steigt die Dunkelheit herauf, welche meinem Geist das klare
+Erkennen raubt.“
+
+Er sank in sich zusammen und blieb wie gebrochen in seinem Lehnstuhl
+sitzen.
+
+
+
+
+Achtes Capitel.
+
+
+Einige Meilen unterhalb Hannovers fast hart an dem Ufer der Leine
+liegt das Dorf Bodenfeld.
+
+Der Ort im flachen Lande inmitten reicher Wiesen und üppigen
+Fruchtfeldern gelegen, bietet nur wenig Naturschönheiten und besteht aus
+geschlossenen Gehöften, welche, in einiger Entfernung von einander
+bestehend, unregelmäßige, aber gut und sauber gehaltene Straßen bilden,
+die von der Wohlhabenheit und dem Ordnungssinn der Bevölkerung zeugen.
+
+Trotz der verhältnißmäßig geringen Einwohnerzahl bietet Bodenfeld sowohl
+wegen seiner Lage, als wegen des Reichthums und des ausgedehnten
+Grundbesitzes seiner Bewohner den Mittelpunkt der Gegend.
+
+Es hatte eine große und schöne Kirche mit einem stattlichen, von einem
+freundlichen Garten umgebenen Pfarrhause; daneben in einiger Entfernung
+von der Kirche lag das weite und geräumige Amthaus; denn man hatte auch
+den Amtssitz bei der neuen Verwaltungsorganisation hierher gelegt, um
+den Eingesessenen bequemere Gelegenheit zu geben, den Mittelpunkt der
+Localverwaltung zu erreichen.
+
+Die Häuser der Bauerngehöfte zeugten alle von Wohlhabenheit, große
+Viehställe umgaben sie, und ihre Eigenthümer, obwohl in die
+eigenthümliche Tracht des Landes gekleidet und nach alter einfacher
+Sitte lebend, würden doch nach der Ausdehnung ihrer Ländereien, nach der
+Zahl ihrer Gespanne und ihres Viehstandes, nach der Menge der von ihnen
+beschäftigten Knechte und Arbeiter in andern Gegenden kaum noch für
+Bauern gegolten haben.
+
+Ein kleiner Hof am Ende des Dorfes stach ein wenig gegen die übrigen
+reichen Besitzungen ab.
+
+In der Mitte einer fast im regelmäßigen Viereck sich ausdehnenden
+Feldmark lag ein kleines, einfaches Haus, daneben ein sauber gehaltener
+Obstgarten, eine Allee von Obstbäumen führte von dem Hause durch das
+Feld hin zu der in einiger Entfernung vorüberziehenden Landstraße.
+
+Auf der andern Seite des Wohngebäudes lag ein kleiner Hof, von Ställen
+umgeben, ein Taubenschlag in der Mitte; in den Ställen standen drei
+sauber gepflegte Kühe, zwei Zug Ochsen und zwei jener starken kräftigen
+Pferde, an welchen das hannöversche Land so reich ist; den reinlichen,
+mit gelbem Sand bestreuten Hof belebte zahlreiches und vortrefflich
+gehaltenes Federvieh; hinter den glänzenden, blank geputzten Scheiben
+der kleinen Fenster sah man einfache, aber blendend weiße Gardinen,
+blühender Geranium leuchtete im dunklen Roth durch die Scheiben; kurz
+Alles trug den Stempel von Wohlhabenheit, Ordnung und Behaglichkeit; und
+wenn auch dieser kleine Hof an Ausdehnung hinter den übrigen Besitzungen
+des Dorfes erheblich zurückstand, so zeichnete er sich doch vor allen
+Uebrigen durch eine beinahe bis zur Eleganz gehende Zierlichkeit und
+Sauberkeit aus.
+
+An einem schönen Aprilabend saßen in den Wohnzimmern des kleinen Hauses,
+dessen einfache Einrichtung aus einem großen eichenen Tisch, einigen
+Stühlen mit starkem Rohrgeflecht und zwei jener alten mächtigen, mit
+braunem Leder überzogenen Lehnstühlen bestand und dessen Wände ebenfalls
+mit schwarz gewordenem Eichenholz bekleidet waren, ein alter Mann und
+eine alte Frau neben einander. Jede von Ihnen hatte einen der großen
+Lehnstühle eingenommen, und sie schienen sich nach der Arbeit des Tages
+jener tiefen, anmuthenden Ruhe zu erfreuen, welche auf dem Lande mit der
+Feierabendstunde das häusliche Leben mit einem fast sonntäglichen
+Frieden umgiebt.
+
+Der Mann war ein hoher Sechziger, kräftig und markig gebaut, das weiße
+dichte Haar hing lang an den Schläfen herunter, sein scharf markirtes,
+von fester Willenskraft zeugendes Gesicht war glatt rasirt, und aus
+seinen großen klaren Augen blickte neben dem klugen, beinahe listigen
+Verstand, der den Bauern jener Gegenden eigenthümlich ist, auch eine
+tiefe Weiche und Milde heraus.
+
+Er trug einen Faltenrock von dunkler Farbe, den Hemdkragen über dem
+Halstuch von schwerer schwarzer Seide hervorgezogen und hohe Stiefel bis
+zu den Knieen und war beschäftigt, durch eine silberne Brille mit
+großen, runden Gläsern die Zeitung zu lesen, welche der Landpostbote vor
+Kurzem gebracht hatte.
+
+Die alte Frau, welche in dem andern Lehnstuhl neben ihm saß, schien
+älter zu sein, als er. Ihre Haltung war etwas zusammengesunken und
+gebrechlich, ihr blasses Gesicht mit den sanft und weich, beinahe
+traurig blickenden Augen war mager und kränklich, ihr fast weißes, glatt
+gescheiteltes Haar war unter einer großen weißen Haube mit breitem
+Strich und unter dem Kinn zusammengebundenen Bändern fast ganz
+verborgen.
+
+Sie trug einen glatt anliegenden, schwarzen Rock und ein großes,
+schwarzes Seidentuch um Brust und Schultern und war beschäftigt, nachdem
+sie das Federvieh, dem sie ihre besondere Sorgfalt widmete, besorgt
+hatte, mit langen starken Nadeln einen großen Strumpf zu stricken, wobei
+sie leise zählend die Lippen bewegte.
+
+Der Mann war der Eigenthümer des Hofes, der alte Bauer Niemeyer, welcher
+ohne Kinder in seiner schönen, kleinen Besitzung lebte; die Frau neben
+ihm war seine Schwester, die Wittwe des lang verstorbenen Unterofficiers
+Cappei, welche nach dem Tode ihres Mannes mit einer kleinen
+Wittwenpension aus der englischen Legionskasse und mit ihrem einzigen
+Sohn ein Asyl bei ihrem Bruder gefunden hatte und bei demselben die
+Stelle der Hausfrau vertrat.
+
+Das Jahr 1866 hatte in den kleinen Familienkreis tief und schneidend
+eingegriffen. Der junge Cappei, welcher den Feldzug jenes Jahres in der
+hannöverschen Armee mitgemacht hatte und dann zu seinem Oheim und zu
+seiner Mutter zurückgekehrt war, um seinem Oheim in der Bewirtschaftung
+des Hofes, der zu seinem einstigen Erbtheil bestimmt war, Beistand zu
+leisten, hatte sich voll Begeisterung für die Sache des Königs Georg
+und fortgerissen von der Bewegung, welche beim Beginn des Jahres 1867
+unter den jungen Leuten jener Gegend herrschte, der Emigration
+angeschlossen, und seit jener Zeit lebten die beiden Alten wieder einsam
+in dem kleinen Hause, eifrig und sorgfältig die Wirthschaftsgeschäfte
+besorgend, aber traurig, des fernen Sohnes und Neffen gedenkend, dessen
+Abwesenheit alle ihre Hoffnungen für die Zukunft in Frage stellte.
+
+Sie hatten nur seltene und wenig ausführliche Nachrichten von ihm
+erhalten, denn die Emigranten scheuten sich eingehend nach ihrer Heimath
+zu schreiben aus Furcht, ihre Angehörigen in Verwickelung mit den
+Behörden zu bringen, und so waren die beiden alten Leute darauf
+angewiesen, die Zeitung, welche sie seit jener Zeit hielten, zu
+durchforschen, um irgend etwas über die Legion zu erfahren.
+
+Aber auch diese Nachrichten waren nur sehr spärlich und unklar gewesen
+und hatten sie oft recht traurig gestimmt, wenn sie von den
+unglücklichen Verhältnissen lasen, in welchen nach einzelnen
+Mittheilungen aus Frankreich die Emigranten dort leben sollten.
+
+Die alte Mutter Cappei glaubte fest an die Versicherung, welche ihr Sohn
+ihr beim Abschied gegeben, daß er siegreich mit allen seinen Kameraden
+den König in der Mitte wieder in die Heimath zurückkehren werde.
+
+Ihr Bruder hatte tiefes Mißtrauen in diese Hoffnungen, er hing zwar mit
+zäher und liebevoller Anhänglichkeit an den alten Verhältnissen, aber
+sein scharfer und practischer Verstand ließ ihn wenig an eine
+Möglichkeit der Wiederkehr derselben glauben.
+
+Es war dies ein Punkt, über welchen die beiden alten Leute, welche sonst
+in so inniger und liebevoller Einigkeit miteinander lebten, häufig in
+lebhaften Wortwechsel geriethen.
+
+Der alte Niemeyer war sehr unzufrieden mit der Emigration seines Neffen
+und wurde nicht müde, in seine Schwester zu dringen, daß sie mit ihm
+gemeinsam dem jungen Menschen den kategorischen Befehl schicken möge,
+wieder in die Heimath zurückzukehren.
+
+Doch dazu konnte sich die alte Frau, so tiefen Schmerz sie über die
+Abwesenheit ihres einzigen Kindes empfand, nicht entschließen. Es
+erfüllte sie mit hohem Stolz, daß ihr Sohn „in des Königs Legion
+diente“, wie es ja auch ihr verstorbener Mann einst gethan zur Zeit der
+Occupation Hannovers im Anfang dieses Jahrhunderts, und trotz aller
+Mühe, die sich ihr Bruder gab, gelang es ihm nicht, sie zu überzeugen,
+daß die damaligen Verhältnisse und die damalige Legion, welche der
+mächtige König von England aus seinen hannöverschen Unterthanen
+gebildet, etwas ganz anderes sei, als die Emigration, welche heute ihrem
+verbannten, machtlosen König in das Exil gefolgt war; sie war überzeugt,
+daß es wieder anders werden müsse, wie es damals anders geworden war,
+und daß ihr Sohn einst siegreich wiederkehren werde, belohnt und
+ausgezeichnet von dem König, dem er so treu geblieben — und ihn dieser
+glänzenden Zukunft zu entziehen, dazu konnte sie sich nicht
+entschließen.
+
+So saßen sie denn auch heute wieder da, — sie hatten ihre Arbeit gethan,
+der Alte las die Zeitung, wie es ihm nun seit längerer Zeit zur
+Gewohnheit geworden war, und seine Schwester füllte die Muße ihres
+Abends durch die Beschäftigung mit ihrem Strickstrumpf aus, indem sie
+mit jeder Masche desselben theils eine wehmüthige Erinnerung an ihren
+Sohn, theils eine freudige Hoffnung auf dessen glänzende Zukunft
+verwebte.
+
+Plötzlich warf der Alte das Blatt vor sich hin und schlug kräftig mit
+der Hand auf den Tisch, indem er zugleich die ihm unbequeme Brille hoch
+auf die Stirn hinausschob.
+
+„Das ist eine gute Nachricht,“ rief er laut, „der König hat die Legion
+aufgelöst, welche ihm so viel Geld kostete, und welche so viele brave
+junge Leute ihrer Heimath entfremdete und den Gefahren eines unthätigen
+Lebens aussetzte. Das freut mich, das ist ein guter Entschluß, der
+vernünftigste, den unser Herr hat fassen können. Jetzt haben wir doch
+Hoffnung, daß der Junge wieder zu uns zurückkommt, und daß unser altes,
+liebes Besitzthum nicht noch in fremde Hände übergehen wird, während
+sein rechter und richtiger Erbe weit in der Ferne ein unruhiges und
+abenteuerliches Leben führt.“
+
+Die alte Frau Cappei ließ den Strickstrumpf in ihren Schooß sinken, ein
+freudiger Ausdruck erschien einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann
+aber schüttelte sie trübe und traurig den Kopf.
+
+„Das wird wieder eine von den Nachrichten sein,“ sagte sie, „welche
+schon oft von Zeit zu Zeit in den Zeitungen erschienen sind und immer
+nicht wahr waren. Wie oft hast Du schon an die Rückkehr meines Sohnes
+geglaubt, wie oft hat man gesagt, die Legion wäre auseinandergegangen,
+und immer ist es nicht wahr gewesen. Und es wird auch diesmal nicht wahr
+sein,“ sagte sie mit einem gewissen Stolz, „der König kann ja seine
+Soldaten nicht fortschicken. Er braucht ja seine Legion, wenn er sein
+Land wieder erobern will, und so sehr ich mich sehne, den Jungen wieder
+hier zu sehen, so möchte ich doch nicht wünschen, daß er als Flüchtling
+hierher wieder zurückkehrt, ohne für seinen König sich geschlagen zu
+haben, wie es sein Vater seiner Zeit auch gethan hat.“
+
+„Du bist thöricht,“ sagte der Alte, „Du möchtest womöglich Deinen Jungen
+noch als großen Feldherrn wiedersehen.“
+
+„Nun das Zeug dazu hat er schon,“ fiel seine Schwester etwas gereizt
+ein, „daß er Officier wird, wenn es zum Schlagen kommt, daran zweifle
+ich garnicht. Was hat er nicht Alles gelernt, wie hübsch und fein sieht
+er aus! Und wie viele Beispiele hat man nicht, daß große Generale sich
+ganz von unten herauf gearbeitet haben! Auch in der Legion in Spanien
+sind damals ganz einfache Soldaten hohe Officiere geworden, — wenn es
+meinem seligen Mann nicht so gut gegangen ist, so hat es nur den Grund
+gehabt, daß er keine Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen.“
+
+„Das sind Alles Possen,“ rief der Alte mürrisch, „und ich hoffe, daß der
+Junge selbst nicht solche thörichten Gedanken in seinem Kopf haben wird.
+Er sollte Gott danken, daß er hier eine feste Heimath und einen wohl
+geordneten Besitz hat und sollte so schnell als möglich hierher
+zurückkehren, um diesen Hof zu übernehmen, dessen Bewirthschaftung mir
+täglich schwerer zu werden anfängt. Nun,“ fuhr er fort, „das wird sich
+jawohl von selbst machen. Ich habe mit dem preußischen Amtmann, den sie
+uns hierher geschickt haben, neulich gesprochen und er hat mir
+versichert, daß er nicht glaube, daß gegen meinen Neffen irgend etwas
+Unangenehmes unternommen werden möchte, wenn er zurückkäme und sich zur
+Erfüllung seiner Landwehr-Militairpflicht stellte, eine eigentliche
+Desertion liege ja nicht vor und“ —
+
+Er wurde durch ein lautes Anschlagen des Hofhundes unterbrochen.
+
+Schnelle, kräftige Schritte ließen sich vor dem Hause vernehmen, rasch
+wurde die Thür geöffnet, und Derjenige, über dessen Schicksal die beiden
+Alten sich soeben unterhalten hatten, trat in das Zimmer.
+
+Der junge Cappei trug einen kleinen Ränzel auf dem Rücken, sein Gesicht
+war von dem raschen Gang geröthet und erschien dadurch noch blühender,
+als sonst; seine hellen offenen Augen strahlten von Glück und Freude,
+als er das alte Haus, die Heimath seiner Kindheit, das alte wohlbekannte
+Zimmer, in welchem kein Meubel sich verändert hatte, als er seine Mutter
+und seinen Oheim, diese beiden einzigen Wesen wiedersah, welche in dem
+alten Vaterlande ihm nahe standen.
+
+Rasch eilte er auf die alte Frau zu, welche ihm zitternd ihre offenen
+Arme entgegenstreckte; er drückte ihren Kopf an seine Brust und küßte
+zärtlich ihre weißen Haare. Dann wandte er sich zu seinem Oheim, welcher
+aufgestanden war und mit glücklichem stolzem Ausdruck auf die kräftige
+Gestalt des jungen Mannes blickte, er schlug fest in dessen dargebotene
+Hand ein und sagte tief aufathmend:
+
+„Da bin ich wieder bei Euch — Gott sei Dank, daß ich Euch Beide am Leben
+und wohl und munter finde. Ich habe lange keinen Brief von Euch
+erhalten, und als ich von der Eisenbahnstation zu Fuß hierher ging, hat
+mich eine entsetzliche Angst erfaßt, daß ich das Alles hier vielleicht
+nicht so wiederfinden könnte, wie ich es verlassen habe. Nun Gott sei
+Dank, es ist ja Alles gut, und meine Angst ist umsonst gewesen.“
+
+Abermals schloß er seine Mutter in die Arme, und dann setzte er sich an
+den Tisch und begann in hastigen abgebrochenen Worten zu erzählen von
+seinem Leben in Frankreich, von den Kameraden, welche dort mit ihm
+gewesen, von den Hoffnungen, die sie gehabt hatten, und wie das nun
+Alles zu Ende sei, da der König die Legionaire entlassen habe und eine
+große Anzahl von ihnen nach Amerika ausgewandert sei, während Andere in
+Algier ihr Glück versuchen wollten. „Sie haben mir viel zugeredet,“
+sagte er, „auch dorthin zu gehen, aber ich habe das nicht gewollt. Ich
+will nicht mehr als heimathloser Flüchtling in der Welt leben, und auch
+Euch wollte ich wiedersehen, mein Herz zog mich hierher, und ich muß
+meine Verhältnisse hier in der alten Heimath ordnen, um wieder ein
+richtiger Mensch zu werden, der seinen Platz klar und fest in der Welt
+behaupten kann.“
+
+„Das hast Du brav gemacht, mein Junge,“ sagte der Alte, indem er ihm
+kräftig auf die Schulter schlug, während die Mutter zusammentrug, was im
+Hause zu finden war, Brod, kaltes Fleisch und einen großen Bierkrug,
+damit der lange entbehrte Sohn wieder am heimathlichen Tisch esse und
+trinke, wodurch nach ihrer Auffassung eigentlich erst das Band zwischen
+ihm und dem alten Hause wieder fest geknüpft wurde.
+
+Eine Zeit lang sahen die beiden Alten schweigend zu, sich des kräftigen
+Appetits freuend, den der junge Mensch zeigte.
+
+Dann begannen sie wieder zu fragen nach allen Einzelheiten seines Lebens
+in der Fremde, nach diesem und jenem Bekannten; und er erzählte ihnen
+von Allem, und doch schien es, als ob immer noch etwas im Rückhalt
+bliebe, denn oft brach er plötzlich ab, sah schweigend vor sich nieder,
+und erst auf erneuerte Fragen nahm er seine Mittheilungen wieder auf.
+
+Dem scharfen Blick der alten Frau entging dies nicht, — eine Mutter liest
+ja so tief in dem Herzen ihres Sohnes und das wunderbare Band, welches
+sie mit ihrem Kinde verknüpft, wird durch die Zeit und das Alter niemals
+gelockert. Die Alte schüttelte das Haupt, sie fühlte, daß da noch Etwas
+war in dem Herzen ihres Sohnes, wovon er nicht sprach — aber sie sagte
+nichts darüber, sie behielt sich vor, später ihn danach zu fragen,
+überzeugt, daß es ihr gelingen würde, auch die verschlossensten Tiefen
+seines Innern zu öffnen.
+
+„Jetzt aber,“ sagte der alte Niemeyer endlich, „obgleich es schon spät
+ist, mußt Du dennoch gleich mit mir zum Amtmann. Du mußt Dich auf der
+Stelle melden, Deine Rückkehr darf keine heimliche sein, und was die
+Behörden über Dich verfügen, mußt Du ruhig über Dich ergehen lassen.
+Schlimm werden sie es mit Dir nicht machen, ich habe es schon
+vorbereitet, da ich immer überzeugt war, Du würdest früher oder später
+hierher wieder zurückkehren.“
+
+Sie gingen bei dem schon hereindunkelnden Abend nach dem großen Amthaus
+hin, ließen sich bei dem Amtmann, einem preußischen Assessor, welcher
+hierher versetzt war, melden und wurden in dessen Wohnzimmer geführt,
+welches bereits von einer Lampe erleuchtet war.
+
+Der Amtsverwalter, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, ernst und
+ruhig, aber auch zugleich freundlich und wohlwollend in seinem Wesen
+erhob sich bei dem Eintritt des alten Bauern von seinem Schreibtisch, an
+welchem er mit Durchsicht von Acten beschäftigt war und trat demselben
+entgegen, indem er einen schnellen forschenden Blick auf den hinter
+seinem Oheim hereintretenden jungen Cappei warf.
+
+„Herr Amtmann,“ sagte der alte Niemeyer, „ich bringe Ihnen hier einen
+Flüchtling, der nach der alten Heimath zurückgekehrt ist, und der nun
+nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung über
+uns verhängt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige
+Behandlung für das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares
+begangen haben könnte und stellt sich zu Ihrer Verfügung.“
+
+Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem
+Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und
+fest an.
+
+„Es freut mich,“ sagte der Beamte, auf welchen die Erscheinung des
+jungen Mannes einen wohlthuenden Eindruck zu machen schien, „daß Sie
+sich entschlossen haben, in die geordneten Verhältnisse zurückzukehren
+und auf thörichte und abenteuerliche Unternehmungen zu verzichten. Ich
+will nicht fragen und untersuchen, welche Pläne Sie bei Ihrer
+Auswanderung gehegt haben, welchen Unternehmungen Sie sich angeschlossen
+haben — allein Sie sind nach den preußischen Gesetzen noch
+landwehrpflichtig gewesen und werden sich über Ihre eigenmächtige
+Entfernung zu verantworten haben. Ich wäre berechtigt, Sie zu arretiren
+und Sie in Untersuchungshaft zu behalten, da ich jedoch nach Ihrem
+freiwilligen Wiedererscheinen keinen Verdacht hege, daß Sie sich der
+Untersuchung und der eventuell zu verhängenden Strafe entziehen werden,
+so will ich von einer solchen Maßregel Abstand nehmen und Ihnen Ihre
+Freiheit lassen, allein um der Form zu genügen, müssen Sie eine
+Bürgschaft leisten.“ —
+
+„Die Bürgschaft übernehme ich, Herr Amtmann,“ rief der alte Niemeyer
+lebhaft. „Ich stelle mein Haus und meinen Hof als Haft dafür, daß der
+junge Mann sich nicht von hier entfernt und sich jeder Anforderung
+stellen wird.“
+
+„Ich will diese Garantie annehmen,“ erwiderte der Beamte — er setzte
+sich an seinen Schreibtisch, nahm ein kleines Protokoll auf, das der
+alte Bauer und sein Neffe unterzeichnen mußten und entließ dann die
+Beiden.
+
+Als sie hinausgegangen waren, zog er ein kleines Aktenfascikel aus einem
+verschlossenen Fach seines Schreibtisches hervor und öffnete dasselbe.
+
+„Die Erscheinung dieses jungen Mannes,“ sagte er, „ist durchaus
+Vertrauen erweckend, er hat ein so freies Gesicht und einen so offenen
+Blick, daß ich ihm kaum geheime und verborgene Absichten zutrauen kann.
+Auch ist mir der Alte als ein Mann von ruhigem praktischen Sinn, der
+sich den thatsächlichen Verhältnissen stillschweigend unterordnet und
+alle Agitationen und Conspirationen mißbilligend, bekannt; und doch ist
+mir hier ein sehr bestimmter Avis zugegangen, nach welchem die
+Gesandtschaft in Paris gerade diesen jungen Cappei auf Grund ihr
+zugegangener Mittheilungen als einen fanatischen Feind der preußischen
+Herrschaft und als einen gefährlichen Verschwörer und Agitator
+bezeichnet, welcher nur deshalb hierher zurückgekehrt, um nach
+Frankreich hin Mittheilungen über die hiesigen Verhältnisse,
+Truppendislokationen und so weiter gelangen zu lassen, — mir kommt das
+ein wenig unwahrscheinlich vor,“ fuhr er fort, „allein die Mittheilung
+ist bestimmt, und die Zeitverhältnisse gebieten die größte Vorsicht. Ich
+werde ihn genau beobachten lassen und eine Ueberwachung seiner
+Correspondenz bei der Postbehörde anordnen, — ist jene Mittheilung
+richtig, so wird sich bald ein greifbares Indicium finden lassen.“
+
+Er schrieb nach genauer Durchsicht des Aktenfascikels eine Verfügung,
+ließ seinen Secretair rufen und übergab ihm dieselbe mit dem Befehl
+schleuniger und discreter Expedition. Dann verschloß er das geheime
+Aktenstück wieder in seinen Secretair und wandte sich seinen
+regelmäßigen Arbeiten zu.
+
+Lange noch saß der alte Bauer Niemeyer mit seiner Schwester und dem
+jungen Cappei bei der großen Lampe im Wohnzimmer seines Hauses
+beisammen. Immer noch forschten und fragten die beiden Alten — immer
+erzählte der junge Mann, — immer deutlicher fühlte die Mutter, daß in
+allen diesen Erzählungen noch Etwas fehlte und zwar Etwas, was tief und
+innig mit dem Herzensleben ihres Sohnes zusammenhängen müsse.
+
+Und als sie endlich die Ruhe aufsuchten, als sie den Sohn in seine
+schnell hergerichtete Schlafkammer mit dem sauberen, hoch
+aufgeschichteten Federbett geführt, und die Hände segnend auf sein
+Haupt gelegt hatte, da blieb sie noch lange wach in ihrer Kammer in dem
+Lehnstuhl am Fußende ihres Bettes sitzend und tief nachdenkend über die
+Fügungen der Vorsehung, welche zwar die ehrgeizigen Träume zerstört
+hatte, in welchen sie an den fernen Sohn gedacht, welche aber doch
+diesen Sohn lebendig, frisch und blühend ihr wieder zugeführt hatte und
+jetzt opferte sie jenen Traum gern der schönen und lieben Wirklichkeit.
+Sie fühlte auch mit dem so feinen weiblichen Instinct, welches der
+verborgene Punkt sei, der in allen Erzählungen ihres Sohnes noch dunkel
+geblieben; sie fühlte, daß die Liebe zwischen ihm und dem fernen Land,
+aus welchem er zurückgekehrt ein Band geknüpft habe.
+
+Aber sie war nicht traurig darüber und wieder regten sich ehrgeizige
+Hoffnungen in ihrem Herzen. Denn ein so guter, so braver und so hübscher
+junger Mann wie ja ihr Sohn, konnte nur eine Wahl getroffen haben, die
+ihm und seiner ganzen Familie ehrenvoll war.
+
+Und als sie endlich ihr Lager aufsuchte, schloß sie Diejenige, welche
+ihr Sohn gewählt haben möchte, und welche ihr mütterlicher Stolz in
+hohen und angesehenen Kreisen suchte voll freudiger Hoffnung und
+Zuversicht in ihr frommes Abendgebet mit ein.
+
+Der junge Cappei aber war in körperlicher Ermüdung, welche die kräftige
+Jugend noch stärker fühlt, als das Alter, und in jenem süßen Wohlgefühl,
+welches das Bewußtsein erzeugt, nach langer Abwesenheit wieder im Schooß
+des heimathlichen Hauses zu ruhen, bald in einen festen und tiefen
+Schlaf versunken.
+
+Und wunderbar verschmolzen sich in seinen Träumen die Bilder der Ferne,
+zu welcher sein Herz ihn hinzog und der Heimath, in welche die Wurzeln
+seines Lebens geschlagen waren, miteinander.
+
+Bald sah er sich im Hause des alten Challier an der Seite seiner
+Louise und an der Spitze des immer blühender erwachsenden
+Handelsgeschäfts — bald wieder zeigte ihm der Traum das theure Bild
+seiner Geliebten, wie dieselbe glücklich lächelnd in das Haus seines
+Oheims eintrat, wie sie seiner Mutter zur Hand ging in häuslichen
+Geschäften und neues fröhliches Leben in die alte Heimath brachte.
+
+So schwer diese verschiedenen Bilder in der Wirklichkeit zu vereinigen
+waren, so verband sie doch das wunderbare Spiel des Traumes zu
+harmonischer Einigkeit, welche ihn mit einem süßen Gefühl des Glücks und
+der Freude erfüllten.
+
+
+
+
+Neuntes Capitel.
+
+
+In einem großen saalartigen Zimmer im Hinterhofe eines düstern Hauses
+des Faubourg St. Antoine war das democratische Comité versammelt,
+welches sich gebildet hatte, um auf das Plebiscit einzuwirken und das
+Volk in Massen dahin zu bestimmen, daß es die Abstimmung entweder ganz
+verhindere oder wo die Kühnheit dazu vorhanden sein möchte mit „Nein“
+stimme.
+
+Die Versammlung fand bei bereits ziemlich vorgerückter Abendstunde
+statt, der große finstere Raum mit den schmutzigen, von Rauch
+geschwärzten Wänden war durch einige Petroleumlampen, die auf einem
+großen Tisch in der Mitte standen, nur wenig erhellt; um diesen Tisch
+saßen die Leiter des Comités in scharfer Beleuchtung, während der übrige
+Theil des Saales, in welchem sich etwa vierzig bis fünfzig der
+hervorragendsten Agenten des Comités befanden, in Dunkelheit gehüllt
+war.
+
+An diesem Tisch sah man in der Mitte Jules Lermina, einen der
+unermüdlichen Agitatoren der republikanischen Bewegung in Frankreich,
+einen Mann mit tief blassem, wie aus Erz gegossenem Gesicht, in welchem
+nur die glühenden, unheimlich und finster blickenden Augen zu leben
+schienen und welches, wenn er mit seiner harten jede Modulation
+ausschließenden Stimme sprach, durch kein Mienenspiel bewegt wurde.
+
+Hier sah man Ulric de Fonvielle, den Begleiter Victor Noirs bei dessen
+verhängnißvollem Besuch im Hause des Prinzen Pierre Bonaparte — mit
+seinem großen Bart und seinem unruhigen, aufgeregten und wichtig
+thuenden Wesen.
+
+Hier war Varlin, der Buchbinder, in seiner gebückten Haltung mit dem
+kalten höhnischen Lächeln auf den Lippen, mit dem niedergeschlagenen
+Blick, der nur zuweilen im schnellen Blitz von unten hinauf schoß und
+dann fast immer Denjenigen, auf welchen er sich richtete, durch seinen
+stechenden scharfen Ausdruck aus der Fassung brachte.
+
+Hier sah man Raoul Rigault, den jungen einundzwanzigjährigen Verschwörer
+mit seinem blassen, selbstgefällig lächelnden Gesicht, den müden, etwas
+gleichgültigen Blick hinter dem Monocle verbergend, in seiner
+stutzerhaften, aber etwas abgeschabten Eleganz, mit der Wäsche von
+zweifelhafter Reinheit, das kleine Stöckchen mit dem unechten
+Silberknopf in der Hand.
+
+Hier sah man Ancel, Boyer, Delacour, Dembrun, Portalier, Robin,
+Mangold — theils in Blousen, theils im einfachen bürgerlichen Anzug — und
+auf allen diesen finstern Gesichtern ruhte der Ausdruck starrer düsterer
+Entschlossenheit und grimmiger Unversöhnlichkeit. Sie waren zum großen
+Theil die Führer des Pariser Zweigvereins der internationalen
+Arbeiterassociation, welche aber jetzt nicht mehr wie früher sich einer
+gewissen wohlwollenden Duldung der Regierung zu erfreuen hatte, nachdem
+sie durch richterliches Erkenntniß aufgelöst worden war. Es war nicht
+mehr jene Internationale von Tolain und Fribourg, welche durch Belehrung
+und ruhige gesetzliche Agitationen die Lage des Arbeiterstandes zu
+verbessern strebte, und welche von idealen Anschauungen geleitet wurde.
+
+Jene Führer waren verschwunden, die Internationale von heute war eine
+proscribirte und geächtete Gesellschaft, welche sich lange den
+Nachforschungen der Polizei verbarg, und im Geheimen dafür aber um so
+wirksamer ihre Lehren propagirte und ihre Pläne verfolgte. Diese Lehren
+aber waren heute offen und rückhaltslos auf die Zertrümmerung der
+bestehenden Staatsordnung und der bestehenden Gesellschaft gerichtet,
+und die Pläne, deren eigentliches Geheimniß nur den ausgewählten
+Kreisen, den Leitern, bekannt war, richtete sich auf eine möglichst
+schnelle und nachdrückliche Vernichtung aller Autorität und alles
+Besitzes.
+
+Die internationale Association als solche konnte sich mit der Frage des
+Plebiscits nicht beschäftigen, sie konnte sich nicht versammeln, ohne
+sich sogleich polizeilicher Auflösung auszusetzen, sie hatte deshalb das
+democratische Comité gebildet, an dessen Spitze wiederum ihre Leiter
+standen, um in dieser Form ihren Einfluß auf das Plebiscit auszuüben und
+um wo möglich diese Gelegenheit zur Herbeiführung einer Catastrophe zu
+benutzen.
+
+Auf Bänken und Stühlen ringsum den Tisch des eigentlich leitenden
+Comités saßen dessen hervorragende Agenten in den verschiedenen
+Stadttheilen von Paris fast Alle in der Blouse der Arbeiter, Alle
+denselben Ausdruck ruhiger und kaltblütiger Unversöhnlichkeit in den
+Gesichtern.
+
+Lermina erhob sich:
+
+„Wir haben, meine Freunde,“ sprach er, „nunmehr die Berichte aus allen
+Theilen von Frankreich empfangen, welche uns mittheilen, daß überall
+die Comités constituirt sind, um diesem frevelhaftem Possenspiel
+entgegenzutreten, durch welches man in einem gefälschten Ausdruck des
+Volkswillens für den Despotismus und die Tyrannei eine neue Stütze
+suchen will. Allgemein ist die democratische Partei organisirt, um auf
+die unklare und furchtsame Bevölkerung den Druck ihres Einflusses
+auszuüben. Nach Allem, was man uns mittheilt, wird es schwer werden,
+eine große Majorität dahin zu bringen, daß die an das Volk gestellte
+Frage mit „Nein“ beantwortet wird. Die Furcht vor den Machtmitteln der
+Gewalt ist zu groß — dagegen müssen wir aber mit aller Kraft dahin
+streben, daß der größte Theil der Bevölkerung sich von jeder Abstimmung
+zurückhält, um vor der Welt beweisen zu können, daß die Majorität,
+welche die Regierung erreichen möchte, im Verhältniß zur Gesammtzahl der
+Bevölkerung garnichts bedeutet. Ich habe deshalb die Instructionen,
+welche Sie Alle früher bereits gebilligt haben, an eine Anzahl von
+zuverlässigen Personen vertheilt, die in diesem Augenblick bereits in
+die Provinzen abgegangen sind, um überall die Agitation noch fester zu
+organisiren und zu beleben. Unser unermüdlicher Freund Cernuschi hat mir
+von London aus abermals die Summe von hunderttausend Francs übersendet,
+um die nothwendigen und unvermeidlichen Kosten unserer Thätigkeit zu
+bereiten.“
+
+Ein Ruf des Beifalls tönte durch den Saal.
+
+„Ich habe ihm den Dank des Comités ausgesprochen,“ fuhr Lermina fort,
+„und schlage nunmehr vor, daß wir hier in Paris selbst unvorzüglich eine
+demonstrative Versammlung in Scene setzen, welche hier in der Hauptstadt
+die Bewegung in Fluß bringt und den Provinzen ein Beispiel giebt. Ich
+schlage zu diesem Zweck den Saal der Folie-Bergère vor, welcher den
+nothwendigen Raum bietet und zugleich der ganzen Bevölkerung von Paris
+bekannt ist. Hat Einer von Euch, meine Freunde, gegen den Vorschlag
+Etwas einzuwenden?“
+
+Die Versammlung schwieg — einzelne Rufe der Zustimmung ließen sich hören.
+
+„So wollen wir also,“ fuhr Lermina fort, „die democratische
+Volksversammlung in der Folie-Bergère auf den vierten Tag, von heute an
+gerechnet, festsetzen. Und ich bitte alle unsere Freunde,“ fuhr er sich
+nach den Zuhörern im Hinterraum des Saales wendend fort, „in den
+verschiedenen Stadttheilen von Paris ihre ganze Thätigkeit aufzubieten,
+um den Besuch der Versammlung so zahlreich als möglich zu machen.
+Zugleich ersuche ich Euch alle, meine Freunde, Euch vorzubereiten und
+nachzudenken über das, was Jeder von Euch der Versammlung sagen will,
+damit die Worte zünden und die Massen zu energischem Widerstand
+entflammen.
+
+„Vor Allem,“ rief Ulric de Fonvielle mit lauter Stimme, „müssen wir
+diesen verrätherischen Lügner und Heuchler Ollivier dem Volk in seiner
+wahren Gestalt zeigen. Es giebt immer noch Leute,“ fuhr er fort, „welche
+sich durch seine Vergangenheit täuschen lassen und auf welche sein Name
+einen gewissen Einfluß übt, — durch ihn will die kaiserliche Tyrannei das
+Volk irre führen, ihn gilt es zu vernichten und ihn des letzten Restes
+seiner Popularität zu berauben. Ich werde über Ollivier sprechen,“ rief
+er mit der Hand durch seinen Bart fahrend, „das Volk hat Ollivier in die
+Gosse geworfen — und das Kaiserthum hat ihn daraus wieder
+hervorgefischt!“ —
+
+Lautes Gelächter, Beifallsrufen und Händeklatschen erfüllten den Saal.
+Dann trat eine augenblickliche Stille ein.
+
+Varlin erhob sich, zog ein Papier aus der Tasche und sprach:
+
+„Ich bin in Allem mit den Maßregeln des Comités und mit seinen
+Vorschlägen vollkommen einverstanden. Doch ich habe nunmehr meinerseits
+einen Vorschlag zu machen, welcher in der Vorsicht begründet ist und zum
+Zweck hat, unsere Agitatoren gegen einen Gewaltstreich der Regierung zu
+schützen.“
+
+Aufmerksam hörten Alle zu.
+
+„Ihr wißt, meine Freunde,“ fuhr Varlin fort, „daß die Internationale
+gesetzlich verboten ist, und daß die Polizei das Recht hat, jede
+Thätigkeit dieser Association sofort zu verhindern. Nun aber ist unsere
+ganze Organisation, wenn wir uns auch als democratisches Comité
+constituirt haben, dennoch die der Internationalen. Wir Alle sind
+Mitglieder des Bureaus derselben, und in allen Provinzen sind es wieder
+die Zweigvereine der Internationalen, in deren Händen die Agitation
+liegt. Das giebt der Polizei Gelegenheit, sobald sie will, unsere ganze
+Agitation als eine Thätigkeit der Internationalen zu bezeichnen und zu
+verbieten — es wäre unklug, ein solches Verbot zu provociren oder möglich
+zu machen, und ich halte es demnach für nothwendig, daß von Seiten der
+Internationalen eine öffentliche Kundgebung stattfindet, welche
+vollkommen klar stellt, daß die democratische Association gegen das
+Plebiscit mit der internationalen Arbeiteragitation nichts zu thun hat.
+Ich halte eine solche Kundthuung practisch für nothwendig, außerdem
+aber,“ fuhr er einen raschen Blick im Kreise umherwerfend fort, „deshalb
+für geboten, weil allerdings die jetzt von uns ausgeübte Thätigkeit mit
+den eigentlichen Zielen der Internationalen wie dieselbe in den Statuten
+derselben ausgestellt sind, nicht identisch ist.“
+
+„So soll die Internationale die Thätigkeit des democratischen Comités
+desavouiren,“ fragte Lermina, den flammenden Blick auf Varlin richtend.
+
+„Das nicht,“ erwiderte dieser, „doch soll sie erklären, daß sie mit
+dieser rein politischen Sache nichts zu thun hat. Ich wiederhole,“ fuhr
+er fort, „daß diese Erklärung nach meiner Ueberzeugung zunächst der
+Polizei gegenüber nöthig ist, um ihr die Möglichkeit zu nehmen, gegen
+das democratische Comité unter dem Vorwand einzutreten, daß es mit den
+Internationalen identisch sei, so dann aber auch im Interesse der Macht
+der Internationalen selbst. Wir Alle, meine Freunde,“ fuhr er fort,
+„sind darüber einig, daß nur durch eine politische Revolution, durch
+welche das jetzt begehende Regiment und die ganze Staatsordnung
+zertrümmert, die socialen Ziele in der Internationalen erreicht werden
+können, aber — ihr müßt wissen, wie ich, daß unter den Arbeitern,
+namentlich in den Provinzen, noch sehr viele vorhanden sind, welche vor
+einer politischen Revolution zurückschrecken, und welche noch in der
+Idee befangen sind, von welcher wir in dem leitenden Mittelpunkt uns
+frei gemacht haben, — von der Idee nämlich, daß auf friedlichem und
+gesetzlichem Wege eine Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes
+erreicht werden könne; um Aller dieser willen ist es ebenfalls nöthig,
+daß wir die Internationale als solche von jeder Thätigkeit gegen das
+Plebiscit fern halten.“
+
+Lermina blickte nachdenklich vor sich hin, die Gründe Varlins schienen
+ihm einzuleuchten, dennoch mochte es seiner im Grunde ehrlichen und
+graden Natur widerstreben, aus Rücksichten der Klugheit solche
+Doppelwege zu gehen.
+
+Einzelne Stimmen der Mißbilligung erhoben sich aus dem Zuhörerkreise.
+
+„Das würde nur Verwirrungen in die Begriffe bringen,“ rief man — „warum
+nicht etwas sagen, wovon man überzeugt ist, — um so besser, wenn in
+diesem Augenblick ein Zusammenstoß mit der Gewalt erfolgt, — einmal muß
+es ja doch dazu kommen.“
+
+„Halt, meine Freunde,“ rief Varlin mit seiner durchdringenden Stimme die
+verschiedenen Rufe übertönend, „höret zunächst an, wie ich die Erklärung
+der Internationalen entworfen habe, Euch wird dann Alles besser klar
+werden. Sie soll wahrlich die Thätigkeit unseres democratischen Comités
+nicht desavouiren, und sie soll uns nur davor schützen, daß wir durch
+einen rohen Eingriff der Polizeigewalt in unserer Wirksamkeit gehemmt
+und unterbrochen werden, bevor dieselbe ihre Früchte getragen hat.“
+
+Er winkte gebieterisch mit der Hand und während der aufmerksamen Stille,
+die unmittelbar eintrat, las er, den Blick auf das Papier in seiner Hand
+geheftet, den von ihm vorgeschlagenen Entwurf der Erklärung der
+Internationalen:
+
+„Der Bundesrath des internationalen Arbeitervereins giebt den
+Insinuationen und Anschuldigungen der offiziellen und offiziösen Blätter
+über seine Theilnahme an der politischen Agitation dieser Tage hiermit
+ein formelles Dementi. Die Internationale weiß nur zu gut, daß die
+Leiden aller Art, welche das Proletariat zu dulden hat, bei weitem mehr
+den ökonomischen Zuständen der Gegenwart, als den Zufälligkeiten des
+Despotismus einiger Staatsmänner zuzuschreiben sind. Sie wird ihre Zeit
+nicht mit Nachsinnen über die Befestigung des kaiserlichen Despotismus
+verlieren. Der internationale Arbeiterverein, der eine permanente
+Verschwörung aller Unterdrückten, aller Ausgebeuteten ist, wird den
+ohnmächtigen Verfolgungen gegen seine Führer trotzend, so lange fort
+bestehen, bis alle Ausbeuter der Arbeit, alle Capitalisten, alle Pfaffen
+und alle politischen Abenteurer verschwunden sein werden.“
+
+„Ich glaube,“ sprach er, indem sein Blick über die Versammlung hinglitt,
+„daß nach dieser Erklärung Niemand wird sagen können, es sei die
+Internationale, welche die gegenwärtige democratische Agitation
+führe, — und doch wird darin gewiß kein abfälliges Urtheil über seine
+Thätigkeit gesprochen.“
+
+„Varlin hat Recht,“ rief man von allen Seiten — „er ist klug und
+vorsichtig, — er denkt an Alles, die Proclamation ist gut, sie soll
+erlassen werden.“
+
+Niemand widersprach an dem Tisch des Comités, nur Raoul Rigault zuckte
+leicht die Achseln und schlug mit dem Spazierstöckchen auf seine
+Stiefel.
+
+Varlin legte das Papier, dessen Inhalt er vorgelesen, Lermina vor, der
+es mit einem raschen Federzug unterzeichnete. Die Uebrigen folgten Alle.
+
+Lermina erklärte sodann die Sitzung für geschlossen, und die
+Versammelten verließen in einzelnen Gruppen, um kein Aufsehen zu
+erregen, langsam und schweigend das Zimmer, indem sie sich, sobald sie
+aus dem äußern Theil des Hauses auf die Straße traten, nach
+verschiedenen Richtungen hin zerstreuten.
+
+Raoul Rigault näherte sich Lermina.
+
+„Bleibt noch einen Augenblick hier,“ sprach er, „ich habe Euch eine
+Mittheilung zu machen.“
+
+„Gut,“ sagte Lermina.
+
+Raoul Rigault trat zu Varlin und dann zu Ulric de Fonvielle, indem er
+sie ebenfalls aufforderte, noch zu bleiben.
+
+Bald war das Zimmer leer, und an dem großen Tisch befanden sich nur noch
+Lermina, Varlin, Ulric de Fonvielle und Raoul Rigault.
+
+In der Tiefe des Zimmers war ebenfalls eine Gestalt sitzen geblieben,
+welche man bei der matten Beleuchtung nur in dunkeln Umrissen erkennen
+konnte.
+
+„Meine Freunde,“ sagte Raoul Rigault indem er das herabgefallene Monocle
+mit einer etwas gezierten Bewegung wieder in das Auge warf, „ich habe
+Euch ruhig sprechen und beschließen lassen, ohne irgend Etwas dabei zu
+bemerken, weil ich Alles das für ein Geschwätz halte, durch welches
+Nichts erreicht wird; — dieses Plebiscit,“ fuhr er mit selbstgefälligem
+Lächeln fort, „— wird trotz unserer Agitation ganz nach dem Plan seiner
+Arrangeurs ausgeführt werden, — und“ sagte er sich zu Varlin
+wendend — „trotz des Protestes der Internationale wird man uns alle
+verhaften, wenn man irgend dazu Lust verspürt.“
+
+„Das ist Alles was Sie uns zu sagen haben und weshalb Sie uns gebeten
+haben, hier zu bleiben?“ fragte Lermina mit seiner harten klanglosen
+Stimme.
+
+„Der Bürger Rigault ist sehr jung,“ sagte Varlin mit einem finstern
+Blick auf den stutzerhaft lächelnden jungen Mann, — „es würde ihm
+vielleicht besser anstehen aus den Erfahrungen ältere Personen zu
+lernen, als deren Handlungen zu critisiren.“
+
+Ulric de Fonvielle sagte Nichts, — er kannte Raoul Rigault und wußte, daß
+wenn dieser junge Mensch mit dem blasirten gleichgültigen Gesicht
+lächelte ein furchtbarer, blutiger Gedanke in seinem Gehirn arbeitete.
+Er blickte ihn forschend an und wartete.
+
+„Handlungen?“ fragte Raoul Rigault höhnisch die Achseln zuckend, ohne
+die unmuthigen finstern Blicke Lermina's und Varlin's zu
+beobachten, — „Ihr nennt das Handlungen — diese versteckten Agitationen,
+diese zweideutigen Erklärungen und Proteste? Handelt“ — fuhr er fort,
+„handelt, wie man in großen ernsten Angelegenheiten handeln muß, und
+meine Critik wird schweigen, — ich werde wahrlich der Erste sein mit Euch
+zu handeln, — aber ich sehe nicht ein wozu alle diese Geschäftigkeit
+führen soll.“
+
+„Wenn man tadeln will was Andere thun, so muß man Etwas Besseres
+vorzuschlagen haben,“ sagte Lermina kurz und hart.
+
+Varlin machte eine Bewegung, als wollte er ausstehen.
+
+„Hört mich an,“ sagte Raoul Rigault, indem er ihn mit der Hand
+zurückhielt.
+
+Er stützte die Arme auf den Tisch und bewegte sein Stöckchen leicht in
+der Luft hin und her.
+
+„Der Augenblick ist günstig,“ sprach er weiter in einem Tone als
+unterhielte er sich über irgend ein gleichgültiges Tagesereigniß, — „der
+Augenblick ist günstig um einen großen Schlag auszuführen, — einen Schlag
+der uns mit einem Mal an das Ziel aller unserer Bestrebungen führen
+kann.“
+
+„Und wie sollte dieser Schlag ausgeführt werden,“ fragte Varlin mit
+einem fast verächtlichen Lächeln.
+
+„Sehr einfach,“ erwiderte Raoul Rigault, immer mit seinem Stöckchen
+spielend, „unsere Vereine sind in ganz Frankreich vortrefflich
+organisirt, wir können sie von hier aus mit einem Wort in active
+Bewegung setzen, wir können überall den Aufstand ausbrechen lassen.“
+
+„Das können wir,“ erwiderte Lermina, „wenn wir es aber thun, so wird das
+in diesem Augenblick keine weitere Folgen haben, als daß der Aufstand
+überall durch die rohe Gewalt der Tyrannei niedergeschlagen und für die
+Zukunft alle unsere Hoffnungen zertrümmert werden.“
+
+„Wenn eben die Tyrannei noch besteht,“ erwiderte Raoul Rigault, „wenn
+diese Maschine, welche man die kaiserliche Regierung nennt, überhaupt in
+jenem Augenblick noch arbeitet.“
+
+„Und wie wollen Sie,“ fragte Lermina, „indem Augenblick des Aufstandes
+die so fest gegliederte Regierungsmaschine zerstören und unwirksam
+machen?“
+
+„Die Maschine,“ sagte Raoul Rigault, „wird von selbst unwirksam, wenn
+sie keinen Mittelpunkt, eine bewegende Triebfeder mehr hat. Ich kümmere
+mich nicht um die Maschine, ich zerstöre den Mittelpunkt, und die Arbeit
+des Ganzen hört auf — Frankreich gehört uns.“
+
+Lermina begann aufmerksam zu werden.
+
+„Der Gedanke ist logisch,“ sagte er. „Wie kann er ausgeführt werden?“
+
+„Sehr einfach,“ erwiderte Raoul Rigault, „indem man den Kaiser tödtet
+und den Sitz der Regierung zerstört.“
+
+Ganz erstaunt blickten Lermina und Varlin auf diesen jungen Menschen,
+welcher im gleichgültigen und ruhigsten Ton von der Welt einen Satz
+aussprach, der in seinen wenigen Worten den Umsturz der öffentlichen
+Ordnung Frankreichs vielleicht Europas enthielt.
+
+„Um den Kaiser zu tödten,“ fuhr Raoul Rigault fort, „bedarf es nur eines
+entschlossenen Menschen, welcher sein Leben aufs Spiel setzt, wie dies
+ja alle Soldaten oft für viel unwichtigere und gleichgültigere Dinge
+thun, und in dessen Hand man ein Werkzeug legen würde, welches den
+Erfolg seines Unternehmens nicht von dem Zufall abhängig macht, — zur
+Zerstörung des Mittelpunkts der Regierung bedarf es nur,“ sagte er mit
+selbstgefälligem Lächeln, „einiger practischen Anwendungen der
+Chemie, — und was sonst die Folge der Revolution war, wird gegenwärtig
+der Revolution vorangehen und ihr den Weg frei machen. Die Mittel, von
+denen ich so eben gesprochen habe, sind gefunden. Um den Kaiser sicher
+zu tödten, ohne die Sache von einem falschen Augenmaß oder von einem
+nervösen Zittern der Hand abhängig zu machen, ist hier das Mittel.“
+
+Er zog aus der Tasche seines Rockes einige kleine eirunde Eisenkörper
+mit verlängerter Spitze hervor und legte sie auf den Tisch.
+
+„Sie sind,“ sagte er lächelnd, „allerliebste Sprengbomben von einer
+gewaltigen Explosionskraft. Man hat garnicht nöthig zu zielen. Man wirst
+sie eine nach der andern in den Wagen des Kaisers, wenn er vorüber fährt
+und vor die Füße seines Pferdes, wenn er reitet, und bevor die vierte
+oder fünfte geworfen ist, wird von Demjenigen, der heute Frankreich zu
+beherrschen glaubt, nichts mehr übrig sein, als einige kleine in der
+Luft zerstreute Atome. Um diese Bomben zu werfen,“ fuhr er, die Stimme
+etwas dämpfend, fort, „gehört ein Mann, welcher fanatisch oder
+gleichgültig genug ist, um sein Leben an dies Wagniß zu setzen — ein
+Gleichgültiger,“ fügte er hinzu, „ist mir lieber, als ein
+Fanatiker, — und dieser Mann ist gefunden.“
+
+Er erhob sich, wandte sich nach der Tiefe des Zimmers, die dunkle
+Gestalt, welche von den Uebrigen unbemerkt dort bei der Entfernung der
+Versammlung geblieben war, trat in den Lichtkreis, und man sah einen
+jungen Mann von höchstens zwanzig bis einundzwanzig Jahren, dessen
+völlig bartloses, gleichgültiges und etwas stupides Gesicht einen noch
+fast knabenhaften Ausdruck hatte.
+
+Raoul Rigault ergriff diesen jungen Mann, der einen einfachen Anzug von
+sogenannter Marengofarbe und einen kleinen runden Hut trug, bei der Hand
+und sagte:
+
+„Hier ist der Bürger Beaury, welcher von London kommt und bereit ist,
+den ersten und gefährlichsten Schlag in dem großem Entscheidungskampf
+für die Rechte der arbeitenden Gesellschaft zu führen. Er wird diese
+Bombe werfen und den fanatischen Imperator, vor welchem sich heute die
+blöde Menge in den Staub beugt in die Luft sprengen.“
+
+Tief erstaunt, beinahe bestürzt und erschrocken blickten die drei Andern
+auf diesen jungen Menschen, welcher da so plötzlich wie aus der Erde
+hervorgezaubert unter ihnen stand und sie mit einem ruhigen
+gleichgültigen Lächeln anblickte.
+
+„Wer sind Sie,“ fragte Lermina.
+
+„Ich heiße Beaury,“ erwiderte der junge Mann. „Ich war früher Corporal
+in der Armee des Tyrannen, seit einem Jahr bin ich Flüchtling in London,
+Herr Flourens hat mich hierhergeschickt, — hier ist meine Beglaubigung.“
+
+Er zog aus der Tasche seines Rockes ein offenes, etwas zerknittertes
+Papier hervor und überreichte es Lermina.
+
+„Ein Brief von Flourens,“ sagte dieser.
+
+„An meine Genossen in Frankreich,“ fuhr er fort, das Papier lesend, „der
+Ueberbringer dieses, der Bürger Beaury ist bereit und geschickt Alles
+das auszuführen, was man ihm austragen wird, man kann sich vollkommen
+auf ihn verlassen. Gustav Flourens.“
+
+Er reichte das Papier Varlin, Fonvielle neigte sich herüber und sah über
+dessen Schulter in die Schrift.
+
+„Es ist Flourens' Handschrift,“ sagten Beide.
+
+„Sie wissen, was Sie thun sollen,“ fragte Lermina, immer noch verwundert
+den knabenhaften jungen Menschen ansehend.
+
+„Gewiß“ erwiderte dieser, „ich soll diese Bombe da,“ er deutete auf den
+Tisch, „nach dem Kaiser werfen, den ich sehr genau kenne, und den ich
+nicht verfehlen werde. Ich habe auch noch dies zu übergeben,“ sagte er
+dann.
+
+Er zog ein anderes Papier aus der Tasche und gab es Lermina.
+
+„Eine Anweisung auf vierhundert Francs,“ sagte dieser, „ebenfalls von
+Flourens unterzeichnet.“
+
+Lermina gab die Anweisung an Varlin, welcher einen Schlüssel aus der
+Tasche zog, eine Schublade des Tisches öffnete und dem jungen Menschen
+vier Bankbillets von hundert Francs übergab.
+
+„Nun gehen Sie,“ sagte Raoul Rigault zu Beaury, welcher ganz vergnügt
+seine Bankbillets einsteckte, „Sie werden Ihre näheren Anweisungen
+erhalten. Ihre Adresse?“
+
+„Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig,“ sagte der junge Mensch, indem er
+sich leicht gegen die Uebrigen verneigte und das Zimmer verließ.
+
+„Ihr seht,“ sagte Raoul Rigault mit zufriedenem Lächeln, „daß ich mich
+ein wenig auf das verstehe, was Handeln heißt, und daß ich vielleicht
+ein wenig Recht habe, unpractische Maßregeln zu kritisiren.“
+
+Varlin und Lermina erwiderten nichts.
+
+„Doch weiter,“ sagte Ulric de Fonvielle, „die Ermordung des Kaisers
+nützt uns wenig, wie wir ja langst überlegt haben.“
+
+„Das ist eine Ansicht, die ich stets vertreten habe,“ sagte Raoul
+Rigault, „Ihr könnt also nicht erwarten, daß ich glauben sollte, mit
+diesem ersten Schlage sei Alles gethan. Auch habe ich Euch ja vorhin
+gesagt, daß meine Pläne zur Handlung zwei Punkte haben. Der Erste war
+die Ermordung des Kaisers; der Zweite ist die Zerstörung des
+Mittelpunkts der Regierung.“
+
+„Das wird etwas schwerer sein,“ sagte Varlin, den Kopf schüttelnd.
+
+„Allzu umfassendere Vorbereitungen bedürfen wir nicht,“ sagte Raoul
+Rigault. „Wir haben von diesen kleinen Maschinen,“ fuhr er fort auf die
+auf dem Tische liegenden Bomben deutend, „einen Vorrath von tausend
+Stück, welche ein Herr Lepet, ein harmloser Mann, in dem Gedanken
+gegossen hat, daß es Theile eines neu erfundenen Vélocipédes wären. Sie
+befinden sich an einem sichern Ort und können im Lauf weniger Stunden
+gefüllt werben. Wir bedürfen dann nur noch einer gewissen Quantität
+Petroleums, einer Quantität Pikrinsäure und eines Haufens alter Weiber
+und kleiner Kinder, wie wir sie in beliebiger Menge in Belleville und
+St. Antoine finden können.“
+
+„Und dann,“ fragte Lermina.
+
+„Dann,“ sagte Raoul Rigault die Achseln zuckend, „nehmen diese alten
+Weiber und die Kinder die Bomben, werfen je einige hundert Stück
+davon durch die Fenster der Tuilerien und der verschiedenen
+Ministerialgebäude, gießen zu gleicher Zeit Jeder sein Gefäß voll
+Petroleum in die Keller und Souterrains und zünden diese angenehme
+Flüssigkeit mit einem kleinen Schwefelholz an. In wenigen Augenblicken
+werden alle diese Centren der Regierungsgewalt in Flammen stehen, alle
+diese Minister, Bureauchefs und Beamten werden fliehen. Das Ende der
+Fäden, welche in die Provinzen führen und dort die Regierungskräfte in
+Bewegung setzen, wird zerstört sein, und das Volk wird sich aus den
+Vorstädten heranwälzen, und bevor noch irgend Jemand weiß, was
+eigentlich vorgeht, wird Alles gethan sein, Paris wird uns gehören, und
+diese träge, unentschlossene Masse, welche man Volk nennt, wird hier wie
+im ganzen Lande unsern Befehlen folgen und durch unsere Organisation in
+Bewegung gesetzt werden. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, daß die
+Sache schnell und auf allen Punkten gleichzeitig ausgeführt wird.
+
+Das ist mein Vorschlag,“ sagte er, sich auf seinen Stuhl zurücklehnend
+und mit dem Stöckchen an seine Stiefel klopfend, „er ist einfach, leicht
+ausführbar und wirksam. Die Vorbereitungen sind getroffen. Wollt Ihr
+handeln, so handelt, wollt Ihr es nicht, so laßt es bleiben, dann aber
+werde ich mich zurückziehen, denn ich habe keine Lust mehr, meine Zeit
+mit Redensarten und zwecklosen Agitationen zu verschwenden.“
+
+„Der Plan ist großartig, vortrefflich! Dieser kleine Raoul Rigault hat
+wirklich eine Armee in seinem Kopf,“ rief Ulric de Fonvielle.
+
+„Die Sache ist allerdings gut ausgedacht,“ sagte Lermina, „und sie kann
+reussiren.“
+
+Varlin sagte nichts. Er saß tief nachdenkend da, doch zeigte der
+Ausdruck seines Gesichts, daß er den Plan Raouls billige und über dessen
+Ausführung nachsann.
+
+„Natürlich kann die Sache reussiren,“ sagte Raoul Rigault, „und sie muß
+reussiren, wenn sie nicht überaus dumm angegriffen wird, und daß dies
+nicht geschieht, dafür müßt Ihr sorgen. Ich habe nicht Lust,“ fügte er
+im affectirt hochmüthigen Ton hinzu, „mich um diese petites besognes zu
+kümmern. Ich habe Euch die Instrumente geschafft, ich habe Euch einen
+Menschen gestellt, welcher den ersten Schlag führen wird, an Euch ist
+es, die Stunde fest zu stellen und Eure alten Weiber und Kinder an die
+richtigen Orte zu führen, um aus diesen alten dumpfen Bureaus und
+Aktenhaufen ein lustiges, fröhliches Feuer aussteigen zu lassen. In drei
+Tagen könnt Ihr damit fertig sein. Jetzt laßt uns gehen, es könnte im
+Hause Aufsehen erregen, wenn wir noch länger hier bleiben.“
+
+Er stand auf, grüßte mit einer stutzerhaften Bewegung mit der Hand und
+ging hinaus.
+
+„Er hat uns in der That überflügelt,“ sagte Lermina, ihm finster
+nachblickend, — „ich liebe ihn nicht, diese ganze geckenhafte Art
+wichtige Dinge zu behandeln, mißfällt mir. Aber seine Ideen sind gut und
+seine Vorbereitungen vortrefflich. Wenn Ihr einverstanden seid, soll der
+Plan ausgeführt werden, er kann uns Jahre langer Agitationen überheben
+und mit einem Schlage an das Ziel unserer Wünsche führen, — und selbst,
+wenn der Plan mißlingen sollte, was ist dabei verloren — ein
+zerschmetterter Kaiser, einige ausgebrannte Steinhaufen, — weiter
+nichts,“ fügte er mit einem entsetzlichen Lächeln hinzu, welches seine
+steinernen und unbeweglichen Züge in furchtbarer Weise verzerrte.
+
+„Der Plan wird gelingen,“ rief Ulric de Fonvielle lebhaft, „die ganze
+Kraft der Regierung ist zertrümmert, sobald der Mittelpunkt zerstört
+ist, Frankreich und die Zukunft gehört uns.“
+
+Varlin stand auf.
+
+„Der Plan _kann_ gelingen,“ sagte er, „wenn Niemand außer uns etwas
+davon erfährt, keines der Werkzeuge, die wir benutzen werden, darf den
+ganzen Zusammenhang dessen, was geschehen soll, auch nur ahnen.“
+
+Er streckte seine Hand aus.
+
+„Schwören wir uns gegenseitig,“ sagte er, „bei unserm Hasse gegen die
+Ausbeuter der Arbeit Verschwiegenheit und Tod dem, der den Schwur
+bricht.“
+
+Lermina und Fonvielle legten ihre Hände in diejenige Varlins.
+
+„Wir schwören Verschwiegenheit,“ sprachen sie, „Tod dem, der diesen
+Schwur bricht.“
+
+Dann verschlossen sie sorgfältig alle Schubladen des großen Tisches, in
+welche sie vorher die von Raoul Rigault mitgebrachten Proben der
+Sprengbomben legten, verließen das als ein einfaches Versammlungslocal
+erscheinende Zimmer, ohne dessen Thür zu verschließen und gingen vor dem
+äußern Thor des Hauses nach verschiedenen Richtungen auseinander.
+
+Einige Augenblicke blieb der große dunkle Raum im tiefen Schweigen, dann
+ließ sich ein leises Geräusch vernehmen; — unter dem Tisch, an welchem
+die vier Verschwörer so eben gesessen hatten, drang ein Lichtstrahl
+hervor, eines der Bretter des Fußbodens erhob sich, aus der Öffnung
+stieg ein Mann mit einer kleinen Blendlaterne hervor. Er leuchtete mit
+dem hellen Strahl seiner Laterne nach allen Seiten in die Tiefe des
+Zimmers hinein, dann drückte er das erhobene Brett sorgfältig in seine
+alte Stelle zurück, scharrte etwas von dem auf dem Boden liegenden Staub
+in die Spalten, zog dann mehrere sauber gearbeitete Schlüsselhaken aus
+der Tasche und öffnete die Schublade des Tisches. Er nahm eine der
+Bomben und steckte sie in seine Tasche, dann zog er ein kleines
+Notizbuch hervor und schrieb beim Schein seiner Laterne einige Worte in
+dasselbe, indem er vor sich hinflüsterte.
+
+„Lepet, Gießer, — Beaury, Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig.“
+
+Dann ging er zur Thür, löschte seine Laterne aus, verließ leisen
+Schrittes den Hof und das Haus und begab sich ruhig, die damals so
+beliebte Melodie des Pompier de Nanterre vor sich hin pfeifend nach der
+Polizeipräfectur, wo er durch den Dienst thuenden Huissier sogleich in
+das Cabinet des Präfecten geführt wurde.
+
+
+
+
+Ende des zweiten Bandes.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgru� der Legionen, Zweiter
+Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRU� DER LEGIONEN, ***
+
+***** This file should be named 13658-0.txt or 13658-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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@@ -0,0 +1,7270 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen, Zweiter Band
+by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Todesgruß der Legionen, Zweiter Band
+
+Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+Release Date: October 6, 2004 [EBook #13658]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN, ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders.
+
+
+
+
+Der Todesgruß der Legionen
+
+
+
+Zeit-Roman
+
+von
+
+Gregor Samarow.
+
+
+
+Zweiter Band.
+
+
+
+
+Berlin, 1874.
+
+Druck und Verlag von Otto Janke.
+
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+
+An demselben Abend befanden sich in dem Gartensalon des Hotels in der
+Rue Mansart, welches der Regierungsrath Meding, der Vertreter des Königs
+von Hannover bewohnte, zwei Personen im ernsten Gespräch.
+
+Herr Meding saß in einem Lehnstuhl zur Seite des runden Tisches, über
+dessen Mitte vom Plafond eine große Lampe mit breitem, flachem
+Glasschirm herabhing,--ihm gegenüber lehnte in einer Chaiselongue,
+welche neben dem hellen Feuer eines jener altfranzösischen großen Kamine
+stand, der Graf von Chaudordy, der frühere Cabinetsrath unter Drouyn de
+L'huys, welcher jetzt als Minister plenipotentiaire zur Disposition
+gestellt war, sich aber stets im regen Verkehr mit der politischen Welt
+befand und eine neue Verwendung in der Diplomatie erwartete.
+
+"Ich bedauere," sagte der Graf, "daß aus dem Project, Ihren emigrirten
+Landsleuten eine Colonie in Algier zu gründen, Nichts werden soll. Man
+hat sich hier allgemein so lebhaft dafür interessirt, und den armen
+Leuten, welche nun doch einmal ihr Vaterland verloren haben, würde dort
+Gelegenheit geboten worden sein, sich eine neue Existenz und vielleicht
+einen werthvollen Besitz zu schaffen; wir aber hätten durch so fleißige
+und tüchtige Colonisten für die öconomische Verwaltung Algiers viel
+gewonnen."
+
+"Ich habe noch vor Kurzem," erwiderte Herr Meding, "mit dem Herrn Faré,
+dem Director im Ministerium der Finanzen, unter dem die algerische
+Verwaltung steht, und welcher lange Zeit die Civiladministration bei dem
+Marschall Mac Mahon geführt, ausführlich gesprochen--auch der Marschall
+selbst, mit dem ich darüber conferirte, war, obwohl er eigentlich der
+civilen Colonisation Algeriens nicht besonders günstig ist, doch bereit,
+Alles für meine Landsleute zu thun, wozu er auch vom Kaiser noch ganz
+besonders aufgefordert ist,--die Leute selbst wollen sehr gern nach
+Algerien, allein Seine Majestät hat dennoch das Project definitiv wieder
+aufgegeben."
+
+"Ich begreife nicht warum," erwiderte der Graf von Chaudordy, "wenn der
+König daran denkt, jemals wieder für sein Recht unter irgend welchen
+Constellationen zu kämpfen, so muß er sich doch vor Allem diejenigen
+Leute erhalten, welche im Stande sind, ihm den Kern einer Armee zu
+bilden, die er dann durch weitere Emigranten oder durch Werbungen
+ergänzen könnte."
+
+"Es scheint," erwiderte Herr Meding, "daß im Lande Hannover selbst sehr
+falsche Ideen über das Colonisationsproject verbreitet worden sind und
+daß der König in Rücksicht auf die allgemeine Abneigung, welche sich
+dort gegen dasselbe kund giebt, davon wieder Abstand genommen hat. Ich
+bedauere sehr," fuhr er fort, "daß man unter diesen Verhältnissen die
+Sache überhaupt angeregt hat. Ich komme hier dem Kaiser und der
+Regierung gegenüber in eine eigenthümliche Lage. Ich habe die
+Verhandlungen in Folge der vielfachen dringenden Depeschen des Grafen
+Platen so energisch als möglich betrieben und nun, nachdem alle
+Verhältnisse schon fast geordnet waren, wird die Sache wieder aufgegeben
+und zwar--wie Graf Platen angiebt--weil die Aufstellung einer
+hannöverschen Armee auf dem algerischen Territorium nicht thunlich sei.
+Ich verstehe eigentlich nicht, was man damit meint--doch gleichviel, die
+Sache ist aufgegeben, die Emigration wird aufgelöst werden und damit
+ist, wie ich glaube, die Sache des Königs und der Kampf für dieselbe
+auch zu Ende. Denn wenn einmal Diejenigen, welche in jahrelangem Exil
+dem König treu geblieben sind, in alle Welt zerstreut werden, so wird
+das Volk in Hannover den Eindruck gewinnen, daß nunmehr der König die
+neue Ordnung der Dinge anerkannt habe."
+
+"Es wäre vielleicht das Beste," erwiderte der Graf von Chaudordy, "wenn
+der König dies einfach thäte, sich in den Besitz seines großen Vermögens
+brächte und sich nach England zurückzöge, wo er ja immer eine große und
+ehrenvolle Stellung behält. Ich habe Ihnen schon früher gesagt," fuhr er
+fort, "daß ich wenig Chancen für den König zu sehen vermöchte, wenn es
+ihm nicht gelingen könnte, in Deutschland selbst sich eine große und
+mächtige Partei zu schaffen, welche in einem gegebenen Augenblick im
+Stande wäre, eine ernste und nachdrückliche Bewegung für ihn zu
+organisiren. Von Seiten der Cabinette wird Nichts für ihn geschehen; er
+hätte sich müssen eine Stellung schaffen, daß im Fall einer großen
+Katastrophe die Regierungen gezwungen gewesen wären, mit ihm zu
+rechnen."
+
+"Das ist aber Alles leider nicht geschehen," sagte Herr Meding, "alle
+Anläufe, die dazu genommen wurden, sind eben Anläufe geblieben und wie
+das leider so oft an depossedirten Höfen der Fall ist, die ganze
+Thätigkeit hat sich in kleine und kleinliche Intriguen ausgelöst. Ich
+bin hier schon lange in einer mehr als peinlichen Situation, um so mehr
+als Graf Platen--wie Sie ja wissen, den Grafen Breda hierher geschickt
+hat, welcher als geheimer Agent des Königs figurirt, obwohl Seine
+Majestät mir persönlich versichert hat, ihn gar nicht zu kennen, und
+dessen eigenthümliche Thätigkeit die Sache des Königs mehr und mehr
+discreditirt. Ich würde für meine Person nicht unzufrieden sein, wenn
+diese ganze Unruhe ein Ende nehme und wenn nur für das ganze Welfenhaus
+eine sichere und würdige Zukunft geschaffen werden könnte. Doch müßte
+man sich in Hietzing klar werden, was man will--Eins oder das Andere,
+entweder den Frieden oder einen so festen und energischen Krieg, daß man
+gefürchtet bleibt und im gegebenen Augenblick die Macht des Handelns
+behält. Es scheint aber, daß überall in der Welt heute der Entschluß und
+die Thatkraft verschwindet. Denn ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß
+ich auch hier bei Ihnen nicht mehr verstehen kann, wo man denn
+eigentlich hinaus will und was man beabsichtigt."
+
+Der Graf Chaudordy seufzte.
+
+"In der That," sagte er, "häuft man hier Fehler auf Fehler. Ich
+fürchte, daß sich das eines Tages bitter rächen wird; ich bin mit Herz
+und Seele Franzose und bin dem Kaiser und dem Kaiserreich aufrichtig
+ergeben, aber für die Dynastie sehe ich in der Art und Weise, wie man
+hier die Geschäfte behandelt, wenig erfreuliche Aussichten für die
+Zukunft. Unsere Fehler beginnen von 1866; nachdem sich der Kaiser damals
+zu keinem Entschluß aufraffen konnte, mußte er dahin gedrängt werden,
+größere Freiheiten zu geben. Er hat sich auch dazu nur langsam und fast
+zu spät entschließen können, und da er diesen Entschluß so lange
+hinausgeschoben hat, so wird er nun gezwungen werden endlich den Krieg
+zu machen, welcher der größte Fehler sein wird."
+
+"Sie hätten also gewollt," fragte Herr Meding, "daß der Kaiser im Jahre
+1866 entschieden für Oesterreich hätte Partei nehmen sollen?"
+
+Der Graf Chaudordy blickte ihn groß an.
+
+"Nein," sagte er, "nicht für Oesterreich; ich habe Herrn von Bismarck
+immer für sehr stark gehalten, ich habe Preußens Ueberlegenheit über
+Oesterreich nie bezweifelt und Oesterreichs Niederlage vorher gesehen.
+Nach meiner Ueberlegung hätte der Kaiser damals--und zwar vor dem
+Kriege--eine feste und entschiedene Alliance mit Preußen machen müssen,
+um aus derselben alle die Vortheile für Frankreich zu ziehen, welche das
+siegreiche Preußen ihm nach dem Kriege nicht mehr gewährte. Auch heute
+noch wäre es das einzig Richtige, um jeden Preis eine aufrichtige
+Verständigung mit Preußen zu suchen--das ist die einzige Macht, mit
+welcher wir eine nützliche und starke Alliance schließen können, und
+wenn wir diese Alliance nicht schließen, so werden wir ihr und zwar in
+kurzer Zeit in einem furchtbaren und gewaltigen Krieg isolirt
+entgegentreten müssen."
+
+"Man rechnet aber doch," warf Herr Meding ein, "sehr erheblich auf
+Oesterreich und Italien--Sie kennen gewiß die Negotiationen, welche in
+diesem Augenblick im Gange sind, um einen Coalitionsvertrag mit den
+beiden Mächten zu schließen. Wie man mir erzählt, soll die Sache sehr
+weit gediehen sein und man verspricht sich hier sehr viel davon."
+
+"Das wird Alles zu Nichts führen," sagte der Graf von Chaudordy. "Auch
+in dieser Richtung hin hat man einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt,
+in Herrn von Beust, an dessen Erhebung zum Minister in Oesterreich der
+Kaiser großen Antheil hat, einen entschiedenen Alliirten zu finden,--man
+hat sich getäuscht und hätte dies sogleich erkennen sollen, als die
+neue österreichische Regierung statt ihre ganze Kraft militairischen
+Rüstungen zu widmen, sich mit Verfassungsfragen zu beschäftigen begann.
+Wie ist es denn möglich, sich jetzt auf dieses Oesterreich zu stützen,
+welches keine Armee und kein Geld hat und uns im entscheidenden
+Augenblick um so mehr im Stich lassen wird, als die entscheidende
+Leitung der dortigen Politik täglich mehr in die Hände Ungarns übergeht.
+
+"Der Kaiser erkennt das Alles sehr gut," fuhr er fort, "aber er ist
+nicht mehr der er war und zwischen den verschiedensten, heterogensten
+Entschlüssen hin- und herschwankend wird er endlich dahin gedrängt
+werden, gänzlich isolirt und ohne alle Alliancen den Krieg zu machen,
+der kaum mit einem entscheidenden Siege für Frankreich enden wird, und
+der uns leicht in eine unendliche innere Verwirrung stürzen kann, auch
+giebt man alle Gründe, um vernünftiger Weise dort den Krieg
+vorzubereiten, aus der Hand. Man hat den Prager Frieden so lange
+verletzen lassen, daß es fast lächerlich sein würde, heute noch
+kategorisch dessen Erfüllung zu fordern. Jetzt läßt man die Bewegungen
+in Baden und Süddeutschland wieder ohne Beachtung und Unterstützung,--es
+wäre so leicht--und man hat uns darüber Mittheilungen gemacht, eine
+Volksbewegung in Baden gegen den von der dortigen Regierung
+projectirten Anschluß an Preußen zu erregen und dadurch die deutsche
+Frage von Neuem zum Gegenstand der Aufmerksamkeit Europas zu machen.
+Dann hätte Frankreich einen Interventionsgrund und eine ganz
+vortreffliche Stellung der deutschen Nation gegenüber--läßt man die
+Ereignisse weiter gehen, läßt man den Widerstand der süddeutschen
+Volkspartei brechen oder ermatten, dann wird man sich demnächst nicht
+mehr Preußen, sondern dem ganzen Deutschland gegenüber befinden, und das
+wird für uns die schlimmste und gefährlichste Position sein, in der wir
+uns befinden können. Es ist in der That ein Glück," sagte er lächelnd,
+"in diesem Augenblick von der Politik fern zu sein."
+
+"Aber glauben Sie nicht," sagte Herr Meding, "daß Drouyn de L'huys, dem
+ja der Kaiser schon mehrfach das Portefeuille angeboten hat, doch
+endlich die Leitung der Angelegenheiten wieder übernehmen und größere
+Festigkeit und Klarheit in die französische Politik bringen werde?"
+
+Der Graf von Chaudordy schüttelte den Kopf.
+
+"Ich glaube nicht," sagte er, "daß Drouyn de L'huys sich jemals mit dem
+Kaiser definitiv verständigen wird. Drouyn de L'huys will den Frieden
+und der Kaiser kann sich nicht entschließen, weder ernsthaft den
+Frieden zu begründen, noch ernsthaft den Krieg zu machen--er läßt sich
+treiben und wird in den Krieg hineingedrängt werden, ohne es selbst zu
+wollen. Für Ihren König und dessen Sache wird es jedenfalls das Beste
+sein, wenn er einer solchen unklaren, verworrenen Katastrophe fern
+bleibt, um so mehr, wenn er selbst sich nicht zu klaren Entschlüssen
+erheben kann."
+
+Der Kammerdiener öffnete die Thür.
+
+Herr von Düring, Herr von Tschirschnitz und die übrigen hannöverschen
+Officiere traten ein. Nach und nach kamen noch andere Herren, auch Herr
+Hansen erschien.
+
+Das Gespräch wurde allgemein; man unterhielt sich über die
+Tagesereignisse.
+
+"Wissen Sie, meine Herren," sagte Herr Hansen, "daß der Proceß des
+Prinzen Pierre Bonaparte beginnen wird? Wie ich höre, sind alle Juristen
+der Ansicht, daß der Prinz freigesprochen werden muß."
+
+"Ich wüßte kaum," sagte der Graf von Chaudordy, "wie man ihn
+verurtheilen wollte. Wenn Jemand in seinem eigenen Zimmer insultirt und
+angegriffen wird--und Herr Fonvielle hat ja einen geladenen Revolver bei
+sich gehabt--so steht ihm doch unzweifelhaft das Recht zu, sich zu
+vertheidigen. Ich liebe den Prinzen Peter nicht, er ist eine unruhige,
+unberechenbare Natur und sein ganzes Leben, wie seine Person erregt
+wenig Sympathie, aber in dieser Sache kann man ihm keinen Vorwurf
+machen--doch ist das Alles sehr unangenehm für die Regierung--es ist,
+als ob Alles zusammenkäme, um die Stellung des Kaisers zu erschweren.
+Solche Processe mit oder ohne Schuld der Regierenden finden sich in der
+Geschichte immer vor großen Katastrophen."
+
+"Der arme Victor Noir thut mir leid," sagte Herr Meding, "ich habe ihn
+gekannt, er war Redacteur an der 'Situation' und Herr Grenier hat ihn
+mir zuweilen geschickt, um mir Mittheilungen zu machen. Ich habe immer
+eine Sympathie für ihn gehabt, er war eine gute kindliche Natur von
+harmloser Naivetät, man hat ihn zu dieser Demonstration gemißbraucht,
+und er ist das Opfer derselben geworden. Wie sieht es bei Ihnen aus,"
+fragte er, sich an einen jungen eleganten Herrn mit blassem Gesicht,
+schwarzem Haar und zierlichem kleinem Schnurrbart wendend, welcher so
+eben eingetreten war, "haben Sie bald einen König gefunden, oder glauben
+Sie es auf die Dauer mit der Republik versuchen zu können?"
+
+"Spanien erträgt dauernd kaum eine Republik," erwiderte Herr Angel de
+Miranda, der frühere Kammerherr der Königin Isabella, welcher
+gegenwärtig in Paris lebte und dort eine, zwar private, aber eifrige
+Thätigkeit für die provisorische Regierung Spaniens entwickelte. "Es hat
+viel dazu gehört, um die alte Monarchie zu zerstören, wir werden aber,"
+fuhr er mit geheimnißvoller Miene fort, "wie ich glaube, in nicht langer
+Zeit einen König finden und damit wird diese Revolution endlich zum
+Abschluß gelangen."
+
+"Ich wünsche Ihnen das von Herzen," sagte Graf Chaudordy. "Für das ganze
+westliche Europa sind diese unsichern Zustände in Spanien vom
+schädlichsten Einfluß. Sie müssen übrigens," sagte er lächelnd, "eine
+kleine Neugier verzeihen, es interessirt mich in hohem Grade, wohin Sie
+die Blicke wohl gewendet haben könnten, um einen Herrscher für Ihr Land
+zu finden,--Sie haben da den Herzog von Montpensier, Sie haben den
+Prinzen von Asturien, Sie haben den Grafen von Montemolin, und wer weiß,
+ob nicht vielleicht der Marschall Prim, der schon einmal von einem
+kaiserlichen Diadem von Mexiko träumte, auch jetzt wieder daran denkt,
+die Gewalt fest zu halten, welche er ja durch die Armee bereits
+vorzugsweise sich zu eigen gemacht hat."
+
+Angel de Miranda zuckte die Achseln.
+
+"Ich glaube kaum, daß Prim ähnliche Gedanken hegen könnte, er ist klug
+und weiß sehr gut, daß, wenn er vielleicht eine Zeit lang Dictator sein
+könnte, er doch niemals und zwar weder von der spanischen Grandezza,
+noch vom Volk als König acceptirt werden könnte. Ich glaube viel eher,
+daß er eine Zeit daran gedacht hat und vielleicht auch noch ein wenig
+daran denkt, den Prinzen von Asturien möglich zu machen, um dann an der
+Spitze einer Regentschaft als Majordomus die Macht in Händen zu
+behalten. Doch das Alles ist unpractisch, wir können in Spanien keinen
+König von den verschiedenen Bourbonenlinien gebrauchen, die Anhänger des
+Einen würden sich niemals den Anhängern des Andern unterwerfen wollen,
+das würde zu ewigen Bewegungen und Unruhen führen. Die einzige
+Möglichkeit dauernden innern Friedens liegt darin, einen fremden Fürsten
+zu finden, der dem Volk sympathisch ist--"
+
+"Und der vielleicht," fiel Herr Meding lächelnd ein, "irgend wie mit dem
+iberischen Einheitsgedanken in Verbindung stünde."
+
+Betroffen blickte Angel de Miranda auf.
+
+"Dieser Gedanke," erwiderte er nach einem kurzen Stillschweigen, "ist
+heute wohl noch nicht reif. Doch liegt allerdings in ihm nach meiner
+Ueberzeugung die Zukunft der pyrenäischen Halbinsel."
+
+Er trat zu einer andern Gruppe--nach einiger Zeit zog sich der Graf
+Chaudordy zurück, und nach einer Stunde leerte sich der Salon von den
+Besuchenden--nur die hannöverschen Officiere blieben zurück.
+
+"Nun, meine Herren," fragte der Regierungsrath Meding, "haben Sie
+Nachrichten, wie Ihre Vorstellungen in Hietzing aufgenommen worden sind,
+und haben Sie irgend welche Beschlüsse gefaßt über die Schritte, welche
+Sie demnächst thun wollen?"
+
+"Wir haben noch Nichts von Hietzing gehört," erwiderte Herr von
+Tschirschnitz. "Ich kann nicht zweifeln," fuhr er fort, "daß der König
+unsere Vorstellung ernstlich erwägen und berücksichtigen werde. Ich
+wenigstens bin fest entschlossen, bis auf den letzten Augenblick Alles
+aufzubieten, um das Schicksal der armen Emigrirten zu erleichtern und
+sie von völliger Isolirung im fremden Lande zu retten. Ich verstehe auch
+durchaus nicht, wie es möglich sein sollte, uns das zu verbieten. Die
+Mißverständnisse, welche da vorliegen, müssen sich ja aufklären."
+
+"Man muß es hoffen," erwiderte der Regierungsrath Meding, "doch bin ich
+dessen nicht ganz gewiß, denn seit einiger Zeit scheinen sich um den
+König her lauter Mißverständnisse zu lagern. Sie erinnern sich, daß
+Herr von Münchhausen bei der Conferenz über das algerische
+Colonisationsproject, zu welcher er hierher gesendet wurde,
+Instructionen bei sich führte, welche, wie er sich selbst überzeugte,
+denjenigen, die mir ertheilt waren, vollständig widersprachen."
+
+Rasch wurde die Thür geöffnet, der Lieutenant von Mengersen, ein großer,
+schlanker, junger Mann und der Lieutenant Heyse, eine ernste ruhige
+Erscheinung, traten ein.
+
+"Nun," rief Herr von Düring lebhaft, "Ihr seid wieder zurück? Was bringt
+Ihr? Hat sich Alles aufgeklärt?"
+
+"Nichts hat sich aufgeklärt," erwiderte Herr von Mengersen mit zornig
+bewegter Stimme, "der König hat uns gar nicht angenommen und uns den
+Befehl geschickt, auf der Stelle wieder zurückzureisen."
+
+"Unglaublich," rief Herr von Düring.
+
+"Aber wahr," rief der Lieutenant Heyse im traurigen Ton, "es scheint,
+daß man eine vollständige chinesische Mauer um den König gezogen hat und
+daß Nichts, was von uns kommt, zu ihm dringen kann. Dagegen hat er den
+Feldwebel Stürmann gehört."
+
+"Den Feldwebel Stürmann," rief Herr von Tschirschnitz, "und uns, seinen
+Officieren, verweigert er das Gehör! Das ist doch ein Affront für uns
+Alle, wie er stärker und kränkender nicht gedacht werden kann."
+
+"Graf Platen ist am Tage vorher," sagte Herr von Mengersen, "bei
+Stürmann in seinem Gasthause in der Stadt gewesen und hat sehr lange mit
+ihm gesprochen, am andern Tage ist er dann nach Hietzing zum König
+gebracht worden."
+
+"Und habt Ihr nicht gehört, was nun weiter geschehen soll," sagte Herr
+von Düring.
+
+"Mit uns zu gleicher Zeit," sagte der Lieutenant Heyse, "ist der Major
+von Adelebsen hierher abgereist, um das Commando zu übernehmen und die
+Legion aufzulösen. Es kommt nun darauf an, daß wir uns entschließen, was
+wir thun wollen für uns und für die Leute, denn auf Gehör beim König
+haben wir nicht mehr zu rechnen."
+
+"Wir müssen uns fest verbinden," rief Herr von Tschirschnitz, "um Alles
+aufzubieten, damit die armen Emigranten noch einen Anhaltspunkt erhalten
+und nicht vereinsamt ihrem Schicksal überlassen bleiben. Ich hoffe, Sie
+werden uns darin unterstützen," sprach er zu dem Regierungsrath Meding
+gewendet.
+
+"Ich bedauere auf das Tiefste die Wendung, welche diese Sache genommen,"
+erwiderte dieser, "und die Unmöglichkeit mit irgend welchen
+Vorstellungen bis an Seine Majestät zu dringen,--ich bin aber hier als
+Vertreter des Königs und muß, so lange ich auf meinem Posten bin, jeden
+Befehl, den Seine Majestät mir ertheilen wird, ausführen; und ich rathe
+auch Ihnen, meine Herren, dringend, keinen Widerstand gegen die
+Ausführung der Befehle Seiner Majestät zu leisten, doch können Sie auf
+das Festeste auf meine Unterstützung dafür rechnen, daß den Emigranten
+nach Auflösung des Verbandes die Möglichkeit geboten werde, sich zu
+gegenseitiger Unterstützung zu vereinen und Unterkommen und Arbeit zu
+finden. Ich habe bereits in dieser Beziehung mit verschiedenen
+einflußreichen Personen Rücksprache genommen und mich ihrer Geneigtheit
+versichert, zu einem Comité de Patronage für die Emigrirten zusammen zu
+treten. Der Baron Thénard, welcher großen Einfluß in den Kreisen der
+Grundbesitzer hat und selbst ausgedehnte Güter besitzt, hat mir bereits
+zugesagt, mit in dieses Comité einzutreten, ebenso Herr Bocher, welcher
+in industriellen Kreisen viel Gelegenheit hat, den Emigrirten Arbeit zu
+schaffen. Ich habe bei der Wahl der Personen wesentlich darauf Rücksicht
+genommen, daß die ganze Sache gar keinen politischen Charakter habe, daß
+sie eine reine Wohlthätigkeitsangelenheit sei und denke nun noch einige
+Damen als Patronesses hinzuzuziehen. Ich zweifle nicht, daß wir dann
+binnen Kurzem für alle unsere Landsleute vollkommen ausreichende
+Beschäftigung haben werden. Auch für Diejenigen, welche etwa krank und
+arbeitsunfähig werden, wird sich dann eine reichliche Unterstützung
+ermöglichen lassen, wenn man einen Verband herstellt, in welchem Jeder
+seine Beiträge in eine Krankenkasse zahlt, für welche außerdem von allen
+Seiten reichliche Hülfsquellen sich öffnen werden. Lassen Sie also den
+Muth nicht sinken, wir werden ganz gewiß gut für die Leute zu sorgen im
+Stande sein. Sie, mein lieber Düring, und Sie, Herr von Tschirschnitz
+müssen dann mit mir in das Comité de Patronage eintreten und die innere
+Organisation des Hülfsverbandes der Emigranten übernehmen."
+
+"Das ist eine vortreffliche Idee," rief Herr von Düring, "ich habe
+früher schon etwas Aehnliches überdacht und dazu einen Organisationsplan
+ausgearbeitet, den ich seiner Zeit auch dem König eingeschickt habe, den
+er aber wohl nicht beachtet zu haben scheint--"
+
+"Ich habe bereits dem Könige," sagte der Regierungsrath Meding, "von
+diesem Plan und den für die Bildung des Comité de Patronage gethanen
+Schritten Mittheilung gemacht. Durch dies Comité könnte dann auch für
+Diejenigen, welche so gern nach Algier gehen wollen, ohne daß der König
+irgendwie dabei betheiligt ist, dort eine vortheilhafte Niederlassung
+vermittelt werden; damit würde der Wunsch der Leute erfüllt und zugleich
+jede Betheiligung des Königs dabei ausgeschlossen, welche Seiner
+Majestät wegen der Stimmung in Hannover unerwünscht ist. Ich bitte Sie
+also nochmals, meine Herren, legen Sie den Schritten des Herrn von
+Adelebsen zur Auflösung der Legion keine Schwierigkeiten in den Weg.
+Lassen Sie diesen Herrn ruhig ausführen, was ihm vom Könige oder von wem
+es sonst sei, aufgetragen ist, und helfen Sie mir dafür sorgen, daß
+unsere Landsleute, nachdem sie aus dem Verbande geschieden sind, einen
+Mittelpunkt finden, der ihnen Schutz und Beistand gewährt."
+
+"Aber wie der König mit uns umgeht," rief Herr von Tschirschnitz, "so
+hätte er ja zur Zeit des Bestandes des Königreichs Hannover mit keinem
+Officier umzugehen das Recht gehabt. Mindestens hätten wir doch Gehör
+erlangen müssen,--dies ist ja geradezu asiatischer Despotismus."
+
+"Meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding, "einem unglücklichen
+Fürsten gegenüber ist die Pflicht des Gehorsams doppelt stark, und
+vergessen Sie vor Allem nicht, daß wir Alle Vertreter einer Sache sind,
+welche den Blicken der ganzen Welt ausgesetzt ist. Wir haben für diese
+Sache gefochten nach allen Kräften,--man kann uns vorwerfen, daß es
+thöricht und unvernünftig gewesen sei, aber wenigstens haben wir für die
+Sache gethan, was überhaupt zu thun war. Wenn diese Sache zu Ende sein
+soll," fügte er noch ernster hinzu, "und ich glaube, daß sie zu Ende
+ist, so lassen Sie uns ihr den letzten Dienst erweisen, lassen wir sie
+mit Ehren untergehen, ohne daß wir der Welt das Schauspiel der inneren
+Zerrüttung und der Fäulniß, welche sie angefressen hat, und an welcher
+wir wenigstens keinen Theil haben, geben. Wir werden vielleicht in der
+Lage sein, unsere und der Emigranten Rechte scharf und nachdrücklich zu
+vertheidigen, aber so lange es möglich ist, darf auch in dieser
+Vertheidigung Nichts gegen den König unternommen werden, auf dem die
+Hand des Schicksals schwer genug ruht, und der stets auf unsere
+Ehrfurcht Anspruch haben wird. Und sollten wir je zu den äußersten
+Grenzen der Vertheidigung gedrängt werden, so müssen wir wenigstens vor
+der ganzen Welt beweisen können, daß wir dazu unwiderstehlich gezwungen
+worden sind."
+
+"Aber man greift unsere Ehre an," rief Herr von Mengersen, "unserer
+Aller Ehre, denn was in Hietzing über uns gesprochen wird, davon hat man
+gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die
+unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo
+möglich in den welfischen Zeitungen Artikel über uns lesen."
+
+"Seien Sie ganz ruhig, meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding,
+"wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen würde, unsere Ehre
+anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Rücksichten bei
+Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene
+werden dem König gegenüber zu verantworten haben, was dann geschehen
+wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurück zu
+halten, der den König verletzen könnte."
+
+"Jedenfalls," rief Herr von Düring, "werde ich meine Magazinbestände dem
+Herrn von Adelebsen nicht überliefern, ohne eine vollgültige Decharge
+vom Könige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man
+mir noch immer nicht gegeben hat."
+
+Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig,
+mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fünfzig Jahren von
+auffallender Häßlichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer
+vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schädel in das Zimmer.
+Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Höflichkeit nach allen
+Seiten, näherte sich dann in beinahe demüthiger, unterwürfiger Haltung
+dem Regierungsrath Meding und überreichte ihm ein großes, versiegeltes
+Schreiben.
+
+"Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist," sagte er.
+
+Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher
+langsam das Schreiben öffnete und den Inhalt durchlas.
+
+"Der Major von Adelebsen ist angekommen," sagte der Legationskanzlist
+Hattensauer, während Herr Meding las, "er hat diese Depesche mitgebracht
+und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen."
+
+Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende
+gelesen, zusammen; ein trauriges Lächeln spielte um seinen Mund.
+
+"Nun," rief Herr von Düring, "haben Sie irgend welches Licht in der
+Sache erhalten?"
+
+"Der König," erwiderte der Regierungsrath Meding, "findet meine
+Bemühungen für die Herstellung eines Comité de Patronage, da dasselbe
+auch für eine Colonie in Algerien wirken könne, nicht vereinbar mit
+seinen Beschlüssen, nach welchen er aus militairischen Gründen die
+Gründung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb,
+aus dem Comité auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz
+zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist
+übrigens," fuhr er fort, "abermals eine Antwort auf etwas durchaus
+Anderes, als ich geschrieben und außerdem von einer beinah unglaublichen
+Stylisirung und Logik."
+
+"Unerhört!" riefen die Officiere.
+
+"Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?" fragte Herr von Düring.
+
+"Ganz gewiß," erwiderte der Regierungsrath Meding, "ich stehe noch im
+Dienste des Königs und muß seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, daß sie
+mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin
+Nichts ändern, die Verantwortung für ihr Schicksal trifft mich nicht."
+
+"Ich habe auch noch Briefe für Herrn von Düring und für Herrn von
+Tschirschnitz," sagte Hattensauer, indem er sich demüthig gebeugt den
+beiden Herren näherte und jedem ein Schreiben übergab, welches dieselben
+schnell öffneten und durchflogen.
+
+"Ich bin nach Bern verbannt," sagte Herr von Düring.
+
+"Und ich nach Basel!" rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. "Die
+Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing für die
+Gebieter der Welt zu halten."
+
+"Haben Sie Nichts für mich?" rief Herr von Mengersen, zu Herrn
+Hattensauer sich wendend, "vielleicht hat man mich nach Sibirien
+verbannt."
+
+"Nun, meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding, "so müssen wir
+denn die Hannoveraner ihrem Schicksal überlassen, ich werde noch das
+Möglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen.
+Jedenfalls haben wir für sie gethan, was in unsern Kräften stand. Und
+nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir können
+sagen: 'Finita la commedia'. Morgen wollen wir überlegen, was weiter zu
+thun ist, und," sagte er lächelnd zu Herrn von Düring und Herrn von
+Tschirschnitz, "unsere Reisevorbereitungen treffen."
+
+
+
+
+Zweites Capitel
+
+
+Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des
+Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet.
+
+Der Graf saß in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurückgelehnt,
+die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im
+Militairüberrock,--die Züge seines Gesichts waren stärker geworden und
+drückten noch mehr als früher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das
+Haar an seinen Schläfen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und
+mehr weiß gefärbt, ohne daß dadurch sein Gesicht älter erschien,--der
+frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und
+drohend, bald tief und gemüthvoll blickten, gab seiner ganzen
+Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit.
+
+Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand,
+der Legationsrath Bucher.
+
+Sein kränkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden
+kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf
+vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck
+gegenüber fast winzig erschien,--seine etwas gebückte Haltung,--das
+Alles gab der Erscheinung dieses merkwürdigen Mannes, der früher seiner
+politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das
+Vertrauen des großen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten
+gewußt hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus
+eines Bureaukraten und eines Professors.
+
+"Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen," fragte der Graf--'l'oeuvre
+de Monsieur de Bismarck'--es wird in Paris viel besprochen--"
+
+"Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen," bemerkte
+der Legationsrath, "es enthält viel Interessantes und manche sehr
+bemerkenswerthe Zeugnisse über das, was Herr Vilbort während des Krieges
+von 1866 selbst gesehen und erlebt hat.--Ob freilich Alles das wahr ist,
+was Vilbort über die Aeußerungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm
+selbst gegenüber gemacht haben, das müssen Sie selbst besser beurteilen
+können, als ich--"
+
+"Im Allgemeinen," sagte Graf Bismarck, "so weit ich das Buch zu
+durchblättern Zeit gefunden habe,--giebt er meine Aeußerungen richtig
+wieder,--und das ist schon sehr viel.--So oft man mit einem Journalisten
+spricht, muß man sich gefallen lassen, daß er Alles, was man gesagt oder
+nicht gesagt hat, wiedererzählt, wie er es aufgefaßt hat,--oder wie er
+es aufgefaßt zu sehen wünscht,--das hindert mich übrigens nicht," fuhr
+er fort, "mich ganz freimüthig und offen gegen diese Herren
+auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen;--ich
+halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem
+Berge,--die ängstliche Geheimnißkrämerei der alten Diplomatie hat keinen
+Sinn mehr in unserer Zeit,--freilich muß ich dann auch die öffentliche
+Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und,--Gott sei
+Dank,--dafür habe ich ganz gesunde Nerven."
+
+"Herr Vilbort," sagte der Legationsrath Bucher, "scheint mir durch die
+Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenüber ausgesprochen
+haben, etwas eitel geworden zu sein;--er hält sich für einen
+Geschichtschreiber,--und das ist er in der That nicht,--auch geht durch
+sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern über den Krieg, der
+doch, da die Conflicte einmal unlösbar geworden, eine Nothwendigkeit
+war."
+
+"Diese Richtung des Buches," fiel Graf Bismarck ein, "das jedenfalls in
+Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten
+unangenehm,--die Franzosen können in der That eine Warnung vor den
+traurigen Folgen eines großen Krieges brauchen,--es scheint, daß dort
+wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und daß man die Geister für einen
+Krieg vorbereitet, für den Fall, daß man der inneren Schwierigkeiten
+nicht Herr werden sollte."
+
+"Glauben Eure Excellenz wirklich," fragte der Legationsrath, "daß man in
+Paris ernstlich an einen Krieg denken könnte,--gerade jetzt in dem
+Augenblicke, in welchem die Zügel des persönlichen Regiments gelockert
+sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens,
+Minister geworden ist?"
+
+"Die Berichte aus Paris," sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken,
+"sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung,--ich glaube
+auch, daß der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden
+sehnt,--schon um persönlich Ruhe zu haben,--aber Alles," fuhr er fort,
+"was dort geschieht, kann zu irgend einem plötzlichen Ausbruch führen,
+auf den wir heute mehr als je gefaßt sein müssen.
+
+"Sehen Sie," sprach er nach kurzem Nachdenken, während er die Augen
+sinnend emporschlug, "dieser unglückliche Pistolenschuß, der Victor Noir
+tödtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung
+Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles
+bricht über das Kaiserreich herein,--das ist ein furchtbares
+Verhängniß,--und das constitutionelle Regiment kann die immer höher
+aufwallenden Wogen nicht beschwören. Die Coterie des Krieges, welche
+durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder
+herstellen will, gewinnt an Boden,--der Kaiser ist schwach,--wird man
+ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeußerste zu wagen, um den
+festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm täglich mehr unter den Füßen
+verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwäche, denn die
+Schwäche ist tollkühner als die Kraft.
+
+"Für uns," fuhr der Graf fort, "ist der Krieg um so weniger zu fürchten,
+je mehr die innere Kraft Frankreichs täglich zersetzt wird,--aber der
+arme Kaiser thut mir leid,--es ist doch eine groß angelegte und im
+Grunde gute Natur,--und für Europa ist das Kaiserreich eine
+Wohlthat,--denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gährenden Elemente
+in Frankreich wieder entfesselt würden!
+
+"Man hat mir da," fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem
+Schreibtisch nahm, "einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in
+welchem dieser thätige Agent der Internationale und Secretair von Carl
+Marx in London dem Comité in Genf auseinandersetzt, daß die Zeit
+gekommen sei, in welcher der action sécrète et souterraine die
+allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen müsse.
+Merkwürdigerweise," sagte er, einen Blick in das Schriftstück werfend,
+"will Dupont den Ausgangspunkt dieser großen Revolution nach England
+verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei."
+
+"England sei das einzige Land," fuhr er fort, "in welchem eine wirkliche
+socialistische Revolution gemacht werden könnte, das englische Volk aber
+könne diese Revolution nicht machen, Fremde müßten sie ihm machen und
+der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland."
+
+Der Legationsrath Bucher lächelte. "Das sind Träumereien," sagte er,
+"wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen
+Resultaten zu führen."
+
+"Die Ideen dieses Dupont sind Träumereien,--das ist ganz richtig," fiel
+Graf Bismarck ein,--"aber in Frankreich ist die Sache ernster,--dort
+haben die gemäßigten Mitglieder der Internationale vollständig die
+Führung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die
+Arbeiterbevölkerung,--bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune
+proclamirt werden.--Das Alles gährt um den Kaiser herauf und kann ihn
+eines Tages dazu drängen, einen Verzweiflungscoup zu machen;--wir müssen
+von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefaßt sein."
+
+"Die Elemente der Gährung," sagte der Legationsrath, "von denen Eure
+Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern
+erfüllen die ganze Welt,--auch unter den deutschen Arbeitern macht die
+Internationale Fortschritte,--ich glaube, daß die Regierungen zu dieser
+Frage Stellung nehmen müssen."
