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diff --git a/old/12636.txt b/old/12636.txt new file mode 100644 index 0000000..0a7afad --- /dev/null +++ b/old/12636.txt @@ -0,0 +1,13361 @@ +The Project Gutenberg EBook of Katharina von Bora, by D. Albrecht Thoma + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Katharina von Bora + Geschichtliches Lebensbild + +Author: D. Albrecht Thoma + +Release Date: June 16, 2004 [EBook #12636] + +Language: german + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KATHARINA VON BORA *** + + + + +Produced by Charles Franks and the DP Team + + + + +[Illustration: Katharina von Bora + +nach dem Gemaelde von Lucas Cranach im Museum zu Schwerin + +Phot. F. u. O. Breckmann Nachf., Dresden. + +Verlag Georg Reimer, Berlin.] + + + + +Katharina von Bora + + +Geschichtliches Lebensbild + +von D. Albrecht Thoma + + +Berlin + +Druck und Verlag Georg Reimer. + +1900. + + + + +Vorwort. + + +In dem "Leben Luthers" bietet das Kapitel "Luthers Haeuslichkeit" als +freundliche Idylle ein liebliches Ausruhen von den dramatischen Kaempfen +und dem epischen Gange einer reformatorischen Wirksamkeit. Die Briefe an +eine "liebe Hausfrau" sind unter den Tausenden seiner Episteln die +schoensten und originellsten. Dafuer liegt der Grund doch nicht allein in +dem reichen Gemuet und dem geistvollen Humor des grossen Mannes, sondern +auch in der Persoenlichkeit seiner lebhaften, temperamentvollen Gattin. +Es muss doch eine bedeutende Frau gewesen sein, die der grosse Mann als +seine Lebensgefaehrtin zu sich emporhob und die sich getraute, die Gattin +des gewaltigen Reformators zu werden und der es gelungen ist, ihm zu +genuegen; und ein sympathischer Charakter musste das sein, an dem er seine +frohe Laune so schoen entfalten konnte. Sie hat ihrem Doktor das schoene +Heim geschaffen und das vorbildliche evangelische Pfarrhaus. Und so lebt +auch Luthers Kaethe als die Genossin von dem Liebling und Stolz unserer +Nation in der Seele des deutschen Volkes in gutem Gedenken. + +Es kann nun auffallen, dass eine eigentliche Lebensgeschichte der Gattin +Luthers bisher noch gar nicht erschienen ist, dass fast mehr +schmaehsuechtige Feinde, wie vor hundertfuenfzig Jahren ein Engelhard, ihre +wenig lauteren Kuenste an dieser Aufgabe geuebt haben; und besonders ist +zu verwundern, dass in dem letzten halben Jahrhundert, diesem so +hervorragend historischen Zeitalter,--seit den beiden gleichzeitig +erschienenen quellenreichen Skizzen von _Beste_ und _Hofmann_--keine +Biographie entstand, nicht einmal fuer dieses Jubilaeumsjahr ihres +vierhundertjaehrigen Geburtstages. + +Der Grund dieser eigentuemlichen Erscheinung liegt aber doch klar. Einmal +wird eben in "Luthers Leben" das Bild Katharinas von Bora stets mit +hineingemalt; sodann ist es schwierig, neben der gewaltigen Gestalt +ihres Gatten sie recht zur Geltung kommen zu lassen; endlich ist eine +muehsame Kleinarbeit erforderlich, um eine lebensvolle Zeichnung zu +entwerfen, und ueberraschende Entdeckungen sind bei aller Findigkeit hier +nicht zu machen. + +Dennoch verdient Luthers Kaethe--so viel das geschehen kann--fuer sich +besonders betrachtet zu werden, wie ja ihr Bild so oft fuer sich neben +demjenigen des grossen Doktors gemalt ist. Ist Frau Kaethe freilich nichts +ohne den D. Martinus, so kann man doch auch fragen: Was waere Luther ohne +seine Kaethe? Dem Lebensbilde des grossen Reformators fehlte das +menschlich Anziehende, fehlten die vor allem uns Deutschen ausbrechenden +gemuetlichen Beziehungen des Familienlebens. Und das hat Frau Kaethe ihm +geschaffen. Ihr ist es zu verdanken, dass die Welt ihn so lange, und so +lange in geistiger Frische und freudigem Arbeitseifer gehabt hat. + +So mag es ein Denkmal sein, und--wie es der schlichten deutschen +Hausfrau geziemt--ein anspruchsloses, was ihr hier zu ihrem +vierhundertjaehrigen Gedaechtnistage gesetzt ist. + + + + +Inhaltsverzeichnis. + +1. Katharinas Herkunft und Familie. + +Sachsen und Meissen +Bora +Lippendorf +Eltern und Brueder +"Muhme Lene" und Maria v. Bora +Armut der Familie +Der Eltern Tod + + +2. Im Kloster + +"Ehrsame" Jungfrauen +Adelige Stifter +Klosterkinder +Nimbschen +Klosterfrauen +Klausur +Wuerden +Klostergenossinnen +Die Novize +Kloster-Regel +Erziehung +Die Postulantin +Einsegnung +Tagewerk +Reliquien +Ablass +Kloster-Erlebnisse +Nonnen-Beruf + + +3. Die Flucht aus dem Kloster + +Luthers Schriften ueber Ablass, gute Werke, Klostergeluebde +Vermittelung der Schriften +Leonhard Koppe +Austrittsgedanken +Die Verwandten +Klagebrief an Luther +Bedenken +Flucht-Plan +Das Entkommen aus dem Kloster +Die Flucht +Offener Brief an Koppe, "dass Jungfrauen Kloster goettlich verlassen moegen" +Der Abt von Pforta +Neue Entweichungen + + +4. Eingewoehnung ins weltliche Leben + +Versorgung der Klosterjungfrauen +Katharina bei Reichenbach +Hier. Baumgaertner +D. Glatz + + +5. Katharinas Heirat + +Luther draengt zur Ehe +Verehelichung von Priestern und Klosterleuten +Luther denkt zu heiraten +Eine Nonne soll's sein +Luthers Werbung +Trauung und Hochzeit +Gaeste +Geschenke +Das Fest + +6. Das erste Jahr von Katharinas Ehestand. + +Im "Schwarzen Kloster" +Ausstattung +Angewoehnung +Unterhaltung +Bild +"Die erste Liebe" +Verstimmung der Freunde +Schmaehungen der Feinde +Gefahren +Stimmungen + + +7. Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen. + +Johannes +Elisabeth +Magdalena +Martin, Paul +Margareta +Elternfreuden +Muhme Lene +Neffen und Nichten +Zuchtmeister +Gesinde, Gaeste +Besuche + + +8. Katharinas Haushalt und Wirtschaft. + +Das Regiment in Luthers Haus +Haus und Hof +Bauereien +Geraete +Schenkungs-Urkunde +Teurer Markt +Landwirtschaft +Gaerten +"Haus Bruno", Gut Booss +Zulsdorf +Grundbesitz +Arbeitsseligkeit + + +9. "Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Kaethe." + +Armut +Einkuenfte +"Geschenke" +Umsonst +Hausrechnung. "Gieb Geld" +Luthers Mildthaetigkeit +Schulden +insidiatrix Ketha +"Raetlichkeit" +"Wunderlicher Segen" +"Lob des tugendsamen Weibes" + + +10. Haeusliche Leiden und Freuden. + +Schwerer Haushalt +Krankheitsanfall Luthers (1527) +Die Pest +Hochzeit und Tod +Fluechtlinge und Hochzeiten +Visitationsreisen +Briefe von der Koburg +Die Grosseltern +Besuche und Reisen +Ein Kardinal in Wittenberg +Tischgesellen, Famulus, Kaethes Brueder +Kinderzucht +Rosine +Kaethes Tageloehner + + +11. Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod. + +"Muehmchen Lene" und Veit Dietrich +Lenchens Verlobung (1538) +"Des Teufels Fastnacht" (1535) +In den "hessischen Betten" +Luthers toedliche Krankheit in Schmalkalden (1537) +Muhme Lene [Symbol: gestorben] +Pflege der Elisabeth von Brandenburg +Wieder Pest (1539) +Kaethes toedliche Krankheit (1539) +Briefe aus Weimar (1540) +Allerlei Sorgen +Hanna Strauss verlobt und Muehmchen Lene verwitwet +Haus in Torgau, Lenchens Krankheit und Tod +Hansens Heimweh + + +12. Tischreden und Tischgenossen. + +Eine akademische Hochzeit +Allerlei Feste +Besuche +_Cordatus_ +_Stiefel_ +_Kummer, Lauterbach_ +_Schlaginhaufen, Weller_ +_Hennik; Barnes; de Bai_ +_Dietrich_ +_Besold_ +_Holstein; Schiefer; Matthesius_ +_Goldschmidt u.a._ +Kaethes "Tischburse" +Die "Tischgespraeche" + + +13. Hausfreunde. + +Humanisten-Freundschaft +Der Freundeskreis des Lutherischen Hauses +Gruesse und Geschenke +_Amsdorf; Agrikola_ +_Probst_ +_Brisger, Biscampius, Zwilling; Mykonius; Capito_ +Die Nuernberger: _Link_ und _Friedrich_; _Baumgaertner_ +_Dietrich_; Geschwister _Weller_ +_Hausmann_ +_Schlaginhaufen_ +_Lauterbach_ +_Spalatin_ +Hans von _Taubenheim_ +Amtsgenossen +_Kreuziger_ +_Bugenhagen_ +_Jonas_ +_Melanchthon_ +Sabinus und Lemnius +Brief der Freunde an Kaethe +Die Tafelrunde +Freundinnen + + +14. Kaethe und Luther. + +Die "Erzkoechin" +Luthers Enthaltsamkeit und Festfreude +Kaethe als Krankenpflegerin +Kaethes Humor +Verdaechtigungen Kaethes +Kaethes geistige Interessen +Was Luther von Kaethe hielt +"Ihr" und "Du" +"Herr" Kaethe +"Liebe" Kaethe +Luthers unguenstige Aeusserungen +Lob des Weibes +"Haeuslicher Zorn" +Lob des Ehestandes und Kaethes +Kaethes "Bildung" +Ebenbuertigkeit +Kaethes Bild + + +15. Luthers Tod. + +Truebe Zeitlage +Hader im eigenen Lager +Die "garstigen" Juristen +Abscheiden der Freunde +Luthers zunehmende Krankheiten +Arbeit und Humor +Wegzugsgedanken +"Speckstudenten" und Kleidermoden +Abreise +Schrecken in Wittenberg +Reisen nach Eisleben +Briefe von Halle und Eisleben +Der letzte Brief +Die Todesnachricht +Zuruestung zur Bestattung +Trostbrief des Kurfuersten +Der Leichenzug +Katharinas Stimmung + + +16. Luthers Testament. + +"Die Welt ist undankbar, die Leute sind grob" +Dr. Bruecks Zorn auf Katharina +Fuerstliche und freundschaftliche Fuersorge +Das saechsische Erbrecht +Katharinas Leibgeding +Die Erbschaft +Bruecks und Katharinas Plaene +Katharinas Bittschrift +Reden der vier Hausfreunde +Bruecks Gutachten +Die Entscheidungen des Kurfuersten +Kampf um Wachsdorf und die Kinder +Wolf, Gesinde und Tischburse +Fuersorge fuer Florian von Bora +Mahnungen an den Daenenkoenig + + +17. Krieg und Flucht. + +Beginn des Schmalkaldischen Kriegs, zweierlei Gebete +Anmarsch auf Wittenberg, Flucht +Belagerung Wittenbergs. In Magdeburg +Brief von und an Christian III. +Schreckensgeruechte +Neue Flucht; in Braunschweig +Heimkehr + + +18. Der Witwenstand. + +Wie's daheim aussah +Kriegsschaeden und Process +Kosttisch; Anlehen +Das Interim. Hans Luther nach Koenigsberg +Leiden und "gnaedige Hilfe" +Hans in Koenigsberg +Kriegslasten +"Dringende Not" + + +19. Katharinas Tod + +Flucht vor der "Pestilenz" +Der Unfall +Anna von Warbeck +Das Leichenprogramm und die Bestattung +Nachkommen und Reliquien +Denkmaeler +Katharinas Gedaechtnis + + +Belege und Bemerkungen. + + +Register. + + + + +1. Kapitel + +Katharinas Herkunft und Familie[1]. + + +Zur Zeit der Reformation umfasste das Land Sachsen etwa das heutige +Koenigreich, den groessten Teil der Provinz Sachsen und die +thueringisch-saechsischen Staaten. Diese saechsischen Lande aber waren seit +dem Erbvertrag von 1485 zwischen den Ernestinern und Albertinern geteilt +in ein Kurfuerstentum und ein Herzogtum. Wunderlich genug war diese +Teilung, aber ganz nach damaligen Verhaeltnissen: zum Albertinischen +Herzogtum, auch "Meissen" genannt, gehoerte der groesste Teil vom heutigen +Koenigreich mit den Staedten Meissen, Dresden, Chemnitz; ferner ein +schmaler Streifen von Leipzig bis nach Langensalza. Dazwischen dehnte +sich das Kurfuerstentum mit den Hauptstaedten Wittenberg, Torgau, Weimar, +Gotha, Eisenach westwaerts, und Zwickau und Koburg nach Sueden. Die +Kursachsen sahen mit einigem Stolz auf ihre Nachbarn herab, welche bloss +herzoglich waren, gebrauchten auch wohl den alten Spottreim: "Die +Meissner sind Gleisner". Wenn's auch nicht wahr war, es reimte sich doch +gut[2]. + +Aus dem Herzogtum Meissen stammte nun Katharina von Bora, Luthers +Hausfrau[3], waehrend er selbft ein geborener Mansfelder, dann ein Buerger +der kursaechsischen Residenz Wittenberg und Beamter des Kurfuersten war. +Er beklagte sich wohl bei seiner Frau ueber ihren Landesherrn, Herzog +Georg den Baertigen, welcher, ein heftiger Gegner der Reformation, mit +Luther in steter Fehde lag, gehaessige Schriften gegen ihn losliess und +die Lutheraner im Lande "Meissen" verfolgte. Daneben neckte Luther seine +Kaethe auch, als sie in Leipzig bei seinen Lebzeiten die Maere von seinem +Tode verbreiteten: "Solches erdichten die Naseweisen, deine +Landsleute"[4]. + +Im Meissenschen nun hinter der Freiberger Mulde, eine Stunde ostwaerts von +dem "Schloss und Staedtchen" Nossen lagen die beiden Ortschaften Wendisch- +und Deutschenbora[5], eine Viertelstunde von einander zwischen +Tannengehoelzen, denn Tanne heisst auf slavisch "Bor"[6]. Hier hatte das +Geschlecht der Bora seinen Stammsitz. Von dort verpflanzte es sich in +verschiedenen Zweigen an viele Orte des Sachsenlandes; so auch in die +Naehe von Bitterfeld und Borna, je fuenf Stunden noerdlich und suedlich von +Leipzig. Sie fuehrten alle im Wappen einen steigenden roten Loewen mit +erhobener rechter Pranke in goldenem Feld und den Pfauenschweif als +Helmzier[7]. + +Aus welchem dieser neun oder zehn Zweige aber Frau Katharina, des +Reformators Ehegattin, stammte, ist nicht mehr gewiss auszumachen. Mehr +als sieben Orte, wie bei dem Vater der griechischen Dichtung, Homer, +streiten sich um die Ehre, ihre Geburtsstaette zu sein: das ist fast +jeder Ort, wo frueher oder spaeter Bora gewohnt und gewaltet haben. Aber +man kann eher noch beweisen, dass sie aus acht dieser Orte nicht stammt, +als dass sie am neunten Ort wirklich geboren sei[8]. + +Vielleicht ist Katharinas Geburtsort beim alten Stammsitz des +Geschlechts: zu Hirschfeld, einem sehr fruchtbaren Hofgut in der +doerferreichen Hochebene, wo man noerdlich nach dem nahen Deutsch-Bora und +dem etwas ferneren Wendisch-Bora schaut, gen Westen aber, in einer +Entfernung von einer Stunde, die burggekroente Bergnase von Nossen +erblickt. + +Wahrscheinlicher aber wurde Kaethe zu _Lippendorf_ geboren. Westwaerts +naemlich von Borna an der Pleisse zieht sich als meissnisches Gebiet ein +weites Blachfeld, dessen Einfoermigkeit nur durch dunkle Gehoelze +unterbrochen wird. Nur ein paar hundert Schritte von dem Kirchdorf +Medewitzsch erhebt sich das Haeuflein Haeuser des kleinen Doerfchens +Lippendorf und etwas abseits gelegen ein groesseres Gut, mit einem Teiche +dahinter. Das war zwar kein rittermaessiger Hofsitz, aber doch ein +stattliches Lehngut, das heutzutage seinen Besitzer zu einem +wohlhabenden Bauern macht. Um 1482 sass dort ein Hans von Bora mit +seiner Gemahlin Katharina; um 1505 ist's ein Jan von Bora mit seiner +Gattin Margarete, einer geborenen von Ende. Wahrscheinlich ist Hans und +Jan nicht Vater und Sohn, sondern dieselbe Person und Margarete nur +seine zweite Ehefrau. + +Hier waere nun Katharina an dem Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts, 15-1/4 +Jahre nach Martin Luther, auf die Welt gekommen. In diesem +bauernhofaehnlichen Anwesen waere sie--vielleicht unter einer +Stiefmutter--herangewachsen. An diesem Teich haette sie als Kind gespielt +und hinuebergeschaut nach dem nahen Rittersitz Kieritzsch mit seinem +Schlosspark und kleinen Kirchlein, und weiterhin ueber die Wiesen und +Gehoelze der Mark Nixdorf nach der "Wuestung Zollsdorf"--wo sie spaeter als +ehrsame Hausfrau und Doktorin vom fernen Wittenberg herkommend hausen +und wirtschaften sollte, wie sie's zu Lippendorf in Hof und Stall, Kueche +und Keller von der fleissigen Mutter gelernt.[9] + +Aber sicher ist diese Annahme nicht. Es kann auch ein anderer Ort +Katharinas Geburtsstaette sein. + +Ja, sicher weiss man nicht einmal den Namen von Vater und Mutter. Hans +konnte der Vater wohl geheissen haben, so hiess damals jeder dritte Mann, +auch im Bora'schen Geschlecht. Und nach einer andern, nicht +unglaubwuerdigen Nachricht waere die Mutter eine geborene von Haubitz +gewesen und haette nach der Tradition den ebenfalls zu jener Zeit sehr +beliebten Namen Anna getragen. Dann waere freilich Lippendorf nicht +Kaethes Heimat gewesen. Unzweifelhaft gewiss ist nur ihr Geburtstag, der +29. Januar 1499; denn dieser Tag ist auf einer Schaumuenze eingegraben, +die heute noch vorhanden ist[10]. + +Auch ihre naechsten Verwandten sind bekannt. + +Katharina hatte wenigstens noch drei Brueder. Der eine, dessen Name nicht +genannt ist, verheiratete sich mit einer gewissen Christina und starb +ziemlich fruehzeitig, vielleicht schon um 1540. Denn sein Sohn Florian, +der etwa gleichaltrig mit Luthers Aeltestem d.h. damals vierzehn Jahre +alt war, wurde um diese Zeit ins Haus genommen und wollte 1546 die +Rechte studieren; damals war "Christina von Bora Witfraw"[11]. + +Der andere Bruder Katharinas ist _Hans_ von Bora. Er war 1531 in +Diensten des Herzogs Albrecht von Preussen, kehrte aber etwa 1534 von +dort zurueck, um fuer sich und seine Brueder das Guetlein Zulsdorf als +"Erbdaechlein" zu uebernehmen. Er bekam in seinen Mannesjahren von seinem +Schwager Luther und von Justus Jonas das Lob eines "aufrichtigen, feinen +und treuen Menschen". "Treu und brav ist er, das weiss ich, dazu auch +geschickt und fleissig", bezeugt ihm Luther[12]. + +Weniger Loebliches ist von dem dritten Bruder _Klemens_ bekannt. Er kam +mit Bruder Hans nach Koenigsberg, geriet aber nach dessen Rueckkehr in die +Gesellschaft eines adligen Raufboldes, der in seiner Gegenwart einen +Zimmergesellen im Rausch erstach, was ihm selbst uebeln Ruf zuzog und ihn +in Ungnaden bei dem Herzog brachte[13]. + +Ausser den Bruedern Katharinas ist auch eine Muhme (Base) Lene bekannt, +welche spaeter in Luthers Haus lebte. Es wird dies niemand anders sein +als die Magdalena von Bora, des Vaters Schwester[14], welche freilich +zur Zeit von Katharinas Geburt schon lange im Kloster Nimbschen lebte. + +Wenn es wahr ist, dass um 1525 eine Maria von Bora auf Zulsdorf sich nach +Wittenberg verheiratete[15], so muessen auf diesem Vorwerk in den +zwanziger Jahren noch nahe Verwandte gelebt haben. Reich konnten diese +aber nicht sein, denn das ganze Gut war nur 600 fl. wert und naehrte +seinen Mann nicht, wie spaeter Bruder Hans selbst erfuhr. Ein weiterer +Verwandter Katharinas war Paul von Rachwitz, welcher zu Bitterfeld +wohnte in dessen Naehe auch in Zweig der Bora hauste[16]. + +Die Familie Katharinas muss recht arm gewesen sein: es heisst sogar: sie +war in die aeusserste Bedraengnis geraten. Florian, der Sohn des aeltesten +Bruders, war jedenfalls nach seines Vaters Tod, obwohl dieser +wahrscheinlich das Erbgut besass, doch auf Stipendien angewiesen fuer +seine Studien. Bruder Hans war am preussischen Hof so aermlich gestellt, +dass Luther fuer ihn dem Herzog Albrecht "beschwerlich sein" und schreiben +musste: "Nachdem meiner Kaethen Bruder Hans von Bora nichts hat und am +Hofe Kleid und Futter genug nicht hat, wollten E.F.Gn. verschaffen, dass +ihm jedes Vierteljahr ein paar Gulden wuerden zugeworfen, damit er auch +Hemd und andere Notdurft bezahlen moechte.[17]" + +Katharina selbst endlich hat, wie es scheint, nicht einmal ein +Leibgeding mit ins Kloster bekommen, wie es andere, wohlhabendere adlige +Fraeulein mit durchschnittlich 3 Schock[18] jaehrlich erhielten; und auf +ihre Einsegnung konnte sie nur 30 Groschen spenden, waehrend neue Nonnen +wohl 100 oder wenigstens 40 Groschen opferten. Bei ihrer Heirat konnte +sie keine Mitgift in die Ehe bringen[19]. + +So ist also Katharina von Bora--wo es auch sei--in gar engen +Verhaeltnissen aufgewachsen, und wenn man sich das junge Maedchen etwa als +zartes Ritterfraeulein am Burgfenster mit dem Stickrahmen oder als +Jaegerin auf stolzem Zelter vorstellen wollte, so gaebe das ein gar +falsches Bild. Wir haben sie uns vielmehr zu denken wie eine junge +Bauerntochter auf dem Hofgut schaltend und waltend, der Mutter an die +Hand gehend in der Wirtschaft, zugleich als die Aelteste, vielleicht als +einziges Toechterlein, auch eine gewisse Selbstaendigkeit und +Herrschergabe entfaltend, wie sie sich spaeter in der reifen Frau +entwickelt zeigt. + +Freilich ein wirkliches anschauliches Bild ihrer Kindheit zu entwerfen +vermoegen wir nicht, dazu fehlen alle Anhaltspunkte, alle Formen und +Farben. Wir moegen dies bestimmte Bild aus der ersten Jugendzeit, in die +wir uns bei einem Menschenleben so gerne versenken, bei Katharina +schmerzlich vermissen, da sich die ganze Umgebung, der Hintergrund der +Landschaft und selbst die notwendige Staffage von Vater und Mutter und +alles, was auf ein junges Menschenkind einwirkt, bis auf die Namen +verwischen und verschwinden, waehrend zum Beispiel bei ihrem Gatten, dem +Doktor Luther, Elternhaus, Vater, Mutter, Geschwister, Gespielen, Heimat +und Schule so deutlich und plastisch sich herausheben, dass sie ein gar +lebendiges und farbenreiches Gemaelde geben. Aber man kann sich doch auch +wieder ueber diesen Mangel leicht troesten. + +Denn wie es scheint, sind die Eltern beide frueh gestorben. Sobald +Katharina ins Licht der Geschichte tritt mit ihrer Heirat, ja schon bei +ihrer Entweichung aus dem Kloster, ist jede Spur von ihnen verschwunden: +die Eltern erscheinen nicht bei ihrer Hochzeit, wie die Eltern von +Luther; sie werden um ihre Einwilligung nicht gefragt, worauf doch +Luther sonst so grosses Gewicht legt; ja sie kommen schon nicht in +Betracht bei der Flucht aus dem Kloster, als es sich um eine Unterkunft +handelt; und auch waehrend der ganzen Klosterzeit kommt Vater und Mutter +nicht zum Vorschein, wie es doch oftmals bei Klosterjungfrauen der Fall +ist. Vielleicht ist gerade der Eltern frueher Tod fuer Katharina die +Veranlassung gewesen, so bald ins Kloster einzutreten. + +Wie dem aber auch sei, die geistige Entwicklung des jungen Fraeuleins +faellt nicht in das Elternhaus. Denn sehr frueh kam Katharina von daheim +fort und ihre bewusste Jugendzeit verbrachte sie fern von der Heimat im +Jungfrauen-Stift. + +So faellt Katharinas Eintritt, obwohl sie 15 Jahre juenger war, etwa in +dieselbe Zeit, als der Erfurter Magister Martin Luther die Studien +verliess und in das Kloster der Augustiner ging. + + + + +2. Kapitel + +Im Kloster. + + +Wenn heutzutage ein armes Maedchen aus besseren Staenden versorgt werden +soll, das nicht auf grosse Mitgift und darum auf Verheiratung rechnen und +somit dem natuerlichen weiblichen Beruf, dem Familienleben, +voraussichtlich entsagen muss, so kommt es in eine Anstalt und bildet +sich zur Lehrerin oder dergleichen aus. Im Mittelalter kam so ein armes +Fraeulein, dessen Ausstattung die schmalen Erbgueter der Stammhalter und +Schwestern noch mehr geschmaelert haette, zur Versorgung ins Kloster. Die +alten Kloester (der Benediktiner, Cisterzienser, Bernhardiner) wurden so +Versorgungsanstalten[20]. Es waren adelige Stifter, fromme Anstalten der +Vorfahren, worin "ehrsame" (d.h. adelige) Jungfrauen Gott dienen und fuer +die Seelen der Lebenden und Verstorbenen beten sollten[21]. Statt des +jetzigen "geistigen" Berufs zum Wirken in der Welt fuer lebendige +Menschen diente damals der "geistliche" Beruf zur Verehrung Gottes und +der Heiligen, zum ewigen Seelenheil der Lebenden, namentlich aber der +toten Anverwandten im Fegefeuer. Statt der heutigen freien und doch +nicht immer freiwilligen Entschliessung zu einem selbstgewaehlten Beruf, +der freilich immer nur bedingungsweise und auf Zeit ergriffen wird, galt +es damals die "ewige" unwiderrufliche "Vergeluebdung" auf Lebenszeit; +statt der "Emanzipation", welche einer ausser dem Familienleben stehenden +Jungfrau heute mehr oder weniger wartet, harrte ihrer damals die +"Klausur", die Einschliessung in die Klostermauern in einem streng +geschlossenen Verband, dem "Orden", unter dem straffen Bande der +"Regel", der Klostersatzungen. + +Nach Begabung und Neigung zu diesem geistlichen Beruf wurde da wenig +gefragt, und es konnte auch keine Ruecksicht darauf genommen werden[22]. +Dazu war in diesen Zeiten die elterliche Autoritaet, namentlich ueber +Toechter, viel zu gross, und der Familiensinn in solchen adeligen Haeusern +war ein zu stark ausgepraegter, als dass sich ein Glied in individueller +Neigung gegen das Herkommen und die Familiensitte wie gegen die +Forderungen der Existenzbedingungen seines Geschlechts aufgelehnt haette. +Nach den kirchlichen Bestimmungen galt der Grundsatz: "Einen Moench macht +entweder die elterliche Vergeluebdung oder die eigene Einwilligung"[23], +also in erster Linie die Bestimmung der Eltern! Diese hielten es eben +fuer eine standesgemaesse Versorgung und zugleich fuer einen "guten seligen +Stand", wie eine Nonne aus dieser Zeit erklaert[24]. + +Zudem wurden die Toechter in einem Alter in das Stift gethan, wo von +einer Willensentscheidung gar keine Rede sein konnte[25]. Die Maedchen +waren noch Kinder. Der Eintritt konnte schon im sechsten Lebensjahr +geschehen; viele kamen auch spaeter hinein, wenn sich die +Familienverhaeltnisse durch Wachstum der Kinderzahl, Tod der Mutter und +dergleichen anders gestalteten. Aber auch in noch frueherem Alter wurden +"Kostkinder" aufgenommen, welche dann auch oft Klosterjungfrauen wurden. + +"Es ist eine hohe Not und Tyrannei, dass man leider die Kinder, +sonderlich das schwache Weibervolk und junge Maedchen in die Kloester +stoesset, reizet und gehen laesst"--so aeussert sich Luther gerade ueber das +Kloster, worin sich Katharina von Bora befand, und ruft entruestet aus: +"O die unbarmherzigen Eltern und Freunde (Verwandten), die mit den +Ihren so schrecklich und greulich verfahren!"[26] + +Nicht anders erging es auch der Tochter aus dem verarmten Hause Bora. +Katharina ward ins Kloster geschickt--gefragt wurde das Kind natuerlich +nicht; es geschah "ohne ihren Willen", wie denn Luther im allgemeinen +von ihr und ihren Mitschwestern von Verstossung ins Kloster redet und von +Zwang. Er fragt bei dieser Gelegenheit seine Zeitgenossen: "Wie viel +meinst du, dass Nonnen in Kloestern sind, die froehlich und mit Lust +ungezwungen ihren Gottesdienst thun und Orden tragen? Unter tausend kaum +eine. Was ist's, dass du solches Kind laesst also sein Leben und alle seine +Werke verlieren?"[27] + +Katharina kam vielleicht schon mit dem 6. Lebensjahr ins Kloster; denn +in ihrem sechsten Lebensjahr verschreibt Jan von Bora auf Lippendorf +alle seine Gueter allda seiner--vielleicht in diesem Jahr geheirateten +zweiten--Ehefrau. Jedenfalls war Katharina im zehnten Lebensjahr (1509) +schon Klosterjungfrau; und zwar nicht mehr die juengste, sondern die +zweitjuengste von den Aufgenommenen und blieb noch lange Jahre (bis 1516) +die vorletzte in der Reihe der Schwestern[28]. + +Kloester gab es damals genug im Land: es wurden allein im Meissnischen +gegen 30 Nonnenkloester gezaehlt[29]. In welches Kloster Katharina +eintreten sollte, das stand von vornherein fest: es musste das adelige +Cisterzienserinnen-Kloster "Marienthron" oder "Gottesthron" _Nimbschen_ +bei Borna im Kurfuerstentum Sachsen sein[30]. Denn hier war eine Muhme +von Vaterseite, vielleicht Vatersschwester Magdalene von Bora schon +lange Zeit Klosterjungfrau und bekleidete von 1502-8 das Amt einer +Siechenmeisterin, d.h. Krankenwaerterin der Nonnen. Ausserdem waren, +scheint es, noch zwei Verwandte aus der muetterlichen Familie der Haubitz +da: eine aeltere Margarete und eine juengere Anna. + +Das Kloster Nimbschen hat eine huebsche Lage. Eine Stunde unterhalb, +nachdem die beiden Mulden, die Zwickauer von Sueden und die Freiberger +von Osten her zusammengeflossen sind zu der grossen Mulde, erweitert sich +das enge Flussthal zu einer viertelstundebreiten ebenen Aue, welche die +Form eines laenglichen Blattes hat und eine halbe Stunde lang ist. Am +Ostufer zieht sich eine schroffe Felswand aus Porphyr hin, an welche +das Muldebett sich anschmiegt; im Westen begrenzt eine niedrige, sanfter +ansteigende, waldbewachsene Huegelkette den Werder. Ueber der noerdlichen +Blattspitze, die scharf durch die zusammenrueckenden Felswaende +abschliesst, erhob sich eine Burg und jenseits der Thalsperre, ungesehen +von der Aue aus, liegt die Stadt Grimma; an dem obern Ende der Aue, +unmittelbar am Fusse des westlichen Waldhuegels, stand das Kloster. Es war +also abgelegen von der Welt, abgeschlossen durch die beiden Huegelreihen, +nur mit dem Blick auf die stille ruhige Aue. Drueben floss die Mulde +ungesehen tief in ihren Ufern, ueberragt von der Felswand, hueben erhob +sich der huegelige Klosterwald. Nordwaerts davon schimmerte ein ziemlich +grosser Teich, welcher die leckere Fastenspeise barg. + +Aus dem Huegel unmittelbar neben dem Kloster waren die schmutzig braunen +Porphyrsteine gebrochen, mit welchen die Mauern und Klostergebaeude +aufgebaut waren; ein Graben an diesem Huegel hin verhinderte noch mehr +den unbefugten Zutritt. + +Das Klostergebaeude war sehr umfangreich, denn so eine alte +Cisterzienser-Abtei bildete eine Welt fuer sich: nach alter Regel musste +das Kloster alle seine Beduerfnisse selber durch eigene Wirtschaft +befriedigen[31]. Daher gab es neben dem eigentlichen "Gotteshaus", wie +ein geistliches Stift genannt wurde, noch allerlei Wirtschaftsgebaeude: +Staelle fuer Pferde, Rinder, Schweine, Gefluegel mit den noetigen Knechten +und Maegden, Hirten und Hirtinnen fuer Fuellen, Kuehe, Schafe (das Kloster +hatte deren 1800!), Schweine und Gaense; ferner Maeher, Drescher, +Holzhauer, eine "Kaesemutter". Das Kloster selbst zerfiel in zwei +Gebaeudekomplexe: "die Propstei" und die "Klausur". Die Propstei schloss +sich um den aeusseren Klosterhof und umfasste die Wohnung des Vorstehers +oder Propstes, eines "Halbgeistlichen", welcher mit "Ehren" ("Ehr") +angeredet wurde, dann die Behausung des Verwalters oder Vogts (Voit) +samt dem Schreiber; ferner das "Predigerhaus", in welchem die zwei +"Herren an der Pforte", d.i. Moenche aus dem Kloster Pforta, als +Beichtvaeter wohnten, denn Pforta hatte die Oberaufsicht ueber Nimbschen. +Ein Brauhaus, Backhaus, Schlachthaus, Schmiede, Muehle, Kueche und Keller +waren noch da, worin die verschiedenen Klosterhandwerker hausten und +hantierten; auf dem Thorhaus sass der Thorwaerter Thalheym. Ein +"Hellenheyszer" hatte die Oefen zu besorgen. + +Es war eine gar umfangreiche Wirtschaft und ein grosses Personal: 40-50 +Leute waren in der Klosterzeit Katharinas von Bora taeglich "ueber den +Hof" zu speisen; und dazu mussten Loehne gezahlt werden, vom Oberknecht +mit 4 Schock 16 Groschen und Vorsteher mit 4 Schock an bis zur +Gaensehirtin, welche nur 40 Groschen bekam. + +Um alle diese Personen zu besolden und neben den Klosterfrauen zu +speisen, brauchte es natuerlich grosser Einkuenfte an Geld, Getreide, +Huehnern, Eiern u.s.w. von den Klosterdoerfern und Hoefen, ausser den +Klosterguetern, die vom Klosterpersonal selbst bewirtschaftet wurden. +Ferner hatten die Bauern noch gar manche Fronden mit Ackern, Duengen, +Dreschen, Maehen und Heuen, Schneiden, Holzmachen, Hopfen pfluecken, +Flachs und Hanf raufen, riffeln und roesten, Schafscheren, Jagdfron +(Treiben bei der Jagd) wofuer teilweise Essen und Trinken, bei der Jagd +auch Geld gereicht wurde. + +Die Nonnen selbst wohnten in der "Klausur", einem zweiten +Gebaeudekomplex, welcher im Viereck um einen kleinen Hof gebaut war und +aus der Kirche, dem Refektorium (Speisehaus), dem Dormitorium +(Schlafhaus mit den Zellen) und dem Konvent (Versammlungshaus) bestand. +Die Abtei, die Wohnung der Aebtissin, welche nicht zur Klausur gehoerte, +war zwischen dieser und dem Propsthofe. + +Hier im Kloster lebten nun einige vierzig Toechter adeliger Haeuser aus +verschiedenen Gegenden des kurfuerstlichen und herzoglichen Sachsen. Dazu +kamen noch ein halb Dutzend "Konversen" oder Laienschwestern, die um +Gottes willen, d.h. umsonst dienten. Ferner mehrere bezahlte +"Kochmeide", darunter eine Koechin, und die "Frauen-Meid", d.h. die +Dienerin der Aebtissin. Diese hatte ausserdem noch zwei Knaben zu ihrer +Verfuegung, die natuerlich im aeussern Klosterhof wohnten und zu Kleidern +und Schuhen zusammen 1 Schock jaehrlich erhielten[32]. + +Die adeligen Klosterfrauen bildeten die Sammlung, den Konvent und hiessen +daher auch Konventualinnen. Das war eine kleine weibliche Adelsrepublik, +die sich in allen Dingen selbst regierte nach der "Regel", den +Gesetzen, auf die sie eingeschworen waren--bloss unter Oberaufsicht ihres +Visitators, des Abtes von Pforta, der aber auch nur auf Grund der Regel +anordnen und ruegen konnte. Die Regel war die des hl. Bernhard, eine +etwas strengere Abart derjenigen der gewoehnlichen alten +Benediktinerinnen[33]. + +Die Nonnen waren ausser der Aebtissin in die _Klausur_ eingeschlossen, +aus welcher sie nur in Klosterangelegenheiten mit besonderer Erlaubnis, +und dies selten und in Begleitung einer Seniorin und des Beichtvaters, +heraustreten durften. Ein Verkehr mit der Aussenwelt oder auch nur mit +den Klosterleuten auf der Propstei fand nicht statt; auch in der Kirche +waren sie auf einem besonderen dicht vergitterten Nonnenchor den Blicken +der Weltleute entzogen. Verboten war ausdruecklich das Uebersteigen an +der Orgel und das Herauslehnen ueber die Umzaeunung des Chors. Wenn jemand +von draussen (Geistlicher oder Weltlicher) mit einer Klosterjungfrau zu +reden hatte, etwa die Eltern und Geschwister zu Besuch kamen, so durften +sie nur mit besonderer Erlaubnis der Aebtissin, und nur wenn es die Not +erforderte, in der Redstube durch das vergitterte Redfenster und in +Gegenwart der Aebtissin mit ihr sprechen; es war unmoeglich gemacht, dass +jemand die Hand oder ein Ding durch das Fenster steckte. Ebenso war der +Beichtstuhl vermacht, und selbst der Beichtvater durfte nur in +Krankheitsfaellen in die Klausur eintreten. Festlichkeiten und +Ergoetzungen sollten die Beichtvaeter nicht mit den Klosterjungfrauen +mitmachen. Der Pfoertnerin war bei Strafe verboten, Hunde (?), alte +Weiber und dgl. einzulassen[34]. Die Schwestern durften auch nicht mit +den Klosterkindern[35] zusammen schlafen. + +In diesem kloesterlichen Verband gab es zur Regierung und Verwaltung der +Gemeinschaft zahlreiche Aemter. Mit ziemlich unumschraenkter Gewalt +herrschte die gewaehlte _Aebtissin_: ihrem Befehl und ihren Strafen war +mit wortlosem, unbedingtem Gehorsam nachzukommen; doch war sie gehalten, +ueberall den Rat ihrer "Geschworenen und Seniorinnen" zu hoeren. Ihr war +nicht nur die aeussere Verwaltung der Gemeinschaft uebertragen, auch die +"Leitung der Seelen und Gewissen". Sie sollte sich bestreben, gleich +liebreich gegen alle, Junge und Alte, aufzutreten, fuer alle, Gesunde +und Kranke, namentlich in ihrer leiblichen Notdurft, besorgt zu sein. + +Mit Ehrfurcht nahten die Schwestern der Aebtissin, sie war die Domina +(Herrin), die ehrwuerdige Mutter, und die draussen wenigstens nannten sie +"Meine gnaedige Frau." Im Jahr 1509, also kurz nachdem Katharina von Bora +in Nimbschen eingetreten war, starb die alte Aebtissin Katharina von +Schoenberg, und Katharinas Verwandte, Margarete von Haubitz, wurde zur +Aebtissin gewaehlt und feierlich vom Abt Balthasar aus Pforta in ihr Amt +eingefuehrt[36]. + +Nach der Aebtissin kam an Wuerde die Priorin ("Preilin"), einerseits die +Stellvertreterin und Gehuelfin derselben, andererseits aber auch die +Vertreterin und Vertrauensperson des Konvents. Auf sie folgte die +"Kellnerin", die "Bursarin" (auch "Bursariusin", Kassiererin) die +Kuesterin, die Sangmeisterin ("Saengerin"), die Siech- und +Gastmeisterin[37]. + +Die Schwesternschaft, in welche die junge Katharina eintrat, hatte einen +gleichartigen gesellschaftlichen Rang: sie waren alle aus dem kleinen +Adel und vielfach mit einander verwandt oder gar Schwestern: so die zwei +Haubitz, die zwei Schwestern Zeschau und Margarete und Ave von +Schoenfeld, wozu noch eine Metze[38] Schoenfeld kam, welche 1508 +Siechenmeisterin und spaeter Priorin wurde. Aber die einen waren +wohlhabend mit einem ordentlichen Leibgeding an Geld und Naturalien, die +anderen arm, vielleicht nur bei dem Eintritt und bei der Einsegnung mit +einem kleinen Geschenke von ihren Verwandten abgefunden. Der Wohlstand +scheint nicht ohne Einfluss auf die amtliche Stellung gewesen zu sein; +denn es ist doch wohl nicht Zufall, dass die am reichsten +Verleibgedingte, Margarete von Haubitz, zur Aebtissin gewaehlt wurde[39]. +Auch das Alter war ein gar verschiedenes: da war die 70 jaehrige Ursula +Osmund, die an hundert Jahre alt wurde, und die zehnjaehrige Katharina +von Bora und die beiden jungen Schoenfeld, welche in aehnlichem Alter +standen. Lange Zeit wurden gar keine neuen Jungfrauen in das Stift +aufgenommen: von 1510 bis 1517 blieben Katharina und Ave die letzten, +vielleicht weil die Zahl 50 (mit den Konversen) ueberschritten war und +die Einkuenfte des Klosters nicht mehr Personen ertrugen. Dass die +Klosterfrauen auch an Wesen, Charakter und Temperament verschieden +waren, ist natuerlich; aber alle geistige Individualitaet (alle +"Eigenschaft") wurde durch die Klosterregel und Klosterzucht ebenso +ausgeloescht, wie die leibliche Verschiedenheit durch die gleiche Tracht: +Nonnen tragen auch eine geistige Uniform. Dazu sind Freundschaften +verboten. Von irgend einer Eigenheit einer Schwester erfaehrt man nichts. +Nur die Aebtissin Margarete von Haubitz ist spaeter charakterisiert als: +"ehrliches (vornehmes), frommes, verstaendiges Weibsbild"[40]. + +Ob die neue Klosterjungfrau _Katharina von Bora_ an ihr oder den anderen +Verwandten aus dem muetterlichen Geschlechte eine Annehmerin gefunden +habe, ist nicht zu sagen. Doch war nicht von vornherein die +Verwandtschaft mit der Aebtissin ein Grund zu einer freundlichen +Behandlung. Denn eine gleichzeitig mit Katharina in ein andres Kloster +eingetretene junge Nonne beklagt sich, dass ihre Muhme, die Aebtissin, +ganz besonders gewaltthaetig und grausam mit ihr verfahren sei. +Vielleicht hat Katharina eine Art muetterliche Freundin an ihrer anderen +Verwandten aus dem vaeterlichen Geschlecht gefunden, der ehemaligen +Siechenmeisterin Magdalena von Bora, weil diese nachher sich als "Muhme +Lene" so innig an Katharina und ihre neue Familie anschloss[41]. + +Zunaechst wurde das junge Maedchen eingefuehrt in die Ordensregel und den +Gottesdienst, wurde gewoehnt an kloesterliches Benehmen und an geistliches +Denken und Wesen, auch unterrichtet in einigen Kenntnissen und +Fertigkeiten. In Nimbschen wird keine besondere Novizenmeisterin +genannt; es war nur vom Abt bei der Einfuehrung der neuen Aebtissin 1509 +im allgemeinen aufs neue als Ordensregel eingeschaerft: "Weil es ein Werk +der Froemmigkeit und Barmherzigkeit ist, die Ungelehrten gelehrter zu +machen, wollen wir, dass diejenigen, welche mehr verstehn unter den +Jungfrauen, die andern zu belehren und unterrichten sich bestreben, in +dem Bewusstsein, dass sie einen grossen Lohn fuer diese Muehe empfangen, und +dass sie durch diese Beschaeftigung viel Leichtfertigkeit vermeiden, wozu +die ausgeladene Jugend geneigt ist." Natuerlich sollten aber alle +Aelteren den Jungen mit gutem Beispiel vorangehen. + +Als "der Schluessel der Religion" musste zunaechst ueberall, wo es die +Ordensregel vorschrieb, unbedingtes _Stillschweigen_ beobachtet +werden--ausser dem unbedingten Gehorsam, an den sich die Novizin zu +gewoehnen hatte, der wichtigste und hoechste Punkt des kloesterlichen +Lebens. Denn es muesste Rechenschaft gegeben werden von jedem unnuetzen +Wort nicht nur vor Gottes Richterstuhl, sondern auch vor dem Beichtstuhl +des Priesters. Vielmehr sollten die Klosterjungfrauen ausserhalb der +vorgeschriebenen Gebetszeiten und der Lektionen in besonderen Gebeten +mit dem Braeutigam Christus reden oder in Beschaulichkeit schweigend +hoeren, was Gott in ihnen redet. Darum wurde streng darauf gesehen, dass +die Kinder und heranwachsenden Jungfrauen nicht herumliefen und +schwatzten, sondern sich sittsam und schweigsam verhielten. + +Es galt sodann in Kleidung und Haltung, in Gebaerde und Rede sich das +rechte nonnenhafte Wesen anzueignen. "Am Ort der Busse", musste man "die +groesste Einfachheit der Kleidung zeigen, sich weder mit weltlichen +Gewaendern schmuecken, noch auch mit den Fransen der Pharisaeer", sondern +die Kutten bis an die Schultern herausziehen. Das Angesicht mussten die +Novizen lernen stets zu neigen. "Denn die Scham ist die Hueterin der +Jungfrauschaft, der koestlichen Perle, welche die geistlichen Toechter +bewahren sollen. So sollen sie mit Seufzen und Beklagen der verlorenen +Zeit die Ankunft des himmlischen Braeutigams erwarten welcher seine +Verlobten,--die im Glauben und hl. Profess stets des Herrn harren,--mit +Frohlocken in sein Brautgemach fuehrt." + +"Damit sie sich aber nicht mit dem Laster des Eigentums beflecken, +welches in der Religion das schlimmste und verdammlichste und ein Netz +des Teufels ist, sollen sie bei Strafe der Exkommunikation alle +Geschenke von Freunden und andern draussen nicht als ihr Recht +beanspruchen, sondern der Aebtissin reichen, und demuetig von ihr das +Noetige begehren." + +Die Vorgesetzten assen zwar am besonderen Tisch und hatten bessere +Speisen und Getraenke: so bekamen sie echtes Bier, dagegen die +Konventualinnen nur "Kofent" (Konvent- d.h. Duenn-Bier)[646], aber +gleichmaessige Behandlung aller Klosterjungfrauen in Speisen und Getraenken +waren der Aebtissin zur Pflicht gemacht, und die Mahlzeiten liessen nach +herkoemmlicher Klostersitte nichts zu wuenschen uebrig[42]. "Festmahlzeiten +und Ergoetzlichkeiten" waren den Schwestern unter sich von der Aebtissin +erlaubt. + +Diese Ordnungen, zu welchen in Nimbschen bei Einfuehrung der neuen +Aebtissin der Abt-Visitator eine Art Hirtenbrief als Erlaeuterung und +Ergaenzung der Ordensregel gegeben hatte, wurden alle Vierteljahre +kapitelweise im Konvent gelesen und durch die Aebtissin oder Priorin +Punkt fuer Punkt erklaert, damit jede Klosterjungfrau--namentlich aber die +Neulinge--aus sich selbst die kloesterliche Lebensweise und +Lebenseinrichtung annaehmen. + +In solche strenge Klosterzucht wurde nun das junge Maedchen eingefuehrt. +Wenn auch die Praxis--wie sich bei jeder Visitation zeigte, namentlich +in der Verordnung von unnuetzen Reden--von der Theorie abwich, so war +doch zu dieser Zeit ein stramme ernstliche Einhaltung der Ordensregel in +Nimbschen durchgefuehrt. Man hatte naemlich gerade um 1500 auch hier wie +in anderen Kloestern eine "Reformation" der zerfallenen Klosterordnung +erstrebt[43]. + +Neben dieser Erziehung zum Klosterleben gab es auch einigen +_Unterricht_, der mit dem Ordensleben zusammen hing. Die Novizen mussten +lesen lernen--was damals bei der krausen Schrift und dem noch krauseren +Stil nicht so ganz leicht war[44]. Sogar ins Lateinische mussten die +Nonnen notduerftig eingefuehrt werden: denn die Lesungen und Gebete, +besonders aber die Gesaenge waren meist in der Kirchensprache +geschrieben--wenn es auch mit dem Verstaendnis der Fremdsprache nicht +gerade weit her war: singen ja doch auch heute Kirchenchoere in +Dorfgemeinden lateinische Hymnen und Messen. Auch schreiben hat +Katharina im Kloster gelernt, wenn sie auch spaeter--wie alle viel +beschaeftigten Frauen nicht gerne und viel schrieb und an Fremde und +hochgestellte Personen ihre Gedanken lieber einem Studenten oder +Magister in die Feder sagte. Sonst konnten nicht alle Klosterfrauen +diese Kunst. Eine eigentliche Schule, worin die Schulmeidlein gelehrt +wurden, gab es nicht, doch waren einige Klosterfrauen faehig, nach ihrem +Austritt Maedchenschulmeisterinnen zu werden, so die Schwester von +Staupitz und die Elsa von Kanitz[45]. + +Der _Gesang_ spielte eine grosse Rolle im Kloster: waren doch alle +religioesen Uebungen groesstenteils gemeinschaftlich und mussten so zum +Chorgesang werden. Es war eine Saengerin oder Sangmeisterin +(Kapellenmeisterin) bestellt, welche die Gesaenge einzuueben hatte. Und im +Kloster war ein altes "Sangbuch", welches 1417 fuer 2 Schock Groschen +gekauft und vom markgraeflichen Vogt zu Grimma bezahlt worden war. Es +waren aber im Kloster fremde Gesaenge aufgekommen und es wurde gegen die +Regel des seligen Vaters Bernhard zu schnell und ungleich (d.h. +rhythmisch) gesungen, und kam der Unfug auf, dass unvermittelt bald alle, +bald wenige Stimmen sangen; der Abt von Pforta ordnete daher an, dass +rund, eine Silbe wie die andere gesungen werde, einhellig und mit +gleicher Stimme, nicht zu hoch und zu tief[46]. + +Im Jahre 1509, als Katharina von Bora zehn Jahre zaehlte, war sie kein +Kostkind oder Schulmeidlein mehr, sondern wurde schon unter die +Klosterjungfrauen gezaehlt. Sie war also einstweilen wenigstens +"Postulantin", Anwaerterin fuer die Pfruende. Da meist das vierzehnte +Lebensjahr das Entscheidungsjahr fuer die Klostergeluebde war, so haette +sie mit dem dreizehnten ihr Noviziat antreten und ein Jahr darauf Profess +thun koennen. Es ist auffaellig, dass sich dies bei Katharina zwei Jahre +hinausschob, und sogar die spaeter eingetretene juengere Ave Schoenfeld +_vor_ ihr mit ihrer aelteren Schwester Margarete eingesegnet wurde[47]. + +Mit ihrem 15. Jahre also wurde Katharina von Bora nach dem Herkommen der +Sammlung von der Aebtissin "angegeben" (vorgeschlagen) und von dem +Konvent angenommen. Unter feierlichen Zeremonien in der Kirche wurden +ihr die Haare abgeschnitten, die mit Weihwedel und Rauchfass besprengten +und beraeucherten heiligen Kleider angethan: die weisse Kutte uebergezogen, +der weisse Weiler (das Kopftuch (velum, der sog. Schleier)) ums Haupt +geschlungen; auf diesem wurde der Himmelsbraut der weisse Rosenkranz +aufgesetzt und der Heiland im Kruzifix als Braeutigam in die Arme gelegt, +dann hat sie ihm durch Opferung des Kranzes ewige Reinigkeit verheissen +und geschworen. Darauf fiel die Postulantin der Reihe nach der Aebtissin +und jeder der einzelnen Klosterfrauen demuetig zu Fuessen, wurde von ihnen +aufgehoben und mit einem Kusse als Schwester in die Gemeinschaft +aufgenommen[48]. + +Jetzt kam Katharina unter die strenge Zucht einer aelteren Klosterfrau +und musste in dieser Probezeit im Ernst all die vielen Dinge ueben in +Haltung und Gang, in Gebaerde und Rede, welche eine Nonne auf Schritt und +Tritt zu beobachten hat, wenn sie nicht gegen die Regel suendigen und +dafuer Busse erleiden will. So erzaehlt eine Nonne: "Das Probejahr geschahe +nur, dass wir Ordensweise lernten und uns versuchten, ob wir zum Orden +tuechtig"[49]. + +Endlich, im Jahre 1515, "Montags nach Francisci Confessoris", d.h. am 8. +Oktober, war Katharinas "eynseghnug". Da musste sie "Profess thun", d.h. +das ewig bindende Klostergeluebde ablegen. Es wird ihr gegangen sein wie +jener anderen Nonne, die um diese Zeit auch eingesegnet wurde und von +sich erzaehlt: "Am Abend vor meiner Profession sagte mir die Aebtissin +vor der ganzen Versammlung im Kapitel: man solle mir die Schwierigkeit +der Regel vorlegen und mich fragen, ob ich das gesinnet waere zu halten? +waere aber nicht von noeten, denn ich haette mich in der Einkleidung +genugsam verpflichtet. Und wenn ich gleichwohl gefragt worden waere, +haette ich doch nichts sagen duerfen, haette mir auch nichts geholfen." Die +Einsegnung ging vor sich und zwar war Katharina von "Bhor" als einzige +auf diesen Tag geweiht. Sie spendete dabei dem Kloster von dem wenigen, +was sie vermochte, 30 Groschen[50]. + +Zwar nicht widerwillig, aber doch wie sie (bezw. Luther) spaeter sagte, +ohne "ihren Willen" wurde Katharina als Tochter des sel. Vaters Bernhard +verpflichtet. Trotzdem aber hat sie sich in die Klosterregel nicht nur +gefuegt, sondern auch "hitzig und emsig und oft gebetet"[51]. + +Das entspricht ihrer gesamten entschiedenen Natur, wie sie sich spaeter +ausgereift zeigt. Sie war ja gelehrt worden, durch "gute Werke", +insbesondere durch Klosterwerke, erwerbe man sich himmlische Gueter und +geldliches Vermoegen und einen hohen seligen Sitz im Jenseits; also +strengte sie alle Kraft und allen Fleiss an, solchen Reichtum zu erwerben +und durch geistliche Uebungen sich einen guten Platz im Himmel zu +verdienen. Was sie spaeter als Frau einmal angriff, das erstrebte sie +auch mit der ganzen Gewalt und Zaehigkeit ihres Willens, und so wird sie +es auch im Kloster gehalten haben als Nonne. Zudem pflegen junge +Klosterleute, namentlich weibliche, die eifrigsten zu sein in der Uebung +der Pflichten, auch wenn sie nichts von Schwaermerei an sich haben. + +Und was hatte nun die junge Nonne fuer hohe Werke und heilige Pflichten +zu thun? + +Fast das gesamte Leben im Kloster fuellten geistliche Uebungen aus, ihr +ganzes Tagewerk war Beten, Singen, Lesen, Hoeren erbaulicher Dinge, "da", +wie es in einer Klosterregel heisst, "alle Klausur und geistliche Leute +erdacht und gemacht sind, dass sie unserm Herrn und Gott dienen und fuer +Tote und Lebende und alle Gebresthafte Bitten fuellen". Das waren nun +ausser dem Messesingen und den privaten Gebeten noch besonders die +gemeinsamen 7 Gebetszeiten, die Horen: Matutin, Terz, Sext, Non am +Morgen, Vesper und Komplet am Abend mit Psalmen, Martyrologien, +Ordensregeln. Auch naechtliche Gottesdienste wurden begangen: Metten und +Vigilien. Und sogar waehrend des Essens, wo Stillschweigen geboten war, +wurde vorgelesen aus einem Erbauungsbuch. Abwechselnd hatte Katharina +auch selbst diese Vorlesung zu halten und musste dann nachspeisen[52]. + +Welchen Eindruck diese Vorschriften auf ein natuerlich fuehlendes und +religioeses Gemuet machen mussten, hoeren wir aus einem spaeteren Bericht: +"Da D. Martinus der Nonnen Statuten las, die gar kalt geschrieben und +gemacht waren, seufzte er sehr und sprach: "Das hat man muessen +hochhalten und hat dieweil Gottes Wort vermisset! Sehet nur, was fuer +eine Stockmeisterei und Marter der Gewissen im Papsttum gewest ist, da +man auf die horas canonicas und Menschensatzungen drang, wie Hugo +geschrieben, dass wer nur eine Silbe ausliesse und nicht gar ausbetete, +muesste Rechenschaft dafuer geben am juengsten Gericht[53]." + +Ob Katharina je ein Amt in dem Konvent bekleidet hat, wissen wir nicht; +jedenfalls konnte dies nur ein niederes, etwa das einer +"Siechenmeisterin" sein. Wahrscheinlich aber war sie noch zu jung, als +dass bei so vielen Vorgaengerinnen an sie die Reihe gekommen waere[54]. + +Eigentliche _Arbeit_ gab es im Kloster nicht: die Nonnen durften ja +nicht aus der Klausur, und die Hausarbeit in Kueche und Stube schafften +die Laienschwestern und Klostermaegde. Freilich so ganz arbeitslos wie +bei manchen adeligen Moenchsorden, wovon der Volkswitz sagt: + + Kleider aus und Kleider an + Ist alles, was die Deutschherrn than. + +--so traege verfloss das Leben der Nonnen nicht. Konnten sie sich doch mit +weiblichen Handarbeiten abgeben wie Spinnen von dem Ertrag der grossen +Schafherden fuer die wollene Bekleidung, namentlich aber mit Stickereien, +wie Altardecken, Messgewaender, Teppiche, Fahnen u.s.w., in Nimbschen, +wohl auch in Pforta fuer die Kirche der dortigen Moenche und vielleicht +auch fuer den Bischof von Meissen, unter dem das Kloster stand[55]. So hat +jedenfalls auch Schwester Katharina manche kunstvolle Stickerei +verfertigt, wenn auch die mancherlei Handarbeiten, welche heutzutage da +und dort von Luthers Kaethe gezeigt werden, wohl alle nicht echt sind. + +Eine gewisse Unterhaltung gewaehrte noch die Besichtigung und +Instandhaltung der zahllosen Reliquienstuecke, welche in der Nimbscher +Kirche aufgespeichert waren, und welche es galt zu schmuecken und in +Ordnung zu halten. Es waren da an den 12 Altaeren in Kreuzen, +Monstranzen, Kapseln, Tafeln wohl vierhundert hl. Partikeln. So von +Christi Tisch, Kreuz und Krippe, Kleid und Blut und Schweisstuch, vom +Stein und Boden, wo Jesus ueber Jerusalem weinte, im Todesschweiss betete, +gegeisselt sass, gekreuzigt ward, gen Himmel fuhr; vom Haar, Hemd, Rock, +Grab der hl. Jungfrau; von den Aposteln allerlei Knochen, auch Blut +Pauli, vom Haupt und Kleid Johannes' des Taeufers; von vielen Heiligen, +bekannten und unbekannten: den 11000 Jungfrauen, der hl. Elisabeth von +Thueringen, der hl. Genoveva, dem hl. Nonnosus, der hl. Libine Zaehne, +Haende, Arme, Knochen, Schleier, Teppiche--, ferner Partikeln von der +Saeule Christophs, vom Kreuz des Schaechers u.a.[56]. + +Aber auch hier hatten die Seniorinnen, u.a. auch Magdalena von Bora, die +Obhut ueber die hl. Kapseln. + +Vor allen diesen Reliquien wurden bestimmte Antiphonien gesungen, was +eine gewisse Abwechslung in dem taeglichen Gottesdienst gab. + +Eine Abwechslung in dem ewigen Einerlei brachten auch die vielen +Festtage, Bittgaenge und Prozessionen im Kreuzgang und auf dem +Kirchhof[57]. + +Eine grosse Sache war die Visitation des Klosters durch den Abt von +Pforta--freilich auch eine kostspielige: der Abt mit seinen Begleitern +musste abgeholt und wieder heimgebracht und unterwegs und im Kloster +verkoestigt, auch herkoemmlich mit Erkenntlichkeiten bedacht werden[58]. +Bei der Visitation gab's eine Untersuchung aller Missstaende, ein Verhoer +aller einzelnen Schwestern und schliesslich einen oft scharfen Bescheid. + +Es kamen auch an den hohen Festtagen und deren Oktaven Wallfahrer ins +Kloster, denn dieses hatte von verschiedenen Kirchenfuersten Ablaesse, +wenn auch nur 40taegige, erlangt fuer Besucher und Wohlthaeter des +Klosters, fuer Anhoerung von Predigten und Kniebeugen beim Avelaeuten[59]. + +Der Hauptablass aber war an einem besondern Tag im Jahre, wahrscheinlich +an der Kirchweihe (23. August). Da war Messe und Jahrmarkt zu gunsten +des Klosters unter dem Namen "_Ablass_" (wie in Bayern "Dult" = Indulgenz += Ablass). Zu diesem Tage kamen von weit und breit die Leute. Wenn so zu +Nimbschen jaehrlich "Ablass" war, mussten fronweise aus jedem Klosterdorf +drei Maenner kommen und "zur Verhuetung von Haendeln, bei Tag und Nacht zu +besorgend, Wache halten". Von all diesem Leben und Treiben freilich +sahen die Klosterfrauen so gut wie nichts, wenn sie auch von ihrer +Klausur aus den Laerm draussen hoeren konnten[60]. + +Allerdings nahm die Aebtissin, wenn sie einmal ausreiste, eine und die +andre Schwester mit; aber freilich an die juengern Klosterfrauen kam das +wohl schwerlich. Da ging es nach Grimma, ins nahe Staedchen, oder auch +ins ferne Torgau, die kurfuerstliche Residenz an der Elbe, wo gerade das +grossartige Schloss Hartenfels gebaut wurde. Dort hatte das Kloster +mancherlei Besitzungen an Aeckern und Wiesen und musste mit eigenem +Geschirr Getreide holen, waehrend die Stadt verschiedene Gebraeude Bier +selbst bringen musste. Mit diesen Fuhren wurde aber auch manches, was in +Torgau verkauft oder gekauft war, hin und zurueck gebracht. Eingekauft +wurde vor allem bei dem Ratsherrn und Schoeffer Leonhard Koppe, z.B. +Tonnen Heringe, Kiepen (Rueckkoerbe) voll Stockfische, Hechte, Faesser +Bier, Aexte. Namentlich geschahen solche Einkaeufe zu Martini, wo "Meine +gnaedige Frau", die Aebtissin, mit einer wuerdigen Jungfrau die Zinsen +einnahm, in der Herberge auch einige Groschen "zu vertrinken" gab und +bei Koppe einkaufte und die Rechnung persoenlich bezahlte[61]. + +Das waren die besondern Ereignisse in dem steten Einerlei des Jahres. In +ihrer ganzen Klosterzeit erlebte Katharina von Bora auch nichts +besonderes Ausserordentliches. Einzelne der Klosterfrauen gingen mit Tod +ab. Nachdem lange Katharina von Bora und Ave von Schoenfeld die Juengsten +im Kloster gewesen waren, kamen anno 1516 auf einmal 9 Kostkinder +herein: 3 Schellenberger, 2 Hawbitzen (Verwandte Katharinas von +muetterlicher Seite), 1 Lauschkin, 1 Keritzin (Kieritsch?), 1 Possin, 1 +Buttichin. Im folgenden Jahre traten drei Neulinge in den +Klosterverband, und ein Jahr darauf kamen wieder einige Kostkinder weg +und andere herein[62]. 1522 war ein Wechsel des Klostervorstehers +(Propstes), indem der alte, Johann Kretschmar, starb. Die Nonnen hielten +sehr zu ihrem Propst, waehrend die Beichtvaeter verhasst waren; denn diese, +"die 2 Herren an der Pforte" betrugen sich anspruchsvoll und anmassend, +mischten sich--wohl aus Langerweile--in Dinge, die sie nichts angingen, +wollten in die Verwaltung, also in den Geschaeftskreis des Propstes drein +reden, hetzten die Nonnen wider einander auf, so dass gar oft Klagen +wider sie ergingen und der Konvent sogar die weltliche Gewalt wider sie +und gegen ihre Schuetzer, die Aebte von Pforta, anrufen musste[63]. Da gab +es nun in diesen Jahren eine gar willkommene Gelegenheit, den Moenchen +ein Schnippchen zu schlagen. Zu Martini 1513 kam der Vorsteher vom +Hospital des Heilig-Geist-Ordens aus dem fernen Pforzheim im +Schwabenland, Matthias Heuthlin, und bot den Nonnen ein Privilegium an. +Weil seine Anstalt naemlich nicht genug Einkuenfte besass, hatte er sich +vom Papst Julius II. die Gnade erwirkt, dass allen Wohlthaetern des +Spitals die Wahl des Beichtvaters freigegeben wurde. Also gab die Domina +Aebtissin und ganze loebliche Sammlung des Klosters eine Beisteuer und +erhielten dafuer einen gedruckten mit dem Namen "Niimitsch" ausgefuellten +und vom Magister domus Hospitalis de Pfortzheim ord S. Spirit. +unterzeichneten Zettel, wonach das Kloster Nimbschen fuer seine milde +Gabe in die Bruderschaft des hl. Geistordens ausgenommen und aller guten +Werke und Ablaesse derselben teilhaftig und ihm insbesondere erlaubt +wurde, sich von einem beliebigen weltlichen oder moenchischen Beichtvater +Absolution von Suenden, Uebertretungen und Verbrechen, sogar solchen, +welche dem apostolischen Stuhl vorbehalten waren, einmal im Leben und im +Todesfall, so oft es noetig erschien, erteilen zu lassen. Dieses +Privilegs machte sich das Kloster durch wiederholte Gaben in den +folgenden Jahren (1516, 1519, 1520) teilhaftig[64]. So war auch den +Nimbschener Nonnen eine von den zahllosen Hinterthueren geoeffnet, durch +welche in der katholischen Kirche die geknechteten Seelen dem +geistlichen Zwang sich entziehen und auf Nebenwegen die Seligkeit +erlangen konnten. + +Katharina erlebte auch im Kloster noch die Vorboten des Bauernkriegs. +Die Klosterdoerfer hatten zwoelferlei Fronden. Von diesen trotzten die +Bauern sich schon vorher vier ab, waren aber auch damit noch nicht +zufrieden, so dass der neue Propst sich nach Rat und Hilfe umsehen +musste[65]. + +Das waren die kleinen und kleinlichen Eindruecke und Ereignisse, die in +das Leben der Nimbscher Jungfrauen und der Katharina von Bora +eingreifend, die glatte Oberflaeche ihres beschaulichen Daseins leicht +kraeuselten. Das waren die einfoermigen Beschaeftigungen, mit denen sie die +Zeit, die langen Tage, Wochen und Jahre muehsam hinwegtaeuschten. Solche +einseitigen Interessen und Anschauungen beherrschten den Gesichtskreis +eines jugendlichen Geistes. Wie das Klosterleben die koerperliche Kraft +eines jungen Menschenkindes zurueckhielt, so musste es auch die +aufstrebende Willenskraft erschlaffen. Die Klostermauern beengten nicht +nur das aeussere Gesichtsfeld, sie machten auch das geistige Auge +kurzsichtig. Wenn auch die gaehnende Langeweile demjenigen nicht zu +Bewusstsein kam, der von nichts anderem wusste, so musste doch der Geist +nach Eindruecken lechzen, so dass das Sprichwort begreiflich wird, welches +den Klosterbewohnern die Sehnsucht nach Erlebnissen zuschreibt: +"Neugierig wie eine Nonne". Und die staendige Aufgabe, "das Leben in +sich abzutoeten", konnte bei einer gesunden Natur erst recht die Frage +erwecken, was Leben sei. Wenn bei dem Mann im Kloster der Verstand sich +heisshungrig auf die Wissenschaft werfen konnte, so blieb die +eigentuemliche Lebenskraft des Weibes, das Gemuet hier unbefriedigt[66]. + +Gewiss die allermeisten dieser adligen Fraeulein hatten es aeusserlich +angesehen im Kloster besser, behaglicher, luxurioeser als daheim im +beschraenkten Haushalt der Eltern oder eines eigenen Gatten; und das +Ansehen, das eine gottgeweihte Jungfrau in den Augen des Volkes und +besonders der Kirche, und nicht zum wenigsten in dem eigenen Bewusstsein +hatte, war viel groesser als dasjenige, das eine arme Edelfrau draussen in +der Welt finden konnte. Aber der ganze Zwang der Unnatur und die +Kuenstlichkeit all dieser Verhaeltnisse musste, wenn auch ohne klares +Bewusstsein, auf einen wahrhaften und gesunden Geist druecken. + +Nur das eine Gefuehl konnte die Nonne ueber alle Zweifel, alle Entsagung, +alle Pein, alle Langeweile des Klosterlebens hin wegheben: das +Bewusstsein, ein gottwohlgefaelliges Werk zu thun, sich ein besonderes +Verdienst vor Gott zu erwerben, sich die zeitliche Heiligkeit und die +ewige Seligkeit zu versichern. Aber wie dann, wenn diese Grundbedingung +alles Nonnentums, dieser Grundpfeiler alles Klosterlebens erschuettert +und untergraben wurde, ja sich selbst als morsch und faul erwies? Dann +musste das ganze Gebaeu zusammenstuerzen, dann musste eine gegen sich +aufrichtige und willensstarke Natur die Konsequenzen ziehen und ein +Leben verwerfen und verlassen, das als heiliger und seliger Beruf +erschienen war und bisher den ganzen Menschen erfuellt hatte. + +Und dieser Fall trat bei Katharina ein. Aber freilich ihr verstaendiger, +nuechterner Sinn wird sie auch davor bewahrt haben, in krankhafter +Schwermut sich unglueckselig zu beklagen oder sich hinauszusehnen in eine +verschlossene Welt. + +Es musste ihr erst die Moeglichkeit sich oeffnen, den Klostermauern zu +entrinnen, und das pflichtmaessige Recht, es zu duerfen; dann aber erwachte +auch ihre ganze Thatkraft und mit aller Macht des Willens und Verstandes +setzte sie auch durch, was erreichbar und recht war. + + + + +3. Kapitel + +Die Flucht aus dem Kloster + + +Kaum ein Jahr hatte Schwester Katharina das Nonnengeluebde abgelegt, da +schlug der Augustinermoench Martin Luther in Wittenberg die 95 Saetze +wider den Ablass an. Nach einem Jahr stellte er sich dem Gesandten des +Papstes in Augsburg zur Verantwortung. Wieder ein Jahr spaeter war die +grosse Redeschlacht mit Eck zu Leipzig. Am Ende des folgenden Jahres +verbrannte Luther die Bannbulle und im Fruehjahr 1521 stand er vor Kaiser +und Reich in Worms. + +Diese die Kirche und die ganze christliche Welt aufregenden Ereignisse +drangen auch in die Kloester und erregten auch dort die Geister; dies um +so mehr, weil der Urheber all dieser gewaltigen Kaempfe selbst ein +Klosterbruder war, und zwar ein Augustiner, der dem Orden der alten +Benediktiner (Cisterzienser und Bernhardiner) verwandt war und darum als +Vorkaempfer dieses wider die gegnerischen Genossenschaften der +ketzerrichterischen Dominikaner angesehen und schon darum mit einer +gewissen Sympathie betrachtet wurde. + +Aber noch tiefer in das Leben und die Gedankenwelt der Klosterbewohner +schnitten die Schriften ein, welche der Wittenberger Moench und Doktor in +diesen grossen Jahren schrieb. Schon die Disputation von "Kraft und Wert +des Ablasses" ueber die 95 Thesen ging die Nonnen in Nimbschen besonders +an; denn auf "Kraft und Wert des Ablasses" ruhte ja ein sehr grosser Teil +ihres geistlichen Vermoegens: der Gottesdienst an jedem Festtag, ja das +Kniebeugen beim Avelaeuten brachte jedesmal vierzig Tage Ablass ein. Aber +noch naeher sollten ihre Person und ihren besonderen Beruf weitere +Schriften beruehren[67]. + +Es erschien 1518 Luthers "Auslegung des Vaterunsers fuer die +Einfaeltigen". Darin musste einem Klosterinsassen gar mancherlei +auffallen. Das Vaterunser, heisst's da, ist das edelste und beste +Gebet--beim Rosenkranz aber kommt das Ave Maria 5 mal so oft vor! +Ferner: "Je weniger Worte, je besser Gebet; je mehr Worte, je weniger +Gebet. Da klappert einer mit den Paternosterkoernern und manche +geistliche Personen schlappern ihre Horen ueberhin und sagen ohne Scham: +'Ei nun bin ich froh, ich habe unsern Herrn bezahlt', meinen, sie haben +Gott genug gethan. Jetzt setzen wir unsere Zuversicht in viel Geplaerr, +Geschrei und Gesang, was Christus doch verboten hat, da er sagt: +'niemand wird erhoert durch viel Worte machen'. Er spricht nicht: ihr +sollt ohne Unterlass beten, Blaetter umwenden, Rosenkranz-Ringlein ziehn, +viele Worte machen. Das Wesen des Gebets ist nichts anders als Erhebung +des Gemuetes oder Herzens zu Gott, sonst ist's kein Gebet. Den Namen +Gottes verunehren die hoffaertigen Heiligen und Teufels-Martyrer, die +nicht sind wie andere Leute, sondern gleich dem Gleisner im Evangelium. +Wir beten nicht: Lass uns kommen zu deinem Reich, als sollten wir darnach +laufen; sondern: Dein Reich komme zu uns; denn Gottes Gnade und sein +Reich muss zu uns kommen, gleich wie Christus zu uns vom Himmel auf die +Erde gekommen ist und nicht wir zu ihm von der Erde gestiegen sind in +den Himmel. Das taegliche Brot ist das Wort Gottes, weil die Seele davon +gespeist, gestaerkt, gross und fest wird. Es ist ein schweres Wesen zu +unser Zeit, dass das Fuernehmste im Gottesdienst dahinten bleibt."[68] + +Dann kam 1520 der "Sermon von den guten Werken". Gute Werke waren ja +alles Thun im Kloster: Beten, Fasten, Wachen u.s.w. Was aber nennt nun +Luther wahrhaft gute Werke? "Das erste, hoechste und alleredelste Werk +ist der Glauben an Christum. Darin muessen alle Werke geschehen und +dadurch erst gut werden. Beten, Fasten, Stiften ist ohne dies nichts. +Fragst du solche, ob sie das auch als gutes Werk betrachten, wenn sie +ihr Handwerk arbeiten und allerlei Werk thun zu des Leibes Nahrung oder +zum gemeinen Nutzen, so sagen sie nein! und spannen die guten Werke so +enge, dass nur Kirchengehen, Beten, Fasten Almosen bleiben. So verkuerzen +und verringern sie Gott seine Dienste. Ein Christenmensch vermisset sich +aller Ding, die zu thun sind, und thut's alles froehlich und frei; nicht +um viele gute Verdienste und Werke zu sammeln, sondern weil es ihm eine +Lust ist, Gott also wohlzugefallen. Eltern koennen an ihren eigenen +Kindern die Seligkeit erlangen; so sie die zu Gottes Dienst ziehen, +haben sie fuerwahr beide Haende voll guter Werke an ihnen zu thun. O welch +ein selige Ehe und Haus waere das! Fuerwahr, es waere eine rechte Kirche, +ein auserwaehlet Kloster, ja ein Paradies!" + +Und aehnliche Gedanken konnten die Klosterleute ausgefuehrt finden in des +Doktors herrlichem Buechlein "Von der Freiheit eines Christenmenschen" +vom selben Jahr 1520. Da heisst es: "Der Mensch lebt nicht fuer sich +allein, sondern auch fuer alle Menschen auf Erden; ja vielmehr allein fuer +andere und nicht fuer sich. Daher bin ich schmerzlich besorgt, dass +heutzutage wenige oder keine Stifte und Kloester christlich sind. Ich +fuerchte naemlich, dass in dem Fasten und Beten allesamt nur das Unsere +gesucht wird, dass damit unsere Suenden gebuesst und unsere Seligkeit +gefunden wird." + +Fuer die Moenche und Nonnen aber eigens geschrieben waren mehrere +Schriften ueber das Klosterleben. So das Buechlein ueber "die +Klostergeluebde. Aus der Wuestenung (d.h. Wartburg) anno 1521". Darin +nimmt sich Luther der gefallenen und geaengsteten Gewissen an und thut +aus Gottes Wort dar, dass die Geluebde, die ohne und wider Gottes Gebot +geschehen und an sich unmoeglich sind, eines getauften Menschen Herz +nicht bestricken und gefangen halten koennen. Der Glaube und das +Taufgeluebde sei das oberste, ohne welches man nichts geloben kann; denn +die Seelen werden durch die Taufe Verschworene und Verlobte Christi. +Falsch Verlobte wie die Klostersleute befreit der Sohn Gottes und nimmt +den aus Gnaden mit Freuden an, der sich zu ihm kehrt und dem ersten +Geluebde anhaengt. "Dies Buch machte viele Bande ledig und befreite viel +gefangener Herzen", sagt eine Zeitgenosse[69]. + +Gleichfalls von der Wartburg aus erschien endlich ein deutsches +Predigtbuch ("Postilla") von Luther und zu Michaelis desselben Jahres +(1522) noch ein Wartburgswerk "Das Neue Testament deutsch". Da konnte +nun jedermann und vor allem die geistlichen Personen im Kloster, welche +die evangelischen Ratschlaege befolgen und ein evangelisches Leben fuehren +wollten, aus der Quelle erfahren, was wahres Christentum sei, wie es +Christus und die Apostel gelehrt, und wie es Luther ausgelegt hatte. + +Demzufolge wandte sich die Stadt Grimma, in deren unmittelbarer Naehe +das Kloster Nimbschen gelegen war, dem Evangelium zu, und die Moenche in +mehreren umliegenden Kloestern verliessen ihre Gotteshaeuser. + +Diese Schriften und Nachrichten kamen auch in das Kloster Nimbschen, +denn so ganz verschlossen von der Welt waren auch Nonnenkloester nicht. + +Auf welchem Wege und durch wen wurden sie den Klosterfrauen vermittelt? + +Zweierlei Wege und Personen zeigen sich da. In _Grimma_ war ein Kloster +von Luthers Kongregation: Augustiner-Eremiten. Dort hatte Luther 1516 +schon Visitation gehalten und bei der Rueckkehr von der Leipziger +Disputation (1519) blieb er mehrere Tage und predigte wohl auch +daselbst; denn die Mehrzahl der Einwohner Grimmas standen schon laengst +auf seiner Seite. Der Prior des Klosters Wolfgang von _Zeschau_ war +Luthers Freund. Er trat 1522 mit der Haelfte der Ordensbrueder aus dem +Kloster und wurde "Hospitalherr" (Spittelmeister) am St. Georgen-Spital. + +Von diesem Zeschau nun aber waren zwei Verwandte (Muhmen) im Kloster +Nimbschen, zwei leibliche Schwestern: Margarete und Veronika von +Zeschau. Gewiss konnte dieser evangelisch gesinnte fruehere Moench +wenigstens vor seinem Austritt mit seinen Muhmen ohne Verdacht verkehren +und ihnen Luthers Schriften zustecken. Auch der eifrig evangelische +Stadtpfarrer in Grimma, Gareysen, war dazu imstande, welcher zu Ostern +1523 das hl. Abendmahl unter beiderlei Gestalt austeilte. + +Ausser dem nahen Staedtchen Grimma konnte aber auch das ferner gelegene +_Torgau_ der Ort sein, von welchem aus reformatorische Gedanken und +Schriften ins Kloster Nimbschen drangen. In Torgau war sehr frueh und +sehr durchgreifend die Reformation eingefuehrt worden, besonders seit der +fruehere Klostergenosse Luthers, der feurige Magister Gabriel _Zwilling_ +dort wirkte. Dieser, obwohl einaeugig und ein kleines Maennlein mit +schwacher Stimme, hat doch durch seine begeisterte, ja stuermische +Predigt, welche in Wittenberg sogar einen Melanchthon mit fortgerissen +hatte, die Buergerschaft zu einer ziemlich radikalen Abstellung aller +roemischen Missstaende und zu begeisterter Aufnahme des Evangeliums +bewogen. Ja ein Torgauer Buergersohn, Seifensieder seines Handwerks, +entfuehrte zu dieser Zeit--ob vor oder nach 1523 ist ungewiss,--zwei +Nonnen aus dem Kloster Riesa an der Elbe und versteckte sie in einen +hohlen Baum. Dann holte er Pferde und geleitete sie heim und heiratete +die eine der beiden Klosterjungfrauen. Und eine Torgauerin trat 1523 aus +dem Kloster Sitzerode[70]. + +Ein besonders entschiedener und thatkraeftiger Anhaenger war der ehemalige +Schoesser, der "fuersichtige und weise Ratsherr" Leonhard Koppe, in dessen +Kaufladen das Kloster seine Waren einzukaufen pflegte, und der wohl mit +seinem Fuhrwerk selber Lieferungen nach Nimbschen brachte. So war dieser +Laie, wenn auch seine evangelische Gesinnung bekannt sein musste, +vielleicht ein noch geeigneterer Mittelsmann fuer evangelische Schriften, +als die doch immerhin verdaechtigen uebergetretenen Geistlichen von +Grimma, vor denen als gefaehrlichen Woelfen die "zwei Herren an der +Pforte" ihren geistlichen Schafstall wohl gehuetet haben werden. Mit +seinen Waren konnte Koppe leicht lutherische Schriften einschmuggeln und +auch einen Brief aus dem Kloster nach aussen besorgen. Keck und schlau +genug war Koppe dazu[71]. + +Welchen Eindruck das Auftreten und die Schriften Luthers auf die Nonnen +machte, laesst sich ersehen aus einem Bericht, den eine Nonne in gleicher +Lage und Zeit, jene Florentina von Eisleben, durch Luther in Druck gab. +"Als nun die Zeit goettlichen Trostes, in welcher das Evangelium, das so +lange verborgen, an den Tag gekommen, ganzer gemeiner Christenheit +erschienen: sind auch mir als einem verschmachteten hungrigen Schaf, das +lange der Weide gedarbt, die Schriften der rechten Hirten gekommen, +worinnen ich gefunden, dass mein vermeintlich geistlich Leben ein +gestrackter Weg zu der Hoelle sei"[72]. + +In Nimbschen ging es einem grossen Teil der Klosterjungfrauen aehnlich. +Ja, eine Anzahl derselben verabredete sich zu dem Plan, aus dem Kloster +auszutreten. + +Das war ein schwerer Entschluss, der grosse Ueberwindung kostete. Eine +ausgesprungene Nonne galt bisher fuer einen Schandfleck in der Familie. +Der _freie_ Austritt aber war nur durch paepstlichen Dispens mit grossen +Kosten und Muehen zu erreichen und eigentlich nur Gliedern fuerstlicher +Familien moeglich. Freilich waren in dieser neuen, tieferregten Zeit +schon Moenche aus dem Klosterverband ausgetreten und weltlich geworden; +niemand wagte sie jetzt, wenigstens im kurfuerstlichen Sachsen, +anzutasten, ja, sie erhielten sogar Aemter und Stellen von Stadt und +Staat. Aber der Austritt von Nonnen war fast noch unerhoert, jedenfalls +noch sehr ungewohnt[73]. Und wenn auch das Vorurteil der Welt und der +eigenen Angehoerigen ueberwunden war, so fragte sich doch: was sollten die +ausgetretenen Nonnen draussen in der Welt anfangen, was thun und werden, +womit sich erhalten und durchs Leben bringen?[74] + +Wenn darum also auch die meisten, wo nicht alle Nonnen in Nimbschen das +Klosterleben verwarfen, so haben sich doch nur die mutigsten +entschlossen, den Schritt zu thun, den sie fuer recht und geboten +erachteten, naemlich nur diejenigen, welche vermoege ihrer Bildung +selbstaendig sich durchs Leben zu bringen im stande waren, wie die +Staupitz und Kanitz, oder die noch jung genug waren, sich in ein neues +Leben zu schicken, wie die beiden Schoenfeld und Katharina von Bora. Es +waren in Nimbschen neun Nonnen zum Austritt bereit: Magdalena von +Staupitz, Elisabeth von Kanitz, Veronika und Margarete von Zeschau, +Loneta von Gohlis, Eva Grosse, Ave und Margarete von Schoenfeld und als +zweitjuengste von ihnen Katharina von Bora[75]. + +Diese Kloster-"Kinder" (Nonnen) thaten nun das Naturgemaesseste und +Verstaendigste: "sie ersuchten und baten ihre Eltern und Freundschaft +(d.i. Verwandte) aufs allerdemuetigste um Huelfe, herauszukommen". Sie +zeigten genugsam an, dass ihnen solch Leben der Seelen Seligkeit halber +nicht laenger zu dulden sei, erboten sich auch zu thun und zu leiden, was +fromme (brave) Kinder thun und leiden sollen"[76]. + +Aber freilich den Eltern und Verwandten war das Gesuch ihrer Toechter und +Basen eine Verlegenheit. Einmal: der Versorgung wegen waren ja diese +Toechter ins Kloster gethan worden--wie wollte man sie nun in den armen +Familien unterhalten? Ihr Erbe war schon in Wirklichkeit oder in +Gedanken verteilt, wer mochte es an diese weltentrueckten, +gesellschaftlich toten Familienmitglieder herausgeben?[77] Ferner waren +solche Klosterfrauen der Welt entfremdet und taugten gar wenig ins +Leben. Wenn endlich auch nicht noch religioese oder kirchliche Bedenken +abschreckten, so war es doch noch eine andere Furcht: die Lehen der +meisten Anverwandten der Klosterfrauen lagen im Lande Herzogs des +Baertigen, der ein heftiger Feind der Reformation und des Wittenberger +Doktors im besonderen war. Da konnte es wegen Entfuehrung von +gottgeweihten Klosterfrauen empfindliche Strafen geben oder doch +Zuruecksetzung bei Hofaemtern. Kurzum das Gesuch der klosterfluechtigen +Nonnen wurde abgeschlagen[78]. + +So standen die Aermsten von jedermann verlassen da, in nicht geringer +Gefahr, dass ihr Vorhaben entdeckt und gehindert, die Beteiligten aber +empfindlich gestraft wuerden, wie es z.B. der mehrerwaehnten Florentina +geschah, als ihr Vorhaben, aus dem Kloster zu treten, entdeckt wurde. +Diese wurde von ihrer eigenen Muhme, der Aebtissin, unbarmherzig vier +Wochen bei grosser Kaelte haertiglich gefangen gesetzt, dann in Bann und +Busse in ihre Zelle gesperrt, musste sich beim Kirchgang platt auf die +Erde werfen und die anderen Nonnen ueber sich hinschreiten lassen, beim +Essen mit einem Strohkraenzlein vor der Priorin auf die Erde setzen; dann +wurde sie bei einem neuen Versuch, sich an ihre Verwandten zu wenden, +durchgestaeupt und "7 Mittwoch und 7 Freitage von 10 Personen auf einmal +discipliniert", in Ketten gelegt und fuer immer in die Zelle +gesperrt--bis sie durch Unachtsamkeit ihrer Schliesserin doch entkam. + +Solches oder Aehnliches ist im Kloster Nimbschen mit den lutherisch +Gesinnten nicht geschehen; vielleicht schuetzte sie ihre grosse Zahl vor +solchen Gewaltmassregeln. Es war aber wohl auch die Gesinnung der +verstaendigen Aebtissin, welche eine solche Bestrafung verhinderte: +Margarete von Haubitz ist ja nachher mit dem ganzen uebrig gebliebenen +Konvent zur Reformation uebergetreten, obwohl sie mit den aelteren Frauen +im Kloster blieb und das Leben darin nach evangelischen Grundsaetzen +einrichtete. Keineswegs aber konnte und wollte sie als Aebtissin schon +1523 den Klosterfluechtigen Vorschub leisten in ihrem Vorhaben[79]. + +Da nun die Nonnen an den Ihrigen keinen Anhalt fanden, so hatten sie +gerechte Ursache, anderswo Huelf und Rat zu suchen, wie sie es haben +konnten. Sie fuehlten sich ja gedrungen und genoetigt, ihre Gewissen und +Seelen zu retten[80]. Wo anders aber sollten sie diese Huelfe suchen, als +bei dem, der sie durch seine evangelischen Schriften und geistkuehne +Thaten auf diese Gedanken gebracht hatte? So machten sie's also wohl, +wie nach ihnen noch manche andere, einzelne und ganze Haufen von +Klosterjungfrauen: sie schrieben "an den hochgelehrten Dr. Martinus +Luther zu Wittenberg, einen Klage-Brief und elende Schrift, gaben ihm +ihr Gemuet zu erkennen und begehrten von ihm Trost, Rat und Huelfe"[81]. + +Und der Ueberbringer dieses Briefes wird jedenfalls niemand anderes +gewesen sein als eben Leonhard Koppe von Torgau. Luther erkannte an, dass +"sie beide hier haben helfen und raten koennen, und darum seien sie auch +schuldig, aus Pflicht christlicher Liebe die Seelen und Gewissen zu +retten"[82]. + +"Denn es ist eine hohe Not", erklaerte er weiter, mit Bezug auf die +Nimbscher Nonnen, "dass man leider die Kinder in die Kloester gehen laesst, +wo doch keine taegliche Uebung des goettlichen Wortes ist, ja selten oder +nimmermehr das Evangelium einmal recht gehoert wird. Diese Ursach ist +allein genug, dass die Seelen herausgerissen und geraubt werden, wie man +kann, ob auch tausend Eide und Geluebde geschehen waeren. Weil aber Gott +kein Dienst gefaellt, es gehe denn willig von Herzen, so folgt, dass auch +keine Geluebde weiter gelten, als sofern Lust und Lieb da ist; sonst sind +im Klosterleben furchtbare Gefahren, Versuchungen und Suenden"[83]. + +"Aber wenn sich nun schwache Seelen an solchem Klosterraub aergern?" +konnte man einwenden. + +Luther erklaerte: "Aergernis hin, Aergernis her! Not bricht Eisen und hat +kein Aergernis. Ich werde die schwachen Gewissen schonen, sofern es ohne +Gefahr meiner Seele geschehen kann; wo nicht, so werde ich meiner Seele +raten, es aergere sich dann die ganze oder halbe Welt. Nun liegt hier der +Seele Gefahr in allen Stuecken. Darum soll niemand von uns begehren, dass +wir ihn nicht aergern, sondern wir sollen begehren, dass sie unser Ding +billigen und sich nicht aergern. Das fordert die Liebe!"[84] + +So dachte Luther und ihm gleichgesinnt war Leonhard Koppe. An ihn +stellte nun Luther das Ansinnen, die Befreiung zu uebernehmen. Und Koppe +war trotz seiner sechzig Jahre ein entschlossener Mann, zu einem kecken +Wagnis bereit, und willigte ein; er nahm keine Ruecksicht, ob es ihm im +Geschaefte schaden koennte, noch weniger, ob es ihn beim Hof in Ungunst +bringen oder gar ans Leben gehen koennte; denn auf Nonnenraub stand +eigentlich Todesstrafe, und auch Kurfuerst Friedrich, der vorsichtige +Schuetzer Luthers missbilligte nicht nur jede oeffentliche Gewaltthat, +sondern war auch geneigt, sie zu strafen. Aber trotz all dieser Bedenken +war Leonhard Koppe zu der That entschlossen, und wurde darin von dem +Torgauer Pfarrer D. Zwilling bestaerkt; denn dieser war auch in die Sache +eingeweiht[85]. + +Zwischen Luther und Koppe wurde so der Plan verabredet. Das Unternehmen +sollte von Torgau ausgehen, welches in der Mitte zwischen Nimbschen und +Wittenberg gelegen war. Die Osterzeit wurde zur Ausfuehrung ersehen. + +Koppe brauchte aber Gehuelfen zur Ausfuehrung seines Unternehmens. Er +waehlte dazu seines Bruders Sohn, einen verwegenen jungen Mann, und einen +Buerger Wolfgang Tommitsch (oder Dommitsch), dessen Stieftochter, ein +Fraeulein von Seidewitz, kurz vorher aus dem Kloster entkommen war und +bald darauf einen ausgetretenen Augustiner-Propst, Mag. Nikolaus Demuth +heiratete, welcher dann Amtsschoeffer in Torgau wurde. Mit den neun +Klosterjungfrauen waren jedenfalls Verabredungen getroffen worden und +sie machten sich fluchtbereit[86]. + +In der Karwoche brachen nun die Torgauer auf einem oder mehreren mit +einer Blahe bedeckten Wagen, worin sie wohl weltliche Frauenkleider +verborgen hatten, von ihrer Stadt auf. Wenn die beiden Helfer nicht +eigene Wagen leiteten, so waren sie zu Pferde als Bedeckung dabei. Sie +kamen ueber Grimma am Karsamstag abends den 4. April vor Nimbschen +an[87]. + +Hier ruesteten sich die Nonnen in gewohnter Weise zu den Ostervigilien, +welche in der Auferstehungsnacht gefeiert wurden. Die ausserordentliche +Zeit, wo die Regel und geordneten Beschaeftigungen der Klosterfrauen +aufgehoben waren, muss dem Fluchtplan guenstig geschienen haben. Waehrend +die beiden Begleiter in dem nahen Gehoelz gehalten haben werden, fuhr +Koppe an dem Kloster vor. Er nahm, wie berichtet wird, zum Vorwand, +leere Heringstonnen auf der Heimfahrt nach Torgau mitnehmen zu wollen. +Beim Aufsuchen und Aufladen derselben scheint er den Thorwart Thalheim +beschaeftigt und die Aufmerksamkeit der uebrigen Bewohner des aeussern +Klosterhofs, namentlich der zwei Beichtvaeter, abgelenkt zu haben. Aus +der Klausur entkamen die neun Verschworenen, indem die Pfoertnerin +entweder getaeuscht oder gar bei dem Plan beteiligt war (es konnte ganz +gut eine von diesen neun zu dieser Zeit Thuerhueterin sein). Ein alter +Berichterstatter erzaehlt, man haette eine Lehmwand durchbrochen; ein +anderer, die Jungfrauen haetten sich im Garten versammelt und seien da +ueber die Mauer gestiegen. Aber auch zur hinteren Thuere konnten sie +entkommen sein; denn an der Bewachung dieser liess es das Kloster fehlen. +Kurzum, die Neun entflohen, wurden von den beiden Begleitern Koppes +aufgenommen; dieser fuhr wohl mit seinem Wagen Heringstonnen ganz +unschuldig ab und nahm dann draussen die Jungfrauen auf. Die leeren +Tonnen--vorne aufgestellt--konnten ganz gut dazu dienen, den lebendigen +Inhalt des Wagens vor unberufenen Augen zu verbergen[88]. + +Auf diese oder aehnliche Weise, jedenfalls "mit ausnehmender Ueberlegung +und Schlauheit", aber auch mit "aeusserster Keckheit"--nicht mit Gewalt +wurden die neun Jungfrauen durch Koppe aus Nimbschen befreit. Luther sah +es fast wie ein Wunder an[89]. + +Bei Nacht und Nebel fuhren nun die Retter und Geretteten davon, dem +Ostermorgen entgegen: es war eine eigene Ostervigilie in der Luft der +Freiheit durch die fruehlingsjunge Gotteswelt[90]. Die Fahrt ging durch +die kurfuerstlichen Lande, war also nicht bedroht durch die +Nachstellungen des lutherfeindlichen Herzogs Georg. Eine Verfolgung von +Nimbschen aus war nicht gerade zu befuerchten: es waren dort keine +Maenner, welche etwa einen Kampf mit den Entfuehrern gewagt haetten. Auch +hat der kluge Koppe gewiss ihre Spuren moeglichst verdeckt und die +Verfolger irre gefuehrt. Die weltliche Kleidung, welche die Jungfrauen +mittlerweile mit ihrer geistlichen vertauscht hatten, machte wohl die +Reise unauffaellig, und so kam der Zug auch ungehindert am Ostertag in +Torgau an und wurde vom Magister Zwilling freudig empfangen. In Torgau +wurde uebernachtet, die weltliche Kleidung der Klosterjungfrauen in der +Eile noch vervollstaendigt und am anderen Tag ging es Wittenberg zu, weil +es doch nicht geraten schien, die Entflohenen so nahe bei dem Kloster +und auch so nahe beim kurfuerstlichen Hof zu lassen[91]. + +Am Osterdienstag kam der Zug in Wittenberg an; ohne alle Ausstattung, in +ihrer geborgten und eilig zusammengerafften Kleidung, mit den +geschorenen Haeuptern ein "arm Voelklein", aber in ihrer grossen Armut und +Angst ganz geduldig und froehlich[92]. + +Luther empfing sie mit wehmuetiger Freude. Den kuehnen aber rief er zu: +"Ihr habt ein neu Werk gethan, davon Land und Leute singen und sagen +werden, welches viele fuer grossen Schaden ausschreien: aber die es mit +Gott halten, werden's fuer grossen Frommen preisen. Ihr habt die armen +Seelen aus dem Gefaengnis menschlicher Tyrannei gefuehrt eben um die +rechte Zeit: auf Ostern, da Christus auch der Seinen Gefaengnis gefangen +nahm"[93]. Als dann die Befreier heimfuhren, empfahl er sie Gott und gab +ihnen Gruesse mit an Koppes "liebe Audi" und "alle Freunde in +Christo"[94]. + +Drei Tage darauf schrieb Luther zur Verantwortung fuer sich, fuer den +"seligen Raeuber" Koppe und die es mit ihm ausgerichtet, sowie fuer die +befreiten Jungfrauen zum Unterricht an alle, die diesem Exempel wollten +nachfolgen "dem Fuersichtigen und Weisen Leonhard Koppe, Buerger zu +Torgau, meinem besonderen Freunde" einen offenen Brief. "Auf dass ich +unser aller Wort rede, fuer mich, der ich's geraten und geboten, und fuer +Euch und die Euern, die Ihr's ausgericht, und fuer die Jungfrauen, die +der Erloesung bedurft haben, will ich hiermit in Kuerze vor Gott und aller +Welt Rechenschaft und Antwort geben". In dieser "Ursache und Antwort, +dass Jungfrauen Kloester goettlich verlassen moegen" berichtet er offen die +That und ihre Gruende und nennt die Namen der Befreier und Befreiten. Er +sagt ihnen: + +"Seid gewiss, dass es Gott also verordnet hat und nicht Euer eigen Werk +noch Rat ist, und lasset das Geschrei derjenigen, die es fuer das +alleraergste Werk tadeln. 