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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12636 ***
+
+[Illustration: Katharina von Bora
+
+nach dem Gemälde von Lucas Cranach im Museum zu Schwerin
+
+Phot. F. u. O. Breckmann Nachf., Dresden.
+
+Verlag Georg Reimer, Berlin.]
+
+
+
+
+Katharina von Bora
+
+
+Geschichtliches Lebensbild
+
+von D. Albrecht Thoma
+
+
+Berlin
+
+Druck und Verlag Georg Reimer.
+
+1900.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+In dem „Leben Luthers“ bietet das Kapitel „Luthers Häuslichkeit“ als
+freundliche Idylle ein liebliches Ausruhen von den dramatischen Kämpfen
+und dem epischen Gange einer reformatorischen Wirksamkeit. Die Briefe an
+eine „liebe Hausfrau“ sind unter den Tausenden seiner Episteln die
+schönsten und originellsten. Dafür liegt der Grund doch nicht allein in
+dem reichen Gemüt und dem geistvollen Humor des großen Mannes, sondern
+auch in der Persönlichkeit seiner lebhaften, temperamentvollen Gattin.
+Es muß doch eine bedeutende Frau gewesen sein, die der große Mann als
+seine Lebensgefährtin zu sich emporhob und die sich getraute, die Gattin
+des gewaltigen Reformators zu werden und der es gelungen ist, ihm zu
+genügen; und ein sympathischer Charakter mußte das sein, an dem er seine
+frohe Laune so schön entfalten konnte. Sie hat ihrem Doktor das schöne
+Heim geschaffen und das vorbildliche evangelische Pfarrhaus. Und so lebt
+auch Luthers Käthe als die Genossin von dem Liebling und Stolz unserer
+Nation in der Seele des deutschen Volkes in gutem Gedenken.
+
+Es kann nun auffallen, daß eine eigentliche Lebensgeschichte der Gattin
+Luthers bisher noch gar nicht erschienen ist, daß fast mehr
+schmähsüchtige Feinde, wie vor hundertfünfzig Jahren ein Engelhard, ihre
+wenig lauteren Künste an dieser Aufgabe geübt haben; und besonders ist
+zu verwundern, daß in dem letzten halben Jahrhundert, diesem so
+hervorragend historischen Zeitalter, — seit den beiden gleichzeitig
+erschienenen quellenreichen Skizzen von _Beste_ und _Hofmann_ — keine
+Biographie entstand, nicht einmal für dieses Jubiläumsjahr ihres
+vierhundertjährigen Geburtstages.
+
+Der Grund dieser eigentümlichen Erscheinung liegt aber doch klar. Einmal
+wird eben in „Luthers Leben“ das Bild Katharinas von Bora stets mit
+hineingemalt; sodann ist es schwierig, neben der gewaltigen Gestalt
+ihres Gatten sie recht zur Geltung kommen zu lassen; endlich ist eine
+mühsame Kleinarbeit erforderlich, um eine lebensvolle Zeichnung zu
+entwerfen, und überraschende Entdeckungen sind bei aller Findigkeit hier
+nicht zu machen.
+
+Dennoch verdient Luthers Käthe — so viel das geschehen kann — für sich
+besonders betrachtet zu werden, wie ja ihr Bild so oft für sich neben
+demjenigen des großen Doktors gemalt ist. Ist Frau Käthe freilich nichts
+ohne den D. Martinus, so kann man doch auch fragen: Was wäre Luther ohne
+seine Käthe? Dem Lebensbilde des großen Reformators fehlte das
+menschlich Anziehende, fehlten die vor allem uns Deutschen ausbrechenden
+gemütlichen Beziehungen des Familienlebens. Und das hat Frau Käthe ihm
+geschaffen. Ihr ist es zu verdanken, daß die Welt ihn so lange, und so
+lange in geistiger Frische und freudigem Arbeitseifer gehabt hat.
+
+So mag es ein Denkmal sein, und — wie es der schlichten deutschen
+Hausfrau geziemt — ein anspruchsloses, was ihr hier zu ihrem
+vierhundertjährigen Gedächtnistage gesetzt ist.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis.
+
+
+1. Katharinas Herkunft und Familie.
+
+Sachsen und Meißen
+Bora
+Lippendorf
+Eltern und Brüder
+„Muhme Lene“ und Maria v. Bora
+Armut der Familie
+Der Eltern Tod
+
+
+2. Im Kloster
+
+„Ehrsame“ Jungfrauen
+Adelige Stifter
+Klosterkinder
+Nimbschen
+Klosterfrauen
+Klausur
+Würden
+Klostergenossinnen
+Die Novize
+Kloster-Regel
+Erziehung
+Die Postulantin
+Einsegnung
+Tagewerk
+Reliquien
+Ablaß
+Kloster-Erlebnisse
+Nonnen-Beruf
+
+
+3. Die Flucht aus dem Kloster
+
+Luthers Schriften über Ablaß, gute Werke, Klostergelübde
+Vermittelung der Schriften
+Leonhard Koppe
+Austrittsgedanken
+Die Verwandten
+Klagebrief an Luther
+Bedenken
+Flucht-Plan
+Das Entkommen aus dem Kloster
+Die Flucht
+Offener Brief an Koppe, „daß Jungfrauen Kloster göttlich verlassen mögen“
+Der Abt von Pforta
+Neue Entweichungen
+
+
+4. Eingewöhnung ins weltliche Leben
+
+Versorgung der Klosterjungfrauen
+Katharina bei Reichenbach
+Hier. Baumgärtner
+D. Glatz
+
+
+5. Katharinas Heirat
+
+Luther drängt zur Ehe
+Verehelichung von Priestern und Klosterleuten
+Luther denkt zu heiraten
+Eine Nonne soll's sein
+Luthers Werbung
+Trauung und Hochzeit
+Gäste
+Geschenke
+Das Fest
+
+
+6. Das erste Jahr von Katharinas Ehestand.
+
+Im „Schwarzen Kloster“
+Ausstattung
+Angewöhnung
+Unterhaltung
+Bild
+„Die erste Liebe“
+Verstimmung der Freunde
+Schmähungen der Feinde
+Gefahren
+Stimmungen
+
+
+7. Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.
+
+Johannes
+Elisabeth
+Magdalena
+Martin, Paul
+Margareta
+Elternfreuden
+Muhme Lene
+Neffen und Nichten
+Zuchtmeister
+Gesinde, Gäste
+Besuche
+
+
+8. Katharinas Haushalt und Wirtschaft.
+
+Das Regiment in Luthers Haus
+Haus und Hof
+Bauereien
+Geräte
+Schenkungs-Urkunde
+Teurer Markt
+Landwirtschaft
+Gärten
+„Haus Bruno“, Gut Booß
+Zulsdorf
+Grundbesitz
+Arbeitsseligkeit
+
+
+9. „Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Käthe.“
+
+Armut
+Einkünfte
+„Geschenke“
+Umsonst
+Hausrechnung. „Gieb Geld“
+Luthers Mildthätigkeit
+Schulden
+insidiatrix Ketha
+„Rätlichkeit“
+„Wunderlicher Segen“
+„Lob des tugendsamen Weibes“
+
+
+10. Häusliche Leiden und Freuden.
+
+Schwerer Haushalt
+Krankheitsanfall Luthers (1527)
+Die Pest
+Hochzeit und Tod
+Flüchtlinge und Hochzeiten
+Visitationsreisen
+Briefe von der Koburg
+Die Großeltern
+Besuche und Reisen
+Ein Kardinal in Wittenberg
+Tischgesellen, Famulus, Käthes Brüder
+Kinderzucht
+Rosine
+Käthes Tagelöhner
+
+
+11. Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod.
+
+„Mühmchen Lene“ und Veit Dietrich
+Lenchens Verlobung (1538)
+„Des Teufels Fastnacht“ (1535)
+In den „hessischen Betten“
+Luthers tödliche Krankheit in Schmalkalden (1537)
+Muhme Lene †
+Pflege der Elisabeth von Brandenburg
+Wieder Pest (1539)
+Käthes tödliche Krankheit (1539)
+Briefe aus Weimar (1540)
+Allerlei Sorgen
+Hanna Strauß verlobt und Mühmchen Lene verwitwet
+Haus in Torgau, Lenchens Krankheit und Tod
+Hansens Heimweh
+
+
+12. Tischreden und Tischgenossen.
+
+Eine akademische Hochzeit
+Allerlei Feste
+Besuche
+_Cordatus_
+_Stiefel_
+_Kummer, Lauterbach_
+_Schlaginhaufen, Weller_
+_Hennik; Barnes; de Bai_
+_Dietrich_
+_Besold_
+_Holstein; Schiefer; Matthesius_
+_Goldschmidt u.a._
+Käthes „Tischburse“
+Die „Tischgespräche“
+
+
+13. Hausfreunde.
+
+Humanisten-Freundschaft
+Der Freundeskreis des Lutherischen Hauses
+Grüße und Geschenke
+_Amsdorf; Agrikola_
+_Probst_
+_Brisger, Biscampius, Zwilling; Mykonius; Capito_
+Die Nürnberger: _Link_ und _Friedrich_; _Baumgärtner_
+_Dietrich_; Geschwister _Weller_
+_Hausmann_
+_Schlaginhaufen_
+_Lauterbach_
+_Spalatin_
+Hans von _Taubenheim_
+Amtsgenossen
+_Kreuziger_
+_Bugenhagen_
+_Jonas_
+_Melanchthon_
+Sabinus und Lemnius
+Brief der Freunde an Käthe
+Die Tafelrunde
+Freundinnen
+
+
+14. Käthe und Luther.
+
+Die „Erzköchin“
+Luthers Enthaltsamkeit und Festfreude
+Käthe als Krankenpflegerin
+Käthes Humor
+Verdächtigungen Käthes
+Käthes geistige Interessen
+Was Luther von Käthe hielt
+„Ihr“ und „Du“
+„Herr“ Käthe
+„Liebe“ Käthe
+Luthers ungünstige Aeußerungen
+Lob des Weibes
+„Häuslicher Zorn“
+Lob des Ehestandes und Käthes
+Käthes „Bildung“
+Ebenbürtigkeit
+Käthes Bild
+
+
+15. Luthers Tod.
+
+Trübe Zeitlage
+Hader im eigenen Lager
+Die „garstigen“ Juristen
+Abscheiden der Freunde
+Luthers zunehmende Krankheiten
+Arbeit und Humor
+Wegzugsgedanken
+„Speckstudenten“ und Kleidermoden
+Abreise
+Schrecken in Wittenberg
+Reisen nach Eisleben
+Briefe von Halle und Eisleben
+Der letzte Brief
+Die Todesnachricht
+Zurüstung zur Bestattung
+Trostbrief des Kurfürsten
+Der Leichenzug
+Katharinas Stimmung
+
+
+16. Luthers Testament.
+
+„Die Welt ist undankbar, die Leute sind grob“
+Dr. Brücks Zorn auf Katharina
+Fürstliche und freundschaftliche Fürsorge
+Das sächsische Erbrecht
+Katharinas Leibgeding
+Die Erbschaft
+Brücks und Katharinas Pläne
+Katharinas Bittschrift
+Reden der vier Hausfreunde
+Brücks Gutachten
+Die Entscheidungen des Kurfürsten
+Kampf um Wachsdorf und die Kinder
+Wolf, Gesinde und Tischburse
+Fürsorge für Florian von Bora
+Mahnungen an den Dänenkönig
+
+
+17. Krieg und Flucht.
+
+Beginn des Schmalkaldischen Kriegs, zweierlei Gebete
+Anmarsch auf Wittenberg, Flucht
+Belagerung Wittenbergs. In Magdeburg
+Brief von und an Christian III.
+Schreckensgerüchte
+Neue Flucht; in Braunschweig
+Heimkehr
+
+
+18. Der Witwenstand.
+
+Wie's daheim aussah
+Kriegsschäden und Proceß
+Kosttisch; Anlehen
+Das Interim. Hans Luther nach Königsberg
+Leiden und „gnädige Hilfe“
+Hans in Königsberg
+Kriegslasten
+„Dringende Not“
+
+
+19. Katharinas Tod
+
+Flucht vor der „Pestilenz“
+Der Unfall
+Anna von Warbeck
+Das Leichenprogramm und die Bestattung
+Nachkommen und Reliquien
+Denkmäler
+Katharinas Gedächtnis
+
+
+Belege und Bemerkungen.
+
+
+Register.
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Katharinas Herkunft und Familie[1].
+
+
+Zur Zeit der Reformation umfaßte das Land Sachsen etwa das heutige
+Königreich, den größten Teil der Provinz Sachsen und die
+thüringisch-sächsischen Staaten. Diese sächsischen Lande aber waren seit
+dem Erbvertrag von 1485 zwischen den Ernestinern und Albertinern geteilt
+in ein Kurfürstentum und ein Herzogtum. Wunderlich genug war diese
+Teilung, aber ganz nach damaligen Verhältnissen: zum Albertinischen
+Herzogtum, auch „Meißen“ genannt, gehörte der größte Teil vom heutigen
+Königreich mit den Städten Meißen, Dresden, Chemnitz; ferner ein
+schmaler Streifen von Leipzig bis nach Langensalza. Dazwischen dehnte
+sich das Kurfürstentum mit den Hauptstädten Wittenberg, Torgau, Weimar,
+Gotha, Eisenach westwärts, und Zwickau und Koburg nach Süden. Die
+Kursachsen sahen mit einigem Stolz auf ihre Nachbarn herab, welche bloß
+herzoglich waren, gebrauchten auch wohl den alten Spottreim: „Die
+Meißner sind Gleisner“. Wenn's auch nicht wahr war, es reimte sich doch
+gut[2].
+
+Aus dem Herzogtum Meißen stammte nun Katharina von Bora, Luthers
+Hausfrau[3], während er selbst ein geborener Mansfelder, dann ein Bürger
+der kursächsischen Residenz Wittenberg und Beamter des Kurfürsten war.
+Er beklagte sich wohl bei seiner Frau über ihren Landesherrn, Herzog
+Georg den Bärtigen, welcher, ein heftiger Gegner der Reformation, mit
+Luther in steter Fehde lag, gehässige Schriften gegen ihn losließ und
+die Lutheraner im Lande „Meißen“ verfolgte. Daneben neckte Luther seine
+Käthe auch, als sie in Leipzig bei seinen Lebzeiten die Märe von seinem
+Tode verbreiteten: „Solches erdichten die Naseweisen, deine
+Landsleute“[4].
+
+Im Meißenschen nun hinter der Freiberger Mulde, eine Stunde ostwärts von
+dem „Schloß und Städtchen“ Nossen lagen die beiden Ortschaften Wendisch-
+und Deutschenbora[5], eine Viertelstunde von einander zwischen
+Tannengehölzen, denn Tanne heißt auf slavisch „Bor“[6]. Hier hatte das
+Geschlecht der Bora seinen Stammsitz. Von dort verpflanzte es sich in
+verschiedenen Zweigen an viele Orte des Sachsenlandes; so auch in die
+Nähe von Bitterfeld und Borna, je fünf Stunden nördlich und südlich von
+Leipzig. Sie führten alle im Wappen einen steigenden roten Löwen mit
+erhobener rechter Pranke in goldenem Feld und den Pfauenschweif als
+Helmzier[7].
+
+Aus welchem dieser neun oder zehn Zweige aber Frau Katharina, des
+Reformators Ehegattin, stammte, ist nicht mehr gewiß auszumachen. Mehr
+als sieben Orte, wie bei dem Vater der griechischen Dichtung, Homer,
+streiten sich um die Ehre, ihre Geburtsstätte zu sein: das ist fast
+jeder Ort, wo früher oder später Bora gewohnt und gewaltet haben. Aber
+man kann eher noch beweisen, daß sie aus acht dieser Orte nicht stammt,
+als daß sie am neunten Ort wirklich geboren sei[8].
+
+Vielleicht ist Katharinas Geburtsort beim alten Stammsitz des
+Geschlechts: zu Hirschfeld, einem sehr fruchtbaren Hofgut in der
+dörferreichen Hochebene, wo man nördlich nach dem nahen Deutsch-Bora und
+dem etwas ferneren Wendisch-Bora schaut, gen Westen aber, in einer
+Entfernung von einer Stunde, die burggekrönte Bergnase von Nossen
+erblickt.
+
+Wahrscheinlicher aber wurde Käthe zu _Lippendorf_ geboren. Westwärts
+nämlich von Borna an der Pleiße zieht sich als meißnisches Gebiet ein
+weites Blachfeld, dessen Einförmigkeit nur durch dunkle Gehölze
+unterbrochen wird. Nur ein paar hundert Schritte von dem Kirchdorf
+Medewitzsch erhebt sich das Häuflein Häuser des kleinen Dörfchens
+Lippendorf und etwas abseits gelegen ein größeres Gut, mit einem Teiche
+dahinter. Das war zwar kein rittermäßiger Hofsitz, aber doch ein
+stattliches Lehngut, das heutzutage seinen Besitzer zu einem
+wohlhabenden Bauern macht. Um 1482 saß dort ein Hans von Bora mit
+seiner Gemahlin Katharina; um 1505 ist's ein Jan von Bora mit seiner
+Gattin Margarete, einer geborenen von Ende. Wahrscheinlich ist Hans und
+Jan nicht Vater und Sohn, sondern dieselbe Person und Margarete nur
+seine zweite Ehefrau.
+
+Hier wäre nun Katharina an dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, 15-1/4
+Jahre nach Martin Luther, auf die Welt gekommen. In diesem
+bauernhofähnlichen Anwesen wäre sie — vielleicht unter einer Stiefmutter
+— herangewachsen. An diesem Teich hätte sie als Kind gespielt und
+hinübergeschaut nach dem nahen Rittersitz Kieritzsch mit seinem
+Schloßpark und kleinen Kirchlein, und weiterhin über die Wiesen und
+Gehölze der Mark Nixdorf nach der „Wüstung Zollsdorf“ — wo sie später
+als ehrsame Hausfrau und Doktorin vom fernen Wittenberg herkommend
+hausen und wirtschaften sollte, wie sie's zu Lippendorf in Hof und
+Stall, Küche und Keller von der fleißigen Mutter gelernt.[9]
+
+Aber sicher ist diese Annahme nicht. Es kann auch ein anderer Ort
+Katharinas Geburtsstätte sein.
+
+Ja, sicher weiß man nicht einmal den Namen von Vater und Mutter. Hans
+konnte der Vater wohl geheißen haben, so hieß damals jeder dritte Mann,
+auch im Bora'schen Geschlecht. Und nach einer andern, nicht
+unglaubwürdigen Nachricht wäre die Mutter eine geborene von Haubitz
+gewesen und hätte nach der Tradition den ebenfalls zu jener Zeit sehr
+beliebten Namen Anna getragen. Dann wäre freilich Lippendorf nicht
+Käthes Heimat gewesen. Unzweifelhaft gewiß ist nur ihr Geburtstag, der
+29. Januar 1499; denn dieser Tag ist auf einer Schaumünze eingegraben,
+die heute noch vorhanden ist[10].
+
+Auch ihre nächsten Verwandten sind bekannt.
+
+Katharina hatte wenigstens noch drei Brüder. Der eine, dessen Name nicht
+genannt ist, verheiratete sich mit einer gewissen Christina und starb
+ziemlich frühzeitig, vielleicht schon um 1540. Denn sein Sohn Florian,
+der etwa gleichaltrig mit Luthers Aeltestem d.h. damals vierzehn Jahre
+alt war, wurde um diese Zeit ins Haus genommen und wollte 1546 die
+Rechte studieren; damals war „Christina von Bora Witfraw“[11].
+
+Der andere Bruder Katharinas ist _Hans_ von Bora. Er war 1531 in
+Diensten des Herzogs Albrecht von Preußen, kehrte aber etwa 1534 von
+dort zurück, um für sich und seine Brüder das Gütlein Zulsdorf als
+„Erbdächlein“ zu übernehmen. Er bekam in seinen Mannesjahren von seinem
+Schwager Luther und von Justus Jonas das Lob eines „aufrichtigen, feinen
+und treuen Menschen“. „Treu und brav ist er, das weiß ich, dazu auch
+geschickt und fleißig“, bezeugt ihm Luther[12].
+
+Weniger Löbliches ist von dem dritten Bruder _Klemens_ bekannt. Er kam
+mit Bruder Hans nach Königsberg, geriet aber nach dessen Rückkehr in die
+Gesellschaft eines adligen Raufboldes, der in seiner Gegenwart einen
+Zimmergesellen im Rausch erstach, was ihm selbst übeln Ruf zuzog und ihn
+in Ungnaden bei dem Herzog brachte[13].
+
+Außer den Brüdern Katharinas ist auch eine Muhme (Base) Lene bekannt,
+welche später in Luthers Haus lebte. Es wird dies niemand anders sein
+als die Magdalena von Bora, des Vaters Schwester[14], welche freilich
+zur Zeit von Katharinas Geburt schon lange im Kloster Nimbschen lebte.
+
+Wenn es wahr ist, daß um 1525 eine Maria von Bora auf Zulsdorf sich nach
+Wittenberg verheiratete[15], so müssen auf diesem Vorwerk in den
+zwanziger Jahren noch nahe Verwandte gelebt haben. Reich konnten diese
+aber nicht sein, denn das ganze Gut war nur 600 fl. wert und nährte
+seinen Mann nicht, wie später Bruder Hans selbst erfuhr. Ein weiterer
+Verwandter Katharinas war Paul von Rachwitz, welcher zu Bitterfeld
+wohnte in dessen Nähe auch in Zweig der Bora hauste[16].
+
+Die Familie Katharinas muß recht arm gewesen sein: es heißt sogar: sie
+war in die äußerste Bedrängnis geraten. Florian, der Sohn des ältesten
+Bruders, war jedenfalls nach seines Vaters Tod, obwohl dieser
+wahrscheinlich das Erbgut besaß, doch auf Stipendien angewiesen für
+seine Studien. Bruder Hans war am preußischen Hof so ärmlich gestellt,
+daß Luther für ihn dem Herzog Albrecht „beschwerlich sein“ und schreiben
+mußte: „Nachdem meiner Käthen Bruder Hans von Bora nichts hat und am
+Hofe Kleid und Futter genug nicht hat, wollten E.F.Gn. verschaffen, daß
+ihm jedes Vierteljahr ein paar Gulden würden zugeworfen, damit er auch
+Hemd und andere Notdurft bezahlen möchte.[17]“
+
+Katharina selbst endlich hat, wie es scheint, nicht einmal ein
+Leibgeding mit ins Kloster bekommen, wie es andere, wohlhabendere adlige
+Fräulein mit durchschnittlich 3 Schock[18] jährlich erhielten; und auf
+ihre Einsegnung konnte sie nur 30 Groschen spenden, während neue Nonnen
+wohl 100 oder wenigstens 40 Groschen opferten. Bei ihrer Heirat konnte
+sie keine Mitgift in die Ehe bringen[19].
+
+So ist also Katharina von Bora — wo es auch sei — in gar engen
+Verhältnissen aufgewachsen, und wenn man sich das junge Mädchen etwa als
+zartes Ritterfräulein am Burgfenster mit dem Stickrahmen oder als
+Jägerin auf stolzem Zelter vorstellen wollte, so gäbe das ein gar
+falsches Bild. Wir haben sie uns vielmehr zu denken wie eine junge
+Bauerntochter auf dem Hofgut schaltend und waltend, der Mutter an die
+Hand gehend in der Wirtschaft, zugleich als die Aelteste, vielleicht als
+einziges Töchterlein, auch eine gewisse Selbständigkeit und
+Herrschergabe entfaltend, wie sie sich später in der reifen Frau
+entwickelt zeigt.
+
+Freilich ein wirkliches anschauliches Bild ihrer Kindheit zu entwerfen
+vermögen wir nicht, dazu fehlen alle Anhaltspunkte, alle Formen und
+Farben. Wir mögen dies bestimmte Bild aus der ersten Jugendzeit, in die
+wir uns bei einem Menschenleben so gerne versenken, bei Katharina
+schmerzlich vermissen, da sich die ganze Umgebung, der Hintergrund der
+Landschaft und selbst die notwendige Staffage von Vater und Mutter und
+alles, was auf ein junges Menschenkind einwirkt, bis auf die Namen
+verwischen und verschwinden, während zum Beispiel bei ihrem Gatten, dem
+Doktor Luther, Elternhaus, Vater, Mutter, Geschwister, Gespielen, Heimat
+und Schule so deutlich und plastisch sich herausheben, daß sie ein gar
+lebendiges und farbenreiches Gemälde geben. Aber man kann sich doch auch
+wieder über diesen Mangel leicht trösten.
+
+Denn wie es scheint, sind die Eltern beide früh gestorben. Sobald
+Katharina ins Licht der Geschichte tritt mit ihrer Heirat, ja schon bei
+ihrer Entweichung aus dem Kloster, ist jede Spur von ihnen verschwunden:
+die Eltern erscheinen nicht bei ihrer Hochzeit, wie die Eltern von
+Luther; sie werden um ihre Einwilligung nicht gefragt, worauf doch
+Luther sonst so großes Gewicht legt; ja sie kommen schon nicht in
+Betracht bei der Flucht aus dem Kloster, als es sich um eine Unterkunft
+handelt; und auch während der ganzen Klosterzeit kommt Vater und Mutter
+nicht zum Vorschein, wie es doch oftmals bei Klosterjungfrauen der Fall
+ist. Vielleicht ist gerade der Eltern früher Tod für Katharina die
+Veranlassung gewesen, so bald ins Kloster einzutreten.
+
+Wie dem aber auch sei, die geistige Entwicklung des jungen Fräuleins
+fällt nicht in das Elternhaus. Denn sehr früh kam Katharina von daheim
+fort und ihre bewußte Jugendzeit verbrachte sie fern von der Heimat im
+Jungfrauen-Stift.
+
+So fällt Katharinas Eintritt, obwohl sie 15 Jahre jünger war, etwa in
+dieselbe Zeit, als der Erfurter Magister Martin Luther die Studien
+verließ und in das Kloster der Augustiner ging.
+
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Im Kloster.
+
+
+Wenn heutzutage ein armes Mädchen aus besseren Ständen versorgt werden
+soll, das nicht auf große Mitgift und darum auf Verheiratung rechnen und
+somit dem natürlichen weiblichen Beruf, dem Familienleben,
+voraussichtlich entsagen muß, so kommt es in eine Anstalt und bildet
+sich zur Lehrerin oder dergleichen aus. Im Mittelalter kam so ein armes
+Fräulein, dessen Ausstattung die schmalen Erbgüter der Stammhalter und
+Schwestern noch mehr geschmälert hätte, zur Versorgung ins Kloster. Die
+alten Klöster (der Benediktiner, Cisterzienser, Bernhardiner) wurden so
+Versorgungsanstalten[20]. Es waren adelige Stifter, fromme Anstalten der
+Vorfahren, worin „ehrsame“ (d.h. adelige) Jungfrauen Gott dienen und für
+die Seelen der Lebenden und Verstorbenen beten sollten[21]. Statt des
+jetzigen „geistigen“ Berufs zum Wirken in der Welt für lebendige
+Menschen diente damals der „geistliche“ Beruf zur Verehrung Gottes und
+der Heiligen, zum ewigen Seelenheil der Lebenden, namentlich aber der
+toten Anverwandten im Fegefeuer. Statt der heutigen freien und doch
+nicht immer freiwilligen Entschließung zu einem selbstgewählten Beruf,
+der freilich immer nur bedingungsweise und auf Zeit ergriffen wird, galt
+es damals die „ewige“ unwiderrufliche „Vergelübdung“ auf Lebenszeit;
+statt der „Emanzipation“, welche einer außer dem Familienleben stehenden
+Jungfrau heute mehr oder weniger wartet, harrte ihrer damals die
+„Klausur“, die Einschließung in die Klostermauern in einem streng
+geschlossenen Verband, dem „Orden“, unter dem straffen Bande der
+„Regel“, der Klostersatzungen.
+
+Nach Begabung und Neigung zu diesem geistlichen Beruf wurde da wenig
+gefragt, und es konnte auch keine Rücksicht darauf genommen werden[22].
+Dazu war in diesen Zeiten die elterliche Autorität, namentlich über
+Töchter, viel zu groß, und der Familiensinn in solchen adeligen Häusern
+war ein zu stark ausgeprägter, als daß sich ein Glied in individueller
+Neigung gegen das Herkommen und die Familiensitte wie gegen die
+Forderungen der Existenzbedingungen seines Geschlechts aufgelehnt hätte.
+Nach den kirchlichen Bestimmungen galt der Grundsatz: „Einen Mönch macht
+entweder die elterliche Vergelübdung oder die eigene Einwilligung“[23],
+also in erster Linie die Bestimmung der Eltern! Diese hielten es eben
+für eine standesgemäße Versorgung und zugleich für einen „guten seligen
+Stand“, wie eine Nonne aus dieser Zeit erklärt[24].
+
+Zudem wurden die Töchter in einem Alter in das Stift gethan, wo von
+einer Willensentscheidung gar keine Rede sein konnte[25]. Die Mädchen
+waren noch Kinder. Der Eintritt konnte schon im sechsten Lebensjahr
+geschehen; viele kamen auch später hinein, wenn sich die
+Familienverhältnisse durch Wachstum der Kinderzahl, Tod der Mutter und
+dergleichen anders gestalteten. Aber auch in noch früherem Alter wurden
+„Kostkinder“ aufgenommen, welche dann auch oft Klosterjungfrauen wurden.
+
+„Es ist eine hohe Not und Tyrannei, daß man leider die Kinder,
+sonderlich das schwache Weibervolk und junge Mädchen in die Klöster
+stößet, reizet und gehen läßt“ — so äußert sich Luther gerade über das
+Kloster, worin sich Katharina von Bora befand, und ruft entrüstet aus:
+„O die unbarmherzigen Eltern und Freunde (Verwandten), die mit den
+Ihren so schrecklich und greulich verfahren!“[26]
+
+Nicht anders erging es auch der Tochter aus dem verarmten Hause Bora.
+Katharina ward ins Kloster geschickt — gefragt wurde das Kind natürlich
+nicht; es geschah „ohne ihren Willen“, wie denn Luther im allgemeinen
+von ihr und ihren Mitschwestern von Verstoßung ins Kloster redet und von
+Zwang. Er fragt bei dieser Gelegenheit seine Zeitgenossen: „Wie viel
+meinst du, daß Nonnen in Klöstern sind, die fröhlich und mit Lust
+ungezwungen ihren Gottesdienst thun und Orden tragen? Unter tausend kaum
+eine. Was ist's, daß du solches Kind läßt also sein Leben und alle seine
+Werke verlieren?“[27]
+
+Katharina kam vielleicht schon mit dem 6. Lebensjahr ins Kloster; denn
+in ihrem sechsten Lebensjahr verschreibt Jan von Bora auf Lippendorf
+alle seine Güter allda seiner — vielleicht in diesem Jahr geheirateten
+zweiten — Ehefrau. Jedenfalls war Katharina im zehnten Lebensjahr (1509)
+schon Klosterjungfrau; und zwar nicht mehr die jüngste, sondern die
+zweitjüngste von den Aufgenommenen und blieb noch lange Jahre (bis 1516)
+die vorletzte in der Reihe der Schwestern[28].
+
+Klöster gab es damals genug im Land: es wurden allein im Meißnischen
+gegen 30 Nonnenklöster gezählt[29]. In welches Kloster Katharina
+eintreten sollte, das stand von vornherein fest: es mußte das adelige
+Cisterzienserinnen-Kloster „Marienthron“ oder „Gottesthron“ _Nimbschen_
+bei Borna im Kurfürstentum Sachsen sein[30]. Denn hier war eine Muhme
+von Vaterseite, vielleicht Vatersschwester Magdalene von Bora schon
+lange Zeit Klosterjungfrau und bekleidete von 1502-8 das Amt einer
+Siechenmeisterin, d.h. Krankenwärterin der Nonnen. Außerdem waren,
+scheint es, noch zwei Verwandte aus der mütterlichen Familie der Haubitz
+da: eine ältere Margarete und eine jüngere Anna.
+
+Das Kloster Nimbschen hat eine hübsche Lage. Eine Stunde unterhalb,
+nachdem die beiden Mulden, die Zwickauer von Süden und die Freiberger
+von Osten her zusammengeflossen sind zu der großen Mulde, erweitert sich
+das enge Flußthal zu einer viertelstundebreiten ebenen Aue, welche die
+Form eines länglichen Blattes hat und eine halbe Stunde lang ist. Am
+Ostufer zieht sich eine schroffe Felswand aus Porphyr hin, an welche
+das Muldebett sich anschmiegt; im Westen begrenzt eine niedrige, sanfter
+ansteigende, waldbewachsene Hügelkette den Werder. Ueber der nördlichen
+Blattspitze, die scharf durch die zusammenrückenden Felswände
+abschließt, erhob sich eine Burg und jenseits der Thalsperre, ungesehen
+von der Aue aus, liegt die Stadt Grimma; an dem obern Ende der Aue,
+unmittelbar am Fuße des westlichen Waldhügels, stand das Kloster. Es war
+also abgelegen von der Welt, abgeschlossen durch die beiden Hügelreihen,
+nur mit dem Blick auf die stille ruhige Aue. Drüben floß die Mulde
+ungesehen tief in ihren Ufern, überragt von der Felswand, hüben erhob
+sich der hügelige Klosterwald. Nordwärts davon schimmerte ein ziemlich
+großer Teich, welcher die leckere Fastenspeise barg.
+
+Aus dem Hügel unmittelbar neben dem Kloster waren die schmutzig braunen
+Porphyrsteine gebrochen, mit welchen die Mauern und Klostergebäude
+aufgebaut waren; ein Graben an diesem Hügel hin verhinderte noch mehr
+den unbefugten Zutritt.
+
+Das Klostergebäude war sehr umfangreich, denn so eine alte
+Cisterzienser-Abtei bildete eine Welt für sich: nach alter Regel mußte
+das Kloster alle seine Bedürfnisse selber durch eigene Wirtschaft
+befriedigen[31]. Daher gab es neben dem eigentlichen „Gotteshaus“, wie
+ein geistliches Stift genannt wurde, noch allerlei Wirtschaftsgebäude:
+Ställe für Pferde, Rinder, Schweine, Geflügel mit den nötigen Knechten
+und Mägden, Hirten und Hirtinnen für Füllen, Kühe, Schafe (das Kloster
+hatte deren 1800!), Schweine und Gänse; ferner Mäher, Drescher,
+Holzhauer, eine „Käsemutter“. Das Kloster selbst zerfiel in zwei
+Gebäudekomplexe: „die Propstei“ und die „Klausur“. Die Propstei schloß
+sich um den äußeren Klosterhof und umfaßte die Wohnung des Vorstehers
+oder Propstes, eines „Halbgeistlichen“, welcher mit „Ehren“ („Ehr“)
+angeredet wurde, dann die Behausung des Verwalters oder Vogts (Voit)
+samt dem Schreiber; ferner das „Predigerhaus“, in welchem die zwei
+„Herren an der Pforte“, d.i. Mönche aus dem Kloster Pforta, als
+Beichtväter wohnten, denn Pforta hatte die Oberaufsicht über Nimbschen.
+Ein Brauhaus, Backhaus, Schlachthaus, Schmiede, Mühle, Küche und Keller
+waren noch da, worin die verschiedenen Klosterhandwerker hausten und
+hantierten; auf dem Thorhaus saß der Thorwärter Thalheym. Ein
+„Hellenheyszer“ hatte die Oefen zu besorgen.
+
+Es war eine gar umfangreiche Wirtschaft und ein großes Personal: 40-50
+Leute waren in der Klosterzeit Katharinas von Bora täglich „über den
+Hof“ zu speisen; und dazu mußten Löhne gezahlt werden, vom Oberknecht
+mit 4 Schock 16 Groschen und Vorsteher mit 4 Schock an bis zur
+Gänsehirtin, welche nur 40 Groschen bekam.
+
+Um alle diese Personen zu besolden und neben den Klosterfrauen zu
+speisen, brauchte es natürlich großer Einkünfte an Geld, Getreide,
+Hühnern, Eiern u.s.w. von den Klosterdörfern und Höfen, außer den
+Klostergütern, die vom Klosterpersonal selbst bewirtschaftet wurden.
+Ferner hatten die Bauern noch gar manche Fronden mit Ackern, Düngen,
+Dreschen, Mähen und Heuen, Schneiden, Holzmachen, Hopfen pflücken,
+Flachs und Hanf raufen, riffeln und rösten, Schafscheren, Jagdfron
+(Treiben bei der Jagd) wofür teilweise Essen und Trinken, bei der Jagd
+auch Geld gereicht wurde.
+
+Die Nonnen selbst wohnten in der „Klausur“, einem zweiten
+Gebäudekomplex, welcher im Viereck um einen kleinen Hof gebaut war und
+aus der Kirche, dem Refektorium (Speisehaus), dem Dormitorium
+(Schlafhaus mit den Zellen) und dem Konvent (Versammlungshaus) bestand.
+Die Abtei, die Wohnung der Aebtissin, welche nicht zur Klausur gehörte,
+war zwischen dieser und dem Propsthofe.
+
+Hier im Kloster lebten nun einige vierzig Töchter adeliger Häuser aus
+verschiedenen Gegenden des kurfürstlichen und herzoglichen Sachsen. Dazu
+kamen noch ein halb Dutzend „Konversen“ oder Laienschwestern, die um
+Gottes willen, d.h. umsonst dienten. Ferner mehrere bezahlte
+„Kochmeide“, darunter eine Köchin, und die „Frauen-Meid“, d.h. die
+Dienerin der Aebtissin. Diese hatte außerdem noch zwei Knaben zu ihrer
+Verfügung, die natürlich im äußern Klosterhof wohnten und zu Kleidern
+und Schuhen zusammen 1 Schock jährlich erhielten[32].
+
+Die adeligen Klosterfrauen bildeten die Sammlung, den Konvent und hießen
+daher auch Konventualinnen. Das war eine kleine weibliche Adelsrepublik,
+die sich in allen Dingen selbst regierte nach der „Regel“, den
+Gesetzen, auf die sie eingeschworen waren — bloß unter Oberaufsicht
+ihres Visitators, des Abtes von Pforta, der aber auch nur auf Grund der
+Regel anordnen und rügen konnte. Die Regel war die des hl. Bernhard,
+eine etwas strengere Abart derjenigen der gewöhnlichen alten
+Benediktinerinnen[33].
+
+Die Nonnen waren außer der Aebtissin in die _Klausur_ eingeschlossen,
+aus welcher sie nur in Klosterangelegenheiten mit besonderer Erlaubnis,
+und dies selten und in Begleitung einer Seniorin und des Beichtvaters,
+heraustreten durften. Ein Verkehr mit der Außenwelt oder auch nur mit
+den Klosterleuten auf der Propstei fand nicht statt; auch in der Kirche
+waren sie auf einem besonderen dicht vergitterten Nonnenchor den Blicken
+der Weltleute entzogen. Verboten war ausdrücklich das Uebersteigen an
+der Orgel und das Herauslehnen über die Umzäunung des Chors. Wenn jemand
+von draußen (Geistlicher oder Weltlicher) mit einer Klosterjungfrau zu
+reden hatte, etwa die Eltern und Geschwister zu Besuch kamen, so durften
+sie nur mit besonderer Erlaubnis der Aebtissin, und nur wenn es die Not
+erforderte, in der Redstube durch das vergitterte Redfenster und in
+Gegenwart der Aebtissin mit ihr sprechen; es war unmöglich gemacht, daß
+jemand die Hand oder ein Ding durch das Fenster steckte. Ebenso war der
+Beichtstuhl vermacht, und selbst der Beichtvater durfte nur in
+Krankheitsfällen in die Klausur eintreten. Festlichkeiten und
+Ergötzungen sollten die Beichtväter nicht mit den Klosterjungfrauen
+mitmachen. Der Pförtnerin war bei Strafe verboten, Hunde (?), alte
+Weiber und dgl. einzulassen[34]. Die Schwestern durften auch nicht mit
+den Klosterkindern[35] zusammen schlafen.
+
+In diesem klösterlichen Verband gab es zur Regierung und Verwaltung der
+Gemeinschaft zahlreiche Aemter. Mit ziemlich unumschränkter Gewalt
+herrschte die gewählte _Aebtissin_: ihrem Befehl und ihren Strafen war
+mit wortlosem, unbedingtem Gehorsam nachzukommen; doch war sie gehalten,
+überall den Rat ihrer „Geschworenen und Seniorinnen“ zu hören. Ihr war
+nicht nur die äußere Verwaltung der Gemeinschaft übertragen, auch die
+„Leitung der Seelen und Gewissen“. Sie sollte sich bestreben, gleich
+liebreich gegen alle, Junge und Alte, aufzutreten, für alle, Gesunde
+und Kranke, namentlich in ihrer leiblichen Notdurft, besorgt zu sein.
+
+Mit Ehrfurcht nahten die Schwestern der Aebtissin, sie war die Domina
+(Herrin), die ehrwürdige Mutter, und die draußen wenigstens nannten sie
+„Meine gnädige Frau.“ Im Jahr 1509, also kurz nachdem Katharina von Bora
+in Nimbschen eingetreten war, starb die alte Aebtissin Katharina von
+Schönberg, und Katharinas Verwandte, Margarete von Haubitz, wurde zur
+Aebtissin gewählt und feierlich vom Abt Balthasar aus Pforta in ihr Amt
+eingeführt[36].
+
+Nach der Aebtissin kam an Würde die Priorin („Preilin“), einerseits die
+Stellvertreterin und Gehülfin derselben, andererseits aber auch die
+Vertreterin und Vertrauensperson des Konvents. Auf sie folgte die
+„Kellnerin“, die „Bursarin“ (auch „Bursariusin“, Kassiererin) die
+Küsterin, die Sangmeisterin („Sängerin“), die Siech- und
+Gastmeisterin[37].
+
+Die Schwesternschaft, in welche die junge Katharina eintrat, hatte einen
+gleichartigen gesellschaftlichen Rang: sie waren alle aus dem kleinen
+Adel und vielfach mit einander verwandt oder gar Schwestern: so die zwei
+Haubitz, die zwei Schwestern Zeschau und Margarete und Ave von
+Schönfeld, wozu noch eine Metze[38] Schönfeld kam, welche 1508
+Siechenmeisterin und später Priorin wurde. Aber die einen waren
+wohlhabend mit einem ordentlichen Leibgeding an Geld und Naturalien, die
+anderen arm, vielleicht nur bei dem Eintritt und bei der Einsegnung mit
+einem kleinen Geschenke von ihren Verwandten abgefunden. Der Wohlstand
+scheint nicht ohne Einfluß auf die amtliche Stellung gewesen zu sein;
+denn es ist doch wohl nicht Zufall, daß die am reichsten
+Verleibgedingte, Margarete von Haubitz, zur Aebtissin gewählt wurde[39].
+Auch das Alter war ein gar verschiedenes: da war die 70 jährige Ursula
+Osmund, die an hundert Jahre alt wurde, und die zehnjährige Katharina
+von Bora und die beiden jungen Schönfeld, welche in ähnlichem Alter
+standen. Lange Zeit wurden gar keine neuen Jungfrauen in das Stift
+aufgenommen: von 1510 bis 1517 blieben Katharina und Ave die letzten,
+vielleicht weil die Zahl 50 (mit den Konversen) überschritten war und
+die Einkünfte des Klosters nicht mehr Personen ertrugen. Daß die
+Klosterfrauen auch an Wesen, Charakter und Temperament verschieden
+waren, ist natürlich; aber alle geistige Individualität (alle
+„Eigenschaft“) wurde durch die Klosterregel und Klosterzucht ebenso
+ausgelöscht, wie die leibliche Verschiedenheit durch die gleiche Tracht:
+Nonnen tragen auch eine geistige Uniform. Dazu sind Freundschaften
+verboten. Von irgend einer Eigenheit einer Schwester erfährt man nichts.
+Nur die Aebtissin Margarete von Haubitz ist später charakterisiert als:
+„ehrliches (vornehmes), frommes, verständiges Weibsbild“[40].
+
+Ob die neue Klosterjungfrau _Katharina von Bora_ an ihr oder den anderen
+Verwandten aus dem mütterlichen Geschlechte eine Annehmerin gefunden
+habe, ist nicht zu sagen. Doch war nicht von vornherein die
+Verwandtschaft mit der Aebtissin ein Grund zu einer freundlichen
+Behandlung. Denn eine gleichzeitig mit Katharina in ein andres Kloster
+eingetretene junge Nonne beklagt sich, daß ihre Muhme, die Aebtissin,
+ganz besonders gewaltthätig und grausam mit ihr verfahren sei.
+Vielleicht hat Katharina eine Art mütterliche Freundin an ihrer anderen
+Verwandten aus dem väterlichen Geschlecht gefunden, der ehemaligen
+Siechenmeisterin Magdalena von Bora, weil diese nachher sich als „Muhme
+Lene“ so innig an Katharina und ihre neue Familie anschloß[41].
+
+Zunächst wurde das junge Mädchen eingeführt in die Ordensregel und den
+Gottesdienst, wurde gewöhnt an klösterliches Benehmen und an geistliches
+Denken und Wesen, auch unterrichtet in einigen Kenntnissen und
+Fertigkeiten. In Nimbschen wird keine besondere Novizenmeisterin
+genannt; es war nur vom Abt bei der Einführung der neuen Aebtissin 1509
+im allgemeinen aufs neue als Ordensregel eingeschärft: „Weil es ein Werk
+der Frömmigkeit und Barmherzigkeit ist, die Ungelehrten gelehrter zu
+machen, wollen wir, daß diejenigen, welche mehr verstehn unter den
+Jungfrauen, die andern zu belehren und unterrichten sich bestreben, in
+dem Bewußtsein, daß sie einen großen Lohn für diese Mühe empfangen, und
+daß sie durch diese Beschäftigung viel Leichtfertigkeit vermeiden, wozu
+die ausgeladene Jugend geneigt ist.“ Natürlich sollten aber alle
+Aelteren den Jungen mit gutem Beispiel vorangehen.
+
+Als „der Schlüssel der Religion“ mußte zunächst überall, wo es die
+Ordensregel vorschrieb, unbedingtes _Stillschweigen_ beobachtet werden —
+außer dem unbedingten Gehorsam, an den sich die Novizin zu gewöhnen
+hatte, der wichtigste und höchste Punkt des klösterlichen Lebens. Denn
+es müßte Rechenschaft gegeben werden von jedem unnützen Wort nicht nur
+vor Gottes Richterstuhl, sondern auch vor dem Beichtstuhl des Priesters.
+Vielmehr sollten die Klosterjungfrauen außerhalb der vorgeschriebenen
+Gebetszeiten und der Lektionen in besonderen Gebeten mit dem Bräutigam
+Christus reden oder in Beschaulichkeit schweigend hören, was Gott in
+ihnen redet. Darum wurde streng darauf gesehen, daß die Kinder und
+heranwachsenden Jungfrauen nicht herumliefen und schwatzten, sondern
+sich sittsam und schweigsam verhielten.
+
+Es galt sodann in Kleidung und Haltung, in Gebärde und Rede sich das
+rechte nonnenhafte Wesen anzueignen. „Am Ort der Buße“, mußte man „die
+größte Einfachheit der Kleidung zeigen, sich weder mit weltlichen
+Gewändern schmücken, noch auch mit den Fransen der Pharisäer“, sondern
+die Kutten bis an die Schultern herausziehen. Das Angesicht mußten die
+Novizen lernen stets zu neigen. „Denn die Scham ist die Hüterin der
+Jungfrauschaft, der köstlichen Perle, welche die geistlichen Töchter
+bewahren sollen. So sollen sie mit Seufzen und Beklagen der verlorenen
+Zeit die Ankunft des himmlischen Bräutigams erwarten welcher seine
+Verlobten, — die im Glauben und hl. Profeß stets des Herrn harren, — mit
+Frohlocken in sein Brautgemach führt.“
+
+„Damit sie sich aber nicht mit dem Laster des Eigentums beflecken,
+welches in der Religion das schlimmste und verdammlichste und ein Netz
+des Teufels ist, sollen sie bei Strafe der Exkommunikation alle
+Geschenke von Freunden und andern draußen nicht als ihr Recht
+beanspruchen, sondern der Aebtissin reichen, und demütig von ihr das
+Nötige begehren.“
+
+Die Vorgesetzten aßen zwar am besonderen Tisch und hatten bessere
+Speisen und Getränke: so bekamen sie echtes Bier, dagegen die
+Konventualinnen nur „Kofent“ (Konvent- d.h. Dünn-Bier)[646], aber
+gleichmäßige Behandlung aller Klosterjungfrauen in Speisen und Getränken
+waren der Aebtissin zur Pflicht gemacht, und die Mahlzeiten ließen nach
+herkömmlicher Klostersitte nichts zu wünschen übrig[42]. „Festmahlzeiten
+und Ergötzlichkeiten“ waren den Schwestern unter sich von der Aebtissin
+erlaubt.
+
+Diese Ordnungen, zu welchen in Nimbschen bei Einführung der neuen
+Aebtissin der Abt-Visitator eine Art Hirtenbrief als Erläuterung und
+Ergänzung der Ordensregel gegeben hatte, wurden alle Vierteljahre
+kapitelweise im Konvent gelesen und durch die Aebtissin oder Priorin
+Punkt für Punkt erklärt, damit jede Klosterjungfrau — namentlich aber
+die Neulinge — aus sich selbst die klösterliche Lebensweise und
+Lebenseinrichtung annähmen.
+
+In solche strenge Klosterzucht wurde nun das junge Mädchen eingeführt.
+Wenn auch die Praxis — wie sich bei jeder Visitation zeigte, namentlich
+in der Verordnung von unnützen Reden — von der Theorie abwich, so war
+doch zu dieser Zeit ein stramme ernstliche Einhaltung der Ordensregel in
+Nimbschen durchgeführt. Man hatte nämlich gerade um 1500 auch hier wie
+in anderen Klöstern eine „Reformation“ der zerfallenen Klosterordnung
+erstrebt[43].
+
+Neben dieser Erziehung zum Klosterleben gab es auch einigen
+_Unterricht_, der mit dem Ordensleben zusammen hing. Die Novizen mußten
+lesen lernen — was damals bei der krausen Schrift und dem noch krauseren
+Stil nicht so ganz leicht war[44]. Sogar ins Lateinische mußten die
+Nonnen notdürftig eingeführt werden: denn die Lesungen und Gebete,
+besonders aber die Gesänge waren meist in der Kirchensprache geschrieben
+— wenn es auch mit dem Verständnis der Fremdsprache nicht gerade weit
+her war: singen ja doch auch heute Kirchenchöre in Dorfgemeinden
+lateinische Hymnen und Messen. Auch schreiben hat Katharina im Kloster
+gelernt, wenn sie auch später — wie alle viel beschäftigten Frauen nicht
+gerne und viel schrieb und an Fremde und hochgestellte Personen ihre
+Gedanken lieber einem Studenten oder Magister in die Feder sagte. Sonst
+konnten nicht alle Klosterfrauen diese Kunst. Eine eigentliche Schule,
+worin die Schulmeidlein gelehrt wurden, gab es nicht, doch waren einige
+Klosterfrauen fähig, nach ihrem Austritt Mädchenschulmeisterinnen zu
+werden, so die Schwester von Staupitz und die Elsa von Kanitz[45].
+
+Der _Gesang_ spielte eine große Rolle im Kloster: waren doch alle
+religiösen Uebungen größtenteils gemeinschaftlich und mußten so zum
+Chorgesang werden. Es war eine Sängerin oder Sangmeisterin
+(Kapellenmeisterin) bestellt, welche die Gesänge einzuüben hatte. Und im
+Kloster war ein altes „Sangbuch“, welches 1417 für 2 Schock Groschen
+gekauft und vom markgräflichen Vogt zu Grimma bezahlt worden war. Es
+waren aber im Kloster fremde Gesänge aufgekommen und es wurde gegen die
+Regel des seligen Vaters Bernhard zu schnell und ungleich (d.h.
+rhythmisch) gesungen, und kam der Unfug auf, daß unvermittelt bald alle,
+bald wenige Stimmen sangen; der Abt von Pforta ordnete daher an, daß
+rund, eine Silbe wie die andere gesungen werde, einhellig und mit
+gleicher Stimme, nicht zu hoch und zu tief[46].
+
+Im Jahre 1509, als Katharina von Bora zehn Jahre zählte, war sie kein
+Kostkind oder Schulmeidlein mehr, sondern wurde schon unter die
+Klosterjungfrauen gezählt. Sie war also einstweilen wenigstens
+„Postulantin“, Anwärterin für die Pfründe. Da meist das vierzehnte
+Lebensjahr das Entscheidungsjahr für die Klostergelübde war, so hätte
+sie mit dem dreizehnten ihr Noviziat antreten und ein Jahr darauf Profeß
+thun können. Es ist auffällig, daß sich dies bei Katharina zwei Jahre
+hinausschob, und sogar die später eingetretene jüngere Ave Schönfeld
+_vor_ ihr mit ihrer älteren Schwester Margarete eingesegnet wurde[47].
+
+Mit ihrem 15. Jahre also wurde Katharina von Bora nach dem Herkommen der
+Sammlung von der Aebtissin „angegeben“ (vorgeschlagen) und von dem
+Konvent angenommen. Unter feierlichen Zeremonien in der Kirche wurden
+ihr die Haare abgeschnitten, die mit Weihwedel und Rauchfaß besprengten
+und beräucherten heiligen Kleider angethan: die weiße Kutte übergezogen,
+der weiße Weiler (das Kopftuch (velum, der sog. Schleier)) ums Haupt
+geschlungen; auf diesem wurde der Himmelsbraut der weiße Rosenkranz
+aufgesetzt und der Heiland im Kruzifix als Bräutigam in die Arme gelegt,
+dann hat sie ihm durch Opferung des Kranzes ewige Reinigkeit verheißen
+und geschworen. Darauf fiel die Postulantin der Reihe nach der Aebtissin
+und jeder der einzelnen Klosterfrauen demütig zu Füßen, wurde von ihnen
+aufgehoben und mit einem Kusse als Schwester in die Gemeinschaft
+aufgenommen[48].
+
+Jetzt kam Katharina unter die strenge Zucht einer älteren Klosterfrau
+und mußte in dieser Probezeit im Ernst all die vielen Dinge üben in
+Haltung und Gang, in Gebärde und Rede, welche eine Nonne auf Schritt und
+Tritt zu beobachten hat, wenn sie nicht gegen die Regel sündigen und
+dafür Buße erleiden will. So erzählt eine Nonne: „Das Probejahr geschahe
+nur, daß wir Ordensweise lernten und uns versuchten, ob wir zum Orden
+tüchtig“[49].
+
+Endlich, im Jahre 1515, „Montags nach Francisci Confessoris“, d.h. am 8.
+Oktober, war Katharinas „eynseghnug“. Da mußte sie „Profeß thun“, d.h.
+das ewig bindende Klostergelübde ablegen. Es wird ihr gegangen sein wie
+jener anderen Nonne, die um diese Zeit auch eingesegnet wurde und von
+sich erzählt: „Am Abend vor meiner Profession sagte mir die Aebtissin
+vor der ganzen Versammlung im Kapitel: man solle mir die Schwierigkeit
+der Regel vorlegen und mich fragen, ob ich das gesinnet wäre zu halten?
+wäre aber nicht von nöten, denn ich hätte mich in der Einkleidung
+genugsam verpflichtet. Und wenn ich gleichwohl gefragt worden wäre,
+hätte ich doch nichts sagen dürfen, hätte mir auch nichts geholfen.“ Die
+Einsegnung ging vor sich und zwar war Katharina von „Bhor“ als einzige
+auf diesen Tag geweiht. Sie spendete dabei dem Kloster von dem wenigen,
+was sie vermochte, 30 Groschen[50].
+
+Zwar nicht widerwillig, aber doch wie sie (bezw. Luther) später sagte,
+ohne „ihren Willen“ wurde Katharina als Tochter des sel. Vaters Bernhard
+verpflichtet. Trotzdem aber hat sie sich in die Klosterregel nicht nur
+gefügt, sondern auch „hitzig und emsig und oft gebetet“[51].
+
+Das entspricht ihrer gesamten entschiedenen Natur, wie sie sich später
+ausgereift zeigt. Sie war ja gelehrt worden, durch „gute Werke“,
+insbesondere durch Klosterwerke, erwerbe man sich himmlische Güter und
+geldliches Vermögen und einen hohen seligen Sitz im Jenseits; also
+strengte sie alle Kraft und allen Fleiß an, solchen Reichtum zu erwerben
+und durch geistliche Uebungen sich einen guten Platz im Himmel zu
+verdienen. Was sie später als Frau einmal angriff, das erstrebte sie
+auch mit der ganzen Gewalt und Zähigkeit ihres Willens, und so wird sie
+es auch im Kloster gehalten haben als Nonne. Zudem pflegen junge
+Klosterleute, namentlich weibliche, die eifrigsten zu sein in der Uebung
+der Pflichten, auch wenn sie nichts von Schwärmerei an sich haben.
+
+Und was hatte nun die junge Nonne für hohe Werke und heilige Pflichten
+zu thun?
+
+Fast das gesamte Leben im Kloster füllten geistliche Uebungen aus, ihr
+ganzes Tagewerk war Beten, Singen, Lesen, Hören erbaulicher Dinge, „da“,
+wie es in einer Klosterregel heißt, „alle Klausur und geistliche Leute
+erdacht und gemacht sind, daß sie unserm Herrn und Gott dienen und für
+Tote und Lebende und alle Gebresthafte Bitten füllen“. Das waren nun
+außer dem Messesingen und den privaten Gebeten noch besonders die
+gemeinsamen 7 Gebetszeiten, die Horen: Matutin, Terz, Sext, Non am
+Morgen, Vesper und Komplet am Abend mit Psalmen, Martyrologien,
+Ordensregeln. Auch nächtliche Gottesdienste wurden begangen: Metten und
+Vigilien. Und sogar während des Essens, wo Stillschweigen geboten war,
+wurde vorgelesen aus einem Erbauungsbuch. Abwechselnd hatte Katharina
+auch selbst diese Vorlesung zu halten und mußte dann nachspeisen[52].
+
+Welchen Eindruck diese Vorschriften auf ein natürlich fühlendes und
+religiöses Gemüt machen mußten, hören wir aus einem späteren Bericht:
+„Da D. Martinus der Nonnen Statuten las, die gar kalt geschrieben und
+gemacht waren, seufzte er sehr und sprach: „Das hat man müssen
+hochhalten und hat dieweil Gottes Wort vermisset! Sehet nur, was für
+eine Stockmeisterei und Marter der Gewissen im Papsttum gewest ist, da
+man auf die horas canonicas und Menschensatzungen drang, wie Hugo
+geschrieben, daß wer nur eine Silbe ausließe und nicht gar ausbetete,
+müßte Rechenschaft dafür geben am jüngsten Gericht[53].“
+
+Ob Katharina je ein Amt in dem Konvent bekleidet hat, wissen wir nicht;
+jedenfalls konnte dies nur ein niederes, etwa das einer
+„Siechenmeisterin“ sein. Wahrscheinlich aber war sie noch zu jung, als
+daß bei so vielen Vorgängerinnen an sie die Reihe gekommen wäre[54].
+
+Eigentliche _Arbeit_ gab es im Kloster nicht: die Nonnen durften ja
+nicht aus der Klausur, und die Hausarbeit in Küche und Stube schafften
+die Laienschwestern und Klostermägde. Freilich so ganz arbeitslos wie
+bei manchen adeligen Mönchsorden, wovon der Volkswitz sagt:
+
+ Kleider aus und Kleider an
+ Ist alles, was die Deutschherrn than.
+
+— so träge verfloß das Leben der Nonnen nicht. Konnten sie sich doch mit
+weiblichen Handarbeiten abgeben wie Spinnen von dem Ertrag der großen
+Schafherden für die wollene Bekleidung, namentlich aber mit Stickereien,
+wie Altardecken, Meßgewänder, Teppiche, Fahnen u.s.w., in Nimbschen,
+wohl auch in Pforta für die Kirche der dortigen Mönche und vielleicht
+auch für den Bischof von Meißen, unter dem das Kloster stand[55]. So hat
+jedenfalls auch Schwester Katharina manche kunstvolle Stickerei
+verfertigt, wenn auch die mancherlei Handarbeiten, welche heutzutage da
+und dort von Luthers Käthe gezeigt werden, wohl alle nicht echt sind.
+
+Eine gewisse Unterhaltung gewährte noch die Besichtigung und
+Instandhaltung der zahllosen Reliquienstücke, welche in der Nimbscher
+Kirche aufgespeichert waren, und welche es galt zu schmücken und in
+Ordnung zu halten. Es waren da an den 12 Altären in Kreuzen,
+Monstranzen, Kapseln, Tafeln wohl vierhundert hl. Partikeln. So von
+Christi Tisch, Kreuz und Krippe, Kleid und Blut und Schweißtuch, vom
+Stein und Boden, wo Jesus über Jerusalem weinte, im Todesschweiß betete,
+gegeißelt saß, gekreuzigt ward, gen Himmel fuhr; vom Haar, Hemd, Rock,
+Grab der hl. Jungfrau; von den Aposteln allerlei Knochen, auch Blut
+Pauli, vom Haupt und Kleid Johannes' des Täufers; von vielen Heiligen,
+bekannten und unbekannten: den 11000 Jungfrauen, der hl. Elisabeth von
+Thüringen, der hl. Genoveva, dem hl. Nonnosus, der hl. Libine Zähne,
+Hände, Arme, Knochen, Schleier, Teppiche —, ferner Partikeln von der
+Säule Christophs, vom Kreuz des Schächers u.a.[56].
+
+Aber auch hier hatten die Seniorinnen, u.a. auch Magdalena von Bora, die
+Obhut über die hl. Kapseln.
+
+Vor allen diesen Reliquien wurden bestimmte Antiphonien gesungen, was
+eine gewisse Abwechslung in dem täglichen Gottesdienst gab.
+
+Eine Abwechslung in dem ewigen Einerlei brachten auch die vielen
+Festtage, Bittgänge und Prozessionen im Kreuzgang und auf dem
+Kirchhof[57].
+
+Eine große Sache war die Visitation des Klosters durch den Abt von
+Pforta — freilich auch eine kostspielige: der Abt mit seinen Begleitern
+mußte abgeholt und wieder heimgebracht und unterwegs und im Kloster
+verköstigt, auch herkömmlich mit Erkenntlichkeiten bedacht werden[58].
+Bei der Visitation gab's eine Untersuchung aller Mißstände, ein Verhör
+aller einzelnen Schwestern und schließlich einen oft scharfen Bescheid.
+
+Es kamen auch an den hohen Festtagen und deren Oktaven Wallfahrer ins
+Kloster, denn dieses hatte von verschiedenen Kirchenfürsten Ablässe,
+wenn auch nur 40tägige, erlangt für Besucher und Wohlthäter des
+Klosters, für Anhörung von Predigten und Kniebeugen beim Aveläuten[59].
+
+Der Hauptablaß aber war an einem besondern Tag im Jahre, wahrscheinlich
+an der Kirchweihe (23. August). Da war Messe und Jahrmarkt zu gunsten
+des Klosters unter dem Namen „_Ablaß_“ (wie in Bayern „Dult“ = Indulgenz
+= Ablaß). Zu diesem Tage kamen von weit und breit die Leute. Wenn so zu
+Nimbschen jährlich „Ablaß“ war, mußten fronweise aus jedem Klosterdorf
+drei Männer kommen und „zur Verhütung von Händeln, bei Tag und Nacht zu
+besorgend, Wache halten“. Von all diesem Leben und Treiben freilich
+sahen die Klosterfrauen so gut wie nichts, wenn sie auch von ihrer
+Klausur aus den Lärm draußen hören konnten[60].
+
+Allerdings nahm die Aebtissin, wenn sie einmal ausreiste, eine und die
+andre Schwester mit; aber freilich an die jüngern Klosterfrauen kam das
+wohl schwerlich. Da ging es nach Grimma, ins nahe Städchen, oder auch
+ins ferne Torgau, die kurfürstliche Residenz an der Elbe, wo gerade das
+großartige Schloß Hartenfels gebaut wurde. Dort hatte das Kloster
+mancherlei Besitzungen an Aeckern und Wiesen und mußte mit eigenem
+Geschirr Getreide holen, während die Stadt verschiedene Gebräude Bier
+selbst bringen mußte. Mit diesen Fuhren wurde aber auch manches, was in
+Torgau verkauft oder gekauft war, hin und zurück gebracht. Eingekauft
+wurde vor allem bei dem Ratsherrn und Schöffer Leonhard Koppe, z.B.
+Tonnen Heringe, Kiepen (Rückkörbe) voll Stockfische, Hechte, Fässer
+Bier, Aexte. Namentlich geschahen solche Einkäufe zu Martini, wo „Meine
+gnädige Frau“, die Aebtissin, mit einer würdigen Jungfrau die Zinsen
+einnahm, in der Herberge auch einige Groschen „zu vertrinken“ gab und
+bei Koppe einkaufte und die Rechnung persönlich bezahlte[61].
+
+Das waren die besondern Ereignisse in dem steten Einerlei des Jahres. In
+ihrer ganzen Klosterzeit erlebte Katharina von Bora auch nichts
+besonderes Außerordentliches. Einzelne der Klosterfrauen gingen mit Tod
+ab. Nachdem lange Katharina von Bora und Ave von Schönfeld die Jüngsten
+im Kloster gewesen waren, kamen anno 1516 auf einmal 9 Kostkinder
+herein: 3 Schellenberger, 2 Hawbitzen (Verwandte Katharinas von
+mütterlicher Seite), 1 Lauschkin, 1 Keritzin (Kieritsch?), 1 Poßin, 1
+Buttichin. Im folgenden Jahre traten drei Neulinge in den
+Klosterverband, und ein Jahr darauf kamen wieder einige Kostkinder weg
+und andere herein[62]. 1522 war ein Wechsel des Klostervorstehers
+(Propstes), indem der alte, Johann Kretschmar, starb. Die Nonnen hielten
+sehr zu ihrem Propst, während die Beichtväter verhaßt waren; denn diese,
+„die 2 Herren an der Pforte“ betrugen sich anspruchsvoll und anmaßend,
+mischten sich — wohl aus Langerweile — in Dinge, die sie nichts
+angingen, wollten in die Verwaltung, also in den Geschäftskreis des
+Propstes drein reden, hetzten die Nonnen wider einander auf, so daß gar
+oft Klagen wider sie ergingen und der Konvent sogar die weltliche Gewalt
+wider sie und gegen ihre Schützer, die Aebte von Pforta, anrufen
+mußte[63]. Da gab es nun in diesen Jahren eine gar willkommene
+Gelegenheit, den Mönchen ein Schnippchen zu schlagen. Zu Martini 1513
+kam der Vorsteher vom Hospital des Heilig-Geist-Ordens aus dem fernen
+Pforzheim im Schwabenland, Matthias Heuthlin, und bot den Nonnen ein
+Privilegium an. Weil seine Anstalt nämlich nicht genug Einkünfte besaß,
+hatte er sich vom Papst Julius II. die Gnade erwirkt, daß allen
+Wohlthätern des Spitals die Wahl des Beichtvaters freigegeben wurde.
+Also gab die Domina Aebtissin und ganze löbliche Sammlung des Klosters
+eine Beisteuer und erhielten dafür einen gedruckten mit dem Namen
+„Niimitsch“ ausgefüllten und vom Magister domus Hospitalis de Pfortzheim
+ord S. Spirit. unterzeichneten Zettel, wonach das Kloster Nimbschen für
+seine milde Gabe in die Bruderschaft des hl. Geistordens ausgenommen und
+aller guten Werke und Ablässe derselben teilhaftig und ihm insbesondere
+erlaubt wurde, sich von einem beliebigen weltlichen oder mönchischen
+Beichtvater Absolution von Sünden, Uebertretungen und Verbrechen, sogar
+solchen, welche dem apostolischen Stuhl vorbehalten waren, einmal im
+Leben und im Todesfall, so oft es nötig erschien, erteilen zu lassen.
+Dieses Privilegs machte sich das Kloster durch wiederholte Gaben in den
+folgenden Jahren (1516, 1519, 1520) teilhaftig[64]. So war auch den
+Nimbschener Nonnen eine von den zahllosen Hinterthüren geöffnet, durch
+welche in der katholischen Kirche die geknechteten Seelen dem
+geistlichen Zwang sich entziehen und auf Nebenwegen die Seligkeit
+erlangen konnten.
+
+Katharina erlebte auch im Kloster noch die Vorboten des Bauernkriegs.
+Die Klosterdörfer hatten zwölferlei Fronden. Von diesen trotzten die
+Bauern sich schon vorher vier ab, waren aber auch damit noch nicht
+zufrieden, so daß der neue Propst sich nach Rat und Hilfe umsehen
+mußte[65].
+
+Das waren die kleinen und kleinlichen Eindrücke und Ereignisse, die in
+das Leben der Nimbscher Jungfrauen und der Katharina von Bora
+eingreifend, die glatte Oberfläche ihres beschaulichen Daseins leicht
+kräuselten. Das waren die einförmigen Beschäftigungen, mit denen sie die
+Zeit, die langen Tage, Wochen und Jahre mühsam hinwegtäuschten. Solche
+einseitigen Interessen und Anschauungen beherrschten den Gesichtskreis
+eines jugendlichen Geistes. Wie das Klosterleben die körperliche Kraft
+eines jungen Menschenkindes zurückhielt, so mußte es auch die
+aufstrebende Willenskraft erschlaffen. Die Klostermauern beengten nicht
+nur das äußere Gesichtsfeld, sie machten auch das geistige Auge
+kurzsichtig. Wenn auch die gähnende Langeweile demjenigen nicht zu
+Bewußtsein kam, der von nichts anderem wußte, so mußte doch der Geist
+nach Eindrücken lechzen, so daß das Sprichwort begreiflich wird, welches
+den Klosterbewohnern die Sehnsucht nach Erlebnissen zuschreibt:
+„Neugierig wie eine Nonne“. Und die ständige Aufgabe, „das Leben in
+sich abzutöten“, konnte bei einer gesunden Natur erst recht die Frage
+erwecken, was Leben sei. Wenn bei dem Mann im Kloster der Verstand sich
+heißhungrig auf die Wissenschaft werfen konnte, so blieb die
+eigentümliche Lebenskraft des Weibes, das Gemüt hier unbefriedigt[66].
+
+Gewiß die allermeisten dieser adligen Fräulein hatten es äußerlich
+angesehen im Kloster besser, behaglicher, luxuriöser als daheim im
+beschränkten Haushalt der Eltern oder eines eigenen Gatten; und das
+Ansehen, das eine gottgeweihte Jungfrau in den Augen des Volkes und
+besonders der Kirche, und nicht zum wenigsten in dem eigenen Bewußtsein
+hatte, war viel größer als dasjenige, das eine arme Edelfrau draußen in
+der Welt finden konnte. Aber der ganze Zwang der Unnatur und die
+Künstlichkeit all dieser Verhältnisse mußte, wenn auch ohne klares
+Bewußtsein, auf einen wahrhaften und gesunden Geist drücken.
+
+Nur das eine Gefühl konnte die Nonne über alle Zweifel, alle Entsagung,
+alle Pein, alle Langeweile des Klosterlebens hin wegheben: das
+Bewußtsein, ein gottwohlgefälliges Werk zu thun, sich ein besonderes
+Verdienst vor Gott zu erwerben, sich die zeitliche Heiligkeit und die
+ewige Seligkeit zu versichern. Aber wie dann, wenn diese Grundbedingung
+alles Nonnentums, dieser Grundpfeiler alles Klosterlebens erschüttert
+und untergraben wurde, ja sich selbst als morsch und faul erwies? Dann
+mußte das ganze Gebäu zusammenstürzen, dann mußte eine gegen sich
+aufrichtige und willensstarke Natur die Konsequenzen ziehen und ein
+Leben verwerfen und verlassen, das als heiliger und seliger Beruf
+erschienen war und bisher den ganzen Menschen erfüllt hatte.
+
+Und dieser Fall trat bei Katharina ein. Aber freilich ihr verständiger,
+nüchterner Sinn wird sie auch davor bewahrt haben, in krankhafter
+Schwermut sich unglückselig zu beklagen oder sich hinauszusehnen in eine
+verschlossene Welt.
+
+Es mußte ihr erst die Möglichkeit sich öffnen, den Klostermauern zu
+entrinnen, und das pflichtmäßige Recht, es zu dürfen; dann aber erwachte
+auch ihre ganze Thatkraft und mit aller Macht des Willens und Verstandes
+setzte sie auch durch, was erreichbar und recht war.
+
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Die Flucht aus dem Kloster
+
+
+Kaum ein Jahr hatte Schwester Katharina das Nonnengelübde abgelegt, da
+schlug der Augustinermönch Martin Luther in Wittenberg die 95 Sätze
+wider den Ablaß an. Nach einem Jahr stellte er sich dem Gesandten des
+Papstes in Augsburg zur Verantwortung. Wieder ein Jahr später war die
+große Redeschlacht mit Eck zu Leipzig. Am Ende des folgenden Jahres
+verbrannte Luther die Bannbulle und im Frühjahr 1521 stand er vor Kaiser
+und Reich in Worms.
+
+Diese die Kirche und die ganze christliche Welt aufregenden Ereignisse
+drangen auch in die Klöster und erregten auch dort die Geister; dies um
+so mehr, weil der Urheber all dieser gewaltigen Kämpfe selbst ein
+Klosterbruder war, und zwar ein Augustiner, der dem Orden der alten
+Benediktiner (Cisterzienser und Bernhardiner) verwandt war und darum als
+Vorkämpfer dieses wider die gegnerischen Genossenschaften der
+ketzerrichterischen Dominikaner angesehen und schon darum mit einer
+gewissen Sympathie betrachtet wurde.
+
+Aber noch tiefer in das Leben und die Gedankenwelt der Klosterbewohner
+schnitten die Schriften ein, welche der Wittenberger Mönch und Doktor in
+diesen großen Jahren schrieb. Schon die Disputation von „Kraft und Wert
+des Ablasses“ über die 95 Thesen ging die Nonnen in Nimbschen besonders
+an; denn auf „Kraft und Wert des Ablasses“ ruhte ja ein sehr großer Teil
+ihres geistlichen Vermögens: der Gottesdienst an jedem Festtag, ja das
+Kniebeugen beim Aveläuten brachte jedesmal vierzig Tage Ablaß ein. Aber
+noch näher sollten ihre Person und ihren besonderen Beruf weitere
+Schriften berühren[67].
+
+Es erschien 1518 Luthers „Auslegung des Vaterunsers für die
+Einfältigen“. Darin mußte einem Klosterinsassen gar mancherlei
+auffallen. Das Vaterunser, heißt's da, ist das edelste und beste Gebet —
+beim Rosenkranz aber kommt das Ave Maria 5 mal so oft vor! Ferner: „Je
+weniger Worte, je besser Gebet; je mehr Worte, je weniger Gebet. Da
+klappert einer mit den Paternosterkörnern und manche geistliche Personen
+schlappern ihre Horen überhin und sagen ohne Scham: ‚Ei nun bin ich
+froh, ich habe unsern Herrn bezahlt‘, meinen, sie haben Gott genug
+gethan. Jetzt setzen wir unsere Zuversicht in viel Geplärr, Geschrei und
+Gesang, was Christus doch verboten hat, da er sagt: ‚niemand wird erhört
+durch viel Worte machen‘. Er spricht nicht: ihr sollt ohne Unterlaß
+beten, Blätter umwenden, Rosenkranz-Ringlein ziehn, viele Worte machen.
+Das Wesen des Gebets ist nichts anders als Erhebung des Gemütes oder
+Herzens zu Gott, sonst ist's kein Gebet. Den Namen Gottes verunehren die
+hoffärtigen Heiligen und Teufels-Martyrer, die nicht sind wie andere
+Leute, sondern gleich dem Gleisner im Evangelium. Wir beten nicht: Laß
+uns kommen zu deinem Reich, als sollten wir darnach laufen; sondern:
+Dein Reich komme zu uns; denn Gottes Gnade und sein Reich muß zu uns
+kommen, gleich wie Christus zu uns vom Himmel auf die Erde gekommen ist
+und nicht wir zu ihm von der Erde gestiegen sind in den Himmel. Das
+tägliche Brot ist das Wort Gottes, weil die Seele davon gespeist,
+gestärkt, groß und fest wird. Es ist ein schweres Wesen zu unser Zeit,
+daß das Fürnehmste im Gottesdienst dahinten bleibt.“[68]
+
+Dann kam 1520 der „Sermon von den guten Werken“. Gute Werke waren ja
+alles Thun im Kloster: Beten, Fasten, Wachen u.s.w. Was aber nennt nun
+Luther wahrhaft gute Werke? „Das erste, höchste und alleredelste Werk
+ist der Glauben an Christum. Darin müssen alle Werke geschehen und
+dadurch erst gut werden. Beten, Fasten, Stiften ist ohne dies nichts.
+Fragst du solche, ob sie das auch als gutes Werk betrachten, wenn sie
+ihr Handwerk arbeiten und allerlei Werk thun zu des Leibes Nahrung oder
+zum gemeinen Nutzen, so sagen sie nein! und spannen die guten Werke so
+enge, daß nur Kirchengehen, Beten, Fasten Almosen bleiben. So verkürzen
+und verringern sie Gott seine Dienste. Ein Christenmensch vermisset sich
+aller Ding, die zu thun sind, und thut's alles fröhlich und frei; nicht
+um viele gute Verdienste und Werke zu sammeln, sondern weil es ihm eine
+Lust ist, Gott also wohlzugefallen. Eltern können an ihren eigenen
+Kindern die Seligkeit erlangen; so sie die zu Gottes Dienst ziehen,
+haben sie fürwahr beide Hände voll guter Werke an ihnen zu thun. O welch
+ein selige Ehe und Haus wäre das! Fürwahr, es wäre eine rechte Kirche,
+ein auserwählet Kloster, ja ein Paradies!“
+
+Und ähnliche Gedanken konnten die Klosterleute ausgeführt finden in des
+Doktors herrlichem Büchlein „Von der Freiheit eines Christenmenschen“
+vom selben Jahr 1520. Da heißt es: „Der Mensch lebt nicht für sich
+allein, sondern auch für alle Menschen auf Erden; ja vielmehr allein für
+andere und nicht für sich. Daher bin ich schmerzlich besorgt, daß
+heutzutage wenige oder keine Stifte und Klöster christlich sind. Ich
+fürchte nämlich, daß in dem Fasten und Beten allesamt nur das Unsere
+gesucht wird, daß damit unsere Sünden gebüßt und unsere Seligkeit
+gefunden wird.“
+
+Für die Mönche und Nonnen aber eigens geschrieben waren mehrere
+Schriften über das Klosterleben. So das Büchlein über „die
+Klostergelübde. Aus der Wüstenung (d.h. Wartburg) anno 1521“. Darin
+nimmt sich Luther der gefallenen und geängsteten Gewissen an und thut
+aus Gottes Wort dar, daß die Gelübde, die ohne und wider Gottes Gebot
+geschehen und an sich unmöglich sind, eines getauften Menschen Herz
+nicht bestricken und gefangen halten können. Der Glaube und das
+Taufgelübde sei das oberste, ohne welches man nichts geloben kann; denn
+die Seelen werden durch die Taufe Verschworene und Verlobte Christi.
+Falsch Verlobte wie die Klostersleute befreit der Sohn Gottes und nimmt
+den aus Gnaden mit Freuden an, der sich zu ihm kehrt und dem ersten
+Gelübde anhängt. „Dies Buch machte viele Bande ledig und befreite viel
+gefangener Herzen“, sagt eine Zeitgenosse[69].
+
+Gleichfalls von der Wartburg aus erschien endlich ein deutsches
+Predigtbuch („Postilla“) von Luther und zu Michaelis desselben Jahres
+(1522) noch ein Wartburgswerk „Das Neue Testament deutsch“. Da konnte
+nun jedermann und vor allem die geistlichen Personen im Kloster, welche
+die evangelischen Ratschläge befolgen und ein evangelisches Leben führen
+wollten, aus der Quelle erfahren, was wahres Christentum sei, wie es
+Christus und die Apostel gelehrt, und wie es Luther ausgelegt hatte.
+
+Demzufolge wandte sich die Stadt Grimma, in deren unmittelbarer Nähe
+das Kloster Nimbschen gelegen war, dem Evangelium zu, und die Mönche in
+mehreren umliegenden Klöstern verließen ihre Gotteshäuser.
+
+Diese Schriften und Nachrichten kamen auch in das Kloster Nimbschen,
+denn so ganz verschlossen von der Welt waren auch Nonnenklöster nicht.
+
+Auf welchem Wege und durch wen wurden sie den Klosterfrauen vermittelt?
+
+Zweierlei Wege und Personen zeigen sich da. In _Grimma_ war ein Kloster
+von Luthers Kongregation: Augustiner-Eremiten. Dort hatte Luther 1516
+schon Visitation gehalten und bei der Rückkehr von der Leipziger
+Disputation (1519) blieb er mehrere Tage und predigte wohl auch
+daselbst; denn die Mehrzahl der Einwohner Grimmas standen schon längst
+auf seiner Seite. Der Prior des Klosters Wolfgang von _Zeschau_ war
+Luthers Freund. Er trat 1522 mit der Hälfte der Ordensbrüder aus dem
+Kloster und wurde „Hospitalherr“ (Spittelmeister) am St. Georgen-Spital.
+
+Von diesem Zeschau nun aber waren zwei Verwandte (Muhmen) im Kloster
+Nimbschen, zwei leibliche Schwestern: Margarete und Veronika von
+Zeschau. Gewiß konnte dieser evangelisch gesinnte frühere Mönch
+wenigstens vor seinem Austritt mit seinen Muhmen ohne Verdacht verkehren
+und ihnen Luthers Schriften zustecken. Auch der eifrig evangelische
+Stadtpfarrer in Grimma, Gareysen, war dazu imstande, welcher zu Ostern
+1523 das hl. Abendmahl unter beiderlei Gestalt austeilte.
+
+Außer dem nahen Städtchen Grimma konnte aber auch das ferner gelegene
+_Torgau_ der Ort sein, von welchem aus reformatorische Gedanken und
+Schriften ins Kloster Nimbschen drangen. In Torgau war sehr früh und
+sehr durchgreifend die Reformation eingeführt worden, besonders seit der
+frühere Klostergenosse Luthers, der feurige Magister Gabriel _Zwilling_
+dort wirkte. Dieser, obwohl einäugig und ein kleines Männlein mit
+schwacher Stimme, hat doch durch seine begeisterte, ja stürmische
+Predigt, welche in Wittenberg sogar einen Melanchthon mit fortgerissen
+hatte, die Bürgerschaft zu einer ziemlich radikalen Abstellung aller
+römischen Mißstände und zu begeisterter Aufnahme des Evangeliums
+bewogen. Ja ein Torgauer Bürgersohn, Seifensieder seines Handwerks,
+entführte zu dieser Zeit — ob vor oder nach 1523 ist ungewiß, — zwei
+Nonnen aus dem Kloster Riesa an der Elbe und versteckte sie in einen
+hohlen Baum. Dann holte er Pferde und geleitete sie heim und heiratete
+die eine der beiden Klosterjungfrauen. Und eine Torgauerin trat 1523 aus
+dem Kloster Sitzerode[70].
+
+Ein besonders entschiedener und thatkräftiger Anhänger war der ehemalige
+Schösser, der „fürsichtige und weise Ratsherr“ Leonhard Koppe, in dessen
+Kaufladen das Kloster seine Waren einzukaufen pflegte, und der wohl mit
+seinem Fuhrwerk selber Lieferungen nach Nimbschen brachte. So war dieser
+Laie, wenn auch seine evangelische Gesinnung bekannt sein mußte,
+vielleicht ein noch geeigneterer Mittelsmann für evangelische Schriften,
+als die doch immerhin verdächtigen übergetretenen Geistlichen von
+Grimma, vor denen als gefährlichen Wölfen die „zwei Herren an der
+Pforte“ ihren geistlichen Schafstall wohl gehütet haben werden. Mit
+seinen Waren konnte Koppe leicht lutherische Schriften einschmuggeln und
+auch einen Brief aus dem Kloster nach außen besorgen. Keck und schlau
+genug war Koppe dazu[71].
+
+Welchen Eindruck das Auftreten und die Schriften Luthers auf die Nonnen
+machte, läßt sich ersehen aus einem Bericht, den eine Nonne in gleicher
+Lage und Zeit, jene Florentina von Eisleben, durch Luther in Druck gab.
+„Als nun die Zeit göttlichen Trostes, in welcher das Evangelium, das so
+lange verborgen, an den Tag gekommen, ganzer gemeiner Christenheit
+erschienen: sind auch mir als einem verschmachteten hungrigen Schaf, das
+lange der Weide gedarbt, die Schriften der rechten Hirten gekommen,
+worinnen ich gefunden, daß mein vermeintlich geistlich Leben ein
+gestrackter Weg zu der Hölle sei“[72].
+
+In Nimbschen ging es einem großen Teil der Klosterjungfrauen ähnlich.
+Ja, eine Anzahl derselben verabredete sich zu dem Plan, aus dem Kloster
+auszutreten.
+
+Das war ein schwerer Entschluß, der große Ueberwindung kostete. Eine
+ausgesprungene Nonne galt bisher für einen Schandfleck in der Familie.
+Der _freie_ Austritt aber war nur durch päpstlichen Dispens mit großen
+Kosten und Mühen zu erreichen und eigentlich nur Gliedern fürstlicher
+Familien möglich. Freilich waren in dieser neuen, tieferregten Zeit
+schon Mönche aus dem Klosterverband ausgetreten und weltlich geworden;
+niemand wagte sie jetzt, wenigstens im kurfürstlichen Sachsen,
+anzutasten, ja, sie erhielten sogar Aemter und Stellen von Stadt und
+Staat. Aber der Austritt von Nonnen war fast noch unerhört, jedenfalls
+noch sehr ungewohnt[73]. Und wenn auch das Vorurteil der Welt und der
+eigenen Angehörigen überwunden war, so fragte sich doch: was sollten die
+ausgetretenen Nonnen draußen in der Welt anfangen, was thun und werden,
+womit sich erhalten und durchs Leben bringen?[74]
+
+Wenn darum also auch die meisten, wo nicht alle Nonnen in Nimbschen das
+Klosterleben verwarfen, so haben sich doch nur die mutigsten
+entschlossen, den Schritt zu thun, den sie für recht und geboten
+erachteten, nämlich nur diejenigen, welche vermöge ihrer Bildung
+selbständig sich durchs Leben zu bringen im stande waren, wie die
+Staupitz und Kanitz, oder die noch jung genug waren, sich in ein neues
+Leben zu schicken, wie die beiden Schönfeld und Katharina von Bora. Es
+waren in Nimbschen neun Nonnen zum Austritt bereit: Magdalena von
+Staupitz, Elisabeth von Kanitz, Veronika und Margarete von Zeschau,
+Loneta von Gohlis, Eva Große, Ave und Margarete von Schönfeld und als
+zweitjüngste von ihnen Katharina von Bora[75].
+
+Diese Kloster-„Kinder“ (Nonnen) thaten nun das Naturgemäßeste und
+Verständigste: „sie ersuchten und baten ihre Eltern und Freundschaft
+(d.i. Verwandte) aufs allerdemütigste um Hülfe, herauszukommen“. Sie
+zeigten genugsam an, daß ihnen solch Leben der Seelen Seligkeit halber
+nicht länger zu dulden sei, erboten sich auch zu thun und zu leiden, was
+fromme (brave) Kinder thun und leiden sollen“[76].
+
+Aber freilich den Eltern und Verwandten war das Gesuch ihrer Töchter und
+Basen eine Verlegenheit. Einmal: der Versorgung wegen waren ja diese
+Töchter ins Kloster gethan worden — wie wollte man sie nun in den armen
+Familien unterhalten? Ihr Erbe war schon in Wirklichkeit oder in
+Gedanken verteilt, wer mochte es an diese weltentrückten,
+gesellschaftlich toten Familienmitglieder herausgeben?[77] Ferner waren
+solche Klosterfrauen der Welt entfremdet und taugten gar wenig ins
+Leben. Wenn endlich auch nicht noch religiöse oder kirchliche Bedenken
+abschreckten, so war es doch noch eine andere Furcht: die Lehen der
+meisten Anverwandten der Klosterfrauen lagen im Lande Herzogs des
+Bärtigen, der ein heftiger Feind der Reformation und des Wittenberger
+Doktors im besonderen war. Da konnte es wegen Entführung von
+gottgeweihten Klosterfrauen empfindliche Strafen geben oder doch
+Zurücksetzung bei Hofämtern. Kurzum das Gesuch der klosterflüchtigen
+Nonnen wurde abgeschlagen[78].
+
+So standen die Aermsten von jedermann verlassen da, in nicht geringer
+Gefahr, daß ihr Vorhaben entdeckt und gehindert, die Beteiligten aber
+empfindlich gestraft würden, wie es z.B. der mehrerwähnten Florentina
+geschah, als ihr Vorhaben, aus dem Kloster zu treten, entdeckt wurde.
+Diese wurde von ihrer eigenen Muhme, der Aebtissin, unbarmherzig vier
+Wochen bei großer Kälte härtiglich gefangen gesetzt, dann in Bann und
+Buße in ihre Zelle gesperrt, mußte sich beim Kirchgang platt auf die
+Erde werfen und die anderen Nonnen über sich hinschreiten lassen, beim
+Essen mit einem Strohkränzlein vor der Priorin auf die Erde setzen; dann
+wurde sie bei einem neuen Versuch, sich an ihre Verwandten zu wenden,
+durchgestäupt und „7 Mittwoch und 7 Freitage von 10 Personen auf einmal
+discipliniert“, in Ketten gelegt und für immer in die Zelle gesperrt —
+bis sie durch Unachtsamkeit ihrer Schließerin doch entkam.
+
+Solches oder Aehnliches ist im Kloster Nimbschen mit den lutherisch
+Gesinnten nicht geschehen; vielleicht schützte sie ihre große Zahl vor
+solchen Gewaltmaßregeln. Es war aber wohl auch die Gesinnung der
+verständigen Aebtissin, welche eine solche Bestrafung verhinderte:
+Margarete von Haubitz ist ja nachher mit dem ganzen übrig gebliebenen
+Konvent zur Reformation übergetreten, obwohl sie mit den älteren Frauen
+im Kloster blieb und das Leben darin nach evangelischen Grundsätzen
+einrichtete. Keineswegs aber konnte und wollte sie als Aebtissin schon
+1523 den Klosterflüchtigen Vorschub leisten in ihrem Vorhaben[79].
+
+Da nun die Nonnen an den Ihrigen keinen Anhalt fanden, so hatten sie
+gerechte Ursache, anderswo Hülf und Rat zu suchen, wie sie es haben
+konnten. Sie fühlten sich ja gedrungen und genötigt, ihre Gewissen und
+Seelen zu retten[80]. Wo anders aber sollten sie diese Hülfe suchen, als
+bei dem, der sie durch seine evangelischen Schriften und geistkühne
+Thaten auf diese Gedanken gebracht hatte? So machten sie's also wohl,
+wie nach ihnen noch manche andere, einzelne und ganze Haufen von
+Klosterjungfrauen: sie schrieben „an den hochgelehrten Dr. Martinus
+Luther zu Wittenberg, einen Klage-Brief und elende Schrift, gaben ihm
+ihr Gemüt zu erkennen und begehrten von ihm Trost, Rat und Hülfe“[81].
+
+Und der Ueberbringer dieses Briefes wird jedenfalls niemand anderes
+gewesen sein als eben Leonhard Koppe von Torgau. Luther erkannte an, daß
+„sie beide hier haben helfen und raten können, und darum seien sie auch
+schuldig, aus Pflicht christlicher Liebe die Seelen und Gewissen zu
+retten“[82].
+
+„Denn es ist eine hohe Not“, erklärte er weiter, mit Bezug auf die
+Nimbscher Nonnen, „daß man leider die Kinder in die Klöster gehen läßt,
+wo doch keine tägliche Uebung des göttlichen Wortes ist, ja selten oder
+nimmermehr das Evangelium einmal recht gehört wird. Diese Ursach ist
+allein genug, daß die Seelen herausgerissen und geraubt werden, wie man
+kann, ob auch tausend Eide und Gelübde geschehen wären. Weil aber Gott
+kein Dienst gefällt, es gehe denn willig von Herzen, so folgt, daß auch
+keine Gelübde weiter gelten, als sofern Lust und Lieb da ist; sonst sind
+im Klosterleben furchtbare Gefahren, Versuchungen und Sünden“[83].
+
+„Aber wenn sich nun schwache Seelen an solchem Klosterraub ärgern?“
+konnte man einwenden.
+
+Luther erklärte: „Aergernis hin, Aergernis her! Not bricht Eisen und hat
+kein Aergernis. Ich werde die schwachen Gewissen schonen, sofern es ohne
+Gefahr meiner Seele geschehen kann; wo nicht, so werde ich meiner Seele
+raten, es ärgere sich dann die ganze oder halbe Welt. Nun liegt hier der
+Seele Gefahr in allen Stücken. Darum soll niemand von uns begehren, daß
+wir ihn nicht ärgern, sondern wir sollen begehren, daß sie unser Ding
+billigen und sich nicht ärgern. Das fordert die Liebe!“[84]
+
+So dachte Luther und ihm gleichgesinnt war Leonhard Koppe. An ihn
+stellte nun Luther das Ansinnen, die Befreiung zu übernehmen. Und Koppe
+war trotz seiner sechzig Jahre ein entschlossener Mann, zu einem kecken
+Wagnis bereit, und willigte ein; er nahm keine Rücksicht, ob es ihm im
+Geschäfte schaden könnte, noch weniger, ob es ihn beim Hof in Ungunst
+bringen oder gar ans Leben gehen könnte; denn auf Nonnenraub stand
+eigentlich Todesstrafe, und auch Kurfürst Friedrich, der vorsichtige
+Schützer Luthers mißbilligte nicht nur jede öffentliche Gewaltthat,
+sondern war auch geneigt, sie zu strafen. Aber trotz all dieser Bedenken
+war Leonhard Koppe zu der That entschlossen, und wurde darin von dem
+Torgauer Pfarrer D. Zwilling bestärkt; denn dieser war auch in die Sache
+eingeweiht[85].
+
+Zwischen Luther und Koppe wurde so der Plan verabredet. Das Unternehmen
+sollte von Torgau ausgehen, welches in der Mitte zwischen Nimbschen und
+Wittenberg gelegen war. Die Osterzeit wurde zur Ausführung ersehen.
+
+Koppe brauchte aber Gehülfen zur Ausführung seines Unternehmens. Er
+wählte dazu seines Bruders Sohn, einen verwegenen jungen Mann, und einen
+Bürger Wolfgang Tommitsch (oder Dommitsch), dessen Stieftochter, ein
+Fräulein von Seidewitz, kurz vorher aus dem Kloster entkommen war und
+bald darauf einen ausgetretenen Augustiner-Propst, Mag. Nikolaus Demuth
+heiratete, welcher dann Amtsschöffer in Torgau wurde. Mit den neun
+Klosterjungfrauen waren jedenfalls Verabredungen getroffen worden und
+sie machten sich fluchtbereit[86].
+
+In der Karwoche brachen nun die Torgauer auf einem oder mehreren mit
+einer Blahe bedeckten Wagen, worin sie wohl weltliche Frauenkleider
+verborgen hatten, von ihrer Stadt auf. Wenn die beiden Helfer nicht
+eigene Wagen leiteten, so waren sie zu Pferde als Bedeckung dabei. Sie
+kamen über Grimma am Karsamstag abends den 4. April vor Nimbschen
+an[87].
+
+Hier rüsteten sich die Nonnen in gewohnter Weise zu den Ostervigilien,
+welche in der Auferstehungsnacht gefeiert wurden. Die außerordentliche
+Zeit, wo die Regel und geordneten Beschäftigungen der Klosterfrauen
+aufgehoben waren, muß dem Fluchtplan günstig geschienen haben. Während
+die beiden Begleiter in dem nahen Gehölz gehalten haben werden, fuhr
+Koppe an dem Kloster vor. Er nahm, wie berichtet wird, zum Vorwand,
+leere Heringstonnen auf der Heimfahrt nach Torgau mitnehmen zu wollen.
+Beim Aufsuchen und Aufladen derselben scheint er den Thorwart Thalheim
+beschäftigt und die Aufmerksamkeit der übrigen Bewohner des äußern
+Klosterhofs, namentlich der zwei Beichtväter, abgelenkt zu haben. Aus
+der Klausur entkamen die neun Verschworenen, indem die Pförtnerin
+entweder getäuscht oder gar bei dem Plan beteiligt war (es konnte ganz
+gut eine von diesen neun zu dieser Zeit Thürhüterin sein). Ein alter
+Berichterstatter erzählt, man hätte eine Lehmwand durchbrochen; ein
+anderer, die Jungfrauen hätten sich im Garten versammelt und seien da
+über die Mauer gestiegen. Aber auch zur hinteren Thüre konnten sie
+entkommen sein; denn an der Bewachung dieser ließ es das Kloster fehlen.
+Kurzum, die Neun entflohen, wurden von den beiden Begleitern Koppes
+aufgenommen; dieser fuhr wohl mit seinem Wagen Heringstonnen ganz
+unschuldig ab und nahm dann draußen die Jungfrauen auf. Die leeren
+Tonnen — vorne aufgestellt — konnten ganz gut dazu dienen, den
+lebendigen Inhalt des Wagens vor unberufenen Augen zu verbergen[88].
+
+Auf diese oder ähnliche Weise, jedenfalls „mit ausnehmender Ueberlegung
+und Schlauheit“, aber auch mit „äußerster Keckheit“ — nicht mit Gewalt
+wurden die neun Jungfrauen durch Koppe aus Nimbschen befreit. Luther sah
+es fast wie ein Wunder an[89].
+
+Bei Nacht und Nebel fuhren nun die Retter und Geretteten davon, dem
+Ostermorgen entgegen: es war eine eigene Ostervigilie in der Luft der
+Freiheit durch die frühlingsjunge Gotteswelt[90]. Die Fahrt ging durch
+die kurfürstlichen Lande, war also nicht bedroht durch die
+Nachstellungen des lutherfeindlichen Herzogs Georg. Eine Verfolgung von
+Nimbschen aus war nicht gerade zu befürchten: es waren dort keine
+Männer, welche etwa einen Kampf mit den Entführern gewagt hätten. Auch
+hat der kluge Koppe gewiß ihre Spuren möglichst verdeckt und die
+Verfolger irre geführt. Die weltliche Kleidung, welche die Jungfrauen
+mittlerweile mit ihrer geistlichen vertauscht hatten, machte wohl die
+Reise unauffällig, und so kam der Zug auch ungehindert am Ostertag in
+Torgau an und wurde vom Magister Zwilling freudig empfangen. In Torgau
+wurde übernachtet, die weltliche Kleidung der Klosterjungfrauen in der
+Eile noch vervollständigt und am anderen Tag ging es Wittenberg zu, weil
+es doch nicht geraten schien, die Entflohenen so nahe bei dem Kloster
+und auch so nahe beim kurfürstlichen Hof zu lassen[91].
+
+Am Osterdienstag kam der Zug in Wittenberg an; ohne alle Ausstattung, in
+ihrer geborgten und eilig zusammengerafften Kleidung, mit den
+geschorenen Häuptern ein „arm Völklein“, aber in ihrer großen Armut und
+Angst ganz geduldig und fröhlich[92].
+
+Luther empfing sie mit wehmütiger Freude. Den kühnen aber rief er zu:
+„Ihr habt ein neu Werk gethan, davon Land und Leute singen und sagen
+werden, welches viele für großen Schaden ausschreien: aber die es mit
+Gott halten, werden's für großen Frommen preisen. Ihr habt die armen
+Seelen aus dem Gefängnis menschlicher Tyrannei geführt eben um die
+rechte Zeit: auf Ostern, da Christus auch der Seinen Gefängnis gefangen
+nahm“[93]. Als dann die Befreier heimfuhren, empfahl er sie Gott und gab
+ihnen Grüße mit an Koppes „liebe Audi“ und „alle Freunde in
+Christo“[94].
+
+Drei Tage darauf schrieb Luther zur Verantwortung für sich, für den
+„seligen Räuber“ Koppe und die es mit ihm ausgerichtet, sowie für die
+befreiten Jungfrauen zum Unterricht an alle, die diesem Exempel wollten
+nachfolgen „dem Fürsichtigen und Weisen Leonhard Koppe, Bürger zu
+Torgau, meinem besonderen Freunde“ einen offenen Brief. „Auf daß ich
+unser aller Wort rede, für mich, der ich's geraten und geboten, und für
+Euch und die Euern, die Ihr's ausgericht, und für die Jungfrauen, die
+der Erlösung bedurft haben, will ich hiermit in Kürze vor Gott und aller
+Welt Rechenschaft und Antwort geben“. In dieser „Ursache und Antwort,
+daß Jungfrauen Klöster göttlich verlassen mögen“ berichtet er offen die
+That und ihre Gründe und nennt die Namen der Befreier und Befreiten. Er
+sagt ihnen:
+
+„Seid gewiß, daß es Gott also verordnet hat und nicht Euer eigen Werk
+noch Rat ist, und lasset das Geschrei derjenigen, die es für das
+allerärgste Werk tadeln. ‚Pfui, pfui!‘ werden sie sagen, ‚der Narr
+Leonhard Koppe hat sich durch den verdammten ketzerischen Mönch fangen
+lassen, fährt zu und führt neun Nonnen auf einmal aus dem Kloster, und
+hilft ihnen, ihr Gelübde und klösterlich Leben zu verleugnen und zu
+verlassen‘. Meint ihr, das ist all heimlich gehalten und verborgen? Ja,
+verraten und verkauft, daß auf mich gehetzt werde das ganze Kloster zu
+Nimptzschen, weil sie nun hören, daß ich der Räuber gewesen bin! Daß ich
+aber solches ausrufe und nicht geheim halte, thue ich aus redlichen
+Gründen. Es ist durch mich nicht darum angeregt, daß es heimlich bleiben
+sollte, denn was wir thun, thun wir in Gott und scheuen uns des nicht am
+Licht. Wollte Gott, ich könnte auf diese oder andere Weise alle
+gefangenen Gewissen erretten und alle Klöster ledig (leer) machen. Ich
+wollt mich's darnach nicht scheuen, zu bekennen samt allen, die dazu
+geholfen hätten, (in) der Zuversicht, Christus, der nun sein Evangelium
+an Tag gebracht, und des Endechrists (Antichrists) Reich zerstört, würde
+hier Schutzherr sein, ob's auch das Leben kosten müßte. Zum anderen thu
+ich's, der armen Kinder und ihrer Freundschaft (Verwandtschaft) Ehren zu
+erhalten, daß niemand sagen darf, sie seien durch lose Buben unredlich
+ausgeführt und ihrer Ehre sich in Gefahr begeben. Zum dritten, zu warnen
+die Herrn vom Adel und alle frommen Biederleute, so Kinder in Klöstern
+haben, daß sie selbst dazu thun und sie herausnehmen“[95].
+
+Diese Aufforderung und die gelungene Flucht der neun Nonnen ermutigte,
+wie Luther gedacht, noch andere Klosterjungfrauen und deren Eltern zu
+gleichem. Noch in derselben Osterwoche entwichen abermals drei Nonnen
+aus Nimbschen und kamen zu ihren Angehörigen, und zu Pfingsten wurden
+wieder drei von ihren Verwandten selbst aus dem Kloster geholt[96].
+
+Da endlich ermannte sich der Abt von Pforta, der dem offenen Brief
+Luthers nicht entgegenzutreten gewagt hatte, — Luther war ein zu
+gefürchteter Kämpe. Am 9. Juni schrieb er eine Klage an den — Kurfürsten
+über diese Vorgänge, welche zur „Entrottung und Zerstörung des Klosters“
+führten, und beschwerte sich, daß die Nonnen von Sr. Kurf. Gn.
+Unterthanen dazu geholfen und gefördert worden seien. Der Kurfürst
+Friedrich gab in seiner bekannten diplomatischen Weise die ausweichende
+Antwort: „Nachdem Wir nit wissen, wie diese Sache bewandt und wie die
+Klosterjungfrauen zu solch ihrem Furnehmen verursacht und Wir uns
+bisher dieser und dergleichen Sachen nie angenommen, so lassen Wir's
+bei ihrer selbst Verantwortung bleiben“[97].
+
+Aber damit war die Klosterflucht in Nimbschen nicht zu Ende. Bis 1526
+waren einige zwanzig — auch Magdalena von Bora — ausgetreten, so daß
+jetzt nur noch 19 Klosterjungfrauen da waren; und diese samt ihrer
+Aebtissin wurden evangelisch, blieben aber im Kloster, bis sich der
+Konvent im Jahre 1545 auflöste[98].
+
+Drei Wochen nach der Flucht der neun Nimbscher Nonnen, am 28. April,
+wagten sechs Nonnen aus Sornzig die Flucht, trotzdem dies Kloster im
+Lande des Reformationsfeindes Herzogs Georg lag, und trotz des
+schrecklichen Schicksals, das um diese Zeit den Entführer einer Nonne
+betroffen hatte, der zu Dresden geköpft worden war. Und weitere acht
+flohen aus Peutwitz[99].
+
+Im selben Jahre der Flucht Katharinas traten noch 16 Nonnen in
+Widderstetten auf einmal aus. Zwei Jahre darauf wandten sich wieder
+andere „elende Kinder“ an Luther aus dem fürstlichen Kloster Freiberg im
+Gebiete seines grimmen Feindes, Herzogs Georg. Und wieder wandte sich
+Luther an den bewährten Nonnen-Entführer Leonhard Koppe, den er
+scherzweise „Würdiger Pater Prior“ anredet. Luther wußte, daß diese
+Zumutung fast zu viel und zu hoch sei — es konnte ja diesmal ernstlich
+das Leben kosten — und meinte, Koppe wisse vielleicht jemand anderes,
+der dazu helfen könnte. Aber der verwegene Mann ließ sich um ein solches
+wagehalsiges Stück schwerlich vergebens bitten und — zu Georgs
+allerhöchstem Verdruß — glückte das Wagestück, wie die Entführung aus
+Nimbschen[100].
+
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Eingewöhnung ins weltliche Leben.
+
+
+Nachdem die Befreiung Katharinas und ihrer Mitschwestern so gut gelungen
+war, fragte es sich nun, was sollte mit ihnen werden?
+
+Die Sorge blieb an Luther hängen. Nochmals wandte er sich an die
+Angehörigen der Entflohenen und wird ihnen die Gewissen genugsam geweckt
+und ihre Pflicht eingeschärft haben, sich ihrer erbarmungswerten
+Töchter, Schwestern und Basen anzunehmen; das geht aus dem offenen Brief
+an Koppe und einem anderen an Spalatin hervor, worin es heißt: „O, der
+Tyrannen und grausamen Eltern in Deutschland!“[101]
+
+Zugleich aber hatte er den Fall vorgesehen, daß die Verwandten,
+wenigstens zum Teil, ablehnten, für die Nonnen zu sorgen. Daher
+überdachte er, wie er sie unterbringen könnte. Aber von seinen
+„Kapernaiten“ (den Wittenbergern) konnte und wollte er keine
+Geldunterstützung oder Anleihe erhalten; dagegen erhielt er von mehreren
+Seiten Versprechungen, den Geflüchteten eine Unterkunft zu bieten.
