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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:39:28 -0700 |
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Und während dieser, ein junger, vornehm ansehender Mann seiner +Aufforderung folgte, wandte sich derselbe Postillon zu dem Gepäckkasten, +riß des Reisenden Koffer heraus, stieß ihn unsanft auf den Erdboden und +ließ ihn dort liegen. + +Und als der Fahrgast, Graf Axel Dehn, ein Wort über Wegrichtung und +Weiterbeförderung seines Gepäcks hinwarf, setzte er statt zu antworten, +die Finger an den Mund und ließ in der Richtung eines von Knicken +eingefaßten Seitenweges dreimal hintereinander einen scharfschrillen +Pfiff ertönen. + +Alsbald erschien ein alter, gebückt gehender Mann oben an der Biegung +des Pfades, erhob mit phlegmatischer Bewegung die Hand zum Zeichen, daß +er gehört habe, und näherte sich mit derselben Gemächlichkeit dem +seiner Wartenden. + +„Denne Mand besorger alt —“ warf der sich nunmehr erst wieder zu Worten +anfragende mundfaule Rosselenker hin, nickte obenhin und schritt mit +einem mürrischen Ausdruck das ihm gebotene Trinkgeld wegsteckend, dem +Wagen mit den beiden Braunen zu. Alsdann schwang er sich abermals auf +den Bock und hieb, nunmehr taktmäßig mit der Peitsche ausholend, auf die +dann auch rasch im Staub der Landstraße verschwindenden Gäule ein. + +„Wie weit ist's noch nach dem Schloß?“ warf Graf Dehn, während sich der +Alte, nach ehrerbietiger Verneigung, den schweren Koffer auf die +Schultern packte, hin. + +„Saa omtrent ti Minuter!“ (So ungefähr zehn Minuten) gab der Alte, in +auffallend plattem Dänisch sprechend, zurück. + +Und dann setzen sie sich in Bewegung, und je mehr sie sich dem zwischen +mächtigen Parkbäumen hervorschimmernden Rankholmer Schloß näherten, +desto unfreier wurde dem jungen Fremden zu Mute. + +Schon als Knabe hatte er von seinen Eltern von dieser großen, dänischen +Besitzung vernommen und jedesmal mit einem Gefühl der Beklemmung +zugehört. So viel Absonderliches und Unheimliches hatte sich in den +dunklen Prachtsälen, den verschwiegenen Kemenaten, den dickwandigen +Turmzimmern und Fremdengemächern, aber auch auf den versteckten Treppen +dieses seit Jahrhunderten bestehenden und allezeit in dem Besitz der +Grafen Lavard befindlich gewesenen Schlosses abgespielt! Ein wild +trotziges Geschlecht hatte dort gehaust, um Erbschaften, Geld und schöne +Frauen Ränke geschmiedet und sich nicht selten ingrimmig angefeindet. + +Die Frau des nunmehrigen alleinigen Besitzers, des Grafen Lavard, war +eine Französin aus vornehmem Geschlecht! Er hatte die sehr begüterte +Vikomtesse von Verdeuil bei seiner Anwesenheit in Paris auf einem Balle +beim dänischen Gesandten vor zwanzig Jahren als fünfzehnjähriges Mädchen +kennen gelernt, und sie war ihm, mit einem schwermütigem Verzicht auf +die unvergleichbaren Reize ihrer Heimat, hierher in die einsame +nordische Welt gefolgt. + +Lavards besaßen zwei Töchter, Imgjor und Lucile, von denen sich die +erstere, etwas ältere, zur Zeit auf Rankholm aufhielt, während sich +Lucile gegenwärtig auf Reisen befand. + +Graf Dehns Vater und Graf Lavard hatten einst zusammen bei den dänischen +Dragonern in Kopenhagen gestanden, aber ihren Abschied genommen, nachdem +sie beide gelegentlich einer Urlaubsreise die ihren Augen und Herzen +genehmen Frauen gefunden. + +Graf Dehn war eine Ehe mit einer Baronesse von Berg eingegangen. Mit ihr +hatte er reiche Güter in der Lausitz geerbt und war infolgedessen nicht +nur aus dem dänischen Unterthanenverbande ausgeschieden, sondern auch +dorthin übergesiedelt. Immer waren jedoch die beiden Freunde in +Verbindung geblieben, und nun eben ging der junge Graf Axel von Dehn, +der einzige Nachkomme dieser Familie, nach Rankholm zur Brautschau. — +Mitten in der Einsamkeit lag das mächtige Schloß. Nur ein zu der +Herrschaft gehörendes, in einer Thalmulde malerisch hingestrecktes Dorf, +mit Namen Kneedeholm, teilte diese stille Abgeschlossenheit von der Welt +und der großen Heerstraße. + +Noch bevor die beiden Wanderer in die zu dem Schloß führende Allee +eintraten, nahm Graf Dehn das Wort und richtete einige Fragen an seinen +Führer. Und da er's geschickt begann, empfing er, wenn auch knappe, doch +allerlei für ihn wertvolle Mitteilungen aus dem Munde des Alten. + +Und unter solchen lebhaften Reden gelangten sie dann an das Kastell, das +seine Front einem mächtigen, freien Platz zuwandte. + +Da aber dieser und das Gebäude ringsum von hohen, laubreichen Bäumen und +dichtem Gebüsch umschlossen waren, erschien's dem Auge, als ob Rankholm +— wie ein Dornröschenschloß — mitten in einem Walde liege. + +Freilich war's anders! Aus den Hinterfenstern schaute man durch den zu +solchem Zwecke gelichteten Park ins Thal hinab, und da lag in +malerischer Schönheit und in solcher Nähe, daß man bei hellem Wetter die +Häuser, Wege und Menschen aus den Schloßfenstern genau zu erkennen +vermochte, das Dorf Kneedeholm mit seiner schlanken Kirche, seinen +reichen Bauerhäusern und einem alten romantisch gebauten Jagdschloß vor +einem. + +Einen überwältigenden Eindruck empfing Graf Dehn, als er nach +Ueberschreiten der Schloßbrücke, die auf einen peinlich sauber +gepflasterten Vorhof führte, durch das mächtige, von zwei Steinernen +Löwen flankierte Portal in das Innere eintrat. + +Er befand sich auf einem großen, in der Mitte durch einen sprudelnden +Neptunbrunnen geschmückten und von den Mauern des stolzen Gebäudes +eingeschlossenen Innenhof. + +Zu Seiten einer im Mittelbau befindlichen, mit dem Wappen der Grafen +Lavard gezierten Rampe — eine Faust, die einen Dolch hielt, zückte ihn +gegen einen sich wild anlehnenden Geier — strebten mächtige Säulen +empor. + +Auf ihnen erhoben sich Marmorgestalten aus der Antike, und zu ihren +Füßen streckten zwei Tiger aus Bronze ihre Leiber und Tatzen aufs +Pflaster aus. + +Und zwischen diesen mit Vorsprungtürmen, zahlreichen hohen +Eingangspforten, bogenförmigen, von Epheu und Schlinggewächsen +umzingelten Fenstern und Altanen geschmückten Mauerwänden herrschte eine +lautlose, gleichsam furchterregende Stille. Sie wurde nur jetzt +unterbrochen durch das Geräusch einer sich öffnenden Thür im +Portierhause, der sich der Alte soeben genähert hatte, um den Gast beim +Pförtner anzumelden. + +Nachdem das geschehen, verabschiedete er sich, nach Empfang eines +reichlich bemessenen Trinkgeldes, mit still verbindlicher Miene, und der +Pförtner, ein ebenfalls gebückt einhergehender Alter, stellte sich +entblößten Hauptes vor dem Fremden auf und zog, nachdem er gehört, wer +er sei, wiederholt kräftig an einer Schelle. + +Laut und zudringlich, ja, schreckhaft tönte sie über den einsamen Hof, +und im Nu erschien der Haushofmeister in einem schwarzen Frack oben auf +der Schloßtreppe, eilte die Stufen hinab und geleitete den Grafen mit +einer Ehrerbietung, wie sie nur Königen dargebracht zu werden pflegt, in +das Schloß. + +„Nein, es ist kein Brief eingetroffen, sonst würde jedenfalls Fuhrwerk +am Bahnhof oder am Wege gewesen und ohne Zweifel der Herr Graf selbst +zum Empfang des gnädigen Herrn, der schon seit mehreren Tagen erwartet +wurde, erschienen sein,“ erklärte der Haushofmeister Frederik, als +welcher er sich, unter bescheidener Verneigung, dem Grafen vorstellte. + +Und der Graf sei nicht zu Hause, auch die Komtesse Imgjor sei nicht +anwesend. Aber die gnädige Frau befänden sich in ihren Gemächern. Er +bitte, daß der gnädige Herr geruhen möge, in seine Zimmer einzutreten, +er werde inzwischen dessen Ankunft der Herrschaft zu melden sich +beeilen. + +Unter solchen Erklärungen schritt der Haushofmeister, ein hagerer Mann +mit grauschwarz meliertem Haar und ernsten, überaus vertrauenerweckenden +Mienen, neben dem Grafen Dehn die große Freitreppe im Innern empor und +führte ihn hinten links durch einen durch zahlreiche Familiengemälde +etwas verdunkelten, hohen und langen Korridor. Am Ende desselben +befanden sich die für den Gast bestimmten Räume. + +Und gleichzeitig erschienen auch schon zwei rotlivrierte Lakaien und +luden des Grafen Gepäck ab, und nachdem dies geschehen, entfernte sich +Frederik unter ehrerbietiger Verneigung. + +Die Gemächer waren ebenso reich, wie geschmackvoll und bequem +eingerichtet. + +Blaue, venetianische Seidentapeten bedeckten die Wände, helle, +sanftgeblümte Fußteppiche den Fußboden und dunkle Möbel fesselten das +Auge. + +Auch boten die Räume einen Ausblick auf die Gärten, den Park und das +Dorf, das gleich einem Zauberbilde in dieses entzückende Tableau hinein +geschoben schien. + +Nach einer Viertelstunde, nach Auspacken und Ordnen der Toilette, +erschien auch schon Frederik wieder, verbeugte sich mit der ihm eigenen +natürlichen Würde und meldete, daß die gnädige Frau sehr glücklich sei, +den Herrn Grafen empfangen zu dürfen. Sie würde schon gleich diese +Botschaft gesandt haben, wenn sie nicht geglaubt hätte, daß ihm eine +Pause der Erholung angenehm sein werde. + +Sie durchschritten denselben Korridor, machten einen kurzen Halt auf dem +mit mächtigen Jagdbildern geschmückten, in weißem Marmor getäfelten Flur +und nahmen den Weg durch einen großen, mit grünseidenen Tapeten, +schmalen, hohen Spiegeln und seidenen Polstermöbeln ausgestatteten Saal. + +Und nachdem sie diesen verlassen und noch zwei daranstoßende +Prunkgemächer durchmessen, traten sie in einen kleineren Gartensalon, +der mit verschwenderischer Pracht eingerichtet war. An diesen stieß +wieder ein zweifenstriges Kabinett, und in ihm lag, umgeben von +französischen Möbeln, blühenden Blumen, Statuetten und Bequemlichkeiten, +auf einem hellen, seidenbezogenen Divan die Gräfin Lucile Lavard. + +Sie hatte braunes Haar, braune Augen und ebensolche Wimpern. Ueber einer +geschmeidigen Figur hob sich eine volle Büste, und die Formen und die +Linien ihres Körpers zeigten überhaupt jene üppigeren Reize, durch die +sich die gesättigte Fülle einer verheirateten Frau von der sprossenden +Schönheit junger Mädchen unterscheidet. + +Als sie des Grafen ansichtig wurde, erhob sie sich mit dem ruhig +ausgeglichenen Wesen einer Huldigungen gewohnten Frau, und reichte ihm +gleichzeitig mit einem so bezaubernden Ausdruck und einem so +bestrickenden Lächeln die Hand, daß sich der sympathische Eindruck ihres +jede Wirkung verschmähenden, liebenswürdig einfachen Wesens nur noch +erhöhte. + +„Ich bin wirklich sehr unglücklich, daß niemand zu Ihrem Empfange da +war, lieber Herr Graf —“ stieß sie heraus. „Aber Sie haben schon von +Frederik gehört, daß wir wirklich nicht schuld sind. Lassen Sie mich in +jedem Falle hoffen, daß sich die Ihnen dadurch gewordenen ungünstigen +Eindrücke inzwischen bereits wieder verwischt haben!“ + +Freilich trat nach diesen Einleitungsworten ein anderer Ausdruck in ihre +Züge, ein abwartender, etwas forschender. + +Auch sprach sie, nachdem er ihr geantwortet, auch kavaliermäßig den Arm +geboten und sie gebeten hatte, die frühere bequeme Lage wieder +einzunehmen, fast ein wenig schroff: + +„Nein, nein, ich danke! Ich habe genug geruht. Auch möchte ich mich nach +Ihren Wünschen erkundigen. Sie werden flau sein, lieber Herr Graf. Wir +speisen erst in einigen Stunden. Darf ich Ihnen nicht irgend etwas +anbieten? Vielleicht nehmen Sie ein wenig alten Portwein und scharfen +Käse?“ + +Und als Graf Dehn erklärte, keinen Hunger zu haben, hörte sie nicht +einmal hin, zog vielmehr an einer breiten, seidenen Glockenschnur und +hieß einem sogleich durch die Korridorthür eintretenden Diener das von +ihr Erwähnte bringen. + +„Es ist besser, Sie genießen etwas, lieber Herr Graf. Die Zunge wird +freier, das Gemüt belebter, wenn man eine gewisse Nüchternheit verbannt. +Ich möchte, daß Sie sich gleich heimisch, behaglich fühlen. Ich kenne +die Indisposition nach einer Reise. Niemals ist eine Erfrischung +angebrachter —“ + +„Schon Ihre wenigen gütigen Worte haben alles Unbehagliche verscheucht, +gnädigste Gräfin. In der That, man kann liebenswürdiger, herzlicher +nicht empfangen werden. Mir ist, als ob ich schon jahrelang das Glück +gehabt hätte, Sie zu kennen —“ + +„Ich freue mich, daß Sie so sprechen, Graf Dehn. Aber mit derselben +Offenheit: Sie gehören zu jenen Menschen, bei deren Anblick man den +Eindruck empfängt, man könne nie enttäuscht werden, bei welcher +Gelegenheit man immer die Hand nach Ihnen ausstreckt. Werden Sie nicht +sehr geliebt von Ihrer Umgebung, von Ihren Freunden — von den Frauen? +Gewiß, gewiß, Sie sind ein Sonnenkind! Und hoffen wir, daß wir noch weit +engere Freundschaft schließen —“ fügte sie mit einer Anspielung auf die +Zwecke seines Kommens hinzu und lud ihn zugleich durch eine +liebenswürdige Geste ein, sich des inzwischen gebrachten Frühstücks zu +bedienen. + +„Bringen Sie auch Champagner und die Florentiner Krystallgläser! Vite!