'Pfui, pfui!' werden sie sagen, 'der Narr +Leonhard Koppe hat sich durch den verdammten ketzerischen Moench fangen +lassen, faehrt zu und fuehrt neun Nonnen auf einmal aus dem Kloster, und +hilft ihnen, ihr Geluebde und kloesterlich Leben zu verleugnen und zu +verlassen'. Meint ihr, das ist all heimlich gehalten und verborgen? Ja, +verraten und verkauft, dass auf mich gehetzt werde das ganze Kloster zu +Nimptzschen, weil sie nun hoeren, dass ich der Raeuber gewesen bin! Dass ich +aber solches ausrufe und nicht geheim halte, thue ich aus redlichen +Gruenden. Es ist durch mich nicht darum angeregt, dass es heimlich bleiben +sollte, denn was wir thun, thun wir in Gott und scheuen uns des nicht am +Licht. Wollte Gott, ich koennte auf diese oder andere Weise alle +gefangenen Gewissen erretten und alle Kloester ledig (leer) machen. Ich +wollt mich's darnach nicht scheuen, zu bekennen samt allen, die dazu +geholfen haetten, (in) der Zuversicht, Christus, der nun sein Evangelium +an Tag gebracht, und des Endechrists (Antichrists) Reich zerstoert, wuerde +hier Schutzherr sein, ob's auch das Leben kosten muesste. Zum anderen thu +ich's, der armen Kinder und ihrer Freundschaft (Verwandtschaft) Ehren zu +erhalten, dass niemand sagen darf, sie seien durch lose Buben unredlich +ausgefuehrt und ihrer Ehre sich in Gefahr begeben. Zum dritten, zu warnen +die Herrn vom Adel und alle frommen Biederleute, so Kinder in Kloestern +haben, dass sie selbst dazu thun und sie herausnehmen"[95]. + +Diese Aufforderung und die gelungene Flucht der neun Nonnen ermutigte, +wie Luther gedacht, noch andere Klosterjungfrauen und deren Eltern zu +gleichem. Noch in derselben Osterwoche entwichen abermals drei Nonnen +aus Nimbschen und kamen zu ihren Angehoerigen, und zu Pfingsten wurden +wieder drei von ihren Verwandten selbst aus dem Kloster geholt[96]. + +Da endlich ermannte sich der Abt von Pforta, der dem offenen Brief +Luthers nicht entgegenzutreten gewagt hatte,--Luther war ein zu +gefuerchteter Kaempe. Am 9. Juni schrieb er eine Klage an den--Kurfuersten +ueber diese Vorgaenge, welche zur "Entrottung und Zerstoerung des Klosters" +fuehrten, und beschwerte sich, dass die Nonnen von Sr. Kurf. Gn. +Unterthanen dazu geholfen und gefoerdert worden seien. Der Kurfuerst +Friedrich gab in seiner bekannten diplomatischen Weise die ausweichende +Antwort: "Nachdem Wir nit wissen, wie diese Sache bewandt und wie die +Klosterjungfrauen zu solch ihrem Furnehmen verursacht und Wir uns +bisher dieser und dergleichen Sachen nie angenommen, so lassen Wir's +bei ihrer selbst Verantwortung bleiben"[97]. + +Aber damit war die Klosterflucht in Nimbschen nicht zu Ende. Bis 1526 +waren einige zwanzig--auch Magdalena von Bora--ausgetreten, so dass jetzt +nur noch 19 Klosterjungfrauen da waren; und diese samt ihrer Aebtissin +wurden evangelisch, blieben aber im Kloster, bis sich der Konvent im +Jahre 1545 aufloeste[98]. + +Drei Wochen nach der Flucht der neun Nimbscher Nonnen, am 28. April, +wagten sechs Nonnen aus Sornzig die Flucht, trotzdem dies Kloster im +Lande des Reformationsfeindes Herzogs Georg lag, und trotz des +schrecklichen Schicksals, das um diese Zeit den Entfuehrer einer Nonne +betroffen hatte, der zu Dresden gekoepft worden war. Und weitere acht +flohen aus Peutwitz[99]. + +Im selben Jahre der Flucht Katharinas traten noch 16 Nonnen in +Widderstetten auf einmal aus. Zwei Jahre darauf wandten sich wieder +andere "elende Kinder" an Luther aus dem fuerstlichen Kloster Freiberg im +Gebiete seines grimmen Feindes, Herzogs Georg. Und wieder wandte sich +Luther an den bewaehrten Nonnen-Entfuehrer Leonhard Koppe, den er +scherzweise "Wuerdiger Pater Prior" anredet. Luther wusste, dass diese +Zumutung fast zu viel und zu hoch sei--es konnte ja diesmal ernstlich +das Leben kosten--und meinte, Koppe wisse vielleicht jemand anderes, der +dazu helfen koennte. Aber der verwegene Mann liess sich um ein solches +wagehalsiges Stueck schwerlich vergebens bitten und--zu Georgs +allerhoechstem Verdruss--glueckte das Wagestueck, wie die Entfuehrung aus +Nimbschen[100]. + + + + +4. Kapitel + +Eingewoehnung ins weltliche Leben. + + +Nachdem die Befreiung Katharinas und ihrer Mitschwestern so gut gelungen +war, fragte es sich nun, was sollte mit ihnen werden? + +Die Sorge blieb an Luther haengen. Nochmals wandte er sich an die +Angehoerigen der Entflohenen und wird ihnen die Gewissen genugsam geweckt +und ihre Pflicht eingeschaerft haben, sich ihrer erbarmungswerten +Toechter, Schwestern und Basen anzunehmen; das geht aus dem offenen Brief +an Koppe und einem anderen an Spalatin hervor, worin es heisst: "O, der +Tyrannen und grausamen Eltern in Deutschland!"[101] + +Zugleich aber hatte er den Fall vorgesehen, dass die Verwandten, +wenigstens zum Teil, ablehnten, fuer die Nonnen zu sorgen. Daher +ueberdachte er, wie er sie unterbringen koennte. Aber von seinen +"Kapernaiten" (den Wittenbergern) konnte und wollte er keine +Geldunterstuetzung oder Anleihe erhalten; dagegen erhielt er von mehreren +Seiten Versprechungen, den Gefluechteten eine Unterkunft zu bieten. +Etliche wollte er auch, wenn er koenne, verheiraten. Amsdorf schrieb +scherzend an Spalatin: "Sie sind schoen und fein, und alle von Adel, und +keine fuenfzigjaehrige darunter. Die aelteste unter ihnen, meines gnaedigen +Herrn und Oheims Dr. Staupitz Schwester, hab ich Dir, mein lieber +Bruder, zugerechnet zu einem ehelichen Gemahl, damit Du Dich moegest +eines solchen Schwagers ruehmen. Willst Du aber eine juengere, so sollst +Du die Wahl unter den Schoensten haben"[102]. + +Bis dahin bat Luther und ebenso Amsdorf den Hofkaplan und +Geheimschreiber des Kurfuersten Friedrichs des Weisen, "dieser ehrbaren +Meidlein Vorbitter am Hofe zu sein und ein Werk der Liebe zu thun, und +bei den reichen Hofleuten und vielleicht dem Kurfuersten etwas Geld zu +betteln, auch wohl selbst etwas zu geben, damit die Gefluechteten +einstweilen genaehrt und auf acht bis vierzehn Tage, auch mit Kleidung +versehen werden koennten, denn sie hatten weder Schuhe noch Kleider." +Luther ging es naemlich damals so schlecht, dass er selbst kaum etwas zu +essen hatte und sein Mitbruder, der Prior Brisger, einen Sack Malz +schuldig bleiben musste: so sehr blieben die Klostereinkuenfte aus, auf +die Luther und der letzte mit ihm lebende Moench angewiesen war. Er +scherzt mit Beziehung auf seinen Bettelorden: "Der Bettelsack hat ein +Loch, das ist gross". Freilich der Hof des vorsichtigen Kurfuersten wollte +nicht recht, wenigstens nicht offen mit Unterstuetzungen herausruecken, +weshalb Luther seinen Freund nochmals mahnen musste: "Vergesst auch meiner +Kollekte nicht und ermahnt den Fuersten um meinetwillen auch etwas +beizusteuern. O, ich will's fein heimlich halten und niemanden sagen, +dass er etwas fuer die abtruennigen Jungfrauen gegeben--die doch wider +Willen geweihet und nun gerettet sind"[103]. + +Luthers Appell an die Verwandten verfing nicht. Er musste klagen: "Sie +sind arm und elend und von ihrer Freundschaft verlassen." Luther musste +also trotz seiner grossen Armut die Nonnen mit grossem Aufwand +unterstuetzen. Sonst erfuhr er, "was sie draussen von ihren Verwandten und +Bruedern leiden muessten"--wenn etwa eine nach Hause kaeme. Sie wollten +meist auch nicht zu ihrer "Freundschaft", weil sie in Herzog Joergs Land +des goettlichen Wortes Mangel haben muessten[104]. + +Magdalena Staupitz wurde mit der Zeit als "Schulmeisterin" der Maegdlein +in Grimma gesetzt, und ihr ein Haeuslein vom Moenchskloster gegeben. Die +Elsa von Kanitz fand bei einer Verwandten Aufenthalt; Luther wollte sie +1527 als Schulmeisterin der Maegdlein nach Wittenberg berufen. Die Ave +von Schoenfeld verheiratete er mit dem Medikus Dr. Basilius Axt[105]. + +Katharinas Verwandte konnten sich ihrer offenbar nicht annehmen. Die +Eltern waren tot, Bruder Hans musste selber Dienste suchen im fernen +Preussen, dann Verwalterstellen in Sachsen. Der aelteste Bruder war arm +verheiratet, hatte wohl keinen Platz fuer die Schwester; vom juengsten, +Clemens, war vollends nichts zu erwarten. + +So wurde denn das Fraeulein Katharina von Bora nach der Ueberlieferung im +Hause eines Wittenberger Buergers untergebracht, der in der +Buergermeistergasse wohnte. Es war der ehrsame gelehrte M. Philipp +Reichenbach, welcher 1525 in Wittenberg Stadtschreiber, 1529 Licentiat +der Rechte, 1530 Buergermeister und endlich Kurfuerstlicher Rat +wurde[106]. + +In dem Wittenberger Buergerhause wurde die ehemalige Nonne mehr als eine +Art Pflegetochter gehalten und der Hausherr vertrat Vaterstelle an ihr. +Sie muss dort doch eine angesehene Stellung eingenommen haben. Sie war +bekannt und genannt im Kreise der Universitaetsgenossen, und der +Daenenkoenig Christiern II., der landesfluechtig im Oktober 1523 nach +Wittenberg kam und bei dem Maler Lukas Kranach Wohnung hatte, beschenkte +Katharina mit einem goldenen Ringe. Die jungen Gelehrten in Wittenberg +sprachen mit Achtung von ihr; sie nannten sie in ihren vertrauten +Briefen, wohl wegen ihrer strengen Zurueckhaltung, "die Katharina von +Siena"[107]. + +Bei dem Stadtschreiber, oder vielmehr bei seiner Frau, sollte nun +Katharina von Bora sich eingewoehnen in das neue oder vielmehr alte +"weltliche", das buergerliche Leben. + +Das war nicht so gar leicht. Mindestens vierzehn Jahre lang, also fast +ihr ganzes bewusstes Leben, hatte Katharina im Kloster zugebracht. Alle +diese Jahre hatte sie die geistliche Tracht getragen, sich an +nonnenhafte Gebaerde und Haltung, an geistliche Sitten und Reden gewoehnt; +den Umgang mit weltlichen Menschen hatte sie verlernt oder eigentlich +nie recht gelernt, und ebenso die Arbeit, das Hantieren in Stube und +Kueche; in der That, man begreift, dass der praktische Luther beim Anblick +der neun weltunerfahrenen Nonnen ausrufen konnte: "Ein armes Voelklein"! +Wie in die weltliche Kleidung musste Katharina sich nun an weltliche +Sitte und Rede gewoehnen; wie ihr bleiches Gesicht sich an Luft und Sonne +braeunen, ihre zarten Haende im Angreifen von Toepfen und Besen sich +haerten, so musste auch ihr geistiges Wesen an den rauheren, aber +gesuenderen Anforderungen und Zumutungen der Welt sich kraeftigen. Aber +wie ihre abgeschnittenen Haare zu langen blonden Zoepfen wuchsen, so nahm +auch Sorgen und Denken an die kleinen weltlichen Pflichten und die +grossen weltlichen Interessen zu. + +Und das gnaedige Fraeulein war nicht umsonst bei der Frau Magister. Sie +wurde hier tuechtig vorgeschult fuer ihren spaeteren grossen +pflichtenreichen Haushalt. Und sie hat sich auch nach dem Zeugnis der +Wittenberger Universitaet in dem Hause Reichenbach "stille und wohl +verhalten"[108]. + +Aber auch andere Gedanken und Gefuehle erwachten in ihr und wurden ihr +von aussen nahe gelegt. Und auch hier machte sie Erfahrungen und erfuhr +sie schmerzliche Enttaeuschungen, die sie weltkluger und vorsichtiger +machten. + +Katharina war jetzt 24 Jahre alt, eine reife, ja nach den Anschauungen +jener Zeit, welcher das 15. bis 18. Lebensjahr einer Jungfrau fuer das +richtigste heiratsfaehige Alter galt, eine ueberreife Jungfrau. Dass sie an +Verehelichung dachte, ist begreiflich. Denn sie hatte weder eine +Stellung noch Vermoegen. Der Aufenthalt bei ihren Pflegeeltern konnte +doch nur ein voruebergehender und nicht befriedigender sein. Luther, der +die besondere Sorge fuer diese, wie fuer andere ausgetretene Klosterleute +uebernommen, hatte ohnedies schon von Anfang die ausgesprochene Absicht, +diejenigen, welche in ihren Familien keinen Unterhalt und Aufenthalt +finden konnten, zu verheiraten. Und seine gesamte Anschauung ging +dahin--darin hatte er die echt baeuerliche Ansicht seines Vaters--dass der +Mensch zum Familienleben geboren und gerade das Weib von Gott zur Ehe +bestimmt sei[109]. + +Nun kam damals im Mai oder Juni 1523 in die Universitaetsstadt Hieronymus +_Baumgaertner_, ein Patriziersohn aus Nuernberg, "ein junger Gesell mit +Gelehrsamkeit und Gottseligkeit begabt". Er hatte frueher (1518-21) in +Wittenberg studiert und bei Melanchthon seinen Kosttisch gehabt und +wollte jetzt seine alten Lehrer und Freunde in Wittenberg: Luther und +besonders Melanchthon besuchen, mit dem er spaeter in regem Briefwechsel +stand[110]. Dieser junge Mann erschien Luther als der rechte Gatte fuer +seine Schutzbefohlene: er war 25 Jahre alt, Kaethe 24, beide aus +vornehmem Hause; sie ohne Vermoegen, um so mehr passte in Luthers Augen +der wohlhabende Nuernberger fuer sie. Und er wird wohl dafuer gesorgt +haben, dass Baumgaertner an sie heran kam und an ihr Wohlgefallen fand. +Auch Kaethe fasste eine raschaufwallende Neigung fuer den jungen Mann, war +er ja wohl der erste, der sich der gewesenen Nonne naeherte. Vielleicht +haben sich die beiden auch zuerst gefunden, und Luther betrieb es nun in +seiner Art eifrig, die zwei zusammenzubringen. Jedenfalls wurde die +gegenseitige Neigung in dem Freundeskreise bekannt, und man hielt da die +Heirat fuer sicher. + +Aber Baumgaertner zog heim nach Nuernberg und liess nichts mehr von sich +hoeren, trotzdem er versprochen hatte, nach ein paar Wochen wieder zu +kommen, um, wie man glaubte, Katharina heimzufuehren. Die Freunde, +besonders Blickard Syndringer, erinnerten den Patriziersohn in ihren +Briefen neckend oft genug an die verlassene Geliebte. Sie sei wegen +seines Weggangs in eine Krankheit verfallen und habe sich in Sehnsucht +nach ihm verzehrt. Im Anfang des folgenden Jahres bestellte noch der +Nuernberger Ulrich Pinder von Wittenberg aus an Baumgaertner einen Gruss +von "Katharina von Siena d.i. von Borra". Endlich schrieb Luther noch +einmal am 12. Oktober 1524 an Baumgaertner: "Wenn Du Deine Kaethe von Bora +festhalten willst, so beeile Dich, bevor sie einem andern gegeben wird, +der zur Hand ist. Noch hat sie die Liebe zu Dir nicht verwunden. Und ich +wuerde mich gar sehr freuen, wenn ihr beide mit einander verbunden +wuerdet"[111]. + +Aber den Eltern Baumgaertners war offenbar die entlaufene Nonne anstoessig, +und dass sie vermoegenslos war, konnte sie erst recht nicht empfehlen. +Daher ging Hieronymus auf dieses Ultimatum des Freiwerbers Luther nicht +ein. Als er im Fruehjahr 1525 in Nuernberg Ratsherr geworden war, verlobte +er sich mit einem Maedchen von 14 Jahren, Sibylle Dichtel von Tutzing +"mit sehr reicher Mitgift und was ihm noch erwuenschter war, von sehr +angesehenen Eltern" und hielt mit ihr am 23. Januar 1526 in Muenchen die +Hochzeit[112]. + +Da aber Baumgaertner Katharina endgiltig aufgegeben hatte, so rueckte +Luther nun mit dem andern Heiratskandidaten heraus, den er fuer Kaethe an +der Hand hatte. Das war D. Kaspar Glatz, der am 27. August 1524 von der +Universitaet Wittenberg, deren Rektor er damals war, sich auf ihre +Patronatspfarrei Orlamuende hatte setzen lassen. Luther ging nun damit +um, seine Schutzbefohlene dem D. Glatz zu freien. Aber Kaethe, welche +den Mann waehrend seiner Lehrzeit in dem kleinen Wittenberg kennen +gelernt hatte, wollte ihn nicht haben, und sie hatte ein richtigeres +Gefuehl als Luther. Glatz war, wie sich spaeter herausstellte, ein +rechthaberischer, eigensinniger Mensch, der Streitigkeiten mit seiner +Gemeinde bekam und deshalb entsetzt werden musste. Luther aber setzte +Kaethe mit der Heirat zu. Da ging sie zu Luthers Amtsgenossen, dem +Professor Amsdorf und beklagte sich, dass Luther sie wider ihren Willen +an D. Glatz verheiraten wolle; nun wisse sie, dass Amsdorf Luthers +vertrauter Freund sei; darum bitte sie, er wolle bei Luther dies +Vorhaben hintertreiben. + +Hier scheint nun Amsdorf, der diese Ablehnung fuer adeligen Hochmut +auslegte, bemerkt zu haben: Ob ihr denn ein Doktor, Professor oder +Pfarrherr nicht gut genug sei? denn Katharina wurde zu der Erklaerung +gedraengt: Wuerde Amsdorf oder Luther sie zur Gattin begehren, so wolle +sie sich nicht weigern, D. Glatz aber koenne sie nicht haben[113]. + +Diese Aeusserung, welche wohl ohne viel Absicht gesprochen war, hatte +ihre Folgen; zwar nicht fuer Amsdorf, der immer ehelos blieb, aber fuer +Luther. Auch er hatte die Bora "fuer stolz und hoffaertig" gehalten, +waehrend sie doch nur etwas Zurueckhaltendes hatte und ein gewisses +Selbstbewusstsein zeigte; er hatte sie also nicht recht gemocht. Durch +jene Erklaerung an Amsdorf wurde er aber auf andere Gedanken +gebracht[114]. + + + + +5. Kapitel. + +Katharinas Heirat. + + +So machte Luther bei Kaethe von Bora, aber auch bei anderen Nonnen den +Freiwerber; er that es aber auch in seinen Schriften, worin er den +Ehestand so hoch pries und jedermann dazu einlud. Daher scherzte er in +einer Epistel an Spalatin: "Es ist zu verwundern, dass ich, der ich so +oft von der Ehe schreibe und so oft unter Weiber komme, nicht laengst +verweibischt oder beweibt bin." Und mehr im Ernst: "Ich draenge andere +mit so viel Gruenden zur Ehe, dass ich beinahe selbst dazu bewegt +werde"[115]. + +Wenn Luther so eifrig zur Ehe riet, so hatte er dabei vor allem seine +Amtsgenossen im Auge. Denn bis zur Reformation war es nicht nur Sitte, +sondern sogar Gesetz, dass Universitaetslehrer sich nicht verehelichten: +so sehr wurden die Schulen, auch die Hochschulen als kirchliche, ja +geistliche Anstalten angesehen und die "geistigen" Personen als +"Geistliche". Nur beschraenkte Ausnahmen wurden allmaehlich mit der +Verehelichung gestattet fuer Mediziner und Juristen; Rektor konnte lange +Zeit, auch in Wittenberg, nur ein unverehelichter Professor werden. Die +Gelehrten aber betrachteten auch ihrerseits die Ehe als eine +Erniedrigung fuer ihren hohen Stand. Darum hat Luther nur mit Muehe den +Gelehrten Melanchthon zur Heirat vermocht[116]. + +Dass aber die eigentlichen Geistlichen, die Priester, heirateten, das war +vor Luther, seit Gregor des Siebenten Zeiten, das heisst seit +sechsthalbhundert Jahren etwas Unerhoertes. Gerade aber _darauf_ hat nun +Luther allmaehlich in seinen vielen Schriften gedrungen, um zu zeigen dass +im Christentum der geistliche Stand nichts Besonderes sei, dass vielmehr +alle, die aus der Taufe gekrochen, Bischoefe und Pfarrer waeren, und +umgekehrt die Geistlichen nichts anders als Christenmenschen. So hat er +all seine geglichen Freunde zur Ehe gedraengt und ihnen dazu mit Eifer +verholfen; auch den Hochmeister von Preussen und den Erzbischof von +Mainz. Er wollte sozusagen fuer seine Anschauung vom allgemeinen +Priestertum und dem hl. Ehestand, wie der falschen Heiligkeit des +Coelibats den Massenbeweis mit Tatsachen fuehren. So mahnt er Spalatin +(Ostern 1525): "Warum schreitest Du nicht zur Ehe? Es ist moeglich, dass +ich selbst dazu komme, wenn die Feinde nicht aufhoeren diesen Lebensstand +zu verdammen und die Klueglinge ihn taeglich belaecheln!"[117] + +Der Gedanke, dass auch _Klosterleute_ ehelich werden sollten, war Luther +anfangs befremdend: galt dies doch nach der Anschauung der Zeit so +sakrilegisch, dass die weltlichen Rechte Heiraten von Moenchen und Nonnen +mit dem Tode bestraften[118]. Von der Wartburg schrieb Luther (am 6. +August 1521): "Unsere Wittenberger wollen sogar den Moenchen Weiber +geben? Nun mir sollen sie wenigstens keine Frau aufdringen," und mit +Melanchthon scherzt er, ob dieser sich wohl an ihm dafuer raechen wolle, +dass er ihm zu einer Frau verholfen habe? er werde sich aber zu hueten +wissen. Doch nach wenigen Monaten hatte er sich ueberzeugt: "Das ehelose +Leben in Kloestern ist auch der geistlichen Freiheit zuwider. Darum, wo +du nicht frei und mit Lust ehelos bist und musst es allein um Scham, +Furcht, Nutz oder Ehre willen, da lass nur bald ab und werde ehelich." So +versorgte er nun auch Moenche und Nonnen in den Ehestand[119]. + +Aber wie er selber nur spaet,--am spaetesten unter den Bruedern--dazu kam, +sein Klosterleben aufzugeben, seine Kutte--als die letzte zerschlissen +war--im Oktober 1524 mit dem Priesterrock und Professorentalar +vertauschte, so erging es ihm auch mit dem Heiraten. 1528 sagte er: +"Wenn mir jemand auf dem Wormser Reichstag gesagt haette, nach 7 Jahren +wuerde ich Ehemann sein, der Frau und Kinder habe, so haette ich ihn +ausgelacht". Gerade wenn ihm seine Freunde und Freundinnen wie Argula +von Grumbach zuredeten oder davon sprachen, er werde doch noch heiraten, +erklaerte er das fuer Geschwaetz. Noch am 30. November 1524 meinte er, bei +seiner bisherigen und jetzigen Gesinnung werde er keine Frau nehmen, +sein Gemuet passe nicht zum Heiraten, er fuehle sich dazu nicht geschickt. +Ja noch Ostern 1525 schreibt er, dass er an keine Ehe denke[120]. + +Aber bald nach Ostern wurde er anderen Sinnes. + +Es war gerade die boese Zeit der Bauernunruhen, wo radikale Schwaermer die +Sache der Reformation aufs aeusserste gefaehrdeten, die Zeit, wo die Feinde +mit gehaessiger Schadenfreude auf ihn wiesen, und die Freunde mit +aengstlicher Sorge nach ihm schauten; es war damals, da er umherzog die +fanatischen Bauernhaufen zu beschwichtigen und dabei zweimal in +Faehrlichkeiten des Todes gewesen, als er ueberhaupt dem Tode entgegen +sah[121]. Da erklaerte er: "Muenzer und die Bauern haben dem Evangelium +bei uns so sehr geschadet und die Papisten so uebermuetig gemacht, dass es +fast aussieht, als muesse man das Evangelium wieder ganz von vorn +predigen." Deshalb wollte er's nunmehr "nicht mit dem Wort allein, +sondern mit der That bezeugen". Er wollte mit seinem Beispiel seine +Lehre bekraeftigen, weil er so viele kleinmuetig finde, und so auch dem +zaghaften Erzbischof von Mainz zum Exempel voran traben. Er war im +Sinne, ehe er aus diesem Leben scheide, sich im gottgeschaffenen +Ehestande finden zu lassen und "nichts von seinem vorigen papistischen +Leben an sich zu behalten", und sei es auch nur eine verlobte +Josephsehe: auf dem Todbett wollte er sich ein fromm Maegdlein antrauen +lassen und ihr zum Mahlschatz seine zwei silbernen Becher reichen. Als +er gar von Dr. Scharf das Wort hoerte: "Wenn dieser Mensch ein Weib +naehme, so wuerde die ganze Welt und der Teufel selber lachen und er all +seine Sach damit verderben", da entschloss er sich erst recht: "Kann +ich's schicken, so will ich dem Teufel zum Trotz noch heiraten, und die +Engel sollen sich freuen und der Teufel weinen." Endlich draengte ihn +auch sein Vater, mit dem er auf seinen damaligen Reisen zusammentraf, +seinen groessten Lieblingswunsch zu erfuellen, und Luther wollte "diesen +letzten Gehorsam seinem geliebenden Vater nicht weigern"[122]. + +Und gerade eine _Nonne_ sollte die Erwaehlte sein, "dem Teufel mit seinen +Schuppen, den grossen Hansen, Fuersten und Bischoefen zum Trotz, welche +schlechterdings unsinnig werden wollen, dass geistliche Personen freien". +Und nicht nur den grossen Hansen, sondern auch dem grossen Haufen zum +Trotz, welcher nach seinem Aberglauben den Sohn eines Moenchs und einer +Nonne fuer den Antichrist hielt. Also wollte er "mit der That das +Evangelium bezeugen, zum Hohn fuer alle, welche triumphieren und Ju, ju +schreien, und eine Nonne zum Weibe nehmen"[123]. Diese Nonne aber sollte +_Katharina von Bora_ sein. + +Sie war noch immer unversorgt im Reichenbachschen Hause, und er konnte +an ihr ein Werk der Barmherzigkeit thun. Sie hatte erklaert, sie werde +ihn nehmen, wenn er sie wolle. Und er hatte mittlerweile eine bessere +Meinung von ihr gewonnen. + +Dass Kaethes ausserordentliche Schoenheit ihn in Feuer gesetzt habe, sagten +ihm seine Gegner in gehaessiger Absicht nach. Luther redet nur einmal und +in ziemlich spaeter Zeit in einem Brief an seine Gattin, in ritterlich +schalkhafter Weise davon, dass er "daheim eine schoene Frau" habe. +Ausdruecklich aber erklaert er, in den ersten Tagen seiner Ehe, dass er +nicht verliebt sei oder voll leidenschaftlichen Feuers, aber er habe +seine Frau gern. Sie war ja auch gar nicht besonders schoen. Von +koerperlicher Schoenheit zitierte Luther den Reim: + + Ist der Apfel rosenrot, + Ist ein Wuermlein drinnen, + Ist das Maidlein saeuberlich, + So hat's krause Sinnen. + +Und da ihm ein heiratslustiger Freund einmal sagte, er moechte eine +Schoene, Fromme, (d.h. Brave) und Reiche, so bemerkte Luther: "Ei, ja, +man soll dir eine malen mit vollen Wangen und weissen Beinen; dieselben +sind auch die froemmsten, aber sie kochen nicht wohl und beten +uebel"[124]. + +So traf er in der Stille und ohne leidenschaftliche Erregung seine Wahl. +Am 16. April scherzt er gegen Spalatin, dass er ein gar arger Liebhaber +sei: "Drei Frauen habe ich zugleich gehabt und sie so wacker geliebt, +dass ich zwei verloren habe, welche andere Verlobte nahmen, und die +dritte halte ich kaum am linken Arme, die mir vielleicht auch bald +weggenommen wird"[125]. + +Er hatte also doch bestimmte Persoenlichkeiten ins Auge gefasst. + +Schon am 4. Mai, nach einem Besuche bei seinen Verwandten in Eisleben +und Mansfeld, redet er in einem vertrauten Briefe an seinen Schwager +Ruehel zu Mansfeld von "meiner Kaethe", die er nehmen wolle, so er's +schicken koenne. Und wie seinen Schwager, hat er jedenfalls auch seine +Eltern in seine Plaene eingeweiht, und der Vater redete ihm ernstlich +zu[126]. In Wittenberg selbst aber vertraute er es nur wenigen Leuten +an: dem Maler und Ratsherrn Lukas Kranach und seiner Frau. Gerade seinen +Amtsgenossen und uebrigen Freunden, vor allem auch Melanchthon, sagte er +nichts davon. Die Klugen wollten fuer ihn gerade nicht, was Luther +wollte: eine Nonne, und dachten und redeten ueber eine Moenchs- und +Nonnenheirat "lieblos". Und ganz besonders war ihnen Katharina von Bora +nicht recht; alle seine besten Freunde schrieen: "Nicht diese, sondern +eine andere!" Und wohl um es zu verhindern, brachten "boese Maeuler" sogar +eine boshafte Nachrede auf. Aber gerade das bewog Luther, der Sache +rasch ein Ende zu machen, bevor er die gegen ihn aufgebrachten Maeuler +zu hoeren genoetigt wuerde, wie es zu geschehen pflegt, und "weil der Satan +gern viel Hindernis und Gewirrs mache durch boese Zungen"[127]. Er +"betete zu unserm Herrn Gott mit Ernst", wie er berichtet, und handelte +dann ohne Menschen-Rat und -Bedenken, ja wie Melanchthon klagt, ohne +seinen Freunden etwas davon zu sagen[128]. + +Mit Katharina hatte sich Luther jedenfalls ins Einverstaendnis gesetzt: +wenn er schon wochenlang schreiben konnte "Meine Kaethe", so musste sie +doch von seinen Absichten wissen. + +Dass Kaethe an Martin Luther auch ein rein menschliches Gefallen fand, +begreift sich. Er war wohl schon 42 Jahre alt und 16 aelter wie sie +selbst. Aber ein Zeitgenosse bezeugt: "Ein fein klar und tapfer Gesicht +und Falkenaugen hatte er und war von Gliedmassen eine schoene Person. Er +hatte auch eine helle feine reine Stimme, beides zu singen und zu reden, +war nicht ein grosser Schreier". Auch einem edeln, feineren Geschmack +musste der ehemalige Moench und Bauernsohn zusagen: er hielt etwas auf ein +ansprechendes Aeussere und wegen seiner Sorgfalt in der Kleidung nannten +ihn sogar seine Gegner tadelnd einen "feinen Hofmann", denn er trug +"Hemden mit Baendelein", hatte einen Fingerring und gelbe Stiefel[129]. + +Dabei war Luther fuer alles Schoene in Kunst und Natur eingenommen, ein +guter Saenger und "Lautenist", heiteren Sinnes und froehlicher Laune. + +Aber noch mehr musste Luthers Gemuetsart einem weiblichen Wesen zusagen: +er war bei aller Heftigkeit doch gutmuetig, bei aller Halsstarrigkeit +lenkbar wie ein Kind, bei aller Derbheit doch sinnig und feinfuehlig. +Dabei war er "ein frommer (guter) Mann", der sein Weib herzlich lieb +haben konnte, und in dessen Besitz, wie er selber sagte, eine Frau sich +als Kaiserin duenken duerfte[130]. + +Freilich auch die aeussere Stellung, welche Luthers Gemahlin einnahm, +musste einen hochstrebenden Sinn reizen. Das Doktorat war in dieser +Humanistenzeit noch hoeher gewertet als heutzutage die akademische +Professur, es stand mindestens dem Adel gleich. Der einfachste Doktor, +der vom Bauern- und Handwerkerstand sich emporgearbeitet hatte, wurde +von adeligen Jungfrauen als wuenschenswerter Ehegenosse begehrt, sodass +eine grosse Anzahl Professorenfrauen in Wittenberg von Adel waren. Und +gar Luthers Gattin zu heissen, des gefeiertsten Mannes nicht nur in ganz +Wittenberg, sondern in der ganzen Christenheit, musste einem Weibe von +Selbstgefuehl schmeicheln, wenn es sich auch umgekehrt sagen musste, dass +mit der Groesse des Mannes auch all der Hass und die Beschimpfung mit in +Kauf zu nehmen, welche ihm die Feinde entgegenbrachten. Es war auch ein +gewagtes Unternehmen, einen solchen ausserordentlichen Mann zu +befriedigen, des Gewaltigen ebenbuertige Lebensgefaehrtin zu werden. +Jungfer Kaethe hatte den Mut wie das Selbstbewusstsein dazu. + +So weigerte sich Kaethe der Annaeherung Luthers nicht. + +Die foermliche Bewerbung Luthers ist wahrscheinlich erst Dienstag den 13. +Juni geschehen, natuerlich im Reichenbachschen Hause. Ein spaeterer +Bericht sagt, dass Kaethe ueberrascht war und anfaenglich nicht gewusst, ob +es Luthers Ernst sei, dann aber eingewilligt habe. Gleich abends am +selben Tage war die Trauung oder "das Verloebnis", entweder ebenfalls +beim Stadtschreiber oder moeglicherweise in Luthers Behausung im Kloster. +Auf die Zeit des Nachtmahls lud der Doktor den Stadtpfarrer Bugenhagen +und den Stiftspropst Jonas, den Juristen Apel und den Ratsherrn und +Stadtkaemmerer Meister Lukas Kranach und seine Frau--Melanchthon war +nicht dabei--was Jonas ausdruecklich als auffaellig hervorhebt: er war so +aengstlich ueber diesen Schritt seines grossen Freundes, dass er nicht zu +diesem Akt passte. Auch seinen Freund Dr. Hier. Schurf konnte Luther +nicht zu seinem Rechtsbeistand waehlen, weil dieser Lehrer des +buergerlichen und kirchlichen Rechts allerlei juristische Bedenken hatte +gegen die Priesterehe[131]. + +Die Trauung geschah nach den herkoemmlichen Braeuchen[132]: der +Rechtsgelehrte vollzog die rechtlichen Formalitaeten, den schriftlichen +Ehevertrag, er (oder Bugenhagen) fragte im Beisein der Zeugen den +Braeutigam, ob er die Braut zum Weibe nehmen und die Braut, ob sie den +Mann zum ehelichen Gemahl haben wollte. Dann gab der Pfarrer sie beide +mit Gebet und Segen zusammen. Darauf folgte ein kleines Abendessen und +dann das Beilager: Braut und Braeutigam wurden zum Brautbett gefuehrt, +lagerten sich darauf unter einer Decke und damit war die Ehe +gueltig[133]. + +Das war Luthers "Geloebnis", wie es in der Wittenberger Redeweise hiess. +Jonas konnte sich beim Anblick der Verlobten auf dem Brautlager nicht +enthalten, Thraenen zu vergiessen, so sehr war er bewegt. Aber auch die +Gemueter der anderen waren gewiss in grosser Bewegung, nicht zum wenigsten +Luther und Kaethe[134]. + +Am folgenden Morgen, Mittwoch, gab Luther den Freunden ein kleines +Mittagsmahl, das damals um 10 Uhr stattfand. Da mittlerweile die +Vermaehlung in dem kleinen Wittenberg rasch bekannt geworden war, so +sandte der Stadtrat einen Ehrentrunk von einem Stuebchen (= 4 Mass) +Malvasier, einem Stuebchen Rheinwein und anderthalb Stuebchen +Frankenwein[135]. + +"Das Geloebnis" war aber nach damaliger Sitte nicht die "Beilage" oder +oeffentliche Hochzeit; diese folgte erst spaeter mit oeffentlichem +Kirchgang und der "Wirtschaft" (d.i. Hochzeitsschmaus) und feierlicher +Heimfuehrung der "Jungfer Braut". Vierzehn Tage nach der Trauung, +Dienstag den 27. Juni, folgte nun bei Luther dieses hochzeitliche Mahl +und "Heimfahrt", denn das junge Ehepaar und seine Freunde wollten nicht +nur die Sitte ehren, sondern gerade recht auffaellig in oeffentlicher +Feierlichkeit vor der Welt ihren heiligen Ehestand ehrenvoll bezeugen. +Dazu lud der Doktor seine Eltern und seinen Schwager Dr. Ruehel in +Mansfeld nebst noch zwei Mansfeldischen Raeten, Johann Duerr und Kaspar +Mueller, ferner den Hofkaplan M. Spalatin und den Pfarrer Link in +Altenburg, den kuehnen Befreier der Nonnen Leonhard Koppe als "wuerdigen +Vater Prior", den Kurfuerstlichen Hofmarschall Dr. Johann von Dolzig, vor +allem aber den Superintendenten ("Bischof") Amsdorf in Magdeburg +u.a.[136]. + +Die mit Scherz und Ernst gewuerzten Einladungsbriefe an diese +Gaeste--ausser dem an die Eltern--sind noch vorhanden. Da schreibt Luther +an die drei Mansfeldischen Raete: "Bin willens, eine kleine Freude und +Heimfahrt zu machen. Solches habe ich Euch als guten Herren und Freunden +nicht wollen bergen und bitte, dass Ihr den Segen helft darueber sprechen. +Wo Ihr wolltet und koenntet samt meinem lieben Vater und Mutter kommen, +moegt Ihr ermessen, dass mir's eine besondere Freuden waere". An Link: "Der +Herr hat mich ploetzlich, da ich's nicht dachte, wunderbarer Weise in +den Ehestand versetzt mit der Nonne Kaethe von Bora.... Wenn Ihr kommt, +will ich durchaus nicht, dass Ihr einen Becher oder irgend etwas +mitbringt". An Dolzig: "Es ist ohne Zweifel mein abenteuerlich Geschrei +fuer Euch kommen, als sollt ich ein Ehemann worden sein. Wiewohl nun +dasselbige fast seltsam ist und ich's selbst kaum glaube, so sind doch +die Zeugen so stark, dass ich's denselben zu Dienst und Ehren glauben +muss, und fuergenommen, auf naechsten Dienstag mit Vater und Mutter samt +anderen guten Freunden in einer Kollation dasselbe zu versiegeln und +gewiss zu machen. Bitte deshalben gar freundlich, wo es nicht +beschwerlich ist, wollet auch treulich beraten mit einem Wildbret und +selbst dabei sein und helfen das Siegel aufdruecken und was dazu +gehoert"[137]. + +Das Wildbret fehlte nicht; Wittenberg, welches wusste, was die +Universitaet und Stadt an Luther besass--er hat die kleine Stadt und +Universitaet erst gross und beruehmt gemacht--spendete reichliche +Geschenke. Der Stadtrat sandte "Doctori Martino zur Wirtschaft +und Beilage ein Fass Eimbeckisch Bier und zwanzig Gulden in +Schreckenbergern"; und die loebliche Universitaet verehrte als +Brautgeschenk "H.D. Marthin Luthern und seiner Jungfraw Kaethe von Bor" +einen hohen Deckelbecher aus Silber mit schoenen vergoldeten +Verzierungen. Johann Pfister, der zu Ostern den Moench ausgezogen und zu +Pfingsten nach Wittenberg gereist war, um da zu studieren, hat auf D. +Luthers Hochzeit das Amt eines Mundschenken versehen. Vielleicht waren +jetzt auch die Eheringe fertig, welche die Freunde besorgten. Diese +Eheringe soll der Kaiserl. Rat Willibald Pirkheimer in Nuernberg von +Albrecht Duerer haben anfertigen lassen und geschenkt haben; desgleichen +auch eine goldene Denkmuenze mit Luthers Bild. Der Trauring Luthers ist +ein zusammenlegbarer Doppelreif mit Diamant und Rubin, den Zeichen von +Liebe und Treue; unter dem hohen Kasten sind die Buchstaben M.L.D. und +C.V.B. und in dem Reif der Spruch: "Was Gott zusammenfueget, soll kein +Mensch scheiden". Katharinas Ring hat einen Rubin und ist mit Kruzifix +u.a. geziert, mit der Inschrift: "D. Martinus Lutherus, Catharina von +Boren 13. Juni 1525"[138]. + +Dass dabei Katharina in ueblichem Brautschmuck erschien, ist +selbstverstaendlich, wenn dieser auch nicht so reich war, als das +angebliche Bild Katharinas von Bora im Hochzeitsstaat denken laesst[139]. + +So wurde mit den guten Freunden eine froehliche Hochzeit gefeiert. +Freilich werden der unruhigen Zeitlaeufte wegen nicht alle Eingeladenen +erschienen sein--Luther setzte das schon in seinen Briefen voraus. Auch +Magister Philipp Melanchthon war nicht dabei, der aengstliche Gelehrte, +welcher gegen Luthers Ehe und besonders mit der Nonne war, waere ein +uebler Hochzeitsgast gewesen. Von Katharinas Verwandten scheint niemand +anwesend gewesen zu sein. Vater und Mutter waren wohl schon laengst tot, +zwei Brueder im fernen Preussen, der aelteste vielleicht auch ferne; den +anderen Verwandten war Kaethe doch durch ihr Klosterleben entfremdet, es +hatte sich ja auch bisher niemand von ihnen ihrer angenommen. So musste +sie ihre Gefreunde und Verwandte in ihren Pflegeeltern und Luthers +Freunden und Eltern sehen. Und wenn ihr's an ihrem Hochzeitsfest recht +wehmuetig ums Herz gewesen sein wird, so musste sie doch die hohe +Verehrung und Freundschaft troesten, welche ihr Gatte bei seinen +Amtsgenossen und Landsleuten gefunden hatte. + + + + +6. Kapitel + +Das erste Jahr von Katharinas Ehestand. + + +Luther fuehrte nach seiner Vermaehlung die junge Frau in seine Wohnung im +Augustinerkloster. Denn dies hatte ihm der Kurfuerst Johann der +Bestaendige, der seit Mai seinem Bruder Friedrich dem Weisen gefolgt war, +unter der Bedingung des Vorkaufsrechts zur Verfuegung gestellt. + +Das "schwarze Kloster" lag oben am Elsterthor, unmittelbar am Wall und +Graben, still und abgewandt von der Welt, von der Strasse durch einen +grossen Hof geschieden. Das dreistoeckige Hauptgebaeude gegen die Elbe zu +gelegen war die Behausung der Moenche gewesen und jetzt Luthers +Aufenthalt. In der westlichen Ecke nach Mittag gerichtet und mit +Aussicht auf die gelben Fluten des Stromes war Luthers Zelle, woraus er +"den Papst gestuermt hatte": sie blieb auch jetzt seine Studierstube. +Dagegen richtete das Ehepaar nach dem Hofe zu, wo die Gemaecher des +ehemaligen Priorats lagen, die geraeumige Wohnstube ein, worin auch +gespeist und die Besucher empfangen und Gaeste bewirtet wurden. Davor lag +ein kleineres Empfangszimmer mit Holzbaenken. Die Decken der Gemaecher und +bis zur halben Hoehe auch die Waende des behaglichen Wohnzimmers waren mit +Holzgetaefel versehen, an den Waenden hin zogen sich Baenke, Pfloecke +darueber dienten zum Aufhaengen von Geraeten und Kleidern. Zwei grosse +Fenster mit Butzenscheiben schauten in den Klosterhof. Aber um +deutlicher zu sehen, waren kleine Schiebfenster angebracht, welche +klirrend geoeffnet wurden, wenn dahinter etwas beobachtet werden sollte, +ein Besuch kam oder ging oder auf die Dienstboten und das Geziefer des +Hauses geachtet werden sollte. Dort in der Fensternische wurde ein +einfacher hoelzerner Sitz aufgestellt mit einer Art Pult, der als +Naehtisch dienen mochte. Ein maechtiger Eichentisch auf Kreuzgestellen +stand in der Mitte und die eine Ecke fuellte ein maechtiger Kachelofen. +Darum hiess die Wohnstube auch "das gewoehnliche Winterzimmer". Es war +wohl noch von der Klosterzeit her bemalt. Wahrscheinlich befand sich +auch hier ein Bild der Maria mit dem schlafenden Jesuskind[140]. + +Hinter dieser Wohnstube war das Schlafzimmer und eine weitere Kammer, +von dieser wurde spaeter eine Stiege mit einer Fallthuere in das +Erdgeschoss angelegt, auf der man in die Wirtschaftsraeume drunten +gelangen und namentlich die Speisen von der Kueche innerhalb des Hauses +heraufbringen konnte. Denn Kueche, Dienstbotenzimmer und dgl. waren unten +im ehemaligen Refektorium[141]. + +Schon in diesem Jahre, 1525, schenkte der Stadtrat verschiedene Fuhren +Kalk, womit das Klosterhaus innen und aussen, wenigstens teilweise, +getuenscht werden konnte. Vielleicht geschah dies bereits in der +Zwischenzeit zwischen der Trauung und Heimfuehrung, dieser zu Ehren, als +das Haus viele festliche Besucher aufnehmen musste[142]. + +Die erste Ausstattung des Hauses wird duerftig genug gewesen sein, denn +Luther konnte bei seiner bekannten Freigebigkeit und Gastfreiheit mit +seinem Gehalt kaum fuer sich selbst bestehen, und obwohl der Kurfuerst es +bei seiner Verheiratung auf 200 fl. aufbesserte, so waren daraus nicht +viel Anschaffungen zu machen, namentlich fuer ein so weitlaeuftiges +Gebaeude. Die 100 fl., die der Kurfuerst, und die 20 fl., die der Stadtrat +zur Hochzeit schenkte, gingen darauf fuer das kostspielige Festmahl. Der +Klosterhausrat, so weit er noch uebrig und nicht weggeschleift war durch +allerlei unberufene Haende, war Luther von den Visitatoren geschenkt +worden. Aber es war geringfuegig: Schuesseln und Bratspiesse, einiger +sonstiger Hausrat und Gartengeraete--zusammen kaum 20 fl. wert. So werden +wohl die Freunde durch Hochzeitsgeschenke, die freilich in der Regel aus +silbernen Bechern bestanden, unmittelbar oder mittelbar dazu beigetragen +haben, die oeden Raeume des Klosters ein bisschen wohnlich zu gestalten. +Verwoehnt durch mannigfaltigen Hausrat war man damals ueberhaupt nicht, +und die zwei ehemaligen Klosterleute noch weniger. So schenkte D. +Zwilling von Torgau einen Kasten, der war aber bald so lotter und +wurmstichig, dass Frau Kaethe kein Leinen mehr darin aufbewahren konnte +vor lauter Wurmmehl. Nach und nach kamen auch sonst von auswaerts +allerlei Geschenke, sogar kuenstliche Uhren. Vom Stadtrat wurde das junge +Ehepaar ein ganzes Jahr lang mit Wein aus dem Ratskeller freigehalten, +brauchte aber nur (trotz vieler Gaeste) fuer 3 Thlr. 4 Groschen 6 +Pfennige. Auch schenkte die Stadt "Frau Katharinen Doktor Martini +ehelichem Weibe zum neuen Jahr (1526) ein Schwebisch" (schwaebisches +Tuch)[143]. + +Der einzige Mitbewohner und neben Luther letzte Moench, der Prior Brisger +verheiratete sich gleich nach Luther und zog nach einiger Zeit in sein +neugebautes Haeuschen, das neben dem Kloster, aber vorn an der Strasse +gelegen war, dann auf die Pfarrei Altenburg. Von den alten +Klosterbewohnern blieb nur Luthers Famulus Wolfgang Sieberger im Hause, +der arm an Geld und Geistesgaben zwar zu studieren angefangen, aber es +nicht hatte fortsetzen und vollenden koennen, und besser zu einem Diener +taugte als zum Gelehrten, eine treue Seele, die von 1517 bis zu Luthers +Tod im Hause blieb und den Doktor nur um ein Jahr ueberlebte. Eine Magd +war auch da und andere folgten bald, als der Haushalt sich ausdehnte. + +In diesem Hause nun gewoehnte sich das junge Paar zunaechst einigermassen +in Ruhe in den Ehestand und aneinander, und Luther schrieb da: "Ich bin +an meine Kaethe gekettet und der Welt abgestorben"[144]. + +Es war dem 42jaehrigen Gelehrten, Junggesellen und ehemaligen Moench im +ersten Jahre des Ehestandes ein seltsames Gefuehl, wenn er jetzt +selbander bei Tische sass statt allein, oder wenn er morgens erwachend +zwei Zoepfe neben sich liegen sah. Aber auch der juengeren Ehefrau, der +frueheren Nonne mochte ihr neuer Stand seltsam duenken, hier im ehemaligen +Kloster, namentlich an der Seite des gewaltigen Mannes, der die +Weltordnung umgekehrt hatte und mit Papst, Kaiser, Welt und Teufel im +Kampfe lag[145]. + +Da sass Kaethe in dieser ersten Zeit bei Luther hinten in seiner +Studierstube, von wo er mit dem Flammenschwert seiner Feder den Papst +gestuermt, sah ihn von Buechern umgeben, den Tisch mit Briefen und +Schriftbogen bedeckt, spann und horchte ihm zu und that auch Fragen nach +diesem und jenem. Ihre Fragen zeugten nicht immer von Welterfahrung und +theologischer Bildung. So ergoetzte es den Gelehrten, als sie einmal +fragte: "Ehr Doktor, ist der Hochmeister in Preussen des Markgrafen +Bruder?" Es war dieselbe Person. Luther weihte seine junge Frau bald in +theologische Fragen ein. Als ihm Jonas 1527 seine jetzige Ansicht ueber +Erasmus meldete, las er seiner Frau ein Stueck des Briefes vor. Da sprach +sie alsbald: "Ist nicht der teure Mann zur Kroete geworden?" Und sie +freute sich, dass Jonas nun die gleiche Ansicht mit Luther ueber Erasmus +hatte. Mit der Zeit erweiterte sich ihr Wissen, sie lernte in ihres +Mannes Haus, wo so viele Faeden der Kirchen- und Weltgeschichte +zusammenliefen und so viele bedeutende Maenner, Gelehrte, Staatsmaenner +und Fuersten einkehrten, die Weltdinge verstehen und lebte sich in die +theologische Gedankenwelt so ein, dass sie an den Tischreden lebhaften +Anteil nahm und auch Gelehrte durch ihren gesunden Menschenverstand und +ihr natuerliches Gefuehl mitunter in Verlegenheit brachte[146]. + +Frau Kaethe hatte eine ziemliche Beredsamkeit, so dass Luther sie oftmals +damit neckte und sie einmal einem Englaender als Sprachlehrerin empfahl +oder auch davon redete, dass sie das Amen nicht finden koennte bei ihren +Predigten. Er sagt aus der Erfahrung von seiner Gattin: "Weiber reden +vom Haushalten wohl als Meisterinnen mit Holdseligkeit und Lieblichkeit +der Stimm und also, dass sie Cicero, den besten Redner, uebertreffen; und +was sie mit Wohlredenheit nicht zu Wege bringen koennen, das erlangen sie +mit Weinen. Und zu solcher Wohlredenheit sind sie geboren, denn sie sind +viel beredter und geschickter von Natur zu diesen Haendeln, denn wir +Maenner, die wir's durch lange Erfahrung, Uebung und Studieren erlangen. +Wenn sie aber ausser der Haushaltung reden, so taugen sie nichts."[147] + +Zur Abwechslung arbeiteten die jungen Eheleute auch in dem umzaeunten +Klostergarten hinter dem Hause, worin auch ein Brunnen war. Da wurde +gegraben und gepflanzt und allerlei Kraeuter, Gemuese und Obstbaeume, aber +auch zierliche Straeucher und Blumen gepflegt. So konnte Luther schon im +folgenden Sommer Spalatin einladen: "Ich hab einen Garten gepflanzt, +einen Brunnen gegraben, beides mit gutem Glueck. Komm, und Du sollst mit +Lilien und Rosen bekraenzt werden." Auch zu dem "Lutherbrunnen" vor dem +Elsterthore wandelten die Ehegatten hinaus, welchen der Doktor 1521 +entdeckt hatte und 1526 fassen und mit einem "Lusthaus" ueberbauen liess, +in dem er manch liebes Mal in Musse mit seiner Frau und seinen Freunden +sass. Sonst ruhten die beiden unter dem Birnbaum im Klosterhofe, der +schon zu Staupitz' Zeiten manches ernste Gespraech vernommen[148]. + +Von dem jungen Ehepaar haben wir ein Bild aus der Werkstatt Kranachs. +Die junge Frau, mehr eine zarte als robuste Erscheinung, hat ein ovales +Gesicht mit feiner Hautfarbe, die Augenoeffnung erscheint ein bisschen +"geschlitzt", die Backenknochen, welche in einem anderen Kaethe-Typus +sehr stark hervortreten, sind normal. Charakteristisch ist die volle +Unterlippe. Die Augenbrauen sind schwach und hoch gewoelbt, das wenig +ueppige feine Haar hat roetliche oder blonde Farbe und die mattblauen +Augen schauen verstaendig drein. Der Eindruck des ganzen Gesichtes laesst +nuechternen Ernst und eine gewisse zaehe Energie erwarten[149]. + +Die Zeit der ersten Liebe schildert der Wittenbergische Doktor obwohl +"nicht von unmaessiger Liebesglut entflammt", mit den gleichen Worten wie +unser moderner Dichter: "Die hoechste Gnade Gottes ist's, wenn im +Ehestande Eheleute einander herzlich stets fuer und fuer lieb haben. Die +erste Liebe ist fruchtbar und heftig, damit wir geblendet und wie die +Trunkenen hineingehen; wenn wir die Trunkenheit haben ausgeschlafen, +alsdann so bleibet in Gottesfuerchtigen die rechtschaffene Liebe, die +Gottlosen aber haben den Reuwel."[150] + +Freilich diese Zeit seines jungen Ehestandes ging dem Reformator weder +als muessig taendelnde Flitterwochen, noch als ein ungetruebtes Idyll dahin. +Dafuer sorgte der Drang seines gewaltigen Werkes, wie der Hass seiner +Gegner. Und mindestens eben so schwer, wie er, hatte seine junge Gattin +unter den giftigen und schmutzigen Angriffen zu leiden, die sofort die +Heirat des Reformators und ehemaligen Moenchs mit der gewesenen Nonne +beleidigten. + +Luthers Heirat mit Katharina war eine zu ungeheuerliche That in den +Augen seiner Zeitgenossen, als dass sie nicht das gewaltigste Aufsehen +erregen und auch zu den abenteuerlichsten Verdaechtigungen Anlass geben +mussten[151]. + +Schon sofort nach der Trauung hatte Luther um dieses Werkes willen +Schmaehungen und Laesterungen zu ertragen. Und nicht nur von den Feinden. +Die Klueglinge "belaechelten" seine Ehe oder verdammten sie auch: "Die +Weltweisen, auch unter den Unserigen, sind heftig darueber erzuernt." Das +war nicht nur Dr. Schurf, sondern sogar sein naher Freund Melanchthon; +jener hatte gemeint, die ganze Welt, ja die Teufel wuerden darueber +lachen, und Luther wuerde sein ganzes Werk vernichten. Dieser missbilligte +wohl die That an sich nicht, wohl aber, dass sie nicht opportun sei und +unbedachtsam geschehen, so dass die Feinde darin ihr grosses Vergnuegen +haben und laestern; er meinte auch, "Luther habe sich durch Nonnenkuenste +fangen lassen und sei hereingefallen"[152]. + +So war es fuer die Eheleute schon ein Schmerz, dass der Hausfreund nicht +bei der Hochzeit war, ja nicht einmal dazu eingeladen werden konnte. Und +auf Luther mochte dies Verhalten der Freunde wenn auch nur zeitweilig +verstimmend und niederschlagend wirken. Da hatte Kaethe wohl eine schwere +Aufgabe, ihn aufzurichten und zu ermuntern. Die anderen Freunde, seine +Gevattersleute Kranach vor allem, halfen dabei. Und schliesslich maessigte +auch Melanchthon seinen Verdruss, ja er troestete Luther und beeiferte +sich, seine Traurigkeit und ueble Laune durch Freundlichkeit und +froehliche Unterhaltungen zu erheitern[153]. So kehrte Luthers Gemuet +wieder zur alten Lebhaftigkeit zurueck. Schon drei Tage nach der Trauung +schreibt er an Spalatin mit bezug auf Schurfs Rede im alten Ton frohen +und getrosten Trutzes: "Ich habe mich durch diese Heirat so +geringschaetzig und veraechtlich gemacht, dass ich hoffe, es sollen die +_Engel lachen_ und die Teufel weinen. Die Welt mit ihren Klueglingen +kennet dies Werk nicht, dass es goettlich und heilig sei: sie nennen's an +meiner Person gottlos und teufelisch. Derohalben ich auch groesseren +Gefallen daran habe, dass ihr Urteil durch meinen Ehestand verdammt wird, +so dass sich daran stossen und aergern die, so ohne Erkenntnis Gottes +mutwillig zu bleiben fortfahren"[154]. + +Viel aerger als die Freunde trieben's natuerlich die Widersacher. Emser +verfertigte Spott- und Schmaehgedichte, ja Eck gab ein ganzes Buechlein +von solchen Liedern auf Luthers Hochzeit heraus. Der Herzog Georg von +Sachsen, Luthers besonderer Feind, erliess ein Schreiben an Luther, worin +er ihn aufs heftigste schalt, und in einem Instruktionsschreiben zum +Speierer Reichstag (15. Mai 1526) an Otto von Pack beschimpft er ihn mit +der falschen Anschuldigung: "Es erscheint auch klaerlich, indem Martinus +verworfen hat den Moenchsstand und so auch die Moenche aus dem Kloster zu +Wittenberg, dass er desto mehr Raum habe mit seiner Kaethchen zu wohnen, +davon sich ein ganzer Konvent hat naehren moegen." Der theologische Koenig +Heinrich VIII. von England, damals noch Defensor Fidei (Verteidiger des +roemischen Glaubens) nachher Ritter Blaubart, fuhr in einem Briefe den +Reformator an: "Was? Du hast ihr nicht nur beigewohnt, sondern, was noch +unendlich fluchwuerdiger ist, hast sie sogar oeffentlich als Gattin +heimgefuehrt!"[155] + +Diese Schriften--ausser der Georgs--waren lateinisch und gingen zunaechst +in die Gelehrtenwelt. Unter das Volk aber wurden ehrenruehrige +Verleumdungen gegen die beiden Ehegatten gestreut. Der Humanistenkoenig +Erasmus machte sich lustig, indem er mit schnoedem Witze meint: wenn der +Antichrist ein Moenchs- und Nonnenkind waere, muesste die Welt voll +Antichristen laufen; aber die Luege von einem fruehgeborenen Kinde hat er +mit boshafter Geflissentlichkeit in seinen Briefen an hohe Herren +verbreitet, bis er sie dann widerrufen musste. Die Heirat Luthers ist dem +hochmuetigen Humanisten aber immerhin eine Posse, mit der der gelehrte +Doktor den Philosophenmantel abgelegt und sich zu einem gewoehnlichen +Menschen erniedrigt haette[156]. + +Aber noch naeher trat der jungen Frau bald nach ihrer Heirat die +Schmaehung. "Ein Buergersweib Klara, Eberhard Lorenz Jessners eheliche +Hausfrau hat unnuetze Worte gehabt und Herrn Dr. Luther und seine ehrbare +Hausfrau geschmaeht und gescholten," freilich "auch des Pfarrers Eheweib +uebel angefahren" in Magister Joh. Lubecks Wirtschaft zu Wittenberg[157]. + +Endlich verfassten zwei Leipziger Magister, Joh. Hasenberg und Joachim +von der Heidten (Miricianus), in Prosa und Poesie lateinische und +deutsche Sendbriefe und liessen sie drucken. Hasenbergs Schmaehschrift +richtete sich "an M. Luder und seine uneheliche Gattin Catharina von +Bohra, damit sie entweder mit dem verlorenen Sohn sich bekehren und zur +Busse und Heiligkeit des Klosterlebens zurueckkehren oder doch Luther +seine Nonne ihrem Braeutigam Christus und ihrer Mutter Kirche +zurueckstelle" bei Hoellenstrafe. Heidten schrieb "Ein Sendbrieff Kethen +von Bhora, Luthers vermeynthem eheweib sampt einem geschenk freundlicher +Weise zuvorfertigt". Die beiden jungen Menschen hatten die Frechheit, +diese Schriften durch einen eigenen Boten Luther und seiner Frau ins +Haus zu schicken, allerdings in der thoerichten Hoffnung, wenigstens +Kaethe von ihrem Manne abwendig zu machen und zur Rueckkehr ins Kloster zu +bewegen. + +Natuerlich hatten diese beiden Schriften den entgegengesetzten Erfolg. +Luthers Diener trieben mit denselben ihren Spott, schickten sie den +"jungen Loeffeln illuminiert (illustriert) im Hintergemach" mit dem Boten +zurueck und dazu ein viereckiges Taefelein, darauf waren die 6 Buchstaben +_ASINI_ (Esel) so verteilt, dass man sie von der Mitte aus gesehen, an +vierzig mal lesen konnte. Der ritterliche Luther aber nahm sich seines +Weibes an und liess "Eine neue Fabel Aesopii vom Esel und Loewen" mit +behaglichem Witze drucken und sandte sie an seinen Freund Link mit den +Worten: "Die Leipziger Esel haben meine Kaethe mit albernen Schmaehungen +verunglimpft; denen ist geantwortet worden, davon du hier vor Augen +siehst."[158] + +Zu den Beschimpfungen gesellten sich Gefahren. In der Nacht vor +Michaelis 1525 hatte Luther es gewagt, im Gebiete seines heftigsten +Widersachers, des Herzogs Georg von Sachsen-Meissen, dreizehn Jungfrauen +aus dem fuerstlichen Kloster Freiberg entfuehren zu lassen. "Ich habe +diese Beute dem wuetenden Tyrannen entrissen", meldet er triumphierend +seinem Freund Stiefel. Darueber war natuerlich Georg wuetend, aber auch der +Adel zuernte ueber Luthers Gewaltthat--mussten doch die Angehoerigen der +Nonnen durch ihren Austritt Vermoegenseinbusse befuerchten: sogar adelige +_Freunde_ der Reformation nahmen es Luther uebel. Es wurden Drohungen +gegen ihn laut, und sein Leben stand in Gefahr, wenn er irgendwie einem +Haufen Reisiger oder Bauern in die Haende fiele, denn auch die Bauern +waren ihm ja seit dem Aufstand wenig guenstig. Nun war Luther auf den 19. +November zu Spalatins Hochzeit nach Altenburg geladen, wo der ehemalige +Geheimschreiber des verstorbenen Kurfuersten jetzt Stadtpfarrer war. +Luther wollte durchaus zu des Freundes Ehrentag. Aber Kaethe hielt ihn +zurueck und beschwor ihn sogar mit Thraenen vor der gefaehrlichen Reise. +Also dass ihr Gatte heldenmuetig seines reformatorischen Befreieramtes +waltete und anderen armen Jungfrauen that, was ihr geschehen, und "dem +Satan diese Beute Christi abjagte", das hinderte Frau Kaethe nicht, aber +das setzte sie durch, dass er sich nicht ohne Not in Gefahr begab. Solche +Lebensgefahr musste sie ja immer fuer ihren Gatten fuerchten, auf welchen +wie auf einen Fuersten gar mancherlei Attentate geplant und versucht +wurden[159]. + +Dagegen liess sie es Ende Februar des folgenden Jahres zu, dass Luther sie +nach Segrehna bei Kemberg begleitete. In diesem Dorfe hielt sich damals +der ehemalige Schwaermer, Bilderstuermer und Bauernagitator Karlstadt als +Bauersmann und Landkraemer versteckt. So viel Schmerzen und Sorgen ihm +auch Karlstadt gemacht, Luther hatte sich seines alten Amtsgenossen +angenommen und ihm Begnadigung beim Kurfuersten erwirkt. Und jetzt hatte +Karlstadt Luthers Gemahlin zur Gevatterin gebeten. Auch zu diesem +Liebesdienst war sie bereit, machte nicht nur selbst die beschwerliche +Reise, sondern liess sogar ihren Gemahl mitfahren[160]. + +Schon in diesem Jahre gemeinsamen Lebens lernte Luther seine Gattin +besser verstehen, tiefer lieben und hoeher achten. Hatte er sie vor der +Hochzeit fuer stolz und hoffaertig gehalten, so schreibt er jetzt: "Sie +ist mir gottseidank willfaehrig, gehorsam und gefaellig, mehr als ich +haette hoffen koennen, so dass ich meine Armut nicht mit des Croesus +Reichtum vertauschen moechte."[161] + +Melanchthon hatte die Hoffnung ausgesprochen, Luthers Verheiratung werde +ihn gemessener machen, und sein ungestuemes, derbes Wesen saenftigen. Das +dachte wohl auch der Erzbischof Albrecht, der durch seinen Kanzler +Ruehel, Luthers Schwager, der Frau zwanzig Goldgulden als +Hochzeitsgeschenk reichen liess, welche Katharina gern annahm, Luther +aber zurueckwies. Erasmus glaubte auch bald die Bemerkung gemacht zu +haben, dass Luther milder geworden sei und nicht mehr so viel mit der +Feder wuete. Denn, setzt er in gewohnter spoettischer Weise hinzu: "nichts +ist so wild, dass ein Weib es nicht zaehmt"[162]. + +Das wird ja im allgemeinen nicht abzustreiten sein. Und tatsaechlich liess +sich Luther--aber durch fuerstliche Zurede--im versoehnlichen Tone gegen +Herzog Georg und Koenig Heinrich VIII. hoeren--freilich ohne diese dadurch +versoehnlich zu stimmen: sie beuteten vielmehr seine Schreiben aus, um +ihn veraechtlich zu machen. Aber in seinem reformatorischen Beruf hat +Kaethe ihren Mann weder hindern koennen noch wollen[163]. + +Nicht einmal in den ersten Tagen seiner Heirat. Ja, Frau Kaethe plante +wohl selbst mit ihm waehrend der Vorbereitung zu ihrer Heimfuehrung die +Befreiung der Freiberger Nonnen: die Einladung an Koppe zur Hochzeit +enthielt zugleich die Aufforderung zu diesem neuen, noch keckeren +Klosterraub[164]! + +Und am Neujahrstag 1526 malte Luther aufs neue in einer Spottschrift +das Papsttum mit seinen Gliedern ab und schrieb dazu: "Es meinen +etliche, man solle nun aufhoeren, das Papsttum und geistlichen Stand zu +spotten. Mit denen halt ichs nit, sondern muss ihr einschenken, bis +nichts Veraechtlicheres auf Erden sei, denn diese blutgierige +Isabel."[165] + + + + +7. Kapitel. + +Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen. + + +Ein Jahr nach ihrer Vermaehlung am 7. Juni 1526, "da der Tag im Kalender +heisst Dat." (d.i.: Er giebt) schenkte Kaethe ihrem Gatten ein Soehnlein, +das war, wie die Eltern mit Freuden sahen, gesund und ohne Fehl. Um 2 +Uhr nachmittags kam es auf die Welt, schon um 4 Uhr wurde es nach +damaliger Sitte von Diakonus M. Roerer getauft. Taufpaten waren der +Superintendent D. Bugenhagen, der Propst Justus Jonas, Luthers Gevatter +L. Kranach, der Vizekanzler Baier und in Abwesenheit der Kanzler Mueller +in Mansfeld. Eine der Patinnen war die Frau des Buergermeisters Hohndorf. +Nach dem Grossvater erhielt das Kind den Namen Johannes[166]. + +Haenschen blieb auch wohlauf, wennschon die Mutter das Stillen nur +langsam fertig brachte und das Kind die Milch schwer vertrug. Der Knabe +wird bald froehlich und kraeftig und ein homo vorax et bibax (starker +Esser und Trinker), lernt auf den Knieen rutschen; zu Neujahr 1527 +bekommt er Zaehne, lernt stehen und gehen und faengt an zu lallen und mit +lieblichen Beleidigungen alle zu schelten. Zur Belohnung fuer all diese +Kuenste schickt Jonas dem kleinen Hans einen "silbernen Johannes", ein +Geldstueck mit dem Bild des Kurfuersten[167]. + +Bald ist der Zweijaehrige gar stolz ueber eine Klapper, die er vom +Pfarrer Hausmann geschenkt erhielt (1528). Dieser Erstgeborene wird +jahrelang in jedem Brief erwaehnt und muss immer und ueberall hin die +Freunde gruessen. Es ist ein herziges Bild, wenn der Vater von seinem +Soehnchen erzaehlt: "Wenn ich sitze und schreibe oder thue sonst etwas, so +singet er mir ein Liedlein daher, und wenn er's zu laut will machen, so +fahre ich ihn ein wenig an; so singet er gleichwohl fort, aber er +machet's heimlicher und mit etwas Sorgen und Scheu. Also will Gott auch, +dass wir immer froehlich sein sollen, jedoch mit Furcht und Ehrerbietung +gegen Gott." Und wieder sass Haenschen am Tisch und lallete vom Leben im +Himmel, wie eine so grosse Freude da waere mit Essen und Tanzen, da waere +die groesste Lust: die Wasser floessen mit eitel Milch und die Semmeln +wuechsen auf den Baeumen. Da freute sich der Doktor ueber das selige Leben +des Kindes[168]. + +Anderthalb Jahre blieb Haenschen allein, da folgte am 10. Dezember 1527, +waehrend die Pest in Wittenberg und im Hause Luthers wuetete, ein +Schwesterlein, Elisabeth. Jonas gratuliert dem Doktor dazu und scherzt +von seinem kleinen Soehnchen: "Mein Sohn begruesst deine Tochter als seine +zukuenftige Braut." Aber am 3. August des folgenden Jahres in der +gefaehrlichen Zeit des Zahnens starb das zarte Toechterlein und wurde in +grosser Trauer auf dem Gottesacker vorm Elsterthore bestattet. Da erhielt +es einen (noch vorhandenen) kleinen Grabstein mit der lateinischen +Inschrift: "Hier schlaeft Elisabeth, M. Luthers Toechterlein." Schwer nur +troesteten sich die trauernden Eltern mit dem Gedanken: "Elisabeth ist +von uns geschieden und zu Christo durch den Tod ins Leben gereist."[169] + +Am 4. Mai des folgenden Jahres wurde ihnen Ersatz fuer Elisabeth in einem +zweiten Toechterlein: Magdalena. Amsdorf, der Magdeburger Superintendent +(Bischof), und Frau Goritzen, Gattin des Magisters und spaeteren +Stadtrichters in Leipzig, wurden Paten. Der Gevatterbrief an Amsdorf +lautet: + +"Achtbarer, wuerdiger Herr! Gott der Vater aller Gnaden hat mir und +meiner lieben Kaethe gnaediglich eine junge Tochter beschert: so bitte ich +Ew. Wuerden um Gottes Willen, wollet ein christlich Amt annehmen und +derselbigen armen Heidin christlicher Vater sein und zu der hl. +Christenheit helfen durch das himmlische hochwuerdige Sakrament der +Taufe[170]. + +Der Gevatterinbrief lautet: + +"Gnad' und Fried' in Christo! Ehrbare tugendsame Frau, liebe Freundin! +Ich bitt Euch um Gottes willen: Gott hat mir eine junge Heidin +bescheret, Ihr wollet so wohl thun und derselben armen Heidin zur +Christenheit helfen und ihre geistliche Mutter werden, damit sie durch +Euern Dienst und Huelfe auch komme aus der alten Geburt Adams zur neuen +Geburt Christi durch die hl. Taufe. Das will ich wiederum, womit ich +soll, um euch verdienen. Hiemit Gott befohlen. Amen. Ich hab selbst +nicht duerfen ausgehen in die Luft. Martinus Luther."[171] + +Als Magdalena heranwuchs, sah das Maedchen dem aelteren Bruder Haenschen +"ueber die Massen gleich mit Mund, Augen und Nase, in Summa mit dem ganzen +Gesicht", und war auch gutmuetig und brav wie dieser. Diese zwei aeltesten +Geschwister hingen auch sehr aneinander. Als Luther im folgenden Jahr +waehrend des Augsburger Reichstags in Verborgenheit auf der Koburg weilte +und sich dort wie auf der Wartburg den Bart wachsen liess, um sich +unkenntlich zu machen, da liess Frau Kaethe von dem kleinen Lenichen einen +Abriss in schwarzer Kreide oder Tusche machen, welches freilich etwas zu +dunkel geraten scheint, und sandte es ihm als Herzstaerkung in seine +"Wueste", wo der Doktor in Einsamkeit und Thatlosigkeit oft trueben +Gedanken nachhing, auch sich gar viel aergern musste ueber den Gang der +Dinge in Augsburg; auch war gerade sein Vater gestorben, der alte Hans +Luther, was den Sohn tief bewegte, denn er hing mit kindlicher Liebe und +Ehrfurcht an ihm. Da der Vater das Konterfei des Toechterchens zuerst +ansah, konnt' er sie nicht erkennen. "Ei", sprach er, "die Lene ist ja +schwarz". Aber bald gefiel sie ihm wohl und duenkte ihm je laenger je +mehr, es sei Lenchen. Der Doktor haengte die Kontrefaktur gegen den Tisch +ueber an die Wand im Fuerstenzimmer, wo er ass, und vergass ueber die Massen +viel Gedanken mit dem Bilde."[172] + +Das Maedchen wurde vom Vater anders behandelt als der Sohn. Dieser wurde +mit Ernst gezogen und Luther wollte, dass man ihm nichts lasse gut sein. +Aber mit seinem Toechterlein scherzte er mehr. Dagegen zog die Mutter +naturgemaess den Sohn vor, namentlich den erstgeborenen und suchte des +Vaters Strenge gegen ihn zu mildern[173]. + +Am Vorabend vor Luthers Geburtstag, den 9. November 1531, traf zu +Wittenberg im schwarzen Kloster wieder ein Sohn ein, der deshalb des +Vaters Namen erhielt. Als jetzt der juengste wurde nunmehr er der +Liebling des Vaters. Denn, sagt dieser, "die Eltern haben die juengsten +Kinder stets am allerliebsten. Mein Martinchen ist mein liebster Schatz, +denn solche Kinder beduerfen der Eltern Sorge und Liebe wohl, dass ihrer +fleissig gewartet wird. Haenschen und Lenchen koennen nun reden, beduerfen +solche Sorge so gross nicht."[174] + +Am Namenstag des folgenden Jahres meldet Luther dem Paten Martins, dem +gestrengen und ehrenfesten Joh. von Rindesel Kurf. Kaemmerer: "Euer Pate +will ein thaetiger Mann werden, er greift zu und will sein Sinnchen +haben."[175] + +Der Knabe war, scheint es, kraenklich und ein kleiner Taugenichts, so dass +der Vater fuerchtete, er moechte einmal Jurist werden[176]! + +Dagegen war Haenschen ein stiller nachdenklicher Bursche, so dass der +Vater meinte: "Er ist ein (geborener) Theologe." Der juengste Sohn Paul +aber, der am 28. Januar 1533 auf die Welt kam, ein kraeftiger mutiger +Junge, schien sich zum Tuerkenkrieger zu eignen. Daran dachte der Vater +schon bei seiner Geburt und waehlte ihm vielleicht deshalb einen Ritter, +Hans von Loeser, Erbmarschall und Landrentmeister, zum Paten. Aber auch +der Herzog Joh. Ernst von Sachsen, ferner D. Jonas und die Frau des +Kaspar Lindemann standen bei Paul zu Gevatter[177]. + +In dem Gevatterbrief an Loeser, der noch in der Nacht des 28. Januar 1533 +geschrieben wurde, damit der Knabe nicht lange ein Heide bleibe und +schon zur Vesper getauft werde, heisst es: "Ew. Gestrengen wollen sich +demuetigen Gott zu Ehren fuer meinen jungen Sohn foerderlich und fueglich +erscheinen, damit er aus der alten Art Adams zur neuen Geburt Christi +durch das hl. Sakrament der Taufe kommen und ein Glied der Christenheit +werden moechte, ob vielleicht Gott der Herr einen neuen Feind des Papstes +oder des Tuerken erziehen wolle."[178] + +Als Hans Loeser zur Taufe kam, hat ihn Luther also empfangen: "Gott sei +Dank! Ich werde nicht ermangeln, Ew. Gestrengen in andern Sachen zu +dienen. Es ist heut ein junger Papst geboren worden; derohalben helfet +doch dem armen Schelm, dass er getauft werde." Das Kind wurde im Schlosse +in einem Becken getauft. Hernach hat Luther seinen Gevatter zu Gaste +geladen, da sie denn viel freundliche Diskurse gefuehrt. Luther sagte: +"Ich habe meinen Sohn lassen Paul heissen, denn der hl. Paulus hat uns +viel grosse Lehren und Sprueche vorgetragen. Gott gebe ihm die Gnaden und +Gaben Pauli. Ich will, so Gott will, alle meine Soehne von mir thun: der +Lust zum Krieg hat, den will ich zu Hans Loeser thun; der Lust zu +studieren hat, zu Jonas und Philipp; der Lust zur Arbeit hat, den will +ich zum Bauern thun"[179]. + +Als eine Art Nachkoemmling wurde das um Weihnachten 1534 geborene juengste +Kind angesehen, das nach Luthers (1531) verstorbenen Mutter Margareta +genannt wurde. Wenigstens sah der Vater voraus, dass er nicht so alt +werden wuerde, um sie zu versorgen. Darum schrieb er auch, als sie erst +vier Jahr alt war, ihrem Paten, dem Pfarrer Probst in Bremen: "Es gruesset +Euch meine Frau Kaethe und Euer Patchen, mein Toechterlein Margaretchen, +der Ihr nach meinem Tode fuer einen feinen frommen Mann sorgen sollt. Ihr +habt sie zum Patchen gewaehlt, Euch befehle ich sie auch." Ein anderer, +sehr hoher Pate war der Fuerst Joachim von Anhalt, der Luther das +"christliche Amt geistlicher Vaterschaft" angetragen hatte und auch +uebernahm[180]. + +Frau Kaethe musste die Kinder oft ihrem Vater bringen, auch ins +Studierzimmer, da koste er mit ihnen und machte seine sinnigen +Bemerkungen ueber Kindesnatur und Kindesleben; das zeige uns, wie's im +Paradies war und wie's im Gottesreich sein sollte. Der Vater schaute +aber auch mit Wohlgefallen zu, wie seine Kaethe so freundlich mit ihrem +Martinchen redete und so viel Geduld und Erbarmen mit allen Kindern +hatte. Luther unterhielt sich mit ihnen uebers Christkind, sah zu, wie +Martinchen eine Puppe als Braut schmueckte und beschuetzte, freute sich, +wenn die Kinder sich zankten und schnell vertrugen als ueber ein Sinnbild +der Suendenvergebung der Gotteskinder; er sah, wie die Kinder um den +Tisch sassen und in freudiger Erwartung auf Pfirsiche und Birnen sahen, +die darauf lagen, oder den Ast Kirschen, den ihnen Jonas gebracht, und +sagte: "Wer da sehen will das Bild eines, der sich in Hoffnung freuet, +der hat hier ein rechtes Konterfei. Ach dass wir den juengsten Tag so +froehlich in Hoffnung koennten ansehen!" Sein herziger Maerchenbrief an +sein liebes Soehnichen von der Koburg, ist das schoenste Zeugnis eines +kinderfreundlichen Gemuetes. Von Koburg aus besorgte Luther seinem Haus +ein gross schoen Buch von Zucker aus dem schoenen (Maerchen-)Garten in +Nuernberg. Auch sonst bringt er seinen Kindern von seinen Reisen immer +"Jahrmarkt" mit. Regelmaessig auch sendet er aus der Ferne Gruesse und Kuesse +an Haenschen und Lenchen[181]. + +Die Gespielen der Lutherischen Kleinen waren Melanchthons und Jonas' +Kinder ("Lippus" und "Jost" im Maerchenbrief). Der Spielplatz war der +grosse Klosterhof; da tummelten sie ihre Steckenpferde und schossen mit +Armbruesten, laermten mit Pfeifen und Trommeln, tanzten oder "sprangen der +Kleider und des Baretts"; auch ein Huendlein durften die Kinder halten. +Spaeter richtete der Vater Luther fuer sie und die andern jungen +Hausgenossen auch einen Kegelplan ein und sah zu, wie sie sich vermassen, +zwoelf Kegel zu treffen, wo doch nur neun auf dem "Bossleich" standen, und +schliesslich froh waren, eine nicht zu fehlen. Ja, er selbst mass sich hie +und da als ein Meister des Spiels mit ihnen, "schub einmal die Kegel +umbwaerts, das andere Mal seitwaerts oder ueber Eck"[182]. + +Aber Luther betete auch taeglich den Katechismus mit seinem Sohn Hansen +und seinem Toechterlein Magdalene und die Kinder selbst mussten "bei Tisch +beten und herlesen"; und auch sonst waren sie von Vater und Mutter +angehalten zum Gebet fuer die Goenner und Schuetzer der Reformation, fuer +das Heil der Kirche und des Vaterlands. Martin und Paul hatten des +Vaters musikalische Anlagen geerbt und mussten nach der Mahlzeit--allein +oder mit andern--die liturgischen Gesaenge der jeweiligen Kirchenzeit +vortragen. Auch die kleine Margarete lernte mit fuenf Jahren schon mit +schoener Stimme singen: "Kommt her zu mir alle" und anderes[183]. + +In ihren Kindern sahen die Eltern ihr hoechstes Glueck und ihren +schoensten Schatz. "Kinder binden, sie sind ein Band der Ehe und Liebe", +pflegte Luther zu sagen. Er fand in ihnen seinen Trost und seine +Erholung von seinen Welt- und Kirchensorgen. "Ich bin zufrieden; ich +habe drei eheliche Kinder, die kein papistischer Theolog hat, und die +drei Kinder sind drei Koenigreiche, die habe ich ehrlicher und erblicher +denn Ferdinandus Ungarn, Boehmen und das roemische Reich"[184]. + +Freilich, was fuer den Vater in seinen Mussestunden und bei Tisch eine +Freude und Erholung war, das brachte der Mutter Arbeit, Sorge und +Schmerzen. Es war doch keine Kleinigkeit fuer die vielbeschaeftigte +Hausfrau in acht Jahren sechs kleine Kinder zu haben, zu pflegen und zu +erziehen--denn auf ihr lag doch das Hauptgeschaeft der Erziehung. Und ihr +Gatte sah das ein und bemerkte einmal, dass nur unser Herrgott sich von +seinen Menschenkindern mehr gefallen lassen muesse als eine Mutter[185]. + +Da war es denn ein grosser Segen, dass Frau Kaethe in ihrem Hause eine +Stuetze fand an ihrer Tante, _Magdalene von Bora_. + +Diese war bald nach ihrer Nichte selber aus Nimbschen entwichen und +wohnte jetzt im schwarzen Kloster in einem besonderen Stueblein. Sie war +als "Muhme Lene" der gute Hausgeist, die echte und rechte Kindertante in +der Lutherischen Familie. Als Siechenmeisterin hat sie sich ja zum +Warten und Pflegen schon im Kloster ausgebildet. Und so wartete und +huetete sie die kleinen Grossneffen und Grossnichten, spielte und betete +mit ihnen, verwoehnte sie auch wohl und vertuschte ihre boesen Streiche, +pflegte sie in den Kinderkrankheiten und war auch fuer Frau Kaethe in +ihren Kindbetten und Krankheiten die sorgsame Pflegerin und Lehrerin. +Luther will in dem Maerchenbrief von der Koburg an sein Soehnchen Hans die +"Muhme Lene" auch mitbringen lassen in den schoenen Wundergarten und laesst +sie gruessen und ihr einen Kuss "von meinetwegen" geben; und auch sonst +sendet er Muhme Lene seine Gruesse[186]. + +Zu den eigenen Kindern im Lutherischen Hause kamen bald andere. Zunaechst +Verwandte, Neffen und Nichten, dann aber Kinder von Freunden und +Bekannten, und endlich fremde Kostgaenger. + +Der erste war Cyriak Kaufmann, der Sohn einer Schwester Luthers; er kam +als Studiosus nach Wittenberg und wurde am 22. November 1529 +immatrikuliert. Er begleitete 1530 seinen Oheim auf die Koburg und +dieser schickte ihn im August nach Augsburg, dass er sich in der grossen +Stadt einmal das Treiben eines Reichstags ansehe; dann musste er wieder +zu seinen Studien nach Wittenberg; auf der Heimreise brachte er von +Nuernberg den Lebkuchen fuer seinen kleinen Vetter Hans Luther mit[187]. + +Luthers Schwager und Schwester Kaufmann starben frueh und so kamen +allmaehlich alle fuenf Waisen derselben zu ihrem Oheim nach Wittenberg, +ausser dem genannten Cyriak noch seine jungen Geschwister, die Brueder +Fabian und Andreas, welche 1533 am 8. Juni fruehzeitig mit dem erst +siebenjaehrigen Hans Luther zu Wittenberg als akademische Buerger +eingeschrieben wurden, und die Schwestern Lene und Else. Es war keine +Kleinigkeit, fuenf elternlosen Kindern Vater und besonders Mutter zu +sein, zumal, da sie nicht alle wohlgeraten waren und namentlich Lene +Sorge machte, so dass Luther einmal erklaerte, wenn sie nicht gut thun +wolle, werde er sie einem schwarzen Huettenknecht (Bergmann) geben, statt +einen frommen und gelehrten Mann mit ihr betruegen.--Schliesslich kam zu +den zwei Nichten noch eine kleine Grossnichte, Anna Strauss, die Enkelin +einer Schwester Luthers[188]. + +Mit Cyriak Kaufmann war ein andrer Schwestersohn, Hans Polner, als +Student ins Haus gekommen, der an Peter Weller anbefohlen wurde. Aber +Frau Katharina war aufgetragen zuzusehen, "dass er sich gehorsamlich +halte", und auch sonst musste sie fuer ihn sorgen. Dieser Polner wartete +als Famulus dem Doktor auf, studierte Theologie und predigte einmal in +der Pfarrkirche; die Doktorin meinte, den haette sie viel besser +verstehen koennen, als D. Pommer, welcher sonst von dem Thema weit +abweiche und andre Dinge in seine Predigt mit einfuehre, oder, wie Jonas +sich ausdrueckte, unterwegs manchen Landsknecht anspreche[189]. + +Noch ein Neffe Luthers, seines Lieblings-Bruders Jakob Sohn, Martin, +wurde spaeter zur Erziehung der Doktorsfamilie uebergeben und 1539 an der +Universitaet eingeschrieben; ebenso Florian von Bora, der Sohn von Kaethes +aeltestem Bruder. Martin und Florian wurden zusammen mit den Kindern +Luthers unterrichtet. Einer der Neffen sollte einmal zu Camerarius auf +die Schule kommen; spaeter kam Florian mit Hans nach Torgau[190]. + +Schliesslich wurden dem Lutherischen Hause noch allerlei Schueler und +angehende Studenten anvertraut, welche in dem Kloster wohnten, assen und +unterrichtet wurden. + +Fuer die eigenen und fremden Kinder wurden nun, bei der grossen +anderweiten Inanspruchnahme Luthers, "allerlei Zuchtmeister und +Praezeptoren" noetig: aeltere Studenten, junge Magister, auch Leute von +gesetztem Alter, welche noch einmal die Universitaet bezogen, um ihre +Kenntnisse zu erweitern oder die neue evangelische Theologie zu +studieren. Sie waren in Luthers Familie Hausgenossen und Tischgesellen, +unterstuetzten auch etwa Luther in seinen Arbeiten, ja auch (wie z.B. +Neuheller) Frau Kaethe in der Wirtschaft und Aufsicht ueber das Gesinde. + +So waren nach und neben einander im Hause als "Schulmeister" und Luthers +Gehuelfen die Nuernberger Veit Dietrich (1529-34) und Besold (1537-42), +Cordatus (1528-31), die Freiberger Hieronymus und Peter Kelter (1530), +Joh. Schlaginhaufen (1531-32), Jodocus Neuheller (Neobulus) (1537-38) +aus Lauterburg, Jakobus Lauterbach (1536-39), Schiefer (1539-41), ein +Franziskus und zuletzt Rutfeld (1546). Diese Praezeptoren hatten sogar +oft wieder ihre eigenen Zoeglinge, welche mit im schwarzen Kloster +wohnten und assen oder auch nur dort unterrichtet wurden. Der Unterricht +begann oft in sehr fruehen Jahren: der junge Hans Luther musste schon mit +vier Jahren tuechtig "lernen", hauptsaechlich wohl lateinisch +sprechen--wie es heute mit dem Franzoesischen geschieht. + +Ausser den Magistern hatte Luther noch Famuli, nicht nur seinen +lebenslaenglichen Diener Wolf, sondern auch andere, wie der "fromme +Gesell", welcher "etliche Jahre treulich, fleissig und demuetig gedienet +hat und altes gethan und gelitten" und 1532 wegzog. Der Famulus diente +bei Tisch, schenkte ein, besorgte Gartengeschaefte, machte Ausgaenge, +schrieb auch fuer Frau Kaethe Briefe[191]. + +Sogar eine Lehrerin wurde nach Wittenberg ins schwarze Kloster berufen: +naemlich im Jahre 1527 hat Luther auch eine Mitschwester Frau Kaethe's, +die ehemalige Nonne und Fluechtlingin von Nimbschen, die "ehrbare, +tugendsame Jungfrau Else von Kanitz" eingeladen auf eine Zeitlang nach +Wittenberg zu kommen. "Denn ich gedacht Euer zu brauchen, junge +Maegdelein zu lehren und durch Euch solch Werk andern zum Exempel +anzufahen. Bei mir sollt Ihr sein zu Hause und zu Tische, dass Ihr keine +Fahr noch Sorge haben sollt. So bitte ich nu, dass Ihr mir solchs nicht +wollt abschlagen." Die Kanitz kam aber nicht. Dafuer erscheint jetzt ein +Fraeulein Margarete von Mochau, wahrscheinlich die Schwester von +Karlstadts Frau, im Klosterhause und wird ihre Stelle vertreten +haben[192]. + +Natuerlich fehlte es bei dem grossen Haushalt auch an sonstigem Gesinde +nicht und da gab es, wie ueberall gute und schlechte, dankbare und +undankbare, getreue und ungetreue Dienstboten. Alle aber wurden zur +"Familie" gerechnet und nahmen an der Hausandacht teil. Und der +abwesende Hausvater verfehlte nicht in seinen Briefen, das "gesamte +Gesinde" gruessen zu lassen. Aber er ermahnt es auch, dass sie im Haus kein +Aergernis gaeben. Oft scherzt er in seinen Briefen ueber Traegheit und +Bequemlichkeit seiner Dienstleute: so wenn er aus Nuernberg Handwerkszeug +bestellt, welches von selber geht, wenn Wolf schlaeft oder nachlaessig +ist, oder einen Kronleuchter, der sich von selber putzt, damit er nicht +zerbricht oder beschaedigt wird von der zornigen oder schlaefrigen +Magd[193]. + +Natuerlich auch Gaeste aller Art verkehrten im Schwarzen Kloster oder +wohnten darin in kuerzerem oder laengerem Aufenthalt, oft monate-, ja +jahrelang: vertriebene oder stellenlose Prediger, fluechtige Fremde, +entwichene Moenche und Nonnen, Besuche und Festgenossen, "armseliges +Gesindlein" und fuerstliche Damen. + +So beherbergte das Lutherhaus 1525 mehrere adlige Ordensschwestern; 1528 +einige Monate lang sogar die Herzogin Ursula von Muensterberg, Herzog +Georgs eigene Base, die mit zwei getreuen Klosterfrauen dem +Nonnenkloster zu Freiberg entflohen war; und zu Pfingsten 1529 wieder +drei Adelige aus demselben Konvent. Ausserdem kamen auch allerlei Moenche, +sogar aus Frankreich, ins Lutherhaus nach Wittenberg, als der +allgemeinen Zufluchtsstaette aller religioes Bedraengten. So hat Herzog +Georg in begreiflichem Zorn, wenn auch mit unwahren Behauptungen, Luther +beschuldigt: "Du hast zu Wittenberg ein Asylum eingerichtet, dass alle +Moenche und Nonnen, so uns unsre Kloester berauben mit Nehmen und +Stehlen, die haben bei Dir Zuflucht und Aufenthalt, als waere Wittenberg, +hoeflich zu reden, ein Ganerbenhaus aller Abtruennigen des Landes"[194]. + +Ja, die Wittenberger Freundinnen des Hauses, Bugenhagens und Dr. A. +Schurfs Frauen, warteten im schwarzen Kloster ihr Wochenbett oder ihre +Krankheit ab[195]. + +Aber auch fuerstliche Gaeste suchten das gastliche Haus der Luther'schen +Eheleute auf. + +Die Kurfuerstin Elisabeth von Brandenburg hatte sich, besonders durch den +Einfluss ihres evangelisch gesinnten Leibarztes Ratzeberger, der +Reformation zugewandt, waehrend ihr altglaeubiger Gemahl Joachim I. streng +darauf sah, dass das Lutherische Gift nicht ueber die saechsische Grenze +herueberkaeme. Da musste er von seiner 14jaehrigen Tochter Elisabeth zu +seinem Schrecken erfahren, dass seine eigene Gemahlin im Berliner +Schlosse heimlich das Abendmahl unter beiderlei Gestalt genommen habe. +Er sperrte die Kurfuerstin ein; das Geruecht ging, er wolle sie einmauern +lassen. Da entwich sie mit Hilfe ihres koeniglichen Bruders Christiern, +der damals landfluechtig in Deutschland umherirrte, samt Dr. Ratzeberger +(Maerz 1528) und floh zu ihrem Oheim Kurfuerst Johann nach Sachsen. Ihren +Wohnsitz erhielt sie auf Schloss Lichtenberg, hielt sich aber oft in +Wittenberg auf und verkehrte viel im Klosterhause mit Luther und Frau +Kaethe; sie stand sogar zu einem der Kinder Gevatter[196]. + +Auch der Fuerst Georg von Anhalt wollte im schwarzen Kloster Aufenthalt +nehmen, um Luthers Umgang und Geist recht zu geniessen. Aber sein +Vizekanzler musste ihm davon abraten, da das Haus zu voll sei. + +So wurde "das Haus des Herrn Doktor Luther von einer buntgemischten +Schar studierender Zoeglinge, Maedchen, alter Witwen und artiger Kinder +bewohnt. Darum herrschte viel Unruhe darin"[197]. + +Da begreift es sich, dass, als der junge Hans anfangen sollte ernstlich +zu lernen, er der groesseren Musse wegen aus dem Hause gethan +wurde--vielleicht nach Torgau. Zu Neujahr 1537 ist der elfjaehrige Sohn +irgendwo auf der Schule, wo er durch seine "Studien" und lateinischen +Briefe dem Vater Freude machte. Dieser erlaubt ihm, namentlich auf +Bitten von Muhme Lene, zu den naechsten Fastnachtsferien nach Hause zu +kommen zu Mutter und Muhme, Schwestern und Bruedern[198]. + +Zu allen Haus- und Tischgenossen im Kloster kamen nun noch die taeglichen +Besuche und Gaeste von Bekannten, Freunden, Verwandten, Amtsgenossen und +Mitbuergern: so aus der Ferne die Geistlichen Amsdorf und Spalatin, +Hausmann und Link, die Hofherren und Ritter Taubenheim und Loeser, Bruder +Jakob oder Schwager Ruehel von Mansfeld, Kaethes Bruder Hans, Abgesandte +aus aller Herren Laender, Staatsmaenner und Kirchenbeamte aus England und +Frankreich, aus Skandinavien und Boehmen, Ungarn und Venedig; Stadtraete +und Buerger von allen saechsischen und deutschen Staedten, wandernde +Magister und fahrende Schueler. Aus Wittenberg selbst verkehrten als +liebe und haeufige Gaeste vor allem Magister Philipp (Melanchthon) und +Frau; die Gaerten der beiden Haeuser waren nicht weit von einander +und--wie man wenigstens heute erzaehlt--ein Thuerlein zwischen beiden +vermittelte den Verkehr der zwei Familien. Gerngesehene Hausfreunde +waren auch der Propst Jonas und seine Gattin; ferner noch andere +Gevattersleute, der Superintendent Bugenhagen, M. Kreuziger, M. Roerer, +der Buchdrucker Hans Lufft, der Meister Lukas Kranach mit seiner Frau +und der alte Meister Claus Bildenhauer oder "Bildenhain", wie Sophiele +Jonas ihn zu nennen pflegte, ein wackerer Kuenstler, der auch manchmal zu +Tische war; von ihm kaufte Luther spaeter einen Garten. Mit ihm, der auch +schon "zu viele Ostereier gegessen", gedachte Luther gern der guten +alten Zeiten[199]. + +Da wurde denn droben in der Familienstube um den grossen Eichentisch oder +unten im Hof unter dem schattigen Birnbaum oder auch wohl vorm +Elsterthor draussen bei dem murmelnden Lutherbrunnen Gesellschaft und +Mahlzeit gehalten und Frau Kaethe musste die Wirtin machen, ihr +treffliches Hausbraeu aufsetzen und auch zu den Kosten der Unterhaltung +ihr Scherflein beitragen. + + + + +8. Kapitel + +Katharinas Haushalt und Wirtschaft[200]. + + +Fuer eine so zahlreiche Haus- und Tischgenossenschaft galt es eine Menge +Gemaecher zu beschaffen und auszustatten; es musste Kueche und Keller in +grossem Massstabe in stand gesetzt werden; es war noetig, Stall und Garten +zu besorgen; es war erforderlich Markt und Einkauf, Rechnung und +Vermoegensverwaltung zu verstehen; und endlich zur Regierung eines so +umfangreichen Hauswesens mit seinen vielen und vielerlei Gliedern, +Tischgaengern und Hofmeistern, Kindern und Gesinde galt es eine weise +Umsicht, aber auch ein strammes Herrschaftstalent zu entfalten. + +Das alles fiel nun der Hausfrau anheim. Denn es waere unmoeglich gewesen, +dass Luther neben den gewaltigen Arbeiten seines Berufs als Prediger, +Seelsorger, Professor, Ratgeber fuer einzelne Personen wie ganze Staedte +und Laender, als Reformator nicht nur Deutschlands, sondern der halben +Christenheit sich um die Hauswirtschaft kuemmern konnte, namentlich eine +so umfangreiche, die allein schon eine ganze Menschenkraft +erforderte[201]. Sodann aber war es des Doktors Anschauung, dass in Haus +und Wirtschaft die Frau zu walten und zu regieren habe: "Das Weib habe +das Regiment im Hause, ohnbeschadet des Mannes Recht und Gerechtigkeit; +dafuer ist es geschaffen. Denn das ist wahr, die haeuslichen Sachen, was +das Hausregiment betrifft, da sind die Weiber geschickter und beredter +als wir." "Ich bin zur Haushaltung sehr ungeschickt und fahrlaessig. Ich +kann mich in das Haushalten nicht richten. Ich werde von meinem grossen +Hauswesen erdrueckt." Vor so etwas hatte er sich schon als Junggesell +gefuerchtet. 