+Etliche wollte er auch, wenn er könne, verheiraten. Amsdorf schrieb
+scherzend an Spalatin: „Sie sind schön und fein, und alle von Adel, und
+keine fünfzigjährige darunter. Die älteste unter ihnen, meines gnädigen
+Herrn und Oheims Dr. Staupitz Schwester, hab ich Dir, mein lieber
+Bruder, zugerechnet zu einem ehelichen Gemahl, damit Du Dich mögest
+eines solchen Schwagers rühmen. Willst Du aber eine jüngere, so sollst
+Du die Wahl unter den Schönsten haben“[102].
+
+Bis dahin bat Luther und ebenso Amsdorf den Hofkaplan und
+Geheimschreiber des Kurfürsten Friedrichs des Weisen, „dieser ehrbaren
+Meidlein Vorbitter am Hofe zu sein und ein Werk der Liebe zu thun, und
+bei den reichen Hofleuten und vielleicht dem Kurfürsten etwas Geld zu
+betteln, auch wohl selbst etwas zu geben, damit die Geflüchteten
+einstweilen genährt und auf acht bis vierzehn Tage, auch mit Kleidung
+versehen werden könnten, denn sie hatten weder Schuhe noch Kleider.“
+Luther ging es nämlich damals so schlecht, daß er selbst kaum etwas zu
+essen hatte und sein Mitbruder, der Prior Brisger, einen Sack Malz
+schuldig bleiben mußte: so sehr blieben die Klostereinkünfte aus, auf
+die Luther und der letzte mit ihm lebende Mönch angewiesen war. Er
+scherzt mit Beziehung auf seinen Bettelorden: „Der Bettelsack hat ein
+Loch, das ist groß“. Freilich der Hof des vorsichtigen Kurfürsten wollte
+nicht recht, wenigstens nicht offen mit Unterstützungen herausrücken,
+weshalb Luther seinen Freund nochmals mahnen mußte: „Vergeßt auch meiner
+Kollekte nicht und ermahnt den Fürsten um meinetwillen auch etwas
+beizusteuern. O, ich will's fein heimlich halten und niemanden sagen,
+daß er etwas für die abtrünnigen Jungfrauen gegeben — die doch wider
+Willen geweihet und nun gerettet sind“[103].
+
+Luthers Appell an die Verwandten verfing nicht. Er mußte klagen: „Sie
+sind arm und elend und von ihrer Freundschaft verlassen.“ Luther mußte
+also trotz seiner großen Armut die Nonnen mit großem Aufwand
+unterstützen. Sonst erfuhr er, „was sie draußen von ihren Verwandten und
+Brüdern leiden müßten“ — wenn etwa eine nach Hause käme. Sie wollten
+meist auch nicht zu ihrer „Freundschaft“, weil sie in Herzog Jörgs Land
+des göttlichen Wortes Mangel haben müßten[104].
+
+Magdalena Staupitz wurde mit der Zeit als „Schulmeisterin“ der Mägdlein
+in Grimma gesetzt, und ihr ein Häuslein vom Mönchskloster gegeben. Die
+Elsa von Kanitz fand bei einer Verwandten Aufenthalt; Luther wollte sie
+1527 als Schulmeisterin der Mägdlein nach Wittenberg berufen. Die Ave
+von Schönfeld verheiratete er mit dem Medikus Dr. Basilius Axt[105].
+
+Katharinas Verwandte konnten sich ihrer offenbar nicht annehmen. Die
+Eltern waren tot, Bruder Hans mußte selber Dienste suchen im fernen
+Preußen, dann Verwalterstellen in Sachsen. Der älteste Bruder war arm
+verheiratet, hatte wohl keinen Platz für die Schwester; vom jüngsten,
+Clemens, war vollends nichts zu erwarten.
+
+So wurde denn das Fräulein Katharina von Bora nach der Ueberlieferung im
+Hause eines Wittenberger Bürgers untergebracht, der in der
+Bürgermeistergasse wohnte. Es war der ehrsame gelehrte M. Philipp
+Reichenbach, welcher 1525 in Wittenberg Stadtschreiber, 1529 Licentiat
+der Rechte, 1530 Bürgermeister und endlich Kurfürstlicher Rat
+wurde[106].
+
+In dem Wittenberger Bürgerhause wurde die ehemalige Nonne mehr als eine
+Art Pflegetochter gehalten und der Hausherr vertrat Vaterstelle an ihr.
+Sie muß dort doch eine angesehene Stellung eingenommen haben. Sie war
+bekannt und genannt im Kreise der Universitätsgenossen, und der
+Dänenkönig Christiern II., der landesflüchtig im Oktober 1523 nach
+Wittenberg kam und bei dem Maler Lukas Kranach Wohnung hatte, beschenkte
+Katharina mit einem goldenen Ringe. Die jungen Gelehrten in Wittenberg
+sprachen mit Achtung von ihr; sie nannten sie in ihren vertrauten
+Briefen, wohl wegen ihrer strengen Zurückhaltung, „die Katharina von
+Siena“[107].
+
+Bei dem Stadtschreiber, oder vielmehr bei seiner Frau, sollte nun
+Katharina von Bora sich eingewöhnen in das neue oder vielmehr alte
+„weltliche“, das bürgerliche Leben.
+
+Das war nicht so gar leicht. Mindestens vierzehn Jahre lang, also fast
+ihr ganzes bewußtes Leben, hatte Katharina im Kloster zugebracht. Alle
+diese Jahre hatte sie die geistliche Tracht getragen, sich an
+nonnenhafte Gebärde und Haltung, an geistliche Sitten und Reden gewöhnt;
+den Umgang mit weltlichen Menschen hatte sie verlernt oder eigentlich
+nie recht gelernt, und ebenso die Arbeit, das Hantieren in Stube und
+Küche; in der That, man begreift, daß der praktische Luther beim Anblick
+der neun weltunerfahrenen Nonnen ausrufen konnte: „Ein armes Völklein“!
+Wie in die weltliche Kleidung mußte Katharina sich nun an weltliche
+Sitte und Rede gewöhnen; wie ihr bleiches Gesicht sich an Luft und Sonne
+bräunen, ihre zarten Hände im Angreifen von Töpfen und Besen sich
+härten, so mußte auch ihr geistiges Wesen an den rauheren, aber
+gesünderen Anforderungen und Zumutungen der Welt sich kräftigen. Aber
+wie ihre abgeschnittenen Haare zu langen blonden Zöpfen wuchsen, so nahm
+auch Sorgen und Denken an die kleinen weltlichen Pflichten und die
+großen weltlichen Interessen zu.
+
+Und das gnädige Fräulein war nicht umsonst bei der Frau Magister. Sie
+wurde hier tüchtig vorgeschult für ihren späteren großen
+pflichtenreichen Haushalt. Und sie hat sich auch nach dem Zeugnis der
+Wittenberger Universität in dem Hause Reichenbach „stille und wohl
+verhalten“[108].
+
+Aber auch andere Gedanken und Gefühle erwachten in ihr und wurden ihr
+von außen nahe gelegt. Und auch hier machte sie Erfahrungen und erfuhr
+sie schmerzliche Enttäuschungen, die sie weltkluger und vorsichtiger
+machten.
+
+Katharina war jetzt 24 Jahre alt, eine reife, ja nach den Anschauungen
+jener Zeit, welcher das 15. bis 18. Lebensjahr einer Jungfrau für das
+richtigste heiratsfähige Alter galt, eine überreife Jungfrau. Daß sie an
+Verehelichung dachte, ist begreiflich. Denn sie hatte weder eine
+Stellung noch Vermögen. Der Aufenthalt bei ihren Pflegeeltern konnte
+doch nur ein vorübergehender und nicht befriedigender sein. Luther, der
+die besondere Sorge für diese, wie für andere ausgetretene Klosterleute
+übernommen, hatte ohnedies schon von Anfang die ausgesprochene Absicht,
+diejenigen, welche in ihren Familien keinen Unterhalt und Aufenthalt
+finden konnten, zu verheiraten. Und seine gesamte Anschauung ging dahin
+— darin hatte er die echt bäuerliche Ansicht seines Vaters — daß der
+Mensch zum Familienleben geboren und gerade das Weib von Gott zur Ehe
+bestimmt sei[109].
+
+Nun kam damals im Mai oder Juni 1523 in die Universitätsstadt Hieronymus
+_Baumgärtner_, ein Patriziersohn aus Nürnberg, „ein junger Gesell mit
+Gelehrsamkeit und Gottseligkeit begabt“. Er hatte früher (1518-21) in
+Wittenberg studiert und bei Melanchthon seinen Kosttisch gehabt und
+wollte jetzt seine alten Lehrer und Freunde in Wittenberg: Luther und
+besonders Melanchthon besuchen, mit dem er später in regem Briefwechsel
+stand[110]. Dieser junge Mann erschien Luther als der rechte Gatte für
+seine Schutzbefohlene: er war 25 Jahre alt, Käthe 24, beide aus
+vornehmem Hause; sie ohne Vermögen, um so mehr paßte in Luthers Augen
+der wohlhabende Nürnberger für sie. Und er wird wohl dafür gesorgt
+haben, daß Baumgärtner an sie heran kam und an ihr Wohlgefallen fand.
+Auch Käthe faßte eine raschaufwallende Neigung für den jungen Mann, war
+er ja wohl der erste, der sich der gewesenen Nonne näherte. Vielleicht
+haben sich die beiden auch zuerst gefunden, und Luther betrieb es nun in
+seiner Art eifrig, die zwei zusammenzubringen. Jedenfalls wurde die
+gegenseitige Neigung in dem Freundeskreise bekannt, und man hielt da die
+Heirat für sicher.
+
+Aber Baumgärtner zog heim nach Nürnberg und ließ nichts mehr von sich
+hören, trotzdem er versprochen hatte, nach ein paar Wochen wieder zu
+kommen, um, wie man glaubte, Katharina heimzuführen. Die Freunde,
+besonders Blickard Syndringer, erinnerten den Patriziersohn in ihren
+Briefen neckend oft genug an die verlassene Geliebte. Sie sei wegen
+seines Weggangs in eine Krankheit verfallen und habe sich in Sehnsucht
+nach ihm verzehrt. Im Anfang des folgenden Jahres bestellte noch der
+Nürnberger Ulrich Pinder von Wittenberg aus an Baumgärtner einen Gruß
+von „Katharina von Siena d.i. von Borra“. Endlich schrieb Luther noch
+einmal am 12. Oktober 1524 an Baumgärtner: „Wenn Du Deine Käthe von Bora
+festhalten willst, so beeile Dich, bevor sie einem andern gegeben wird,
+der zur Hand ist. Noch hat sie die Liebe zu Dir nicht verwunden. Und ich
+würde mich gar sehr freuen, wenn ihr beide mit einander verbunden
+würdet“[111].
+
+Aber den Eltern Baumgärtners war offenbar die entlaufene Nonne anstößig,
+und daß sie vermögenslos war, konnte sie erst recht nicht empfehlen.
+Daher ging Hieronymus auf dieses Ultimatum des Freiwerbers Luther nicht
+ein. Als er im Frühjahr 1525 in Nürnberg Ratsherr geworden war, verlobte
+er sich mit einem Mädchen von 14 Jahren, Sibylle Dichtel von Tutzing
+„mit sehr reicher Mitgift und was ihm noch erwünschter war, von sehr
+angesehenen Eltern“ und hielt mit ihr am 23. Januar 1526 in München die
+Hochzeit[112].
+
+Da aber Baumgärtner Katharina endgiltig aufgegeben hatte, so rückte
+Luther nun mit dem andern Heiratskandidaten heraus, den er für Käthe an
+der Hand hatte. Das war D. Kaspar Glatz, der am 27. August 1524 von der
+Universität Wittenberg, deren Rektor er damals war, sich auf ihre
+Patronatspfarrei Orlamünde hatte setzen lassen. Luther ging nun damit
+um, seine Schutzbefohlene dem D. Glatz zu freien. Aber Käthe, welche
+den Mann während seiner Lehrzeit in dem kleinen Wittenberg kennen
+gelernt hatte, wollte ihn nicht haben, und sie hatte ein richtigeres
+Gefühl als Luther. Glatz war, wie sich später herausstellte, ein
+rechthaberischer, eigensinniger Mensch, der Streitigkeiten mit seiner
+Gemeinde bekam und deshalb entsetzt werden mußte. Luther aber setzte
+Käthe mit der Heirat zu. Da ging sie zu Luthers Amtsgenossen, dem
+Professor Amsdorf und beklagte sich, daß Luther sie wider ihren Willen
+an D. Glatz verheiraten wolle; nun wisse sie, daß Amsdorf Luthers
+vertrauter Freund sei; darum bitte sie, er wolle bei Luther dies
+Vorhaben hintertreiben.
+
+Hier scheint nun Amsdorf, der diese Ablehnung für adeligen Hochmut
+auslegte, bemerkt zu haben: Ob ihr denn ein Doktor, Professor oder
+Pfarrherr nicht gut genug sei? denn Katharina wurde zu der Erklärung
+gedrängt: Würde Amsdorf oder Luther sie zur Gattin begehren, so wolle
+sie sich nicht weigern, D. Glatz aber könne sie nicht haben[113].
+
+Diese Aeußerung, welche wohl ohne viel Absicht gesprochen war, hatte
+ihre Folgen; zwar nicht für Amsdorf, der immer ehelos blieb, aber für
+Luther. Auch er hatte die Bora „für stolz und hoffärtig“ gehalten,
+während sie doch nur etwas Zurückhaltendes hatte und ein gewisses
+Selbstbewußtsein zeigte; er hatte sie also nicht recht gemocht. Durch
+jene Erklärung an Amsdorf wurde er aber auf andere Gedanken
+gebracht[114].
+
+
+
+
+5. Kapitel.
+
+Katharinas Heirat.
+
+
+So machte Luther bei Käthe von Bora, aber auch bei anderen Nonnen den
+Freiwerber; er that es aber auch in seinen Schriften, worin er den
+Ehestand so hoch pries und jedermann dazu einlud. Daher scherzte er in
+einer Epistel an Spalatin: „Es ist zu verwundern, daß ich, der ich so
+oft von der Ehe schreibe und so oft unter Weiber komme, nicht längst
+verweibischt oder beweibt bin.“ Und mehr im Ernst: „Ich dränge andere
+mit so viel Gründen zur Ehe, daß ich beinahe selbst dazu bewegt
+werde“[115].
+
+Wenn Luther so eifrig zur Ehe riet, so hatte er dabei vor allem seine
+Amtsgenossen im Auge. Denn bis zur Reformation war es nicht nur Sitte,
+sondern sogar Gesetz, daß Universitätslehrer sich nicht verehelichten:
+so sehr wurden die Schulen, auch die Hochschulen als kirchliche, ja
+geistliche Anstalten angesehen und die „geistigen“ Personen als
+„Geistliche“. Nur beschränkte Ausnahmen wurden allmählich mit der
+Verehelichung gestattet für Mediziner und Juristen; Rektor konnte lange
+Zeit, auch in Wittenberg, nur ein unverehelichter Professor werden. Die
+Gelehrten aber betrachteten auch ihrerseits die Ehe als eine
+Erniedrigung für ihren hohen Stand. Darum hat Luther nur mit Mühe den
+Gelehrten Melanchthon zur Heirat vermocht[116].
+
+Daß aber die eigentlichen Geistlichen, die Priester, heirateten, das war
+vor Luther, seit Gregor des Siebenten Zeiten, das heißt seit
+sechsthalbhundert Jahren etwas Unerhörtes. Gerade aber _darauf_ hat nun
+Luther allmählich in seinen vielen Schriften gedrungen, um zu zeigen daß
+im Christentum der geistliche Stand nichts Besonderes sei, daß vielmehr
+alle, die aus der Taufe gekrochen, Bischöfe und Pfarrer wären, und
+umgekehrt die Geistlichen nichts anders als Christenmenschen. So hat er
+all seine geglichen Freunde zur Ehe gedrängt und ihnen dazu mit Eifer
+verholfen; auch den Hochmeister von Preußen und den Erzbischof von
+Mainz. Er wollte sozusagen für seine Anschauung vom allgemeinen
+Priestertum und dem hl. Ehestand, wie der falschen Heiligkeit des
+Cölibats den Massenbeweis mit Tatsachen führen. So mahnt er Spalatin
+(Ostern 1525): „Warum schreitest Du nicht zur Ehe? Es ist möglich, daß
+ich selbst dazu komme, wenn die Feinde nicht aufhören diesen Lebensstand
+zu verdammen und die Klüglinge ihn täglich belächeln!“[117]
+
+Der Gedanke, daß auch _Klosterleute_ ehelich werden sollten, war Luther
+anfangs befremdend: galt dies doch nach der Anschauung der Zeit so
+sakrilegisch, daß die weltlichen Rechte Heiraten von Mönchen und Nonnen
+mit dem Tode bestraften[118]. Von der Wartburg schrieb Luther (am 6.
+August 1521): „Unsere Wittenberger wollen sogar den Mönchen Weiber
+geben? Nun mir sollen sie wenigstens keine Frau aufdringen,“ und mit
+Melanchthon scherzt er, ob dieser sich wohl an ihm dafür rächen wolle,
+daß er ihm zu einer Frau verholfen habe? er werde sich aber zu hüten
+wissen. Doch nach wenigen Monaten hatte er sich überzeugt: „Das ehelose
+Leben in Klöstern ist auch der geistlichen Freiheit zuwider. Darum, wo
+du nicht frei und mit Lust ehelos bist und mußt es allein um Scham,
+Furcht, Nutz oder Ehre willen, da laß nur bald ab und werde ehelich.“ So
+versorgte er nun auch Mönche und Nonnen in den Ehestand[119].
+
+Aber wie er selber nur spät, — am spätesten unter den Brüdern — dazu
+kam, sein Klosterleben aufzugeben, seine Kutte — als die letzte
+zerschlissen war — im Oktober 1524 mit dem Priesterrock und
+Professorentalar vertauschte, so erging es ihm auch mit dem Heiraten.
+1528 sagte er: „Wenn mir jemand auf dem Wormser Reichstag gesagt hätte,
+nach 7 Jahren würde ich Ehemann sein, der Frau und Kinder habe, so hätte
+ich ihn ausgelacht“. Gerade wenn ihm seine Freunde und Freundinnen wie
+Argula von Grumbach zuredeten oder davon sprachen, er werde doch noch
+heiraten, erklärte er das für Geschwätz. Noch am 30. November 1524
+meinte er, bei seiner bisherigen und jetzigen Gesinnung werde er keine
+Frau nehmen, sein Gemüt passe nicht zum Heiraten, er fühle sich dazu
+nicht geschickt. Ja noch Ostern 1525 schreibt er, daß er an keine Ehe
+denke[120].
+
+Aber bald nach Ostern wurde er anderen Sinnes.
+
+Es war gerade die böse Zeit der Bauernunruhen, wo radikale Schwärmer die
+Sache der Reformation aufs äußerste gefährdeten, die Zeit, wo die Feinde
+mit gehässiger Schadenfreude auf ihn wiesen, und die Freunde mit
+ängstlicher Sorge nach ihm schauten; es war damals, da er umherzog die
+fanatischen Bauernhaufen zu beschwichtigen und dabei zweimal in
+Fährlichkeiten des Todes gewesen, als er überhaupt dem Tode entgegen
+sah[121]. Da erklärte er: „Münzer und die Bauern haben dem Evangelium
+bei uns so sehr geschadet und die Papisten so übermütig gemacht, daß es
+fast aussieht, als müsse man das Evangelium wieder ganz von vorn
+predigen.“ Deshalb wollte er's nunmehr „nicht mit dem Wort allein,
+sondern mit der That bezeugen“. Er wollte mit seinem Beispiel seine
+Lehre bekräftigen, weil er so viele kleinmütig finde, und so auch dem
+zaghaften Erzbischof von Mainz zum Exempel voran traben. Er war im
+Sinne, ehe er aus diesem Leben scheide, sich im gottgeschaffenen
+Ehestande finden zu lassen und „nichts von seinem vorigen papistischen
+Leben an sich zu behalten“, und sei es auch nur eine verlobte
+Josephsehe: auf dem Todbett wollte er sich ein fromm Mägdlein antrauen
+lassen und ihr zum Mahlschatz seine zwei silbernen Becher reichen. Als
+er gar von Dr. Scharf das Wort hörte: „Wenn dieser Mensch ein Weib
+nähme, so würde die ganze Welt und der Teufel selber lachen und er all
+seine Sach damit verderben“, da entschloß er sich erst recht: „Kann
+ich's schicken, so will ich dem Teufel zum Trotz noch heiraten, und die
+Engel sollen sich freuen und der Teufel weinen.“ Endlich drängte ihn
+auch sein Vater, mit dem er auf seinen damaligen Reisen zusammentraf,
+seinen größten Lieblingswunsch zu erfüllen, und Luther wollte „diesen
+letzten Gehorsam seinem geliebenden Vater nicht weigern“[122].
+
+Und gerade eine _Nonne_ sollte die Erwählte sein, „dem Teufel mit seinen
+Schuppen, den großen Hansen, Fürsten und Bischöfen zum Trotz, welche
+schlechterdings unsinnig werden wollen, daß geistliche Personen freien“.
+Und nicht nur den großen Hansen, sondern auch dem großen Haufen zum
+Trotz, welcher nach seinem Aberglauben den Sohn eines Mönchs und einer
+Nonne für den Antichrist hielt. Also wollte er „mit der That das
+Evangelium bezeugen, zum Hohn für alle, welche triumphieren und Ju, ju
+schreien, und eine Nonne zum Weibe nehmen“[123]. Diese Nonne aber sollte
+_Katharina von Bora_ sein.
+
+Sie war noch immer unversorgt im Reichenbachschen Hause, und er konnte
+an ihr ein Werk der Barmherzigkeit thun. Sie hatte erklärt, sie werde
+ihn nehmen, wenn er sie wolle. Und er hatte mittlerweile eine bessere
+Meinung von ihr gewonnen.
+
+Daß Käthes außerordentliche Schönheit ihn in Feuer gesetzt habe, sagten
+ihm seine Gegner in gehässiger Absicht nach. Luther redet nur einmal und
+in ziemlich später Zeit in einem Brief an seine Gattin, in ritterlich
+schalkhafter Weise davon, daß er „daheim eine schöne Frau“ habe.
+Ausdrücklich aber erklärt er, in den ersten Tagen seiner Ehe, daß er
+nicht verliebt sei oder voll leidenschaftlichen Feuers, aber er habe
+seine Frau gern. Sie war ja auch gar nicht besonders schön. Von
+körperlicher Schönheit zitierte Luther den Reim:
+
+ Ist der Apfel rosenrot,
+ Ist ein Würmlein drinnen,
+ Ist das Maidlein säuberlich,
+ So hat's krause Sinnen.
+
+Und da ihm ein heiratslustiger Freund einmal sagte, er möchte eine
+Schöne, Fromme, (d.h. Brave) und Reiche, so bemerkte Luther: „Ei, ja,
+man soll dir eine malen mit vollen Wangen und weißen Beinen; dieselben
+sind auch die frömmsten, aber sie kochen nicht wohl und beten
+übel“[124].
+
+So traf er in der Stille und ohne leidenschaftliche Erregung seine Wahl.
+Am 16. April scherzt er gegen Spalatin, daß er ein gar arger Liebhaber
+sei: „Drei Frauen habe ich zugleich gehabt und sie so wacker geliebt,
+daß ich zwei verloren habe, welche andere Verlobte nahmen, und die
+dritte halte ich kaum am linken Arme, die mir vielleicht auch bald
+weggenommen wird“[125].
+
+Er hatte also doch bestimmte Persönlichkeiten ins Auge gefaßt.
+
+Schon am 4. Mai, nach einem Besuche bei seinen Verwandten in Eisleben
+und Mansfeld, redet er in einem vertrauten Briefe an seinen Schwager
+Rühel zu Mansfeld von „meiner Käthe“, die er nehmen wolle, so er's
+schicken könne. Und wie seinen Schwager, hat er jedenfalls auch seine
+Eltern in seine Pläne eingeweiht, und der Vater redete ihm ernstlich
+zu[126]. In Wittenberg selbst aber vertraute er es nur wenigen Leuten
+an: dem Maler und Ratsherrn Lukas Kranach und seiner Frau. Gerade seinen
+Amtsgenossen und übrigen Freunden, vor allem auch Melanchthon, sagte er
+nichts davon. Die Klugen wollten für ihn gerade nicht, was Luther
+wollte: eine Nonne, und dachten und redeten über eine Mönchs- und
+Nonnenheirat „lieblos“. Und ganz besonders war ihnen Katharina von Bora
+nicht recht; alle seine besten Freunde schrieen: „Nicht diese, sondern
+eine andere!“ Und wohl um es zu verhindern, brachten „böse Mäuler“ sogar
+eine boshafte Nachrede auf. Aber gerade das bewog Luther, der Sache
+rasch ein Ende zu machen, bevor er die gegen ihn aufgebrachten Mäuler
+zu hören genötigt würde, wie es zu geschehen pflegt, und „weil der Satan
+gern viel Hindernis und Gewirrs mache durch böse Zungen“[127]. Er
+„betete zu unserm Herrn Gott mit Ernst“, wie er berichtet, und handelte
+dann ohne Menschen-Rat und -Bedenken, ja wie Melanchthon klagt, ohne
+seinen Freunden etwas davon zu sagen[128].
+
+Mit Katharina hatte sich Luther jedenfalls ins Einverständnis gesetzt:
+wenn er schon wochenlang schreiben konnte „Meine Käthe“, so mußte sie
+doch von seinen Absichten wissen.
+
+Daß Käthe an Martin Luther auch ein rein menschliches Gefallen fand,
+begreift sich. Er war wohl schon 42 Jahre alt und 16 älter wie sie
+selbst. Aber ein Zeitgenosse bezeugt: „Ein fein klar und tapfer Gesicht
+und Falkenaugen hatte er und war von Gliedmaßen eine schöne Person. Er
+hatte auch eine helle feine reine Stimme, beides zu singen und zu reden,
+war nicht ein großer Schreier“. Auch einem edeln, feineren Geschmack
+mußte der ehemalige Mönch und Bauernsohn zusagen: er hielt etwas auf ein
+ansprechendes Aeußere und wegen seiner Sorgfalt in der Kleidung nannten
+ihn sogar seine Gegner tadelnd einen „feinen Hofmann“, denn er trug
+„Hemden mit Bändelein“, hatte einen Fingerring und gelbe Stiefel[129].
+
+Dabei war Luther für alles Schöne in Kunst und Natur eingenommen, ein
+guter Sänger und „Lautenist“, heiteren Sinnes und fröhlicher Laune.
+
+Aber noch mehr mußte Luthers Gemütsart einem weiblichen Wesen zusagen:
+er war bei aller Heftigkeit doch gutmütig, bei aller Halsstarrigkeit
+lenkbar wie ein Kind, bei aller Derbheit doch sinnig und feinfühlig.
+Dabei war er „ein frommer (guter) Mann“, der sein Weib herzlich lieb
+haben konnte, und in dessen Besitz, wie er selber sagte, eine Frau sich
+als Kaiserin dünken dürfte[130].
+
+Freilich auch die äußere Stellung, welche Luthers Gemahlin einnahm,
+mußte einen hochstrebenden Sinn reizen. Das Doktorat war in dieser
+Humanistenzeit noch höher gewertet als heutzutage die akademische
+Professur, es stand mindestens dem Adel gleich. Der einfachste Doktor,
+der vom Bauern- und Handwerkerstand sich emporgearbeitet hatte, wurde
+von adeligen Jungfrauen als wünschenswerter Ehegenosse begehrt, sodaß
+eine große Anzahl Professorenfrauen in Wittenberg von Adel waren. Und
+gar Luthers Gattin zu heißen, des gefeiertsten Mannes nicht nur in ganz
+Wittenberg, sondern in der ganzen Christenheit, mußte einem Weibe von
+Selbstgefühl schmeicheln, wenn es sich auch umgekehrt sagen mußte, daß
+mit der Größe des Mannes auch all der Haß und die Beschimpfung mit in
+Kauf zu nehmen, welche ihm die Feinde entgegenbrachten. Es war auch ein
+gewagtes Unternehmen, einen solchen außerordentlichen Mann zu
+befriedigen, des Gewaltigen ebenbürtige Lebensgefährtin zu werden.
+Jungfer Käthe hatte den Mut wie das Selbstbewußtsein dazu.
+
+So weigerte sich Käthe der Annäherung Luthers nicht.
+
+Die förmliche Bewerbung Luthers ist wahrscheinlich erst Dienstag den 13.
+Juni geschehen, natürlich im Reichenbachschen Hause. Ein späterer
+Bericht sagt, daß Käthe überrascht war und anfänglich nicht gewußt, ob
+es Luthers Ernst sei, dann aber eingewilligt habe. Gleich abends am
+selben Tage war die Trauung oder „das Verlöbnis“, entweder ebenfalls
+beim Stadtschreiber oder möglicherweise in Luthers Behausung im Kloster.
+Auf die Zeit des Nachtmahls lud der Doktor den Stadtpfarrer Bugenhagen
+und den Stiftspropst Jonas, den Juristen Apel und den Ratsherrn und
+Stadtkämmerer Meister Lukas Kranach und seine Frau — Melanchthon war
+nicht dabei — was Jonas ausdrücklich als auffällig hervorhebt: er war so
+ängstlich über diesen Schritt seines großen Freundes, daß er nicht zu
+diesem Akt paßte. Auch seinen Freund Dr. Hier. Schurf konnte Luther
+nicht zu seinem Rechtsbeistand wählen, weil dieser Lehrer des
+bürgerlichen und kirchlichen Rechts allerlei juristische Bedenken hatte
+gegen die Priesterehe[131].
+
+Die Trauung geschah nach den herkömmlichen Bräuchen[132]: der
+Rechtsgelehrte vollzog die rechtlichen Formalitäten, den schriftlichen
+Ehevertrag, er (oder Bugenhagen) fragte im Beisein der Zeugen den
+Bräutigam, ob er die Braut zum Weibe nehmen und die Braut, ob sie den
+Mann zum ehelichen Gemahl haben wollte. Dann gab der Pfarrer sie beide
+mit Gebet und Segen zusammen. Darauf folgte ein kleines Abendessen und
+dann das Beilager: Braut und Bräutigam wurden zum Brautbett geführt,
+lagerten sich darauf unter einer Decke und damit war die Ehe
+gültig[133].
+
+Das war Luthers „Gelöbnis“, wie es in der Wittenberger Redeweise hieß.
+Jonas konnte sich beim Anblick der Verlobten auf dem Brautlager nicht
+enthalten, Thränen zu vergießen, so sehr war er bewegt. Aber auch die
+Gemüter der anderen waren gewiß in großer Bewegung, nicht zum wenigsten
+Luther und Käthe[134].
+
+Am folgenden Morgen, Mittwoch, gab Luther den Freunden ein kleines
+Mittagsmahl, das damals um 10 Uhr stattfand. Da mittlerweile die
+Vermählung in dem kleinen Wittenberg rasch bekannt geworden war, so
+sandte der Stadtrat einen Ehrentrunk von einem Stübchen (= 4 Maß)
+Malvasier, einem Stübchen Rheinwein und anderthalb Stübchen
+Frankenwein[135].
+
+„Das Gelöbnis“ war aber nach damaliger Sitte nicht die „Beilage“ oder
+öffentliche Hochzeit; diese folgte erst später mit öffentlichem
+Kirchgang und der „Wirtschaft“ (d.i. Hochzeitsschmaus) und feierlicher
+Heimführung der „Jungfer Braut“. Vierzehn Tage nach der Trauung,
+Dienstag den 27. Juni, folgte nun bei Luther dieses hochzeitliche Mahl
+und „Heimfahrt“, denn das junge Ehepaar und seine Freunde wollten nicht
+nur die Sitte ehren, sondern gerade recht auffällig in öffentlicher
+Feierlichkeit vor der Welt ihren heiligen Ehestand ehrenvoll bezeugen.
+Dazu lud der Doktor seine Eltern und seinen Schwager Dr. Rühel in
+Mansfeld nebst noch zwei Mansfeldischen Räten, Johann Dürr und Kaspar
+Müller, ferner den Hofkaplan M. Spalatin und den Pfarrer Link in
+Altenburg, den kühnen Befreier der Nonnen Leonhard Koppe als „würdigen
+Vater Prior“, den Kurfürstlichen Hofmarschall Dr. Johann von Dolzig, vor
+allem aber den Superintendenten („Bischof“) Amsdorf in Magdeburg
+u.a.[136].
+
+Die mit Scherz und Ernst gewürzten Einladungsbriefe an diese Gäste —
+außer dem an die Eltern — sind noch vorhanden. Da schreibt Luther an die
+drei Mansfeldischen Räte: „Bin willens, eine kleine Freude und Heimfahrt
+zu machen. Solches habe ich Euch als guten Herren und Freunden nicht
+wollen bergen und bitte, daß Ihr den Segen helft darüber sprechen. Wo
+Ihr wolltet und könntet samt meinem lieben Vater und Mutter kommen, mögt
+Ihr ermessen, daß mir's eine besondere Freuden wäre“. An Link: „Der Herr
+hat mich plötzlich, da ich's nicht dachte, wunderbarer Weise in den
+Ehestand versetzt mit der Nonne Käthe von Bora.... Wenn Ihr kommt, will
+ich durchaus nicht, daß Ihr einen Becher oder irgend etwas mitbringt“.
+An Dolzig: „Es ist ohne Zweifel mein abenteuerlich Geschrei für Euch
+kommen, als sollt ich ein Ehemann worden sein. Wiewohl nun dasselbige
+fast seltsam ist und ich's selbst kaum glaube, so sind doch die Zeugen
+so stark, daß ich's denselben zu Dienst und Ehren glauben muß, und
+fürgenommen, auf nächsten Dienstag mit Vater und Mutter samt anderen
+guten Freunden in einer Kollation dasselbe zu versiegeln und gewiß zu
+machen. Bitte deshalben gar freundlich, wo es nicht beschwerlich ist,
+wollet auch treulich beraten mit einem Wildbret und selbst dabei sein
+und helfen das Siegel aufdrücken und was dazu gehört“[137].
+
+Das Wildbret fehlte nicht; Wittenberg, welches wußte, was die
+Universität und Stadt an Luther besaß — er hat die kleine Stadt und
+Universität erst groß und berühmt gemacht — spendete reichliche
+Geschenke. Der Stadtrat sandte „Doctori Martino zur Wirtschaft
+und Beilage ein Faß Eimbeckisch Bier und zwanzig Gulden in
+Schreckenbergern“; und die löbliche Universität verehrte als
+Brautgeschenk „H.D. Marthin Luthern und seiner Jungfraw Käthe von Bor“
+einen hohen Deckelbecher aus Silber mit schönen vergoldeten
+Verzierungen. Johann Pfister, der zu Ostern den Mönch ausgezogen und zu
+Pfingsten nach Wittenberg gereist war, um da zu studieren, hat auf D.
+Luthers Hochzeit das Amt eines Mundschenken versehen. Vielleicht waren
+jetzt auch die Eheringe fertig, welche die Freunde besorgten. Diese
+Eheringe soll der Kaiserl. Rat Willibald Pirkheimer in Nürnberg von
+Albrecht Dürer haben anfertigen lassen und geschenkt haben; desgleichen
+auch eine goldene Denkmünze mit Luthers Bild. Der Trauring Luthers ist
+ein zusammenlegbarer Doppelreif mit Diamant und Rubin, den Zeichen von
+Liebe und Treue; unter dem hohen Kasten sind die Buchstaben M.L.D. und
+C.V.B. und in dem Reif der Spruch: „Was Gott zusammenfüget, soll kein
+Mensch scheiden“. Katharinas Ring hat einen Rubin und ist mit Kruzifix
+u.a. geziert, mit der Inschrift: „D. Martinus Lutherus, Catharina von
+Boren 13. Juni 1525“[138].
+
+Daß dabei Katharina in üblichem Brautschmuck erschien, ist
+selbstverständlich, wenn dieser auch nicht so reich war, als das
+angebliche Bild Katharinas von Bora im Hochzeitsstaat denken läßt[139].
+
+So wurde mit den guten Freunden eine fröhliche Hochzeit gefeiert.
+Freilich werden der unruhigen Zeitläufte wegen nicht alle Eingeladenen
+erschienen sein — Luther setzte das schon in seinen Briefen voraus. Auch
+Magister Philipp Melanchthon war nicht dabei, der ängstliche Gelehrte,
+welcher gegen Luthers Ehe und besonders mit der Nonne war, wäre ein
+übler Hochzeitsgast gewesen. Von Katharinas Verwandten scheint niemand
+anwesend gewesen zu sein. Vater und Mutter waren wohl schon längst tot,
+zwei Brüder im fernen Preußen, der älteste vielleicht auch ferne; den
+anderen Verwandten war Käthe doch durch ihr Klosterleben entfremdet, es
+hatte sich ja auch bisher niemand von ihnen ihrer angenommen. So mußte
+sie ihre Gefreunde und Verwandte in ihren Pflegeeltern und Luthers
+Freunden und Eltern sehen. Und wenn ihr's an ihrem Hochzeitsfest recht
+wehmütig ums Herz gewesen sein wird, so mußte sie doch die hohe
+Verehrung und Freundschaft trösten, welche ihr Gatte bei seinen
+Amtsgenossen und Landsleuten gefunden hatte.
+
+
+
+
+6. Kapitel
+
+Das erste Jahr von Katharinas Ehestand.
+
+
+Luther führte nach seiner Vermählung die junge Frau in seine Wohnung im
+Augustinerkloster. Denn dies hatte ihm der Kurfürst Johann der
+Beständige, der seit Mai seinem Bruder Friedrich dem Weisen gefolgt war,
+unter der Bedingung des Vorkaufsrechts zur Verfügung gestellt.
+
+Das „schwarze Kloster“ lag oben am Elsterthor, unmittelbar am Wall und
+Graben, still und abgewandt von der Welt, von der Straße durch einen
+großen Hof geschieden. Das dreistöckige Hauptgebäude gegen die Elbe zu
+gelegen war die Behausung der Mönche gewesen und jetzt Luthers
+Aufenthalt. In der westlichen Ecke nach Mittag gerichtet und mit
+Aussicht auf die gelben Fluten des Stromes war Luthers Zelle, woraus er
+„den Papst gestürmt hatte“: sie blieb auch jetzt seine Studierstube.
+Dagegen richtete das Ehepaar nach dem Hofe zu, wo die Gemächer des
+ehemaligen Priorats lagen, die geräumige Wohnstube ein, worin auch
+gespeist und die Besucher empfangen und Gäste bewirtet wurden. Davor lag
+ein kleineres Empfangszimmer mit Holzbänken. Die Decken der Gemächer und
+bis zur halben Höhe auch die Wände des behaglichen Wohnzimmers waren mit
+Holzgetäfel versehen, an den Wänden hin zogen sich Bänke, Pflöcke
+darüber dienten zum Aufhängen von Geräten und Kleidern. Zwei große
+Fenster mit Butzenscheiben schauten in den Klosterhof. Aber um
+deutlicher zu sehen, waren kleine Schiebfenster angebracht, welche
+klirrend geöffnet wurden, wenn dahinter etwas beobachtet werden sollte,
+ein Besuch kam oder ging oder auf die Dienstboten und das Geziefer des
+Hauses geachtet werden sollte. Dort in der Fensternische wurde ein
+einfacher hölzerner Sitz aufgestellt mit einer Art Pult, der als
+Nähtisch dienen mochte. Ein mächtiger Eichentisch auf Kreuzgestellen
+stand in der Mitte und die eine Ecke füllte ein mächtiger Kachelofen.
+Darum hieß die Wohnstube auch „das gewöhnliche Winterzimmer“. Es war
+wohl noch von der Klosterzeit her bemalt. Wahrscheinlich befand sich
+auch hier ein Bild der Maria mit dem schlafenden Jesuskind[140].
+
+Hinter dieser Wohnstube war das Schlafzimmer und eine weitere Kammer,
+von dieser wurde später eine Stiege mit einer Fallthüre in das
+Erdgeschoß angelegt, auf der man in die Wirtschaftsräume drunten
+gelangen und namentlich die Speisen von der Küche innerhalb des Hauses
+heraufbringen konnte. Denn Küche, Dienstbotenzimmer und dgl. waren unten
+im ehemaligen Refektorium[141].
+
+Schon in diesem Jahre, 1525, schenkte der Stadtrat verschiedene Fuhren
+Kalk, womit das Klosterhaus innen und außen, wenigstens teilweise,
+getünscht werden konnte. Vielleicht geschah dies bereits in der
+Zwischenzeit zwischen der Trauung und Heimführung, dieser zu Ehren, als
+das Haus viele festliche Besucher aufnehmen mußte[142].
+
+Die erste Ausstattung des Hauses wird dürftig genug gewesen sein, denn
+Luther konnte bei seiner bekannten Freigebigkeit und Gastfreiheit mit
+seinem Gehalt kaum für sich selbst bestehen, und obwohl der Kurfürst es
+bei seiner Verheiratung auf 200 fl. aufbesserte, so waren daraus nicht
+viel Anschaffungen zu machen, namentlich für ein so weitläuftiges
+Gebäude. Die 100 fl., die der Kurfürst, und die 20 fl., die der Stadtrat
+zur Hochzeit schenkte, gingen darauf für das kostspielige Festmahl. Der
+Klosterhausrat, so weit er noch übrig und nicht weggeschleift war durch
+allerlei unberufene Hände, war Luther von den Visitatoren geschenkt
+worden. Aber es war geringfügig: Schüsseln und Bratspieße, einiger
+sonstiger Hausrat und Gartengeräte — zusammen kaum 20 fl. wert. So
+werden wohl die Freunde durch Hochzeitsgeschenke, die freilich in der
+Regel aus silbernen Bechern bestanden, unmittelbar oder mittelbar dazu
+beigetragen haben, die öden Räume des Klosters ein bißchen wohnlich zu
+gestalten. Verwöhnt durch mannigfaltigen Hausrat war man damals
+überhaupt nicht, und die zwei ehemaligen Klosterleute noch weniger. So
+schenkte D. Zwilling von Torgau einen Kasten, der war aber bald so
+lotter und wurmstichig, daß Frau Käthe kein Leinen mehr darin
+aufbewahren konnte vor lauter Wurmmehl. Nach und nach kamen auch sonst
+von auswärts allerlei Geschenke, sogar künstliche Uhren. Vom Stadtrat
+wurde das junge Ehepaar ein ganzes Jahr lang mit Wein aus dem Ratskeller
+freigehalten, brauchte aber nur (trotz vieler Gäste) für 3 Thlr. 4
+Groschen 6 Pfennige. Auch schenkte die Stadt „Frau Katharinen Doktor
+Martini ehelichem Weibe zum neuen Jahr (1526) ein Schwebisch“
+(schwäbisches Tuch)[143].
+
+Der einzige Mitbewohner und neben Luther letzte Mönch, der Prior Brisger
+verheiratete sich gleich nach Luther und zog nach einiger Zeit in sein
+neugebautes Häuschen, das neben dem Kloster, aber vorn an der Straße
+gelegen war, dann auf die Pfarrei Altenburg. Von den alten
+Klosterbewohnern blieb nur Luthers Famulus Wolfgang Sieberger im Hause,
+der arm an Geld und Geistesgaben zwar zu studieren angefangen, aber es
+nicht hatte fortsetzen und vollenden können, und besser zu einem Diener
+taugte als zum Gelehrten, eine treue Seele, die von 1517 bis zu Luthers
+Tod im Hause blieb und den Doktor nur um ein Jahr überlebte. Eine Magd
+war auch da und andere folgten bald, als der Haushalt sich ausdehnte.
+
+In diesem Hause nun gewöhnte sich das junge Paar zunächst einigermaßen
+in Ruhe in den Ehestand und aneinander, und Luther schrieb da: „Ich bin
+an meine Käthe gekettet und der Welt abgestorben“[144].
+
+Es war dem 42jährigen Gelehrten, Junggesellen und ehemaligen Mönch im
+ersten Jahre des Ehestandes ein seltsames Gefühl, wenn er jetzt
+selbander bei Tische saß statt allein, oder wenn er morgens erwachend
+zwei Zöpfe neben sich liegen sah. Aber auch der jüngeren Ehefrau, der
+früheren Nonne mochte ihr neuer Stand seltsam dünken, hier im ehemaligen
+Kloster, namentlich an der Seite des gewaltigen Mannes, der die
+Weltordnung umgekehrt hatte und mit Papst, Kaiser, Welt und Teufel im
+Kampfe lag[145].
+
+Da saß Käthe in dieser ersten Zeit bei Luther hinten in seiner
+Studierstube, von wo er mit dem Flammenschwert seiner Feder den Papst
+gestürmt, sah ihn von Büchern umgeben, den Tisch mit Briefen und
+Schriftbogen bedeckt, spann und horchte ihm zu und that auch Fragen nach
+diesem und jenem. Ihre Fragen zeugten nicht immer von Welterfahrung und
+theologischer Bildung. So ergötzte es den Gelehrten, als sie einmal
+fragte: „Ehr Doktor, ist der Hochmeister in Preußen des Markgrafen
+Bruder?“ Es war dieselbe Person. Luther weihte seine junge Frau bald in
+theologische Fragen ein. Als ihm Jonas 1527 seine jetzige Ansicht über
+Erasmus meldete, las er seiner Frau ein Stück des Briefes vor. Da sprach
+sie alsbald: „Ist nicht der teure Mann zur Kröte geworden?“ Und sie
+freute sich, daß Jonas nun die gleiche Ansicht mit Luther über Erasmus
+hatte. Mit der Zeit erweiterte sich ihr Wissen, sie lernte in ihres
+Mannes Haus, wo so viele Fäden der Kirchen- und Weltgeschichte
+zusammenliefen und so viele bedeutende Männer, Gelehrte, Staatsmänner
+und Fürsten einkehrten, die Weltdinge verstehen und lebte sich in die
+theologische Gedankenwelt so ein, daß sie an den Tischreden lebhaften
+Anteil nahm und auch Gelehrte durch ihren gesunden Menschenverstand und
+ihr natürliches Gefühl mitunter in Verlegenheit brachte[146].
+
+Frau Käthe hatte eine ziemliche Beredsamkeit, so daß Luther sie oftmals
+damit neckte und sie einmal einem Engländer als Sprachlehrerin empfahl
+oder auch davon redete, daß sie das Amen nicht finden könnte bei ihren
+Predigten. Er sagt aus der Erfahrung von seiner Gattin: „Weiber reden
+vom Haushalten wohl als Meisterinnen mit Holdseligkeit und Lieblichkeit
+der Stimm und also, daß sie Cicero, den besten Redner, übertreffen; und
+was sie mit Wohlredenheit nicht zu Wege bringen können, das erlangen sie
+mit Weinen. Und zu solcher Wohlredenheit sind sie geboren, denn sie sind
+viel beredter und geschickter von Natur zu diesen Händeln, denn wir
+Männer, die wir's durch lange Erfahrung, Uebung und Studieren erlangen.
+Wenn sie aber außer der Haushaltung reden, so taugen sie nichts.“[147]
+
+Zur Abwechslung arbeiteten die jungen Eheleute auch in dem umzäunten
+Klostergarten hinter dem Hause, worin auch ein Brunnen war. Da wurde
+gegraben und gepflanzt und allerlei Kräuter, Gemüse und Obstbäume, aber
+auch zierliche Sträucher und Blumen gepflegt. So konnte Luther schon im
+folgenden Sommer Spalatin einladen: „Ich hab einen Garten gepflanzt,
+einen Brunnen gegraben, beides mit gutem Glück. Komm, und Du sollst mit
+Lilien und Rosen bekränzt werden.“ Auch zu dem „Lutherbrunnen“ vor dem
+Elsterthore wandelten die Ehegatten hinaus, welchen der Doktor 1521
+entdeckt hatte und 1526 fassen und mit einem „Lusthaus“ überbauen ließ,
+in dem er manch liebes Mal in Muße mit seiner Frau und seinen Freunden
+saß. Sonst ruhten die beiden unter dem Birnbaum im Klosterhofe, der
+schon zu Staupitz' Zeiten manches ernste Gespräch vernommen[148].
+
+Von dem jungen Ehepaar haben wir ein Bild aus der Werkstatt Kranachs.
+Die junge Frau, mehr eine zarte als robuste Erscheinung, hat ein ovales
+Gesicht mit feiner Hautfarbe, die Augenöffnung erscheint ein bißchen
+„geschlitzt“, die Backenknochen, welche in einem anderen Käthe-Typus
+sehr stark hervortreten, sind normal. Charakteristisch ist die volle
+Unterlippe. Die Augenbrauen sind schwach und hoch gewölbt, das wenig
+üppige feine Haar hat rötliche oder blonde Farbe und die mattblauen
+Augen schauen verständig drein. Der Eindruck des ganzen Gesichtes läßt
+nüchternen Ernst und eine gewisse zähe Energie erwarten[149].
+
+Die Zeit der ersten Liebe schildert der Wittenbergische Doktor obwohl
+„nicht von unmäßiger Liebesglut entflammt“, mit den gleichen Worten wie
+unser moderner Dichter: „Die höchste Gnade Gottes ist's, wenn im
+Ehestande Eheleute einander herzlich stets für und für lieb haben. Die
+erste Liebe ist fruchtbar und heftig, damit wir geblendet und wie die
+Trunkenen hineingehen; wenn wir die Trunkenheit haben ausgeschlafen,
+alsdann so bleibet in Gottesfürchtigen die rechtschaffene Liebe, die
+Gottlosen aber haben den Reuwel.“[150]
+
+Freilich diese Zeit seines jungen Ehestandes ging dem Reformator weder
+als müßig tändelnde Flitterwochen, noch als ein ungetrübtes Idyll dahin.
+Dafür sorgte der Drang seines gewaltigen Werkes, wie der Haß seiner
+Gegner. Und mindestens eben so schwer, wie er, hatte seine junge Gattin
+unter den giftigen und schmutzigen Angriffen zu leiden, die sofort die
+Heirat des Reformators und ehemaligen Mönchs mit der gewesenen Nonne
+beleidigten.
+
+Luthers Heirat mit Katharina war eine zu ungeheuerliche That in den
+Augen seiner Zeitgenossen, als daß sie nicht das gewaltigste Aufsehen
+erregen und auch zu den abenteuerlichsten Verdächtigungen Anlaß geben
+mußten[151].
+
+Schon sofort nach der Trauung hatte Luther um dieses Werkes willen
+Schmähungen und Lästerungen zu ertragen. Und nicht nur von den Feinden.
+Die Klüglinge „belächelten“ seine Ehe oder verdammten sie auch: „Die
+Weltweisen, auch unter den Unserigen, sind heftig darüber erzürnt.“ Das
+war nicht nur Dr. Schurf, sondern sogar sein naher Freund Melanchthon;
+jener hatte gemeint, die ganze Welt, ja die Teufel würden darüber
+lachen, und Luther würde sein ganzes Werk vernichten. Dieser mißbilligte
+wohl die That an sich nicht, wohl aber, daß sie nicht opportun sei und
+unbedachtsam geschehen, so daß die Feinde darin ihr großes Vergnügen
+haben und lästern; er meinte auch, „Luther habe sich durch Nonnenkünste
+fangen lassen und sei hereingefallen“[152].
+
+So war es für die Eheleute schon ein Schmerz, daß der Hausfreund nicht
+bei der Hochzeit war, ja nicht einmal dazu eingeladen werden konnte. Und
+auf Luther mochte dies Verhalten der Freunde wenn auch nur zeitweilig
+verstimmend und niederschlagend wirken. Da hatte Käthe wohl eine schwere
+Aufgabe, ihn aufzurichten und zu ermuntern. Die anderen Freunde, seine
+Gevattersleute Kranach vor allem, halfen dabei. Und schließlich mäßigte
+auch Melanchthon seinen Verdruß, ja er tröstete Luther und beeiferte
+sich, seine Traurigkeit und üble Laune durch Freundlichkeit und
+fröhliche Unterhaltungen zu erheitern[153]. So kehrte Luthers Gemüt
+wieder zur alten Lebhaftigkeit zurück. Schon drei Tage nach der Trauung
+schreibt er an Spalatin mit bezug auf Schurfs Rede im alten Ton frohen
+und getrosten Trutzes: „Ich habe mich durch diese Heirat so
+geringschätzig und verächtlich gemacht, daß ich hoffe, es sollen die
+_Engel lachen_ und die Teufel weinen. Die Welt mit ihren Klüglingen
+kennet dies Werk nicht, daß es göttlich und heilig sei: sie nennen's an
+meiner Person gottlos und teufelisch. Derohalben ich auch größeren
+Gefallen daran habe, daß ihr Urteil durch meinen Ehestand verdammt wird,
+so daß sich daran stoßen und ärgern die, so ohne Erkenntnis Gottes
+mutwillig zu bleiben fortfahren“[154].
+
+Viel ärger als die Freunde trieben's natürlich die Widersacher. Emser
+verfertigte Spott- und Schmähgedichte, ja Eck gab ein ganzes Büchlein
+von solchen Liedern auf Luthers Hochzeit heraus. Der Herzog Georg von
+Sachsen, Luthers besonderer Feind, erließ ein Schreiben an Luther, worin
+er ihn aufs heftigste schalt, und in einem Instruktionsschreiben zum
+Speierer Reichstag (15. Mai 1526) an Otto von Pack beschimpft er ihn mit
+der falschen Anschuldigung: „Es erscheint auch klärlich, indem Martinus
+verworfen hat den Mönchsstand und so auch die Mönche aus dem Kloster zu
+Wittenberg, daß er desto mehr Raum habe mit seiner Käthchen zu wohnen,
+davon sich ein ganzer Konvent hat nähren mögen.“ Der theologische König
+Heinrich VIII. von England, damals noch Defensor Fidei (Verteidiger des
+römischen Glaubens) nachher Ritter Blaubart, fuhr in einem Briefe den
+Reformator an: „Was? Du hast ihr nicht nur beigewohnt, sondern, was noch
+unendlich fluchwürdiger ist, hast sie sogar öffentlich als Gattin
+heimgeführt!“[155]
+
+Diese Schriften — außer der Georgs — waren lateinisch und gingen
+zunächst in die Gelehrtenwelt. Unter das Volk aber wurden ehrenrührige
+Verleumdungen gegen die beiden Ehegatten gestreut. Der Humanistenkönig
+Erasmus machte sich lustig, indem er mit schnödem Witze meint: wenn der
+Antichrist ein Mönchs- und Nonnenkind wäre, müßte die Welt voll
+Antichristen laufen; aber die Lüge von einem frühgeborenen Kinde hat er
+mit boshafter Geflissentlichkeit in seinen Briefen an hohe Herren
+verbreitet, bis er sie dann widerrufen mußte. Die Heirat Luthers ist dem
+hochmütigen Humanisten aber immerhin eine Posse, mit der der gelehrte
+Doktor den Philosophenmantel abgelegt und sich zu einem gewöhnlichen
+Menschen erniedrigt hätte[156].
+
+Aber noch näher trat der jungen Frau bald nach ihrer Heirat die
+Schmähung. „Ein Bürgersweib Klara, Eberhard Lorenz Jessners eheliche
+Hausfrau hat unnütze Worte gehabt und Herrn Dr. Luther und seine ehrbare
+Hausfrau geschmäht und gescholten,“ freilich „auch des Pfarrers Eheweib
+übel angefahren“ in Magister Joh. Lubecks Wirtschaft zu Wittenberg[157].
+
+Endlich verfaßten zwei Leipziger Magister, Joh. Hasenberg und Joachim
+von der Heidten (Miricianus), in Prosa und Poesie lateinische und
+deutsche Sendbriefe und ließen sie drucken. Hasenbergs Schmähschrift
+richtete sich „an M. Luder und seine uneheliche Gattin Catharina von
+Bohra, damit sie entweder mit dem verlorenen Sohn sich bekehren und zur
+Buße und Heiligkeit des Klosterlebens zurückkehren oder doch Luther
+seine Nonne ihrem Bräutigam Christus und ihrer Mutter Kirche
+zurückstelle“ bei Höllenstrafe. Heidten schrieb „Ein Sendbrieff Kethen
+von Bhora, Luthers vermeynthem eheweib sampt einem geschenk freundlicher
+Weise zuvorfertigt“. Die beiden jungen Menschen hatten die Frechheit,
+diese Schriften durch einen eigenen Boten Luther und seiner Frau ins
+Haus zu schicken, allerdings in der thörichten Hoffnung, wenigstens
+Käthe von ihrem Manne abwendig zu machen und zur Rückkehr ins Kloster zu
+bewegen.
+
+Natürlich hatten diese beiden Schriften den entgegengesetzten Erfolg.
+Luthers Diener trieben mit denselben ihren Spott, schickten sie den
+„jungen Löffeln illuminiert (illustriert) im Hintergemach“ mit dem Boten
+zurück und dazu ein viereckiges Täfelein, darauf waren die 6 Buchstaben
+_ASINI_ (Esel) so verteilt, daß man sie von der Mitte aus gesehen, an
+vierzig mal lesen konnte. Der ritterliche Luther aber nahm sich seines
+Weibes an und ließ „Eine neue Fabel Aesopii vom Esel und Löwen“ mit
+behaglichem Witze drucken und sandte sie an seinen Freund Link mit den
+Worten: „Die Leipziger Esel haben meine Käthe mit albernen Schmähungen
+verunglimpft; denen ist geantwortet worden, davon du hier vor Augen
+siehst.“[158]
+
+Zu den Beschimpfungen gesellten sich Gefahren. In der Nacht vor
+Michaelis 1525 hatte Luther es gewagt, im Gebiete seines heftigsten
+Widersachers, des Herzogs Georg von Sachsen-Meißen, dreizehn Jungfrauen
+aus dem fürstlichen Kloster Freiberg entführen zu lassen. „Ich habe
+diese Beute dem wütenden Tyrannen entrissen“, meldet er triumphierend
+seinem Freund Stiefel. Darüber war natürlich Georg wütend, aber auch der
+Adel zürnte über Luthers Gewaltthat — mußten doch die Angehörigen der
+Nonnen durch ihren Austritt Vermögenseinbuße befürchten: sogar adelige
+_Freunde_ der Reformation nahmen es Luther übel. Es wurden Drohungen
+gegen ihn laut, und sein Leben stand in Gefahr, wenn er irgendwie einem
+Haufen Reisiger oder Bauern in die Hände fiele, denn auch die Bauern
+waren ihm ja seit dem Aufstand wenig günstig. Nun war Luther auf den 19.
+November zu Spalatins Hochzeit nach Altenburg geladen, wo der ehemalige
+Geheimschreiber des verstorbenen Kurfürsten jetzt Stadtpfarrer war.
+Luther wollte durchaus zu des Freundes Ehrentag. Aber Käthe hielt ihn
+zurück und beschwor ihn sogar mit Thränen vor der gefährlichen Reise.
+Also daß ihr Gatte heldenmütig seines reformatorischen Befreieramtes
+waltete und anderen armen Jungfrauen that, was ihr geschehen, und „dem
+Satan diese Beute Christi abjagte“, das hinderte Frau Käthe nicht, aber
+das setzte sie durch, daß er sich nicht ohne Not in Gefahr begab. Solche
+Lebensgefahr mußte sie ja immer für ihren Gatten fürchten, auf welchen
+wie auf einen Fürsten gar mancherlei Attentate geplant und versucht
+wurden[159].
+
+Dagegen ließ sie es Ende Februar des folgenden Jahres zu, daß Luther sie
+nach Segrehna bei Kemberg begleitete. In diesem Dorfe hielt sich damals
+der ehemalige Schwärmer, Bilderstürmer und Bauernagitator Karlstadt als
+Bauersmann und Landkrämer versteckt. So viel Schmerzen und Sorgen ihm
+auch Karlstadt gemacht, Luther hatte sich seines alten Amtsgenossen
+angenommen und ihm Begnadigung beim Kurfürsten erwirkt. Und jetzt hatte
+Karlstadt Luthers Gemahlin zur Gevatterin gebeten. Auch zu diesem
+Liebesdienst war sie bereit, machte nicht nur selbst die beschwerliche
+Reise, sondern ließ sogar ihren Gemahl mitfahren[160].
+
+Schon in diesem Jahre gemeinsamen Lebens lernte Luther seine Gattin
+besser verstehen, tiefer lieben und höher achten. Hatte er sie vor der
+Hochzeit für stolz und hoffärtig gehalten, so schreibt er jetzt: „Sie
+ist mir gottseidank willfährig, gehorsam und gefällig, mehr als ich
+hätte hoffen können, so daß ich meine Armut nicht mit des Crösus
+Reichtum vertauschen möchte.“[161]
+
+Melanchthon hatte die Hoffnung ausgesprochen, Luthers Verheiratung werde
+ihn gemessener machen, und sein ungestümes, derbes Wesen sänftigen. Das
+dachte wohl auch der Erzbischof Albrecht, der durch seinen Kanzler
+Rühel, Luthers Schwager, der Frau zwanzig Goldgulden als
+Hochzeitsgeschenk reichen ließ, welche Katharina gern annahm, Luther
+aber zurückwies. Erasmus glaubte auch bald die Bemerkung gemacht zu
+haben, daß Luther milder geworden sei und nicht mehr so viel mit der
+Feder wüte. Denn, setzt er in gewohnter spöttischer Weise hinzu: „nichts
+ist so wild, daß ein Weib es nicht zähmt“[162].
+
+Das wird ja im allgemeinen nicht abzustreiten sein. Und tatsächlich ließ
+sich Luther — aber durch fürstliche Zurede — im versöhnlichen Tone gegen
+Herzog Georg und König Heinrich VIII. hören — freilich ohne diese
+dadurch versöhnlich zu stimmen: sie beuteten vielmehr seine Schreiben
+aus, um ihn verächtlich zu machen. Aber in seinem reformatorischen Beruf
+hat Käthe ihren Mann weder hindern können noch wollen[163].
+
+Nicht einmal in den ersten Tagen seiner Heirat. Ja, Frau Käthe plante
+wohl selbst mit ihm während der Vorbereitung zu ihrer Heimführung die
+Befreiung der Freiberger Nonnen: die Einladung an Koppe zur Hochzeit
+enthielt zugleich die Aufforderung zu diesem neuen, noch keckeren
+Klosterraub[164]!
+
+Und am Neujahrstag 1526 malte Luther aufs neue in einer Spottschrift
+das Papsttum mit seinen Gliedern ab und schrieb dazu: „Es meinen
+etliche, man solle nun aufhören, das Papsttum und geistlichen Stand zu
+spotten. Mit denen halt ichs nit, sondern muß ihr einschenken, bis
+nichts Verächtlicheres auf Erden sei, denn diese blutgierige
+Isabel.“[165]
+
+
+
+
+7. Kapitel.
+
+Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.
+
+
+Ein Jahr nach ihrer Vermählung am 7. Juni 1526, „da der Tag im Kalender
+heißt Dat.“ (d.i.: Er giebt) schenkte Käthe ihrem Gatten ein Söhnlein,
+das war, wie die Eltern mit Freuden sahen, gesund und ohne Fehl. Um 2
+Uhr nachmittags kam es auf die Welt, schon um 4 Uhr wurde es nach
+damaliger Sitte von Diakonus M. Rörer getauft. Taufpaten waren der
+Superintendent D. Bugenhagen, der Propst Justus Jonas, Luthers Gevatter
+L. Kranach, der Vizekanzler Baier und in Abwesenheit der Kanzler Müller
+in Mansfeld. Eine der Patinnen war die Frau des Bürgermeisters Hohndorf.
+Nach dem Großvater erhielt das Kind den Namen Johannes[166].
+
+Hänschen blieb auch wohlauf, wennschon die Mutter das Stillen nur
+langsam fertig brachte und das Kind die Milch schwer vertrug. Der Knabe
+wird bald fröhlich und kräftig und ein homo vorax et bibax (starker
+Esser und Trinker), lernt auf den Knieen rutschen; zu Neujahr 1527
+bekommt er Zähne, lernt stehen und gehen und fängt an zu lallen und mit
+lieblichen Beleidigungen alle zu schelten. Zur Belohnung für all diese
+Künste schickt Jonas dem kleinen Hans einen „silbernen Johannes“, ein
+Geldstück mit dem Bild des Kurfürsten[167].
+
+Bald ist der Zweijährige gar stolz über eine Klapper, die er vom
+Pfarrer Hausmann geschenkt erhielt (1528). Dieser Erstgeborene wird
+jahrelang in jedem Brief erwähnt und muß immer und überall hin die
+Freunde grüßen. Es ist ein herziges Bild, wenn der Vater von seinem
+Söhnchen erzählt: „Wenn ich sitze und schreibe oder thue sonst etwas, so
+singet er mir ein Liedlein daher, und wenn er's zu laut will machen, so
+fahre ich ihn ein wenig an; so singet er gleichwohl fort, aber er
+machet's heimlicher und mit etwas Sorgen und Scheu. Also will Gott auch,
+daß wir immer fröhlich sein sollen, jedoch mit Furcht und Ehrerbietung
+gegen Gott.“ Und wieder saß Hänschen am Tisch und lallete vom Leben im
+Himmel, wie eine so große Freude da wäre mit Essen und Tanzen, da wäre
+die größte Lust: die Wasser flössen mit eitel Milch und die Semmeln
+wüchsen auf den Bäumen. Da freute sich der Doktor über das selige Leben
+des Kindes[168].
+
+Anderthalb Jahre blieb Hänschen allein, da folgte am 10. Dezember 1527,
+während die Pest in Wittenberg und im Hause Luthers wütete, ein
+Schwesterlein, Elisabeth. Jonas gratuliert dem Doktor dazu und scherzt
+von seinem kleinen Söhnchen: „Mein Sohn begrüßt deine Tochter als seine
+zukünftige Braut.“ Aber am 3. August des folgenden Jahres in der
+gefährlichen Zeit des Zahnens starb das zarte Töchterlein und wurde in
+großer Trauer auf dem Gottesacker vorm Elsterthore bestattet. Da erhielt
+es einen (noch vorhandenen) kleinen Grabstein mit der lateinischen
+Inschrift: „Hier schläft Elisabeth, M. Luthers Töchterlein.“ Schwer nur
+trösteten sich die trauernden Eltern mit dem Gedanken: „Elisabeth ist
+von uns geschieden und zu Christo durch den Tod ins Leben gereist.“[169]
+
+Am 4. Mai des folgenden Jahres wurde ihnen Ersatz für Elisabeth in einem
+zweiten Töchterlein: Magdalena. Amsdorf, der Magdeburger Superintendent
+(Bischof), und Frau Goritzen, Gattin des Magisters und späteren
+Stadtrichters in Leipzig, wurden Paten. Der Gevatterbrief an Amsdorf
+lautet:
+
+„Achtbarer, würdiger Herr! Gott der Vater aller Gnaden hat mir und
+meiner lieben Käthe gnädiglich eine junge Tochter beschert: so bitte ich
+Ew. Würden um Gottes Willen, wollet ein christlich Amt annehmen und
+derselbigen armen Heidin christlicher Vater sein und zu der hl.
+Christenheit helfen durch das himmlische hochwürdige Sakrament der
+Taufe[170].
+
+Der Gevatterinbrief lautet:
+
+„Gnad' und Fried' in Christo! Ehrbare tugendsame Frau, liebe Freundin!
+Ich bitt Euch um Gottes willen: Gott hat mir eine junge Heidin
+bescheret, Ihr wollet so wohl thun und derselben armen Heidin zur
+Christenheit helfen und ihre geistliche Mutter werden, damit sie durch
+Euern Dienst und Hülfe auch komme aus der alten Geburt Adams zur neuen
+Geburt Christi durch die hl. Taufe. Das will ich wiederum, womit ich
+soll, um euch verdienen. Hiemit Gott befohlen. Amen. Ich hab selbst
+nicht dürfen ausgehen in die Luft. Martinus Luther.“[171]
+
+Als Magdalena heranwuchs, sah das Mädchen dem älteren Bruder Hänschen
+„über die Maßen gleich mit Mund, Augen und Nase, in Summa mit dem ganzen
+Gesicht“, und war auch gutmütig und brav wie dieser. Diese zwei ältesten
+Geschwister hingen auch sehr aneinander. Als Luther im folgenden Jahr
+während des Augsburger Reichstags in Verborgenheit auf der Koburg weilte
+und sich dort wie auf der Wartburg den Bart wachsen ließ, um sich
+unkenntlich zu machen, da ließ Frau Käthe von dem kleinen Lenichen einen
+Abriß in schwarzer Kreide oder Tusche machen, welches freilich etwas zu
+dunkel geraten scheint, und sandte es ihm als Herzstärkung in seine
+„Wüste“, wo der Doktor in Einsamkeit und Thatlosigkeit oft trüben
+Gedanken nachhing, auch sich gar viel ärgern mußte über den Gang der
+Dinge in Augsburg; auch war gerade sein Vater gestorben, der alte Hans
+Luther, was den Sohn tief bewegte, denn er hing mit kindlicher Liebe und
+Ehrfurcht an ihm. Da der Vater das Konterfei des Töchterchens zuerst
+ansah, konnt' er sie nicht erkennen. „Ei“, sprach er, „die Lene ist ja
+schwarz“. Aber bald gefiel sie ihm wohl und dünkte ihm je länger je
+mehr, es sei Lenchen. Der Doktor hängte die Kontrefaktur gegen den Tisch
+über an die Wand im Fürstenzimmer, wo er aß, und vergaß über die Maßen
+viel Gedanken mit dem Bilde.“[172]
+
+Das Mädchen wurde vom Vater anders behandelt als der Sohn. Dieser wurde
+mit Ernst gezogen und Luther wollte, daß man ihm nichts lasse gut sein.
+Aber mit seinem Töchterlein scherzte er mehr. Dagegen zog die Mutter
+naturgemäß den Sohn vor, namentlich den erstgeborenen und suchte des
+Vaters Strenge gegen ihn zu mildern[173].
+
+Am Vorabend vor Luthers Geburtstag, den 9. November 1531, traf zu
+Wittenberg im schwarzen Kloster wieder ein Sohn ein, der deshalb des
+Vaters Namen erhielt. Als jetzt der jüngste wurde nunmehr er der
+Liebling des Vaters. Denn, sagt dieser, „die Eltern haben die jüngsten
+Kinder stets am allerliebsten. Mein Martinchen ist mein liebster Schatz,
+denn solche Kinder bedürfen der Eltern Sorge und Liebe wohl, daß ihrer
+fleißig gewartet wird. Hänschen und Lenchen können nun reden, bedürfen
+solche Sorge so groß nicht.“[174]
+
+Am Namenstag des folgenden Jahres meldet Luther dem Paten Martins, dem
+gestrengen und ehrenfesten Joh. von Rindesel Kurf. Kämmerer: „Euer Pate
+will ein thätiger Mann werden, er greift zu und will sein Sinnchen
+haben.“[175]
+
+Der Knabe war, scheint es, kränklich und ein kleiner Taugenichts, so daß
+der Vater fürchtete, er möchte einmal Jurist werden[176]!
+
+Dagegen war Hänschen ein stiller nachdenklicher Bursche, so daß der
+Vater meinte: „Er ist ein (geborener) Theologe.“ Der jüngste Sohn Paul
+aber, der am 28. Januar 1533 auf die Welt kam, ein kräftiger mutiger
+Junge, schien sich zum Türkenkrieger zu eignen. Daran dachte der Vater
+schon bei seiner Geburt und wählte ihm vielleicht deshalb einen Ritter,
+Hans von Löser, Erbmarschall und Landrentmeister, zum Paten. Aber auch
+der Herzog Joh. Ernst von Sachsen, ferner D. Jonas und die Frau des
+Kaspar Lindemann standen bei Paul zu Gevatter[177].
+
+In dem Gevatterbrief an Löser, der noch in der Nacht des 28. Januar 1533
+geschrieben wurde, damit der Knabe nicht lange ein Heide bleibe und
+schon zur Vesper getauft werde, heißt es: „Ew. Gestrengen wollen sich
+demütigen Gott zu Ehren für meinen jungen Sohn förderlich und füglich
+erscheinen, damit er aus der alten Art Adams zur neuen Geburt Christi
+durch das hl. Sakrament der Taufe kommen und ein Glied der Christenheit
+werden möchte, ob vielleicht Gott der Herr einen neuen Feind des Papstes
+oder des Türken erziehen wolle.“[178]
+
+Als Hans Löser zur Taufe kam, hat ihn Luther also empfangen: „Gott sei
+Dank! Ich werde nicht ermangeln, Ew. Gestrengen in andern Sachen zu
+dienen. Es ist heut ein junger Papst geboren worden; derohalben helfet
+doch dem armen Schelm, daß er getauft werde.“ Das Kind wurde im Schlosse
+in einem Becken getauft. Hernach hat Luther seinen Gevatter zu Gaste
+geladen, da sie denn viel freundliche Diskurse geführt. Luther sagte:
+„Ich habe meinen Sohn lassen Paul heißen, denn der hl. Paulus hat uns
+viel große Lehren und Sprüche vorgetragen. Gott gebe ihm die Gnaden und
+Gaben Pauli. Ich will, so Gott will, alle meine Söhne von mir thun: der
+Lust zum Krieg hat, den will ich zu Hans Löser thun; der Lust zu
+studieren hat, zu Jonas und Philipp; der Lust zur Arbeit hat, den will
+ich zum Bauern thun“[179].
+
+Als eine Art Nachkömmling wurde das um Weihnachten 1534 geborene jüngste
+Kind angesehen, das nach Luthers (1531) verstorbenen Mutter Margareta
+genannt wurde. Wenigstens sah der Vater voraus, daß er nicht so alt
+werden würde, um sie zu versorgen. Darum schrieb er auch, als sie erst
+vier Jahr alt war, ihrem Paten, dem Pfarrer Probst in Bremen: „Es grüßet
+Euch meine Frau Käthe und Euer Patchen, mein Töchterlein Margaretchen,
+der Ihr nach meinem Tode für einen feinen frommen Mann sorgen sollt. Ihr
+habt sie zum Patchen gewählt, Euch befehle ich sie auch.“ Ein anderer,
+sehr hoher Pate war der Fürst Joachim von Anhalt, der Luther das
+„christliche Amt geistlicher Vaterschaft“ angetragen hatte und auch
+übernahm[180].
+
+Frau Käthe mußte die Kinder oft ihrem Vater bringen, auch ins
+Studierzimmer, da koste er mit ihnen und machte seine sinnigen
+Bemerkungen über Kindesnatur und Kindesleben; das zeige uns, wie's im
+Paradies war und wie's im Gottesreich sein sollte. Der Vater schaute
+aber auch mit Wohlgefallen zu, wie seine Käthe so freundlich mit ihrem
+Martinchen redete und so viel Geduld und Erbarmen mit allen Kindern
+hatte. Luther unterhielt sich mit ihnen übers Christkind, sah zu, wie
+Martinchen eine Puppe als Braut schmückte und beschützte, freute sich,
+wenn die Kinder sich zankten und schnell vertrugen als über ein Sinnbild
+der Sündenvergebung der Gotteskinder; er sah, wie die Kinder um den
+Tisch saßen und in freudiger Erwartung auf Pfirsiche und Birnen sahen,
+die darauf lagen, oder den Ast Kirschen, den ihnen Jonas gebracht, und
+sagte: „Wer da sehen will das Bild eines, der sich in Hoffnung freuet,
+der hat hier ein rechtes Konterfei. Ach daß wir den jüngsten Tag so
+fröhlich in Hoffnung könnten ansehen!“ Sein herziger Märchenbrief an
+sein liebes Söhnichen von der Koburg, ist das schönste Zeugnis eines
+kinderfreundlichen Gemütes. Von Koburg aus besorgte Luther seinem Haus
+ein groß schön Buch von Zucker aus dem schönen (Märchen-)Garten in
+Nürnberg. Auch sonst bringt er seinen Kindern von seinen Reisen immer
+„Jahrmarkt“ mit. Regelmäßig auch sendet er aus der Ferne Grüße und Küsse
+an Hänschen und Lenchen[181].
+
+Die Gespielen der Lutherischen Kleinen waren Melanchthons und Jonas'
+Kinder („Lippus“ und „Jost“ im Märchenbrief). Der Spielplatz war der
+große Klosterhof; da tummelten sie ihre Steckenpferde und schossen mit
+Armbrüsten, lärmten mit Pfeifen und Trommeln, tanzten oder „sprangen der
+Kleider und des Baretts“; auch ein Hündlein durften die Kinder halten.
+Später richtete der Vater Luther für sie und die andern jungen
+Hausgenossen auch einen Kegelplan ein und sah zu, wie sie sich vermaßen,
+zwölf Kegel zu treffen, wo doch nur neun auf dem „Boßleich“ standen, und
+schließlich froh waren, eine nicht zu fehlen. Ja, er selbst maß sich hie
+und da als ein Meister des Spiels mit ihnen, „schub einmal die Kegel
+umbwärts, das andere Mal seitwärts oder über Eck“[182].
+
+Aber Luther betete auch täglich den Katechismus mit seinem Sohn Hansen
+und seinem Töchterlein Magdalene und die Kinder selbst mußten „bei Tisch
+beten und herlesen“; und auch sonst waren sie von Vater und Mutter
+angehalten zum Gebet für die Gönner und Schützer der Reformation, für
+das Heil der Kirche und des Vaterlands. Martin und Paul hatten des
+Vaters musikalische Anlagen geerbt und mußten nach der Mahlzeit — allein
+oder mit andern — die liturgischen Gesänge der jeweiligen Kirchenzeit
+vortragen. Auch die kleine Margarete lernte mit fünf Jahren schon mit
+schöner Stimme singen: „Kommt her zu mir alle“ und anderes[183].
+
+In ihren Kindern sahen die Eltern ihr höchstes Glück und ihren
+schönsten Schatz. „Kinder binden, sie sind ein Band der Ehe und Liebe“,
+pflegte Luther zu sagen. Er fand in ihnen seinen Trost und seine
+Erholung von seinen Welt- und Kirchensorgen. „Ich bin zufrieden; ich
+habe drei eheliche Kinder, die kein papistischer Theolog hat, und die
+drei Kinder sind drei Königreiche, die habe ich ehrlicher und erblicher
+denn Ferdinandus Ungarn, Böhmen und das römische Reich“[184].
+
+Freilich, was für den Vater in seinen Mußestunden und bei Tisch eine
+Freude und Erholung war, das brachte der Mutter Arbeit, Sorge und
+Schmerzen. Es war doch keine Kleinigkeit für die vielbeschäftigte
+Hausfrau in acht Jahren sechs kleine Kinder zu haben, zu pflegen und zu
+erziehen — denn auf ihr lag doch das Hauptgeschäft der Erziehung. Und
+ihr Gatte sah das ein und bemerkte einmal, daß nur unser Herrgott sich
+von seinen Menschenkindern mehr gefallen lassen müsse als eine
+Mutter[185].
+
+Da war es denn ein großer Segen, daß Frau Käthe in ihrem Hause eine
+Stütze fand an ihrer Tante, _Magdalene von Bora_.
+
+Diese war bald nach ihrer Nichte selber aus Nimbschen entwichen und
+wohnte jetzt im schwarzen Kloster in einem besonderen Stüblein. Sie war
+als „Muhme Lene“ der gute Hausgeist, die echte und rechte Kindertante in
+der Lutherischen Familie. Als Siechenmeisterin hat sie sich ja zum
+Warten und Pflegen schon im Kloster ausgebildet. Und so wartete und
+hütete sie die kleinen Großneffen und Großnichten, spielte und betete
+mit ihnen, verwöhnte sie auch wohl und vertuschte ihre bösen Streiche,
+pflegte sie in den Kinderkrankheiten und war auch für Frau Käthe in
+ihren Kindbetten und Krankheiten die sorgsame Pflegerin und Lehrerin.
+Luther will in dem Märchenbrief von der Koburg an sein Söhnchen Hans die
+„Muhme Lene“ auch mitbringen lassen in den schönen Wundergarten und läßt
+sie grüßen und ihr einen Kuß „von meinetwegen“ geben; und auch sonst
+sendet er Muhme Lene seine Grüße[186].
+
+Zu den eigenen Kindern im Lutherischen Hause kamen bald andere. Zunächst
+Verwandte, Neffen und Nichten, dann aber Kinder von Freunden und
+Bekannten, und endlich fremde Kostgänger.
+
+Der erste war Cyriak Kaufmann, der Sohn einer Schwester Luthers; er kam
+als Studiosus nach Wittenberg und wurde am 22. November 1529
+immatrikuliert. Er begleitete 1530 seinen Oheim auf die Koburg und
+dieser schickte ihn im August nach Augsburg, daß er sich in der großen
+Stadt einmal das Treiben eines Reichstags ansehe; dann mußte er wieder
+zu seinen Studien nach Wittenberg; auf der Heimreise brachte er von
+Nürnberg den Lebkuchen für seinen kleinen Vetter Hans Luther mit[187].
+
+Luthers Schwager und Schwester Kaufmann starben früh und so kamen
+allmählich alle fünf Waisen derselben zu ihrem Oheim nach Wittenberg,
+außer dem genannten Cyriak noch seine jungen Geschwister, die Brüder
+Fabian und Andreas, welche 1533 am 8. Juni frühzeitig mit dem erst
+siebenjährigen Hans Luther zu Wittenberg als akademische Bürger
+eingeschrieben wurden, und die Schwestern Lene und Else. Es war keine
+Kleinigkeit, fünf elternlosen Kindern Vater und besonders Mutter zu
+sein, zumal, da sie nicht alle wohlgeraten waren und namentlich Lene
+Sorge machte, so daß Luther einmal erklärte, wenn sie nicht gut thun
+wolle, werde er sie einem schwarzen Hüttenknecht (Bergmann) geben, statt
+einen frommen und gelehrten Mann mit ihr betrügen. — Schließlich kam zu
+den zwei Nichten noch eine kleine Großnichte, Anna Strauß, die Enkelin
+einer Schwester Luthers[188].
+
+Mit Cyriak Kaufmann war ein andrer Schwestersohn, Hans Polner, als
+Student ins Haus gekommen, der an Peter Weller anbefohlen wurde. Aber
+Frau Katharina war aufgetragen zuzusehen, „daß er sich gehorsamlich
+halte“, und auch sonst mußte sie für ihn sorgen. Dieser Polner wartete
+als Famulus dem Doktor auf, studierte Theologie und predigte einmal in
+der Pfarrkirche; die Doktorin meinte, den hätte sie viel besser
+verstehen können, als D. Pommer, welcher sonst von dem Thema weit
+abweiche und andre Dinge in seine Predigt mit einführe, oder, wie Jonas
+sich ausdrückte, unterwegs manchen Landsknecht anspreche[189].
+
+Noch ein Neffe Luthers, seines Lieblings-Bruders Jakob Sohn, Martin,
+wurde später zur Erziehung der Doktorsfamilie übergeben und 1539 an der
+Universität eingeschrieben; ebenso Florian von Bora, der Sohn von Käthes
+ältestem Bruder. Martin und Florian wurden zusammen mit den Kindern
+Luthers unterrichtet. Einer der Neffen sollte einmal zu Camerarius auf
+die Schule kommen; später kam Florian mit Hans nach Torgau[190].
+
+Schließlich wurden dem Lutherischen Hause noch allerlei Schüler und
+angehende Studenten anvertraut, welche in dem Kloster wohnten, aßen und
+unterrichtet wurden.
+
+Für die eigenen und fremden Kinder wurden nun, bei der großen
+anderweiten Inanspruchnahme Luthers, „allerlei Zuchtmeister und
+Präzeptoren“ nötig: ältere Studenten, junge Magister, auch Leute von
+gesetztem Alter, welche noch einmal die Universität bezogen, um ihre
+Kenntnisse zu erweitern oder die neue evangelische Theologie zu
+studieren. Sie waren in Luthers Familie Hausgenossen und Tischgesellen,
+unterstützten auch etwa Luther in seinen Arbeiten, ja auch (wie z.B.
+Neuheller) Frau Käthe in der Wirtschaft und Aufsicht über das Gesinde.
+
+So waren nach und neben einander im Hause als „Schulmeister“ und Luthers
+Gehülfen die Nürnberger Veit Dietrich (1529-34) und Besold (1537-42),
+Cordatus (1528-31), die Freiberger Hieronymus und Peter Kelter (1530),
+Joh. Schlaginhaufen (1531-32), Jodocus Neuheller (Neobulus) (1537-38)
+aus Lauterburg, Jakobus Lauterbach (1536-39), Schiefer (1539-41), ein
+Franziskus und zuletzt Rutfeld (1546). Diese Präzeptoren hatten sogar
+oft wieder ihre eigenen Zöglinge, welche mit im schwarzen Kloster
+wohnten und aßen oder auch nur dort unterrichtet wurden. Der Unterricht
+begann oft in sehr frühen Jahren: der junge Hans Luther mußte schon mit
+vier Jahren tüchtig „lernen“, hauptsächlich wohl lateinisch sprechen —
+wie es heute mit dem Französischen geschieht.
+
+Außer den Magistern hatte Luther noch Famuli, nicht nur seinen
+lebenslänglichen Diener Wolf, sondern auch andere, wie der „fromme
+Gesell“, welcher „etliche Jahre treulich, fleißig und demütig gedienet
+hat und altes gethan und gelitten“ und 1532 wegzog. Der Famulus diente
+bei Tisch, schenkte ein, besorgte Gartengeschäfte, machte Ausgänge,
+schrieb auch für Frau Käthe Briefe[191].
+
+Sogar eine Lehrerin wurde nach Wittenberg ins schwarze Kloster berufen:
+nämlich im Jahre 1527 hat Luther auch eine Mitschwester Frau Käthe's,
+die ehemalige Nonne und Flüchtlingin von Nimbschen, die „ehrbare,
+tugendsame Jungfrau Else von Kanitz“ eingeladen auf eine Zeitlang nach
+Wittenberg zu kommen. „Denn ich gedacht Euer zu brauchen, junge
+Mägdelein zu lehren und durch Euch solch Werk andern zum Exempel
+anzufahen. Bei mir sollt Ihr sein zu Hause und zu Tische, daß Ihr keine
+Fahr noch Sorge haben sollt. So bitte ich nu, daß Ihr mir solchs nicht
+wollt abschlagen.“ Die Kanitz kam aber nicht. Dafür erscheint jetzt ein
+Fräulein Margarete von Mochau, wahrscheinlich die Schwester von
+Karlstadts Frau, im Klosterhause und wird ihre Stelle vertreten
+haben[192].
+
+Natürlich fehlte es bei dem großen Haushalt auch an sonstigem Gesinde
+nicht und da gab es, wie überall gute und schlechte, dankbare und
+undankbare, getreue und ungetreue Dienstboten. Alle aber wurden zur
+„Familie“ gerechnet und nahmen an der Hausandacht teil. Und der
+abwesende Hausvater verfehlte nicht in seinen Briefen, das „gesamte
+Gesinde“ grüßen zu lassen. Aber er ermahnt es auch, daß sie im Haus kein
+Aergernis gäben. Oft scherzt er in seinen Briefen über Trägheit und
+Bequemlichkeit seiner Dienstleute: so wenn er aus Nürnberg Handwerkszeug
+bestellt, welches von selber geht, wenn Wolf schläft oder nachlässig
+ist, oder einen Kronleuchter, der sich von selber putzt, damit er nicht
+zerbricht oder beschädigt wird von der zornigen oder schläfrigen
+Magd[193].
+
+Natürlich auch Gäste aller Art verkehrten im Schwarzen Kloster oder
+wohnten darin in kürzerem oder längerem Aufenthalt, oft monate-, ja
+jahrelang: vertriebene oder stellenlose Prediger, flüchtige Fremde,
+entwichene Mönche und Nonnen, Besuche und Festgenossen, „armseliges
+Gesindlein“ und fürstliche Damen.
+
+So beherbergte das Lutherhaus 1525 mehrere adlige Ordensschwestern; 1528
+einige Monate lang sogar die Herzogin Ursula von Münsterberg, Herzog
+Georgs eigene Base, die mit zwei getreuen Klosterfrauen dem
+Nonnenkloster zu Freiberg entflohen war; und zu Pfingsten 1529 wieder
+drei Adelige aus demselben Konvent. Außerdem kamen auch allerlei Mönche,
+sogar aus Frankreich, ins Lutherhaus nach Wittenberg, als der
+allgemeinen Zufluchtsstätte aller religiös Bedrängten. So hat Herzog
+Georg in begreiflichem Zorn, wenn auch mit unwahren Behauptungen, Luther
+beschuldigt: „Du hast zu Wittenberg ein Asylum eingerichtet, daß alle
+Mönche und Nonnen, so uns unsre Klöster berauben mit Nehmen und
+Stehlen, die haben bei Dir Zuflucht und Aufenthalt, als wäre Wittenberg,
+höflich zu reden, ein Ganerbenhaus aller Abtrünnigen des Landes“[194].
+
+Ja, die Wittenberger Freundinnen des Hauses, Bugenhagens und Dr. A.
+Schurfs Frauen, warteten im schwarzen Kloster ihr Wochenbett oder ihre
+Krankheit ab[195].
+
+Aber auch fürstliche Gäste suchten das gastliche Haus der Luther'schen
+Eheleute auf.
+
+Die Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg hatte sich, besonders durch den
+Einfluß ihres evangelisch gesinnten Leibarztes Ratzeberger, der
+Reformation zugewandt, während ihr altgläubiger Gemahl Joachim I. streng
+darauf sah, daß das Lutherische Gift nicht über die sächsische Grenze
+herüberkäme. Da mußte er von seiner 14jährigen Tochter Elisabeth zu
+seinem Schrecken erfahren, daß seine eigene Gemahlin im Berliner
+Schlosse heimlich das Abendmahl unter beiderlei Gestalt genommen habe.
+Er sperrte die Kurfürstin ein; das Gerücht ging, er wolle sie einmauern
+lassen. Da entwich sie mit Hilfe ihres königlichen Bruders Christiern,
+der damals landflüchtig in Deutschland umherirrte, samt Dr. Ratzeberger
+(März 1528) und floh zu ihrem Oheim Kurfürst Johann nach Sachsen. Ihren
+Wohnsitz erhielt sie auf Schloß Lichtenberg, hielt sich aber oft in
+Wittenberg auf und verkehrte viel im Klosterhause mit Luther und Frau
+Käthe; sie stand sogar zu einem der Kinder Gevatter[196].
+
+Auch der Fürst Georg von Anhalt wollte im schwarzen Kloster Aufenthalt
+nehmen, um Luthers Umgang und Geist recht zu genießen. Aber sein
+Vizekanzler mußte ihm davon abraten, da das Haus zu voll sei.
+
+So wurde „das Haus des Herrn Doktor Luther von einer buntgemischten
+Schar studierender Zöglinge, Mädchen, alter Witwen und artiger Kinder
+bewohnt. Darum herrschte viel Unruhe darin“[197].
+
+Da begreift es sich, daß, als der junge Hans anfangen sollte ernstlich
+zu lernen, er der größeren Muße wegen aus dem Hause gethan wurde —
+vielleicht nach Torgau. Zu Neujahr 1537 ist der elfjährige Sohn irgendwo
+auf der Schule, wo er durch seine „Studien“ und lateinischen Briefe dem
+Vater Freude machte. Dieser erlaubt ihm, namentlich auf Bitten von Muhme
+Lene, zu den nächsten Fastnachtsferien nach Hause zu kommen zu Mutter
+und Muhme, Schwestern und Brüdern[198].
+
+Zu allen Haus- und Tischgenossen im Kloster kamen nun noch die täglichen
+Besuche und Gäste von Bekannten, Freunden, Verwandten, Amtsgenossen und
+Mitbürgern: so aus der Ferne die Geistlichen Amsdorf und Spalatin,
+Hausmann und Link, die Hofherren und Ritter Taubenheim und Löser, Bruder
+Jakob oder Schwager Rühel von Mansfeld, Käthes Bruder Hans, Abgesandte
+aus aller Herren Länder, Staatsmänner und Kirchenbeamte aus England und
+Frankreich, aus Skandinavien und Böhmen, Ungarn und Venedig; Stadträte
+und Bürger von allen sächsischen und deutschen Städten, wandernde
+Magister und fahrende Schüler. Aus Wittenberg selbst verkehrten als
+liebe und häufige Gäste vor allem Magister Philipp (Melanchthon) und
+Frau; die Gärten der beiden Häuser waren nicht weit von einander und —
+wie man wenigstens heute erzählt — ein Thürlein zwischen beiden
+vermittelte den Verkehr der zwei Familien. Gerngesehene Hausfreunde
+waren auch der Propst Jonas und seine Gattin; ferner noch andere
+Gevattersleute, der Superintendent Bugenhagen, M. Kreuziger, M. Rörer,
+der Buchdrucker Hans Lufft, der Meister Lukas Kranach mit seiner Frau
+und der alte Meister Claus Bildenhauer oder „Bildenhain“, wie Sophiele
+Jonas ihn zu nennen pflegte, ein wackerer Künstler, der auch manchmal zu
+Tische war; von ihm kaufte Luther später einen Garten. Mit ihm, der auch
+schon „zu viele Ostereier gegessen“, gedachte Luther gern der guten
+alten Zeiten[199].
+
+Da wurde denn droben in der Familienstube um den großen Eichentisch oder
+unten im Hof unter dem schattigen Birnbaum oder auch wohl vorm
+Elsterthor draußen bei dem murmelnden Lutherbrunnen Gesellschaft und
+Mahlzeit gehalten und Frau Käthe mußte die Wirtin machen, ihr
+treffliches Hausbräu aufsetzen und auch zu den Kosten der Unterhaltung
+ihr Scherflein beitragen.
+
+
+
+
+8. Kapitel
+
+Katharinas Haushalt und Wirtschaft[200].
+
+
+Für eine so zahlreiche Haus- und Tischgenossenschaft galt es eine Menge
+Gemächer zu beschaffen und auszustatten; es mußte Küche und Keller in
+großem Maßstabe in stand gesetzt werden; es war nötig, Stall und Garten
+zu besorgen; es war erforderlich Markt und Einkauf, Rechnung und
+Vermögensverwaltung zu verstehen; und endlich zur Regierung eines so
+umfangreichen Hauswesens mit seinen vielen und vielerlei Gliedern,
+Tischgängern und Hofmeistern, Kindern und Gesinde galt es eine weise
+Umsicht, aber auch ein strammes Herrschaftstalent zu entfalten.
+
+Das alles fiel nun der Hausfrau anheim. Denn es wäre unmöglich gewesen,
+daß Luther neben den gewaltigen Arbeiten seines Berufs als Prediger,
+Seelsorger, Professor, Ratgeber für einzelne Personen wie ganze Städte
+und Länder, als Reformator nicht nur Deutschlands, sondern der halben
+Christenheit sich um die Hauswirtschaft kümmern konnte, namentlich eine
+so umfangreiche, die allein schon eine ganze Menschenkraft
+erforderte[201]. Sodann aber war es des Doktors Anschauung, daß in Haus
+und Wirtschaft die Frau zu walten und zu regieren habe: „Das Weib habe
+das Regiment im Hause, ohnbeschadet des Mannes Recht und Gerechtigkeit;
+dafür ist es geschaffen. Denn das ist wahr, die häuslichen Sachen, was
+das Hausregiment betrifft, da sind die Weiber geschickter und beredter
+als wir.“ „Ich bin zur Haushaltung sehr ungeschickt und fahrlässig. Ich
+kann mich in das Haushalten nicht richten. Ich werde von meinem großen
+Hauswesen erdrückt.“ Vor so etwas hatte er sich schon als Junggesell
+gefürchtet. 1523 sagte er: „Nimmst Du ein Weib, so ist der erste Stoß:
+wie willt Du nun Dich, Dein Weib und Kind ernähren? Und das währet Dein
+Lebenlang; beim ersten Kind denken die Eltern daran, ein Haus zu bauen,
+Vermögen zu erwerben und die Nachkommenschaft zu versorgen“[202].
+Andererseits aber war auch Frau Käthe so veranlagt und gewillt, daß sie
+dies Regiment gerne führte und ihrem Gatten alles das fernhalten wollte,
+was ihn in seiner Wirksamkeit hindern und stören konnte. Und Luther ließ
+sich das gerne gefallen. „Meine Frau kann mich überreden, wie oft sie
+will, denn sie hat die ganze Herrschaft allein in ihrer Hand, und ich
+gestehe ihr auch gerne die gesamte Hauswirtschaft zu“[203].
+
+So richtete nun Katharina zunächst das Haus her und ein, und der
+Kurfürst und die Stadt Wittenberg, die Freunde des Hauses und die Eltern
+der Kostgänger stifteten dazu mancherlei Baubedarf und Geräte.
+
+Das schwarze Kloster war 1502 von Staupitz mit Unterstützung des
+Kurfürsten gebaut, aber nur zu einem Drittel vollendet worden. Die
+Kirche war nur angefangen, die Wirtschaftsgebäude kaum vorhanden.
+Eigentlich war nur das sog. Schlafhaus (dormitorium), die früheren
+Wohnräume der Mönche fertig, die für 40 Menschen reichten. Aber die
+Zellen — meist im dritten Stock — waren zahlreich, dagegen klein, und
+daher mußte wohl manche Wand durchgebrochen und manche auch aufgerichtet
+werden. Auf der Gartenseite war ein größerer Saal (jetzt die Aula) und
+ein kleinerer, welche beide von Luther zu Vorlesungen und Hausandachten
+benutzt wurden. Ein Zimmer daneben hatte oder erhielt eine Thüre in
+Luthers Studierstube. Im oberen Stock wurden die Gelasse zu Gastzimmern
+für die mancherlei Hausgenossen benutzt.
+
+Das Erdgeschoß hatte Frau Käthe zu Wirtschaftsräumen eingerichtet und
+zum leichteren Verkehr mit dem Oberstock eine Treppe in das Zimmer neben
+das Schlafgemach führen lassen.
+
+Im Jahre 1539 auf 40 erfreute Frau Käthe ihren Gatten mit einem sinnigen
+Geschenk: aus Pirna ließ sie — durch den dortigen Pfarrer Lauterbach —
+eine schöngearbeitete Pforte aus weißem Sandstein kommen, einen
+Spitzbogen mit hübschen Stäben; auf der einen Seite Luthers Brustbild,
+auf der anderen sein Wappen, die weiße Rose mit dem roten Herzen und
+schwarzen Kreuz darin, vom goldenen Ring der Ewigkeit umfaßt, und die
+lateinische Inschrift: „Im Stillesein und Hoffen ruht meine Stärke.“ Auf
+beiden Seiten der Thüre waren zwei Sitze angebracht zum Ausruhen am
+Feierabend[204].
+
+Der Klosterhof war gegen die Straße mit einem Zaun abgeschlossen;
+später kamen an das Thor zwei Buden, wohl für die Bewachung des Anwesens
+in der unruhigen und gefährlichen Zeit des Festungsbaues, wo die
+Stadtmauern am Elsterthor abgerissen und die Stadt allem Gesindel
+geöffnet war[205].
+
+An der Westseite des Hofes wurden nun allerlei Wirtschaftsgebäude
+errichtet.
+
+Eine Braustube war schon im Kloster vorhanden; denn der Kurfürst hatte
+diesem die Braugerechtigkeit für 12 „Gebräude“ verliehen; diese ging auf
+den neuen Besitzer über und wurde von Frau Käthe selbst ausgeübt. Das
+war ein großer Vorteil für den starken Haushalt; denn das Bier war in
+Wittenberg auffällig teuer: die Kanne kostete drei Pfennige. Aber die
+Herstellung des Brauhauses und die Geräte kosteten 150 fl. Eine
+Badestube mit Wanne und Ständer baute sie nun auch und D. Lauterbach
+mußte ihr das Baumaterial dazu besorgen. Auch allerlei Viehställe ließ
+sie errichten und hielt Pferde, Kühe und namentlich Schweine, um
+Arbeitskräfte, Milch und Fleisch für den Hausbedarf zu haben: Schon 1527
+hatte man einen Stall voll Schweine, mehr als fünf Stück; 1542 waren es
+zehn und drei Ferkel, so daß ein eigener Schweinehirt gehalten werden
+mußte; ferner hatte Käthe mehrere Pferde, fünf Kühe, neun Kälber und
+eine Ziege mit zwei Zicklein. Ein Hühnerhof lieferte die nötigen Eier.
+Endlich wurden auch noch einige Keller ausgebessert oder neu angelegt,
+so der Weinkeller, der neue Keller und der große Keller. Bei der
+Besichtigung des letzteren kam das Ehepaar fast um's Leben, denn das
+Gewölbe stürzte hinter ihnen ein, gerade als sie es besichtigt und eben
+herausgetreten waren[206].
+
+Im Laufe der Zeiten wurden in dem halbfertigen Hause gar mancherlei
+Reparaturen nötig und ebenso allerlei Neubauten. So erhielten Johann
+Crafft und M. Plato ihre Stübchen, auch der Sohn Hans, als er
+herangewachsen war; Muhme Lene hatte ihr Stüblein mit Kammer und
+Schornstein — jedes kostete 5 fl. herzurichten. Die obere Stube und
+Kammer kam aber auf 100 fl. zu stehen und die untere auf 40 fl. Außer
+dem großen Keller, der (mit dem „Schaden“ beim Einsturz) auf 130 fl.
+gekommen war, wurde noch der neue Keller für 50 fl. gebaut und ein
+Weinkeller für 10 fl. eingerichtet. Endlich wurde noch ein „new Haus“
+gebaut, welches 400 fl. kostete. Die Treppe mußte zweimal hergestellt
+werden und das Dach öfters geflickt[207].
+
+Dazu brauchte es manches Tausend Dachsteine (Ziegel) und Backsteine,
+auch nicht wenige Tonnen und Wagen Kalk, besonders in den Baujahren
+1535-39: 280 Wagen Kalk und 12500 Mauersteine und 1300 Dachsteine und
+wieder von beiden Arten zusammen 2600. Freilich, das Tausend
+„Dachsteine“ kostete nur 40 Groschen, Mauersteine 57 Groschen und der
+Wagen Kalk nur 4-5 Groschen. Das lieferte die Stadt, aus der eigenen
+Brennerei. Luther machte sie bezahlt durch seine Dienste (unentgeltliche
+Predigt und Seelsorge u.a.) und durch Abtretung von Boden an seinem
+Klosterhof. Im Jahre 1542 hatte Luther allein 1155 fl. verbaut[208].
+
+Später erlebte man im Lutherhause schweren Ärger durch den neuen
+Festungsbau. Der Zeugmeister Friedrich von der Grüne war den Lutherschen
+offenbar nicht grün. Er verschüttete nicht nur — mit Luthers Bewilligung
+— das untere Gemach, sondern auch ohne Not und Zustimmung das mittlere,
+verderbte das Brauthor, bedrohte die Gartenmauer und die Erdmauer am
+hinteren neuen Haus. Und wie der Herr, so machten's die Knechte: die
+Deichknechte warfen Fenster ein und trieben sonst noch allerlei
+Mutwillen. Luther fürchtete sogar für seine geliebte Studierstube, darin
+er so viele schwere Stunden mit Studieren und Anfechtungen erlebt,
+„daraus er den Papst gestürmet“ und seine wunderbaren Schriftwerke und
+Episteln in die Welt gesandt. Da mußte der Doktor einen gar zornigen
+Brief an den Zeugmeister schicken, der wahrscheinlich seinen Eindruck
+nicht verfehlte[209].
+
+Im Hof, dem ehemaligen Spitalkirchhof, waren die Fundamente der Kirche
+angelegt, aber nur der Erde gleichgebracht. Mitten in diesen Fundamenten
+stand eine alte Kapelle „von Holz gebaut und mit Lehm beklebt; diese war
+sehr baufällig, war gestützt auf allen Seiten. Es war bei 30 Schuhen
+lang und 20 breit, hatte ein klein alt rostig Vorkirchlein, darauf 20
+Menschen kaum mit Not stehen konnten. An der Wand gegen Mittag, war ein
+Predigtstuhl von alten Brettern, die ungehobelt, ein Predigtstühlchen
+gemacht, etwa 1-1/2 Ellen hoch von der Erde, worauf Luther einst
+gepredigt hatte. In Summa, es hatte allenthalben das Ansehen, wie die
+Maler den Stall malen zu Bethlehem, darinnen Christus geboren worden.“
+Erst im Jahre 1542 fiel es der Befestigung zum Opfer; Luther „murrte
+ärger darüber als Jona über die verdorrte Kürbisstaude“[210].
+
+Der Hof war mit einem Bretterverschlag gegen die Straße abgeschlossen
+und wie der Kirchhof mit Bäumen bepflanzt. Darin liefen Hühner, Gänse,
+Enten, Tauben; Singvögel nisteten im Gebüsch, Spatzen flogen zu und
+wurden von einem Hündlein gescheucht[211].
+
+Sonst diente er zum Tummelplatz der Kinder, zum Spielplatz und
+Kegelschieben.
+
+Zur Ausstattung des großen Haushaltes mußte gar viel angeschafft und
+geschenkt werden.
+
+Von der Klosterzeit waren noch einige Sachen da: zinnerne Gefäße und
+Küchen- und Gartengeräte als Schüsseln, Bratspieße, Schaufeln, freilich
+recht verbraucht und schadhaft, keine 20 fl. wert. Das mußte bald
+ergänzt und ersetzt werden. So auch der wurmstichige Kasten Dr.
+Zwillings in Torgau. Dieser bot einen andern an; Frau Käthe wundert sich
+über den hohen Preis, den er kosten solle: 4 Florin, erkundigt sich, ob
+er „reinlich“ sei, mit einem „Sedel“ (Sitzkasten) „für leinen Gerät
+darin zu legen, da nicht Eisen durchgeschlagen das Leinen eisenmalich
+macht“; sonst wollte sie sich einen in Wittenberg machen lassen. Einen
+„Schatzkasten“ hatte das Ehepaar bereits, nur war er „wohl tausendmal zu
+weit“ für ihren Schatz; 1532 hatten sie nur einen einzigen Becher. Doch
+füllte sich der Schrein allmählich mit silbernen Bechern, Ringen,
+Denkmünzen und andern Kleinodien. Auch geerbt hatten sie einen fast zu
+köstlichen Pokal, den der Augsburger Bürger Hans Honold dem großen
+Doktor vermachte. Von Nürnberg schenkte der evangelische Abt Friedrich
+eine kunstreiche Uhr, die das Lutherische Ehepaar gebührend bewunderte;
+1529 kam eine zweite (von Link) und 1542 eine dritte dazu. 1536
+schickten die Ältesten der Mährischen Brüder ein Dutzend böhmische
+Messer[212].
+
+Eine ständige Ausgabe machten die Anschaffungen für Leinwand, Betten,
+Federn, Leuchter in die Schlafkammern; für zinnerne Kannen, Schüsseln,
+Teller, Becken, Kesseln, Pfannen in die Küche; für Schaufeln,
+Grabscheite, Gabeln, „Schupen“, Mulden, Radbarn (Schubkarren) in den
+Garten; für Fässer, „Gelten“ (niedere Kübel), Eimer in Keller und
+Waschküche; für Geschirr und Wagen zum Fuhrwerk[213].
+
+Das Klosterhaus war bisher zwar im thatsächlichen Besitze Luthers; aber
+eine förmliche Verschreibung hatte er nicht, nur durch mündliche
+Abmachung war das Gebäude mit seinen Gerechtigkeiten ihm vom Kurfürsten
+überlassen. Diesem hatte es Luther, der letzte Mönch des Wittenberger
+Augustinerkonvents, als dem jüngsten Erben zur Verfügung gestellt.