“ +befahl sie dem Diener, ließ sich neben dem Grafen nieder, schenkte ihm +ein und goß sich, als nach wenigen Minuten Champagner erschien, selbst +das kühl sprudelnde Getränk in das ungewöhnlich geformte, unten und oben +schmale, in der Mitte sanft ausgebogene und hier hellgold, sonst aber +krystallhell schimmernde Glas und setzte es an die Lippen. + +Aber auch Axels Glas hatte sie gefüllt, und als sie das ihrige abermals +voll gegossen, stieß sie mit ihm an und sagte: + +„Nehmen wir uns vor, daß wir die kommenden Tage besonders vergnügt +zusammen verleben wollen. An mir soll's nicht fehlen, lieber Graf. +Rankholm ist sehr schön, aber die Einsamkeit tötet doch bisweilen die +Lebensgeister. Es ist eine wahre Wohlthat, wenn uns jemand besucht. Die +ländliche Bevölkerung gleicht einer Familie von Schnecken. Auch die +meisten Gebildeten haben Bleikugeln in ihren Seelen, Köpfen und Beinen. +Natürlich, ich habe Dienstboten, die Feuerwerkskörper in sich bergen. — +Sie werden nichts von der Langsamkeit der Jüten bei ihnen finden. +Anfangs versuchte ich es mit hiesigen, aber gab's bald auf. Brave +Menschen, ehrlich, gutherzig, aber strafbar phlegmatisch und von einem +Trotz, wenn sie einmal ihren Kopf aussetzen, der an Starrheit grenzt. +Ach, lieber Graf, wie ist das Dasein zu ertragen, wenn man es so +ernsthaft nimmt, wenn man immer daran denkt, was kommt darnach, statt +die Lebenslust zu pflegen, sich für sie geistig und körperlichen +schmücken!“ + +„Es fehlt den meisten leider dazu die Veranlagung, Frau Gräfin. Besäße +die Welt Ihr Temperament, Ihre Gesundheit, Ihre Schönheit und Ihren +Reichtum, würde sie schon Ihren Lehren folgen. — Zum Leben im feineren +Sinne gehört wenigstens Geist und Temperament: die besitzen nur +Auserwählte.“ + +„Ich freue mich, daß Sie nicht, wie alle, lediglich die günstigen +materiellen Verhältnisse als Bedingung hervorheben. Es beweist eine +geringe Erfahrung und wenig Erhabenheit des Geistes, wenn man vermeint, +es könne uns der durch den Reichtum herbeigeführte Genuß mit dem Dasein +versöhnen. Ich möchte das Gegenteil behaupten. Man muß etwas entbehren, +man muß noch etwas Verlangen und Sehnsucht empfinden, nicht nach dem +Unbestimmten, das nie Erfüllung findet, sondern nach den kleinen +Freuden, die uns durch die Natur, durch Eindrücke, durch den Verkehr mit +Menschen, durch Thätigkeit, durch unsere behaglichen Reflexionen, unsere +Wünsche und Erwartungen, endlich auch durch die Fähigkeit werden, immer +eine stille Hoffnung in unseren Herzen zu pflegen —“ + +Und als Graf Dehn, der diesen Ausführungen mit starker Beipflichtung +zugenickt hatte, bei den letzten Worten fragend das Auge erhob, schloß +die Gräfin: + +„Ja, es ist die Wahrheit: Wir können ohne irgend eine stete, starke +Hoffnung nicht glücklich sein.“ + +Sie wurden in ihrem Gespräch unterbrochen, weil plötzlich in der nach +dem Korridor führenden Thür die Gestalt eines jungen Mädchens erschien. + +Der Ausdruck in ihren Zügen war gemessen, aber eine solche Fülle zarter +Schönheit war über ihrem ganzen Wesen ausgegossen, daß der Gedanke +emporstieg, hier habe die Natur alles zusammengemischt, was sie nur +immer einem lebendigen Geschöpf an Bevorzugungen zu verleihen vermöge. + +Trotz der fröhlichen Jahreszeit war sie schwarz gekleidet; auch ein +dunkler Spitzenschleier umhüllte ihren von rotbraunen Haaren umflossenen +Kopf, und rasch zog sie die Umhüllung von diesem herab. + +Nach der durch die Gräfin herbeigeführten Vorstellung, verschönte +vorübergehend ein freundlicher Ausdruck ihren reizend geschnittenen +Mund, dem zwar ebenso rasch wieder ein solcher stolzer Kälte wich. Auch +wandte sie sich nach einigen, flüchtig an ihre Mutter gerichteten Worten +und nach einer steif gemessenen Verneigung gegen den Gast, derselben +Thür, durch die sie eingetreten, wieder zu und war seinen Augen +entschwunden, bevor er sich noch von der bezwingenden Gewalt des +Eindrucks ihrer Erscheinung zu lösen vermochte. + +Und seltsam! Die Gräfin gab zu diesem ausfallenden Verhalten keine +Erklärung. + +Sie sah nur Graf Dehn mit einem eigentümlich forschenden Blick an und +zog, als er zu einer Frage anheben wollte, mit einer Miene die +Schultern, als ob sie ihm durch diese stumme Geberde eine Antwort +erteilen, ihn aber zugleich ersuchen wollte, sich mit dieser Erwiderung +zu begnügen. + +Sie erhob sich jedoch nunmehr und sagte: + +„Trinken wir das letzte Glas, lieber Graf, auf die Erfüllung unserer +Hoffnungen, gleichviel, welche sie sein mögen. Und nun, ich bitte, +kommen Sie, Sie müssen unseren Garten und unseren Park bewundern —“ + +Und nachdem auf ihr Zeichen ein Kammermädchen erschienen war und beider +Garderobe gebracht hatte, schritt sie ihm, einen weißseidenen +Sonnenschirm über sich, seidengraue, bis über die Arme fallende +Handschuhe an den Händen und ein grauseidenes, zartes Tuch mit langen, +schneeweißen Seidenfranzen um die Schultern geschlungen, von dem +hochgelegenen freien Balkon herab in den Garten voran. — + +Noch vor Tisch erschien Graf Lavard in Axels Gemächern. Er klopfte kurz +und stark an die Thür, trat mit einem gleichsam von ihm ausstrahlenden +Freimut auf den Sohn seines besten Jugendfreundes zu, sah ihm +liebenswürdig in die Augen und schüttelte ihm mit jener lebhaft +höflichen Herzlichkeit die Hand, welche den Dänen und den Franzosen +gemeinsam eigen ist. + +Er bot eine überaus vornehme, aber auffallende Erscheinung. Auf einem +geschmeidigen, noch jugendlichen Körper saß ein mit weißem Haar +bedeckter, kurzglatt geschorener Kopf, auch der Schnurrbart war weiß, +während die Farbe des Angesichts nicht spurenweise, wie bei anderen +Menschen, gerötete Farben, sondern ein über und über gesund gerötetes, +feuriges Kolorit zeigte. Und alles, was er trug und wie er's trug, paßte +zu seiner Persönlichkeit. Ueber Lackstiefeln saßen kreideweiße +Gamaschen, auch die Weste war aus weißem Stoff, während den übrigen +Körper ein loser, grauer, sogenannter englischer Anzug umschloß. In der +That, ein schönes, vornehmes Geschlecht, diese Lavards! Graf Dehn fühlte +sich fast ein wenig herabgedrückt neben diesen überall von den +Erscheinungen ungewöhnlichen Reichtums umgebenen Menschen. + +„Ich habe,“ hub er an, „meinen Freund den alten Grafen Knut, und den +Doktor unten aus unserm Dorf Kneedeholm zu Tisch geladen. — Ist Ihnen +hoffentlich nicht unangenehm, lieber Graf Dehn? + +O nein, o nein, ich weiß! Gleich am ersten Tage mag man nicht gleich von +zu vielen Eindrücken bestürmt werden. Haben Sie Imgjor schon gesehen? — +So — so — Hm vortrefflich! — Ich sprach meine Frau nur flüchtig. Also, +auf Wiedersehen in einer Viertelstunde!“ + +Und dann ging er, Axel warmherzig zunickend, und dieser, die Brust voll +von unruhigen Erwartungen blieb allein. — + +Das Speisegemach in Rankholm lag zu Seiten des großen Empfangssalons, +welcher wegen seiner Spiegelwände der Spiegelsaal genannt wurde. Als +Axel von dem in einem tadellosen Frack und weißer Binde steckenden +Frederik zunächst in den ersteren geleitet wurde, fand er die +Herrschaften schon versammelt. + +Die Gräfin, die ihm gleich liebenswürdig zunickte, befand sich in einem +Gespräch mit dem Grafen Knut, einem kleinen, starken, beweglichen Herrn +mit hinkendem Bein und tiefer Schmarre in dem sehr ausdrucksvollen, +dänisch geschnittenen Gesicht. + +Graf Lavard unterhielt sich dagegen mit dem jungen Doktor Prestö, einem +Mann, der wie ein Korpsbursch aussah und durch die dunklen Farben seines +Angesichts und durch das tiefe Schwarz seines Haares eher einem +Italiener, als einem Bewohner des Nordens glich. + +Imgjor endlich stand vor einem großen, reich vergoldeten Käfig und +beschäftigte sich mit einem prachtvollen, buntgefiederten Papagei, den +sie zärtlich verhätschelte und der auch ihr sehr zugethan zu sein +schien. + +Sogleich fand die allgemeine Vorstellung und ein lebhafter Wortaustausch +zwischen Axel und dem Grafen Knut statt, und nur Imgjor blieb nach steif +formeller Verneigung neben dem Bauer stehen und trat erst von diesem +zurück, als Frederik die Flügelthüren zu dem Speisegemach und der dort +aufgehellten, in Krystall und Silber strahlenden Tafel aufstieß. + +Graf Knut führte die Gräfin, der Graf gab einer noch eben +hinzugetretenen, als Imgjors Lehrerin vorgestellten, älteren Hausdame +den Arm, und Axel erhielt seinen Platz zwischen Imgjor und dem Doktor +Prestö, in der Art, daß er und die übrigen, mit Ausnahme von Imgjor, für +die an dem unteren Ende der Tafel ein Kouvert gedeckt war, einander +gegenübersaßen. + +Das Gespräch wurde zunächst so ausschließlich von der Gräfin in Anspruch +genommen, daß die anderen zu einer Einzelkonversation keine Gelegenheit +fanden. Erst später gelang es Axel, sich mit Imgjor zu beschäftigen und +mit dem Doktor eine Unterhaltung anzuknüpfen. Allerdings zeigte dieser +eine ähnliche unhöfliche Zürückhaltung wie Imgjor. + +Es giebt junge Leute, die ohne ein zu Tage tretendes Bestreben, sich +vordrängen zu wollen, mit einer Geschlossenheit und Sicherheit des +Wesens auftreten, als ob alle Geheim- und Weisheitsbücher der Welt schon +vor ihnen aufschlagen gewesen seien. Ein solcher Mensch war der Doktor. +Er gab sich Axel gegenüber sehr unbiegsam und nichts weniger als +zuvorkommend. Von seinem mit bürgerlichem Hochmut gepaarten Selbstgefühl +wurde Axel in solcher Weise abgestoßen, daß er es sehr bald ablehnte, +seinen Nachbar überhaupt noch zu beachten. Er redete ihn nicht mehr an +und hörte auch nicht mehr zu, wenn jener sprach. Allerdings kehrte +Prestö auch eine ziemlich unpersönliche Art gegen Imgjor hervor. Er +sprach zwar sehr viel mit ihr, aber über Gegenstände, die sonst nur +zwischen Männern erörtert werden. Er machte ihr in keiner Weise den Hof, +legte vielmehr an den Tag, daß ein Prestö gerade so viel Beachtung in +der Welt verdiene und dasselbe Recht auf Selbstgefühl besitze, wie die +Familie Lavard auf Schloß Rankholm. Und Imgjor hörte ihm zu, als ob ein +Evangelium von seinen Lippen flösse; sie richtete ihre Augen und +Gedanken so ausschließlich auf ihn und wich Axel so geflissentlich aus, +daß dieser zuletzt wie ein Freitischschüler neben ihnen saß. + +Allerdings hielt das nicht lange an. Graf Dehn verband mit Geist und +sehr großer Gewandtheit eine starke Initiative, und sie und seine +Menschenkenntnis gaben ihm stets die Mittel an die Hand, sich, wenn er +es wollte, zum Herrn der Situation zu machen. Und so geschah's auch +heute. + +Im Nu wußte er an der anderen Seite des Tisches das Gespräch an sich zu +ziehen und entwickelte einen so anziehenden, von den Beifallsbezeugungen +jener begleiteten Redefluß, daß auch Prestö und Imgjor zum Zuhören +gezwungen wurden. + +Er erzählte mit packendem Humor von einer Jagd in der Lausitz und +charakterisierte die Personen, die dabei zugegen gewesen, mit solcher +Meisterschaft, daß ihm Graf Lavard und Graf Knut unter lebhaftem +Gelächter und mit sehr beifälligen Mienen zutranken. + +Aber Axel benutzte auch diese Gelegenheit, um dem Doktor Prestö einen +Denkzettel zu geben. + +Indem er Prestö lediglich einen anderen Namen beilegte, entwarf er ein +so sprechendes Bild von dessen äußeren Erscheinung, seinem Auftreten und +Wesen und führte solche Kolbenschläge gegen dessen Ueberhebung und +Erziehungsmangel, daß die Hausdame, Fräulein Merville, die offenbar +Axels Abneigung gegen Prestö teilte, zunächst mit einem Ausdruck +höchsten Erschreckens, dann aber mit einem solchen höchster Befriedigung +die Lippen verzog. + +Nicht weniger schien die Gräfin durch diese Abfertigung angemutet. +Nachdem sie anfangs mit einer Miene des Zweifels, ob die Betreibung nur +zufällig auf Prestö passe oder ob Axel jenen bewußt charakterisiere, +zugehört, erschien in der Folge etwas in ihren Zügen, das Axel nicht nur +über ihre Meinungen bezüglich Prestös belehrte, sondern die auch sagten, +daß sie ihm deshalb durchaus nicht gram sei. + +Anders aber Imgjor, in der es sichtlich vor Aufregung kochte. + +Ganz abweichend von ihrer bisherigen stummen Gleichgültigkeit gegen die +Vorgänge ihrer Umgebung, brach sie das Schweigen und mischte sich +in das Gespräch, indem sie nicht nur spöttisch Zweifel an der +Wahrscheinlichkeit der von Axel erzählten Vorgänge äußerte, sondern auch +zum offenen Angriff vorging. „Die Personen, die Sie uns schilderten, +Herr Graf, sind, wie ich es garnicht bezweifle, wirklich lebende +Menschen, und Sie erreichen Ihren Zweck, zu beweisen, daß Sie scharf zu +beobachten verstehen. Aber Sie beweisen auch, daß Sie besser in fremde +Spiegel zu schauen vermögen, als in den eigenen. Letzterer schafft +nachsichtige Urteile. Diejenigen, die sich anmaßen, über andere den Stab +zu brechen, vergessen allzu oft bei ihren Vorträgen, daß sich den +Zuhörern eine nicht zu ihrem Vorteil ausfallende Betrachtung über ihre +Einseitigkeit aufdrängt —“ + +„Sie haben vollkommen recht, gnädigste Komtesse —“ entgegnete Axel auf +diese herausfordernde Rede mit vollendeter Höflichkeit. „Nur glaube ich, +daß ich diese Unvollkommenheit, oder, wie Sie liebenswürdig äußern, +diese Einseitigkeit, mit fast allen meinen Mitbrüdern und Mitschwestern +teile. — Nur eine Ausnahme giebt's — ich spreche nicht, um Komplimente +zu sagen, gnädigste Komtesse — und diese fand ich hier auf Schloß +Rankholm. Sie sind's! Sie geben jedem, was ihm zukommt und gelangen +sicher stets zu gerechten, wenn auch nicht immer völlig milde klingenden +Richtersprüchen!