1523 sagte er: "Nimmst Du ein Weib, so ist der erste Stoss: +wie willt Du nun Dich, Dein Weib und Kind ernaehren? Und das waehret Dein +Lebenlang; beim ersten Kind denken die Eltern daran, ein Haus zu bauen, +Vermoegen zu erwerben und die Nachkommenschaft zu versorgen"[202]. +Andererseits aber war auch Frau Kaethe so veranlagt und gewillt, dass sie +dies Regiment gerne fuehrte und ihrem Gatten alles das fernhalten wollte, +was ihn in seiner Wirksamkeit hindern und stoeren konnte. Und Luther liess +sich das gerne gefallen. "Meine Frau kann mich ueberreden, wie oft sie +will, denn sie hat die ganze Herrschaft allein in ihrer Hand, und ich +gestehe ihr auch gerne die gesamte Hauswirtschaft zu"[203]. + +So richtete nun Katharina zunaechst das Haus her und ein, und der +Kurfuerst und die Stadt Wittenberg, die Freunde des Hauses und die Eltern +der Kostgaenger stifteten dazu mancherlei Baubedarf und Geraete. + +Das schwarze Kloster war 1502 von Staupitz mit Unterstuetzung des +Kurfuersten gebaut, aber nur zu einem Drittel vollendet worden. Die +Kirche war nur angefangen, die Wirtschaftsgebaeude kaum vorhanden. +Eigentlich war nur das sog. Schlafhaus (dormitorium), die frueheren +Wohnraeume der Moenche fertig, die fuer 40 Menschen reichten. Aber die +Zellen--meist im dritten Stock--waren zahlreich, dagegen klein, und +daher musste wohl manche Wand durchgebrochen und manche auch aufgerichtet +werden. Auf der Gartenseite war ein groesserer Saal (jetzt die Aula) und +ein kleinerer, welche beide von Luther zu Vorlesungen und Hausandachten +benutzt wurden. Ein Zimmer daneben hatte oder erhielt eine Thuere in +Luthers Studierstube. Im oberen Stock wurden die Gelasse zu Gastzimmern +fuer die mancherlei Hausgenossen benutzt. + +Das Erdgeschoss hatte Frau Kaethe zu Wirtschaftsraeumen eingerichtet und +zum leichteren Verkehr mit dem Oberstock eine Treppe in das Zimmer neben +das Schlafgemach fuehren lassen. + +Im Jahre 1539 auf 40 erfreute Frau Kaethe ihren Gatten mit einem sinnigen +Geschenk: aus Pirna liess sie--durch den dortigen Pfarrer +Lauterbach--eine schoengearbeitete Pforte aus weissem Sandstein kommen, +einen Spitzbogen mit huebschen Staeben; auf der einen Seite Luthers +Brustbild, auf der anderen sein Wappen, die weisse Rose mit dem roten +Herzen und schwarzen Kreuz darin, vom goldenen Ring der Ewigkeit umfasst, +und die lateinische Inschrift: "Im Stillesein und Hoffen ruht meine +Staerke." Auf beiden Seiten der Thuere waren zwei Sitze angebracht zum +Ausruhen am Feierabend[204]. + +Der Klosterhof war gegen die Strasse mit einem Zaun abgeschlossen; +spaeter kamen an das Thor zwei Buden, wohl fuer die Bewachung des Anwesens +in der unruhigen und gefaehrlichen Zeit des Festungsbaues, wo die +Stadtmauern am Elsterthor abgerissen und die Stadt allem Gesindel +geoeffnet war[205]. + +An der Westseite des Hofes wurden nun allerlei Wirtschaftsgebaeude +errichtet. + +Eine Braustube war schon im Kloster vorhanden; denn der Kurfuerst hatte +diesem die Braugerechtigkeit fuer 12 "Gebraeude" verliehen; diese ging auf +den neuen Besitzer ueber und wurde von Frau Kaethe selbst ausgeuebt. Das +war ein grosser Vorteil fuer den starken Haushalt; denn das Bier war in +Wittenberg auffaellig teuer: die Kanne kostete drei Pfennige. Aber die +Herstellung des Brauhauses und die Geraete kosteten 150 fl. Eine +Badestube mit Wanne und Staender baute sie nun auch und D. Lauterbach +musste ihr das Baumaterial dazu besorgen. Auch allerlei Viehstaelle liess +sie errichten und hielt Pferde, Kuehe und namentlich Schweine, um +Arbeitskraefte, Milch und Fleisch fuer den Hausbedarf zu haben: Schon 1527 +hatte man einen Stall voll Schweine, mehr als fuenf Stueck; 1542 waren es +zehn und drei Ferkel, so dass ein eigener Schweinehirt gehalten werden +musste; ferner hatte Kaethe mehrere Pferde, fuenf Kuehe, neun Kaelber und +eine Ziege mit zwei Zicklein. Ein Huehnerhof lieferte die noetigen Eier. +Endlich wurden auch noch einige Keller ausgebessert oder neu angelegt, +so der Weinkeller, der neue Keller und der grosse Keller. Bei der +Besichtigung des letzteren kam das Ehepaar fast um's Leben, denn das +Gewoelbe stuerzte hinter ihnen ein, gerade als sie es besichtigt und eben +herausgetreten waren[206]. + +Im Laufe der Zeiten wurden in dem halbfertigen Hause gar mancherlei +Reparaturen noetig und ebenso allerlei Neubauten. So erhielten Johann +Crafft und M. Plato ihre Stuebchen, auch der Sohn Hans, als er +herangewachsen war; Muhme Lene hatte ihr Stueblein mit Kammer und +Schornstein--jedes kostete 5 fl. herzurichten. Die obere Stube und +Kammer kam aber auf 100 fl. zu stehen und die untere auf 40 fl. Ausser +dem grossen Keller, der (mit dem "Schaden" beim Einsturz) auf 130 fl. +gekommen war, wurde noch der neue Keller fuer 50 fl. gebaut und ein +Weinkeller fuer 10 fl. eingerichtet. Endlich wurde noch ein "new Haus" +gebaut, welches 400 fl. kostete. Die Treppe musste zweimal hergestellt +werden und das Dach oefters geflickt[207]. + +Dazu brauchte es manches Tausend Dachsteine (Ziegel) und Backsteine, +auch nicht wenige Tonnen und Wagen Kalk, besonders in den Baujahren +1535-39: 280 Wagen Kalk und 12500 Mauersteine und 1300 Dachsteine und +wieder von beiden Arten zusammen 2600. Freilich, das Tausend +"Dachsteine" kostete nur 40 Groschen, Mauersteine 57 Groschen und der +Wagen Kalk nur 4-5 Groschen. Das lieferte die Stadt, aus der eigenen +Brennerei. Luther machte sie bezahlt durch seine Dienste (unentgeltliche +Predigt und Seelsorge u.a.) und durch Abtretung von Boden an seinem +Klosterhof. Im Jahre 1542 hatte Luther allein 1155 fl. verbaut[208]. + +Spaeter erlebte man im Lutherhause schweren Aerger durch den neuen +Festungsbau. Der Zeugmeister Friedrich von der Gruene war den Lutherschen +offenbar nicht gruen. Er verschuettete nicht nur--mit Luthers +Bewilligung--das untere Gemach, sondern auch ohne Not und Zustimmung das +mittlere, verderbte das Brauthor, bedrohte die Gartenmauer und die +Erdmauer am hinteren neuen Haus. Und wie der Herr, so machten's die +Knechte: die Deichknechte warfen Fenster ein und trieben sonst noch +allerlei Mutwillen. Luther fuerchtete sogar fuer seine geliebte +Studierstube, darin er so viele schwere Stunden mit Studieren und +Anfechtungen erlebt, "daraus er den Papst gestuermet" und seine +wunderbaren Schriftwerke und Episteln in die Welt gesandt. Da musste der +Doktor einen gar zornigen Brief an den Zeugmeister schicken, der +wahrscheinlich seinen Eindruck nicht verfehlte[209]. + +Im Hof, dem ehemaligen Spitalkirchhof, waren die Fundamente der Kirche +angelegt, aber nur der Erde gleichgebracht. Mitten in diesen Fundamenten +stand eine alte Kapelle "von Holz gebaut und mit Lehm beklebt; diese war +sehr baufaellig, war gestuetzt auf allen Seiten. Es war bei 30 Schuhen +lang und 20 breit, hatte ein klein alt rostig Vorkirchlein, darauf 20 +Menschen kaum mit Not stehen konnten. An der Wand gegen Mittag, war ein +Predigtstuhl von alten Brettern, die ungehobelt, ein Predigtstuehlchen +gemacht, etwa 1-1/2 Ellen hoch von der Erde, worauf Luther einst +gepredigt hatte. In Summa, es hatte allenthalben das Ansehen, wie die +Maler den Stall malen zu Bethlehem, darinnen Christus geboren worden." +Erst im Jahre 1542 fiel es der Befestigung zum Opfer; Luther "murrte +aerger darueber als Jona ueber die verdorrte Kuerbisstaude"[210]. + +Der Hof war mit einem Bretterverschlag gegen die Strasse abgeschlossen +und wie der Kirchhof mit Baeumen bepflanzt. Darin liefen Huehner, Gaense, +Enten, Tauben; Singvoegel nisteten im Gebuesch, Spatzen flogen zu und +wurden von einem Huendlein gescheucht[211]. + +Sonst diente er zum Tummelplatz der Kinder, zum Spielplatz und +Kegelschieben. + +Zur Ausstattung des grossen Haushaltes musste gar viel angeschafft und +geschenkt werden. + +Von der Klosterzeit waren noch einige Sachen da: zinnerne Gefaesse und +Kuechen- und Gartengeraete als Schuesseln, Bratspiesse, Schaufeln, freilich +recht verbraucht und schadhaft, keine 20 fl. wert. Das musste bald +ergaenzt und ersetzt werden. So auch der wurmstichige Kasten Dr. +Zwillings in Torgau. Dieser bot einen andern an; Frau Kaethe wundert sich +ueber den hohen Preis, den er kosten solle: 4 Florin, erkundigt sich, ob +er "reinlich" sei, mit einem "Sedel" (Sitzkasten) "fuer leinen Geraet +darin zu legen, da nicht Eisen durchgeschlagen das Leinen eisenmalich +macht"; sonst wollte sie sich einen in Wittenberg machen lassen. Einen +"Schatzkasten" hatte das Ehepaar bereits, nur war er "wohl tausendmal zu +weit" fuer ihren Schatz; 1532 hatten sie nur einen einzigen Becher. Doch +fuellte sich der Schrein allmaehlich mit silbernen Bechern, Ringen, +Denkmuenzen und andern Kleinodien. Auch geerbt hatten sie einen fast zu +koestlichen Pokal, den der Augsburger Buerger Hans Honold dem grossen +Doktor vermachte. Von Nuernberg schenkte der evangelische Abt Friedrich +eine kunstreiche Uhr, die das Lutherische Ehepaar gebuehrend bewunderte; +1529 kam eine zweite (von Link) und 1542 eine dritte dazu. 1536 +schickten die Aeltesten der Maehrischen Brueder ein Dutzend boehmische +Messer[212]. + +Eine staendige Ausgabe machten die Anschaffungen fuer Leinwand, Betten, +Federn, Leuchter in die Schlafkammern; fuer zinnerne Kannen, Schuesseln, +Teller, Becken, Kesseln, Pfannen in die Kueche; fuer Schaufeln, +Grabscheite, Gabeln, "Schupen", Mulden, Radbarn (Schubkarren) in den +Garten; fuer Faesser, "Gelten" (niedere Kuebel), Eimer in Keller und +Waschkueche; fuer Geschirr und Wagen zum Fuhrwerk[213]. + +Das Klosterhaus war bisher zwar im thatsaechlichen Besitze Luthers; aber +eine foermliche Verschreibung hatte er nicht, nur durch muendliche +Abmachung war das Gebaeude mit seinen Gerechtigkeiten ihm vom Kurfuersten +ueberlassen. Diesem hatte es Luther, der letzte Moench des Wittenberger +Augustinerkonvents, als dem juengsten Erben zur Verfuegung gestellt. +Nunmehr aber betaetigte der ihm so wohlgewogene Kurfuerst Johann vor +seinem Tode der Lutherschen Familie den Besitz des Anwesens +vorbehaltlich des Vorkaufsrechtes fuer Staat und Stadt in einer +foermlichen Verschreibung. Die Urkunde besagt[214]: + +"Von Gottes Gnaden Wir Johann Herzog von Sachsen thun kund maenniglich: + +Nachdem der ehrwuerdig und hochgelahrte unser lieber andaechtige Herr M. +Luther D. aus sonderlicher Gnad und Schickung Gottes sich fast vom +Anfang bei unser Universitaet zu Wittenberg mit Lesen in der heiligen +Schrift, Predigen, Ausbreitung und Verkuendung des heiligen Evangelii +u.s.w. bemueht, so haben Wir in Erwaegung des alles und aus unser +selbsteigenen Bewegnis unersucht obgen. D.M. Luther, Katharin seinem +ehelichen Weib und ihrer beider Leibeserben die neu Behausung in unserer +Stadt Wittenberg, welche hievor das "Schwarze Kloster" genannt war, +darinnen D. Martinus seither gewohnt, mit seinem Begriff und Umfang samt +dem Garten und Hof zu einem _rechten freien Erbe_ verschrieben und sie +damit begabt und begnadet als ihr _Eigen_ und _Gut_.... Geben auch +vielgenanntem Doktor und seiner ehelichen Hausfrau aus sonderlichen +Gnaden diese _Freiheiten_, dass sie zu ihrer beider Lebtag aller +buergerlichen Buerden und Last derselben frei sein, also dass sie keinen +Schoss noch andre Pflicht wie Wachen und dgl. davon sollen thun und moegen +gleichwohl brauen, maelzen, schaenken, Vieh halten und andere buergerliche +Handtirung treiben. + +... Zu Urkund ... + +Torgau, 4. Febr. 1532." + +"Es war Wittenberg bis daher eine arme, unansehnliche Stadt mit kleinen +alten haesslichen, niedrigen hoelzernen Haeuslein, einem alten Dorfe +aehnlicher als einer Stadt. Aber um diese Zeit kamen Leute aus aller +Welt, die da sehen, hoeren und etliche studieren wollten." Da wurde nun +freilich gebaut und gebessert. Aber in dem kleinen Staedtchen mit seinen +paar tausend Einwohnern und ebensoviel Studenten waren die alltaeglichen +Beduerfnisse nicht gar leicht zu bekommen. Melanchthon schon beklagte +sich bei seiner Uebersiedlung nach Wittenberg, dass da nichts Rechtes zu +bekommen sei und Luther schreibt selbst: "Es ist unser Markt ein Dr. +----" Dazu war es teuer genug. Und so musste Frau Luther nicht nur einen +Kasten, einen Pelzrock fuer die kleine Margarete nach angegebenem Mass von +auswaerts bestellen, sondern allerlei Beduerfnisse, Saemereien, Stecklinge, +sogar Borsdorfer Aepfel, ja Butter und Kaese musste sie von weither aus +Pirna durch den dortigen Pfarrer Lauterbach oder von Erfurt und Nuernberg +kommen lassen[215]. + +Als Kaethe fuer Luthers Grossnichte die Hochzeit ausrichten sollte (Januar +1542), musste ihr Gatte an den Hof nach Dessau um Wildbret schreiben. +"Hie ist wenig zu bekommen, denn die Menge (der Einwohner) und viel mehr +die Aemter und Hoflager haben schier alles aufgefressen, dass weder +Huehner, noch ander Fleisch wohl zu bekommen, dass, wo es fehlet (am +Wildbret) ich mit Wuersten und Kaldaunen muss nachfuellen." Natuerlich musste +sie auch Mehl kaufen, waehrend Landpfarrer solches zu Kauf anboten, und +Frau Kaethe konnte es sehr verdriessen, wenn ein solcher ihr, weil sie die +Frau Doktorin war, fuer den Scheffel neunthalb Groschen forderte, also +mehr als die Bauern. Und ebenso vermerkte sie uebel, dass die Wittenberger +drei Pfennig fuer ein Kandel Bier begehrten[216]. + +Wie alle Stadtbewohner des Mittelalters, auch die Professoren, Jonas, +Melanchthon u.a.[217], so strebte darum auch Frau Katharina nach +liegenden Gruenden; als ehemaliges Edelfraeulein und Klosterfrau hatte sie +ohnedies eine besondere Neigung zum Grundbesitz, und auch Luther hatte +seine Freude wenigstens an der Natur und der Landwirtschaft. So hielt +man es auch fuer die sicherste Anlage und eigentliches Erbe fuer die +Nachkommen, "Feld und Gut zu hinterlassen", und auch Frau Kaethe "hoffte +zu Gott, er werde ihren Kindern, so sie leben und sich frommlich und +ehrlich halten werden, wohl Erbe bescheren"[218]. Freilich ist der Boden +auf dem rechten Elbufer, wo Wittenberg liegt, wie Luther klagt, drei +Meilen herum, sandige und steinige Heide, so dass bei windigem Wetter +nach dem Witzwort 99 Prozent Landgueter in der Luft herumfliegen. Er +fuhrt den plattdeutschen Spruch im Mund: + + Laendicken, Laendicken + Du bist ein Saendicken! + Wenn ik dik arbeite, + So bist du licht (leicht); + Wenn ik dik egge, + So bist du schlicht; + Wenn ik dik meie (maehe), + So find ich nicht (nichts). + +Ueber diese Wittenberger Gemarkung bemerkte er gegenueber der seiner +Heimat: "In dieser unserer Gegend, welche sandig ist, giebt die Erde in +mittleren Jahren fuer einen Scheffel 7 bis 8, in Thueringen meist 12 und +mehr"[219]. Dennoch erwarben die Luthers bald mehrere Grundstuecke, zwei +Hufen und zwei weitere Gaerten. + +Schon 1531 kaufte Kaethe einen Garten, wie Luther sagte "nicht fuer mich, +ja gegen mich". Es ist wohl derselbe, dessen Kauf sie "mit Thraenen" +durchsetzte, so dass er seinem Freund und ehemaligen Mitbruder Brisger +sein Haeuschen nicht abkaufen, ihm auch kein Geld leihen konnte. Dieser +Garten, an der Zahnischen Strasse gelegen, wurde, scheint es, spaeter +veraeussert; dafuer wurde (um 1536) von Claus Bildenhauer fuer 900 fl. ein +groesserer "Baum-Garten" mit allerlei Gebaeulichkeiten und einem +angestrichenen Zaun erworben. Einer dieser Gaerten lag vor der Stadt an +dem "Saumarkt"; deshalb adressiert Luther Briefe an die "Saumaerkterin", +"auf dem Saumarkt zu finden"[220]. Hier floss die "Rische Bach" und +speiste wohl die "Fischteichlein", welche Frau Kaethe mit allerlei +Fischen, sogar mit edlen Forellen besetzte. Am Hause wurde ferner im +selben Jahre (1536) ein Garten mit Baeumen angelegt, der 400 fl. kostete. +Fuer den Famulus Wolf wurde um 20 fl. ein Gaertlein gekauft, wo er +wahrscheinlich seinen Vogelherd anlegte, mit dem ihn Luther +verschiedentlich neckt. Ferner wurden einige Hufen gekauft am +"Eichenpfuhl"[221]. + +Zwei Jahre vor Luthers Tode kam endlich noch zu Frau Kaethes Wirtschaft +um 375 fl. ein Hopfengarten hinzu, der "an der Specke", einem +Eichwaeldchen auf der nahen Gemarkung des Dorfes Lopez, gelegen war, wo +die Studenten gerne lustwandelten und auch manchen Unfug trieben. Aus +diesem Garten gewann die Frau Doktorin ihren Hopfenbedarf fuer ihr +Klosterbraeu[222]. + +So schaltete und waltete Frau Kaethe im Haus und in ihren Gaerten und +Hufen als "Kuechenmeisterin", "Baeuerin und Gaertnerin", fuhrwerkte, baute +Aecker, kaufte Vieh, weidete Tiere u.s.f. Besonders verlegte sie sich +mit ihrem Gemahl auf die Obstzucht: Kirschen, Pfirsiche, Nuesse, Apfel, +Birnen erntete die Doktorin. Auch mit Rebbau gab sie sich ab, und ihr +Faktotum Pfarrer Lauterbach musste ihr aus Pirna dazu die Pfaehle, allein +10 Schock d.h. 600 Stueck, besorgen; freilich wurde aus den Trauben nicht +Wein bereitet, sondern sie dienten zur Nachkost auf der Tafel. Selbst +mit Feigen- und Maulbeerbaeumen versuchte sie sich. Und als Gemuese +pflanzte sie nicht nur die einheimischen: Kraut, Erbsen und Bohnen, +sondern auch Gurken, Kuerbisse und Melonen, wozu Link aus Nuernberg die +Samenkerne schickte. Mit Erfurter Riesenrettichen wollte Luther seine +Freunde nicht nur in Erstaunen setzen, sondern sie auch selbst gezogen +haben. Frau Kaethe war sehr ungluecklich, wenn Ungeziefer ihr das Gemuese +schaedigten: "denn Raupen im Kohl und Fliegen in der Suppe--ein sehr +nuetzlich und lieblich Vieh!" hiess es da. Aber noch aerger war ihr's, wenn +Studenten, Spatzen und Dohlen ihr in die Gaerten einfielen, und ihr +Gemahl haette gern ein strenges Edikt "gegen die unnuetzen Sperlinge und +Kraehen, Raben und Spechte erlassen, welche alles verderben"[223]. + +In einem der Gaerten waren Bienenstoecke, vor welchen der gruebelnde Doktor +das wunderbare Treiben der fleissigen Tierlein belauschte, die praktische +Hausfrau aber den suessen Ertrag berechnete fuer Met, Suesswein und +Honigkuchen. Im grossen Garten draussen vor der Stadt, hatte Frau Kaethe +ihre Fischteichlein, worin sie Hechte und Schmerle, Kaulbarsche und +Karpfen, sogar Forellen zog und von denen sie bei guter Gelegenheit +etliche "gesotten auf den Tisch brachte und mit grosser Lust und Freude +und Danksagung davon ass", und sie hatte "groessere Freude ueber den wenigen +Fischen, denn mancher Edelmann, wenn er etliche grosse Teiche und Weiher +fischet und etliche hundert Schock Fische faehet"[224]. + +Mit diesen Gaerten waren aber die Guetererwerbungen der Lutherischen +Familie noch nicht abgeschlossen. Zunaechst kam ein unwillkommener Erwerb +hinzu, den Luther aus Gefaelligkeit uebernahm. Es war das kleine Haus +"Bruno", eine "Bude" ohne Gerechtigkeiten und Zubehoer an Garten, +unmittelbar neben dem Kloster, aber vorn an der Kollegiengasse gelegen. +Das hatte Luthers letzter Klosterbruder Brisger fuer sich bauen lassen, +dann aber bei seinem Wegzug dem Pfarrer Bruno Brauer zur Verwaltung +gegeben und Luther oft angeboten; dieser konnte es aber wegen anderer +Kaeufe nicht erwerben, auch forderte Brisger, der von seiner katholisch +gebliebenen Mutter enterbt wurde und, scheint es, in Geldbedraengnis war, +einen zu hohen Preis (440 fl.). Endlich kaufte es Luther als Lehen fuer +seinen Diener Wolf Sieberger bezw. als Leibgedinge fuer seine Gattin, +musste aber den Kaufschilling voellig schuldig bleiben. Der Besitz dieses +Hauses war unwillkommen, weil es erst wieder vermietet werden musste und +mehr Sorgen als Ertrag brachte; es kostete 250 fl. und musste noch um 70 +fl. "geflickt" werden[225]. + +Der Sinn von Frau Kaethe stand viel mehr auf landwirtschaftliche +Besitztuemer, weil diese ihrer nutzbringenden Thaetigkeit mehr +entsprachen. So bekam sie nach einem grossem Pachtgut Verlangen, um +daraus ihre grossen haeuslichen Beduerfnisse zu beschaffen; sie wollte +nicht abhaengig sein von den teuren Lieferanten und stoerrischen Bauern, +welche manchmal eine kuenstliche Teuerung veranlassten. So hatte sie schon +1536 ihren Gevatter, den Landrentmeister Hans von Taubenheim, um +Ueberlassung eines guenstig gelegenen Gutes, Booss, gebeten, hatte es aber +nicht bekommen. Drei Jahre spaeter fing sie aufs neue Verhandlungen mit +Taubenheim an. Ihr Brief lautet in der urspruenglichen Schreibweise so: + +"Gnad vnd fride yn Christo zuuor, gestrenger, ernuester, lieber herr +geuatter. Euch ist wol wissentlich, wie ich E.g. vngeferlich fur dreyen +jaren gebeten, dass myr das gut "_Booss_" myt seynen zugehorungen vmb +eynen gewonlichen zynss zu meyner teglichen hawsshaltung wie eynem andern +mochte gelassen werden, als denn auch meyn lieber herr bey doctor +Brug[226] diselbige zeyt deshalben hat angeregt; ist aber dasselbig mal +vorblieben, dass ichs mecht bekommen, vylleycht dass doselbst nicht loss +ist gewesen von seynem herrn, der es vmb den zynss hat ynnen gehabt. Ich +byn aber unterrichtet, wie der kruger von Brato, welcher es dysse zeyt +ynnengehabt, soll iezund solch gut lossgeschrieben haben, wo solchs also +were, ist meine freuntliche bytte an Euch also mynen lieben gevattern, +wollt myr zw solchem gut fodderlich seyn vmb denselbigen zynss, sso eyn +ander gybt, wyll ichs von herczen gerne annehmen vnd die zynsse deglich +an zwen orth vberychen. Bitte gancz freuntlich, e.g. wolde myr Ewer +gemueth wyder schreyben vnd das beste rathen yn dyssem fall vnd +anzceygen, wo ich etwas hyrin vnbyllichs begert vnd woldet denen nicht +stadgeben myt yrem argkwone, alss ssolde ich solchs gut fur mich odder +meyne kinder erblich begeren, welche gedanken yn meyn hercz nie kommen +synd. Hoffe zu gott, er werde meynen kindern, sso sie leben vnd sich +fromlich vnd ehrlich halten wurden, wol erbe beschern, bytte alleyne, +das myrs ein jar odder zwey vmb eynen zymlichen geburlichen zynss mochte +gelassen werden, damyt ich meyne haushaltung vnd vyhe deste bek(w)emer +erhalten mochte, weyl man alles alhier vfs tewerst kewfen muss vnd myr +solcher ort, der nahe gelegen, sser nuezlich seyn mochte. Ich habe meynen +lieben herrn iczt yn dvsser sachen nicht wollen beschweren, an Euch +zuschreyben, der sunst vyl zu schaffen, ist auch on noth, dass E.g. +solchs meyn antragen ferrer an ymandes odder an m. g'sten herrn wolde +gelangen lassen, ssunder sso Ir solche myne bytte fur byllich erkennet, +dass Irs myt dem schosszer zw Seyda bestellen wolt, dass myr solch gut vmb +eynen geburlichen zynss wie eynen andern mochte eyngethan werden. Domyt +seyet gott bepholen. Gegeben zu Wyttembergk, Montag nach Jubilate ym +1539. jhare. + +Catherina Lutherynu"[227]. + +Wiederum wurde aus der Pacht nichts. Dagegen kam Frau Kaethe im folgenden +Jahre unverhofft zu einem eigenen Hofgut, das sogar ihr persoenlich als +Leibgeding gehoerte und ihr um so werter sein musste, als es der letzte +Rest von dem Erbgut der Bora war, welches sonst der Familie anscheinend +vollstaendig abhanden gekommen war. + +Es war das Guetchen Zulsdorf, das ihr Bruder Hans vor sieben Jahren +uebernommen hatte, aber trotz der Mitgift der Witwe Apollonia von +Seidewitz, die er geheiratet hatte, nicht halten konnte, oder das zu +gering war, um ihn selbst zu ernaehren. Es war freilich weitab von +Wittenberg gelegen, wohl zwei Tagereisen; aber es zog sie doch hin nach +dieser ihrer mutmasslichen einstigen Heimat und ihrem kuenftigen +Witwensitz. So wurde Frau Kaethe die Nachbarin von Amsdorf, dem Bischof +von Naumburg, dem sie jetzt ihren Gruss entbietet als "gnaedigem Nachbar +und Gevatter". Ihr Gemahl that alles, "um die neue Koenigin wuerdig in ihr +Reich einzusetzen" und titulierte sie seitdem als die "Zulsdorferin", +"die gnaedige Frau von Zulsdorf", oder "Ihro Gnaden Frau von Bora und +Zulsdorf"[228]. + +Hier in ihrem, "neuen Koenigreich" und Sondereigentum konnte ihr +unternehmender thatkraeftiger Geist so recht nach Behagen schalten und +walten und ein Neues pfluegen und schaffen. Denn das Guetchen war +verlottert, das Land eine "wueste Mark", die Gebaeulichkeiten baufaellig. +Sie riss nieder, baute, besserte, fuhrwerkte und nahm dabei, wie gewohnt, +auch die Hilfe der Freunde ihres Hauses in Anspruch: der Herr von Ende +musste ihr Hafer und Saatkorn liefern, der von Einsiedel Wagen stellen, +Spalatin ihre Fuhrleute beherbergen. Sie steckte viel Geld hinein, der +Kurfuerst gab ihr Eichenbalken und anderes Holz und 600 fl. +"Begnadigung", aber auch das reichte zum Schmerze Kaethes nicht fuer +Reparatur und Zustandhaltung des heruntergekommenen Anwesens, so dass +Luther im ersten Jahr schreibt: "Sie verschwendet in diesem Jahr dort, +was erzeugt wurde"[229]. + +Dabei hatte die Doktorin allerlei Aerger und Missgeschick: die +Eichenstaemme, die ihr der Kurfuerst aus dem Altenburger Forst angewiesen +und die Luther selbst ausgesucht hatte, liess sie faellen, um sie in +Bretter schneiden zu lassen fuer ein Scheunlein. Als sie aber mit ihrem +Fuhrwerk kam, die Baeume abzuholen, waren sie vom Amtmann verkauft oder +unterschlagen. Und es musste geklagt, von neuem petitioniert und +verhandelt werden, bis wieder Holz angewiesen war und Kaethe die Fuhren +besorgen konnte. Weitere Unannehmlichkeiten erlebte die Gutsbesitzerin +mit den Anliegern von Zulsdorf, den Kieritzscher Bauern, welche ihr das +Weiderecht beeintraechtigten. So hatte sie im Jahre 1541 monatelang vorm +Amtmann Heinrich von Einsiedel zu Borna mit denen von Kieritzsch zu +prozessieren. Das Urteil des Kurfuersten fiel guenstig fuer die +Lutherischen aus; sie "haetten in der Guete wohl mehr um Friedens und +guter Nachbarschaft willen eingeraeumt"[230]. + +Trotzdem verleidete der Doktorin der Besitz nicht. Wochenlang, +namentlich wenn Luther verreist war, hielt sich Frau Kaethe in ihrem +neuen Besitztum auf, so dass ihr der Gemahl manche Epistel dahin +schreiben musste. So im Herbst (13. September) 1541, wo sie vielleicht +mit einigen Kindern Obsternte dort hielt. Da schreibt er: "Meiner lieben +Hausfrauen Kaethe Ludern von Bora zuhanden. + +G.u.F.! Liebe Kaethe! Ich lasse hiermit Urban zu Dir laufen, auf dass Du +nicht erschrecken sollst, ob ein Geschrei vom Tuerken zu Dir kommen +wuerde. Und mich wundert, dass Du so gar nichts her schreibst oder +entbeutst, so Du wohl weisst, dass wir hie nicht ohne Sorge sind fuer euch, +weil Mainz, Heinz und viel vom Adel in Meissen uns sehr feind sind. +Verkaufe und bestelle, was Du kannst, und komme heim. Denn als mich's +ansieht, so will's Dreck regnen, und unsre Suende will Gott heimsuchen +durch seines Zornes Willen. Hiemit Gott befohlen, Amen. + +Sonntags nach Lamperti 1541. + +M. LutheR"[231]. + +Ja noch zu Wittenberg war Kaethe mit ihren Gedanken oft abwesend auf +ihrem Lieblingssitz, so dass ihr Gemahl adressiert: "Der reichen Frauen +zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katharin Lutherin, zu Wittenberg leiblich +wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd, meinem Liebchen." Auch +Luther hielt sich manchmal in dem stillen Oertlein zur Erholung auf und +sendet von hier Briefe und Gruesse "von meinem Kaethe und Herrn zu +Zulsdorf"[232]. + +Wohl weil Zulsdorf zu weit abgelegen und zu wenig eintraeglich war, so +wandte in den letzten Jahren Frau Katharina ihre Augen auf das Gut +Wachsdorf bei Wittenberg, eine Stunde davon, jenseits der Elbe auf +fruchtbarem Boden gelegen, mit Hochwald umgeben; freilich etwas sumpfig. +Es gehoerte des [Symbol: gestorben] Dr. Sebald Muensterers Kindern und war +der Erbteilung wegen kaeuflich. Aber es wurde nichts daraus; namentlich +hintertrieb der Kanzler Brueck die Erwerbung. + +Auch der Doktor war mit dieser grossen Ausdehnung der Wirtschaft nicht +mehr recht einverstanden, obwohl er den Hausspruch: "Eigen Wat gut ist +dat" sehr wohl kannte und anerkannte und sagte, alles Gute im Ehestand +sei eitel Segen Gottes was niemand erkenne, "als der Gott fuerchtet und +alles auf dem Markte kaufen muss." Er konnte sich in diese Haushaltung +nicht richten; er meinte, dass die Sorge und Geschaeftigkeit um den grossen +Haushalt sie abziehe, in stiller, gemuetlicher, geistiger Weise sich +selbst zu leben und ihm und ihren Kindern. Auch klagte er gelegentlich +ueber die vielen Dienstboten, welche in dem weitlaeuftigen Hauswesen noetig +waren; so schon 1527 waren mehrere Maegde da, 1534 ein Kutscher, spaeter +sogar ein Schweinehirt. Er meinte: "Ich habe zu viel Gesinde." Mehr +Dienstboten als heutzutage waren ja auch in diesen Zeiten ueblich und +moeglicherweise ist hierin Frau Kaethe etwas weiter gegangen, was wohl mit +der zahlreichen Gesindeschar im Klosterleben zusammenhaengen mochte[233]. + +Aber es ist doch begreiflich, dass die Frau Doktorin darauf bedacht +war, ihre Wirtschaft zu erweitern. Es war nicht allein die +unternehmungslustige Thatkraft der energischen Frau, welche Neues +schaffen und ein grosses Bereich beherrschen wollte, es war auch die +Sorge um die Beduerfnisse des grossen Haushaltes selbst, es war aber ganz +besonders das Streben, die oekonomische Zukunft der nicht kleinen Familie +fuer das Alter, namentlich aber fuer die eigene Witwenschaft und das +Waisentum ihrer fuenf Kinder, zu sichern, indem sie das in Luthers Haenden +gefaehrdete fluessige Geld in festes Gut umwandelte. + +So bestand am Ende der gesamte Besitz der Lutherischen Familie aus einem +Landgut, dem grossen und kleinen Haus, dem Klostergarten, dem +"Baumgarten" auf dem Saumarkt, dem Hopfengarten an der "Specke" und zwei +Hufen Landes. Das war ein ziemlich umfangreicher Besitz, der neben der +grossen und weitlaeufigen Haushaltung gar viel Unruhe verursachte und viel +Zeit und Arbeit kostete, so dass man kaum begreift, woher Frau Kaethe nur +die Zeit nahm, um das alles zu besorgen und zu uebersehen. Und wir +verstehen, dass es ihr manchmal zu viel wurde und sie dem heftigen, +ungeduldigen Mann manchmal nicht rasch genug nachkommen konnte, so dass +er klagt: "Ich bin unter einem ungluecklichen Stern geboren, vielleicht +dem Saturn; was man mir thun und machen soll, kann nimmermehr fertig +werden; Schneider, Schuster, Buchbinder, mein Weib ziehen mich aufs +laengste hin." Aber er muss in derselben Zeit auch die vielgeplagte Frau +noch entschuldigen, wo sie ein Kind an der Brust und eins unter dem +Herzen naehrte: "Es ist schwer zwei Gaeste zu naehren, einen im Haus und +den andern vor der Thuere." Und er erkennt ihre Anstrengungen und Sorgen +auch an: "Mein Wolf hat's besser denn ich und meine Kaethe"[234]. + +Die Frau Doktorin war aber auch ein gar fleissiges Weib. Sie hat in ihrem +Bereich ebenso gewaltig und unermuedlich geschafft und geschaffen, wie +der Doktor in dem seinigen. + +Freilich schon morgens um 4 Uhr im Sommer, um 5 Uhr im Winter, oft auch +noch frueher, stand sie auf, und darum wohl sagte ihr Gatte und ihre +Mitbuerger: "Kaethe von Bora ist der Morgenstern von Wittenberg." Und so +stand sie an der Arbeit bis abends um 9 Uhr, wo der Doktor unerbittlich +zum Schlafengehen draengte. Freilich hatte sie einen kraeftigen, +leistungsfaehigen Koerper und war, im Gegensatz zu ihrem viel kraenklichen +Mann, so gesund, dass fast niemals von einer Erkrankung Meldung +geschieht. Es ist nur einmal die Rede davon, dass sie eines Abends +schwach wurde und ein Fieber bekam, so dass ihr Gatte in Angst geriet und +sagte: "Liebe Kaethe, stirb mir ja nicht." Ein andermal, da D.M. Luther +mit etlichen ueber Tische redete, ging sie in die Kammer und fiel in +Ohnmacht. Aber das war alles voruebergehendes Unwohlsein. Nur _eine_ +Krankheit machte sie durch infolge einer Fruehgeburt; sonst scheint sie +gesund gewesen zu sein bis ins Alter[235]. + +Doch nicht nur unermuedliche Geschaeftigkeit war Kaethes Tugend, sondern +sie verstand es auch, das Hausregiment zu fuehren in Kueche und Keller, im +Brauhaus und Backhaus, in Garten und Feld, in der Kinder- und +Gesindestube, als Mutter und Gattin, als Wirtin und Herrin, als +"Predigerin, Braeuerin, Gaertnerin und was sie mehr sein kann", und mit +Bezug auf sie, die Hausregentin und "Kuechenmeisterin", schrieb Luther an +den Rand seines Hausbuches: + + "Der Frauen Augen kochen wohl + Mehr denn Magd, Knecht und Feuer und Kohl"[236]. + +Freilich Luther selbst war nicht weniger arbeitssam, auch mit +koerperlicher Beschaeftigung; namentlich in den ersten Jahren: er gaertelte +gern und viel, grub, saeete, pfropfte; er drechselte auch auf seiner +eigenen Drehbank. Beides sah gewiss Frau Kaethe gern, nicht nur, weil es +manchen Tagelohn und Handwerksmann ersparte, sondern weil es auch +Luthers Gesundheit zutraeglich war. Weniger Gefallen hatte sie an seiner +aus der Junggesellenzeit heruebergenommenen Neigung, seine Kleider selber +zu flicken. Der Doktor that sich auf diese Kunst viel zu gut und duenkte +darin sich geschickter, wie die deutschen Schneider, welche keine +gutsitzenden Hosen fertig braechten. Da fand Frau Kaethe eines Tags zu +ihrem nicht geringen Staunen und Verdruss ein Paar Hosen ihres Buben, aus +denen ein Stueck herausgeschnitten war: und als sie nachfragte, hatte der +Herr Gemahl den Flicken zum Ausbessern seiner eigenen Hose +verwendet[237]!-- + +Es war ein arbeitsseliges Haus, die ehemalige Staette der +Beschaulichkeit. Droben in der Studierstube der grosse Doktor, der mit +emsiger Gewissenhaftigkeit und dem angestammten Fleiss eines Bauernsohnes +seine Zeit auskaufte fuer die geistliche Haushaltung der Kirche; und +unten die wirtliche Hausfrau, die in echter deutscher Geschaeftigkeit und +Treue sich ihrem Hause widmete, dem Gatten und den Kindern, dem Gesinde +und den Freunden, und deren Stolz und Ruhm es war, alles zu koennen und +alles zu thun. + +So waltete Frau Kaethe in ihrer "Wirtschaft". + + + + +9. Kapitel + +"Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Kaethe." + + +Ein Grundbesitz, wie ihn das Lutherische Ehepaar am Ende aufwies, zeugte +von nicht geringer Vermoeglichkeit. Woher und wie war nun dieses Vermoegen +zusammengekommen? + +Katharina sowohl wie Luther brachten nichts in die Ehe. Sie waren am +Anfang ihres Hausstandes und noch lange fort vollstaendig vermoegenslos; +erst nach seiner Eltern Absterben (1530-31) erbte Luther eine kleine +Barschaft von 250 fl. Im Jahre 1527 war er noch gaenzlich ohne Besitz, er +war arm und ein Bettler, konnte weder Haus, Aecker, liegende Gruende, +Geld noch Gut seinem Weib und Kind nach sich lassen, wenn er damals +gestorben waere. Denn auch das Klosteranwesen war noch nicht sein +ausgesprochenes Eigentum. "Armut ist mein Irrtum und meine Ketzerei", +sagte er noch 1530; und zwei Jahre darauf hat er nur einen Becher im +Schatzkaestlein. Noch 1534 musste er es ablehnen, fuer ein paar hundert +Gulden das kleine Haus Bruno zu kaufen: er wollte seine Armut nicht +offenbar werden lassen, weil er's fuer unmoeglich hielt, jemals auch nur +die Haelfte einer solchen Summe zusammenzubringen[238]. + +In Ermangelung eines eingebrachte Heiratsgutes war das Ehepaar also auf +die Besoldung angewiesen, welche der Hausvater hatte, und auf den +Verdienst, welchen die Hausmutter von der Bebauung des Gutes und ihrem +Kosttisch zog. + +Die Beamtenbesoldungen waren zu jener Zeit nicht etwa bloss feste +Gehalte, sondern bestanden auch in allerlei Ehrengeschenken, meist in +Naturalien, welche den Angestellten bei besonderen Gelegenheiten und fuer +besondere Dienstleistungen, als Reisen, Gutachten, Berichte, Schriften +u.a., von den Fuersten und Stadtobrigkeiten zuflossen. + +Seit seiner Verheiratung war Luthers Besoldung von einhundert auf +zweihundert Gulden erhoeht worden. Von 1532 ab, unter Kurfuerst Johann +Friedrich, kamen noch jaehrlich 100 Scheffel Korn, 100 Scheffel Malz fuer +zwei Gebraeude Bier, 60 (spaeter 100) Klafter Holz und zwei Fuder Heu +hinzu. Freilich blieben die Lieferungen "aus Unwillen" der Beamten +manchmal aus. Der kurfuerstliche Keller zu Wittenberg stand den +hervorragenden Professoren immer offen. Ausserdem kamen ihm vom Hofe +allerlei Viktualien zu: Wein, Most, Essig, Obst, Fische, Wildbret, +Arzneien, auch Kleider und Tuche. So sendet 1543 der Kurfuerst "zwei Fass, +eins mit altem Wein, das andre mit heurigem gewachsenen Most, Suptezer, +so gut Uns der allmaechtige Gott dies Jahr bescheret hat; den wollet von +Unseretwegen gutwillig annehmen und in Froehlichkeit geniessen". Auch der +Daenenkoenig Christian III. sandte in den letzten Jahren (1543) zuerst +Butter und Heringe; als man aber unterwegs mit dieser "Kuechenspeise +unschicklich umgegangen", wurde die Sendung in ein Geschenk von 50 fl. +verwandelt. Soviel erhielten auch die andern Wittenberger Theologen +Bugenhagen und Jonas: es war ein Ehrensold, den der Fuerst fuer die +Ausbildung seiner Gottesgelehrten an die saechsische Universitaet +zahlte[239]. + +Wenn der Kurfuerst Johann an Luther bei Aufhebung des Klosters den +Hausrat im Werte von 20 fl. und die Kuechengeraete, welche um 50 fl. +verkauft wurden, ueberliess, so war das eine Entschaedigung dafuer, dass er +lange Zeit sein Deputat an Viktualien gar nicht oder nur spaerlich +erhalten hatte. Fuer den Hausrat hatte er "der Kirche und Universitaet mit +Predigen, Lesen, Schreiben u.s.w. die langen Jahre her um Gotteswillen +und umsonst gedient; und fuer die Kuechengeraete hatte er Nonnen und Moenche +(Diebe und Schaelke mitunter) gekleidet, gespeiset und versorget mit +solchem Nutzen, dass ich das Meine und 100 fl., so mir m. gn. H. Herzog +Hans zur Haushaltung geschenkt, gar weidlich zugesetzt habe"[240]. + +Aehnlich waren die Geschenke der Stadt Wittenberg auch nur +Gegenleistungen. So hat der Stadtrat aus seinen Brennereien +Baumaterialien, als Ziegelsteine und Kalk, nicht angerechnet, schenkte +auch sonst eine Jahresgabe oder besondere Erkenntlichkeit, so als +Luther in der Osterzeit jeden Tag gepredigt hatte, einen halben Lachs, +anno 1529 der Frau Doktor in Abwesenheit ihres Mannes 10 Thaler, "weil +man ihm dies Jahr sonst keine Verehrung gethan". Dafuer war Luther ohne +Gehalt bei dreissig Jahre der Stadt Prediger gewesen, hatte auch oftmals +noch Bugenhagen auf kuerzere oder laengere Zeit, einmal sogar, als jener +auswaerts reformierte, zwei Jahre lang (1535-37) vertreten. Auch musste +Luther auf seine Kosten "zu ihrer Kirche Dienst und Nutz" Diener halten, +ohne dass der "gemeine Kasten" etwas fuer sie beitrug. Ferner trat Luther +einen grossen Raum vorm Klosterhof umsonst an die Stadt ab, gestattete +auch, dass sein ganzes Anwesen nach seinem Tode und das Nebengebaeude auch +bei seinen Lebzeiten unter das Buergerrecht gestellt wurde, waehrend es +vorher ganz frei gewesen. Ebenso wollte Luther, als der Kurfuerst 1542 +eine Tuerkensteuer ausschrieb, obgleich er grundsteuerfrei war, doch des +Beispiels wegen auch geschatzt sein[241]. + +Trotz solcher Gegendienste, welche mittelbar oder unmittelbar +"Geschenke" veranlassten, nahm doch Luther solche nicht ohne Wahl und Mass +an. Er lehnte nicht nur das Hochzeitsgeschenk des Mainzer Erzbischofs +ab, er wies auch eine Gabe des Kurfuersten zurueck, weil er wisse, "dass +der hohe Herr des Gebens viel habe und zu viel den Sack zerreisse". +"Bitte derhalben Ew. Kurfuerstliche Gnaden wollten harren, bis ich selber +klage und bitte, auf dass ich durch solch Zuvorkommen Eurer Kurf. Gnaden +nicht scheu werde fuer andre zu bitten, die viel wuerdiger sind solcher +Gaben"[242]. + +Und ferner: "Ich will Ew. Kurf. Gn. unterthaeniglich bitten, nicht zu +glauben denen, die mich angeben, als habe ich Mangel; ich habe leider +mehr, sonderlich von Ew. K. Gn., denn ich im Gewissen vertragen +kann"[243]. + +Auch seine Freunde schilt er oft, dass sie des Schenkens zu viel +machen[244]. + +Wenn er Sommers von einem Pfarrherrn oder Schultheissen aufs Dorf zu +Gaste geladen wurde, so kam er gern mit einem Tischgesellen und hielt +eine Predigt. Aber er brachte allewege Speise und Trank fuer sich und +seine Begleiter mit, die ihm daheim Frau Kaethe zubereitet und in den +Wagen gepackt hatte[245]. + +Einem wegziehenden Famulus wuerde er gerne zehn Gulden geben, wenn er +sie haette; aber unter fuenf Gulden soll ihm seine Frau nicht geben und +was sie darueber kann geben, bittet der Doktor sie, das solle sie +thun--also bis auf den letzten Gulden mutet er der Hausfrau zu sich zu +entbloessen und doch traegt er der Frau gleichzeitig auf, ein Mitbringsel +fuer die Kinder zu kaufen, weil er selbst in Torgau nichts Sonderliches +faende[246]. + +Fuer seine Vorlesungen nahm Luther von den Studenten keine +Kollegiengelder. Ja, auch von seinen Schriften nahm er kein Honorar: 400 +fl., die ihm ein Buchdrucker jaehrlich fuer den Verlag seiner Schriften +anbot, schlug er aus, auch die 1000 fl., welche Melanchthon ihm fuer die +Ausarbeitung des deutschen Aesop versprach. Eine Kure im Silberbergwerk +zu Schneeberg, welche ihm der Kurfuerst fuer seine Bibeluebersetzung 1529 +schenken wollte, wies er ab: er wollte von der Welt seine geistige +Arbeit nicht bezahlt haben und wie Paulus mit dem Gotteswort nicht +Handel treiben[247]. + +Bei einer solchen Gesinnung und Handlungsweise ist es begreiflich, dass +die praktische Frau Kaethe auch einmal ueber ihren Doktor mit seiner +Geldverachtung seufzte. Als der gleichfalls wenig haushaelterische +Meister Philipp Melanchthon einmal bei Luther speiste und im Gespraech +ueber den Weltlauf von einem Magister sprach, welcher dem Geiz ergeben, +ein sehr gutes Urteil ueber gute und schlechte Gulden habe, bemerkte die +Doktorin: "Wenn mein Gemahl solchen Sinn haette, wuerde er gar reich +sein." Melanchthon meinte darauf: "Das kann nicht sein, denn die +Geister, welche fuer die Allgemeinheit arbeiten, koennen sich ihren +Privatangelegenheiten nicht hingeben"[248]. + +Den nicht gerade ausserordentlichen Einnahmen Luthers standen nun aber +gewaltige Ausgaben gegenueber. Zunaechst einmal fuer die ausgedehnte +Haushaltung; dann aber auch fuer andere Zwecke und Anschaffungen. Einen +interessanten Einblick in diese Dinge gewaehren die Aufzeichnungen +Luthers in seinem Haushaltungsbuch. Da ist[249] eine + +"Wunderliche Rechnung gehalten zwischen Doc. Martin und Kaethe + + 1535 + Anno ---- + 1536 +das waren zwei halbe Jahr. + 90 fl. fuer Getreide + 90 fl. fuer die Hufen + 20 fl. fuer Leinwat (Leinwand) + 30 fl. fuer Schweine + 28 fl. Muhme Lene gen Borna(u) + 29 fl. fuer Ochsen + 10 fl. Valt. Mollerstet bezahlt + 10 fl. Geleitsmann " + 8 Thaler M. Philipp " + 40 fl. fuer Gregor Tischer " + 26 fl. Universitaet " + ------- +Zus. 389 fl. ausser andern Viktualien. " + +Diese "andern Viktualien" waren Gemuese, Fleisch, Fisch und Gefluegel, +Obst und Kolonialwaren, Getreide und Hopfen, Brot und Semmel, Oel und +Talg, Butter und Honig, Wein und Bier. + +Dann hiess es: "Gieb Geld fuer Hanf und Flachs, Garn und Wachs, Naegel und +Haken, allerlei Geschirr und Geraete in Stube, Kueche, Keller, Garten; fuer +Wagen und Geschirr." + +"Gieb Geld" forderten auch 29erlei Handwerker, ferner Buchfuehrer +(Buchhaendler), Arzt, Apotheker und Praezeptor, Knechte, Maegde, Hirten, +Knaben und Jungfern, Braeute und Gevattern, auch Bettler und--Diebe[250]. + +Ausgaben gab es dann fuer manche Patengeschenke, Hochzeiten und +Gastungen, Geschenke zu Neujahr, Jahrmarkt und S. Niklas. Endlich kamen +die "grobe Stueck: Hochzeit machen fuer Sohn, Tochter, Freundin; dem +Kraemer fuer Seiden, Sammet und Wurze"[251]. + +Im ganzen waren es 135 Dinge, fuer welche Frau Kaethe stets die Hand +ausstrecken und "Gieb Geld" sagen musste. + +Unter diesen Ausgaben machen namentlich die Ehrengeschenke und +Wohlthaten einen grossen Posten aus; sie gehoerten bei Luther zu den +besonders "groben Stuecken". Ausser den Gastungen gehoeren namentlich die +Patengeschenke und Hochzeiten hierher; Luther und Frau Kaethe standen +zahllose Male zu Gevatter, denn in Wittenberg waren bei jedem Kinde +viele Paten ueblich, und fuer jeden kostete es einen Silberbecher oder +eine grosse Muenze. Die Hochzeiten und Hochzeitsgeschenke waren eine grosse +Last. So klagt Luther (1543) am Ende selber: "Die taeglichen Hochzeiten +hier erschoepfen mich"[252]. Luthers Mildtaetigkeit kannte keine Grenzen. +Er sprach als Grundsatz aus: "Wer gerne giebt, dem wird gegeben; das +erhaelt das Haus, darum, liebe Kaethe, haben wir nicht mehr Geld, so +muessen die Becher daran." Und demgemaess handelt er. Wie viele andere +Theologen und sonstige gutmuetige Menschen (auch Melanchthon) gab er +Beduerftigen und Bittenden ueber Gebuehr und Vermoegen, und gar oft an +Unwuerdige, so dass er erst durch "boese Buben witzig gemacht" wurde. Er +gestand spaeter (1532) selbst seiner Frau: "Denke, wie oftmals wir haben +boesen Buben und undankbaren Schuelern gegeben, da es alles verloren +gewesen ist." Wie weit er in seiner Gutherzigkeit ging, moegen von vielen +nur zwei Beispiele zeigen: Einem armen Studenten schenkt der Doktor, +weil kein Geld im Haus ist, einen silbernen Ehrenbecher, und als er +merkte, wie Frau Kaethe ihm abwinkt, drueckt er ihn schnell zusammen und +schickt den jungen Menschen damit zum Goldschmied; was er dafuer loese, +solle er behalten, er brauche keinen silbernen Becher. Ja, als seine +Frau im Wochenbett liegt, geraet er gar ueber das Patengeschenk seines +juengsten Kindes, um einen bedraengten Beduerftigen nicht mit leerer Hand +gehen zu lassen, und meinte: "Gott ist reich, er wird anderes +bescheren"[253]. + +Das gesamte, so wenig berechnende Verhalten Luthers erklaert sich +einerseits aus seiner allem Eigennutz abgeneigten Natur und seinem +grossartigen Gottvertrauen, andrerseits aber auch aus dem Mangel an +Berechnung, welche dem weltentfremdeten Moench aus seiner Klosterzeit +noch anhaftete; dies musste aber bei einem "weltlichen" Haushalt +naturgemaess dazu fuehren, dass Einnahme und Ausgabe bald nicht mehr im +richtigen Verhaeltnis zu einander stand. So hatte das junge Paar im +zweiten Jahre seiner Ehe ueber hundert Gulden Schulden, so dass Luther +seinem Freunde und ehemaligen Klostergenossen Brisger keine acht Gulden +vorstrecken konnte. "Woher soll ich's nehmen?" fragt er. "Durch meinen +schweren Haushalt und meine Unvorsichtigkeit ist es so gekommen. Drei +Becher sind fuer 50 fl. verpfaendet. Dazu kommt, dass Lukas (Cranach) und +Christian (Aurifaber, Goldschmied) mich nicht mehr als Buergen zulassen, +denn sie merken, dass sie so (durch meine Buergschaft) auch nicht besser +daran sind oder ich ausgebeutelt werde. Ich habe ihnen jetzt auch den +vierten Becher gegeben, welchen sie dem fetten H. geliehen haben." Dabei +kommt ihm aber noch nicht in Sinn, wo der Rechnungsfehler stecke. Er +klagt: "Wie kommt's, dass ich allein so ausgesaugt werde? nein, nicht nur +ausgesaugt, sondern sogar in Schulden verstrickt?" Sogar noch 1543 klagt +er dem allerdings etwas habsuechtigen Jonas gegenueber, der von ihm bei +seiner zweiten Verheiratung wohl ein "fettes Hochzeitsgeschenk" +erwartete: "Du kennst meine Duerftigkeit und meine Schuldenlast".[254] + +Einmal fing er auch an zu rechnen--am Kleinen, ans Grosse dachte er +nicht. Da brachte er heraus, dass er allein jaehrlich fuer Semmeln 31 +Groschen 4 Pfennig brauche; dazu noch der Trank mit 4 Pfennig taeglich +und das Uebrige--eine Summe, die ihm zu gross war, und er schliesst: "Ich +mag nie mehr rechnen, es macht einen gar verdrossen. Ich haette nicht +gemeint, dass auf einen Menschen so viel gehen sollte"[255]. + +Dennoch stellte er 1536 eine Generalrechnung an fuer "grobe Stueck" und +brachte da allein 389 fl. Ausgaben heraus in zwei halben Jahren, ohne +die Viktualien u.a. Er schloss diese Zusammenstellung ab mit dem Seufzer: +"Rat, wo kommt dies Geld her? Sollt das nicht stinken und Schuld +machen[256]?" + +Und als Luther im Jahre 1542, wo er sein "Testament" machte, seine +Ausgaben zusammenstellte und seine Einnahmen dagegen hielt, schliesst er: +"Ich habe eine wunderliche Haushaltung, ich verzehre mehr als ich +einnehme; ich muss jedes Jahr 500 Gulden in der Haushaltung in die Kueche +haben, zu geschweigen der Kleider, anderer Zierat und Almosens, da doch +meine jaehrliche Besoldung sich nur auf 200 Gulden belauft." Dazu +schreibt er im Haushaltungsbuch neben anderen ernsten und launigen +Reimen den Stossseufzer: + + "Ich armer Mann! So halt ich Haus; + Wo ich mein Geld soll geben aus, + Beduerft ich's wohl an sieben Ort + Und fehlt mir allweg hier und dort"[257]. + +Da war es freilich begreiflich, dass manchmal die Fleischer und Fischer +von Wittenberg "grob" wurden und mit "ungestuemen Worten der Frau" +gegenueber ihre Schuld forderten. "Die Doktorin" half sich dann wohl +damit, bei "Philipp Melanchthon 20 Thaler zur Haushaltung zu leihen". +Und dann sprang etwa der Kurfuerst ein, wenn er's durch den Kanzler Brueck +erfuhr[258]. + +Diese "wunderliche Haushaltung" Luthers wurde in sehr Natur- und +sachgemaesser Weise geregelt durch die Hausfrau. Die "wunderliche Rechnung +gehalten zwischen Doktor Martin und Kaethe", mit ihrem staendigen Defizit, +wurde in Ordnung gebracht durch diese gute Rechnerin und sparsame und +erwerbsame Haushaelterin. Frau Kaethe brachte einen Ausgleich zwischen +Soll und Haben: sie verminderte die Ausgaben, vermehrte die Einnahmen, +sie bezahlte die Schulden und erwarb ein Vermoegen. + +Eines der ersten Ereignisse in dem neuen Haushalt ist eine lustige +Familienszene, welche die gutmuetige Verschwendung des Eheherrn und die +listige Sparsamkeit der Gattin zeigte. Es hatte naemlich das Ehepaar ein +huebsches Glasgeschirr mit Zinnverzierung von Hausmann geschenkt +bekommen; das haette Frau Kaethe selbst gerne behalten, Luther aber an den +D. Agrikola, damals noch sein lieber Freund, der auch darnach Gelueste +hatte, verschenkt. Luther hatte es gemerkt, wie sie darauf gelauert, und +wollte es kurz machen. Er hatte schon den Brief dazu geschrieben; als er +aber das Geschenk dazu packen wollte, war es fort: Frau Kaethe hatte es +abhanden kommen lassen und die Hausfreunde D. Bugenhagen und D. Roehrer +hatten sich mit ihr verschworen und ihr dabei geholfen. So musste sich +Luther in einer Nachschrift entschuldigen, dass er das Glas nicht +mitschicken koenne; seiner insidiatrix Ketha (der hinterlistigen Kaethe) +gegenueber sei er ohnmaechtig; er denke aber das Glas spaeter doch noch +einmal zu erwischen. Kaethe aber hielt es fest wie ein bissiger +Kettenhund[259]. Sie brachte etwas strengere Ordnung in die Gesellschaft +der jungen Studenten und in ihre Hausrechnung, so dass M. Veit Dietrich +sich ueber sie beklagte und sein Landsmann und Nachfolger im Haus und am +Tisch Frau Kaethes sie als stramm und knauserig beschrieb, "die alles zu +Rat gehalten und bei den Tischgenossen auf noetige Bezahlung +gedrungen"[260]. Auch Kanzler Brueck warf ihr in feindseliger Stimmung +Knauserigkeit in der Haushaltung vor. Von Luther und andern hoeren wir +dagegen hierueber keine Klagen; und dass der Zudrang zu ihrem Kosttisch +von alt und jung ein grosser und nicht zu befriedigender war, ist der +beste Beweis fuer die Uebertriebenheit jener Vorwuerfe. Aber ihre loebliche +Sparsamkeit und haushaelterisches Zuratehalten weiss ihr Gemahl wohl +anzuerkennen. Er sagt: "Das Weib kann den Mann wohl reich machen, aber +nicht der Mann das Weib. Denn der ersparte Pfennig ist besser denn der +erworbene. Also ist raetlich sein (zu rate halten) das beste +Einkommen"[261]. Und in sein Haushaltungsbuch schrieb Luther den +Sinnspruch: + + Es gehoert gar viel in ein Haus. + Willst Du es aber rechnen aus, + So muss noch viel mehr gehn heraus. + Des nimm ein Exempel, mein Haus[262]. + +So hoerte er mit Rechnen auf und ueberliess das seiner "raetlichen" und +wirtlichen Hausfrau, und wenn er selbst nicht wusste, woher nehmen, so +schrieb er seiner Kaethe: "Sieh, wo Du's kriegst"[263]. + +Und Kaethe sah, wo sie's kriegte. Sie war nicht so heikel, wie Luther, +Verehrungen anzunehmen. Waehrend sie Freund Link von einem +Hochzeitsbecher absolviert, hat sie die von Luther zurueckgewiesen 20 +Goldgulden des Mainzer Erzbischofs hinter seinem Ruecken doch behalten. +Mit besserem Gewissen empfing sie die Faesslein Kaese von der Herzogin +Elisabeth von Braunschweig und ebenso ein Kaesegeschenk von Mykonius, dem +Stadtpfarrer in Gotha. In Notfaellen wandte sich Frau Kaethe auch einmal +an die kurfuerstliche Kaemmerei, so waehrend Luthers Aufenthalt auf der +Koburg um 12 Scheffel Roggen. Kaethe nahm ueberhaupt das Gehalt ein und +verrechnete es, so dass es nicht mehr hiess wie in Luthers +Junggesellenwirtschaft (1523): "Wir leben von einem Tag zum andern." Sie +scheute sich nicht, die saeumigen Kostgaenger an ihre Schuldigkeit zu +mahnen[264]. Ja es wird erzaehlt, dass sie in spaeterer Zeit durch Freunde +und Kostgaenger des Hauses Anschaffungen machen liess, wofuer sie die +Bezahlung vergessen habe, weil sie sich wohl fuer Dienste ihres Mannes +dadurch bezahlt machte. Jedenfalls nahm sie auch die Dienste anderer in +Anspruch fuer Gefaelligkeiten, welche ihr Mann ihnen erwies: hatte Luther +dem Freund Pfarrer Spalatin eine Vorrede zu einem Buche geschrieben, so +muss sich dafuer Spalatin in Altenburg ihrer Fuhrleute und Arbeiter +annehmen, die sie nach Zulsdorf schickt; und Lauterbach, der in ihrem +Hause als Kostgaenger und Nachschreiber von Luthers Tischreden allerlei +Vorteile und Freundlichkeiten genossen, hat zum Entgelt der Doktorin +allerlei Besorgungen zu machen[265]. + +Aber das Beste that doch Frau Kaethe selber: Sie zuechtete und maestete +Tiere, melkte und schlachtete, gewann Butter und Honig, Kaese und Eier; +sie pflanzte Obst und Fruechte, Gemuese und Wuerzkraeuter; sie baute +Getreide, buk Brot und braute das Bier fuer den grossen Haushalt, so dass +das kleine Soehnchen, als Luther es einmal fragte, wie viel Kostgeld es +eigentlich zahlen muesste, sagen konnte: "Ei Vater, Essen und Trinken +kauft Ihr nicht; allein Aepfel und Birnen", meinte der Kleine, "gestehen +viel Geld"[266]. Fuer Obst konnte also Frau Kaethe damals nicht aufkommen, +weshalb sie dann auch endlich den Ankauf des Baumgartens von Bildenhauer +betrieb. Ebenso trachtete sie nach den Hufen und dem Hopfengarten, so +dass nach den grossen Ankaeufen von 1536 die schweren Haushaltsausgaben +geringer wurden und die Posten "Gieb Geld" immer weniger. Hatte Luther +am Anfang seiner Ehe den Stossseufzer gethan: "Der Herr, der meine +Unvorsichtigkeit straft, wird mich wieder erloesen"--von den Schulden, so +kann er am Ende derselben in seinem sogenannten "Testament" (1542) +schreiben: "Ich habe von meinem Einkommen und Geschenken so viel gebaut, +gekauft, grosse und schwere Haushaltung gefuehrt, dass ich's muss neben +anderm selbst fuer einen sonderlichen, wunderlichen Segen erkennen, dass +ich's habe koennen erschwingen." Das "andere" neben dem goettlichen Segen, +war eben das haushaelterische Talent seiner Gattin; sie hatte ihn von +seinen Schulden wieder erloest, ja das Weib hatte nach seinem Spruch den +Mann "reich" gemacht. Und so bezeugt er ihr mit "seiner Hand" im +Haushaltungsbuch: "Was sie jetzt hat, das hat sie selbst gezeuget +(errungen) neben mir"[267]. + +Ein Vermoegen zu erwerben oder gar reich zu werden, daran dachte Luther +nicht, ja er wollte es nicht. "Mir gebuehret nicht als einem Prediger, +Ueberfluss zu haben, begehre es auch nicht", erklaerte er. Ihm duenkte, +"dass das lieblichste Leben sei ein mittelmaessiger Hausstand, Leben mit +einem frommen, willigen, gehorsamen Weibe in Fried und Einigkeit und +sich mit wenigem lassen begnuegen"[268]. + +Ja nicht einmal fuer seine Kinder gedachte er ein Vermoegen anzulegen. Er +segnete seiner Kindlein eins, das eine Muhme auf dem Arme trug und +sprach: "Gehe hin und bis fromm. Geld will ich Dir nicht lassen, aber +einen reichen Gott will ich Dir lassen. Der mir Dich nicht versaeume. Bis +nur fromm! Da helf Dir Gott zu." Und als ihn jemand ermahnte, er moechte +wenigstens zum Besten seiner Familie ein kleines Vermoegen sammeln, da +gab er zur Antwort: "Das werde ich nicht thun; denn sonst verlassen sie +sich nicht auf Gott und ihre Haende, sondern auf ihr Geld"[269]. Diesen +doch wohl allzu theologischen, ja moenchischen Standpunkt ergaenzte der +praktisch nuechterne Sinn Katharinas, welche gerade darauf aus war, ihren +fuenf noch unversorgten Kindern ein Erbe zu erwerben; denn sie erkannte +besser als wie Luther, dass nach dessen Tod die Gebefreudigkeit der +Fuersten und Freunde wohl abnehmen werde mit dem Wegfall der grossen +Vorteile, welche der lebendige Reformator seinem Land und seiner Stadt +und seinen Freunden verschaffte. So brachte sie es in der That zuwege, +dass den Kindern doch ein ganz ansehnliches Familiengut uebrig blieb[270]. + +"Das Lob eines tugendsamen Weibes"--nicht nur in der Bibel hat es Luther +uebersetzt, sondern auch bei Tisch und sonst oft angefuehrt und auf seine +Kaethe bezogen, so dass es--erweitert mit Zusaetzen--unter den Tischreden +steht, wie ein Lob auf seine Hausfrau: "Der Mann verlaesst sich auf sie +und vertraut ihr altes. Da wird's an Nahrung nicht mangeln. Sie arbeitet +und schafft gern mit ihren Haenden, zeuget ins Haus und ist wie ein +Kaufmannsschiff, das aus fernen Landen viel War' und Gut bringt. Fruehe +stehet sie auf, speiset ihr Gesinde und giebt den Maegden ihr beschieden +Teil. Sie denkt einem Acker nach und kauft ihn und lebt von der Frucht +ihrer Haende. Sie verhuetet Schaden und siehet, was Frommen bringt. Ihr +Schmuck ist, dass sie reinlich und fleissig ist"[271]. + + + + +10. Kapitel + +Haeusliche Leiden und Freuden. + + +Es war ein schwerer Haushalt, den Frau Kaethe zu fuehren hatte, wenn man +auch nur der wirtschaftlichen Sorgen in Haus und Hof, in Kueche +und Keller, im Garten und auf dem Felde gedenkt. Aber noch +bewunderungswuerdiger wird ihre Leistungsfaehigkeit, wenn man alle die +Menschen in Betracht zieht, die als Kinder und Gesinde, als Tisch- und +Hausgenossen taeglich und stuendlich Anspruch an ihre Fuersorge machen in +Wohnung und Kleidung, in Speise und Trank, in Erziehung und Zucht--ganz +abgesehen von den Gaesten und Freunden, die im Schwarzen Kloster ein und +ausgingen. Eine so ueberaus grosse Familie verursachte aber nicht nur viel +Muehe und Arbeit, sondern brachte auch einen mannigfaltigen Wechsel von +Freud und Leid ins Haus. So erlebte Frau Kaethe in wenigen Jahrzehnten +Krankheiten und Feste, Hochzeiten und Todesfaelle nach einander und oft +neben einander. + +Gleich im zweiten Jahre ihres Ehestandes hatte die Doktorin schwere +Zeiten durchzumachen[272]. + +Frau Kaethe wurde durch einen heftigen Krankheitsanfall ihres Gemahls +erschreckt, wie sie es in dieser Heftigkeit noch nicht an ihm erlebt +hatte, wiewohl er schon mehrmals Schwindelanfaelle erfahren. Eine +entsetzliche Angst und Beklemmung ging dem Anfall voraus. Samstags 6. +August morgens fuehlte er am linken Ohr und Backen ein ungestuemes Sausen +und Brausen wie Windsbraut und Meeresbrandung, so graesslich und +unertraeglich, dass er es nur einer satanischen Einwirkung zuschreiben +konnte. Es ging gottlob rasch vorueber. Aber er fuerchtete, dies sei +vielleicht der Vorbote eines noch schwereren, toedlichen Anfalls, darum +schickte er um 8 Uhr seinen Diener Wolf zu seinem Beichtvater +Bugenhagen, dieser moege eilend kommen. Bugenhagen eilte erschrocken ins +Kloster, fand aber da den Doktor in "gewoehnlicher Gestalt" bei seiner +Hausfrau stehen. Warum er ihn habe rufen lassen? "Um keiner boesen Sache +willen", erwiderte Luther, ging mit ihm hierauf abseits, beichtete und +begehrte fuer den folgenden Tag zum Abendmahl zu gehen. + +Mittlerweile war es schier Zeit geworden zum Mittagsmahl (d.h. um 10 +Uhr). Und weil Luther und Bugenhagen von etlichen Adeligen, Max von +Wallefels, Hans von Loeser u.a. zu Gaste geladen war, forderte ihn +Bugenhagen auf, mitzukommen, indem er hoffte, die Zerstreuung sollte ihm +gut thun, wenn er nicht einsam daheim sitze, sondern mit Menschen +verkehre. Luther schlug es ab. Aber Bugenhagen steckte es hinter Frau +Kaethe, und diese brachte Luther dazu, hinzugehn in Paul Schultheiss' +Gasthof. Dort ass und trank er, aber sehr wenig, und unterhielt die Gaeste +mit angemessener Froehlichkeit. Um zwoelf Uhr stand er auf und ging in D. +Jonas Gaertlein hinter dem Hause und unterhielt sich da zwei Stunden mit +dem Stiftspropst. Beim Weggehen lud er Jonas und seine Frau ein, sie +sollten auf den Abend mit ihm essen. + +Recht angegriffen kehrte Luther zurueck ins Kloster und legte sich ins +Bett, um sich zu erholen. Als um 5 Uhr die Jonischen kamen, lag er noch +und die Frau Doktorin bat die Gaeste, sich die Weile nicht lang sein zu +lassen, und so sich's ein wenig verzoege, es seiner Schwachheit +zuzurechnen. + +Nach einer Weile kam der Doktor herunter, um die Abendmahlzeit gemeinsam +mit den andern zu halten. Er klagte wieder ueber grosses unangenehmes +Brausen und Klingen des linken Ohrs. Das wurde ueber Tisch heftiger, er +musste aufstehen und zog sich, begleitet von Jonas, hinauf in seine +Schlafkammer zurueck; die Doktorin folgte, hatte aber noch unten an der +Treppe den Maegden zu befehlen. Da, als Luther gerade ueber die Schwelle +der Schlafkammer trat, ueberkam ihn ploetzlich eine Ohnmacht: "O Herr +Doktor Jona", rief der Kranke, "mir wird uebel; Wasser her, oder was Ihr +habt, oder ich vergehe." Er sank leblos hin. Jonas erwischte erschrocken +und behend einen Topf mit kaltem Wasser und goss es dem Ohnmaechtigen ueber +Kopf und Ruecken. Er kam wieder zu sich und fing an zu beten. + +Indem kommt auch die Doktorin hinauf; da sie nun sah, dass er so +hinfaellig und schier tot war, entsetzte sie sich sehr und rief laut den +Maegden. Dann schickte sie zum Hausarzt Dr. Augustin Schurf und zu dem +Hausfreund Bugenhagen. Mittlerweile zogen sie dem Kranken die Kleider +aus und legten ihn auf den Ruecken. Er war sehr matt und voellig kraftlos. +Frau Kaethe und Jonas rieben und kuehlten ihn, gaben ihm Labsal und +thaten, was sie konnten, bis der Arzt kam. + +Da der Doktor so eiskalt und leblos war, so verordnete Schurf dem +Kranken warme Tuecher, Kleider und Kissen, die man immer ueber dem +Kohlenfeuer waermte, aufzulegen auf Brust und Fuesse, liess auch seinen Leib +reiben, troestete ihn auch und hiess ihn hoffen, es wuerde, ob Gott will, +auf diesmal keine Not haben. Dann kam auch um 6 Uhr Dr. Pommer, und die +Freunde mahnten den Patienten, er solle mit ihnen dafuer beten, dass er +moege leben bleiben, ihnen und vielen zum Trost. Da antwortete er: "Zwar +fuer meine Person waere Sterben mein Gewinn; aber im Fleische laenger +leben, waere noetig um vieler willen. Lieber Gott, Dein Wille geschehe." + +Da aber die Ohnmacht wieder zunahm, betete er wieder um Erbarmen. Dann +sagte er zu seiner Hausfrau: "Meine allerliebste Kaethe, ich bitte Dich, +will mich unser lieber Gott auf diesmal zu sich nehmen, dass Du Dich in +seinen gnaedigen Willen ergebest. Du bist mein ehrlich Weib, dafuer sollst +Du Dich gewiss halten und gar keinen Zweifel daran haben. Lass die blinde, +gottlose Welt darueber sagen, was sie will; richte Du Dich nach Gottes +Wort und halte fest daran, so hast Du einen gewissen bestaendigen Trost +wider den Teufel und all seine Laestermaeuler." + +Dann fragte er nach seinem Soehnlein: "Wo ist denn mein allerliebstes +Haensichen?" Da das Kind gebracht wurde, lachte es den Vater an. Da +sprach er: "O Du gutes armes Kindlein! Nun ich befehle meine +allerliebste Kaethe und Dich armes Waislein meinem lieben, frommen, +treuen Gott. Ihr habt nichts, Gott aber, der ein Vater der Waisen und +Richter der Witwen ist, wird Euch wohl ernaehren und versorgen." + +Darauf redete er weiter mit seiner Hausfrau von den silbernen Bechern: +"Die ausgenommen weisst Du, dass wir sonst nichts haben." Ueber dieser und +andern Reden ihres Herrn war die Doktorin hoch erschrocken und betruebt. +Doch liess sie sich nicht merken, wie gross Leid ihr geschah, dass sie +ihren lieben Herrn dergestalt so jaemmerlich da vor Augen liegen sah, +sondern sie stellte sich getrost und sprach: "Mein liebster Herr Doktor! +Ist's Gottes Wille, so will ich Euch bei unserm lieben Herrn Gott lieber +denn bei mir wissen. Aber es ist nicht allein um mich und mein liebes +Kind zu thun, sondern um viel frommer, christlicher Leute, die Euer noch +beduerfen. Wollet Euch, mein allerliebster Herr, nicht bekuemmern; ich +befehle Euch seinem goettlichen Willen, ich hoff und trau zu Gott, er +werde Euch gnaediglich erhalten." + +Bald fuehlte der Kranke Besserung, die Schwaeche liess nach und der Doktor +meinte, wenn der Patient nur schwitzen koennte, so sollte es durch Gottes +Gnade fuer diesmal keine Not mehr mit ihm haben. + +Da gingen die drei Maenner, um ihm Ruhe zu goennen, hinab in den Saal zur +Abendmahlzeit und hiessen die Frauen stille sein. Der Patient geriet +wirklich in Schweiss. Der Arzt sah spaeter wieder nach dem Kranken und +erklaerte die Gefahr vorbei. Dann kamen auch die Freunde, begruessten den +Genesenden, wuenschten ihm "Selige Nacht" und gingen nach Hause. + +Zwar dauerte das Ohrenbrausen am Sonntag noch fort; am Abend aber konnte +der Doktor aufstehen und mit den Freunden das Abendmahl halten. Das +koerperliche Leiden war so bald gehoben; aber die "geistige Anfechtung", +wie Luther sagt, warf ihn noch eine ganze Woche in "Tod und Hoelle" +umher, so dass er zerschlagen an allen Gliedern bebte. + +Kaum war dieser Schrecken vorbei, so nahte eine neue und viel laengere +Heimsuchung: die Pest, die damals ganz Deutschland durchzog, kam auch +nach Wittenberg. Alles was konnte, floh aus der Stadt; die Universitaet +wurde nach Jena verlegt; Luther aber blieb zurueck als Mann, Seelsorger +und Lehrer und seine treue Gattin mit ihm. Er war immer des Glaubens, +die Angst sei die schlimmste Seuche, die Haelfte der Leute stuerben an +Furcht davor, nicht an der Pest selbst. Er hielt es fuer einen "Spuk des +Teufels", dem er trotzen muesse, waehrend der Boese sich freue, die +Menschen so zu aengstigen und die Universitaet zu sprengen, die er nicht +umsonst so hasse. Er bleibe gerade wegen der ungeheuren Angst des +Volkes. Er ging ohne Scheu zu den Pestkranken: die Frau des +Buergermeisters Thilo Dene starb fast in seinen Armen; und andere +Pestverdaechtige nahm er in sein Haus. Dagegen war, scheint's aus Furcht +vor der Pest, Elsa von Kanitz, welche in Wittenberg Maedchenlehrerin +werden und bei Luther wohnen sollte, nicht aufgezogen; an ihrer Statt +aber wohnte nun Fraeulein Magdalene von Mochau im Klosterhause[273]. + +Die Seuche brach in den Winkeln aus, kam aber bald ans +Elsterthor-Viertel, wo der Pestkirchhof lag[274]; zuerst wurde die +Umgebung angesteckt, so das Haus des naechsten Nachbarn, des D. Schurf +und endlich auch das Schwarze Kloster. Das wurde jetzt gerade ein +Spital, denn Luther nahm die kranke Frau Dr. Schurf, Hanna, herueber. Die +von Mochau bekam die wirkliche Pest. Die Frau des Kaplan (Diakonus) +Roehrer, eines von Luther hochgeschaetzen Amtsgenossen, starb (am 2. Nov.) +daran bei ihrer Entbindung samt dem Kinde. Und Bugenhagen fluechtete +deshalb mit seiner Familie aus dem Pfarrhaus in das Schwarze Kloster. +Zwei Pflegetoechter von Kaethe erkrankten und auch der kleine Hans war vom +Zahnen so mitgenommen, dass er mehrere Wochen nichts ass und allein mit +Fluessigkeit ernaehrt wurde, so dass er nur sehr langsam wieder zu Kraeften +kam. Dazu war Luther selbst noch immer eine lange Zeit (Juli bis +November) vom Unwohlsein geplagt, besonders mit Blutandrang nach dem +Kopf und infolge dessen von Schwermut, oder wie er sagte, vom Satan +angefochten und sehr entkraeftet. Schliesslich kam die Krankheit noch in +die Staelle und es fielen fuenf Schweine. Die Bauern brachten der Stadt +keine Zufuhr, so dass eine Teurung entstand und der Scheffel Mehl 5 +Groschen galt, eine Gans 2 Groschen[275]. + +Nur Kaethe hielt sich aufrecht in alt dieser Not, "tapfer im Glauben und +gesund am Koerper", und doch war sie ihrer Entbindung nahe. Sie pflegte +Mann und Kind, Nichten und Gaeste. Den Diakonus Roehrer mit seinem +Knaeblein Paul, welches nach der Mutter schrie, nahm Kaethe auch noch auf, +und Luther lud noch Jonas dringend zum Besuch ein, als es ein wenig +besser ging. Die von Mochau wurde in dem gewoehnlichem Winterzimmer +(Wohnzimmer) eingeschlossen, Frau Hanna war in Katharinas Kemenate +(heizbarem Zimmer), Haenschen im Studierzimmer, der Doktor und die +Lutherin weilten in der vorderen grossen Aula. Schliesslich wurde der +"Mochau" die Beule aufgeschnitten, und nachdem das Gift heraus war, ging +es besser. Endlich, Mitte November, wich die Krankheit. Die Eheleute +waren froh, dass der boese Geist der Pest nur in die Saeue gefahren war und +sie mit diesem Opfer sich loskauften. Haenschen war wieder frisch und +munter, Hanna genas und die Mochau entrann mit Muehe dem Tode; auch +Luthers Zustand und Stimmung wurde besser, namentlich als die +Universitaet allmaehlich wiederkehrte und er seine gewohnte Lehrtaetigkeit +wieder beginnen konnte[276]. + +In dieser Zeit (am 10. Dezember) kam nun Kaethe nach schmerzlichen Wochen +mit ihrem Toechterchen Elisabeth nieder, gerade als der Gemahl von einer +Vorlesung heimkehrte. Die vorausgegangenen Strapazen hatten doch ihre +Spuren hinterlassen, und die Mutter war recht angegriffen. Aber schon zu +Weihnachten wurde im Lutherhaus Verlobung gefeiert; die Hanna von Sala +wurde dem Petrus Eisenberg, einem braven Mann aus guter Familie, +Leut-Priester in Halle, anverlobt; schon am Neujahrstag war die +Hochzeit, und die kaum vom Wochenbett erstandene Hausfrau hatte schon +wieder diese froehliche Unmusse durchzumachen[277]. + +Das neue Jahr (1528) war ein gesundes und im ganzen glueckliches, Luther +und Kaethe lebten wieder frisch auf. Sie brachten am 15. Mai wieder eine +Verlobung zustande, zwischen dem verwitweten Kaplan D. Georg Roehrer und +ihrer Pflegetochter Magdalene von Mochau. Die Hochzeit sollte froehlich +am Tag nach Laurenzi (11. August) gefeiert werden. Aber da kam Leid vor +die Freude: am 3. August starb "Elslein" und von dem lieben Toechterlein, +dessen Ankunft die gluecklichen Eltern den Freunden in zahlreichen +Briefen angekuendet hatten, mussten sie jetzt, gar wehmuetig und weich +gestimmt, wieder ihr Abscheiden in die ewige Heimat melden. "Es war ein +grosses Herzeleid; denn es starb ein Stueck an des Vaters und ein Teil +von der Mutter Leibe"[278]. + +Die durch Tod und Verheiratung in die Hausgenossenschaft gerissenen +Luecken wurden bald reichlich ausgefuellt. Im Mai des folgenden Jahres +erschien das kleine Lenchen im Schwarzen Kloster. Auf gar wunderbare +Weise entkam die Herzogin Ursula von Muensterberg, die Base des Herzogs +Georg aus dem Kloster Freiburg samt zwei andern buergerlichen +Klosterjungfrauen, von denen die eine ihr reiches Vermoegen im Stiche +liess, um der Armut Christi zu folgen. Die drei fluechteten nach +Wittenberg in die Freistaette des Lutherhauses: keinen Kreuzer brachten +sie mit, wohl aber den Hass des Herzogs und Verlegenheit fuer Luthers +Landesherrn[279]. + +Das war im Herbst 1528. Zu Ostern 1529 hatte Frau Kaethe wieder eine +Hochzeit auszurichten: dem Pfarrer Bruno Brauer zu Dobin, dessen Braut +natuerlich auch schon ein paar Tage vorher sich im Hause aufhielt. +Amsdorf wird dazu eingeladen und wird ersucht, sich nicht mit Eisen und +Schwert, sondern mit Gold und Silber und Ranzen zu umguerten, denn ohne +Geschenk komme er nicht los. Im Sommer verlobten die beiden Ehegatten +den Professor der Medizin Milich mit Susanna von Muschwitz, der +Schwester von Frau D. Schurf[280]. + +Waehrend dieser Zeit war der Hausherr vielfach abwesend auf der +Visitation des Kurkreises, welche Luther mit dem Stadthauptmann Herrn +Metsch, dem Edlen Hans von Taubenheim und dem Rechtsgelehrten Benedikt +Pauli vorzunehmen hatte. Dazu kam die Reise nach Marburg zum +Religionsgespraech mit Zwingli (1529). + +Von Marburg stammt auch der erste Brief des Doktors an seine Ehefrau, +der erhalten geblieben ist. Er lautet[281]: + +"Gnad und Fried in Christo! + +Lieber Herr Kaethe! + +Wisset, dass unser freundlich Gespraech zu Marburg ein Ende hat, und seynd +fast in allen Stuecken eins worden, ohne dass der Widerteil (Gegenpartei) +wollen eitel Brot und Wein im Abendmal behalten und Christum geistlich +darinnen gegenwaertig bekennen. Heute handelt der Landgraf, ob wir +koennten eins werden, oder doch gleichwohl, so wir uneins blieben, +dennoch (als) Brueder und Christi Glieder unter einander uns halten. Da +arbeit der Landgraf heftig. Aber wir wollen des Bruedern und Gliederns +nicht; friedlich und Guts wollen wir wohl.... + +Sage dem Herrn Pommer, dass die besten Argument seind gewesen des +Zwingli, dass corpus non potest esse sine loco: ergo Christi corpus non +est in pane; des Oecolampadii: dies sacramentum est Signun corporis +Christi. Ich achte, Gott habe sie verblendet, dass sie nichts haben +muessen fuerbringen. + +Ich habe viel zu thun und der Bot eilet. Sage allen gute Nacht und +bittet fuer uns. Wir seind auch alle frisch und gesund und leben wie die +Fuersten. Kuesst mir Lensgen und Haensgen. + +E. williger Diener + +Martin Luther. + +Ins folgende Jahr (1530), zur Zeit des Augsburger Reichstags, faellt der +lange halbjaehrige Aufenthalt Luthers auf der Koburg (April bis Oktober). +Er reiste mit dem Kurfuersten Johann und Kanzler Brueck und den +Wittenberger Theologen, Melanchthon und Jonas ab und nahm seinen Famulus +Veit Dietrich mit. Kaethe konnte ihren Gatten nicht ohne Sorge zum +Reichstag scheiden sehen; denn bei seiner Abreise glaubte man, dass auch +Luther nach Augsburg selbst gehe, also mitten in die Reihe seiner +Feinde. Bald erhielt sie die Nachricht, dass ihr Gatte, eben um seine +Gegner, und namentlich den Kaiser, in dessen Acht er war, nicht zu +reizen, in der suedlichsten Stadt des Kurfuerstentums bleibe, auf der +Feste Koburg, und zwar einigermassen in Verborgenheit, aehnlich wie auf +der Wartburg. Er wurde morgens vor Tagesanbruch, samt seinem Famulus +Veit Dietrich, dahin gebracht; er liess sich da den Bart wachsen und dazu +schickte ihm auch noch ein Freund, Abt Friedrich aus Nuernberg, ein +Schwert. Also musste Frau Kaethe in die "Einoede Gruboc" allerlei Dinge +schicken, Buecher und Papier fuer allerlei Schriften, und empfahl ihren +Gemahl der Fuersorge der Kastellanin[282]. Freilich war vortrefflich fuer +den Einsiedler auf seinem Sinai gesorgt, die erste Fruehlingszeit mit +Dohlenschwarm, Kuckuck und Nachtigall stimmte froehlich; Veit Dietrich +wachte sorgfaeltig darueber, dass Luther keinen Diaetfehler begehe und +veranlasste ihn gar zum Armbrustschiessen auf Fledermaeuse. Auch an +Besuchen fehlte es nicht, so dass er schliesslich klagte: "Die Wallfahrt +will zu gross werden hierher"[283]. Aber Luther litt bei der ungewohnten +Musse doch wieder an seinem alten Leiden: Fluss am Bein, Kopfweh und +Schwindel, und infolgedessen "Anfechtungen" des Satans, so dass er sich +schon ein Oertlein fuer ein Grab aussuchte und meinte, unter dem Kreuz in +der Kapelle werde er wohl liegen. Davon meldete zwar der Doktor an seine +besorgte Ehehaelfte kein Woertlein; er schrieb vielmehr sie neckend: "Sie +wollen (in Augsburg) schlechterdings die Moenche und Nonnen wieder im +Kloster haben"[284]. Aber sie ahnte es doch, oder erfuhr es auf Umwegen +von den Freunden, denen er sein Leiden klagte, oder durch die Boten, die +vorbei kamen. Darum schickte sie ihm nicht nur Lenchens Bild, sondern +auch seinen Neffen Cyriak in Person samt seinem Praezeptor. Boten mit +Briefen und Auftraegen gingen fleissig hin und her: so bestellte Frau +Kaethe durch Luther Pomeranzen bei Link in Nuernberg, weil es keine in +Wittenberg gebe, und sie erfuhr zeitig und ausfuehrlich, wie es auf +Koburg und in Augsburg ging, wo der Kaiser sich barsch benahm und +Melanchthon gar aengstlich war. Wenn aber zu Wittenberg Sonntags in der +Kirche fuer gluecklichen Ausgang des Augsburger Reichstages und fuer die +abwesenden Theologen gebetet wurde, da war Frau Luther wohl von allen +Kirchgaengerinnen die andaechtigste; und zu Mittags bei Tisch mit ihren +Tischgesellen und Kinderlein und abends im Kaemmerlein allein hat sie fuer +den teuren Mann in der Ferne gefleht, wie er's in jedem Briefe +erbittet[285]. + +Einige Briefe Luthers von der Koburg an seine Hausfrau sind erhalten; so +kam um Pfingsten einer[286]: + +"Gnad und Friede in Christo. + +Liebe Kaethe! Ich hab, acht ich, Deine Briefe alle empfangen. So ist dies +der vierte Brief, den ich Dir schreibe heut dass Er Johann von hinnen +gegangen ist. Lenchen Konterfeit hab ich mit der Schachtel auch. Ich +kannte das H---- zuerst nicht, so schwarz deucht mir's (zu) sein. Ich +halte, wo Du es wilt absetzen von Woehnen (d.h. entwoehnen), das gut sei +weilinger Weise, also dass Du ihr zuerst eines Tages einmal abbrechest, +darnach des Tages zweimal, bis es also saeuberlich ablaesst. Also hat mir +Georgen von Grumbachs Mutter, Frau Argula, geraten. Die ist hier bei uns +gewest und hat mit mir gessen. Hans Reinicke von Mansfeld auch und +George Roemer, dass wir muessen an einen andern Ort; es will zu gemeiner +Wallfahrt hieher werden. + +Sage Meister Christannus[287], dass ich meins Tage schaendlichere Brillen +nicht gesehen habe, denn die mit seinem Briefe (ist) kommen. Ich konnt +nicht ein Stich dadurch sehen. So ist mir auch der Brief an Kunzen Vater +nicht geworden. Auch bin ich nicht zu Koburg, (d.h. ich will nicht da zu +finden sein); kann ich aber sonst dazu thun, will ich's nicht lassen. Du +sollst aber gleichwohl Deine Briefe dem Kastner, (Schlossverwalter) +[646], lassen zustellen; der wird sie mir wohl schaffen. + +Man beginnt zu Nuernberg und Augsburg zu zweifeln, ob etwas aus dem +Reichstag werde. Der Kaiser verzeucht noch immer in Inspruck. Die +Pfaffen haben etwas vor und gehet mit Kraeutern zu. Gott gebe, dass sie +der Teufel besch---- Amen. + +Lass den Herrn Doctor Pommer den Brief an D. Wencels lesen. + +Eilend. Der Bote wollt nicht harren. Gruesse, kuesse, herze und sei +freundlich allen, jeden nach seinem Stande. + +Am Pfingsttag fruehe, 1530. + +Martin Luther. + +Meiner herzlieben Hausfrauen Katharin Lutherin zu Wittenberg zu handen." + +Zu Wittenberg machte damals der Festungsbau den Einwohnern, namentlich +auch der Familie Jonas, viel Verdruss und Aufregung; das Kloster blieb +einstweilen noch verschont. + +Waehrend Luthers Abwesenheit waren im Klosterhause Hieronymus Weller als +Praezeptor des kleinen Haeuschens. Hieronymus war aber ein von Schwermut +geplagter Mann, und es wurde darum dankbar begruesst, dass auch sein Bruder +Peter ins Haus zog, der Praezeptor von Luthers Neffen, Polner. Auch der +wuerdige D. Pommer (Bugenhagen) kam ab und zu ins Schwarze Kloster, um +Frau Kaethe zu beraten, und Frau Jonas, die allezeit froehliche, muntere +Gattin des in Augsburg abwesenden Stiftspropstes, welche freilich +damals ihr zweites Soehnlein bald nach der Geburt verlor[288]. Mit hohem +Interesse wurden Luthers Schreiben empfangen und mit vieler Freude im +Kreise der zurueckgebliebenen Freunde vorgelesen. Grossen Jubel bei den +Tischgesellen erregte ein humorvoller Brief Luthers vom "Reichstag der +Dohlen und Kraehen", dem lustigen Abbild des Augsburger Reichstags. Da +wird gar ergoetzlich geschildert das Ab- und Zureiten "der Malztuerken", +ihr Scharwaenzen und Turnieren, ihr "Kecken" und Kriegsrat wider Korn und +Weizen. Und welche Freude erst war's, als goldene Fruehaepfel aus Nuernberg +mit dem Boten von Koburg fuer die Tischgesellschaft ankamen! Wie +leuchteten aber erst die Augen der Kleinen und seiner Gespielen ueber den +herzigen Maerchenbrief Luthers an sein "liebes Soehnichen Johannes" von +dem schoenen Paradiesesgarten. Wie hat sich da die Mutter gefreut und +Muhme Lene und des Jonas Jost und Melanchthons Lips, die auch in den +Garten kommen sollten, und der "Gruss und Putz" wird der Muhme Lene von +dem kleinen Hans ausgerichtet worden sein. Haenschen war ein braver Bub +und wird von seinem Praezeptor wegen seines Fleisses und Eifers +gelobt[289]. + +Aber auch ernste Briefe kamen von Koburg an, welche Frau Kaethe und die +Theologen interessierten und im Lutherhaus gemeinsam gelesen wurden, +oder auch unter den Freunden umliefen. Allerdings seine schwersten +Sorgen und Schmerzen schrieb Luther nicht darin, aber allerlei Anliegen +wegen der Zoeglinge und an seine Buchdrucker Schirlenz, Weiss und Rau. So +kamen vom 14. und 15. August mit einem Boten zwei Episteln an seine +"herzliebe Hausfrau"[290]. + +"Gnade und Friede in Christo. + +Meine liebe Kaethe! Dieser Bote lief eilend vorueber, dass ich nichts mehr +schreiben konnte, nur dass ich ihn nicht wollte ohne meine Handschrift +gehen lassen. Du magst Herr Johann Pommern und allen sagen, dass ich bald +mehr schreiben will. Wir haben noch nichts von Augsburg, warten aber +alle Stunden auf Botschaft und Schrift. Aus fliegenden Reden haben wir, +dass unsers Widerparts Antwort soll oeffentlich gelesen sein; man habe +aber den Unsern keine Abschrift wollen geben, dass sie darauf antworten +moechten. Weiss nicht, ob's wahr ist. Wo sie das Licht so scheuen, werden +die Unsern nicht lange bleiben. Ich bin seit Lorenzentag recht gesund +gewesen und habe kein Sausen im Kopf gefuehlt; das hat mich fein lustig +gemacht zu schreiben, denn bisher hat mich das Sausen wohl zerplaget. + +Gruesse alle und alles; ein andermal weiter. Gott mit euch. Amen. Und +betet getrost: es ist wohl angelegt, und Gott wird helfen. + +Gegeben am Sonntage nach Lorenzentag, Anno 1530." + +Der Brief war kaum geschrieben, so kam weitere Nachricht von Augsburg. +Luther behielt deshalb den Boten bei sich ueber Nacht und fuegte am andern +Tage noch folgendes hinzu: + +"Gnad' und Fried in Christo. + +Meine liebe Kaethe! Als ich den Brief hatte zugemacht, kamen mir diese +Briefe von Augsburg: da liess ich den Boten aufhalten, dass er sie mit +sich naehme. Daraus werdet ihr wohl vernehmen, wie es zu Augsburg mit +unsrer Sache steht, fast wie ich im andern Brief geschrieben habe. Lass +Dir sie Peter Weilern lesen oder Herrn Johann Pommer[291]. Gott helfe +weiter, wie er gnaediglich angefangen hat, Amen. + +Jetzt kann ich nicht mehr schreiben, weil der Bote so wegfertig da sitzt +und harret kaum. Gruesse unsern lieben Sack. + +Ich habe Deinen Brief an die Kaestnerin (die Kastellanin vom Koburger +Schloss) gelesen, und sie dankt Dir sehr. Hans Polner habe ich Peter +Wellern befohlen: siehe zu, dass er sich gehorsamlich halte. Gruesse Hansen +Luthern und seinen Schulmeister; dem will ich bald auch schreiben. Gruesse +Muhme Lenen und allesamt. Wir essen hier reife Weintrauben, wiewohl es +diesen Monat hieraussen sehr nass gewesen ist. Gott sei mit euch allen, +Amen. + +Aus der Wuesten, am Tage Maria Himmelfahrt 1530. + +Mart. Luther. + +Wie verdreusst mich's, dass unsere Drucker so schaendlich verziehen mit den +Exemplaren[292]. Ich schicke solch Exemplar darum hinein, dass sie bald +sollen fertig werden--da machen sie mir ein Lagerobst draus. Wollt' ich +sie so liegen haben, ich haette sie wohl hier bei mir auch wissen zu +halten. Ich hab' Dir geschrieben, dass Du den Sermon, wo er nicht +angefangen, von Schirlenz nehmen und Georgen Rau geben solltest. Ich +kann doch wohl denken, dass Schirlenz sein gross Exemplar kaum zu verlegen +hat mit Papier. Ist das nicht geschehen, so schaffe, dass es noch bald +geschehe und der Sermon aufs foerderlichste gefertigt werde." + +Die Abwesenheit des Doktors zoegerte sich gar lange hinaus: es wurde +Sommer und wurde Herbst und der Doktor war noch nicht da. Mit Sehnsucht +wurde er erwartet und voll Sehnsucht schrieb er nach Hause. So um "Maria +Geburt"[293]: + +"Gnade und Friede in Christo. + +Meine liebe Kaethe! Dieser Bote lief eilend vorueber, dass ich nicht viel +schreiben konnte. Hoffe aber, wir wollen schier selbst kommen; denn +dieser Bote bringt uns von Augsburg Briefe, dass die Handlung in unsrer +Sache ein Ende habe und man nur wartet, was der Kaiser schliessen und +urteilen wird. Man haelt's dafuer, dass es werde alles aufgehoben auf ein +kuenftig Konzilium; denn der Bischof zu Mainz und Augsburg halten noch +fest, so wollen der Pfalzgraf, Trier und Coeln nicht zum Unfrieden oder +Krieg willigen. Die andern wollten gern wueten und versehen sich, dass der +Kaiser mit Ernst gebieten werde. Es geschehe, was Gott will: dass nur des +Reichstags ein Ende werde! Wir haben genug gethan und erboten; die +Papisten wollen nicht ein Haarbreit weichen; damit wird einer kommen, +der sie lehren soll weichen und raeumen. + +Mich wundert, warum Hans Weiss den Psalm nicht hat genommen. Ich haett' +nicht gemeint, dass er so ekel waere, ist's doch ein koestlich Exemplar. +Schicke hier denselbigen vollends ganz mit und goenn' ihn Georgen Rau +wohl. Gefaellt das Exemplar Herrn Johann Pommern und Kreuzigern, so lass +immerhin drucken. Es ist doch nichts, dass man den Teufel feiert. + +Wer Dir gesagt hat, dass ich krank sei, wundert mich sehr, und Du siehest +ja die Buecher vor Augen, die ich schreibe. So hab' ich ja die Propheten +alle aus, ohne den Ezechiel, darin ich jetzt bin und im Sermon vom +Sakrament, ohne was sonst des Schreibens mit Briefen und anders mehr +ist. Ich konnte jetzt nicht mehr vor Eilen schreiben. Gruesst alle und +alles. + +Ich hab' ein gross schoen Buch von Zucker fuer Hansen Luther, das hat +Cyriakus von Nuernberg gebracht aus dem schoenen Garten. Hiemit Gott +befohlen und betet. + +Mit Polner mach's nach Rat des Pommers und Kellers. + +Aus der Wuesten, am 8. September 1530." + +Als aber die Herren endlich wieder heimkehrten, samt Veit Dietrich, +Peter Weller und dem jungen Cyriak, der mit seinem Lehrer das Schauspiel +des Reichstag in Augsburg und die beruehmte Stadt Nuernberg hatte besuchen +duerfen, da war ein Erzaehlen am Eichentisch im Wohnzimmer und unten im +Hof unterm Birnbaum, waehrend der vierjaehrige Studiosus Hans sich an +seinem Nuernberger Zuckerbuch erlustierte. + +Ruhiger gingen die folgenden Jahre hin. Freilich wiederholten sich die +beaengstigenden Schwindelanfaelle beim Doktor, so dass er im Herbst 1531 +eine Erholungsreise zu Gevatter Hans Loeser nach Schloss Pretzsch machte, +um durch die Bewegung das Sausen loszuwerden. Da ging er viel spazieren, +fuhr auch zur Jagd[294]. + +Von Mansfeld waren auch die Grosseltern einigemal nach Wittenberg +heruebergekommen, obwohl das keine kleine Reise war; da schickte der +Stadtrat "Doktoris Martini Vater" einen Ehrentrunk. Dann herrschte grosse +Freude im Kloster und der Doktor konnte eine Vergleichung anstellen +zwischen seiner harten Jugend und der Zaertlichkeit der alten Leute gegen +die Enkel und merken, dass die Grosseltern ihre Kindeskinder lieber haben +als ihre eigenen Kinder. Als im Anfang 1530 Bruder Jakob von Mansfeld +schrieb, der Vater waere "faehrlich krank", waere Luther aus der Massen gern +selbst kommen; aber er durfte es dorthin der Bauern und des Adels wegen +nicht wagen. Aber grosse Freude sollt es ihm sein, schrieb er, wo es +moeglich waere, dass der Vater samt der Mutter sich liesse herbeifuehren nach +Wittenberg, was auch "Kaethe mit Thraenen begehrte", in der Hoffnung, sie +aufs beste zu warten. Dazu wurde Cyriak in seine Vaterstadt abgefertigt, +zu sehen, ob das moeglich waere. Aber die alten Leute konnten sich +begreiflicherweise nicht zu diesem Umzug entschliessen. Und nicht lange +darauf, als Luther auf der Koburg sass, starb der Vater. Im Sommer des +folgenden Jahres erkrankte die Grossmutter. Das erregte grosses Leid in +der Familie; Luther schrieb inmitten der Kinderschar einen Trostbrief: +darin schildert er gar anschaulich das echt kindliche Benehmen der +beiden eigenen Kinder und der andern Enkel, welche im Klosterhause +lebten: "Es bitten fuer Euch alle Eure (Enkel-) Kinder und meine Kaethe; +etliche weinen, etliche essen und sagen: Die Grossmutter ist sehr krank." +Am 30. Juni schied auch sie vom Leben[295]. + +Von den Enkeln hatten freilich die Grosseltern hoechstens die drei ersten +gesehen: Hans, Elisabeth und Lenchen. Erst nach ihrem Tode kam der +vierte auf die Welt am Vorabend von Luthers Geburtstag und bekam deshalb +den Namen Martin. Es war gerade zur Zeit als die Bauern, wie man ihnen +nachsagte, eine kuenstliche Teuerung zu stande brachten. Fuenfviertel +Jahre spaeter (am 28. Januar 1533) stellte sich Paul ein und endlich am +Ausgang des folgenden Jahres das Juengste, Margarete. Schon 1533 war der +siebenjaehrige Erstgeborne--gewiss nur, wie andre Professorensoehne, der +Ehre halber--bei der Universitaet als akademischer Buerger angenommen +worden, zugleich mit seinen Vettern Fabian und Andreas Kaufmann[296]. + +In diesem Jahre 1533 war Luther wieder einen ganzen Monat krank an +Kopfleiden[297]. + +Im Februar 1534 kam seine Schwester zu Besuch nach Wittenberg. Da +tischte Frau Kaethe fuer die Schwaegerin koestlich auf und liess Hechte +kommen aus den kurfuerstlichen Teichen[298]. + +Seitdem Johann Friedrich Kurfuerst geworden, war Luther gar oft zu dem +ihm vorher schon sehr befreundeten neuen Landesherrn allein oder mit +andern Theologen nach Torgau geladen, wo er predigte, disputierte und +bei Tisch in ernstem und froehlichem Gespraech verblieb. Von dort sandte +der Doktor auch einmal an "seinen freundlichen lieben Herrn, Frau +Katharina von Bora, D. Lutherin zu Wittenberg" einen heiteren +Brief[299]: + +"Gnade und Friede in Christo. + +Lieber Herr Kaethe! Ich weiss Dir nichts zu schreiben, weil Magister +Philipps samt den andern selbst kommen. Ich muss laenger hier bleiben, um +des frommen Fuersten willen. Du magst denken, wie lange ich hier bleiben +werde, oder wie Du mich los machst. Ich halt', M. Franciscus wird mich +wieder los machen, wie ich ihn losgemacht habe, doch nicht so balde. + +Gestern hatt' ich einen boesen Trunk gefasst, da musst' ich singen. Trink' +ich nicht wohl, das ist mir leid und thaet's so recht gerne, und hab +gedacht, wie gut Wein und Bier hab' ich daheime, dazu eine schoene Frauen +oder (sollt' ich sagen) Herrn. Und Du thaetest wohl, dass Du mir +hinueberschicktest den ganzen Keller voll meines Weines und eine Flaschen +Deines Biers, so oft Du kannst. Sonst komme ich vor dem neuen Bier nicht +wieder. Hiermit Gott befohlen samt unsern Juengern und altem Gesinde, +Amen. + +Mittwoch nach Jakobi, 1534. + +Dein Liebchen + +Mart. LutheR, D." + +Im Jahre 1535 kam der paepstliche Gesandte Kardinal _Vergerius_ durch +Wittenberg; mit glaenzendem Gefolge, zwanzig Pferden und einem Esel zog +er ins Schloss und liess Luther dahin einladen. Der liess sich schoen +schmuecken, haengte eine goldene Kette um und fuhr mit Bugenhagen, als der +deutsche Papst mit Kardinal Pomeranus, ins Schloss, wo er dem Legaten +gegenueber, wie er sich vorgenommen hatte, den rechten Luther spielte. Da +erzaehlte er auch dem Kirchenfuersten, um ihn zu aergern, von seiner Frau, +der ehrwuerdigen Nonne, und seinen fuenf Kindern, von denen der +Erstgeborene hoffentlich ein grosser evangelischer Theologe werden wuerde +[300]. + +Waehrend dieser Zeit waren mancherlei Veraendernden im Kreise der +Lutherschen Hausgenossen eingetreten. Natuerlich wechselte von Jahr zu +Jahr die Tafelrunde der jugendlichen Kostgaenger durch Abgang oder Zugang +zur Schule. Aber es starb auch einmal ein Schueler. So aus Nuernberg Hans +Zink Ostern 1531. Er war allen ein gar lieber Bube, sonderlich dem +Hausvater, indem er den Discant bei der abendlichen Hausmusik sang; aber +auch weil er fein still und zuechtig (sittsam) und im Studium sonderlich +fleissig war, so dass allen gar wehe geschehen ist durch seinen Abscheid. +Frau Kaethe sparte zu seiner Pflege nichts an Fleiss, Sorge und Arzenei, +um das fremde liebe Kind wo nur moeglich zu retten und zu erhalten. Aber +die Krankheit wurde uebermaechtig ueber die Pflege, und der Knabe ist Gott +noch viel lieber gewesen als den Lutherschen, der hat ihn wollen haben. +Das meldete Luther im Trauer- und Trostbrief den betruebten fernen +Eltern. Auch spaeter kamen solche Sterbefaelle noch vor; ja es starben +Ostern 1544, als in Wittenberg die Masern grassierten und auch Luthers +Kinder alle daran darniederlagen, auf einmal zwei Zoeglinge, ein +wohlgeschickter Knabe aus Lueneburg und ein Strassburger. Das war keine +kleine Verantwortung, welche Luther und besonders Kaethe zu tragen hatte. +Das juengste, Margaretlein, hatte als Nachwehen 10 Wochen ein schweres +hitziges Fieber und kaempfte noch vor Weihnachten um Gesundheit und Leben +[301]. + +Der Diener Johannes Nischmann, der mehrere Jahre der Familie treulich +und "fleissig gedienet, dem Evangelium gemaess sich demuetig gehalten und +alles gethan und gelitten", zog Lichtmess 1534 aus dem Schwarzen Kloster +mit 5 fl. Lohn und einem guten Zeugnis. Von einem andern dagegen ging +ein boeses Geschrei aus, dass er sich von einem wenig achtbaren Maedchen +haette verfuehren lassen[302]. + +Schmerz und Verdruss bereiteten den Lutherischen Eheleuten in dieser Zeit +aber auch ihre Verwandten. + +Zunaechst Katharinas Brueder. Da war Hans aus Preussen heimgekehrt, um das +Gut Zulsdorf zu uebernehmen, hatte eine Witfrau des von Seidewitz, eine +geborene Marschall, mit einem oder mehrern Kindern geheiratet[303]; er +konnte aber von dem Guetchen nicht recht leben und seinen Dienst am +preussischen Hofe auch nicht mehr erhalten--und seine Ehe soll auch nicht +gluecklich gewesen sein. Daher musste Kaethe ihren Gatten um manche +Bittschrift fuer ihn angehen. Ebenso machte Bruder Clemens Sorge, welcher +gleichfalls in Preussen wegen Beteiligung an einer Schlaegerei seine +Stelle bei Hof verlor und, wie es scheint, nicht mehr in "vorigen Stand +kommen" konnte, trotz der Fuerbitte der evangelischen Bischoefe von +Samland und Pomesan an den Herzog, ihn wieder zu Gnaden anzunehmen, +"damit er D. Martino und seiner geliebten Hausfrau nicht eine Betruebnis, +dazu Schimpf und Spott sei und also im Land hin und wieder und endlich +hinaus ziehet". Der Herzog "wolle ihn doch mit einem Klepper und +Zehrung und gnaediger Fuerschrift an den Kurfuersten von Sachsen +abfertigen"[304]. + +Naeher noch gingen den beiden Ehegatten allerlei Erlebnisse mit den +Kindern im Hause, den eignen und noch mehr den fremden. + +Mit der Anzahl der Kinder wuchs auch die Erfahrung der jungen Eheleute +in der Zucht und Erziehung. Zu Anfang, als einmal eines der jungen +Kindlein schrie und weinte, dass es niemand stillen konnte, waren Kaethe +sowohl wie Luther eine ganze Stunde traurig und bekuemmert. Spaeter +erkannten sie und der Vater sprach es aus: "Wenn junge Kinder recht +schreien, so wachsen sie wohl; denn durch Schreien dehnen sich die +Glieder und Adern auseinander, weil sie sonst keine andere Uebung haben, +sich zu bewegen"[305]. + +Als die Kinder groesser wurden, gab es natuerlich allerlei Unarten und +Vergehungen, und zwar sowohl bei den eignen, wie bei den angenommenen +Waisen. Das "Tauschen" ("Fuggern" nannte man's spaeter nach dem damals +beruehmten Augsburger Handelshause) war natuerlich auch bei den +Lutherskindern ueblich. Ja, auch das "Stehlen" ("Schiessen" nannte man es +auch nach den "Schuetzen" d.h. jungen fahrenden Schuelern, den tirones +oder Plaenklern in Vergleichung mit der roemischen Heeresordnung). Das war +nun beides recht verpoent im Luther-Hause, freilich wurde bei Esswaren, +namentlich Obst, als Kirschen, Aepfeln, Birnen, Nuessen, die Strafe +gelinder bemessen. Aber wenn einmal etwas anderes genommen wurde, dann +gab es boeses Wetter im Hause. Ganz besonders aufgebracht werden konnte +der heftige Hausvater wegen Ungehorsams: Gehorsam hielt er mit andern +Paedagogen fuer die erste Tugend der Kinder. Darum liess er seinen +Erstgeborenen einmal drei Tage lang nicht vors Angesicht kommen und Frau +Kaethe musste ihre ganze Ueberredungskraft und die Fuersprache von Freunden +anwenden, um den erzuernten Vater umzustimmen[306]. + +Im Jahre 1536 that Luther seinen Erstgebornen schon aus dem Hause zu +einem tuechtigen Schulmeister.