+
+"Das sagt mir auch Wagner," rief Graf Bismarck,--"aber welche Stellung
+soll man dazu nehmen?--Die alten Parteibildungen beginnen sich zu
+zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den
+neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten,--und
+gerade dieser socialen Frage gegenüber müßte doch die Regierung sich auf
+eine im Volke selbst wurzelnde Partei stützen.--Das wäre eine Aufgabe
+für die Conservativen," sagte er sinnend,--"aber leider verlieren gerade
+diese sich immer mehr in unmögliche und unpraktische Theorien."
+
+"Nun," fuhr er fort,--"wir müssen darüber nachdenken,--jetzt will ich
+ein wenig hören, was die auswärtige Politik macht."
+
+Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und
+dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurück.
+
+"Ist Jemand im Vorzimmer?" fragte Graf Bismarck den Kammerdiener,
+welcher auf seinen starken Glockenzug erschien.
+
+"Der englische Botschafter, Excellenz."
+
+"Ich lasse bitten."
+
+Der Minister-Präsident erhob sich und machte einige Schritte nach der
+Thür, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestät
+der Königin Victoria am preußischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde,
+in das Cabinet trat.
+
+Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen
+Gesichtszügen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Würde
+und Zurückhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des
+Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preußischen
+Minister-Präsidenten gegenüber vor den großen Schreibtisch in der Mitte
+des geräumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen
+gleichgültigen Begrüßungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach
+einem kurzen Räuspern:
+
+"Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestät darauf
+bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle
+Ursachen des Mißtrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem
+Frieden Europas gefährlich werden könnten."
+
+Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine große
+Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte
+er im höflichsten Ton einer gleichgültigen Conversation:
+
+"Die Regierung Ihrer Majestät ist in diesem Bestreben vollkommen von
+denselben Wünschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl,
+wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue
+mich, von Neuem zu constatiren, daß gerade durch diese allseitigen
+Wünsche die beste Garantie für die Erhaltung des europäischen Friedens
+gewährt wird."
+
+Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt.
+
+"Die guten Wünsche aller europäischen Regierungen," sagte er, "sind
+gewiß eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen," fuhr er
+ein wenig zögernd fort, "um eine wirklich praktische und vor allen
+Dingen dauernde Basis für die internationale Ruhe und Stabilität zu
+schaffen, wird es vor Allem noch nöthig sein, concrete Gründe
+gegenseitigen Mißtrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen."
+
+"Ich wüßte in der That nicht," sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie
+erstaunt anblickend, "daß in diesem Augenblick irgend welche Fragen
+beständen, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu
+bringen vermöchten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie
+versichern, daß wir wenigstens mit keinem europäischen Cabinet in
+Erörterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte berühren."
+
+"Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin," erwiderte Lord Loftus,
+"auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwärtig zur
+Erörterung ständen und zu Differenzen führen könnten, ich dachte
+vielmehr an thatsächliche Verhältnisse, welche vielleicht weniger ein
+Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Mißtrauens sind und deren
+Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas
+liegen möchte."
+
+"Und welche thatsächliche Verhältnisse meinen Sie?" fragte Graf Bismarck
+mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem
+scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick.
+
+"Es ist eine Thatsache," sprach Lord Loftus weiter, "welche offen vor
+Europa da liegt, daß die französische Regierung in den letzten Jahren
+ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine
+außergewöhnliche Höhe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt,
+und Sie werden mir zugeben, daß es eine gewisse Besorgniß und
+Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europäischen
+Mächte bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüber stehen sieht."
+
+"Es liegt ja aber," fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast
+gleichgültigen Ton ein, "zwischen Frankreich und uns durchaus keine
+Veranlassung zu irgend welchen Mißverständnissen vor; im Gegentheil kann
+ich Sie versichern, daß unsere Beziehungen zu Paris die besten und
+freundlichsten sind."
+
+"Und doch stehen Sie sich," bemerkte Lord Loftus, "mit so übermäßig
+angespannten Militairkräften gegenüber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag
+den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen hätten. Dieser
+Zustand," fuhr er etwas lebhafter fort, "wenn er auch den Frieden nicht
+unmittelbar gefährdet, läßt doch Europa nicht zu sicherem Bewußtsein der
+Ruhe kommen, und ich glaube, daß besser als alle diplomatischen
+Versicherungen eine ernste und nachdrückliche Reducirung der unter den
+Waffen stehenden militairischen Streitkräfte alle die unruhigen
+Besorgnisse zerstreuen würde, welche angesichts des gegenwärtigen
+Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschäftswelt erfüllen,--wenn
+die Armeen Frankreichs und Preußens sich nicht mehr in voller
+Kriegsrüstung gegenüber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen
+können, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm
+lastet."
+
+Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Züge nahmen einen ernsten
+Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und
+durchdringend auf den Botschafter und sagte dann:
+
+"Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben
+berührten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur
+Sprache zu bringen?"
+
+"Ich habe nicht den Auftrag," erwiderte der Lord, "bestimmte Anträge zu
+stellen, bestimmt formulirte Wünsche auszusprechen,--doch bin ich
+allerdings veranlaßt, die allgemeine Besorgniß, welche die
+militairischen Rüstungen in Frankreich und Deutschland der Regierung
+Ihrer Majestät einflößen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem
+Gedanken Ausdruck zu geben, daß Sie sowohl als die französische
+Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen großen Dienst leisten
+würden, wenn Sie sich geneigt finden ließen, im gleichen Verhältniß die
+unter den Waffen stehenden Streitkräfte zu reduciren und dadurch
+thatsächlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu
+erkennen zu geben. Würde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf
+diesen Ideengang einzugehen, so würde die Regierung Ihrer Majestät gern
+bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten
+Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Mächten eintreten zu
+lassen."
+
+"Und wissen Sie," fragte Graf Bismarck, ohne daß ein Zug seines
+Gesichtes sich veränderte, "ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so
+eben auszusprechen die Güte haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenüber
+von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?"
+
+"Ich glaube, Ihnen mittheilen zu können," erwiderte Lord Loftus, "daß
+dies geschehen ist, und daß der Kaiser sich vollkommen bereit erklärt
+hat, seine kriegsbereiten Streitkräfte nach derselben Verhältnißzahl zu
+reduciren, welche von Ihnen angenommen werden möchte."
+
+Ein feines, fast unmerkliches Lächeln flog über das Gesicht des Grafen
+Bismarck.
+
+"Es würde dann immer die Frage sein," sagte er in leichtem Ton, "wer
+denn mit der Abrüstung anzufangen hätte--und wer dieselbe controliren
+könnte, Fragen, an denen oft schon ähnliche Verhandlungen gescheitert
+sind,--doch," fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort,
+"ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie würde keine practische
+Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste
+erklären muß, daß ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in
+der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu können, und ich würde es
+bedauern, wenn ich in die Lage käme, der Regierung Ihrer Majestät auf
+eine directe Aeußerung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort
+geben zu müssen."
+
+"So halten Sie es dennoch für möglich," fragte Lord Loftus, ein wenig
+erstaunt über diese so klare und bestimmte Erklärung, "daß aus den
+Fragen, welche gegenwärtig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher
+Richtung hin ein ernster Conflict entstehen könnte, der die Erhaltung
+einer solchen Waffenrüstung für Frankreich und für Preußen nöthig
+macht?"
+
+"Was Frankreich betrifft," erwiderte Graf Bismarck, "so habe ich darüber
+kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhältnissen
+gegenüber und mit Rücksicht auf seine sonstigen europäischen
+Beziehungen seine militairischen Streitkräfte vermindern zu können, so
+mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine
+Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich würde ihm
+indessen auf einem solchen Wege nicht folgen können, denn die größere
+oder geringere Stärke der preußischen Militairmacht beruht nicht in
+dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist
+eine Grundlage des preußischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen
+Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt
+werden. Ich bin aber von vorn herein überzeugt," fuhr er fort, "daß der
+König, mein allergnädigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja
+jede Erörterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen würde und
+ablehnen müßte. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche
+Verminderung der disponiblen Streitkräfte zu erreichen, müßte man die
+ganze Militairorganisation Preußens und des Norddeutschen Bundes ändern.
+Das ist schon verfassungsmäßig schwierig, ja beinahe unausführbar.
+Außerdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage,
+den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten muß, die preußische
+Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu
+gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist
+eine Art von hoher Schule für alle Klassen der Bevölkerung, eine Schule,
+in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfüllung
+lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung für den König
+und für das Land, in welcher der Patriotismus gekräftigt und zu vollem
+klarem Bewußtsein gebracht wird. Man könnte also die Wehrverfassung
+nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und
+der nationalen Einigkeit großen Schaden zu thun, ohne die Ueberzeugung
+des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der
+damit zusammenhängenden Stärke der Armee die beste Bürgschaft für die
+Sicherheit und Größe Preußens erblickt. Sie müssen begreifen, mein
+theurer Lord," fuhr er fort, "daß alle diese Gesichtspunkte es mir
+unmöglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu
+discutiren;--so lange ich Minister bin, würde ich eine solche Idee dem
+Könige nicht vorschlagen können, und jede weitere Erörterung des
+Gegenstandes würde zu gar keinem Resultat führen. Ich glaube, es ist der
+beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der größte Beweis
+aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestät, wenn
+ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen
+angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen
+gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch
+Ihrer Regierung keinen Zweifel über dieselbe zu lassen."
+
+Lord Loftus verneigte sich und sprach:
+
+"Ich erkenne vollkommen das Gewicht der Gründe an, welche Sie mir
+angeben und werde dieselben dem auswärtigen Amt zur Kenntniß bringen.
+Ich bedaure," fuhr er fort, "daß Ihre Mittheilungen mich von der
+Unmöglichkeit überzeugt haben, den auf Europa lastenden Zustand
+ängstlicher Besorgniß durch ein einfaches Mittel zu beseitigen."
+
+"Ich begreife nicht, mein lieber Lord," sagte Graf Bismarck, "warum Sie
+von Kriegsbesorgnissen sprechen? Ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich
+keine Frage sehe, welche dazu Veranlassung bieten könnte;--wenn einige
+chauvinistische Blätter in Frankreich nicht aufhören, die Welt von Zeit
+zu Zeit zu beunruhigen, so kann das doch keinen Einfluß auf die
+Cabinette der Großmächte haben. Mag sich die Börse hin und wieder
+darüber erschrecken, wir sollten uns dadurch doch in der That keinen
+Augenblick aus der Ruhe bringen lassen. Vor Allem," fuhr er mit
+volltönender Stimme fort, "können derartige auf keinen concreten
+Gründen beruhende Besorgnisse niemals der Grund sein, daß eine mit dem
+Ausbau ihrer innern Angelegenheiten beschäftigte, alle Verträge
+respectirende und mit aller Welt im Frieden lebende Macht ihre
+langjährige und bewährte Militairverfassung ändern sollte, eine
+Militairverfassung, auf welcher die Sicherheit beruht, die friedliche
+und selbstständige innere Entwickelung nöthigenfalls gegen jede Störung
+schützen zu können."
+
+"Apropos, haben Sie Nachricht vom König Georg?" fragte Graf Bismarck,
+als Lord Loftus sich erhob, um sich zu verschieden. "Man theilt mir mit,
+daß er diese unglückliche Legion in Frankreich, welche ihm so viel Geld
+kostet, und welche doch in der That sehr wenig geeignet ist, um Hannover
+wieder von uns zu erobern, jetzt auseinander schickt. Mir thun die armen
+Leute leid, welche durch dies ganze abenteuerliche Unternehmen ihrem
+Vaterlande und ihren Familien entzogen sind."
+
+"Wenn der König seinen Widerstand aufgiebt," sagte Lord Loftus, "sollte
+es dann nicht möglich sein, ihm den Genuß seines Vermögens wieder zu
+geben, welches ihm entzogen ist? Ich weiß, daß der Herzog von Cambridge
+als nächster Agnat sehr viel Antheil an dieser Angelegenheit nimmt, und
+es wäre in der That erwünscht, wenn sie in befriedigender Weise geordnet
+werden könnte."
+
+"Niemand wünscht das lebhafter als ich," rief Graf Bismarck, "wir haben
+im Interesse der Sicherheit Preußens dem Könige sein Land nehmen müssen,
+aber sowohl mein allergnädigster Herr wie ich selbst wünschen gewiß auf
+das Dringendste, daß dem alten, hochberühmten und edlen Welfenhause auch
+in seiner hannöverschen Linie für die Zukunft eine große und würdige
+Existenz gesichert bleibe. Aber," fuhr er fort, "wenn der König einfach
+seine Legion entläßt, weil er sie nicht bezahlen kann, ohne mit seinen
+übrigen Agitationen aufzuhören, ohne den Frieden mit uns zu machen, so
+können wir ihm doch wahrlich nicht die Mittel dazu in die Hände geben.
+Ich muß bekennen, daß mir diese Legion weniger beachtungswerth
+erschienen ist, als andere Agitationen des Königs, welche sich der
+Oeffentlichkeit mehr entziehen und für welche ich," sagte er mit
+entschiedener Betonung, "niemals die Mittel zur Verfügung stellen kann.
+Will sich der König in die Notwendigkeit der Verhältnisse fügen, will er
+mit uns Frieden schließen, so wird er dafür gewiß das bereitere
+Entgegenkommen finden, und wenn der Herzog von Cambridge sich dafür
+interessirt, so wird er dem König Georg und dessen ganzem Hause gewiß
+den besten Dienst leisten, wenn er seinen Einfluß anwendet, um ihn zu
+einem definitiven und aufrichtigen Frieden zu veranlassen."
+
+"Ich werde," sagte Lord Loftus, "wenn sich mir die Gelegenheit bietet,
+versuchen, in diesem Sinne zu wirken,--ich glaube, daß der Herzog von
+Cambridge gern die Hand dazu bieten wird, doch ob mit Erfolg, das
+scheint mir bei dem Charakter des Königs zweifelhaft. Jedenfalls ist
+meine ganze Thätigkeit in dieser Angelegenheit eine ausschließlich
+private, hervorgehend aus dem natürlichen Interesse, welches ich für den
+erlauchten Vetter meiner Königin hege; als Vertreter der englischen
+Regierung habe ich mit der ganzen Angelegenheit nicht das Geringste zu
+thun."
+
+Er erwiderte mit einer etwas steifen Verbeugung den Händedruck des
+Grafen Bismarck, welcher ihn nach der Thür hin begleitete, und verließ
+das Cabinet.
+
+In dem großen Vorsaal saß in einem Lehnstuhl die schmächtige, magere
+Gestalt des Grafen Benedetti mit dem bleichen, fein geschnittenen
+Gesicht, dessen Züge trotz der listigen Intelligenz, welche in ihnen
+lag, dennoch niemals einen bestimmten Ausdruck erkennen ließen.
+
+Der Graf erhob sich und begrüßte den englischen Collegen.
+
+"Nun," sagte er, "haben Sie Ihre Entwaffnungstheorie discutirt, über
+welche wir gestern sprachen, und von welcher ich überzeugt bin, daß sie
+in Paris das bereitwilligste Entgegenkommen finden wird?"
+
+"Ich habe darüber gesprochen," erwiderte Lord Loftus.
+
+"Und?" fragte Benedetti.
+
+"Jede Discussion darüber ist auf das Bestimmteste abgelehnt, man wird
+das in London sehr bedauern, obgleich die Gründe dafür nicht ohne
+Berechtigung sind."
+
+In den kalten klaren Augen Benedetti's erschien ein leichter Schimmer
+von Befriedigung, er schlug jedoch sogleich den Blick zu Boden und sagte
+mit ruhigem, fast ausdruckslosem Ton:
+
+"Wenn die Welt sich wegen der militairischen Rüstungen in Frankreich und
+Deutschland beunruhigt, so wird man nun wenigstens wissen, daß wir es
+nicht sind, die es verweigern zur Beseitigung dieser Unruhe beizutragen,
+welche übrigens," fügte er hinzu, "nach meiner Auffassung ohne
+Begründung ist."
+
+Der Kammerdiener des Grafen Bismarck näherte sich dem französischen
+Botschafter mit der Meldung, daß der Minister-Präsident bereit sei, ihn
+zu empfangen.
+
+Graf Benedetti verabschiedete sich von Lord Loftus und trat in das
+Cabinet.
+
+"Nun," sagte Graf Bismarck, nachdem er ihn mit offener Herzlichkeit
+begrüßt hatte, "es scheint, daß man in Europa an den Frieden nicht recht
+glauben will. Man möchte aller Welt die Waffen aus den Händen nehmen und
+sie in irgend einem großen Arsenal aufbewahren, damit nur ja kein
+Mißbrauch damit geschieht. Soeben hat mir Lord Loftus wieder von
+Entwaffnungsideen gesprochen, welche sich ganz wesentlich auf uns
+beziehen,--ich begreife das in der That nicht," fuhr er ernster fort,
+"glaubt man denn, daß zwei große Mächte nur dann im Frieden neben
+einander leben können, wenn sie Beide nicht die Macht haben, Krieg zu
+führen? Ich habe nach meiner Ansicht mehr Vertrauen zur Erhaltung des
+allgemeinen Friedens, wenn alle Mächte stark und kräftig sind, sobald
+sie nur den aufrichtigen Willen haben, in guten Beziehungen mit einander
+zu leben. Ich weiß nicht, wie man bei Ihnen über die Möglichkeit einer
+Reduction der Armee denkt, bei uns ist dies unmöglich, und ich glaube
+auch, man wird an unsere friedlichen Absichten ohne Einschränkung
+unserer Armee glauben."
+
+"Ich theile gewiß vollkommen Ihre Ansicht," sagte Graf Benedetti, indem
+er dem Minister-Präsidenten gegenüber vor dem Schreibtisch Platz nahm,
+"und bin weit entfernt, in einer starken Militairmacht zweier verständig
+regierten Staaten eine Gefahr für den Frieden zu erblicken. Indeß," fuhr
+er fort, "könnte die Idee einer theilweisen Entwaffnung dennoch
+vielleicht der Beachtung nicht ganz unwürdig sein, wenn man durch eine
+solche Maßregel der öffentlichen Meinung und den übrigen Mächten neues
+Vertrauen in die Stabilität der europäischen Ruhe und Ordnung einflößen
+kann. Von diesem Gesichtspunkt aus ist, wie ich voraussetzen darf, der
+Kaiser nicht abgeneigt, eine Reduction der militairischen Kräfte in
+Erwägung zu ziehen, wobei außerdem noch eine wesentliche Erleichterung
+des Volkes in Betracht kommt, die für die innere Stellung der
+Regierungen nicht unwesentlich ist."
+
+"Diese Rücksicht würde bei uns von keiner Bedeutung sein," sagte Graf
+Bismarck, "unsere Militair-Verfassung ist mit dem Volke verwachsen, und
+Niemand im Volk verlangt eine Erleichterung der auf allen Schultern
+gleich vertheilten militairischen Pflichten."
+
+Graf Benedetti sah einen Augenblick zu Boden, dann schlug er den Blick
+mit einer fast naiven Offenheit zu dem preußischen Minister-Präsidenten
+auf und sprach:
+
+"Ich bin natürlich nicht in der Lage, die inneren Verhältnisse bei
+Ihnen so eingehend zu beurtheilen, wie Sie dazu im Stande sind, da ich
+nur als Fremder in dieselben hineinblicke,--aber doch verfolge ich Ihr
+öffentliches Leben mit vielem Interesse und glaube bemerkt zu haben, daß
+in den Parteien Ihrer Parlamente die Frage der militairischen Lasten
+nicht ganz gleichgültig behandelt zu werden scheint. Nach der Zahl der
+Mannschaften und nach den finanziellen Mitteln ist der Verfassung gemäß
+der Militairetat auf eine Periode von fünf Jahren festgesetzt, welche im
+nächsten Jahr zu Ende geht; nach den Stimmen der Presse," fuhr er fort,
+"und nach dem, was ich hier und da über die Stimmung der Abgeordneten
+gehört habe, scheint das Parlament, wenn ihm im nächsten Jahre das
+Kriegsbudget vorgelegt wird, sehr geneigt zu sein, wesentliche
+Reductionen zu beschließen, welche gewissermaßen einer theilweisen
+Entwaffnung gleich kommen würden. Wenn ich mich in der Beurtheilung der
+hiesigen Verhältnisse nicht täusche," sprach er weiter, während Graf
+Bismarck zuhörte und von Zeit zu Zeit die Fingerspitzen an einander
+schlug,--"so bedürfen Sie, um das richtige Gleichgewicht zwischen der
+Regierung und dem Parlament zu erhalten, der Uebereinstimmung mit allen
+gemäßigten Nuancen der conservativen und liberalen Parteien. Würde es
+da nicht vielleicht ein gutes und willkommenes Auskunftsmittel sein, die
+Rücksichten auf die inneren Verhältnisse und diejenigen auf die
+auswärtigen Beziehungen zu vereinen durch eine auf diplomatischer
+Uebereinkunft beruhende Armeereduction? Sie würden die europäischen
+Mächte, England an der Spitze, verpflichten, die öffentliche Meinung
+beruhigen und vielleicht einer Verlegenheit entgehen, welche immerhin
+erwachsen könnte, wenn im nächsten Jahr Ihr Parlament erhebliche
+Reductionen des Militairbudgets beschließen sollte."
+
+"Diese Verlegenheit," sagte Graf Bismarck, "kann nicht eintreten, und
+die Rücksicht, sie zu vermeiden, kann auf meine Beschlüsse keinen
+Einfluß üben."
+
+"So glauben Sie," sagte der Graf Benedetti, "der Zustimmung der
+Parlamentsmajorität für das Militairbudget auch im nächsten Jahr
+vollkommen sicher zu sein? Sie verzeihen," fügte er hinzu, "daß ich über
+Ihre inneren Angelegenheiten mit Ihnen spreche; aber Sie wissen, wie
+sehr ich mich für dieselben interessire, und Sie haben mir früher schon
+öfter erlaubt, mich durch die Unterhaltung mit Ihnen über diese
+Verhältnisse zu belehren."
+
+"Unsere inneren Angelegenheiten," erwiderte Graf Bismarck, artig den
+Kopf neigend, "liegen ja offen da, und es ist mir immer erfreulich und
+kann nur zu immer größerer Klärung meiner eigenen Anschauung dienen,
+mich mit Ihnen über dieselben zu unterhalten. Sie fragten also," fuhr er
+fort, "ob ich der Zustimmung des Parlaments zum bisherigen
+Militairbudget im nächsten Jahre sicher sei? Darauf kann ich Ihnen nur
+antworten: das weiß ich nicht, denn parlamentarische Majoritäten sind
+Dinge, die sich nicht vorher berechnen lassen; doch mag dem sein, wie
+ihm wolle, eine Verlegenheit, wie Sie dieselbe vorher andeuteten, kann
+für mich nach dieser Richtung hin niemals entstehen. Wenn Sie unsere
+Verfassung genau studirt haben," sagte er mit einer kaum vernehmbaren
+Nuance von Ironie in seiner Stimme, "wie ich nach Ihren Bemerkungen
+voraussetze, so werden Sie gesehen haben, daß der Artikel 60--nach der
+Festsetzung der Friedensstärke in der Armee bis zum 31. Dezember
+1871--weiter bestimmt, daß für die Zukunft die Effectivstärke durch die
+Bundesgesetzgebung bestimmt werden soll. Wenn also, was ich nicht
+voraussetzen will, aber auch ebenso wenig für unmöglich erklären kann,
+der Norddeutsche Reichstag im nächsten Jahre das von den verbündeten
+Regierungen vorgelegte Militairbudget nicht annimmt, so ist eben ein
+neues Gesetz nicht zu Stande gekommen, und selbstverständlich gilt dann
+das bisher bestandene Gesetz so lange, bis früher oder später über das
+an seine Stelle zu setzende zwischen den Volksvertretern und den
+Regierungen eine Verständigung erzielt ist. Sie sehen also, daß ich um
+mein Militairbudget nicht in Verlegenheit kommen kann, und daß, wenn
+Diejenigen," fügte er mit scharfer Betonung hinzu, indem seine
+Gesichtszüge plötzlich einen sehr ernsten, fast strengen Ausdruck
+annahmen, "welche sich außerhalb Deutschlands vielleicht veranlaßt
+finden möchten, eine Verminderung der Waffenmacht zu wünschen, die zur
+Vertheidigung Preußens und des Norddeutschen Bundes nöthig ist, sich auf
+gewisse parlamentarische Abneigungen gegen die Bewilligung des
+Militairetats glauben stützen zu können,--daß sie in solchen
+Voraussetzungen ihre Rechnung--ohne die Bundesverfassung und ohne mich
+gemacht haben."
+
+Graf Benedetti verneigte sich.
+
+"Es ist mir erfreulich," sprach er, "Ihre Ansichten so bestimmt und klar
+ausgesprochen zu hören. Der ganze Gegenstand," fuhr er mit leichtem Ton
+fort, "ist ja eigentlich keine Frage zwischen uns, Frankreich und
+Preußen können ihre gegenseitige Stärke ohne jedes Mißtrauen ansehen, es
+wäre nur ein Entgegenkommen gewesen, welches wir gemeinsam den übrigen
+Mächten hätten zeigen können--"
+
+"Welche aber ihrerseits," fiel Graf Bismarck ein, "ebenfalls
+fortfahren, unausgesetzt zu rüsten und zwar in weit größerem Maßstabe,
+als wir, wie ein Blick auf Oesterreich und auf Italien zeigt. Ich
+glaube, es ist besser, ein für alle Mal diese ganze Frage der Rüstungen
+unerörtert zu lassen und den Frieden wesentlich auf den guten Glauben
+und das Vertrauen zu stützen, welches die Regierungen einander
+entgegentragen. Sie können mir," fuhr er fort, "wahrlich den Vorwurf
+nicht machen, daß ich es an solchem Vertrauen fehlen lasse, und daß ich,
+wenn irgend Etwas vorkommt, was die guten Beziehungen nach irgend einer
+oder der anderen Richtung zu verwirren im Stande wäre, nicht sogleich
+durch offenes Aussprechen die Gelegenheit zur Aufklärung und zur
+Beseitigung der Mißverständnisse gebe."
+
+Ein leichter Ausdruck verschärfter Aufmerksamkeit wurde in dem Blick des
+Botschafters bemerkbar.
+
+"Ich freue mich," sagte er, "daß diese Beziehungen gegenseitiger
+Offenheit und Aufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Gerade dadurch ist
+es ja so oft schon möglich gewesen, manche Wolke zu zerstreuen, welche
+die so guten und befriedigenden Verhältnisse zwischen beiden Regierungen
+hätte trüben können. Gegenwärtig," sagte er mit leichtem Lächeln, "sind
+ja solche Wolken nach keiner Richtung hin vorhanden und--"
+
+"Ganz verschwinden sie niemals," fiel Graf Bismarck ein, "denn immer und
+immer wieder kommen von der einen oder der andern Seite her
+Mittheilungen, welche bei ängstlichen und mißtrauischen Naturen, zu
+denen ich nicht gehöre," sagte er sich verneigend, "Bedenken und Sorgen
+hervorrufen könnten."
+
+Benedetti blickte ihn erstaunt und fragend an.
+
+"Schon vor längerer Zeit," sagte Graf Bismarck in ruhigem und fast
+gleichgültigem Ton, "habe ich Ihnen mitgetheilt, Herr von Usedom hätte
+uns verschiedene Umstände mitgetheilt, welche fast glauben lassen
+mußten, daß geheime Unterhandlungen zwischen Frankreich und Italien, bei
+welchen auch Oesterreich betheiligt sei, stattfänden."
+
+"Ich habe damals Gelegenheit genommen," sagte Graf Benedetti schnell,
+"in Paris Erkundigungen einzuziehen und Ihnen die Versicherung gegeben,
+daß die Quelle, aus welcher Herr von Usedom jene Mittheilungen geschöpft
+hat, eine nicht zuverlässige gewesen sein müsse--"
+
+"Herr von Usedom hat seine Quelle nicht angegeben," fiel Graf Bismarck
+ein.
+
+"Jedenfalls," sagte Graf Benedetti, "war er unrichtig berichtet oder
+durch den Schein getäuscht und zu falschen Schlüssen veranlaßt worden."
+
+"Es sind nun," sprach Graf Bismarck weiter, "in neuester Zeit wiederholt
+Winke an mich gekommen, daß abermals eine sehr lebhafte Negociation
+zwischen den Höfen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine
+Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu
+freundlichen Absichten haben könnte. Ich meinerseits," fuhr er fort,
+indem er Benedetti starr ansah und seine große Papierscheere mit der
+Hand rasch hin und her bewegte, "lege keinen besonderen Werth auf
+derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer
+Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb," sagte er mit Betonung,
+"weil ich eine Coalition niemals fürchten würde, welche sich der
+nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht
+hätte."
+
+"Ich werde sogleich," sagte Benedetti eifrig, "nach Paris schreiben und
+mir bestimmte Aufklärung über diese Frage erbitten. Ich bin aber im
+Voraus fest überzeugt, daß die Gerüchte, welche zu Ihnen gedrungen sind,
+jetzt ebenso wenig wie damals Begründung haben, denn ich kenne zu genau
+den dringenden Wunsch des Kaisers, den europäischen Frieden zu erhalten
+und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Könige
+Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen."
+
+"Ich habe Sie nicht darüber interpelliren wollen, mein lieber
+Botschafter," sagte Graf Bismarck, "ich kam auf die Sache nur durch
+unser Gespräch und durch die Aeußerungen, welche Lord Loftus mir vorher
+gemacht hat. Denn wenn," fuhr er fort, "ähnliche Winke, wie sie an mich
+gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit
+solchen Winken die ganz besondere Thätigkeit in Verbindung bringt,
+welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so würde in dieser
+Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von
+England aus so dringend wünscht, neue und concrete Garantieen für die
+Erhaltung des europäischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese
+Garantieen an falscher Stelle; doch," fuhr er abbrechend fort, "ich
+glaube, wir haben unsere Ideen über den Gegenstand ausgetauscht und
+stimmen nunmehr im Wesentlichen über denselben überein. Besser als durch
+die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle
+Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Gerüchte
+beitragen können, wie ich sie mir so eben zu erwähnen erlaubte."
+
+"Ganz gewiß," sagte Benedetti. "Es ist merkwürdig," fuhr er dann fort,
+"wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte
+und ruhige Oberfläche der europäischen Politik kräuseln. Sie erwähnten
+so eben der Gerüchte über geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz
+und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen berührt haben,
+so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, daß, wie man mir aus Paris
+ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen
+worden sind über einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den
+spanischen Thron zu bringen, einen Plan, über welchen wir ebenfalls
+früher bereits gesprochen haben und welcher, wenn er wirklich bestehen
+sollte, ebenfalls geeignet wäre, eine gewisse Beunruhigung
+hervorzurufen."
+
+Graf Bismarck sah den Botschafter groß und erstaunt an.
+
+"Ich habe neuerdings," sagte er, "Nichts wieder von dieser Idee gehört,
+welche mir, wie ich Ihnen bereits früher bemerkt habe, im Ganzen ein
+wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die
+Ansicht, daß die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr
+kurzer Dauer sein würde und daß sie ihn großen Gefahren und Täuschungen
+aussetzen müßte. Ich bin fest überzeugt, daß der König, wenn die Sache
+jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewiß nicht den Rath geben
+würde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm
+denselben antragen sollten. Ich weiß auch, daß der Vater des Prinzen,
+der Fürst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er weiß," fügte er
+lächelnd hinzu, "durch die Erfahrung, die er mit dem Fürsten Karl von
+Rumänien gemacht hat, daß die Souverainetät zuweilen theuer werden
+kann."
+
+"Der Prinz Leopold," sagte Benedetti in gleichgültig hingeworfenem Ton,
+indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, "würde
+ja auch übrigens, selbst wenn ein Beschluß der Cortes ihm die spanische
+Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubniß
+des Königs annehmen können, da der König als Chef des Hauses bei den
+Entschlüssen des Prinzen die letzte Entscheidung hat."
+
+"Das ist nicht der Fall," sagte Graf Bismarck, "der Prinz würde in
+letzter Linie in seinen Entschlüssen doch nur von seinem Vater abhängen,
+und der König würde sich gewiß enthalten, einen bestimmenden Einfluß
+ausüben zu wollen,--ganz gewiß aber wird er, wie ich wiederholen muß,
+nach meiner Ueberzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so
+gefährliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube übrigens
+kaum," fuhr er fort, "daß man so bald zur Wahl eines Königs in Spanien
+gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwärtig die Macht in Händen
+halten,--vielleicht Prim noch mehr als Serrano--werden kaum wünschen,
+durch die definitive Wahl eines Königs dem gegenwärtigen Zustand, bei
+welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze
+Sache hat nach meiner Ueberzeugung gar keine practische Bedeutung. Man
+hat ja früher schon," fuhr er im leichten, gleichgültigen Ton fort, "den
+Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung
+gebracht, vielleicht wäre dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und
+ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer
+zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein möchte. Aber alle
+diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen
+eigentlichen Bestand zu haben."
+
+"Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwähnt," sagte Benedetti,
+"weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren,
+zu denen auch die vorhin von Ihnen erwähnte österreichisch-italienische
+Negociation gehört."
+
+Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann
+neigte er mit höflicher Zustimmung den Kopf.
+
+"Ich freue mich also von Neuem constatiren zu können," sagte Benedetti,
+indem er aufstand, "daß in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt
+existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgniß Veranlassung geben könnte,
+und man wird sich," fügte er lächelnd hinzu, "in London wohl überzeugen,
+daß auch ohne Entwaffnung zwei große Mächte in Frieden und Freundschaft
+neben einander leben können."
+
+"Das bewaffnete Deutschland," sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti
+einige Schritte zur Thür geleitete, "ist wenigstens für Niemand eine
+Drohung--als für Diejenigen, welche sich seiner naturgemäßen freien und
+nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen möchten."
+
+Benedetti verneigte sich, drückte die dargebotene Hand des
+Minister-Präsidenten und ging hinaus.
+
+Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder.
+
+"Es ist etwas im Werk," sagte er,--"dieser englische
+Entwaffnungsvorschlag beweist, daß man in London der Ruhe nicht traut,
+man muß dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einflößen,
+und diese erneuete Erwähnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer
+Sache, die ich längst vergessen habe und deren flüchtigem und
+vorübergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste
+Bedeutung beilegen mochte--diese Mittheilungen über die geheime
+Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft
+gegriffen sein können, --es scheint, daß da wieder irgend einer jener
+verborgenen Schachzüge im Werke ist, denen ich mich seit 1866
+unausgesetzt gegenüber befinde. Nun," sagte er, die Brust weit
+ausdehnend, "mögen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden
+diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr führen, als bisher. In
+Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschließen, die einzige
+Stütze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser
+Napoleon, der immer älter wird, möchte mit jedem Jahre immer weniger
+geneigt sein, sich den gefährlichen Chancen eines Krieges auszusetzen,
+den wir, wenn er einmal entbrannt ist," fügte er mit dem Ausdruck
+eiserner Entschlossenheit hinzu, "bis auf's Messer würden führen müssen.
+Freilich," sagte er dann nachsinnend, "je schwächer und willenloser er
+wird, um so leichter möchte es vielleicht der kriegerischen Coterie
+werden, ihn in eine unüberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die
+Schwäche des Alters könnte bei ihm zu demselben Resultat führen, das bei
+Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,"
+sagte er mit ruhigem Ton, "ich arbeite mit aller Macht daran, den
+Frieden zu erhalten--wenn es aber nicht möglich sein sollte--wir sind
+gerüstet und können jeder Eventualität mit dem ruhigen Bewußtsein
+entgegensehen, daß wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren
+zu begegnen. Leider, leider," sagte er nach einer Pause, "kann ich noch
+immer nicht dahin kommen, klar und genau zu übersehen, was unter dieser
+glatten Oberfläche der französischen Politik in den Tiefen gebraut und
+vorbereitet wird,--wie traurig, daß man nicht überall selbst sein kann
+und daß man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden
+Ohren zu hören."
+
+Der Kammerdiener trat ein und überreichte dem Grafen ein Billet.
+
+"Ein Herr wünscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er
+behauptet, daß Eure Excellenz ihn anhören würden, wenn Sie seinen Brief
+gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu überreichen."
+
+Graf Bismarck öffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die
+wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentümliches
+Lächeln um seine Lippen und er sagte:
+
+"Führen Sie den Herrn herein."
+
+"Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes," sprach er
+halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen
+war, "hat mir einen Brief des Marschall Prim zu übergeben? Der Name ist
+mir vollkommen unbekannt,--es muß eine ganz besondere Angelegenheit
+sein, daß der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der
+spanischen Gesandtschaft wendet."--
+
+Die Thür öffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Höflichkeit, aber
+in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann
+entgegen, dessen regelmäßiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und
+schwarzen lebhaften Augen den Typus der Südländer trug.
+
+Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen
+versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks.
+
+"Der Marschall Prim," sagte er in französischer Sprache, "hat mir den
+ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu
+überreichen."
+
+Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, ließ
+einen flüchtigen Blick über das Siegel und die Aufschrift gleiten und
+deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.
+
+"Sie erlauben," sagte er, indem er sich niederließ,--er öffnete das
+Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne daß in seinem Gesicht
+eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte.
+Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah
+einen Augenblick den ihm gegenüber sitzenden jungen Mann scharf an.
+
+"Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?"
+fragte er.
+
+"Der Marschall hat die Güte gehabt, mir denselben mitzutheilen,"
+erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. "Er hat geglaubt, in dieser
+delicaten Angelegenheit sich zunächst ganz persönlich an Eure Excellenz
+wenden zu müssen, um Ihre ebenfalls persönliche Ansicht zu hören, bevor
+in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist
+überzeugt," fuhr er fort, während Graf Bismarck ruhig und unbeweglich
+zuhörte, "daß der Abschluß der Revolution, in welcher sich Spanien
+gegenwärtig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie
+möglich ist und zwar unter einem Könige, welcher durch jugendliche
+Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu überwinden im
+Stande ist und welcher zugleich durch seine persönliche Stellung die
+Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit
+irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen
+Prätendenten zusammenhängenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu
+stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fürsten, der alle
+diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von
+Hohenzollern zu finden und würde diese Combination um so lieber zur
+Ausführung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er für
+Deutschland, für den König Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie
+der Wunsch mit Preußen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen
+zu stehen, thatsächlichen Ausdruck fände. Der Marschall glaubt, daß es
+leicht sein würde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen.
+Doch wünscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht
+die Ueberzeugung gewonnen hat, daß Eure Excellenz diesen Plan billigen
+und daß der König demselben seine Zustimmung geben würde."
+
+Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.
+
+"Es ist eine eigenthümliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein
+Herr," sagte er dann. "Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des
+Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser
+Frage veranlassen, jedoch muß ich aufrichtig gestehen, daß ich um die
+Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll für meine Nation
+sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fürsten vertrauungsvoll
+die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indeß wird es mir
+sehr schwer, darüber namentlich in dem gegenwärtigen Stadium der Sache
+irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunächst würde doch der
+Entschluß und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie maßgebend
+sein. So schmeichelhaft nun auch für diesen Prinzen ein solcher Auftrag
+sein muß, so werden Sie mir doch auch zugeben, daß er durch ein Eingehen
+auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere
+Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich möglicher Weise großen
+Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine
+Sache, und es würde unter Umständen darüber von Ihnen mit dem Prinzen
+direct verhandelt werden müssen."
+
+"Der Marschall wünscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und
+des Königs Ansicht darüber zu wissen."
+
+"Was zunächst die meinige betrifft, so muß ich Ihnen aufrichtig sagen,
+daß ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum
+beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter
+Charakter--würde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone
+Spaniens anzunehmen. So bin ich fest überzeugt, daß er von dem
+Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation
+identificiren und daß es sein aufrichtiges Bestreben sein würde, ganz
+und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen würde kaum auf die
+Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland,--von denen ich ebenso wie
+der Marschall wünsche, daß sie stets die freundschaftlichsten und besten
+bleiben mögen--irgend welchen Einfluß üben können. Ich würde also auch
+kaum in der Lage mich befinden, als preußischer Minister dem Prinzen
+irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben--
+
+Wenn ich nun schon," fuhr er fort, "mir eine absolute Zurückhaltung
+auflegen zu müssen glaube, so scheint es mir, daß Seine Majestät der
+König, mein allergnädigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf
+die Entschlüsse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine
+Majestät ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses
+Hohenzollern, indeß ist Prinz Leopold nicht preußischer Prinz und mit
+der königlichen Familie nicht verwandt, in rein persönlichen
+Angelegenheiten würde also der König zunächst dem Prinzen und dessen
+Vater die völlig freie Entscheidung überlassen müssen. Wenn Seine
+Majestät daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben würde,
+etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden
+spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestät doch noch
+viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs-
+und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im
+Stande, im gegenwärtigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Könige
+vorzulegen,--würde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den
+Prinzen durch eine spanische Autorität herantreten, so würde es immer
+die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschlüsse
+Seiner Majestät zu unterbreiten und des Königs Meinung darüber
+einzuholen."
+
+"Eure Excellenz," sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige
+und bestimmte Erklärung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrückt zu
+sein schien, "würden also der Idee des Marschalls persönlich Nichts
+entgegen zu setzen haben?"
+
+"Wie könnte ich das!" erwiderte Graf Bismarck,--"es kann ja nur, wie
+ich wiederhole, ehrenvoll für Deutschland und für das Haus Hohenzollern
+sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem
+König erwählt. Politische Gründe _dagegen_," fuhr er fort, "kann ich als
+preußischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls
+bestimmt wiederholen muß, mich irgend wie _dafür_ auszusprechen im
+Stande bin. Doch bin ich," fuhr er fort, "dem Marschall sehr dankbar für
+das persönliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner
+Idee zu beweisen die Güte gehabt hat."
+
+Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespräch nicht für
+beendet ansehen zu wollen.
+
+"Würden Eure Excellenz die Güte haben," sprach er, "Ihre Ansicht über
+die Sache--Ihre persönliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines
+Schreibens mitzutheilen?"
+
+Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der
+vor ihm auf dem Tische lag.
+
+"Ich glaube," sagte er, "daß ich mich deutlich und klar ausgesprochen
+habe, und Sie werden gewiß die Güte haben, dem Marschall meine Worte zu
+wiederholen."
+
+"Ich glaube, Eurer Excellenz Erklärung genau und richtig aufgefaßt zu
+haben," erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, "doch bin ich überzeugt, daß
+der Marschall besonderen Werth darauf legen würde, meine Mittheilungen
+durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestätigt zu
+sehen."
+
+Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach.
+
+"Sie werden begreifen," sagte er, "daß eine gewisse Schwierigkeit für
+mich darin liegt, mich über eine Angelegenheit, welche, wie ich zu
+bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preußens
+und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen,
+welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller
+Bedeutung beigelegt werden könnte. Jedenfalls müßte ich die Sache nach
+allen Richtungen hin noch sehr reiflich überlegen, bevor ich den Brief
+des Marschalls beantworten könnte, und ich muß gestehen, daß ich
+dringend wünsche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben,
+bis dieselbe etwa eine klar faßbare Gestalt annimmt und auf direct
+officiellem Wege an mich gelangt. Ich möchte unter diesen Umständen,"
+fügte er artig hinzu, "Sie nicht zu einem längeren Aufenthalt in Berlin
+veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden
+Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin überzeugt, daß der Marschall die
+Gründe vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen
+müssen, meine Antwort noch zurückzuhalten, um so mehr, da bei den
+Beziehungen persönlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls
+zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollständig die Stelle einer
+direkten Antwort ersetzen werden."
+
+Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, daß die
+Unterredung zu Ende sei.
+
+Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zügen eine
+sichtbare Enttäuschung bemerkbar wurde.
+
+"Ich bitte Sie nochmals," sagte Graf Bismarck, "dem Marschall den
+Ausdruck meiner Dankbarkeit für sein Vertrauen und die Versicherungen
+meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu überbringen. Ich habe
+mich herzlich gefreut," fügte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, "bei
+dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben."
+
+"Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben," sagte Herr
+Salazar-y-Mazarredo, "daß ich Schritte thue, um mich über die
+persönlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten."
+
+"Da der persönliche Entschluß des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe,
+in erster Linie in Betracht kommt," sagte Graf Bismarck kalt und ruhig,
+"so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, daß Sie nach dieser
+Richtung hin sich informiren. Uebrigens," fügte er hinzu, "wird es ganz
+und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Aufträge auszuführen,
+welche der Marschall Ihnen gewiß auch in dieser Beziehung ertheilt hat."
+
+Herr Salazar-y-Mazarredo verließ mit tiefer Verbeugung das Cabinet.
+
+"Es ist also doch Etwas im Gange," sagte Graf Bismarck, indem er sich
+wieder vor seinen Schreibtisch setzte,--"aber was kann dieser Sache zu
+Grunde liegen--warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des
+Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Rücken
+von Serrano und der übrigen Regierung gemacht werden, Prim würde bei
+seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache
+einfädeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu
+werden,--der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt," sagte
+er nachsinnend mit leiser Stimme--"die Candidatur des Herzogs von
+Montpensier muß dem Kaiser tief verhaßt sein,--sie könnte ihm unter
+Umständen gefährlich werden;--sollte die erneuete Anregung dieser
+Combination damit zusammenhängen?
+
+"Nun,"--rief er nach längerem, schweigendem Nachdenken,--"einmal muß die
+große Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustände doch
+ausbrechen,--und wenn ich sie mit noch so großer Mühe und Vorsicht
+fortwährend wieder zu beschwören versuche!--Vielleicht wäre es ein
+Glück, wenn die Entscheidung bald käme,"--sagte er ernst,--"wenn sie
+käme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschäfte
+stehe,--denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschlüssen und mit
+halben Mitteln operirt wird,--dann muß die Zukunft Deutschlands auf
+lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein.--Ich," rief er
+flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zügen
+leuchtete--"ich würde nicht zurückweichen, ich würde die Aufgabe
+erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf,--und--ich fühle
+es,--ich würde siegen!
+
+"O," sagte er dann schmerzlich, "warum ist die Zukunft unserem Blick
+verborgen,--warum können wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen
+Schleiers lüften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt?
+
+"Wie viele ringende und kämpfende Geister," sagte er leise, die
+gefalteten Hände leise vor sich auf den Tisch stützend, "haben vor mir
+diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet,--wie viele werden sie
+nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten--das ewige
+Schweigen!
+
+"Und doch," sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem
+weichen Lächeln, das seinen festen strengen Zügen einen eigenthümlichen
+Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum für fähig gehalten
+hätte, "doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so
+vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht
+gebracht hat--einfach, groß und erhaben wie Der, dessen Lippen sie
+zuerst sich entrang--Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!"
+
+Er neigte einen Augenblick das mächtige Haupt auf die Brust, dann erhob
+er sich, immer mit dem Ausdruck lächelnder Ruhe und Klarheit auf seinen
+Zügen, nahm seinen Hut, stieg in den großen Garten des auswärtigen Amtes
+hinab und ging mit großen Schritten unter den hohen noch winterlich
+kahlen Bäumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich
+hinsprechend auf und nieder.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+
+In einem großen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren
+dreißig bis vierzig von den hannöverschen Emigranten versammelt, theils
+ganz junge Männer, theils ältere Leute, deren Mienen und Haltung man die
+gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite
+des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an
+welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Königs Georg,
+saß und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und
+Goldrollen lagen.
+
+Neben dem Major von Adelebsen saß der frühere Lieutenant de Pottere, ein
+junger Mann mit dichtem, sorgfältig frisirtem Haar, welches tief in die
+auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit großen, etwas starr
+blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der
+Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgültig stereotypes Lächeln
+spielte.
+
+Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich
+und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von
+Adelebsen zu protocolliren.
+
+"Unterofficier Rühlberg!" rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas
+unsicheren Blick seines Auges über die Emigranten hingleiten ließ.
+
+In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran.
+
+"Ich habe Sie nunmehr aufzufordern," sagte Herr von Adelebsen, "zur
+Erklärung darüber, was Sie über Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich
+mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Ihnen zustehende Pension von
+Seiner Majestät erhalten können oder aber eine einmalige
+Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklärung,
+wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen."
+
+"Ich bitte, mich ein für allemal abzufinden, Herr Major," erwiderte der
+Unterofficier, "ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier
+gehen, um dort unser Glück in einer Colonie zu versuchen."
+
+"Sie wollen nach Algier gehen?" fragte Herr von Adelebsen ein
+wenig befremdet, "Sie wissen doch, daß Seine Majestät eine
+Niederlassung in Algier nicht für zweckmäßig erachten können, und daß
+Allerhöchstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer
+Auswanderung nach Algier abzurathen."
+
+"Zu Befehl, Herr Major," erwiderte der Unterofficier, "Herr Minister von
+Münchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich
+gerathen, nach Hannover zurückzukehren, und," fügte er mit einer
+gewissen Bitterkeit hinzu, "die Strafe, die man uns vielleicht dictiren
+würde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz überzeugt," fuhr er fort, "daß
+Seine Majestät die besten Absichten mit uns hat, und daß Er nach den
+Berichten, die man ihm erstattet hat, überzeugt ist, daß eine Colonie in
+Algier uns keinen Vortheil bringen könne. Aber ich muß Ihnen sagen, Herr
+Major, daß ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath
+zurückzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestät
+uns eine Amnestie würde verschaffen können, so wäre es etwas Anderes.
+Unter diesen Umständen muß ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine
+Zukunft auf meine eigene Kraft zu gründen; und ich bleibe daher bei
+meiner Erklärung, daß ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte,
+mir die Abfindungssumme auszuzahlen."
+
+"Wenn aber doch Seine Majestät," sagte der Lieutenant de Pottere mit
+einer etwas näselnden Stimme, "eine solche Colonie nicht für zweckmäßig
+hält--"
+
+"Der Herr Major," fiel der Unteroffizier ein, "haben uns gesagt, daß wir
+die völlig freie Entschließung hätten, unsere Zukunft einzurichten, wie
+wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt und bleibe dabei,
+daß ich nach Algier gehen will. Vorzüglich," fuhr er fort, "möchte ich
+ein für allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und
+wird ja übrigens Seiner Majestät ganz gleichgültig sein."
+
+"Es ist Seiner Majestät gewiß nicht gleichgültig," sagte Herr von
+Adelebsen mit sanfter Stimme, "wie sich die Zukunft seiner früheren
+Soldaten gestaltet, und deshalb--"
+
+"Darf ich bitten, Herr Major," fiel der Unterofficier, sich in strammer
+Haltung aufrichtend, ein, "meine Erklärung zu Protocoll nehmen zu
+lassen? Mein Entschluß steht unwiderruflich fest."
+
+Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser
+schrieb die Erklärung des Unterofficiers nieder und der Major zählte die
+Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstücken ab und händigte sie
+dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter
+die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zurücktrat.
+
+"Dragoner Cappei!" rief Herr von Adelebsen.
+
+Der junge Mann trat heran.
+
+"Ihre Erklärung?" fragte Herr von Adelebsen.
+
+"Ich wünsche, nach Hannover zurück zu gehen," sagte Cappei.
+
+"Sie sind militairpflichtig gewesen," sagte Herr von Adelebsen. "Haben
+Sie es sich überlegt, daß man Sie vielleicht bestrafen und in die
+preußische Armee einstellen wird? Es läge vielleicht, wenn Sie sich
+dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele
+andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu
+gehen--"
+
+"Ich danke, Herr Major," erwiderte Cappei ruhig, "ich bin entschlossen,
+zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath
+und zu meiner Familie zurückkehren."
+
+Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere
+protocollirte seine Erklärung und Cappei trat zurück.
+
+Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen,
+Zwei oder Drei erklärten, daß sie nach Amerika gehen wollten, alle
+Uebrigen sprachen den Entschluß aus, mit dem Unterofficier Rühlberg
+nach Algier auszuwandern.
+
+"Ich muß Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen," sagte Herr von
+Adelebsen, "daß, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine
+Majestät nicht glauben könne, daß Sie in Algier Ihre künftige Wohlfahrt
+finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Hülfsmittel und ohne
+Unterstützung sein und es vielleicht bereuen, daß Sie sich zu einem
+solchen Entschluß haben beeinflussen lassen."
+
+"Niemand hat uns beeinflußt!" riefen Mehrere der Emigranten. "Wir haben
+selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns über die Colonie
+gesprochen haben, den Gedanken gefaßt, wenn der König uns nicht mehr
+erhalten könnte, uns in Algier eine Zukunft zu gründen."
+
+"Ich muß aber ausdrücklich bemerken," sagte Herr von Adelebsen, "daß
+Seine Majestät mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklären, daß
+Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine
+Unterstützung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es
+heißt, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhältnissen sich
+eine Existenz zu gründen."
+
+"Wir werden im fremden Lande," rief der Unterofficier Rühlberg, einen
+Schritt vortretend, "immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und
+That beistehen und Gefühl für Leute haben, welche ihrem König im Unglück
+treu geblieben sind,--wir haben freilich nicht geglaubt, daß es so
+kommen würde, denn dann würden wir wohl kaum die Heimath verlassen
+haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben
+gemacht haben, so können Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird
+künftig die Unterstützung der Kasse Seiner Majestät in Anspruch nehmen.
+Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns
+wenigstens die französische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn
+wir über das weite Meer nach Amerika hinzögen, wo wir ohne alle Hülfe
+sterben und verderben können."
+
+"In Amerika wären wir freilich weiter fort," rief eine Stimme aus den
+Reihen, "und wenn wir Alle dort wären, so wäre man doch sicher, daß
+Niemand von uns der königlichen Kasse zur Last fällt."
+
+Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend,
+woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte
+seinen Schnurrbart und sagte:
+
+"Sie müssen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen."
+
+"Ich glaube, wir sind abgefunden," rief es aus den Reihen, "und haben
+hier nichts mehr zu thun, gehen wir."
+
+Und sich kurz umwendend, verließen sie Alle das Zimmer, indem sie den
+Refrain des alten hannöverschen Soldatenliedes anstimmten:
+
+ "Lustige Hannoveraner seien wir."
+
+Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und
+das übrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in
+ihre Zimmer zurück.
+
+"Nun Cappei," sagte der Unterofficier Rühlberg zu dem jungen Dragoner,
+welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe
+hinabstieg, "wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit
+uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schön es ist, wenn wir Alle
+zusammen bleiben und unser Dorf nach althannöverscher Manier einrichten,
+da können wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und
+selbstständiges Leben führen und an die alte Heimath zurückdenken, wie
+sie früher war."
+
+"Es thut mir leid, Euch zu verlassen," sagte Cappei,--"aber unsere Sache
+ist zu Ende, das alte Hannover ist für immer versunken. Was hilft es
+dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukämpfen--ich liebe meine Heimath,
+und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener
+König, dieses oder jenes Gesetz herrschen."
+
+"Nun, geht hin," sagte der Unterofficier, "Ihr werdet es noch bereuen,
+aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute
+Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in
+dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier
+einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Präfecten dort, und
+das Comité, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafür sorgen,
+daß wir von dort aus gut empfohlen werden. Tüchtige und rechtliche
+Leute, die arbeiten können, kann man überall brauchen, und wir werden
+unsern Weg schon machen."
+
+Die Emigranten zogen über den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen
+begegnenden Bürgern freundlich begrüßt, nach dem Restaurant hin, in
+welchem sie sich gewöhnlich zu versammeln pflegten.
+
+Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und
+schritt langsam dem Hause des Holzhändlers Challier zu. Er ging über den
+großen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in
+welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und
+eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den
+Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen.
+
+Der alte Herr Challier saß allein in seinem Lehnstuhl, die so eben
+ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt
+des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit
+herzlichem Gruß entgegen.
+
+"Alles ist abgemacht, Herr Challier," sagte Cappei in ziemlich reinem,
+aber im deutschen Accent anklingenden Französisch, "die Legion ist
+aufgelöst, wir sind Alle frei und können hingehen, wohin wir wollen. Und
+alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit
+einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder
+zusammenfinden."
+
+"Das ist recht traurig," sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf
+schüttelnd. "So ist also die Sache Ihres Königs aufgegeben,--das thut
+mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie für sein
+Schicksal und für Sie Alle gehabt; und wir Bürger von St. Dizier nehmen
+gewiß ganz besondern Antheil an Allem, was den König betrifft, seit er
+unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer
+Mitbürger zu sein. Ich bin ein alter Bragars," sagte er, indem seine
+dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, "und ich hätte mich von
+Herzen gefreut, wenn ich Sie hätte ausziehen sehen können, um für Ihren
+König und sein Recht zu fechten,--das Schicksal geht seinen eigenen
+Weg,--es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit
+ihnen," fuhr er fort, "und mir wird es in meinem Hause recht leer
+vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluß fest
+gehalten," fragte er, "nach Ihrem Vaterlande zurückzukehren?--Ich würde
+mich kaum dazu entschließen können," sagte er, "wenn ich mich in Ihre
+Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft
+alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat."
+
+Ernst erwiderte der junge Mann:
+
+"Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten für mich, Herr Challier, und
+doch kann ich nicht anders handeln.--Sie sind Franzose und wenn es
+möglich wäre, daß Ihr Vaterland ein Schicksal träfe wie das meinige, so
+würde Ihr Gefühl natürlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes,
+Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes großen
+Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland für uns Alle ist. Wir
+Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbständigkeit, wir haben mit
+fester Treue an den Fürsten gehangen, die so lange über uns geherrscht
+haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer
+Selbstständigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des
+Ganzen,--die neue Regierung, welche über uns herrscht, ist ja auch eine
+deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhältnissen.
+Sollen wir uns darum von dem großen ganzen Vaterlande ausschließen, weil
+wir nicht weiter leben können, wie wir es bisher gewohnt waren? Für das
+Recht unseres Königs konnten wir kämpfen, wenn der König aber dies Recht
+aufgiebt, wie könnten wir in ungewöhnlichem Haß den andern Deutschen
+gegenüber stehen! Uebrigens," fuhr er fort, "werde ich vielleicht nicht
+immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhältnisse dort
+geordnet und meine Stellung klar gemacht habe,--und darüber," fügte er
+etwas zögernd hinzu, "möchte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich
+scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit väterlicher
+Güte aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rückhalt meine Gedanken
+über die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht," sagte er
+seufzend, "so werde ich meine Pläne ändern und Hoffnungen aufgeben,
+welche mir die liebsten und schönsten sind."
+
+Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen
+Ton:
+
+"Sie wissen, mein junger Freund, daß mein Rath und meine Erfahrung, wenn
+ich Ihnen mit denselben nützen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen."
+
+Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem
+Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten
+Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine
+Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme:
+
+"Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen
+Flüchtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geöffnet. Sie
+haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen,
+daß Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir
+gehört, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine
+Vergangenheit war."
+
+"Ich habe Ihnen vertraut," erwiderte Herr Challier, "weil Sie
+hergekommen sind als der Diener eines edlen und unglücklichen Fürsten.
+Man dient dem Unglück nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz
+hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und
+rechtschaffenen Mann aufnimmt, und," fügte er mit der den Franzosen so
+eigentümlichen Höflichkeit des Herzens hinzu, "ich habe mich in meinem
+Urtheil und meinem Vertrauen nicht getäuscht, denn nun Sie uns
+verlassen, fühle ich, daß ein Freund von uns scheidet."
+
+"Ich gehe in mein Vaterland zurück," erwiderte Cappei, "um so bald es
+mir möglich ist, wieder vor Sie hintreten zu können, nicht mehr als der
+heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann,
+woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen,
+wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann,
+Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglück
+abhängt,--die Bitte," fügte er mit zitternder Stimme hinzu, "mir das
+Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller
+Wärme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind--deren Glück ich
+alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft öde
+und freudlos sein würde."
+
+Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehört. Sein Auge ruhte
+einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann
+sprach er mit milder freundlicher Stimme:
+
+"Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, daß ich volles Vertrauen zu Ihnen
+habe, daß ich Sie für einen Ehrenmann halte,--daraus folgt, daß ich, was
+Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glück meiner
+Tochter anzuvertrauen,--ich bin nicht reich," fuhr er fort, "aber ich
+habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die
+Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann fällt, eine sichere Existenz
+begründen zu können. Ob Sie Vermögen besitzen oder nicht, ist deshalb
+nicht entscheidend für die Beantwortung Ihrer Frage, aber," fuhr er
+fort, "die Grundlage einer sorgenfreien Existenz für die Zukunft meiner
+Tochter liegt in dem Geschäft, das ich hier betreibe. Würde ich es
+verkaufen, so würde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repräsentiren,
+den es in der Hand eines geschickten und fleißigen Mannes hat. Deshalb
+habe ich stets den Wunsch gehegt, daß der Mann, den meine Tochter einst
+sich zum Gefährten ihres Lebens erwählt, mein Geschäft fortsetzt. Ich
+fühle es vollkommen," fuhr er fort, "was es heißt, sein Vaterland zu
+verlassen,--aber in Ihrer Heimath sind die Verhältnisse so verändert,
+und die jetzigen Zustände können Ihnen so wenig erfreulich sein, daß es
+vielleicht Ihren eigenen Wünschen entsprechen könnte, hierher zurück zu
+kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen
+und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht
+in unserer Mitte auch Ihre künftige Heimath begründen können? Könnten
+Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfüllen, so würde ich kein
+Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen,
+vorausgesetzt, daß meine Tochter die Gefühle theilt, welche Sie für sie
+hegen,--worüber Sie," fügte er lächelnd hinzu, "vielleicht ein wenig
+unterrichtet sind."
+
+"Ich glaube," sagte Cappei mit leiser Stimme, "daß Fräulein Luise mir
+nicht abgeneigt ist--"
+
+Die Thür öffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie
+hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit
+Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr
+frisches Gesicht war vom Gang leicht geröthet, ihre glänzenden Augen
+richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den
+jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit
+anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuß dar und reichte dann Cappei mit
+freundlichem Gruß die Hand.
+
+"Du kommst eben recht," sagte Herr Challier, "um eine Frage zu
+beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete,
+und über welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien."
+
+Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres
+Geliebten,--sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte
+tief erröthend den Kopf auf die Brust nieder.
+
+"Herr Cappei," sagte der alte Herr, "hat mir soeben mitgetheilt, daß er,
+wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu
+uns zurückkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es
+scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die
+Entscheidung darüber von Deiner Entschließung abhängig gemacht,--was
+würdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr
+auch an Dich richtetet?"
+
+Einen Augenblick blieb das junge Mädchen mit gesenktem Kopf stehen, ein
+flüchtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen
+Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite
+des jungen Mannes und sprach:
+
+"Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich
+verstehe nicht, meine Gefühle zu verbergen,--mögen Andere es für
+schicklich halten, zu verhüllen, was ihr Herz bewegt,--ich sage offen,
+was ich empfinde,--ich liebe ihn," fuhr sie mit strahlenden Blicken
+fort, "mein Herz gehört ihm und wird ihm ewig gehören. Und Du, mein
+Vater, weißt, daß ich meine Liebe keinem Unwürdigen schenke."
+
+Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter.
+
+"Brav, mein Kind," sagte er, "das ist recht und tapfer gesprochen, und
+ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde
+Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen."
+
+Cappei breitete die Arme aus, das junge Mädchen sank an seine Brust und
+er drückte seine Lippen auf ihr glänzendes Haar.
+
+"Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurück, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten
+und," fügte er hinzu, "kommen Sie bald zurück,--ich verlange nicht als
+unerläßliche Bedingung, daß Sie Ihre künftige Heimath hier in unserm
+Frankreich wählen; ein Mann muß am besten wissen, was er zu thun hat,
+und ein Weib muß dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muß es mir ja
+gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen,--das ist der Lauf der
+Natur, aber," fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme
+leicht zitterte, "Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie
+glücklich es mich machen würde, zu denken, daß mein Kind einst an meinem
+Sterbebette stehen wird, und daß ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus
+überlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe
+von Generationen gelebt haben."
+
+Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres
+Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren großen glänzenden
+Augen fragend und bittend an.
+
+"Ich kehre zurück," sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, "um meine
+Heimath da zu begründen, wo ich das Glück meines Herzens gefunden habe.
+Ich würde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muß in die
+Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermögen
+zu sichern. Denn," fügte er mit fester Stimme hinzu, "nicht dem
+heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen."
+
+Ein glückliches Lächeln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er
+streckte seine beiden Hände aus,--die jungen Leute ergriffen sie und
+beugten sich zärtlich zu ihm herab.
+
+Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hörten
+nicht, daß die Thüre sich öffnete, und erst der Ton rascher Schritte
+ließ sie aufblicken.
+
+Herr Vergier war eingetreten,--starr und bleich stand er in der Mitte
+des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen
+blickten mit unheimlich spähendem Feuer auf die Gruppe vor ihm.
+
+Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob
+sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kräftigem
+Händedruck begrüßte:
+
+"Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen
+vor allen Andern zuerst sagen, welches für meine Familie so wichtige
+Ereigniß hier so eben sich vollzogen hat."
+
+Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit
+höhnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten,
+welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner
+Tochter mit.
+
+"Sie wissen," sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder,
+rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszüge vor heftiger Aufregung
+zuckten, "wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus
+betrifft,--aber die Gefühle, welche mich bei der Mittheilung erfüllen,
+die Sie mir so eben gemacht, können nicht erfreulich sein," fügte er mit
+bitterm Ton hinzu. "Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was
+Sie mir sagen, auf immer zerstört worden sind. Fräulein Luise," fuhr er
+mit brennendem Blick fort, "kannte diese Hoffnungen, sie hat mir
+dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir
+eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, daß sie nur eine so
+kurze Frist gebraucht hat, um sich über die Wahl ihres Herzens zu
+entscheiden."
+
+Mühsam nach Fassung ringend, stützte er sich auf die Lehne eines Stuhls.
+
+Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an.
+Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand.
+
+"Niemand ist Herr der Gefühle seines Herzens," sagte sie--"Sie waren der
+Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund für mein künftiges Leben
+und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefühle nicht erwidern konnte, die
+Sie mir entgegen trugen,--Sie werden das vergessen," fügte sie
+freundlich hinzu,--"Sie werden gewiß, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen
+wünsche, bei einer andern Wahl mehr Glück finden, als ich Ihnen hätte
+bieten können."
+
+Herr Vergier hatte nur zögernd die Hand des jungen Mädchens einen
+Augenblick ergriffen.
+
+"Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe," sagte er
+mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme,
+"welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's
+Herz, daß ich die Tochter meines Freundes, deren Glück mir theuer ist,
+wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit
+diesem Preußen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage
+der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muß kommen,
+Jedermann in Frankreich fühlt das, man hat schon mehrfach deutsche
+Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden," fuhr er
+immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine
+Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten--"schon
+sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, daß diese
+hannöversche Legion, welche so plötzlich auseinandergeht, nur der
+Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft über die inneren
+Verhältnisse unseres Landes zu erhalten.--Und wenn ich denken sollte,"
+rief er, seiner nicht mehr mächtig, indem ein leichter Schaum auf seine
+Lippen trat,--"daß meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand
+eines Feindes Frankreichs----"
+
+Eine helle Zornröthe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners
+auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer
+drohenden Bewegung erhob er die Hand--
+
+Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Hände, ihre Augen
+richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten.
+
+Dieser ließ langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde
+ruhig, beinahe sanft und milde.
+
+"Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr," sagte er,
+"ich bin störend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich
+verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung,--ich muß Ihnen viel
+vergeben,--aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein
+Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,"
+fuhr er fort, "im Dienst meines Königs und als ein Feind jener Macht,
+welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies
+allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schützen,
+wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und
+Fräulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug
+kennen, um zu glauben, daß auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als
+Legionair des Königs Georg hergekommen wäre, ich doch unfähig sein
+würde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu täuschen.
+Wenn Sie ruhig darüber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit
+widerfahren lassen und," fügte er mit offener Herzlichkeit hinzu, "ich
+hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Böses
+gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie für Herrn Challier
+und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie überzeugt, daß
+ich Alles thun werde, um mich derselben würdig zu machen."
+
+Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten für seine Worte.
+
+Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung
+bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen
+Lächeln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand.
+
+"Verzeihen Sie mir," sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur
+einzeln und abgebrochen hervordrangen, "verzeihen Sie mir meine
+kränkende Aeußerung. Mein augenblickliches Gefühl riß mich hin,--ich bin
+Franzose und mißtrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit
+und die Täuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird
+die Zeit uns in Freundschaft zusammenführen."
+
+Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand.
+
+Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des
+Hannoveraners nicht und erschrocken ließ dieser sie wieder los.
+
+"Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe," sagte Herr Vergier, "ich passe
+in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft."
+
+Und mit einer flüchtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus.
+
+"Der Arme thut mir leid," sagte der alte Herr Challier, ihm
+nachblickend, "er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird
+sehr leiden--"
+
+"Ich hätte ihn doch nicht lieben können," sagte Luise, indem sie mit
+leichtem Kopfschütteln vor sich niederblickte. "Wenn mein Herz nicht
+gesprochen hätte," fügte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu,
+"wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben hätte, so wären
+wir Beide unglücklich geworden."--
+
+Lange noch saßen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hörte der
+alte Herr ihr Geplauder und ihre Pläne für die Zukunft an. Es wurde
+beschlossen, daß der junge Cappei schon am nächsten Morgen abreisen
+sollte.--
+
+Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluß.
+
+"Je schneller er fortgeht," sagte sie lächelnd, "um so schneller wird
+er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und
+dauernden Glück kommen, das dann Nichts mehr stören wird."----
+
+Am späten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine
+Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit
+ihnen die letzten Augenblicke zu verleben.
+
+Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstraße der
+Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der
+Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die
+Hannoveraner saßen hier um einen großen Tisch--zahlreiche Freunde aus
+der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb
+gewordenen Gästen zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt
+hatten.
+
+Auf dem Tische stand eine große Punschbowle, welcher jedoch heute nur
+sehr mäßig zugesprochen wurde,--alle Gesichter waren ernst und oft
+stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die großen
+Erschütterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengeführt hatten,
+fühlten, daß heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller
+Erinnerung im Herzen trugen, für immer abgeschlossen werde, daß das
+letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der
+alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloß, noch verband,
+nun für immer zerriß und daß sie nun als Fremde allein und vereinsamt
+hinaustreten müßten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre
+eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in mühevoller Arbeit.
+
+Der junge Cappei trat ein.--Traurig überblickte er diese Versammlung
+seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und fröhlich beisammen
+gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich
+schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen.
+
+Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Rühlberg.
+
+"Was könntet Ihr Euch für eine schöne Zukunft machen," sagte dieser,
+indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte,--"wenn Ihr mit uns
+gingt,--Ihr seid noch jung und kräftig,--geschickt zu aller Arbeit und
+habt mehr gelernt, als wir Alle,--Ihr würdet ein schönes Vermögen in
+Algier erwerben,--das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen
+würde,--von dem Ihr noch gar nicht einmal wißt, ob Ihr ihn
+erhaltet,--ich sage Euch noch einmal,--geht mit uns,--laßt die Phantasie
+im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt,--es hat noch nie zu
+etwas Gutem geführt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf
+verdrehen lassen."
+
+"Ich bitte Euch, Rühlberg," sagte Cappei sanft aber bestimmt--"laßt
+mich,--mein Entschluß ist gefaßt,--versprecht mir," fuhr er abbrechend
+fort, "Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht--ich muß Euch
+sagen, daß ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe,--hätte
+der _König_ die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der französischen
+Regierung, so wäre es etwas Anderes gewesen,--aber so,--Ihr werdet
+vielleicht später einsehen, daß es besser gewesen wäre, gleich nach der
+Heimath zurückzukehren.--Doch Jeder hat seinen Entschluß gefaßt und muß
+ihm folgen."
+
+Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite.
+
+Es verging noch eine halbe Stunde,--dann zog der Unterofficier die Uhr
+und sagte tief aufathmend:
+
+"Es ist Zeit, Leute,--wir müssen aufbrechen!"
+
+Alle erhoben sich.
+
+Rühlberg ergriff sein Glas.
+
+"Wir sind heute zum letzten Male beisammen," sprach er mit etwas
+unsicher klingender Stimme,--"und wir wollen auch dies letzte Mal von
+der alten Sitte hannöverscher Soldaten nicht abweichen,--ein Glas auf
+das Wohl unseres Königs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah
+gethan,--das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen,
+heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser König für uns
+gestorben--leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern
+Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath."
+
+Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue
+Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer,--mancher blinkende
+Thränentropfen fiel in die Gläser, welche die treuen Söhne
+Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der
+Vergangenheit dem Andenken ihres Königs weihten.
+
+Dann brach man auf.
+
+Jeder nahm sein kleines Gepäck,--viel hatten sie nicht, diese armen
+Soldaten des Exils--und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln,
+leeren Straßen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten
+Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander
+und von ihren französischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof
+eingefunden hatten,--auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und
+finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Händedrücke
+der Scheidenden erwidernd.
+
+Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekränzten Anhöhe über der
+Stadt her eine Glocke zu läuten.
+
+Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester
+für einen aus dem Leben geschiedenen Bürger der Stadt zum Himmel
+sendeten.
+
+Die einfachen durch die Nacht her klingenden Töne ergriffen mächtig alle
+diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die
+Hüte ab und sprachen ein stilles Gebet für die Seele des
+Gestorbenen,--auch die Hannoveraner falteten die Hände--Niemand wußte,
+welchem Todten dies Geläut galt,--aber auch ihnen starb ja heute für
+immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt
+hatten,--ihre Heimath und ihr König.
+
+Der Zug brauste heran,--noch ein Händedruck,--ein letztes
+Abschiedswort--und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche
+sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenführen sollten.
+
+--"Adieu--adieu--bonne chance!" tönte es aus den Gruppen der Bürger von
+St. Dizier--Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur
+Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit
+feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin,--fast zog es den
+jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit
+dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu
+einem Leben voll Abenteuer und Gefahren--da trat das Bild Luisens mit
+ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele--rasch näherte er
+sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Rühlberg, der
+am Schlage saß, die Hand hin.
+
+"Gott befohlen!" sagte er mit erstickter Stimme,--"und--auf fröhliches
+Wiedersehn!"
+
+"Das wird schon kommen," erwiderte der Unterofficier mit einem etwas
+gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen
+trachtete, "Ihr werdet zur Einsicht kommen--wir werden Euch einen Platz
+offen halten."
+
+Die Schaffner eilten an den Zug,--die Locomotive pfiff und langsam
+begannen die Räder zu rollen.
+
+Noch einmal winkten die Zurückblickenden mit den Händen, mit leisem aber
+klar durch die nächtliche Stille dringenden Ton schallte das
+Sterbeglöcklein von der alten Kirche herüber,--die Legionaire auf dem
+abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied:
+
+ "Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen--"
+
+aber die Töne erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der
+Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden
+Glockenton begleitet,--da klang das Lied, das sonst so fröhlich in Lager
+und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten,
+den man zur letzten Ruhe hinausführt.
+
+Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne
+verschwunden,--weithin verklang das Schnauben der Maschine und das
+Rollen der Räder.
+
+Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurück.
+
+In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich
+ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine
+Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine
+Augen schienen in grünlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, während
+seine Züge von Grimm und Haß entstellt waren.
+
+Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das
+in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag.
+
+Einen Augenblick blieb er dort vor dem großen geschlossenen Thor
+stehen,--er drückte beide Hände an die Lippen und warf einen Kuß nach
+dem Hause hin.
+
+"Gute Nacht, meine süße Geliebte," flüsterte er,--und schritt dann rasch
+weiter nach seiner in der Nähe des Marktplatzes belegenen Wohnung.
+
+Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Nähe des
+Challier'schen Hauses gekommen.
+
+Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in
+der Dunkelheit verschwand, nach.
+
+"Hätte ich eine Waffe bei mir," flüsterte er mit zischender Stimme, "so
+könnte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes,--diesen
+Räuber meiner Liebe vernichten!"
+
+--"Aber geh' nur hin," sagte er, die geballte Faust zum nächtlichen
+Himmel erhebend,--"es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den
+Stahl,--ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur
+hin,--Du sollst nicht hierher zurückkehren auf den heiligen Boden
+Frankreichs,--den Du als Verräther betreten,--Du sollst nicht
+zurückkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pflücken und
+mir das Glück meines Lebens zu stehlen."
+
+Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehaßten Fremden nach,--dann
+wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.
+
+
+
+
+Viertes Capitel
+
+
+Die schöne Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball
+bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie saß in
+tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit
+welcher sie sich beschäftigte, auf ihren Schooß, während sie auf die
+noch winterlichen Bäume des Thiergartens hinausblickte.
+
+Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glückliches
+Lächeln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten
+aus ihren Augen.
+
+Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um sie in trockner und
+wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es
+sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den
+ersten Finanzgrößen der Residenz gehöre, mit Nichts bedeutenden
+untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren
+von Stellung und Distinction zurückweise. Ihre Mutter betrachtete das
+Alles nur als eine Frage der äußeren Rücksichten auf die Stellung des
+Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, daß sie sich nicht die
+entfernteste Möglichkeit träumen ließe, ihre Tochter könne wirklich in
+einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen
+guten angenehmen Tänzer.
+
+Und Fräulein Anna, hörte alle mütterlichen Ermahnungen ruhig mit
+gleichgültigem Lächeln an--sie wartete ihre Zeit ab und wußte, daß, wenn
+dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben würde, dem Zorn
+ihrer Mutter zu trotzen.
+
+Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft
+hatte er bei Tische erzählt, wie vortrefflich das Geschäft sei, welches
+er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte
+seiner Frau, welche aufmerksam, mit großem Interesse seinen
+Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein würde,
+welchen die Gesellschaft, welche er gegründet, aus der auf den Gütern
+des Barons eingeführten Industrie ziehen müsse und um wieviel sich
+zugleich durch diese Combination das Vermögens des Barons und das
+dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergrößern werde. Er hatte
+dabei die persönliche Liebenswürdigkeit des jungen Herrn von Rantow und
+seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders
+hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick
+auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte
+Fräulein Anna ihn so kalt und streng zurückweisend angesehen, hatte
+seine Bemerkungen mit einem so unverbrüchlichen eisigen Schweigen
+aufgenommen, daß der alte Herr, welcher seine Tochter abgöttisch liebte
+und ihr gegenüber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen
+durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gesprächsthema übergegangen war.
+
+Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee
+eingeladen worden. Man hatte dort einige ältere Herren, Freunde des
+Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme
+Manieren hatten, und die Commerzienräthin hatte in diesen Kreisen noch
+steifer, noch würdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstörbaren
+Lächeln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze
+sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten
+aristokratischen Grundsätze aussprachen.
+
+Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gesprächiger als je
+gewesen, er hatte den Baron mehrere Male "mein verehrter Freund", einmal
+sogar "mein lieber Freund" genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen
+unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer entwickelt, er hatte von den
+Hunderttausenden erzählt, die er in diesem und in jenem Geschäft
+engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine
+mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die
+Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen
+Château Lafitte zu probiren.
+
+Kurz Herr und Frau Cohnheim waren glücklich und befriedigt über diese
+intime Soirée bei dem Baron.
+
+Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Fräulein
+Anna gewidmet, ohne indeß etwas Anderes erreichen zu können als einige
+hingeworfene, gleichgültige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen.
+
+Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienräthin
+ihrer Tochter abermals eine Vorlesung über ihr abstoßendes Benehmen
+gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als
+ein tiefes Schweigen ihrer Tochter.
+
+Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu
+unterstützen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge
+Herr von Rantow für eine gute Partie sei, und wie die Damen der höchsten
+Aristokratie glücklich sein würden, wenn seine Wahl auf sie fallen
+sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick
+seines Lieblings zurückgezogen und seiner Frau allein die Sorge
+überlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem
+jungen Mädchen annehmbar zu machen.
+
+Fräulein Anna hatte nach dieser Soirée eine schlaflose Nacht zugebracht,
+sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Büchenfeld Nichts
+wieder gehört. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch
+gemacht zu einer Zeit, wo er gewiß war, Niemand zu Hause zu treffen;
+obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster saß und auf die
+lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den
+erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte.
+
+Sie saß nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das
+durch eine Hängelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr
+schöner Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gestützt und ihre
+aufgelösten Haare fielen über den weißen Arm nieder, von welchem der
+weite Ärmel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken
+war.
+
+"Er liebt mich," flüsterte sie leise vor sich hin,--"das hat mein Herz
+lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es
+wahr, denn für ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein
+Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,"
+fuhr sie fort, "warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken
+zwischen uns hätte hinwegräumen sollen, der uns gegenseitig unsere
+Herzen geöffnet hat, Nichts mehr von sich hören lassen? Warum hat er
+einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wußte, daß er uns nicht
+finden konnte? Ich kann das nicht ertragen," rief sie, leicht mit dem
+zierlichen Fuß auf den Boden tretend, "diese unklare, peinliche Lage muß
+ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von
+Rantow,--es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde!
+Auch mein Vater scheint ähnliche Gedanken zu haben. Nun," sagte sie
+trotzig die Lippen aufwerfend--"das beunruhigt mich nicht, mein Vater
+wird mir gegenüber nicht den Tyrannen spielen,--aber ein Ende muß das
+nehmen, klar muß Alles werden! Doch wie," sprach sie sinnend, "was soll
+ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlägen an mich
+herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht
+der Mühe werth hält, sich mir zu nähern?"
+
+Sie sann lange nach.
+
+"Sollte ich ihn gekränkt haben," flüsterte sie leise--"er ist
+empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein," rief sie dann, "ich
+erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte
+sprachen deutlicher vielleicht, als ich es hätte thun sollen, meine
+Liebe zu ihm aus. Nein," rief sie, "er kann nicht zweifeln, daß mein
+Herz ihm gehört. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn,
+der ihn von mir zurückhält. Und hat er," fuhr sie fort, indem ihre Augen
+sanft und weich vor sich hinblickten, "hat er nicht Recht, so stolz zu
+sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch
+fühlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade," rief sie
+leidenschaftlich, "darum liebe ich ihn--aber soll ich ihn verlieren,
+weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht für
+immer von mir gehen lassen--es klang wie ein Abschied in seinen letzten
+Worten. Fürchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu
+zu werden? Ich muß ihn sehen," sagte sie aufspringend, "ich muß ihn
+sprechen, ich muß mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und
+laut das Gefühl meines Herzens bekennen. Oh," sagte sie, sich hoch
+aufrichtend, "diesem Baron von Rantow gegenüber und all den Herren
+gegenüber, die mich umschwärmen, die da glauben, daß sie gestützt auf
+ihre großen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken dürfen, um
+mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein großes Vermögen zu
+erwerben,--ihnen gegenüber fühle ich den Stolz einer Königin in mir, es
+reizt mich, ihnen zu zeigen, daß ich mich höher achte, als sie Alle.
+Aber ihm gegenüber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen
+Herzen gegenüber will ich demüthig sein. Er soll sehen, wie ich Alles,
+was ich ihm bieten kann, für Nichts achte und wie ich glücklich bin, daß
+er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu
+verlassen, ihm gegenüber will ich keinen Stolz haben, und so will ich
+ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben."
+
+Sie öffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen
+Bogen goldgerändertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig,
+während ihre Wangen sich mit dunklem Purpur färbten, einige Zeilen.
+
+Dann las sie dieselben durch.
+
+"Es ist etwas Ungewöhnliches, was ich da thue," sagte sie, "jedem
+andern Manne gegenüber würde es eine Selbsterniedrigung sein--aber er
+wird mich verstehen, er wird fühlen, daß er kein Recht mehr hat, seinem
+stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich
+mich so in seine Hände gebe."
+
+Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloß ihn in eine
+Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.
+
+"Es wird Licht werden," sagte sie dann, "ich werde den Brief zur Post
+tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner
+Bitte folgen."
+
+Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie
+sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer
+und gestalteten sich zu schönen und lieblichen Träumen künftigen
+Glückes.
+
+ * * * * *
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld hatte seit seiner Erklärung mit Fräulein
+Cohnheim viel mit sich selbst gekämpft. Er war nach einer ziemlich
+einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in
+Berlin zum ersten Mal in die größern Kreise der Welt eingetreten, und
+die Liebe zu dem jungen Mädchen hatte mit übermächtiger Kraft sein tief
+empfindendes, in sich selbst zurückgezogenes Herz erfüllt, ein ganz
+neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen
+von dem tiefen Gefühl, das ihn erfüllte. Die starren Begriffe von Ehre
+und männlicher Würde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt,
+kämpften gegen diese Liebe an, und sein Blut empörte sich bei dem
+Gedanken, daß man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen
+Commerzienraths materielle Motive unterlegen könnte, sein Stolz bäumte
+sich auf, wenn er sich die Möglichkeit dachte, daß er kalt und
+hochmüthig zurückgewiesen werden könnte, und selbst wenn es ihm gelingen
+würde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken
+zurück, seine Lebensstellung auf das Vermögen seiner Frau zu begründen.
+
+Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefühlen hinreißen lassen, er
+war dem jungen Mädchen näher und näher getreten, endlich aber hatte er
+mit dem festen Entschluß sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen
+sie aussprechen wollen, um zugleich für immer von ihr Abschied zu
+nehmen.
+
+Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geöffnet, er hatte
+mit Entzücken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, daß seine Gefühle
+so stark und so warm erwiedert würden.
+
+Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glückes ihn geblendet, aber
+am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm mächtig geworden, er hatte
+den festen Entschluß gefaßt, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf
+seine eigene Kraft seine Zukunft zu begründen, und er wollte, um den
+Kampf siegreich zu bestehen, Fräulein Cohnheim nicht wiedersehen, so
+lange sein Commando in Berlin noch dauerte.
+
+Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die
+geliebten Züge zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren,
+aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurück und vermied
+sorgfältig alle Kreise, in denen er Fräulein Cohnheim hätte begegnen
+können. Nur am späten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen
+Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die
+Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange
+stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Träumerei
+versunken, aber sein Entschluß blieb fest, am Tage betrat er niemals die
+Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum nächtlichen
+Himmel sandte.
+
+Er wurde in seiner stolzen Zurückhaltung noch bestärkt durch die
+Bemerkungen, welche sein Vater ihm über sein Gespräch mit dem Baron von
+Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen
+Sohn darüber geäußert, daß sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus
+bester Familie sich zu industriellen Geschäften mit dem Commerzienrath
+associirt habe, und daß er, wie es schien, sogar die Idee nicht als
+unmöglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch
+immer weiter zu vermehrenden Vermögen durch eine Heirath seines Sohnes
+mit dem Fräulein Cohnheim mit einander zu verbinden.
+
+Mit traurig bitterm Lächeln hatte der junge Mann den unwilligen Worten
+seines Vaters zugehört.
+
+Der alte Herr hatte in diesem Lächeln eine Zustimmung zu seinem so
+mißfälligen Urtheil über die moderne Handlungsweise seines Freundes zu
+finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut
+ausgerufen:
+
+"Wir würden so Etwas nicht thun, die Büchenfelds mögen kein so vornehmes
+und kein so begütertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow,
+aber mit den Börsenspeculanten würden wir weder unsere Geschäfte, noch
+unser Blut vermischen."
+
+Unbeschreibliche Gefühle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen
+Worten seines Vaters zusammengeschnürt, ohne zu antworten, war er
+aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.
+
+Einige Tage später hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem
+Herrn von Rantow in höchster Entrüstung mitgetheilt, daß nicht nur das
+Geschäft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen
+Ausbeutung der Rantow'schen Erbgüter beschlossen sei, sondern daß er nun
+auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Fräulein Cohnheim zu
+seinem tiefen Schmerz als gewiß ansähe.
+
+Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschluß des jungen
+Mannes geworden, das junge Mädchen nicht wieder zu sehen, der alle
+Regungen seines Herzens gehörten und welche doch von ihm durch alle
+Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhältnisse der Welt
+zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind.
+
+Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft,--er suchte durch
+die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen
+durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller
+Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thätigkeit für
+eine große und wirkungsvolle Carrière vorzubereiten. Er wollte durch den
+Ehrgeiz die Liebe tödten, denn einer großen und mächtigen, Alles
+beherrschenden Regung bedurfte er für sein inneres Leben, dem das
+gleichgültige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht genügte.
+
+An dem Tage, an dessen Vorabend Fräulein Anna in nächtlicher Stille den
+Entschluß gefaßt hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden
+Lösung zuzuführen, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der
+Kriegsschule zurückgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in
+welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein
+Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen
+Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte,
+welches der alte Herr für sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen
+kleinen Hotel holen ließ.
+
+"Du siehst bleich aus," sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit
+sorgenvoller Theilnahme ansah, "ich fürchte, Du arbeitest zu viel. Es
+ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tüchtiges lernt, aber man darf
+darum kein Kopfhänger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast
+jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr--Du darfst
+Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit," sagte er, sich den
+Schnurrbart streichend, "waren wir jungen Officiere anders, wenn es
+keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus
+und machten fröhliche Streifzüge durch Wald und Feld. Damals hätten wir
+es nicht für die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Büchern zu
+sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student."
+
+"Sei ruhig, lieber Vater," sagte der Lieutenant mit einem etwas
+gezwungenen Lächeln, "ich werde gewiß nicht über meine Kräfte arbeiten;
+wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, daß ich
+keine Freude in dem hiesigen weitläufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn
+ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden,
+unter den alt gewohnten Verhältnissen, so wird es anders werden."
+
+"Nun," sagte der alte Oberstlieutenant, seinem früheren Gedankengang
+folgend, "es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier
+heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man muß heute
+die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm führen. Das ist
+Alles ganz gut, aber zum Kopfhänger darf darum der Soldat doch nicht
+werden.--Daß Dir übrigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht
+gefällt," fuhr er fort, "verstehe ich, und daß Du glücklicher in den
+einfachen Verhältnissen Deiner kleinen Garnison bist--freilich," sagte
+er dann wehmüthig seufzend, "wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz
+allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters--Ihr marschirt in die
+Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da können ja unsere Wege
+nicht zusammenlaufen."
+
+Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenüber Platz, und der
+alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und
+dünne Bouillon.
+
+Der Oberstlieutenant füllte die Weingläser für sich und seinen Sohn aus
+einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stieß mit dem
+Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den künftigen
+Feldmarschallstab an. Während der junge Mann schweigend seinem Vater
+zuhörte, welcher von alten Zeiten erzählte und manche schon oft
+wiederholte Geschichte noch einmal ausführlich vortrug, hörte man ein
+starkes Klingeln an der äußern Eingangsthür der kleinen einfachen
+Wohnung.
+
+Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit
+einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurück.
+
+"Ein Brief für den Herrn Lieutenant," sagte er, indem er in
+dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann überreichte.
+
+Dieser nahm es mit gleichgültiger Miene, öffnete es, und ließ die Augen
+über den Inhalt gleiten. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, mit
+starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jähen Schreckens las er
+die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen
+Schooß herab, indem seine Augen fortwährend unbeweglich auf den Worten
+ruhten, die er so eben gelesen.
+
+"Mein Gott," rief der alte Oberstlieutenant unruhig, "was ist das? Du
+hast doch keine böse Nachricht bekommen--doch nicht etwa eine
+Ehrensache?"
+
+Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu
+gewinnen.
+
+"Es ist Nichts," sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine
+Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Mühe die Worte
+hervorbrachte, "ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu
+verbringen."
+
+"Aber Du bist doch so erschrocken," sagte der alte Herr forschend, "Du
+bist ja ganz roth geworden, Du zitterst."
+
+"Ich habe den ganzen Vormittag über Nichts gegessen," sagte der
+Lieutenant, "die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig
+echauffirt,--es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein
+leichter Schwindel, der bereits vorüber ist."--
+
+Der alte Herr sah ihn ein wenig enttäuscht an.
+
+Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit
+einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzählungen einzugehen,
+Erinnerungen anzuregen, von denen er wußte, daß sie seinem Vater lieb
+wären, so daß dieser bald den kleinen Vorfall vergaß und in äußerst
+zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen ließ,
+sehr vergnügt darüber, daß sein Sohn so lebendig wie lange nicht an
+seinen Gesprächen Theil nahm.
+
+Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgeräumt
+war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen großen altmodischen
+Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer
+sprechend mit seinem Sohn, deckte ein großes seidenes Tuch über seinen
+Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute
+tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern
+die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Würden
+und Auszeichnungen geschmückt den Namen derer von Büchenfeld zu immer
+höhern Ehren brachte.
+
+Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein
+kleines Zimmer zurück, setzte sich vor seinen großen Tisch von weißem
+Holz, der mit Büchern, Plänen und Karten bedeckt war, zog das kleine
+Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die
+Lectüre desselben.
+
+"Mein Gott," sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton,
+"mein Entschluß stand so fest, ich glaubte Alles überwunden, ich glaubte
+mit der Vergangenheit und all ihren süßen Lockungen abgeschlossen zu
+haben,--da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschlüsse
+wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel
+versenkt--
+
+"Mein lieber Freund."
+
+Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet.
+
+"Nach unserm letzten Gespräch glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu
+sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhältnisse machen
+eine Erklärung zwischen uns nothwendig. Ich muß Sie sehen und
+sprechen,--gehen Sie heute Nachmittag fünf Uhr in der Nähe unseres
+Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen
+dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht
+und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen."
+
+"Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen," sagte er, immerfort sinnend
+das Papier betrachtend,--"ein einfaches A. ist die Unterschrift.--Ich
+habe niemals Anna's Handschrift gesehen," fuhr er fort, "aber es ist
+kein Zweifel, dieser Brief muß von ihr kommen. Was kann sie mir sagen
+wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit
+dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein--nach ihren letzten Worten
+freilich," sagte er, den Kopf in die Hand stützend, "mußte ich glauben,
+daß ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht
+annehmen, sie gab mir Hoffnung,--oh, eine so süße Hoffnung, welche ich
+mit so schwerer Ueberwindung aus meinem Herzen gerissen habe.
+
+Wäre es möglich"--ein Schimmer von Glück und Freude erleuchtete sein
+Gesicht, in einer unwillkürlichen Bewegung hob er das Papier empor,
+drückte seine Lippen auf die Schriftzüge, dann sprang er auf und ging in
+heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder.--
+
+"Sei es, was es will," rief er, "es wäre unritterlich und feige, der
+Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt
+habe, daß ich sie liebe--und welche dieses Geständniß so gütig und
+freundlich aufgenommen, wie sie es gethan.--
+
+Aber," fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, "wenn
+sie mir sagen will, daß Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden
+will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen?
+
+Nun," fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort,
+"auch das wäre ein Zeichen, daß ich mich nicht in ihr getäuscht habe,
+ein Zeichen, daß sie meiner Liebe werth war, und daß sie es auch
+verdient, daß ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glück opfere.
+Jedenfalls muß ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird
+ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser
+schöne Traum wird einen um so schönern Abschluß finden, und," sagte er
+leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glück die
+Mitte hielt, "sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen
+meine Liebe sich erneuern--ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das
+wäre ein Mißtrauen auf die eigene Kraft,--ich muß hingehen und werde
+stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhängnißvolle
+Augenblick mir bringen kann."
+
+Er blickte auf seine Uhr.
+
+"Noch über eine Stunde," sagte er,--"daß doch die Zeit oft so langsam
+vergeht, wenn man ihr Flügel wünscht und so rasch dahin schwindet, wenn
+man sie fesseln möchte."
+
+Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht
+bei seiner Lectüre, in kurzen Zwischenräumen sah er nach der Uhr, deren
+Zeiger kaum vorzurücken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin
+und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief blaß, bald
+glühend roth; ein leichter Schweiß perlte an der Wurzel seiner Haare;
+und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben,
+fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter
+Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefühle und Gedanken bei äußerer
+Unthätigkeit stets hervorruft und welcher bei kräftigen und nervösen
+Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unerträglichsten
+Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequälte Menschenleben
+so reich ist.
+
+Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte
+die Mütze auf und verließ, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu
+betreten, das Haus.
+
+ * * * * *
+
+Fräulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag
+verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um
+zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen.
+Sie war überhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen
+Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus überlegener
+Gleichgültigkeit, ihr Vater aus Zärtlichkeit selten ein Hinderniß in den
+Weg gelegt hatten.
+
+Noch einmal hatte sie sich Alles überdacht, was sie dem jungen Manne
+sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick
+entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen würden. Es war ja unmöglich,
+daß sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen könnte, da sie doch wußte,
+daß sein Herz ihr gehörte.
+
+Mit bangem Zittern, aber mit einem glücklichen, hoffnungsvollen Lächeln
+auf den Lippen verließ sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre
+Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer
+Eltern auf- und abzugehen, wie sie es öfter um diese Zeit zu thun
+pflegte um frische Luft zu schöpfen.
+
+Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all
+den alten Damen mit kleinen Hündchen in zierlichen blauen oder rothen
+Mänteln, unter all den Herren, welche in dem regelmäßig abgemessenen
+Spaziergang Erholung für die im Staub der Bureaus aller Arten
+verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem
+ihr Herz entgegenflog.
+
+Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter.
+
+"Guten Tag, Fräulein Anna," ertönte plötzlich eine Stimme unmittelbar
+neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow,
+welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit
+einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit
+eines alten Bekannten begrüßte, welche sie um so unangenehmer berührte,
+als ihr diese Begegnung gerade im gegenwärtigen Augenblick ungemein
+unerwünscht war.
+
+Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruß des jungen
+Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.
+
+Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.
+
+"Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich
+gesucht, mein gnädiges Fräulein," sagte er, "in denen ich Ihnen sonst zu
+begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre
+blühende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen
+blühen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und
+Leiden keinen Platz finden," fügte er mit höflich gleichgültigem Ton
+hinzu, indem sein Blick oberflächlich über das Gesicht und die Gestalt
+des jungen Mädchen hinglitt.
+
+"Ich danke, Herr von Rantow," sagte Anna mit dem Ton einer gewissen
+Verlegenheit, "ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervös
+verstimmt,--deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und möchte
+jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um _einsam_ meinen
+Gedanken nachzuhängen."
+
+"Das sollten Sie nicht thun," erwiderte Herr von Rantow, ohne den
+ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr
+in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. "Die Einsamkeit ist kein
+Heilmittel für angegriffene Nerven, eine heitere gemüthliche Plauderei
+leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu
+sein."
+
+"Sie sind zu gütig," erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, "Jeder muß
+am besten wissen, was seiner Natur bei nervösen Verstimmungen gut thut,
+und für mich ist ein _einsamer_ Spaziergang in der freien Luft," fügte
+sie mit noch schärferer Betonung hinzu, "das beste Heilmittel."
+
+"Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten," erwiderte Herr von Rantow mit
+einem leichten Lächeln, während er durch sein Glas in eine Seitenallee
+hinabsah, "meine Begleitung nicht weiter aufdrängen, und doch wird es
+mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein
+sein zu wollen--"
+
+"Mein voller Ernst," rief Anna schnell, indem eine dunkle Röthe ihr
+Gesicht überflog,--sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von
+Büchenfeld bemerkt und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle
+sie ihm entgegen eilen.
+
+Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung
+ihres Blickes.
+
+"Ah, da ist Herr von Büchenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch
+ein Einsamer," fügte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge
+Mädchen hinzu. "Wäre die Einsamkeit ein Ding, das man theilen könnte, so
+würde ich vorschlagen, daß wir uns zu Dreien ihrem Genuß hingeben."
+
+Anna hörte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den
+jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren
+Zügen, unschlüssig hielt sie ihre Schritte an, so daß sie fast neben
+Herrn von Rantow stehen blieb.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld hatte bei ihrem Anblick zunächst in
+freudiger Bewegung einen Schritt vorwärts gemacht, dann bemerkte er den
+jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gespräch
+neben Fräulein Anna herging.
+
+Eine tiefe Blässe bedeckte plötzlich seine Züge, seine Augen öffneten
+sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen
+blieb,--ein bitteres höhnisches Lächeln verzog seine fest verschlossenen
+Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine
+Brust, schnell wandte er sich seitwärts, und mit raschen Schritten ging
+er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Höflichkeit Fräulein
+Cohnheim militairisch grüßend.
+
+Das junge Mädchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten
+sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorüberschreitenden jungen
+Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei,
+rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle
+sie die Hände ausstrecken.
+
+"Um Gottes Willen Herr von Büchenfeld!" rief sie.
+
+Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepreßt,
+daß ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr
+stehenden Herrn von Rantow drangen. Im höflichen Diensteifer wandte sich
+dieser um.
+
+"Büchenfeld!" rief er, "so höre doch,--wie unhöflich, so vorbei zu
+laufen,--Fräulein Cohnheim ruft Dich."
+
+Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm
+und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes
+höhnische, bittere Lächeln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von
+Rantow geführt, zu dem jungen Mädchen zurück, das ihn zitternd
+erwartete.
+
+"Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Büchenfeld," stammelte
+sie mit unsicherm Ton, "ich wollte Ihnen sagen,--daß--" sie blickte auf
+Herrn von Rantow, der mit einem artigen Lächeln auf den Lippen neben ihr
+stand, und dann schlug sie die Augen nieder,--sie schien nach Worten zu
+suchen, zornig biß sie ihre glänzenden Zähne auf die Lippen und trat
+heftig mit dem Fuß auf den Boden.
+
+"Es ist sehr freundlich, daß Sie sich meiner erinnern," sagte der
+Lieutenant von Büchenfeld mit kalter, schneidender Höflichkeit. "Ich
+bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen
+Bedauern muß ich aber um Verzeihung bitten, daß ich mich keinen
+Augenblick aufhalten kann,--der unerbittliche Dienst ruft mich."
+
+Er grüßte militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow,
+und eilte dann mit schnellen Schritten davon.
+
+Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm
+nacheilen, doch das wäre vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer
+schnellerem Gang, sie--sah ihm mit brennendem Blick nach.
+
+Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht.
+
+"Ich begreife nicht," sagte Herr von Rantow, "was er haben kann, er sah
+ja ganz verstört aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt
+haben?"
+
+Fräulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern
+zeigte sich ein feuchter Thränenschimmer.
+
+"Ich bedaure sehr, Herr von Rantow," sagte sie mit kaltem Ton, "daß ich
+nicht länger das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft
+greift mich an, ich will nach Hause zurückkehren."
+
+Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem
+leichten Gruß abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu.
+
+"Wir gehen denselben Weg," sagte er ganz erstaunt, "ich will so eben zu
+meinen Eltern."
+
+Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hören. Erstaunt
+blickte er ihr nach.
+
+"Was geht denn da vor!" sprach er kopfschüttelnd vor sich hin. "Sollte
+da eine ernste Herzensangelegenheit spielen,--das würde mir nicht zu
+meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das
+Alles fügt sich so vortrefflich,--nun, ich glaube kaum, daß es ein
+ernstes Hinderniß sein wird," sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart
+streichend, "dieser Büchenfeld mit seinen altfränkischen Anschauungen
+wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird
+auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der
+Nichts weiter besitzt als seinen Degen."
+
+Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Mädchen nach und trat
+einige Zeit später als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen
+Parterre seine Eltern bewohnten.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war in schmerzlicher Erregung dem
+Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum
+die Vorübergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken
+beschäftigt.
+
+"Das also ist es gewesen," flüsterte er, "sie hat mir zeigen wollen, daß
+Alles zwischen uns aus sein soll, daß Alles für sie nur das flüchtige
+Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen,
+aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl
+das künftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklärt.
+Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie
+wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen,
+der das Glück besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte.--
+
+"Das Glück?" sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug,--"kann es
+ein Glück geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den
+edelsten Gefühlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich
+weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag,--und sie
+hätte es ja nicht nöthig gehabt," sprach er, grimmig die Lippen auf
+einander pressend, "sie hätte es nicht nöthig gehabt, mir so meinen
+Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht
+verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurückgezogen. Warum hat
+sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich
+mich in ihr getäuscht! Wie Recht hatte mein Vater, daß in diesen Kreisen
+der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefühl giebt."
+
+Er sah sich plötzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annäherung
+er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.
+
+"Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkörperten Fleiß," rief ein
+junger Dragonerofficier.
+
+"Er bereitet sich zum Chef des großen Generalstabs vor und macht Tag und
+Nacht die Pläne zu den Schlachten, die er künftig gewinnen will. Aber
+jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute
+Hohensteins Geburtstag," sagte er, auf einen Husarenofficier deutend,
+"wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu
+feiern. Büchenfeld darf sich nicht zurückziehen, wenn er nicht ein
+schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein
+vortrefflicher Romanée mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll.
+Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer,--aber wo man den
+Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und
+nüchtern bleiben."
+
+Er ergriff den Arm des Lieutenants von Büchenfeld und zog ihn fort. Die
+Andern folgten.
+
+"Es ist wahr," rief Büchenfeld flammenden Blickes, "ich habe zu viel
+gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegrübelt, ich will mir einmal den
+Kopf frei machen von allen Gedanken. Könnte ich Vergessenheit trinken,"
+sagte er leise vor sich hin,--"wie die Alten mit dem Wasser des Flusses
+der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele
+fortspülten!"