“ + +Der Eindruck dieser Rede war ein sehr verschiedener. + +Imgjors Wangen bedeckten sich mit der Blässe des Zorns. Die schwarzen +Augen in ihrem bleichen Angesicht mit dem braunrötlichen Haar funkelten +unheimlich. Der Doktor aber, zugleich erregt an einem Brotkügelchen +knetend, riß den Mund jähzornig zur Seite. Die anderen standen vorläufig +noch unter dem Eindruck, daß es sich vielmehr um eine scharf zugespitzte +Neckerei handelte, als daß jene sich bekämpfen wollten. + +Der Graf äußerte sich auch in diesem Sinne, indem er hinwarf: + +„So, Imgjor! Nun weißt du, aus welchen Himmelshöhen du zu uns +hinabgestiegen bist. Werde noch etwas milder und du kannst einst als +Heilige verehrt werden!“ + +Und die Gräfin warf Axel einen ihrer forschenden Blicke zu, einen jener, +durch den sie zugleich verriet, daß ihr Interesse für Axel sich immer +mehr steigerte. + +Wie sehr übrigens diese Zurückweisung Imgjor getroffen hatte, bewies ihr +ferneres Verhalten bei Tisch. Sie hörte zwar auch ferner dem zu, was ihr +der Doktor vortrug, aber ihre Gedanken waren offenbar nur halb oder gar +nicht bei der Sache. Sie sann sichtlich über einen Racheakt nach und +mußte doch ihren heißen Drang bezähmen, weil sie Axel auf diese höfliche +Abfertigung nicht beizukommen vermochte. + +Aber nicht ein einziges Mal richtete sie das Antlitz ihm zu, und ebenso +verharrte der Doktor in einer feindselig stummen Abwehr. Axel wußte sich +auch in der Folge lediglich den übrigen zuzuwenden, blieb bis zum +Tafelschluß in einer lebhaften Konversation mit jenen und entging +dadurch der Pflicht, Höflichkeitsakte gegen Imgjor zu üben, und irgend +welche Notiz von seinem Gegenüber zu nehmen. + +Nach Tisch empfahl sich der Doktor, indem er Krankenbesuche vorschützte, +und auch Imgjor verschwand. Erst beim Thee, den sie zu bereiten hatte, +erschien sie wieder. + +Sie hatte aus irgend einer Laune nunmehr wieder ein schwarzes Kleid +angelegt und sah in diesem mit ihrem bleichen, kaltstummen Gesicht wie +eine trotzige Büßerin aus. + +„Wo warst du, Imgjor?“ forschte die Gräfin, die mit den drei Herren nach +Tisch einen Spaziergang im Park unternommen, später eine Partie Boston +gespielt und diese jetzt eben beendigt hatte. + +„Ich bin nach Mönkegjor durch den Wald geritten —“ gab Imgjor kurz +zurück. + +Als sich Axel noch vor dem Schlafengehen und allgemeinen Aufbruch Imgjor +näherte — sie saß mit einem Buch für sich in einer durch eine Hängelampe +erleuchteten Ecke des Kabinetts — und sie fragte, welche Lektüre sie so +sehr beschäftige, entgegnete sie tonlos und ohne seinen auf das Buch +gerichteten Bewegungen zu entsprechen und es ihm zur Prüfung anzubieten: + +„Ich lese Geist in der Natur von Oersted —“ + +„Und eine so schwere Lektüre fesselt Sie?“ + +„Mich fesselt alles, was mich über die einseitige Enge des Daseins zu +erheben vermag!“ + +„Sie betonen Ihre Worte so stark! Haben Sie bereits so unerfreuliche +Erfahrungen gemacht, Komtesse?“ + +Aber sie gab auf diese Frage keine Antwort. Sie zuckte nur die Achseln. +— Aber deshalb trieb's ihn, die Schranke gewaltsam zu durchbrechen, die +sie trennte. + +Sanft sprechend, sagte er: + +„Ich würde gern Ihre Freundschaft erringen, Komtesse! Aber Sie weichen +mir schroff aus, Sie gebrauchen sogar Waffen gegen mich. Ich sinne über +die Gründe nach, die Sie so handeln lassen. Giebt's keinen Weg, der uns +zusammenführen könnte?“ + +Aber was er erhoffte, ward ihm nicht. + +Indem sie ihn kalt und unbeugsam anblickte, sagte sie kurz und hart im +Ton: + +„Nein, keinen, Graf Dehn!“ + +Nach diesen Worten benutzte sie einen Anruf von Fräulein Merville, +machte eine kühl entschuldigende Geste, stand auf und entfernte sich +rasch. + +Er aber schaute ihr nach, umfing mit seinen Blicken ihre Psychegestalt, +seufzte auf und trat zu den übrigen zurück. + +Die Herren waren eben im Nebenzimmer beschäftigt, die Gräfin aber, die +zu einer Handarbeit gegriffen, erhob bei seiner Annäherung den Kopf und +sagte mit liebenswürdiger Milde: + +„Ja, leicht ist, lieber Graf, diese Festung nicht zu nehmen. Wären wir +beide in gleichem Alter, wäre es Ihnen bequemer geworden!“ + +„Ich besitze also Ihr Wohlwollen, verehrteste Frau Gräfin? Darf ich Ihre +Worte so deuten?“ stieß Axel heraus. + +„Ja, Graf Dehn!“ Sie sprachs und streckte ihm gütig die Hand entgegen. + +Und Axel ergriff sie und drückte einen festen Kuß auf die weiße, weiche +Fläche, die unter der Berührung seiner Lippen leicht zu beben schien. + + * * * * * + +Als Axel am nächsten Vormittage der Gräfin nach dem zweiten Frühstück im +Park Gesellschaft leistete, erklärte er ihr nach einer vorsichtigen +Einleitung, daß Imgjor einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn +hervorgerufen habe, daß er aber eine Werbung als gänzlich aussichtslos +ansehen müsse. + +Mit größter Offenherzigkeit erzählte er ihr von dem, was ihm begegnet +war, und was er dabei empfunden hatte, auch verschwieg er ihr nicht, daß +er bereits am gestrigen Abend einen Anlauf genommen und dabei eine +Antwort empfangen, der an schroffer Deutlichkeit nichts gefehlt habe. + +Die Gräfin hatte seinem Bericht wohl mit steigendem Interesse, aber +doch ohne Befremden, zugehört. + +Nachdem er den letzten Satz gesprochen, sagte sie: + +„Ah, das war schade! Das ist übel. Hätten wir uns früher gesprochen! Ich +durfte, ich konnte ja nicht reden, durfte Ihnen keinen Wink geben, ohne +mich eines Mangels an Zartgefühl schuldig zu machen. Nachdem Sie aber +die Initiative ergriffen, mir erklärt haben, daß Sie sich für Imgjor +interessieren, möchte ich Ihnen folgendes sagen: + +Sie wäre von selbst gekommen, wenn Sie die Taktik, die Sie gestern bei +Tische beobachteten, fortgesetzt hätten. Man muß sie gar nicht beachten. +Sie kommt schließlich immer, wenn es sich um wertvolle Menschen handelt. +Aber ihr Mißtrauen, daß man sie um ihres Geldes willen umwirbt, ist so +groß, daß sie von vornherein gegen alle jungen Leute die schroffste +Seite hervorkehrt. Erst nach Wochen, vielleicht nach Monaten, hätten Sie +ihr ein warmes Wort sagen müssen, dann wäre es nicht nur wahrscheinlich, +sondern sicher auf einen fruchtbaren Boden gefallen.“ + +„Und Sie fürchten, daß ich nun keine Aussichten mehr habe, Frau Gräfin?“ + +„Ich traue Ihnen sehr viel zu. Sie besitzen goldene Schlüssel, lieber +Graf. Sie öffnen, ich glaube es, die verschlossensten Herzen. Hoffen wir +also —“ + +„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin, und ich bitte, entwerfen Sie mir ein Bild +von ihrer Tochter. Ich möchte es mit demjenigen vergleichen, das sich in +mir gebildet hat, ich möchte mich berichtigen, sofern es nötig. Ich +werde leichter den Kampf aufnehmen, wenn ich weiß, mit welchem Gegner +ich zu thun habe.“ + +Die Gräfin nickte, beugte sich ein wenig vor und sagte stark betonend: + +„Sie ist ein besonderer Mensch. Sie ist absolut wahr, besitzt sehr viel +Charakter, ein trotziges Unabhängigkeitsgefühl und eine seltene +Objektivität. Jedem Adligen begegnet sie mit Mißtrauen, obschon sie +stolzer ist als irgend ein Lavard und ein Verdeuil, die je lebten. Wo +sie einmal liebt, besitzt sie die Treue eines Kindes und die +Opferfreudigkeit eines Engels.“ + +„Also ist sie wirklich das, was ich vermutete —“ stieß Graf Axel erfreut +heraus. + +„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin. Wahrlich, also ein Kleinod, nicht nur +schöner als fast irgend ein Weib, sondern innerlich von edelster Art, +ein nur der Glätte bedürfender Diamant —“ + +„Sie finden Imgjor so schön?“ fiel die Gräfin ein. + +„Ja, gnädige Gräfin! Ich sah nie etwas gleiches, weder auf Bildern, noch +im Leben, und ich glaube auch, einem schöneren weiblichen Wesen kaum je +wieder begegnen zu können —“ + +„Dann müssen Sie Lucile kennen lernen! Nun, sie kommt ja nächstens. Da +können Sie sich entscheiden!“ + +Axel machte eine Verneigung, dann sagte er: + +„Können, wollen Sie mir also — ich bitte, noch einmal auf Komtesse +Imgjor zurückkommen zu dürfen — bei meiner Werbung behilflich sein, Frau +Gräfin?“ + +„Natürlich! Doch auf meine Weise und erst, wenn Sie sich wirklich +entschieden haben. Es muß die Bekanntschaft mit Lucile vorangehen. Und +eins ist gleich zu sagen, da ich Sie bereits als einen vertrauenswerten +Freund betrachte: direkt kann ich Ihnen bei Imgjor nicht helfen!“ + +„Darf ich den Grund wissen?“ + +Der Gräfin Züge veränderten sich durch einen Ausdruck von düsterem +Ernst. Dann sprach sie in einem sanft gekränkten Ton: + +„Mich — mich — meidet sie eher, denn daß sie mich sucht —“ + +„Wie, Frau Gräfin? Imgjor — Sie — Ich bitte — erklären Sie —?“ + +Aber was er noch sagen und was sie ihm vielleicht erwidern wollte, wurde +nicht gesprochen, weil sich gerade der Graf näherte und ihnen schon aus +der Ferne in dänischer Sprache einige Worte hinüberrief. + +„Hesterne staae beredt!“ (Die Pferde stehen bereit!) + +Und da es sich um einen Reitausflug nach dem Gehölz von Mönkegjor +handelte, verabschiedeten sie sich sehr bald von der Gräfin und nahmen +den Weg vorn vors Schloß, woselbst der Reitknecht mit den beiden weißen +Hengsten ihrer wartete. — + + * * * * * + +Der Rest der Woche und die Hälfte der folgenden verliefen Graf Axel +sehr rasch, ja, die Tage flogen förmlich dahin. Bald nahm ihn die Gräfin +gefangen, indem sie mit ihm in langen Gesprächen auf weitausgedehnten +Spaziergängen philosophierte oder ihn zu einer Partie Schach heranzog. +Zu anderer Zeit mußte er dem Grafen in seine mit vielen interessanten +Dingen angefüllten Gemächer folgen oder Wagen und Reitausflüge mit ihm +und dem Grafen Knut unternehmen. Dazwischen lagen die Mahlzeiten mit +ihren Leckerbissen, Weinen und anregenden Gesprächen. + +Graf Knut — ein früherer dänischer Reiteroberst — besaß im Dorf, +abseits, ein höchst malerisch belegenes Herrenhaus mit Garten und Park, +das er nebst einem nicht unbedeutenden Kapital von einer verstorbenen +Tante geerbt hatte. + +Er führte ein sorgenfreies, äußerst behagliches Leben und gehörte zu +jenen Menschen, die schon durch ihre bloße Anwesenheit eine angenehme +Atmosphäre um sich verbreiten. Er war ein sehr konzilianter, maßvoll +veranlagter Mann, der in allen die Menschheit beschäftigenden Fragen +jederzeit einen vermittelnden Standpunkt einnahm und zudem stets +aufgelegt war, sich an den Abwechslungen, die ihm dargeboten wurden, zu +beteiligen. + +Nicht nur das zu der ungeheuren Herrschaft gehörende Gebiet: die +Vorwerke, die Fischteiche, die Waldungen und die Förstereien wurden +während dieser Woche durchmessen und in Augenschein genommen, sondern +auch das eigentliche Gut mit all' seinen Einzelheiten und das zu dessen +Füßen hingelagerte Kneedeholm. + +Dem Prediger, dem Ortsvorsteher und Apotheker, aber auch, aus Gründen +kluger Ueberlegung, dem Doktor Prestö, stattete Axel Besuche ab, und +wenn der Abend kam, wurde geplaudert, musiziert, etwas vorgelesen oder +eine Partie gemacht. + +An all' diesem nahm Imgjor garnicht teil oder sie gab nur die Zuhörerin +ab. Entweder hielt sie sich für sich auf ihrem Zimmer auf oder sie +durchschweifte, allein oder von einem Reitknecht gefolgt, zu Pferde die +Umgegend. Auch machte sie viele Spaziergänge ins Dorf, besuchte hier die +Bauern und fühlte sich unter ihnen offenbar am glücklichsten. + +Und daß sie sich so absonderte, ward von ihrer Umgebung als so +selbstverständlich angesehen, daß sie auch jetzt bei des Grafen +Anwesenheit zu einer Aenderung ihres Verhaltens garnicht angefordert +wurde. + +Der Graf schien auf demselben Standpunkt wie seine Gemahlin zu stehen. + +Eine Annäherung zwischen ihr und Axel mußte sich nach und nach ergeben. +Jeder Zwang war von Uebel. + +Am Freitag der folgenden Woche traf endlich Lucile ein. + +Alle fuhren ihr in einem mit zwei schwarzen und zwei weißen Rennern +bespannten, offenen Gefährt bis zur Landstraße entgegen. Sie kam mit der +Post, ebenso wie Graf Dehn; sie hatte es so gewollt. + +Komtesse Lucile Lavard war eine ungemein schlanke Dame mit einer +außerordentlich vornehmen Haltung. Ihr Gesicht besaß eine vollendete +Regelmäßigkeit; sie glich einer edlen Römerin, die den Schönheitspreis +davongetragen. Die Nase war leicht gebogen, die schwarzen Augen glühten +in einem dunklen Feuer, die Lippen waren sein geschnitten. Gleich der +Abendröte Anhauch lagen sauste Farben auf den weichen Wangen, und ihre +Zähne blitzten in dem Weiß der Fischgräte. + +Die Gräfin hatte recht, sie war blendend schön und zugleich von einer +Liebenswürdigkeit, die etwas wahrhaft Bestrickendes besaß. — + +Als man das Schloß erreicht hatte, zog sich Axel absichtlich zurück und +wanderte ins Dorf. + +Mitten in diesem lag, zurückgelehnt, der Besitz des Grafen Kunt, ein +zweistöckiges, schneeweiß angestrichenes Haus mitten unter Grün und +Tannen. + +Er fand den Besitzer in seinem Garten bei den Blumen, und nachdem ein im +Hause eingenommenes Glas Wein und eine Zigarre bereits die Gemütlichkeit +erhöht hatten, unternahmen sie zusammen einen Spaziergang durch den sehr +ausgedehnten, mit stattlichen Gehöften und Bauerhäusern, aber auch mit +vielen ärmlichen Katen besetzten Ort. Bei dieser Gelegenheit ließ sich +Axel möglichst viel von Lavards und auch von Lucile erzählen. + +Graf Knut berichtete, daß Lucile vor anderthalb Jahren mit einem +französischen Gesandtschaftsattaché in Kopenhagen, dem jungen Marquis +von Rebullion, verlobt gewesen sei und diese Verbindung wieder gelöst +habe. + +Dem wäre es zuzuschreiben, daß sie seither keine Ehe eingegangen sei. + +Er bezeichnete sie als ein vollendetes Mädchen, sie besitze aber einen +unbeugsamen Standesstolz. + +Während sie noch sprachen, kam Doktor Prestö vorüber, machte eine +Bewegung, als ob er stehen bleiben wolle, besann sich aber und grüßte +den Grafen mit großer Artigkeit, Axel aber mit steifer Gemessenheit. Es +geschah, obschon Prestö Axels Besuch noch nicht erwidert hatte. + +„Ein recht unangenehmer Mensch!