--Die Unruhe war im Kloster gar zu gross. +Spaeter--1542--kam er wieder fort zu dem beruehmten Praezeptor Crodel in +Torgau[307]. + +Manchen Aerger hatten Luther und Kaethe auch mit den fremden Kindern, +namentlich den Neffen. + +Man wird frelich kein grosses Aufhebens zu machen haben, wenn Luther +einmal sagt: "Wenn ich meinen Enders (d.i. Andreas Kaufmann) nicht haette +gestrichen, von seiner Untugend ueber Tisch gesagt und ihm Zucker und +Mandelkerne gegeben haette, so haette ich ihn schlimmer gemacht." Aber von +Martin (seines Bruders Sohn) erzaehlte Luther: "Derselbe hat mich einmal +also erzuernt und getoetet, dass ich ganz von meines Leibes Kraeften +gekommen bin." Als Fabian von Bora mit Hans Luther 1542 nach Torgau kam, +liess er sich auf der Reise dahin verleiten, dem kleinen Paul Luther ein +Messer zu nehmen und dem Schulmeister Crodel vorzuluegen, der Oheim habe +es ihm gegeben, waehrend er vorher dergleichen nie gethan. Darueber +erzuernte Luther maechtig und diktierte dem armen Suender drei Tage +hintereinander Streiche[308]. + +Begreiflicherweise vertuschte auch die Mutter und Hausfrau gar manches, +was bei den Kindern und dem Gesinde in dem grossen Haushalt vorfiel, vor +dem heftigen Mann, so dass er in hellem Zorn aufflammen konnte: "Wenn sie +suendigen und allerlei Bueberei treiben, so erfahre ich's nicht; man zeigt +mir's nicht an, sondern haelt's heimlich vor mir"[309]. + +Es war aber freilich nicht allein die Furcht vor des Doktors Zorn, +sondern doch auch die Ruecksicht auf den vielbeschaeftigten und viel +geaergerten Mann, was die Gattin bewegen musste, ihn mit den haeuslichen +Widerwaertigkeiten moeglichst zu verschonen. Er sollte vor allem an den +Kindern sich erfreuen. Denn diese Freude an den Kindern war Luther +freilich die groesste und schoenste und er war einigermassen eifersuechtig +auf "Muhme Lene", welche sie ihm "vorwegnahm", da die Kinder so an ihr +hingen und so viel um sie waren[310]. Luther wollte seine Kinder nicht +so hart erzogen haben, wie es ihm ergangen war. Aber fuer Bosheit und +Schalkheit und Schaden sollten sie gestraft werden und es ihnen nicht +nachgesehen werden. Das war gewiss auch Frau Kaethes Meinung und +jedenfalls war sie mit ihres Mannes Anschauung einverstanden: eines +Geistlichen Kinder muessten ganz besonders wohlgezogen sein, auf dass +andere Leute davon erbaut und ein gut Exempel naehmen; ungezogene +Pfarrkinder gaeben andern "ein Aergernis und Privilegium zu suendigen". +Dasselbe galt auch vom Gesinde. Denn, sagt Luther, "der Teufel hat ein +scharpf Aug auf mich, damit er meine Lehre verdaechtig mache oder gar +einen Schandfleck anhaenge." Daher war es ein aufregendes Ereignis, als +ein Maedchen in Luthers Hause sich uebel auffuehrte[311]. + +Nach Muhme Lene's Abscheiden naemlich (1537) nahm das Luthersche Ehepaar +eine gefaehrliche Person ins Haus. Sie kam zu Luther, nannte sich Rosine +von Truchses und gab vor, eine arme Nonne aus hohem Geschlecht zu sein. +Da Luther aber scharf in sie drang, so bekannte sie, sie waere eine +Buergerstochter aus Minderstadt in Franken; ihr Vater sei im +Bauernaufruhr gekoepft worden; sie irre als verwaistes Kind umher und +bitte um Gotteswillen ihr zu verzeihen und sich ihrer zu erbarmen. Der +gutherzige Mann that es. Das Juengferlein bezeugte sich gar sittsam und +artig, wusste sich in Gunst zu setzen und das Vertrauen aller im Hause zu +erschleichen, besonders sich bei den Kindern wohl anzumachen. Aber es +war ein schlechtes Weibsbild, das sich in das Haus gedraengt hatte. In +Keller, Kueche und Kammer kam allerlei weg; niemand wusste, wer der Dieb +war. Weiter lockte sie allerlei junge Leute an sich, die sie mit ihrer +angeblich hohen Abkunft beschwindelte, und trieb Unzucht mit ihnen. +Endlich entdeckte Frau Kaethe die Sache und entfernte, waehrend Luther auf +einer Reise war, die Person in aller Stille aus dem Hause. Luther war +froh, dass er nichts von allem gewusst hatte und dass sie jetzt fort sei. +Aber die Schwindlerin zog umher in allen Pfarrhaeusern, beruehmte sich +ihrer Bekanntschaft mit dem grossen Doktor und seinem Hause, log, trog +und stahl weiter. Immer von neuem tauchte sie auf, zuletzt nach mehreren +Jahren noch in Leipzig, so dass Luther dorthin an den Richter Goeritz, +seinen Gevatter, schreiben musste, um ihrem Unfug ein Ende zu machen. +Luther litt unendlich unter dieser Schmach, die seinem Hause +widerfahren, und meinte, die Papisten haetten ihm diese Teufelsperson auf +den Hals geschickt. Aber auch Frau Kaethe musste es schwer tragen und dazu +noch die Vorwuerfe ihres Mannes, welcher zuernte, dass man dieses Weibsbild +hatte entkommen lassen und nicht gleich in der Elbe ertraenkt habe. Er +meinte durch diese Erfahrung gewitzigt zu sein, und doch bekam er vor +seinem Ende noch eine "andere Rosine" ins Haus, die ihm den Aufenthalt +in Wittenberg verleiden half[312]. + +Ein anderes Vorkommnis setzte Frau Kaethe 1538 hart zu. Ein Tageloehner +arbeitete oft bei ihr, ein fleissiger und braver Mensch, nuechtern sanfter +wie ein Lamm, aber in der Trunkenheit ein Krakehler. An einem Sonntag +lief er in der ganzen Stadt herum und prahlte, er sei Famulus bei +Luther, und in der Aufregung schlug er jemand tot. Dann ward er +nuechtern, nahm mit Thraenen Abschied von Frau Luther und wurde fluechtig. +Ein Weib und drei Kinder, die er im groessten Elend zurueckliess, fiel +natuerlich Frau Kaethe zur Last[313]. + + + + +11. Kapitel + +Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod. + + +Besondere Geduld und Liebe, Vorsicht und Weisheit mussten die Eheleute +brauchen in der Behandlung der ihnen anvertrauten Kinder. + +Die verwaiste Pflegetochter Lenchen Kaufmann, "Muehmchen Lene die +Juengere", fing in noch recht jugendlichem Alter eine Liebelei mit +Magister Veit Dietrich an, der mit seinen sechs Scholaren im Schwarzen +Kloster lebte. Nun war Luther zwar der Meinung des Sprichworts: "Frueh +aufstehn und jung freien" und ist oefters fuer junge ehrbare Leute, die +sich einander gern hatten und zu einander passten, bei ihren Eltern um +ihre Einwilligung eingetreten und hat sie gegen Eigensinn und +Selbstsucht der Vaeter und Muetter in Schutz genommen und +zusammengebracht. So hatte er sich auch schon 1523 eines Maedchens aus +Torgau angenommen, welchem der kurfuerstliche Barbier die Ehe +versprochen und zum Unterpfand einen Ring gegeben und mit ihr eine Muenze +geteilt hatte[314]. + +Aber er wusste auch, dass es zu frueh und ungeschickt sein koennte, das +konnte er an Melanchthons Toechterlein merken, welches auch als kaum +vierzehnjaehriges Kind sich in einen begabten, aber leichtsinnigen jungen +Poeten verliebt hatte und, da die Eltern unbedacht nachgaben, einen +ungluecklichen Ehestand erlebte. Luther meinte, "es waere nicht ratsam, +dass junge Leute so bald in der ersten Hitze und ploetzlich freiten; denn +wenn sie den Fuerwitz gebuesst haetten, so gereuete sie's bald hernach und +koennte keine bestaendige Ehe bleiben; es kaeme das Huendlein Reuel, das +viele Leute beisst". Bestaerkt wurde Luther in dieser Anschauung durch +seine Ehefrau, welche dem Veit Dietrich ueberhaupt nicht ganz hold war. +Das Juengferlein Lene wollte natuerlich die Stimme der Vernunft nicht +hoeren und zeigte sich ungebaerdig, so dass Luther sogar einmal meinte, +"man sollte sie mit einem guten Knuettel zuechtigen, dass ihr das +Mannnehmen verginge"[315]. + +Der Herr Magister Veit zog nun aus dem Hause und warf seinen Zorn vor +allem auf Frau Kaethe, der er Herrschsucht und Habsucht vorwarf (1534). + +Aber als Baeschen Lene zu ihren vollkommenen Jahren gekommen war (1538) +und der Rechte kam, der auch mit Vorwissen der Pflegeeltern um sie +freite, da gaben diese ihre freudige Einwilligung. Es war M. Ambrosius +Berndt aus Jueterbog, ein gesetzter, "recht frommer (braver) Mann, der +Christum lieb hatte", seit einem halben Jahr, wo ihm seine junge Frau im +ersten Kindbett samt dem Knaeblein gestorben war, kinderloser Witwer, +Professor der Philosophie und Schoeffer in Wittenberg, ein Amtsgenosse +und guter Bekannter und Gevattersmann der Lutherschen Familie. Von +dieser Verlobung und Hochzeit ist uns in den Tischreden Eingehendes +berichtet[316]. + +Martini 1538 beging Luther seinen Geburtstag. Dazu hatte Frau Kaethe, wie +gewoehnlich einen festlichen Schmaus gerichtet und viele Freunde, Jonas, +Kreuziger, Melanchthon, auch die fremden Gaeste Camerarius und Bucer, +welche damals in Wittenberg waren, eingeladen. Auch der Freier und +Lenchen Kaufmann waren zugeben. Vor dem Essen--es war ein +Nachtmahl--liess nun der M. Ambrosius bei Luther "oeffentlich werben um +des Doktors Muhme Magdalene, dass er ihm dieselbige wollte zur Ehegattin +geben, wie er ihm zuvor zugesagt". Da nahm D. Martinus die Jungfrau bei +der Hand und sagte: "Lieber Herr Schoeffer und Gevatter! Allhie habe ich +die Jungfrau, wie mir sie Gott gegeben und bescheret hat, die +ueberantworte ich Ihm. Gott gebe seinen Segen und Benedeiung, dass sie +wohl und christlich mit einander leben!" + +Die Gaeste wuenschten Glueck; man setzte sich zur Mahlzeit und waren alle +froehlich und guter Dinge. Luther sprach vom Freien und der Freiheit +eines neuen Braeutigams, vom Kriegsdienst und allen andern Lasten und +Buerden. + +Als die Brautleute so eifrig und heimlich mit einander sprachen und die +Gesellschaft um sich her vergassen, laechelte der Doktor und sagte: "Es +wundert mich, dass doch ein Braeutigam mit der Braut so viel zu reden hat. +Ob sie auch muede werden koennen? Aber man darf sie nicht vexieren, denn +sie haben Freibriefe ueber alle Macht und Gewohnheit." + +Die Brautleute bekuemmerten sich nun um die Herrichtung der Hochzeit und +das Gaestebitten. Da sprach der Doktor: "Seid unbekuemmert, solches geht +euch nichts an. Wir wollen bedacht sein auf solch zufaellig Ding, das +nicht zum Wesen des Ehestandes gehoert." + +So schrieb denn Luther an den Fuersten von Anhalt um den Wild-Festbraten: +"Ich bitte ganz demuetig, wo Ew. Fuerstl. Gnaden so viel Uebrigs haetten, +wollten mir einen Frischling oder Schweinskopf schenken; denn ich soll +bis Mittwoch mein Waislein, meiner Schwester Tochter versorgen." Der +Wildbraten blieb natuerlich nicht aus und Frau Kaethe bereitete ihn zu, +auch der Stadtrat schickte zum Hochzeitsmahl ein "Stuebchen" Frankenwein +und vier Quart Jueterbogischen Wein--also aus des Braeutigams Heimat[317]. + +So richteten nun die Pflegeeltern ihrer Nichte Hochzeit aus und sorgten +dafuer, dass es froehlich zuging und auch die Verwandten aus Mansfeld und +Eisleben eingeladen wurden. Luthers Lieblingsbruder Jakob kam herueber +und sogar zwei Vatersbrueder. Der Schulmeister mit den Saengern wurde +bestellt, und waehrend Frau Kaethe buk, briet und kochte, kostete der +Doktor die Weine im Keller. Er meinte: "Man soll den Gaesten einen guten +Trunk geben, dass sie froehlich werden: denn wie die Schrift sagt, das +Brot staerkt des Menschen Herz, der Wein aber macht ihn froehlich." Es +sollte ueberhaupt in christlicher Froehlichkeit bei Hochzeit zugehen, nach +dem Grundsatz: "Bei der Hochzeit soll man die Braut schmuecken, soll +essen, trinken, schoen tanzen und sich darueber kein Gewissen machen, denn +der Glaube und die Liebe laesst sich nicht austanzen noch aussitzen, so du +zuechtig und maessig darinnen bist." Beim Hochzeitsschmaus selbst sorgte +Luther fuer froehliche Unterhaltung und allerlei Raetselaufgaben. So fragte +er den "schwarzen Englaender" (wahrscheinlich Robert Barns, der seit 1533 +in Wittenberg studierte und zur Hochzeit geladen war): "Wie wollt Ihr +Wein in einen Keller legen nicht eingeschroten und nicht eingefuellt?" +Der Englaender wusste es nicht; Luther aber sagte: "Man bringt Most +hinein, so wird schon Wein daraus; das ist eine natuerliche Magie und +Kunststueck." Weiter fragte er, welches die breiteten Wasser zu Lande +waeren? Antwort: "Der Schnee, Regen und Tau"[318]. + +Dem neuen Ehepaare legte aber Luther einen seinen Spruch der Alten ans +Herz; der Braut: "Liebe Tochter, halte Dich also gegen Deinen Mann, dass +er froehlich wird, wie er auf dem Heimwege die Spitze des Hauses sieht." +Und dem Braeutigam: "Es soll der Mann leben mit seinem Weibe, dass sie ihn +nicht gerne siehet wegziehen und froehlich wird, so er heimkommt"[319]. + +Diesen froehlichen Tagen sind schwere Jahre vorausgegangen und gefolgt. + +Schon 1535 war die Pest wieder in Wittenberg eingekehrt. Obwohl der +Kurfuerst Luther dringend mahnte, der Gefahr aus dem Wege zu gehen, +meinte er doch, es sei nichts Rechtes an der Sache, er glaubte nicht +daran und spottete darueber in seinem Brief an den Kurfuersten: sein +"gewisser Wetterhahn", der Landvoigt Hans Metzsch, haette sonst mit +seiner Spuernase schon die Pestilenz gespuert. Luther meinte, die +Studenten hoerten das Pestgeschrei gern, sie kriegten die Beule auf dem +Schulsack, die Kolik in den Buechern, den Grind an den Federn, die Gicht +am Papier; vielen sei die Tinte schimmlich geworden, oder sie haetten die +Mutterbriefe gefressen und das Heimweh bekommen: da muessten die Eltern +und die Obrigkeit eine starke Arznei wider solch Landsterben +verschreiben. Der Teufel scheine Fastnacht mit solchem Schrecken zu +halten oder Kirmes in der Hoelle zu feiern mit solchen Larven. Die Sache +ging auch bald vorueber[320]. + +Ernster wurde es aber 1537. Zu Lichtmess dieses Jahres musste Luther auf +den Schmalkaldener Konvent. Er fuhr in eigenem Wagen mit Kaethes Pferden. +Kaethe sah ihren Gatten nicht ohne Sorgen abreisen; denn er war nicht +ganz wohl, das Wetter unwirtlich, die Wege schlecht, fremde Betten und +Mahlzeiten und das ungewohnte Leben waren ihm nicht zutraeglich, wie sie +schon von frueheren Reisen wusste. Er fuehlte sich nirgends so wohl wie +daheim, mit seinem gewohnten Essen und Trinken und Arbeiten. Luther +erkaeltete sich denn auch zu Schmalkalden in seiner unbequemen Herberge +in den feuchten "hessischen Betten" und verdarb sich an dem schweren, +festen Hofbrot den Magen. Sein Steinleiden stellte sich mit einer +unerhoerten Heftigkeit ein; ueber vierzehn Tage lang dauerte es und +verursachte die rasendsten Schmerzen, so dass er sich den Tod wuenschte +und seine Umgebung seinen Tod voraussah. Die Fuerstlichen Leibaerzte +wussten ihm nicht zu helfen und sie marterten ihn mit Rosskuren. Daher +wollte Luther lieber daheim sterben und sich von seinem Weibe zu tot +oder gesund pflegen lassen und liess sich am 26. Februar aus Schmalkalden +in kurfuerstlichem Gefaehrt wegfahren gen Wittenberg[321]. + +Hier hatte Jonas zu Anfang mehrere Briefe von Luther aus Schmalkalden +empfangen. Im ersten meldete er, dass er gleich nach seiner Ankunft einen +Stein ueberstanden habe, sonst schrieb er aber vergnuegt, und fuenf Tage +darauf, dass der Valentinstag ihn valentulum d.h. zum Rekonvaleszenten +gemacht habe. Vier Briefe aber an Kaethe waren nicht an sie gelangt: +wahrscheinlich waren sie von den aengstlichen Freunden vorsorglicherweise +zurueckgehalten worden. Aber sie hatte doch Geruechte gehoert und nicht +geruht, bis wenigstens Jonas mit der Nichte Luthers dem kranken Mann +entgegenreiste. Frau Kaethe erhielt erst spaeter, als es wieder besser +ging, folgenden Brief ihres Mannes aus Gotha[646]: + +"Gnade und Friede in Christo! + +Du magst dieweil andere Pferde mieten zu Deiner Notdurft, liebe Kaethe; +denn mein gnaediger Herr wird Deine Pferde behalten und mit dem Mag. +Philipp heimschicken. Denn ich selber gestern von Schmalkalden +aufgebrochen auf meines gnaedigen Herrn eigenem Wagen daher fuhr. Ist die +Ursach, ich bin nicht ueber drei Tag hier gesund, und ist bis auf diese +Nacht vom ersten Sonntag an kein Troepflein Wasser von mir gelassen, hab' +nie geruhet noch geschlafen, kein Trinken noch Essen behalten moegen. +Summa, ich bin tot gewesen, und hab' Dich mit den Kindlein Gott befohlen +und meinem guten Herrn, als wuerde ich euch nimmermehr sehen; hat mich +euer sehr erbarmet, aber ich hatte mich dem Grabe beschieden. Nun hat +man so hart gebeten fuer mich zu Gott, dass vieler Leute Thraenen vermocht +haben, dass mir Gott diese Nacht geholfen hat und mich duenkt, ich sei +wieder von neuem geboren. + +Darum danke Gott, und lass die lieben Kindlein mit Muhme Lenen dem +rechten Vater danken; denn ihr haettet diesen Vater gewisslich verloren. +Der fromme Fuerst hat lassen laufen, reiten, holen und mit altem Vermoegen +sein Hoechstes versucht, ob mir moecht' geholfen werden; aber es hat nicht +wollen sein. Deine Kunst hilft nicht mit dem Mist[322]. Gott hat Wunder +an mir gethan diese Nacht und thut's noch durch frommer Leute Fuerbitte. + +Solches schreib' ich Dir darum, denn ich halte, dass mein gnaedigster Herr +habe befohlen dem Landvogt, Dich mir entgegen zu schicken, da ich ja +unterwegen stuerbe, dass Du zuvor mit mir reden oder mich sehen moechtest; +welches nun nicht not ist und magst wohl daheim bleiben, weil mir Gott +so reichlich geholfen hat, dass ich mich versehe, froehlich zu Dir zu +kommen. Heute liegen wir zu Gotha. Ich habe sonst viermal geschrieben, +wundert mich, dass nichts zu euch kommen ist. + +Dienstags nach Reminiscere. 1537. + +Martinus Luther." + +Wie mag das arme Weib erschrocken sein ueber diese unglueckliche Kunde! +und wie haette sie erst gebangt, wenn sie gewusst haette, dass am folgenden +Tag der toedliche Anfall sich wiederholte, bis wieder sechs Steine von +ihm gingen. Kaethe fuhr nun ihrem Manne entgegen nach Altenburg, wo +Freund Spalatin als Pfarrer lebte. Bei diesem bereitete sie nun eine +Herberge, bis Jonas und die Muhme Lenchen mit dem Kranken von Weimar her +ankamen. Im gastlichen Altenburger Pfarrhaus pflegte Kaethe den +Erschoepften einige Tage und fuhr dann mit ihm Mitte Maerz langsam an +Kloster Nimbschen vorbei, mit einem Aufenthalt in Grimma nach Wittenberg +heim, wo sie am 14. Maerz ankamen[323]. + +Langsam nur erholte sich Luther; an allen Knochen wie zerschlagen, +konnte er sich kaum auf den Beinen halten, so erschoepft war er. Er +lernte wieder essen und trinken: die Ruhe und Kaethes sorgliche Pflege +brachte ihn allmaehlich wieder zu Kraeften. Acht Tage darauf konnte er +wieder die feiernde Feder ergreifen und seinen Dankesbrief an Spalatin +schreiben. Frau Kaethe, die in der Bestuerzung den Toechtern Spalatins +nichts mitgebracht hatte, wollte ein paar Buecher binden lassen und zum +Andenken schicken. Ueber die Osterzeit hat Luther dann wieder fleissig +gepredigt. Aber als er spaeter wieder in die Hessenstadt zum Konvent +gehen sollte, hielt Kaethe ihren Gatten zurueck und er selbst warnte die +Freunde vor "den hessischen Betten"[324]. + +In diesem Jahre ging auch Muhme Lene heim und mit ihr ein guter +Hausgeist, eine Stuetze der Hausfrau, eine geliebte Freundin und Hueterin +der Kinder. Der Ersatz, den Frau Kaethe fuer sie suchte und erhielt in +"Muhme Lene" der juengeren, ihrer leichtherzigen Nichte, und gar in +fremden Stuetzen der Hausfrau, war ein sehr zweifelhafter[325]. + +In diesem Jahre 1537 hatte Frau Kaethe noch einen schweren Fall von +Krankenpflege in ihrem Hause: naemlich die Kurfuerstin Elisabeth von +Brandenburg. + +Die arme Frau war schon 1534 kraenklich, bald besser, bald schwerer. +Damals war sie in Wittenberg. Luther musste aber auch oefter zu ihr nach +Schloss Lichtenberg reisen. Im Todesjahre ihres Gemahls, 1537, aber, als +sich ihr Zustand zu einer Geistesstoerung ausgebildet hatte, war sie zur +Verpflegung in Luthers Haus, wohl auf des Kurfuersten von Sachsen +Veranlassung. Nach langem Fiebertraum erwachte sie im September, war +aber so bloede und kindisch, dass sie wenig verstand. Frau Kaethe sass bei +ihr auf dem Bette und schweigete sie[326]. Darauf wollte ihre Tochter, +Fuerstin Margarete von Anhalt, mit Gefolge zum Besuch der kranken Mutter +kommen, natuerlich womoeglich auch in Luthers Behausung. Aber diese konnte +man nicht auch noch aufnehmen; war doch das grosse Haus genug belegt; +auch in der Stadt, die als Festung so eng gebaut war und jetzt so +besucht von Studenten, war jedes Haus bis in den kleinsten Winkel +vollgepropft. So musste man den Besuch ablehnen, aber versichern, dass +alles angewendet werde, um die Genesung der Kurfuerstin zu +beschleunigen[327]. Die andere Tochter der Kurfuerstin, Herzogin +Elisabeth von Braunschweig-Calenberg, welche einst ihre Mutter wegen des +evangelischen Abendmahls an den Vater und eine unguenstige Aeusserung +Luthers ueber Herzog Georg an diesen verraten hatte, kam oefter zum Besuch +ihrer kranken Mutter in Luthers Haus; und dieser Umgang brachte sie +dazu, dass sie selbst evangelisch wurde und nach dem Tode ihres Gemahls +als Regentin des Landes in Braunschweig die Reformation einfuehrte. Sie +wurde sehr befreundet mit Luther und Kaethe, schickte ihr einmal eine +Sendung Kaese und bekam dafuer Maulbeer- und Feigen-Setzlinge[328]. + +Aber der Zustand der armen "Markgraefin" war ein trauriger und noch +monatelang musste sie Kaethe pflegen. Dabei trugen sich allerlei +aergerliche Zwischenfaelle zu, namentlich durch die Zudringlichkeit +unberufener Leute: so draengte sich eine schmutzige Boehmin ins Haus, ins +Gemach und an die Seite der Fuerstin, suchte fuer sich Gunst und andern +Ungunst zu erregen. Eine Zeitlang ging es noch gut; als die Kranke aber +Geld ausgezahlt bekam, da fing es wieder an, sie verschwendete masslos an +jedermann ohne Unterschied; auch den Lutherischen Eheleuten wollte sie +zwei Stuerzbecher mit 100 Goldgulden darin schenken. Dazu machte sie +immer Reiseplaene und schrieb heimlich ueberallhin und wollte durchaus +fort aus Wittenberg[329]. + +Luther und Kaethe waeren die unruhige Patientin, ueber die sie nicht +voellige Gewalt hatten, mit der vielen Unmusse gerne losgewesen, mussten +aber warten, bis der Hofhalt in Lichtenberg wieder eingerichtet +war[330]. + +Die greise Kurfuerstin wurde nachher wieder gesund und ueberlebte noch +Luther. + +Nachdem das Jahr 1538 ebenfalls ein "faehrlich schwer Jahr" gewesen wegen +der mancherlei Krankheiten, spukte im Spaetherbst 1539 die Pest wieder im +Lande. Die Leute hatten eine furchtbare Angst, der Bruder liess den +Bruder, der Sohn die Eltern im Stich; wenn ein Haus angesteckt war, +wurde es niedergerissen. Kein Bauer wollte Holz, Eier, Butter, Kaese, +Korn in die verseuchte Stadt fahren. Da mussten die Wittenberger zwei +Plagen fuer eine leiden: Pestilenz und Hunger und Frost. Die Bauern luden +endlich ihre Sachen draussen vor den Thoren ab und die Staedter mussten sie +auflesen[331]. + +Luther freilich nahm wie gewohnt "das Pestlein" leicht und hielt es nur +fuer eine Seuche. Er zuernte und spottete ueber die Pestfurcht: "Ich halt, +der Teufel hat die Leut besessen mit der _rechten_ Pestilenz, dass sie so +schaendlich erschrecken." Ja, er trotzte der Krankheit, um Tod und Teufel +zu verachten. Als er einmal einen Pestkranken besuchte, betastete er +ohne Scheu dessen Beulen. Und er war so sorglos, dass er, als er heimkam, +sogar mit ungewaschenen Haenden sein Toechterlein Margarete unbedacht um +den Mund streichelte--es schadete freilich nichts. Ja, als die Gattin +des Kosmographen Dr. Sebald Muenster an der Seuche starb und dieser +selbst an sieben Beulen litt, nahm Luther zum Entsetzen der Wittenberger +die vier Kinder Sebalds aus dem verpesteten Hause zu sich. Guter Gott! +was entstand in der ganzen Stadt fuer ein Geschrei gegen Luther! Er +wollte den Erbarmungslosen und Furchtsamen ein Exempel geben[332]. + +Diejenige, welche am wenigsten wider diese starkmuetige Tapferkeit +Luthers einzuwenden hatte, war seine Gattin; und sie hatte doch die +groesste Muehe und Sorge mit den uebernommenen Kindern und war dazu wie vor +zehn Jahren ihrer Entbindung nahe. Und sie musste es buessen. Sie kam +ungluecklich nieder und schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod. Sie +fiel von einer Ohnmacht in die andre. Vergebens wurden alle staerkenden +Mittel angewendet, die Entkraeftung zu heben. Sie lag da wie eine atmende +Leiche, das Gesicht entstellt, die Gestalt verfallen. Wohl wurde sie von +besorgten Haenden aufs treulichste gepflegt und jeder Atemzug, jede +Bewegung beobachtet[333]. + +Luther wich nicht von der geliebten Frau und sagte darum seine Anwohnung +auf dem Schmalkalder Konvent ab. Er betete Kaethe wieder lebendig, wie +einst zu Weimar seinen Freund Melanchthon. Denn wunderbarerweise siegte +Kaethes starke Natur. Sie erholte sich, fing mit Appetit an zu essen und +zu trinken, stand wieder auf und kroch umher, indem sie sich mit den +Haenden an Tischen und Baenken hielt. Und bald that sie sich etwas zu gut +auf ihre wachsende Gesundheit und im April ist sie voellig wieder +hergestellt[334]. + +Die Freunde sahen in der wie durch ein Wunder genesenden Gattin des +Reformators das Weib der Offenbarung (Kap. 12): ein Sinnbild der durch +ein Gotteswunder genesenden kranken Kirche[335]. + +Im Sommer 1540 reiste Luther mit Melanchthon nach Eisenach, um dem +Reichstag in Hagenau naeher zu sein, aehnlich wie vor zehn Jahren in +Koburg dem Augsburger Tag. Melanchthon sollte nach Hagenau ziehen, aber +er wurde unterwegs in Weimar sterbenskrank; doch Luther hat ihn unsrem +Herrgott abgebetet. In Eisenach wohnte Luther im Pfarrhaus des Menius, +welcher mit nach Hagenau reiste. Sein "Fraulein" pflegte den +Wittenberger Doktor aufs sorgsamste und liebenswuerdigste, so dass Frau +Kaethe unbesorgt sein konnte. Und der Kinderfreund Luther entschaedigte +sich fuer die Entfernung von seinen Kleinen dadurch, dass er den +Pfarrbuben Timotheus ein Spiel mit Nuessen lehrte. Von hier aus schrieb +Luther fleissig Briefe nach Haus, erhielt freilich von der +vielbeschaeftigten Frau Kaethe nicht so leicht einen. Dafuer mussten die +Kinder und Hausgenossen schreiben, zu denen damals auch ein "Mariischen" +gehoerte[336]. + +Die drei ersten Briefe sind verloren gegangen, der vierte aber +lautet[337]: + +"Meiner herzlieben Kaethe, Doktorin Kathrin und Frauen auf dem neuen +Saumarkt zu handen. + +Gnade und Friede, liebe Jungfrau Kaethe, gnaedige Frau von Zulsdorf und +wie Ew. Gnaden mehr heisst! Ich fuege Euch und Ew. Gnaden unterthaeniglich +zu wissen, dass mir's hie wohl gehet: "ich fresse wie ein Boehme und saufe +wie ein Deutscher"[338]--das sei Gott gedankt, Amen. Das kommt daher: +Magister Philipps ist wahrlich tot gewesen und recht wie Lazarus vom Tod +auferstanden. Gott der liebe Vater hoeret unser Gebet, das sehen und +greifen wir, ohne dass wir's dennoch nicht glauben: da sage niemand Amen +zu unserm schaendlichen Unglauben. + +Ich hab' dem Doktor Pommer Pfarrherr geschrieben, wie der Graf zu +Schwarzburg (um) einen Pfarrherrn gen Greussen bittet, da magst Du als +eine kluge Frau und Doktorin mit Magister Georg Roehrer und Magister +Ambrosio Berndt helfen raten, welcher unter den dreien sich wollte +bereden lassen, die ich dem Pommer angezeigt: es ist nicht eine +schlechte Pfarre; doch seid ihr klug und macht's besser. + +Ich habe der Kinder Briefe, auch des Bacculaurien (Hans)--der kein Kind +ist, Mariische auch nicht--kriegt, aber von Ew. Gnaden hab' ich nichts +kriegt; werdet jetzt auf die vierte Schrift, ob Gott will, einmal +antworten mit Ew. gnaedigen Hand. + +Ich schicke hie mit dem Magister Paul den silbernen Apfel, den mir Ihre +gnaedige Hand geschenkt hat, den magst Du, wie ich zuvor geredet habe, +unter die Kinder teilen und fragen, wie viel sie Kirschen und Aepfel +dafuer nehmen wollen; die bezahle ihnen bar ueber und behalt' Du den Stiel +davon. + +Sage untern lieben Kostgaengern, sonderlich Doktor Severo oder Schiefer, +mein freundlich Herz und guten Willen, und dass sie helfen zusehen in +allen Sachen der Kirchen, Schulen, Haus und wo es not sein will. Auch M. +Georg Major und M. Ambrosio, dass sie Dir zu Hause troestlich seien. +Will's Gott, so wollen wir bis Sonntag auf sein, von Weimar gen Eisenach +zu ziehen, und Philipps mit. Hiemit Gott befohlen. Sage Lycaoni nostro +(dem Diener Wolfgang), dass er die Maulbeer nicht versaeume, er verschlafe +sie denn, das wird er nicht thun--er versehe es denn--und den Wein soll +er auch zur Zeit abziehen. Seid froehlich alle und betet. Amen. + +Weimar, am Tage der Heimsuchung Mariae (2. Juli) 1540. + +Martinus Luther, + +Dein Herzliebchen." + +Mit dem folgenden Brief an "Frau Katherin Luderin zu Wittenberg, meiner +lieben Hausfrau" schickt Luther seiner "lieben Jungfer Kaethe" durch den +Fuhrmann Wolf 42 Thaler Sold und 40 fl. Die "magst Du brauchen, bis wir +kommen, und wechseln lassen bei Haus von Taubenheim zu Torgau; denn wir +zu Hofe nicht einen Pfennig Kleinmuenze moegen haben. Magister Philipps +kommt wieder zum Leben aus dem Grabe, siehet noch kraenklich, aber doch +leberlich aus, scherzt und lacht wieder mit uns, isset und trinket wie +zuvor mit ueber Tische. Gott sei Lob! Und danket ihr auch dem lieben +Vater im Himmel.... Was aber (zu Hagenau) geschieht, wissen wir nicht, +nur das: man achtet, sie werden uns heissen: Thu das und das, oder wir +wollen euch fressen. Denn sie haben's boese im Sinn. Sage auch Doct. +Schiefer, dass ich nichts mehr von Ferdinando halte; er gehet da hin zu +grunde. Doch hab ich Sorge, wie ich oft geweissagt, der Papst moechte den +Tuerken ueber uns fuehren.... Denn der Papst singet schon bereits: flectere +si nequeo Superos, Acheronta movebo: kann er den Kaiser nicht ueber uns +treiben, so wird er's mit dem Tuerken versuchen; er will Christus nicht +nachgeben. So schlage denn Christus drein beides in Tuerken, Papst und +Teufel und beweise, dass er der rechte Herr sei vom Vater zur Rechten +gesetzt. Amen!--Amsdorf ist auch noch hier bei uns. Hiemit Gott +befohlen. Amen. + +Sonnabends nach Kiliani (10. Juli). + +Mart. Luther."[339] + +Sechs Tage darauf kam wieder ein Brief[340]. + +"Gnade und Friede. Meine liebe Jungfer und Frau Kaethe! Euer Gnaden +sollen wissen, dass wir hier, Gottlob, frisch und gesund sind; "fressen, +wie die Boehmen"--doch nicht sehr--"saufen wie die Deutschen"--doch nicht +viel--, sind aber froehlich. Denn unser gnaediger Herr von Magdeburg, +Bischof Amsdorf, ist unser Tischgenosse. Mehr neue Zeitung wissen wir +nicht, denn dass Doktor Kaspar Mekum und Menius sind von Hagenau gen +Strassburg spazieren gezogen, Hans von Jenen zu Dienst und Ehren. M. +Philipps ist wiederum fein worden, Gottlob. Sage meinem lieben D. +Schiefer, dass sein Koenig Ferdinand ein Geschrei will kriegen, als wolle +er den Tuerken zu Gevatter bitten ueber die evangelischen Fuersten: hoffe +nicht, dass es wahr sei, sonst waere es zu grob. Schreibe mir auch einmal, +ob Du alles kriegt hast, was ich Dir gesandt, als neulich 90 Fl. bei +Wolf Fuhrmann u.s.w. Hiermit Gott befohlen, Amen. Und lass die Kinder +beten. Es ist allhier solche Hitze und Duerre, dass unsaeglich und +unertraeglich ist bei Tag und Nacht. Komm, lieber juengster Tag, Amen. + +Freitags nach Margareten, 1540. Der Bischof von Magdeburg laesst Dich +freundlich gruessen. + +Dein Liebchen + +Martin Luther." + +Und endlich als es wieder auf die Heimreise ging, kuendigt Luther Kaethe +die Rueckkehr an und bestellt einen Willkommtrunk. + +"Der reichen Frauen zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katherin Lutherin, zu +Wittenberg leiblich wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd, +meinem Liebchen zu handen.--Abwesend dem Doktor Pomeran, Pfarrherr, zu +brechen und zu lesen. + +... (Ew. Gnaden) ... wollen schaffen, dass wir einen guten Trunk bei Euch +finden. Denn, ob Gott will, morgen Dienstag wollen wir auf sein gegen +Wittenberg zu. Es ist mit dem Reichstage zu Hagenow ein Dreck, ist Muehe +und Arbeit verloren und Unkost vergeblich. Doch, wo wir nichts mehr aus +gerichtet, so haben wir doch Magister Philippus wieder aus der Hoelle +geholet und wieder aus dem Grabe froehlich heimbringen wollen, ob Gott +will und mit seiner Gnaden, Amen. + +Es ist der Teufel hieraussen selber mit neuen boesen Teufeln besessen, +brennt und thut Schaden, das schrecklich ist. Meinem gnaedigsten Herrn +ist im Thueringer Wald mehr denn tausend Acker Holz abgebrannt und +brennet noch. Dazu kommt heute Zeitung, dass der Wald bei Werda auch +angegangen sei und viel Orten mehr; hilft kein Loeschen. Das will teuer +Holz machen. Betet und lasset beten wider den leidigen Satan, der uns +sucht nicht allein an Seele und Leib, sondern auch an Gut und Ehre aufs +allerheftigste. Christus, unser Herr, wolle vom Himmel kommen und auch +ein Feuerlein dem Teufel und seinen Gesellen aufblasen, dass er nicht +loeschen koennte, Amen. + +Ich bin nicht gewiss gewesen, ob Dich diese Briefe zu Wittenberg oder zu +Zulsdorf wuerden finden; sonst wollt' ich geschrieben haben von mehr +Dingen. Hiemit Gott befohlen, Amen. Gruesse unsere Kinder, Kostgaenger und +alle. Montags nach Jacobi (26. Juli) 1540. + +Dein Liebchen + +M. Luther, D.[341] + +Um diese Zeit begann eine neue Sorge fuer Kaethe. Ihrem Bruder Hans wollte +es auf Zulsdorf gar nicht gluecken. Daher kaufte sie ihm Zulsdorf ab. +Aber sie musste auch ihres Mannes vielfache Beziehungen zu fuerstlichen +Hoefen angehen, um ihm wieder einen Hofdienst zu verschaffen, sei's in +Preussen, sei's in Sachsen. Luther konnte das mit gutem Gewissen, denn +Hans von Bora war keiner von den grossmaeuligen "Scharhansen", wie sie in +dieser Zeit massenhaft aufgekommen waren. Aber vielleicht eben wegen +seiner Frommheit hatte er Unglueck. Ein Gegner Luthers verdraengte ihn von +seinem Vorsteheramte am Neuen Kloster in Leipzig, bis er endlich einen +Teil des Klostergutes in Crimmitschau ueberkam[342]. + +Im Herbst dieses Jahres (1540) suchte die Stadt Wittenberg ein Fieber +heim, das zwar selten einen toedlichen Ausgang nahm, aber so ziemlich +alle Bewohner ergriff. Bugenhagen war so krank, dass Luther fuer ihn sein +Pfarramt versehen musste. Im eignen Hause waren zehn Todkranke und dazu +fuehlte sich der Hausherr selber "alt und schwach". Da konnte wieder +Kaethe ihre Sorge und Pflege anwenden[343]. + +Zu Ostern des folgenden Jahres (1541) wurde die Umgebung Wellenbergs +erschreckt durch Brandstiftungen und allerlei Vergiftungserscheinungen, +indem die Lebensmittel: Wein und Milch mit Gift und Gips gemischt +wurden. Es wurden allerlei Leute verhaftet und gefoltert, auch in +Wittenberg zwei Leute geroestet--ohne die Ursachen und die Urheber zu +entdecken. Luther fuehlte sich in diesem Jahr gar nicht wohl, so dass der +Kurfuerst ihm sogar einmal zwei Aerzte schickte und er am Dreikoenigstag +des folgenden Jahres (1542) sein Testament machte[344]. + +Noch eine Freude erlebten die Eheleute zu dieser Zeit: die Enkelin von +Luthers Schwerer, _Hanna Strauss_, die in der Familie erzogen war, wurde +mit M. Heinrich von Koelleda im Dezember 1541 verlobt, nachdem die +Pflegeeltern die Verlobung des Dr. Jakob Schenck (spaeter als Luthers +Gegner "der Jaeckel") abgewiesen hatten. Zu dem Verloebnis kam gerade von +den Anhalter Fuerstenbruedern ein Wildschwein, als Luther eben gebeten +hatte, wenn es moeglich und thunlich waere, ihn zur Hochzeit "etwa mit +einem Wildbret zu begaben, denn ich einer Hausjungfrauen, meiner +Freundin (Verwandten) soll zu Ehren helfen in den hl. Stand der Ehe". Am +30. Januar 1542 wurde Hochzeit gemacht, die letzte in Luthers Haus. +Amsdorf u.a. schickten Hochzeitsgeschenke, und weiteres Wildbret von +Anhalt wird nicht gefehlt haben[345]. + +Aber zu gleicher Zeit (1541) starb auch nach nur vierjaehriger Ehe D. +Ambros. Berndt, der Gatte der Magdalene Kaufmann, der Muhme Lene der +Juengeren. Die junge Witwe machte sich nun zum grossen Verdrusse der +Lutherischen Verwandten an einen sehr jugendlichen Mediziner, Ernst +Reichet (Reuchlin), der noch studieren musste und heiratete ihn auch nach +Luthers Tod, so dass sie eine zeitlang in rechte Bedraengnis geriet, bis +ihr Mann eine ehrenvolle Stellung erwarb[346]. + +Auch Lenes Bruder, Cyriak, bereitete Luther grossen Aerger, indem er nach +dem Beispiel von Melanchthons und Dr. Beiers Sohn ein heimliches +Verloebnis einging, was die Wittenberger Juristen als giltig +anerkannten[347]. + +Am 26. August 1542 war der aelteste Sohn, Hans Luther, jetzt 16jaehrig und +bereits seit drei Jahren Baccalaureus, nach Torgau geschickt worden zu +Markus Crodel, der dort eine treffliche, von Luther hochgeschaetzte +Knabenschule hielt, damit er in Sprachlehre und Musik ausgebildet werde, +auch Sitte und Anstand lerne, wozu in der studentenwimmelnden Kleinstadt +und in Luthers ueberfuelltem Hause nicht der rechte Ort war; Luther war +sich auch bewusst, Theologen bilden zu koennen, aber keine Grammatiker und +Musiker. Daher wollte er Crodel, wenn er am Leben bliebe, noch spaeter +die zwei juengeren Soehne schicken. Der Gesellschaft und Aneiferung wegen +wurde auch Kaethes Brudersohn, Florian von Bora, mitgeschickt. Hans war +ein guter Junge, waehrend Florian schon einer haerteren Zucht bedurfte. +Der Mutter that der Abschied weh, noch mehr aber der aeltesten Schwester, +Lenchen, die mit besondrer Zaertlichkeit an ihm hing. Aber Hans gefiel es +gut im Pensionat des Praezeptors, er hatte ihn und seine Frau zu ruehmen; +er meinte sogar, es erginge ihm hier besser als daheim[646]. + +Kaum aber war der Bruder abgereist, so wurde Lenchen sterbenskrank. + +Es war ein gar liebes frommes Maedchen, das seine Eltern ihr Lebtag nie +erzuernt hatte. Auf ihrem Sterbebette verlangte sie herzlich und +schmerzlich, ihren Bruder Hans nochmals zusehen; sie meinte, sie wuerde +dann wieder gesund werden. Kaethe musste ihren Wagen anspannen lassen und +der Kutscher Wolf fuhr mit dem Luther'schen Gefaehrt nach Torgau. Er +brachte einen Brief vom Vater an den Praezeptor, der lautete: + +"Gnade und Friede, mein lieber Markus Krodel. Ich bitt' Euch, sagt +meinem Sohn Hans nicht, was ich Euch schreibe. Mein Toechterlein +Magdalena ist dem Ende nahe und wird bald heimkehren zu ihrem wahren +Vater im Himmel, wenn' s Gott nicht anders gefaellig ist. Aber sie sehnt +sich so sehr darnach, den Bruder zu sehen, dass ich den Wagen schicken +musste: sie lieben eins das andere gar so sehr--vielleicht, dass sein +Kommen ihr neue Kraft geben koennte. Ich thue, was ich kann, damit mich +nicht spaeter mein Gewissen beschwert. So sagt ihm also--doch ohne die +Ursach'--dass er mit diesem Wagen eilends herkomme, um bald wieder +zurueckzukehren, wenn Lenchen im Herrn entschlafen oder wieder gesund +worden sein wird. Gott befohlen. Ihr muesst ihm sagen, es warte seiner ein +heimlicher Auftrag. Sonst steht alles wohl. 6. September 1542."[348] + +Hans kam zurueck und auch rechtzeitig daheim an. Denn das arme Maedchen +musste noch vierzehn Tage leiden und mit dem Tode ringen: offenbar hatte +dies Wiedersehen des Bruders ihre Lebensgeister nochmals aufflammen +lassen. Es waren gar traurige Wochen in dem Lutherhaus. Das fromme +Maegdlein zwar wollte gerne sterben: beim irdischen Vater bleiben oder +zum himmlischen heimkehren. "Ja, herzer Vater", sagte es, "wie Gott +will!" Aber den Eltern kam der Abschied ihres Lieblings sehr hart an, +namentlich Luther, der hatte sie sehr lieb, denn die Vaeter haengen mehr +an den Toechtern, waehrend Frau Kaethe zu ihrem Hans groessere Zuneigung +fuehlte. + +In der Nacht vor Lenchens Tode hatte die Mutter einen wundersamen Traum: +Es deuchte sie, zwei geschmueckte, schoene junge Gesellen kaemen und +wollten ihr Lenchen zur Hochzeit fuehren. Am Morgen kam Melanchthon +herueber ins Kloster und fragte, was Lenchen machte. Da erzaehlte Frau +Kaethe ihren Traum. Magister Philipp, der bei andern im Geruch der +Wahrsagung und Traumdeuterei stand und sich selbst viel darauf zu gut +that, machte ein erschrockenes Gesicht. Und als er zu anderen Leuten +kam, deutete er den Traum: "Die jungen Gesellen sind die lieben Engel, +die werden kommen und diese Jungfrau in das Himmelreich zur rechten +Hochzeit heimfuehren." Melanchthon hatte diesmal recht prophezeit. + +Am 26. September um die neunte Stunde ging es zu Ende. Der Vater hielt +das Kind in seinen Armen, die Mutter stand dabei. Der Doktor weinte, +betete und troestete abwechselnd das Kind, sich selbst und die +Umstehenden: Frau Kaethe, Melanchthon und D. Roehrer. Die Mutter war tief +ergriffen; als es zu Ende war, weinte sie ihren Jammer laut hinaus, so +dass Luther sie beruhigen musste: "Liebe Kaethe, bedenke doch, wo sie +hinkommt: sie kommt wohl." + +Die traurigen Ereignisse gingen ihren Gang. Der Sarg kam; aber als das +Maegdlein hineingelegt werden sollte, hatte es der Tod gestreckt und ihr +Bettlein war ihr zu klein geworden. Die Leute kamen und bezeugten den +Eltern nach dem gemeinen Brauch ihr Beileid: "es waere ihnen ihre +Betruebnis leid". Der Schuelerchor sang das Lied: "Herr, gedenk nicht +unsrer vorigen alten Missethat." Sie ward hinausgetragen auf den +Friedhof am Elsterthor, und eingescharrt. "Es ist die Auferstehung des +Fleisches", sagte Luther, der jedes Wort und jeden Akt mit einem +sinnigen Trostspruch begleitete. Dann ging der traurige Zug heim und der +Doktor sagte zu Kaethe: "Nun ist unsere Tochter beschickt, an Leib und +Seel versorgt, wie es Eltern sollen thun, sonderlich mit den armen +Maegdlein." Darauf dichtete der Doktor seinem Toechterlein eine +lateinische Grabschrift, die lautet in treuherzigem Deutsch: + + Hie schlaf ich Lenchen, D. Luthers Toechterlein, + Ruh mit allen Heiligen in mei'm Bettelein[349]. + +Aber noch monatelang sprach und schrieb Luther von seiner Trauer, zuernte +wider den Tod und milderte seinen Schmerz mit Thraenen um die geliebte +Tochter; und Kaethe hatte die Augen voll Thraenen und schluchzte laut auf +beim Gedanken an das "gute gehorsame Toechterlein"[350]. + +Begreiflich, dass Frau Kaethe den erstgebornen Sohn mit schwerem Herzen +wieder in die Ferne entliess. "Wenn dir's uebel gehen sollte, so komm nur +heim", hatte die Mutter in einer Anwandlung von Weh und Schwaeche zu Hans +gesagt. Es ging nun zwar Hans nicht schlecht in Crodels Hause, aber das +Heimweh nach Lenchen und die Sehnsucht nach dem Vaterhause wurde +uebermaechtig in ihm--es war ja gerade um die Weihnachtszeit. Er schrieb +einen klaeglichen Brief und berief sich auf die Rede der Mutter, er solle +heimkehren, wenn's ihm uebel ginge. Da schrieb Luther am 2. Christtag an +den Praezeptor und den Sohn zwei Episteln, in denen er Hans zur +maennlichen Ueberwindung der weibischen Schwaeche ermahnt. Der Brief an +den Sohn lautet: + +"Gnade und Friede im Herrn. + +Mein lieber Sohn Hans. Ich und Deine Mutter und das ganze Haus sind +gesund. Gieb Dir Muehe, dass Du Deine Thraenen maennlich besiegst und Deiner +Mutter Schmerz und Sorge nicht noch mehrst, die so geneigt ist zu Sorge +und Angst. Gehorche Gott, der Dir durch uns befohlen hat dort zu +arbeiten, so wirst Du leicht dieser Schwaeche vergessen. Die Mutter kann +nicht schreiben und hat es auch nicht noetig geachtet; aber sie sagt, +alles was sie Dir gesagt habe--naemlich Du solltest heimkehren, wenn es +Dir uebel ginge--habe sie von Krankheit gemeint; davon solltest Du, wenn +es geschehe, gleich Kunde geben. Sonst will sie, dass Du diese Trauer +lassest und froehlich und ruhig studierest. Hiemit gehab Dich wohl im +Herrn. + +Dein Vater Martin Luther."[351] + +Der letzte Schmerz und Verlust, den Frau Kaethe in diesem +schicksalsschweren Jahre noch erlebte, war der Tod ihrer besten +Freundin, der Frau Stiftspropst Katharina Jonas. Sie starb am +Weihnachtstage 1542, eine frohe freundliche Kinderseele; so ging sie +auch am Christfest hinein in den himmlischen Freudensaal zur ewigen +Weihnacht. + +Frau Kaethe aber war's, als sei ihr ein Stueck von ihrer Seele +gestorben[352]. + + + + +12. Kapitel + +Tischgenossen und Tischreden. + + +"Unsere Herrin Kaethe, die _Erzkoechin_", so nennt Luther seine Gattin in +einem scherzhaften Einladungsbrief an Freund Jonas[353]. + +Und das war sie; sie kochte gern und gut und braute auch die +entsprechenden Getraenke dazu. Gelegenheit zu den manchfaltigsten +Gastereien hatte aber kein Weib so sehr als Frau Kaethe. + +Da gab es vor altem gar mancherlei Hochzeiten von Verwandten und +Freunden, deren Ausrichtung dem Herrn Doktor eine Herzensfreude war, bei +denen aber sein "Herr Kaethe" eine ganz besonders hervorragende und liebe +Rolle spielte. + +Und was so eine Hochzeit in Wittenberg auf sich hatte, kann man sich +kaum recht vorstellen. Da musste der "Haufe" geladen werden; bei einer +"akademischen" Hochzeit "die Universitaet mit Kind und Kegel" und dazu +andere, die man Luthers halber "nicht wohl konnte auss(en) lassen; so +bleibt's weder bei 9 noch bei 12 Tischen, 120 Gaeste ohne die Diener +u.s.w." war das Gewoehnliche fuer eine akademische Hochzeit. "Bei einem +Doktorschmaus machten die Maenner allein schon 7 bis 8 Tische voll; was +wurde es erst, wenn die Frauen, Kinder und noch das Gesinde zu speisen +und zu traenken waren?" Dazu dauerten die Hochzeiten mehrere Tage. Luther +hatte sich bei seiner Hochzeit auch nur "fuer die gewoehnlichen Gaeste" mit +einem Tage begnuegt. Und das alles bei dem schlechten Markt in +Wittenberg! Da war es fuer die gute Kaethe keine geringe Schwierigkeit, +einen solchen Schwarm in anstaendiger Weise zu speisen, und sie wollte +doch weder auf den Ruhm ihres Mannes, noch der Gefeierten einen Makel +kommen lassen--natuerlich auf ihren Ruhm auch nicht. Luther und Kaethe +wollten beide keine Unehre einlegen[354]. + +Aber auch sonst richtete Frau Kaethe gern Feste aus: Doktorschmaeuse, +Geburtstagsessen und auch sonstige Gesellschaften ohne besondere +Veranlassungen. Da ist Wilhelm Rink, D. Eisleben (Agricola), Alexander +Drachstett und Wolf Heinzen zu Besuch im Schwarzen Kloster; und weil der +Pfarrer Michael Stiefel in Lochau seltener dahin kommt, soll auch er +erscheinen und teilnehmen an den froehlichen Tagen. Da wird einer der +Freunde oder gar zwei: Roehrer oder Jak. Schenk, Hier. Heller, Nikolaus +Medler, "der Markgraefin Kaplan" (d.i. der Hofprediger der Kurfuerstin +Elisabeth von Brandenburg) zum Doktor promoviert und Herr Kaethe braet und +braut fuer den ueblichen Schmaus. Da giebt sie ihrem eignen Doktor am 19. +Oktober ein festliches Abendmahl zum Jahrestage seines Doktorats. Am 10. +Martini wird mit dem Heiligen Martin auch der Geburtstag ihres D. +Martinus und spaeter noch ihres Martinleins festlich begangen[355]. Der +zehnte Jahrestag des Thesenanschlags ("der niedergetretenen Ablaesse"), +der Allerheiligentag 1527, wird mit einem Fest begangen. Auch um ihn zu +troesten ueber den Tod des lieben Freundes Hausmann, der Luther ungemein +nahe ging, lud Frau Kaethe einen Kreis von Freunden ein: Jonas, +Melanchthon, Camerarius, Cokritz. Die Kindtaufschmaeuse fuer ihre +Neugebornen musste die Woechnerin wenigstens einige Zeit vorher +vorbereiten und von ihrem Bette aus ueberwachen. Doch auch ohne besondere +festliche Veranlassung erschienen zu kleinerem Beisammensein am +geselligen Tisch die guten Freunde und Amtsgenossen: Jonas, Melanchthon, +Bugenhagen, so oft ein Stueck Wildbret oder eine Sendung Fische ins Haus +geschickt wird, oder eine Kufe Bier, oder ein Fass Wein--manchmal mit der +ausdruecklichen Bestimmung, "Herr Philipp, D. Pommer und andere gute +Freunde sollten es mit dem Doktor gesund verbrauchen." Dann darf Frau +Kaethe die Speisen bereiten und auftischen[356]. Manchmal muss sie auch +bei Hof um Wild zum Festbraten bitten lassen, wenn sonst keines zu +bekommen ist; oder sie bestellt bei einem guten Freunde "fuer einen +Thaler Voegel, Gefieder, Gefluegel und was im Reich der Luft fleugt, +ferner was er an Hasen und anderen Leckerbissen kaufen oder umsonst +erjagen kann." Oder Frau Kaethe musste ihre eigenen Fischteichlein +ausraeumen, wo neben Hechten und Karpfen, Schmerlen und Barsche, ja +sogar Forellen schwammen. Denn nicht immer kamen die Geschenke so +reichlich wie einmal vom Kurfuersten "ein Fuder Supstitzer, ein halb +Fuder Goreberger, vier Eimer Jenischen Weins, dazu ein Schock Karpfen +und ein Zentner Hechte, schoene Fische"--war auf einmal zu viel, selbst +fuer eine zahlreiche Gesellschaft[357]. + +Da sind Durchreisende und Besuche vom Fuersten bis zum fahrenden Schueler, +fremde Gesandte und stellenlose Magister, arme Witwen und vertriebene +Pfarrer, Englaender und Franzosen, Boehmen und Ungarn, sogar einmal ein +"Mohr": sie sitzen zu Gaste einen Tag, auch eine Woche und ein Jahr an +Kaethes grossem Tisch. Als Hartmut von Cronbergs verwitwete Schwester von +einem Juden entfuehrt nach Wittenberg kam und heimlich sich da aufhielt, +entschuldigt sich Luther mit seinen boesen Erfahrungen an vornehmen und +geistlichen Schwindlerinnen, dass er sich ihrer nicht an-, d.h. sie nicht +ins Haus genommen; bei ihrem Kinde stand er aber nachher Gevatter[358]. + +Da kamen Schwester und Bruder, Schwager und "Freunde" von Mansfeld. Oder +die Strassburger Theologen speisten im Schwarzen Kloster. So machte der +feine Strassburger Capito, der samt Butzer zur "Concordia" in Wittenberg +verhandelte, einen gar guten Eindruck auf Frau Kaethe, und es war ihr ein +grosses Unglueck, dass der goldene Ring, den er ihr verehrte und den sie +als Sinnbild der Vereinigung der saechsischen und oberlaendischen Kirche +betrachtete, ihr durch ein Missgeschick abhanden kam [359]. + +Sogar dem Kurfuersten musste Frau Kaethe hinter dem Wall eine Collation +auftischen (8.-14. Maerz 1534). Spaeter waren noch allerlei andere Fuersten +wenigstens voruebergehend Tischgenossen Kaethes, so der junge saechsische +Johann Ernst und der Herzog Franz von Lueneburg[360]. + +Staendige Tischgesellen waren die im Schwarzen Kloster wohnenden +Praezeptoren, Famuli und Scholaren. + +Einer der aeltesten und ersten dieser Tischgenossen im Luther hause ist +Konrad _Cordatus_. + +Er war sieben Jahre vor Luther von husitischen Bauern im +oesterreichischen Weissenkirchen geboren, studierte Theologie in Wien, +lebte einige Jahre in Rom; erhielt 1510 eine sehr gute Anstellung in +Ofen, schloss sich sofort 1517 der Reformation an, wurde abgesetzt, ging +1524 mittellos nach Wittenberg und studierte unter Luther, der sich +seiner annahm, kehrte heim und predigte das Evangelium, wird 38 Wochen +lang gefangen gehalten im tiefen Turm, in Finsternis bei "Nattern und +Schlangen", entkommt durch einen mitleidigen Waechter und fluechtet zu +seinem kongenialen Lehrer D. Luther. Dort lebte er einige Zeit in dessen +jungem Haushalt 1526, und wieder stellenlos auf Einladung Luthers von +1528-29, nach zweijaehrigem Pfarramt in Zwickau 1531-32 wieder fast ein +Jahr, bis er Pfarrer in Niemegk nahe bei Wittenberg wurde. Er ist einer +der besten Prediger der Reformationszeit. Er war eine trotzige Natur, +wie Luther; nur noch viel hitziger, schroffer und wenig vertraeglich. Er +konnte sich auch in Frau Kaethes Art nicht sonderlich schicken und machte +Luther Vorwuerfe, dass er sich von seiner Gattin bestimmen lasse. Dafuer +macht er in seinen Tischreden einigemale eine bissige Bemerkung ueber die +Doktorin, als waere sie herrschsuechtig und hoffaertig und berichtet +ueberhaupt mit einer gewissen Herbigkeit ueber sie. Als Luther ihn und +seinen Freund Hausmann nicht so mit Geld unterstuetzen kann, wie er's +moechte, meint Cordatus, Luther haette seiner Frau nicht erlauben sollen, +einen Garten anzukaufen. Auch vertrug er schwer, dass sie bestaendig +Luthers "beste Reden unterbrach", weil er mit grossem Eifer alle Worte +Luthers nachschrieb[361]. + +Am Dreikoenigstag 1528 kam desgleichen aus Oesterreich vertrieben Luthers +alter Freund Michael _Stiefel_ an, welcher von 1525 an bei der edeln +Familie Joerger von Tollet Kaplan gewesen, "ein frommer, sittiger und +fleissiger Mensch". Er kannte Frau Kaethe schon vor ihrer Vermaehlung und +war bei seiner Abreise von Wittenberg am 3. Juni 1525 wahrscheinlich +schon in Luthers Absicht, zu heiraten, eingeweiht. Von Oesterreich aus +hatte er einen gar liebenswuerdigen Brief an Frau Katharina geschrieben +und sie erwiderte seine Gruesse. Bis zu Michaelis 1528 blieb Stiefel in +Luthers Haus, fuehlte sich aber durch diese Inanspruchnahme seiner +Gastfreundschaft bedrueckt. Er uebernahm darum die Pfarrei und Pfarrwitwe +von Lochau mit zwei Kindern. Das Luthersche Ehepaar besorgte seinen +Umzug. Der Verkehr mit dem Lochauer Pfarrhaus hielt an. Luther schreibt +und erhaelt viele Briefe und auch Kaethe bekommt eine freundliche Epistel +vom Pfarrherrn; die Pfarrerin schickt dem Doktor ein Geschenk. Bald wird +Stiefel eingeladen zu einer guten Gesellschaft im Schwarzen Kloster, +bald sagt sich Luther mit seiner ganzen Knabenschaar zum Kirschenbrechen +in Lochau an. Schliesslich verfiel Stiefel zum Verdrusse Luthers aufs +Gruebeln nach dem Juengsten Tag. Die Bevoelkerung der ganzen Gegend bis +nach Schlesien hinein stroemte dem Propheten zu und erwartete mit ihm am +19. Oktober 1533, 8 Uhr nachmittags, das Ende der Welt. Als dies nicht +eintraf, wurde der falsche Prophet vom Landesherrn verhaftet und so fuer +den Unrat, den er angerichtet, gestraft, aber auch gegen die aufgeregten +Leute geschuetzt und nach Wittenberg gebracht, wo er seinen Irrtum +bereute[362]. + +Gleichfalls ein Oesterreicher, _Kummer_ (Kommer), kam 1529 nach +Wittenberg. Auch er hatte, wegen des Evangeliums verfolgt, in +Weiberkleidern fliehen muessen, und nahm natuerlich seine Zuflucht zu +Luther. Dessen Haus- und Tischgenosse scheint er ebenfalls gewesen zu +sein. Kummer war ein Freund und Studiengenosse Lauterbachs[363]. + +Im selben Jahre 1529 kam dieser Anton _Lauterbach_, geboren 1500 als +Sohn des Buergermeisters zu Stolpe, nach Wittenberg, wo er Magister wurde +und mindestens schon 1531 Luthers Hausgenosse und Tischgaenger war und +Diakonus der Pfarrgemeinde wurde. Ein hochaufgeschossener Mensch, im +Gegensatz zu seinem Genossen Cordatus ein gutmuetiger Geselle. Dienstag, +28. Januar 1533, diente er zu Tisch beim Kindtaufschmaus fuer den kleinen +Paul. Er verheiratete sich in diesem Jahre mit einer Nonne Auguste, +wobei natuerlich Frau Kaethe wieder die Hochzeit herzurichten hatte. Dann +wurde er Diakonus in Leisnig, 1537-39 kam er wieder als Diakonus in die +Universitaetsstadt. Als darauf das Herzogtum Sachsen reformiert werden +sollte, wurde er als Superintendent nach Pirna berufen, wollte aber "das +heilige Wittenberg" nicht verlassen. Doch gab er den Mahnungen Luthers +und der andern Vaeter nach, seinem Vaterlande zu dienen und das +beschwerliche Amt zu uebernehmen. Am Mittwoch, 25. Juli 1539 erschienen +in Wittenberg die Pirnaer Ratsherren mit zwei Wagen und holten ihren +ersten evangelischen Pfarrherrn ab. Unter Thraenen nahm er Abschied von +Luthers Familie. Am folgenden Freitag, Jacobi, kam er, feierlich mit +Willkommtrunk empfangen, in Pirna an, und es wurde mit der Reformation +"der Anfang deutsch und gut lutherisch zu taufen gemacht an Drillingen". +Aber aus der weiten Ferne blieb Lauterbach in lebhaftem und freundlichem +Verkehr mit Luther und Frau Kaethe, der er gar mancherlei Besorgungen +machte[364]. + +Ohne Amt, aber auf eines wartend, zog im November 1531 der Oberpfaelzer +Joh. _Schlaginhaufen_--der lateinisch Turbicida oder gar griechisch +Ochloplectes genannt wurde--ins Schwarze Kloster nach Wittenberg, wo er +ein Jahrzehnt zuvor studiert hatte. Er war zum Truebsinn geneigt und +quaelte sich mit dem Zweifel, ob er auch zur Zahl der Auserwaehlten +gehoere; und Luther muss den Schwermuetigen oft aufheitern, wenn er +truebselig und teilnahmslos unter den Gaesten und Tischgenossen dasitzt. +Trotzdem oder gerade deswegen steht er bei Frau Kaethe hoch in Gunst, und +als ihr Gatte waehrend der Rektoratswahl am 1. Mai 1532 einen +Ohnmachtsanfall bekommt, schickt sie zuerst nach Schlaginhaufen in die +Festversammlung und dann erst laesst sie Melanchthon und Jonas rufen. +"Meister Hans" war willig zu jedem Dienst, nahm sich des Gartens und +besonders des Bienenstandes der Frau Kaethe an, und wurde spaeter als +Pfarrer im nahen Zahna und dann in Koethen ein tuechtiger +Bienenvater[365]. + +Seit 1527 war im Schwarzen Kloster als Hausgenosse der gesetzte, ernste +30jaehrige _Hieronymus Weller_ aus Freiberg. Als Luther auf der Koburg +sass, war er der Hauslehrer des jungen Hans. Sein Bruder Peter, ein +junger Magister und juristischer Student, welcher ebenfalls spaeter +unterrichtete, zog 1530 auch in das Kloster; beide als maennliche +"Schirmer" der von Luther und seinem Famulus Veit Dietrich verwaisten +Familie. Die Brueder waren sehr musikalisch; ein dritter, namens +Matthias, sogar in seiner Vaterstadt am Dom Organist und Tonsetzer. +Peter und Hieronymus erfreuten also die Familie durch ihren huebschen +Gesang. Aber es war gut, dass der heitere Bruder Peter noch ins Kloster +kam, denn der hochbegabte Hieronymus war--wie Matthias--zur Schwermut +geneigt. Und die vielbesorgte Hausfrau wird zugeredet haben, dass der +Truebsinnige lieber eine Stelle in Dresden annehmen solle; aber er blieb +bis 1535 und war so acht Jahre in ihrem Haus. Daher kam es, dass auch die +beiden andern Weller gar oft als Gaeste im Kloster weilten. So waren am +24. September 1533 die zwei oder gar drei Weller da und sangen mit +Luther. Ebenso 1534. Im folgenden Jahr wurde Hieronymus Doktor der +Theologie und den Doktorschmaus fuer acht Tische musste Frau Kaethe +ausrichten Mit dem Juristen Peter biss sich Luther weidlich herum[366]. + +Um diese Zeit gehoerte auch ein adeliger Boehme, _Hennick_, ein Waldenser, +zu den Tischgenossen, der spaeter mit Peter Weller zum heiligen Lande +zog, wo beide gestorben und begraben sind[367]. + +Als fremdlaendischer Haus- und Tischgenosse lebte im Lutherhause auch der +"schwarze Engeleser" Dr. theol. Antonius (Robert _Barns_), dem Luther im +Scherz seine Kaethe zum deutschen Sprachmeister geben wollte und der auch +Gast bei den haeufigen Hochzeiten im Schwarzen Kloster war. Er war 1529 +seines Glaubens wegen aus der Heimat geflohen, dann von Heinrich VIII. +als Unterhaendler seiner neuen Ehe und "Religion" gebraucht, aber dann +doch bei seiner Rueckkehr mit zwei Gefaehrten "von Koenig Heinz wegen +seines evangelischen Glaubens auf das Schmidfeld hinausgefuehrt und +verbrannt worden". Von dem Maertyrertum "unseres guten Tischgesellen und +Hausgenossen" gab Luther dann eine Schrift heraus[368]. + +Kaethes Tischgenosse war ferner der Ungar Matthias v. Vai, ein mutiger +Mann, dem es daheim besser erging als Robert Barns. Denn als er mit +seinen papistischem Amtsgenossen in Streit geriet, verklagte ihn dieser +bei des Woiwoden Bruder, dem Moench Georg, damals Statthalter in Ofen. +Dieser wollte bald erfahren, wer recht habe, setzte zwei Tonnen Pulver +auf den Markt und sagte: "Wer seine Lehre fuer goettlich erkennt, setze +sich Drauf--ich zuende es an, wer lebendig bleibt, dess' Lehre ist +recht." Da sprang Vai flugs auf die Tonne, der Priester aber folgte +nicht und Georg strafte den Priester mit seinem Anhang um 4000 Gulden, +dem Vai aber erlaubte er, oeffentlich zu predigen. Diese rettende, +mutige That erzaehlte Luther mit Freude seinen Tischgenossen[369]. + +Lange Zeit (1529-1534) lebte auch M. Veit Dietrich im Lutherhause. Er +war ein Nuernberger (geb. 1506), der nach Wittenberg gekommen war, um +Medizin zu studieren, aber wie manche andere von Luther fuer die +Theologie gewonnen wurde (1527) und ihm bald als vertrauter Famulus an +die Hand ging. Er begleitete Luther auf die Koburg. Dietrich hatte seine +eignen Zoeglinge; von der Koburg sandte er ihnen "Argumente", die sie +auswendig lernen sollten, waehrend Luther dieselben durch seinen Brief +vom Dohlen-Reichstag erfreute. Als Luther vom Reichstag zurueckgekehrt +war, schrieb er dem in Nuernberg zurueckgebliebenen Dietrich von dem Stand +der Dinge in Wittenberg, auch Gruesse von der ganzen Tischgenossenschaft +und Frau Kaethe, welche zugleich auszurichten befahl, "Dietrich solle +nicht glauben, dass sie ihm erzuernt sei". Dietrich kam naemlich nicht +recht mit Frau Kaethe aus. Er meinte von sich selbst, dass er zwar keine +krausen Haare habe, aber einen krausen Sinn. Daher riet ihm Luther, ein +Weib zu nehmen, da werde ihm das schon vergehen. Das wollte Dietrich +auch. Aber bis er dazu kam, rieb er sich einstweilen, wie es scheint, an +Frau Kaethe. Als sie ihm gar die Liebschaft mit Muhme Lene untersagte, +zog er im Herbst 1534 mit seinen sechs Scholaren aus dem Hause und +verbreitete die Rede, die Doktorin sei gegen seine Zoeglinge hochmuetig +und berechnet gewesen. Fuer die Hauswirtin mit ihren eignen fuenf kleinen +Kindern und dem schweren Haushalt war dieser Wegzug wahrlich eine +Erleichterung[370]. + +Es gab nun natuerlich zwischen Dietrich und dem Lutherischen Hause eine +Spannung. Diese aber ging vorueber. Als Dietrich im folgenden Jahre in +seine Vaterstadt Nuernberg berufen wurde und heiratete, schrieb ihm nicht +nur Luther einen freundlichen Brief, sondern auch Kaethe sandte ihm Gruesse +und Glueckwuensche zum Ehestand und Amt. Der Briefwechsel dauerte fort bis +zu beider Maenner Tod und auch Kaethes Gruesse blieben nicht aus[371]. + +Ein Landsmann von Veit Dietrich, _Hieronymus Besold_, kam einige Jahre +nach dessen Weggang ins Lutherhaus. Er war durch jenen gegen die +Hauswirtin eingenommen, so dass er sich anfangs vor ihr als einer +herrischen und habsuechtigen Frau fuerchtete. Aber--er kam doch an ihren +Tisch und blieb da und verlor seine schlechte Meinung von ihr, wenn er +auch von Frau Kaethe mit Bestellungen in Nuernberg in Anspruch genommen +wurde und dann einmal nicht wagte, sie an seine Auslagen zu +erinnern[372]. + +Um diese Zeit (1537-1542) war auch M. Johann (Sachse aus) _Holstein_ im +Klosterhaus Tischgenosse, auf dessen rotes Haar der "Schandpoetaster" +Simon Lemnius (1538) seine wohlfeilen Witze machte. Er war eines +"ehrbaren, frommen Gemuets und stillen Wesens, dazu ein feiner Magister". +Er hatte 17 Jahre studiert und war ueber zehn Jahre lang Magister +(Privatdozent) gewesen, gab im Lateinischen, Griechischen und +Hebraeischen keinem etwas nach. Trotzdem konnte er nicht als ordentlicher +Professor ankommen, so dass sich Luther bei dem Senior der +"Artistenfakultaet", M. Melanchthon, erkundigen wollte, was fuer ein Groll +und Neidhart dahinter stecke. Auch Frau Kaethe nahm sich seiner an und +legte ein gutes Wort bei Meister Philipp ein, das aber eine boese Statt +fand. So musste sich Holstein weiter mit Knaben ernaehren und wurde +schliesslich Jurist[373]. + +1539 lebte bei Luther wieder ein "Oestreicher" als Kostgaenger, Huttens +Freund Wolfgang Angst oder _Schiefer_ (Severus), gebuertig aus dem +oesterreichischen Elsass zu Kaisersberg bei Kolmar. Er war zuvor +Hofmeister der Soehne des Koenigs Ferdinand, spaeter Kaiser Ferdinand I., +Bruder Karls V. gewesen, musste aber seines Luthertums wegen fluechten und +nahm nach Wittenberg seine Zuflucht. Er war ein sehr feiner Mann, noch +unbeweibt; Luther empfahl ihn dem Kurfuersten zum Hofmeister und hoffte, +er solle ihm "sehr wohl gefallen". Aber es wurde nichts daraus, und so +lebte Schiefer als ein lieber Freund Luthers ins folgende Jahr im Haus. +Schiefer beteiligt sich gar oft an den Tischgespraechen, ihm soll Frau +Kaethe auch von Luther aus Weimar allerlei ueber "seinen Koenig Ferdinand" +ausrichten[374]. + +Ein ebenso gesetzter Mann kam um diese Zeit als Gast ins Lutherhaus nach +Wittenberg, _Matthesius_, der 36jaehrige Schulmeister von Joachimsthal, +der noch Theologie studieren wollte, um daheim das Pfarramt zu +uebernehmen. Von 1540-42 war er Genosse an Kaethes Kosttisch. Er redet +mit grosser Verehrung von ihr[375]. + +Und endlich kam noch _Goldschmidt_ (Aurifaber) ins Haus, ein Mansfelder. +Er studierte von 1537-40 Theologie; wurde dann Hofmeister des jungen +Grafen Mansfeld, und darauf Feldprediger, kam aber 1545 nochmals nach +Wittenberg und war die ganze Zeit bis zu Luthers Tod um ihn. +Gleichzeitig war _Rutfeld_ da als Famulus und Praezeptor fuer Luthers +Knaben[376]. + +In dieser letzten Lebenszeit Luthers sass wieder ein Oesterreicher an +Kaethes Tisch, Ferdinand _a Mangis_, ferner ein M. _Plato_ und andere +Kostgaenger[377]. + +Das war Luthers oder vielmehr Frau Kaethes "Tischburse", an welcher +teilzunehmen alle, auch die Aeltesten, Geehrtesten und Gelehrtesten fuer +ein hohes Glueck und grosse Auszeichnung ansahen. Und wenn es gar einen +Rundtrank gab aus dem Glase der heiligen Elisabeth von Thueringen, das +Luther besass, so galt das als eine besonders feierliche Stunde[378]. + +Ausser diesen erwachsenen und zum Teil sogar in sehr gesetztem Alter +stehenden Kostgaengern gehoerten zur "Tischburse" Luthers noch die +zahlreichen fremden Kinder, die als Pensionaere gegen und ohne Entgelt im +Schwarzen Kloster lebten. Kaethe setzte eine bestimmte Zahl von solchen +Kostgaengern fest, ueber die sie mit Recht nicht hinausgehen wollte. Als +daher der Kanzler Mueller zu Mansfeld im Januar 1536 anfragte wegen +Uebernahme eines gewissen Kegel an Kaethes Kosttisch, musste ihm der +Hausherr schreiben: "Den Kegel haette ich wohl gerne zum Kostgaenger haben +moegen aus allerlei Ursachen, aber weil die Purse (Burse) wiederkummt von +Jena (wohin die Studenten wegen der Pest gezogen), so ist der Tisch voll +und ich kann die alten Compane nicht also verstossen. Wo aber eine Staett +los (ein Platz leer) wuerde (was nach Ostern geschehen mag), so will ich +meinen Willen Euch gern darthun, _wo anders Herr Kaethe alsdann mir +gnaedig_ sein wird."[379] + +Also Frau Kaethe bestimmte ueber den Kosttisch. Und das war auch sonst gut +so. Denn der gutmuetige Doktor nahm jeden armen Schelm auf, der sonst +nicht unterkam oder sorgte fuer ihn durch Stipendien, so dass aus aller +Herren Laender und aus allen Staedten, sogar aus "Mohrenland" Schueler und +Studenten nach Wittenberg stroemten "und wir allhie gar sehr ueberladen +sind und mehr denn unsre Armut vermag von vielen verjagten und sonst +guten Leuten, so gern studieren wollen, besucht werden um Huelfe". So +musste z.B. 1533 die Frau Doktorin ihren Mann draengen, an die Stadtraete +von Rothenburg an der Tauber zu schreiben, dass sie sich eines ihrer +Stadtkinder annaehmen, eines Georg Schnell, der "arm war und nichts +hatte" als einen guten Kopf und ein frommes Gemuet, und taeglicher Haus- +und Tischgenoss im Schwarzen Kloster war[380]. Einen andern kleinen +Knaben, der ihnen 1541 vom reichen England durch einen Nuernberger +Geistlichen aufgehalst war, musste man nach Nuernberg ins Findlingshaus +(Waisenhaus) abschieben. Luther musste sich auf Kaethes Vorstellungen an +den "ehrbaren und fuersichtigen" Ratsherrn Hieron. Baumgaertner wenden, +ihrer beiden "lieben Herrn und guten Freund". "Auf gut Vertrauen, so ich +zu Euch habe, schicke ich hie einen Knaben, der mir aus England ist +schalkhaft aufgelogen. Nu ihr aber wisset, was fuer eine Bettelstadt +unsre Stadt ist, dazu der Bube noch wohl bedarf einer Magd, die sein +warte mit Waschen und Lausen usw., mein Zins (Einkommen) aber nicht +vermoege, ist meine ganz freundliche Bitte, wollet bei den Herren in +Nuernberg guter Fugge sein, dass er ins Fuendli-Haus moechte versetzt +werden. Wir sind sonst ohnedas, und ich sonderlich, hier gar hoch genug +beschwert und ueber Vermoegen beladen. Gott behuete mich, dass ich nicht +mehr so betrogen werde."[381] Aber auch die andern nicht gerade armen +Kostgaenger liessen es an puenktlicher Bezahlung fehlen und empfanden es +als Haerte von Kaethe der Hausfrau, wenn sie "auf richtige Bezahlung +drang", waehrend sie von Luther her anders gewohnt und verwoehnt +waren[382]. + +Gelegenheit, die jungen Leute nicht nur zu bekoestigen, sondern auch in +Krankheit zu pflegen, hatte natuerlich Frau Kaethe auch genug. Ein junger +Adeliger, Sohn eines der vielen Lutherischen Gevattersleute, war 1534 im +Haus und hielt sich fein. Er machte die Masern durch und wurde von Kaethe +"fleissig gewartet" nach Dr. Augustins (Schurff) Rat, des Hausarztes und +Nachbarn. Er wurde gesund. Aber manche diese Krankheiten fuehrten auch +zum Tode und das musste den Pflegeeltern, insbesondere der Frau Kaethe zu +schwerer Sorge werden[383]. + +Wie Frau Kaethe bei den Mahlzeiten die leibliche Kost bereitete, so gab +der gespraechige, unterhaltsame Doktor die geistige Kost, die +"Tischwuerze". + +Luther war von Natur "ein gar froehlicher Gesell", ja voll +uebersprudelndem Humor, wenn er sich wohl fuehlte, aber auch, wenn er +Uebles erfahren hatte: Aerger und Verdruss, dem zum Trotz. In seiner +Beichte vor seinem ersten Krankheitsanfall (1527) sagte er zu +Bugenhagen: "Viele denken, weil ich mich unterweilen in meinem aeussern +Wandel froehlich stelle, ich gehe auf lauter Rosen; aber Gott weiss, wie +es um mich stehet meines Lebens halber. Ich habe mir oft vorgenommen, +ich wollte der Welt zu Dienst mich etwas ernstlicher und heiliger (weiss +nicht, wie ich's nennen soll) stellen; aber Gott hat mir solches zu thun +nicht gegeben." Und Bugenhagen bezeugte dabei: "Thut er ihm unterweilen +ueber Tisch mit Froehlichsein zu viel, so hat er selbst keinen Gefallen +daran und kann solches keinem gottseligen Menschen uebel gefallen, viel +weniger ihn aergern, denn er ist ein leutseliger Mensch und aller +Gleisnerei und Heuchelei feind."[384] + +Luther redete gut und gern und viel. Er liebte besonders Sprueche, +sinnreiche Reden und huebsche Reime, Sprichwoerter und Anekdoten. Deren +wusste er sehr viel und die brachte er am Tisch wie auf der Kanzel vor. +Ueber und nach Tische wurde zwischen den Reden auch gesungen, und wer +eine gute Stimme hatte, auch Gaeste, mussten mitthun; Luther, der ein +guter "Lautenist" war, begleitete den Gesang[385]. + +So entstanden die beruehmten Tischgespraeche, die sich um die tiefsten und +hoechsten, die groessten und kleinsten Dinge, goettliche und menschliche, +himmlische und irdische drehten, bald im erbaulichsten Ernst, +bald im lustigsten Scherz, jetzt sinnig zart, dann in derber +Natuerlichkeit--obwohl der erste und Hauptherausgeber der Tischreden, der +ehemalige Feldprediger Aurifaber, spaeter Pfarrer in Erfurt, die derben +mit behaglicher Breite ausmalt, vergroebert und aus dem nicht ganz +sauberen Schatz seiner soldatischen Erinnerungen und Ausdrucksweisen +ergaenzt[386]. + +Diese Tischreden wurden naemlich von Luthers Juengern auf- und +nachgeschrieben, wie Jesu und Sokrates' Aussprueche und Gespraeche; zuerst +nach dem Gedaechtnis, spaeter nach gleichzeitigen Aufzeichnungen. + +_Cordatus_ war der erste, der es wagte, hinter dem Tisch sitzend oder +davorstehend, die geistvollen Reden des Meisters--auch, wie ihm +Melanchthon warnend bedeutete, manches weniger zur Verewigung geeignete +Wort--in sein Notizbuch einzutragen. Andre Tischgenossen und Gaeste wie +_H. Weller_, _Veit Dietrich_, _Lauterbach_, _Besold_, _Schlaginhaufen_, +_Matthesius_, _Ferdinand a Mangis_, _Goldschmidt_ folgten seinem +Beispiel nach. Auch der Diakonus _Roehrer_, der beruehmte Schnellschreiber +und Notarius (Protokollfuehrer) der Evangelischen auf den Reichstagen und +Religionsgespraechen, verzeichnete "viel Koestliches". Und so sind unter +der zahllosen Menge von Lutherreden (3000) auch einzelne authentische +Worte der Doktorin ueberliefert[387]. + +Wie es bei diesen Tischgespraechen zuging, das erzaehlt uns Matthesius. +Bescheiden und sittsam sassen die Leute da und sahen auf "Seine Wuerden, +den Herrn Doktor". "Wenn er uns nun Rede abgewinnen wollte, fing er an: +"Was hoert man Neues?" Diese erste Vermahnung liessen wir gehen. Wenn er +aber wieder anhob: "Ihr Praelaten, was Neues?" da fingen die Alten an zu +reden. D. Wolf Severus, so der Roemischen Koeniglichen Majestaet Praezeptor +gewesen, sass oben an, der brachte, wo niemand Fremdes vorhanden, als +gewandter Hofmann was auf die Bahn. Wenn so das Gedoeber anging, doch mit +gebuerlichem Anstand, so schossen die andern auch ihren Teil dazu"[388]. + +Alle moeglichen Dinge und Vorkommnisse gaben den Anlass zu kuerzeren oder +laengeren Reden, bald die Tagesneuigkeiten, bald ein Gast, jetzt die +Kinder mit ihrem Spiele oder Unarten und dann Peter Wellers Hund, der so +andaechtig morgens zum Essen war wie kein Beter. Alles musste zum +Anknuepfungspunkt oder zum Sinnbild fuer hoehere Wahrheiten dienen. Und +nicht selten gab Frau Kaethe durch eine Rede oder durch ihre blosse +Anwesenheit die Veranlassung zu sinnigen Bemerkungen[389]. + +Die Tischreden wurden meist lateinisch gehalten, wie die Briefe Luthers +mit allen "gelehrten", d.h. akademisch gebildeten, Maennern lateinisch +geschrieben wurden. Bei alltaeglichen Dingen, wo der deutsche Ausdruck +gelaeufiger war, ging es vom Latein ins Deutsche bunt durch einander. +Wenn ungelehrte Freunde oder Freundinnen zugegen waren, oder Frau und +Kinder der Unterhaltung folgen sollten, wurde deutsch gesprochen; doch +liefen auch da lateinische Brocken unter. Am treuesten ist dieser +Wechsel vom Latein und Deutsch bewahrt in Lauterbachs Tagebuch. + +So viel verstanden aber auch die weiblichen Hausgenossen, teils vom +Kloster her, teils aus dem steten Hoeren von Lateinisch, dass sie sich +drein mischen konnten, oft sogar selbst vielleicht mit lateinischen +Phrasen. So Muhme Lene, welche auf die Frage, ob sie wieder ins Kloster +wolle, mit Non, Non! antwortete. Besonders aber die Doctorissa, wie sie +bei den jungen Leuten respektvoll genannt und geschrieben wurde[390]. + +So redete Luther einmal von der elterlichen Liebe: "Lieber Gott, wie +wird sich ein Herzpochen erhoben haben, da Abraham seinen einigen und +allerliebsten Sohn Isaak hat sollen toeten! Es wird ihm der Gang auf den +Berg Moria sauer angekommen sein. Er wird der Sarah nichts davon gesagt +haben." Da fing seine Hausfrau an und sagte: "Ich kann's in meinen Kopf +nicht bringen, dass Gott so grausam Ding von jemands begehren sollte, +sein Kind selbst zu erwuergen." Luther widerlegte diese verstaendig +natuerliche Einwendung mit dem theologischen Hinweis auf Gott selbst, der +ja seinen eigenen Sohn habe kreuzigen lassen. Aber die Doktorin konnte +sich damit nicht ganz ueberzeugen lassen[391]. + +Frau Kaethe wusste auch Sagen. So erzaehlte sie von einem Wasserweib, das +in der Mulde im Wasser in einem Loche wie in einer schoenen Stube +gesessen und haette ihr das Wasser nichts geschadet; zu der sei eine +Wehemutter von einem "Geist" gefuehrt worden, um ihr beizustehen[392]. + +Ein andermal wurde bei Tisch erzaehlt, dass einer in der Stadt die Ehe +gebrochen. Da entsetzte sich Frau Kaethe und fragte den Herrn Doktor: +"Lieber Herr, wie koennen die Leute nur so boese sein und sich mit solchen +Suenden beflecken?!" Da antwortete er: "Ja, liebe Kaethe, die Leute beten +nicht; so ist dann der Teufel bei der Hand."[393] + +Einmal fing der Doktor mit seiner Kaethe eine Disputation an ueber ihre +Heiligkeit. Sie erwies sich da als eine tuechtige, in lutherischen +Gedankengaengen geuebte Theologin, wurde natuerlich aber von dem +Sieggewaltigen doch widerlegt und ueberwunden. Er fragte sie, ob sie +glaube, dass sie heilig waere? Sie dachte lange nach, dann erwiderte sie: +"Wie kann ich heilig sein, da ich eine so grosse Suenderin bin! So sehr +hat der Papst unser ganzes Wesen verdorben, seine Lehre hat unser +Innerstes so durchsetzt, dass wir auch mit willigem Ohr Christus nicht +als unsern Erloeser, als unsere Gerechtigkeit und Heiligkeit erkennen und +wunderbarer Weise glauben, getauft, ja Christen zu sein und doch nicht +glauben, heilig zu sein. Denn in der Taufe wird unsre Suende verbannt und +uns Christi Gerechtigkeit geschenkt und wir glauben doch nicht, heilig +geworden zu sein. Soweit wir Menschen, sind wir Suender, aber weil wir +getauft sind und glauben, so sind wir heilig durch Christum." + +Luther entgegnete: "Ja, der ganze Christ ist heilig; denn wenn der +Teufel den Suender wegfuehrt, wo bleibt der Christ? Daher ist die +Unterscheidung meiner Gattin nicht gueltig. Denn wer durch festen Glauben +an seiner Taufe haengt, der ist ganz heilig (wie David sich heilig +nennt). Die Papisten, welche den Artikel von der Suendenvergebung nicht +verstehen, koennen diese Heiligkeit nicht glauben noch einsehen, aergern +sich nur, wenn sie solches von uns hoeren."[394] + +Die Ritter vom Geiste waren zu jener Zeit ganz besonders kampfesfreudig +und die Fehden des Wortes wollten kein Ende nehmen. Insbesondere aber +waren an Luthers Tische die wissenshungrigen Magister auf diese +interessanten Privatissima erpicht und vor allem suchten die +Tagebuchschreiber, die auf jedes Wort vom Munde des Geistgewaltigen +lauerten, um es gedruckt in die Welt zu senden, diese Gespraeche zu +verlaengern. Natuerlich hatte Frau Kaethe viel weniger Freude an diesen +theologischen Turnieren; ihr lebhafter Geist, wie derjenige von Jonas, +mochte langen Eroerterungen nicht folgen. Sie unterbrach daher gar oft +die gelehrten Gespraeche, indem sie den geistlichen Fechtern ganz +gewoehnliche Knueppel zwischen die Schwerter warf, vor allem ihrem +Gatten, der nicht leicht aufhoeren konnte, wenn er einmal im Zuge +war[395]. + +Wenn des Redens bei Tisch zu viel wurde und dabei die Speisen kalt und +warm der Trank, da brach Frau Kaethe mit einer Strafpredigt los ueber den +Text: "Was ist denn, dass ihr ohne Unterbrechung redet und nicht esst?" +Ueber diese Stoerung war der Tischredenschreiber Cordatus entruestet, er +hatte gerade eine gar schoene Auseinandersetzung Luthers ueber das +Vaterunser, den "Himmelsknecht Gabriel und den Himmelsfuhrmann Raphael", +die er "aus vollem gluehenden Herzen" that, heimlich aufgeschrieben. Aber +Luther wandte die Sache zum Scherz und sagte: "Wenn nur ihr Frauen, +bevor ihr eine Predigt anfanget, auch beten koenntet (d.h. euch sammeln +und besinnen); ein Paternoster solltet ihr zuvor sprechen!" [396] + +Aber auch Frau Kaethe stellte in der Rede ihren Mann. Ueber diese +weibliche Wohlredenheit wurde sie oefter aufgezogen von Luther. Er fragte +sie lachend: ob sie predigen wolle und ihrer Predigt so viel Worte +Betens (als Einleitung) vorausschicke? Oder er neckte sie: die Weiber +duerften nicht predigen, weil sie nicht beteten vor der Predigt; oder: +Gott lasse, durch ihr langes Gebet ermuedet, sie gar nicht zum Predigen +kommen. Einst sass ein gelehrter "Engeleser" (Englaender) am Tische, der +kein Wort Deutsch konnte; da sagte Luther zu ihm: "Ich will Euch meine +Frau zum Lehrer in der deutschen Sprache vorschlagen, die ist gar +beredt. Sie kann's so fertig, dass sie mich weit ueberwindet."[397] +Freilich setzte er hinzu: "Die Beredsamkeit ist nicht zu loben an +Frauen; es ziemt sich eher, dass sie bloss lispeln und stammeln. Das steht +ihnen wohl besser an." Und vom Unterschied der weiblichen und maennlichen +Beredsamkeit sagt er in einem andern Tischgespraech: "Die Weiber sind von +Natur beredt und koennen die Rethoricam, die Redekunst wohl, welche doch +die Maenner mit grossem Fleiss lernen und ueberkommen muessen. Das aber ist +wahr: in haeuslichen Sachen, was das Hausregiment, da sind die Weiber +geschickter und beredter; aber im weltlichen, politischen Regiment und +Haendeln taugen sie nichts. Dazu sind die Maenner geschaffen und geordnet +von Gott und nicht die Weiber. Denn wiewohl sie Worte genug haben, so +fehlet und mangelt's ihnen an Sachen, als die sie nicht verstehen; drum +reden sie davon auch laeppisch, unordentlich und wueste ueber die Massen. +Daraus erscheint, dass das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann +aber zur Policei (Politik), weltlichem Regiment, zu Kriegen und +Gerichtshaendeln, die zu verwalten und fuehren."[398] + +So kam Frau Kaethe bei den Gespraechen der Maenner wohl weniger zum Wort, +als sie verdient haette; und noch weniger fand man bemerkenswert, was sie +sagte. Es ist schade, dass die "Tischreden" so wenig von der Doctorissa +berichten. Aber den Tagebuchschreibern kam es vor allem auf theologische +Eroerterungen an--darum ist auch die einzige laengere Rede von Kaethe, die +sie der Aufzeichnung wert erachtet haben, eine theologische; zum andern +wollten sie des Doktors Reden bringen: die Erguesse seines uebergewaltigen +Geistes schienen ihnen allein der Nachwelt wuerdig. + + + + +13. Kapitel + +Hausfreunde. + + +Die Humanistenzeit hatte ein ausgepraegtes Freundschaftsbeduerfnis, +welches nur ein Seitenstueck findet in der freundesseligen Stimmung +unserer klassischen Litteraturperiode im vorigen Jahrhundert. Dieses +rege Freundschaftsgefuehl aeussert sich einerseits in den zahlreichen +Besuchsreisen der befreundeten Humanisten, welche in jener Zeit der so +beschwerlichen Reisegelegenheiten doppelt auffallen, und dann in dem +heute ganz unbegreiflich reichen Briefwechsel, in welchem diese +Gelehrten damals mit einander standen. Alle moeglichen Dinge teilte man +sich brieflich mit, selbst die intimsten persoenlichen Erlebnisse und +Stimmungen; und wenn man gar nichts zu schreiben hatte, so schrieb man +sich auch dieses. "Ich schreibe Dir, um Dir zu schreiben, dass ich nichts +zu schreiben habe", ist kein ungewoehnlicher Briefinhalt dieser Zeit, +sogar bei Luther[399]. + +Den groesstmoeglichen Freundeskreis zaehlte aber begreiflicherweise das +Luthersche Ehepaar. Nicht etwa Luther allein, sondern auch Frau Kaethe. +Die vielen jungen Leute, die bei ihr Kost und Pflege fanden, die +mancherlei Magister, die als Praezeptoren ihrer und anderer Knaben im +Schwarzen Kloster hausten, die vielen Amtsgenossen und Schueler ihres +Mannes, die zahllosen Gaeste, welche freundliche Aufnahme an ihrem Tische +erlebten: sie alte kannten und verehrten neben dem gewaltigen Doktor +auch die weibliche Genossin seiner Freundschaft und Gastlichkeit, Frau +Kaethe. Aus den Schuelern wurden Amtsgenossen, aus den Tischgenossen +Freunde--ein stets wachsender Haufen. Und Luthers alte Bekannte, welche +Frau Kaethe erst durch Briefe oder Besuche kennen lernte, wurden mit der +Zeit auch ihre Freunde, namentlich wenn sie diese Freundschaft durch +Gruesse, Glueckwuensche und Geschenke warm hielten. + +Diese umfangreiche Freundschaft wurde auch lebhaft gepflegt. Da ist kaum +ein Brief, den Luther empfaengt oder schreibt, in dem nicht auch die Frau +Kaethe gegruesst wird oder gruesst, oder Glueckwuensche und Beileidsbezeugungen +zu allerlei Familienereignisse und Glueckwechsel empfaengt und sendet. + +Gar oft begnuegt sich aber Frau Kaethe nicht mit einem blossen Wortgruss, +sie fuegt auch in ihrer praktischen Weise einen guten Rat bei, eine +Mahnung, oder ein Rezept, eine Arzenei, eine Wurzel gut fuers Steinleiden +u. dgl. + +Noch viel haeufiger aber hat Frau Kaethe zu danken fuer allerhand +Geschenke. Und nicht zum wenigsten nuetzt die wirtliche Hausfrau die +Freundschaften aus zu allerlei hauswirtschaftlichen Auftraegen. Dies ging +bei Lauterbach sogar soweit, dass Luther selber einmal bei einer solchen +Bestellung meint, sie haette den Freund foermlich in Dienst und Beschlag +genommen[400]. + +Wie begreiflich, waren die Hausfreunde in einem so ausnehmend +theologischen Hause auch fast lauter Theologen. Weltlich waren nur die +Verwandten: Geschwister, Schwaeger und Schwaegerinnen, einige vornehme +Gevattersleute, wie die Kanzler Mueller und Ruehel in Mansfeld, die Goritz +in Leipzig, Hans von Riedtesel und Hans von Taubenheim, der +Landrentmeister in Torgau, an welchen Frau Kaethe in die Ferne +freundliche und ehrerbietige Gruesse, Glueckwuensche oder Einladungen +sendet oder gar selbst einmal zu einem Brief--natuerlich einem +Geschaeftsbrief--sich aufschwingt. Auch der Strassburger Syndikus Gerbel +laesst Frau Kaethe tausendmal gruessen. Der Stadtschreiber Roth von Zwickau +laesst ein Exemplar seiner Postille fuer die Doktorin binden und schenken +und sendet ein Glas, das "fein ganz" ankommt. Endlich war noch eine +liebenswuerdige Adelsfamilie Joerger von Tollet im Oesterreichischen, eine +Mutter mit mehreren Soehnen, welcher Luther einen evangelischen +Hauskaplan besorgt hatte (1525) und allerlei seelsorgerliche Ratschlaege +gab, die sich nun dankbar erwies in zahlreichen und teuren Geschenken: +"ungarische Gulden", "Kuetten-Latwerg" und andere "treue und teure +Gaben"; auch ein Stipendium sandte sie von 500 Goldgulden fuer arme +Gesellen, die in der heiligen Schrift studieren. Spaeter studierte auch +ein Enkel der Joergerin in Wittenberg. Mit dieser "ehrenreichen, edlen +Frauen Dorothea Joergerin, als besonders guten Freundin", wurden gar +zahlreiche und freundliche Briefe gewechselt, worin auch Luthers +"Hausehre Frau Kaethe" oft zum Grusse kommt[401]. + +Mit dem evangelischen Bischof von Naumburg, Nikolaus _v. Amsdorf_, +wechselte Frau Kaethe ehrerbietige Gruesse, namentlich seitdem sie durch +den Besitz von Zulsdorf die Nachbarin des gnaedigen Herrn Bischofs +geworden (1542); sogar mit einem Besuch "droht" sie auf "kuenftigen +Sommer". Sonst hatte man freilich mit dem ehelosen und hochgestellten +Mann weniger intime Beziehungen. Doch besorgte er auch einmal fuer 7 fl. +Butter und Stockfisch ins Lutherhaus[402]. + +Mit dem kleinen M. Joh. _Agrikola_, dem Pfarrer von _Eisleben_ und +seiner Else, stand die Luthersche Familie gleich von Anfang an in +lebhaftem Verkehr. "Sie konnte ihn auch sehr wohl leiden." Er hatte +schon 1523 zu dem Kreise der jungen Nuernberger gehoert, welche ueber die +Verlobung Baumgartens mit Kaethe sich aussprachen und steht auch jetzt +noch in regem Briefwechsel mit Wittenberg[403]. Da giebt's Gruesse an Weib +und Kinder, hinueber und herueber; auch ein Pelzrock wird dorther besorgt, +der Frau Kaethe nur zu teuer ausfaellt, und Elsbeeren oder kleine +Mispelchen werden bestellt, nach denen Frau Kaethe eben Gelueste bekommt. +1529 wird Agrikola nach Wittenberg geladen. 