+Nunmehr aber betätigte der ihm so wohlgewogene Kurfürst Johann vor
+seinem Tode der Lutherschen Familie den Besitz des Anwesens
+vorbehaltlich des Vorkaufsrechtes für Staat und Stadt in einer
+förmlichen Verschreibung. Die Urkunde besagt[214]:
+
+„Von Gottes Gnaden Wir Johann Herzog von Sachsen thun kund männiglich:
+
+Nachdem der ehrwürdig und hochgelahrte unser lieber andächtige Herr M.
+Luther D. aus sonderlicher Gnad und Schickung Gottes sich fast vom
+Anfang bei unser Universität zu Wittenberg mit Lesen in der heiligen
+Schrift, Predigen, Ausbreitung und Verkündung des heiligen Evangelii
+u.s.w. bemüht, so haben Wir in Erwägung des alles und aus unser
+selbsteigenen Bewegnis unersucht obgen. D.M. Luther, Katharin seinem
+ehelichen Weib und ihrer beider Leibeserben die neu Behausung in unserer
+Stadt Wittenberg, welche hievor das „Schwarze Kloster“ genannt war,
+darinnen D. Martinus seither gewohnt, mit seinem Begriff und Umfang samt
+dem Garten und Hof zu einem _rechten freien Erbe_ verschrieben und sie
+damit begabt und begnadet als ihr _Eigen_ und _Gut_.... Geben auch
+vielgenanntem Doktor und seiner ehelichen Hausfrau aus sonderlichen
+Gnaden diese _Freiheiten_, daß sie zu ihrer beider Lebtag aller
+bürgerlichen Bürden und Last derselben frei sein, also daß sie keinen
+Schoß noch andre Pflicht wie Wachen und dgl. davon sollen thun und mögen
+gleichwohl brauen, mälzen, schänken, Vieh halten und andere bürgerliche
+Handtirung treiben.
+
+... Zu Urkund ...
+
+Torgau, 4. Febr. 1532.“
+
+„Es war Wittenberg bis daher eine arme, unansehnliche Stadt mit kleinen
+alten häßlichen, niedrigen hölzernen Häuslein, einem alten Dorfe
+ähnlicher als einer Stadt. Aber um diese Zeit kamen Leute aus aller
+Welt, die da sehen, hören und etliche studieren wollten.“ Da wurde nun
+freilich gebaut und gebessert. Aber in dem kleinen Städtchen mit seinen
+paar tausend Einwohnern und ebensoviel Studenten waren die alltäglichen
+Bedürfnisse nicht gar leicht zu bekommen. Melanchthon schon beklagte
+sich bei seiner Uebersiedlung nach Wittenberg, daß da nichts Rechtes zu
+bekommen sei und Luther schreibt selbst: „Es ist unser Markt ein Dr.
+...“ Dazu war es teuer genug. Und so mußte Frau Luther nicht nur einen
+Kasten, einen Pelzrock für die kleine Margarete nach angegebenem Maß von
+auswärts bestellen, sondern allerlei Bedürfnisse, Sämereien, Stecklinge,
+sogar Borsdorfer Aepfel, ja Butter und Käse mußte sie von weither aus
+Pirna durch den dortigen Pfarrer Lauterbach oder von Erfurt und Nürnberg
+kommen lassen[215].
+
+Als Käthe für Luthers Großnichte die Hochzeit ausrichten sollte (Januar
+1542), mußte ihr Gatte an den Hof nach Dessau um Wildbret schreiben.
+„Hie ist wenig zu bekommen, denn die Menge (der Einwohner) und viel mehr
+die Aemter und Hoflager haben schier alles aufgefressen, daß weder
+Hühner, noch ander Fleisch wohl zu bekommen, daß, wo es fehlet (am
+Wildbret) ich mit Würsten und Kaldaunen muß nachfüllen.“ Natürlich mußte
+sie auch Mehl kaufen, während Landpfarrer solches zu Kauf anboten, und
+Frau Käthe konnte es sehr verdrießen, wenn ein solcher ihr, weil sie die
+Frau Doktorin war, für den Scheffel neunthalb Groschen forderte, also
+mehr als die Bauern. Und ebenso vermerkte sie übel, daß die Wittenberger
+drei Pfennig für ein Kandel Bier begehrten[216].
+
+Wie alle Stadtbewohner des Mittelalters, auch die Professoren, Jonas,
+Melanchthon u.a.[217], so strebte darum auch Frau Katharina nach
+liegenden Gründen; als ehemaliges Edelfräulein und Klosterfrau hatte sie
+ohnedies eine besondere Neigung zum Grundbesitz, und auch Luther hatte
+seine Freude wenigstens an der Natur und der Landwirtschaft. So hielt
+man es auch für die sicherste Anlage und eigentliches Erbe für die
+Nachkommen, „Feld und Gut zu hinterlassen“, und auch Frau Käthe „hoffte
+zu Gott, er werde ihren Kindern, so sie leben und sich frommlich und
+ehrlich halten werden, wohl Erbe bescheren“[218]. Freilich ist der Boden
+auf dem rechten Elbufer, wo Wittenberg liegt, wie Luther klagt, drei
+Meilen herum, sandige und steinige Heide, so daß bei windigem Wetter
+nach dem Witzwort 99 Prozent Landgüter in der Luft herumfliegen. Er
+fuhrt den plattdeutschen Spruch im Mund:
+
+ Ländicken, Ländicken
+ Du bist ein Sändicken!
+ Wenn ik dik arbeite,
+ So bist du licht (leicht);
+ Wenn ik dik egge,
+ So bist du schlicht;
+ Wenn ik dik meie (mähe),
+ So find ich nicht (nichts).
+
+Ueber diese Wittenberger Gemarkung bemerkte er gegenüber der seiner
+Heimat: „In dieser unserer Gegend, welche sandig ist, giebt die Erde in
+mittleren Jahren für einen Scheffel 7 bis 8, in Thüringen meist 12 und
+mehr“[219]. Dennoch erwarben die Luthers bald mehrere Grundstücke, zwei
+Hufen und zwei weitere Gärten.
+
+Schon 1531 kaufte Käthe einen Garten, wie Luther sagte „nicht für mich,
+ja gegen mich“. Es ist wohl derselbe, dessen Kauf sie „mit Thränen“
+durchsetzte, so daß er seinem Freund und ehemaligen Mitbruder Brisger
+sein Häuschen nicht abkaufen, ihm auch kein Geld leihen konnte. Dieser
+Garten, an der Zahnischen Straße gelegen, wurde, scheint es, später
+veräußert; dafür wurde (um 1536) von Claus Bildenhauer für 900 fl. ein
+größerer „Baum-Garten“ mit allerlei Gebäulichkeiten und einem
+angestrichenen Zaun erworben. Einer dieser Gärten lag vor der Stadt an
+dem „Saumarkt“; deshalb adressiert Luther Briefe an die „Saumärkterin“,
+„auf dem Saumarkt zu finden“[220]. Hier floß die „Rische Bach“ und
+speiste wohl die „Fischteichlein“, welche Frau Käthe mit allerlei
+Fischen, sogar mit edlen Forellen besetzte. Am Hause wurde ferner im
+selben Jahre (1536) ein Garten mit Bäumen angelegt, der 400 fl. kostete.
+Für den Famulus Wolf wurde um 20 fl. ein Gärtlein gekauft, wo er
+wahrscheinlich seinen Vogelherd anlegte, mit dem ihn Luther
+verschiedentlich neckt. Ferner wurden einige Hufen gekauft am
+„Eichenpfuhl“[221].
+
+Zwei Jahre vor Luthers Tode kam endlich noch zu Frau Käthes Wirtschaft
+um 375 fl. ein Hopfengarten hinzu, der „an der Specke“, einem
+Eichwäldchen auf der nahen Gemarkung des Dorfes Lopez, gelegen war, wo
+die Studenten gerne lustwandelten und auch manchen Unfug trieben. Aus
+diesem Garten gewann die Frau Doktorin ihren Hopfenbedarf für ihr
+Klosterbräu[222].
+
+So schaltete und waltete Frau Käthe im Haus und in ihren Gärten und
+Hufen als „Küchenmeisterin“, „Bäuerin und Gärtnerin“, fuhrwerkte, baute
+Aecker, kaufte Vieh, weidete Tiere u.s.f. Besonders verlegte sie sich
+mit ihrem Gemahl auf die Obstzucht: Kirschen, Pfirsiche, Nüsse, Apfel,
+Birnen erntete die Doktorin. Auch mit Rebbau gab sie sich ab, und ihr
+Faktotum Pfarrer Lauterbach mußte ihr aus Pirna dazu die Pfähle, allein
+10 Schock d.h. 600 Stück, besorgen; freilich wurde aus den Trauben nicht
+Wein bereitet, sondern sie dienten zur Nachkost auf der Tafel. Selbst
+mit Feigen- und Maulbeerbäumen versuchte sie sich. Und als Gemüse
+pflanzte sie nicht nur die einheimischen: Kraut, Erbsen und Bohnen,
+sondern auch Gurken, Kürbisse und Melonen, wozu Link aus Nürnberg die
+Samenkerne schickte. Mit Erfurter Riesenrettichen wollte Luther seine
+Freunde nicht nur in Erstaunen setzen, sondern sie auch selbst gezogen
+haben. Frau Käthe war sehr unglücklich, wenn Ungeziefer ihr das Gemüse
+schädigten: „denn Raupen im Kohl und Fliegen in der Suppe — ein sehr
+nützlich und lieblich Vieh!“ hieß es da. Aber noch ärger war ihr's, wenn
+Studenten, Spatzen und Dohlen ihr in die Gärten einfielen, und ihr
+Gemahl hätte gern ein strenges Edikt „gegen die unnützen Sperlinge und
+Krähen, Raben und Spechte erlassen, welche alles verderben“[223].
+
+In einem der Gärten waren Bienenstöcke, vor welchen der grübelnde Doktor
+das wunderbare Treiben der fleißigen Tierlein belauschte, die praktische
+Hausfrau aber den süßen Ertrag berechnete für Met, Süßwein und
+Honigkuchen. Im großen Garten draußen vor der Stadt, hatte Frau Käthe
+ihre Fischteichlein, worin sie Hechte und Schmerle, Kaulbarsche und
+Karpfen, sogar Forellen zog und von denen sie bei guter Gelegenheit
+etliche „gesotten auf den Tisch brachte und mit großer Lust und Freude
+und Danksagung davon aß“, und sie hatte „größere Freude über den wenigen
+Fischen, denn mancher Edelmann, wenn er etliche große Teiche und Weiher
+fischet und etliche hundert Schock Fische fähet“[224].
+
+Mit diesen Gärten waren aber die Gütererwerbungen der Lutherischen
+Familie noch nicht abgeschlossen. Zunächst kam ein unwillkommener Erwerb
+hinzu, den Luther aus Gefälligkeit übernahm. Es war das kleine Haus
+„Bruno“, eine „Bude“ ohne Gerechtigkeiten und Zubehör an Garten,
+unmittelbar neben dem Kloster, aber vorn an der Kollegiengasse gelegen.
+Das hatte Luthers letzter Klosterbruder Brisger für sich bauen lassen,
+dann aber bei seinem Wegzug dem Pfarrer Bruno Brauer zur Verwaltung
+gegeben und Luther oft angeboten; dieser konnte es aber wegen anderer
+Käufe nicht erwerben, auch forderte Brisger, der von seiner katholisch
+gebliebenen Mutter enterbt wurde und, scheint es, in Geldbedrängnis war,
+einen zu hohen Preis (440 fl.). Endlich kaufte es Luther als Lehen für
+seinen Diener Wolf Sieberger bezw. als Leibgedinge für seine Gattin,
+mußte aber den Kaufschilling völlig schuldig bleiben. Der Besitz dieses
+Hauses war unwillkommen, weil es erst wieder vermietet werden mußte und
+mehr Sorgen als Ertrag brachte; es kostete 250 fl. und mußte noch um 70
+fl. „geflickt“ werden[225].
+
+Der Sinn von Frau Käthe stand viel mehr auf landwirtschaftliche
+Besitztümer, weil diese ihrer nutzbringenden Thätigkeit mehr
+entsprachen. So bekam sie nach einem großem Pachtgut Verlangen, um
+daraus ihre großen häuslichen Bedürfnisse zu beschaffen; sie wollte
+nicht abhängig sein von den teuren Lieferanten und störrischen Bauern,
+welche manchmal eine künstliche Teuerung veranlaßten. So hatte sie schon
+1536 ihren Gevatter, den Landrentmeister Hans von Taubenheim, um
+Ueberlassung eines günstig gelegenen Gutes, Booß, gebeten, hatte es aber
+nicht bekommen. Drei Jahre später fing sie aufs neue Verhandlungen mit
+Taubenheim an. Ihr Brief lautet in der ursprünglichen Schreibweise so:
+
+„Gnad vnd fride yn Christo zuuor, gestrenger, ernuester, lieber herr
+geuatter. Euch ist wol wissentlich, wie ich E.g. vngeferlich fur dreyen
+jaren gebeten, daß myr das gut „_Booß_“ myt seynen zugehorungen vmb
+eynen gewonlichen zynß zu meyner teglichen hawßhaltung wie eynem andern
+mochte gelassen werden, als denn auch meyn lieber herr bey doctor
+Brug[226] diselbige zeyt deshalben hat angeregt; ist aber dasselbig mal
+vorblieben, daß ichs mecht bekommen, vylleycht daß doselbst nicht loß
+ist gewesen von seynem herrn, der es vmb den zynß hat ynnen gehabt. Ich
+byn aber unterrichtet, wie der kruger von Brato, welcher es dysse zeyt
+ynnengehabt, soll iezund solch gut loßgeschrieben haben, wo solchs also
+were, ist meine freuntliche bytte an Euch also mynen lieben gevattern,
+wollt myr zw solchem gut fodderlich seyn vmb denselbigen zynß, ßo eyn
+ander gybt, wyll ichs von herczen gerne annehmen vnd die zynße deglich
+an zwen orth vberychen. Bitte gancz freuntlich, e.g. wolde myr Ewer
+gemueth wyder schreyben vnd das beste rathen yn dyssem fall vnd
+anzceygen, wo ich etwas hyrin vnbyllichs begert vnd woldet denen nicht
+stadgeben myt yrem argkwone, alß ßolde ich solchs gut fur mich odder
+meyne kinder erblich begeren, welche gedanken yn meyn hercz nie kommen
+synd. Hoffe zu gott, er werde meynen kindern, ßo sie leben vnd sich
+fromlich vnd ehrlich halten wurden, wol erbe beschern, bytte alleyne,
+das myrs ein jar odder zwey vmb eynen zymlichen geburlichen zynß mochte
+gelassen werden, damyt ich meyne haushaltung vnd vyhe deste bek(w)emer
+erhalten mochte, weyl man alles alhier vfs tewerst kewfen muß vnd myr
+solcher ort, der nahe gelegen, ßer nuezlich seyn mochte. Ich habe meynen
+lieben herrn iczt yn dvßer sachen nicht wollen beschweren, an Euch
+zuschreyben, der sunst vyl zu schaffen, ist auch on noth, daß E.g.
+solchs meyn antragen ferrer an ymandes odder an m. g'sten herrn wolde
+gelangen lassen, ßunder ßo Ir solche myne bytte fur byllich erkennet,
+daß Irs myt dem schoßzer zw Seyda bestellen wolt, daß myr solch gut vmb
+eynen geburlichen zynß wie eynen andern mochte eyngethan werden. Domyt
+seyet gott bepholen. Gegeben zu Wyttembergk, Montag nach Jubilate ym
+1539. jhare.
+
+Catherina Lutherynu“[227].
+
+Wiederum wurde aus der Pacht nichts. Dagegen kam Frau Käthe im folgenden
+Jahre unverhofft zu einem eigenen Hofgut, das sogar ihr persönlich als
+Leibgeding gehörte und ihr um so werter sein mußte, als es der letzte
+Rest von dem Erbgut der Bora war, welches sonst der Familie anscheinend
+vollständig abhanden gekommen war.
+
+Es war das Gütchen Zulsdorf, das ihr Bruder Hans vor sieben Jahren
+übernommen hatte, aber trotz der Mitgift der Witwe Apollonia von
+Seidewitz, die er geheiratet hatte, nicht halten konnte, oder das zu
+gering war, um ihn selbst zu ernähren. Es war freilich weitab von
+Wittenberg gelegen, wohl zwei Tagereisen; aber es zog sie doch hin nach
+dieser ihrer mutmaßlichen einstigen Heimat und ihrem künftigen
+Witwensitz. So wurde Frau Käthe die Nachbarin von Amsdorf, dem Bischof
+von Naumburg, dem sie jetzt ihren Gruß entbietet als „gnädigem Nachbar
+und Gevatter“. Ihr Gemahl that alles, „um die neue Königin würdig in ihr
+Reich einzusetzen“ und titulierte sie seitdem als die „Zulsdorferin“,
+„die gnädige Frau von Zulsdorf“, oder „Ihro Gnaden Frau von Bora und
+Zulsdorf“[228].
+
+Hier in ihrem, „neuen Königreich“ und Sondereigentum konnte ihr
+unternehmender thatkräftiger Geist so recht nach Behagen schalten und
+walten und ein Neues pflügen und schaffen. Denn das Gütchen war
+verlottert, das Land eine „wüste Mark“, die Gebäulichkeiten baufällig.
+Sie riß nieder, baute, besserte, fuhrwerkte und nahm dabei, wie gewohnt,
+auch die Hilfe der Freunde ihres Hauses in Anspruch: der Herr von Ende
+mußte ihr Hafer und Saatkorn liefern, der von Einsiedel Wagen stellen,
+Spalatin ihre Fuhrleute beherbergen. Sie steckte viel Geld hinein, der
+Kurfürst gab ihr Eichenbalken und anderes Holz und 600 fl.
+„Begnadigung“, aber auch das reichte zum Schmerze Käthes nicht für
+Reparatur und Zustandhaltung des heruntergekommenen Anwesens, so daß
+Luther im ersten Jahr schreibt: „Sie verschwendet in diesem Jahr dort,
+was erzeugt wurde“[229].
+
+Dabei hatte die Doktorin allerlei Aerger und Mißgeschick: die
+Eichenstämme, die ihr der Kurfürst aus dem Altenburger Forst angewiesen
+und die Luther selbst ausgesucht hatte, ließ sie fällen, um sie in
+Bretter schneiden zu lassen für ein Scheunlein. Als sie aber mit ihrem
+Fuhrwerk kam, die Bäume abzuholen, waren sie vom Amtmann verkauft oder
+unterschlagen. Und es mußte geklagt, von neuem petitioniert und
+verhandelt werden, bis wieder Holz angewiesen war und Käthe die Fuhren
+besorgen konnte. Weitere Unannehmlichkeiten erlebte die Gutsbesitzerin
+mit den Anliegern von Zulsdorf, den Kieritzscher Bauern, welche ihr das
+Weiderecht beeinträchtigten. So hatte sie im Jahre 1541 monatelang vorm
+Amtmann Heinrich von Einsiedel zu Borna mit denen von Kieritzsch zu
+prozessieren. Das Urteil des Kurfürsten fiel günstig für die
+Lutherischen aus; sie „hätten in der Güte wohl mehr um Friedens und
+guter Nachbarschaft willen eingeräumt“[230].
+
+Trotzdem verleidete der Doktorin der Besitz nicht. Wochenlang,
+namentlich wenn Luther verreist war, hielt sich Frau Käthe in ihrem
+neuen Besitztum auf, so daß ihr der Gemahl manche Epistel dahin
+schreiben mußte. So im Herbst (13. September) 1541, wo sie vielleicht
+mit einigen Kindern Obsternte dort hielt. Da schreibt er: „Meiner lieben
+Hausfrauen Käthe Ludern von Bora zuhanden.
+
+G.u.F.! Liebe Käthe! Ich lasse hiermit Urban zu Dir laufen, auf daß Du
+nicht erschrecken sollst, ob ein Geschrei vom Türken zu Dir kommen
+würde. Und mich wundert, daß Du so gar nichts her schreibst oder
+entbeutst, so Du wohl weißt, daß wir hie nicht ohne Sorge sind für euch,
+weil Mainz, Heinz und viel vom Adel in Meißen uns sehr feind sind.
+Verkaufe und bestelle, was Du kannst, und komme heim. Denn als mich's
+ansieht, so will's Dreck regnen, und unsre Sünde will Gott heimsuchen
+durch seines Zornes Willen. Hiemit Gott befohlen, Amen.
+
+Sonntags nach Lamperti 1541.
+
+M. LutheR“[231].
+
+Ja noch zu Wittenberg war Käthe mit ihren Gedanken oft abwesend auf
+ihrem Lieblingssitz, so daß ihr Gemahl adressiert: „Der reichen Frauen
+zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katharin Lutherin, zu Wittenberg leiblich
+wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd, meinem Liebchen.“ Auch
+Luther hielt sich manchmal in dem stillen Oertlein zur Erholung auf und
+sendet von hier Briefe und Grüße „von meinem Käthe und Herrn zu
+Zulsdorf“[232].
+
+Wohl weil Zulsdorf zu weit abgelegen und zu wenig einträglich war, so
+wandte in den letzten Jahren Frau Katharina ihre Augen auf das Gut
+Wachsdorf bei Wittenberg, eine Stunde davon, jenseits der Elbe auf
+fruchtbarem Boden gelegen, mit Hochwald umgeben; freilich etwas sumpfig.
+Es gehörte des † Dr. Sebald Münsterers Kindern und war der Erbteilung
+wegen käuflich. Aber es wurde nichts daraus; namentlich hintertrieb der
+Kanzler Brück die Erwerbung.
+
+Auch der Doktor war mit dieser großen Ausdehnung der Wirtschaft nicht
+mehr recht einverstanden, obwohl er den Hausspruch: „Eigen Wat gut ist
+dat“ sehr wohl kannte und anerkannte und sagte, alles Gute im Ehestand
+sei eitel Segen Gottes was niemand erkenne, „als der Gott fürchtet und
+alles auf dem Markte kaufen muß.“ Er konnte sich in diese Haushaltung
+nicht richten; er meinte, daß die Sorge und Geschäftigkeit um den großen
+Haushalt sie abziehe, in stiller, gemütlicher, geistiger Weise sich
+selbst zu leben und ihm und ihren Kindern. Auch klagte er gelegentlich
+über die vielen Dienstboten, welche in dem weitläuftigen Hauswesen nötig
+waren; so schon 1527 waren mehrere Mägde da, 1534 ein Kutscher, später
+sogar ein Schweinehirt. Er meinte: „Ich habe zu viel Gesinde.“ Mehr
+Dienstboten als heutzutage waren ja auch in diesen Zeiten üblich und
+möglicherweise ist hierin Frau Käthe etwas weiter gegangen, was wohl mit
+der zahlreichen Gesindeschar im Klosterleben zusammenhängen mochte[233].
+
+Aber es ist doch begreiflich, daß die Frau Doktorin darauf bedacht
+war, ihre Wirtschaft zu erweitern. Es war nicht allein die
+unternehmungslustige Thatkraft der energischen Frau, welche Neues
+schaffen und ein großes Bereich beherrschen wollte, es war auch die
+Sorge um die Bedürfnisse des großen Haushaltes selbst, es war aber ganz
+besonders das Streben, die ökonomische Zukunft der nicht kleinen Familie
+für das Alter, namentlich aber für die eigene Witwenschaft und das
+Waisentum ihrer fünf Kinder, zu sichern, indem sie das in Luthers Händen
+gefährdete flüssige Geld in festes Gut umwandelte.
+
+So bestand am Ende der gesamte Besitz der Lutherischen Familie aus einem
+Landgut, dem großen und kleinen Haus, dem Klostergarten, dem
+„Baumgarten“ auf dem Saumarkt, dem Hopfengarten an der „Specke“ und zwei
+Hufen Landes. Das war ein ziemlich umfangreicher Besitz, der neben der
+großen und weitläufigen Haushaltung gar viel Unruhe verursachte und viel
+Zeit und Arbeit kostete, so daß man kaum begreift, woher Frau Käthe nur
+die Zeit nahm, um das alles zu besorgen und zu übersehen. Und wir
+verstehen, daß es ihr manchmal zu viel wurde und sie dem heftigen,
+ungeduldigen Mann manchmal nicht rasch genug nachkommen konnte, so daß
+er klagt: „Ich bin unter einem unglücklichen Stern geboren, vielleicht
+dem Saturn; was man mir thun und machen soll, kann nimmermehr fertig
+werden; Schneider, Schuster, Buchbinder, mein Weib ziehen mich aufs
+längste hin.“ Aber er muß in derselben Zeit auch die vielgeplagte Frau
+noch entschuldigen, wo sie ein Kind an der Brust und eins unter dem
+Herzen nährte: „Es ist schwer zwei Gäste zu nähren, einen im Haus und
+den andern vor der Thüre.“ Und er erkennt ihre Anstrengungen und Sorgen
+auch an: „Mein Wolf hat's besser denn ich und meine Käthe“[234].
+
+Die Frau Doktorin war aber auch ein gar fleißiges Weib. Sie hat in ihrem
+Bereich ebenso gewaltig und unermüdlich geschafft und geschaffen, wie
+der Doktor in dem seinigen.
+
+Freilich schon morgens um 4 Uhr im Sommer, um 5 Uhr im Winter, oft auch
+noch früher, stand sie auf, und darum wohl sagte ihr Gatte und ihre
+Mitbürger: „Käthe von Bora ist der Morgenstern von Wittenberg.“ Und so
+stand sie an der Arbeit bis abends um 9 Uhr, wo der Doktor unerbittlich
+zum Schlafengehen drängte. Freilich hatte sie einen kräftigen,
+leistungsfähigen Körper und war, im Gegensatz zu ihrem viel kränklichen
+Mann, so gesund, daß fast niemals von einer Erkrankung Meldung
+geschieht. Es ist nur einmal die Rede davon, daß sie eines Abends
+schwach wurde und ein Fieber bekam, so daß ihr Gatte in Angst geriet und
+sagte: „Liebe Käthe, stirb mir ja nicht.“ Ein andermal, da D.M. Luther
+mit etlichen über Tische redete, ging sie in die Kammer und fiel in
+Ohnmacht. Aber das war alles vorübergehendes Unwohlsein. Nur _eine_
+Krankheit machte sie durch infolge einer Frühgeburt; sonst scheint sie
+gesund gewesen zu sein bis ins Alter[235].
+
+Doch nicht nur unermüdliche Geschäftigkeit war Käthes Tugend, sondern
+sie verstand es auch, das Hausregiment zu führen in Küche und Keller, im
+Brauhaus und Backhaus, in Garten und Feld, in der Kinder- und
+Gesindestube, als Mutter und Gattin, als Wirtin und Herrin, als
+„Predigerin, Bräuerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann“, und mit
+Bezug auf sie, die Hausregentin und „Küchenmeisterin“, schrieb Luther an
+den Rand seines Hausbuches:
+
+ „Der Frauen Augen kochen wohl
+ Mehr denn Magd, Knecht und Feuer und Kohl“[236].
+
+Freilich Luther selbst war nicht weniger arbeitssam, auch mit
+körperlicher Beschäftigung; namentlich in den ersten Jahren: er gärtelte
+gern und viel, grub, säete, pfropfte; er drechselte auch auf seiner
+eigenen Drehbank. Beides sah gewiß Frau Käthe gern, nicht nur, weil es
+manchen Tagelohn und Handwerksmann ersparte, sondern weil es auch
+Luthers Gesundheit zuträglich war. Weniger Gefallen hatte sie an seiner
+aus der Junggesellenzeit herübergenommenen Neigung, seine Kleider selber
+zu flicken. Der Doktor that sich auf diese Kunst viel zu gut und dünkte
+darin sich geschickter, wie die deutschen Schneider, welche keine
+gutsitzenden Hosen fertig brächten. Da fand Frau Käthe eines Tags zu
+ihrem nicht geringen Staunen und Verdruß ein Paar Hosen ihres Buben, aus
+denen ein Stück herausgeschnitten war: und als sie nachfragte, hatte der
+Herr Gemahl den Flicken zum Ausbessern seiner eigenen Hose
+verwendet[237]! —
+
+Es war ein arbeitsseliges Haus, die ehemalige Stätte der
+Beschaulichkeit. Droben in der Studierstube der große Doktor, der mit
+emsiger Gewissenhaftigkeit und dem angestammten Fleiß eines Bauernsohnes
+seine Zeit auskaufte für die geistliche Haushaltung der Kirche; und
+unten die wirtliche Hausfrau, die in echter deutscher Geschäftigkeit und
+Treue sich ihrem Hause widmete, dem Gatten und den Kindern, dem Gesinde
+und den Freunden, und deren Stolz und Ruhm es war, alles zu können und
+alles zu thun.
+
+So waltete Frau Käthe in ihrer „Wirtschaft“.
+
+
+
+
+9. Kapitel
+
+„Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Käthe.“
+
+
+Ein Grundbesitz, wie ihn das Lutherische Ehepaar am Ende aufwies, zeugte
+von nicht geringer Vermöglichkeit. Woher und wie war nun dieses Vermögen
+zusammengekommen?
+
+Katharina sowohl wie Luther brachten nichts in die Ehe. Sie waren am
+Anfang ihres Hausstandes und noch lange fort vollständig vermögenslos;
+erst nach seiner Eltern Absterben (1530-31) erbte Luther eine kleine
+Barschaft von 250 fl. Im Jahre 1527 war er noch gänzlich ohne Besitz, er
+war arm und ein Bettler, konnte weder Haus, Aecker, liegende Gründe,
+Geld noch Gut seinem Weib und Kind nach sich lassen, wenn er damals
+gestorben wäre. Denn auch das Klosteranwesen war noch nicht sein
+ausgesprochenes Eigentum. „Armut ist mein Irrtum und meine Ketzerei“,
+sagte er noch 1530; und zwei Jahre darauf hat er nur einen Becher im
+Schatzkästlein. Noch 1534 mußte er es ablehnen, für ein paar hundert
+Gulden das kleine Haus Bruno zu kaufen: er wollte seine Armut nicht
+offenbar werden lassen, weil er's für unmöglich hielt, jemals auch nur
+die Hälfte einer solchen Summe zusammenzubringen[238].
+
+In Ermangelung eines eingebrachte Heiratsgutes war das Ehepaar also auf
+die Besoldung angewiesen, welche der Hausvater hatte, und auf den
+Verdienst, welchen die Hausmutter von der Bebauung des Gutes und ihrem
+Kosttisch zog.
+
+Die Beamtenbesoldungen waren zu jener Zeit nicht etwa bloß feste
+Gehalte, sondern bestanden auch in allerlei Ehrengeschenken, meist in
+Naturalien, welche den Angestellten bei besonderen Gelegenheiten und für
+besondere Dienstleistungen, als Reisen, Gutachten, Berichte, Schriften
+u.a., von den Fürsten und Stadtobrigkeiten zuflossen.
+
+Seit seiner Verheiratung war Luthers Besoldung von einhundert auf
+zweihundert Gulden erhöht worden. Von 1532 ab, unter Kurfürst Johann
+Friedrich, kamen noch jährlich 100 Scheffel Korn, 100 Scheffel Malz für
+zwei Gebräude Bier, 60 (später 100) Klafter Holz und zwei Fuder Heu
+hinzu. Freilich blieben die Lieferungen „aus Unwillen“ der Beamten
+manchmal aus. Der kurfürstliche Keller zu Wittenberg stand den
+hervorragenden Professoren immer offen. Außerdem kamen ihm vom Hofe
+allerlei Viktualien zu: Wein, Most, Essig, Obst, Fische, Wildbret,
+Arzneien, auch Kleider und Tuche. So sendet 1543 der Kurfürst „zwei Faß,
+eins mit altem Wein, das andre mit heurigem gewachsenen Most, Suptezer,
+so gut Uns der allmächtige Gott dies Jahr bescheret hat; den wollet von
+Unseretwegen gutwillig annehmen und in Fröhlichkeit genießen“. Auch der
+Dänenkönig Christian III. sandte in den letzten Jahren (1543) zuerst
+Butter und Heringe; als man aber unterwegs mit dieser „Küchenspeise
+unschicklich umgegangen“, wurde die Sendung in ein Geschenk von 50 fl.
+verwandelt. Soviel erhielten auch die andern Wittenberger Theologen
+Bugenhagen und Jonas: es war ein Ehrensold, den der Fürst für die
+Ausbildung seiner Gottesgelehrten an die sächsische Universität
+zahlte[239].
+
+Wenn der Kurfürst Johann an Luther bei Aufhebung des Klosters den
+Hausrat im Werte von 20 fl. und die Küchengeräte, welche um 50 fl.
+verkauft wurden, überließ, so war das eine Entschädigung dafür, daß er
+lange Zeit sein Deputat an Viktualien gar nicht oder nur spärlich
+erhalten hatte. Für den Hausrat hatte er „der Kirche und Universität mit
+Predigen, Lesen, Schreiben u.s.w. die langen Jahre her um Gotteswillen
+und umsonst gedient; und für die Küchengeräte hatte er Nonnen und Mönche
+(Diebe und Schälke mitunter) gekleidet, gespeiset und versorget mit
+solchem Nutzen, daß ich das Meine und 100 fl., so mir m. gn. H. Herzog
+Hans zur Haushaltung geschenkt, gar weidlich zugesetzt habe“[240].
+
+Aehnlich waren die Geschenke der Stadt Wittenberg auch nur
+Gegenleistungen. So hat der Stadtrat aus seinen Brennereien
+Baumaterialien, als Ziegelsteine und Kalk, nicht angerechnet, schenkte
+auch sonst eine Jahresgabe oder besondere Erkenntlichkeit, so als
+Luther in der Osterzeit jeden Tag gepredigt hatte, einen halben Lachs,
+anno 1529 der Frau Doktor in Abwesenheit ihres Mannes 10 Thaler, „weil
+man ihm dies Jahr sonst keine Verehrung gethan“. Dafür war Luther ohne
+Gehalt bei dreißig Jahre der Stadt Prediger gewesen, hatte auch oftmals
+noch Bugenhagen auf kürzere oder längere Zeit, einmal sogar, als jener
+auswärts reformierte, zwei Jahre lang (1535-37) vertreten. Auch mußte
+Luther auf seine Kosten „zu ihrer Kirche Dienst und Nutz“ Diener halten,
+ohne daß der „gemeine Kasten“ etwas für sie beitrug. Ferner trat Luther
+einen großen Raum vorm Klosterhof umsonst an die Stadt ab, gestattete
+auch, daß sein ganzes Anwesen nach seinem Tode und das Nebengebäude auch
+bei seinen Lebzeiten unter das Bürgerrecht gestellt wurde, während es
+vorher ganz frei gewesen. Ebenso wollte Luther, als der Kurfürst 1542
+eine Türkensteuer ausschrieb, obgleich er grundsteuerfrei war, doch des
+Beispiels wegen auch geschatzt sein[241].
+
+Trotz solcher Gegendienste, welche mittelbar oder unmittelbar
+„Geschenke“ veranlaßten, nahm doch Luther solche nicht ohne Wahl und Maß
+an. Er lehnte nicht nur das Hochzeitsgeschenk des Mainzer Erzbischofs
+ab, er wies auch eine Gabe des Kurfürsten zurück, weil er wisse, „daß
+der hohe Herr des Gebens viel habe und zu viel den Sack zerreiße“.
+„Bitte derhalben Ew. Kurfürstliche Gnaden wollten harren, bis ich selber
+klage und bitte, auf daß ich durch solch Zuvorkommen Eurer Kurf. Gnaden
+nicht scheu werde für andre zu bitten, die viel würdiger sind solcher
+Gaben“[242].
+
+Und ferner: „Ich will Ew. Kurf. Gn. unterthäniglich bitten, nicht zu
+glauben denen, die mich angeben, als habe ich Mangel; ich habe leider
+mehr, sonderlich von Ew. K. Gn., denn ich im Gewissen vertragen
+kann“[243].
+
+Auch seine Freunde schilt er oft, daß sie des Schenkens zu viel
+machen[244].
+
+Wenn er Sommers von einem Pfarrherrn oder Schultheißen aufs Dorf zu
+Gaste geladen wurde, so kam er gern mit einem Tischgesellen und hielt
+eine Predigt. Aber er brachte allewege Speise und Trank für sich und
+seine Begleiter mit, die ihm daheim Frau Käthe zubereitet und in den
+Wagen gepackt hatte[245].
+
+Einem wegziehenden Famulus würde er gerne zehn Gulden geben, wenn er
+sie hätte; aber unter fünf Gulden soll ihm seine Frau nicht geben und
+was sie darüber kann geben, bittet der Doktor sie, das solle sie thun —
+also bis auf den letzten Gulden mutet er der Hausfrau zu sich zu
+entblößen und doch trägt er der Frau gleichzeitig auf, ein Mitbringsel
+für die Kinder zu kaufen, weil er selbst in Torgau nichts Sonderliches
+fände[246].
+
+Für seine Vorlesungen nahm Luther von den Studenten keine
+Kollegiengelder. Ja, auch von seinen Schriften nahm er kein Honorar: 400
+fl., die ihm ein Buchdrucker jährlich für den Verlag seiner Schriften
+anbot, schlug er aus, auch die 1000 fl., welche Melanchthon ihm für die
+Ausarbeitung des deutschen Aesop versprach. Eine Kure im Silberbergwerk
+zu Schneeberg, welche ihm der Kurfürst für seine Bibelübersetzung 1529
+schenken wollte, wies er ab: er wollte von der Welt seine geistige
+Arbeit nicht bezahlt haben und wie Paulus mit dem Gotteswort nicht
+Handel treiben[247].
+
+Bei einer solchen Gesinnung und Handlungsweise ist es begreiflich, daß
+die praktische Frau Käthe auch einmal über ihren Doktor mit seiner
+Geldverachtung seufzte. Als der gleichfalls wenig haushälterische
+Meister Philipp Melanchthon einmal bei Luther speiste und im Gespräch
+über den Weltlauf von einem Magister sprach, welcher dem Geiz ergeben,
+ein sehr gutes Urteil über gute und schlechte Gulden habe, bemerkte die
+Doktorin: „Wenn mein Gemahl solchen Sinn hätte, würde er gar reich
+sein.“ Melanchthon meinte darauf: „Das kann nicht sein, denn die
+Geister, welche für die Allgemeinheit arbeiten, können sich ihren
+Privatangelegenheiten nicht hingeben“[248].
+
+Den nicht gerade außerordentlichen Einnahmen Luthers standen nun aber
+gewaltige Ausgaben gegenüber. Zunächst einmal für die ausgedehnte
+Haushaltung; dann aber auch für andere Zwecke und Anschaffungen. Einen
+interessanten Einblick in diese Dinge gewähren die Aufzeichnungen
+Luthers in seinem Haushaltungsbuch. Da ist[249] eine
+
+„Wunderliche Rechnung gehalten zwischen Doc. Martin und Käthe
+
+ 1535
+ Anno ----
+ 1536
+das waren zwei halbe Jahr.
+ 90 fl. für Getreide
+ 90 fl. für die Hufen
+ 20 fl. für Leinwat (Leinwand)
+ 30 fl. für Schweine
+ 28 fl. Muhme Lene gen Borna(u)
+ 29 fl. für Ochsen
+ 10 fl. Valt. Mollerstet bezahlt
+ 10 fl. Geleitsmann "
+ 8 Thaler M. Philipp "
+ 40 fl. für Gregor Tischer "
+ 26 fl. Universität "
+ -------
+Zus. 389 fl. außer andern Viktualien. "
+
+Diese „andern Viktualien“ waren Gemüse, Fleisch, Fisch und Geflügel,
+Obst und Kolonialwaren, Getreide und Hopfen, Brot und Semmel, Oel und
+Talg, Butter und Honig, Wein und Bier.
+
+Dann hieß es: „Gieb Geld für Hanf und Flachs, Garn und Wachs, Nägel und
+Haken, allerlei Geschirr und Geräte in Stube, Küche, Keller, Garten; für
+Wagen und Geschirr.“
+
+„Gieb Geld“ forderten auch 29erlei Handwerker, ferner Buchführer
+(Buchhändler), Arzt, Apotheker und Präzeptor, Knechte, Mägde, Hirten,
+Knaben und Jungfern, Bräute und Gevattern, auch Bettler und —
+Diebe[250].
+
+Ausgaben gab es dann für manche Patengeschenke, Hochzeiten und
+Gastungen, Geschenke zu Neujahr, Jahrmarkt und S. Niklas. Endlich kamen
+die „grobe Stück: Hochzeit machen für Sohn, Tochter, Freundin; dem
+Krämer für Seiden, Sammet und Wurze“[251].
+
+Im ganzen waren es 135 Dinge, für welche Frau Käthe stets die Hand
+ausstrecken und „Gieb Geld“ sagen mußte.
+
+Unter diesen Ausgaben machen namentlich die Ehrengeschenke und
+Wohlthaten einen großen Posten aus; sie gehörten bei Luther zu den
+besonders „groben Stücken“. Außer den Gastungen gehören namentlich die
+Patengeschenke und Hochzeiten hierher; Luther und Frau Käthe standen
+zahllose Male zu Gevatter, denn in Wittenberg waren bei jedem Kinde
+viele Paten üblich, und für jeden kostete es einen Silberbecher oder
+eine große Münze. Die Hochzeiten und Hochzeitsgeschenke waren eine große
+Last. So klagt Luther (1543) am Ende selber: „Die täglichen Hochzeiten
+hier erschöpfen mich“[252]. Luthers Mildtätigkeit kannte keine Grenzen.
+Er sprach als Grundsatz aus: „Wer gerne giebt, dem wird gegeben; das
+erhält das Haus, darum, liebe Käthe, haben wir nicht mehr Geld, so
+müssen die Becher daran.“ Und demgemäß handelt er. Wie viele andere
+Theologen und sonstige gutmütige Menschen (auch Melanchthon) gab er
+Bedürftigen und Bittenden über Gebühr und Vermögen, und gar oft an
+Unwürdige, so daß er erst durch „böse Buben witzig gemacht“ wurde. Er
+gestand später (1532) selbst seiner Frau: „Denke, wie oftmals wir haben
+bösen Buben und undankbaren Schülern gegeben, da es alles verloren
+gewesen ist.“ Wie weit er in seiner Gutherzigkeit ging, mögen von vielen
+nur zwei Beispiele zeigen: Einem armen Studenten schenkt der Doktor,
+weil kein Geld im Haus ist, einen silbernen Ehrenbecher, und als er
+merkte, wie Frau Käthe ihm abwinkt, drückt er ihn schnell zusammen und
+schickt den jungen Menschen damit zum Goldschmied; was er dafür löse,
+solle er behalten, er brauche keinen silbernen Becher. Ja, als seine
+Frau im Wochenbett liegt, gerät er gar über das Patengeschenk seines
+jüngsten Kindes, um einen bedrängten Bedürftigen nicht mit leerer Hand
+gehen zu lassen, und meinte: „Gott ist reich, er wird anderes
+bescheren“[253].
+
+Das gesamte, so wenig berechnende Verhalten Luthers erklärt sich
+einerseits aus seiner allem Eigennutz abgeneigten Natur und seinem
+großartigen Gottvertrauen, andrerseits aber auch aus dem Mangel an
+Berechnung, welche dem weltentfremdeten Mönch aus seiner Klosterzeit
+noch anhaftete; dies mußte aber bei einem „weltlichen“ Haushalt
+naturgemäß dazu führen, daß Einnahme und Ausgabe bald nicht mehr im
+richtigen Verhältnis zu einander stand. So hatte das junge Paar im
+zweiten Jahre seiner Ehe über hundert Gulden Schulden, so daß Luther
+seinem Freunde und ehemaligen Klostergenossen Brisger keine acht Gulden
+vorstrecken konnte. „Woher soll ich's nehmen?“ fragt er. „Durch meinen
+schweren Haushalt und meine Unvorsichtigkeit ist es so gekommen. Drei
+Becher sind für 50 fl. verpfändet. Dazu kommt, daß Lukas (Cranach) und
+Christian (Aurifaber, Goldschmied) mich nicht mehr als Bürgen zulassen,
+denn sie merken, daß sie so (durch meine Bürgschaft) auch nicht besser
+daran sind oder ich ausgebeutelt werde. Ich habe ihnen jetzt auch den
+vierten Becher gegeben, welchen sie dem fetten H. geliehen haben.“ Dabei
+kommt ihm aber noch nicht in Sinn, wo der Rechnungsfehler stecke. Er
+klagt: „Wie kommt's, daß ich allein so ausgesaugt werde? nein, nicht nur
+ausgesaugt, sondern sogar in Schulden verstrickt?“ Sogar noch 1543 klagt
+er dem allerdings etwas habsüchtigen Jonas gegenüber, der von ihm bei
+seiner zweiten Verheiratung wohl ein „fettes Hochzeitsgeschenk“
+erwartete: „Du kennst meine Dürftigkeit und meine Schuldenlast“.[254]
+
+Einmal fing er auch an zu rechnen — am Kleinen, ans Große dachte er
+nicht. Da brachte er heraus, daß er allein jährlich für Semmeln 31
+Groschen 4 Pfennig brauche; dazu noch der Trank mit 4 Pfennig täglich
+und das Uebrige — eine Summe, die ihm zu groß war, und er schließt: „Ich
+mag nie mehr rechnen, es macht einen gar verdrossen. Ich hätte nicht
+gemeint, daß auf einen Menschen so viel gehen sollte“[255].
+
+Dennoch stellte er 1536 eine Generalrechnung an für „grobe Stück“ und
+brachte da allein 389 fl. Ausgaben heraus in zwei halben Jahren, ohne
+die Viktualien u.a. Er schloß diese Zusammenstellung ab mit dem Seufzer:
+„Rat, wo kommt dies Geld her? Sollt das nicht stinken und Schuld
+machen[256]?“
+
+Und als Luther im Jahre 1542, wo er sein „Testament“ machte, seine
+Ausgaben zusammenstellte und seine Einnahmen dagegen hielt, schließt er:
+„Ich habe eine wunderliche Haushaltung, ich verzehre mehr als ich
+einnehme; ich muß jedes Jahr 500 Gulden in der Haushaltung in die Küche
+haben, zu geschweigen der Kleider, anderer Zierat und Almosens, da doch
+meine jährliche Besoldung sich nur auf 200 Gulden belauft.“ Dazu
+schreibt er im Haushaltungsbuch neben anderen ernsten und launigen
+Reimen den Stoßseufzer:
+
+ „Ich armer Mann! So halt ich Haus;
+ Wo ich mein Geld soll geben aus,
+ Bedürft ich's wohl an sieben Ort
+ Und fehlt mir allweg hier und dort“[257].
+
+Da war es freilich begreiflich, daß manchmal die Fleischer und Fischer
+von Wittenberg „grob“ wurden und mit „ungestümen Worten der Frau“
+gegenüber ihre Schuld forderten. „Die Doktorin“ half sich dann wohl
+damit, bei „Philipp Melanchthon 20 Thaler zur Haushaltung zu leihen“.
+Und dann sprang etwa der Kurfürst ein, wenn er's durch den Kanzler Brück
+erfuhr[258].
+
+Diese „wunderliche Haushaltung“ Luthers wurde in sehr Natur- und
+sachgemäßer Weise geregelt durch die Hausfrau. Die „wunderliche Rechnung
+gehalten zwischen Doktor Martin und Käthe“, mit ihrem ständigen Defizit,
+wurde in Ordnung gebracht durch diese gute Rechnerin und sparsame und
+erwerbsame Haushälterin. Frau Käthe brachte einen Ausgleich zwischen
+Soll und Haben: sie verminderte die Ausgaben, vermehrte die Einnahmen,
+sie bezahlte die Schulden und erwarb ein Vermögen.
+
+Eines der ersten Ereignisse in dem neuen Haushalt ist eine lustige
+Familienszene, welche die gutmütige Verschwendung des Eheherrn und die
+listige Sparsamkeit der Gattin zeigte. Es hatte nämlich das Ehepaar ein
+hübsches Glasgeschirr mit Zinnverzierung von Hausmann geschenkt
+bekommen; das hätte Frau Käthe selbst gerne behalten, Luther aber an den
+D. Agrikola, damals noch sein lieber Freund, der auch darnach Gelüste
+hatte, verschenkt. Luther hatte es gemerkt, wie sie darauf gelauert, und
+wollte es kurz machen. Er hatte schon den Brief dazu geschrieben; als er
+aber das Geschenk dazu packen wollte, war es fort: Frau Käthe hatte es
+abhanden kommen lassen und die Hausfreunde D. Bugenhagen und D. Röhrer
+hatten sich mit ihr verschworen und ihr dabei geholfen. So mußte sich
+Luther in einer Nachschrift entschuldigen, daß er das Glas nicht
+mitschicken könne; seiner insidiatrix Ketha (der hinterlistigen Käthe)
+gegenüber sei er ohnmächtig; er denke aber das Glas später doch noch
+einmal zu erwischen. Käthe aber hielt es fest wie ein bissiger
+Kettenhund[259]. Sie brachte etwas strengere Ordnung in die Gesellschaft
+der jungen Studenten und in ihre Hausrechnung, so daß M. Veit Dietrich
+sich über sie beklagte und sein Landsmann und Nachfolger im Haus und am
+Tisch Frau Käthes sie als stramm und knauserig beschrieb, „die alles zu
+Rat gehalten und bei den Tischgenossen auf nötige Bezahlung
+gedrungen“[260]. Auch Kanzler Brück warf ihr in feindseliger Stimmung
+Knauserigkeit in der Haushaltung vor. Von Luther und andern hören wir
+dagegen hierüber keine Klagen; und daß der Zudrang zu ihrem Kosttisch
+von alt und jung ein großer und nicht zu befriedigender war, ist der
+beste Beweis für die Uebertriebenheit jener Vorwürfe. Aber ihre löbliche
+Sparsamkeit und haushälterisches Zuratehalten weiß ihr Gemahl wohl
+anzuerkennen. Er sagt: „Das Weib kann den Mann wohl reich machen, aber
+nicht der Mann das Weib. Denn der ersparte Pfennig ist besser denn der
+erworbene. Also ist rätlich sein (zu rate halten) das beste
+Einkommen“[261]. Und in sein Haushaltungsbuch schrieb Luther den
+Sinnspruch:
+
+ Es gehört gar viel in ein Haus.
+ Willst Du es aber rechnen aus,
+ So muß noch viel mehr gehn heraus.
+ Des nimm ein Exempel, mein Haus[262].
+
+So hörte er mit Rechnen auf und überließ das seiner „rätlichen“ und
+wirtlichen Hausfrau, und wenn er selbst nicht wußte, woher nehmen, so
+schrieb er seiner Käthe: „Sieh, wo Du's kriegst“[263].
+
+Und Käthe sah, wo sie's kriegte. Sie war nicht so heikel, wie Luther,
+Verehrungen anzunehmen. Während sie Freund Link von einem
+Hochzeitsbecher absolviert, hat sie die von Luther zurückgewiesen 20
+Goldgulden des Mainzer Erzbischofs hinter seinem Rücken doch behalten.
+Mit besserem Gewissen empfing sie die Fäßlein Käse von der Herzogin
+Elisabeth von Braunschweig und ebenso ein Käsegeschenk von Mykonius, dem
+Stadtpfarrer in Gotha. In Notfällen wandte sich Frau Käthe auch einmal
+an die kurfürstliche Kämmerei, so während Luthers Aufenthalt auf der
+Koburg um 12 Scheffel Roggen. Käthe nahm überhaupt das Gehalt ein und
+verrechnete es, so daß es nicht mehr hieß wie in Luthers
+Junggesellenwirtschaft (1523): „Wir leben von einem Tag zum andern.“ Sie
+scheute sich nicht, die säumigen Kostgänger an ihre Schuldigkeit zu
+mahnen[264]. Ja es wird erzählt, daß sie in späterer Zeit durch Freunde
+und Kostgänger des Hauses Anschaffungen machen ließ, wofür sie die
+Bezahlung vergessen habe, weil sie sich wohl für Dienste ihres Mannes
+dadurch bezahlt machte. Jedenfalls nahm sie auch die Dienste anderer in
+Anspruch für Gefälligkeiten, welche ihr Mann ihnen erwies: hatte Luther
+dem Freund Pfarrer Spalatin eine Vorrede zu einem Buche geschrieben, so
+muß sich dafür Spalatin in Altenburg ihrer Fuhrleute und Arbeiter
+annehmen, die sie nach Zulsdorf schickt; und Lauterbach, der in ihrem
+Hause als Kostgänger und Nachschreiber von Luthers Tischreden allerlei
+Vorteile und Freundlichkeiten genossen, hat zum Entgelt der Doktorin
+allerlei Besorgungen zu machen[265].
+
+Aber das Beste that doch Frau Käthe selber: Sie züchtete und mästete
+Tiere, melkte und schlachtete, gewann Butter und Honig, Käse und Eier;
+sie pflanzte Obst und Früchte, Gemüse und Würzkräuter; sie baute
+Getreide, buk Brot und braute das Bier für den großen Haushalt, so daß
+das kleine Söhnchen, als Luther es einmal fragte, wie viel Kostgeld es
+eigentlich zahlen müßte, sagen konnte: „Ei Vater, Essen und Trinken
+kauft Ihr nicht; allein Aepfel und Birnen“, meinte der Kleine, „gestehen
+viel Geld“[266]. Für Obst konnte also Frau Käthe damals nicht aufkommen,
+weshalb sie dann auch endlich den Ankauf des Baumgartens von Bildenhauer
+betrieb. Ebenso trachtete sie nach den Hufen und dem Hopfengarten, so
+daß nach den großen Ankäufen von 1536 die schweren Haushaltsausgaben
+geringer wurden und die Posten „Gieb Geld“ immer weniger. Hatte Luther
+am Anfang seiner Ehe den Stoßseufzer gethan: „Der Herr, der meine
+Unvorsichtigkeit straft, wird mich wieder erlösen“ — von den Schulden,
+so kann er am Ende derselben in seinem sogenannten „Testament“ (1542)
+schreiben: „Ich habe von meinem Einkommen und Geschenken so viel gebaut,
+gekauft, große und schwere Haushaltung geführt, daß ich's muß neben
+anderm selbst für einen sonderlichen, wunderlichen Segen erkennen, daß
+ich's habe können erschwingen.“ Das „andere“ neben dem göttlichen Segen,
+war eben das haushälterische Talent seiner Gattin; sie hatte ihn von
+seinen Schulden wieder erlöst, ja das Weib hatte nach seinem Spruch den
+Mann „reich“ gemacht. Und so bezeugt er ihr mit „seiner Hand“ im
+Haushaltungsbuch: „Was sie jetzt hat, das hat sie selbst gezeuget
+(errungen) neben mir“[267].
+
+Ein Vermögen zu erwerben oder gar reich zu werden, daran dachte Luther
+nicht, ja er wollte es nicht. „Mir gebühret nicht als einem Prediger,
+Ueberfluß zu haben, begehre es auch nicht“, erklärte er. Ihm dünkte,
+„daß das lieblichste Leben sei ein mittelmäßiger Hausstand, Leben mit
+einem frommen, willigen, gehorsamen Weibe in Fried und Einigkeit und
+sich mit wenigem lassen begnügen“[268].
+
+Ja nicht einmal für seine Kinder gedachte er ein Vermögen anzulegen. Er
+segnete seiner Kindlein eins, das eine Muhme auf dem Arme trug und
+sprach: „Gehe hin und bis fromm. Geld will ich Dir nicht lassen, aber
+einen reichen Gott will ich Dir lassen. Der mir Dich nicht versäume. Bis
+nur fromm! Da helf Dir Gott zu.“ Und als ihn jemand ermahnte, er möchte
+wenigstens zum Besten seiner Familie ein kleines Vermögen sammeln, da
+gab er zur Antwort: „Das werde ich nicht thun; denn sonst verlassen sie
+sich nicht auf Gott und ihre Hände, sondern auf ihr Geld“[269]. Diesen
+doch wohl allzu theologischen, ja mönchischen Standpunkt ergänzte der
+praktisch nüchterne Sinn Katharinas, welche gerade darauf aus war, ihren
+fünf noch unversorgten Kindern ein Erbe zu erwerben; denn sie erkannte
+besser als wie Luther, daß nach dessen Tod die Gebefreudigkeit der
+Fürsten und Freunde wohl abnehmen werde mit dem Wegfall der großen
+Vorteile, welche der lebendige Reformator seinem Land und seiner Stadt
+und seinen Freunden verschaffte. So brachte sie es in der That zuwege,
+daß den Kindern doch ein ganz ansehnliches Familiengut übrig blieb[270].
+
+„Das Lob eines tugendsamen Weibes“ — nicht nur in der Bibel hat es
+Luther übersetzt, sondern auch bei Tisch und sonst oft angeführt und auf
+seine Käthe bezogen, so daß es — erweitert mit Zusätzen — unter den
+Tischreden steht, wie ein Lob auf seine Hausfrau: „Der Mann verläßt sich
+auf sie und vertraut ihr altes. Da wird's an Nahrung nicht mangeln. Sie
+arbeitet und schafft gern mit ihren Händen, zeuget ins Haus und ist wie
+ein Kaufmannsschiff, das aus fernen Landen viel War' und Gut bringt.
+Frühe stehet sie auf, speiset ihr Gesinde und giebt den Mägden ihr
+beschieden Teil. Sie denkt einem Acker nach und kauft ihn und lebt von
+der Frucht ihrer Hände. Sie verhütet Schaden und siehet, was Frommen
+bringt. Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich und fleißig ist“[271].
+
+
+
+
+10. Kapitel
+
+Häusliche Leiden und Freuden.
+
+
+Es war ein schwerer Haushalt, den Frau Käthe zu führen hatte, wenn man
+auch nur der wirtschaftlichen Sorgen in Haus und Hof, in Küche
+und Keller, im Garten und auf dem Felde gedenkt. Aber noch
+bewunderungswürdiger wird ihre Leistungsfähigkeit, wenn man alle die
+Menschen in Betracht zieht, die als Kinder und Gesinde, als Tisch- und
+Hausgenossen täglich und stündlich Anspruch an ihre Fürsorge machen in
+Wohnung und Kleidung, in Speise und Trank, in Erziehung und Zucht — ganz
+abgesehen von den Gästen und Freunden, die im Schwarzen Kloster ein und
+ausgingen. Eine so überaus große Familie verursachte aber nicht nur viel
+Mühe und Arbeit, sondern brachte auch einen mannigfaltigen Wechsel von
+Freud und Leid ins Haus. So erlebte Frau Käthe in wenigen Jahrzehnten
+Krankheiten und Feste, Hochzeiten und Todesfälle nach einander und oft
+neben einander.
+
+Gleich im zweiten Jahre ihres Ehestandes hatte die Doktorin schwere
+Zeiten durchzumachen[272].
+
+Frau Käthe wurde durch einen heftigen Krankheitsanfall ihres Gemahls
+erschreckt, wie sie es in dieser Heftigkeit noch nicht an ihm erlebt
+hatte, wiewohl er schon mehrmals Schwindelanfälle erfahren. Eine
+entsetzliche Angst und Beklemmung ging dem Anfall voraus. Samstags 6.
+August morgens fühlte er am linken Ohr und Backen ein ungestümes Sausen
+und Brausen wie Windsbraut und Meeresbrandung, so gräßlich und
+unerträglich, daß er es nur einer satanischen Einwirkung zuschreiben
+konnte. Es ging gottlob rasch vorüber. Aber er fürchtete, dies sei
+vielleicht der Vorbote eines noch schwereren, tödlichen Anfalls, darum
+schickte er um 8 Uhr seinen Diener Wolf zu seinem Beichtvater
+Bugenhagen, dieser möge eilend kommen. Bugenhagen eilte erschrocken ins
+Kloster, fand aber da den Doktor in „gewöhnlicher Gestalt“ bei seiner
+Hausfrau stehen. Warum er ihn habe rufen lassen? „Um keiner bösen Sache
+willen“, erwiderte Luther, ging mit ihm hierauf abseits, beichtete und
+begehrte für den folgenden Tag zum Abendmahl zu gehen.
+
+Mittlerweile war es schier Zeit geworden zum Mittagsmahl (d.h. um 10
+Uhr). Und weil Luther und Bugenhagen von etlichen Adeligen, Max von
+Wallefels, Hans von Löser u.a. zu Gaste geladen war, forderte ihn
+Bugenhagen auf, mitzukommen, indem er hoffte, die Zerstreuung sollte ihm
+gut thun, wenn er nicht einsam daheim sitze, sondern mit Menschen
+verkehre. Luther schlug es ab. Aber Bugenhagen steckte es hinter Frau
+Käthe, und diese brachte Luther dazu, hinzugehn in Paul Schultheiß'
+Gasthof. Dort aß und trank er, aber sehr wenig, und unterhielt die Gäste
+mit angemessener Fröhlichkeit. Um zwölf Uhr stand er auf und ging in D.
+Jonas Gärtlein hinter dem Hause und unterhielt sich da zwei Stunden mit
+dem Stiftspropst. Beim Weggehen lud er Jonas und seine Frau ein, sie
+sollten auf den Abend mit ihm essen.
+
+Recht angegriffen kehrte Luther zurück ins Kloster und legte sich ins
+Bett, um sich zu erholen. Als um 5 Uhr die Jonischen kamen, lag er noch
+und die Frau Doktorin bat die Gäste, sich die Weile nicht lang sein zu
+lassen, und so sich's ein wenig verzöge, es seiner Schwachheit
+zuzurechnen.
+
+Nach einer Weile kam der Doktor herunter, um die Abendmahlzeit gemeinsam
+mit den andern zu halten. Er klagte wieder über großes unangenehmes
+Brausen und Klingen des linken Ohrs. Das wurde über Tisch heftiger, er
+mußte aufstehen und zog sich, begleitet von Jonas, hinauf in seine
+Schlafkammer zurück; die Doktorin folgte, hatte aber noch unten an der
+Treppe den Mägden zu befehlen. Da, als Luther gerade über die Schwelle
+der Schlafkammer trat, überkam ihn plötzlich eine Ohnmacht: „O Herr
+Doktor Jona“, rief der Kranke, „mir wird übel; Wasser her, oder was Ihr
+habt, oder ich vergehe.“ Er sank leblos hin. Jonas erwischte erschrocken
+und behend einen Topf mit kaltem Wasser und goß es dem Ohnmächtigen über
+Kopf und Rücken. Er kam wieder zu sich und fing an zu beten.
+
+Indem kommt auch die Doktorin hinauf; da sie nun sah, daß er so
+hinfällig und schier tot war, entsetzte sie sich sehr und rief laut den
+Mägden. Dann schickte sie zum Hausarzt Dr. Augustin Schurf und zu dem
+Hausfreund Bugenhagen. Mittlerweile zogen sie dem Kranken die Kleider
+aus und legten ihn auf den Rücken. Er war sehr matt und völlig kraftlos.
+Frau Käthe und Jonas rieben und kühlten ihn, gaben ihm Labsal und
+thaten, was sie konnten, bis der Arzt kam.
+
+Da der Doktor so eiskalt und leblos war, so verordnete Schurf dem
+Kranken warme Tücher, Kleider und Kissen, die man immer über dem
+Kohlenfeuer wärmte, aufzulegen auf Brust und Füße, ließ auch seinen Leib
+reiben, tröstete ihn auch und hieß ihn hoffen, es würde, ob Gott will,
+auf diesmal keine Not haben. Dann kam auch um 6 Uhr Dr. Pommer, und die
+Freunde mahnten den Patienten, er solle mit ihnen dafür beten, daß er
+möge leben bleiben, ihnen und vielen zum Trost. Da antwortete er: „Zwar
+für meine Person wäre Sterben mein Gewinn; aber im Fleische länger
+leben, wäre nötig um vieler willen. Lieber Gott, Dein Wille geschehe.“
+
+Da aber die Ohnmacht wieder zunahm, betete er wieder um Erbarmen. Dann
+sagte er zu seiner Hausfrau: „Meine allerliebste Käthe, ich bitte Dich,
+will mich unser lieber Gott auf diesmal zu sich nehmen, daß Du Dich in
+seinen gnädigen Willen ergebest. Du bist mein ehrlich Weib, dafür sollst
+Du Dich gewiß halten und gar keinen Zweifel daran haben. Laß die blinde,
+gottlose Welt darüber sagen, was sie will; richte Du Dich nach Gottes
+Wort und halte fest daran, so hast Du einen gewissen beständigen Trost
+wider den Teufel und all seine Lästermäuler.“
+
+Dann fragte er nach seinem Söhnlein: „Wo ist denn mein allerliebstes
+Hänsichen?“ Da das Kind gebracht wurde, lachte es den Vater an. Da
+sprach er: „O Du gutes armes Kindlein! Nun ich befehle meine
+allerliebste Käthe und Dich armes Waislein meinem lieben, frommen,
+treuen Gott. Ihr habt nichts, Gott aber, der ein Vater der Waisen und
+Richter der Witwen ist, wird Euch wohl ernähren und versorgen.“
+
+Darauf redete er weiter mit seiner Hausfrau von den silbernen Bechern:
+„Die ausgenommen weißt Du, daß wir sonst nichts haben.“ Ueber dieser und
+andern Reden ihres Herrn war die Doktorin hoch erschrocken und betrübt.
+Doch ließ sie sich nicht merken, wie groß Leid ihr geschah, daß sie
+ihren lieben Herrn dergestalt so jämmerlich da vor Augen liegen sah,
+sondern sie stellte sich getrost und sprach: „Mein liebster Herr Doktor!
+Ist's Gottes Wille, so will ich Euch bei unserm lieben Herrn Gott lieber
+denn bei mir wissen. Aber es ist nicht allein um mich und mein liebes
+Kind zu thun, sondern um viel frommer, christlicher Leute, die Euer noch
+bedürfen. Wollet Euch, mein allerliebster Herr, nicht bekümmern; ich
+befehle Euch seinem göttlichen Willen, ich hoff und trau zu Gott, er
+werde Euch gnädiglich erhalten.“
+
+Bald fühlte der Kranke Besserung, die Schwäche ließ nach und der Doktor
+meinte, wenn der Patient nur schwitzen könnte, so sollte es durch Gottes
+Gnade für diesmal keine Not mehr mit ihm haben.
+
+Da gingen die drei Männer, um ihm Ruhe zu gönnen, hinab in den Saal zur
+Abendmahlzeit und hießen die Frauen stille sein. Der Patient geriet
+wirklich in Schweiß. Der Arzt sah später wieder nach dem Kranken und
+erklärte die Gefahr vorbei. Dann kamen auch die Freunde, begrüßten den
+Genesenden, wünschten ihm „Selige Nacht“ und gingen nach Hause.
+
+Zwar dauerte das Ohrenbrausen am Sonntag noch fort; am Abend aber konnte
+der Doktor aufstehen und mit den Freunden das Abendmahl halten. Das
+körperliche Leiden war so bald gehoben; aber die „geistige Anfechtung“,
+wie Luther sagt, warf ihn noch eine ganze Woche in „Tod und Hölle“
+umher, so daß er zerschlagen an allen Gliedern bebte.
+
+Kaum war dieser Schrecken vorbei, so nahte eine neue und viel längere
+Heimsuchung: die Pest, die damals ganz Deutschland durchzog, kam auch
+nach Wittenberg. Alles was konnte, floh aus der Stadt; die Universität
+wurde nach Jena verlegt; Luther aber blieb zurück als Mann, Seelsorger
+und Lehrer und seine treue Gattin mit ihm. Er war immer des Glaubens,
+die Angst sei die schlimmste Seuche, die Hälfte der Leute stürben an
+Furcht davor, nicht an der Pest selbst. Er hielt es für einen „Spuk des
+Teufels“, dem er trotzen müsse, während der Böse sich freue, die
+Menschen so zu ängstigen und die Universität zu sprengen, die er nicht
+umsonst so hasse. Er bleibe gerade wegen der ungeheuren Angst des
+Volkes. Er ging ohne Scheu zu den Pestkranken: die Frau des
+Bürgermeisters Thilo Dene starb fast in seinen Armen; und andere
+Pestverdächtige nahm er in sein Haus. Dagegen war, scheint's aus Furcht
+vor der Pest, Elsa von Kanitz, welche in Wittenberg Mädchenlehrerin
+werden und bei Luther wohnen sollte, nicht aufgezogen; an ihrer Statt
+aber wohnte nun Fräulein Magdalene von Mochau im Klosterhause[273].
+
+Die Seuche brach in den Winkeln aus, kam aber bald ans
+Elsterthor-Viertel, wo der Pestkirchhof lag[274]; zuerst wurde die
+Umgebung angesteckt, so das Haus des nächsten Nachbarn, des D. Schurf
+und endlich auch das Schwarze Kloster. Das wurde jetzt gerade ein
+Spital, denn Luther nahm die kranke Frau Dr. Schurf, Hanna, herüber. Die
+von Mochau bekam die wirkliche Pest. Die Frau des Kaplan (Diakonus)
+Röhrer, eines von Luther hochgeschätzen Amtsgenossen, starb (am 2. Nov.)
+daran bei ihrer Entbindung samt dem Kinde. Und Bugenhagen flüchtete
+deshalb mit seiner Familie aus dem Pfarrhaus in das Schwarze Kloster.
+Zwei Pflegetöchter von Käthe erkrankten und auch der kleine Hans war vom
+Zahnen so mitgenommen, daß er mehrere Wochen nichts aß und allein mit
+Flüssigkeit ernährt wurde, so daß er nur sehr langsam wieder zu Kräften
+kam. Dazu war Luther selbst noch immer eine lange Zeit (Juli bis
+November) vom Unwohlsein geplagt, besonders mit Blutandrang nach dem
+Kopf und infolge dessen von Schwermut, oder wie er sagte, vom Satan
+angefochten und sehr entkräftet. Schließlich kam die Krankheit noch in
+die Ställe und es fielen fünf Schweine. Die Bauern brachten der Stadt
+keine Zufuhr, so daß eine Teurung entstand und der Scheffel Mehl 5
+Groschen galt, eine Gans 2 Groschen[275].
+
+Nur Käthe hielt sich aufrecht in alt dieser Not, „tapfer im Glauben und
+gesund am Körper“, und doch war sie ihrer Entbindung nahe. Sie pflegte
+Mann und Kind, Nichten und Gäste. Den Diakonus Röhrer mit seinem
+Knäblein Paul, welches nach der Mutter schrie, nahm Käthe auch noch auf,
+und Luther lud noch Jonas dringend zum Besuch ein, als es ein wenig
+besser ging. Die von Mochau wurde in dem gewöhnlichem Winterzimmer
+(Wohnzimmer) eingeschlossen, Frau Hanna war in Katharinas Kemenate
+(heizbarem Zimmer), Hänschen im Studierzimmer, der Doktor und die
+Lutherin weilten in der vorderen großen Aula. Schließlich wurde der
+„Mochau“ die Beule aufgeschnitten, und nachdem das Gift heraus war, ging
+es besser. Endlich, Mitte November, wich die Krankheit. Die Eheleute
+waren froh, daß der böse Geist der Pest nur in die Säue gefahren war und
+sie mit diesem Opfer sich loskauften. Hänschen war wieder frisch und
+munter, Hanna genas und die Mochau entrann mit Mühe dem Tode; auch
+Luthers Zustand und Stimmung wurde besser, namentlich als die
+Universität allmählich wiederkehrte und er seine gewohnte Lehrtätigkeit
+wieder beginnen konnte[276].
+
+In dieser Zeit (am 10. Dezember) kam nun Käthe nach schmerzlichen Wochen
+mit ihrem Töchterchen Elisabeth nieder, gerade als der Gemahl von einer
+Vorlesung heimkehrte. Die vorausgegangenen Strapazen hatten doch ihre
+Spuren hinterlassen, und die Mutter war recht angegriffen. Aber schon zu
+Weihnachten wurde im Lutherhaus Verlobung gefeiert; die Hanna von Sala
+wurde dem Petrus Eisenberg, einem braven Mann aus guter Familie,
+Leut-Priester in Halle, anverlobt; schon am Neujahrstag war die
+Hochzeit, und die kaum vom Wochenbett erstandene Hausfrau hatte schon
+wieder diese fröhliche Unmuße durchzumachen[277].
+
+Das neue Jahr (1528) war ein gesundes und im ganzen glückliches, Luther
+und Käthe lebten wieder frisch auf. Sie brachten am 15. Mai wieder eine
+Verlobung zustande, zwischen dem verwitweten Kaplan D. Georg Röhrer und
+ihrer Pflegetochter Magdalene von Mochau. Die Hochzeit sollte fröhlich
+am Tag nach Laurenzi (11. August) gefeiert werden. Aber da kam Leid vor
+die Freude: am 3. August starb „Elslein“ und von dem lieben Töchterlein,
+dessen Ankunft die glücklichen Eltern den Freunden in zahlreichen
+Briefen angekündet hatten, mußten sie jetzt, gar wehmütig und weich
+gestimmt, wieder ihr Abscheiden in die ewige Heimat melden. „Es war ein
+großes Herzeleid; denn es starb ein Stück an des Vaters und ein Teil
+von der Mutter Leibe“[278].
+
+Die durch Tod und Verheiratung in die Hausgenossenschaft gerissenen
+Lücken wurden bald reichlich ausgefüllt. Im Mai des folgenden Jahres
+erschien das kleine Lenchen im Schwarzen Kloster. Auf gar wunderbare
+Weise entkam die Herzogin Ursula von Münsterberg, die Base des Herzogs
+Georg aus dem Kloster Freiburg samt zwei andern bürgerlichen
+Klosterjungfrauen, von denen die eine ihr reiches Vermögen im Stiche
+ließ, um der Armut Christi zu folgen. Die drei flüchteten nach
+Wittenberg in die Freistätte des Lutherhauses: keinen Kreuzer brachten
+sie mit, wohl aber den Haß des Herzogs und Verlegenheit für Luthers
+Landesherrn[279].
+
+Das war im Herbst 1528. Zu Ostern 1529 hatte Frau Käthe wieder eine
+Hochzeit auszurichten: dem Pfarrer Bruno Brauer zu Dobin, dessen Braut
+natürlich auch schon ein paar Tage vorher sich im Hause aufhielt.
+Amsdorf wird dazu eingeladen und wird ersucht, sich nicht mit Eisen und
+Schwert, sondern mit Gold und Silber und Ranzen zu umgürten, denn ohne
+Geschenk komme er nicht los. Im Sommer verlobten die beiden Ehegatten
+den Professor der Medizin Milich mit Susanna von Muschwitz, der
+Schwester von Frau D. Schurf[280].
+
+Während dieser Zeit war der Hausherr vielfach abwesend auf der
+Visitation des Kurkreises, welche Luther mit dem Stadthauptmann Herrn
+Metsch, dem Edlen Hans von Taubenheim und dem Rechtsgelehrten Benedikt
+Pauli vorzunehmen hatte. Dazu kam die Reise nach Marburg zum
+Religionsgespräch mit Zwingli (1529).
+
+Von Marburg stammt auch der erste Brief des Doktors an seine Ehefrau,
+der erhalten geblieben ist. Er lautet[281]:
+
+„Gnad und Fried in Christo!
+
+Lieber Herr Käthe!
+
+Wisset, daß unser freundlich Gespräch zu Marburg ein Ende hat, und seynd
+fast in allen Stücken eins worden, ohne daß der Widerteil (Gegenpartei)
+wollen eitel Brot und Wein im Abendmal behalten und Christum geistlich
+darinnen gegenwärtig bekennen. Heute handelt der Landgraf, ob wir
+könnten eins werden, oder doch gleichwohl, so wir uneins blieben,
+dennoch (als) Brüder und Christi Glieder unter einander uns halten. Da
+arbeit der Landgraf heftig. Aber wir wollen des Brüdern und Gliederns
+nicht; friedlich und Guts wollen wir wohl....
+
+Sage dem Herrn Pommer, daß die besten Argument seind gewesen des
+Zwingli, daß corpus non potest esse sine loco: ergo Christi corpus non
+est in pane; des Oecolampadii: dies sacramentum est Signun corporis
+Christi. Ich achte, Gott habe sie verblendet, daß sie nichts haben
+müssen fürbringen.
+
+Ich habe viel zu thun und der Bot eilet. Sage allen gute Nacht und
+bittet für uns. Wir seind auch alle frisch und gesund und leben wie die
+Fürsten. Küßt mir Lensgen und Hänsgen.
+
+E. williger Diener
+
+Martin Luther.
+
+Ins folgende Jahr (1530), zur Zeit des Augsburger Reichstags, fällt der
+lange halbjährige Aufenthalt Luthers auf der Koburg (April bis Oktober).
+Er reiste mit dem Kurfürsten Johann und Kanzler Brück und den
+Wittenberger Theologen, Melanchthon und Jonas ab und nahm seinen Famulus
+Veit Dietrich mit. Käthe konnte ihren Gatten nicht ohne Sorge zum
+Reichstag scheiden sehen; denn bei seiner Abreise glaubte man, daß auch
+Luther nach Augsburg selbst gehe, also mitten in die Reihe seiner
+Feinde. Bald erhielt sie die Nachricht, daß ihr Gatte, eben um seine
+Gegner, und namentlich den Kaiser, in dessen Acht er war, nicht zu
+reizen, in der südlichsten Stadt des Kurfürstentums bleibe, auf der
+Feste Koburg, und zwar einigermaßen in Verborgenheit, ähnlich wie auf
+der Wartburg. Er wurde morgens vor Tagesanbruch, samt seinem Famulus
+Veit Dietrich, dahin gebracht; er ließ sich da den Bart wachsen und dazu
+schickte ihm auch noch ein Freund, Abt Friedrich aus Nürnberg, ein
+Schwert. Also mußte Frau Käthe in die „Einöde Gruboc“ allerlei Dinge
+schicken, Bücher und Papier für allerlei Schriften, und empfahl ihren
+Gemahl der Fürsorge der Kastellanin[282]. Freilich war vortrefflich für
+den Einsiedler auf seinem Sinai gesorgt, die erste Frühlingszeit mit
+Dohlenschwarm, Kuckuck und Nachtigall stimmte fröhlich; Veit Dietrich
+wachte sorgfältig darüber, daß Luther keinen Diätfehler begehe und
+veranlaßte ihn gar zum Armbrustschießen auf Fledermäuse. Auch an
+Besuchen fehlte es nicht, so daß er schließlich klagte: „Die Wallfahrt
+will zu groß werden hierher“[283]. Aber Luther litt bei der ungewohnten
+Muße doch wieder an seinem alten Leiden: Fluß am Bein, Kopfweh und
+Schwindel, und infolgedessen „Anfechtungen“ des Satans, so daß er sich
+schon ein Oertlein für ein Grab aussuchte und meinte, unter dem Kreuz in
+der Kapelle werde er wohl liegen. Davon meldete zwar der Doktor an seine
+besorgte Ehehälfte kein Wörtlein; er schrieb vielmehr sie neckend: „Sie
+wollen (in Augsburg) schlechterdings die Mönche und Nonnen wieder im
+Kloster haben“[284]. Aber sie ahnte es doch, oder erfuhr es auf Umwegen
+von den Freunden, denen er sein Leiden klagte, oder durch die Boten, die
+vorbei kamen. Darum schickte sie ihm nicht nur Lenchens Bild, sondern
+auch seinen Neffen Cyriak in Person samt seinem Präzeptor. Boten mit
+Briefen und Aufträgen gingen fleißig hin und her: so bestellte Frau
+Käthe durch Luther Pomeranzen bei Link in Nürnberg, weil es keine in
+Wittenberg gebe, und sie erfuhr zeitig und ausführlich, wie es auf
+Koburg und in Augsburg ging, wo der Kaiser sich barsch benahm und
+Melanchthon gar ängstlich war. Wenn aber zu Wittenberg Sonntags in der
+Kirche für glücklichen Ausgang des Augsburger Reichstages und für die
+abwesenden Theologen gebetet wurde, da war Frau Luther wohl von allen
+Kirchgängerinnen die andächtigste; und zu Mittags bei Tisch mit ihren
+Tischgesellen und Kinderlein und abends im Kämmerlein allein hat sie für
+den teuren Mann in der Ferne gefleht, wie er's in jedem Briefe
+erbittet[285].
+
+Einige Briefe Luthers von der Koburg an seine Hausfrau sind erhalten; so
+kam um Pfingsten einer[286]:
+
+„Gnad und Friede in Christo.
+
+Liebe Käthe! Ich hab, acht ich, Deine Briefe alle empfangen. So ist dies
+der vierte Brief, den ich Dir schreibe heut daß Er Johann von hinnen
+gegangen ist. Lenchen Konterfeit hab ich mit der Schachtel auch. Ich
+kannte das H... zuerst nicht, so schwarz deucht mir's (zu) sein. Ich
+halte, wo Du es wilt absetzen von Wöhnen (d.h. entwöhnen), das gut sei
+weilinger Weise, also daß Du ihr zuerst eines Tages einmal abbrechest,
+darnach des Tages zweimal, bis es also säuberlich abläßt. Also hat mir
+Georgen von Grumbachs Mutter, Frau Argula, geraten. Die ist hier bei uns
+gewest und hat mit mir gessen. Hans Reinicke von Mansfeld auch und
+George Römer, daß wir müssen an einen andern Ort; es will zu gemeiner
+Wallfahrt hieher werden.
+
+Sage Meister Christannus[287], daß ich meins Tage schändlichere Brillen
+nicht gesehen habe, denn die mit seinem Briefe (ist) kommen. Ich konnt
+nicht ein Stich dadurch sehen. So ist mir auch der Brief an Kunzen Vater
+nicht geworden. Auch bin ich nicht zu Koburg, (d.h. ich will nicht da zu
+finden sein); kann ich aber sonst dazu thun, will ich's nicht lassen. Du
+sollst aber gleichwohl Deine Briefe dem Kastner, (Schloßverwalter)
+[646], lassen zustellen; der wird sie mir wohl schaffen.
+
+Man beginnt zu Nürnberg und Augsburg zu zweifeln, ob etwas aus dem
+Reichstag werde. Der Kaiser verzeucht noch immer in Inspruck. Die
+Pfaffen haben etwas vor und gehet mit Kräutern zu. Gott gebe, daß sie
+der Teufel besch.... Amen.
+
+Laß den Herrn Doctor Pommer den Brief an D. Wencels lesen.
+
+Eilend. Der Bote wollt nicht harren. Grüße, küsse, herze und sei
+freundlich allen, jeden nach seinem Stande.
+
+Am Pfingsttag frühe, 1530.
+
+Martin Luther.
+
+Meiner herzlieben Hausfrauen Katharin Lutherin zu Wittenberg zu handen.“
+
+Zu Wittenberg machte damals der Festungsbau den Einwohnern, namentlich
+auch der Familie Jonas, viel Verdruß und Aufregung; das Kloster blieb
+einstweilen noch verschont.
+
+Während Luthers Abwesenheit waren im Klosterhause Hieronymus Weller als
+Präzeptor des kleinen Häuschens. Hieronymus war aber ein von Schwermut
+geplagter Mann, und es wurde darum dankbar begrüßt, daß auch sein Bruder
+Peter ins Haus zog, der Präzeptor von Luthers Neffen, Polner. Auch der
+würdige D. Pommer (Bugenhagen) kam ab und zu ins Schwarze Kloster, um
+Frau Käthe zu beraten, und Frau Jonas, die allezeit fröhliche, muntere
+Gattin des in Augsburg abwesenden Stiftspropstes, welche freilich
+damals ihr zweites Söhnlein bald nach der Geburt verlor[288]. Mit hohem
+Interesse wurden Luthers Schreiben empfangen und mit vieler Freude im
+Kreise der zurückgebliebenen Freunde vorgelesen. Großen Jubel bei den
+Tischgesellen erregte ein humorvoller Brief Luthers vom „Reichstag der
+Dohlen und Krähen“, dem lustigen Abbild des Augsburger Reichstags. Da
+wird gar ergötzlich geschildert das Ab- und Zureiten „der Malztürken“,
+ihr Scharwänzen und Turnieren, ihr „Kecken“ und Kriegsrat wider Korn und
+Weizen. Und welche Freude erst war's, als goldene Frühäpfel aus Nürnberg
+mit dem Boten von Koburg für die Tischgesellschaft ankamen! Wie
+leuchteten aber erst die Augen der Kleinen und seiner Gespielen über den
+herzigen Märchenbrief Luthers an sein „liebes Söhnichen Johannes“ von
+dem schönen Paradiesesgarten. Wie hat sich da die Mutter gefreut und
+Muhme Lene und des Jonas Jost und Melanchthons Lips, die auch in den
+Garten kommen sollten, und der „Gruß und Putz“ wird der Muhme Lene von
+dem kleinen Hans ausgerichtet worden sein. Hänschen war ein braver Bub
+und wird von seinem Präzeptor wegen seines Fleißes und Eifers
+gelobt[289].
+
+Aber auch ernste Briefe kamen von Koburg an, welche Frau Käthe und die
+Theologen interessierten und im Lutherhaus gemeinsam gelesen wurden,
+oder auch unter den Freunden umliefen. Allerdings seine schwersten
+Sorgen und Schmerzen schrieb Luther nicht darin, aber allerlei Anliegen
+wegen der Zöglinge und an seine Buchdrucker Schirlenz, Weiß und Rau. So
+kamen vom 14. und 15. August mit einem Boten zwei Episteln an seine
+„herzliebe Hausfrau“[290].
+
+„Gnade und Friede in Christo.
+
+Meine liebe Käthe! Dieser Bote lief eilend vorüber, daß ich nichts mehr
+schreiben konnte, nur daß ich ihn nicht wollte ohne meine Handschrift
+gehen lassen. Du magst Herr Johann Pommern und allen sagen, daß ich bald
+mehr schreiben will. Wir haben noch nichts von Augsburg, warten aber
+alle Stunden auf Botschaft und Schrift. Aus fliegenden Reden haben wir,
+daß unsers Widerparts Antwort soll öffentlich gelesen sein; man habe
+aber den Unsern keine Abschrift wollen geben, daß sie darauf antworten
+möchten. Weiß nicht, ob's wahr ist. Wo sie das Licht so scheuen, werden
+die Unsern nicht lange bleiben. Ich bin seit Lorenzentag recht gesund
+gewesen und habe kein Sausen im Kopf gefühlt; das hat mich fein lustig
+gemacht zu schreiben, denn bisher hat mich das Sausen wohl zerplaget.
+
+Grüße alle und alles; ein andermal weiter. Gott mit euch. Amen. Und
+betet getrost: es ist wohl angelegt, und Gott wird helfen.
+
+Gegeben am Sonntage nach Lorenzentag, Anno 1530.“
+
+Der Brief war kaum geschrieben, so kam weitere Nachricht von Augsburg.
+Luther behielt deshalb den Boten bei sich über Nacht und fügte am andern
+Tage noch folgendes hinzu:
+
+„Gnad' und Fried in Christo.
+
+Meine liebe Käthe! Als ich den Brief hatte zugemacht, kamen mir diese
+Briefe von Augsburg: da ließ ich den Boten aufhalten, daß er sie mit
+sich nähme. Daraus werdet ihr wohl vernehmen, wie es zu Augsburg mit
+unsrer Sache steht, fast wie ich im andern Brief geschrieben habe. Laß
+Dir sie Peter Weilern lesen oder Herrn Johann Pommer[291]. Gott helfe
+weiter, wie er gnädiglich angefangen hat, Amen.
+
+Jetzt kann ich nicht mehr schreiben, weil der Bote so wegfertig da sitzt
+und harret kaum. Grüße unsern lieben Sack.
+
+Ich habe Deinen Brief an die Kästnerin (die Kastellanin vom Koburger
+Schloß) gelesen, und sie dankt Dir sehr. Hans Polner habe ich Peter
+Wellern befohlen: siehe zu, daß er sich gehorsamlich halte. Grüße Hansen
+Luthern und seinen Schulmeister; dem will ich bald auch schreiben. Grüße
+Muhme Lenen und allesamt. Wir essen hier reife Weintrauben, wiewohl es
+diesen Monat hieraußen sehr naß gewesen ist. Gott sei mit euch allen,
+Amen.
+
+Aus der Wüsten, am Tage Maria Himmelfahrt 1530.
+
+Mart. Luther.
+
+Wie verdreußt mich's, daß unsere Drucker so schändlich verziehen mit den
+Exemplaren[292]. Ich schicke solch Exemplar darum hinein, daß sie bald
+sollen fertig werden — da machen sie mir ein Lagerobst draus. Wollt' ich
+sie so liegen haben, ich hätte sie wohl hier bei mir auch wissen zu
+halten. Ich hab' Dir geschrieben, daß Du den Sermon, wo er nicht
+angefangen, von Schirlenz nehmen und Georgen Rau geben solltest. Ich
+kann doch wohl denken, daß Schirlenz sein groß Exemplar kaum zu verlegen
+hat mit Papier. Ist das nicht geschehen, so schaffe, daß es noch bald
+geschehe und der Sermon aufs förderlichste gefertigt werde.“
+
+Die Abwesenheit des Doktors zögerte sich gar lange hinaus: es wurde
+Sommer und wurde Herbst und der Doktor war noch nicht da. Mit Sehnsucht
+wurde er erwartet und voll Sehnsucht schrieb er nach Hause. So um „Maria
+Geburt“[293]:
+
+„Gnade und Friede in Christo.
+
+Meine liebe Käthe! Dieser Bote lief eilend vorüber, daß ich nicht viel
+schreiben konnte. Hoffe aber, wir wollen schier selbst kommen; denn
+dieser Bote bringt uns von Augsburg Briefe, daß die Handlung in unsrer
+Sache ein Ende habe und man nur wartet, was der Kaiser schließen und
+urteilen wird. Man hält's dafür, daß es werde alles aufgehoben auf ein
+künftig Konzilium; denn der Bischof zu Mainz und Augsburg halten noch
+fest, so wollen der Pfalzgraf, Trier und Cöln nicht zum Unfrieden oder
+Krieg willigen. Die andern wollten gern wüten und versehen sich, daß der
+Kaiser mit Ernst gebieten werde. Es geschehe, was Gott will: daß nur des
+Reichstags ein Ende werde! Wir haben genug gethan und erboten; die
+Papisten wollen nicht ein Haarbreit weichen; damit wird einer kommen,
+der sie lehren soll weichen und räumen.
+
+Mich wundert, warum Hans Weiß den Psalm nicht hat genommen. Ich hätt'
+nicht gemeint, daß er so ekel wäre, ist's doch ein köstlich Exemplar.
+Schicke hier denselbigen vollends ganz mit und gönn' ihn Georgen Rau
+wohl. Gefällt das Exemplar Herrn Johann Pommern und Kreuzigern, so laß
+immerhin drucken. Es ist doch nichts, daß man den Teufel feiert.
+
+Wer Dir gesagt hat, daß ich krank sei, wundert mich sehr, und Du siehest
+ja die Bücher vor Augen, die ich schreibe. So hab' ich ja die Propheten
+alle aus, ohne den Ezechiel, darin ich jetzt bin und im Sermon vom
+Sakrament, ohne was sonst des Schreibens mit Briefen und anders mehr
+ist. Ich konnte jetzt nicht mehr vor Eilen schreiben. Grüßt alle und
+alles.
+
+Ich hab' ein groß schön Buch von Zucker für Hansen Luther, das hat
+Cyriakus von Nürnberg gebracht aus dem schönen Garten. Hiemit Gott
+befohlen und betet.
+
+Mit Polner mach's nach Rat des Pommers und Kellers.
+
+Aus der Wüsten, am 8. September 1530.“
+
+Als aber die Herren endlich wieder heimkehrten, samt Veit Dietrich,
+Peter Weller und dem jungen Cyriak, der mit seinem Lehrer das Schauspiel
+des Reichstag in Augsburg und die berühmte Stadt Nürnberg hatte besuchen
+dürfen, da war ein Erzählen am Eichentisch im Wohnzimmer und unten im
+Hof unterm Birnbaum, während der vierjährige Studiosus Hans sich an
+seinem Nürnberger Zuckerbuch erlustierte.
+
+Ruhiger gingen die folgenden Jahre hin. Freilich wiederholten sich die
+beängstigenden Schwindelanfälle beim Doktor, so daß er im Herbst 1531
+eine Erholungsreise zu Gevatter Hans Löser nach Schloß Pretzsch machte,
+um durch die Bewegung das Sausen loszuwerden. Da ging er viel spazieren,
+fuhr auch zur Jagd[294].
+
+Von Mansfeld waren auch die Großeltern einigemal nach Wittenberg
+herübergekommen, obwohl das keine kleine Reise war; da schickte der
+Stadtrat „Doktoris Martini Vater“ einen Ehrentrunk. Dann herrschte große
+Freude im Kloster und der Doktor konnte eine Vergleichung anstellen
+zwischen seiner harten Jugend und der Zärtlichkeit der alten Leute gegen
+die Enkel und merken, daß die Großeltern ihre Kindeskinder lieber haben
+als ihre eigenen Kinder. Als im Anfang 1530 Bruder Jakob von Mansfeld
+schrieb, der Vater wäre „fährlich krank“, wäre Luther aus der Maßen gern
+selbst kommen; aber er durfte es dorthin der Bauern und des Adels wegen
+nicht wagen. Aber große Freude sollt es ihm sein, schrieb er, wo es
+möglich wäre, daß der Vater samt der Mutter sich ließe herbeiführen nach
+Wittenberg, was auch „Käthe mit Thränen begehrte“, in der Hoffnung, sie
+aufs beste zu warten. Dazu wurde Cyriak in seine Vaterstadt abgefertigt,
+zu sehen, ob das möglich wäre. Aber die alten Leute konnten sich
+begreiflicherweise nicht zu diesem Umzug entschließen. Und nicht lange
+darauf, als Luther auf der Koburg saß, starb der Vater. Im Sommer des
+folgenden Jahres erkrankte die Großmutter. Das erregte großes Leid in
+der Familie; Luther schrieb inmitten der Kinderschar einen Trostbrief:
+darin schildert er gar anschaulich das echt kindliche Benehmen der
+beiden eigenen Kinder und der andern Enkel, welche im Klosterhause
+lebten: „Es bitten für Euch alle Eure (Enkel-) Kinder und meine Käthe;
+etliche weinen, etliche essen und sagen: Die Großmutter ist sehr krank.“
+Am 30. Juni schied auch sie vom Leben[295].
+
+Von den Enkeln hatten freilich die Großeltern höchstens die drei ersten
+gesehen: Hans, Elisabeth und Lenchen. Erst nach ihrem Tode kam der
+vierte auf die Welt am Vorabend von Luthers Geburtstag und bekam deshalb
+den Namen Martin. Es war gerade zur Zeit als die Bauern, wie man ihnen
+nachsagte, eine künstliche Teuerung zu stande brachten. Fünfviertel
+Jahre später (am 28. Januar 1533) stellte sich Paul ein und endlich am
+Ausgang des folgenden Jahres das Jüngste, Margarete. Schon 1533 war der
+siebenjährige Erstgeborne — gewiß nur, wie andre Professorensöhne, der
+Ehre halber — bei der Universität als akademischer Bürger angenommen
+worden, zugleich mit seinen Vettern Fabian und Andreas Kaufmann[296].
+
+In diesem Jahre 1533 war Luther wieder einen ganzen Monat krank an
+Kopfleiden[297].
+
+Im Februar 1534 kam seine Schwester zu Besuch nach Wittenberg. Da
+tischte Frau Käthe für die Schwägerin köstlich auf und ließ Hechte
+kommen aus den kurfürstlichen Teichen[298].
+
+Seitdem Johann Friedrich Kurfürst geworden, war Luther gar oft zu dem
+ihm vorher schon sehr befreundeten neuen Landesherrn allein oder mit
+andern Theologen nach Torgau geladen, wo er predigte, disputierte und
+bei Tisch in ernstem und fröhlichem Gespräch verblieb. Von dort sandte
+der Doktor auch einmal an „seinen freundlichen lieben Herrn, Frau
+Katharina von Bora, D. Lutherin zu Wittenberg“ einen heiteren
+Brief[299]:
+
+„Gnade und Friede in Christo.
+
+Lieber Herr Käthe! Ich weiß Dir nichts zu schreiben, weil Magister
+Philipps samt den andern selbst kommen. Ich muß länger hier bleiben, um
+des frommen Fürsten willen. Du magst denken, wie lange ich hier bleiben
+werde, oder wie Du mich los machst. Ich halt', M. Franciscus wird mich
+wieder los machen, wie ich ihn losgemacht habe, doch nicht so balde.
+
+Gestern hatt' ich einen bösen Trunk gefaßt, da mußt' ich singen. Trink'
+ich nicht wohl, das ist mir leid und thät's so recht gerne, und hab
+gedacht, wie gut Wein und Bier hab' ich daheime, dazu eine schöne Frauen
+oder (sollt' ich sagen) Herrn. Und Du thätest wohl, daß Du mir
+hinüberschicktest den ganzen Keller voll meines Weines und eine Flaschen
+Deines Biers, so oft Du kannst. Sonst komme ich vor dem neuen Bier nicht
+wieder. Hiermit Gott befohlen samt unsern Jüngern und altem Gesinde,
+Amen.
+
+Mittwoch nach Jakobi, 1534.
+
+Dein Liebchen
+
+Mart. LutheR, D.“
+
+Im Jahre 1535 kam der päpstliche Gesandte Kardinal _Vergerius_ durch
+Wittenberg; mit glänzendem Gefolge, zwanzig Pferden und einem Esel zog
+er ins Schloß und ließ Luther dahin einladen. Der ließ sich schön
+schmücken, hängte eine goldene Kette um und fuhr mit Bugenhagen, als der
+deutsche Papst mit Kardinal Pomeranus, ins Schloß, wo er dem Legaten
+gegenüber, wie er sich vorgenommen hatte, den rechten Luther spielte. Da
+erzählte er auch dem Kirchenfürsten, um ihn zu ärgern, von seiner Frau,
+der ehrwürdigen Nonne, und seinen fünf Kindern, von denen der
+Erstgeborene hoffentlich ein großer evangelischer Theologe werden würde
+[300].
+
+Während dieser Zeit waren mancherlei Verändernden im Kreise der
+Lutherschen Hausgenossen eingetreten. Natürlich wechselte von Jahr zu
+Jahr die Tafelrunde der jugendlichen Kostgänger durch Abgang oder Zugang
+zur Schule. Aber es starb auch einmal ein Schüler. So aus Nürnberg Hans
+Zink Ostern 1531. Er war allen ein gar lieber Bube, sonderlich dem
+Hausvater, indem er den Discant bei der abendlichen Hausmusik sang; aber
+auch weil er fein still und züchtig (sittsam) und im Studium sonderlich
+fleißig war, so daß allen gar wehe geschehen ist durch seinen Abscheid.
+Frau Käthe sparte zu seiner Pflege nichts an Fleiß, Sorge und Arzenei,
+um das fremde liebe Kind wo nur möglich zu retten und zu erhalten. Aber
+die Krankheit wurde übermächtig über die Pflege, und der Knabe ist Gott
+noch viel lieber gewesen als den Lutherschen, der hat ihn wollen haben.
+Das meldete Luther im Trauer- und Trostbrief den betrübten fernen
+Eltern. Auch später kamen solche Sterbefälle noch vor; ja es starben
+Ostern 1544, als in Wittenberg die Masern grassierten und auch Luthers
+Kinder alle daran darniederlagen, auf einmal zwei Zöglinge, ein
+wohlgeschickter Knabe aus Lüneburg und ein Straßburger. Das war keine
+kleine Verantwortung, welche Luther und besonders Käthe zu tragen hatte.
+Das jüngste, Margaretlein, hatte als Nachwehen 10 Wochen ein schweres
+hitziges Fieber und kämpfte noch vor Weihnachten um Gesundheit und Leben
+[301].
+
+Der Diener Johannes Nischmann, der mehrere Jahre der Familie treulich
+und „fleißig gedienet, dem Evangelium gemäß sich demütig gehalten und
+alles gethan und gelitten“, zog Lichtmeß 1534 aus dem Schwarzen Kloster
+mit 5 fl. Lohn und einem guten Zeugnis. Von einem andern dagegen ging
+ein böses Geschrei aus, daß er sich von einem wenig achtbaren Mädchen
+hätte verführen lassen[302].
+
+Schmerz und Verdruß bereiteten den Lutherischen Eheleuten in dieser Zeit
+aber auch ihre Verwandten.
+
+Zunächst Katharinas Brüder. Da war Hans aus Preußen heimgekehrt, um das
+Gut Zulsdorf zu übernehmen, hatte eine Witfrau des von Seidewitz, eine
+geborene Marschall, mit einem oder mehrern Kindern geheiratet[303]; er
+konnte aber von dem Gütchen nicht recht leben und seinen Dienst am
+preußischen Hofe auch nicht mehr erhalten — und seine Ehe soll auch
+nicht glücklich gewesen sein. Daher mußte Käthe ihren Gatten um manche
+Bittschrift für ihn angehen. Ebenso machte Bruder Clemens Sorge, welcher
+gleichfalls in Preußen wegen Beteiligung an einer Schlägerei seine
+Stelle bei Hof verlor und, wie es scheint, nicht mehr in „vorigen Stand
+kommen“ konnte, trotz der Fürbitte der evangelischen Bischöfe von
+Samland und Pomesan an den Herzog, ihn wieder zu Gnaden anzunehmen,
+„damit er D. Martino und seiner geliebten Hausfrau nicht eine Betrübnis,
+dazu Schimpf und Spott sei und also im Land hin und wieder und endlich
+hinaus ziehet“. Der Herzog „wolle ihn doch mit einem Klepper und
+Zehrung und gnädiger Fürschrift an den Kurfürsten von Sachsen
+abfertigen“[304].
+
+Näher noch gingen den beiden Ehegatten allerlei Erlebnisse mit den
+Kindern im Hause, den eignen und noch mehr den fremden.
+
+Mit der Anzahl der Kinder wuchs auch die Erfahrung der jungen Eheleute
+in der Zucht und Erziehung. Zu Anfang, als einmal eines der jungen
+Kindlein schrie und weinte, daß es niemand stillen konnte, waren Käthe
+sowohl wie Luther eine ganze Stunde traurig und bekümmert. Später
+erkannten sie und der Vater sprach es aus: „Wenn junge Kinder recht
+schreien, so wachsen sie wohl; denn durch Schreien dehnen sich die
+Glieder und Adern auseinander, weil sie sonst keine andere Uebung haben,
+sich zu bewegen“[305].
+
+Als die Kinder größer wurden, gab es natürlich allerlei Unarten und
+Vergehungen, und zwar sowohl bei den eignen, wie bei den angenommenen
+Waisen. Das „Tauschen“ („Fuggern“ nannte man's später nach dem damals
+berühmten Augsburger Handelshause) war natürlich auch bei den
+Lutherskindern üblich. Ja, auch das „Stehlen“ („Schießen“ nannte man es
+auch nach den „Schützen“ d.h. jungen fahrenden Schülern, den tirones
+oder Plänklern in Vergleichung mit der römischen Heeresordnung). Das war
+nun beides recht verpönt im Luther-Hause, freilich wurde bei Eßwaren,
+namentlich Obst, als Kirschen, Aepfeln, Birnen, Nüssen, die Strafe
+gelinder bemessen. Aber wenn einmal etwas anderes genommen wurde, dann
+gab es böses Wetter im Hause. Ganz besonders aufgebracht werden konnte
+der heftige Hausvater wegen Ungehorsams: Gehorsam hielt er mit andern
+Pädagogen für die erste Tugend der Kinder. Darum ließ er seinen
+Erstgeborenen einmal drei Tage lang nicht vors Angesicht kommen und Frau
+Käthe mußte ihre ganze Ueberredungskraft und die Fürsprache von Freunden
+anwenden, um den erzürnten Vater umzustimmen[306].
+
+Im Jahre 1536 that Luther seinen Erstgebornen schon aus dem Hause zu
+einem tüchtigen Schulmeister. — Die Unruhe war im Kloster gar zu groß.
+Später — 1542 — kam er wieder fort zu dem berühmten Präzeptor Crodel in
+Torgau[307].
+
+Manchen Aerger hatten Luther und Käthe auch mit den fremden Kindern,
+namentlich den Neffen.
+
+Man wird frelich kein großes Aufhebens zu machen haben, wenn Luther
+einmal sagt: „Wenn ich meinen Enders (d.i. Andreas Kaufmann) nicht hätte
+gestrichen, von seiner Untugend über Tisch gesagt und ihm Zucker und
+Mandelkerne gegeben hätte, so hätte ich ihn schlimmer gemacht.“ Aber von
+Martin (seines Bruders Sohn) erzählte Luther: „Derselbe hat mich einmal
+also erzürnt und getötet, daß ich ganz von meines Leibes Kräften
+gekommen bin.“ Als Fabian von Bora mit Hans Luther 1542 nach Torgau kam,
+ließ er sich auf der Reise dahin verleiten, dem kleinen Paul Luther ein
+Messer zu nehmen und dem Schulmeister Crodel vorzulügen, der Oheim habe
+es ihm gegeben, während er vorher dergleichen nie gethan. Darüber
+erzürnte Luther mächtig und diktierte dem armen Sünder drei Tage
+hintereinander Streiche[308].
+
+Begreiflicherweise vertuschte auch die Mutter und Hausfrau gar manches,
+was bei den Kindern und dem Gesinde in dem großen Haushalt vorfiel, vor
+dem heftigen Mann, so daß er in hellem Zorn aufflammen konnte: „Wenn sie
+sündigen und allerlei Büberei treiben, so erfahre ich's nicht; man zeigt
+mir's nicht an, sondern hält's heimlich vor mir“[309].
+
+Es war aber freilich nicht allein die Furcht vor des Doktors Zorn,
+sondern doch auch die Rücksicht auf den vielbeschäftigten und viel
+geärgerten Mann, was die Gattin bewegen mußte, ihn mit den häuslichen
+Widerwärtigkeiten möglichst zu verschonen. Er sollte vor allem an den
+Kindern sich erfreuen. Denn diese Freude an den Kindern war Luther
+freilich die größte und schönste und er war einigermaßen eifersüchtig
+auf „Muhme Lene“, welche sie ihm „vorwegnahm“, da die Kinder so an ihr
+hingen und so viel um sie waren[310]. Luther wollte seine Kinder nicht
+so hart erzogen haben, wie es ihm ergangen war. Aber für Bosheit und
+Schalkheit und Schaden sollten sie gestraft werden und es ihnen nicht
+nachgesehen werden. Das war gewiß auch Frau Käthes Meinung und
+jedenfalls war sie mit ihres Mannes Anschauung einverstanden: eines
+Geistlichen Kinder müßten ganz besonders wohlgezogen sein, auf daß
+andere Leute davon erbaut und ein gut Exempel nähmen; ungezogene
+Pfarrkinder gäben andern „ein Aergernis und Privilegium zu sündigen“.
+Dasselbe galt auch vom Gesinde. Denn, sagt Luther, „der Teufel hat ein
+scharpf Aug auf mich, damit er meine Lehre verdächtig mache oder gar
+einen Schandfleck anhänge.“ Daher war es ein aufregendes Ereignis, als
+ein Mädchen in Luthers Hause sich übel aufführte[311].
+
+Nach Muhme Lene's Abscheiden nämlich (1537) nahm das Luthersche Ehepaar
+eine gefährliche Person ins Haus. Sie kam zu Luther, nannte sich Rosine
+von Truchses und gab vor, eine arme Nonne aus hohem Geschlecht zu sein.