+
+Unter heitern und fröhlichen Gesprächen schritten die Officiere die
+Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewährte Local von
+Borchard in der Französischen Straße.
+
+Der alte Kellner mit dem kränklichen, klug blickenden Gesicht, welcher
+so genau seine Gäste zu classificiren verstand und den Geschmack und die
+Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedächtniß behielt, brachte die
+dickbäuchigen Flaschen in den eisgefüllten Kühlern. Die Pfropfen wurden
+entfernt, und das edle, dunkelrothe Getränk mit dem weißen Schaum ergoß
+sich in die zierlichen Krystallkelche.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen
+sich der Gesellschaft der Uebrigen angeschlossen hatte, stürzte ein Glas
+des purpurnen Getränkes nach dem andern hinunter,--eine wilde Heiterkeit
+schien sich seiner zu bemächtigen, seine Augen flammten, seine Wangen
+glühten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit
+sprühendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen.
+
+Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd,--er war
+scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten
+Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war.
+
+Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an.
+
+"Büchenfeld muß etwas sehr Glückliches passirt sein," sagte der
+Dragonerofficier, "so habe ich ihn noch nie gesehen."
+
+"Oder," sagte der Husar lachend, "er steht im Begriff, sich
+todtzuschießen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht."
+
+"Weder das Eine noch das Andere," meinte ein Dritter, "es ist einfach
+dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund
+so gesprächig macht."
+
+"Oder sollte er etwa verliebt sein," sagte der Dragoner, "das wäre ja
+das Allermerkwürdigste, das man erleben könnte,--er, der bis jetzt gar
+keine Augen für ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen
+Studien gelebt hat."
+
+"Ja, ja," rief der Lieutenant von Büchenfeld laut lachend, "Du hast es
+getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth," sagte er,
+ein neues Glas herunterstürzend, "aus seiner gewohnten Ruhe
+herauszutreten. Nein, nein," fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort,
+"wenn ich verliebt wäre, dann wäre mir doch wirklich besser, daß ich
+mich auf ein Pulverfaß setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die
+Liebe?" sagte er plötzlich düster;--"die unwürdige Fessel, welche den
+Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die flüchtige Laune einer
+Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und
+sie zum Spott Derer werden läßt, die sie nicht begreifen können!"
+
+Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer höher glühten
+die Wangen des Herrn von Büchenfeld, und bereits begannen seine Freunde
+mit einiger Besorgniß zuzusehen, wie er fortwährend sein Glas füllte, um
+es augenblicklich wieder zu leeren.
+
+Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezündet. Einige einzelne
+Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz
+genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden.
+
+Der Referendar von Rantow trat herein, ließ durch sein Lorgnon den Blick
+durch das große Zimmer gleiten und näherte sich dann der Gruppe der
+Officiere, die ihm sämmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen
+freundlich begrüßt, rasch reichte man ihm einen gefüllten Kelch und
+stellte einen Sessel für ihn in den Kreis der Uebrigen.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war in die Ecke eines Divans
+zurückgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem
+Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein verächtliches Lächeln zuckte um
+seine Lippen.
+
+"Sieh da, Büchenfeld," sagte der Referendarius, ihm freundlich
+zunickend, "ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und
+unzugänglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die
+Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte,--das war nicht höflich."
+
+"Ihm muß überhaupt etwas ganz Außerordentliches passirt sein," sagte der
+Husarenofficier,--"er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie
+gesehen habe. Sehr amüsant freilich, aber ich möchte ihn so nicht in
+fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst könnte wohl morgen Einer von uns
+das Vergnügen haben, ihm zu secundiren."
+
+Herr von Büchenfeld warf dem Sprechenden einen flüchtigen Blick zu,
+stürzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer
+Stimme:
+
+"Das würde nicht zu besorgen sein,--ich bin im Gegentheil in sehr
+friedlicher Stimmung,--sehr friedlich--und sehr vergnügt.--Du hast
+Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein großes Glück widerfahren, ich bin
+einer großen Gefahr entronnen,--ich stand im Begriff einen tiefen Fall
+zu thun,--einen tiefen, tiefen Fall," sagte er mit dumpfem, allmälig
+immer leiser und leiser verklingendem Ton;--dann sank sein Haupt auf die
+Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu
+beenden.
+
+Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander.
+
+"Ich fürchtete schon," sagte Herr von Rantow lächelnd, "daß Du mir böse
+sein würdest, und daß ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens
+gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt,--sollten wir
+Nebenbuhler sein? Das wäre nicht hübsch," fügte er hinzu, "gute Freunde
+müssen sich über so Etwas verständigen."
+
+"Nebenbuhler?" riefen die Officiere neugierig,--"so haben wir doch
+Recht, so ist er doch verliebt. Es mußte ja auch etwas ganz
+Außerordentliches sein, was ihn so verändern konnte."
+
+Herr von Büchenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine müden
+geschlossenen Augen öffneten sich weit und blickten mit sonderbarem
+Ausdruck im Kreise umher.
+
+"Nebenbuhler," rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow
+wendend, "wären wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz
+ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schätze
+dieses kindische Gefühl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren
+Werth; und ihr Werth ist sehr gering," fügte er achselzuckend
+hinzu,--"über Dergleichen dürfen sich Männer nicht entzweien. Wahrlich,"
+fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder
+zu leisem Ton herabsank, "stände hier eine Roulette zwischen uns, ich
+würde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und
+Liebesansprüche der Welt setzen."
+
+"Das ist ein guter Gedanke," rief der Dragonerofficier, der ebenso wie
+die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einfluß der Wirkung des
+feurigen Weines befand, "ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid,
+setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur
+Klarheit zu kommen, als sich die Hälse zu brechen. Eine Roulette ist
+nicht hier, spielt eine Partie Ecarté um Eure Schöne--"
+
+"Vortrefflich, vortrefflich!" riefen die Andern jubelnd,--"ein
+ausgezeichneter Gedanke!"
+
+"Unglück im Spiel, Glück in der Liebe!" rief der Husarenofficier.
+
+"Wer das Spiel gewinnt, muß seine Liebesansprüche aufgeben--"
+
+"Warum nicht," rief Herr von Büchenfeld, dessen Blicke sich immer
+verschleierten, "gebt die Karten her!"
+
+Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige
+Bemerkungen machen, die Uebrigen ließen ihn nicht zu Worte kommen.
+
+Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartékarten gebracht, man
+räumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Büchenfeld leer und zog Herrn
+von Rantow zu dem jungen Officier hin.
+
+"Ich setze hundert Louisd'or," sagte dieser, indem er den Blick
+forschend auf Herrn von Büchenfeld richtete, wie es schien in der
+Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu
+bringen.
+
+"Ich nehme an," sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell
+leerte er noch ein Glas.
+
+"Wer gewinnt," rief der Dragonerofficier, "zahlt also hundert Louisd'or
+und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour
+zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr
+sprechen."
+
+Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht
+ergriffen hatte, auf Herrn von Büchenfeld.
+
+"Angenommen," sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung
+nach dem Spiel und hob ab.
+
+"Drei," sagte Herr von Rantow,--dann coupirte und zeigte ein Aß.
+
+"Du giebst," sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton.
+
+Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male
+den König auf, und nach wenigen Abzügen hatte er die Partie gewonnen.
+
+Höhnisch lachte Herr von Büchenfeld laut auf.
+
+"Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen!" rief er, die Karten
+durcheinander werfend,--"ich gratulire Dir!"--er sank auf seinen Stuhl
+zurück, sein Haupt fiel müde auf die Brust nieder.
+
+Herr von Rantow zuckte zusammen.
+
+Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise
+herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit
+verlegenen Blicken an.
+
+"Ich habe gewonnen, nach der Verabredung muß ich den Einsatz bezahlen,"
+sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrückte, daß er dieser
+peinlichen Scene so schnell als möglich ein Ende machen wollte.
+
+Er zog einige Goldstücke aus seinem Portemonnaie, fügte aus seinem
+Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von
+Büchenfeld auf den Tisch und erhob sich.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand
+aus und streute das Geld auf dem Tisch umher.
+
+"Der Einsatz ist zu hoch," sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen
+Worten, "Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht
+werth, ich kann das nicht annehmen."
+
+Und abermals sank er in seinen Stuhl zurück, seine Augen schlossen sich,
+sein Haupt fiel matt gegen die Lehne.
+
+Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurückgeschoben. Einer
+der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den
+Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath,
+der Alles mit angehört hatte.
+
+"Wie peinlich, wie unangenehm," sagte er, während die ernst gewordenen
+Officiere schweigend um ihn her standen.
+
+"Meine Herren," fuhr er fort, "ich glaube nicht, daß es möglich ist, mit
+Herrn von Büchenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm
+einen großen Dienst leisten, wenn Sie dafür sorgen, daß er so bald wie
+möglich nach Hause zurückkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter
+darüber reden."
+
+Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine
+Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte.
+
+Die heitere und übermüthige Weinlaune der Officiere war verschwunden,
+sie Alle fühlten, daß hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das
+schwere Folgen nach sich ziehen müsse.
+
+Sie brachen auf, der Lieutenant von Büchenfeld ließ sich ruhig und ohne
+weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke führen.
+Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzählten dem alten
+Oberstlieutenant, daß sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig
+von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei.
+
+Der alte Herr lächelte ganz vergnügt darüber und freute sich im Stillen,
+daß die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg über
+seine Neigung zu einsamem Grübeln davon getragen habe.
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+
+Fräulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefühle nach Hause
+zurückgekehrt, sie hatte in das Verhältniß zu ihrem Geliebten Licht und
+Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglückseliges und
+verhängnißvolles Zusammentreffen der Umstände eine neue und noch größere
+Verwirrung entstanden.
+
+Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und riß hastig die Handschuhe von
+den zitternden Händen.
+
+"Welch ein unglückseliges Zusammentreffen," rief sie heftig, "ich hätte
+daran denken sollen. Aber wie ist es möglich, daß er mich nicht einmal
+anhören wollte. Einige Worte hätten Alles aufgeklärt. Es ist ja schon
+ganz widersinnig, daß er von einer so eifersüchtigen Leidenschaft erfaßt
+werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben."
+
+Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschlüssigkeit
+zu der Decke des Zimmers empor. Sie zürnte sich selbst, sie zürnte ihrem
+Geliebten, der so hart und rücksichtslos ihr jede Erklärung
+abgeschnitten hatte, vor Allem aber zürnte sie dem Herrn von Rantow,
+welcher so unberufen und störend in ihre Combinationen eingegriffen
+hatte.
+
+"Es ist unerhört," rief sie, "wenn er mir zutrauen kann, daß ich mit dem
+jungen Baron in irgend welchen Beziehungen stände--aber," fuhr sie fort,
+"sein Charakter ist so mißtrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu
+sehen. Es ist unmöglich, eine andere Erklärung für sein Benehmen zu
+finden. Was soll ich thun?--Ihm noch einmal schreiben?--Er würde mir
+nicht glauben! Er würde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im
+Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekümmerniß und der
+Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen müssen, mir das Gehör zu
+versagen!
+
+Er ist hart wie Stein," rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen
+ihres Kleides zerknitternd, "aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist
+nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie
+Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt
+ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg
+finden zu diesem mit siebenfachem Erz umgürteten Herzen?"
+
+Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Pläne auf
+Pläne, um sie alle wieder zu verwerfen.
+
+"Es giebt nur einen Weg," rief sie endlich mit festem entschlossenen
+Ton, "Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater
+sprechen. Er kann," fügte sie unwillkürlich lächelnd hinzu, "meinen
+ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muß es übernehmen,
+diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glück
+meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plänen
+tragen sollte."
+
+Dieser Entschluß schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch längere Zeit
+über die Ausführung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon
+ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.
+
+Die Frau Commerzienräthin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer
+Tochter eine kleine Vorlesung darüber zu halten, was sie der Stellung
+ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, für
+sie eine passende Verbindung zu finden, so müsse auch Anna darauf
+bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen
+Personen eine Annäherung zu erlauben, welche durch ihr Vermögen und
+ihre gesellschaftliche Stellung im Stande wären, sich in die Reihe der
+Bewerber um die Tochter des großen Finanzmannes zu stellen, welcher
+bestimmt sei, noch weit höhere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu
+ersteigen.
+
+Fräulein Anna hörte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an,
+an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabänderliches gewöhnt
+hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht für nöthig hielt,
+die erwünschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhängen.
+
+Dies tête-à-tête zwischen Tochter und Mutter hatte bereits längere Zeit
+gedauert, als der Commerzienrath in großer Aufregung in das Zimmer trat.
+Er vergaß, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu
+thun pflegte, seiner Frau die Hand zu küssen, und beachtete auch den
+freundlichen Gruß seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war
+und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen
+Schritten auf und ab, bewegte die Hände in lebhaften Gesticulationen und
+flüsterte abgebrochene Worte vor sich hin.
+
+Erstaunt sah ihm die Commerzienräthin eine Zeit lang zu, dann sagte sie
+in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger
+Besorgniß beimischte:
+
+"Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollständig in
+Deinen geschäftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht wäre es
+besser, die Berechnungen über Deine Geschäfte in Deinem Zimmer
+vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie
+zu widmen--oder," fuhr sie fort, "hast Du so peinliche und unangenehme
+Nachrichten erhalten, daß Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?"
+
+"Es ist unerhört," sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, "es
+ist eine sehr unangenehme Geschichte,--es waren noch verschiedene
+Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was
+kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?"
+
+"Aber ich bitte Dich," sagte die Commerzienräthin, welche jetzt
+ernstlich beunruhigt zu sein schien, "so sage uns doch endlich, was Dich
+so aufregt--wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen
+und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begründet?
+Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschäft vernichtend
+treffen?"
+
+"Haus und Geschäft," rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er
+noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, "das kommt nicht
+in Betracht--aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner
+Tochter--was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich
+verhöhnen!"
+
+Jetzt wurde auch Fräulein Anna aufmerksam.
+
+"Du hast von mir gesprochen, lieber Papa," sagte sie. "Ich bitte Dich,
+was giebt es--so erzähle uns doch."
+
+"Ich muß Dich jetzt sehr ernstlich bitten," sagte die Commerzienräthin
+im strengen Ton, "uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt,
+denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als
+Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung
+aufrecht zu erhalten," sagte sie, den Kopf erhebend, "und über den Ruf
+meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe."
+
+"Was es giebt," rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch
+herantrat,--"etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Böses, meine Tochter
+ist beleidigt,--öffentlich beleidigt, verhöhnt im Restaurationszimmer
+bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen
+unbekannten Herren, welche die Geschichte natürlich so schnell als
+möglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren,
+welche mich schon so lange beneidet haben und gewiß so sehnlich
+wünschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir rächen zu
+können."
+
+"Was ist geschehen," fragte jetzt auch Fräulein Anna ernst und dringend,
+"wer hat mich beleidigt und wie? Ich muß es wissen."
+
+"Wer?" sagte der Commerzienrath, "Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz
+unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich
+die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur,
+weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete,
+ein kleiner Lieutenant von Büchenfeld."
+
+Anna wurde bleich wie der Tod, ihre großen Augen starrten mit entsetztem
+Ausdruck auf ihren Vater. Sie stützte die Hand auf den Tisch, ihre ganze
+Gestalt schwankte unsicher hin und her.
+
+"Lieutenant von Büchenfeld," sprach sie leise mit fast tonloser Stimme,
+während ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf,
+indem ein leichtes höhnisches Lächeln um ihren hochmüthig aufgeworfenen
+Mund zuckte.
+
+"Er war," sprach der Commerzienrath eifrig,--"Du mußt es ja doch
+wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst,--er war in
+Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das
+Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Nähe an einem Tische Platz
+nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt,--die
+Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken
+haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen
+zwischen ihm und Herrn von Büchenfeld einige anzügliche Redensarten von
+Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht
+besonders Acht gab. Der Lieutenant von Büchenfeld machte einige sehr
+wegwerfende Bemerkungen über die fragliche Dame und sagte, er würde ihre
+Liebe im Ecarté gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere
+Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von
+Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die größte Mühe,
+das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr
+erregten Gesellschaft nicht noch größeren Eclat herbeizuführen. Herr von
+Büchenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne mächtig schien, verspielte
+das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert
+Louisd'or,--ich ahnte noch immer nichts Böses,--dann warf er die Karten
+mit den lauten Worten hin:--Du hast das schöne Fräulein Cohnheim
+gewonnen, ich wünsche Dir Glück dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich
+kann ihn nicht annehmen.--Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wußte
+kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Mühe behielt ich
+die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen."
+
+Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben
+nieder, das Gesicht mit den Händen bedeckend und krampfhaft schluchzend.
+Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene
+ihr schönes glänzendes Haar.
+
+"Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt
+und gekränkt zu werden. Aber tröste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf.
+Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht," sagte er, zu seiner Frau
+gewendet, "sie mußte es ja doch erfahren."
+
+"Das kommt davon," sagte die Commerzienräthin, indem sie mit kaltem
+strengem Blick zu ihrer Tochter hinübersah, "wenn man nicht vorsichtig
+in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft
+zuläßt,--der Lieutenant von Büchenfeld, glaube ich, war der junge, mir
+unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den
+Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute
+setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der
+Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schließlich
+irgend eine Niedrigkeit zum Dank für Wohlwollen und Freundlichkeit."
+
+"O, wie wäre es möglich gewesen," rief Fräulein Anna, ohne die Worte
+ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt,
+"wie wäre es möglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche
+Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit zu glauben,--und das, nachdem--" sie
+bedeckte abermals das Gesicht mit den Händen und sank still weinend in
+sich zusammen.
+
+"Nun, mein Kind," sagte der alte Commerzienrath, den die heftige
+Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, "so übermäßig
+ernsthaft muß man die Sache auch nicht nehmen. Es läßt sich immer noch
+ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter,
+ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin," fuhr er fort, "mit dem Herrn von
+Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das
+Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gespräch mit einander
+geführt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst
+morgen mittheilen wollte," sprach er weiter,--"indeß, da ich mich nun
+einmal habe hinreißen lassen, die ganze Sache zu erzählen, so ist es
+besser, wenn wir darüber auch heute gleich sprechen."
+
+Fräulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male
+rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen
+bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche
+sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit
+strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann
+er, eine gewisse würdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend:
+
+"Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist,
+und der ganz genau weiß, was in der großen Welt und in der feinsten
+Gesellschaft sich schickt und paßt--"
+
+"Besser als andere Leute," fiel die Commerzienräthin ein, "welche sich
+in die Gesellschaft eindrängen, und welche man nie hätte aufnehmen
+sollen--"
+
+"Der Herr von Rantow," fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust
+hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die
+Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, "hat mir gesagt, wie leid es
+ihm thäte, daß diese Scene stattgefunden habe,--er habe alles Mögliche
+gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schließlich für das Beste
+gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so
+schnell als möglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natürlich
+nicht im Entferntesten ahnen können, daß der Herr von Büchenfeld in so
+unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und
+solchen Verhältnissen nennen würde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir
+gesagt," fuhr der Commerzienrath mit etwas gedämpfter Stimme fort,
+"werde ihm Nichts übrig bleiben können, als für die Ehre der Dame, die
+in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhört beleidigt
+sei, persönlich einzutreten."
+
+Die Commerzienräthin lehnte sich steif zurück, indem ein befriedigtes
+Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.
+
+Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor.
+
+"Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen,--oh," fuhr
+sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Hände sich krampfhaft
+verschlangen, "warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und
+Erbärmlichkeit?"
+
+"Du bist nicht wehrlos, mein Kind," sagte der Commerzienrath, indem er
+zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand über den Kopf strich, "der
+junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von
+Büchenfeld wieder für vernünftige Worte zugänglich ist, ihn zu einer
+öffentlichen und bestimmten Ehrenerklärung auffordern, und, wenn er sich
+weigert, so wird er ihn zwingen," sagte er mit stolzem und wichtigem
+Ausdruck, "ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben."
+
+"Damit er womöglich noch verwundet oder erschossen wird," rief Fräulein
+Anna, verächtlich die Achseln zuckend, "und ich noch mehr der Gegenstand
+des öffentlichen Gespräches und des öffentlichen Spottes werde."
+
+"Des Spottes niemals, mein Kind," sagte die Commerzienräthin mit einem
+ruhigen kalten Ton, "wenn ein Cavalier wie Herr von Rantow zu Deiner
+Vertheidigung auftritt, so wird es Niemand wagen, Dich zu verspotten."
+
+"Nun," rief Anna, "mag es sein, wie es will, ich bin Herrn von Rantow
+dankbar, daß er mich in Schutz nimmt gegen diese elende, niedrige
+Beleidigung, ich bin, weiß Gott, unschuldig an dem, was daraus entstehen
+kann."
+
+"Herr von Rantow hat sich benommen als ein ganz vortrefflicher junger
+Mann von der besten Erziehung und dem feinsten Gefühl. Er hat mir weiter
+gesagt, daß es für eine junge Dame immer peinlich sei und unangenehm,
+wenn zwei Herren ihretwegen eine Ehrensache miteinander hätten, und wenn
+sie namentlich von Jemand vertheidigt werden müßte, der in keinen
+weiteren Beziehungen zu ihr stände--das brächte sie immer in eine
+schiefe Stellung dem Publikum gegenüber und gebe Anlaß zu allen
+möglichen Voraussetzungen und Gesprächen. Er habe nun,--hat er mir
+weiter gesagt,--schon seit längerer Zeit den Wunsch in sich getragen, in
+nähere Beziehung mit meiner Familie zu treten, nachdem sein Vater mit
+mir so nahe geschäftliche Verbindungen eingegangen sei und unsere
+Interessen auf Jahre hinaus sich verbunden hätten. Er habe Dir, mein
+Kind, aber erst Gelegenheit geben wollen, ihn genauer kennen zu lernen,
+bevor er es habe wagen wollen, bei mir um Deine Hand anzuhalten. Dieses
+zufällige und plötzliche, so unangenehme Ereigniß aber mache ihm den
+Muth und lege ihm fast die Pflicht auf, jetzt mit seinen Wünschen
+hervorzutreten. Man werde über die Sache viel sprechen und wenn er zu
+einem Rencontre mit Herrn von Büchenfeld gezwungen werden sollte, so
+werde die Welt seinen Namen ohnehin mit dem Deinigen in Verbindung
+bringen. Wenn Du deshalb nach Deiner kurzen Bekanntschaft mit ihm Dich
+entschließen könntest, ihm Dein Leben und Deine Zukunft anzuvertrauen,
+so glaubt er, daß Alles sich besser gestalten und allen peinlichen
+Erörterungen die Spitze abgebrochen werden könne, da er dann auch
+vollkommen berufen und berechtigt sei, für Dich gegen Deinen Beleidiger
+aufzutreten."
+
+"Der junge Mann," sagte die Commerzienräthin, "hat wirklich ein feines
+und richtiges Gefühl, und ich theile ganz seine Ansicht, daß unter
+diesen Verhältnissen eine schnelle Erledigung einer Sache, die uns ja
+nicht ganz unerwartet kommt, am besten sei."
+
+"Das ist ja ganz wie in alten Ritterromanen," sagte Anna mit
+schneidendem Hohn, "der Baron von Rantow will sich seine Dame mit dem
+Degen in der Hand erobern--aber" fuhr sie fort "das ist doch wenigstens
+ritterlicher Sinn, wenigstens ist es wahrlich besser, als auf so plumpe
+Weise ein wehrloses Mädchen zu beleidigen. Wenn Herr von Rantow diesen
+Preis für seine Vertheidigung verlangt,--so soll er ihn haben--er ist ja
+eine vortreffliche Partie" fuhr sie bitter fort, "und ich muß ja
+glücklich sein, daß ich aus dieser ganzen traurigen Geschichte noch mit
+einem so guten Abschluß davon komme. Sage dem Baron," sprach sie in
+kaltem Ton zu ihrem Vater gewendet, "daß ich seine Bewerbung annehme,
+da er so muthig und selbstverleugnend meine Vertheidigung übernommen
+hat."
+
+Mit befriedigtem Ausdruck neigte die Commerzienräthin den Kopf.
+
+Herr Cohnheim eilte auf seine Tochter zu und küßte sie zärtlich auf die
+Stirn. Anna stand auf.
+
+"Doch muß ich," sprach sie, "bitten, daß er mich einige Tage von seinen
+Besuchen dispensirt. Diese ganze Sache hat mich natürlich angegriffen
+und aufgeregt, und ich wünsche, mich zu sammeln. Auch bin ich nicht im
+Stande ihn zu sehen, bevor diese Angelegenheit mit Herrn von
+Büchenfeld"--sie sprach diesen Namen mit unendlicher Verachtung
+aus--"geordnet ist, ich kann doch unmöglich meinen künftigen Gemahl
+selbst in den Kampf mit seinem Gegner schicken."
+
+Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie schnell das Zimmer.
+
+"Ich bin sehr erfreut," sagte die Commerzienräthin, "daß diese so
+äußerst unangenehme Sache doch einen so befriedigenden Ausgang nimmt.
+Ich fürchtete schon, daß die romantischen Grillen, zu welchen Anna so
+viel Neigung zeigt, unsern Plänen Schwierigkeiten entgegenstellen
+würden. So wird sich ja aber Alles ganz vortrefflich ordnen, und wenn
+sie, wie ich einen Augenblick besorgte, eine thörichte Neigung für
+diesen jungen unbedeutenden Officier gehabt haben sollte, so ist ja
+jetzt Alles auf's Beste geordnet. Hoffentlich wird auch die Affaire
+keine ernsten Folgen haben," fügte sie nachlässig hinzu.
+
+"So etwas kommt ja so oft zwischen diesen jungen Herren vor," sagte der
+Commerzienrath, "und wie selten hört man, daß es wirklich
+lebensgefährlich wird. Es läßt sich ja auch jetzt gar nicht ändern, und
+wir müssen das Beste hoffen. Ich glaube übrigens nicht," fügte er hinzu,
+"daß dieser junge Büchenfeld es wirklich zum Äußersten kommen lassen
+wird. Die anderen Officiere schienen mir ebenfalls durch sein Betragen
+sehr unangenehm berührt, ich glaube, daß die Sache mit einer
+Ehrenerklärung erledigt werden wird--der alte Herr von Rantow ist, so
+viel ich weiß, ein Freund von dem Vater des Lieutenants und wird
+ebenfalls darauf hinwirken können. Damit ist ja denn Alles gut, und alle
+boshaften Gespräche über uns und unsere Tochter, welche dieser Vorfall
+hervorrufen wird, werden auf der Stelle niederschlagen, wenn wir ihre
+Verlobung mit Herrn von Rantow sogleich proclamiren."
+
+Er setzte sich behaglich in seinen Lehnstuhl und nahm eine Tasse Thee.
+
+Noch lange saß das Ehepaar beisammen, Pläne für die Zukunft
+besprechend, welche sich durch die Verbindung mit dem vornehmen Hause so
+glänzend gestalten würden.
+
+Fräulein Anna war ruhig und gefaßt in ihr Zimmer gegangen, als sie die
+Thür hinter sich geschlossen, sank sie wie gebrochen in sich
+zusammen,--lange stand sie schweigend, die Hände in einander gefaltet,
+die Blicke starr auf den Boden geheftet.
+
+"Wie schnell," sprach sie mit dumpfer Stimme, "sind die Träume
+verflogen, die mich hier gestern noch so süß umgaukelten, wie schnell
+sind all die Liebesblüthen meines Herzens geknickt, aus denen ich einen
+reichen Kranz für mein Leben zu winden hoffte."
+
+Sie blickte um sich her, als ob ihr der gewohnte Raum, in dem sie sich
+befand, fremd sei, als ob sie ihre Gedanken sammeln müsse, um sich klar
+zu werden, wo sie sich befände, und was mit ihr vorgegangen sei. Dann
+zuckte wieder glühender Zorn über ihr Gesicht.
+
+"Oh, daß es so enden muß! Hätte ich ihn verloren, hätte sich selbst
+seine Liebe von mir abgewendet, es wäre ein edler Schmerz gewesen, ein
+Schmerz, der die Seele hätte beugen, aber nicht erniedrigen können. Aber
+das Bewußtsein, daß ich das edelste und reinste Gefühl meines Herzens
+unwürdig weggeworfen habe, daß ich der Gegenstand des Spottes, des
+Hohnes, der Verachtung habe sein können,--und warum?"--rief sie, die
+Hände ringend,--"weil ich einen Schritt gethan habe, der nicht
+gewöhnlich ist, weil ich mich vor seinem Stolz habe demüthigen wollen,
+weil ich geglaubt habe, daß er einen solchen Schritt verstehen und
+würdigen könne. Oh, das ist hart, sehr hart! Ich kann alle meine
+Hoffnungen auf Lebensglück vergessen, ich werde es zu tragen wissen, wie
+so viele Frauen eine glänzende Existenz führen, beneidet von der Menge,
+aber kalt und öde in ihrem Innern. Aber das werde ich nie überwinden,
+daß meine Liebe verachtet, verhöhnt und mit Füßen getreten ist, daß Der,
+dem ich den letzten Tropfen meines Blutes hätte opfern mögen, mich
+öffentlich hat beleidigen können zum Ergötzen seiner Kameraden in ihrer
+Weinlaune."
+
+Mit einer raschen Bewegung trat sie an einen kleinen Tisch von antik
+geschnitztem Eichenholz und öffnete mit einem zierlichen goldenen
+Schlüssel, den sie an ihrer venetianischen Uhrkette trug, eine mit
+Elfenbein und Gold incrustrirte Cassette.
+
+"Da liegen die Reliquien meiner Träume," sprach sie mit dumpfem
+traurigem Ton, aus ihren großem brennenden Augen fiel eine Thräne auf
+den Inhalt des kleinen Kästchens.
+
+"Hier ist das erste Bouquet, das er mir gegeben," sagte sie leise, indem
+sie einen kleinen vertrockneten Blumenstrauß emporhob, "vertrocknet wie
+diese Blumen sind meine Gefühle, welche gestern noch so schön und
+hoffnungsreich erblühten,--wie oft haben meine Lippen auf diesen Blumen
+geruht! Vorbei! Vorbei!"
+
+Und wie vor der Berührung des kleinen Bouquets zurückschaudernd, warf
+sie dasselbe mit einer raschen Wendung in den Kamin, dessen Feuer
+langsam in Kohlengluth zusammenzusinken begann. Die trockenen Blumen
+flammten hoch auf und blieben dann als ein Häuflein dunkler Asche auf
+den glühenden Kohlen liegen.
+
+Sie preßte die Hände auf ihr Herz und sah starr diesem Zerstörungswerk
+zu. Dann nahm sie den ganzen übrigen Inhalt der Cassette, ebenfalls
+kleine Bouquets, mehr oder weniger verwelkt, verschiedene andere
+Cotillongeschenke und warf Alles in die Gluth, welche einen Augenblick
+aufflackernd, mit hellem Schein das Zimmer erhellte.
+
+"Die Vergangenheit ist vorbei," sagte sie schmerzlich, "meine Zukunft
+wird wie diese Kohlen mehr und mehr Licht und Wärme verlieren, bis
+endlich Alles in todte Asche zusammensinkt. Oh, könnte ich mein Herz
+ebenfalls zu Asche werden lassen! Aber wenn auch seine Liebe gestorben
+ist, für das Leiden wird es immer noch Gefühle der Empfindung behalten."
+
+Sie sank auf ihren Divan nieder, drückte den Kopf in die Hände, und ihr
+starrer Jammer löste sich in einem Strom wohltätiger Thränen.--
+
+--Auch der Lieutenant von Büchenfeld hatte fast in starrer
+Bewußtlosigkeit die Nacht zugebracht. Seine heftige, innere Erregung,
+die unnatürliche Spannung aller seiner Gefühle, und die Wirkung des
+schweren Weines hatten ihn bis zum Morgen in einem Zustand gehalten,
+welcher weder Schlaf noch Wachen war, und in welchem die Bilder der
+Erinnerungen wild durch einander wogten, ohne sich selbst auch nur in
+den unklaren Gestalten des Traumes festhalten zu lassen.
+
+Langsam erwachte er aus diesem lethargischen Zustande am andern Morgen,
+und allmälig begann es ihm mehr und mehr klar zu werden, was am Tage
+vorher mit ihm vorgegangen. Das erste Gefühl, dessen er sich vollkommen
+bewußt wurde, war ein tiefer, bitterer Schmerz über die Täuschung seiner
+Liebe, welche trotz seines lange gefaßten Entschlusses gestern bei der
+Botschaft seiner Geliebten wieder einen Augenblick mit frischen
+Hoffnungen sich bekränzt hatte.
+
+"Warum hat sie mir nicht gleich Alles geschrieben," flüsterte er, ohne
+von seinem Lager sich zu erheben--"oder warum ist sie nicht allein
+gekommen, warum hat sie mir in Gegenwart des Mannes, dem sie das
+Andenken an mich geopfert, den Abschied geben wollen? Sollte das eine
+absichtliche Kränkung, ein absichtlicher Hohn sein, oder bin ich ihr so
+gleichgültig gewesen, daß sie nach der Kälte ihrer Gefühle die meinigen
+bemessen hat?"
+
+Lange lag er schweigend da unter dem Eindruck dieses schmerzlichen
+Gedankens, dann tauchte die Erinnerung der weiteren Ereignisse des Tages
+deutlicher in ihm auf. Er entsann sich des Spiels, das er gemacht, er
+entsann sich, daß er den Namen des Fräulein Cohnheim laut und mit
+bitteren Bemerkungen genannt habe. Ein Gefühl der Scham und Reue überkam
+ihn.
+
+"Das war nicht würdig, nicht männlich, nicht edel!" rief er, indem er
+sich auf sein Lager aufsetzte und mit beiden Händen seinen schmerzenden
+Kopf hielt. "Das hätte ich nicht thun müssen, ich hätte in meiner
+heftigen Erregung die Gesellschaft fliehen und Nichts trinken
+dürfen.--Oh," rief er nach einer Pause, "welch' ein elendes,
+jämmerliches Ding ist diese so viel gepriesene Liebe! Erst läßt sie so
+schwer und so bitter leiden, und dann treibt sie zu unwürdigen, zu
+niedrigen Handlungen. Oh, ich schwöre es," rief er die Hand erhebend,
+"ich schwöre, daß ich dieses Gefühl fliehen will wie die Sünde, und daß
+nie wieder das Bild eines Weibes mein Herz erfüllen soll! Ich will frei
+sein, stark und ruhig und meiner würdig bleiben!"
+
+Der alte Diener trat ein und meldete, daß das Frühstück im Zimmer des
+Oberstlieutenants bereit sei, zugleich zeigte er dem Lieutenant an, daß
+zwei Officiere ihn zu sprechen wünschten und ihn bei seinem Vater
+erwarteten.
+
+Der Lieutenant sprang empor, kühlte seinen brennenden Kopf mit frischem
+Wasser und machte in hastiger Eile seine Toilette.
+
+Als er in das Zimmer seines Vaters trat, welcher ihn bereits völlig
+angekleidet, frisch und munter erwartete, fand er dort die beiden
+Officiere von den Dragonern und den Husaren, welche Zeugen des gestrigen
+Abends gewesen waren, in ruhiger Unterhaltung mit dem alten Herrn
+begriffen.
+
+Beide Officiere traten dem Lieutenant nicht mit der sonst gewohnten
+herzlichen Unbefangenheit und Vertraulichkeit entgegen, sondern
+begrüßten ihn mit einer gewissen kalten und gezwungenen Höflichkeit.
+
+"Du hast lange geschlafen," sagte der Oberstlieutenant heiter, "es war
+wohl eine scharfe Sitzung gestern Abend,--die Herren hier sind ja auch
+dabei gewesen, aber das hat sie nicht verhindert, schon frühe auf zu
+sein. Das ist Recht, man muß sich niemals aus der Ordnung bringen
+lassen, und fast muß ich mich meines Sohnes schämen, daß er ein solcher
+Weichling ist, der am andern Morgen noch spürt, wenn er am Abend vorher
+ein paar Flaschen den Hals gebrochen. Habt Ihr etwa heute Morgen schon
+wieder eine Partie vor?" fragte er, den Schnurrbart drehend, "damit
+würde ich nicht einverstanden sein,--erst der Dienst und dann das
+Vergnügen."
+
+Die beiden Officiere standen in einiger Verlegenheit schweigend da.
+
+"Wir haben mit Dir zu sprechen," sagte der Dragoner mit einem
+Seitenblick auf den alten Herrn, "und möchten es sogleich."
+
+"Geniren Sie sich nicht vor mir," sagte der Oberstlieutenant mit heiterm
+Lächeln, "ich bin nicht mehr im Dienst, ich bin ja nur ein alter
+gutmüthiger Herr," fügte er mit einem leichten Anflug von Wehmuth hinzu,
+"der auch jung war und weiß, was man in der Jugend treibt."
+
+"Wir möchten aber," sagte der Husarenofficier--"Dich einen Augenblick
+allein sprechen. Es handelt sich um eine Ehrensache," fügte er mit
+gedämpftem Ton hinzu, doch nicht so leise, daß es der Oberstlieutenant
+nicht verstanden.
+
+Der alte Herr wurde ernst, warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn
+und die beiden Officiere und sagte dann:
+
+"Ich lasse Dich mit den Herren einen Augenblick allein."
+
+"Halt, lieber Vater," rief der Lieutenant von Büchenfeld, "ich bitte
+Dich, zu bleiben. Ihr erlaubt," sagte er, "daß ich Euch bitte, vor
+meinem Vater zu sprechen. Er ist Officier wie wir, und ich weiß kein
+kompetenteres Urtheil in allen Ehrensachen, als das seinige. Er wird es
+mir nicht abschlagen, vorläufig mein Zeuge zu sein und sein Urtheil
+darüber abzugeben, was ich zu thun habe."
+
+Die beiden Officiere grüßten den Oberstlieutenant militairisch.
+
+"Es wird uns eine große Ehre sein," sagte der Husar, "wenn der Herr
+Oberstlieutenant als Dein Zeuge unsere Erklärung mit anhören will."
+
+Der alte Herr bat die Officiere mit einer stummen Handbewegung Platz zu
+nehmen und setzte sich dann grade und aufrecht neben seinen Sohn.
+
+"Ich bitte Sie also, meine Herren," sagte er mit ernster, fast
+feierlicher Stimme, "zu sagen, um was es sich handelt."
+
+Der Dragonerofficier erzählte mit kurzen Worten den Vorgang, welcher am
+Abend vorher in dem Restaurationslokal von Borchard stattgefunden hatte.
+
+Schweigend hörte der Oberstlieutenant zu, finstere Falten legten sich
+auf seine Stirn.
+
+"Hat sich der Fall so zugetragen, wie die Herren erzählen? Erinnerst Du
+Dich, gethan und gesprochen zu haben, was sie so eben mittheilen?"
+
+"Ja," sagte der Lieutenant.
+
+Sein Vater schüttelte langsam den Kopf.
+
+"Der Referendarius von Rantow", fuhr der Dragonerofficier zu dem
+Lieutenant von Büchenfeld gewendet fort, "hat uns als Augenzeugen des
+Vorfalls aufgetragen, von Dir eine bündige Ehrenerklärung zu
+verlangen."--
+
+Eine dunkle Röthe flammte auf dem Gesicht des Lieutenants auf, sein Auge
+blickte stolz zu seinen Kameraden hinüber, seine Lippen zuckten
+höhnisch.--"Oder wenn Du dieselbe verweigerst,"--sprach der
+Dragoneroffizier weiter,--"Dir seine Forderung auf fünf Schritt Barriere
+mit gezogenen Pistolen zu überbringen."
+
+"Angenommen," sagte der Lieutenant, "ich werde in einer Stunde meine
+Secundanten zu Euch senden."
+
+Die Officiere erhoben sich und wollten grüßend das Zimmer verlassen. Der
+Oberstlieutenant trat ihnen in den Weg.
+
+"Ich bitte Sie, einen Augenblick zu bleiben, meine Herren," sagte er.
+"Mein Sohn hat gewünscht, daß ich sein vorläufiger Zeuge in dieser Sache
+sei, und Sie haben mich als solchen angenommen. Nicht nur in dieser
+Eigenschaft, sondern auch als sein Vater muß ich darauf sehen, daß Alles
+genau so zugehe, wie es seine Ehre als Officier und als Träger meines
+Namens erfordert. Sie erlauben daher, daß ich meine Meinung ausspreche."
+
+Die beiden Herren verneigten sich schweigend.
+
+Der Lieutenant sah seinen Vater etwas erstaunt und erwartungsvoll an.
+Dieser richtete ernst und streng seinen Blick auf ihn und sprach: "Hat
+die junge Dame, um welche es sich handelt, Dir jemals durch ihr Benehmen
+gegen Dich irgend welche Veranlassung gegeben, in solchem Ton, wie Du es
+gethan, von ihr zu sprechen? Bist Du berechtigt, ihr irgend einen
+Vorwurf zu machen?"
+
+Der Lieutenant wurde bleich, im heftigen inneren Kampf preßte er die
+Lippen aufeinander, sein Auge senkte sich zu Boden, einige Augenblicke
+stand er schweigend, ein leises Beben erschütterte seine Gestalt, dann
+schlug er den Blick zu seinem Vater wieder auf, er schien seiner
+kämpfenden Gefühle Herr geworden zu sein und mit fester entschlossener
+Stimme sagte er: "Nein, niemals!"
+
+"Dann," sagte sein Vater, "ist es Deine Pflicht als Ehrenmann, die
+Erklärung zu geben, welche man von Dir verlangt, insofern die Ausdrücke
+derselben Nichts gegen Deine eigene Ehre enthalten. Wenn Du," fuhr er
+fort, "was ich tief beklage, Dich hast hinreißen lassen, eine Dame, der
+Du keinen Vorwurf zu machen hast, öffentlich zu beleidigen, so hast Du
+nicht das Recht, ihrem Ruf durch den Eclat eines Duells noch mehr zu
+nahe zu treten, Du hast nicht das Recht, Demjenigen das Leben zu nehmen,
+der berechtigt ist oder sich verpflichtet fühlt, als der Vertheidiger
+jener Dame aufzutreten."
+
+"Herr von Rantow ist der Verlobte des Fräulein Cohnheim," sagte der
+Dragonerofficier, "also ihr natürlicher und berufener Vertheidiger."
+
+"Um so weniger," sagte der alte Herr, während der Lieutenant abermals
+tief erbleichend die Hand einen Augenblick auf sein Herz drückte, "darf
+diese Sache ernste und gefährliche Folgen haben. Hätte die Dame Dir
+jemals einen Grund zu Deinen Äußerungen gegeben, so wärst Du berechtigt,
+die Waffen zu ergreifen gegen Denjenigen, der von Dir Rechenschaft
+darüber fordert--so aber darfst Du es nicht, Du bist verpflichtet, durch
+Deine eigene Erklärung die Beleidigung zurückzunehmen--um so mehr,"
+sagte er mit ernstem Blick auf seinen Sohn, "da man eigentlich niemals
+das Recht hat, eine Dame zu beleidigen. Du bist frei," fuhr er fort, "Du
+bist erwachsen, Du bist Officier, Du wirst thun, was Du verantworten
+kannst. Ich aber sage Dir als Dein Vater, als Edelmann und Officier, der
+stets auf das schärfste die feinsten Grenzen der Ehre beobachtet hat,
+daß Du nach meiner innigsten Überzeugung verpflichtet bist, die
+verlangte Ehrenerklärung zu geben."
+
+"Wir haben dieselbe aufgeschrieben," sagte der Dragoner, indem er ein
+Blatt Papier aus der Uniform hervorzog und es dem Lieutenant übergab.
+
+Dieser reichte es schweigend, ohne einen Blick darauf zu werfen, seinem
+Vater.
+
+Der Oberstlieutenant überlas das Blatt langsam und sorgfältig mehrere
+Male; dann reichte er es seinem Sohn zurück.
+
+"Diese Erklärung ist in würdiger Form abgefaßt," sagte er, "sie enthält
+nur dasselbe Anerkenntniß, das Du so eben vor mir und vor diesen Herren
+ausgesprochen hast und spricht das Bedauern aus, daß Du in der Erregung
+in einer bewegten Gesellschaft Dich zu Deinen Äußerungen hast hinreißen
+lassen. Du kannst dieselbe unterzeichnen,--nach meiner Überzeugung mußt
+Du sie unterzeichnen. Ich hoffe, daß die beiden Herren meiner Meinung
+sein werden."
+
+"Es ist eigentlich nicht unsere Sache," erwiderte der Dragonerofficier,
+"hier eine solche Meinung auszusprechen oder zu discutiren, indessen
+nehme ich in diesem besonderen Fall keinen Anstand, es auszusprechen,
+daß nach meiner Überzeugung durch die Unterzeichnung dieser Erklärung
+die Sache auf eine für alle Theile befriedigende und ehrenvolle Weise
+beigelegt sein wird."
+
+Der Husarenofficier stimmte der Ansicht seines Kameraden bei.
+
+"Ich werde unterzeichnen," sagte der Lieutenant von Büchenfeld, nahm das
+Papier und begab sich in sein Zimmer.
+
+"Ob ich ihr einen Vorwurf zu machen habe," flüsterte er vor sich hin,
+während er sich an seinen Schreibtisch setzte und die Feder
+eintauchte,--"oh, wenn er wüßte,"--ein schneller zorniger Blick
+leuchtete in seinem Auge auf, rasch öffnete er das Schubfach des Tisches
+und zog aus demselben das kleine Blatt hervor, welches er am Tage vorher
+von Fräulein Anna erhalten hatte.
+
+Mit einem raschen Zuge setzte er seinen Namen unter die Ehrenerklärung,
+faltete dieselbe zusammen, legte das Billet dazu und erhob sich, in das
+Zimmer seines Vaters zurückkehrend.
+
+"Nein," sagte er dann, indem er plötzlich sinnend stehen blieb--"das
+wäre unedel,--mag sie ruhig ihrer Wege gehen, sie ist todt für mich,
+meine Augen werden sie nie wieder sehen, und mein Herz wird das Leid
+vergessen, das sie mir angethan."
+
+Er nahm das kleine Billet, riß es in tausend kleine Stücke und streute
+dieselben in die Luft, dann kehrte er ruhigen festen Schrittes in das
+Zimmer seines Vaters zurück und übergab das Papier den beiden
+Officieren.
+
+"Gott sei Dank," sagte der Dragoner, indem er dem Lieutenant von
+Büchenfeld herzlich die Hand schüttelte, "daß die Sache so gut zu Ende
+geführt ist. Ich habe sonst Nichts gegen einen kleinen Kugelwechsel,
+wenn ein vernünftiger Grund dazu vorhanden ist, aber in diesem Falle
+hätte es mir doch wahrhaftig wehe gethan, wenn wegen dieser Geschichte,
+zu der wir halb und halb Veranlassung gegeben haben, Blut hätte fließen
+sollen."
+
+Die beiden Officiere grüßten ehrerbietig den Oberstlieutenant und
+entfernten sich augenscheinlich leichtern und fröhlichern Herzens, als
+sie gekommen waren.
+
+"Ich bin nicht mit Dir zufrieden mein Sohn," sagte der Oberstlieutenant
+in ernstem, aber mehr traurigem, als strengem Ton, "Du hast Dich
+hinreißen lassen, Etwas zu thun, was ein wahrer Edelmann niemals thun
+soll."
+
+Der Lieutenant warf sich im Ausdruck eines lang unterdrückten Gefühls in
+die Arme seines Vaters.
+
+"Verzeihe mir, mein Vater," sagte er mit erstickter Stimme, "verzeihe
+mir, ich habe Unrecht gehabt, aber ich habe es auch hart gebüßt."
+
+Der alte Herr schüttelte verwundert den Kopf.
+
+"Nun, nun," sagte er, "Jeder macht einmal einen dummen Streich, nimm
+Dich künftig mehr in Acht und thu so Etwas nicht wieder."
+
+"Da ist Etwas nicht klar, die Sache ist nicht in Ordnung," sprach er
+dann leise vor sich hin, indem er von einem Seitentisch eine frisch
+gestopfte Pfeife nahm und dieselbe anzündete. "Ich fürchte, ich bin in
+Gefahr gewesen, Etwas zu erleben, was ich neulich bei meinem Freunde
+Rantow so scharf getadelt habe. Vielleicht muß ich Gott danken, daß die
+Sache so gekommen ist."
+
+Er setzte sich an den Frühstückstisch und schenkte den duftenden Kaffee
+aus der spiegelblank geputzten messingenen Sturzmaschine in seine große
+Mundtasse.
+
+
+
+
+Sechstes Capitel.
+
+
+In der Zwischenzeit, während der Berathungen über zwei verschiedene
+Gegenstände in dem französischen Gesetzgebenden Körper, war die Salle
+des Pas perdus in dem Gebäude des Corps legislativ, woselbst sich die
+Deputirten zu begegnen und in Privatgesprächen miteinander zu
+verständigen pflegten, mit zahlreichen lebhaft sich unterhaltenden
+Gruppen angefüllt.
+
+So eben war die Nachricht verbreitet worden, daß das Plebiscit eine
+beschlossene Sache sei, und daß die liberalen Minister Chevandier de
+Valdrome, der Graf Daru, der Finanzminister Buffet und der Marquis von
+Talhouet ihre Entlassung gegeben hätten.
+
+Allgemein war die Bewegung und mit der lauten Lebhaftigkeit, welche dem
+französischen Charakter eigenthümlich ist, äußerten die Deputirten ihre
+Meinungen über dieses Ereigniß, welches die seit einiger Zeit von dem
+Kaiser eingeschlagene Richtung des öffentlichen Lebens wieder
+vollständig veränderte.
+
+In der Mitte einer Gruppe stand der Graf von Keratry, eine schlanke
+Gestalt mit einem charakteristischen Kopf, dessen unruhig umher
+blickende Augen einen beweglichen feurigen, aber nicht sehr geordneten
+Geist verriethen.
+
+"Es ist Alles bereits vorbereitet," sagte er, "so eben habe ich
+erfahren, daß den Präfecten befohlen worden ist, ihre ganze Thätigkeit
+auf die Vorbereitungen für das Plebiscit zu richten, und daß sie
+zugleich ermächtigt sind, den Gemeinden zu erklären, daß die
+Executivgewalt die Maires künftig stets den Vorschlägen der
+Gemeinderäthe entsprechend auswählen werde."
+
+"Das ist unerhört," rief der Deputirte Picard, ein Mann mit einem
+blassen, scharfen und ein wenig verbissenem Gesicht, "das ist eine
+vollständige Corruption des öffentlichen Votums. Will man eine
+Volksabstimmung, so soll man wenigstens sie frei sich vollziehen lassen.
+Auf diese Weise aber wird die Sache eine reine Comödie. Wenn die
+Präfecten mit der ganzen Autorität ihrer Stellung in die Sache
+eingreifen, wenn man den Gemeinden zugleich Versprechungen macht, von
+denen man," fügte er höhnisch hinzu, "gewiß nicht die Absicht hat, sie
+je zu erfüllen, so macht man sich einer moralischen Bestechung schuldig.
+Man wird die öffentliche Meinung Frankreichs vor den Augen von ganz
+Europa fälschen, um sich dann auf diese öffentliche Meinung stützen zu
+können, wenn man beginnen wird, die abenteuerlichsten Maßregeln des
+Absolutismus durchzuführen."
+
+Jules Favre trat hinzu, seine große volle Gestalt hatte eine etwas
+schwerfällige Haltung, und seine Bewegungen zeigten ein wenig jene
+stereotype theatralische Würde, welche die Advokaten vor den
+Gerichtshöfen anzunehmen pflegen, wenn sie mit dem Aplomb tiefer
+Überzeugung durch den persönlichen Eindruck das Gewicht ihrer Gründe zu
+verstärken trachten. Sein starkes Gesicht mit den regelmäßigen,
+angenehmen Zügen, den großen, geistvollen und klar blickenden Augen, dem
+langen, überhängenden zurückgestrichenen Haar und vollen Bart, der sich
+an einzelnen Stellen fast weiß färbte, zeigte ein gewisses
+selbstzufriedenes überlegenes Lächeln, und mit seiner vollen und tiefen
+Stimme sprach er:
+
+"Wir müssen uns organisiren, meine Herren, wir müssen unsererseits
+Comités bilden, welche dafür wirken, daß dem ganzen Volk klar gemacht
+werde, wie die freiheitliche Entwickelung nur gesichert werden könne,
+wenn man sich massenhaft von der Theilnahme am Plebiscit enthält--, wenn
+wir es erreichen können, die abgegebenen Stimmen auf ein Minimum zu
+reduciren, so wird der moralische Eindruck der Volksabstimmung
+vollständig verschwinden, der sonst nicht nur im Auslande, sondern auch
+in Frankreich selbst zu einer bedeutenden Verstärkung der moralischen
+Macht des Kaiserreiches beitragen muß. Lassen Sie uns heute
+zusammentreten und an die Bildung dieses Comités denken."
+
+"Das ist sehr gut," rief Herr Picard, "allein wie sollen wir, die wir
+doch erst einen Organismus schaffen müssen und nur langsam vorgehen
+können, die wir allen Hemmungen und Hindernissen ausgesetzt sind, welche
+die Macht uns bereiten wird, wie sollen wir dem concentrirten und wohl
+geleiteten Einfluß der Präfecten gegenüber etwas ausrichten?"
+
+"Nein," rief der Graf von Keratry, "wir müssen laut unsere Stimmen
+erheben, um gegen diese ungesetzliche Einwirkung der Regierungsautorität
+auf die freie Abstimmung des Volkes zu protestiren. Das scheint mir
+sicherer, als in die Wahlagitation einzutreten, bei welcher wir zu spät
+kommen müßten. Können wir nachweisen, daß die Abstimmungen durch die
+Präfecten gemacht sind, so wird das Plebiscit ebenfalls seine Bedeutung
+vor der liberalen öffentlichen Meinung Europas vollständig verlieren."
+
+"Es giebt noch ein Mittel," sagte Herr Barthélémy St. Hilaire, ein
+schlanker Mann von elegantem Äußern, dessen Mienen und Haltung ein wenig
+an den gelehrten Professor erinnerten, "wir müssen darauf dringen, daß
+das Plebiscit nur einen Tag dauert, das wird eine große
+Massenbetheiligung unmöglich machen. Ich werde einen solchen Antrag
+stellen, und bitte Sie, meine Herren, ihn zu unterstützen."
+
+Der Advokat Gambetta, eine kleine schmächtige Gestalt, mit leicht
+gekrümmten Schultern, wenig elegant, fast ein wenig unsauber in seiner
+Erscheinung, hatte schweigend die verschiedenen Äußerungen mit angehört.
+
+Er stand da, das ausdrucksvolle, häßliche Gesicht mit dem schlecht
+gepflegten Haar und Bart, mit dem kalt und höhnisch lächelnden Munde,
+leicht auf die Seite geneigt, sein sehendes Auge richtete sich mit einem
+düstern, fast unheimlich drohenden Ausdruck auf eine Gruppe von Herren,
+welche in der Nähe standen, während das andere des Lichts beraubte Auge
+unter dem herabhängenden Lide verborgen war.
+
+"Dort steht ja," sagte er mit einer rauhen, etwas schwerfällig
+klingenden Stimme, "der große Regenerator des Kaiserreichs, unser alter
+Freund Ollivier, dem es so leicht wird, täglich eine andere Gestalt
+anzunehmen, und neben ihm Herr Chevandier de Valdrome. Fragen wir ein
+wenig diese Herren, es wird immerhin gut sein, wenn wir uns vorher etwas
+orientiren, um genau zu wissen, was wir bei den öffentlichen Debatten zu
+thun haben."
+
+Er näherte sich den Ministern und begrüßte sie mit einer artigen, aber
+ein wenig linkischen Verbeugung, die übrigen folgten ihm und umgaben die
+beiden Minister, um welche sich sehr bald noch mehrere der im Saale
+anwesenden Deputirten gruppirten.
+
+"Es scheint, daß das Plebiscit beschlossen ist," sagte Herr Gambetta zu
+Ollivier gewendet, der in etwas gezierter, an die gesuchte saubere
+Einfachheit Robespierres erinnernder Haltung da stand, und dessen
+eigenthümlich geformtes Gesicht, mit der schmalen Stirn, den stark
+schielenden von einer feinen Brille beschatteten Augen und dem großen,
+über dem zurückstehenden Kinn stark hervortretenden Munde, in lebhafter
+Bewegung zitterte.
+
+"Ich habe keinen Grund," erwiderte der Großsiegelbewahrer des
+Kaiserreiches, indem er die Begrüßung des Herrn Gambetta mit kalter,
+abwehrender Höflichkeit erwiderte, "mich nicht über die Situation
+auszusprechen. Ja, meine Herren," fuhr er fort, "das Plebiscit ist
+beschlossen, und ich begreife nicht, wie Sie und Ihre Freunde," fügte er
+hinzu, indem sein unsicherer Blick leicht über die Gruppe hinglitt,
+welche ihn umgab, "ich begreife nicht, wie Sie Alle gegen diesen
+Gedanken sein können. Die unmittelbare Berufung des Volkes in wichtigen
+Verfassungsangelegenheiten des Landes entspricht ja so vollkommen den
+Grundsätzen einer wahren und vernünftigen Demokratie, zu welcher Sie
+sich bekennen, welchen ich meinerseits stets treu geblieben bin, und
+welchen auch diese neue Maßregel einen verstärkten Ausdruck geben wird."
+
+Ein höhnisches Lächeln umzuckte die Lippen Gambetta's.
+
+"Darf ich Sie vielleicht fragen," fuhr er fort, "wie lange die
+Volksabstimmung dauern soll und ob bei derselben das Vereinsrecht zur
+Ausübung kommen werde, welches der Bevölkerung gestattet, sich vorher
+über die der Frage gegenüber einzunehmende Haltung zu verständigen."
+
+"Zweifellos," erwiderte Herr Ollivier, "werden öffentliche
+Versammlungen Statt finden dürfen, und das Volk wird von allen seinen
+verfassungsmäßigen Rechten Gebrauch machen können--doch," fuhr er fort,
+"liegt es in der Natur der Sache, daß solche Versammlungen, da es sich
+ja hier nur um die ganz einfache Beantwortung einer einfachen Frage
+handeln wird, nicht so lange werden dauern können, als dies zum Beispiel
+bei den Wahlen zum Gesetzgebenden Körper erlaubt ist. Jeder soll nach
+seiner freien Ueberzeugung eine sehr klar gestellte Frage beantworten,
+und dazu sind in der That keine langen Debatten und keine langen
+Vorbereitungen erforderlich."
+
+"Aber die Regierung, meine Herren," rief der Graf Keratry in heftigem
+und gereiztem Ton, "hält es nicht für unnütz, solche Vorbereitungen in
+dem ausgedehntesten Maße zu treffen. So eben habe ich den Herren hier
+mitgetheilt, daß ich erfahren, die Präfecten seien angewiesen, mit
+äußerster Energie das Plebiscit vorzubereiten und sogar den Gemeinden
+Versprechungen in Betreff der Maires zu machen--es scheint also doch,
+daß man es für wichtig hält, die Autorität der Macht in die Wagschale zu
+werfen, wenn die Mittheilungen," fügte er hinzu, den scharfen
+stechenden Blick auf Herrn Chevandier de Valdrome richtend, "die mir
+gemacht, richtig sind."
+
+Der Minister des Innern, ein vornehm aussehender, etwas gleichgültig
+blickender Mann von matten, nervösen Gesichtszügen, ließ seinen Blick
+von oben herab über den Grafen Keratry hingleiten, ein kaltes,
+feindliches Lächeln spielte um seine Lippen und in kurzem, wenig
+verbindlichem Ton erwiderte er:
+
+"Ja, ich habe die Präfecten instruirt, wie ich das für mein Recht und
+meine Pflicht halte, ich habe ihnen befohlen, die äußerste Thätigkeit zu
+entwickeln, um die Enthaltung von der Abstimmung zu verhindern. Ich
+trage die persönliche Verantwortlichkeit für meine Anweisungen,--welche
+übrigens ganz und gar Verwaltungsmaßregeln sind."
+
+"Ich begreife nicht," rief Picard, "wie der Herr Minister des Innern das
+Plebiscit als die freie Abstimmung des Volkes über die wichtigsten
+Fragen, die sein öffentliches Leben betreffen, eine Verwaltungsmaßregel
+nennen kann. Wenn es jedoch nun," fügte er mit ironischem Lächeln hinzu,
+"eine Verwaltungsmaßregel sein soll, so würde es für uns gewiß von
+großem Interesse sein, den Inhalt der Schreiben kennen zu lernen, welche
+in dieser Beziehung an die Präfecten erlassen worden sind."
+
+"Die innern Maßregeln der Verwaltung," erwiderte Herr Chevandier de
+Valdrome in kurzem Ton, "sind kein Gegenstand von Diskussionen mit der
+Vertretung des Landes, sie sind ein ausschließliches und unbestreitbares
+Recht der Regierung."
+
+Rasch fiel Herr Ollivier ein, indem er ein wenig die Hand erhob und
+jenen etwas salbungsvollen Ton annahm, der seiner Rede auf der Tribüne
+so oft die unmittelbare Wirksamkeit nahm:
+
+"Und wenn Sie auch nicht das formelle Recht dazu haben, so will ich
+Ihnen doch am wenigsten die moralische Berechtigung bestreiten, unsere
+Anweisungen kennen zu lernen. Interpelliren Sie mich in der Sitzung, und
+ich werde von der Tribune Ihnen unsere Instructionen mittheilen."
+
+"Wenn der Herr Minister der Justiz statt meiner spricht," sagte Herr
+Chevandier de Valdrome in trockenem Ton, indem er sich gegen seinen
+Collegen verbeugte, "so habe ich ja nicht nöthig, mich länger an dieser
+Unterhaltung zu betheiligen," und rasch sich abwendend, entfernte er
+sich von der Gruppe.
+
+"Ich habe keinen Grund," fuhr Herr Ollivier fort, "unsern Standpunkt und
+unsere Maßregeln zu verhüllen, wir haben den Präfecten einfach
+geschrieben: "Sichern Sie die Freiheit der Abstimmungen, wenden Sie
+weder Drohungen, noch Druck, noch Versprechungen an, vergessen Sie aber
+nicht, daß Sie den Umtrieben der Wahlenthaltung gegenüber stehen und
+wenden Sie die verzehrendste Thätigkeit an, nur jeden Bürger zur
+Abstimmung zu drängen."
+
+"Nun wohl," rief Herr Picard lachend, "diese aufreibende Thätigkeit und
+dieses Drängen der Bürger zur Abstimmung sind die deutlichen Zeichen,
+daß die so traurige Praxis der amtlichen Candidaturen auch in dieser
+Frage eben so rücksichtslos wie früher geübt werden soll. Die Enthaltung
+von der Abstimmung ist ein unzweifelhaftes Recht eines jeden Bürgers vor
+allen Dingen dann, wenn doch Niemand im Stande ist, ohne Gefahr frei
+seine Meinung zu äußern; wenn Jedermann sich scheuen muß nein zu sagen,
+so muß ihm wenigstens die Freiheit bleiben, nicht ja sagen zu dürfen.
+Das Alles ist nichts als Possenspiel" fügte er achselzuckend hinzu.
+
+"Hier ist von keinem Possenspiel die Rede," rief Herr Ollivier in
+lebhafter Erregung, "deutlich und unverhüllt wird die Frage an das Volk
+gestellt werden. Die einzige Thätigkeit der Regierung wird sich nur
+darauf richten, Jeden dahin zu führen, daß er die deutlich gestellte
+Frage eben so deutlich beantworte."
+
+"Durch die Anweisung, deren Inhalt uns so eben im Allgemeinen
+mitgetheilt ist," sagte Herr Jules Favres ruhig und langsam, "ist das
+Cabinet seinem liberalen Programm untreu geworden--das Mißtrauen ist
+also wohl berechtigt. Mögen die Herrn Minister," sagte er mit einer
+leichten Verbeugung gegen Ollivier, "es auch ehrlich meinen, die andern
+Beamten werden dennoch die Abstimmungen fälschen."
+
+"Das wird Niemand wagen," rief Herr Ollivier heftig erregt, "die
+Minister können wohl das Vertrauen verlangen, daß sie den Maßregeln, zu
+denen sie sich ehrlich bekennen, auch von Seiten ihrer Untergebenen eine
+ebenso ehrliche und rückhaltslose Durchführung zu sichern im Stande sein
+werden. Uebrigens," fuhr er fort, "kommt das Cabinet und seine Existenz
+bei der ganzen Sache garnicht in Frage. Es handelt sich einfach um eine
+Sanctionirung der Verfassungsbestimmungen, welche die Minister mit den
+Vertretern des Landes bereits gutgeheißen haben. Die Kammern selbst sind
+also ebenso betheiligt, als das Ministerium."
+
+"Das sind Wortklaubereien," rief Picard entrüstet, "Regierung ist
+Regierung, es ist traurig genug, daß man nicht im Stande ist, dem
+Ministerium, das sich mit liberalen Reformen einführte, dauerndes
+Vertrauen zu schenken."
+
+"Das thut mir sehr leid," rief Herr Ollivier zitternd vor zornigem
+Eifer, "schenken Sie uns Ihr Vertrauen, schenken Sie es uns nicht, das
+ist Ihre Sache--das kann uns nicht abhalten, unsre Pflicht zu thun,
+seien Sie überzeugt, daß uns Ihre Meinung ganz gleichgültig ist."
+
+Ein dumpfes Murren ließ sich unter der Gruppe vernehmen.
+
+"Welch ein Ton der Conversation," rief Jules Favres, "man sollte doch
+meinen, sich hier in der Gesellschaft von gebildeten Leuten zu
+befinden."
+
+"Der Herr Minister ist sich gewiß über die Bedeutung seiner Worte nicht
+klar geworden," sagte Herr Picard kalt und höhnisch, "die Sorgen für die
+Verbreitung des Plebiscit haben, wie es scheint, seine sonst so eminente
+Fähigkeit, die Redewendungen richtig abzuwägen, gelähmt."
+
+Herr Ollivier schien selbst ein wenig bestürzt über seinen heftigen
+Ausbruch zu sein.
+
+"Ich bin mir über meine Worte vollkommen klar," sagte er, "und habe mit
+denselben," fügte er sich leicht verneigend hinzu, "durchaus keine
+persönliche Verletzung beabsichtigt. Ich habe nur sagen wollen, daß
+eine Regierung, welche sich vollkommen klar ist über das, was sie nach
+reiflicher Ueberlegung für ihre Pflicht erkannt hat, sich nicht dadurch
+irre machen lassen darf, ob ihre Beschlüsse und Maßnahmen bei der einen
+oder bei der andern Partei beifällige oder tadelnde Beurteilung finde;
+und ich kann nur wiederholen, daß die Regierung es für ihre Pflicht
+hält, mit aller Energie gegen das System der Stimmenenthaltung
+aufzutreten. Das Kaiserthum und der Kaiser stehen nicht in Frage," fuhr
+er mit fester Stimme fort, "wie hier so eben bemerkt wurde, die Frage
+ist nur die, ob es gut sei, das Kaiserthum der Autorität und des
+persönlichen Regiments in ein liberales Kaiserthum umzuwandeln; daß die
+Feinde des Kaiserthums überhaupt das Letztere nicht wollen, begreife
+ich," fügte er mit scharfer Betonung hinzu, "ob sie aber damit dem
+Vaterlande einen Dienst leisten, ob sie nicht ihre Parteirücksichten
+höher stellen, als das Wohl der Nation, das will ich, meine Herren,
+ihrem eigenen Gewissen überlassen." Und mit einer kurzen Verneigung
+wandte er sich ab und verließ das Zimmer.
+
+Ein Theil der Abgeordneten kehrte in den Saal zurück, wo man über
+einzelne Paragraphen des neuen Preßgesetzes debattirte. Die Meisten
+aber entzogen sich dieser Debatte, präoccupirt wie sie durch die ganze
+politische Situation waren, verließen sie das Palais des Gesetzgebenden
+Körpers, um in Privatzusammenkünften bei den Parteiführern sich über die
+zu fassenden Entschließungen zu berathen.
+
+Herr Ollivier durchschritt langsam die Corridore und stieg vor dem
+Palais in sein sehr einfaches und unscheinbares Coupé, indem er dem in
+dunkle Livree gekleideten Kutscher zurief:
+
+"Nach den Tuilerien."
+
+Kurze Zeit darauf fuhr er in den innern Hof des alten Königspalastes
+ein, er hielt vor dem großen Eingang, über welchem das von Lanzen
+getragene Zeltdach sich ausdehnte.
+
+Er fand den Dienst thuenden Ordonnanzofficier im Vorzimmer; dieser
+führte ihn sogleich in das Cabinet des Kaisers ein.
+
+Napoleon III war frischer als sonst, zwar hingen seine Züge mit dem
+Ausdruck des Leidens und körperlicher Schmerzen schlaff herab, aber in
+seinem Blick machte sich eine gewisse an die vergangenen Tage seiner
+Jugend erinnernde Energie bemerkbar, als er mit seinem langsamen, etwas
+unsicheren Gang dem Minister entgegentrat, welcher es übernommen, das
+Steuer des Staatsschiffes, welches so lange die feste Hand des Herrn
+Rouher geführt hatte, durch die bedenklichen Klippen verschiedener
+Neuerungen zu führen.
+
+"Ich habe gewünscht, Sie noch vorher zu sprechen, mein lieber Herr
+Ollivier," sagte der Kaiser, indem er mit verbindlichem Gruß dem
+Großsiegelbewahrer die Hand reichte, "bevor ich den gesammten
+Ministerrath höre, in welcher Weise die Ereignisse geleitet werden
+müssen, damit wir das große Ziel erreichen, das öffentliche Vertrauen in
+die Regierung vollständig wieder herzustellen,--welches bereits so sehr
+wieder gewachsen ist," fügte er mit einer leichten Neigung des Kopfes
+hinzu, "seitdem Sie mir mit Ihrem Rath zur Seite stehen."
+
+"Das Vertrauen Eurer Majestät macht mich sehr glücklich," erwiderte
+Herr Ollivier, indem er auf den vom Kaiser ihm bezeichneten Sessel
+sich niederließ. "Wenn die öffentliche Meinung mir mit einem
+gewissen sympathischen Gefühl entgegenkommt," fuhr er mit einem
+selbstbefriedigten Lächeln fort, "so wird mir meine Aufgabe sehr
+wesentlich durch die hochherzige Offenheit erleichtert, mit welcher Eure
+Majestät mich unterstützen."
+
+Der Kaiser richtete einen eigentümlichen Blick aus seinen schnell sich
+entschleiernden und dann wieder in ausdruckslose Gleichgültigkeit
+zurücksinkenden Augen, während er mit der Hand über den Schnurrbart
+streichend ein unwillkürlich seine Lippen bewegendes Lächeln verbarg.
+
+"Sie glauben also," sagte er dann, "daß das Plebiscit der Regierung
+günstig ausfallen werde?"
+
+"Jedenfalls," erwiderte Herr Ollivier, "die Stimmung ist allgemein sehr
+wenig befriedigt über das Verhalten der unversöhnlichen Opposition. Man
+will Ruhe für die Geschäfte, man will Schutz gegen die herandrängende
+sociale Bewegung, und man wird dem liberalen Kaiserreich um so mehr mit
+begeisterter Wärme seine Stimme geben, als es die Freiheit mit der Kraft
+und der Ordnung vereinigt. Die Opposition fühlt dies, und ihr Bestreben
+geht nicht mehr danach, ein negatives Votum der Volkscomitien zu
+erreichen, sondern vielmehr eine massenhafte Stimmenenthaltung
+durchzusetzen, ein Bestreben, in welchem sie durch die Indolenz der
+Massen wesentlich unterstützt werden möchte.
+
+"Eure Majestät werden es gewiß billigen, daß wir auf die energischste
+Weise den Präfecten aufgetragen haben, vor allen Dingen besonders in den
+ländlichen Kreisen gegen die Enthaltung von der Abstimmung zu wirken."
+
+"Gewiß, gewiß," sagte der Kaiser wie zerstreut, "man muß alle Mittel
+anwenden, um diesen Herren von der Opposition zu zeigen, daß das Volk
+von Frankreich sie verwirft und fest hinter mir steht,--doch," fuhr er
+fort, "wie ist es mit Daru und Buffet? Bestehen sie darauf, daß die
+Kammern zunächst über das Plebiscit befragt werden und werden sie daraus
+eine Cabinetsfrage machen?"
+
+"Ich glaube, Sire," sagte Herr Ollivier, "daß meine beiden Kollegen sehr
+geneigt sind, sich darüber zu verständigen; sie wollen gern ihre Kräfte
+unter dem liberalen Kaiserreich und unter Eurer Majestät erleuchteter
+und ruhmvoller Führung dem Wohle Frankreichs widmen. Indeß halten sie es
+für unmöglich, so ganz und gar von dem Prinzip abzuweichen, das sie mit
+voller Ueberzeugung vertreten. Es läßt sich vielleicht," fuhr er fort,
+"ein Weg finden, um im Wesentlichen die Meinungen Eurer Majestät
+aufrecht zu erhalten, und dennoch die Minister, welche bei den
+verschiedenen Parteien Vertrauen haben zu conserviren. Man könnte die
+Absicht, ein Plebiscit vorzunehmen, ohne sich einem constitutionellen
+Beschluß der Vertretung des Landes zu unterwerfen, dem Corps legislativ
+einfach durch eine Botschaft mittheilen, worauf denn eine
+Antwortsadresse erfolgen würde. Auf diese Weise ließen sich die
+verschiedenen Standpunkte vielleicht vereinigen, und es ist allerdings
+richtig, daß bei dem Plebiscit es von Wichtigkeit sein könnte, dem Volk
+zu zeigen, daß die Regierung und die regelmäßige constitutionelle
+Vertretung über den wichtigen Act in voller Uebereinstimmung sich
+befinden."
+
+Der Kaiser senkte den Kopf und strich mehrere Male nachdenklich über
+seine Stirn.
+
+"Damit würde eigentlich," sagte er, "dem Plebiscit die wahre Spitze
+abgebrochen, und ich bin, wie ich Ihnen aufrichtig sagen muß, nicht sehr
+geneigt, einen solchen Weg zu gehen. Halten Sie," fragte er, Herrn
+Ollivier plötzlich voll und scharf anschauend, "diesen Weg prinzipmäßig
+für richtig, oder würden Sie ihn nur vorschlagen, um die Personen der
+Minister zu conserviren?"
+
+"Die Minister haben, wie ich Eurer Majestät zu bemerken die Ehre hatte,"
+fuhr der Großsiegelbewahrer fort, "ein gewisses Vertrauen, ihr Rücktritt
+könnte einen ungünstigen Eindruck machen. Dies ist wesentlich der Grund,
+weßhalb ich einen Kompromiß suchen möchte."
+
+"Mein lieber Herr Ollivier," sagte der Kaiser, indem er sich ein wenig
+herüberneigte, "nach meiner Ueberzeugung beruht das Vertrauen, welches
+das Ministerium bei der Bevölkerung genießt, weder auf Herrn Buffet,
+noch auf dem Grafen Daru, noch auf irgend einem der andern Personen,
+welche gegenwärtig das Cabinet bilden, sondern vielmehr lediglich auf
+der Achtung und Sympathie, welche man Ihnen entgegenträgt, Sie sind der
+Pfeiler, auf welchem gegenwärtig meine Regierung ruht. Der Respect vor
+Ihrem Charakter, die Bewunderung für Ihre großen Talente bilden einen
+Nimbus um Sie, dessen Strahlen auch auf die übrigen Minister fallen, sie
+werden aber ebenso gut auch auf jeden Andern fallen, der das Glück haben
+wird, mit Ihnen zusammen ein Cabinet zu bilden. Die Rücksicht also,"
+fuhr er fort, "auf das Vertrauen, welches jene Herren im Lande genießen,
+und den persönlichen Einfluß, welchen sie üben können, würde mich
+niemals bestimmen können, von einem als richtig anerkannten Prinzip
+abzugehen, lediglich um ihre Personen zu conserviren. Etwas Anderes,"
+fuhr er nachdenklich fort, indem aus dem Winkel seines fast
+geschlossenen Auges ein schneller, scharf beobachtender Blick auf Herrn
+Ollivier hinüberflog, "etwas Anderes ist es freilich mit ihrer Ersetzung
+in den Geschäften. Buffet ist ein vortrefflicher Finanzminister, es
+wird nicht leicht sein, Jemanden an seine Stelle zu setzen--Ségris
+vielleicht--man müßte sich mit ihm darüber verständigen--noch
+schwieriger aber ist die Sache bei Daru. Woher kann man so schnell einen
+auswärtigen Minister finden? Namentlich, da es sich darum handeln würde,
+die Stellung ein wenig zu modificiren, welche wir dem Concil und Rom
+gegenüber eingenommen haben. Die Minister der auswärtigen
+Angelegenheiten," fuhr er fort, anscheinend immer tiefer im Nachsinnen
+versinkend, "wachsen nicht aus der Erde hervor. Ja, wenn," sagte er, den
+Blick wie fragend auf Herrn Ollivier richtend--"wenn es möglich wäre,
+daß eines Menschen Kraft die Last allein trüge, welche schon auf drei
+Schultern vertheilt nicht leicht ist, so wäre schnell eine Abhülfe zu
+finden."
+
+Er lehnte den Kopf wie tief nachdenkend auf den auf sein Knie gestützten
+Arm.
+
+Das Gesicht Olliviers zuckte in lebhafter Bewegung, seine Augen schienen
+einem plötzlich vor ihm auftauchenden Bilde zu folgen, ein Schimmer
+hoher Befriedigung erleuchtete seine Züge und rasch mit athemloser
+Stimme sprach er:
+
+"Eure Majestät meinen--Eure Majestät haben irgend eine Idee über das
+Ressort des auswärtigen Amtes?"
+
+"Ich fürchte," sagte Napoleon, indem er wie in schmerzlicher
+Resignation die Achseln zuckte, "daß die Idee, welche mir einen
+Augenblick als möglich vorschwebte, der Wunsch, den ich einen Augenblick
+hegte, Unmöglichkeiten sind. Ich hatte mir gedacht, wie rasch sich das
+Alles arrangiren ließe, wenn Sie, mein lieber Herr Ollivier, mir das
+Opfer bringen könnten, für einige Zeit das Ministerium der auswärtigen
+Angelegenheiten zu führen. Ich weiß," fuhr er fort, "die Repräsentation,
+welche gerade mit diesem Ministerium mehr als mit andern verbunden ist,
+würde Ihnen lästig sein. Die Last der Arbeiten würde selbst Ihrem der
+Thätigkeit so gewöhnten Geist zu viel werden. Lassen wir also die Sache,
+es ist doch vielleicht besser, einen Kompromiß zu suchen, welcher uns
+den Grafen Daru und Herrn Buffet erhält."
+
+Herr Ollivier hatte in einer gewissen Unruhe, die Hände in leichtem
+Zittern bewegend, das Ende der Bemerkungen des Kaisers erwartet. Als
+Napoleon schwieg, sagte er rasch, indem er seine Brille zurecht schob:
+
+"Ew. Majestät dürfen überzeugt sein, daß mir für Ihren Dienst und für
+das Wohl Frankreichs kein Opfer zu groß ist. Wohl widerstrebt meinem
+einfachen bürgerlichen Sinne," sagte er, "die große und vielseitige
+Repräsentation, wohl möchte ich auch für meine Familie leben und für
+meine Gesundheit ein wenig Muße gewinnen, dennoch aber kann ich keinen
+Augenblick anstehen, wenn es der Dienst Eurer Majestät, wenn es das Wohl
+Frankreichs erfordert, auch diese neue Last auf mich zu nehmen, und ich
+traue mir ohne Ueberschätzung dennoch die Kraft zu, sie tragen zu
+können. Ich bin an die Thätigkeit gewöhnt, Sire, und will wenigstens
+versuchen, Eurer Majestät auch diesen Beweis meiner Ergebenheit zu
+geben."
+
+Napoleon schlug wie durch eine unerwartet günstige Wendung der Dinge
+freudig überrascht die Hände zusammen.
+
+"Aber, mein lieber Herr Ollivier," sagte er, "dann ist uns ja geholfen,
+dann haben wir ja garnicht nöthig, noch einen Kompromiß zu suchen, wenn
+Graf Daru wirklich heute abgeht und Sie bereit sind, an seine Stelle zu
+treten. So befinde ich mich ja nicht nur in keiner Verlegenheit, sondern
+ich werde sogar meine Lage wesentlich verbessern, denn Sie werden mir
+die Bemerkung erlauben, daß ein jedes Portefeuille bei Niemanden, und
+wäre er der Geschickteste und Bewährteste, so gut aufgehoben sein kann,
+als in Ihren Händen. Wenn Sie also wirklich bereit wären, an die Stelle
+des Grafen Daru zu treten, und wenn Ihre Kraft eine so übermäßige Last
+zu ertragen im Stande ist, dann wären wir ja, wie ich glaube,
+vollständig einig über den Gang, den wir den Ereignissen zu geben
+haben."
+
+"Wenn Eure Majestät," sagte Herr Ollivier, "die Gnade haben würden, mir
+das Portefeuille des Auswärtigen zu übertragen, so sehe ich allerdings
+nicht ein, warum in der Frage des Plebiscits ein keinem Prinzip
+vollkommen entsprechender Ausweg gesucht werden sollte."
+
+"Nun," sagte der Kaiser, indem er sich erhob, "ich sehe, wir verstehen
+uns vollkommen,--welche Freude wird es mir machen, mit Ihnen die Fragen
+der auswärtigen Politik zu besprechen und aus Ihrem so erleuchteten
+Geiste immer neue Gedanken zu der Beurtheilung derselben zu ziehen."
+
+Herr Ollivier verneigte sich mit glücklichem zufriedenem Lächeln.
+
+"Ich glaube, wir werden vollständig darin übereinstimmen," sagte der
+Kaiser leichthin mit gleichgültigem Ton, "daß der römischen Frage auf
+dem Concil gegenüber die Haltung, welche der Graf Daru in der letzten
+Zeit eingenommen hat, modificirt werden muß. Die katholische Kirche und
+der Klerus ist ein sehr mächtiger Factor in Frankreich, dessen freien
+und rückhaltslosen Beistand wir uns sichern müssen. Und außerdem," fuhr
+er fort, "widerstrebt auch meinem religiösen Gefühl eine Erkaltung der
+Beziehungen zwischen meiner Regierung und dem heiligen Stuhl."
+
+"Eure Majestät haben vollkommen Recht," sagte Herr Ollivier schnell,
+"Frankreich ist gut katholisch. Ich bin es auch," fügte er hinzu, "und
+die Rücksicht auf die Gefühle des Volkes ebenso wie auf den Einfluß des
+Klerus gebieten uns eine äußerst vorsichtige Stellung Rom gegenüber
+einzunehmen, und nichts zu thun, was die Beziehungen zur Kurie irgend
+wie trüben könnte. Ich fürchte," fuhr er fort, "der Graf Daru hat sich
+in dieser Sache ein wenig zu sehr von Doctrinen leiten lassen und hat zu
+wenig die concreten Verhältnisse in Betracht gezogen; auch möchten
+vielleicht seine Beziehungen zu Guizot, der entschieden Protestant ist,
+nicht ohne Einfluß auf seine Anschauungen geblieben sein."
+
+Der Kaiser, welcher sehr aufmerksam den Worten seines Ministers zugehört
+hatte, schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn, als ob er durch
+die Aeußerungen des Herrn Ollivier besonders frappirt sei.
+
+"In der That, mein lieber Minister," sagte er, "Sie bringen mich da auf
+einen Gedanken, der mir Manches aufklärt,--sollten Sie, wie ich glaube,
+Recht haben, so ist es um so nöthiger, unsere Stellung Rom gegenüber zu
+modificiren, denn protestantische Anschauungen können doch gewiß niemals
+die Politik Frankreichs, dieses so tief katholischen Landes leiten.
+Welch eine Freude ist es doch," sagte er tief aufathmend, "so
+vollständiges Verständniß zu finden und mit einem Mann zu arbeiten, der
+uns stets neue Gesichtspunkte öffnet."
+
+Er bewegte die Glocke.
+
+"Sind die Herren Minister versammelt," fragte er den eintretenden
+Kammerdiener.
+
+"Zu Befehl, Majestät."
+
+"Wollen Sie mich in einen Augenblick im Conferenzzimmer mit den andern
+Herren erwarten," sagte der Kaiser zu Herrn Ollivier, "ich werde Ihnen
+sogleich folgen--wir wissen ja, was wir zu thun haben."
+
+Der Großsiegelbewahrer verneigte sich mit zustimmender Miene und verließ
+das Kabinet des Kaisers.
+
+"Er wird thun, was ich will," sagte Napoleon ihm lächelnd nachblickend,
+"und ich werde die vortreffliche Stellung haben, keinerlei Initiative zu
+ergreifen; nicht meine Meinung,--sondern diejenige des Herrn Ollivier
+wird durchdringen, und man wird nicht wieder vom persönlichen Regiment
+und vom autocratischen Einfluß sprechen können."
+
+Er trat zu einem kleinen Schrank, nahm daraus ein Fläschchen mit einer
+röthlichen Flüssigkeit, zählte in ein Glas Wasser, das der Kammerdiener
+ihm reichte, eine Anzahl von Tropfen und trank dann schnell den Inhalt,
+der ihn fast augenblicklich wohlthätig zu beleben schien.
+
+"So," sagte er mit einem tiefen Athemzug, "das wird mir für eine Stunde
+wieder Kraft und Elasticität geben. Jetzt will ich meine Herren Minister
+anhören."
+
+Und mit etwas lebhafterem festerem Gang als vorhin begab er sich durch
+die schnell geöffnete Flügelthür nach dem Conferenzzimmer, einem großen
+hellen Gemach, in dessen Mitte ein runder grüner Tisch, von ebenfalls
+dunkelgrünen Fauteuils umgeben, stand.
+
+In diesem Zimmer waren die Minister bereits versammelt, sie trugen
+sämmtlich, wie der Kaiser, schwarze Morgenanzüge und verneigten sich
+tief beim Eintritt des Souverains.
+
+Da war neben Ollivier, der, aufgeregt, aber von innerer Befriedigung
+strahlend, hinter seinem Stuhl stand, Herr Chevandier de Valdrome mit
+seinem etwas cavalieren Ausdruck; der Graf Daru mit seinem kalten,
+etwas mißtrauischen Blick; Herr Buffet, der Finanzminister, eine
+bureaucratische Erscheinung mit eigensinnig doctrinairem Ausdruck; Herr
+Ségris, der Minister des Unterrichts, ein wenig an das Aeußere eines
+Professors erinnernd; dann der Marquis von Talhouet, der Minister der
+öffentlichen Arbeiten, eine schöne, elegante Erscheinung, trotz seines
+Alters von beinahe fünfzig Jahren, noch jugendlich und frisch, der wahre
+altfranzösische grand Seigneur;--Herr Maurice Richart, für welchen sein
+Freund Ollivier das Ministerium der schönen Künste geschaffen hatte, ein
+gutmüthiger, sorgloser Lebemann; dann der Kriegsminister, Marschall
+Leboeuf, eine militairisch kräftige Erscheinung, das volle, ein wenig
+aufgeschwemmte und regelmäßige Gesicht hatte durch den großen Bart auf
+der Oberlippe und dem Kinn einen etwas martialischen Ausdruck, der
+jedoch durch den gleichgültigen und oberflächlichen Blick der etwas
+vorstehenden Augen wieder abgeschwächt wurde; endlich der Admiral
+Rigault de Genouilly, dessen feines und intelligentes Gesicht mit dem
+Ausdruck verschlossenen Nachdenkens stets einen nicht ausgesprochenen
+Hintergedanken zu verstecken schien.
+
+Der Kaiser setzte sich auf seinen Lehnstuhl in der Mitte des Tisches,
+und die Minister nahmen um ihn her Platz, Herr Ollivier zu seiner
+Rechten, Graf Daru zu seiner Linken; die Uebrigen nach der Reihenfolge
+ihres Ranges; die Minister des Krieges und der Marine dem Kaiser
+gegenüber.
+
+"Ich habe Sie berufen, meine Herren Minister," sprach der Kaiser mit
+ruhiger, fast ausdrucksloser Stimme, indem er einen der auf dem Tische
+liegenden Bleistifte ergriff und einige unbestimmte Linien auf dem vor
+ihm bereit liegenden Papierbogen zeichnete, "ich habe Sie berufen, um
+Sie zu ersuchen, die Frage des Plebiscits, über welche ich bereits mit
+Jedem von Ihnen einzeln conferirt habe, nunmehr noch einmal
+gemeinschaftlich zu discutiren und dann darüber einen definitiven
+Beschluß zu fassen. Es handelt sich darum, die neue Institution, welche
+ich dem Kaiserreich geben zu sollen geglaubt habe und zu deren
+Befestigung Sie Alle so bereitwillig mir die Hand geboten haben, nochmal
+durch ein Votum der ganzen Nation, auf welchem ja das Kaiserreich selbst
+und seine frühere Verfassung beruhen, sanctioniren zu lassen. Und ich
+bitte Sie mit Ihrer gewohnten und von mir stets so hoch gewürdigten
+Freimüthigkeit mir Ihre Meinung darüber zu sagen."
+
+Er wandte sich mit einer leichten Neigung des Kopfes zu Herrn Ollivier.
+
+"Sire," erwiderte dieser in einem Ton, welcher an den gleichförmigen
+Pathos erinnerte, der eine Eigenthümlichkeit seiner Reden auf der
+Tribüne war--"Eure Majestät wissen, daß ich aus voller Ueberzeugung dem
+großen Gedanken zugestimmt habe, welchen Sie so eben aussprachen. Eine
+Regierung, welche so offen und rückhaltslos wie wir die Verfassung im
+Sinne der Freiheit ausbaut, darf sich nicht scheuen ihr Werk der Prüfung
+und Genehmigung des ganzen Volkes vorzulegen. Wir treten vor die Nation,
+nicht um zu fordern, sondern nur zu geben, und sind der dankbaren
+Zustimmung der großen Mehrheit der Bürger Frankreichs sicher; das
+Gewicht ihres Votums wird die Autorität und Macht des Kaiserreichs den
+innern und äußern Feinden gegenüber von Neuem kräftigen, und alle die
+Elemente, welche in der letzten Zeit so vermessen an der Entwickelung
+des gesellschaftlichen Lebens gearbeitet haben, werden vor dem fest und
+klar ausgesprochenen Willen der ganzen Nation schwinden. Ich habe die
+Form des Plebiscits ausgearbeitet. Der Herr Minister des Innern hat die
+Präfecten mit ausführlichen Instruktionen versehen, um die von der
+unversöhnlichen Opposition beabsichtigte massenhafte Enthaltung von der
+Abstimmung zu verhindern, und ich erlaube mir, Eurer Majestät
+vorzuschlagen, daß so wie das Senatuskonsult festgestellt ist, das
+Plebiscit ohne weitere Verzögerung vorgenommen werde, denn jeder Tag, um
+den dasselbe noch hinausgeschoben wird, giebt den Gegnern Gelegenheit,
+sich zu organisiren und ihre Agitationen immer mehr über das Land zu
+verbreiten. Die Form des Plebiscits würde nach meiner Ueberzeugung sehr
+einfach sein, sie würde sich auf wenige Zeilen reduciren, und ich werde
+meinen Entwurf bei meinen Herren Collegen circuliren lassen, um ihn dann
+mit ihren Zustimmungen oder etwa mit ihren Gegenvorschlägen Eurer
+Majestät zu unterbreiten."
+
+Der Kaiser wandte sich mit einem verbindlichen Wink seiner Hand zu dem
+Grafen Daru.
+
+Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten hatte ruhig und unbeweglich
+den Worten Olliviers zugehört; ebenso ruhig sprach er jetzt mit seiner
+etwas leisen, aber durch die scharfe Accentuirung der Worte deutlichen
+Stimme:
+
+"Ueber die Form des Plebiscits, Sire, wird, wie ich glaube, unter uns
+kaum eine Meinungsverschiedenheit bestehen können. Es kann ja eben nur
+eine ganz einfache mit ja oder nein zu beantwortende Frage sein. Dagegen
+aber kann ich nicht unterlassen, Eurer Majestät noch einige sehr ernste
+und gewichtige Bedenken gegen die Sache selbst auszusprechen."
+
+Der Kaiser blickte nicht auf, mit völlig ausdrucksloser Miene sah er auf
+das Papier nieder und zeichnete große krumme Linien, welche in einander
+greifend sich zu dem Bilde eines Adlerflügels vereinigten.
+
+"Eure Majestät," fuhr Graf Daru fort, "haben vorhin bemerkt, daß das
+Kaiserreich auf dem freien Votum der ganzen Nation beruhe, wie das ja
+auch mit der Herrschaft des ersten Kaisers der Fall war. Das Volk hat
+seinen Willen ausgesprochen und sich nach einer Zeit innerer Unruhen und
+Kämpfe eine feste Staatsform und eine consolidirte Regierung gegeben,
+welche wir nunmehr dem Willen Eurer Majestät gemäß zu freierer, innerer
+Entwicklung zu führen haben. Da die Existenz des Kaiserreichs, der Grund
+seines Bestehens auf dem Plebiscit beruht, so halte ich es für
+bedenklich, der Sicherheit des Staatsgebäudes und vor allen Dingen auch
+der Dynastie Gefahr bringend, wenn man ohne eine absolute Nothwendigkeit
+auf die Grundfundamente der Monarchie wieder zurückgreift. Ich glaube
+nicht,--verzeihen mir Eure Majestät, daß eine Dynastie wirklich auf die
+Dauer feste und unzerstörbare Wurzeln schlagen kann, wenn bei jeder
+Gelegenheit derjenige Faktor, der ihr das Leben gegeben, wieder in die
+öffentliche Bewegung hineingezogen wird; das Volk durch unmittelbares
+Plebiscit hat einmal gesprochen und das Kaiserreich begründet--die
+weitere Entwicklung desselben muß nun seinen verfassungsmäßigen
+Vertretern überlassen werden. Das Kaiserreich selbst darf nicht wieder
+in Frage gestellt werden. Denken Eure Majestät, in welche gefährliche
+Lage, in welche falsche Position ein Souverain kommen müßte, der wie
+Eure Majestät es stets mit gerechtem Stolz gethan und wie Ihre
+Nachfolger es ohne Zweifel ebenfalls thun werden, sich den Erwählten der
+Nation nennt, wenn das Votum dieser Nation in einem spätern Plebiscit
+ihm ungünstig wäre? Ein abfälliges Votum des Corps legislativ greift nur
+das Ministerium an, ein abfälliges Plebiscit aber würde das Kaiserthum
+und die Dynastie selbst in Frage stellen."--
+
+"So weit wir aber die Stimmung im Lande kennen," fiel Herr Ollivier ein,
+während der Kaiser fortwährend ganz theilnahmlos weiter zeichnete--"ist
+garnicht an die Möglichkeit zu denken, daß die allgemeine Abstimmung
+ungünstig ausfalle, vielmehr wird sie auf's Neue die Wurzeln des
+Kaiserreichs und der Dynastie kräftigen und immer tiefer in das
+nationale Bewußtsein dringen lassen."
+
+"Ich zweifle nicht an dem Ausfall der Abstimmungen," erwiderte Graf
+Daru, indem flüchtig und fast unbemerkbar ein Zug feiner Ironie auf
+seinem kalten bleichen Gesicht erschien, "auch spreche ich nicht von der
+Thatsache, sondern von dem Prinzip, und im Prinzip muß ich dabei
+bleiben, daß ein wiederholtes Plebiscit gefährlich für die Dynastie ist,
+um so gefährlicher, wenn man jetzt etwa auf einen günstigen Ausfall
+desselben einen besonderen Werth zu legen beabsichtigt. Je mehr
+Bedeutung man dem zustimmenden Votum giebt, um so mehr gefährlicher
+würde eines Tages eine feindliche Abstimmung werden können. Außerdem bin
+ich des Erfolges noch nicht so vollkommen sicher. Die Majorität
+Derjenigen, welche stimmen, wird mit ja stimmen, daran zweifle ich
+nicht, ob es aber der Opposition nicht gelingen werde, eine sehr große
+Majorität für die Stimmenenthaltung zu gewinnen, darüber bin ich noch
+nicht vollkommen beruhigt; und der Eindruck einer solchen Enthaltung
+würde nicht nur in Frankreich, sondern auch im Auslande ein sehr
+bedenklicher sein müssen."
+
+Herr Ollivier, welcher sich unruhig hin und her bewegt hatte, wollte mit
+einer Bemerkung einfallen.
+
+Der Graf Daru erhob leicht mit einer artigen, aber bestimmten Wendung
+die Hand gegen ihn und fuhr fort.
+
+"Wenn ich schon aus Rücksicht auf das Kaiserthum selbst und auf die
+Dynastie der Meinung bin, daß ein erneutes Plebiscit nur im Augenblick
+einer öffentlichen Gefahr oder gewaltiger nationaler Anstrengungen
+vorgenommen werden darf, so bestärkt mich in dieser Ansicht noch mehr
+die Rücksicht auf die freie und verfassungsmäßige Entwicklung des
+öffentlichen Lebens, deren Sicherung unsere Aufgabe ist. Wenn es als ein
+Grundsatz des öffentlichen Rechts anerkannt wird, daß die Regierung in
+jedem Augenblick und ohne bestimmte zwingende und in der Verfassung
+vorgesehene Gründe sich an das Volk wenden kann, so wird jedes
+constitutionelle Leben überhaupt eine Unmöglichkeit, denn die Regierung
+hat es in der Hand, bei jedem Conflict mit den Gesetzgebenden
+Körperschaften durch ein Plebiscit das ganze verfassungsmäßige Leben in
+Frage zu stellen. Daß Eure Majestät niemals einen solchen Gedanken haben
+werden," sagte er, sich gegen den Kaiser verneigend,--"davon bin ich
+überzeugt, indessen bei der Beurtheilung öffentlicher Rechtsprinzipien
+darf man nicht an die Person, sondern an die Sache und an die völlig
+objectiv gestellte Frage denken. Für mich spricht also sowohl die
+Rücksicht auf die Stabilität und die Unantastbarkeit der monarchischen
+Staatsform und der Dynastie als diejenige auf die wahre Freiheit des
+öffentlichen Lebens gegen eine Wiederholung des Plebiscits."
+
+"Sie würden also, mein lieber Graf," sagte der Kaiser, indem er einen
+Augenblick flüchtig aufblickte und dann wieder in die Betrachtung des
+auf dem Papier vor ihm nunmehr deutlich erkennbaren Adlerflügels
+versank, "Sie würden also einer Berufung an das Volk Ihre Stimme nicht
+geben und wollen?"
+
+"Ich habe meine prinzipmäßigen Gründe gegen das Plebiscit
+ausgesprochen," erwiderte der Graf. "Ich bin indessen ebenfalls
+überzeugt, daß beim absolut starren Festhalten an den Prinzipien
+practisch nicht regiert werden kann. Und da Eure Majestät und die
+meisten meiner Kollegen die Volksabstimmung für zweckmäßig halten, so
+würde ich mich derselben nicht unbedingt entgegenstellen."
+
+Der Kaiser zog seine Linien weiter und weiter. Ein zweiter Adlerflügel
+begann sich an der Seite des ersten zu zeigen.
+
+Auf Herrn Olliviers Gesicht erschien bei den letzten Worten des Grafen
+Daru eine ziemlich erkennbare Verstimmung.
+
+Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten sprach weiter:
+
+"Die Bedenken, welche ich gegen eine Wiederholung des Plebiscits so eben
+ausgesprochen und motivirt habe, können nach meiner Überzeugung auf eine
+sehr einfache Weise zum großen Theil beseitigt werden: Wenn nämlich der
+Grundsatz festgehalten wird, daß die Berufung an die unmittelbare
+Volksabstimmung nur Statt finden dürfe, wenn sich die Regierung und die
+Gesetzgebenden Körperschaften darüber verständigt haben. Dadurch würde
+nach beiden Richtungen die Garantie gegen den Eintritt derjenigen
+Gefahren gegeben, welche ich vorhin bezeichnete, und so würde die
+Absicht Eurer Majestät erreicht. Ich glaube, daß der Herr
+Großsiegelbewahrer," sagte er, sich an Ollivier wendend, "einer
+Verständigung in der von mir angedeuteten Richtung nicht abgeneigt ist,
+wenigstens habe ich bei meiner früheren Unterredung über diesen
+Gegenstand bei ihm die Geneigtheit bemerkt, auf meine Prinzipien
+einzugehen, und auf Grund derselben den Bestand des Cabinets zu
+sichern," sagte er mit fester Stimme, sich gegen den Kaiser verneigend.
+
+Dieser hob ein wenig den Kopf empor und richtete den Blick seines
+vollständig verschleierten Auges auf Herrn Ollivier.
+
+"Der Gedanke des Grafen Daru," sagte er ruhig, "scheint mir eine sehr
+gute Grundlage für die Ausgleichung der entgegenstehenden Ansichten zu
+bieten. Es wäre gewiß sehr wünschenswerth, eine solche Verständigung zu
+erreichen, wenn dies nach Ihrer Überzeugung möglich ist."
+
+Herr Ollivier richtete sich grade empor, ließ den unsichern Blick über
+seine in schweigender Zurückhaltung da sitzenden Kollegen gleiten und
+begann dann mit nachdrücklicher Betonung:
+
+"Ich glaube nicht, daß der Gedanke des Herrn Ministers der auswärtigen
+Angelegenheiten ausführbar sei, wenn man sich die wahre staatsrechtliche
+Natur der Frage klar macht. Das Volk," fuhr er fort, "die französische
+Nation ist, Eure Majestät werden mir darin beistimmen," sagte er, sich
+gegen den Kaiser verneigend--"der eigentliche, in letzter Instanz
+definitiv über die Geschicke Frankreichs entscheidende Souverain. Die
+Vertreter im Corps legislativ sind nur Delegirte. Es entspräche nicht
+der Würde der Nation selbst, wenn Derjenige, an welchen sie ihre
+Souverainetät deligirt hätte, erst die Genehmigung der lediglich für die
+gesetzgeberische Arbeit abgeordneten Vertreter einholen müßte, um sich
+in großen Nationallebensfragen an das Volk selbst wenden zu dürfen.
+Zwischen dem Kaiser, das heißt dem General-Mandatar der souverainen
+Nation und dem Volk selbst darf kein untergeordneter Faktor stehen. Sie
+müssen frei, wenn es nothwendig ist, miteinander verkehren können, und
+der Kaiser muß das Recht haben, auch ohne die Zustimmung der
+parlamentarischen Körperschaften an das Volk selbst sich wenden zu
+können. Jede zufällige Majorität der Kammer würde ja sonst die Macht
+haben, die Berufung an das Volk zu verhindern. Ich für meine Person,"
+schloß er mit bestimmtem Ton, "würde lieber dafür stimmen, das Plebiscit
+überhaupt aufzugeben, als es auf diese Weise von der Zustimmung einer
+Kammer abhängig zu machen, die vielleicht garnicht den Willen des ganzen
+Volkes und sein wahres Interesse vertritt."
+
+Graf Daru hatte Herrn Ollivier ein wenig erstaunt angesehen, dann flog
+abermals jener Zug feiner Ironie über sein Gesicht, und als der
+Großsiegelbewahrer geendet, sprach er, während auf dem Papier des tief
+gebückt dasitzenden Kaisers sich nunmehr zwischen den beiden Flügeln
+auch der Kopf eines Adlers zu entwickeln begann:
+
+"Ich bedaure, daß ich die Absicht des Herrn Großsiegelbewahrers bei
+unserer letzten Unterredung so falsch oder unklar aufgefaßt habe. Wäre
+mir damals seine Meinung so bestimmt erschienen, wie ich sie jetzt
+verstehe, so hätte ich schon früher alle Hoffnungen und alle Versuche zu
+einer Verständigung zu gelangen, aufgegeben. Ich muß Eurer Majestät
+aufrichtig erklären, daß wenn das Plebiscit ohne vorherige Verständigung
+mit der Kammer beschlossen werden sollte, ich nicht im Stande sein
+würde, länger ein Mitglied des Kabinets zu bleiben."
+
+"Ich schließe mich der Erklärung des Herrn Grafen Daru vollständig an,"
+sagte der Finanzminister Buffet mit rauhem und kurzem Ton. "Ich glaube,
+daß die Wiederholung der Plebiscite die freie Bewegung des
+konstitutionellen Lebens unmöglich macht und den Staat fortwährend mit
+der Wiederkehr absoluter Autocratie bedroht. Ich bitte Eure Majestät,
+wenn das Plebiscit nach der Anschauung des Herrn Großsiegelbewahrers
+beschlossen werden sollte, meine Entlassung zu genehmigen."
