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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:42:10 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:42:10 -0700
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+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
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@@ -0,0 +1,1072 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13452 ***
+
+KONTROVERS-PREDIGT
+
+über
+
+H. CLAUREN UND DEN MANN IM MOND
+
+gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827
+
+von
+
+WILHELM HAUFF
+
+
+
+
+Text: Ev. Matth. VIII, 31-32
+
+
+
+Allen Verehrern
+
+der
+
+CLAURENSCHEN MUSE
+
+widmet diese Blätter
+
+in bekannter Hochachtung
+
+ DER VERFASSER
+
+
+
+
+EHRWÜRDIGE VERSAMMLUNG, ANDÄCHTIGE ZUHÖRER!
+
+Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte,
+verschmäheten es nicht, auch häusliche, bürgerliche Angelegenheiten der
+Gemeinde zu Gegenständen ihrer Betrachtungen zu machen. Es läßt sich zwar
+mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie belletristische Gegenstände
+nicht berührt haben, daß sie literarische Streitigkeiten nicht, wie man zu
+sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten Wichtigeres zu tun;
+nichtsdestoweniger aber geschah dies einige Jahrhunderte später, und man
+trifft in den Kirchenvätern nicht undeutliche Spuren, daß sie über
+allerhand literarische Subtilitäten, sogar über die Tendenz und den Stil
+ihrer Gegner auf dem kirchlichen Rednerstuhl gesprochen haben.
+
+Berühmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel zum Beispiel über das
+Theater gepredigt oder über das Tanzen am Sonntag oder über das Singen
+unzüchtiger Lieder, andere wieder über das Spielen, namentlich das
+Kartenspielen, und einen habe ich gehört, der in einer Vesperpredigt das
+Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, daß es ein Heide erfunden.
+
+Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde
+darzutun, welchen Irrtümern sie sich hingebe, welche bösen Gewohnheiten
+unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer
+solchen Aufdeckung von Irrtümern und böslichen Gewohnheiten bis ins
+einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge
+fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt,
+so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit
+einander eine Betrachtung anstellen über:
+
+DEN MANN IM MOND
+
+von
+
+H. Clauren;
+
+und zwar betrachten wir:
+
+I.
+Wer und was ist dieser Mann im Mond? Oder--was ist sein Zweck auf dieser
+Welt?
+
+II.
+Wie hat er diesen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieser Welt?
+
+
+
+
+I.
+
+_Andächtige Zuhörer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor
+einer so großen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer
+Betrachtung so klar und deutlich als möglich vor das Auge zu stellen, damit
+jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet hat,
+die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in unserer
+Literatur nie an sogenannten _Volksmännern_ gefehlt, das heißt an solchen,
+die für ein großes Publikum schrieben, das, je allgemeiner es war, desto
+weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte. Solche
+Volksmänner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres Publikums
+schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhörer und Leser und
+sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hüteten, jemals sich
+höher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren hätten. Diese
+Leute handelten bei den größten Geistern der Nation, welche dem Volke zu
+hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie nach ihrem Geschmack
+zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die solche mit Jubel und
+Herzenslust verschlangen. Diese Volksmänner sind die Zwischenhändler
+geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von Gassenwirtshäusern und
+Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den großen Handlungen, wo er
+ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen ihn, weil er dem Volke
+anders nicht munden will, mit einigem gebrannten Wasser und Zucker, färben
+ihn mit roten Beeren, daß er lieblich anzuschauen ist, und verzapfen ihn
+ihren Kunden unter irgend einem bedeutungsvollen Namen.
+
+Diese Gassenwirte oder Volksmänner treiben aber eine schändliche und
+schädliche Wirtschaft. Sie fühlen selbst, daß ihr Gebräu sich nicht halten
+würde, daß es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten könnte, wenn er
+nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und allerlei
+dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um die Sache
+anders auszudrücken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse
+Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen
+Sitte ist, künstlich verhüllen, um durch den Schleier, den sie darüber
+gezogen haben, das lüsterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr
+Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt,
+ohne den Kopf mit überflüssigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich das
+Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmütigen
+Natürlichkeit, die lebt und leben läßt; sie sind arglose Leute, die ja
+nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trüben Stunden erheitern"
+und ihn auf eine natürliche, unschuldige Weise ergötzen. Aber gerade dies
+sind die Wölfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der Kutte, und die
+Krallen kommen frühe genug ans Tageslicht.
+
+Wem unter euch, meine Andächtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor
+allem _jener_ beifallen, der alljährlich im Gewande eines unschuldigen
+Blumenmädchens auf die Messe zieht und "Vergißmeinnicht" feilbietet. Ich
+weiß wohl, daß dort drüben auf der Emporkirche, daß da unten in den
+Kirchstühlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiß wohl, daß er
+bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Nähermädchen, ihr
+Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so züchtigen Bürgerstöchterlein, ich
+weiß, daß ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas Höheres
+von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fräulein mit und ohne
+Von, ihr gnädigen Frauen und andere Mesdames! Ich weiß, daß er das A und
+das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und Ladendiener, daß ihr
+ihn beständig bei euch führt, und wenn der Prinzipal ein wenig beiseite
+geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure magere Phantasie durch
+einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und Austernschmäuse anzufeuchten;
+ich weiß, daß er bei euch allen der Mann des Tages geworden ist; aber
+nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben deswegen will ich seinen
+Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN. _Anathema sit!_
+
+Vor zwölf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte,
+Spieß und Cramer, mitunter die köstlichen Schriften über Erziehung von
+Lafontaine; wenn ihr von Meißner etwas anderes gelesen als einige
+Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehütet, es in guter
+Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn
+Schiller fing an, ein großes Publikum zu bekommen. Gewinn für ihn und für
+sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode gekommen
+wäre; dazu war er aber auch zu groß, zu stark. Ihr wolltet euch die Mühe
+nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte euch
+losreißen aus eurer Spießbürgerlichkeit, er wollte euch aufrütteln aus
+eurem Hinbrüten mit jener ehernen Stimme, die er mit den Silberklängen
+seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von Menschenwürde, von jener
+erhabenen Empfindung, die in der menschlichen Brust geweckt werden kann,
+--gemeine Seelen! Euch langweilten seine herrlichsten Tragödien, er war
+euch nicht allgemein genug. Was soll ich von Goethe reden? Kaum, daß ihr es
+über euch vermögen konntet, seine Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man
+euch sagte, es finden sich dort einige sogenannte pikante Stellen,--ihr
+konntet ihm keinen Geschmack abgewinnen, er war euch zu vornehm.
+
+Da war eines Tages in den Buchladen ausgehängt: "Mimili, eine
+Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu
+erzählen, _so angenehm, so natürlich, so rührend_ und _so reizend_! Und in
+diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzüge und den Gehalt jenes
+Buches ausgesprochen. Man würde lügen, wollte man nicht auf den ersten
+Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein ländliches Gemälde, dem
+die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltönende, leichte Sprache, die
+Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark
+anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie höher zu nehmen
+als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen,
+wie eine Musik angenehm zu hören ist, die dem Ohr durch sanfte Töne
+schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie
+darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen
+Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdrücken; sonst würde die arme Seele
+unverständlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme
+Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in süße Träume
+hinüberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen Manier, die
+euch entzückte!
+
+Das _Zweite_, was euch gefiel, hängt mit diesem ersteren sehr genau
+zusammen: diese Manier war so _natürlich_. Es ist etwas Schönes, Erhabenes
+um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist auch einmal
+dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so erhaben als
+die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so köstlich und groß
+wie die von der Tellskapelle über den See hin; aber nicht wahr, ihr lieben
+Seelen, der ist euch doch nicht natürlich genug? Zu was auch die Seele
+anfüllen mit unnützen Erinnerungen an die Taten einer großen Vorzeit? Zu
+was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder eine Bertha, oder
+Männer wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiß es Clauren viel besser,
+viel natürlicher zu machen! Statt großartige Charaktere zu malen, für
+welche er freilich in seinem Kasten keine Farben finden mag, malt er euch
+einen Hintergrund von Schneebergen, grünen Waldwiesen mit allerlei Vieh;
+das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen Krieger neuerer Zeit mit
+schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er hat den Freiheitskrieg
+mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das ist der Held des
+Stückes. Eine interessante Figur! Nämlich _Figur_ als wirklicher Körper
+genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und _interessant_, nicht wegen des
+Charakters, sondern weil er etwas bleich ist, ein eisernes Kreuz trägt und
+so ein Ding von einem preußischen Husaren war. Neben diesen Helden kommt
+ein frisches, rundes "Dingelchen" zu stehen mit kurzem Röckchen, schönen
+Zwickelstrümpfen usw. Kurz, das Inventarium ihres Körpers und ihres Anzuges
+könnt ihr selbst nachlesen oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind,
+die Mimili, ist nun so natürlich als möglich; d. h. sie geniert sich nicht,
+in Gegenwart des Kriegers das Busentuch zu lüften und ihn den Schnee und
+dergleichen sehen zu lassen, daß ihm "angst und bange" wird. Einiger
+Schweizerdialekt ist auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens
+etwas unnatürlich klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist
+nicht nur nachgeahmt, sondern förmlich kopiert und getreulich
+abgeschrieben. Aber leider ist es nur die Natur, so wie man sie mittelst
+einer _Camera obscura_ abzeichnen kann. Der warme Odem Gottes, der Geist,
+der in der Natur lebt, ist weggeblieben, weil man nur das Kostüm der Natur
+kopierte. Zeichnet die nächste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr
+eine Mimili, und freilich alles so natürlich als möglich.
+
+Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das
+_Rührende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht rührend? Es ist ein
+Motiv, das jedem Roman als Würze beigegeben wird wie bittere Mandeln einem
+süßen Kuchen, um das Süße durch die Vorkost des Bitteren desto angenehmer
+und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen Zuhörerinnen, und ich
+habe dies zu öfteren Malen an euch gerügt, versetzt euch gar zu gerne in
+ein solches Liebesverhältnis, wenn nicht dem Körper, doch dem Geiste nach.
+Wenn ihr so dasitzet und nähet oder stricket und über eure Nachbarn gehörig
+geklatscht habt, kommt gar leicht in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe
+an die Reihe, und ihr träumet und träumet und vergesset die Welt und die
+Maschen an eurem Strickstrumpf. Wenn man nachts durch den Wald geht, so
+denkt man gerne an arge Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade
+so machet ihr es. Je greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von
+welchem ihr leset, desto angenehmer fühlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr
+keine Natürlichkeit, da soll es recht arg und türkisch zugehen, und wie
+den spanischen Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafé ein
+Freudenfest. Je länger die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten,
+je mehr man ihnen mit der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto,
+rührender kömmt es euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost
+_in petto_, daß der Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg
+ist und die verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den
+Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten
+Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet
+nicht gerührt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht jene
+Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch mit
+einer Äolsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der schnarrende
+Konterbaß Meister, und je gräßlicher es zugeht, desto rührender ist es.
+
+Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, nämlich auf--das
+_Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist aber die
+Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes war die
+Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich bei euch
+einführt; aber siehe da, das ist der Pferdefuß, und an seinen Spuren wirst
+du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die Sinnlichkeit, die
+er aufregt, das sind jene reizenden, verführerischen, lockenden Bilder, die
+eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu sehen, daß ihr da unten
+die Augen nicht aufschlagen könnet. Es freut mich zu sehen, daß hin und
+wieder auf mancher Wange die Röte der Beschämung aufsteigt. Es freut mich,
+daß Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren; wenn ich diesen Punkt berühre.
+Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu wohl, was ich meine.
+
+Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein
+Herder waren doch wahrhaftig große Dichter, und habt ihr je gesehen, daß
+sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mußten, um
+sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, daß
+jene edleren Geister nur für wenige Menschen ihre hehren Worte aussprachen,
+daß die große Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil er köstliche
+Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Sprünge macht? Armseliges
+Männervolk, daß du keinen höheren geistigen Genuß kennst, als die
+körperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von einem
+Marmorbusen, von hüpfenden Schneehügeln, von schönen Hüften; von weißen
+Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schönheiten einer Venus
+Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus Clauren Bildung
+schöpfen wollet! Errötet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr leset, daß man nur
+eurem Körper huldigt, daß man die Reize bewundert, die ihr in der raschen
+Bewegung eines Walzers entfaltet, daß der Wind, der mit euren Gewändern
+spielt, das lüsterne Auge eures Geliebten mehr entzückt als die heilige
+Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glüht, als die Götterfunken des
+Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste entlockt? Verlorene Wesen,
+wenn es euch nicht kränkt, euer Geschlecht so tief, so unendlich tief
+erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren jungfräulichen Sinn
+schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset immer von andern
+geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit jenen
+Vergißmeinnichtblümchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine andere
+als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist!
+
+Siehe da die Anmut, die Natürlichkeit, das Rührende und den hohen Reiz der
+Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr
+Erfinder machte! Wie das Unkraut üppig sich ausbreitet, so ging es auch mit
+dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde zur
+Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natürlicher, als daß Clauren eine
+Fabrik dieses köstlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier
+Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili
+fanden? Bei jener Klasse von Menschen, für welche er schreibt, liegt
+gewöhnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht
+grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht
+haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Fäden spinnen, keine
+zarteren Nüancen der Farben geben, sein Stoff ist gewöhnlich so
+unkünstlerisch und grob als möglich angelegt; ein fadengerades
+Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als möglich ausgedehnt; von
+tieferer Charakterzeichnung ist natürlich keine Rede; Kommerzienräte,
+Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjünglinge _comme il faut, etc_. Die Dame
+des Stückes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpüppchen, die
+nach Verhältnissen kostümiert wird, heiße sie nun Mimili oder Vally,
+Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe
+sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem
+geringen Maßstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_.
+
+Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Rücksicht genommen auf das
+Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige Kupfer mit
+schönen "_Engelsköpfchen_", angetan nach der "_allernagelfunkelneuesten_"
+Mode. Diese werden natürlich in der Fabrik immer zuvor entworfen, gemalt
+und gestochen und nachher der resp. Namen unten hingeschrieben.
+Sündigerweise benützt der gute Mann auch die Porträts schöner fürstlicher
+Damen, die er als Quasi-Aushängeschild vor den Titel pappt. So hat es uns
+in der Seele wehe getan, daß die Großfürstin Helena von Rußland, eine durch
+hohe Geistesgaben, natürliche Anmut und Körperschönheit ausgezeichnete
+Dame, bei dem Tornister-Lieschen (im Vergißmeinnicht 1826) gleichsam zu
+Gevatter stehen mußte.
+
+Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die
+er trotz den ersten Modehändlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es
+Virgil übel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer
+lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die
+glänzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Männer, die
+von Männern, es sind edle Sänger, die von Helden singen. Überwiegt aber
+nicht der Ekel noch das Lächerliche, wenn man einen preußischen Geheimen
+Hofrat hört, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den Zehenspitzen
+beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem hohlen
+Schädel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque von Seide
+sitzt, ob die Federn, die solche schmücken, Marabout- oder Straußfedern
+oder gar Paradiesvögel sind; und dann die niedlichen "Sächelchen" von
+Ohrgeschmeide, Halsbändern, Bracelets _et cetera_, daß "einem das Herz
+puppert," und dann die Brüsseler Kanten um die wogende Schwanenbrust und
+das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Strümpfe und die seidenen
+Pariser Ballschuhe oder ein Negligé, wie aus dem leichtesten Schnee
+gewoben, und dieses Überröckchen und jenes Mäntelchen und dieses
+Spitzenhäubchen, aus dem sich die goldenen Ringellöckchen hervorstehlen. _O
+sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner Sprache zu bedienen,
+ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und wollet euch nicht halb
+zu Tode lachen über den köstlichen Spaß, daß ein preußischer Geheimer
+Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch vorrechnet, was man im
+Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider, ihr lachet nicht! ihr
+leset den allerliebsten Modebericht mit großer Andacht, ihr sprechet: das
+ist doch einmal eine Lektüre von Geschmack; nichts Überirdisches,
+Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde hat er uns
+beschrieben, der deliziöse Mann, der Clauren!
+
+Ein drittes Ingredienz für Mädchen sind die magnifiken Bälle, die er
+alljährlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, daß das Herzchen "im
+Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schön! Vornehme Damen, die bei
+Präsidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe
+Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonäse bis
+zum Kotillon. Arme Landfräulein, die nur in das nächste Städtchen auf den
+Kasinoball kommen können, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie trägt
+sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel hängt ihnen voll
+Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich selbst
+darin zeigen zu können, Kammermädchen, die ihre Dame zu dem Ball
+"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand,
+treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Füßen den Takt eines
+Schnellwalzers und träumen sich in die glänzenden Reihen eines
+Fastnachtballes! Treffliches Surrogat für tanzlustige Seelen, köstliche
+Stallfütterung für Schafe, die nicht auf der Weide hüpfen können!
+
+Als ein viertes treffliches Hauptingredienz für liebevolle weibliche Seelen
+ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen, das
+Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht
+sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an
+Clauren nicht rügen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der
+Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die
+Vergißmeinnichtmänner herrliche Rabenlocken, einen etwas schwindsüchtigen
+Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht, unter fünf Fuß sechs
+Zoll darf keiner messen; kräftige, männliche Formen, sprechende Augen, die
+Hände und Füße aber wie andere Menschen. Sie sind gerade so eingerichtet,
+daß man sich ohne weiteres auf den ersten Augenblick in sie verlieben muß.
+Dabei sind sie meistens arm, aber edel, stolz, großmütig und heiraten
+gewöhnlich im fünften Akt. Auf welche edle weibliche Seele sollte ein
+solcher Held neuerer Zeit nicht den wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie
+von ihm liest? Sie schnitzelt das Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers
+oder Apothekergehilfen, das sie im Herzen trägt, so lange zurecht, bis er
+ungefähr gerade so aussieht wie der Allerschönste im allerneuesten
+Jahrgange des allerliebsten Vergißmeinnicht.
+
+Fünftens: von schimmernden Lüsters, von deckenhohen Trumeaus, von
+herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und
+dergleichen wäre hier noch viel zu reden, wenn es die Mühe lohnte.
+
+Gehen wir, andächtige Versammlung, über zu den Ingredienzien und Zutaten
+für _Männer_, so können wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten,
+die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln.
+
+Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Mädchen
+beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier
+dasselbe, was von den Männern gesagt wurde; eine tiefe, edle, jungfräuliche
+Seele weiß kein Clauren zu schildern, und wenn er es wüßte, so hat er ganz
+recht, daß er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder ein Wesen, das etwa ein
+Titan oder Horion lieben könnte, unter seiner Affenfamilie mittanzen läßt.
+Was das Äußere betrifft, so macht er es wie jener griechische Künstler, der
+aus sieben schönen Mädchen sich eine Venus bilden wollte. Aber er vergißt
+den hohen Sinn, der in der Sage von dem Künstler liegt. Sechs zogen vorüber
+und zeigten dem entzückten Auge stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend.
+Die siebente, als die Gewänder fallen sollten, errötete und verhüllte sich,
+und der Künstler ließ jene sechs vorübergehen und bildete nach diesem
+Vorbild jungfräulicher Hoheit seine Göttin. Nicht also Clauren; die sechs
+hat er wohl aufgenommen, der siebenten, als sie verschämt, verhüllt,
+errötend nahte, hat er die Türe verschlossen.
+
+Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der große
+Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten
+Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie?
+Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich
+mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und erröte,
+erröte darüber, daß ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die
+sittenlose Frechheit hat, alljährlich ein ausführliches Verzeichnis von den
+Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand!
+
+Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast
+der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine
+reiche, glühende Phantasie hätte ihm nicht noch lockendere Bilder,
+reizendere Wendungen einhauchen können als einem Clauren? Doch er dachte an
+sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, für die er seine Gesänge
+dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und
+siehe, die reichen Locken fallen herab und strömen um die Nymphen und
+rollen in das Wasser, und der See verhüllt ihre Glieder. Aber, _si parva
+licet componere magnis_, was soll man zu jener skandalösen Geschichte
+sagen, die H. Clauren in einem früheren Jahrgang des Freimütigen, eines
+Blattes, das in so manchem häuslichen Zirkel einheimisch ist, erzählt?