1530 sendet er vom +Augsburger Reichstag ueber Koburg einen scherzhaften Brief zur Besorgung +an Frau Kaethe, ueber den ihm Luther schreibt: "Ich errate leicht, was sie +Dir antworten wird. Wenn sie den Brief gelesen hat, wird sie lachen und +sagen: Ei, wie ist M. Eisleben doch ein Grundschalk!"[404] Luther nahm +sich Agrikolas an, als es dem beweglichen und ehrgeizigen Mann nicht +mehr in Eisleben gefiel. Und als er 1536 seine Stelle kuendigte und in +Wittenberg nicht gleich eine bequeme Wohnung fand, so oeffnete sich ihm +das Klosterhaus und Agrikola zog ein mit Weib und Kind. Als dann Luther +zu Anfang 1537 nach Schmalkalden zog, vertraute er Agrikola nicht nur +"Lehre, Predigtstuhl und Kirche an", sondern auch "Weib, Kind, Haus und +Heimlichkeit"[405]. Als aber Agrikola ein "Antinomist" (Bestreiter der +Giltigkeit des Gesetzes fuer die Christen) wurde, da entbrannte Luthers +Zorn wider ihn und er entzog ihm die vorher gewaehrte Erlaubnis, in +Wittenberg Vorlesungen zu halten. Agrikolas Frau, zu welcher Luther ganz +vaeterlich stand, so dass er sie mit Du anredet, that zwar vor dem Doktor +einen Fussfall und dieser nahm ihren Mann wieder zu Gnaden an (1538); +aber Agrikola entzog sich dem Einfluss Luthers, ging nach Berlin und die +Freundschaft mit dem "Meister Grickel" hoerte natuerlich auch fuer Frau +Kaethe auf, ohne wieder angeknuepft zu werden. Als spaeter einmal (1545) +Agrikola mit Weib und Tochter nach Wittenberg kam, durften bloss die +beiden Frauen ins Klosterhaus kommen; aber das Toechterlein fanden die +Lutherischen eitel und vorlaut wie ihren Vater[406]. + +Mit dem Pfarrer Jakob _Probst_ in Bremen, einem frueheren Klostergenossen +Luthers, auch einem Gevatter, stand ebenso die Lutherische Familie in +frueher Verbindung. Familiennachrichten werden ausgiebig mitgeteilt; +Kaethe und auch das kleine Patchen Margaretel senden regelmaessig Gruesse an +den fernen Gevatter und danken fuer Patengulden und andere Geschenke. Ihm +empfehlen die Eltern ihre Juengste zur Versorgung, da Probst sie sich zum +Patchen auserlesen. Und "Herr Kaethe" befiehlt ihrem Gatten, noch +scherzend anzufragen, ob denn die Nordsee ausgetrocknet sei, seitdem das +Evangelium die Erlaubnis zum Fleischessen gebracht habe? Denn niemals +habe es in Wittenberg weniger Seefische gegeben, so dass man schon durch +die Hungersnot zum Fleischessen gezwungen werde, wo nicht etwa die +Fische und das Meer sich vor des Papstes Zorn aengstigten, nachdem man +ihn zu Lande verachte. Am 14. Juni 1542 kam Probst, jetzt ein alter +Mann, nach Wittenberg, um seinen Vater D. Martinus noch einmal zu sehen. +Das war ein gar unerwarteter lieber Besuch und Frau Kaethe wird ihm den +Aufenthalt recht angenehm gemacht und das Margaretlein den Paten +froehlich begruesst und ihm mit ihrer huebschen Stimme etwas vorgesungen +haben[407]. + +Weniger im Verkehr war man mit dem frueheren Prior des Schwarzen Klosters +Eberhard _Brisger_, Pfarrer in Altenburg; doch tauschte auch mit ihm +Kaethe Gruesse aus[408]. + +Der ehemalige Klosterbruder (Stiftsherr der "Brueder vom gemeinsamen +Leben") Gerhard _Viscampius_ zu Herford war auch ein besonders guter +Freund der Familie Luther und Melanchthon und sie nahmen warmen Anteil +an ihm. 1528 sendet er an das Lutherische Ehepaar Tuch und zwei Lampen, +welche die zwei Gatten jede Nacht staendig gebrauchten. Dafuer soll er +auch regelmaessig Luthers Schriften erhalten[409]. + +Der alte "Stuermer und Schwaermer" D. Gabriel _Zwilling_, Luthers +Klostergenosse, der ihm auf der Wartburg mit seiner Bilderstuermerei so +zu schaffen machte, war, nachdem er seinen Radikalismus ausgetobt, ein +ruhiger Pfarrherr zu Torgau geworden. Er hatte zur Befreiung der Nonnen +aus Nimbschen mitgewirkt, und kam verschiedentlich nach Wittenberg, +durfte auch einen etwas schweren Auftrag Kaethes wegen Beschaffung eines +Leinenkastens besorgen[410]. + +Der Reformator und Stadtprediger von Gotha, _Mykonius_, der auch zur +Zeit der "Wittenberger Konkordia" sich im Lutherhause aufhielt, bekam +von Kaethe Gruesse, Glueckwuensche, Danksagung fuer ein "Kaese-Geschenk", auch +Verhaltungsmassregeln gegen seine Frau und Teilnahme an seinem +Brustleiden[411]. + +Ein besonderer Verehrer der Frau Doktorin war der feine Strassburger +_Capito_ (Koepflin), welcher im Jahre 1536 mit Butzer in Wittenberg die +"Konkordia" der saechsischen und oberlaendischen Kirche zustande brachte +und dabei im Lutherhause verkehrte. Er laesst die "treffliche Frau +Katharina von Bora, seine Wirtin", gruessen und sendet nach seiner +Heimkehr ihr einen goldenen Ring als Zeichen seiner Gesinnung gegen sie, +"welche mit Recht so hoch geschaetzt wird, weil sie mit hausmuetterlicher +Sanftmut und Emsigkeit die Versorgung unsres Lehrers uebt". Und auch Frau +Kaethe schaetzt den Strassburger Gast. Wiederholt laesst er sie gruessen und +verspricht ihr zur Frankfurter Messe 1537 einen Brief. Capito erbat sich +sogar mit den uebrigen Strassburger Freunden Gerbel, Butzer u.s.w. den +Sohn Hans erziehen zu helfen[412]. + +In _Nuernberg_ hatte Luther und damit auch seine Kaethe, allerlei gute +Freunde, besonders seine beiden Ordensbrueder, Wenceslaus _Link_ und Abt +_Friedrich_ (Becker, Pistorius), die ihm manches schoene Geschenk und +Geraet an Uhren, Drechslerwerkzeug, Holz- und Kupferstichen, feines Obst, +Saemereien aus der reichen Freistadt besorgten. Auch sie laesst Kaethe +gruessen[413]. + +In der Reichsstadt lebte aber auch ihre "alte Flamme", wie Luther +schreibt, der Ratsherr Hieronymus _Baumgaertner_. Die alte Liebe zu ihm +hatte sich zu herzlicher Freundschaft gestaltet, und es ist ein gar +schoenes Zeichen eines natuerlichen und gesunden Gefuehls, dass sowohl +Luther als Frau Kaethe in ganz unbefangener offener Weise von dieser +liebenden Verehrung fuer den ehemaligen Geliebten reden unter sich und +dem gemeinsamen Freund gegenueber: "Es gruesst Euch verehrungsvoll meine +Kaethe, Eure alte Flamme, welche Euch ob Eurer Tugenden und Vorzuege mit +neuer Liebe umfasst und von ganzem Herzen Euch wohl will." Von Koburg +schreibt Luther am 1. Oktober 1531 an Baumgaertner: "Ich gruesse Dich im +Namen meiner Herrin, Deiner einstigen Flamme; so werde ich ihr erzaehlen, +wenn ich heim komme. So pflege ich auch sie in Deinem Namen zu necken." +Als 1543 Luther durch seinen Tischgaenger Besold einen Brief erhielt, +ruehmte er des Briefschreibers Sittenreinheit, Froemmigkeit und Tugend. Da +fragte Luthers Gattin "nach ihrer Gewohnheit", wer denn der Schreiber +des Briefes waere. Luther antwortete: "tuus ignis Amynthas: Dein alter +Buhle (Liebhaber)."[414] Der Ton, diesem Freunde gegenueber, ist ein gar +herzlicher, namentlich in dem Trostbrief Luthers an Baumgaertner und +seine Frau, als der Nuernberger Kaufherr von dem Ritter Albrecht von +Rosenberg (bei Mergentheim) gefangen genommen und lange in Haft gehalten +wurde, so dass Frau Sibylle mit ihren fuenf unerzogenen Kindern laenger als +ein Jahr um das Leben ihres Ehewirts in Angst schwebte. Die Wittenberger +Freunde beteten in der Kirche oeffentlich um die Freilassung und gingen +den Landgrafen von Hessen darum an[415]. + +Auch Veit _Dietrich_ blieb trotz seines Spanes mit Kaethe nicht nur +Luthers Freund nach seinem Wegzug nach Nuernberg, wo er Pfarrer an der +Sebalduskirche wurde, sondern auch mit Frau Kaethe stellte sich bald +wieder ein freundliches Verhaeltnis her. Sie laesst ihn wiederholt +gruessen[416]. + +Mit den Freiberger "Geschwistern _Weller_", dem juengsten Peter, dem +Komponisten Matthias und besonders dem Theologen Hieronymus, aber auch +der Schwester Barbara Lischner standen die Lutherischen Eheleute in +freundschaftlichem Verhaeltnis. Der eine musste in seiner Schwermut +aufgerichtet werden, der andere versorgt, die Schwester belehrt ueber den +heimlichen Empfang des heiligen Abendmahls[417]. Dem Komponisten +Matthias laesst Luther mit Frau Kaethe danken, fuer sein "gutwillig Herz, so +er erzeigt hat mit dem Gesang und den Borsdorfern." Das Lied saengen die +Maenner unter Tisch, so gut sie's koennten. "Machen wir etliche Saeue +(Boecke, Fehler) darunter, so ist's freilich Eure Schuld nicht, sondern +unsre Kunst. Wenn's schon alle Komponisten gut machen, so ist unser +Ernst wohl noch weit drueber und koennen's boese genug singen. Es folgen +uns alle Regiment der ganzen Welt; sie lassen Gott und alte Vernunft +sehr gut Ding komponieren und stellen, aber sie singen auch, dass sie +wert waeren einen Markt eitel Wuerste aus den Saeuen oder Kloeppel in den +Feldglocken[418]. Darum muesst ihr Komponisten uns auch zugut halten, wenn +wir Saeue machen in den Gesaengen. Denn wir wollten's lieber treffen denn +fehlen. Solchen Scherz, bittet meine liebe Kaethe, wollet ihr fuer gut +annehmen, und laesst Euch freundlich gruessen. Hiemit Gott befohlen. 1535. +Priska-Tag."[419] + +Dr. Hieronymus Weller heiratete um diese Zeit ein Freiberger Maedchen, +die Tochter G. am Steige. Natuerlich sollte ihm Frau Kaethe die Hochzeit +in Wittenberg ausrichten. Aber Frau Kaethe war damit nicht einverstanden; +kannte sie doch die grosse Unmusse und Unkosten, welche ein Doktor in +einer Universitaetsstadt aufwenden muesse: und hier waere sowohl der +Hochzeiter, wie der Hochzeitgeber ein Doktor; daher muessten viele Leute +eingeladen werden; Weller solle sich die Liste, die beigelegt sei, +einmal ansehen und werde dann merken, welche Menge geladen werden muesste +(wenn man auch einige streichen koennte), wofern man des Hochzeiters und +seiner Angehoerigen Ehre bedenke, zumal man die angesehenen Freunde doch +ehrenvoll bewirten muesse. Das sei sehr schwer. Auch koste es mehr als +100 fl. Die Eheleute rieten Weller daher, die eigentliche Hochzeit +anderswo zu halten und es einzurichten wie M. Kreuziger und Dr. Brueck, +naemlich mit geringer Begleitung nach der Universitaetsstadt zu kommen, zu +einem Morgen- oder Abendessen mit zwei oder drei Tischen. Hoffentlich +war der Dr. Hieronymus und seine Braut so verstaendig und gingen darauf +ein. Waehrend der ledige Doktor bei Luthers gewohnt hatte, zog er mit +seiner jungen Frau in ein eigenes Haus in der Nachbarschaft. Nicht lange +darauf wurde Weller Pfarrer in seiner Vaterstadt Freiberg, wo Herzog +Georgs Bruder Heinrich residierte und dem Evangelium beitrat; er blieb +aber in regem Verkehr mit dem Lutherhaus[420]. + +Nach Freiberg wurde 1538 auch M. Nikolaus _Hausmann_ als Stadtpfarrer +berufen. Er war einer der aeltesten und besten Freunde des Lutherischen +Hauses, ein sanfter, liebenswuerdiger Mann und Junggeselle. Zuerst in +Zwickau angestellt (bis 1532), wurde er dann Hofprediger bei den drei +Anhalter Fuersten in Dessau (1532-38). Die Bekanntschaft Kaethes mit ihm +ging durch ein zierliches und muehsam geflochtenes Koerbchen und das +schoene Glasgefaess, welches Hausmann selbst gemalt und als Andenken in den +jungen Haushalt geschickt hatte und das Kaethes Wohlgefallen erregte (S. +96)[421]. Von da an sendete Frau Kaethe dem Zwickauer Stadtpfarrer stets +angelegentliche Gruesse und wird wieder gegruesst in den zahllosen Briefen, +die fast jede Woche zwischen dem Wittenberger Kloster und dem Zwickauer +Pfarrhaus hin und wieder fliegen. Sie empfiehlt sich in schweren Zeiten +seinem Gebet oder bedankt sich fuer gesandtes Chemnitzer Leinen, wofuer er +eine Last lutherischer Schriften durch den Pakettraeger erhaelt[422]. Auch +"lebendige Briefe" gingen hin und her: allerlei Freunde und Bekannte, +namentlich seitdem auch Cordatus nach Zwickau versetzt war, anfangs +1529.[423] Oefters wird Hausmann eingeladen: seine Stubella (Stueblein) +sei bereitgestellt und alles geruestet--trotzdem Frau Kaethe einen jungen +Erdenbuerger erwartet. Einigemale kam auch Hausmann wirklich den weiten +Weg nach Wittenberg[424]. + +Im August 1531 ging Hausmann von dem schwierigen Zwickau weg, hielt sich +auch in Wittenberg auf. Von dem nahen Dessau aus war noch ein viel +regerer Verkehr moeglich. Das erste Zeichen war ein Wildschwein, das von +der Residenz kam und zum Martinstag von den Freunden des Lutherhauses +verspeist wurde. Als er krank wird, bekuemmert sich "Herr Kaethe" in gar +"stattlichem stetem Gedanken um den Freund". Ja, da dieser so oft +kraenklich ist, will Luther ihn gar zu sich nehmen, damit er der Stille +und Ruhe geniesse. 1538 kam aber Nikolaus Hausmann als Superintendent +nach Freiberg, wo sein Bruder Valentin lebte. Hier traf ihn bei seiner +Antrittspredigt am 3. November auf der Kanzel der Schlag. Die Freunde +und die Hausfrau verheimlichten Luther den Tod seines lieben Genossen +und brachten ihm die Nachricht erst allmaehlich bei--er aber sass einen +ganzen Tag und weinte, und auch Frau Kaethe wird dem Getreuen ihre +Thraenen nachgeweint haben[425]. + +Der fruehere Tischgenosse _Schlaginhaufen_ war im Jahre 1532 nach Zahna, +nur zwei Stunden von Wittenberg, als Pfarrer gesetzt worden, wo er mit +dem Lutherhause in enger Verbindung blieb, und z.B. einmal die von +Luther so geliebten Mispeln schickte. Aber in dem aermlichen und der +Gesundheit des schwachbruestigen Mannes wenig zutraeglichen Orte hielt er +es nur ein Jahr aus. Er wurde dann Pfarrer in Koethen und reformierte +dies Laendchen. Dahin gruesst auch Frau Kaethe. Er reiste mit nach +Schmalkalden, begleitete den erkrankten Luther zurueck bis Tambach, lief +dann mit der Kunde von dessen Besserung nach Schmalkalden und rief zu +den Fenstern an der Herberge des Legaten hinauf: Lutherus vivit! +Lutherus vivit! (Luther lebt! Luther lebt!)[426]. + +Mit dem Pfarrhaus von Leisnig standen Luther und seine Kaethe in regem +Verkehr. Sie senden in zahlreichen Briefen Gruesse an ihre ehemaligen +Tischgenossen M. _Lauterbach_ und seine Hagnes oder Nise (Agnese) und +Elslein ("Lamm" und "Laemmlein"); sie geben ihm allerlei zu besorgen, so +Frau Kaethe einen Katechismus an eine arme ehemalige Nonne, Christina v. +Honsberg, jetzt Gattin von Georg Schmid. Der Bischof von Meissen hatte +sich gegen Lauterbach gestraeubt, weil er nicht geweiht waere; da sagte +Lauterbach zu dem bischoeflichen Amtmann: "Ich bin genug geweiht durch +mein Weib (denn sie war eine Nonne) und Mann und Weib ist ein +Leib"[427]. Da der andre Pfarrer in Leisnig sich nicht mit Lauterbach +vertrug, so verzog dieser als Diakonus nach Wittenberg, wo er von +1536-39 lebte, um dann als Superintendent nach Pirna ins evangelisch +gewordene Herzogtum Sachsen zu kommen. Zu Wittenberg als Amtsgenosse +Luthers verkehrte er viel im Klosterhaus; auch seine Frau war oefter da +und gab einmal auf eine theologische Frage eine gar feine Antwort. Es +war an sie dieselbe Frage gerichtet, wie an Frau Kaethe, ob sie heilig +waere; da sagte sie, sie waere heilig, so viel sie glaubte; waere aber eine +Suenderin, sofern sie ein Mensch waere. Von Pirna hat Lauterbach die +Steinmetzarbeit an der Hausthuer fuer Frau Kaethe besorgt, weiterhin +Rebpfaehle, mehrmals Pelzroecke fuer die Toechter, auch Butter und Aepfel, +Borsdorfer und andere, "roetliche", von welchen sich dann Frau Kaethe auch +Zweige zur Veredlung bestellt[428]. + +Georg _Spalatin_ war bald nach Luthers Vermaehlung aus dem Hofdienst +getreten, hatte sich verheiratet und war neben M. Eberhard Brisger +Oberpfarrer von Altenburg geworden. Weil diese Stadt ziemlich weit +ablag, so kam der alte Freund Luthers nur bei besonderen Veranlassungen +amtlicher Art nach Wittenberg; auch Luther konnte, so sehr er voll +Sehnsucht nach des Freundes Umgang war, schwer nach Altenburg kommen, +nicht einmal zur Hochzeit Spalatins, weil er eben die Flucht der 13 +Nonnen aus Freiberg veranstaltet hatte. Um so haeufiger aber sandten sich +die Freunde Briefe und Boten und teilten sich die haeuslichen +Vorkommnisse mit und Frau Kaethe draengt dabei ihren Mann zum Schreiben. +"Meine Rippe" oder "mein Herr Kaethe" senden an Spalatin und "seine +Rippe" oder "Kette" (sie hiess auch Katharina), seine "Hindin" und ihre +Kleinen Gruesse und Glueckwuensche, wuenscht ihm auch ein kleines +"Spalatinlein, das ihn lehre, was sie sich ruehmt von ihrem Haenslein +gelernt zu haben, naemlich die Frucht und Freude des Ehestandes, deren +der Papst mit seiner Welt nicht wert ist"[429]. Den in Schmalkalden +schwer erkrankten Luther liess Frau Kaethe ins Altenburger Pfarrhaus +bringen und bleibt dort mehrere Tage. Voller Dankbarkeit und Anerkennung +ist sie fuer die "freundliche Liebenswuerdigkeit und liebenswuerdige +Freundlichkeit", die sie mit ihrem Gatten im Hause des feinen Mannes +erfahren. Sie ist ungluecklich, dass sie in der Aufregung den Toechtern +Spalatins nichts mitgebracht und sendet ihnen schoen gebundene Buechlein, +ihr gewoehnliches Geschenk[430]. Nochmals nimmt sie die Liebenswuerdigkeit +des Altenburger Pfarrherrn in Anspruch, als sie ihre Bauten in Zulsdorf +ausfuehrt. Weil Spalatin gerade um diese Zeit nach Wittenberg kam, so +giebt sie ihm allerlei Auftraege mit, da Zulsdorf von Wittenberg so weit +weg und naeher bei Altenburg lag und sie wegen der bestehenden +Winterszeit nicht dahin kommen konnte. Da soll er, der ehemalige +Hofmann, bei dem Schoeffer dafuer sorgen, dass sie Eichenstaemme und dicke +Pruegel fuer Bauten bekomme in ihrem neuen Reich. Da empfiehlt sie ihre +Fuhrleute und Handwerker der Fuersorge Spalatins. Und dieser interessiert +sich fuer ihre Zulsdorfer Unternehmungen so sehr, dass ihm Luther +ausfuehrlich ueber all die Missgeschicke schreiben muss, welche seine Frau +mit den saechsischen "Harpyen" hat, welche ihr Bauholz wegstibitzen. +Dafuer schickt die arzneikundige Doktorin dem Herrn Oberpfarrer auch eine +Wurzel gegen den Stein, die sich bei Luther recht wirksam gezeigt +hatten.[431] + +Ein Freund der Familie Luther war auch ihr Gevatter _Hans von +Taubenheim_. An ihn wendet Kaethe sich vertraulich mit wirtschaftlichen +Anliegen. Aber sie nimmt auch Teil an seinem Schicksal, als er 1539, +scheint's, in Ungnade fiel. Luther muss ihm schreiben: "Meine Kaethe laesst +Euch herzlich gruessen und weinet bitterlich ueber Euren Unfall und sagt: +wenn Euch Gott nicht so lieb haette, oder waeret ein Papist, so wuerd er +Euch solch Unglueck nicht geschehen lassen."[432] + +Alle diese Freunde des Lutherhauses lebten auswaerts und waren nur +besuchsweise oder doch voruebergehend in Wittenberg. Die befreundeten +Familien in der Stadt selbst waren die der Amtsgenossen Luthers: die +Professoren Kreuziger, Jonas und Melanchthon und die Pfarrer Bugenhagen +und Roehrer, weniger bedeutend der andere Schlossprediger D. Georg Major, +der Professor des Hebraeischen Matthaeus Aurogallus (Goldhahn), +Melanchthons Busenfreund Paul Eber, D. Hier. Schurf, endlich sein +Bruder, der Hausarzt und Nachbar, Professor Augustin Schurf, dessen Weib +Hanna von Frau Kaethe in der Pestzeit ins Haus genommen und gepflegt +wurde. Sie alle waren vielfach Gaeste in Luthers Haus, namentlich bei der +Bibel-Uebersetzung. In ihrem Kreise liess sich Luther mehr gehen, als an +der Tafelrunde der Tischgenossen, mit "froehlicher Laune und witzigem +Scherzwort"[433]. + +_Kreuziger_, Dr. der heiligen Schrift, Luthers treuer Freund und +"Fuerbund", den er (seit 1528) zu seinem "Elisa", seinem Nachfolger in +der Theologie erlesen hatte, der auch Luthers Testament unterschrieben +hat, war--ausnahmsweise--ein wohlhabender Theologe[434]. Fuer ihn +besorgte Frau Kaethe Auftraege und seine Frau Elisabeth, eine gewesene +Nonne aus Pommern, bringt ihr ein goldenes Messgeschenk, wofuer Luther an +Kreuzigers Frau ein gleiches schickt. Diese, Elisabeth von Meseritz, war +die Dichterin eines Liedes, das Luther in sein Gesangbuch setzen liess. +Es beginnt: + + Herr Christ, der Einige Gottes + Vaters in Ewigkeit, + Aus seinem Herz entsprossen + Gleichwie geschrieben steit. + Er ist der Morgenstern, + Sein' Glanz streckt er so fern + Vor andern Sternen dar[435]. + +Elisabeth starb frueh, so dass Kreuziger zur zweiten Ehe schritt (1530); +mit der Hochzeit wollte er aber Frau Kaethe nicht beschweren und hielt +sie auf Schloss Eilenburg ab, das ihm der Kurfuerst auf Luthers Bitte +dafuer zur Verfuegung stellte. Dagegen ist er eingeladen bei Luthers +Geburtstagsschmaus[436]. + +_Bugenhagen_ oder D. Pommer, der stattliche und wuerdige Propst, +Professor und Stadtpfarrer und geborene General-Superintendent +(1536)[437], war mit seiner pommerschen Gelassenheit ein gar milderndes +Element in dem Lutherischen Hause, dessen Beichtvater er war. So hielt +er auch neben Luther ruhig in der Pestzeit aus. Trotz seines wuerdevollen +Wesens war er doch "im gemeinen Wandel eines liberalischen, froehlichen +und fertigen Gemuets". Er stellte sich von Anfang auf Frau Kaethes Seite. +Er half ihr--nebst dem Kapellan Roehrer--das schoene Glas vor Luthers +Geschenkwut retten. Er hielt sich gar viel im Kloster auf; ja er wohnte +sogar in Luthers Anfechtungen dort[438]. Luthers Briefe gruessen gar oft +in einem Atem: Dr. Pommer und meine Kaethe oder meine Kaethe und Dr. +Pommer. Einmal schreibt er sogar im Hause und Namen Luthers einen Brief +an Spalatin, worin "Dominus mea" ("meine Herr" Kaethe) gruesste. Einen +Brief Luthers an Frau Kaethe sollte in ihrer Abwesenheit Pfarrherr D. +Pommer erbrechen und lesen[439]. Umgekehrt hat Frau Kaethe auch allerlei +an D. Pommer auszurichten, sogar allerlei Theologisches in lateinischen +Wendungen von den Argumenten Zwinglis in Marburg und Kirchenpolitisches +von Augsburg. "Sage D. Pommer", heisst es dann in Luthers Briefen an +seine Frau[440]. Der behagliche Pommer ergoetzte die Freunde gar sehr mit +seinen Spruechen, namentlich in breitem Platt; aber er lachte auch, wenn +der "schwaebische" Pfaelzer Melanchthon sich im Plattdeutschen versuchen +wollte. Im Dezember 1527 erwartet der Propst im Lutherhause die +Niederkunft seiner Frau. Sie und Frau Katharina lagen fast zu gleicher +Zeit in den Wochen: Frau Pommer mit einem Knaeblein, Frau Kaethe mit ihrem +Toechterlein Elsbeth. Bald darauf starben ihr zwei Soehne[441]. 1528 wird +zu Bugenhagens Reise nach Braunschweig von Luthers "Eva" im Kloster ein +Abschiedsmahl gehalten; er wurde aber auch nach Hamburg "geliehen", dann +nach Luebeck, Pommern und Daenemark, und erzaehlte dann daheim, nach der +Landesart gefragt, zum Ergoetzen der "Tafelrunde", dort traenken die Leute +"Oel" und aessen "Schmeer" (d.h. Bier und Butter). Bugenhagen war also +viel weg von Wittenberg, zur grossen Sorge Luthers, der seine +Arbeitslast als Stadtpfarrer und Professor noch dazu uebernehmen musste. +So hatte auch Frau Kaethe gar oft nach dem "Pommerischen Rom" mit seinen +kleinen Weltbuergern in der Superintendur am Kirchenplatz zu sehen[442]. + +Justus _Jonas_, "der Rechte Licentiat und Erfurter Kanonikus" nachher +(1521) Professor, D. der Theologie und Propst des Allerheiligenstiftes, +nahm im Lutherhause eine aehnliche Stellung ein, wie Bugenhagen. Nur +hatte er in seinem Wesen nicht die stoische, gesunde Ruhe des D. Pommer. +Er war vielmehr kraenklich und etwas erregt, ein lebhafter Sprecher, +"unser Demosthenes", der lieber redete als schrieb; denn er "drohte" nur +Briefe zu schreiben, fuehrte es aber nicht aus, wie Luther scherzt. Die +Familie wohnte in der Fischervorstadt, hatte auch Garten und Weinberg. +Waehrend der Pest 1527 und wieder 1535 zog Jonas mit Weib und Kind in +seine Vaterstadt Nordhausen bezw. nach Jena. Er war bei den +Verhandlungen in Augsburg, Marburg, Frankfurt, Schmalkalden u.s.w. viel +abwesend von Wittenberg, so dass Luther viele und haeufige Briefe an ihn +zu schreiben hatte, in denen Frau Kaethe mit Gruessen, Auftraegen und +Mahnungen und dgl. sich hoeren laesst. Umgekehrt gruesst auch Jonas die Frau +Doktorin, Muhme Lene, Haenschen, Lenchen--und sendet seinem Paten einen +silbernen Johannes, d.h. einen Joachimsthaler (Gulden) mit dem Bildnis +des Kurfuersten Johann[443]. Jonas hatte sich schon 1522 verheiratet mit +Katharina von Falk. Sie hatte eine grosse Kinderschar (1530 schon 5 +Soehne), aber viele starben jung; bekannt sind davon Jost, Christoph, +"Sophiela", "Elisabethula", auch eine Grossmutter lebte im Haus und +erhielt von Luther Gruesse[444]. Frau Kaethe Jonas war eine muntere, +heitere Frau. Von ihr meldete im Sommer 1529 der Wittenberger +Stadtschreiber Baldunai: "Ich hab' Melanchthon mit der Proepstin tanzen +sehen! Es ist mir wunderlich gewesen." Auch Luther richtet an sie +gelegentlich einen scherzhaften Brief als der "Ehrbaren, Tugendsamen +Frauen Kathrin Dokterschen Jonischen, Propstin zu Wittenberg, meiner +guenstigen Freundin und lieben Gevatterin" und schliesst: "meine Kaethe und +Herr zu Zulsdorf gruesset Euch alle freundlich."[445] + +Mit der "Jonischen" Familie war die Lutherische eng befreundet, +namentlich die beiden Kaethen waren aufs innigste mit einander verbunden, +sie waren stets ein Herz und eine Seele: die lebhafte thatkraeftige +Lutherin war offenbar recht angezogen von der froehlichen Natur der +Propstin. Aber auch den redegewandten Propst mochte die Frau Doktorin +gerne leiden. Nach Augsburg schickt sie in einem Brief an ihren Herrn +Martinus ein Billet ("Zedula"), worin sie von der Geburt eines Jonischen +fuenften Sohnes berichtet[446]. Als die Propstfamilie waehrend der Pest +mit der Universitaet auch in Jena weilt, bestellt die "Erzkoechin" bei +Jonas fuer einen Thaler allerhand Gefluegel und Wildbret zu einem +Doktorschmaus und will ihn mit einem guten Sud von ihrem gesunden und +heilsamen Bier nach Wittenberg locken. Dagegen warnt sie ihn, sich von +der "Guete des Weins" bei Spalatin beruecken zu lassen, wodurch der Leib +so rauch und scharf von Steinen werde, wie die Weinfaesser, wenn sie +ausgetrunken sind. Mit dem Bier wusste Frau Jonas nicht so wohl Bescheid +wie Frau Lutherin; denn dasjenige, das sie Luther einmal schickte, war +verdorben. Angenehmer als dieses Geschenk waren der Wein, die Quitten +und Aepfel u.a., welche Jonas von seinen Reisen oder aus Halle +sandte[447]. Als Frau Kaethe zu Anfang des Jahres 1540 schwer erkrankte, +da schrieb Jonas manchen betruebten Brief voll aufrichtiger Teilnahme und +Sorge. "Wenn mein Brief so truebselig ist, so ist die Trauer schuld um +die hochgeschaetzte Frau, weil sie so krank darniederliegt." Und er freut +sich "dann, als [Griechisch: hae gynae] des Herrn D.M. Luther durch +goettliche Wunderkraft wieder gesundet." Im Fruehjahr 1541 zog Jonas nach +Halle, um dort trotz des Bischofs "mit Volk und Rat" die Reformation +durchzufuehren[448]. Da sich dieser Aufenthalt, wie es den Anschein +bekam, lange hinausziehen sollte, so zog im Herbst die Frau Propstin +ihrem Manne nach, waehrend der Sohn Tischgenosse im Lutherhause werden +sollte. Sie verabschiedete sich so eifrig und eilig, dass sie sogar +vergass, Briefe von Luther mitzunehmen und dieser samt seiner Frau sie +neckte mit ihrer Liebessehnsucht. Leider sollten sie die Freundin nicht +mehr sehen. Nicht lange nach ihres lieben Toechterchens Lenchen Tod +verlor Frau Kaethe auch ihre beste Freundin. Sie starb in Halle um +Weihnachten 1542, indem sie "mit gar frommen und heiligen Worten ihren +Glauben bezeugte." Frau Kaethe war ganz weg bei der Trauerkunde[449]. + +Etwas weniger herzlich scheint das Verhaeltnis zur Familie Melanchthon +gewesen zu sein. Die beiden waren fast Gartennachbarn und wie die +Maenner, so werden auch die Frauen sich an dem Gartenzaun und in ihren +Gaerten und Haeusern doch vielfach begegnet sein. Die Kinder spielten mit +einander, wie aus dem Maerchenbrief Luthers ersichtlich ist, und Luther +schreibt dem aengstlichen Magister waehrend seiner Abwesenheit genau alle +Vorkommnisse unter den Kindern[450]. Aber auffaellig ist doch, dass in +all' den vielen (3000) Briefen Luthers die Gattin seines Kollegen +ausdruecklich niemals erwaehnt ist. Frau Kaethe Melanchthon war der +temperamentvollen Doktorin wie dem Doktor nicht so sympathisch als die +Frau Kaethe Jonas. Sie fuehlte ihren Gemahl und sich nach den Epigrammen +des Lemnius, aber auch nach den Andeutungen Kreuzigers ueberall +zurueckgesetzt und in den Schatten gestellt durch Luther und die +Doktorin. Die wohlhabende Buergermeisterstochter und das arme +Edelfraeulein standen sich wohl von Anfang an gegenueber, nochmehr aber, +als die fremde Nonne den gewaltigen Doktor, den ersten Mann der Stadt, +ja der Welt zum Gemahl bekam. Zur Erklaerung der Stimmung von Frau +Melanchthon muss wohl auch auf die bestehende Kleiderordnung verwiesen +werden, welche derjenigen von 1572 aehnlich gewesen sein wird. Die +Doktorsfrauen durften darnach eine guldene unverfuetterte Haube tragen, +und so ein alt Kleid zu kurz wird, es mit Sammet- und Seidegebraem +verlaengern--die _Magisters_frauen nicht, und Frau Melanchthon war blosse +Magisterin. Ferner durften Doktoren 8 Tische, Magister bloss 6 Tische bei +Hochzeiten haben; letztern waren auch Roecke, Barett oder Schlaepplin aus +Sammet und Seide verboten[451]. + +Es traten sogar einmal Missstimmungen Luthers gegen Melanchthon ein, +welche sich natuerlich auch auf die beiderseitigen Frauen uebertrugen. + +Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, ein Humanist und Poet, hatte Luthers +alten Gegner, den Kardinal-Erzbischof Albrecht, der sich gern als Maecen +aufspielte, als seinen Goenner gefeiert, und bei seiner Hochzeit mit +Melanchthons Toechterlein (1536) war der erzbischoefliche Kanzler Tuerk zu +Gast, ja Sabinus lebte eine zeitlang an Albrechts Hofe. Um diese Zeit +machten auch andere roemische Kirchenfuersten den Versuch, Melanchthon auf +ihre Seite zu bringen. Luther zuernte ueber die "Erasmischen Vermittler", +wenn er auch nicht glaubte, Melanchthon werde ein zweiter Erasmus +werden. Die Anhaenger Luthers, Cordatus und Schenk, gingen aber schaerfer +gegen Melanchthon vor und dieser scheute sich in seiner aengstlichen Art +vor einer offenen Aussprache mit Luther. Kaethe haette gerne eine +freundschaftliche Auseinandersetzung der beiden alten Freunde gewuenscht; +die "Doktorin" beklagte die Entfremdung derselben, sprach dies auch +gegen Kreuziger und andere Freunde aus, in der Hoffnung, eine +Auseinandersetzung herbeizufuehren. Aber dem widersetzte sich die +"Weibertyrannei" der Frau Melanchthon[452]. + +Jetzt kam noch etwas anderes hinzu. 1537 geriet ein gewisser M. Simon +Lemchen (Leminus) nach Wittenberg, der war ein Freund und +Gesinnungsgenosse des Sabinus, formgewandt, aber auch charakterlos wie +dieser. Fuer diesen Schoengeist verwendete sich Melanchthon um ein +Stipendium bei dem Rat von Augsburg, weil er zum Teil in Augsburg +erzogen war und diese loebliche Stadt fuer sein Vaterland hielt. Er bekam +auch wirklich eine Unterstuetzung von 20 fl. Damals kam auch Sabinus nach +Wittenberg und verkehrte viel mit seinem Freunde[453]. + +Zu Pfingsten 1538 nun hat Lemnius, der "ehrlose Bube etliche Epigrammata +ausgehen und sogar an den Kirchthueren verkaufen lassen, ein recht +Erzschund-, Schmach- und Luegenbuch, wider viel ehrliche Manns- und +Weibsbilder, dieser Stadt und Kirchen wohl bekannt." Natuerlich machte +das Buechlein in der kleinen Stadt das peinlichste Aufsehen und erregte +haessliche Geschwaetze. Melanchthon hatte als Rektor die Zensur ueber +litterarische Erscheinungen von Universitaetsangehoerigen zu ueben. Daher +erhob sich gegen ihn der Verdacht, dass er mit Absicht die boese Schrift +habe drucken lassen. Aber Luther ueberzeugte sich bald, dass es "hinter +Wissen und Willen derer, so es befahlen ist zu urteilen", ausgegangen +war. Und so beruhigte sich auch die Frau Doktorin bald wieder. Der +"Poetaster und Leuteschaender" Lemnius fluechtete und wurde relegiert, +raechte sich aber durch ein unflaetiges Schmaehgedicht auf Luthers und +Kaethes Ehe, wie auf andere Professorenfamilien in Wittenberg [454]. Das +gute Einvernehmen der beiden Familien stellte sich bald wieder her. Frau +Kaethe laesst nach wie vor dem abwesenden Magister Philipp ehrerbietig +Gruesse zusenden und dieser versaeumt nicht nach wie vor "Luthers +hochverehrte Gemahlin und suesse Kinder zu gruessen". Ja das Verhaeltnis zu +ihm zeigt sich nach diesem Vorkommnis noch viel freundlicher [455]. Sie +laesst dem Magister besonders nachdruecklich danken, dass er ihren Doktor +nicht mit nach Schmalkalden--schlimmen Angedenkens--mitgenommen hat. Sie +versichert ihn ihrer ganz besonders warmen Liebe und Zuneigung. Als +Melanchthon wegen der hessischen Ehegeschichte toedlich erschrocken +darniederlag, heisst sie ihn tapfer und "froehlich" sein und versichert +ihn mit ihrem Gatten ihrer aufrichtigen Liebe und verspricht, eifrig und +kraeftig fuer ihn zu beten. Nach Worms laesst sie ihm melden, sie siede eben +fuer ihn Wittenbergisch Bier, um ihn und seine Genossen damit zu +empfangen. Und M. Philipp laesst sich auch sorglich ueber ihr Wohlergehen +berichten und waere sehr beunruhigt, wenn er hoeren muesste, es ginge der +Frau Doktorin uebel. An Luthers Todestag noch sendet er in ihrem Auftrag +nach Eisleben Nachrichten und Arzeneien[456]. + +Eine gewiss noch rascher voruebergehende Verstimmung trat 1544 ein infolge +eines Vorwurfs, den Frau Kaethe Melanchthon machte und den der +empfindliche Meister Philipp wohl zu schwer nahm; sie sagte naemlich, man +glaube, er bevorzuge seine schwaebischen Landsleute vor den Sachsen. Das +konnte doch weder so ernst gemeint noch genommen werden, wenn er auch in +einem Brief an Freund Jonas die [Griechisch: despoina] (Herrscherin) +darueber verklagt[457]. + +Den Verkehr dieser Hausfreunde mit Frau Kaethe kennzeichnet ein Brief, +den dieselben von Augsburg aus 1530 an die Doktorin geschrieben haben; +es ist der Ton achtungsvoller Freundlichkeit mit einem Anflug von +Lutherschem Humor; zugleich aber ein Beweis, wie geschaeftstuechtig Frau +Kaethe war, dass Melanchthon sogar oekonomische Auftraege ihr gab, statt +seiner eigenen Gattin, die er wohl auch fuer weniger schreibfertig halten +musste, als die Lutherin. Der Brief lautet samt der Adresse so[458]: + +"Der ehrbaren tugendsamen Frau Katharina Lutherin Doktorin, meiner +besonders guenstigen Freundin. + +Gottes Gnad' und alles Gute! + +Ehrbare, tugendsame Frau Doktorin! + +Ich fuege Euch zu wissen, dass wir nun, Gott gebe Gnad, bis gen Augsburg +kommen sind und haben den Herrn Doctor zu Coburg gelassen, wie er ohn +Zweifel Euch geschrieben hat. Ich hoff aber, in kurz bei ihm zu sein. +Bitt Euch, Ihr wollet mir schreiben, wie es Euch geht und wie sich der +Hauptmann Korns halber erzeiget hat. Womit ich Euch dienen kann, will +ich mit allem Fleiss, wie ich mich schuldig erkenne, solches thun und +ausrichten. + +Beide Kanzler[459] gruessen Euch und wuenschen altes Gute. Gott bewahre +Euch! + +Datum Augsburg, Mittwoch nach Walpurgis. Philippus. + +Herzog Georg von Sachsen soll morgen kommen. Der Kaiser ist noch ferne, +kommt aber. + +Liebe Gevatter! Auch ich wuensche Euch, Haenschen Luther und Magdalenchen +und Muhme Lene viel selige Zeit. Pusset mir in meinem Namen meine +liebsten Jungen. + +J. Jonas. + +Ich, Johann Agricola Eissleben, mein es auch gut, meine liebe Frau +Doktorin." + +Wie hier im Brief, so massen sich an Kaethes Tisch die Freunde an der +theologischen Tafelrunde im Redewettkampf um den Preis des kuerzesten +Tischgebets. Da zeigt sich nun Luthers Sinnigkeit, Bugenhagens +hausbackenes Behagen und Melanchthons zierliche Feinheit in den Spruechen +Luthers: Dominus Jesus sit potus et esus (der Herr Jesu sei Speis' und +Trank); Pommer: "Dit und dat, traeg und natt, gesegen uns Gad"; und +Melanchthons: Benedictus benedicat (der Gesegnete segne)[460]. + +Ausser den beiden Frauen der Kollegen Jonas und Melanchthon wird +Katharina wohl vorzueglich mit Frau Barbara Kranach verkehrt haben und +Frau Buergermeister Reichenbach, ihrer Pflegemutter, beide aeltere +Matronen, und ebenso mit der Familie des Buchdruckers Hans Lufft. +Selbstverstaendlich gehoerte die Gemahlin des Doktors zu den vornehmen +Kreisen, ja sie war bei weitem die angesehenste Frau Wittenbergs und es +entspricht ihrer Stellung, wenn Meister Lukas sie auf dem Altarbilde der +Stadtkirche mit ihrem Kinde in der vordersten Reihe malt. Sie trug auch +das feine goldschimmernde Pelzwerk um die Schultern oder in Streifen am +Kleid, das die Patrizierin auszeichnet. Ein gewisses Selbstgefuehl laesst +sie auch verschiedentlich durchblicken. So laesst sie einen Freund ihres +Mannes "warnen, beileibe keinen Bauernkloppel zur Ehe zu nehmen; denn +sie sind grob und stolz, koennen die Maenner nicht fuer gut haben, koennen +auch weder kochen noch keltern". Daneben freilich ging sie mit andern +Frauen (in der Weise unserer heutigen Frauenvereine) kranken Weibern und +Woechnerinnen mit Rat und That an die Hand[461]. + +Aber man versteht es auch, dass eine Frau von der Anlage und dem +Temperament und Bildung Katharinas mehr auf den Umgang mit Maennern +hielt, und dass dieser Umgang, zu dem sie so viel Veranlassung und +Gelegenheit hatte, sie wenig geneigt machte, sich viel in weiblicher +Gesellschaft zu bewegen. + +Freunde um sich zu haben, war Luther ein Beduerfnis. Er hasste die +Einsamkeit aus Furcht vor "Anfechtungen"--musste er doch in den +Nachtstunden dem Teufel genug Rede stehen. "Ehe gehe ich zu meinem +Schweinehirten Johannes und zun Schweinen, denn dass ich allein bliebe", +sagt er zum Exempel fuer einen Angefochtenen. So war er auch stets in +Gesellschaft, wenn er spazieren fuhr[462]. + +Bei der Bibeluebersetzung (1525-34) und der Bibelrevision (1539-42) kamen +die Gehilfen Luthers, Melanchthon, Bugenhagen, Jonas, Kreuziger, +Aurogallus und der Schnellschreiber und Korrektor Roehrer zum +evangelischen "Sanhedrin" zusammen, und nachher blieben sie oft zu +Tische da, disputierten weiter, oder erholten sich auch an heiterem +Gespraech und Gesang. + +So war der Gasttisch in Kaethes Haus nimmer leer--dafuer sorgte Luther. + +Aber auch ihm persoenlich und besonders widmete sie als echte deutsche +Frau ihr Leben. + + + + +14. Kapitel. + +Kaethe und Luther. + + +"Das ist ein seliger Mann, der eine gute Ehe hat. Denn es ist kein +lieblicher, freundlicher noch holdseliger Verwandtnis, Gemeinschaft und +Gesellschaft, denn eine gute Ehe, wenn Eheleute mit einander in Frieden +und Einigkeit leben. Die hoechste Gnade Gottes ist, ein fromm, +freundlich, gottesfuerchtig Gemahl haben, mit der du friedlich lebest, +der du darffst all dein Gut und was du hast, ja dein Leib und Leben +anvertrauen." So preist Luther die Ehe, und _seine_ Ehe und seine +Gattin, die ihm das Wesen und das Ideal des Ehestandes vor Augen fuehrte +und verwirklichte. Sie bereitete ihm ein schoenes Heim, einen gluecklichen +Hausstand, sie wartete und pflegte ihn treulich und diente ihm "wie eine +Ehefrau, ja wie eine Magd"[463]. + +Kaethe sorgte vor allem fuer ihres Herrn Doktors leibliches Wohl in +gesunden und kranken Tagen[464]. + +Die "Erzkoechin" verstand den leiblichen Beduerfnissen ihres Mannes +gerecht zu werden; sie wusste, was seinem Geschmack entsprach und was +seiner Gesundheit zutraeglich war. Luther wusste auch, was das heisst, und +dass "das ein gemarterter Mann sei, dess' Weib und Magd nichts wissen in +der Kueche: es ist das erste Unglueck, woraus viele Uebel folgen." Aber +auch das Gesinde thut's nicht, sondern, wie Luther in sein Hausbuch +schreibt: "Der Frauen Augen kochen wohl."[465] + +Luther liebte, als ein echtes Bauernkind und mit gesundem Appetit +gesegnet, recht derbe Hausmannskost. Ueppige Speise machte ihm +Beschwerden. Er lobte sich eine reine, gute, gemeine Hausspeise: +Brathering und Erbsen war ihm ein Lieblingsgericht[466]. Aber seine +Gattin erkannte bald, dass dem Doktor bei seiner sitzenden Lebensweise, +bei seiner angestrengten geistigen Thaetigkeit und namentlich, weil er in +den Tagen seines unnatuerlichen Kloster- und Junggesellenlebens seine +Natur sehr verdorben hatte und durch Verdauungsstoerungen an schweren +Schwindelanfaellen litt,--dass diese derbe Kost ihm wenig zutraeglich sei +und sie namentlich mit anderer Pflanzenkost, besonders Obst, nachhelfen +muesse, und ueberhaupt war sie auf Wechsel in der Speise bedacht[467]. So +hatte sie denn in ihrer Speisekammer, in Keller und Speicher nicht nur +Erbsen und Hirsen, Gruetze, Graupen und Reis vorraetig, da gab es auch +Kraut, Kohl, Mohren, Rueben und Obst; die einheimischen Mispeln liebte +Luther mehr denn alle welschen Feigen, und die Pfirsiche schaetzte er +besonders hoch und fast den Weintrauben gleich. Da wurden im Kloster +nicht nur Ochsen und Schweine geschlachtet, auch Gaense und Enten, +Huehner, Tauben und Krammetsvoegel, frische und duerre Fische und Krebse +kamen als Leckerbissen auf den Tisch. Wildbret war Hochzeitsbraten; +Luther fand es aber mit seinem schwarzen Fleisch zu "melancholisch". +Zwar hielt Kaethe selber Rinder und Huehner, pflanzte allerlei Frucht und +Gemuese, zog Obst, buk das taegliche Brot und sott Bier; aber vieles musste +noch dazu gekauft werden, oder man erhielt es geschenkt, namentlich +sorgte der Hof fuer Wildbret und die Freunde fuer schoenes Obst: +Borsdorfer, Gold- und Blutaepfel. Frau Kaethe aber wuerzte die Speisen mit +Salz, Pfeffer, Safran, mit Mohn, "Zippel" (Cipola, Zwiebel), +Petersilien, Kuemmel und Karbey, schmaelzte mit Butter und suesste mit Honig +und Zucker. Zum Nachtisch war immer Obst da: Aepfel, Birnen, Pfirsiche +und Nuesse; in der Kirschenzeit hing auch ein Kirschenast ueber der +Tafel[468]. + +Daher schmeckte dem Doktor nichts besser als seine hausgemachten Speisen +und Getraenke und nirgends ist es ihm wohler, als daheim an seinem +wohlbestellten Tisch. Lieber als die gepressten Kaese, welche Lauterbach +fern aus Pirna herschickt, sind ihm "unsre Kaese von einfachem Stoff und +einfacher Form". Das von Jonas geschenkte Bier findet er schlecht, +waehrend er jenem das Bier von seiner Kaethe anpreist als ein erprobtes +Heilmittel gegen das Steinleiden; ja er nennt es geradezu die "Koenigin +aller Biere". Bei Hof gedenkt er an seinen "freundlichen lieben Herrn" +Kaethe, wie gut Wein und Bier daheim habe; dort muesse er einen boesen +Trunk thun oder von den dicken schweren Brot essen, das ihm so schlecht +bekomme[469]. + +Und wie sehnte sich Luther immer von den Unbequemlichkeiten der Reise +und fremder Herberge nach seinem gemuetlichen Heim und dem behaglichen +warmen Bett! + +Kaethe befolgte also die alte Regel, welche Luther so gerne jungen +Ehefrauen einschaerfte: "Halt dich also gegen deinen Mann, dass er +froehlich wird, wenn er auf dem Wiederwege des Hauses Spitzen +sieht."[470] + +Freilich hatte Frau Kaethe auch in Beziehung auf die Verkoestigung ihres +Gatten mit dessen Eigensinn zu kaempfen, denn der Doktor genoss oft +mehrere Tage lang gar nichts, oder er ass nur einen Bratfisch und ein +Stueck Brot; wenn er ganz ungestoert studieren wollte, nahm er einen +Bissen Brot und zog sich in sein Studierstueblein, seine alte +Moenchszelle, ein und kam gar nicht zum Essen und--zum Schlafen. So +schloss er sich einmal, um den 22. Psalm zu erklaeren, mit Brot und Salz +ein und kam drei Tage nicht zum Vorschein. Da wurde Frau Kaethe doch +aengstlich zu Mute, sie pochte und rief an der Thuer. Keine Antwort. Sie +liess nun den Schlosser kommen und die Thuere aufbrechen. Da rief er +unwillig: "Was wollt ihr? Meint ihr, es sei was Schlechtes, was ich +vorhabe? Weisst Du nicht, dass ich muss wirken, so lang es Tag ist; denn es +kommt die Nacht, da niemand wirken kann!" Ein andermal (1541) hatte sie +ihre liebe Not mit dem eigensinnigen Patienten, der bei seiner +"Anfechtung" vierzehn Tage nicht schlafen konnte und nichts essen und +nichts trinken wollte[471]. + +Freilich zu anderer Zeit war Luther auch aufgelegt zu einem festlichen +Schmaus oder einem kleinen Gelage im Freundeskreise, denn er meinte: +"Darf unser Herrgott grosse Hechte und Rheinwein schaffen, so darf ich +sie auch essen und trinken; es ist dem lieben Gott recht, wenn du einmal +aus Herzensgrund dich freuest oder lachest." Da wusste nun Frau Kaethe +ihrem Manne den Geburtstag, den Doktorstag, den Thesentag u.a. festlich +zu schmuecken. "Das Koenigreich" wurde am 3. Mai mit einem Mahle gefeiert, +"da wurden Psalmen gesungen, Evangelien gesagt, der Katechismus, Gebete, +wie einem jeglichen aufgelegt war; darauf musste das Hausgesinde +antworten." An St. Niklas wurden die Kinder beschenkt; am Neujahr auch +das Gesinde. Besonders aber Weihnachten wurde festlich begangen und die +Kinder freuten sich darauf und die Eltern mit ihnen. Frau Kaethe aber +sorgte dafuer, dass allerlei Gutes und Schoenes ins Zimmer und auf den +Tisch kam[472]. + +Ganz vorzueglich bewaehrte sich aber Frau Kaethe als Krankenpflegerin. Da +zeigte sie alle ihre Erfahrung, Geschicklichkeit und Energie. Und was es +alles fuer Krankheiten in einer so grossen Familie gab, laesst sich denken. +Da waren nicht bloss die Kinder und Schueler, welche allerlei +Kinderkrankheiten, zum Teil toedliche, durchmachten; da schleppte Luther +noch alle kranken Freunde und Freundinnen ins Schwarze Kloster, so dass +es nach seinem eigenen Ausdruck oft genug ein "Spital" war[473]. + +Der langwierigste und schwierigste Patient war freilich der Doktor +selber[474]. Krank war er eigentlich von Anfang an, und immer neue +Krankheiten kamen zu den alten: Ruhr, Fieber, schmerzliche +Hautausschlaege und Geschwuere, Rheuma, Hueftenweh und Brustbeschwerden. Er +hatte insbesondere einen boesen Pfahl im Fleisch: den Stein, der ihn wie +"Faustschlaege des Satans" plagte; sodann verursachten ihm seine +Verdauungsstoerungen Beengungen, Blutandrang nach dem Haupt, Kopfweh, +Ohrensausen und Schwindel, Kraempfe und Ohnmachten: Anfaelle, vor denen er +als "Anfechtungen des Teufels" sich heftig fuerchtete und die ihn oft mit +tiefer Schwermut erfuellten[475]. Da galt es, eine geduldige und +froehliche Krankenpflegerin sein. Und Frau Kaethe verstand ihren Patienten +zu behandeln, besser als die grossen Doktoren, die Herren Aerzte; sie +wusste, wie man den Kranken behandeln musste mit Nahrung und +Arzneimitteln; sie hielt ihn vom Wein ab und sott ihm leibreinigendes +Bier; sie rieb ihm das Bein mit heilkraeftiger Salbe und Aquavitae ein und +erwaermte ihm den Leib mit heissen Tuechern: sie erquickte ihn mit +Kraftkuechlein und allerlei Saeften; sie kannte eine wirksame Wurzel gegen +den Stein und zahlreiche Hausmittel: sie schabte ihm Bernstein von einem +alten Rosenkranz und loeste ihm die weissen Bernsteinstueckchen auf, welche +der Herzog von Preussen als Mittel gegen den Stein schickte[476]. Nach +dem Zeugnis ihres Sohnes, des nachherigen beruehmten Arztes Paul Luther, +war sie eine halbe Doktorin. Dieser sagte in seiner Antrittsrede zu +seiner Professur in Jena: "Meine Mutter hat nicht allein in +Frauenkrankheiten durch Rat und Heilung vielen geholfen, sondern auch +Maenner oft von Seitenschmerzen befreit."[477] Ihr vertraute sich daher +Luther auch lieber an, als "unsers Herrgotts Flickern", den Aerzten und +den Apothekern. Als Luther zu Schmalkalden toedlich erkrankte und die +Aerzte ihm Arzneien gaben, "als ob er ein grosser Ochs waere", und der +schwaebische Carnifex (Schinder, Folterknecht) meinte: "Ei, lieber Herr +Doktor, Ihr habt einen guten, starken Leib, Ihr habt wohl noch +zuzusetzen; Ihr muesst, bei Gott! leiden, wenn man Euch angreift"--da +dachte er an seine Hausfrau und ihre wohlthuenden Hausmittel und +begehrte, trotz aller Schrecken solcher Fahrt, nichts wie heim[477]. + +Luther hatte den Grundsatz: "Ich esse, was mir schmeckt und leide +darnach, was ich muss. Ich frage auch nach den Aerzten nichts; will mir +mein Leben, so mir von ihnen auf ein Jahr gestellt ist, nicht sauer +machen, sondern in Gottes Namen essen und trinken, was mir schmeckt." So +berichtet der Arzt Ratzeberger, Leibarzt der Kurfuerstin Elisabeth von +Brandenburg, der mit ihr nach Wittenberg floh, dann des Grafen von +Mansfeld und zuletzt des Kurfuersten von Sachsen Leibarzt--auch zu Zeiten +Luthers eigener Arzt[478]: + +"Da D. Luther zum erstenmal am Calculo (Stein) krank war, so war ihm der +Appetit entgangen und scheute sich auch sonsten vor gemeiner Arzenei aus +der Apotheke. Zudem hatte er grosse koerperliche Schmerzen und gar keine +Ruhe. Als er nun weder essen noch trinken konnte und alles, was ihm +seine Hausfrau aufs beste und fleissigste zugerichtet, von sich schob, +bittet sie ihn aufs fleissigste, er wolle doch selbst eine Speise +erwaehlen, dazu er moechte Lust haben. "Wohlan", spricht er, "so richte +mir zu einen Brathering und ein Essen kalter Erbsen mit Senf, weil du ja +willst, dass ich essen soll, und thue solches nur balde, ehe die Lust mir +vergeht; verzeuchst du lang, so mag ich hernacher nicht." Die Frau +thuet, wiewohl mit grossen Sorgen, was ihr Herr befohlen, und richtet das +Essen zu, so geschwinde sie vermochte, und setzte es ihm vor. Als er nun +mit grosser Lust davon isset, besuchen ihn die Aerzte--seine Medici +waren Augustin Schurf und Lic. Melchior Fend--ihrer Gewohnheit nach und +wollen sehen, wie sich die Krankheit anlasse. Da sie ihn nun essen +sahen, entsetzten sie sich vor dieser Kost, welche sie ihm schaedlich und +ungesund achteten. "Ach, was thut Ihr doch, Herr Doktor", sagte Lic. +Fend, "dass Ihr Euch wollet selber noch kraenker machen!" D. Luther +schwieg ganz stille und ass immer fort und hatte ein Mitleiden ob der +Medikorum Traurigkeit, die so hart fuer ihn sorgten. Bald nachdem sie +Urlaub von ihm genommen und nunmehr gedachten, er wuerde gar eine +toedliche Krankheit erwecken, kommt ein grosser Stein von ihm, dessen sie +vorher nicht an ihm gewohnt waren und war Lutherus wieder gesund. Des +andern Morgens besuchten sie ihn und vermeinten ihn krank im Bette zu +finden; da sahen sie ihn aber in seinem Schreibstueblein ueber den Buechern +sitzen, dessen sie sich hoch verwundern." + +Aber Frau Kaethe wusste ihren Mann nicht nur durch Speise und Arznei zu +erquicken, sondern auch aufzurichten und zu troesten. + +Wenn er verstimmt war oder gar seine "Anfechtungen" hatte, so lud die +kluge, verstaendige Frau heimlich den Dr. Jonas zu Tische, dass dieser ihn +mit frohen Gespraechen aufheiterte; sie wusste naemlich, dass ihn niemand +durch Gespraech besser aufzumuntern verstand; oder sie liess Bugenhagen +gar im Kloster wohnen und nahm seine Frau, die ihrer Niederkunft +entgegensah, dazu[479]. + +Nicht nur, um ihre Bauerei und Landwirtschaft zu besorgen, hielt Frau +Kaethe ein Fuhrwerk, sie liess auch oft ihre Pferde anspannen und ihren +Gatten mit seinen Freunden spazieren fuehren, in ein "Holz" und auf die +Felder, um sich zu erlustieren, wo er dann froehlich wurde und sogar +Lieder sang; oder er fuhr ueber Land in die Doerfer, wobei er die Armen +beschenkte[480]. + +Diesen Beruf der Frau Doktorin, dem grossen Reformator Leben und +Gesundheit und Geistesfrische zu erhalten, zum Segen der Kirche, +erkannte besonders der feine Capito an und spricht es aus in den Worten +an Luther: "Ich liebe sie von Herzen als diejenige, welche dazu geboren +ist, Deine Gesundheit aufrecht zu halten, damit Du desto laenger der +unter Dir geborenen Kirche, d.h. allen Christglaeubigen zum Heile dienen +kannst."[481] + +Doch nicht bloss als treffliche Koechin und ausgezeichnete +Krankenpflegerin stand Frau Kaethe ihrem Gatten bei, wie er es von dem +Eheweib verlangt, "dass sie ihres Mannes Unfall, Krankheit und Unglueck +tragen zu helfen, schuldig sei"; sie war ihm auch "ein freundlicher, +holdseliger und kurzweiliger Gesell des Lebens"; in diesem Sinn nennt er +sie "Hausehre", dass sie des Hauses Ehre, Schmuck und Zierde waere[482]. + +Ueber den Verkehr mit der Ehegattin spricht sich Luther bei der +Auslegung von 1. Moses 26, 8 aus, wo Isaak und Rebecca scherzen. "Das +ist ein ehrlicher Scherz, so einem frommen Weibe wohl ansteht. Wenn der +Hausherr mit seiner Schwester oder Gesinde dermassen scherzen wollte, das +wuerde ihm nicht wohl anstehen. Denn da gehoert sich, dass man sie heisse, +was sie thun und lassen sollen, und da soll Ernst dabei sein, auch wenn +man sie troestet. Aber mit der, die mir Gott zugefueget hat, will ich +scherzen, spielen und freundlich reden, auf dass ich mit Vernunft und +Bescheidenheit bei ihr leben moege."[483] + +So wusste auch Katharina selbst ihren Gatten zu unterhalten, selber einen +Scherz zu machen und noch mehr Scherz und Neckerei ihres Eheherrn +auszuhalten. Und auch den Freunden und Gaesten weiss sie so zu begegnen. +Den Bremer Pfarrer Probst laesst sie fragen, ob die Nordsee ausgetrocknet +sei, dass es keine Fische gebe. Als D. Speratus eine Menge Fische schickt +durch den hochgewachsenen Cario, sagte sie zu Luther: "Ein grosser +Bischof hat mir ein grosses Fass geschickt." "Und zwar durch einen grossen +Mann, unsern Charon", setzte Luther hinzu. "Ja, heut ist alles gross!" +meinte sie darauf[484]. + +In Luthers eigener sinniger Art, aber mit wirkungsvollem Handeln wusste +sie ihrem Gemahl entgegenzutreten. Da war er einmal in einer Anwandlung +von Schwermut, an Gott und der Welt verzweifelnd, fortgegangen. Als er +heimkehrte, trat ihm Frau Kaethe entgegen im schwarzen Trauergewand und +den Schleier tief im Gesicht. Erschrocken rief er: "Um Gotteswillen, +Kaethe, was ist geschehen?" "O, Herr Doktor, ein grosses Unglueck", +erwiderte sie; "denket nur, unser lieber Hergott ist gestorben, des bin +ich so traurig." Da fiel Luther seinem Weibe um den Hals und rief: "Ja, +liebe Kaethe, that ich doch, als waer' kein Gott im Himmel mehr!" Und so +gewann er neuen Mut, dass er die Traurigkeit ueberwand[485]. + +Nicht nur Luthers Verstimmungen und Anfechtungen wusste Frau Kaethe +aufzuheitern, sondern auch den gewaltigen Willen des bei aller +Gutmuetigkeit eigensinnigen und starrkoepfigen Mannes zu brechen, +namentlich wenn es galt, ihn zu seinem eigenen Besten zur Ruhe und +Erholung zu bewegen. "Mein Kopf ist eigensinnig, wie ihr sagt", schreibt +er einmal an Melanchthon, "aber mir ist er eigensinnigissimmum, weil +mich der Satan so wider Willen zu feiern und Zeit zu verderben zwingt." +Die kluge Frau aber verstand es, nach seinem eigenen Gestaendnis, ihn zu +ueberreden, so oft sie wollte[486]. + +Dagegen verwahrt sich Luther gegen den Verdacht, dass er sich in +theologischen oder kirchlichen Dingen durch seine Frau bestimmen lasse. +Dennoch wurde das geglaubt und ihr namentlich ein schlimmer Einfluss +zugetraut gegen gewisse Personen; so schreibt z.B. Kreuziger an Veit +Dietrich, der Frau Kaethe an sich nicht hold war: "Du weisst, dass er +(Luther) zu vielem, was ihn entflammt, eine Fackel im Hause hat." +Namentlich bei seinem Streit mit den Juristen glaubten die Wittenberger +die persoenliche Abneigung seiner Frau gegen gewisse Persoenlichkeiten +dahinter zu wittern[487]. + +In einer so kleinen Stadt und bei den oft so kleinlichen Reibereien der +Gelehrten und ihrer Frauen, ist ein solcher Klatsch auch begreiflich, so +grundlos er auch sein moechte. Wir haben darueber eine sehr lebhafte und +anschauliche Schilderung eines Augenzeugen. Am Sonntag Estomihi (24. +Februar) 1544 war bei Luther ein "Koenigreich" mit dem ueblichen Schmause. +Ausser Bugenhagen, Melanchthon, Roehrer, Major u.a. war auch der +Schulmeister Crodel aus Torgau zu seiner grossen Freude und Genugthuung +eingeladen. Dieser, von einigen Wittenbergern dazu veranlasst, brachte +das Gespraech auf das "verleumderische Geruecht", dass der Doktor "aus +Eingebung und Antrieb seiner Gattin predige". Mit grosser Ernsthaftigkeit +und Waerme wies Luther diesen Verdacht ab und sagte u.a.: "Solcherlei +Worte, wie ich sie in dieser Sache (dem Streit mit den Juristen) +vorbringe, fallen--ohne dass ich dem heiligen Geist eine Regel +vorgeschrieben haben will--keinem Weiberkopf ein. Ich lass mich von +meinem Weibe etwa leiten in Sachen des Haushaltes und Tisches, aber in +Dingen des Gewissens und der Schrift erkenne ich keinen andern Lehrer +und Doktor an, als den heiligen Geist." Ein wenig darauf, nach einer +heftigen Rede, kam sein Weib her und fragte, was denn mit so grosser +Heftigkeit verhandelt werde. Er schloss mit den Worten zu Crodel: "Sage +den Rechtsgelehrten, dass ich in dieser Sache nicht von meiner Frau +geleitet werde; ich hebe es auf die Sache selbst und den Kern eines +Gegenstandes ab ohne Ruecksicht auf eine Person." Crodel war dieses +Gespraech so wichtig, dass er's woertlich seinem Freunde Ratzeberger +schriftlich mitteilte, und es war auch bezeichnend genug: man musste +Luther wenig kennen, wenn man solchem Klatsch Glauben schenken +wollte[488]. + +Es kommt auch jetzt noch vor, dass Luther seiner Kaethe Briefe vorlas, +auch in ihrer Gegenwart solche schrieb und dass sie ihm Auftraege dabei +gab; auch ermunterte sie ihn, an die Freunde zu schreiben, wenn er +saeumig darinnen war. Freilich zu Stunden stiller Erholung, wie in den +ersten Jahren ihrer Ehe, werden die Gatten in der spaeteren Zeit des +grossen Arbeitsdranges seltener mehr gekommen sein. Aber bei aller +haeuslichen Sorge und Thaetigkeit in Garten und Feld ging Frau Kaethe doch +nicht voellig in ihrer wirtschaftlichen Thaetigkeit auf. Sie war ihrem +Manne in seinem Amt und Beruf, so viel das moeglich und noetig war, doch +die Gehilfin seines Lebens. Nicht nur in dem Sinne, dass sie ihm die +Sorgen abnahm fuer Familie und Vermoegen, sondern sie nimmt teil an seinem +Wirken, an den zeitbewegenden Fragen[489]. + +"Lehrest Du also den Katechismum und den Glauben?" schreibt der Doktor +von Eisleben an seine "sorgfaeltige" Hausfrau. Damit ist doch wohl +ausgesprochen, dass Frau Kaethe--mindestens in Abwesenheit des +Doktors--mit Kindern und Gesinde den Katechismus trieb, wie Luther mit +diesem Lehrbuechlein allen christlichen Eltern zumutete[490]. + +Luther giebt aber auch seiner Hausfrau Auftraege wegen des Druckes seiner +Schriften; ja sie hat mit darein zu reden und bestimmt ihn, was er +drucken lassen solle oder nicht. Von Marburg aus schreibt er ueber das +Religionsgespraech mit Zwingli, ueber das Abendmahl sogar mit lateinischen +Schlagwoertern[491]. + +Fuer diese Anteilnahme an ihres Gatten Arbeiten, Sorgen, wie an den +grossen Zeitfragen und Weltbegebenheiten, geben die Briefe vor allem +Zeugnis, die er waehrend seiner Abwesenheit bei Gelegenheit von +Reichstagen an sie schrieb. So die von Koburg (S. 109-113). Insbesondere +der letzte vom 24. September, "zuhanden Frauen Kathrin D. Lutherin zu +Wittenberg." + +Gnade und Friede in Christo! + +Meine liebe Kaethe! Gestern hab ich Dir geschrieben und einen Brief in +gnaedigsten Herrn mitgeschickt, daraus Du vernehmen kannst, wie die +Unsern von Augsburg wollen auf sein. Darnach hoff ich, wo Gott Gnade +giebt, wollen wir in vierzehn Tagen bei Euch daheim sein. Wiewohl ich +achte, unsere Sache werde nicht gar unverdammt bleiben. Da liegt auch +nicht Macht an. Doch hat der Rietesel anhero geschrieben, er hoffe, man +werde in Augsburg mit Frieden abscheiden in allen Gassen. Das gebe Gott +und waere eine grosse Gnade. So beduerfen wir's alle wohl, weil der Tuerke +so an uns will. Weiteres wirst Du wohl von Hornungen hoeren. Hiemit seid +Gott alle befohlen. + +Sonnabends nach Matthaei, 1530. Martinus LutheR."[492] + +Zehn Jahre nachher, als der Reichstag und Konvent in Hagenau stattfand, +schreibt Luther am 10. Juli 1540 von Eisenach seiner "lieben Hausfrauen, +Frauen Kathrin Luderin zu Wittenberg" u.a.: "... Bittet mit Fleiss, wie +ihr schuldig seid, fuer unsern Herrn Christum, d.i. fuer uns alle, die an +ihn glauben, wider den Schwarm der Teufel, so jetzt zu Hagenau toben +wider den Herrn und seinen Gesalbten (Ps. 2)." (S.o.S. 130 f.)[493]. + +So redete Luther auch in den letzten Jahren mit seiner Hausfrau ueber die +politische Lage, namentlich die hinterlistige Politik des Herzogs Moriz. +"Liebe Kaethe", erklaerte er da, "deine Landsleute haben mit meines +gnaedigsten Herrn Raeten eine Hundskette gemacht und werden nicht eher +nachlassen, sie haben ihn denn verraten."[494] + +Es ist naturgemaess und begreiflich, dass wir von Frau Katharinas Wesen, +Wirken und Bedeutung so wenig direkte Zeugnisse besitzen. Denn sie +selbst hat nicht gerade viel geschrieben und ihre Briefe sind fast alle +verloren gegangen, waehrend sie selbst ihres Doktors Briefe sorgfaeltig +aufbewahrt hat; ferner interessierten sich die Hausgenossen und +Zeitgenossen selbstverstaendlich fast nur fuer den grossen Mann, der die +Welt bewegt hatte. Seine Gestalt ueberstrahlte die Hausfrau voellig. Nur +im Reflex von Luthers Briefen und Tischgespraechen, selten in Bemerkungen +seiner Bewunderer, finden wir Zuege, die ihr Charakterbild darstellen. + +Dass aber demnach Frau Katharina neben dem Reformator eine selbstaendige +Stellung und Geltung behauptete, beweist der Umstand, dass die Freunde +und Luther selbst sie nicht nur respektvoll die "Domina" und Doktorin, +mit lateinischen und griechischen Worten nannten, sondern auch von der +verheirateten Frau noch den Namen "Katharina von Bora" gebrauchten. + +Was hielt nun Luther von seiner Frau? + +Da giebt es drei wichtige Zeugnisse, die Luther seiner Gattin ausstellt, +am Anfang, in der Mitte und am Ende seiner Ehe, nicht etwa bloss +gelegentliche Aeusserungen guter oder schlechter Laune, sondern ueberlegte +und feierliche Anerkennung ihrer Vortrefflichkeit als Hausfrau und +Ehefrau. + +Im zweiten Jahre seines Ehestands (1526) schreibt er an Stiefel: "Sie +ist mir willfaehrig und in allen Dingen gehorsam und gefaellig, viel mehr, +als ich zu hoffen gewagt hatte (Gott sei Dank!), so dass ich meine Armut +nicht mit den Schaetzen des Kroesus tauschen moechte."[495] + +Elf Jahre darauf, bei seinem toedlichen Krankheitsanfall auf der Reise +von Schmalkalden, diktierte Luther in Gotha sein Testament, worin es +heisst: "Troestet meine Kaethe, dass sie dies trage dafuer, dass sie zwoelf +Jahre mit mir froh gelebt hat. Sie selbst hat mir gedient nicht allein +wie eine Gattin, sondern auch wie eine Magd. Gott vergelt es ihr! Ihr +aber sollt fuer sie sorgen und ihre Kinder, wie sich's geziemt" Und dann +sagte er: "Ich habe meine Kaethe lieb, ja ich hab sie lieber denn mich +selber, das ist gewisslich wahr; ich wollt lieber sterben, denn dass sie +und die Kinderlein sterben sollten."[496] + +Endlich schreibt Luther in seinem letzten und endgiltigen Testament i.J. +1542. "Ich M.D.L. bekenne mit dieser meiner eigenen Handschrift, dass ich +meiner lieben und treuen Hausfrauen gegeben habe zum Leibgeding Gut, +Haus und Kleinode. Das thue ich darum, dass sie mich als ein fromm +(brav), treu ehelich Gemahl allezeit lieb, wert und schoen gehalten +hat."[497] + +Und was so Luther in feierlichen Stunden bezeugte, das hat er wiederholt +sonst vor seinen Tischgenossen und Freunden bekannt. Sein langjaehriger +Hausgenosse Hieronymus Weller schreibt in seinen Erinnerungen: "Ich +erinnere mich, wie der hochw. Mann oft sagte: er preise sich von Herzen +gluecklich, dass ihm Gott eine so folgsame, bescheidene und kluge Gemahlin +geschenkt, welche so ausgezeichnet fuer seine Gesundheit sorge und +eintreten koenne und sich so geschickt seinem Wesen anzupassen und seine +Fehler und Unannehmlichkeiten mit so stillem Gemuete zu tragen wisse. +Denn er koenne bei seinen vielen Arbeiten, Beschaeftigungen und +Anfechtungen nicht immer seinem Wohlbefinden Rechnung tragen."[498] + +Das Verhaeltnis zwischen Kaethe und Luther war das der achtungsvollen +Verehrung; das entsprach einmal der Anschauung des Mittelalters von der +Herrschaftsstellung des Mannes zum Weibe; anderseits ruehrte es davon +her, dass die fuenfzehn Jahre juengere Frau zu dem aelteren, durch +Gelehrsamkeit und hohes Ansehen ehrwuerdigen Mann mit einer gewissen +Pietaet hinaufschaute. Daher redet er sie zwar immer mit "Du" an, _sie_ +aber spricht zu _ihm_ immer mit "Ihr" und nennt ihn "Herr Doktor". Das +fand auch Luther selbstverstaendlich. Als einmal von einem Manne die Rede +war, welcher an eine reiche Frau seine Freiheit verkauft hatte, sagte +er: "Ich hab's auch gern, wenn mir meine Kaethe uebers Maul faehrt--nur dass +ich sie nicht viel dran lasse gewinnen als ein Maulschellium."[499] Und +ein andermal: "Sie hat allein die ganze Herrschaft in ihrer Hand. Ich +gestehe ihr auch gerne das ganze Hausregiment zu; aber mein Recht wollte +ich mir unversehrt erhalten und Weiberregiment hat nie nichts Gutes +ausgerichtet." Luther war seinem ganzen Wesen, aber auch seiner +Anschauung und seinen biblischen Grundsaetzen nach nicht der Mann, seine +eheherrlichen Rechte sich verkuerzen zu lassen: einen Freund, der ihm die +Tyrannei seines Weibes klagt, verweist er tadelnd darauf, dass man das +Ansehen des Mannes nicht duerfe mit Fuessen treten lassen. So fuehrte er +auch auf Hans Luffts Tochter Hochzeit die Braut zum Lager und sprach zum +Braeutigam (dem Arzt M. Andreas Aurifaber): "Er soll's bei dem gemeinen +Lauf bleiben lassen und Herr im Hause sein (wenn die Frau nicht daheim +ist, setzte er scherzend hinzu). Und zum Zeichen zog er ihm einen Schuh +aus und legte ihn aufs Himmelbett, dass er die Herrschaft und das +Regiment behielte[500]. + +Aber freilich Kaethes resolutes Wesen, die Herrschaft, die sie im Haus +fuehrte und die der Hausherr ihr auch voellig einraeumte, fuehrte ihn dazu, +dass er sie auch scherzend seinen "Herrn" nannte. So schreibt er ihr vom +Hoflager in Torgau: "Gestern hab ich gedacht, wie ich daheim eine schoene +Frauen habe, oder sollt ich sagen Herren?"[501] + +Und gerade mit dieser resoluten Art ihres Wesens neckt er sie genugsam. +Und wie gerade recht willensstarke wenn auch gutmuetige Eheherren, +gefaellt er sich seinen Freunden gegenueber in der humoristischen Rolle +des gehorsamen, unterdrueckten Ehemanns. So sagte er einmal zu einem +Gast: "Nehmt fuerlieb mit einem frommen (braven) Wirt, denn er ist der +Frauen gehorsam." Ihr selbst gegenueber spricht Luther in immer neuen +Wendungen von dieser angeblichen Eheherrschaft und charakterisiert jenes +gebieterische Wesen der Frau Kaethe. "Meine Herrin" nennt er sie schon in +der ersten Woche ihrer Ehe. "Mein Kaethe" (Meus Ketha) ist spaeter ihre +regelmaessige Bezeichnung in seinen vertrauten Briefen und in ebenso +drolliger Verbindung "Meine Herr Kaethe", oder sprachlich richtiger "Mein +Herr Kaetha", "Dr. Kethus", auch einmal "mein Herr und mein Moses" und +"meine Gebieterin" oder "Kaiserin"[502]. + +Aber sonst nennt er sie in zaertlichem Wortspiel gar haeufig "meine +Kette", auch meine "Weinrebe", oder in Briefen an entfernter Stehende +respektvoll "meine Hausfrau", "meine Hausehre"[503]. + +Auch seiner Frau selber gegenueber schlaegt Luther gewoehnlich jenen +neckischen Ton an, woraus einerseits zaertliche Neigung, andererseits +doch auch achtungsvolle Anerkennung blickt. + +Schon in seinem ersten erhaltenen Brief und dann fast regelmaessig redet +er sie an "Lieber Herr Kaeth". Dann adressiert er--nach Sitte der +damaligen Zeit--"Meinem lieben Herrn, Frau Kathrin Lutherin zu +Wittenberg zu handen", oder "Meinem freundlichen lieben Herrn, Frau +Katherin von Bora, D. Lutherin, zu Wittenberg" oder noch umstaendlicher +humoristisch pathetisch: "Meinem freundlichen lieben Herren Katherina +Lutherin, Doctorin, Predigerin zu Wittenbergh". Oder: "Meiner gnaedigen +Jungfer Katherin Lutherin von Bora und Zulsdorf gen Wittenberg, meinem +Liebchen". "Meiner herzlieben Hausfrauen Katherin Lutherin Doctorin +Zulsdorferin, Saumaerkterin und was sie mehr sein kann." "Meiner +freundlichen lieben Hausfrau Katherinen Luther von Bora, Predigerin, +Brauerin, Gaertnerin und was sie mehr sein kann." Dann aber heisst es auch +innig und herzlich auf der Adresse "Meiner lieben" oder "herzlieben +Hausfrauen" oder "Meiner freundlichen lieben Kaethe Lutherin" und in der +Anrede: "Liebe Jungfer Kaethe" und zum Schluss "Dein altes Liebchen" oder +auch "Dein lieber Herr". Sogar in seinem taeglichen Hausgebet bittet er +fuer "mein liebes Weib"[504]. + +So dient dem Doktor seine Hausfrau manchmal auch zur Exemplifikation +seiner theologischen oder erfahrungsgemaessen Ansicht ueber die Weiber, oft +in scherzhafter oder wohl auch einmal ernsthafter Uebertreibung. Da +spricht er ihnen Weisheit und Herrschaftstalent ab und macht sich lustig +ueber ihre Redseligkeit, indem er verschiedentlich bemerkte, die Weiber +im allgemeinen und seine Kaethe im besonderen vergaessen das Vaterunser, +wenn sie anfingen, zu predigen[505]. + +So "lachte der Doktor einmal seiner Kaethe, als sie klug sein wollte; er +meinte, Gott habe dem Manne eine breite Brust als Sitz der Weisheit +gegeben, dem Weibe aber breite Hueften und starke Schenkel, dass sie +sollen daheim bleiben, im Hause still sitzen, haushalten, Kinder tragen +und ziehen. Weiberregiment im Haus und Staat taugt nichts. Der Mann hat +im Hause das Regiment. Das Gesetz nimmt den Weibern Weisheit und +Regiment." Er meinte ueberhaupt: "Es ist kein Rock noch Kleid, das einer +Frauen oder Jungfrauen uebeler ansteht, als wenn sie klug will sein." +Luther erklaerte sogar einmal in einer Tischrede: "Den Weibern mangelt's +an Staerke, Kraeften des Leibes und am Verstand. Den Mangel an +Leibeskraeften soll man dulden, denn die Maenner sollen sie ernaehren. Den +Mangel an Verstand sollen wir ihnen wuenschen, doch ihre Sitten und Weise +mit Vernunft tragen, regieren und etwas zu Gute halten."[506] + +Daneben aber erkennt er die Vorzuege und die Bestimmung des weiblichen +Geschlechts ruehmend an: "Ein Weib ist ein freundlicher, holdseliger und +kurzweiliger Gesell des Lebens. Weiber tragen Kinder und ziehen sie auf, +regieren das Haus und teilen ordentlich aus, was ein Mann hineinschaffet +und erwirbt, dass es zu Rate gehalten und nicht unnuetze verthan werde, +sondern dass einem jeglichen gegeben werde, was ihm gebuehrt. Daher sie +vom heiligen Geiste Hausehren genannt werden, dass sie des Hauses +Schmuck, Ehre und Zierde sein sollen. Sie sind geneigt zur +Barmherzigkeit, denn sie sind von Gott auch fuernehmlich dazu geschaffen, +dass sie sollen Kinder haben, der Maenner Lust und Freude und barmherzig +seien." "Es ist ein arm Ding ein Weib. Die groesste Ehre, die es hat, ist, +dass wir allzumal durch die Weiber geboren werden und auf die Welt +kommen. Ein Weib wird in der heiligen Schrift genannt "ein Lust und +Freude deiner Augen" (Sirach 26, 2). Ein fromm Weib soll darum geehret +und geliebet werden, erstlich, dass sie Gottes Gabe und Geschenk ist; zum +andern, dass Gott einem Weibe herrliche grosse Tugenden verliehen, welche +andere Maengel und Gebrechen weit uebertreffen, sonderlich wo sie Zucht, +Treue und Glauben halten." "Wenn die Weiber die Lehre des Evangeliums +annehmen, so sind sie viel staerker und inbruenstiger im Glauben, halten +viel staerker und steifer darueber, als die Maenner, wie man siehet an der +lieben Anastasia und andern Maertyrern; auch Magdalena war herzenhaftiger +denn Petrus."[507] + +Einmal klagt er wohl auch: "Wenn ich noch eine freien sollte, so wollte +ich mir ein gehorsam Weib aus einem Steine hauen; so sehr hab ich +verzweifelt an aller Weiber Gehorsam." Aber so gar ernst war's ihm doch +nicht damit. Er wusste wohl: "Es ist keine groessere Plage noch Kreuz auf +Erden, denn ein boes, wunderlich, zaenkisch Weib." Bei ihm war's nicht so, +sonst liefe er davon, sagt er. Dagegen weiss er seines Weibes +Willfaehrigkeit und Dienstfertigkeit an vielen Orten und in mancherlei +Weise zu ruehmen. So zitierte er auch gerne das Wort seiner Wirtin zu +Eisenach: "Es ist kein lieber Ding auf Erden als Frauenlieb, wem sie +kann werden." Und aus seiner eignen Erfahrung erklaert er: "Ein fromm +Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes Trost." [508] + +Kleine eheliche Fehden nahm Luther als selbstverstaendliche Dinge +leichten Herzens in den Kauf. Als er einmal einen kleinen Zwist mit +seiner Frau gehabt hatte, sagte er erklaerend zu Veit Dietrich: "Er stehe +auch von ihr einen Zorn aus, er koenne ja noch mehr ertragen." Er meint +von Eheleuten: "Ob sie gleich zuweilen schnurren und murren, das muss +nicht schaden; es gehet in der Ehe nicht allzeit schnurgleich zu, ist +ein zufaellig Ding, des muss man sich ergeben. Adam und Eva werden sich +auch gar weidlich die neunhundert Jahre zerscholten haben und Eva zum +Adam gesagt: "Du hast den Apfel gessen." Herwiederum wird Adam +geantwortet haben: "Warum hast Du mir ihn gegeben?" Das Wesen der Ehe +wird durch solche Plaenkeleien nicht geschaedigt. "Denn wiewohl die +Weibsen gemeiniglich alle die Kunst kennen, dass sie mit Weinen, Luegen, +Einreden einen Mann gefangen nehmen, koennen's fein verdrehen und die +besten Worte geben; wenn nur diese drei Stuecke im Ehestand bleiben, +naemlich Treu und Glauben, Kinder und Leibesfruechte und Sakrament, dass +man's naemlich fuer ein heilig Ding und goettlichen Stand haelt, so ist's +gar ein seliger Stand, und das ein seliger Mann, der eine gute Ehefrau +hat."[509] + +Einmal klagt er wohl: "Ich muss Geduld haben mit dem Papste, ich muss +Patienz haben mit den Schwaermern, ich muss Geduld haben mit den +Scharhaufen, ich muss Patienz haben mit dem Gesinde, ich muss Patienz +haben mit Kaethen von Bora, und der Patienz ist so viel, dass mein Leben +nichts sein will als Patienz. Der Prophet Jesaias (30, 15) spricht: "In +Schweigen und Hoffen steht eure Staerke."--Wie wenig aber Kaethe dies uebel +nahm, beweist, dass sie auf die steinerne Hausthuere, welche sie in Pirna +fuer Luther bestellte, grade diesen Prophetenspruch eingraben liess. +Luther bekennt aber auch: "Wer ein fromm (brav) Weib bekommt, der +bekommt eine gute Mitgift. Und da gleich ein Weib etwas bitter ist, doch +soll man mit ihr Geduld haben. Denn sie gehoert ins Haus und das Gesinde +bedarf's bisweilen auch sehr wohl, dass man ihnen hart sei und weidlich +zuspreche." "Der haeusliche Zorn als Vater und Mutter, Herrn und Frau im +Hause, thut nicht grossen Schaden. Haeuslicher Zorn ist, als wenn die +Kinder mit den Puppen spielen."[510] + +Die Hochschaetzung des Familienlebens, das Lob, das Luther in allen +Tonarten dem Ehestand anstimmt, ist doch auch ein Beweis fuer die +glueckliche Ehe, in der Luther mit seiner Kaethe lebte. Das Kapitel ueber +den Ehestand ist in seinen Tischreden das groesste. So fing er bei der +Verlobung seiner Nichte (1538) an und konnte gar nicht aufhoeren, den +Ehestand zu loben, dass er Gottes Ordnung und der allerbeste und +heiligste Stand sei. "Darum sollte man ihn mit den herrlichsten +Zeremonien (Feierlichkeiten) anfangen. Gott hat ein Kreuz (naemlich: des +Segens) ueber den Ehestand gemacht und haelt's auch darueber."[511] + +In der Ehe soll eitel Liebe und Lust sein, freilich "muss es ein frommer +Mann und ein fromm Weib sein, welche Gemahl und Kinder von ganzem Herzen +lieben. Ein fromm Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes +Trost, wie geschrieben steht (Sprw. 31, 11): Des Mannes Herz verlaesst +sich auf sie. Das Weib hat das Lob der Gefaelligkeit und erfreuenden +Anmut." Das lieblichste Leben duenkte ihm: "leben mit einem frommen, +willigen, gehorsamen Weibe in Frieden und Einigkeit."[512] + +Luther selber hatte nun in seiner Hausfrau und seinem Hausstand +gefunden, was er in dem rechten Ehestand suchte und von dem rechten +Eheweib erwartet. Er bezeugt: "Mir ist, gottlob! wohl geraten, denn ich +habe ein fromm (brav), getreu Weib, auf welche sich des Mannes Seele +verlassen darf, wie Salomon sagt (Sprw. 31, 11): Sie verderbet mir's +nicht."[513] + +"Martinus redete von seiner Hausfrau und sagte: er achtete sie teurer +denn das Koenigreich Frankreich und der Venediger Herrschaft. Denn ihm +waere ein fromm (brav) Weib von Gott geschenkt und gegeben. Zum andern, +er hoere, dass viel groesser Gebrechen und Fehler allenthalben unter +Eheleuten seien, denn an ihr erfunden waere. Zum dritten: das waere +ueberfluessige Ursach genug, sie lieb und wert zu halten, dass sie Glauben +und sich ehrlich hielte, wie es einem frommen, zuechtigen Weib gebuehret. +Welches alles, da es ein Mann ansehe, so wuerde er leichtlich ueberwinden, +was sich moechte zutragen, und triumphieren wider Zank und Uneinigkeit, +so der Satan pflegt unter Eheleuten anzurichten." "Die Ehe ist nicht ein +natuerlich Ding, sondern Gottes Gabe, das allersuesseste, lieblichste und +keuscheste Leben. Ach, wie herzlich sehnte ich mich nach den Meinen, da +ich zu Schmalkalden todkrank lag! Ich meinte, ich wuerde Weib und Kinder +hie nicht mehr sehen; wie weh that mir solche Scheidung und Trennung. +Nun glaub ich wohl, dass in sterbenden Menschen solche natuerliche Neigung +und Liebe, so ein Ehemann zu seinem Eheweib habe, am groessten sei. Weil +ich aber nun gesund bin worden durch Gottes Gnade, so hab ich mein Weib +und Kinderlein desto lieber. Keiner ist so geistlich, der solche +angeborene Neigung und Liebe nicht fuehlet. Denn es ist ein gross Ding um +das Buendnis und die Gemeinschaft zwischen Mann und Weib."[514] + +Luther wusste aber auch, dass er keine zweite Frau in der Welt finden +koennte, die so gut fuer ihn passte, als Katharina von Bora. Er warnte den +Pfarrer von Sitten vor einer zweiten Heirat und fuegt bei der Umschau auf +seinen Bekanntenkreis hinzu: "Ich, wenn ich jung waere und die Bosheit +der Welt so kennete, ich wuerde, wenn mir auch eine Koenigin angeboten +wuerde nach meiner Kaethe, lieber sterben, als noch einmal heiraten." Und +doch schaetzte er den Ehestand so hoch, dass er ihn fuer die schoenste +Ordnung nach der Religion, fuer den fuernehmsten Stand auf Erden +hielt[515]. + +Luther kannte nichts Lieberes als seine Kaethe. Er beteuert, er habe sie +lieber als sich selber. Ja er klagte darueber als menschliche Schwaeche, +dass er seine Kaethe lieber habe als unsern Herrgott. Seine +Lieblingsepistel, den Galaterbrief, nannte er "seine Kaethe im neuen +Testament". "Der Brief an die Galater ist meine liebe Epistel, der ich +mich vertrauet habe: sie ist meine Kaethe von Bora." Und sein hoechster +Trumpf war: "Ich setze meine Kaethe zum Pfand!"[516] + +Kaethe war nicht eine geistreiche Frau, hoher Schwung der Gedanken, +glaenzende Geistesgaben gingen ihr ab: sie ist eine nuechterne und doch +nicht hausbackene, tuechtige deutsche Frau. + +Es ist eine unzeitgemaesse Sache, die Frage aufzuwerfen, ob denn Frau +Kaethe "gebildet" war. Eine gelehrte Frau wie Argula von Grumbach war sie +gluecklicherweise nicht; von einer solchen war Luther, wie seine +Aeusserungen zeigen, wenig erbaut und jedenfalls waere dann seine Wahl +nicht auf Katharina gefallen. (S. 185 f.) Eine geistvolle Frau wie die +Kirchenmutter Katharina Schuetzin in Strassburg, welche Sendschreiben an +die christlichen Frauen ergehen liess, brauchte sie neben Luther nicht zu +sein. Aber so gebildet wie irgend eine Frau ihres Standes war sie doch. + +Frau Kaethe, wird bezeugt, las gerne und eifrig in der Bibel und gewiss +nicht bloss wegen der von Luther versprochenen 50 fl. Einmal ermahnte der +Doktor sein Weib, dass sie fleissig Gottes Wort lesen und hoeren solle, und +sonderlich den Psalter fleissig lesen. Sie aber sprach, dass sie es genug +thaete und taeglich viel lese, und koenne auch viel davon reden; wollte +Gott, sie thaete auch darnach. Der Doktor meinte zwar, solch' Ruehmen +muesse der Vortrab des kuenftigen Ueberdrusses sein. Aber freilich, die +vielbeschaeftigte Frau konnte doch auch nicht staendig mit geistlichen +Dingen sich beschaeftigen, wie ihr theologischer Gemahl. Und ein andermal +fiel ihr selbst auf, dass sie im Evangelium nicht mehr so hitzig und +emsig bete wie im Papsttum. Geistlich gesinnet sein konnte sie aber +deswegen doch. Von seinen Predigten ueber Joh. 14-16 sagte Luther zu +seiner Gattin: "Das ist das beste unter allen Buechern, die ich je +geschrieben habe; darum liebe Kaethe, lass Dir's befohlen sein und halt es +fuer mein Testament."[517] + +Und von Eisleben aus schrieb er: "Lies Du, liebe Kaethe, den Johannem und +den kleinen Katechismum, davon Du zu dem Male sagtest: "Es ist doch +alles in dem Buch von mir gesagt." Sie las also nicht nur in Schrift und +Glaubensbuechlein, sondern wandte es auch auf sich an[518]. + +Es ist doch ein Zeugnis fuer so eifriges Forschen in der Schrift, wenn +ihr von ihren Kindern auf ihrem Grabstein ein offenes Buch in die Haende +gegeben wird. + +Kaethe konnte auch schreiben, und ihre Briefe, soweit sie diktiert und +nicht etwa von andern stilisiert sind, beweisen eine klare, bestimmte +und verstaendige Denk- und Ausdrucksweise. Und wenn Luther seine Frau +auch einmal damit aufzieht, dass sie "Kattegissimum" schrieb statt +Katechismum, so kann dies damals viel weniger wie heute als +orthographische Unbildung gelten zu einer Zeit, wo nicht nur Laien, +sondern auch Gelehrte hoechstens das Lateinische einigermassen +orthographisch schrieben, das Deutsche aber in der krausesten Form, wie +es ihnen in die Feder kam mit allen Fehlern der undeutlichen, +verdorbenen mundartlichen Aussprache[519]. + +Ebenso wenig sachgemaess ist die Frage, ob Frau Katharina ihrem Gemahle +ebenbuertig war. An eine Vergleichung mit seinem geistigen Wesen, mit +Luthers Genialitaet und Charakter, Wirksamkeit und weltgeschichtlicher +Bedeutung ist ja naturgemaess nicht zu denken. Aber dass sie als Gattin, +als Hausfrau und Mutter seiner Kinder ihm das war, was er an ihr +brauchte und wollte, dass sie Luthers rechte und somit ebenbuertige Gattin +war, das hat er immer wieder ausgesprochen und anerkannt. + +Aber auch daran muss erinnert werden, dass Frau Katharina doch ein +lebhaftes Interesse fuer das Werk ihres Gatten, fuer die Kirche und die +Reformation bezeugte. Frau Kaethe hoerte und las viele von den Briefen, +die ab- und eingingen. Sie draengte ihren Gatten zum Schreiben. Sie +sprach ein Wort darein, wenn er eine Schrift ausgehen liess. Sie durfte +als eine Doktorin auch ihren Rat bei Besetzung von Pfarrstellen geben +und bemuehte sich fuer junge Magister um Anstellung. Sie verstand die +Bedeutung ihres Gatten fuer die Christenheit, sie wusste seine +Persoenlichkeit und sein Werk zu wuerdigen. Sie betete und sorgte fuer das +Heil der Christenheit und den Erfolg des Evangeliums noch auf ihrem +Totenbette. Und Luther mutete ihr solches Interesse auch zu. + +Und wenn wir die Rolle in Betracht ziehen, welche Katharina gegenueber +den anderen Professoren- und Reformatorenfrauen in dem muendlichen und +schriftlichen Gedankenaustausch der Zeitgenossen spielte, so z.B. +Melanchthons Frau, wenn wir sehen, wie sie allerseits geehrt, gegruesst +und beachtet, in ihrer Krankheit um sie gebangt war, nicht bloss um ihres +Gatten willen, dann ist ausser Zweifel: seine Kaethe ist des grossen +Doktors wert und wuerdig gewesen, und es ist doch bemerkenswert, dass die +Freunde die Gattin Luthers mit dem Weibe der Offenbarung, dem Sinnbild +der christlichen Kirche verglichen[520]. + +Aus den spaeteren Jahren giebt es von Frau Katharina ein Kranachsches +Bild[521]. Das Gesicht ist etwas gebraeunt, die Augen blicken truebe, fast +schmerzlich und muede, wie Luther in dieser Zeit sie schildert, als +"geneigt zu Misstrauen und Sorgen"[522]; wieder zeigt die starke +Unterlippe das kraeftige Selbstbewusstsein, die zusammengelegten Haende +deuten ruhige Gelassenheit an. Aber es ist das Bild einer geistig nicht +unbedeutenden Frau. Der ernste, ja strenge Ausdruck des Gesichts +verkuendet ein schweres Geschick, das ihr bevorsteht, oder das sie schon +erlebt hat. + + + + +15. Kapitel. + +Luthers Tod. + + +Die letzten Jahre der Ehe waren gar schwer und truebe. Das lag einerseits +in den Verhaeltnissen, die sich fast nach allen Seiten recht widerwaertig +gestalteten; andererseits aber in Luthers Zustand, der immer +krankhafter, immer hinfaelliger und damit truebseliger und verstimmter +wurde. Was Kaethe bei dem zur Schwermut geneigten Temperament und der +zornmuetigen Gereiztheit ihres Gatten unter all' diesen Verhaeltnissen zu +leiden hatte, ist leicht zu denken[523]. + +Die Weltlage, welche der Reformator begreiflicherweise mit aufmerksamem +Auge verfolgte, war eine seltsame und fuer Luthers Empfinden geradezu +erschreckliche. Das stete Vordringen der Tuerken, das seinem +christlich-deutschen Herzen schwer weh that, die Verbindung christlicher +Maechte, wie Frankreichs und, wenigstens indirekt, Venedigs und des +Papstes mit dem Erbfeind der Christenheit erschien wie drohende +Vorzeichen des Juengsten Tages. Dazu das Verhalten des Kaisers und seines +Bruders, des Koenigs Ferdinand, das deutlich darauf ausging, die +Protestanten hinzuhalten, sie, wie einstens die Husiten, mit einem +Brocken Zugestaendnis abzuspeisen, wenn man aber einmal freie Hand haette, +mit Gewalt, wie Luther fuerchtete--verbunden mit Papst und Teufel, Tuerke +und Hoelle, ueber sie herzufallen. Das alles erfuellte ihn mit bangen +Sorgen. Er weissagte an seinem letzten Geburtstag richtig: "Bei meinem +Leben wird es, ob Gott will, keine Not haben und guter Friede in +Germania bleiben; aber wenn ich nun tot bin, da wird alsdann das Beten +hoch vonnoeten sein. Unsere Kinder werden noch muessen den Spiess in die +Hand nehmen; denn es wird uebel zugehen in Deutschland. Das Konzil zu +Trient ist sehr zornig und meinet es sehr boese mit uns. Darum betet zu +Gott mit Fleiss."