+
+"Und was meinen die übrigen Herren Minister," fragte der Kaiser, unter
+dessen Bleistift sich nunmehr auch ein großer Adlerkopf bildete.
+
+"Ich stimme Herrn Ollivier bei," sagte Ségris.
+
+"Ich würde um der Einheit des Bestandes des Cabinets willen," sagte der
+Marquis von Talhouet, "wünschen, daß auf dem Boden des vom Grafen Daru
+ausgesprochenen Gedankens eine Verständigung erzielt werde. Indessen
+kann ich nicht mein Verbleiben im Cabinet von dieser Frage abhängig
+machen, und ich hoffe," fügte er verbindlich sich gegen den Grafen von
+Daru verneigend, hinzu, "daß auch unser verehrter Kollege von diesem
+äußersten Entschluß zurückstehen werde."
+
+Graf Daru schüttelte schweigend den Kopf.
+
+"Ich habe," rief Herr Ollivier rasch, "wahrlich für die Freiheit und die
+Rechte des Volkes gesprochen und gekämpft. Niemand wird mir dies Zeugniß
+versagen können. Jetzt aber ist es auch meine Pflicht, die Rechte der
+Krone zu vertreten und zu vertheidigen, und ich würde in einer solchen
+Anschauung der kaiserlichen Initiative, wie sie der Graf Daru
+vorschlägt, eine sehr gefährliche und bedenkliche Schmälerung der
+kaiserlichen Rechte erblicken."
+
+Der Marschall Leboeuf und der Admiral Rigault de Genouilly stimmten in
+kurzen Worten dem Herrn Ollivier bei; ebenso Herr Maurice Richart und
+Herr Chevandier de Valdrome.
+
+Zu den Flügeln und dem gekrönten Kopf des Adlers war auf dem Papier des
+Kaisers bereits noch eine Kralle hinzugetreten, auf welcher ein kleiner
+Reichsapfel ruhte.
+
+Der Kaiser richtete ein wenig den Kopf auf, ohne daß sein Bleistift
+aufhörte in langsamer, anscheinend fast unwillkürlicher Bewegung Linie
+an Linie zu reihen.
+
+"Ich höre also," sagte der Kaiser, "daß die Mehrzahl meiner Herren
+Minister dem Herrn Großsiegelbewahrer vollständig beipflichten, welcher
+sich für die schleunige Ausführung des Plebiscits und zwar ohne
+vorherige Verständigung mit den Kammern ausgesprochen hat. Hätten die
+Herren Minister gegen das Plebiscit überhaupt Bedenken gehabt, so hätte
+ich meinerseits kaum einen Grund gehabt, dasselbe durchaus zu wünschen,
+so sehr ich auch überzeugt bin, daß es den Institutionen des
+Kaiserreichs neue Kräfte geben werde. Da aber die große Majorität meiner
+Minister das Plebiscit für zweckmäßig und nothwendig hält, da sie zu
+gleicher Zeit die Modalität, welche der Graf Daru vorgeschlagen, nicht
+zu acceptiren geneigt sind, so bleibt mir nichts anderes übrig, als
+nochmals Sie, Herr Graf, zu bitten, aus der Sache keine Cabinetsfrage zu
+machen und Sie, Herr Minister," sagte er, sich an Herrn Ollivier
+wendend, "reiflich zu überlegen, ob Sie nicht im Stande wären, eine
+Kombination zu finden, welche sich dem Grafen Daru nähert, und es ihm
+möglich macht, Mitglied des Cabinets zu bleiben, in welches ich ihn mit
+so vielem Vertrauen berufen habe, und aus welchem ich ihn nur mit
+aufrichtigem Schmerz würde scheiden sehen."
+
+Es war fast ein ängstlicher Ausdruck, mit welchem Herr Ollivier den
+Kaiser bei den letzten Worten ansah.
+
+"Eure Majestät wissen," sagte er schnell, "wie hohen Werth ich auf die
+Freundschaft und Mitwirkung des Grafen Daru und auf sein Verbleiben in
+dem Ministerium lege; indessen meine Anschauung und Überzeugung steht
+fest, und wie ich niemals im politischen Leben von derselben abgewichen
+bin, so kann ich es auch jetzt nicht, selbst auf die Gefahr hin, die
+bisher so fruchtbare und hoch erfreuliche gemeinschaftliche Arbeit mit
+dem Herrn Grafen zu unterbrechen. Meine Überzeugung steht fest," sagte
+er, die Hand auf die Brust legend, "und da auch die meisten meiner
+Kollegen dieselbe theilen, so kann ich um so weniger in einer so hoch
+wichtigen Frage auf irgend einen Kompromiß eingehen."
+
+"Ich habe also," sagte der Graf Daru, ohne daß irgend eine Bewegung auf
+seinem Gesicht bemerkbar wurde, "Eure Majestät nochmals bestimmt um
+meine Entlassung zu bitten, da ich nicht im Stande bin, der von der
+Mehrzahl meiner Kollegen beschlossenen Maßregel meine Zustimmung zu
+geben."
+
+"Ich muß die gleiche Bitte an Eure Majestät richten aus dem gleichen
+Grunde," sagte Herr Buffet.
+
+Der Adler auf dem Papier des Kaisers hatte eine zweite Kralle erhalten.
+
+"Ich kann," sagte Napoleon, "da ich ja nicht mehr der persönliche
+Autokrat bin," fügte er lächelnd hinzu, "gegen den Beschluß meiner
+Minister nichts thun. Ich bitte Sie indeß, meine Herren," fuhr er fort,
+sich an die übrigen Minister wendend, "daß Sie sich der Aufgabe
+unterziehen mögen, in privater Besprechung und durch persönliche
+Einwirkung ein Einverständniß zwischen dem Grafen Daru und Herrn
+Ollivier zu ermöglichen. Ich bin überzeugt," fuhr er fort, indem er mit
+der linken Hand über seinen Bart fahrend den Mund verdeckte, während
+seine Rechte in der Kralle des Adlers vor ihm ein großes, hoch
+aufragendes Schwert erscheinen ließ, "daß Herr Ollivier ebenso wie ich
+das Ausscheiden des Grafen aus dem Cabinet beklagen würde, daß er Alles
+aufbieten wird, um eine Verständigung herbeizuführen. In einem Punkt bin
+ich jedoch vollkommen der Meinung, welche sich die meisten Herren hier
+angeeinigt haben, daß nämlich schnell gehandelt werden müsse, um der
+Opposition nicht die Zeit zu lassen, die Stimmenenthaltung zu
+organisiren. Ich hoffe also," sagte er aufstehend, indem er den
+Bleistift neben dem nunmehr vollendeten und mächtig bewehrten Adler
+niederlegte, "daß Sie mir morgen die Mittheilung von Ihrer allseitigen
+Verständigung machen werden, daß wir Alle miteinander gemeinschaftlich
+bei der Durchführung des begonnenen Werkes weiter arbeiten werden."
+
+Er verneigte sich mit verbindlicher Höflichkeit nach allen Seiten und
+verließ das Konferenzzimmer, in welchem die Minister noch fast eine
+Stunde zurückblieben, auf alle mögliche Weise versuchend, das
+Einverständniß zwischen Herrn Ollivier und dem Grafen Daru herzustellen.
+
+Alle Versuche scheiterten jedoch an der kalten Ruhe, mit welcher der
+Graf Daru an seiner Ansicht festhielt und an der pathetischen
+würdevollen Unbeugsamkeit, mit welcher Herr Ollivier erklärte, auch
+nicht in einem Punkt von seiner Überzeugung abgehen zu können.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+
+Napoleon war in sein Cabinet zurückgekehrt, heiter und zufrieden
+lächelnd rieb er sich leicht die Hand, während er einige Male langsam
+auf- und niederging.
+
+"Alles geht vortrefflich, Drouin de L'huys hat vollkommen Recht, diesen
+Ollivier kann man Alles thun lassen, was man will, ein wenig Balsam für
+seine Eitelkeit, ein wenig Köder für seinen Ehrgeiz, und er lancirt sich
+gesenkten Hauptes in jede Bahn, auf welcher man seiner bedarf. Die Dinge
+fügen sich so gut, wie ich es nur irgend wünschen kann, das Plebiscit
+wird gemacht,--und ich bedarf des Plebiscits," sagte er sinnend vor sich
+hinblickend, "um diesen unversöhnlichen Rednern der Kammer zu zeigen,
+daß sie nicht mich angreifen, sondern den Willen der Gesammtnation, und
+daß nicht sie die Vertreter der Anschauungen Frankreichs sind, sondern
+ich selbst,--ich bedarf es dem Auslande gegenüber, um den europäischen
+Cabinetten zu zeigen, daß ich noch heute so unumschränkt wie früher über
+die Macht Frankreichs gebiete,--das Plebiscit wird gemacht werden, und
+zwar bin nicht ich es, der es macht, sondern meine Minister unter der
+Führung dieses höchst liberalen und konstitutionellen Herrn Ollivier.
+Und wenn dieser zweifelhafte Graf Daru und dieser schwer zu behandelnde
+Buffet aus dem Cabinet ausscheiden, so werde nicht ich sie entlassen
+haben, sondern sie werden es sein, die sich von der Majorität der
+Minister trennen. Alles ist ja konstitutionell und verfassungsmäßig,"
+sagte er lächelnd, "und doch geschieht es wie ich will. Vielleicht,"
+sprach er nachdenklich, "läßt sich mit dieser konstitutionellen Maschine
+noch besser regieren, als wenn man allein steht und ganz allein auch
+alle Verantwortlichkeit tragen muß."
+
+Er ließ sich langsam in seinen Lehnstuhl nieder, bereitete sich
+sorgfältig aus dem auf einem kleinen Tisch daneben stehenden türkischen
+Taback eine Cigarrette, entzündete dieselbe an der brennenden Kerze und
+bewegte eine kleine Handglocke.
+
+"Bereiten Sie Alles vor," sagte er dem eintretenden Kammerdiener, "ich
+will meine militairische Promenade machen, in einer Stunde habe ich
+eine Revue abzuhalten."
+
+Der Kammerdiener entfernte sich durch die Thür, welche in das
+Toilettenzimmer des Kaisers führte.
+
+"Der Graf Bismarck," sagte der Kaiser, indem er mit vergnügtem Gesicht
+die blauen Wolken des aromatischen Tabacksrauchs in die Luft blies, "hat
+Recht mit dem Rath, den er mir einst gab, je mehr ich die
+konstitutionelle Doctrin in die Regierung einführe, um so mehr muß ich
+meine militairische Macht stärken und das persönliche Band zwischen mir
+und der Armee fester ziehen, damit habe ich das Correctiv in der Hand,
+und wenn die Wellen jemals zu hoch gehen sollten, so wird es leicht
+sein, sie wieder auf das richtige Niveau zurückzuführen. Bis jetzt sind
+sie noch leicht zu leiten und trägt das Schiff das Kaiserreich ruhig in
+der Richtung fort, welche ich vorgezeichnet habe,"--und sich bequem auf
+den Stuhl zurücklehnend schloß er halb träumend die Augen, indem er in
+großen Zügen den duftigen Rauch seiner Cigarrette einsog.
+
+Nach einiger Zeit öffneten sich die Flügel der Thüre, und die Kaiserin
+schritt schnell, noch bevor der Huissier sie anmelden konnte, an
+demselben vorüber in das Zimmer.
+
+Ihre Mienen zeigten Unruhe und lebhafte Bewegung, sie eilte auf den
+Kaiser zu, welcher sich langsam erhob, drückte ihn sanft wieder in
+seinen Lehnstuhl zurück und sagte, indem sie sich ihm gegenüber setzte:
+
+"Ich höre, daß die Ministerconferenz zu Ende ist und bin
+unendlich gespannt, was das Resultat derselben sei,--sobald die
+Meinungsdifferenzen ausgeglichen, wird das Plebiscit ohne Schwierigkeit
+durchgeführt werden?"
+
+"Das Plebiscit ist beschlossen," sagte der Kaiser, indem er den Rest
+seiner Cigarrette fortwarf, "die große Majorität meiner Minister waren
+darüber einig, nur," fügte er mit einem schnellen Blick auf seine
+Gemahlin und einem fast unwillkürlichen Lächeln hinzu, "Graf Daru und
+Herr Buffet können sich der Ansicht der Uebrigen nicht anschließen. Ich
+werde sie verlieren," fügte er wie bedauernd den Kopf schüttelnd hinzu,
+"ich habe ihnen die Entlassung, um die sie gebeten, nicht verweigern
+können, da sie sich nicht im Einklang mit den Uebrigen befinden."
+
+Die Kaiserin schlug ihre schlanken weißen Hände gegen einander, ein
+Blitz triumphirender Freude sprühte in ihren Augen auf.
+
+"Wir sind Daru los," rief sie aus, "diesen verkappten Orleanisten,
+diesen Freund des Protestanten Guizot, der uns mit dem heiligen Stuhl
+hätte brouilliren mögen. Welch ein Glück,"--fuhr sie nach einer kleinen
+Pause fort,--"haben Sie schon darüber nachgedacht, wer sein Nachfolger
+in den auswärtigen Angelegenheiten sein soll?"
+
+"Das ist eine sehr schwierige Frage," sagte Napoleon langsam,--"eine
+sehr schwierige Frage, welche ein tiefes und eingehendes Nachdenken
+erfordert. Ich glaube, da das ganze Interesse sich in diesem Augenblick
+auf die inneren Fragen concentrirt und wir eigentlich gar keine
+auswärtige Politik machen, so wird es am besten sein, das Provisorium
+einige Zeit lang bestehen zu lassen--Ollivier ist bereit, dasselbe zu
+führen."
+
+Immer strahlender und heiterer wurde das Gesicht der Kaiserin.
+
+"Ollivier," rief sie, "das Provisorium des auswärtigen Ministeriums!
+Louis," rief sie, ihm die Hand reichend, welche er galant an die Lippen
+führte, "ich bewundere Sie, das ist ein Meisterstreich! Dieser Ollivier
+ist ein Schleier, den man ganz Europa gegenüber über unsere Politik
+wirft, und hinter diesem Schleier wird man thun und vorbereiten können,
+was man will, ohne daß irgend Jemand, er selbst am wenigsten," sagte
+sie lachend, "eine Idee davon hat. Aber später," sagte sie dann--"nach
+Ollivier, denn Ollivier kann doch nur so lange Minister sein, bis--" sie
+unterbrach sich--
+
+"bis wir es für zweckmäßig finden werden," ergänzte der Kaiser ihren
+Satz, "unserer auswärtigen Politik einen bestimmten Stempel
+aufzudrücken, und dann wird die Wahl der Person doch immer von dem
+System abhängig sein müssen, welches dann zu befolgen für nothwendig
+erscheinen sollte."
+
+"Ich habe Ihnen neulich von Grammont gesprochen," sagte Eugenie mit
+einem forschenden Blick auf den Kaiser, "der mir alle Eigenschaften in
+sich zu vereinigen scheint, welche Ihr auswärtiger Minister in einem
+entscheidenden Augenblick haben müßte, und der Ihnen persönlich und
+unserer Dynastie tief ergeben ist, indem er die monarchischen
+Traditionen seiner legitimistischen Familie nunmehr auf das Kaiserreich
+überträgt, nachdem er sich dem Dienst desselben gewidmet hat. Grammont
+kennt besonders genau die Verhältnisse Österreichs, das doch für unsere
+auswärtige Politik und für unsere auswärtige Action," fügte sie mit
+besonderer Betonung hinzu, "einer der wichtigsten Factoren ist."
+
+"Es würde nur darauf ankommen," sagte der Kaiser, ohne den Blick seiner
+Gemahlin zu erwidern, "welche Politik man nach Außen inauguriren wird,
+nachdem diese inneren Angelegenheiten zum Abschluß gebracht sind. Unter
+gewissen Verhältnissen würde allerdings Grammont eine sehr geeignete
+Persönlichkeit sein."
+
+"Unter allen," sagte die Kaiserin, "Grammont ist ebenso geschickt und
+geschmeidig, als ergeben."
+
+"Nun," sagte der Kaiser, "man könnte ihn ja dann wieder hierher kommen
+lassen. Ich habe früher ausführlich mit ihm über die Lage der
+Verhältnisse gesprochen und würde persönlich sehr gern mit ihm
+verkehren. Es käme aber darauf an, ob er sich mit den übrigen Führern
+des Cabinets verständigen könnte, denn wir haben ja jetzt ein
+constitutionelles Regiment--"
+
+Die Kaiserin zuckte die Achseln.
+
+"Namentlich," fuhr Napoleon fort, "ob er mit Ollivier zu harmoniren im
+Stande wäre!"
+
+"Ollivier," rief die Kaiserin, "dieser spartanische Bürger wird
+überglücklich sein, in einem Cabinet mit einem Herzoge aus dem alten
+Hause der Guiche und der Grammont sich zu befinden."--
+
+"Wir wollen weiter darüber sprechen, wenn das Plebiscit vollendet sein
+wird," sagte der Kaiser.
+
+Die Kaiserin ließ einen Augenblick mit einer anmuthigen Beugung ihres
+schlanken Halses den Kopf auf die Brust sinken.
+
+"Er hat einen Hintergedanken," flüsterte sie unhörbar.
+
+Dann blickte sie den Kaiser mit ihren großen, klaren Augen ruhig und
+gleichgültig an.
+
+"Man hat in diesen Tagen," sagte sie, "wieder von einer Combination
+gesprochen, welche, wie ich glaube, schon im vorigen Jahre einmal
+flüchtig erörtert wurde, von einer Candidatur des Prinzen von
+Hohenzollern für den spanischen Thron"--
+
+Der Kaiser warf schnell einen flüchtigen Blick auf seine Gemahlin hin--
+
+--"vielleicht wäre es gut, wenn sich das machen ließ," fuhr Eugenie
+fort, "ich bedaure die unglückselige Königin Isabella auf's tiefste und
+würde vor allen Dingen wünschen, daß ihr oder ihrem Sohn der spanische
+Thron gerettet werden könnte, allein, wie die Verhältnisse stehen und
+bei den so unschlüssigen und politisch unklaren Rathgebern, mit denen
+sie umgeben ist, scheint mir leider zu meinem tiefen Bedauern dazu wenig
+Aussicht zu sein. Wenn es nun möglich wäre, die für Frankreich und für
+uns ungünstigste Chance auszuschließen,--die Candidatur des Herzogs von
+Montpensier, welcher der Orleanistischen Agitation in Spanien einen
+festen Halt geben würde, so wäre es vielleicht nicht unerwünscht, einen
+jungen, uns befreundeten und verwandten Prinzen, der außerdem gut
+katholisch ist, auf diesem spanischen Thron zu wissen."
+
+"Der Prinz von Hohenzollern," sagte der Kaiser in demselben
+gleichgültigen Ton, in welchem seine Gemahlin gesprochen hatte, "steht
+dem preußischen Hause sehr nahe, und seine Thronbesteigung in Spanien
+würde einen Einfluß des Berliner Cabinets im Süden der Pyrenäen
+begründen, der den Interessen Frankreichs nicht zu entsprechen scheint.
+Ich habe deshalb, als im vorigen Jahre die Sache angeregt wurde,
+erklären lassen, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern eine
+antinationale sei, während diejenige des Herzogs von Montpensier nur
+meiner Dynastie feindlich ist. So sehr ich daher," fuhr er fort, "an dem
+einmal ausgesprochenen Prinzip festhalte, der spanischen Nation
+gegenüber, was ihre Entschließungen für die Zukunft betrifft, die
+strengste Zurückhaltung zu beobachten, so habe ich doch auch nicht
+verhehlt, daß eine Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf eine
+Zustimmung von Frankreich nicht zu rechnen habe. Seit jener Zeit," sagte
+er, die Achseln zuckend, "habe ich nichts wieder davon gehört, möglich,
+daß die Sache noch einmal wieder aufgenommen wird. Ich stehe noch auf
+demselben Standpunkt wie damals und ich glaube nicht, daß Frankreich
+einen preußischen Prinzen auf dem spanischen Thron sich ruhig gefallen
+lassen könnte."
+
+"Sie würden also," sagte die Kaiserin, "noch lieber Montpensier als den
+Erbprinzen von Hohenzollern in Madrid regieren sehen?"
+
+"Unbedingt," erwiderte der Kaiser mit festem Ton, "denn ich werde stets
+die Interessen meiner Person und meines Hauses denjenigen Frankreichs
+nachstellen."
+
+"Nun," sagte die Kaiserin, "dann wird aus der Sache nichts werden, denn
+ich glaube nicht, daß Prim etwas thun wird, wovon er weiß, daß Sie es
+nicht billigen."
+
+"Ich habe keine Veranlassung gehabt," sagte der Kaiser, "über diese
+Frage mit Prim meine Gedanken auszutauschen, und es ist in der That
+nicht nur eine Phrase, wenn ich versichere, dieser ganzen spanischen
+Angelegenheit völlig fern bleiben zu wollen.--Sie wollen mich nicht zu
+der Revue begleiten, die ich auf dem Carousselplatz abhalten will,"
+sagte er abbrechend, "ich habe die Garde de Paris und die Pompiers,
+auch eine Schwadron Seine-Gendarmerie zu der Truppenaufstellung
+hinzugezogen. Es ist in dieser Zeit immer gut, wenn man auch diesen
+Corps möglichst viel militairisches Gefühl einflößt."
+
+"Ich danke," erwiderte die Kaiserin, "ich habe verschiedene Audienzen zu
+geben.
+
+Au revoir," fügte sie hinzu, indem sie aufstand und ihrem Gemahl die
+Wange reichte. "Ich wünsche Ihnen nochmals Glück, diesen heimlichen
+Orleanisten aus Ihrem Rath entfernt zu haben."
+
+Der Kaiser geleitete seine Gemahlin zur Thür und kehrte dann
+nachdenklich und ernst in sein Zimmer zurück.
+
+"Es geht etwas mit dieser spanischen Candidatur Hohenzollerns vor,"
+flüsterte er vor sich hin, "man möchte diesen Fall zu einer Kriegsfrage
+zurecht machen--ich durchschaue das Alles sehr gut, man will sich
+versichern, daß ich mich wirklich einer solchen Candidatur ernstlich und
+energisch widersetzen würde, um in diesem Falle die Ereignisse danach
+gestalten zu können. Ich lasse das Alles gehen," sagte er lächelnd,
+"diese Candidatur des Prinzen Leopold, die man da so unvermuthet als
+einen plötzlichen und unabwendbaren Kriegsfall vor mich hinstellen
+möchte, kann mir vielleicht sehr gute Dienste leisten und mir die
+Handhabe bieten, die ganze Lage der Dinge, ohne diese lärmende und
+unsichere Entscheidung der Waffen zu meinen Gunsten zu gestalten. Ich
+glaube nicht," sagte er nachdenklich, "daß das Cabinet von Berlin oder
+der König von Preußen auf diese Hohenzollernsche Candidatur einen
+besondern Werth legen wird,--Benedetti glaubt, daß der Graf Bismarck ihm
+nicht seinen letzten und innersten Gedanken ausgesprochen habe,--mir
+scheint, Benedetti täuscht sich, vielleicht möchte es eher dem
+preußischen Stolz widerstreben, einen Prinzen, der in vielen Beziehungen
+mit dem dortigen königlichen Hause zusammenhängt, sich auf einen Weg
+begeben zu sehen, der zu einem ähnlichen Schicksal führen kann, als es
+den Herzog Maximilian in Mexico erreichte. Wenn diese Candidatur
+wirklich eine ernste Form gewinnt, so wird die Gelegenheit da sein, ein
+kräftiges und volltönendes Wort zu sprechen und die Zurückziehung
+derselben vor dem übrigen Europa als einen moralischen Sieg über
+Deutschland und Preußen erscheinen zu lassen. Damit wird eine große
+Sache gewonnen sein--die Wiederherstellung des französischen
+erschütterten Selbstgefühls und des Vertrauens in die Überlegenheit der
+kaiserlichen Regierung. Lassen wir also die Dinge immerhin gehen,--ich
+glaube, sie gehen einen guten Weg, und ich werde dahin kommen, mich aus
+allen Verlegenheiten, die mich umringen, ohne eine kriegerische
+Entscheidung, welche ich in den Leiden meiner Krankheit mehr als je
+vorher scheue--zu entziehen."
+
+Der Huissier öffnete die Thür und meldete:
+
+"Seine kaiserliche Hoheit der Prinz Napoleon."
+
+Der Kaiser seufzte und zuckte unwillkürlich die Achseln mit einer Miene,
+welche anzudeuten schien, daß ihm dieser Besuch nicht allzu erfreulich
+sei, indessen neigte er zustimmend den Kopf und ging mit freundlichem
+Gruß dem Prinzen die Hand reichend, seinem Vetter entgegen, welcher
+raschen und unruhigen Schritts in das Cabinet trat.
+
+"Ich bin erfreut, Dich zu sehen, mein lieber Vetter," sagte der Kaiser,
+"indessen habe ich nur wenige Augenblicke, da die Truppen bereits auf
+dem Carousselplatz aufgestellt sind und die Stunde der Revue geschlagen
+hat."
+
+Der Prinz Napoleon war eine eigenthümliche Erscheinung, welche man kaum
+hätte vergessen können, wenn man ihm einmal begegnet war. Sowohl in
+seiner Figur, als in seinem olivenfarbenen scharf geschnittenen
+bartlosen Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar zeigte er eine sehr
+charakteristische Ähnlichkeit mit seinem großen kaiserlichen
+Oheim;--während indeß auf den Zügen des Letzteren jene edle, antik
+klassische Ruhe lag, welche die Köpfe aus der großen Kaiserzeit des
+alten Roms charakterisirt, während die Augen des weltbeherrschenden
+Imperators tief sinnend vor sich hinblickten oder weltentzündende
+zorngewaltige Blitze schleuderten,--lag in dem ganzen Wesen des Prinzen
+eine zerfahrene Unruhe und fieberhafte Hast, welche mit dem antiken
+Schnitt seines Gesichts durchaus nicht vereinbar schienen und seiner
+ganzen Erscheinung den Ausdruck wohlthätiger Ruhe und Harmonie raubten;
+seine Augen blickten unstät hin und her, seine Lippen zuckten in
+fortwährend bewegtem Mienenspiel, und in kurzen Zwischenräumen öffnete
+sich sein Mund zu einem unwillkürlichen, krampfhaft nervösen Gähnen.
+Auch seine Gestalt war stärker und gedrungener als die des großen
+Kaisers, und wenn er mit heftigen Gesticulationen seine Worte
+begleitete, so brachten seine Bewegungen fast einen komischen Ausdruck
+hervor.
+
+Der Prinz trug einen schwarzen Civilmorgenanzug, einen hohen Cylinderhut
+in der Hand, die große Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.
+
+"Ich will Eure Majestät nur einen Augenblick aufhalten," sagte er, mit
+einer gewissen rauhen Betonung die Worte hervorstoßend, "es drängt mich,
+von Eurer Majestät selbst zu hören, ob die Gerüchte, welche die Stadt
+zu durchlaufen beginnen, wahr sind. Eure Majestät," fuhr er fort,
+"kennen die tiefe Ergebenheit, welche ich für Sie hege als für den Chef
+meiner Familie und für den liebevollen Freund meiner Jugend,--bei dieser
+tiefen Ergebenheit müssen die Gerüchte, welche so eben bis zu mir
+gedrungen sind, mich mit tiefer Unruhe erfüllen."
+
+"Und welche Gerüchte meinst Du," fragte der Kaiser ruhig und kalt, indem
+er sich in seinen Lehnstuhl niederließ und den vollen Blick seines groß
+geöffneten Auges auf den Prinzen richtete, welcher vor ihm stehen blieb
+und vor diesem scharfen forschenden Blick mit leichter Verlegenheit die
+Augen zu Boden schlug.
+
+"Ich meine das Gerücht von dem Grafen Daru," sagte der Prinz rasch und
+heftig, "ganz Paris spricht bereits davon. Man erzählt, daß Du," fuhr er
+immer lebhafter fort, indem er die ceremonielle Haltung, welche er bei
+seinem Eintritte angenommen hatte, vergaß,--"das Plebiscit unter allen
+Umständen durchführen willst, und daß deswegen Graf Daru, der in der
+That nicht zu meinen Freunden gehört, aber der dadurch in diesem
+Augenblick populär werden wird, sich von den Geschäften zurückziehen
+will."
+
+"Es handelt sich um keine Differenz zwischen dem Grafen Daru und mir,"
+erwiderte der Kaiser. "Der Graf befindet sich in Meinungsverschiedenheit
+mit Ollivier und den übrigen Ministern, es ist eine vollständig
+constitutionelle Krisis," fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, "in
+welche ich einzugreifen außer Stande bin."
+
+"Eine constitutionelle Krisis," rief der Prinz lebhaft, indem er laut
+auflachte und dann die Hand einen Augenblick vor den Mund hielt, um
+einen Gähnkrampf zu verbergen, der ihn erfaßte,--"eine Meinungsdifferenz
+mit Ollivier? Hat denn dieser Ollivier," fuhr er fort, "eine Meinung,
+die nicht die Deinige ist?--Doch darum handelt es sich nicht, es handelt
+sich nicht um die augenblickliche Situation," sprach er rasch
+weiter,--"ob Daru bleibt oder geht, ist mir in der That sehr
+gleichgültig,--aber der Grund dieser Krisis--der Grund dieses
+Plebiscits--was willst Du mit dem Plebiscit machen--wozu diese
+fortwährenden Revuen in einer Zeit, in welcher alle militairischen
+Fragen so vollständig in den Hintergrund treten,--Du hast einen Plan, Du
+willst den Krieg, Du willst unter der Maske dieses Ollivier, unter dem
+Schein des Constitutionalismus die Dictatur wieder herstellen, um
+plötzlich hervorbrechen zu können und den europäischen Staatsstreich,
+wie man es nennt, auszuführen, oder vielleicht," fuhr er fort, indem
+sein stechender Blick sich mit dem Ausdruck des Hasses und des Zorns
+erfüllte, "oder vielmehr Andere wollen dies. Man will Dich dahin
+bringen, es auszuführen."
+
+Der Kaiser hatte völlig unbeweglich ohne jeglichen Ausdruck auf seinem
+Gesicht den heftigen Worten des Prinzen zugehört, ein wenig auf die
+Seite geneigt, ließ er langsam die Spitzen seines Schnurrbarts durch die
+Finger gleiten und sagte mit einem unendlich naiven Ton:
+
+"Du glaubst?"
+
+"Ja," rief der Prinz zornig, mit dem Fuße stampfend, "ich glaube es und
+ich glaube auch, daß Du auf einen Weg gehst, der Frankreich, Dich und
+uns Alle in's Verderben stürzen wird,--wir können nicht schlagen,--ich
+weiß es,--man täuscht Dich,--Deine großsprechenden Generale, dieser
+Leboeuf an der Spitze, glauben, daß man mit Phrasen den Kampf gegen eine
+so furchtbare Macht wie Preußen aufnehmen kann. Sie Alle haben gar keine
+Idee von dem, was man zum Kriege nöthig hat--selbst Niel wäre nach
+meiner Überzeugung noch nicht fertig für einen so gewaltigen Kampf, aber
+diese--die Dich jetzt umgeben, haben das Werk Niels nicht nur nicht
+fortgesetzt, sie haben es wieder zu Grunde gerichtet. Deine Armee ist in
+Unordnung, die Festungen sind nicht im gehörigen Stand, die Magazine
+sind nicht gefüllt, die Organisation der Militairverwaltung ist mehr als
+mangelhaft, und wenn Du Dich zu diesem Kriege hinreißen läßt, so wirst
+Du,--ich wiederhole es--uns Alle zu Grunde richten."
+
+Der Kaiser blieb fortwährend unbeweglich.
+
+"Ich begreife nicht, mein lieber Vetter, wie Du auf diese Idee
+kommst,--es ist ja nicht die kleinste Wolke am politischen Himmel, und
+es handelt sich ja in diesem Augenblick ganz ausschließlich nur um
+innere Fragen. Was übrigens unsere Armee und die Militairverwaltung
+betrifft, so ist die Ansicht sehr bewährter Generale eine andere als die
+Deinige und," fügte er mit einem mehr gutmüthigen als ironischen Lächeln
+hinzu, "jenen steht vielleicht eine größere praktische Erfahrung als Dir
+zur Seite."
+
+"Es gehört nicht eine allzu große praktische Erfahrung dazu," erwiderte
+der Prinz in entrüstetem Ton, "um das zu sehen, was Jedermann sehen kann
+und was man Dir allein mit Erfolg zu verbergen sucht, da Dein zu großes
+Vertrauen Dich verhindert, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bitte
+Dich, untersuche wenigstens, bevor Du Dich zu gefährlichen
+Unternehmungen hinreißen läßt, genau den Zustand der Armee,--untersuche
+ganz besonders den Zustand der Flotte, dieser ist noch bedenklicher als
+der der Landtruppen."
+
+"Mein liebes Kind," sagte der Kaiser in einem väterlichen freundlichen
+Ton, "Du agitirst Dich ohne Grund, glaube mir, die Absichten, die Du
+voraussetzest, bestehen nicht."
+
+"Sie bestehen nicht?" rief der Prinz. "Sie bestehen vielleicht bei Dir
+nicht, aber sie bestehen rings um Dich her, und man wird Dich so
+umgarnen, man wird alle Verhältnisse so drehen und wenden, daß Du
+schließlich nicht anders können wirst, als die Pläne derer auszuführen,
+welche in ihrer Verblendung dazu bestimmt scheinen, Dich und uns Alle
+in's Unglück zu stürzen. Die Kaiserin--"
+
+Der Kaiser stand auf; für einen Augenblick schien er vollkommen Herr
+über die Schwäche zu sein, welche seine Haltung gewöhnlich unsicher und
+schwankend erscheinen ließ. Er richtete den Kopf hoch empor, seine Augen
+öffneten sich weit und leuchteten im tiefen Glanz auf, aus seinen Zügen
+strahlte eine wunderbare Hoheit und Ueberlegenheit, und mit einer
+vollen, metallisch klingenden Stimme sprach er:
+
+"Mein lieber Vetter, ich bin das Haupt unserer Familie und das erwählte
+Oberhaupt der französischen Nation, ich trage die Verantwortlichkeit für
+meine Entschließungen und bin mir dieser Verantwortlichkeit vollkommen
+bewußt,--auf meine Entschließungen aber hat Niemand Einfluß, als die
+ruhige Erwägung und die richtige Beurtheilung der Verhältnisse,
+Niemand," wiederholte er mit strenger Betonung, "und auch kein Glied
+meiner Familie--kein Glied derselben ohne Ausnahme."
+
+Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er mit milderem Ton hinzu, indem
+er dem Prinzen die Hand reichte:
+
+"Ich danke Dir für Deine Theilnahme an dem Geschick Frankreichs und an
+dem Meinigen und bin überzeugt, daß, wenn ernstere Ereignisse eintreten
+sollten, wozu in diesem Augenblick nicht die geringste Veranlassung
+vorliegt, Du an dem Platz, an welchem ich Dich dann zu stellen
+beschließen werde, mit voller Hingebung und Selbstverleugnung Deine
+Schuldigkeit thun wirst.
+
+"Ich bin," sagte er mit höflichem, aber bestimmtem Ton, "bereit, mit Dir
+in ruhigen Augenblicken diese Unterhaltung fortzusetzen; für jetzt muß
+ich Dich bitten, mich zu entschuldigen, denn die Stunde der angesagten
+Revue ist bereits vorüber, und Du weißt, daß selbst unser großer Oheim
+den unumstößlichen Grundsatz hatte, die Truppen niemals warten zu
+lassen, sondern ihnen stets das Beispiel genauester Pünktlichkeit zu
+geben."
+
+"Du willst mich nicht hören," rief der Prinz heftig,--"Du kannst Dich
+noch immer nicht gewöhnen, in mir den reifen Mann zu sehen, Du glaubst
+also den Fremden mehr--als mir, der ich Dir doch wahrlich am nächsten
+stehe. Nun, ich werde nicht müde werden, auch auf die Gefahr hin, Dir zu
+mißfallen, bis zum letzten Augenblick Dir meine Meinung zu sagen."
+
+"Und ich werde Dich immer mit Aufmerksamkeit und mit der alten Liebe
+anhören, die ich Dir stets bewiesen habe," sagte der Kaiser, indem er
+seinem Vetter die Hand reichte, "auf Wiedersehen!"
+
+Der Prinz drückte die Hand des Kaisers so heftig, daß dieser sie schnell
+zurückzog. Seine Lippen öffneten sich, es schien, als wolle er noch
+Etwas sagen, doch er verneigte sich nur schweigend und sich schnell
+umwendend, stürmte er aus dem Cabinet hinaus.
+
+"Welch' ein unregelmäßiger Geist," sagte der Kaiser, ihm nachblickend,
+"wie schade ist es um all' die vortrefflichen Eigenschaften, welche er
+besitzt, um all' die großen Keime, welche unerschlossen in ihm ruhen
+oder welche nach falscher Richtung hin sich entwickelt haben.--Was meine
+Verwandten betrifft," sagte er dann mit einem halb ironischen, halb
+wehmüthigen Lächeln, "so könnten die Prinzen der ältesten und
+legitimsten Dynastie ihrem Souverain kaum mehr Verlegenheit bereiten,
+als meine Herren Vettern es mir thun,--dieser unglückliche Pierre, der
+Victor Noir erschossen,--Murat, der diesen kleinen Lecomte
+geprügelt--und dieser Napoleon, der seinen reichen Geist und seine
+wirklich tiefen Kenntnisse nur dazu benutzt, um überall Verwirrungen zu
+stiften,--vielleicht sollte ich strenge gegen ihn sein, ich sollte ihn
+mehr fühlen lassen, daß ich der Chef des Hauses und der Souverain
+Frankreichs bin, denn zuweilen überschreitet er wirklich die Grenzen des
+Erlaubten. Aber," sagte er, den Kopf sinnend auf die Brust senkend, "ich
+habe eine Schwäche für ihn,--ich habe ihn ein wenig mit erzogen,--in
+seinen Adern rollt das Blut des großen Kaisers, und dann--er ist der
+Bruder dieser so edlen und so großherzigen Mathilde,--die unter Allen
+meine treueste Freundin ist."
+
+Er faltete die Hände und blieb längere Zeit in tiefem Sinnen stehen,
+dann fuhr er auf, strich mit der Hand über die Stirn, als wolle er
+Bilder und Erinnerungen verscheuchen, die vor ihm aufgestiegen waren,
+warf einen raschen Blick auf seine Uhr und begab sich schleunigst in
+sein Toilettenzimmer.
+
+Auf dem Carousselplatz innerhalb des großen Vierecks, welches die durch
+den Kaiser vereinigten Paläste der Tuilerien und des Louvre bildeten,
+war eine Division Infanterie aufgestellt, darunter das zweite Regiment
+der Grenadiere der Garde mit den gewaltigen Bärenmützen, welche man auf
+den Schlachtenbildern des ersten Kaiserreichs erblickt und welche noch
+bis zu jener Stunde den Stolz der alten Garde bildeten; die langbärtigen
+Sappeurs mit ihren weißen Schurzfellen, ihren hohen Stulphandschuhen und
+ihren blitzenden Beilen an der Spitze der Bataillone--daneben acht
+Batterien der Artillerie mit der an die deutschen Husaren erinnernden
+Uniform, den Dolmans und Colpacks,--die Garde de Paris und die
+Seine-Gendarmerie zu Pferde, welche fast unverändert die Uniform der
+Grenadiere à Cheval des ersten Kaiserreichs trugen; neben diesen standen
+die Pompiers, diese militairische Feuerwehr mit ihren blitzenden Helmen.
+
+Eine große Menschenmenge umringte, von den Sergeants de Ville
+zurückgehalten, die Aufstellung der Truppen, deren Waffen im hellen
+Sonnenschein blitzten.
+
+Das alte Schloß der Tuilerien und alle diese Uniformen nach den Mustern
+des ersten Kaiserreichs riefen lebhaft die Bilder der Vergangenheit in's
+Gedächtniß. Und als nun das Gitterthor an dem innern Hof der Tuilerien
+sich öffnete, die zwei davor haltenden Kürassierposten sich militairisch
+empor richteten,--als die Suite der Adjutanten und Ordonnanzofficiere
+vor dem Haupteingang des Palastes sich rangirten, die Reitknechte die
+Pferde heranführten und der Marschall Canrobert, der in der
+goldglänzenden Uniform mit den weißen wallenden Federn auf dem
+goldbordirten Hut, den Marschallstab in der Hand, von seiner Suite
+umgeben, in der Mitte der Truppnenaufstellung hielt, sich in dem Sattel
+aufrichtete und noch einen letzten Blick über die in musterhafter
+Haltung dastehenden Truppen warf, da hätte man fast erwarten können, aus
+dem großen Portal der Tuilerien heraus die kleine Gestalt des
+welterobernden Cäsars mit dem ehernen Gesicht und dem leuchtenden
+Feldherrnblick hervortreten zu sehen, um wie an dem Tage der großen
+Vergangenheit seine Soldaten zu mustern, welche die Adler Frankreichs
+siegreich nach allen Hauptstädten Europa's getragen hatten.--
+
+Die Stallknechte führten das schöne weiße Leibpferd des Kaisers vor das
+Portal.
+
+Etwas unsichern Ganges erschien Napoleon III. in der
+Generallieutenants-Uniform, das große rothe Band der Ehrenlegion über
+der Brust. Die Hinfälligkeit seiner Gestalt, die krankhafte Schlaffheit
+seiner Gesichtszüge waren in der militairischen Kleidung noch sichtbarer
+und auffälliger, als im Civilanzug. Er setzte den Fuß in den Bügel und
+langsam, mit einer gewissen Anstrengung hob er sich in den Sattel
+hinauf. Ein Augenblick zuckte es wie stechender Schmerz durch sein
+Gesicht, dann nahm er wie mit lebhafter Willensanstrengung eine feste
+Haltung an; und selbst jetzt, trotz seiner von Alter und Krankheit
+gebrochenen Kraft konnte man doch noch eine Spur jener Leichtigkeit und
+Sicherheit erkennen, welche ihn einst zu einem der besten Reiter
+Europa's gemacht hatten.
+
+Die ganze glänzende militairische Suite des Kaisers, welche ihn zu
+Fuß erwartet hatte, saß in demselben Augenblick, in welchem der
+Kaiser in den Sattel gestiegen war, zu Pferde. Hundert Garden
+mit den goldglänzenden antiken Helmen und den blauen gold- und
+scharlachschimmernden Uniformen sprengten vor; und langsam ritt der
+Kaiser durch das Gitterthor der Truppenaufstellung entgegen.
+
+Marschall Canrobert und sein Stab sprengten heran, der Marschall grüßte
+mit dem Stabe und erhob denselben dann, indem er sich nach den Truppen
+hinwandte; in demselben Augenblick begannen die sämmtlichen Musikkorps
+jene einfache Melodie zu spielen, welche die schöne Hortense Beauharnais
+einst für die alte Romanze "partant pour la Syrie" componirt hatte, die
+man zu jener Zeit nicht auf den jeune et beau Dunois, sondern auf den
+vom ersten glänzenden Strahl seines Ruhmes beleuchteten Feldherrn bezog,
+der später die Krone Karl des Großen auf sein Haupt zu setzen bestimmt
+war. Zu gleicher Zeit brauste in donnerndem Ruf das "Vive l'empereur"
+von allen Truppenabtheilungen herüber.
+
+Der Kaiser nahm den Hut ab, und sein Blick flog über diese blitzenden
+Geschütze, über diese kühn blickenden Männer, über diese schnaubenden
+Pferde hin--ein Augenblick färbte ein leichtes Roth seine Züge, seine
+Augen leuchteten auf, fester richtete er sich im Sattel empor; da fiel
+sein Blick auf die Menge, welche sich bis dicht an die Truppen
+herangedrängt hatte und am Eingang des Gitterthors höchstens zehn
+Schritt von ihm entfernt war.
+
+In der ersten Reihe der Zuschauer sah er eine lange, hagere Gestalt
+stehen, in zerrissene Lumpen gehüllt, das Haupt, welches aus diesen
+Lumpen hervorragte, war unbedeckt, sein dunkles Haar hing ungeordnet um
+die Schläfen herab; unter der vorspringenden niedrigen Stirn blickten
+dunkle tief liegende Augen hervor, eine lange, weit vorspringende Nase,
+tief eingesunkene Wangen und ein struppiger Bart gaben diesem Gesicht
+etwas Fanatisches und Krankhaftes.
+
+Der Blick des Kaisers wurde unwillkürlich durch diese Erscheinung
+gefesselt, denn der Mann, der da unbeweglich stand, sah ihn mit einer
+Gluth so wilden und unversöhnlichen Hasses an, daß der Kaiser
+zusammenschauerte. Er wandte sich einen Augenblick um, als wolle er
+einen Befehl geben, dann blickte er wieder auf jenen Mann hin, dessen
+beide Hände frei waren und der ohne jede Bewegung starr wie eine
+Bildsäule da stand,--noch einmal erhob sich gewaltig und weithin über
+den Platz schallend das "Vive l'empereur" der Truppen.
+
+Dann trat eine augenblickliche tiefe Stille ein, der Marschall Canrobert
+sprengte an die Seite des Kaisers, um ihn beim Heranreiten der Fronte zu
+begleiten.
+
+Napoleon gab seinem Pferde einen leichten Schenkeldruck, indem er noch
+einmal wie fascinirt nach jenem in Lumpen gehüllten Mann hinsah.
+
+Da trat dieser Mann plötzlich einige Schritte vor, immer die Augen voll
+grimmigen fanatischen Hasses auf den Kaiser gerichtet. Er erhob die Arme
+nicht, er machte keine Bewegung, aber mit einer lauten, gellenden
+Stimme, welche schaurig durch die augenblickliche Stille, die dem lauten
+Rufen der Truppen gefolgt war, über den Hof hinschallte, rief er mehrere
+Male hinter einander:
+
+"Nach Cayenne! Nach Cayenne!"
+
+Napoleon parirte sein Pferd, die ganze Suite hielt an, ein Ruf des
+Entsetzens ertönte aus der nächsten Umgebung des Kaisers. Verschiedene
+Officiere waren im Augenblick vom Pferde gesprungen und hatten im Verein
+mit einer großen Anzahl von Sergeants de Ville und Polizeibeamten in
+Civil, welche im Nu aus der Menge der Zuschauer hervorbrachen, den
+Unbekannten umringt und festgenommen.
+
+Er machte keine Miene des Widerstands und ließ sich, nachdem er noch
+einmal einen Blick tiefen und unversöhnlichen Hasses auf den Kaiser
+geworfen, nach dem Erdgeschoß der Tuilerien hinführen.
+
+Napoleon hatte schnell mit der ihm stets eigenen Selbstbeherrschung
+seine Ruhe wiedergefunden.
+
+"Ein armer Wahnsinniger," sagte er lächelnd zu dem Marschall Canrobert
+gewendet, und in kurzem Galopp sprengte er, von seiner glänzenden Suite
+gefolgt nach dem Flügel der Truppenaufstellung; langsam ritt er dann
+die Reihen hinunter, und noch enthusiastischer als vorher wurde er
+überall mit jubelnden Zurufen begrüßt.
+
+Er schien aus seiner früheren gleichgültigen Lethargie erwacht zu sein,
+und mit stolzem festem Blick sah er diese herrlichen Truppen an, die ihm
+so laut und freudig ihre Ergebenheit beweisen wollten. Lächelnd machte
+er dem Marschall seine Complimente über die Haltung der Truppen, dann
+sprengte er zurück, nahm eine Aufstellung vor dem Gitterthor--seiner
+Suite weit voran, und indem er einen scharfen, festen, herausfordernden
+Blick auf die herandrängende Menge warf, gab er das Zeichen zum Beginn
+des Vorbeimarsches. Während die einzelnen Regimenter vor ihm
+vorbeidefilirten, nach französischer Sitte als Zeichen ihrer
+begeisterten Huldigung die Kopfbedeckungen an der Spitze ihrer Waffen
+schwingend, ertönte von Neuem immer und immer wieder der alte Ruf "Vive
+l'empereur", welcher schon so oft und in großen Augenblicken von diesen
+altersgrauen Mauern wiederhallt war an derselben Stelle, wo die
+sterbenden Diener des versinkenden Königthums zum letzten Male "Vive le
+roi" gerufen hatten, und wo bereits zwei Mal eine wilde blutige Masse
+ihr "Vive la Republique" geheult hatte.
+
+Die Revue war beendet, der Kaiser dankte dem Marschall und den
+Officieren, ritt langsam zum Portal zurück, stieg ab und begab sich,
+sein Gefolge freundlich mit der Hand grüßend, nach seinem Cabinet
+zurück.
+
+Hier angekommen warf er sich erschöpft in seinen Lehnstuhl, die stolze
+und feste Haltung, welche er den Truppen gegenüber beobachtet hatte,
+verschwand, körperlicher Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit zeigte
+sich in seinen schlaffen, zusammensinkenden Gesichtszügen.
+
+"Ist der Polizeipräfect hier?" fragte er den Kammerdiener, welcher ihm
+Hut und Handschuhe abnahm.
+
+"Er befindet sich in einem Zimmer des Erdgeschosses und verhört den
+Elenden, welcher es gewagt, Eure Majestät zu insultiren."
+
+"Ich lasse ihn bitten, sogleich zu mir zu kommen."
+
+Er sank in sich zusammen und erwartete schweigend die Ankunft des Chefs
+der Polizei.
+
+Nach kurzer Zeit trat Herr Pietri in das Zimmer. Dieser Leiter der weit
+ausgedehnten Polizei von Paris war eine schmächtige schlanke Gestalt,
+geschmeidig und biegsam,--sein Kopf mit der weit vorspringenden, stark
+gewölbten Stirn war oberhalb spitz emporspringend, das dünne dunkle Haar
+lag auf den Schädel glatt an und bildete zur Seite der tief
+eingefallenen Schläfen zwei kleine, etwas abstehende Locken. Die
+Backenknochen standen stark hervor, die Augen lagen so tief zurück, daß
+der scharfe stechende Blick wie aus dunklen Schatten hervorblitzte; die
+stark gebogene Nase hing weit raubvogelartig gekrümmt über den von einem
+langen schwarzen Schnurrbart verdeckten Mund herab. Der ganze Eindruck
+dieses eigenthümlichen, gelb gefärbten Gesichts war ernst, kalt und
+finster.
+
+"Was für ein Mensch ist das?" fragte Napoleon mit leichtem Kopfnicken
+den Gruß des Polizeichefs erwidernd.
+
+"Er heißt Lezurier," erwiderte Pietri. "Trotz der Lumpen, in welche er
+gehüllt war," fuhr er fort, "fand man bei ihm eine Börse mit elftausend
+Francs in Gold, drei Staatsrentenbriefe über dreißigtausend Francs
+jährlicher Rente und ein Dolchmesser. Man hat sofort seine Wohnung
+ermittelt, und soeben berichtet man mir, daß bei der ersten Nachsuchung
+eine Menge von Waffen dort entdeckt worden ist, Keulen, Säbel, Lanzen,
+Revolver, Todtschläger, Dolche, Bayonette und Stockdegen, außerdem fand
+man in einem alten Pult noch sechzigtausend Francs in Gold. Seine ganze
+Behausung ist höchst ärmlich, er aß bei einem Lumpensammler in der
+unmittelbaren Nachbarschaft, bezahlte demselben monatlich dreißig
+Francs."
+
+"Räthselhaft," sagte der Kaiser tief nachdenkend. "Und was hat er
+bezweckt? Was war der Grund seiner Handlung?"
+
+"Er setzt allen Fragen ein hartnäckiges Schweigen entgegen," erwiderte
+Pietri.
+
+Ein rascher Entschluß blitzte im Auge des Kaisers auf.
+
+"Führen Sie ihn her, ich will ihn sehen," sprach er,--"ich will ihn
+selber fragen."
+
+"Sire," sagte Pietri fast erschrocken, "Eure Majestät wollen--"
+
+"Er konnte mir doch in der That," sagte der Kaiser, "draußen auf dem
+Tuilerienhof gefährlicher werden, als hier in meinem Zimmer, nachdem man
+ihm alle Mittel zu schaden abgenommen hat. Führen Sie ihn mir hierher,
+aber kommen Sie allein mit ihm, lassen Sie keinen untergeordneten
+Beamten mit eintreten. Wir werden uns ja wohl gegen ihn verteidigen
+können," fügte er lächelnd hinzu.
+
+Pietri verneigte sich und ging hinaus. Nach einigen Augenblicken kehrte
+er zurück--ihm folgte, von zwei Polizeibeamten bis zur Thür geführt,
+der räthselhafte Unbekannte.
+
+Derselbe trat ruhigen und festen Schrittes ein und blieb in einiger
+Entfernung von der Thür stehen. Sein Anblick war erschreckend, die
+ohnehin schon zerfetzten Lumpen, die ihn einhüllten, waren bei seiner
+Arretirung noch mehr zerrissen und hingen in fast formlosen Stücken um
+seinen Körper her, von einem Schlage, den er erhalten, hatte seine Nase
+geblutet, auch hatte er eine nicht unbedeutende Wunde an der Stirn
+erhalten, sein Gesicht war mit Blut befleckt und seine Haare klebten an
+den Schläfen mit Blut und Staub fest, er war noch bleicher als vorher
+und seine unheimlich glühenden Augen blickten mit demselben tiefen und
+unversöhnlichen Haß zu dem Kaiser hinüber.
+
+Napoleon sah diesen Mann lange schweigend an, die Schleier, welche fast
+immer seine Augen verhüllten, waren verschwunden, voll und frei ruhte
+sein forschender Blick auf der Gestalt des Gefangenen, doch fand der
+grimmige Ausdruck des Hasses, welcher dessen Züge erfüllte, in den Augen
+des Kaisers keine Erwiderung. Er sah diesen Mann mit einer Mischung von
+Verwunderung und wehmüthiger Trauer an.
+
+"Sie haben," fragte Napoleon endlich mit sanfter Stimme, "so eben in
+dem Hof der Tuilerien einen Ruf ausgestoßen, den man als eine feindliche
+Demonstration gegen mich deutet. Ich wünsche von Ihnen selbst zu
+erfahren, was Sie dabei bezweckt haben, ob es wirklich Ihre Absicht war,
+den Souverain Ihres Landes, welchen die große Majorität der Bürger
+Frankreichs auf den Thron berufen, zu beleidigen? Warum haben Sie den
+Ruf ausgestoßen "nach Cayenne?"
+
+Lezurier machte keine Bewegung, nur wurde die zornige Gluth seines auf
+den Kaiser gerichteten Blickes noch wilder und intensiver, und mit einer
+heisern, aber scharf und deutlich die Worte betonenden Stimme sprach er:
+
+"Ich habe das Geschrei der Soldaten gehört, welche vive l'empereur
+riefen, da erfaßte mich ein unbezähmbarer Zorn, und mein ganzes Wesen
+loderte auf in wilder Wuth, als ich Denjenigen jubelnd begrüßen hörte,
+dessen Verbrechen gegen Frankreich und seine Freiheit ihn zu jenem
+todtbringenden Exil hätten verurtheilen müssen, in welches er so viele
+Märtyrer der heiligen Sache des Volkes geschickt hat--nach Cayenne!"
+
+Der Kaiser sah den Mann groß an und schüttelte langsam mit einem fast
+mitleidigen Lächeln den Kopf.
+
+"Man hat ein Messer bei Ihnen gefunden," sagte er, "und ein kleines
+Waffenarsenal in Ihrer Wohnung. Hatten Sie die Absicht, mich zu tödten?"
+
+"Nein," erwiderte Lezurier, "diese Absicht hatte ich nicht. Ich war nur
+auf den Tuilerienhof gekommen, um meinen heiligen Haß durch den Anblick
+des Tyrannen zu kräftigen. Die Sache des Volkes bedarf des Meuchelmordes
+nicht, welcher wohl den Tyrannen tödten, aber nicht die Tyrannei
+vernichten würde."
+
+"Wozu also diese Waffen?" fragte der Kaiser--"außerdem," fügte er hinzu,
+"hat man viel Geld bei Ihnen gefunden, und doch sind Sie in Lumpen
+gekleidet."
+
+"Ich habe mein Vermögen und mich," erwiderte Lezurier immer in demselben
+Ton, "der Sache des Volkes gewidmet, für mich will ich nur übrig
+behalten, was zur nothdürftigsten Ernährung und Bekleidung meines
+Körpers unerläßlich ist. Alles Uebrige war bestimmt, bei der großen
+Erhebung des Volkes verwendet zu werden, welche sich vorbereitet, welche
+kommen wird und welche Sie herabschleudern wird in den Abgrund, aus
+welchem Sie heraufgestiegen."
+
+"Warum haben Sie denn," fragte der Kaiser weiter, "den Ruf ausgestoßen,
+der Sie den Gesetzen überliefert und alle Ihre Vorbereitungen erfolglos
+macht?"
+
+"Ich habe es gethan," erwiderte Lezurier, "weil die augenblickliche
+Entrüstung mich übermannte, weil eine blutige Wolke meinen Blick
+verdunkelte, weil ich nicht mehr Herr meiner selbst war. Ich bereue es,
+daß ich es gethan, weil ich meine Kraft und meine Mittel dadurch für den
+großen heiligen Kampf gehemmt habe, der aber," fuhr er fort, "dessen
+ungeachtet begonnen und siegreich durchgeführt werden wird. Ein
+Einzelner mehr oder weniger in der Phalanx des Volkes kann auf den
+Erfolg keinen Einfluß haben."
+
+"Sie sind nicht, was Sie scheinen," erwiderte der Kaiser, "Ihre Worte
+sprechen von höherer Bildung, als Ihre Kleidung vermuthen läßt."
+
+"Je höher mein Geist gebildet ist," erwiderte Lezurier, "um so mehr muß
+ich das Elend Frankreichs erkennen und die Mittel zu seiner Beseitigung
+suchen. Je reiner meine Gesinnungen sind und je fester mein Charakter
+sich entwickelt hat, mit um so höherer Begeisterung muß ich meine ganze
+Existenz für die Freiheit Frankreichs einsetzen,--um so glühender muß
+ich Denjenigen hassen, welcher diese Freiheit verrätherisch geknechtet
+hat."
+
+"Wenn Sie mich hassen," sagte der Kaiser mit einer sanften, fast
+weichen Stimme, "so können Sie mich doch nicht für klein halten, Sie
+würden mir sonst nicht sagen, was Sie so eben ausgesprochen."
+
+"Mein unbesonnener Ruf," erwiderte Lezurier, "hat mich ohnehin in Ihre
+Hände geliefert und meine Theilnahme am Kampf der Zukunft beinahe
+unmöglich gemacht, ich kann mir also die Genugthuung gewähren, dem
+Tyrannen in's Gesicht zu sagen, was ich von ihm denke. Er hat ja doch
+nur die Macht," fügte er mit verächtlichem Achselzucken hinzu, "diesen
+Körper zu vernichten, diese Form zu zerbrechen, in welcher ein kleiner
+Theil jenes Geistes eingeschlossen ist, der im gewaltigen
+unwiderstehlichen Flug die Trümmer seines Thrones fortreißen wird in die
+Abgründe der ewigen Vernichtung!"
+
+"Und was wollten Sie mit jenen Waffen machen," fragte der Kaiser,
+"welche Sie in Ihrer Wohnung aufgesammelt haben, mit jenem Gelde,
+welches Sie dort aufbewahrten?"
+
+"Die Waffen wollte ich am Tage der großen Erhebung allen Denen in die
+Hand drücken," erwiderte Lezurier, "welchen ich begegnen würde, deren
+Arm noch nicht bewehrt wäre, um dem Zorn und dem Haß ihres Herzens
+Nachdruck zu geben. Mit dem Gelde wollte ich die Kämpfer ernähren und
+die Verwundeten pflegen."
+
+"Stehen Sie mit Andern in Verbindung?" fragte der Kaiser weiter.
+
+Ein finsterer Hohn zuckte um die Lippen Lezurier's.
+
+"Sie sind gewöhnt," erwiderte er, "den Verrath zu erkaufen. Aber," fuhr
+er fort, "ich habe Nichts zu verrathen, und was ich weiß, kann ich laut
+aussprechen, ohne irgend Jemanden in die Hände Ihrer Häscher zu liefern.
+Mein Verbündeter ist das Volk von Frankreich in seiner großen Mehrheit,
+das denkt und fühlt wie ich, das aber vielleicht nicht immer und nicht
+überall dieselbe Energie und Thatkraft hat, welche ich angewandt haben
+würde zur Erreichung des großen Ziels--zur Befreiung des Vaterlandes!"
+
+"Sie haben mich beleidigt," sagte der Kaiser, "dafür sind Sie dem Gesetz
+verfallen, doch liegt in meinen Händen das schöne Recht der Gnade, und
+ich mache Gebrauch davon, indem ich Ihnen die Beleidigung verzeihe,
+welche Sie gegen mich ausgestoßen. Derjenige," sprach er stolz den Kopf
+erhebend, "den die große Mehrzahl seiner Nation vertrauensvoll auf den
+Thron berufen, kann die Beleidigung eines Einzelnen leicht vergeben.
+Aber Sie haben Vorbereitungen getroffen," fuhr er fort, "um nicht mir
+allein zu schaden, sondern um die Staatsordnung, welche die französische
+Nation sich in freier Entschließung gegeben, zu zerstören. Wollen Sie
+sich verpflichten, in Paris unter den Augen der Sicherheitsbehörde ruhig
+zu leben, so will ich Ihnen Ihre Freiheit schenken und Ihnen auch das
+verzeihen, was Sie gegen den Staat und gegen die öffentliche Ordnung
+gethan und beabsichtigt haben. Wollen Sie mir das versprechen?" fügte er
+fast in bittendem Ton hinzu.
+
+"Nein," erwiderte Lezurier kalt und starr, "ich will Sie nicht
+betrügen,--ich will nicht," fügte er mit bitterem Hohn hinzu, "in Ihre
+kaiserliche Prärogative der Lüge eingreifen, ich würde vom ersten
+Augenblick an meine ganze Kraft, mein ganzes Denken wiederum darauf
+richten, die große Revolution zu fördern und herbei zu führen, welche
+bestimmt ist, Ihre Herrschaft zu zertrümmern."
+
+"Dann," erwiderte der Kaiser, "kann ich Nichts für Sie thun, und der
+Ruf, den Sie ausgestoßen, wird Ihr Urtheil sein."
+
+Lezurier schwieg, ohne eine Bewegung zu machen, ohne eine Miene seines
+Gesichts zu verändern.
+
+"Ich wünsche nicht," sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, "daß
+irgend Jemand anders durch Sie leidet. Das Vermögen, welches Sie in
+wahnsinniger Verblendung zum Kampf gegen den Staat und die Gesellschaft
+bestimmten, soll Ihrer Familie zurückgegeben werden. Haben Sie
+Angehörige?"
+
+Die Züge des Gefangenen verzerrten sich im dämonischen Haß.
+
+"Ich hatte ein Weib," sagte er, "sie ist lange todt und hinterließ mir
+einen Sohn. Dieser Sohn und ein Bruder, jünger als ich, bildeten meine
+ganze Familie. Beide sind gefallen auf den Barrikaden unter den
+Kartätschenkugeln, welche die Bahn öffneten für den blutigen Triumphzug
+Ihrer kaiserlichen Herrlichkeit."
+
+Die Züge des Kaisers nahmen einen Ausdruck unendlicher Weichheit und
+Milde an, seine groß geöffneten Augen schimmerten im feuchten Glanz, er
+stützte einen Augenblick den Kopf in die Hand und seufzte tief auf, dann
+blickte er noch einmal voll mitleidiger Theilnahme auf diese in Lumpen
+gehüllte Gestalt, auf dieses blutbefleckte bleiche Gesicht und sagte.
+
+"Ich habe versucht, was ich versuchen konnte, um Böses mit Gutem zu
+vergelten, Sie haben Alles zurückgewiesen und für das Schicksal, das
+Ihnen bevorsteht, werden Sie mir keinen Vorwurf zu machen haben."
+
+Er winkte mit der Hand. Pietri öffnete die Thür und übergab den
+Gefangenen den beiden Polizeibeamten, zwischen denen derselbe hoch
+aufgerichtet mit festem Schritt das Cabinet verließ.
+
+"Welches Urtheil erwartet ihn?" fragte der Kaiser.
+
+"Die Deportation," erwiderte Pietri.
+
+"Man soll ihn mit Milde behandeln," sagte Napoleon, "und auch sein Exil,
+wenn er zu demselben verurtheilt wird, so schonend als möglich
+einrichten,--er ist krank,--er _muß_ krank sein,--ein gesunder Geist
+kann einen solchen Haß nicht entwickeln. Besorgen Sie, daß er ärztlich
+untersucht wird."
+
+Er winkte entlassend mit der Hand, mit tiefer Verbeugung zog sich der
+Polizeipräfect zurück.
+
+Der Kaiser saß lange in tiefem, finsterm Schweigen versunken.
+
+"Ist es wahr," sagte er endlich mit dumpfem Ton, "ist wirklich die Masse
+des Volks von Frankreich der Verbündete dieses Rasenden,--müßte ich
+wirklich um dieses aus der Tiefe herauf gährenden Hasses Herr zu werden,
+von Neuem meinen kaiserlichen Purpur in Blut tauchen? Wäre es da nicht
+besser, wie jener alte Römer sich selbst in den Abgrund zu stürzen zur
+Versöhnung des Schicksals, als diesen Abgrund mit Hekatomben von
+Menschenopfern zu füllen,--ist die Gestalt dieses Mannes der mahnende
+Geist, den das Verhängniß vor mir ansteigen ließ, wie es einst bei
+Philippi dem träumenden Brutus jene drohende Erscheinung sandte? Oh,"
+rief er, die Hände faltend und den Blick nach oben richtend, "gieb mir
+Licht in diesem Dunkel, Du große Vorsehung, welche mich auf so
+wunderbaren Wegen bis hierher geführt hat,--gieb mir Kraft," fügte er
+mit tief schmerzlichem Ausdruck hinzu,--"denn wo die Kraft ist, da ist
+das Licht,--meine Kraft aber versiegt und zerbricht,--und höher und
+höher steigt die Dunkelheit herauf, welche meinem Geist das klare
+Erkennen raubt."
+
+Er sank in sich zusammen und blieb wie gebrochen in seinem Lehnstuhl
+sitzen.
+
+
+
+
+Achtes Capitel.
+
+
+Einige Meilen unterhalb Hannovers fast hart an dem Ufer der Leine
+liegt das Dorf Bodenfeld.
+
+Der Ort im flachen Lande inmitten reicher Wiesen und üppigen
+Fruchtfeldern gelegen, bietet nur wenig Naturschönheiten und besteht aus
+geschlossenen Gehöften, welche, in einiger Entfernung von einander
+bestehend, unregelmäßige, aber gut und sauber gehaltene Straßen bilden,
+die von der Wohlhabenheit und dem Ordnungssinn der Bevölkerung zeugen.
+
+Trotz der verhältnißmäßig geringen Einwohnerzahl bietet Bodenfeld sowohl
+wegen seiner Lage, als wegen des Reichthums und des ausgedehnten
+Grundbesitzes seiner Bewohner den Mittelpunkt der Gegend.
+
+Es hatte eine große und schöne Kirche mit einem stattlichen, von einem
+freundlichen Garten umgebenen Pfarrhause; daneben in einiger Entfernung
+von der Kirche lag das weite und geräumige Amthaus; denn man hatte auch
+den Amtssitz bei der neuen Verwaltungsorganisation hierher gelegt, um
+den Eingesessenen bequemere Gelegenheit zu geben, den Mittelpunkt der
+Localverwaltung zu erreichen.
+
+Die Häuser der Bauerngehöfte zeugten alle von Wohlhabenheit, große
+Viehställe umgaben sie, und ihre Eigenthümer, obwohl in die
+eigenthümliche Tracht des Landes gekleidet und nach alter einfacher
+Sitte lebend, würden doch nach der Ausdehnung ihrer Ländereien, nach der
+Zahl ihrer Gespanne und ihres Viehstandes, nach der Menge der von ihnen
+beschäftigten Knechte und Arbeiter in andern Gegenden kaum noch für
+Bauern gegolten haben.
+
+Ein kleiner Hof am Ende des Dorfes stach ein wenig gegen die übrigen
+reichen Besitzungen ab.
+
+In der Mitte einer fast im regelmäßigen Viereck sich ausdehnenden
+Feldmark lag ein kleines, einfaches Haus, daneben ein sauber gehaltener
+Obstgarten, eine Allee von Obstbäumen führte von dem Hause durch das
+Feld hin zu der in einiger Entfernung vorüberziehenden Landstraße.
+
+Auf der andern Seite des Wohngebäudes lag ein kleiner Hof, von Ställen
+umgeben, ein Taubenschlag in der Mitte; in den Ställen standen drei
+sauber gepflegte Kühe, zwei Zug Ochsen und zwei jener starken kräftigen
+Pferde, an welchen das hannöversche Land so reich ist; den reinlichen,
+mit gelbem Sand bestreuten Hof belebte zahlreiches und vortrefflich
+gehaltenes Federvieh; hinter den glänzenden, blank geputzten Scheiben
+der kleinen Fenster sah man einfache, aber blendend weiße Gardinen,
+blühender Geranium leuchtete im dunklen Roth durch die Scheiben; kurz
+Alles trug den Stempel von Wohlhabenheit, Ordnung und Behaglichkeit; und
+wenn auch dieser kleine Hof an Ausdehnung hinter den übrigen Besitzungen
+des Dorfes erheblich zurückstand, so zeichnete er sich doch vor allen
+Uebrigen durch eine beinahe bis zur Eleganz gehende Zierlichkeit und
+Sauberkeit aus.
+
+An einem schönen Aprilabend saßen in den Wohnzimmern des kleinen Hauses,
+dessen einfache Einrichtung aus einem großen eichenen Tisch, einigen
+Stühlen mit starkem Rohrgeflecht und zwei jener alten mächtigen, mit
+braunem Leder überzogenen Lehnstühlen bestand und dessen Wände ebenfalls
+mit schwarz gewordenem Eichenholz bekleidet waren, ein alter Mann und
+eine alte Frau neben einander. Jede von Ihnen hatte einen der großen
+Lehnstühle eingenommen, und sie schienen sich nach der Arbeit des Tages
+jener tiefen, anmuthenden Ruhe zu erfreuen, welche auf dem Lande mit der
+Feierabendstunde das häusliche Leben mit einem fast sonntäglichen
+Frieden umgiebt.
+
+Der Mann war ein hoher Sechziger, kräftig und markig gebaut, das weiße
+dichte Haar hing lang an den Schläfen herunter, sein scharf markirtes,
+von fester Willenskraft zeugendes Gesicht war glatt rasirt, und aus
+seinen großen klaren Augen blickte neben dem klugen, beinahe listigen
+Verstand, der den Bauern jener Gegenden eigenthümlich ist, auch eine
+tiefe Weiche und Milde heraus.
+
+Er trug einen Faltenrock von dunkler Farbe, den Hemdkragen über dem
+Halstuch von schwerer schwarzer Seide hervorgezogen und hohe Stiefel bis
+zu den Knieen und war beschäftigt, durch eine silberne Brille mit
+großen, runden Gläsern die Zeitung zu lesen, welche der Landpostbote vor
+Kurzem gebracht hatte.
+
+Die alte Frau, welche in dem andern Lehnstuhl neben ihm saß, schien
+älter zu sein, als er. Ihre Haltung war etwas zusammengesunken und
+gebrechlich, ihr blasses Gesicht mit den sanft und weich, beinahe
+traurig blickenden Augen war mager und kränklich, ihr fast weißes, glatt
+gescheiteltes Haar war unter einer großen weißen Haube mit breitem
+Strich und unter dem Kinn zusammengebundenen Bändern fast ganz
+verborgen.
+
+Sie trug einen glatt anliegenden, schwarzen Rock und ein großes,
+schwarzes Seidentuch um Brust und Schultern und war beschäftigt, nachdem
+sie das Federvieh, dem sie ihre besondere Sorgfalt widmete, besorgt
+hatte, mit langen starken Nadeln einen großen Strumpf zu stricken, wobei
+sie leise zählend die Lippen bewegte.
+
+Der Mann war der Eigenthümer des Hofes, der alte Bauer Niemeyer, welcher
+ohne Kinder in seiner schönen, kleinen Besitzung lebte; die Frau neben
+ihm war seine Schwester, die Wittwe des lang verstorbenen Unterofficiers
+Cappei, welche nach dem Tode ihres Mannes mit einer kleinen
+Wittwenpension aus der englischen Legionskasse und mit ihrem einzigen
+Sohn ein Asyl bei ihrem Bruder gefunden hatte und bei demselben die
+Stelle der Hausfrau vertrat.
+
+Das Jahr 1866 hatte in den kleinen Familienkreis tief und schneidend
+eingegriffen. Der junge Cappei, welcher den Feldzug jenes Jahres in der
+hannöverschen Armee mitgemacht hatte und dann zu seinem Oheim und zu
+seiner Mutter zurückgekehrt war, um seinem Oheim in der Bewirtschaftung
+des Hofes, der zu seinem einstigen Erbtheil bestimmt war, Beistand zu
+leisten, hatte sich voll Begeisterung für die Sache des Königs Georg
+und fortgerissen von der Bewegung, welche beim Beginn des Jahres 1867
+unter den jungen Leuten jener Gegend herrschte, der Emigration
+angeschlossen, und seit jener Zeit lebten die beiden Alten wieder einsam
+in dem kleinen Hause, eifrig und sorgfältig die Wirthschaftsgeschäfte
+besorgend, aber traurig, des fernen Sohnes und Neffen gedenkend, dessen
+Abwesenheit alle ihre Hoffnungen für die Zukunft in Frage stellte.
+
+Sie hatten nur seltene und wenig ausführliche Nachrichten von ihm
+erhalten, denn die Emigranten scheuten sich eingehend nach ihrer Heimath
+zu schreiben aus Furcht, ihre Angehörigen in Verwickelung mit den
+Behörden zu bringen, und so waren die beiden alten Leute darauf
+angewiesen, die Zeitung, welche sie seit jener Zeit hielten, zu
+durchforschen, um irgend etwas über die Legion zu erfahren.
+
+Aber auch diese Nachrichten waren nur sehr spärlich und unklar gewesen
+und hatten sie oft recht traurig gestimmt, wenn sie von den
+unglücklichen Verhältnissen lasen, in welchen nach einzelnen
+Mittheilungen aus Frankreich die Emigranten dort leben sollten.
+
+Die alte Mutter Cappei glaubte fest an die Versicherung, welche ihr Sohn
+ihr beim Abschied gegeben, daß er siegreich mit allen seinen Kameraden
+den König in der Mitte wieder in die Heimath zurückkehren werde.
+
+Ihr Bruder hatte tiefes Mißtrauen in diese Hoffnungen, er hing zwar mit
+zäher und liebevoller Anhänglichkeit an den alten Verhältnissen, aber
+sein scharfer und practischer Verstand ließ ihn wenig an eine
+Möglichkeit der Wiederkehr derselben glauben.
+
+Es war dies ein Punkt, über welchen die beiden alten Leute, welche sonst
+in so inniger und liebevoller Einigkeit miteinander lebten, häufig in
+lebhaften Wortwechsel geriethen.
+
+Der alte Niemeyer war sehr unzufrieden mit der Emigration seines Neffen
+und wurde nicht müde, in seine Schwester zu dringen, daß sie mit ihm
+gemeinsam dem jungen Menschen den kategorischen Befehl schicken möge,
+wieder in die Heimath zurückzukehren.
+
+Doch dazu konnte sich die alte Frau, so tiefen Schmerz sie über die
+Abwesenheit ihres einzigen Kindes empfand, nicht entschließen. Es
+erfüllte sie mit hohem Stolz, daß ihr Sohn "in des Königs Legion
+diente", wie es ja auch ihr verstorbener Mann einst gethan zur Zeit der
+Occupation Hannovers im Anfang dieses Jahrhunderts, und trotz aller
+Mühe, die sich ihr Bruder gab, gelang es ihm nicht, sie zu überzeugen,
+daß die damaligen Verhältnisse und die damalige Legion, welche der
+mächtige König von England aus seinen hannöverschen Unterthanen
+gebildet, etwas ganz anderes sei, als die Emigration, welche heute ihrem
+verbannten, machtlosen König in das Exil gefolgt war; sie war überzeugt,
+daß es wieder anders werden müsse, wie es damals anders geworden war,
+und daß ihr Sohn einst siegreich wiederkehren werde, belohnt und
+ausgezeichnet von dem König, dem er so treu geblieben--und ihn dieser
+glänzenden Zukunft zu entziehen, dazu konnte sie sich nicht
+entschließen.
+
+So saßen sie denn auch heute wieder da,--sie hatten ihre Arbeit gethan,
+der Alte las die Zeitung, wie es ihm nun seit längerer Zeit zur
+Gewohnheit geworden war, und seine Schwester füllte die Muße ihres
+Abends durch die Beschäftigung mit ihrem Strickstrumpf aus, indem sie
+mit jeder Masche desselben theils eine wehmüthige Erinnerung an ihren
+Sohn, theils eine freudige Hoffnung auf dessen glänzende Zukunft
+verwebte.
+
+Plötzlich warf der Alte das Blatt vor sich hin und schlug kräftig mit
+der Hand auf den Tisch, indem er zugleich die ihm unbequeme Brille hoch
+auf die Stirn hinausschob.
+
+"Das ist eine gute Nachricht," rief er laut, "der König hat die Legion
+aufgelöst, welche ihm so viel Geld kostete, und welche so viele brave
+junge Leute ihrer Heimath entfremdete und den Gefahren eines unthätigen
+Lebens aussetzte. Das freut mich, das ist ein guter Entschluß, der
+vernünftigste, den unser Herr hat fassen können. Jetzt haben wir doch
+Hoffnung, daß der Junge wieder zu uns zurückkommt, und daß unser altes,
+liebes Besitzthum nicht noch in fremde Hände übergehen wird, während
+sein rechter und richtiger Erbe weit in der Ferne ein unruhiges und
+abenteuerliches Leben führt."
+
+Die alte Frau Cappei ließ den Strickstrumpf in ihren Schooß sinken, ein
+freudiger Ausdruck erschien einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann
+aber schüttelte sie trübe und traurig den Kopf.
+
+"Das wird wieder eine von den Nachrichten sein," sagte sie, "welche
+schon oft von Zeit zu Zeit in den Zeitungen erschienen sind und immer
+nicht wahr waren. Wie oft hast Du schon an die Rückkehr meines Sohnes
+geglaubt, wie oft hat man gesagt, die Legion wäre auseinandergegangen,
+und immer ist es nicht wahr gewesen. Und es wird auch diesmal nicht wahr
+sein," sagte sie mit einem gewissen Stolz, "der König kann ja seine
+Soldaten nicht fortschicken. Er braucht ja seine Legion, wenn er sein
+Land wieder erobern will, und so sehr ich mich sehne, den Jungen wieder
+hier zu sehen, so möchte ich doch nicht wünschen, daß er als Flüchtling
+hierher wieder zurückkehrt, ohne für seinen König sich geschlagen zu
+haben, wie es sein Vater seiner Zeit auch gethan hat."
+
+"Du bist thöricht," sagte der Alte, "Du möchtest womöglich Deinen Jungen
+noch als großen Feldherrn wiedersehen."
+
+"Nun das Zeug dazu hat er schon," fiel seine Schwester etwas gereizt
+ein, "daß er Officier wird, wenn es zum Schlagen kommt, daran zweifle
+ich garnicht. Was hat er nicht Alles gelernt, wie hübsch und fein sieht
+er aus! Und wie viele Beispiele hat man nicht, daß große Generale sich
+ganz von unten herauf gearbeitet haben! Auch in der Legion in Spanien
+sind damals ganz einfache Soldaten hohe Officiere geworden,--wenn es
+meinem seligen Mann nicht so gut gegangen ist, so hat es nur den Grund
+gehabt, daß er keine Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen."
+
+"Das sind Alles Possen," rief der Alte mürrisch, "und ich hoffe, daß der
+Junge selbst nicht solche thörichten Gedanken in seinem Kopf haben wird.
+Er sollte Gott danken, daß er hier eine feste Heimath und einen wohl
+geordneten Besitz hat und sollte so schnell als möglich hierher
+zurückkehren, um diesen Hof zu übernehmen, dessen Bewirthschaftung mir
+täglich schwerer zu werden anfängt. Nun," fuhr er fort, "das wird sich
+jawohl von selbst machen. Ich habe mit dem preußischen Amtmann, den sie
+uns hierher geschickt haben, neulich gesprochen und er hat mir
+versichert, daß er nicht glaube, daß gegen meinen Neffen irgend etwas
+Unangenehmes unternommen werden möchte, wenn er zurückkäme und sich zur
+Erfüllung seiner Landwehr-Militairpflicht stellte, eine eigentliche
+Desertion liege ja nicht vor und"--
+
+Er wurde durch ein lautes Anschlagen des Hofhundes unterbrochen.
+
+Schnelle, kräftige Schritte ließen sich vor dem Hause vernehmen, rasch
+wurde die Thür geöffnet, und Derjenige, über dessen Schicksal die beiden
+Alten sich soeben unterhalten hatten, trat in das Zimmer.
+
+Der junge Cappei trug einen kleinen Ränzel auf dem Rücken, sein Gesicht
+war von dem raschen Gang geröthet und erschien dadurch noch blühender,
+als sonst; seine hellen offenen Augen strahlten von Glück und Freude,
+als er das alte Haus, die Heimath seiner Kindheit, das alte wohlbekannte
+Zimmer, in welchem kein Meubel sich verändert hatte, als er seine Mutter
+und seinen Oheim, diese beiden einzigen Wesen wiedersah, welche in dem
+alten Vaterlande ihm nahe standen.
+
+Rasch eilte er auf die alte Frau zu, welche ihm zitternd ihre offenen
+Arme entgegenstreckte; er drückte ihren Kopf an seine Brust und küßte
+zärtlich ihre weißen Haare. Dann wandte er sich zu seinem Oheim, welcher
+aufgestanden war und mit glücklichem stolzem Ausdruck auf die kräftige
+Gestalt des jungen Mannes blickte, er schlug fest in dessen dargebotene
+Hand ein und sagte tief aufathmend:
+
+"Da bin ich wieder bei Euch--Gott sei Dank, daß ich Euch Beide am Leben
+und wohl und munter finde. Ich habe lange keinen Brief von Euch
+erhalten, und als ich von der Eisenbahnstation zu Fuß hierher ging, hat
+mich eine entsetzliche Angst erfaßt, daß ich das Alles hier vielleicht
+nicht so wiederfinden könnte, wie ich es verlassen habe. Nun Gott sei
+Dank, es ist ja Alles gut, und meine Angst ist umsonst gewesen."
+
+Abermals schloß er seine Mutter in die Arme, und dann setzte er sich an
+den Tisch und begann in hastigen abgebrochenen Worten zu erzählen von
+seinem Leben in Frankreich, von den Kameraden, welche dort mit ihm
+gewesen, von den Hoffnungen, die sie gehabt hatten, und wie das nun
+Alles zu Ende sei, da der König die Legionaire entlassen habe und eine
+große Anzahl von ihnen nach Amerika ausgewandert sei, während Andere in
+Algier ihr Glück versuchen wollten. "Sie haben mir viel zugeredet,"
+sagte er, "auch dorthin zu gehen, aber ich habe das nicht gewollt. Ich
+will nicht mehr als heimathloser Flüchtling in der Welt leben, und auch
+Euch wollte ich wiedersehen, mein Herz zog mich hierher, und ich muß
+meine Verhältnisse hier in der alten Heimath ordnen, um wieder ein
+richtiger Mensch zu werden, der seinen Platz klar und fest in der Welt
+behaupten kann."
+
+"Das hast Du brav gemacht, mein Junge," sagte der Alte, indem er ihm
+kräftig auf die Schulter schlug, während die Mutter zusammentrug, was im
+Hause zu finden war, Brod, kaltes Fleisch und einen großen Bierkrug,
+damit der lange entbehrte Sohn wieder am heimathlichen Tisch esse und
+trinke, wodurch nach ihrer Auffassung eigentlich erst das Band zwischen
+ihm und dem alten Hause wieder fest geknüpft wurde.
+
+Eine Zeit lang sahen die beiden Alten schweigend zu, sich des kräftigen
+Appetits freuend, den der junge Mensch zeigte.
+
+Dann begannen sie wieder zu fragen nach allen Einzelheiten seines Lebens
+in der Fremde, nach diesem und jenem Bekannten; und er erzählte ihnen
+von Allem, und doch schien es, als ob immer noch etwas im Rückhalt
+bliebe, denn oft brach er plötzlich ab, sah schweigend vor sich nieder,
+und erst auf erneuerte Fragen nahm er seine Mittheilungen wieder auf.
+
+Dem scharfen Blick der alten Frau entging dies nicht,--eine Mutter liest
+ja so tief in dem Herzen ihres Sohnes und das wunderbare Band, welches
+sie mit ihrem Kinde verknüpft, wird durch die Zeit und das Alter niemals
+gelockert. Die Alte schüttelte das Haupt, sie fühlte, daß da noch Etwas
+war in dem Herzen ihres Sohnes, wovon er nicht sprach--aber sie sagte
+nichts darüber, sie behielt sich vor, später ihn danach zu fragen,
+überzeugt, daß es ihr gelingen würde, auch die verschlossensten Tiefen
+seines Innern zu öffnen.
+
+"Jetzt aber," sagte der alte Niemeyer endlich, "obgleich es schon spät
+ist, mußt Du dennoch gleich mit mir zum Amtmann. Du mußt Dich auf der
+Stelle melden, Deine Rückkehr darf keine heimliche sein, und was die
+Behörden über Dich verfügen, mußt Du ruhig über Dich ergehen lassen.
+Schlimm werden sie es mit Dir nicht machen, ich habe es schon
+vorbereitet, da ich immer überzeugt war, Du würdest früher oder später
+hierher wieder zurückkehren."
+
+Sie gingen bei dem schon hereindunkelnden Abend nach dem großen Amthaus
+hin, ließen sich bei dem Amtmann, einem preußischen Assessor, welcher
+hierher versetzt war, melden und wurden in dessen Wohnzimmer geführt,
+welches bereits von einer Lampe erleuchtet war.
+
+Der Amtsverwalter, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, ernst und
+ruhig, aber auch zugleich freundlich und wohlwollend in seinem Wesen
+erhob sich bei dem Eintritt des alten Bauern von seinem Schreibtisch, an
+welchem er mit Durchsicht von Acten beschäftigt war und trat demselben
+entgegen, indem er einen schnellen forschenden Blick auf den hinter
+seinem Oheim hereintretenden jungen Cappei warf.
+
+"Herr Amtmann," sagte der alte Niemeyer, "ich bringe Ihnen hier einen
+Flüchtling, der nach der alten Heimath zurückgekehrt ist, und der nun
+nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung über
+uns verhängt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige
+Behandlung für das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares
+begangen haben könnte und stellt sich zu Ihrer Verfügung."
+
+Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem
+Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und
+fest an.
+
+"Es freut mich," sagte der Beamte, auf welchen die Erscheinung des
+jungen Mannes einen wohlthuenden Eindruck zu machen schien, "daß Sie
+sich entschlossen haben, in die geordneten Verhältnisse zurückzukehren
+und auf thörichte und abenteuerliche Unternehmungen zu verzichten. Ich
+will nicht fragen und untersuchen, welche Pläne Sie bei Ihrer
+Auswanderung gehegt haben, welchen Unternehmungen Sie sich angeschlossen
+haben--allein Sie sind nach den preußischen Gesetzen noch
+landwehrpflichtig gewesen und werden sich über Ihre eigenmächtige
+Entfernung zu verantworten haben. Ich wäre berechtigt, Sie zu arretiren
+und Sie in Untersuchungshaft zu behalten, da ich jedoch nach Ihrem
+freiwilligen Wiedererscheinen keinen Verdacht hege, daß Sie sich der
+Untersuchung und der eventuell zu verhängenden Strafe entziehen werden,
+so will ich von einer solchen Maßregel Abstand nehmen und Ihnen Ihre
+Freiheit lassen, allein um der Form zu genügen, müssen Sie eine
+Bürgschaft leisten."--
+
+"Die Bürgschaft übernehme ich, Herr Amtmann," rief der alte Niemeyer
+lebhaft. "Ich stelle mein Haus und meinen Hof als Haft dafür, daß der
+junge Mann sich nicht von hier entfernt und sich jeder Anforderung
+stellen wird."
+
+"Ich will diese Garantie annehmen," erwiderte der Beamte--er setzte
+sich an seinen Schreibtisch, nahm ein kleines Protokoll auf, das der
+alte Bauer und sein Neffe unterzeichnen mußten und entließ dann die
+Beiden.
+
+Als sie hinausgegangen waren, zog er ein kleines Aktenfascikel aus einem
+verschlossenen Fach seines Schreibtisches hervor und öffnete dasselbe.
+
+"Die Erscheinung dieses jungen Mannes," sagte er, "ist durchaus
+Vertrauen erweckend, er hat ein so freies Gesicht und einen so offenen
+Blick, daß ich ihm kaum geheime und verborgene Absichten zutrauen kann.
+Auch ist mir der Alte als ein Mann von ruhigem praktischen Sinn, der
+sich den thatsächlichen Verhältnissen stillschweigend unterordnet und
+alle Agitationen und Conspirationen mißbilligend, bekannt; und doch ist
+mir hier ein sehr bestimmter Avis zugegangen, nach welchem die
+Gesandtschaft in Paris gerade diesen jungen Cappei auf Grund ihr
+zugegangener Mittheilungen als einen fanatischen Feind der preußischen
+Herrschaft und als einen gefährlichen Verschwörer und Agitator
+bezeichnet, welcher nur deshalb hierher zurückgekehrt, um nach
+Frankreich hin Mittheilungen über die hiesigen Verhältnisse,
+Truppendislokationen und so weiter gelangen zu lassen,--mir kommt das
+ein wenig unwahrscheinlich vor," fuhr er fort, "allein die Mittheilung
+ist bestimmt, und die Zeitverhältnisse gebieten die größte Vorsicht. Ich
+werde ihn genau beobachten lassen und eine Ueberwachung seiner
+Correspondenz bei der Postbehörde anordnen,--ist jene Mittheilung
+richtig, so wird sich bald ein greifbares Indicium finden lassen."
+
+Er schrieb nach genauer Durchsicht des Aktenfascikels eine Verfügung,
+ließ seinen Secretair rufen und übergab ihm dieselbe mit dem Befehl
+schleuniger und discreter Expedition. Dann verschloß er das geheime
+Aktenstück wieder in seinen Secretair und wandte sich seinen
+regelmäßigen Arbeiten zu.
+
+Lange noch saß der alte Bauer Niemeyer mit seiner Schwester und dem
+jungen Cappei bei der großen Lampe im Wohnzimmer seines Hauses
+beisammen. Immer noch forschten und fragten die beiden Alten--immer
+erzählte der junge Mann,--immer deutlicher fühlte die Mutter, daß in
+allen diesen Erzählungen noch Etwas fehlte und zwar Etwas, was tief und
+innig mit dem Herzensleben ihres Sohnes zusammenhängen müsse.
+
+Und als sie endlich die Ruhe aufsuchten, als sie den Sohn in seine
+schnell hergerichtete Schlafkammer mit dem sauberen, hoch
+aufgeschichteten Federbett geführt, und die Hände segnend auf sein
+Haupt gelegt hatte, da blieb sie noch lange wach in ihrer Kammer in dem
+Lehnstuhl am Fußende ihres Bettes sitzend und tief nachdenkend über die
+Fügungen der Vorsehung, welche zwar die ehrgeizigen Träume zerstört
+hatte, in welchen sie an den fernen Sohn gedacht, welche aber doch
+diesen Sohn lebendig, frisch und blühend ihr wieder zugeführt hatte und
+jetzt opferte sie jenen Traum gern der schönen und lieben Wirklichkeit.
+Sie fühlte auch mit dem so feinen weiblichen Instinct, welches der
+verborgene Punkt sei, der in allen Erzählungen ihres Sohnes noch dunkel
+geblieben; sie fühlte, daß die Liebe zwischen ihm und dem fernen Land,
+aus welchem er zurückgekehrt ein Band geknüpft habe.
+
+Aber sie war nicht traurig darüber und wieder regten sich ehrgeizige
+Hoffnungen in ihrem Herzen. Denn ein so guter, so braver und so hübscher
+junger Mann wie ja ihr Sohn, konnte nur eine Wahl getroffen haben, die
+ihm und seiner ganzen Familie ehrenvoll war.
+
+Und als sie endlich ihr Lager aufsuchte, schloß sie Diejenige, welche
+ihr Sohn gewählt haben möchte, und welche ihr mütterlicher Stolz in
+hohen und angesehenen Kreisen suchte voll freudiger Hoffnung und
+Zuversicht in ihr frommes Abendgebet mit ein.
+
+Der junge Cappei aber war in körperlicher Ermüdung, welche die kräftige
+Jugend noch stärker fühlt, als das Alter, und in jenem süßen Wohlgefühl,
+welches das Bewußtsein erzeugt, nach langer Abwesenheit wieder im Schooß
+des heimathlichen Hauses zu ruhen, bald in einen festen und tiefen
+Schlaf versunken.
+
+Und wunderbar verschmolzen sich in seinen Träumen die Bilder der Ferne,
+zu welcher sein Herz ihn hinzog und der Heimath, in welche die Wurzeln
+seines Lebens geschlagen waren, miteinander.
+
+Bald sah er sich im Hause des alten Challier an der Seite seiner
+Louise und an der Spitze des immer blühender erwachsenden
+Handelsgeschäfts--bald wieder zeigte ihm der Traum das theure Bild
+seiner Geliebten, wie dieselbe glücklich lächelnd in das Haus seines
+Oheims eintrat, wie sie seiner Mutter zur Hand ging in häuslichen
+Geschäften und neues fröhliches Leben in die alte Heimath brachte.
+
+So schwer diese verschiedenen Bilder in der Wirklichkeit zu vereinigen
+waren, so verband sie doch das wunderbare Spiel des Traumes zu
+harmonischer Einigkeit, welche ihn mit einem süßen Gefühl des Glücks und
+der Freude erfüllten.
+
+
+
+
+Neuntes Capitel.
+
+
+In einem großen saalartigen Zimmer im Hinterhofe eines düstern Hauses
+des Faubourg St. Antoine war das democratische Comité versammelt,
+welches sich gebildet hatte, um auf das Plebiscit einzuwirken und das
+Volk in Massen dahin zu bestimmen, daß es die Abstimmung entweder ganz
+verhindere oder wo die Kühnheit dazu vorhanden sein möchte mit "Nein"
+stimme.
+
+Die Versammlung fand bei bereits ziemlich vorgerückter Abendstunde
+statt, der große finstere Raum mit den schmutzigen, von Rauch
+geschwärzten Wänden war durch einige Petroleumlampen, die auf einem
+großen Tisch in der Mitte standen, nur wenig erhellt; um diesen Tisch
+saßen die Leiter des Comités in scharfer Beleuchtung, während der übrige
+Theil des Saales, in welchem sich etwa vierzig bis fünfzig der
+hervorragendsten Agenten des Comités befanden, in Dunkelheit gehüllt
+war.
+
+An diesem Tisch sah man in der Mitte Jules Lermina, einen der
+unermüdlichen Agitatoren der republikanischen Bewegung in Frankreich,
+einen Mann mit tief blassem, wie aus Erz gegossenem Gesicht, in welchem
+nur die glühenden, unheimlich und finster blickenden Augen zu leben
+schienen und welches, wenn er mit seiner harten jede Modulation
+ausschließenden Stimme sprach, durch kein Mienenspiel bewegt wurde.
+
+Hier sah man Ulric de Fonvielle, den Begleiter Victor Noirs bei dessen
+verhängnißvollem Besuch im Hause des Prinzen Pierre Bonaparte--mit
+seinem großen Bart und seinem unruhigen, aufgeregten und wichtig
+thuenden Wesen.
+
+Hier war Varlin, der Buchbinder, in seiner gebückten Haltung mit dem
+kalten höhnischen Lächeln auf den Lippen, mit dem niedergeschlagenen
+Blick, der nur zuweilen im schnellen Blitz von unten hinauf schoß und
+dann fast immer Denjenigen, auf welchen er sich richtete, durch seinen
+stechenden scharfen Ausdruck aus der Fassung brachte.
+
+Hier sah man Raoul Rigault, den jungen einundzwanzigjährigen Verschwörer
+mit seinem blassen, selbstgefällig lächelnden Gesicht, den müden, etwas
+gleichgültigen Blick hinter dem Monocle verbergend, in seiner
+stutzerhaften, aber etwas abgeschabten Eleganz, mit der Wäsche von
+zweifelhafter Reinheit, das kleine Stöckchen mit dem unechten
+Silberknopf in der Hand.
+
+Hier sah man Ancel, Boyer, Delacour, Dembrun, Portalier, Robin,
+Mangold--theils in Blousen, theils im einfachen bürgerlichen Anzug--und
+auf allen diesen finstern Gesichtern ruhte der Ausdruck starrer düsterer
+Entschlossenheit und grimmiger Unversöhnlichkeit. Sie waren zum großen
+Theil die Führer des Pariser Zweigvereins der internationalen
+Arbeiterassociation, welche aber jetzt nicht mehr wie früher sich einer
+gewissen wohlwollenden Duldung der Regierung zu erfreuen hatte, nachdem
+sie durch richterliches Erkenntniß aufgelöst worden war. Es war nicht
+mehr jene Internationale von Tolain und Fribourg, welche durch Belehrung
+und ruhige gesetzliche Agitationen die Lage des Arbeiterstandes zu
+verbessern strebte, und welche von idealen Anschauungen geleitet wurde.
+
+Jene Führer waren verschwunden, die Internationale von heute war eine
+proscribirte und geächtete Gesellschaft, welche sich lange den
+Nachforschungen der Polizei verbarg, und im Geheimen dafür aber um so
+wirksamer ihre Lehren propagirte und ihre Pläne verfolgte. Diese Lehren
+aber waren heute offen und rückhaltslos auf die Zertrümmerung der
+bestehenden Staatsordnung und der bestehenden Gesellschaft gerichtet,
+und die Pläne, deren eigentliches Geheimniß nur den ausgewählten
+Kreisen, den Leitern, bekannt war, richtete sich auf eine möglichst
+schnelle und nachdrückliche Vernichtung aller Autorität und alles
+Besitzes.
+
+Die internationale Association als solche konnte sich mit der Frage des
+Plebiscits nicht beschäftigen, sie konnte sich nicht versammeln, ohne
+sich sogleich polizeilicher Auflösung auszusetzen, sie hatte deshalb das
+democratische Comité gebildet, an dessen Spitze wiederum ihre Leiter
+standen, um in dieser Form ihren Einfluß auf das Plebiscit auszuüben und
+um wo möglich diese Gelegenheit zur Herbeiführung einer Catastrophe zu
+benutzen.
+
+Auf Bänken und Stühlen ringsum den Tisch des eigentlich leitenden
+Comités saßen dessen hervorragende Agenten in den verschiedenen
+Stadttheilen von Paris fast Alle in der Blouse der Arbeiter, Alle
+denselben Ausdruck ruhiger und kaltblütiger Unversöhnlichkeit in den
+Gesichtern.
+
+Lermina erhob sich:
+
+"Wir haben, meine Freunde," sprach er, "nunmehr die Berichte aus allen
+Theilen von Frankreich empfangen, welche uns mittheilen, daß überall
+die Comités constituirt sind, um diesem frevelhaftem Possenspiel
+entgegenzutreten, durch welches man in einem gefälschten Ausdruck des
+Volkswillens für den Despotismus und die Tyrannei eine neue Stütze
+suchen will. Allgemein ist die democratische Partei organisirt, um auf
+die unklare und furchtsame Bevölkerung den Druck ihres Einflusses
+auszuüben. Nach Allem, was man uns mittheilt, wird es schwer werden,
+eine große Majorität dahin zu bringen, daß die an das Volk gestellte
+Frage mit "Nein" beantwortet wird. Die Furcht vor den Machtmitteln der
+Gewalt ist zu groß--dagegen müssen wir aber mit aller Kraft dahin
+streben, daß der größte Theil der Bevölkerung sich von jeder Abstimmung
+zurückhält, um vor der Welt beweisen zu können, daß die Majorität,
+welche die Regierung erreichen möchte, im Verhältniß zur Gesammtzahl der
+Bevölkerung garnichts bedeutet. Ich habe deshalb die Instructionen,
+welche Sie Alle früher bereits gebilligt haben, an eine Anzahl von
+zuverlässigen Personen vertheilt, die in diesem Augenblick bereits in
+die Provinzen abgegangen sind, um überall die Agitation noch fester zu
+organisiren und zu beleben. Unser unermüdlicher Freund Cernuschi hat mir
+von London aus abermals die Summe von hunderttausend Francs übersendet,
+um die nothwendigen und unvermeidlichen Kosten unserer Thätigkeit zu
+bereiten."
+
+Ein Ruf des Beifalls tönte durch den Saal.
+
+"Ich habe ihm den Dank des Comités ausgesprochen," fuhr Lermina fort,
+"und schlage nunmehr vor, daß wir hier in Paris selbst unvorzüglich eine
+demonstrative Versammlung in Scene setzen, welche hier in der Hauptstadt
+die Bewegung in Fluß bringt und den Provinzen ein Beispiel giebt. Ich
+schlage zu diesem Zweck den Saal der Folie-Bergère vor, welcher den
+nothwendigen Raum bietet und zugleich der ganzen Bevölkerung von Paris
+bekannt ist. Hat Einer von Euch, meine Freunde, gegen den Vorschlag
+Etwas einzuwenden?"
+
+Die Versammlung schwieg--einzelne Rufe der Zustimmung ließen sich hören.
+
+"So wollen wir also," fuhr Lermina fort, "die democratische
+Volksversammlung in der Folie-Bergère auf den vierten Tag, von heute an
+gerechnet, festsetzen. Und ich bitte alle unsere Freunde," fuhr er sich
+nach den Zuhörern im Hinterraum des Saales wendend fort, "in den
+verschiedenen Stadttheilen von Paris ihre ganze Thätigkeit aufzubieten,
+um den Besuch der Versammlung so zahlreich als möglich zu machen.
+Zugleich ersuche ich Euch alle, meine Freunde, Euch vorzubereiten und
+nachzudenken über das, was Jeder von Euch der Versammlung sagen will,
+damit die Worte zünden und die Massen zu energischem Widerstand
+entflammen.
+
+"Vor Allem," rief Ulric de Fonvielle mit lauter Stimme, "müssen wir
+diesen verrätherischen Lügner und Heuchler Ollivier dem Volk in seiner
+wahren Gestalt zeigen. Es giebt immer noch Leute," fuhr er fort, "welche
+sich durch seine Vergangenheit täuschen lassen und auf welche sein Name
+einen gewissen Einfluß übt,--durch ihn will die kaiserliche Tyrannei das
+Volk irre führen, ihn gilt es zu vernichten und ihn des letzten Restes
+seiner Popularität zu berauben. Ich werde über Ollivier sprechen," rief
+er mit der Hand durch seinen Bart fahrend, "das Volk hat Ollivier in die
+Gosse geworfen--und das Kaiserthum hat ihn daraus wieder
+hervorgefischt!"--
+
+Lautes Gelächter, Beifallsrufen und Händeklatschen erfüllten den Saal.
+Dann trat eine augenblickliche Stille ein.
+
+Varlin erhob sich, zog ein Papier aus der Tasche und sprach:
+
+"Ich bin in Allem mit den Maßregeln des Comités und mit seinen
+Vorschlägen vollkommen einverstanden. Doch ich habe nunmehr meinerseits
+einen Vorschlag zu machen, welcher in der Vorsicht begründet ist und zum
+Zweck hat, unsere Agitatoren gegen einen Gewaltstreich der Regierung zu
+schützen."
+
+Aufmerksam hörten Alle zu.
+
+"Ihr wißt, meine Freunde," fuhr Varlin fort, "daß die Internationale
+gesetzlich verboten ist, und daß die Polizei das Recht hat, jede
+Thätigkeit dieser Association sofort zu verhindern. Nun aber ist unsere
+ganze Organisation, wenn wir uns auch als democratisches Comité
+constituirt haben, dennoch die der Internationalen. Wir Alle sind
+Mitglieder des Bureaus derselben, und in allen Provinzen sind es wieder
+die Zweigvereine der Internationalen, in deren Händen die Agitation
+liegt. Das giebt der Polizei Gelegenheit, sobald sie will, unsere ganze
+Agitation als eine Thätigkeit der Internationalen zu bezeichnen und zu
+verbieten--es wäre unklug, ein solches Verbot zu provociren oder möglich
+zu machen, und ich halte es demnach für nothwendig, daß von Seiten der
+Internationalen eine öffentliche Kundgebung stattfindet, welche
+vollkommen klar stellt, daß die democratische Association gegen das
+Plebiscit mit der internationalen Arbeiteragitation nichts zu thun hat.