+
+Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schändlichkeiten aufdecken,
+die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame kömmt eines Tages
+auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, daß sie zwar seit
+vierzehn _Tagen_ verheiratet, und glücklich _verheiratet_, aber durch einen
+kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr Mann
+nicht ahnen dürfe. H. Clauren erzählt uns, daß er der engelschönen Dame
+gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der Krankheit
+_et cetera_ zeige. Die Dame entschließt sich zu der Prozedur. Ich dächte,
+das Bisherige ist so ziemlich der höchste Grad der Schändlichkeit, zum
+mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in einem
+belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame, _glücklich_
+verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glückliches Weib und Ehebrecherin!
+Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu der Prozedur
+selbst ein; er rückt den Sessel ans Fenster, er setzt die Dame in Positur,
+er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwärts seine Beobachtungen!!!
+
+Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen,
+wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu rügen.
+Warum in einem öffentlichen Blatte etwas _erzählen_, was man in guter
+Gesellschaft nicht _erwähnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte,
+verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug für
+ein Publikum, das sich Schändlichkeiten dieser Art ungestraft erzählen
+läßt!
+
+In die eben erwähnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz für Männer
+gehören auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden. Bald
+wird uns ausführlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu Bette
+gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens Angst,
+zu _zwei_ schlafen zu müssen, bald hört man Vally im Bade plätschern und
+möchte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man ein
+Kammermädchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der glühenden, durch
+alle Nerven zitternden Küsse, der Blicke beim Tanze abwärts auf die
+Wellenlinien der Tänzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte für
+Leute, die nichts Höheres kennen als Sinnlichkeit, köstlich kandierte Zoten
+für einen verwöhnten Gaumen, treffliches Hausmittel für junge Wüstlinge und
+alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft zu Rande sind,
+um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen!
+
+Ein _zweites_ Reizmittel für Männer sind jene Zutaten, die den Gaumen
+kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des brüsselnden Schaumweins!
+Ha, wie der Kork knallend an die Decke fährt! Eingeschenkt, laßt ihn nicht
+verrauchen! Jetzt für jeden zwei, drei Dutzend Austern draufgesetzt!" Ist
+diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer erinnert, der immer
+so redlich angibt, was seine Helden verspeisten; freilich gab er ihnen nur
+gewöhnliches "Schweinefleisch", und die Weinsorten rühmt er auch nicht
+besonders; aber ein Clauren ist denn doch auch etwas anderes als Homer; wer
+wollte es übel nehmen, wenn er die Korke fliegen läßt und Austern schmaust,
+fünfhundert Stück zum ersten Anfang?
+
+Ich kannte einen jener bedauernswürdigen Menschen, die man in glänzendem
+Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr
+haltet sie für das glücklichste Geschlecht der Menschen, diese
+Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr täuschet
+euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Münze, um eine einfache
+Mittagskost zu bezahlen, und was er an großem Gelde bei sich trägt, kann
+man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines Tages: "Freund,
+wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der Tafelzeit mit
+zufriedener Miene die Straße herabkommen, mit der Zunge schnalzend oder in
+den Zähnen stochernd; bei welchem berühmten Restaurant speiset Ihr?"
+
+"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort.
+
+"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen
+Straßenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu haben."
+
+"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger,
+sondern der Berliner, H. Clauren--"
+
+"Wie, und dieser schickt Euch kalte Küche bis hieher?"
+
+"Kalte und warme Küche nebst etzlichem Getränke. Doch ich will Euch das
+Rätsel lösen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt jährlich
+gerade das Schneiderkonto und die Rechnung für Zuckerwasser im Kaffeehause
+weg; nun bin ich aber gewöhnt, gute Tafel zu halten; was fange ich in
+diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir alle Jahre
+von ersparten Groschen das herrliche Vergißmeinnicht von H. Clauren, und
+ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller, Fischmarkt,
+Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr müßt wissen, daß in solchem
+Büchlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich sie nenne,
+Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stück Brot, zu welchem
+an Festtagen Butter kömmt, nebst einem Glase Wasser oder dünnem Biere an
+den Tisch, speise vornehm und langsam, und während ich kaue, lese ich im
+'Vergißmeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine Tafelseiten werden mir
+nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist nicht mehr mit
+schlechtem Brot besetzt, meine Zähne malmen nicht mehr dieses magere
+Gebäck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht, was gute Küche
+ist. Was da an Fasanen, Gänseleberpasteten, Trüffeln, an seltenen Fischen,
+an--"
+
+"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie läßt Euch satt werden? Aber
+könntet Ihr hiezu nicht das nächste beste Kochbuch nehmen? Ihr hättet zum
+mindesten mehr Abwechslung."
+
+"Ei, da ist noch ein großer Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht
+recht; in den Kochbüchern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird;
+aber ganz anders im Vergißmeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt.
+Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede
+Schüssel vor und erzählt: so schmeckte es; und wie natürlich ist es, wenn
+er oft beschreibt, wie diesem die Sauce über den Bart herabgeträufelt sei,
+oder wie jener vor Vergnügen über die Trüffelpastete die Augen geschlossen!
+Überdies hat man dabei den herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand,
+und wenn ich das Glas mit Dünnbier zum Munde führe, schiebt er mir immer im
+Geiste Trimadera, Bordeaux oder Champagner unter."
+
+So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein großes Claurensches
+Traktement der Verdauung wegen zu promenieren.
+
+Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet
+aus alten Knochen kräftige Suppen für Arme und Kranke; ist aber hier nicht
+mehr als Rumford und andere? Speist und tränkt er nicht durch eine einzige
+Auflage des "Vergißmeinnicht" fünftausend Mann? Wenn nur die Phantasie des
+gemeinen Mannes etwas höher ginge, wie wohlfeil könnte man Spitäler, ja
+sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der respektive Leutnant
+nähme das "Vergißmeinnicht" zur Hand, ließe seine Kompanie Hungernder
+antreten, ließe sie trockenes Kommisbrot speisen und würde ihnen einige
+Tafelseiten aus Clauren vorlesen.
+
+Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie
+verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, daß solche
+Niederträchtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _à la carte_,
+wenn sie ungerügt jede Messe wiederkehren dürfen, wenn man den gebildeten
+Pöbel in seinem Wahn läßt, als wäre dies das Manna, so in der Wüste vom
+Himmel fällt, die Würde unserer Literatur vor uns selbst und dem Auslande,
+vor Mit- und Nachwelt schänden!
+
+Doch ich komme, meine verehrten Zuhörer, noch auf einen andern Punkt, den
+man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen könnte;
+das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und
+Schweizern vor, daß sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber wahrhaftig,
+es gereicht H. Clauren zu noch größerem Vorwurf, daß er so gemein schreibt,
+wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken scheint. Man hat in
+neuerer Zeit manches verschrobene und verschränkte Deutsch lesen müssen;
+waren es Wendungen aus dem fünfzehnten Jahrhundert, waren es Sätze aus
+einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer reichen, herrlichen
+Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreißend waren auch die Kompositionen,
+die Voß nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann Männer dieser Art
+höchstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern, anklagen niemals;
+denn es lag dennoch ein schöner Zweck ihrem wunderlichen Handhaben der
+Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen Gemeinheit
+sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte einkleidet!
+König Salomo, wenn er noch lebte, würde diesen Menschen mit einem
+Freudenmädchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan mit
+köstlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem Haupte. Du
+redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine wohlerzogene Frau
+aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem Gelächter, sie
+gesteht, sie müsse lachen, daß "_sie der Bock stößt_"; sie spricht in
+Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen Montagstänzen hören
+konnte; sie enthüllt sich, ohne zu erröten, vor deinen Augen und spricht
+Zoten und Zötchen dazu. Wehe deinem Geschmack, wehe dir selbst und deinem
+sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, daß die, welche du für eine
+anständige Frau gehalten, eine feile Dirne ist, bestimmt zum niedrigsten
+Vergnügen einer verworfenen Klasse!
+
+Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsünden hieher setzen, da ja das
+Buch, über welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges
+Verzeichnis, ein vollständiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und
+Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen
+anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben
+weiß, der schon auf einer Art von Fäulnis und Moder beruht, desto mehr sagt
+sie dem verwöhnten Gaumen seines Publikums zu.
+
+Noch ist endlich ein Zutätchen und Ingredienzchen anzuführen, das er aber
+selten anwendet, vielleicht weil er weiß, wie lächerlich er sich dabei
+ausnimmt; ich meine jene rührenden, erbaulichen Redensarten, die als auf
+ein frommes Gemüt, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen
+sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame
+Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge
+H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der
+braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Sünden mit Zerknirschung ein und
+werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen,
+Vielliebchen und dergleichen überzeugten uns freilich eines andern, und wir
+sahen, daß er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der
+Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet
+zur Sünde wird, so geht es auch hier; er schändet die Religion nicht
+weniger, als er sonst die Sittlichkeit schändet, und diese heiligen,
+rührenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlüberlegter Kunstgriff,
+durch Rührung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Straßen von
+London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den
+unglücklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen.
+
+Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte
+erzählen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt
+in die gute Gesellschaft zu verschaffen wußte. Dieser Mensch betrug sich
+von Anfang etwas linkisch, doch so, daß man manche seiner Manieren
+übersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewöhnlich zu den Frauen
+und Mädchen, weil ihm das Gespräch der Männer zu ernst war, und jene
+lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und
+nach aber fand es sich, daß dieser Mensch seiner gemeineren Natur in dieser
+Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er schwatzte
+den Ohren unschuldiger Mädchen Dinge vor, worüber selbst die älteren hätten
+erröten müssen. Wie es aber zu gehen pflegt: das Lüsterne reizt bei weitem
+mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit niedergeschlagenen Augen, aber
+offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und selbst manche Zote, die für
+eine Bierschenke derb genug gewesen wäre, bewahrten sie in feinem Herzen.
+Der fremde Mann würde der Liebling dieses Zirkels. Es fiel aber den Männern
+nach und nach auf, daß ihre Frauen über manche Verhältnisse freier dachten
+als zuvor, daß selbst ihre Mädchen über Dinge sprachen, die sonst einem
+unbescholtenen Kinde von fünfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein müssen.
+Sie staunten, sie forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und
+siehe, die Frauen gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswürdige,
+angenehme Herr, der uns dieses gesagt hat." Viele der Männer versuchten es
+mit Ernst und Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schüttelte
+die Pfeile ab und plauderte fort. Die Männer wußten nicht, was sie tun
+sollten; denn es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst
+einen verworfenen Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer
+einen andern Weg. Er setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen
+auf die Rede des Mannes und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst
+seine Stimme. Und eines Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte
+sich an seine Seite, ließ ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzählte den
+Frauen nach derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu
+tun pflegte. Da fanden die Vernünftigeren wenigstens, wie lächerlich und
+unsittlich dies alles sei. Sie schämten sich, und als jener Mensch dennoch
+in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber
+stand beinahe allein und zog beschämt von dannen.
+
+"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl
+ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen!
+
+Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzählt ist, dasselbe
+wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er
+wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und
+des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte lächerlich machen.
+
+Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der
+Gegenstand der folgenden Fragen.
+
+
+
+
+II.
+
+Haben wir bisher nachgewiesen und darüber gesprochen, welchen Zweck der
+"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen
+er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu,
+andächtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte.
+
+Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann
+angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine böse Gewohnheit oder
+unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen. Das
+erste und natürlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit Ernst,
+mit Gründen anzugreifen, seine Anhänger von ihrem Irrtum zu überführen,
+seine Blöße offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat man auch mit dem
+Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen. Ihr alle, meine
+Zuhörer, kennet hinlänglich jene öffentlichen Gerichte der Literatur, wo
+die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhüllt und ohne Namen zu
+Gericht sitzen, aber unverhüllt und unumwunden Recht sprechen; ich meine
+die Journale, die sich mit der Literatur beschäftigen. Wie es in aller Welt
+bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige freilich an
+Obskurantismus laborierende Blätter, welche jedes Jahr eine Fanfare bliesen
+zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem Vater wie dem
+Kindlein wurde gebührendes Lob gespendet und das Publikum eingeladen,
+einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der deutschen
+Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige Winkelblätter,
+die nur mit Modeartikeln zu tun haben.
+
+Bessere Blätter, bessere Männer als jene, die um Geld lobten, scheuten sich
+nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen
+Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie
+steigerten ihre Stimme, sie erhöhten ihren Tadel, je mehr die Lust an jenen
+Produkten unter euch überhand nahm; sie bewiesen mit triftigen Gründen, wie
+schändlich eine solche Lektüre, wie entwürdigend ein solcher Geschmack sei,
+wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch herrliches Wort wurde da
+über die Würde der Literatur, über wahren Adel der Poesie und über euch
+gesprochen, die ihr nicht errötet, ihm zu huldigen, die ihr so verstockt
+seid, das Häßliche _schön_, das Unsaubere _rein_, das Kleinliche _erhaben_,
+das Lächerliche _rührend_ zu finden. Woran lag es aber, daß jene Worte wie
+in den Wind gesprochen scheinen, daß, so oft sich auch Männer von wahrem
+Wert _dagegen_ erklärten, die Menge immer mehr Partei _dafür_ nahm? Man
+müßte glauben, der Herr habe ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch
+ein anderer Grund fände.
+
+Jene Institute für Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so
+gründlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur
+Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und
+wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gründen,--sie sind leider nur für
+wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Bürger von wahrer
+Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich über das Gebiet der
+Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren für _diese_ schreibt? Ob seine
+Manier _diesen_ schädlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn
+lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von
+selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter
+hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn wären, die sich aus jenen
+Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig
+andern?
+
+So kam es, daß Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt,
+gescholten, verhöhnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schüttelte den
+Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Straße. Wußte
+er doch, daß ihm ein großes, ansehnliches Publikum geblieben, zu dessen
+Ohren jene Stimmen nie drangen; wußte er doch, daß, wenn ihn der ernste
+Vater mit Verachtung vor die Türe geworfen wie einen räudigen Hund, der
+seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Töchterlein oder die Hausfrau
+eine Hintertüre willig öffnen werde, um auf die Honigworte des angenehmen
+Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu verbinden weiß, und
+ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Sträußchen Vergißmeinnicht
+abzukaufen.
+
+Man könnte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewöhnliche
+Erscheinung der Literatur handelte, die in Blättern öffentlich getadelt
+wird, weil sie von den gewöhnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder
+nach Form und Inhalt den ästhetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann
+höchstens die Zeit, die man der Lektüre einer Gespenstergeschichte oder
+eines ehrlichen Ritterromans widmete, übel angewendet scheinen, oder der
+Geschmack kann darunter leiden. Solange für die jugendliche Phantasie, für
+Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, mögen immer die Richter der Literatur
+den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine Publikum
+wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen werden kann,
+daß eine Art von Lektüre die größtmögliche Verbreitung gewinnt, wenn sie
+diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Lüsternheit, die das Auge reizt
+und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines Wesen, so ist sie ein
+Gift, das um so gefährlicher wirkt, als es nicht schnell und offen zu
+wirken pflegt, sondern allmählich die Phantasie erhitzt, die Kraft der
+Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schöne und Edle, Reine und
+Erhabene schwächt und ein Verderben bereitet, das bedauerungswürdiger ist
+als eine körperliche Seuche, welche die Blüte der Länder wegrafft.
+
+Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz
+dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthüllt, und wer unter euch
+kann leugnen, daß er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der trete auf
+und beschuldige mich einer Lüge! Männer meines Volkes, die ihr den wahren
+Wert einer schönen, kräftigen Nation nicht verkennt, Männer, die ihr die
+Phantasie eurer Jünglinge mit erhabenen Bildern schmücken wollt, Männer,
+die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau für ein hohes Gut erachtet, ihr,
+ich weiß es, fühlet mit mir. Aber ihr müßt auch gefühlt, gesehen haben, daß
+jene öffentlichen Stimmen, die den Marktschreier rügten, der den
+Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in eure Häuser gedrungen sind. Ich
+habe gefühlt wie ihr, und der Ausspruch jenes alten Arztes fiel mir bei:
+_"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich dachte nach über Ursache und
+Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete genau die Symptome, die sie
+hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel, worauf ich Hoffnung setzte. Aus
+denselben Stoffen, sprach ich zu mir, mußt du einen Teig kneten, mußt ihn
+würzen mit derselben Würze, nur reichlicher überall, nur noch pikanter; an
+diesem Backwerk sollen sie mir kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht
+widersteht, wenn es ihnen auch dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_
+"Trüffelpaste", an _diesem_ "Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind
+sie nicht mehr zu kurieren, oder--es war nichts an ihnen verloren.
+
+Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Mühe, die reiche Bibliothek von
+"Scherz und Ernst", die üppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergißmeinnicht" nach
+allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs mein
+Grimm über diese nichtige Erbärmlichkeit. Es war eine schreckliche Arbeit;
+alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen, alle
+seine Schnörkel und Arabesken, jene Kostüms, worein er seine Püppchen
+hüllt, alle Nüancen der Sinnlichkeit und Lüsternheit, jenen feinen,
+durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als _verhüllt_,
+alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende Abbrechen, jenes
+Hindeuten auf Gegenstände, die man verschweigen will, dies alles und so
+vieles andere mußte ich suchen, mir zu eigen zu machen. Ich mußte einkehren
+auf seinen Bällen, bei seinen Schmäusen, ich mußte einkehren in seiner
+Garküche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden Braten, den
+schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine mußt' ich kosten,
+mußte den Kork zur Decke springen lassen, mußte die "_brüsselnden Bläschen
+im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen--und dann erst konnte ich
+sagen, ich habe den Clauren studiert.
+
+Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie
+gewöhnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei
+Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten
+Gesetzen 1. ein junger, schmächtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann,
+unglücklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stücks, ein tanzendes,
+plauderndes, naives, schönes, lüsternes, mitleidiges "Dingelchen", dem das
+Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem
+Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfaß
+entlehnt, eines Küfers würdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn
+beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches
+"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler
+Vater, der zum wenigsten Präsident sein muß; 5. ein paar Furien von
+Weibern, die das böse, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige
+Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit;
+7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et
+cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stück zu Faden geschlagen,
+und jetzt mußte gewoben werden. Hier mußte nun hauptsächlich Rücksicht
+darauf genommen werden, daß man sein Dessein immer im Auge behielt, daß man
+immer daran dachte, wie würde er, der große Meister, dies weben? Das Gewebe
+mußte locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr herausgehoben
+und schattiert. Es wäre z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida eine ganz
+honette, würdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat Berner hätte mit
+wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden können; man hätte aus der ganzen
+Novelle ein mehr gerundetes, würdiges Ganze machen können! Aber dann--war
+der Zweck verfehlt. So flach als möglich mußten die verschiedenen
+Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren Bewegungen, übertrieben
+in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften, sinnlich, _sinnlich_ in
+der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert, und dennoch hat es mich
+oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder das andere der gesammelten
+"Zutätchen" einstreuen, wenn ich von keuschem Marmorbusen, stolzer
+Schwanenbrust, jungfräulichen Schneehügeln, Alabasterformen _et cetera_
+sprechen mußte, wenn ich nach seinem Vorgange von schönen von süßen "Kü--"
+(was nicht _Küche_ bedeutet), von wollüstigen Träumen schreiben sollte,
+wenn die Liebesglut zur Sprache kam, die dem "jungfräulichen Kind" wie
+glühendes Eisen durch alle Adern rinnt, daß sie alle andern Tücher wegwirft
+und die leichte Bettdecke herabschieben muß! Ich habe gelacht, wenn ich
+nach Anleitung seines _Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren
+"kohlrabenschwarz" oder "Flachsperücke" setzen mußte, wenn man statt der
+Augen "Feuerräder" oder "Liebessterne" hat, "Korallenlippen",
+"Perlenschnüre" statt der Zähne, Schwanenhälse samt _dito_ Brust, Knie, die
+man zusammen "kneipt", weil man vor Lachen "bersten" möchte; Wäd--und
+Füßchen zum Kü--und dergleichen lächerlich gemeine Worte. Nachdem gehörig
+_getollt, gejodelt, getanzt, geweint, abgehärmt_ war, nachdem, wie
+natürlich, das Laster besiegt und die Tugend in einem herrlichen
+Schleppkleide, mit Brüsseler Kanten, Blumen im Haare, auf die Bühne geführt
+war, wurden als Morgengabe mehrere Millionen Taler, einige Schlösser,
+Parks, Gründe _et cetera_ aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun
+ein "erschreckliches Hallo, daß man nicht wußte, wo einem der Kopf stand";
+es wurde trefflich gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe
+bis in die Brautkammer befördert.