“ warf Axel hin. + +Graf Knut bewegte stumm die Schultern. + +„Sie scheinen meine Auffassung nicht zu teilen?“ + +„Man muß den Zusammenhang der Dinge kennen, um ein gerechtes Urteil zu +fällen —“ entgegnete Graf Knut. „Prestös Eltern fanden unter dem Druck +eines maßlos hochmütigen und gegen seine Untergebenen rücksichtslos +harten Gutsherrn, des Grafen Vedelsborg auf Bornholm. Prestös Vater war +dort Guts-Inspektor. So sog der Sohn den Haß gegen den tyrannischen +Gutsherrn seit seiner Kindheit in sich ein. Prestö ist völlig mittellos; +die unvermögenden Eltern sind lange gestorben; nur durch eisernen Fleiß, +Stipendien und Stundengeben hat er sein Studium ermöglicht. Durch solche +Thaten, durch solches Ringen um die Existenz bilden sich Charaktere, +allerdings selten liebenswürdige, eher einseitige und selbstsüchtige. +Als unser alter Doktor vor sechs Monaten starb, gab ich die +Veranlassung, daß sich Prestö hier niederließ. Ich interessierte mich +von jeher für die Eltern. Gewiß, seine Manieren lassen recht sehr zu +wünschen übrig, ich gestehe das zu. Auch gären in ihm die Ideen der +neuen Zeit. Ich bedaure diese Richtung. Aber — was will man machen? +Wechsel regiert die Welt, und mit ihm treten neue Anschauungen und +Erscheinungen zu Tage. Wir — die Gutsherren — haben die gute Zeit +gehabt, nun wollen auch die Bauern einmal leben!“ + +„Ah, nun verstehe ich! Deshalb Imgjors Eintreten für ihn! Sie begegnen +sich in ihren Anschauungen. Jetzt ist mir alles klar. Nun weiß ich, wer +meinem Werben um sie entgegengeht.“ + +„Sie interessieren sich für die Komtesse Imgjor, Herr Graf?“ + +„Ich gestehe es — außerordentlich! Ich habe auch des Grafen und der +Gräfin Beifall für meine Pläne. Bisher glaubte ich nur gegen Vorurteile +zu kämpfen. Nun bin ich überzeugt, daß ich in Prestö meinen eigentlichen +Widersacher zu suchen habe. Gewiß, sie lieben sich!“ + +„Vielleicht doch _nicht_ —“ betonte der Graf, auf das Gespräch ohne +Umschweife eingehend. „Daß Imgjor Interesse für ihn besitzt, will mich +wohl auch bedünken. Aber er für sie? Er war schon als Student verlobt +und ist es, soviel ich weiß, noch —“ + +„Ah welch' eine gute Nachricht! Erzählen Sie, ich bitte!“ fiel Axel +lebhaft ein und zog den alten Herrn über das Dorfgebiet hinaus. — + +Am folgenden Tage, nach dem zweiten Frühstück, wußte es Axel so +einzurichten, daß er mit Lucile im Garten auf- und abwandelte. Der Graf +hatte wegen seiner Geschäfte auf eins der Vorwerke fahren müssen, die +Gräfin — eine selten vorkommende Erscheinung — mußte wegen einer +Migräne das Zimmer hüten. + +Lucile war, in Vertretung ihrer Mama, beim Frühstück sehr liebenswürdig +um Axel bemüht gewesen. Sie besaß ähnliche Eigenschaften wie ihre +Mutter. Mit Verstand und Geist verband sie große Lebhaftigkeit. Wie sie +sonst zu beurteilen sei, mußte er erst ergründen. + +Es giebt Frauen, die bei aller sonstigen Beweglichkeit eine stolze +Prüderei hervorkehren, sobald ein Mann eine über das Konventionelle +hinausgehende Annäherung wagt. + +Zu einer engeren Berührung im ersteren Sinne gehört nach ihrer +Auffassung die Prüfung eines halben Menschenalters, und Artigkeiten, die +ein Interesse verraten, weisen sie mit einer verletzenden Schroffheit +zurück. + +Der Graf hatte recht: zu diesen schien Lucile zu gehören. + +Lucile sprach mit Vorliebe über ihren Aufenthalt in den großen Städten +und ihren Verkehr mit den Personen der bevorzugten Stände. Es geschah +das aber in einer Weise, die keinerlei Absichtlichkeit durchschimmern +ließ; sie behandelte die Dinge als etwas naturgemäß zu ihr gehöriges. +Aber es ging aus allem hervor, daß sie Umgang und Beziehungen zu solchen +Personen über alles stellte, daß das Leben in diesen Kreisen mit dem +Interesse für Toilette, Korsos, Jagden, Pferde und geräuschvolle +Geselligkeiten ihr Eldorado war. Und dieses Hervorkehren und dieses +Wertlegen auf Dinge, die Axel als minderwertige ansah, reizte ihn und +verführte ihn zu starkem Widerspruch. + +„Was Sie besonders anzuziehen scheint, Komtesse, stößt mich geradezu ab +—“ warf er, herabsetzend im Tone, hin. + +Und mit einem „So, so! Ja, der Geschmack ist eben ein verschiedener —“ +antwortete sie darauf. + +Statt daß Lucile, wie Axel erwartet hatte, ein Erstaunen darüber an den +Tag legte, daß er, der doch zu diesem Kreise gehörte, einen solchen +abweichenden Geschmack bekundete, schien sie das hinzunehmen, wie das +Zwitschern eines Vögelchens, das über ihnen in den Zweigen huschte. + +Sie rechnete mit dem, was einmal vorhanden war; sie entwickelte keinen +Eifer darüber, daß es mit ihren Neigungen nicht übereinstimmte. + +Während sie sich eben wieder dem Schloß näherten, in dem sie ein +Waffenzimmer besichtigen wollten, von dem beim Frühstück die Rede +gewesen war, sagte er: + +„Sie ziehen also wohl jedenfalls die Stadt dem Lande vor. Sie finden +wahrscheinlich gar keinen Geschmack an dem einförmig-stillen Leben auf +Rankholm, Komtesse?“ + +Statt einzutreten — eben hatten sie eine Pforte im Souterrain erreicht, +durch die man von hinten ins Schloß gelangen konnte — blieb sie stehen, +richtete den Blick geradeaus und sagte, zunächst durch eine Kopfbewegung +seinen Worten begegnend: + +„Nein, ich bin hier sehr gern. Im Sommer ist mir die Stadt nichts. Aber +— ich spreche offen — ich finde die Personen hier wenig anziehend. Wäre +nicht mein Vater —“ Sie hielt inne und während sie die Lippen schloß, +reckte sie den schlanken Hals rückwärts, wie jemand, der einer starken +Empfindung Herr zu werden versucht. + +Nun wurde Axel aufmerksam. + +Scheinbar arglos sprechend, fiel er ein: + +„Ja, Ihre Eltern, Ihr Herr Papa, Ihre Frau Mama, die müssen jedermann +fesseln!“ + +„Meine Mutter —?“ Lucile zog die Schultern, und in ihren Zügen erschien +ein eigentümlicher Ausdruck. Doch sprach sie nicht aus, was sie dachte, +und offenbar empfand sie Reue, daß sie sich so weit vergessen hatte. + +Auch suchte sie den von ihr hervorgerufenen Eindruck rasch wieder zu +verwischen, indem sie sagte: + +„Ich wollte betonen, daß ich mit meinem Vater besser hamoniere als mit +Mama und Imgjor“ — Und plötzlich abschweifend: + +„Wie finden Sie Imgjor?“ + +„Bezaubernd!“ + +„So —!? Ja, das ist ein Mädchen, um das alle Männer werben. Es +geschieht, weil sie ihnen nicht einen Finger giebt. Solche strecken +ganze Scharen zu ihren Füßen.“ + +Dann schwieg sie. Als sie aber oben in das Waffenzimmer getreten waren +und sich hier, nach Besichtigung der Gegenstände, noch einmal +niedergelassen hatten, sagte Lucile Lavard: + +„Ich gehe gern hier hinauf, weil meine Vorstellungen rege werden. Ich +wollte, ich hätte damals leben können, als noch Rankholm der Mittelpunkt +der vornehmen Welt war, als noch unsere Vorfahren Gesandte, +Staatsminister und Feldmarschälle waren, als sie die Herrscher Dänemarks +wochenlang zum Besuch bei sich sahen!“ + +„Sie sind offenbar sehr ehrgeizig, Komtesse! — Sie sind aus dem alten +Lavardschen Blut.“ + +„Ja, ich bin ehrgeizig, Sie haben recht, Graf Dehn! Ich leugne es nicht. +Ich lege Wert auf meinen Stamm, auf unser Ansehen und unsern Reichtum. +Ich bin aber —“ hier lächelte Lucile Lavard mit einem liebenswürdig +anschmiegenden Lächeln — „durchaus nicht so äußerlich, wie Sie glauben +mögen. Ja, ja, ich hab's schon bemerkt, Herr Graf, daß Sie mich recht +abfällig beurteilen. — Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ich denke! Ich +wünsche mich auszusprechen, da ich Sie bereits zu uns zähle: Ich +überhebe mich über niemanden, das wäre eine Beschränktheit. Gott gab mir +objektiven Verstand. Aber ich leugne nicht, daß ich, je höher die +Verfeinerung der Sitten und je vornehmer, sorgloser die +Lebensverhältnisse sind, um so größeren Geschmack an den Menschen und +Verhältnissen finde. Das Leben mit den gesellschaftlich Auserwählten ist +mir Bedürfnis, ich teile durchweg ihre Interessen und Neigungen. +Freilich unterscheide ich stark. Der Oberflächlichkeit gehe ich +möglichst aus dem Wege; die Männer, die unthätig nur in den Tag hinein +leben, verabscheue ich. Finde ich Verstand, Streben, Geist und wahrhaft +kavaliermäßige Eigenschaften, so suche ich eine Annäherung. Mein Ziel +ist das Bündnis mit einem Mitglied der höchsten Stände. Eine Lavard hat +das Recht, ihre Hand nach einer Fürstenkrone auszustrecken. Und wenn ich +das erreicht habe, so will ich mir Beachtung erwerben durch die Pflege +der Künste und Wissenschaften, durch Wohlthun, durch die Förderung alles +dessen, was im wahren Sinne wertvoll und sittlich ist. So denke ich mir +mein künftiges Leben, dahin geht mein Ehrgeiz.“ + +Axel hatte ihr aufmerksam zugehört, und so sehr wuchs durch die +Verminderung seiner Vorurteile ihre Persönlichkeit in seinen Augen, daß +er sich zu einer eifersüchtigen Regung fortreißen ließ. + +„Wahrlich, ich bewundere Sie, Komtesse!“ stieß er heraus. „Aber ich +empfinde einen starken Schmerz um die, welche mit keiner Krone im Wappen +zur Welt kamen und deshalb nicht einmal Ihre Fingerspitzen berühren +dürfen.“ + +Sie sah ihn an, und ein reizvoll gütiges Lächeln umspielte ihren Mund. +Dann sagte sie: + +„Sie dürfen es, Graf Dehn! Auch dahin wollte ich noch Ihre +Voraussetzungen berichtigen. Ich bin nicht stolz oder gar hochmütig in +Ihrem Sinne. Ich hab' etwas Selbstgefühl, weil ich mir bewußt bin, daß +ich stets vernünftig zu handeln suchte, weil ich Grundsätze habe und dem +Besseren — wenn auch nur in meiner Weise — ehrlich nachstrebe. Aber +glauben Sie es mir, ich bin für meine Leute ein guter Kamerad. Ihnen +will und werde ich es jederzeit sein, wenn Sie mich brauchen können.“ + +„Ah, welche Musik für mein Ohr, gnädigste Komtesse! So sprach auch Ihre +Frau Mama. + +„Ich danke Ihnen, danke Ihnen von Herzen! Ich bitte Ihre Hand zum +Zeichen meiner Verehrung berühren zu dürfen!“ + +Ein stiller, freundlicher Blick traf ihn, während sie gewahrte, worum er +bat, ein Blick, ähnlich wie der, welcher in den Augen ihrer Mutter +bisweilen erschien. Voll Nachdenken über diese Frauen, die sich so offen +gaben und in denen allen sich doch etwas Rätselhaftes verbarg, stieg +Graf Axel an der Seite Luciles wieder in die unteren Räume hinab. — + +Nach dem Frühstück am folgenden Tage wurde über eine, einem geplanten +größeren Fest noch vorherzugehende, kleine Abendfête beraten. + +Man wollte Lucile nach ihrer langen Abwesenheit Gelegenheit geben, mit +den gesellschaftsfähigen Personen in Kneedeholm und einigen der höheren +Gutsangestellten ein Wiedersehen zu feiern. Ueber das Erscheinen der +letzteren, des Pastors Nielsen und des Apothekers war man sich einig. +Die Hinzuziehung des Doktor Prestö stieß auf Schwierigkeiten. + +„Wenn's nicht Graf Knut gewesen, würde ich mich in diesen Ersatz für +unsern alten, vortrefflichen Doktor Kröde nicht so willig gefügt haben +—“ warf die Gräfin hin. + +„Der Prestö ist mir eigentlich sehr unsympathisch, er besitzt gar keine +Lebensart, und sollte ich krank werden, würde mich sein Kommen eher +beschweren, als erleichtern!“ + +„Ja, Manieren hat er wenig, oder eigentlich keine —“ bestätigte der +Graf. „Er ist ein selbstbewußter Herr, und, wie der Gutsförster schon +neulich behauptete, sicherlich ein fanatischer Bauernfreund. Gestern +erhielt ich auch wieder eine Probe von seiner alles bekrittelnden Art. +Als ich beim alten Peder Ohlsen vorsprach, fand ich ihn dort mit der +kleinen Sine beschäftigt, und als ich ihn fragte, was ihr fehle, zuckte +er, ohne mich überhaupt zu begrüßen, die Achseln und sagte: „Sie hat +sich den Magen mit Obst vollgepfropft, und statt ihr einen Finger in den +Hals zu stecken, schickt man nach dem Arzt, als ob's ans Sterben ginge!