+Ich halte eine solche Kundthuung practisch für nothwendig, außerdem
+aber," fuhr er einen raschen Blick im Kreise umherwerfend fort, "deshalb
+für geboten, weil allerdings die jetzt von uns ausgeübte Thätigkeit mit
+den eigentlichen Zielen der Internationalen wie dieselbe in den Statuten
+derselben ausgestellt sind, nicht identisch ist."
+
+"So soll die Internationale die Thätigkeit des democratischen Comités
+desavouiren," fragte Lermina, den flammenden Blick auf Varlin richtend.
+
+"Das nicht," erwiderte dieser, "doch soll sie erklären, daß sie mit
+dieser rein politischen Sache nichts zu thun hat. Ich wiederhole," fuhr
+er fort, "daß diese Erklärung nach meiner Ueberzeugung zunächst der
+Polizei gegenüber nöthig ist, um ihr die Möglichkeit zu nehmen, gegen
+das democratische Comité unter dem Vorwand einzutreten, daß es mit den
+Internationalen identisch sei, so dann aber auch im Interesse der Macht
+der Internationalen selbst. Wir Alle, meine Freunde," fuhr er fort,
+"sind darüber einig, daß nur durch eine politische Revolution, durch
+welche das jetzt begehende Regiment und die ganze Staatsordnung
+zertrümmert, die socialen Ziele in der Internationalen erreicht werden
+können, aber--ihr müßt wissen, wie ich, daß unter den Arbeitern,
+namentlich in den Provinzen, noch sehr viele vorhanden sind, welche vor
+einer politischen Revolution zurückschrecken, und welche noch in der
+Idee befangen sind, von welcher wir in dem leitenden Mittelpunkt uns
+frei gemacht haben,--von der Idee nämlich, daß auf friedlichem und
+gesetzlichem Wege eine Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes
+erreicht werden könne; um Aller dieser willen ist es ebenfalls nöthig,
+daß wir die Internationale als solche von jeder Thätigkeit gegen das
+Plebiscit fern halten."
+
+Lermina blickte nachdenklich vor sich hin, die Gründe Varlins schienen
+ihm einzuleuchten, dennoch mochte es seiner im Grunde ehrlichen und
+graden Natur widerstreben, aus Rücksichten der Klugheit solche
+Doppelwege zu gehen.
+
+Einzelne Stimmen der Mißbilligung erhoben sich aus dem Zuhörerkreise.
+
+"Das würde nur Verwirrungen in die Begriffe bringen," rief man--"warum
+nicht etwas sagen, wovon man überzeugt ist,--um so besser, wenn in
+diesem Augenblick ein Zusammenstoß mit der Gewalt erfolgt,--einmal muß
+es ja doch dazu kommen."
+
+"Halt, meine Freunde," rief Varlin mit seiner durchdringenden Stimme die
+verschiedenen Rufe übertönend, "höret zunächst an, wie ich die Erklärung
+der Internationalen entworfen habe, Euch wird dann Alles besser klar
+werden. Sie soll wahrlich die Thätigkeit unseres democratischen Comités
+nicht desavouiren, und sie soll uns nur davor schützen, daß wir durch
+einen rohen Eingriff der Polizeigewalt in unserer Wirksamkeit gehemmt
+und unterbrochen werden, bevor dieselbe ihre Früchte getragen hat."
+
+Er winkte gebieterisch mit der Hand und während der aufmerksamen Stille,
+die unmittelbar eintrat, las er, den Blick auf das Papier in seiner Hand
+geheftet, den von ihm vorgeschlagenen Entwurf der Erklärung der
+Internationalen:
+
+"Der Bundesrath des internationalen Arbeitervereins giebt den
+Insinuationen und Anschuldigungen der offiziellen und offiziösen Blätter
+über seine Theilnahme an der politischen Agitation dieser Tage hiermit
+ein formelles Dementi. Die Internationale weiß nur zu gut, daß die
+Leiden aller Art, welche das Proletariat zu dulden hat, bei weitem mehr
+den ökonomischen Zuständen der Gegenwart, als den Zufälligkeiten des
+Despotismus einiger Staatsmänner zuzuschreiben sind. Sie wird ihre Zeit
+nicht mit Nachsinnen über die Befestigung des kaiserlichen Despotismus
+verlieren. Der internationale Arbeiterverein, der eine permanente
+Verschwörung aller Unterdrückten, aller Ausgebeuteten ist, wird den
+ohnmächtigen Verfolgungen gegen seine Führer trotzend, so lange fort
+bestehen, bis alle Ausbeuter der Arbeit, alle Capitalisten, alle Pfaffen
+und alle politischen Abenteurer verschwunden sein werden."
+
+"Ich glaube," sprach er, indem sein Blick über die Versammlung hinglitt,
+"daß nach dieser Erklärung Niemand wird sagen können, es sei die
+Internationale, welche die gegenwärtige democratische Agitation
+führe,--und doch wird darin gewiß kein abfälliges Urtheil über seine
+Thätigkeit gesprochen."
+
+"Varlin hat Recht," rief man von allen Seiten--"er ist klug und
+vorsichtig,--er denkt an Alles, die Proclamation ist gut, sie soll
+erlassen werden."
+
+Niemand widersprach an dem Tisch des Comités, nur Raoul Rigault zuckte
+leicht die Achseln und schlug mit dem Spazierstöckchen auf seine
+Stiefel.
+
+Varlin legte das Papier, dessen Inhalt er vorgelesen, Lermina vor, der
+es mit einem raschen Federzug unterzeichnete. Die Uebrigen folgten Alle.
+
+Lermina erklärte sodann die Sitzung für geschlossen, und die
+Versammelten verließen in einzelnen Gruppen, um kein Aufsehen zu
+erregen, langsam und schweigend das Zimmer, indem sie sich, sobald sie
+aus dem äußern Theil des Hauses auf die Straße traten, nach
+verschiedenen Richtungen hin zerstreuten.
+
+Raoul Rigault näherte sich Lermina.
+
+"Bleibt noch einen Augenblick hier," sprach er, "ich habe Euch eine
+Mittheilung zu machen."
+
+"Gut," sagte Lermina.
+
+Raoul Rigault trat zu Varlin und dann zu Ulric de Fonvielle, indem er
+sie ebenfalls aufforderte, noch zu bleiben.
+
+Bald war das Zimmer leer, und an dem großen Tisch befanden sich nur noch
+Lermina, Varlin, Ulric de Fonvielle und Raoul Rigault.
+
+In der Tiefe des Zimmers war ebenfalls eine Gestalt sitzen geblieben,
+welche man bei der matten Beleuchtung nur in dunkeln Umrissen erkennen
+konnte.
+
+"Meine Freunde," sagte Raoul Rigault indem er das herabgefallene Monocle
+mit einer etwas gezierten Bewegung wieder in das Auge warf, "ich habe
+Euch ruhig sprechen und beschließen lassen, ohne irgend Etwas dabei zu
+bemerken, weil ich Alles das für ein Geschwätz halte, durch welches
+Nichts erreicht wird;--dieses Plebiscit," fuhr er mit selbstgefälligem
+Lächeln fort, "--wird trotz unserer Agitation ganz nach dem Plan seiner
+Arrangeurs ausgeführt werden,--und" sagte er sich zu Varlin
+wendend--"trotz des Protestes der Internationale wird man uns alle
+verhaften, wenn man irgend dazu Lust verspürt."
+
+"Das ist Alles was Sie uns zu sagen haben und weshalb Sie uns gebeten
+haben, hier zu bleiben?" fragte Lermina mit seiner harten klanglosen
+Stimme.
+
+"Der Bürger Rigault ist sehr jung," sagte Varlin mit einem finstern
+Blick auf den stutzerhaft lächelnden jungen Mann,--"es würde ihm
+vielleicht besser anstehen aus den Erfahrungen ältere Personen zu
+lernen, als deren Handlungen zu critisiren."
+
+Ulric de Fonvielle sagte Nichts,--er kannte Raoul Rigault und wußte, daß
+wenn dieser junge Mensch mit dem blasirten gleichgültigen Gesicht
+lächelte ein furchtbarer, blutiger Gedanke in seinem Gehirn arbeitete.
+Er blickte ihn forschend an und wartete.
+
+"Handlungen?" fragte Raoul Rigault höhnisch die Achseln zuckend, ohne
+die unmuthigen finstern Blicke Lermina's und Varlin's zu
+beobachten,--"Ihr nennt das Handlungen--diese versteckten Agitationen,
+diese zweideutigen Erklärungen und Proteste? Handelt"--fuhr er fort,
+"handelt, wie man in großen ernsten Angelegenheiten handeln muß, und
+meine Critik wird schweigen,--ich werde wahrlich der Erste sein mit Euch
+zu handeln,--aber ich sehe nicht ein wozu alle diese Geschäftigkeit
+führen soll."
+
+"Wenn man tadeln will was Andere thun, so muß man Etwas Besseres
+vorzuschlagen haben," sagte Lermina kurz und hart.
+
+Varlin machte eine Bewegung, als wollte er ausstehen.
+
+"Hört mich an," sagte Raoul Rigault, indem er ihn mit der Hand
+zurückhielt.
+
+Er stützte die Arme auf den Tisch und bewegte sein Stöckchen leicht in
+der Luft hin und her.
+
+"Der Augenblick ist günstig," sprach er weiter in einem Tone als
+unterhielte er sich über irgend ein gleichgültiges Tagesereigniß,--"der
+Augenblick ist günstig um einen großen Schlag auszuführen,--einen Schlag
+der uns mit einem Mal an das Ziel aller unserer Bestrebungen führen
+kann."
+
+"Und wie sollte dieser Schlag ausgeführt werden," fragte Varlin mit
+einem fast verächtlichen Lächeln.
+
+"Sehr einfach," erwiderte Raoul Rigault, immer mit seinem Stöckchen
+spielend, "unsere Vereine sind in ganz Frankreich vortrefflich
+organisirt, wir können sie von hier aus mit einem Wort in active
+Bewegung setzen, wir können überall den Aufstand ausbrechen lassen."
+
+"Das können wir," erwiderte Lermina, "wenn wir es aber thun, so wird das
+in diesem Augenblick keine weitere Folgen haben, als daß der Aufstand
+überall durch die rohe Gewalt der Tyrannei niedergeschlagen und für die
+Zukunft alle unsere Hoffnungen zertrümmert werden."
+
+"Wenn eben die Tyrannei noch besteht," erwiderte Raoul Rigault, "wenn
+diese Maschine, welche man die kaiserliche Regierung nennt, überhaupt in
+jenem Augenblick noch arbeitet."
+
+"Und wie wollen Sie," fragte Lermina, "indem Augenblick des Aufstandes
+die so fest gegliederte Regierungsmaschine zerstören und unwirksam
+machen?"
+
+"Die Maschine," sagte Raoul Rigault, "wird von selbst unwirksam, wenn
+sie keinen Mittelpunkt, eine bewegende Triebfeder mehr hat. Ich kümmere
+mich nicht um die Maschine, ich zerstöre den Mittelpunkt, und die Arbeit
+des Ganzen hört auf--Frankreich gehört uns."
+
+Lermina begann aufmerksam zu werden.
+
+"Der Gedanke ist logisch," sagte er. "Wie kann er ausgeführt werden?"
+
+"Sehr einfach," erwiderte Raoul Rigault, "indem man den Kaiser tödtet
+und den Sitz der Regierung zerstört."
+
+Ganz erstaunt blickten Lermina und Varlin auf diesen jungen Menschen,
+welcher im gleichgültigen und ruhigsten Ton von der Welt einen Satz
+aussprach, der in seinen wenigen Worten den Umsturz der öffentlichen
+Ordnung Frankreichs vielleicht Europas enthielt.
+
+"Um den Kaiser zu tödten," fuhr Raoul Rigault fort, "bedarf es nur eines
+entschlossenen Menschen, welcher sein Leben aufs Spiel setzt, wie dies
+ja alle Soldaten oft für viel unwichtigere und gleichgültigere Dinge
+thun, und in dessen Hand man ein Werkzeug legen würde, welches den
+Erfolg seines Unternehmens nicht von dem Zufall abhängig macht,--zur
+Zerstörung des Mittelpunkts der Regierung bedarf es nur," sagte er mit
+selbstgefälligem Lächeln, "einiger practischen Anwendungen der
+Chemie,--und was sonst die Folge der Revolution war, wird gegenwärtig
+der Revolution vorangehen und ihr den Weg frei machen. Die Mittel, von
+denen ich so eben gesprochen habe, sind gefunden. Um den Kaiser sicher
+zu tödten, ohne die Sache von einem falschen Augenmaß oder von einem
+nervösen Zittern der Hand abhängig zu machen, ist hier das Mittel."
+
+Er zog aus der Tasche seines Rockes einige kleine eirunde Eisenkörper
+mit verlängerter Spitze hervor und legte sie auf den Tisch.
+
+"Sie sind," sagte er lächelnd, "allerliebste Sprengbomben von einer
+gewaltigen Explosionskraft. Man hat garnicht nöthig zu zielen. Man wirst
+sie eine nach der andern in den Wagen des Kaisers, wenn er vorüber fährt
+und vor die Füße seines Pferdes, wenn er reitet, und bevor die vierte
+oder fünfte geworfen ist, wird von Demjenigen, der heute Frankreich zu
+beherrschen glaubt, nichts mehr übrig sein, als einige kleine in der
+Luft zerstreute Atome. Um diese Bomben zu werfen," fuhr er, die Stimme
+etwas dämpfend, fort, "gehört ein Mann, welcher fanatisch oder
+gleichgültig genug ist, um sein Leben an dies Wagniß zu setzen--ein
+Gleichgültiger," fügte er hinzu, "ist mir lieber, als ein
+Fanatiker,--und dieser Mann ist gefunden."
+
+Er erhob sich, wandte sich nach der Tiefe des Zimmers, die dunkle
+Gestalt, welche von den Uebrigen unbemerkt dort bei der Entfernung der
+Versammlung geblieben war, trat in den Lichtkreis, und man sah einen
+jungen Mann von höchstens zwanzig bis einundzwanzig Jahren, dessen
+völlig bartloses, gleichgültiges und etwas stupides Gesicht einen noch
+fast knabenhaften Ausdruck hatte.
+
+Raoul Rigault ergriff diesen jungen Mann, der einen einfachen Anzug von
+sogenannter Marengofarbe und einen kleinen runden Hut trug, bei der Hand
+und sagte:
+
+"Hier ist der Bürger Beaury, welcher von London kommt und bereit ist,
+den ersten und gefährlichsten Schlag in dem großem Entscheidungskampf
+für die Rechte der arbeitenden Gesellschaft zu führen. Er wird diese
+Bombe werfen und den fanatischen Imperator, vor welchem sich heute die
+blöde Menge in den Staub beugt in die Luft sprengen."
+
+Tief erstaunt, beinahe bestürzt und erschrocken blickten die drei Andern
+auf diesen jungen Menschen, welcher da so plötzlich wie aus der Erde
+hervorgezaubert unter ihnen stand und sie mit einem ruhigen
+gleichgültigen Lächeln anblickte.
+
+"Wer sind Sie," fragte Lermina.
+
+"Ich heiße Beaury," erwiderte der junge Mann. "Ich war früher Corporal
+in der Armee des Tyrannen, seit einem Jahr bin ich Flüchtling in London,
+Herr Flourens hat mich hierhergeschickt,--hier ist meine Beglaubigung."
+
+Er zog aus der Tasche seines Rockes ein offenes, etwas zerknittertes
+Papier hervor und überreichte es Lermina.
+
+"Ein Brief von Flourens," sagte dieser.
+
+"An meine Genossen in Frankreich," fuhr er fort, das Papier lesend, "der
+Ueberbringer dieses, der Bürger Beaury ist bereit und geschickt Alles
+das auszuführen, was man ihm austragen wird, man kann sich vollkommen
+auf ihn verlassen. Gustav Flourens."
+
+Er reichte das Papier Varlin, Fonvielle neigte sich herüber und sah über
+dessen Schulter in die Schrift.
+
+"Es ist Flourens' Handschrift," sagten Beide.
+
+"Sie wissen, was Sie thun sollen," fragte Lermina, immer noch verwundert
+den knabenhaften jungen Menschen ansehend.
+
+"Gewiß" erwiderte dieser, "ich soll diese Bombe da," er deutete auf den
+Tisch, "nach dem Kaiser werfen, den ich sehr genau kenne, und den ich
+nicht verfehlen werde. Ich habe auch noch dies zu übergeben," sagte er
+dann.
+
+Er zog ein anderes Papier aus der Tasche und gab es Lermina.
+
+"Eine Anweisung auf vierhundert Francs," sagte dieser, "ebenfalls von
+Flourens unterzeichnet."
+
+Lermina gab die Anweisung an Varlin, welcher einen Schlüssel aus der
+Tasche zog, eine Schublade des Tisches öffnete und dem jungen Menschen
+vier Bankbillets von hundert Francs übergab.
+
+"Nun gehen Sie," sagte Raoul Rigault zu Beaury, welcher ganz vergnügt
+seine Bankbillets einsteckte, "Sie werden Ihre näheren Anweisungen
+erhalten. Ihre Adresse?"
+
+"Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig," sagte der junge Mensch, indem er
+sich leicht gegen die Uebrigen verneigte und das Zimmer verließ.
+
+"Ihr seht," sagte Raoul Rigault mit zufriedenem Lächeln, "daß ich mich
+ein wenig auf das verstehe, was Handeln heißt, und daß ich vielleicht
+ein wenig Recht habe, unpractische Maßregeln zu kritisiren."
+
+Varlin und Lermina erwiderten nichts.
+
+"Doch weiter," sagte Ulric de Fonvielle, "die Ermordung des Kaisers
+nützt uns wenig, wie wir ja langst überlegt haben."
+
+"Das ist eine Ansicht, die ich stets vertreten habe," sagte Raoul
+Rigault, "Ihr könnt also nicht erwarten, daß ich glauben sollte, mit
+diesem ersten Schlage sei Alles gethan. Auch habe ich Euch ja vorhin
+gesagt, daß meine Pläne zur Handlung zwei Punkte haben. Der Erste war
+die Ermordung des Kaisers; der Zweite ist die Zerstörung des
+Mittelpunkts der Regierung."
+
+"Das wird etwas schwerer sein," sagte Varlin, den Kopf schüttelnd.
+
+"Allzu umfassendere Vorbereitungen bedürfen wir nicht," sagte Raoul
+Rigault. "Wir haben von diesen kleinen Maschinen," fuhr er fort auf die
+auf dem Tische liegenden Bomben deutend, "einen Vorrath von tausend
+Stück, welche ein Herr Lepet, ein harmloser Mann, in dem Gedanken
+gegossen hat, daß es Theile eines neu erfundenen Vélocipédes wären. Sie
+befinden sich an einem sichern Ort und können im Lauf weniger Stunden
+gefüllt werben. Wir bedürfen dann nur noch einer gewissen Quantität
+Petroleums, einer Quantität Pikrinsäure und eines Haufens alter Weiber
+und kleiner Kinder, wie wir sie in beliebiger Menge in Belleville und
+St. Antoine finden können."
+
+"Und dann," fragte Lermina.
+
+"Dann," sagte Raoul Rigault die Achseln zuckend, "nehmen diese alten
+Weiber und die Kinder die Bomben, werfen je einige hundert Stück
+davon durch die Fenster der Tuilerien und der verschiedenen
+Ministerialgebäude, gießen zu gleicher Zeit Jeder sein Gefäß voll
+Petroleum in die Keller und Souterrains und zünden diese angenehme
+Flüssigkeit mit einem kleinen Schwefelholz an. In wenigen Augenblicken
+werden alle diese Centren der Regierungsgewalt in Flammen stehen, alle
+diese Minister, Bureauchefs und Beamten werden fliehen. Das Ende der
+Fäden, welche in die Provinzen führen und dort die Regierungskräfte in
+Bewegung setzen, wird zerstört sein, und das Volk wird sich aus den
+Vorstädten heranwälzen, und bevor noch irgend Jemand weiß, was
+eigentlich vorgeht, wird Alles gethan sein, Paris wird uns gehören, und
+diese träge, unentschlossene Masse, welche man Volk nennt, wird hier wie
+im ganzen Lande unsern Befehlen folgen und durch unsere Organisation in
+Bewegung gesetzt werden. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, daß die
+Sache schnell und auf allen Punkten gleichzeitig ausgeführt wird.
+
+Das ist mein Vorschlag," sagte er, sich auf seinen Stuhl zurücklehnend
+und mit dem Stöckchen an seine Stiefel klopfend, "er ist einfach, leicht
+ausführbar und wirksam. Die Vorbereitungen sind getroffen. Wollt Ihr
+handeln, so handelt, wollt Ihr es nicht, so laßt es bleiben, dann aber
+werde ich mich zurückziehen, denn ich habe keine Lust mehr, meine Zeit
+mit Redensarten und zwecklosen Agitationen zu verschwenden."
+
+"Der Plan ist großartig, vortrefflich! Dieser kleine Raoul Rigault hat
+wirklich eine Armee in seinem Kopf," rief Ulric de Fonvielle.
+
+"Die Sache ist allerdings gut ausgedacht," sagte Lermina, "und sie kann
+reussiren."
+
+Varlin sagte nichts. Er saß tief nachdenkend da, doch zeigte der
+Ausdruck seines Gesichts, daß er den Plan Raouls billige und über dessen
+Ausführung nachsann.
+
+"Natürlich kann die Sache reussiren," sagte Raoul Rigault, "und sie muß
+reussiren, wenn sie nicht überaus dumm angegriffen wird, und daß dies
+nicht geschieht, dafür müßt Ihr sorgen. Ich habe nicht Lust," fügte er
+im affectirt hochmüthigen Ton hinzu, "mich um diese petites besognes zu
+kümmern. Ich habe Euch die Instrumente geschafft, ich habe Euch einen
+Menschen gestellt, welcher den ersten Schlag führen wird, an Euch ist
+es, die Stunde fest zu stellen und Eure alten Weiber und Kinder an die
+richtigen Orte zu führen, um aus diesen alten dumpfen Bureaus und
+Aktenhaufen ein lustiges, fröhliches Feuer aussteigen zu lassen. In drei
+Tagen könnt Ihr damit fertig sein. Jetzt laßt uns gehen, es könnte im
+Hause Aufsehen erregen, wenn wir noch länger hier bleiben."
+
+Er stand auf, grüßte mit einer stutzerhaften Bewegung mit der Hand und
+ging hinaus.
+
+"Er hat uns in der That überflügelt," sagte Lermina, ihm finster
+nachblickend,--"ich liebe ihn nicht, diese ganze geckenhafte Art
+wichtige Dinge zu behandeln, mißfällt mir. Aber seine Ideen sind gut und
+seine Vorbereitungen vortrefflich. Wenn Ihr einverstanden seid, soll der
+Plan ausgeführt werden, er kann uns Jahre langer Agitationen überheben
+und mit einem Schlage an das Ziel unserer Wünsche führen,--und selbst,
+wenn der Plan mißlingen sollte, was ist dabei verloren--ein
+zerschmetterter Kaiser, einige ausgebrannte Steinhaufen,--weiter
+nichts," fügte er mit einem entsetzlichen Lächeln hinzu, welches seine
+steinernen und unbeweglichen Züge in furchtbarer Weise verzerrte.
+
+"Der Plan wird gelingen," rief Ulric de Fonvielle lebhaft, "die ganze
+Kraft der Regierung ist zertrümmert, sobald der Mittelpunkt zerstört
+ist, Frankreich und die Zukunft gehört uns."
+
+Varlin stand auf.
+
+"Der Plan _kann_ gelingen," sagte er, "wenn Niemand außer uns etwas
+davon erfährt, keines der Werkzeuge, die wir benutzen werden, darf den
+ganzen Zusammenhang dessen, was geschehen soll, auch nur ahnen."
+
+Er streckte seine Hand aus.
+
+"Schwören wir uns gegenseitig," sagte er, "bei unserm Hasse gegen die
+Ausbeuter der Arbeit Verschwiegenheit und Tod dem, der den Schwur
+bricht."
+
+Lermina und Fonvielle legten ihre Hände in diejenige Varlins.
+
+"Wir schwören Verschwiegenheit," sprachen sie, "Tod dem, der diesen
+Schwur bricht."
+
+Dann verschlossen sie sorgfältig alle Schubladen des großen Tisches, in
+welche sie vorher die von Raoul Rigault mitgebrachten Proben der
+Sprengbomben legten, verließen das als ein einfaches Versammlungslocal
+erscheinende Zimmer, ohne dessen Thür zu verschließen und gingen vor dem
+äußern Thor des Hauses nach verschiedenen Richtungen auseinander.
+
+Einige Augenblicke blieb der große dunkle Raum im tiefen Schweigen, dann
+ließ sich ein leises Geräusch vernehmen;--unter dem Tisch, an welchem
+die vier Verschwörer so eben gesessen hatten, drang ein Lichtstrahl
+hervor, eines der Bretter des Fußbodens erhob sich, aus der Öffnung
+stieg ein Mann mit einer kleinen Blendlaterne hervor. Er leuchtete mit
+dem hellen Strahl seiner Laterne nach allen Seiten in die Tiefe des
+Zimmers hinein, dann drückte er das erhobene Brett sorgfältig in seine
+alte Stelle zurück, scharrte etwas von dem auf dem Boden liegenden Staub
+in die Spalten, zog dann mehrere sauber gearbeitete Schlüsselhaken aus
+der Tasche und öffnete die Schublade des Tisches. Er nahm eine der
+Bomben und steckte sie in seine Tasche, dann zog er ein kleines
+Notizbuch hervor und schrieb beim Schein seiner Laterne einige Worte in
+dasselbe, indem er vor sich hinflüsterte.
+
+"Lepet, Gießer,--Beaury, Rue St. Maur Nummer zweiunddreißig."
+
+Dann ging er zur Thür, löschte seine Laterne aus, verließ leisen
+Schrittes den Hof und das Haus und begab sich ruhig, die damals so
+beliebte Melodie des Pompier de Nanterre vor sich hin pfeifend nach der
+Polizeipräfectur, wo er durch den Dienst thuenden Huissier sogleich in
+das Cabinet des Präfecten geführt wurde.
+
+
+
+
+Ende des zweiten Bandes.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen, Zweiter
+Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN, ***
+
+***** This file should be named 13658-8.txt or 13658-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/3/6/5/13658/
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+Produced by PG Distributed Proofreaders.
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
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+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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@@ -0,0 +1,7270 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen, Zweiter Band
+by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Todesgruss der Legionen, Zweiter Band
+
+Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+Release Date: October 6, 2004 [EBook #13658]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUss DER LEGIONEN, ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders.
+
+
+
+
+Der Todesgruss der Legionen
+
+
+
+Zeit-Roman
+
+von
+
+Gregor Samarow.
+
+
+
+Zweiter Band.
+
+
+
+
+Berlin, 1874.
+
+Druck und Verlag von Otto Janke.
+
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+
+An demselben Abend befanden sich in dem Gartensalon des Hotels in der
+Rue Mansart, welches der Regierungsrath Meding, der Vertreter des Koenigs
+von Hannover bewohnte, zwei Personen im ernsten Gespraech.
+
+Herr Meding sass in einem Lehnstuhl zur Seite des runden Tisches, ueber
+dessen Mitte vom Plafond eine grosse Lampe mit breitem, flachem
+Glasschirm herabhing,--ihm gegenueber lehnte in einer Chaiselongue,
+welche neben dem hellen Feuer eines jener altfranzoesischen grossen Kamine
+stand, der Graf von Chaudordy, der fruehere Cabinetsrath unter Drouyn de
+L'huys, welcher jetzt als Minister plenipotentiaire zur Disposition
+gestellt war, sich aber stets im regen Verkehr mit der politischen Welt
+befand und eine neue Verwendung in der Diplomatie erwartete.
+
+"Ich bedauere," sagte der Graf, "dass aus dem Project, Ihren emigrirten
+Landsleuten eine Colonie in Algier zu gruenden, Nichts werden soll. Man
+hat sich hier allgemein so lebhaft dafuer interessirt, und den armen
+Leuten, welche nun doch einmal ihr Vaterland verloren haben, wuerde dort
+Gelegenheit geboten worden sein, sich eine neue Existenz und vielleicht
+einen werthvollen Besitz zu schaffen; wir aber haetten durch so fleissige
+und tuechtige Colonisten fuer die oeconomische Verwaltung Algiers viel
+gewonnen."
+
+"Ich habe noch vor Kurzem," erwiderte Herr Meding, "mit dem Herrn Fare,
+dem Director im Ministerium der Finanzen, unter dem die algerische
+Verwaltung steht, und welcher lange Zeit die Civiladministration bei dem
+Marschall Mac Mahon gefuehrt, ausfuehrlich gesprochen--auch der Marschall
+selbst, mit dem ich darueber conferirte, war, obwohl er eigentlich der
+civilen Colonisation Algeriens nicht besonders guenstig ist, doch bereit,
+Alles fuer meine Landsleute zu thun, wozu er auch vom Kaiser noch ganz
+besonders aufgefordert ist,--die Leute selbst wollen sehr gern nach
+Algerien, allein Seine Majestaet hat dennoch das Project definitiv wieder
+aufgegeben."
+
+"Ich begreife nicht warum," erwiderte der Graf von Chaudordy, "wenn der
+Koenig daran denkt, jemals wieder fuer sein Recht unter irgend welchen
+Constellationen zu kaempfen, so muss er sich doch vor Allem diejenigen
+Leute erhalten, welche im Stande sind, ihm den Kern einer Armee zu
+bilden, die er dann durch weitere Emigranten oder durch Werbungen
+ergaenzen koennte."
+
+"Es scheint," erwiderte Herr Meding, "dass im Lande Hannover selbst sehr
+falsche Ideen ueber das Colonisationsproject verbreitet worden sind und
+dass der Koenig in Ruecksicht auf die allgemeine Abneigung, welche sich
+dort gegen dasselbe kund giebt, davon wieder Abstand genommen hat. Ich
+bedauere sehr," fuhr er fort, "dass man unter diesen Verhaeltnissen die
+Sache ueberhaupt angeregt hat. Ich komme hier dem Kaiser und der
+Regierung gegenueber in eine eigenthuemliche Lage. Ich habe die
+Verhandlungen in Folge der vielfachen dringenden Depeschen des Grafen
+Platen so energisch als moeglich betrieben und nun, nachdem alle
+Verhaeltnisse schon fast geordnet waren, wird die Sache wieder aufgegeben
+und zwar--wie Graf Platen angiebt--weil die Aufstellung einer
+hannoeverschen Armee auf dem algerischen Territorium nicht thunlich sei.
+Ich verstehe eigentlich nicht, was man damit meint--doch gleichviel, die
+Sache ist aufgegeben, die Emigration wird aufgeloest werden und damit
+ist, wie ich glaube, die Sache des Koenigs und der Kampf fuer dieselbe
+auch zu Ende. Denn wenn einmal Diejenigen, welche in jahrelangem Exil
+dem Koenig treu geblieben sind, in alle Welt zerstreut werden, so wird
+das Volk in Hannover den Eindruck gewinnen, dass nunmehr der Koenig die
+neue Ordnung der Dinge anerkannt habe."
+
+"Es waere vielleicht das Beste," erwiderte der Graf von Chaudordy, "wenn
+der Koenig dies einfach thaete, sich in den Besitz seines grossen Vermoegens
+braechte und sich nach England zurueckzoege, wo er ja immer eine grosse und
+ehrenvolle Stellung behaelt. Ich habe Ihnen schon frueher gesagt," fuhr er
+fort, "dass ich wenig Chancen fuer den Koenig zu sehen vermoechte, wenn es
+ihm nicht gelingen koennte, in Deutschland selbst sich eine grosse und
+maechtige Partei zu schaffen, welche in einem gegebenen Augenblick im
+Stande waere, eine ernste und nachdrueckliche Bewegung fuer ihn zu
+organisiren. Von Seiten der Cabinette wird Nichts fuer ihn geschehen; er
+haette sich muessen eine Stellung schaffen, dass im Fall einer grossen
+Katastrophe die Regierungen gezwungen gewesen waeren, mit ihm zu
+rechnen."
+
+"Das ist aber Alles leider nicht geschehen," sagte Herr Meding, "alle
+Anlaeufe, die dazu genommen wurden, sind eben Anlaeufe geblieben und wie
+das leider so oft an depossedirten Hoefen der Fall ist, die ganze
+Thaetigkeit hat sich in kleine und kleinliche Intriguen ausgeloest. Ich
+bin hier schon lange in einer mehr als peinlichen Situation, um so mehr
+als Graf Platen--wie Sie ja wissen, den Grafen Breda hierher geschickt
+hat, welcher als geheimer Agent des Koenigs figurirt, obwohl Seine
+Majestaet mir persoenlich versichert hat, ihn gar nicht zu kennen, und
+dessen eigenthuemliche Thaetigkeit die Sache des Koenigs mehr und mehr
+discreditirt. Ich wuerde fuer meine Person nicht unzufrieden sein, wenn
+diese ganze Unruhe ein Ende nehme und wenn nur fuer das ganze Welfenhaus
+eine sichere und wuerdige Zukunft geschaffen werden koennte. Doch muesste
+man sich in Hietzing klar werden, was man will--Eins oder das Andere,
+entweder den Frieden oder einen so festen und energischen Krieg, dass man
+gefuerchtet bleibt und im gegebenen Augenblick die Macht des Handelns
+behaelt. Es scheint aber, dass ueberall in der Welt heute der Entschluss und
+die Thatkraft verschwindet. Denn ich muss Ihnen aufrichtig gestehen, dass
+ich auch hier bei Ihnen nicht mehr verstehen kann, wo man denn
+eigentlich hinaus will und was man beabsichtigt."
+
+Der Graf Chaudordy seufzte.
+
+"In der That," sagte er, "haeuft man hier Fehler auf Fehler. Ich
+fuerchte, dass sich das eines Tages bitter raechen wird; ich bin mit Herz
+und Seele Franzose und bin dem Kaiser und dem Kaiserreich aufrichtig
+ergeben, aber fuer die Dynastie sehe ich in der Art und Weise, wie man
+hier die Geschaefte behandelt, wenig erfreuliche Aussichten fuer die
+Zukunft. Unsere Fehler beginnen von 1866; nachdem sich der Kaiser damals
+zu keinem Entschluss aufraffen konnte, musste er dahin gedraengt werden,
+groessere Freiheiten zu geben. Er hat sich auch dazu nur langsam und fast
+zu spaet entschliessen koennen, und da er diesen Entschluss so lange
+hinausgeschoben hat, so wird er nun gezwungen werden endlich den Krieg
+zu machen, welcher der groesste Fehler sein wird."
+
+"Sie haetten also gewollt," fragte Herr Meding, "dass der Kaiser im Jahre
+1866 entschieden fuer Oesterreich haette Partei nehmen sollen?"
+
+Der Graf Chaudordy blickte ihn gross an.
+
+"Nein," sagte er, "nicht fuer Oesterreich; ich habe Herrn von Bismarck
+immer fuer sehr stark gehalten, ich habe Preussens Ueberlegenheit ueber
+Oesterreich nie bezweifelt und Oesterreichs Niederlage vorher gesehen.
+Nach meiner Ueberlegung haette der Kaiser damals--und zwar vor dem
+Kriege--eine feste und entschiedene Alliance mit Preussen machen muessen,
+um aus derselben alle die Vortheile fuer Frankreich zu ziehen, welche das
+siegreiche Preussen ihm nach dem Kriege nicht mehr gewaehrte. Auch heute
+noch waere es das einzig Richtige, um jeden Preis eine aufrichtige
+Verstaendigung mit Preussen zu suchen--das ist die einzige Macht, mit
+welcher wir eine nuetzliche und starke Alliance schliessen koennen, und
+wenn wir diese Alliance nicht schliessen, so werden wir ihr und zwar in
+kurzer Zeit in einem furchtbaren und gewaltigen Krieg isolirt
+entgegentreten muessen."
+
+"Man rechnet aber doch," warf Herr Meding ein, "sehr erheblich auf
+Oesterreich und Italien--Sie kennen gewiss die Negotiationen, welche in
+diesem Augenblick im Gange sind, um einen Coalitionsvertrag mit den
+beiden Maechten zu schliessen. Wie man mir erzaehlt, soll die Sache sehr
+weit gediehen sein und man verspricht sich hier sehr viel davon."
+
+"Das wird Alles zu Nichts fuehren," sagte der Graf von Chaudordy. "Auch
+in dieser Richtung hin hat man einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt,
+in Herrn von Beust, an dessen Erhebung zum Minister in Oesterreich der
+Kaiser grossen Antheil hat, einen entschiedenen Alliirten zu finden,--man
+hat sich getaeuscht und haette dies sogleich erkennen sollen, als die
+neue oesterreichische Regierung statt ihre ganze Kraft militairischen
+Ruestungen zu widmen, sich mit Verfassungsfragen zu beschaeftigen begann.
+Wie ist es denn moeglich, sich jetzt auf dieses Oesterreich zu stuetzen,
+welches keine Armee und kein Geld hat und uns im entscheidenden
+Augenblick um so mehr im Stich lassen wird, als die entscheidende
+Leitung der dortigen Politik taeglich mehr in die Haende Ungarns uebergeht.
+
+"Der Kaiser erkennt das Alles sehr gut," fuhr er fort, "aber er ist
+nicht mehr der er war und zwischen den verschiedensten, heterogensten
+Entschluessen hin- und herschwankend wird er endlich dahin gedraengt
+werden, gaenzlich isolirt und ohne alle Alliancen den Krieg zu machen,
+der kaum mit einem entscheidenden Siege fuer Frankreich enden wird, und
+der uns leicht in eine unendliche innere Verwirrung stuerzen kann, auch
+giebt man alle Gruende, um vernuenftiger Weise dort den Krieg
+vorzubereiten, aus der Hand. Man hat den Prager Frieden so lange
+verletzen lassen, dass es fast laecherlich sein wuerde, heute noch
+kategorisch dessen Erfuellung zu fordern. Jetzt laesst man die Bewegungen
+in Baden und Sueddeutschland wieder ohne Beachtung und Unterstuetzung,--es
+waere so leicht--und man hat uns darueber Mittheilungen gemacht, eine
+Volksbewegung in Baden gegen den von der dortigen Regierung
+projectirten Anschluss an Preussen zu erregen und dadurch die deutsche
+Frage von Neuem zum Gegenstand der Aufmerksamkeit Europas zu machen.
+Dann haette Frankreich einen Interventionsgrund und eine ganz
+vortreffliche Stellung der deutschen Nation gegenueber--laesst man die
+Ereignisse weiter gehen, laesst man den Widerstand der sueddeutschen
+Volkspartei brechen oder ermatten, dann wird man sich demnaechst nicht
+mehr Preussen, sondern dem ganzen Deutschland gegenueber befinden, und das
+wird fuer uns die schlimmste und gefaehrlichste Position sein, in der wir
+uns befinden koennen. Es ist in der That ein Glueck," sagte er laechelnd,
+"in diesem Augenblick von der Politik fern zu sein."
+
+"Aber glauben Sie nicht," sagte Herr Meding, "dass Drouyn de L'huys, dem
+ja der Kaiser schon mehrfach das Portefeuille angeboten hat, doch
+endlich die Leitung der Angelegenheiten wieder uebernehmen und groessere
+Festigkeit und Klarheit in die franzoesische Politik bringen werde?"
+
+Der Graf von Chaudordy schuettelte den Kopf.
+
+"Ich glaube nicht," sagte er, "dass Drouyn de L'huys sich jemals mit dem
+Kaiser definitiv verstaendigen wird. Drouyn de L'huys will den Frieden
+und der Kaiser kann sich nicht entschliessen, weder ernsthaft den
+Frieden zu begruenden, noch ernsthaft den Krieg zu machen--er laesst sich
+treiben und wird in den Krieg hineingedraengt werden, ohne es selbst zu
+wollen. Fuer Ihren Koenig und dessen Sache wird es jedenfalls das Beste
+sein, wenn er einer solchen unklaren, verworrenen Katastrophe fern
+bleibt, um so mehr, wenn er selbst sich nicht zu klaren Entschluessen
+erheben kann."
+
+Der Kammerdiener oeffnete die Thuer.
+
+Herr von Duering, Herr von Tschirschnitz und die uebrigen hannoeverschen
+Officiere traten ein. Nach und nach kamen noch andere Herren, auch Herr
+Hansen erschien.
+
+Das Gespraech wurde allgemein; man unterhielt sich ueber die
+Tagesereignisse.
+
+"Wissen Sie, meine Herren," sagte Herr Hansen, "dass der Process des
+Prinzen Pierre Bonaparte beginnen wird? Wie ich hoere, sind alle Juristen
+der Ansicht, dass der Prinz freigesprochen werden muss."
+
+"Ich wuesste kaum," sagte der Graf von Chaudordy, "wie man ihn
+verurtheilen wollte. Wenn Jemand in seinem eigenen Zimmer insultirt und
+angegriffen wird--und Herr Fonvielle hat ja einen geladenen Revolver bei
+sich gehabt--so steht ihm doch unzweifelhaft das Recht zu, sich zu
+vertheidigen. Ich liebe den Prinzen Peter nicht, er ist eine unruhige,
+unberechenbare Natur und sein ganzes Leben, wie seine Person erregt
+wenig Sympathie, aber in dieser Sache kann man ihm keinen Vorwurf
+machen--doch ist das Alles sehr unangenehm fuer die Regierung--es ist,
+als ob Alles zusammenkaeme, um die Stellung des Kaisers zu erschweren.
+Solche Processe mit oder ohne Schuld der Regierenden finden sich in der
+Geschichte immer vor grossen Katastrophen."
+
+"Der arme Victor Noir thut mir leid," sagte Herr Meding, "ich habe ihn
+gekannt, er war Redacteur an der 'Situation' und Herr Grenier hat ihn
+mir zuweilen geschickt, um mir Mittheilungen zu machen. Ich habe immer
+eine Sympathie fuer ihn gehabt, er war eine gute kindliche Natur von
+harmloser Naivetaet, man hat ihn zu dieser Demonstration gemissbraucht,
+und er ist das Opfer derselben geworden. Wie sieht es bei Ihnen aus,"
+fragte er, sich an einen jungen eleganten Herrn mit blassem Gesicht,
+schwarzem Haar und zierlichem kleinem Schnurrbart wendend, welcher so
+eben eingetreten war, "haben Sie bald einen Koenig gefunden, oder glauben
+Sie es auf die Dauer mit der Republik versuchen zu koennen?"
+
+"Spanien ertraegt dauernd kaum eine Republik," erwiderte Herr Angel de
+Miranda, der fruehere Kammerherr der Koenigin Isabella, welcher
+gegenwaertig in Paris lebte und dort eine, zwar private, aber eifrige
+Thaetigkeit fuer die provisorische Regierung Spaniens entwickelte. "Es hat
+viel dazu gehoert, um die alte Monarchie zu zerstoeren, wir werden aber,"
+fuhr er mit geheimnissvoller Miene fort, "wie ich glaube, in nicht langer
+Zeit einen Koenig finden und damit wird diese Revolution endlich zum
+Abschluss gelangen."
+
+"Ich wuensche Ihnen das von Herzen," sagte Graf Chaudordy. "Fuer das ganze
+westliche Europa sind diese unsichern Zustaende in Spanien vom
+schaedlichsten Einfluss. Sie muessen uebrigens," sagte er laechelnd, "eine
+kleine Neugier verzeihen, es interessirt mich in hohem Grade, wohin Sie
+die Blicke wohl gewendet haben koennten, um einen Herrscher fuer Ihr Land
+zu finden,--Sie haben da den Herzog von Montpensier, Sie haben den
+Prinzen von Asturien, Sie haben den Grafen von Montemolin, und wer weiss,
+ob nicht vielleicht der Marschall Prim, der schon einmal von einem
+kaiserlichen Diadem von Mexiko traeumte, auch jetzt wieder daran denkt,
+die Gewalt fest zu halten, welche er ja durch die Armee bereits
+vorzugsweise sich zu eigen gemacht hat."
+
+Angel de Miranda zuckte die Achseln.
+
+"Ich glaube kaum, dass Prim aehnliche Gedanken hegen koennte, er ist klug
+und weiss sehr gut, dass, wenn er vielleicht eine Zeit lang Dictator sein
+koennte, er doch niemals und zwar weder von der spanischen Grandezza,
+noch vom Volk als Koenig acceptirt werden koennte. Ich glaube viel eher,
+dass er eine Zeit daran gedacht hat und vielleicht auch noch ein wenig
+daran denkt, den Prinzen von Asturien moeglich zu machen, um dann an der
+Spitze einer Regentschaft als Majordomus die Macht in Haenden zu
+behalten. Doch das Alles ist unpractisch, wir koennen in Spanien keinen
+Koenig von den verschiedenen Bourbonenlinien gebrauchen, die Anhaenger des
+Einen wuerden sich niemals den Anhaengern des Andern unterwerfen wollen,
+das wuerde zu ewigen Bewegungen und Unruhen fuehren. Die einzige
+Moeglichkeit dauernden innern Friedens liegt darin, einen fremden Fuersten
+zu finden, der dem Volk sympathisch ist--"
+
+"Und der vielleicht," fiel Herr Meding laechelnd ein, "irgend wie mit dem
+iberischen Einheitsgedanken in Verbindung stuende."
+
+Betroffen blickte Angel de Miranda auf.
+
+"Dieser Gedanke," erwiderte er nach einem kurzen Stillschweigen, "ist
+heute wohl noch nicht reif. Doch liegt allerdings in ihm nach meiner
+Ueberzeugung die Zukunft der pyrenaeischen Halbinsel."
+
+Er trat zu einer andern Gruppe--nach einiger Zeit zog sich der Graf
+Chaudordy zurueck, und nach einer Stunde leerte sich der Salon von den
+Besuchenden--nur die hannoeverschen Officiere blieben zurueck.
+
+"Nun, meine Herren," fragte der Regierungsrath Meding, "haben Sie
+Nachrichten, wie Ihre Vorstellungen in Hietzing aufgenommen worden sind,
+und haben Sie irgend welche Beschluesse gefasst ueber die Schritte, welche
+Sie demnaechst thun wollen?"
+
+"Wir haben noch Nichts von Hietzing gehoert," erwiderte Herr von
+Tschirschnitz. "Ich kann nicht zweifeln," fuhr er fort, "dass der Koenig
+unsere Vorstellung ernstlich erwaegen und beruecksichtigen werde. Ich
+wenigstens bin fest entschlossen, bis auf den letzten Augenblick Alles
+aufzubieten, um das Schicksal der armen Emigrirten zu erleichtern und
+sie von voelliger Isolirung im fremden Lande zu retten. Ich verstehe auch
+durchaus nicht, wie es moeglich sein sollte, uns das zu verbieten. Die
+Missverstaendnisse, welche da vorliegen, muessen sich ja aufklaeren."
+
+"Man muss es hoffen," erwiderte der Regierungsrath Meding, "doch bin ich
+dessen nicht ganz gewiss, denn seit einiger Zeit scheinen sich um den
+Koenig her lauter Missverstaendnisse zu lagern. Sie erinnern sich, dass
+Herr von Muenchhausen bei der Conferenz ueber das algerische
+Colonisationsproject, zu welcher er hierher gesendet wurde,
+Instructionen bei sich fuehrte, welche, wie er sich selbst ueberzeugte,
+denjenigen, die mir ertheilt waren, vollstaendig widersprachen."
+
+Rasch wurde die Thuer geoeffnet, der Lieutenant von Mengersen, ein grosser,
+schlanker, junger Mann und der Lieutenant Heyse, eine ernste ruhige
+Erscheinung, traten ein.
+
+"Nun," rief Herr von Duering lebhaft, "Ihr seid wieder zurueck? Was bringt
+Ihr? Hat sich Alles aufgeklaert?"
+
+"Nichts hat sich aufgeklaert," erwiderte Herr von Mengersen mit zornig
+bewegter Stimme, "der Koenig hat uns gar nicht angenommen und uns den
+Befehl geschickt, auf der Stelle wieder zurueckzureisen."
+
+"Unglaublich," rief Herr von Duering.
+
+"Aber wahr," rief der Lieutenant Heyse im traurigen Ton, "es scheint,
+dass man eine vollstaendige chinesische Mauer um den Koenig gezogen hat und
+dass Nichts, was von uns kommt, zu ihm dringen kann. Dagegen hat er den
+Feldwebel Stuermann gehoert."
+
+"Den Feldwebel Stuermann," rief Herr von Tschirschnitz, "und uns, seinen
+Officieren, verweigert er das Gehoer! Das ist doch ein Affront fuer uns
+Alle, wie er staerker und kraenkender nicht gedacht werden kann."
+
+"Graf Platen ist am Tage vorher," sagte Herr von Mengersen, "bei
+Stuermann in seinem Gasthause in der Stadt gewesen und hat sehr lange mit
+ihm gesprochen, am andern Tage ist er dann nach Hietzing zum Koenig
+gebracht worden."
+
+"Und habt Ihr nicht gehoert, was nun weiter geschehen soll," sagte Herr
+von Duering.
+
+"Mit uns zu gleicher Zeit," sagte der Lieutenant Heyse, "ist der Major
+von Adelebsen hierher abgereist, um das Commando zu uebernehmen und die
+Legion aufzuloesen. Es kommt nun darauf an, dass wir uns entschliessen, was
+wir thun wollen fuer uns und fuer die Leute, denn auf Gehoer beim Koenig
+haben wir nicht mehr zu rechnen."
+
+"Wir muessen uns fest verbinden," rief Herr von Tschirschnitz, "um Alles
+aufzubieten, damit die armen Emigranten noch einen Anhaltspunkt erhalten
+und nicht vereinsamt ihrem Schicksal ueberlassen bleiben. Ich hoffe, Sie
+werden uns darin unterstuetzen," sprach er zu dem Regierungsrath Meding
+gewendet.
+
+"Ich bedauere auf das Tiefste die Wendung, welche diese Sache genommen,"
+erwiderte dieser, "und die Unmoeglichkeit mit irgend welchen
+Vorstellungen bis an Seine Majestaet zu dringen,--ich bin aber hier als
+Vertreter des Koenigs und muss, so lange ich auf meinem Posten bin, jeden
+Befehl, den Seine Majestaet mir ertheilen wird, ausfuehren; und ich rathe
+auch Ihnen, meine Herren, dringend, keinen Widerstand gegen die
+Ausfuehrung der Befehle Seiner Majestaet zu leisten, doch koennen Sie auf
+das Festeste auf meine Unterstuetzung dafuer rechnen, dass den Emigranten
+nach Aufloesung des Verbandes die Moeglichkeit geboten werde, sich zu
+gegenseitiger Unterstuetzung zu vereinen und Unterkommen und Arbeit zu
+finden. Ich habe bereits in dieser Beziehung mit verschiedenen
+einflussreichen Personen Ruecksprache genommen und mich ihrer Geneigtheit
+versichert, zu einem Comite de Patronage fuer die Emigrirten zusammen zu
+treten. Der Baron Thenard, welcher grossen Einfluss in den Kreisen der
+Grundbesitzer hat und selbst ausgedehnte Gueter besitzt, hat mir bereits
+zugesagt, mit in dieses Comite einzutreten, ebenso Herr Bocher, welcher
+in industriellen Kreisen viel Gelegenheit hat, den Emigrirten Arbeit zu
+schaffen. Ich habe bei der Wahl der Personen wesentlich darauf Ruecksicht
+genommen, dass die ganze Sache gar keinen politischen Charakter habe, dass
+sie eine reine Wohlthaetigkeitsangelenheit sei und denke nun noch einige
+Damen als Patronesses hinzuzuziehen. Ich zweifle nicht, dass wir dann
+binnen Kurzem fuer alle unsere Landsleute vollkommen ausreichende
+Beschaeftigung haben werden. Auch fuer Diejenigen, welche etwa krank und
+arbeitsunfaehig werden, wird sich dann eine reichliche Unterstuetzung
+ermoeglichen lassen, wenn man einen Verband herstellt, in welchem Jeder
+seine Beitraege in eine Krankenkasse zahlt, fuer welche ausserdem von allen
+Seiten reichliche Huelfsquellen sich oeffnen werden. Lassen Sie also den
+Muth nicht sinken, wir werden ganz gewiss gut fuer die Leute zu sorgen im
+Stande sein. Sie, mein lieber Duering, und Sie, Herr von Tschirschnitz
+muessen dann mit mir in das Comite de Patronage eintreten und die innere
+Organisation des Huelfsverbandes der Emigranten uebernehmen."
+
+"Das ist eine vortreffliche Idee," rief Herr von Duering, "ich habe
+frueher schon etwas Aehnliches ueberdacht und dazu einen Organisationsplan
+ausgearbeitet, den ich seiner Zeit auch dem Koenig eingeschickt habe, den
+er aber wohl nicht beachtet zu haben scheint--"
+
+"Ich habe bereits dem Koenige," sagte der Regierungsrath Meding, "von
+diesem Plan und den fuer die Bildung des Comite de Patronage gethanen
+Schritten Mittheilung gemacht. Durch dies Comite koennte dann auch fuer
+Diejenigen, welche so gern nach Algier gehen wollen, ohne dass der Koenig
+irgendwie dabei betheiligt ist, dort eine vortheilhafte Niederlassung
+vermittelt werden; damit wuerde der Wunsch der Leute erfuellt und zugleich
+jede Betheiligung des Koenigs dabei ausgeschlossen, welche Seiner
+Majestaet wegen der Stimmung in Hannover unerwuenscht ist. Ich bitte Sie
+also nochmals, meine Herren, legen Sie den Schritten des Herrn von
+Adelebsen zur Aufloesung der Legion keine Schwierigkeiten in den Weg.
+Lassen Sie diesen Herrn ruhig ausfuehren, was ihm vom Koenige oder von wem
+es sonst sei, aufgetragen ist, und helfen Sie mir dafuer sorgen, dass
+unsere Landsleute, nachdem sie aus dem Verbande geschieden sind, einen
+Mittelpunkt finden, der ihnen Schutz und Beistand gewaehrt."
+
+"Aber wie der Koenig mit uns umgeht," rief Herr von Tschirschnitz, "so
+haette er ja zur Zeit des Bestandes des Koenigreichs Hannover mit keinem
+Officier umzugehen das Recht gehabt. Mindestens haetten wir doch Gehoer
+erlangen muessen,--dies ist ja geradezu asiatischer Despotismus."
+
+"Meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding, "einem ungluecklichen
+Fuersten gegenueber ist die Pflicht des Gehorsams doppelt stark, und
+vergessen Sie vor Allem nicht, dass wir Alle Vertreter einer Sache sind,
+welche den Blicken der ganzen Welt ausgesetzt ist. Wir haben fuer diese
+Sache gefochten nach allen Kraeften,--man kann uns vorwerfen, dass es
+thoericht und unvernuenftig gewesen sei, aber wenigstens haben wir fuer die
+Sache gethan, was ueberhaupt zu thun war. Wenn diese Sache zu Ende sein
+soll," fuegte er noch ernster hinzu, "und ich glaube, dass sie zu Ende
+ist, so lassen Sie uns ihr den letzten Dienst erweisen, lassen wir sie
+mit Ehren untergehen, ohne dass wir der Welt das Schauspiel der inneren
+Zerruettung und der Faeulniss, welche sie angefressen hat, und an welcher
+wir wenigstens keinen Theil haben, geben. Wir werden vielleicht in der
+Lage sein, unsere und der Emigranten Rechte scharf und nachdruecklich zu
+vertheidigen, aber so lange es moeglich ist, darf auch in dieser
+Vertheidigung Nichts gegen den Koenig unternommen werden, auf dem die
+Hand des Schicksals schwer genug ruht, und der stets auf unsere
+Ehrfurcht Anspruch haben wird. Und sollten wir je zu den aeussersten
+Grenzen der Vertheidigung gedraengt werden, so muessen wir wenigstens vor
+der ganzen Welt beweisen koennen, dass wir dazu unwiderstehlich gezwungen
+worden sind."
+
+"Aber man greift unsere Ehre an," rief Herr von Mengersen, "unserer
+Aller Ehre, denn was in Hietzing ueber uns gesprochen wird, davon hat man
+gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die
+unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo
+moeglich in den welfischen Zeitungen Artikel ueber uns lesen."
+
+"Seien Sie ganz ruhig, meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding,
+"wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen wuerde, unsere Ehre
+anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Ruecksichten bei
+Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene
+werden dem Koenig gegenueber zu verantworten haben, was dann geschehen
+wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurueck zu
+halten, der den Koenig verletzen koennte."
+
+"Jedenfalls," rief Herr von Duering, "werde ich meine Magazinbestaende dem
+Herrn von Adelebsen nicht ueberliefern, ohne eine vollgueltige Decharge
+vom Koenige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man
+mir noch immer nicht gegeben hat."
+
+Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig,
+mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fuenfzig Jahren von
+auffallender Haesslichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer
+vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schaedel in das Zimmer.
+Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Hoeflichkeit nach allen
+Seiten, naeherte sich dann in beinahe demuethiger, unterwuerfiger Haltung
+dem Regierungsrath Meding und ueberreichte ihm ein grosses, versiegeltes
+Schreiben.
+
+"Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist," sagte er.
+
+Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher
+langsam das Schreiben oeffnete und den Inhalt durchlas.
+
+"Der Major von Adelebsen ist angekommen," sagte der Legationskanzlist
+Hattensauer, waehrend Herr Meding las, "er hat diese Depesche mitgebracht
+und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen."
+
+Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende
+gelesen, zusammen; ein trauriges Laecheln spielte um seinen Mund.
+
+"Nun," rief Herr von Duering, "haben Sie irgend welches Licht in der
+Sache erhalten?"
+
+"Der Koenig," erwiderte der Regierungsrath Meding, "findet meine
+Bemuehungen fuer die Herstellung eines Comite de Patronage, da dasselbe
+auch fuer eine Colonie in Algerien wirken koenne, nicht vereinbar mit
+seinen Beschluessen, nach welchen er aus militairischen Gruenden die
+Gruendung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb,
+aus dem Comite auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz
+zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist
+uebrigens," fuhr er fort, "abermals eine Antwort auf etwas durchaus
+Anderes, als ich geschrieben und ausserdem von einer beinah unglaublichen
+Stylisirung und Logik."
+
+"Unerhoert!" riefen die Officiere.
+
+"Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?" fragte Herr von Duering.
+
+"Ganz gewiss," erwiderte der Regierungsrath Meding, "ich stehe noch im
+Dienste des Koenigs und muss seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, dass sie
+mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin
+Nichts aendern, die Verantwortung fuer ihr Schicksal trifft mich nicht."
+
+"Ich habe auch noch Briefe fuer Herrn von Duering und fuer Herrn von
+Tschirschnitz," sagte Hattensauer, indem er sich demuethig gebeugt den
+beiden Herren naeherte und jedem ein Schreiben uebergab, welches dieselben
+schnell oeffneten und durchflogen.
+
+"Ich bin nach Bern verbannt," sagte Herr von Duering.
+
+"Und ich nach Basel!" rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. "Die
+Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing fuer die
+Gebieter der Welt zu halten."
+
+"Haben Sie Nichts fuer mich?" rief Herr von Mengersen, zu Herrn
+Hattensauer sich wendend, "vielleicht hat man mich nach Sibirien
+verbannt."
+
+"Nun, meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding, "so muessen wir
+denn die Hannoveraner ihrem Schicksal ueberlassen, ich werde noch das
+Moeglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen.
+Jedenfalls haben wir fuer sie gethan, was in unsern Kraeften stand. Und
+nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir koennen
+sagen: 'Finita la commedia'. Morgen wollen wir ueberlegen, was weiter zu
+thun ist, und," sagte er laechelnd zu Herrn von Duering und Herrn von
+Tschirschnitz, "unsere Reisevorbereitungen treffen."
+
+
+
+
+Zweites Capitel
+
+
+Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des
+Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet.
+
+Der Graf sass in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurueckgelehnt,
+die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im
+Militairueberrock,--die Zuege seines Gesichts waren staerker geworden und
+drueckten noch mehr als frueher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das
+Haar an seinen Schlaefen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und
+mehr weiss gefaerbt, ohne dass dadurch sein Gesicht aelter erschien,--der
+frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und
+drohend, bald tief und gemuethvoll blickten, gab seiner ganzen
+Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit.
+
+Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand,
+der Legationsrath Bucher.
+
+Sein kraenkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden
+kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf
+vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck
+gegenueber fast winzig erschien,--seine etwas gebueckte Haltung,--das
+Alles gab der Erscheinung dieses merkwuerdigen Mannes, der frueher seiner
+politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das
+Vertrauen des grossen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten
+gewusst hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus
+eines Bureaukraten und eines Professors.
+
+"Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen," fragte der Graf--'l'oeuvre
+de Monsieur de Bismarck'--es wird in Paris viel besprochen--"
+
+"Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen," bemerkte
+der Legationsrath, "es enthaelt viel Interessantes und manche sehr
+bemerkenswerthe Zeugnisse ueber das, was Herr Vilbort waehrend des Krieges
+von 1866 selbst gesehen und erlebt hat.--Ob freilich Alles das wahr ist,
+was Vilbort ueber die Aeusserungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm
+selbst gegenueber gemacht haben, das muessen Sie selbst besser beurteilen
+koennen, als ich--"
+
+"Im Allgemeinen," sagte Graf Bismarck, "so weit ich das Buch zu
+durchblaettern Zeit gefunden habe,--giebt er meine Aeusserungen richtig
+wieder,--und das ist schon sehr viel.--So oft man mit einem Journalisten
+spricht, muss man sich gefallen lassen, dass er Alles, was man gesagt oder
+nicht gesagt hat, wiedererzaehlt, wie er es aufgefasst hat,--oder wie er
+es aufgefasst zu sehen wuenscht,--das hindert mich uebrigens nicht," fuhr
+er fort, "mich ganz freimuethig und offen gegen diese Herren
+auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen;--ich
+halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem
+Berge,--die aengstliche Geheimnisskraemerei der alten Diplomatie hat keinen
+Sinn mehr in unserer Zeit,--freilich muss ich dann auch die oeffentliche
+Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und,--Gott sei
+Dank,--dafuer habe ich ganz gesunde Nerven."
+
+"Herr Vilbort," sagte der Legationsrath Bucher, "scheint mir durch die
+Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenueber ausgesprochen
+haben, etwas eitel geworden zu sein;--er haelt sich fuer einen
+Geschichtschreiber,--und das ist er in der That nicht,--auch geht durch
+sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern ueber den Krieg, der
+doch, da die Conflicte einmal unloesbar geworden, eine Nothwendigkeit
+war."
+
+"Diese Richtung des Buches," fiel Graf Bismarck ein, "das jedenfalls in
+Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten
+unangenehm,--die Franzosen koennen in der That eine Warnung vor den
+traurigen Folgen eines grossen Krieges brauchen,--es scheint, dass dort
+wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und dass man die Geister fuer einen
+Krieg vorbereitet, fuer den Fall, dass man der inneren Schwierigkeiten
+nicht Herr werden sollte."
+
+"Glauben Eure Excellenz wirklich," fragte der Legationsrath, "dass man in
+Paris ernstlich an einen Krieg denken koennte,--gerade jetzt in dem
+Augenblicke, in welchem die Zuegel des persoenlichen Regiments gelockert
+sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens,
+Minister geworden ist?"
+
+"Die Berichte aus Paris," sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken,
+"sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung,--ich glaube
+auch, dass der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden
+sehnt,--schon um persoenlich Ruhe zu haben,--aber Alles," fuhr er fort,
+"was dort geschieht, kann zu irgend einem ploetzlichen Ausbruch fuehren,
+auf den wir heute mehr als je gefasst sein muessen.
+
+"Sehen Sie," sprach er nach kurzem Nachdenken, waehrend er die Augen
+sinnend emporschlug, "dieser unglueckliche Pistolenschuss, der Victor Noir
+toedtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung
+Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles
+bricht ueber das Kaiserreich herein,--das ist ein furchtbares
+Verhaengniss,--und das constitutionelle Regiment kann die immer hoeher
+aufwallenden Wogen nicht beschwoeren. Die Coterie des Krieges, welche
+durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder
+herstellen will, gewinnt an Boden,--der Kaiser ist schwach,--wird man
+ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeusserste zu wagen, um den
+festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm taeglich mehr unter den Fuessen
+verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwaeche, denn die
+Schwaeche ist tollkuehner als die Kraft.
+
+"Fuer uns," fuhr der Graf fort, "ist der Krieg um so weniger zu fuerchten,
+je mehr die innere Kraft Frankreichs taeglich zersetzt wird,--aber der
+arme Kaiser thut mir leid,--es ist doch eine gross angelegte und im
+Grunde gute Natur,--und fuer Europa ist das Kaiserreich eine
+Wohlthat,--denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gaehrenden Elemente
+in Frankreich wieder entfesselt wuerden!
+
+"Man hat mir da," fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem
+Schreibtisch nahm, "einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in
+welchem dieser thaetige Agent der Internationale und Secretair von Carl
+Marx in London dem Comite in Genf auseinandersetzt, dass die Zeit
+gekommen sei, in welcher der action secrete et souterraine die
+allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen muesse.
+Merkwuerdigerweise," sagte er, einen Blick in das Schriftstueck werfend,
+"will Dupont den Ausgangspunkt dieser grossen Revolution nach England
+verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei."
+
+"England sei das einzige Land," fuhr er fort, "in welchem eine wirkliche
+socialistische Revolution gemacht werden koennte, das englische Volk aber
+koenne diese Revolution nicht machen, Fremde muessten sie ihm machen und
+der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland."
+
+Der Legationsrath Bucher laechelte. "Das sind Traeumereien," sagte er,
+"wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen
+Resultaten zu fuehren."
+
+"Die Ideen dieses Dupont sind Traeumereien,--das ist ganz richtig," fiel
+Graf Bismarck ein,--"aber in Frankreich ist die Sache ernster,--dort
+haben die gemaessigten Mitglieder der Internationale vollstaendig die
+Fuehrung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die
+Arbeiterbevoelkerung,--bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune
+proclamirt werden.--Das Alles gaehrt um den Kaiser herauf und kann ihn
+eines Tages dazu draengen, einen Verzweiflungscoup zu machen;--wir muessen
+von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefasst sein."
+
+"Die Elemente der Gaehrung," sagte der Legationsrath, "von denen Eure
+Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern
+erfuellen die ganze Welt,--auch unter den deutschen Arbeitern macht die
+Internationale Fortschritte,--ich glaube, dass die Regierungen zu dieser
+Frage Stellung nehmen muessen."
+
+"Das sagt mir auch Wagner," rief Graf Bismarck,--"aber welche Stellung
+soll man dazu nehmen?--Die alten Parteibildungen beginnen sich zu
+zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den
+neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten,--und
+gerade dieser socialen Frage gegenueber muesste doch die Regierung sich auf
+eine im Volke selbst wurzelnde Partei stuetzen.--Das waere eine Aufgabe
+fuer die Conservativen," sagte er sinnend,--"aber leider verlieren gerade
+diese sich immer mehr in unmoegliche und unpraktische Theorien."
+
+"Nun," fuhr er fort,--"wir muessen darueber nachdenken,--jetzt will ich
+ein wenig hoeren, was die auswaertige Politik macht."
+
+Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und
+dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurueck.
+
+"Ist Jemand im Vorzimmer?" fragte Graf Bismarck den Kammerdiener,
+welcher auf seinen starken Glockenzug erschien.
+
+"Der englische Botschafter, Excellenz."
+
+"Ich lasse bitten."
+
+Der Minister-Praesident erhob sich und machte einige Schritte nach der
+Thuer, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestaet
+der Koenigin Victoria am preussischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde,
+in das Cabinet trat.
+
+Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen
+Gesichtszuegen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Wuerde
+und Zurueckhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des
+Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preussischen
+Minister-Praesidenten gegenueber vor den grossen Schreibtisch in der Mitte
+des geraeumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen
+gleichgueltigen Begruessungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach
+einem kurzen Raeuspern:
+
+"Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestaet darauf
+bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle
+Ursachen des Misstrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem
+Frieden Europas gefaehrlich werden koennten."
+
+Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine grosse
+Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte
+er im hoeflichsten Ton einer gleichgueltigen Conversation:
+
+"Die Regierung Ihrer Majestaet ist in diesem Bestreben vollkommen von
+denselben Wuenschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl,
+wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue
+mich, von Neuem zu constatiren, dass gerade durch diese allseitigen
+Wuensche die beste Garantie fuer die Erhaltung des europaeischen Friedens
+gewaehrt wird."
+
+Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt.
+
+"Die guten Wuensche aller europaeischen Regierungen," sagte er, "sind
+gewiss eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen," fuhr er
+ein wenig zoegernd fort, "um eine wirklich praktische und vor allen
+Dingen dauernde Basis fuer die internationale Ruhe und Stabilitaet zu
+schaffen, wird es vor Allem noch noethig sein, concrete Gruende
+gegenseitigen Misstrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen."
+
+"Ich wuesste in der That nicht," sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie
+erstaunt anblickend, "dass in diesem Augenblick irgend welche Fragen
+bestaenden, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu
+bringen vermoechten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie
+versichern, dass wir wenigstens mit keinem europaeischen Cabinet in
+Eroerterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte beruehren."
+
+"Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin," erwiderte Lord Loftus,
+"auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwaertig zur
+Eroerterung staenden und zu Differenzen fuehren koennten, ich dachte
+vielmehr an thatsaechliche Verhaeltnisse, welche vielleicht weniger ein
+Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Misstrauens sind und deren
+Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas
+liegen moechte."
+
+"Und welche thatsaechliche Verhaeltnisse meinen Sie?" fragte Graf Bismarck
+mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem
+scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick.
+
+"Es ist eine Thatsache," sprach Lord Loftus weiter, "welche offen vor
+Europa da liegt, dass die franzoesische Regierung in den letzten Jahren
+ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine
+aussergewoehnliche Hoehe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt,
+und Sie werden mir zugeben, dass es eine gewisse Besorgniss und
+Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europaeischen
+Maechte bis an die Zaehne bewaffnet einander gegenueber stehen sieht."
+
+"Es liegt ja aber," fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast
+gleichgueltigen Ton ein, "zwischen Frankreich und uns durchaus keine
+Veranlassung zu irgend welchen Missverstaendnissen vor; im Gegentheil kann
+ich Sie versichern, dass unsere Beziehungen zu Paris die besten und
+freundlichsten sind."
+
+"Und doch stehen Sie sich," bemerkte Lord Loftus, "mit so uebermaessig
+angespannten Militairkraeften gegenueber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag
+den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen haetten. Dieser
+Zustand," fuhr er etwas lebhafter fort, "wenn er auch den Frieden nicht
+unmittelbar gefaehrdet, laesst doch Europa nicht zu sicherem Bewusstsein der
+Ruhe kommen, und ich glaube, dass besser als alle diplomatischen
+Versicherungen eine ernste und nachdrueckliche Reducirung der unter den
+Waffen stehenden militairischen Streitkraefte alle die unruhigen
+Besorgnisse zerstreuen wuerde, welche angesichts des gegenwaertigen
+Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschaeftswelt erfuellen,--wenn
+die Armeen Frankreichs und Preussens sich nicht mehr in voller
+Kriegsruestung gegenueber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen
+koennen, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm
+lastet."
+
+Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Zuege nahmen einen ernsten
+Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und
+durchdringend auf den Botschafter und sagte dann:
+
+"Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben
+beruehrten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur
+Sprache zu bringen?"
+
+"Ich habe nicht den Auftrag," erwiderte der Lord, "bestimmte Antraege zu
+stellen, bestimmt formulirte Wuensche auszusprechen,--doch bin ich
+allerdings veranlasst, die allgemeine Besorgniss, welche die
+militairischen Ruestungen in Frankreich und Deutschland der Regierung
+Ihrer Majestaet einfloessen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem
+Gedanken Ausdruck zu geben, dass Sie sowohl als die franzoesische
+Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen grossen Dienst leisten
+wuerden, wenn Sie sich geneigt finden liessen, im gleichen Verhaeltniss die
+unter den Waffen stehenden Streitkraefte zu reduciren und dadurch
+thatsaechlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu
+erkennen zu geben. Wuerde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf
+diesen Ideengang einzugehen, so wuerde die Regierung Ihrer Majestaet gern
+bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten
+Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Maechten eintreten zu
+lassen."
+
+"Und wissen Sie," fragte Graf Bismarck, ohne dass ein Zug seines
+Gesichtes sich veraenderte, "ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so
+eben auszusprechen die Guete haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenueber
+von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?"
+
+"Ich glaube, Ihnen mittheilen zu koennen," erwiderte Lord Loftus, "dass
+dies geschehen ist, und dass der Kaiser sich vollkommen bereit erklaert
+hat, seine kriegsbereiten Streitkraefte nach derselben Verhaeltnisszahl zu
+reduciren, welche von Ihnen angenommen werden moechte."
+
+Ein feines, fast unmerkliches Laecheln flog ueber das Gesicht des Grafen
+Bismarck.
+
+"Es wuerde dann immer die Frage sein," sagte er in leichtem Ton, "wer
+denn mit der Abruestung anzufangen haette--und wer dieselbe controliren
+koennte, Fragen, an denen oft schon aehnliche Verhandlungen gescheitert
+sind,--doch," fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort,
+"ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie wuerde keine practische
+Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste
+erklaeren muss, dass ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in
+der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu koennen, und ich wuerde es
+bedauern, wenn ich in die Lage kaeme, der Regierung Ihrer Majestaet auf
+eine directe Aeusserung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort
+geben zu muessen."
+
+"So halten Sie es dennoch fuer moeglich," fragte Lord Loftus, ein wenig
+erstaunt ueber diese so klare und bestimmte Erklaerung, "dass aus den
+Fragen, welche gegenwaertig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher
+Richtung hin ein ernster Conflict entstehen koennte, der die Erhaltung
+einer solchen Waffenruestung fuer Frankreich und fuer Preussen noethig
+macht?"
+
+"Was Frankreich betrifft," erwiderte Graf Bismarck, "so habe ich darueber
+kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhaeltnissen
+gegenueber und mit Ruecksicht auf seine sonstigen europaeischen
+Beziehungen seine militairischen Streitkraefte vermindern zu koennen, so
+mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine
+Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich wuerde ihm
+indessen auf einem solchen Wege nicht folgen koennen, denn die groessere
+oder geringere Staerke der preussischen Militairmacht beruht nicht in
+dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist
+eine Grundlage des preussischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen
+Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt
+werden. Ich bin aber von vorn herein ueberzeugt," fuhr er fort, "dass der
+Koenig, mein allergnaedigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja
+jede Eroerterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen wuerde und
+ablehnen muesste. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche
+Verminderung der disponiblen Streitkraefte zu erreichen, muesste man die
+ganze Militairorganisation Preussens und des Norddeutschen Bundes aendern.
+Das ist schon verfassungsmaessig schwierig, ja beinahe unausfuehrbar.
+Ausserdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage,
+den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten muss, die preussische
+Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu
+gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist
+eine Art von hoher Schule fuer alle Klassen der Bevoelkerung, eine Schule,
+in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfuellung
+lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung fuer den Koenig
+und fuer das Land, in welcher der Patriotismus gekraeftigt und zu vollem
+klarem Bewusstsein gebracht wird. Man koennte also die Wehrverfassung
+nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und
+der nationalen Einigkeit grossen Schaden zu thun, ohne die Ueberzeugung
+des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der
+damit zusammenhaengenden Staerke der Armee die beste Buergschaft fuer die
+Sicherheit und Groesse Preussens erblickt. Sie muessen begreifen, mein
+theurer Lord," fuhr er fort, "dass alle diese Gesichtspunkte es mir
+unmoeglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu
+discutiren;--so lange ich Minister bin, wuerde ich eine solche Idee dem
+Koenige nicht vorschlagen koennen, und jede weitere Eroerterung des
+Gegenstandes wuerde zu gar keinem Resultat fuehren. Ich glaube, es ist der
+beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der groesste Beweis
+aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestaet, wenn
+ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen
+angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen
+gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch
+Ihrer Regierung keinen Zweifel ueber dieselbe zu lassen."
+
+Lord Loftus verneigte sich und sprach:
+
+"Ich erkenne vollkommen das Gewicht der Gruende an, welche Sie mir
+angeben und werde dieselben dem auswaertigen Amt zur Kenntniss bringen.
+Ich bedaure," fuhr er fort, "dass Ihre Mittheilungen mich von der
+Unmoeglichkeit ueberzeugt haben, den auf Europa lastenden Zustand
+aengstlicher Besorgniss durch ein einfaches Mittel zu beseitigen."
+
+"Ich begreife nicht, mein lieber Lord," sagte Graf Bismarck, "warum Sie
+von Kriegsbesorgnissen sprechen? Ich kann Ihnen nur wiederholen, dass ich
+keine Frage sehe, welche dazu Veranlassung bieten koennte;--wenn einige
+chauvinistische Blaetter in Frankreich nicht aufhoeren, die Welt von Zeit
+zu Zeit zu beunruhigen, so kann das doch keinen Einfluss auf die
+Cabinette der Grossmaechte haben. Mag sich die Boerse hin und wieder
+darueber erschrecken, wir sollten uns dadurch doch in der That keinen
+Augenblick aus der Ruhe bringen lassen. Vor Allem," fuhr er mit
+volltoenender Stimme fort, "koennen derartige auf keinen concreten
+Gruenden beruhende Besorgnisse niemals der Grund sein, dass eine mit dem
+Ausbau ihrer innern Angelegenheiten beschaeftigte, alle Vertraege
+respectirende und mit aller Welt im Frieden lebende Macht ihre
+langjaehrige und bewaehrte Militairverfassung aendern sollte, eine
+Militairverfassung, auf welcher die Sicherheit beruht, die friedliche
+und selbststaendige innere Entwickelung noethigenfalls gegen jede Stoerung
+schuetzen zu koennen."
+
+"Apropos, haben Sie Nachricht vom Koenig Georg?" fragte Graf Bismarck,
+als Lord Loftus sich erhob, um sich zu verschieden. "Man theilt mir mit,
+dass er diese unglueckliche Legion in Frankreich, welche ihm so viel Geld
+kostet, und welche doch in der That sehr wenig geeignet ist, um Hannover
+wieder von uns zu erobern, jetzt auseinander schickt. Mir thun die armen
+Leute leid, welche durch dies ganze abenteuerliche Unternehmen ihrem
+Vaterlande und ihren Familien entzogen sind."
+
+"Wenn der Koenig seinen Widerstand aufgiebt," sagte Lord Loftus, "sollte
+es dann nicht moeglich sein, ihm den Genuss seines Vermoegens wieder zu
+geben, welches ihm entzogen ist? Ich weiss, dass der Herzog von Cambridge
+als naechster Agnat sehr viel Antheil an dieser Angelegenheit nimmt, und
+es waere in der That erwuenscht, wenn sie in befriedigender Weise geordnet
+werden koennte."
+
+"Niemand wuenscht das lebhafter als ich," rief Graf Bismarck, "wir haben
+im Interesse der Sicherheit Preussens dem Koenige sein Land nehmen muessen,
+aber sowohl mein allergnaedigster Herr wie ich selbst wuenschen gewiss auf
+das Dringendste, dass dem alten, hochberuehmten und edlen Welfenhause auch
+in seiner hannoeverschen Linie fuer die Zukunft eine grosse und wuerdige
+Existenz gesichert bleibe. Aber," fuhr er fort, "wenn der Koenig einfach
+seine Legion entlaesst, weil er sie nicht bezahlen kann, ohne mit seinen
+uebrigen Agitationen aufzuhoeren, ohne den Frieden mit uns zu machen, so
+koennen wir ihm doch wahrlich nicht die Mittel dazu in die Haende geben.
+Ich muss bekennen, dass mir diese Legion weniger beachtungswerth
+erschienen ist, als andere Agitationen des Koenigs, welche sich der
+Oeffentlichkeit mehr entziehen und fuer welche ich," sagte er mit
+entschiedener Betonung, "niemals die Mittel zur Verfuegung stellen kann.
+Will sich der Koenig in die Notwendigkeit der Verhaeltnisse fuegen, will er
+mit uns Frieden schliessen, so wird er dafuer gewiss das bereitere
+Entgegenkommen finden, und wenn der Herzog von Cambridge sich dafuer
+interessirt, so wird er dem Koenig Georg und dessen ganzem Hause gewiss
+den besten Dienst leisten, wenn er seinen Einfluss anwendet, um ihn zu
+einem definitiven und aufrichtigen Frieden zu veranlassen."
+
+"Ich werde," sagte Lord Loftus, "wenn sich mir die Gelegenheit bietet,
+versuchen, in diesem Sinne zu wirken,--ich glaube, dass der Herzog von
+Cambridge gern die Hand dazu bieten wird, doch ob mit Erfolg, das
+scheint mir bei dem Charakter des Koenigs zweifelhaft. Jedenfalls ist
+meine ganze Thaetigkeit in dieser Angelegenheit eine ausschliesslich
+private, hervorgehend aus dem natuerlichen Interesse, welches ich fuer den
+erlauchten Vetter meiner Koenigin hege; als Vertreter der englischen
+Regierung habe ich mit der ganzen Angelegenheit nicht das Geringste zu
+thun."
+
+Er erwiderte mit einer etwas steifen Verbeugung den Haendedruck des
+Grafen Bismarck, welcher ihn nach der Thuer hin begleitete, und verliess
+das Cabinet.
+
+In dem grossen Vorsaal sass in einem Lehnstuhl die schmaechtige, magere
+Gestalt des Grafen Benedetti mit dem bleichen, fein geschnittenen
+Gesicht, dessen Zuege trotz der listigen Intelligenz, welche in ihnen
+lag, dennoch niemals einen bestimmten Ausdruck erkennen liessen.
+
+Der Graf erhob sich und begruesste den englischen Collegen.
+
+"Nun," sagte er, "haben Sie Ihre Entwaffnungstheorie discutirt, ueber
+welche wir gestern sprachen, und von welcher ich ueberzeugt bin, dass sie
+in Paris das bereitwilligste Entgegenkommen finden wird?"
+
+"Ich habe darueber gesprochen," erwiderte Lord Loftus.
+
+"Und?" fragte Benedetti.
+
+"Jede Discussion darueber ist auf das Bestimmteste abgelehnt, man wird
+das in London sehr bedauern, obgleich die Gruende dafuer nicht ohne
+Berechtigung sind."
+
+In den kalten klaren Augen Benedetti's erschien ein leichter Schimmer
+von Befriedigung, er schlug jedoch sogleich den Blick zu Boden und sagte
+mit ruhigem, fast ausdruckslosem Ton:
+
+"Wenn die Welt sich wegen der militairischen Ruestungen in Frankreich und
+Deutschland beunruhigt, so wird man nun wenigstens wissen, dass wir es
+nicht sind, die es verweigern zur Beseitigung dieser Unruhe beizutragen,
+welche uebrigens," fuegte er hinzu, "nach meiner Auffassung ohne
+Begruendung ist."
+
+Der Kammerdiener des Grafen Bismarck naeherte sich dem franzoesischen
+Botschafter mit der Meldung, dass der Minister-Praesident bereit sei, ihn
+zu empfangen.
+
+Graf Benedetti verabschiedete sich von Lord Loftus und trat in das
+Cabinet.
+
+"Nun," sagte Graf Bismarck, nachdem er ihn mit offener Herzlichkeit
+begruesst hatte, "es scheint, dass man in Europa an den Frieden nicht recht
+glauben will. Man moechte aller Welt die Waffen aus den Haenden nehmen und
+sie in irgend einem grossen Arsenal aufbewahren, damit nur ja kein
+Missbrauch damit geschieht. Soeben hat mir Lord Loftus wieder von
+Entwaffnungsideen gesprochen, welche sich ganz wesentlich auf uns
+beziehen,--ich begreife das in der That nicht," fuhr er ernster fort,
+"glaubt man denn, dass zwei grosse Maechte nur dann im Frieden neben
+einander leben koennen, wenn sie Beide nicht die Macht haben, Krieg zu
+fuehren? Ich habe nach meiner Ansicht mehr Vertrauen zur Erhaltung des
+allgemeinen Friedens, wenn alle Maechte stark und kraeftig sind, sobald
+sie nur den aufrichtigen Willen haben, in guten Beziehungen mit einander
+zu leben. Ich weiss nicht, wie man bei Ihnen ueber die Moeglichkeit einer
+Reduction der Armee denkt, bei uns ist dies unmoeglich, und ich glaube
+auch, man wird an unsere friedlichen Absichten ohne Einschraenkung
+unserer Armee glauben."
+
+"Ich theile gewiss vollkommen Ihre Ansicht," sagte Graf Benedetti, indem
+er dem Minister-Praesidenten gegenueber vor dem Schreibtisch Platz nahm,
+"und bin weit entfernt, in einer starken Militairmacht zweier verstaendig
+regierten Staaten eine Gefahr fuer den Frieden zu erblicken. Indess," fuhr
+er fort, "koennte die Idee einer theilweisen Entwaffnung dennoch
+vielleicht der Beachtung nicht ganz unwuerdig sein, wenn man durch eine
+solche Massregel der oeffentlichen Meinung und den uebrigen Maechten neues
+Vertrauen in die Stabilitaet der europaeischen Ruhe und Ordnung einfloessen
+kann. Von diesem Gesichtspunkt aus ist, wie ich voraussetzen darf, der
+Kaiser nicht abgeneigt, eine Reduction der militairischen Kraefte in
+Erwaegung zu ziehen, wobei ausserdem noch eine wesentliche Erleichterung
+des Volkes in Betracht kommt, die fuer die innere Stellung der
+Regierungen nicht unwesentlich ist."
+
+"Diese Ruecksicht wuerde bei uns von keiner Bedeutung sein," sagte Graf
+Bismarck, "unsere Militair-Verfassung ist mit dem Volke verwachsen, und
+Niemand im Volk verlangt eine Erleichterung der auf allen Schultern
+gleich vertheilten militairischen Pflichten."
+
+Graf Benedetti sah einen Augenblick zu Boden, dann schlug er den Blick
+mit einer fast naiven Offenheit zu dem preussischen Minister-Praesidenten
+auf und sprach:
+
+"Ich bin natuerlich nicht in der Lage, die inneren Verhaeltnisse bei
+Ihnen so eingehend zu beurtheilen, wie Sie dazu im Stande sind, da ich
+nur als Fremder in dieselben hineinblicke,--aber doch verfolge ich Ihr
+oeffentliches Leben mit vielem Interesse und glaube bemerkt zu haben, dass
+in den Parteien Ihrer Parlamente die Frage der militairischen Lasten
+nicht ganz gleichgueltig behandelt zu werden scheint. Nach der Zahl der
+Mannschaften und nach den finanziellen Mitteln ist der Verfassung gemaess
+der Militairetat auf eine Periode von fuenf Jahren festgesetzt, welche im
+naechsten Jahr zu Ende geht; nach den Stimmen der Presse," fuhr er fort,
+"und nach dem, was ich hier und da ueber die Stimmung der Abgeordneten
+gehoert habe, scheint das Parlament, wenn ihm im naechsten Jahre das
+Kriegsbudget vorgelegt wird, sehr geneigt zu sein, wesentliche
+Reductionen zu beschliessen, welche gewissermassen einer theilweisen
+Entwaffnung gleich kommen wuerden. Wenn ich mich in der Beurtheilung der
+hiesigen Verhaeltnisse nicht taeusche," sprach er weiter, waehrend Graf
+Bismarck zuhoerte und von Zeit zu Zeit die Fingerspitzen an einander
+schlug,--"so beduerfen Sie, um das richtige Gleichgewicht zwischen der
+Regierung und dem Parlament zu erhalten, der Uebereinstimmung mit allen
+gemaessigten Nuancen der conservativen und liberalen Parteien. Wuerde es
+da nicht vielleicht ein gutes und willkommenes Auskunftsmittel sein, die
+Ruecksichten auf die inneren Verhaeltnisse und diejenigen auf die
+auswaertigen Beziehungen zu vereinen durch eine auf diplomatischer
+Uebereinkunft beruhende Armeereduction? Sie wuerden die europaeischen
+Maechte, England an der Spitze, verpflichten, die oeffentliche Meinung
+beruhigen und vielleicht einer Verlegenheit entgehen, welche immerhin
+erwachsen koennte, wenn im naechsten Jahr Ihr Parlament erhebliche
+Reductionen des Militairbudgets beschliessen sollte."
+
+"Diese Verlegenheit," sagte Graf Bismarck, "kann nicht eintreten, und
+die Ruecksicht, sie zu vermeiden, kann auf meine Beschluesse keinen
+Einfluss ueben."
+
+"So glauben Sie," sagte der Graf Benedetti, "der Zustimmung der
+Parlamentsmajoritaet fuer das Militairbudget auch im naechsten Jahr
+vollkommen sicher zu sein? Sie verzeihen," fuegte er hinzu, "dass ich ueber
+Ihre inneren Angelegenheiten mit Ihnen spreche; aber Sie wissen, wie
+sehr ich mich fuer dieselben interessire, und Sie haben mir frueher schon
+oefter erlaubt, mich durch die Unterhaltung mit Ihnen ueber diese
+Verhaeltnisse zu belehren."
+
+"Unsere inneren Angelegenheiten," erwiderte Graf Bismarck, artig den
+Kopf neigend, "liegen ja offen da, und es ist mir immer erfreulich und
+kann nur zu immer groesserer Klaerung meiner eigenen Anschauung dienen,
+mich mit Ihnen ueber dieselben zu unterhalten. Sie fragten also," fuhr er
+fort, "ob ich der Zustimmung des Parlaments zum bisherigen
+Militairbudget im naechsten Jahre sicher sei? Darauf kann ich Ihnen nur
+antworten: das weiss ich nicht, denn parlamentarische Majoritaeten sind
+Dinge, die sich nicht vorher berechnen lassen; doch mag dem sein, wie
+ihm wolle, eine Verlegenheit, wie Sie dieselbe vorher andeuteten, kann
+fuer mich nach dieser Richtung hin niemals entstehen. Wenn Sie unsere
+Verfassung genau studirt haben," sagte er mit einer kaum vernehmbaren
+Nuance von Ironie in seiner Stimme, "wie ich nach Ihren Bemerkungen
+voraussetze, so werden Sie gesehen haben, dass der Artikel 60--nach der
+Festsetzung der Friedensstaerke in der Armee bis zum 31. Dezember
+1871--weiter bestimmt, dass fuer die Zukunft die Effectivstaerke durch die
+Bundesgesetzgebung bestimmt werden soll. Wenn also, was ich nicht
+voraussetzen will, aber auch ebenso wenig fuer unmoeglich erklaeren kann,
+der Norddeutsche Reichstag im naechsten Jahre das von den verbuendeten
+Regierungen vorgelegte Militairbudget nicht annimmt, so ist eben ein
+neues Gesetz nicht zu Stande gekommen, und selbstverstaendlich gilt dann
+das bisher bestandene Gesetz so lange, bis frueher oder spaeter ueber das
+an seine Stelle zu setzende zwischen den Volksvertretern und den
+Regierungen eine Verstaendigung erzielt ist. Sie sehen also, dass ich um
+mein Militairbudget nicht in Verlegenheit kommen kann, und dass, wenn
+Diejenigen," fuegte er mit scharfer Betonung hinzu, indem seine
+Gesichtszuege ploetzlich einen sehr ernsten, fast strengen Ausdruck
+annahmen, "welche sich ausserhalb Deutschlands vielleicht veranlasst
+finden moechten, eine Verminderung der Waffenmacht zu wuenschen, die zur
+Vertheidigung Preussens und des Norddeutschen Bundes noethig ist, sich auf
+gewisse parlamentarische Abneigungen gegen die Bewilligung des
+Militairetats glauben stuetzen zu koennen,--dass sie in solchen
+Voraussetzungen ihre Rechnung--ohne die Bundesverfassung und ohne mich
+gemacht haben."
+
+Graf Benedetti verneigte sich.
+
+"Es ist mir erfreulich," sprach er, "Ihre Ansichten so bestimmt und klar
+ausgesprochen zu hoeren. Der ganze Gegenstand," fuhr er mit leichtem Ton
+fort, "ist ja eigentlich keine Frage zwischen uns, Frankreich und
+Preussen koennen ihre gegenseitige Staerke ohne jedes Misstrauen ansehen, es
+waere nur ein Entgegenkommen gewesen, welches wir gemeinsam den uebrigen
+Maechten haetten zeigen koennen--"
+
+"Welche aber ihrerseits," fiel Graf Bismarck ein, "ebenfalls
+fortfahren, unausgesetzt zu ruesten und zwar in weit groesserem Massstabe,
+als wir, wie ein Blick auf Oesterreich und auf Italien zeigt. Ich
+glaube, es ist besser, ein fuer alle Mal diese ganze Frage der Ruestungen
+uneroertert zu lassen und den Frieden wesentlich auf den guten Glauben
+und das Vertrauen zu stuetzen, welches die Regierungen einander
+entgegentragen. Sie koennen mir," fuhr er fort, "wahrlich den Vorwurf
+nicht machen, dass ich es an solchem Vertrauen fehlen lasse, und dass ich,
+wenn irgend Etwas vorkommt, was die guten Beziehungen nach irgend einer
+oder der anderen Richtung zu verwirren im Stande waere, nicht sogleich
+durch offenes Aussprechen die Gelegenheit zur Aufklaerung und zur
+Beseitigung der Missverstaendnisse gebe."
+
+Ein leichter Ausdruck verschaerfter Aufmerksamkeit wurde in dem Blick des
+Botschafters bemerkbar.
+
+"Ich freue mich," sagte er, "dass diese Beziehungen gegenseitiger
+Offenheit und Aufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Gerade dadurch ist
+es ja so oft schon moeglich gewesen, manche Wolke zu zerstreuen, welche
+die so guten und befriedigenden Verhaeltnisse zwischen beiden Regierungen
+haette trueben koennen. Gegenwaertig," sagte er mit leichtem Laecheln, "sind
+ja solche Wolken nach keiner Richtung hin vorhanden und--"
+
+"Ganz verschwinden sie niemals," fiel Graf Bismarck ein, "denn immer und
+immer wieder kommen von der einen oder der andern Seite her
+Mittheilungen, welche bei aengstlichen und misstrauischen Naturen, zu
+denen ich nicht gehoere," sagte er sich verneigend, "Bedenken und Sorgen
+hervorrufen koennten."
+
+Benedetti blickte ihn erstaunt und fragend an.
+
+"Schon vor laengerer Zeit," sagte Graf Bismarck in ruhigem und fast
+gleichgueltigem Ton, "habe ich Ihnen mitgetheilt, Herr von Usedom haette
+uns verschiedene Umstaende mitgetheilt, welche fast glauben lassen
+mussten, dass geheime Unterhandlungen zwischen Frankreich und Italien, bei
+welchen auch Oesterreich betheiligt sei, stattfaenden."
+
+"Ich habe damals Gelegenheit genommen," sagte Graf Benedetti schnell,
+"in Paris Erkundigungen einzuziehen und Ihnen die Versicherung gegeben,
+dass die Quelle, aus welcher Herr von Usedom jene Mittheilungen geschoepft
+hat, eine nicht zuverlaessige gewesen sein muesse--"
+
+"Herr von Usedom hat seine Quelle nicht angegeben," fiel Graf Bismarck
+ein.
+
+"Jedenfalls," sagte Graf Benedetti, "war er unrichtig berichtet oder
+durch den Schein getaeuscht und zu falschen Schluessen veranlasst worden."
+
+"Es sind nun," sprach Graf Bismarck weiter, "in neuester Zeit wiederholt
+Winke an mich gekommen, dass abermals eine sehr lebhafte Negociation
+zwischen den Hoefen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine
+Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu
+freundlichen Absichten haben koennte. Ich meinerseits," fuhr er fort,
+indem er Benedetti starr ansah und seine grosse Papierscheere mit der
+Hand rasch hin und her bewegte, "lege keinen besonderen Werth auf
+derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer
+Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb," sagte er mit Betonung,
+"weil ich eine Coalition niemals fuerchten wuerde, welche sich der
+nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht
+haette."
+
+"Ich werde sogleich," sagte Benedetti eifrig, "nach Paris schreiben und
+mir bestimmte Aufklaerung ueber diese Frage erbitten. Ich bin aber im
+Voraus fest ueberzeugt, dass die Geruechte, welche zu Ihnen gedrungen sind,
+jetzt ebenso wenig wie damals Begruendung haben, denn ich kenne zu genau
+den dringenden Wunsch des Kaisers, den europaeischen Frieden zu erhalten
+und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Koenige
+Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen."
+
+"Ich habe Sie nicht darueber interpelliren wollen, mein lieber
+Botschafter," sagte Graf Bismarck, "ich kam auf die Sache nur durch
+unser Gespraech und durch die Aeusserungen, welche Lord Loftus mir vorher
+gemacht hat. Denn wenn," fuhr er fort, "aehnliche Winke, wie sie an mich
+gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit
+solchen Winken die ganz besondere Thaetigkeit in Verbindung bringt,
+welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so wuerde in dieser
+Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von
+England aus so dringend wuenscht, neue und concrete Garantieen fuer die
+Erhaltung des europaeischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese
+Garantieen an falscher Stelle; doch," fuhr er abbrechend fort, "ich
+glaube, wir haben unsere Ideen ueber den Gegenstand ausgetauscht und
+stimmen nunmehr im Wesentlichen ueber denselben ueberein. Besser als durch
+die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle
+Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Geruechte
+beitragen koennen, wie ich sie mir so eben zu erwaehnen erlaubte."
+
+"Ganz gewiss," sagte Benedetti. "Es ist merkwuerdig," fuhr er dann fort,
+"wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte
+und ruhige Oberflaeche der europaeischen Politik kraeuseln. Sie erwaehnten
+so eben der Geruechte ueber geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz
+und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen beruehrt haben,
+so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, dass, wie man mir aus Paris
+ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen
+worden sind ueber einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den
+spanischen Thron zu bringen, einen Plan, ueber welchen wir ebenfalls
+frueher bereits gesprochen haben und welcher, wenn er wirklich bestehen
+sollte, ebenfalls geeignet waere, eine gewisse Beunruhigung
+hervorzurufen."
+
+Graf Bismarck sah den Botschafter gross und erstaunt an.
+
+"Ich habe neuerdings," sagte er, "Nichts wieder von dieser Idee gehoert,
+welche mir, wie ich Ihnen bereits frueher bemerkt habe, im Ganzen ein
+wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die
+Ansicht, dass die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr
+kurzer Dauer sein wuerde und dass sie ihn grossen Gefahren und Taeuschungen
+aussetzen muesste. Ich bin fest ueberzeugt, dass der Koenig, wenn die Sache
+jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewiss nicht den Rath geben
+wuerde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm
+denselben antragen sollten. Ich weiss auch, dass der Vater des Prinzen,
+der Fuerst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er weiss," fuegte er
+laechelnd hinzu, "durch die Erfahrung, die er mit dem Fuersten Karl von
+Rumaenien gemacht hat, dass die Souverainetaet zuweilen theuer werden
+kann."
+
+"Der Prinz Leopold," sagte Benedetti in gleichgueltig hingeworfenem Ton,
+indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, "wuerde
+ja auch uebrigens, selbst wenn ein Beschluss der Cortes ihm die spanische
+Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubniss
+des Koenigs annehmen koennen, da der Koenig als Chef des Hauses bei den
+Entschluessen des Prinzen die letzte Entscheidung hat."
+
+"Das ist nicht der Fall," sagte Graf Bismarck, "der Prinz wuerde in
+letzter Linie in seinen Entschluessen doch nur von seinem Vater abhaengen,
+und der Koenig wuerde sich gewiss enthalten, einen bestimmenden Einfluss
+ausueben zu wollen,--ganz gewiss aber wird er, wie ich wiederholen muss,
+nach meiner Ueberzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so
+gefaehrliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube uebrigens
+kaum," fuhr er fort, "dass man so bald zur Wahl eines Koenigs in Spanien
+gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwaertig die Macht in Haenden
+halten,--vielleicht Prim noch mehr als Serrano--werden kaum wuenschen,
+durch die definitive Wahl eines Koenigs dem gegenwaertigen Zustand, bei
+welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze
+Sache hat nach meiner Ueberzeugung gar keine practische Bedeutung. Man
+hat ja frueher schon," fuhr er im leichten, gleichgueltigen Ton fort, "den
+Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung
+gebracht, vielleicht waere dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und
+ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer
+zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein moechte. Aber alle
+diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen
+eigentlichen Bestand zu haben."
+
+"Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwaehnt," sagte Benedetti,
+"weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren,
+zu denen auch die vorhin von Ihnen erwaehnte oesterreichisch-italienische
+Negociation gehoert."
+
+Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann
+neigte er mit hoeflicher Zustimmung den Kopf.
+
+"Ich freue mich also von Neuem constatiren zu koennen," sagte Benedetti,
+indem er aufstand, "dass in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt
+existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgniss Veranlassung geben koennte,
+und man wird sich," fuegte er laechelnd hinzu, "in London wohl ueberzeugen,
+dass auch ohne Entwaffnung zwei grosse Maechte in Frieden und Freundschaft
+neben einander leben koennen."
+
+"Das bewaffnete Deutschland," sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti
+einige Schritte zur Thuer geleitete, "ist wenigstens fuer Niemand eine
+Drohung--als fuer Diejenigen, welche sich seiner naturgemaessen freien und
+nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen moechten."
+
+Benedetti verneigte sich, drueckte die dargebotene Hand des
+Minister-Praesidenten und ging hinaus.
+
+Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder.
+
+"Es ist etwas im Werk," sagte er,--"dieser englische
+Entwaffnungsvorschlag beweist, dass man in London der Ruhe nicht traut,
+man muss dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einfloessen,
+und diese erneuete Erwaehnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer
+Sache, die ich laengst vergessen habe und deren fluechtigem und
+voruebergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste
+Bedeutung beilegen mochte--diese Mittheilungen ueber die geheime
+Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft
+gegriffen sein koennen, --es scheint, dass da wieder irgend einer jener
+verborgenen Schachzuege im Werke ist, denen ich mich seit 1866
+unausgesetzt gegenueber befinde. Nun," sagte er, die Brust weit
+ausdehnend, "moegen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden
+diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr fuehren, als bisher. In
+Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschliessen, die einzige
+Stuetze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser
+Napoleon, der immer aelter wird, moechte mit jedem Jahre immer weniger
+geneigt sein, sich den gefaehrlichen Chancen eines Krieges auszusetzen,
+den wir, wenn er einmal entbrannt ist," fuegte er mit dem Ausdruck
+eiserner Entschlossenheit hinzu, "bis auf's Messer wuerden fuehren muessen.
+Freilich," sagte er dann nachsinnend, "je schwaecher und willenloser er
+wird, um so leichter moechte es vielleicht der kriegerischen Coterie
+werden, ihn in eine unueberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die
+Schwaeche des Alters koennte bei ihm zu demselben Resultat fuehren, das bei
+Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,"
+sagte er mit ruhigem Ton, "ich arbeite mit aller Macht daran, den
+Frieden zu erhalten--wenn es aber nicht moeglich sein sollte--wir sind
+geruestet und koennen jeder Eventualitaet mit dem ruhigen Bewusstsein
+entgegensehen, dass wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren
+zu begegnen. Leider, leider," sagte er nach einer Pause, "kann ich noch
+immer nicht dahin kommen, klar und genau zu uebersehen, was unter dieser
+glatten Oberflaeche der franzoesischen Politik in den Tiefen gebraut und
+vorbereitet wird,--wie traurig, dass man nicht ueberall selbst sein kann
+und dass man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden
+Ohren zu hoeren."
+
+Der Kammerdiener trat ein und ueberreichte dem Grafen ein Billet.
+
+"Ein Herr wuenscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er
+behauptet, dass Eure Excellenz ihn anhoeren wuerden, wenn Sie seinen Brief
+gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu ueberreichen."
+
+Graf Bismarck oeffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die
+wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentuemliches
+Laecheln um seine Lippen und er sagte:
+
+"Fuehren Sie den Herrn herein."