+
+Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch
+zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen,
+durch Übersättigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire
+sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andächtigen
+Zuhörern lächerlich zu machen. Mit Vergnügen haben wir da und dort bemerkt,
+daß der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder vernünftige,
+unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es gedankt, es
+gab noch Männer, es gab noch edle Frauen, die diese öffentliche Rüge der
+Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden.
+
+Öffentliche Blätter, deren ernster, würdiger Charakter seit einer Reihe von
+Jahren sich gleich blieb, haben sich darüber ausgesprochen, haben gefunden,
+daß es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche, verderbliche
+Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner, ehrwürdige Versammlung,
+daß ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne Ansprüche auf Sitz und
+Stimme in der Literatur, es wagte, den Hochberühmten anzugreifen. Steht
+doch jedem Leser das Recht zu, seine Meinung über das Gelesene, auf welche
+Art es sei, öffentlich zu machen; steht doch jedem Mann in der bürgerlichen
+Gesellschaft das Recht zu, über Erscheinungen, die auf die Bildung seiner
+Zeitgenossen von einigem Einfluß sind, zu sprechen.
+
+Ich bin weit entfernt, mich mit dem großen jüdischen König und Harfenisten
+_David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais, obgleich er
+jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein steinernes
+_Vergißmeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in _Scherz_ und
+_Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor sich hertragen
+lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen: "Er hat
+Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhänger verstehen
+könnte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des Philisters;
+natürlich, er hat ja, wie Asmus sagt,
+
+ "--Federn auf dem Hut
+ und einen Klunker dran."
+
+Selbst die jüdischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich
+erklärt. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel.
+
+Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging,
+weiter, so stoßen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch,
+dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein
+angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des
+Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde
+"geharnischt bis an die Zähne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen,
+uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen
+zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja für eine gute
+Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklärte er,
+was schon auf den ersten Anblick jeder wußte, dieser "Mann im Mond" sei
+nicht sein Kind; aber statt, wie es einem berühmten Literator, einem
+namhaften Belletristen geziemt hätte, wie es sogar seine Ehre gegenüber von
+seinen Anbetern und Freunden verlangte, öffentlich vor dem Richterstuhl
+literarischer Kritik, nach ästhetischen Gesetzen sich zu verteidigen,
+begnügte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen" auf die
+Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _bürgerlichen Gerichten zu
+klagen, man habe seinen Namen gemißbraucht. Hatte man denn die paar
+Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose
+Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man
+anfocht? Konnten Schöppen und Beisitzer eines bürgerlichen Gerichts ihn
+rein machen von den literarischen Sünden, die er begangen? Konnten sie mit
+der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn
+reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie
+ihm ihr bürgerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation
+verschaffen, die er längst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten
+sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er
+geschrieben, weniger schlüpfrig machen?
+
+Wenn aber, andächtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich
+vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklärt, daß man Claurens
+Namen nicht führen dürfe, daß es unrechtmäßigerweise geschehen sei,
+daß man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten,
+H. C. l. a. u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes
+Werk gesetzt habe. In einer andern Reihenfolge wäre es also durchaus nicht
+unrecht gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen
+acht Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime
+Hofrat Carl Heun bezeugt eine außerordentliche Freude über diesen Spruch
+und glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie
+täuscht sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond",
+gegen seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur
+Sache; der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom
+Eßlinger Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die
+Tendenz, die Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften
+sittlich oder unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das
+nach kritischen Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Ästhetik,
+in welches Gebiet doch die Schriften eines Clauren gehören? Der _Name_,
+nicht die _Sache_ konnte nach bürgerlichen Gesetzen unrecht sein; aber
+versuche er einmal, nachdem er mit Glück seinen _Namen_ verfochten,
+auch seine _Sache_, den Geist und die Sprache seiner Schriften zu
+verteidigen!--Bedenke:
+
+ "Auch das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter entzückte;
+ Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab."
+
+Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergißmeinnicht
+_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der
+_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem
+Einfluß war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er für die Würde seiner
+Nation, für den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach Werken, nicht
+nach Worten richten.
+
+Bei den alten Ägyptern war es Sitte, wenn man die Könige der Erde
+wiedergab, Gericht zu halten über ihre Taten. Man hat in unseren Tagen
+diese schöne Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Königen
+der Phantasie, hinübergegangen war. Über Jean Paul vernahmen wir das schöne
+merkwürdige Wort. "Gute Bücher sind gute Taten!" Wird man von Clauren
+dasselbe sagen?
+
+Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den
+"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob
+und wie es geschehen werde.
+
+Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhörer! Habt ihr bis
+hierher mir aufmerksam zugehört, so danke ich euch herzlich; denn ihr
+wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen würde es mich übrigens, wenn
+ihr mich dennoch nicht verständet, nicht recht verständet. Es möchte
+vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und denken: der
+Tor predigt in der Wüste; sollen wir denn jeglichem heiteren Geistesgenuß
+entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, daß unsere Taschenlektüre
+Klopstocks Messias werden soll?
+
+Mitnichten! und es wäre Torheit, es zu verlangen; als der Schöpfer dem
+Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfänglichkeit für Freude in die
+Seele goß, da wollte er nicht, daß seine Menschen trauernd und stumm über
+seine schöne Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten große Geister gegeben,
+die es nicht für zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen die Natur
+verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie den
+tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade deswegen
+suchten sie von diesem Ernste--trüben Sinn und jene Traurigkeit zu
+verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert.
+Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Große mit dem
+heiteren Gewand der Laune zu verbinden, möchte auf den ersten Anblick
+schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit
+Jahrhunderten so glänzende Resultate gegeben, daß wir glauben dürfen, wenn
+nur der Geschmack der Menge besser wäre, der Geister, die sie würdig und
+angenehm zu unterhalten wüßten, würden immer mehrere auftauchen. Welchen
+Mann, der nicht allen Sinn für Scherz und muntere Laune hinter sich
+geworfen hat, welchen Mann ergötzt nicht die Schilderung eines sonderbaren,
+verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren Szenen, wo
+nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns gezeichnet?
+Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelächelt hätte, müßten nicht Jean Pauls
+Prügelszenen ein Lächeln abgewinnen? Auf der Stufenleiter seines Humors
+steigt er herab bis in das unterste, gemeinste Leben; aber sehet ihr ihn
+jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite ist? Walter Scott, der
+Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die Wurzel des
+"Vergißmeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den gemeinsten
+Schenken des Landes, in den schmutzigsten Höhlen von Alsatia umher; aber
+sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiß er nicht, wie jene
+niederländischen Künstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch
+selbst unreinlich und schlüpfrig zu sein? Könnet ihr nicht seine
+Schilderungen, selbst an das Gefährliche streifende Situationen, jedem
+Mädchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erröten zu machen?
+
+Solche Männer kommen mir vor wie anständige Leute, die durch eine
+schmutzige Straße in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf,
+sie wissen mit sicherem Fuße die breiten Steine herauszufinden und treten
+reinlich in den Hausflur, während Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder
+Schweinen gleich, durch dick und dünn laufen und, nicht zufrieden, sich
+selbst beschmutzt zu haben, die Vorübergehenden besudeln und mit Kot
+bespritzen.
+
+Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in
+unserer Literatur, gibt es der Männer viele, die mit Wahrheit und Würde
+jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trüben Stunden freundlich zu
+Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, daß uns ein Goethe, ein Jean
+Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzählungen gaben, die sich mit jeder
+Dichtung des Auslandes messen können? Hat euch der Vergißmeinnicht-Mann so
+gänzlich gefesselt, daß ihr die schönen Blüten zahlreicher anderer Erzähler
+nicht einmal vom Hörensagen kennt? Freilich, diese Männer verschmähten es,
+ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem Wasser einer
+Pfütze zu mischen; sie fühlten, daß der Entwurf ihrer Gemälde anziehend und
+interessant, daß die Stellung der Gruppen nach natürlichen Gesetzen zu
+ordnen sei, daß selbst das Neue, Überraschende angenehm für das Auge sein
+müsse. Zeichnung der Landschaft, nicht der Spiegel und Sofas, Schilderung
+der Charaktere, nicht der Hüte und Gewänder, der Geist einer Jungfrau,
+nicht der üppige Bau ihrer Glieder war ihnen die Hauptsache. Und darum
+können wir auch ihre Bilder, wie jedes gute Buch, alle Jahre mit erneuertem
+Vergnügen lesen, während uns der _Berühmte_ schon nach der ersten
+Viertelstunde anekelt.
+
+Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere
+Literatur hochzuschätzen. Die Engländer fanden einen Ernst, eine Tiefe, die
+ihnen bewunderungswürdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine
+Natürlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemälden, die sie selbst bei
+ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Götz und so manche herrliche
+Dichtung Goethes sind ins Englische übertragen worden, seine Memoiren
+entzücken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung
+über dem Kanal, und Talma rüstet sich, Schillers tragische Helden seiner
+Nation vor das Auge zu führen. Wir Deutschen handelten bisher von jenen
+Ländern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausführen zu können. Mit Stolz
+dürfen wir sagen, daß die Zeit dieses einseitigen Handels vorüber ist.
+
+Aber müssen wir nicht erröten, wenn es endlich einem ihrer Übersetzer,
+aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfällt, ein
+"Vergißmeinnichtchen" über ein Bändchen von "Scherz und Ernst" zu
+übertragen? Mit Recht könnt' er in einer pompösen Anzeige sagen: "Das ist
+jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ müßt ihr
+lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen
+Lächerlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur erträglich zu
+finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden
+Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein
+Mädchen mit eigentümlichen Kunstausdrücken anatomisch beschrieben fanden?
+Oder, wenn der Übersetzer in unserem Namen errötet, wenn er alle jene
+obszönen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnörkel streicht und nur die
+interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet, was
+wird dann übrig sein?
+
+Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringellöckchen ab,
+preßt ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reißt ihr die
+Perlenzähne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget
+Schals, Hüte, Federn, Unter- und Oberröckchen, Korsettchen _et cetera_ in
+den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen,
+und es bleibt euch nichts als ein hölzerner Kadaver, das Knochengerippe von
+Freund Heun!
+
+Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schämet, wenn ihr über das
+deutsche Publikum nicht erröten könnet, so errötet vor euch selbst! Schämet
+euch, ihr Männer, wenn ihr eure Langweile nicht anders töten könnet als mit
+Hilfe dieses Clauren! Schämet euch, ihr Frauen, wenn ihr Gefallen finden
+könnet an dieser niedrigsten Darstellung eures Geschlechtes! Schämet euch,
+ihr Jünglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem Handbuche der Sinnlichkeit
+wiederfinden wollet! Errötet, wenn ihr es in seiner Schule nicht verlernt
+habt, errötet vor euch selbst, ihr Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen
+lüsternen Bildern zu schmücken! Es gibt eine moralische Keuschheit, eine
+holde, erhabene Jungfräulichkeit der Seele. Man darf darauf rechnen, daß
+ein Mädchen sie verloren hat, wenn sie Claurens Erzählungen gelesen.
+
+Überlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren
+ist. Man wird es ihnen so wenig übelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den
+Handwerksburschen, wenn sie auf der Straße unzüchtige Lieder singen.
+
+Meine Zuhörer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders
+konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist
+vielleicht so tief gesunken, daß sie nicht mehr an solche Worte glaubt;
+meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man
+in diesem Augenblick einen frischen Strauß "Vergißmeinnicht" empfängt.
+
+Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Röte der Scham
+aufjagten, die wie die Morgenröte der Bote eines schöneren Lichtes ist,
+wenn auch nur zwei, drei Herzen entrüstet sich von ihm abwenden, so habe
+ich für mein Bewußtsein genug getan! Weiß ich doch, daß es in diesen Landen
+noch Männer gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand drücken und
+sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13452 ***
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #13452 (https://www.gutenberg.org/ebooks/13452)
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+++ b/old/13452-8.txt
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+The Project Gutenberg eBook, Kontrovers-Predigt ueber H. Clauren und den
+Mann im Mond gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827,
+by Wilhelm Hauff
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Kontrovers-Predigt ueber H. Clauren und den Mann im Mond gehalten
+vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827
+
+Author: Wilhelm Hauff
+
+Release Date: September 13, 2004 [eBook #13452]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KONTROVERS-PREDIGT UEBER H.
+CLAUREN UND DEN MANN IM MOND GEHALTEN VOR DEM DEUTSCHEN PUBLIKUM IN DER
+HERBSTMESSE 1827***
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau, Jan Coburn, Charles Franks, and the
+Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
+
+
+
+KONTROVERS-PREDIGT
+
+über
+
+H. CLAUREN UND DEN MANN IM MOND
+
+gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827
+
+von
+
+WILHELM HAUFF
+
+
+
+
+Text: Ev. Matth. VIII, 31-32
+
+
+
+Allen Verehrern
+
+der
+
+CLAURENSCHEN MUSE
+
+widmet diese Blätter
+
+in bekannter Hochachtung
+
+ DER VERFASSER
+
+
+
+
+EHRWÜRDIGE VERSAMMLUNG, ANDÄCHTIGE ZUHÖRER!
+
+Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte,
+verschmäheten es nicht, auch häusliche, bürgerliche Angelegenheiten der
+Gemeinde zu Gegenständen ihrer Betrachtungen zu machen. Es läßt sich zwar
+mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie belletristische Gegenstände
+nicht berührt haben, daß sie literarische Streitigkeiten nicht, wie man zu
+sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten Wichtigeres zu tun;
+nichtsdestoweniger aber geschah dies einige Jahrhunderte später, und man
+trifft in den Kirchenvätern nicht undeutliche Spuren, daß sie über
+allerhand literarische Subtilitäten, sogar über die Tendenz und den Stil
+ihrer Gegner auf dem kirchlichen Rednerstuhl gesprochen haben.
+
+Berühmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel zum Beispiel über das
+Theater gepredigt oder über das Tanzen am Sonntag oder über das Singen
+unzüchtiger Lieder, andere wieder über das Spielen, namentlich das
+Kartenspielen, und einen habe ich gehört, der in einer Vesperpredigt das
+Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, daß es ein Heide erfunden.
+
+Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde
+darzutun, welchen Irrtümern sie sich hingebe, welche bösen Gewohnheiten
+unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer
+solchen Aufdeckung von Irrtümern und böslichen Gewohnheiten bis ins
+einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge
+fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt,
+so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit
+einander eine Betrachtung anstellen über:
+
+DEN MANN IM MOND
+
+von
+
+H. Clauren;
+
+und zwar betrachten wir:
+
+I.
+Wer und was ist dieser Mann im Mond? Oder--was ist sein Zweck auf dieser
+Welt?
+
+II.
+Wie hat er diesen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieser Welt?
+
+
+
+
+I.
+
+_Andächtige Zuhörer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor
+einer so großen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer
+Betrachtung so klar und deutlich als möglich vor das Auge zu stellen, damit
+jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet hat,
+die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in unserer
+Literatur nie an sogenannten _Volksmännern_ gefehlt, das heißt an solchen,
+die für ein großes Publikum schrieben, das, je allgemeiner es war, desto
+weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte. Solche
+Volksmänner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres Publikums
+schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhörer und Leser und
+sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hüteten, jemals sich
+höher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren hätten. Diese
+Leute handelten bei den größten Geistern der Nation, welche dem Volke zu
+hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie nach ihrem Geschmack
+zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die solche mit Jubel und
+Herzenslust verschlangen. Diese Volksmänner sind die Zwischenhändler
+geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von Gassenwirtshäusern und
+Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den großen Handlungen, wo er
+ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen ihn, weil er dem Volke
+anders nicht munden will, mit einigem gebrannten Wasser und Zucker, färben
+ihn mit roten Beeren, daß er lieblich anzuschauen ist, und verzapfen ihn
+ihren Kunden unter irgend einem bedeutungsvollen Namen.
+
+Diese Gassenwirte oder Volksmänner treiben aber eine schändliche und
+schädliche Wirtschaft. Sie fühlen selbst, daß ihr Gebräu sich nicht halten
+würde, daß es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten könnte, wenn er
+nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und allerlei
+dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um die Sache
+anders auszudrücken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse
+Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen
+Sitte ist, künstlich verhüllen, um durch den Schleier, den sie darüber
+gezogen haben, das lüsterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr
+Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt,
+ohne den Kopf mit überflüssigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich das
+Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmütigen
+Natürlichkeit, die lebt und leben läßt; sie sind arglose Leute, die ja
+nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trüben Stunden erheitern"
+und ihn auf eine natürliche, unschuldige Weise ergötzen. Aber gerade dies
+sind die Wölfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der Kutte, und die
+Krallen kommen frühe genug ans Tageslicht.
+
+Wem unter euch, meine Andächtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor
+allem _jener_ beifallen, der alljährlich im Gewande eines unschuldigen
+Blumenmädchens auf die Messe zieht und "Vergißmeinnicht" feilbietet. Ich
+weiß wohl, daß dort drüben auf der Emporkirche, daß da unten in den
+Kirchstühlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiß wohl, daß er
+bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Nähermädchen, ihr
+Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so züchtigen Bürgerstöchterlein, ich
+weiß, daß ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas Höheres
+von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fräulein mit und ohne
+Von, ihr gnädigen Frauen und andere Mesdames! Ich weiß, daß er das A und
+das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und Ladendiener, daß ihr
+ihn beständig bei euch führt, und wenn der Prinzipal ein wenig beiseite
+geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure magere Phantasie durch
+einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und Austernschmäuse anzufeuchten;
+ich weiß, daß er bei euch allen der Mann des Tages geworden ist; aber
+nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben deswegen will ich seinen
+Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN. _Anathema sit!_
+
+Vor zwölf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte,
+Spieß und Cramer, mitunter die köstlichen Schriften über Erziehung von
+Lafontaine; wenn ihr von Meißner etwas anderes gelesen als einige
+Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehütet, es in guter
+Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn
+Schiller fing an, ein großes Publikum zu bekommen. Gewinn für ihn und für
+sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode gekommen
+wäre; dazu war er aber auch zu groß, zu stark. Ihr wolltet euch die Mühe
+nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte euch
+losreißen aus eurer Spießbürgerlichkeit, er wollte euch aufrütteln aus
+eurem Hinbrüten mit jener ehernen Stimme, die er mit den Silberklängen
+seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von Menschenwürde, von jener
+erhabenen Empfindung, die in der menschlichen Brust geweckt werden kann,
+--gemeine Seelen! Euch langweilten seine herrlichsten Tragödien, er war
+euch nicht allgemein genug. Was soll ich von Goethe reden? Kaum, daß ihr es
+über euch vermögen konntet, seine Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man
+euch sagte, es finden sich dort einige sogenannte pikante Stellen,--ihr
+konntet ihm keinen Geschmack abgewinnen, er war euch zu vornehm.
+
+Da war eines Tages in den Buchladen ausgehängt: "Mimili, eine
+Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu
+erzählen, _so angenehm, so natürlich, so rührend_ und _so reizend_! Und in
+diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzüge und den Gehalt jenes
+Buches ausgesprochen. Man würde lügen, wollte man nicht auf den ersten
+Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein ländliches Gemälde, dem
+die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltönende, leichte Sprache, die
+Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark
+anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie höher zu nehmen
+als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen,
+wie eine Musik angenehm zu hören ist, die dem Ohr durch sanfte Töne
+schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie
+darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen
+Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdrücken; sonst würde die arme Seele
+unverständlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme
+Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in süße Träume
+hinüberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen Manier, die
+euch entzückte!