+Da Luther aber scharf in sie drang, so bekannte sie, sie wäre eine
+Bürgerstochter aus Minderstadt in Franken; ihr Vater sei im
+Bauernaufruhr geköpft worden; sie irre als verwaistes Kind umher und
+bitte um Gotteswillen ihr zu verzeihen und sich ihrer zu erbarmen. Der
+gutherzige Mann that es. Das Jüngferlein bezeugte sich gar sittsam und
+artig, wußte sich in Gunst zu setzen und das Vertrauen aller im Hause zu
+erschleichen, besonders sich bei den Kindern wohl anzumachen. Aber es
+war ein schlechtes Weibsbild, das sich in das Haus gedrängt hatte. In
+Keller, Küche und Kammer kam allerlei weg; niemand wußte, wer der Dieb
+war. Weiter lockte sie allerlei junge Leute an sich, die sie mit ihrer
+angeblich hohen Abkunft beschwindelte, und trieb Unzucht mit ihnen.
+Endlich entdeckte Frau Käthe die Sache und entfernte, während Luther auf
+einer Reise war, die Person in aller Stille aus dem Hause. Luther war
+froh, daß er nichts von allem gewußt hatte und daß sie jetzt fort sei.
+Aber die Schwindlerin zog umher in allen Pfarrhäusern, berühmte sich
+ihrer Bekanntschaft mit dem großen Doktor und seinem Hause, log, trog
+und stahl weiter. Immer von neuem tauchte sie auf, zuletzt nach mehreren
+Jahren noch in Leipzig, so daß Luther dorthin an den Richter Göritz,
+seinen Gevatter, schreiben mußte, um ihrem Unfug ein Ende zu machen.
+Luther litt unendlich unter dieser Schmach, die seinem Hause
+widerfahren, und meinte, die Papisten hätten ihm diese Teufelsperson auf
+den Hals geschickt. Aber auch Frau Käthe mußte es schwer tragen und dazu
+noch die Vorwürfe ihres Mannes, welcher zürnte, daß man dieses Weibsbild
+hatte entkommen lassen und nicht gleich in der Elbe ertränkt habe. Er
+meinte durch diese Erfahrung gewitzigt zu sein, und doch bekam er vor
+seinem Ende noch eine „andere Rosine“ ins Haus, die ihm den Aufenthalt
+in Wittenberg verleiden half[312].
+
+Ein anderes Vorkommnis setzte Frau Käthe 1538 hart zu. Ein Tagelöhner
+arbeitete oft bei ihr, ein fleißiger und braver Mensch, nüchtern sanfter
+wie ein Lamm, aber in der Trunkenheit ein Krakehler. An einem Sonntag
+lief er in der ganzen Stadt herum und prahlte, er sei Famulus bei
+Luther, und in der Aufregung schlug er jemand tot. Dann ward er
+nüchtern, nahm mit Thränen Abschied von Frau Luther und wurde flüchtig.
+Ein Weib und drei Kinder, die er im größten Elend zurückließ, fiel
+natürlich Frau Käthe zur Last[313].
+
+
+
+
+11. Kapitel
+
+Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod.
+
+
+Besondere Geduld und Liebe, Vorsicht und Weisheit mußten die Eheleute
+brauchen in der Behandlung der ihnen anvertrauten Kinder.
+
+Die verwaiste Pflegetochter Lenchen Kaufmann, „Mühmchen Lene die
+Jüngere“, fing in noch recht jugendlichem Alter eine Liebelei mit
+Magister Veit Dietrich an, der mit seinen sechs Scholaren im Schwarzen
+Kloster lebte. Nun war Luther zwar der Meinung des Sprichworts: „Früh
+aufstehn und jung freien“ und ist öfters für junge ehrbare Leute, die
+sich einander gern hatten und zu einander paßten, bei ihren Eltern um
+ihre Einwilligung eingetreten und hat sie gegen Eigensinn und
+Selbstsucht der Väter und Mütter in Schutz genommen und
+zusammengebracht. So hatte er sich auch schon 1523 eines Mädchens aus
+Torgau angenommen, welchem der kurfürstliche Barbier die Ehe
+versprochen und zum Unterpfand einen Ring gegeben und mit ihr eine Münze
+geteilt hatte[314].
+
+Aber er wußte auch, daß es zu früh und ungeschickt sein könnte, das
+konnte er an Melanchthons Töchterlein merken, welches auch als kaum
+vierzehnjähriges Kind sich in einen begabten, aber leichtsinnigen jungen
+Poeten verliebt hatte und, da die Eltern unbedacht nachgaben, einen
+unglücklichen Ehestand erlebte. Luther meinte, „es wäre nicht ratsam,
+daß junge Leute so bald in der ersten Hitze und plötzlich freiten; denn
+wenn sie den Fürwitz gebüßt hätten, so gereuete sie's bald hernach und
+könnte keine beständige Ehe bleiben; es käme das Hündlein Reuel, das
+viele Leute beißt“. Bestärkt wurde Luther in dieser Anschauung durch
+seine Ehefrau, welche dem Veit Dietrich überhaupt nicht ganz hold war.
+Das Jüngferlein Lene wollte natürlich die Stimme der Vernunft nicht
+hören und zeigte sich ungebärdig, so daß Luther sogar einmal meinte,
+„man sollte sie mit einem guten Knüttel züchtigen, daß ihr das
+Mannnehmen verginge“[315].
+
+Der Herr Magister Veit zog nun aus dem Hause und warf seinen Zorn vor
+allem auf Frau Käthe, der er Herrschsucht und Habsucht vorwarf (1534).
+
+Aber als Bäschen Lene zu ihren vollkommenen Jahren gekommen war (1538)
+und der Rechte kam, der auch mit Vorwissen der Pflegeeltern um sie
+freite, da gaben diese ihre freudige Einwilligung. Es war M. Ambrosius
+Berndt aus Jüterbog, ein gesetzter, „recht frommer (braver) Mann, der
+Christum lieb hatte“, seit einem halben Jahr, wo ihm seine junge Frau im
+ersten Kindbett samt dem Knäblein gestorben war, kinderloser Witwer,
+Professor der Philosophie und Schöffer in Wittenberg, ein Amtsgenosse
+und guter Bekannter und Gevattersmann der Lutherschen Familie. Von
+dieser Verlobung und Hochzeit ist uns in den Tischreden Eingehendes
+berichtet[316].
+
+Martini 1538 beging Luther seinen Geburtstag. Dazu hatte Frau Käthe, wie
+gewöhnlich einen festlichen Schmaus gerichtet und viele Freunde, Jonas,
+Kreuziger, Melanchthon, auch die fremden Gäste Camerarius und Bucer,
+welche damals in Wittenberg waren, eingeladen. Auch der Freier und
+Lenchen Kaufmann waren zugeben. Vor dem Essen — es war ein Nachtmahl —
+ließ nun der M. Ambrosius bei Luther „öffentlich werben um des Doktors
+Muhme Magdalene, daß er ihm dieselbige wollte zur Ehegattin geben, wie
+er ihm zuvor zugesagt“. Da nahm D. Martinus die Jungfrau bei der Hand
+und sagte: „Lieber Herr Schöffer und Gevatter! Allhie habe ich die
+Jungfrau, wie mir sie Gott gegeben und bescheret hat, die überantworte
+ich Ihm. Gott gebe seinen Segen und Benedeiung, daß sie wohl und
+christlich mit einander leben!“
+
+Die Gäste wünschten Glück; man setzte sich zur Mahlzeit und waren alle
+fröhlich und guter Dinge. Luther sprach vom Freien und der Freiheit
+eines neuen Bräutigams, vom Kriegsdienst und allen andern Lasten und
+Bürden.
+
+Als die Brautleute so eifrig und heimlich mit einander sprachen und die
+Gesellschaft um sich her vergaßen, lächelte der Doktor und sagte: „Es
+wundert mich, daß doch ein Bräutigam mit der Braut so viel zu reden hat.
+Ob sie auch müde werden können? Aber man darf sie nicht vexieren, denn
+sie haben Freibriefe über alle Macht und Gewohnheit.“
+
+Die Brautleute bekümmerten sich nun um die Herrichtung der Hochzeit und
+das Gästebitten. Da sprach der Doktor: „Seid unbekümmert, solches geht
+euch nichts an. Wir wollen bedacht sein auf solch zufällig Ding, das
+nicht zum Wesen des Ehestandes gehört.“
+
+So schrieb denn Luther an den Fürsten von Anhalt um den Wild-Festbraten:
+„Ich bitte ganz demütig, wo Ew. Fürstl. Gnaden so viel Uebrigs hätten,
+wollten mir einen Frischling oder Schweinskopf schenken; denn ich soll
+bis Mittwoch mein Waislein, meiner Schwester Tochter versorgen.“ Der
+Wildbraten blieb natürlich nicht aus und Frau Käthe bereitete ihn zu,
+auch der Stadtrat schickte zum Hochzeitsmahl ein „Stübchen“ Frankenwein
+und vier Quart Jüterbogischen Wein — also aus des Bräutigams
+Heimat[317].
+
+So richteten nun die Pflegeeltern ihrer Nichte Hochzeit aus und sorgten
+dafür, daß es fröhlich zuging und auch die Verwandten aus Mansfeld und
+Eisleben eingeladen wurden. Luthers Lieblingsbruder Jakob kam herüber
+und sogar zwei Vatersbrüder. Der Schulmeister mit den Sängern wurde
+bestellt, und während Frau Käthe buk, briet und kochte, kostete der
+Doktor die Weine im Keller. Er meinte: „Man soll den Gästen einen guten
+Trunk geben, daß sie fröhlich werden: denn wie die Schrift sagt, das
+Brot stärkt des Menschen Herz, der Wein aber macht ihn fröhlich.“ Es
+sollte überhaupt in christlicher Fröhlichkeit bei Hochzeit zugehen, nach
+dem Grundsatz: „Bei der Hochzeit soll man die Braut schmücken, soll
+essen, trinken, schön tanzen und sich darüber kein Gewissen machen, denn
+der Glaube und die Liebe läßt sich nicht austanzen noch aussitzen, so du
+züchtig und mäßig darinnen bist.“ Beim Hochzeitsschmaus selbst sorgte
+Luther für fröhliche Unterhaltung und allerlei Rätselaufgaben. So fragte
+er den „schwarzen Engländer“ (wahrscheinlich Robert Barns, der seit 1533
+in Wittenberg studierte und zur Hochzeit geladen war): „Wie wollt Ihr
+Wein in einen Keller legen nicht eingeschroten und nicht eingefüllt?“
+Der Engländer wußte es nicht; Luther aber sagte: „Man bringt Most
+hinein, so wird schon Wein daraus; das ist eine natürliche Magie und
+Kunststück.“ Weiter fragte er, welches die breiteten Wasser zu Lande
+wären? Antwort: „Der Schnee, Regen und Tau“[318].
+
+Dem neuen Ehepaare legte aber Luther einen seinen Spruch der Alten ans
+Herz; der Braut: „Liebe Tochter, halte Dich also gegen Deinen Mann, daß
+er fröhlich wird, wie er auf dem Heimwege die Spitze des Hauses sieht.“
+Und dem Bräutigam: „Es soll der Mann leben mit seinem Weibe, daß sie ihn
+nicht gerne siehet wegziehen und fröhlich wird, so er heimkommt“[319].
+
+Diesen fröhlichen Tagen sind schwere Jahre vorausgegangen und gefolgt.
+
+Schon 1535 war die Pest wieder in Wittenberg eingekehrt. Obwohl der
+Kurfürst Luther dringend mahnte, der Gefahr aus dem Wege zu gehen,
+meinte er doch, es sei nichts Rechtes an der Sache, er glaubte nicht
+daran und spottete darüber in seinem Brief an den Kurfürsten: sein
+„gewisser Wetterhahn“, der Landvoigt Hans Metzsch, hätte sonst mit
+seiner Spürnase schon die Pestilenz gespürt. Luther meinte, die
+Studenten hörten das Pestgeschrei gern, sie kriegten die Beule auf dem
+Schulsack, die Kolik in den Büchern, den Grind an den Federn, die Gicht
+am Papier; vielen sei die Tinte schimmlich geworden, oder sie hätten die
+Mutterbriefe gefressen und das Heimweh bekommen: da müßten die Eltern
+und die Obrigkeit eine starke Arznei wider solch Landsterben
+verschreiben. Der Teufel scheine Fastnacht mit solchem Schrecken zu
+halten oder Kirmes in der Hölle zu feiern mit solchen Larven. Die Sache
+ging auch bald vorüber[320].
+
+Ernster wurde es aber 1537. Zu Lichtmeß dieses Jahres mußte Luther auf
+den Schmalkaldener Konvent. Er fuhr in eigenem Wagen mit Käthes Pferden.
+Käthe sah ihren Gatten nicht ohne Sorgen abreisen; denn er war nicht
+ganz wohl, das Wetter unwirtlich, die Wege schlecht, fremde Betten und
+Mahlzeiten und das ungewohnte Leben waren ihm nicht zuträglich, wie sie
+schon von früheren Reisen wußte. Er fühlte sich nirgends so wohl wie
+daheim, mit seinem gewohnten Essen und Trinken und Arbeiten. Luther
+erkältete sich denn auch zu Schmalkalden in seiner unbequemen Herberge
+in den feuchten „hessischen Betten“ und verdarb sich an dem schweren,
+festen Hofbrot den Magen. Sein Steinleiden stellte sich mit einer
+unerhörten Heftigkeit ein; über vierzehn Tage lang dauerte es und
+verursachte die rasendsten Schmerzen, so daß er sich den Tod wünschte
+und seine Umgebung seinen Tod voraussah. Die Fürstlichen Leibärzte
+wußten ihm nicht zu helfen und sie marterten ihn mit Roßkuren. Daher
+wollte Luther lieber daheim sterben und sich von seinem Weibe zu tot
+oder gesund pflegen lassen und ließ sich am 26. Februar aus Schmalkalden
+in kurfürstlichem Gefährt wegfahren gen Wittenberg[321].
+
+Hier hatte Jonas zu Anfang mehrere Briefe von Luther aus Schmalkalden
+empfangen. Im ersten meldete er, daß er gleich nach seiner Ankunft einen
+Stein überstanden habe, sonst schrieb er aber vergnügt, und fünf Tage
+darauf, daß der Valentinstag ihn valentulum d.h. zum Rekonvaleszenten
+gemacht habe. Vier Briefe aber an Käthe waren nicht an sie gelangt:
+wahrscheinlich waren sie von den ängstlichen Freunden vorsorglicherweise
+zurückgehalten worden. Aber sie hatte doch Gerüchte gehört und nicht
+geruht, bis wenigstens Jonas mit der Nichte Luthers dem kranken Mann
+entgegenreiste. Frau Käthe erhielt erst später, als es wieder besser
+ging, folgenden Brief ihres Mannes aus Gotha[646]:
+
+„Gnade und Friede in Christo!
+
+Du magst dieweil andere Pferde mieten zu Deiner Notdurft, liebe Käthe;
+denn mein gnädiger Herr wird Deine Pferde behalten und mit dem Mag.
+Philipp heimschicken. Denn ich selber gestern von Schmalkalden
+aufgebrochen auf meines gnädigen Herrn eigenem Wagen daher fuhr. Ist die
+Ursach, ich bin nicht über drei Tag hier gesund, und ist bis auf diese
+Nacht vom ersten Sonntag an kein Tröpflein Wasser von mir gelassen, hab'
+nie geruhet noch geschlafen, kein Trinken noch Essen behalten mögen.
+Summa, ich bin tot gewesen, und hab' Dich mit den Kindlein Gott befohlen
+und meinem guten Herrn, als würde ich euch nimmermehr sehen; hat mich
+euer sehr erbarmet, aber ich hatte mich dem Grabe beschieden. Nun hat
+man so hart gebeten für mich zu Gott, daß vieler Leute Thränen vermocht
+haben, daß mir Gott diese Nacht geholfen hat und mich dünkt, ich sei
+wieder von neuem geboren.
+
+Darum danke Gott, und laß die lieben Kindlein mit Muhme Lenen dem
+rechten Vater danken; denn ihr hättet diesen Vater gewißlich verloren.
+Der fromme Fürst hat lassen laufen, reiten, holen und mit altem Vermögen
+sein Höchstes versucht, ob mir möcht' geholfen werden; aber es hat nicht
+wollen sein. Deine Kunst hilft nicht mit dem Mist[322]. Gott hat Wunder
+an mir gethan diese Nacht und thut's noch durch frommer Leute Fürbitte.
+
+Solches schreib' ich Dir darum, denn ich halte, daß mein gnädigster Herr
+habe befohlen dem Landvogt, Dich mir entgegen zu schicken, da ich ja
+unterwegen stürbe, daß Du zuvor mit mir reden oder mich sehen möchtest;
+welches nun nicht not ist und magst wohl daheim bleiben, weil mir Gott
+so reichlich geholfen hat, daß ich mich versehe, fröhlich zu Dir zu
+kommen. Heute liegen wir zu Gotha. Ich habe sonst viermal geschrieben,
+wundert mich, daß nichts zu euch kommen ist.
+
+Dienstags nach Reminiscere. 1537.
+
+Martinus Luther.“
+
+Wie mag das arme Weib erschrocken sein über diese unglückliche Kunde!
+und wie hätte sie erst gebangt, wenn sie gewußt hätte, daß am folgenden
+Tag der tödliche Anfall sich wiederholte, bis wieder sechs Steine von
+ihm gingen. Käthe fuhr nun ihrem Manne entgegen nach Altenburg, wo
+Freund Spalatin als Pfarrer lebte. Bei diesem bereitete sie nun eine
+Herberge, bis Jonas und die Muhme Lenchen mit dem Kranken von Weimar her
+ankamen. Im gastlichen Altenburger Pfarrhaus pflegte Käthe den
+Erschöpften einige Tage und fuhr dann mit ihm Mitte März langsam an
+Kloster Nimbschen vorbei, mit einem Aufenthalt in Grimma nach Wittenberg
+heim, wo sie am 14. März ankamen[323].
+
+Langsam nur erholte sich Luther; an allen Knochen wie zerschlagen,
+konnte er sich kaum auf den Beinen halten, so erschöpft war er. Er
+lernte wieder essen und trinken: die Ruhe und Käthes sorgliche Pflege
+brachte ihn allmählich wieder zu Kräften. Acht Tage darauf konnte er
+wieder die feiernde Feder ergreifen und seinen Dankesbrief an Spalatin
+schreiben. Frau Käthe, die in der Bestürzung den Töchtern Spalatins
+nichts mitgebracht hatte, wollte ein paar Bücher binden lassen und zum
+Andenken schicken. Ueber die Osterzeit hat Luther dann wieder fleißig
+gepredigt. Aber als er später wieder in die Hessenstadt zum Konvent
+gehen sollte, hielt Käthe ihren Gatten zurück und er selbst warnte die
+Freunde vor „den hessischen Betten“[324].
+
+In diesem Jahre ging auch Muhme Lene heim und mit ihr ein guter
+Hausgeist, eine Stütze der Hausfrau, eine geliebte Freundin und Hüterin
+der Kinder. Der Ersatz, den Frau Käthe für sie suchte und erhielt in
+„Muhme Lene“ der jüngeren, ihrer leichtherzigen Nichte, und gar in
+fremden Stützen der Hausfrau, war ein sehr zweifelhafter[325].
+
+In diesem Jahre 1537 hatte Frau Käthe noch einen schweren Fall von
+Krankenpflege in ihrem Hause: nämlich die Kurfürstin Elisabeth von
+Brandenburg.
+
+Die arme Frau war schon 1534 kränklich, bald besser, bald schwerer.
+Damals war sie in Wittenberg. Luther mußte aber auch öfter zu ihr nach
+Schloß Lichtenberg reisen. Im Todesjahre ihres Gemahls, 1537, aber, als
+sich ihr Zustand zu einer Geistesstörung ausgebildet hatte, war sie zur
+Verpflegung in Luthers Haus, wohl auf des Kurfürsten von Sachsen
+Veranlassung. Nach langem Fiebertraum erwachte sie im September, war
+aber so blöde und kindisch, daß sie wenig verstand. Frau Käthe saß bei
+ihr auf dem Bette und schweigete sie[326]. Darauf wollte ihre Tochter,
+Fürstin Margarete von Anhalt, mit Gefolge zum Besuch der kranken Mutter
+kommen, natürlich womöglich auch in Luthers Behausung. Aber diese konnte
+man nicht auch noch aufnehmen; war doch das große Haus genug belegt;
+auch in der Stadt, die als Festung so eng gebaut war und jetzt so
+besucht von Studenten, war jedes Haus bis in den kleinsten Winkel
+vollgepropft. So mußte man den Besuch ablehnen, aber versichern, daß
+alles angewendet werde, um die Genesung der Kurfürstin zu
+beschleunigen[327]. Die andere Tochter der Kurfürstin, Herzogin
+Elisabeth von Braunschweig-Calenberg, welche einst ihre Mutter wegen des
+evangelischen Abendmahls an den Vater und eine ungünstige Aeußerung
+Luthers über Herzog Georg an diesen verraten hatte, kam öfter zum Besuch
+ihrer kranken Mutter in Luthers Haus; und dieser Umgang brachte sie
+dazu, daß sie selbst evangelisch wurde und nach dem Tode ihres Gemahls
+als Regentin des Landes in Braunschweig die Reformation einführte. Sie
+wurde sehr befreundet mit Luther und Käthe, schickte ihr einmal eine
+Sendung Käse und bekam dafür Maulbeer- und Feigen-Setzlinge[328].
+
+Aber der Zustand der armen „Markgräfin“ war ein trauriger und noch
+monatelang mußte sie Käthe pflegen. Dabei trugen sich allerlei
+ärgerliche Zwischenfälle zu, namentlich durch die Zudringlichkeit
+unberufener Leute: so drängte sich eine schmutzige Böhmin ins Haus, ins
+Gemach und an die Seite der Fürstin, suchte für sich Gunst und andern
+Ungunst zu erregen. Eine Zeitlang ging es noch gut; als die Kranke aber
+Geld ausgezahlt bekam, da fing es wieder an, sie verschwendete maßlos an
+jedermann ohne Unterschied; auch den Lutherischen Eheleuten wollte sie
+zwei Stürzbecher mit 100 Goldgulden darin schenken. Dazu machte sie
+immer Reisepläne und schrieb heimlich überallhin und wollte durchaus
+fort aus Wittenberg[329].
+
+Luther und Käthe wären die unruhige Patientin, über die sie nicht
+völlige Gewalt hatten, mit der vielen Unmuße gerne losgewesen, mußten
+aber warten, bis der Hofhalt in Lichtenberg wieder eingerichtet
+war[330].
+
+Die greise Kurfürstin wurde nachher wieder gesund und überlebte noch
+Luther.
+
+Nachdem das Jahr 1538 ebenfalls ein „fährlich schwer Jahr“ gewesen wegen
+der mancherlei Krankheiten, spukte im Spätherbst 1539 die Pest wieder im
+Lande. Die Leute hatten eine furchtbare Angst, der Bruder ließ den
+Bruder, der Sohn die Eltern im Stich; wenn ein Haus angesteckt war,
+wurde es niedergerissen. Kein Bauer wollte Holz, Eier, Butter, Käse,
+Korn in die verseuchte Stadt fahren. Da mußten die Wittenberger zwei
+Plagen für eine leiden: Pestilenz und Hunger und Frost. Die Bauern luden
+endlich ihre Sachen draußen vor den Thoren ab und die Städter mußten sie
+auflesen[331].
+
+Luther freilich nahm wie gewohnt „das Pestlein“ leicht und hielt es nur
+für eine Seuche. Er zürnte und spottete über die Pestfurcht: „Ich halt,
+der Teufel hat die Leut besessen mit der _rechten_ Pestilenz, daß sie so
+schändlich erschrecken.“ Ja, er trotzte der Krankheit, um Tod und Teufel
+zu verachten. Als er einmal einen Pestkranken besuchte, betastete er
+ohne Scheu dessen Beulen. Und er war so sorglos, daß er, als er heimkam,
+sogar mit ungewaschenen Händen sein Töchterlein Margarete unbedacht um
+den Mund streichelte — es schadete freilich nichts. Ja, als die Gattin
+des Kosmographen Dr. Sebald Münster an der Seuche starb und dieser
+selbst an sieben Beulen litt, nahm Luther zum Entsetzen der Wittenberger
+die vier Kinder Sebalds aus dem verpesteten Hause zu sich. Guter Gott!
+was entstand in der ganzen Stadt für ein Geschrei gegen Luther! Er
+wollte den Erbarmungslosen und Furchtsamen ein Exempel geben[332].
+
+Diejenige, welche am wenigsten wider diese starkmütige Tapferkeit
+Luthers einzuwenden hatte, war seine Gattin; und sie hatte doch die
+größte Mühe und Sorge mit den übernommenen Kindern und war dazu wie vor
+zehn Jahren ihrer Entbindung nahe. Und sie mußte es büßen. Sie kam
+unglücklich nieder und schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod. Sie
+fiel von einer Ohnmacht in die andre. Vergebens wurden alle stärkenden
+Mittel angewendet, die Entkräftung zu heben. Sie lag da wie eine atmende
+Leiche, das Gesicht entstellt, die Gestalt verfallen. Wohl wurde sie von
+besorgten Händen aufs treulichste gepflegt und jeder Atemzug, jede
+Bewegung beobachtet[333].
+
+Luther wich nicht von der geliebten Frau und sagte darum seine Anwohnung
+auf dem Schmalkalder Konvent ab. Er betete Käthe wieder lebendig, wie
+einst zu Weimar seinen Freund Melanchthon. Denn wunderbarerweise siegte
+Käthes starke Natur. Sie erholte sich, fing mit Appetit an zu essen und
+zu trinken, stand wieder auf und kroch umher, indem sie sich mit den
+Händen an Tischen und Bänken hielt. Und bald that sie sich etwas zu gut
+auf ihre wachsende Gesundheit und im April ist sie völlig wieder
+hergestellt[334].
+
+Die Freunde sahen in der wie durch ein Wunder genesenden Gattin des
+Reformators das Weib der Offenbarung (Kap. 12): ein Sinnbild der durch
+ein Gotteswunder genesenden kranken Kirche[335].
+
+Im Sommer 1540 reiste Luther mit Melanchthon nach Eisenach, um dem
+Reichstag in Hagenau näher zu sein, ähnlich wie vor zehn Jahren in
+Koburg dem Augsburger Tag. Melanchthon sollte nach Hagenau ziehen, aber
+er wurde unterwegs in Weimar sterbenskrank; doch Luther hat ihn unsrem
+Herrgott abgebetet. In Eisenach wohnte Luther im Pfarrhaus des Menius,
+welcher mit nach Hagenau reiste. Sein „Fraulein“ pflegte den
+Wittenberger Doktor aufs sorgsamste und liebenswürdigste, so daß Frau
+Käthe unbesorgt sein konnte. Und der Kinderfreund Luther entschädigte
+sich für die Entfernung von seinen Kleinen dadurch, daß er den
+Pfarrbuben Timotheus ein Spiel mit Nüssen lehrte. Von hier aus schrieb
+Luther fleißig Briefe nach Haus, erhielt freilich von der
+vielbeschäftigten Frau Käthe nicht so leicht einen. Dafür mußten die
+Kinder und Hausgenossen schreiben, zu denen damals auch ein „Mariischen“
+gehörte[336].
+
+Die drei ersten Briefe sind verloren gegangen, der vierte aber
+lautet[337]:
+
+„Meiner herzlieben Käthe, Doktorin Kathrin und Frauen auf dem neuen
+Saumarkt zu handen.
+
+Gnade und Friede, liebe Jungfrau Käthe, gnädige Frau von Zulsdorf und
+wie Ew. Gnaden mehr heißt! Ich füge Euch und Ew. Gnaden unterthäniglich
+zu wissen, daß mir's hie wohl gehet: „ich fresse wie ein Böhme und saufe
+wie ein Deutscher“[338] — das sei Gott gedankt, Amen. Das kommt daher:
+Magister Philipps ist wahrlich tot gewesen und recht wie Lazarus vom Tod
+auferstanden. Gott der liebe Vater höret unser Gebet, das sehen und
+greifen wir, ohne daß wir's dennoch nicht glauben: da sage niemand Amen
+zu unserm schändlichen Unglauben.
+
+Ich hab' dem Doktor Pommer Pfarrherr geschrieben, wie der Graf zu
+Schwarzburg (um) einen Pfarrherrn gen Greußen bittet, da magst Du als
+eine kluge Frau und Doktorin mit Magister Georg Röhrer und Magister
+Ambrosio Berndt helfen raten, welcher unter den dreien sich wollte
+bereden lassen, die ich dem Pommer angezeigt: es ist nicht eine
+schlechte Pfarre; doch seid ihr klug und macht's besser.
+
+Ich habe der Kinder Briefe, auch des Bacculaurien (Hans) — der kein Kind
+ist, Mariische auch nicht — kriegt, aber von Ew. Gnaden hab' ich nichts
+kriegt; werdet jetzt auf die vierte Schrift, ob Gott will, einmal
+antworten mit Ew. gnädigen Hand.
+
+Ich schicke hie mit dem Magister Paul den silbernen Apfel, den mir Ihre
+gnädige Hand geschenkt hat, den magst Du, wie ich zuvor geredet habe,
+unter die Kinder teilen und fragen, wie viel sie Kirschen und Aepfel
+dafür nehmen wollen; die bezahle ihnen bar über und behalt' Du den Stiel
+davon.
+
+Sage untern lieben Kostgängern, sonderlich Doktor Severo oder Schiefer,
+mein freundlich Herz und guten Willen, und daß sie helfen zusehen in
+allen Sachen der Kirchen, Schulen, Haus und wo es not sein will. Auch M.
+Georg Major und M. Ambrosio, daß sie Dir zu Hause tröstlich seien.
+Will's Gott, so wollen wir bis Sonntag auf sein, von Weimar gen Eisenach
+zu ziehen, und Philipps mit. Hiemit Gott befohlen. Sage Lycaoni nostro
+(dem Diener Wolfgang), daß er die Maulbeer nicht versäume, er verschlafe
+sie denn, das wird er nicht thun — er versehe es denn — und den Wein
+soll er auch zur Zeit abziehen. Seid fröhlich alle und betet. Amen.
+
+Weimar, am Tage der Heimsuchung Mariä (2. Juli) 1540.
+
+Martinus Luther,
+
+Dein Herzliebchen.“
+
+Mit dem folgenden Brief an „Frau Katherin Luderin zu Wittenberg, meiner
+lieben Hausfrau“ schickt Luther seiner „lieben Jungfer Käthe“ durch den
+Fuhrmann Wolf 42 Thaler Sold und 40 fl. Die „magst Du brauchen, bis wir
+kommen, und wechseln lassen bei Haus von Taubenheim zu Torgau; denn wir
+zu Hofe nicht einen Pfennig Kleinmünze mögen haben. Magister Philipps
+kommt wieder zum Leben aus dem Grabe, siehet noch kränklich, aber doch
+leberlich aus, scherzt und lacht wieder mit uns, isset und trinket wie
+zuvor mit über Tische. Gott sei Lob! Und danket ihr auch dem lieben
+Vater im Himmel.... Was aber (zu Hagenau) geschieht, wissen wir nicht,
+nur das: man achtet, sie werden uns heißen: Thu das und das, oder wir
+wollen euch fressen. Denn sie haben's böse im Sinn. Sage auch Doct.
+Schiefer, daß ich nichts mehr von Ferdinando halte; er gehet da hin zu
+grunde. Doch hab ich Sorge, wie ich oft geweissagt, der Papst möchte den
+Türken über uns führen.... Denn der Papst singet schon bereits: flectere
+si nequeo Superos, Acheronta movebo: kann er den Kaiser nicht über uns
+treiben, so wird er's mit dem Türken versuchen; er will Christus nicht
+nachgeben. So schlage denn Christus drein beides in Türken, Papst und
+Teufel und beweise, daß er der rechte Herr sei vom Vater zur Rechten
+gesetzt. Amen! — Amsdorf ist auch noch hier bei uns. Hiemit Gott
+befohlen. Amen.
+
+Sonnabends nach Kiliani (10. Juli).
+
+Mart. Luther.“[339]
+
+Sechs Tage darauf kam wieder ein Brief[340].
+
+„Gnade und Friede. Meine liebe Jungfer und Frau Käthe! Euer Gnaden
+sollen wissen, daß wir hier, Gottlob, frisch und gesund sind; „fressen,
+wie die Böhmen“ — doch nicht sehr — „saufen wie die Deutschen“ — doch
+nicht viel —, sind aber fröhlich. Denn unser gnädiger Herr von
+Magdeburg, Bischof Amsdorf, ist unser Tischgenosse. Mehr neue Zeitung
+wissen wir nicht, denn daß Doktor Kaspar Mekum und Menius sind von
+Hagenau gen Straßburg spazieren gezogen, Hans von Jenen zu Dienst und
+Ehren. M. Philipps ist wiederum fein worden, Gottlob. Sage meinem lieben
+D. Schiefer, daß sein König Ferdinand ein Geschrei will kriegen, als
+wolle er den Türken zu Gevatter bitten über die evangelischen Fürsten:
+hoffe nicht, daß es wahr sei, sonst wäre es zu grob. Schreibe mir auch
+einmal, ob Du alles kriegt hast, was ich Dir gesandt, als neulich 90 Fl.
+bei Wolf Fuhrmann u.s.w. Hiermit Gott befohlen, Amen. Und laß die Kinder
+beten. Es ist allhier solche Hitze und Dürre, daß unsäglich und
+unerträglich ist bei Tag und Nacht. Komm, lieber jüngster Tag, Amen.
+
+Freitags nach Margareten, 1540. Der Bischof von Magdeburg läßt Dich
+freundlich grüßen.
+
+Dein Liebchen
+
+Martin Luther.“
+
+Und endlich als es wieder auf die Heimreise ging, kündigt Luther Käthe
+die Rückkehr an und bestellt einen Willkommtrunk.
+
+„Der reichen Frauen zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katherin Lutherin, zu
+Wittenberg leiblich wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd,
+meinem Liebchen zu handen. — Abwesend dem Doktor Pomeran, Pfarrherr, zu
+brechen und zu lesen.
+
+... (Ew. Gnaden) ... wollen schaffen, daß wir einen guten Trunk bei Euch
+finden. Denn, ob Gott will, morgen Dienstag wollen wir auf sein gegen
+Wittenberg zu. Es ist mit dem Reichstage zu Hagenow ein Dreck, ist Mühe
+und Arbeit verloren und Unkost vergeblich. Doch, wo wir nichts mehr aus
+gerichtet, so haben wir doch Magister Philippus wieder aus der Hölle
+geholet und wieder aus dem Grabe fröhlich heimbringen wollen, ob Gott
+will und mit seiner Gnaden, Amen.
+
+Es ist der Teufel hieraußen selber mit neuen bösen Teufeln besessen,
+brennt und thut Schaden, das schrecklich ist. Meinem gnädigsten Herrn
+ist im Thüringer Wald mehr denn tausend Acker Holz abgebrannt und
+brennet noch. Dazu kommt heute Zeitung, daß der Wald bei Werda auch
+angegangen sei und viel Orten mehr; hilft kein Löschen. Das will teuer
+Holz machen. Betet und lasset beten wider den leidigen Satan, der uns
+sucht nicht allein an Seele und Leib, sondern auch an Gut und Ehre aufs
+allerheftigste. Christus, unser Herr, wolle vom Himmel kommen und auch
+ein Feuerlein dem Teufel und seinen Gesellen aufblasen, daß er nicht
+löschen könnte, Amen.
+
+Ich bin nicht gewiß gewesen, ob Dich diese Briefe zu Wittenberg oder zu
+Zulsdorf würden finden; sonst wollt' ich geschrieben haben von mehr
+Dingen. Hiemit Gott befohlen, Amen. Grüße unsere Kinder, Kostgänger und
+alle. Montags nach Jacobi (26. Juli) 1540.
+
+Dein Liebchen
+
+M. Luther, D.[341]
+
+Um diese Zeit begann eine neue Sorge für Käthe. Ihrem Bruder Hans wollte
+es auf Zulsdorf gar nicht glücken. Daher kaufte sie ihm Zulsdorf ab.
+Aber sie mußte auch ihres Mannes vielfache Beziehungen zu fürstlichen
+Höfen angehen, um ihm wieder einen Hofdienst zu verschaffen, sei's in
+Preußen, sei's in Sachsen. Luther konnte das mit gutem Gewissen, denn
+Hans von Bora war keiner von den großmäuligen „Scharhansen“, wie sie in
+dieser Zeit massenhaft aufgekommen waren. Aber vielleicht eben wegen
+seiner Frommheit hatte er Unglück. Ein Gegner Luthers verdrängte ihn von
+seinem Vorsteheramte am Neuen Kloster in Leipzig, bis er endlich einen
+Teil des Klostergutes in Crimmitschau überkam[342].
+
+Im Herbst dieses Jahres (1540) suchte die Stadt Wittenberg ein Fieber
+heim, das zwar selten einen tödlichen Ausgang nahm, aber so ziemlich
+alle Bewohner ergriff. Bugenhagen war so krank, daß Luther für ihn sein
+Pfarramt versehen mußte. Im eignen Hause waren zehn Todkranke und dazu
+fühlte sich der Hausherr selber „alt und schwach“. Da konnte wieder
+Käthe ihre Sorge und Pflege anwenden[343].
+
+Zu Ostern des folgenden Jahres (1541) wurde die Umgebung Wellenbergs
+erschreckt durch Brandstiftungen und allerlei Vergiftungserscheinungen,
+indem die Lebensmittel: Wein und Milch mit Gift und Gips gemischt
+wurden. Es wurden allerlei Leute verhaftet und gefoltert, auch in
+Wittenberg zwei Leute geröstet — ohne die Ursachen und die Urheber zu
+entdecken. Luther fühlte sich in diesem Jahr gar nicht wohl, so daß der
+Kurfürst ihm sogar einmal zwei Aerzte schickte und er am Dreikönigstag
+des folgenden Jahres (1542) sein Testament machte[344].
+
+Noch eine Freude erlebten die Eheleute zu dieser Zeit: die Enkelin von
+Luthers Schwerer, _Hanna Strauß_, die in der Familie erzogen war, wurde
+mit M. Heinrich von Kölleda im Dezember 1541 verlobt, nachdem die
+Pflegeeltern die Verlobung des Dr. Jakob Schenck (später als Luthers
+Gegner „der Jäckel“) abgewiesen hatten. Zu dem Verlöbnis kam gerade von
+den Anhalter Fürstenbrüdern ein Wildschwein, als Luther eben gebeten
+hatte, wenn es möglich und thunlich wäre, ihn zur Hochzeit „etwa mit
+einem Wildbret zu begaben, denn ich einer Hausjungfrauen, meiner
+Freundin (Verwandten) soll zu Ehren helfen in den hl. Stand der Ehe“. Am
+30. Januar 1542 wurde Hochzeit gemacht, die letzte in Luthers Haus.
+Amsdorf u.a. schickten Hochzeitsgeschenke, und weiteres Wildbret von
+Anhalt wird nicht gefehlt haben[345].
+
+Aber zu gleicher Zeit (1541) starb auch nach nur vierjähriger Ehe D.
+Ambros. Berndt, der Gatte der Magdalene Kaufmann, der Muhme Lene der
+Jüngeren. Die junge Witwe machte sich nun zum großen Verdrusse der
+Lutherischen Verwandten an einen sehr jugendlichen Mediziner, Ernst
+Reichet (Reuchlin), der noch studieren mußte und heiratete ihn auch nach
+Luthers Tod, so daß sie eine zeitlang in rechte Bedrängnis geriet, bis
+ihr Mann eine ehrenvolle Stellung erwarb[346].
+
+Auch Lenes Bruder, Cyriak, bereitete Luther großen Aerger, indem er nach
+dem Beispiel von Melanchthons und Dr. Beiers Sohn ein heimliches
+Verlöbnis einging, was die Wittenberger Juristen als giltig
+anerkannten[347].
+
+Am 26. August 1542 war der älteste Sohn, Hans Luther, jetzt 16jährig und
+bereits seit drei Jahren Baccalaureus, nach Torgau geschickt worden zu
+Markus Crodel, der dort eine treffliche, von Luther hochgeschätzte
+Knabenschule hielt, damit er in Sprachlehre und Musik ausgebildet werde,
+auch Sitte und Anstand lerne, wozu in der studentenwimmelnden Kleinstadt
+und in Luthers überfülltem Hause nicht der rechte Ort war; Luther war
+sich auch bewußt, Theologen bilden zu können, aber keine Grammatiker und
+Musiker. Daher wollte er Crodel, wenn er am Leben bliebe, noch später
+die zwei jüngeren Söhne schicken. Der Gesellschaft und Aneiferung wegen
+wurde auch Käthes Brudersohn, Florian von Bora, mitgeschickt. Hans war
+ein guter Junge, während Florian schon einer härteren Zucht bedurfte.
+Der Mutter that der Abschied weh, noch mehr aber der ältesten Schwester,
+Lenchen, die mit besondrer Zärtlichkeit an ihm hing. Aber Hans gefiel es
+gut im Pensionat des Präzeptors, er hatte ihn und seine Frau zu rühmen;
+er meinte sogar, es erginge ihm hier besser als daheim[646].
+
+Kaum aber war der Bruder abgereist, so wurde Lenchen sterbenskrank.
+
+Es war ein gar liebes frommes Mädchen, das seine Eltern ihr Lebtag nie
+erzürnt hatte. Auf ihrem Sterbebette verlangte sie herzlich und
+schmerzlich, ihren Bruder Hans nochmals zusehen; sie meinte, sie würde
+dann wieder gesund werden. Käthe mußte ihren Wagen anspannen lassen und
+der Kutscher Wolf fuhr mit dem Luther'schen Gefährt nach Torgau. Er
+brachte einen Brief vom Vater an den Präzeptor, der lautete:
+
+„Gnade und Friede, mein lieber Markus Krodel. Ich bitt' Euch, sagt
+meinem Sohn Hans nicht, was ich Euch schreibe. Mein Töchterlein
+Magdalena ist dem Ende nahe und wird bald heimkehren zu ihrem wahren
+Vater im Himmel, wenn' s Gott nicht anders gefällig ist. Aber sie sehnt
+sich so sehr darnach, den Bruder zu sehen, daß ich den Wagen schicken
+mußte: sie lieben eins das andere gar so sehr — vielleicht, daß sein
+Kommen ihr neue Kraft geben könnte. Ich thue, was ich kann, damit mich
+nicht später mein Gewissen beschwert. So sagt ihm also — doch ohne die
+Ursach' — daß er mit diesem Wagen eilends herkomme, um bald wieder
+zurückzukehren, wenn Lenchen im Herrn entschlafen oder wieder gesund
+worden sein wird. Gott befohlen. Ihr müßt ihm sagen, es warte seiner ein
+heimlicher Auftrag. Sonst steht alles wohl. 6. September 1542.“[348]
+
+Hans kam zurück und auch rechtzeitig daheim an. Denn das arme Mädchen
+mußte noch vierzehn Tage leiden und mit dem Tode ringen: offenbar hatte
+dies Wiedersehen des Bruders ihre Lebensgeister nochmals aufflammen
+lassen. Es waren gar traurige Wochen in dem Lutherhaus. Das fromme
+Mägdlein zwar wollte gerne sterben: beim irdischen Vater bleiben oder
+zum himmlischen heimkehren. „Ja, herzer Vater“, sagte es, „wie Gott
+will!“ Aber den Eltern kam der Abschied ihres Lieblings sehr hart an,
+namentlich Luther, der hatte sie sehr lieb, denn die Väter hängen mehr
+an den Töchtern, während Frau Käthe zu ihrem Hans größere Zuneigung
+fühlte.
+
+In der Nacht vor Lenchens Tode hatte die Mutter einen wundersamen Traum:
+Es deuchte sie, zwei geschmückte, schöne junge Gesellen kämen und
+wollten ihr Lenchen zur Hochzeit führen. Am Morgen kam Melanchthon
+herüber ins Kloster und fragte, was Lenchen machte. Da erzählte Frau
+Käthe ihren Traum. Magister Philipp, der bei andern im Geruch der
+Wahrsagung und Traumdeuterei stand und sich selbst viel darauf zu gut
+that, machte ein erschrockenes Gesicht. Und als er zu anderen Leuten
+kam, deutete er den Traum: „Die jungen Gesellen sind die lieben Engel,
+die werden kommen und diese Jungfrau in das Himmelreich zur rechten
+Hochzeit heimführen.“ Melanchthon hatte diesmal recht prophezeit.
+
+Am 26. September um die neunte Stunde ging es zu Ende. Der Vater hielt
+das Kind in seinen Armen, die Mutter stand dabei. Der Doktor weinte,
+betete und tröstete abwechselnd das Kind, sich selbst und die
+Umstehenden: Frau Käthe, Melanchthon und D. Röhrer. Die Mutter war tief
+ergriffen; als es zu Ende war, weinte sie ihren Jammer laut hinaus, so
+daß Luther sie beruhigen mußte: „Liebe Käthe, bedenke doch, wo sie
+hinkommt: sie kommt wohl.“
+
+Die traurigen Ereignisse gingen ihren Gang. Der Sarg kam; aber als das
+Mägdlein hineingelegt werden sollte, hatte es der Tod gestreckt und ihr
+Bettlein war ihr zu klein geworden. Die Leute kamen und bezeugten den
+Eltern nach dem gemeinen Brauch ihr Beileid: „es wäre ihnen ihre
+Betrübnis leid“. Der Schülerchor sang das Lied: „Herr, gedenk nicht
+unsrer vorigen alten Missethat.“ Sie ward hinausgetragen auf den
+Friedhof am Elsterthor, und eingescharrt. „Es ist die Auferstehung des
+Fleisches“, sagte Luther, der jedes Wort und jeden Akt mit einem
+sinnigen Trostspruch begleitete. Dann ging der traurige Zug heim und der
+Doktor sagte zu Käthe: „Nun ist unsere Tochter beschickt, an Leib und
+Seel versorgt, wie es Eltern sollen thun, sonderlich mit den armen
+Mägdlein.“ Darauf dichtete der Doktor seinem Töchterlein eine
+lateinische Grabschrift, die lautet in treuherzigem Deutsch:
+
+ Hie schlaf ich Lenchen, D. Luthers Töchterlein,
+ Ruh mit allen Heiligen in mei'm Bettelein[349].
+
+Aber noch monatelang sprach und schrieb Luther von seiner Trauer, zürnte
+wider den Tod und milderte seinen Schmerz mit Thränen um die geliebte
+Tochter; und Käthe hatte die Augen voll Thränen und schluchzte laut auf
+beim Gedanken an das „gute gehorsame Töchterlein“[350].
+
+Begreiflich, daß Frau Käthe den erstgebornen Sohn mit schwerem Herzen
+wieder in die Ferne entließ. „Wenn dir's übel gehen sollte, so komm nur
+heim“, hatte die Mutter in einer Anwandlung von Weh und Schwäche zu Hans
+gesagt. Es ging nun zwar Hans nicht schlecht in Crodels Hause, aber das
+Heimweh nach Lenchen und die Sehnsucht nach dem Vaterhause wurde
+übermächtig in ihm — es war ja gerade um die Weihnachtszeit. Er schrieb
+einen kläglichen Brief und berief sich auf die Rede der Mutter, er solle
+heimkehren, wenn's ihm übel ginge. Da schrieb Luther am 2. Christtag an
+den Präzeptor und den Sohn zwei Episteln, in denen er Hans zur
+männlichen Ueberwindung der weibischen Schwäche ermahnt. Der Brief an
+den Sohn lautet:
+
+„Gnade und Friede im Herrn.
+
+Mein lieber Sohn Hans. Ich und Deine Mutter und das ganze Haus sind
+gesund. Gieb Dir Mühe, daß Du Deine Thränen männlich besiegst und Deiner
+Mutter Schmerz und Sorge nicht noch mehrst, die so geneigt ist zu Sorge
+und Angst. Gehorche Gott, der Dir durch uns befohlen hat dort zu
+arbeiten, so wirst Du leicht dieser Schwäche vergessen. Die Mutter kann
+nicht schreiben und hat es auch nicht nötig geachtet; aber sie sagt,
+alles was sie Dir gesagt habe — nämlich Du solltest heimkehren, wenn es
+Dir übel ginge — habe sie von Krankheit gemeint; davon solltest Du, wenn
+es geschehe, gleich Kunde geben. Sonst will sie, daß Du diese Trauer
+lassest und fröhlich und ruhig studierest. Hiemit gehab Dich wohl im
+Herrn.
+
+Dein Vater Martin Luther.“[351]
+
+Der letzte Schmerz und Verlust, den Frau Käthe in diesem
+schicksalsschweren Jahre noch erlebte, war der Tod ihrer besten
+Freundin, der Frau Stiftspropst Katharina Jonas. Sie starb am
+Weihnachtstage 1542, eine frohe freundliche Kinderseele; so ging sie
+auch am Christfest hinein in den himmlischen Freudensaal zur ewigen
+Weihnacht.
+
+Frau Käthe aber war's, als sei ihr ein Stück von ihrer Seele
+gestorben[352].
+
+
+
+
+12. Kapitel
+
+Tischgenossen und Tischreden.
+
+
+„Unsere Herrin Käthe, die _Erzköchin_“, so nennt Luther seine Gattin in
+einem scherzhaften Einladungsbrief an Freund Jonas[353].
+
+Und das war sie; sie kochte gern und gut und braute auch die
+entsprechenden Getränke dazu. Gelegenheit zu den manchfaltigsten
+Gastereien hatte aber kein Weib so sehr als Frau Käthe.
+
+Da gab es vor altem gar mancherlei Hochzeiten von Verwandten und
+Freunden, deren Ausrichtung dem Herrn Doktor eine Herzensfreude war, bei
+denen aber sein „Herr Käthe“ eine ganz besonders hervorragende und liebe
+Rolle spielte.
+
+Und was so eine Hochzeit in Wittenberg auf sich hatte, kann man sich
+kaum recht vorstellen. Da mußte der „Haufe“ geladen werden; bei einer
+„akademischen“ Hochzeit „die Universität mit Kind und Kegel“ und dazu
+andere, die man Luthers halber „nicht wohl konnte auß(en) lassen; so
+bleibt's weder bei 9 noch bei 12 Tischen, 120 Gäste ohne die Diener
+u.s.w.“ war das Gewöhnliche für eine akademische Hochzeit. „Bei einem
+Doktorschmaus machten die Männer allein schon 7 bis 8 Tische voll; was
+wurde es erst, wenn die Frauen, Kinder und noch das Gesinde zu speisen
+und zu tränken waren?“ Dazu dauerten die Hochzeiten mehrere Tage. Luther
+hatte sich bei seiner Hochzeit auch nur „für die gewöhnlichen Gäste“ mit
+einem Tage begnügt. Und das alles bei dem schlechten Markt in
+Wittenberg! Da war es für die gute Käthe keine geringe Schwierigkeit,
+einen solchen Schwarm in anständiger Weise zu speisen, und sie wollte
+doch weder auf den Ruhm ihres Mannes, noch der Gefeierten einen Makel
+kommen lassen — natürlich auf ihren Ruhm auch nicht. Luther und Käthe
+wollten beide keine Unehre einlegen[354].
+
+Aber auch sonst richtete Frau Käthe gern Feste aus: Doktorschmäuse,
+Geburtstagsessen und auch sonstige Gesellschaften ohne besondere
+Veranlassungen. Da ist Wilhelm Rink, D. Eisleben (Agricola), Alexander
+Drachstett und Wolf Heinzen zu Besuch im Schwarzen Kloster; und weil der
+Pfarrer Michael Stiefel in Lochau seltener dahin kommt, soll auch er
+erscheinen und teilnehmen an den fröhlichen Tagen. Da wird einer der
+Freunde oder gar zwei: Röhrer oder Jak. Schenk, Hier. Heller, Nikolaus
+Medler, „der Markgräfin Kaplan“ (d.i. der Hofprediger der Kurfürstin
+Elisabeth von Brandenburg) zum Doktor promoviert und Herr Käthe brät und
+braut für den üblichen Schmaus. Da giebt sie ihrem eignen Doktor am 19.
+Oktober ein festliches Abendmahl zum Jahrestage seines Doktorats. Am 10.
+Martini wird mit dem Heiligen Martin auch der Geburtstag ihres D.
+Martinus und später noch ihres Martinleins festlich begangen[355]. Der
+zehnte Jahrestag des Thesenanschlags („der niedergetretenen Ablässe“),
+der Allerheiligentag 1527, wird mit einem Fest begangen. Auch um ihn zu
+trösten über den Tod des lieben Freundes Hausmann, der Luther ungemein
+nahe ging, lud Frau Käthe einen Kreis von Freunden ein: Jonas,
+Melanchthon, Camerarius, Cokritz. Die Kindtaufschmäuse für ihre
+Neugebornen mußte die Wöchnerin wenigstens einige Zeit vorher
+vorbereiten und von ihrem Bette aus überwachen. Doch auch ohne besondere
+festliche Veranlassung erschienen zu kleinerem Beisammensein am
+geselligen Tisch die guten Freunde und Amtsgenossen: Jonas, Melanchthon,
+Bugenhagen, so oft ein Stück Wildbret oder eine Sendung Fische ins Haus
+geschickt wird, oder eine Kufe Bier, oder ein Faß Wein — manchmal mit
+der ausdrücklichen Bestimmung, „Herr Philipp, D. Pommer und andere gute
+Freunde sollten es mit dem Doktor gesund verbrauchen.“ Dann darf Frau
+Käthe die Speisen bereiten und auftischen[356]. Manchmal muß sie auch
+bei Hof um Wild zum Festbraten bitten lassen, wenn sonst keines zu
+bekommen ist; oder sie bestellt bei einem guten Freunde „für einen
+Thaler Vögel, Gefieder, Geflügel und was im Reich der Luft fleugt,
+ferner was er an Hasen und anderen Leckerbissen kaufen oder umsonst
+erjagen kann.“ Oder Frau Käthe mußte ihre eigenen Fischteichlein
+ausräumen, wo neben Hechten und Karpfen, Schmerlen und Barsche, ja
+sogar Forellen schwammen. Denn nicht immer kamen die Geschenke so
+reichlich wie einmal vom Kurfürsten „ein Fuder Supstitzer, ein halb
+Fuder Goreberger, vier Eimer Jenischen Weins, dazu ein Schock Karpfen
+und ein Zentner Hechte, schöne Fische“ — war auf einmal zu viel, selbst
+für eine zahlreiche Gesellschaft[357].
+
+Da sind Durchreisende und Besuche vom Fürsten bis zum fahrenden Schüler,
+fremde Gesandte und stellenlose Magister, arme Witwen und vertriebene
+Pfarrer, Engländer und Franzosen, Böhmen und Ungarn, sogar einmal ein
+„Mohr“: sie sitzen zu Gaste einen Tag, auch eine Woche und ein Jahr an
+Käthes großem Tisch. Als Hartmut von Cronbergs verwitwete Schwester von
+einem Juden entführt nach Wittenberg kam und heimlich sich da aufhielt,
+entschuldigt sich Luther mit seinen bösen Erfahrungen an vornehmen und
+geistlichen Schwindlerinnen, daß er sich ihrer nicht an-, d.h. sie nicht
+ins Haus genommen; bei ihrem Kinde stand er aber nachher Gevatter[358].
+
+Da kamen Schwester und Bruder, Schwager und „Freunde“ von Mansfeld. Oder
+die Straßburger Theologen speisten im Schwarzen Kloster. So machte der
+feine Straßburger Capito, der samt Butzer zur „Concordia“ in Wittenberg
+verhandelte, einen gar guten Eindruck auf Frau Käthe, und es war ihr ein
+großes Unglück, daß der goldene Ring, den er ihr verehrte und den sie
+als Sinnbild der Vereinigung der sächsischen und oberländischen Kirche
+betrachtete, ihr durch ein Mißgeschick abhanden kam [359].
+
+Sogar dem Kurfürsten mußte Frau Käthe hinter dem Wall eine Collation
+auftischen (8.-14. März 1534). Später waren noch allerlei andere Fürsten
+wenigstens vorübergehend Tischgenossen Käthes, so der junge sächsische
+Johann Ernst und der Herzog Franz von Lüneburg[360].
+
+Ständige Tischgesellen waren die im Schwarzen Kloster wohnenden
+Präzeptoren, Famuli und Scholaren.
+
+Einer der ältesten und ersten dieser Tischgenossen im Luther hause ist
+Konrad _Cordatus_.
+
+Er war sieben Jahre vor Luther von husitischen Bauern im
+österreichischen Weißenkirchen geboren, studierte Theologie in Wien,
+lebte einige Jahre in Rom; erhielt 1510 eine sehr gute Anstellung in
+Ofen, schloß sich sofort 1517 der Reformation an, wurde abgesetzt, ging
+1524 mittellos nach Wittenberg und studierte unter Luther, der sich
+seiner annahm, kehrte heim und predigte das Evangelium, wird 38 Wochen
+lang gefangen gehalten im tiefen Turm, in Finsternis bei „Nattern und
+Schlangen“, entkommt durch einen mitleidigen Wächter und flüchtet zu
+seinem kongenialen Lehrer D. Luther. Dort lebte er einige Zeit in dessen
+jungem Haushalt 1526, und wieder stellenlos auf Einladung Luthers von
+1528-29, nach zweijährigem Pfarramt in Zwickau 1531-32 wieder fast ein
+Jahr, bis er Pfarrer in Niemegk nahe bei Wittenberg wurde. Er ist einer
+der besten Prediger der Reformationszeit. Er war eine trotzige Natur,
+wie Luther; nur noch viel hitziger, schroffer und wenig verträglich. Er
+konnte sich auch in Frau Käthes Art nicht sonderlich schicken und machte
+Luther Vorwürfe, daß er sich von seiner Gattin bestimmen lasse. Dafür
+macht er in seinen Tischreden einigemale eine bissige Bemerkung über die
+Doktorin, als wäre sie herrschsüchtig und hoffärtig und berichtet
+überhaupt mit einer gewissen Herbigkeit über sie. Als Luther ihn und
+seinen Freund Hausmann nicht so mit Geld unterstützen kann, wie er's
+möchte, meint Cordatus, Luther hätte seiner Frau nicht erlauben sollen,
+einen Garten anzukaufen. Auch vertrug er schwer, daß sie beständig
+Luthers „beste Reden unterbrach“, weil er mit großem Eifer alle Worte
+Luthers nachschrieb[361].
+
+Am Dreikönigstag 1528 kam desgleichen aus Oesterreich vertrieben Luthers
+alter Freund Michael _Stiefel_ an, welcher von 1525 an bei der edeln
+Familie Jörger von Tollet Kaplan gewesen, „ein frommer, sittiger und
+fleißiger Mensch“. Er kannte Frau Käthe schon vor ihrer Vermählung und
+war bei seiner Abreise von Wittenberg am 3. Juni 1525 wahrscheinlich
+schon in Luthers Absicht, zu heiraten, eingeweiht. Von Oesterreich aus
+hatte er einen gar liebenswürdigen Brief an Frau Katharina geschrieben
+und sie erwiderte seine Grüße. Bis zu Michaelis 1528 blieb Stiefel in
+Luthers Haus, fühlte sich aber durch diese Inanspruchnahme seiner
+Gastfreundschaft bedrückt. Er übernahm darum die Pfarrei und Pfarrwitwe
+von Lochau mit zwei Kindern. Das Luthersche Ehepaar besorgte seinen
+Umzug. Der Verkehr mit dem Lochauer Pfarrhaus hielt an. Luther schreibt
+und erhält viele Briefe und auch Käthe bekommt eine freundliche Epistel
+vom Pfarrherrn; die Pfarrerin schickt dem Doktor ein Geschenk. Bald wird
+Stiefel eingeladen zu einer guten Gesellschaft im Schwarzen Kloster,
+bald sagt sich Luther mit seiner ganzen Knabenschaar zum Kirschenbrechen
+in Lochau an. Schließlich verfiel Stiefel zum Verdrusse Luthers aufs
+Grübeln nach dem Jüngsten Tag. Die Bevölkerung der ganzen Gegend bis
+nach Schlesien hinein strömte dem Propheten zu und erwartete mit ihm am
+19. Oktober 1533, 8 Uhr nachmittags, das Ende der Welt. Als dies nicht
+eintraf, wurde der falsche Prophet vom Landesherrn verhaftet und so für
+den Unrat, den er angerichtet, gestraft, aber auch gegen die aufgeregten
+Leute geschützt und nach Wittenberg gebracht, wo er seinen Irrtum
+bereute[362].
+
+Gleichfalls ein Oesterreicher, _Kummer_ (Kommer), kam 1529 nach
+Wittenberg. Auch er hatte, wegen des Evangeliums verfolgt, in
+Weiberkleidern fliehen müssen, und nahm natürlich seine Zuflucht zu
+Luther. Dessen Haus- und Tischgenosse scheint er ebenfalls gewesen zu
+sein. Kummer war ein Freund und Studiengenosse Lauterbachs[363].
+
+Im selben Jahre 1529 kam dieser Anton _Lauterbach_, geboren 1500 als
+Sohn des Bürgermeisters zu Stolpe, nach Wittenberg, wo er Magister wurde
+und mindestens schon 1531 Luthers Hausgenosse und Tischgänger war und
+Diakonus der Pfarrgemeinde wurde. Ein hochaufgeschossener Mensch, im
+Gegensatz zu seinem Genossen Cordatus ein gutmütiger Geselle. Dienstag,
+28. Januar 1533, diente er zu Tisch beim Kindtaufschmaus für den kleinen
+Paul. Er verheiratete sich in diesem Jahre mit einer Nonne Auguste,
+wobei natürlich Frau Käthe wieder die Hochzeit herzurichten hatte. Dann
+wurde er Diakonus in Leisnig, 1537-39 kam er wieder als Diakonus in die
+Universitätsstadt. Als darauf das Herzogtum Sachsen reformiert werden
+sollte, wurde er als Superintendent nach Pirna berufen, wollte aber „das
+heilige Wittenberg“ nicht verlassen. Doch gab er den Mahnungen Luthers
+und der andern Väter nach, seinem Vaterlande zu dienen und das
+beschwerliche Amt zu übernehmen. Am Mittwoch, 25. Juli 1539 erschienen
+in Wittenberg die Pirnaer Ratsherren mit zwei Wagen und holten ihren
+ersten evangelischen Pfarrherrn ab. Unter Thränen nahm er Abschied von
+Luthers Familie. Am folgenden Freitag, Jacobi, kam er, feierlich mit
+Willkommtrunk empfangen, in Pirna an, und es wurde mit der Reformation
+„der Anfang deutsch und gut lutherisch zu taufen gemacht an Drillingen“.
+Aber aus der weiten Ferne blieb Lauterbach in lebhaftem und freundlichem
+Verkehr mit Luther und Frau Käthe, der er gar mancherlei Besorgungen
+machte[364].
+
+Ohne Amt, aber auf eines wartend, zog im November 1531 der Oberpfälzer
+Joh. _Schlaginhaufen_ — der lateinisch Turbicida oder gar griechisch
+Ochloplectes genannt wurde — ins Schwarze Kloster nach Wittenberg, wo er
+ein Jahrzehnt zuvor studiert hatte. Er war zum Trübsinn geneigt und
+quälte sich mit dem Zweifel, ob er auch zur Zahl der Auserwählten
+gehöre; und Luther muß den Schwermütigen oft aufheitern, wenn er
+trübselig und teilnahmslos unter den Gästen und Tischgenossen dasitzt.
+Trotzdem oder gerade deswegen steht er bei Frau Käthe hoch in Gunst, und
+als ihr Gatte während der Rektoratswahl am 1. Mai 1532 einen
+Ohnmachtsanfall bekommt, schickt sie zuerst nach Schlaginhaufen in die
+Festversammlung und dann erst läßt sie Melanchthon und Jonas rufen.
+„Meister Hans“ war willig zu jedem Dienst, nahm sich des Gartens und
+besonders des Bienenstandes der Frau Käthe an, und wurde später als
+Pfarrer im nahen Zahna und dann in Köthen ein tüchtiger
+Bienenvater[365].
+
+Seit 1527 war im Schwarzen Kloster als Hausgenosse der gesetzte, ernste
+30jährige _Hieronymus Weller_ aus Freiberg. Als Luther auf der Koburg
+saß, war er der Hauslehrer des jungen Hans. Sein Bruder Peter, ein
+junger Magister und juristischer Student, welcher ebenfalls später
+unterrichtete, zog 1530 auch in das Kloster; beide als männliche
+„Schirmer“ der von Luther und seinem Famulus Veit Dietrich verwaisten
+Familie. Die Brüder waren sehr musikalisch; ein dritter, namens
+Matthias, sogar in seiner Vaterstadt am Dom Organist und Tonsetzer.
+Peter und Hieronymus erfreuten also die Familie durch ihren hübschen
+Gesang. Aber es war gut, daß der heitere Bruder Peter noch ins Kloster
+kam, denn der hochbegabte Hieronymus war — wie Matthias — zur Schwermut
+geneigt. Und die vielbesorgte Hausfrau wird zugeredet haben, daß der
+Trübsinnige lieber eine Stelle in Dresden annehmen solle; aber er blieb
+bis 1535 und war so acht Jahre in ihrem Haus. Daher kam es, daß auch die
+beiden andern Weller gar oft als Gäste im Kloster weilten. So waren am
+24. September 1533 die zwei oder gar drei Weller da und sangen mit
+Luther. Ebenso 1534. Im folgenden Jahr wurde Hieronymus Doktor der
+Theologie und den Doktorschmaus für acht Tische mußte Frau Käthe
+ausrichten Mit dem Juristen Peter biß sich Luther weidlich herum[366].
+
+Um diese Zeit gehörte auch ein adeliger Böhme, _Hennick_, ein Waldenser,
+zu den Tischgenossen, der später mit Peter Weller zum heiligen Lande
+zog, wo beide gestorben und begraben sind[367].
+
+Als fremdländischer Haus- und Tischgenosse lebte im Lutherhause auch der
+„schwarze Engeleser“ Dr. theol. Antonius (Robert _Barns_), dem Luther im
+Scherz seine Käthe zum deutschen Sprachmeister geben wollte und der auch
+Gast bei den häufigen Hochzeiten im Schwarzen Kloster war. Er war 1529
+seines Glaubens wegen aus der Heimat geflohen, dann von Heinrich VIII.
+als Unterhändler seiner neuen Ehe und „Religion“ gebraucht, aber dann
+doch bei seiner Rückkehr mit zwei Gefährten „von König Heinz wegen
+seines evangelischen Glaubens auf das Schmidfeld hinausgeführt und
+verbrannt worden“. Von dem Märtyrertum „unseres guten Tischgesellen und
+Hausgenossen“ gab Luther dann eine Schrift heraus[368].
+
+Käthes Tischgenosse war ferner der Ungar Matthias v. Vai, ein mutiger
+Mann, dem es daheim besser erging als Robert Barns. Denn als er mit
+seinen papistischem Amtsgenossen in Streit geriet, verklagte ihn dieser
+bei des Woiwoden Bruder, dem Mönch Georg, damals Statthalter in Ofen.
+Dieser wollte bald erfahren, wer recht habe, setzte zwei Tonnen Pulver
+auf den Markt und sagte: „Wer seine Lehre für göttlich erkennt, setze
+sich Drauf — ich zünde es an, wer lebendig bleibt, dess' Lehre ist
+recht.“ Da sprang Vai flugs auf die Tonne, der Priester aber folgte
+nicht und Georg strafte den Priester mit seinem Anhang um 4000 Gulden,
+dem Vai aber erlaubte er, öffentlich zu predigen. Diese rettende,
+mutige That erzählte Luther mit Freude seinen Tischgenossen[369].
+
+Lange Zeit (1529-1534) lebte auch M. Veit Dietrich im Lutherhause. Er
+war ein Nürnberger (geb. 1506), der nach Wittenberg gekommen war, um
+Medizin zu studieren, aber wie manche andere von Luther für die
+Theologie gewonnen wurde (1527) und ihm bald als vertrauter Famulus an
+die Hand ging. Er begleitete Luther auf die Koburg. Dietrich hatte seine
+eignen Zöglinge; von der Koburg sandte er ihnen „Argumente“, die sie
+auswendig lernen sollten, während Luther dieselben durch seinen Brief
+vom Dohlen-Reichstag erfreute. Als Luther vom Reichstag zurückgekehrt
+war, schrieb er dem in Nürnberg zurückgebliebenen Dietrich von dem Stand
+der Dinge in Wittenberg, auch Grüße von der ganzen Tischgenossenschaft
+und Frau Käthe, welche zugleich auszurichten befahl, „Dietrich solle
+nicht glauben, daß sie ihm erzürnt sei“. Dietrich kam nämlich nicht
+recht mit Frau Käthe aus. Er meinte von sich selbst, daß er zwar keine
+krausen Haare habe, aber einen krausen Sinn. Daher riet ihm Luther, ein
+Weib zu nehmen, da werde ihm das schon vergehen. Das wollte Dietrich
+auch. Aber bis er dazu kam, rieb er sich einstweilen, wie es scheint, an
+Frau Käthe. Als sie ihm gar die Liebschaft mit Muhme Lene untersagte,
+zog er im Herbst 1534 mit seinen sechs Scholaren aus dem Hause und
+verbreitete die Rede, die Doktorin sei gegen seine Zöglinge hochmütig
+und berechnet gewesen. Für die Hauswirtin mit ihren eignen fünf kleinen
+Kindern und dem schweren Haushalt war dieser Wegzug wahrlich eine
+Erleichterung[370].
+
+Es gab nun natürlich zwischen Dietrich und dem Lutherischen Hause eine
+Spannung. Diese aber ging vorüber. Als Dietrich im folgenden Jahre in
+seine Vaterstadt Nürnberg berufen wurde und heiratete, schrieb ihm nicht
+nur Luther einen freundlichen Brief, sondern auch Käthe sandte ihm Grüße
+und Glückwünsche zum Ehestand und Amt. Der Briefwechsel dauerte fort bis
+zu beider Männer Tod und auch Käthes Grüße blieben nicht aus[371].
+
+Ein Landsmann von Veit Dietrich, _Hieronymus Besold_, kam einige Jahre
+nach dessen Weggang ins Lutherhaus. Er war durch jenen gegen die
+Hauswirtin eingenommen, so daß er sich anfangs vor ihr als einer
+herrischen und habsüchtigen Frau fürchtete. Aber — er kam doch an ihren
+Tisch und blieb da und verlor seine schlechte Meinung von ihr, wenn er
+auch von Frau Käthe mit Bestellungen in Nürnberg in Anspruch genommen
+wurde und dann einmal nicht wagte, sie an seine Auslagen zu
+erinnern[372].
+
+Um diese Zeit (1537-1542) war auch M. Johann (Sachse aus) _Holstein_ im
+Klosterhaus Tischgenosse, auf dessen rotes Haar der „Schandpoetaster“
+Simon Lemnius (1538) seine wohlfeilen Witze machte. Er war eines
+„ehrbaren, frommen Gemüts und stillen Wesens, dazu ein feiner Magister“.
+Er hatte 17 Jahre studiert und war über zehn Jahre lang Magister
+(Privatdozent) gewesen, gab im Lateinischen, Griechischen und
+Hebräischen keinem etwas nach. Trotzdem konnte er nicht als ordentlicher
+Professor ankommen, so daß sich Luther bei dem Senior der
+„Artistenfakultät“, M. Melanchthon, erkundigen wollte, was für ein Groll
+und Neidhart dahinter stecke. Auch Frau Käthe nahm sich seiner an und
+legte ein gutes Wort bei Meister Philipp ein, das aber eine böse Statt
+fand. So mußte sich Holstein weiter mit Knaben ernähren und wurde
+schließlich Jurist[373].
+
+1539 lebte bei Luther wieder ein „Oestreicher“ als Kostgänger, Huttens
+Freund Wolfgang Angst oder _Schiefer_ (Severus), gebürtig aus dem
+österreichischen Elsaß zu Kaisersberg bei Kolmar. Er war zuvor
+Hofmeister der Söhne des Königs Ferdinand, später Kaiser Ferdinand I.,
+Bruder Karls V. gewesen, mußte aber seines Luthertums wegen flüchten und
+nahm nach Wittenberg seine Zuflucht. Er war ein sehr feiner Mann, noch
+unbeweibt; Luther empfahl ihn dem Kurfürsten zum Hofmeister und hoffte,
+er solle ihm „sehr wohl gefallen“. Aber es wurde nichts daraus, und so
+lebte Schiefer als ein lieber Freund Luthers ins folgende Jahr im Haus.
+Schiefer beteiligt sich gar oft an den Tischgesprächen, ihm soll Frau
+Käthe auch von Luther aus Weimar allerlei über „seinen König Ferdinand“
+ausrichten[374].
+
+Ein ebenso gesetzter Mann kam um diese Zeit als Gast ins Lutherhaus nach
+Wittenberg, _Matthesius_, der 36jährige Schulmeister von Joachimsthal,
+der noch Theologie studieren wollte, um daheim das Pfarramt zu
+übernehmen. Von 1540-42 war er Genosse an Käthes Kosttisch. Er redet
+mit großer Verehrung von ihr[375].
+
+Und endlich kam noch _Goldschmidt_ (Aurifaber) ins Haus, ein Mansfelder.
+Er studierte von 1537-40 Theologie; wurde dann Hofmeister des jungen
+Grafen Mansfeld, und darauf Feldprediger, kam aber 1545 nochmals nach
+Wittenberg und war die ganze Zeit bis zu Luthers Tod um ihn.
+Gleichzeitig war _Rutfeld_ da als Famulus und Präzeptor für Luthers
+Knaben[376].
+
+In dieser letzten Lebenszeit Luthers saß wieder ein Oesterreicher an
+Käthes Tisch, Ferdinand _a Mangis_, ferner ein M. _Plato_ und andere
+Kostgänger[377].
+
+Das war Luthers oder vielmehr Frau Käthes „Tischburse“, an welcher
+teilzunehmen alle, auch die Aeltesten, Geehrtesten und Gelehrtesten für
+ein hohes Glück und große Auszeichnung ansahen. Und wenn es gar einen
+Rundtrank gab aus dem Glase der heiligen Elisabeth von Thüringen, das
+Luther besaß, so galt das als eine besonders feierliche Stunde[378].
+
+Außer diesen erwachsenen und zum Teil sogar in sehr gesetztem Alter
+stehenden Kostgängern gehörten zur „Tischburse“ Luthers noch die
+zahlreichen fremden Kinder, die als Pensionäre gegen und ohne Entgelt im
+Schwarzen Kloster lebten. Käthe setzte eine bestimmte Zahl von solchen
+Kostgängern fest, über die sie mit Recht nicht hinausgehen wollte. Als
+daher der Kanzler Müller zu Mansfeld im Januar 1536 anfragte wegen
+Uebernahme eines gewissen Kegel an Käthes Kosttisch, mußte ihm der
+Hausherr schreiben: „Den Kegel hätte ich wohl gerne zum Kostgänger haben
+mögen aus allerlei Ursachen, aber weil die Purse (Burse) wiederkummt von
+Jena (wohin die Studenten wegen der Pest gezogen), so ist der Tisch voll
+und ich kann die alten Compane nicht also verstoßen. Wo aber eine Stätt
+los (ein Platz leer) würde (was nach Ostern geschehen mag), so will ich
+meinen Willen Euch gern darthun, _wo anders Herr Käthe alsdann mir
+gnädig_ sein wird.“[379]
+
+Also Frau Käthe bestimmte über den Kosttisch. Und das war auch sonst gut
+so. Denn der gutmütige Doktor nahm jeden armen Schelm auf, der sonst
+nicht unterkam oder sorgte für ihn durch Stipendien, so daß aus aller
+Herren Länder und aus allen Städten, sogar aus „Mohrenland“ Schüler und
+Studenten nach Wittenberg strömten „und wir allhie gar sehr überladen
+sind und mehr denn unsre Armut vermag von vielen verjagten und sonst
+guten Leuten, so gern studieren wollen, besucht werden um Hülfe“. So
+mußte z.B. 1533 die Frau Doktorin ihren Mann drängen, an die Stadträte
+von Rothenburg an der Tauber zu schreiben, daß sie sich eines ihrer
+Stadtkinder annähmen, eines Georg Schnell, der „arm war und nichts
+hatte“ als einen guten Kopf und ein frommes Gemüt, und täglicher Haus-
+und Tischgenoß im Schwarzen Kloster war[380]. Einen andern kleinen
+Knaben, der ihnen 1541 vom reichen England durch einen Nürnberger
+Geistlichen aufgehalst war, mußte man nach Nürnberg ins Findlingshaus
+(Waisenhaus) abschieben. Luther mußte sich auf Käthes Vorstellungen an
+den „ehrbaren und fürsichtigen“ Ratsherrn Hieron. Baumgärtner wenden,
+ihrer beiden „lieben Herrn und guten Freund“. „Auf gut Vertrauen, so ich
+zu Euch habe, schicke ich hie einen Knaben, der mir aus England ist
+schalkhaft aufgelogen. Nu ihr aber wisset, was für eine Bettelstadt
+unsre Stadt ist, dazu der Bube noch wohl bedarf einer Magd, die sein
+warte mit Waschen und Lausen usw., mein Zins (Einkommen) aber nicht
+vermöge, ist meine ganz freundliche Bitte, wollet bei den Herren in
+Nürnberg guter Fugge sein, daß er ins Fündli-Haus möchte versetzt
+werden. Wir sind sonst ohnedas, und ich sonderlich, hier gar hoch genug
+beschwert und über Vermögen beladen. Gott behüte mich, daß ich nicht
+mehr so betrogen werde.“[381] Aber auch die andern nicht gerade armen
+Kostgänger ließen es an pünktlicher Bezahlung fehlen und empfanden es
+als Härte von Käthe der Hausfrau, wenn sie „auf richtige Bezahlung
+drang“, während sie von Luther her anders gewohnt und verwöhnt
+waren[382].
+
+Gelegenheit, die jungen Leute nicht nur zu beköstigen, sondern auch in
+Krankheit zu pflegen, hatte natürlich Frau Käthe auch genug. Ein junger
+Adeliger, Sohn eines der vielen Lutherischen Gevattersleute, war 1534 im
+Haus und hielt sich fein. Er machte die Masern durch und wurde von Käthe
+„fleißig gewartet“ nach Dr. Augustins (Schurff) Rat, des Hausarztes und
+Nachbarn. Er wurde gesund. Aber manche diese Krankheiten führten auch
+zum Tode und das mußte den Pflegeeltern, insbesondere der Frau Käthe zu
+schwerer Sorge werden[383].
+
+Wie Frau Käthe bei den Mahlzeiten die leibliche Kost bereitete, so gab
+der gesprächige, unterhaltsame Doktor die geistige Kost, die
+„Tischwürze“.
+
+Luther war von Natur „ein gar fröhlicher Gesell“, ja voll
+übersprudelndem Humor, wenn er sich wohl fühlte, aber auch, wenn er
+Uebles erfahren hatte: Aerger und Verdruß, dem zum Trotz. In seiner
+Beichte vor seinem ersten Krankheitsanfall (1527) sagte er zu
+Bugenhagen: „Viele denken, weil ich mich unterweilen in meinem äußern
+Wandel fröhlich stelle, ich gehe auf lauter Rosen; aber Gott weiß, wie
+es um mich stehet meines Lebens halber. Ich habe mir oft vorgenommen,
+ich wollte der Welt zu Dienst mich etwas ernstlicher und heiliger (weiß
+nicht, wie ich's nennen soll) stellen; aber Gott hat mir solches zu thun
+nicht gegeben.“ Und Bugenhagen bezeugte dabei: „Thut er ihm unterweilen
+über Tisch mit Fröhlichsein zu viel, so hat er selbst keinen Gefallen
+daran und kann solches keinem gottseligen Menschen übel gefallen, viel
+weniger ihn ärgern, denn er ist ein leutseliger Mensch und aller
+Gleisnerei und Heuchelei feind.“[384]
+
+Luther redete gut und gern und viel. Er liebte besonders Sprüche,
+sinnreiche Reden und hübsche Reime, Sprichwörter und Anekdoten. Deren
+wußte er sehr viel und die brachte er am Tisch wie auf der Kanzel vor.
+Ueber und nach Tische wurde zwischen den Reden auch gesungen, und wer
+eine gute Stimme hatte, auch Gäste, mußten mitthun; Luther, der ein
+guter „Lautenist“ war, begleitete den Gesang[385].
+
+So entstanden die berühmten Tischgespräche, die sich um die tiefsten und
+höchsten, die größten und kleinsten Dinge, göttliche und menschliche,
+himmlische und irdische drehten, bald im erbaulichsten Ernst, bald im
+lustigsten Scherz, jetzt sinnig zart, dann in derber Natürlichkeit —
+obwohl der erste und Hauptherausgeber der Tischreden, der ehemalige
+Feldprediger Aurifaber, später Pfarrer in Erfurt, die derben mit
+behaglicher Breite ausmalt, vergröbert und aus dem nicht ganz sauberen
+Schatz seiner soldatischen Erinnerungen und Ausdrucksweisen
+ergänzt[386].
+
+Diese Tischreden wurden nämlich von Luthers Jüngern auf- und
+nachgeschrieben, wie Jesu und Sokrates' Aussprüche und Gespräche; zuerst
+nach dem Gedächtnis, später nach gleichzeitigen Aufzeichnungen.
+
+_Cordatus_ war der erste, der es wagte, hinter dem Tisch sitzend oder
+davorstehend, die geistvollen Reden des Meisters — auch, wie ihm
+Melanchthon warnend bedeutete, manches weniger zur Verewigung geeignete
+Wort — in sein Notizbuch einzutragen. Andre Tischgenossen und Gäste wie
+_H. Weller_, _Veit Dietrich_, _Lauterbach_, _Besold_, _Schlaginhaufen_,
+_Matthesius_, _Ferdinand a Mangis_, _Goldschmidt_ folgten seinem
+Beispiel nach. Auch der Diakonus _Röhrer_, der berühmte Schnellschreiber
+und Notarius (Protokollführer) der Evangelischen auf den Reichstagen und
+Religionsgesprächen, verzeichnete „viel Köstliches“. Und so sind unter
+der zahllosen Menge von Lutherreden (3000) auch einzelne authentische
+Worte der Doktorin überliefert[387].
+
+Wie es bei diesen Tischgesprächen zuging, das erzählt uns Matthesius.
+Bescheiden und sittsam saßen die Leute da und sahen auf „Seine Würden,
+den Herrn Doktor“. „Wenn er uns nun Rede abgewinnen wollte, fing er an:
+„Was hört man Neues?“ Diese erste Vermahnung ließen wir gehen. Wenn er
+aber wieder anhob: „Ihr Prälaten, was Neues?“ da fingen die Alten an zu
+reden. D. Wolf Severus, so der Römischen Königlichen Majestät Präzeptor
+gewesen, saß oben an, der brachte, wo niemand Fremdes vorhanden, als
+gewandter Hofmann was auf die Bahn. Wenn so das Gedöber anging, doch mit
+gebürlichem Anstand, so schossen die andern auch ihren Teil dazu“[388].
+
+Alle möglichen Dinge und Vorkommnisse gaben den Anlaß zu kürzeren oder
+längeren Reden, bald die Tagesneuigkeiten, bald ein Gast, jetzt die
+Kinder mit ihrem Spiele oder Unarten und dann Peter Wellers Hund, der so
+andächtig morgens zum Essen war wie kein Beter. Alles mußte zum
+Anknüpfungspunkt oder zum Sinnbild für höhere Wahrheiten dienen. Und
+nicht selten gab Frau Käthe durch eine Rede oder durch ihre bloße
+Anwesenheit die Veranlassung zu sinnigen Bemerkungen[389].
+
+Die Tischreden wurden meist lateinisch gehalten, wie die Briefe Luthers
+mit allen „gelehrten“, d.h. akademisch gebildeten, Männern lateinisch
+geschrieben wurden. Bei alltäglichen Dingen, wo der deutsche Ausdruck
+geläufiger war, ging es vom Latein ins Deutsche bunt durch einander.
+Wenn ungelehrte Freunde oder Freundinnen zugegen waren, oder Frau und
+Kinder der Unterhaltung folgen sollten, wurde deutsch gesprochen; doch
+liefen auch da lateinische Brocken unter. Am treuesten ist dieser
+Wechsel vom Latein und Deutsch bewahrt in Lauterbachs Tagebuch.
+
+So viel verstanden aber auch die weiblichen Hausgenossen, teils vom
+Kloster her, teils aus dem steten Hören von Lateinisch, daß sie sich
+drein mischen konnten, oft sogar selbst vielleicht mit lateinischen
+Phrasen. So Muhme Lene, welche auf die Frage, ob sie wieder ins Kloster
+wolle, mit Non, Non! antwortete. Besonders aber die Doctorissa, wie sie
+bei den jungen Leuten respektvoll genannt und geschrieben wurde[390].
+
+So redete Luther einmal von der elterlichen Liebe: „Lieber Gott, wie
+wird sich ein Herzpochen erhoben haben, da Abraham seinen einigen und
+allerliebsten Sohn Isaak hat sollen töten! Es wird ihm der Gang auf den
+Berg Moria sauer angekommen sein. Er wird der Sarah nichts davon gesagt
+haben.“ Da fing seine Hausfrau an und sagte: „Ich kann's in meinen Kopf
+nicht bringen, daß Gott so grausam Ding von jemands begehren sollte,
+sein Kind selbst zu erwürgen.“ Luther widerlegte diese verständig
+natürliche Einwendung mit dem theologischen Hinweis auf Gott selbst, der
+ja seinen eigenen Sohn habe kreuzigen lassen. Aber die Doktorin konnte
+sich damit nicht ganz überzeugen lassen[391].
+
+Frau Käthe wußte auch Sagen. So erzählte sie von einem Wasserweib, das
+in der Mulde im Wasser in einem Loche wie in einer schönen Stube
+gesessen und hätte ihr das Wasser nichts geschadet; zu der sei eine
+Wehemutter von einem „Geist“ geführt worden, um ihr beizustehen[392].
+
+Ein andermal wurde bei Tisch erzählt, daß einer in der Stadt die Ehe
+gebrochen. Da entsetzte sich Frau Käthe und fragte den Herrn Doktor:
+„Lieber Herr, wie können die Leute nur so böse sein und sich mit solchen
+Sünden beflecken?!“ Da antwortete er: „Ja, liebe Käthe, die Leute beten
+nicht; so ist dann der Teufel bei der Hand.“[393]
+
+Einmal fing der Doktor mit seiner Käthe eine Disputation an über ihre
+Heiligkeit. Sie erwies sich da als eine tüchtige, in lutherischen
+Gedankengängen geübte Theologin, wurde natürlich aber von dem
+Sieggewaltigen doch widerlegt und überwunden. Er fragte sie, ob sie
+glaube, daß sie heilig wäre? Sie dachte lange nach, dann erwiderte sie:
+„Wie kann ich heilig sein, da ich eine so große Sünderin bin! So sehr
+hat der Papst unser ganzes Wesen verdorben, seine Lehre hat unser
+Innerstes so durchsetzt, daß wir auch mit willigem Ohr Christus nicht
+als unsern Erlöser, als unsere Gerechtigkeit und Heiligkeit erkennen und
+wunderbarer Weise glauben, getauft, ja Christen zu sein und doch nicht
+glauben, heilig zu sein. Denn in der Taufe wird unsre Sünde verbannt und
+uns Christi Gerechtigkeit geschenkt und wir glauben doch nicht, heilig
+geworden zu sein. Soweit wir Menschen, sind wir Sünder, aber weil wir
+getauft sind und glauben, so sind wir heilig durch Christum.“
+
+Luther entgegnete: „Ja, der ganze Christ ist heilig; denn wenn der
+Teufel den Sünder wegführt, wo bleibt der Christ? Daher ist die
+Unterscheidung meiner Gattin nicht gültig. Denn wer durch festen Glauben
+an seiner Taufe hängt, der ist ganz heilig (wie David sich heilig
+nennt). Die Papisten, welche den Artikel von der Sündenvergebung nicht
+verstehen, können diese Heiligkeit nicht glauben noch einsehen, ärgern
+sich nur, wenn sie solches von uns hören.“[394]
+
+Die Ritter vom Geiste waren zu jener Zeit ganz besonders kampfesfreudig
+und die Fehden des Wortes wollten kein Ende nehmen. Insbesondere aber
+waren an Luthers Tische die wissenshungrigen Magister auf diese
+interessanten Privatissima erpicht und vor allem suchten die
+Tagebuchschreiber, die auf jedes Wort vom Munde des Geistgewaltigen
+lauerten, um es gedruckt in die Welt zu senden, diese Gespräche zu
+verlängern. Natürlich hatte Frau Käthe viel weniger Freude an diesen
+theologischen Turnieren; ihr lebhafter Geist, wie derjenige von Jonas,
+mochte langen Erörterungen nicht folgen. Sie unterbrach daher gar oft
+die gelehrten Gespräche, indem sie den geistlichen Fechtern ganz
+gewöhnliche Knüppel zwischen die Schwerter warf, vor allem ihrem
+Gatten, der nicht leicht aufhören konnte, wenn er einmal im Zuge
+war[395].
+
+Wenn des Redens bei Tisch zu viel wurde und dabei die Speisen kalt und
+warm der Trank, da brach Frau Käthe mit einer Strafpredigt los über den
+Text: „Was ist denn, daß ihr ohne Unterbrechung redet und nicht eßt?“
+Ueber diese Störung war der Tischredenschreiber Cordatus entrüstet, er
+hatte gerade eine gar schöne Auseinandersetzung Luthers über das
+Vaterunser, den „Himmelsknecht Gabriel und den Himmelsfuhrmann Raphael“,
+die er „aus vollem glühenden Herzen“ that, heimlich aufgeschrieben. Aber
+Luther wandte die Sache zum Scherz und sagte: „Wenn nur ihr Frauen,
+bevor ihr eine Predigt anfanget, auch beten könntet (d.h. euch sammeln
+und besinnen); ein Paternoster solltet ihr zuvor sprechen!“ [396]
+
+Aber auch Frau Käthe stellte in der Rede ihren Mann. Ueber diese
+weibliche Wohlredenheit wurde sie öfter aufgezogen von Luther. Er fragte
+sie lachend: ob sie predigen wolle und ihrer Predigt so viel Worte
+Betens (als Einleitung) vorausschicke? Oder er neckte sie: die Weiber
+dürften nicht predigen, weil sie nicht beteten vor der Predigt; oder:
+Gott lasse, durch ihr langes Gebet ermüdet, sie gar nicht zum Predigen
+kommen. Einst saß ein gelehrter „Engeleser“ (Engländer) am Tische, der
+kein Wort Deutsch konnte; da sagte Luther zu ihm: „Ich will Euch meine
+Frau zum Lehrer in der deutschen Sprache vorschlagen, die ist gar
+beredt. Sie kann's so fertig, daß sie mich weit überwindet.“[397]
+Freilich setzte er hinzu: „Die Beredsamkeit ist nicht zu loben an
+Frauen; es ziemt sich eher, daß sie bloß lispeln und stammeln. Das steht
+ihnen wohl besser an.“ Und vom Unterschied der weiblichen und männlichen
+Beredsamkeit sagt er in einem andern Tischgespräch: „Die Weiber sind von
+Natur beredt und können die Rethoricam, die Redekunst wohl, welche doch
+die Männer mit großem Fleiß lernen und überkommen müssen. Das aber ist
+wahr: in häuslichen Sachen, was das Hausregiment, da sind die Weiber
+geschickter und beredter; aber im weltlichen, politischen Regiment und
+Händeln taugen sie nichts. Dazu sind die Männer geschaffen und geordnet
+von Gott und nicht die Weiber. Denn wiewohl sie Worte genug haben, so
+fehlet und mangelt's ihnen an Sachen, als die sie nicht verstehen; drum
+reden sie davon auch läppisch, unordentlich und wüste über die Maßen.
+Daraus erscheint, daß das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann
+aber zur Policei (Politik), weltlichem Regiment, zu Kriegen und
+Gerichtshändeln, die zu verwalten und führen.“[398]
+
+So kam Frau Käthe bei den Gesprächen der Männer wohl weniger zum Wort,
+als sie verdient hätte; und noch weniger fand man bemerkenswert, was sie
+sagte. Es ist schade, daß die „Tischreden“ so wenig von der Doctorissa
+berichten. Aber den Tagebuchschreibern kam es vor allem auf theologische
+Erörterungen an — darum ist auch die einzige längere Rede von Käthe, die
+sie der Aufzeichnung wert erachtet haben, eine theologische; zum andern
+wollten sie des Doktors Reden bringen: die Ergüsse seines übergewaltigen
+Geistes schienen ihnen allein der Nachwelt würdig.
+
+
+
+
+13. Kapitel
+
+Hausfreunde.
+
+
+Die Humanistenzeit hatte ein ausgeprägtes Freundschaftsbedürfnis,
+welches nur ein Seitenstück findet in der freundesseligen Stimmung
+unserer klassischen Litteraturperiode im vorigen Jahrhundert. Dieses
+rege Freundschaftsgefühl äußert sich einerseits in den zahlreichen
+Besuchsreisen der befreundeten Humanisten, welche in jener Zeit der so
+beschwerlichen Reisegelegenheiten doppelt auffallen, und dann in dem
+heute ganz unbegreiflich reichen Briefwechsel, in welchem diese
+Gelehrten damals mit einander standen. Alle möglichen Dinge teilte man
+sich brieflich mit, selbst die intimsten persönlichen Erlebnisse und
+Stimmungen; und wenn man gar nichts zu schreiben hatte, so schrieb man
+sich auch dieses. „Ich schreibe Dir, um Dir zu schreiben, daß ich nichts
+zu schreiben habe“, ist kein ungewöhnlicher Briefinhalt dieser Zeit,
+sogar bei Luther[399].
+
+Den größtmöglichen Freundeskreis zählte aber begreiflicherweise das
+Luthersche Ehepaar. Nicht etwa Luther allein, sondern auch Frau Käthe.
+Die vielen jungen Leute, die bei ihr Kost und Pflege fanden, die
+mancherlei Magister, die als Präzeptoren ihrer und anderer Knaben im
+Schwarzen Kloster hausten, die vielen Amtsgenossen und Schüler ihres
+Mannes, die zahllosen Gäste, welche freundliche Aufnahme an ihrem Tische
+erlebten: sie alte kannten und verehrten neben dem gewaltigen Doktor
+auch die weibliche Genossin seiner Freundschaft und Gastlichkeit, Frau
+Käthe. Aus den Schülern wurden Amtsgenossen, aus den Tischgenossen
+Freunde — ein stets wachsender Haufen. Und Luthers alte Bekannte, welche
+Frau Käthe erst durch Briefe oder Besuche kennen lernte, wurden mit der
+Zeit auch ihre Freunde, namentlich wenn sie diese Freundschaft durch
+Grüße, Glückwünsche und Geschenke warm hielten.
+
+Diese umfangreiche Freundschaft wurde auch lebhaft gepflegt. Da ist kaum
+ein Brief, den Luther empfängt oder schreibt, in dem nicht auch die Frau
+Käthe gegrüßt wird oder grüßt, oder Glückwünsche und Beileidsbezeugungen
+zu allerlei Familienereignisse und Glückwechsel empfängt und sendet.
+
+Gar oft begnügt sich aber Frau Käthe nicht mit einem bloßen Wortgruß,
+sie fügt auch in ihrer praktischen Weise einen guten Rat bei, eine
+Mahnung, oder ein Rezept, eine Arzenei, eine Wurzel gut fürs Steinleiden
+u. dgl.
+
+Noch viel häufiger aber hat Frau Käthe zu danken für allerhand
+Geschenke. Und nicht zum wenigsten nützt die wirtliche Hausfrau die
+Freundschaften aus zu allerlei hauswirtschaftlichen Aufträgen. Dies ging
+bei Lauterbach sogar soweit, daß Luther selber einmal bei einer solchen
+Bestellung meint, sie hätte den Freund förmlich in Dienst und Beschlag
+genommen[400].
+
+Wie begreiflich, waren die Hausfreunde in einem so ausnehmend
+theologischen Hause auch fast lauter Theologen. Weltlich waren nur die
+Verwandten: Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen, einige vornehme
+Gevattersleute, wie die Kanzler Müller und Rühel in Mansfeld, die Goritz
+in Leipzig, Hans von Riedtesel und Hans von Taubenheim, der
+Landrentmeister in Torgau, an welchen Frau Käthe in die Ferne
+freundliche und ehrerbietige Grüße, Glückwünsche oder Einladungen
+sendet oder gar selbst einmal zu einem Brief — natürlich einem
+Geschäftsbrief — sich aufschwingt. Auch der Straßburger Syndikus Gerbel
+läßt Frau Käthe tausendmal grüßen. Der Stadtschreiber Roth von Zwickau
+läßt ein Exemplar seiner Postille für die Doktorin binden und schenken
+und sendet ein Glas, das „fein ganz“ ankommt. Endlich war noch eine
+liebenswürdige Adelsfamilie Jörger von Tollet im Oesterreichischen, eine
+Mutter mit mehreren Söhnen, welcher Luther einen evangelischen
+Hauskaplan besorgt hatte (1525) und allerlei seelsorgerliche Ratschläge
+gab, die sich nun dankbar erwies in zahlreichen und teuren Geschenken:
+„ungarische Gulden“, „Kütten-Latwerg“ und andere „treue und teure
+Gaben“; auch ein Stipendium sandte sie von 500 Goldgulden für arme
+Gesellen, die in der heiligen Schrift studieren. Später studierte auch
+ein Enkel der Jörgerin in Wittenberg. Mit dieser „ehrenreichen, edlen
+Frauen Dorothea Jörgerin, als besonders guten Freundin“, wurden gar
+zahlreiche und freundliche Briefe gewechselt, worin auch Luthers
+„Hausehre Frau Käthe“ oft zum Gruße kommt[401].
+
+Mit dem evangelischen Bischof von Naumburg, Nikolaus _v. Amsdorf_,
+wechselte Frau Käthe ehrerbietige Grüße, namentlich seitdem sie durch
+den Besitz von Zulsdorf die Nachbarin des gnädigen Herrn Bischofs
+geworden (1542); sogar mit einem Besuch „droht“ sie auf „künftigen
+Sommer“. Sonst hatte man freilich mit dem ehelosen und hochgestellten
+Mann weniger intime Beziehungen. Doch besorgte er auch einmal für 7 fl.
+Butter und Stockfisch ins Lutherhaus[402].
+
+Mit dem kleinen M. Joh. _Agrikola_, dem Pfarrer von _Eisleben_ und
+seiner Else, stand die Luthersche Familie gleich von Anfang an in
+lebhaftem Verkehr. „Sie konnte ihn auch sehr wohl leiden.“ Er hatte
+schon 1523 zu dem Kreise der jungen Nürnberger gehört, welche über die
+Verlobung Baumgartens mit Käthe sich aussprachen und steht auch jetzt
+noch in regem Briefwechsel mit Wittenberg[403]. Da giebt's Grüße an Weib
+und Kinder, hinüber und herüber; auch ein Pelzrock wird dorther besorgt,
+der Frau Käthe nur zu teuer ausfällt, und Elsbeeren oder kleine
+Mispelchen werden bestellt, nach denen Frau Käthe eben Gelüste bekommt.
+1529 wird Agrikola nach Wittenberg geladen. 1530 sendet er vom
+Augsburger Reichstag über Koburg einen scherzhaften Brief zur Besorgung
+an Frau Käthe, über den ihm Luther schreibt: „Ich errate leicht, was sie
+Dir antworten wird. Wenn sie den Brief gelesen hat, wird sie lachen und
+sagen: Ei, wie ist M. Eisleben doch ein Grundschalk!“[404] Luther nahm
+sich Agrikolas an, als es dem beweglichen und ehrgeizigen Mann nicht
+mehr in Eisleben gefiel. Und als er 1536 seine Stelle kündigte und in
+Wittenberg nicht gleich eine bequeme Wohnung fand, so öffnete sich ihm
+das Klosterhaus und Agrikola zog ein mit Weib und Kind. Als dann Luther
+zu Anfang 1537 nach Schmalkalden zog, vertraute er Agrikola nicht nur
+„Lehre, Predigtstuhl und Kirche an“, sondern auch „Weib, Kind, Haus und
+Heimlichkeit“[405]. Als aber Agrikola ein „Antinomist“ (Bestreiter der
+Giltigkeit des Gesetzes für die Christen) wurde, da entbrannte Luthers
+Zorn wider ihn und er entzog ihm die vorher gewährte Erlaubnis, in
+Wittenberg Vorlesungen zu halten. Agrikolas Frau, zu welcher Luther ganz
+väterlich stand, so daß er sie mit Du anredet, that zwar vor dem Doktor
+einen Fußfall und dieser nahm ihren Mann wieder zu Gnaden an (1538);
+aber Agrikola entzog sich dem Einfluß Luthers, ging nach Berlin und die
+Freundschaft mit dem „Meister Grickel“ hörte natürlich auch für Frau
+Käthe auf, ohne wieder angeknüpft zu werden. Als später einmal (1545)
+Agrikola mit Weib und Tochter nach Wittenberg kam, durften bloß die
+beiden Frauen ins Klosterhaus kommen; aber das Töchterlein fanden die
+Lutherischen eitel und vorlaut wie ihren Vater[406].
+
+Mit dem Pfarrer Jakob _Probst_ in Bremen, einem früheren Klostergenossen
+Luthers, auch einem Gevatter, stand ebenso die Lutherische Familie in
+früher Verbindung. Familiennachrichten werden ausgiebig mitgeteilt;
+Käthe und auch das kleine Patchen Margaretel senden regelmäßig Grüße an
+den fernen Gevatter und danken für Patengulden und andere Geschenke. Ihm
+empfehlen die Eltern ihre Jüngste zur Versorgung, da Probst sie sich zum
+Patchen auserlesen. Und „Herr Käthe“ befiehlt ihrem Gatten, noch
+scherzend anzufragen, ob denn die Nordsee ausgetrocknet sei, seitdem das
+Evangelium die Erlaubnis zum Fleischessen gebracht habe? Denn niemals
+habe es in Wittenberg weniger Seefische gegeben, so daß man schon durch
+die Hungersnot zum Fleischessen gezwungen werde, wo nicht etwa die
+Fische und das Meer sich vor des Papstes Zorn ängstigten, nachdem man
+ihn zu Lande verachte. Am 14. Juni 1542 kam Probst, jetzt ein alter
+Mann, nach Wittenberg, um seinen Vater D. Martinus noch einmal zu sehen.
+Das war ein gar unerwarteter lieber Besuch und Frau Käthe wird ihm den
+Aufenthalt recht angenehm gemacht und das Margaretlein den Paten
+fröhlich begrüßt und ihm mit ihrer hübschen Stimme etwas vorgesungen
+haben[407].
+
+Weniger im Verkehr war man mit dem früheren Prior des Schwarzen Klosters
+Eberhard _Brisger_, Pfarrer in Altenburg; doch tauschte auch mit ihm
+Käthe Grüße aus[408].
+
+Der ehemalige Klosterbruder (Stiftsherr der „Brüder vom gemeinsamen
+Leben“) Gerhard _Viscampius_ zu Herford war auch ein besonders guter
+Freund der Familie Luther und Melanchthon und sie nahmen warmen Anteil
+an ihm. 1528 sendet er an das Lutherische Ehepaar Tuch und zwei Lampen,
+welche die zwei Gatten jede Nacht ständig gebrauchten. Dafür soll er
+auch regelmäßig Luthers Schriften erhalten[409].
+
+Der alte „Stürmer und Schwärmer“ D. Gabriel _Zwilling_, Luthers
+Klostergenosse, der ihm auf der Wartburg mit seiner Bilderstürmerei so
+zu schaffen machte, war, nachdem er seinen Radikalismus ausgetobt, ein
+ruhiger Pfarrherr zu Torgau geworden. Er hatte zur Befreiung der Nonnen
+aus Nimbschen mitgewirkt, und kam verschiedentlich nach Wittenberg,
+durfte auch einen etwas schweren Auftrag Käthes wegen Beschaffung eines
+Leinenkastens besorgen[410].
+
+Der Reformator und Stadtprediger von Gotha, _Mykonius_, der auch zur
+Zeit der „Wittenberger Konkordia“ sich im Lutherhause aufhielt, bekam
+von Käthe Grüße, Glückwünsche, Danksagung für ein „Käse-Geschenk“, auch
+Verhaltungsmaßregeln gegen seine Frau und Teilnahme an seinem
+Brustleiden[411].
+
+Ein besonderer Verehrer der Frau Doktorin war der feine Straßburger
+_Capito_ (Köpflin), welcher im Jahre 1536 mit Butzer in Wittenberg die
+„Konkordia“ der sächsischen und oberländischen Kirche zustande brachte
+und dabei im Lutherhause verkehrte. Er läßt die „treffliche Frau
+Katharina von Bora, seine Wirtin“, grüßen und sendet nach seiner
+Heimkehr ihr einen goldenen Ring als Zeichen seiner Gesinnung gegen sie,
+„welche mit Recht so hoch geschätzt wird, weil sie mit hausmütterlicher
+Sanftmut und Emsigkeit die Versorgung unsres Lehrers übt“. Und auch Frau
+Käthe schätzt den Straßburger Gast. Wiederholt läßt er sie grüßen und
+verspricht ihr zur Frankfurter Messe 1537 einen Brief. Capito erbat sich
+sogar mit den übrigen Straßburger Freunden Gerbel, Butzer u.s.w. den
+Sohn Hans erziehen zu helfen[412].
+
+In _Nürnberg_ hatte Luther und damit auch seine Käthe, allerlei gute
+Freunde, besonders seine beiden Ordensbrüder, Wenceslaus _Link_ und Abt
+_Friedrich_ (Becker, Pistorius), die ihm manches schöne Geschenk und
+Gerät an Uhren, Drechslerwerkzeug, Holz- und Kupferstichen, feines Obst,
+Sämereien aus der reichen Freistadt besorgten. Auch sie läßt Käthe
+grüßen[413].
+
+In der Reichsstadt lebte aber auch ihre „alte Flamme“, wie Luther
+schreibt, der Ratsherr Hieronymus _Baumgärtner_. Die alte Liebe zu ihm
+hatte sich zu herzlicher Freundschaft gestaltet, und es ist ein gar
+schönes Zeichen eines natürlichen und gesunden Gefühls, daß sowohl
+Luther als Frau Käthe in ganz unbefangener offener Weise von dieser
+liebenden Verehrung für den ehemaligen Geliebten reden unter sich und
+dem gemeinsamen Freund gegenüber: „Es grüßt Euch verehrungsvoll meine
+Käthe, Eure alte Flamme, welche Euch ob Eurer Tugenden und Vorzüge mit
+neuer Liebe umfaßt und von ganzem Herzen Euch wohl will.“ Von Koburg
+schreibt Luther am 1. Oktober 1531 an Baumgärtner: „Ich grüße Dich im
+Namen meiner Herrin, Deiner einstigen Flamme; so werde ich ihr erzählen,
+wenn ich heim komme. So pflege ich auch sie in Deinem Namen zu necken.“
+Als 1543 Luther durch seinen Tischgänger Besold einen Brief erhielt,
+rühmte er des Briefschreibers Sittenreinheit, Frömmigkeit und Tugend. Da
+fragte Luthers Gattin „nach ihrer Gewohnheit“, wer denn der Schreiber
+des Briefes wäre. Luther antwortete: „tuus ignis Amynthas: Dein alter
+Buhle (Liebhaber).“[414] Der Ton, diesem Freunde gegenüber, ist ein gar
+herzlicher, namentlich in dem Trostbrief Luthers an Baumgärtner und
+seine Frau, als der Nürnberger Kaufherr von dem Ritter Albrecht von
+Rosenberg (bei Mergentheim) gefangen genommen und lange in Haft gehalten
+wurde, so daß Frau Sibylle mit ihren fünf unerzogenen Kindern länger als
+ein Jahr um das Leben ihres Ehewirts in Angst schwebte. Die Wittenberger
+Freunde beteten in der Kirche öffentlich um die Freilassung und gingen
+den Landgrafen von Hessen darum an[415].