+
+"Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes," sprach er
+halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen
+war, "hat mir einen Brief des Marschall Prim zu uebergeben? Der Name ist
+mir vollkommen unbekannt,--es muss eine ganz besondere Angelegenheit
+sein, dass der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der
+spanischen Gesandtschaft wendet."--
+
+Die Thuer oeffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Hoeflichkeit, aber
+in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann
+entgegen, dessen regelmaessiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und
+schwarzen lebhaften Augen den Typus der Suedlaender trug.
+
+Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen
+versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks.
+
+"Der Marschall Prim," sagte er in franzoesischer Sprache, "hat mir den
+ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu
+ueberreichen."
+
+Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, liess
+einen fluechtigen Blick ueber das Siegel und die Aufschrift gleiten und
+deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.
+
+"Sie erlauben," sagte er, indem er sich niederliess,--er oeffnete das
+Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne dass in seinem Gesicht
+eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte.
+Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah
+einen Augenblick den ihm gegenueber sitzenden jungen Mann scharf an.
+
+"Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?"
+fragte er.
+
+"Der Marschall hat die Guete gehabt, mir denselben mitzutheilen,"
+erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. "Er hat geglaubt, in dieser
+delicaten Angelegenheit sich zunaechst ganz persoenlich an Eure Excellenz
+wenden zu muessen, um Ihre ebenfalls persoenliche Ansicht zu hoeren, bevor
+in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist
+ueberzeugt," fuhr er fort, waehrend Graf Bismarck ruhig und unbeweglich
+zuhoerte, "dass der Abschluss der Revolution, in welcher sich Spanien
+gegenwaertig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie
+moeglich ist und zwar unter einem Koenige, welcher durch jugendliche
+Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu ueberwinden im
+Stande ist und welcher zugleich durch seine persoenliche Stellung die
+Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit
+irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen
+Praetendenten zusammenhaengenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu
+stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fuersten, der alle
+diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von
+Hohenzollern zu finden und wuerde diese Combination um so lieber zur
+Ausfuehrung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er fuer
+Deutschland, fuer den Koenig Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie
+der Wunsch mit Preussen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen
+zu stehen, thatsaechlichen Ausdruck faende. Der Marschall glaubt, dass es
+leicht sein wuerde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen.
+Doch wuenscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht
+die Ueberzeugung gewonnen hat, dass Eure Excellenz diesen Plan billigen
+und dass der Koenig demselben seine Zustimmung geben wuerde."
+
+Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.
+
+"Es ist eine eigenthuemliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein
+Herr," sagte er dann. "Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des
+Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser
+Frage veranlassen, jedoch muss ich aufrichtig gestehen, dass ich um die
+Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll fuer meine Nation
+sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fuersten vertrauungsvoll
+die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indess wird es mir
+sehr schwer, darueber namentlich in dem gegenwaertigen Stadium der Sache
+irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunaechst wuerde doch der
+Entschluss und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie massgebend
+sein. So schmeichelhaft nun auch fuer diesen Prinzen ein solcher Auftrag
+sein muss, so werden Sie mir doch auch zugeben, dass er durch ein Eingehen
+auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere
+Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich moeglicher Weise grossen
+Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine
+Sache, und es wuerde unter Umstaenden darueber von Ihnen mit dem Prinzen
+direct verhandelt werden muessen."
+
+"Der Marschall wuenscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und
+des Koenigs Ansicht darueber zu wissen."
+
+"Was zunaechst die meinige betrifft, so muss ich Ihnen aufrichtig sagen,
+dass ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum
+beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter
+Charakter--wuerde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone
+Spaniens anzunehmen. So bin ich fest ueberzeugt, dass er von dem
+Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation
+identificiren und dass es sein aufrichtiges Bestreben sein wuerde, ganz
+und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen wuerde kaum auf die
+Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland,--von denen ich ebenso wie
+der Marschall wuensche, dass sie stets die freundschaftlichsten und besten
+bleiben moegen--irgend welchen Einfluss ueben koennen. Ich wuerde also auch
+kaum in der Lage mich befinden, als preussischer Minister dem Prinzen
+irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben--
+
+Wenn ich nun schon," fuhr er fort, "mir eine absolute Zurueckhaltung
+auflegen zu muessen glaube, so scheint es mir, dass Seine Majestaet der
+Koenig, mein allergnaedigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf
+die Entschluesse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine
+Majestaet ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses
+Hohenzollern, indess ist Prinz Leopold nicht preussischer Prinz und mit
+der koeniglichen Familie nicht verwandt, in rein persoenlichen
+Angelegenheiten wuerde also der Koenig zunaechst dem Prinzen und dessen
+Vater die voellig freie Entscheidung ueberlassen muessen. Wenn Seine
+Majestaet daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben wuerde,
+etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden
+spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestaet doch noch
+viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs-
+und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im
+Stande, im gegenwaertigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Koenige
+vorzulegen,--wuerde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den
+Prinzen durch eine spanische Autoritaet herantreten, so wuerde es immer
+die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschluesse
+Seiner Majestaet zu unterbreiten und des Koenigs Meinung darueber
+einzuholen."
+
+"Eure Excellenz," sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige
+und bestimmte Erklaerung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrueckt zu
+sein schien, "wuerden also der Idee des Marschalls persoenlich Nichts
+entgegen zu setzen haben?"
+
+"Wie koennte ich das!" erwiderte Graf Bismarck,--"es kann ja nur, wie
+ich wiederhole, ehrenvoll fuer Deutschland und fuer das Haus Hohenzollern
+sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem
+Koenig erwaehlt. Politische Gruende _dagegen_," fuhr er fort, "kann ich als
+preussischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls
+bestimmt wiederholen muss, mich irgend wie _dafuer_ auszusprechen im
+Stande bin. Doch bin ich," fuhr er fort, "dem Marschall sehr dankbar fuer
+das persoenliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner
+Idee zu beweisen die Guete gehabt hat."
+
+Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespraech nicht fuer
+beendet ansehen zu wollen.
+
+"Wuerden Eure Excellenz die Guete haben," sprach er, "Ihre Ansicht ueber
+die Sache--Ihre persoenliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines
+Schreibens mitzutheilen?"
+
+Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der
+vor ihm auf dem Tische lag.
+
+"Ich glaube," sagte er, "dass ich mich deutlich und klar ausgesprochen
+habe, und Sie werden gewiss die Guete haben, dem Marschall meine Worte zu
+wiederholen."
+
+"Ich glaube, Eurer Excellenz Erklaerung genau und richtig aufgefasst zu
+haben," erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, "doch bin ich ueberzeugt, dass
+der Marschall besonderen Werth darauf legen wuerde, meine Mittheilungen
+durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestaetigt zu
+sehen."
+
+Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach.
+
+"Sie werden begreifen," sagte er, "dass eine gewisse Schwierigkeit fuer
+mich darin liegt, mich ueber eine Angelegenheit, welche, wie ich zu
+bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preussens
+und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen,
+welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller
+Bedeutung beigelegt werden koennte. Jedenfalls muesste ich die Sache nach
+allen Richtungen hin noch sehr reiflich ueberlegen, bevor ich den Brief
+des Marschalls beantworten koennte, und ich muss gestehen, dass ich
+dringend wuensche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben,
+bis dieselbe etwa eine klar fassbare Gestalt annimmt und auf direct
+officiellem Wege an mich gelangt. Ich moechte unter diesen Umstaenden,"
+fuegte er artig hinzu, "Sie nicht zu einem laengeren Aufenthalt in Berlin
+veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden
+Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin ueberzeugt, dass der Marschall die
+Gruende vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen
+muessen, meine Antwort noch zurueckzuhalten, um so mehr, da bei den
+Beziehungen persoenlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls
+zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollstaendig die Stelle einer
+direkten Antwort ersetzen werden."
+
+Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, dass die
+Unterredung zu Ende sei.
+
+Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zuegen eine
+sichtbare Enttaeuschung bemerkbar wurde.
+
+"Ich bitte Sie nochmals," sagte Graf Bismarck, "dem Marschall den
+Ausdruck meiner Dankbarkeit fuer sein Vertrauen und die Versicherungen
+meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu ueberbringen. Ich habe
+mich herzlich gefreut," fuegte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, "bei
+dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben."
+
+"Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben," sagte Herr
+Salazar-y-Mazarredo, "dass ich Schritte thue, um mich ueber die
+persoenlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten."
+
+"Da der persoenliche Entschluss des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe,
+in erster Linie in Betracht kommt," sagte Graf Bismarck kalt und ruhig,
+"so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, dass Sie nach dieser
+Richtung hin sich informiren. Uebrigens," fuegte er hinzu, "wird es ganz
+und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Auftraege auszufuehren,
+welche der Marschall Ihnen gewiss auch in dieser Beziehung ertheilt hat."
+
+Herr Salazar-y-Mazarredo verliess mit tiefer Verbeugung das Cabinet.
+
+"Es ist also doch Etwas im Gange," sagte Graf Bismarck, indem er sich
+wieder vor seinen Schreibtisch setzte,--"aber was kann dieser Sache zu
+Grunde liegen--warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des
+Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Ruecken
+von Serrano und der uebrigen Regierung gemacht werden, Prim wuerde bei
+seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache
+einfaedeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu
+werden,--der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt," sagte
+er nachsinnend mit leiser Stimme--"die Candidatur des Herzogs von
+Montpensier muss dem Kaiser tief verhasst sein,--sie koennte ihm unter
+Umstaenden gefaehrlich werden;--sollte die erneuete Anregung dieser
+Combination damit zusammenhaengen?
+
+"Nun,"--rief er nach laengerem, schweigendem Nachdenken,--"einmal muss die
+grosse Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustaende doch
+ausbrechen,--und wenn ich sie mit noch so grosser Muehe und Vorsicht
+fortwaehrend wieder zu beschwoeren versuche!--Vielleicht waere es ein
+Glueck, wenn die Entscheidung bald kaeme,"--sagte er ernst,--"wenn sie
+kaeme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschaefte
+stehe,--denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschluessen und mit
+halben Mitteln operirt wird,--dann muss die Zukunft Deutschlands auf
+lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein.--Ich," rief er
+flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zuegen
+leuchtete--"ich wuerde nicht zurueckweichen, ich wuerde die Aufgabe
+erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf,--und--ich fuehle
+es,--ich wuerde siegen!
+
+"O," sagte er dann schmerzlich, "warum ist die Zukunft unserem Blick
+verborgen,--warum koennen wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen
+Schleiers lueften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt?
+
+"Wie viele ringende und kaempfende Geister," sagte er leise, die
+gefalteten Haende leise vor sich auf den Tisch stuetzend, "haben vor mir
+diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet,--wie viele werden sie
+nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten--das ewige
+Schweigen!
+
+"Und doch," sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem
+weichen Laecheln, das seinen festen strengen Zuegen einen eigenthuemlichen
+Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum fuer faehig gehalten
+haette, "doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so
+vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht
+gebracht hat--einfach, gross und erhaben wie Der, dessen Lippen sie
+zuerst sich entrang--Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!"
+
+Er neigte einen Augenblick das maechtige Haupt auf die Brust, dann erhob
+er sich, immer mit dem Ausdruck laechelnder Ruhe und Klarheit auf seinen
+Zuegen, nahm seinen Hut, stieg in den grossen Garten des auswaertigen Amtes
+hinab und ging mit grossen Schritten unter den hohen noch winterlich
+kahlen Baeumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich
+hinsprechend auf und nieder.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+
+In einem grossen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren
+dreissig bis vierzig von den hannoeverschen Emigranten versammelt, theils
+ganz junge Maenner, theils aeltere Leute, deren Mienen und Haltung man die
+gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite
+des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an
+welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Koenigs Georg,
+sass und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und
+Goldrollen lagen.
+
+Neben dem Major von Adelebsen sass der fruehere Lieutenant de Pottere, ein
+junger Mann mit dichtem, sorgfaeltig frisirtem Haar, welches tief in die
+auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit grossen, etwas starr
+blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der
+Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgueltig stereotypes Laecheln
+spielte.
+
+Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich
+und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von
+Adelebsen zu protocolliren.
+
+"Unterofficier Ruehlberg!" rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas
+unsicheren Blick seines Auges ueber die Emigranten hingleiten liess.
+
+In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran.
+
+"Ich habe Sie nunmehr aufzufordern," sagte Herr von Adelebsen, "zur
+Erklaerung darueber, was Sie ueber Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich
+mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie die Ihnen zustehende Pension von
+Seiner Majestaet erhalten koennen oder aber eine einmalige
+Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklaerung,
+wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen."
+
+"Ich bitte, mich ein fuer allemal abzufinden, Herr Major," erwiderte der
+Unterofficier, "ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier
+gehen, um dort unser Glueck in einer Colonie zu versuchen."
+
+"Sie wollen nach Algier gehen?" fragte Herr von Adelebsen ein
+wenig befremdet, "Sie wissen doch, dass Seine Majestaet eine
+Niederlassung in Algier nicht fuer zweckmaessig erachten koennen, und dass
+Allerhoechstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer
+Auswanderung nach Algier abzurathen."
+
+"Zu Befehl, Herr Major," erwiderte der Unterofficier, "Herr Minister von
+Muenchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich
+gerathen, nach Hannover zurueckzukehren, und," fuegte er mit einer
+gewissen Bitterkeit hinzu, "die Strafe, die man uns vielleicht dictiren
+wuerde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz ueberzeugt," fuhr er fort, "dass
+Seine Majestaet die besten Absichten mit uns hat, und dass Er nach den
+Berichten, die man ihm erstattet hat, ueberzeugt ist, dass eine Colonie in
+Algier uns keinen Vortheil bringen koenne. Aber ich muss Ihnen sagen, Herr
+Major, dass ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath
+zurueckzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestaet
+uns eine Amnestie wuerde verschaffen koennen, so waere es etwas Anderes.
+Unter diesen Umstaenden muss ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine
+Zukunft auf meine eigene Kraft zu gruenden; und ich bleibe daher bei
+meiner Erklaerung, dass ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte,
+mir die Abfindungssumme auszuzahlen."
+
+"Wenn aber doch Seine Majestaet," sagte der Lieutenant de Pottere mit
+einer etwas naeselnden Stimme, "eine solche Colonie nicht fuer zweckmaessig
+haelt--"
+
+"Der Herr Major," fiel der Unteroffizier ein, "haben uns gesagt, dass wir
+die voellig freie Entschliessung haetten, unsere Zukunft einzurichten, wie
+wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich ueberlegt und bleibe dabei,
+dass ich nach Algier gehen will. Vorzueglich," fuhr er fort, "moechte ich
+ein fuer allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und
+wird ja uebrigens Seiner Majestaet ganz gleichgueltig sein."
+
+"Es ist Seiner Majestaet gewiss nicht gleichgueltig," sagte Herr von
+Adelebsen mit sanfter Stimme, "wie sich die Zukunft seiner frueheren
+Soldaten gestaltet, und deshalb--"
+
+"Darf ich bitten, Herr Major," fiel der Unterofficier, sich in strammer
+Haltung aufrichtend, ein, "meine Erklaerung zu Protocoll nehmen zu
+lassen? Mein Entschluss steht unwiderruflich fest."
+
+Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser
+schrieb die Erklaerung des Unterofficiers nieder und der Major zaehlte die
+Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstuecken ab und haendigte sie
+dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter
+die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zuruecktrat.
+
+"Dragoner Cappei!" rief Herr von Adelebsen.
+
+Der junge Mann trat heran.
+
+"Ihre Erklaerung?" fragte Herr von Adelebsen.
+
+"Ich wuensche, nach Hannover zurueck zu gehen," sagte Cappei.
+
+"Sie sind militairpflichtig gewesen," sagte Herr von Adelebsen. "Haben
+Sie es sich ueberlegt, dass man Sie vielleicht bestrafen und in die
+preussische Armee einstellen wird? Es laege vielleicht, wenn Sie sich
+dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele
+andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu
+gehen--"
+
+"Ich danke, Herr Major," erwiderte Cappei ruhig, "ich bin entschlossen,
+zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath
+und zu meiner Familie zurueckkehren."
+
+Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere
+protocollirte seine Erklaerung und Cappei trat zurueck.
+
+Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen,
+Zwei oder Drei erklaerten, dass sie nach Amerika gehen wollten, alle
+Uebrigen sprachen den Entschluss aus, mit dem Unterofficier Ruehlberg
+nach Algier auszuwandern.
+
+"Ich muss Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen," sagte Herr von
+Adelebsen, "dass, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine
+Majestaet nicht glauben koenne, dass Sie in Algier Ihre kuenftige Wohlfahrt
+finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Huelfsmittel und ohne
+Unterstuetzung sein und es vielleicht bereuen, dass Sie sich zu einem
+solchen Entschluss haben beeinflussen lassen."
+
+"Niemand hat uns beeinflusst!" riefen Mehrere der Emigranten. "Wir haben
+selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns ueber die Colonie
+gesprochen haben, den Gedanken gefasst, wenn der Koenig uns nicht mehr
+erhalten koennte, uns in Algier eine Zukunft zu gruenden."
+
+"Ich muss aber ausdruecklich bemerken," sagte Herr von Adelebsen, "dass
+Seine Majestaet mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklaeren, dass
+Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine
+Unterstuetzung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es
+heisst, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhaeltnissen sich
+eine Existenz zu gruenden."
+
+"Wir werden im fremden Lande," rief der Unterofficier Ruehlberg, einen
+Schritt vortretend, "immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und
+That beistehen und Gefuehl fuer Leute haben, welche ihrem Koenig im Unglueck
+treu geblieben sind,--wir haben freilich nicht geglaubt, dass es so
+kommen wuerde, denn dann wuerden wir wohl kaum die Heimath verlassen
+haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben
+gemacht haben, so koennen Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird
+kuenftig die Unterstuetzung der Kasse Seiner Majestaet in Anspruch nehmen.
+Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns
+wenigstens die franzoesische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn
+wir ueber das weite Meer nach Amerika hinzoegen, wo wir ohne alle Huelfe
+sterben und verderben koennen."
+
+"In Amerika waeren wir freilich weiter fort," rief eine Stimme aus den
+Reihen, "und wenn wir Alle dort waeren, so waere man doch sicher, dass
+Niemand von uns der koeniglichen Kasse zur Last faellt."
+
+Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend,
+woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte
+seinen Schnurrbart und sagte:
+
+"Sie muessen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen."
+
+"Ich glaube, wir sind abgefunden," rief es aus den Reihen, "und haben
+hier nichts mehr zu thun, gehen wir."
+
+Und sich kurz umwendend, verliessen sie Alle das Zimmer, indem sie den
+Refrain des alten hannoeverschen Soldatenliedes anstimmten:
+
+ "Lustige Hannoveraner seien wir."
+
+Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und
+das uebrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in
+ihre Zimmer zurueck.
+
+"Nun Cappei," sagte der Unterofficier Ruehlberg zu dem jungen Dragoner,
+welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe
+hinabstieg, "wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit
+uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schoen es ist, wenn wir Alle
+zusammen bleiben und unser Dorf nach althannoeverscher Manier einrichten,
+da koennen wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und
+selbststaendiges Leben fuehren und an die alte Heimath zurueckdenken, wie
+sie frueher war."
+
+"Es thut mir leid, Euch zu verlassen," sagte Cappei,--"aber unsere Sache
+ist zu Ende, das alte Hannover ist fuer immer versunken. Was hilft es
+dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukaempfen--ich liebe meine Heimath,
+und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener
+Koenig, dieses oder jenes Gesetz herrschen."
+
+"Nun, geht hin," sagte der Unterofficier, "Ihr werdet es noch bereuen,
+aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute
+Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in
+dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier
+einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Praefecten dort, und
+das Comite, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafuer sorgen,
+dass wir von dort aus gut empfohlen werden. Tuechtige und rechtliche
+Leute, die arbeiten koennen, kann man ueberall brauchen, und wir werden
+unsern Weg schon machen."
+
+Die Emigranten zogen ueber den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen
+begegnenden Buergern freundlich begruesst, nach dem Restaurant hin, in
+welchem sie sich gewoehnlich zu versammeln pflegten.
+
+Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und
+schritt langsam dem Hause des Holzhaendlers Challier zu. Er ging ueber den
+grossen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in
+welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und
+eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den
+Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen.
+
+Der alte Herr Challier sass allein in seinem Lehnstuhl, die so eben
+ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt
+des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit
+herzlichem Gruss entgegen.
+
+"Alles ist abgemacht, Herr Challier," sagte Cappei in ziemlich reinem,
+aber im deutschen Accent anklingenden Franzoesisch, "die Legion ist
+aufgeloest, wir sind Alle frei und koennen hingehen, wohin wir wollen. Und
+alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit
+einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder
+zusammenfinden."
+
+"Das ist recht traurig," sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf
+schuettelnd. "So ist also die Sache Ihres Koenigs aufgegeben,--das thut
+mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie fuer sein
+Schicksal und fuer Sie Alle gehabt; und wir Buerger von St. Dizier nehmen
+gewiss ganz besondern Antheil an Allem, was den Koenig betrifft, seit er
+unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer
+Mitbuerger zu sein. Ich bin ein alter Bragars," sagte er, indem seine
+dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, "und ich haette mich von
+Herzen gefreut, wenn ich Sie haette ausziehen sehen koennen, um fuer Ihren
+Koenig und sein Recht zu fechten,--das Schicksal geht seinen eigenen
+Weg,--es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit
+ihnen," fuhr er fort, "und mir wird es in meinem Hause recht leer
+vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluss fest
+gehalten," fragte er, "nach Ihrem Vaterlande zurueckzukehren?--Ich wuerde
+mich kaum dazu entschliessen koennen," sagte er, "wenn ich mich in Ihre
+Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft
+alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat."
+
+Ernst erwiderte der junge Mann:
+
+"Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten fuer mich, Herr Challier, und
+doch kann ich nicht anders handeln.--Sie sind Franzose und wenn es
+moeglich waere, dass Ihr Vaterland ein Schicksal traefe wie das meinige, so
+wuerde Ihr Gefuehl natuerlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes,
+Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes grossen
+Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland fuer uns Alle ist. Wir
+Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbstaendigkeit, wir haben mit
+fester Treue an den Fuersten gehangen, die so lange ueber uns geherrscht
+haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer
+Selbststaendigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des
+Ganzen,--die neue Regierung, welche ueber uns herrscht, ist ja auch eine
+deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhaeltnissen.
+Sollen wir uns darum von dem grossen ganzen Vaterlande ausschliessen, weil
+wir nicht weiter leben koennen, wie wir es bisher gewohnt waren? Fuer das
+Recht unseres Koenigs konnten wir kaempfen, wenn der Koenig aber dies Recht
+aufgiebt, wie koennten wir in ungewoehnlichem Hass den andern Deutschen
+gegenueber stehen! Uebrigens," fuhr er fort, "werde ich vielleicht nicht
+immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhaeltnisse dort
+geordnet und meine Stellung klar gemacht habe,--und darueber," fuegte er
+etwas zoegernd hinzu, "moechte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich
+scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit vaeterlicher
+Guete aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rueckhalt meine Gedanken
+ueber die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht," sagte er
+seufzend, "so werde ich meine Plaene aendern und Hoffnungen aufgeben,
+welche mir die liebsten und schoensten sind."
+
+Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen
+Ton:
+
+"Sie wissen, mein junger Freund, dass mein Rath und meine Erfahrung, wenn
+ich Ihnen mit denselben nuetzen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen."
+
+Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem
+Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten
+Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine
+Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme:
+
+"Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen
+Fluechtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geoeffnet. Sie
+haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen,
+dass Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir
+gehoert, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine
+Vergangenheit war."
+
+"Ich habe Ihnen vertraut," erwiderte Herr Challier, "weil Sie
+hergekommen sind als der Diener eines edlen und ungluecklichen Fuersten.
+Man dient dem Unglueck nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz
+hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und
+rechtschaffenen Mann aufnimmt, und," fuegte er mit der den Franzosen so
+eigentuemlichen Hoeflichkeit des Herzens hinzu, "ich habe mich in meinem
+Urtheil und meinem Vertrauen nicht getaeuscht, denn nun Sie uns
+verlassen, fuehle ich, dass ein Freund von uns scheidet."
+
+"Ich gehe in mein Vaterland zurueck," erwiderte Cappei, "um so bald es
+mir moeglich ist, wieder vor Sie hintreten zu koennen, nicht mehr als der
+heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann,
+woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen,
+wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann,
+Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglueck
+abhaengt,--die Bitte," fuegte er mit zitternder Stimme hinzu, "mir das
+Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller
+Waerme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind--deren Glueck ich
+alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft oede
+und freudlos sein wuerde."
+
+Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehoert. Sein Auge ruhte
+einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann
+sprach er mit milder freundlicher Stimme:
+
+"Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, dass ich volles Vertrauen zu Ihnen
+habe, dass ich Sie fuer einen Ehrenmann halte,--daraus folgt, dass ich, was
+Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glueck meiner
+Tochter anzuvertrauen,--ich bin nicht reich," fuhr er fort, "aber ich
+habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die
+Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann faellt, eine sichere Existenz
+begruenden zu koennen. Ob Sie Vermoegen besitzen oder nicht, ist deshalb
+nicht entscheidend fuer die Beantwortung Ihrer Frage, aber," fuhr er
+fort, "die Grundlage einer sorgenfreien Existenz fuer die Zukunft meiner
+Tochter liegt in dem Geschaeft, das ich hier betreibe. Wuerde ich es
+verkaufen, so wuerde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repraesentiren,
+den es in der Hand eines geschickten und fleissigen Mannes hat. Deshalb
+habe ich stets den Wunsch gehegt, dass der Mann, den meine Tochter einst
+sich zum Gefaehrten ihres Lebens erwaehlt, mein Geschaeft fortsetzt. Ich
+fuehle es vollkommen," fuhr er fort, "was es heisst, sein Vaterland zu
+verlassen,--aber in Ihrer Heimath sind die Verhaeltnisse so veraendert,
+und die jetzigen Zustaende koennen Ihnen so wenig erfreulich sein, dass es
+vielleicht Ihren eigenen Wuenschen entsprechen koennte, hierher zurueck zu
+kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen
+und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht
+in unserer Mitte auch Ihre kuenftige Heimath begruenden koennen? Koennten
+Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfuellen, so wuerde ich kein
+Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen,
+vorausgesetzt, dass meine Tochter die Gefuehle theilt, welche Sie fuer sie
+hegen,--worueber Sie," fuegte er laechelnd hinzu, "vielleicht ein wenig
+unterrichtet sind."
+
+"Ich glaube," sagte Cappei mit leiser Stimme, "dass Fraeulein Luise mir
+nicht abgeneigt ist--"
+
+Die Thuer oeffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie
+hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit
+Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr
+frisches Gesicht war vom Gang leicht geroethet, ihre glaenzenden Augen
+richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den
+jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit
+anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuss dar und reichte dann Cappei mit
+freundlichem Gruss die Hand.
+
+"Du kommst eben recht," sagte Herr Challier, "um eine Frage zu
+beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete,
+und ueber welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien."
+
+Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres
+Geliebten,--sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte
+tief erroethend den Kopf auf die Brust nieder.
+
+"Herr Cappei," sagte der alte Herr, "hat mir soeben mitgetheilt, dass er,
+wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu
+uns zurueckkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es
+scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die
+Entscheidung darueber von Deiner Entschliessung abhaengig gemacht,--was
+wuerdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr
+auch an Dich richtetet?"
+
+Einen Augenblick blieb das junge Maedchen mit gesenktem Kopf stehen, ein
+fluechtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen
+Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite
+des jungen Mannes und sprach:
+
+"Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich
+verstehe nicht, meine Gefuehle zu verbergen,--moegen Andere es fuer
+schicklich halten, zu verhuellen, was ihr Herz bewegt,--ich sage offen,
+was ich empfinde,--ich liebe ihn," fuhr sie mit strahlenden Blicken
+fort, "mein Herz gehoert ihm und wird ihm ewig gehoeren. Und Du, mein
+Vater, weisst, dass ich meine Liebe keinem Unwuerdigen schenke."
+
+Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter.
+
+"Brav, mein Kind," sagte er, "das ist recht und tapfer gesprochen, und
+ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde
+Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen."
+
+Cappei breitete die Arme aus, das junge Maedchen sank an seine Brust und
+er drueckte seine Lippen auf ihr glaenzendes Haar.
+
+"Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurueck, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten
+und," fuegte er hinzu, "kommen Sie bald zurueck,--ich verlange nicht als
+unerlaessliche Bedingung, dass Sie Ihre kuenftige Heimath hier in unserm
+Frankreich waehlen; ein Mann muss am besten wissen, was er zu thun hat,
+und ein Weib muss dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muss es mir ja
+gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen,--das ist der Lauf der
+Natur, aber," fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme
+leicht zitterte, "Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie
+gluecklich es mich machen wuerde, zu denken, dass mein Kind einst an meinem
+Sterbebette stehen wird, und dass ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus
+ueberlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe
+von Generationen gelebt haben."
+
+Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres
+Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren grossen glaenzenden
+Augen fragend und bittend an.
+
+"Ich kehre zurueck," sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, "um meine
+Heimath da zu begruenden, wo ich das Glueck meines Herzens gefunden habe.
+Ich wuerde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muss in die
+Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermoegen
+zu sichern. Denn," fuegte er mit fester Stimme hinzu, "nicht dem
+heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen."
+
+Ein glueckliches Laecheln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er
+streckte seine beiden Haende aus,--die jungen Leute ergriffen sie und
+beugten sich zaertlich zu ihm herab.
+
+Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hoerten
+nicht, dass die Thuere sich oeffnete, und erst der Ton rascher Schritte
+liess sie aufblicken.
+
+Herr Vergier war eingetreten,--starr und bleich stand er in der Mitte
+des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen
+blickten mit unheimlich spaehendem Feuer auf die Gruppe vor ihm.
+
+Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob
+sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kraeftigem
+Haendedruck begruesste:
+
+"Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen
+vor allen Andern zuerst sagen, welches fuer meine Familie so wichtige
+Ereigniss hier so eben sich vollzogen hat."
+
+Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit
+hoehnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten,
+welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner
+Tochter mit.
+
+"Sie wissen," sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder,
+rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszuege vor heftiger Aufregung
+zuckten, "wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus
+betrifft,--aber die Gefuehle, welche mich bei der Mittheilung erfuellen,
+die Sie mir so eben gemacht, koennen nicht erfreulich sein," fuegte er mit
+bitterm Ton hinzu. "Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was
+Sie mir sagen, auf immer zerstoert worden sind. Fraeulein Luise," fuhr er
+mit brennendem Blick fort, "kannte diese Hoffnungen, sie hat mir
+dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir
+eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, dass sie nur eine so
+kurze Frist gebraucht hat, um sich ueber die Wahl ihres Herzens zu
+entscheiden."
+
+Muehsam nach Fassung ringend, stuetzte er sich auf die Lehne eines Stuhls.
+
+Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an.
+Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand.
+
+"Niemand ist Herr der Gefuehle seines Herzens," sagte sie--"Sie waren der
+Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund fuer mein kuenftiges Leben
+und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefuehle nicht erwidern konnte, die
+Sie mir entgegen trugen,--Sie werden das vergessen," fuegte sie
+freundlich hinzu,--"Sie werden gewiss, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen
+wuensche, bei einer andern Wahl mehr Glueck finden, als ich Ihnen haette
+bieten koennen."
+
+Herr Vergier hatte nur zoegernd die Hand des jungen Maedchens einen
+Augenblick ergriffen.
+
+"Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe," sagte er
+mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme,
+"welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's
+Herz, dass ich die Tochter meines Freundes, deren Glueck mir theuer ist,
+wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit
+diesem Preussen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage
+der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muss kommen,
+Jedermann in Frankreich fuehlt das, man hat schon mehrfach deutsche
+Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden," fuhr er
+immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine
+Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten--"schon
+sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, dass diese
+hannoeversche Legion, welche so ploetzlich auseinandergeht, nur der
+Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft ueber die inneren
+Verhaeltnisse unseres Landes zu erhalten.--Und wenn ich denken sollte,"
+rief er, seiner nicht mehr maechtig, indem ein leichter Schaum auf seine
+Lippen trat,--"dass meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand
+eines Feindes Frankreichs----"
+
+Eine helle Zornroethe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners
+auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer
+drohenden Bewegung erhob er die Hand--
+
+Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Haende, ihre Augen
+richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten.
+
+Dieser liess langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde
+ruhig, beinahe sanft und milde.
+
+"Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr," sagte er,
+"ich bin stoerend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich
+verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung,--ich muss Ihnen viel
+vergeben,--aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein
+Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,"
+fuhr er fort, "im Dienst meines Koenigs und als ein Feind jener Macht,
+welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies
+allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schuetzen,
+wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und
+Fraeulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug
+kennen, um zu glauben, dass auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als
+Legionair des Koenigs Georg hergekommen waere, ich doch unfaehig sein
+wuerde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu taeuschen.
+Wenn Sie ruhig darueber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit
+widerfahren lassen und," fuegte er mit offener Herzlichkeit hinzu, "ich
+hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Boeses
+gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie fuer Herrn Challier
+und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie ueberzeugt, dass
+ich Alles thun werde, um mich derselben wuerdig zu machen."
+
+Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten fuer seine Worte.
+
+Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung
+bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen
+Laecheln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand.
+
+"Verzeihen Sie mir," sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur
+einzeln und abgebrochen hervordrangen, "verzeihen Sie mir meine
+kraenkende Aeusserung. Mein augenblickliches Gefuehl riss mich hin,--ich bin
+Franzose und misstrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit
+und die Taeuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird
+die Zeit uns in Freundschaft zusammenfuehren."
+
+Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand.
+
+Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des
+Hannoveraners nicht und erschrocken liess dieser sie wieder los.
+
+"Erlauben Sie, dass ich mich zurueckziehe," sagte Herr Vergier, "ich passe
+in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft."
+
+Und mit einer fluechtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus.
+
+"Der Arme thut mir leid," sagte der alte Herr Challier, ihm
+nachblickend, "er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird
+sehr leiden--"
+
+"Ich haette ihn doch nicht lieben koennen," sagte Luise, indem sie mit
+leichtem Kopfschuetteln vor sich niederblickte. "Wenn mein Herz nicht
+gesprochen haette," fuegte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu,
+"wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben haette, so waeren
+wir Beide ungluecklich geworden."--
+
+Lange noch sassen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hoerte der
+alte Herr ihr Geplauder und ihre Plaene fuer die Zukunft an. Es wurde
+beschlossen, dass der junge Cappei schon am naechsten Morgen abreisen
+sollte.--
+
+Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluss.
+
+"Je schneller er fortgeht," sagte sie laechelnd, "um so schneller wird
+er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und
+dauernden Glueck kommen, das dann Nichts mehr stoeren wird."----
+
+Am spaeten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine
+Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit
+ihnen die letzten Augenblicke zu verleben.
+
+Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstrasse der
+Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der
+Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die
+Hannoveraner sassen hier um einen grossen Tisch--zahlreiche Freunde aus
+der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb
+gewordenen Gaesten zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt
+hatten.
+
+Auf dem Tische stand eine grosse Punschbowle, welcher jedoch heute nur
+sehr maessig zugesprochen wurde,--alle Gesichter waren ernst und oft
+stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die grossen
+Erschuetterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengefuehrt hatten,
+fuehlten, dass heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller
+Erinnerung im Herzen trugen, fuer immer abgeschlossen werde, dass das
+letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der
+alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloss, noch verband,
+nun fuer immer zerriss und dass sie nun als Fremde allein und vereinsamt
+hinaustreten muessten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre
+eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in muehevoller Arbeit.
+
+Der junge Cappei trat ein.--Traurig ueberblickte er diese Versammlung
+seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und froehlich beisammen
+gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich
+schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen.
+
+Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Ruehlberg.
+
+"Was koenntet Ihr Euch fuer eine schoene Zukunft machen," sagte dieser,
+indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte,--"wenn Ihr mit uns
+gingt,--Ihr seid noch jung und kraeftig,--geschickt zu aller Arbeit und
+habt mehr gelernt, als wir Alle,--Ihr wuerdet ein schoenes Vermoegen in
+Algier erwerben,--das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen
+wuerde,--von dem Ihr noch gar nicht einmal wisst, ob Ihr ihn
+erhaltet,--ich sage Euch noch einmal,--geht mit uns,--lasst die Phantasie
+im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt,--es hat noch nie zu
+etwas Gutem gefuehrt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf
+verdrehen lassen."
+
+"Ich bitte Euch, Ruehlberg," sagte Cappei sanft aber bestimmt--"lasst
+mich,--mein Entschluss ist gefasst,--versprecht mir," fuhr er abbrechend
+fort, "Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht--ich muss Euch
+sagen, dass ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe,--haette
+der _Koenig_ die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der franzoesischen
+Regierung, so waere es etwas Anderes gewesen,--aber so,--Ihr werdet
+vielleicht spaeter einsehen, dass es besser gewesen waere, gleich nach der
+Heimath zurueckzukehren.--Doch Jeder hat seinen Entschluss gefasst und muss
+ihm folgen."
+
+Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite.
+
+Es verging noch eine halbe Stunde,--dann zog der Unterofficier die Uhr
+und sagte tief aufathmend:
+
+"Es ist Zeit, Leute,--wir muessen aufbrechen!"
+
+Alle erhoben sich.
+
+Ruehlberg ergriff sein Glas.
+
+"Wir sind heute zum letzten Male beisammen," sprach er mit etwas
+unsicher klingender Stimme,--"und wir wollen auch dies letzte Mal von
+der alten Sitte hannoeverscher Soldaten nicht abweichen,--ein Glas auf
+das Wohl unseres Koenigs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah
+gethan,--das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen,
+heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser Koenig fuer uns
+gestorben--leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern
+Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath."
+
+Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue
+Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer,--mancher blinkende
+Thraenentropfen fiel in die Glaeser, welche die treuen Soehne
+Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der
+Vergangenheit dem Andenken ihres Koenigs weihten.
+
+Dann brach man auf.
+
+Jeder nahm sein kleines Gepaeck,--viel hatten sie nicht, diese armen
+Soldaten des Exils--und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln,
+leeren Strassen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten
+Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander
+und von ihren franzoesischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof
+eingefunden hatten,--auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und
+finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Haendedruecke
+der Scheidenden erwidernd.
+
+Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekraenzten Anhoehe ueber der
+Stadt her eine Glocke zu laeuten.
+
+Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester
+fuer einen aus dem Leben geschiedenen Buerger der Stadt zum Himmel
+sendeten.
+
+Die einfachen durch die Nacht her klingenden Toene ergriffen maechtig alle
+diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die
+Huete ab und sprachen ein stilles Gebet fuer die Seele des
+Gestorbenen,--auch die Hannoveraner falteten die Haende--Niemand wusste,
+welchem Todten dies Gelaeut galt,--aber auch ihnen starb ja heute fuer
+immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt
+hatten,--ihre Heimath und ihr Koenig.
+
+Der Zug brauste heran,--noch ein Haendedruck,--ein letztes
+Abschiedswort--und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche
+sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenfuehren sollten.
+
+--"Adieu--adieu--bonne chance!" toente es aus den Gruppen der Buerger von
+St. Dizier--Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur
+Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit
+feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin,--fast zog es den
+jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit
+dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu
+einem Leben voll Abenteuer und Gefahren--da trat das Bild Luisens mit
+ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele--rasch naeherte er
+sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Ruehlberg, der
+am Schlage sass, die Hand hin.
+
+"Gott befohlen!" sagte er mit erstickter Stimme,--"und--auf froehliches
+Wiedersehn!"
+
+"Das wird schon kommen," erwiderte der Unterofficier mit einem etwas
+gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen
+trachtete, "Ihr werdet zur Einsicht kommen--wir werden Euch einen Platz
+offen halten."
+
+Die Schaffner eilten an den Zug,--die Locomotive pfiff und langsam
+begannen die Raeder zu rollen.
+
+Noch einmal winkten die Zurueckblickenden mit den Haenden, mit leisem aber
+klar durch die naechtliche Stille dringenden Ton schallte das
+Sterbegloecklein von der alten Kirche herueber,--die Legionaire auf dem
+abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied:
+
+ "Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen--"
+
+aber die Toene erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der
+Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden
+Glockenton begleitet,--da klang das Lied, das sonst so froehlich in Lager
+und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten,
+den man zur letzten Ruhe hinausfuehrt.
+
+Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne
+verschwunden,--weithin verklang das Schnauben der Maschine und das
+Rollen der Raeder.
+
+Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurueck.
+
+In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich
+ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine
+Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine
+Augen schienen in gruenlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, waehrend
+seine Zuege von Grimm und Hass entstellt waren.
+
+Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das
+in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag.
+
+Einen Augenblick blieb er dort vor dem grossen geschlossenen Thor
+stehen,--er drueckte beide Haende an die Lippen und warf einen Kuss nach
+dem Hause hin.
+
+"Gute Nacht, meine suesse Geliebte," fluesterte er,--und schritt dann rasch
+weiter nach seiner in der Naehe des Marktplatzes belegenen Wohnung.
+
+Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Naehe des
+Challier'schen Hauses gekommen.
+
+Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in
+der Dunkelheit verschwand, nach.
+
+"Haette ich eine Waffe bei mir," fluesterte er mit zischender Stimme, "so
+koennte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes,--diesen
+Raeuber meiner Liebe vernichten!"
+
+--"Aber geh' nur hin," sagte er, die geballte Faust zum naechtlichen
+Himmel erhebend,--"es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den
+Stahl,--ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur
+hin,--Du sollst nicht hierher zurueckkehren auf den heiligen Boden
+Frankreichs,--den Du als Verraether betreten,--Du sollst nicht
+zurueckkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pfluecken und
+mir das Glueck meines Lebens zu stehlen."
+
+Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehassten Fremden nach,--dann
+wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.
+
+
+
+
+Viertes Capitel
+
+
+Die schoene Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball
+bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie sass in
+tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit
+welcher sie sich beschaeftigte, auf ihren Schooss, waehrend sie auf die
+noch winterlichen Baeume des Thiergartens hinausblickte.
+
+Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glueckliches
+Laecheln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten
+aus ihren Augen.
+
+Ihre Mutter liess keine Gelegenheit voruebergehen, um sie in trockner und
+wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es
+sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den
+ersten Finanzgroessen der Residenz gehoere, mit Nichts bedeutenden
+untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren
+von Stellung und Distinction zurueckweise. Ihre Mutter betrachtete das
+Alles nur als eine Frage der aeusseren Ruecksichten auf die Stellung des
+Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, dass sie sich nicht die
+entfernteste Moeglichkeit traeumen liesse, ihre Tochter koenne wirklich in
+einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen
+guten angenehmen Taenzer.
+
+Und Fraeulein Anna, hoerte alle muetterlichen Ermahnungen ruhig mit
+gleichgueltigem Laecheln an--sie wartete ihre Zeit ab und wusste, dass, wenn
+dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben wuerde, dem Zorn
+ihrer Mutter zu trotzen.
+
+Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft
+hatte er bei Tische erzaehlt, wie vortrefflich das Geschaeft sei, welches
+er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte
+seiner Frau, welche aufmerksam, mit grossem Interesse seinen
+Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein wuerde,
+welchen die Gesellschaft, welche er gegruendet, aus der auf den Guetern
+des Barons eingefuehrten Industrie ziehen muesse und um wieviel sich
+zugleich durch diese Combination das Vermoegens des Barons und das
+dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergroessern werde. Er hatte
+dabei die persoenliche Liebenswuerdigkeit des jungen Herrn von Rantow und
+seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders
+hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick
+auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte
+Fraeulein Anna ihn so kalt und streng zurueckweisend angesehen, hatte
+seine Bemerkungen mit einem so unverbruechlichen eisigen Schweigen
+aufgenommen, dass der alte Herr, welcher seine Tochter abgoettisch liebte
+und ihr gegenueber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen
+durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gespraechsthema uebergegangen war.
+
+Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee
+eingeladen worden. Man hatte dort einige aeltere Herren, Freunde des
+Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme
+Manieren hatten, und die Commerzienraethin hatte in diesen Kreisen noch
+steifer, noch wuerdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstoerbaren
+Laecheln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze
+sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten
+aristokratischen Grundsaetze aussprachen.
+
+Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gespraechiger als je
+gewesen, er hatte den Baron mehrere Male "mein verehrter Freund", einmal
+sogar "mein lieber Freund" genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen
+unter grosser Aufmerksamkeit der Zuhoerer entwickelt, er hatte von den
+Hunderttausenden erzaehlt, die er in diesem und in jenem Geschaeft
+engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine
+mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die
+Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen
+Chateau Lafitte zu probiren.
+
+Kurz Herr und Frau Cohnheim waren gluecklich und befriedigt ueber diese
+intime Soiree bei dem Baron.
+
+Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Fraeulein
+Anna gewidmet, ohne indess etwas Anderes erreichen zu koennen als einige
+hingeworfene, gleichgueltige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen.
+
+Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienraethin
+ihrer Tochter abermals eine Vorlesung ueber ihr abstossendes Benehmen
+gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als
+ein tiefes Schweigen ihrer Tochter.
+
+Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu
+unterstuetzen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge
+Herr von Rantow fuer eine gute Partie sei, und wie die Damen der hoechsten
+Aristokratie gluecklich sein wuerden, wenn seine Wahl auf sie fallen
+sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick
+seines Lieblings zurueckgezogen und seiner Frau allein die Sorge
+ueberlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem
+jungen Maedchen annehmbar zu machen.
+
+Fraeulein Anna hatte nach dieser Soiree eine schlaflose Nacht zugebracht,
+sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Buechenfeld Nichts
+wieder gehoert. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch
+gemacht zu einer Zeit, wo er gewiss war, Niemand zu Hause zu treffen;
+obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster sass und auf die
+lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den
+erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte.
+
+Sie sass nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das
+durch eine Haengelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr
+schoener Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gestuetzt und ihre
+aufgeloesten Haare fielen ueber den weissen Arm nieder, von welchem der
+weite Aermel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken
+war.
+
+"Er liebt mich," fluesterte sie leise vor sich hin,--"das hat mein Herz
+lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es
+wahr, denn fuer ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein
+Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,"
+fuhr sie fort, "warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken
+zwischen uns haette hinwegraeumen sollen, der uns gegenseitig unsere
+Herzen geoeffnet hat, Nichts mehr von sich hoeren lassen? Warum hat er
+einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wusste, dass er uns nicht
+finden konnte? Ich kann das nicht ertragen," rief sie, leicht mit dem
+zierlichen Fuss auf den Boden tretend, "diese unklare, peinliche Lage muss
+ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von
+Rantow,--es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde!
+Auch mein Vater scheint aehnliche Gedanken zu haben. Nun," sagte sie
+trotzig die Lippen aufwerfend--"das beunruhigt mich nicht, mein Vater
+wird mir gegenueber nicht den Tyrannen spielen,--aber ein Ende muss das
+nehmen, klar muss Alles werden! Doch wie," sprach sie sinnend, "was soll
+ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlaegen an mich
+herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht
+der Muehe werth haelt, sich mir zu naehern?"
+
+Sie sann lange nach.
+
+"Sollte ich ihn gekraenkt haben," fluesterte sie leise--"er ist
+empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein," rief sie dann, "ich
+erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte
+sprachen deutlicher vielleicht, als ich es haette thun sollen, meine
+Liebe zu ihm aus. Nein," rief sie, "er kann nicht zweifeln, dass mein
+Herz ihm gehoert. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn,
+der ihn von mir zurueckhaelt. Und hat er," fuhr sie fort, indem ihre Augen
+sanft und weich vor sich hinblickten, "hat er nicht Recht, so stolz zu
+sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch
+fuehlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade," rief sie
+leidenschaftlich, "darum liebe ich ihn--aber soll ich ihn verlieren,
+weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht fuer
+immer von mir gehen lassen--es klang wie ein Abschied in seinen letzten
+Worten. Fuerchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu
+zu werden? Ich muss ihn sehen," sagte sie aufspringend, "ich muss ihn
+sprechen, ich muss mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und
+laut das Gefuehl meines Herzens bekennen. Oh," sagte sie, sich hoch
+aufrichtend, "diesem Baron von Rantow gegenueber und all den Herren
+gegenueber, die mich umschwaermen, die da glauben, dass sie gestuetzt auf
+ihre grossen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken duerfen, um
+mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein grosses Vermoegen zu
+erwerben,--ihnen gegenueber fuehle ich den Stolz einer Koenigin in mir, es
+reizt mich, ihnen zu zeigen, dass ich mich hoeher achte, als sie Alle.
+Aber ihm gegenueber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen
+Herzen gegenueber will ich demuethig sein. Er soll sehen, wie ich Alles,
+was ich ihm bieten kann, fuer Nichts achte und wie ich gluecklich bin, dass
+er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu
+verlassen, ihm gegenueber will ich keinen Stolz haben, und so will ich
+ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben."
+
+Sie oeffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen
+Bogen goldgeraendertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig,
+waehrend ihre Wangen sich mit dunklem Purpur faerbten, einige Zeilen.
+
+Dann las sie dieselben durch.
+
+"Es ist etwas Ungewoehnliches, was ich da thue," sagte sie, "jedem
+andern Manne gegenueber wuerde es eine Selbsterniedrigung sein--aber er
+wird mich verstehen, er wird fuehlen, dass er kein Recht mehr hat, seinem
+stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich
+mich so in seine Haende gebe."
+
+Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloss ihn in eine
+Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.
+
+"Es wird Licht werden," sagte sie dann, "ich werde den Brief zur Post
+tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner
+Bitte folgen."
+
+Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie
+sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer
+und gestalteten sich zu schoenen und lieblichen Traeumen kuenftigen
+Glueckes.
+
+ * * * * *
+
+Der Lieutenant von Buechenfeld hatte seit seiner Erklaerung mit Fraeulein
+Cohnheim viel mit sich selbst gekaempft. Er war nach einer ziemlich
+einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in
+Berlin zum ersten Mal in die groessern Kreise der Welt eingetreten, und
+die Liebe zu dem jungen Maedchen hatte mit uebermaechtiger Kraft sein tief
+empfindendes, in sich selbst zurueckgezogenes Herz erfuellt, ein ganz
+neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen
+von dem tiefen Gefuehl, das ihn erfuellte. Die starren Begriffe von Ehre
+und maennlicher Wuerde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt,
+kaempften gegen diese Liebe an, und sein Blut empoerte sich bei dem
+Gedanken, dass man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen
+Commerzienraths materielle Motive unterlegen koennte, sein Stolz baeumte
+sich auf, wenn er sich die Moeglichkeit dachte, dass er kalt und
+hochmuethig zurueckgewiesen werden koennte, und selbst wenn es ihm gelingen
+wuerde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken
+zurueck, seine Lebensstellung auf das Vermoegen seiner Frau zu begruenden.
+
+Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefuehlen hinreissen lassen, er
+war dem jungen Maedchen naeher und naeher getreten, endlich aber hatte er
+mit dem festen Entschluss sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen
+sie aussprechen wollen, um zugleich fuer immer von ihr Abschied zu
+nehmen.
+
+Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geoeffnet, er hatte
+mit Entzuecken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, dass seine Gefuehle
+so stark und so warm erwiedert wuerden.
+
+Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glueckes ihn geblendet, aber
+am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm maechtig geworden, er hatte
+den festen Entschluss gefasst, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf
+seine eigene Kraft seine Zukunft zu begruenden, und er wollte, um den
+Kampf siegreich zu bestehen, Fraeulein Cohnheim nicht wiedersehen, so
+lange sein Commando in Berlin noch dauerte.
+
+Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die
+geliebten Zuege zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren,
+aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurueck und vermied
+sorgfaeltig alle Kreise, in denen er Fraeulein Cohnheim haette begegnen
+koennen. Nur am spaeten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen
+Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die
+Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange
+stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Traeumerei
+versunken, aber sein Entschluss blieb fest, am Tage betrat er niemals die
+Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum naechtlichen
+Himmel sandte.
+
+Er wurde in seiner stolzen Zurueckhaltung noch bestaerkt durch die
+Bemerkungen, welche sein Vater ihm ueber sein Gespraech mit dem Baron von
+Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen
+Sohn darueber geaeussert, dass sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus
+bester Familie sich zu industriellen Geschaeften mit dem Commerzienrath
+associirt habe, und dass er, wie es schien, sogar die Idee nicht als
+unmoeglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch
+immer weiter zu vermehrenden Vermoegen durch eine Heirath seines Sohnes
+mit dem Fraeulein Cohnheim mit einander zu verbinden.
+
+Mit traurig bitterm Laecheln hatte der junge Mann den unwilligen Worten
+seines Vaters zugehoert.
+
+Der alte Herr hatte in diesem Laecheln eine Zustimmung zu seinem so
+missfaelligen Urtheil ueber die moderne Handlungsweise seines Freundes zu
+finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut
+ausgerufen:
+
+"Wir wuerden so Etwas nicht thun, die Buechenfelds moegen kein so vornehmes
+und kein so beguetertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow,
+aber mit den Boersenspeculanten wuerden wir weder unsere Geschaefte, noch
+unser Blut vermischen."
+
+Unbeschreibliche Gefuehle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen
+Worten seines Vaters zusammengeschnuert, ohne zu antworten, war er
+aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.
+
+Einige Tage spaeter hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem
+Herrn von Rantow in hoechster Entruestung mitgetheilt, dass nicht nur das
+Geschaeft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen
+Ausbeutung der Rantow'schen Erbgueter beschlossen sei, sondern dass er nun
+auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Fraeulein Cohnheim zu
+seinem tiefen Schmerz als gewiss ansaehe.
+
+Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschluss des jungen
+Mannes geworden, das junge Maedchen nicht wieder zu sehen, der alle
+Regungen seines Herzens gehoerten und welche doch von ihm durch alle
+Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhaeltnisse der Welt
+zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind.
+
+Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft,--er suchte durch
+die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen
+durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller
+Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thaetigkeit fuer
+eine grosse und wirkungsvolle Carriere vorzubereiten. Er wollte durch den
+Ehrgeiz die Liebe toedten, denn einer grossen und maechtigen, Alles
+beherrschenden Regung bedurfte er fuer sein inneres Leben, dem das
+gleichgueltige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht genuegte.
+
+An dem Tage, an dessen Vorabend Fraeulein Anna in naechtlicher Stille den
+Entschluss gefasst hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden
+Loesung zuzufuehren, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der
+Kriegsschule zurueckgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in
+welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein
+Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen
+Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte,
+welches der alte Herr fuer sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen
+kleinen Hotel holen liess.
+
+"Du siehst bleich aus," sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit
+sorgenvoller Theilnahme ansah, "ich fuerchte, Du arbeitest zu viel. Es
+ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tuechtiges lernt, aber man darf
+darum kein Kopfhaenger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast
+jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr--Du darfst
+Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit," sagte er, sich den
+Schnurrbart streichend, "waren wir jungen Officiere anders, wenn es
+keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus
+und machten froehliche Streifzuege durch Wald und Feld. Damals haetten wir
+es nicht fuer die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Buechern zu
+sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student."
+
+"Sei ruhig, lieber Vater," sagte der Lieutenant mit einem etwas
+gezwungenen Laecheln, "ich werde gewiss nicht ueber meine Kraefte arbeiten;
+wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, dass ich
+keine Freude in dem hiesigen weitlaeufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn
+ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden,
+unter den alt gewohnten Verhaeltnissen, so wird es anders werden."
+
+"Nun," sagte der alte Oberstlieutenant, seinem frueheren Gedankengang
+folgend, "es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier
+heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man muss heute
+die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm fuehren. Das ist
+Alles ganz gut, aber zum Kopfhaenger darf darum der Soldat doch nicht
+werden.--Dass Dir uebrigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht
+gefaellt," fuhr er fort, "verstehe ich, und dass Du gluecklicher in den
+einfachen Verhaeltnissen Deiner kleinen Garnison bist--freilich," sagte
+er dann wehmuethig seufzend, "wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz
+allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters--Ihr marschirt in die
+Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da koennen ja unsere Wege
+nicht zusammenlaufen."
+
+Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenueber Platz, und der
+alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und
+duenne Bouillon.
+
+Der Oberstlieutenant fuellte die Weinglaeser fuer sich und seinen Sohn aus
+einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stiess mit dem
+Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den kuenftigen
+Feldmarschallstab an. Waehrend der junge Mann schweigend seinem Vater
+zuhoerte, welcher von alten Zeiten erzaehlte und manche schon oft
+wiederholte Geschichte noch einmal ausfuehrlich vortrug, hoerte man ein
+starkes Klingeln an der aeussern Eingangsthuer der kleinen einfachen
+Wohnung.
+
+Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit
+einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurueck.
+
+"Ein Brief fuer den Herrn Lieutenant," sagte er, indem er in
+dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann ueberreichte.
+
+Dieser nahm es mit gleichgueltiger Miene, oeffnete es, und liess die Augen
+ueber den Inhalt gleiten. Eine dunkle Roethe flog ueber sein Gesicht, mit
+starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jaehen Schreckens las er
+die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen
+Schooss herab, indem seine Augen fortwaehrend unbeweglich auf den Worten
+ruhten, die er so eben gelesen.
+
+"Mein Gott," rief der alte Oberstlieutenant unruhig, "was ist das? Du
+hast doch keine boese Nachricht bekommen--doch nicht etwa eine
+Ehrensache?"
+
+Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu
+gewinnen.
+
+"Es ist Nichts," sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine
+Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Muehe die Worte
+hervorbrachte, "ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu
+verbringen."
+
+"Aber Du bist doch so erschrocken," sagte der alte Herr forschend, "Du
+bist ja ganz roth geworden, Du zitterst."
+
+"Ich habe den ganzen Vormittag ueber Nichts gegessen," sagte der
+Lieutenant, "die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig
+echauffirt,--es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein
+leichter Schwindel, der bereits vorueber ist."--
+
+Der alte Herr sah ihn ein wenig enttaeuscht an.
+
+Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit
+einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzaehlungen einzugehen,
+Erinnerungen anzuregen, von denen er wusste, dass sie seinem Vater lieb
+waeren, so dass dieser bald den kleinen Vorfall vergass und in aeusserst
+zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen liess,
+sehr vergnuegt darueber, dass sein Sohn so lebendig wie lange nicht an
+seinen Gespraechen Theil nahm.
+
+Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgeraeumt
+war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen grossen altmodischen
+Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer
+sprechend mit seinem Sohn, deckte ein grosses seidenes Tuch ueber seinen
+Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute
+tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern
+die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Wuerden
+und Auszeichnungen geschmueckt den Namen derer von Buechenfeld zu immer
+hoehern Ehren brachte.
+
+Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein
+kleines Zimmer zurueck, setzte sich vor seinen grossen Tisch von weissem
+Holz, der mit Buechern, Plaenen und Karten bedeckt war, zog das kleine
+Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die
+Lectuere desselben.
+
+"Mein Gott," sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton,
+"mein Entschluss stand so fest, ich glaubte Alles ueberwunden, ich glaubte
+mit der Vergangenheit und all ihren suessen Lockungen abgeschlossen zu
+haben,--da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschluesse
+wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel
+versenkt--
+
+"Mein lieber Freund."
+
+Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet.
+
+"Nach unserm letzten Gespraech glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu
+sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhaeltnisse machen
+eine Erklaerung zwischen uns nothwendig. Ich muss Sie sehen und
+sprechen,--gehen Sie heute Nachmittag fuenf Uhr in der Naehe unseres
+Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen
+dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht
+und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen."
+
+"Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen," sagte er, immerfort sinnend
+das Papier betrachtend,--"ein einfaches A. ist die Unterschrift.--Ich
+habe niemals Anna's Handschrift gesehen," fuhr er fort, "aber es ist
+kein Zweifel, dieser Brief muss von ihr kommen. Was kann sie mir sagen
+wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit
+dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein--nach ihren letzten Worten
+freilich," sagte er, den Kopf in die Hand stuetzend, "musste ich glauben,
+dass ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht
+annehmen, sie gab mir Hoffnung,--oh, eine so suesse Hoffnung, welche ich
+mit so schwerer Ueberwindung aus meinem Herzen gerissen habe.
+
+Waere es moeglich"--ein Schimmer von Glueck und Freude erleuchtete sein
+Gesicht, in einer unwillkuerlichen Bewegung hob er das Papier empor,
+drueckte seine Lippen auf die Schriftzuege, dann sprang er auf und ging in
+heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder.--
+
+"Sei es, was es will," rief er, "es waere unritterlich und feige, der
+Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt
+habe, dass ich sie liebe--und welche dieses Gestaendniss so guetig und
+freundlich aufgenommen, wie sie es gethan.--
+
+Aber," fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, "wenn
+sie mir sagen will, dass Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden
+will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen?
+
+Nun," fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort,
+"auch das waere ein Zeichen, dass ich mich nicht in ihr getaeuscht habe,
+ein Zeichen, dass sie meiner Liebe werth war, und dass sie es auch
+verdient, dass ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glueck opfere.
+Jedenfalls muss ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird
+ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser
+schoene Traum wird einen um so schoenern Abschluss finden, und," sagte er
+leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glueck die
+Mitte hielt, "sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen
+meine Liebe sich erneuern--ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das
+waere ein Misstrauen auf die eigene Kraft,--ich muss hingehen und werde
+stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhaengnissvolle
+Augenblick mir bringen kann."
+
+Er blickte auf seine Uhr.
+
+"Noch ueber eine Stunde," sagte er,--"dass doch die Zeit oft so langsam
+vergeht, wenn man ihr Fluegel wuenscht und so rasch dahin schwindet, wenn
+man sie fesseln moechte."
+
+Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht
+bei seiner Lectuere, in kurzen Zwischenraeumen sah er nach der Uhr, deren
+Zeiger kaum vorzuruecken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin
+und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief blass, bald
+gluehend roth; ein leichter Schweiss perlte an der Wurzel seiner Haare;
+und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben,
+fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter
+Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefuehle und Gedanken bei aeusserer
+Unthaetigkeit stets hervorruft und welcher bei kraeftigen und nervoesen
+Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unertraeglichsten
+Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequaelte Menschenleben
+so reich ist.
+
+Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte
+die Muetze auf und verliess, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu
+betreten, das Haus.
+
+ * * * * *
+
+Fraeulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag
+verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um
+zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen.
+Sie war ueberhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen
+Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus ueberlegener
+Gleichgueltigkeit, ihr Vater aus Zaertlichkeit selten ein Hinderniss in den
+Weg gelegt hatten.
+
+Noch einmal hatte sie sich Alles ueberdacht, was sie dem jungen Manne
+sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick
+entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen wuerden. Es war ja unmoeglich,
+dass sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen koennte, da sie doch wusste,
+dass sein Herz ihr gehoerte.
+
+Mit bangem Zittern, aber mit einem gluecklichen, hoffnungsvollen Laecheln
+auf den Lippen verliess sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre
+Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer
+Eltern auf- und abzugehen, wie sie es oefter um diese Zeit zu thun
+pflegte um frische Luft zu schoepfen.
+
+Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all
+den alten Damen mit kleinen Huendchen in zierlichen blauen oder rothen
+Maenteln, unter all den Herren, welche in dem regelmaessig abgemessenen
+Spaziergang Erholung fuer die im Staub der Bureaus aller Arten
+verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem
+ihr Herz entgegenflog.
+
+Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter.
+
+"Guten Tag, Fraeulein Anna," ertoente ploetzlich eine Stimme unmittelbar
+neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow,
+welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit
+einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit
+eines alten Bekannten begruesste, welche sie um so unangenehmer beruehrte,
+als ihr diese Begegnung gerade im gegenwaertigen Augenblick ungemein
+unerwuenscht war.
+
+Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruss des jungen
+Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.
+
+Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.
+
+"Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich
+gesucht, mein gnaediges Fraeulein," sagte er, "in denen ich Ihnen sonst zu
+begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre
+bluehende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen
+bluehen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und
+Leiden keinen Platz finden," fuegte er mit hoeflich gleichgueltigem Ton
+hinzu, indem sein Blick oberflaechlich ueber das Gesicht und die Gestalt
+des jungen Maedchen hinglitt.
+
+"Ich danke, Herr von Rantow," sagte Anna mit dem Ton einer gewissen
+Verlegenheit, "ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervoes
+verstimmt,--deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und moechte
+jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um _einsam_ meinen
+Gedanken nachzuhaengen."
+
+"Das sollten Sie nicht thun," erwiderte Herr von Rantow, ohne den
+ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr
+in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. "Die Einsamkeit ist kein
+Heilmittel fuer angegriffene Nerven, eine heitere gemuethliche Plauderei
+leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu
+sein."
+
+"Sie sind zu guetig," erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, "Jeder muss
+am besten wissen, was seiner Natur bei nervoesen Verstimmungen gut thut,
+und fuer mich ist ein _einsamer_ Spaziergang in der freien Luft," fuegte
+sie mit noch schaerferer Betonung hinzu, "das beste Heilmittel."
+
+"Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten," erwiderte Herr von Rantow mit
+einem leichten Laecheln, waehrend er durch sein Glas in eine Seitenallee
+hinabsah, "meine Begleitung nicht weiter aufdraengen, und doch wird es
+mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein
+sein zu wollen--"
+
+"Mein voller Ernst," rief Anna schnell, indem eine dunkle Roethe ihr
+Gesicht ueberflog,--sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von
+Buechenfeld bemerkt und machte eine unwillkuerliche Bewegung, als wolle
+sie ihm entgegen eilen.
+
+Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung
+ihres Blickes.
+
+"Ah, da ist Herr von Buechenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch
+ein Einsamer," fuegte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge
+Maedchen hinzu. "Waere die Einsamkeit ein Ding, das man theilen koennte, so
+wuerde ich vorschlagen, dass wir uns zu Dreien ihrem Genuss hingeben."
+
+Anna hoerte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den
+jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren
+Zuegen, unschluessig hielt sie ihre Schritte an, so dass sie fast neben
+Herrn von Rantow stehen blieb.
+
+Der Lieutenant von Buechenfeld hatte bei ihrem Anblick zunaechst in
+freudiger Bewegung einen Schritt vorwaerts gemacht, dann bemerkte er den
+jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gespraech
+neben Fraeulein Anna herging.
+
+Eine tiefe Blaesse bedeckte ploetzlich seine Zuege, seine Augen oeffneten
+sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen
+blieb,--ein bitteres hoehnisches Laecheln verzog seine fest verschlossenen
+Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine
+Brust, schnell wandte er sich seitwaerts, und mit raschen Schritten ging
+er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Hoeflichkeit Fraeulein
+Cohnheim militairisch gruessend.
+
+Das junge Maedchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten
+sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorueberschreitenden jungen
+Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei,
+rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle
+sie die Haende ausstrecken.
+
+"Um Gottes Willen Herr von Buechenfeld!" rief sie.
+
+Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepresst,
+dass ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr
+stehenden Herrn von Rantow drangen. Im hoeflichen Diensteifer wandte sich
+dieser um.
+
+"Buechenfeld!" rief er, "so hoere doch,--wie unhoeflich, so vorbei zu
+laufen,--Fraeulein Cohnheim ruft Dich."
+
+Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm
+und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes
+hoehnische, bittere Laecheln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von
+Rantow gefuehrt, zu dem jungen Maedchen zurueck, das ihn zitternd
+erwartete.
+
+"Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Buechenfeld," stammelte
+sie mit unsicherm Ton, "ich wollte Ihnen sagen,--dass--" sie blickte auf
+Herrn von Rantow, der mit einem artigen Laecheln auf den Lippen neben ihr
+stand, und dann schlug sie die Augen nieder,--sie schien nach Worten zu
+suchen, zornig biss sie ihre glaenzenden Zaehne auf die Lippen und trat
+heftig mit dem Fuss auf den Boden.
+
+"Es ist sehr freundlich, dass Sie sich meiner erinnern," sagte der
+Lieutenant von Buechenfeld mit kalter, schneidender Hoeflichkeit. "Ich
+bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen
+Bedauern muss ich aber um Verzeihung bitten, dass ich mich keinen
+Augenblick aufhalten kann,--der unerbittliche Dienst ruft mich."
+
+Er gruesste militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow,
+und eilte dann mit schnellen Schritten davon.
+
+Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm
+nacheilen, doch das waere vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer
+schnellerem Gang, sie--sah ihm mit brennendem Blick nach.
+
+Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht.
+
+"Ich begreife nicht," sagte Herr von Rantow, "was er haben kann, er sah
+ja ganz verstoert aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt
+haben?"
+
+Fraeulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern
+zeigte sich ein feuchter Thraenenschimmer.
+
+"Ich bedaure sehr, Herr von Rantow," sagte sie mit kaltem Ton, "dass ich
+nicht laenger das Vergnuegen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft
+greift mich an, ich will nach Hause zurueckkehren."
+
+Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem
+leichten Gruss abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu.
+
+"Wir gehen denselben Weg," sagte er ganz erstaunt, "ich will so eben zu
+meinen Eltern."
+
+Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hoeren. Erstaunt
+blickte er ihr nach.
+
+"Was geht denn da vor!" sprach er kopfschuettelnd vor sich hin. "Sollte
+da eine ernste Herzensangelegenheit spielen,--das wuerde mir nicht zu
+meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das
+Alles fuegt sich so vortrefflich,--nun, ich glaube kaum, dass es ein
+ernstes Hinderniss sein wird," sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart
+streichend, "dieser Buechenfeld mit seinen altfraenkischen Anschauungen
+wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird
+auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der
+Nichts weiter besitzt als seinen Degen."
+
+Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Maedchen nach und trat
+einige Zeit spaeter als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen
+Parterre seine Eltern bewohnten.
+
+Der Lieutenant von Buechenfeld war in schmerzlicher Erregung dem
+Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum
+die Voruebergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken
+beschaeftigt.
+
+"Das also ist es gewesen," fluesterte er, "sie hat mir zeigen wollen, dass
+Alles zwischen uns aus sein soll, dass Alles fuer sie nur das fluechtige
+Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen,
+aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl
+das kuenftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklaert.
+Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie
+wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen,
+der das Glueck besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte.--
+
+"Das Glueck?" sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug,--"kann es
+ein Glueck geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den
+edelsten Gefuehlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich
+weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag,--und sie
+haette es ja nicht noethig gehabt," sprach er, grimmig die Lippen auf
+einander pressend, "sie haette es nicht noethig gehabt, mir so meinen
+Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht
+verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurueckgezogen. Warum hat
+sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich
+mich in ihr getaeuscht! Wie Recht hatte mein Vater, dass in diesen Kreisen
+der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefuehl giebt."
+
+Er sah sich ploetzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annaeherung
+er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.
+
+"Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkoerperten Fleiss," rief ein
+junger Dragonerofficier.
+
+"Er bereitet sich zum Chef des grossen Generalstabs vor und macht Tag und
+Nacht die Plaene zu den Schlachten, die er kuenftig gewinnen will. Aber
+jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute
+Hohensteins Geburtstag," sagte er, auf einen Husarenofficier deutend,
+"wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu
+feiern. Buechenfeld darf sich nicht zurueckziehen, wenn er nicht ein
+schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein
+vortrefflicher Romanee mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll.
+Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer,--aber wo man den
+Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und
+nuechtern bleiben."
+
+Er ergriff den Arm des Lieutenants von Buechenfeld und zog ihn fort. Die
+Andern folgten.
+
+"Es ist wahr," rief Buechenfeld flammenden Blickes, "ich habe zu viel
+gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegruebelt, ich will mir einmal den
+Kopf frei machen von allen Gedanken. Koennte ich Vergessenheit trinken,"
+sagte er leise vor sich hin,--"wie die Alten mit dem Wasser des Flusses
+der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele
+fortspuelten!"
+
+Unter heitern und froehlichen Gespraechen schritten die Officiere die
+Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewaehrte Local von
+Borchard in der Franzoesischen Strasse.
+
+Der alte Kellner mit dem kraenklichen, klug blickenden Gesicht, welcher
+so genau seine Gaeste zu classificiren verstand und den Geschmack und die
+Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedaechtniss behielt, brachte die
+dickbaeuchigen Flaschen in den eisgefuellten Kuehlern. Die Pfropfen wurden
+entfernt, und das edle, dunkelrothe Getraenk mit dem weissen Schaum ergoss
+sich in die zierlichen Krystallkelche.
+
+Der Lieutenant von Buechenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen
+sich der Gesellschaft der Uebrigen angeschlossen hatte, stuerzte ein Glas
+des purpurnen Getraenkes nach dem andern hinunter,--eine wilde Heiterkeit
+schien sich seiner zu bemaechtigen, seine Augen flammten, seine Wangen
+gluehten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit
+spruehendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen.
+
+Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd,--er war
+scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten
+Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war.
+
+Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an.
+
+"Buechenfeld muss etwas sehr Glueckliches passirt sein," sagte der
+Dragonerofficier, "so habe ich ihn noch nie gesehen."
+
+"Oder," sagte der Husar lachend, "er steht im Begriff, sich
+todtzuschiessen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht."
+
+"Weder das Eine noch das Andere," meinte ein Dritter, "es ist einfach
+dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund
+so gespraechig macht."
+
+"Oder sollte er etwa verliebt sein," sagte der Dragoner, "das waere ja
+das Allermerkwuerdigste, das man erleben koennte,--er, der bis jetzt gar
+keine Augen fuer ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen
+Studien gelebt hat."
+
+"Ja, ja," rief der Lieutenant von Buechenfeld laut lachend, "Du hast es
+getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth," sagte er,
+ein neues Glas herunterstuerzend, "aus seiner gewohnten Ruhe
+herauszutreten. Nein, nein," fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort,
+"wenn ich verliebt waere, dann waere mir doch wirklich besser, dass ich
+mich auf ein Pulverfass setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die
+Liebe?" sagte er ploetzlich duester;--"die unwuerdige Fessel, welche den
+Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die fluechtige Laune einer
+Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und
+sie zum Spott Derer werden laesst, die sie nicht begreifen koennen!"
+
+Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer hoeher gluehten
+die Wangen des Herrn von Buechenfeld, und bereits begannen seine Freunde
+mit einiger Besorgniss zuzusehen, wie er fortwaehrend sein Glas fuellte, um
+es augenblicklich wieder zu leeren.
+
+Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezuendet. Einige einzelne
+Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz
+genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden.
+
+Der Referendar von Rantow trat herein, liess durch sein Lorgnon den Blick
+durch das grosse Zimmer gleiten und naeherte sich dann der Gruppe der
+Officiere, die ihm saemmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen
+freundlich begruesst, rasch reichte man ihm einen gefuellten Kelch und
+stellte einen Sessel fuer ihn in den Kreis der Uebrigen.
+
+Der Lieutenant von Buechenfeld war in die Ecke eines Divans
+zurueckgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem
+Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein veraechtliches Laecheln zuckte um
+seine Lippen.
+
+"Sieh da, Buechenfeld," sagte der Referendarius, ihm freundlich
+zunickend, "ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und
+unzugaenglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die
+Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte,--das war nicht hoeflich."
+
+"Ihm muss ueberhaupt etwas ganz Ausserordentliches passirt sein," sagte der
+Husarenofficier,--"er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie
+gesehen habe. Sehr amuesant freilich, aber ich moechte ihn so nicht in
+fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst koennte wohl morgen Einer von uns
+das Vergnuegen haben, ihm zu secundiren."
+
+Herr von Buechenfeld warf dem Sprechenden einen fluechtigen Blick zu,
+stuerzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer
+Stimme:
+
+"Das wuerde nicht zu besorgen sein,--ich bin im Gegentheil in sehr
+friedlicher Stimmung,--sehr friedlich--und sehr vergnuegt.--Du hast
+Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein grosses Glueck widerfahren, ich bin
+einer grossen Gefahr entronnen,--ich stand im Begriff einen tiefen Fall
+zu thun,--einen tiefen, tiefen Fall," sagte er mit dumpfem, allmaelig
+immer leiser und leiser verklingendem Ton;--dann sank sein Haupt auf die
+Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu
+beenden.
+
+Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander.
+
+"Ich fuerchtete schon," sagte Herr von Rantow laechelnd, "dass Du mir boese
+sein wuerdest, und dass ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens
+gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt,--sollten wir
+Nebenbuhler sein? Das waere nicht huebsch," fuegte er hinzu, "gute Freunde
+muessen sich ueber so Etwas verstaendigen."
+
+"Nebenbuhler?" riefen die Officiere neugierig,--"so haben wir doch
+Recht, so ist er doch verliebt. Es musste ja auch etwas ganz
+Ausserordentliches sein, was ihn so veraendern konnte."
+
+Herr von Buechenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine mueden
+geschlossenen Augen oeffneten sich weit und blickten mit sonderbarem
+Ausdruck im Kreise umher.
+
+"Nebenbuhler," rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow
+wendend, "waeren wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz
+ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schaetze
+dieses kindische Gefuehl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren
+Werth; und ihr Werth ist sehr gering," fuegte er achselzuckend
+hinzu,--"ueber Dergleichen duerfen sich Maenner nicht entzweien. Wahrlich,"
+fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder
+zu leisem Ton herabsank, "staende hier eine Roulette zwischen uns, ich
+wuerde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und
+Liebesansprueche der Welt setzen."
+
+"Das ist ein guter Gedanke," rief der Dragonerofficier, der ebenso wie
+die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einfluss der Wirkung des
+feurigen Weines befand, "ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid,
+setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur
+Klarheit zu kommen, als sich die Haelse zu brechen. Eine Roulette ist
+nicht hier, spielt eine Partie Ecarte um Eure Schoene--"
+
+"Vortrefflich, vortrefflich!" riefen die Andern jubelnd,--"ein
+ausgezeichneter Gedanke!"
+
+"Unglueck im Spiel, Glueck in der Liebe!" rief der Husarenofficier.
+
+"Wer das Spiel gewinnt, muss seine Liebesansprueche aufgeben--"
+
+"Warum nicht," rief Herr von Buechenfeld, dessen Blicke sich immer
+verschleierten, "gebt die Karten her!"
+
+Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige
+Bemerkungen machen, die Uebrigen liessen ihn nicht zu Worte kommen.
+
+Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartekarten gebracht, man
+raeumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Buechenfeld leer und zog Herrn
+von Rantow zu dem jungen Officier hin.
+
+"Ich setze hundert Louisd'or," sagte dieser, indem er den Blick
+forschend auf Herrn von Buechenfeld richtete, wie es schien in der
+Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu
+bringen.
+
+"Ich nehme an," sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell
+leerte er noch ein Glas.
+
+"Wer gewinnt," rief der Dragonerofficier, "zahlt also hundert Louisd'or
+und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour
+zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr
+sprechen."
+
+Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht
+ergriffen hatte, auf Herrn von Buechenfeld.
+
+"Angenommen," sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung
+nach dem Spiel und hob ab.
+
+"Drei," sagte Herr von Rantow,--dann coupirte und zeigte ein Ass.
+
+"Du giebst," sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton.
+
+Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male
+den Koenig auf, und nach wenigen Abzuegen hatte er die Partie gewonnen.
+
+Hoehnisch lachte Herr von Buechenfeld laut auf.
+
+"Du hast das schoene Fraeulein Cohnheim gewonnen!" rief er, die Karten
+durcheinander werfend,--"ich gratulire Dir!"--er sank auf seinen Stuhl
+zurueck, sein Haupt fiel muede auf die Brust nieder.
+
+Herr von Rantow zuckte zusammen.
+
+Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise
+herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit
+verlegenen Blicken an.
+
+"Ich habe gewonnen, nach der Verabredung muss ich den Einsatz bezahlen,"
+sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrueckte, dass er dieser
+peinlichen Scene so schnell als moeglich ein Ende machen wollte.
+
+Er zog einige Goldstuecke aus seinem Portemonnaie, fuegte aus seinem
+Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von
+Buechenfeld auf den Tisch und erhob sich.
+
+Der Lieutenant von Buechenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand
+aus und streute das Geld auf dem Tisch umher.
+
+"Der Einsatz ist zu hoch," sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen
+Worten, "Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht
+werth, ich kann das nicht annehmen."
+
+Und abermals sank er in seinen Stuhl zurueck, seine Augen schlossen sich,
+sein Haupt fiel matt gegen die Lehne.
+
+Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurueckgeschoben. Einer
+der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den
+Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath,
+der Alles mit angehoert hatte.
+
+"Wie peinlich, wie unangenehm," sagte er, waehrend die ernst gewordenen
+Officiere schweigend um ihn her standen.
+
+"Meine Herren," fuhr er fort, "ich glaube nicht, dass es moeglich ist, mit
+Herrn von Buechenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm
+einen grossen Dienst leisten, wenn Sie dafuer sorgen, dass er so bald wie
+moeglich nach Hause zurueckkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter
+darueber reden."
+
+Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine
+Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte.
+
+Die heitere und uebermuethige Weinlaune der Officiere war verschwunden,
+sie Alle fuehlten, dass hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das
+schwere Folgen nach sich ziehen muesse.
+
+Sie brachen auf, der Lieutenant von Buechenfeld liess sich ruhig und ohne
+weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke fuehren.
+Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzaehlten dem alten
+Oberstlieutenant, dass sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig
+von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei.
+
+Der alte Herr laechelte ganz vergnuegt darueber und freute sich im Stillen,
+dass die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg ueber
+seine Neigung zu einsamem Gruebeln davon getragen habe.
+
+
+
+
+Fuenftes Capitel.
+
+
+Fraeulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefuehle nach Hause
+zurueckgekehrt, sie hatte in das Verhaeltniss zu ihrem Geliebten Licht und
+Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglueckseliges und
+verhaengnissvolles Zusammentreffen der Umstaende eine neue und noch groessere
+Verwirrung entstanden.
+
+Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und riss hastig die Handschuhe von
+den zitternden Haenden.
+
+"Welch ein unglueckseliges Zusammentreffen," rief sie heftig, "ich haette
+daran denken sollen. Aber wie ist es moeglich, dass er mich nicht einmal
+anhoeren wollte. Einige Worte haetten Alles aufgeklaert. Es ist ja schon
+ganz widersinnig, dass er von einer so eifersuechtigen Leidenschaft erfasst
+werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben."
+
+Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschluessigkeit
+zu der Decke des Zimmers empor. Sie zuernte sich selbst, sie zuernte ihrem
+Geliebten, der so hart und ruecksichtslos ihr jede Erklaerung
+abgeschnitten hatte, vor Allem aber zuernte sie dem Herrn von Rantow,
+welcher so unberufen und stoerend in ihre Combinationen eingegriffen
+hatte.
+
+"Es ist unerhoert," rief sie, "wenn er mir zutrauen kann, dass ich mit dem
+jungen Baron in irgend welchen Beziehungen staende--aber," fuhr sie fort,
+"sein Charakter ist so misstrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu
+sehen. Es ist unmoeglich, eine andere Erklaerung fuer sein Benehmen zu
+finden. Was soll ich thun?--Ihm noch einmal schreiben?--Er wuerde mir
+nicht glauben! Er wuerde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im
+Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekuemmerniss und der
+Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen muessen, mir das Gehoer zu
+versagen!
+
+Er ist hart wie Stein," rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen
+ihres Kleides zerknitternd, "aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist
+nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie
+Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt
+ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg
+finden zu diesem mit siebenfachem Erz umguerteten Herzen?"
+
+Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Plaene auf
+Plaene, um sie alle wieder zu verwerfen.
+
+"Es giebt nur einen Weg," rief sie endlich mit festem entschlossenen
+Ton, "Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater
+sprechen. Er kann," fuegte sie unwillkuerlich laechelnd hinzu, "meinen
+ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muss es uebernehmen,
+diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glueck
+meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plaenen
+tragen sollte."
+
+Dieser Entschluss schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch laengere Zeit
+ueber die Ausfuehrung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon
+ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.
+
+Die Frau Commerzienraethin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer
+Tochter eine kleine Vorlesung darueber zu halten, was sie der Stellung
+ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, fuer
+sie eine passende Verbindung zu finden, so muesse auch Anna darauf
+bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen
+Personen eine Annaeherung zu erlauben, welche durch ihr Vermoegen und
+ihre gesellschaftliche Stellung im Stande waeren, sich in die Reihe der
+Bewerber um die Tochter des grossen Finanzmannes zu stellen, welcher
+bestimmt sei, noch weit hoehere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu
+ersteigen.
+
+Fraeulein Anna hoerte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an,
+an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabaenderliches gewoehnt
+hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht fuer noethig hielt,
+die erwuenschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhaengen.
+
+Dies tete-a-tete zwischen Tochter und Mutter hatte bereits laengere Zeit
+gedauert, als der Commerzienrath in grosser Aufregung in das Zimmer trat.
+Er vergass, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu
+thun pflegte, seiner Frau die Hand zu kuessen, und beachtete auch den
+freundlichen Gruss seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war
+und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen
+Schritten auf und ab, bewegte die Haende in lebhaften Gesticulationen und
+fluesterte abgebrochene Worte vor sich hin.
+
+Erstaunt sah ihm die Commerzienraethin eine Zeit lang zu, dann sagte sie
+in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger
+Besorgniss beimischte:
+
+"Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollstaendig in
+Deinen geschaeftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht waere es
+besser, die Berechnungen ueber Deine Geschaefte in Deinem Zimmer
+vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie
+zu widmen--oder," fuhr sie fort, "hast Du so peinliche und unangenehme
+Nachrichten erhalten, dass Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?"
+
+"Es ist unerhoert," sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, "es
+ist eine sehr unangenehme Geschichte,--es waren noch verschiedene
+Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was
+kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?"
+
+"Aber ich bitte Dich," sagte die Commerzienraethin, welche jetzt
+ernstlich beunruhigt zu sein schien, "so sage uns doch endlich, was Dich
+so aufregt--wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen
+und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begruendet?
+Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschaeft vernichtend
+treffen?"
+
+"Haus und Geschaeft," rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er
+noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, "das kommt nicht
+in Betracht--aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner
+Tochter--was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich
+verhoehnen!"
+
+Jetzt wurde auch Fraeulein Anna aufmerksam.
+
+"Du hast von mir gesprochen, lieber Papa," sagte sie. "Ich bitte Dich,
+was giebt es--so erzaehle uns doch."
+
+"Ich muss Dich jetzt sehr ernstlich bitten," sagte die Commerzienraethin
+im strengen Ton, "uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt,
+denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als
+Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung
+aufrecht zu erhalten," sagte sie, den Kopf erhebend, "und ueber den Ruf
+meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe."
+
+"Was es giebt," rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch
+herantrat,--"etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Boeses, meine Tochter
+ist beleidigt,--oeffentlich beleidigt, verhoehnt im Restaurationszimmer
+bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen
+unbekannten Herren, welche die Geschichte natuerlich so schnell als
+moeglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren,
+welche mich schon so lange beneidet haben und gewiss so sehnlich
+wuenschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir raechen zu
+koennen."
+
+"Was ist geschehen," fragte jetzt auch Fraeulein Anna ernst und dringend,
+"wer hat mich beleidigt und wie? Ich muss es wissen."
+
+"Wer?" sagte der Commerzienrath, "Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz
+unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich
+die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur,
+weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete,
+ein kleiner Lieutenant von Buechenfeld."
+
+Anna wurde bleich wie der Tod, ihre grossen Augen starrten mit entsetztem
+Ausdruck auf ihren Vater. Sie stuetzte die Hand auf den Tisch, ihre ganze
+Gestalt schwankte unsicher hin und her.
+
+"Lieutenant von Buechenfeld," sprach sie leise mit fast tonloser Stimme,
+waehrend ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf,
+indem ein leichtes hoehnisches Laecheln um ihren hochmuethig aufgeworfenen
+Mund zuckte.
+
+"Er war," sprach der Commerzienrath eifrig,--"Du musst es ja doch
+wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst,--er war in
+Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das
+Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Naehe an einem Tische Platz
+nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt,--die
+Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken
+haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen
+zwischen ihm und Herrn von Buechenfeld einige anzuegliche Redensarten von
+Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht
+besonders Acht gab. Der Lieutenant von Buechenfeld machte einige sehr
+wegwerfende Bemerkungen ueber die fragliche Dame und sagte, er wuerde ihre
+Liebe im Ecarte gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere
+Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von
+Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die groesste Muehe,
+das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr
+erregten Gesellschaft nicht noch groesseren Eclat herbeizufuehren. Herr von
+Buechenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne maechtig schien, verspielte
+das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert
+Louisd'or,--ich ahnte noch immer nichts Boeses,--dann warf er die Karten
+mit den lauten Worten hin:--Du hast das schoene Fraeulein Cohnheim
+gewonnen, ich wuensche Dir Glueck dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich
+kann ihn nicht annehmen.--Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wusste
+kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Muehe behielt ich
+die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen."
+
+Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben
+nieder, das Gesicht mit den Haenden bedeckend und krampfhaft schluchzend.
+Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene
+ihr schoenes glaenzendes Haar.
+
+"Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt
+und gekraenkt zu werden. Aber troeste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf.
+Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht," sagte er, zu seiner Frau
+gewendet, "sie musste es ja doch erfahren."
+
+"Das kommt davon," sagte die Commerzienraethin, indem sie mit kaltem
+strengem Blick zu ihrer Tochter hinuebersah, "wenn man nicht vorsichtig
+in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft
+zulaesst,--der Lieutenant von Buechenfeld, glaube ich, war der junge, mir
+unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den
+Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute
+setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der
+Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schliesslich
+irgend eine Niedrigkeit zum Dank fuer Wohlwollen und Freundlichkeit."
+
+"O, wie waere es moeglich gewesen," rief Fraeulein Anna, ohne die Worte
+ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschaeftigt,
+"wie waere es moeglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche
+Schlechtigkeit und Erbaermlichkeit zu glauben,--und das, nachdem--" sie
+bedeckte abermals das Gesicht mit den Haenden und sank still weinend in
+sich zusammen.
+
+"Nun, mein Kind," sagte der alte Commerzienrath, den die heftige
+Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, "so uebermaessig
+ernsthaft muss man die Sache auch nicht nehmen. Es laesst sich immer noch
+ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter,
+ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin," fuhr er fort, "mit dem Herrn von
+Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das
+Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gespraech mit einander
+gefuehrt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst
+morgen mittheilen wollte," sprach er weiter,--"indess, da ich mich nun
+einmal habe hinreissen lassen, die ganze Sache zu erzaehlen, so ist es
+besser, wenn wir darueber auch heute gleich sprechen."
+
+Fraeulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male
+rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen
+bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche
+sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit
+strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann
+er, eine gewisse wuerdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend:
+
+"Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist,
+und der ganz genau weiss, was in der grossen Welt und in der feinsten
+Gesellschaft sich schickt und passt--"
+
+"Besser als andere Leute," fiel die Commerzienraethin ein, "welche sich
+in die Gesellschaft eindraengen, und welche man nie haette aufnehmen
+sollen--"
+
+"Der Herr von Rantow," fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust
+hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die
+Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, "hat mir gesagt, wie leid es
+ihm thaete, dass diese Scene stattgefunden habe,--er habe alles Moegliche
+gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schliesslich fuer das Beste
+gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so
+schnell als moeglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natuerlich
+nicht im Entferntesten ahnen koennen, dass der Herr von Buechenfeld in so
+unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und
+solchen Verhaeltnissen nennen wuerde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir
+gesagt," fuhr der Commerzienrath mit etwas gedaempfter Stimme fort,
+"werde ihm Nichts uebrig bleiben koennen, als fuer die Ehre der Dame, die
+in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhoert beleidigt
+sei, persoenlich einzutreten."
+
+Die Commerzienraethin lehnte sich steif zurueck, indem ein befriedigtes
+Laecheln auf ihrem Gesicht erschien.
+
+Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor.
+
+"Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen,--oh," fuhr
+sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Haende sich krampfhaft
+verschlangen, "warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und
+Erbaermlichkeit?"
+
+"Du bist nicht wehrlos, mein Kind," sagte der Commerzienrath, indem er
+zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand ueber den Kopf strich, "der
+junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von
+Buechenfeld wieder fuer vernuenftige Worte zugaenglich ist, ihn zu einer
+oeffentlichen und bestimmten Ehrenerklaerung auffordern, und, wenn er sich
+weigert, so wird er ihn zwingen," sagte er mit stolzem und wichtigem
+Ausdruck, "ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben."
+
+"Damit er womoeglich noch verwundet oder erschossen wird," rief Fraeulein
+Anna, veraechtlich die Achseln zuckend, "und ich noch mehr der Gegenstand
+des oeffentlichen Gespraeches und des oeffentlichen Spottes werde."
+
+"Des Spottes niemals, mein Kind," sagte die Commerzienraethin mit einem
+ruhigen kalten Ton, "wenn ein Cavalier wie Herr von Rantow zu Deiner
+Vertheidigung auftritt, so wird es Niemand wagen, Dich zu verspotten."
+
+"Nun," rief Anna, "mag es sein, wie es will, ich bin Herrn von Rantow
+dankbar, dass er mich in Schutz nimmt gegen diese elende, niedrige
+Beleidigung, ich bin, weiss Gott, unschuldig an dem, was daraus entstehen
+kann."
+
+"Herr von Rantow hat sich benommen als ein ganz vortrefflicher junger
+Mann von der besten Erziehung und dem feinsten Gefuehl. Er hat mir weiter
+gesagt, dass es fuer eine junge Dame immer peinlich sei und unangenehm,
+wenn zwei Herren ihretwegen eine Ehrensache miteinander haetten, und wenn
+sie namentlich von Jemand vertheidigt werden muesste, der in keinen
+weiteren Beziehungen zu ihr staende--das braechte sie immer in eine
+schiefe Stellung dem Publikum gegenueber und gebe Anlass zu allen
+moeglichen Voraussetzungen und Gespraechen. Er habe nun,--hat er mir
+weiter gesagt,--schon seit laengerer Zeit den Wunsch in sich getragen, in
+naehere Beziehung mit meiner Familie zu treten, nachdem sein Vater mit
+mir so nahe geschaeftliche Verbindungen eingegangen sei und unsere
+Interessen auf Jahre hinaus sich verbunden haetten. Er habe Dir, mein
+Kind, aber erst Gelegenheit geben wollen, ihn genauer kennen zu lernen,
+bevor er es habe wagen wollen, bei mir um Deine Hand anzuhalten. Dieses
+zufaellige und ploetzliche, so unangenehme Ereigniss aber mache ihm den
+Muth und lege ihm fast die Pflicht auf, jetzt mit seinen Wuenschen
+hervorzutreten. Man werde ueber die Sache viel sprechen und wenn er zu
+einem Rencontre mit Herrn von Buechenfeld gezwungen werden sollte, so
+werde die Welt seinen Namen ohnehin mit dem Deinigen in Verbindung
+bringen. Wenn Du deshalb nach Deiner kurzen Bekanntschaft mit ihm Dich
+entschliessen koenntest, ihm Dein Leben und Deine Zukunft anzuvertrauen,
+so glaubt er, dass Alles sich besser gestalten und allen peinlichen
+Eroerterungen die Spitze abgebrochen werden koenne, da er dann auch
+vollkommen berufen und berechtigt sei, fuer Dich gegen Deinen Beleidiger
+aufzutreten."
+
+"Der junge Mann," sagte die Commerzienraethin, "hat wirklich ein feines
+und richtiges Gefuehl, und ich theile ganz seine Ansicht, dass unter
+diesen Verhaeltnissen eine schnelle Erledigung einer Sache, die uns ja
+nicht ganz unerwartet kommt, am besten sei."
+
+"Das ist ja ganz wie in alten Ritterromanen," sagte Anna mit
+schneidendem Hohn, "der Baron von Rantow will sich seine Dame mit dem
+Degen in der Hand erobern--aber" fuhr sie fort "das ist doch wenigstens
+ritterlicher Sinn, wenigstens ist es wahrlich besser, als auf so plumpe
+Weise ein wehrloses Maedchen zu beleidigen. Wenn Herr von Rantow diesen
+Preis fuer seine Vertheidigung verlangt,--so soll er ihn haben--er ist ja
+eine vortreffliche Partie" fuhr sie bitter fort, "und ich muss ja
+gluecklich sein, dass ich aus dieser ganzen traurigen Geschichte noch mit
+einem so guten Abschluss davon komme. Sage dem Baron," sprach sie in
+kaltem Ton zu ihrem Vater gewendet, "dass ich seine Bewerbung annehme,
+da er so muthig und selbstverleugnend meine Vertheidigung uebernommen
+hat."
+
+Mit befriedigtem Ausdruck neigte die Commerzienraethin den Kopf.
+
+Herr Cohnheim eilte auf seine Tochter zu und kuesste sie zaertlich auf die
+Stirn. Anna stand auf.
+
+"Doch muss ich," sprach sie, "bitten, dass er mich einige Tage von seinen
+Besuchen dispensirt. Diese ganze Sache hat mich natuerlich angegriffen
+und aufgeregt, und ich wuensche, mich zu sammeln. Auch bin ich nicht im
+Stande ihn zu sehen, bevor diese Angelegenheit mit Herrn von
+Buechenfeld"--sie sprach diesen Namen mit unendlicher Verachtung
+aus--"geordnet ist, ich kann doch unmoeglich meinen kuenftigen Gemahl
+selbst in den Kampf mit seinem Gegner schicken."
+
+Ohne eine Antwort abzuwarten, verliess sie schnell das Zimmer.
+
+"Ich bin sehr erfreut," sagte die Commerzienraethin, "dass diese so
+aeusserst unangenehme Sache doch einen so befriedigenden Ausgang nimmt.
+Ich fuerchtete schon, dass die romantischen Grillen, zu welchen Anna so
+viel Neigung zeigt, unsern Plaenen Schwierigkeiten entgegenstellen
+wuerden. So wird sich ja aber Alles ganz vortrefflich ordnen, und wenn
+sie, wie ich einen Augenblick besorgte, eine thoerichte Neigung fuer
+diesen jungen unbedeutenden Officier gehabt haben sollte, so ist ja
+jetzt Alles auf's Beste geordnet. Hoffentlich wird auch die Affaire
+keine ernsten Folgen haben," fuegte sie nachlaessig hinzu.
+
+"So etwas kommt ja so oft zwischen diesen jungen Herren vor," sagte der
+Commerzienrath, "und wie selten hoert man, dass es wirklich
+lebensgefaehrlich wird. Es laesst sich ja auch jetzt gar nicht aendern, und
+wir muessen das Beste hoffen. Ich glaube uebrigens nicht," fuegte er hinzu,
+"dass dieser junge Buechenfeld es wirklich zum Aeussersten kommen lassen
+wird. Die anderen Officiere schienen mir ebenfalls durch sein Betragen
+sehr unangenehm beruehrt, ich glaube, dass die Sache mit einer
+Ehrenerklaerung erledigt werden wird--der alte Herr von Rantow ist, so
+viel ich weiss, ein Freund von dem Vater des Lieutenants und wird
+ebenfalls darauf hinwirken koennen. Damit ist ja denn Alles gut, und alle
+boshaften Gespraeche ueber uns und unsere Tochter, welche dieser Vorfall
+hervorrufen wird, werden auf der Stelle niederschlagen, wenn wir ihre
+Verlobung mit Herrn von Rantow sogleich proclamiren."
+
+Er setzte sich behaglich in seinen Lehnstuhl und nahm eine Tasse Thee.
+
+Noch lange sass das Ehepaar beisammen, Plaene fuer die Zukunft
+besprechend, welche sich durch die Verbindung mit dem vornehmen Hause so
+glaenzend gestalten wuerden.
+
+Fraeulein Anna war ruhig und gefasst in ihr Zimmer gegangen, als sie die
+Thuer hinter sich geschlossen, sank sie wie gebrochen in sich
+zusammen,--lange stand sie schweigend, die Haende in einander gefaltet,
+die Blicke starr auf den Boden geheftet.
+
+"Wie schnell," sprach sie mit dumpfer Stimme, "sind die Traeume
+verflogen, die mich hier gestern noch so suess umgaukelten, wie schnell
+sind all die Liebesbluethen meines Herzens geknickt, aus denen ich einen
+reichen Kranz fuer mein Leben zu winden hoffte."
+
+Sie blickte um sich her, als ob ihr der gewohnte Raum, in dem sie sich
+befand, fremd sei, als ob sie ihre Gedanken sammeln muesse, um sich klar
+zu werden, wo sie sich befaende, und was mit ihr vorgegangen sei. Dann
+zuckte wieder gluehender Zorn ueber ihr Gesicht.
+
+"Oh, dass es so enden muss! Haette ich ihn verloren, haette sich selbst
+seine Liebe von mir abgewendet, es waere ein edler Schmerz gewesen, ein
+Schmerz, der die Seele haette beugen, aber nicht erniedrigen koennen. Aber
+das Bewusstsein, dass ich das edelste und reinste Gefuehl meines Herzens
+unwuerdig weggeworfen habe, dass ich der Gegenstand des Spottes, des
+Hohnes, der Verachtung habe sein koennen,--und warum?"--rief sie, die
+Haende ringend,--"weil ich einen Schritt gethan habe, der nicht
+gewoehnlich ist, weil ich mich vor seinem Stolz habe demuethigen wollen,
+weil ich geglaubt habe, dass er einen solchen Schritt verstehen und
+wuerdigen koenne. Oh, das ist hart, sehr hart! Ich kann alle meine
+Hoffnungen auf Lebensglueck vergessen, ich werde es zu tragen wissen, wie
+so viele Frauen eine glaenzende Existenz fuehren, beneidet von der Menge,
+aber kalt und oede in ihrem Innern. Aber das werde ich nie ueberwinden,
+dass meine Liebe verachtet, verhoehnt und mit Fuessen getreten ist, dass Der,
+dem ich den letzten Tropfen meines Blutes haette opfern moegen, mich
+oeffentlich hat beleidigen koennen zum Ergoetzen seiner Kameraden in ihrer
+Weinlaune."
+
+Mit einer raschen Bewegung trat sie an einen kleinen Tisch von antik
+geschnitztem Eichenholz und oeffnete mit einem zierlichen goldenen
+Schluessel, den sie an ihrer venetianischen Uhrkette trug, eine mit
+Elfenbein und Gold incrustrirte Cassette.
+
+"Da liegen die Reliquien meiner Traeume," sprach sie mit dumpfem
+traurigem Ton, aus ihren grossem brennenden Augen fiel eine Thraene auf
+den Inhalt des kleinen Kaestchens.
+
+"Hier ist das erste Bouquet, das er mir gegeben," sagte sie leise, indem
+sie einen kleinen vertrockneten Blumenstrauss emporhob, "vertrocknet wie
+diese Blumen sind meine Gefuehle, welche gestern noch so schoen und
+hoffnungsreich erbluehten,--wie oft haben meine Lippen auf diesen Blumen
+geruht! Vorbei! Vorbei!"
+
+Und wie vor der Beruehrung des kleinen Bouquets zurueckschaudernd, warf
+sie dasselbe mit einer raschen Wendung in den Kamin, dessen Feuer
+langsam in Kohlengluth zusammenzusinken begann. Die trockenen Blumen
+flammten hoch auf und blieben dann als ein Haeuflein dunkler Asche auf
+den gluehenden Kohlen liegen.
+
+Sie presste die Haende auf ihr Herz und sah starr diesem Zerstoerungswerk
+zu. Dann nahm sie den ganzen uebrigen Inhalt der Cassette, ebenfalls
+kleine Bouquets, mehr oder weniger verwelkt, verschiedene andere
+Cotillongeschenke und warf Alles in die Gluth, welche einen Augenblick
+aufflackernd, mit hellem Schein das Zimmer erhellte.
+
+"Die Vergangenheit ist vorbei," sagte sie schmerzlich, "meine Zukunft
+wird wie diese Kohlen mehr und mehr Licht und Waerme verlieren, bis
+endlich Alles in todte Asche zusammensinkt. Oh, koennte ich mein Herz
+ebenfalls zu Asche werden lassen! Aber wenn auch seine Liebe gestorben
+ist, fuer das Leiden wird es immer noch Gefuehle der Empfindung behalten."
+
+Sie sank auf ihren Divan nieder, drueckte den Kopf in die Haende, und ihr
+starrer Jammer loeste sich in einem Strom wohltaetiger Thraenen.--
+
+--Auch der Lieutenant von Buechenfeld hatte fast in starrer
+Bewusstlosigkeit die Nacht zugebracht. Seine heftige, innere Erregung,
+die unnatuerliche Spannung aller seiner Gefuehle, und die Wirkung des
+schweren Weines hatten ihn bis zum Morgen in einem Zustand gehalten,
+welcher weder Schlaf noch Wachen war, und in welchem die Bilder der
+Erinnerungen wild durch einander wogten, ohne sich selbst auch nur in
+den unklaren Gestalten des Traumes festhalten zu lassen.