[524] + +Noch verdriesslicher aber und sorgenerregender waren fuer Luther mit Recht +die Streitigkeiten in den eigenen Reihen. Darueber sagte er seinen +Freunden beim letzten Geburtstagsfest: "Ich fuerchte mich nicht vor den +Papisten, das sind des mehren Teils grobe Esel; aber unsere Brueder +werden dem Evangelium Schaden thun, die von uns ausgegangen sind, aber +nicht von uns sind." Da standen sich Kurfuerst und Herzog von Sachsen +wegen Landbesitz feindlich gegenueber im sogenannten "Fladenkrieg" (weil +um Ostern 1542). Herzog Moriz, welchem Luther Verraeterei zutraute, +entzog sich dem evangelischen Bunde von Schmalkalden. Wohl waren--bis +auf den "geistlichen Tuerken", den Mainzer Erzbischof--die alten Feinde +Luthers: Herzog Georg und Kurfuerst Joachim I. gestorben und das +Herzogtum Sachsen und Kurbrandenburg zum Protestantismus uebergetreten +und sogar das Erzbistum Koeln dazu bereit; aber in Berlin traten der +"Grickel und der Jaeckel" (Agricola und Schenk) auf mit ihren +gesetzesstuermerischen Lehren; in Koeln wollte man die Luther so +unsympathische schweizerische "Sakramentiererei" einfuehren und der grosse +Vermittler Butzer und der milde Melanchthon, welche diese Koelner +Reformation uebernommen hatten, wurden Luther hoechst verdaechtig und das +ganze Werk aergerlich--es scheiterte ohnedies durch die Gewaltthat des +Kaisers. In Luthers Umgebung wuchs, nachdem die alten Mitarbeiter der +Reformation am Abgang waren, ein neues Geschlecht heran, das mit +epigonenhafter Uebertreibung die Gegensaetze schaerfte oder allerlei +Kleinigkeiten und Aeusserlichkeiten aufbauschte, wie die Zeremonien, +Auslegung der Offenbarung Johannes, Verbot von alten Osterbraeuchen und +andere "Geislein" "herfuergucken" liessen, die sie fuehren wollten, um sich +wichtig zu machen; auch der alte Streit mit den Schweizern flammte +wieder auf[525]. + +Ja, auf Melanchthon selbst, seinen alten Freund und Mitarbeiter, wurde +Luther misstrauisch gemacht wegen allerlei Abweichungen vom "echten" +Luthertum und es entstand eine gefaehrliche Spannung zwischen den beiden +Maennern und ihren Familien, bis die Missstimmung endlich durch Luther +selbst beigelegt wurde, so dass der Reformator doch bis ans Ende seines +Lebens mit ihm als dem treuesten Freunde verkehrte[526]. Mit seinen +Kollegen von der juristischen Fakultaet, namentlich seinem alten Freunde +Hier. Schurf, bekam Luther einen boesen Span wegen der heimlichen +Verloebnisse, welche die "garstigen Juristen" mit einem Rueckfall ins +kanonische Recht fuer giltig erklaerten, Luther aber verwarf[527]: er +hatte die Gefaehrlichkeit der Sache an Melanchthons Sohn er fahren, der +sich--noch unmuendig--von einem Maedchen hatte fangen und ohne Wissen und +Willen seiner Eltern ihr ein Eheversprechen gegeben hatte, worueber M. +Philipp und sein Weib "schier verschmachtet" waeren, wenn Luther es nicht +abgewendet haette. Und er selber musste es erfahren in seiner eigenen +Familie, indem seiner Schwester Sohn sich ungehorsamerweise ohne der +Freundschaft Rat verlobte. Er hatte infolgedessen zu klagen, dass das +"Meidevolk in Wittenberg gar kuehn" geworden sei und die Eltern ihre +Soehne von der Universitaet zurueckforderten, weil man ihnen da Weiber an +den Hals haenge[528]. + +Die alten Hausgenossen und Freunde waren in alle Welt zerstreut; aber in +ihren Anfechtungen, Verdriesslichkeiten, Bedenken wandten sie sich an +ihren "heiligen Vater Luther". So hatte er zu schlichten, zu raten und +zu troesten--und das richtete ihn selber auf. Aber er hatte auch manchen +Aerger und manchen Schmerz[529]. Da plagte ihn M. Stiefel mit seinen +Grillen ueber den Juengsten Tag, oder der Stadthauptmann Metzsch mit +seinem uebeln Wandel und seiner ruecksichtslosen Niederlegung von vielen +Wohnhaeusern zum Festungsbau, wodurch die kleine, volkreiche Stadt noch +enger wurde und die armen Studenten noch elender wohnen mussten. Einer +nach dem andern von den Zeitgenossen ging aus dem Leben. So schon 1538 +der treue Hausmann. Dann Luthers letzter Klostergenosse Brisger, endlich +auch Spalatin (1545). Schon vorher (1542) war seine und Kaethes +liebenswuerdige, heitere Freundin, Kaethe Jonas, verschieden, deren +Erscheinung ihm immer erfreulich und troestlich gewesen[530]; vor allem +aber der Sonnenschein des Hauses, das gute Magdalenchen. Der Sohn und +ein Neffe waren eine zeitlang fort in Torgau. In dieser Zeit starb auch +der Gatte seiner Nichte Lene, geb. Kaufmann; und diese machte ihm dann +schweren Verdruss durch ihre zweite Heirat mit dem jugendlichen Mediziner +Ernst Reuchlin (Ende 1545). + +Das Jahr 1544 war wieder ein Krankheitsjahr in Wittenberg und im +Lutherhaus. Um Ostern lagen alle Kinder an den Masern und die kleine +Margarete bekam davon ein schweres Fieber, an dem sie zehn Wochen +lebensgefaehrlich darniederlag und von dem sie sich bis in den Dezember +hinein gar nicht erholen wollte. Was gab es da fuer Kaethe an Sorgen und +Muehen[531]! + +Aber auch der Hausvater selbst war jetzt immer krank: bald fehlte ihm +dies, bald jenes; alle seine Leiden stellten sich mit Macht ein in dem +abgearbeiteten Koerper und der erschoepfte Lebensgeist war nicht mehr +recht widerstandsfaehig gegen die mancherlei Angriffe auf die +verschiedenen Organe. Die Hausaerzte und die kurfuerstlichen Leibaerzte +doktorten an ihm herum; der Hof schickte Arzneien; die Graefin von +Mansfeld wollte ihn in die Kur nehmen. Es war ein alter (noch jetzt +bestehender) Glaube, dass grosser Fuersten und Herren Arznei, die sie +selbst gaeben und applizierten, kraeftig und heilsam seien, sonst nichts +wirkten, wenn's ein Medikus gaebe[532]. Das meiste und beste that +freilich Frau Kaethe. + +Im Jahre 1541 war Luther lange Zeit so schwach, dass er nicht eine Stunde +angestrengt lesen und sprechen konnte; er musste daheim bleiben und da +seine Hausgottesdienste halten. Einmal schrieb er auch an die +arzneikundige verwitwete Graefin Dorothea von Mansfeld, welche auch gern +dem "lieben togktor" geholfen haette. Denn die Schmerzen waren +entsetzlich, so dass er jammerte: "Sterben will ich, aber diese Qualen +sind graesslich."[533] Im folgenden Jahre machte er sein Testament, "satt +dieses Lebens, oder dass ich's richtiger sage, dieses herben Todes". "Ich +habe mich ausgearbeitet und ausgelebt. Der Kopf ist kein nutz mehr. Ich +bin muede erschoepft, bin nichts mehr."[534] Im April 1543 klagt er: "Wie +oft bin ich in diesem Jahre schon gestorben! Und doch lebe ich noch, +eine unnuetze Last der Erde." Am 13. und 14. Juli 1543 wurde er +wiederholt so ohnmaechtig, dass er zu sterben meinte und seinen Hans von +Torgau holen lassen wollte. Aber Frau Kaethe hatte gelernt, ihn zu +ermutigen und redete ihm die Todesgedanken aus. Anfangs 1515 hatte er +einen Krankheitsanfall mit aehnlichen Erscheinungen, wie sie ein Jahr +spaeter seinen Tod herbeifuehrten, Leichenkaelte und die beaengstigenden +Beklemmungen auf der Brust. Er konnte lange keine Predigt und keine +Vorlesung halten und musste selbst in einem Waegelchen sich zur Kirche +fahren lassen, um die Predigt zu hoeren[535]. "Ich glaube, meine +wirkliche Krankheit ist das Alter, dann meine Arbeiten und heftigen +Gedanken, besonders aber die Schlaege Satans." "Dass ich am Haupte +untuechtig bin, ist nicht Wunder; das Alter ist da; der Krug geht solange +zu Wasser, bis er einmal zerbricht." "Ich bin traeg, muede, kalt, das +heisst alt und unnuetz; ich habe meinen Lauf vollendet und es bleibt +nichts uebrig, als dass der Herr mich zu meinen Vaetern versammle." Bei +seinen graesslichen Qualen wuenscht er, wenn nicht sanft, so doch tapfer zu +sterben[536]. + +Und bei all' diesen Leiden und Qualen sollte der alte Mann noch fuer drei +arbeiten, so war er geplagt von Fuersten und Stadtraeten, von Freunden und +Amtsgenossen und Beichtkindern mit Briefschreiben, Buecherschreiben, +Vorlesungen, Predigten und Beratungen, "Bedenken", Trostschreiben; so +dass er klagt: "Da sitze ich alter, abgelebter, fauler, mueder, frostiger +und noch dazu einaeugiger Mann und schreibe. Hoffte ich doch, man sollte +mir Abgestorbenen nun die Ruhe goennen, die ich mir, denkt mich, verdient +habe. Aber als haette ich niemals etwas gethan, geschrieben, geredet und +ausgefuehrt, muss ich so viel reden, thun und ausfuehren, dass ich mir +keinen Rat weiss. Ich bin so beschaeftigt, dass ich gar selten Musse habe, +zu lesen oder fuer mich zu beten, was mir beschwerlich ist.[537] + +Freilich brach oft der angeborene Humor bei Luther durch, und das frohe +Gottvertrauen blieb wohl die Grundstimmung seines Wesens. Aber bei +seinem zur Schwermut neigenden Temperament und Gesundheitszustand +pflegte der alternde Mann doch vorwiegend die Schattenseiten aller +Erscheinungen zu sehen und nur selten konnte er sich sagen: "Ich lasse +das Antlitz unsrer Gemeinden nicht trauervoll zurueck, sondern bluehend, +durch reine und heilige Lehre mit vielen vortrefflichen und lauteren +Geistlichen, von Tag zu Tage wachsend.[538] + +So war ihm Zeit und Welt widerwaertig geworden. "Welt ist Welt, war Welt +und wird Welt sein." Und er wuenschte sich weg daraus. Er hoffte und +wuenschte, dass das Weltende nahe sei oder doch sein Lebensende. "Komm', +lieber juengster Tag!" seufzt er am Schluss eines Briefes an Kaethe, und an +Frau Joerger schliesst er (1544) ein Schreiben: "Es sollt ja nunmehr die +Zeit da sein meiner Heimfahrt und Ruhe; bittet fuer mich um ein seliges +Stuendlein."[539] + +Da er aber nicht aus der Welt gehen und die Feiertagsruhe des Juengsten +Tages nicht selbst herbeifuehren konnte, so wollte er wenigstens aus +_seiner_ Welt scheiden und von seinem Beruf. Denn so ist ja Stimmung und +Wunsch bei alten und kranken Leuten: da sie nicht aus dem Leben gehen +koennen, so suchen sie ihren Wohnort zu veraendern und wuenschen sich +daraus weg, mit so viel Beschwerden auch ein Wechsel und eine Reise +verbunden sein mag. So sagte Luther das ganze letzte Jahr zu seiner +Umgebung, "er begehre an einen anderen Ort zu ziehen". Und die Freunde +fanden es auch merkwuerdig, dass er in diesem Jahr vor seinem Tode oefter +ausgezogen, denn in vielen Jahren; und sie sahen es als "Prophezeiung +an, dass er die selige Reise werde thun in ein besser Leben"[540]. + +So ging es nun auch schon 1544, wo er mit einem Wegzug aus Wittenberg +gedroht und von den Freunden und Beamten Wittenbergs davon abgebracht +war. Im folgenden Jahr (1545) nachdem er am Johannistag von seinem +"Peiniger", dem Stein, fast umgebracht worden und dadurch in eine +gereizte Stimmung versetzt war, fuehrte er diesen Entschluss wirklich +aus[541]. + +Es war gerade kein besonderer Anlass zu diesem Schritte da. Aber +mancherlei hatte ihm den Aufenthalt in Wittenberg in der letzten Zeit +verleidet. Der Streit mit den Juristen, die aergerliche Geschichte im +Haus mit "einer andern Rosina und Schwindlerin", vor allem aber das +Leben und Treiben von Buergern und Studenten in Wittenberg, hatten ihn +hoch aufgebracht. Der ungeheure Studentenandrang nach Wittenberg brachte +begreiflicherweise nicht lauter gute, fromme und sittige Elemente dahin +und bei den 2000 Studierenden gab es natuerlich viel mehr zu ruegen und zu +strafen, als bei den frueheren 200. Und unter diesen Tausenden waren +Leute aus allerlei Volk; nicht nur alle deutschen Staemme, sondern auch +Auslaender: "Reussen und Preussen, Hollaender und Engellender, Daenemarker +und Schweden, Boehmen, Polen, Hungern, Wenden und Winden, Walen und +Franzosen, Spanier und Graeken." Die Buerger beuteten die Studierenden +aus. Weibliches Gesindel zog herbei, wie Luther meinte, von den +Widersachern geschickt, und es gab manche "Speckstudenten", die sich +lieber in dem Lustwaeldchen "Specke" umhertrieben, statt in der Schule +Gottes Wort, Tugend und Zucht zu lernen. Gegen solche Unordentlichkeit +trat nun Luther als alter treuer Prediger mit vaeterlicher Vermahnung +auf. Er bittet seinen "Bruder Studium, sich still, zuechtig und ehrlich +zu halten, des warten, warum sie hergesandt und mit schweren Kosten von +den Ihren erhalten werden, dass sie Kunst und Tugend lernen, weil die +Zeit da ist und solche feine Praezeptoren da sind." Er ermahnte den Rat, +die Laster zu strafen, und die Buerger, dem "Geiz" zu steuern. Aber die +Buerger der kleinen Universitaetsstadt hielten zumeist auf ihren Vorteil, +der Rat war laessig und aengstlich, wie Luther oftmals klagt gegenueber der +schoenen Ordnung in einer Reichsstadt wie Nuernberg, und die Studenten +wies er vergeblich auf seinen grauen Kopf; sie ueberhoerten seine +schmerzlichen und herzlichen Mahnungen: "Ach, mein Bruder Studium, +schone mein und lass es nicht dahin kommen, dass ich muesse schreien wie +St. Polykarpus: Ach Gott, warum hast Du mich das erleben lassen? Ich +hab's ja nicht verdient, sondern da sind vorhanden meine und euer +Praezeptoren treue Arbeit, die euch zum besten dienen in diesem und jenem +Leben."[542] + +Neben und mit diesem unordentlichen Wesen nahm die Ueppigkeit in der +Stadt bei Doktorschmaeusen und besonders bei Hochzeiten und Kindtaufen so +ueberhand, dass mancher Mann (z.B. Georg Major durch sein Doktorat und +neun Kindtaufen) in Schulden geriet. Ja, es riss die neue Kleidertracht +ein, "die Jungfrauen zu bloessen, hinten und vorn", und niemand war da, +"der da strafe oder wehre"; es schien, wie Luther fuerchtet, sich +anzulassen, "dass Wittenberg mit seinem Regiment nicht den S. Veitstanz +noch S. Johannistanz, sondern den Bettlertanz und Beelzebubtanz kriege". +Daher meinte Luther: "Nur weg aus dieser Sodoma!"[646] + +Damit schien er nun Ernst zu machen. Im Juli 1545 unternahm er auf Frau +Kaethes Fuhrwerk mit seinem aeltesten Sohne Hans, D. Kreuziger und einem +Tischgenossen Ferdinand von Maugen eine Erholungsreise nach Leipzig und +Zeitz zu Freund Amsdorf, dem Bischof. Unterwegs hoerte er, dass die +Zustaende in Wittenberg viel mehr im Munde der Leute waeren, als er +dachte. Da wollte er gar nicht mehr in die "unordige" Stadt zurueck. Er +schrieb am 28. Juli von Zeitz aus an seine Frau folgenden Brief[543]: + +"G(nade) und F(riede)! + +Liebe Kaethe! Wie unsre Reise ist gangen, wird Dir Hans wohl alles +sagen--wiewohl ich auch nicht gewiss bin, ob er bei mir bleiben solle--, +dann werden's doch D. Kaspar Kreuziger und Ferdinandus wohl sagen. Ernst +von Schoenfeld hat uns zu Lobnitz schoen gehalten[544]. Noch viel schoener +Heinz Scherle zu Leipzig. + +Ich wollt's gerne so machen, dass ich nicht muesste wieder gen Wittenberg +kommen. Mein Herz ist erkaltet, dass ich nicht gern da bin; wollt auch, +dass Du verkauftest Garten und Hufe, Haus und Hof. So wollt ich (auch) +M(einem) G(naedigen) H(errn) das grosse Haus[545] wieder schenken. Und +waere Dein Bestes, dass Du Dich gen Zulsdorf setzest, weil (waehrend) ich +noch lebe. Und (ich) koennte Dir mit dem Solde wohl helfen das Guetlein +bessern, denn ich hoffe, M.G.H. soll mir den Sold (aus)folgen lassen, +zum wenigsten ein Jahr meines letzten Lebens. Nach meinem Tode werden +Dich die vier Elemente[546] zu Wittenberg doch nicht wohl leiden; darum +waere es besser bei meinem Leben gethan, was dann zu thun sein will. + +Ich habe auf dem Lande mehr gehoert, denn ich zu Wittenberg erfahre, +darum ich der Stadt muede bin und nicht wieder kommen will, da mir Gott +zu helfe. + +Uebermorgen werde ich gen Merseburg fahren, denn Fuerst George hat mich +sehr darum lassen bitten[547]. + +Will also umherschweifen und eher das Bettelbrot essen, ehe ich meine +arm alte letzte Tage mit dem unordigen Wesen zu Wittenberg martern und +beunruhigen will mit Verlust meiner sauern und teuern Arbeit. Magst +solches, wo Du willst, D. Pommer und M. Philipps wissen lassen, und ob +D. Pommer wollt' hiemit Wittenberg von meinenwegen gesegnen[548]. Denn +ich kann des Zorns und Unlust nicht laenger leiden. + +Hiemit Gott befohlen, Amen. + +Martinus Luther." + +Frau Kaethe zeigte natuerlich diesen drohenden Brief den beiden Freunden; +Melanchthon wiederum, welcher auf den Mittag zu Dr. Brueck kam und mit +ihm ass, erzaehlte dem Kanzler Luthers Vorhaben. Das that seine Wirkung. +Denn was war Wittenberg ohne Luther? Auch Melanchthon erklaerte, dass er +dann nicht mehr bleiben koennte und sich vor dem Aergernis irgend wohin +verkriechen muesse. + +Da fuhr der Schrecken den Wittenbergern, Universitaet, Rat und +Buergerschaft durch die Glieder. Der Senat und der Magistrat kamen +zusammen und berieten ueber Massregeln, Luther zu halten. An den +Kurfuersten wurde mit einer Abschrift von Luthers Brief eine Botschaft +geschickt, damit er auch seinerseits auf den erzuernten Mann einwirke, +"dass er sein Gemuet aendere". Eine Abordnung von Universitaet und Stadtrat: +Melanchthon, Bugenhagen, Major, der Buergermeister und der Stadtrichter +Hans Lufft, wurden zu Luther gesandt und auch vom Hof kam ein +beschwichtigender Brief und der liebenswuerdige Leibarzt Ratzeberger, den +Luther gar gut leiden mochte, nach Merseburg. Der Doktor liess sich hart +genug gegen die Wittenberger Abgesandten aus ueber "die Lockerung der +Zucht". Stadt und Regierung versprachen nun ernstliches Einschreiten +gegen das "verthunliche" Wesen bei Hochzeiten und Kindtaufen, gegen +leichtfertiges Treiben bei Tanzvergnuegungen, gegen das ungebuehrliche +Geschrei auf den Strassen u.s.w.[549] + +So liess sich Luther besaenftigen; er kehrte noch bei Hof an, um seinen +Forderungen Nachdruck zu geben; dann fuhr er langsam nach Hause. Die +Ausspannung und der Aufenthalt in freier Luft hatte ihm doch gut gethan, +und die Behaglichkeit in seinem schoenen Heim, die Fuersorge seiner treuen +Hausfrau liessen ihn die Gedanken an einen Auszug vergessen, bis die +endgiltige Wanderung in die jenseitige Welt ihn aller Unlust und +Widerwaertigkeiten, aller Leiden und Folterqualen der Krankheit +enthob[550]. + +Er sollte die verwickelten Streithaendel seiner Landesherrn, der +Mansfelder Grafen, wegen der Bergwerksrechte beilegen und machte dazu im +folgenden Winter drei Reisen in seine Heimat. Der Kurfuerst haette lieber +gesehen, wenn Luther "als ein alter abgelebter Mann mit diesen Sachen +verschont bliebe"; und das war Frau Kaethes Meinung auch, welche es +betrieb, dass Melanchthon, der doch viel juenger und gesunder war, nicht +nach Regensburg musste. Aber Luther selbst meinte: "Es muss, wiewohl ich +viel zu thun habe, um ein acht Tage nicht not haben, die ich daran wagen +will, damit ich mit Freuden mich in meinen Sarg legen moege, wo ich zuvor +meine lieben Landesherren vertragen und freundliches, einmuetiges Herzens +gesehen habe." Nebenbei war es ihm eine Genugthuung, zu zeigen, was in +Streithaendeln ein guter Christ fertig braechte, gegenueber "den silbernen +und guldenen Juristen, welche die Sache oftmals als Vorteil und Geiz +wider alle Billigkeit erweitern und auf(hinaus)ziehen."[551] + +Freilich Frau Kaethe nahm diese Reisen viel schwerer, namentlich die +letzte in der schlimmsten Jahreszeit. Es war Ende Januar und ein gar +"unartiges", kaltes Wetter. Sie wusste aus reicher Erfahrung, was eine +Erkaeltung fuer den durch und durch kranken Mann bedeute. Sie hatte ja +auch gehoert, dass Luther im November (1545) seine Vorlesung ueber die +Genesis mit den Abschiedsworten geschlossen hatte: "Ich kann nicht mehr; +ich bin schwach; bittet Gott fuer mich, dass er mir ein gutes, seliges +Ende beschere." Endlich hatte ein Vorfall das ganze Haus mit banger +Ahnung erfuellt. Kurz vorher hatten die studentischen Tisch- und +Hausgenossen im Schlafhaus, wo sie wohnten, eine Schlaguhr erneuern +lassen. Da begab sich's einstmals um Mitternacht, dass bei dieser Uhr ein +sehr grosser harter Fall gehoert wurde, als ob das ganze Gehaeuse mit samt +den Gewichten heruntergefallen waere. Am andern Morgen war alles +unversehrt. Da dies Luther gesagt war, sprach er zu den Tischgenossen: +"Ihr lieben Quiriten, erschreckt nicht davor. Denn dieser Fall bedeutet +mich, dass ich bald sterben werde. Wenn ich von Eisleben komme, will ich +mich in Sarg legen. So bin ich der Welt muede, und scheide gerne wie ein +reifer Gast aus einer gemeinen Herberge." Dennoch wollte Frau Katharina +ihren Gatten an dem Friedenswerk in Mansfeld nicht hindern und nachdem +er zweimal die Reise gluecklich ueberwunden, hoffte sie wohl auch auf +einen gluecklichen Ausgang einer dritten und letzten. Sie gab ihm aber +nicht nur seinen Famulus Ambrosius Rutfeld mit, sondern auch ihre drei +Soehne und in Halle sollte Herr D. Jonas einsteigen. Im Kloster blieben +als Tischgenossen Besold, Plato u.a. zurueck[552]. + +Die Reisenden fuhren am Samstag, den 23. Januar, in Wittenberg ab. Es +trat nach scharfem Frost waehrend der Nacht auf Sonntag Tauwetter ein, +mit Eisgang und Ueberschwemmung, so dass die Reisegesellschaft, als sie +Sonntag vormittag in Halle anlangte, nicht ueber die Saale kommen und +drei Tage in der Stadt verziehen musste; Freund Jonas, der seit vier +Jahren in Halle Pfarrer war, hiess aber die Wittenberger Gaeste in seinem +Hause willkommen. Von Halle empfing nun Frau Kaethe einen launigen Brief +ihres Eheherrn, der dessen gute Stimmung meldete. Er war adressiert +"Meiner freundlichen lieben Kaethen Luthrin zu Wittenberg zu +Handen"[553]. + +"Gnad und Friede im Herrn! + +Liebe Kaethe! + +Wir sind heute um acht Uhr zu Halle ankommen, aber nach Eisleben nicht +gefahren. Denn es begegnete uns eine grosse Wiedertaeuferin mit +Wasserwogen und grossen Eisschollen, die das Land bedeckte; die draeuete +uns mit der Wiedertaufe. So konnten wir auch nicht wieder zurueckkommen, +von wegen der Mulda; mussten also zu Halle zwischen den (beiden) Wassern +stille liegen. Nicht dass uns durstete zu trinken, sondern nahmen gut +Torgisch Bier und guten rheinischen Wein; damit labeten und troesteten +wir uns dieweil, ob die Saale wollt wieder auszuernen. Denn weil die +Leute und Fuhrmeister, auch wir selbst zaghaftig waren, haben wir uns +nicht wollen in das Wasser begeben und Gott versuchen; denn der Teufel +wohnet im Wasser und ist uns gram; und ist besser verwahret denn +beklaget; und ist ohne Not, dass wir dem Papst samt seinen Schuppen eine +Narrenfreude machen sollten. Ich haette nicht gemeint, dass die Saale eine +solche Sod machen koennte, dass sie ueber Steinwege und alles rumpeln +sollte. + +Jetzo nicht mehr, denn: betet fuer uns und seid fromm. Ich halte, waerest +Du hier gewesen, so haettest Du uns auch also zu thun geraten; so haetten +wir Deinem Rat auch einmal gefolget. + +Hiemit Gott befohlen! Amen. + +Zu Halle am St. Paulus Bekehrungstage (25. Januar) Anno 1546. + +Martinus Luther D." + +Das lautete gar froehlich und vergnuegt, als man im Kloster diesen +lustigen Brief las, und Frau Kaethe konnte einstweilen beruhigt sein. +Aber es dauerte acht Tage, bis wieder ein Brief kam. Das musste die +besorgte Frau schon nicht wenig aufregen und sie sandte Briefe ueber +Briefe ab, was sonst bei der vielbeschaeftigten Frau nicht gerade +Gewohnheit war. Endlich nach Lichtmess langte ein zweiter Brief Luthers +an. Der war freilich auch in demselben scherzhaften Ton geschrieben, wie +der vorige und die meisten Episteln des Doktors an seine Frau. Aber es +war doch eine Stelle darin, die bedenklich machen konnte. + +"Meiner herzlieben Hausfrauen Katharin Lutherin, Doktorin, Zulsdorferin, +Saumaerkterin und was sie sonst noch sein kann. + +Gnade und Friede in Christo und meine alte, arme und, wie ich weiss, +unkraeftige Liebe zuvor. + +Liebe Kaethe! Ich bin schwach gewesen auf dem Wege hart vor Eisleben, das +war meine Schuld. Aber wenn Du waerest dagewesen, so haettest Du gesagt, +es waere der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen. Denn wir mussten +durch ein Dorf hart vor Eisleben, da viele Juden inne wohnten; +vielleicht haben sie mich so scharf angeblasen. So sind hier in der +Stadt Eisleben jetzt diese Stunde ueber fuenfzig Juden wohnhaftig (in +einem Hause). Und wahr ist's, da ich bei dem Dorf war, ging mir ein +solch kalter Wind hinten im Wagen ein auf meinen Kopf durchs Barett, als +wollte mir's das Hirn zu Eise machen. Solches mag nun zum Schwindel +etwas haben geholfen; aber jetzt bin ich gottlob! wohl geschickt, +ausgenommen, dass die schoenen Frauen mich so hart anfechten. + +Ich trinke Naumburgisch Bier, fast des Geschmacks, den Du von Mansfeld +mir etwa hast gelobet. Es gefaellt mir wohl. + +Deine Soehnchen sind nach Mansfeld gefahren ehegestern, weil sie Hans von +Jene[554] so demuetiglich gebeten hatte; weiss nicht, was sie da machen. +Wenn's kalt waere, so moechten sie helfen frieren. Nun es warm ist, +koennten sie wohl was anders thun oder leiden, wie es ihnen gefaellt. + +Hiermit Gott befohlen sammt allem Hause, und gruesse alle Tischgesellen. +Vigilia Purificationis, 1546. + +M.L., Dein altes Liebchen."[555] + +Also der Doktor hatte sich richtig erkaeltet und zwar durch eigene +Schuld; er war eine Zeitlang vom Wagen abgestiegen, hatte sich in +Schweiss gelaufen bei dem auffallend warmen Winterwetter, war dann im +letzten Dorfe Nissdorf, hart vor Eisleben, unvorsichtigerweise wieder auf +den Wagen gesessen und hatte sich in dem scharfen Luftzug des Fuhrwerks +erkaeltet. Frau Kaethe wusste, was das zu bedeuten hatte und war gar +aengstlich trotz des froehlichen Briefes. Sie hatte, scheint es, die Sache +schon vor Luthers eigener Meldung sonsther gehoert, auch dass die sonst +immer offen gehaltene Wunde am Bein, welche, eine Art Fontanelle, den +kranken Saeften einen Abfluss gewaehrte, bedenklicherweise zugeheilt war. +So schrieb sie nun einen Brief um den andern, an einem Tag (Freitag, 5. +Februar) sogar mehrere. Auch sandte sie von Wittenberg ihre gewoehnlichen +Hausmittel: "Staerkkuechlein", allerlei Staerkwasser, Rosenessig und +Aquavitae, und hiess Jonas, den Famulus und ihre Soehne in dem Gemach des +Doktors schlafen[556]. Er zwar schreibt wieder ganz sorglos, nur +bedenklich wegen der heikeln Streitigkeiten, die er zu schlichten hatte, +am 6. Februar[557]: + +"Der tiefgelehrten Frauen Katharin Lutherin, meiner gnaedigen Hausfrauen +zu Wittenberg. + +Gnade und Friede. + +Liebe Kaethe! Wir sitzen hier und lassen uns martern und waeren wohl gern +davon; aber es kann noch nicht sein, als mich duenkt, in acht Tagen. Mag. +Philippus magst Du sagen, dass er seine Postille korrigiere; denn er hat +nicht verstanden, warum der Herr im Evangelio die Reichtuemer Dornen +nennt. Hier ist die Schule, da man solches verstehen lernet. Aber mir +grauet, dass allewege in der heiligen Schrift den Dornen das Feuer +gedroht wird; darum ich desto groessere Geduld habe, ob ich mit Gottes +Hilfe moechte etwas Gutes ausrichten. Deine Soehnchen sind noch zu +Mansfeld. Sonst haben wir zu essen und trinken genug und haetten gute +Tage, wenn's der verdriessliche Handel thaet. Mich duenkt, der Teufel +spotte unser; Gott woll' ihn wieder spotten, Amen. + +Bittet fuer uns. Der Bote eilte sehr. + +Am Sankt Dorotheentage, 1546." + +Trotz dieser Briefe war aber Frau Kaethe so voller Sorge um den fernen +Gatten, dass sie nicht schlafen konnte, und schrieb gar aengstliche +Episteln nach Eisleben, so dass ihr der fromme Doktor eine lange Predigt +hielt ueber Gottvertrauen in zwei aufeinanderfolgenden Briefen, am 7. und +10. Februar[558]: + +"Meiner lieben Hausfrauen Katherin Lutherin, Doktorin, Selbstmartyrin zu +Wittenberg, meiner gnaedigen Frauen zu Haenden und Fuessen. + +Gnade und Friede im Herrn. + +Lies Du, liebe Kaethe, den Johannem und den kleinen Katechismus, davon Du +einmal sagtest: es ist doch alles in dem Buch von mir gesagt. Denn Du +willst sorgen fuer Deinen Gott, gerade als waere er nicht allmaechtig, der +da koennte zehn Doktor Martinus schaffen, wo der einige alte ersoeffe in +der Saale oder im Ofenloch oder auf Wolfs Vogelherd. Lass mich in Frieden +mit Deiner Sorge: ich hab' einen bessern Sorger, denn Du und alle Engel +sind. Der liegt in der Krippe und haenget an einer Jungfrauen Brust; aber +sitzet gleichwohl zur rechten Hand Gottes des allmaechtigen Vaters. Darum +sei in Frieden, Amen. + +Betet, betet, betet und helft uns, dass wir's gut machen. Denn ich heute +in Willen hatte, den Wagen zu schmieren in meinem Zorn; aber Jammer, so +mir einfiel, meines Vaterlandes hat mich gehalten. Ich bin nun auch ein +Jurist worden. Aber es wird ihnen nicht gedeihen. Es waere besser, sie +liessen mich einen Theologen bleiben. Komme ich unter sie, so ich leben +soll, ich moecht' ein Poltergeist werden, der ihren Stolz durch Gottes +Gnade hemmen moechte. Sie stellen sich, als waeren sie Gott, davon moechten +sie wohl und billig bei Zeit abtreten, ehe denn ihre Gottheit zur +Teufelheit wuerde, wie Luzifer geschah, der auch im Himmel vor Hoffart +nicht bleiben konnte. Wohlan, Gottes Wille geschehe. + +Du sollst Mag. Philippus diesen Brief lesen lassen: denn ich nicht Zeit +hatte, ihm zu schreiben, damit Du Dich troesten kannst, dass ich Dich gern +lieb haette, wenn ich koennte, wie Du weisst, und er gegen seine Frauen +vielleicht auch weiss und alles wohl verstehet. + +Wir leben hier wohl, und der Rat schenkt mir zu jeglicher Mahlzeit ein +halb Stuebchen Rheinfall, der ist sehr gut. Zuweilen trink ich's mit +meinen Gesellen. So ist der Landwein hier gut, und Naumburgisch Bier +sehr gut, ohne dass mich duenkt, es macht mir die Brust voll phlegmate +(Schleim) mit seinem Pech. Der Teufel hat uns das Bier in aller Welt mit +Pech verdorben und bei euch den Wein mit Schwefel. Aber hier ist der +Wein rein, ohne was des Landes Art giebt. + +Und wisse, dass alle Briefe, die Du geschrieben hast, sind anher kommen +und heute sind die kommen, die Du am naechsten Freitag geschrieben hast +mit Mag. Philippus Briefen, damit Du nicht zuernest. + +Am Sonntag nach Dorotheens Tag (7. Febr.) 1546. + + * * * * * + +Dein lieber Herr M. Luther." + +"Der heiligen sorgfaeltigen Frauen, Katherin Lutherin, Doktor +Zulsdorferin zu Wittenberg, meiner gnaedigen, lieben Hausfrauen. + +Gnade und Friede in Christo. + +Allerheiligste Frau Doktorin! Wir bedanken uns gar freundlich fuer Eure +grosse Sorge, davor Ihr nicht schlafen koennt; denn seit der Zeit Ihr fuer +uns gesorget habt, wollt' uns das Feuer verzehret haben in unsrer +Herberg hart vor meiner Stubenthuer; und gestern, ohne Zweifel aus Kraft +Eurer Sorge, hat uns schier ein Stein auf den Kopf gefallen und +zerquetscht, wie in einer Mausfallen. Der hatte im Sinn, Eurer heiligen +Sorge zu danken, wo die lieben heiligen Engel nicht gehuetet haetten. Ich +sorge, wo Du nicht aufhoerst zu sorgen, es moechte uns zuletzt die Erde +verschlingen und alle Elemente verfolgen. Lehrest Du also den +Katechismum und den Glauben? Bete Du und lass Gott sorgen, es heisst: +"Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der sorget fuer dich (1. Petr. 5, 7)." + +Wir sind, Gott Lob, frisch und gesund, ohne dass uns die Sachen Unlust +machen, und Doktor Jonas wollt' gern einen boesen Schenkel haben, dass er +sich an eine Lade ohngefaehr gestossen: so gross ist der Neid in den +Leuten, dass er mir nicht wollt' goennen allein einen boesen Schenkel zu +haben. + +Hiemit Gott befohlen. Wir wollten nun fort gerne los sein und +heimfahren, wenn's Gott wollt', Amen, Amen, Amen. + +Euer Heiligen williger Diener Martinus Luther. + +Am Tage Scholasticae (10. Febr.) 1546." + +Aber was Frau Kaethe zu wenig an Gottvertrauen zeigte, das bewies der +Herr Doktor zu viel. Sie wusste und hoerte, dass er, trotzdem er sich jeden +Abend mit warmen Tuechern behandeln lassen musste, seinen alten +Predigteifer auch in der fremden Stadt in der kalten Kirche bethaetigte; +zwei Geistliche ordinierte er und viermal predigte er, zuletzt am +Sonntag den 14. Februar. Abends schrieb er noch einen Brief an seine +Hausfrau, erwaehnte aber nichts davon, dass er heute morgen seine Predigt +hatte abbrechen muessen aus Schwachheit; er bat aber seine Frau um +Arzneien[559]. + +Der Brief schlaegt wieder froehliche und hoffnungsvolle Toene an; die +Aussicht auf Rueckkehr nach der lieben Heimat vergoldete die truebe +Stimmung[560]: + +"Meiner freundlichen, lieben Hausfrauen, Katherin Lutherin von Bora zu +Wittenberg zu Haenden. + +Gnade und Friede im Herrn. + +Liebe Kaethe! Wir hoffen diese Woche wieder heim zu kommen, ob Gott will. +Gott hat grosse Gnade hier erzeigt; denn die Herren durch ihre Raete fast +altes verglichen haben, bis auf zwei Artikel oder drei, unter welchen +ist, dass die zwei Brueder Graf Gebhardt und Graf Albrecht wiederum Brueder +werden, welches ich heute soll vornehmen und will sie zu mir zu Gaste +bitten, dass sie auch mit einander reden; denn sie bis daher stumm +gewesen und mit Schriften sich hart verbittert haben. Sonst sind die +jungen Herren (die Soehne der feindlichen Grafen) froehlich, fahren +zusammen mit den Narrengloecklein auf Schlitten und die Fraeulein auch und +bringen einander Mummenschanz, und sind guter Dinge, auch Graf Gebhardts +Sohn. Also muss man greifen, dass Gott Gebete erhoert. + +Ich schicke Dir Forellen, so mir die Graefin Albrecht geschenkt hat: die +ist von Herzen froh der Einigkeit. Deine Soehnchen sind noch zu Mansfeld. +Jakob Luther will sie wohl versorgen. Wir haben hier zu essen und zu +trinken als die Herrn, und man wartet unser gar schoen, nur allzu schoen, +dass wir Euer wohl vergessen moechten zu Wittenberg. So ficht mich der +Stein auch nicht an. Aber Doktor Jonas Bein waere schier gnad worden, so +hat's Loecher gewonnen auf dem Schienbein; aber Gott wird auch helfen. + +Solches alles magst Du Mag. Philippus anzeigen, Doktor Pommer und Doktor +Kruziger. Hier ist das Geruecht herkommen, dass Doktor Martinus sei +weggefuehrt, wie man zu Leipzig und Magdeburg redet. Solches erdichten +die Naseweisen, Deine Landsleute. Etliche sagen, der Kaiser sei dreissig +Meilen Wegs von hinnen bei Soest in Westphalen; etliche, dass der +Franzose Knechte annehme, der Landgraf auch. Aber lass sagen und singen: +wir wollen warten, was Gott thun wird. Hiemit Gott befohlen. + +Zu Eisleben am Sonntag Valentini 1546. + +M. Luther, Doktor." + +Es war der letzte Brief an seine Ehefrau, der letzte, den Luther +ueberhaupt schrieb. Die heitere Epistel kam am Donnerstag in Kaethes Haende +und erregte bei den Klosterbewohnern grosses Vergnuegen: in Eisleben aber +lag der Schreiber schon auf dem Totenbette. Der Gewaltige war am selben +Tage frueh um 3 Uhr im Kreise seiner Freunde, Dr. Jonas, M. Aurifaber, +des Arztes, des Stadtpfarrers von Eisleben, des Grafen und der Graefin +Albrecht, sanft und selig entschlafen. In Wittenberg freilich dachte man +nicht daran. Melanchthon, dem Luther mit gleichem Boten geschrieben +hatte (u.a. dass Papst Paul gestorben waere), verfasste noch einen Brief an +den Freund und Frau Kaethe schickte noch eine Salbe mit, zur +Wiederherstellung der Fontanelle am linken Schenkel. Aber am Freitag +frueh 6 Uhr kam aus Torgau ein reitender kurfuerstlicher Bote vor des +Kanzlers Brueck Haus; dieser liess sogleich D. Bugenhagen, Kreuziger und +M. Philipp zu sich kommen; sie wussten aber bereits, was das +kurfuerstliche Schreiben meldete, ehe er es ihnen zu lesen gab, denn vor +einer Viertelstunde war auch ein Bote mit einem Brief aus Eisleben von +Jonas an sie gelangt. Auf Bruecks Bitten verfuegten sich die drei Herren +mit des Kurfuersten und Jonas' Brief unsaeumig hinauf zu der Doktorin und +berichteten sie mit der besten Vorsicht von ihres Herrn Abgang. "Da ist +das arme Weib, wie leichtlich zu achten, hart erschrocken und in grosser +Betruebnis gewesen." Aber wiederum nicht an sich dachte sie zumeist, +sondern an ihre Kinder, besonders, wie ihre drei Soehne in der Ferne sich +ueber des Vaters Tod halten moechten[561]. + +Katharinas bange Ahnung hatte sich also erfuellt; ihre Sorge um den +kraenklichen fernen Gatten war nicht ohne Grund gewesen. Das Trauervolle +war geschehen: der teure Mann, der gewaltige Reformator, der geistvolle +Lehrer und Prediger, der liebreiche Vater, der treue Gatte war nicht +mehr! Wenn auch nicht unerwartet, so doch zu frueh fuer die Welt und fuer +die Familie war er dahin geschieden, wohin er sich so oft gesehnt; von +der Welt, ueber die er so viel gescholten und die er doch mit so viel +Verstaendnis und Freude erfasst; von dem Amte, in dem er sich so muede +gearbeitet, und in dem er doch noch so Grosses leistete; von der Familie, +die ihm zwar Sorgen, aber noch viel mehr Glueck und Freude gebracht und +die er mit so viel Glauben und Liebe umfasste; von der Gattin, die er so +oft geneckt und manchmal getadelt, die er aber ueber alle Frauen +geschaetzt und geliebt hatte. + +"Es war eine harte Wunde, die sie durch den Tod ihres Ehegemahls +empfing. Und dazu musste sie noch klagen, dass derselbe in einem anderen +Orte gestorben war, wo sie nicht bei dem Kranken Treue und die letzten +Liebesdienste hatte erweisen koennen."[562] + +Ja, in der Fremde war er gestorben, zum grossen Schmerze Katharinas, die +mit ihm zwanzig Jahre "in Friede und Freude" gelebt, die ihn in gesunden +und kranken Tagen so hingebungsvoll gepflegt und jetzt die letzten +Stunden seines Lebens nicht um ihn sein durfte, ihm in das liebe +Angesicht schauen und die treuen Augen zudruecken durfte. Es war kaum +ein Trost, dass er im Kreise der Freunde verschieden war, dass der Graf +Albrecht ihm selbst Einhorn geschabt und seine Gemahlin ihm den Puls mit +dem Staerkwasser strich, welches die Doktorin geschickt, und dass er in +ihres Sohnes Paul Armen ausgeatmet und ihm sein treuer Aurifaber die +Augen zugedrueckt hatte[563]. + +Und jetzt konnte sie nicht einmal den Trost geniessen, durch die Fuersorge +fuer die Bestattung des geliebten Toten ihren Geist abzulenken von dem +Gedanken des schmerzlichen Verlustes. + +Das kurfuerstliche Schreiben enthielt naemlich die Bestimmung, dass der +Leib Luthers in der Schlosskirche zu Wittenberg bestattet werden sollte, +bei Fuersten und Fuerstinnen, deren zwanzig dort bestattet waren. Aber so +war wenigstens ihr lieber Herr bei ihr in ihrer Stadt und sie konnte mit +den anderen Freunden "ihren Heiligen daselbst nach seinem Tode +besuchen", wie Bugenhagen sich ausdrueckte. Denn die Grafen von Mansfeld +haetten "die Leiche des hochteuern, von Gott mit unaussprechlichen Gaben +begnadeten Mannes gern selbst in der Herrschaft behalten", folgten sie +aber "aus unterthaenigem Gehorsam" dem Kurfuersten auf dessen Bitte +dienstwillig aus. So ruestete sich nun die Doktorin, ihr Toechterlein und +das ganze Kloster fuer das Leichenbegaengnis nur mit Trauergewaendern[564]. + +Aber auch die ganze Stadt und Universitaet machte sich bereit, ihren +groessten Buerger mit feierlichem Leichengepraenge zu empfangen. Melanchthon +hatte sofort nach der Ankunft der Todeskunde am Freitag frueh die +Studenten in einem Anschlag benachrichtigt, dass der christliche Elias +von seinen Juengern genommen sei. Der Rektor der Akademie, Dr. Aug. +Schurf, befahl am Sonntag Morgen in einem Programme "allen Studenten am +Nachmittag, sobald das Zeichen mit der kleinen Glocke gegeben werde, +sich auf dem Markte zu versammeln und daselbst den ehrwuerdigen +Pfarrherrn (D. Pommer) an der Kirche zu erwarten, ihm sofort zu folgen +und mit ihm die Leiche zu empfangen, welche gewesen ist und sein wird +eine Huette des heiligen Geistes." Von Wittenberg ritten dem Trauerzuge +entgegen, um ihn in Bitterfeld, an der Mansfeldischen Grenze zu +empfangen und ehrenvoll zu geleiten, die "Verordneten des Kurfuersten": +Erasmus Spiegel, der Hauptmann von Wittenberg, Gangolf von Heilingen zu +Dueben und Dietrich von Taubenheim zu Brehne mit Gefolge[565]. + +Aber die Leiche kam am Sonntag noch nicht: in jeder Stadt wollte man sie +einholen, zurueckhalten, begleiten; und so verzoegerte sich die Ankunft +des Zuges, der zuletzt in Kemberg gerastet hatte. Und Melanchthon musste +am Schwarzen Brett, auf dem Programm des Rektors verkuendigen, dass die +Ankunft der Leiche und ihre Bestattung erst am andern Morgen, etwa um 9 +Uhr, stattfinde[566]. + +Im Laufe des Sonntags kam ein Beileid-Schreiben des Kurfuersten[567]: + +"An Catharina, Doctoris Martini seliger Gedaechtnis verlassene Witwe zu +Wittenberg. + +Herzog Johanns Friedrich, Kurfuerst. + +Liebe Besondere! + +Wir zweifeln nicht, Ihr werdet nunmehr erfahren haben, dass der +Ehrwuerdige und Hochgelehrte, unser Lieber Andaechtiger Doctor Martin +Luther seliges Gedaechtnis, Euer Hauswirt, sein Leben in diesem +Jammerthal zu Eisleben am naechsten Dornstag fruehe zwischen 2 und 3 Uhren +christlich und wohl mit goettlichen der hl. Schrift Spruechen beschlossen +hat und von hinnen geschieden ist, welches Wir aber mit betruebtem und +bekuemmertem Gemuet vernommen. Der allmaechtige Gott wolle seiner Seelen, +wie Wir denn gar nicht zweifeln, gnaedig und barmherzig sein! Und wiewohl +Wir wohl ermessen moegen, dass Euch solcher Euers Herrn toedlicher Abgang +schmerzlich und bekuemmerlich sein wird, so kann doch in dem Gottes +gnaedigen Willen, des Allmaechtigkeit es also mit ihm gnaediglich und +christlich geschafft hat, nicht widerstrebt werden, sondern es will +solches Gott zu befehlen sein. Darum Ihr auch soviel destoweniger +bekuemmern und seines christlichen Abscheidens Euch troesten wollet. Denn +Wir seind gnaediglich geneigt, Euch und Eure Kinder um Eures Herren sel. +willen, dem Wir in sonderen Gnaden und Guten geneigt gewest, in gnaedigem +Befehl zu haben und nicht zu verlassen. Das wollen Wir Euch gnaediger +Meinung nicht verhalten. + +Datum Torgau, Sonnabends nach Valentini 1546." + +Am Montag frueh versammelten sich am Elsterthor Rektor, Magistri und +Doktores und die ganze loebliche Universitaet, auch ein ehrbarer Rat samt +ganzer Gemeinde und Buergerschaft, dann die Geistlichen und Schulen. Auch +Frau Kaethe machte sich auf mit ihrem Toechterlein Margarete und einigen +Frauen und stellten sich weinend an den Weg, dem toten Gatten entgegen +harrend. + +Endlich um 9 Uhr, langte der Zug mit der teuren Leiche an: geleitet von +den kurfuerstlichen Abgeordneten und den beiden jungen Mansfelder Grafen +Hans und Hoyer und einer grossen Reiterschar. Auch die Mansfelder +Verwandten kamen mit, Luthers Lieblingsbruder Jakob, und seine +Schwestersoehne Joerg und Cyriak Kaufmann und andere von der +"Freundschaft". Vor allem aber die drei Soehne Hans, Martin und Paul. Es +war ein schmerzliches Wiedersehen, das hier Frau Katharina erlebte. Die +Soehne freilich konnte sie schluchzend in die Arme schliessen, aber das +Antlitz des teuren geliebten Gatten durfte sie nicht mehr sehen; da lag +er eingeschlossen im Sarg von Zinn, aufgebahrt auf dem Wagen, mit +schwarzem samtenem Tuch umhangen[568]. + +Darauf ordnete sich der Zug: voraus die Geistlichkeit und die Schulen +mit den herkoemmlichen Gesaengen und Zeremonien, darauf die "Berittenen" +auf ungefaehr 65 Pferden. Gleich hinter dem vierspaennigen Leichenwagen +fuhr die "Frau Doktorin Katharina Lutherin" mit den Matronen, nach +herkoemmlicher Sitte auf einem niederen Waegelein. Ihr folgten die drei +Soehne, der Bruder, die Neffen und andere Verwandten. Dann in vollem +Ornat "der Rektor Magnificus der loeblichen Universitaet mit etlichen +jungen Fuersten, Grafen und Freiherrn, so in der Universitaet Wittenberg +Studii halber sich (auf)enthalten." Darnach kam als weiteres +Leichengefolge: Kanzler Brueck, Melanchthon, Jonas, Bugenhagen, +Kreuziger, Hieronymus Schurf und andere aelteste Doktoren; dann die +uebrigen Doktoren, Magister, der ehrbare Rat, Buergermeister Cranach samt +den Ratspersonen, darnach der ganze grosse Haufen und herrliche Menge der +Studenten; darauf die Buergerschaft, desgleichen viele Buergerinnen, +Matronen, Frauen, Jungfrauen, viel "ehrliche" Kinder, jung und alt; +alles mit Weinen und Wehklagen. "In allen Gassen, auch auf dem Markt ist +das Gedraenge so gross und solche Menge des Volkes gewesen, dass sich's +billig in der Eil zu verwunden und viele bekannt haben, dass sie +dergleichen zu Wittenberg nicht gesehen." + +So ging es unter Gesang und dem Gelaeute aller Glocken in unabsehbarem +Zuge vom Elsterthor die ganze Laenge der Stadt hin am Kloster vorbei, das +jetzt verwaist von seinem Vater und Herrn dalag, die Kollegienstrasse +hinab zur Schlosskirche. Dort wurde der Sarg am Predigtstuhl +niedergesetzt. Trauerlieder erschollen, bis Bugenhagen die Kanzel +bestieg und vor den ungezaehlten Hoerern, die in und vor der Kirche +standen, eine "gar festliche und troestliche Predigt" that. Darauf hat +Melanchthon "aus sonderlichem Mitleiden, um die Kirche zu troesten", eine +lateinische Gedaechtnisrede gehalten, die vor dem allgemeinen Weinen und +Schluchzen kaum gehoert wurde. Seine Klage: "Wir sind wie arme Waisen, +die einen vortrefflichen Mann zum Vater gehabt und ihn verloren haben", +die den Grundton aller Rede bildeten, sie waren ganz besonders +denjenigen aus dem Herzen gesprochen, die dem teuren Toten am naechsten +standen, und am naechsten an seinem Sarg klagten: der trauernden Gattin, +den weinenden Kindern[569]. + +"Nach den Leichenreden trugen etliche Magister den Sarg nach der Gruft +und legten so das teure Werkzeug des heiligen Geistes, den Leib des +ehrwuerdigen D. Martini zur Ruhe, nicht fern von dem Predigtstuhl, da er +im Leben manche gewaltige Predigt gethan." Der Kurfuerst aber hatte schon +am Tag vorher verordnet, dass eine Tafel aus Messing aufs Grab +niedergelegt wurde, dergestalt wie noch heutzutage zu sehen ist[570]. + +Wohl konnte das ausserordentliche, wahrhaft fuerstliche Leichengepraenge +zeigen, welch ein Mann, ja, wie der Rektor ankuendigte, welch ein "Fuerst +Gottes" der Dahingegangene gewesen, welche Liebe und Verehrung er bei +hoch und nieder genossen und die Teilnahme aller bewies, was die Welt an +ihm verlor und betrauern musste, und das ist ja fuer die Hinterbliebenen +immer ein Trost in ihrem Schmerz. Aber diese Leichenfeier zeigte auch, +was die Angehoerigen selber an ihm gehabt und beweinen mussten. + +Was Katharinas Stimmung und Gedanken in diesen schmerzlichen Tagen war, +das giebt sie kund in einem Briefe, den sie an ihre Schwaegerin +Christina, die verwitwete Gemahlin eines ihrer Brueder und Mutter des +Florian, welcher in Wittenberg ihr Hausgenosse war, richtete[571]. Da +schreibt sie: + +"Der ehrbaren und tugendsamen Frauen Christina von Bora, meiner lieben +Schwester zuhand. + +Gnad und Fried von Gott dem Vater unsers lieben Herrn Jesu Christi! + +Freundliche liebe Schwester! + +Dass Ihr ein herzlich Mitleiden mit mir und meinen armen Kindern tragt, +glaeub' ich leichtlich. Denn wer wollt' nicht billig betruebt und +bekuemmert sein um einen solchen teuern Mann, als mein lieber Herr +gewesen ist, der nicht allein einer Stadt oder einem einigen Land, +sondern der ganzen Welt viel gedienet hat. Derhalben ich wahrlich so +sehr betruebt bin, dass ich mein grosses Herzeleid keinem Menschen sagen +kann, und weiss nicht, wie mir zu Sinn und zu Mut ist. Ich kann weder +essen noch trinken, auch dazu nicht schlafen. Und wenn ich haett' ein +Fuerstentum und Kaisertum gehabt, sollt' mir so leid nimmer geschehen +sein, so ich's verloren haett', als nun unser lieber Herrgott mir, und +nicht allein mir, sondern der ganzen Welt, diesen lieben und teuern Mann +genommen hat. Wenn ich daran gedenk', so kann ich vor Leid und +Weinen--das Gott wohl weiss--weder reden noch schreiben. + + Katharina, + des Herrn Doctor Martinus Luther + gelassene Witfrau." + + + + +16. Kapitel. + +Luthers Testament. + + +"Ich denke noch oft", erzaehlt der treue Hieronymus Weller nach Luthers +Tod, "an den Mann Gottes, Doktor Martin Luther, dass er sein Gemahl liess +den 31. Psalm auswendig lernen, da sie noch jung und frisch und froehlich +war und sie noch nicht wissen konnte, wie dieser Psalm so lieblich und +troestlich war. Aber ihr Mann that das nicht ohne Ursache. Denn er wusste +wohl, dass sie nach seinem Tode ein betruebtes, elendes Weib sein und +dieses Trostes, so der 31. Psalm in sich hat, sehr noetig werde +beduerfen." Und aehnlich hat sich der Doktor auch in seinem Testament +ausgesprochen, wie in seinem Brief auf seiner Trutz-Fahrt[572]. + +Luther kannte eben die Welt und seine und seiner Familie Lage: er kannte +der Leute Undank[573], der Fuersten Unzuverlaessigkeit und ihrer Beamten +Untreue, der Amtsgenossen kleinliche Gesinnung, der Feinde Hass, der sich +schon bei Lebzeiten auch gegen sein Gemahl in unerhoerter Beschimpfung +richtete und sich noch ungehemmter zeigen musste, wenn erst der +gefuerchtete Kaempe den Schild nicht mehr ueber sie deckte. Er wusste, dass +er ein kranker Mann war, dass er sterben werde, ehe seine Kinder erzogen +und versorgt waeren; er kannte die traurige Lage einer Witwe zu seiner +Zeit, die ohne Ansprueche auf Witwengehalt, ja nach dem herkoemmlichen +Recht ohne Ansprueche auf die Hinterlassenschaft war. Deshalb war er in +Sorge fuer seine treue Gattin; deshalb hat er aber auch, so viel an ihm +lag, Fuersorge fuer sie getroffen, um sie vor dem Schwersten zu bewahren. + +Diese Gedanken hat Luther in seinem "zweiten" und "letzten" "Testament" +niedergelegt, welches vier Jahre vor seinem Tode, am 6. Januar 1542 +niedergeschrieben ist. Darin setzt er seiner "lieben und treuen +Hausfrau" ein Leibgeding aus und will sie schuetzen gegen "etlich +unnuetze, boese und neidische Maeuler", welche seine "liebe Kaethe" +beschweren oder verunglimpfen moechten oder die Kinder aufhetzen. "Denn +der Teufel, so er mir nicht konnte nahe kommen, sollt er wohl meine +Kaethe (auf) allerlei Weise (heim)suchen, (schon) allein (aus) der +Ursache, dass sie des D.M. ehrliche Hausfrau gewesen und Gottlob noch +ist."[574] + +So musste Frau Katharina auch bald spueren, welcher Unterschied es sei, +die Gattin des grossen Doktors zu sein, der nach dem Anspruch eines +grossen Fuersten neben dem Kaiser die Welt regierte, dessen Ansehen und +Ehre auch auf die "Hauswirtin" ueberging, und Luthers verlassene Witwe, +in deren Vermoegens-und Familienverhaeltnisse, Hauswirtschaft und +Kindererziehung hineinzureden und hineinzuregieren sich jetzt viele +berufen fuehlten, zum Teil aus gutem Willen und Verehrung fuer den +dahingegangenen Freund und Reformator, waehrend bisher Frau Katharina +selbst, hoechstens mit Rat und Zustimmung ihres Eheherrn, in diesen +Dingen vollstaendig selbstherrlich geschaltet hatte. Dass sie, die +energische Frau, welche sich ihrer Tuechtigkeit in der Leitung eines +grossen Hauswesens wohl bewusst war, und welcher Luther so bereitwillig +das Hausregiment ueberlassen hatte, dies Dreinreden und Dreinbefehlen +schwer empfand, ist begreiflich. Nicht wenig musste es sie auch schmerzen +und ihr Selbstgefuehl verletzen, dass sie bisher die erste Frau der Stadt, +ja der evangelischen Welt, nun bescheiden zuruecktreten musste. Schwer +auch kam sie's gewiss an, dass sie das in so grossem Stil gefuehrte +Hauswesen mit seiner unerhoerten Gastlichkeit beschraenken musste. + +Zwar das trat nicht ein, was Luther gefuerchtet hatte, dass "die vier +Elemente (d.h. doch wohl die vier Fakultaeten der Universitaet) sie nicht +wohl leiden" wuerden. Auch davon hoert man nichts, was Luther in seinem +Testamente aussprach: "Ich bitt alle meine guten Freunde, sie wollten +meiner lieben Kaethe Zeugen sein und sie entschuldigen helfen, wo etliche +unnuetze Maeuler sie beschweren und verunglimpfen wollten, als sollte sie +etwa eine Barschaft hinter sich haben, die sie den armen Kindern +entwenden oder unterschlagen wuerde. Ich bin des Zeuge, dass da keine +Barschaft ist, ohne die Becher und Kleinod droben im Wipgeding erzaehlt +(aufgezaehlt), vielmehr 450 fl. Schulden oder mehr."[575] + +Aber Luther hatte noch ein weiteres vorausgesehen, was seiner Frau +vorgeworfen werden koennte: eine ueble Wirtschaft. Es heisst weiter im +Testament: "Es kann solches bei jedermann die Rechnung oeffentlich geben, +weil man weiss, wie viel ich Einkommens gehabt von meinen gestrengen +Herrn, ohn was Geschenk ist gewesen, welches droben unter den Kleinoden, +zumteil auch noch in der Schuld steckt und zu finden ist. Und ich doch +von solchem Einkommen und Geschenk so viel gebaut, gekauft und grosse und +schwere Haushaltung gefuehrt, dass ich's muss neben anderem selbst fuer +einen sonderlichen, wunderliche Segen erkennen, dass ich's hab koennen +erschwingen, und nicht Wunder ist, dass keine Barschaft, sondern dass +nicht mehr Schuld da ist."[576] + +Am meisten unzufrieden mit der gesamten Wirtschaft Katharinas war der +Kanzler Brueck, Luthers Gevattersmann. Brueck hatte schon 1536, als +Katharina das Gut Booss pachten wollte, ihr das nicht zukommen lassen, +aus Argwohn, sie wolle dies herrschaftliche Gut so unter der Hand +erblich an sich und ihre Kinder bringen, "welche Gedanken doch nie in +ihr Herz gekommen sind". Deshalb hatte sie auch den Landrentmeister +Taubenheim spaeter (1539), als das Gut wieder pachtfrei war, angegangen, +solchen ihren Antrag an niemand sonst, auch nicht an den Kurfuersten +(welchen dann Brueck um Gutachten gefragt haette) gelangen zu lassen, +sondern ihr's unter der Hand zukommen zu lassen, was dann auch geschah. +Brueck aeusserte sich auch sehr abschaetzig ueber Kaethes Unternehmungen auf +ihrem Lieblingssitz Zulsdorf und hielt diese kostspieligen +Verbesserungen fuer arge Verschwendungen. Er widersetzte sich endlich dem +Erwerb von Wachsdorf. Daher ist es begreiflich, dass auch Katharina auf +ihn uebel zu sprechen war, und ueberhaupt auf die fuerstlichen Amtleute, +welche scheel zu den Begnadigungen sahen, die sie vom Hofe erhielten, +und sogar sie darin verkuerzten. Als Luther ein Jahr vor seinem Tode von +Wittenberg wegziehen wollte, und seine Frau beauftragte, seine +Besitzungen in der Stadt zu veraeussern, da liess Melanchthon gegen Brueck +merken, dass eigentlich Katharina das "treibe" und dass es nicht das sei, +was Luther vorwende. Das berichtete der Kanzler dem Kurfuersten und fuegte +mit einer gewissen Schadenfreude hinzu: es gebe Gottlob keine Kaeufer fuer +so kostbare Haeuser und Gueter[577]. + +Als dann die kurfuerstliche Verordnung wegen "der Hochzeiten und +Kindtaufen" an Luther geschickt wurde, kamen Melanchthon und Bugenhagen +zu Brueck und zeigten an, Luther wolle sie weder sehen noch hoeren; zu Hof +haette man nur sein Gespoett damit. Daraus schloss Brueck, dass der Doktor +durch seine Frau aufgewiegelt werde. + +Es war also ein Zerwuerfnis zwischen dem Schwarzen Kloster und dem Hof, +das heisst zwischen Dr. Luther und Kanzler Brueck, der den "Hof" vertrat, +so dass Brueck gar nicht mehr persoenlich und direkt mit Luther +verhandelte, sondern die beiden Theologen sandte oder auch einen +Dritten[578]. Dieses Zerwuerfnis hatte dann noch seine weitere +Geschichte. + +Im Dezember 1545 schickte Brueck einen Zwischenhaendler ins Schwarze +Kloster "hinauf zu Sr. Ehrwuerden", um Luther zu bewegen, er solle aus +einer vom Hof bestellten Schrift eine politisch bedenkliche Stelle +auslassen. "Da war Frau Kaethe auch dabei und hat ihr Wort dazu gelegt +dergestalt: "Ei lieber Herr, sie lesen zu Hof nichts; das macht's, +wissen sie doch Euere Weise wohl u.s.w." Und Luther wurde ueber diese +Zumutung des Kanzlers zornig und wunderlich und sagte, er wolle es +kurzum nicht thun. Diese Rede Kaethes wurde natuerlich dem Kanzler +hinterbracht und er berichtete sie sofort samt den vorhergehenden +Beobachtungen dem Kurfuersten mit dem Zusatz: "Ich sorg, weil sich Doktor +Martinus in mehr denn einem Weg wider den Hof bewegt vermerken laesst, es +muss nochmals das Guetlein Wachsdorf dahinter stecken, und der gute, +fromme Herr durch die "Rippe" bewegt wird."[579] + +Das alles spielte kurz vor Luthers Tode; begreiflich, dass die +Verstimmung bei Brueck jetzt noch frisch und kraeftig nachwirkte. Auch +Melanchthon und Bugenhagen scheinen gegen die Doktorin eingenommen, wenn +man den Berichten von Brueck glauben soll. Es muss aber doch ausfallen, +dass ausser den Brueckschen Berichten keine Belege fuer Melanchthons und +Bugenhagens Feindseligkeit gegen Frau Kaethe bekannt sind; ja die +Fuersorge beider, namentlich Melanchthons und das Zutrauen Katharinas zu +diesem beweist eher das Gegenteil. Dennoch waere nach Bruecks Eingabe eine +voruebergehende Erregung der beiden alten Freunde gegen sie vorhanden +gewesen. + +Zunaechst freilich wirkte die Liebe und Verehrung, die der gewaltige und +gemuetreiche Mann genossen, auch noch auf seine Familie, insbesondere die +trauernde Gattin. + +Der Kurfuerst hatte einst vor neun Jahren in Schmalkalden an Luthers +vermeintlichem Sterbebett diesem versprochen: "Euer Weib soll mein Weib +sein und Euere Kinder sollen meine Kinder sein". Dessen gedachte er auch +jetzt nach des Doktors wirklichem Abscheiden und sandte an "die +Doktorin, Luthers liebe Hausfrau", jenes gnaedige Trostschreiben, worin +er sie und ihre Kinder seiner gnaedigen Fuersorge versichert[580]. Diesem +Versprechen kam nun auch der Fuerst getreulich nach, so lange er in +Freiheit war und es vermochte. + +Der Kanzler Brueck hatte in einer Nachschrift zu seinem Briefe an den +Kurfuersten vom 19. bemerkt: "Philippus hat mir gesagt, er habe der +Doktorin bereits vor 14 Tagen 20 Thaler zur Haushaltung leihen muessen. +E. Kf. Gn. wollen 14 Thaler verordnen zur Haushaltung und anderem, das +dieses Falles Notdurft wohl erfordern will. Der Allmaechtige wird es E. +Kf. Gn. reichlich vergelten!" Darauf sandte der Kurfuerst sofort am +folgenden Tag hundert Gulden mit einem Schreiben an Melanchthon; darin +heisst es: "Dieweil Wir auch vermerken, als solle gemeldten Doctor +Martini seligen Hausfrau und Witwe am Gelde Mangel haben, wie ihr denn +von Euch vor seinem Tode Fuersehung (Vorschuss) geschehen sein solle: als +schicken Wir Euch bei diesem Boten hundert Gulden. Davon wollet Euch des +Geldes, was Ihr geliehen habt, zuvor bezahlen und der Witwe die Uebermass +(den Ueberschuss) von Unserntwegen zustellen."[581] + +Und vielleicht nochmals zwei Tage nach der Beisetzung hat der Kurfuerst +die Witwe Luthers seiner besonderen Gnade und Fuersorge versichert. Auch +erbot er sich, ihren aeltesten Sohn an den Hof und in die kurfuerstliche +Kanzlei zu nehmen[582]. + +Auch die Freunde des Hauses nahmen sich der Witwe noch an. Melanchthon +erwies ihr eine kleine Aufmerksamkeit. Als er am 11. Maerz einen Hasen +und einen Pelz von Jonas erhielt, dachte er an das Mosesgesetz, dass den +Priestern, welche die Buerde der Kirchenregierung auf ihren Schultern +trugen, auch die Haut des Opfertieres gehoeren sollte, und damit an +Luther, der so lange Jahre auf seinen Schultern eine solche Last +Geschaefte getragen, und er schickte den Pelz und Hasen an Luthers +Witwe[583]. + +Jonas berichtet am 15. April an Koenig Christian III. von Daenemark ueber +Luthers Tod und fuegte die Bitte bei: "Bitt' unterthaenigst E.K.Maj. wolle +der Witwe Domini D. Martini seiner drei Soehne Martini, Pauli, Johannis +und eines Toechterlein Margret gnaedigster Herr sein."[584] + +Sogar der Herzog von Preussen schrieb an den Kurfuersten von Sachsen fuer +D. Martini seligen Witwe eine "Vorbitt", deren der Kurfuerst freundlich +eingedenk zu sein verheisst: "Dieweil Wir dem Doktor bei seinem Leben in +allem Guten geneigt gewesen, so achten Wir Uns auch schuldig, seine +nachgelassenen Kinder, seinen getreuen, fleissigen und christlichen +Dienst geniessen zu lassen, wie Wir sie auch samt der Witwe in gutem +Befehl habend."[585] + +Die Grafen von Mansfeld hatten Luther und seiner Familie fuer seine +Vermittlung 2000 fl. zugesagt und haben diese dann auch am 8. Mai 1546 +"Doktor Luthers nachgelassener Wittfrau und Kindern" verschrieben, zu +"Dankbarkeit solch christlichen Liebe und Erzeigung bemeldts D.M. +Luthers, dass er sich gutwillig gen Eisleben gefuegt und treumeinende +Handlung vorgenommen und also daselbst mit Friede sein Ende christlich +und seliglich beschlossen."[586] + +Endlich bestand noch ein Vermaechtnis des Kurfuersten Johann Friedrich von +1000 fl., welche Luthers Kindern ausgesetzt waren, und wovon einstweilen +die Renten ausbezahlt wurden, als eine Art Gnadengehalt fuer die +Waisen[587]. + +Der Witwe war in diesen Verschreibungen nicht gedacht. Dagegen hatte +Luther fuer seine Gattin schon vier Jahre vor seinem Tode ein Leibgeding +ausgesetzt. + +Luther hatte nun in bekannter Missachtung der Juristen und des +juristischen Formen-Krams dies Dokument absichtlich selbst aufgesetzt +und nur von seinen theologischen Freunden Melanchthon, Kreuziger und +Bugenhagen unterschreiben lassen, in der Meinung, da ihn so "viele in +der Welt fuer einen Lehrer der Wahrheit halten" trotz Papstes Bann und +des Kaisers, Koenige, Fuersten, Pfaffen, ja aller Teufel Zorn, so sollte +man ihm und seiner Handschrift auch in diesen geringen Sachen glauben." +Er schreibt darin: "Zuletzt bitt' ich jedermann, weil ich in dieser +Begabung oder Wibgeding nicht gebrauche der juristischen Formen und +Woerter (wozu ich Ursachen gehabt), man wolle mich lassen sein die +Person, die ich in Wahrheit bin, naemlich oeffentlich im Himmel, auf Erden +und in der Hoelle bekannt, der man trauen und glauben mag, mehr denn +keinem Notario."[588] + +Daraus ergiebt sich eine Missstimmung gerade gegen Brueck, der ja in +diesem Falle besonders haette gehoert werden muessen. Aber die +Rechtsgelehrten konnten dies Testament auch anfechten und scheinen dies +gethan zu haben eben darum, weil Luther in so geflissentlicher Weise die +verhassten Juristen uebergangen hatte. Waren doch die Juristen immer noch +bedenklich ueber die Rechtsgueltigkeit der Priesterehe und gar der Ehe von +Moenchen und Nonnen, also dass Luther fuerchten musste, dass sie seine "Ehre +und Bettelstuecke seinen Kindern nicht gedenken zuzusprechen". Da konnte +nur eine besondere Entscheidung der Staatshoheit der Witwe zu ihrem +Rechte verhelfen, wie auch Luther selbst in dem Testament vorgesehen +hatte: "Und bitt auch hiemit unterthaeniglich, S.K.G. wollten solche +Begabung oder Wibgeding schuetzen und handhaben."[589] + +Dies sog. "Testament" Luthers war eigentlich ein Leibgeding fuer seine +Hausfrau, ein "Weibgedinge", wie es herkoemmlich von Ehemaennern frueher +oder spaeter ausgestellt zu werden pflegte. Es hatte um so groessere +Bedeutung, als es fuer Beamten-, wie Professorenfrauen kein Witwengehalt +gab und das saechsische Erbrecht fuer Frauen so unguenstig war. + +Alle evangelischen Pfarrer der Reformationszeit, deren Besoldung sehr +unsicher, oft nur ein Gnadengehalt war, strebten deshalb danach, ihren +Frauen, wie Luther sich ausdrueckt, ein "Erbdaechlein und Herdlin", d.h. +Grundbesitz, zu verschaffen; und jeder Ehemann in Sachsen pflegte der +Ehefrau ein Leibgedinge zu verschreiben. "Wie wenige findet man," sagt +Luthers langjaehriger Hausgenosse Hieronymus Weller, als er Pfarrer in +Freiberg war und Weib und Kind hatte, "wie wenige findet man, die sich +kuemmern um Witwen und Waisen von verstorbenen Dienern der Kirche! Darum +folge ich Luthers Beispiele und kaufe ein Haus zur Zuflucht fuer die +Meinen in der Zukunft." So dachte auch Luther. Er aeusserte sich sehr +unzufrieden ueber das saechsische Recht wegen seiner Behandlung der +weiblichen Ansprueche. "Sachsenrecht", sagte er, "ist allzustreng und +hart, als das da anordnet, dass man einem Weibe nach ihres Mannes Tode +geben soll nur einen Stuhl und Rocken". Dies legte aber Luther so aus: +"_Stuhl_, das ist Haus und Hof; _Rocken_, das ist Nahrung, dabei sie +sich in ihrem Alter auch koenne erhalten; muss man doch Dienstboten +besolden und jaehrlich ihnen ihren Lohn geben, ja man giebt doch einem +Bettler mehr."[590] + +Demgemaess handelte nun auch Luther und schrieb--schon am Dreikoenigstag +1542--sein "Testament", d.h. das "Weibgeding" fuer seine Gattin[591]. + +"Ich, M.L.D. bekenne mit dieser meiner eigenen Handschrift, dass ich +meiner lieben u. treuen Hausfrauen Katherin gegeben habe zum Wipgeding +(oder wie man es nennen kann) auf ihr Lebenlang, damit sie ihres +Gefallens u. zu ihrem Besten gebaren muge, und gebe ihr das in Kraft +dieses Briefs, gegenwartiges und heutigen Tages: + +Naemlich das Guttlein Zeilsdorff, wie ichs bis daher gehabt habe. + +Zum andern das Haus Bruno zur Wohnung, so ich unter meines Wolfs Namen +gekauft habe. + +Zum dritten die Becher und Kleinod, als Ringe, Ketten, Schenkgroschen, +gulden und silbern, welche ungefaehrlich sollten bey 1000 Fl. werth seyn. + +Das thue ich darumb, + +Erstlich, dass sie mich als ein frum, treu ehelich Gemahel allezeit lieb, +werth u. schoen gehalten, und mir durch reichen Gottes-Segen fuenf +lebendige Kinder (die noch furhanden, Gott geb lange) geboren und +erzogen hat. + +Zum andern, dass sie die Schuld, so ich noch schuldig bin (wo ich sie nit +bey Leben ablege), auf sich nehmen und bezahlen soll, welcher mag seyn +ungefaehr, mir bewusst, 450 fl. mugen sich vielleicht wohl mehr finden. + +Zum dritten, und allermeist darumb, dass ich will, sie muesse nicht den +Kindern, sonder die Kinder ihr in die Haende sehen, sie in Ehren halten, +und unterworfen seyn, wie Gott geboten hat. Denn ich wohl gesehen und +erfahren, wie der Teufel wider diess Gebot die Kinder hetzet und reizet, +wenn sie gleich frum sind, durch boese und neidische Maeuler, sonderlich +wenn die Muetter Witwen sind, und die Soehne Ehefrauen, und die Toechter +Ehemaenner kriegen, und wiederumb socrus nurum, nurus socrum. Denn ich +halte, dass die Mutter werde ihrer eigenen Kinder der beste Vormund seyn, +und soelch Guttlein und Wipgeding nicht zu der Kinder Schaden oder +Nachtheil, sondern zu Nutz und Besserung brauchen, als die ihr Fleisch +und Blut sind und sie unter ihrem Herzen getragen hat. + +Und ob sie nach meinem Tode genoethiget oder sonst vorursachet wurde +(denn ich Gott in seinen Werken und Willen kein Ziel setzen kann) sich +zu voraendern: so traue ich doch, und will hiemit soelches Vertrauen +haben, sie werde sich mutterlich gegen unser beyder Kinder halten, und +alles treulich, es sey Wipgeding oder anders, wie recht ist, mit ihnen +theilen. + +Auch bitt ich alle meine gutten Freunde, sie wollten meiner lieben +Kaethen Zeugen seyn und sie entschuldigen helfen, wo etzliche unnutze +Maeuler sie beschweren oder verunglimpfen wollten, als sollt sie etwa +eine Barschaft hinter sich haben, die sie den armen Kindern entwenden +oder unterschlagen wuerde. Ich bin dess Zeuge, dass da keine Barschaft ist, +ohn die Becher und Kleinod, droben im Wipgeding erzaehlet. + +Und zwar sollts bey iedermann die Rechnung offentlich geben, weil man +weiss, wie viel ich Einkummens gehabt vom M. gestr. Herr, und sonst nicht +ein Heller noch Koernlein von iemand einzukummen gehabt, ohn was Geschenk +ist gewesen, welches droben unter den Kleinoden, zum Theil auch noch in +der Schuld steckt, und zu finden ist. Diess bitte ich darumb: denn der +Teufel, so er mir nicht kunnt naeher kummen, sollt er wohl meine Kaethe, +allein der Ursachen, allerley Weise suchen, dass sie des Mannes D.M. +eheliche Hausfrau gewesen, und (Gott Lob) noch ist."-- + +Ausser diesem Witwengut bestand das Lutherische Vermoegen aus folgendem: +dem Klosterhaus, hernach zu 3700 fl. verkauft, den beiden Gaerten zu 500 +fl., Hausrat und Bibliothek zu 1000 fl. zusammen 5200 fl. Das Leibgeding +der Mutter betrug im Verkaufswert 2300 fl., naemlich das Gut Zulsdorf 956 +fl., das Haus "Bruno" zu 343 fl., bisher "um einen liederlichen Zins" +vermietet, dazu noch die 1000 fl. Silbergeschirre; davon gingen +allerdings die genannten 450 fl. Schulden ab, wenn sie bei Luthers Tod +noch standen; diese Schulden machten ihr viel Sorgen; eine "Barschaft" +war--auch nach D. Bruecks Zeugnis "nicht da". Freilich Luther selber +hatte diesen Besitz viel hoeher angeschlagen; in der Schaetzung 1542 +berechnet er ihn auf 9000 fl. Das Einkommen aber aus allem schaetzt er +auf kaum 100 fl. Dazu kamen noch seit einiger Zeit 50 fl. jaehrliche +Rente, aus dem verschriebenen kurfuerstlichen Legate von 1000 fl. und +endlich noch 2000 fl. des Grafen von Mansfeld[592]. + +Das war wohl ein grosser, weitlaeufiger Besitz; aber er war wenig +eintraeglich; alles in allem warf er 250 fl. ab. Ob davon eine groessere +Familie ohne gar zu grosse Einschraenkung leben konnte? Die Kinder waren +noch alle unversorgt und unmuendig. Der aelteste Sohn Hans war 20 Jahre +alt, das juengste Toechterlein Margarete erst 11, Martin 14 und Paul 15. +Und die drei Soehne sollten nach Luthers Wunsch alle studieren: Hans nach +der Mutter Meinung die Rechte, Martin wollte Theologe werden, Paul hatte +sich schon mit des Vaters Beifall fuer die Medizin entschlossen. Zudem +war noch der alte lahme Famulus Wolf da, der als gewohntes Erbstueck mit +versorgt werden musste; er hatte zwar auf Luthers Ansuchen vom Kurfuersten +ein Stipendium von 40 fl. bekommen, dies aber ging in Luthers Haushalt +mit auf[593]. Man konnte Luthers Witwe, die einen so grossen und +gastfreien Haushalt gewohnt war, doch nicht zumuten, das alte liebe Haus +zu verlassen und sich in aermlichster Weise, etwa in die "Bude" Bruno +oder auf Zulsdorf zurueckzuziehen und die Kinder unter fremde Leute zu +geben. Brueck war freilich dieser Meinung. Frau Katharina dagegen wollte +alle Kinder bei sich behalten, was ja wohl auch das billigste war; sie +wollte ferner im Klosterhaus bleiben und Kostgaenger nehmen in noch +ausgedehnterem Masse wie bisher; sie wollte endlich nicht nur "die Boese" +(das Gut Booss), die sie etliche Jahre her zur Miete und um einen +"liederlichen Zins" innegehabt, ferner auch also behalten, sondern noch +ein weiteres landwirtschaftliches Anwesen erwerben, um ihre Einnahmen zu +vermehren[594]. Dies alles aus Fuersorge fuer sich und ihre Kinder; aber +auch, wie der Kanzler Dr. Brueck gewiss richtig versteht, "damit sie zu +thun, zu schaffen und zu gebieten genug hab, und ihr demnach an der +vorigen Reputation nichts abgehe". Namentlich war ihr das neue Landgut +angelegen: hatte sie ja fuer die Landwirtschaft besondere Neigung aus +wirtschaftlichem Interesse, aber wohl auch aus ihrem adeligen Bewusstsein +heraus. Schon vor mehreren Jahren naemlich war ihrem Gatten das grosse Gut +Wachsdorf zum Kaufe angetragen worden, welches eine Stunde von +Wittenberg, jenseits der Elbe, also viel guenstiger als das ferne +Zulsdorf gelegen, auch fruchtbarer und eintraeglicher, freilich auch +teurer war als dies. Das wurde ihr nun aufs neue angeboten[595]. + +Die Witwe fragte nun Melanchthon um Rat. Der sah fuer gut an, man sollte +den Kauf von Wachsdorf anlangend des Kurfuersten Rat und, wo dieser es +riete, seine gnaedige Hilfe erbitten. Sie aber wollte das schlechterdings +nicht haben--gewiss nur deshalb, weil sie von vorn herein wusste, dass der +kurfuerstliche Rat--der Rat Dr. Bruecks sei, dem die Sache zur +Begutachtung uebergeben wuerde und der dem Vorhaben Katharinas durchaus +entgegen war. Sie entwarf nun eine Eingabe an den Kurfuersten +dahingehend: Weil sie gedenke, das Gut Wachsdorf zu kaufen, so wolle +S.K.Gn. ihr dazu gnaedige Hilfe thun, und sie mit Vormuendern bedenken, +damit ihre Kinder und sie zu ihrer Unterhaltung bedacht werden moechten, +dieweil kein Geld, Gesinde oder Vorrat vorhanden, denn das Gut waere +nicht angerichtet (eingerichtet). + +Diese Bittschrift gab Frau Katharina Melanchthon zur Begutachtung. +Dieser brachte sie nun am Dienstag, 9. Maerz, abends in die Sitzung mit, +welche er, Bugenhagen und Kreuziger mit Brueck wegen des Regensburger +Religionsgespraeches bei dem Kanzler hielten, und gab sie--Brueck. Und der +Kanzler las sie nun "oeffentlich" vor. + +Als Bugenhagen den Plan Katharinas wegen Wachsdorf vernahm, rief er: "Da +hoert man wohl, wer alleweg nach dem Gut Wachsdorf getrachtet. Vorher hat +man's auf den Doktor geworfen, der wolle es schlechterdings haben; aber +jetzt merkt man wohl, wessen Getrieb es gewest." + +Darnach fielen allerlei Reden zwischen den vier Maennern und meinten +dieselben "fast insgemein": "Kriegte sie das Gut, so wuerde sie ein +solches Bauen darauf anfangen, zu ihrem und der Kinder grossem Schaden, +wie sie mit dem Gut Zulsdorf auch gethan, welches sie ueber 1600(!) +Gulden zu stehen kam und wollt ihr nicht gern 600 Gulden gelten[596]. +Weiter wurde bedacht: Wenn sie draussen (in Wachsdorf) bauen und wohnen +wollte, so wuerde sie die Soehne zu sich hinaus vom Studium abziehen, dass +sie junkern lernten und Voegel fangen[597]. Ferner ueberschwemme die Elbe +sofort und bedecke das Gut mehrern Teils mit Wasser; man koenne keinen +Keller bauen, es sei ueberhaupt "ein wuestes Guetlein". + +Aber Melanchthon, der das Ungehoerige seines Schrittes wohl einsah, bat, +man solle nicht ueber die Bittschrift verhandeln, sondern sie, wie sie +waere, an den Kurfuersten abgehen lassen; "die Frau liesse sich doch nit +raten, sondern ihr Gutduenken und Meinung muesse alleweg fuer ruecken". + +Brueck sagte: "Will sie um Vormuender bitten, so wird sie ja mit derselben +Rate handeln und vorgehen muessen. Und ich daechte, dass Kreuziger und M. +Melanchthon neben andern die besten Vormuender waeren; denn sie wissen ja +um des Herrn sel. Gelegenheit; die Kinder muessen ihnen auch des Studiums +halber vor anderen folgen." + +Aber die beiden schlugen die Vormundschaft "alsbald glatt ab", aus +Ursachen, dass "die Frau nicht folge und sie oft beschwerliche Reden von +ihr wuerden einnehmen muessen". + +Ferner liess sich Melanchthon vernehmen, dass sie der Kinder keins wolle +von sich thun, sondern dieselben sollten bei ihr in Wittenberg +unterhalten werden. Und wiewohl der aeltere Sohn Hans nicht ungeneigt +gewesen waere, auf des Kurfuerst gnaediges Erbieten gen Hof und in die +kurf. Kanzlei zu ziehen, so haette sie ihn doch (ab)wendig gemacht. +Man[598] habe von andern auch dergleichen gehoert, dass sie vorgaebe: es +waere ein alberner Gesell, man wuerde ihn in der Kanzlei nur aeffen und zum +Narren machen. Zum Studium tauge er nach Melanchthons Meinung gar nicht, +denn er waere zu gross und es fehlten ihm die Grundlagen. Endlich war der +Kanzler der Meinung, man sollte die Behausung des Klosters, diese +weitlaeufige Wohnung, verkaufen oder verlassen. Aber Melanchthon +erklaerte, dass "ihr Gemuet (Sinn) nicht waere", das zu thun, sondern sie +gedaecht es zu behalten, ingleichen auch das Gut Zulsdorf, selbst wenn +Wachsdorf dazu kaeme. + +So war--nach Bruecks Bericht--die Unterredung der vier Freunde und +Gevattern Luthers ueber seine Witwe. + +Melanchthon hatte also gegen den Willen der Frau Doktorin ihr Anliegen +dem Kanzler vorgetragen, dessen Dreinreden sie gerade--und mit gutem +Grund--vermeiden wollte; und er hatte auch noch allerlei muendliche +Mitteilungen gemacht, welche nicht dazu dienen konnten, die Stimmung der +Freunde gegen die Doktorin zu verbessern. + +Ohne von dieser Behandlung ihrer vertraulichen Mitteilung etwas zu +wissen, liess nun Frau Katharina ihre Eingabe durch den Hausfreund +Ratzeberger, den kurfuerstlichen Leibarzt, bei Hofe im Torgauer Schloss +einreichen. Es geschah am Mittwoch, und schon Donnerstag, 11. Maerz, +fordert der Kurfuerst den Kanzler Brueck in Wittenberg um ein Gutachten +ueber die Bittschrift Katharinas auf, die er seinem Schreiben beilegte. + +Das Gutachten des Kanzlers ist nun ein eigentuemlich gehaessiges +Schreiben. Brueck berichtet darin an den Kurfuersten zuerst die +vertrauliche Beratung der drei Theologen mit allen fuer Katharina +unguenstigen Bemerkungen derselben, und zwar, wie es scheint, verschaerft. +Haette das Melanchthon gewusst, so haette er's wohl unterlassen, Brueck "von +der Frauen wegen um sein Bedenken" zu bitten. Ferner erwaehnt der Kanzler +in dem Schriftstueck allerlei gehaessiges und sogar verlogenes Geschwaetz +"von andern". "Viel Leut wollen's dafuer halten, es werde endlich +schwerlich unterbleiben, dass sie sich wieder veraendern wird"--so wagt +Brueck drei Wochen nach ihres Gatten Tod von einer 47jaehrigen Frau zu +schreiben! und dies, obwohl er sich bewusst ist und ausdruecklich erklaert, +es sollte vermieden werden, dass "man mit der Frauen disputiere, ob sie +sich veraendern wird oder nit". Ferner berichtet er an den Kurfuersten: +"Man sagt mir, es hab ein jeder Knab einen eigenen Praeceptor und +Famulum"--hinterher stellt sich aber heraus, dass es bloss ein einziger +ist, Rutfeld, und ein gelehrter und treuer Geselle. Ebenso wird es +Uebertreibung sein, wenn er als "oeffentlich" hinstellt, was "des andern +Gesindes vorhanden ist"--wie sie naemlich "mit vielem Volk" (Gesinde) +ueberladen sei. Endlich giebt der Kanzler seiner Abneigung gegen die +Doctorin noch verschiedentlich klaren Ausdruck. Er nennt ihre Bitte +"stumpf und kurz"; er rechnet dem Kurfuersten _wiederholt_ vor, dass er +600 fl. Gnadengeld zur Erbauung des Gutes Zulsdorf gegeben und noch dazu +fuer 100 fl. Holz; er spricht die Verdaechtigung aus, welche doch auch Dr. +Luther traefe: "Der arme lahme Wolf ist auch noch da; wollt sie ihn bei +sich behalten und er bei ihr bleiben, so haett sie die vierzig Gulden +auch mit einzubrocken, wie denn bisher geschehen, dass der arme Mensch +derselben wenig genossen hat,--besorg ich", setzt er doch etwas +bedenklich hinzu. Das Gut Wachsdorf macht Brueck so schlecht wie moeglich +und meint, es "erobere" keine hundert Gulden Reinertrag, also nicht +einmal die Kapitalzinsen. Er verdaechtigt die Doctorin weiter, "es sei +ihren Kindern nichts nutz" und es sei ihr nur darum zu thun, teil zu +haben an dem Gut. Und sein ganzes Bestreben geht dahin, nur den Kindern +und immer den Kindern alles zugut kommen zu lassen und die Witwe vom +Besitz und Genuss auszuschliessen. Und weiterhin ist Bruecks Rat und +Absicht, "ihr die stattliche--ein andermal heissts: "grosse und +verthunliche"--Haushaltung zu brechen". Endlich geht er mit aller Macht +darauf aus, der Mutter die Kinder zu entziehen. Waehrend Luther in seinem +Testament zu seiner Gattin das gute Zutrauen hatte, "die Mutter werde +ihren eigenen Kindern der beste Vormund sein", erklaerte Brueck, wie es +scheint mit direkter Beziehung auf diese Meinung Luthers: "Nach +saechsischem Recht kann sie nit Vormund sein, dieweil sie bei ihrem +Witwenstand selbst Vormuender beduerftig; so waer es auch sorglich, da +(wenn) sich die Frau anderweit wuerde verehelichen." Am aergsten wohl +tritt er der Witwe zu nahe, wenn er ausfuehrt, die Knaben wuerden bei ihr +junkern und spazieren gehen und vom Studio abgezogen, sie muessten daher +"zu gelehrten Leuten gethan werden, vor denen sie Furcht und Scheu +haetten, bei welchen sie auch einen bequemen Tisch haetten"--als ob die +Kinder bei ihr--der "Erzkoechin"--sogar in ihrer leiblichen Pflege +versaeumt wuerden! Die einzige gegruendete Veranlassung zu dem Misstrauen in +Katharinas Erziehungskunst konnten doch nur die geringen Fortschritte +geben, die der wenig begabte Erstgeborne im Studium bisher gemacht. + +Fast eher wie boeses Gewissen sieht es aus, als wie Scheu vor Frau +Katharinas starkem Willen, wenn der Kanzler an den Kurfuersten schreibt: +"Nun waer ich in Unterthaenigkeit willig gewest, mit der Frauen selbst +oder dem Philippo von den Sachen auf E. Kurf. Gn. Befehl zu reden; so +hat mich doch dies abgescheuet, dass ich dazumal vom Philippo verstanden, +dass ihr Gemuet nit waere das Haus allhie zu verkaufen oder zu verlassen, +sondern gedaecht es zu behalten, ingleichen Zulsdorf und Wachsdorf; darum +des Verkaufens des Hauses gegen ihr nit zu gedenken sein wollte." + +Sachlich macht der Kanzler dem Kurfuersten nun folgende Vorschlaege: + +1. Damit die Domina nicht Ursache habe S.K.Gn. zu Unglimpf zu gedenken, +moege der Kurfuerst zu den bisherig verschriebenen 1000 fl. noch 1000 +fl.--aber nur fuer die Kinder--hinzuthun und beides zusammen mit 100 fl. +verzinsen, das auf das Maedchen (Margarete) fallende Viertel aber (500 +fl.) bis zu ihrer Verheiratung verpensionieren. + +2. Der Kurfuerst solle der Mutter und den Kindern besondere Vormuender +geben. Diese beiderseitigen Vormuender sollten dann das Eigentum der +Witwe und das der Waisen reinlich scheiden. + +3. "Darnach muessen die Vormuender beiderseits davon reden, wie, wovon und +welcher Gestalt die Kinder sollen unterhalten werden. Da wird sich denn +das Gebeiss zwischen der Frau und den beiderseitigen Vormuendern ergeben. +Denn der Kinder Vormuender werden sagen: es sei kein bessers, denn Hansen +den aeltern Sohn thue man gen Hof in E.K.G. Kanzlei; so moechte es sich +mit der Zeit also schicken, dass er zu etwas kaeme, so ihm sonst fehlen +moechte. Denn wenn ihm E.K.G. ein Stipendium verordnet und es wollt mit +dem Studium nicht fort, so wird es schimpflich, es ihm zu kuendigen. +Ferner werden sie sagen, dass mit den andern Knaben auch kein besser +waere, denn dass man sie von einander thaet und dass sie nit bei der Mutter +waeren." Dazu koenne ihnen der Kurfuerst noch ein weiteres Stipendium +geben. + +4. Das Toechterlein koenne man bei der Mutter lassen, und von den 500 fl. +30 fl. Rente geben, und wenn es nicht reiche: 40 fl. Davon koennte es die +Mutter mit einem kleinen Meidlein, das ihm aufwartet, wohl erhalten und +es von dem Mansfeldischen Geld- oder Zinsanteil mit Kleidung versehen. + +5. Auf diesem Weg wuerde der Frau ihre grosse und verthunliche Haushaltung +gebrochen werden und dem vorgebeugt, dass aus den Kindern "Junker und +Lappen" werden. + +6. "Wuerde die Frau unsern Vormuendern dann sagen: "Wovon solle sie denn +erhalten werden?", so koennten die Vormuender der Kinder erwidern: Sie +brauche mit ihrer Tochter nicht grosse Haushaltung, nicht viel Gesinde, +haette die Wohnung umsonst, koenne Kostgaenger halten, die Anwesen zum Teil +vermieten, brauen, den Genuss vom Garten, Hufen und Zulsdorf haben und +Anteil an den Mansfeldschen Kapitalzinsen. Auch koenne der Kurfuerst ihr +und der Tochter jaehrlich 2 Wispel Korn geben und vielleicht etliche +Klafter Holz. + +7. "Wenn sie (die Domina) vermerkte, dass E.K.G. den _Kindern_ bewilligen +wollte, Wachsdorf zu kaufen und dazu die 2000 fl. ausfolgen lassen, so +wird sie des Gutes bald vergessen und sich der Muehe und des Bauens nicht +wollen beladen, so sie nicht zum wenigsten die Haelfte daran +mitberechtigt wird." Es gebe auch jaehrlich kaum 100 fl. Reinertrag, und +habe dazu auch die Last eines halben Lehnspferdes. Darueber aber solle +der Hauptmann zu Wittenberg Asmus Spiegel befinden, ob das Gut mehr +eintrage als das Kapital. + +Der Kurfuerst war ruecksichtsvoller als sein Kanzler. Er schien dessen +Abneigung zu merken und ordnete in einem Schreiben an Brueck und +Melanchthon an, dass Vormuender fuer die Witwe und fuer die Waisen bestellt +wuerden, und verschrieb den Kindern noch 1000 fl.; ueber den Kauf von +Wachsdorf sollten die Vormuender befinden[599]. + +Zwar erbot sich Brueck, "hinauf zu fahren (zur Doktorin) und die +Anzeigung mit zu thun; Philippus aber meinte, es waere ohne Not, er wollt +es von unser beider wegen wohl ausrichten." Also ging Melanchthon am +Freitag frueh mit dem kurfuerstlichen Schreiben zu der Doktorin[600]. + +Sie bedankte sich bei ihm und dem Kurfuersten fuer die Begnadigungs-Zulage +zu gunsten ihrer Kinder und erklaerte dann folgendes: + +1. Sie wuensche fuer sich zu Vormuendern den jeweiligen Stadthauptmann von +Wittenberg und ihren Bruder Hans von Bora; fuer die Kinder des Doktors +sel. Bruder Jakob, den jetzigen Buergermeister Reuter von Wittenberg und +Melanchthon, Dr. G. Major lehnte sie ab; auch Kreuziger scheint sie +abgelehnt zu haben, welcher im vertrauten Briefwechsel mit Veit Dietrich +Kaethe eine "Hausfackel" genannt hatte. Sie erklaerte sich aber mit der +Vormundschaft des Kurfuerstl. Leibarztes Dr. Ratzeberger einverstanden, +der "seines Weibes halber selber der Freundschaft (= Verwandtschaft) +war."[601] + +2. Sie war einverstanden, dass die 1500 fl. vom Kurfuersten fuer ihre +_Soehne_ auf Wachsdorf angelegt wuerden. Der Kanzler hatte ihr also auch +darin Unrecht gethan, dass er meinte, die Domina wolle Wachsdorf nur oder +hauptsaechlich fuer sich haben und bewirtschaften, statt fuer ihre Soehne. + +Der Kanzler schlug nun dem Kurfuersten vor, Melanchthon "nicht mit der +Vormundschaft zu beladen, denn er ist fromm und wenig (gutherzig und +schwach), dienet nit dazu, da man der Frau wird sollen Oppositum +(Opposition) halten." Man solle die beiden Theologen Melanchthon und +Kreuzinger nur zu Mitvormuendern in Bezug auf die Erziehung der Kinder +machen, dass die Soehne zu "Gottesfurcht, Lehre, Zucht und Tugend moechten +gezogen werden".[602] + +So wurde es dann auch vom Kurfuersten angenommen und die Vormuender +bestellt, fuer die Kinder auch Kreuziger in Stellvertretung fuer +Ratzeberger, welcher nur bei den wichtigsten Verhandlungen abkommen +koennte[603]. + +Auch das Testament Luthers wurde, "nachdem Uns Unsre Liebe Besondere +Katharina, des Ehrwuerdigen und Hochgelehrten Unsers Lieben Andaechtigen +Ehr Martin Luthers, der hl. Schrift Doctors seligen nachgelassene Witwe +ihres Herrn Testament und Verordnung vortragen und bitten lassen"--zu +Judica vom Kurfuersten "gnaediglich bestaetiget und konfirmiret, ob es +gleich an Zierlichkeiten und Solemnitaeten, so die Rechte erfordern, +mangelhaft waere."[604] + +Nun gab es noch lange muehsame Verhandlungen zwischen dem Kanzler und +Kurfuersten einerseits und zwischen den Vormuendern und der Doctorin +anderseits wegen der Erwerbung des Gutes Wachsdorf und der Erziehung der +Kinder[605]. + +Der Kanzler riet energisch von dem Kauf des Gutes ab, aber noch +hartnaeckiger "arbeitete" Frau Katharina darauf, und erbot sich, ihren +Kindern zu gut sich mit dieser Sache zu "beladen"; denn sie verhoffte +daraus grosse Nutzniessung zu ziehen und versprach auch "keine +sonderlichen Gebaeude allda vorzunehmen". Darum haben die Vormuender "es +auch nit haerter bestreiten wollen und durch ihr Widerfechten das Ansehen +bei ihr haben, als wollten sie ihre Wohlfahrt hindern und des Herrn +(Luthers) Wohlthaten vergessen". "Also hat es die tugendsame Frau +Doctorin und die Vormuender neben ihr angenommen."