“ +Und auf eine vermittelnde Aeußerung von meiner Seite, die nämlich, daß +der Laie doch den Zustand des Patienten nicht beurteilen könne, +entgegnete er in seiner belehrenden Art: „Ja, man sollte die Bauern zu +selbständigem Denken erziehen. Statt dessen wird womöglich ihre Dummheit +noch gefördert. Der Schulmeister hier im Dorfe macht tiefe Katzenbuckel +vor der Gutsherrschaft, er ist nichts anderes als ein Streber, der +längst hätte wieder zurückgeschickt werden müssen.“ + +Graf Axel hatte während dieser Erörterung absichtlich seine Blicke auf +Imgjor gerichtet. Schon bei ihrer Mutter Einwände war ein Ausdruck der +Auflehnung in ihre Züge getreten. Axel sah's an ihren Mienen. Nun hielt +sie's nicht mehr. Indem sie das Buch, auf das sie trotz des Gespräches +ihre Augen geheftet, in den Schoß gleiten ließ, fiel sie mit deutlicher +Gereiztheit im Tone ein: + +„Der Doktor Prestö hat doch ganz recht, Papa. Markholm ist ein +widerwärtiger Augendiener und ein Schulmeister zum Erbarmen. Nichts, +nichts weiß die Jugend. Und daß man einen Arzt um jeden Quark bemüht, +ist doch in der That ein Mangel an praktischer Schulung. Prestö ist eine +tüchtige, energische Natur mit vielen neuen, wahrhaft reformierenden +Ideen.“ + +„Ja, ja — reformierende Ideen! Das ist das glückselige Schlagwort, das +einst nicht nur die Gutshäuser, sondern auch die Hütten der Bauern +zertrümmern wird!“ fiel Lucile erregt ein. „Solche Menschen, wie dieser +Doktor einer zu sein scheint, sind ein wahres Unglück. Sie wollen alles +verbessern. Sie müssen des Schöpfers Weisheit, die auf eine besonnene, +nicht überstürzende Entwickelung aller Dinge im Natur- und Menschenleben +hinausgeht, übertrumpfen. Im Grunde aber lauert hinter diesen +Weltverbesserern nichts anderes als die ewig sich wiederholende +Unzufriedenheit des Subjekts mit seinem Schicksal oder eine grenzenlose +Eitelkeit. Nicht die Sache — einige unpraktische Schwärmer abgerechnet — +leitet sie, sondern ihre Person. Innerster Ingrimm darüber, daß sie in +den Thälern marschieren müssen, statt auf den Gipfeln zu stehen, wo +ihnen das Schicksal nun einmal keinen Platz eingeräumt, ist das Motiv +ihrer Handlungen. Ging's Jahre und Jahre so und in Frieden, wird's auch +mit allmählichen, aus den Erfordernissen herauswachsenden Umgestaltungen +so gehen, ohne daß der Herr Doktor den Bauern, dem Lehrer und Papa +schulmeisterliche Unterweisungen erteilt.“ + +Imgjors Augen sprühten, während Lucile sprach. + +Ihre weißen Hände fieberten, sie ballten sich in ihrem Schoß, und sie +konnte es nicht erwarten, ihrer Schwester zu antworten. + +Aber statt ihrer wußte die Gräfin, die Lucile durch ihre Mienen bereits +zugestimmt hatte, rasch das Wort zu nehmen. + +„Ja, ich teile vollkommen deine Ansicht, Lucile. Und ich glaube, wir +alle! Was meinen Sie, Graf Dehn? Wie finden Sie unsern neuen Aeskulap?“ + +„Ich beurteile ihn milder, nachdem ich näheres über ihn durch den Grafen +Knut vernahm. Aber ich muß — ich gestehe es — meiner Objektivität stark +aufhelfen. Wenn ich meinen Geschmack sprechen lasse, sage ich: Dieser +junge Mann besitzt weder äußere noch innere Erziehung. Er sollte erst +einmal bei sich beginnen, bevor er über andere schulmeisternd urteilt +oder gar gegen ältere Leute den Präceptor spielt. + +Vielleicht wird seine künftige Frau — ich höre vom Grafen Knut, daß er +mit einer Kopenhagenerin verlobt ist — vorteilhaft auf ihn einwirken, +sie und der Einfluß so verstandesreicher und humaner Personen, wie dies +Schloß sie birgt.“ + +Graf Dehn richtete nach diesen Worten einen gespannten Blick auf Imgjor. +Er wünschte den Eindruck seiner letzten Rede auf sie zu beobachten. In +der That schien sie etwas beunruhigt, aber es war offenbar nicht +Enttäuschung, die ihre Wangen verfärbte, sondern etwas anderes, das sie +trieb, sich zu entfernen. + +Sie fingierte einen sie plötzlich überfallenden Hustenanfall, stand auf, +drückte die Hand auf die arbeitende Brust und verließ, als ob sie die +Anwesenden von der lästigen Störung befreien wolle, das Zimmer. + +Aber eben die Zweifel über das, was in Imgjor vorging, veranlaßte Axel +für des Doktors Erscheinen an dem geplanten Besuchsabend einzutreten. Es +lag ihm daran, Prestö und Imgjor noch einmal beisammen zu beobachten, um +daraus seine Schlüsse zu ziehen und darnach seine künftige +Handlungsweise einzurichten. + +Er betonte der Gräfin gegenüber, daß eine Umgehung des Doktors bei einer +Gelegenheit, wo alle übrigen eingeladen würden, eine allzu stark +hervortretende Zurücksetzung an sich trage. Wenn Prestö auch zur Kritik +stark herausfordere, so habe er sich doch gegen die Familie bisher +eigentlich nichts zu Schulden kommen lassen. Er wage deshalb zu bitten, +daß man ihn hinzuziehe. + +„Ihr Wunsch entscheidet, lieber Graf!“ erklärte Graf Lavard verbindlich, +und die beiden Damen neigten nicht weniger bereitwillig den Kopf, nun, +da es sich um die Bitte des Gastes handelte. + +Als Axel eine Stunde vor dem Diner sein Zimmer betrat, um Toilette zu +machen, fand er auf seinem Schreibtisch eine Karte von Prestö, erfuhr +aber durch seine an Frederik gerichtete Frage, daß niemand den Doktor im +Schloß gesehen habe. + +„Er wird hinten durchs Haus eingetreten sein, Frederik —“ + +Der Angeredete schüttelte den Kopf. + +„Es kann keiner unbemerkt eintreten. Ich war fortwährend unten +beschäftigt, und oben hat Christian heute den Dienst.“ + +„Es liegt mir daran, zu wissen, wann der Doktor hier war. Vielleicht +weiß der Portier auf dem Schloßhof von des Doktors Hiersein. Bitte, +fragen Sie ihn und Christian! Es liegt mir daran —“ + +Aber Frederik kehrte mit dem Bescheide zurück, daß Doktor Prestö während +des Tages Rankholm nicht besucht habe. Es mußte also jemand im Schloß +die Karte in des Grafen Zimmer gelegt haben, und es mußte während des +Reitausfluges geschehen sein, den Axel mit dem Grafen zwischen dem +zweiten Frühstück und dieser Stunde unternommen hatte. Vor Verlassen des +Schlosses war Axel noch in seinen Räumen gewesen und hatte keine Karte +gefunden. + +Nachdem Axel den Kammerdiener entlassen und zur Vermeidung falscher +Auffassungen noch vorher hingeworfen hatte, daß es sich nur um eine +kleine, lustige Wette handle, und daß er nur deshalb nachgefragt habe, +kam ihm bei fernerem Grübeln über diesen Fall plötzlich die Idee, daß — +Imgjor in seinem Zimmer gewesen, daß sie die Ueberbringerin der Karte +war. + +Man hatte Prestö Mangel an Lebensart vorgeworfen, man hatte ihn +überhaupt aufs schärfste verurteilt, und er, Axel, war der einzige +gewesen, der ihm das Wort geredet. So war die nachträgliche +Aufmerksamkeit vielleicht der Dank, und Imgjor, die sich schon einmal +als Prestös Verteidigerin aufgeworfen, hatte dem Doktor möglicherweise +einen Wink gegeben. + +Und wenn Axel in solcher Annahme das rechte traf, so waren diese beiden +Menschen also im stillen mit einander einig. Freundschaft macht +erfinderisch, wie Not. + +Als Axel den Weg in den Speisesaal nahm, war er überzeugt, daß sich die +Dinge so verhielten, und er beschloß, nicht zu ruhen, bis er über Imgjor +und Prestö völlige Klarheit gewonnen. — + +Indessen fand er bei Tisch keine Gelegenheit, Imgjor zu beobachten. +Lucile erklärte kurz vor dem Niedersitzen, daß ihre Schwester nicht +erscheinen werde. Sie sei bei ihr im Zimmer gewesen, und Imgjor habe +erklärt, daß sie sich unwohl fühle und bis zum Abend das Bett hüten +müsse. Es sei nichts Erhebliches, sie wünsche nur zu ruhen und habe +keinen Appetit. + +Da man Axel bereits so sehr zu der Familie rechnete, daß in seiner +Gegenwart alles Vorkommende besprochen wurde, so nahmen der Graf, die +Gräfin und Lucile auch heute keinen Anstand, sich über Imgjor zu äußern. + +„Sie wird immer unzugänglicher und geht immer mehr ihren Kapricen nach +—“ warf die Gräfin hin. „Du müßtest einmal energisch mit ihr reden, +Lavard! Sie sollte sich doch wenigstens anders verhalten, wenn wir Gäste +haben.“ + +Der Graf nickte. + +„Wenn sie nicht zugleich ein solcher Engel für die Kranken und Armen auf +der Herrschaft wäre, hätte ich ihr schon ihre fortwährenden +Entfernungen verboten. Das ist's ja! Man kann ihr eigentlich keinen +anderen Vorwurf machen, als daß sie sich für sich hält und ihren +besonderen Neigungen nachgeht.“ + +„Es schickt sich doch wirklich nicht, daß sie fortwährend +umherflankiert, mit den Bauern und oft mit den Knechten verkehrt. +Gestern wurde sie, wie ich weiß, im Dorfwirtshaus gesehen, wo sie ihre +bauernfreundlichen Ansichten zum Besten gegeben hat,“ fiel Lucile ein. + +„Wer hat dir das mitgeteilt?“ rief der Graf nunmehr in erheblicher +Erregung. + +„Vom Gutsförster von Kilde hörte ich es, Papa.“ + +„Da siehst du's, Lavard! Es geht wirklich nicht mehr. Sie rührt uns das +ohnehin aufsässige Bauernvolk noch mehr auf. Und der Doktor agitiert +auch schon seit seiner Niederlassung im Dorf. Du weißt doch, daß Pastor +Nielsen ganz außer sich darüber ist, welche Ideen er vor den Bauern +entwickelt. Greife ein! Sprich morgen mit dem Doktor und stelle ihm die +Wahl, sich solcher Dinge streng zu enthalten oder seinen Stab wieder in +die Hand zu nehmen!“ + +Graf Lavard nickte. + +„Ja, es soll geschehen. Nur morgen geht's nicht. Er ist unser Gast; da +wäre es unzart, ihm grade Vorhaltungen zu machen.“ + +„Und Imgjor?“ fiel Lucile ein. + +„Willst du ihr nicht auch gebieten, daß sie ihre Besuche in den +Wirtshäusern einstellt? Nächstens erscheint das Bauernvolk auf dem +Schloßhof und stellt dir Forderungen, und wenn du sie nicht erfüllst, +stecken sie uns das Dach über dem Kopfe an!“ + +„Na, na — Ihr seht allzu schwarz! Ich bewege mich doch auch unter ihnen +— ich kenne sie —“ + +„Es mag sein, Lavard! Aber daß hier vom Schloß aus durch unsere eigene +Tochter die neuen Ideen gefördert werden, daß sie indirekt gegen ihre +eigene Familie zum Widerstand aufreizt, geht doch wahrlich nicht mehr —“ + +„Ich bin derselben Ansicht, Papa, und willst du gründlich vorgehen, so +schicke Imgjor einmal fort. Und bevor sie zurückkehrt, gieb dem Monsieur +Prestö auch den Laufpaß!“ + +„Warum so lange warten, Lucile?“ fiel die Gräfin ein. „Will er sich +nicht fügen, mag er auch gehen, gleich —“ + +Lucile zog die Lippen. — Sie zögerte noch eine Weile, dann sagte sie und +warf zugleich einen stillen Blick auf Axel: + +„Ich riet nicht ohne Absicht so, wie ich riet, liebe Mama. Denn wisset, +beide, alle: Seit der Scene gestern habe ich die feste Ueberzeugung, daß +Imgjor völlig unter dem Einfluß Prestös steht. Als ich vorher mit ihr +sprach und auf sie einredete, Graf Dehns halber sie ermahnte, sich mehr +zu Hause zu halten, liebenswürdiger, entgegenkommender sich zu geben und +den ganzen, sich nicht für sie schickenden Verkehr drunten aufzugeben, +entwickelte sie geradezu erstaunliche Ansichten. Wir gerieten aufs +heftigste aneinander. Sie warf mir Beschränktheit, Hochmut und +lächerlichen Adelsstolz vor. — Die Zeiten seien vorüber, wo man sich so +geben dürfe wie ich. Sie, Imgjor, würde, wenn es an ihr läge, den Adel +abthun, das Schloß verlassen und sich ganz den armen, geknechteten +Bauern widmen. Es müßte in ganz Dänemark von Männern und Frauen der +besseren Stände das Veredelungs- und Samariterwerk für die niedere +Klasse, für die Armen und Elenden, ins Werk gesetzt werden. Zu diesem +Zwecke sei das Land in Distrikte einzuteilen, und in diesen habe dann +die Wirksamkeit der Brüder und Schwestern des neuen Vereins zu beginnen. +Volksprediger sollten Vorträge halten, um Menschenliebe, +Pflichterfüllung und ein von allem ceremoniellen Beiwerk befreites +Christentum zu predigen. Der Arbeitslosigkeit, Not und Krankheit solle +Einhalt gethan werden, es sei durch Errichtung von öffentlichen +Versorgungs- und Krankenanstalten in jedem Ort, sowie durch öffentliche +Speisehäuser überall den Armen zu helfen und damit den Forderungen der +Neuzeit gerecht zu werden.“ + +„Wie? Mit solchen Dingen beschäftigt sie sich? Das alles hat sie dir +erklärt?“ fielen beide Lavards ein, und auch Axel erhob mit nicht +geringerem Erstaunen das Haupt. + +„Ja, das und noch anderes! Man könnte einen gelehrten Vortrag daraus +machen.“ + +Nachdem Lucile geendigt hatte, verharrten die Anwesenden zunächst in +Schweigen. Was sie gehört hatten, beschäftigte sie ausschließlich. + +„Ach ja, nun verstehe ich auch vieles —“ nahm sinnend die Gräfin wieder +das Wort. „Wahrhaftig es ist höchste Zeit zum Einschreiten,“ fuhr sie, +gegen ihren Mann gewendet, fort, — „wenn wir nicht einen großen Affront +erleben sollen. Du mußt deine Rechte üben und noch im Beginn durch +geeignete Mittel zu mildern oder auszumerzen suchen, was sich in ihr für +sie selbst Verderbliches festgesetzt hat. — Was sagen Sie, Graf Dehn, +was sagen Sie? Hätten Sie das gedacht, das in Imgjor gesucht?