+
+Das _Zweite_, was euch gefiel, hängt mit diesem ersteren sehr genau
+zusammen: diese Manier war so _natürlich_. Es ist etwas Schönes, Erhabenes
+um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist auch einmal
+dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so erhaben als
+die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so köstlich und groß
+wie die von der Tellskapelle über den See hin; aber nicht wahr, ihr lieben
+Seelen, der ist euch doch nicht natürlich genug? Zu was auch die Seele
+anfüllen mit unnützen Erinnerungen an die Taten einer großen Vorzeit? Zu
+was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder eine Bertha, oder
+Männer wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiß es Clauren viel besser,
+viel natürlicher zu machen! Statt großartige Charaktere zu malen, für
+welche er freilich in seinem Kasten keine Farben finden mag, malt er euch
+einen Hintergrund von Schneebergen, grünen Waldwiesen mit allerlei Vieh;
+das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen Krieger neuerer Zeit mit
+schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er hat den Freiheitskrieg
+mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das ist der Held des
+Stückes. Eine interessante Figur! Nämlich _Figur_ als wirklicher Körper
+genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und _interessant_, nicht wegen des
+Charakters, sondern weil er etwas bleich ist, ein eisernes Kreuz trägt und
+so ein Ding von einem preußischen Husaren war. Neben diesen Helden kommt
+ein frisches, rundes "Dingelchen" zu stehen mit kurzem Röckchen, schönen
+Zwickelstrümpfen usw. Kurz, das Inventarium ihres Körpers und ihres Anzuges
+könnt ihr selbst nachlesen oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind,
+die Mimili, ist nun so natürlich als möglich; d. h. sie geniert sich nicht,
+in Gegenwart des Kriegers das Busentuch zu lüften und ihn den Schnee und
+dergleichen sehen zu lassen, daß ihm "angst und bange" wird. Einiger
+Schweizerdialekt ist auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens
+etwas unnatürlich klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist
+nicht nur nachgeahmt, sondern förmlich kopiert und getreulich
+abgeschrieben. Aber leider ist es nur die Natur, so wie man sie mittelst
+einer _Camera obscura_ abzeichnen kann. Der warme Odem Gottes, der Geist,
+der in der Natur lebt, ist weggeblieben, weil man nur das Kostüm der Natur
+kopierte. Zeichnet die nächste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr
+eine Mimili, und freilich alles so natürlich als möglich.
+
+Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das
+_Rührende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht rührend? Es ist ein
+Motiv, das jedem Roman als Würze beigegeben wird wie bittere Mandeln einem
+süßen Kuchen, um das Süße durch die Vorkost des Bitteren desto angenehmer
+und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen Zuhörerinnen, und ich
+habe dies zu öfteren Malen an euch gerügt, versetzt euch gar zu gerne in
+ein solches Liebesverhältnis, wenn nicht dem Körper, doch dem Geiste nach.
+Wenn ihr so dasitzet und nähet oder stricket und über eure Nachbarn gehörig
+geklatscht habt, kommt gar leicht in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe
+an die Reihe, und ihr träumet und träumet und vergesset die Welt und die
+Maschen an eurem Strickstrumpf. Wenn man nachts durch den Wald geht, so
+denkt man gerne an arge Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade
+so machet ihr es. Je greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von
+welchem ihr leset, desto angenehmer fühlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr
+keine Natürlichkeit, da soll es recht arg und türkisch zugehen, und wie
+den spanischen Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafé ein
+Freudenfest. Je länger die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten,
+je mehr man ihnen mit der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto,
+rührender kömmt es euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost
+_in petto_, daß der Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg
+ist und die verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den
+Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten
+Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet
+nicht gerührt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht jene
+Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch mit
+einer Äolsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der schnarrende
+Konterbaß Meister, und je gräßlicher es zugeht, desto rührender ist es.
+
+Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, nämlich auf--das
+_Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist aber die
+Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes war die
+Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich bei euch
+einführt; aber siehe da, das ist der Pferdefuß, und an seinen Spuren wirst
+du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die Sinnlichkeit, die
+er aufregt, das sind jene reizenden, verführerischen, lockenden Bilder, die
+eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu sehen, daß ihr da unten
+die Augen nicht aufschlagen könnet. Es freut mich zu sehen, daß hin und
+wieder auf mancher Wange die Röte der Beschämung aufsteigt. Es freut mich,
+daß Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren; wenn ich diesen Punkt berühre.
+Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu wohl, was ich meine.
+
+Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein
+Herder waren doch wahrhaftig große Dichter, und habt ihr je gesehen, daß
+sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mußten, um
+sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, daß
+jene edleren Geister nur für wenige Menschen ihre hehren Worte aussprachen,
+daß die große Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil er köstliche
+Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Sprünge macht? Armseliges
+Männervolk, daß du keinen höheren geistigen Genuß kennst, als die
+körperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von einem
+Marmorbusen, von hüpfenden Schneehügeln, von schönen Hüften; von weißen
+Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schönheiten einer Venus
+Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus Clauren Bildung
+schöpfen wollet! Errötet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr leset, daß man nur
+eurem Körper huldigt, daß man die Reize bewundert, die ihr in der raschen
+Bewegung eines Walzers entfaltet, daß der Wind, der mit euren Gewändern
+spielt, das lüsterne Auge eures Geliebten mehr entzückt als die heilige
+Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glüht, als die Götterfunken des
+Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste entlockt? Verlorene Wesen,
+wenn es euch nicht kränkt, euer Geschlecht so tief, so unendlich tief
+erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren jungfräulichen Sinn
+schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset immer von andern
+geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit jenen
+Vergißmeinnichtblümchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine andere
+als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist!
+
+Siehe da die Anmut, die Natürlichkeit, das Rührende und den hohen Reiz der
+Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr
+Erfinder machte! Wie das Unkraut üppig sich ausbreitet, so ging es auch mit
+dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde zur
+Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natürlicher, als daß Clauren eine
+Fabrik dieses köstlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier
+Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili
+fanden? Bei jener Klasse von Menschen, für welche er schreibt, liegt
+gewöhnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht
+grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht
+haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Fäden spinnen, keine
+zarteren Nüancen der Farben geben, sein Stoff ist gewöhnlich so
+unkünstlerisch und grob als möglich angelegt; ein fadengerades
+Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als möglich ausgedehnt; von
+tieferer Charakterzeichnung ist natürlich keine Rede; Kommerzienräte,
+Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjünglinge _comme il faut, etc_. Die Dame
+des Stückes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpüppchen, die
+nach Verhältnissen kostümiert wird, heiße sie nun Mimili oder Vally,
+Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe
+sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem
+geringen Maßstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_.
+
+Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Rücksicht genommen auf das
+Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige Kupfer mit
+schönen "_Engelsköpfchen_", angetan nach der "_allernagelfunkelneuesten_"
+Mode. Diese werden natürlich in der Fabrik immer zuvor entworfen, gemalt
+und gestochen und nachher der resp. Namen unten hingeschrieben.
+Sündigerweise benützt der gute Mann auch die Porträts schöner fürstlicher
+Damen, die er als Quasi-Aushängeschild vor den Titel pappt. So hat es uns
+in der Seele wehe getan, daß die Großfürstin Helena von Rußland, eine durch
+hohe Geistesgaben, natürliche Anmut und Körperschönheit ausgezeichnete
+Dame, bei dem Tornister-Lieschen (im Vergißmeinnicht 1826) gleichsam zu
+Gevatter stehen mußte.
+
+Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die
+er trotz den ersten Modehändlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es
+Virgil übel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer
+lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die
+glänzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Männer, die
+von Männern, es sind edle Sänger, die von Helden singen. Überwiegt aber
+nicht der Ekel noch das Lächerliche, wenn man einen preußischen Geheimen
+Hofrat hört, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den Zehenspitzen
+beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem hohlen
+Schädel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque von Seide
+sitzt, ob die Federn, die solche schmücken, Marabout- oder Straußfedern
+oder gar Paradiesvögel sind; und dann die niedlichen "Sächelchen" von
+Ohrgeschmeide, Halsbändern, Bracelets _et cetera_, daß "einem das Herz
+puppert," und dann die Brüsseler Kanten um die wogende Schwanenbrust und
+das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Strümpfe und die seidenen
+Pariser Ballschuhe oder ein Negligé, wie aus dem leichtesten Schnee
+gewoben, und dieses Überröckchen und jenes Mäntelchen und dieses
+Spitzenhäubchen, aus dem sich die goldenen Ringellöckchen hervorstehlen. _O
+sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner Sprache zu bedienen,
+ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und wollet euch nicht halb
+zu Tode lachen über den köstlichen Spaß, daß ein preußischer Geheimer
+Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch vorrechnet, was man im
+Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider, ihr lachet nicht! ihr
+leset den allerliebsten Modebericht mit großer Andacht, ihr sprechet: das
+ist doch einmal eine Lektüre von Geschmack; nichts Überirdisches,
+Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde hat er uns
+beschrieben, der deliziöse Mann, der Clauren!
+
+Ein drittes Ingredienz für Mädchen sind die magnifiken Bälle, die er
+alljährlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, daß das Herzchen "im
+Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schön! Vornehme Damen, die bei
+Präsidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe
+Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonäse bis
+zum Kotillon. Arme Landfräulein, die nur in das nächste Städtchen auf den
+Kasinoball kommen können, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie trägt
+sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel hängt ihnen voll
+Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich selbst
+darin zeigen zu können, Kammermädchen, die ihre Dame zu dem Ball
+"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand,
+treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Füßen den Takt eines
+Schnellwalzers und träumen sich in die glänzenden Reihen eines
+Fastnachtballes! Treffliches Surrogat für tanzlustige Seelen, köstliche
+Stallfütterung für Schafe, die nicht auf der Weide hüpfen können!
+
+Als ein viertes treffliches Hauptingredienz für liebevolle weibliche Seelen
+ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen, das
+Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht
+sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an
+Clauren nicht rügen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der
+Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die
+Vergißmeinnichtmänner herrliche Rabenlocken, einen etwas schwindsüchtigen
+Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht, unter fünf Fuß sechs
+Zoll darf keiner messen; kräftige, männliche Formen, sprechende Augen, die
+Hände und Füße aber wie andere Menschen. Sie sind gerade so eingerichtet,
+daß man sich ohne weiteres auf den ersten Augenblick in sie verlieben muß.
+Dabei sind sie meistens arm, aber edel, stolz, großmütig und heiraten
+gewöhnlich im fünften Akt. Auf welche edle weibliche Seele sollte ein
+solcher Held neuerer Zeit nicht den wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie
+von ihm liest? Sie schnitzelt das Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers
+oder Apothekergehilfen, das sie im Herzen trägt, so lange zurecht, bis er
+ungefähr gerade so aussieht wie der Allerschönste im allerneuesten
+Jahrgange des allerliebsten Vergißmeinnicht.
+
+Fünftens: von schimmernden Lüsters, von deckenhohen Trumeaus, von
+herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und
+dergleichen wäre hier noch viel zu reden, wenn es die Mühe lohnte.
+
+Gehen wir, andächtige Versammlung, über zu den Ingredienzien und Zutaten
+für _Männer_, so können wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten,
+die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln.
+
+Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Mädchen
+beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier
+dasselbe, was von den Männern gesagt wurde; eine tiefe, edle, jungfräuliche
+Seele weiß kein Clauren zu schildern, und wenn er es wüßte, so hat er ganz
+recht, daß er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder ein Wesen, das etwa ein
+Titan oder Horion lieben könnte, unter seiner Affenfamilie mittanzen läßt.
+Was das Äußere betrifft, so macht er es wie jener griechische Künstler, der
+aus sieben schönen Mädchen sich eine Venus bilden wollte. Aber er vergißt
+den hohen Sinn, der in der Sage von dem Künstler liegt. Sechs zogen vorüber
+und zeigten dem entzückten Auge stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend.
+Die siebente, als die Gewänder fallen sollten, errötete und verhüllte sich,
+und der Künstler ließ jene sechs vorübergehen und bildete nach diesem
+Vorbild jungfräulicher Hoheit seine Göttin. Nicht also Clauren; die sechs
+hat er wohl aufgenommen, der siebenten, als sie verschämt, verhüllt,
+errötend nahte, hat er die Türe verschlossen.
+
+Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der große
+Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten
+Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie?
+Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich
+mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und erröte,
+erröte darüber, daß ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die
+sittenlose Frechheit hat, alljährlich ein ausführliches Verzeichnis von den
+Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand!
+
+Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast
+der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine
+reiche, glühende Phantasie hätte ihm nicht noch lockendere Bilder,
+reizendere Wendungen einhauchen können als einem Clauren? Doch er dachte an
+sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, für die er seine Gesänge
+dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und
+siehe, die reichen Locken fallen herab und strömen um die Nymphen und
+rollen in das Wasser, und der See verhüllt ihre Glieder. Aber, _si parva
+licet componere magnis_, was soll man zu jener skandalösen Geschichte
+sagen, die H. Clauren in einem früheren Jahrgang des Freimütigen, eines
+Blattes, das in so manchem häuslichen Zirkel einheimisch ist, erzählt?
+
+Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schändlichkeiten aufdecken,
+die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame kömmt eines Tages
+auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, daß sie zwar seit
+vierzehn _Tagen_ verheiratet, und glücklich _verheiratet_, aber durch einen
+kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr Mann
+nicht ahnen dürfe. H. Clauren erzählt uns, daß er der engelschönen Dame
+gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der Krankheit
+_et cetera_ zeige. Die Dame entschließt sich zu der Prozedur. Ich dächte,
+das Bisherige ist so ziemlich der höchste Grad der Schändlichkeit, zum
+mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in einem
+belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame, _glücklich_
+verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glückliches Weib und Ehebrecherin!
+Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu der Prozedur
+selbst ein; er rückt den Sessel ans Fenster, er setzt die Dame in Positur,
+er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwärts seine Beobachtungen!!!
+
+Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen,
+wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu rügen.
+Warum in einem öffentlichen Blatte etwas _erzählen_, was man in guter
+Gesellschaft nicht _erwähnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte,
+verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug für
+ein Publikum, das sich Schändlichkeiten dieser Art ungestraft erzählen
+läßt!
+
+In die eben erwähnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz für Männer
+gehören auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden. Bald
+wird uns ausführlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu Bette
+gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens Angst,
+zu _zwei_ schlafen zu müssen, bald hört man Vally im Bade plätschern und
+möchte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man ein
+Kammermädchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der glühenden, durch
+alle Nerven zitternden Küsse, der Blicke beim Tanze abwärts auf die
+Wellenlinien der Tänzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte für
+Leute, die nichts Höheres kennen als Sinnlichkeit, köstlich kandierte Zoten
+für einen verwöhnten Gaumen, treffliches Hausmittel für junge Wüstlinge und
+alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft zu Rande sind,
+um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen!
+
+Ein _zweites_ Reizmittel für Männer sind jene Zutaten, die den Gaumen
+kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des brüsselnden Schaumweins!
+Ha, wie der Kork knallend an die Decke fährt! Eingeschenkt, laßt ihn nicht
+verrauchen! Jetzt für jeden zwei, drei Dutzend Austern draufgesetzt!" Ist
+diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer erinnert, der immer
+so redlich angibt, was seine Helden verspeisten; freilich gab er ihnen nur
+gewöhnliches "Schweinefleisch", und die Weinsorten rühmt er auch nicht
+besonders; aber ein Clauren ist denn doch auch etwas anderes als Homer; wer
+wollte es übel nehmen, wenn er die Korke fliegen läßt und Austern schmaust,
+fünfhundert Stück zum ersten Anfang?
+
+Ich kannte einen jener bedauernswürdigen Menschen, die man in glänzendem
+Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr
+haltet sie für das glücklichste Geschlecht der Menschen, diese
+Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr täuschet
+euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Münze, um eine einfache
+Mittagskost zu bezahlen, und was er an großem Gelde bei sich trägt, kann
+man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines Tages: "Freund,
+wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der Tafelzeit mit
+zufriedener Miene die Straße herabkommen, mit der Zunge schnalzend oder in
+den Zähnen stochernd; bei welchem berühmten Restaurant speiset Ihr?"
+
+"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort.
+
+"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen
+Straßenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu haben."
+
+"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger,
+sondern der Berliner, H. Clauren--"
+
+"Wie, und dieser schickt Euch kalte Küche bis hieher?"
+
+"Kalte und warme Küche nebst etzlichem Getränke. Doch ich will Euch das
+Rätsel lösen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt jährlich
+gerade das Schneiderkonto und die Rechnung für Zuckerwasser im Kaffeehause
+weg; nun bin ich aber gewöhnt, gute Tafel zu halten; was fange ich in
+diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir alle Jahre
+von ersparten Groschen das herrliche Vergißmeinnicht von H. Clauren, und
+ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller, Fischmarkt,
+Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr müßt wissen, daß in solchem
+Büchlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich sie nenne,
+Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stück Brot, zu welchem
+an Festtagen Butter kömmt, nebst einem Glase Wasser oder dünnem Biere an
+den Tisch, speise vornehm und langsam, und während ich kaue, lese ich im
+'Vergißmeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine Tafelseiten werden mir
+nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist nicht mehr mit
+schlechtem Brot besetzt, meine Zähne malmen nicht mehr dieses magere
+Gebäck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht, was gute Küche
+ist. Was da an Fasanen, Gänseleberpasteten, Trüffeln, an seltenen Fischen,
+an--"
+
+"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie läßt Euch satt werden? Aber
+könntet Ihr hiezu nicht das nächste beste Kochbuch nehmen? Ihr hättet zum
+mindesten mehr Abwechslung."
+
+"Ei, da ist noch ein großer Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht
+recht; in den Kochbüchern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird;
+aber ganz anders im Vergißmeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt.
+Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede
+Schüssel vor und erzählt: so schmeckte es; und wie natürlich ist es, wenn
+er oft beschreibt, wie diesem die Sauce über den Bart herabgeträufelt sei,
+oder wie jener vor Vergnügen über die Trüffelpastete die Augen geschlossen!
+Überdies hat man dabei den herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand,
+und wenn ich das Glas mit Dünnbier zum Munde führe, schiebt er mir immer im
+Geiste Trimadera, Bordeaux oder Champagner unter."
+
+So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein großes Claurensches
+Traktement der Verdauung wegen zu promenieren.
+
+Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet
+aus alten Knochen kräftige Suppen für Arme und Kranke; ist aber hier nicht
+mehr als Rumford und andere? Speist und tränkt er nicht durch eine einzige
+Auflage des "Vergißmeinnicht" fünftausend Mann? Wenn nur die Phantasie des
+gemeinen Mannes etwas höher ginge, wie wohlfeil könnte man Spitäler, ja
+sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der respektive Leutnant
+nähme das "Vergißmeinnicht" zur Hand, ließe seine Kompanie Hungernder
+antreten, ließe sie trockenes Kommisbrot speisen und würde ihnen einige
+Tafelseiten aus Clauren vorlesen.
+
+Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie
+verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, daß solche
+Niederträchtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _à la carte_,
+wenn sie ungerügt jede Messe wiederkehren dürfen, wenn man den gebildeten
+Pöbel in seinem Wahn läßt, als wäre dies das Manna, so in der Wüste vom
+Himmel fällt, die Würde unserer Literatur vor uns selbst und dem Auslande,
+vor Mit- und Nachwelt schänden!
+
+Doch ich komme, meine verehrten Zuhörer, noch auf einen andern Punkt, den
+man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen könnte;
+das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und
+Schweizern vor, daß sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber wahrhaftig,
+es gereicht H. Clauren zu noch größerem Vorwurf, daß er so gemein schreibt,
+wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken scheint. Man hat in
+neuerer Zeit manches verschrobene und verschränkte Deutsch lesen müssen;
+waren es Wendungen aus dem fünfzehnten Jahrhundert, waren es Sätze aus
+einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer reichen, herrlichen
+Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreißend waren auch die Kompositionen,
+die Voß nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann Männer dieser Art
+höchstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern, anklagen niemals;
+denn es lag dennoch ein schöner Zweck ihrem wunderlichen Handhaben der
+Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen Gemeinheit
+sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte einkleidet!