+
+Auch Veit _Dietrich_ blieb trotz seines Spanes mit Käthe nicht nur
+Luthers Freund nach seinem Wegzug nach Nürnberg, wo er Pfarrer an der
+Sebalduskirche wurde, sondern auch mit Frau Käthe stellte sich bald
+wieder ein freundliches Verhältnis her. Sie läßt ihn wiederholt
+grüßen[416].
+
+Mit den Freiberger „Geschwistern _Weller_“, dem jüngsten Peter, dem
+Komponisten Matthias und besonders dem Theologen Hieronymus, aber auch
+der Schwester Barbara Lischner standen die Lutherischen Eheleute in
+freundschaftlichem Verhältnis. Der eine mußte in seiner Schwermut
+aufgerichtet werden, der andere versorgt, die Schwester belehrt über den
+heimlichen Empfang des heiligen Abendmahls[417]. Dem Komponisten
+Matthias läßt Luther mit Frau Käthe danken, für sein „gutwillig Herz, so
+er erzeigt hat mit dem Gesang und den Borsdorfern.“ Das Lied sängen die
+Männer unter Tisch, so gut sie's könnten. „Machen wir etliche Säue
+(Böcke, Fehler) darunter, so ist's freilich Eure Schuld nicht, sondern
+unsre Kunst. Wenn's schon alle Komponisten gut machen, so ist unser
+Ernst wohl noch weit drüber und können's böse genug singen. Es folgen
+uns alle Regiment der ganzen Welt; sie lassen Gott und alte Vernunft
+sehr gut Ding komponieren und stellen, aber sie singen auch, daß sie
+wert wären einen Markt eitel Würste aus den Säuen oder Klöppel in den
+Feldglocken[418]. Darum müßt ihr Komponisten uns auch zugut halten, wenn
+wir Säue machen in den Gesängen. Denn wir wollten's lieber treffen denn
+fehlen. Solchen Scherz, bittet meine liebe Käthe, wollet ihr für gut
+annehmen, und läßt Euch freundlich grüßen. Hiemit Gott befohlen. 1535.
+Priska-Tag.“[419]
+
+Dr. Hieronymus Weller heiratete um diese Zeit ein Freiberger Mädchen,
+die Tochter G. am Steige. Natürlich sollte ihm Frau Käthe die Hochzeit
+in Wittenberg ausrichten. Aber Frau Käthe war damit nicht einverstanden;
+kannte sie doch die große Unmuße und Unkosten, welche ein Doktor in
+einer Universitätsstadt aufwenden müsse: und hier wäre sowohl der
+Hochzeiter, wie der Hochzeitgeber ein Doktor; daher müßten viele Leute
+eingeladen werden; Weller solle sich die Liste, die beigelegt sei,
+einmal ansehen und werde dann merken, welche Menge geladen werden müßte
+(wenn man auch einige streichen könnte), wofern man des Hochzeiters und
+seiner Angehörigen Ehre bedenke, zumal man die angesehenen Freunde doch
+ehrenvoll bewirten müsse. Das sei sehr schwer. Auch koste es mehr als
+100 fl. Die Eheleute rieten Weller daher, die eigentliche Hochzeit
+anderswo zu halten und es einzurichten wie M. Kreuziger und Dr. Brück,
+nämlich mit geringer Begleitung nach der Universitätsstadt zu kommen, zu
+einem Morgen- oder Abendessen mit zwei oder drei Tischen. Hoffentlich
+war der Dr. Hieronymus und seine Braut so verständig und gingen darauf
+ein. Während der ledige Doktor bei Luthers gewohnt hatte, zog er mit
+seiner jungen Frau in ein eigenes Haus in der Nachbarschaft. Nicht lange
+darauf wurde Weller Pfarrer in seiner Vaterstadt Freiberg, wo Herzog
+Georgs Bruder Heinrich residierte und dem Evangelium beitrat; er blieb
+aber in regem Verkehr mit dem Lutherhaus[420].
+
+Nach Freiberg wurde 1538 auch M. Nikolaus _Hausmann_ als Stadtpfarrer
+berufen. Er war einer der ältesten und besten Freunde des Lutherischen
+Hauses, ein sanfter, liebenswürdiger Mann und Junggeselle. Zuerst in
+Zwickau angestellt (bis 1532), wurde er dann Hofprediger bei den drei
+Anhalter Fürsten in Dessau (1532-38). Die Bekanntschaft Käthes mit ihm
+ging durch ein zierliches und mühsam geflochtenes Körbchen und das
+schöne Glasgefäß, welches Hausmann selbst gemalt und als Andenken in den
+jungen Haushalt geschickt hatte und das Käthes Wohlgefallen erregte (S.
+96)[421]. Von da an sendete Frau Käthe dem Zwickauer Stadtpfarrer stets
+angelegentliche Grüße und wird wieder gegrüßt in den zahllosen Briefen,
+die fast jede Woche zwischen dem Wittenberger Kloster und dem Zwickauer
+Pfarrhaus hin und wieder fliegen. Sie empfiehlt sich in schweren Zeiten
+seinem Gebet oder bedankt sich für gesandtes Chemnitzer Leinen, wofür er
+eine Last lutherischer Schriften durch den Paketträger erhält[422]. Auch
+„lebendige Briefe“ gingen hin und her: allerlei Freunde und Bekannte,
+namentlich seitdem auch Cordatus nach Zwickau versetzt war, anfangs
+1529.[423] Oefters wird Hausmann eingeladen: seine Stubella (Stüblein)
+sei bereitgestellt und alles gerüstet — trotzdem Frau Käthe einen jungen
+Erdenbürger erwartet. Einigemale kam auch Hausmann wirklich den weiten
+Weg nach Wittenberg[424].
+
+Im August 1531 ging Hausmann von dem schwierigen Zwickau weg, hielt sich
+auch in Wittenberg auf. Von dem nahen Dessau aus war noch ein viel
+regerer Verkehr möglich. Das erste Zeichen war ein Wildschwein, das von
+der Residenz kam und zum Martinstag von den Freunden des Lutherhauses
+verspeist wurde. Als er krank wird, bekümmert sich „Herr Käthe“ in gar
+„stattlichem stetem Gedanken um den Freund“. Ja, da dieser so oft
+kränklich ist, will Luther ihn gar zu sich nehmen, damit er der Stille
+und Ruhe genieße. 1538 kam aber Nikolaus Hausmann als Superintendent
+nach Freiberg, wo sein Bruder Valentin lebte. Hier traf ihn bei seiner
+Antrittspredigt am 3. November auf der Kanzel der Schlag. Die Freunde
+und die Hausfrau verheimlichten Luther den Tod seines lieben Genossen
+und brachten ihm die Nachricht erst allmählich bei — er aber saß einen
+ganzen Tag und weinte, und auch Frau Käthe wird dem Getreuen ihre
+Thränen nachgeweint haben[425].
+
+Der frühere Tischgenosse _Schlaginhaufen_ war im Jahre 1532 nach Zahna,
+nur zwei Stunden von Wittenberg, als Pfarrer gesetzt worden, wo er mit
+dem Lutherhause in enger Verbindung blieb, und z.B. einmal die von
+Luther so geliebten Mispeln schickte. Aber in dem ärmlichen und der
+Gesundheit des schwachbrüstigen Mannes wenig zuträglichen Orte hielt er
+es nur ein Jahr aus. Er wurde dann Pfarrer in Köthen und reformierte
+dies Ländchen. Dahin grüßt auch Frau Käthe. Er reiste mit nach
+Schmalkalden, begleitete den erkrankten Luther zurück bis Tambach, lief
+dann mit der Kunde von dessen Besserung nach Schmalkalden und rief zu
+den Fenstern an der Herberge des Legaten hinauf: Lutherus vivit!
+Lutherus vivit! (Luther lebt! Luther lebt!)[426].
+
+Mit dem Pfarrhaus von Leisnig standen Luther und seine Käthe in regem
+Verkehr. Sie senden in zahlreichen Briefen Grüße an ihre ehemaligen
+Tischgenossen M. _Lauterbach_ und seine Hagnes oder Nise (Agnese) und
+Elslein („Lamm“ und „Lämmlein“); sie geben ihm allerlei zu besorgen, so
+Frau Käthe einen Katechismus an eine arme ehemalige Nonne, Christina v.
+Honsberg, jetzt Gattin von Georg Schmid. Der Bischof von Meißen hatte
+sich gegen Lauterbach gesträubt, weil er nicht geweiht wäre; da sagte
+Lauterbach zu dem bischöflichen Amtmann: „Ich bin genug geweiht durch
+mein Weib (denn sie war eine Nonne) und Mann und Weib ist ein
+Leib“[427]. Da der andre Pfarrer in Leisnig sich nicht mit Lauterbach
+vertrug, so verzog dieser als Diakonus nach Wittenberg, wo er von
+1536-39 lebte, um dann als Superintendent nach Pirna ins evangelisch
+gewordene Herzogtum Sachsen zu kommen. Zu Wittenberg als Amtsgenosse
+Luthers verkehrte er viel im Klosterhaus; auch seine Frau war öfter da
+und gab einmal auf eine theologische Frage eine gar feine Antwort. Es
+war an sie dieselbe Frage gerichtet, wie an Frau Käthe, ob sie heilig
+wäre; da sagte sie, sie wäre heilig, so viel sie glaubte; wäre aber eine
+Sünderin, sofern sie ein Mensch wäre. Von Pirna hat Lauterbach die
+Steinmetzarbeit an der Hausthür für Frau Käthe besorgt, weiterhin
+Rebpfähle, mehrmals Pelzröcke für die Töchter, auch Butter und Aepfel,
+Borsdorfer und andere, „rötliche“, von welchen sich dann Frau Käthe auch
+Zweige zur Veredlung bestellt[428].
+
+Georg _Spalatin_ war bald nach Luthers Vermählung aus dem Hofdienst
+getreten, hatte sich verheiratet und war neben M. Eberhard Brisger
+Oberpfarrer von Altenburg geworden. Weil diese Stadt ziemlich weit
+ablag, so kam der alte Freund Luthers nur bei besonderen Veranlassungen
+amtlicher Art nach Wittenberg; auch Luther konnte, so sehr er voll
+Sehnsucht nach des Freundes Umgang war, schwer nach Altenburg kommen,
+nicht einmal zur Hochzeit Spalatins, weil er eben die Flucht der 13
+Nonnen aus Freiberg veranstaltet hatte. Um so häufiger aber sandten sich
+die Freunde Briefe und Boten und teilten sich die häuslichen
+Vorkommnisse mit und Frau Käthe drängt dabei ihren Mann zum Schreiben.
+„Meine Rippe“ oder „mein Herr Käthe“ senden an Spalatin und „seine
+Rippe“ oder „Kette“ (sie hieß auch Katharina), seine „Hindin“ und ihre
+Kleinen Grüße und Glückwünsche, wünscht ihm auch ein kleines
+„Spalatinlein, das ihn lehre, was sie sich rühmt von ihrem Hänslein
+gelernt zu haben, nämlich die Frucht und Freude des Ehestandes, deren
+der Papst mit seiner Welt nicht wert ist“[429]. Den in Schmalkalden
+schwer erkrankten Luther ließ Frau Käthe ins Altenburger Pfarrhaus
+bringen und bleibt dort mehrere Tage. Voller Dankbarkeit und Anerkennung
+ist sie für die „freundliche Liebenswürdigkeit und liebenswürdige
+Freundlichkeit“, die sie mit ihrem Gatten im Hause des feinen Mannes
+erfahren. Sie ist unglücklich, daß sie in der Aufregung den Töchtern
+Spalatins nichts mitgebracht und sendet ihnen schön gebundene Büchlein,
+ihr gewöhnliches Geschenk[430]. Nochmals nimmt sie die Liebenswürdigkeit
+des Altenburger Pfarrherrn in Anspruch, als sie ihre Bauten in Zulsdorf
+ausführt. Weil Spalatin gerade um diese Zeit nach Wittenberg kam, so
+giebt sie ihm allerlei Aufträge mit, da Zulsdorf von Wittenberg so weit
+weg und näher bei Altenburg lag und sie wegen der bestehenden
+Winterszeit nicht dahin kommen konnte. Da soll er, der ehemalige
+Hofmann, bei dem Schöffer dafür sorgen, daß sie Eichenstämme und dicke
+Prügel für Bauten bekomme in ihrem neuen Reich. Da empfiehlt sie ihre
+Fuhrleute und Handwerker der Fürsorge Spalatins. Und dieser interessiert
+sich für ihre Zulsdorfer Unternehmungen so sehr, daß ihm Luther
+ausführlich über all die Mißgeschicke schreiben muß, welche seine Frau
+mit den sächsischen „Harpyen“ hat, welche ihr Bauholz wegstibitzen.
+Dafür schickt die arzneikundige Doktorin dem Herrn Oberpfarrer auch eine
+Wurzel gegen den Stein, die sich bei Luther recht wirksam gezeigt
+hatten.[431]
+
+Ein Freund der Familie Luther war auch ihr Gevatter _Hans von
+Taubenheim_. An ihn wendet Käthe sich vertraulich mit wirtschaftlichen
+Anliegen. Aber sie nimmt auch Teil an seinem Schicksal, als er 1539,
+scheint's, in Ungnade fiel. Luther muß ihm schreiben: „Meine Käthe läßt
+Euch herzlich grüßen und weinet bitterlich über Euren Unfall und sagt:
+wenn Euch Gott nicht so lieb hätte, oder wäret ein Papist, so würd er
+Euch solch Unglück nicht geschehen lassen.“[432]
+
+Alle diese Freunde des Lutherhauses lebten auswärts und waren nur
+besuchsweise oder doch vorübergehend in Wittenberg. Die befreundeten
+Familien in der Stadt selbst waren die der Amtsgenossen Luthers: die
+Professoren Kreuziger, Jonas und Melanchthon und die Pfarrer Bugenhagen
+und Röhrer, weniger bedeutend der andere Schloßprediger D. Georg Major,
+der Professor des Hebräischen Matthäus Aurogallus (Goldhahn),
+Melanchthons Busenfreund Paul Eber, D. Hier. Schurf, endlich sein
+Bruder, der Hausarzt und Nachbar, Professor Augustin Schurf, dessen Weib
+Hanna von Frau Käthe in der Pestzeit ins Haus genommen und gepflegt
+wurde. Sie alle waren vielfach Gäste in Luthers Haus, namentlich bei der
+Bibel-Uebersetzung. In ihrem Kreise ließ sich Luther mehr gehen, als an
+der Tafelrunde der Tischgenossen, mit „fröhlicher Laune und witzigem
+Scherzwort“[433].
+
+_Kreuziger_, Dr. der heiligen Schrift, Luthers treuer Freund und
+„Fürbund“, den er (seit 1528) zu seinem „Elisa“, seinem Nachfolger in
+der Theologie erlesen hatte, der auch Luthers Testament unterschrieben
+hat, war — ausnahmsweise — ein wohlhabender Theologe[434]. Für ihn
+besorgte Frau Käthe Aufträge und seine Frau Elisabeth, eine gewesene
+Nonne aus Pommern, bringt ihr ein goldenes Meßgeschenk, wofür Luther an
+Kreuzigers Frau ein gleiches schickt. Diese, Elisabeth von Meseritz, war
+die Dichterin eines Liedes, das Luther in sein Gesangbuch setzen ließ.
+Es beginnt:
+
+ Herr Christ, der Einige Gottes
+ Vaters in Ewigkeit,
+ Aus seinem Herz entsprossen
+ Gleichwie geschrieben steit.
+ Er ist der Morgenstern,
+ Sein' Glanz streckt er so fern
+ Vor andern Sternen dar[435].
+
+Elisabeth starb früh, so daß Kreuziger zur zweiten Ehe schritt (1530);
+mit der Hochzeit wollte er aber Frau Käthe nicht beschweren und hielt
+sie auf Schloß Eilenburg ab, das ihm der Kurfürst auf Luthers Bitte
+dafür zur Verfügung stellte. Dagegen ist er eingeladen bei Luthers
+Geburtstagsschmaus[436].
+
+_Bugenhagen_ oder D. Pommer, der stattliche und würdige Propst,
+Professor und Stadtpfarrer und geborene General-Superintendent
+(1536)[437], war mit seiner pommerschen Gelassenheit ein gar milderndes
+Element in dem Lutherischen Hause, dessen Beichtvater er war. So hielt
+er auch neben Luther ruhig in der Pestzeit aus. Trotz seines würdevollen
+Wesens war er doch „im gemeinen Wandel eines liberalischen, fröhlichen
+und fertigen Gemüts“. Er stellte sich von Anfang auf Frau Käthes Seite.
+Er half ihr — nebst dem Kapellan Röhrer — das schöne Glas vor Luthers
+Geschenkwut retten. Er hielt sich gar viel im Kloster auf; ja er wohnte
+sogar in Luthers Anfechtungen dort[438]. Luthers Briefe grüßen gar oft
+in einem Atem: Dr. Pommer und meine Käthe oder meine Käthe und Dr.
+Pommer. Einmal schreibt er sogar im Hause und Namen Luthers einen Brief
+an Spalatin, worin „Dominus mea“ („meine Herr“ Käthe) grüßte. Einen
+Brief Luthers an Frau Käthe sollte in ihrer Abwesenheit Pfarrherr D.
+Pommer erbrechen und lesen[439]. Umgekehrt hat Frau Käthe auch allerlei
+an D. Pommer auszurichten, sogar allerlei Theologisches in lateinischen
+Wendungen von den Argumenten Zwinglis in Marburg und Kirchenpolitisches
+von Augsburg. „Sage D. Pommer“, heißt es dann in Luthers Briefen an
+seine Frau[440]. Der behagliche Pommer ergötzte die Freunde gar sehr mit
+seinen Sprüchen, namentlich in breitem Platt; aber er lachte auch, wenn
+der „schwäbische“ Pfälzer Melanchthon sich im Plattdeutschen versuchen
+wollte. Im Dezember 1527 erwartet der Propst im Lutherhause die
+Niederkunft seiner Frau. Sie und Frau Katharina lagen fast zu gleicher
+Zeit in den Wochen: Frau Pommer mit einem Knäblein, Frau Käthe mit ihrem
+Töchterlein Elsbeth. Bald darauf starben ihr zwei Söhne[441]. 1528 wird
+zu Bugenhagens Reise nach Braunschweig von Luthers „Eva“ im Kloster ein
+Abschiedsmahl gehalten; er wurde aber auch nach Hamburg „geliehen“, dann
+nach Lübeck, Pommern und Dänemark, und erzählte dann daheim, nach der
+Landesart gefragt, zum Ergötzen der „Tafelrunde“, dort tränken die Leute
+„Oel“ und äßen „Schmeer“ (d.h. Bier und Butter). Bugenhagen war also
+viel weg von Wittenberg, zur großen Sorge Luthers, der seine
+Arbeitslast als Stadtpfarrer und Professor noch dazu übernehmen mußte.
+So hatte auch Frau Käthe gar oft nach dem „Pommerischen Rom“ mit seinen
+kleinen Weltbürgern in der Superintendur am Kirchenplatz zu sehen[442].
+
+Justus _Jonas_, „der Rechte Licentiat und Erfurter Kanonikus“ nachher
+(1521) Professor, D. der Theologie und Propst des Allerheiligenstiftes,
+nahm im Lutherhause eine ähnliche Stellung ein, wie Bugenhagen. Nur
+hatte er in seinem Wesen nicht die stoische, gesunde Ruhe des D. Pommer.
+Er war vielmehr kränklich und etwas erregt, ein lebhafter Sprecher,
+„unser Demosthenes“, der lieber redete als schrieb; denn er „drohte“ nur
+Briefe zu schreiben, führte es aber nicht aus, wie Luther scherzt. Die
+Familie wohnte in der Fischervorstadt, hatte auch Garten und Weinberg.
+Während der Pest 1527 und wieder 1535 zog Jonas mit Weib und Kind in
+seine Vaterstadt Nordhausen bezw. nach Jena. Er war bei den
+Verhandlungen in Augsburg, Marburg, Frankfurt, Schmalkalden u.s.w. viel
+abwesend von Wittenberg, so daß Luther viele und häufige Briefe an ihn
+zu schreiben hatte, in denen Frau Käthe mit Grüßen, Aufträgen und
+Mahnungen und dgl. sich hören läßt. Umgekehrt grüßt auch Jonas die Frau
+Doktorin, Muhme Lene, Hänschen, Lenchen — und sendet seinem Paten einen
+silbernen Johannes, d.h. einen Joachimsthaler (Gulden) mit dem Bildnis
+des Kurfürsten Johann[443]. Jonas hatte sich schon 1522 verheiratet mit
+Katharina von Falk. Sie hatte eine große Kinderschar (1530 schon 5
+Söhne), aber viele starben jung; bekannt sind davon Jost, Christoph,
+„Sophiela“, „Elisabethula“, auch eine Großmutter lebte im Haus und
+erhielt von Luther Grüße[444]. Frau Käthe Jonas war eine muntere,
+heitere Frau. Von ihr meldete im Sommer 1529 der Wittenberger
+Stadtschreiber Baldunai: „Ich hab' Melanchthon mit der Pröpstin tanzen
+sehen! Es ist mir wunderlich gewesen.“ Auch Luther richtet an sie
+gelegentlich einen scherzhaften Brief als der „Ehrbaren, Tugendsamen
+Frauen Kathrin Dokterschen Jonischen, Propstin zu Wittenberg, meiner
+günstigen Freundin und lieben Gevatterin“ und schließt: „meine Käthe und
+Herr zu Zulsdorf grüßet Euch alle freundlich.“[445]
+
+Mit der „Jonischen“ Familie war die Lutherische eng befreundet,
+namentlich die beiden Käthen waren aufs innigste mit einander verbunden,
+sie waren stets ein Herz und eine Seele: die lebhafte thatkräftige
+Lutherin war offenbar recht angezogen von der fröhlichen Natur der
+Propstin. Aber auch den redegewandten Propst mochte die Frau Doktorin
+gerne leiden. Nach Augsburg schickt sie in einem Brief an ihren Herrn
+Martinus ein Billet („Zedula“), worin sie von der Geburt eines Jonischen
+fünften Sohnes berichtet[446]. Als die Propstfamilie während der Pest
+mit der Universität auch in Jena weilt, bestellt die „Erzköchin“ bei
+Jonas für einen Thaler allerhand Geflügel und Wildbret zu einem
+Doktorschmaus und will ihn mit einem guten Sud von ihrem gesunden und
+heilsamen Bier nach Wittenberg locken. Dagegen warnt sie ihn, sich von
+der „Güte des Weins“ bei Spalatin berücken zu lassen, wodurch der Leib
+so rauch und scharf von Steinen werde, wie die Weinfässer, wenn sie
+ausgetrunken sind. Mit dem Bier wußte Frau Jonas nicht so wohl Bescheid
+wie Frau Lutherin; denn dasjenige, das sie Luther einmal schickte, war
+verdorben. Angenehmer als dieses Geschenk waren der Wein, die Quitten
+und Aepfel u.a., welche Jonas von seinen Reisen oder aus Halle
+sandte[447]. Als Frau Käthe zu Anfang des Jahres 1540 schwer erkrankte,
+da schrieb Jonas manchen betrübten Brief voll aufrichtiger Teilnahme und
+Sorge. „Wenn mein Brief so trübselig ist, so ist die Trauer schuld um
+die hochgeschätzte Frau, weil sie so krank darniederliegt.“ Und er freut
+sich „dann, als ἡ γυνή des Herrn D.M. Luther durch göttliche Wunderkraft
+wieder gesundet.“ Im Frühjahr 1541 zog Jonas nach Halle, um dort trotz
+des Bischofs „mit Volk und Rat“ die Reformation durchzuführen[448]. Da
+sich dieser Aufenthalt, wie es den Anschein bekam, lange hinausziehen
+sollte, so zog im Herbst die Frau Propstin ihrem Manne nach, während der
+Sohn Tischgenosse im Lutherhause werden sollte. Sie verabschiedete sich
+so eifrig und eilig, daß sie sogar vergaß, Briefe von Luther mitzunehmen
+und dieser samt seiner Frau sie neckte mit ihrer Liebessehnsucht. Leider
+sollten sie die Freundin nicht mehr sehen. Nicht lange nach ihres lieben
+Töchterchens Lenchen Tod verlor Frau Käthe auch ihre beste Freundin. Sie
+starb in Halle um Weihnachten 1542, indem sie „mit gar frommen und
+heiligen Worten ihren Glauben bezeugte.“ Frau Käthe war ganz weg bei
+der Trauerkunde[449].
+
+Etwas weniger herzlich scheint das Verhältnis zur Familie Melanchthon
+gewesen zu sein. Die beiden waren fast Gartennachbarn und wie die
+Männer, so werden auch die Frauen sich an dem Gartenzaun und in ihren
+Gärten und Häusern doch vielfach begegnet sein. Die Kinder spielten mit
+einander, wie aus dem Märchenbrief Luthers ersichtlich ist, und Luther
+schreibt dem ängstlichen Magister während seiner Abwesenheit genau alle
+Vorkommnisse unter den Kindern[450]. Aber auffällig ist doch, daß in
+all' den vielen (3000) Briefen Luthers die Gattin seines Kollegen
+ausdrücklich niemals erwähnt ist. Frau Käthe Melanchthon war der
+temperamentvollen Doktorin wie dem Doktor nicht so sympathisch als die
+Frau Käthe Jonas. Sie fühlte ihren Gemahl und sich nach den Epigrammen
+des Lemnius, aber auch nach den Andeutungen Kreuzigers überall
+zurückgesetzt und in den Schatten gestellt durch Luther und die
+Doktorin. Die wohlhabende Bürgermeisterstochter und das arme
+Edelfräulein standen sich wohl von Anfang an gegenüber, nochmehr aber,
+als die fremde Nonne den gewaltigen Doktor, den ersten Mann der Stadt,
+ja der Welt zum Gemahl bekam. Zur Erklärung der Stimmung von Frau
+Melanchthon muß wohl auch auf die bestehende Kleiderordnung verwiesen
+werden, welche derjenigen von 1572 ähnlich gewesen sein wird. Die
+Doktorsfrauen durften darnach eine guldene unverfütterte Haube tragen,
+und so ein alt Kleid zu kurz wird, es mit Sammet- und Seidegebräm
+verlängern — die _Magisters_frauen nicht, und Frau Melanchthon war bloße
+Magisterin. Ferner durften Doktoren 8 Tische, Magister bloß 6 Tische bei
+Hochzeiten haben; letztern waren auch Röcke, Barett oder Schläpplin aus
+Sammet und Seide verboten[451].
+
+Es traten sogar einmal Mißstimmungen Luthers gegen Melanchthon ein,
+welche sich natürlich auch auf die beiderseitigen Frauen übertrugen.
+
+Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, ein Humanist und Poet, hatte Luthers
+alten Gegner, den Kardinal-Erzbischof Albrecht, der sich gern als Mäcen
+aufspielte, als seinen Gönner gefeiert, und bei seiner Hochzeit mit
+Melanchthons Töchterlein (1536) war der erzbischöfliche Kanzler Türk zu
+Gast, ja Sabinus lebte eine zeitlang an Albrechts Hofe. Um diese Zeit
+machten auch andere römische Kirchenfürsten den Versuch, Melanchthon auf
+ihre Seite zu bringen. Luther zürnte über die „Erasmischen Vermittler“,
+wenn er auch nicht glaubte, Melanchthon werde ein zweiter Erasmus
+werden. Die Anhänger Luthers, Cordatus und Schenk, gingen aber schärfer
+gegen Melanchthon vor und dieser scheute sich in seiner ängstlichen Art
+vor einer offenen Aussprache mit Luther. Käthe hätte gerne eine
+freundschaftliche Auseinandersetzung der beiden alten Freunde gewünscht;
+die „Doktorin“ beklagte die Entfremdung derselben, sprach dies auch
+gegen Kreuziger und andere Freunde aus, in der Hoffnung, eine
+Auseinandersetzung herbeizuführen. Aber dem widersetzte sich die
+„Weibertyrannei“ der Frau Melanchthon[452].
+
+Jetzt kam noch etwas anderes hinzu. 1537 geriet ein gewisser M. Simon
+Lemchen (Leminus) nach Wittenberg, der war ein Freund und
+Gesinnungsgenosse des Sabinus, formgewandt, aber auch charakterlos wie
+dieser. Für diesen Schöngeist verwendete sich Melanchthon um ein
+Stipendium bei dem Rat von Augsburg, weil er zum Teil in Augsburg
+erzogen war und diese löbliche Stadt für sein Vaterland hielt. Er bekam
+auch wirklich eine Unterstützung von 20 fl. Damals kam auch Sabinus nach
+Wittenberg und verkehrte viel mit seinem Freunde[453].
+
+Zu Pfingsten 1538 nun hat Lemnius, der „ehrlose Bube etliche Epigrammata
+ausgehen und sogar an den Kirchthüren verkaufen lassen, ein recht
+Erzschund-, Schmach- und Lügenbuch, wider viel ehrliche Manns- und
+Weibsbilder, dieser Stadt und Kirchen wohl bekannt.“ Natürlich machte
+das Büchlein in der kleinen Stadt das peinlichste Aufsehen und erregte
+häßliche Geschwätze. Melanchthon hatte als Rektor die Zensur über
+litterarische Erscheinungen von Universitätsangehörigen zu üben. Daher
+erhob sich gegen ihn der Verdacht, daß er mit Absicht die böse Schrift
+habe drucken lassen. Aber Luther überzeugte sich bald, daß es „hinter
+Wissen und Willen derer, so es befahlen ist zu urteilen“, ausgegangen
+war. Und so beruhigte sich auch die Frau Doktorin bald wieder. Der
+„Poetaster und Leuteschänder“ Lemnius flüchtete und wurde relegiert,
+rächte sich aber durch ein unflätiges Schmähgedicht auf Luthers und
+Käthes Ehe, wie auf andere Professorenfamilien in Wittenberg [454]. Das
+gute Einvernehmen der beiden Familien stellte sich bald wieder her. Frau
+Käthe läßt nach wie vor dem abwesenden Magister Philipp ehrerbietig
+Grüße zusenden und dieser versäumt nicht nach wie vor „Luthers
+hochverehrte Gemahlin und süße Kinder zu grüßen“. Ja das Verhältnis zu
+ihm zeigt sich nach diesem Vorkommnis noch viel freundlicher [455]. Sie
+läßt dem Magister besonders nachdrücklich danken, daß er ihren Doktor
+nicht mit nach Schmalkalden — schlimmen Angedenkens — mitgenommen hat.
+Sie versichert ihn ihrer ganz besonders warmen Liebe und Zuneigung. Als
+Melanchthon wegen der hessischen Ehegeschichte tödlich erschrocken
+darniederlag, heißt sie ihn tapfer und „fröhlich“ sein und versichert
+ihn mit ihrem Gatten ihrer aufrichtigen Liebe und verspricht, eifrig und
+kräftig für ihn zu beten. Nach Worms läßt sie ihm melden, sie siede eben
+für ihn Wittenbergisch Bier, um ihn und seine Genossen damit zu
+empfangen. Und M. Philipp läßt sich auch sorglich über ihr Wohlergehen
+berichten und wäre sehr beunruhigt, wenn er hören müßte, es ginge der
+Frau Doktorin übel. An Luthers Todestag noch sendet er in ihrem Auftrag
+nach Eisleben Nachrichten und Arzeneien[456].
+
+Eine gewiß noch rascher vorübergehende Verstimmung trat 1544 ein infolge
+eines Vorwurfs, den Frau Käthe Melanchthon machte und den der
+empfindliche Meister Philipp wohl zu schwer nahm; sie sagte nämlich, man
+glaube, er bevorzuge seine schwäbischen Landsleute vor den Sachsen. Das
+konnte doch weder so ernst gemeint noch genommen werden, wenn er auch in
+einem Brief an Freund Jonas die δεσποινα (Herrscherin) darüber
+verklagt[457].
+
+Den Verkehr dieser Hausfreunde mit Frau Käthe kennzeichnet ein Brief,
+den dieselben von Augsburg aus 1530 an die Doktorin geschrieben haben;
+es ist der Ton achtungsvoller Freundlichkeit mit einem Anflug von
+Lutherschem Humor; zugleich aber ein Beweis, wie geschäftstüchtig Frau
+Käthe war, daß Melanchthon sogar ökonomische Aufträge ihr gab, statt
+seiner eigenen Gattin, die er wohl auch für weniger schreibfertig halten
+mußte, als die Lutherin. Der Brief lautet samt der Adresse so[458]:
+
+„Der ehrbaren tugendsamen Frau Katharina Lutherin Doktorin, meiner
+besonders günstigen Freundin.
+
+Gottes Gnad' und alles Gute!
+
+Ehrbare, tugendsame Frau Doktorin!
+
+Ich füge Euch zu wissen, daß wir nun, Gott gebe Gnad, bis gen Augsburg
+kommen sind und haben den Herrn Doctor zu Coburg gelassen, wie er ohn
+Zweifel Euch geschrieben hat. Ich hoff aber, in kurz bei ihm zu sein.
+Bitt Euch, Ihr wollet mir schreiben, wie es Euch geht und wie sich der
+Hauptmann Korns halber erzeiget hat. Womit ich Euch dienen kann, will
+ich mit allem Fleiß, wie ich mich schuldig erkenne, solches thun und
+ausrichten.
+
+Beide Kanzler[459] grüßen Euch und wünschen altes Gute. Gott bewahre
+Euch!
+
+Datum Augsburg, Mittwoch nach Walpurgis. Philippus.
+
+Herzog Georg von Sachsen soll morgen kommen. Der Kaiser ist noch ferne,
+kommt aber.
+
+Liebe Gevatter! Auch ich wünsche Euch, Hänschen Luther und Magdalenchen
+und Muhme Lene viel selige Zeit. Pusset mir in meinem Namen meine
+liebsten Jungen.
+
+J. Jonas.
+
+Ich, Johann Agricola Eißleben, mein es auch gut, meine liebe Frau
+Doktorin.“
+
+Wie hier im Brief, so maßen sich an Käthes Tisch die Freunde an der
+theologischen Tafelrunde im Redewettkampf um den Preis des kürzesten
+Tischgebets. Da zeigt sich nun Luthers Sinnigkeit, Bugenhagens
+hausbackenes Behagen und Melanchthons zierliche Feinheit in den Sprüchen
+Luthers: Dominus Jesus sit potus et esus (der Herr Jesu sei Speis' und
+Trank); Pommer: „Dit und dat, träg und natt, gesegen uns Gad“; und
+Melanchthons: Benedictus benedicat (der Gesegnete segne)[460].
+
+Außer den beiden Frauen der Kollegen Jonas und Melanchthon wird
+Katharina wohl vorzüglich mit Frau Barbara Kranach verkehrt haben und
+Frau Bürgermeister Reichenbach, ihrer Pflegemutter, beide ältere
+Matronen, und ebenso mit der Familie des Buchdruckers Hans Lufft.
+Selbstverständlich gehörte die Gemahlin des Doktors zu den vornehmen
+Kreisen, ja sie war bei weitem die angesehenste Frau Wittenbergs und es
+entspricht ihrer Stellung, wenn Meister Lukas sie auf dem Altarbilde der
+Stadtkirche mit ihrem Kinde in der vordersten Reihe malt. Sie trug auch
+das feine goldschimmernde Pelzwerk um die Schultern oder in Streifen am
+Kleid, das die Patrizierin auszeichnet. Ein gewisses Selbstgefühl läßt
+sie auch verschiedentlich durchblicken. So läßt sie einen Freund ihres
+Mannes „warnen, beileibe keinen Bauernkloppel zur Ehe zu nehmen; denn
+sie sind grob und stolz, können die Männer nicht für gut haben, können
+auch weder kochen noch keltern“. Daneben freilich ging sie mit andern
+Frauen (in der Weise unserer heutigen Frauenvereine) kranken Weibern und
+Wöchnerinnen mit Rat und That an die Hand[461].
+
+Aber man versteht es auch, daß eine Frau von der Anlage und dem
+Temperament und Bildung Katharinas mehr auf den Umgang mit Männern
+hielt, und daß dieser Umgang, zu dem sie so viel Veranlassung und
+Gelegenheit hatte, sie wenig geneigt machte, sich viel in weiblicher
+Gesellschaft zu bewegen.
+
+Freunde um sich zu haben, war Luther ein Bedürfnis. Er haßte die
+Einsamkeit aus Furcht vor „Anfechtungen“ — mußte er doch in den
+Nachtstunden dem Teufel genug Rede stehen. „Ehe gehe ich zu meinem
+Schweinehirten Johannes und zun Schweinen, denn daß ich allein bliebe“,
+sagt er zum Exempel für einen Angefochtenen. So war er auch stets in
+Gesellschaft, wenn er spazieren fuhr[462].
+
+Bei der Bibelübersetzung (1525-34) und der Bibelrevision (1539-42) kamen
+die Gehilfen Luthers, Melanchthon, Bugenhagen, Jonas, Kreuziger,
+Aurogallus und der Schnellschreiber und Korrektor Röhrer zum
+evangelischen „Sanhedrin“ zusammen, und nachher blieben sie oft zu
+Tische da, disputierten weiter, oder erholten sich auch an heiterem
+Gespräch und Gesang.
+
+So war der Gasttisch in Käthes Haus nimmer leer — dafür sorgte Luther.
+
+Aber auch ihm persönlich und besonders widmete sie als echte deutsche
+Frau ihr Leben.
+
+
+
+
+14. Kapitel.
+
+Käthe und Luther.
+
+
+„Das ist ein seliger Mann, der eine gute Ehe hat. Denn es ist kein
+lieblicher, freundlicher noch holdseliger Verwandtnis, Gemeinschaft und
+Gesellschaft, denn eine gute Ehe, wenn Eheleute mit einander in Frieden
+und Einigkeit leben. Die höchste Gnade Gottes ist, ein fromm,
+freundlich, gottesfürchtig Gemahl haben, mit der du friedlich lebest,
+der du darffst all dein Gut und was du hast, ja dein Leib und Leben
+anvertrauen.“ So preist Luther die Ehe, und _seine_ Ehe und seine
+Gattin, die ihm das Wesen und das Ideal des Ehestandes vor Augen führte
+und verwirklichte. Sie bereitete ihm ein schönes Heim, einen glücklichen
+Hausstand, sie wartete und pflegte ihn treulich und diente ihm „wie eine
+Ehefrau, ja wie eine Magd“[463].
+
+Käthe sorgte vor allem für ihres Herrn Doktors leibliches Wohl in
+gesunden und kranken Tagen[464].
+
+Die „Erzköchin“ verstand den leiblichen Bedürfnissen ihres Mannes
+gerecht zu werden; sie wußte, was seinem Geschmack entsprach und was
+seiner Gesundheit zuträglich war. Luther wußte auch, was das heißt, und
+daß „das ein gemarterter Mann sei, dess' Weib und Magd nichts wissen in
+der Küche: es ist das erste Unglück, woraus viele Uebel folgen.“ Aber
+auch das Gesinde thut's nicht, sondern, wie Luther in sein Hausbuch
+schreibt: „Der Frauen Augen kochen wohl.“[465]
+
+Luther liebte, als ein echtes Bauernkind und mit gesundem Appetit
+gesegnet, recht derbe Hausmannskost. Ueppige Speise machte ihm
+Beschwerden. Er lobte sich eine reine, gute, gemeine Hausspeise:
+Brathering und Erbsen war ihm ein Lieblingsgericht[466]. Aber seine
+Gattin erkannte bald, daß dem Doktor bei seiner sitzenden Lebensweise,
+bei seiner angestrengten geistigen Thätigkeit und namentlich, weil er in
+den Tagen seines unnatürlichen Kloster- und Junggesellenlebens seine
+Natur sehr verdorben hatte und durch Verdauungsstörungen an schweren
+Schwindelanfällen litt, — daß diese derbe Kost ihm wenig zuträglich sei
+und sie namentlich mit anderer Pflanzenkost, besonders Obst, nachhelfen
+müsse, und überhaupt war sie auf Wechsel in der Speise bedacht[467]. So
+hatte sie denn in ihrer Speisekammer, in Keller und Speicher nicht nur
+Erbsen und Hirsen, Grütze, Graupen und Reis vorrätig, da gab es auch
+Kraut, Kohl, Mohren, Rüben und Obst; die einheimischen Mispeln liebte
+Luther mehr denn alle welschen Feigen, und die Pfirsiche schätzte er
+besonders hoch und fast den Weintrauben gleich. Da wurden im Kloster
+nicht nur Ochsen und Schweine geschlachtet, auch Gänse und Enten,
+Hühner, Tauben und Krammetsvögel, frische und dürre Fische und Krebse
+kamen als Leckerbissen auf den Tisch. Wildbret war Hochzeitsbraten;
+Luther fand es aber mit seinem schwarzen Fleisch zu „melancholisch“.
+Zwar hielt Käthe selber Rinder und Hühner, pflanzte allerlei Frucht und
+Gemüse, zog Obst, buk das tägliche Brot und sott Bier; aber vieles mußte
+noch dazu gekauft werden, oder man erhielt es geschenkt, namentlich
+sorgte der Hof für Wildbret und die Freunde für schönes Obst:
+Borsdorfer, Gold- und Blutäpfel. Frau Käthe aber würzte die Speisen mit
+Salz, Pfeffer, Safran, mit Mohn, „Zippel“ (Cipola, Zwiebel),
+Petersilien, Kümmel und Karbey, schmälzte mit Butter und süßte mit Honig
+und Zucker. Zum Nachtisch war immer Obst da: Aepfel, Birnen, Pfirsiche
+und Nüsse; in der Kirschenzeit hing auch ein Kirschenast über der
+Tafel[468].
+
+Daher schmeckte dem Doktor nichts besser als seine hausgemachten Speisen
+und Getränke und nirgends ist es ihm wohler, als daheim an seinem
+wohlbestellten Tisch. Lieber als die gepreßten Käse, welche Lauterbach
+fern aus Pirna herschickt, sind ihm „unsre Käse von einfachem Stoff und
+einfacher Form“. Das von Jonas geschenkte Bier findet er schlecht,
+während er jenem das Bier von seiner Käthe anpreist als ein erprobtes
+Heilmittel gegen das Steinleiden; ja er nennt es geradezu die „Königin
+aller Biere“. Bei Hof gedenkt er an seinen „freundlichen lieben Herrn“
+Käthe, wie gut Wein und Bier daheim habe; dort müsse er einen bösen
+Trunk thun oder von den dicken schweren Brot essen, das ihm so schlecht
+bekomme[469].
+
+Und wie sehnte sich Luther immer von den Unbequemlichkeiten der Reise
+und fremder Herberge nach seinem gemütlichen Heim und dem behaglichen
+warmen Bett!
+
+Käthe befolgte also die alte Regel, welche Luther so gerne jungen
+Ehefrauen einschärfte: „Halt dich also gegen deinen Mann, daß er
+fröhlich wird, wenn er auf dem Wiederwege des Hauses Spitzen
+sieht.“[470]
+
+Freilich hatte Frau Käthe auch in Beziehung auf die Verköstigung ihres
+Gatten mit dessen Eigensinn zu kämpfen, denn der Doktor genoß oft
+mehrere Tage lang gar nichts, oder er aß nur einen Bratfisch und ein
+Stück Brot; wenn er ganz ungestört studieren wollte, nahm er einen
+Bissen Brot und zog sich in sein Studierstüblein, seine alte
+Mönchszelle, ein und kam gar nicht zum Essen und — zum Schlafen. So
+schloß er sich einmal, um den 22. Psalm zu erklären, mit Brot und Salz
+ein und kam drei Tage nicht zum Vorschein. Da wurde Frau Käthe doch
+ängstlich zu Mute, sie pochte und rief an der Thür. Keine Antwort. Sie
+ließ nun den Schlosser kommen und die Thüre aufbrechen. Da rief er
+unwillig: „Was wollt ihr? Meint ihr, es sei was Schlechtes, was ich
+vorhabe? Weißt Du nicht, daß ich muß wirken, so lang es Tag ist; denn es
+kommt die Nacht, da niemand wirken kann!“ Ein andermal (1541) hatte sie
+ihre liebe Not mit dem eigensinnigen Patienten, der bei seiner
+„Anfechtung“ vierzehn Tage nicht schlafen konnte und nichts essen und
+nichts trinken wollte[471].
+
+Freilich zu anderer Zeit war Luther auch aufgelegt zu einem festlichen
+Schmaus oder einem kleinen Gelage im Freundeskreise, denn er meinte:
+„Darf unser Herrgott große Hechte und Rheinwein schaffen, so darf ich
+sie auch essen und trinken; es ist dem lieben Gott recht, wenn du einmal
+aus Herzensgrund dich freuest oder lachest.“ Da wußte nun Frau Käthe
+ihrem Manne den Geburtstag, den Doktorstag, den Thesentag u.a. festlich
+zu schmücken. „Das Königreich“ wurde am 3. Mai mit einem Mahle gefeiert,
+„da wurden Psalmen gesungen, Evangelien gesagt, der Katechismus, Gebete,
+wie einem jeglichen aufgelegt war; darauf mußte das Hausgesinde
+antworten.“ An St. Niklas wurden die Kinder beschenkt; am Neujahr auch
+das Gesinde. Besonders aber Weihnachten wurde festlich begangen und die
+Kinder freuten sich darauf und die Eltern mit ihnen. Frau Käthe aber
+sorgte dafür, daß allerlei Gutes und Schönes ins Zimmer und auf den
+Tisch kam[472].
+
+Ganz vorzüglich bewährte sich aber Frau Käthe als Krankenpflegerin. Da
+zeigte sie alle ihre Erfahrung, Geschicklichkeit und Energie. Und was es
+alles für Krankheiten in einer so großen Familie gab, läßt sich denken.
+Da waren nicht bloß die Kinder und Schüler, welche allerlei
+Kinderkrankheiten, zum Teil tödliche, durchmachten; da schleppte Luther
+noch alle kranken Freunde und Freundinnen ins Schwarze Kloster, so daß
+es nach seinem eigenen Ausdruck oft genug ein „Spital“ war[473].
+
+Der langwierigste und schwierigste Patient war freilich der Doktor
+selber[474]. Krank war er eigentlich von Anfang an, und immer neue
+Krankheiten kamen zu den alten: Ruhr, Fieber, schmerzliche
+Hautausschläge und Geschwüre, Rheuma, Hüftenweh und Brustbeschwerden. Er
+hatte insbesondere einen bösen Pfahl im Fleisch: den Stein, der ihn wie
+„Faustschläge des Satans“ plagte; sodann verursachten ihm seine
+Verdauungsstörungen Beengungen, Blutandrang nach dem Haupt, Kopfweh,
+Ohrensausen und Schwindel, Krämpfe und Ohnmachten: Anfälle, vor denen er
+als „Anfechtungen des Teufels“ sich heftig fürchtete und die ihn oft mit
+tiefer Schwermut erfüllten[475]. Da galt es, eine geduldige und
+fröhliche Krankenpflegerin sein. Und Frau Käthe verstand ihren Patienten
+zu behandeln, besser als die großen Doktoren, die Herren Aerzte; sie
+wußte, wie man den Kranken behandeln mußte mit Nahrung und
+Arzneimitteln; sie hielt ihn vom Wein ab und sott ihm leibreinigendes
+Bier; sie rieb ihm das Bein mit heilkräftiger Salbe und Aquavitä ein und
+erwärmte ihm den Leib mit heißen Tüchern: sie erquickte ihn mit
+Kraftküchlein und allerlei Säften; sie kannte eine wirksame Wurzel gegen
+den Stein und zahlreiche Hausmittel: sie schabte ihm Bernstein von einem
+alten Rosenkranz und löste ihm die weißen Bernsteinstückchen auf, welche
+der Herzog von Preußen als Mittel gegen den Stein schickte[476]. Nach
+dem Zeugnis ihres Sohnes, des nachherigen berühmten Arztes Paul Luther,
+war sie eine halbe Doktorin. Dieser sagte in seiner Antrittsrede zu
+seiner Professur in Jena: „Meine Mutter hat nicht allein in
+Frauenkrankheiten durch Rat und Heilung vielen geholfen, sondern auch
+Männer oft von Seitenschmerzen befreit.“[477] Ihr vertraute sich daher
+Luther auch lieber an, als „unsers Herrgotts Flickern“, den Aerzten und
+den Apothekern. Als Luther zu Schmalkalden tödlich erkrankte und die
+Aerzte ihm Arzneien gaben, „als ob er ein großer Ochs wäre“, und der
+schwäbische Carnifex (Schinder, Folterknecht) meinte: „Ei, lieber Herr
+Doktor, Ihr habt einen guten, starken Leib, Ihr habt wohl noch
+zuzusetzen; Ihr müßt, bei Gott! leiden, wenn man Euch angreift“ — da
+dachte er an seine Hausfrau und ihre wohlthuenden Hausmittel und
+begehrte, trotz aller Schrecken solcher Fahrt, nichts wie heim[477].
+
+Luther hatte den Grundsatz: „Ich esse, was mir schmeckt und leide
+darnach, was ich muß. Ich frage auch nach den Aerzten nichts; will mir
+mein Leben, so mir von ihnen auf ein Jahr gestellt ist, nicht sauer
+machen, sondern in Gottes Namen essen und trinken, was mir schmeckt.“ So
+berichtet der Arzt Ratzeberger, Leibarzt der Kurfürstin Elisabeth von
+Brandenburg, der mit ihr nach Wittenberg floh, dann des Grafen von
+Mansfeld und zuletzt des Kurfürsten von Sachsen Leibarzt — auch zu
+Zeiten Luthers eigener Arzt[478]:
+
+„Da D. Luther zum erstenmal am Calculo (Stein) krank war, so war ihm der
+Appetit entgangen und scheute sich auch sonsten vor gemeiner Arzenei aus
+der Apotheke. Zudem hatte er große körperliche Schmerzen und gar keine
+Ruhe. Als er nun weder essen noch trinken konnte und alles, was ihm
+seine Hausfrau aufs beste und fleißigste zugerichtet, von sich schob,
+bittet sie ihn aufs fleißigste, er wolle doch selbst eine Speise
+erwählen, dazu er möchte Lust haben. „Wohlan“, spricht er, „so richte
+mir zu einen Brathering und ein Essen kalter Erbsen mit Senf, weil du ja
+willst, daß ich essen soll, und thue solches nur balde, ehe die Lust mir
+vergeht; verzeuchst du lang, so mag ich hernacher nicht.“ Die Frau
+thuet, wiewohl mit großen Sorgen, was ihr Herr befohlen, und richtet das
+Essen zu, so geschwinde sie vermochte, und setzte es ihm vor. Als er nun
+mit großer Lust davon isset, besuchen ihn die Aerzte — seine Medici
+waren Augustin Schurf und Lic. Melchior Fend — ihrer Gewohnheit nach
+und wollen sehen, wie sich die Krankheit anlasse. Da sie ihn nun essen
+sahen, entsetzten sie sich vor dieser Kost, welche sie ihm schädlich und
+ungesund achteten. „Ach, was thut Ihr doch, Herr Doktor“, sagte Lic.
+Fend, „daß Ihr Euch wollet selber noch kränker machen!“ D. Luther
+schwieg ganz stille und aß immer fort und hatte ein Mitleiden ob der
+Medikorum Traurigkeit, die so hart für ihn sorgten. Bald nachdem sie
+Urlaub von ihm genommen und nunmehr gedachten, er würde gar eine
+tödliche Krankheit erwecken, kommt ein großer Stein von ihm, dessen sie
+vorher nicht an ihm gewohnt waren und war Lutherus wieder gesund. Des
+andern Morgens besuchten sie ihn und vermeinten ihn krank im Bette zu
+finden; da sahen sie ihn aber in seinem Schreibstüblein über den Büchern
+sitzen, dessen sie sich hoch verwundern.“
+
+Aber Frau Käthe wußte ihren Mann nicht nur durch Speise und Arznei zu
+erquicken, sondern auch aufzurichten und zu trösten.
+
+Wenn er verstimmt war oder gar seine „Anfechtungen“ hatte, so lud die
+kluge, verständige Frau heimlich den Dr. Jonas zu Tische, daß dieser ihn
+mit frohen Gesprächen aufheiterte; sie wußte nämlich, daß ihn niemand
+durch Gespräch besser aufzumuntern verstand; oder sie ließ Bugenhagen
+gar im Kloster wohnen und nahm seine Frau, die ihrer Niederkunft
+entgegensah, dazu[479].
+
+Nicht nur, um ihre Bauerei und Landwirtschaft zu besorgen, hielt Frau
+Käthe ein Fuhrwerk, sie ließ auch oft ihre Pferde anspannen und ihren
+Gatten mit seinen Freunden spazieren führen, in ein „Holz“ und auf die
+Felder, um sich zu erlustieren, wo er dann fröhlich wurde und sogar
+Lieder sang; oder er fuhr über Land in die Dörfer, wobei er die Armen
+beschenkte[480].
+
+Diesen Beruf der Frau Doktorin, dem großen Reformator Leben und
+Gesundheit und Geistesfrische zu erhalten, zum Segen der Kirche,
+erkannte besonders der feine Capito an und spricht es aus in den Worten
+an Luther: „Ich liebe sie von Herzen als diejenige, welche dazu geboren
+ist, Deine Gesundheit aufrecht zu halten, damit Du desto länger der
+unter Dir geborenen Kirche, d.h. allen Christgläubigen zum Heile dienen
+kannst.“[481]
+
+Doch nicht bloß als treffliche Köchin und ausgezeichnete
+Krankenpflegerin stand Frau Käthe ihrem Gatten bei, wie er es von dem
+Eheweib verlangt, „daß sie ihres Mannes Unfall, Krankheit und Unglück
+tragen zu helfen, schuldig sei“; sie war ihm auch „ein freundlicher,
+holdseliger und kurzweiliger Gesell des Lebens“; in diesem Sinn nennt er
+sie „Hausehre“, daß sie des Hauses Ehre, Schmuck und Zierde wäre[482].
+
+Ueber den Verkehr mit der Ehegattin spricht sich Luther bei der
+Auslegung von 1. Moses 26, 8 aus, wo Isaak und Rebecca scherzen. „Das
+ist ein ehrlicher Scherz, so einem frommen Weibe wohl ansteht. Wenn der
+Hausherr mit seiner Schwester oder Gesinde dermaßen scherzen wollte, das
+würde ihm nicht wohl anstehen. Denn da gehört sich, daß man sie heiße,
+was sie thun und lassen sollen, und da soll Ernst dabei sein, auch wenn
+man sie tröstet. Aber mit der, die mir Gott zugefüget hat, will ich
+scherzen, spielen und freundlich reden, auf daß ich mit Vernunft und
+Bescheidenheit bei ihr leben möge.“[483]
+
+So wußte auch Katharina selbst ihren Gatten zu unterhalten, selber einen
+Scherz zu machen und noch mehr Scherz und Neckerei ihres Eheherrn
+auszuhalten. Und auch den Freunden und Gästen weiß sie so zu begegnen.
+Den Bremer Pfarrer Probst läßt sie fragen, ob die Nordsee ausgetrocknet
+sei, daß es keine Fische gebe. Als D. Speratus eine Menge Fische schickt
+durch den hochgewachsenen Cario, sagte sie zu Luther: „Ein großer
+Bischof hat mir ein großes Faß geschickt.“ „Und zwar durch einen großen
+Mann, unsern Charon“, setzte Luther hinzu. „Ja, heut ist alles groß!“
+meinte sie darauf[484].
+
+In Luthers eigener sinniger Art, aber mit wirkungsvollem Handeln wußte
+sie ihrem Gemahl entgegenzutreten. Da war er einmal in einer Anwandlung
+von Schwermut, an Gott und der Welt verzweifelnd, fortgegangen. Als er
+heimkehrte, trat ihm Frau Käthe entgegen im schwarzen Trauergewand und
+den Schleier tief im Gesicht. Erschrocken rief er: „Um Gotteswillen,
+Käthe, was ist geschehen?“ „O, Herr Doktor, ein großes Unglück“,
+erwiderte sie; „denket nur, unser lieber Hergott ist gestorben, des bin
+ich so traurig.“ Da fiel Luther seinem Weibe um den Hals und rief: „Ja,
+liebe Käthe, that ich doch, als wär' kein Gott im Himmel mehr!“ Und so
+gewann er neuen Mut, daß er die Traurigkeit überwand[485].
+
+Nicht nur Luthers Verstimmungen und Anfechtungen wußte Frau Käthe
+aufzuheitern, sondern auch den gewaltigen Willen des bei aller
+Gutmütigkeit eigensinnigen und starrköpfigen Mannes zu brechen,
+namentlich wenn es galt, ihn zu seinem eigenen Besten zur Ruhe und
+Erholung zu bewegen. „Mein Kopf ist eigensinnig, wie ihr sagt“, schreibt
+er einmal an Melanchthon, „aber mir ist er eigensinnigissimmum, weil
+mich der Satan so wider Willen zu feiern und Zeit zu verderben zwingt.“
+Die kluge Frau aber verstand es, nach seinem eigenen Geständnis, ihn zu
+überreden, so oft sie wollte[486].
+
+Dagegen verwahrt sich Luther gegen den Verdacht, daß er sich in
+theologischen oder kirchlichen Dingen durch seine Frau bestimmen lasse.
+Dennoch wurde das geglaubt und ihr namentlich ein schlimmer Einfluß
+zugetraut gegen gewisse Personen; so schreibt z.B. Kreuziger an Veit
+Dietrich, der Frau Käthe an sich nicht hold war: „Du weißt, daß er
+(Luther) zu vielem, was ihn entflammt, eine Fackel im Hause hat.“
+Namentlich bei seinem Streit mit den Juristen glaubten die Wittenberger
+die persönliche Abneigung seiner Frau gegen gewisse Persönlichkeiten
+dahinter zu wittern[487].
+
+In einer so kleinen Stadt und bei den oft so kleinlichen Reibereien der
+Gelehrten und ihrer Frauen, ist ein solcher Klatsch auch begreiflich, so
+grundlos er auch sein möchte. Wir haben darüber eine sehr lebhafte und
+anschauliche Schilderung eines Augenzeugen. Am Sonntag Estomihi (24.
+Februar) 1544 war bei Luther ein „Königreich“ mit dem üblichen Schmause.
+Außer Bugenhagen, Melanchthon, Röhrer, Major u.a. war auch der
+Schulmeister Crodel aus Torgau zu seiner großen Freude und Genugthuung
+eingeladen. Dieser, von einigen Wittenbergern dazu veranlaßt, brachte
+das Gespräch auf das „verleumderische Gerücht“, daß der Doktor „aus
+Eingebung und Antrieb seiner Gattin predige“. Mit großer Ernsthaftigkeit
+und Wärme wies Luther diesen Verdacht ab und sagte u.a.: „Solcherlei
+Worte, wie ich sie in dieser Sache (dem Streit mit den Juristen)
+vorbringe, fallen — ohne daß ich dem heiligen Geist eine Regel
+vorgeschrieben haben will — keinem Weiberkopf ein. Ich laß mich von
+meinem Weibe etwa leiten in Sachen des Haushaltes und Tisches, aber in
+Dingen des Gewissens und der Schrift erkenne ich keinen andern Lehrer
+und Doktor an, als den heiligen Geist.“ Ein wenig darauf, nach einer
+heftigen Rede, kam sein Weib her und fragte, was denn mit so großer
+Heftigkeit verhandelt werde. Er schloß mit den Worten zu Crodel: „Sage
+den Rechtsgelehrten, daß ich in dieser Sache nicht von meiner Frau
+geleitet werde; ich hebe es auf die Sache selbst und den Kern eines
+Gegenstandes ab ohne Rücksicht auf eine Person.“ Crodel war dieses
+Gespräch so wichtig, daß er's wörtlich seinem Freunde Ratzeberger
+schriftlich mitteilte, und es war auch bezeichnend genug: man mußte
+Luther wenig kennen, wenn man solchem Klatsch Glauben schenken
+wollte[488].
+
+Es kommt auch jetzt noch vor, daß Luther seiner Käthe Briefe vorlas,
+auch in ihrer Gegenwart solche schrieb und daß sie ihm Aufträge dabei
+gab; auch ermunterte sie ihn, an die Freunde zu schreiben, wenn er
+säumig darinnen war. Freilich zu Stunden stiller Erholung, wie in den
+ersten Jahren ihrer Ehe, werden die Gatten in der späteren Zeit des
+großen Arbeitsdranges seltener mehr gekommen sein. Aber bei aller
+häuslichen Sorge und Thätigkeit in Garten und Feld ging Frau Käthe doch
+nicht völlig in ihrer wirtschaftlichen Thätigkeit auf. Sie war ihrem
+Manne in seinem Amt und Beruf, so viel das möglich und nötig war, doch
+die Gehilfin seines Lebens. Nicht nur in dem Sinne, daß sie ihm die
+Sorgen abnahm für Familie und Vermögen, sondern sie nimmt teil an seinem
+Wirken, an den zeitbewegenden Fragen[489].
+
+„Lehrest Du also den Katechismum und den Glauben?“ schreibt der Doktor
+von Eisleben an seine „sorgfältige“ Hausfrau. Damit ist doch wohl
+ausgesprochen, daß Frau Käthe — mindestens in Abwesenheit des Doktors —
+mit Kindern und Gesinde den Katechismus trieb, wie Luther mit diesem
+Lehrbüchlein allen christlichen Eltern zumutete[490].
+
+Luther giebt aber auch seiner Hausfrau Aufträge wegen des Druckes seiner
+Schriften; ja sie hat mit darein zu reden und bestimmt ihn, was er
+drucken lassen solle oder nicht. Von Marburg aus schreibt er über das
+Religionsgespräch mit Zwingli, über das Abendmahl sogar mit lateinischen
+Schlagwörtern[491].
+
+Für diese Anteilnahme an ihres Gatten Arbeiten, Sorgen, wie an den
+großen Zeitfragen und Weltbegebenheiten, geben die Briefe vor allem
+Zeugnis, die er während seiner Abwesenheit bei Gelegenheit von
+Reichstagen an sie schrieb. So die von Koburg (S. 109-113). Insbesondere
+der letzte vom 24. September, „zuhanden Frauen Kathrin D. Lutherin zu
+Wittenberg.“
+
+Gnade und Friede in Christo!
+
+Meine liebe Käthe! Gestern hab ich Dir geschrieben und einen Brief in
+gnädigsten Herrn mitgeschickt, daraus Du vernehmen kannst, wie die
+Unsern von Augsburg wollen auf sein. Darnach hoff ich, wo Gott Gnade
+giebt, wollen wir in vierzehn Tagen bei Euch daheim sein. Wiewohl ich
+achte, unsere Sache werde nicht gar unverdammt bleiben. Da liegt auch
+nicht Macht an. Doch hat der Rietesel anhero geschrieben, er hoffe, man
+werde in Augsburg mit Frieden abscheiden in allen Gassen. Das gebe Gott
+und wäre eine große Gnade. So bedürfen wir's alle wohl, weil der Türke
+so an uns will. Weiteres wirst Du wohl von Hornungen hören. Hiemit seid
+Gott alle befohlen.
+
+Sonnabends nach Matthäi, 1530. Martinus LutheR.“[492]
+
+Zehn Jahre nachher, als der Reichstag und Konvent in Hagenau stattfand,
+schreibt Luther am 10. Juli 1540 von Eisenach seiner „lieben Hausfrauen,
+Frauen Kathrin Luderin zu Wittenberg“ u.a.: „... Bittet mit Fleiß, wie
+ihr schuldig seid, für unsern Herrn Christum, d.i. für uns alle, die an
+ihn glauben, wider den Schwarm der Teufel, so jetzt zu Hagenau toben
+wider den Herrn und seinen Gesalbten (Ps. 2).“ (S.o.S. 130 f.)[493].
+
+So redete Luther auch in den letzten Jahren mit seiner Hausfrau über die
+politische Lage, namentlich die hinterlistige Politik des Herzogs Moriz.
+„Liebe Käthe“, erklärte er da, „deine Landsleute haben mit meines
+gnädigsten Herrn Räten eine Hundskette gemacht und werden nicht eher
+nachlassen, sie haben ihn denn verraten.“[494]
+
+Es ist naturgemäß und begreiflich, daß wir von Frau Katharinas Wesen,
+Wirken und Bedeutung so wenig direkte Zeugnisse besitzen. Denn sie
+selbst hat nicht gerade viel geschrieben und ihre Briefe sind fast alle
+verloren gegangen, während sie selbst ihres Doktors Briefe sorgfältig
+aufbewahrt hat; ferner interessierten sich die Hausgenossen und
+Zeitgenossen selbstverständlich fast nur für den großen Mann, der die
+Welt bewegt hatte. Seine Gestalt überstrahlte die Hausfrau völlig. Nur
+im Reflex von Luthers Briefen und Tischgesprächen, selten in Bemerkungen
+seiner Bewunderer, finden wir Züge, die ihr Charakterbild darstellen.
+
+Daß aber demnach Frau Katharina neben dem Reformator eine selbständige
+Stellung und Geltung behauptete, beweist der Umstand, daß die Freunde
+und Luther selbst sie nicht nur respektvoll die „Domina“ und Doktorin,
+mit lateinischen und griechischen Worten nannten, sondern auch von der
+verheirateten Frau noch den Namen „Katharina von Bora“ gebrauchten.
+
+Was hielt nun Luther von seiner Frau?
+
+Da giebt es drei wichtige Zeugnisse, die Luther seiner Gattin ausstellt,
+am Anfang, in der Mitte und am Ende seiner Ehe, nicht etwa bloß
+gelegentliche Aeußerungen guter oder schlechter Laune, sondern überlegte
+und feierliche Anerkennung ihrer Vortrefflichkeit als Hausfrau und
+Ehefrau.
+
+Im zweiten Jahre seines Ehestands (1526) schreibt er an Stiefel: „Sie
+ist mir willfährig und in allen Dingen gehorsam und gefällig, viel mehr,
+als ich zu hoffen gewagt hatte (Gott sei Dank!), so daß ich meine Armut
+nicht mit den Schätzen des Krösus tauschen möchte.“[495]
+
+Elf Jahre darauf, bei seinem tödlichen Krankheitsanfall auf der Reise
+von Schmalkalden, diktierte Luther in Gotha sein Testament, worin es
+heißt: „Tröstet meine Käthe, daß sie dies trage dafür, daß sie zwölf
+Jahre mit mir froh gelebt hat. Sie selbst hat mir gedient nicht allein
+wie eine Gattin, sondern auch wie eine Magd. Gott vergelt es ihr! Ihr
+aber sollt für sie sorgen und ihre Kinder, wie sich's geziemt“ Und dann
+sagte er: „Ich habe meine Käthe lieb, ja ich hab sie lieber denn mich
+selber, das ist gewißlich wahr; ich wollt lieber sterben, denn daß sie
+und die Kinderlein sterben sollten.“[496]
+
+Endlich schreibt Luther in seinem letzten und endgiltigen Testament i.J.
+1542. „Ich M.D.L. bekenne mit dieser meiner eigenen Handschrift, daß ich
+meiner lieben und treuen Hausfrauen gegeben habe zum Leibgeding Gut,
+Haus und Kleinode. Das thue ich darum, daß sie mich als ein fromm
+(brav), treu ehelich Gemahl allezeit lieb, wert und schön gehalten
+hat.“[497]
+
+Und was so Luther in feierlichen Stunden bezeugte, das hat er wiederholt
+sonst vor seinen Tischgenossen und Freunden bekannt. Sein langjähriger
+Hausgenosse Hieronymus Weller schreibt in seinen Erinnerungen: „Ich
+erinnere mich, wie der hochw. Mann oft sagte: er preise sich von Herzen
+glücklich, daß ihm Gott eine so folgsame, bescheidene und kluge Gemahlin
+geschenkt, welche so ausgezeichnet für seine Gesundheit sorge und
+eintreten könne und sich so geschickt seinem Wesen anzupassen und seine
+Fehler und Unannehmlichkeiten mit so stillem Gemüte zu tragen wisse.
+Denn er könne bei seinen vielen Arbeiten, Beschäftigungen und
+Anfechtungen nicht immer seinem Wohlbefinden Rechnung tragen.“[498]
+
+Das Verhältnis zwischen Käthe und Luther war das der achtungsvollen
+Verehrung; das entsprach einmal der Anschauung des Mittelalters von der
+Herrschaftsstellung des Mannes zum Weibe; anderseits rührte es davon
+her, daß die fünfzehn Jahre jüngere Frau zu dem älteren, durch
+Gelehrsamkeit und hohes Ansehen ehrwürdigen Mann mit einer gewissen
+Pietät hinaufschaute. Daher redet er sie zwar immer mit „Du“ an, _sie_
+aber spricht zu _ihm_ immer mit „Ihr“ und nennt ihn „Herr Doktor“. Das
+fand auch Luther selbstverständlich. Als einmal von einem Manne die Rede
+war, welcher an eine reiche Frau seine Freiheit verkauft hatte, sagte
+er: „Ich hab's auch gern, wenn mir meine Käthe übers Maul fährt — nur
+daß ich sie nicht viel dran lasse gewinnen als ein Maulschellium.“[499]
+Und ein andermal: „Sie hat allein die ganze Herrschaft in ihrer Hand.
+Ich gestehe ihr auch gerne das ganze Hausregiment zu; aber mein Recht
+wollte ich mir unversehrt erhalten und Weiberregiment hat nie nichts
+Gutes ausgerichtet.“ Luther war seinem ganzen Wesen, aber auch seiner
+Anschauung und seinen biblischen Grundsätzen nach nicht der Mann, seine
+eheherrlichen Rechte sich verkürzen zu lassen: einen Freund, der ihm die
+Tyrannei seines Weibes klagt, verweist er tadelnd darauf, daß man das
+Ansehen des Mannes nicht dürfe mit Füßen treten lassen. So führte er
+auch auf Hans Luffts Tochter Hochzeit die Braut zum Lager und sprach zum
+Bräutigam (dem Arzt M. Andreas Aurifaber): „Er soll's bei dem gemeinen
+Lauf bleiben lassen und Herr im Hause sein (wenn die Frau nicht daheim
+ist, setzte er scherzend hinzu). Und zum Zeichen zog er ihm einen Schuh
+aus und legte ihn aufs Himmelbett, daß er die Herrschaft und das
+Regiment behielte[500].
+
+Aber freilich Käthes resolutes Wesen, die Herrschaft, die sie im Haus
+führte und die der Hausherr ihr auch völlig einräumte, führte ihn dazu,
+daß er sie auch scherzend seinen „Herrn“ nannte. So schreibt er ihr vom
+Hoflager in Torgau: „Gestern hab ich gedacht, wie ich daheim eine schöne
+Frauen habe, oder sollt ich sagen Herren?“[501]
+
+Und gerade mit dieser resoluten Art ihres Wesens neckt er sie genugsam.
+Und wie gerade recht willensstarke wenn auch gutmütige Eheherren,
+gefällt er sich seinen Freunden gegenüber in der humoristischen Rolle
+des gehorsamen, unterdrückten Ehemanns. So sagte er einmal zu einem
+Gast: „Nehmt fürlieb mit einem frommen (braven) Wirt, denn er ist der
+Frauen gehorsam.“ Ihr selbst gegenüber spricht Luther in immer neuen
+Wendungen von dieser angeblichen Eheherrschaft und charakterisiert jenes
+gebieterische Wesen der Frau Käthe. „Meine Herrin“ nennt er sie schon in
+der ersten Woche ihrer Ehe. „Mein Käthe“ (Meus Ketha) ist später ihre
+regelmäßige Bezeichnung in seinen vertrauten Briefen und in ebenso
+drolliger Verbindung „Meine Herr Käthe“, oder sprachlich richtiger „Mein
+Herr Kätha“, „Dr. Kethus“, auch einmal „mein Herr und mein Moses“ und
+„meine Gebieterin“ oder „Kaiserin“[502].
+
+Aber sonst nennt er sie in zärtlichem Wortspiel gar häufig „meine
+Kette“, auch meine „Weinrebe“, oder in Briefen an entfernter Stehende
+respektvoll „meine Hausfrau“, „meine Hausehre“[503].
+
+Auch seiner Frau selber gegenüber schlägt Luther gewöhnlich jenen
+neckischen Ton an, woraus einerseits zärtliche Neigung, andererseits
+doch auch achtungsvolle Anerkennung blickt.
+
+Schon in seinem ersten erhaltenen Brief und dann fast regelmäßig redet
+er sie an „Lieber Herr Käth“. Dann adressiert er — nach Sitte der
+damaligen Zeit — „Meinem lieben Herrn, Frau Kathrin Lutherin zu
+Wittenberg zu handen“, oder „Meinem freundlichen lieben Herrn, Frau
+Katherin von Bora, D. Lutherin, zu Wittenberg“ oder noch umständlicher
+humoristisch pathetisch: „Meinem freundlichen lieben Herren Katherina
+Lutherin, Doctorin, Predigerin zu Wittenbergh“. Oder: „Meiner gnädigen
+Jungfer Katherin Lutherin von Bora und Zulsdorf gen Wittenberg, meinem
+Liebchen“. „Meiner herzlieben Hausfrauen Katherin Lutherin Doctorin
+Zulsdorferin, Saumärkterin und was sie mehr sein kann.“ „Meiner
+freundlichen lieben Hausfrau Katherinen Luther von Bora, Predigerin,
+Brauerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann.“ Dann aber heißt es auch
+innig und herzlich auf der Adresse „Meiner lieben“ oder „herzlieben
+Hausfrauen“ oder „Meiner freundlichen lieben Käthe Lutherin“ und in der
+Anrede: „Liebe Jungfer Käthe“ und zum Schluß „Dein altes Liebchen“ oder
+auch „Dein lieber Herr“. Sogar in seinem täglichen Hausgebet bittet er
+für „mein liebes Weib“[504].
+
+So dient dem Doktor seine Hausfrau manchmal auch zur Exemplifikation
+seiner theologischen oder erfahrungsgemäßen Ansicht über die Weiber, oft
+in scherzhafter oder wohl auch einmal ernsthafter Uebertreibung. Da
+spricht er ihnen Weisheit und Herrschaftstalent ab und macht sich lustig
+über ihre Redseligkeit, indem er verschiedentlich bemerkte, die Weiber
+im allgemeinen und seine Käthe im besonderen vergäßen das Vaterunser,
+wenn sie anfingen, zu predigen[505].
+
+So „lachte der Doktor einmal seiner Käthe, als sie klug sein wollte; er
+meinte, Gott habe dem Manne eine breite Brust als Sitz der Weisheit
+gegeben, dem Weibe aber breite Hüften und starke Schenkel, daß sie
+sollen daheim bleiben, im Hause still sitzen, haushalten, Kinder tragen
+und ziehen. Weiberregiment im Haus und Staat taugt nichts. Der Mann hat
+im Hause das Regiment. Das Gesetz nimmt den Weibern Weisheit und
+Regiment.“ Er meinte überhaupt: „Es ist kein Rock noch Kleid, das einer
+Frauen oder Jungfrauen übeler ansteht, als wenn sie klug will sein.“
+Luther erklärte sogar einmal in einer Tischrede: „Den Weibern mangelt's
+an Stärke, Kräften des Leibes und am Verstand. Den Mangel an
+Leibeskräften soll man dulden, denn die Männer sollen sie ernähren. Den
+Mangel an Verstand sollen wir ihnen wünschen, doch ihre Sitten und Weise
+mit Vernunft tragen, regieren und etwas zu Gute halten.“[506]
+
+Daneben aber erkennt er die Vorzüge und die Bestimmung des weiblichen
+Geschlechts rühmend an: „Ein Weib ist ein freundlicher, holdseliger und
+kurzweiliger Gesell des Lebens. Weiber tragen Kinder und ziehen sie auf,
+regieren das Haus und teilen ordentlich aus, was ein Mann hineinschaffet
+und erwirbt, daß es zu Rate gehalten und nicht unnütze verthan werde,
+sondern daß einem jeglichen gegeben werde, was ihm gebührt. Daher sie
+vom heiligen Geiste Hausehren genannt werden, daß sie des Hauses
+Schmuck, Ehre und Zierde sein sollen. Sie sind geneigt zur
+Barmherzigkeit, denn sie sind von Gott auch fürnehmlich dazu geschaffen,
+daß sie sollen Kinder haben, der Männer Lust und Freude und barmherzig
+seien.“ „Es ist ein arm Ding ein Weib. Die größte Ehre, die es hat, ist,
+daß wir allzumal durch die Weiber geboren werden und auf die Welt
+kommen. Ein Weib wird in der heiligen Schrift genannt „ein Lust und
+Freude deiner Augen“ (Sirach 26, 2). Ein fromm Weib soll darum geehret
+und geliebet werden, erstlich, daß sie Gottes Gabe und Geschenk ist; zum
+andern, daß Gott einem Weibe herrliche große Tugenden verliehen, welche
+andere Mängel und Gebrechen weit übertreffen, sonderlich wo sie Zucht,
+Treue und Glauben halten.“ „Wenn die Weiber die Lehre des Evangeliums
+annehmen, so sind sie viel stärker und inbrünstiger im Glauben, halten
+viel stärker und steifer darüber, als die Männer, wie man siehet an der
+lieben Anastasia und andern Märtyrern; auch Magdalena war herzenhaftiger
+denn Petrus.“[507]
+
+Einmal klagt er wohl auch: „Wenn ich noch eine freien sollte, so wollte
+ich mir ein gehorsam Weib aus einem Steine hauen; so sehr hab ich
+verzweifelt an aller Weiber Gehorsam.“ Aber so gar ernst war's ihm doch
+nicht damit. Er wußte wohl: „Es ist keine größere Plage noch Kreuz auf
+Erden, denn ein bös, wunderlich, zänkisch Weib.“ Bei ihm war's nicht so,
+sonst liefe er davon, sagt er. Dagegen weiß er seines Weibes
+Willfährigkeit und Dienstfertigkeit an vielen Orten und in mancherlei
+Weise zu rühmen. So zitierte er auch gerne das Wort seiner Wirtin zu
+Eisenach: „Es ist kein lieber Ding auf Erden als Frauenlieb, wem sie
+kann werden.“ Und aus seiner eignen Erfahrung erklärt er: „Ein fromm
+Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes Trost.“ [508]
+
+Kleine eheliche Fehden nahm Luther als selbstverständliche Dinge
+leichten Herzens in den Kauf. Als er einmal einen kleinen Zwist mit
+seiner Frau gehabt hatte, sagte er erklärend zu Veit Dietrich: „Er stehe
+auch von ihr einen Zorn aus, er könne ja noch mehr ertragen.“ Er meint
+von Eheleuten: „Ob sie gleich zuweilen schnurren und murren, das muß
+nicht schaden; es gehet in der Ehe nicht allzeit schnurgleich zu, ist
+ein zufällig Ding, des muß man sich ergeben. Adam und Eva werden sich
+auch gar weidlich die neunhundert Jahre zerscholten haben und Eva zum
+Adam gesagt: „Du hast den Apfel gessen.“ Herwiederum wird Adam
+geantwortet haben: „Warum hast Du mir ihn gegeben?“ Das Wesen der Ehe
+wird durch solche Plänkeleien nicht geschädigt. „Denn wiewohl die
+Weibsen gemeiniglich alle die Kunst kennen, daß sie mit Weinen, Lügen,
+Einreden einen Mann gefangen nehmen, können's fein verdrehen und die
+besten Worte geben; wenn nur diese drei Stücke im Ehestand bleiben,
+nämlich Treu und Glauben, Kinder und Leibesfrüchte und Sakrament, daß
+man's nämlich für ein heilig Ding und göttlichen Stand hält, so ist's
+gar ein seliger Stand, und das ein seliger Mann, der eine gute Ehefrau
+hat.“[509]
+
+Einmal klagt er wohl: „Ich muß Geduld haben mit dem Papste, ich muß
+Patienz haben mit den Schwärmern, ich muß Geduld haben mit den
+Scharhaufen, ich muß Patienz haben mit dem Gesinde, ich muß Patienz
+haben mit Käthen von Bora, und der Patienz ist so viel, daß mein Leben
+nichts sein will als Patienz. Der Prophet Jesaias (30, 15) spricht: „In
+Schweigen und Hoffen steht eure Stärke.“ — Wie wenig aber Käthe dies
+übel nahm, beweist, daß sie auf die steinerne Hausthüre, welche sie in
+Pirna für Luther bestellte, grade diesen Prophetenspruch eingraben ließ.
+Luther bekennt aber auch: „Wer ein fromm (brav) Weib bekommt, der
+bekommt eine gute Mitgift. Und da gleich ein Weib etwas bitter ist, doch
+soll man mit ihr Geduld haben. Denn sie gehört ins Haus und das Gesinde
+bedarf's bisweilen auch sehr wohl, daß man ihnen hart sei und weidlich
+zuspreche.“ „Der häusliche Zorn als Vater und Mutter, Herrn und Frau im
+Hause, thut nicht großen Schaden. Häuslicher Zorn ist, als wenn die
+Kinder mit den Puppen spielen.“[510]
+
+Die Hochschätzung des Familienlebens, das Lob, das Luther in allen
+Tonarten dem Ehestand anstimmt, ist doch auch ein Beweis für die
+glückliche Ehe, in der Luther mit seiner Käthe lebte. Das Kapitel über
+den Ehestand ist in seinen Tischreden das größte. So fing er bei der
+Verlobung seiner Nichte (1538) an und konnte gar nicht aufhören, den
+Ehestand zu loben, daß er Gottes Ordnung und der allerbeste und
+heiligste Stand sei. „Darum sollte man ihn mit den herrlichsten
+Zeremonien (Feierlichkeiten) anfangen. Gott hat ein Kreuz (nämlich: des
+Segens) über den Ehestand gemacht und hält's auch darüber.“[511]
+
+In der Ehe soll eitel Liebe und Lust sein, freilich „muß es ein frommer
+Mann und ein fromm Weib sein, welche Gemahl und Kinder von ganzem Herzen
+lieben. Ein fromm Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes
+Trost, wie geschrieben steht (Sprw. 31, 11): Des Mannes Herz verläßt
+sich auf sie. Das Weib hat das Lob der Gefälligkeit und erfreuenden
+Anmut.“ Das lieblichste Leben dünkte ihm: „leben mit einem frommen,
+willigen, gehorsamen Weibe in Frieden und Einigkeit.“[512]
+
+Luther selber hatte nun in seiner Hausfrau und seinem Hausstand
+gefunden, was er in dem rechten Ehestand suchte und von dem rechten
+Eheweib erwartet. Er bezeugt: „Mir ist, gottlob! wohl geraten, denn ich
+habe ein fromm (brav), getreu Weib, auf welche sich des Mannes Seele
+verlassen darf, wie Salomon sagt (Sprw. 31, 11): Sie verderbet mir's
+nicht.“[513]
+
+„Martinus redete von seiner Hausfrau und sagte: er achtete sie teurer
+denn das Königreich Frankreich und der Venediger Herrschaft. Denn ihm
+wäre ein fromm (brav) Weib von Gott geschenkt und gegeben. Zum andern,
+er höre, daß viel größer Gebrechen und Fehler allenthalben unter
+Eheleuten seien, denn an ihr erfunden wäre. Zum dritten: das wäre
+überflüssige Ursach genug, sie lieb und wert zu halten, daß sie Glauben
+und sich ehrlich hielte, wie es einem frommen, züchtigen Weib gebühret.
+Welches alles, da es ein Mann ansehe, so würde er leichtlich überwinden,
+was sich möchte zutragen, und triumphieren wider Zank und Uneinigkeit,
+so der Satan pflegt unter Eheleuten anzurichten.“ „Die Ehe ist nicht ein
+natürlich Ding, sondern Gottes Gabe, das allersüßeste, lieblichste und
+keuscheste Leben. Ach, wie herzlich sehnte ich mich nach den Meinen, da
+ich zu Schmalkalden todkrank lag! Ich meinte, ich würde Weib und Kinder
+hie nicht mehr sehen; wie weh that mir solche Scheidung und Trennung.
+Nun glaub ich wohl, daß in sterbenden Menschen solche natürliche Neigung
+und Liebe, so ein Ehemann zu seinem Eheweib habe, am größten sei. Weil
+ich aber nun gesund bin worden durch Gottes Gnade, so hab ich mein Weib
+und Kinderlein desto lieber. Keiner ist so geistlich, der solche
+angeborene Neigung und Liebe nicht fühlet. Denn es ist ein groß Ding um
+das Bündnis und die Gemeinschaft zwischen Mann und Weib.“[514]
+
+Luther wußte aber auch, daß er keine zweite Frau in der Welt finden
+könnte, die so gut für ihn paßte, als Katharina von Bora. Er warnte den
+Pfarrer von Sitten vor einer zweiten Heirat und fügt bei der Umschau auf
+seinen Bekanntenkreis hinzu: „Ich, wenn ich jung wäre und die Bosheit
+der Welt so kennete, ich würde, wenn mir auch eine Königin angeboten
+würde nach meiner Käthe, lieber sterben, als noch einmal heiraten.“ Und
+doch schätzte er den Ehestand so hoch, daß er ihn für die schönste
+Ordnung nach der Religion, für den fürnehmsten Stand auf Erden
+hielt[515].
+
+Luther kannte nichts Lieberes als seine Käthe. Er beteuert, er habe sie
+lieber als sich selber. Ja er klagte darüber als menschliche Schwäche,
+daß er seine Käthe lieber habe als unsern Herrgott. Seine
+Lieblingsepistel, den Galaterbrief, nannte er „seine Käthe im neuen
+Testament“. „Der Brief an die Galater ist meine liebe Epistel, der ich
+mich vertrauet habe: sie ist meine Käthe von Bora.“ Und sein höchster
+Trumpf war: „Ich setze meine Käthe zum Pfand!“[516]
+
+Käthe war nicht eine geistreiche Frau, hoher Schwung der Gedanken,
+glänzende Geistesgaben gingen ihr ab: sie ist eine nüchterne und doch
+nicht hausbackene, tüchtige deutsche Frau.
+
+Es ist eine unzeitgemäße Sache, die Frage aufzuwerfen, ob denn Frau
+Käthe „gebildet“ war. Eine gelehrte Frau wie Argula von Grumbach war sie
+glücklicherweise nicht; von einer solchen war Luther, wie seine
+Aeußerungen zeigen, wenig erbaut und jedenfalls wäre dann seine Wahl
+nicht auf Katharina gefallen. (S. 185 f.) Eine geistvolle Frau wie die
+Kirchenmutter Katharina Schützin in Straßburg, welche Sendschreiben an
+die christlichen Frauen ergehen ließ, brauchte sie neben Luther nicht zu
+sein. Aber so gebildet wie irgend eine Frau ihres Standes war sie doch.
+
+Frau Käthe, wird bezeugt, las gerne und eifrig in der Bibel und gewiß
+nicht bloß wegen der von Luther versprochenen 50 fl. Einmal ermahnte der
+Doktor sein Weib, daß sie fleißig Gottes Wort lesen und hören solle, und
+sonderlich den Psalter fleißig lesen. Sie aber sprach, daß sie es genug
+thäte und täglich viel lese, und könne auch viel davon reden; wollte
+Gott, sie thäte auch darnach. Der Doktor meinte zwar, solch' Rühmen
+müsse der Vortrab des künftigen Ueberdrusses sein. Aber freilich, die
+vielbeschäftigte Frau konnte doch auch nicht ständig mit geistlichen
+Dingen sich beschäftigen, wie ihr theologischer Gemahl. Und ein andermal
+fiel ihr selbst auf, daß sie im Evangelium nicht mehr so hitzig und
+emsig bete wie im Papsttum. Geistlich gesinnet sein konnte sie aber
+deswegen doch. Von seinen Predigten über Joh. 14-16 sagte Luther zu
+seiner Gattin: „Das ist das beste unter allen Büchern, die ich je
+geschrieben habe; darum liebe Käthe, laß Dir's befohlen sein und halt es
+für mein Testament.“[517]
+
+Und von Eisleben aus schrieb er: „Lies Du, liebe Käthe, den Johannem und
+den kleinen Katechismum, davon Du zu dem Male sagtest: „Es ist doch
+alles in dem Buch von mir gesagt.“ Sie las also nicht nur in Schrift und
+Glaubensbüchlein, sondern wandte es auch auf sich an[518].
+
+Es ist doch ein Zeugnis für so eifriges Forschen in der Schrift, wenn
+ihr von ihren Kindern auf ihrem Grabstein ein offenes Buch in die Hände
+gegeben wird.
+
+Käthe konnte auch schreiben, und ihre Briefe, soweit sie diktiert und
+nicht etwa von andern stilisiert sind, beweisen eine klare, bestimmte
+und verständige Denk- und Ausdrucksweise. Und wenn Luther seine Frau
+auch einmal damit aufzieht, daß sie „Kattegissimum“ schrieb statt
+Katechismum, so kann dies damals viel weniger wie heute als
+orthographische Unbildung gelten zu einer Zeit, wo nicht nur Laien,
+sondern auch Gelehrte höchstens das Lateinische einigermaßen
+orthographisch schrieben, das Deutsche aber in der krausesten Form, wie
+es ihnen in die Feder kam mit allen Fehlern der undeutlichen,
+verdorbenen mundartlichen Aussprache[519].
+
+Ebenso wenig sachgemäß ist die Frage, ob Frau Katharina ihrem Gemahle
+ebenbürtig war. An eine Vergleichung mit seinem geistigen Wesen, mit
+Luthers Genialität und Charakter, Wirksamkeit und weltgeschichtlicher
+Bedeutung ist ja naturgemäß nicht zu denken. Aber daß sie als Gattin,
+als Hausfrau und Mutter seiner Kinder ihm das war, was er an ihr
+brauchte und wollte, daß sie Luthers rechte und somit ebenbürtige Gattin
+war, das hat er immer wieder ausgesprochen und anerkannt.
+
+Aber auch daran muß erinnert werden, daß Frau Katharina doch ein
+lebhaftes Interesse für das Werk ihres Gatten, für die Kirche und die
+Reformation bezeugte. Frau Käthe hörte und las viele von den Briefen,
+die ab- und eingingen. Sie drängte ihren Gatten zum Schreiben. Sie
+sprach ein Wort darein, wenn er eine Schrift ausgehen ließ. Sie durfte
+als eine Doktorin auch ihren Rat bei Besetzung von Pfarrstellen geben
+und bemühte sich für junge Magister um Anstellung. Sie verstand die
+Bedeutung ihres Gatten für die Christenheit, sie wußte seine
+Persönlichkeit und sein Werk zu würdigen. Sie betete und sorgte für das
+Heil der Christenheit und den Erfolg des Evangeliums noch auf ihrem
+Totenbette. Und Luther mutete ihr solches Interesse auch zu.
+
+Und wenn wir die Rolle in Betracht ziehen, welche Katharina gegenüber
+den anderen Professoren- und Reformatorenfrauen in dem mündlichen und
+schriftlichen Gedankenaustausch der Zeitgenossen spielte, so z.B.
+Melanchthons Frau, wenn wir sehen, wie sie allerseits geehrt, gegrüßt
+und beachtet, in ihrer Krankheit um sie gebangt war, nicht bloß um ihres
+Gatten willen, dann ist außer Zweifel: seine Käthe ist des großen
+Doktors wert und würdig gewesen, und es ist doch bemerkenswert, daß die
+Freunde die Gattin Luthers mit dem Weibe der Offenbarung, dem Sinnbild
+der christlichen Kirche verglichen[520].
+
+Aus den späteren Jahren giebt es von Frau Katharina ein Kranachsches
+Bild[521]. Das Gesicht ist etwas gebräunt, die Augen blicken trübe, fast
+schmerzlich und müde, wie Luther in dieser Zeit sie schildert, als
+„geneigt zu Mißtrauen und Sorgen“[522]; wieder zeigt die starke
+Unterlippe das kräftige Selbstbewußtsein, die zusammengelegten Hände
+deuten ruhige Gelassenheit an. Aber es ist das Bild einer geistig nicht
+unbedeutenden Frau. Der ernste, ja strenge Ausdruck des Gesichts
+verkündet ein schweres Geschick, das ihr bevorsteht, oder das sie schon
+erlebt hat.
+
+
+
+
+15. Kapitel.
+
+Luthers Tod.
+
+
+Die letzten Jahre der Ehe waren gar schwer und trübe. Das lag einerseits
+in den Verhältnissen, die sich fast nach allen Seiten recht widerwärtig
+gestalteten; andererseits aber in Luthers Zustand, der immer
+krankhafter, immer hinfälliger und damit trübseliger und verstimmter
+wurde. Was Käthe bei dem zur Schwermut geneigten Temperament und der
+zornmütigen Gereiztheit ihres Gatten unter all' diesen Verhältnissen zu
+leiden hatte, ist leicht zu denken[523].
+
+Die Weltlage, welche der Reformator begreiflicherweise mit aufmerksamem
+Auge verfolgte, war eine seltsame und für Luthers Empfinden geradezu
+erschreckliche. Das stete Vordringen der Türken, das seinem
+christlich-deutschen Herzen schwer weh that, die Verbindung christlicher
+Mächte, wie Frankreichs und, wenigstens indirekt, Venedigs und des
+Papstes mit dem Erbfeind der Christenheit erschien wie drohende
+Vorzeichen des Jüngsten Tages. Dazu das Verhalten des Kaisers und seines
+Bruders, des Königs Ferdinand, das deutlich darauf ausging, die
+Protestanten hinzuhalten, sie, wie einstens die Husiten, mit einem
+Brocken Zugeständnis abzuspeisen, wenn man aber einmal freie Hand hätte,
+mit Gewalt, wie Luther fürchtete — verbunden mit Papst und Teufel, Türke
+und Hölle, über sie herzufallen. Das alles erfüllte ihn mit bangen
+Sorgen. Er weissagte an seinem letzten Geburtstag richtig: „Bei meinem
+Leben wird es, ob Gott will, keine Not haben und guter Friede in
+Germania bleiben; aber wenn ich nun tot bin, da wird alsdann das Beten
+hoch vonnöten sein. Unsere Kinder werden noch müssen den Spieß in die
+Hand nehmen; denn es wird übel zugehen in Deutschland. Das Konzil zu
+Trient ist sehr zornig und meinet es sehr böse mit uns. Darum betet zu
+Gott mit Fleiß.“[524]
+
+Noch verdrießlicher aber und sorgenerregender waren für Luther mit Recht
+die Streitigkeiten in den eigenen Reihen. Darüber sagte er seinen
+Freunden beim letzten Geburtstagsfest: „Ich fürchte mich nicht vor den
+Papisten, das sind des mehren Teils grobe Esel; aber unsere Brüder
+werden dem Evangelium Schaden thun, die von uns ausgegangen sind, aber
+nicht von uns sind.“ Da standen sich Kurfürst und Herzog von Sachsen
+wegen Landbesitz feindlich gegenüber im sogenannten „Fladenkrieg“ (weil
+um Ostern 1542). Herzog Moriz, welchem Luther Verräterei zutraute,
+entzog sich dem evangelischen Bunde von Schmalkalden. Wohl waren — bis
+auf den „geistlichen Türken“, den Mainzer Erzbischof — die alten Feinde
+Luthers: Herzog Georg und Kurfürst Joachim I. gestorben und das
+Herzogtum Sachsen und Kurbrandenburg zum Protestantismus übergetreten
+und sogar das Erzbistum Köln dazu bereit; aber in Berlin traten der
+„Grickel und der Jäckel“ (Agricola und Schenk) auf mit ihren
+gesetzesstürmerischen Lehren; in Köln wollte man die Luther so
+unsympathische schweizerische „Sakramentiererei“ einführen und der große
+Vermittler Butzer und der milde Melanchthon, welche diese Kölner
+Reformation übernommen hatten, wurden Luther höchst verdächtig und das
+ganze Werk ärgerlich — es scheiterte ohnedies durch die Gewaltthat des
+Kaisers. In Luthers Umgebung wuchs, nachdem die alten Mitarbeiter der
+Reformation am Abgang waren, ein neues Geschlecht heran, das mit
+epigonenhafter Uebertreibung die Gegensätze schärfte oder allerlei
+Kleinigkeiten und Aeußerlichkeiten aufbauschte, wie die Zeremonien,
+Auslegung der Offenbarung Johannes, Verbot von alten Osterbräuchen und
+andere „Geislein“ „herfürgucken“ ließen, die sie führen wollten, um sich
+wichtig zu machen; auch der alte Streit mit den Schweizern flammte
+wieder auf[525].
+
+Ja, auf Melanchthon selbst, seinen alten Freund und Mitarbeiter, wurde
+Luther mißtrauisch gemacht wegen allerlei Abweichungen vom „echten“
+Luthertum und es entstand eine gefährliche Spannung zwischen den beiden
+Männern und ihren Familien, bis die Mißstimmung endlich durch Luther
+selbst beigelegt wurde, so daß der Reformator doch bis ans Ende seines
+Lebens mit ihm als dem treuesten Freunde verkehrte[526]. Mit seinen
+Kollegen von der juristischen Fakultät, namentlich seinem alten Freunde
+Hier. Schurf, bekam Luther einen bösen Span wegen der heimlichen
+Verlöbnisse, welche die „garstigen Juristen“ mit einem Rückfall ins
+kanonische Recht für giltig erklärten, Luther aber verwarf[527]: er
+hatte die Gefährlichkeit der Sache an Melanchthons Sohn er fahren, der
+sich — noch unmündig — von einem Mädchen hatte fangen und ohne Wissen
+und Willen seiner Eltern ihr ein Eheversprechen gegeben hatte, worüber
+M. Philipp und sein Weib „schier verschmachtet“ wären, wenn Luther es
+nicht abgewendet hätte. Und er selber mußte es erfahren in seiner
+eigenen Familie, indem seiner Schwester Sohn sich ungehorsamerweise ohne
+der Freundschaft Rat verlobte. Er hatte infolgedessen zu klagen, daß das
+„Meidevolk in Wittenberg gar kühn“ geworden sei und die Eltern ihre
+Söhne von der Universität zurückforderten, weil man ihnen da Weiber an
+den Hals hänge[528].
+
+Die alten Hausgenossen und Freunde waren in alle Welt zerstreut; aber in
+ihren Anfechtungen, Verdrießlichkeiten, Bedenken wandten sie sich an
+ihren „heiligen Vater Luther“. So hatte er zu schlichten, zu raten und
+zu trösten — und das richtete ihn selber auf. Aber er hatte auch manchen
+Aerger und manchen Schmerz[529]. Da plagte ihn M. Stiefel mit seinen
+Grillen über den Jüngsten Tag, oder der Stadthauptmann Metzsch mit
+seinem übeln Wandel und seiner rücksichtslosen Niederlegung von vielen
+Wohnhäusern zum Festungsbau, wodurch die kleine, volkreiche Stadt noch
+enger wurde und die armen Studenten noch elender wohnen mußten. Einer
+nach dem andern von den Zeitgenossen ging aus dem Leben. So schon 1538
+der treue Hausmann. Dann Luthers letzter Klostergenosse Brisger, endlich
+auch Spalatin (1545). Schon vorher (1542) war seine und Käthes
+liebenswürdige, heitere Freundin, Käthe Jonas, verschieden, deren
+Erscheinung ihm immer erfreulich und tröstlich gewesen[530]; vor allem
+aber der Sonnenschein des Hauses, das gute Magdalenchen. Der Sohn und
+ein Neffe waren eine zeitlang fort in Torgau. In dieser Zeit starb auch
+der Gatte seiner Nichte Lene, geb. Kaufmann; und diese machte ihm dann
+schweren Verdruß durch ihre zweite Heirat mit dem jugendlichen Mediziner
+Ernst Reuchlin (Ende 1545).
+
+Das Jahr 1544 war wieder ein Krankheitsjahr in Wittenberg und im
+Lutherhaus. Um Ostern lagen alle Kinder an den Masern und die kleine
+Margarete bekam davon ein schweres Fieber, an dem sie zehn Wochen
+lebensgefährlich darniederlag und von dem sie sich bis in den Dezember
+hinein gar nicht erholen wollte. Was gab es da für Käthe an Sorgen und
+Mühen[531]!
+
+Aber auch der Hausvater selbst war jetzt immer krank: bald fehlte ihm
+dies, bald jenes; alle seine Leiden stellten sich mit Macht ein in dem
+abgearbeiteten Körper und der erschöpfte Lebensgeist war nicht mehr
+recht widerstandsfähig gegen die mancherlei Angriffe auf die
+verschiedenen Organe. Die Hausärzte und die kurfürstlichen Leibärzte
+doktorten an ihm herum; der Hof schickte Arzneien; die Gräfin von
+Mansfeld wollte ihn in die Kur nehmen. Es war ein alter (noch jetzt
+bestehender) Glaube, daß großer Fürsten und Herren Arznei, die sie
+selbst gäben und applizierten, kräftig und heilsam seien, sonst nichts
+wirkten, wenn's ein Medikus gäbe[532]. Das meiste und beste that
+freilich Frau Käthe.
+
+Im Jahre 1541 war Luther lange Zeit so schwach, daß er nicht eine Stunde
+angestrengt lesen und sprechen konnte; er mußte daheim bleiben und da
+seine Hausgottesdienste halten. Einmal schrieb er auch an die
+arzneikundige verwitwete Gräfin Dorothea von Mansfeld, welche auch gern
+dem „lieben togktor“ geholfen hätte. Denn die Schmerzen waren
+entsetzlich, so daß er jammerte: „Sterben will ich, aber diese Qualen
+sind gräßlich.“[533] Im folgenden Jahre machte er sein Testament, „satt
+dieses Lebens, oder daß ich's richtiger sage, dieses herben Todes“. „Ich
+habe mich ausgearbeitet und ausgelebt. Der Kopf ist kein nutz mehr. Ich
+bin müde erschöpft, bin nichts mehr.“[534] Im April 1543 klagt er: „Wie
+oft bin ich in diesem Jahre schon gestorben! Und doch lebe ich noch,
+eine unnütze Last der Erde.“ Am 13. und 14. Juli 1543 wurde er
+wiederholt so ohnmächtig, daß er zu sterben meinte und seinen Hans von
+Torgau holen lassen wollte. Aber Frau Käthe hatte gelernt, ihn zu
+ermutigen und redete ihm die Todesgedanken aus. Anfangs 1515 hatte er
+einen Krankheitsanfall mit ähnlichen Erscheinungen, wie sie ein Jahr
+später seinen Tod herbeiführten, Leichenkälte und die beängstigenden
+Beklemmungen auf der Brust. Er konnte lange keine Predigt und keine
+Vorlesung halten und mußte selbst in einem Wägelchen sich zur Kirche
+fahren lassen, um die Predigt zu hören[535]. „Ich glaube, meine
+wirkliche Krankheit ist das Alter, dann meine Arbeiten und heftigen
+Gedanken, besonders aber die Schläge Satans.“ „Daß ich am Haupte
+untüchtig bin, ist nicht Wunder; das Alter ist da; der Krug geht solange
+zu Wasser, bis er einmal zerbricht.“ „Ich bin träg, müde, kalt, das
+heißt alt und unnütz; ich habe meinen Lauf vollendet und es bleibt
+nichts übrig, als daß der Herr mich zu meinen Vätern versammle.“ Bei
+seinen gräßlichen Qualen wünscht er, wenn nicht sanft, so doch tapfer zu
+sterben[536].
+
+Und bei all' diesen Leiden und Qualen sollte der alte Mann noch für drei
+arbeiten, so war er geplagt von Fürsten und Stadträten, von Freunden und
+Amtsgenossen und Beichtkindern mit Briefschreiben, Bücherschreiben,
+Vorlesungen, Predigten und Beratungen, „Bedenken“, Trostschreiben; so
+daß er klagt: „Da sitze ich alter, abgelebter, fauler, müder, frostiger
+und noch dazu einäugiger Mann und schreibe. Hoffte ich doch, man sollte
+mir Abgestorbenen nun die Ruhe gönnen, die ich mir, denkt mich, verdient
+habe. Aber als hätte ich niemals etwas gethan, geschrieben, geredet und
+ausgeführt, muß ich so viel reden, thun und ausführen, daß ich mir
+keinen Rat weiß. Ich bin so beschäftigt, daß ich gar selten Muße habe,
+zu lesen oder für mich zu beten, was mir beschwerlich ist.[537]
+
+Freilich brach oft der angeborene Humor bei Luther durch, und das frohe
+Gottvertrauen blieb wohl die Grundstimmung seines Wesens. Aber bei
+seinem zur Schwermut neigenden Temperament und Gesundheitszustand
+pflegte der alternde Mann doch vorwiegend die Schattenseiten aller
+Erscheinungen zu sehen und nur selten konnte er sich sagen: „Ich lasse
+das Antlitz unsrer Gemeinden nicht trauervoll zurück, sondern blühend,
+durch reine und heilige Lehre mit vielen vortrefflichen und lauteren
+Geistlichen, von Tag zu Tage wachsend.[538]
+
+So war ihm Zeit und Welt widerwärtig geworden. „Welt ist Welt, war Welt
+und wird Welt sein.“ Und er wünschte sich weg daraus. Er hoffte und
+wünschte, daß das Weltende nahe sei oder doch sein Lebensende. „Komm',
+lieber jüngster Tag!“ seufzt er am Schluß eines Briefes an Käthe, und an
+Frau Jörger schließt er (1544) ein Schreiben: „Es sollt ja nunmehr die
+Zeit da sein meiner Heimfahrt und Ruhe; bittet für mich um ein seliges
+Stündlein.“[539]
+
+Da er aber nicht aus der Welt gehen und die Feiertagsruhe des Jüngsten
+Tages nicht selbst herbeiführen konnte, so wollte er wenigstens aus
+_seiner_ Welt scheiden und von seinem Beruf. Denn so ist ja Stimmung und
+Wunsch bei alten und kranken Leuten: da sie nicht aus dem Leben gehen
+können, so suchen sie ihren Wohnort zu verändern und wünschen sich
+daraus weg, mit so viel Beschwerden auch ein Wechsel und eine Reise
+verbunden sein mag. So sagte Luther das ganze letzte Jahr zu seiner
+Umgebung, „er begehre an einen anderen Ort zu ziehen“. Und die Freunde
+fanden es auch merkwürdig, daß er in diesem Jahr vor seinem Tode öfter
+ausgezogen, denn in vielen Jahren; und sie sahen es als „Prophezeiung
+an, daß er die selige Reise werde thun in ein besser Leben“[540].
+
+So ging es nun auch schon 1544, wo er mit einem Wegzug aus Wittenberg
+gedroht und von den Freunden und Beamten Wittenbergs davon abgebracht
+war. Im folgenden Jahr (1545) nachdem er am Johannistag von seinem
+„Peiniger“, dem Stein, fast umgebracht worden und dadurch in eine
+gereizte Stimmung versetzt war, führte er diesen Entschluß wirklich
+aus[541].