[606] Das Gut kostete +aber 2200 fl. Weil das Mansfeldische Kapital erst in zwei Jahren fluessig +wurde, so gaben die Vormuender dem Kurfuersten zu bedenken, "dass um des +loeblichen Herrn Doctors willen der Witfrauen auch etwas zu willfahren +ist, und dass sie wahrlich zwischen Thuer und Angel stecken." Darum gab +der Kurfuerst die 2000 fl. her, darunter auch die 500 fl. der Margarete, +welche aber bis zu ihrer Verehelichung als Hypothek auf Wachsdorf +gestellt und mit 30 fl. verzinst werden mussten. Von den fehlenden 200 +fl. gab Melanchthon und ein Freund die Haelfte, um die andere ging er den +wohlhabenden Amsdorf an. Am Pfingstmontag (14. Juni 1546) zahlte der +Kanzler Brueck die 2000 fl. an die Vormuender Ratzeberger, Reuter und +Jacob Luther aus, und Frau Kaethe, die so "fleissig angehalten, dass +gemeldte Gabe in liegende Gueter umgewandelt werde", erbot sich, "dass sie +solche Gueter den vier Kindern zu Gute treulich und fleissig warten +wollte". Zur Verwaltung des Gutes haette sie freilich gerne noch einen +Teil des Mansfeldschen Kapitals gehabt und begab sich dieserhalb zu dem +Grafen, und wie es scheint, mit teilweisem Erfolg[607]. + +In aehnlicher Weise ging es auch mit der Erziehung der Kinder. Der +Kanzler drang zwar darauf, dass Johann in die kurfuerstl. Kanzlei kaeme und +die beiden andern, Paul und Martin, mit der Mutter Verwilligung weg zu +einem Magister in Wohnung, Kost und Unterricht, also zu fremden Leuten +gethan wuerden. Und so billigte es auch der Kurfuerst[608]. + +Damit musste auch die Witwe zufrieden sein und "ihr solches gefallen +lassen und sich mit den Vormuendern darueber vergleichen." So berichtete +wenigstens Brueck an den Kurfuersten. Nun ordnete der Kurfuerst auf den +Bericht des Kanzlers an, dass die Vormuender den aeltesten Sohn vor sich +forderten und an ihm vernaehmen, ob er im Studio fortzufahren geneigt und +wenn er jetzo dermassen geschickt, dass seines Studieren halber Hoffnungen +sei, so solle man es noch ein halb Jahr mit ihm versuchen; sollte er +aber dazu weder geschickt noch geneigt sein, so wolle der Kurfuerst ihn +auf seine Kanzlei nehmen. Die zwei jungen Soehne aber sollten "von der +Mutter zu einem tauglichen Magister oder Praeceptor gethan werden, bei +denen sie wesentlich sein und ihre um ein gleich (billiges) Geld Kost +haben oder irgendwo mit ihm zu Tisch gehen, bei denen sie auch eine +Scheu und Furcht haben und also in der Lehr und Zucht zum besten +aufgezogen werden und darinnen verharren." Mit dieser Entfernung der +Kinder aus dem Hause sollte nun auch zugleich die Haushaltung der Witwe +aufgeloest werden[609]. + +Dass diese Zumutungen bei Katharina einen grossen Kampf kosteten, laesst +sich denken. Wenn sie auch wohl zuerst bei dem gemeinsamen Ansturm aller +Freunde und Goenner diesen Plaenen nachgegeben hatte, jetzt, als sie zur +wirklichen Ausfuehrung kommen sollten, wehrte sich die Mutter mit aller +Macht dagegen. Vier Wochen dauerte der Kampf und--Katharina blieb +siegreich[610]. + +Die Vormuender Kreuziger, Melanchthon und Reuter nahmen auf des +Kurfuersten Befehl zuerst den aeltesten, Johann, vor. Sie stellten ihm +vor, dass S.K.Gn. geneigt waere, ihn in seine Kanzlei zu nehmen. "Dieweil +er denn in einem solchen Alter waere, dass er billig bedenken solle, was +er endlich vornehmen wolle: ob er bei dem Studio wollte bleiben oder +nicht, und die Vormuender ihn zur Kanzlei tuechtiger erachteten, so +wollten sie ihm gern dazu raten; zudem dass es an sich ein loeblicher und +nuetzlicher Stand sei, darin er zu Gottes Lob und zu gemeiner Wohlfahrt +dienen und seiner lieben Mutter, Schwester und Bruedern troestlich sein +koenne; er sollte daher dankbar das kurfuerstliche Anerbieten annehmen und +diesen Stand nicht ausschlagen." + +Darauf folgte eine lange Hin- und Widerrede und eine schriftliche +Antwort von Hans des Inhalts: "Ehrwuerdige, liebe Herren! Des Durchl. +Kurf. Befehl meine Person anlangend habe ich in Untertaenigkeit und +dankend angehoert. Nun versteh ich wohl, dass der Stand in der Kanzlei ein +sehr ehrlicher (ehrenvoller) Dienst ist, ich weiss aber, dass mein lieber +Vater vor dieser Zeit nicht hat willigen wollen, dass ich ausser der Schul +ziehen soll. So wollt ich gern laenger studieren. Ich will mich auch +durch Gottes Gnade in allem Gehorsam und Unterthaenigkeit gegen Gott, S. +Kurf. Gn. und meiner lieben Mutter allezeit halten. Und bitte, S. Kurf. +Gn. wollen mir gnaediglich zulassen, noch ein Jahr in artibus ("in den +freien Kuensten") zu studiren, mich in lateinischer Schrift besser zu +ueben. Und so ich alsdann zu einer Fakultaet tuechtig, wollt ich lieber +procediren (fortfahren) im Studio; so mich aber S.K.Gn. alsdann +gnaediglich gebrauchen wollten, stelle ich dasselbe auch zu S.K.Gn. in +Unterthaenigkeit. Johannes Lutherus." + +Weiterhin forderten die Vormuender den jetzigen Praezeptor der zwei jungen +Knaben, Ambros Rutfeld, vor und erkundigten sich nach den Knaben. Des +einen, Martin, Schrift sahen sie an und befanden ihn wohl studiert; Paul +war etliche Wochen krank gewesen, erwies sich zur Musik geschickt, der +Grammatik aber nicht so faehig. + +Dann zeigten die Vormuender der Mutter Sr. Kurf. Gn. "gnaediges Gemuet an, +dass sie zum Studio treulich und fleissig angehalten und mit Lehr und +Wohnung bei einem Magister in der Stadt bestellet wuerden." + +Die Mutter gab folgende Antwort: "Sie zweifle nicht, S. Kurf. Gn. meine +dieses gnaediglich, und sie danke unterthaenig. Aber sie bitte zu +bedenken, weil der juengste oft schwach (krank) sei, dass er an andern +Oertern nicht besser sein koenne, denn bei der Mutter. Zudem so seien +allhie die Magistri also beladen (uebersetzt) in ihren eigenen Wohnungen, +dass die Kinder ohne Faehrlichkeit ihrer Gesundheit nicht wohl bei ihnen +zu bestellen seien. Auch moechten sie unter dem fremden ungleichen jungen +Volk eher in boese Gesellschaft geraten, denn bei ihr, dieweil sie doch +aus dem Haus ohne ihre Erlaubnis nicht gehen duerften." + +Diese Gruende erkannten die Vormuender an; und weil nun die Soehne nicht +von der Mutter kommen, sondern weiter bei ihr bleiben sollten, so +erheischte auch der Kinder und der Witwe Notdurft nicht mehr, dass die +Haushaltung eingezogen und vergebliche Kosten abgeschnitten wurden. Die +Vormuender brachten darum auch den weiteren kurfuerstlichen Auftrag gar +nicht zur Verhandlung, "dass das unnoetige Gesinde hinweg gethan wurde und +von dem jaehrlichen Einkommen die Witwe und Kinder ihre Haushaltung +bequemlich haben, auch darueber nicht in Schulden gedeihen moechten." Die +Vormuender erklaerten vielmehr dem Kurfuersten, die Knaben seien jetzund +mit einem gelehrten treuen Gesellen bestellet, sie wollten auch selber +ein Aufsehen auf Martini Studio haben, haetten auch bereits das Noetige +angeordnet. Und sie trugen darum auch um so lieber auf den Ankauf des +Gutes Wachsdorf an. Demgemaess entschied nun der Kurfuerst mit Ratzebergers +Zustimmung: er wolle es bei dem Entschlusse Hansens bewenden lassen; sei +auch einverstanden, dass er und seine Brueder nun bei der Mutter blieben, +versehe sich aber nun, dass des Doktors sel. Soehne alle drei unter dem +Hauslehrer und der Vormuender Aufsicht zu Zucht, Tugend und Lehre mit +Fleiss angehalten wuerden, ihnen auch nicht viel versaeumliches Spazierens +verstattet werde. "Denn Wir wissen, dass des Doktors Gemuet mit hoechster +Begierde dahin gerichtet gewest, dass seine Soehne studieren sollten." Von +einer Einschraenkung oder Ausloesung der Haushaltung war nicht mehr die +Rede. + +So hatte Frau Katharina schliesslich doch ihr "Gemuet" durchgesetzt: das +alte, liebgewordene, durch so viele grosse Erinnerungen geheiligte +Klosterhaus blieb ihr Besitz und ihr Wohnsitz, die Kinder durfte sie +alle um sich haben und Wachsdorf wurde den Soehnen zu teil als ein +rittermaessiges Mannlehen; und damit hatte sie die Genugthuung, dass ihre +Kinder wieder ein edelmaennisches Erbgut besassen, nachdem der adelige +Besitz ihrer eigenen Familie voellig zerstoben war. + +Die Familie blieb also im Klosterhause beisammen. Hans besuchte die +Kollegien und die beiden Knaben lernten bei ihrem Praezeptor Rutfeld. Das +Toechterlein wurde von der Mutter erzogen. + +In der ersten Trauerzeit hatte die Frau Doktorin unmoeglich ihren grossen +Haushalt und Kosttisch mit den vielen fremden Tischgenossen weiter +fuehren koennen. So waren manche ausgezogen. M. Besold z.B. bat +Melanchthon, ihn aufzunehmen. Frau Katharina kam auch wohl wegen der +ungewissen Zukunft ihrer Lage nicht so bald dazu, den Kosttisch wieder +im alten Umfang anzufangen. + +Der lahme alte Wolf, der Famulus des Doctors, war auch noch da. Die +Vormuender mussten hoeren, ob er noch laenger bei der Frau bleiben, auch ob +sie ihn behalten wollte oder nicht. Wahrscheinlich ist er, der so sehr +mit dem Klosterhause verwachsen war, doch geblieben, obwohl er einmal +auf eine fruehere gleiche Anfrage Luthers, ob er bei seiner Frau bleiben +wolle, ausweichend geantwortet hatte, wenn Luther sterbe, moechte er am +liebsten auch selber gleich begraben werden, und Frau Katharina wird ihn +auch behalten haben; abgesehen von den 40 Gulden Pension, die sie, wie +Kanzler Bruck meinte, "mit einbrocken" konnte, war er doch zu sehr +eingeweiht in alle Verhaeltnisse des Hauses, und Frau Kaethe behielt ihn, +wenn er auch nicht nur lahm, sondern nach Luthers Zeugnis auch +nachlaessig, bequem und gedankenlos war und am liebsten am Vogelherd sass. + +Das uebrige Gesinde wird wohl beschraenkt worden sein, wie der Kanzler und +der Kurfuerst verschiedentlich betont hatten. Denn auch die +Gastfreundschaft war in dem Klosterhause nicht mehr in dem alten Umfang +noetig: die Besuche, Feste, Tischgesellschaften der zahlreichen Freunde +und Bekannten, der fluechtigen und Bittsteller, der Gesandtschaften und +Studierenden liessen nach oder hoerten ganz auf. Aber freilich neue Muehe +und Arbeit erwuchs der Doktorin in dem neuen Landgut, zumal da jetzt die +Heu- und Fruchternte bevorstand. Doch solche Arbeit war der +thatkraeftigen Domina eine Lust und Freude. Neben der Landwirtschaft +betrieb Frau Kaethe jetzt ihre "Tischburse" weiter. Es starb ihr aber +leider gar bald am 30. Mai ein junger Tischgeselle Weidhofer aus +Oesterreich hinweg[611]. + +Die eben Witwe gewordene hatte auch selber zu sorgen fuer eine andere +Waise, ihren Neffen Florian. Die Mutter desselben hatte sie angegangen, +dem jungen Studenten namentlich mit Buechern nachzuhelfen; sie meinte +wohl--irrigerweise--, das koennte aus der Bibliothek Luthers geschehen +oder durch Buecher von einem abgehenden oder verdorbenen andern +Tischgenossen, wie das ja vorkam. Frau Kaethe schreibt da ihrer +Schwaegerin: + +"Was Euern Sohn, meinen lieben Ohmen antrifft, will ich gerne thun, so +viel ich kann, wenn es allein sollt an ihm angelegt sein. Wie ich mich +denn gaenzlich versehe, er werde dem Studieren mit allem Fleiss folgen und +seine koestliche, edle Jugend nicht unnuetzlich und vergeblich zubringen. +Wenn er aber in seinem Studieren ein wenig besser zunehmen und nun +andere und mehr Buecher bedarf, sonderlich so er die Rechte studieren +sollte, koennt Ihr, liebe Schwester, selbst gedenken, dass ich ihm solche +Buecher, die er dazu bedarf, nicht werde geben koennen. Und (er) wird ein +wenig einen groessern Nachdruck muessen haben, damit er sich das Ding +alles, was dazu gehoert, schicken kann. Waer' derhalben sehr vonnoeten, +dass, wie Ihr mir schreibet, Euren Sohn, meinem lieben Ohmen, ein +jaehrlich Geld zum Stipendio gegeben wuerde. Also koennte er desto besser +beim Studieren bleiben und seinem Ding leichtlicher nachkommen.--Von dem +allem aber, das ich bei ihm thun kann, will ich Euch bei (durch) meinem +Bruder Hans von Bora, alsbald er hieher zu mir kommen wird, weiterm +Bericht und Bescheid geben."[612] + +Dies Stipendium erhielt auch Florian mit Hilfe Katharinas[613]. + +Zu Ostern kam also Bruder Hans von Krimmitschau, wo ihm vom Kurfuersten +die Karlhause als Rittergut um maessigen Kaufpreis ueberlassen worden war, +zu Besuch bei der verwitweten Schwester. Freilich helfen konnte Hans von +Bora auch nicht eigentlich, am wenigsten mit handgreiflicher +Unterstuetzung; denn er hatte selbst mit Sorgen der Nahrung und des +Lebens zu kaempfen. + +Dagegen wandten sich die Freunde der Lutherschen Familie, besonders +Bugenhagen, der Reformator des Nordens, wiederholt an den alten Goenner +D. Luthers, den Koenig Christian III. von Daenemark. Nachdem zu Pfingsten +auf Jonas' allgemeines Schreiben noch keine Antwort eingetroffen war, +schrieb der Dr. Pommer am 5. Juni bestimmt und deutlich: "Der Herr +Philippus und ich bitten, E.M. wolle unsern Sold (100 Thlr.) und 50 +Thaler, die noch gehoeren in diesem Jahr unserm lieben Vater Doctori +Martino (welchen Christus herrlich hat aus diesem Jammerthal zu sich +genommen vor einem Vierteljahr) geben diesem Herrn Christophero, Ritter, +an uns zu bringen. Die fuenfzig Thaler wollen wir Doctor Martini Weib und +Kindern verantworten."[614] + + +Bald darauf kam die koenigliche Antwort auf D. Jonas' Brief: "Wir wollen +auch Uns des seligen und teuern Mann Gottes nachgelassene Witwe und +Kinder gnaedigst befohlen sein lassen." Aber der faellige Sold kam nicht, +so dass Bugenhagen im Herbst (am 15. Nov.) nochmals eine deutliche +Mahnung an den Koenig abgehen liess: "Ich habe Ew. Koenigl. Majestaet +fleissig geschrieben um Pfingsten bei Ehr Christoffer, Ritter aus +Schweden, von unserm Solde, welchen Ehr Christoffer wollt uns hieher +bringen, auch gebeten fuer D. Martini nachgelassene Witwe dass sie diesmal +noch die fuenfzig Thaler moechte kriegen aus Gnaden E.K.M. Aber Ehr +Christoffer ist nicht wieder kommen, hat mir auch gar nicht +geschrieben."[615] + +So harrte Frau Katharina vergeblich auf diese Beisteuer und sie haette +sie doch so noetig gehabt. Denn mittlerweile war aufs neue grosses Unheil +ueber Wittenberg und das Klosterhaus hereingebrochen. + + + + +17. Kapitel. + +Krieg und Flucht. + + +Die Witwe konnte sich kaum in ihren neuen Stand einleben, da nahte schon +das Unglueck, das Luther vorausgesehen und vorausgesagt: es kam der +Schmalkaldische Krieg und mit ihm Verwuestung, Pluenderung, Flucht, Elend +ueber Frau Katharina. + +Die Ereignisse folgten sich rasch im Fruehling und Sommer: die +Protestanten verwerfen das Tridentinische Konzil; der Regensburger +Konvent verlaeuft ohne Ergebnis; der evangelische Erzbischof Hermann von +Koeln kommt in Bann. Herzog Moriz verbuendet sich mit dem Kaiser; das +protestantische Oberdeutschland greift zu den Waffen, dann auch +Kursachsen und Hessen; die beiden Fuersten werden geaechtet, der Krieg +erklaert und der Papst ordnet Gebete an fuer Ausrottung der Ketzer. Schon +zehn Tage vorher am dritten Sonntag nach Pfingsten hoerte Frau Katharina +in der Kirche zu Wittenberg das evangelische Kriegsgebet und flehte mit +besonderer Inbrunst um Hilfe in dem Gewaltkampf, der gegen ihres seligen +Mannes Werk entbrennen sollte: "Dieweil Du siehst die grosse Not unserer +Herrschaft, unser aller: Mann, Weib und Kinder, und dass unsre Feinde +fuernehmlich suchen Vertilgung rechter Lehre und Aufrichtung und +Bestaetigung ihrer schaendlichen Abgoetterei: so bitten wir Dich, Du +wollest um Deiner Ehre willen unsre Herrschaft, unsere Kirchen, uns, +unsere Kinder und Haeuslein gnaediglich schuetzen und bewahren, wie Du Dein +Volk Israel im Roten Meer erhalten und geschuetzet hast, und wollest der +Feinde Macht zerstoeren und die moerderische fremde Nation ihre Unzucht +und Grausamkeit nicht an unsern Weibern und Kindern ueben lassen." Und +Melanchthon gab die "Warnung D. Martini Luther an seine lieben +Deutschen" in Kriegsgefahr aufs neue heraus[616]. + +Sorge und Schrecken verbreitete sich in Wittenberg als der Hauptfestung +Kursachsens und dem geistigen Hauptbollwerk des Protestantismus, und +ganz besonders im Schwarzen Kloster, von dem aus der Sturm gegen das +Papsttum begonnen war. + +Im Sommer kamen unter Hauptmann von Mila viele gute Kriegsknechte in die +Stadt, auch viel Proviant, Buechsen und Pulver. Die einen waren +ordentlich und fromm, andere lebten roh und prassten. Die Buerger zogen +mit den Kriegsknechten auf die Wache, ergriffen Spiesse, Hellebarden und +Arkebusen und bezogen die Schanzen, Hans Lufft, der Drucker mit seinen +Gesellen, den grossen Berg, wo die "Singerin", ein grosses Geschuetz, +aufgestellt war. Eine spaetere Nachricht erzaehlt, dass auch Hans Luther +als Faehnrich in den "kaiserischen Elbkrieg" gezogen sei[617]. + +Alles war in Aufregung, namentlich als Herzog Moriz von Sachsen, dem +schon Luther Verrat an der evangelischen Sache zugetraut hatte, sich auf +die Seite des Kaisers schlug und in Kursachsen einfiel, von den Welschen +und "Hussern" des Koenigs Ferdinand begleitet[618]. + +Die Universitaet begann sich zu zerstreuen aus Furcht vor Belagerung. Der +Krieg naeherte sich. Am 6. November wird Zwickau umzingelt, daher die +Hochschule aufgeloest. Am 9. kommt die Kunde, Zwickau sei an Moriz +uebergeben und das feindliche Kriegsvolk ziehe auf Wittenberg heran. +Jetzt fluechtete alles, was konnte, aus der festen Stadt: Greise, Weiber, +Kinder, nach allen Richtungen in zahllosen Wagen, waehrend der fallende +Winterschnee Menschen, Tiere und Gefaehrte bedeckte. Nur Pfarrer und +Schulmeister blieben zurueck von den Beamten[619]. + +Frau Kaethe hatte schon vor vierzehn Tagen ihren Wagen einspannen und +ausser ihren Kindern das Wertvollste und Notwendigste an Hab und Gut +aufladen lassen. Auch der Neffe Fabian Kaufmann und wohl noch andere +Verwandte und Tischgenossen waren bei dem traurigen Zug; der Famulus +Wolf aber blieb zur Hut des Hauses zurueck. Die Flucht ging ueber Dessau +und Zerbst nach dem festen Magdeburg, wohin sich die meisten Professoren +begaben; nur Melanchthon blieb mit seiner Familie in Zerbst, wo er einen +kleinen Schuelerkreis sammelte, kam aber oefters nach Magdeburg herueber. +Fabian wurde spaeter nach Wittenberg zurueckgeschickt, wo neben Kreuziger +und Bugenhagen auch Paul Eber verblieben war, der sich des jungen +Menschen annehmen konnte; wahrscheinlich sollte Fabian in der Stadt mit +Wolf Sieberger auf das Schwarze Kloster und den Lutherischen Besitz +achtgeben. + +Bald kam die betruebende Kunde von Wittenberg: "Man hat (am 16. November) +die Vorstaedte samt allen Gaerten und Lusthaeusern weggebrannt, die Aecker +verwuestet und ist den armen Leuten wohl eine Tonne Goldes Schaden +geschehen und ein grosser Jammer." Dann kam Moriz mit seinen Meissnern und +mit Koenig Ferdinands "Hussern", und sie streiften bis an die Mauern der +Stadt und schrieen hinein. Herzog Moriz, des "Teufels Ritter und +Soldat", berannte die Stadt am 18. November. Da hiess es nach dem Liede: + + Zu Wittenberg auf dem hohen Wall + Hoert man die Buechsen krachen. + +Der Sturm wurde abgeschlagen, aber die "Hussern" pluenderten und +schaendeten in der Umgegend[620]. + +Indessen diesmal ging die Belagerung Wittenbergs rasch vorueber; denn +Moriz wurde um Weihnachten von dem aus Sueddeutschland herbeigeeilten +Kurfuersten zurueckgetrieben. Jedoch der Krieg in Sachsen dauerte fort und +an eine Heimkehr nach Wittenberg war nicht zu denken; nur Melanchthon +war einmal Mitte Januar 1547 dort[621]. + +Der Aufenthalt in Magdeburg war nichts weniger als behaglich, Unterkunft +war gar schwer zu finden; dem Stadtrat war die Masse der Schueler +unbequem. Die Nachbarschaft, besonders die Halloren, waren gegen sie +aufgebracht und bedrohten sie. Daher suchten die Professoren andere +Stellungen, namentlich Major mit seiner zahlreichen Familie[622]. + +In dieser Zeit der Not kam eine Huelfe, die fast nicht mehr erwartet war. +Die 50 Thaler, um welche Bugenhagen den daenischen Koenig fuer Luthers +Witwe schon zu Pfingsten und dann nochmals nach der Flucht der Witwe +geschrieben hatte, waren bis jetzt nicht gekommen. Nun aber am 10. +Januar 1547 wurden die gewaehrten 150 "Joachimer" durch Vermittelung des +Hamburgers Mueller an Professor Veit Winsheimer, welcher bei dem ehrbaren +Herrn Emeran Tucher zu Magdeburg wohnte, geschickt, und Frau Katharina +empfing erfreut ihren Anteil[623]. Und nicht lange darauf kam wieder ein +Bote mit 50 Thalern und einem gnaedigen Schreiben an "Doktor Luthers +Witwe": + +"Unsern gnaedigsten Gruss zuvor. + +Ehrbare und viel Tugendsame, Liebe, Besondre! + +Nachdem Wir berichtet, dass Ihr in jetzigen gefaehrlichen Zeiten neben +anderen aus Wittenberg nach Magdeburg gewichen, haben Wir nicht +unterlassen wollen an Euch zu schreiben, Euch Unsern gnaedigsten Willen +und Neigung zu vermelden. Und als Ihr dermassen Eure Haushaltung und Euch +an fremden Orten unterhalten muesst, worueber wir ein besonders Mitleid +haben, schicken Wir Euch bei gegenwaertigem Boten, dem alten Schlesier, +zu Eurer Haushaltung fuenfzig Thaler; die wollet zu Gefallen annehmen und +Unsere gnaedigste Neigung daraus vermerken. Wir wollen auch jederzeit +Euer gnaediger Herr sein und Uns gegen Euch zu erzeigen wissen. Wollten +Euch solches gnaedigst nicht vorenthalten und sind Euch mit Gnaden und +allem Guten geneigt."[624] + +Frau Katharina schrieb dafuer ihren Dankesbrief: + +"Gnad und Friede von Gott dem Vater durch seinen eingeborenen Sohn +Christum Jesum. + +Durchlauchtigster, grossmaechtigster Koenig, gnaedigster Herr! + +E.K.M. sei mein andaechtig Gebet gegen Gott dem Herrn vor (fuer) E.K.M. +und aller der Ihren Wohlfahrt und glueckselig Regiment allzeit mit hohem +Fleiss zuvoran bereitet. Gnaedigster Herr! Nachdem ich in diesem Jahre +viel grosse und schwere Bekuemmernis und Herzeleids gehabt, als da +erstlich mein und meiner Kinder Elend mit Absterben (jedoch seliger und +froehlicher Heimfahrt zu unserm Heiland Christo Jesu) meines lieben +Herrn, welches Jahrzeit jetzt den 18. Februarii sich nahet, angangen; +darnach auch diese faehrliche Kriege und die Verwuestung dieser Laender +unsers lieben Vaterlandes gefolget und noch kein Ende dieses Jammers und +Elends zu sehen: ist mir in solchem Bekuemmernis ein grosser und hoher +Trost gewesen, dass E.K.M. beides, mit gnaedigster Schrift und +Uebersendung der funfzig Thaler zu bequemer Unterhaltung meiner und +meiner Kinder, auch ferner E.K.M. gnaedigster Erbietung, Ihre gnaedigste +Neigung gegen mir armen verlassenen Witfrau und meiner armen Waisen +vermeldet; welches auch vieler andern zuvor gnaedigst erzeigten Wohltaten +halber gegen E.K.M. ich mich unterthaenigst bedanke; verhoffend, Gott der +Herr, welcher sich einen Vater der Witwen und Waisen nennet, wie ich +denn taeglich zu ihm bitte, werde solches E.K.M. reichlich belohnen; in +welches gnaedigen Schutz und Schirm E.K.M. und Ihr Gemahl, meine +gnaedigste Frau Koenigin, und die ganze junge Herrschaft samt Ihren Landen +und Leuten hiemit und allezeit fleissig thue befehlen. + +Geben zu Magdeburg, den 9. Februarii A.D. XLVII. + + E.K.M. + + gehorsame + Katharina Lutherin, + seliger Gedaechtnis Doctoris + Martini Luthers + verlassne Witfrau."[625] + +Die so Beglueckte dachte aber auch an andere Hilfsbeduerftige, an den +Amtsgenossen ihres Gatten, D.G. Major, der mit seiner grossen +Kinderschaar in dieser schlimmen Zeit sich vergeblich nach einer +Stellung umsah. Frau Katharina legte in diese Danksagung als Beilage +noch eine Fuerbitte ein: + +"Gnaedigster Herr! Nachdem ich erfahren, was vor gnaedigste und +christliche Neigung E.K.M. gegen den (die) Theologen der Universitaet zu +Wittenberg tragen und mein lieber Herr seliger Gedaechtnis Doctor Georgen +Major stets nun ueber zwanzig Jahre als seinen Sohn gehalten und lieb +gehabt, welcher zu dieser Zeit allhie bei mir im Elend samt zehen +lebendigen Kindern: will E.K.M. gedachten Doctor ich mich unterthaenigst +befohlen haben bittend, E.K.M. wollen ob solchem kein ungnaedigst +Gefallen haben. Denn Theologi je mit Weib und Kindern sonderlichen zu +diesen jaemmerlichen Zeiten, betteln muessen, wie ich schier selbst +erfahren, da sie nicht von Fuersten und Herren ihre Errettung und +Unterhaltung haben werden." + +Zu Ostern erhielt nun auch D. Major "auf der tugendsamen Frauen +Katharina, des seligen und loeblichen Gedaechtnis Doctoris Martini Luthers +verlassenen Witfrauen Vorschrift und Vorbitte 50 Thaler bei dem +Schlesiger gnaediglich ueberschickt"[626]. + +Da es mit der Einnahme Wittenbergs durch Moriz nichts geworden, so war +mittlerweile die tapfere Frau Katharina wieder nach Wittenberg +zurueckgekehrt, aber ihres Bleibens war nicht lange dort. Denn der Kaiser +Karl und sein Bruder Ferdinand kamen aus Sueddeutschland und Boehmen mit +ihren Spaniern und Italienern, Boehmen und Ungarn ihrem Verbuendeten Moriz +zu Hilfe und es stand eine neue Belagerung Wittenbergs bevor, die +diesmal ernstlich und gefaehrlich werden sollte. Und jetzt musste Frau +Katharina erst recht fluechten, denn ueberall hin verbreitete sich die +Kunde von den unerhoerten Greuelthaten und Grausamkeiten der fremden +Voelker, sogar gegen unschuldige Kinder: "sie raubten, mordeten, +pluenderten, schaendeten Frauen und Jungfrauen und warfen Kinder auf der +Gasse ueber die Zaeune". Namentlich aber wueteten Spanier und Italiener +gegen die evangelischen Geistlichen und ihre Familien. Dem Pfarrer in +Altenburg entfuehrten sie zwei Toechter, den von Kemberg bei Wittenberg +ermordeten sie[627]. Da hiess es: "Die ungarischen Raeuber, gemeiniglich +Hussirer genannt, sind ein raeuberisch und unbarmherzig Volk; bei Eger +hieben sie den Kindern die Haende und Fuesse ab und steckten sie als +Federbuesche auf die Huete". So erzaehlte man, und Melanchthon schrieb: +"Ihr Fuehrer Lodran (Lateranus) sagte, er werde nach Eroberung unserer +Stadt Luthers Leib ausgraben und den Hunden vorwerfen lassen; und redete +namentlich davon, mich in Stuecke zu hauen." Oder gar: "Man werde Luthers +Gebeine ausgraben und verbrennen, die Staette, wo er geruht, zerstoeren +und die Stadt schleifen, Melanchthon erwuergen und D. Pommer zerhacken, +dass man sich mit den Stuecken werfen moechte." Deshalb setzte Melanchthon, +welcher zu Anfang 1547 wieder in Wittenberg weilte, fuer die dortigen +Pfarrfrauen eine Bittschrift an den Kaiser auf[628]. + +Frau Katharina hielt in Wittenberg aus, so lange als moeglich. Da aber +kam am Ostertag morgens in aller Fruehe die schreckliche Kunde, dass am +Karsamstag 24. April der Kurfuerst Johann Friedrich von der kaiserlichen +Uebermacht auf der Lochauer Heide geschlagen und gefangen worden sei und +das feindliche Heer sich gegen Wittenberg heranwaelze. Hals ueber Kopf +musste nun Luthers Witwe aufs neue ins Elend" ziehen[629]. + +So kam sie ploetzlich wieder nach Magdeburg und bat die Freunde, +besonders Melanchthon als Vormund ihrer Kinder unter Thraenen, ihnen ein +Nest zu suchen. Am liebsten waere sie nach Daenemark gegangen, zu dem +einzigen Fuersten, der sich ihrer anzunehmen versprochen hatte, nachdem +von dem ungluecklichen Kurfuersten nichts mehr zu erwarten stand. Sie bat +zunaechst, sie nach Braunschweig fuehren zu lassen. Die Theologen +schienen, als sie die Truemmer des geschlagenen kursaechsischen Heeres +durch Magdeburg ziehen sahen, sich auch nicht mehr in Magdeburg sicher +zu fuehlen, und Melanchthon und Major mit ihren Familien zogen samt der +Lutherischen ueber Helmstaedt nach Braunschweig. In Helmstaedt wurden sie +vom Stadtrat freigebig bewirtet. In Braunschweig brachte Melanchthon die +beiden anderen Familien bei dem evangelischen Abt unter, waehrend er fuer +sich selbst recht lange sich nach einer kleinen Wohnung umthun musste. Er +wurde als begehrter Professor von den verschiedensten Fuersten +eingeladen; aber um Luthers Witwe kuemmerte sich niemand: sie konnte in +dieser Zeit der katholischen Reaktion hoechstens eine Verlegenheit sein. +Deshalb draengte sie darauf, nach Daenemark zu kommen. Aber als die +Fluechtlinge kaum einige Meilen von Braunschweig noerdlich nach Gifhorn +gekommen waren, zeigten sich alle Wege im Herzogtum Lueneburg voll +Soldaten und Herzog Franz machte Schwierigkeiten; so kehrte man wieder +nach Braunschweig zurueck. Dort blieb nun Katharina mit ihren Kindern, +waehrend Melanchthon zu Himmelfahrt nach Nordhausen zog, wohin ihn sein +Freund, der Buergermeister Meienburg, eingeladen halte; und Major folgte, +willens sich nach seiner Vaterstadt Nuernberg zu begeben[630]. + +Am 23. Mai, Montag vor Pfingsten, wurde Wittenberg vom kaiserlichen Heer +besetzt; am Mittwoch ritt der Kaiser und der Koenig Ferdinand in die +Stadt ein vor die Schlosskirche und liess sich vom Studiosus Johann Burges +aus Quedlinburg "die Begraebnis" Luthers zeigen, die zu entweihen er aber +nicht zuliess, so feind die Spanier sonst D. Luthern waren[631]. Am 6. +Juni musste Wittenberg dem neuen Kurfuersten Moriz huldigen, der den +Kurhut und das Kurland als Preis fuer seinen Verrat an der evangelischen +Sache erhalten hatte. Zwei Tage darauf lud der Rektor die Universitaet +zur Rueckkehr nach Wittenberg ein. Auch Kaethe wurde Ende Juni von D. +Pommer und Buergermeister Reuter zur Rueckkehr aufgefordert: es sei alles +sicher und Haus und Hof unverheert. So kehrte sie, wenn auch erst Ende +Juli, aus Braunschweig heim ins liebe Wittenberg[632]. + + + + +18. Kapitel. + +Der Witwenstand. + + +Es war eine traurige Heimkehr, als Frau Katharina mit ihren Kindern und +dem Rest der geretteten Habe auf ihrem Fuhrwerk durch das Coswiger Thor, +die Schlossstrasse und die Kollegiengasse herauf fuhr und vor dem +Klosterhause hielt. Leichter waren Koffer und Kasten geworden--es waren +vergoldete und silberne Kredenzbecher im Werte von 600 fl. versetzt +worden--und das Herz voll schwerer Sorge. Und doch war's ein Gefuehl der +Ruhe und Sicherheit, wieder daheim zu sein nach der langen Flucht +draussen im "Elend". Und tapfer griff Frau Kaethe es an, das Leben neu zu +gestalten. + +Das Haus war noch im alten Stande und vom Hausrat nichts versehrt. Die +Stadt hatte zwar eine Belagerung und einen Sturm durch Moriz +ausgehalten, aber friedlich war sie nach der Muehlberger Schlacht an den +neuen Regenten uebergeben worden und keine Spanier hatten darin hausen +duerfen; nur deutsche Voelker waren zugelassen. Das Klosterhaus war +waehrend der Flucht in der Hut des alten treuen Wolf gestanden. Der aber +war nicht mehr, als die Doctorin mit den Kindern heimkehrte: einige +Wochen zuvor, am 14. Juni, war er dahin gegangen, als man seiner nicht +mehr zu beduerfen schien[633]. + +Wenn aber auch Haus und Hof unangetastet dastand, um so schlimmer stand +es mit den Guetern draussen. Die Vorstaedte waren bei Beginn der ersten +Belagerung niedergebrannt worden und so waren auch die Gebaeulichkeiten +in den Gaerten ein Opfer der Flammen geworden. Dann hatten die "Hussern" +die Nachbarschaft von Wittenberg gepluendert. Auch sonst, bei Grimma, +unweit Nimbschen und Zulsdorf, hatte (schon 1546) der Nachtrab uebel +gehaust: Huehner, Gaense und Schafe geraubt, auch ungedroschenes Getreide +zur Streu fuer die Pferde verwendet. Noch schlimmer hatten im folgenden +Jahr die Spanier mit Morden und Brennen, Pluendern und Verjagen +geschaltet; wo nichts zu pluendern war, verbrannten sie draussen im Lande +alles Gewaechs bis auf die Stoppeln[634]. + +So hatte Luthers Witwe grossen Schaden erlitten im Krieg. Wenn Jonas den +seinigen bei den zwei Fluchten auf 400 fl. schaetzt, so muss derjenige +Katharinas bei ihrem ausgedehnten Grundbesitz weit mehr betragen haben. +Ihre Gaerten und Gueter: das Baumstueck mit seinen Gebaeulichkeiten, das Gut +Wachsdorf und das Vorwerk Zulsdorf waren verwuestet, so dass sie auf Jahre +hinaus sie "schwer zu versorgen" wusste, wie Bugenhagen in Briefen an den +daenischen Koenig klagt[635]. + +Und wenn man die vielgeplagte Witwe nur in Frieden gelassen haette, dass +sie ruhig sich ihrer verwuesteten Gueter haette annehmen koennen. Aber da +wurde sie noch von boesen Nachbarn geplagt und von harten Beamten. Ein +zaenkischer Mensch fing Streit mit ihr an wegen eines Servituts +(vielleicht der Nachbar von Zulsdorf auf Kieritzsch). Melanchthon war zu +einem Vergleich bereit, aber der Mann forderte eine masslose Summe und +auch Bruder Hans riet vom Vergleich ab. So kam es zum Prozess, wobei Dr. +Stromberg in Leipzig und auch Camerarius, die Freunde Melanchthons, sich +der armen Frau annahmen (1548). Dieser Prozess dauerte aber jahrelang und +noch 1550 musste Frau Katharina mit Melanchthon vor dem Stadthauptmann in +Leipzig zur Tagfahrt erscheinen[636]. + +Da galt es nicht verzagen, sondern mit neuem Mut das Werk angreifen, um +sich und ihre Kinder in Ehren durchzubringen. Der Kosttisch wurde wieder +eingerichtet, wenn es auch schwer hielt, in diesen wirren Zeiten, wo die +Universitaet zersprengt war und nur mit Muehe sich wieder sammelte, zumal +das neue Kursachsen jetzt zwei Hochschulen hatte: Leipzig und +Wittenberg, und die Soehne des gefangenen Kurfuersten sich bestrebten, in +Jena eine eigene zu errichten und dahin die echten Lutheraner unter den +Professoren und Studenten von Wittenberg zu ziehen; erst im August wurde +das Wittenberger Kollegienhaus vom Schmutz der Einquartierung gereinigt +und neu getuencht[637]. Ferner konnte von grossem Verdienst keine Rede +sein, wenn bei dem Rektor Crodel in Torgau zwei Schueler in der Woche fuer +Wohnung und Kost, dazu mittags und abends zwei Kannen Bier, nur 14 +Groschen zahlten, und Matthesius in Wittenberg, ehe er zu Frau Luther +kam, bei Wolf Jan von Rochlitz "einen sehr guten trocknen Tisch um 5 +Silbergroschen" hatte "neben alten gelehrten, ehrlichen (ehrbaren), +guten Tafelbruedern". Als solcher Tischgenosse wird genannt: Johann +Stromer, der fuenf Jahre bei der Witwe wohnte und ass. Vielleicht war +damals unter den Tischgenossen Kaethes auch der Preusse Georg von Kunheim, +der am 15. August 1550 in Wittenberg Student wurde und so mit der +Lutherischen Familie bekannt und spaeter verwandt wurde[638]. + +Ausser den Stuben wurden auch noch die Saele zu Vorlesungen an Docenten +vermietet, und so las im Sommer 1551 in Luthers Aula, wo der grosse +Doktor sonst ueber biblische Buecher vorgetragen hatte, Bartholomaeus Lasan +ueber Herodot[639]. + +Trotz alledem musste Frau Katharina ausser der Verpfaendung der Becher noch +auf ihr Guetlein Zulsdorf ein Anlehen von 400 fl. aufnehmen bei Dr. Franz +Kram und ausserdem musste sie sich entschliessen, selbst an den Koenig von +Daenemark zu schreiben, als den "einzigen Koenig auf Erden, zu dem wir +armen Christen Zuflucht haben moegen und von dem allein erwartet werden +konnte, dass den armen christlichen Praedikanten und ihren armen Witwen +und Waisen Wohlthaten erzeiget wuerden." Zu diesem Brief war sie +gezwungen, nachdem die Schreiben der Freunde Bugenhagen und Melanchthon +ohne Erfolg gewesen. So bittet nun am 6. Oktober 1550 "D.M. Luthers +nachgelassene Witfrau, nachdem sie und ihre Kinder jetzund weniger Hilfe +haben und die Unruhe dieser Zeit viele Beschwerungen bringet", S.K.M. +wolle ihr solche Hilfe gnaediglich auch hinfuero verordnen. Sie will +treulich und ernstlich bitten, Gott moege Sr.K.M. Wohlthaten, die er den +armen evangelischen Pfarrherren und ihren Familien erzeigt, vergelten +und dafuer besondere Gaben und Segen verleihen. "Der allmaechtige Gott +wolle E.K.M. und E.K.M. Koenigin und junge Herrschaft gnaediglich +bewahren." + +Auch dies eigene Schreiben der Witwe war, scheint es, ohne Erfolg, +trotzdem sie den Koenig an ihres "lieben Herrn grosse Last und Arbeit" +mahnen konnte, die S.K. Maj. ohne Zweifel nicht vergessen habe[640]. + +Die Zeitlaeufe waren sehr traurig. Kreuziger starb 1548, und seine Frau +wollte fast vergehen; auch Veit Dietrich in Nuernberg schied bald darauf. +Andere Freunde waren verzogen oder auch gestorben. Dazu kam die Not der +Kirche, welche der Witwe Luthers nahe genug ging: "das Interim" mit dem +"Schalk hinter ihm" erregte die Evangelischen aufs aergste. Der neue +Landesherr Moriz, bei dessen Anblick sogar die Spanier und Italiener +"Schelm! Schelm!" riefen und den die Protestanten als "Judas" +bezeichneten, hatte kein warmes Herz, weder fuer die protestantische +Sache, noch fuer die hauptsaechlichsten Vertreter derselben, die +Universitaet zu Wittenberg und deren Angehoerige. Da gab es truebe Tage in +der alten Elbstadt[641]. + +Die vier Kinder Katharinas waren bei ihr; und wohl auch einige junge +Verwandte. Den Neffen Luthers, Fabian Kaufmann, jetzt mit dem +lateinischen Gelehrtennamen Mercator, empfahl Jonas 1548 zu einer +Hofstelle an die Fuersten von Anhalt[642]. + +Johannes studierte in Wittenberg weiter als Rechtsbeflissener. +Moeglicherweise hat er, ehe nach den Unruhen des Krieges die Musse und +Gelegenheit zum Studium wieder eintrat, "auf den vaeterlichen Guetern ein +laendliches Leben gefuehrt", d.h. der Mutter bei der Landwirtschaft +beigestanden, wie einmal berichtet wird[643]. Nach Ostern 1549 kam nun +Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, Rektor der Koenigsberger Hochschule, +nach Wittenberg. Dieser erzaehlte viel von des Preussenherzogs Wohlwollen +gegen Luthers Familie. Da riet Melanchthon, den jungen Mann nach +Koenigsberg zu schicken, damit er dort durch die Gunst des Koenigs seine +Studien vollende. So schrieb nun Frau Kaethe an Herzog Albrecht einen +Brief. + +"Gnade und Frieden in Christo samt meinem armen Gebet zu Gott fuer +E.F.Gn. zuvoran. + +Durchlauchtigster und hochgeborner Fuerst und Herr! + +Da sich E.F.Gn. gegen meinen lieben Herrn gottseligen, Doctorem Martinum +mit sonderlichen Gnaden allezeit erzeigt, so hab ich in keinen Zweifel +gestellt, E.F.Gn. wuerden auch mir aus sonderlichen Gnaden, so unser +lieber Gott E.F.Gn. zu seinem goettlichen Wort, das zu lieben, zu +schuetzen und zu handhaben verliehen, auch um meines lieben Herrn seliger +willen als eines wahren Propheten dieser letzten gefaehrlichen und +unruhigen Zeiten mich und meine lieben Kinder als nachgelassene Witwe +und Waisen in gnaedigen Schutz nehmen und Ihnen befohlen sein lassen. + +Als ohne Not, E.F.Gn. zu erinnern, in wie schwere Not meiner Haushaltung +ich nach jetzt ergangener Kriegsfuehrung gediehen, auch wie kuemmerlich +ich bisher von meinen armen verwuesteten und verheerten Guetern mich samt +meinen Kindern ernaehren und erhalten muessen--hab ich aus Rat des Herrn +Philippi und Anzeigen des Herrn Dr. Sabini, wie geneigt E.F.Gn. meinen +Kindern sei, meinen aeltesten Sohn Hans an E.F.Gn. abgefertigt, und +nachdem dann E.F.Gn. ihn noch eine Zeitlang bei den Studien zu erhalten +sich gnaedigst erboten, will gegen E.F.Gn. ich mich derselbigen gnaedigen +Foerderung und Mitsorge fuer meine nachgelassenen armen Kinder aufs +demuetigste bedankt haben. + +Dieweil aber dies meines Sohnes erstes Abreise ist, und ich auch +derhalben ihn zumeist abgefertigt, (damit er) neben seinen Studien gegen +die Leute lerne wissen sich zu (ver)halten, so ist an E.F.Gn. dies meine +demuetige Bitte, dieselben wollten diesen meinen Sohn um meines lieben +Herrn gottseliger willen in Gnade und Schutz aufnehmen und da er sich +sonst in der erste in allem gegen E.F.Gn. nicht zu erzeigen wuesste, +solches noch seiner Unwissenheit und ersten Ausfahrt gnaediglich zu gute +halten und Geduld mit ihm tragen. Als zweifel ich nicht, er wird sich +gegen E.F.Gn. zu unterthaenigem und seinen Praeceptoribus zu schuldigem +Gehorsam wohl zu verhalten wissen, seinen Studiis und demjenigen, so ihm +oblieget, fleissig nachgehen und gegen E.F.Gn. ehrbar und denkbarlich in +aller Untertaenigkeit sich zu erzeigen wissen. + +Dies dann E.F.Gn. gnaedige Befoerderung unser lieber Gott auch reichlich +wiederum belohnen wird und bin fuer E.F.Gn. gegen Gott um langwaehrende +Regierung und Wohlfahrt fuerzubitten allezeit demuetiglich beflissen. + +Datum Wittenberg, den 29. Mai anno 49. + +E.F.G. + + demuetige und unterthenige + Catharina, D. Martin Luthers + seligers nachgelassene Witwe." + +Melanchthon schrieb einen Empfehlungsbrief an den Herzog fuer den jungen +Mann, worin er ihn lobt als "tugendhaft im Wesen, unbescholten, +bescheiden, aufrichtig, rein, von guter Anlage und Beredsamkeit; sein +Koerper sei gewandt und leistungsfaehig und wenn er sich am Hofe uebe, so +koenne sein Eifer dem Staat zu grossem Nutzen gedeihen." Auch Jonas +empfahl in einem Schreiben dem Herzog seinen "lieben Freund, den Sohn +des goettlichen Propheten, empfehlenswert schon durch seinen Vater" und +entbot "Sr. Hoheit das Gebet der hochverehrten Frau und Witwe des hochw. +D. Luther". Zu mehreren Empfehlung legte Jonas eine Erzaehlung von dem +Krieg bei und ein handschriftliches Schreiben Luthers, "des Propheten +Deutschlands", worin er diesen Krieg prophezeit habe[644]. + +So reiste denn Johannes Ende Mai mit Dr. Sabinus ab, der auch sein von +Melanchthon erzogenes Toechterlein zu des Grossvaters tiefem Schmerz +mitnahm. Auch Jonas' Sohn, Dr. Christoph und Johann Camerar, der Sohn +von Melanchthons Busenfreund, sind wahrscheinlich mit Hans Luther nach +Koenigsberg gezogen[645]. + +Es kam nun auch ein Brief von Hans an Melanchthon, worin er einen Teil +der Reise beschrieb. Den andern Teil scheint er schuldig geblieben zu +sein. Auch muss ihm Melanchthon schreiben, Mutter, Schwester und Brueder +warteten mit Sehnsucht auf einen Brief, worin er von all seinen Sachen +berichten moechte; zur Leipziger Weihnachtsmesse gebe es schon genug +Gelegenheit zur Briefbefoerderung[646]. + +Lange hoerte man nichts mehr von Hans Luther. Daheim aber dauerten die +boesen Zeiten fort; denn die Unruhen und Aufregungen wegen des Interims, +das der Kaiser den Lutheranern aufgezwungen hatte, liessen nicht nach; +die Erbitterungen zwischen dem ehemaligen und jetzigen kurfuerstlichen +Hause waren eher im Wachsen, zumal der gefangene Kurfuerst noch immer +nicht freigegeben, sondern vom Kaiser in unwuerdiger Weise +umhergeschleppt wurde. Die Belagerung Magdeburgs, das wegen Nichtannahme +des Interims geaechtet und durch Moriz angegriffen war, brachte allerlei +landschaedigende Truppenbewegungen, und die Universitaet konnte also nicht +so leicht zur Musse und Bluete kommen. Auch die Anfechtungen durch "die +boesen Nachbarn" dauerten bei Katharina fort. Die Einkuenfte in diesen +unruhigen Zeiten wollten nur schwer reichen fuer den Haushalt und die +Erziehung der Kinder; Frau Katharina "litt an Armut", so dass die 15 +Rosenobel (50 Thaler) Gnadengehalt von dem daenischen Koenig Christian +III., um welche die Freunde regelmaessig einkamen und Katharina selbst +schrieb, fuer "die arme Frau, unseres lieben Vaters Doctoris Martini +Witwe mit ihren Kindern" eine gar erwuenschte "gnaedige Hilfe" waren. Die +"Begnadigungen", welche sonst die Lutherische Familie von ihren +Landesherren gewohnt war, blieben aus, da der alte Kurfuerst gefangen sass +und der neue bei seinen grossen Plaenen und steten Kriegen nichts uebrig +hatte fuer sie. Daher konnte Frau Katharina klagen, "dass wenig Leut sind, +die fuer die grossen Wohlthaten meines lieben Herrn seinen armen Waisen +Hilfe zu thun gedaechten"[647]. + +Die vielerlei Schicksalsschlaege trafen die arme Witwe so schwer, dass +sie, die stets gesunde, jetzt kraenklich wurde und ueber "Schwachheit" zu +klagen hatte. + +In dieser schweren Zeit, "da es ihr Vermoegen nicht war, ihren und ihres +lieben Herrn Kindern nach Notdurft zu helfen", war es fuer Frau Katharina +ein Trost, dass der preussische Herzog "nun selber Vater sein" solle. In +dieser Zuversicht wandte sie sich zu Georgi (23. April) 1551 an S.F.Gn. +unter Verdankung fuer die gnaedige Aufnahme und Unterhaltung ihres Sohnes +mit der Bitte, ihm ferner zur Vollendung seines angefangenen Studii in +Frankreich oder Italien Unterhaltung zu verordnen, damit er dem Herzog +nuetzlicher dienen koenne. Zuvor aber moege der Herzog ihren Sohn eine +kurze Zeit zu ihr kommen lassen, damit sie in ihrer Schwachheit etliche +nuetzliche Sachen mit ihm reden koenne, daran ihm und seinen Bruedern und +seiner Schwester merklich gelegen; dann moege er wieder nach Koenigsberg +oder nach Italien und Frankreich gehen, wie S.F.Gn. bestimmen wuerde. +Wahrscheinlich hatte Hans der Mutter diesen Plan an die Hand gegeben. + +Welchen Schmerz aber musste die Mutter ueber ihren Lieblingssohn erleben, +als darauf vom Herzog Albrecht folgende Antwort eintraf: + +"Wir befinden, dass Unser gnaediger Wille bei ihm nicht dermassen, wie Wir +wohl gehofft, angewendet. Denn wie Wir berichtet (sind), soll er seiner +Studien zur Gebuehr nit abwarten. So wissen Wir auch gewiss, dass er sich +etlicher guter Haendel, deren er wohl muessig gehen konnte, teilhaftig +macht. Derwegen zu bedenken, dass Uns wahrlich etwas beschwerlich (faellt, +dass) Unsere gnaedige Gewogenheit so wenig bei ihm bedacht wird." Daher +schlage es der Herzog ab, Hans reisen zu lassen; wolle er aber in +Koenigsberg vor gut annehmen, so sei der Herzog geneigt, um seines Vaters +willen ihn mit Unterhalt zu versorgen[648]. + +Das war ein Schlag fuer Katharinas Mutterherz! Also weder fleissig noch +ordentlich war ihr Liebling und beides waere er doch nicht nur dem +Herzog, sondern auch seinem Vater und seiner Mutter schuldig gewesen. +Und wenn sie sich auch sagen mochte, der Herzog sei strenge gegen seine +Schuetzlinge: wie einst gegen ihren Bruder Clemens, so jetzt gegen ihren +Sohn Hans und wenn sie auch wohl mit ebenso viel Recht geltend machen +konnte, der junge, sonst gut geartete und willige Mensch sei durch boese +Gesellschaften verfuehrt worden, so blieb doch die Thatsache stehen, dass +sie dem Sohn zu viel und zu Gutes zugetraut, und dass die Vormuender doch +recht gehabt mit der Behauptung, Hans habe nicht das Zeug zum +Studium--war er doch auch jetzt schon 25 Jahre alt! Daran konnte auch +das gute Zeugnis nichts abbrechen, das die Universitaet Koenigsberg dem +Sohne Luthers wohl allzu guenstig ausstellte[649]. + +Und als nun Hans vollends das Stipendium und Studium in Koenigsberg +aufgab und auf weitem Weg langsam heimkehrte, so war der Beweis +geliefert, dass er zu nichts Besserem tauge als auf die herzogliche +Kanzlei. Dahin kam er denn auch in Weimar. + +Um so besser gediehen die Soehne Martin und Paul, von denen der eine +Theologie, der andere Medizin studierte; Margarete wuchs zur bluehenden +Jungfrau heran. + +Der Schmalkaldische Krieg war wohl sonst zu Ende, nur nicht in Sachsen; +es entstand allerlei Unruhe und Kriegsgeruecht, neue Sorge und Angst. +Sachsen wimmelte von Soldaten, Wittenberg hatte starke Einquartierung. +Und obwohl es Freundesvoelker waren, so geschahen doch von der rohen +Soldateska allerlei Gewaltthaten. In der festen Stadt waren die Buerger +vor ihren eigenen Quartiergaesten nicht sicher, vor die Mauern +hinauszugehen wagte niemand, denn draussen in den Staedtlein gab es Mord +und Totschlag; uebermuetig forderten die Kriegsknechte das +Unmoegliche[650]. + +Und wie sah es nun wieder draussen auf den Hoefen und in den Gaerten aus, +wo eben mit Muehe die Schaeden des Schmalkaldischen Krieges wieder +hergestellt waren! Da waren Verwuestungen und Kontribution auf ihren +Hoefen vorgekommen. "Es ist am Tage", klagt Bugenhagen, "dass sie in ihren +Guetern dies Jahr (1551) grossen Schaden gelitten." "Derwegen musste sie zu +Recht gehen vor des Kurfuersten Gericht wider Jan Loeser." Jan Loeser--des +alten Hans Loeser ([Symbol: gestorben] 1541), ihres Gevatters Sohn und +Luthers Paten--musste Frau Katharina verklagen. Das war fuerwahr ein +bittrer Gang[651]. + +Und ob sie ihr Recht bekommen? + +Der Kurfuerst Moriz ruestete sich eben zum Schlage gegen den alten Kaiser. +Da hatte er wohl keine Zeit und Lust, eine klagende Witwe anzuhoeren. + +So musste Frau Katharina nochmals den sauren Schritt thun und sich an den +daenischen Koenig wenden, an den sie am 8. Januar 1552 u.a. schreibt: + +"E.K.M. wissen sich gnaediglich zu entsinnen, wie dass E.K.M. meinem +lieben Herrn seligen samt dem Herrn Philippo und D. Pomerano jaehrlich +ein Gnadengeld geschenkt, welches sie zu Unterhalt ihrer Haushaltung und +Kinderlein haben sollten, welches denn bishero gemeldeten Herrn von +E.K.M. ueberreichet (worden). Dieweil aber mein seliger lieber Herr +E.K.M. allzeit geliebet und fuer den christlichsten Koenig gehalten, auch +E.K.M. sich in solchen Gnaden gegen seligen meinen Herrn verhalten: so +werde ich _durch dringende Not bewogen, E.K.M. in meinem Elend_ +unterthaeniglich zu ersuchen, des Verhoffens, E.K.M. werden mir armen und +itzt von jedermann verlassenen Witwen solch mein unwuerdig Schreiben +gnaediglich zu gut halten und mir aus Gnaden solch Geld folgen lassen. +Denn E.K.M. sonder Zweifel bewusst, wie es nu nach dem Abgang meines sel. +Mannes gestanden, _wie man die Elenden gedrueckt_, Witwen und Waisen +gemacht, also dass (es) zu erbarmen; ja (auch) _mir mehr durch Freunde +als durch Feinde Schaden zugefuegt_; welches alles E.K.M. zu erzaehlen zu +lang waere. Aus diesen und anderen Ursachen werde ich _gedraenget_, E.K.M. +unterthaenig zu ersuchen, nachdem sich ein jeder so fremd gegen mir +stellt und sich meiner niemand erbarmen will." + +Bugenhagen unterstuetzte in einer Beilage diese Bitte der Witwe "Patris +Lutheri", welche "fast (sehr) klaget". Und mit Erfolg: am 22. Maerz kam +das Geld in seine Hand und er schreibt, dass S.M. "sehr wohl gethan", die +Witwe zu troesten[646]. + +Im Februar 1552, als die Kriegsknechte am rohesten hausten, wurden die +Gemueter in Wittenberg noch erschreckt mitten im Winter durch heftige +Gewitter mit Blitz und Donnerschlaegen. Aber bald darauf zogen die +Kriegsvoelker ab. + +Es kam nun Kunde, dass Moriz mit seinen Sachsen, den Brandenburgern und +Hessen den Kaiser in die Flucht gejagt und beinahe gefangen haette (Mai +1552). Die gefangenen Fuersten (Kurfuerst Johann Friedrich und Landgraf +Philipp von Hessen) wurden freigegeben, und freigegeben auch die +Religion im "Passauer Vertrag" (August 1552). + +Mittlerweile war es Fruehling geworden und Sommer. Frau Kaethe konnte saeen +und ernten und sich des Friedens freuen, der endlich nach sechs Jahren +Krieg, Flucht, Verwuestung eingetreten war, auch des Friedens in Sachen +des evangelischen Glaubens, um deswillen ihr "lieber Herr" ein Feuer +angezuendet hatte im deutschen Lande, dessen Flamme auch sie, und sie am +schwersten, fuehlen musste. + +Jetzt haette die arme Witwe aufatmen koennen vom langen Leid: da traf sie +der letzte, toedliche Streich. + + + + +19. Kapitel. + +Katharinas Tod. + + +Die Kriegsvoelker waren aus Wittenberg abgezogen, aber sie hatten ein +boeses Andenken hinterlassen: eine ansteckende Seuche, die "Pestilenz", +die in der sumpfumgebenen engen Festung wieder rasch um sich griff und +mit der Sommerhitze wuchs. Am 1. Juni wurde ueber Verlegung der +Universitaet beraten, am 10. bot Torgau ihr Herberge an. Aber bis 6. Juli +hielt sie noch in Wittenberg aus. Dann zog auch die Hochschule in die +Nachbarstadt und wurde in den engen winkeligen Raeumen des +Barfuesserklosters untergebracht, welches seinerzeit Leonhard Koppe zu +Fastnacht gestuermt hatte und das jetzt leer stand. + +Frau Katharina blieb aber in Wittenberg, wohl wegen der Gueter, die sie +besorgen musste; wahrscheinlich hatten die studierenden Soehne und +Tischgesellen dennoch von dem einen und andern Magister, der im +Schwarzen Kloster wohnte, Vorlesungen. In dem grossen, gesund gelegenen +Hause war es ja auch einstweilen noch auszuhalten. Aber im Herbst wurde +auch das Klosterhaus von der Seuche angesteckt. Und um ihre Kinder aus +der Gefahr zu reissen, unterzog sich die besorgte Mutter wiederum den +Beschwerlichkeiten der Auswanderung. So liess sie denn einspannen, lud +das Noetigste auf den Wagen und fuhr mit ihren Kindern, die noch bei ihr +waren: Paul und Margarete, waehrend Martin scheint's schon vorher der +Universitaet nachgezogen war und Hans in Weimar auf der Kanzlei +arbeitete, das Elsterthor hinaus, Torgau zu[652]. + +Da geschah das Unglueck: die Pferde wurden scheu und gingen mit dem Wagen +durch ueber Stock und Stein. Die erschrockene Frau suchte das Leben ihrer +Kinder zu retten, und um die wilden Pferde aufzuhalten, sprang sie vom +Wagen, fiel aber so ungluecklich, dass sie mit dem Leib heftig auf den +Boden anprallte und dann in einen Graben mit kaltem Wasser stuerzte. Die +Aufregung, der Fall, die Erkaeltung und wohl auch eine innere Verletzung +fuehrten eine schwere Krankheit herbei[653]. + +So kam die Familie Luther nach Torgau. Hier wohnte sie vom Kloster aus +in der "naechsten Strasse, die nach dem Schloss fuehrt", in einem Eckhause +bei der Klosterkirche zur Herberge. Hier lag nun Frau Katharina in +grossen Schmerzen langsam dahinsiechend, gepflegt von ihrer Wirtin und +ihrer Tochter Margarete, welche jetzt 18 Jahre zaehlte[646]. + +Noch einen Lichtblick erlebte die Witwe Luthers in diesen Leidenstagen. +Ihr juengster Sohn Paul, der sich zu einem tuechtigen Mediziner +heranbildete, verlobte sich in dieser Zeit mit Anna von Warbeck, der +Tochter des weiland Herrn Veit von Warbeck, gewesenen Domherrn von +Altenburg und Kurfuerstl. Hofrat und Vizekanzler zu Torgau, eines Edeln +aus Schwaben. Ihre Mutter, Anna von Hack--auch eine geborne +Schwaebin--lebte noch und hatte ein eigenes Haus zu Torgau in der +Fischergasse[646]. + +Fraeulein Anna war ein resolutes Frauenzimmer. Sie hatte einen Damastrock +mit Samtschleppe getragen und war deshalb vom Stadtrat mit Berufung auf +eine kurfuerstliche Kleiderordnung in Strafe gezogen worden. Dagegen +wehrte sie sich und appellierte an den Kurfuersten, so dass ein ehrbarer +Stadtrat einen Boten mit Bericht ueber Anna Warbeckin Supplicien gen +Dresden schicken musste fuer Lohn und Trinkgeld. S. Kurf. Gn. sandte nun +in diesem Betreff an den ehrbaren Rat zu Torgau folgenden Erlass: + +"Lieben Getreuen! Wir sind von der ehrbaren und lieben besondern +Jungfrau Anne von Warbeck demuetiglichen Klag berichtet worden, wie dass +Ihr ihr den damastenen Rock mit samtenem Schweif zu tragen zu enthalten +und noch dazu etliche Gulden zur Strafe entrichten sollt auferlegt +haben. Wiewohl Wir Uns zu erinnern wissen, was Wir der Kleidung halber +in der Polizei-Ordnung haben ausgehen lassen, so vermerken Wir doch, dass +der gedachten Jungfrauen Vater einer von Adel und fuerstl. Rat gewesen, +auch die Damasten, davon der Rock gemacht, fuerstliches Geschenk und die +Roecke _vor_ obenerwaehnt ausgegangener Ordnung gemacht. Derwegen Wir denn +geschehen lassen, dass sie solche Roecke zu Ehren tragen moege. Und +begehren demnach, Ihr wollet ihr solches verstatten und sie mit +geforderter Strafe verschonen, Euch auch sonst gegen sie dermassen +verhalten und erzeigen, dass sie sich keiner Beschwerung zu beklagen hab. +Daran geschieht Unsere gaenzlich zuverlaessige Meinung. Datum Dresden, 30. +Jan. Anno LII"[654]. + +Dieses adelige Fraeulein wurde also die Schwiegertochter Frau Katharinas +und diese wird an dem entschlossenen Wesen ihrer kuenftigen Sohnsfrau ihr +Gefallen gehabt haben. Aber die Freude der Hochzeit erlebte Frau +Katharina nicht mehr. + +Drei Monate lang dauerte das Siechtum der Kranken. Mit christlicher +Geduld ertrug sie die Leiden und die Sorge fuer die Kinder. "In der +ganzen Zeit ihrer Krankheit troestete sie sich selbst und hielt sich +aufrecht mit Gottes Wort. In heissen Gebeten erflehte sie sich ein +friedliches Hinscheiden aus diesem muehseligen Leben. Oftmals auch befahl +sie Gott die Kirche und ihre Kinder und betete, dass die Reinheit der +Lehre, welche Gott durch ihres Gatten Werk dieser Zeit wiedergebracht, +unverfaelscht den Nachkommen ueberliefert werden koenne." Sie selbst aber +wollte "an Christus kleben, wie die Klette am Kleid", ein Wort, das ihr +nachher fromme Saenger im Liede nachsprachen[655]. + +Am 20. Dezember 1552 hauchte sie ihre Seele aus. + +Der Vice-Rektor der Universitaet, Paul Eber, gab dies den Studenten durch +ein von Melanchthon verfasstes lateinisches "Leichenprogramm" kund, worin +ihr Leben und Leiden kurz geschildert war. Namentlich die Erinnerung an +die sechs letzten Leidensjahre schwebten dem treuen Freunde des Hauses +vor Augen und fast scheint es auch, das Unrecht, das sie von Kanzler +Brueck u.a. erlitten. "Mit ihren verwaisten Kindern musste die als Witwe +schon schwer Belastete unter den groessten Gefahren umherirren wie eine +Geaechtete; grossen Undank hat sie von vielen erfahren, und von denen sie +wegen der ungeheuren Verdienste ihres Mannes um die Kirche Wohlthaten +hoffen durfte, ist sie oft schmaehlich getaeuscht worden." Statt des +derben deutschen Spruches, mit welchem Luther in seinem Hausbuch seinen +Befuerchtungen ueber die Behandlung seiner Witwe Luft gemacht hatte: "Die +Leute sind grob; die Welt ist undankbar", waehlte der gelehrte Freund fuer +das Leichenprogramm als Motto einen griechischen Spruch des Euripides +(Orist. 1-3), der allerdings auf die schwere Leidenszeit der Witwe +Luthers passt: "Es giebt kein Unheil, kein Geschick, kein Leid, das Gott +verhaengt und das die Sprache nennt, nichts Schreckliches, das nicht der +Mensch erlebet." + +Dieser Erfahrung des heidnischen Dichters gegenueber weist das "Programm" +auf den Trost und die Hoffnung des Christentums, dessen sich auch die +Selige getroestet habe bei der herben Wunde durch den Tod ihres +Ehegemahls, ihrer Flucht mit den verwaisten Kindern in der Kriegszeit, +den manchfachen Truebsalen des Witwenstandes und dem Undank vieler Leute +gegen die Witwe des ehrwuerdigen und heiligen Mannes D. Luther. Die +Universitaet lade nun alle ihre Hoerer zum Leichenbegaengnis ein, "um der +verehrten Frau die letzte Pflicht zu erweisen und so zu bezeugen, dass +sie die Froemmigkeit der Witwe, welche so herrlich an ihr leuchtete, ihr +ganzes Leben lang hochhielten; dass sie der Waisen tiefe Trauer zu Herzen +naehmen; und dass sie nicht vergaessen die Verdienste ihres Vaters, die so +gross sind, dass sie keine Rede genug preisen kann; dass sie endlich +zusammen Gott im Gebete anflehen, das Licht des Evangeliums rein zu +halten und seine Lehrer und Verkuendiger zu schuetzen und zu regieren, die +Staaten zu behueten und den Kirchen und Schulen geziemende +Zufluchtsstaetten zu gewaehren"[656]. + +Am folgenden Tag, nachmittags drei Uhr, war der Leichenzug der "edlen +Gemahlin des heiligen Mannes D. Luther". Von ihrer Gastwohnung die +Schlossgasse hinab an der neuerbauten grossartigen kurfuerstlichen Residenz +Hartenfels vorbei bewegte sich der gewaltige Zug von Buergern, +Professoren und Studenten durch die Wintergruene nach der Stadtkirche +St. Marien. Hier unter dem Knabenchor mit seiner schoenen Inschrift: +"Laudate dominum pueri!" wurde die muede Pilgerin unter den ueblichen +Feierlichkeiten bestattet und die Knaben werden ihr auch von droben ein +Abschiedslied gesungen haben[657]. + +Am Grabe der Mutter trauerten ihre Tochter und drei Soehne. + +_Hans_ war herzoglich saechsischer Kanzleirat; er heiratete im folgenden +Jahre Elisabeth, die Tochter des Professors und Propstes an der +Schlosskirche in Wittenberg D. Kreuziger, den sich sein Vater selbst zum +Nachfolger erkoren hatte, der aber schon bald nach dem grossen Doktor +gestorben war. Spaeter kam Hans Luther zu seinem alten Goenner, dem Herzog +Albrecht von Preussen, in Dienst und starb nicht lange nach diesem 1575. + +_Martin_, von dem sein Vater gefuerchtet hatte, er werde einmal ein +Jurist, studierte Theologie; er musste aber anhaltender Kraenklichkeit +wegen als Privatgelehrter leben und starb jung im vierunddreissigsten +Jahr, nachdem er mit Buergermeister Heilingers Tochter in Wittenberg +einige Zeit in kinderloser Ehe gelebt hatte. + +_Paul_, der juengste, wurde ein angesehener Arzt, Dr. und Professor zu +Jena und herzoglicher Leibarzt, dann Rat und Leibarzt des +brandenburgischen und spaeter des saechsischen Kurfuersten. Er vermaehlte +sich bald nach der Mutter Tod mit seiner Verlobten Jungfrau Anna von +Warbeck, und Nachkommen von ihm in weiblicher Linie leben noch heute. + +_Margarete_ vermaehlte sich 1555 "im Beisein vieler Grafen und Herren" +mit Georg von Kunheim, Erbherrn auf Knauten bei Koenigsberg, der in +Wittenberg studiert und vielleicht bei Frau Katharina gewohnt und +gespeist hatte. Sie lebte mit ihrem Gemahl, dem herzoglich preussischen +Landrichter zu Tapiau, in gluecklichster Ehe und starb als Mutter von +neun Kindern im Jahre 1570[646]. + +Von dem zahlreichen Geschlecht Luthers und der Ahnmutter Katharina sind +heutzutage noch wenige Nachkommen uebrig. Vom Kloster Nimbschen, wo +Jungfrau Katharina 15 Jahre lebte, stehen jetzt nur noch drei +altersgraue Mauern, von wilden Reben umrankt. Ueber Zulsdorf geht seit +1801 der Pflug und nur ein Denkmal bezeichnet die Staette, wo sie so +gern gewaltet hat. Ihre Gaerten in Wittenberg, in denen sie arbeitete und +erntete, sind zum Teil mit neuen Haeuserreihen ueberbaut. Nur das +Klosterhaus steht noch, wo sie zwanzig Jahre mit dem grossen Doktor +gehaust, wenn auch nur die Wohnstube einigermassen im alten Zustand ist. + +In der Stadtkirche zu Torgau aber wurde Frau Katharinen--wohl von ihren +Kindern--ein Grabdenkmal errichtet in grauem Sandstein, allerdings kein +sonderliches Kunstwerk, nach dem Modell des Gipsreliefs, das von einem +realistischen Kuenstler verfertigt in Zulsdorf hing und heute noch in der +Kirche zu Kieritzsch zu sehen ist. Auf ihrem Grabmal ist Frau Katharina +in halberhabener Arbeit ausgehauen als Matrone im langen Mantel und +weissen Kopftuch. Mit heiterem Angesicht schaut sie vor sich hin, wie +eine Mutter am Sonntag auf ein wohl verbrachtes Tagewerk; in den Haenden +haelt sie ein offenes Buch zum Zeichen ihrer Froemmigkeit und ihres Eifers +im Bibellesen; also als andaechtige Maria ist die fleissige Martha +dargestellt. Ihr zu Haeupten sind die Wappen von Luther und von Bora. Um +den Rand steht die Inschrift: "Anno 1552 den 20. December Ist in Gott +Selig entscha | ffen alhier in Torgau Herrn | D. Martini Luthers seligen +Hinderlassene wittbe Katharina | von Borau."[658] + +Ein kuenstlerisches Idealbild neben den mancherlei realistischen +Konterfeien Katharinas hat Meister Lukas Kranach geschaffen auf dem +Altarblatt in Wittenberg. Da sitzt Frau Katharina als andaechtige +Zuhoererin ihres predigenden Gatten mit ihrem Kindlein in vorderster +Reihe vor der Gemeinde--also ebenfalls als sinnige Maria. + +Ein dichterisches Denkmal hat der Hausfrau Luthers beim ersten +Reformations-Jubilaeum 1617 der gekroente Dichter Balthasar Mencius, Poeta +Laureatus, gewidmet, in schlichten, treuherzigen Knittelversen[659]: + + Cathrin von Bora bin ich gnant + geboren in dem Meissner Landt + aus einem alten Edlen Stamm + wie solchs mein Anherrn zeigen an + die Gott und dem Roemischen Reich + mit Ehr und Ruhm gedienet gleich. + Als ich erwuchs, zu Jahren kam, + der Tugendt mich thaet nehmen an + und jedermann bethoeret war + vom Pabst und seiner Muenche Lahr, + und hoch erhaben der Nonnen-Stand, + ward ich ins Kloster Nimetzsch gesand; + mein Ehr und Amt hatt ich in acht + rief zu Gott, bethet Tag und Nacht + fuer die Wohlfarth der Christenheit. + Gott mich erhoert und auch erfreut; + Doctor Luther den kuehnen Held + mir zu einm Ehmann ausserwehlt, + dem ich im keuschen Ehstandt mein + gebahr drei Soehn und Toechterlein. + Im Witwenstand lebt sieben Jahr + nachdem mein Herr gestorben war. + Zu Torgau in der schoenen Stadt + man meinen Leib begraben hat; + biss Gottes Posaun thut ergehn + und alle Menschen heisst aufstehn; + alsdann will ich mit meinem Herrn + Gott ewig lobn, ruehmen, ehrn + und mit der Ausserwaehlten Schaar + in Freuden leben immerdar. + +Weniger freundliche Denkmaeler haben der Gattin Luthers katholische +Schriftsteller gesetzt, welche die Ehe des Moenches und der Nonne als ein +Sakrileg und Skandal auffassten und in ihrer Weise ausbeuteten, wie +Luther selbst schon vor seinem Tode vorausgesehen und in seinem +Testament vorausgesagt hatte. Von protestantischer Seite sind fast nur +Verteidigungsschriften wider diese Verleumdungen ergangen, oder auch +gelehrte Stoffsammlungen und kleine Volksschriften[646]. + +Und doch lebt Katharina im Andenken des deutschen evangelischen Volkes +in deutlicher und freundlicher Erinnerung als die Gattin des gewaltigen +Doktors und deutsche Pfarrfrau, welche mit ihrem Manne das +gemuetansprechende Vorbild eines evangelischen Pfarrhauses geschaffen +hat. + +Und mit Recht. Sie war eine tuechtige und brave Frau, wie man's zu ihrer +Zeit ausdrueckte: ein "frommes Weib", eine echte deutsche Hausfrau. Sie +hatte den Mut, Martinus Luther, "den kuehnen Held", zu ihrem Ehegemahl zu +erwaehlen, sie hat es gewagt, mit dem Geistesgewaltigen, dem +kaiserbuertigen Regenten der Kirche[646] zu leben, ihm zu genuegen, ihn zu +befriedigen. Und sie hat geleistet, was sie unternommen. Der grosse +Doktor hat sie geachtet, hat sie geliebt und gelobt. "Das aber ist das +wahre Lob, gelobt zu werden von gelobten Maennern." + +[Illustration: Katharinas Handschrift und Siegel.][660] + + + + +Belege und Bemerkungen + + +Abkuerzungen + + +_Anton_, D.M.L. Zeitverkuerzungen. L. 1804. + +_W. Beste_, Die Geschichte Katharinas von Bora, nach den Quellen bearb. +Halle 1843. + +_Br. s.u._ + +_G. Buchwald_, Zur Wittenb. Stadt- u. Univers.-Gesch. L. 1893. + +_C.A.H. Burkhardt_, Dr. M.L. Briefwechsel. L. 1866. + +Consilia Theol. Witteb. Fr. 1664. + +_Cordatus_, Tagebuch ueber Luther. 1553. Von H. Wrampelmeyer, Halle 1883. + +_C.R._ = Corpus Reformatorum. Bretschneider, Halle 1834 ff. + +_Grulich_, Denkwuerdigkeiten von Torgau. 2. Aufl. Torgau 1855. + +_A. Hausrath_, Kleine Schriften religionsgesch. Inhalts. Leipz. 1883. S. +237-298. + +_M.Fr.G. Hofmann_, Kath. v. Bora oder Dr. M. Luther als Gatte u. Vater. +Leipz. 1845. + +_Juncker_, Ehrengedaechtnis Lutheri. Frankf. 1706. + +_Kaweran_, Briefwechsel v. J. Jonas. 2 Bde. + +_Kolde_, Analecta Lutherana. Gotha 1883. + +_Koestlin_, M. Luther. 2 Bde. 2. Aufl. Elberfeld 1883. + +_M.A. Lauterbachs_ Tagebuch. 1538. Von I.K. Seidemann, Dresden 1862. + +_Lingke_, D.M.L. Reisegeschichte. L. 1769. + +_G. Loesche_, Analecta Lutherana et Melanth. Gotha 1892. + +_L.W._ = _Walch_, Luthers Deutsche Werke, Halle 1739-50. + +_Mayeri_, Vita Catharinae Boriae. Hamburg 1698. Deutsch: Unsterbl. +Ehrengedaechtnis Frauen Katharinen Lutherin. Frankf. u. L. 1724. + +_Mathesius_, Predigten ueber Dr. M.L. Nuernberg 1576. + +_Ratzebergers_ Handschr. Gesch. ueber L.u.s. Zeit von Chr. G. Neudecker. +1850. + +_Richter_, Geneal. Lutherorum. Berlin u. L. 1723. + +_J. Schlaginhaufen_, Tischreden L. 1531/2. Von W. Preger, L. 1888. + +_Seckendorf_, De Lurtheranismo Comment. Leipz. 1692. + +_Seidemann_, Luthers _Grundbesitz_, in Zeitschr. fuer histor. Theol. +1866. + +_Seidemann_, _Erlaeuterungen_ zur Ref.-Gesch. Dr. 1844. + +_Seidemann_, Beitraege zur Ref.-Gesch. Dr. 1846-48. + +_Stier_, Denkwuerdigkeiten Wittenbergs. Dessau u. L. + +T.-R. = _Foerstemann-Bindseil_, D.M.L. Tischreden. 4 Bde. Berlin 1844-48. + +Urkb. = Urkundenbuch von Grimma und Nimbschen. Herausgegeben von L. +Schmidt in Cod. dipl. Sax. reg. II. 15. Bd. L. 1898. + +W. = _Walch_, Wahrh. Gesch. der sel. Frau Katharina v.B. Halle 1752. + +NB. _Ohne Namen u. Titel_ oder mit _Br._ citiert sind _De Wette_ und +_Seidemann_, Dr. M. Luthers Briefe. 6 Bde. 1825-56. + + * * * * * + + + + +1. Katharinas Herkunft und Familie. + +[1] Die Herkunft und Heimat Katharinas ist noch lange streitig und wird +sich nicht so leicht feststellen lassen, selbst wenn neue Urkunden +aufgefunden werden; hauptsaechlich ist die weite Verzweigung der Familie +und die Unsicherheit der Elternnamen Katharinas daran schuld. Der +Stammbaum Katharinas von Bora ist am eingehendsten verfolgt worden von +dem jetzt verstorbenen _Georg von Hirschfeld_: "Beziehungen Luthers und +seiner Gemahlin zur Familie Hirschfeld" in Beitraege zur Saechs. K.-Gesch. +II, 86-141 (bezw. 309). Dies geschah auf Grund einer aelteren Chronik +(vgl. Hofmann 63) von Philipp von Hirschfeld ([Symbol: gestorben] 1748). +Sodann von _Ernst Wezel_ ([Symbol: gestorben] 1898) zuerst +in der "Wissensch. Beilage der Leipz. Leitung" 1883 Nr. 71, +dann in der Festschrift zur 100jaehrigen Jubelfeier des K. +Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Berlin. "Das Adelsgeschlecht derer von +Bora", A.W. Hagens Erben 1897, mit Auszuegen aus zahlreichen Urkunden +(vgl. Br. VI, 647 f. 705), eine Schrift, welche noch vervollstaendigt +herausgegeben werden soll. + +Nach G. von Hirschfelds Stammbaum waere Katharina von Bora eine Tochter +des Hans von (Bora zu) Hirschfeld-A. (vgl. Br. VI, 648, 28) und der Anna +von Haugwitz: Hans veraeusserte aber (zwischen 1525-30) Hirschfeld-A. an +Hans von Mergenthal und Reinsberg, zog nach Loeben, uebergab dies seinem +Erstgebornen und zog dann nach Moderwitz, welches der Familie Hayr +gehoerte.-- + +Diese Aufstellung ist nicht mehr kontrollierbar, denn das Hirschfeldsche +Archiv ist verschwunden. Und dazu beruht dies Ergebnis noch auf den +Annahmen: 1. dass es zwei Gueter Hirschfeld gegeben habe (S. 119); 2. dass +eine Linie Bora sich Mergenthal genannt und ihr Wappen (vom roten Loewen +in eine Lilie) veraendert habe (97); 3. dass Phil. v.H. verschiedene +Personen (z.B. zwei Katharinen) verwechselte (116). (Eine lutherisch +gesinnte Katharina von Mergenthal war im Kloster zu Freiberg; sie war +einmal zu Besuch bei ihrem Bruder in Hirschfeld bei Bora. N. Archiv f. +Saechs. Gesch. IV, 298. Sie entwich anfangs Juni 1529 aus dem Kloster und +kam zu Luther. A.a.O. 318. Br. III, 469. Die Verwechslung dieser +Katharina von Mergenthal aus Hirschfeld bei Deutschen-Bora findet sich +schon Saechs. Kirchen-Gal. I, 110. Seidemann, Erl. zur Ref.-Gesch. +Dresden 1844. S. 110, 120, 122, 469); 4. dass Irrtuemer in dem saechs. +Teilungsvertrag von 1485 vorkamen; 5. dass die wunderliche und nicht mehr +auffindbare Notiz, wonach Luther "seinem Schwaehervater, dem edeln und +festen Herrn Hans von Bora zu Moderwitz ein Buechlein (Joel) oder gar +eine Bibel verehret" (Br. VI. 684), richtig sei. + +Gegen diese Aufstellung sprechen aber ausser den kuenstlichen Umstellungen +der Umstand, dass Katharinas Eltern bei ihrer Flucht aus dem Kloster und +bei ihrer Verheiratung hoechst wahrscheinlich nicht mehr lebten. Ferner +sollte man meinen, dass die Luthersche Familie mit dem Staatsmann +Bernhard von Hirschfeld (1490-1551; Br. II, 55, 245, 448; C.R. IV, 349) +in vertrauterem Verkehr gestanden haben muesste, wenn sie mit ihm so nahe +verwandt gewesen waere. Das war aber gerade nach 1525 nicht der Fall. + +Fuer _Lippendorf_ als Geburtsstaette von Katharina spricht folgendes: 1. +Zu Lippendorf verschreibt ums Jahr 1482 Hans von Bore seiner Ehefrau +Katharina als Leibgeding das Dorf Sale; ebenso 1505 Jan von Bore alle +seine Gueter zu Lippendorf seiner Hausfrau Margarete (E. Wezel, Wiss. +Beil. der Leipz. Z. 1883, Nr. 71, S. 422 f.). Solche Verschreibungen +wurden nicht etwa (wie G. v. Hirschfeld meint) auf dem Todbette, sondern +gerade am Vermaehlungstag gemacht (wie auch die in beiden Urkunden +vorkommende Formel beweist: "nach ihres ehelichen Mannes Tode, ob sie +den erlebet, u. nicht eher"). Es waere nun sehr erklaerlich, dass Katharina +wegen und bei der Schliessung der zweiten Ehe ihres Vaters ins Kloster +gebracht wurde. 2. Wegen dem eine halbe Stunde davon gelegenen "Guetlein" +Zulsdorf hat Katharinas Bruder Hans sich aus Preussen hier einfinden und +"lange heraussen aufhalten, auch muessen selbes beziehen u. sich +verehelichen, bis er's an sich bracht" und hat das "aus Not, (um) sein +u. seiner Brueder Guetlein zu bekraeftigen, muessen thun u. fuer sein +Kindlein das Guetlein u. armes Erbdaechlein beschicken". (Br. V, 106, f.) +3. Als Bruder Hans Zulsdorf nicht mehr halten konnte (1540), so kaufte +es seine Schwester, obwohl es wenig eintraeglich und zwei Tagereisen weit +von Wittenberg entfernt lag, und hat sich mit Vorliebe hier aufgehalten. +(S.S. 84 f.) + +Allerdings gehoerte wenigstens seit 1504 Zulsdorf zu Kieritzsch und nicht +zu Lippendorf und wurde 1515 von Denen zu Kieritzsch an einen Jan von +Lenau verkauft (Br. VI, 705; Lpz. Z. 1883 Nr. 70 S. 413); aber um 1525 +heiratete eine Marie von Bora zu Zulsdorf einen Siegm. Wolf von Niemeck +zu Wittenberg (Schumann, Lexikon von Sachsen XIII, S. 671), und nach +Katharinas Tod (1553) brachte ein Christoph von Niemeck, also wohl ein +Sohn des vorigen, das Gut Zulsdorf wieder an sich. (Lexikon von Sachsen +XIII, S. 671; vgl. Seidemann, Grundbes. S. 529; ueber die Niemeck vgl. +Wittenb. Urbar V.H., Schmalbecker Hufen). _Also scheint Zulsdorf in der +That ein "Erbdaechlein" Derer von Bora gewesen zu sein._ (Die +Wittenberger Familie Zulsdorfer, die Stifter der "Zulsdorfer Kapelle", +stammt aus Zulsdorf bei Lochau. Vgl. Wittenb. Urbar III, 296 c. XI; 299 +c. XII.) + +Im Amte Weissenfels, wozu Lippendorf und Zulsdorf gehoerten, gab es um +1510 noch Bora; da wurde ein Siegmund von Bora in einer Streitsache vor +Amt geladen (Staatsarchiv zu Dresden), und zwar, wie es scheint, der +Bruder einer verehelichten "Haugwitz". + +Gegen die Abstammung Katharinas von Hans oder Jan zu Lippendorf kann man +geltend machen: 1. Die erste Gemahlin hiess Katharina und war vielleicht +eine geborne von Miltitz, die zweite, Margarete, eine geborne von Ende, +wenn naemlich der erste in den Urkunden genannte Zeuge oder Vormund, wie +gewoehnlich, der Bruder der Frau ist. Dagegen soll Katharina von Boras +Mutter eine geborene Haubitz gewesen sein. Wenigstens berichten die +(freilich erst 1664 veroeffentlichten) Consilia Theolog. Wittenb. IV p. +17 (ebenso Keil histor. Nachr. 15 und Luthers merkw. Lebensweise IV 320) +dass Katharinas Mutter eine von Haubitz gewesen. Haubitz heisst ein +Vorwerk oestlich von Grimma, also bei Nimbschen (Urkundenb. 409), ein +anderes liegt eine Stunde von Lippendorf (Wezel 423). _Seckendorf_ (III +92), dessen Schwester 1580 einen Georg von Haubitz heiratete (Engelhard +Lucifer Wittemb. I 13, meint, er sei dadurch ein Verwandter der +Katharina v. B. geworden) und nach ihm _Mayer_ p. 4 nennt sie eine +_Haugwitz_, darum sagt Richter 295 (vgl. 675): "von Haubitz _oder_ +Haugwitz". (Walch 12, 5 und nach ihm Hofmann 62 irren, wenn sie +berichten, in den Consil. W. stehe Haugwitz.) Uebrigens ist Siegmund von +Bora 1510 Vormund fuer eine von Haugwitz, welche also seine Schwester +gewesen sein wird (Dresdner Landesarchiv s.o.) Freilich die beiden Namen +werden oft verwechselt bzw. gleichgesetzt, z.B. im Kloster Nimbschen +(Urkundenbuch 322, 326, 328, 331, 332 vgl. 409 unter "Haubitz"). Diese +Verwechslung beruht auf der mundartlichen Aussprache, indem das b in +Haubitz wie w und das g in Haugwitz sehr weich gesprochen wurde, so dass +es verschwand. Die spaeteren Biographen behalten Haugwitz bei und +behaupten (freilich ohne Quellenangabe), der Vorname von Katharinas +Mutter sei _Anna_ gewesen. Soll das ein Missverstaendnis aus Una de +Haugwitz sein? (Wezel 423) oder eine Verwechslung mit Anna von Haubitz +aus Floessberg (bei Grimma), welche gleichzeitig mit Katharina im Kloster +Nimbschen war und kurz nach ihr daraus entfloh? Ob die Mutter +Katharinas aber wirklich eine geborene von Haugwitz war? Dagegen +spricht, dass ein Kanonikus Christoph von Haugwitz 1536 eine Schrift mit +einer Vorrede Bugenhagens veroeffentlichte, worin keine Rede ist von der +Verwandtschaft Katharinas mit der Familie Haugwitz. (_Seckendorf_ ad +Indicem I histor. XXXIII, Wezel 423). Gegen _Haubitz_, wenn Katharinas +Mutter aus dem Geschlechte der Nimbscher Nonnen war, spricht der +Umstand, dass der Vater Annas v. H. ein _kursaechsischer_ Unterthan war +(Hirschfeld 97 f.), weshalb sie auch zu Pfingsten 1523 aus Nimbschen +austreten und zu ihrer Familie heimkehren konnte. Dagegen die drei +Linien Haugwitz waren herzogliche Vasallen (A. Fr. _Glasey_, Kern der +hohen kur- und fuerstl. H. zu Sachsen, 4. Aufl. Nuernberg 1753, S. 795. +Hirschfeld 127).--Doch war unter den kursaechsischen Visitatoren von +Thueringen auch ein Erasmus von Haugwitz (Seckendorf II S. 101). Der +Bruder der Nimbscher Abtissin Margarethe von Haubitz, Asmus, war 1526-35 +Vorsteher des evangelisch gewordenen Klosters Nimbschen (Grossmann, +Visitationsakten der Dioeces Grimma L. 1873, S. 78). Oder sind beide +(Asmus = Erasmus) dieselbe Person? + +2. Ferner spricht gegen Lippendorf, dass Jan von Bora 1505 alle seine +Gueter zu Lippendorf seiner Hausfrauen zu einem Leibgeding +bekennt.--Lippendorf als damaliger Sitz dieser Linie waere doch +naturgemaess nicht als Leibgeding an die Ehefrau, sondern als Erblehen an +die Kinder uebergegangen (dieser Grund bestimmt G. v. Hirschfeld S. 110 +f., gegen Lippendorf als Geburtsort Katharinas zu stimmen, und ihm folgt +jetzt 1897 aus demselben Grunde auch Wezel, nachdem er 1883 Leipz. 8. +Wiss. Beil. 71 dafuer gewesen war). Indes war auch Sale ein "Sitz" und +wurde dennoch von Hans von Bora zu Lippendorf an seine Ehefrau Katharina +verleibgedingt. Es kann ja ganz gut ausser Lippendorf noch ein weiterer +"Sitz" fuer den Aeltesten vorhanden gewesen sein. Aeltere Maenner pflegen +in zweiter Ehe die Frauen zu Ungunsten der Kinder zu bevorzugen. Dies +ist doppelt begreiflich in diesem Falle, wo aus erster Ehe, wie es +scheint, nur ein Maedchen, Katharina, vorhanden war, hoechstens noch ein +Bruder, der mit einem geringen Guetchen abgefunden wurde (s.u. zu S. 4). + +Schon Seidemann meint, L. scheine K.s Geburtsort zu sein (Br. VI, 647) +und neuerdings (1899) hat ein aus Medewitzsch gebuertiger Lehrer Dr. +Krebs in Lippendorf am Hofgut als der Geburtsstaette Katharinas eine +Tafel anbringen lassen. + +Lippendorf gehoerte zum Amte Weissenfels und dieses mit seinen +Zugehoerungen nach dem Teilungsvertrag 1485 zum Herzogtum Sachsen (A. Fr. +_Glasen_, Kern der Gesch. der hohen kur- u. fuerstl. H. zu Sachsen. 4. +Aufl. Nuernberg, 1753, S. 792.) + +[2] Vielleicht wirkte auch die staerkere Mischung mit slavischem Blut bei +den Meissnern auf diese Missachtung. + +[3] Katharinas Leichenprogramm C.R. VII. 1155. Nata ex nobili familia +equestris ardinis in Misnia. + +[4] Br. V. 792. + +[5] 1733 bei _M.D. Richter_, Geneal Lutherorum, S. 750, "Alt- und +Neu-Boren, Wendisch- und Deutschen-Boren". Nossen liegt genau in der +Mitte des heutigen K.-R. Sachen. + +[6] _Grimm_, D. Mythologie, Goettingen 1835. S. 478. "Bor" eigentlich +Foehre, vgl. Fohre.--Der Name Bora wird sehr verschieden geschrieben: +Bhor, Bohra, Bhora, Bor(a)ra, Bor, Bora, Borau, Boren, Born, Borna, +Borna, Pora, lat. Boria, Bornia, Borana, Borenia, Borensis, griech. +[Griechisch: hae Boreia]. So steht sogar in ein und derselben Urkunde +(27. Nov. 1534, Dresden, Copialb 82, Wiss. Beil. zur Leipz. Z. 70, S. +413 u. 414) oben "Hansen vonn Bora" und unten "dem von Borau". Auch auf +dem Grabstein Katharinas in Torgau stand frueher unten Borau, aber das +Wort war schon vor 100 Jahren ganz von Salpeter zerfressen und ist jetzt +gaenzlich verschwunden. _Keil_, hist. Nachr. v. Geschl. L., S. 6.9. So +wechselt auch durch die mundartliche Aussprache Torga und Torgau, sogar +in derselben Urkunde, drei Zeilen von einander. _Kolde_, An. L. 200. + +[7] _Beste_, 9.--Das Wappen ist auch auf K.'s Grabstein ausgehauen. Die +Farben dazu wurden bei einer Renovation i.J. 1617 aus Eilenburg von +einer an den dortigen Pfarrer Boehm verheirateten Enkelin Luthers geholt. +Torgau. Kaemmerei-Rechnung. + +[8] Schon Hofmann 63 f. weist eine Anzahl Bora-Staetten ab. Ebenso G. v. +Kirchfeld. a.a.o. S. 87-110, 113, 116-118. Aus _Dohna_ stammt K. nicht, +denn das dortige Bora-Haus am Markt kam erst 1573 in die Haende des +Grossneffen Katharinas: Clemens. Aus _Moderwitz_ (s.o. S. 267) bei +Neustadt an der Orla nicht, denn das dortige Gut war kursaechsisch und +gehoerte der Familie Hayn, _Motterwitz_ bei Leisnig aber denen von +Bressen und das andere Motterwitz dem Geschlecht Staupitz, aus dem +Luthers geistlicher Vater stammt. (Schmidt, Urkundenbuch S. 312: Guenther +von Staupitz auf Motterwitz, 1501.) Aus _Schlesien_ stammt Katharina +auch nicht, woher einmal ein alter Edelmann (Bernhard) von Bora, +wahrscheinlich der Hauptmann von Oels, zu Luther nach Wittenberg kam und +sich bei ihm ueber den Schwaermer Schwenkfeld Rats erholte. Denn dies +schlesische Geschlecht heisst eigentlich Borau-Kessel und hat ein ganz +anderes Wappen: im silbernen Feld nebeneinander drei rote Rosen und +gelbe Butten. Br. VI, 647. Noch weniger stammt K. aus _Ungarn_, wie auch +einmal behauptet wurde (Hofmann 64). Diese Meinung ruehrt wohl daher, dass +der ehemalige Wittenberger Buergermeister Christoph von Niemeck, dessen +Mutter wohl eine Maria von Bora aus Zulsdorf war (s.o. S. 270 f.) in +Ungarn Fundgrueberei trieb und dort (1564?) starb. (Seidemann, Ztschr. f. +hist. Th. 1860, S. 529.)--Aus _Simselwitz_ bei Doebeln kann K. auch +nicht herstammen, weil die dortige Bora-Linie schon 1490, d.h. vor ihrer +Geburt ausstarb (G. v. Hirschfeld a.a.o.). + +Bisher hatte die Ueberlieferung sehr allgemein und zu veraechtlich +behauptet. Katharina von Bora sei in Steinlausig an der Mulde (setzt +"Muldenstein"), ein paar Stunden noerdlich von Bitterfeld auf die Welt +gekommen, weil 1525 nach dem Tode Friedrichs des Weisen ein dort +begueterter Ritter, Hans von Bora, nach Wittenberg gekommen ist und dem +neuen Kurfuersten Johann Erbhuldigung gethan und dort eine Luther-Linde +steht(!). Ja, es wurde sogar erzaehlt, dass Katharina in das dortige +Kloster eingetreten sei. Diese Ansicht wurde festgehalten auf Grund der +Nachricht von Mayer (S. 7): "welches wir in der Weimarischen Bibel +(1641!) aufgezeichnet gefunden", wo es heisst. "Geborene auss dem +Adelichen Geschlechte derer von Bora, so in der Chur oder (!) +Herzogthumb Sachsen zu Stein-Lausig (!) sesshaft gewest, wie auss der +Ritterschaft im Chur-Kreiss Erbhuldung zu Wittenberg (!) 1525 zu +vernehmen." Aber um 1500 war Stein-Lausig ("Lussigk", eine wueste Mark), +wie die ganze Gegend _kur_fuerstlich, und dieser Hans von Bora +_kur_fuerstlicher Vasall (daher er eben dem _Kur_fuersten +huldigt)--waehrend doch Katharina aus Meissen stammte und Unterthanin des +Herzogs Georg war. Dieser Hans v.B. auf Steinlausig starb auch ohne +Soehne, so dass sein Leben an Luthers Gevatter, Hans von Taubenheim, kam. +Steinlausig endlich war ein _Maennerkloster_! (Emil Obst, "Muldenstein +und Steinlausig", Bitterfeld, Selbstverlag, 1895, S. 30-35). Vgl. Wezel, +S. 421.--Bemerkenswert ist, dass um 1520 in Nimbschen eine Katharina von +Lausigk Bursarin war (Urkundenb. 166). Vielleicht suchte man Katharinas +Geburtsort auch darum in Stein-Lausig, weil die Gemahlin von Katharinas +Bruder Hans, Apollonia geb. von Marschall, verwitwete Seidewitz, aus +Jessnitz stammte. So hiessen fuenf Orte, darunter der bedeutendste: die +Stadt Jessnitz, nicht weit noerdlich von Steinlausig. Thatsaechlich ist +aber das Dorf Jessnitz bei Doebeln ihre Heimat. Br. VI. 705. + +[9] _Zulsdorf_. (Zuelsdorf, Zoellsdorf, Zoelldorf, Zeilsdorf u.s.w.) "das +wueste Dorf oder die Wuestung Czollsstorff" (a. 1105: Zulaenestorff), +burggraeflich-leisnigsches Lehen, gehoerte zur Pfarrei Kieritzsch. +_Nixdorf_: "Holzmark zw. Z. u. Kieritzsch". Archiv f. Saechs. Gesch. +1864, S. 209. 97. Vgl. Br. VI, 705. Wezel 413. +[Transkriptions-Anmerkung: Die genaue Position des Verweises im Text +nicht markiert.] + +[10] Beste 12. + +[11] Br. VI, 649 f. V, 492. _Walch_, K.v.B. 23. 65. k. + +[12] IV, 291. V, 106. 201. 411. 516. _Burkh._ Br. 303. 401. 423. + +[13] _Seidemann_, Ztschr. f. histor. Th. 1860. S. 265-69. + +[14] Urkundenbuch 318 ff. Sie war 1509 die 14. unter 43 Klosterfrauen, +gehoerte also schon unter die Seniorinnen. Muhme bedeutet freilich nicht +bloss Tante, sondern im allgemeinen soviel wie das sueddeutsche Base +(sogar = Nichte); ebenso "Ohm" = "Vetter" (auch = Neffe). So nennt +Luther seine Nichte (Lene) "Muhme" (T.R. IV, 54) und Katharina ihren +Neffen (Florian) "Ohm". S.o.S. 239. + +[15] _Schumanns_ Lexikon von Sachsen. Bd. 13, S. 671. + +[16] Br. V, 64. + +[17] _Richter_. 674, nobilis sed tum fere ad incitas redacta prosapia. +Br. VI, 649 f. IV, 291. + +[18] _Lorenz_, Sachsengruen, 1861, 1, S. 82; Z.B. die 2 Schoenfeld 3 Sch. +20 Gr., Ilse Kitschers 40 Gr., die 2 Zeschau je 4 fl. rh., Magd. v. +Staupitz 2 fl. Hirschfeld a.a.O. 127. + +[19] Wiss. Beil. zur Leipz. Z. 1899, S. 35a Erasmus Epist. ed. Cler. +Tom. III pag. 790 indotata (ohne Aussteuer).--Vgl. Luthers Rede und +Gebet bei seiner Krankheit 1527. L.W XIX, S. 160 ff.--Das sog. Bild +Katharinas von Bora, das sie angeblich im reichen Brautstaat mit dicken +silbernen und goldenen Ketten zeigt (bei Fr. G. Hofmann, Katharina v.B., +Leipzig 1845) stellt sie gar nicht vor, wie schon die gestickte Schrift +C A B an der Haube beweist, denn das heisst nicht etwa C. a Bora. +_Seidemann_, Beitr. I, 92. Vgl. uebrigens das Siegel 266. + + +2. Im Kloster + +Hierher bes. "Urkundenbuch". Ferner: "Sachsengruen" Kulturhist. Ztschr. I +S. 82; Braess, Wissensch. Beil. der Leipz. Zeitung 1899, Nr. 9. Vgl. A. +_Thoma_, Gesch. des Klosters Frauenalb, Freiburg 1899. + +[20] _Vierordt_, Gesch. der ev. Kirche im Grossherz. Baden, Karlsruhe +1847, I. Bd. S. 30 ff. Frauenalb S. 18. Th. Murner, Schelmenzunft +(1512). "Kloster und Stifte sind ueberall gemeiner Edelluet Spital". + +[21] Frauenalb S. 31: "Da alle Klausur und geistlichen Leute erdacht und +gemacht sind, dass sie unserm Herrn und Gott dienen und fuer Tote und +Lebende und alle Gebresthafte Bitten fuellen". + +[22] Vgl. "Wie Gott einer Klosterjungfrau ausgeholfen", Walch, L.W. XIX +2095 ff. Diese Nonne Florentina von Oberweimar. "Da ich 24 Jahre alt +wurde, begann ich mein Gemuet und meine Geschicklichkeit zu fuehlen und +erkennen". + +[23] Monachum aut paterna devotio aut propria professio facit. Decret II +part. c. 3. C. XX qu. 1. Vgl. Koestlin I 592, Frauenalb 19. + +[24] Florentina a.a.O.: "Von meinen Eltern, welche geistlichen Stand +fuer gut und selig angesehen, durch Bitt und Anregung meiner Muhme, der +Domina (Aebtissin) zu Eisleben, wurde ich in das Jungfrauenkloster +daselbst gegeben." + +[25] Frauenalb 19.--Ave Grossin wurde in Nimbschen als Kind +angenommen--(Sachsengruen 81). Florentina, welche mit dem 6. Jahr ins +Kloster kam, erzaehlt. "Da ich 11 Jahre, bin ich durch Angeben der Domina +(Aebtissin) ohne alles Befragen (und wenn ich gleich wohl befragt, haette +ich keinen Verstand gehabt) also unwissend eingesegnet". + +[26] Br. II, 323. 319. + +[27] Br. II, 331 (lies invito dicatis). 324. + +[28] Urkundenbuch 319 ff. Die Nonnen pflegten nicht nach dem +Lebensalter, sondern nach dem Eintrittsjahr aufgezaehlt zu werden. +(Frauenalb 42 f.) + +[29] _Seckendorf I_, 274. _Engelhard_, Lucifer Wittenbergensis v.d. +Morgenstern v.W., d.i. vollstaend. Lebenslauff der Cath. v.B., des +vermeynten Ehe-Weibs D.M.L. Landsperg, 1747. I, 27. + +[30] _Nimbschen_. Der Name lautet: Nimetzsch, Nimtsch(en), Nympschen, +Nimptschen. Braess a.a.O.--"Gestiftet zur Ehre und zum Dienste Gottes und +seiner geheiligten jungfraeulichen Mutter".--Das Amt und Kloster fiel bei +der Teilung 1485 an das Kurfuerstentum. Sachsengruen, I, 82. + +[31] Zu S. 8 ff. Vgl. Thoma, Frauenalb 77 ff. Zu S. 9-12 s. Urkundenbuch +319 ff. Braess, 35a. + +[32] Urkundenbuch 337. Zum damaligen Geldwert: l Schock = 60 Groschen. +20 Gr. = 1 fl. 14 gute Schock = 40 fl.--Damals kostete 1 Huhn 1/2 Gr.; 1 +Schock (60) Eier 1 Gr.; 1 Scheffel Weizen 7 Gr.; ein Scheffel Hafer 3 +Gr. Urkb. S. 376. + +[33] Amsdorfs Brief an Spalatin vom 11. April 1523. "Ordinis B. +Bernardi". + +[34] Im Freiberger Kloster gingen durch das Fenster am Chor Sachen (bes. +Schriften) aus und ein. (Seidemann 128).--canes (statt canas?) vetulas. + +[35] cum pueris heisst es. Sollten die Knaben der Aebtissin (S. 11) +gemeint sein? + +[36] Ueber die Feierlichkeiten s. Frauenalb S. 23-25. + +[37] Urkundenbuch S. 166. Frauenalb 22. + +[38] Metze = Magda(lena). + +[39] Margarete hatte (1497) von ihrem Vater Hans v. Haubitz samt ihrer +Tante als Leibgeding 64 Groschen Geld, 9 Huehner, 30 Eier und ein +Hofichen Butter vom Vorwerk Haubitz verschrieben. (Urkb. zu 1497). + +[40] Als das Stift evangelisch geworden war. _Grossmann_, Die +Visitations-Akten der Dioeces Grimma I.H. Leipzig 1873, S. 181. + +[41] S. _Seidemann_, Kollektaneen auf der Dresdener Hofbibliothek II +unter "Bora". Zu S. 13-15 Urkundenb. 