+König Salomo, wenn er noch lebte, würde diesen Menschen mit einem
+Freudenmädchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan mit
+köstlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem Haupte. Du
+redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine wohlerzogene Frau
+aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem Gelächter, sie
+gesteht, sie müsse lachen, daß "_sie der Bock stößt_"; sie spricht in
+Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen Montagstänzen hören
+konnte; sie enthüllt sich, ohne zu erröten, vor deinen Augen und spricht
+Zoten und Zötchen dazu. Wehe deinem Geschmack, wehe dir selbst und deinem
+sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, daß die, welche du für eine
+anständige Frau gehalten, eine feile Dirne ist, bestimmt zum niedrigsten
+Vergnügen einer verworfenen Klasse!
+
+Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsünden hieher setzen, da ja das
+Buch, über welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges
+Verzeichnis, ein vollständiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und
+Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen
+anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben
+weiß, der schon auf einer Art von Fäulnis und Moder beruht, desto mehr sagt
+sie dem verwöhnten Gaumen seines Publikums zu.
+
+Noch ist endlich ein Zutätchen und Ingredienzchen anzuführen, das er aber
+selten anwendet, vielleicht weil er weiß, wie lächerlich er sich dabei
+ausnimmt; ich meine jene rührenden, erbaulichen Redensarten, die als auf
+ein frommes Gemüt, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen
+sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame
+Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge
+H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der
+braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Sünden mit Zerknirschung ein und
+werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen,
+Vielliebchen und dergleichen überzeugten uns freilich eines andern, und wir
+sahen, daß er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der
+Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet
+zur Sünde wird, so geht es auch hier; er schändet die Religion nicht
+weniger, als er sonst die Sittlichkeit schändet, und diese heiligen,
+rührenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlüberlegter Kunstgriff,
+durch Rührung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Straßen von
+London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den
+unglücklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen.
+
+Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte
+erzählen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt
+in die gute Gesellschaft zu verschaffen wußte. Dieser Mensch betrug sich
+von Anfang etwas linkisch, doch so, daß man manche seiner Manieren
+übersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewöhnlich zu den Frauen
+und Mädchen, weil ihm das Gespräch der Männer zu ernst war, und jene
+lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und
+nach aber fand es sich, daß dieser Mensch seiner gemeineren Natur in dieser
+Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er schwatzte
+den Ohren unschuldiger Mädchen Dinge vor, worüber selbst die älteren hätten
+erröten müssen. Wie es aber zu gehen pflegt: das Lüsterne reizt bei weitem
+mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit niedergeschlagenen Augen, aber
+offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und selbst manche Zote, die für
+eine Bierschenke derb genug gewesen wäre, bewahrten sie in feinem Herzen.
+Der fremde Mann würde der Liebling dieses Zirkels. Es fiel aber den Männern
+nach und nach auf, daß ihre Frauen über manche Verhältnisse freier dachten
+als zuvor, daß selbst ihre Mädchen über Dinge sprachen, die sonst einem
+unbescholtenen Kinde von fünfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein müssen.
+Sie staunten, sie forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und
+siehe, die Frauen gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswürdige,
+angenehme Herr, der uns dieses gesagt hat." Viele der Männer versuchten es
+mit Ernst und Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schüttelte
+die Pfeile ab und plauderte fort. Die Männer wußten nicht, was sie tun
+sollten; denn es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst
+einen verworfenen Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer
+einen andern Weg. Er setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen
+auf die Rede des Mannes und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst
+seine Stimme. Und eines Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte
+sich an seine Seite, ließ ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzählte den
+Frauen nach derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu
+tun pflegte. Da fanden die Vernünftigeren wenigstens, wie lächerlich und
+unsittlich dies alles sei. Sie schämten sich, und als jener Mensch dennoch
+in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber
+stand beinahe allein und zog beschämt von dannen.
+
+"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl
+ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen!
+
+Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzählt ist, dasselbe
+wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er
+wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und
+des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte lächerlich machen.
+
+Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der
+Gegenstand der folgenden Fragen.
+
+
+
+
+II.
+
+Haben wir bisher nachgewiesen und darüber gesprochen, welchen Zweck der
+"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen
+er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu,
+andächtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte.
+
+Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann
+angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine böse Gewohnheit oder
+unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen. Das
+erste und natürlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit Ernst,
+mit Gründen anzugreifen, seine Anhänger von ihrem Irrtum zu überführen,
+seine Blöße offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat man auch mit dem
+Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen. Ihr alle, meine
+Zuhörer, kennet hinlänglich jene öffentlichen Gerichte der Literatur, wo
+die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhüllt und ohne Namen zu
+Gericht sitzen, aber unverhüllt und unumwunden Recht sprechen; ich meine
+die Journale, die sich mit der Literatur beschäftigen. Wie es in aller Welt
+bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige freilich an
+Obskurantismus laborierende Blätter, welche jedes Jahr eine Fanfare bliesen
+zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem Vater wie dem
+Kindlein wurde gebührendes Lob gespendet und das Publikum eingeladen,
+einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der deutschen
+Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige Winkelblätter,
+die nur mit Modeartikeln zu tun haben.
+
+Bessere Blätter, bessere Männer als jene, die um Geld lobten, scheuten sich
+nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen
+Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie
+steigerten ihre Stimme, sie erhöhten ihren Tadel, je mehr die Lust an jenen
+Produkten unter euch überhand nahm; sie bewiesen mit triftigen Gründen, wie
+schändlich eine solche Lektüre, wie entwürdigend ein solcher Geschmack sei,
+wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch herrliches Wort wurde da
+über die Würde der Literatur, über wahren Adel der Poesie und über euch
+gesprochen, die ihr nicht errötet, ihm zu huldigen, die ihr so verstockt
+seid, das Häßliche _schön_, das Unsaubere _rein_, das Kleinliche _erhaben_,
+das Lächerliche _rührend_ zu finden. Woran lag es aber, daß jene Worte wie
+in den Wind gesprochen scheinen, daß, so oft sich auch Männer von wahrem
+Wert _dagegen_ erklärten, die Menge immer mehr Partei _dafür_ nahm? Man
+müßte glauben, der Herr habe ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch
+ein anderer Grund fände.
+
+Jene Institute für Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so
+gründlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur
+Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und
+wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gründen,--sie sind leider nur für
+wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Bürger von wahrer
+Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich über das Gebiet der
+Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren für _diese_ schreibt? Ob seine
+Manier _diesen_ schädlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn
+lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von
+selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter
+hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn wären, die sich aus jenen
+Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig
+andern?
+
+So kam es, daß Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt,
+gescholten, verhöhnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schüttelte den
+Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Straße. Wußte
+er doch, daß ihm ein großes, ansehnliches Publikum geblieben, zu dessen
+Ohren jene Stimmen nie drangen; wußte er doch, daß, wenn ihn der ernste
+Vater mit Verachtung vor die Türe geworfen wie einen räudigen Hund, der
+seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Töchterlein oder die Hausfrau
+eine Hintertüre willig öffnen werde, um auf die Honigworte des angenehmen
+Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu verbinden weiß, und
+ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Sträußchen Vergißmeinnicht
+abzukaufen.
+
+Man könnte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewöhnliche
+Erscheinung der Literatur handelte, die in Blättern öffentlich getadelt
+wird, weil sie von den gewöhnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder
+nach Form und Inhalt den ästhetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann
+höchstens die Zeit, die man der Lektüre einer Gespenstergeschichte oder
+eines ehrlichen Ritterromans widmete, übel angewendet scheinen, oder der
+Geschmack kann darunter leiden. Solange für die jugendliche Phantasie, für
+Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, mögen immer die Richter der Literatur
+den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine Publikum
+wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen werden kann,
+daß eine Art von Lektüre die größtmögliche Verbreitung gewinnt, wenn sie
+diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Lüsternheit, die das Auge reizt
+und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines Wesen, so ist sie ein
+Gift, das um so gefährlicher wirkt, als es nicht schnell und offen zu
+wirken pflegt, sondern allmählich die Phantasie erhitzt, die Kraft der
+Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schöne und Edle, Reine und
+Erhabene schwächt und ein Verderben bereitet, das bedauerungswürdiger ist
+als eine körperliche Seuche, welche die Blüte der Länder wegrafft.
+
+Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz
+dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthüllt, und wer unter euch
+kann leugnen, daß er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der trete auf
+und beschuldige mich einer Lüge! Männer meines Volkes, die ihr den wahren
+Wert einer schönen, kräftigen Nation nicht verkennt, Männer, die ihr die
+Phantasie eurer Jünglinge mit erhabenen Bildern schmücken wollt, Männer,
+die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau für ein hohes Gut erachtet, ihr,
+ich weiß es, fühlet mit mir. Aber ihr müßt auch gefühlt, gesehen haben, daß
+jene öffentlichen Stimmen, die den Marktschreier rügten, der den
+Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in eure Häuser gedrungen sind. Ich
+habe gefühlt wie ihr, und der Ausspruch jenes alten Arztes fiel mir bei:
+_"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich dachte nach über Ursache und
+Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete genau die Symptome, die sie
+hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel, worauf ich Hoffnung setzte. Aus
+denselben Stoffen, sprach ich zu mir, mußt du einen Teig kneten, mußt ihn
+würzen mit derselben Würze, nur reichlicher überall, nur noch pikanter; an
+diesem Backwerk sollen sie mir kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht
+widersteht, wenn es ihnen auch dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_
+"Trüffelpaste", an _diesem_ "Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind
+sie nicht mehr zu kurieren, oder--es war nichts an ihnen verloren.
+
+Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Mühe, die reiche Bibliothek von
+"Scherz und Ernst", die üppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergißmeinnicht" nach
+allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs mein
+Grimm über diese nichtige Erbärmlichkeit. Es war eine schreckliche Arbeit;
+alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen, alle
+seine Schnörkel und Arabesken, jene Kostüms, worein er seine Püppchen
+hüllt, alle Nüancen der Sinnlichkeit und Lüsternheit, jenen feinen,
+durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als _verhüllt_,
+alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende Abbrechen, jenes
+Hindeuten auf Gegenstände, die man verschweigen will, dies alles und so
+vieles andere mußte ich suchen, mir zu eigen zu machen. Ich mußte einkehren
+auf seinen Bällen, bei seinen Schmäusen, ich mußte einkehren in seiner
+Garküche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden Braten, den
+schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine mußt' ich kosten,
+mußte den Kork zur Decke springen lassen, mußte die "_brüsselnden Bläschen
+im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen--und dann erst konnte ich
+sagen, ich habe den Clauren studiert.
+
+Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie
+gewöhnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei
+Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten
+Gesetzen 1. ein junger, schmächtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann,
+unglücklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stücks, ein tanzendes,
+plauderndes, naives, schönes, lüsternes, mitleidiges "Dingelchen", dem das
+Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem
+Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfaß
+entlehnt, eines Küfers würdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn
+beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches
+"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler
+Vater, der zum wenigsten Präsident sein muß; 5. ein paar Furien von
+Weibern, die das böse, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige
+Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit;
+7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et
+cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stück zu Faden geschlagen,
+und jetzt mußte gewoben werden. Hier mußte nun hauptsächlich Rücksicht
+darauf genommen werden, daß man sein Dessein immer im Auge behielt, daß man
+immer daran dachte, wie würde er, der große Meister, dies weben? Das Gewebe
+mußte locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr herausgehoben
+und schattiert. Es wäre z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida eine ganz
+honette, würdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat Berner hätte mit
+wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden können; man hätte aus der ganzen
+Novelle ein mehr gerundetes, würdiges Ganze machen können! Aber dann--war
+der Zweck verfehlt. So flach als möglich mußten die verschiedenen
+Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren Bewegungen, übertrieben
+in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften, sinnlich, _sinnlich_ in
+der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert, und dennoch hat es mich
+oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder das andere der gesammelten
+"Zutätchen" einstreuen, wenn ich von keuschem Marmorbusen, stolzer
+Schwanenbrust, jungfräulichen Schneehügeln, Alabasterformen _et cetera_
+sprechen mußte, wenn ich nach seinem Vorgange von schönen von süßen "Kü--"
+(was nicht _Küche_ bedeutet), von wollüstigen Träumen schreiben sollte,
+wenn die Liebesglut zur Sprache kam, die dem "jungfräulichen Kind" wie
+glühendes Eisen durch alle Adern rinnt, daß sie alle andern Tücher wegwirft
+und die leichte Bettdecke herabschieben muß! Ich habe gelacht, wenn ich
+nach Anleitung seines _Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren
+"kohlrabenschwarz" oder "Flachsperücke" setzen mußte, wenn man statt der
+Augen "Feuerräder" oder "Liebessterne" hat, "Korallenlippen",
+"Perlenschnüre" statt der Zähne, Schwanenhälse samt _dito_ Brust, Knie, die
+man zusammen "kneipt", weil man vor Lachen "bersten" möchte; Wäd--und
+Füßchen zum Kü--und dergleichen lächerlich gemeine Worte. Nachdem gehörig
+_getollt, gejodelt, getanzt, geweint, abgehärmt_ war, nachdem, wie
+natürlich, das Laster besiegt und die Tugend in einem herrlichen
+Schleppkleide, mit Brüsseler Kanten, Blumen im Haare, auf die Bühne geführt
+war, wurden als Morgengabe mehrere Millionen Taler, einige Schlösser,
+Parks, Gründe _et cetera_ aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun
+ein "erschreckliches Hallo, daß man nicht wußte, wo einem der Kopf stand";
+es wurde trefflich gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe
+bis in die Brautkammer befördert.
+
+Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch
+zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen,
+durch Übersättigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire
+sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andächtigen
+Zuhörern lächerlich zu machen. Mit Vergnügen haben wir da und dort bemerkt,
+daß der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder vernünftige,
+unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es gedankt, es
+gab noch Männer, es gab noch edle Frauen, die diese öffentliche Rüge der
+Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden.
+
+Öffentliche Blätter, deren ernster, würdiger Charakter seit einer Reihe von
+Jahren sich gleich blieb, haben sich darüber ausgesprochen, haben gefunden,
+daß es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche, verderbliche
+Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner, ehrwürdige Versammlung,
+daß ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne Ansprüche auf Sitz und
+Stimme in der Literatur, es wagte, den Hochberühmten anzugreifen. Steht
+doch jedem Leser das Recht zu, seine Meinung über das Gelesene, auf welche
+Art es sei, öffentlich zu machen; steht doch jedem Mann in der bürgerlichen
+Gesellschaft das Recht zu, über Erscheinungen, die auf die Bildung seiner
+Zeitgenossen von einigem Einfluß sind, zu sprechen.
+
+Ich bin weit entfernt, mich mit dem großen jüdischen König und Harfenisten
+_David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais, obgleich er
+jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein steinernes
+_Vergißmeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in _Scherz_ und
+_Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor sich hertragen
+lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen: "Er hat
+Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhänger verstehen
+könnte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des Philisters;
+natürlich, er hat ja, wie Asmus sagt,
+
+ "--Federn auf dem Hut
+ und einen Klunker dran."
+
+Selbst die jüdischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich
+erklärt. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel.
+
+Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging,
+weiter, so stoßen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch,
+dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein
+angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des
+Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde
+"geharnischt bis an die Zähne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen,
+uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen
+zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja für eine gute
+Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklärte er,
+was schon auf den ersten Anblick jeder wußte, dieser "Mann im Mond" sei
+nicht sein Kind; aber statt, wie es einem berühmten Literator, einem
+namhaften Belletristen geziemt hätte, wie es sogar seine Ehre gegenüber von
+seinen Anbetern und Freunden verlangte, öffentlich vor dem Richterstuhl
+literarischer Kritik, nach ästhetischen Gesetzen sich zu verteidigen,
+begnügte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen" auf die
+Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _bürgerlichen Gerichten zu
+klagen, man habe seinen Namen gemißbraucht. Hatte man denn die paar
+Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose
+Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man
+anfocht? Konnten Schöppen und Beisitzer eines bürgerlichen Gerichts ihn
+rein machen von den literarischen Sünden, die er begangen? Konnten sie mit
+der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn
+reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie
+ihm ihr bürgerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation
+verschaffen, die er längst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten
+sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er
+geschrieben, weniger schlüpfrig machen?
+
+Wenn aber, andächtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich
+vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklärt, daß man Claurens
+Namen nicht führen dürfe, daß es unrechtmäßigerweise geschehen sei,
+daß man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten,
+H. C. l. a. u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes
+Werk gesetzt habe. In einer andern Reihenfolge wäre es also durchaus nicht
+unrecht gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen
+acht Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime
+Hofrat Carl Heun bezeugt eine außerordentliche Freude über diesen Spruch
+und glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie
+täuscht sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond",
+gegen seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur
+Sache; der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom
+Eßlinger Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die
+Tendenz, die Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften
+sittlich oder unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das
+nach kritischen Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Ästhetik,
+in welches Gebiet doch die Schriften eines Clauren gehören? Der _Name_,
+nicht die _Sache_ konnte nach bürgerlichen Gesetzen unrecht sein; aber
+versuche er einmal, nachdem er mit Glück seinen _Namen_ verfochten,
+auch seine _Sache_, den Geist und die Sprache seiner Schriften zu
+verteidigen!--Bedenke:
+
+ "Auch das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter entzückte;
+ Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab."
+
+Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergißmeinnicht
+_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der
+_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem
+Einfluß war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er für die Würde seiner
+Nation, für den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach Werken, nicht
+nach Worten richten.
+
+Bei den alten Ägyptern war es Sitte, wenn man die Könige der Erde
+wiedergab, Gericht zu halten über ihre Taten. Man hat in unseren Tagen
+diese schöne Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Königen
+der Phantasie, hinübergegangen war. Über Jean Paul vernahmen wir das schöne
+merkwürdige Wort. "Gute Bücher sind gute Taten!" Wird man von Clauren
+dasselbe sagen?
+
+Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den
+"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob
+und wie es geschehen werde.
+
+Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhörer! Habt ihr bis
+hierher mir aufmerksam zugehört, so danke ich euch herzlich; denn ihr
+wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen würde es mich übrigens, wenn
+ihr mich dennoch nicht verständet, nicht recht verständet. Es möchte
+vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und denken: der
+Tor predigt in der Wüste; sollen wir denn jeglichem heiteren Geistesgenuß
+entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, daß unsere Taschenlektüre
+Klopstocks Messias werden soll?
+
+Mitnichten! und es wäre Torheit, es zu verlangen; als der Schöpfer dem
+Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfänglichkeit für Freude in die
+Seele goß, da wollte er nicht, daß seine Menschen trauernd und stumm über
+seine schöne Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten große Geister gegeben,
+die es nicht für zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen die Natur
+verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie den
+tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade deswegen
+suchten sie von diesem Ernste--trüben Sinn und jene Traurigkeit zu
+verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert.
+Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Große mit dem
+heiteren Gewand der Laune zu verbinden, möchte auf den ersten Anblick
+schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit
+Jahrhunderten so glänzende Resultate gegeben, daß wir glauben dürfen, wenn
+nur der Geschmack der Menge besser wäre, der Geister, die sie würdig und
+angenehm zu unterhalten wüßten, würden immer mehrere auftauchen. Welchen
+Mann, der nicht allen Sinn für Scherz und muntere Laune hinter sich
+geworfen hat, welchen Mann ergötzt nicht die Schilderung eines sonderbaren,
+verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren Szenen, wo
+nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns gezeichnet?
+Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelächelt hätte, müßten nicht Jean Pauls
+Prügelszenen ein Lächeln abgewinnen? Auf der Stufenleiter seines Humors
+steigt er herab bis in das unterste, gemeinste Leben; aber sehet ihr ihn
+jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite ist? Walter Scott, der
+Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die Wurzel des
+"Vergißmeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den gemeinsten
+Schenken des Landes, in den schmutzigsten Höhlen von Alsatia umher; aber
+sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiß er nicht, wie jene
+niederländischen Künstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch
+selbst unreinlich und schlüpfrig zu sein? Könnet ihr nicht seine
+Schilderungen, selbst an das Gefährliche streifende Situationen, jedem
+Mädchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erröten zu machen?
+
+Solche Männer kommen mir vor wie anständige Leute, die durch eine
+schmutzige Straße in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf,
+sie wissen mit sicherem Fuße die breiten Steine herauszufinden und treten
+reinlich in den Hausflur, während Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder
+Schweinen gleich, durch dick und dünn laufen und, nicht zufrieden, sich
+selbst beschmutzt zu haben, die Vorübergehenden besudeln und mit Kot
+bespritzen.