+
+Es war gerade kein besonderer Anlaß zu diesem Schritte da. Aber
+mancherlei hatte ihm den Aufenthalt in Wittenberg in der letzten Zeit
+verleidet. Der Streit mit den Juristen, die ärgerliche Geschichte im
+Haus mit „einer andern Rosina und Schwindlerin“, vor allem aber das
+Leben und Treiben von Bürgern und Studenten in Wittenberg, hatten ihn
+hoch aufgebracht. Der ungeheure Studentenandrang nach Wittenberg brachte
+begreiflicherweise nicht lauter gute, fromme und sittige Elemente dahin
+und bei den 2000 Studierenden gab es natürlich viel mehr zu rügen und zu
+strafen, als bei den früheren 200. Und unter diesen Tausenden waren
+Leute aus allerlei Volk; nicht nur alle deutschen Stämme, sondern auch
+Ausländer: „Reußen und Preußen, Holländer und Engellender, Dänemarker
+und Schweden, Böhmen, Polen, Hungern, Wenden und Winden, Walen und
+Franzosen, Spanier und Gräken.“ Die Bürger beuteten die Studierenden
+aus. Weibliches Gesindel zog herbei, wie Luther meinte, von den
+Widersachern geschickt, und es gab manche „Speckstudenten“, die sich
+lieber in dem Lustwäldchen „Specke“ umhertrieben, statt in der Schule
+Gottes Wort, Tugend und Zucht zu lernen. Gegen solche Unordentlichkeit
+trat nun Luther als alter treuer Prediger mit väterlicher Vermahnung
+auf. Er bittet seinen „Bruder Studium, sich still, züchtig und ehrlich
+zu halten, des warten, warum sie hergesandt und mit schweren Kosten von
+den Ihren erhalten werden, daß sie Kunst und Tugend lernen, weil die
+Zeit da ist und solche feine Präzeptoren da sind.“ Er ermahnte den Rat,
+die Laster zu strafen, und die Bürger, dem „Geiz“ zu steuern. Aber die
+Bürger der kleinen Universitätsstadt hielten zumeist auf ihren Vorteil,
+der Rat war lässig und ängstlich, wie Luther oftmals klagt gegenüber der
+schönen Ordnung in einer Reichsstadt wie Nürnberg, und die Studenten
+wies er vergeblich auf seinen grauen Kopf; sie überhörten seine
+schmerzlichen und herzlichen Mahnungen: „Ach, mein Bruder Studium,
+schone mein und laß es nicht dahin kommen, daß ich müsse schreien wie
+St. Polykarpus: Ach Gott, warum hast Du mich das erleben lassen? Ich
+hab's ja nicht verdient, sondern da sind vorhanden meine und euer
+Präzeptoren treue Arbeit, die euch zum besten dienen in diesem und jenem
+Leben.“[542]
+
+Neben und mit diesem unordentlichen Wesen nahm die Ueppigkeit in der
+Stadt bei Doktorschmäusen und besonders bei Hochzeiten und Kindtaufen so
+überhand, daß mancher Mann (z.B. Georg Major durch sein Doktorat und
+neun Kindtaufen) in Schulden geriet. Ja, es riß die neue Kleidertracht
+ein, „die Jungfrauen zu blößen, hinten und vorn“, und niemand war da,
+„der da strafe oder wehre“; es schien, wie Luther fürchtet, sich
+anzulassen, „daß Wittenberg mit seinem Regiment nicht den S. Veitstanz
+noch S. Johannistanz, sondern den Bettlertanz und Beelzebubtanz kriege“.
+Daher meinte Luther: „Nur weg aus dieser Sodoma!“[646]
+
+Damit schien er nun Ernst zu machen. Im Juli 1545 unternahm er auf Frau
+Käthes Fuhrwerk mit seinem ältesten Sohne Hans, D. Kreuziger und einem
+Tischgenossen Ferdinand von Maugen eine Erholungsreise nach Leipzig und
+Zeitz zu Freund Amsdorf, dem Bischof. Unterwegs hörte er, daß die
+Zustände in Wittenberg viel mehr im Munde der Leute wären, als er
+dachte. Da wollte er gar nicht mehr in die „unordige“ Stadt zurück. Er
+schrieb am 28. Juli von Zeitz aus an seine Frau folgenden Brief[543]:
+
+„G(nade) und F(riede)!
+
+Liebe Käthe! Wie unsre Reise ist gangen, wird Dir Hans wohl alles sagen
+— wiewohl ich auch nicht gewiß bin, ob er bei mir bleiben solle —, dann
+werden's doch D. Kaspar Kreuziger und Ferdinandus wohl sagen. Ernst von
+Schönfeld hat uns zu Lobnitz schön gehalten[544]. Noch viel schöner
+Heinz Scherle zu Leipzig.
+
+Ich wollt's gerne so machen, daß ich nicht müßte wieder gen Wittenberg
+kommen. Mein Herz ist erkaltet, daß ich nicht gern da bin; wollt auch,
+daß Du verkauftest Garten und Hufe, Haus und Hof. So wollt ich (auch)
+M(einem) G(nädigen) H(errn) das große Haus[545] wieder schenken. Und
+wäre Dein Bestes, daß Du Dich gen Zulsdorf setzest, weil (während) ich
+noch lebe. Und (ich) könnte Dir mit dem Solde wohl helfen das Gütlein
+bessern, denn ich hoffe, M.G.H. soll mir den Sold (aus)folgen lassen,
+zum wenigsten ein Jahr meines letzten Lebens. Nach meinem Tode werden
+Dich die vier Elemente[546] zu Wittenberg doch nicht wohl leiden; darum
+wäre es besser bei meinem Leben gethan, was dann zu thun sein will.
+
+Ich habe auf dem Lande mehr gehört, denn ich zu Wittenberg erfahre,
+darum ich der Stadt müde bin und nicht wieder kommen will, da mir Gott
+zu helfe.
+
+Uebermorgen werde ich gen Merseburg fahren, denn Fürst George hat mich
+sehr darum lassen bitten[547].
+
+Will also umherschweifen und eher das Bettelbrot essen, ehe ich meine
+arm alte letzte Tage mit dem unordigen Wesen zu Wittenberg martern und
+beunruhigen will mit Verlust meiner sauern und teuern Arbeit. Magst
+solches, wo Du willst, D. Pommer und M. Philipps wissen lassen, und ob
+D. Pommer wollt' hiemit Wittenberg von meinenwegen gesegnen[548]. Denn
+ich kann des Zorns und Unlust nicht länger leiden.
+
+Hiemit Gott befohlen, Amen.
+
+Martinus Luther.“
+
+Frau Käthe zeigte natürlich diesen drohenden Brief den beiden Freunden;
+Melanchthon wiederum, welcher auf den Mittag zu Dr. Brück kam und mit
+ihm aß, erzählte dem Kanzler Luthers Vorhaben. Das that seine Wirkung.
+Denn was war Wittenberg ohne Luther? Auch Melanchthon erklärte, daß er
+dann nicht mehr bleiben könnte und sich vor dem Aergernis irgend wohin
+verkriechen müsse.
+
+Da fuhr der Schrecken den Wittenbergern, Universität, Rat und
+Bürgerschaft durch die Glieder. Der Senat und der Magistrat kamen
+zusammen und berieten über Maßregeln, Luther zu halten. An den
+Kurfürsten wurde mit einer Abschrift von Luthers Brief eine Botschaft
+geschickt, damit er auch seinerseits auf den erzürnten Mann einwirke,
+„daß er sein Gemüt ändere“. Eine Abordnung von Universität und Stadtrat:
+Melanchthon, Bugenhagen, Major, der Bürgermeister und der Stadtrichter
+Hans Lufft, wurden zu Luther gesandt und auch vom Hof kam ein
+beschwichtigender Brief und der liebenswürdige Leibarzt Ratzeberger, den
+Luther gar gut leiden mochte, nach Merseburg. Der Doktor ließ sich hart
+genug gegen die Wittenberger Abgesandten aus über „die Lockerung der
+Zucht“. Stadt und Regierung versprachen nun ernstliches Einschreiten
+gegen das „verthunliche“ Wesen bei Hochzeiten und Kindtaufen, gegen
+leichtfertiges Treiben bei Tanzvergnügungen, gegen das ungebührliche
+Geschrei auf den Straßen u.s.w.[549]
+
+So ließ sich Luther besänftigen; er kehrte noch bei Hof an, um seinen
+Forderungen Nachdruck zu geben; dann fuhr er langsam nach Hause. Die
+Ausspannung und der Aufenthalt in freier Luft hatte ihm doch gut gethan,
+und die Behaglichkeit in seinem schönen Heim, die Fürsorge seiner treuen
+Hausfrau ließen ihn die Gedanken an einen Auszug vergessen, bis die
+endgiltige Wanderung in die jenseitige Welt ihn aller Unlust und
+Widerwärtigkeiten, aller Leiden und Folterqualen der Krankheit
+enthob[550].
+
+Er sollte die verwickelten Streithändel seiner Landesherrn, der
+Mansfelder Grafen, wegen der Bergwerksrechte beilegen und machte dazu im
+folgenden Winter drei Reisen in seine Heimat. Der Kurfürst hätte lieber
+gesehen, wenn Luther „als ein alter abgelebter Mann mit diesen Sachen
+verschont bliebe“; und das war Frau Käthes Meinung auch, welche es
+betrieb, daß Melanchthon, der doch viel jünger und gesunder war, nicht
+nach Regensburg mußte. Aber Luther selbst meinte: „Es muß, wiewohl ich
+viel zu thun habe, um ein acht Tage nicht not haben, die ich daran wagen
+will, damit ich mit Freuden mich in meinen Sarg legen möge, wo ich zuvor
+meine lieben Landesherren vertragen und freundliches, einmütiges Herzens
+gesehen habe.“ Nebenbei war es ihm eine Genugthuung, zu zeigen, was in
+Streithändeln ein guter Christ fertig brächte, gegenüber „den silbernen
+und guldenen Juristen, welche die Sache oftmals als Vorteil und Geiz
+wider alle Billigkeit erweitern und auf(hinaus)ziehen.“[551]
+
+Freilich Frau Käthe nahm diese Reisen viel schwerer, namentlich die
+letzte in der schlimmsten Jahreszeit. Es war Ende Januar und ein gar
+„unartiges“, kaltes Wetter. Sie wußte aus reicher Erfahrung, was eine
+Erkältung für den durch und durch kranken Mann bedeute. Sie hatte ja
+auch gehört, daß Luther im November (1545) seine Vorlesung über die
+Genesis mit den Abschiedsworten geschlossen hatte: „Ich kann nicht mehr;
+ich bin schwach; bittet Gott für mich, daß er mir ein gutes, seliges
+Ende beschere.“ Endlich hatte ein Vorfall das ganze Haus mit banger
+Ahnung erfüllt. Kurz vorher hatten die studentischen Tisch- und
+Hausgenossen im Schlafhaus, wo sie wohnten, eine Schlaguhr erneuern
+lassen. Da begab sich's einstmals um Mitternacht, daß bei dieser Uhr ein
+sehr großer harter Fall gehört wurde, als ob das ganze Gehäuse mit samt
+den Gewichten heruntergefallen wäre. Am andern Morgen war alles
+unversehrt. Da dies Luther gesagt war, sprach er zu den Tischgenossen:
+„Ihr lieben Quiriten, erschreckt nicht davor. Denn dieser Fall bedeutet
+mich, daß ich bald sterben werde. Wenn ich von Eisleben komme, will ich
+mich in Sarg legen. So bin ich der Welt müde, und scheide gerne wie ein
+reifer Gast aus einer gemeinen Herberge.“ Dennoch wollte Frau Katharina
+ihren Gatten an dem Friedenswerk in Mansfeld nicht hindern und nachdem
+er zweimal die Reise glücklich überwunden, hoffte sie wohl auch auf
+einen glücklichen Ausgang einer dritten und letzten. Sie gab ihm aber
+nicht nur seinen Famulus Ambrosius Rutfeld mit, sondern auch ihre drei
+Söhne und in Halle sollte Herr D. Jonas einsteigen. Im Kloster blieben
+als Tischgenossen Besold, Plato u.a. zurück[552].
+
+Die Reisenden fuhren am Samstag, den 23. Januar, in Wittenberg ab. Es
+trat nach scharfem Frost während der Nacht auf Sonntag Tauwetter ein,
+mit Eisgang und Ueberschwemmung, so daß die Reisegesellschaft, als sie
+Sonntag vormittag in Halle anlangte, nicht über die Saale kommen und
+drei Tage in der Stadt verziehen mußte; Freund Jonas, der seit vier
+Jahren in Halle Pfarrer war, hieß aber die Wittenberger Gäste in seinem
+Hause willkommen. Von Halle empfing nun Frau Käthe einen launigen Brief
+ihres Eheherrn, der dessen gute Stimmung meldete. Er war adressiert
+„Meiner freundlichen lieben Käthen Luthrin zu Wittenberg zu
+Handen“[553].
+
+„Gnad und Friede im Herrn!
+
+Liebe Käthe!
+
+Wir sind heute um acht Uhr zu Halle ankommen, aber nach Eisleben nicht
+gefahren. Denn es begegnete uns eine große Wiedertäuferin mit
+Wasserwogen und großen Eisschollen, die das Land bedeckte; die dräuete
+uns mit der Wiedertaufe. So konnten wir auch nicht wieder zurückkommen,
+von wegen der Mulda; mußten also zu Halle zwischen den (beiden) Wassern
+stille liegen. Nicht daß uns durstete zu trinken, sondern nahmen gut
+Torgisch Bier und guten rheinischen Wein; damit labeten und trösteten
+wir uns dieweil, ob die Saale wollt wieder auszürnen. Denn weil die
+Leute und Fuhrmeister, auch wir selbst zaghaftig waren, haben wir uns
+nicht wollen in das Wasser begeben und Gott versuchen; denn der Teufel
+wohnet im Wasser und ist uns gram; und ist besser verwahret denn
+beklaget; und ist ohne Not, daß wir dem Papst samt seinen Schuppen eine
+Narrenfreude machen sollten. Ich hätte nicht gemeint, daß die Saale eine
+solche Sod machen könnte, daß sie über Steinwege und alles rumpeln
+sollte.
+
+Jetzo nicht mehr, denn: betet für uns und seid fromm. Ich halte, wärest
+Du hier gewesen, so hättest Du uns auch also zu thun geraten; so hätten
+wir Deinem Rat auch einmal gefolget.
+
+Hiemit Gott befohlen! Amen.
+
+Zu Halle am St. Paulus Bekehrungstage (25. Januar) Anno 1546.
+
+Martinus Luther D.“
+
+Das lautete gar fröhlich und vergnügt, als man im Kloster diesen
+lustigen Brief las, und Frau Käthe konnte einstweilen beruhigt sein.
+Aber es dauerte acht Tage, bis wieder ein Brief kam. Das mußte die
+besorgte Frau schon nicht wenig aufregen und sie sandte Briefe über
+Briefe ab, was sonst bei der vielbeschäftigten Frau nicht gerade
+Gewohnheit war. Endlich nach Lichtmeß langte ein zweiter Brief Luthers
+an. Der war freilich auch in demselben scherzhaften Ton geschrieben, wie
+der vorige und die meisten Episteln des Doktors an seine Frau. Aber es
+war doch eine Stelle darin, die bedenklich machen konnte.
+
+„Meiner herzlieben Hausfrauen Katharin Lutherin, Doktorin, Zulsdorferin,
+Saumärkterin und was sie sonst noch sein kann.
+
+Gnade und Friede in Christo und meine alte, arme und, wie ich weiß,
+unkräftige Liebe zuvor.
+
+Liebe Käthe! Ich bin schwach gewesen auf dem Wege hart vor Eisleben, das
+war meine Schuld. Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt,
+es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen. Denn wir mußten
+durch ein Dorf hart vor Eisleben, da viele Juden inne wohnten;
+vielleicht haben sie mich so scharf angeblasen. So sind hier in der
+Stadt Eisleben jetzt diese Stunde über fünfzig Juden wohnhaftig (in
+einem Hause). Und wahr ist's, da ich bei dem Dorf war, ging mir ein
+solch kalter Wind hinten im Wagen ein auf meinen Kopf durchs Barett, als
+wollte mir's das Hirn zu Eise machen. Solches mag nun zum Schwindel
+etwas haben geholfen; aber jetzt bin ich gottlob! wohl geschickt,
+ausgenommen, daß die schönen Frauen mich so hart anfechten.
+
+Ich trinke Naumburgisch Bier, fast des Geschmacks, den Du von Mansfeld
+mir etwa hast gelobet. Es gefällt mir wohl.
+
+Deine Söhnchen sind nach Mansfeld gefahren ehegestern, weil sie Hans von
+Jene[554] so demütiglich gebeten hatte; weiß nicht, was sie da machen.
+Wenn's kalt wäre, so möchten sie helfen frieren. Nun es warm ist,
+könnten sie wohl was anders thun oder leiden, wie es ihnen gefällt.
+
+Hiermit Gott befohlen sammt allem Hause, und grüße alle Tischgesellen.
+Vigilia Purificationis, 1546.
+
+M.L., Dein altes Liebchen.“[555]
+
+Also der Doktor hatte sich richtig erkältet und zwar durch eigene
+Schuld; er war eine Zeitlang vom Wagen abgestiegen, hatte sich in
+Schweiß gelaufen bei dem auffallend warmen Winterwetter, war dann im
+letzten Dorfe Nißdorf, hart vor Eisleben, unvorsichtigerweise wieder auf
+den Wagen gesessen und hatte sich in dem scharfen Luftzug des Fuhrwerks
+erkältet. Frau Käthe wußte, was das zu bedeuten hatte und war gar
+ängstlich trotz des fröhlichen Briefes. Sie hatte, scheint es, die Sache
+schon vor Luthers eigener Meldung sonsther gehört, auch daß die sonst
+immer offen gehaltene Wunde am Bein, welche, eine Art Fontanelle, den
+kranken Säften einen Abfluß gewährte, bedenklicherweise zugeheilt war.
+So schrieb sie nun einen Brief um den andern, an einem Tag (Freitag, 5.
+Februar) sogar mehrere. Auch sandte sie von Wittenberg ihre gewöhnlichen
+Hausmittel: „Stärkküchlein“, allerlei Stärkwasser, Rosenessig und
+Aquavitä, und hieß Jonas, den Famulus und ihre Söhne in dem Gemach des
+Doktors schlafen[556]. Er zwar schreibt wieder ganz sorglos, nur
+bedenklich wegen der heikeln Streitigkeiten, die er zu schlichten hatte,
+am 6. Februar[557]:
+
+„Der tiefgelehrten Frauen Katharin Lutherin, meiner gnädigen Hausfrauen
+zu Wittenberg.
+
+Gnade und Friede.
+
+Liebe Käthe! Wir sitzen hier und lassen uns martern und wären wohl gern
+davon; aber es kann noch nicht sein, als mich dünkt, in acht Tagen. Mag.
+Philippus magst Du sagen, daß er seine Postille korrigiere; denn er hat
+nicht verstanden, warum der Herr im Evangelio die Reichtümer Dornen
+nennt. Hier ist die Schule, da man solches verstehen lernet. Aber mir
+grauet, daß allewege in der heiligen Schrift den Dornen das Feuer
+gedroht wird; darum ich desto größere Geduld habe, ob ich mit Gottes
+Hilfe möchte etwas Gutes ausrichten. Deine Söhnchen sind noch zu
+Mansfeld. Sonst haben wir zu essen und trinken genug und hätten gute
+Tage, wenn's der verdrießliche Handel thät. Mich dünkt, der Teufel
+spotte unser; Gott woll' ihn wieder spotten, Amen.
+
+Bittet für uns. Der Bote eilte sehr.
+
+Am Sankt Dorotheentage, 1546.“
+
+Trotz dieser Briefe war aber Frau Käthe so voller Sorge um den fernen
+Gatten, daß sie nicht schlafen konnte, und schrieb gar ängstliche
+Episteln nach Eisleben, so daß ihr der fromme Doktor eine lange Predigt
+hielt über Gottvertrauen in zwei aufeinanderfolgenden Briefen, am 7. und
+10. Februar[558]:
+
+„Meiner lieben Hausfrauen Katherin Lutherin, Doktorin, Selbstmartyrin zu
+Wittenberg, meiner gnädigen Frauen zu Händen und Füßen.
+
+Gnade und Friede im Herrn.
+
+Lies Du, liebe Käthe, den Johannem und den kleinen Katechismus, davon Du
+einmal sagtest: es ist doch alles in dem Buch von mir gesagt. Denn Du
+willst sorgen für Deinen Gott, gerade als wäre er nicht allmächtig, der
+da könnte zehn Doktor Martinus schaffen, wo der einige alte ersöffe in
+der Saale oder im Ofenloch oder auf Wolfs Vogelherd. Laß mich in Frieden
+mit Deiner Sorge: ich hab' einen bessern Sorger, denn Du und alle Engel
+sind. Der liegt in der Krippe und hänget an einer Jungfrauen Brust; aber
+sitzet gleichwohl zur rechten Hand Gottes des allmächtigen Vaters. Darum
+sei in Frieden, Amen.
+
+Betet, betet, betet und helft uns, daß wir's gut machen. Denn ich heute
+in Willen hatte, den Wagen zu schmieren in meinem Zorn; aber Jammer, so
+mir einfiel, meines Vaterlandes hat mich gehalten. Ich bin nun auch ein
+Jurist worden. Aber es wird ihnen nicht gedeihen. Es wäre besser, sie
+ließen mich einen Theologen bleiben. Komme ich unter sie, so ich leben
+soll, ich möcht' ein Poltergeist werden, der ihren Stolz durch Gottes
+Gnade hemmen möchte. Sie stellen sich, als wären sie Gott, davon möchten
+sie wohl und billig bei Zeit abtreten, ehe denn ihre Gottheit zur
+Teufelheit würde, wie Luzifer geschah, der auch im Himmel vor Hoffart
+nicht bleiben konnte. Wohlan, Gottes Wille geschehe.
+
+Du sollst Mag. Philippus diesen Brief lesen lassen: denn ich nicht Zeit
+hatte, ihm zu schreiben, damit Du Dich trösten kannst, daß ich Dich gern
+lieb hätte, wenn ich könnte, wie Du weißt, und er gegen seine Frauen
+vielleicht auch weiß und alles wohl verstehet.
+
+Wir leben hier wohl, und der Rat schenkt mir zu jeglicher Mahlzeit ein
+halb Stübchen Rheinfall, der ist sehr gut. Zuweilen trink ich's mit
+meinen Gesellen. So ist der Landwein hier gut, und Naumburgisch Bier
+sehr gut, ohne daß mich dünkt, es macht mir die Brust voll phlegmate
+(Schleim) mit seinem Pech. Der Teufel hat uns das Bier in aller Welt mit
+Pech verdorben und bei euch den Wein mit Schwefel. Aber hier ist der
+Wein rein, ohne was des Landes Art giebt.
+
+Und wisse, daß alle Briefe, die Du geschrieben hast, sind anher kommen
+und heute sind die kommen, die Du am nächsten Freitag geschrieben hast
+mit Mag. Philippus Briefen, damit Du nicht zürnest.
+
+Am Sonntag nach Dorotheens Tag (7. Febr.) 1546.
+
+ * * * * *
+
+Dein lieber Herr M. Luther.“
+
+„Der heiligen sorgfältigen Frauen, Katherin Lutherin, Doktor
+Zulsdorferin zu Wittenberg, meiner gnädigen, lieben Hausfrauen.
+
+Gnade und Friede in Christo.
+
+Allerheiligste Frau Doktorin! Wir bedanken uns gar freundlich für Eure
+große Sorge, davor Ihr nicht schlafen könnt; denn seit der Zeit Ihr für
+uns gesorget habt, wollt' uns das Feuer verzehret haben in unsrer
+Herberg hart vor meiner Stubenthür; und gestern, ohne Zweifel aus Kraft
+Eurer Sorge, hat uns schier ein Stein auf den Kopf gefallen und
+zerquetscht, wie in einer Mausfallen. Der hatte im Sinn, Eurer heiligen
+Sorge zu danken, wo die lieben heiligen Engel nicht gehütet hätten. Ich
+sorge, wo Du nicht aufhörst zu sorgen, es möchte uns zuletzt die Erde
+verschlingen und alle Elemente verfolgen. Lehrest Du also den
+Katechismum und den Glauben? Bete Du und laß Gott sorgen, es heißt:
+„Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der sorget für dich (1. Petr. 5, 7).“
+
+Wir sind, Gott Lob, frisch und gesund, ohne daß uns die Sachen Unlust
+machen, und Doktor Jonas wollt' gern einen bösen Schenkel haben, daß er
+sich an eine Lade ohngefähr gestoßen: so groß ist der Neid in den
+Leuten, daß er mir nicht wollt' gönnen allein einen bösen Schenkel zu
+haben.
+
+Hiemit Gott befohlen. Wir wollten nun fort gerne los sein und
+heimfahren, wenn's Gott wollt', Amen, Amen, Amen.
+
+Euer Heiligen williger Diener Martinus Luther.
+
+Am Tage Scholasticä (10. Febr.) 1546.“
+
+Aber was Frau Käthe zu wenig an Gottvertrauen zeigte, das bewies der
+Herr Doktor zu viel. Sie wußte und hörte, daß er, trotzdem er sich jeden
+Abend mit warmen Tüchern behandeln lassen mußte, seinen alten
+Predigteifer auch in der fremden Stadt in der kalten Kirche bethätigte;
+zwei Geistliche ordinierte er und viermal predigte er, zuletzt am
+Sonntag den 14. Februar. Abends schrieb er noch einen Brief an seine
+Hausfrau, erwähnte aber nichts davon, daß er heute morgen seine Predigt
+hatte abbrechen müssen aus Schwachheit; er bat aber seine Frau um
+Arzneien[559].
+
+Der Brief schlägt wieder fröhliche und hoffnungsvolle Töne an; die
+Aussicht auf Rückkehr nach der lieben Heimat vergoldete die trübe
+Stimmung[560]:
+
+„Meiner freundlichen, lieben Hausfrauen, Katherin Lutherin von Bora zu
+Wittenberg zu Händen.
+
+Gnade und Friede im Herrn.
+
+Liebe Käthe! Wir hoffen diese Woche wieder heim zu kommen, ob Gott will.
+Gott hat große Gnade hier erzeigt; denn die Herren durch ihre Räte fast
+altes verglichen haben, bis auf zwei Artikel oder drei, unter welchen
+ist, daß die zwei Brüder Graf Gebhardt und Graf Albrecht wiederum Brüder
+werden, welches ich heute soll vornehmen und will sie zu mir zu Gaste
+bitten, daß sie auch mit einander reden; denn sie bis daher stumm
+gewesen und mit Schriften sich hart verbittert haben. Sonst sind die
+jungen Herren (die Söhne der feindlichen Grafen) fröhlich, fahren
+zusammen mit den Narrenglöcklein auf Schlitten und die Fräulein auch und
+bringen einander Mummenschanz, und sind guter Dinge, auch Graf Gebhardts
+Sohn. Also muß man greifen, daß Gott Gebete erhört.
+
+Ich schicke Dir Forellen, so mir die Gräfin Albrecht geschenkt hat: die
+ist von Herzen froh der Einigkeit. Deine Söhnchen sind noch zu Mansfeld.
+Jakob Luther will sie wohl versorgen. Wir haben hier zu essen und zu
+trinken als die Herrn, und man wartet unser gar schön, nur allzu schön,
+daß wir Euer wohl vergessen möchten zu Wittenberg. So ficht mich der
+Stein auch nicht an. Aber Doktor Jonas Bein wäre schier gnad worden, so
+hat's Löcher gewonnen auf dem Schienbein; aber Gott wird auch helfen.
+
+Solches alles magst Du Mag. Philippus anzeigen, Doktor Pommer und Doktor
+Kruziger. Hier ist das Gerücht herkommen, daß Doktor Martinus sei
+weggeführt, wie man zu Leipzig und Magdeburg redet. Solches erdichten
+die Naseweisen, Deine Landsleute. Etliche sagen, der Kaiser sei dreißig
+Meilen Wegs von hinnen bei Soest in Westphalen; etliche, daß der
+Franzose Knechte annehme, der Landgraf auch. Aber laß sagen und singen:
+wir wollen warten, was Gott thun wird. Hiemit Gott befohlen.
+
+Zu Eisleben am Sonntag Valentini 1546.
+
+M. Luther, Doktor.“
+
+Es war der letzte Brief an seine Ehefrau, der letzte, den Luther
+überhaupt schrieb. Die heitere Epistel kam am Donnerstag in Käthes Hände
+und erregte bei den Klosterbewohnern großes Vergnügen: in Eisleben aber
+lag der Schreiber schon auf dem Totenbette. Der Gewaltige war am selben
+Tage früh um 3 Uhr im Kreise seiner Freunde, Dr. Jonas, M. Aurifaber,
+des Arztes, des Stadtpfarrers von Eisleben, des Grafen und der Gräfin
+Albrecht, sanft und selig entschlafen. In Wittenberg freilich dachte man
+nicht daran. Melanchthon, dem Luther mit gleichem Boten geschrieben
+hatte (u.a. daß Papst Paul gestorben wäre), verfaßte noch einen Brief an
+den Freund und Frau Käthe schickte noch eine Salbe mit, zur
+Wiederherstellung der Fontanelle am linken Schenkel. Aber am Freitag
+früh 6 Uhr kam aus Torgau ein reitender kurfürstlicher Bote vor des
+Kanzlers Brück Haus; dieser ließ sogleich D. Bugenhagen, Kreuziger und
+M. Philipp zu sich kommen; sie wußten aber bereits, was das
+kurfürstliche Schreiben meldete, ehe er es ihnen zu lesen gab, denn vor
+einer Viertelstunde war auch ein Bote mit einem Brief aus Eisleben von
+Jonas an sie gelangt. Auf Brücks Bitten verfügten sich die drei Herren
+mit des Kurfürsten und Jonas' Brief unsäumig hinauf zu der Doktorin und
+berichteten sie mit der besten Vorsicht von ihres Herrn Abgang. „Da ist
+das arme Weib, wie leichtlich zu achten, hart erschrocken und in großer
+Betrübnis gewesen.“ Aber wiederum nicht an sich dachte sie zumeist,
+sondern an ihre Kinder, besonders, wie ihre drei Söhne in der Ferne sich
+über des Vaters Tod halten möchten[561].
+
+Katharinas bange Ahnung hatte sich also erfüllt; ihre Sorge um den
+kränklichen fernen Gatten war nicht ohne Grund gewesen. Das Trauervolle
+war geschehen: der teure Mann, der gewaltige Reformator, der geistvolle
+Lehrer und Prediger, der liebreiche Vater, der treue Gatte war nicht
+mehr! Wenn auch nicht unerwartet, so doch zu früh für die Welt und für
+die Familie war er dahin geschieden, wohin er sich so oft gesehnt; von
+der Welt, über die er so viel gescholten und die er doch mit so viel
+Verständnis und Freude erfaßt; von dem Amte, in dem er sich so müde
+gearbeitet, und in dem er doch noch so Großes leistete; von der Familie,
+die ihm zwar Sorgen, aber noch viel mehr Glück und Freude gebracht und
+die er mit so viel Glauben und Liebe umfaßte; von der Gattin, die er so
+oft geneckt und manchmal getadelt, die er aber über alle Frauen
+geschätzt und geliebt hatte.
+
+„Es war eine harte Wunde, die sie durch den Tod ihres Ehegemahls
+empfing. Und dazu mußte sie noch klagen, daß derselbe in einem anderen
+Orte gestorben war, wo sie nicht bei dem Kranken Treue und die letzten
+Liebesdienste hatte erweisen können.“[562]
+
+Ja, in der Fremde war er gestorben, zum großen Schmerze Katharinas, die
+mit ihm zwanzig Jahre „in Friede und Freude“ gelebt, die ihn in gesunden
+und kranken Tagen so hingebungsvoll gepflegt und jetzt die letzten
+Stunden seines Lebens nicht um ihn sein durfte, ihm in das liebe
+Angesicht schauen und die treuen Augen zudrücken durfte. Es war kaum
+ein Trost, daß er im Kreise der Freunde verschieden war, daß der Graf
+Albrecht ihm selbst Einhorn geschabt und seine Gemahlin ihm den Puls mit
+dem Stärkwasser strich, welches die Doktorin geschickt, und daß er in
+ihres Sohnes Paul Armen ausgeatmet und ihm sein treuer Aurifaber die
+Augen zugedrückt hatte[563].
+
+Und jetzt konnte sie nicht einmal den Trost genießen, durch die Fürsorge
+für die Bestattung des geliebten Toten ihren Geist abzulenken von dem
+Gedanken des schmerzlichen Verlustes.
+
+Das kurfürstliche Schreiben enthielt nämlich die Bestimmung, daß der
+Leib Luthers in der Schloßkirche zu Wittenberg bestattet werden sollte,
+bei Fürsten und Fürstinnen, deren zwanzig dort bestattet waren. Aber so
+war wenigstens ihr lieber Herr bei ihr in ihrer Stadt und sie konnte mit
+den anderen Freunden „ihren Heiligen daselbst nach seinem Tode
+besuchen“, wie Bugenhagen sich ausdrückte. Denn die Grafen von Mansfeld
+hätten „die Leiche des hochteuern, von Gott mit unaussprechlichen Gaben
+begnadeten Mannes gern selbst in der Herrschaft behalten“, folgten sie
+aber „aus unterthänigem Gehorsam“ dem Kurfürsten auf dessen Bitte
+dienstwillig aus. So rüstete sich nun die Doktorin, ihr Töchterlein und
+das ganze Kloster für das Leichenbegängnis nur mit Trauergewändern[564].
+
+Aber auch die ganze Stadt und Universität machte sich bereit, ihren
+größten Bürger mit feierlichem Leichengepränge zu empfangen. Melanchthon
+hatte sofort nach der Ankunft der Todeskunde am Freitag früh die
+Studenten in einem Anschlag benachrichtigt, daß der christliche Elias
+von seinen Jüngern genommen sei. Der Rektor der Akademie, Dr. Aug.
+Schurf, befahl am Sonntag Morgen in einem Programme „allen Studenten am
+Nachmittag, sobald das Zeichen mit der kleinen Glocke gegeben werde,
+sich auf dem Markte zu versammeln und daselbst den ehrwürdigen
+Pfarrherrn (D. Pommer) an der Kirche zu erwarten, ihm sofort zu folgen
+und mit ihm die Leiche zu empfangen, welche gewesen ist und sein wird
+eine Hütte des heiligen Geistes.“ Von Wittenberg ritten dem Trauerzuge
+entgegen, um ihn in Bitterfeld, an der Mansfeldischen Grenze zu
+empfangen und ehrenvoll zu geleiten, die „Verordneten des Kurfürsten“:
+Erasmus Spiegel, der Hauptmann von Wittenberg, Gangolf von Heilingen zu
+Düben und Dietrich von Taubenheim zu Brehne mit Gefolge[565].
+
+Aber die Leiche kam am Sonntag noch nicht: in jeder Stadt wollte man sie
+einholen, zurückhalten, begleiten; und so verzögerte sich die Ankunft
+des Zuges, der zuletzt in Kemberg gerastet hatte. Und Melanchthon mußte
+am Schwarzen Brett, auf dem Programm des Rektors verkündigen, daß die
+Ankunft der Leiche und ihre Bestattung erst am andern Morgen, etwa um 9
+Uhr, stattfinde[566].
+
+Im Laufe des Sonntags kam ein Beileid-Schreiben des Kurfürsten[567]:
+
+„An Catharina, Doctoris Martini seliger Gedächtnis verlassene Witwe zu
+Wittenberg.
+
+Herzog Johanns Friedrich, Kurfürst.
+
+Liebe Besondere!
+
+Wir zweifeln nicht, Ihr werdet nunmehr erfahren haben, daß der
+Ehrwürdige und Hochgelehrte, unser Lieber Andächtiger Doctor Martin
+Luther seliges Gedächtnis, Euer Hauswirt, sein Leben in diesem
+Jammerthal zu Eisleben am nächsten Dornstag frühe zwischen 2 und 3 Uhren
+christlich und wohl mit göttlichen der hl. Schrift Sprüchen beschlossen
+hat und von hinnen geschieden ist, welches Wir aber mit betrübtem und
+bekümmertem Gemüt vernommen. Der allmächtige Gott wolle seiner Seelen,
+wie Wir denn gar nicht zweifeln, gnädig und barmherzig sein! Und wiewohl
+Wir wohl ermessen mögen, daß Euch solcher Euers Herrn tödlicher Abgang
+schmerzlich und bekümmerlich sein wird, so kann doch in dem Gottes
+gnädigen Willen, des Allmächtigkeit es also mit ihm gnädiglich und
+christlich geschafft hat, nicht widerstrebt werden, sondern es will
+solches Gott zu befehlen sein. Darum Ihr auch soviel destoweniger
+bekümmern und seines christlichen Abscheidens Euch trösten wollet. Denn
+Wir seind gnädiglich geneigt, Euch und Eure Kinder um Eures Herren sel.
+willen, dem Wir in sonderen Gnaden und Guten geneigt gewest, in gnädigem
+Befehl zu haben und nicht zu verlassen. Das wollen Wir Euch gnädiger
+Meinung nicht verhalten.
+
+Datum Torgau, Sonnabends nach Valentini 1546.“
+
+Am Montag früh versammelten sich am Elsterthor Rektor, Magistri und
+Doktores und die ganze löbliche Universität, auch ein ehrbarer Rat samt
+ganzer Gemeinde und Bürgerschaft, dann die Geistlichen und Schulen. Auch
+Frau Käthe machte sich auf mit ihrem Töchterlein Margarete und einigen
+Frauen und stellten sich weinend an den Weg, dem toten Gatten entgegen
+harrend.
+
+Endlich um 9 Uhr, langte der Zug mit der teuren Leiche an: geleitet von
+den kurfürstlichen Abgeordneten und den beiden jungen Mansfelder Grafen
+Hans und Hoyer und einer großen Reiterschar. Auch die Mansfelder
+Verwandten kamen mit, Luthers Lieblingsbruder Jakob, und seine
+Schwestersöhne Jörg und Cyriak Kaufmann und andere von der
+„Freundschaft“. Vor allem aber die drei Söhne Hans, Martin und Paul. Es
+war ein schmerzliches Wiedersehen, das hier Frau Katharina erlebte. Die
+Söhne freilich konnte sie schluchzend in die Arme schließen, aber das
+Antlitz des teuren geliebten Gatten durfte sie nicht mehr sehen; da lag
+er eingeschlossen im Sarg von Zinn, aufgebahrt auf dem Wagen, mit
+schwarzem samtenem Tuch umhangen[568].
+
+Darauf ordnete sich der Zug: voraus die Geistlichkeit und die Schulen
+mit den herkömmlichen Gesängen und Zeremonien, darauf die „Berittenen“
+auf ungefähr 65 Pferden. Gleich hinter dem vierspännigen Leichenwagen
+fuhr die „Frau Doktorin Katharina Lutherin“ mit den Matronen, nach
+herkömmlicher Sitte auf einem niederen Wägelein. Ihr folgten die drei
+Söhne, der Bruder, die Neffen und andere Verwandten. Dann in vollem
+Ornat „der Rektor Magnificus der löblichen Universität mit etlichen
+jungen Fürsten, Grafen und Freiherrn, so in der Universität Wittenberg
+Studii halber sich (auf)enthalten.“ Darnach kam als weiteres
+Leichengefolge: Kanzler Brück, Melanchthon, Jonas, Bugenhagen,
+Kreuziger, Hieronymus Schurf und andere älteste Doktoren; dann die
+übrigen Doktoren, Magister, der ehrbare Rat, Bürgermeister Cranach samt
+den Ratspersonen, darnach der ganze große Haufen und herrliche Menge der
+Studenten; darauf die Bürgerschaft, desgleichen viele Bürgerinnen,
+Matronen, Frauen, Jungfrauen, viel „ehrliche“ Kinder, jung und alt;
+alles mit Weinen und Wehklagen. „In allen Gassen, auch auf dem Markt ist
+das Gedränge so groß und solche Menge des Volkes gewesen, daß sich's
+billig in der Eil zu verwunden und viele bekannt haben, daß sie
+dergleichen zu Wittenberg nicht gesehen.“
+
+So ging es unter Gesang und dem Geläute aller Glocken in unabsehbarem
+Zuge vom Elsterthor die ganze Länge der Stadt hin am Kloster vorbei, das
+jetzt verwaist von seinem Vater und Herrn dalag, die Kollegienstraße
+hinab zur Schloßkirche. Dort wurde der Sarg am Predigtstuhl
+niedergesetzt. Trauerlieder erschollen, bis Bugenhagen die Kanzel
+bestieg und vor den ungezählten Hörern, die in und vor der Kirche
+standen, eine „gar festliche und tröstliche Predigt“ that. Darauf hat
+Melanchthon „aus sonderlichem Mitleiden, um die Kirche zu trösten“, eine
+lateinische Gedächtnisrede gehalten, die vor dem allgemeinen Weinen und
+Schluchzen kaum gehört wurde. Seine Klage: „Wir sind wie arme Waisen,
+die einen vortrefflichen Mann zum Vater gehabt und ihn verloren haben“,
+die den Grundton aller Rede bildeten, sie waren ganz besonders
+denjenigen aus dem Herzen gesprochen, die dem teuren Toten am nächsten
+standen, und am nächsten an seinem Sarg klagten: der trauernden Gattin,
+den weinenden Kindern[569].
+
+„Nach den Leichenreden trugen etliche Magister den Sarg nach der Gruft
+und legten so das teure Werkzeug des heiligen Geistes, den Leib des
+ehrwürdigen D. Martini zur Ruhe, nicht fern von dem Predigtstuhl, da er
+im Leben manche gewaltige Predigt gethan.“ Der Kurfürst aber hatte schon
+am Tag vorher verordnet, daß eine Tafel aus Messing aufs Grab
+niedergelegt wurde, dergestalt wie noch heutzutage zu sehen ist[570].
+
+Wohl konnte das außerordentliche, wahrhaft fürstliche Leichengepränge
+zeigen, welch ein Mann, ja, wie der Rektor ankündigte, welch ein „Fürst
+Gottes“ der Dahingegangene gewesen, welche Liebe und Verehrung er bei
+hoch und nieder genossen und die Teilnahme aller bewies, was die Welt an
+ihm verlor und betrauern mußte, und das ist ja für die Hinterbliebenen
+immer ein Trost in ihrem Schmerz. Aber diese Leichenfeier zeigte auch,
+was die Angehörigen selber an ihm gehabt und beweinen mußten.
+
+Was Katharinas Stimmung und Gedanken in diesen schmerzlichen Tagen war,
+das giebt sie kund in einem Briefe, den sie an ihre Schwägerin
+Christina, die verwitwete Gemahlin eines ihrer Brüder und Mutter des
+Florian, welcher in Wittenberg ihr Hausgenosse war, richtete[571]. Da
+schreibt sie:
+
+„Der ehrbaren und tugendsamen Frauen Christina von Bora, meiner lieben
+Schwester zuhand.
+
+Gnad und Fried von Gott dem Vater unsers lieben Herrn Jesu Christi!
+
+Freundliche liebe Schwester!
+
+Daß Ihr ein herzlich Mitleiden mit mir und meinen armen Kindern tragt,
+gläub' ich leichtlich. Denn wer wollt' nicht billig betrübt und
+bekümmert sein um einen solchen teuern Mann, als mein lieber Herr
+gewesen ist, der nicht allein einer Stadt oder einem einigen Land,
+sondern der ganzen Welt viel gedienet hat. Derhalben ich wahrlich so
+sehr betrübt bin, daß ich mein großes Herzeleid keinem Menschen sagen
+kann, und weiß nicht, wie mir zu Sinn und zu Mut ist. Ich kann weder
+essen noch trinken, auch dazu nicht schlafen. Und wenn ich hätt' ein
+Fürstentum und Kaisertum gehabt, sollt' mir so leid nimmer geschehen
+sein, so ich's verloren hätt', als nun unser lieber Herrgott mir, und
+nicht allein mir, sondern der ganzen Welt, diesen lieben und teuern Mann
+genommen hat. Wenn ich daran gedenk', so kann ich vor Leid und Weinen —
+das Gott wohl weiß — weder reden noch schreiben.
+
+ Katharina,
+ des Herrn Doctor Martinus Luther
+ gelassene Witfrau.“
+
+
+
+
+16. Kapitel.
+
+Luthers Testament.
+
+
+„Ich denke noch oft“, erzählt der treue Hieronymus Weller nach Luthers
+Tod, „an den Mann Gottes, Doktor Martin Luther, daß er sein Gemahl ließ
+den 31. Psalm auswendig lernen, da sie noch jung und frisch und fröhlich
+war und sie noch nicht wissen konnte, wie dieser Psalm so lieblich und
+tröstlich war. Aber ihr Mann that das nicht ohne Ursache. Denn er wußte
+wohl, daß sie nach seinem Tode ein betrübtes, elendes Weib sein und
+dieses Trostes, so der 31. Psalm in sich hat, sehr nötig werde
+bedürfen.“ Und ähnlich hat sich der Doktor auch in seinem Testament
+ausgesprochen, wie in seinem Brief auf seiner Trutz-Fahrt[572].
+
+Luther kannte eben die Welt und seine und seiner Familie Lage: er kannte
+der Leute Undank[573], der Fürsten Unzuverlässigkeit und ihrer Beamten
+Untreue, der Amtsgenossen kleinliche Gesinnung, der Feinde Haß, der sich
+schon bei Lebzeiten auch gegen sein Gemahl in unerhörter Beschimpfung
+richtete und sich noch ungehemmter zeigen mußte, wenn erst der
+gefürchtete Kämpe den Schild nicht mehr über sie deckte. Er wußte, daß
+er ein kranker Mann war, daß er sterben werde, ehe seine Kinder erzogen
+und versorgt wären; er kannte die traurige Lage einer Witwe zu seiner
+Zeit, die ohne Ansprüche auf Witwengehalt, ja nach dem herkömmlichen
+Recht ohne Ansprüche auf die Hinterlassenschaft war. Deshalb war er in
+Sorge für seine treue Gattin; deshalb hat er aber auch, so viel an ihm
+lag, Fürsorge für sie getroffen, um sie vor dem Schwersten zu bewahren.
+
+Diese Gedanken hat Luther in seinem „zweiten“ und „letzten“ „Testament“
+niedergelegt, welches vier Jahre vor seinem Tode, am 6. Januar 1542
+niedergeschrieben ist. Darin setzt er seiner „lieben und treuen
+Hausfrau“ ein Leibgeding aus und will sie schützen gegen „etlich
+unnütze, böse und neidische Mäuler“, welche seine „liebe Käthe“
+beschweren oder verunglimpfen möchten oder die Kinder aufhetzen. „Denn
+der Teufel, so er mir nicht konnte nahe kommen, sollt er wohl meine
+Käthe (auf) allerlei Weise (heim)suchen, (schon) allein (aus) der
+Ursache, daß sie des D.M. ehrliche Hausfrau gewesen und Gottlob noch
+ist.“[574]
+
+So mußte Frau Katharina auch bald spüren, welcher Unterschied es sei,
+die Gattin des großen Doktors zu sein, der nach dem Anspruch eines
+großen Fürsten neben dem Kaiser die Welt regierte, dessen Ansehen und
+Ehre auch auf die „Hauswirtin“ überging, und Luthers verlassene Witwe,
+in deren Vermögens-und Familienverhältnisse, Hauswirtschaft und
+Kindererziehung hineinzureden und hineinzuregieren sich jetzt viele
+berufen fühlten, zum Teil aus gutem Willen und Verehrung für den
+dahingegangenen Freund und Reformator, während bisher Frau Katharina
+selbst, höchstens mit Rat und Zustimmung ihres Eheherrn, in diesen
+Dingen vollständig selbstherrlich geschaltet hatte. Daß sie, die
+energische Frau, welche sich ihrer Tüchtigkeit in der Leitung eines
+großen Hauswesens wohl bewußt war, und welcher Luther so bereitwillig
+das Hausregiment überlassen hatte, dies Dreinreden und Dreinbefehlen
+schwer empfand, ist begreiflich. Nicht wenig mußte es sie auch schmerzen
+und ihr Selbstgefühl verletzen, daß sie bisher die erste Frau der Stadt,
+ja der evangelischen Welt, nun bescheiden zurücktreten mußte. Schwer
+auch kam sie's gewiß an, daß sie das in so großem Stil geführte
+Hauswesen mit seiner unerhörten Gastlichkeit beschränken mußte.
+
+Zwar das trat nicht ein, was Luther gefürchtet hatte, daß „die vier
+Elemente (d.h. doch wohl die vier Fakultäten der Universität) sie nicht
+wohl leiden“ würden. Auch davon hört man nichts, was Luther in seinem
+Testamente aussprach: „Ich bitt alle meine guten Freunde, sie wollten
+meiner lieben Käthe Zeugen sein und sie entschuldigen helfen, wo etliche
+unnütze Mäuler sie beschweren und verunglimpfen wollten, als sollte sie
+etwa eine Barschaft hinter sich haben, die sie den armen Kindern
+entwenden oder unterschlagen würde. Ich bin des Zeuge, daß da keine
+Barschaft ist, ohne die Becher und Kleinod droben im Wipgeding erzählt
+(aufgezählt), vielmehr 450 fl. Schulden oder mehr.“[575]
+
+Aber Luther hatte noch ein weiteres vorausgesehen, was seiner Frau
+vorgeworfen werden könnte: eine üble Wirtschaft. Es heißt weiter im
+Testament: „Es kann solches bei jedermann die Rechnung öffentlich geben,
+weil man weiß, wie viel ich Einkommens gehabt von meinen gestrengen
+Herrn, ohn was Geschenk ist gewesen, welches droben unter den Kleinoden,
+zumteil auch noch in der Schuld steckt und zu finden ist. Und ich doch
+von solchem Einkommen und Geschenk so viel gebaut, gekauft und große und
+schwere Haushaltung geführt, daß ich's muß neben anderem selbst für
+einen sonderlichen, wunderliche Segen erkennen, daß ich's hab können
+erschwingen, und nicht Wunder ist, daß keine Barschaft, sondern daß
+nicht mehr Schuld da ist.“[576]
+
+Am meisten unzufrieden mit der gesamten Wirtschaft Katharinas war der
+Kanzler Brück, Luthers Gevattersmann. Brück hatte schon 1536, als
+Katharina das Gut Booß pachten wollte, ihr das nicht zukommen lassen,
+aus Argwohn, sie wolle dies herrschaftliche Gut so unter der Hand
+erblich an sich und ihre Kinder bringen, „welche Gedanken doch nie in
+ihr Herz gekommen sind“. Deshalb hatte sie auch den Landrentmeister
+Taubenheim später (1539), als das Gut wieder pachtfrei war, angegangen,
+solchen ihren Antrag an niemand sonst, auch nicht an den Kurfürsten
+(welchen dann Brück um Gutachten gefragt hätte) gelangen zu lassen,
+sondern ihr's unter der Hand zukommen zu lassen, was dann auch geschah.
+Brück äußerte sich auch sehr abschätzig über Käthes Unternehmungen auf
+ihrem Lieblingssitz Zulsdorf und hielt diese kostspieligen
+Verbesserungen für arge Verschwendungen. Er widersetzte sich endlich dem
+Erwerb von Wachsdorf. Daher ist es begreiflich, daß auch Katharina auf
+ihn übel zu sprechen war, und überhaupt auf die fürstlichen Amtleute,
+welche scheel zu den Begnadigungen sahen, die sie vom Hofe erhielten,
+und sogar sie darin verkürzten. Als Luther ein Jahr vor seinem Tode von
+Wittenberg wegziehen wollte, und seine Frau beauftragte, seine
+Besitzungen in der Stadt zu veräußern, da ließ Melanchthon gegen Brück
+merken, daß eigentlich Katharina das „treibe“ und daß es nicht das sei,
+was Luther vorwende. Das berichtete der Kanzler dem Kurfürsten und fügte
+mit einer gewissen Schadenfreude hinzu: es gebe Gottlob keine Käufer für
+so kostbare Häuser und Güter[577].
+
+Als dann die kurfürstliche Verordnung wegen „der Hochzeiten und
+Kindtaufen“ an Luther geschickt wurde, kamen Melanchthon und Bugenhagen
+zu Brück und zeigten an, Luther wolle sie weder sehen noch hören; zu Hof
+hätte man nur sein Gespött damit. Daraus schloß Brück, daß der Doktor
+durch seine Frau aufgewiegelt werde.
+
+Es war also ein Zerwürfnis zwischen dem Schwarzen Kloster und dem Hof,
+das heißt zwischen Dr. Luther und Kanzler Brück, der den „Hof“ vertrat,
+so daß Brück gar nicht mehr persönlich und direkt mit Luther
+verhandelte, sondern die beiden Theologen sandte oder auch einen
+Dritten[578]. Dieses Zerwürfnis hatte dann noch seine weitere
+Geschichte.
+
+Im Dezember 1545 schickte Brück einen Zwischenhändler ins Schwarze
+Kloster „hinauf zu Sr. Ehrwürden“, um Luther zu bewegen, er solle aus
+einer vom Hof bestellten Schrift eine politisch bedenkliche Stelle
+auslassen. „Da war Frau Käthe auch dabei und hat ihr Wort dazu gelegt
+dergestalt: „Ei lieber Herr, sie lesen zu Hof nichts; das macht's,
+wissen sie doch Euere Weise wohl u.s.w.“ Und Luther wurde über diese
+Zumutung des Kanzlers zornig und wunderlich und sagte, er wolle es
+kurzum nicht thun. Diese Rede Käthes wurde natürlich dem Kanzler
+hinterbracht und er berichtete sie sofort samt den vorhergehenden
+Beobachtungen dem Kurfürsten mit dem Zusatz: „Ich sorg, weil sich Doktor
+Martinus in mehr denn einem Weg wider den Hof bewegt vermerken läßt, es
+muß nochmals das Gütlein Wachsdorf dahinter stecken, und der gute,
+fromme Herr durch die „Rippe“ bewegt wird.“[579]
+
+Das alles spielte kurz vor Luthers Tode; begreiflich, daß die
+Verstimmung bei Brück jetzt noch frisch und kräftig nachwirkte. Auch
+Melanchthon und Bugenhagen scheinen gegen die Doktorin eingenommen, wenn
+man den Berichten von Brück glauben soll. Es muß aber doch ausfallen,
+daß außer den Brückschen Berichten keine Belege für Melanchthons und
+Bugenhagens Feindseligkeit gegen Frau Käthe bekannt sind; ja die
+Fürsorge beider, namentlich Melanchthons und das Zutrauen Katharinas zu
+diesem beweist eher das Gegenteil. Dennoch wäre nach Brücks Eingabe eine
+vorübergehende Erregung der beiden alten Freunde gegen sie vorhanden
+gewesen.
+
+Zunächst freilich wirkte die Liebe und Verehrung, die der gewaltige und
+gemütreiche Mann genossen, auch noch auf seine Familie, insbesondere die
+trauernde Gattin.
+
+Der Kurfürst hatte einst vor neun Jahren in Schmalkalden an Luthers
+vermeintlichem Sterbebett diesem versprochen: „Euer Weib soll mein Weib
+sein und Euere Kinder sollen meine Kinder sein“. Dessen gedachte er auch
+jetzt nach des Doktors wirklichem Abscheiden und sandte an „die
+Doktorin, Luthers liebe Hausfrau“, jenes gnädige Trostschreiben, worin
+er sie und ihre Kinder seiner gnädigen Fürsorge versichert[580]. Diesem
+Versprechen kam nun auch der Fürst getreulich nach, so lange er in
+Freiheit war und es vermochte.
+
+Der Kanzler Brück hatte in einer Nachschrift zu seinem Briefe an den
+Kurfürsten vom 19. bemerkt: „Philippus hat mir gesagt, er habe der
+Doktorin bereits vor 14 Tagen 20 Thaler zur Haushaltung leihen müssen.
+E. Kf. Gn. wollen 14 Thaler verordnen zur Haushaltung und anderem, das
+dieses Falles Notdurft wohl erfordern will. Der Allmächtige wird es E.
+Kf. Gn. reichlich vergelten!“ Darauf sandte der Kurfürst sofort am
+folgenden Tag hundert Gulden mit einem Schreiben an Melanchthon; darin
+heißt es: „Dieweil Wir auch vermerken, als solle gemeldten Doctor
+Martini seligen Hausfrau und Witwe am Gelde Mangel haben, wie ihr denn
+von Euch vor seinem Tode Fürsehung (Vorschuß) geschehen sein solle: als
+schicken Wir Euch bei diesem Boten hundert Gulden. Davon wollet Euch des
+Geldes, was Ihr geliehen habt, zuvor bezahlen und der Witwe die Übermaß
+(den Überschuß) von Unserntwegen zustellen.“[581]
+
+Und vielleicht nochmals zwei Tage nach der Beisetzung hat der Kurfürst
+die Witwe Luthers seiner besonderen Gnade und Fürsorge versichert. Auch
+erbot er sich, ihren ältesten Sohn an den Hof und in die kurfürstliche
+Kanzlei zu nehmen[582].
+
+Auch die Freunde des Hauses nahmen sich der Witwe noch an. Melanchthon
+erwies ihr eine kleine Aufmerksamkeit. Als er am 11. März einen Hasen
+und einen Pelz von Jonas erhielt, dachte er an das Mosesgesetz, daß den
+Priestern, welche die Bürde der Kirchenregierung auf ihren Schultern
+trugen, auch die Haut des Opfertieres gehören sollte, und damit an
+Luther, der so lange Jahre auf seinen Schultern eine solche Last
+Geschäfte getragen, und er schickte den Pelz und Hasen an Luthers
+Witwe[583].
+
+Jonas berichtet am 15. April an König Christian III. von Dänemark über
+Luthers Tod und fügte die Bitte bei: „Bitt' unterthänigst E.K.Maj. wolle
+der Witwe Domini D. Martini seiner drei Söhne Martini, Pauli, Johannis
+und eines Töchterlein Margret gnädigster Herr sein.“[584]
+
+Sogar der Herzog von Preußen schrieb an den Kurfürsten von Sachsen für
+D. Martini seligen Witwe eine „Vorbitt“, deren der Kurfürst freundlich
+eingedenk zu sein verheißt: „Dieweil Wir dem Doktor bei seinem Leben in
+allem Guten geneigt gewesen, so achten Wir Uns auch schuldig, seine
+nachgelassenen Kinder, seinen getreuen, fleißigen und christlichen
+Dienst genießen zu lassen, wie Wir sie auch samt der Witwe in gutem
+Befehl habend.“[585]
+
+Die Grafen von Mansfeld hatten Luther und seiner Familie für seine
+Vermittlung 2000 fl. zugesagt und haben diese dann auch am 8. Mai 1546
+„Doktor Luthers nachgelassener Wittfrau und Kindern“ verschrieben, zu
+„Dankbarkeit solch christlichen Liebe und Erzeigung bemeldts D.M.
+Luthers, daß er sich gutwillig gen Eisleben gefügt und treumeinende
+Handlung vorgenommen und also daselbst mit Friede sein Ende christlich
+und seliglich beschlossen.“[586]
+
+Endlich bestand noch ein Vermächtnis des Kurfürsten Johann Friedrich von
+1000 fl., welche Luthers Kindern ausgesetzt waren, und wovon einstweilen
+die Renten ausbezahlt wurden, als eine Art Gnadengehalt für die
+Waisen[587].
+
+Der Witwe war in diesen Verschreibungen nicht gedacht. Dagegen hatte
+Luther für seine Gattin schon vier Jahre vor seinem Tode ein Leibgeding
+ausgesetzt.
+
+Luther hatte nun in bekannter Mißachtung der Juristen und des
+juristischen Formen-Krams dies Dokument absichtlich selbst aufgesetzt
+und nur von seinen theologischen Freunden Melanchthon, Kreuziger und
+Bugenhagen unterschreiben lassen, in der Meinung, da ihn so „viele in
+der Welt für einen Lehrer der Wahrheit halten“ trotz Papstes Bann und
+des Kaisers, Könige, Fürsten, Pfaffen, ja aller Teufel Zorn, so sollte
+man ihm und seiner Handschrift auch in diesen geringen Sachen glauben.“
+Er schreibt darin: „Zuletzt bitt' ich jedermann, weil ich in dieser
+Begabung oder Wibgeding nicht gebrauche der juristischen Formen und
+Wörter (wozu ich Ursachen gehabt), man wolle mich lassen sein die
+Person, die ich in Wahrheit bin, nämlich öffentlich im Himmel, auf Erden
+und in der Hölle bekannt, der man trauen und glauben mag, mehr denn
+keinem Notario.“[588]
+
+Daraus ergiebt sich eine Mißstimmung gerade gegen Brück, der ja in
+diesem Falle besonders hätte gehört werden müssen. Aber die
+Rechtsgelehrten konnten dies Testament auch anfechten und scheinen dies
+gethan zu haben eben darum, weil Luther in so geflissentlicher Weise die
+verhaßten Juristen übergangen hatte. Waren doch die Juristen immer noch
+bedenklich über die Rechtsgültigkeit der Priesterehe und gar der Ehe von
+Mönchen und Nonnen, also daß Luther fürchten mußte, daß sie seine „Ehre
+und Bettelstücke seinen Kindern nicht gedenken zuzusprechen“. Da konnte
+nur eine besondere Entscheidung der Staatshoheit der Witwe zu ihrem
+Rechte verhelfen, wie auch Luther selbst in dem Testament vorgesehen
+hatte: „Und bitt auch hiemit unterthäniglich, S.K.G. wollten solche
+Begabung oder Wibgeding schützen und handhaben.“[589]
+
+Dies sog. „Testament“ Luthers war eigentlich ein Leibgeding für seine
+Hausfrau, ein „Weibgedinge“, wie es herkömmlich von Ehemännern früher
+oder später ausgestellt zu werden pflegte. Es hatte um so größere
+Bedeutung, als es für Beamten-, wie Professorenfrauen kein Witwengehalt
+gab und das sächsische Erbrecht für Frauen so ungünstig war.
+
+Alle evangelischen Pfarrer der Reformationszeit, deren Besoldung sehr
+unsicher, oft nur ein Gnadengehalt war, strebten deshalb danach, ihren
+Frauen, wie Luther sich ausdrückt, ein „Erbdächlein und Herdlin“, d.h.
+Grundbesitz, zu verschaffen; und jeder Ehemann in Sachsen pflegte der
+Ehefrau ein Leibgedinge zu verschreiben. „Wie wenige findet man,“ sagt
+Luthers langjähriger Hausgenosse Hieronymus Weller, als er Pfarrer in
+Freiberg war und Weib und Kind hatte, „wie wenige findet man, die sich
+kümmern um Witwen und Waisen von verstorbenen Dienern der Kirche! Darum
+folge ich Luthers Beispiele und kaufe ein Haus zur Zuflucht für die
+Meinen in der Zukunft.“ So dachte auch Luther. Er äußerte sich sehr
+unzufrieden über das sächsische Recht wegen seiner Behandlung der
+weiblichen Ansprüche. „Sachsenrecht“, sagte er, „ist allzustreng und
+hart, als das da anordnet, daß man einem Weibe nach ihres Mannes Tode
+geben soll nur einen Stuhl und Rocken“. Dies legte aber Luther so aus:
+„_Stuhl_, das ist Haus und Hof; _Rocken_, das ist Nahrung, dabei sie
+sich in ihrem Alter auch könne erhalten; muß man doch Dienstboten
+besolden und jährlich ihnen ihren Lohn geben, ja man giebt doch einem
+Bettler mehr.“[590]
+
+Demgemäß handelte nun auch Luther und schrieb — schon am Dreikönigstag
+1542 — sein „Testament“, d.h. das „Weibgeding“ für seine Gattin[591].
+
+„Ich, M.L.D. bekenne mit dieser meiner eigenen Handschrift, daß ich
+meiner lieben u. treuen Hausfrauen Katherin gegeben habe zum Wipgeding
+(oder wie man es nennen kann) auf ihr Lebenlang, damit sie ihres
+Gefallens u. zu ihrem Besten gebaren muge, und gebe ihr das in Kraft
+dieses Briefs, gegenwartiges und heutigen Tages:
+
+Nämlich das Guttlein Zeilsdorff, wie ichs bis daher gehabt habe.
+
+Zum andern das Haus Bruno zur Wohnung, so ich unter meines Wolfs Namen
+gekauft habe.
+
+Zum dritten die Becher und Kleinod, als Ringe, Ketten, Schenkgroschen,
+gulden und silbern, welche ungefährlich sollten bey 1000 Fl. werth seyn.
+
+Das thue ich darumb,
+
+Erstlich, daß sie mich als ein frum, treu ehelich Gemahel allezeit lieb,
+werth u. schön gehalten, und mir durch reichen Gottes-Segen fünf
+lebendige Kinder (die noch furhanden, Gott geb lange) geboren und
+erzogen hat.
+
+Zum andern, daß sie die Schuld, so ich noch schuldig bin (wo ich sie nit
+bey Leben ablege), auf sich nehmen und bezahlen soll, welcher mag seyn
+ungefähr, mir bewußt, 450 fl. mugen sich vielleicht wohl mehr finden.
+
+Zum dritten, und allermeist darumb, daß ich will, sie müsse nicht den
+Kindern, sonder die Kinder ihr in die Hände sehen, sie in Ehren halten,
+und unterworfen seyn, wie Gott geboten hat. Denn ich wohl gesehen und
+erfahren, wie der Teufel wider dieß Gebot die Kinder hetzet und reizet,
+wenn sie gleich frum sind, durch böse und neidische Mäuler, sonderlich
+wenn die Mütter Witwen sind, und die Söhne Ehefrauen, und die Töchter
+Ehemänner kriegen, und wiederumb socrus nurum, nurus socrum. Denn ich
+halte, daß die Mutter werde ihrer eigenen Kinder der beste Vormund seyn,
+und sölch Guttlein und Wipgeding nicht zu der Kinder Schaden oder
+Nachtheil, sondern zu Nutz und Besserung brauchen, als die ihr Fleisch
+und Blut sind und sie unter ihrem Herzen getragen hat.
+
+Und ob sie nach meinem Tode genöthiget oder sonst vorursachet wurde
+(denn ich Gott in seinen Werken und Willen kein Ziel setzen kann) sich
+zu vorändern: so traue ich doch, und will hiemit sölches Vertrauen
+haben, sie werde sich mutterlich gegen unser beyder Kinder halten, und
+alles treulich, es sey Wipgeding oder anders, wie recht ist, mit ihnen
+theilen.
+
+Auch bitt ich alle meine gutten Freunde, sie wollten meiner lieben
+Käthen Zeugen seyn und sie entschuldigen helfen, wo etzliche unnutze
+Mäuler sie beschweren oder verunglimpfen wollten, als sollt sie etwa
+eine Barschaft hinter sich haben, die sie den armen Kindern entwenden
+oder unterschlagen würde. Ich bin deß Zeuge, daß da keine Barschaft ist,
+ohn die Becher und Kleinod, droben im Wipgeding erzählet.
+
+Und zwar sollts bey iedermann die Rechnung offentlich geben, weil man
+weiß, wie viel ich Einkummens gehabt vom M. gestr. Herr, und sonst nicht
+ein Heller noch Körnlein von iemand einzukummen gehabt, ohn was Geschenk
+ist gewesen, welches droben unter den Kleinoden, zum Theil auch noch in
+der Schuld steckt, und zu finden ist. Dieß bitte ich darumb: denn der
+Teufel, so er mir nicht kunnt näher kummen, sollt er wohl meine Käthe,
+allein der Ursachen, allerley Weise suchen, daß sie des Mannes D.M.
+eheliche Hausfrau gewesen, und (Gott Lob) noch ist.“ —
+
+Außer diesem Witwengut bestand das Lutherische Vermögen aus folgendem:
+dem Klosterhaus, hernach zu 3700 fl. verkauft, den beiden Gärten zu 500
+fl., Hausrat und Bibliothek zu 1000 fl. zusammen 5200 fl. Das Leibgeding
+der Mutter betrug im Verkaufswert 2300 fl., nämlich das Gut Zulsdorf 956
+fl., das Haus „Bruno“ zu 343 fl., bisher „um einen liederlichen Zins“
+vermietet, dazu noch die 1000 fl. Silbergeschirre; davon gingen
+allerdings die genannten 450 fl. Schulden ab, wenn sie bei Luthers Tod
+noch standen; diese Schulden machten ihr viel Sorgen; eine „Barschaft“
+war — auch nach D. Brücks Zeugnis „nicht da“. Freilich Luther selber
+hatte diesen Besitz viel höher angeschlagen; in der Schätzung 1542
+berechnet er ihn auf 9000 fl. Das Einkommen aber aus allem schätzt er
+auf kaum 100 fl. Dazu kamen noch seit einiger Zeit 50 fl. jährliche
+Rente, aus dem verschriebenen kurfürstlichen Legate von 1000 fl. und
+endlich noch 2000 fl. des Grafen von Mansfeld[592].
+
+Das war wohl ein großer, weitläufiger Besitz; aber er war wenig
+einträglich; alles in allem warf er 250 fl. ab. Ob davon eine größere
+Familie ohne gar zu große Einschränkung leben konnte? Die Kinder waren
+noch alle unversorgt und unmündig. Der älteste Sohn Hans war 20 Jahre
+alt, das jüngste Töchterlein Margarete erst 11, Martin 14 und Paul 15.
+Und die drei Söhne sollten nach Luthers Wunsch alle studieren: Hans nach
+der Mutter Meinung die Rechte, Martin wollte Theologe werden, Paul hatte
+sich schon mit des Vaters Beifall für die Medizin entschlossen. Zudem
+war noch der alte lahme Famulus Wolf da, der als gewohntes Erbstück mit
+versorgt werden mußte; er hatte zwar auf Luthers Ansuchen vom Kurfürsten
+ein Stipendium von 40 fl. bekommen, dies aber ging in Luthers Haushalt
+mit auf[593]. Man konnte Luthers Witwe, die einen so großen und
+gastfreien Haushalt gewohnt war, doch nicht zumuten, das alte liebe Haus
+zu verlassen und sich in ärmlichster Weise, etwa in die „Bude“ Bruno
+oder auf Zulsdorf zurückzuziehen und die Kinder unter fremde Leute zu
+geben. Brück war freilich dieser Meinung. Frau Katharina dagegen wollte
+alle Kinder bei sich behalten, was ja wohl auch das billigste war; sie
+wollte ferner im Klosterhaus bleiben und Kostgänger nehmen in noch
+ausgedehnterem Maße wie bisher; sie wollte endlich nicht nur „die Böse“
+(das Gut Booß), die sie etliche Jahre her zur Miete und um einen
+„liederlichen Zins“ innegehabt, ferner auch also behalten, sondern noch
+ein weiteres landwirtschaftliches Anwesen erwerben, um ihre Einnahmen zu
+vermehren[594]. Dies alles aus Fürsorge für sich und ihre Kinder; aber
+auch, wie der Kanzler Dr. Brück gewiß richtig versteht, „damit sie zu
+thun, zu schaffen und zu gebieten genug hab, und ihr demnach an der
+vorigen Reputation nichts abgehe“. Namentlich war ihr das neue Landgut
+angelegen: hatte sie ja für die Landwirtschaft besondere Neigung aus
+wirtschaftlichem Interesse, aber wohl auch aus ihrem adeligen Bewußtsein
+heraus. Schon vor mehreren Jahren nämlich war ihrem Gatten das große Gut
+Wachsdorf zum Kaufe angetragen worden, welches eine Stunde von
+Wittenberg, jenseits der Elbe, also viel günstiger als das ferne
+Zulsdorf gelegen, auch fruchtbarer und einträglicher, freilich auch
+teurer war als dies. Das wurde ihr nun aufs neue angeboten[595].
+
+Die Witwe fragte nun Melanchthon um Rat. Der sah für gut an, man sollte
+den Kauf von Wachsdorf anlangend des Kurfürsten Rat und, wo dieser es
+riete, seine gnädige Hilfe erbitten. Sie aber wollte das schlechterdings
+nicht haben — gewiß nur deshalb, weil sie von vorn herein wußte, daß der
+kurfürstliche Rat — der Rat Dr. Brücks sei, dem die Sache zur
+Begutachtung übergeben würde und der dem Vorhaben Katharinas durchaus
+entgegen war. Sie entwarf nun eine Eingabe an den Kurfürsten
+dahingehend: Weil sie gedenke, das Gut Wachsdorf zu kaufen, so wolle
+S.K.Gn. ihr dazu gnädige Hilfe thun, und sie mit Vormündern bedenken,
+damit ihre Kinder und sie zu ihrer Unterhaltung bedacht werden möchten,
+dieweil kein Geld, Gesinde oder Vorrat vorhanden, denn das Gut wäre
+nicht angerichtet (eingerichtet).
+
+Diese Bittschrift gab Frau Katharina Melanchthon zur Begutachtung.
+Dieser brachte sie nun am Dienstag, 9. März, abends in die Sitzung mit,
+welche er, Bugenhagen und Kreuziger mit Brück wegen des Regensburger
+Religionsgespräches bei dem Kanzler hielten, und gab sie — Brück. Und
+der Kanzler las sie nun „öffentlich“ vor.
+
+Als Bugenhagen den Plan Katharinas wegen Wachsdorf vernahm, rief er: „Da
+hört man wohl, wer alleweg nach dem Gut Wachsdorf getrachtet. Vorher hat
+man's auf den Doktor geworfen, der wolle es schlechterdings haben; aber
+jetzt merkt man wohl, wessen Getrieb es gewest.“
+
+Darnach fielen allerlei Reden zwischen den vier Männern und meinten
+dieselben „fast insgemein“: „Kriegte sie das Gut, so würde sie ein
+solches Bauen darauf anfangen, zu ihrem und der Kinder großem Schaden,
+wie sie mit dem Gut Zulsdorf auch gethan, welches sie über 1600(!)
+Gulden zu stehen kam und wollt ihr nicht gern 600 Gulden gelten[596].
+Weiter wurde bedacht: Wenn sie draußen (in Wachsdorf) bauen und wohnen
+wollte, so würde sie die Söhne zu sich hinaus vom Studium abziehen, daß
+sie junkern lernten und Vögel fangen[597]. Ferner überschwemme die Elbe
+sofort und bedecke das Gut mehrern Teils mit Wasser; man könne keinen
+Keller bauen, es sei überhaupt „ein wüstes Gütlein“.
+
+Aber Melanchthon, der das Ungehörige seines Schrittes wohl einsah, bat,
+man solle nicht über die Bittschrift verhandeln, sondern sie, wie sie
+wäre, an den Kurfürsten abgehen lassen; „die Frau ließe sich doch nit
+raten, sondern ihr Gutdünken und Meinung müsse alleweg für rücken“.
+
+Brück sagte: „Will sie um Vormünder bitten, so wird sie ja mit derselben
+Rate handeln und vorgehen müssen. Und ich dächte, daß Kreuziger und M.
+Melanchthon neben andern die besten Vormünder wären; denn sie wissen ja
+um des Herrn sel. Gelegenheit; die Kinder müssen ihnen auch des Studiums
+halber vor anderen folgen.“
+
+Aber die beiden schlugen die Vormundschaft „alsbald glatt ab“, aus
+Ursachen, daß „die Frau nicht folge und sie oft beschwerliche Reden von
+ihr würden einnehmen müssen“.
+
+Ferner ließ sich Melanchthon vernehmen, daß sie der Kinder keins wolle
+von sich thun, sondern dieselben sollten bei ihr in Wittenberg
+unterhalten werden. Und wiewohl der ältere Sohn Hans nicht ungeneigt
+gewesen wäre, auf des Kurfürst gnädiges Erbieten gen Hof und in die
+kurf. Kanzlei zu ziehen, so hätte sie ihn doch (ab)wendig gemacht.
+Man[598] habe von andern auch dergleichen gehört, daß sie vorgäbe: es
+wäre ein alberner Gesell, man würde ihn in der Kanzlei nur äffen und zum
+Narren machen. Zum Studium tauge er nach Melanchthons Meinung gar nicht,
+denn er wäre zu groß und es fehlten ihm die Grundlagen. Endlich war der
+Kanzler der Meinung, man sollte die Behausung des Klosters, diese
+weitläufige Wohnung, verkaufen oder verlassen. Aber Melanchthon
+erklärte, daß „ihr Gemüt (Sinn) nicht wäre“, das zu thun, sondern sie
+gedächt es zu behalten, ingleichen auch das Gut Zulsdorf, selbst wenn
+Wachsdorf dazu käme.
+
+So war — nach Brücks Bericht — die Unterredung der vier Freunde und
+Gevattern Luthers über seine Witwe.
+
+Melanchthon hatte also gegen den Willen der Frau Doktorin ihr Anliegen
+dem Kanzler vorgetragen, dessen Dreinreden sie gerade — und mit gutem
+Grund — vermeiden wollte; und er hatte auch noch allerlei mündliche
+Mitteilungen gemacht, welche nicht dazu dienen konnten, die Stimmung der
+Freunde gegen die Doktorin zu verbessern.
+
+Ohne von dieser Behandlung ihrer vertraulichen Mitteilung etwas zu
+wissen, ließ nun Frau Katharina ihre Eingabe durch den Hausfreund
+Ratzeberger, den kurfürstlichen Leibarzt, bei Hofe im Torgauer Schloß
+einreichen. Es geschah am Mittwoch, und schon Donnerstag, 11. März,
+fordert der Kurfürst den Kanzler Brück in Wittenberg um ein Gutachten
+über die Bittschrift Katharinas auf, die er seinem Schreiben beilegte.
+
+Das Gutachten des Kanzlers ist nun ein eigentümlich gehässiges
+Schreiben. Brück berichtet darin an den Kurfürsten zuerst die
+vertrauliche Beratung der drei Theologen mit allen für Katharina
+ungünstigen Bemerkungen derselben, und zwar, wie es scheint, verschärft.
+Hätte das Melanchthon gewußt, so hätte er's wohl unterlassen, Brück „von
+der Frauen wegen um sein Bedenken“ zu bitten. Ferner erwähnt der Kanzler
+in dem Schriftstück allerlei gehässiges und sogar verlogenes Geschwätz
+„von andern“. „Viel Leut wollen's dafür halten, es werde endlich
+schwerlich unterbleiben, daß sie sich wieder verändern wird“ — so wagt
+Brück drei Wochen nach ihres Gatten Tod von einer 47jährigen Frau zu
+schreiben! und dies, obwohl er sich bewußt ist und ausdrücklich erklärt,
+es sollte vermieden werden, daß „man mit der Frauen disputiere, ob sie
+sich verändern wird oder nit“. Ferner berichtet er an den Kurfürsten:
+„Man sagt mir, es hab ein jeder Knab einen eigenen Präceptor und
+Famulum“ — hinterher stellt sich aber heraus, daß es bloß ein einziger
+ist, Rutfeld, und ein gelehrter und treuer Geselle. Ebenso wird es
+Uebertreibung sein, wenn er als „öffentlich“ hinstellt, was „des andern
+Gesindes vorhanden ist“ — wie sie nämlich „mit vielem Volk“ (Gesinde)
+überladen sei. Endlich giebt der Kanzler seiner Abneigung gegen die
+Doctorin noch verschiedentlich klaren Ausdruck. Er nennt ihre Bitte
+„stumpf und kurz“; er rechnet dem Kurfürsten _wiederholt_ vor, daß er
+600 fl. Gnadengeld zur Erbauung des Gutes Zulsdorf gegeben und noch dazu
+für 100 fl. Holz; er spricht die Verdächtigung aus, welche doch auch Dr.
+Luther träfe: „Der arme lahme Wolf ist auch noch da; wollt sie ihn bei
+sich behalten und er bei ihr bleiben, so hätt sie die vierzig Gulden
+auch mit einzubrocken, wie denn bisher geschehen, daß der arme Mensch
+derselben wenig genossen hat, — besorg ich“, setzt er doch etwas
+bedenklich hinzu. Das Gut Wachsdorf macht Brück so schlecht wie möglich
+und meint, es „erobere“ keine hundert Gulden Reinertrag, also nicht
+einmal die Kapitalzinsen. Er verdächtigt die Doctorin weiter, „es sei
+ihren Kindern nichts nutz“ und es sei ihr nur darum zu thun, teil zu
+haben an dem Gut. Und sein ganzes Bestreben geht dahin, nur den Kindern
+und immer den Kindern alles zugut kommen zu lassen und die Witwe vom
+Besitz und Genuß auszuschließen. Und weiterhin ist Brücks Rat und
+Absicht, „ihr die stattliche — ein andermal heißts: „große und
+verthunliche“ — Haushaltung zu brechen“. Endlich geht er mit aller Macht
+darauf aus, der Mutter die Kinder zu entziehen. Während Luther in seinem
+Testament zu seiner Gattin das gute Zutrauen hatte, „die Mutter werde
+ihren eigenen Kindern der beste Vormund sein“, erklärte Brück, wie es
+scheint mit direkter Beziehung auf diese Meinung Luthers: „Nach
+sächsischem Recht kann sie nit Vormund sein, dieweil sie bei ihrem
+Witwenstand selbst Vormünder bedürftig; so wär es auch sorglich, da
+(wenn) sich die Frau anderweit würde verehelichen.“ Am ärgsten wohl
+tritt er der Witwe zu nahe, wenn er ausführt, die Knaben würden bei ihr
+junkern und spazieren gehen und vom Studio abgezogen, sie müßten daher
+„zu gelehrten Leuten gethan werden, vor denen sie Furcht und Scheu
+hätten, bei welchen sie auch einen bequemen Tisch hätten“ — als ob die
+Kinder bei ihr — der „Erzköchin“ — sogar in ihrer leiblichen Pflege
+versäumt würden! Die einzige gegründete Veranlassung zu dem Mißtrauen in
+Katharinas Erziehungskunst konnten doch nur die geringen Fortschritte
+geben, die der wenig begabte Erstgeborne im Studium bisher gemacht.
+
+Fast eher wie böses Gewissen sieht es aus, als wie Scheu vor Frau
+Katharinas starkem Willen, wenn der Kanzler an den Kurfürsten schreibt:
+„Nun wär ich in Unterthänigkeit willig gewest, mit der Frauen selbst
+oder dem Philippo von den Sachen auf E. Kurf. Gn. Befehl zu reden; so
+hat mich doch dies abgescheuet, daß ich dazumal vom Philippo verstanden,
+daß ihr Gemüt nit wäre das Haus allhie zu verkaufen oder zu verlassen,
+sondern gedächt es zu behalten, ingleichen Zulsdorf und Wachsdorf; darum
+des Verkaufens des Hauses gegen ihr nit zu gedenken sein wollte.“
+
+Sachlich macht der Kanzler dem Kurfürsten nun folgende Vorschläge:
+
+1. Damit die Domina nicht Ursache habe S.K.Gn. zu Unglimpf zu gedenken,
+möge der Kurfürst zu den bisherig verschriebenen 1000 fl. noch 1000 fl.
+— aber nur für die Kinder — hinzuthun und beides zusammen mit 100 fl.
+verzinsen, das auf das Mädchen (Margarete) fallende Viertel aber (500
+fl.) bis zu ihrer Verheiratung verpensionieren.
+
+2. Der Kurfürst solle der Mutter und den Kindern besondere Vormünder
+geben. Diese beiderseitigen Vormünder sollten dann das Eigentum der
+Witwe und das der Waisen reinlich scheiden.
+
+3. „Darnach müssen die Vormünder beiderseits davon reden, wie, wovon und
+welcher Gestalt die Kinder sollen unterhalten werden. Da wird sich denn
+das Gebeiß zwischen der Frau und den beiderseitigen Vormündern ergeben.
+Denn der Kinder Vormünder werden sagen: es sei kein bessers, denn Hansen
+den ältern Sohn thue man gen Hof in E.K.G. Kanzlei; so möchte es sich
+mit der Zeit also schicken, daß er zu etwas käme, so ihm sonst fehlen
+möchte. Denn wenn ihm E.K.G. ein Stipendium verordnet und es wollt mit
+dem Studium nicht fort, so wird es schimpflich, es ihm zu kündigen.
+Ferner werden sie sagen, daß mit den andern Knaben auch kein besser
+wäre, denn daß man sie von einander thät und daß sie nit bei der Mutter
+wären.“ Dazu könne ihnen der Kurfürst noch ein weiteres Stipendium
+geben.
+
+4. Das Töchterlein könne man bei der Mutter lassen, und von den 500 fl.
+30 fl. Rente geben, und wenn es nicht reiche: 40 fl. Davon könnte es die
+Mutter mit einem kleinen Meidlein, das ihm aufwartet, wohl erhalten und
+es von dem Mansfeldischen Geld- oder Zinsanteil mit Kleidung versehen.
+
+5. Auf diesem Weg würde der Frau ihre große und verthunliche Haushaltung
+gebrochen werden und dem vorgebeugt, daß aus den Kindern „Junker und
+Lappen“ werden.
+
+6. „Würde die Frau unsern Vormündern dann sagen: „Wovon solle sie denn
+erhalten werden?“, so könnten die Vormünder der Kinder erwidern: Sie
+brauche mit ihrer Tochter nicht große Haushaltung, nicht viel Gesinde,
+hätte die Wohnung umsonst, könne Kostgänger halten, die Anwesen zum Teil
+vermieten, brauen, den Genuß vom Garten, Hufen und Zulsdorf haben und
+Anteil an den Mansfeldschen Kapitalzinsen. Auch könne der Kurfürst ihr
+und der Tochter jährlich 2 Wispel Korn geben und vielleicht etliche
+Klafter Holz.
+
+7. „Wenn sie (die Domina) vermerkte, daß E.K.G. den _Kindern_ bewilligen
+wollte, Wachsdorf zu kaufen und dazu die 2000 fl. ausfolgen lassen, so
+wird sie des Gutes bald vergessen und sich der Mühe und des Bauens nicht
+wollen beladen, so sie nicht zum wenigsten die Hälfte daran
+mitberechtigt wird.“ Es gebe auch jährlich kaum 100 fl. Reinertrag, und
+habe dazu auch die Last eines halben Lehnspferdes. Darüber aber solle
+der Hauptmann zu Wittenberg Asmus Spiegel befinden, ob das Gut mehr
+eintrage als das Kapital.
+
+Der Kurfürst war rücksichtsvoller als sein Kanzler. Er schien dessen
+Abneigung zu merken und ordnete in einem Schreiben an Brück und
+Melanchthon an, daß Vormünder für die Witwe und für die Waisen bestellt
+würden, und verschrieb den Kindern noch 1000 fl.; über den Kauf von
+Wachsdorf sollten die Vormünder befinden[599].
+
+Zwar erbot sich Brück, „hinauf zu fahren (zur Doktorin) und die
+Anzeigung mit zu thun; Philippus aber meinte, es wäre ohne Not, er wollt
+es von unser beider wegen wohl ausrichten.“ Also ging Melanchthon am
+Freitag früh mit dem kurfürstlichen Schreiben zu der Doktorin[600].
+
+Sie bedankte sich bei ihm und dem Kurfürsten für die Begnadigungs-Zulage
+zu gunsten ihrer Kinder und erklärte dann folgendes:
+
+1. Sie wünsche für sich zu Vormündern den jeweiligen Stadthauptmann von
+Wittenberg und ihren Bruder Hans von Bora; für die Kinder des Doktors
+sel. Bruder Jakob, den jetzigen Bürgermeister Reuter von Wittenberg und
+Melanchthon, Dr. G. Major lehnte sie ab; auch Kreuziger scheint sie
+abgelehnt zu haben, welcher im vertrauten Briefwechsel mit Veit Dietrich
+Käthe eine „Hausfackel“ genannt hatte. Sie erklärte sich aber mit der
+Vormundschaft des Kurfürstl. Leibarztes Dr. Ratzeberger einverstanden,
+der „seines Weibes halber selber der Freundschaft (= Verwandtschaft)
+war.“[601]
+
+2. Sie war einverstanden, daß die 1500 fl. vom Kurfürsten für ihre
+_Söhne_ auf Wachsdorf angelegt würden. Der Kanzler hatte ihr also auch
+darin Unrecht gethan, daß er meinte, die Domina wolle Wachsdorf nur oder
+hauptsächlich für sich haben und bewirtschaften, statt für ihre Söhne.
+
+Der Kanzler schlug nun dem Kurfürsten vor, Melanchthon „nicht mit der
+Vormundschaft zu beladen, denn er ist fromm und wenig (gutherzig und
+schwach), dienet nit dazu, da man der Frau wird sollen Oppositum
+(Opposition) halten.“ Man solle die beiden Theologen Melanchthon und
+Kreuzinger nur zu Mitvormündern in Bezug auf die Erziehung der Kinder
+machen, daß die Söhne zu „Gottesfurcht, Lehre, Zucht und Tugend möchten
+gezogen werden“.[602]
+
+So wurde es dann auch vom Kurfürsten angenommen und die Vormünder
+bestellt, für die Kinder auch Kreuziger in Stellvertretung für
+Ratzeberger, welcher nur bei den wichtigsten Verhandlungen abkommen
+könnte[603].
+
+Auch das Testament Luthers wurde, „nachdem Uns Unsre Liebe Besondere
+Katharina, des Ehrwürdigen und Hochgelehrten Unsers Lieben Andächtigen
+Ehr Martin Luthers, der hl. Schrift Doctors seligen nachgelassene Witwe
+ihres Herrn Testament und Verordnung vortragen und bitten lassen“ — zu
+Judica vom Kurfürsten „gnädiglich bestätiget und konfirmiret, ob es
+gleich an Zierlichkeiten und Solemnitäten, so die Rechte erfordern,
+mangelhaft wäre.“[604]
+
+Nun gab es noch lange mühsame Verhandlungen zwischen dem Kanzler und
+Kurfürsten einerseits und zwischen den Vormündern und der Doctorin
+anderseits wegen der Erwerbung des Gutes Wachsdorf und der Erziehung der
+Kinder[605].
+
+Der Kanzler riet energisch von dem Kauf des Gutes ab, aber noch
+hartnäckiger „arbeitete“ Frau Katharina darauf, und erbot sich, ihren
+Kindern zu gut sich mit dieser Sache zu „beladen“; denn sie verhoffte
+daraus große Nutznießung zu ziehen und versprach auch „keine
+sonderlichen Gebäude allda vorzunehmen“. Darum haben die Vormünder „es
+auch nit härter bestreiten wollen und durch ihr Widerfechten das Ansehen
+bei ihr haben, als wollten sie ihre Wohlfahrt hindern und des Herrn
+(Luthers) Wohlthaten vergessen“. „Also hat es die tugendsame Frau
+Doctorin und die Vormünder neben ihr angenommen.“[606] Das Gut kostete
+aber 2200 fl. Weil das Mansfeldische Kapital erst in zwei Jahren flüssig
+wurde, so gaben die Vormünder dem Kurfürsten zu bedenken, „daß um des
+löblichen Herrn Doctors willen der Witfrauen auch etwas zu willfahren
+ist, und daß sie wahrlich zwischen Thür und Angel stecken.“ Darum gab
+der Kurfürst die 2000 fl. her, darunter auch die 500 fl. der Margarete,
+welche aber bis zu ihrer Verehelichung als Hypothek auf Wachsdorf
+gestellt und mit 30 fl. verzinst werden mußten. Von den fehlenden 200
+fl. gab Melanchthon und ein Freund die Hälfte, um die andere ging er den
+wohlhabenden Amsdorf an. Am Pfingstmontag (14. Juni 1546) zahlte der
+Kanzler Brück die 2000 fl. an die Vormünder Ratzeberger, Reuter und
+Jacob Luther aus, und Frau Käthe, die so „fleißig angehalten, daß
+gemeldte Gabe in liegende Güter umgewandelt werde“, erbot sich, „daß sie
+solche Güter den vier Kindern zu Gute treulich und fleißig warten
+wollte“. Zur Verwaltung des Gutes hätte sie freilich gerne noch einen
+Teil des Mansfeldschen Kapitals gehabt und begab sich dieserhalb zu dem
+Grafen, und wie es scheint, mit teilweisem Erfolg[607].
+
+In ähnlicher Weise ging es auch mit der Erziehung der Kinder. Der
+Kanzler drang zwar darauf, daß Johann in die kurfürstl. Kanzlei käme und
+die beiden andern, Paul und Martin, mit der Mutter Verwilligung weg zu
+einem Magister in Wohnung, Kost und Unterricht, also zu fremden Leuten
+gethan würden. Und so billigte es auch der Kurfürst[608].
+
+Damit mußte auch die Witwe zufrieden sein und „ihr solches gefallen
+lassen und sich mit den Vormündern darüber vergleichen.“ So berichtete
+wenigstens Brück an den Kurfürsten. Nun ordnete der Kurfürst auf den
+Bericht des Kanzlers an, daß die Vormünder den ältesten Sohn vor sich
+forderten und an ihm vernähmen, ob er im Studio fortzufahren geneigt und
+wenn er jetzo dermaßen geschickt, daß seines Studieren halber Hoffnungen
+sei, so solle man es noch ein halb Jahr mit ihm versuchen; sollte er
+aber dazu weder geschickt noch geneigt sein, so wolle der Kurfürst ihn
+auf seine Kanzlei nehmen. Die zwei jungen Söhne aber sollten „von der
+Mutter zu einem tauglichen Magister oder Präceptor gethan werden, bei
+denen sie wesentlich sein und ihre um ein gleich (billiges) Geld Kost
+haben oder irgendwo mit ihm zu Tisch gehen, bei denen sie auch eine
+Scheu und Furcht haben und also in der Lehr und Zucht zum besten
+aufgezogen werden und darinnen verharren.“ Mit dieser Entfernung der
+Kinder aus dem Hause sollte nun auch zugleich die Haushaltung der Witwe
+aufgelöst werden[609].
+
+Daß diese Zumutungen bei Katharina einen großen Kampf kosteten, läßt
+sich denken. Wenn sie auch wohl zuerst bei dem gemeinsamen Ansturm aller
+Freunde und Gönner diesen Plänen nachgegeben hatte, jetzt, als sie zur
+wirklichen Ausführung kommen sollten, wehrte sich die Mutter mit aller
+Macht dagegen. Vier Wochen dauerte der Kampf und — Katharina blieb
+siegreich[610].
+
+Die Vormünder Kreuziger, Melanchthon und Reuter nahmen auf des
+Kurfürsten Befehl zuerst den ältesten, Johann, vor. Sie stellten ihm
+vor, daß S.K.Gn. geneigt wäre, ihn in seine Kanzlei zu nehmen. „Dieweil
+er denn in einem solchen Alter wäre, daß er billig bedenken solle, was
+er endlich vornehmen wolle: ob er bei dem Studio wollte bleiben oder
+nicht, und die Vormünder ihn zur Kanzlei tüchtiger erachteten, so
+wollten sie ihm gern dazu raten; zudem daß es an sich ein löblicher und
+nützlicher Stand sei, darin er zu Gottes Lob und zu gemeiner Wohlfahrt
+dienen und seiner lieben Mutter, Schwester und Brüdern tröstlich sein
+könne; er sollte daher dankbar das kurfürstliche Anerbieten annehmen und
+diesen Stand nicht ausschlagen.“
+
+Darauf folgte eine lange Hin- und Widerrede und eine schriftliche
+Antwort von Hans des Inhalts: „Ehrwürdige, liebe Herren! Des Durchl.
+Kurf. Befehl meine Person anlangend habe ich in Untertänigkeit und
+dankend angehört. Nun versteh ich wohl, daß der Stand in der Kanzlei ein
+sehr ehrlicher (ehrenvoller) Dienst ist, ich weiß aber, daß mein lieber
+Vater vor dieser Zeit nicht hat willigen wollen, daß ich außer der Schul
+ziehen soll. So wollt ich gern länger studieren. Ich will mich auch
+durch Gottes Gnade in allem Gehorsam und Unterthänigkeit gegen Gott, S.
+Kurf. Gn. und meiner lieben Mutter allezeit halten. Und bitte, S. Kurf.
+Gn. wollen mir gnädiglich zulassen, noch ein Jahr in artibus („in den
+freien Künsten“) zu studiren, mich in lateinischer Schrift besser zu
+üben. Und so ich alsdann zu einer Fakultät tüchtig, wollt ich lieber
+procediren (fortfahren) im Studio; so mich aber S.K.Gn. alsdann
+gnädiglich gebrauchen wollten, stelle ich dasselbe auch zu S.K.Gn. in
+Unterthänigkeit. Johannes Lutherus.“
+
+Weiterhin forderten die Vormünder den jetzigen Präzeptor der zwei jungen
+Knaben, Ambros Rutfeld, vor und erkundigten sich nach den Knaben. Des
+einen, Martin, Schrift sahen sie an und befanden ihn wohl studiert; Paul
+war etliche Wochen krank gewesen, erwies sich zur Musik geschickt, der
+Grammatik aber nicht so fähig.
+
+Dann zeigten die Vormünder der Mutter Sr. Kurf. Gn. „gnädiges Gemüt an,
+daß sie zum Studio treulich und fleißig angehalten und mit Lehr und
+Wohnung bei einem Magister in der Stadt bestellet würden.“
+
+Die Mutter gab folgende Antwort: „Sie zweifle nicht, S. Kurf. Gn. meine
+dieses gnädiglich, und sie danke unterthänig. Aber sie bitte zu
+bedenken, weil der jüngste oft schwach (krank) sei, daß er an andern
+Oertern nicht besser sein könne, denn bei der Mutter. Zudem so seien
+allhie die Magistri also beladen (übersetzt) in ihren eigenen Wohnungen,
+daß die Kinder ohne Fährlichkeit ihrer Gesundheit nicht wohl bei ihnen
+zu bestellen seien. Auch möchten sie unter dem fremden ungleichen jungen
+Volk eher in böse Gesellschaft geraten, denn bei ihr, dieweil sie doch
+aus dem Haus ohne ihre Erlaubnis nicht gehen dürften.“
+
+Diese Gründe erkannten die Vormünder an; und weil nun die Söhne nicht
+von der Mutter kommen, sondern weiter bei ihr bleiben sollten, so
+erheischte auch der Kinder und der Witwe Notdurft nicht mehr, daß die
+Haushaltung eingezogen und vergebliche Kosten abgeschnitten wurden. Die
+Vormünder brachten darum auch den weiteren kurfürstlichen Auftrag gar
+nicht zur Verhandlung, „daß das unnötige Gesinde hinweg gethan wurde und
+von dem jährlichen Einkommen die Witwe und Kinder ihre Haushaltung
+bequemlich haben, auch darüber nicht in Schulden gedeihen möchten.“ Die
+Vormünder erklärten vielmehr dem Kurfürsten, die Knaben seien jetzund
+mit einem gelehrten treuen Gesellen bestellet, sie wollten auch selber
+ein Aufsehen auf Martini Studio haben, hätten auch bereits das Nötige
+angeordnet. Und sie trugen darum auch um so lieber auf den Ankauf des
+Gutes Wachsdorf an. Demgemäß entschied nun der Kurfürst mit Ratzebergers
+Zustimmung: er wolle es bei dem Entschlusse Hansens bewenden lassen; sei
+auch einverstanden, daß er und seine Brüder nun bei der Mutter blieben,
+versehe sich aber nun, daß des Doktors sel. Söhne alle drei unter dem
+Hauslehrer und der Vormünder Aufsicht zu Zucht, Tugend und Lehre mit
+Fleiß angehalten würden, ihnen auch nicht viel versäumliches Spazierens
+verstattet werde. „Denn Wir wissen, daß des Doktors Gemüt mit höchster
+Begierde dahin gerichtet gewest, daß seine Söhne studieren sollten.“ Von
+einer Einschränkung oder Auslösung der Haushaltung war nicht mehr die
+Rede.
+
+So hatte Frau Katharina schließlich doch ihr „Gemüt“ durchgesetzt: das
+alte, liebgewordene, durch so viele große Erinnerungen geheiligte
+Klosterhaus blieb ihr Besitz und ihr Wohnsitz, die Kinder durfte sie
+alle um sich haben und Wachsdorf wurde den Söhnen zu teil als ein
+rittermäßiges Mannlehen; und damit hatte sie die Genugthuung, daß ihre
+Kinder wieder ein edelmännisches Erbgut besaßen, nachdem der adelige
+Besitz ihrer eigenen Familie völlig zerstoben war.
+
+Die Familie blieb also im Klosterhause beisammen. Hans besuchte die
+Kollegien und die beiden Knaben lernten bei ihrem Präzeptor Rutfeld. Das
+Töchterlein wurde von der Mutter erzogen.
+
+In der ersten Trauerzeit hatte die Frau Doktorin unmöglich ihren großen
+Haushalt und Kosttisch mit den vielen fremden Tischgenossen weiter
+führen können. So waren manche ausgezogen. M. Besold z.B. bat
+Melanchthon, ihn aufzunehmen. Frau Katharina kam auch wohl wegen der
+ungewissen Zukunft ihrer Lage nicht so bald dazu, den Kosttisch wieder
+im alten Umfang anzufangen.
+
+Der lahme alte Wolf, der Famulus des Doctors, war auch noch da. Die
+Vormünder mußten hören, ob er noch länger bei der Frau bleiben, auch ob
+sie ihn behalten wollte oder nicht. Wahrscheinlich ist er, der so sehr
+mit dem Klosterhause verwachsen war, doch geblieben, obwohl er einmal
+auf eine frühere gleiche Anfrage Luthers, ob er bei seiner Frau bleiben
+wolle, ausweichend geantwortet hatte, wenn Luther sterbe, möchte er am
+liebsten auch selber gleich begraben werden, und Frau Katharina wird ihn
+auch behalten haben; abgesehen von den 40 Gulden Pension, die sie, wie
+Kanzler Bruck meinte, „mit einbrocken“ konnte, war er doch zu sehr
+eingeweiht in alle Verhältnisse des Hauses, und Frau Käthe behielt ihn,
+wenn er auch nicht nur lahm, sondern nach Luthers Zeugnis auch
+nachlässig, bequem und gedankenlos war und am liebsten am Vogelherd saß.
+
+Das übrige Gesinde wird wohl beschränkt worden sein, wie der Kanzler und
+der Kurfürst verschiedentlich betont hatten. Denn auch die
+Gastfreundschaft war in dem Klosterhause nicht mehr in dem alten Umfang
+nötig: die Besuche, Feste, Tischgesellschaften der zahlreichen Freunde
+und Bekannten, der flüchtigen und Bittsteller, der Gesandtschaften und
+Studierenden ließen nach oder hörten ganz auf. Aber freilich neue Mühe
+und Arbeit erwuchs der Doktorin in dem neuen Landgut, zumal da jetzt die
+Heu- und Fruchternte bevorstand. Doch solche Arbeit war der
+thatkräftigen Domina eine Lust und Freude. Neben der Landwirtschaft
+betrieb Frau Käthe jetzt ihre „Tischburse“ weiter. Es starb ihr aber
+leider gar bald am 30. Mai ein junger Tischgeselle Weidhofer aus
+Oesterreich hinweg[611].
+
+Die eben Witwe gewordene hatte auch selber zu sorgen für eine andere
+Waise, ihren Neffen Florian. Die Mutter desselben hatte sie angegangen,
+dem jungen Studenten namentlich mit Büchern nachzuhelfen; sie meinte
+wohl — irrigerweise —, das könnte aus der Bibliothek Luthers geschehen
+oder durch Bücher von einem abgehenden oder verdorbenen andern
+Tischgenossen, wie das ja vorkam. Frau Käthe schreibt da ihrer
+Schwägerin:
+
+„Was Euern Sohn, meinen lieben Ohmen antrifft, will ich gerne thun, so
+viel ich kann, wenn es allein sollt an ihm angelegt sein. Wie ich mich
+denn gänzlich versehe, er werde dem Studieren mit allem Fleiß folgen und
+seine köstliche, edle Jugend nicht unnützlich und vergeblich zubringen.
+Wenn er aber in seinem Studieren ein wenig besser zunehmen und nun
+andere und mehr Bücher bedarf, sonderlich so er die Rechte studieren
+sollte, könnt Ihr, liebe Schwester, selbst gedenken, daß ich ihm solche
+Bücher, die er dazu bedarf, nicht werde geben können. Und (er) wird ein
+wenig einen größern Nachdruck müssen haben, damit er sich das Ding
+alles, was dazu gehört, schicken kann. Wär' derhalben sehr vonnöten,
+daß, wie Ihr mir schreibet, Euren Sohn, meinem lieben Ohmen, ein
+jährlich Geld zum Stipendio gegeben würde. Also könnte er desto besser
+beim Studieren bleiben und seinem Ding leichtlicher nachkommen. — Von
+dem allem aber, das ich bei ihm thun kann, will ich Euch bei (durch)
+meinem Bruder Hans von Bora, alsbald er hieher zu mir kommen wird,
+weiterm Bericht und Bescheid geben.“[612]
+
+Dies Stipendium erhielt auch Florian mit Hilfe Katharinas[613].
+
+Zu Ostern kam also Bruder Hans von Krimmitschau, wo ihm vom Kurfürsten
+die Karlhause als Rittergut um mäßigen Kaufpreis überlassen worden war,
+zu Besuch bei der verwitweten Schwester. Freilich helfen konnte Hans von
+Bora auch nicht eigentlich, am wenigsten mit handgreiflicher
+Unterstützung; denn er hatte selbst mit Sorgen der Nahrung und des
+Lebens zu kämpfen.
+
+Dagegen wandten sich die Freunde der Lutherschen Familie, besonders
+Bugenhagen, der Reformator des Nordens, wiederholt an den alten Gönner
+D. Luthers, den König Christian III. von Dänemark. Nachdem zu Pfingsten
+auf Jonas' allgemeines Schreiben noch keine Antwort eingetroffen war,
+schrieb der Dr. Pommer am 5. Juni bestimmt und deutlich: „Der Herr
+Philippus und ich bitten, E.M. wolle unsern Sold (100 Thlr.) und 50
+Thaler, die noch gehören in diesem Jahr unserm lieben Vater Doctori
+Martino (welchen Christus herrlich hat aus diesem Jammerthal zu sich
+genommen vor einem Vierteljahr) geben diesem Herrn Christophero, Ritter,
+an uns zu bringen. Die fünfzig Thaler wollen wir Doctor Martini Weib und
+Kindern verantworten.“[614]
+
+
+Bald darauf kam die königliche Antwort auf D. Jonas' Brief: „Wir wollen
+auch Uns des seligen und teuern Mann Gottes nachgelassene Witwe und
+Kinder gnädigst befohlen sein lassen.“ Aber der fällige Sold kam nicht,
+so daß Bugenhagen im Herbst (am 15. Nov.) nochmals eine deutliche
+Mahnung an den König abgehen ließ: „Ich habe Ew. Königl. Majestät
+fleißig geschrieben um Pfingsten bei Ehr Christoffer, Ritter aus
+Schweden, von unserm Solde, welchen Ehr Christoffer wollt uns hieher
+bringen, auch gebeten für D. Martini nachgelassene Witwe daß sie diesmal
+noch die fünfzig Thaler möchte kriegen aus Gnaden E.K.M. Aber Ehr
+Christoffer ist nicht wieder kommen, hat mir auch gar nicht
+geschrieben.“[615]
+
+So harrte Frau Katharina vergeblich auf diese Beisteuer und sie hätte
+sie doch so nötig gehabt. Denn mittlerweile war aufs neue großes Unheil
+über Wittenberg und das Klosterhaus hereingebrochen.
+
+
+
+
+17. Kapitel.
+
+Krieg und Flucht.
+
+
+Die Witwe konnte sich kaum in ihren neuen Stand einleben, da nahte schon
+das Unglück, das Luther vorausgesehen und vorausgesagt: es kam der
+Schmalkaldische Krieg und mit ihm Verwüstung, Plünderung, Flucht, Elend
+über Frau Katharina.