319 f. + +[42] _Cordatus_ Nr. 954. + +[43] Urkb. 303: 1504 nahm das Kloster "zur Anhebung der hl. Reformation" +Geld auf. 324: "Obgleich noch viel zur Reformation gehoert." + +[44] Die staendige Eingangsformel eines Antwortschreibens lautet: Euern +Brief habe ich erhalten und verstanden. + +[45] In der Zeit, da das Kloster evangelisch geworden war, wurde den +Schreibverstaendigen unter den Klosterfrauen aufgegeben, die jungen +wenigstens, die es noch nicht konnten, schreiben zu lehren. _Dr. +Grossmann a.a.O._ S. 80. + +[46] Sachsengruen, 81, Urkb. 319, 323. Altes Gesangbuch 290. + +[47] _Seidemann_, Kollekt. Pars II unter "Bora". + +[48] Florentina bei Walch XIX 2095 ff. + +[49] Florentina. Walch a.a.O. + +[50] Braess a.a.O. Anderwaerts waren die Spenden bei der Einsegnung +tarifmaessig festgesetzt und sehr betraechtlich; z.B. im Kloster Hausdorf +erhielt der Propst allein 32 Gr. und 1 Fingerlin (Ring), die Priorin und +Kellnerin je einen Schleier, 15 Gr., 4 Stueck Fleisch, 1-1/2 Stuebchen +Bier und ein St. Wein, und alle Beamte und Bedienstete bis zum +Blasbalgtreter, Laeuter und Fensterknecht, sowie jegliche Jungfer, ihren +ganzen oder halben Solidus. _Mitzschke_, N. Archiv fuer Saechs Gesch. XIX, +347. + +[51] T.-R. II 233. "Wider Willen geweiht": Br. II 330, lies: invito +dic(a)tis "Hitzig", T.-R. II, 233, vgl. Urkb. 324: "in Gottesliebe +hitzig". + +[52] Frauenalb. 31. Urkb. 324. + +[53] T.-R. III 230, II 124. 235 sagt Luther: "Es war eine lautere +Stockmeisterei und Marter der Gewissen im Beten. Da war nur ein +Geplapper und Gewaesch von vielen Worten; kein Gebet, sondern nur ein +Werk des Gehorsams." + +[54] Dass Katharina, wie seltsamerweise die katholischen Schriftsteller +bis auf Evers hartnaeckig behaupten (vgl. S. 262, Z. 27), Aebtissin +gewesen sei, wird schon durch die Thatsache widerlegt, dass Margarete von +Haubitz von 1509 bis zur Aufhebung des Klosters Vorsteherin war. + +[55] Von den Nonnenkloestern stammen die zahllosen Paramentstuecke der +mittelalterlichen Gotteshaeuser. So hatte die Wittenberger Stiftskirche +32 Teppiche, 18 Fahnen, 12 Samtdecken, 138 seidene Vorhaenge und 221 +Messgewaender! _G. Stier_, Denkwuerdigkeiten Wittenbergs, S. 10. + +[56] Urkb. 316-319. + +[57] Ebenda.--Vgl. _Myconius_, Summarium der Ref.-Geschichte 4: +"Vielfeiern: Tag und Nacht singen, plaerren, murmeln". + +[58] Sachsengruen, I, S. 82.--Der Bischof von Merseburg (Adolf, Fuerst von +Anhalt) kam am 28. April 1524 zur Visitation nach Grimma mit 40 Pferden +und sechs Geistlichen. _Foerstemann_, Neues Urkundenbuch, Hamburg 1842, +S. 97. + +[59] 1. Jan. 1291. 7. Okt. 1296; s. Urkb. 226. + +[60] 23. Aug. 1311. Urkb. S. 221. 337. + +[61] Weimarer Archiv, Rechnungen von 1517, 1519, 1530. _Seidemann_, +Kollekt. II. Vgl. _Grulich_, Denkw., S. 27. Urkb. 315. + +[62] Urkb. 322 ff. + +[63] Urkb. 334. Sachsengruen I, 82. Urkb. 303, 307. 313: Beschwerden ueber +die Moenche: "Alle Diener (Beamte), die vom Fuersten dahingesetzt, worueber +die Aebtissin und Sammlung haelt, werden von den Moenchen verfolgt. Sie +wollen auch die neue Abtissin entsetzen wie die alte, aus Neid." + +[64] Urkb. 328. Der Vorsteher hiess Matthias Heuthlin. + +[65] Urkb. 329. 337 f. + +[66] Urkb. 344. "Mutter Kuehnen wartet auf die kranken Jungfrauen." So +beklagten sich die Nonnen in Freiberg, dass ihnen keine Liebesdienste, +wie Krankenpflege und dgl. verstattet sei. Urkundenb. 325: Die Aebtissin +ermahnt die Nonnen, den Statuten nachzufolgen, "dass ihr also durch +dieselben geistlich lebet, auf dass ihr aufs letzte das Verdienst der +guten Werke ("Uebungen") und Vergeltung eurer Arbeit mit dem ewigen +Leben moeget erlangen." + + +3. Die Flucht aus dem Kloster. + +[67] L.W. XIX, S. 1797-2155. + +[68] T.-R. II 124, S. oben S. 18, 2. [Transkriptions-Anmerkung: Die +genaue Position des Verweises im Text nicht markiert.] + +[69] _Matthesius_ 31, wonach auch der Inhalt des Buechleins angegeben +ist. Vgl. _Seidemann_, Erlaeuterungen zur Ref.-Gesch. 113. + +[70] _Grulich_, Denkw. v.T., S. 28. S. unten S. 32. + +[71] S.o.S. 21. _Walch_, Leben der sel. Kath. v. Bora 64 f. + +[72] Florentina a.a.O. + +[73] Vgl. Ztschr. f.d. Gesch. d. Oberrheins, 1899, H. 1. S.o.S. 28 und +S. 32. + +[74] Br. III 321, 322.--1534, als Luther allerlei Erfahrungen in dieser +Hinsicht gemacht hatte, musste er die austrittlustigen Nonnen auf diese +Schwierigkeiten aufmerksam machen. Br. II, 322, IV, 580, 583. + +[75] Br. II, 322. 327. + +[76] Br. II, 323.--"Kinder" = freigeborne Soehne und Toechter (liberi); +vgl. Frauenalb 18. Damit sind Seidemanns (Erlaeuterungen zur Ref.-Gesch., +Dresden 1844, S. 109) Bedenken ueber die "Sammlung (Konvent) von Kindern" +in Freiberg erledigt. + +[77] Br. II, 320. Luthers Auslegung von I. Cor., 7. _Walch_ XII, 287 +f.--So enthielt der Ave Schoenfeld ihr Bruder nach ihrem Austritt ihr +Erbe vor, indem er sich auf das paepstliche (kanonische) Recht berief. +Br. III, 289 f. + +[78] _E. Wezel_, Kath. v.B. Geburtsort, Wiss. Beil. z. Leipz. Z., 1883, +Nr. 71, S. 423 f.--Br. II, 323. + +[79] Vergleichen kann man mit den Nimbschener Zustaenden diejenigen im +Kloster Freiberg. Hier vermittelte die Herzogin Heinrich (Enkelin des +Boehmenkoenigs Georg Podiebrad) die Schriften Luthers. Die Schriften kamen +auch durch den Klosterprediger, den Balbierer Meister Philipp ins +Kloster, wurden abgeschrieben u.s.w. Bei einer Visitation vergrub die +Herzogin Ursula einen ganzen Sack voll lutherischer Buechlein ins Korn. +Beim Salva Regina sangen die Lutherischen andere Woerter.--Viele, +darunter Katharina von Mergenthal, die Herzogin von Muensterberg "waren +rege und wollten springen; die Heerfuehrerin drohte immer mit Auslaufen" +(Seidemann, 120). Unter den 77 Freiberger Nonnen waren ein gut Drittel +(besonders die jungen) lutherisch, ein anderes Drittel altglaeubig, das +dritte Drittel "wie der Wind geht". Die einen hielten die andern fuer +"baennisch". Die Priorin war lutherisch und half zur Flucht. N. Archiv f. +Saechs. Gesch. III, 290-320, _Seidemann_, Erl. zur Ref.-Gesch., Dr. 1844, +S. 109 ff. + +[80] Br. II 323. + +[81] III, 9. + +[82] II, 323. + +[83] II, 323. + +[84] II, 327. + +[85] Br. II, 321, 322 f.--Auch Luther dachte an Todesgefahr: "ob's auch +das Leben kosten muesste". Um diese Zeit, vor oder nach Ostern 1523 wurde +Heinrich Kelner, welcher eine Nonne aus Kloster Sornzig entfuehrt hatte, +durch Herzog Georg zu Dresden gekoepft, gespiesst und an den Galgen +gesteckt. S. 36. Und als um Fastnacht (4. Maerz 1524(?)) zu Torgau 16 +Buerger das Barfuesserkloster stuermten, erregte das den groessten Unwillen +des Kurfuersten Friedrich, zumal damals gerade kaiserliche Gesandte sich +in Torgau aufhielten, um ueber die Religions-Angelegenheiten zu +verhandeln. Der Kurfuerst wollte den 16 an das Leben, so dass sie Frau +und Kinder in Stich lassen mussten und fluechtig wurden; ein Glueck, dass +Kurfuerst Friedrich bald starb und sein Bruder Johann milder gegen die +Verjagten gestimmt war. + +[86] _Hofmann_, S. 8 f., Torgauische Denkwuerdigkeiten 1749, S. 38; +_Grulich_, Denkwuerdigkeiten Torgaus, Torgau 1855, 2. Aufl. S. 24 f. M. +Sam. _Schneider_, Neue Beitraege 1758. "Im Jahre spaeter stuermte Koppe mit +anderm Poebelvolk das Moenchskloster."--Der Klosterstuermer war aber +wahrscheinlich der gleichnamige Neffe des alten Koppe; auf den Neffen +passt das Herumtreiben mit jungen Edelleuten waehrend der Flucht. Der +junge Koppe konnte auch verwandt mit Kunz von Kaufungen sein.--Der +Klostersturm war auch wahrscheinlich 1525 nicht 1524, sonst wuerde sich +nicht reimen, dass der Kurfuerst bald starb. Auch ist 1525 das Jahr der +Bauernunruhen, wo sich eine solche aufgeregte That eher erklaert. Noch +weniger kann es 1523 sein; denn sonst haette Koppe, sei's der aeltere oder +juengere, nicht nach Torgau sich wagen duerfen. + +[87] Hofmann, S. 9 f. + +[88] Die verschiedenen Berichte ueber die Flucht s. bei _Walch_ 64, +_Hofmann_ 11, _Seidemann_, Ztschr. f. histor. Th. 1860, S. 475. +Lutherbr. 14. _Braess_ 36. Von Heringstonnen berichtet _Arnold_, +Kirchen-und Ketzerhistorie II, 513. Vgl. _Beste_ 17 f. Die oft erwaehnte +Florentina entkam ohne weiteres, als ihre Hueterin ihre Zelle zu +schliessen versaeumte und die andern Nonnen im Schlafhaus waren. Die +Herzogin Ursula von Muensterberg entwich durch die schlecht verwahrte +Hintertuer im Garten (N. Archiv fuer Saechs. Gesch. III, 304, Seidemann 118 +f.); auch in Nimbschen war die hintere Pforte schlecht verwahrt. +(Urkundenbuch 324). Die muendliche Sage in der Umgegend erzaehlt, es +haetten sich alle neun Nonnen durch das Fenster in der Zelle Katharinas +herabgelassen; auch habe diese bei der Flucht ihren Pantoffel verloren. +Das Fenster wird an den heutigen Ruinen (des Refektoriums?) noch gezeigt +und lange Zeit sangen die Zoeglinge der Landesschule zu Grimma, an welche +das Kloster mit seinen Einkuenften uebergegangen ist, dort bei Ausfluegen +lateinische und deutsche Hymnen. Das Fenster aber hat schwerlich zu +einer Zelle gehoert. Ebenso wird noch in Nimbschen der Pantoffel +gewiesen, der aber ist ein Machwerk des vorigen Jahrhunderts. + +[89] _Menken_ Annal. a. 1523. Script. rer. Sax. 571: singulari consilio +et calliditate. Facinus plane audacissimum. Asus est ex monasterio clam +abducere. Br. II, 319; satis mirabile evaserunt. + +[90] Br. II, 318; vom 8. April ex captivitate accepi heri ex Nimpschen 9 +moriales. + +[91] _Grulich_. Denkwuerdigkeiten S. 29. "Auch Zwilling war bei der Hand +und fuehrte den Zug der Nonnen an". + +[92] Br. II, 319. vulgus miserabile. Kolde Ann. Luth. 443. + +[93] Anspielung auf 1. Petri 3, 19 und Ephes. 4, 8, wonach Christus am +Karsamstag zu den Geistern ins Gefaengnis hinabstieg und die armen Seelen +befreite, wie das auf mittelalterlichen Bildern mit so grosser Vorliebe +dargestellt wird. + +[94] Br. II, 321. "Euer Audi" laesst Luther auch in der Einladung zur +Hochzeit gruessen III, 9. + +[95] Der offene Brief an Koppe Br. II, 321-7. + +[96] _Burkhardt_, 56. 109. _Lorenz_: die Stadt Grimma, 1112 f. +_Lauterbach_ 163 f. + +[97] Dr. _Braess_ 36. _Lauterbach_ 163 f. _Seckendorf_ I 272: Elcetor +dissimulavit factum. Die Aebtissin schrieb schon vorher an den +Kurfuersten. + +[98] _Seidemann_, Beitr. zur Ref.-Gesch. I, Dresden 1846, S. 60. +_Lorenz_ 1108 f. Urkundenbuch 340. _Grossmann_, Visitationsakten der +Dioeces Grimma I, L. 1873 S. 78 ff. 181. + +[99] _Hofmann_ 14. _Seidemann_, Beitr. I, 92. + +[100] Br. II, 354. III, 9. 32. 33. + + +4. Eingewoehnung ins weltliche Leben. + +[101] II, 323. 319. + +[102] II, 319 f. _Kolde_, Ann. L. 443. + +[103] Br. II, 334. 433. 473. 584. 330. + +[104] Br. IV, 580. + +[105] Br. III, 170. 229 f. 236. Schoenfeld, T.-R. IV, 50. Burkh. 193. + +[106] Reichenbach stammte aus Zwickau und studierte in Wittenberg +1510-11. 1525 nahm er sein Haus in Lehen, 1530 wird er Buergermeister, +1541 heiratete seine Tochter, 1543 starb er. (_Buchwald_ 74 f. 173). +_Consil. Theol. Witt._ IV, 19. _Hofmann_ 13 f. Reichenbachs Haus ist +uebrigens nur in dem hundert Jahre spaeter erschienenen Werk der _Consil. +Theol. Witteb._ als Katharinas Zufluchtsort genannt. Bei allen +gleichzeitigen Quellen kommt es nicht vor; auch in allen Berichten ueber +die Trauung und Hochzeit wird das Ehepaar nicht erwaehnt und von irgend +welcher Beziehung des Lutherschen Hauses mir der Familie Reichenbach +findet sich keine Spur. Er gehoerte allerdings in den Freundeskreis +Dietrichs und Baumgartners. Dietrich meldet diesem am 29. Jan. 1535 die +Vermaehlung von Reichenbachs Schwester mit dem Nuernberger Strauch. +(Ztschr. f. hist. Th. 1874 S. 546 f.) Dagegen weisen andere Anzeichen +darauf hin, dass Kaethe vielmehr in dem _Kranach_schen Hause gelebt habe; +der Koenig Christian, welcher im Oktober 1523 dort wohnte, verehrte der +Jungfrau Kaethe einen Ring: das kann doch nur fuer Dienste geschehen sein, +die sie im Kranachschen Hause that. Ferner ist bei der Trauung Luthers +als einzige Frau die Kranachin zugeben. Endlich steht Luther, wie Kaethe, +mit den beiden Eheleuten, seinen Gevattern, auch in spaeteren Jahren noch +in reger Beziehung, waehrend nirgendswo von einem Verkehr mit dem +Reichenbachschen Ehepaar im Leben Katharinas geredet wird. Ich moechte +daher vermuten, dass Kaethe nur kurze Zeit im Reichenbachschen Hause +untergebracht wurde, dagegen im uebrigen in dem sehr umfangreichen und +wohlhabenden Hause der Kranach als Stuetze der Hausfrau Verwendung +gefunden. Bei Kranach konnte auch Ave von Schoenfeld untergebracht sein, +weil ihr spaeterer Gatte Lic. Basilius Axt in Kranachs Apotheke +beschaeftigt war. In dem Brief, worin Luther den Medicus Basilius Axt +empfiehlt, wird von diesem gesagt, er sei Apotheker bei Kranach gewesen +und seine Gattin (Ave von Schoenfeld) eine Mitschwester von Luthers Frau. +(B. III, 292 vgl. 291). + +[107] _Beste_ 20. _Hofmann_ 13, 26. + +[Transkriptions-Anmerkung: Zur folgenden Bemerkung gibt es keinen +Verweis im Text.] + +_Seidemann_, Ztschr. f. hist. Th. 1874. S. 533 ff. + +[108] Consil Witt. IV, p. 19. + +[109] Br. II, 325. + +[110] Br. II, 553. W.L.W. XXI, 916. Beste 22, 2. + +[111] Ztschr. f. hist. Th. 1874. S. 544-58. Br. II, 553. + +[112] Corp. Ref. I, 1114. Br. III, 532, wo Luther und Melanchthon an Abt +Friedrich fuer eine Wittenbergerin fuersprechen, welche ein junger +Nuernberger heiraten will. + +[113] _Abr. Scultetus_ Ann. ad. ev. renov. ad a. 1525. p. 80. +_Seckendorf_ II, 17. _Walch_ 92-96. _Beste_ 23 f. + +[114] "Meine Kaethe hatte ich damals nicht lieb, denn ich hielt sie +verdaechtig, als waere sie stolz und hoffaertig." T.-R. IV, 50. + + +5. Katharinas Heirat. + +[115] Ostern 1525. Br. II, 643. 646.--Vgl. T.-R. IV, 132. + +[116] _Schadow_, Wittenberger Denkwuerdigkeiten, W. 1825, S. 61. + +[117] Hochmeister: Br. II, 673 f. 678. Spalatin: II, 643. _Seckendorf_ +II, 274. + +[118] T.-R. IV, 145: "Die kaiserlichen Rechte sagen: Wer eine Nonne +nimmt, der habe das Leben verloren und das Schwert verdient". + +[119] Br.: II, 35. 40. 49. 102 f. 583. 637. + +[120] _Cordatus_ 1509. Argula. Br. II, 570. 646. W. XXI, 931. + +[121] _Lingke_, D.M.L. Reisegeschichte, L. 1769, S. 157. Luther war vom +16. April bis 6. Mai auf der Reise. Br. II, 643.--Anfangs Maerz bat +Luther Amsdorf, zu ihm zu kommen, um ihm in seinen Anfechtungen ein +Trost zu sein. Br. II, 634. + +[122] W. XX, 1685. X, 861. _Seckendorf_ II, 17, I, 274. _Scultetus_ p. +80. 274. Br. II, 643. 655. 678, III, 1. 3. 13. 21. 32. Consil. Theol. +Witteb. IV, 19. _Lingke_ 151-3.--"Es ist der Welt Gott der Teufel (der +ja selbst ein Hagestolz ist), der Verspoetter jeder Gott gefaelligen +Gattenliebe und jedes ehrsamen Familienlebens, der den Ehestand so +verleumdet und schmaehlich gemacht hat" (W. X, 806). "Wer dem Ehestand +zuwider ist und redet uebel davon, der ist gewiss vom Teufel." (Matthes. +138.) Erasmus spoettelte, Luther erlaube andern, was er selber nicht +wage. _Schlegel_, Vita Spalatini, 211. 214.--T.-R. IV, 36. + +[123] W. X, 962. Erasmi Opera ed Cler. III, 1 ep. 80. Br. III, 21. So +schreibt L. 1526 bei der Taufe seines Erstgebornen. "Ich scheu des +Prangens, als wollt ich mich mit einem Moenchs- und Nonnen-Kinde +herfuerthun" (III, 113).--Nonne trotz kaiserl. Rechte: T.-R. IV, 145. + +[124] Die Schoenheit Katharinas behauptet u.a. Erasmus III, 1 ep. 730. +"Ein Maegdlein von feiner Gestalt". "Eine schoene Frau": IV, 553. "Nicht +in Leidenschaft entbrannt": III, 9. Reim: Seidemann in Schnorrs Archiv +IX, S. 3. Ueber schoene Frauen, T.-R. IV, 40. + +[125] II, 646. Diese 2 Frauen waren wohl 1. die Ave von Schoenfeld, von +welcher L. 1536 sagt: "Wenn ich vor 13 Jahren haette freien wollen, so +haette ich Eva Schoenfeldin genommen, die jetzt der D. Basilius, der +Medicus, in Preussen hat" (T.-R. IV, 50); und 2. "jene Alemannin, meine +Verlobte", von welcher im Januar 1526 das Geruecht ging, Amsdorf habe sie +geheiratet. Br. III, 77. Salus (=Ave) Allemanna, vgl. die vier Brueder +Alemann III, 418. Man deutet aber diese Aeusserung L. drei "Frauen" auch +allegorisch auf die drei Moenchsgeluebde (_Beste_ 31) u.a. + +[126] II, 655. Luther war am 19., 28., 29. April in Eisleben. + +[127] Die ueble Nachrede (III, 2 infamantibus me cum Catharina Borana) +war vielleicht die Luege von einem fruehzeitigen unerlaubten Umgang der +beiden Brautleute, welche auch Melanchthon in seinem bekannten +vertrauten Brief an Camerarius zurueckweist. S. 58. Luther war wegen der +an sich selbst erfahrenen und auch sonst wahrnehmbaren Verleumdung +Verlobter gegen lange Verlobungszeit. T.-R. IV, 41, Br. III, 1-3, 9-12. + +[128] T.-R. IV, 73. Cord. 1511. + +[129] Luthers Augen beschreibt Melanchthon (Ztschr. f. K.-G. IV, 326) +als braun mit einem gelben Ring darum: der Ausdruck habe den +kampflustigen Blick des Loewen.--Ueber Luthers Aeussere vgl. +Kuechenmeister, L.'s Krankheitsgeschichte, 42. 116. Bei dem Besuch bei +Kardinal Bergerins (s.o.S. 115) trug, wie dieser bemerkte und +aufschrieb, Luther ein Wams aus dunklem Kamelot, die Aermel mit Atlas +eingefasst, darueber einen kurzen Rock von Sersche mit Fuchspelz +gefuettert, an den Fingern mehrere Ringe, um den Hals eine schwere +goldene Kette. Luther wollte damals dem Kardinal imponieren und recht +jung aussehen, um ihn zu aergern; er meinte, so muesse man mit Fuechsen und +Schlangen handeln. + +[130] T.-R. IV, 38. + +[131] _Kawerau_, der Briefwechsel des J. Jonas, Halle 1884/5, I, S. 94. + +[132] "Herkoemml. Braeuche": im Briefe Mel. an Camer. (ed. _W. Meyer_, +Muenchen, Akadem. Buchdr., 1876, S. 6 f. Vgl. _Koestlin_ I, 768 f., 817 +f.--T.-R. IV, 72: L. fuehrt nach dem Nachtessen die Braut zum Bette. +S.u.S. 121 f. + +[133] Die Trauform in Luthers Traubuechlein (1529), welche sich wohl dem +herkoemmlichen Gebrauch anlehnt, ist folgende: Vor der Kirche geschieht +die Trauung durch einen Weltlichen oder Geistlichen. Da wird "Hans und +Grete" gefragt: Willst Du den oder die zum ehelichen Gemahl haben? Auf +das Ja! wechseln sie Trauringe; der Trauende fuegt die Haende zusammen und +spricht: "Was Gott zusammengefuegt hat, soll der Mensch nicht scheiden." +Und: "Weil denn Hans N. und Grete N. einander zur Ehe begehren und +solches hier oeffentlich vor Gott und der Welt bekennen, daraufhin sich +die Haende und Trauringe gegeben haben, so spreche ich sie ehelich +zusammen im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes." +Darauf folgt in der Kirche Gebet und Segen. Spaeter wurde in Wittenberg +die Trauung in der Kirche ueblich. Koestlin II, 642, 63. Vgl. T.-R. IV, +53. "Da verlachet D. Philipp hoehnisch, wenn wir Braut und Braeutigam in +der Kirche oeffentlich zusammengeben, gleich als duerfte man nicht beten +zu solchen Sachen." + +[134] _Kawerau_, Jonas' Briefw. a.a.O.--"Geloebnis" Wittenb. +Stadtrechnung. Vgl. V, 196: sponsalia confimare. + +[135] _Hofmann_ 47. + +[136] W. X, 855 f. 967 f. III 2, 567 f. 2565. Bugenhagen an Spalatin. +Luther fordert im "Traubuechlein", die Ehe als oeffentlicher Stand solle +auch oeffentlich vor der Gemeinde vollzogen werden, vor oder in der +Kirche, wie es die Brautleute begehren.--Auch _Matthes._ redet +von einem oeffentlichen Kirchgang Luthers, desgl. Consil. Theol. +Witteb.--Bezeichnungen fuer die Hochzeit bei _Schild_, Denkwuerdigkeiten +Wittenbergs, W. 1892, S. 25. Luther hielt--gegenueber Melanchthon--sehr +auf die herkoemmlichen kirchlichen Braeuche bei der Hochzeit. T.-R. IV. +72. Als Wittenberger Brauch der Heimfuehrung wird (_Buchwald_, Zur +Wittenberger Stadt- und Universitaets-Gesch. 35) erzaehlt: "Roehrer fuehrte +seine Braut nach der Hochzeit im Hause Dr. Beiers in unser Haus mit +feierlichem Geleite der Frauen." Vgl. M.H. Gottl. _Kreussler_, Denkmaeler +der Ref., L. 1817, S. 29. "Die kleine Gesellschaft brachte das Brautpaar +heim." + +[137] Hochzeitsbriefe III, 1. 3. 9. 11-14. + +[138] Hochzeitsgeschenke, Hofmann, 52 f. + +[139] Siehe bei _Hofmann_ das Titelbild. _Seidemann_, Beitr. zur +Ref.-Gesch. I, 92. + + +6. Das erste Jahr von Katharinas Ehestand. + + +Br. II, 582, III, 32. + +[140] "Schwarzes Kloster" d.h. Kloster der schwarzgekleideten Augustiner +im Gegensatz zu dem unteren "grauen Kloster", dem Sitz der grauen +"Minderbrueder".--Studierstube, Br. II, 543, T.-R. IV, 476. Ausruestung, +Br. III, 472 f. Winterzimmer, III, 221. Bilder: Der Karlstadtianer +Ickelsamer ("Klag etlicher Brueder") ruegt, "Luther wolle bei sich gemalte +goetzische Bilder haben." T.-R. I, 137: "Gemaelde an der Wand. Das +Kindlein Jesus schlaeft in seiner Mutter Arm". S. 311. "Da D.M. +das Kindlein Jesus gemalt im Schosse der reinen Jungfrauen +ansahe".--_Seidemann_, Grundbesitz 496. Die gesamte jetzige Einrichtung +des Lutherzimmers ist nicht echt, namentlich Tisch und Ofen aus spaeterer +Zeit. Ueber das Lutherhaus s. H. Stein, Geschichte des Lutherhauses, +Wittenberg 1883. Das Lutherstueblein war aber nicht im Turm, sondern ist +das vorhandene.--S. Seite 74 f. und Anmerkung dazu. S. 285. + +[141] In dem Krankheitsbericht des Jonas von 1527 speist die Familie, +scheint es, im untern Stock und Luther geht von da in das Schlafzimmer +hinauf. + +[142] _Seidemann_, Grundbes. 484. S. 8. Kapitel und [239]. + +[143] _Foerstemann_, N. Mitteilungen a.d. Gebiete hist.-antiq. +Forschungen III, S. 113: "1 Schwaebisch, Frau katharin Doctoris Martinj +Ehelichen Weyb zeum Newen Jhare geschenckt."--Consil. Theol. Witteb., +Frankf. 1664, S. 19: "1 Sch. 8 Gr. 3 Heller vor ein Schwebisch _Haub_ +Frau Katharinen, Doctoris Martini Ehelichem Weibe zum Neuen Jahre +geschenckt." Hofmann 52 meint: Ein Stueck oder Schock schwaebische +Leinwand. Kasten V, 162. Geraete VI, 325 f. + +[144] III, 18. "Ich bin an Kethen gebunden und gefangen und liege auf +der Bore (Bahre) scilicet mortuus mundo. Salutat tuam Catenam mea +Catena. III, 9: "Ich bin meiner Metzen (Meid = Jungfrau) in die Zoepfe +geflochten". S. oben [38]. + +[145] T.-R. IV, 41. + +[146] Im Studierstueblein Buecher auf Baenken und Fenstern, 111, +472.--Hochmeister Cord. 1510. Vielleicht aber meinte Kaethe den +Markgrafen Georg von Ansbach.--Brief ueber Erasmus 111, 212. + +[147] Cord. 38. T.-R. II, 208, IV, 121, vgl. 78: "Die Weiber sind von +Natur beredt und koennen die Rhetorikam, die Redekunst wohl, welche doch +die Maenner mit grossem Fleiss lernen und ueberkommen muessen." + +[148] Garten und Brunnen III, 117. _Schild_ a.a.O. Birnbaum, T.-R. II, +369. + +[149] Das als Titelbild diesem Buch vorgesetzte Bild weicht bedeutend +von dem im Text geschilderten ab. + +[150] T.-R. IV, 114. + +[151] Luther nennt es selbst "meine abenteuerlich Geschrei". + +[152] Br. III, 10. Camerarius. Narratio de Vita Mel., L. 1723, p. 103, +CXXX. + +[153] C.R. I, 754, Melanchthon. Camerarius p. 103 f. Vgl. _Hausrath_, +Kleine Schriften, L. 1883, S. 253 f. + +[154] III, 3. + +[155] Quellensammlung fraenk. Gesch., Bamberg 1853, IV p. LXII. Beste +103-6. + +[156] Erasmi Opp. ed. Clerie. III 1. ep. 781. 790. 900. + +[157] _Seidemann_ 555. + +[Transkriptions-Anmerkung: Zur folgenden Bemerkung gibt es keinen +Verweis im Text.] + +Schmaehschriften. _Hofmann_ 190 ff. + +[158] W. XIV, 1335 f. Br. III, 299. 365. + +[159] S.o.S. 36. Br. III, 9. 32. 49. _Hofmann_ 77. _Ratzeberger_ 69 ff. + +[160] III, 94 f. + +[161] III, 125: Mihi morigera et in omnibus obsequens est et commoda +plus quam sperarem. + +[162] Mel. griech. Brief an Camerar. Vgl. _Hausrath_ 254. T.-R. IV, 304. + +[163] Br. III, 55. 58. 32. 49. _Seckendorf_ II, 81. + +[164] III, 9. + +[165] L.W. "Das Pabstum mit seinen Gliedern gemalet". + +7. Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen. + +[166] Der Gevatterbrief an Kanzler Mueller lautet. "Gerne thaet ich's, dass +ich m. gn. Herrn (d.i. wohl der Graf von Mansfeld) zu Gevatter baete: +aber ich scheu des Prangens, das man mir wuerde zumessen, als der ich +mich mit einem Muenchen- und Nonnenkinde wollt herfuerthun und grosse +Herren zu Gevatter bitten. Darum will ich hieneiden bleiben und bitte +Euch, sich des Kindes annehmen und geistlicher Vater mit sein, dass es +zum Christen moechte geboren werden." Br. III 113. T.-R. III 144. Br. III +115 f. 125. 128. + +[167] III, 173. 213. 264. Kolde, An. L. 97. Natuerlich saeugte Katharina +ihre Kinder selber. T.-R. II, 165. + +[168] III, 364. T.-R. I, 44. 199. Cord. 639. + +[169] _Kawerau_, Briefw. des J. Jonas, Halle 1884, I, 116. Beste 74. Br. +III, 246. 364 f. 376. 390. + +[170] III, 448.--Es war am Himmelfahrtsabend. + +[171] III, 447 f. T.-R. II, 274. + +[172] Mayer p. 40. Veit Dietrich 19. Juni an Kaethe. + +[173] T.-R. I, 205 f. + +[174] Beste 77 f. Br. IV, 313. 320. 414. T.-R. I, 118. 200. IV, 131. + +[175] Br. IV, 419. + +[176] _Hofmann_ 156 f. Vgl. T.-R. IV, 515. 525. + +[177] Br. IV, 436. Hofmann 156-88. + +[178] IV, 436 f. + +[179] _Mayer_ Sec. 22. _Cord._ 1235. + +[180] IV, 574. 623. V, 129. 163. VI, 153. + +[181] T.-R. I, 118. 178. 181. 198 ff. 211. Br. III, 123. IV, 343. + +[182] T.-R. I, 26. 213. Ratzeberger 60. Rietschel L. und sein Haus. +Halle 1888. S. 45. ("Der Kleider und des Baretts springen"--Sack- oder +Hosenlaufen und Barlauf?) Jost Br. IV, 7. Jost und Lippus; 41. + +[183] T.-R. I, 13. _Matthesius_ 145a. Br. IV, 41 f. 343. V, 163. +_Ratzeberger_ 59. + +[184] T.-R. I, 294. 212. 185. 178. Cord. 732. _Weisslinger_ in seiner +Schmaehschrift "Friss Vogel oder stirb" (Strassburg, 1726, S. 78) hat ein +Familienbild: D. Luther, die Frau Kaeth und liebe Jugendt; darauf stehen +in einer Gruppe das Ehepaar, an den Vater angeschmiegt "Haensschen", dann +dem Alter nach "Lisel", als erwachsenes Maedchen (obwohl sie mit einem +halben Jahr gestorben ist.), "Lenchen, Martin, Paulus, Gretel"; in der +Thuer steht ein aelterer Knabe mit der Schrift. "Ich heiss +Andraesel".--Dies Bild hat mit Weglassung von Elisabeth ein Strassburger +Maler etwas veredelt nachgebildet und diese Nachbildung ist in der +"Niederlage Christlicher Schriften" in Strassburg als Photographie +erschienen und in G. Buchwalds D.M.L. deutsche Briefe (L. Bernh. Richter +1899) reproduziert.--Vielleicht ist das Weisslingersche Bild unter +schmaehsuechtigem Hinzuthun des "Andraesel" einem aelteren Original +nachgebildet; die Tracht der Kinder weist zum Teil auf die Wende des 16. +Jahrhunderts. Bei Luther, Kaethe und Lenchen hatte der Zeichner offenbar +die bekannten Originale vor Augen. + +[185] Muhme Lene. Magdalena von Bora fehlt in dem Nimbschener +Personenverzeichnis von 1525/6. Von 1520-25 fehlt ein solches. IV, 44 f. +Vgl. T.-R. I, 200. + +[186] T.-R. III, 153. Br. IV, 42. 132. 343. + +[187] _Lauterbach_ 2. 141 f. 164 f. Cyriak Br. III, 550. IV, 8. 15. 121. +139. VI, 123. + +[188] Lies. gleichzeitig, statt "fruehzeitig". Von dem Adoptivsohn +_Andreas_ schreiben sich die katholischen Verleumdungen des Lutherschen +Ehepaares her, dass er als "Sohn" bald nach der Hochzeit geboren sei. +(Vgl. oben S. 58). Ueber diese Verleumdung vgl. Lauterbach V und 141 +Anm. desgl. _Lutherophilus_, "Das 6. Gebot und Luthers Leben." Halle, +1893. + +Fabian hatte in der "Specke" ein Abenteuer mit einigen Schlangen, das er +daheim natuerlich gehoerig uebertrieben erzaehlte: als er dahin spazierte +und sich darin schlafen legen wollte, trat er auf ein Nest voll +Schlangen, die ueber einen Haufen lagen; die Tiere zischten ihm entgegen, +der junge Siegfried aber zog sein Schwert, hieb unter sie, der einen den +Kopf, der andern den Schwanz ab, bis das ganze Nest zerstoert war. T.-R. +I, 233. + +[189] Hans Polner Br. IV, 131. VI, 123. 151. Cord. 444 N. lies: Hans +statt Andreas Polner. + +[190] V, 492. VI, 649 f. _Kolde_, Anm. Luth. 428. Ztschr. f. +Kirchengesch. 1878, S. 145. Neobulos, eigentlich Neobolos. + +[191] IV, 342 f. T.-R. I, 350. + +[192] III, 217 ff. VI, 683 unter "Mocha". + +[193] III, 178. V, 189. + +[194] Ganerben = Gesamterben. Wie falsch diese Beschuldigung des +Stehlens war, geht daraus hervor, dass die Herzogin mittellos zu L. kam +und ihre Begleiterin ein grosses Vermoegen im Stich gelassen hatte. (Br. +III, 290). Katharina von Mergenthal, (IV, 469) Anna und Christina Korb +hatten nichts mitgebracht, als ihr Pelzlein und Ziechen vom Bettgewand. +(N. Archiv f. saechs. Gesch. III, S. 319). + +[195] S. 104. Br. III, 219.--Die Matronen Luther, Melanchthon u.a. +pflegten in der Stadt schwangere Frauen zu besuchen und zu beraten. +_Seidemann_, Beitr. S. 496. Kollekt. unter "Bora". + +[196] _Koestlin_ II, 115. Nach _Seckendorf_ II, 122 war die Kurfuerstin +drei Monate im Lutherhaus. + +[197] _Kolde_, An. Luth. 378. + +[198] V, 46 f. + +[199] "Bildenhauer" ([Symbol: gestorben] 1539) T.-R. I, 206. 248. Br. V, +201. VI, 328. + + +8. Katharinas Haushalt und Wirtschaft. + +[200] _Seidemann_, Luthers Grundbesitz. Ztschr. f. histor. Th., 1860, +475-570. _Stein_, die Geschichte des Lutherhauses. Wittenberg, 1883. +Vgl. _J. v. Dorneth_. M. Luther, Berlin 1886. II, c. 12. III, c. 10. 24. + +[201] Luther wusste, was ihm alles auferlegt wurde: "Luther hat einen +dicken Ruecken, er wird auch diese Last tragen." IV, 294. + +[202] _Cord._ 1057. T.-R. IV, 78. 114. Br. III, 417. C. Ref. IV, 890. +Vgl. _Hofmann_ 93.--Zu I Cor. 7. W. II, 2830. + +[203] Cord. 1079. + +[204] V, 228. CR. VI, 625. VII, 144. + +[205] _H. Stein_, Geschichte des Lutherhauses. Wittenb. 1883. + +[206] T.-R. IV, 272 (Kellereinsturz). Vieh: _Burkh._ 409. 1 Kuh war +damals wert 3 fl.; 1 grosses Kalb 2 fl.; 1 Ziege mit 2 Jungen 2 fl.; 1 +Schwein 1 fl.; 1 Ferkel 1/3 fl.--Huehner T.-R. II, 81. IV, 24. +Schweinehirt Johannes T.R. III, 128. + +[207] Reparaturen. VI, 327. V, 424. + +[208] Grundbes. 484 f. Br. VI 324-326. + +[209] 1541. _Burkh._ 403 f. + +[210] _Stein a.a.O._ + +[211] T.-R. I, 102. 123. 183. 213. IV, 291. + +[212] Geraete VI, 325. Kasten V, 162. Becher IV, 342. Vermaechtnis: Burkh. +362. Uhren III, 168. 449. Messer: Burkh. 270. + +[213] Br. VI, 331. + +[214] Urkunde: _Burkh._ 202 f. + +[215] Myconii Summarium der Ref.-Gesch. Cyprian IV, 27. (2. Aufl.) W. +XI, 67. Br. V, 11. 127. 493. 668. 629. 319. 602. III, 156. Ueber das +teure Leben in Wittenberg beklagte sich auch ein Student 1532. +_Buchwald_ 103. Sonst 1 Kandel Wein 3 [Symbol: Pfennig]. T.-R. I, 268. + +[Illustration: Grundriss des Lutherhauses (um 1540). + +(Nach H. Stein, Gesch. des Lutherhauses, Wittenberg 1883.) + + a Kollegienstrasse. + b Haeuser darin. + c "Haus Bruno". + d "Des Rymers Haeuslein an Thor". + e Eingang. + f Hof. + g frueherer Kirchhof. + h altes Kirchlein. + i Staelle. + k Brauhaus. + l Brauthor. + m Thordurchgang (Turm?). + n Garten. + o Thuer in der Mauer. + p "Das hindere neue Haus". + q Lutherhaus (Schwarzes Kloster) 1. Stock. + r Haupteingang. + s Turm mit Wendeltreppe. + t Flur im 1. Stock. + u Vorzimmer + v _Wohnzimmer_. + w Schlafkammer. + x Feuerungsraum. + y Zimmer mit Fallthuer und Treppe. + z _Studierstube_. + ab Aula. + A Vorlesungssaal. + B Stadtmauer. + C Stadtmauer. + D Wall. + E Nebeneingang mit Wendeltreppe. + +[216] VI, 297. T.-R. I, 258. 274 f. + +[217] Jonas hatte einen Weinberg, Melanchthon (wohl durch seine Frau, +eine Wittenberger Buergermeisterstochter) verschiedene Grundstuecke. + +[218] _Burkh._ 319. + +[219] T.-R. I, 141. 142. 146. IV, 667. C.R. XXIV, 392. + +[220] Br. VI, 328. Garten: Burkh. 409.--Der Platz "Am Saumarkt", spaeter +"Viehmarkt", wo der kurfuerstliche Karpfenteich war, ("Saumaerkterin" V, +783, "auf dem neuen Saumarkt", _Burkh._ 356 f.) ist heute die +Lutherstrasse. (Wittenberger Urbar VIa. 1625, Lagerplan.)--Richter, +Geneal. 398 ff. Beste 127. Fischteichlein T.-R. I, 179.--In der +Hausrechnung (VI, 2) 1536 ist nur vom Bildenhauerschen Garten geredet, +in dem Steuerschlag 1542 (_Burkh._ 409) vom Garten an der Zahnischen +Strasse, im Teil-Recess 1553 (_Beste_ 127) vom "Baumgarten am Sewmargkt", +der samt dem Hopfengarten an der Specke fuer 500 fl. angeschlagen +wird--also scheint er an Gelaende oder Gebaeude (durch den Krieg?) +verloren zu haben. Oder sollte der Garten an der "Zahnischen Strasse" = +am Saumarkt sein? Nach weiteren Erhebungen ist wahrscheinlich, dass die +Zahnische Strasse den Anfang der heutigen Dr. Friedrichstrasse bildete. +Dann waere thatsaechlich der Saumarkt da, wo die Zahnische Strasse und die +Faule Bach sich schneiden. + +Die Lage waere so. + +[Illustration: a-b Zahnische Strasse. c-d Faule Bach. e-f Rische Bach.] + +Der Bildenhauersche Garten (fuer 900 fl.) lag nach dem Steueranschlag +nicht "unter dem Rat" wie der an der Zahnischen Strasse. (_Burkh._ 409) + +[221] Br. IV, 575. VI, 328 f. Wolfs Vogelherd: 154 f. V 787. Vgl. +_Burkh._ 409. + +[222] _Burkh._ 403. _Hofmann_ 98.--Der "Lutherbrunnen" gehoerte der +Stadt. + +[223] Br. VI, 547. Grundbes. 520. Pfaehle Br. V, 637. Hauspostille 1. +September 1532. Rebenstock II, 124b. Stehlen: Grundbes. 530. + +[224] Bienenstock. _Rebenst._ II, 109. Fische T.-R. II, 80. + +[225] a. 1542 schaetzt L. Braunen Haus auf 420 fl. IV, 575. Grundbesitz +502. Br. VI, 328: Die 250 fl. scheinen uebrigens eine Abschlagszahlung +gewesen zu sein, denn das Haus kam hoeher zu stehen. Der Kaufbrief (v. +1541) bei _Richter_ Geneal. Luth. lautet: Bruno Brauer Pfarrer zu Dobin +verkauft erblich eine Bude im Elsterviertel zwischen D. Luthers +Behausung und Bruno Brauer an Luther und seine Erben mit allen +Gerechtigkeiten und mit Gehoeft und Raum von der vordern Saeule bis auf +die erste Ecke des Brunnens und von der hintern Ecke des Brunnens bis +auf die alte Badestube, zusamt derselben Badestube fuer 430 fl. zu 20 +Groschen jeden. + +[226] "Mein lieber Herr" ist = mein Gemahl. + +[227] Burkh. 319. Nach dem Bericht von Kanzler Brueck an den Kurfuersten +vom 13. Maerz 1546 hat Frau Kaethe dennoch "die Boese (das ist doch wohl +das Gut Boos) zur Miet und um einen liederlichen Zins etliche Jahr her +inne gehabt". _Foerstemann_, D.M.L. Testamente. Nordhausen 1846, S. 31. + +[228] S.o.S. 3. T.-R. II, 233. Br. V, 358. 298. 318. 431. 434. 753. VI, +304. _Burkh._ 357. + +[229] V, 312 f. 358. 495. 605. 609. 323. Ueber Kaethes Walten in Zulsdorf +vgl. _Anton_ 193 ff. + +[230] VI, 318. V, 313. 427. 448 f. 482. 507. 528. _Burkhardt_, Th. Stud. +und Krit. 1896, S. 161. Der Scheunenbau spielt zwei Jahre lang. C.-R. +VII, 125. + +[231] Zulsdorf wird in 21 Briefen und T.-R. II, 233 erwaehnt. (S. Br. VI, +705). V, 300. 318. 323. 394. 400. Den Mainzer Erzbischof und den Herzog +Heinrich von Braunschweig nennt Lauterbach in dieser Zeit "die wahren +Tuerken". V, 401. + +[232] V, 299. 659. VI, 304.--An der Decke war einer der bekannten +Tintenflecke und am Balken ein Spruch, angeblich von Luthers (?) Hand. +"Willt du Trost haben, so gehe nach Drossdorf" (1/4 Stunde davon +gelegen). Dass das Guetlein nicht ganz ohne Schmuck war, zeigen die noch +vorhandenen Reliefbilder von Luther und Kaethe, zwei Medaillons, das eine +in Stein, das andre in Gips; beide, besonders das letztere, krass +realistisch; sie sind spaeter auf das Hofgut Kieritzsch und dann in die +dortige Kirche gekommen. Eine Nachbildung des Reliefbildes von Katharina +ist in der Leipziger Illustr. Zeitung vom 2. Febr. 1899. Vgl. oben S. +263. + +[233] L.W. II, 279. T.-R. IV, 59. L.W. XXI, 169*. Br. IV, 643. T.-R. +III, 128. IV, 62. + +[234] _Cord._ 1471. 1597. 589. _Schlaginhaufen_ 419. T.-R. IV, 199. + +[235] T.-R. IV, 306 (Cord. 980). L. fuehrte diese Bezeichnung Kaethes als +"Morgenstern" als Beispiel fuer die zahlreichen "Metaphern" oder +"verbluemte Wort" der deutschen Sprache an, neben Redensarten wie +"gross Geschrei--wenig Wolle"; "er haengt den Mantel nach dem +Winde".--Bekanntlich hat _Engelhard_ diese Methapher im gehaessigen Sinn +als Lucifer Wittenbergensis zum Titel seiner Schmaehschrift gemacht: +"Lucifer Wittenbergensis oder der Morgenstern von Wittenb., d.i. +Vollstaendiger Lebenslauff C. von Bore, des vermerkten Ehe-Weibs D.M. +Lutheri, in welchem alle ihre Scheintugenden, erdichtete Grossthaten, +falsche Erscheinungen weitlaeuffig erzehlet werden v. R.D. Euseb. +Engelhard." Landsperg 1747.--Kaethes Krankheiten: Cord. 965. T.-R. IV, +24. II, 230. 233. III, 37. 122. 131. IV, 259. Br. IV, 530. V, 271. + +[236] VI, 547. 332. + +[237] _Lauterb._ 111. T.-R. IV, 593. Rietschl 43 f. L.W. XXI, 163*. + + +9. "Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Kaethe." + +[238] Br. VI, 151. V, 403. IV, 342. Widerruf vom Fegefeuer. Cord. 105 f. +Br. IV, 575. + +[239] L. Grundbes. 518. (_Burkhardt_) Stud. und Krit. 1896, S. 158 ff. +1894 S. 769. _Burkh._ 432. _Kolde_, An. L. 396. 409. + +[240] VI, 325 f. II, 524, 618. + +[241] Diener III, 342. 449. VI, 324 f. _Kolde_, An. L. 195. _Seidemann_, +Grundbes. 484 f. + +[242] Br. III, 104. T.-R. III, 308. Br. III, 496. + +[243] III, 495. + +[244] V, 189. + +[245] _Ratzeberger_ 59 f. + +[246] IV. 342. + +[247] _Mathes._ 144b. 377. Vgl. Kolde, An. Luth. 254. Hoffmann 99 f. + +[248] _Lauterbach_ S. 5. + +[249] VI, 328 ff. + +[250] Eine Schneiderrechnung: "1 Rock, Hosen und Wams Doktori Martino zu +machen bei Schneider Cunz Krug 18 Gr." + +[251] Wuerze und Zucker durfte allein der Apotheker (Lukas Kranach) +verkaufen.--1 Loth Seide kostete 1 Gr. 6 [Symbol: Pfennig]; 5 Ellen +Barchent 21 Gr. 8 [Symbol: Pfennig].--"10 Ellen schwarz puritanisch Tuch +vor 3 Schock 20 Gr. hat der Rat (1524) D.M.L. zum Rock geschenkt und +Hier. Krapp (Melanchthons Schwager war ein Gewandschneider) bezahlt." +_Schild_, Denkw. Wittenb. S. 27. + +[252] Die Paten waren in Wittenberg sehr zahlreich, wie man schon bei +Luthers Kindern sieht. Am 20. Jan. 1536 wurden neun Kinder auf einmal +getauft; da war natuerlich auch D. Martinus, ferner D. Pommer, M. Philipp +und viele andere treffliche ehrsame Leute Gevattern. T.-R. IV, 146. +Luther stand zahllose Male zu Gevatter. Er hatte es so oft versprochen, +dass er einmal gar nicht mehr wusste, wem, und es seinem Famulus auftrug, +es auszukundschaften. IV, 559. (Das erinnert an den vergebenen Traum +Nebukadnezars, Daniel 2). Hochzeiten V, 570. + +[253] Br. IV. 342. _Mathes._ 144b: In der Teuerung zur Pestzeit borgte +L. beim Schoesser etliche Scheffel Frucht und "wagte sie an die armen +Leute". T.-R. II, 212. Bezeichnend ist ein Zettel des Doktors (an den +Stadtrat?) vom Maerz 1539: "Lieben Herrn! Es muss dieser arme Gesell auch +Hungers wegen davon. Nu hat er keine Zehrung wie die andern und muss fern +reisen; weil er aber ein fromm gelehrt Mann ist, so muss man ihm helfen. +So wisset Ihr, dass meines Gebens ohn das viel und taeglich ist, dass ich's +nicht kann alles erschwingen. Bitt derhalben, wollet ihm 30 Gr. geben; +wo nicht so viel da ist, so gebet 20, so will ich 10 geben; wo nicht, so +gebet die Haelfte. 15, so will ich die andere Haelfte geben. Gott wird's +wohl wiedergeben. Martinus Luther." VI, 226. + +[254] III, 157. V, 570. + +[255] _Cord._ 1601. + +[256] VI, 329. + +[257] _Cordatus_ Nr. 1057 hat nur 50 fl. Im Jahre 1537 aber bei der +zahlreichen Familie und den vielen Kostgaengern kann das lange nicht +gereicht haben, wenn er auch nur die Barauslagen rechnet. Sonst waere ja +auch die Haushaltung nicht "wunderlich".--VI, 331. + +[258] _Fuerstemann_, Denkmale D.M.L. errichtet. Nordh. 1846. S. 27. + +[259] III, 111. 115. + +[260] Potentem et avarum. Strobel, Beitr. II, 481. C.R. V, 314. "Die +_richtige_ Bezahlung". _Foerstemann_, Luthers Testamente. Nordhausen +1846, S. 3. + +[261] T.-R. IV, 62. + +[262] VI, 329. + +[263] IV, 342. + +[264] An Link: III, 10. 104 an Ruehel. "L. Hr. Dr. und Schwager! Das ihr +meine Kaethe hie zu W. geben habt, bin ich lang hernach inne worden; +meinte nicht anders, Ihr haettet's hinweg, wie ich bat."--Kaese: IV, 556 +und 599 u.a. Kolde, Ann. L. 423. Kolde, M. Luther II, 519. + +[265] Br. V, 605. S.o.S. 155 ff. + +[266] _Cord._ 662. + +[267] III, 157. V, 424. VI, 326. + +[268] T.-R. I, 274. Br. III, 495. + +[269] T.-R. IV, 130. + +[270] Uebrigens war Kaethe im Grundsatz mit Luther einigermassen +einverstanden, vgl. den Brief an Loeser S. 83. + +[271] T.-R. IV, 70 f. Spr. Sal. 31, 10-31. + + +10. Haeusliche Leiden und Freuden. + +[272] Das Folg. in D.T. Pommerani und I. Jonae Historie von L. geistl. +und leibl. Anfechtungen. a. 1527. L.W. XXI, 158* ff. Br. III, 187-190. + +[273] Br. III, 191. 205. Vgl. 200. 213. 170.--Ueber die Fortschritte +der Pest. Vgl. auch G. _Buchwald_, zur Wittenb. Stadt- und +Universitaetsgeschichte, L. 1893, S. 3-17.--Mocha(u): VI, 683. + +[274] _Buchwald_ S. 7. Auf dem Pestkirchhof wurden die Kleider der +Pestkranken verbrannt; daher wohl verbrannte dort Luther auch die +Bannbulle. + +[275] Br. III, 217 f. 221. _Buchwald_ 9. 12. 15. Br. III, 188. 193 ff. +212. 215. 217-19. 221. Teuerung. _Vogt_, Bugenhagens Briefw. Stettin +1888. S. 106. + +[276] III, 218. 221. 225. 240. 241. 243. 247. 253. + +[277] III, 222. 246. 248 f. + +[278] III, 314. 364 f. 376. 390. VI, 96. + +[279] III, 390. 404. 423. + +[280] III, 432. 469. + +[281] III, 512. + +[282] IV, 1 f. 34. 132. 179. V, 186--"Gruboc" umgekehrt von Coburg. + +[283] Luth. Ztsch. 1880, 50. C.-R. II, 40 f. Br. IV, 115. 132. 2. 10. +12. 32. V, 186. + +[284] IV, 132. 10. 19. 32. 43. 120. T.-R. IV, 244. "Oertlein" 270. + +[285] IV, 121. 51. 10 174. + +[286] _F. Eysenhardt_ und _A. v. Dommer_. Mitteil. a.d. Stadtbibl. zu +Hamburg II, 1885, S. 96.--H ... "Huerlein". Es ist bekannt, dass fuer +Kinder als Kosenamen oft die haesslichen Woerter gewaehlt werden z.B. "Du +Spitzbub. Du Schelm!" So hoerte ich einmal eine alte Kindsmagd im +Ueberschwang ihrer Gefuehle sagen. "Du liebes Schindluderle".--Luther +gebrauchte also, wie sonstige Gelehrte, zum _Lesen_ schon frueh (1525) +eine Brille. II,624.--Ueber den Goldschmied Christian Doering s. Br. VI, +657. + +[287] IV, 7. + +[288] IV. 39. 41. 7. 9. 16-18 (vgl. III, 219). + +[289] IV, 4. 7 f. 13 f. 51 f. 41 f. 39. + +[290] IV, 131 ff. + +[291] Die Briefe waren lateinisch. + +[292] Exemplar = Manuskript. + +[293] VI, 121 f. + +[294] Br. IV, 230. 322. + +[295] Grosseltern. T.-R. I, 201. Brief an den kranken Vater III 550 f., +an die Mutter IV, 256 ff. + +[296] Martin IV, 313. 320. 414. T.-R. 201. Paul IV, 411. 431. 436. +Margarethe IV, 574, vgl. 555. Hans immatrikuliert, _Lauterbach_ 141. + +[297] _Kolde_, An L. 184. Br. VI, 144. + +[298] Burkh., St. und Krit., a.a.O., 158. + +[299] IV, 553. + +[300] _Koestlin_ IV, 380 f. + +[301] IV, 362. V, 560. 643. 703 f., vgl. 524: "Euer Sohn hat jetzt die +Masern gehabt; haben sein mit Fleiss gewartet nach Dr. Augustin (Schurf) +Rat; ist nun wieder gesund." + +[302] IV, 342. T.-R. IV, 93, lies: Rischmann. + +[303] Wenigstens wird Jakobs von Seidewitz sel. Sohn, Kammerjunker +Martin von Seidewitz erwaehnt. Ztschr. f. hist. Theol., 1860, S. 570. + +[304] V, 106. 201. 411. 516. Ztschr. f. hist. Th., 1860, 565-69. + +[305] T.-R. IV, 451 f. 244. + +[306] T.-R. I. 201 f. 204. 205. + +[307] V, 46 f. 492 f. Dass Luther seinen Sohn Hans schon (1533) im 7. +Jahr ein lateinisches Urteil ueber Erasmus und im 11. Jahr (1537) einen +lateinischen Brief schreibt (Br. IV, 497, V, 46), ist nicht zu +verwundern; schrieb doch der 11jaehrige Herzog Wilhelm von Sachsen an +Hans Luther auch eine, wohl mit Hilfe seines Lehrers, verfasste +lateinische Epistel 1541, _Mayer_ Sec. 17. (D. D. _Richter_, Geneal. +Luther. 379). + +[308] _Lauterbach_ 141. Martin. T.-R. I, 205. _Koestlin_ II, 491. +Florian, Ztschr. f. K.-Gesch. II, 145 f.: L. diktiert dem Buben zum +Willkomm drei Tage hintereinander je des Tages einen guten fetten +Schilling.--Zeile 10 lies: Florian (st. Fabian). + +[309] T.-R. I, 202. + +[310] T.-R. IV, 76. 64. + +[311] T.-R. IV, 129. _Matthes._ 145. + +[312] Muhme Lehnes Tod. T.-R. III, 153.--Rosine, Br. V, 625. 396. 506. +753. + +[313] V, 101. + +11. Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod. + +[314] T.-R. IV, 41. 84. 104. Br. V, 186 f. 198. II, 317. + +[315] T.-R. IV, 53, 75. 51. + +[316] VI, 189 f. 196. T.-R. III, 147. IV, 54-56. + +[317] Br. VI, 217. + +[318] T.-R. IV, 58. I, 184.--Wein und Brot. T.R. I. 106. Wenn Luther das +Tanzen empfiehlt, so vgl. [445]. + +[319] T.-R. IV, 59. + +[320] IV, 610 f. 618. 625. 627. _Burkh._ 237 f. + +[321] V, 49 ff. 57 f. ("hessische Betten"). _Ratzeberger_ 105 f. (nasse +Bettuecher), _Seckendorf_ III, Sec. 60. _Burkh._ 276. + +[322] Mist: In Schmalkalden gab man Luther ein Getraenk? von Pferdemist +und Knoblauch ein. Man hielt viel auf solche Mistkuren: T.-R. I 120: +"Pferdemist dienet fuer Pleurosie". + +[323] V, 59 f. + +[324] V, 59. 270. 58. + +[325] Muhme Lene [Symbol: gestorben] T.-R. III, 153. + +[326] IV, 524. V, 188. _Burkh._ 259. _Schmidt_, Ztschr. f. Gesch. II, +256. VI, 187 f. + +[327] VI, 188. + +[328] V, 579. 259 f. VI, 291. _Seckendorf_ III, 182. V, 127. + +[329] VI, 444 ff. schrofa (d.i. scropha) ista Boemica "jene boehmische +Sau", _Burkh._ 285 f. 289-95. + +[330] Burkh. 365. 467. + +[331] T.-R. I, 225. II, 212. + +[332] T.-R. II, 441 f. IV, 257. Br. V, 218 f. 225. Auch Dr. Sebald und +seine Frau hatte er besucht, angegriffen und betastet. Und da er ihre +Kinder ins Haus genommen, gaben ihm etliche einen Stich, als wollte er +Gott versuchen, T.-R. IV, 251. + +[333] Jonas' Briefw. I, 381 f. Diese Krankheit muss es gewesen sein, von +der Luther T.-R. IV, 259 redet. Als naemlich von den Schrecken des Todes +die Rede war, sagte er. "Da fraget meine Kaethe drum, ob sie des etwas +gefuehlet hat, denn sie war recht gestorben." Sie aber antwortete. "Herr +Doktor, ich habe gar nichts gefuehlet." + +[334] V, 269-271. 273. 277. 218. _Ratzeberger_, 104. T.-R. II, 230. 233. + +[335] Jonas' Briefw. I, 383. + +[336] V, 300. + +[337] _Burkh._ 356 ff. + +[338] Sprichwoertlich, vgl. S. 131. Seltsamerweise kehrt die alte +Schreibart des Namens wieder, vielleicht bei einem Abschreiber, obwohl +man auch damals wusste, dass L. seinen Namen von Lothar ("vom Kaiser +Luther") habe, wie der Stadtpfarrer M. Coelius zu Eisleben in seiner +Leichenrede erklaert. _Foerstemann_, Denkm., Nordh. 1846, S. 55. + +[339] _Burkh._ 131, I. VI, 269 f. + +[340] V, 298. + +[341] V, 299 f. + +[342] V, 107. 201. 411. 516. _Faber_, Briefw. 14. _Burkh._ 401. 423. + +[343] V, 306. + +[344] V, 336. 346. 348-52. + +[345] V, 416, 431. VI, 297. + +[346] V, 744. 763. + +[347] Vgl. S. 196. Cyriak: andere nehmen seinen Bruder Fabian als den +heimlich Verlobten an; er war gleichzeitig mit seinem Bruder Andreas und +seinem Vetter Hans Luther an Trinitatis 1533 immatrikuliert--also juenger +wie Cyriak, welcher schon 1529 Student war. Daher wird auf diesen die +Verlobung eher passen.--T.-R. IV, 96. 84 ff. 491 ff. 500 ff. Beier: Br. +V, 619. 676. Burkh. 453 f. C.R. V, 313, 286 ff. Mel. d. J. Verloebnis. +Kreuzigers Klagebrief ueber die Wittenb. Haendel. Br. V, 620: L. hat +Melanchthon uebermocht, dass er seinem Sohn nicht nachgebe. 616: Phil. und +sein Weib vergehen fast an ihrem Sohn. + +[348] V, 497.--Das folgende steht in T.-R. 258-265. + +[349] Die folgenden Verse, in deutscher Uebersetzung, lauten: + + "Die ich in Suenden war geborn + Haett ewig muessen sein verlorn, + Aber ich leb nun und hab's gut, + Herr Christe erloest mit deinen Blut." + +Sie sind vielleicht vom Berichterstatter. _Mayer_ Sec. 20.--_M. Richter_, +Geneal. Luther. 352. + +[350] V, 502 f. 506. + +[351] V, 520. + +[352] V, 519. + + +12. Tischgenossen und Tischreden. + +Vgl. _Anton_, Zeitverk. 145 ff. + +[353] IV, 629. + +[354] _Schadow_, Wittberg Denkw. 60 f. Br. III, 14. V, 11. 15. 19. +Verloebnis 196. + +[355] IV, 476. 629. C.R. XXIV, 397. Burkh. 237 f. Br. IV, 641. 414. + +[356] III, 217. VI, 286. _Lauterb._ 158. V, 767. _Kolde_ 377. + +[357] _Burkh._ 238. Br. IV, 413. 629. T.-R. I, 179. V, 767. + +[358] V, 619. 624 f. 630. + +[359] Besuch von Mansfeld, z.B. 30. November 1538, T.-R. III, +358.--Capito V, 70. + +[360] _Burkhardt_, Th. St. u. Krit. 1896, S. 192. 161. + +[361] Cordatus, S. 13. 20. 22. T.-R. I, 414. + +[362] II, 153. 46. 677. III, 9. 31. 59. 130. 149 f. 210. 394. 401 f. +476. IV, 272. 370. 388 f. T.-R. IV, 297. _Burkh._ 216 ff. _Kolde_, An. +Luth. 197. + +[363] Lauterb. IX. + +[364] T.-R. IV, 667. _Seidemann_, M.A. Lauterbachs Tagebuch, Dresden +1872, V-VII, _Waltz_, Ztschr. f. K.-Gesch. 1878, S. 629 f., vgl. Beitr. +zur Saechs. K.-G., 1893, S. 74 ff. 79. + +[365] _M. Preger_, Tischreden L.s nach den Aufz. von Schlaginhaufen, L. +1888, S. VI-X. T.-R. III, 118 f. + +[366] _H. Nobbe_. Dr. H. Weller, Ztschr. f. hist. Th. 1870, S. 153 ff. +Br. IV, 38 f. 131. 477. 586. Beide Weller des jungen Musikus Joh. Joeppel +gute Freunde! 535. Ruf nach Dresden 161. Schwermut 556 f. Cord. 601, 6. +783. Br. V, 11. T.-R. 538. Cord. 1774: "Lieber Weller, luegt Euch nicht +zu Tode; Ihr koennt noch wohl ein Jurist werden." + +[367] T.-R. II, 46. Mayer, p. 56 f. + +[368] T.-R. II, 210. L.-W. XXI. 186* ff. + +[369] T.-R. I, 57 f. + +[370] _Hirsch_ und _Wuerfel_, Lebensbeschr. aller Hh. Geistlichen in +Nuernberg. Nuernb., 1756. III, 4-6.--Br. IV, 363. 192. 199. Krause Sinne: +T.-R. III, 184. Cord. 920. _Hausrath_ 278. Vgl. oben S. 121. + +[371] Briefe aus Wittenberg an H. Baumgarten. Ztschr. f. hist. Th., +1874, S. 546 f.--Br. IV, 665. V, 564. + +[372] C. Ref. V, 314^4. S.o.S. 963. Stud. und Krit. 1887, S. 354. +_Koestlin_ II, 496.--Die Klagen Besolds ueber Frau Kaethe werfen nicht +gerade ein schlechtes Licht auf ihren Charakter. Ihre "Habsucht" belegt +er damit, dass sie "alles zu Rate gehalten und bei den Tischgenossen auf +richtige Bezahlung gedrungen"; ihre "Herrsucht" damit, dass sie +"diejenigen Theologos nicht leiden koennen, welche Weiber von schlechten +Stande geheiratet." Beides ist nur ein Beweis fuer ihre gesunde +praktische Lebensansicht. + +[373] Lemnius: "ein Poetaster und Leuteschaender" Matthes. 126. Br. V, +105. 381 f. 385-7.--T.-R. II, 223. III, 317. IV, 95. 259. 705. M. +Holstein, "der neue Jurist": T.-R. III, 317.--Th. St. und Krit. 1887, S. +354. Ztschr. f. hist. Th. 1874, S. 570 ff. + +[374] Br. VI, 234. 270. V, 29. T.-R. III, 293. 381. IV, 285.--Vgl. o.S. +131. + +[375] Matthes. 68. T.-R. IV, 444. + +[376] T.-R. IV, p. XX, s.u. 204. 206. 229. 236. + +[377] T.-R. IV, p. XVIIIf. Br. VI, 328. Matthes. 131. Nach M.D. +_Richter_, Geneal. Luth. 369, war auch der Jurist Joh. Schneidewin 10 +Jahre Kaethes Haus- und Tischgenosse und wurde nachher Zeuge fuer +Margarete L. beim Teilrecess 1554. + +[378] Matth. 68. 209a. 211. + +[379] IV, 667 f. + +[380] V, 115. IV, 435 f. + +[381] V, 402. + +[382] C.-R. V, 314^4. + +[383] IV, 524. S.o.S. 116. + +[384] L.-W. XXI* 166. 165. + +[385] _Matthes._ 141. 143. 209. + +[386] _Waltz_, Ztschr. f. K.-Geschichte, 1878. S. 629. _Hausrath_ 266 +bis 273. + +[387] Cord. 133. _Matthes._ 151. + +[388] _Matthes._ 133. 211. + +[389] T.-R. II, 247. + +[390] _Cord._ 731. _Lauterb._ 5. 38. + +[391] T.-R. IV, 131 f. Vgl. _Schlaginhaufen_ Nr. 147. "Luther: Der Satan +hat Gottes Sohn erwuerget. Respondit uxor D.: Ei mein lieber Herr Doktor +von Credo." + +[392] T.-R. III, 90 f. + +[393] T.-R. IV, 134. + +[394] Cord. 1205. Der grosse Zwischensatz sieht allerdings aus, wie eine +Einwendung Luthers; aber der Berichterstatter, der doch sonst Katharina +nicht sonderlich wohl will, schreibt die _ganze_ Rede ihr zu. + +[395] Cord. 120. + +[396] Cord. 110 f. + +[397] _Lauterb._ 156.--Der gelehrte "Engeleser" war wohl "der schwarze +Engeleser" Dr. Antonius Robert Barns (Barnes) S. 144. + +[398] T.-R. IV, 78. 121 f. Vgl. o.S. 55. 73. Schlaginhaufen Nr. 187. Als +die Rede auf den Tuerken kam, sagte die Doktorin: "Ei behuet uns Gott vor +dem Tuerken!" Der Doktor: "Ei, er muss einmal den Pelz laufen." 216: Die +Doktorin stach was in die Seite; da schreit sie laut auf: "Ave Maria!" +Sagt der Doktor. "Warum hast Du nicht billig am Ende den angerufen, der +am Anfang? Waere nicht Jesus Christus auch ein troestlich Anrufen?" 228: +Der Doktor neckte einmal seine Frau, es werde noch dahin kommen, dass +ein Mann mehr als ein Weib nehme. Da sagte die Doktorin: "Das glaub der +Teufel!" Und als Luther auf Gruende der Natur wies, da berief sich Kaethe +auf Paulus; als aber der Doktor auch dies widerlegte, sagte sie: "Bevor +ich das zugaebe, wuerde ich lieber wieder ins Kloster gehen und Euch und +alle Kinder verlassen." + +[399] Br. III, 35. + + +13. Hausfreunde + +Vgl. _Anton_ D.M.L. Zeitverkuerzungen. L. 1804, S. 94 ff. + +[400] V, 668. Vgl. Matthesius zu 1529: Luthers "Discipel" fangen an zu +lesen. + +[401] Br. IV, 503. 565. 636. _Burkh._ 319. _Kolde_, An. L. 82. +_Buchwald_ 48. 52. Br. II, 677. III, 150 u.a. IV, 344. VI, 138. 411. +"Kuetten-Latwerg" d.i. Quitten-Latwerge. + +[402] IV, 500. V, 434. 503. III, 77. + +[403] Fr. S. Keil, Dr. M.L. Merkw. Lebensumst., S. 699. Ztschr. f. hist. +Th., 1874, S. 551.-- + +[404] III, 35. 128. IV,36. V, 96. 426. VI, 450. T.-R. III. + +[405] _Kawerau_, Ztschr. f. K.-Gesch., IV, 301. T.-R. III, 375. + +[406] "Grickel und Jaeckel". T.-R. III, 358-82.--_Anton_, L.s +Zeitverkuerzungen 145. Vgl. das Katechismusglas T.-R. II, 174. Koestlin +II, 465. 469.--Das ueberlaute Schreien Agrikolas charakterisiert +Creuziger in einem Brief an Veit Dietrich: er lehre in der Schule nach +Gewohnheit grandibus buccis (mit vollen Backen). + +[407] III, 253 u.a. V, 162 f. 450. 703. T.-R. I, 272. 328. + +[408] III, 226. + +[409] III, 199 f. 389 f. + +[410] T.-R. III, 358. 370. 376. Br. IV, 161. S.o.S. 53. S. 77.--L. kommt +zur Taufe nach Torgau. _Lingke_, L. Reisegesch. 159. + +[411] III, 523. IV, 556. V, 67. 74. 326. + +[412] _Kolde_, An. L. 234. 241. 239. 307. Br. V, 70. + +[413] III, 17. IV, 198. + +[414] IV, 176. VI, 129. 367. V, 402. C.-R. V, 214^4. _Seidemann_, +Ztschr. f. hist. Th., 1874. S. 555 ff. + +[415] V, 672. Th. Studien und Krit., 1887. S. 353 ff. Oeffentliche +Gebete in W. fuer B.--Reden und Jammern bei Tisch. Vgl. Melanchthon an B. +am 25. Maerz 1546: (C.-R. VI, 93): "Von Dir hat Luther immer mit Liebe +und Verehrung gesprochen." Ueber die Gefangenschaft Baumgartens vom 31. +Mai 1544 bis anfangs August 1545. _S. Seidemann_, Kollektaneen. Anz. f. +d. K. der d. Vorzeit. R.F. 1854. 1855. + +[416] Vgl. oben S. 1. 4. 5. Br. IV. 665. V, 564. + +[417] IV, 556. 607 f. 247. VI, 736. IV, 611. 596. + +[418] "Feldglocken" = Galgen, also Galgenschwengel. + +[419] IV, 586. + +[420] V, 11. 15. 19. 22. 274. + +[421] T.-R. I, 414. III, 96. 115. + +[422] III, 219. IV, 31. 499. + +[423] III, 447. 492. IV, 183. 215. III, 434. + +[424] IV, 261. 312. 317. 490. III, 490. IV. 343. + +[425] IV, 414, 476. V, 22. 139. Vgl. _Kolde_, An. Luth. 332--T.-R. IV, +256 f. + +[426]. IV, 494. VI, 266. V, 57. Matthes. 319 + +[427] V, 38. 271. 285. 401 u.f.f. Vgl. Br. VI, 533-35. 674. IV, 583 f. +T.-R. IV, 47. + +[428] Tischgespraech: II, 265. Besorgungen: Br. V, 228. 493. 668. 602. +628. 637. + +[429] III, 53. 119. 154. 254. 372. V, 330. 148. + +[430] V, 59. S.o.S. 126. + +[431] V, 312 f. VI, 318. V, 507. 605. 609. 627. + +[432] Ztschr. f. K.-G., 1878, S. 304. + +[433] _Anton_, L. Zeitverf. S. 116 f. + +[434] _F.W. Loehe_, Ztschr. f. hist. Th. 1840, S. 175-247. _Piper_, +Zeugen der Wahrheit L. 1874, Bd. IV, S. 375-82. Elisa, Br. IV, 654. +Testament, Br. V, 425. T.-R. II, 397. Kreuziger war der Protokollfuehrer +der Evangelischen und Nachschreiber von Luthers Predigten. Myconii +Historia Reform. 1517-42 v. E.S. Cyprian, L. 1718. S. 47. + +[435] Auftraege IV, 10, Messgeschenk 422. Frau Elis. Kreuziger: Ztschr. f. +hist. Th., 1874, S. 554. _Lauterb._ 183. + +[436] IV, 684. V, 11. IV, 414. + +[437] _Piper_, Bd. IV, 356-368. + +[438] III, 230. 111. 219. + +[439] IV, 375. III, 304. 245. 252 f. 264. 281. V, 299. u.s.w. + +[440] III, 512. IV, 131. + +[441] III, 244. 253. 314. + +[442] III, 314. 375. _Zitzlaff_, Bugenhagen, Wittenb. 1885, S. 106. +"Pomerisches Rom", Br. V, 48. Mit "Oel" = Bier; vgl. das englische ale. + +[443] _Piper_ IV, 368-75.--VI, 304. Jonas' Briefwechsel I, 115. 153. +160. 174. II, 77. + +[444] Br. IV, 10. 16 f. 18 f. V, 414. 557. 109. 114. 201. + +[445] _Buchwald_ 62. V, 7. VI. 303. + +[446] V, 519. IV, 9. + +[447] IV, 629 f. V, 3 f. 100. 394 f. 470. + +[448] Briefw. I, 380-3. (_Kolde_, An. L. 134, Br. IV, 629). [Griechisch: +hae gynae] vgl. Offenb. Joh. 12, 1. + +[449] Jonas in Halle, V, 346. Neckerei 396. Seine Frau [Symbol: +gestorben] 519. + +[450] Ueber Luthers Verhaeltnis zu Melanchthon vgl. _Anton_ 31-33. V, +336. 171. 344. 270. + +[451] Zur Charakteristik von Frau Melanchthon, C.R. III. 390. 396. 398. +Kolde, M.L. II, 463. 471. 603. Kleiderordnung, Schadow, Wittenb. Denkw., +S. 60 f. + +[452] C.R. III, 398. T.-R. III, 390. Vgl. Koestlin II, 462. + +[453] Kolde, An. L., 311. 318. Br. V, 105. T.-R III, 275 ff. + +[454] VI, 199. T.-R. III, 275 ff. IV, 126, vgl. Matthes. 126. Kolde, 321 +f. 326 f. Hofmann 193. + +[455] C.R. V, 641. 123 f. IV, 143. 154. 169. 303. V, 113. VI, 20 f. + +[456] V, 273. 277. Froehlich sein: 294. 323. C.R. VI. 53 f. + +[457] C.-R. V, 410.--Kaethe oder Melanchthon meint dabei wohl den +"Schwaben" Simon Lemnius und den Sachsen (Joh. Sachse aus) Holstein +(s.o.S. 146). Sie stellte uebrigens dem Melanchthon dies nicht als _ihre_ +Meinung, sondern als Klage des Holstein dar. + +[458] C.-R., V, 410. + +[459] Die beiden Kanzler sind Brueck und Beier. + +[460] _Zitzlaff_, Bugenhagen S. 107. + +[461] _Kreussler_, Denkmaeler der Reformation L. 1817. S. 29. Abneigung +gegen Theologen-Weiber aus niederem Stande. Br. VI, 419. C.-R. V, 314^4. +S.o.S. 146^1. _Seidem._, Beitr. z. Ref.-Gesch. 496. Auch mit dem alten +Bildenhauer verkehrte L. viel. Vgl. T.-R. I, 24 ff.--Die +Krankenpflegerinnen des Mittelalters waren die "Beguinen oder +Seelweiber", _Matthes._ 159b. + +[462] T.-R. III, 127. II, 210. + + +14. Kaethe und Luther. + +Vgl. _Anton_ 117 ff. + +[463] T.-R. IV, 124. 38. (77). + +[464] _Kuechenmeister_: L. Krankheitsgeschichte. S. 54. + +[465] T.-R. IV, 53. Br. VI, 332. + +[466] _Lauterbach_ 2. _Kuechenmeister_ 111. + +[467] _Lauterbach_ 2. _Kuechenmeister_ 111. Br. V, 51. + +[468] Br. 330. T.-R. I, 134. 212. 213. IV, 129. + +[469] Kaese V, 319. Bier von Jonas V, 100. Koenigin der Biere V, 470. +Sehnsucht vom Hof nach Haus: IV, 553. Hofbrot V, 51. + +[470] T.-R. IV, 69: "Wenn ich bei mir selbs (daheim?) bin, dank ich +unserm Herrgott fuer das Erkenntnis der Ehe" T.-R. IV, 59. S.o.S. 123, 2. + +[471] _Melanchthon_, Vita Lutheri p. 8. _Mayer_ Sec.27. _Hofmann_ 148. Das +Katechismusglas, T.-R. II, 144. III, 170. + +[472] T.-R. IV, 300 f. Vgl. I, 103. Br. VI, 330. + +[473] S.o.S. 71. 104 f. 126-128. + +[474] Dr. Fr. _Kuechenmeister_, L.s Krankengeschichte. L. 1881. + +[475] II, 616. III, 254. V. 330. VI, 115. 130. 144. + +[476] T.-R. I, 208. _Walch_ XXI, 275*. _Kuechenmeister_ 52 f. + +[477] Die Antrittsrede (_Hofmann_ 110) ist uebrigens nach damaliger Sitte +von Melanchthon verfasst.--Zum folg. vgl. S. 124. + +[478] T.-R. IV, 271.--_Ratzeberger_ S. 61 f. + +[479] Br. III, 219. 244. + +[480] T.-R. II, 210. III, 51. + +[481] _Kolde_, An. Luth. 234. + +[482] _Mayer_ Sec.27. Keil II, 199. T.-R. I, 212. 210. + +[483] _Anton_, L. Zeitverk. S. 117 ff. + +[484] V, 163. IV, 599. + +[485] Diese Anekdote, welche u.a. Albert _Richter_, Deutsche Frauen, L., +Brandstaetter 1896, S. 162 erzaehlt, habe ich aus den Quellen nicht +belegen koennen. + +[486] T.-R. III, 131. Br. IV, 123. Vgl. T.-R. II, 215. Da sagt L. von +seinen cholerischen Temperament: "Ich habe kein besser Werk denn Zorn +und Eifer; denn wenn ich wohl dichten, schreiben, beten und predigen +will, so muss ich zornig sein: da erfrischt sich mein Gebluete, mein +Verstand wird geschaerft und alle unlustigen Gedanken und Anfechtungen +weichen." + +[487] _Strobel_, Beitr. II, 481 (C.-R. V, 314). (14. Febr. 1544). Scis +illum habere ad multa quae cum inflammant facem domesticam. Als 1533 der +Stadtschreiber _Roth_ von Zwickau mit seiner Frau und den dortigen +Geistlichen in Hader lebte und infolgedessen auch Luther gegen ihn +aufgebracht war, berichtete ein Student, Peter von Neumark, an Roth von +Dorothea, einer Verwandten von Roth, die an einen "seinen und zuechtigen +Schustergesellen" verheiratet war. "Sie (Dorothea Kersten) hat mir auch +darneben geklagt, wi das die Doktor Martinus Lutherin wiliche doch Hader +und Zank stillen solde ja vil mher haette angericht." _Buchwald_ 37. +104.--Das ist aber nach den Verhaeltnissen eine recht unlautere Quelle. + +[488] _Buchwald_ 176. Vgl. Koestlin II, 492. 608 f. + +[489] _Mayer_ Sec.27. Keil II, 199. + +[490] Br. V, 790. + +[491] S.o.S. 112. 106 f. + +[492] IV, 174. Riedtesel: Kurf. Direktor. + +[493] IV, 553. VI, 270. + +[494] _Ratzeberger_ 122. + +[495] III, 125. Vgl. IV, 49. Cord. 22. + +[496] VI, 185. L. Test. S. 6. + +[497] V, 422. + +[498] Hier. _Weller_ Opp. I, 871. Test. 7. + +[499] Cord. 1005. 1079. 55. T.-R. IV, 48. Der Sinn ist in beiden +Redensarten: Maulschellen geben = ueber den Mund fahren; bildlich: auf +eine scharfe Redensart mit einer scharfen (oder schaerferen) +erwidern.--Dass Luther es nicht woertlich meinte (wie Wrampelmeyer a.a.O. +anzunehmen scheint), geht aus T.-R. IV, 38 hervor, wo Luther von +Eheleuten, die einander "raufen und schlagen", sagt: "das sind nicht +Menschen." Uebrigens steht T.-R. IV. 48 die Rede in einem bestimmten +Zusammenhang. Da ist von einem Magister die Rede, der seine Freiheit an +eine reiche Frau verkauft hatte und dem diese uebers Maul fuhr: "Du +haettest muessen ein Bettler sein, wenn ich Dich nicht genommen." Da sagt +Luther: "Ich _haett_ auch gerne, dass" ...; da konnte man meinen, L. wolle +sagen: "Ich haette auch gerne, wenn mir meine Frau so uebers Maul +fahre"--freilich u.s.w. + +[500] T.-R. IV, 72. + +[501] IV, 553. Cordatus bemerkt in seiner bissigen Weise dazu: Das ist +sicherlich wahr (Nr. 1837). So ist auch in der Rede, worin Luther von +ihrem "Stolz" spricht, dessen er sie vor seiner Verheiratung fuer +verdaechtig hielt, die Einschaltung--vom Herausgeber der Reden oder als +neckende Bemerkung von Luther?--gemacht: ut est (wie es auch ist). +Lauterbach 162*. + +[502] III, 10. IV, 649. V, 19. 59. 110. 304. 431. IV, 221. 524. VI, 304. +III, 512. 145. IV, 221. Auch Jonas' Frau nennt L. tuum dictative. III, +213. + +[503] III, 15. IV, 632. V, 10. + +[504] Br. III, 512. IV, 552. 132. 553. VI, 545. V, 296. 783. (786). VI, +269. 547. III, 341. V, 122. 127. 780. 784. 788. T.-R. IV, 119. + +[505] T.-R. IV, 78. Vgl. 126. + +[506] T.-R. IV, 78. I, 209. 208. 211 f. IV, 212. + +[507] T.-R. I, 210. IV, 44. 125. I, 208. Sehr scharf spricht sich L. aus +ueber Schmaehungen von "Frauen und Jungfrauen". "Ob sie gleich Mangel und +Fehl haben." T.-R. IV, 126. + +[508] T.-R. IV, 120. 77. III, 75. IV, 78. Cord. 48. Uebereinstimmend mit +dem Spruch der Frau Cotta schreibt L. in einem Beileidbrief (1536, Br. +IV, 687). "Es ist der hoechste Schatz auf Erden eine liebe Hausfrau." + +[509] T.-R. IV, 52. _Cord._ 22. T.-R. IV, 50. 53. + +[510] _Cord._ 249. 1780. T.-R. IV, 40. + +[511] T.-R. 43 f. 54 ff. Reden ueber den Ehestand. IV, 34-156. Vgl. +_Froboese_, D.M.L. ernste kraeftige Worte ueber Ehe und ehel. Verhaeltnisse. +Hannover, 1823. + +[512] T.-R. IV, 34. 38. 77. 73. 49. Cord. 1379. + +[513] T.-R. IV, 50. 204. + +[514] _Cord._ 22. T.-R. IV, 72. 50 f. + +[515] Br. V, 126. T.-R. 58. 37 f. + +[516] T.-R. I, 116. Com in ep. ad. Gal.--Seckendorf I, Sec. 63. +_Lauterbach_ 2. 37. + +[517] Br. IV, 645. 649. (Das Lesen Br. IV, 649 wird wohl vom Flachslesen +gemeint sein.) T.-R. I, 20.--Vgl. Was Luther von den Juden sagt: "Sie +schreien wohl sehr und beten heftig, mit grossem Ernst und Eifer; mich +wundert's, dass Gott sie nicht erhoert." T.-R. I, 109.--_Koestlin_ II, 437. + +[518] V, 787.--Link in Nuernberg schickt sogar seinen Annotationes in +Genesim an Kaethe. V, 713, vgl. _Buchw._ 48. + +[519] Die Schreibkunst hochstehender Frauen veranschaulicht ein Brief +der Graefin von Mansfeld an Luther (vom 14. Sept. 1545), welcher so +anfaengt: "Lieber togktor ich besyntt auss eurem berichtt, das es kein +Floss (Fluss, Rheuma) ist noch wirtt" u.s.f. _Kolde_, An. L. 391. + +[520] So erkundigt sich die Herzogin Sibylle schriftlich bei Luther nach +seinem lieben Weibe. So entbietet Herzog Albrechts liebe Gemahel Luthers +und Melanchthons Haeusern und tugendsamen Frau Dienst und Gruss. _Burkh._ +162. Br. V, 638. _Kolde_, An. L. 189. Vgl. die Besuche von Fuersten und +Fuerstinnen.--Kaethe heisst auch bei den Freunden respektvoll die Domina, +Doctorissa, [Griechisch: despoina didaschalae] (vgl. S. 171) + +[521] Im Museum zu Leipzig. + +[522] V, 520. + + +15. Luthers Tod. + +Hierzu besonders _Foerstemann_, Denkmale dem D.M.L. von s. Zeitgenossen +errichtet. Nordhausen 1846. + +[523] S.o.S. 181, 2. + +[524] V, 522. 544. 628 f. 642. T.-R. II, 261. Buendnis mit den Tuerken: +T.-R. IV, 661. + +[525] Fladenkrieg. T.-R. IV, 444-47. _Ratzeberger_ 112. Mainz: Br. 522. +602. "Grickel und Jaeckel": V, 383. 629. 734. T.-R. II, 470. Koelner +Reform V, 584. 708. Epigonen: V, 527. 529. 539. 550. 553. 572. 586. 659. +663. V, 537. 571. 708 f. 727. + +[526] V, 616. 708. _Ratzeb._ 123 f. + +[527] Vgl. zu S. 134, 2. T.-R. IV, 98 f. 104. 500 ff. Ueberhaupt ueber +"die garstigen Juristen", (495): 478-541. 523: "Es ist ein ewiger Hader +und Kampf zwischen den Juristen und Theologen, wie zwischen Gesetz und +Gnade." _Beste_ 77 f. _Hofmann_. 156 f. + +[528] Heimliche Verloebnisse. V, 616 ff. 627. 715. 747. 744. 763. T.-R. +IV, 99. 491 f. _Koestlin_, II, 580. + +[529] V, 527. 586. 604. 679. 683. 688. 700. 704. 711. 726. + +[530] V, 518. + +[531] V, 643. 703. + +[532] T.-R. III, 15 f. + +[533] V, 359. _Kolde_, An. L. 391. + +[534] V, 529. 743. + +[535] V, 571. 534. Denkmale 31. 26. _Ratzeb._ 137. + +[536] V, 600. 555. 638. 703. 743. + +[537] V, 541. 571. 778. + +[538] T.-R. III, 131. Br. V, 571. + +[539] VI, 590. 628 ff. 570. 600. 642. 299. 674. Nach dem juengsten Tag +seufzt Luther auch sonst: Als L. einmal ein Paternoster (einen +Rosenkranz) von weissen Agatsteinen in der Hand hatte, sprach er: "O +wollte Gott, dass der Tag nur balde komme! Ich wollte das Paternoster +jetzt essen, dass er morgen kaeme." T.-R. I, 63. + +[540] So Bugenhagen in seiner Leichenrede fuer Luther. Denkm. 92. + +[541] V, 747. + +[542] V, 753. 561. 710. VI, 302. Lob Nuernbergs: T.-R. IV, 665. _Burkh._ +463. _Kolde_, An. L. 423. Br. V, 753.--"Kleiderordnungen" von 1562 und +1576; vgl. _Schadow_, Denkw. 60. 92. + +[543] Br. V, 752 f. + +[544] Ernst von Schoenfeld ist ein Bruder der Ave aus Nimbschen, welche +den Basilius Axt geheiratet hatte. Ueber ihn hatte sich L. 1540 beklagt, +dass er seiner Schwester ihre tochterliche oder fraeuliche Gebuehr +vor(ent)hielt. L. nimmt sich der Ave, (fuer die er sich einst +interessiert hatte, s.S. 46, 2, T.-R. IV, 50), in einem Briefe an den +Kurfuersten an, auch nach dem Tode ihres Mannes und ihrer Kinder (1541). +V, 289. 403. S.o.S. 16. 29. + +[545] Das Schwarze Kloster. + +[546] Die vier Fakultaeten? + +[547] Georg von Anhalt, Bischof von Merseburg. + +[548] "gesegnen von meinenwegen" = in meinem Namen Lebewohl sagen. + +[549] _Burkh._ 475 ff. 483. _Kolde_, An. L. 416. 423. + +[550] _Lingke_, L. Reisegeschichte, 284 f. + +[551] Denkm. 1. 2. Br. V, 779. 771. _Ratzeb._ 134 ff. 129. Denkm. 22. + +[552] "Unartiges" Wetter, _Ratzeb._ 134.--Reisegenossen, Jonas' Briefw. +II, 182 ff.--Vorbedeutung: _Ratzeb._ 130 f. + +[553] V, 780 f. + +[554] "Hans von Jena hat sie gebeten" = die Langeweile hat sie geplagt. + +[555] V, 783 f., vgl. Jonas' Briefw. II, 182. + +[556] C.R. VI, 60. Jonas' Briefw. II, 183. C.R. VI, 56. Denkm. 10. 64. + +[557] V, 786. + +[558] V, 787 f. 789 f. + +[559] Hier und zum Folgenden L. Krankheits- und Sterbegeschichte von +Jonas, L.W. XXI, 274-393 und K. Ed. _Foerstemann_, Denkmale dem Dr. M.L. +errichtet, Nordhausen 1846. + +[560] V, 791. + +[561] Denkm. 23. C.R. VI, 54.--Man wollte bei dreien Naechten einen +Kometen gesehen haben; sonderlich behauptete das der Bote von Jonas an +Melanchthon, der sich fuer so etwas ganz besonders interessierte. Denkm. +21. 23. 25 ff. Jonas' Briefw. II, 282 f. + +[562] Aus dem "Leichenprogramm" beim Tode Katharinas. Hofmann 136. + +[563] Denkm. 10. 11. + +[564] C.R. VI, 274. Denkm. 26. 53. + +[565] Denkm. 78 f. + +[566] Denkm. 81. + +[567] Denkm. 76 f. + +[568] Jonas Briefw. II, 183. Hofmann 112. + +[569] "10 Gr. denen Pulsanten gegeben an Tag Cathedra Petri von allen +Glocken zu laeuten, do man den Ehrwuerdigen Herr Doctorem Martinum zu +Grabe getragen". Wittenb., Kaemmerei-Rechnung, Dm. 82. 142. + +[570] Das eherne Bild, das mit den Zuegen des Doktors in die Wand +eingelassen werden sollte, kam des Krieges wegen erst spaeter zustande +und in die Kirche zu Jena, weil Wittenberg dem Kurhause verloren ging. +Denkm. 78 f. + +[571] Br. VI, 650. Der Brief ist faksimiliert in der Illustr. Zeitung +1899, S. 149 f.; ist aber nicht von Katharinas Hand, sondern diktiert. +S. Seidemann, a.a.O. + + +16. Luthers Testament + +Hierzu vgl. K. Ed. _Foerstemann_, D.M.L. Testamente. Nordhausen 1846. +Seidemann, Ztschr. f. histor. Th. 1860. S. 475 bis 564. + +[572] _Rade_ (P. Martin) D.M.L., Neusalza 1887, III, 699. S.o.S. 201. + +[573] "Die Welt ist undankbar" setzte L. an die Spitze seines +Hausbuches, in welchem er fuer die Seinigen eine Art testamentarische +Aufzeichnung machte, wegen ihrer Zukunft. VI, 324. + +[574] V, 424. + +[575] S.o.S. 201. V, 424. + +[576] V, 424. VI, 324. 326. + +[577] S.o.S. 83. _Kolde_, An. L. 416. _Burkh._ 482 f. + +[578] T.-R. IV, 522 heisst es zwar: "Nur _ein_ Jurist ist fromm (brav) +und weise. Dr. Gregorius _Brueck_." Dagegen 525. "Etliche sind fromm wie +Dr. _Sebald_; etliche aber sind eitel Teufel." + +[579] _Burkh._ 482. _Kolde_, An. L. 421-23. _Buchwald_ 180: L. zieht weg +propter pessimos mores. + +[580] Grundbes. 531. Br. V, 304. Denkm. 76 f. + +[581] Denkm. 27. 79. L.W. XXI, 299*.--Hierbei hatte Brueck von den +"groben Fleischern und Fischern" geredet: "Man soll (wird) der Frauen +wohl bald mit ungestuemen Worten, wenn man schuldig ist, zu Halse laufen" +(S. 95 f.). Auch Luther hatte in Beziehung auf die Wittenberger Buerger +an die Spitze seines Tagebuchs geschrieben: "Die Leute sind grob". (VI, +324.) + +[582] _Seckendorf_ III, 647. am 24. Febr., wenn hier keine Verwechslung +mit dem Schreiben vom 20. vorliegt. + +[583] C.R. VI, 81. + +[584] Denkm. 163. + +[585] Denkm. 167 f. + +[586] Denkm. 169. + +[587] Th. St. und Krit. 1896, S. 161. + +[588] V, 25 f. 424. + +[589] T.-R. IV, 521: "L. klagte ueber die Armut und Elend der Theologen, +wie sie allenthalben gedrueckt wuerden und dazu helfet ihr Juristen +redlich und drueckt uns weidlich."--IV, 145: "Wir arme Moenche und Nonnen +muessen herhalten. Dr. Pommer sollte nach weltlichem Rechte entsetzt +werden. Weil aber solche Rechte noch nicht exequieret und vollzogen +sind, so ist die Frage, ob seine Kinder auch seiner Gueter Erben sein +koennen." + +[590] V, 403, vgl. 307. Grundbes. 511 ff. _Nobbe_ Ztschr. f. hist. Th., +1870, S. 173. + +[591] Br. V, 422 ff. Sachsenrecht. T.-R. IV, 51. + +[592] Sorge: _Rebenstock_ I, 229.--Barschaft Testam. 48, vgl. 28. Br. +VI, 324 f.--Schatzung Br. VI, 304. V, 499. Verschreibung des Kurfuersten, +_Burkh._ 402 f. Der Grafen, Denkm. 169. + +[593] Wolfs "Gnadenbrief". _Richter_ 379. _Seidemann_, N. Mitt. VIII, +37. 21. 26. Grundbes. 508. + +[594] S.o.S. 82 f. und Anmerkg.--Test. 31. + +[595] S.o.S. 85. Grundbes. 530 f. zu S. 227 ff. Bruecks Gutachten, Test. +29-41. + +[596] Ob die 100 fl. Bauholz fuer ein Scheunlein nicht zu hoch gegriffen +sind?--Wenn das Guetlein Zulsdorf Kaethen auf 1600 fl. zu stehen gekommen +waere, so muesste sie in dasselbe, welches nur 610 fl. kostete, 1000 fl. +verbaut haben. Uebrigens wurde das Gut 1553 trotz der Kriegsverwuestung +um 956 fl. verkauft. + +[597] "Voegel fangen", wohl auf Wolfs Vogelherd, s. "Klageschrift der +Voegel an Lutherum ueber seinen Diener Wolfgang Siebergern." Br. VI, 164. +Vgl. oben S. 207. + +[598] "Man": Der Text laesst nicht erkennen, ob Melanchthon oder Brueck +darunter gemeint ist. + +[599] Test. 41-44. + +[600] Test. 44 f. + +[601] Br. V, 754 an Ratzeberger: uxori tuae commatri, affini et +Landsmanninae Meae. + +[602] Test. 44-46. + +[603] Test. 46 f. 48. Vormuender: 50-52. + +[604] Test. 52 f. Richter 375.--Am 21. Maerz hatte Melanchthon an M. +Grodel in Torgau geschrieben, er moechte dafuer besorgt sein, dass ihre +Eingabe an den Kurfuersten durch Dr. Ratzeberger richtig uebergeben werde; +diese Eingabe ist wohl Katharinas Bitte um Bestaetigung des +"Testamentes". Diese Betaetigung zoegerte sich uebrigens 3 Wochen, bis zum +11. April hinaus. + +[605] Test. 47-66. + +[606] Test. 47-50. 59 f. 62-64. + +[607] Test. 64. (C.R. VI, 149). Grundbes. 548. Quittung fuer 2000 fl. +Test. 65 f. + +[608] Test. 35-37. 46. 49. + +[609] Test. 44. 51. 54-57. + +[610] S. 235-237. Test. 57-62. Grundbes. 530-564. + +[611] Grundbes. 494. + +[612] Br. V, 650. + +[613] Br. V, 649. + +[614] C.R. VI, 81. + +[615] Hofmann 122, 84. + + +17. Krieg und Flucht. + +[616] C.R. VI, An. IX. 185. 190. + +[617] Zitzlaff 119. C.R. VI, 249. Arnold in seiner Kirchen- und +Ketzerhistorie meldet, nicht in freundlicher Absicht, Hans, der +Erstgeborene und Katharinas Lieblingssohn, sei mit dem Kurfuersten in +den Krieg gezogen als Faehnrich. Das entspraeche freilich ganz dem Willen +des Vaters, der seine Soehne wenigstens gegen den Tuerken schicken wollte, +ja selber wider ihn ziehe, wenn er noch haette koennen. Br. V, 450 sagt +Luther: "Wo ich nicht zu alt und zu schwach, moechte ich persoenlich unter +den Haufen sein" (gegen die Tuerken 1542). Vgl. Cord 834.--Robsten, +Beitr. zur Geneal. des Luth. Geschlechtes, Jena 1754, p. 7. + +[618] Vgl. hier und zum Folgenden: Voigt, Ztschr. f. K.-G. 1877, S. 158 +ff. + +[619] C.R. VI, 268. + +[620] C.R. VI, 290. _Liliencron_, Histor. Volkslieder IV, Nr. 546. + +[621] Grundbes. 521. _Zitzlaff_ 121. + +[622] C.R. VI, 296-299. 301. _Waltz_, Ztschr. f. K.-G. 1878, S. 167. + +[623] C.R. 345. 355. 535. + +[624] _Kolde_, An. L. 433 f. + +[625] _Hofmann_ 123 f. + +[626] _Hofmann_ 124. + +[627] Grundbes. 537 f. C.R. VI, 513. 515. 537. + +[628] _Zastrow_, Mohnike I, 260. C.R. VI, 355. 428. 431. 520-31. + +[629] _Zitzlaff_ 122. Bugenhagen: "Mein Weib kommt sehr fruehe gelaufen +ans Bett und ruft: "Ach, mein lieber Herr, unser lieber Landesfuerst ist +gefangen." Ich sagt: "Das ist, will's Gott, nicht wahr."--Er habe diese +Stadt und Kirche, welche Luther ihm als Braut anvertraut, mit zerissenem +Haar und Kleid gesehen. + +[630] C.R. VI, 534-38. 621. 625. 640. 541. 549. + +[631] C.R. VI, p. XII. _Ratzeberger_ 170 f. "Er war ueberredet worden, +dass man ueber Luthers Begraebnis Nacht und Tag brennende Lampen haenge und +Wachskerzen stehen haette, und davor betete, als in den papistischen +Kirchen vor der Heiligen Reliquien geschehen." _Zastrow_ (Mohnike) II, +22. + +[632] C.R. VI, 563. 586. + + +18. Der Witwenstand. + +[633] Vgl. Teil-Recess. _Beste_ 129. C.R. VI. 585. _Zitzlaff_, +"Bugenhagen" 122. Dass nur Deutsche in die Stadt durften, hatten sich die +Wittenberger ausbedungen. Als nun aber die Spanier mit dem Kaiser am +Schlossthor eindringen wollten, warfen die Wittenberger sie in den +Graben, "dass sie nass wurden wie die Katzen". + +[634] Briefw. des Jonas II, 281. _Zitzlaff_ 121 f. Die Hussern waren +nicht so schlimm, wie die Spanier. + +[635] Briefw. Jonas II, 281. Grundbes. 558. + +[636] C.R. VII, 125. 536. + +[637] _Richter_ 390 f. C.R. VI, 669-693. 714. + +[638] _Grulich_, Torgau 112. _Matthes._ 68 (7. Pred.) _Richter_ 390. +396. + +[639] Grundbes. 494. + +[640] _Hofmann_ 129. + +[641] Waltz 181. + +[642] Jonas' Briefw. 259. + +[643] _Robsten_, Beitraege zur Geneal. des Luther. Geschl., Jena 1754. +_Keil_, Leben Hanss L., p. 89: "Joh. L. miles redux vitam egit +domesticam." + +[Transkriptions-Anmerkung: Zu den folgenden beiden Bemerkungen gibt es +keine Verweise im Text.] + +C.R. VII, 409 ff. Grundbes. 558. Jonas' Briefw. 280 ff. 295. + +C.R. VII, 408 f. 430. + +[644] C.R. VII, 502. + +[645] _Kolde_, An. L. 433. Grundbes. 558 f. + +[646] [Transkriptions-Anmerkung: Keine Bemerkung zum Verweis vorhanden.] + +[647] Grundbes. 559. C.R. VII, 411. + +[648] _Richter_, 325 f. C.R. VII, 611. 637. + +[649] C.R. VII, 945. + +[Transkriptions-Anmerkung: Zur folgenden Bemerkung gibt es keinen +Verweis im Text.] + +Grundbes. 559. + +[650] _Hofmann_ 141 f. + +[651] [Transkriptions-Anmerkung: Keine Bemerkung zum Verweis vorhanden.] + + +19. Katharinas Tod. + +[Transkriptions-Anmerkung: Zu den folgenden 4 Bemerkungen gibt es keine +Verweise im Text.] + +_Grulich_, Denkw. Torgaus S. 86. + +_Mayer_ 62. 122. _J.T. Lingke_, Hrn. D.M.L. Geschaefte und Andenken zu +Torgau, 1764. S. 69-75. + +Nach _Grulich_ wohnte K. beim Stadtrichter M. Reichenbach im +Gruenwaldschen Hause. Das Haus "Auf dem Scharfenberg" (heute +"Lutherhaus") in dem "Karniergaesschen" (heute "Luthergasse") war nicht +Katharinens hospitium; es hatte nur nach Wittenberg Zins zu zahlen. +_Grulich_ S. 70 f. 86. _Grulich_, Annales th. eccl., 1734. S. 176. +_Lingke_ a.a.O. S. 70.--Sollte M. Reichenbach in Torgau eine +Verwechslung sein mit M. Reichenbach in Wittenberg, bei dem K. 1523 +wohnte (S. 39)? Die Familie Reichenbach, auch der Pflegevater Katharinas +stammt aus Zwickau. _T. Schmidt_, Chronik der Stadt Zwickau, 472. +_Buchwald_ 108. + +_Juncker_ 250. + +[652] _Richter_ 493 f. Vgl. die Kleiderordnung fuer Wittenberg 1576. S. +169. + +[653] Diese Rede Katharinas wurde von zwei Dichtern in Kirchenliedern +verwendet. In dem Liede eines unbekannten Verfassers (Anna von Stolberg +1600?, nicht Simon Graf, geb. 1609): "Christus, der ist mein Leben," +heisst die letzte (7.) Strophe. "_Und lass mich an dir kleben, wie eine +Klett am Kleid_, und ewig bei dir leben in Himmelswonn und Freud." +Ebenso heisst es in Chr. Reimanns (1607-1662) Lied: "Meinen Jesus lass ich +nicht, weil er sich fuer mich gegeben, so erfordert meine Pflicht, +klettenweis an ihm zu kleben." _E.E. Koch_, Gesch. der Kirchenlieder IV, +667, behauptet zwar, der Ausdruck schreibe sich von Herzogin Katharina +von Sachsen, geb. von Mecklenburg ([Symbol: gestorben] 1561) her, welche +bei ihrem Ende gesagt habe, "sie wolle an ihrem Herrn Jesus mit Glauben +kleben bleiben, wie die Klette am Kleid."--Jedenfalls hat Katharina die +Prioritaet. + +[654] C.R. VII, 1155 f. + +[655] _Lingke_ 71. _Grulich_ 87. + +[656] Der Leichenstein wurde zum Reformations-Jubelfest 1617 von "Daniel +Fritschen dem Mahler" fuer 9 Groschen uebermalt. Dazu wurde ein Bote (fuer +2-1/2 Gr.) nach Eilenburg geschickt, zu Prediger M. Behem, mit welchem +Luthers Enkelin Katharina, die Tochter von Hans Luther, verheiratet war. +_Lingke_ 73. + +[657] _Juncker_, Ehrenged. L. (deutsch.) 243 f. + +[658] Br. V, 424.--Vgl. die aeltere Litteratur bei _Hofmann_ +183-203.--_Boehringer_, K.v.B., Barmen. _Meurer, K.v.B.L._ 1876. +_Rietschel_, L. und sein Haus. Halle 1888. Romanhaft gehalten. _Armin +Stein_ (H. Nietschmann), K.v.B., Luthers Ehegemahl, ein Lebensbild. 4. +A. Halle 1897. + +[659] Bugenhagen schreibt an Koenig Christian als "Wort eines grossen +Fuersten": "Wir haben hier zwei Regenten gehabt ueber weltliches und +geistliches Regiment, den Kaiser und Luther." _Zitzlaff_ 106. + +[660] Das Faksimile ist von einem Brief Katharinas an den daenischen +Koenig, original in Kopenhagen. 3/4 n. Gr. Vgl. folg. Brief: + +"Von den drei im hiesigen Archiv aufbewahrten Briefen von Katharina von +Bora an den Koenig Christian III. von Daenemark sind die zwei entschieden +nicht eigenhaendig. Der dritte ist auch von einer Schreiberhand +herruehrend; von dessen Unterschrift sind aber, wie aus dem beifolgenden +Faksimile hervorgeht, die Buchstaben: "E.K.M. vnterthenige" von einer +andern Hand als der Brief selbst geschrieben, und die eigentliche +Unterschrift wieder von einer dritten. Die Originalurkunde giebt den +Eindruck, dass Katharina selbst die Unterschrift angefangen, dieselbe +aber aus irgend einer Ursache aufgegeben habe und dass also nur die oben +zitierten Buchstaben von ihr eigenhaendig sind." + +_Thiset_, Archivar. + +Dieser Einsatz wird um so mehr von Katharina herruehren, als auch eine +Einfuegung in dem ersten Brief Katharinas an den Herzog Albrecht ("ge" +S. 252, Z. 19, original in Koenigsberg) Aehnlichkeit mit dieser +Handschrift im Kopenhagener Brief zeigt. + +Da saemtliche vorhandene Briefe Katharinas Kanzleischrift haben, so sind +diese drei Buchstaben "E.K.M." und das Wort "vnterthenige" wohl das +einzige, was von Katharinas Hand erhalten ist. + +Das _Siegel_ Katharinas ist von den Briefen an Herzog Albrecht, wohl ein +Siegelring; es zeigt den Loewen Derer "v. Bora". + +_Bilder_ Katharinas sind (unvollstaendig) verzeichnet bei Hofmann S. 168 +f. Hier sei nur bemerkt, dass das S. 55 beschriebene Bild im Lutherhaus +in Wittenberg haengt; das auf S. 193 erwaehnte im Museum zu Leipzig. Das +Nuernberger, frueher in der Morizkapelle, jetzt im German. Museum, ist +weder von Kranach, noch stellt es Katharina vor. + + + + +Register. + + +Ablass +Aebtissin +Agnes (Nisa) Lauterbach +Agricola, Joh. = M. Eisleben +Agricola, Frau Elisabeth +Alemann, Ave +Altenburg +Amsdorf, Nicolaus von +Anhalt, Fuersten +Apel +Audi Koppe +Augsburg +Aurifaber = Goldschmidt +Aurogallus, Matth. +Axt, Lic. Basilius + +Bader, Kastner (Kastellan) auf Koburg und Frau +Barnes, D. Robert +Baumgaertner, Hieron. +Bayer (Baier, Beier), Vizekanzler +Berndt, Ambros +Besold +Bildenhain, Bildenhauer +Booss (Boese) Gut +Bora +Bora, Christina +Bora, Clemens +Bora, Florian, (lies Florian statt Fabian) +Bora, Hans +Bora, Katharina +Bora, Maria +Bora, Magdalene (s. "Muhme Lene") +Borna +Brandenburg, Herzog Albrecht +Brandenburg, Elisabeth von +Brandenburg, Georg Markgraf +Brandenburg, Joachim Kurfuerst I. +Braunschweig +Braunschweig, Herzogin Elisabeth +Briefe Luthers an Kaethe: + Von Marburg + von Wittenberg + von Koburg + von Torgau + von Schmalkalden + von Eisenach + von Zeitz + von Halle + von Eisleben + Brief der Hausfreunde an Kaethe +Briefe Kaethes +Brisger, Eberhard +Brueck, Dr. Gregorius +Bruno (Brauer, Haus Bruno) +Bugenhagen, Joh. = D. Pommer +Bugenhagen, Frau +Butzer (Bucer) + +Camerarius, Joachim +Canitz, Elisabetha (Else) von +Capito, Wolfg. +Cario, Joh. +Carlstadt +Coburg +Cordatus +Crafft +Cranach +Crodel, Marcus, Schulmeister in Torgau +Cronberg, Hartmut von + +Daenemark, Christian II. von, 39. 71. +Daenemark, Christian III. +Dene, Thilo +Dessau +Dietrich, Veit +Doctores + Doktorschmaus +Dolzig, Hofmarschall +Domina + = Aebtissin + = Frau D. Luther +Doering, Christian (Aurifaber) +Duerr, Kanzler +Duerer, Albrecht + +Eber, Paul +Eck +Einsiedel, Heinrich von +Eisenach +Eisleben, Stadt +Eisleben, D. +Emser +England, Heinrich VIII., Koenig +Englaender ("Engeleser") s. Barnes +Erasmus +Erfurt + +Ferdinand, Koenig +Feste +Fladenkrieg +Florentina, eine Nonne +Freiberg +Friedrich Becker (Pistorius), Abt in Nuernberg +Fuendli-Haus zu Nuernberg + +Gabriel = Zwilling +Gerbel, Lic. +Glatz, D. +Goldschmidt s. Aurifaber. +Goritz +Gotha +Grimma +Gross Ave +Grumbach, Argula von, +Gruene, Friedr. von, Feldzeugmeister + +Hagenau, Reichstag +Halle +Hasenberg +Haubitz, Anna von +Haubitz, Margarete von +Haugwitz +Hausfreunde +Hausmann +Heinrich VIII., von England +Heidten +Hennick +Heuthlin +Hirsfeld (Hirschfeld), Bernhard von +Hohndorf, Buergermeister +Holstein +Honold, Hans, Buerger von Augsburg +Horen +Humanisten + +Jaeckel s. Jakob Schenk +Jena + "Hans von Jena" +Johannes, der Schweinehirt, +Jonas, Justus +Jonas, Christoph +Jonas, Elisabeth +Jonas, Justus d.J. +Jonas, Katharina +Jonas, Sofia +Joerger, Christoph und Dorothea von Tollet +Juristen + +K siehe C. +Kanitz s. Canitz. +Karl V. +Karlstadt s. Carlstadt +Kaufmann, Andreas +Kaufmann, Cyriac +Kaufmann, Joerg +Kaufmann, Fabian +Kaufmann, Lehne (s. Muhmchen Lene) +Kaufmann, Else +Kegel +Kieritzsch +Klausur +Klosterkinder +Kloster-Regel +Koburg s. Coburg. +Koenigsberg +Koppe, Leonhard. +Kreuziger (Cruciger) Kasper + (Frauen) +Kummer +Kunheim, von + +Lauterbach +Lauterbach, Frau +Leipzig +Lemle (Leminus) +Lene (von Bora), Muhme, d. Aeltere +Lene, (Kaufmann) Muhme, d. Juengere +Lichtenberg +Lindemann, Kaspar +Link, Wenzel +Lippendorf +Lischnerin, Barbara +Loeser, Hans, zu Pretsch, Erbmarschall +Loeser, Hans, der Sohn +Lufft, Hans, Buchdrucker +Lueneburg, Herzog +D.M. Luther + Tischreden + Geselligkeit + Krankheiten +Luthers Eltern +Luthers Kinder + Hans, d.J. + Elisabeth + Magdalene + Martin + Paul + Margareta +Luthers Bruder: Jacob +Luthers Neffe: Martin +Luthers Schwester: Dorothea +Lutherbrunnen + +Magdeburg +Magister +Mainz, Kurfuerst Erzbischof Albrecht +Maehrische Brueder +Major Georg +Mansfeld, Stadt +Mansfeld, Grafen + Graf Albrecht + Graefin + Soehne +Marburg +Matthesius, Joh. +Maugen (a Maugis) +Medler +Melanchthon, M. Philipp +Melanchthon, Lippus +Melanchthons Frau, Katharina +Menius +Meissen +Mergenthal, Hans von +Mergenthal, Kath. von +Metsch, Hans +Mohr (Aetiops) +Mochau, Margr. v. +Moenche +Morgenstern v. Wittenberg +Mueller, Kaspar Kanzler +Motterwitz +Muenster, Dr. Sebald +Muensterberg, Ursula, Herzogin +Myconius (Mekum) Fr. + +Naumburg +Neobolus (Neuheller) +Niemeck +Nimbschen +Nonnen im Kloster + entflohen +Nonnen-Ehe + Nonnen-Kind +Novizen +Nordhausen +Nuernberg + +Pfister +Pforta +Pforzheim +Pirkheimer +Pirna +Plato +Polner, Hans +Pommer = Bugenhagen +Preussen, Albrecht, Herzog von +Probst +Professoren + +Ratzeberger, Dr. Matthias +Reichenbach, M. Phil. +Reliquien +Reuchlin = Reichel +Reuter, Buergermeister +Riedtesel +Rischmann +Roehrer (Rorer, Rorarius) Gg. +Rosina +Roth +Rothenburg +Ruehel +Rutfeld + +Sabinus, Melanchthons Schwiegersohn +Sachsen, Land +Sachsen: Georg, Herzog + Heinrich + Moriz + Kurfuerst Friedrich + Johann + Joh. Friedrich + Johann Ernst +Sala, Hanna von +Saumarkt +Schenck, Jakob +Sibylle, Herzogin +Schiefer +Schla(g)inhausen +Schmalkalden +Schnell, Georg +Schoenfeld, Ave (Eva) + Ernst +Schurf, Augustin, Arzt + Hieron., Jurist + Hanna, geb. Muschwitz +Severus = Schiefer. +Sieberger, Wolfgang +Spalatin +Specke +Speckstudenten +Speratus +Spiegel, Erasmus, Stadthauptmann von Wittenberg +Staupitz, Joh. von +Staupitz, Magdalena +Stiefel, Michael +Strauss, Anna (Hanna) +Studenten, "Bruder Studium" + +Tagloehner Kaethes +Taubenheim, Hans von +Taubenheim, Dietrich +Tischreden +Tollet s. Joerger +Tommitzsch, Wolf +Torgau + +Ursula s. Muensterberg + +de Vay +Vergerius, Kardinal +Viscamp + +Wachsdorf +Warbeck +Weimar +Weller, Hieron. +Weller, Mathias +Weller, Peter + S. Lischner. +Wittenberg, Stadt und Rat +Wolf(gang) s. Sieberger + +Zeschan +Zell, Katharina (Schuetzin) +Zink, Hans +Zulsdorf +Zwilling + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Katharina von Bora, by D. Albrecht Thoma + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KATHARINA VON BORA *** + +***** This file should be named 12636.txt or 12636.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/6/3/12636/ + +Produced by Charles Franks and the DP Team + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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