+
+Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in
+unserer Literatur, gibt es der Männer viele, die mit Wahrheit und Würde
+jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trüben Stunden freundlich zu
+Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, daß uns ein Goethe, ein Jean
+Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzählungen gaben, die sich mit jeder
+Dichtung des Auslandes messen können? Hat euch der Vergißmeinnicht-Mann so
+gänzlich gefesselt, daß ihr die schönen Blüten zahlreicher anderer Erzähler
+nicht einmal vom Hörensagen kennt? Freilich, diese Männer verschmähten es,
+ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem Wasser einer
+Pfütze zu mischen; sie fühlten, daß der Entwurf ihrer Gemälde anziehend und
+interessant, daß die Stellung der Gruppen nach natürlichen Gesetzen zu
+ordnen sei, daß selbst das Neue, Überraschende angenehm für das Auge sein
+müsse. Zeichnung der Landschaft, nicht der Spiegel und Sofas, Schilderung
+der Charaktere, nicht der Hüte und Gewänder, der Geist einer Jungfrau,
+nicht der üppige Bau ihrer Glieder war ihnen die Hauptsache. Und darum
+können wir auch ihre Bilder, wie jedes gute Buch, alle Jahre mit erneuertem
+Vergnügen lesen, während uns der _Berühmte_ schon nach der ersten
+Viertelstunde anekelt.
+
+Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere
+Literatur hochzuschätzen. Die Engländer fanden einen Ernst, eine Tiefe, die
+ihnen bewunderungswürdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine
+Natürlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemälden, die sie selbst bei
+ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Götz und so manche herrliche
+Dichtung Goethes sind ins Englische übertragen worden, seine Memoiren
+entzücken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung
+über dem Kanal, und Talma rüstet sich, Schillers tragische Helden seiner
+Nation vor das Auge zu führen. Wir Deutschen handelten bisher von jenen
+Ländern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausführen zu können. Mit Stolz
+dürfen wir sagen, daß die Zeit dieses einseitigen Handels vorüber ist.
+
+Aber müssen wir nicht erröten, wenn es endlich einem ihrer Übersetzer,
+aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfällt, ein
+"Vergißmeinnichtchen" über ein Bändchen von "Scherz und Ernst" zu
+übertragen? Mit Recht könnt' er in einer pompösen Anzeige sagen: "Das ist
+jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ müßt ihr
+lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen
+Lächerlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur erträglich zu
+finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden
+Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein
+Mädchen mit eigentümlichen Kunstausdrücken anatomisch beschrieben fanden?
+Oder, wenn der Übersetzer in unserem Namen errötet, wenn er alle jene
+obszönen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnörkel streicht und nur die
+interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet, was
+wird dann übrig sein?
+
+Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringellöckchen ab,
+preßt ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reißt ihr die
+Perlenzähne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget
+Schals, Hüte, Federn, Unter- und Oberröckchen, Korsettchen _et cetera_ in
+den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen,
+und es bleibt euch nichts als ein hölzerner Kadaver, das Knochengerippe von
+Freund Heun!
+
+Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schämet, wenn ihr über das
+deutsche Publikum nicht erröten könnet, so errötet vor euch selbst! Schämet
+euch, ihr Männer, wenn ihr eure Langweile nicht anders töten könnet als mit
+Hilfe dieses Clauren! Schämet euch, ihr Frauen, wenn ihr Gefallen finden
+könnet an dieser niedrigsten Darstellung eures Geschlechtes! Schämet euch,
+ihr Jünglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem Handbuche der Sinnlichkeit
+wiederfinden wollet! Errötet, wenn ihr es in seiner Schule nicht verlernt
+habt, errötet vor euch selbst, ihr Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen
+lüsternen Bildern zu schmücken! Es gibt eine moralische Keuschheit, eine
+holde, erhabene Jungfräulichkeit der Seele. Man darf darauf rechnen, daß
+ein Mädchen sie verloren hat, wenn sie Claurens Erzählungen gelesen.
+
+Überlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren
+ist. Man wird es ihnen so wenig übelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den
+Handwerksburschen, wenn sie auf der Straße unzüchtige Lieder singen.
+
+Meine Zuhörer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders
+konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist
+vielleicht so tief gesunken, daß sie nicht mehr an solche Worte glaubt;
+meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man
+in diesem Augenblick einen frischen Strauß "Vergißmeinnicht" empfängt.
+
+Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Röte der Scham
+aufjagten, die wie die Morgenröte der Bote eines schöneren Lichtes ist,
+wenn auch nur zwei, drei Herzen entrüstet sich von ihm abwenden, so habe
+ich für mein Bewußtsein genug getan! Weiß ich doch, daß es in diesen Landen
+noch Männer gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand drücken und
+sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KONTROVERS-PREDIGT UEBER H. CLAUREN
+UND DEN MANN IM MOND GEHALTEN VOR DEM DEUTSCHEN PUBLIKUM IN DER
+HERBSTMESSE 1827***
+
+
+******* This file should be named 13452-8.txt or 13452-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/1/3/4/5/13452
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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@@ -0,0 +1,1478 @@
+The Project Gutenberg eBook, Kontrovers-Predigt ueber H. Clauren und den
+Mann im Mond gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827,
+by Wilhelm Hauff
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Kontrovers-Predigt ueber H. Clauren und den Mann im Mond gehalten
+vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827
+
+Author: Wilhelm Hauff
+
+Release Date: September 13, 2004 [eBook #13452]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-646-US (US-ASCII)
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KONTROVERS-PREDIGT UEBER H.
+CLAUREN UND DEN MANN IM MOND GEHALTEN VOR DEM DEUTSCHEN PUBLIKUM IN DER
+HERBSTMESSE 1827***
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau, Jan Coburn, Charles Franks, and the
+Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
+
+
+
+KONTROVERS-PREDIGT
+
+ueber
+
+H. CLAUREN UND DEN MANN IM MOND
+
+gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827
+
+von
+
+WILHELM HAUFF
+
+
+
+
+Text: Ev. Matth. VIII, 31-32
+
+
+
+Allen Verehrern der CLAURENSCHEN MUSE widmet diese Blaetter
+in bekannter Hochachtung
+
+DER VERFASSER
+
+
+
+EHRWUERDIGE VERSAMMLUNG, ANDAECHTIGE ZUHOERER!
+
+Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte,
+verschmaeheten es nicht, auch haeusliche, buergerliche Angelegenheiten der
+Gemeinde zu Gegenstaenden ihrer Betrachtungen zu machen. Es laesst sich
+zwar mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, dass sie belletristische
+Gegenstaende nicht beruehrt haben, dass sie literarische Streitigkeiten
+nicht, wie man zu sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten
+Wichtigeres zu tun; nichtsdestoweniger aber geschah dies einige
+Jahrhunderte spaeter, und man trifft in den Kirchenvaetern nicht
+undeutliche Spuren, dass sie ueber allerhand literarische Subtilitaeten,
+sogar ueber die Tendenz und den Stil ihrer Gegner auf dem kirchlichen
+Rednerstuhl gesprochen haben.
+
+Beruehmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel zum Beispiel ueber
+das Theater gepredigt oder ueber das Tanzen am Sonntag oder ueber das
+Singen unzuechtiger Lieder, andere wieder ueber das Spielen, namentlich das
+Kartenspielen, und einen habe ich gehoert, der in einer Vesperpredigt das
+Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, dass es ein Heide erfunden.
+
+Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde
+darzutun, welchen Irrtuemern sie sich hingebe, welche boesen Gewohnheiten
+unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer
+solchen Aufdeckung von Irrtuemern und boeslichen Gewohnheiten bis ins
+einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge
+fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt,
+so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit
+einander eine Betrachtung anstellen ueber:
+
+DEN MANN IM MOND
+
+von
+
+H. Clauren;
+
+und zwar betrachten wir:
+
+ I. Wer und was ist dieser Mann im Mond? Oder--was ist sein Zweck auf
+ dieser Welt?
+
+II. Wie hat er diesen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieser
+ Welt?
+
+
+
+I.
+
+_Andaechtige Zuhoerer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor
+einer so grossen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer
+Betrachtung so klar und deutlich als moeglich vor das Auge zu stellen,
+damit jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet
+hat, die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in
+unserer Literatur nie an sogenannten _Volksmaennern_ gefehlt, das heisst an
+solchen, die fuer ein grosses Publikum schrieben, das, je allgemeiner es
+war, desto weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte.
+Solche Volksmaenner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres
+Publikums schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhoerer und
+Leser und sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hueteten,
+jemals sich hoeher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren
+haetten. Diese Leute handelten bei den groessten Geistern der Nation,
+welche dem Volke zu hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie
+nach ihrem Geschmack zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die
+solche mit Jubel und Herzenslust verschlangen. Diese Volksmaenner sind die
+Zwischenhaendler geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von
+Gassenwirtshaeusern und Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den
+grossen Handlungen, wo er ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen
+ihn, weil er dem Volke anders nicht munden will, mit einigem gebrannten
+Wasser und Zucker, faerben ihn mit roten Beeren, dass er lieblich
+anzuschauen ist, und verzapfen ihn ihren Kunden unter irgend einem
+bedeutungsvollen Namen.
+
+Diese Gassenwirte oder Volksmaenner treiben aber eine schaendliche und
+schaedliche Wirtschaft. Sie fuehlen selbst, dass ihr Gebraeu sich nicht
+halten wuerde, dass es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten
+koennte, wenn er nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und
+allerlei dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um
+die Sache anders auszudruecken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse
+Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen
+Sitte ist, kuenstlich verhuellen, um durch den Schleier, den sie darueber
+gezogen haben, das luesterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr
+Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt,
+ohne den Kopf mit ueberfluessigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich
+das Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmuetigen
+Natuerlichkeit, die lebt und leben laesst; sie sind arglose Leute, die ja
+nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trueben Stunden
+erheitern" und ihn auf eine natuerliche, unschuldige Weise ergoetzen. Aber
+gerade dies sind die Woelfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der
+Kutte, und die Krallen kommen fruehe genug ans Tageslicht.
+
+Wem unter euch, meine Andaechtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor
+allem _jener_ beifallen, der alljaehrlich im Gewande eines unschuldigen
+Blumenmaedchens auf die Messe zieht und "Vergissmeinnicht" feilbietet. Ich
+weiss wohl, dass dort drueben auf der Emporkirche, dass da unten in den
+Kirchstuehlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiss wohl, dass
+er bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Naehermaedchen,
+ihr Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so zuechtigen Buergerstoechterlein,
+ich weiss, dass ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas
+Hoeheres von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fraeulein
+mit und ohne Von, ihr gnaedigen Frauen und andere Mesdames! Ich weiss, dass
+er das A und das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und
+Ladendiener, dass ihr ihn bestaendig bei euch fuehrt, und wenn der
+Prinzipal ein wenig beiseite geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure
+magere Phantasie durch einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und
+Austernschmaeuse anzufeuchten; ich weiss, dass er bei euch allen der Mann
+des Tages geworden ist; aber nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben
+deswegen will ich seinen Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN.
+_Anathema sit!_
+
+Vor zwoelf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte,
+Spiess und Cramer, mitunter die koestlichen Schriften ueber Erziehung von
+Lafontaine; wenn ihr von Meissner etwas anderes gelesen als einige
+Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehuetet, es in guter
+Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn
+Schiller fing an, ein grosses Publikum zu bekommen. Gewinn fuer ihn und
+fuer sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode
+gekommen waere; dazu war er aber auch zu gross, zu stark. Ihr wolltet euch
+die Muehe nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte
+euch losreissen aus eurer Spiessbuergerlichkeit, er wollte euch aufruetteln
+aus eurem Hinbrueten mit jener ehernen Stimme, die er mit den
+Silberklaengen seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von
+Menschenwuerde, von jener erhabenen Empfindung, die in der menschlichen
+Brust geweckt werden kann,--gemeine Seelen! Euch langweilten seine
+herrlichsten Tragoedien, er war euch nicht allgemein genug. Was soll ich
+von Goethe reden? Kaum, dass ihr es ueber euch vermoegen konntet, seine
+Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man euch sagte, es finden sich dort
+einige sogenannte pikante Stellen,--ihr konntet ihm keinen Geschmack
+abgewinnen, er war euch zu vornehm.
+
+Da war eines Tages in den Buchladen ausgehaengt: "Mimili, eine
+Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu
+erzaehlen, _so angenehm, so natuerlich, so ruehrend_ und _so reizend_! Und
+in diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzuege und den Gehalt jenes
+Buches ausgesprochen. Man wuerde luegen, wollte man nicht auf den ersten
+Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein laendliches Gemaelde,
+dem die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltoenende, leichte Sprache, die
+Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark
+anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie hoeher zu nehmen
+als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen,
+wie eine Musik angenehm zu hoeren ist, die dem Ohr durch sanfte Toene
+schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie
+darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen
+Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdruecken; sonst wuerde die arme Seele
+unverstaendlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme
+Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in suesse
+Traeume hinueberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen
+Manier, die euch entzueckte!
+
+Das _Zweite_, was euch gefiel, haengt mit diesem ersteren sehr genau
+zusammen: diese Manier war so _natuerlich_. Es ist etwas Schoenes,
+Erhabenes um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist
+auch einmal dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so
+erhaben als die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so
+koestlich und gross wie die von der Tellskapelle ueber den See hin; aber
+nicht wahr, ihr lieben Seelen, der ist euch doch nicht natuerlich genug? Zu
+was auch die Seele anfuellen mit unnuetzen Erinnerungen an die Taten einer
+grossen Vorzeit? Zu was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder
+eine Bertha, oder Maenner wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiss es
+Clauren viel besser, viel natuerlicher zu machen! Statt grossartige
+Charaktere zu malen, fuer welche er freilich in seinem Kasten keine Farben
+finden mag, malt er euch einen Hintergrund von Schneebergen, gruenen
+Waldwiesen mit allerlei Vieh; das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen
+Krieger neuerer Zeit mit schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er
+hat den Freiheitskrieg mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das
+ist der Held des Stueckes. Eine interessante Figur! Naemlich _Figur_ als
+wirklicher Koerper genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und
+_interessant_, nicht wegen des Charakters, sondern weil er etwas bleich
+ist, ein eisernes Kreuz traegt und so ein Ding von einem preussischen
+Husaren war. Neben diesen Helden kommt ein frisches, rundes "Dingelchen" zu
+stehen mit kurzem Roeckchen, schoenen Zwickelstruempfen usw. Kurz, das
+Inventarium ihres Koerpers und ihres Anzuges koennt ihr selbst nachlesen
+oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind, die Mimili, ist nun so
+natuerlich als moeglich; d. h. sie geniert sich nicht, in Gegenwart des
+Kriegers das Busentuch zu lueften und ihn den Schnee und dergleichen sehen
+zu lassen, dass ihm "angst und bange" wird. Einiger Schweizerdialekt ist
+auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens etwas unnatuerlich
+klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist nicht nur nachgeahmt,
+sondern foermlich kopiert und getreulich abgeschrieben. Aber leider ist es
+nur die Natur, so wie man sie mittelst einer _Camera obscura_ abzeichnen
+kann. Der warme Odem Gottes, der Geist, der in der Natur lebt, ist
+weggeblieben, weil man nur das Kostuem der Natur kopierte. Zeichnet die
+naechste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr eine Mimili, und
+freilich alles so natuerlich als moeglich.
+
+Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das
+_Ruehrende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht ruehrend? Es ist
+ein Motiv, das jedem Roman als Wuerze beigegeben wird wie bittere Mandeln
+einem suessen Kuchen, um das Suesse durch die Vorkost des Bitteren desto
+angenehmer und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen
+Zuhoererinnen, und ich habe dies zu oefteren Malen an euch geruegt,
+versetzt euch gar zu gerne in ein solches Liebesverhaeltnis, wenn nicht dem
+Koerper, doch dem Geiste nach. Wenn ihr so dasitzet und naehet oder
+stricket und ueber eure Nachbarn gehoerig geklatscht habt, kommt gar leicht
+in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe an die Reihe, und ihr traeumet und
+traeumet und vergesset die Welt und die Maschen an eurem Strickstrumpf.
+Wenn man nachts durch den Wald geht, so denkt man gerne an arge
+Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade so machet ihr es. Je
+greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von welchem ihr leset, desto
+angenehmer fuehlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr keine Natuerlichkeit,
+da soll es recht arg und tuerkisch zugehen, und wie den spanischen
+Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafe ein Freudenfest. Je laenger
+die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten, je mehr man ihnen mit
+der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto, ruehrender koemmt es
+euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost _in petto_, dass der
+Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg ist und die
+verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den
+Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten
+Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet
+nicht geruehrt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht
+jene Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch
+mit einer Aeolsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der
+schnarrende Konterbass Meister, und je graesslicher es zugeht, desto
+ruehrender ist es.
+
+Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, naemlich auf
+--das _Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist
+aber die Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes
+war die Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich
+bei euch einfuehrt; aber siehe da, das ist der Pferdefuss, und an seinen
+Spuren wirst du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die
+Sinnlichkeit, die er aufregt, das sind jene reizenden, verfuehrerischen,
+lockenden Bilder, die eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu
+sehen, dass ihr da unten die Augen nicht aufschlagen koennet. Es freut mich
+zu sehen, dass hin und wieder auf mancher Wange die Roete der Beschaemung
+aufsteigt. Es freut mich, dass Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren;
+wenn ich diesen Punkt beruehre. Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu
+wohl, was ich meine.
+
+Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein
+Herder waren doch wahrhaftig grosse Dichter, und habt ihr je gesehen, dass
+sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mussten, um
+sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, dass
+jene edleren Geister nur fuer wenige Menschen ihre hehren Worte
+aussprachen, dass die grosse Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil
+er koestliche Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Spruenge macht?
+Armseliges Maennervolk, dass du keinen hoeheren geistigen Genuss kennst,
+als die koerperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von
+einem Marmorbusen, von huepfenden Schneehuegeln, von schoenen Hueften; von
+weissen Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schoenheiten
+einer Venus Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus
+Clauren Bildung schoepfen wollet! Erroetet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr
+leset, dass man nur eurem Koerper huldigt, dass man die Reize bewundert,
+die ihr in der raschen Bewegung eines Walzers entfaltet, dass der Wind, der
+mit euren Gewaendern spielt, das luesterne Auge eures Geliebten mehr
+entzueckt als die heilige Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glueht,
+als die Goetterfunken des Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste
+entlockt? Verlorene Wesen, wenn es euch nicht kraenkt, euer Geschlecht so
+tief, so unendlich tief erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren
+jungfraeulichen Sinn schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset
+immer von andern geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit
+jenen Vergissmeinnichtbluemchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine
+andere als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist!
+
+Siehe da die Anmut, die Natuerlichkeit, das Ruehrende und den hohen Reiz
+der Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr
+Erfinder machte! Wie das Unkraut ueppig sich ausbreitet, so ging es auch
+mit dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde
+zur Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natuerlicher, als dass Clauren
+eine Fabrik dieses koestlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier
+Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili
+fanden? Bei jener Klasse von Menschen, fuer welche er schreibt, liegt
+gewoehnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht
+grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht
+haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Faeden spinnen,
+keine zarteren Nueancen der Farben geben, sein Stoff ist gewoehnlich so
+unkuenstlerisch und grob als moeglich angelegt; ein fadengerades
+Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als moeglich ausgedehnt; von
+tieferer Charakterzeichnung ist natuerlich keine Rede; Kommerzienraete,
+Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjuenglinge _comme il faut, etc_. Die Dame
+des Stueckes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpueppchen, die
+nach Verhaeltnissen kostuemiert wird, heisse sie nun Mimili oder Vally,
+Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe
+sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem
+geringen Massstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_.