“ + +Axel bewegte die Schultern und sagte: „Was die Komtesse will, ehrt sie +und hebt sie in meinen Augen! Aber allerdings glaube ich auch, daß sie +starke Enttäuschungen erleben und sehr unglücklich werden wird, wenn's +keine Mittel giebt, ihr schönes Menschentum auf ein richtiges Maß +herabzumindern.“ + +Er wollte noch mehr sprechen, aber nun öffnete eben Frederik, den die +Gräfin beim Beginn der Unterredung für eine Zeit lang abgewinkt hatte, +von neuem die Thür und brachte, von Christian und einem anderen Lakaien +gefolgt, die dampfenden Schüsseln des nun folgenden Ganges. + +Er hob die silbernen Deckel ab, und ein auf portugiesische Art +bereiteter, gebratener Fisch aus dem Teiche des Gutsgebiets mit einer +dazu gehörenden duftenden Sauce verbreitete einen so köstlichen Hauch, +daß die Sinne für diesen Leckerbissen das Interesse für Imgjors +Umgestaltungsideen vorläufig verschlangen. + + * * * * * + +Als Graf Dehn am folgenden Vormittag zwischen dem ersten und zweiten +Frühstück von einem Spaziergang aus dem Park heimkehrte, hörte er in der +Gegend des Schlosses ein lautes Wimmern und bemerkte, als er +nachforschte, Hektor, den Hund von Imgjor, mit mühsam hinkenden +Bewegungen dem hinteren Eingang zustreben. + +Aber bevor der Hund noch die Thür erreicht hatte, verließen ihn die +Kräfte; er blieb, vor Schmerzen wimmernd, liegen und erfüllte mit seinen +Wehlauten die Luft. + +Rasch eilte Graf Dehn herbei, spähte nach, was dem armen Geschöpf fehlte +und sah, daß nicht nur die eine Pfote gebrochen, sondern daß dem Tier +auch noch das eine Auge derart verletzt war, daß nur noch eine blutige +Höhlung unter der Stirn klaffte. + +Und während Graf Dehn noch sorgend um das Tier bemüht war, erschien, +durch die Klagetöne von oben herbeigelockt, Komtesse Imgjor, erkannte, +nach einem Graf Dehn gespendeten, flüchtig höflichen Gruß, was +vorgefallen war, und erging sich, ihren Liebling liebevoll streichelnd +und tröstend, in aufgeregten Worten über das Geschehene. Aber sie nickte +auch erkenntlich, als Dehn sich bereit erklärte, Wasser, Schwamm und +Leinewand herbeizuholen, und hob, nachdem dies herbeigeschafft und das +Tier verbunden war, solches zur Bettung im Schloß auf ihre eigenen Arme. + +„Bitte, begleiten Sie mich und öffnen Sie mir die Thüren!“ bat sie. „Ich +will ihn in mein eigenes Zimmer bringen, ihn dort selbst pflegen,“ fügte +sie, sich zu dem ihr dankbar die Hand leckenden Hunde liebevoll +herabbeugend, hinzu. + +Imgjors Gemächer befanden sich in der ersten Etage in einem Vorbau, der +in Form eines Turmes die linke, äußerste Zwischenecke des Schlosses +flankierte. Man konnte sie vom Hofe aus, aber auch von demselben +Korridor erreichen, in dem sich Graf Dehns Zimmer befanden. + +Unmittelbar neben dem Eingang zu seinen Gemächern führte eine Treppe +zunächst zu einem halbrunden Flur empor, und auf diesen mündete die vom +Hofe emporstrebende Wendeltreppe. + +Graf Dehn hatte lange schon das lebhaftere Verlangen gespürt, einmal +einen Blick in die Räume zu werfen, in denen das seine Gedanken und +seine Sinne so ausschließlich beschäftigende junge Mädchen wohnte. Nun +sollte ihm das werden, und mit einer gewissen Hast folgte er Imgjor und +ihrer Bürde. + +Sie ging aber nicht ins Schloß, sondern wählte den Weg, der über den Hof +und von dort hinauf zu ihrer Wohnung führte. + +„Bitte, hier!“ unterwies sie Axel, als sie oben angekommen waren, und +zeigte auf einen verborgenen Winkel, in dem an einem verdeckt +angebrachten Haken ein Schlüssel hing. + +Und Graf Dehn beeilte sich, ihrem Befehl zu entsprechen. Er öffnete das +Gemach. + +Es war aber erst ein einen Blick auf den inneren Schloßhof gewährendes +Vorzimmer mit Tapetenthüren und altmodischen Möbeln. + +Die eigentlichen beiden Wohnstuben befanden sich nach der Parkseite. +Graf Dehn war völlig benommen von der reizvollen Eigenart des ersten +Gemaches, das Imgjor als ihr Wohnzimmer bezeichnete. + +Ein großer Tisch, bedeckt mit Büchern und allerlei kostbaren +Gebrauchsgegenständen, stand in der Mitte. Ihn umgaben eine Anzahl +kleiner Sofas, die mit rosenroten, blumendurchwirkten Seidenstoffen +bezogen waren, und ebensolche Divans standen zwischen den das Zimmer +füllenden schneeweiß und goldfarbigen Rokokomöbeln. + +Auch eine reiche Bibliothek in kostbaren Einbänden befand sich in der +einen Wandseite, und sie ward halb beschützt von einem weißseidenen +Vorhang. Blumen und Vogelkäfige standen in den tiefen Fenstern, und +prachtvolle, rosaseidene Gardinen fielen, um besser Licht zu lassen, +ungerafft von oben bis auf den Fußboden herab. + +„Wie feenhaft wohnen Sie hier, Komtesse!“ nahm Graf Dehn das Wort, +nachdem Imgjor das Tier nebenan in ihrem Schlafgemach gebettet hatte und +nun, rasch zurückkehrend, ihm wieder gegenüberstand. + +„Ja, viel zu schön! — Wer hat ein Recht, derartig sich einzurichten, +wenn in der Welt so viele arme Geschöpfe darben —“ entgegnen sie herb im +Ton. „Ich lerne den Luxus immer mehr hassen. Wäre nicht der die Seele +belebende, schöne Ausblick, könnte ich nicht in mein geliebtes Thal und +ins Dorf hinabschauen, wäre ich schon ausgezogen und hätte mir Räume +gesucht, die mich an Einfachheit und Entsagung gewöhnen —“ Und dann kurz +abbrechend, nachdem sie ihm nochmals ihren Dank wiederholt hatte, sagte +sie: „Sie können gleich rechts die Treppe hinuntergehen, um Ihre Zimmer +zu erreichen. Wir sind sozusagen Nachbarn, das heißt Nachbarn von oben +und unten —“ + +Hierauf neigte sie mit gewohnter, kaum gemilderter Ausdruckslosigkeit +den Kopf und begab sich — Axel hörte es, während er die Thür hinter sich +schloß — eilends wieder zu dem kranken Tiere in ihr Schlafgemach. + +Aber diese Sicherheit, nicht beobachtet zu werden, veranlaßte Graf Dehn, +nicht so gleich das Vorzimmer zu verlassen, sondern sich noch einen +Augenblick darin umzuschauen, ja, sogar die Klinke einer der beiden +Tapetenthüren zu berühren. + +Da nach seiner Berechnung die Wände des Gemachs zugleich die Außenmauern +des Turms bilden mußten, war er sehr neugierig, zu erfahren, wohin die +Eingänge führten. + +Zu seiner Ueberraschung gab das von ihm geprüfte Schloß nach, und vor +ihm lag eine dunkle Treppe. + +Das beschäftigte ihn dermaßen, daß er, — unten in seinen Gemächern +angelangt, — alle Wände untersuchte. Aber er fand nichts. Wahrscheinlich +führte diese in die dicke Mauer eingelassene, geheime Treppe in den +Garten hinab, und auffallend war's nur, daß die Thür unverschlossen war, +daß sie also noch gebraucht wurde. — + +Daß übrigens Imgjor ihre Stellung zu Axel nicht verändern wollte, zeigte +sich schon an demselben Tage sowohl bei Tisch, wie beim Abendessen. Sie +begegnete Graf Dehn, trotz dieses sie enger verknüpfenden Vorfalles, +mit derselben kühlen Gemessenheit wie bisher, und als von dem Hunde die +Rede war, erwähnte sie seiner Hilfeleistung mit keiner Silbe. + +Die beiden folgenden Tage boten wiederum allerlei Abwechslungen, durch +die Graf Dehns Gedanken vorübergehend von Imgjor abgelenkt wurden. + +Er machte mit dem Grafen, der Gräfin und Lucile und mit diesen allein, +da Imgjor heftige Migräne vorschützte, eine Wagenpartie nach einem der +umliegenden Güter, wohin die Herrschaften schon zum Frühstück geladen +waren, und am folgenden Tage fuhr er mit dem Grafen Knut und dem Herrn +des Hauses in das zwei Meilen entlegene Städtchen Oerebye, woselbst sie +an einem Diner bei einem Herrn von Kjärholm teilnehmen sollten. + +Am letzten Abend vor der angesetzten Gesellschaft hatten sich der Graf, +Lucile und Imgjor früher zurückgezogen. Graf Lavard fühlte sich durch +eine Erkältung beschwert, und Lucile und Imgjor hatten sich, über starke +Müdigkeit klagend, schon bald nach Aufhebung der Tafel in ihre Gemächer +begeben. + +Nur Graf Dehn blieb, durch eine Partie Schach gefesselt, neben der +Gräfin sitzen. + +Sie sei noch durchaus nicht schläfrig, sie bitte, ihr Gesellschaft zu +leisten, hatte sie erklärt. + +Nachdem Graf Dehn als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen war, lehnte +sie sich zurück, sah ihn mit dem ihr eigenen forschenden Blick an und +warf plötzlich unvermittelt hin: + +„Nun, wie sieht's, Graf Dehn? Wer gefällt Ihnen besser, Lucile oder +Imgjor? Nicht wahr, Lucile ist ungewöhnlich schön?“ + +Graf Dehn bejahte stumm, dann sagte er: + +„Um die Komtesse Lucile zu werben, würde, selbst wenn man meinen möchte, +ohne sie nicht leben zu können, zwecklos sein. Sie wird niemals einen +Mann meiner Art heiraten.“ + +Die Gräfin schärfte erst das Auge in einer Art, als ob sie in des +Sprechers Inneres dringen wolle. Dann sagte sie stark betonend: + +„Ist Ihrer Antwort zu entnehmen, daß Ihnen auch Lucile gefährlich werden +könnte?“ + +„Ich kann nur jüngst Gesagtes wiederholen, Frau Gräfin. Ich liebe +Komtesse Imgjor leidenschaftlich. Noch will ich einige Zeit prüfen, ich +will nicht so leichten Kaufes meine Wünsche begraben. Ist's aber +entschieden, werde ich Rankholm verlassen. Ich würde mich innerlich +verzehren, sollte ich ferner aussichtslos neben ihr hergehen.“ + +„Seltsam!“ stieß die Gräfin heraus. „Was die Männer haben können, das +verschmähen sie. Nur das Unerreichbare hat Reize für sie —“ + +„Sie meinen —?“ setzte Graf Dehn an; — stockte aber, weil er der Gräfin +Auge begegnete. + +Sie sah ihn mit einem Blick an, der ihn befangen machte, und der +Widerschein seiner Verwirrung spiegelte sich in seinen Mienen. „Ah — Sie +Kind — Sie gutes Kind!“ warf sie überlegen, aber nicht ungütig hin. + +Doch gab sie sich unmittelbar darauf wieder mit der sonstigen Geradheit +ihres Wesens. + +„Lucile will hoch hinaus, gewiß! Aber sie wird doch nie einen Mann +heiraten, den sie nicht liebt“ — fügte sie, an Axels vordem hingeworfene +Aeußerungen anknüpfend, hinzu. — „Und deshalb glaube ich auch, daß sie +ihre unfruchtbaren Pläne aufgeben und sicher einen anderen ehrenwerten +Mann aus einem weniger bevorzugten Stande heiraten würde. + +Daß Lucile sich für Sie interessiert, weiß ich. Aber Sie — Sie — +empfinden nichts für sie —?“ + +Nun erschien ein überaus forschender Ausdruck in ihren Zügen. + +„Ja, Frau Gräfin —“ entgegnete Graf Dehn halb ernst, halb leicht im Ton, +um dem Gespräch einen möglichst unbefangenen Charakter zu verleihen — +„ich müßte ein Stein sein, wenn ich nicht ein so vollendetes, junges +Mädchen, wenn ich nicht jede Tochter einer Gräfin Lavard anbetete. Aber +es steigt ein Wunsch nach ihrem Besitz nicht auf, weil mich, ich +wiederhole es, Komtesse Imgjor ganz gefangen nimmt. Komtesse Lucile hat +mir überdies rückhaltlos erklärt, sie werde nur einem Manne die Hand +reichen, der eine Fürstenkrone im Wappen führt.“ + +„Haben meine Töchter —“ stieß die Gräfin, die nachdenklich zugehört, +stark betonend heraus, „Ihnen gegenüber ein Urteil über mich gefällt?“ + +Graf Dehn sah befremdet empor. + +„Ich bitte, sprechen Sie, Graf Dehn! Ich bin Ihnen für ein offenes Wort +dankbar. — Ich werde dann auch reden, nicht heute, aber ein andermal —“ + +„Da Sie mich fragen — ja, Frau Gräfin! Es scheint mir bei aller +Verehrung eine kleine Einschränkung vorhanden zu sein. Ich habe schon +darüber gegrübelt, wie es möglich ist, Sie nicht schwärmerisch zu lieben +—“ + +Die Gräfin sah eine Weile still vor sich hin. Dann sagte sie mit einem +Seufzer: + +„Glücklich der, welcher im Familienleben das findet, was er erwartet. +Wenige sind ganz glücklich! Würden die Eheakten einmal hervorgeholt, +statt der Vergessenheit übergeben zu werden, würde man erstaunen, wie +oft Frauen gelitten haben, wie groß ihre Seelen waren!“ + +Graf Dehn richtete einen gespannten Blick auf die Gräfin, die durch +diese Worte die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses vorbereitete. + +Aber heute vernahm er nichts mehr. Mit einem sanften gütigen Ausdruck +bot sie ihm zum Abschied die Hand und begab sich, ihm noch einmal +freundlich zunickend, in ihre Gemächer. — + + * * * * * + +Als sich Graf Dehn am folgenden Vormittag nach Imgjor erkundigte, wurde +ihm von Frederik gesagt, daß sie schon früh und zwar, wie er zu hören +geglaubt habe, nach dem Mönkegjorer Gehölz fortgeritten sei. + +Das veranlaßte Axel, sich ebenfalls ein Reitpferd zu bestellen und, des +Weges kundig, dieselbe Richtung einzuklagen. Dem schönen Mädchen +möglichst oft zu begegnen, sie durch einen häufigen Verkehr allmählich +von ihren Vorurteilen zu heilen, endlich ihre Freundschaft zu gewinnen, +lag in seinem Plan. + +Zwar hatte die Gräfin geäußert, daß man sie gehen lassen müsse, sie +komme dann zuletzt ganz von selbst; aber er wollte es doch auf seine +Weise versuchen. Wie konnte er warten, bis sie ihm auch nur einige +Beachtung schenkte! + +An dem heutigen Morgen beherrschte ihn zudem die Vorstellung, daß sie +nicht nur fortgeritten sei, um sich eine Abwechslung zu verschaffen, +sondern daß sie irgend etwas vorhabe, das sie zu verbergen wünschte. +Vielleicht hing es mit dem Doktor Prestö zusammen. — + +Er hielt auch, als er zunächst durch das Dorf trabte, einen Augenblick +vor des Arztes Hause still, um sich unter irgend einem Vorwande nach +Prestö zu erkundigen. + +Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er abwesend sein werde. + +Anfänglich war sein Rufen vergeblich. Es erschien niemand, und schon +wollte er sich zum Absteigen bequemen. + +Dann aber öffnete Prestös Wirtschafterin, eine einfache, alte Frau aus +einem der umliegenden Dörfer, die Hausthür und gab auf Graf Dehns Frage +Antwort. + +„Der Doktor sei vor reichlich einer halben Stunde nach Oerebye geritten. +Er kehre wahrscheinlich erst gegen den Spätnachmittag zurück,“ erklärte +sie. + +„Nach Oerebye? Besitzt der Herr Doktor dort auch Praxis?