+
+Langsam erwachte er aus diesem lethargischen Zustande am andern Morgen,
+und allmaelig begann es ihm mehr und mehr klar zu werden, was am Tage
+vorher mit ihm vorgegangen. Das erste Gefuehl, dessen er sich vollkommen
+bewusst wurde, war ein tiefer, bitterer Schmerz ueber die Taeuschung seiner
+Liebe, welche trotz seines lange gefassten Entschlusses gestern bei der
+Botschaft seiner Geliebten wieder einen Augenblick mit frischen
+Hoffnungen sich bekraenzt hatte.
+
+"Warum hat sie mir nicht gleich Alles geschrieben," fluesterte er, ohne
+von seinem Lager sich zu erheben--"oder warum ist sie nicht allein
+gekommen, warum hat sie mir in Gegenwart des Mannes, dem sie das
+Andenken an mich geopfert, den Abschied geben wollen? Sollte das eine
+absichtliche Kraenkung, ein absichtlicher Hohn sein, oder bin ich ihr so
+gleichgueltig gewesen, dass sie nach der Kaelte ihrer Gefuehle die meinigen
+bemessen hat?"
+
+Lange lag er schweigend da unter dem Eindruck dieses schmerzlichen
+Gedankens, dann tauchte die Erinnerung der weiteren Ereignisse des Tages
+deutlicher in ihm auf. Er entsann sich des Spiels, das er gemacht, er
+entsann sich, dass er den Namen des Fraeulein Cohnheim laut und mit
+bitteren Bemerkungen genannt habe. Ein Gefuehl der Scham und Reue ueberkam
+ihn.
+
+"Das war nicht wuerdig, nicht maennlich, nicht edel!" rief er, indem er
+sich auf sein Lager aufsetzte und mit beiden Haenden seinen schmerzenden
+Kopf hielt. "Das haette ich nicht thun muessen, ich haette in meiner
+heftigen Erregung die Gesellschaft fliehen und Nichts trinken
+duerfen.--Oh," rief er nach einer Pause, "welch' ein elendes,
+jaemmerliches Ding ist diese so viel gepriesene Liebe! Erst laesst sie so
+schwer und so bitter leiden, und dann treibt sie zu unwuerdigen, zu
+niedrigen Handlungen. Oh, ich schwoere es," rief er die Hand erhebend,
+"ich schwoere, dass ich dieses Gefuehl fliehen will wie die Suende, und dass
+nie wieder das Bild eines Weibes mein Herz erfuellen soll! Ich will frei
+sein, stark und ruhig und meiner wuerdig bleiben!"
+
+Der alte Diener trat ein und meldete, dass das Fruehstueck im Zimmer des
+Oberstlieutenants bereit sei, zugleich zeigte er dem Lieutenant an, dass
+zwei Officiere ihn zu sprechen wuenschten und ihn bei seinem Vater
+erwarteten.
+
+Der Lieutenant sprang empor, kuehlte seinen brennenden Kopf mit frischem
+Wasser und machte in hastiger Eile seine Toilette.
+
+Als er in das Zimmer seines Vaters trat, welcher ihn bereits voellig
+angekleidet, frisch und munter erwartete, fand er dort die beiden
+Officiere von den Dragonern und den Husaren, welche Zeugen des gestrigen
+Abends gewesen waren, in ruhiger Unterhaltung mit dem alten Herrn
+begriffen.
+
+Beide Officiere traten dem Lieutenant nicht mit der sonst gewohnten
+herzlichen Unbefangenheit und Vertraulichkeit entgegen, sondern
+begruessten ihn mit einer gewissen kalten und gezwungenen Hoeflichkeit.
+
+"Du hast lange geschlafen," sagte der Oberstlieutenant heiter, "es war
+wohl eine scharfe Sitzung gestern Abend,--die Herren hier sind ja auch
+dabei gewesen, aber das hat sie nicht verhindert, schon fruehe auf zu
+sein. Das ist Recht, man muss sich niemals aus der Ordnung bringen
+lassen, und fast muss ich mich meines Sohnes schaemen, dass er ein solcher
+Weichling ist, der am andern Morgen noch spuert, wenn er am Abend vorher
+ein paar Flaschen den Hals gebrochen. Habt Ihr etwa heute Morgen schon
+wieder eine Partie vor?" fragte er, den Schnurrbart drehend, "damit
+wuerde ich nicht einverstanden sein,--erst der Dienst und dann das
+Vergnuegen."
+
+Die beiden Officiere standen in einiger Verlegenheit schweigend da.
+
+"Wir haben mit Dir zu sprechen," sagte der Dragoner mit einem
+Seitenblick auf den alten Herrn, "und moechten es sogleich."
+
+"Geniren Sie sich nicht vor mir," sagte der Oberstlieutenant mit heiterm
+Laecheln, "ich bin nicht mehr im Dienst, ich bin ja nur ein alter
+gutmuethiger Herr," fuegte er mit einem leichten Anflug von Wehmuth hinzu,
+"der auch jung war und weiss, was man in der Jugend treibt."
+
+"Wir moechten aber," sagte der Husarenofficier--"Dich einen Augenblick
+allein sprechen. Es handelt sich um eine Ehrensache," fuegte er mit
+gedaempftem Ton hinzu, doch nicht so leise, dass es der Oberstlieutenant
+nicht verstanden.
+
+Der alte Herr wurde ernst, warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn
+und die beiden Officiere und sagte dann:
+
+"Ich lasse Dich mit den Herren einen Augenblick allein."
+
+"Halt, lieber Vater," rief der Lieutenant von Buechenfeld, "ich bitte
+Dich, zu bleiben. Ihr erlaubt," sagte er, "dass ich Euch bitte, vor
+meinem Vater zu sprechen. Er ist Officier wie wir, und ich weiss kein
+kompetenteres Urtheil in allen Ehrensachen, als das seinige. Er wird es
+mir nicht abschlagen, vorlaeufig mein Zeuge zu sein und sein Urtheil
+darueber abzugeben, was ich zu thun habe."
+
+Die beiden Officiere gruessten den Oberstlieutenant militairisch.
+
+"Es wird uns eine grosse Ehre sein," sagte der Husar, "wenn der Herr
+Oberstlieutenant als Dein Zeuge unsere Erklaerung mit anhoeren will."
+
+Der alte Herr bat die Officiere mit einer stummen Handbewegung Platz zu
+nehmen und setzte sich dann grade und aufrecht neben seinen Sohn.
+
+"Ich bitte Sie also, meine Herren," sagte er mit ernster, fast
+feierlicher Stimme, "zu sagen, um was es sich handelt."
+
+Der Dragonerofficier erzaehlte mit kurzen Worten den Vorgang, welcher am
+Abend vorher in dem Restaurationslokal von Borchard stattgefunden hatte.
+
+Schweigend hoerte der Oberstlieutenant zu, finstere Falten legten sich
+auf seine Stirn.
+
+"Hat sich der Fall so zugetragen, wie die Herren erzaehlen? Erinnerst Du
+Dich, gethan und gesprochen zu haben, was sie so eben mittheilen?"
+
+"Ja," sagte der Lieutenant.
+
+Sein Vater schuettelte langsam den Kopf.
+
+"Der Referendarius von Rantow", fuhr der Dragonerofficier zu dem
+Lieutenant von Buechenfeld gewendet fort, "hat uns als Augenzeugen des
+Vorfalls aufgetragen, von Dir eine buendige Ehrenerklaerung zu
+verlangen."--
+
+Eine dunkle Roethe flammte auf dem Gesicht des Lieutenants auf, sein Auge
+blickte stolz zu seinen Kameraden hinueber, seine Lippen zuckten
+hoehnisch.--"Oder wenn Du dieselbe verweigerst,"--sprach der
+Dragoneroffizier weiter,--"Dir seine Forderung auf fuenf Schritt Barriere
+mit gezogenen Pistolen zu ueberbringen."
+
+"Angenommen," sagte der Lieutenant, "ich werde in einer Stunde meine
+Secundanten zu Euch senden."
+
+Die Officiere erhoben sich und wollten gruessend das Zimmer verlassen. Der
+Oberstlieutenant trat ihnen in den Weg.
+
+"Ich bitte Sie, einen Augenblick zu bleiben, meine Herren," sagte er.
+"Mein Sohn hat gewuenscht, dass ich sein vorlaeufiger Zeuge in dieser Sache
+sei, und Sie haben mich als solchen angenommen. Nicht nur in dieser
+Eigenschaft, sondern auch als sein Vater muss ich darauf sehen, dass Alles
+genau so zugehe, wie es seine Ehre als Officier und als Traeger meines
+Namens erfordert. Sie erlauben daher, dass ich meine Meinung ausspreche."
+
+Die beiden Herren verneigten sich schweigend.
+
+Der Lieutenant sah seinen Vater etwas erstaunt und erwartungsvoll an.
+Dieser richtete ernst und streng seinen Blick auf ihn und sprach: "Hat
+die junge Dame, um welche es sich handelt, Dir jemals durch ihr Benehmen
+gegen Dich irgend welche Veranlassung gegeben, in solchem Ton, wie Du es
+gethan, von ihr zu sprechen? Bist Du berechtigt, ihr irgend einen
+Vorwurf zu machen?"
+
+Der Lieutenant wurde bleich, im heftigen inneren Kampf presste er die
+Lippen aufeinander, sein Auge senkte sich zu Boden, einige Augenblicke
+stand er schweigend, ein leises Beben erschuetterte seine Gestalt, dann
+schlug er den Blick zu seinem Vater wieder auf, er schien seiner
+kaempfenden Gefuehle Herr geworden zu sein und mit fester entschlossener
+Stimme sagte er: "Nein, niemals!"
+
+"Dann," sagte sein Vater, "ist es Deine Pflicht als Ehrenmann, die
+Erklaerung zu geben, welche man von Dir verlangt, insofern die Ausdruecke
+derselben Nichts gegen Deine eigene Ehre enthalten. Wenn Du," fuhr er
+fort, "was ich tief beklage, Dich hast hinreissen lassen, eine Dame, der
+Du keinen Vorwurf zu machen hast, oeffentlich zu beleidigen, so hast Du
+nicht das Recht, ihrem Ruf durch den Eclat eines Duells noch mehr zu
+nahe zu treten, Du hast nicht das Recht, Demjenigen das Leben zu nehmen,
+der berechtigt ist oder sich verpflichtet fuehlt, als der Vertheidiger
+jener Dame aufzutreten."
+
+"Herr von Rantow ist der Verlobte des Fraeulein Cohnheim," sagte der
+Dragonerofficier, "also ihr natuerlicher und berufener Vertheidiger."
+
+"Um so weniger," sagte der alte Herr, waehrend der Lieutenant abermals
+tief erbleichend die Hand einen Augenblick auf sein Herz drueckte, "darf
+diese Sache ernste und gefaehrliche Folgen haben. Haette die Dame Dir
+jemals einen Grund zu Deinen Aeusserungen gegeben, so waerst Du berechtigt,
+die Waffen zu ergreifen gegen Denjenigen, der von Dir Rechenschaft
+darueber fordert--so aber darfst Du es nicht, Du bist verpflichtet, durch
+Deine eigene Erklaerung die Beleidigung zurueckzunehmen--um so mehr,"
+sagte er mit ernstem Blick auf seinen Sohn, "da man eigentlich niemals
+das Recht hat, eine Dame zu beleidigen. Du bist frei," fuhr er fort, "Du
+bist erwachsen, Du bist Officier, Du wirst thun, was Du verantworten
+kannst. Ich aber sage Dir als Dein Vater, als Edelmann und Officier, der
+stets auf das schaerfste die feinsten Grenzen der Ehre beobachtet hat,
+dass Du nach meiner innigsten Ueberzeugung verpflichtet bist, die
+verlangte Ehrenerklaerung zu geben."
+
+"Wir haben dieselbe aufgeschrieben," sagte der Dragoner, indem er ein
+Blatt Papier aus der Uniform hervorzog und es dem Lieutenant uebergab.
+
+Dieser reichte es schweigend, ohne einen Blick darauf zu werfen, seinem
+Vater.
+
+Der Oberstlieutenant ueberlas das Blatt langsam und sorgfaeltig mehrere
+Male; dann reichte er es seinem Sohn zurueck.
+
+"Diese Erklaerung ist in wuerdiger Form abgefasst," sagte er, "sie enthaelt
+nur dasselbe Anerkenntniss, das Du so eben vor mir und vor diesen Herren
+ausgesprochen hast und spricht das Bedauern aus, dass Du in der Erregung
+in einer bewegten Gesellschaft Dich zu Deinen Aeusserungen hast hinreissen
+lassen. Du kannst dieselbe unterzeichnen,--nach meiner Ueberzeugung musst
+Du sie unterzeichnen. Ich hoffe, dass die beiden Herren meiner Meinung
+sein werden."
+
+"Es ist eigentlich nicht unsere Sache," erwiderte der Dragonerofficier,
+"hier eine solche Meinung auszusprechen oder zu discutiren, indessen
+nehme ich in diesem besonderen Fall keinen Anstand, es auszusprechen,
+dass nach meiner Ueberzeugung durch die Unterzeichnung dieser Erklaerung
+die Sache auf eine fuer alle Theile befriedigende und ehrenvolle Weise
+beigelegt sein wird."
+
+Der Husarenofficier stimmte der Ansicht seines Kameraden bei.
+
+"Ich werde unterzeichnen," sagte der Lieutenant von Buechenfeld, nahm das
+Papier und begab sich in sein Zimmer.
+
+"Ob ich ihr einen Vorwurf zu machen habe," fluesterte er vor sich hin,
+waehrend er sich an seinen Schreibtisch setzte und die Feder
+eintauchte,--"oh, wenn er wuesste,"--ein schneller zorniger Blick
+leuchtete in seinem Auge auf, rasch oeffnete er das Schubfach des Tisches
+und zog aus demselben das kleine Blatt hervor, welches er am Tage vorher
+von Fraeulein Anna erhalten hatte.
+
+Mit einem raschen Zuge setzte er seinen Namen unter die Ehrenerklaerung,
+faltete dieselbe zusammen, legte das Billet dazu und erhob sich, in das
+Zimmer seines Vaters zurueckkehrend.
+
+"Nein," sagte er dann, indem er ploetzlich sinnend stehen blieb--"das
+waere unedel,--mag sie ruhig ihrer Wege gehen, sie ist todt fuer mich,
+meine Augen werden sie nie wieder sehen, und mein Herz wird das Leid
+vergessen, das sie mir angethan."
+
+Er nahm das kleine Billet, riss es in tausend kleine Stuecke und streute
+dieselben in die Luft, dann kehrte er ruhigen festen Schrittes in das
+Zimmer seines Vaters zurueck und uebergab das Papier den beiden
+Officieren.
+
+"Gott sei Dank," sagte der Dragoner, indem er dem Lieutenant von
+Buechenfeld herzlich die Hand schuettelte, "dass die Sache so gut zu Ende
+gefuehrt ist. Ich habe sonst Nichts gegen einen kleinen Kugelwechsel,
+wenn ein vernuenftiger Grund dazu vorhanden ist, aber in diesem Falle
+haette es mir doch wahrhaftig wehe gethan, wenn wegen dieser Geschichte,
+zu der wir halb und halb Veranlassung gegeben haben, Blut haette fliessen
+sollen."
+
+Die beiden Officiere gruessten ehrerbietig den Oberstlieutenant und
+entfernten sich augenscheinlich leichtern und froehlichern Herzens, als
+sie gekommen waren.
+
+"Ich bin nicht mit Dir zufrieden mein Sohn," sagte der Oberstlieutenant
+in ernstem, aber mehr traurigem, als strengem Ton, "Du hast Dich
+hinreissen lassen, Etwas zu thun, was ein wahrer Edelmann niemals thun
+soll."
+
+Der Lieutenant warf sich im Ausdruck eines lang unterdrueckten Gefuehls in
+die Arme seines Vaters.
+
+"Verzeihe mir, mein Vater," sagte er mit erstickter Stimme, "verzeihe
+mir, ich habe Unrecht gehabt, aber ich habe es auch hart gebuesst."
+
+Der alte Herr schuettelte verwundert den Kopf.
+
+"Nun, nun," sagte er, "Jeder macht einmal einen dummen Streich, nimm
+Dich kuenftig mehr in Acht und thu so Etwas nicht wieder."
+
+"Da ist Etwas nicht klar, die Sache ist nicht in Ordnung," sprach er
+dann leise vor sich hin, indem er von einem Seitentisch eine frisch
+gestopfte Pfeife nahm und dieselbe anzuendete. "Ich fuerchte, ich bin in
+Gefahr gewesen, Etwas zu erleben, was ich neulich bei meinem Freunde
+Rantow so scharf getadelt habe. Vielleicht muss ich Gott danken, dass die
+Sache so gekommen ist."
+
+Er setzte sich an den Fruehstueckstisch und schenkte den duftenden Kaffee
+aus der spiegelblank geputzten messingenen Sturzmaschine in seine grosse
+Mundtasse.
+
+
+
+
+Sechstes Capitel.
+
+
+In der Zwischenzeit, waehrend der Berathungen ueber zwei verschiedene
+Gegenstaende in dem franzoesischen Gesetzgebenden Koerper, war die Salle
+des Pas perdus in dem Gebaeude des Corps legislativ, woselbst sich die
+Deputirten zu begegnen und in Privatgespraechen miteinander zu
+verstaendigen pflegten, mit zahlreichen lebhaft sich unterhaltenden
+Gruppen angefuellt.
+
+So eben war die Nachricht verbreitet worden, dass das Plebiscit eine
+beschlossene Sache sei, und dass die liberalen Minister Chevandier de
+Valdrome, der Graf Daru, der Finanzminister Buffet und der Marquis von
+Talhouet ihre Entlassung gegeben haetten.
+
+Allgemein war die Bewegung und mit der lauten Lebhaftigkeit, welche dem
+franzoesischen Charakter eigenthuemlich ist, aeusserten die Deputirten ihre
+Meinungen ueber dieses Ereigniss, welches die seit einiger Zeit von dem
+Kaiser eingeschlagene Richtung des oeffentlichen Lebens wieder
+vollstaendig veraenderte.
+
+In der Mitte einer Gruppe stand der Graf von Keratry, eine schlanke
+Gestalt mit einem charakteristischen Kopf, dessen unruhig umher
+blickende Augen einen beweglichen feurigen, aber nicht sehr geordneten
+Geist verriethen.
+
+"Es ist Alles bereits vorbereitet," sagte er, "so eben habe ich
+erfahren, dass den Praefecten befohlen worden ist, ihre ganze Thaetigkeit
+auf die Vorbereitungen fuer das Plebiscit zu richten, und dass sie
+zugleich ermaechtigt sind, den Gemeinden zu erklaeren, dass die
+Executivgewalt die Maires kuenftig stets den Vorschlaegen der
+Gemeinderaethe entsprechend auswaehlen werde."
+
+"Das ist unerhoert," rief der Deputirte Picard, ein Mann mit einem
+blassen, scharfen und ein wenig verbissenem Gesicht, "das ist eine
+vollstaendige Corruption des oeffentlichen Votums. Will man eine
+Volksabstimmung, so soll man wenigstens sie frei sich vollziehen lassen.
+Auf diese Weise aber wird die Sache eine reine Comoedie. Wenn die
+Praefecten mit der ganzen Autoritaet ihrer Stellung in die Sache
+eingreifen, wenn man den Gemeinden zugleich Versprechungen macht, von
+denen man," fuegte er hoehnisch hinzu, "gewiss nicht die Absicht hat, sie
+je zu erfuellen, so macht man sich einer moralischen Bestechung schuldig.
+Man wird die oeffentliche Meinung Frankreichs vor den Augen von ganz
+Europa faelschen, um sich dann auf diese oeffentliche Meinung stuetzen zu
+koennen, wenn man beginnen wird, die abenteuerlichsten Massregeln des
+Absolutismus durchzufuehren."
+
+Jules Favre trat hinzu, seine grosse volle Gestalt hatte eine etwas
+schwerfaellige Haltung, und seine Bewegungen zeigten ein wenig jene
+stereotype theatralische Wuerde, welche die Advokaten vor den
+Gerichtshoefen anzunehmen pflegen, wenn sie mit dem Aplomb tiefer
+Ueberzeugung durch den persoenlichen Eindruck das Gewicht ihrer Gruende zu
+verstaerken trachten. Sein starkes Gesicht mit den regelmaessigen,
+angenehmen Zuegen, den grossen, geistvollen und klar blickenden Augen, dem
+langen, ueberhaengenden zurueckgestrichenen Haar und vollen Bart, der sich
+an einzelnen Stellen fast weiss faerbte, zeigte ein gewisses
+selbstzufriedenes ueberlegenes Laecheln, und mit seiner vollen und tiefen
+Stimme sprach er:
+
+"Wir muessen uns organisiren, meine Herren, wir muessen unsererseits
+Comites bilden, welche dafuer wirken, dass dem ganzen Volk klar gemacht
+werde, wie die freiheitliche Entwickelung nur gesichert werden koenne,
+wenn man sich massenhaft von der Theilnahme am Plebiscit enthaelt--, wenn
+wir es erreichen koennen, die abgegebenen Stimmen auf ein Minimum zu
+reduciren, so wird der moralische Eindruck der Volksabstimmung
+vollstaendig verschwinden, der sonst nicht nur im Auslande, sondern auch
+in Frankreich selbst zu einer bedeutenden Verstaerkung der moralischen
+Macht des Kaiserreiches beitragen muss. Lassen Sie uns heute
+zusammentreten und an die Bildung dieses Comites denken."
+
+"Das ist sehr gut," rief Herr Picard, "allein wie sollen wir, die wir
+doch erst einen Organismus schaffen muessen und nur langsam vorgehen
+koennen, die wir allen Hemmungen und Hindernissen ausgesetzt sind, welche
+die Macht uns bereiten wird, wie sollen wir dem concentrirten und wohl
+geleiteten Einfluss der Praefecten gegenueber etwas ausrichten?"
+
+"Nein," rief der Graf von Keratry, "wir muessen laut unsere Stimmen
+erheben, um gegen diese ungesetzliche Einwirkung der Regierungsautoritaet
+auf die freie Abstimmung des Volkes zu protestiren. Das scheint mir
+sicherer, als in die Wahlagitation einzutreten, bei welcher wir zu spaet
+kommen muessten. Koennen wir nachweisen, dass die Abstimmungen durch die
+Praefecten gemacht sind, so wird das Plebiscit ebenfalls seine Bedeutung
+vor der liberalen oeffentlichen Meinung Europas vollstaendig verlieren."
+
+"Es giebt noch ein Mittel," sagte Herr Barthelemy St. Hilaire, ein
+schlanker Mann von elegantem Aeussern, dessen Mienen und Haltung ein wenig
+an den gelehrten Professor erinnerten, "wir muessen darauf dringen, dass
+das Plebiscit nur einen Tag dauert, das wird eine grosse
+Massenbetheiligung unmoeglich machen. Ich werde einen solchen Antrag
+stellen, und bitte Sie, meine Herren, ihn zu unterstuetzen."
+
+Der Advokat Gambetta, eine kleine schmaechtige Gestalt, mit leicht
+gekruemmten Schultern, wenig elegant, fast ein wenig unsauber in seiner
+Erscheinung, hatte schweigend die verschiedenen Aeusserungen mit angehoert.
+
+Er stand da, das ausdrucksvolle, haessliche Gesicht mit dem schlecht
+gepflegten Haar und Bart, mit dem kalt und hoehnisch laechelnden Munde,
+leicht auf die Seite geneigt, sein sehendes Auge richtete sich mit einem
+duestern, fast unheimlich drohenden Ausdruck auf eine Gruppe von Herren,
+welche in der Naehe standen, waehrend das andere des Lichts beraubte Auge
+unter dem herabhaengenden Lide verborgen war.
+
+"Dort steht ja," sagte er mit einer rauhen, etwas schwerfaellig
+klingenden Stimme, "der grosse Regenerator des Kaiserreichs, unser alter
+Freund Ollivier, dem es so leicht wird, taeglich eine andere Gestalt
+anzunehmen, und neben ihm Herr Chevandier de Valdrome. Fragen wir ein
+wenig diese Herren, es wird immerhin gut sein, wenn wir uns vorher etwas
+orientiren, um genau zu wissen, was wir bei den oeffentlichen Debatten zu
+thun haben."
+
+Er naeherte sich den Ministern und begruesste sie mit einer artigen, aber
+ein wenig linkischen Verbeugung, die uebrigen folgten ihm und umgaben die
+beiden Minister, um welche sich sehr bald noch mehrere der im Saale
+anwesenden Deputirten gruppirten.
+
+"Es scheint, dass das Plebiscit beschlossen ist," sagte Herr Gambetta zu
+Ollivier gewendet, der in etwas gezierter, an die gesuchte saubere
+Einfachheit Robespierres erinnernder Haltung da stand, und dessen
+eigenthuemlich geformtes Gesicht, mit der schmalen Stirn, den stark
+schielenden von einer feinen Brille beschatteten Augen und dem grossen,
+ueber dem zurueckstehenden Kinn stark hervortretenden Munde, in lebhafter
+Bewegung zitterte.
+
+"Ich habe keinen Grund," erwiderte der Grosssiegelbewahrer des
+Kaiserreiches, indem er die Begruessung des Herrn Gambetta mit kalter,
+abwehrender Hoeflichkeit erwiderte, "mich nicht ueber die Situation
+auszusprechen. Ja, meine Herren," fuhr er fort, "das Plebiscit ist
+beschlossen, und ich begreife nicht, wie Sie und Ihre Freunde," fuegte er
+hinzu, indem sein unsicherer Blick leicht ueber die Gruppe hinglitt,
+welche ihn umgab, "ich begreife nicht, wie Sie Alle gegen diesen
+Gedanken sein koennen. Die unmittelbare Berufung des Volkes in wichtigen
+Verfassungsangelegenheiten des Landes entspricht ja so vollkommen den
+Grundsaetzen einer wahren und vernuenftigen Demokratie, zu welcher Sie
+sich bekennen, welchen ich meinerseits stets treu geblieben bin, und
+welchen auch diese neue Massregel einen verstaerkten Ausdruck geben wird."
+
+Ein hoehnisches Laecheln umzuckte die Lippen Gambetta's.
+
+"Darf ich Sie vielleicht fragen," fuhr er fort, "wie lange die
+Volksabstimmung dauern soll und ob bei derselben das Vereinsrecht zur
+Ausuebung kommen werde, welches der Bevoelkerung gestattet, sich vorher
+ueber die der Frage gegenueber einzunehmende Haltung zu verstaendigen."
+
+"Zweifellos," erwiderte Herr Ollivier, "werden oeffentliche
+Versammlungen Statt finden duerfen, und das Volk wird von allen seinen
+verfassungsmaessigen Rechten Gebrauch machen koennen--doch," fuhr er fort,
+"liegt es in der Natur der Sache, dass solche Versammlungen, da es sich
+ja hier nur um die ganz einfache Beantwortung einer einfachen Frage
+handeln wird, nicht so lange werden dauern koennen, als dies zum Beispiel
+bei den Wahlen zum Gesetzgebenden Koerper erlaubt ist. Jeder soll nach
+seiner freien Ueberzeugung eine sehr klar gestellte Frage beantworten,
+und dazu sind in der That keine langen Debatten und keine langen
+Vorbereitungen erforderlich."
+
+"Aber die Regierung, meine Herren," rief der Graf Keratry in heftigem
+und gereiztem Ton, "haelt es nicht fuer unnuetz, solche Vorbereitungen in
+dem ausgedehntesten Masse zu treffen. So eben habe ich den Herren hier
+mitgetheilt, dass ich erfahren, die Praefecten seien angewiesen, mit
+aeusserster Energie das Plebiscit vorzubereiten und sogar den Gemeinden
+Versprechungen in Betreff der Maires zu machen--es scheint also doch,
+dass man es fuer wichtig haelt, die Autoritaet der Macht in die Wagschale zu
+werfen, wenn die Mittheilungen," fuegte er hinzu, den scharfen
+stechenden Blick auf Herrn Chevandier de Valdrome richtend, "die mir
+gemacht, richtig sind."
+
+Der Minister des Innern, ein vornehm aussehender, etwas gleichgueltig
+blickender Mann von matten, nervoesen Gesichtszuegen, liess seinen Blick
+von oben herab ueber den Grafen Keratry hingleiten, ein kaltes,
+feindliches Laecheln spielte um seine Lippen und in kurzem, wenig
+verbindlichem Ton erwiderte er:
+
+"Ja, ich habe die Praefecten instruirt, wie ich das fuer mein Recht und
+meine Pflicht halte, ich habe ihnen befohlen, die aeusserste Thaetigkeit zu
+entwickeln, um die Enthaltung von der Abstimmung zu verhindern. Ich
+trage die persoenliche Verantwortlichkeit fuer meine Anweisungen,--welche
+uebrigens ganz und gar Verwaltungsmassregeln sind."
+
+"Ich begreife nicht," rief Picard, "wie der Herr Minister des Innern das
+Plebiscit als die freie Abstimmung des Volkes ueber die wichtigsten
+Fragen, die sein oeffentliches Leben betreffen, eine Verwaltungsmassregel
+nennen kann. Wenn es jedoch nun," fuegte er mit ironischem Laecheln hinzu,
+"eine Verwaltungsmassregel sein soll, so wuerde es fuer uns gewiss von
+grossem Interesse sein, den Inhalt der Schreiben kennen zu lernen, welche
+in dieser Beziehung an die Praefecten erlassen worden sind."
+
+"Die innern Massregeln der Verwaltung," erwiderte Herr Chevandier de
+Valdrome in kurzem Ton, "sind kein Gegenstand von Diskussionen mit der
+Vertretung des Landes, sie sind ein ausschliessliches und unbestreitbares
+Recht der Regierung."
+
+Rasch fiel Herr Ollivier ein, indem er ein wenig die Hand erhob und
+jenen etwas salbungsvollen Ton annahm, der seiner Rede auf der Tribuene
+so oft die unmittelbare Wirksamkeit nahm:
+
+"Und wenn Sie auch nicht das formelle Recht dazu haben, so will ich
+Ihnen doch am wenigsten die moralische Berechtigung bestreiten, unsere
+Anweisungen kennen zu lernen. Interpelliren Sie mich in der Sitzung, und
+ich werde von der Tribune Ihnen unsere Instructionen mittheilen."
+
+"Wenn der Herr Minister der Justiz statt meiner spricht," sagte Herr
+Chevandier de Valdrome in trockenem Ton, indem er sich gegen seinen
+Collegen verbeugte, "so habe ich ja nicht noethig, mich laenger an dieser
+Unterhaltung zu betheiligen," und rasch sich abwendend, entfernte er
+sich von der Gruppe.
+
+"Ich habe keinen Grund," fuhr Herr Ollivier fort, "unsern Standpunkt und
+unsere Massregeln zu verhuellen, wir haben den Praefecten einfach
+geschrieben: "Sichern Sie die Freiheit der Abstimmungen, wenden Sie
+weder Drohungen, noch Druck, noch Versprechungen an, vergessen Sie aber
+nicht, dass Sie den Umtrieben der Wahlenthaltung gegenueber stehen und
+wenden Sie die verzehrendste Thaetigkeit an, nur jeden Buerger zur
+Abstimmung zu draengen."
+
+"Nun wohl," rief Herr Picard lachend, "diese aufreibende Thaetigkeit und
+dieses Draengen der Buerger zur Abstimmung sind die deutlichen Zeichen,
+dass die so traurige Praxis der amtlichen Candidaturen auch in dieser
+Frage eben so ruecksichtslos wie frueher geuebt werden soll. Die Enthaltung
+von der Abstimmung ist ein unzweifelhaftes Recht eines jeden Buergers vor
+allen Dingen dann, wenn doch Niemand im Stande ist, ohne Gefahr frei
+seine Meinung zu aeussern; wenn Jedermann sich scheuen muss nein zu sagen,
+so muss ihm wenigstens die Freiheit bleiben, nicht ja sagen zu duerfen.
+Das Alles ist nichts als Possenspiel" fuegte er achselzuckend hinzu.
+
+"Hier ist von keinem Possenspiel die Rede," rief Herr Ollivier in
+lebhafter Erregung, "deutlich und unverhuellt wird die Frage an das Volk
+gestellt werden. Die einzige Thaetigkeit der Regierung wird sich nur
+darauf richten, Jeden dahin zu fuehren, dass er die deutlich gestellte
+Frage eben so deutlich beantworte."
+
+"Durch die Anweisung, deren Inhalt uns so eben im Allgemeinen
+mitgetheilt ist," sagte Herr Jules Favres ruhig und langsam, "ist das
+Cabinet seinem liberalen Programm untreu geworden--das Misstrauen ist
+also wohl berechtigt. Moegen die Herrn Minister," sagte er mit einer
+leichten Verbeugung gegen Ollivier, "es auch ehrlich meinen, die andern
+Beamten werden dennoch die Abstimmungen faelschen."
+
+"Das wird Niemand wagen," rief Herr Ollivier heftig erregt, "die
+Minister koennen wohl das Vertrauen verlangen, dass sie den Massregeln, zu
+denen sie sich ehrlich bekennen, auch von Seiten ihrer Untergebenen eine
+ebenso ehrliche und rueckhaltslose Durchfuehrung zu sichern im Stande sein
+werden. Uebrigens," fuhr er fort, "kommt das Cabinet und seine Existenz
+bei der ganzen Sache garnicht in Frage. Es handelt sich einfach um eine
+Sanctionirung der Verfassungsbestimmungen, welche die Minister mit den
+Vertretern des Landes bereits gutgeheissen haben. Die Kammern selbst sind
+also ebenso betheiligt, als das Ministerium."
+
+"Das sind Wortklaubereien," rief Picard entruestet, "Regierung ist
+Regierung, es ist traurig genug, dass man nicht im Stande ist, dem
+Ministerium, das sich mit liberalen Reformen einfuehrte, dauerndes
+Vertrauen zu schenken."
+
+"Das thut mir sehr leid," rief Herr Ollivier zitternd vor zornigem
+Eifer, "schenken Sie uns Ihr Vertrauen, schenken Sie es uns nicht, das
+ist Ihre Sache--das kann uns nicht abhalten, unsre Pflicht zu thun,
+seien Sie ueberzeugt, dass uns Ihre Meinung ganz gleichgueltig ist."
+
+Ein dumpfes Murren liess sich unter der Gruppe vernehmen.
+
+"Welch ein Ton der Conversation," rief Jules Favres, "man sollte doch
+meinen, sich hier in der Gesellschaft von gebildeten Leuten zu
+befinden."
+
+"Der Herr Minister ist sich gewiss ueber die Bedeutung seiner Worte nicht
+klar geworden," sagte Herr Picard kalt und hoehnisch, "die Sorgen fuer die
+Verbreitung des Plebiscit haben, wie es scheint, seine sonst so eminente
+Faehigkeit, die Redewendungen richtig abzuwaegen, gelaehmt."
+
+Herr Ollivier schien selbst ein wenig bestuerzt ueber seinen heftigen
+Ausbruch zu sein.
+
+"Ich bin mir ueber meine Worte vollkommen klar," sagte er, "und habe mit
+denselben," fuegte er sich leicht verneigend hinzu, "durchaus keine
+persoenliche Verletzung beabsichtigt. Ich habe nur sagen wollen, dass
+eine Regierung, welche sich vollkommen klar ist ueber das, was sie nach
+reiflicher Ueberlegung fuer ihre Pflicht erkannt hat, sich nicht dadurch
+irre machen lassen darf, ob ihre Beschluesse und Massnahmen bei der einen
+oder bei der andern Partei beifaellige oder tadelnde Beurteilung finde;
+und ich kann nur wiederholen, dass die Regierung es fuer ihre Pflicht
+haelt, mit aller Energie gegen das System der Stimmenenthaltung
+aufzutreten. Das Kaiserthum und der Kaiser stehen nicht in Frage," fuhr
+er mit fester Stimme fort, "wie hier so eben bemerkt wurde, die Frage
+ist nur die, ob es gut sei, das Kaiserthum der Autoritaet und des
+persoenlichen Regiments in ein liberales Kaiserthum umzuwandeln; dass die
+Feinde des Kaiserthums ueberhaupt das Letztere nicht wollen, begreife
+ich," fuegte er mit scharfer Betonung hinzu, "ob sie aber damit dem
+Vaterlande einen Dienst leisten, ob sie nicht ihre Parteiruecksichten
+hoeher stellen, als das Wohl der Nation, das will ich, meine Herren,
+ihrem eigenen Gewissen ueberlassen." Und mit einer kurzen Verneigung
+wandte er sich ab und verliess das Zimmer.
+
+Ein Theil der Abgeordneten kehrte in den Saal zurueck, wo man ueber
+einzelne Paragraphen des neuen Pressgesetzes debattirte. Die Meisten
+aber entzogen sich dieser Debatte, praeoccupirt wie sie durch die ganze
+politische Situation waren, verliessen sie das Palais des Gesetzgebenden
+Koerpers, um in Privatzusammenkuenften bei den Parteifuehrern sich ueber die
+zu fassenden Entschliessungen zu berathen.
+
+Herr Ollivier durchschritt langsam die Corridore und stieg vor dem
+Palais in sein sehr einfaches und unscheinbares Coupe, indem er dem in
+dunkle Livree gekleideten Kutscher zurief:
+
+"Nach den Tuilerien."
+
+Kurze Zeit darauf fuhr er in den innern Hof des alten Koenigspalastes
+ein, er hielt vor dem grossen Eingang, ueber welchem das von Lanzen
+getragene Zeltdach sich ausdehnte.
+
+Er fand den Dienst thuenden Ordonnanzofficier im Vorzimmer; dieser
+fuehrte ihn sogleich in das Cabinet des Kaisers ein.
+
+Napoleon III war frischer als sonst, zwar hingen seine Zuege mit dem
+Ausdruck des Leidens und koerperlicher Schmerzen schlaff herab, aber in
+seinem Blick machte sich eine gewisse an die vergangenen Tage seiner
+Jugend erinnernde Energie bemerkbar, als er mit seinem langsamen, etwas
+unsicheren Gang dem Minister entgegentrat, welcher es uebernommen, das
+Steuer des Staatsschiffes, welches so lange die feste Hand des Herrn
+Rouher gefuehrt hatte, durch die bedenklichen Klippen verschiedener
+Neuerungen zu fuehren.
+
+"Ich habe gewuenscht, Sie noch vorher zu sprechen, mein lieber Herr
+Ollivier," sagte der Kaiser, indem er mit verbindlichem Gruss dem
+Grosssiegelbewahrer die Hand reichte, "bevor ich den gesammten
+Ministerrath hoere, in welcher Weise die Ereignisse geleitet werden
+muessen, damit wir das grosse Ziel erreichen, das oeffentliche Vertrauen in
+die Regierung vollstaendig wieder herzustellen,--welches bereits so sehr
+wieder gewachsen ist," fuegte er mit einer leichten Neigung des Kopfes
+hinzu, "seitdem Sie mir mit Ihrem Rath zur Seite stehen."
+
+"Das Vertrauen Eurer Majestaet macht mich sehr gluecklich," erwiderte
+Herr Ollivier, indem er auf den vom Kaiser ihm bezeichneten Sessel
+sich niederliess. "Wenn die oeffentliche Meinung mir mit einem
+gewissen sympathischen Gefuehl entgegenkommt," fuhr er mit einem
+selbstbefriedigten Laecheln fort, "so wird mir meine Aufgabe sehr
+wesentlich durch die hochherzige Offenheit erleichtert, mit welcher Eure
+Majestaet mich unterstuetzen."
+
+Der Kaiser richtete einen eigentuemlichen Blick aus seinen schnell sich
+entschleiernden und dann wieder in ausdruckslose Gleichgueltigkeit
+zuruecksinkenden Augen, waehrend er mit der Hand ueber den Schnurrbart
+streichend ein unwillkuerlich seine Lippen bewegendes Laecheln verbarg.
+
+"Sie glauben also," sagte er dann, "dass das Plebiscit der Regierung
+guenstig ausfallen werde?"
+
+"Jedenfalls," erwiderte Herr Ollivier, "die Stimmung ist allgemein sehr
+wenig befriedigt ueber das Verhalten der unversoehnlichen Opposition. Man
+will Ruhe fuer die Geschaefte, man will Schutz gegen die herandraengende
+sociale Bewegung, und man wird dem liberalen Kaiserreich um so mehr mit
+begeisterter Waerme seine Stimme geben, als es die Freiheit mit der Kraft
+und der Ordnung vereinigt. Die Opposition fuehlt dies, und ihr Bestreben
+geht nicht mehr danach, ein negatives Votum der Volkscomitien zu
+erreichen, sondern vielmehr eine massenhafte Stimmenenthaltung
+durchzusetzen, ein Bestreben, in welchem sie durch die Indolenz der
+Massen wesentlich unterstuetzt werden moechte.
+
+"Eure Majestaet werden es gewiss billigen, dass wir auf die energischste
+Weise den Praefecten aufgetragen haben, vor allen Dingen besonders in den
+laendlichen Kreisen gegen die Enthaltung von der Abstimmung zu wirken."
+
+"Gewiss, gewiss," sagte der Kaiser wie zerstreut, "man muss alle Mittel
+anwenden, um diesen Herren von der Opposition zu zeigen, dass das Volk
+von Frankreich sie verwirft und fest hinter mir steht,--doch," fuhr er
+fort, "wie ist es mit Daru und Buffet? Bestehen sie darauf, dass die
+Kammern zunaechst ueber das Plebiscit befragt werden und werden sie daraus
+eine Cabinetsfrage machen?"
+
+"Ich glaube, Sire," sagte Herr Ollivier, "dass meine beiden Kollegen sehr
+geneigt sind, sich darueber zu verstaendigen; sie wollen gern ihre Kraefte
+unter dem liberalen Kaiserreich und unter Eurer Majestaet erleuchteter
+und ruhmvoller Fuehrung dem Wohle Frankreichs widmen. Indess halten sie es
+fuer unmoeglich, so ganz und gar von dem Prinzip abzuweichen, das sie mit
+voller Ueberzeugung vertreten. Es laesst sich vielleicht," fuhr er fort,
+"ein Weg finden, um im Wesentlichen die Meinungen Eurer Majestaet
+aufrecht zu erhalten, und dennoch die Minister, welche bei den
+verschiedenen Parteien Vertrauen haben zu conserviren. Man koennte die
+Absicht, ein Plebiscit vorzunehmen, ohne sich einem constitutionellen
+Beschluss der Vertretung des Landes zu unterwerfen, dem Corps legislativ
+einfach durch eine Botschaft mittheilen, worauf denn eine
+Antwortsadresse erfolgen wuerde. Auf diese Weise liessen sich die
+verschiedenen Standpunkte vielleicht vereinigen, und es ist allerdings
+richtig, dass bei dem Plebiscit es von Wichtigkeit sein koennte, dem Volk
+zu zeigen, dass die Regierung und die regelmaessige constitutionelle
+Vertretung ueber den wichtigen Act in voller Uebereinstimmung sich
+befinden."
+
+Der Kaiser senkte den Kopf und strich mehrere Male nachdenklich ueber
+seine Stirn.
+
+"Damit wuerde eigentlich," sagte er, "dem Plebiscit die wahre Spitze
+abgebrochen, und ich bin, wie ich Ihnen aufrichtig sagen muss, nicht sehr
+geneigt, einen solchen Weg zu gehen. Halten Sie," fragte er, Herrn
+Ollivier ploetzlich voll und scharf anschauend, "diesen Weg prinzipmaessig
+fuer richtig, oder wuerden Sie ihn nur vorschlagen, um die Personen der
+Minister zu conserviren?"
+
+"Die Minister haben, wie ich Eurer Majestaet zu bemerken die Ehre hatte,"
+fuhr der Grosssiegelbewahrer fort, "ein gewisses Vertrauen, ihr Ruecktritt
+koennte einen unguenstigen Eindruck machen. Dies ist wesentlich der Grund,
+wesshalb ich einen Kompromiss suchen moechte."
+
+"Mein lieber Herr Ollivier," sagte der Kaiser, indem er sich ein wenig
+herueberneigte, "nach meiner Ueberzeugung beruht das Vertrauen, welches
+das Ministerium bei der Bevoelkerung geniesst, weder auf Herrn Buffet,
+noch auf dem Grafen Daru, noch auf irgend einem der andern Personen,
+welche gegenwaertig das Cabinet bilden, sondern vielmehr lediglich auf
+der Achtung und Sympathie, welche man Ihnen entgegentraegt, Sie sind der
+Pfeiler, auf welchem gegenwaertig meine Regierung ruht. Der Respect vor
+Ihrem Charakter, die Bewunderung fuer Ihre grossen Talente bilden einen
+Nimbus um Sie, dessen Strahlen auch auf die uebrigen Minister fallen, sie
+werden aber ebenso gut auch auf jeden Andern fallen, der das Glueck haben
+wird, mit Ihnen zusammen ein Cabinet zu bilden. Die Ruecksicht also,"
+fuhr er fort, "auf das Vertrauen, welches jene Herren im Lande geniessen,
+und den persoenlichen Einfluss, welchen sie ueben koennen, wuerde mich
+niemals bestimmen koennen, von einem als richtig anerkannten Prinzip
+abzugehen, lediglich um ihre Personen zu conserviren. Etwas Anderes,"
+fuhr er nachdenklich fort, indem aus dem Winkel seines fast
+geschlossenen Auges ein schneller, scharf beobachtender Blick auf Herrn
+Ollivier hinueberflog, "etwas Anderes ist es freilich mit ihrer Ersetzung
+in den Geschaeften. Buffet ist ein vortrefflicher Finanzminister, es
+wird nicht leicht sein, Jemanden an seine Stelle zu setzen--Segris
+vielleicht--man muesste sich mit ihm darueber verstaendigen--noch
+schwieriger aber ist die Sache bei Daru. Woher kann man so schnell einen
+auswaertigen Minister finden? Namentlich, da es sich darum handeln wuerde,
+die Stellung ein wenig zu modificiren, welche wir dem Concil und Rom
+gegenueber eingenommen haben. Die Minister der auswaertigen
+Angelegenheiten," fuhr er fort, anscheinend immer tiefer im Nachsinnen
+versinkend, "wachsen nicht aus der Erde hervor. Ja, wenn," sagte er, den
+Blick wie fragend auf Herrn Ollivier richtend--"wenn es moeglich waere,
+dass eines Menschen Kraft die Last allein truege, welche schon auf drei
+Schultern vertheilt nicht leicht ist, so waere schnell eine Abhuelfe zu
+finden."
+
+Er lehnte den Kopf wie tief nachdenkend auf den auf sein Knie gestuetzten
+Arm.
+
+Das Gesicht Olliviers zuckte in lebhafter Bewegung, seine Augen schienen
+einem ploetzlich vor ihm auftauchenden Bilde zu folgen, ein Schimmer
+hoher Befriedigung erleuchtete seine Zuege und rasch mit athemloser
+Stimme sprach er:
+
+"Eure Majestaet meinen--Eure Majestaet haben irgend eine Idee ueber das
+Ressort des auswaertigen Amtes?"
+
+"Ich fuerchte," sagte Napoleon, indem er wie in schmerzlicher
+Resignation die Achseln zuckte, "dass die Idee, welche mir einen
+Augenblick als moeglich vorschwebte, der Wunsch, den ich einen Augenblick
+hegte, Unmoeglichkeiten sind. Ich hatte mir gedacht, wie rasch sich das
+Alles arrangiren liesse, wenn Sie, mein lieber Herr Ollivier, mir das
+Opfer bringen koennten, fuer einige Zeit das Ministerium der auswaertigen
+Angelegenheiten zu fuehren. Ich weiss," fuhr er fort, "die Repraesentation,
+welche gerade mit diesem Ministerium mehr als mit andern verbunden ist,
+wuerde Ihnen laestig sein. Die Last der Arbeiten wuerde selbst Ihrem der
+Thaetigkeit so gewoehnten Geist zu viel werden. Lassen wir also die Sache,
+es ist doch vielleicht besser, einen Kompromiss zu suchen, welcher uns
+den Grafen Daru und Herrn Buffet erhaelt."
+
+Herr Ollivier hatte in einer gewissen Unruhe, die Haende in leichtem
+Zittern bewegend, das Ende der Bemerkungen des Kaisers erwartet. Als
+Napoleon schwieg, sagte er rasch, indem er seine Brille zurecht schob:
+
+"Ew. Majestaet duerfen ueberzeugt sein, dass mir fuer Ihren Dienst und fuer
+das Wohl Frankreichs kein Opfer zu gross ist. Wohl widerstrebt meinem
+einfachen buergerlichen Sinne," sagte er, "die grosse und vielseitige
+Repraesentation, wohl moechte ich auch fuer meine Familie leben und fuer
+meine Gesundheit ein wenig Musse gewinnen, dennoch aber kann ich keinen
+Augenblick anstehen, wenn es der Dienst Eurer Majestaet, wenn es das Wohl
+Frankreichs erfordert, auch diese neue Last auf mich zu nehmen, und ich
+traue mir ohne Ueberschaetzung dennoch die Kraft zu, sie tragen zu
+koennen. Ich bin an die Thaetigkeit gewoehnt, Sire, und will wenigstens
+versuchen, Eurer Majestaet auch diesen Beweis meiner Ergebenheit zu
+geben."
+
+Napoleon schlug wie durch eine unerwartet guenstige Wendung der Dinge
+freudig ueberrascht die Haende zusammen.
+
+"Aber, mein lieber Herr Ollivier," sagte er, "dann ist uns ja geholfen,
+dann haben wir ja garnicht noethig, noch einen Kompromiss zu suchen, wenn
+Graf Daru wirklich heute abgeht und Sie bereit sind, an seine Stelle zu
+treten. So befinde ich mich ja nicht nur in keiner Verlegenheit, sondern
+ich werde sogar meine Lage wesentlich verbessern, denn Sie werden mir
+die Bemerkung erlauben, dass ein jedes Portefeuille bei Niemanden, und
+waere er der Geschickteste und Bewaehrteste, so gut aufgehoben sein kann,
+als in Ihren Haenden. Wenn Sie also wirklich bereit waeren, an die Stelle
+des Grafen Daru zu treten, und wenn Ihre Kraft eine so uebermaessige Last
+zu ertragen im Stande ist, dann waeren wir ja, wie ich glaube,
+vollstaendig einig ueber den Gang, den wir den Ereignissen zu geben
+haben."
+
+"Wenn Eure Majestaet," sagte Herr Ollivier, "die Gnade haben wuerden, mir
+das Portefeuille des Auswaertigen zu uebertragen, so sehe ich allerdings
+nicht ein, warum in der Frage des Plebiscits ein keinem Prinzip
+vollkommen entsprechender Ausweg gesucht werden sollte."
+
+"Nun," sagte der Kaiser, indem er sich erhob, "ich sehe, wir verstehen
+uns vollkommen,--welche Freude wird es mir machen, mit Ihnen die Fragen
+der auswaertigen Politik zu besprechen und aus Ihrem so erleuchteten
+Geiste immer neue Gedanken zu der Beurtheilung derselben zu ziehen."
+
+Herr Ollivier verneigte sich mit gluecklichem zufriedenem Laecheln.
+
+"Ich glaube, wir werden vollstaendig darin uebereinstimmen," sagte der
+Kaiser leichthin mit gleichgueltigem Ton, "dass der roemischen Frage auf
+dem Concil gegenueber die Haltung, welche der Graf Daru in der letzten
+Zeit eingenommen hat, modificirt werden muss. Die katholische Kirche und
+der Klerus ist ein sehr maechtiger Factor in Frankreich, dessen freien
+und rueckhaltslosen Beistand wir uns sichern muessen. Und ausserdem," fuhr
+er fort, "widerstrebt auch meinem religioesen Gefuehl eine Erkaltung der
+Beziehungen zwischen meiner Regierung und dem heiligen Stuhl."
+
+"Eure Majestaet haben vollkommen Recht," sagte Herr Ollivier schnell,
+"Frankreich ist gut katholisch. Ich bin es auch," fuegte er hinzu, "und
+die Ruecksicht auf die Gefuehle des Volkes ebenso wie auf den Einfluss des
+Klerus gebieten uns eine aeusserst vorsichtige Stellung Rom gegenueber
+einzunehmen, und nichts zu thun, was die Beziehungen zur Kurie irgend
+wie trueben koennte. Ich fuerchte," fuhr er fort, "der Graf Daru hat sich
+in dieser Sache ein wenig zu sehr von Doctrinen leiten lassen und hat zu
+wenig die concreten Verhaeltnisse in Betracht gezogen; auch moechten
+vielleicht seine Beziehungen zu Guizot, der entschieden Protestant ist,
+nicht ohne Einfluss auf seine Anschauungen geblieben sein."
+
+Der Kaiser, welcher sehr aufmerksam den Worten seines Ministers zugehoert
+hatte, schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn, als ob er durch
+die Aeusserungen des Herrn Ollivier besonders frappirt sei.
+
+"In der That, mein lieber Minister," sagte er, "Sie bringen mich da auf
+einen Gedanken, der mir Manches aufklaert,--sollten Sie, wie ich glaube,
+Recht haben, so ist es um so noethiger, unsere Stellung Rom gegenueber zu
+modificiren, denn protestantische Anschauungen koennen doch gewiss niemals
+die Politik Frankreichs, dieses so tief katholischen Landes leiten.
+Welch eine Freude ist es doch," sagte er tief aufathmend, "so
+vollstaendiges Verstaendniss zu finden und mit einem Mann zu arbeiten, der
+uns stets neue Gesichtspunkte oeffnet."
+
+Er bewegte die Glocke.
+
+"Sind die Herren Minister versammelt," fragte er den eintretenden
+Kammerdiener.
+
+"Zu Befehl, Majestaet."
+
+"Wollen Sie mich in einen Augenblick im Conferenzzimmer mit den andern
+Herren erwarten," sagte der Kaiser zu Herrn Ollivier, "ich werde Ihnen
+sogleich folgen--wir wissen ja, was wir zu thun haben."
+
+Der Grosssiegelbewahrer verneigte sich mit zustimmender Miene und verliess
+das Kabinet des Kaisers.
+
+"Er wird thun, was ich will," sagte Napoleon ihm laechelnd nachblickend,
+"und ich werde die vortreffliche Stellung haben, keinerlei Initiative zu
+ergreifen; nicht meine Meinung,--sondern diejenige des Herrn Ollivier
+wird durchdringen, und man wird nicht wieder vom persoenlichen Regiment
+und vom autocratischen Einfluss sprechen koennen."
+
+Er trat zu einem kleinen Schrank, nahm daraus ein Flaeschchen mit einer
+roethlichen Fluessigkeit, zaehlte in ein Glas Wasser, das der Kammerdiener
+ihm reichte, eine Anzahl von Tropfen und trank dann schnell den Inhalt,
+der ihn fast augenblicklich wohlthaetig zu beleben schien.
+
+"So," sagte er mit einem tiefen Athemzug, "das wird mir fuer eine Stunde
+wieder Kraft und Elasticitaet geben. Jetzt will ich meine Herren Minister
+anhoeren."
+
+Und mit etwas lebhafterem festerem Gang als vorhin begab er sich durch
+die schnell geoeffnete Fluegelthuer nach dem Conferenzzimmer, einem grossen
+hellen Gemach, in dessen Mitte ein runder gruener Tisch, von ebenfalls
+dunkelgruenen Fauteuils umgeben, stand.
+
+In diesem Zimmer waren die Minister bereits versammelt, sie trugen
+saemmtlich, wie der Kaiser, schwarze Morgenanzuege und verneigten sich
+tief beim Eintritt des Souverains.
+
+Da war neben Ollivier, der, aufgeregt, aber von innerer Befriedigung
+strahlend, hinter seinem Stuhl stand, Herr Chevandier de Valdrome mit
+seinem etwas cavalieren Ausdruck; der Graf Daru mit seinem kalten,
+etwas misstrauischen Blick; Herr Buffet, der Finanzminister, eine
+bureaucratische Erscheinung mit eigensinnig doctrinairem Ausdruck; Herr
+Segris, der Minister des Unterrichts, ein wenig an das Aeussere eines
+Professors erinnernd; dann der Marquis von Talhouet, der Minister der
+oeffentlichen Arbeiten, eine schoene, elegante Erscheinung, trotz seines
+Alters von beinahe fuenfzig Jahren, noch jugendlich und frisch, der wahre
+altfranzoesische grand Seigneur;--Herr Maurice Richart, fuer welchen sein
+Freund Ollivier das Ministerium der schoenen Kuenste geschaffen hatte, ein
+gutmuethiger, sorgloser Lebemann; dann der Kriegsminister, Marschall
+Leboeuf, eine militairisch kraeftige Erscheinung, das volle, ein wenig
+aufgeschwemmte und regelmaessige Gesicht hatte durch den grossen Bart auf
+der Oberlippe und dem Kinn einen etwas martialischen Ausdruck, der
+jedoch durch den gleichgueltigen und oberflaechlichen Blick der etwas
+vorstehenden Augen wieder abgeschwaecht wurde; endlich der Admiral
+Rigault de Genouilly, dessen feines und intelligentes Gesicht mit dem
+Ausdruck verschlossenen Nachdenkens stets einen nicht ausgesprochenen
+Hintergedanken zu verstecken schien.
+
+Der Kaiser setzte sich auf seinen Lehnstuhl in der Mitte des Tisches,
+und die Minister nahmen um ihn her Platz, Herr Ollivier zu seiner
+Rechten, Graf Daru zu seiner Linken; die Uebrigen nach der Reihenfolge
+ihres Ranges; die Minister des Krieges und der Marine dem Kaiser
+gegenueber.
+
+"Ich habe Sie berufen, meine Herren Minister," sprach der Kaiser mit
+ruhiger, fast ausdrucksloser Stimme, indem er einen der auf dem Tische
+liegenden Bleistifte ergriff und einige unbestimmte Linien auf dem vor
+ihm bereit liegenden Papierbogen zeichnete, "ich habe Sie berufen, um
+Sie zu ersuchen, die Frage des Plebiscits, ueber welche ich bereits mit
+Jedem von Ihnen einzeln conferirt habe, nunmehr noch einmal
+gemeinschaftlich zu discutiren und dann darueber einen definitiven
+Beschluss zu fassen. Es handelt sich darum, die neue Institution, welche
+ich dem Kaiserreich geben zu sollen geglaubt habe und zu deren
+Befestigung Sie Alle so bereitwillig mir die Hand geboten haben, nochmal
+durch ein Votum der ganzen Nation, auf welchem ja das Kaiserreich selbst
+und seine fruehere Verfassung beruhen, sanctioniren zu lassen. Und ich
+bitte Sie mit Ihrer gewohnten und von mir stets so hoch gewuerdigten
+Freimuethigkeit mir Ihre Meinung darueber zu sagen."
+
+Er wandte sich mit einer leichten Neigung des Kopfes zu Herrn Ollivier.
+
+"Sire," erwiderte dieser in einem Ton, welcher an den gleichfoermigen
+Pathos erinnerte, der eine Eigenthuemlichkeit seiner Reden auf der
+Tribuene war--"Eure Majestaet wissen, dass ich aus voller Ueberzeugung dem
+grossen Gedanken zugestimmt habe, welchen Sie so eben aussprachen. Eine
+Regierung, welche so offen und rueckhaltslos wie wir die Verfassung im
+Sinne der Freiheit ausbaut, darf sich nicht scheuen ihr Werk der Pruefung
+und Genehmigung des ganzen Volkes vorzulegen. Wir treten vor die Nation,
+nicht um zu fordern, sondern nur zu geben, und sind der dankbaren
+Zustimmung der grossen Mehrheit der Buerger Frankreichs sicher; das
+Gewicht ihres Votums wird die Autoritaet und Macht des Kaiserreichs den
+innern und aeussern Feinden gegenueber von Neuem kraeftigen, und alle die
+Elemente, welche in der letzten Zeit so vermessen an der Entwickelung
+des gesellschaftlichen Lebens gearbeitet haben, werden vor dem fest und
+klar ausgesprochenen Willen der ganzen Nation schwinden. Ich habe die
+Form des Plebiscits ausgearbeitet. Der Herr Minister des Innern hat die
+Praefecten mit ausfuehrlichen Instruktionen versehen, um die von der
+unversoehnlichen Opposition beabsichtigte massenhafte Enthaltung von der
+Abstimmung zu verhindern, und ich erlaube mir, Eurer Majestaet
+vorzuschlagen, dass so wie das Senatuskonsult festgestellt ist, das
+Plebiscit ohne weitere Verzoegerung vorgenommen werde, denn jeder Tag, um
+den dasselbe noch hinausgeschoben wird, giebt den Gegnern Gelegenheit,
+sich zu organisiren und ihre Agitationen immer mehr ueber das Land zu
+verbreiten. Die Form des Plebiscits wuerde nach meiner Ueberzeugung sehr
+einfach sein, sie wuerde sich auf wenige Zeilen reduciren, und ich werde
+meinen Entwurf bei meinen Herren Collegen circuliren lassen, um ihn dann
+mit ihren Zustimmungen oder etwa mit ihren Gegenvorschlaegen Eurer
+Majestaet zu unterbreiten."
+
+Der Kaiser wandte sich mit einem verbindlichen Wink seiner Hand zu dem
+Grafen Daru.
+
+Der Minister der auswaertigen Angelegenheiten hatte ruhig und unbeweglich
+den Worten Olliviers zugehoert; ebenso ruhig sprach er jetzt mit seiner
+etwas leisen, aber durch die scharfe Accentuirung der Worte deutlichen
+Stimme:
+
+"Ueber die Form des Plebiscits, Sire, wird, wie ich glaube, unter uns
+kaum eine Meinungsverschiedenheit bestehen koennen. Es kann ja eben nur
+eine ganz einfache mit ja oder nein zu beantwortende Frage sein. Dagegen
+aber kann ich nicht unterlassen, Eurer Majestaet noch einige sehr ernste
+und gewichtige Bedenken gegen die Sache selbst auszusprechen."
+
+Der Kaiser blickte nicht auf, mit voellig ausdrucksloser Miene sah er auf
+das Papier nieder und zeichnete grosse krumme Linien, welche in einander
+greifend sich zu dem Bilde eines Adlerfluegels vereinigten.
+
+"Eure Majestaet," fuhr Graf Daru fort, "haben vorhin bemerkt, dass das
+Kaiserreich auf dem freien Votum der ganzen Nation beruhe, wie das ja
+auch mit der Herrschaft des ersten Kaisers der Fall war. Das Volk hat
+seinen Willen ausgesprochen und sich nach einer Zeit innerer Unruhen und
+Kaempfe eine feste Staatsform und eine consolidirte Regierung gegeben,
+welche wir nunmehr dem Willen Eurer Majestaet gemaess zu freierer, innerer
+Entwicklung zu fuehren haben. Da die Existenz des Kaiserreichs, der Grund
+seines Bestehens auf dem Plebiscit beruht, so halte ich es fuer
+bedenklich, der Sicherheit des Staatsgebaeudes und vor allen Dingen auch
+der Dynastie Gefahr bringend, wenn man ohne eine absolute Nothwendigkeit
+auf die Grundfundamente der Monarchie wieder zurueckgreift. Ich glaube
+nicht,--verzeihen mir Eure Majestaet, dass eine Dynastie wirklich auf die
+Dauer feste und unzerstoerbare Wurzeln schlagen kann, wenn bei jeder
+Gelegenheit derjenige Faktor, der ihr das Leben gegeben, wieder in die
+oeffentliche Bewegung hineingezogen wird; das Volk durch unmittelbares
+Plebiscit hat einmal gesprochen und das Kaiserreich begruendet--die
+weitere Entwicklung desselben muss nun seinen verfassungsmaessigen
+Vertretern ueberlassen werden. Das Kaiserreich selbst darf nicht wieder
+in Frage gestellt werden. Denken Eure Majestaet, in welche gefaehrliche
+Lage, in welche falsche Position ein Souverain kommen muesste, der wie
+Eure Majestaet es stets mit gerechtem Stolz gethan und wie Ihre
+Nachfolger es ohne Zweifel ebenfalls thun werden, sich den Erwaehlten der
+Nation nennt, wenn das Votum dieser Nation in einem spaetern Plebiscit
+ihm unguenstig waere? Ein abfaelliges Votum des Corps legislativ greift nur
+das Ministerium an, ein abfaelliges Plebiscit aber wuerde das Kaiserthum
+und die Dynastie selbst in Frage stellen."--
+
+"So weit wir aber die Stimmung im Lande kennen," fiel Herr Ollivier ein,
+waehrend der Kaiser fortwaehrend ganz theilnahmlos weiter zeichnete--"ist
+garnicht an die Moeglichkeit zu denken, dass die allgemeine Abstimmung
+unguenstig ausfalle, vielmehr wird sie auf's Neue die Wurzeln des
+Kaiserreichs und der Dynastie kraeftigen und immer tiefer in das
+nationale Bewusstsein dringen lassen."
+
+"Ich zweifle nicht an dem Ausfall der Abstimmungen," erwiderte Graf
+Daru, indem fluechtig und fast unbemerkbar ein Zug feiner Ironie auf
+seinem kalten bleichen Gesicht erschien, "auch spreche ich nicht von der
+Thatsache, sondern von dem Prinzip, und im Prinzip muss ich dabei
+bleiben, dass ein wiederholtes Plebiscit gefaehrlich fuer die Dynastie ist,
+um so gefaehrlicher, wenn man jetzt etwa auf einen guenstigen Ausfall
+desselben einen besonderen Werth zu legen beabsichtigt. Je mehr
+Bedeutung man dem zustimmenden Votum giebt, um so mehr gefaehrlicher
+wuerde eines Tages eine feindliche Abstimmung werden koennen. Ausserdem bin
+ich des Erfolges noch nicht so vollkommen sicher. Die Majoritaet
+Derjenigen, welche stimmen, wird mit ja stimmen, daran zweifle ich
+nicht, ob es aber der Opposition nicht gelingen werde, eine sehr grosse
+Majoritaet fuer die Stimmenenthaltung zu gewinnen, darueber bin ich noch
+nicht vollkommen beruhigt; und der Eindruck einer solchen Enthaltung
+wuerde nicht nur in Frankreich, sondern auch im Auslande ein sehr
+bedenklicher sein muessen."
+
+Herr Ollivier, welcher sich unruhig hin und her bewegt hatte, wollte mit
+einer Bemerkung einfallen.
+
+Der Graf Daru erhob leicht mit einer artigen, aber bestimmten Wendung
+die Hand gegen ihn und fuhr fort.
+
+"Wenn ich schon aus Ruecksicht auf das Kaiserthum selbst und auf die
+Dynastie der Meinung bin, dass ein erneutes Plebiscit nur im Augenblick
+einer oeffentlichen Gefahr oder gewaltiger nationaler Anstrengungen
+vorgenommen werden darf, so bestaerkt mich in dieser Ansicht noch mehr
+die Ruecksicht auf die freie und verfassungsmaessige Entwicklung des
+oeffentlichen Lebens, deren Sicherung unsere Aufgabe ist. Wenn es als ein
+Grundsatz des oeffentlichen Rechts anerkannt wird, dass die Regierung in
+jedem Augenblick und ohne bestimmte zwingende und in der Verfassung
+vorgesehene Gruende sich an das Volk wenden kann, so wird jedes
+constitutionelle Leben ueberhaupt eine Unmoeglichkeit, denn die Regierung
+hat es in der Hand, bei jedem Conflict mit den Gesetzgebenden
+Koerperschaften durch ein Plebiscit das ganze verfassungsmaessige Leben in
+Frage zu stellen. Dass Eure Majestaet niemals einen solchen Gedanken haben
+werden," sagte er, sich gegen den Kaiser verneigend,--"davon bin ich
+ueberzeugt, indessen bei der Beurtheilung oeffentlicher Rechtsprinzipien
+darf man nicht an die Person, sondern an die Sache und an die voellig
+objectiv gestellte Frage denken. Fuer mich spricht also sowohl die
+Ruecksicht auf die Stabilitaet und die Unantastbarkeit der monarchischen
+Staatsform und der Dynastie als diejenige auf die wahre Freiheit des
+oeffentlichen Lebens gegen eine Wiederholung des Plebiscits."
+
+"Sie wuerden also, mein lieber Graf," sagte der Kaiser, indem er einen
+Augenblick fluechtig aufblickte und dann wieder in die Betrachtung des
+auf dem Papier vor ihm nunmehr deutlich erkennbaren Adlerfluegels
+versank, "Sie wuerden also einer Berufung an das Volk Ihre Stimme nicht
+geben und wollen?"
+
+"Ich habe meine prinzipmaessigen Gruende gegen das Plebiscit
+ausgesprochen," erwiderte der Graf. "Ich bin indessen ebenfalls
+ueberzeugt, dass beim absolut starren Festhalten an den Prinzipien
+practisch nicht regiert werden kann. Und da Eure Majestaet und die
+meisten meiner Kollegen die Volksabstimmung fuer zweckmaessig halten, so
+wuerde ich mich derselben nicht unbedingt entgegenstellen."
+
+Der Kaiser zog seine Linien weiter und weiter. Ein zweiter Adlerfluegel
+begann sich an der Seite des ersten zu zeigen.
+
+Auf Herrn Olliviers Gesicht erschien bei den letzten Worten des Grafen
+Daru eine ziemlich erkennbare Verstimmung.
+
+Der Minister der auswaertigen Angelegenheiten sprach weiter:
+
+"Die Bedenken, welche ich gegen eine Wiederholung des Plebiscits so eben
+ausgesprochen und motivirt habe, koennen nach meiner Ueberzeugung auf eine
+sehr einfache Weise zum grossen Theil beseitigt werden: Wenn naemlich der
+Grundsatz festgehalten wird, dass die Berufung an die unmittelbare
+Volksabstimmung nur Statt finden duerfe, wenn sich die Regierung und die
+Gesetzgebenden Koerperschaften darueber verstaendigt haben. Dadurch wuerde
+nach beiden Richtungen die Garantie gegen den Eintritt derjenigen
+Gefahren gegeben, welche ich vorhin bezeichnete, und so wuerde die
+Absicht Eurer Majestaet erreicht. Ich glaube, dass der Herr
+Grosssiegelbewahrer," sagte er, sich an Ollivier wendend, "einer
+Verstaendigung in der von mir angedeuteten Richtung nicht abgeneigt ist,
+wenigstens habe ich bei meiner frueheren Unterredung ueber diesen
+Gegenstand bei ihm die Geneigtheit bemerkt, auf meine Prinzipien
+einzugehen, und auf Grund derselben den Bestand des Cabinets zu
+sichern," sagte er mit fester Stimme, sich gegen den Kaiser verneigend.
+
+Dieser hob ein wenig den Kopf empor und richtete den Blick seines
+vollstaendig verschleierten Auges auf Herrn Ollivier.
+
+"Der Gedanke des Grafen Daru," sagte er ruhig, "scheint mir eine sehr
+gute Grundlage fuer die Ausgleichung der entgegenstehenden Ansichten zu
+bieten. Es waere gewiss sehr wuenschenswerth, eine solche Verstaendigung zu
+erreichen, wenn dies nach Ihrer Ueberzeugung moeglich ist."
+
+Herr Ollivier richtete sich grade empor, liess den unsichern Blick ueber
+seine in schweigender Zurueckhaltung da sitzenden Kollegen gleiten und
+begann dann mit nachdruecklicher Betonung:
+
+"Ich glaube nicht, dass der Gedanke des Herrn Ministers der auswaertigen
+Angelegenheiten ausfuehrbar sei, wenn man sich die wahre staatsrechtliche
+Natur der Frage klar macht. Das Volk," fuhr er fort, "die franzoesische
+Nation ist, Eure Majestaet werden mir darin beistimmen," sagte er, sich
+gegen den Kaiser verneigend--"der eigentliche, in letzter Instanz
+definitiv ueber die Geschicke Frankreichs entscheidende Souverain. Die
+Vertreter im Corps legislativ sind nur Delegirte. Es entspraeche nicht
+der Wuerde der Nation selbst, wenn Derjenige, an welchen sie ihre
+Souverainetaet deligirt haette, erst die Genehmigung der lediglich fuer die
+gesetzgeberische Arbeit abgeordneten Vertreter einholen muesste, um sich
+in grossen Nationallebensfragen an das Volk selbst wenden zu duerfen.
+Zwischen dem Kaiser, das heisst dem General-Mandatar der souverainen
+Nation und dem Volk selbst darf kein untergeordneter Faktor stehen. Sie
+muessen frei, wenn es nothwendig ist, miteinander verkehren koennen, und
+der Kaiser muss das Recht haben, auch ohne die Zustimmung der
+parlamentarischen Koerperschaften an das Volk selbst sich wenden zu
+koennen. Jede zufaellige Majoritaet der Kammer wuerde ja sonst die Macht
+haben, die Berufung an das Volk zu verhindern. Ich fuer meine Person,"
+schloss er mit bestimmtem Ton, "wuerde lieber dafuer stimmen, das Plebiscit
+ueberhaupt aufzugeben, als es auf diese Weise von der Zustimmung einer
+Kammer abhaengig zu machen, die vielleicht garnicht den Willen des ganzen
+Volkes und sein wahres Interesse vertritt."
+
+Graf Daru hatte Herrn Ollivier ein wenig erstaunt angesehen, dann flog
+abermals jener Zug feiner Ironie ueber sein Gesicht, und als der
+Grosssiegelbewahrer geendet, sprach er, waehrend auf dem Papier des tief
+gebueckt dasitzenden Kaisers sich nunmehr zwischen den beiden Fluegeln
+auch der Kopf eines Adlers zu entwickeln begann:
+
+"Ich bedaure, dass ich die Absicht des Herrn Grosssiegelbewahrers bei
+unserer letzten Unterredung so falsch oder unklar aufgefasst habe. Waere
+mir damals seine Meinung so bestimmt erschienen, wie ich sie jetzt
+verstehe, so haette ich schon frueher alle Hoffnungen und alle Versuche zu
+einer Verstaendigung zu gelangen, aufgegeben. Ich muss Eurer Majestaet
+aufrichtig erklaeren, dass wenn das Plebiscit ohne vorherige Verstaendigung
+mit der Kammer beschlossen werden sollte, ich nicht im Stande sein
+wuerde, laenger ein Mitglied des Kabinets zu bleiben."
+
+"Ich schliesse mich der Erklaerung des Herrn Grafen Daru vollstaendig an,"
+sagte der Finanzminister Buffet mit rauhem und kurzem Ton. "Ich glaube,
+dass die Wiederholung der Plebiscite die freie Bewegung des
+konstitutionellen Lebens unmoeglich macht und den Staat fortwaehrend mit
+der Wiederkehr absoluter Autocratie bedroht. Ich bitte Eure Majestaet,
+wenn das Plebiscit nach der Anschauung des Herrn Grosssiegelbewahrers
+beschlossen werden sollte, meine Entlassung zu genehmigen."
+
+"Und was meinen die uebrigen Herren Minister," fragte der Kaiser, unter
+dessen Bleistift sich nunmehr auch ein grosser Adlerkopf bildete.
+
+"Ich stimme Herrn Ollivier bei," sagte Segris.
+
+"Ich wuerde um der Einheit des Bestandes des Cabinets willen," sagte der
+Marquis von Talhouet, "wuenschen, dass auf dem Boden des vom Grafen Daru
+ausgesprochenen Gedankens eine Verstaendigung erzielt werde. Indessen
+kann ich nicht mein Verbleiben im Cabinet von dieser Frage abhaengig
+machen, und ich hoffe," fuegte er verbindlich sich gegen den Grafen von
+Daru verneigend, hinzu, "dass auch unser verehrter Kollege von diesem
+aeussersten Entschluss zurueckstehen werde."
+
+Graf Daru schuettelte schweigend den Kopf.
+
+"Ich habe," rief Herr Ollivier rasch, "wahrlich fuer die Freiheit und die
+Rechte des Volkes gesprochen und gekaempft. Niemand wird mir dies Zeugniss
+versagen koennen. Jetzt aber ist es auch meine Pflicht, die Rechte der
+Krone zu vertreten und zu vertheidigen, und ich wuerde in einer solchen
+Anschauung der kaiserlichen Initiative, wie sie der Graf Daru
+vorschlaegt, eine sehr gefaehrliche und bedenkliche Schmaelerung der
+kaiserlichen Rechte erblicken."
+
+Der Marschall Leboeuf und der Admiral Rigault de Genouilly stimmten in
+kurzen Worten dem Herrn Ollivier bei; ebenso Herr Maurice Richart und
+Herr Chevandier de Valdrome.
+
+Zu den Fluegeln und dem gekroenten Kopf des Adlers war auf dem Papier des
+Kaisers bereits noch eine Kralle hinzugetreten, auf welcher ein kleiner
+Reichsapfel ruhte.
+
+Der Kaiser richtete ein wenig den Kopf auf, ohne dass sein Bleistift
+aufhoerte in langsamer, anscheinend fast unwillkuerlicher Bewegung Linie
+an Linie zu reihen.
+
+"Ich hoere also," sagte der Kaiser, "dass die Mehrzahl meiner Herren
+Minister dem Herrn Grosssiegelbewahrer vollstaendig beipflichten, welcher
+sich fuer die schleunige Ausfuehrung des Plebiscits und zwar ohne
+vorherige Verstaendigung mit den Kammern ausgesprochen hat. Haetten die
+Herren Minister gegen das Plebiscit ueberhaupt Bedenken gehabt, so haette
+ich meinerseits kaum einen Grund gehabt, dasselbe durchaus zu wuenschen,
+so sehr ich auch ueberzeugt bin, dass es den Institutionen des
+Kaiserreichs neue Kraefte geben werde. Da aber die grosse Majoritaet meiner
+Minister das Plebiscit fuer zweckmaessig und nothwendig haelt, da sie zu
+gleicher Zeit die Modalitaet, welche der Graf Daru vorgeschlagen, nicht
+zu acceptiren geneigt sind, so bleibt mir nichts anderes uebrig, als
+nochmals Sie, Herr Graf, zu bitten, aus der Sache keine Cabinetsfrage zu
+machen und Sie, Herr Minister," sagte er, sich an Herrn Ollivier
+wendend, "reiflich zu ueberlegen, ob Sie nicht im Stande waeren, eine
+Kombination zu finden, welche sich dem Grafen Daru naehert, und es ihm
+moeglich macht, Mitglied des Cabinets zu bleiben, in welches ich ihn mit
+so vielem Vertrauen berufen habe, und aus welchem ich ihn nur mit
+aufrichtigem Schmerz wuerde scheiden sehen."
+
+Es war fast ein aengstlicher Ausdruck, mit welchem Herr Ollivier den
+Kaiser bei den letzten Worten ansah.
+
+"Eure Majestaet wissen," sagte er schnell, "wie hohen Werth ich auf die
+Freundschaft und Mitwirkung des Grafen Daru und auf sein Verbleiben in
+dem Ministerium lege; indessen meine Anschauung und Ueberzeugung steht
+fest, und wie ich niemals im politischen Leben von derselben abgewichen
+bin, so kann ich es auch jetzt nicht, selbst auf die Gefahr hin, die
+bisher so fruchtbare und hoch erfreuliche gemeinschaftliche Arbeit mit
+dem Herrn Grafen zu unterbrechen. Meine Ueberzeugung steht fest," sagte
+er, die Hand auf die Brust legend, "und da auch die meisten meiner
+Kollegen dieselbe theilen, so kann ich um so weniger in einer so hoch
+wichtigen Frage auf irgend einen Kompromiss eingehen."
+
+"Ich habe also," sagte der Graf Daru, ohne dass irgend eine Bewegung auf
+seinem Gesicht bemerkbar wurde, "Eure Majestaet nochmals bestimmt um
+meine Entlassung zu bitten, da ich nicht im Stande bin, der von der
+Mehrzahl meiner Kollegen beschlossenen Massregel meine Zustimmung zu
+geben."
+
+"Ich muss die gleiche Bitte an Eure Majestaet richten aus dem gleichen
+Grunde," sagte Herr Buffet.
+
+Der Adler auf dem Papier des Kaisers hatte eine zweite Kralle erhalten.
+
+"Ich kann," sagte Napoleon, "da ich ja nicht mehr der persoenliche
+Autokrat bin," fuegte er laechelnd hinzu, "gegen den Beschluss meiner
+Minister nichts thun. Ich bitte Sie indess, meine Herren," fuhr er fort,
+sich an die uebrigen Minister wendend, "dass Sie sich der Aufgabe
+unterziehen moegen, in privater Besprechung und durch persoenliche
+Einwirkung ein Einverstaendniss zwischen dem Grafen Daru und Herrn
+Ollivier zu ermoeglichen. Ich bin ueberzeugt," fuhr er fort, indem er mit
+der linken Hand ueber seinen Bart fahrend den Mund verdeckte, waehrend
+seine Rechte in der Kralle des Adlers vor ihm ein grosses, hoch
+aufragendes Schwert erscheinen liess, "dass Herr Ollivier ebenso wie ich
+das Ausscheiden des Grafen aus dem Cabinet beklagen wuerde, dass er Alles
+aufbieten wird, um eine Verstaendigung herbeizufuehren. In einem Punkt bin
+ich jedoch vollkommen der Meinung, welche sich die meisten Herren hier
+angeeinigt haben, dass naemlich schnell gehandelt werden muesse, um der
+Opposition nicht die Zeit zu lassen, die Stimmenenthaltung zu
+organisiren. Ich hoffe also," sagte er aufstehend, indem er den
+Bleistift neben dem nunmehr vollendeten und maechtig bewehrten Adler
+niederlegte, "dass Sie mir morgen die Mittheilung von Ihrer allseitigen
+Verstaendigung machen werden, dass wir Alle miteinander gemeinschaftlich
+bei der Durchfuehrung des begonnenen Werkes weiter arbeiten werden."
+
+Er verneigte sich mit verbindlicher Hoeflichkeit nach allen Seiten und
+verliess das Konferenzzimmer, in welchem die Minister noch fast eine
+Stunde zurueckblieben, auf alle moegliche Weise versuchend, das
+Einverstaendniss zwischen Herrn Ollivier und dem Grafen Daru herzustellen.
+
+Alle Versuche scheiterten jedoch an der kalten Ruhe, mit welcher der
+Graf Daru an seiner Ansicht festhielt und an der pathetischen
+wuerdevollen Unbeugsamkeit, mit welcher Herr Ollivier erklaerte, auch
+nicht in einem Punkt von seiner Ueberzeugung abgehen zu koennen.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+
+Napoleon war in sein Cabinet zurueckgekehrt, heiter und zufrieden
+laechelnd rieb er sich leicht die Hand, waehrend er einige Male langsam
+auf- und niederging.
+
+"Alles geht vortrefflich, Drouin de L'huys hat vollkommen Recht, diesen
+Ollivier kann man Alles thun lassen, was man will, ein wenig Balsam fuer
+seine Eitelkeit, ein wenig Koeder fuer seinen Ehrgeiz, und er lancirt sich
+gesenkten Hauptes in jede Bahn, auf welcher man seiner bedarf. Die Dinge
+fuegen sich so gut, wie ich es nur irgend wuenschen kann, das Plebiscit
+wird gemacht,--und ich bedarf des Plebiscits," sagte er sinnend vor sich
+hinblickend, "um diesen unversoehnlichen Rednern der Kammer zu zeigen,
+dass sie nicht mich angreifen, sondern den Willen der Gesammtnation, und
+dass nicht sie die Vertreter der Anschauungen Frankreichs sind, sondern
+ich selbst,--ich bedarf es dem Auslande gegenueber, um den europaeischen
+Cabinetten zu zeigen, dass ich noch heute so unumschraenkt wie frueher ueber
+die Macht Frankreichs gebiete,--das Plebiscit wird gemacht werden, und
+zwar bin nicht ich es, der es macht, sondern meine Minister unter der
+Fuehrung dieses hoechst liberalen und konstitutionellen Herrn Ollivier.
+Und wenn dieser zweifelhafte Graf Daru und dieser schwer zu behandelnde
+Buffet aus dem Cabinet ausscheiden, so werde nicht ich sie entlassen
+haben, sondern sie werden es sein, die sich von der Majoritaet der
+Minister trennen. Alles ist ja konstitutionell und verfassungsmaessig,"
+sagte er laechelnd, "und doch geschieht es wie ich will. Vielleicht,"
+sprach er nachdenklich, "laesst sich mit dieser konstitutionellen Maschine
+noch besser regieren, als wenn man allein steht und ganz allein auch
+alle Verantwortlichkeit tragen muss."
+
+Er liess sich langsam in seinen Lehnstuhl nieder, bereitete sich
+sorgfaeltig aus dem auf einem kleinen Tisch daneben stehenden tuerkischen
+Taback eine Cigarrette, entzuendete dieselbe an der brennenden Kerze und
+bewegte eine kleine Handglocke.
+
+"Bereiten Sie Alles vor," sagte er dem eintretenden Kammerdiener, "ich
+will meine militairische Promenade machen, in einer Stunde habe ich
+eine Revue abzuhalten."
+
+Der Kammerdiener entfernte sich durch die Thuer, welche in das
+Toilettenzimmer des Kaisers fuehrte.
+
+"Der Graf Bismarck," sagte der Kaiser, indem er mit vergnuegtem Gesicht
+die blauen Wolken des aromatischen Tabacksrauchs in die Luft blies, "hat
+Recht mit dem Rath, den er mir einst gab, je mehr ich die
+konstitutionelle Doctrin in die Regierung einfuehre, um so mehr muss ich
+meine militairische Macht staerken und das persoenliche Band zwischen mir
+und der Armee fester ziehen, damit habe ich das Correctiv in der Hand,
+und wenn die Wellen jemals zu hoch gehen sollten, so wird es leicht
+sein, sie wieder auf das richtige Niveau zurueckzufuehren. Bis jetzt sind
+sie noch leicht zu leiten und traegt das Schiff das Kaiserreich ruhig in
+der Richtung fort, welche ich vorgezeichnet habe,"--und sich bequem auf
+den Stuhl zuruecklehnend schloss er halb traeumend die Augen, indem er in
+grossen Zuegen den duftigen Rauch seiner Cigarrette einsog.
+
+Nach einiger Zeit oeffneten sich die Fluegel der Thuere, und die Kaiserin
+schritt schnell, noch bevor der Huissier sie anmelden konnte, an
+demselben vorueber in das Zimmer.
+
+Ihre Mienen zeigten Unruhe und lebhafte Bewegung, sie eilte auf den
+Kaiser zu, welcher sich langsam erhob, drueckte ihn sanft wieder in
+seinen Lehnstuhl zurueck und sagte, indem sie sich ihm gegenueber setzte:
+
+"Ich hoere, dass die Ministerconferenz zu Ende ist und bin
+unendlich gespannt, was das Resultat derselben sei,--sobald die
+Meinungsdifferenzen ausgeglichen, wird das Plebiscit ohne Schwierigkeit
+durchgefuehrt werden?"
+
+"Das Plebiscit ist beschlossen," sagte der Kaiser, indem er den Rest
+seiner Cigarrette fortwarf, "die grosse Majoritaet meiner Minister waren
+darueber einig, nur," fuegte er mit einem schnellen Blick auf seine
+Gemahlin und einem fast unwillkuerlichen Laecheln hinzu, "Graf Daru und
+Herr Buffet koennen sich der Ansicht der Uebrigen nicht anschliessen. Ich
+werde sie verlieren," fuegte er wie bedauernd den Kopf schuettelnd hinzu,
+"ich habe ihnen die Entlassung, um die sie gebeten, nicht verweigern
+koennen, da sie sich nicht im Einklang mit den Uebrigen befinden."
+
+Die Kaiserin schlug ihre schlanken weissen Haende gegen einander, ein
+Blitz triumphirender Freude spruehte in ihren Augen auf.
+
+"Wir sind Daru los," rief sie aus, "diesen verkappten Orleanisten,
+diesen Freund des Protestanten Guizot, der uns mit dem heiligen Stuhl
+haette brouilliren moegen. Welch ein Glueck,"--fuhr sie nach einer kleinen
+Pause fort,--"haben Sie schon darueber nachgedacht, wer sein Nachfolger
+in den auswaertigen Angelegenheiten sein soll?"
+
+"Das ist eine sehr schwierige Frage," sagte Napoleon langsam,--"eine
+sehr schwierige Frage, welche ein tiefes und eingehendes Nachdenken
+erfordert. Ich glaube, da das ganze Interesse sich in diesem Augenblick
+auf die inneren Fragen concentrirt und wir eigentlich gar keine
+auswaertige Politik machen, so wird es am besten sein, das Provisorium
+einige Zeit lang bestehen zu lassen--Ollivier ist bereit, dasselbe zu
+fuehren."
+
+Immer strahlender und heiterer wurde das Gesicht der Kaiserin.
+
+"Ollivier," rief sie, "das Provisorium des auswaertigen Ministeriums!
+Louis," rief sie, ihm die Hand reichend, welche er galant an die Lippen
+fuehrte, "ich bewundere Sie, das ist ein Meisterstreich! Dieser Ollivier
+ist ein Schleier, den man ganz Europa gegenueber ueber unsere Politik
+wirft, und hinter diesem Schleier wird man thun und vorbereiten koennen,
+was man will, ohne dass irgend Jemand, er selbst am wenigsten," sagte
+sie lachend, "eine Idee davon hat. Aber spaeter," sagte sie dann--"nach
+Ollivier, denn Ollivier kann doch nur so lange Minister sein, bis--" sie
+unterbrach sich--
+
+"bis wir es fuer zweckmaessig finden werden," ergaenzte der Kaiser ihren
+Satz, "unserer auswaertigen Politik einen bestimmten Stempel
+aufzudruecken, und dann wird die Wahl der Person doch immer von dem
+System abhaengig sein muessen, welches dann zu befolgen fuer nothwendig
+erscheinen sollte."
+
+"Ich habe Ihnen neulich von Grammont gesprochen," sagte Eugenie mit
+einem forschenden Blick auf den Kaiser, "der mir alle Eigenschaften in
+sich zu vereinigen scheint, welche Ihr auswaertiger Minister in einem
+entscheidenden Augenblick haben muesste, und der Ihnen persoenlich und
+unserer Dynastie tief ergeben ist, indem er die monarchischen
+Traditionen seiner legitimistischen Familie nunmehr auf das Kaiserreich
+uebertraegt, nachdem er sich dem Dienst desselben gewidmet hat. Grammont
+kennt besonders genau die Verhaeltnisse Oesterreichs, das doch fuer unsere
+auswaertige Politik und fuer unsere auswaertige Action," fuegte sie mit
+besonderer Betonung hinzu, "einer der wichtigsten Factoren ist."
+
+"Es wuerde nur darauf ankommen," sagte der Kaiser, ohne den Blick seiner
+Gemahlin zu erwidern, "welche Politik man nach Aussen inauguriren wird,
+nachdem diese inneren Angelegenheiten zum Abschluss gebracht sind. Unter
+gewissen Verhaeltnissen wuerde allerdings Grammont eine sehr geeignete
+Persoenlichkeit sein."
+
+"Unter allen," sagte die Kaiserin, "Grammont ist ebenso geschickt und
+geschmeidig, als ergeben."
+
+"Nun," sagte der Kaiser, "man koennte ihn ja dann wieder hierher kommen
+lassen. Ich habe frueher ausfuehrlich mit ihm ueber die Lage der
+Verhaeltnisse gesprochen und wuerde persoenlich sehr gern mit ihm
+verkehren. Es kaeme aber darauf an, ob er sich mit den uebrigen Fuehrern
+des Cabinets verstaendigen koennte, denn wir haben ja jetzt ein
+constitutionelles Regiment--"
+
+Die Kaiserin zuckte die Achseln.
+
+"Namentlich," fuhr Napoleon fort, "ob er mit Ollivier zu harmoniren im
+Stande waere!"
+
+"Ollivier," rief die Kaiserin, "dieser spartanische Buerger wird
+uebergluecklich sein, in einem Cabinet mit einem Herzoge aus dem alten
+Hause der Guiche und der Grammont sich zu befinden."--
+
+"Wir wollen weiter darueber sprechen, wenn das Plebiscit vollendet sein
+wird," sagte der Kaiser.
+
+Die Kaiserin liess einen Augenblick mit einer anmuthigen Beugung ihres
+schlanken Halses den Kopf auf die Brust sinken.
+
+"Er hat einen Hintergedanken," fluesterte sie unhoerbar.
+
+Dann blickte sie den Kaiser mit ihren grossen, klaren Augen ruhig und
+gleichgueltig an.
+
+"Man hat in diesen Tagen," sagte sie, "wieder von einer Combination
+gesprochen, welche, wie ich glaube, schon im vorigen Jahre einmal
+fluechtig eroertert wurde, von einer Candidatur des Prinzen von
+Hohenzollern fuer den spanischen Thron"--
+
+Der Kaiser warf schnell einen fluechtigen Blick auf seine Gemahlin hin--
+
+--"vielleicht waere es gut, wenn sich das machen liess," fuhr Eugenie
+fort, "ich bedaure die unglueckselige Koenigin Isabella auf's tiefste und
+wuerde vor allen Dingen wuenschen, dass ihr oder ihrem Sohn der spanische
+Thron gerettet werden koennte, allein, wie die Verhaeltnisse stehen und
+bei den so unschluessigen und politisch unklaren Rathgebern, mit denen
+sie umgeben ist, scheint mir leider zu meinem tiefen Bedauern dazu wenig
+Aussicht zu sein. Wenn es nun moeglich waere, die fuer Frankreich und fuer
+uns unguenstigste Chance auszuschliessen,--die Candidatur des Herzogs von
+Montpensier, welcher der Orleanistischen Agitation in Spanien einen
+festen Halt geben wuerde, so waere es vielleicht nicht unerwuenscht, einen
+jungen, uns befreundeten und verwandten Prinzen, der ausserdem gut
+katholisch ist, auf diesem spanischen Thron zu wissen."
+
+"Der Prinz von Hohenzollern," sagte der Kaiser in demselben
+gleichgueltigen Ton, in welchem seine Gemahlin gesprochen hatte, "steht
+dem preussischen Hause sehr nahe, und seine Thronbesteigung in Spanien
+wuerde einen Einfluss des Berliner Cabinets im Sueden der Pyrenaeen
+begruenden, der den Interessen Frankreichs nicht zu entsprechen scheint.
+Ich habe deshalb, als im vorigen Jahre die Sache angeregt wurde,
+erklaeren lassen, dass die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern eine
+antinationale sei, waehrend diejenige des Herzogs von Montpensier nur
+meiner Dynastie feindlich ist. So sehr ich daher," fuhr er fort, "an dem
+einmal ausgesprochenen Prinzip festhalte, der spanischen Nation
+gegenueber, was ihre Entschliessungen fuer die Zukunft betrifft, die
+strengste Zurueckhaltung zu beobachten, so habe ich doch auch nicht
+verhehlt, dass eine Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf eine
+Zustimmung von Frankreich nicht zu rechnen habe. Seit jener Zeit," sagte
+er, die Achseln zuckend, "habe ich nichts wieder davon gehoert, moeglich,
+dass die Sache noch einmal wieder aufgenommen wird. Ich stehe noch auf
+demselben Standpunkt wie damals und ich glaube nicht, dass Frankreich
+einen preussischen Prinzen auf dem spanischen Thron sich ruhig gefallen
+lassen koennte."
+
+"Sie wuerden also," sagte die Kaiserin, "noch lieber Montpensier als den
+Erbprinzen von Hohenzollern in Madrid regieren sehen?"
+
+"Unbedingt," erwiderte der Kaiser mit festem Ton, "denn ich werde stets
+die Interessen meiner Person und meines Hauses denjenigen Frankreichs
+nachstellen."
+
+"Nun," sagte die Kaiserin, "dann wird aus der Sache nichts werden, denn
+ich glaube nicht, dass Prim etwas thun wird, wovon er weiss, dass Sie es
+nicht billigen."
+
+"Ich habe keine Veranlassung gehabt," sagte der Kaiser, "ueber diese
+Frage mit Prim meine Gedanken auszutauschen, und es ist in der That
+nicht nur eine Phrase, wenn ich versichere, dieser ganzen spanischen
+Angelegenheit voellig fern bleiben zu wollen.--Sie wollen mich nicht zu
+der Revue begleiten, die ich auf dem Carousselplatz abhalten will,"
+sagte er abbrechend, "ich habe die Garde de Paris und die Pompiers,
+auch eine Schwadron Seine-Gendarmerie zu der Truppenaufstellung
+hinzugezogen. Es ist in dieser Zeit immer gut, wenn man auch diesen
+Corps moeglichst viel militairisches Gefuehl einfloesst."
+
+"Ich danke," erwiderte die Kaiserin, "ich habe verschiedene Audienzen zu
+geben.
+
+Au revoir," fuegte sie hinzu, indem sie aufstand und ihrem Gemahl die
+Wange reichte. "Ich wuensche Ihnen nochmals Glueck, diesen heimlichen
+Orleanisten aus Ihrem Rath entfernt zu haben."
+
+Der Kaiser geleitete seine Gemahlin zur Thuer und kehrte dann
+nachdenklich und ernst in sein Zimmer zurueck.
+
+"Es geht etwas mit dieser spanischen Candidatur Hohenzollerns vor,"
+fluesterte er vor sich hin, "man moechte diesen Fall zu einer Kriegsfrage
+zurecht machen--ich durchschaue das Alles sehr gut, man will sich
+versichern, dass ich mich wirklich einer solchen Candidatur ernstlich und
+energisch widersetzen wuerde, um in diesem Falle die Ereignisse danach
+gestalten zu koennen. Ich lasse das Alles gehen," sagte er laechelnd,
+"diese Candidatur des Prinzen Leopold, die man da so unvermuthet als
+einen ploetzlichen und unabwendbaren Kriegsfall vor mich hinstellen
+moechte, kann mir vielleicht sehr gute Dienste leisten und mir die
+Handhabe bieten, die ganze Lage der Dinge, ohne diese laermende und
+unsichere Entscheidung der Waffen zu meinen Gunsten zu gestalten. Ich
+glaube nicht," sagte er nachdenklich, "dass das Cabinet von Berlin oder
+der Koenig von Preussen auf diese Hohenzollernsche Candidatur einen
+besondern Werth legen wird,--Benedetti glaubt, dass der Graf Bismarck ihm
+nicht seinen letzten und innersten Gedanken ausgesprochen habe,--mir
+scheint, Benedetti taeuscht sich, vielleicht moechte es eher dem
+preussischen Stolz widerstreben, einen Prinzen, der in vielen Beziehungen
+mit dem dortigen koeniglichen Hause zusammenhaengt, sich auf einen Weg
+begeben zu sehen, der zu einem aehnlichen Schicksal fuehren kann, als es
+den Herzog Maximilian in Mexico erreichte. Wenn diese Candidatur
+wirklich eine ernste Form gewinnt, so wird die Gelegenheit da sein, ein
+kraeftiges und volltoenendes Wort zu sprechen und die Zurueckziehung
+derselben vor dem uebrigen Europa als einen moralischen Sieg ueber
+Deutschland und Preussen erscheinen zu lassen. Damit wird eine grosse
+Sache gewonnen sein--die Wiederherstellung des franzoesischen
+erschuetterten Selbstgefuehls und des Vertrauens in die Ueberlegenheit der
+kaiserlichen Regierung. Lassen wir also die Dinge immerhin gehen,--ich
+glaube, sie gehen einen guten Weg, und ich werde dahin kommen, mich aus
+allen Verlegenheiten, die mich umringen, ohne eine kriegerische
+Entscheidung, welche ich in den Leiden meiner Krankheit mehr als je
+vorher scheue--zu entziehen."
+
+Der Huissier oeffnete die Thuer und meldete:
+
+"Seine kaiserliche Hoheit der Prinz Napoleon."
+
+Der Kaiser seufzte und zuckte unwillkuerlich die Achseln mit einer Miene,
+welche anzudeuten schien, dass ihm dieser Besuch nicht allzu erfreulich
+sei, indessen neigte er zustimmend den Kopf und ging mit freundlichem
+Gruss dem Prinzen die Hand reichend, seinem Vetter entgegen, welcher
+raschen und unruhigen Schritts in das Cabinet trat.
+
+"Ich bin erfreut, Dich zu sehen, mein lieber Vetter," sagte der Kaiser,
+"indessen habe ich nur wenige Augenblicke, da die Truppen bereits auf
+dem Carousselplatz aufgestellt sind und die Stunde der Revue geschlagen
+hat."
+
+Der Prinz Napoleon war eine eigenthuemliche Erscheinung, welche man kaum
+haette vergessen koennen, wenn man ihm einmal begegnet war. Sowohl in
+seiner Figur, als in seinem olivenfarbenen scharf geschnittenen
+bartlosen Gesicht mit dem kurzen schwarzen Haar zeigte er eine sehr
+charakteristische Aehnlichkeit mit seinem grossen kaiserlichen
+Oheim;--waehrend indess auf den Zuegen des Letzteren jene edle, antik
+klassische Ruhe lag, welche die Koepfe aus der grossen Kaiserzeit des
+alten Roms charakterisirt, waehrend die Augen des weltbeherrschenden
+Imperators tief sinnend vor sich hinblickten oder weltentzuendende
+zorngewaltige Blitze schleuderten,--lag in dem ganzen Wesen des Prinzen
+eine zerfahrene Unruhe und fieberhafte Hast, welche mit dem antiken
+Schnitt seines Gesichts durchaus nicht vereinbar schienen und seiner
+ganzen Erscheinung den Ausdruck wohlthaetiger Ruhe und Harmonie raubten;
+seine Augen blickten unstaet hin und her, seine Lippen zuckten in
+fortwaehrend bewegtem Mienenspiel, und in kurzen Zwischenraeumen oeffnete
+sich sein Mund zu einem unwillkuerlichen, krampfhaft nervoesen Gaehnen.
+Auch seine Gestalt war staerker und gedrungener als die des grossen
+Kaisers, und wenn er mit heftigen Gesticulationen seine Worte
+begleitete, so brachten seine Bewegungen fast einen komischen Ausdruck
+hervor.
+
+Der Prinz trug einen schwarzen Civilmorgenanzug, einen hohen Cylinderhut
+in der Hand, die grosse Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.
+
+"Ich will Eure Majestaet nur einen Augenblick aufhalten," sagte er, mit
+einer gewissen rauhen Betonung die Worte hervorstossend, "es draengt mich,
+von Eurer Majestaet selbst zu hoeren, ob die Geruechte, welche die Stadt
+zu durchlaufen beginnen, wahr sind. Eure Majestaet," fuhr er fort,
+"kennen die tiefe Ergebenheit, welche ich fuer Sie hege als fuer den Chef
+meiner Familie und fuer den liebevollen Freund meiner Jugend,--bei dieser
+tiefen Ergebenheit muessen die Geruechte, welche so eben bis zu mir
+gedrungen sind, mich mit tiefer Unruhe erfuellen."
+
+"Und welche Geruechte meinst Du," fragte der Kaiser ruhig und kalt, indem
+er sich in seinen Lehnstuhl niederliess und den vollen Blick seines gross
+geoeffneten Auges auf den Prinzen richtete, welcher vor ihm stehen blieb
+und vor diesem scharfen forschenden Blick mit leichter Verlegenheit die
+Augen zu Boden schlug.
+
+"Ich meine das Geruecht von dem Grafen Daru," sagte der Prinz rasch und
+heftig, "ganz Paris spricht bereits davon. Man erzaehlt, dass Du," fuhr er
+immer lebhafter fort, indem er die ceremonielle Haltung, welche er bei
+seinem Eintritte angenommen hatte, vergass,--"das Plebiscit unter allen
+Umstaenden durchfuehren willst, und dass deswegen Graf Daru, der in der
+That nicht zu meinen Freunden gehoert, aber der dadurch in diesem
+Augenblick populaer werden wird, sich von den Geschaeften zurueckziehen
+will."
+
+"Es handelt sich um keine Differenz zwischen dem Grafen Daru und mir,"
+erwiderte der Kaiser. "Der Graf befindet sich in Meinungsverschiedenheit
+mit Ollivier und den uebrigen Ministern, es ist eine vollstaendig
+constitutionelle Krisis," fuegte er mit leichtem Laecheln hinzu, "in
+welche ich einzugreifen ausser Stande bin."
+
+"Eine constitutionelle Krisis," rief der Prinz lebhaft, indem er laut
+auflachte und dann die Hand einen Augenblick vor den Mund hielt, um
+einen Gaehnkrampf zu verbergen, der ihn erfasste,--"eine Meinungsdifferenz
+mit Ollivier? Hat denn dieser Ollivier," fuhr er fort, "eine Meinung,
+die nicht die Deinige ist?--Doch darum handelt es sich nicht, es handelt
+sich nicht um die augenblickliche Situation," sprach er rasch
+weiter,--"ob Daru bleibt oder geht, ist mir in der That sehr
+gleichgueltig,--aber der Grund dieser Krisis--der Grund dieses
+Plebiscits--was willst Du mit dem Plebiscit machen--wozu diese
+fortwaehrenden Revuen in einer Zeit, in welcher alle militairischen
+Fragen so vollstaendig in den Hintergrund treten,--Du hast einen Plan, Du
+willst den Krieg, Du willst unter der Maske dieses Ollivier, unter dem
+Schein des Constitutionalismus die Dictatur wieder herstellen, um
+ploetzlich hervorbrechen zu koennen und den europaeischen Staatsstreich,
+wie man es nennt, auszufuehren, oder vielleicht," fuhr er fort, indem
+sein stechender Blick sich mit dem Ausdruck des Hasses und des Zorns
+erfuellte, "oder vielmehr Andere wollen dies. Man will Dich dahin
+bringen, es auszufuehren."