+
+Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Ruecksicht genommen
+auf das Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige
+Kupfer mit schoenen "_Engelskoepfchen_", angetan nach der
+"_allernagelfunkelneuesten_" Mode. Diese werden natuerlich in der Fabrik
+immer zuvor entworfen, gemalt und gestochen und nachher der resp. Namen
+unten hingeschrieben. Suendigerweise benuetzt der gute Mann auch die
+Portraets schoener fuerstlicher Damen, die er als Quasi-Aushaengeschild vor
+den Titel pappt. So hat es uns in der Seele wehe getan, dass die
+Grossfuerstin Helena von Russland, eine durch hohe Geistesgaben,
+natuerliche Anmut und Koerperschoenheit ausgezeichnete Dame, bei dem
+Tornister-Lieschen (im Vergissmeinnicht 1826) gleichsam zu Gevatter stehen
+musste.
+
+Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die
+er trotz den ersten Modehaendlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es
+Virgil uebel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer
+lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die
+glaenzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Maenner,
+die von Maennern, es sind edle Saenger, die von Helden singen. Ueberwiegt
+aber nicht der Ekel noch das Laecherliche, wenn man einen preussischen
+Geheimen Hofrat hoert, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den
+Zehenspitzen beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem
+hohlen Schaedel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque
+von Seide sitzt, ob die Federn, die solche schmuecken, Marabout- oder
+Straussfedern oder gar Paradiesvoegel sind; und dann die niedlichen
+"Saechelchen" von Ohrgeschmeide, Halsbaendern, Bracelets _et cetera_, dass
+"einem das Herz puppert," und dann die Bruesseler Kanten um die wogende
+Schwanenbrust und das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Struempfe
+und die seidenen Pariser Ballschuhe oder ein Neglige, wie aus dem
+leichtesten Schnee gewoben, und dieses Ueberroeckchen und jenes Maentelchen
+und dieses Spitzenhaeubchen, aus dem sich die goldenen Ringelloeckchen
+hervorstehlen. _O sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner
+Sprache zu bedienen, ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und
+wollet euch nicht halb zu Tode lachen ueber den koestlichen Spass, dass ein
+preussischer Geheimer Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch
+vorrechnet, was man im Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider,
+ihr lachet nicht! ihr leset den allerliebsten Modebericht mit grosser
+Andacht, ihr sprechet: das ist doch einmal eine Lektuere von Geschmack;
+nichts Ueberirdisches, Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde
+hat er uns beschrieben, der delizioese Mann, der Clauren!
+
+Ein drittes Ingredienz fuer Maedchen sind die magnifiken Baelle, die er
+alljaehrlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, dass das Herzchen "im
+Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schoen! Vornehme Damen, die bei
+Praesidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe
+Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonaese bis
+zum Kotillon. Arme Landfraeulein, die nur in das naechste Staedtchen auf
+den Kasinoball kommen koennen, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie
+traegt sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel haengt ihnen
+voll Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich
+selbst darin zeigen zu koennen, Kammermaedchen, die ihre Dame zu dem Ball
+"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand,
+treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Fuessen den Takt eines
+Schnellwalzers und traeumen sich in die glaenzenden Reihen eines
+Fastnachtballes! Treffliches Surrogat fuer tanzlustige Seelen, koestliche
+Stallfuetterung fuer Schafe, die nicht auf der Weide huepfen koennen!
+
+Als ein viertes treffliches Hauptingredienz fuer liebevolle weibliche
+Seelen ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen,
+das Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht
+sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an
+Clauren nicht ruegen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der
+Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die
+Vergissmeinnichtmaenner herrliche Rabenlocken, einen etwas
+schwindsuechtigen Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht,
+unter fuenf Fuss sechs Zoll darf keiner messen; kraeftige, maennliche
+Formen, sprechende Augen, die Haende und Fuesse aber wie andere Menschen.
+Sie sind gerade so eingerichtet, dass man sich ohne weiteres auf den ersten
+Augenblick in sie verlieben muss. Dabei sind sie meistens arm, aber edel,
+stolz, grossmuetig und heiraten gewoehnlich im fuenften Akt. Auf welche
+edle weibliche Seele sollte ein solcher Held neuerer Zeit nicht den
+wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie von ihm liest? Sie schnitzelt das
+Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers oder Apothekergehilfen, das sie
+im Herzen traegt, so lange zurecht, bis er ungefaehr gerade so aussieht wie
+der Allerschoenste im allerneuesten Jahrgange des allerliebsten
+Vergissmeinnicht.
+
+Fuenftens: von schimmernden Luesters, von deckenhohen Trumeaus, von
+herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und
+dergleichen waere hier noch viel zu reden, wenn es die Muehe lohnte.
+
+Gehen wir, andaechtige Versammlung, ueber zu den Ingredienzien und Zutaten
+fuer _Maenner_, so koennen wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten,
+die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln.
+
+Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Maedchen
+beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier
+dasselbe, was von den Maennern gesagt wurde; eine tiefe, edle,
+jungfraeuliche Seele weiss kein Clauren zu schildern, und wenn er es
+wuesste, so hat er ganz recht, dass er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder
+ein Wesen, das etwa ein Titan oder Horion lieben koennte, unter seiner
+Affenfamilie mittanzen laesst. Was das Aeussere betrifft, so macht er es
+wie jener griechische Kuenstler, der aus sieben schoenen Maedchen sich eine
+Venus bilden wollte. Aber er vergisst den hohen Sinn, der in der Sage von
+dem Kuenstler liegt. Sechs zogen vorueber und zeigten dem entzueckten Auge
+stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend. Die siebente, als die Gewaender
+fallen sollten, erroetete und verhuellte sich, und der Kuenstler liess jene
+sechs voruebergehen und bildete nach diesem Vorbild jungfraeulicher Hoheit
+seine Goettin. Nicht also Clauren; die sechs hat er wohl aufgenommen, der
+siebenten, als sie verschaemt, verhuellt, erroetend nahte, hat er die Tuere
+verschlossen.
+
+Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der grosse
+Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten
+Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie?
+Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich
+mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und erroete,
+erroete darueber, dass ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die
+sittenlose Frechheit hat, alljaehrlich ein ausfuehrliches Verzeichnis von
+den Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand!
+
+Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast
+der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine
+reiche, gluehende Phantasie haette ihm nicht noch lockendere Bilder,
+reizendere Wendungen einhauchen koennen als einem Clauren? Doch er dachte
+an sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, fuer die er seine Gesaenge
+dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und
+siehe, die reichen Locken fallen herab und stroemen um die Nymphen und
+rollen in das Wasser, und der See verhuellt ihre Glieder. Aber, _si parva
+licet componere magnis_, was soll man zu jener skandaloesen Geschichte
+sagen, die H. Clauren in einem frueheren Jahrgang des Freimuetigen, eines
+Blattes, das in so manchem haeuslichen Zirkel einheimisch ist, erzaehlt?
+
+Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schaendlichkeiten aufdecken,
+die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame koemmt eines Tages
+auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, dass sie zwar
+seit vierzehn _Tagen_ verheiratet, und gluecklich _verheiratet_, aber durch
+einen kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr
+Mann nicht ahnen duerfe. H. Clauren erzaehlt uns, dass er der engelschoenen
+Dame gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der
+Krankheit _et cetera_ zeige. Die Dame entschliesst sich zu der Prozedur.
+Ich daechte, das Bisherige ist so ziemlich der hoechste Grad der
+Schaendlichkeit, zum mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in
+einem belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame,
+_gluecklich_ verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glueckliches Weib und
+Ehebrecherin! Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu
+der Prozedur selbst ein; er rueckt den Sessel ans Fenster, er setzt die
+Dame in Positur, er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwaerts seine
+Beobachtungen!!!
+
+Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen,
+wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu ruegen.
+Warum in einem oeffentlichen Blatte etwas _erzaehlen_, was man in guter
+Gesellschaft nicht _erwaehnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte,
+verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug fuer
+ein Publikum, das sich Schaendlichkeiten dieser Art ungestraft erzaehlen
+laesst!
+
+In die eben erwaehnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz fuer Maenner
+gehoeren auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden.
+Bald wird uns ausfuehrlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu
+Bette gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens
+Angst, zu _zwei_ schlafen zu muessen, bald hoert man Vally im Bade
+plaetschern und moechte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man
+ein Kammermaedchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der gluehenden,
+durch alle Nerven zitternden Kuesse, der Blicke beim Tanze abwaerts auf die
+Wellenlinien der Taenzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte fuer
+Leute, die nichts Hoeheres kennen als Sinnlichkeit, koestlich kandierte
+Zoten fuer einen verwoehnten Gaumen, treffliches Hausmittel fuer junge
+Wuestlinge und alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft
+zu Rande sind, um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen!
+
+Ein _zweites_ Reizmittel fuer Maenner sind jene Zutaten, die den Gaumen
+kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des bruesselnden
+Schaumweins! Ha, wie der Kork knallend an die Decke faehrt! Eingeschenkt,
+lasst ihn nicht verrauchen! Jetzt fuer jeden zwei, drei Dutzend Austern
+draufgesetzt!" Ist diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer
+erinnert, der immer so redlich angibt, was seine Helden verspeisten;
+freilich gab er ihnen nur gewoehnliches "Schweinefleisch", und die
+Weinsorten ruehmt er auch nicht besonders; aber ein Clauren ist denn doch
+auch etwas anderes als Homer; wer wollte es uebel nehmen, wenn er die Korke
+fliegen laesst und Austern schmaust, fuenfhundert Stueck zum ersten Anfang?
+
+Ich kannte einen jener bedauernswuerdigen Menschen, die man in glaenzendem
+Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr
+haltet sie fuer das gluecklichste Geschlecht der Menschen, diese
+Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr taeuschet
+euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Muenze, um eine
+einfache Mittagskost zu bezahlen, und was er an grossem Gelde bei sich
+traegt, kann man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines
+Tages: "Freund, wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der
+Tafelzeit mit zufriedener Miene die Strasse herabkommen, mit der Zunge
+schnalzend oder in den Zaehnen stochernd; bei welchem beruehmten Restaurant
+speiset Ihr?"
+
+"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort.
+
+"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen
+Strassenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu
+haben."
+
+"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger,
+sondern der Berliner, H. Clauren--"
+
+"Wie, und dieser schickt Euch kalte Kueche bis hieher?"
+
+"Kalte und warme Kueche nebst etzlichem Getraenke. Doch ich will Euch das
+Raetsel loesen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt
+jaehrlich gerade das Schneiderkonto und die Rechnung fuer Zuckerwasser im
+Kaffeehause weg; nun bin ich aber gewoehnt, gute Tafel zu halten; was fange
+ich in diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir
+alle Jahre von ersparten Groschen das herrliche Vergissmeinnicht von H.
+Clauren, und ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller,
+Fischmarkt, Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr muesst wissen,
+dass in solchem Buechlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich
+sie nenne, Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stueck Brot,
+zu welchem an Festtagen Butter koemmt, nebst einem Glase Wasser oder
+duennem Biere an den Tisch, speise vornehm und langsam, und waehrend ich
+kaue, lese ich im 'Vergissmeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine
+Tafelseiten werden mir nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist
+nicht mehr mit schlechtem Brot besetzt, meine Zaehne malmen nicht mehr
+dieses magere Gebaeck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht,
+was gute Kueche ist. Was da an Fasanen, Gaenseleberpasteten, Trueffeln, an
+seltenen Fischen, an--"
+
+"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie laesst Euch satt werden?
+Aber koenntet Ihr hiezu nicht das naechste beste Kochbuch nehmen? Ihr
+haettet zum mindesten mehr Abwechslung."
+
+"Ei, da ist noch ein grosser Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht
+recht; in den Kochbuechern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird;
+aber ganz anders im Vergissmeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt.
+Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede
+Schuessel vor und erzaehlt: so schmeckte es; und wie natuerlich ist es,
+wenn er oft beschreibt, wie diesem die Sauce ueber den Bart
+herabgetraeufelt sei, oder wie jener vor Vergnuegen ueber die
+Trueffelpastete die Augen geschlossen! UEberdies hat man dabei den
+herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand, und wenn ich das Glas mit
+Duennbier zum Munde fuehre, schiebt er mir immer im Geiste Trimadera,
+Bordeaux oder Champagner unter."
+
+So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein grosses Claurensches
+Traktement der Verdauung wegen zu promenieren.
+
+Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet
+aus alten Knochen kraeftige Suppen fuer Arme und Kranke; ist aber hier
+nicht mehr als Rumford und andere? Speist und traenkt er nicht durch eine
+einzige Auflage des "Vergissmeinnicht" fuenftausend Mann? Wenn nur die
+Phantasie des gemeinen Mannes etwas hoeher ginge, wie wohlfeil koennte man
+Spitaeler, ja sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der
+respektive Leutnant naehme das "Vergissmeinnicht" zur Hand, liesse seine
+Kompanie Hungernder antreten, liesse sie trockenes Kommisbrot speisen und
+wuerde ihnen einige Tafelseiten aus Clauren vorlesen.
+
+Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie
+verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, dass solche
+Niedertraechtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _a la
+carte_, wenn sie ungeruegt jede Messe wiederkehren duerfen, wenn man den
+gebildeten Poebel in seinem Wahn laesst, als waere dies das Manna, so in
+der Wueste vom Himmel faellt, die Wuerde unserer Literatur vor uns selbst
+und dem Auslande, vor Mit- und Nachwelt schaenden!
+
+Doch ich komme, meine verehrten Zuhoerer, noch auf einen andern Punkt, den
+man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen koennte;
+das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und
+Schweizern vor, dass sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber
+wahrhaftig, es gereicht H. Clauren zu noch groesserem Vorwurf, dass er so
+gemein schreibt, wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken
+scheint. Man hat in neuerer Zeit manches verschrobene und verschraenkte
+Deutsch lesen muessen; waren es Wendungen aus dem fuenfzehnten Jahrhundert,
+waren es Saetze aus einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer
+reichen, herrlichen Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreissend waren auch
+die Kompositionen, die Voss nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann
+Maenner dieser Art hoechstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern,
+anklagen niemals; denn es lag dennoch ein schoener Zweck ihrem wunderlichen
+Handhaben der Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen
+Gemeinheit sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte
+einkleidet! Koenig Salomo, wenn er noch lebte, wuerde diesen Menschen mit
+einem Freudenmaedchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan
+mit koestlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem
+Haupte. Du redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine
+wohlerzogene Frau aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem
+Gelaechter, sie gesteht, sie muesse lachen, dass "_sie der Bock stoesst_";
+sie spricht in Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen
+Montagstaenzen hoeren konnte; sie enthuellt sich, ohne zu erroeten, vor
+deinen Augen und spricht Zoten und Zoetchen dazu. Wehe deinem Geschmack,
+wehe dir selbst und deinem sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, dass
+die, welche du fuer eine anstaendige Frau gehalten, eine feile Dirne ist,
+bestimmt zum niedrigsten Vergnuegen einer verworfenen Klasse!
+
+Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsuenden hieher setzen, da ja das
+Buch, ueber welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges
+Verzeichnis, ein vollstaendiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und
+Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen
+anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben
+weiss, der schon auf einer Art von Faeulnis und Moder beruht, desto mehr
+sagt sie dem verwoehnten Gaumen seines Publikums zu.
+
+Noch ist endlich ein Zutaetchen und Ingredienzchen anzufuehren, das er aber
+selten anwendet, vielleicht weil er weiss, wie laecherlich er sich dabei
+ausnimmt; ich meine jene ruehrenden, erbaulichen Redensarten, die als auf
+ein frommes Gemuet, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen
+sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame
+Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge
+H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der
+braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Suenden mit Zerknirschung ein und
+werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen,
+Vielliebchen und dergleichen ueberzeugten uns freilich eines andern, und
+wir sahen, dass er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der
+Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet
+zur Suende wird, so geht es auch hier; er schaendet die Religion nicht
+weniger, als er sonst die Sittlichkeit schaendet, und diese heiligen,
+ruehrenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlueberlegter Kunstgriff,
+durch Ruehrung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Strassen von
+London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den
+ungluecklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen.
+
+Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte
+erzaehlen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt
+in die gute Gesellschaft zu verschaffen wusste. Dieser Mensch betrug sich
+von Anfang etwas linkisch, doch so, dass man manche seiner Manieren
+uebersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewoehnlich zu den Frauen
+und Maedchen, weil ihm das Gespraech der Maenner zu ernst war, und jene
+lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und
+nach aber fand es sich, dass dieser Mensch seiner gemeineren Natur in
+dieser Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er
+schwatzte den Ohren unschuldiger Maedchen Dinge vor, worueber selbst die
+aelteren haetten erroeten muessen. Wie es aber zu gehen pflegt: das
+Luesterne reizt bei weitem mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit
+niedergeschlagenen Augen, aber offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und
+selbst manche Zote, die fuer eine Bierschenke derb genug gewesen waere,
+bewahrten sie in feinem Herzen. Der fremde Mann wuerde der Liebling dieses
+Zirkels. Es fiel aber den Maennern nach und nach auf, dass ihre Frauen
+ueber manche Verhaeltnisse freier dachten als zuvor, dass selbst ihre
+Maedchen ueber Dinge sprachen, die sonst einem unbescholtenen Kinde von
+fuenfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein muessen. Sie staunten, sie
+forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und siehe, die Frauen
+gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswuerdige, angenehme Herr,
+der uns dieses gesagt hat." Viele der Maenner versuchten es mit Ernst und
+Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schuettelte die Pfeile
+ab und plauderte fort. Die Maenner wussten nicht, was sie tun sollten; denn
+es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst einen verworfenen
+Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer einen andern Weg. Er
+setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen auf die Rede des Mannes
+und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst seine Stimme. Und eines
+Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte sich an seine Seite,
+liess ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzaehlte den Frauen nach
+derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu tun
+pflegte. Da fanden die Vernuenftigeren wenigstens, wie laecherlich und
+unsittlich dies alles sei. Sie schaemten sich, und als jener Mensch dennoch
+in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber
+stand beinahe allein und zog beschaemt von dannen.
+
+"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl
+ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen!
+
+Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzaehlt ist, dasselbe
+wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er
+wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und
+des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte laecherlich machen.
+
+Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der
+Gegenstand der folgenden Fragen.
+
+
+
+II.
+
+Haben wir bisher nachgewiesen und darueber gesprochen, welchen Zweck der
+"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen
+er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu,
+andaechtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte.
+
+Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann
+angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine boese Gewohnheit
+oder unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen.
+Das erste und natuerlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit
+Ernst, mit Gruenden anzugreifen, seine Anhaenger von ihrem Irrtum zu
+ueberfuehren, seine Bloesse offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat
+man auch mit dem Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen.
+Ihr alle, meine Zuhoerer, kennet hinlaenglich jene oeffentlichen Gerichte
+der Literatur, wo die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhuellt
+und ohne Namen zu Gericht sitzen, aber unverhuellt und unumwunden Recht
+sprechen; ich meine die Journale, die sich mit der Literatur beschaeftigen.
+Wie es in aller Welt bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige
+freilich an Obskurantismus laborierende Blaetter, welche jedes Jahr eine
+Fanfare bliesen zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem
+Vater wie dem Kindlein wurde gebuehrendes Lob gespendet und das Publikum
+eingeladen, einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der
+deutschen Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige
+Winkelblaetter, die nur mit Modeartikeln zu tun haben.
+
+Bessere Blaetter, bessere Maenner als jene, die um Geld lobten, scheuten
+sich nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen
+Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie
+steigerten ihre Stimme, sie erhoehten ihren Tadel, je mehr die Lust an
+jenen Produkten unter euch ueberhand nahm; sie bewiesen mit triftigen
+Gruenden, wie schaendlich eine solche Lektuere, wie entwuerdigend ein
+solcher Geschmack sei, wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch
+herrliches Wort wurde da ueber die Wuerde der Literatur, ueber wahren Adel
+der Poesie und ueber euch gesprochen, die ihr nicht erroetet, ihm zu
+huldigen, die ihr so verstockt seid, das Haessliche _schoen_, das Unsaubere
+_rein_, das Kleinliche _erhaben_, das Laecherliche _ruehrend_ zu finden.
+Woran lag es aber, dass jene Worte wie in den Wind gesprochen scheinen,
+dass, so oft sich auch Maenner von wahrem Wert _dagegen_ erklaerten, die
+Menge immer mehr Partei _dafuer_ nahm? Man muesste glauben, der Herr habe
+ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch ein anderer Grund faende.