+
+Die Ereignisse folgten sich rasch im Frühling und Sommer: die
+Protestanten verwerfen das Tridentinische Konzil; der Regensburger
+Konvent verläuft ohne Ergebnis; der evangelische Erzbischof Hermann von
+Köln kommt in Bann. Herzog Moriz verbündet sich mit dem Kaiser; das
+protestantische Oberdeutschland greift zu den Waffen, dann auch
+Kursachsen und Hessen; die beiden Fürsten werden geächtet, der Krieg
+erklärt und der Papst ordnet Gebete an für Ausrottung der Ketzer. Schon
+zehn Tage vorher am dritten Sonntag nach Pfingsten hörte Frau Katharina
+in der Kirche zu Wittenberg das evangelische Kriegsgebet und flehte mit
+besonderer Inbrunst um Hilfe in dem Gewaltkampf, der gegen ihres seligen
+Mannes Werk entbrennen sollte: „Dieweil Du siehst die große Not unserer
+Herrschaft, unser aller: Mann, Weib und Kinder, und daß unsre Feinde
+fürnehmlich suchen Vertilgung rechter Lehre und Aufrichtung und
+Bestätigung ihrer schändlichen Abgötterei: so bitten wir Dich, Du
+wollest um Deiner Ehre willen unsre Herrschaft, unsere Kirchen, uns,
+unsere Kinder und Häuslein gnädiglich schützen und bewahren, wie Du Dein
+Volk Israel im Roten Meer erhalten und geschützet hast, und wollest der
+Feinde Macht zerstören und die mörderische fremde Nation ihre Unzucht
+und Grausamkeit nicht an unsern Weibern und Kindern üben lassen.“ Und
+Melanchthon gab die „Warnung D. Martini Luther an seine lieben
+Deutschen“ in Kriegsgefahr aufs neue heraus[616].
+
+Sorge und Schrecken verbreitete sich in Wittenberg als der Hauptfestung
+Kursachsens und dem geistigen Hauptbollwerk des Protestantismus, und
+ganz besonders im Schwarzen Kloster, von dem aus der Sturm gegen das
+Papsttum begonnen war.
+
+Im Sommer kamen unter Hauptmann von Mila viele gute Kriegsknechte in die
+Stadt, auch viel Proviant, Büchsen und Pulver. Die einen waren
+ordentlich und fromm, andere lebten roh und praßten. Die Bürger zogen
+mit den Kriegsknechten auf die Wache, ergriffen Spieße, Hellebarden und
+Arkebusen und bezogen die Schanzen, Hans Lufft, der Drucker mit seinen
+Gesellen, den großen Berg, wo die „Singerin“, ein großes Geschütz,
+aufgestellt war. Eine spätere Nachricht erzählt, daß auch Hans Luther
+als Fähnrich in den „kaiserischen Elbkrieg“ gezogen sei[617].
+
+Alles war in Aufregung, namentlich als Herzog Moriz von Sachsen, dem
+schon Luther Verrat an der evangelischen Sache zugetraut hatte, sich auf
+die Seite des Kaisers schlug und in Kursachsen einfiel, von den Welschen
+und „Hussern“ des Königs Ferdinand begleitet[618].
+
+Die Universität begann sich zu zerstreuen aus Furcht vor Belagerung. Der
+Krieg näherte sich. Am 6. November wird Zwickau umzingelt, daher die
+Hochschule aufgelöst. Am 9. kommt die Kunde, Zwickau sei an Moriz
+übergeben und das feindliche Kriegsvolk ziehe auf Wittenberg heran.
+Jetzt flüchtete alles, was konnte, aus der festen Stadt: Greise, Weiber,
+Kinder, nach allen Richtungen in zahllosen Wagen, während der fallende
+Winterschnee Menschen, Tiere und Gefährte bedeckte. Nur Pfarrer und
+Schulmeister blieben zurück von den Beamten[619].
+
+Frau Käthe hatte schon vor vierzehn Tagen ihren Wagen einspannen und
+außer ihren Kindern das Wertvollste und Notwendigste an Hab und Gut
+aufladen lassen. Auch der Neffe Fabian Kaufmann und wohl noch andere
+Verwandte und Tischgenossen waren bei dem traurigen Zug; der Famulus
+Wolf aber blieb zur Hut des Hauses zurück. Die Flucht ging über Dessau
+und Zerbst nach dem festen Magdeburg, wohin sich die meisten Professoren
+begaben; nur Melanchthon blieb mit seiner Familie in Zerbst, wo er einen
+kleinen Schülerkreis sammelte, kam aber öfters nach Magdeburg herüber.
+Fabian wurde später nach Wittenberg zurückgeschickt, wo neben Kreuziger
+und Bugenhagen auch Paul Eber verblieben war, der sich des jungen
+Menschen annehmen konnte; wahrscheinlich sollte Fabian in der Stadt mit
+Wolf Sieberger auf das Schwarze Kloster und den Lutherischen Besitz
+achtgeben.
+
+Bald kam die betrübende Kunde von Wittenberg: „Man hat (am 16. November)
+die Vorstädte samt allen Gärten und Lusthäusern weggebrannt, die Aecker
+verwüstet und ist den armen Leuten wohl eine Tonne Goldes Schaden
+geschehen und ein großer Jammer.“ Dann kam Moriz mit seinen Meißnern und
+mit König Ferdinands „Hussern“, und sie streiften bis an die Mauern der
+Stadt und schrieen hinein. Herzog Moriz, des „Teufels Ritter und
+Soldat“, berannte die Stadt am 18. November. Da hieß es nach dem Liede:
+
+ Zu Wittenberg auf dem hohen Wall
+ Hört man die Büchsen krachen.
+
+Der Sturm wurde abgeschlagen, aber die „Hussern“ plünderten und
+schändeten in der Umgegend[620].
+
+Indessen diesmal ging die Belagerung Wittenbergs rasch vorüber; denn
+Moriz wurde um Weihnachten von dem aus Süddeutschland herbeigeeilten
+Kurfürsten zurückgetrieben. Jedoch der Krieg in Sachsen dauerte fort und
+an eine Heimkehr nach Wittenberg war nicht zu denken; nur Melanchthon
+war einmal Mitte Januar 1547 dort[621].
+
+Der Aufenthalt in Magdeburg war nichts weniger als behaglich, Unterkunft
+war gar schwer zu finden; dem Stadtrat war die Masse der Schüler
+unbequem. Die Nachbarschaft, besonders die Halloren, waren gegen sie
+aufgebracht und bedrohten sie. Daher suchten die Professoren andere
+Stellungen, namentlich Major mit seiner zahlreichen Familie[622].
+
+In dieser Zeit der Not kam eine Hülfe, die fast nicht mehr erwartet war.
+Die 50 Thaler, um welche Bugenhagen den dänischen König für Luthers
+Witwe schon zu Pfingsten und dann nochmals nach der Flucht der Witwe
+geschrieben hatte, waren bis jetzt nicht gekommen. Nun aber am 10.
+Januar 1547 wurden die gewährten 150 „Joachimer“ durch Vermittelung des
+Hamburgers Müller an Professor Veit Winsheimer, welcher bei dem ehrbaren
+Herrn Emeran Tucher zu Magdeburg wohnte, geschickt, und Frau Katharina
+empfing erfreut ihren Anteil[623]. Und nicht lange darauf kam wieder ein
+Bote mit 50 Thalern und einem gnädigen Schreiben an „Doktor Luthers
+Witwe“:
+
+„Unsern gnädigsten Gruß zuvor.
+
+Ehrbare und viel Tugendsame, Liebe, Besondre!
+
+Nachdem Wir berichtet, daß Ihr in jetzigen gefährlichen Zeiten neben
+anderen aus Wittenberg nach Magdeburg gewichen, haben Wir nicht
+unterlassen wollen an Euch zu schreiben, Euch Unsern gnädigsten Willen
+und Neigung zu vermelden. Und als Ihr dermaßen Eure Haushaltung und Euch
+an fremden Orten unterhalten müßt, worüber wir ein besonders Mitleid
+haben, schicken Wir Euch bei gegenwärtigem Boten, dem alten Schlesier,
+zu Eurer Haushaltung fünfzig Thaler; die wollet zu Gefallen annehmen und
+Unsere gnädigste Neigung daraus vermerken. Wir wollen auch jederzeit
+Euer gnädiger Herr sein und Uns gegen Euch zu erzeigen wissen. Wollten
+Euch solches gnädigst nicht vorenthalten und sind Euch mit Gnaden und
+allem Guten geneigt.“[624]
+
+Frau Katharina schrieb dafür ihren Dankesbrief:
+
+„Gnad und Friede von Gott dem Vater durch seinen eingeborenen Sohn
+Christum Jesum.
+
+Durchlauchtigster, großmächtigster König, gnädigster Herr!
+
+E.K.M. sei mein andächtig Gebet gegen Gott dem Herrn vor (für) E.K.M.
+und aller der Ihren Wohlfahrt und glückselig Regiment allzeit mit hohem
+Fleiß zuvoran bereitet. Gnädigster Herr! Nachdem ich in diesem Jahre
+viel große und schwere Bekümmernis und Herzeleids gehabt, als da
+erstlich mein und meiner Kinder Elend mit Absterben (jedoch seliger und
+fröhlicher Heimfahrt zu unserm Heiland Christo Jesu) meines lieben
+Herrn, welches Jahrzeit jetzt den 18. Februarii sich nahet, angangen;
+darnach auch diese fährliche Kriege und die Verwüstung dieser Länder
+unsers lieben Vaterlandes gefolget und noch kein Ende dieses Jammers und
+Elends zu sehen: ist mir in solchem Bekümmernis ein großer und hoher
+Trost gewesen, daß E.K.M. beides, mit gnädigster Schrift und
+Uebersendung der funfzig Thaler zu bequemer Unterhaltung meiner und
+meiner Kinder, auch ferner E.K.M. gnädigster Erbietung, Ihre gnädigste
+Neigung gegen mir armen verlassenen Witfrau und meiner armen Waisen
+vermeldet; welches auch vieler andern zuvor gnädigst erzeigten Wohltaten
+halber gegen E.K.M. ich mich unterthänigst bedanke; verhoffend, Gott der
+Herr, welcher sich einen Vater der Witwen und Waisen nennet, wie ich
+denn täglich zu ihm bitte, werde solches E.K.M. reichlich belohnen; in
+welches gnädigen Schutz und Schirm E.K.M. und Ihr Gemahl, meine
+gnädigste Frau Königin, und die ganze junge Herrschaft samt Ihren Landen
+und Leuten hiemit und allezeit fleißig thue befehlen.
+
+Geben zu Magdeburg, den 9. Februarii A.D. XLVII.
+
+ E.K.M.
+
+ gehorsame
+ Katharina Lutherin,
+ seliger Gedächtnis Doctoris
+ Martini Luthers
+ verlassne Witfrau.“[625]
+
+Die so Beglückte dachte aber auch an andere Hilfsbedürftige, an den
+Amtsgenossen ihres Gatten, D.G. Major, der mit seiner großen
+Kinderschaar in dieser schlimmen Zeit sich vergeblich nach einer
+Stellung umsah. Frau Katharina legte in diese Danksagung als Beilage
+noch eine Fürbitte ein:
+
+„Gnädigster Herr! Nachdem ich erfahren, was vor gnädigste und
+christliche Neigung E.K.M. gegen den (die) Theologen der Universität zu
+Wittenberg tragen und mein lieber Herr seliger Gedächtnis Doctor Georgen
+Major stets nun über zwanzig Jahre als seinen Sohn gehalten und lieb
+gehabt, welcher zu dieser Zeit allhie bei mir im Elend samt zehen
+lebendigen Kindern: will E.K.M. gedachten Doctor ich mich unterthänigst
+befohlen haben bittend, E.K.M. wollen ob solchem kein ungnädigst
+Gefallen haben. Denn Theologi je mit Weib und Kindern sonderlichen zu
+diesen jämmerlichen Zeiten, betteln müssen, wie ich schier selbst
+erfahren, da sie nicht von Fürsten und Herren ihre Errettung und
+Unterhaltung haben werden.“
+
+Zu Ostern erhielt nun auch D. Major „auf der tugendsamen Frauen
+Katharina, des seligen und löblichen Gedächtnis Doctoris Martini Luthers
+verlassenen Witfrauen Vorschrift und Vorbitte 50 Thaler bei dem
+Schlesiger gnädiglich überschickt“[626].
+
+Da es mit der Einnahme Wittenbergs durch Moriz nichts geworden, so war
+mittlerweile die tapfere Frau Katharina wieder nach Wittenberg
+zurückgekehrt, aber ihres Bleibens war nicht lange dort. Denn der Kaiser
+Karl und sein Bruder Ferdinand kamen aus Süddeutschland und Böhmen mit
+ihren Spaniern und Italienern, Böhmen und Ungarn ihrem Verbündeten Moriz
+zu Hilfe und es stand eine neue Belagerung Wittenbergs bevor, die
+diesmal ernstlich und gefährlich werden sollte. Und jetzt mußte Frau
+Katharina erst recht flüchten, denn überall hin verbreitete sich die
+Kunde von den unerhörten Greuelthaten und Grausamkeiten der fremden
+Völker, sogar gegen unschuldige Kinder: „sie raubten, mordeten,
+plünderten, schändeten Frauen und Jungfrauen und warfen Kinder auf der
+Gasse über die Zäune“. Namentlich aber wüteten Spanier und Italiener
+gegen die evangelischen Geistlichen und ihre Familien. Dem Pfarrer in
+Altenburg entführten sie zwei Töchter, den von Kemberg bei Wittenberg
+ermordeten sie[627]. Da hieß es: „Die ungarischen Räuber, gemeiniglich
+Hussirer genannt, sind ein räuberisch und unbarmherzig Volk; bei Eger
+hieben sie den Kindern die Hände und Füße ab und steckten sie als
+Federbüsche auf die Hüte“. So erzählte man, und Melanchthon schrieb:
+„Ihr Führer Lodran (Lateranus) sagte, er werde nach Eroberung unserer
+Stadt Luthers Leib ausgraben und den Hunden vorwerfen lassen; und redete
+namentlich davon, mich in Stücke zu hauen.“ Oder gar: „Man werde Luthers
+Gebeine ausgraben und verbrennen, die Stätte, wo er geruht, zerstören
+und die Stadt schleifen, Melanchthon erwürgen und D. Pommer zerhacken,
+daß man sich mit den Stücken werfen möchte.“ Deshalb setzte Melanchthon,
+welcher zu Anfang 1547 wieder in Wittenberg weilte, für die dortigen
+Pfarrfrauen eine Bittschrift an den Kaiser auf[628].
+
+Frau Katharina hielt in Wittenberg aus, so lange als möglich. Da aber
+kam am Ostertag morgens in aller Frühe die schreckliche Kunde, daß am
+Karsamstag 24. April der Kurfürst Johann Friedrich von der kaiserlichen
+Uebermacht auf der Lochauer Heide geschlagen und gefangen worden sei und
+das feindliche Heer sich gegen Wittenberg heranwälze. Hals über Kopf
+mußte nun Luthers Witwe aufs neue ins Elend“ ziehen[629].
+
+So kam sie plötzlich wieder nach Magdeburg und bat die Freunde,
+besonders Melanchthon als Vormund ihrer Kinder unter Thränen, ihnen ein
+Nest zu suchen. Am liebsten wäre sie nach Dänemark gegangen, zu dem
+einzigen Fürsten, der sich ihrer anzunehmen versprochen hatte, nachdem
+von dem unglücklichen Kurfürsten nichts mehr zu erwarten stand. Sie bat
+zunächst, sie nach Braunschweig führen zu lassen. Die Theologen
+schienen, als sie die Trümmer des geschlagenen kursächsischen Heeres
+durch Magdeburg ziehen sahen, sich auch nicht mehr in Magdeburg sicher
+zu fühlen, und Melanchthon und Major mit ihren Familien zogen samt der
+Lutherischen über Helmstädt nach Braunschweig. In Helmstädt wurden sie
+vom Stadtrat freigebig bewirtet. In Braunschweig brachte Melanchthon die
+beiden anderen Familien bei dem evangelischen Abt unter, während er für
+sich selbst recht lange sich nach einer kleinen Wohnung umthun mußte. Er
+wurde als begehrter Professor von den verschiedensten Fürsten
+eingeladen; aber um Luthers Witwe kümmerte sich niemand: sie konnte in
+dieser Zeit der katholischen Reaktion höchstens eine Verlegenheit sein.
+Deshalb drängte sie darauf, nach Dänemark zu kommen. Aber als die
+Flüchtlinge kaum einige Meilen von Braunschweig nördlich nach Gifhorn
+gekommen waren, zeigten sich alle Wege im Herzogtum Lüneburg voll
+Soldaten und Herzog Franz machte Schwierigkeiten; so kehrte man wieder
+nach Braunschweig zurück. Dort blieb nun Katharina mit ihren Kindern,
+während Melanchthon zu Himmelfahrt nach Nordhausen zog, wohin ihn sein
+Freund, der Bürgermeister Meienburg, eingeladen halte; und Major folgte,
+willens sich nach seiner Vaterstadt Nürnberg zu begeben[630].
+
+Am 23. Mai, Montag vor Pfingsten, wurde Wittenberg vom kaiserlichen Heer
+besetzt; am Mittwoch ritt der Kaiser und der König Ferdinand in die
+Stadt ein vor die Schloßkirche und ließ sich vom Studiosus Johann Burges
+aus Quedlinburg „die Begräbnis“ Luthers zeigen, die zu entweihen er aber
+nicht zuließ, so feind die Spanier sonst D. Luthern waren[631]. Am 6.
+Juni mußte Wittenberg dem neuen Kurfürsten Moriz huldigen, der den
+Kurhut und das Kurland als Preis für seinen Verrat an der evangelischen
+Sache erhalten hatte. Zwei Tage darauf lud der Rektor die Universität
+zur Rückkehr nach Wittenberg ein. Auch Käthe wurde Ende Juni von D.
+Pommer und Bürgermeister Reuter zur Rückkehr aufgefordert: es sei alles
+sicher und Haus und Hof unverheert. So kehrte sie, wenn auch erst Ende
+Juli, aus Braunschweig heim ins liebe Wittenberg[632].
+
+
+
+
+18. Kapitel.
+
+Der Witwenstand.
+
+
+Es war eine traurige Heimkehr, als Frau Katharina mit ihren Kindern und
+dem Rest der geretteten Habe auf ihrem Fuhrwerk durch das Coswiger Thor,
+die Schloßstraße und die Kollegiengasse herauf fuhr und vor dem
+Klosterhause hielt. Leichter waren Koffer und Kasten geworden — es waren
+vergoldete und silberne Kredenzbecher im Werte von 600 fl. versetzt
+worden — und das Herz voll schwerer Sorge. Und doch war's ein Gefühl der
+Ruhe und Sicherheit, wieder daheim zu sein nach der langen Flucht
+draußen im „Elend“. Und tapfer griff Frau Käthe es an, das Leben neu zu
+gestalten.
+
+Das Haus war noch im alten Stande und vom Hausrat nichts versehrt. Die
+Stadt hatte zwar eine Belagerung und einen Sturm durch Moriz
+ausgehalten, aber friedlich war sie nach der Mühlberger Schlacht an den
+neuen Regenten übergeben worden und keine Spanier hatten darin hausen
+dürfen; nur deutsche Völker waren zugelassen. Das Klosterhaus war
+während der Flucht in der Hut des alten treuen Wolf gestanden. Der aber
+war nicht mehr, als die Doctorin mit den Kindern heimkehrte: einige
+Wochen zuvor, am 14. Juni, war er dahin gegangen, als man seiner nicht
+mehr zu bedürfen schien[633].
+
+Wenn aber auch Haus und Hof unangetastet dastand, um so schlimmer stand
+es mit den Gütern draußen. Die Vorstädte waren bei Beginn der ersten
+Belagerung niedergebrannt worden und so waren auch die Gebäulichkeiten
+in den Gärten ein Opfer der Flammen geworden. Dann hatten die „Hussern“
+die Nachbarschaft von Wittenberg geplündert. Auch sonst, bei Grimma,
+unweit Nimbschen und Zulsdorf, hatte (schon 1546) der Nachtrab übel
+gehaust: Hühner, Gänse und Schafe geraubt, auch ungedroschenes Getreide
+zur Streu für die Pferde verwendet. Noch schlimmer hatten im folgenden
+Jahr die Spanier mit Morden und Brennen, Plündern und Verjagen
+geschaltet; wo nichts zu plündern war, verbrannten sie draußen im Lande
+alles Gewächs bis auf die Stoppeln[634].
+
+So hatte Luthers Witwe großen Schaden erlitten im Krieg. Wenn Jonas den
+seinigen bei den zwei Fluchten auf 400 fl. schätzt, so muß derjenige
+Katharinas bei ihrem ausgedehnten Grundbesitz weit mehr betragen haben.
+Ihre Gärten und Güter: das Baumstück mit seinen Gebäulichkeiten, das Gut
+Wachsdorf und das Vorwerk Zulsdorf waren verwüstet, so daß sie auf Jahre
+hinaus sie „schwer zu versorgen“ wußte, wie Bugenhagen in Briefen an den
+dänischen König klagt[635].
+
+Und wenn man die vielgeplagte Witwe nur in Frieden gelassen hätte, daß
+sie ruhig sich ihrer verwüsteten Güter hätte annehmen können. Aber da
+wurde sie noch von bösen Nachbarn geplagt und von harten Beamten. Ein
+zänkischer Mensch fing Streit mit ihr an wegen eines Servituts
+(vielleicht der Nachbar von Zulsdorf auf Kieritzsch). Melanchthon war zu
+einem Vergleich bereit, aber der Mann forderte eine maßlose Summe und
+auch Bruder Hans riet vom Vergleich ab. So kam es zum Prozeß, wobei Dr.
+Stromberg in Leipzig und auch Camerarius, die Freunde Melanchthons, sich
+der armen Frau annahmen (1548). Dieser Prozeß dauerte aber jahrelang und
+noch 1550 mußte Frau Katharina mit Melanchthon vor dem Stadthauptmann in
+Leipzig zur Tagfahrt erscheinen[636].
+
+Da galt es nicht verzagen, sondern mit neuem Mut das Werk angreifen, um
+sich und ihre Kinder in Ehren durchzubringen. Der Kosttisch wurde wieder
+eingerichtet, wenn es auch schwer hielt, in diesen wirren Zeiten, wo die
+Universität zersprengt war und nur mit Mühe sich wieder sammelte, zumal
+das neue Kursachsen jetzt zwei Hochschulen hatte: Leipzig und
+Wittenberg, und die Söhne des gefangenen Kurfürsten sich bestrebten, in
+Jena eine eigene zu errichten und dahin die echten Lutheraner unter den
+Professoren und Studenten von Wittenberg zu ziehen; erst im August wurde
+das Wittenberger Kollegienhaus vom Schmutz der Einquartierung gereinigt
+und neu getüncht[637]. Ferner konnte von großem Verdienst keine Rede
+sein, wenn bei dem Rektor Crodel in Torgau zwei Schüler in der Woche für
+Wohnung und Kost, dazu mittags und abends zwei Kannen Bier, nur 14
+Groschen zahlten, und Matthesius in Wittenberg, ehe er zu Frau Luther
+kam, bei Wolf Jan von Rochlitz „einen sehr guten trocknen Tisch um 5
+Silbergroschen“ hatte „neben alten gelehrten, ehrlichen (ehrbaren),
+guten Tafelbrüdern“. Als solcher Tischgenosse wird genannt: Johann
+Stromer, der fünf Jahre bei der Witwe wohnte und aß. Vielleicht war
+damals unter den Tischgenossen Käthes auch der Preuße Georg von Kunheim,
+der am 15. August 1550 in Wittenberg Student wurde und so mit der
+Lutherischen Familie bekannt und später verwandt wurde[638].
+
+Außer den Stuben wurden auch noch die Säle zu Vorlesungen an Docenten
+vermietet, und so las im Sommer 1551 in Luthers Aula, wo der große
+Doktor sonst über biblische Bücher vorgetragen hatte, Bartholomäus Lasan
+über Herodot[639].
+
+Trotz alledem mußte Frau Katharina außer der Verpfändung der Becher noch
+auf ihr Gütlein Zulsdorf ein Anlehen von 400 fl. aufnehmen bei Dr. Franz
+Kram und außerdem mußte sie sich entschließen, selbst an den König von
+Dänemark zu schreiben, als den „einzigen König auf Erden, zu dem wir
+armen Christen Zuflucht haben mögen und von dem allein erwartet werden
+konnte, daß den armen christlichen Prädikanten und ihren armen Witwen
+und Waisen Wohlthaten erzeiget würden.“ Zu diesem Brief war sie
+gezwungen, nachdem die Schreiben der Freunde Bugenhagen und Melanchthon
+ohne Erfolg gewesen. So bittet nun am 6. Oktober 1550 „D.M. Luthers
+nachgelassene Witfrau, nachdem sie und ihre Kinder jetzund weniger Hilfe
+haben und die Unruhe dieser Zeit viele Beschwerungen bringet“, S.K.M.
+wolle ihr solche Hilfe gnädiglich auch hinfüro verordnen. Sie will
+treulich und ernstlich bitten, Gott möge Sr.K.M. Wohlthaten, die er den
+armen evangelischen Pfarrherren und ihren Familien erzeigt, vergelten
+und dafür besondere Gaben und Segen verleihen. „Der allmächtige Gott
+wolle E.K.M. und E.K.M. Königin und junge Herrschaft gnädiglich
+bewahren.“
+
+Auch dies eigene Schreiben der Witwe war, scheint es, ohne Erfolg,
+trotzdem sie den König an ihres „lieben Herrn große Last und Arbeit“
+mahnen konnte, die S.K. Maj. ohne Zweifel nicht vergessen habe[640].
+
+Die Zeitläufe waren sehr traurig. Kreuziger starb 1548, und seine Frau
+wollte fast vergehen; auch Veit Dietrich in Nürnberg schied bald darauf.
+Andere Freunde waren verzogen oder auch gestorben. Dazu kam die Not der
+Kirche, welche der Witwe Luthers nahe genug ging: „das Interim“ mit dem
+„Schalk hinter ihm“ erregte die Evangelischen aufs ärgste. Der neue
+Landesherr Moriz, bei dessen Anblick sogar die Spanier und Italiener
+„Schelm! Schelm!“ riefen und den die Protestanten als „Judas“
+bezeichneten, hatte kein warmes Herz, weder für die protestantische
+Sache, noch für die hauptsächlichsten Vertreter derselben, die
+Universität zu Wittenberg und deren Angehörige. Da gab es trübe Tage in
+der alten Elbstadt[641].
+
+Die vier Kinder Katharinas waren bei ihr; und wohl auch einige junge
+Verwandte. Den Neffen Luthers, Fabian Kaufmann, jetzt mit dem
+lateinischen Gelehrtennamen Mercator, empfahl Jonas 1548 zu einer
+Hofstelle an die Fürsten von Anhalt[642].
+
+Johannes studierte in Wittenberg weiter als Rechtsbeflissener.
+Möglicherweise hat er, ehe nach den Unruhen des Krieges die Muße und
+Gelegenheit zum Studium wieder eintrat, „auf den väterlichen Gütern ein
+ländliches Leben geführt“, d.h. der Mutter bei der Landwirtschaft
+beigestanden, wie einmal berichtet wird[643]. Nach Ostern 1549 kam nun
+Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, Rektor der Königsberger Hochschule,
+nach Wittenberg. Dieser erzählte viel von des Preußenherzogs Wohlwollen
+gegen Luthers Familie. Da riet Melanchthon, den jungen Mann nach
+Königsberg zu schicken, damit er dort durch die Gunst des Königs seine
+Studien vollende. So schrieb nun Frau Käthe an Herzog Albrecht einen
+Brief.
+
+„Gnade und Frieden in Christo samt meinem armen Gebet zu Gott für
+E.F.Gn. zuvoran.
+
+Durchlauchtigster und hochgeborner Fürst und Herr!
+
+Da sich E.F.Gn. gegen meinen lieben Herrn gottseligen, Doctorem Martinum
+mit sonderlichen Gnaden allezeit erzeigt, so hab ich in keinen Zweifel
+gestellt, E.F.Gn. würden auch mir aus sonderlichen Gnaden, so unser
+lieber Gott E.F.Gn. zu seinem göttlichen Wort, das zu lieben, zu
+schützen und zu handhaben verliehen, auch um meines lieben Herrn seliger
+willen als eines wahren Propheten dieser letzten gefährlichen und
+unruhigen Zeiten mich und meine lieben Kinder als nachgelassene Witwe
+und Waisen in gnädigen Schutz nehmen und Ihnen befohlen sein lassen.
+
+Als ohne Not, E.F.Gn. zu erinnern, in wie schwere Not meiner Haushaltung
+ich nach jetzt ergangener Kriegsführung gediehen, auch wie kümmerlich
+ich bisher von meinen armen verwüsteten und verheerten Gütern mich samt
+meinen Kindern ernähren und erhalten müssen — hab ich aus Rat des Herrn
+Philippi und Anzeigen des Herrn Dr. Sabini, wie geneigt E.F.Gn. meinen
+Kindern sei, meinen ältesten Sohn Hans an E.F.Gn. abgefertigt, und
+nachdem dann E.F.Gn. ihn noch eine Zeitlang bei den Studien zu erhalten
+sich gnädigst erboten, will gegen E.F.Gn. ich mich derselbigen gnädigen
+Förderung und Mitsorge für meine nachgelassenen armen Kinder aufs
+demütigste bedankt haben.
+
+Dieweil aber dies meines Sohnes erstes Abreise ist, und ich auch
+derhalben ihn zumeist abgefertigt, (damit er) neben seinen Studien gegen
+die Leute lerne wissen sich zu (ver)halten, so ist an E.F.Gn. dies meine
+demütige Bitte, dieselben wollten diesen meinen Sohn um meines lieben
+Herrn gottseliger willen in Gnade und Schutz aufnehmen und da er sich
+sonst in der erste in allem gegen E.F.Gn. nicht zu erzeigen wüßte,
+solches noch seiner Unwissenheit und ersten Ausfahrt gnädiglich zu gute
+halten und Geduld mit ihm tragen. Als zweifel ich nicht, er wird sich
+gegen E.F.Gn. zu unterthänigem und seinen Präceptoribus zu schuldigem
+Gehorsam wohl zu verhalten wissen, seinen Studiis und demjenigen, so ihm
+oblieget, fleißig nachgehen und gegen E.F.Gn. ehrbar und denkbarlich in
+aller Untertänigkeit sich zu erzeigen wissen.
+
+Dies dann E.F.Gn. gnädige Beförderung unser lieber Gott auch reichlich
+wiederum belohnen wird und bin für E.F.Gn. gegen Gott um langwährende
+Regierung und Wohlfahrt fürzubitten allezeit demütiglich beflissen.
+
+Datum Wittenberg, den 29. Mai anno 49.
+
+E.F.G.
+
+ demütige und unterthenige
+ Catharina, D. Martin Luthers
+ seligers nachgelassene Witwe.“
+
+Melanchthon schrieb einen Empfehlungsbrief an den Herzog für den jungen
+Mann, worin er ihn lobt als „tugendhaft im Wesen, unbescholten,
+bescheiden, aufrichtig, rein, von guter Anlage und Beredsamkeit; sein
+Körper sei gewandt und leistungsfähig und wenn er sich am Hofe übe, so
+könne sein Eifer dem Staat zu großem Nutzen gedeihen.“ Auch Jonas
+empfahl in einem Schreiben dem Herzog seinen „lieben Freund, den Sohn
+des göttlichen Propheten, empfehlenswert schon durch seinen Vater“ und
+entbot „Sr. Hoheit das Gebet der hochverehrten Frau und Witwe des hochw.
+D. Luther“. Zu mehreren Empfehlung legte Jonas eine Erzählung von dem
+Krieg bei und ein handschriftliches Schreiben Luthers, „des Propheten
+Deutschlands“, worin er diesen Krieg prophezeit habe[644].
+
+So reiste denn Johannes Ende Mai mit Dr. Sabinus ab, der auch sein von
+Melanchthon erzogenes Töchterlein zu des Großvaters tiefem Schmerz
+mitnahm. Auch Jonas' Sohn, Dr. Christoph und Johann Camerar, der Sohn
+von Melanchthons Busenfreund, sind wahrscheinlich mit Hans Luther nach
+Königsberg gezogen[645].
+
+Es kam nun auch ein Brief von Hans an Melanchthon, worin er einen Teil
+der Reise beschrieb. Den andern Teil scheint er schuldig geblieben zu
+sein. Auch muß ihm Melanchthon schreiben, Mutter, Schwester und Brüder
+warteten mit Sehnsucht auf einen Brief, worin er von all seinen Sachen
+berichten möchte; zur Leipziger Weihnachtsmesse gebe es schon genug
+Gelegenheit zur Briefbeförderung[646].
+
+Lange hörte man nichts mehr von Hans Luther. Daheim aber dauerten die
+bösen Zeiten fort; denn die Unruhen und Aufregungen wegen des Interims,
+das der Kaiser den Lutheranern aufgezwungen hatte, ließen nicht nach;
+die Erbitterungen zwischen dem ehemaligen und jetzigen kurfürstlichen
+Hause waren eher im Wachsen, zumal der gefangene Kurfürst noch immer
+nicht freigegeben, sondern vom Kaiser in unwürdiger Weise
+umhergeschleppt wurde. Die Belagerung Magdeburgs, das wegen Nichtannahme
+des Interims geächtet und durch Moriz angegriffen war, brachte allerlei
+landschädigende Truppenbewegungen, und die Universität konnte also nicht
+so leicht zur Muße und Blüte kommen. Auch die Anfechtungen durch „die
+bösen Nachbarn“ dauerten bei Katharina fort. Die Einkünfte in diesen
+unruhigen Zeiten wollten nur schwer reichen für den Haushalt und die
+Erziehung der Kinder; Frau Katharina „litt an Armut“, so daß die 15
+Rosenobel (50 Thaler) Gnadengehalt von dem dänischen König Christian
+III., um welche die Freunde regelmäßig einkamen und Katharina selbst
+schrieb, für „die arme Frau, unseres lieben Vaters Doctoris Martini
+Witwe mit ihren Kindern“ eine gar erwünschte „gnädige Hilfe“ waren. Die
+„Begnadigungen“, welche sonst die Lutherische Familie von ihren
+Landesherren gewohnt war, blieben aus, da der alte Kurfürst gefangen saß
+und der neue bei seinen großen Plänen und steten Kriegen nichts übrig
+hatte für sie. Daher konnte Frau Katharina klagen, „daß wenig Leut sind,
+die für die großen Wohlthaten meines lieben Herrn seinen armen Waisen
+Hilfe zu thun gedächten“[647].
+
+Die vielerlei Schicksalsschläge trafen die arme Witwe so schwer, daß
+sie, die stets gesunde, jetzt kränklich wurde und über „Schwachheit“ zu
+klagen hatte.
+
+In dieser schweren Zeit, „da es ihr Vermögen nicht war, ihren und ihres
+lieben Herrn Kindern nach Notdurft zu helfen“, war es für Frau Katharina
+ein Trost, daß der preußische Herzog „nun selber Vater sein“ solle. In
+dieser Zuversicht wandte sie sich zu Georgi (23. April) 1551 an S.F.Gn.
+unter Verdankung für die gnädige Aufnahme und Unterhaltung ihres Sohnes
+mit der Bitte, ihm ferner zur Vollendung seines angefangenen Studii in
+Frankreich oder Italien Unterhaltung zu verordnen, damit er dem Herzog
+nützlicher dienen könne. Zuvor aber möge der Herzog ihren Sohn eine
+kurze Zeit zu ihr kommen lassen, damit sie in ihrer Schwachheit etliche
+nützliche Sachen mit ihm reden könne, daran ihm und seinen Brüdern und
+seiner Schwester merklich gelegen; dann möge er wieder nach Königsberg
+oder nach Italien und Frankreich gehen, wie S.F.Gn. bestimmen würde.
+Wahrscheinlich hatte Hans der Mutter diesen Plan an die Hand gegeben.
+
+Welchen Schmerz aber mußte die Mutter über ihren Lieblingssohn erleben,
+als darauf vom Herzog Albrecht folgende Antwort eintraf:
+
+„Wir befinden, daß Unser gnädiger Wille bei ihm nicht dermaßen, wie Wir
+wohl gehofft, angewendet. Denn wie Wir berichtet (sind), soll er seiner
+Studien zur Gebühr nit abwarten. So wissen Wir auch gewiß, daß er sich
+etlicher guter Händel, deren er wohl müßig gehen konnte, teilhaftig
+macht. Derwegen zu bedenken, daß Uns wahrlich etwas beschwerlich (fällt,
+daß) Unsere gnädige Gewogenheit so wenig bei ihm bedacht wird.“ Daher
+schlage es der Herzog ab, Hans reisen zu lassen; wolle er aber in
+Königsberg vor gut annehmen, so sei der Herzog geneigt, um seines Vaters
+willen ihn mit Unterhalt zu versorgen[648].
+
+Das war ein Schlag für Katharinas Mutterherz! Also weder fleißig noch
+ordentlich war ihr Liebling und beides wäre er doch nicht nur dem
+Herzog, sondern auch seinem Vater und seiner Mutter schuldig gewesen.
+Und wenn sie sich auch sagen mochte, der Herzog sei strenge gegen seine
+Schützlinge: wie einst gegen ihren Bruder Clemens, so jetzt gegen ihren
+Sohn Hans und wenn sie auch wohl mit ebenso viel Recht geltend machen
+konnte, der junge, sonst gut geartete und willige Mensch sei durch böse
+Gesellschaften verführt worden, so blieb doch die Thatsache stehen, daß
+sie dem Sohn zu viel und zu Gutes zugetraut, und daß die Vormünder doch
+recht gehabt mit der Behauptung, Hans habe nicht das Zeug zum Studium —
+war er doch auch jetzt schon 25 Jahre alt! Daran konnte auch das gute
+Zeugnis nichts abbrechen, das die Universität Königsberg dem Sohne
+Luthers wohl allzu günstig ausstellte[649].
+
+Und als nun Hans vollends das Stipendium und Studium in Königsberg
+aufgab und auf weitem Weg langsam heimkehrte, so war der Beweis
+geliefert, daß er zu nichts Besserem tauge als auf die herzogliche
+Kanzlei. Dahin kam er denn auch in Weimar.
+
+Um so besser gediehen die Söhne Martin und Paul, von denen der eine
+Theologie, der andere Medizin studierte; Margarete wuchs zur blühenden
+Jungfrau heran.
+
+Der Schmalkaldische Krieg war wohl sonst zu Ende, nur nicht in Sachsen;
+es entstand allerlei Unruhe und Kriegsgerücht, neue Sorge und Angst.
+Sachsen wimmelte von Soldaten, Wittenberg hatte starke Einquartierung.
+Und obwohl es Freundesvölker waren, so geschahen doch von der rohen
+Soldateska allerlei Gewaltthaten. In der festen Stadt waren die Bürger
+vor ihren eigenen Quartiergästen nicht sicher, vor die Mauern
+hinauszugehen wagte niemand, denn draußen in den Städtlein gab es Mord
+und Totschlag; übermütig forderten die Kriegsknechte das
+Unmögliche[650].
+
+Und wie sah es nun wieder draußen auf den Höfen und in den Gärten aus,
+wo eben mit Mühe die Schäden des Schmalkaldischen Krieges wieder
+hergestellt waren! Da waren Verwüstungen und Kontribution auf ihren
+Höfen vorgekommen. „Es ist am Tage“, klagt Bugenhagen, „daß sie in ihren
+Gütern dies Jahr (1551) großen Schaden gelitten.“ „Derwegen mußte sie zu
+Recht gehen vor des Kurfürsten Gericht wider Jan Löser.“ Jan Löser — des
+alten Hans Löser († 1541), ihres Gevatters Sohn und Luthers Paten —
+mußte Frau Katharina verklagen. Das war fürwahr ein bittrer Gang[651].
+
+Und ob sie ihr Recht bekommen?
+
+Der Kurfürst Moriz rüstete sich eben zum Schlage gegen den alten Kaiser.
+Da hatte er wohl keine Zeit und Lust, eine klagende Witwe anzuhören.
+
+So mußte Frau Katharina nochmals den sauren Schritt thun und sich an den
+dänischen König wenden, an den sie am 8. Januar 1552 u.a. schreibt:
+
+„E.K.M. wissen sich gnädiglich zu entsinnen, wie daß E.K.M. meinem
+lieben Herrn seligen samt dem Herrn Philippo und D. Pomerano jährlich
+ein Gnadengeld geschenkt, welches sie zu Unterhalt ihrer Haushaltung und
+Kinderlein haben sollten, welches denn bishero gemeldeten Herrn von
+E.K.M. überreichet (worden). Dieweil aber mein seliger lieber Herr
+E.K.M. allzeit geliebet und für den christlichsten König gehalten, auch
+E.K.M. sich in solchen Gnaden gegen seligen meinen Herrn verhalten: so
+werde ich _durch dringende Not bewogen, E.K.M. in meinem Elend_
+unterthäniglich zu ersuchen, des Verhoffens, E.K.M. werden mir armen und
+itzt von jedermann verlassenen Witwen solch mein unwürdig Schreiben
+gnädiglich zu gut halten und mir aus Gnaden solch Geld folgen lassen.
+Denn E.K.M. sonder Zweifel bewußt, wie es nu nach dem Abgang meines sel.
+Mannes gestanden, _wie man die Elenden gedrückt_, Witwen und Waisen
+gemacht, also daß (es) zu erbarmen; ja (auch) _mir mehr durch Freunde
+als durch Feinde Schaden zugefügt_; welches alles E.K.M. zu erzählen zu
+lang wäre. Aus diesen und anderen Ursachen werde ich _gedränget_, E.K.M.
+unterthänig zu ersuchen, nachdem sich ein jeder so fremd gegen mir
+stellt und sich meiner niemand erbarmen will.“
+
+Bugenhagen unterstützte in einer Beilage diese Bitte der Witwe „Patris
+Lutheri“, welche „fast (sehr) klaget“. Und mit Erfolg: am 22. März kam
+das Geld in seine Hand und er schreibt, daß S.M. „sehr wohl gethan“, die
+Witwe zu trösten[646].
+
+Im Februar 1552, als die Kriegsknechte am rohesten hausten, wurden die
+Gemüter in Wittenberg noch erschreckt mitten im Winter durch heftige
+Gewitter mit Blitz und Donnerschlägen. Aber bald darauf zogen die
+Kriegsvölker ab.
+
+Es kam nun Kunde, daß Moriz mit seinen Sachsen, den Brandenburgern und
+Hessen den Kaiser in die Flucht gejagt und beinahe gefangen hätte (Mai
+1552). Die gefangenen Fürsten (Kurfürst Johann Friedrich und Landgraf
+Philipp von Hessen) wurden freigegeben, und freigegeben auch die
+Religion im „Passauer Vertrag“ (August 1552).
+
+Mittlerweile war es Frühling geworden und Sommer. Frau Käthe konnte säen
+und ernten und sich des Friedens freuen, der endlich nach sechs Jahren
+Krieg, Flucht, Verwüstung eingetreten war, auch des Friedens in Sachen
+des evangelischen Glaubens, um deswillen ihr „lieber Herr“ ein Feuer
+angezündet hatte im deutschen Lande, dessen Flamme auch sie, und sie am
+schwersten, fühlen mußte.
+
+Jetzt hätte die arme Witwe aufatmen können vom langen Leid: da traf sie
+der letzte, tödliche Streich.
+
+
+
+
+19. Kapitel.
+
+Katharinas Tod.
+
+
+Die Kriegsvölker waren aus Wittenberg abgezogen, aber sie hatten ein
+böses Andenken hinterlassen: eine ansteckende Seuche, die „Pestilenz“,
+die in der sumpfumgebenen engen Festung wieder rasch um sich griff und
+mit der Sommerhitze wuchs. Am 1. Juni wurde über Verlegung der
+Universität beraten, am 10. bot Torgau ihr Herberge an. Aber bis 6. Juli
+hielt sie noch in Wittenberg aus. Dann zog auch die Hochschule in die
+Nachbarstadt und wurde in den engen winkeligen Räumen des
+Barfüßerklosters untergebracht, welches seinerzeit Leonhard Koppe zu
+Fastnacht gestürmt hatte und das jetzt leer stand.
+
+Frau Katharina blieb aber in Wittenberg, wohl wegen der Güter, die sie
+besorgen mußte; wahrscheinlich hatten die studierenden Söhne und
+Tischgesellen dennoch von dem einen und andern Magister, der im
+Schwarzen Kloster wohnte, Vorlesungen. In dem großen, gesund gelegenen
+Hause war es ja auch einstweilen noch auszuhalten. Aber im Herbst wurde
+auch das Klosterhaus von der Seuche angesteckt. Und um ihre Kinder aus
+der Gefahr zu reißen, unterzog sich die besorgte Mutter wiederum den
+Beschwerlichkeiten der Auswanderung. So ließ sie denn einspannen, lud
+das Nötigste auf den Wagen und fuhr mit ihren Kindern, die noch bei ihr
+waren: Paul und Margarete, während Martin scheint's schon vorher der
+Universität nachgezogen war und Hans in Weimar auf der Kanzlei
+arbeitete, das Elsterthor hinaus, Torgau zu[652].
+
+Da geschah das Unglück: die Pferde wurden scheu und gingen mit dem Wagen
+durch über Stock und Stein. Die erschrockene Frau suchte das Leben ihrer
+Kinder zu retten, und um die wilden Pferde aufzuhalten, sprang sie vom
+Wagen, fiel aber so unglücklich, daß sie mit dem Leib heftig auf den
+Boden anprallte und dann in einen Graben mit kaltem Wasser stürzte. Die
+Aufregung, der Fall, die Erkältung und wohl auch eine innere Verletzung
+führten eine schwere Krankheit herbei[653].
+
+So kam die Familie Luther nach Torgau. Hier wohnte sie vom Kloster aus
+in der „nächsten Straße, die nach dem Schloß führt“, in einem Eckhause
+bei der Klosterkirche zur Herberge. Hier lag nun Frau Katharina in
+großen Schmerzen langsam dahinsiechend, gepflegt von ihrer Wirtin und
+ihrer Tochter Margarete, welche jetzt 18 Jahre zählte[646].
+
+Noch einen Lichtblick erlebte die Witwe Luthers in diesen Leidenstagen.
+Ihr jüngster Sohn Paul, der sich zu einem tüchtigen Mediziner
+heranbildete, verlobte sich in dieser Zeit mit Anna von Warbeck, der
+Tochter des weiland Herrn Veit von Warbeck, gewesenen Domherrn von
+Altenburg und Kurfürstl. Hofrat und Vizekanzler zu Torgau, eines Edeln
+aus Schwaben. Ihre Mutter, Anna von Hack — auch eine geborne
+Schwäbin — lebte noch und hatte ein eigenes Haus zu Torgau in der
+Fischergasse[646].
+
+Fräulein Anna war ein resolutes Frauenzimmer. Sie hatte einen Damastrock
+mit Samtschleppe getragen und war deshalb vom Stadtrat mit Berufung auf
+eine kurfürstliche Kleiderordnung in Strafe gezogen worden. Dagegen
+wehrte sie sich und appellierte an den Kurfürsten, so daß ein ehrbarer
+Stadtrat einen Boten mit Bericht über Anna Warbeckin Supplicien gen
+Dresden schicken mußte für Lohn und Trinkgeld. S. Kurf. Gn. sandte nun
+in diesem Betreff an den ehrbaren Rat zu Torgau folgenden Erlaß:
+
+„Lieben Getreuen! Wir sind von der ehrbaren und lieben besondern
+Jungfrau Anne von Warbeck demütiglichen Klag berichtet worden, wie daß
+Ihr ihr den damastenen Rock mit samtenem Schweif zu tragen zu enthalten
+und noch dazu etliche Gulden zur Strafe entrichten sollt auferlegt
+haben. Wiewohl Wir Uns zu erinnern wissen, was Wir der Kleidung halber
+in der Polizei-Ordnung haben ausgehen lassen, so vermerken Wir doch, daß
+der gedachten Jungfrauen Vater einer von Adel und fürstl. Rat gewesen,
+auch die Damasten, davon der Rock gemacht, fürstliches Geschenk und die
+Röcke _vor_ obenerwähnt ausgegangener Ordnung gemacht. Derwegen Wir denn
+geschehen lassen, daß sie solche Röcke zu Ehren tragen möge. Und
+begehren demnach, Ihr wollet ihr solches verstatten und sie mit
+geforderter Strafe verschonen, Euch auch sonst gegen sie dermaßen
+verhalten und erzeigen, daß sie sich keiner Beschwerung zu beklagen hab.
+Daran geschieht Unsere gänzlich zuverlässige Meinung. Datum Dresden, 30.
+Jan. Anno LII“[654].
+
+Dieses adelige Fräulein wurde also die Schwiegertochter Frau Katharinas
+und diese wird an dem entschlossenen Wesen ihrer künftigen Sohnsfrau ihr
+Gefallen gehabt haben. Aber die Freude der Hochzeit erlebte Frau
+Katharina nicht mehr.
+
+Drei Monate lang dauerte das Siechtum der Kranken. Mit christlicher
+Geduld ertrug sie die Leiden und die Sorge für die Kinder. „In der
+ganzen Zeit ihrer Krankheit tröstete sie sich selbst und hielt sich
+aufrecht mit Gottes Wort. In heißen Gebeten erflehte sie sich ein
+friedliches Hinscheiden aus diesem mühseligen Leben. Oftmals auch befahl
+sie Gott die Kirche und ihre Kinder und betete, daß die Reinheit der
+Lehre, welche Gott durch ihres Gatten Werk dieser Zeit wiedergebracht,
+unverfälscht den Nachkommen überliefert werden könne.“ Sie selbst aber
+wollte „an Christus kleben, wie die Klette am Kleid“, ein Wort, das ihr
+nachher fromme Sänger im Liede nachsprachen[655].
+
+Am 20. Dezember 1552 hauchte sie ihre Seele aus.
+
+Der Vice-Rektor der Universität, Paul Eber, gab dies den Studenten durch
+ein von Melanchthon verfaßtes lateinisches „Leichenprogramm“ kund, worin
+ihr Leben und Leiden kurz geschildert war. Namentlich die Erinnerung an
+die sechs letzten Leidensjahre schwebten dem treuen Freunde des Hauses
+vor Augen und fast scheint es auch, das Unrecht, das sie von Kanzler
+Brück u.a. erlitten. „Mit ihren verwaisten Kindern mußte die als Witwe
+schon schwer Belastete unter den größten Gefahren umherirren wie eine
+Geächtete; großen Undank hat sie von vielen erfahren, und von denen sie
+wegen der ungeheuren Verdienste ihres Mannes um die Kirche Wohlthaten
+hoffen durfte, ist sie oft schmählich getäuscht worden.“ Statt des
+derben deutschen Spruches, mit welchem Luther in seinem Hausbuch seinen
+Befürchtungen über die Behandlung seiner Witwe Luft gemacht hatte: „Die
+Leute sind grob; die Welt ist undankbar“, wählte der gelehrte Freund für
+das Leichenprogramm als Motto einen griechischen Spruch des Euripides
+(Orist. 1-3), der allerdings auf die schwere Leidenszeit der Witwe
+Luthers paßt: „Es giebt kein Unheil, kein Geschick, kein Leid, das Gott
+verhängt und das die Sprache nennt, nichts Schreckliches, das nicht der
+Mensch erlebet.“
+
+Dieser Erfahrung des heidnischen Dichters gegenüber weist das „Programm“
+auf den Trost und die Hoffnung des Christentums, dessen sich auch die
+Selige getröstet habe bei der herben Wunde durch den Tod ihres
+Ehegemahls, ihrer Flucht mit den verwaisten Kindern in der Kriegszeit,
+den manchfachen Trübsalen des Witwenstandes und dem Undank vieler Leute
+gegen die Witwe des ehrwürdigen und heiligen Mannes D. Luther. Die
+Universität lade nun alle ihre Hörer zum Leichenbegängnis ein, „um der
+verehrten Frau die letzte Pflicht zu erweisen und so zu bezeugen, daß
+sie die Frömmigkeit der Witwe, welche so herrlich an ihr leuchtete, ihr
+ganzes Leben lang hochhielten; daß sie der Waisen tiefe Trauer zu Herzen
+nähmen; und daß sie nicht vergäßen die Verdienste ihres Vaters, die so
+groß sind, daß sie keine Rede genug preisen kann; daß sie endlich
+zusammen Gott im Gebete anflehen, das Licht des Evangeliums rein zu
+halten und seine Lehrer und Verkündiger zu schützen und zu regieren, die
+Staaten zu behüten und den Kirchen und Schulen geziemende
+Zufluchtsstätten zu gewähren“[656].
+
+Am folgenden Tag, nachmittags drei Uhr, war der Leichenzug der „edlen
+Gemahlin des heiligen Mannes D. Luther“. Von ihrer Gastwohnung die
+Schloßgasse hinab an der neuerbauten großartigen kurfürstlichen Residenz
+Hartenfels vorbei bewegte sich der gewaltige Zug von Bürgern,
+Professoren und Studenten durch die Wintergrüne nach der Stadtkirche
+St. Marien. Hier unter dem Knabenchor mit seiner schönen Inschrift:
+„Laudate dominum pueri!“ wurde die müde Pilgerin unter den üblichen
+Feierlichkeiten bestattet und die Knaben werden ihr auch von droben ein
+Abschiedslied gesungen haben[657].
+
+Am Grabe der Mutter trauerten ihre Tochter und drei Söhne.
+
+_Hans_ war herzoglich sächsischer Kanzleirat; er heiratete im folgenden
+Jahre Elisabeth, die Tochter des Professors und Propstes an der
+Schloßkirche in Wittenberg D. Kreuziger, den sich sein Vater selbst zum
+Nachfolger erkoren hatte, der aber schon bald nach dem großen Doktor
+gestorben war. Später kam Hans Luther zu seinem alten Gönner, dem Herzog
+Albrecht von Preußen, in Dienst und starb nicht lange nach diesem 1575.
+
+_Martin_, von dem sein Vater gefürchtet hatte, er werde einmal ein
+Jurist, studierte Theologie; er mußte aber anhaltender Kränklichkeit
+wegen als Privatgelehrter leben und starb jung im vierunddreißigsten
+Jahr, nachdem er mit Bürgermeister Heilingers Tochter in Wittenberg
+einige Zeit in kinderloser Ehe gelebt hatte.
+
+_Paul_, der jüngste, wurde ein angesehener Arzt, Dr. und Professor zu
+Jena und herzoglicher Leibarzt, dann Rat und Leibarzt des
+brandenburgischen und später des sächsischen Kurfürsten. Er vermählte
+sich bald nach der Mutter Tod mit seiner Verlobten Jungfrau Anna von
+Warbeck, und Nachkommen von ihm in weiblicher Linie leben noch heute.
+
+_Margarete_ vermählte sich 1555 „im Beisein vieler Grafen und Herren“
+mit Georg von Kunheim, Erbherrn auf Knauten bei Königsberg, der in
+Wittenberg studiert und vielleicht bei Frau Katharina gewohnt und
+gespeist hatte. Sie lebte mit ihrem Gemahl, dem herzoglich preußischen
+Landrichter zu Tapiau, in glücklichster Ehe und starb als Mutter von
+neun Kindern im Jahre 1570[646].
+
+Von dem zahlreichen Geschlecht Luthers und der Ahnmutter Katharina sind
+heutzutage noch wenige Nachkommen übrig. Vom Kloster Nimbschen, wo
+Jungfrau Katharina 15 Jahre lebte, stehen jetzt nur noch drei
+altersgraue Mauern, von wilden Reben umrankt. Ueber Zulsdorf geht seit
+1801 der Pflug und nur ein Denkmal bezeichnet die Stätte, wo sie so
+gern gewaltet hat. Ihre Gärten in Wittenberg, in denen sie arbeitete und
+erntete, sind zum Teil mit neuen Häuserreihen überbaut. Nur das
+Klosterhaus steht noch, wo sie zwanzig Jahre mit dem großen Doktor
+gehaust, wenn auch nur die Wohnstube einigermaßen im alten Zustand ist.
+
+In der Stadtkirche zu Torgau aber wurde Frau Katharinen — wohl von ihren
+Kindern — ein Grabdenkmal errichtet in grauem Sandstein, allerdings kein
+sonderliches Kunstwerk, nach dem Modell des Gipsreliefs, das von einem
+realistischen Künstler verfertigt in Zulsdorf hing und heute noch in der
+Kirche zu Kieritzsch zu sehen ist. Auf ihrem Grabmal ist Frau Katharina
+in halberhabener Arbeit ausgehauen als Matrone im langen Mantel und
+weißen Kopftuch. Mit heiterem Angesicht schaut sie vor sich hin, wie
+eine Mutter am Sonntag auf ein wohl verbrachtes Tagewerk; in den Händen
+hält sie ein offenes Buch zum Zeichen ihrer Frömmigkeit und ihres Eifers
+im Bibellesen; also als andächtige Maria ist die fleißige Martha
+dargestellt. Ihr zu Häupten sind die Wappen von Luther und von Bora. Um
+den Rand steht die Inschrift: „Anno 1552 den 20. December Ist in Gott
+Selig entscha | ffen alhier in Torgau Herrn | D. Martini Luthers seligen
+Hinderlassene wittbe Katharina | von Borau.“[658]
+
+Ein künstlerisches Idealbild neben den mancherlei realistischen
+Konterfeien Katharinas hat Meister Lukas Kranach geschaffen auf dem
+Altarblatt in Wittenberg. Da sitzt Frau Katharina als andächtige
+Zuhörerin ihres predigenden Gatten mit ihrem Kindlein in vorderster
+Reihe vor der Gemeinde — also ebenfalls als sinnige Maria.
+
+Ein dichterisches Denkmal hat der Hausfrau Luthers beim ersten
+Reformations-Jubiläum 1617 der gekrönte Dichter Balthasar Mencius, Poëta
+Laureatus, gewidmet, in schlichten, treuherzigen Knittelversen[659]:
+
+ Cathrin von Bora bin ich gnant
+ geboren in dem Meissner Landt
+ aus einem alten Edlen Stamm
+ wie solchs mein Anherrn zeigen an
+ die Gott und dem Römischen Reich
+ mit Ehr und Ruhm gedienet gleich.
+ Als ich erwuchs, zu Jahren kam,
+ der Tugendt mich thät nehmen an
+ und jedermann bethöret war
+ vom Pabst und seiner Münche Lahr,
+ und hoch erhaben der Nonnen-Stand,
+ ward ich ins Kloster Nimetzsch gesand;
+ mein Ehr und Amt hatt ich in acht
+ rief zu Gott, bethet Tag und Nacht
+ für die Wohlfarth der Christenheit.
+ Gott mich erhört und auch erfreut;
+ Doctor Luther den kühnen Held
+ mir zu einm Ehmann außerwehlt,
+ dem ich im keuschen Ehstandt mein
+ gebahr drei Söhn und Töchterlein.
+ Im Witwenstand lebt sieben Jahr
+ nachdem mein Herr gestorben war.
+ Zu Torgau in der schönen Stadt
+ man meinen Leib begraben hat;
+ biß Gottes Posaun thut ergehn
+ und alle Menschen heißt aufstehn;
+ alsdann will ich mit meinem Herrn
+ Gott ewig lobn, rühmen, ehrn
+ und mit der Außerwählten Schaar
+ in Freuden leben immerdar.
+
+Weniger freundliche Denkmäler haben der Gattin Luthers katholische
+Schriftsteller gesetzt, welche die Ehe des Mönches und der Nonne als ein
+Sakrileg und Skandal auffaßten und in ihrer Weise ausbeuteten, wie
+Luther selbst schon vor seinem Tode vorausgesehen und in seinem
+Testament vorausgesagt hatte. Von protestantischer Seite sind fast nur
+Verteidigungsschriften wider diese Verleumdungen ergangen, oder auch
+gelehrte Stoffsammlungen und kleine Volksschriften[646].
+
+Und doch lebt Katharina im Andenken des deutschen evangelischen Volkes
+in deutlicher und freundlicher Erinnerung als die Gattin des gewaltigen
+Doktors und deutsche Pfarrfrau, welche mit ihrem Manne das
+gemütansprechende Vorbild eines evangelischen Pfarrhauses geschaffen
+hat.
+
+Und mit Recht. Sie war eine tüchtige und brave Frau, wie man's zu ihrer
+Zeit ausdrückte: ein „frommes Weib“, eine echte deutsche Hausfrau. Sie
+hatte den Mut, Martinus Luther, „den kühnen Held“, zu ihrem Ehegemahl zu
+erwählen, sie hat es gewagt, mit dem Geistesgewaltigen, dem
+kaiserbürtigen Regenten der Kirche[646] zu leben, ihm zu genügen, ihn zu
+befriedigen. Und sie hat geleistet, was sie unternommen. Der große
+Doktor hat sie geachtet, hat sie geliebt und gelobt. „Das aber ist das
+wahre Lob, gelobt zu werden von gelobten Männern.“
+
+[Illustration: Katharinas Handschrift und Siegel.][660]
+
+
+
+
+Belege und Bemerkungen
+
+
+Abkürzungen
+
+
+_Anton_, D.M.L. Zeitverkürzungen. L. 1804.
+
+_W. Beste_, Die Geschichte Katharinas von Bora, nach den Quellen bearb.
+Halle 1843.
+
+_Br. s.u._
+
+_G. Buchwald_, Zur Wittenb. Stadt- u. Univers.-Gesch. L. 1893.
+
+_C.A.H. Burkhardt_, Dr. M.L. Briefwechsel. L. 1866.
+
+Consilia Theol. Witteb. Fr. 1664.
+
+_Cordatus_, Tagebuch über Luther. 1553. Von H. Wrampelmeyer, Halle 1883.
+
+_C.R._ = Corpus Reformatorum. Bretschneider, Halle 1834 ff.
+
+_Grulich_, Denkwürdigkeiten von Torgau. 2. Aufl. Torgau 1855.
+
+_A. Hausrath_, Kleine Schriften religionsgesch. Inhalts. Leipz. 1883. S.
+237-298.
+
+_M.Fr.G. Hofmann_, Kath. v. Bora oder Dr. M. Luther als Gatte u. Vater.
+Leipz. 1845.
+
+_Juncker_, Ehrengedächtnis Lutheri. Frankf. 1706.
+
+_Kaweran_, Briefwechsel v. J. Jonas. 2 Bde.
+
+_Kolde_, Analecta Lutherana. Gotha 1883.
+
+_Köstlin_, M. Luther. 2 Bde. 2. Aufl. Elberfeld 1883.
+
+_M.A. Lauterbachs_ Tagebuch. 1538. Von I.K. Seidemann, Dresden 1862.
+
+_Lingke_, D.M.L. Reisegeschichte. L. 1769.
+
+_G. Lösche_, Analecta Lutherana et Melanth. Gotha 1892.
+
+_L.W._ = _Walch_, Luthers Deutsche Werke, Halle 1739-50.
+
+_Mayeri_, Vita Catharinae Boriae. Hamburg 1698. Deutsch: Unsterbl.
+Ehrengedächtnis Frauen Katharinen Lutherin. Frankf. u. L. 1724.
+
+_Mathesius_, Predigten über Dr. M.L. Nürnberg 1576.
+
+_Ratzebergers_ Handschr. Gesch. über L.u.s. Zeit von Chr. G. Neudecker.
+1850.
+
+_Richter_, Geneal. Lutherorum. Berlin u. L. 1723.
+
+_J. Schlaginhaufen_, Tischreden L. 1531/2. Von W. Preger, L. 1888.
+
+_Seckendorf_, De Lurtheranismo Comment. Leipz. 1692.
+
+_Seidemann_, Luthers _Grundbesitz_, in Zeitschr. für histor. Theol.
+1866.
+
+_Seidemann_, _Erläuterungen_ zur Ref.-Gesch. Dr. 1844.
+
+_Seidemann_, Beiträge zur Ref.-Gesch. Dr. 1846-48.
+
+_Stier_, Denkwürdigkeiten Wittenbergs. Dessau u. L.
+
+T.-R. = _Förstemann-Bindseil_, D.M.L. Tischreden. 4 Bde. Berlin 1844-48.
+
+Urkb. = Urkundenbuch von Grimma und Nimbschen. Herausgegeben von L.
+Schmidt in Cod. dipl. Sax. reg. II. 15. Bd. L. 1898.
+
+W. = _Walch_, Wahrh. Gesch. der sel. Frau Katharina v.B. Halle 1752.
+
+NB. _Ohne Namen u. Titel_ oder mit _Br._ citiert sind _De Wette_ und
+_Seidemann_, Dr. M. Luthers Briefe. 6 Bde. 1825-56.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+1. Katharinas Herkunft und Familie.
+
+[1] Die Herkunft und Heimat Katharinas ist noch lange streitig und wird
+sich nicht so leicht feststellen lassen, selbst wenn neue Urkunden
+aufgefunden werden; hauptsächlich ist die weite Verzweigung der Familie
+und die Unsicherheit der Elternnamen Katharinas daran schuld. Der
+Stammbaum Katharinas von Bora ist am eingehendsten verfolgt worden von
+dem jetzt verstorbenen _Georg von Hirschfeld_: „Beziehungen Luthers und
+seiner Gemahlin zur Familie Hirschfeld“ in Beiträge zur Sächs. K.-Gesch.
+II, 86-141 (bezw. 309). Dies geschah auf Grund einer älteren Chronik
+(vgl. Hofmann 63) von Philipp von Hirschfeld († 1748). Sodann von _Ernst
+Wezel_ († 1898) zuerst in der „Wissensch. Beilage der Leipz. Leitung“
+1883 Nr. 71, dann in der Festschrift zur 100jährigen Jubelfeier des K.
+Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Berlin. „Das Adelsgeschlecht derer von
+Bora“, A.W. Hagens Erben 1897, mit Auszügen aus zahlreichen Urkunden
+(vgl. Br. VI, 647 f. 705), eine Schrift, welche noch vervollständigt
+herausgegeben werden soll.
+
+Nach G. von Hirschfelds Stammbaum wäre Katharina von Bora eine Tochter
+des Hans von (Bora zu) Hirschfeld-A. (vgl. Br. VI, 648, 28) und der Anna
+von Haugwitz: Hans veräußerte aber (zwischen 1525-30) Hirschfeld-A. an
+Hans von Mergenthal und Reinsberg, zog nach Löben, übergab dies seinem
+Erstgebornen und zog dann nach Moderwitz, welches der Familie Hayr
+gehörte. —
+
+Diese Aufstellung ist nicht mehr kontrollierbar, denn das Hirschfeldsche
+Archiv ist verschwunden. Und dazu beruht dies Ergebnis noch auf den
+Annahmen: 1. daß es zwei Güter Hirschfeld gegeben habe (S. 119); 2. daß
+eine Linie Bora sich Mergenthal genannt und ihr Wappen (vom roten Löwen
+in eine Lilie) verändert habe (97); 3. daß Phil. v.H. verschiedene
+Personen (z.B. zwei Katharinen) verwechselte (116). (Eine lutherisch
+gesinnte Katharina von Mergenthal war im Kloster zu Freiberg; sie war
+einmal zu Besuch bei ihrem Bruder in Hirschfeld bei Bora. N. Archiv f.
+Sächs. Gesch. IV, 298. Sie entwich anfangs Juni 1529 aus dem Kloster und
+kam zu Luther. A.a.O. 318. Br. III, 469. Die Verwechslung dieser
+Katharina von Mergenthal aus Hirschfeld bei Deutschen-Bora findet sich
+schon Sächs. Kirchen-Gal. I, 110. Seidemann, Erl. zur Ref.-Gesch.
+Dresden 1844. S. 110, 120, 122, 469); 4. daß Irrtümer in dem sächs.
+Teilungsvertrag von 1485 vorkamen; 5. daß die wunderliche und nicht mehr
+auffindbare Notiz, wonach Luther „seinem Schwähervater, dem edeln und
+festen Herrn Hans von Bora zu Moderwitz ein Büchlein (Joel) oder gar
+eine Bibel verehret“ (Br. VI. 684), richtig sei.
+
+Gegen diese Aufstellung sprechen aber außer den künstlichen Umstellungen
+der Umstand, daß Katharinas Eltern bei ihrer Flucht aus dem Kloster und
+bei ihrer Verheiratung höchst wahrscheinlich nicht mehr lebten. Ferner
+sollte man meinen, daß die Luthersche Familie mit dem Staatsmann
+Bernhard von Hirschfeld (1490-1551; Br. II, 55, 245, 448; C.R. IV, 349)
+in vertrauterem Verkehr gestanden haben müßte, wenn sie mit ihm so nahe
+verwandt gewesen wäre. Das war aber gerade nach 1525 nicht der Fall.
+
+Für _Lippendorf_ als Geburtsstätte von Katharina spricht folgendes: 1.
+Zu Lippendorf verschreibt ums Jahr 1482 Hans von Bore seiner Ehefrau
+Katharina als Leibgeding das Dorf Sale; ebenso 1505 Jan von Bore alle
+seine Güter zu Lippendorf seiner Hausfrau Margarete (E. Wezel, Wiss.
+Beil. der Leipz. Z. 1883, Nr. 71, S. 422 f.). Solche Verschreibungen
+wurden nicht etwa (wie G. v. Hirschfeld meint) auf dem Todbette, sondern
+gerade am Vermählungstag gemacht (wie auch die in beiden Urkunden
+vorkommende Formel beweist: „nach ihres ehelichen Mannes Tode, ob sie
+den erlebet, u. nicht eher“). Es wäre nun sehr erklärlich, daß Katharina
+wegen und bei der Schließung der zweiten Ehe ihres Vaters ins Kloster
+gebracht wurde. 2. Wegen dem eine halbe Stunde davon gelegenen „Gütlein“
+Zulsdorf hat Katharinas Bruder Hans sich aus Preußen hier einfinden und
+„lange heraußen aufhalten, auch müssen selbes beziehen u. sich
+verehelichen, bis er's an sich bracht“ und hat das „aus Not, (um) sein
+u. seiner Brüder Gütlein zu bekräftigen, müssen thun u. für sein
+Kindlein das Gütlein u. armes Erbdächlein beschicken“. (Br. V, 106, f.)
+3. Als Bruder Hans Zulsdorf nicht mehr halten konnte (1540), so kaufte
+es seine Schwester, obwohl es wenig einträglich und zwei Tagereisen weit
+von Wittenberg entfernt lag, und hat sich mit Vorliebe hier aufgehalten.
+(S.S. 84 f.)
+
+Allerdings gehörte wenigstens seit 1504 Zulsdorf zu Kieritzsch und nicht
+zu Lippendorf und wurde 1515 von Denen zu Kieritzsch an einen Jan von
+Lenau verkauft (Br. VI, 705; Lpz. Z. 1883 Nr. 70 S. 413); aber um 1525
+heiratete eine Marie von Bora zu Zulsdorf einen Siegm. Wolf von Niemeck
+zu Wittenberg (Schumann, Lexikon von Sachsen XIII, S. 671), und nach
+Katharinas Tod (1553) brachte ein Christoph von Niemeck, also wohl ein
+Sohn des vorigen, das Gut Zulsdorf wieder an sich. (Lexikon von Sachsen
+XIII, S. 671; vgl. Seidemann, Grundbes. S. 529; über die Niemeck vgl.
+Wittenb. Urbar V.H., Schmalbecker Hufen). _Also scheint Zulsdorf in der
+That ein „Erbdächlein“ Derer von Bora gewesen zu sein._ (Die
+Wittenberger Familie Zulsdorfer, die Stifter der „Zulsdorfer Kapelle“,
+stammt aus Zulsdorf bei Lochau. Vgl. Wittenb. Urbar III, 296 c. XI; 299
+c. XII.)
+
+Im Amte Weißenfels, wozu Lippendorf und Zulsdorf gehörten, gab es um
+1510 noch Bora; da wurde ein Siegmund von Bora in einer Streitsache vor
+Amt geladen (Staatsarchiv zu Dresden), und zwar, wie es scheint, der
+Bruder einer verehelichten „Haugwitz“.
+
+Gegen die Abstammung Katharinas von Hans oder Jan zu Lippendorf kann man
+geltend machen: 1. Die erste Gemahlin hieß Katharina und war vielleicht
+eine geborne von Miltitz, die zweite, Margarete, eine geborne von Ende,
+wenn nämlich der erste in den Urkunden genannte Zeuge oder Vormund, wie
+gewöhnlich, der Bruder der Frau ist. Dagegen soll Katharina von Boras
+Mutter eine geborene Haubitz gewesen sein. Wenigstens berichten die
+(freilich erst 1664 veröffentlichten) Consilia Theolog. Wittenb. IV p.
+17 (ebenso Keil histor. Nachr. 15 und Luthers merkw. Lebensweise IV 320)
+daß Katharinas Mutter eine von Haubitz gewesen. Haubitz heißt ein
+Vorwerk östlich von Grimma, also bei Nimbschen (Urkundenb. 409), ein
+anderes liegt eine Stunde von Lippendorf (Wezel 423). _Seckendorf_ (III
+92), dessen Schwester 1580 einen Georg von Haubitz heiratete (Engelhard
+Lucifer Wittemb. I 13, meint, er sei dadurch ein Verwandter der
+Katharina v. B. geworden) und nach ihm _Mayer_ p. 4 nennt sie eine
+_Haugwitz_, darum sagt Richter 295 (vgl. 675): „von Haubitz _oder_
+Haugwitz“. (Walch 12, 5 und nach ihm Hofmann 62 irren, wenn sie
+berichten, in den Consil. W. stehe Haugwitz.) Uebrigens ist Siegmund von
+Bora 1510 Vormund für eine von Haugwitz, welche also seine Schwester
+gewesen sein wird (Dresdner Landesarchiv s.o.) Freilich die beiden Namen
+werden oft verwechselt bzw. gleichgesetzt, z.B. im Kloster Nimbschen
+(Urkundenbuch 322, 326, 328, 331, 332 vgl. 409 unter „Haubitz“). Diese
+Verwechslung beruht auf der mundartlichen Aussprache, indem das b in
+Haubitz wie w und das g in Haugwitz sehr weich gesprochen wurde, so daß
+es verschwand. Die späteren Biographen behalten Haugwitz bei und
+behaupten (freilich ohne Quellenangabe), der Vorname von Katharinas
+Mutter sei _Anna_ gewesen. Soll das ein Mißverständnis aus Una de
+Haugwitz sein? (Wezel 423) oder eine Verwechslung mit Anna von Haubitz
+aus Flößberg (bei Grimma), welche gleichzeitig mit Katharina im Kloster
+Nimbschen war und kurz nach ihr daraus entfloh? Ob die Mutter
+Katharinas aber wirklich eine geborene von Haugwitz war? Dagegen
+spricht, daß ein Kanonikus Christoph von Haugwitz 1536 eine Schrift mit
+einer Vorrede Bugenhagens veröffentlichte, worin keine Rede ist von der
+Verwandtschaft Katharinas mit der Familie Haugwitz. (_Seckendorf_ ad
+Indicem I histor. XXXIII, Wezel 423). Gegen _Haubitz_, wenn Katharinas
+Mutter aus dem Geschlechte der Nimbscher Nonnen war, spricht der
+Umstand, daß der Vater Annas v. H. ein _kursächsischer_ Unterthan war
+(Hirschfeld 97 f.), weshalb sie auch zu Pfingsten 1523 aus Nimbschen
+austreten und zu ihrer Familie heimkehren konnte. Dagegen die drei
+Linien Haugwitz waren herzogliche Vasallen (A. Fr. _Glasey_, Kern der
+hohen kur- und fürstl. H. zu Sachsen, 4. Aufl. Nürnberg 1753, S. 795.
+Hirschfeld 127). — Doch war unter den kursächsischen Visitatoren von
+Thüringen auch ein Erasmus von Haugwitz (Seckendorf II S. 101). Der
+Bruder der Nimbscher Abtissin Margarethe von Haubitz, Asmus, war 1526-35
+Vorsteher des evangelisch gewordenen Klosters Nimbschen (Großmann,
+Visitationsakten der Diöces Grimma L. 1873, S. 78). Oder sind beide
+(Asmus = Erasmus) dieselbe Person?
+
+2. Ferner spricht gegen Lippendorf, daß Jan von Bora 1505 alle seine
+Güter zu Lippendorf seiner Hausfrauen zu einem Leibgeding bekennt. —
+Lippendorf als damaliger Sitz dieser Linie wäre doch naturgemäß nicht
+als Leibgeding an die Ehefrau, sondern als Erblehen an die Kinder
+übergegangen (dieser Grund bestimmt G. v. Hirschfeld S. 110 f., gegen
+Lippendorf als Geburtsort Katharinas zu stimmen, und ihm folgt jetzt
+1897 aus demselben Grunde auch Wezel, nachdem er 1883 Leipz. 8. Wiss.
+Beil. 71 dafür gewesen war). Indes war auch Sale ein „Sitz“ und wurde
+dennoch von Hans von Bora zu Lippendorf an seine Ehefrau Katharina
+verleibgedingt. Es kann ja ganz gut außer Lippendorf noch ein weiterer
+„Sitz“ für den Aeltesten vorhanden gewesen sein. Aeltere Männer pflegen
+in zweiter Ehe die Frauen zu Ungunsten der Kinder zu bevorzugen. Dies
+ist doppelt begreiflich in diesem Falle, wo aus erster Ehe, wie es
+scheint, nur ein Mädchen, Katharina, vorhanden war, höchstens noch ein
+Bruder, der mit einem geringen Gütchen abgefunden wurde (s.u. zu S. 4).
+
+Schon Seidemann meint, L. scheine K.s Geburtsort zu sein (Br. VI, 647)
+und neuerdings (1899) hat ein aus Medewitzsch gebürtiger Lehrer Dr.
+Krebs in Lippendorf am Hofgut als der Geburtsstätte Katharinas eine
+Tafel anbringen lassen.
+
+Lippendorf gehörte zum Amte Weißenfels und dieses mit seinen
+Zugehörungen nach dem Teilungsvertrag 1485 zum Herzogtum Sachsen (A. Fr.
+_Glasen_, Kern der Gesch. der hohen kur- u. fürstl. H. zu Sachsen. 4.
+Aufl. Nürnberg, 1753, S. 792.)
+
+[2] Vielleicht wirkte auch die stärkere Mischung mit slavischem Blut bei
+den Meißnern auf diese Mißachtung.
+
+[3] Katharinas Leichenprogramm C.R. VII. 1155. Nata ex nobili familia
+equestris ardinis in Misnia.
+
+[4] Br. V. 792.
+
+[5] 1733 bei _M.D. Richter_, Geneal Lutherorum, S. 750, „Alt- und
+Neu-Boren, Wendisch- und Deutschen-Boren“. Nossen liegt genau in der
+Mitte des heutigen K.-R. Sachen.
+
+[6] _Grimm_, D. Mythologie, Göttingen 1835. S. 478. „Bor“ eigentlich
+Föhre, vgl. Fohre. — Der Name Bora wird sehr verschieden geschrieben:
+Bhor, Bohra, Bhora, Bor(a)ra, Bor, Bora, Borau, Boren, Born, Borna,
+Borna, Pora, lat. Boria, Bornia, Borana, Borenia, Borensis, griech. ἡ
+Βορεἰα. So steht sogar in ein und derselben Urkunde (27. Nov. 1534,
+Dresden, Copialb 82, Wiss. Beil. zur Leipz. Z. 70, S. 413 u. 414) oben
+„Hansen vonn Bora“ und unten „dem von Borau“. Auch auf dem Grabstein
+Katharinas in Torgau stand früher unten Borau, aber das Wort war schon
+vor 100 Jahren ganz von Salpeter zerfressen und ist jetzt gänzlich
+verschwunden. _Keil_, hist. Nachr. v. Geschl. L., S. 6.9. So wechselt
+auch durch die mundartliche Aussprache Torga und Torgau, sogar in
+derselben Urkunde, drei Zeilen von einander. _Kolde_, An. L. 200.
+
+[7] _Beste_, 9. — Das Wappen ist auch auf K.'s Grabstein ausgehauen. Die
+Farben dazu wurden bei einer Renovation i.J. 1617 aus Eilenburg von
+einer an den dortigen Pfarrer Böhm verheirateten Enkelin Luthers geholt.
+Torgau. Kämmerei-Rechnung.
+
+[8] Schon Hofmann 63 f. weist eine Anzahl Bora-Stätten ab. Ebenso G. v.
+Kirchfeld. a.a.o. S. 87-110, 113, 116-118. Aus _Dohna_ stammt K. nicht,
+denn das dortige Bora-Haus am Markt kam erst 1573 in die Hände des
+Großneffen Katharinas: Clemens. Aus _Moderwitz_ (s.o. S. 267) bei
+Neustadt an der Orla nicht, denn das dortige Gut war kursächsisch und
+gehörte der Familie Hayn, _Motterwitz_ bei Leisnig aber denen von
+Bressen und das andere Motterwitz dem Geschlecht Staupitz, aus dem
+Luthers geistlicher Vater stammt. (Schmidt, Urkundenbuch S. 312: Günther
+von Staupitz auf Motterwitz, 1501.) Aus _Schlesien_ stammt Katharina
+auch nicht, woher einmal ein alter Edelmann (Bernhard) von Bora,
+wahrscheinlich der Hauptmann von Oels, zu Luther nach Wittenberg kam und
+sich bei ihm über den Schwärmer Schwenkfeld Rats erholte. Denn dies
+schlesische Geschlecht heißt eigentlich Borau-Kessel und hat ein ganz
+anderes Wappen: im silbernen Feld nebeneinander drei rote Rosen und
+gelbe Butten. Br. VI, 647. Noch weniger stammt K. aus _Ungarn_, wie auch
+einmal behauptet wurde (Hofmann 64). Diese Meinung rührt wohl daher, daß
+der ehemalige Wittenberger Bürgermeister Christoph von Niemeck, dessen
+Mutter wohl eine Maria von Bora aus Zulsdorf war (s.o. S. 270 f.) in
+Ungarn Fundgrüberei trieb und dort (1564?) starb. (Seidemann, Ztschr. f.
+hist. Th. 1860, S. 529.) — Aus _Simselwitz_ bei Döbeln kann K. auch
+nicht herstammen, weil die dortige Bora-Linie schon 1490, d.h. vor ihrer
+Geburt ausstarb (G. v. Hirschfeld a.a.o.).
+
+Bisher hatte die Ueberlieferung sehr allgemein und zu verächtlich
+behauptet. Katharina von Bora sei in Steinlausig an der Mulde (setzt
+„Muldenstein“), ein paar Stunden nördlich von Bitterfeld auf die Welt
+gekommen, weil 1525 nach dem Tode Friedrichs des Weisen ein dort
+begüterter Ritter, Hans von Bora, nach Wittenberg gekommen ist und dem
+neuen Kurfürsten Johann Erbhuldigung gethan und dort eine Luther-Linde
+steht(!). Ja, es wurde sogar erzählt, daß Katharina in das dortige
+Kloster eingetreten sei. Diese Ansicht wurde festgehalten auf Grund der
+Nachricht von Mayer (S. 7): „welches wir in der Weimarischen Bibel
+(1641!) aufgezeichnet gefunden“, wo es heißt. „Geborene auß dem
+Adelichen Geschlechte derer von Bora, so in der Chur oder (!)
+Herzogthumb Sachsen zu Stein-Lausig (!) seßhaft gewest, wie auß der
+Ritterschaft im Chur-Kreiß Erbhuldung zu Wittenberg (!) 1525 zu
+vernehmen.“ Aber um 1500 war Stein-Lausig („Lussigk“, eine wüste Mark),
+wie die ganze Gegend _kur_fürstlich, und dieser Hans von Bora
+_kur_fürstlicher Vasall (daher er eben dem _Kur_fürsten huldigt) —
+während doch Katharina aus Meißen stammte und Unterthanin des Herzogs
+Georg war. Dieser Hans v.B. auf Steinlausig starb auch ohne Söhne, so
+daß sein Leben an Luthers Gevatter, Hans von Taubenheim, kam.
+Steinlausig endlich war ein _Männerkloster_! (Emil Obst, „Muldenstein
+und Steinlausig“, Bitterfeld, Selbstverlag, 1895, S. 30-35). Vgl. Wezel,
+S. 421. — Bemerkenswert ist, daß um 1520 in Nimbschen eine Katharina von
+Lausigk Bursarin war (Urkundenb. 166). Vielleicht suchte man Katharinas
+Geburtsort auch darum in Stein-Lausig, weil die Gemahlin von Katharinas
+Bruder Hans, Apollonia geb. von Marschall, verwitwete Seidewitz, aus
+Jeßnitz stammte. So hießen fünf Orte, darunter der bedeutendste: die
+Stadt Jeßnitz, nicht weit nördlich von Steinlausig. Thatsächlich ist
+aber das Dorf Jeßnitz bei Döbeln ihre Heimat. Br. VI. 705.
+
+[9] _Zulsdorf_. (Zülsdorf, Zöllsdorf, Zölldorf, Zeilsdorf u.s.w.) „das
+wüste Dorf oder die Wüstung Czollsstorff“ (a. 1105: Zulänestorff),
+burggräflich-leisnigsches Lehen, gehörte zur Pfarrei Kieritzsch.
+_Nixdorf_: „Holzmark zw. Z. u. Kieritzsch“. Archiv f. Sächs. Gesch.
+1864, S. 209. 97. Vgl. Br. VI, 705. Wezel 413.
+[Transkriptions-Anmerkung: Die genaue Position des Verweises im Text
+nicht markiert.]
+
+[10] Beste 12.
+
+[11] Br. VI, 649 f. V, 492. _Walch_, K.v.B. 23. 65. k.
+
+[12] IV, 291. V, 106. 201. 411. 516. _Burkh._ Br. 303. 401. 423.
+
+[13] _Seidemann_, Ztschr. f. histor. Th. 1860. S. 265-69.
+
+[14] Urkundenbuch 318 ff. Sie war 1509 die 14. unter 43 Klosterfrauen,
+gehörte also schon unter die Seniorinnen. Muhme bedeutet freilich nicht
+bloß Tante, sondern im allgemeinen soviel wie das süddeutsche Base
+(sogar = Nichte); ebenso „Ohm“ = „Vetter“ (auch = Neffe). So nennt
+Luther seine Nichte (Lene) „Muhme“ (T.R. IV, 54) und Katharina ihren
+Neffen (Florian) „Ohm“. S.o.S. 239.
+
+[15] _Schumanns_ Lexikon von Sachsen. Bd. 13, S. 671.
+
+[16] Br. V, 64.
+
+[17] _Richter_. 674, nobilis sed tum fere ad incitas redacta prosapia.
+Br. VI, 649 f. IV, 291.
+
+[18] _Lorenz_, Sachsengrün, 1861, 1, S. 82; Z.B. die 2 Schönfeld 3 Sch.
+20 Gr., Ilse Kitschers 40 Gr., die 2 Zeschau je 4 fl. rh., Magd. v.
+Staupitz 2 fl. Hirschfeld a.a.O. 127.
+
+[19] Wiss. Beil. zur Leipz. Z. 1899, S. 35a Erasmus Epist. ed. Cler.
+Tom. III pag. 790 indotata (ohne Aussteuer). — Vgl. Luthers Rede und
+Gebet bei seiner Krankheit 1527. L.W XIX, S. 160 ff. — Das sog. Bild
+Katharinas von Bora, das sie angeblich im reichen Brautstaat mit dicken
+silbernen und goldenen Ketten zeigt (bei Fr. G. Hofmann, Katharina v.B.,
+Leipzig 1845) stellt sie gar nicht vor, wie schon die gestickte Schrift
+C A B an der Haube beweist, denn das heißt nicht etwa C. a Bora.
+_Seidemann_, Beitr. I, 92. Vgl. übrigens das Siegel 266.
+
+
+2. Im Kloster
+
+Hierher bes. „Urkundenbuch“. Ferner: „Sachsengrün“ Kulturhist. Ztschr. I
+S. 82; Bräß, Wissensch. Beil. der Leipz. Zeitung 1899, Nr. 9. Vgl. A.
+_Thoma_, Gesch. des Klosters Frauenalb, Freiburg 1899.
+
+[20] _Vierordt_, Gesch. der ev. Kirche im Großherz. Baden, Karlsruhe
+1847, I. Bd. S. 30 ff. Frauenalb S. 18. Th. Murner, Schelmenzunft
+(1512). „Kloster und Stifte sind überall gemeiner Edellüt Spital“.
+
+[21] Frauenalb S. 31: „Da alle Klausur und geistlichen Leute erdacht und
+gemacht sind, daß sie unserm Herrn und Gott dienen und für Tote und
+Lebende und alle Gebresthafte Bitten füllen“.
+
+[22] Vgl. „Wie Gott einer Klosterjungfrau ausgeholfen“, Walch, L.W. XIX
+2095 ff. Diese Nonne Florentina von Oberweimar. „Da ich 24 Jahre alt
+wurde, begann ich mein Gemüt und meine Geschicklichkeit zu fühlen und
+erkennen“.
+
+[23] Monachum aut paterna devotio aut propria professio facit. Decret II
+part. c. 3. C. XX qu. 1. Vgl. Köstlin I 592, Frauenalb 19.
+
+[24] Florentina a.a.O.: „Von meinen Eltern, welche geistlichen Stand
+für gut und selig angesehen, durch Bitt und Anregung meiner Muhme, der
+Domina (Aebtissin) zu Eisleben, wurde ich in das Jungfrauenkloster
+daselbst gegeben.“
+
+[25] Frauenalb 19. — Ave Grossin wurde in Nimbschen als Kind angenommen
+— (Sachsengrün 81). Florentina, welche mit dem 6. Jahr ins Kloster kam,
+erzählt. „Da ich 11 Jahre, bin ich durch Angeben der Domina (Aebtissin)
+ohne alles Befragen (und wenn ich gleich wohl befragt, hätte ich keinen
+Verstand gehabt) also unwissend eingesegnet“.
+
+[26] Br. II, 323. 319.
+
+[27] Br. II, 331 (lies invito dicatis). 324.
+
+[28] Urkundenbuch 319 ff. Die Nonnen pflegten nicht nach dem
+Lebensalter, sondern nach dem Eintrittsjahr aufgezählt zu werden.
+(Frauenalb 42 f.)
+
+[29] _Seckendorf I_, 274. _Engelhard_, Lucifer Wittenbergensis v.d.
+Morgenstern v.W., d.i. vollständ. Lebenslauff der Cath. v.B., des
+vermeynten Ehe-Weibs D.M.L. Landsperg, 1747. I, 27.
+
+[30] _Nimbschen_. Der Name lautet: Nimetzsch, Nimtsch(en), Nympschen,
+Nimptschen. Bräß a.a.O. — „Gestiftet zur Ehre und zum Dienste Gottes und
+seiner geheiligten jungfräulichen Mutter“. — Das Amt und Kloster fiel
+bei der Teilung 1485 an das Kurfürstentum. Sachsengrün, I, 82.
+
+[31] Zu S. 8 ff. Vgl. Thoma, Frauenalb 77 ff. Zu S. 9-12 s. Urkundenbuch
+319 ff. Bräß, 35a.
+
+[32] Urkundenbuch 337. Zum damaligen Geldwert: l Schock = 60 Groschen.
+20 Gr. = 1 fl. 14 gute Schock = 40 fl. — Damals kostete 1 Huhn 1/2 Gr.;
+1 Schock (60) Eier 1 Gr.; 1 Scheffel Weizen 7 Gr.; ein Scheffel Hafer 3
+Gr. Urkb. S. 376.
+
+[33] Amsdorfs Brief an Spalatin vom 11. April 1523. „Ordinis B.
+Bernardi“.
+
+[34] Im Freiberger Kloster gingen durch das Fenster am Chor Sachen (bes.
+Schriften) aus und ein. (Seidemann 128). — canes (statt canas?) vetulas.
+
+[35] cum pueris heißt es. Sollten die Knaben der Aebtissin (S. 11)
+gemeint sein?
+
+[36] Ueber die Feierlichkeiten s. Frauenalb S. 23-25.
+
+[37] Urkundenbuch S. 166. Frauenalb 22.
+
+[38] Metze = Magda(lena).
+
+[39] Margarete hatte (1497) von ihrem Vater Hans v. Haubitz samt ihrer
+Tante als Leibgeding 64 Groschen Geld, 9 Hühner, 30 Eier und ein
+Hofichen Butter vom Vorwerk Haubitz verschrieben. (Urkb. zu 1497).
+
+[40] Als das Stift evangelisch geworden war. _Großmann_, Die
+Visitations-Akten der Diöces Grimma I.H. Leipzig 1873, S. 181.
+
+[41] S. _Seidemann_, Kollektaneen auf der Dresdener Hofbibliothek II
+unter „Bora“. Zu S. 13-15 Urkundenb. 319 f.
+
+[42] _Cordatus_ Nr. 954.
+
+[43] Urkb. 303: 1504 nahm das Kloster „zur Anhebung der hl. Reformation“
+Geld auf. 324: „Obgleich noch viel zur Reformation gehört.“
+
+[44] Die ständige Eingangsformel eines Antwortschreibens lautet: Euern
+Brief habe ich erhalten und verstanden.
+
+[45] In der Zeit, da das Kloster evangelisch geworden war, wurde den
+Schreibverständigen unter den Klosterfrauen aufgegeben, die jungen
+wenigstens, die es noch nicht konnten, schreiben zu lehren. _Dr.
+Großmann a.a.O._ S. 80.
+
+[46] Sachsengrün, 81, Urkb. 319, 323. Altes Gesangbuch 290.
+
+[47] _Seidemann_, Kollekt. Pars II unter „Bora“.
+
+[48] Florentina bei Walch XIX 2095 ff.
+
+[49] Florentina. Walch a.a.O.
+
+[50] Bräß a.a.O. Anderwärts waren die Spenden bei der Einsegnung
+tarifmäßig festgesetzt und sehr beträchtlich; z.B. im Kloster Hausdorf
+erhielt der Propst allein 32 Gr. und 1 Fingerlin (Ring), die Priorin und
+Kellnerin je einen Schleier, 15 Gr., 4 Stück Fleisch, 1-1/2 Stübchen
+Bier und ein St. Wein, und alle Beamte und Bedienstete bis zum
+Blasbalgtreter, Läuter und Fensterknecht, sowie jegliche Jungfer, ihren
+ganzen oder halben Solidus. _Mitzschke_, N. Archiv für Sächs Gesch. XIX,
+347.
+
+[51] T.-R. II 233. „Wider Willen geweiht“: Br. II 330, lies: invito
+dic(a)tis „Hitzig“, T.-R. II, 233, vgl. Urkb. 324: „in Gottesliebe
+hitzig“.
+
+[52] Frauenalb. 31. Urkb. 324.
+
+[53] T.-R. III 230, II 124. 235 sagt Luther: „Es war eine lautere
+Stockmeisterei und Marter der Gewissen im Beten. Da war nur ein
+Geplapper und Gewäsch von vielen Worten; kein Gebet, sondern nur ein
+Werk des Gehorsams.“
+
+[54] Daß Katharina, wie seltsamerweise die katholischen Schriftsteller
+bis auf Evers hartnäckig behaupten (vgl. S. 262, Z. 27), Aebtissin
+gewesen sei, wird schon durch die Thatsache widerlegt, daß Margarete von
+Haubitz von 1509 bis zur Aufhebung des Klosters Vorsteherin war.
+
+[55] Von den Nonnenklöstern stammen die zahllosen Paramentstücke der
+mittelalterlichen Gotteshäuser. So hatte die Wittenberger Stiftskirche
+32 Teppiche, 18 Fahnen, 12 Samtdecken, 138 seidene Vorhänge und 221
+Meßgewänder! _G. Stier_, Denkwürdigkeiten Wittenbergs, S. 10.
+
+[56] Urkb. 316-319.
+
+[57] Ebenda. — Vgl. _Myconius_, Summarium der Ref.-Geschichte 4:
+„Vielfeiern: Tag und Nacht singen, plärren, murmeln“.
+
+[58] Sachsengrün, I, S. 82. — Der Bischof von Merseburg (Adolf, Fürst
+von Anhalt) kam am 28. April 1524 zur Visitation nach Grimma mit 40
+Pferden und sechs Geistlichen. _Förstemann_, Neues Urkundenbuch, Hamburg
+1842, S. 97.
+
+[59] 1. Jan. 1291. 7. Okt. 1296; s. Urkb. 226.
+
+[60] 23. Aug. 1311. Urkb. S. 221. 337.
+
+[61] Weimarer Archiv, Rechnungen von 1517, 1519, 1530. _Seidemann_,
+Kollekt. II. Vgl. _Grulich_, Denkw., S. 27. Urkb. 315.
+
+[62] Urkb. 322 ff.
+
+[63] Urkb. 334. Sachsengrün I, 82. Urkb. 303, 307. 313: Beschwerden über
+die Mönche: „Alle Diener (Beamte), die vom Fürsten dahingesetzt, worüber
+die Aebtissin und Sammlung hält, werden von den Mönchen verfolgt. Sie
+wollen auch die neue Abtissin entsetzen wie die alte, aus Neid.“
+
+[64] Urkb. 328. Der Vorsteher hieß Matthias Heuthlin.
+
+[65] Urkb. 329. 337 f.
+
+[66] Urkb. 344. „Mutter Kühnen wartet auf die kranken Jungfrauen.“ So
+beklagten sich die Nonnen in Freiberg, daß ihnen keine Liebesdienste,
+wie Krankenpflege und dgl. verstattet sei. Urkundenb. 325: Die Aebtissin
+ermahnt die Nonnen, den Statuten nachzufolgen, „daß ihr also durch
+dieselben geistlich lebet, auf daß ihr aufs letzte das Verdienst der
+guten Werke („Uebungen“) und Vergeltung eurer Arbeit mit dem ewigen
+Leben möget erlangen.“
+
+
+3. Die Flucht aus dem Kloster.
+
+[67] L.W. XIX, S. 1797-2155.
+
+[68] T.-R. II 124, S. oben S. 18, 2. [Transkriptions-Anmerkung: Die
+genaue Position des Verweises im Text nicht markiert.]
+
+[69] _Matthesius_ 31, wonach auch der Inhalt des Büchleins angegeben
+ist. Vgl. _Seidemann_, Erläuterungen zur Ref.-Gesch. 113.
+
+[70] _Grulich_, Denkw. v.T., S. 28. S. unten S. 32.
+
+[71] S.o.S. 21. _Walch_, Leben der sel. Kath. v. Bora 64 f.
+
+[72] Florentina a.a.O.
+
+[73] Vgl. Ztschr. f.d. Gesch. d. Oberrheins, 1899, H. 1. S.o.S. 28 und
+S. 32.
+
+[74] Br. III 321, 322. — 1534, als Luther allerlei Erfahrungen in dieser
+Hinsicht gemacht hatte, mußte er die austrittlustigen Nonnen auf diese
+Schwierigkeiten aufmerksam machen. Br. II, 322, IV, 580, 583.
+
+[75] Br. II, 322. 327.
+
+[76] Br. II, 323. — „Kinder“ = freigeborne Söhne und Töchter (liberi);
+vgl. Frauenalb 18. Damit sind Seidemanns (Erläuterungen zur Ref.-Gesch.,
+Dresden 1844, S. 109) Bedenken über die „Sammlung (Konvent) von Kindern“
+in Freiberg erledigt.
+
+[77] Br. II, 320. Luthers Auslegung von I. Cor., 7. _Walch_ XII, 287 f.
+— So enthielt der Ave Schönfeld ihr Bruder nach ihrem Austritt ihr Erbe
+vor, indem er sich auf das päpstliche (kanonische) Recht berief. Br.
+III, 289 f.
+
+[78] _E. Wezel_, Kath. v.B. Geburtsort, Wiss. Beil. z. Leipz. Z., 1883,
+Nr. 71, S. 423 f. — Br. II, 323.
+
+[79] Vergleichen kann man mit den Nimbschener Zuständen diejenigen im
+Kloster Freiberg. Hier vermittelte die Herzogin Heinrich (Enkelin des
+Böhmenkönigs Georg Podiebrad) die Schriften Luthers. Die Schriften kamen
+auch durch den Klosterprediger, den Balbierer Meister Philipp ins
+Kloster, wurden abgeschrieben u.s.w. Bei einer Visitation vergrub die
+Herzogin Ursula einen ganzen Sack voll lutherischer Büchlein ins Korn.
+Beim Salva Regina sangen die Lutherischen andere Wörter. — Viele,
+darunter Katharina von Mergenthal, die Herzogin von Münsterberg „waren
+rege und wollten springen; die Heerführerin drohte immer mit Auslaufen“
+(Seidemann, 120). Unter den 77 Freiberger Nonnen waren ein gut Drittel
+(besonders die jungen) lutherisch, ein anderes Drittel altgläubig, das
+dritte Drittel „wie der Wind geht“. Die einen hielten die andern für
+„bännisch“. Die Priorin war lutherisch und half zur Flucht. N. Archiv f.
+Sächs. Gesch. III, 290-320, _Seidemann_, Erl. zur Ref.-Gesch., Dr. 1844,
+S. 109 ff.
+
+[80] Br. II 323.
+
+[81] III, 9.
+
+[82] II, 323.
+
+[83] II, 323.
+
+[84] II, 327.
+
+[85] Br. II, 321, 322 f. — Auch Luther dachte an Todesgefahr: „ob's auch
+das Leben kosten müßte“. Um diese Zeit, vor oder nach Ostern 1523 wurde
+Heinrich Kelner, welcher eine Nonne aus Kloster Sornzig entführt hatte,
+durch Herzog Georg zu Dresden geköpft, gespießt und an den Galgen
+gesteckt. S. 36. Und als um Fastnacht (4. März 1524(?)) zu Torgau 16
+Bürger das Barfüßerkloster stürmten, erregte das den größten Unwillen
+des Kurfürsten Friedrich, zumal damals gerade kaiserliche Gesandte sich
+in Torgau aufhielten, um über die Religions-Angelegenheiten zu
+verhandeln. Der Kurfürst wollte den 16 an das Leben, so daß sie Frau
+und Kinder in Stich lassen mußten und flüchtig wurden; ein Glück, daß
+Kurfürst Friedrich bald starb und sein Bruder Johann milder gegen die
+Verjagten gestimmt war.
+
+[86] _Hofmann_, S. 8 f., Torgauische Denkwürdigkeiten 1749, S. 38;
+_Grulich_, Denkwürdigkeiten Torgaus, Torgau 1855, 2. Aufl. S. 24 f. M.
+Sam. _Schneider_, Neue Beiträge 1758. „Im Jahre später stürmte Koppe mit
+anderm Pöbelvolk das Mönchskloster.“ — Der Klosterstürmer war aber
+wahrscheinlich der gleichnamige Neffe des alten Koppe; auf den Neffen
+paßt das Herumtreiben mit jungen Edelleuten während der Flucht. Der
+junge Koppe konnte auch verwandt mit Kunz von Kaufungen sein. — Der
+Klostersturm war auch wahrscheinlich 1525 nicht 1524, sonst würde sich
+nicht reimen, daß der Kurfürst bald starb. Auch ist 1525 das Jahr der
+Bauernunruhen, wo sich eine solche aufgeregte That eher erklärt. Noch
+weniger kann es 1523 sein; denn sonst hätte Koppe, sei's der ältere oder
+jüngere, nicht nach Torgau sich wagen dürfen.
+
+[87] Hofmann, S. 9 f.
+
+[88] Die verschiedenen Berichte über die Flucht s. bei _Walch_ 64,
+_Hofmann_ 11, _Seidemann_, Ztschr. f. histor. Th. 1860, S. 475.
+Lutherbr. 14. _Bräß_ 36. Von Heringstonnen berichtet _Arnold_,
+Kirchen-und Ketzerhistorie II, 513. Vgl. _Beste_ 17 f. Die oft erwähnte
+Florentina entkam ohne weiteres, als ihre Hüterin ihre Zelle zu
+schließen versäumte und die andern Nonnen im Schlafhaus waren. Die
+Herzogin Ursula von Münsterberg entwich durch die schlecht verwahrte
+Hintertür im Garten (N. Archiv für Sächs. Gesch. III, 304, Seidemann 118
+f.); auch in Nimbschen war die hintere Pforte schlecht verwahrt.
+(Urkundenbuch 324). Die mündliche Sage in der Umgegend erzählt, es
+hätten sich alle neun Nonnen durch das Fenster in der Zelle Katharinas
+herabgelassen; auch habe diese bei der Flucht ihren Pantoffel verloren.
+Das Fenster wird an den heutigen Ruinen (des Refektoriums?) noch gezeigt
+und lange Zeit sangen die Zöglinge der Landesschule zu Grimma, an welche
+das Kloster mit seinen Einkünften übergegangen ist, dort bei Ausflügen
+lateinische und deutsche Hymnen. Das Fenster aber hat schwerlich zu
+einer Zelle gehört. Ebenso wird noch in Nimbschen der Pantoffel
+gewiesen, der aber ist ein Machwerk des vorigen Jahrhunderts.
+
+[89] _Menken_ Annal. a. 1523. Script. rer. Sax. 571: singulari consilio
+et calliditate. Facinus plane audacissimum. Asus est ex monasterio clam
+abducere. Br. II, 319; satis mirabile evaserunt.
+
+[90] Br. II, 318; vom 8. April ex captivitate accepi heri ex Nimpschen 9
+moriales.
+
+[91] _Grulich_. Denkwürdigkeiten S. 29. „Auch Zwilling war bei der Hand
+und führte den Zug der Nonnen an“.
+
+[92] Br. II, 319. vulgus miserabile. Kolde Ann. Luth. 443.
+
+[93] Anspielung auf 1. Petri 3, 19 und Ephes. 4, 8, wonach Christus am
+Karsamstag zu den Geistern ins Gefängnis hinabstieg und die armen Seelen
+befreite, wie das auf mittelalterlichen Bildern mit so großer Vorliebe
+dargestellt wird.
+
+[94] Br. II, 321. „Euer Audi“ läßt Luther auch in der Einladung zur
+Hochzeit grüßen III, 9.
+
+[95] Der offene Brief an Koppe Br. II, 321-7.
+
+[96] _Burkhardt_, 56. 109. _Lorenz_: die Stadt Grimma, 1112 f.
+_Lauterbach_ 163 f.
+
+[97] Dr. _Bräß_ 36. _Lauterbach_ 163 f. _Seckendorf_ I 272: Elcetor
+dissimulavit factum. Die Aebtissin schrieb schon vorher an den
+Kurfürsten.
+
+[98] _Seidemann_, Beitr. zur Ref.-Gesch. I, Dresden 1846, S. 60.
+_Lorenz_ 1108 f. Urkundenbuch 340. _Großmann_, Visitationsakten der
+Diöces Grimma I, L. 1873 S. 78 ff. 181.
+
+[99] _Hofmann_ 14. _Seidemann_, Beitr. I, 92.
+
+[100] Br. II, 354. III, 9. 32. 33.
+
+
+4. Eingewöhnung ins weltliche Leben.
+
+[101] II, 323. 319.
+
+[102] II, 319 f. _Kolde_, Ann. L. 443.
+
+[103] Br. II, 334. 433. 473. 584. 330.
+
+[104] Br. IV, 580.
+
+[105] Br. III, 170. 229 f. 236. Schönfeld, T.-R. IV, 50. Burkh. 193.
+
+[106] Reichenbach stammte aus Zwickau und studierte in Wittenberg
+1510-11. 1525 nahm er sein Haus in Lehen, 1530 wird er Bürgermeister,
+1541 heiratete seine Tochter, 1543 starb er. (_Buchwald_ 74 f. 173).
+_Consil. Theol. Witt._ IV, 19. _Hofmann_ 13 f. Reichenbachs Haus ist
+übrigens nur in dem hundert Jahre später erschienenen Werk der _Consil.
+Theol. Witteb._ als Katharinas Zufluchtsort genannt. Bei allen
+gleichzeitigen Quellen kommt es nicht vor; auch in allen Berichten über
+die Trauung und Hochzeit wird das Ehepaar nicht erwähnt und von irgend
+welcher Beziehung des Lutherschen Hauses mir der Familie Reichenbach
+findet sich keine Spur. Er gehörte allerdings in den Freundeskreis
+Dietrichs und Baumgartners. Dietrich meldet diesem am 29. Jan. 1535 die
+Vermählung von Reichenbachs Schwester mit dem Nürnberger Strauch.