“ + +„Nein — das nicht. Ich hab' etwas von einer Bauernversammlung gehört, +wo er dabei sein will. Ich weiß es aber nicht genau. Kann ich etwas +bestellen?“ + +„Nein, ich danke! Es liegt nichts Besonderes vor. Sie brauchen nicht +einmal zu sagen, daß ich mich nach ihm erkundigt habe.“ + +Hierauf nickte die Alte zustimmend, und Graf Dehn setzte seinem Tier +wieder die Sporen in die Weichen. + +Oerebye und der große Forst Mönkegjor lagen in derselben Wegrichtung. + +Nachdem Graf Dehn diesen, scharf trabend, nach Verlauf einer halben +Stunde erreicht hatte, durcheilte er ihn von einem Ende zum anderen, +hielt auch auf einem mitten im Gehölz auf einer Anhöhe befindlichen +Pavillon an und sah sich hier nach Imgjor um. Aber es war nichts von ihr +zu bemerken, und er nahm daher, rasch entschlossen, die Richtung nach +Oerebye. + +Freilich konnte er, wenn er seinen Ritt soweit ausdehnte, nicht zum +Frühstück in Rankholm zurück sein. Aber das ungeduldige Verlangen, +festzustellen, ob wirklich Imgjor und der Doktor beisammen seien, ließ +das in ihm aufsteigende Bedenken, ohne Entschuldigung fortzubleiben, +rasch zurückdrängen. + +Unterwegs, während er dahin galoppierte, bestürmten ihn seine Gedanken. + +War's nicht im Grunde eine Thorheit, sich auf ein Mädchen zu +kaprizieren, das ihm so entschieden auswich? + +Und war's, wenn er wirklich ihre Zuneigung gewann, wünschens- und +lohnenswert, ein weibliches Wesen solcher Art an sich zu fesseln? Er +hatte sich eine ganz andere Vorstellung von der jungen Dame gemacht, von +welcher ihm sein Vater gesprochen. + +Er hatte ein mit Schönheit: Sanftmut und Liebenswürdigkeit verbindendes +junges Mädchen zu finden erwartet und sah sich einer fanatischen +Vertreterin der neuen Ideen gegenüber. + +Und dann redeten doch wieder andere Stimmen, und sie flüsterten ihm zu, +daß Nummern überall zu finden seien, daß er es hier mit einem +charakterstarken und trotz aller Schroffheit warm fühlenden, +edeldenkenden Wesen zu thun habe. Von einem solchen bevorzugt, gar +auserwählt zu werden, erschien ihm des Ringens wert. + +Und diese Vorstellung gab dann seinen Gedanken wieder eine andere +Richtung. + +In Oerebye angelangt, hielt Graf Dehn vor demselben Gasthofe, in dem er +kurz vorher mit Imgjors Vater und dem Grafen Knut eingekehrt war, und +schon während des Eintritts in die gemütlichen Vorräume des Gebäudes +warf er die Frage hin, ob jemand aus Schloß Rankholm anwesend sei. + +Der sorgfältig rasierte, höfliche Oberkellner nickte bejahend. + +„Ja wohl, Herr Graf. Komtesse von Luvard ist vor einer halben Stunde +angekommen.“ + +„So — so!?“ fiel Axel lebhaft ein. „Und — und — ist sie im Hotel?“ + +„Nein, Herr Graf! Sie ist auch nach dem Landhof gegangen —“ + +„Nach dem Landhof? Was ist das?“ + +„Der Landhof ist ein öffentliches Lokal. Um ein Uhr spricht da der +Volksredner Jens Uesholm. Sämtliche Einwohner und Bauern der Umgegend +sind hingelaufen —“ + +„In der That? Ist man diesen Lehren hier so zugeneigt? Und die +Landarbeiter? Werden sie dabei sein? Die haben doch sicher um diese Zeit +keine Erlaubnis von ihren Gutsherren —?“ + +„Sie haben sie sich genommen, Herr Graf. Die Sache ist schon lange im +Gange. Das giebt überhaupt gewiß noch ein böses Nachspiel —“ + +Diese Auskunft bestimmte Axel, nach rasch eingenommenen Imbiß den Weg +nach dem Landhof zu nehmen. + +Nun war's auch zweifellos: — Prestö und Imgjor — beide würden dort +anwesend sein! — + +Der Landhof lag mitten in der Stadt, aber nicht unmittelbar an der +Hauptstraßenlinie. Man mußte eine große Allee durchmessen, um das auf +einer sanft emporsteigenden Anhöhe belegene, eine weite Umschau bietende +Vergnügungslokal zu erreichen. + +Es war auch ersichtlich, daß die Einwohner etwas Besonderes dahinzog. + +Dicht gedrängte Gruppen von Bürgern, Bauern und Feldarbeitern bewegten +sich durch den Baumgang, alle waren in Eile, und aus der Umgegend kam +noch fortwährend neuer Zuzug. + +Axel beschloß, sich einen Platz drinnen zu suchen, auf dem er möglichst +unbeachtet zuschauen konnte. Da er aber der Gelegenheit unkundig war, +redete er einen älteren Bürger in dänischer Sprache an und erkundigte +sich nach der inneren Einrichtung des Landhofes. + +Da war ihm dann die Auskunft sehr erwünscht, daß sich eine große +Gallerie rings um den Saal ziehe, und daß man sie durch einen +vorhandenen, gesonderten Eingang betreten könne. + +Und so machte er es. Unter der Führung seines Begleiters, eines ehrsamen +Klempnermeisters, betrat er die Gallerie und fand bald einen Platz, von +dem aus er den Redner ins Auge fassen und die Zuhörerschaft genügend +übersehen konnte. + +Vorläufig wogte unten noch alles durcheinander. Menschen drängten sich, +Stühle wurden eingeschoben. Das Geräusch lebhaften Schwatzens erfüllte +den Raum; nur der Redner selbst war noch nicht sichtbar. + +Aber endlich erschien er, von dem brausenden Zuruf der Versammelten +empfangen, und sprach mit einer lauten, wohlklingenden Stimme über das +von ihm angekündigte Thema. + +Und was er sagte, machte Eindruck, weil er seine Worte geschickt zu +wählen wußte, weil er niemals den ruhigen Ton verließ, und weil er mit +solcher Ueberzeugung von der Berechtigung der Forderungen und von der +zweifellosen endlichen Erreichung des zu erstrebenden Zieles sprach, daß +er die Zuhörerschaft völlig in seinen Bann schlug. + +Zum Schluß entwickelte er, was zunächst zu geschehen habe, und eben das +deckte sich genau mit dem Inhalt des Gespräches, das zwischen Imgjor und +Lucile stattgefunden hatte. + +Nachdem der Redner, ein Mann mit blondhellem Bart, tiefliegenden, +dunklen Augen und blassen Zügen, unter nicht endenwollendem Beifall der +Versammelten seine Ansprache beendet hatte, erklärte ein Bauer, der als +Präsident der Versammlung vorstand, daß nunmehr die Redefreiheit +eröffnet sei und daß zunächst Herr Doktor Prestö aus Kneedeholm das Wort +nehmen werde. + +Und Prestö bestieg — aus einer Seitenloge tretend, woselbst nunmehr Graf +Dehn auch Imgjor entdeckte — so gleich die Rednerbühne und hielt unter +dem lautlosen Aufhorchen der Menge ebenfalls einen Vortrag. + +Und Imgjor, die Graf Dehn fortdauernd scharf beobachtete, folgte diesem +mit funkelnden Augen und mit gespanntester Miene. Sie hing gleichsam an +seinem Munde, sie verschlang seine Worte. + +Prestö sprach über den Landadel, und sein Vortrag zündete deshalb noch +mehr, weil er aus dem Munde eines Mannes kam, der selbst unter ihm +lebte. + +Nachdem er denselben Vorschlägen, die Jens Uesholm gemacht, das Wort +geredet und die Inscenierung solcher werkthätigen Reformen noch des +Näheren beleuchtet hatte, trat er zurück und begab sich unter dem +Jubelruf der Arbeiter und Landbevölkerung auf seinen Platz zurück. + +Hatte es schon bisher in Graf Dehn gegärt, hatte er sich förmlich +zurückhalten müssen, das Wort zu verlangen und Uesholms Ausführungen +entgegenzutreten, durch seine Auslassungen das Erreichbare von dem +absolut Unverständigen und deshalb Unerreichbaren zu scheiden, so glühte +es ihm jetzt in den Adern, Prestö heimzuführen. + +Es hielt ihn auch nicht. Völlig unbekümmert um das teils neugierige, +teils feindselige Mustern derjenigen, durch deren Reihen er sich +drängte, trat er vor den von ihm vorher ins Auge gefaßten Präsidenten +und ersuchte diesen, ihm das Wort erteilen zu wollen. + +Des Dänischen war er so gut Herr wie des Deutschen und Französischen. +Dennoch leitete er die ihm von dem Leiter der Versammlung gewährte Rede +mit einer Entschuldigung ein, wenn er sich etwas unvollkommen ausdrücken +werde. + +Er wolle, hub er an, sprechen über die Gefahren, einen Himmel zu +eröffnen, statt als Mensch beim Irdischen zu bleiben. Bei allem, was der +Vernunftbegabte thue, müsse er sich nach seiner Mutter, der Erde, +richten. Sie müsse ihm ein Vorbild sein und bleiben. Sie lehre ihn zwar +auch täglich und stündlich das Bestreben nach Ausgleich und einer immer +höheren Vervollkommnung, aber auch fortwährend das ewige Gesetz des +Rechtes des Stärkeren und Begabteren über den von der Natur minder +Bevorzugten. Er stelle sich mit den Vorrednern auf denselben Standpunkt, +daß werkthätiges Christentum zu üben, nicht nur jedermanns Pflicht, +sondern daß es auch weise sei, da alle im Grunde nur einer großen, durch +gemeinsame Interessen verbundenen Familie angehörten. Insofern seien +die Vorschläge, die gemacht worden, wertvoll und deren teilweise +Ausführung durchaus wünschenswert. Aber eben dabei müsse es sein +Bewenden haben, und auch dieses Bessere sei in einer ruhigen Weise zu +erstreben. Das Geschlecht, das heute lebe, ergehe sich in einem völligen +Irrtum, wenn es glaube, daß es zu etwas anderem berufen sei, als +zunächst Opfer zu bringen. Die Resultate würden erst, weil sie nur +allmählich reifen könnten, den späteren Generationen zu gute kommen +können. Und nochmals weise er auf die Natur hin, wenn er vor jeder +Ueberstürzung warne. Brauche sie, die große Zauberin, nicht auch für +alles Zeit und Vorsicht? Bedürfe nicht jedes Blatt am Baume Licht, Sonne +und Regen? Würde es nicht durch Stürme und Kälte, also durch Gewalt, +vernichtet? Eine Perspektive zu eröffnen, wie es der erste Redner +gethan, sei ein Unrecht. Er verheiße etwas, das eben mit dem Hinblick +auf sie, deren Sein und Wesen den Menschen die Gesetze für ihr Thun +vorschreibe, unerreichbar sei. Der Staat der völlig Gleichberechtigten +werde nach einem Tage zerfließen. Der Adler herrsche in der Natur über +den Sperber. Bei den Menschen habe die höhere Intelligenz und das +kräftigere Ringen der Vorwärtsstrebenden das Uebergewicht über den +Trägen. Wie denn? Solle der Fleißige und Rührige das Ergebnis seiner +Anstrengungen den Müßigen in den Schoß werfen? Er werde sich bedanken! +Der Fleißige besitze Ehrgeiz und habe den Drang nach Erfolg, Fortkommen +und nach gesondertem Besitz. — „Meine Freunde! Wenn ihr heute eine +Erbschaft macht, oder wenn ihr durch Erfindung, die euch Jahre lang +beschäftigte, ein großes Vermögen erwerben könnt, wollt ihr das ohne +weiteres hingeben, wollt ihr euch mit einem Tausendstel begnügen? Nein, +das wollt ihr nicht, und niemand wird's euch verdenken, daß ihr euch +dessen weigert. Die Zukunft, eine bessere, liegt nur in der Pflege der +Vervollkommnung des sittlichen Menschen, in der Hebung der Schulen, in +der Ausübung einer Religion, die zu Thaten der Pflicht und Thaten der +Liebe und Duldsamkeit gegen die Mitmenschen auffordert. Wo war heute +hier von Nächstenliebe die Rede? Nirgend! Selbst die Befürwortung der +Förderung des Humanismus und der Wohlfahrt in Gestalt von +Arbeitsstätten, Krankenhäusern, Nächtigungsanstalten, öffentlichen +Speisehäusern, Unfallentschädigungen und Altersversorgungen ward nur aus +dem Gesichtspunkt einer Forderungsberechtigung an den Geldbeutel der +Gutsherrn erörtert! Was aus dieser Klasse der Gesellschaft wird, ist +Herrn Doktor Prestö gleichgiltig. Sie mag untergehen. Ja, Freunde, seid +ihr Heilige? Nehmt ihr nicht auch einmal ein Gläschen mehr? Seid ihr +allezeit voll Christentum gegen eure Umgebung? Liegt ihr nicht auch +lieber auf einem weichen Bett als auf Steinen? Wird einer von euch das +Anerbieten abschlagen, mehr zu werden und mehr zu verdienen, und ist er +nicht auch ein Streber in seiner Art, in solcher Art, daß er sich +möglichst gut betten will? Sprecht ihr allezeit die Wahrheit? Erfüllt +euch niemals der Neid gegen eure Nachbarn? Seid ihr nicht ebenso +hochmütig wie die sogenannten Großen? Hand aufs Herz! Haltet ihr euch +nicht für besser, als sie? Habt ihr nicht euren Bauernstolz? Ein Unglück +für das Volk ist ein Redner wie der Herr Doktor Prestö. Er möchte euch — +ich muß es seiner Rede entnehmen — am liebsten anführen, damit alles +vernichtet werde, die Güter und die Bauerngehöfte dazu! Ja, was dann? +Die Einöde bietet doch nichts als Hunger und Jammer und Elend! Und wie +will der Bauer und Feldarbeiter leben, wenn er den Gutsherrn in den +Brunnen versenkt? Ihr könnt alles kaufen für Geld. Aber wenn ihr keines +habt, und wenn ihr dem Staat die Möglichkeit nehmt, durch den +Wechselverkehr zwischen Angebot und Nachfrage die Lebensfrage und somit +die Existenzfrage zu regeln — was erblüht euch dann Gutes? Elend — Elend +ist euer Loos! Was uns heute der Staat Schützendes und Förderndes +bietet, ist ein Ergebnis des Ringens der Jahrhunderte. Allmählich hat +sich die Erkenntnis des Zweckmäßigen entwickelt. Wir müssen säen, die +Saat behüten, indem wir das Unkraut von der Frucht scheiden, und müssen +zur rechten Zeit ernten. Nur _eine_ verständige Volkswirtschaftslehre +giebt es: Daß jeder durch strenge Pflichterfüllung seinen Teil zum +Allgemeinbesten beiträgt, daß wir unsere engeren Aufgaben darin +erkennen, unsere Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, sie sowohl +etwas Ausreichendes lernen lassen, als auch sie anzuweisen suchen, +solches fürs Leben praktisch und möglichst günstig zu verwerten, damit +sie dadurch und lediglich dadurch befähigt werden, möglichst sichere +materielle Vorteile zu erzielen; daß wir uns fühlen als größere und +kleinere Glieder eines Ganzen; daß wir endlich stets alle erst vor +unserer eigenen Thür fegen und dann erst den Besen in die Hand nehmen, +um unseres Nachbars Schwelle zu säubern! Und so schließe ich: Laßt euch +nicht bethören durch Hinweise auf Paradiese, die sich nie eröffnen, die +sich nie eröffnen _können_! Bleibt auf der Erde und helfet, daß schon +durch gutes Beispiel euern Kindern und Kindeskindern das werde, was zu +erstreben möglich ist! Eines schickt sich nicht für alle. Den Sieg, den +materiellen und moralischen, trägt allezeit der davon, der einfach, +tüchtig und weise ist, der etwas im besten Sinne, im Umfang seiner +Kräfte — leistet!