+
+Jene Institute fuer Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so
+gruendlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur
+Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und
+wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gruenden,--sie sind leider nur fuer
+wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Buerger von wahrer
+Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich ueber das Gebiet der
+Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren fuer _diese_ schreibt? Ob seine
+Manier _diesen_ schaedlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn
+lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von
+selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter
+hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn waeren, die sich aus jenen
+Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig
+andern?
+
+So kam es, dass Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt,
+gescholten, verhoehnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schuettelte
+den Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Strasse.
+Wusste er doch, dass ihm ein grosses, ansehnliches Publikum geblieben, zu
+dessen Ohren jene Stimmen nie drangen; wusste er doch, dass, wenn ihn der
+ernste Vater mit Verachtung vor die Tuere geworfen wie einen raeudigen
+Hund, der seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Toechterlein oder
+die Hausfrau eine Hintertuere willig oeffnen werde, um auf die Honigworte
+des angenehmen Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu
+verbinden weiss, und ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Straeusschen
+Vergissmeinnicht abzukaufen.
+
+Man koennte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewoehnliche
+Erscheinung der Literatur handelte, die in Blaettern oeffentlich getadelt
+wird, weil sie von den gewoehnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder
+nach Form und Inhalt den aesthetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann
+hoechstens die Zeit, die man der Lektuere einer Gespenstergeschichte oder
+eines ehrlichen Ritterromans widmete, uebel angewendet scheinen, oder der
+Geschmack kann darunter leiden. Solange fuer die jugendliche Phantasie,
+fuer Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, moegen immer die Richter der
+Literatur den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine
+Publikum wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen
+werden kann, dass eine Art von Lektuere die groesstmoegliche Verbreitung
+gewinnt, wenn sie diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Luesternheit,
+die das Auge reizt und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines
+Wesen, so ist sie ein Gift, das um so gefaehrlicher wirkt, als es nicht
+schnell und offen zu wirken pflegt, sondern allmaehlich die Phantasie
+erhitzt, die Kraft der Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schoene
+und Edle, Reine und Erhabene schwaecht und ein Verderben bereitet, das
+bedauerungswuerdiger ist als eine koerperliche Seuche, welche die Bluete
+der Laender wegrafft.
+
+Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz
+dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthuellt, und wer unter
+euch kann leugnen, dass er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der
+trete auf und beschuldige mich einer Luege! Maenner meines Volkes, die ihr
+den wahren Wert einer schoenen, kraeftigen Nation nicht verkennt, Maenner,
+die ihr die Phantasie eurer Juenglinge mit erhabenen Bildern schmuecken
+wollt, Maenner, die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau fuer ein hohes Gut
+erachtet, ihr, ich weiss es, fuehlet mit mir. Aber ihr muesst auch
+gefuehlt, gesehen haben, dass jene oeffentlichen Stimmen, die den
+Marktschreier ruegten, der den Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in
+eure Haeuser gedrungen sind. Ich habe gefuehlt wie ihr, und der Ausspruch
+jenes alten Arztes fiel mir bei: _"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich
+dachte nach ueber Ursache und Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete
+genau die Symptome, die sie hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel,
+worauf ich Hoffnung setzte. Aus denselben Stoffen, sprach ich zu mir, musst
+du einen Teig kneten, musst ihn wuerzen mit derselben Wuerze, nur
+reichlicher ueberall, nur noch pikanter; an diesem Backwerk sollen sie mir
+kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht widersteht, wenn es ihnen auch
+dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_ "Trueffelpaste", an _diesem_
+"Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind sie nicht mehr zu kurieren,
+oder--es war nichts an ihnen verloren.
+
+Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Muehe, die reiche Bibliothek von
+"Scherz und Ernst", die ueppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergissmeinnicht"
+nach allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs
+mein Grimm ueber diese nichtige Erbaermlichkeit. Es war eine schreckliche
+Arbeit; alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen,
+alle seine Schnoerkel und Arabesken, jene Kostuems, worein er seine
+Pueppchen huellt, alle Nueancen der Sinnlichkeit und Luesternheit, jenen
+feinen, durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als
+_verhuellt_, alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende
+Abbrechen, jenes Hindeuten auf Gegenstaende, die man verschweigen will,
+dies alles und so vieles andere musste ich suchen, mir zu eigen zu machen.
+Ich musste einkehren auf seinen Baellen, bei seinen Schmaeusen, ich musste
+einkehren in seiner Garkueche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden
+Braten, den schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine musst'
+ich kosten, musste den Kork zur Decke springen lassen, musste die
+"_bruesselnden Blaeschen im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen
+--und dann erst konnte ich sagen, ich habe den Clauren studiert.
+
+Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie
+gewoehnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei
+Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten
+Gesetzen 1. ein junger, schmaechtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann,
+ungluecklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stuecks, ein tanzendes,
+plauderndes, naives, schoenes, luesternes, mitleidiges "Dingelchen", dem
+das Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem
+Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfass
+entlehnt, eines Kuefers wuerdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn
+beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches
+"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler
+Vater, der zum wenigsten Praesident sein muss; 5. ein paar Furien von
+Weibern, die das boese, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige
+Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit;
+7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et
+cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stueck zu Faden geschlagen,
+und jetzt musste gewoben werden. Hier musste nun hauptsaechlich Ruecksicht
+darauf genommen werden, dass man sein Dessein immer im Auge behielt, dass
+man immer daran dachte, wie wuerde er, der grosse Meister, dies weben? Das
+Gewebe musste locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr
+herausgehoben und schattiert. Es waere z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida
+eine ganz honette, wuerdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat
+Berner haette mit wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden koennen; man
+haette aus der ganzen Novelle ein mehr gerundetes, wuerdiges Ganze machen
+koennen! Aber dann--war der Zweck verfehlt. So flach als moeglich mussten
+die verschiedenen Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren
+Bewegungen, uebertrieben in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften,
+sinnlich, _sinnlich_ in der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert,
+und dennoch hat es mich oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder
+das andere der gesammelten "Zutaetchen" einstreuen, wenn ich von keuschem
+Marmorbusen, stolzer Schwanenbrust, jungfraeulichen Schneehuegeln,
+Alabasterformen _et cetera_ sprechen musste, wenn ich nach seinem Vorgange
+von schoenen von suessen "Kue--" (was nicht _Kueche_ bedeutet), von
+wolluestigen Traeumen schreiben sollte, wenn die Liebesglut zur Sprache
+kam, die dem "jungfraeulichen Kind" wie gluehendes Eisen durch alle Adern
+rinnt, dass sie alle andern Tuecher wegwirft und die leichte Bettdecke
+herabschieben muss! Ich habe gelacht, wenn ich nach Anleitung seines
+_Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren "kohlrabenschwarz" oder
+"Flachsperuecke" setzen musste, wenn man statt der Augen "Feuerraeder" oder
+"Liebessterne" hat, "Korallenlippen", "Perlenschnuere" statt der Zaehne,
+Schwanenhaelse samt _dito_ Brust, Knie, die man zusammen "kneipt", weil man
+vor Lachen "bersten" moechte; Waed--und Fuesschen zum Kue--und
+dergleichen laecherlich gemeine Worte. Nachdem gehoerig _getollt, gejodelt,
+getanzt, geweint, abgehaermt_ war, nachdem, wie natuerlich, das Laster
+besiegt und die Tugend in einem herrlichen Schleppkleide, mit Bruesseler
+Kanten, Blumen im Haare, auf die Buehne gefuehrt war, wurden als Morgengabe
+mehrere Millionen Taler, einige Schloesser, Parks, Gruende _et cetera_
+aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun ein "erschreckliches Hallo,
+dass man nicht wusste, wo einem der Kopf stand"; es wurde trefflich
+gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe bis in die
+Brautkammer befoerdert.
+
+Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch
+zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen,
+durch Uebersaettigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire
+sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andaechtigen
+Zuhoerern laecherlich zu machen. Mit Vergnuegen haben wir da und dort
+bemerkt, dass der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder
+vernuenftige, unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es
+gedankt, es gab noch Maenner, es gab noch edle Frauen, die diese
+oeffentliche Ruege der Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden.
+
+OEffentliche Blaetter, deren ernster, wuerdiger Charakter seit einer Reihe
+von Jahren sich gleich blieb, haben sich darueber ausgesprochen, haben
+gefunden, dass es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche,
+verderbliche Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner,
+ehrwuerdige Versammlung, dass ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne
+Ansprueche auf Sitz und Stimme in der Literatur, es wagte, den
+Hochberuehmten anzugreifen. Steht doch jedem Leser das Recht zu, seine
+Meinung ueber das Gelesene, auf welche Art es sei, oeffentlich zu machen;
+steht doch jedem Mann in der buergerlichen Gesellschaft das Recht zu, ueber
+Erscheinungen, die auf die Bildung seiner Zeitgenossen von einigem Einfluss
+sind, zu sprechen.
+
+Ich bin weit entfernt, mich mit dem grossen juedischen Koenig und
+Harfenisten _David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais,
+obgleich er jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein
+steinernes _Vergissmeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in
+_Scherz_ und _Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor
+sich hertragen lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen:
+"Er hat Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhaenger
+verstehen koennte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des
+Philisters; natuerlich, er hat ja, wie Asmus sagt,
+
+ "--Federn auf dem Hut
+ und einen Klunker dran."
+
+Selbst die juedischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich
+erklaert. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel.
+
+Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging,
+weiter, so stossen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch,
+dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein
+angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des
+Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde
+"geharnischt bis an die Zaehne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen,
+uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen
+zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja fuer eine gute
+Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklaerte
+er, was schon auf den ersten Anblick jeder wusste, dieser "Mann im Mond"
+sei nicht sein Kind; aber statt, wie es einem beruehmten Literator, einem
+namhaften Belletristen geziemt haette, wie es sogar seine Ehre gegenueber
+von seinen Anbetern und Freunden verlangte, oeffentlich vor dem
+Richterstuhl literarischer Kritik, nach aesthetischen Gesetzen sich zu
+verteidigen, begnuegte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen"
+auf die Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _buergerlichen Gerichten
+zu klagen, man habe seinen Namen gemissbraucht. Hatte man denn die paar
+Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose
+Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man
+anfocht? Konnten Schoeppen und Beisitzer eines buergerlichen Gerichts ihn
+rein machen von den literarischen Suenden, die er begangen? Konnten sie mit
+der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn
+reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie
+ihm ihr buergerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation
+verschaffen, die er laengst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten
+sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er
+geschrieben, weniger schluepfrig machen?
+
+Wenn aber, andaechtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich
+vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklaert, dass man Claurens
+Namen nicht fuehren duerfe, dass es unrechtmaessigerweise geschehen sei,
+dass man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten, H. C. l. a.
+u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes Werk gesetzt
+habe. In einer andern Reihenfolge waere es also durchaus nicht unrecht
+gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen acht
+Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime Hofrat
+Carl Heun bezeugt eine ausserordentliche Freude ueber diesen Spruch und
+glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie taeuscht
+sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond", gegen
+seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur Sache;
+der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom Esslinger
+Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die Tendenz, die
+Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften sittlich oder
+unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das nach kritischen
+Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Aesthetik, in welches Gebiet
+doch die Schriften eines Clauren gehoeren? Der _Name_, nicht die _Sache_
+konnte nach buergerlichen Gesetzen unrecht sein; aber versuche er einmal,
+nachdem er mit Glueck seinen _Namen_ verfochten, auch seine _Sache_, den
+Geist und die Sprache seiner Schriften zu verteidigen!--Bedenke:
+
+ "Auch das Schoene muss sterben, das Menschen und Goetter entzueckte;
+ Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab."
+
+Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergissmeinnicht
+_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der
+_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem
+Einfluss war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er fuer die Wuerde
+seiner Nation, fuer den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach
+Werken, nicht nach Worten richten.
+
+Bei den alten Aegyptern war es Sitte, wenn man die Koenige der Erde
+wiedergab, Gericht zu halten ueber ihre Taten. Man hat in unseren Tagen
+diese schoene Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Koenigen
+der Phantasie, hinuebergegangen war. Ueber Jean Paul vernahmen wir das
+schoene merkwuerdige Wort. "Gute Buecher sind gute Taten!" Wird man von
+Clauren dasselbe sagen?
+
+Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den
+"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob
+und wie es geschehen werde.
+
+Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhoerer! Habt ihr bis
+hierher mir aufmerksam zugehoert, so danke ich euch herzlich; denn ihr
+wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen wuerde es mich uebrigens,
+wenn ihr mich dennoch nicht verstaendet, nicht recht verstaendet. Es
+moechte vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und
+denken: der Tor predigt in der Wueste; sollen wir denn jeglichem heiteren
+Geistesgenuss entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, dass unsere
+Taschenlektuere Klopstocks Messias werden soll?
+
+Mitnichten! und es waere Torheit, es zu verlangen; als der Schoepfer dem
+Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfaenglichkeit fuer Freude in die
+Seele goss, da wollte er nicht, dass seine Menschen trauernd und stumm
+ueber seine schoene Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten grosse Geister
+gegeben, die es nicht fuer zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen
+die Natur verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie
+den tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade
+deswegen suchten sie von diesem Ernste--trueben Sinn und jene Traurigkeit
+zu verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert.
+Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Grosse mit dem
+heiteren Gewand der Laune zu verbinden, moechte auf den ersten Anblick
+schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit
+Jahrhunderten so glaenzende Resultate gegeben, dass wir glauben duerfen,
+wenn nur der Geschmack der Menge besser waere, der Geister, die sie wuerdig
+und angenehm zu unterhalten wuessten, wuerden immer mehrere auftauchen.
+Welchen Mann, der nicht allen Sinn fuer Scherz und muntere Laune hinter
+sich geworfen hat, welchen Mann ergoetzt nicht die Schilderung eines
+sonderbaren, verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren
+Szenen, wo nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns
+gezeichnet? Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelaechelt haette, muessten
+nicht Jean Pauls Pruegelszenen ein Laecheln abgewinnen? Auf der
+Stufenleiter seines Humors steigt er herab bis in das unterste, gemeinste
+Leben; aber sehet ihr ihn jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite
+ist? Walter Scott, der Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die
+Wurzel des "Vergissmeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den
+gemeinsten Schenken des Landes, in den schmutzigsten Hoehlen von Alsatia
+umher; aber sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiss er nicht, wie jene
+niederlaendischen Kuenstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch
+selbst unreinlich und schluepfrig zu sein? Koennet ihr nicht seine
+Schilderungen, selbst an das Gefaehrliche streifende Situationen, jedem
+Maedchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erroeten zu machen?
+
+Solche Maenner kommen mir vor wie anstaendige Leute, die durch eine
+schmutzige Strasse in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf,
+sie wissen mit sicherem Fusse die breiten Steine herauszufinden und treten
+reinlich in den Hausflur, waehrend Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder
+Schweinen gleich, durch dick und duenn laufen und, nicht zufrieden, sich
+selbst beschmutzt zu haben, die Voruebergehenden besudeln und mit Kot
+bespritzen.
+
+Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in
+unserer Literatur, gibt es der Maenner viele, die mit Wahrheit und Wuerde
+jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trueben Stunden freundlich zu
+Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, dass uns ein Goethe, ein
+Jean Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzaehlungen gaben, die sich mit jeder
+Dichtung des Auslandes messen koennen? Hat euch der Vergissmeinnicht-Mann
+so gaenzlich gefesselt, dass ihr die schoenen Blueten zahlreicher anderer
+Erzaehler nicht einmal vom Hoerensagen kennt? Freilich, diese Maenner
+verschmaehten es, ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem
+Wasser einer Pfuetze zu mischen; sie fuehlten, dass der Entwurf ihrer
+Gemaelde anziehend und interessant, dass die Stellung der Gruppen nach
+natuerlichen Gesetzen zu ordnen sei, dass selbst das Neue, Ueberraschende
+angenehm fuer das Auge sein muesse. Zeichnung der Landschaft, nicht der
+Spiegel und Sofas, Schilderung der Charaktere, nicht der Huete und
+Gewaender, der Geist einer Jungfrau, nicht der ueppige Bau ihrer Glieder
+war ihnen die Hauptsache. Und darum koennen wir auch ihre Bilder, wie jedes
+gute Buch, alle Jahre mit erneuertem Vergnuegen lesen, waehrend uns der
+_Beruehmte_ schon nach der ersten Viertelstunde anekelt.
+
+Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere
+Literatur hochzuschaetzen. Die Englaender fanden einen Ernst, eine Tiefe,
+die ihnen bewunderungswuerdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine
+Natuerlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemaelden, die sie selbst bei
+ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Goetz und so manche herrliche
+Dichtung Goethes sind ins Englische uebertragen worden, seine Memoiren
+entzuecken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung
+ueber dem Kanal, und Talma ruestet sich, Schillers tragische Helden seiner
+Nation vor das Auge zu fuehren. Wir Deutschen handelten bisher von jenen
+Laendern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausfuehren zu koennen. Mit Stolz
+duerfen wir sagen, dass die Zeit dieses einseitigen Handels vorueber ist.
+
+Aber muessen wir nicht erroeten, wenn es endlich einem ihrer Uebersetzer,
+aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfaellt, ein
+"Vergissmeinnichtchen" ueber ein Baendchen von "Scherz und Ernst" zu
+uebertragen? Mit Recht koennt' er in einer pompoesen Anzeige sagen: "Das
+ist jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ muesst
+ihr lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen
+Laecherlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur ertraeglich zu
+finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden
+Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein
+Maedchen mit eigentuemlichen Kunstausdruecken anatomisch beschrieben
+fanden? Oder, wenn der Uebersetzer in unserem Namen erroetet, wenn er alle
+jene obszoenen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnoerkel streicht und nur
+die interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet,
+was wird dann uebrig sein?
+
+Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringelloeckchen ab,
+presst ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reisst ihr die
+Perlenzaehne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget
+Schals, Huete, Federn, Unter- und Oberroeckchen, Korsettchen _et cetera_ in
+den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen,
+und es bleibt euch nichts als ein hoelzerner Kadaver, das Knochengerippe
+von Freund Heun!
+
+Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schaemet, wenn ihr ueber das
+deutsche Publikum nicht erroeten koennet, so erroetet vor euch selbst!
+Schaemet euch, ihr Maenner, wenn ihr eure Langweile nicht anders toeten
+koennet als mit Hilfe dieses Clauren! Schaemet euch, ihr Frauen, wenn ihr
+Gefallen finden koennet an dieser niedrigsten Darstellung eures
+Geschlechtes! Schaemet euch, ihr Juenglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem
+Handbuche der Sinnlichkeit wiederfinden wollet! Erroetet, wenn ihr es in
+seiner Schule nicht verlernt habt, erroetet vor euch selbst, ihr
+Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen luesternen Bildern zu schmuecken! Es
+gibt eine moralische Keuschheit, eine holde, erhabene Jungfraeulichkeit der
+Seele. Man darf darauf rechnen, dass ein Maedchen sie verloren hat, wenn
+sie Claurens Erzaehlungen gelesen.
+
+Ueberlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren
+ist. Man wird es ihnen so wenig uebelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den
+Handwerksburschen, wenn sie auf der Strasse unzuechtige Lieder singen.
+
+Meine Zuhoerer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders
+konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist
+vielleicht so tief gesunken, dass sie nicht mehr an solche Worte glaubt;
+meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man
+in diesem Augenblick einen frischen Strauss "Vergissmeinnicht" empfaengt.
+
+Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Roete der Scham
+aufjagten, die wie die Morgenroete der Bote eines schoeneren Lichtes ist,
+wenn auch nur zwei, drei Herzen entruestet sich von ihm abwenden, so habe
+ich fuer mein Bewusstsein genug getan! Weiss ich doch, dass es in diesen
+Landen noch Maenner gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand
+druecken und sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KONTROVERS-PREDIGT UEBER H. CLAUREN
+UND DEN MANN IM MOND GEHALTEN VOR DEM DEUTSCHEN PUBLIKUM IN DER
+HERBSTMESSE 1827***
+
+
+******* This file should be named 13452.txt or 13452.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/1/3/4/5/13452
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+ of receipt of the work.
+
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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