+
+Der Kaiser hatte voellig unbeweglich ohne jeglichen Ausdruck auf seinem
+Gesicht den heftigen Worten des Prinzen zugehoert, ein wenig auf die
+Seite geneigt, liess er langsam die Spitzen seines Schnurrbarts durch die
+Finger gleiten und sagte mit einem unendlich naiven Ton:
+
+"Du glaubst?"
+
+"Ja," rief der Prinz zornig, mit dem Fusse stampfend, "ich glaube es und
+ich glaube auch, dass Du auf einen Weg gehst, der Frankreich, Dich und
+uns Alle in's Verderben stuerzen wird,--wir koennen nicht schlagen,--ich
+weiss es,--man taeuscht Dich,--Deine grosssprechenden Generale, dieser
+Leboeuf an der Spitze, glauben, dass man mit Phrasen den Kampf gegen eine
+so furchtbare Macht wie Preussen aufnehmen kann. Sie Alle haben gar keine
+Idee von dem, was man zum Kriege noethig hat--selbst Niel waere nach
+meiner Ueberzeugung noch nicht fertig fuer einen so gewaltigen Kampf, aber
+diese--die Dich jetzt umgeben, haben das Werk Niels nicht nur nicht
+fortgesetzt, sie haben es wieder zu Grunde gerichtet. Deine Armee ist in
+Unordnung, die Festungen sind nicht im gehoerigen Stand, die Magazine
+sind nicht gefuellt, die Organisation der Militairverwaltung ist mehr als
+mangelhaft, und wenn Du Dich zu diesem Kriege hinreissen laesst, so wirst
+Du,--ich wiederhole es--uns Alle zu Grunde richten."
+
+Der Kaiser blieb fortwaehrend unbeweglich.
+
+"Ich begreife nicht, mein lieber Vetter, wie Du auf diese Idee
+kommst,--es ist ja nicht die kleinste Wolke am politischen Himmel, und
+es handelt sich ja in diesem Augenblick ganz ausschliesslich nur um
+innere Fragen. Was uebrigens unsere Armee und die Militairverwaltung
+betrifft, so ist die Ansicht sehr bewaehrter Generale eine andere als die
+Deinige und," fuegte er mit einem mehr gutmuethigen als ironischen Laecheln
+hinzu, "jenen steht vielleicht eine groessere praktische Erfahrung als Dir
+zur Seite."
+
+"Es gehoert nicht eine allzu grosse praktische Erfahrung dazu," erwiderte
+der Prinz in entruestetem Ton, "um das zu sehen, was Jedermann sehen kann
+und was man Dir allein mit Erfolg zu verbergen sucht, da Dein zu grosses
+Vertrauen Dich verhindert, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bitte
+Dich, untersuche wenigstens, bevor Du Dich zu gefaehrlichen
+Unternehmungen hinreissen laesst, genau den Zustand der Armee,--untersuche
+ganz besonders den Zustand der Flotte, dieser ist noch bedenklicher als
+der der Landtruppen."
+
+"Mein liebes Kind," sagte der Kaiser in einem vaeterlichen freundlichen
+Ton, "Du agitirst Dich ohne Grund, glaube mir, die Absichten, die Du
+voraussetzest, bestehen nicht."
+
+"Sie bestehen nicht?" rief der Prinz. "Sie bestehen vielleicht bei Dir
+nicht, aber sie bestehen rings um Dich her, und man wird Dich so
+umgarnen, man wird alle Verhaeltnisse so drehen und wenden, dass Du
+schliesslich nicht anders koennen wirst, als die Plaene derer auszufuehren,
+welche in ihrer Verblendung dazu bestimmt scheinen, Dich und uns Alle
+in's Unglueck zu stuerzen. Die Kaiserin--"
+
+Der Kaiser stand auf; fuer einen Augenblick schien er vollkommen Herr
+ueber die Schwaeche zu sein, welche seine Haltung gewoehnlich unsicher und
+schwankend erscheinen liess. Er richtete den Kopf hoch empor, seine Augen
+oeffneten sich weit und leuchteten im tiefen Glanz auf, aus seinen Zuegen
+strahlte eine wunderbare Hoheit und Ueberlegenheit, und mit einer
+vollen, metallisch klingenden Stimme sprach er:
+
+"Mein lieber Vetter, ich bin das Haupt unserer Familie und das erwaehlte
+Oberhaupt der franzoesischen Nation, ich trage die Verantwortlichkeit fuer
+meine Entschliessungen und bin mir dieser Verantwortlichkeit vollkommen
+bewusst,--auf meine Entschliessungen aber hat Niemand Einfluss, als die
+ruhige Erwaegung und die richtige Beurtheilung der Verhaeltnisse,
+Niemand," wiederholte er mit strenger Betonung, "und auch kein Glied
+meiner Familie--kein Glied derselben ohne Ausnahme."
+
+Er schwieg einen Augenblick, dann fuegte er mit milderem Ton hinzu, indem
+er dem Prinzen die Hand reichte:
+
+"Ich danke Dir fuer Deine Theilnahme an dem Geschick Frankreichs und an
+dem Meinigen und bin ueberzeugt, dass, wenn ernstere Ereignisse eintreten
+sollten, wozu in diesem Augenblick nicht die geringste Veranlassung
+vorliegt, Du an dem Platz, an welchem ich Dich dann zu stellen
+beschliessen werde, mit voller Hingebung und Selbstverleugnung Deine
+Schuldigkeit thun wirst.
+
+"Ich bin," sagte er mit hoeflichem, aber bestimmtem Ton, "bereit, mit Dir
+in ruhigen Augenblicken diese Unterhaltung fortzusetzen; fuer jetzt muss
+ich Dich bitten, mich zu entschuldigen, denn die Stunde der angesagten
+Revue ist bereits vorueber, und Du weisst, dass selbst unser grosser Oheim
+den unumstoesslichen Grundsatz hatte, die Truppen niemals warten zu
+lassen, sondern ihnen stets das Beispiel genauester Puenktlichkeit zu
+geben."
+
+"Du willst mich nicht hoeren," rief der Prinz heftig,--"Du kannst Dich
+noch immer nicht gewoehnen, in mir den reifen Mann zu sehen, Du glaubst
+also den Fremden mehr--als mir, der ich Dir doch wahrlich am naechsten
+stehe. Nun, ich werde nicht muede werden, auch auf die Gefahr hin, Dir zu
+missfallen, bis zum letzten Augenblick Dir meine Meinung zu sagen."
+
+"Und ich werde Dich immer mit Aufmerksamkeit und mit der alten Liebe
+anhoeren, die ich Dir stets bewiesen habe," sagte der Kaiser, indem er
+seinem Vetter die Hand reichte, "auf Wiedersehen!"
+
+Der Prinz drueckte die Hand des Kaisers so heftig, dass dieser sie schnell
+zurueckzog. Seine Lippen oeffneten sich, es schien, als wolle er noch
+Etwas sagen, doch er verneigte sich nur schweigend und sich schnell
+umwendend, stuermte er aus dem Cabinet hinaus.
+
+"Welch' ein unregelmaessiger Geist," sagte der Kaiser, ihm nachblickend,
+"wie schade ist es um all' die vortrefflichen Eigenschaften, welche er
+besitzt, um all' die grossen Keime, welche unerschlossen in ihm ruhen
+oder welche nach falscher Richtung hin sich entwickelt haben.--Was meine
+Verwandten betrifft," sagte er dann mit einem halb ironischen, halb
+wehmuethigen Laecheln, "so koennten die Prinzen der aeltesten und
+legitimsten Dynastie ihrem Souverain kaum mehr Verlegenheit bereiten,
+als meine Herren Vettern es mir thun,--dieser unglueckliche Pierre, der
+Victor Noir erschossen,--Murat, der diesen kleinen Lecomte
+gepruegelt--und dieser Napoleon, der seinen reichen Geist und seine
+wirklich tiefen Kenntnisse nur dazu benutzt, um ueberall Verwirrungen zu
+stiften,--vielleicht sollte ich strenge gegen ihn sein, ich sollte ihn
+mehr fuehlen lassen, dass ich der Chef des Hauses und der Souverain
+Frankreichs bin, denn zuweilen ueberschreitet er wirklich die Grenzen des
+Erlaubten. Aber," sagte er, den Kopf sinnend auf die Brust senkend, "ich
+habe eine Schwaeche fuer ihn,--ich habe ihn ein wenig mit erzogen,--in
+seinen Adern rollt das Blut des grossen Kaisers, und dann--er ist der
+Bruder dieser so edlen und so grossherzigen Mathilde,--die unter Allen
+meine treueste Freundin ist."
+
+Er faltete die Haende und blieb laengere Zeit in tiefem Sinnen stehen,
+dann fuhr er auf, strich mit der Hand ueber die Stirn, als wolle er
+Bilder und Erinnerungen verscheuchen, die vor ihm aufgestiegen waren,
+warf einen raschen Blick auf seine Uhr und begab sich schleunigst in
+sein Toilettenzimmer.
+
+Auf dem Carousselplatz innerhalb des grossen Vierecks, welches die durch
+den Kaiser vereinigten Palaeste der Tuilerien und des Louvre bildeten,
+war eine Division Infanterie aufgestellt, darunter das zweite Regiment
+der Grenadiere der Garde mit den gewaltigen Baerenmuetzen, welche man auf
+den Schlachtenbildern des ersten Kaiserreichs erblickt und welche noch
+bis zu jener Stunde den Stolz der alten Garde bildeten; die langbaertigen
+Sappeurs mit ihren weissen Schurzfellen, ihren hohen Stulphandschuhen und
+ihren blitzenden Beilen an der Spitze der Bataillone--daneben acht
+Batterien der Artillerie mit der an die deutschen Husaren erinnernden
+Uniform, den Dolmans und Colpacks,--die Garde de Paris und die
+Seine-Gendarmerie zu Pferde, welche fast unveraendert die Uniform der
+Grenadiere a Cheval des ersten Kaiserreichs trugen; neben diesen standen
+die Pompiers, diese militairische Feuerwehr mit ihren blitzenden Helmen.
+
+Eine grosse Menschenmenge umringte, von den Sergeants de Ville
+zurueckgehalten, die Aufstellung der Truppen, deren Waffen im hellen
+Sonnenschein blitzten.
+
+Das alte Schloss der Tuilerien und alle diese Uniformen nach den Mustern
+des ersten Kaiserreichs riefen lebhaft die Bilder der Vergangenheit in's
+Gedaechtniss. Und als nun das Gitterthor an dem innern Hof der Tuilerien
+sich oeffnete, die zwei davor haltenden Kuerassierposten sich militairisch
+empor richteten,--als die Suite der Adjutanten und Ordonnanzofficiere
+vor dem Haupteingang des Palastes sich rangirten, die Reitknechte die
+Pferde heranfuehrten und der Marschall Canrobert, der in der
+goldglaenzenden Uniform mit den weissen wallenden Federn auf dem
+goldbordirten Hut, den Marschallstab in der Hand, von seiner Suite
+umgeben, in der Mitte der Truppnenaufstellung hielt, sich in dem Sattel
+aufrichtete und noch einen letzten Blick ueber die in musterhafter
+Haltung dastehenden Truppen warf, da haette man fast erwarten koennen, aus
+dem grossen Portal der Tuilerien heraus die kleine Gestalt des
+welterobernden Caesars mit dem ehernen Gesicht und dem leuchtenden
+Feldherrnblick hervortreten zu sehen, um wie an dem Tage der grossen
+Vergangenheit seine Soldaten zu mustern, welche die Adler Frankreichs
+siegreich nach allen Hauptstaedten Europa's getragen hatten.--
+
+Die Stallknechte fuehrten das schoene weisse Leibpferd des Kaisers vor das
+Portal.
+
+Etwas unsichern Ganges erschien Napoleon III. in der
+Generallieutenants-Uniform, das grosse rothe Band der Ehrenlegion ueber
+der Brust. Die Hinfaelligkeit seiner Gestalt, die krankhafte Schlaffheit
+seiner Gesichtszuege waren in der militairischen Kleidung noch sichtbarer
+und auffaelliger, als im Civilanzug. Er setzte den Fuss in den Buegel und
+langsam, mit einer gewissen Anstrengung hob er sich in den Sattel
+hinauf. Ein Augenblick zuckte es wie stechender Schmerz durch sein
+Gesicht, dann nahm er wie mit lebhafter Willensanstrengung eine feste
+Haltung an; und selbst jetzt, trotz seiner von Alter und Krankheit
+gebrochenen Kraft konnte man doch noch eine Spur jener Leichtigkeit und
+Sicherheit erkennen, welche ihn einst zu einem der besten Reiter
+Europa's gemacht hatten.
+
+Die ganze glaenzende militairische Suite des Kaisers, welche ihn zu
+Fuss erwartet hatte, sass in demselben Augenblick, in welchem der
+Kaiser in den Sattel gestiegen war, zu Pferde. Hundert Garden
+mit den goldglaenzenden antiken Helmen und den blauen gold- und
+scharlachschimmernden Uniformen sprengten vor; und langsam ritt der
+Kaiser durch das Gitterthor der Truppenaufstellung entgegen.
+
+Marschall Canrobert und sein Stab sprengten heran, der Marschall gruesste
+mit dem Stabe und erhob denselben dann, indem er sich nach den Truppen
+hinwandte; in demselben Augenblick begannen die saemmtlichen Musikkorps
+jene einfache Melodie zu spielen, welche die schoene Hortense Beauharnais
+einst fuer die alte Romanze "partant pour la Syrie" componirt hatte, die
+man zu jener Zeit nicht auf den jeune et beau Dunois, sondern auf den
+vom ersten glaenzenden Strahl seines Ruhmes beleuchteten Feldherrn bezog,
+der spaeter die Krone Karl des Grossen auf sein Haupt zu setzen bestimmt
+war. Zu gleicher Zeit brauste in donnerndem Ruf das "Vive l'empereur"
+von allen Truppenabtheilungen herueber.
+
+Der Kaiser nahm den Hut ab, und sein Blick flog ueber diese blitzenden
+Geschuetze, ueber diese kuehn blickenden Maenner, ueber diese schnaubenden
+Pferde hin--ein Augenblick faerbte ein leichtes Roth seine Zuege, seine
+Augen leuchteten auf, fester richtete er sich im Sattel empor; da fiel
+sein Blick auf die Menge, welche sich bis dicht an die Truppen
+herangedraengt hatte und am Eingang des Gitterthors hoechstens zehn
+Schritt von ihm entfernt war.
+
+In der ersten Reihe der Zuschauer sah er eine lange, hagere Gestalt
+stehen, in zerrissene Lumpen gehuellt, das Haupt, welches aus diesen
+Lumpen hervorragte, war unbedeckt, sein dunkles Haar hing ungeordnet um
+die Schlaefen herab; unter der vorspringenden niedrigen Stirn blickten
+dunkle tief liegende Augen hervor, eine lange, weit vorspringende Nase,
+tief eingesunkene Wangen und ein struppiger Bart gaben diesem Gesicht
+etwas Fanatisches und Krankhaftes.
+
+Der Blick des Kaisers wurde unwillkuerlich durch diese Erscheinung
+gefesselt, denn der Mann, der da unbeweglich stand, sah ihn mit einer
+Gluth so wilden und unversoehnlichen Hasses an, dass der Kaiser
+zusammenschauerte. Er wandte sich einen Augenblick um, als wolle er
+einen Befehl geben, dann blickte er wieder auf jenen Mann hin, dessen
+beide Haende frei waren und der ohne jede Bewegung starr wie eine
+Bildsaeule da stand,--noch einmal erhob sich gewaltig und weithin ueber
+den Platz schallend das "Vive l'empereur" der Truppen.
+
+Dann trat eine augenblickliche tiefe Stille ein, der Marschall Canrobert
+sprengte an die Seite des Kaisers, um ihn beim Heranreiten der Fronte zu
+begleiten.
+
+Napoleon gab seinem Pferde einen leichten Schenkeldruck, indem er noch
+einmal wie fascinirt nach jenem in Lumpen gehuellten Mann hinsah.
+
+Da trat dieser Mann ploetzlich einige Schritte vor, immer die Augen voll
+grimmigen fanatischen Hasses auf den Kaiser gerichtet. Er erhob die Arme
+nicht, er machte keine Bewegung, aber mit einer lauten, gellenden
+Stimme, welche schaurig durch die augenblickliche Stille, die dem lauten
+Rufen der Truppen gefolgt war, ueber den Hof hinschallte, rief er mehrere
+Male hinter einander:
+
+"Nach Cayenne! Nach Cayenne!"
+
+Napoleon parirte sein Pferd, die ganze Suite hielt an, ein Ruf des
+Entsetzens ertoente aus der naechsten Umgebung des Kaisers. Verschiedene
+Officiere waren im Augenblick vom Pferde gesprungen und hatten im Verein
+mit einer grossen Anzahl von Sergeants de Ville und Polizeibeamten in
+Civil, welche im Nu aus der Menge der Zuschauer hervorbrachen, den
+Unbekannten umringt und festgenommen.
+
+Er machte keine Miene des Widerstands und liess sich, nachdem er noch
+einmal einen Blick tiefen und unversoehnlichen Hasses auf den Kaiser
+geworfen, nach dem Erdgeschoss der Tuilerien hinfuehren.
+
+Napoleon hatte schnell mit der ihm stets eigenen Selbstbeherrschung
+seine Ruhe wiedergefunden.
+
+"Ein armer Wahnsinniger," sagte er laechelnd zu dem Marschall Canrobert
+gewendet, und in kurzem Galopp sprengte er, von seiner glaenzenden Suite
+gefolgt nach dem Fluegel der Truppenaufstellung; langsam ritt er dann
+die Reihen hinunter, und noch enthusiastischer als vorher wurde er
+ueberall mit jubelnden Zurufen begruesst.
+
+Er schien aus seiner frueheren gleichgueltigen Lethargie erwacht zu sein,
+und mit stolzem festem Blick sah er diese herrlichen Truppen an, die ihm
+so laut und freudig ihre Ergebenheit beweisen wollten. Laechelnd machte
+er dem Marschall seine Complimente ueber die Haltung der Truppen, dann
+sprengte er zurueck, nahm eine Aufstellung vor dem Gitterthor--seiner
+Suite weit voran, und indem er einen scharfen, festen, herausfordernden
+Blick auf die herandraengende Menge warf, gab er das Zeichen zum Beginn
+des Vorbeimarsches. Waehrend die einzelnen Regimenter vor ihm
+vorbeidefilirten, nach franzoesischer Sitte als Zeichen ihrer
+begeisterten Huldigung die Kopfbedeckungen an der Spitze ihrer Waffen
+schwingend, ertoente von Neuem immer und immer wieder der alte Ruf "Vive
+l'empereur", welcher schon so oft und in grossen Augenblicken von diesen
+altersgrauen Mauern wiederhallt war an derselben Stelle, wo die
+sterbenden Diener des versinkenden Koenigthums zum letzten Male "Vive le
+roi" gerufen hatten, und wo bereits zwei Mal eine wilde blutige Masse
+ihr "Vive la Republique" geheult hatte.
+
+Die Revue war beendet, der Kaiser dankte dem Marschall und den
+Officieren, ritt langsam zum Portal zurueck, stieg ab und begab sich,
+sein Gefolge freundlich mit der Hand gruessend, nach seinem Cabinet
+zurueck.
+
+Hier angekommen warf er sich erschoepft in seinen Lehnstuhl, die stolze
+und feste Haltung, welche er den Truppen gegenueber beobachtet hatte,
+verschwand, koerperlicher Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit zeigte
+sich in seinen schlaffen, zusammensinkenden Gesichtszuegen.
+
+"Ist der Polizeipraefect hier?" fragte er den Kammerdiener, welcher ihm
+Hut und Handschuhe abnahm.
+
+"Er befindet sich in einem Zimmer des Erdgeschosses und verhoert den
+Elenden, welcher es gewagt, Eure Majestaet zu insultiren."
+
+"Ich lasse ihn bitten, sogleich zu mir zu kommen."
+
+Er sank in sich zusammen und erwartete schweigend die Ankunft des Chefs
+der Polizei.
+
+Nach kurzer Zeit trat Herr Pietri in das Zimmer. Dieser Leiter der weit
+ausgedehnten Polizei von Paris war eine schmaechtige schlanke Gestalt,
+geschmeidig und biegsam,--sein Kopf mit der weit vorspringenden, stark
+gewoelbten Stirn war oberhalb spitz emporspringend, das duenne dunkle Haar
+lag auf den Schaedel glatt an und bildete zur Seite der tief
+eingefallenen Schlaefen zwei kleine, etwas abstehende Locken. Die
+Backenknochen standen stark hervor, die Augen lagen so tief zurueck, dass
+der scharfe stechende Blick wie aus dunklen Schatten hervorblitzte; die
+stark gebogene Nase hing weit raubvogelartig gekruemmt ueber den von einem
+langen schwarzen Schnurrbart verdeckten Mund herab. Der ganze Eindruck
+dieses eigenthuemlichen, gelb gefaerbten Gesichts war ernst, kalt und
+finster.
+
+"Was fuer ein Mensch ist das?" fragte Napoleon mit leichtem Kopfnicken
+den Gruss des Polizeichefs erwidernd.
+
+"Er heisst Lezurier," erwiderte Pietri. "Trotz der Lumpen, in welche er
+gehuellt war," fuhr er fort, "fand man bei ihm eine Boerse mit elftausend
+Francs in Gold, drei Staatsrentenbriefe ueber dreissigtausend Francs
+jaehrlicher Rente und ein Dolchmesser. Man hat sofort seine Wohnung
+ermittelt, und soeben berichtet man mir, dass bei der ersten Nachsuchung
+eine Menge von Waffen dort entdeckt worden ist, Keulen, Saebel, Lanzen,
+Revolver, Todtschlaeger, Dolche, Bayonette und Stockdegen, ausserdem fand
+man in einem alten Pult noch sechzigtausend Francs in Gold. Seine ganze
+Behausung ist hoechst aermlich, er ass bei einem Lumpensammler in der
+unmittelbaren Nachbarschaft, bezahlte demselben monatlich dreissig
+Francs."
+
+"Raethselhaft," sagte der Kaiser tief nachdenkend. "Und was hat er
+bezweckt? Was war der Grund seiner Handlung?"
+
+"Er setzt allen Fragen ein hartnaeckiges Schweigen entgegen," erwiderte
+Pietri.
+
+Ein rascher Entschluss blitzte im Auge des Kaisers auf.
+
+"Fuehren Sie ihn her, ich will ihn sehen," sprach er,--"ich will ihn
+selber fragen."
+
+"Sire," sagte Pietri fast erschrocken, "Eure Majestaet wollen--"
+
+"Er konnte mir doch in der That," sagte der Kaiser, "draussen auf dem
+Tuilerienhof gefaehrlicher werden, als hier in meinem Zimmer, nachdem man
+ihm alle Mittel zu schaden abgenommen hat. Fuehren Sie ihn mir hierher,
+aber kommen Sie allein mit ihm, lassen Sie keinen untergeordneten
+Beamten mit eintreten. Wir werden uns ja wohl gegen ihn verteidigen
+koennen," fuegte er laechelnd hinzu.
+
+Pietri verneigte sich und ging hinaus. Nach einigen Augenblicken kehrte
+er zurueck--ihm folgte, von zwei Polizeibeamten bis zur Thuer gefuehrt,
+der raethselhafte Unbekannte.
+
+Derselbe trat ruhigen und festen Schrittes ein und blieb in einiger
+Entfernung von der Thuer stehen. Sein Anblick war erschreckend, die
+ohnehin schon zerfetzten Lumpen, die ihn einhuellten, waren bei seiner
+Arretirung noch mehr zerrissen und hingen in fast formlosen Stuecken um
+seinen Koerper her, von einem Schlage, den er erhalten, hatte seine Nase
+geblutet, auch hatte er eine nicht unbedeutende Wunde an der Stirn
+erhalten, sein Gesicht war mit Blut befleckt und seine Haare klebten an
+den Schlaefen mit Blut und Staub fest, er war noch bleicher als vorher
+und seine unheimlich gluehenden Augen blickten mit demselben tiefen und
+unversoehnlichen Hass zu dem Kaiser hinueber.
+
+Napoleon sah diesen Mann lange schweigend an, die Schleier, welche fast
+immer seine Augen verhuellten, waren verschwunden, voll und frei ruhte
+sein forschender Blick auf der Gestalt des Gefangenen, doch fand der
+grimmige Ausdruck des Hasses, welcher dessen Zuege erfuellte, in den Augen
+des Kaisers keine Erwiderung. Er sah diesen Mann mit einer Mischung von
+Verwunderung und wehmuethiger Trauer an.
+
+"Sie haben," fragte Napoleon endlich mit sanfter Stimme, "so eben in
+dem Hof der Tuilerien einen Ruf ausgestossen, den man als eine feindliche
+Demonstration gegen mich deutet. Ich wuensche von Ihnen selbst zu
+erfahren, was Sie dabei bezweckt haben, ob es wirklich Ihre Absicht war,
+den Souverain Ihres Landes, welchen die grosse Majoritaet der Buerger
+Frankreichs auf den Thron berufen, zu beleidigen? Warum haben Sie den
+Ruf ausgestossen "nach Cayenne?"
+
+Lezurier machte keine Bewegung, nur wurde die zornige Gluth seines auf
+den Kaiser gerichteten Blickes noch wilder und intensiver, und mit einer
+heisern, aber scharf und deutlich die Worte betonenden Stimme sprach er:
+
+"Ich habe das Geschrei der Soldaten gehoert, welche vive l'empereur
+riefen, da erfasste mich ein unbezaehmbarer Zorn, und mein ganzes Wesen
+loderte auf in wilder Wuth, als ich Denjenigen jubelnd begruessen hoerte,
+dessen Verbrechen gegen Frankreich und seine Freiheit ihn zu jenem
+todtbringenden Exil haetten verurtheilen muessen, in welches er so viele
+Maertyrer der heiligen Sache des Volkes geschickt hat--nach Cayenne!"
+
+Der Kaiser sah den Mann gross an und schuettelte langsam mit einem fast
+mitleidigen Laecheln den Kopf.
+
+"Man hat ein Messer bei Ihnen gefunden," sagte er, "und ein kleines
+Waffenarsenal in Ihrer Wohnung. Hatten Sie die Absicht, mich zu toedten?"
+
+"Nein," erwiderte Lezurier, "diese Absicht hatte ich nicht. Ich war nur
+auf den Tuilerienhof gekommen, um meinen heiligen Hass durch den Anblick
+des Tyrannen zu kraeftigen. Die Sache des Volkes bedarf des Meuchelmordes
+nicht, welcher wohl den Tyrannen toedten, aber nicht die Tyrannei
+vernichten wuerde."
+
+"Wozu also diese Waffen?" fragte der Kaiser--"ausserdem," fuegte er hinzu,
+"hat man viel Geld bei Ihnen gefunden, und doch sind Sie in Lumpen
+gekleidet."
+
+"Ich habe mein Vermoegen und mich," erwiderte Lezurier immer in demselben
+Ton, "der Sache des Volkes gewidmet, fuer mich will ich nur uebrig
+behalten, was zur nothduerftigsten Ernaehrung und Bekleidung meines
+Koerpers unerlaesslich ist. Alles Uebrige war bestimmt, bei der grossen
+Erhebung des Volkes verwendet zu werden, welche sich vorbereitet, welche
+kommen wird und welche Sie herabschleudern wird in den Abgrund, aus
+welchem Sie heraufgestiegen."
+
+"Warum haben Sie denn," fragte der Kaiser weiter, "den Ruf ausgestossen,
+der Sie den Gesetzen ueberliefert und alle Ihre Vorbereitungen erfolglos
+macht?"
+
+"Ich habe es gethan," erwiderte Lezurier, "weil die augenblickliche
+Entruestung mich uebermannte, weil eine blutige Wolke meinen Blick
+verdunkelte, weil ich nicht mehr Herr meiner selbst war. Ich bereue es,
+dass ich es gethan, weil ich meine Kraft und meine Mittel dadurch fuer den
+grossen heiligen Kampf gehemmt habe, der aber," fuhr er fort, "dessen
+ungeachtet begonnen und siegreich durchgefuehrt werden wird. Ein
+Einzelner mehr oder weniger in der Phalanx des Volkes kann auf den
+Erfolg keinen Einfluss haben."
+
+"Sie sind nicht, was Sie scheinen," erwiderte der Kaiser, "Ihre Worte
+sprechen von hoeherer Bildung, als Ihre Kleidung vermuthen laesst."
+
+"Je hoeher mein Geist gebildet ist," erwiderte Lezurier, "um so mehr muss
+ich das Elend Frankreichs erkennen und die Mittel zu seiner Beseitigung
+suchen. Je reiner meine Gesinnungen sind und je fester mein Charakter
+sich entwickelt hat, mit um so hoeherer Begeisterung muss ich meine ganze
+Existenz fuer die Freiheit Frankreichs einsetzen,--um so gluehender muss
+ich Denjenigen hassen, welcher diese Freiheit verraetherisch geknechtet
+hat."
+
+"Wenn Sie mich hassen," sagte der Kaiser mit einer sanften, fast
+weichen Stimme, "so koennen Sie mich doch nicht fuer klein halten, Sie
+wuerden mir sonst nicht sagen, was Sie so eben ausgesprochen."
+
+"Mein unbesonnener Ruf," erwiderte Lezurier, "hat mich ohnehin in Ihre
+Haende geliefert und meine Theilnahme am Kampf der Zukunft beinahe
+unmoeglich gemacht, ich kann mir also die Genugthuung gewaehren, dem
+Tyrannen in's Gesicht zu sagen, was ich von ihm denke. Er hat ja doch
+nur die Macht," fuegte er mit veraechtlichem Achselzucken hinzu, "diesen
+Koerper zu vernichten, diese Form zu zerbrechen, in welcher ein kleiner
+Theil jenes Geistes eingeschlossen ist, der im gewaltigen
+unwiderstehlichen Flug die Truemmer seines Thrones fortreissen wird in die
+Abgruende der ewigen Vernichtung!"
+
+"Und was wollten Sie mit jenen Waffen machen," fragte der Kaiser,
+"welche Sie in Ihrer Wohnung aufgesammelt haben, mit jenem Gelde,
+welches Sie dort aufbewahrten?"
+
+"Die Waffen wollte ich am Tage der grossen Erhebung allen Denen in die
+Hand druecken," erwiderte Lezurier, "welchen ich begegnen wuerde, deren
+Arm noch nicht bewehrt waere, um dem Zorn und dem Hass ihres Herzens
+Nachdruck zu geben. Mit dem Gelde wollte ich die Kaempfer ernaehren und
+die Verwundeten pflegen."
+
+"Stehen Sie mit Andern in Verbindung?" fragte der Kaiser weiter.
+
+Ein finsterer Hohn zuckte um die Lippen Lezurier's.
+
+"Sie sind gewoehnt," erwiderte er, "den Verrath zu erkaufen. Aber," fuhr
+er fort, "ich habe Nichts zu verrathen, und was ich weiss, kann ich laut
+aussprechen, ohne irgend Jemanden in die Haende Ihrer Haescher zu liefern.
+Mein Verbuendeter ist das Volk von Frankreich in seiner grossen Mehrheit,
+das denkt und fuehlt wie ich, das aber vielleicht nicht immer und nicht
+ueberall dieselbe Energie und Thatkraft hat, welche ich angewandt haben
+wuerde zur Erreichung des grossen Ziels--zur Befreiung des Vaterlandes!"
+
+"Sie haben mich beleidigt," sagte der Kaiser, "dafuer sind Sie dem Gesetz
+verfallen, doch liegt in meinen Haenden das schoene Recht der Gnade, und
+ich mache Gebrauch davon, indem ich Ihnen die Beleidigung verzeihe,
+welche Sie gegen mich ausgestossen. Derjenige," sprach er stolz den Kopf
+erhebend, "den die grosse Mehrzahl seiner Nation vertrauensvoll auf den
+Thron berufen, kann die Beleidigung eines Einzelnen leicht vergeben.
+Aber Sie haben Vorbereitungen getroffen," fuhr er fort, "um nicht mir
+allein zu schaden, sondern um die Staatsordnung, welche die franzoesische
+Nation sich in freier Entschliessung gegeben, zu zerstoeren. Wollen Sie
+sich verpflichten, in Paris unter den Augen der Sicherheitsbehoerde ruhig
+zu leben, so will ich Ihnen Ihre Freiheit schenken und Ihnen auch das
+verzeihen, was Sie gegen den Staat und gegen die oeffentliche Ordnung
+gethan und beabsichtigt haben. Wollen Sie mir das versprechen?" fuegte er
+fast in bittendem Ton hinzu.
+
+"Nein," erwiderte Lezurier kalt und starr, "ich will Sie nicht
+betruegen,--ich will nicht," fuegte er mit bitterem Hohn hinzu, "in Ihre
+kaiserliche Praerogative der Luege eingreifen, ich wuerde vom ersten
+Augenblick an meine ganze Kraft, mein ganzes Denken wiederum darauf
+richten, die grosse Revolution zu foerdern und herbei zu fuehren, welche
+bestimmt ist, Ihre Herrschaft zu zertruemmern."
+
+"Dann," erwiderte der Kaiser, "kann ich Nichts fuer Sie thun, und der
+Ruf, den Sie ausgestossen, wird Ihr Urtheil sein."
+
+Lezurier schwieg, ohne eine Bewegung zu machen, ohne eine Miene seines
+Gesichts zu veraendern.
+
+"Ich wuensche nicht," sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, "dass
+irgend Jemand anders durch Sie leidet. Das Vermoegen, welches Sie in
+wahnsinniger Verblendung zum Kampf gegen den Staat und die Gesellschaft
+bestimmten, soll Ihrer Familie zurueckgegeben werden. Haben Sie
+Angehoerige?"
+
+Die Zuege des Gefangenen verzerrten sich im daemonischen Hass.
+
+"Ich hatte ein Weib," sagte er, "sie ist lange todt und hinterliess mir
+einen Sohn. Dieser Sohn und ein Bruder, juenger als ich, bildeten meine
+ganze Familie. Beide sind gefallen auf den Barrikaden unter den
+Kartaetschenkugeln, welche die Bahn oeffneten fuer den blutigen Triumphzug
+Ihrer kaiserlichen Herrlichkeit."
+
+Die Zuege des Kaisers nahmen einen Ausdruck unendlicher Weichheit und
+Milde an, seine gross geoeffneten Augen schimmerten im feuchten Glanz, er
+stuetzte einen Augenblick den Kopf in die Hand und seufzte tief auf, dann
+blickte er noch einmal voll mitleidiger Theilnahme auf diese in Lumpen
+gehuellte Gestalt, auf dieses blutbefleckte bleiche Gesicht und sagte.
+
+"Ich habe versucht, was ich versuchen konnte, um Boeses mit Gutem zu
+vergelten, Sie haben Alles zurueckgewiesen und fuer das Schicksal, das
+Ihnen bevorsteht, werden Sie mir keinen Vorwurf zu machen haben."
+
+Er winkte mit der Hand. Pietri oeffnete die Thuer und uebergab den
+Gefangenen den beiden Polizeibeamten, zwischen denen derselbe hoch
+aufgerichtet mit festem Schritt das Cabinet verliess.
+
+"Welches Urtheil erwartet ihn?" fragte der Kaiser.
+
+"Die Deportation," erwiderte Pietri.
+
+"Man soll ihn mit Milde behandeln," sagte Napoleon, "und auch sein Exil,
+wenn er zu demselben verurtheilt wird, so schonend als moeglich
+einrichten,--er ist krank,--er _muss_ krank sein,--ein gesunder Geist
+kann einen solchen Hass nicht entwickeln. Besorgen Sie, dass er aerztlich
+untersucht wird."
+
+Er winkte entlassend mit der Hand, mit tiefer Verbeugung zog sich der
+Polizeipraefect zurueck.
+
+Der Kaiser sass lange in tiefem, finsterm Schweigen versunken.
+
+"Ist es wahr," sagte er endlich mit dumpfem Ton, "ist wirklich die Masse
+des Volks von Frankreich der Verbuendete dieses Rasenden,--muesste ich
+wirklich um dieses aus der Tiefe herauf gaehrenden Hasses Herr zu werden,
+von Neuem meinen kaiserlichen Purpur in Blut tauchen? Waere es da nicht
+besser, wie jener alte Roemer sich selbst in den Abgrund zu stuerzen zur
+Versoehnung des Schicksals, als diesen Abgrund mit Hekatomben von
+Menschenopfern zu fuellen,--ist die Gestalt dieses Mannes der mahnende
+Geist, den das Verhaengniss vor mir ansteigen liess, wie es einst bei
+Philippi dem traeumenden Brutus jene drohende Erscheinung sandte? Oh,"
+rief er, die Haende faltend und den Blick nach oben richtend, "gieb mir
+Licht in diesem Dunkel, Du grosse Vorsehung, welche mich auf so
+wunderbaren Wegen bis hierher gefuehrt hat,--gieb mir Kraft," fuegte er
+mit tief schmerzlichem Ausdruck hinzu,--"denn wo die Kraft ist, da ist
+das Licht,--meine Kraft aber versiegt und zerbricht,--und hoeher und
+hoeher steigt die Dunkelheit herauf, welche meinem Geist das klare
+Erkennen raubt."
+
+Er sank in sich zusammen und blieb wie gebrochen in seinem Lehnstuhl
+sitzen.
+
+
+
+
+Achtes Capitel.
+
+
+Einige Meilen unterhalb Hannovers fast hart an dem Ufer der Leine
+liegt das Dorf Bodenfeld.
+
+Der Ort im flachen Lande inmitten reicher Wiesen und ueppigen
+Fruchtfeldern gelegen, bietet nur wenig Naturschoenheiten und besteht aus
+geschlossenen Gehoeften, welche, in einiger Entfernung von einander
+bestehend, unregelmaessige, aber gut und sauber gehaltene Strassen bilden,
+die von der Wohlhabenheit und dem Ordnungssinn der Bevoelkerung zeugen.
+
+Trotz der verhaeltnissmaessig geringen Einwohnerzahl bietet Bodenfeld sowohl
+wegen seiner Lage, als wegen des Reichthums und des ausgedehnten
+Grundbesitzes seiner Bewohner den Mittelpunkt der Gegend.
+
+Es hatte eine grosse und schoene Kirche mit einem stattlichen, von einem
+freundlichen Garten umgebenen Pfarrhause; daneben in einiger Entfernung
+von der Kirche lag das weite und geraeumige Amthaus; denn man hatte auch
+den Amtssitz bei der neuen Verwaltungsorganisation hierher gelegt, um
+den Eingesessenen bequemere Gelegenheit zu geben, den Mittelpunkt der
+Localverwaltung zu erreichen.
+
+Die Haeuser der Bauerngehoefte zeugten alle von Wohlhabenheit, grosse
+Viehstaelle umgaben sie, und ihre Eigenthuemer, obwohl in die
+eigenthuemliche Tracht des Landes gekleidet und nach alter einfacher
+Sitte lebend, wuerden doch nach der Ausdehnung ihrer Laendereien, nach der
+Zahl ihrer Gespanne und ihres Viehstandes, nach der Menge der von ihnen
+beschaeftigten Knechte und Arbeiter in andern Gegenden kaum noch fuer
+Bauern gegolten haben.
+
+Ein kleiner Hof am Ende des Dorfes stach ein wenig gegen die uebrigen
+reichen Besitzungen ab.
+
+In der Mitte einer fast im regelmaessigen Viereck sich ausdehnenden
+Feldmark lag ein kleines, einfaches Haus, daneben ein sauber gehaltener
+Obstgarten, eine Allee von Obstbaeumen fuehrte von dem Hause durch das
+Feld hin zu der in einiger Entfernung vorueberziehenden Landstrasse.
+
+Auf der andern Seite des Wohngebaeudes lag ein kleiner Hof, von Staellen
+umgeben, ein Taubenschlag in der Mitte; in den Staellen standen drei
+sauber gepflegte Kuehe, zwei Zug Ochsen und zwei jener starken kraeftigen
+Pferde, an welchen das hannoeversche Land so reich ist; den reinlichen,
+mit gelbem Sand bestreuten Hof belebte zahlreiches und vortrefflich
+gehaltenes Federvieh; hinter den glaenzenden, blank geputzten Scheiben
+der kleinen Fenster sah man einfache, aber blendend weisse Gardinen,
+bluehender Geranium leuchtete im dunklen Roth durch die Scheiben; kurz
+Alles trug den Stempel von Wohlhabenheit, Ordnung und Behaglichkeit; und
+wenn auch dieser kleine Hof an Ausdehnung hinter den uebrigen Besitzungen
+des Dorfes erheblich zurueckstand, so zeichnete er sich doch vor allen
+Uebrigen durch eine beinahe bis zur Eleganz gehende Zierlichkeit und
+Sauberkeit aus.
+
+An einem schoenen Aprilabend sassen in den Wohnzimmern des kleinen Hauses,
+dessen einfache Einrichtung aus einem grossen eichenen Tisch, einigen
+Stuehlen mit starkem Rohrgeflecht und zwei jener alten maechtigen, mit
+braunem Leder ueberzogenen Lehnstuehlen bestand und dessen Waende ebenfalls
+mit schwarz gewordenem Eichenholz bekleidet waren, ein alter Mann und
+eine alte Frau neben einander. Jede von Ihnen hatte einen der grossen
+Lehnstuehle eingenommen, und sie schienen sich nach der Arbeit des Tages
+jener tiefen, anmuthenden Ruhe zu erfreuen, welche auf dem Lande mit der
+Feierabendstunde das haeusliche Leben mit einem fast sonntaeglichen
+Frieden umgiebt.
+
+Der Mann war ein hoher Sechziger, kraeftig und markig gebaut, das weisse
+dichte Haar hing lang an den Schlaefen herunter, sein scharf markirtes,
+von fester Willenskraft zeugendes Gesicht war glatt rasirt, und aus
+seinen grossen klaren Augen blickte neben dem klugen, beinahe listigen
+Verstand, der den Bauern jener Gegenden eigenthuemlich ist, auch eine
+tiefe Weiche und Milde heraus.
+
+Er trug einen Faltenrock von dunkler Farbe, den Hemdkragen ueber dem
+Halstuch von schwerer schwarzer Seide hervorgezogen und hohe Stiefel bis
+zu den Knieen und war beschaeftigt, durch eine silberne Brille mit
+grossen, runden Glaesern die Zeitung zu lesen, welche der Landpostbote vor
+Kurzem gebracht hatte.
+
+Die alte Frau, welche in dem andern Lehnstuhl neben ihm sass, schien
+aelter zu sein, als er. Ihre Haltung war etwas zusammengesunken und
+gebrechlich, ihr blasses Gesicht mit den sanft und weich, beinahe
+traurig blickenden Augen war mager und kraenklich, ihr fast weisses, glatt
+gescheiteltes Haar war unter einer grossen weissen Haube mit breitem
+Strich und unter dem Kinn zusammengebundenen Baendern fast ganz
+verborgen.
+
+Sie trug einen glatt anliegenden, schwarzen Rock und ein grosses,
+schwarzes Seidentuch um Brust und Schultern und war beschaeftigt, nachdem
+sie das Federvieh, dem sie ihre besondere Sorgfalt widmete, besorgt
+hatte, mit langen starken Nadeln einen grossen Strumpf zu stricken, wobei
+sie leise zaehlend die Lippen bewegte.
+
+Der Mann war der Eigenthuemer des Hofes, der alte Bauer Niemeyer, welcher
+ohne Kinder in seiner schoenen, kleinen Besitzung lebte; die Frau neben
+ihm war seine Schwester, die Wittwe des lang verstorbenen Unterofficiers
+Cappei, welche nach dem Tode ihres Mannes mit einer kleinen
+Wittwenpension aus der englischen Legionskasse und mit ihrem einzigen
+Sohn ein Asyl bei ihrem Bruder gefunden hatte und bei demselben die
+Stelle der Hausfrau vertrat.
+
+Das Jahr 1866 hatte in den kleinen Familienkreis tief und schneidend
+eingegriffen. Der junge Cappei, welcher den Feldzug jenes Jahres in der
+hannoeverschen Armee mitgemacht hatte und dann zu seinem Oheim und zu
+seiner Mutter zurueckgekehrt war, um seinem Oheim in der Bewirtschaftung
+des Hofes, der zu seinem einstigen Erbtheil bestimmt war, Beistand zu
+leisten, hatte sich voll Begeisterung fuer die Sache des Koenigs Georg
+und fortgerissen von der Bewegung, welche beim Beginn des Jahres 1867
+unter den jungen Leuten jener Gegend herrschte, der Emigration
+angeschlossen, und seit jener Zeit lebten die beiden Alten wieder einsam
+in dem kleinen Hause, eifrig und sorgfaeltig die Wirthschaftsgeschaefte
+besorgend, aber traurig, des fernen Sohnes und Neffen gedenkend, dessen
+Abwesenheit alle ihre Hoffnungen fuer die Zukunft in Frage stellte.
+
+Sie hatten nur seltene und wenig ausfuehrliche Nachrichten von ihm
+erhalten, denn die Emigranten scheuten sich eingehend nach ihrer Heimath
+zu schreiben aus Furcht, ihre Angehoerigen in Verwickelung mit den
+Behoerden zu bringen, und so waren die beiden alten Leute darauf
+angewiesen, die Zeitung, welche sie seit jener Zeit hielten, zu
+durchforschen, um irgend etwas ueber die Legion zu erfahren.
+
+Aber auch diese Nachrichten waren nur sehr spaerlich und unklar gewesen
+und hatten sie oft recht traurig gestimmt, wenn sie von den
+ungluecklichen Verhaeltnissen lasen, in welchen nach einzelnen
+Mittheilungen aus Frankreich die Emigranten dort leben sollten.
+
+Die alte Mutter Cappei glaubte fest an die Versicherung, welche ihr Sohn
+ihr beim Abschied gegeben, dass er siegreich mit allen seinen Kameraden
+den Koenig in der Mitte wieder in die Heimath zurueckkehren werde.
+
+Ihr Bruder hatte tiefes Misstrauen in diese Hoffnungen, er hing zwar mit
+zaeher und liebevoller Anhaenglichkeit an den alten Verhaeltnissen, aber
+sein scharfer und practischer Verstand liess ihn wenig an eine
+Moeglichkeit der Wiederkehr derselben glauben.
+
+Es war dies ein Punkt, ueber welchen die beiden alten Leute, welche sonst
+in so inniger und liebevoller Einigkeit miteinander lebten, haeufig in
+lebhaften Wortwechsel geriethen.
+
+Der alte Niemeyer war sehr unzufrieden mit der Emigration seines Neffen
+und wurde nicht muede, in seine Schwester zu dringen, dass sie mit ihm
+gemeinsam dem jungen Menschen den kategorischen Befehl schicken moege,
+wieder in die Heimath zurueckzukehren.
+
+Doch dazu konnte sich die alte Frau, so tiefen Schmerz sie ueber die
+Abwesenheit ihres einzigen Kindes empfand, nicht entschliessen. Es
+erfuellte sie mit hohem Stolz, dass ihr Sohn "in des Koenigs Legion
+diente", wie es ja auch ihr verstorbener Mann einst gethan zur Zeit der
+Occupation Hannovers im Anfang dieses Jahrhunderts, und trotz aller
+Muehe, die sich ihr Bruder gab, gelang es ihm nicht, sie zu ueberzeugen,
+dass die damaligen Verhaeltnisse und die damalige Legion, welche der
+maechtige Koenig von England aus seinen hannoeverschen Unterthanen
+gebildet, etwas ganz anderes sei, als die Emigration, welche heute ihrem
+verbannten, machtlosen Koenig in das Exil gefolgt war; sie war ueberzeugt,
+dass es wieder anders werden muesse, wie es damals anders geworden war,
+und dass ihr Sohn einst siegreich wiederkehren werde, belohnt und
+ausgezeichnet von dem Koenig, dem er so treu geblieben--und ihn dieser
+glaenzenden Zukunft zu entziehen, dazu konnte sie sich nicht
+entschliessen.
+
+So sassen sie denn auch heute wieder da,--sie hatten ihre Arbeit gethan,
+der Alte las die Zeitung, wie es ihm nun seit laengerer Zeit zur
+Gewohnheit geworden war, und seine Schwester fuellte die Musse ihres
+Abends durch die Beschaeftigung mit ihrem Strickstrumpf aus, indem sie
+mit jeder Masche desselben theils eine wehmuethige Erinnerung an ihren
+Sohn, theils eine freudige Hoffnung auf dessen glaenzende Zukunft
+verwebte.
+
+Ploetzlich warf der Alte das Blatt vor sich hin und schlug kraeftig mit
+der Hand auf den Tisch, indem er zugleich die ihm unbequeme Brille hoch
+auf die Stirn hinausschob.
+
+"Das ist eine gute Nachricht," rief er laut, "der Koenig hat die Legion
+aufgeloest, welche ihm so viel Geld kostete, und welche so viele brave
+junge Leute ihrer Heimath entfremdete und den Gefahren eines unthaetigen
+Lebens aussetzte. Das freut mich, das ist ein guter Entschluss, der
+vernuenftigste, den unser Herr hat fassen koennen. Jetzt haben wir doch
+Hoffnung, dass der Junge wieder zu uns zurueckkommt, und dass unser altes,
+liebes Besitzthum nicht noch in fremde Haende uebergehen wird, waehrend
+sein rechter und richtiger Erbe weit in der Ferne ein unruhiges und
+abenteuerliches Leben fuehrt."
+
+Die alte Frau Cappei liess den Strickstrumpf in ihren Schooss sinken, ein
+freudiger Ausdruck erschien einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann
+aber schuettelte sie truebe und traurig den Kopf.
+
+"Das wird wieder eine von den Nachrichten sein," sagte sie, "welche
+schon oft von Zeit zu Zeit in den Zeitungen erschienen sind und immer
+nicht wahr waren. Wie oft hast Du schon an die Rueckkehr meines Sohnes
+geglaubt, wie oft hat man gesagt, die Legion waere auseinandergegangen,
+und immer ist es nicht wahr gewesen. Und es wird auch diesmal nicht wahr
+sein," sagte sie mit einem gewissen Stolz, "der Koenig kann ja seine
+Soldaten nicht fortschicken. Er braucht ja seine Legion, wenn er sein
+Land wieder erobern will, und so sehr ich mich sehne, den Jungen wieder
+hier zu sehen, so moechte ich doch nicht wuenschen, dass er als Fluechtling
+hierher wieder zurueckkehrt, ohne fuer seinen Koenig sich geschlagen zu
+haben, wie es sein Vater seiner Zeit auch gethan hat."
+
+"Du bist thoericht," sagte der Alte, "Du moechtest womoeglich Deinen Jungen
+noch als grossen Feldherrn wiedersehen."
+
+"Nun das Zeug dazu hat er schon," fiel seine Schwester etwas gereizt
+ein, "dass er Officier wird, wenn es zum Schlagen kommt, daran zweifle
+ich garnicht. Was hat er nicht Alles gelernt, wie huebsch und fein sieht
+er aus! Und wie viele Beispiele hat man nicht, dass grosse Generale sich
+ganz von unten herauf gearbeitet haben! Auch in der Legion in Spanien
+sind damals ganz einfache Soldaten hohe Officiere geworden,--wenn es
+meinem seligen Mann nicht so gut gegangen ist, so hat es nur den Grund
+gehabt, dass er keine Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen."
+
+"Das sind Alles Possen," rief der Alte muerrisch, "und ich hoffe, dass der
+Junge selbst nicht solche thoerichten Gedanken in seinem Kopf haben wird.
+Er sollte Gott danken, dass er hier eine feste Heimath und einen wohl
+geordneten Besitz hat und sollte so schnell als moeglich hierher
+zurueckkehren, um diesen Hof zu uebernehmen, dessen Bewirthschaftung mir
+taeglich schwerer zu werden anfaengt. Nun," fuhr er fort, "das wird sich
+jawohl von selbst machen. Ich habe mit dem preussischen Amtmann, den sie
+uns hierher geschickt haben, neulich gesprochen und er hat mir
+versichert, dass er nicht glaube, dass gegen meinen Neffen irgend etwas
+Unangenehmes unternommen werden moechte, wenn er zurueckkaeme und sich zur
+Erfuellung seiner Landwehr-Militairpflicht stellte, eine eigentliche
+Desertion liege ja nicht vor und"--
+
+Er wurde durch ein lautes Anschlagen des Hofhundes unterbrochen.
+
+Schnelle, kraeftige Schritte liessen sich vor dem Hause vernehmen, rasch
+wurde die Thuer geoeffnet, und Derjenige, ueber dessen Schicksal die beiden
+Alten sich soeben unterhalten hatten, trat in das Zimmer.
+
+Der junge Cappei trug einen kleinen Raenzel auf dem Ruecken, sein Gesicht
+war von dem raschen Gang geroethet und erschien dadurch noch bluehender,
+als sonst; seine hellen offenen Augen strahlten von Glueck und Freude,
+als er das alte Haus, die Heimath seiner Kindheit, das alte wohlbekannte
+Zimmer, in welchem kein Meubel sich veraendert hatte, als er seine Mutter
+und seinen Oheim, diese beiden einzigen Wesen wiedersah, welche in dem
+alten Vaterlande ihm nahe standen.
+
+Rasch eilte er auf die alte Frau zu, welche ihm zitternd ihre offenen
+Arme entgegenstreckte; er drueckte ihren Kopf an seine Brust und kuesste
+zaertlich ihre weissen Haare. Dann wandte er sich zu seinem Oheim, welcher
+aufgestanden war und mit gluecklichem stolzem Ausdruck auf die kraeftige
+Gestalt des jungen Mannes blickte, er schlug fest in dessen dargebotene
+Hand ein und sagte tief aufathmend:
+
+"Da bin ich wieder bei Euch--Gott sei Dank, dass ich Euch Beide am Leben
+und wohl und munter finde. Ich habe lange keinen Brief von Euch
+erhalten, und als ich von der Eisenbahnstation zu Fuss hierher ging, hat
+mich eine entsetzliche Angst erfasst, dass ich das Alles hier vielleicht
+nicht so wiederfinden koennte, wie ich es verlassen habe. Nun Gott sei
+Dank, es ist ja Alles gut, und meine Angst ist umsonst gewesen."
+
+Abermals schloss er seine Mutter in die Arme, und dann setzte er sich an
+den Tisch und begann in hastigen abgebrochenen Worten zu erzaehlen von
+seinem Leben in Frankreich, von den Kameraden, welche dort mit ihm
+gewesen, von den Hoffnungen, die sie gehabt hatten, und wie das nun
+Alles zu Ende sei, da der Koenig die Legionaire entlassen habe und eine
+grosse Anzahl von ihnen nach Amerika ausgewandert sei, waehrend Andere in
+Algier ihr Glueck versuchen wollten. "Sie haben mir viel zugeredet,"
+sagte er, "auch dorthin zu gehen, aber ich habe das nicht gewollt. Ich
+will nicht mehr als heimathloser Fluechtling in der Welt leben, und auch
+Euch wollte ich wiedersehen, mein Herz zog mich hierher, und ich muss
+meine Verhaeltnisse hier in der alten Heimath ordnen, um wieder ein
+richtiger Mensch zu werden, der seinen Platz klar und fest in der Welt
+behaupten kann."
+
+"Das hast Du brav gemacht, mein Junge," sagte der Alte, indem er ihm
+kraeftig auf die Schulter schlug, waehrend die Mutter zusammentrug, was im
+Hause zu finden war, Brod, kaltes Fleisch und einen grossen Bierkrug,
+damit der lange entbehrte Sohn wieder am heimathlichen Tisch esse und
+trinke, wodurch nach ihrer Auffassung eigentlich erst das Band zwischen
+ihm und dem alten Hause wieder fest geknuepft wurde.
+
+Eine Zeit lang sahen die beiden Alten schweigend zu, sich des kraeftigen
+Appetits freuend, den der junge Mensch zeigte.
+
+Dann begannen sie wieder zu fragen nach allen Einzelheiten seines Lebens
+in der Fremde, nach diesem und jenem Bekannten; und er erzaehlte ihnen
+von Allem, und doch schien es, als ob immer noch etwas im Rueckhalt
+bliebe, denn oft brach er ploetzlich ab, sah schweigend vor sich nieder,
+und erst auf erneuerte Fragen nahm er seine Mittheilungen wieder auf.
+
+Dem scharfen Blick der alten Frau entging dies nicht,--eine Mutter liest
+ja so tief in dem Herzen ihres Sohnes und das wunderbare Band, welches
+sie mit ihrem Kinde verknuepft, wird durch die Zeit und das Alter niemals
+gelockert. Die Alte schuettelte das Haupt, sie fuehlte, dass da noch Etwas
+war in dem Herzen ihres Sohnes, wovon er nicht sprach--aber sie sagte
+nichts darueber, sie behielt sich vor, spaeter ihn danach zu fragen,
+ueberzeugt, dass es ihr gelingen wuerde, auch die verschlossensten Tiefen
+seines Innern zu oeffnen.
+
+"Jetzt aber," sagte der alte Niemeyer endlich, "obgleich es schon spaet
+ist, musst Du dennoch gleich mit mir zum Amtmann. Du musst Dich auf der
+Stelle melden, Deine Rueckkehr darf keine heimliche sein, und was die
+Behoerden ueber Dich verfuegen, musst Du ruhig ueber Dich ergehen lassen.
+Schlimm werden sie es mit Dir nicht machen, ich habe es schon
+vorbereitet, da ich immer ueberzeugt war, Du wuerdest frueher oder spaeter
+hierher wieder zurueckkehren."
+
+Sie gingen bei dem schon hereindunkelnden Abend nach dem grossen Amthaus
+hin, liessen sich bei dem Amtmann, einem preussischen Assessor, welcher
+hierher versetzt war, melden und wurden in dessen Wohnzimmer gefuehrt,
+welches bereits von einer Lampe erleuchtet war.
+
+Der Amtsverwalter, ein Mann von etwa fuenfunddreissig Jahren, ernst und
+ruhig, aber auch zugleich freundlich und wohlwollend in seinem Wesen
+erhob sich bei dem Eintritt des alten Bauern von seinem Schreibtisch, an
+welchem er mit Durchsicht von Acten beschaeftigt war und trat demselben
+entgegen, indem er einen schnellen forschenden Blick auf den hinter
+seinem Oheim hereintretenden jungen Cappei warf.
+
+"Herr Amtmann," sagte der alte Niemeyer, "ich bringe Ihnen hier einen
+Fluechtling, der nach der alten Heimath zurueckgekehrt ist, und der nun
+nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung ueber
+uns verhaengt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige
+Behandlung fuer das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares
+begangen haben koennte und stellt sich zu Ihrer Verfuegung."
+
+Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem
+Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und
+fest an.
+
+"Es freut mich," sagte der Beamte, auf welchen die Erscheinung des
+jungen Mannes einen wohlthuenden Eindruck zu machen schien, "dass Sie
+sich entschlossen haben, in die geordneten Verhaeltnisse zurueckzukehren
+und auf thoerichte und abenteuerliche Unternehmungen zu verzichten. Ich
+will nicht fragen und untersuchen, welche Plaene Sie bei Ihrer
+Auswanderung gehegt haben, welchen Unternehmungen Sie sich angeschlossen
+haben--allein Sie sind nach den preussischen Gesetzen noch
+landwehrpflichtig gewesen und werden sich ueber Ihre eigenmaechtige
+Entfernung zu verantworten haben. Ich waere berechtigt, Sie zu arretiren
+und Sie in Untersuchungshaft zu behalten, da ich jedoch nach Ihrem
+freiwilligen Wiedererscheinen keinen Verdacht hege, dass Sie sich der
+Untersuchung und der eventuell zu verhaengenden Strafe entziehen werden,
+so will ich von einer solchen Massregel Abstand nehmen und Ihnen Ihre
+Freiheit lassen, allein um der Form zu genuegen, muessen Sie eine
+Buergschaft leisten."--
+
+"Die Buergschaft uebernehme ich, Herr Amtmann," rief der alte Niemeyer
+lebhaft. "Ich stelle mein Haus und meinen Hof als Haft dafuer, dass der
+junge Mann sich nicht von hier entfernt und sich jeder Anforderung
+stellen wird."
+
+"Ich will diese Garantie annehmen," erwiderte der Beamte--er setzte
+sich an seinen Schreibtisch, nahm ein kleines Protokoll auf, das der
+alte Bauer und sein Neffe unterzeichnen mussten und entliess dann die
+Beiden.
+
+Als sie hinausgegangen waren, zog er ein kleines Aktenfascikel aus einem
+verschlossenen Fach seines Schreibtisches hervor und oeffnete dasselbe.
+
+"Die Erscheinung dieses jungen Mannes," sagte er, "ist durchaus
+Vertrauen erweckend, er hat ein so freies Gesicht und einen so offenen
+Blick, dass ich ihm kaum geheime und verborgene Absichten zutrauen kann.
+Auch ist mir der Alte als ein Mann von ruhigem praktischen Sinn, der
+sich den thatsaechlichen Verhaeltnissen stillschweigend unterordnet und
+alle Agitationen und Conspirationen missbilligend, bekannt; und doch ist
+mir hier ein sehr bestimmter Avis zugegangen, nach welchem die
+Gesandtschaft in Paris gerade diesen jungen Cappei auf Grund ihr
+zugegangener Mittheilungen als einen fanatischen Feind der preussischen
+Herrschaft und als einen gefaehrlichen Verschwoerer und Agitator
+bezeichnet, welcher nur deshalb hierher zurueckgekehrt, um nach
+Frankreich hin Mittheilungen ueber die hiesigen Verhaeltnisse,
+Truppendislokationen und so weiter gelangen zu lassen,--mir kommt das
+ein wenig unwahrscheinlich vor," fuhr er fort, "allein die Mittheilung
+ist bestimmt, und die Zeitverhaeltnisse gebieten die groesste Vorsicht. Ich
+werde ihn genau beobachten lassen und eine Ueberwachung seiner
+Correspondenz bei der Postbehoerde anordnen,--ist jene Mittheilung
+richtig, so wird sich bald ein greifbares Indicium finden lassen."
+
+Er schrieb nach genauer Durchsicht des Aktenfascikels eine Verfuegung,
+liess seinen Secretair rufen und uebergab ihm dieselbe mit dem Befehl
+schleuniger und discreter Expedition. Dann verschloss er das geheime
+Aktenstueck wieder in seinen Secretair und wandte sich seinen
+regelmaessigen Arbeiten zu.
+
+Lange noch sass der alte Bauer Niemeyer mit seiner Schwester und dem
+jungen Cappei bei der grossen Lampe im Wohnzimmer seines Hauses
+beisammen. Immer noch forschten und fragten die beiden Alten--immer
+erzaehlte der junge Mann,--immer deutlicher fuehlte die Mutter, dass in
+allen diesen Erzaehlungen noch Etwas fehlte und zwar Etwas, was tief und
+innig mit dem Herzensleben ihres Sohnes zusammenhaengen muesse.
+
+Und als sie endlich die Ruhe aufsuchten, als sie den Sohn in seine
+schnell hergerichtete Schlafkammer mit dem sauberen, hoch
+aufgeschichteten Federbett gefuehrt, und die Haende segnend auf sein
+Haupt gelegt hatte, da blieb sie noch lange wach in ihrer Kammer in dem
+Lehnstuhl am Fussende ihres Bettes sitzend und tief nachdenkend ueber die
+Fuegungen der Vorsehung, welche zwar die ehrgeizigen Traeume zerstoert
+hatte, in welchen sie an den fernen Sohn gedacht, welche aber doch
+diesen Sohn lebendig, frisch und bluehend ihr wieder zugefuehrt hatte und
+jetzt opferte sie jenen Traum gern der schoenen und lieben Wirklichkeit.
+Sie fuehlte auch mit dem so feinen weiblichen Instinct, welches der
+verborgene Punkt sei, der in allen Erzaehlungen ihres Sohnes noch dunkel
+geblieben; sie fuehlte, dass die Liebe zwischen ihm und dem fernen Land,
+aus welchem er zurueckgekehrt ein Band geknuepft habe.
+
+Aber sie war nicht traurig darueber und wieder regten sich ehrgeizige
+Hoffnungen in ihrem Herzen. Denn ein so guter, so braver und so huebscher
+junger Mann wie ja ihr Sohn, konnte nur eine Wahl getroffen haben, die
+ihm und seiner ganzen Familie ehrenvoll war.
+
+Und als sie endlich ihr Lager aufsuchte, schloss sie Diejenige, welche
+ihr Sohn gewaehlt haben moechte, und welche ihr muetterlicher Stolz in
+hohen und angesehenen Kreisen suchte voll freudiger Hoffnung und
+Zuversicht in ihr frommes Abendgebet mit ein.
+
+Der junge Cappei aber war in koerperlicher Ermuedung, welche die kraeftige
+Jugend noch staerker fuehlt, als das Alter, und in jenem suessen Wohlgefuehl,
+welches das Bewusstsein erzeugt, nach langer Abwesenheit wieder im Schooss
+des heimathlichen Hauses zu ruhen, bald in einen festen und tiefen
+Schlaf versunken.
+
+Und wunderbar verschmolzen sich in seinen Traeumen die Bilder der Ferne,
+zu welcher sein Herz ihn hinzog und der Heimath, in welche die Wurzeln
+seines Lebens geschlagen waren, miteinander.
+
+Bald sah er sich im Hause des alten Challier an der Seite seiner
+Louise und an der Spitze des immer bluehender erwachsenden
+Handelsgeschaefts--bald wieder zeigte ihm der Traum das theure Bild
+seiner Geliebten, wie dieselbe gluecklich laechelnd in das Haus seines
+Oheims eintrat, wie sie seiner Mutter zur Hand ging in haeuslichen
+Geschaeften und neues froehliches Leben in die alte Heimath brachte.
+
+So schwer diese verschiedenen Bilder in der Wirklichkeit zu vereinigen
+waren, so verband sie doch das wunderbare Spiel des Traumes zu
+harmonischer Einigkeit, welche ihn mit einem suessen Gefuehl des Gluecks und
+der Freude erfuellten.
+
+
+
+
+Neuntes Capitel.
+
+
+In einem grossen saalartigen Zimmer im Hinterhofe eines duestern Hauses
+des Faubourg St. Antoine war das democratische Comite versammelt,
+welches sich gebildet hatte, um auf das Plebiscit einzuwirken und das
+Volk in Massen dahin zu bestimmen, dass es die Abstimmung entweder ganz
+verhindere oder wo die Kuehnheit dazu vorhanden sein moechte mit "Nein"
+stimme.
+
+Die Versammlung fand bei bereits ziemlich vorgerueckter Abendstunde
+statt, der grosse finstere Raum mit den schmutzigen, von Rauch
+geschwaerzten Waenden war durch einige Petroleumlampen, die auf einem
+grossen Tisch in der Mitte standen, nur wenig erhellt; um diesen Tisch
+sassen die Leiter des Comites in scharfer Beleuchtung, waehrend der uebrige
+Theil des Saales, in welchem sich etwa vierzig bis fuenfzig der
+hervorragendsten Agenten des Comites befanden, in Dunkelheit gehuellt
+war.
+
+An diesem Tisch sah man in der Mitte Jules Lermina, einen der
+unermuedlichen Agitatoren der republikanischen Bewegung in Frankreich,
+einen Mann mit tief blassem, wie aus Erz gegossenem Gesicht, in welchem
+nur die gluehenden, unheimlich und finster blickenden Augen zu leben
+schienen und welches, wenn er mit seiner harten jede Modulation
+ausschliessenden Stimme sprach, durch kein Mienenspiel bewegt wurde.
+
+Hier sah man Ulric de Fonvielle, den Begleiter Victor Noirs bei dessen
+verhaengnissvollem Besuch im Hause des Prinzen Pierre Bonaparte--mit
+seinem grossen Bart und seinem unruhigen, aufgeregten und wichtig
+thuenden Wesen.
+
+Hier war Varlin, der Buchbinder, in seiner gebueckten Haltung mit dem
+kalten hoehnischen Laecheln auf den Lippen, mit dem niedergeschlagenen
+Blick, der nur zuweilen im schnellen Blitz von unten hinauf schoss und
+dann fast immer Denjenigen, auf welchen er sich richtete, durch seinen
+stechenden scharfen Ausdruck aus der Fassung brachte.
+
+Hier sah man Raoul Rigault, den jungen einundzwanzigjaehrigen Verschwoerer
+mit seinem blassen, selbstgefaellig laechelnden Gesicht, den mueden, etwas
+gleichgueltigen Blick hinter dem Monocle verbergend, in seiner
+stutzerhaften, aber etwas abgeschabten Eleganz, mit der Waesche von
+zweifelhafter Reinheit, das kleine Stoeckchen mit dem unechten
+Silberknopf in der Hand.
+
+Hier sah man Ancel, Boyer, Delacour, Dembrun, Portalier, Robin,
+Mangold--theils in Blousen, theils im einfachen buergerlichen Anzug--und
+auf allen diesen finstern Gesichtern ruhte der Ausdruck starrer duesterer
+Entschlossenheit und grimmiger Unversoehnlichkeit. Sie waren zum grossen
+Theil die Fuehrer des Pariser Zweigvereins der internationalen
+Arbeiterassociation, welche aber jetzt nicht mehr wie frueher sich einer
+gewissen wohlwollenden Duldung der Regierung zu erfreuen hatte, nachdem
+sie durch richterliches Erkenntniss aufgeloest worden war. Es war nicht
+mehr jene Internationale von Tolain und Fribourg, welche durch Belehrung
+und ruhige gesetzliche Agitationen die Lage des Arbeiterstandes zu
+verbessern strebte, und welche von idealen Anschauungen geleitet wurde.
+
+Jene Fuehrer waren verschwunden, die Internationale von heute war eine
+proscribirte und geaechtete Gesellschaft, welche sich lange den
+Nachforschungen der Polizei verbarg, und im Geheimen dafuer aber um so
+wirksamer ihre Lehren propagirte und ihre Plaene verfolgte. Diese Lehren
+aber waren heute offen und rueckhaltslos auf die Zertruemmerung der
+bestehenden Staatsordnung und der bestehenden Gesellschaft gerichtet,
+und die Plaene, deren eigentliches Geheimniss nur den ausgewaehlten
+Kreisen, den Leitern, bekannt war, richtete sich auf eine moeglichst
+schnelle und nachdrueckliche Vernichtung aller Autoritaet und alles
+Besitzes.
+
+Die internationale Association als solche konnte sich mit der Frage des
+Plebiscits nicht beschaeftigen, sie konnte sich nicht versammeln, ohne
+sich sogleich polizeilicher Aufloesung auszusetzen, sie hatte deshalb das
+democratische Comite gebildet, an dessen Spitze wiederum ihre Leiter
+standen, um in dieser Form ihren Einfluss auf das Plebiscit auszuueben und
+um wo moeglich diese Gelegenheit zur Herbeifuehrung einer Catastrophe zu
+benutzen.
+
+Auf Baenken und Stuehlen ringsum den Tisch des eigentlich leitenden
+Comites sassen dessen hervorragende Agenten in den verschiedenen
+Stadttheilen von Paris fast Alle in der Blouse der Arbeiter, Alle
+denselben Ausdruck ruhiger und kaltbluetiger Unversoehnlichkeit in den
+Gesichtern.
+
+Lermina erhob sich:
+
+"Wir haben, meine Freunde," sprach er, "nunmehr die Berichte aus allen
+Theilen von Frankreich empfangen, welche uns mittheilen, dass ueberall
+die Comites constituirt sind, um diesem frevelhaftem Possenspiel
+entgegenzutreten, durch welches man in einem gefaelschten Ausdruck des
+Volkswillens fuer den Despotismus und die Tyrannei eine neue Stuetze
+suchen will. Allgemein ist die democratische Partei organisirt, um auf
+die unklare und furchtsame Bevoelkerung den Druck ihres Einflusses
+auszuueben. Nach Allem, was man uns mittheilt, wird es schwer werden,
+eine grosse Majoritaet dahin zu bringen, dass die an das Volk gestellte
+Frage mit "Nein" beantwortet wird. Die Furcht vor den Machtmitteln der
+Gewalt ist zu gross--dagegen muessen wir aber mit aller Kraft dahin
+streben, dass der groesste Theil der Bevoelkerung sich von jeder Abstimmung
+zurueckhaelt, um vor der Welt beweisen zu koennen, dass die Majoritaet,
+welche die Regierung erreichen moechte, im Verhaeltniss zur Gesammtzahl der
+Bevoelkerung garnichts bedeutet. Ich habe deshalb die Instructionen,
+welche Sie Alle frueher bereits gebilligt haben, an eine Anzahl von
+zuverlaessigen Personen vertheilt, die in diesem Augenblick bereits in
+die Provinzen abgegangen sind, um ueberall die Agitation noch fester zu
+organisiren und zu beleben. Unser unermuedlicher Freund Cernuschi hat mir
+von London aus abermals die Summe von hunderttausend Francs uebersendet,
+um die nothwendigen und unvermeidlichen Kosten unserer Thaetigkeit zu
+bereiten."
+
+Ein Ruf des Beifalls toente durch den Saal.
+
+"Ich habe ihm den Dank des Comites ausgesprochen," fuhr Lermina fort,
+"und schlage nunmehr vor, dass wir hier in Paris selbst unvorzueglich eine
+demonstrative Versammlung in Scene setzen, welche hier in der Hauptstadt
+die Bewegung in Fluss bringt und den Provinzen ein Beispiel giebt. Ich
+schlage zu diesem Zweck den Saal der Folie-Bergere vor, welcher den
+nothwendigen Raum bietet und zugleich der ganzen Bevoelkerung von Paris
+bekannt ist. Hat Einer von Euch, meine Freunde, gegen den Vorschlag
+Etwas einzuwenden?"
+
+Die Versammlung schwieg--einzelne Rufe der Zustimmung liessen sich hoeren.
+
+"So wollen wir also," fuhr Lermina fort, "die democratische
+Volksversammlung in der Folie-Bergere auf den vierten Tag, von heute an
+gerechnet, festsetzen. Und ich bitte alle unsere Freunde," fuhr er sich
+nach den Zuhoerern im Hinterraum des Saales wendend fort, "in den
+verschiedenen Stadttheilen von Paris ihre ganze Thaetigkeit aufzubieten,
+um den Besuch der Versammlung so zahlreich als moeglich zu machen.
+Zugleich ersuche ich Euch alle, meine Freunde, Euch vorzubereiten und
+nachzudenken ueber das, was Jeder von Euch der Versammlung sagen will,
+damit die Worte zuenden und die Massen zu energischem Widerstand
+entflammen.
+
+"Vor Allem," rief Ulric de Fonvielle mit lauter Stimme, "muessen wir
+diesen verraetherischen Luegner und Heuchler Ollivier dem Volk in seiner
+wahren Gestalt zeigen. Es giebt immer noch Leute," fuhr er fort, "welche
+sich durch seine Vergangenheit taeuschen lassen und auf welche sein Name
+einen gewissen Einfluss uebt,--durch ihn will die kaiserliche Tyrannei das
+Volk irre fuehren, ihn gilt es zu vernichten und ihn des letzten Restes
+seiner Popularitaet zu berauben. Ich werde ueber Ollivier sprechen," rief
+er mit der Hand durch seinen Bart fahrend, "das Volk hat Ollivier in die
+Gosse geworfen--und das Kaiserthum hat ihn daraus wieder
+hervorgefischt!"--
+
+Lautes Gelaechter, Beifallsrufen und Haendeklatschen erfuellten den Saal.
+Dann trat eine augenblickliche Stille ein.
+
+Varlin erhob sich, zog ein Papier aus der Tasche und sprach:
+
+"Ich bin in Allem mit den Massregeln des Comites und mit seinen
+Vorschlaegen vollkommen einverstanden. Doch ich habe nunmehr meinerseits
+einen Vorschlag zu machen, welcher in der Vorsicht begruendet ist und zum
+Zweck hat, unsere Agitatoren gegen einen Gewaltstreich der Regierung zu
+schuetzen."
+
+Aufmerksam hoerten Alle zu.
+
+"Ihr wisst, meine Freunde," fuhr Varlin fort, "dass die Internationale
+gesetzlich verboten ist, und dass die Polizei das Recht hat, jede
+Thaetigkeit dieser Association sofort zu verhindern. Nun aber ist unsere
+ganze Organisation, wenn wir uns auch als democratisches Comite
+constituirt haben, dennoch die der Internationalen. Wir Alle sind
+Mitglieder des Bureaus derselben, und in allen Provinzen sind es wieder
+die Zweigvereine der Internationalen, in deren Haenden die Agitation
+liegt. Das giebt der Polizei Gelegenheit, sobald sie will, unsere ganze
+Agitation als eine Thaetigkeit der Internationalen zu bezeichnen und zu
+verbieten--es waere unklug, ein solches Verbot zu provociren oder moeglich
+zu machen, und ich halte es demnach fuer nothwendig, dass von Seiten der
+Internationalen eine oeffentliche Kundgebung stattfindet, welche
+vollkommen klar stellt, dass die democratische Association gegen das
+Plebiscit mit der internationalen Arbeiteragitation nichts zu thun hat.
+Ich halte eine solche Kundthuung practisch fuer nothwendig, ausserdem
+aber," fuhr er einen raschen Blick im Kreise umherwerfend fort, "deshalb
+fuer geboten, weil allerdings die jetzt von uns ausgeuebte Thaetigkeit mit
+den eigentlichen Zielen der Internationalen wie dieselbe in den Statuten
+derselben ausgestellt sind, nicht identisch ist."
+
+"So soll die Internationale die Thaetigkeit des democratischen Comites
+desavouiren," fragte Lermina, den flammenden Blick auf Varlin richtend.
+
+"Das nicht," erwiderte dieser, "doch soll sie erklaeren, dass sie mit
+dieser rein politischen Sache nichts zu thun hat. Ich wiederhole," fuhr
+er fort, "dass diese Erklaerung nach meiner Ueberzeugung zunaechst der
+Polizei gegenueber noethig ist, um ihr die Moeglichkeit zu nehmen, gegen
+das democratische Comite unter dem Vorwand einzutreten, dass es mit den
+Internationalen identisch sei, so dann aber auch im Interesse der Macht
+der Internationalen selbst. Wir Alle, meine Freunde," fuhr er fort,
+"sind darueber einig, dass nur durch eine politische Revolution, durch
+welche das jetzt begehende Regiment und die ganze Staatsordnung
+zertruemmert, die socialen Ziele in der Internationalen erreicht werden
+koennen, aber--ihr muesst wissen, wie ich, dass unter den Arbeitern,
+namentlich in den Provinzen, noch sehr viele vorhanden sind, welche vor
+einer politischen Revolution zurueckschrecken, und welche noch in der
+Idee befangen sind, von welcher wir in dem leitenden Mittelpunkt uns
+frei gemacht haben,--von der Idee naemlich, dass auf friedlichem und
+gesetzlichem Wege eine Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes
+erreicht werden koenne; um Aller dieser willen ist es ebenfalls noethig,
+dass wir die Internationale als solche von jeder Thaetigkeit gegen das
+Plebiscit fern halten."
+
+Lermina blickte nachdenklich vor sich hin, die Gruende Varlins schienen
+ihm einzuleuchten, dennoch mochte es seiner im Grunde ehrlichen und
+graden Natur widerstreben, aus Ruecksichten der Klugheit solche
+Doppelwege zu gehen.
+
+Einzelne Stimmen der Missbilligung erhoben sich aus dem Zuhoererkreise.
+
+"Das wuerde nur Verwirrungen in die Begriffe bringen," rief man--"warum
+nicht etwas sagen, wovon man ueberzeugt ist,--um so besser, wenn in
+diesem Augenblick ein Zusammenstoss mit der Gewalt erfolgt,--einmal muss
+es ja doch dazu kommen."
+
+"Halt, meine Freunde," rief Varlin mit seiner durchdringenden Stimme die
+verschiedenen Rufe uebertoenend, "hoeret zunaechst an, wie ich die Erklaerung
+der Internationalen entworfen habe, Euch wird dann Alles besser klar
+werden. Sie soll wahrlich die Thaetigkeit unseres democratischen Comites
+nicht desavouiren, und sie soll uns nur davor schuetzen, dass wir durch
+einen rohen Eingriff der Polizeigewalt in unserer Wirksamkeit gehemmt
+und unterbrochen werden, bevor dieselbe ihre Fruechte getragen hat."
+
+Er winkte gebieterisch mit der Hand und waehrend der aufmerksamen Stille,
+die unmittelbar eintrat, las er, den Blick auf das Papier in seiner Hand
+geheftet, den von ihm vorgeschlagenen Entwurf der Erklaerung der
+Internationalen:
+
+"Der Bundesrath des internationalen Arbeitervereins giebt den
+Insinuationen und Anschuldigungen der offiziellen und offizioesen Blaetter
+ueber seine Theilnahme an der politischen Agitation dieser Tage hiermit
+ein formelles Dementi. Die Internationale weiss nur zu gut, dass die
+Leiden aller Art, welche das Proletariat zu dulden hat, bei weitem mehr
+den oekonomischen Zustaenden der Gegenwart, als den Zufaelligkeiten des
+Despotismus einiger Staatsmaenner zuzuschreiben sind. Sie wird ihre Zeit
+nicht mit Nachsinnen ueber die Befestigung des kaiserlichen Despotismus
+verlieren. Der internationale Arbeiterverein, der eine permanente
+Verschwoerung aller Unterdrueckten, aller Ausgebeuteten ist, wird den
+ohnmaechtigen Verfolgungen gegen seine Fuehrer trotzend, so lange fort
+bestehen, bis alle Ausbeuter der Arbeit, alle Capitalisten, alle Pfaffen
+und alle politischen Abenteurer verschwunden sein werden."
+
+"Ich glaube," sprach er, indem sein Blick ueber die Versammlung hinglitt,
+"dass nach dieser Erklaerung Niemand wird sagen koennen, es sei die
+Internationale, welche die gegenwaertige democratische Agitation
+fuehre,--und doch wird darin gewiss kein abfaelliges Urtheil ueber seine
+Thaetigkeit gesprochen."
+
+"Varlin hat Recht," rief man von allen Seiten--"er ist klug und
+vorsichtig,--er denkt an Alles, die Proclamation ist gut, sie soll
+erlassen werden."
+
+Niemand widersprach an dem Tisch des Comites, nur Raoul Rigault zuckte
+leicht die Achseln und schlug mit dem Spazierstoeckchen auf seine
+Stiefel.
+
+Varlin legte das Papier, dessen Inhalt er vorgelesen, Lermina vor, der
+es mit einem raschen Federzug unterzeichnete. Die Uebrigen folgten Alle.
+
+Lermina erklaerte sodann die Sitzung fuer geschlossen, und die
+Versammelten verliessen in einzelnen Gruppen, um kein Aufsehen zu
+erregen, langsam und schweigend das Zimmer, indem sie sich, sobald sie
+aus dem aeussern Theil des Hauses auf die Strasse traten, nach
+verschiedenen Richtungen hin zerstreuten.
+
+Raoul Rigault naeherte sich Lermina.
+
+"Bleibt noch einen Augenblick hier," sprach er, "ich habe Euch eine
+Mittheilung zu machen."
+
+"Gut," sagte Lermina.
+
+Raoul Rigault trat zu Varlin und dann zu Ulric de Fonvielle, indem er
+sie ebenfalls aufforderte, noch zu bleiben.
+
+Bald war das Zimmer leer, und an dem grossen Tisch befanden sich nur noch
+Lermina, Varlin, Ulric de Fonvielle und Raoul Rigault.
+
+In der Tiefe des Zimmers war ebenfalls eine Gestalt sitzen geblieben,
+welche man bei der matten Beleuchtung nur in dunkeln Umrissen erkennen
+konnte.
+
+"Meine Freunde," sagte Raoul Rigault indem er das herabgefallene Monocle
+mit einer etwas gezierten Bewegung wieder in das Auge warf, "ich habe
+Euch ruhig sprechen und beschliessen lassen, ohne irgend Etwas dabei zu
+bemerken, weil ich Alles das fuer ein Geschwaetz halte, durch welches
+Nichts erreicht wird;--dieses Plebiscit," fuhr er mit selbstgefaelligem
+Laecheln fort, "--wird trotz unserer Agitation ganz nach dem Plan seiner
+Arrangeurs ausgefuehrt werden,--und" sagte er sich zu Varlin
+wendend--"trotz des Protestes der Internationale wird man uns alle
+verhaften, wenn man irgend dazu Lust verspuert."
+
+"Das ist Alles was Sie uns zu sagen haben und weshalb Sie uns gebeten
+haben, hier zu bleiben?" fragte Lermina mit seiner harten klanglosen
+Stimme.
+
+"Der Buerger Rigault ist sehr jung," sagte Varlin mit einem finstern
+Blick auf den stutzerhaft laechelnden jungen Mann,--"es wuerde ihm
+vielleicht besser anstehen aus den Erfahrungen aeltere Personen zu
+lernen, als deren Handlungen zu critisiren."
+
+Ulric de Fonvielle sagte Nichts,--er kannte Raoul Rigault und wusste, dass
+wenn dieser junge Mensch mit dem blasirten gleichgueltigen Gesicht
+laechelte ein furchtbarer, blutiger Gedanke in seinem Gehirn arbeitete.
+Er blickte ihn forschend an und wartete.
+
+"Handlungen?" fragte Raoul Rigault hoehnisch die Achseln zuckend, ohne
+die unmuthigen finstern Blicke Lermina's und Varlin's zu
+beobachten,--"Ihr nennt das Handlungen--diese versteckten Agitationen,
+diese zweideutigen Erklaerungen und Proteste? Handelt"--fuhr er fort,
+"handelt, wie man in grossen ernsten Angelegenheiten handeln muss, und
+meine Critik wird schweigen,--ich werde wahrlich der Erste sein mit Euch
+zu handeln,--aber ich sehe nicht ein wozu alle diese Geschaeftigkeit
+fuehren soll."
+
+"Wenn man tadeln will was Andere thun, so muss man Etwas Besseres
+vorzuschlagen haben," sagte Lermina kurz und hart.
+
+Varlin machte eine Bewegung, als wollte er ausstehen.
+
+"Hoert mich an," sagte Raoul Rigault, indem er ihn mit der Hand
+zurueckhielt.
+
+Er stuetzte die Arme auf den Tisch und bewegte sein Stoeckchen leicht in
+der Luft hin und her.
+
+"Der Augenblick ist guenstig," sprach er weiter in einem Tone als
+unterhielte er sich ueber irgend ein gleichgueltiges Tagesereigniss,--"der
+Augenblick ist guenstig um einen grossen Schlag auszufuehren,--einen Schlag
+der uns mit einem Mal an das Ziel aller unserer Bestrebungen fuehren
+kann."
+
+"Und wie sollte dieser Schlag ausgefuehrt werden," fragte Varlin mit
+einem fast veraechtlichen Laecheln.
+
+"Sehr einfach," erwiderte Raoul Rigault, immer mit seinem Stoeckchen
+spielend, "unsere Vereine sind in ganz Frankreich vortrefflich
+organisirt, wir koennen sie von hier aus mit einem Wort in active
+Bewegung setzen, wir koennen ueberall den Aufstand ausbrechen lassen."
+
+"Das koennen wir," erwiderte Lermina, "wenn wir es aber thun, so wird das
+in diesem Augenblick keine weitere Folgen haben, als dass der Aufstand
+ueberall durch die rohe Gewalt der Tyrannei niedergeschlagen und fuer die
+Zukunft alle unsere Hoffnungen zertruemmert werden."
+
+"Wenn eben die Tyrannei noch besteht," erwiderte Raoul Rigault, "wenn
+diese Maschine, welche man die kaiserliche Regierung nennt, ueberhaupt in
+jenem Augenblick noch arbeitet."
+
+"Und wie wollen Sie," fragte Lermina, "indem Augenblick des Aufstandes
+die so fest gegliederte Regierungsmaschine zerstoeren und unwirksam
+machen?"
+
+"Die Maschine," sagte Raoul Rigault, "wird von selbst unwirksam, wenn
+sie keinen Mittelpunkt, eine bewegende Triebfeder mehr hat. Ich kuemmere
+mich nicht um die Maschine, ich zerstoere den Mittelpunkt, und die Arbeit
+des Ganzen hoert auf--Frankreich gehoert uns."
+
+Lermina begann aufmerksam zu werden.
+
+"Der Gedanke ist logisch," sagte er. "Wie kann er ausgefuehrt werden?"
+
+"Sehr einfach," erwiderte Raoul Rigault, "indem man den Kaiser toedtet
+und den Sitz der Regierung zerstoert."
+
+Ganz erstaunt blickten Lermina und Varlin auf diesen jungen Menschen,
+welcher im gleichgueltigen und ruhigsten Ton von der Welt einen Satz
+aussprach, der in seinen wenigen Worten den Umsturz der oeffentlichen
+Ordnung Frankreichs vielleicht Europas enthielt.
+
+"Um den Kaiser zu toedten," fuhr Raoul Rigault fort, "bedarf es nur eines
+entschlossenen Menschen, welcher sein Leben aufs Spiel setzt, wie dies
+ja alle Soldaten oft fuer viel unwichtigere und gleichgueltigere Dinge
+thun, und in dessen Hand man ein Werkzeug legen wuerde, welches den
+Erfolg seines Unternehmens nicht von dem Zufall abhaengig macht,--zur
+Zerstoerung des Mittelpunkts der Regierung bedarf es nur," sagte er mit
+selbstgefaelligem Laecheln, "einiger practischen Anwendungen der
+Chemie,--und was sonst die Folge der Revolution war, wird gegenwaertig
+der Revolution vorangehen und ihr den Weg frei machen. Die Mittel, von
+denen ich so eben gesprochen habe, sind gefunden. Um den Kaiser sicher
+zu toedten, ohne die Sache von einem falschen Augenmass oder von einem
+nervoesen Zittern der Hand abhaengig zu machen, ist hier das Mittel."
+
+Er zog aus der Tasche seines Rockes einige kleine eirunde Eisenkoerper
+mit verlaengerter Spitze hervor und legte sie auf den Tisch.
+
+"Sie sind," sagte er laechelnd, "allerliebste Sprengbomben von einer
+gewaltigen Explosionskraft. Man hat garnicht noethig zu zielen. Man wirst
+sie eine nach der andern in den Wagen des Kaisers, wenn er vorueber faehrt
+und vor die Fuesse seines Pferdes, wenn er reitet, und bevor die vierte
+oder fuenfte geworfen ist, wird von Demjenigen, der heute Frankreich zu
+beherrschen glaubt, nichts mehr uebrig sein, als einige kleine in der
+Luft zerstreute Atome. Um diese Bomben zu werfen," fuhr er, die Stimme
+etwas daempfend, fort, "gehoert ein Mann, welcher fanatisch oder
+gleichgueltig genug ist, um sein Leben an dies Wagniss zu setzen--ein
+Gleichgueltiger," fuegte er hinzu, "ist mir lieber, als ein
+Fanatiker,--und dieser Mann ist gefunden."
+
+Er erhob sich, wandte sich nach der Tiefe des Zimmers, die dunkle
+Gestalt, welche von den Uebrigen unbemerkt dort bei der Entfernung der
+Versammlung geblieben war, trat in den Lichtkreis, und man sah einen
+jungen Mann von hoechstens zwanzig bis einundzwanzig Jahren, dessen
+voellig bartloses, gleichgueltiges und etwas stupides Gesicht einen noch
+fast knabenhaften Ausdruck hatte.
+
+Raoul Rigault ergriff diesen jungen Mann, der einen einfachen Anzug von
+sogenannter Marengofarbe und einen kleinen runden Hut trug, bei der Hand
+und sagte:
+
+"Hier ist der Buerger Beaury, welcher von London kommt und bereit ist,
+den ersten und gefaehrlichsten Schlag in dem grossem Entscheidungskampf
+fuer die Rechte der arbeitenden Gesellschaft zu fuehren. Er wird diese
+Bombe werfen und den fanatischen Imperator, vor welchem sich heute die
+bloede Menge in den Staub beugt in die Luft sprengen."
+
+Tief erstaunt, beinahe bestuerzt und erschrocken blickten die drei Andern
+auf diesen jungen Menschen, welcher da so ploetzlich wie aus der Erde
+hervorgezaubert unter ihnen stand und sie mit einem ruhigen
+gleichgueltigen Laecheln anblickte.
+
+"Wer sind Sie," fragte Lermina.
+
+"Ich heisse Beaury," erwiderte der junge Mann. "Ich war frueher Corporal
+in der Armee des Tyrannen, seit einem Jahr bin ich Fluechtling in London,
+Herr Flourens hat mich hierhergeschickt,--hier ist meine Beglaubigung."
+
+Er zog aus der Tasche seines Rockes ein offenes, etwas zerknittertes
+Papier hervor und ueberreichte es Lermina.
+
+"Ein Brief von Flourens," sagte dieser.
+
+"An meine Genossen in Frankreich," fuhr er fort, das Papier lesend, "der
+Ueberbringer dieses, der Buerger Beaury ist bereit und geschickt Alles
+das auszufuehren, was man ihm austragen wird, man kann sich vollkommen
+auf ihn verlassen. Gustav Flourens."
+
+Er reichte das Papier Varlin, Fonvielle neigte sich herueber und sah ueber
+dessen Schulter in die Schrift.
+
+"Es ist Flourens' Handschrift," sagten Beide.
+
+"Sie wissen, was Sie thun sollen," fragte Lermina, immer noch verwundert
+den knabenhaften jungen Menschen ansehend.
+
+"Gewiss" erwiderte dieser, "ich soll diese Bombe da," er deutete auf den
+Tisch, "nach dem Kaiser werfen, den ich sehr genau kenne, und den ich
+nicht verfehlen werde. Ich habe auch noch dies zu uebergeben," sagte er
+dann.
+
+Er zog ein anderes Papier aus der Tasche und gab es Lermina.
+
+"Eine Anweisung auf vierhundert Francs," sagte dieser, "ebenfalls von
+Flourens unterzeichnet."
+
+Lermina gab die Anweisung an Varlin, welcher einen Schluessel aus der
+Tasche zog, eine Schublade des Tisches oeffnete und dem jungen Menschen
+vier Bankbillets von hundert Francs uebergab.
+
+"Nun gehen Sie," sagte Raoul Rigault zu Beaury, welcher ganz vergnuegt
+seine Bankbillets einsteckte, "Sie werden Ihre naeheren Anweisungen
+erhalten. Ihre Adresse?"
+
+"Rue St. Maur Nummer zweiunddreissig," sagte der junge Mensch, indem er
+sich leicht gegen die Uebrigen verneigte und das Zimmer verliess.
+
+"Ihr seht," sagte Raoul Rigault mit zufriedenem Laecheln, "dass ich mich
+ein wenig auf das verstehe, was Handeln heisst, und dass ich vielleicht
+ein wenig Recht habe, unpractische Massregeln zu kritisiren."
+
+Varlin und Lermina erwiderten nichts.
+
+"Doch weiter," sagte Ulric de Fonvielle, "die Ermordung des Kaisers
+nuetzt uns wenig, wie wir ja langst ueberlegt haben."
+
+"Das ist eine Ansicht, die ich stets vertreten habe," sagte Raoul
+Rigault, "Ihr koennt also nicht erwarten, dass ich glauben sollte, mit
+diesem ersten Schlage sei Alles gethan. Auch habe ich Euch ja vorhin
+gesagt, dass meine Plaene zur Handlung zwei Punkte haben. Der Erste war
+die Ermordung des Kaisers; der Zweite ist die Zerstoerung des
+Mittelpunkts der Regierung."
+
+"Das wird etwas schwerer sein," sagte Varlin, den Kopf schuettelnd.
+
+"Allzu umfassendere Vorbereitungen beduerfen wir nicht," sagte Raoul
+Rigault. "Wir haben von diesen kleinen Maschinen," fuhr er fort auf die
+auf dem Tische liegenden Bomben deutend, "einen Vorrath von tausend
+Stueck, welche ein Herr Lepet, ein harmloser Mann, in dem Gedanken
+gegossen hat, dass es Theile eines neu erfundenen Velocipedes waeren. Sie
+befinden sich an einem sichern Ort und koennen im Lauf weniger Stunden
+gefuellt werben. Wir beduerfen dann nur noch einer gewissen Quantitaet
+Petroleums, einer Quantitaet Pikrinsaeure und eines Haufens alter Weiber
+und kleiner Kinder, wie wir sie in beliebiger Menge in Belleville und
+St. Antoine finden koennen."
+
+"Und dann," fragte Lermina.
+
+"Dann," sagte Raoul Rigault die Achseln zuckend, "nehmen diese alten
+Weiber und die Kinder die Bomben, werfen je einige hundert Stueck
+davon durch die Fenster der Tuilerien und der verschiedenen
+Ministerialgebaeude, giessen zu gleicher Zeit Jeder sein Gefaess voll
+Petroleum in die Keller und Souterrains und zuenden diese angenehme
+Fluessigkeit mit einem kleinen Schwefelholz an. In wenigen Augenblicken
+werden alle diese Centren der Regierungsgewalt in Flammen stehen, alle
+diese Minister, Bureauchefs und Beamten werden fliehen. Das Ende der
+Faeden, welche in die Provinzen fuehren und dort die Regierungskraefte in
+Bewegung setzen, wird zerstoert sein, und das Volk wird sich aus den
+Vorstaedten heranwaelzen, und bevor noch irgend Jemand weiss, was
+eigentlich vorgeht, wird Alles gethan sein, Paris wird uns gehoeren, und
+diese traege, unentschlossene Masse, welche man Volk nennt, wird hier wie
+im ganzen Lande unsern Befehlen folgen und durch unsere Organisation in
+Bewegung gesetzt werden. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, dass die
+Sache schnell und auf allen Punkten gleichzeitig ausgefuehrt wird.
+
+Das ist mein Vorschlag," sagte er, sich auf seinen Stuhl zuruecklehnend
+und mit dem Stoeckchen an seine Stiefel klopfend, "er ist einfach, leicht
+ausfuehrbar und wirksam. Die Vorbereitungen sind getroffen. Wollt Ihr
+handeln, so handelt, wollt Ihr es nicht, so lasst es bleiben, dann aber
+werde ich mich zurueckziehen, denn ich habe keine Lust mehr, meine Zeit
+mit Redensarten und zwecklosen Agitationen zu verschwenden."
+
+"Der Plan ist grossartig, vortrefflich! Dieser kleine Raoul Rigault hat
+wirklich eine Armee in seinem Kopf," rief Ulric de Fonvielle.
+
+"Die Sache ist allerdings gut ausgedacht," sagte Lermina, "und sie kann
+reussiren."
+
+Varlin sagte nichts. Er sass tief nachdenkend da, doch zeigte der
+Ausdruck seines Gesichts, dass er den Plan Raouls billige und ueber dessen
+Ausfuehrung nachsann.
+
+"Natuerlich kann die Sache reussiren," sagte Raoul Rigault, "und sie muss
+reussiren, wenn sie nicht ueberaus dumm angegriffen wird, und dass dies
+nicht geschieht, dafuer muesst Ihr sorgen. Ich habe nicht Lust," fuegte er
+im affectirt hochmuethigen Ton hinzu, "mich um diese petites besognes zu
+kuemmern. Ich habe Euch die Instrumente geschafft, ich habe Euch einen
+Menschen gestellt, welcher den ersten Schlag fuehren wird, an Euch ist
+es, die Stunde fest zu stellen und Eure alten Weiber und Kinder an die
+richtigen Orte zu fuehren, um aus diesen alten dumpfen Bureaus und
+Aktenhaufen ein lustiges, froehliches Feuer aussteigen zu lassen. In drei
+Tagen koennt Ihr damit fertig sein. Jetzt lasst uns gehen, es koennte im
+Hause Aufsehen erregen, wenn wir noch laenger hier bleiben."
+
+Er stand auf, gruesste mit einer stutzerhaften Bewegung mit der Hand und
+ging hinaus.
+
+"Er hat uns in der That ueberfluegelt," sagte Lermina, ihm finster
+nachblickend,--"ich liebe ihn nicht, diese ganze geckenhafte Art
+wichtige Dinge zu behandeln, missfaellt mir. Aber seine Ideen sind gut und
+seine Vorbereitungen vortrefflich. Wenn Ihr einverstanden seid, soll der
+Plan ausgefuehrt werden, er kann uns Jahre langer Agitationen ueberheben
+und mit einem Schlage an das Ziel unserer Wuensche fuehren,--und selbst,
+wenn der Plan misslingen sollte, was ist dabei verloren--ein
+zerschmetterter Kaiser, einige ausgebrannte Steinhaufen,--weiter
+nichts," fuegte er mit einem entsetzlichen Laecheln hinzu, welches seine
+steinernen und unbeweglichen Zuege in furchtbarer Weise verzerrte.
+
+"Der Plan wird gelingen," rief Ulric de Fonvielle lebhaft, "die ganze
+Kraft der Regierung ist zertruemmert, sobald der Mittelpunkt zerstoert
+ist, Frankreich und die Zukunft gehoert uns."
+
+Varlin stand auf.
+
+"Der Plan _kann_ gelingen," sagte er, "wenn Niemand ausser uns etwas
+davon erfaehrt, keines der Werkzeuge, die wir benutzen werden, darf den
+ganzen Zusammenhang dessen, was geschehen soll, auch nur ahnen."
+
+Er streckte seine Hand aus.
+
+"Schwoeren wir uns gegenseitig," sagte er, "bei unserm Hasse gegen die
+Ausbeuter der Arbeit Verschwiegenheit und Tod dem, der den Schwur
+bricht."
+
+Lermina und Fonvielle legten ihre Haende in diejenige Varlins.
+
+"Wir schwoeren Verschwiegenheit," sprachen sie, "Tod dem, der diesen
+Schwur bricht."
+
+Dann verschlossen sie sorgfaeltig alle Schubladen des grossen Tisches, in
+welche sie vorher die von Raoul Rigault mitgebrachten Proben der
+Sprengbomben legten, verliessen das als ein einfaches Versammlungslocal
+erscheinende Zimmer, ohne dessen Thuer zu verschliessen und gingen vor dem
+aeussern Thor des Hauses nach verschiedenen Richtungen auseinander.
+
+Einige Augenblicke blieb der grosse dunkle Raum im tiefen Schweigen, dann
+liess sich ein leises Geraeusch vernehmen;--unter dem Tisch, an welchem
+die vier Verschwoerer so eben gesessen hatten, drang ein Lichtstrahl
+hervor, eines der Bretter des Fussbodens erhob sich, aus der Oeffnung
+stieg ein Mann mit einer kleinen Blendlaterne hervor. Er leuchtete mit
+dem hellen Strahl seiner Laterne nach allen Seiten in die Tiefe des
+Zimmers hinein, dann drueckte er das erhobene Brett sorgfaeltig in seine
+alte Stelle zurueck, scharrte etwas von dem auf dem Boden liegenden Staub
+in die Spalten, zog dann mehrere sauber gearbeitete Schluesselhaken aus
+der Tasche und oeffnete die Schublade des Tisches. Er nahm eine der
+Bomben und steckte sie in seine Tasche, dann zog er ein kleines
+Notizbuch hervor und schrieb beim Schein seiner Laterne einige Worte in
+dasselbe, indem er vor sich hinfluesterte.
+
+"Lepet, Giesser,--Beaury, Rue St. Maur Nummer zweiunddreissig."
+
+Dann ging er zur Thuer, loeschte seine Laterne aus, verliess leisen
+Schrittes den Hof und das Haus und begab sich ruhig, die damals so
+beliebte Melodie des Pompier de Nanterre vor sich hin pfeifend nach der
+Polizeipraefectur, wo er durch den Dienst thuenden Huissier sogleich in
+das Cabinet des Praefecten gefuehrt wurde.
+
+
+
+
+Ende des zweiten Bandes.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen, Zweiter
+Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUss DER LEGIONEN, ***
+
+***** This file should be named 13658.txt or 13658.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/3/6/5/13658/
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders.
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+distribution of electronic works, by using or distributing this work
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
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+electronic works
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+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
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+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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