+(Ztschr. f. hist. Th. 1874 S. 546 f.) Dagegen weisen andere Anzeichen
+darauf hin, daß Käthe vielmehr in dem _Kranach_schen Hause gelebt habe;
+der König Christian, welcher im Oktober 1523 dort wohnte, verehrte der
+Jungfrau Käthe einen Ring: das kann doch nur für Dienste geschehen sein,
+die sie im Kranachschen Hause that. Ferner ist bei der Trauung Luthers
+als einzige Frau die Kranachin zugeben. Endlich steht Luther, wie Käthe,
+mit den beiden Eheleuten, seinen Gevattern, auch in späteren Jahren noch
+in reger Beziehung, während nirgendswo von einem Verkehr mit dem
+Reichenbachschen Ehepaar im Leben Katharinas geredet wird. Ich möchte
+daher vermuten, daß Käthe nur kurze Zeit im Reichenbachschen Hause
+untergebracht wurde, dagegen im übrigen in dem sehr umfangreichen und
+wohlhabenden Hause der Kranach als Stütze der Hausfrau Verwendung
+gefunden. Bei Kranach konnte auch Ave von Schönfeld untergebracht sein,
+weil ihr späterer Gatte Lic. Basilius Axt in Kranachs Apotheke
+beschäftigt war. In dem Brief, worin Luther den Medicus Basilius Axt
+empfiehlt, wird von diesem gesagt, er sei Apotheker bei Kranach gewesen
+und seine Gattin (Ave von Schönfeld) eine Mitschwester von Luthers Frau.
+(B. III, 292 vgl. 291).
+
+[107] _Beste_ 20. _Hofmann_ 13, 26.
+
+[Transkriptions-Anmerkung: Zur folgenden Bemerkung gibt es keinen
+Verweis im Text.]
+
+_Seidemann_, Ztschr. f. hist. Th. 1874. S. 533 ff.
+
+[108] Consil Witt. IV, p. 19.
+
+[109] Br. II, 325.
+
+[110] Br. II, 553. W.L.W. XXI, 916. Beste 22, 2.
+
+[111] Ztschr. f. hist. Th. 1874. S. 544-58. Br. II, 553.
+
+[112] Corp. Ref. I, 1114. Br. III, 532, wo Luther und Melanchthon an Abt
+Friedrich für eine Wittenbergerin fürsprechen, welche ein junger
+Nürnberger heiraten will.
+
+[113] _Abr. Scultetus_ Ann. ad. ev. renov. ad a. 1525. p. 80.
+_Seckendorf_ II, 17. _Walch_ 92-96. _Beste_ 23 f.
+
+[114] „Meine Käthe hatte ich damals nicht lieb, denn ich hielt sie
+verdächtig, als wäre sie stolz und hoffärtig.“ T.-R. IV, 50.
+
+
+5. Katharinas Heirat.
+
+[115] Ostern 1525. Br. II, 643. 646. — Vgl. T.-R. IV, 132.
+
+[116] _Schadow_, Wittenberger Denkwürdigkeiten, W. 1825, S. 61.
+
+[117] Hochmeister: Br. II, 673 f. 678. Spalatin: II, 643. _Seckendorf_
+II, 274.
+
+[118] T.-R. IV, 145: „Die kaiserlichen Rechte sagen: Wer eine Nonne
+nimmt, der habe das Leben verloren und das Schwert verdient“.
+
+[119] Br.: II, 35. 40. 49. 102 f. 583. 637.
+
+[120] _Cordatus_ 1509. Argula. Br. II, 570. 646. W. XXI, 931.
+
+[121] _Lingke_, D.M.L. Reisegeschichte, L. 1769, S. 157. Luther war vom
+16. April bis 6. Mai auf der Reise. Br. II, 643. — Anfangs März bat
+Luther Amsdorf, zu ihm zu kommen, um ihm in seinen Anfechtungen ein
+Trost zu sein. Br. II, 634.
+
+[122] W. XX, 1685. X, 861. _Seckendorf_ II, 17, I, 274. _Scultetus_ p.
+80. 274. Br. II, 643. 655. 678, III, 1. 3. 13. 21. 32. Consil. Theol.
+Witteb. IV, 19. _Lingke_ 151-3. — „Es ist der Welt Gott der Teufel (der
+ja selbst ein Hagestolz ist), der Verspötter jeder Gott gefälligen
+Gattenliebe und jedes ehrsamen Familienlebens, der den Ehestand so
+verleumdet und schmählich gemacht hat“ (W. X, 806). „Wer dem Ehestand
+zuwider ist und redet übel davon, der ist gewiß vom Teufel.“ (Matthes.
+138.) Erasmus spöttelte, Luther erlaube andern, was er selber nicht
+wage. _Schlegel_, Vita Spalatini, 211. 214. — T.-R. IV, 36.
+
+[123] W. X, 962. Erasmi Opera ed Cler. III, 1 ep. 80. Br. III, 21. So
+schreibt L. 1526 bei der Taufe seines Erstgebornen. „Ich scheu des
+Prangens, als wollt ich mich mit einem Mönchs- und Nonnen-Kinde
+herfürthun“ (III, 113). — Nonne trotz kaiserl. Rechte: T.-R. IV, 145.
+
+[124] Die Schönheit Katharinas behauptet u.a. Erasmus III, 1 ep. 730.
+„Ein Mägdlein von feiner Gestalt“. „Eine schöne Frau“: IV, 553. „Nicht
+in Leidenschaft entbrannt“: III, 9. Reim: Seidemann in Schnorrs Archiv
+IX, S. 3. Ueber schöne Frauen, T.-R. IV, 40.
+
+[125] II, 646. Diese 2 Frauen waren wohl 1. die Ave von Schönfeld, von
+welcher L. 1536 sagt: „Wenn ich vor 13 Jahren hätte freien wollen, so
+hätte ich Eva Schönfeldin genommen, die jetzt der D. Basilius, der
+Medicus, in Preußen hat“ (T.-R. IV, 50); und 2. „jene Alemannin, meine
+Verlobte“, von welcher im Januar 1526 das Gerücht ging, Amsdorf habe sie
+geheiratet. Br. III, 77. Salus (=Ave) Allemanna, vgl. die vier Brüder
+Alemann III, 418. Man deutet aber diese Aeußerung L. drei „Frauen“ auch
+allegorisch auf die drei Mönchsgelübde (_Beste_ 31) u.a.
+
+[126] II, 655. Luther war am 19., 28., 29. April in Eisleben.
+
+[127] Die üble Nachrede (III, 2 infamantibus me cum Catharina Borana)
+war vielleicht die Lüge von einem frühzeitigen unerlaubten Umgang der
+beiden Brautleute, welche auch Melanchthon in seinem bekannten
+vertrauten Brief an Camerarius zurückweist. S. 58. Luther war wegen der
+an sich selbst erfahrenen und auch sonst wahrnehmbaren Verleumdung
+Verlobter gegen lange Verlobungszeit. T.-R. IV, 41, Br. III, 1-3, 9-12.
+
+[128] T.-R. IV, 73. Cord. 1511.
+
+[129] Luthers Augen beschreibt Melanchthon (Ztschr. f. K.-G. IV, 326)
+als braun mit einem gelben Ring darum: der Ausdruck habe den
+kampflustigen Blick des Löwen. — Ueber Luthers Aeußere vgl.
+Küchenmeister, L.'s Krankheitsgeschichte, 42. 116. Bei dem Besuch bei
+Kardinal Bergerins (s.o.S. 115) trug, wie dieser bemerkte und
+aufschrieb, Luther ein Wams aus dunklem Kamelot, die Aermel mit Atlas
+eingefaßt, darüber einen kurzen Rock von Sersche mit Fuchspelz
+gefüttert, an den Fingern mehrere Ringe, um den Hals eine schwere
+goldene Kette. Luther wollte damals dem Kardinal imponieren und recht
+jung aussehen, um ihn zu ärgern; er meinte, so müsse man mit Füchsen und
+Schlangen handeln.
+
+[130] T.-R. IV, 38.
+
+[131] _Kawerau_, der Briefwechsel des J. Jonas, Halle 1884/5, I, S. 94.
+
+[132] „Herkömml. Bräuche“: im Briefe Mel. an Camer. (ed. _W. Meyer_,
+München, Akadem. Buchdr., 1876, S. 6 f. Vgl. _Köstlin_ I, 768 f., 817 f.
+— T.-R. IV, 72: L. führt nach dem Nachtessen die Braut zum Bette. S.u.S.
+121 f.
+
+[133] Die Trauform in Luthers Traubüchlein (1529), welche sich wohl dem
+herkömmlichen Gebrauch anlehnt, ist folgende: Vor der Kirche geschieht
+die Trauung durch einen Weltlichen oder Geistlichen. Da wird „Hans und
+Grete“ gefragt: Willst Du den oder die zum ehelichen Gemahl haben? Auf
+das Ja! wechseln sie Trauringe; der Trauende fügt die Hände zusammen und
+spricht: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“
+Und: „Weil denn Hans N. und Grete N. einander zur Ehe begehren und
+solches hier öffentlich vor Gott und der Welt bekennen, daraufhin sich
+die Hände und Trauringe gegeben haben, so spreche ich sie ehelich
+zusammen im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.“
+Darauf folgt in der Kirche Gebet und Segen. Später wurde in Wittenberg
+die Trauung in der Kirche üblich. Köstlin II, 642, 63. Vgl. T.-R. IV,
+53. „Da verlachet D. Philipp höhnisch, wenn wir Braut und Bräutigam in
+der Kirche öffentlich zusammengeben, gleich als dürfte man nicht beten
+zu solchen Sachen.“
+
+[134] _Kawerau_, Jonas' Briefw. a.a.O. — „Gelöbnis“ Wittenb.
+Stadtrechnung. Vgl. V, 196: sponsalia confimare.
+
+[135] _Hofmann_ 47.
+
+[136] W. X, 855 f. 967 f. III 2, 567 f. 2565. Bugenhagen an Spalatin.
+Luther fordert im „Traubüchlein“, die Ehe als öffentlicher Stand solle
+auch öffentlich vor der Gemeinde vollzogen werden, vor oder in der
+Kirche, wie es die Brautleute begehren. — Auch _Matthes._ redet von
+einem öffentlichen Kirchgang Luthers, desgl. Consil. Theol. Witteb. —
+Bezeichnungen für die Hochzeit bei _Schild_, Denkwürdigkeiten
+Wittenbergs, W. 1892, S. 25. Luther hielt — gegenüber Melanchthon — sehr
+auf die herkömmlichen kirchlichen Bräuche bei der Hochzeit. T.-R. IV.
+72. Als Wittenberger Brauch der Heimführung wird (_Buchwald_, Zur
+Wittenberger Stadt- und Universitäts-Gesch. 35) erzählt: „Röhrer führte
+seine Braut nach der Hochzeit im Hause Dr. Beiers in unser Haus mit
+feierlichem Geleite der Frauen.“ Vgl. M.H. Gottl. _Kreußler_, Denkmäler
+der Ref., L. 1817, S. 29. „Die kleine Gesellschaft brachte das Brautpaar
+heim.“
+
+[137] Hochzeitsbriefe III, 1. 3. 9. 11-14.
+
+[138] Hochzeitsgeschenke, Hofmann, 52 f.
+
+[139] Siehe bei _Hofmann_ das Titelbild. _Seidemann_, Beitr. zur
+Ref.-Gesch. I, 92.
+
+
+6. Das erste Jahr von Katharinas Ehestand.
+
+
+Br. II, 582, III, 32.
+
+[140] „Schwarzes Kloster“ d.h. Kloster der schwarzgekleideten Augustiner
+im Gegensatz zu dem unteren „grauen Kloster“, dem Sitz der grauen
+„Minderbrüder“. — Studierstube, Br. II, 543, T.-R. IV, 476. Ausrüstung,
+Br. III, 472 f. Winterzimmer, III, 221. Bilder: Der Karlstadtianer
+Ickelsamer („Klag etlicher Brüder“) rügt, „Luther wolle bei sich gemalte
+götzische Bilder haben.“ T.-R. I, 137: „Gemälde an der Wand. Das
+Kindlein Jesus schläft in seiner Mutter Arm“. S. 311. „Da D.M. das
+Kindlein Jesus gemalt im Schoße der reinen Jungfrauen ansahe“. —
+_Seidemann_, Grundbesitz 496. Die gesamte jetzige Einrichtung des
+Lutherzimmers ist nicht echt, namentlich Tisch und Ofen aus späterer
+Zeit. Ueber das Lutherhaus s. H. Stein, Geschichte des Lutherhauses,
+Wittenberg 1883. Das Lutherstüblein war aber nicht im Turm, sondern ist
+das vorhandene. — S. Seite 74 f. und Anmerkung dazu. S. 285.
+
+[141] In dem Krankheitsbericht des Jonas von 1527 speist die Familie,
+scheint es, im untern Stock und Luther geht von da in das Schlafzimmer
+hinauf.
+
+[142] _Seidemann_, Grundbes. 484. S. 8. Kapitel und [239].
+
+[143] _Förstemann_, N. Mitteilungen a.d. Gebiete hist.-antiq.
+Forschungen III, S. 113: „1 Schwäbisch, Frau katharin Doctoris Martinj
+Ehelichen Weyb zeum Newen Jhare geschenckt.“ — Consil. Theol. Witteb.,
+Frankf. 1664, S. 19: „1 Sch. 8 Gr. 3 Heller vor ein Schwebisch _Haub_
+Frau Katharinen, Doctoris Martini Ehelichem Weibe zum Neuen Jahre
+geschenckt.“ Hofmann 52 meint: Ein Stück oder Schock schwäbische
+Leinwand. Kasten V, 162. Geräte VI, 325 f.
+
+[144] III, 18. „Ich bin an Kethen gebunden und gefangen und liege auf
+der Bore (Bahre) scilicet mortuus mundo. Salutat tuam Catenam mea
+Catena. III, 9: „Ich bin meiner Metzen (Meid = Jungfrau) in die Zöpfe
+geflochten“. S. oben [38].
+
+[145] T.-R. IV, 41.
+
+[146] Im Studierstüblein Bücher auf Bänken und Fenstern, 111, 472. —
+Hochmeister Cord. 1510. Vielleicht aber meinte Käthe den Markgrafen
+Georg von Ansbach. — Brief über Erasmus 111, 212.
+
+[147] Cord. 38. T.-R. II, 208, IV, 121, vgl. 78: „Die Weiber sind von
+Natur beredt und können die Rhetorikam, die Redekunst wohl, welche doch
+die Männer mit großem Fleiß lernen und überkommen müssen.“
+
+[148] Garten und Brunnen III, 117. _Schild_ a.a.O. Birnbaum, T.-R. II,
+369.
+
+[149] Das als Titelbild diesem Buch vorgesetzte Bild weicht bedeutend
+von dem im Text geschilderten ab.
+
+[150] T.-R. IV, 114.
+
+[151] Luther nennt es selbst „meine abenteuerlich Geschrei“.
+
+[152] Br. III, 10. Camerarius. Narratio de Vita Mel., L. 1723, p. 103,
+CXXX.
+
+[153] C.R. I, 754, Melanchthon. Camerarius p. 103 f. Vgl. _Hausrath_,
+Kleine Schriften, L. 1883, S. 253 f.
+
+[154] III, 3.
+
+[155] Quellensammlung fränk. Gesch., Bamberg 1853, IV p. LXII. Beste
+103-6.
+
+[156] Erasmi Opp. ed. Clerie. III 1. ep. 781. 790. 900.
+
+[157] _Seidemann_ 555.
+
+[Transkriptions-Anmerkung: Zur folgenden Bemerkung gibt es keinen
+Verweis im Text.]
+
+Schmähschriften. _Hofmann_ 190 ff.
+
+[158] W. XIV, 1335 f. Br. III, 299. 365.
+
+[159] S.o.S. 36. Br. III, 9. 32. 49. _Hofmann_ 77. _Ratzeberger_ 69 ff.
+
+[160] III, 94 f.
+
+[161] III, 125: Mihi morigera et in omnibus obsequens est et commoda
+plus quam sperarem.
+
+[162] Mel. griech. Brief an Camerar. Vgl. _Hausrath_ 254. T.-R. IV, 304.
+
+[163] Br. III, 55. 58. 32. 49. _Seckendorf_ II, 81.
+
+[164] III, 9.
+
+[165] L.W. „Das Pabstum mit seinen Gliedern gemalet“.
+
+7. Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.
+
+[166] Der Gevatterbrief an Kanzler Müller lautet. „Gerne thät ich's, daß
+ich m. gn. Herrn (d.i. wohl der Graf von Mansfeld) zu Gevatter bäte:
+aber ich scheu des Prangens, das man mir würde zumessen, als der ich
+mich mit einem München- und Nonnenkinde wollt herfürthun und große
+Herren zu Gevatter bitten. Darum will ich hieneiden bleiben und bitte
+Euch, sich des Kindes annehmen und geistlicher Vater mit sein, daß es
+zum Christen möchte geboren werden.“ Br. III 113. T.-R. III 144. Br. III
+115 f. 125. 128.
+
+[167] III, 173. 213. 264. Kolde, An. L. 97. Natürlich säugte Katharina
+ihre Kinder selber. T.-R. II, 165.
+
+[168] III, 364. T.-R. I, 44. 199. Cord. 639.
+
+[169] _Kawerau_, Briefw. des J. Jonas, Halle 1884, I, 116. Beste 74. Br.
+III, 246. 364 f. 376. 390.
+
+[170] III, 448. — Es war am Himmelfahrtsabend.
+
+[171] III, 447 f. T.-R. II, 274.
+
+[172] Mayer p. 40. Veit Dietrich 19. Juni an Käthe.
+
+[173] T.-R. I, 205 f.
+
+[174] Beste 77 f. Br. IV, 313. 320. 414. T.-R. I, 118. 200. IV, 131.
+
+[175] Br. IV, 419.
+
+[176] _Hofmann_ 156 f. Vgl. T.-R. IV, 515. 525.
+
+[177] Br. IV, 436. Hofmann 156-88.
+
+[178] IV, 436 f.
+
+[179] _Mayer_ § 22. _Cord._ 1235.
+
+[180] IV, 574. 623. V, 129. 163. VI, 153.
+
+[181] T.-R. I, 118. 178. 181. 198 ff. 211. Br. III, 123. IV, 343.
+
+[182] T.-R. I, 26. 213. Ratzeberger 60. Rietschel L. und sein Haus.
+Halle 1888. S. 45. („Der Kleider und des Baretts springen“ — Sack- oder
+Hosenlaufen und Barlauf?) Jost Br. IV, 7. Jost und Lippus; 41.
+
+[183] T.-R. I, 13. _Matthesius_ 145a. Br. IV, 41 f. 343. V, 163.
+_Ratzeberger_ 59.
+
+[184] T.-R. I, 294. 212. 185. 178. Cord. 732. _Weißlinger_ in seiner
+Schmähschrift „Friß Vogel oder stirb“ (Straßburg, 1726, S. 78) hat ein
+Familienbild: D. Luther, die Frau Käth und liebe Jugendt; darauf stehen
+in einer Gruppe das Ehepaar, an den Vater angeschmiegt „Hänßchen“, dann
+dem Alter nach „Lisel“, als erwachsenes Mädchen (obwohl sie mit einem
+halben Jahr gestorben ist.), „Lenchen, Martin, Paulus, Gretel“; in der
+Thür steht ein älterer Knabe mit der Schrift. „Ich heiß Andräsel“. —
+Dies Bild hat mit Weglassung von Elisabeth ein Straßburger Maler etwas
+veredelt nachgebildet und diese Nachbildung ist in der „Niederlage
+Christlicher Schriften“ in Straßburg als Photographie erschienen und in
+G. Buchwalds D.M.L. deutsche Briefe (L. Bernh. Richter 1899)
+reproduziert. — Vielleicht ist das Weißlingersche Bild unter
+schmähsüchtigem Hinzuthun des „Andräsel“ einem älteren Original
+nachgebildet; die Tracht der Kinder weist zum Teil auf die Wende des 16.
+Jahrhunderts. Bei Luther, Käthe und Lenchen hatte der Zeichner offenbar
+die bekannten Originale vor Augen.
+
+[185] Muhme Lene. Magdalena von Bora fehlt in dem Nimbschener
+Personenverzeichnis von 1525/6. Von 1520-25 fehlt ein solches. IV, 44 f.
+Vgl. T.-R. I, 200.
+
+[186] T.-R. III, 153. Br. IV, 42. 132. 343.
+
+[187] _Lauterbach_ 2. 141 f. 164 f. Cyriak Br. III, 550. IV, 8. 15. 121.
+139. VI, 123.
+
+[188] Lies. gleichzeitig, statt „frühzeitig“. Von dem Adoptivsohn
+_Andreas_ schreiben sich die katholischen Verleumdungen des Lutherschen
+Ehepaares her, daß er als „Sohn“ bald nach der Hochzeit geboren sei.
+(Vgl. oben S. 58). Ueber diese Verleumdung vgl. Lauterbach V und 141
+Anm. desgl. _Lutherophilus_, „Das 6. Gebot und Luthers Leben.“ Halle,
+1893.
+
+Fabian hatte in der „Specke“ ein Abenteuer mit einigen Schlangen, das er
+daheim natürlich gehörig übertrieben erzählte: als er dahin spazierte
+und sich darin schlafen legen wollte, trat er auf ein Nest voll
+Schlangen, die über einen Haufen lagen; die Tiere zischten ihm entgegen,
+der junge Siegfried aber zog sein Schwert, hieb unter sie, der einen den
+Kopf, der andern den Schwanz ab, bis das ganze Nest zerstört war. T.-R.
+I, 233.
+
+[189] Hans Polner Br. IV, 131. VI, 123. 151. Cord. 444 N. lies: Hans
+statt Andreas Polner.
+
+[190] V, 492. VI, 649 f. _Kolde_, Anm. Luth. 428. Ztschr. f.
+Kirchengesch. 1878, S. 145. Neobulos, eigentlich Neobolos.
+
+[191] IV, 342 f. T.-R. I, 350.
+
+[192] III, 217 ff. VI, 683 unter „Mocha“.
+
+[193] III, 178. V, 189.
+
+[194] Ganerben = Gesamterben. Wie falsch diese Beschuldigung des
+Stehlens war, geht daraus hervor, daß die Herzogin mittellos zu L. kam
+und ihre Begleiterin ein großes Vermögen im Stich gelassen hatte. (Br.
+III, 290). Katharina von Mergenthal, (IV, 469) Anna und Christina Korb
+hatten nichts mitgebracht, als ihr Pelzlein und Ziechen vom Bettgewand.
+(N. Archiv f. sächs. Gesch. III, S. 319).
+
+[195] S. 104. Br. III, 219. — Die Matronen Luther, Melanchthon u.a.
+pflegten in der Stadt schwangere Frauen zu besuchen und zu beraten.
+_Seidemann_, Beitr. S. 496. Kollekt. unter „Bora“.
+
+[196] _Köstlin_ II, 115. Nach _Seckendorf_ II, 122 war die Kurfürstin
+drei Monate im Lutherhaus.
+
+[197] _Kolde_, An. Luth. 378.
+
+[198] V, 46 f.
+
+[199] „Bildenhauer“ († 1539) T.-R. I, 206. 248. Br. V, 201. VI, 328.
+
+
+8. Katharinas Haushalt und Wirtschaft.
+
+[200] _Seidemann_, Luthers Grundbesitz. Ztschr. f. histor. Th., 1860,
+475-570. _Stein_, die Geschichte des Lutherhauses. Wittenberg, 1883.
+Vgl. _J. v. Dorneth_. M. Luther, Berlin 1886. II, c. 12. III, c. 10. 24.
+
+[201] Luther wußte, was ihm alles auferlegt wurde: „Luther hat einen
+dicken Rücken, er wird auch diese Last tragen.“ IV, 294.
+
+[202] _Cord._ 1057. T.-R. IV, 78. 114. Br. III, 417. C. Ref. IV, 890.
+Vgl. _Hofmann_ 93. — Zu I Cor. 7. W. II, 2830.
+
+[203] Cord. 1079.
+
+[204] V, 228. CR. VI, 625. VII, 144.
+
+[205] _H. Stein_, Geschichte des Lutherhauses. Wittenb. 1883.
+
+[206] T.-R. IV, 272 (Kellereinsturz). Vieh: _Burkh._ 409. 1 Kuh war
+damals wert 3 fl.; 1 großes Kalb 2 fl.; 1 Ziege mit 2 Jungen 2 fl.; 1
+Schwein 1 fl.; 1 Ferkel 1/3 fl. — Hühner T.-R. II, 81. IV, 24.
+Schweinehirt Johannes T.R. III, 128.
+
+[207] Reparaturen. VI, 327. V, 424.
+
+[208] Grundbes. 484 f. Br. VI 324-326.
+
+[209] 1541. _Burkh._ 403 f.
+
+[210] _Stein a.a.O._
+
+[211] T.-R. I, 102. 123. 183. 213. IV, 291.
+
+[212] Geräte VI, 325. Kasten V, 162. Becher IV, 342. Vermächtnis: Burkh.
+362. Uhren III, 168. 449. Messer: Burkh. 270.
+
+[213] Br. VI, 331.
+
+[214] Urkunde: _Burkh._ 202 f.
+
+[215] Myconii Summarium der Ref.-Gesch. Cyprian IV, 27. (2. Aufl.) W.
+XI, 67. Br. V, 11. 127. 493. 668. 629. 319. 602. III, 156. Ueber das
+teure Leben in Wittenberg beklagte sich auch ein Student 1532.
+_Buchwald_ 103. Sonst 1 Kandel Wein 3 ₰. T.-R. I, 268.
+
+[Illustration: Grundriß des Lutherhauses (um 1540).
+
+(Nach H. Stein, Gesch. des Lutherhauses, Wittenberg 1883.)
+
+ a Kollegienstraße.
+ b Häuser darin.
+ c „Haus Bruno“.
+ d „Des Rymers Häuslein an Thor“.
+ e Eingang.
+ f Hof.
+ g früherer Kirchhof.
+ h altes Kirchlein.
+ i Ställe.
+ k Brauhaus.
+ l Brauthor.
+ m Thordurchgang (Turm?).
+ n Garten.
+ o Thür in der Mauer.
+ p „Das hindere neue Haus“.
+ q Lutherhaus (Schwarzes Kloster) 1. Stock.
+ r Haupteingang.
+ s Turm mit Wendeltreppe.
+ t Flur im 1. Stock.
+ u Vorzimmer
+ v _Wohnzimmer_.
+ w Schlafkammer.
+ x Feuerungsraum.
+ y Zimmer mit Fallthür und Treppe.
+ z _Studierstube_.
+ ab Aula.
+ A Vorlesungssaal.
+ B Stadtmauer.
+ C Stadtmauer.
+ D Wall.
+ E Nebeneingang mit Wendeltreppe.
+
+[216] VI, 297. T.-R. I, 258. 274 f.
+
+[217] Jonas hatte einen Weinberg, Melanchthon (wohl durch seine Frau,
+eine Wittenberger Bürgermeisterstochter) verschiedene Grundstücke.
+
+[218] _Burkh._ 319.
+
+[219] T.-R. I, 141. 142. 146. IV, 667. C.R. XXIV, 392.
+
+[220] Br. VI, 328. Garten: Burkh. 409. — Der Platz „Am Saumarkt“, später
+„Viehmarkt“, wo der kurfürstliche Karpfenteich war, („Saumärkterin“ V,
+783, „auf dem neuen Saumarkt“, _Burkh._ 356 f.) ist heute die
+Lutherstraße. (Wittenberger Urbar VIa. 1625, Lagerplan.) — Richter,
+Geneal. 398 ff. Beste 127. Fischteichlein T.-R. I, 179. — In der
+Hausrechnung (VI, 2) 1536 ist nur vom Bildenhauerschen Garten geredet,
+in dem Steuerschlag 1542 (_Burkh._ 409) vom Garten an der Zahnischen
+Straße, im Teil-Receß 1553 (_Beste_ 127) vom „Baumgarten am Sewmargkt“,
+der samt dem Hopfengarten an der Specke für 500 fl. angeschlagen wird —
+also scheint er an Gelände oder Gebäude (durch den Krieg?) verloren zu
+haben. Oder sollte der Garten an der „Zahnischen Straße“ = am Saumarkt
+sein? Nach weiteren Erhebungen ist wahrscheinlich, daß die Zahnische
+Straße den Anfang der heutigen Dr. Friedrichstraße bildete. Dann wäre
+thatsächlich der Saumarkt da, wo die Zahnische Straße und die Faule Bach
+sich schneiden.
+
+Die Lage wäre so.
+
+[Illustration: a-b Zahnische Straße. c-d Faule Bach. e-f Rische Bach.]
+
+Der Bildenhauersche Garten (für 900 fl.) lag nach dem Steueranschlag
+nicht „unter dem Rat“ wie der an der Zahnischen Straße. (_Burkh._ 409)
+
+[221] Br. IV, 575. VI, 328 f. Wolfs Vogelherd: 154 f. V 787. Vgl.
+_Burkh._ 409.
+
+[222] _Burkh._ 403. _Hofmann_ 98. — Der „Lutherbrunnen“ gehörte der
+Stadt.
+
+[223] Br. VI, 547. Grundbes. 520. Pfähle Br. V, 637. Hauspostille 1.
+September 1532. Rebenstock II, 124b. Stehlen: Grundbes. 530.
+
+[224] Bienenstock. _Rebenst._ II, 109. Fische T.-R. II, 80.
+
+[225] a. 1542 schätzt L. Braunen Haus auf 420 fl. IV, 575. Grundbesitz
+502. Br. VI, 328: Die 250 fl. scheinen übrigens eine Abschlagszahlung
+gewesen zu sein, denn das Haus kam höher zu stehen. Der Kaufbrief (v.
+1541) bei _Richter_ Geneal. Luth. lautet: Bruno Brauer Pfarrer zu Dobin
+verkauft erblich eine Bude im Elsterviertel zwischen D. Luthers
+Behausung und Bruno Brauer an Luther und seine Erben mit allen
+Gerechtigkeiten und mit Gehöft und Raum von der vordern Säule bis auf
+die erste Ecke des Brunnens und von der hintern Ecke des Brunnens bis
+auf die alte Badestube, zusamt derselben Badestube für 430 fl. zu 20
+Groschen jeden.
+
+[226] „Mein lieber Herr“ ist = mein Gemahl.
+
+[227] Burkh. 319. Nach dem Bericht von Kanzler Brück an den Kurfürsten
+vom 13. März 1546 hat Frau Käthe dennoch „die Böse (das ist doch wohl
+das Gut Boos) zur Miet und um einen liederlichen Zins etliche Jahr her
+inne gehabt“. _Förstemann_, D.M.L. Testamente. Nordhausen 1846, S. 31.
+
+[228] S.o.S. 3. T.-R. II, 233. Br. V, 358. 298. 318. 431. 434. 753. VI,
+304. _Burkh._ 357.
+
+[229] V, 312 f. 358. 495. 605. 609. 323. Ueber Käthes Walten in Zulsdorf
+vgl. _Anton_ 193 ff.
+
+[230] VI, 318. V, 313. 427. 448 f. 482. 507. 528. _Burkhardt_, Th. Stud.
+und Krit. 1896, S. 161. Der Scheunenbau spielt zwei Jahre lang. C.-R.
+VII, 125.
+
+[231] Zulsdorf wird in 21 Briefen und T.-R. II, 233 erwähnt. (S. Br. VI,
+705). V, 300. 318. 323. 394. 400. Den Mainzer Erzbischof und den Herzog
+Heinrich von Braunschweig nennt Lauterbach in dieser Zeit „die wahren
+Türken“. V, 401.
+
+[232] V, 299. 659. VI, 304. — An der Decke war einer der bekannten
+Tintenflecke und am Balken ein Spruch, angeblich von Luthers (?) Hand.
+„Willt du Trost haben, so gehe nach Droßdorf“ (1/4 Stunde davon
+gelegen). Daß das Gütlein nicht ganz ohne Schmuck war, zeigen die noch
+vorhandenen Reliefbilder von Luther und Käthe, zwei Medaillons, das eine
+in Stein, das andre in Gips; beide, besonders das letztere, kraß
+realistisch; sie sind später auf das Hofgut Kieritzsch und dann in die
+dortige Kirche gekommen. Eine Nachbildung des Reliefbildes von Katharina
+ist in der Leipziger Illustr. Zeitung vom 2. Febr. 1899. Vgl. oben S.
+263.
+
+[233] L.W. II, 279. T.-R. IV, 59. L.W. XXI, 169*. Br. IV, 643. T.-R.
+III, 128. IV, 62.
+
+[234] _Cord._ 1471. 1597. 589. _Schlaginhaufen_ 419. T.-R. IV, 199.
+
+[235] T.-R. IV, 306 (Cord. 980). L. führte diese Bezeichnung Käthes als
+„Morgenstern“ als Beispiel für die zahlreichen „Metaphern“ oder
+„verblümte Wort“ der deutschen Sprache an, neben Redensarten wie „groß
+Geschrei — wenig Wolle“; „er hängt den Mantel nach dem Winde“. —
+Bekanntlich hat _Engelhard_ diese Methapher im gehässigen Sinn als
+Lucifer Wittenbergensis zum Titel seiner Schmähschrift gemacht: „Lucifer
+Wittenbergensis oder der Morgenstern von Wittenb., d.i. Vollständiger
+Lebenslauff C. von Bore, des vermerkten Ehe-Weibs D.M. Lutheri, in
+welchem alle ihre Scheintugenden, erdichtete Großthaten, falsche
+Erscheinungen weitläuffig erzehlet werden v. R.D. Euseb. Engelhard.“
+Landsperg 1747. — Käthes Krankheiten: Cord. 965. T.-R. IV, 24. II, 230.
+233. III, 37. 122. 131. IV, 259. Br. IV, 530. V, 271.
+
+[236] VI, 547. 332.
+
+[237] _Lauterb._ 111. T.-R. IV, 593. Rietschl 43 f. L.W. XXI, 163*.
+
+
+9. „Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Käthe.“
+
+[238] Br. VI, 151. V, 403. IV, 342. Widerruf vom Fegefeuer. Cord. 105 f.
+Br. IV, 575.
+
+[239] L. Grundbes. 518. (_Burkhardt_) Stud. und Krit. 1896, S. 158 ff.
+1894 S. 769. _Burkh._ 432. _Kolde_, An. L. 396. 409.
+
+[240] VI, 325 f. II, 524, 618.
+
+[241] Diener III, 342. 449. VI, 324 f. _Kolde_, An. L. 195. _Seidemann_,
+Grundbes. 484 f.
+
+[242] Br. III, 104. T.-R. III, 308. Br. III, 496.
+
+[243] III, 495.
+
+[244] V, 189.
+
+[245] _Ratzeberger_ 59 f.
+
+[246] IV. 342.
+
+[247] _Mathes._ 144b. 377. Vgl. Kolde, An. Luth. 254. Hoffmann 99 f.
+
+[248] _Lauterbach_ S. 5.
+
+[249] VI, 328 ff.
+
+[250] Eine Schneiderrechnung: „1 Rock, Hosen und Wams Doktori Martino zu
+machen bei Schneider Cunz Krug 18 Gr.“
+
+[251] Würze und Zucker durfte allein der Apotheker (Lukas Kranach)
+verkaufen. — 1 Loth Seide kostete 1 Gr. 6 ₰; 5 Ellen Barchent 21 Gr. 8
+₰. — „10 Ellen schwarz puritanisch Tuch vor 3 Schock 20 Gr. hat der Rat
+(1524) D.M.L. zum Rock geschenkt und Hier. Krapp (Melanchthons Schwager
+war ein Gewandschneider) bezahlt.“ _Schild_, Denkw. Wittenb. S. 27.
+
+[252] Die Paten waren in Wittenberg sehr zahlreich, wie man schon bei
+Luthers Kindern sieht. Am 20. Jan. 1536 wurden neun Kinder auf einmal
+getauft; da war natürlich auch D. Martinus, ferner D. Pommer, M. Philipp
+und viele andere treffliche ehrsame Leute Gevattern. T.-R. IV, 146.
+Luther stand zahllose Male zu Gevatter. Er hatte es so oft versprochen,
+daß er einmal gar nicht mehr wußte, wem, und es seinem Famulus auftrug,
+es auszukundschaften. IV, 559. (Das erinnert an den vergebenen Traum
+Nebukadnezars, Daniel 2). Hochzeiten V, 570.
+
+[253] Br. IV. 342. _Mathes._ 144b: In der Teuerung zur Pestzeit borgte
+L. beim Schösser etliche Scheffel Frucht und „wagte sie an die armen
+Leute“. T.-R. II, 212. Bezeichnend ist ein Zettel des Doktors (an den
+Stadtrat?) vom März 1539: „Lieben Herrn! Es muß dieser arme Gesell auch
+Hungers wegen davon. Nu hat er keine Zehrung wie die andern und muß fern
+reisen; weil er aber ein fromm gelehrt Mann ist, so muß man ihm helfen.
+So wisset Ihr, daß meines Gebens ohn das viel und täglich ist, daß ich's
+nicht kann alles erschwingen. Bitt derhalben, wollet ihm 30 Gr. geben;
+wo nicht so viel da ist, so gebet 20, so will ich 10 geben; wo nicht, so
+gebet die Hälfte. 15, so will ich die andere Hälfte geben. Gott wird's
+wohl wiedergeben. Martinus Luther.“ VI, 226.
+
+[254] III, 157. V, 570.
+
+[255] _Cord._ 1601.
+
+[256] VI, 329.
+
+[257] _Cordatus_ Nr. 1057 hat nur 50 fl. Im Jahre 1537 aber bei der
+zahlreichen Familie und den vielen Kostgängern kann das lange nicht
+gereicht haben, wenn er auch nur die Barauslagen rechnet. Sonst wäre ja
+auch die Haushaltung nicht „wunderlich“. — VI, 331.
+
+[258] _Fürstemann_, Denkmale D.M.L. errichtet. Nordh. 1846. S. 27.
+
+[259] III, 111. 115.
+
+[260] Potentem et avarum. Strobel, Beitr. II, 481. C.R. V, 314. „Die
+_richtige_ Bezahlung“. _Förstemann_, Luthers Testamente. Nordhausen
+1846, S. 3.
+
+[261] T.-R. IV, 62.
+
+[262] VI, 329.
+
+[263] IV, 342.
+
+[264] An Link: III, 10. 104 an Rühel. „L. Hr. Dr. und Schwager! Das ihr
+meine Käthe hie zu W. geben habt, bin ich lang hernach inne worden;
+meinte nicht anders, Ihr hättet's hinweg, wie ich bat.“ — Käse: IV, 556
+und 599 u.a. Kolde, Ann. L. 423. Kolde, M. Luther II, 519.
+
+[265] Br. V, 605. S.o.S. 155 ff.
+
+[266] _Cord._ 662.
+
+[267] III, 157. V, 424. VI, 326.
+
+[268] T.-R. I, 274. Br. III, 495.
+
+[269] T.-R. IV, 130.
+
+[270] Uebrigens war Käthe im Grundsatz mit Luther einigermaßen
+einverstanden, vgl. den Brief an Löser S. 83.
+
+[271] T.-R. IV, 70 f. Spr. Sal. 31, 10-31.
+
+
+10. Häusliche Leiden und Freuden.
+
+[272] Das Folg. in D.T. Pommerani und I. Jonä Historie von L. geistl.
+und leibl. Anfechtungen. a. 1527. L.W. XXI, 158* ff. Br. III, 187-190.
+
+[273] Br. III, 191. 205. Vgl. 200. 213. 170. — Ueber die Fortschritte
+der Pest. Vgl. auch G. _Buchwald_, zur Wittenb. Stadt- und
+Universitätsgeschichte, L. 1893, S. 3-17. — Mocha(u): VI, 683.
+
+[274] _Buchwald_ S. 7. Auf dem Pestkirchhof wurden die Kleider der
+Pestkranken verbrannt; daher wohl verbrannte dort Luther auch die
+Bannbulle.
+
+[275] Br. III, 217 f. 221. _Buchwald_ 9. 12. 15. Br. III, 188. 193 ff.
+212. 215. 217-19. 221. Teuerung. _Vogt_, Bugenhagens Briefw. Stettin
+1888. S. 106.
+
+[276] III, 218. 221. 225. 240. 241. 243. 247. 253.
+
+[277] III, 222. 246. 248 f.
+
+[278] III, 314. 364 f. 376. 390. VI, 96.
+
+[279] III, 390. 404. 423.
+
+[280] III, 432. 469.
+
+[281] III, 512.
+
+[282] IV, 1 f. 34. 132. 179. V, 186 — „Gruboc“ umgekehrt von Coburg.
+
+[283] Luth. Ztsch. 1880, 50. C.-R. II, 40 f. Br. IV, 115. 132. 2. 10.
+12. 32. V, 186.
+
+[284] IV, 132. 10. 19. 32. 43. 120. T.-R. IV, 244. „Oertlein“ 270.
+
+[285] IV, 121. 51. 10 174.
+
+[286] _F. Eysenhardt_ und _A. v. Dommer_. Mitteil. a.d. Stadtbibl. zu
+Hamburg II, 1885, S. 96. — H ... „Hürlein“. Es ist bekannt, daß für
+Kinder als Kosenamen oft die häßlichen Wörter gewählt werden z.B. „Du
+Spitzbub. Du Schelm!“ So hörte ich einmal eine alte Kindsmagd im
+Ueberschwang ihrer Gefühle sagen. „Du liebes Schindluderle“. — Luther
+gebrauchte also, wie sonstige Gelehrte, zum _Lesen_ schon früh (1525)
+eine Brille. II,624. — Ueber den Goldschmied Christian Döring s. Br. VI,
+657.
+
+[287] IV, 7.
+
+[288] IV. 39. 41. 7. 9. 16-18 (vgl. III, 219).
+
+[289] IV, 4. 7 f. 13 f. 51 f. 41 f. 39.
+
+[290] IV, 131 ff.
+
+[291] Die Briefe waren lateinisch.
+
+[292] Exemplar = Manuskript.
+
+[293] VI, 121 f.
+
+[294] Br. IV, 230. 322.
+
+[295] Großeltern. T.-R. I, 201. Brief an den kranken Vater III 550 f.,
+an die Mutter IV, 256 ff.
+
+[296] Martin IV, 313. 320. 414. T.-R. 201. Paul IV, 411. 431. 436.
+Margarethe IV, 574, vgl. 555. Hans immatrikuliert, _Lauterbach_ 141.
+
+[297] _Kolde_, An L. 184. Br. VI, 144.
+
+[298] Burkh., St. und Krit., a.a.O., 158.
+
+[299] IV, 553.
+
+[300] _Köstlin_ IV, 380 f.
+
+[301] IV, 362. V, 560. 643. 703 f., vgl. 524: „Euer Sohn hat jetzt die
+Masern gehabt; haben sein mit Fleiß gewartet nach Dr. Augustin (Schurf)
+Rat; ist nun wieder gesund.“
+
+[302] IV, 342. T.-R. IV, 93, lies: Rischmann.
+
+[303] Wenigstens wird Jakobs von Seidewitz sel. Sohn, Kammerjunker
+Martin von Seidewitz erwähnt. Ztschr. f. hist. Theol., 1860, S. 570.
+
+[304] V, 106. 201. 411. 516. Ztschr. f. hist. Th., 1860, 565-69.
+
+[305] T.-R. IV, 451 f. 244.
+
+[306] T.-R. I. 201 f. 204. 205.
+
+[307] V, 46 f. 492 f. Daß Luther seinen Sohn Hans schon (1533) im 7.
+Jahr ein lateinisches Urteil über Erasmus und im 11. Jahr (1537) einen
+lateinischen Brief schreibt (Br. IV, 497, V, 46), ist nicht zu
+verwundern; schrieb doch der 11jährige Herzog Wilhelm von Sachsen an
+Hans Luther auch eine, wohl mit Hilfe seines Lehrers, verfaßte
+lateinische Epistel 1541, _Mayer_ § 17. (D. D. _Richter_, Geneal.
+Luther. 379).
+
+[308] _Lauterbach_ 141. Martin. T.-R. I, 205. _Köstlin_ II, 491.
+Florian, Ztschr. f. K.-Gesch. II, 145 f.: L. diktiert dem Buben zum
+Willkomm drei Tage hintereinander je des Tages einen guten fetten
+Schilling. — Zeile 10 lies: Florian (st. Fabian).
+
+[309] T.-R. I, 202.
+
+[310] T.-R. IV, 76. 64.
+
+[311] T.-R. IV, 129. _Matthes._ 145.
+
+[312] Muhme Lehnes Tod. T.-R. III, 153. — Rosine, Br. V, 625. 396. 506.
+753.
+
+[313] V, 101.
+
+11. Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod.
+
+[314] T.-R. IV, 41. 84. 104. Br. V, 186 f. 198. II, 317.
+
+[315] T.-R. IV, 53, 75. 51.
+
+[316] VI, 189 f. 196. T.-R. III, 147. IV, 54-56.
+
+[317] Br. VI, 217.
+
+[318] T.-R. IV, 58. I, 184. — Wein und Brot. T.R. I. 106. Wenn Luther
+das Tanzen empfiehlt, so vgl. [445].
+
+[319] T.-R. IV, 59.
+
+[320] IV, 610 f. 618. 625. 627. _Burkh._ 237 f.
+
+[321] V, 49 ff. 57 f. („hessische Betten“). _Ratzeberger_ 105 f. (nasse
+Bettücher), _Seckendorf_ III, § 60. _Burkh._ 276.
+
+[322] Mist: In Schmalkalden gab man Luther ein Getränk? von Pferdemist
+und Knoblauch ein. Man hielt viel auf solche Mistkuren: T.-R. I 120:
+„Pferdemist dienet für Pleurosie“.
+
+[323] V, 59 f.
+
+[324] V, 59. 270. 58.
+
+[325] Muhme Lene † T.-R. III, 153.
+
+[326] IV, 524. V, 188. _Burkh._ 259. _Schmidt_, Ztschr. f. Gesch. II,
+256. VI, 187 f.
+
+[327] VI, 188.
+
+[328] V, 579. 259 f. VI, 291. _Seckendorf_ III, 182. V, 127.
+
+[329] VI, 444 ff. schrofa (d.i. scropha) ista Boemica „jene böhmische
+Sau“, _Burkh._ 285 f. 289-95.
+
+[330] Burkh. 365. 467.
+
+[331] T.-R. I, 225. II, 212.
+
+[332] T.-R. II, 441 f. IV, 257. Br. V, 218 f. 225. Auch Dr. Sebald und
+seine Frau hatte er besucht, angegriffen und betastet. Und da er ihre
+Kinder ins Haus genommen, gaben ihm etliche einen Stich, als wollte er
+Gott versuchen, T.-R. IV, 251.
+
+[333] Jonas' Briefw. I, 381 f. Diese Krankheit muß es gewesen sein, von
+der Luther T.-R. IV, 259 redet. Als nämlich von den Schrecken des Todes
+die Rede war, sagte er. „Da fraget meine Käthe drum, ob sie des etwas
+gefühlet hat, denn sie war recht gestorben.“ Sie aber antwortete. „Herr
+Doktor, ich habe gar nichts gefühlet.“
+
+[334] V, 269-271. 273. 277. 218. _Ratzeberger_, 104. T.-R. II, 230. 233.
+
+[335] Jonas' Briefw. I, 383.
+
+[336] V, 300.
+
+[337] _Burkh._ 356 ff.
+
+[338] Sprichwörtlich, vgl. S. 131. Seltsamerweise kehrt die alte
+Schreibart des Namens wieder, vielleicht bei einem Abschreiber, obwohl
+man auch damals wußte, daß L. seinen Namen von Lothar („vom Kaiser
+Luther“) habe, wie der Stadtpfarrer M. Cölius zu Eisleben in seiner
+Leichenrede erklärt. _Förstemann_, Denkm., Nordh. 1846, S. 55.
+
+[339] _Burkh._ 131, I. VI, 269 f.
+
+[340] V, 298.
+
+[341] V, 299 f.
+
+[342] V, 107. 201. 411. 516. _Faber_, Briefw. 14. _Burkh._ 401. 423.
+
+[343] V, 306.
+
+[344] V, 336. 346. 348-52.
+
+[345] V, 416, 431. VI, 297.
+
+[346] V, 744. 763.
+
+[347] Vgl. S. 196. Cyriak: andere nehmen seinen Bruder Fabian als den
+heimlich Verlobten an; er war gleichzeitig mit seinem Bruder Andreas und
+seinem Vetter Hans Luther an Trinitatis 1533 immatrikuliert — also
+jünger wie Cyriak, welcher schon 1529 Student war. Daher wird auf diesen
+die Verlobung eher passen. — T.-R. IV, 96. 84 ff. 491 ff. 500 ff. Beier:
+Br. V, 619. 676. Burkh. 453 f. C.R. V, 313, 286 ff. Mel. d. J.
+Verlöbnis. Kreuzigers Klagebrief über die Wittenb. Händel. Br. V, 620:
+L. hat Melanchthon übermocht, daß er seinem Sohn nicht nachgebe. 616:
+Phil. und sein Weib vergehen fast an ihrem Sohn.
+
+[348] V, 497. — Das folgende steht in T.-R. 258-265.
+
+[349] Die folgenden Verse, in deutscher Uebersetzung, lauten:
+
+ „Die ich in Sünden war geborn
+ Hätt ewig müssen sein verlorn,
+ Aber ich leb nun und hab's gut,
+ Herr Christe erlöst mit deinen Blut.“
+
+Sie sind vielleicht vom Berichterstatter. _Mayer_ § 20. — _M. Richter_,
+Geneal. Luther. 352.
+
+[350] V, 502 f. 506.
+
+[351] V, 520.
+
+[352] V, 519.
+
+
+12. Tischgenossen und Tischreden.
+
+Vgl. _Anton_, Zeitverk. 145 ff.
+
+[353] IV, 629.
+
+[354] _Schadow_, Wittberg Denkw. 60 f. Br. III, 14. V, 11. 15. 19.
+Verlöbnis 196.
+
+[355] IV, 476. 629. C.R. XXIV, 397. Burkh. 237 f. Br. IV, 641. 414.
+
+[356] III, 217. VI, 286. _Lauterb._ 158. V, 767. _Kolde_ 377.
+
+[357] _Burkh._ 238. Br. IV, 413. 629. T.-R. I, 179. V, 767.
+
+[358] V, 619. 624 f. 630.
+
+[359] Besuch von Mansfeld, z.B. 30. November 1538, T.-R. III, 358. —
+Capito V, 70.
+
+[360] _Burkhardt_, Th. St. u. Krit. 1896, S. 192. 161.
+
+[361] Cordatus, S. 13. 20. 22. T.-R. I, 414.
+
+[362] II, 153. 46. 677. III, 9. 31. 59. 130. 149 f. 210. 394. 401 f.
+476. IV, 272. 370. 388 f. T.-R. IV, 297. _Burkh._ 216 ff. _Kolde_, An.
+Luth. 197.
+
+[363] Lauterb. IX.
+
+[364] T.-R. IV, 667. _Seidemann_, M.A. Lauterbachs Tagebuch, Dresden
+1872, V-VII, _Waltz_, Ztschr. f. K.-Gesch. 1878, S. 629 f., vgl. Beitr.
+zur Sächs. K.-G., 1893, S. 74 ff. 79.
+
+[365] _M. Preger_, Tischreden L.s nach den Aufz. von Schlaginhaufen, L.
+1888, S. VI-X. T.-R. III, 118 f.
+
+[366] _H. Nobbe_. Dr. H. Weller, Ztschr. f. hist. Th. 1870, S. 153 ff.
+Br. IV, 38 f. 131. 477. 586. Beide Weller des jungen Musikus Joh. Jöppel
+gute Freunde! 535. Ruf nach Dresden 161. Schwermut 556 f. Cord. 601, 6.
+783. Br. V, 11. T.-R. 538. Cord. 1774: „Lieber Weller, lügt Euch nicht
+zu Tode; Ihr könnt noch wohl ein Jurist werden.“
+
+[367] T.-R. II, 46. Mayer, p. 56 f.
+
+[368] T.-R. II, 210. L.-W. XXI. 186* ff.
+
+[369] T.-R. I, 57 f.
+
+[370] _Hirsch_ und _Würfel_, Lebensbeschr. aller Hh. Geistlichen in
+Nürnberg. Nürnb., 1756. III, 4-6. — Br. IV, 363. 192. 199. Krause Sinne:
+T.-R. III, 184. Cord. 920. _Hausrath_ 278. Vgl. oben S. 121.
+
+[371] Briefe aus Wittenberg an H. Baumgarten. Ztschr. f. hist. Th.,
+1874, S. 546 f. — Br. IV, 665. V, 564.
+
+[372] C. Ref. V, 314^4. S.o.S. 963. Stud. und Krit. 1887, S. 354.
+_Köstlin_ II, 496. — Die Klagen Besolds über Frau Käthe werfen nicht
+gerade ein schlechtes Licht auf ihren Charakter. Ihre „Habsucht“ belegt
+er damit, daß sie „alles zu Rate gehalten und bei den Tischgenossen auf
+richtige Bezahlung gedrungen“; ihre „Herrsucht“ damit, daß sie
+„diejenigen Theologos nicht leiden können, welche Weiber von schlechten
+Stande geheiratet.“ Beides ist nur ein Beweis für ihre gesunde
+praktische Lebensansicht.
+
+[373] Lemnius: „ein Poetaster und Leuteschänder“ Matthes. 126. Br. V,
+105. 381 f. 385-7. — T.-R. II, 223. III, 317. IV, 95. 259. 705. M.
+Holstein, „der neue Jurist“: T.-R. III, 317. — Th. St. und Krit. 1887,
+S. 354. Ztschr. f. hist. Th. 1874, S. 570 ff.
+
+[374] Br. VI, 234. 270. V, 29. T.-R. III, 293. 381. IV, 285. — Vgl. o.S.
+131.
+
+[375] Matthes. 68. T.-R. IV, 444.
+
+[376] T.-R. IV, p. XX, s.u. 204. 206. 229. 236.
+
+[377] T.-R. IV, p. XVIIIf. Br. VI, 328. Matthes. 131. Nach M.D.
+_Richter_, Geneal. Luth. 369, war auch der Jurist Joh. Schneidewin 10
+Jahre Käthes Haus- und Tischgenosse und wurde nachher Zeuge für
+Margarete L. beim Teilreceß 1554.
+
+[378] Matth. 68. 209a. 211.
+
+[379] IV, 667 f.
+
+[380] V, 115. IV, 435 f.
+
+[381] V, 402.
+
+[382] C.-R. V, 314^4.
+
+[383] IV, 524. S.o.S. 116.
+
+[384] L.-W. XXI* 166. 165.
+
+[385] _Matthes._ 141. 143. 209.
+
+[386] _Waltz_, Ztschr. f. K.-Geschichte, 1878. S. 629. _Hausrath_ 266
+bis 273.
+
+[387] Cord. 133. _Matthes._ 151.
+
+[388] _Matthes._ 133. 211.
+
+[389] T.-R. II, 247.
+
+[390] _Cord._ 731. _Lauterb._ 5. 38.
+
+[391] T.-R. IV, 131 f. Vgl. _Schlaginhaufen_ Nr. 147. „Luther: Der Satan
+hat Gottes Sohn erwürget. Respondit uxor D.: Ei mein lieber Herr Doktor
+von Credo.“
+
+[392] T.-R. III, 90 f.
+
+[393] T.-R. IV, 134.
+
+[394] Cord. 1205. Der große Zwischensatz sieht allerdings aus, wie eine
+Einwendung Luthers; aber der Berichterstatter, der doch sonst Katharina
+nicht sonderlich wohl will, schreibt die _ganze_ Rede ihr zu.
+
+[395] Cord. 120.
+
+[396] Cord. 110 f.
+
+[397] _Lauterb._ 156. — Der gelehrte „Engeleser“ war wohl „der schwarze
+Engeleser“ Dr. Antonius Robert Barns (Barnes) S. 144.
+
+[398] T.-R. IV, 78. 121 f. Vgl. o.S. 55. 73. Schlaginhaufen Nr. 187. Als
+die Rede auf den Türken kam, sagte die Doktorin: „Ei behüt uns Gott vor
+dem Türken!“ Der Doktor: „Ei, er muß einmal den Pelz laufen.“ 216: Die
+Doktorin stach was in die Seite; da schreit sie laut auf: „Ave Maria!“
+Sagt der Doktor. „Warum hast Du nicht billig am Ende den angerufen, der
+am Anfang? Wäre nicht Jesus Christus auch ein tröstlich Anrufen?“ 228:
+Der Doktor neckte einmal seine Frau, es werde noch dahin kommen, daß
+ein Mann mehr als ein Weib nehme. Da sagte die Doktorin: „Das glaub der
+Teufel!“ Und als Luther auf Gründe der Natur wies, da berief sich Käthe
+auf Paulus; als aber der Doktor auch dies widerlegte, sagte sie: „Bevor
+ich das zugäbe, würde ich lieber wieder ins Kloster gehen und Euch und
+alle Kinder verlassen.“
+
+[399] Br. III, 35.
+
+
+13. Hausfreunde
+
+Vgl. _Anton_ D.M.L. Zeitverkürzungen. L. 1804, S. 94 ff.
+
+[400] V, 668. Vgl. Matthesius zu 1529: Luthers „Discipel“ fangen an zu
+lesen.
+
+[401] Br. IV, 503. 565. 636. _Burkh._ 319. _Kolde_, An. L. 82.
+_Buchwald_ 48. 52. Br. II, 677. III, 150 u.a. IV, 344. VI, 138. 411.
+„Kütten-Latwerg“ d.i. Quitten-Latwerge.
+
+[402] IV, 500. V, 434. 503. III, 77.
+
+[403] Fr. S. Keil, Dr. M.L. Merkw. Lebensumst., S. 699. Ztschr. f. hist.
+Th., 1874, S. 551. —
+
+[404] III, 35. 128. IV,36. V, 96. 426. VI, 450. T.-R. III.
+
+[405] _Kawerau_, Ztschr. f. K.-Gesch., IV, 301. T.-R. III, 375.
+
+[406] „Grickel und Jäckel“. T.-R. III, 358-82. — _Anton_, L.s
+Zeitverkürzungen 145. Vgl. das Katechismusglas T.-R. II, 174. Köstlin
+II, 465. 469. — Das überlaute Schreien Agrikolas charakterisiert
+Creuziger in einem Brief an Veit Dietrich: er lehre in der Schule nach
+Gewohnheit grandibus buccis (mit vollen Backen).
+
+[407] III, 253 u.a. V, 162 f. 450. 703. T.-R. I, 272. 328.
+
+[408] III, 226.
+
+[409] III, 199 f. 389 f.
+
+[410] T.-R. III, 358. 370. 376. Br. IV, 161. S.o.S. 53. S. 77. — L.
+kommt zur Taufe nach Torgau. _Lingke_, L. Reisegesch. 159.
+
+[411] III, 523. IV, 556. V, 67. 74. 326.
+
+[412] _Kolde_, An. L. 234. 241. 239. 307. Br. V, 70.
+
+[413] III, 17. IV, 198.
+
+[414] IV, 176. VI, 129. 367. V, 402. C.-R. V, 214^4. _Seidemann_,
+Ztschr. f. hist. Th., 1874. S. 555 ff.
+
+[415] V, 672. Th. Studien und Krit., 1887. S. 353 ff. Oeffentliche
+Gebete in W. für B. — Reden und Jammern bei Tisch. Vgl. Melanchthon an
+B. am 25. März 1546: (C.-R. VI, 93): „Von Dir hat Luther immer mit Liebe
+und Verehrung gesprochen.“ Ueber die Gefangenschaft Baumgartens vom 31.
+Mai 1544 bis anfangs August 1545. _S. Seidemann_, Kollektaneen. Anz. f.
+d. K. der d. Vorzeit. R.F. 1854. 1855.
+
+[416] Vgl. oben S. 1. 4. 5. Br. IV. 665. V, 564.
+
+[417] IV, 556. 607 f. 247. VI, 736. IV, 611. 596.
+
+[418] „Feldglocken“ = Galgen, also Galgenschwengel.
+
+[419] IV, 586.
+
+[420] V, 11. 15. 19. 22. 274.
+
+[421] T.-R. I, 414. III, 96. 115.
+
+[422] III, 219. IV, 31. 499.
+
+[423] III, 447. 492. IV, 183. 215. III, 434.
+
+[424] IV, 261. 312. 317. 490. III, 490. IV. 343.
+
+[425] IV, 414, 476. V, 22. 139. Vgl. _Kolde_, An. Luth. 332 — T.-R. IV,
+256 f.
+
+[426]. IV, 494. VI, 266. V, 57. Matthes. 319
+
+[427] V, 38. 271. 285. 401 u.f.f. Vgl. Br. VI, 533-35. 674. IV, 583 f.
+T.-R. IV, 47.
+
+[428] Tischgespräch: II, 265. Besorgungen: Br. V, 228. 493. 668. 602.
+628. 637.
+
+[429] III, 53. 119. 154. 254. 372. V, 330. 148.
+
+[430] V, 59. S.o.S. 126.
+
+[431] V, 312 f. VI, 318. V, 507. 605. 609. 627.
+
+[432] Ztschr. f. K.-G., 1878, S. 304.
+
+[433] _Anton_, L. Zeitverf. S. 116 f.
+
+[434] _F.W. Löhe_, Ztschr. f. hist. Th. 1840, S. 175-247. _Piper_,
+Zeugen der Wahrheit L. 1874, Bd. IV, S. 375-82. Elisa, Br. IV, 654.
+Testament, Br. V, 425. T.-R. II, 397. Kreuziger war der Protokollführer
+der Evangelischen und Nachschreiber von Luthers Predigten. Myconii
+Historia Reform. 1517-42 v. E.S. Cyprian, L. 1718. S. 47.
+
+[435] Aufträge IV, 10, Meßgeschenk 422. Frau Elis. Kreuziger: Ztschr. f.
+hist. Th., 1874, S. 554. _Lauterb._ 183.
+
+[436] IV, 684. V, 11. IV, 414.
+
+[437] _Piper_, Bd. IV, 356-368.
+
+[438] III, 230. 111. 219.
+
+[439] IV, 375. III, 304. 245. 252 f. 264. 281. V, 299. u.s.w.
+
+[440] III, 512. IV, 131.
+
+[441] III, 244. 253. 314.
+
+[442] III, 314. 375. _Zitzlaff_, Bugenhagen, Wittenb. 1885, S. 106.
+„Pomerisches Rom“, Br. V, 48. Mit „Oel“ = Bier; vgl. das englische ale.
+
+[443] _Piper_ IV, 368-75. — VI, 304. Jonas' Briefwechsel I, 115. 153.
+160. 174. II, 77.
+
+[444] Br. IV, 10. 16 f. 18 f. V, 414. 557. 109. 114. 201.
+
+[445] _Buchwald_ 62. V, 7. VI. 303.
+
+[446] V, 519. IV, 9.
+
+[447] IV, 629 f. V, 3 f. 100. 394 f. 470.
+
+[448] Briefw. I, 380-3. (_Kolde_, An. L. 134, Br. IV, 629). ἡ γυνή vgl.
+Offenb. Joh. 12, 1.
+
+[449] Jonas in Halle, V, 346. Neckerei 396. Seine Frau [Symbol:
+gestorben] 519.
+
+[450] Ueber Luthers Verhältnis zu Melanchthon vgl. _Anton_ 31-33. V,
+336. 171. 344. 270.
+
+[451] Zur Charakteristik von Frau Melanchthon, C.R. III. 390. 396. 398.
+Kolde, M.L. II, 463. 471. 603. Kleiderordnung, Schadow, Wittenb. Denkw.,
+S. 60 f.
+
+[452] C.R. III, 398. T.-R. III, 390. Vgl. Köstlin II, 462.
+
+[453] Kolde, An. L., 311. 318. Br. V, 105. T.-R III, 275 ff.
+
+[454] VI, 199. T.-R. III, 275 ff. IV, 126, vgl. Matthes. 126. Kolde, 321
+f. 326 f. Hofmann 193.
+
+[455] C.R. V, 641. 123 f. IV, 143. 154. 169. 303. V, 113. VI, 20 f.
+
+[456] V, 273. 277. Fröhlich sein: 294. 323. C.R. VI. 53 f.
+
+[457] C.-R. V, 410. — Käthe oder Melanchthon meint dabei wohl den
+„Schwaben“ Simon Lemnius und den Sachsen (Joh. Sachse aus) Holstein
+(s.o.S. 146). Sie stellte übrigens dem Melanchthon dies nicht als _ihre_
+Meinung, sondern als Klage des Holstein dar.
+
+[458] C.-R., V, 410.
+
+[459] Die beiden Kanzler sind Brück und Beier.
+
+[460] _Zitzlaff_, Bugenhagen S. 107.
+
+[461] _Kreußler_, Denkmäler der Reformation L. 1817. S. 29. Abneigung
+gegen Theologen-Weiber aus niederem Stande. Br. VI, 419. C.-R. V, 314^4.
+S.o.S. 146^1. _Seidem._, Beitr. z. Ref.-Gesch. 496. Auch mit dem alten
+Bildenhauer verkehrte L. viel. Vgl. T.-R. I, 24 ff. — Die
+Krankenpflegerinnen des Mittelalters waren die „Beguinen oder
+Seelweiber“, _Matthes._ 159b.
+
+[462] T.-R. III, 127. II, 210.
+
+
+14. Käthe und Luther.
+
+Vgl. _Anton_ 117 ff.
+
+[463] T.-R. IV, 124. 38. (77).
+
+[464] _Küchenmeister_: L. Krankheitsgeschichte. S. 54.
+
+[465] T.-R. IV, 53. Br. VI, 332.
+
+[466] _Lauterbach_ 2. _Küchenmeister_ 111.
+
+[467] _Lauterbach_ 2. _Küchenmeister_ 111. Br. V, 51.
+
+[468] Br. 330. T.-R. I, 134. 212. 213. IV, 129.
+
+[469] Käse V, 319. Bier von Jonas V, 100. Königin der Biere V, 470.
+Sehnsucht vom Hof nach Haus: IV, 553. Hofbrot V, 51.
+
+[470] T.-R. IV, 69: „Wenn ich bei mir selbs (daheim?) bin, dank ich
+unserm Herrgott für das Erkenntnis der Ehe“ T.-R. IV, 59. S.o.S. 123, 2.
+
+[471] _Melanchthon_, Vita Lutheri p. 8. _Mayer_ §27. _Hofmann_ 148. Das
+Katechismusglas, T.-R. II, 144. III, 170.
+
+[472] T.-R. IV, 300 f. Vgl. I, 103. Br. VI, 330.
+
+[473] S.o.S. 71. 104 f. 126-128.
+
+[474] Dr. Fr. _Küchenmeister_, L.s Krankengeschichte. L. 1881.
+
+[475] II, 616. III, 254. V. 330. VI, 115. 130. 144.
+
+[476] T.-R. I, 208. _Walch_ XXI, 275*. _Küchenmeister_ 52 f.
+
+[477] Die Antrittsrede (_Hofmann_ 110) ist übrigens nach damaliger Sitte
+von Melanchthon verfaßt. — Zum folg. vgl. S. 124.
+
+[478] T.-R. IV, 271. — _Ratzeberger_ S. 61 f.
+
+[479] Br. III, 219. 244.
+
+[480] T.-R. II, 210. III, 51.
+
+[481] _Kolde_, An. Luth. 234.
+
+[482] _Mayer_ §27. Keil II, 199. T.-R. I, 212. 210.
+
+[483] _Anton_, L. Zeitverk. S. 117 ff.
+
+[484] V, 163. IV, 599.
+
+[485] Diese Anekdote, welche u.a. Albert _Richter_, Deutsche Frauen, L.,
+Brandstätter 1896, S. 162 erzählt, habe ich aus den Quellen nicht
+belegen können.
+
+[486] T.-R. III, 131. Br. IV, 123. Vgl. T.-R. II, 215. Da sagt L. von
+seinen cholerischen Temperament: „Ich habe kein besser Werk denn Zorn
+und Eifer; denn wenn ich wohl dichten, schreiben, beten und predigen
+will, so muß ich zornig sein: da erfrischt sich mein Geblüte, mein
+Verstand wird geschärft und alle unlustigen Gedanken und Anfechtungen
+weichen.“
+
+[487] _Strobel_, Beitr. II, 481 (C.-R. V, 314). (14. Febr. 1544). Scis
+illum habere ad multa quae cum inflammant facem domesticam. Als 1533 der
+Stadtschreiber _Roth_ von Zwickau mit seiner Frau und den dortigen
+Geistlichen in Hader lebte und infolgedessen auch Luther gegen ihn
+aufgebracht war, berichtete ein Student, Peter von Neumark, an Roth von
+Dorothea, einer Verwandten von Roth, die an einen „seinen und züchtigen
+Schustergesellen“ verheiratet war. „Sie (Dorothea Kersten) hat mir auch
+darneben geklagt, wi das die Doktor Martinus Lutherin wiliche doch Hader
+und Zank stillen solde ja vil mher hätte angericht.“ _Buchwald_ 37. 104.
+— Das ist aber nach den Verhältnissen eine recht unlautere Quelle.
+
+[488] _Buchwald_ 176. Vgl. Köstlin II, 492. 608 f.
+
+[489] _Mayer_ §27. Keil II, 199.
+
+[490] Br. V, 790.
+
+[491] S.o.S. 112. 106 f.
+
+[492] IV, 174. Riedtesel: Kurf. Direktor.
+
+[493] IV, 553. VI, 270.
+
+[494] _Ratzeberger_ 122.
+
+[495] III, 125. Vgl. IV, 49. Cord. 22.
+
+[496] VI, 185. L. Test. S. 6.
+
+[497] V, 422.
+
+[498] Hier. _Weller_ Opp. I, 871. Test. 7.
+
+[499] Cord. 1005. 1079. 55. T.-R. IV, 48. Der Sinn ist in beiden
+Redensarten: Maulschellen geben = über den Mund fahren; bildlich: auf
+eine scharfe Redensart mit einer scharfen (oder schärferen) erwidern. —
+Daß Luther es nicht wörtlich meinte (wie Wrampelmeyer a.a.O. anzunehmen
+scheint), geht aus T.-R. IV, 38 hervor, wo Luther von Eheleuten, die
+einander „raufen und schlagen“, sagt: „das sind nicht Menschen.“
+Uebrigens steht T.-R. IV. 48 die Rede in einem bestimmten Zusammenhang.
+Da ist von einem Magister die Rede, der seine Freiheit an eine reiche
+Frau verkauft hatte und dem diese übers Maul fuhr: „Du hättest müssen
+ein Bettler sein, wenn ich Dich nicht genommen.“ Da sagt Luther: „Ich
+_hätt_ auch gerne, daß“ ...; da konnte man meinen, L. wolle sagen: „Ich
+hätte auch gerne, wenn mir meine Frau so übers Maul fahre“ — freilich
+u.s.w.
+
+[500] T.-R. IV, 72.
+
+[501] IV, 553. Cordatus bemerkt in seiner bissigen Weise dazu: Das ist
+sicherlich wahr (Nr. 1837). So ist auch in der Rede, worin Luther von
+ihrem „Stolz“ spricht, dessen er sie vor seiner Verheiratung für
+verdächtig hielt, die Einschaltung — vom Herausgeber der Reden oder als
+neckende Bemerkung von Luther? — gemacht: ut est (wie es auch ist).
+Lauterbach 162*.
+
+[502] III, 10. IV, 649. V, 19. 59. 110. 304. 431. IV, 221. 524. VI, 304.
+III, 512. 145. IV, 221. Auch Jonas' Frau nennt L. tuum dictative. III,
+213.
+
+[503] III, 15. IV, 632. V, 10.
+
+[504] Br. III, 512. IV, 552. 132. 553. VI, 545. V, 296. 783. (786). VI,
+269. 547. III, 341. V, 122. 127. 780. 784. 788. T.-R. IV, 119.
+
+[505] T.-R. IV, 78. Vgl. 126.
+
+[506] T.-R. IV, 78. I, 209. 208. 211 f. IV, 212.
+
+[507] T.-R. I, 210. IV, 44. 125. I, 208. Sehr scharf spricht sich L. aus
+über Schmähungen von „Frauen und Jungfrauen“. „Ob sie gleich Mangel und
+Fehl haben.“ T.-R. IV, 126.
+
+[508] T.-R. IV, 120. 77. III, 75. IV, 78. Cord. 48. Uebereinstimmend mit
+dem Spruch der Frau Cotta schreibt L. in einem Beileidbrief (1536, Br.
+IV, 687). „Es ist der höchste Schatz auf Erden eine liebe Hausfrau.“
+
+[509] T.-R. IV, 52. _Cord._ 22. T.-R. IV, 50. 53.
+
+[510] _Cord._ 249. 1780. T.-R. IV, 40.
+
+[511] T.-R. 43 f. 54 ff. Reden über den Ehestand. IV, 34-156. Vgl.
+_Froböse_, D.M.L. ernste kräftige Worte über Ehe und ehel. Verhältnisse.
+Hannover, 1823.
+
+[512] T.-R. IV, 34. 38. 77. 73. 49. Cord. 1379.
+
+[513] T.-R. IV, 50. 204.
+
+[514] _Cord._ 22. T.-R. IV, 72. 50 f.
+
+[515] Br. V, 126. T.-R. 58. 37 f.
+
+[516] T.-R. I, 116. Com in ep. ad. Gal. — Seckendorf I, § 63.
+_Lauterbach_ 2. 37.
+
+[517] Br. IV, 645. 649. (Das Lesen Br. IV, 649 wird wohl vom Flachslesen
+gemeint sein.) T.-R. I, 20. — Vgl. Was Luther von den Juden sagt: „Sie
+schreien wohl sehr und beten heftig, mit großem Ernst und Eifer; mich
+wundert's, daß Gott sie nicht erhört.“ T.-R. I, 109. — _Köstlin_ II,
+437.
+
+[518] V, 787. — Link in Nürnberg schickt sogar seinen Annotationes in
+Genesim an Käthe. V, 713, vgl. _Buchw._ 48.
+
+[519] Die Schreibkunst hochstehender Frauen veranschaulicht ein Brief
+der Gräfin von Mansfeld an Luther (vom 14. Sept. 1545), welcher so
+anfängt: „Lieber togktor ich besyntt auß eurem berichtt, das es kein
+Floß (Fluß, Rheuma) ist noch wirtt“ u.s.f. _Kolde_, An. L. 391.
+
+[520] So erkundigt sich die Herzogin Sibylle schriftlich bei Luther nach
+seinem lieben Weibe. So entbietet Herzog Albrechts liebe Gemahel Luthers
+und Melanchthons Häusern und tugendsamen Frau Dienst und Gruß. _Burkh._
+162. Br. V, 638. _Kolde_, An. L. 189. Vgl. die Besuche von Fürsten und
+Fürstinnen. — Käthe heißt auch bei den Freunden respektvoll die Domina,
+Doctorissa, δεσποινα διδασχαλη (vgl. S. 171)
+
+[521] Im Museum zu Leipzig.
+
+[522] V, 520.
+
+
+15. Luthers Tod.
+
+Hierzu besonders _Förstemann_, Denkmale dem D.M.L. von s. Zeitgenossen
+errichtet. Nordhausen 1846.
+
+[523] S.o.S. 181, 2.
+
+[524] V, 522. 544. 628 f. 642. T.-R. II, 261. Bündnis mit den Türken:
+T.-R. IV, 661.
+
+[525] Fladenkrieg. T.-R. IV, 444-47. _Ratzeberger_ 112. Mainz: Br. 522.
+602. „Grickel und Jäckel“: V, 383. 629. 734. T.-R. II, 470. Kölner
+Reform V, 584. 708. Epigonen: V, 527. 529. 539. 550. 553. 572. 586. 659.
+663. V, 537. 571. 708 f. 727.
+
+[526] V, 616. 708. _Ratzeb._ 123 f.
+
+[527] Vgl. zu S. 134, 2. T.-R. IV, 98 f. 104. 500 ff. Ueberhaupt über
+„die garstigen Juristen“, (495): 478-541. 523: „Es ist ein ewiger Hader
+und Kampf zwischen den Juristen und Theologen, wie zwischen Gesetz und
+Gnade.“ _Beste_ 77 f. _Hofmann_. 156 f.
+
+[528] Heimliche Verlöbnisse. V, 616 ff. 627. 715. 747. 744. 763. T.-R.
+IV, 99. 491 f. _Köstlin_, II, 580.
+
+[529] V, 527. 586. 604. 679. 683. 688. 700. 704. 711. 726.
+
+[530] V, 518.
+
+[531] V, 643. 703.
+
+[532] T.-R. III, 15 f.
+
+[533] V, 359. _Kolde_, An. L. 391.
+
+[534] V, 529. 743.
+
+[535] V, 571. 534. Denkmale 31. 26. _Ratzeb._ 137.
+
+[536] V, 600. 555. 638. 703. 743.
+
+[537] V, 541. 571. 778.
+
+[538] T.-R. III, 131. Br. V, 571.
+
+[539] VI, 590. 628 ff. 570. 600. 642. 299. 674. Nach dem jüngsten Tag
+seufzt Luther auch sonst: Als L. einmal ein Paternoster (einen
+Rosenkranz) von weißen Agatsteinen in der Hand hatte, sprach er: „O
+wollte Gott, daß der Tag nur balde komme! Ich wollte das Paternoster
+jetzt essen, daß er morgen käme.“ T.-R. I, 63.
+
+[540] So Bugenhagen in seiner Leichenrede für Luther. Denkm. 92.
+
+[541] V, 747.
+
+[542] V, 753. 561. 710. VI, 302. Lob Nürnbergs: T.-R. IV, 665. _Burkh._
+463. _Kolde_, An. L. 423. Br. V, 753. — „Kleiderordnungen“ von 1562 und
+1576; vgl. _Schadow_, Denkw. 60. 92.
+
+[543] Br. V, 752 f.
+
+[544] Ernst von Schönfeld ist ein Bruder der Ave aus Nimbschen, welche
+den Basilius Axt geheiratet hatte. Ueber ihn hatte sich L. 1540 beklagt,
+daß er seiner Schwester ihre tochterliche oder fräuliche Gebühr
+vor(ent)hielt. L. nimmt sich der Ave, (für die er sich einst
+interessiert hatte, s.S. 46, 2, T.-R. IV, 50), in einem Briefe an den
+Kurfürsten an, auch nach dem Tode ihres Mannes und ihrer Kinder (1541).
+V, 289. 403. S.o.S. 16. 29.
+
+[545] Das Schwarze Kloster.
+
+[546] Die vier Fakultäten?
+
+[547] Georg von Anhalt, Bischof von Merseburg.
+
+[548] „gesegnen von meinenwegen“ = in meinem Namen Lebewohl sagen.
+
+[549] _Burkh._ 475 ff. 483. _Kolde_, An. L. 416. 423.
+
+[550] _Lingke_, L. Reisegeschichte, 284 f.
+
+[551] Denkm. 1. 2. Br. V, 779. 771. _Ratzeb._ 134 ff. 129. Denkm. 22.
+
+[552] „Unartiges“ Wetter, _Ratzeb._ 134. — Reisegenossen, Jonas' Briefw.
+II, 182 ff. — Vorbedeutung: _Ratzeb._ 130 f.
+
+[553] V, 780 f.
+
+[554] „Hans von Jena hat sie gebeten“ = die Langeweile hat sie geplagt.
+
+[555] V, 783 f., vgl. Jonas' Briefw. II, 182.
+
+[556] C.R. VI, 60. Jonas' Briefw. II, 183. C.R. VI, 56. Denkm. 10. 64.
+
+[557] V, 786.
+
+[558] V, 787 f. 789 f.
+
+[559] Hier und zum Folgenden L. Krankheits- und Sterbegeschichte von
+Jonas, L.W. XXI, 274-393 und K. Ed. _Förstemann_, Denkmale dem Dr. M.L.
+errichtet, Nordhausen 1846.
+
+[560] V, 791.
+
+[561] Denkm. 23. C.R. VI, 54. — Man wollte bei dreien Nächten einen
+Kometen gesehen haben; sonderlich behauptete das der Bote von Jonas an
+Melanchthon, der sich für so etwas ganz besonders interessierte. Denkm.
+21. 23. 25 ff. Jonas' Briefw. II, 282 f.
+
+[562] Aus dem „Leichenprogramm“ beim Tode Katharinas. Hofmann 136.
+
+[563] Denkm. 10. 11.
+
+[564] C.R. VI, 274. Denkm. 26. 53.
+
+[565] Denkm. 78 f.
+
+[566] Denkm. 81.
+
+[567] Denkm. 76 f.
+
+[568] Jonas Briefw. II, 183. Hofmann 112.
+
+[569] „10 Gr. denen Pulsanten gegeben an Tag Cathedra Petri von allen
+Glocken zu läuten, do man den Ehrwürdigen Herr Doctorem Martinum zu
+Grabe getragen“. Wittenb., Kämmerei-Rechnung, Dm. 82. 142.
+
+[570] Das eherne Bild, das mit den Zügen des Doktors in die Wand
+eingelassen werden sollte, kam des Krieges wegen erst später zustande
+und in die Kirche zu Jena, weil Wittenberg dem Kurhause verloren ging.
+Denkm. 78 f.
+
+[571] Br. VI, 650. Der Brief ist faksimiliert in der Illustr. Zeitung
+1899, S. 149 f.; ist aber nicht von Katharinas Hand, sondern diktiert.
+S. Seidemann, a.a.O.
+
+
+16. Luthers Testament
+
+Hierzu vgl. K. Ed. _Förstemann_, D.M.L. Testamente. Nordhausen 1846.
+Seidemann, Ztschr. f. histor. Th. 1860. S. 475 bis 564.
+
+[572] _Rade_ (P. Martin) D.M.L., Neusalza 1887, III, 699. S.o.S. 201.
+
+[573] „Die Welt ist undankbar“ setzte L. an die Spitze seines
+Hausbuches, in welchem er für die Seinigen eine Art testamentarische
+Aufzeichnung machte, wegen ihrer Zukunft. VI, 324.
+
+[574] V, 424.
+
+[575] S.o.S. 201. V, 424.
+
+[576] V, 424. VI, 324. 326.
+
+[577] S.o.S. 83. _Kolde_, An. L. 416. _Burkh._ 482 f.
+
+[578] T.-R. IV, 522 heißt es zwar: „Nur _ein_ Jurist ist fromm (brav)
+und weise. Dr. Gregorius _Brück_.“ Dagegen 525. „Etliche sind fromm wie
+Dr. _Sebald_; etliche aber sind eitel Teufel.“
+
+[579] _Burkh._ 482. _Kolde_, An. L. 421-23. _Buchwald_ 180: L. zieht weg
+propter pessimos mores.
+
+[580] Grundbes. 531. Br. V, 304. Denkm. 76 f.
+
+[581] Denkm. 27. 79. L.W. XXI, 299*. — Hierbei hatte Brück von den
+„groben Fleischern und Fischern“ geredet: „Man soll (wird) der Frauen
+wohl bald mit ungestümen Worten, wenn man schuldig ist, zu Halse laufen“
+(S. 95 f.). Auch Luther hatte in Beziehung auf die Wittenberger Bürger
+an die Spitze seines Tagebuchs geschrieben: „Die Leute sind grob“. (VI,
+324.)
+
+[582] _Seckendorf_ III, 647. am 24. Febr., wenn hier keine Verwechslung
+mit dem Schreiben vom 20. vorliegt.
+
+[583] C.R. VI, 81.
+
+[584] Denkm. 163.
+
+[585] Denkm. 167 f.
+
+[586] Denkm. 169.
+
+[587] Th. St. und Krit. 1896, S. 161.
+
+[588] V, 25 f. 424.
+
+[589] T.-R. IV, 521: „L. klagte über die Armut und Elend der Theologen,
+wie sie allenthalben gedrückt würden und dazu helfet ihr Juristen
+redlich und drückt uns weidlich.“ — IV, 145: „Wir arme Mönche und Nonnen
+müssen herhalten. Dr. Pommer sollte nach weltlichem Rechte entsetzt
+werden. Weil aber solche Rechte noch nicht exequieret und vollzogen
+sind, so ist die Frage, ob seine Kinder auch seiner Güter Erben sein
+können.“
+
+[590] V, 403, vgl. 307. Grundbes. 511 ff. _Nobbe_ Ztschr. f. hist. Th.,
+1870, S. 173.
+
+[591] Br. V, 422 ff. Sachsenrecht. T.-R. IV, 51.
+
+[592] Sorge: _Rebenstock_ I, 229. — Barschaft Testam. 48, vgl. 28. Br.
+VI, 324 f. — Schatzung Br. VI, 304. V, 499. Verschreibung des
+Kurfürsten, _Burkh._ 402 f. Der Grafen, Denkm. 169.
+
+[593] Wolfs „Gnadenbrief“. _Richter_ 379. _Seidemann_, N. Mitt. VIII,
+37. 21. 26. Grundbes. 508.
+
+[594] S.o.S. 82 f. und Anmerkg. — Test. 31.
+
+[595] S.o.S. 85. Grundbes. 530 f. zu S. 227 ff. Brücks Gutachten, Test.
+29-41.
+
+[596] Ob die 100 fl. Bauholz für ein Scheunlein nicht zu hoch gegriffen
+sind? — Wenn das Gütlein Zulsdorf Käthen auf 1600 fl. zu stehen gekommen
+wäre, so müßte sie in dasselbe, welches nur 610 fl. kostete, 1000 fl.
+verbaut haben. Uebrigens wurde das Gut 1553 trotz der Kriegsverwüstung
+um 956 fl. verkauft.
+
+[597] „Vögel fangen“, wohl auf Wolfs Vogelherd, s. „Klageschrift der
+Vögel an Lutherum über seinen Diener Wolfgang Siebergern.“ Br. VI, 164.
+Vgl. oben S. 207.
+
+[598] „Man“: Der Text läßt nicht erkennen, ob Melanchthon oder Brück
+darunter gemeint ist.
+
+[599] Test. 41-44.
+
+[600] Test. 44 f.
+
+[601] Br. V, 754 an Ratzeberger: uxori tuae commatri, affini et
+Landsmanninae Meae.
+
+[602] Test. 44-46.
+
+[603] Test. 46 f. 48. Vormünder: 50-52.
+
+[604] Test. 52 f. Richter 375. — Am 21. März hatte Melanchthon an M.
+Grodel in Torgau geschrieben, er möchte dafür besorgt sein, daß ihre
+Eingabe an den Kurfürsten durch Dr. Ratzeberger richtig übergeben werde;
+diese Eingabe ist wohl Katharinas Bitte um Bestätigung des
+„Testamentes“. Diese Betätigung zögerte sich übrigens 3 Wochen, bis zum
+11. April hinaus.
+
+[605] Test. 47-66.
+
+[606] Test. 47-50. 59 f. 62-64.
+
+[607] Test. 64. (C.R. VI, 149). Grundbes. 548. Quittung für 2000 fl.
+Test. 65 f.
+
+[608] Test. 35-37. 46. 49.
+
+[609] Test. 44. 51. 54-57.
+
+[610] S. 235-237. Test. 57-62. Grundbes. 530-564.
+
+[611] Grundbes. 494.
+
+[612] Br. V, 650.
+
+[613] Br. V, 649.
+
+[614] C.R. VI, 81.
+
+[615] Hofmann 122, 84.
+
+
+17. Krieg und Flucht.
+
+[616] C.R. VI, An. IX. 185. 190.
+
+[617] Zitzlaff 119. C.R. VI, 249. Arnold in seiner Kirchen- und
+Ketzerhistorie meldet, nicht in freundlicher Absicht, Hans, der
+Erstgeborene und Katharinas Lieblingssohn, sei mit dem Kurfürsten in
+den Krieg gezogen als Fähnrich. Das entspräche freilich ganz dem Willen
+des Vaters, der seine Söhne wenigstens gegen den Türken schicken wollte,
+ja selber wider ihn ziehe, wenn er noch hätte können. Br. V, 450 sagt
+Luther: „Wo ich nicht zu alt und zu schwach, möchte ich persönlich unter
+den Haufen sein“ (gegen die Türken 1542). Vgl. Cord 834. — Robsten,
+Beitr. zur Geneal. des Luth. Geschlechtes, Jena 1754, p. 7.
+
+[618] Vgl. hier und zum Folgenden: Voigt, Ztschr. f. K.-G. 1877, S. 158
+ff.
+
+[619] C.R. VI, 268.
+
+[620] C.R. VI, 290. _Liliencron_, Histor. Volkslieder IV, Nr. 546.
+
+[621] Grundbes. 521. _Zitzlaff_ 121.
+
+[622] C.R. VI, 296-299. 301. _Waltz_, Ztschr. f. K.-G. 1878, S. 167.
+
+[623] C.R. 345. 355. 535.
+
+[624] _Kolde_, An. L. 433 f.
+
+[625] _Hofmann_ 123 f.
+
+[626] _Hofmann_ 124.
+
+[627] Grundbes. 537 f. C.R. VI, 513. 515. 537.
+
+[628] _Zastrow_, Mohnike I, 260. C.R. VI, 355. 428. 431. 520-31.
+
+[629] _Zitzlaff_ 122. Bugenhagen: „Mein Weib kommt sehr frühe gelaufen
+ans Bett und ruft: „Ach, mein lieber Herr, unser lieber Landesfürst ist
+gefangen.“ Ich sagt: „Das ist, will's Gott, nicht wahr.“ — Er habe diese
+Stadt und Kirche, welche Luther ihm als Braut anvertraut, mit zerissenem
+Haar und Kleid gesehen.
+
+[630] C.R. VI, 534-38. 621. 625. 640. 541. 549.
+
+[631] C.R. VI, p. XII. _Ratzeberger_ 170 f. „Er war überredet worden,
+daß man über Luthers Begräbnis Nacht und Tag brennende Lampen hänge und
+Wachskerzen stehen hätte, und davor betete, als in den papistischen
+Kirchen vor der Heiligen Reliquien geschehen.“ _Zastrow_ (Mohnike) II,
+22.
+
+[632] C.R. VI, 563. 586.
+
+
+18. Der Witwenstand.
+
+[633] Vgl. Teil-Receß. _Beste_ 129. C.R. VI. 585. _Zitzlaff_,
+„Bugenhagen“ 122. Daß nur Deutsche in die Stadt durften, hatten sich die
+Wittenberger ausbedungen. Als nun aber die Spanier mit dem Kaiser am
+Schloßthor eindringen wollten, warfen die Wittenberger sie in den
+Graben, „daß sie naß wurden wie die Katzen“.
+
+[634] Briefw. des Jonas II, 281. _Zitzlaff_ 121 f. Die Hussern waren
+nicht so schlimm, wie die Spanier.
+
+[635] Briefw. Jonas II, 281. Grundbes. 558.
+
+[636] C.R. VII, 125. 536.
+
+[637] _Richter_ 390 f. C.R. VI, 669-693. 714.
+
+[638] _Grulich_, Torgau 112. _Matthes._ 68 (7. Pred.) _Richter_ 390.
+396.
+
+[639] Grundbes. 494.
+
+[640] _Hofmann_ 129.
+
+[641] Waltz 181.
+
+[642] Jonas' Briefw. 259.
+
+[643] _Robsten_, Beiträge zur Geneal. des Luther. Geschl., Jena 1754.
+_Keil_, Leben Hanß L., p. 89: „Joh. L. miles redux vitam egit
+domesticam.“
+
+[Transkriptions-Anmerkung: Zu den folgenden beiden Bemerkungen gibt es
+keine Verweise im Text.]
+
+C.R. VII, 409 ff. Grundbes. 558. Jonas' Briefw. 280 ff. 295.
+
+C.R. VII, 408 f. 430.
+
+[644] C.R. VII, 502.
+
+[645] _Kolde_, An. L. 433. Grundbes. 558 f.
+
+[646] [Transkriptions-Anmerkung: Keine Bemerkung zum Verweis vorhanden.]
+
+[647] Grundbes. 559. C.R. VII, 411.
+
+[648] _Richter_, 325 f. C.R. VII, 611. 637.
+
+[649] C.R. VII, 945.
+
+[Transkriptions-Anmerkung: Zur folgenden Bemerkung gibt es keinen
+Verweis im Text.]
+
+Grundbes. 559.
+
+[650] _Hofmann_ 141 f.
+
+[651] [Transkriptions-Anmerkung: Keine Bemerkung zum Verweis vorhanden.]
+
+
+19. Katharinas Tod.
+
+[Transkriptions-Anmerkung: Zu den folgenden 4 Bemerkungen gibt es keine
+Verweise im Text.]
+
+_Grulich_, Denkw. Torgaus S. 86.
+
+_Mayer_ 62. 122. _J.T. Lingke_, Hrn. D.M.L. Geschäfte und Andenken zu
+Torgau, 1764. S. 69-75.
+
+Nach _Grulich_ wohnte K. beim Stadtrichter M. Reichenbach im
+Grünwaldschen Hause. Das Haus „Auf dem Scharfenberg“ (heute
+„Lutherhaus“) in dem „Karniergäßchen“ (heute „Luthergasse“) war nicht
+Katharinens hospitium; es hatte nur nach Wittenberg Zins zu zahlen.
+_Grulich_ S. 70 f. 86. _Grulich_, Annales th. eccl., 1734. S. 176.
+_Lingke_ a.a.O. S. 70. — Sollte M. Reichenbach in Torgau eine
+Verwechslung sein mit M. Reichenbach in Wittenberg, bei dem K. 1523
+wohnte (S. 39)? Die Familie Reichenbach, auch der Pflegevater Katharinas
+stammt aus Zwickau. _T. Schmidt_, Chronik der Stadt Zwickau, 472.
+_Buchwald_ 108.
+
+_Juncker_ 250.
+
+[652] _Richter_ 493 f. Vgl. die Kleiderordnung für Wittenberg 1576. S.
+169.
+
+[653] Diese Rede Katharinas wurde von zwei Dichtern in Kirchenliedern
+verwendet. In dem Liede eines unbekannten Verfassers (Anna von Stolberg
+1600?, nicht Simon Graf, geb. 1609): „Christus, der ist mein Leben,“
+heißt die letzte (7.) Strophe. „_Und laß mich an dir kleben, wie eine
+Klett am Kleid_, und ewig bei dir leben in Himmelswonn und Freud.“
+Ebenso heißt es in Chr. Reimanns (1607-1662) Lied: „Meinen Jesus laß ich
+nicht, weil er sich für mich gegeben, so erfordert meine Pflicht,
+klettenweis an ihm zu kleben.“ _E.E. Koch_, Gesch. der Kirchenlieder IV,
+667, behauptet zwar, der Ausdruck schreibe sich von Herzogin Katharina
+von Sachsen, geb. von Mecklenburg († 1561) her, welche bei ihrem Ende
+gesagt habe, „sie wolle an ihrem Herrn Jesus mit Glauben kleben bleiben,
+wie die Klette am Kleid.“ — Jedenfalls hat Katharina die Priorität.
+
+[654] C.R. VII, 1155 f.
+
+[655] _Lingke_ 71. _Grulich_ 87.
+
+[656] Der Leichenstein wurde zum Reformations-Jubelfest 1617 von „Daniel
+Fritschen dem Mahler“ für 9 Groschen übermalt. Dazu wurde ein Bote (für
+2-1/2 Gr.) nach Eilenburg geschickt, zu Prediger M. Behem, mit welchem
+Luthers Enkelin Katharina, die Tochter von Hans Luther, verheiratet war.
+_Lingke_ 73.
+
+[657] _Juncker_, Ehrenged. L. (deutsch.) 243 f.
+
+[658] Br. V, 424. — Vgl. die ältere Litteratur bei _Hofmann_ 183-203. —
+_Böhringer_, K.v.B., Barmen. _Meurer, K.v.B.L._ 1876. _Rietschel_, L.
+und sein Haus. Halle 1888. Romanhaft gehalten. _Armin Stein_ (H.
+Nietschmann), K.v.B., Luthers Ehegemahl, ein Lebensbild. 4. A. Halle
+1897.
+
+[659] Bugenhagen schreibt an König Christian als „Wort eines großen
+Fürsten“: „Wir haben hier zwei Regenten gehabt über weltliches und
+geistliches Regiment, den Kaiser und Luther.“ _Zitzlaff_ 106.
+
+[660] Das Faksimile ist von einem Brief Katharinas an den dänischen
+König, original in Kopenhagen. 3/4 n. Gr. Vgl. folg. Brief:
+
+„Von den drei im hiesigen Archiv aufbewahrten Briefen von Katharina von
+Bora an den König Christian III. von Dänemark sind die zwei entschieden
+nicht eigenhändig. Der dritte ist auch von einer Schreiberhand
+herrührend; von dessen Unterschrift sind aber, wie aus dem beifolgenden
+Faksimile hervorgeht, die Buchstaben: „E.K.M. vnterthenige“ von einer
+andern Hand als der Brief selbst geschrieben, und die eigentliche
+Unterschrift wieder von einer dritten. Die Originalurkunde giebt den
+Eindruck, daß Katharina selbst die Unterschrift angefangen, dieselbe
+aber aus irgend einer Ursache aufgegeben habe und daß also nur die oben
+zitierten Buchstaben von ihr eigenhändig sind.“
+
+_Thiset_, Archivar.
+
+Dieser Einsatz wird um so mehr von Katharina herrühren, als auch eine
+Einfügung in dem ersten Brief Katharinas an den Herzog Albrecht („ge“
+S. 252, Z. 19, original in Königsberg) Aehnlichkeit mit dieser
+Handschrift im Kopenhagener Brief zeigt.
+
+Da sämtliche vorhandene Briefe Katharinas Kanzleischrift haben, so sind
+diese drei Buchstaben „E.K.M.“ und das Wort „vnterthenige“ wohl das
+einzige, was von Katharinas Hand erhalten ist.
+
+Das _Siegel_ Katharinas ist von den Briefen an Herzog Albrecht, wohl ein
+Siegelring; es zeigt den Löwen Derer „v. Bora“.
+
+_Bilder_ Katharinas sind (unvollständig) verzeichnet bei Hofmann S. 168
+f. Hier sei nur bemerkt, daß das S. 55 beschriebene Bild im Lutherhaus
+in Wittenberg hängt; das auf S. 193 erwähnte im Museum zu Leipzig. Das
+Nürnberger, früher in der Morizkapelle, jetzt im German. Museum, ist
+weder von Kranach, noch stellt es Katharina vor.
+
+
+
+
+Register.
+
+
+Ablaß
+Aebtissin
+Agnes (Nisa) Lauterbach
+Agricola, Joh. = M. Eisleben
+Agricola, Frau Elisabeth
+Alemann, Ave
+Altenburg
+Amsdorf, Nicolaus von
+Anhalt, Fürsten
+Apel
+Audi Koppe
+Augsburg
+Aurifaber = Goldschmidt
+Aurogallus, Matth.
+Axt, Lic. Basilius
+
+Bader, Kastner (Kastellan) auf Koburg und Frau
+Barnes, D. Robert
+Baumgärtner, Hieron.
+Bayer (Baier, Beier), Vizekanzler
+Berndt, Ambros
+Besold
+Bildenhain, Bildenhauer
+Booß (Böse) Gut
+Bora
+Bora, Christina
+Bora, Clemens
+Bora, Florian, (lies Florian statt Fabian)
+Bora, Hans
+Bora, Katharina
+Bora, Maria
+Bora, Magdalene (s. „Muhme Lene“)
+Borna
+Brandenburg, Herzog Albrecht
+Brandenburg, Elisabeth von
+Brandenburg, Georg Markgraf
+Brandenburg, Joachim Kurfürst I.
+Braunschweig
+Braunschweig, Herzogin Elisabeth
+Briefe Luthers an Käthe:
+ Von Marburg
+ von Wittenberg
+ von Koburg
+ von Torgau
+ von Schmalkalden
+ von Eisenach
+ von Zeitz
+ von Halle
+ von Eisleben
+ Brief der Hausfreunde an Käthe
+Briefe Käthes
+Brisger, Eberhard
+Brück, Dr. Gregorius
+Bruno (Brauer, Haus Bruno)
+Bugenhagen, Joh. = D. Pommer
+Bugenhagen, Frau
+Butzer (Bucer)
+
+Camerarius, Joachim
+Canitz, Elisabetha (Else) von
+Capito, Wolfg.
+Cario, Joh.
+Carlstadt
+Coburg
+Cordatus
+Crafft
+Cranach
+Crodel, Marcus, Schulmeister in Torgau
+Cronberg, Hartmut von
+
+Dänemark, Christian II. von, 39. 71.
+Dänemark, Christian III.
+Dene, Thilo
+Dessau
+Dietrich, Veit
+Doctores
+ Doktorschmaus
+Dolzig, Hofmarschall
+Domina
+ = Aebtissin
+ = Frau D. Luther
+Döring, Christian (Aurifaber)
+Dürr, Kanzler
+Dürer, Albrecht
+
+Eber, Paul
+Eck
+Einsiedel, Heinrich von
+Eisenach
+Eisleben, Stadt
+Eisleben, D.
+Emser
+England, Heinrich VIII., König
+Engländer („Engeleser“) s. Barnes
+Erasmus
+Erfurt
+
+Ferdinand, König
+Feste
+Fladenkrieg
+Florentina, eine Nonne
+Freiberg
+Friedrich Becker (Pistorius), Abt in Nürnberg
+Fündli-Haus zu Nürnberg
+
+Gabriel = Zwilling
+Gerbel, Lic.
+Glatz, D.
+Goldschmidt s. Aurifaber.
+Goritz
+Gotha
+Grimma
+Groß Ave
+Grumbach, Argula von,
+Grüne, Friedr. von, Feldzeugmeister
+
+Hagenau, Reichstag
+Halle
+Hasenberg
+Haubitz, Anna von
+Haubitz, Margarete von
+Haugwitz
+Hausfreunde
+Hausmann
+Heinrich VIII., von England
+Heidten
+Hennick
+Heuthlin
+Hirsfeld (Hirschfeld), Bernhard von
+Hohndorf, Bürgermeister
+Holstein
+Honold, Hans, Bürger von Augsburg
+Horen
+Humanisten
+
+Jäckel s. Jakob Schenk
+Jena
+ „Hans von Jena“
+Johannes, der Schweinehirt,
+Jonas, Justus
+Jonas, Christoph
+Jonas, Elisabeth
+Jonas, Justus d.J.
+Jonas, Katharina
+Jonas, Sofia
+Jörger, Christoph und Dorothea von Tollet
+Juristen
+
+K siehe C.
+Kanitz s. Canitz.
+Karl V.
+Karlstadt s. Carlstadt
+Kaufmann, Andreas
+Kaufmann, Cyriac
+Kaufmann, Jörg
+Kaufmann, Fabian
+Kaufmann, Lehne (s. Muhmchen Lene)
+Kaufmann, Else
+Kegel
+Kieritzsch
+Klausur
+Klosterkinder
+Kloster-Regel
+Koburg s. Coburg.
+Königsberg
+Koppe, Leonhard.
+Kreuziger (Cruciger) Kasper
+ (Frauen)
+Kummer
+Kunheim, von
+
+Lauterbach
+Lauterbach, Frau
+Leipzig
+Lemle (Leminus)
+Lene (von Bora), Muhme, d. Aeltere
+Lene, (Kaufmann) Muhme, d. Jüngere
+Lichtenberg
+Lindemann, Kaspar
+Link, Wenzel
+Lippendorf
+Lischnerin, Barbara
+Löser, Hans, zu Pretsch, Erbmarschall
+Löser, Hans, der Sohn
+Lufft, Hans, Buchdrucker
+Lüneburg, Herzog
+D.M. Luther
+ Tischreden
+ Geselligkeit
+ Krankheiten
+Luthers Eltern
+Luthers Kinder
+ Hans, d.J.
+ Elisabeth
+ Magdalene
+ Martin
+ Paul
+ Margareta
+Luthers Bruder: Jacob
+Luthers Neffe: Martin
+Luthers Schwester: Dorothea
+Lutherbrunnen
+
+Magdeburg
+Magister
+Mainz, Kurfürst Erzbischof Albrecht
+Mährische Brüder
+Major Georg
+Mansfeld, Stadt
+Mansfeld, Grafen
+ Graf Albrecht
+ Gräfin
+ Söhne
+Marburg
+Matthesius, Joh.
+Maugen (a Maugis)
+Medler
+Melanchthon, M. Philipp
+Melanchthon, Lippus
+Melanchthons Frau, Katharina
+Menius
+Meißen
+Mergenthal, Hans von
+Mergenthal, Kath. von
+Metsch, Hans
+Mohr (Aetiops)
+Mochau, Margr. v.
+Mönche
+Morgenstern v. Wittenberg
+Müller, Kaspar Kanzler
+Motterwitz
+Münster, Dr. Sebald
+Münsterberg, Ursula, Herzogin
+Myconius (Mekum) Fr.
+
+Naumburg
+Neobolus (Neuheller)
+Niemeck
+Nimbschen
+Nonnen im Kloster
+ entflohen
+Nonnen-Ehe
+ Nonnen-Kind
+Novizen
+Nordhausen
+Nürnberg
+
+Pfister
+Pforta
+Pforzheim
+Pirkheimer
+Pirna
+Plato
+Polner, Hans
+Pommer = Bugenhagen
+Preußen, Albrecht, Herzog von
+Probst
+Professoren
+
+Ratzeberger, Dr. Matthias
+Reichenbach, M. Phil.
+Reliquien
+Reuchlin = Reichel
+Reuter, Bürgermeister
+Riedtesel
+Rischmann
+Röhrer (Rorer, Rorarius) Gg.
+Rosina
+Roth
+Rothenburg
+Rühel
+Rutfeld
+
+Sabinus, Melanchthons Schwiegersohn
+Sachsen, Land
+Sachsen: Georg, Herzog
+ Heinrich
+ Moriz
+ Kurfürst Friedrich
+ Johann
+ Joh. Friedrich
+ Johann Ernst
+Sala, Hanna von
+Saumarkt
+Schenck, Jakob
+Sibylle, Herzogin
+Schiefer
+Schla(g)inhausen
+Schmalkalden
+Schnell, Georg
+Schönfeld, Ave (Eva)
+ Ernst
+Schurf, Augustin, Arzt
+ Hieron., Jurist
+ Hanna, geb. Muschwitz
+Severus = Schiefer.
+Sieberger, Wolfgang
+Spalatin
+Specke
+Speckstudenten
+Speratus
+Spiegel, Erasmus, Stadthauptmann von Wittenberg
+Staupitz, Joh. von
+Staupitz, Magdalena
+Stiefel, Michael
+Strauß, Anna (Hanna)
+Studenten, „Bruder Studium“
+
+Taglöhner Käthes
+Taubenheim, Hans von
+Taubenheim, Dietrich
+Tischreden
+Tollet s. Jörger
+Tommitzsch, Wolf
+Torgau
+
+Ursula s. Münsterberg
+
+de Vay
+Vergerius, Kardinal
+Viscamp
+
+Wachsdorf
+Warbeck
+Weimar
+Weller, Hieron.
+Weller, Mathias
+Weller, Peter
+ S. Lischner.
+Wittenberg, Stadt und Rat
+Wolf(gang) s. Sieberger
+
+Zeschan
+Zell, Katharina (Schützin)
+Zink, Hans
+Zulsdorf
+Zwilling
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Katharina von Bora, by D. Albrecht Thoma
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12636 ***