“ + +Graf Dehn hatte nach Beendigung seiner, von eisigem Schweigen +begleiteten Rede große Mühe, den Saal zu verlassen. + +Niemand machte ihm bei seinem Versuch, durchzudringen, gutwillig Platz; +jeder zeigte vielmehr feindselige Mienen, oder drängte ihn wie zufällig +zur Seite, in der Art, daß er zweimal fast gestolpert und hingestürzt +wäre. Aber er wußte seine Erregung darüber zu bemeistern, er that, als +ob er's nicht bemerke. + +Draußen angelangt, stieg er rasch die Anhöhe hinab und begab sich auf +direktem Wege ins Wirtshaus. Und hier angekommen, ließ er sogleich +satteln, berichtigte seine Rechnung und ritt, rasch trabend, nach +Rankholm zurück. + +Zartsinn hielt ihn ab, vorher noch eine Begegnung mit Imgjor +herbeizuführen, auch wünschte er dem Doktor, der ihm noch widerwärtiger +geworden, unter allen Umständen auszuweichen. + +Er hatte ihn genau beobachtet. Diesen Menschen verzehrte ein wilder +Fanatismus. Die Begierde, sich zu rächen an der Gesellschaftsklasse, von +der einst ein Mitglied seine Eltern in die Fesseln der Abhängigkeit +geschlagen, durchglühte ihn allein. Und neben dem Rachegefühl verzehrte +ihn der Ehrgeiz. + +Er wollte herrschen, und daß er als Herrscher einen Stab aus Eisen +schwingen, daß er ein weit größerer Tyrann sein würde, als jener, gegen +den er schon während seiner Knabenzeit Haß und Verachtung eingesogen, +bewies seine schroffe Ueberhebung, seine kaltherzige Art. + +Und diesem Menschen wollte sich Imgjor mit ihrer, wenn auch äußerlich +rauhen, doch von lauterer Menschenliebe erfüllten Brust zueignen! — + +Als Axel ein halbes Stündchen vor Tisch nach Rankholm zurückkehrte, +berichtete ihm Frederik, daß die Herrschaften sich wegen seines +Fortbleibens bereits beunruhigt hätten. Er würde sogleich melden, daß +der Herr Graf eingetroffen sei. Von Imgjor war nicht die Rede. Offenbar +hatte man sich bei ihr an solche Unregelmäßigkeiten gewöhnt. + +Bei Tisch berichtete Graf Dehn über die Geschehnisse in Oerebye. + +Er gab den Inhalt der vermiedenen Reden wieder, verschwieg aber in +vornehmer Gesinnung sowohl Imgjors als auch des Doktors Anwesenheit. Es +widerstrebte ihm, trotz seiner heftigen Abneigung gegen Prestö, den +Angeber zu spielen. Die Herrschaften mochten selbst den Zeitungen einen +Bericht über die Vorkommnisse entnehmen; und gar Imgjor ohne Not in ein +ungünstiges Licht zu stellen, widersprach vollends seiner Stellung zu +ihr. + +Während noch Graf Dehn sprach, öffnete sich die Thür, und Imgjor trat +mit dem ihr eigenen, sich gleichsam starrköpfig gegen die eigene +Schönheit auflehnenden Ausdruck ins Gemach. + +Sie sprach eine kurze Entschuldigung aus, sich verspätet zu haben, und +suchte den Blicken und den Fragen ihrer Umgebung zunächst dadurch +auszuweichen, daß sie dem ihr unmittelbar darauf von der Dienerschaft +servierten Vorgericht mit hungrigem Eifer zusprach. + +Und nur ganz allgemein hatte sie bei ihrem Eintritt das Haupt zum Gruß +geneigt. Nichts deutete in ihrem Verhalten darauf hin, daß sie kurz +vorher mit dem Gast des Hauses unter so ungewöhnlichen Umständen an +einem fremden Orte zusammengetroffen war. + +Aber schöner als je erschien sie dem Manne, dem sie fortgesetzt mit +solcher Nichtachtung begegnete. + +Dieses Uebermaß von finsterer Verschlossenheit, verbunden mit Reizen, +wie verschwenderischer die Natur sie nicht austeilen kann, machte sie +für ihn unwiderstehlich; gerade diese Kälte entflammte sein Inneres nur +noch mehr. + +Er schaute mehrmals verhohlen zu ihr hinüber, während nun das Gespräch +einen regelmäßigen Fortgang nahm, oder auch von den Anwesenden eifrig +den Speisen zugesprochen wurde. + +Heute lag auf ihren Wangen ein zartes Rot, ein fast fieberhaftes, das +die Erregung zufolge der heutigen Erlebnisse darauf zurückgelassen +hatte. In ihren Augen aber glühte ein stilles, dunkles Feuer, jenes der +Begeisterung für die Ideale, welche ihre Brust erfüllten. + +Dabei waren ihre Körperlinien so unschuldig, ihre Erscheinung und ihr +ganzes Wesen so jungfräulich, so unnahbar, ihr Wuchs so edel, die +kleinen Hände trotz der zarten Farben so fest, so energisch gebildet. +Mit ihrem schlichten, auf die weiße Stirn fallenden rotblonden Haar +glich sie einem mit höchster Schönheitsvollendung geschmückten Weibe. + +Und dieser überwältigende Eindruck ihrer gesamten Erscheinung machte +Axel nachdenklich und schweigsam, so völlig anders, daß Lucile, die +gleich beide argwöhnisch beobachtet hatte, nunmehr wiederholt auf ihre +Schwerer einredete. + +„Wo warst du, Imgjor? Bist du die ganze Zeit unterwegs gewesen?“ warf +sie forschend hin. + +Imgjor erwiderte mit einem kurzen, tonlosen Ja. Da eben von Frederik +eine Pastete herumgereicht wurde, nahm sie die Gelegenheit wahr, sich +den Anschein zu geben, als ob sie das Auffüllen dieses Leckerbissens auf +ihren Teller zu ausschließlich beschäftige. + +„Willst du keinen Fisch vorher?“ fiel nun die Gräfin ein, da eben einer +der Diener mit diesem Gericht zur nachträglichen Darreichung erschien. + +„Nein, ich danke! — Ich habe sehr wenig Hunger —“ + +Und zu jenem, der sich ihr inzwischen ehrerbietig genähert, mit der ihr +eigenen, steten Freundlichkeit gegen Untergebene: „Vielen Dank, +Christian! — Ich nehme nicht —“ + +Nun trat eine Pause ein. Alle waren mit sich beschäftigt, und die Herren +tranken auf des Grafen Aufforderung einen von Frederik soeben +eingeschenkten alten, besonders vorzüglichen Rotwein. + +Dann sagte die Gräfin: „Nun, Imgjor? Wo warst du also den ganzen Morgen? +Lucile fragte dich, und du antwortetest nicht.“ + +Wie aus einem Traume erwachend, erhob Imgjor, die kaum von der Pastete +gekostet, den Kopf, sammelte sich aber, verfinsterte die Stirn und sagte +in einem launenhaft ungeduldigen Ton: „Ich bin doch kein Schulkind mehr, +das man fortwährend examinieren muß, Mama! Deshalb gab ich Lucile keine +Antwort —“ + +„Nun ja! Aber wo warst du? Jetzt frage ich dich!“ + +Imgjor zog mit einer Geberde der Auflehnung die Schultern und spreizte +die Lippen, entgegnen aber nichts. Eine Lüge widerstrebte ihr, jedoch zu +bekennen, worum es sich handelte, — gewann sie nicht über sich. + +„Nun, antworte doch, wenn deine Mutter mit dir spricht!“ herrschte jetzt +heftig, ungeduldig der Graf. Imgjors zu Tage tretender Trotz nahm alle +und auch ihn gegen sie ein, und nur Fräulein Merville — Axel sah's — auf +Imgjors Seite. + +In ihrem Angesicht erschien ein unruhiger, besorgter Ausdruck. + +„Bitte! Rede doch — gieb keinen Anlaß zum Verdruß!“ stand in ihrem auf +Imgjor gerichteten Blick geschrieben, während sich in Luciles Mienen +Unwille und jene stolze Auflehnung bemerkbar machte, das ihre Schönheit +zwar beeinträchtigte, aber die Majestät ihrer Erscheinung jederzeit hob. + +Was jedoch die Anwesenden erwarteten, geschah auch jetzt nicht. + +Zuerst erschien ein hilfloser Ausdruck in Imgjors Kindergesicht. Dann +schob sie den Teller und die Serviette zurück, erhob sich und verließ, +während sie durch Zusammenbeißen der Zähne ihre Bewegung und auch die +aus ihren Augen strömenden Thränen vergeblich zu bannen suchte, das +Zimmer. + +Offenbar erlag sie einer durch die Gewalt der starken Eindrücke des +Tages hervorgerufenen, krankhaften Abspannung der Nerven, und nicht +Trotz und böser Wille, sondern diese Unfreiheit und die Auflehnung +dagegen, daß man ihr in Gegenwart des Gastes und der Dienerschaft so +begegnete, ließen sie so handeln. + +Wenn Graf Dehn vordem durch Schweigen für sie Partei genommen, so +geschah's jetzt mit Worten. + +Er wollte als ihr guter Freund handeln, wie sie ihm auch begegnen +mochte. + +Im Saal des Landhofes hatten sich einmal während seiner Rede ihre Blicke +getroffen, und beide hatten sich, wie ertappt, abgewendet. Aber eben +diese Beachtung von ihrer Seite hatte Axel belehrt, daß sie ihm +gegenüber nicht völlig gefühllos war. + +„Komtesse Imgjor ist offenbar nicht wohl —“ hub er in einem +versöhnlichem Tone an. „Ich sah, während Komtesse Imgjor die Suppe aß, +daß sie mehreremals auffallend die Farbe wechselte —“ + +„So — so — In der That?“ fiel der Graf, der offenbar seine Schroffheit +bereits bereute, mit gutherziger Unbequemung ein. + +Und als Axel den Blick auf die übrigen richtete, begegnete er in dem +Angesicht des Fräulein Merville einem dankbaren Ausdruck, während in den +Zügen der Gräfin ein unbiegsamer, in denen Luciles ein solcher von +höchstem Unwillen haftete. + +Freilich wich er in Luciles Antlitz sogleich. Er verwandelte sich, +während sie erst einen tiefen, träumerischen Blick auf den Gast +richtete, in einen Axel zugewendeten still hingebenden. + +Graf Dehn entging das nicht, und er wurde davon so stark berührt, daß +sich seine Gedanken eine Weile ganz auf Lucile richteten. + +Aber ebenso rasch schüttelte er den Kopf, und ein erneuter Blick auf sie +betätigte auch eine von ihm offenbar nur genährte Illusion. + +Umsomehr aber beschäftigten sich seine Gedanken mit Imgjor. + +Er würde eine Welt darum gegeben haben, sie jetzt sprechen, mit seinen +Augen in ihre Seele einmal hinabtauchen zu können. + +Die Stunden zwischen dem Essen und dem kleinen Feste nahm sich Graf Dehn +vor, allein in seinem Gemächern zuzubringen. Er erklärte, daß er Briefe +schreiben müsse, und man erhob auch keinen Widerspruch. Auch die +übrigen schienen von demselben Verlangen beherrscht zu werden, sich zu +vereinsamen. + +Als Axel sein Wohngemach betrat und, bevor er sich niederließ, arglos +Umschau hielt, fand er auf seinem Schreibtisch ein kleines, mit goldenen +Linien umrändertes Kouvert. Er griff hastig danach, und da ihm ein +unbestimmtes Gefühl sagte, daß es mit Imgjor zusammenhänge, öffnete er +es in fiebernder Spannung. In der That fand er einige Worte von ihrer +Hand. + +Aber freilich brachten sie nicht, was er ersehnt, was er fast gehofft +hatte. + +Auf einer zierlichen Karte standen die Worte: „Ich wiederhole, es giebt +keinen Weg, der uns zusammenführen kann. So lassen Sie mich! Ich bitte, +ich beschwöre Sie! Für Ihre Diskretion meinen Dank. I.“ + +So war also doch nichts gewonnen! Axel ließ sich entmutigt in seinen +Sessel sinken und saß lange, abwesend, seinen Gedanken hingegeben. + +Stark benommen und nichts weniger als zu einem Zusammensein mit Menschen +aufgelegt, nahm er sodann in späterer Stunde die Meldung Frederiks +entgegen, daß die Gäste im Anzuge seien. + +Soeben hätten sie den Schloßhof überschritten. + +„Und Doktor Prestö? Ist er auch dabei, Frederik?“ + +„Jawohl, Herr Graf, er ist schon im Flur, Cristian ist ihm behilflich —“ + +„Ich danke Ihnen. Ich werde sogleich erscheinen —“ Axel sprach's +zerstreut und machte sich, mechanisch handelnd, an seine Toilette. + +Da die Anwesenden im Schloß schon eine Anzahl von Personen ausmachten, +so war's nicht zu verwundern, daß der Empfangssalon stark gefüllt war. + +Es hatten sich alle höheren Beamten mit ihren Damen eingefunden, der +Oberverwalter, der Verwalter, der Vorwerk-Inspektor, der Oberförster mit +seinen zwei Unterbeamten, die Herren aus der Kanzlei und der Kasse, der +Intendant und die Schreiber, des Grafen Sekretär und zudem die +Honoratioren aus dem Dorfe. + +Es wurde zunächst Thee herumgereicht. Dann musizierten Lucile und die +Pastorin, und eine Verwandte des Apothekers aus Kopenhagen sang mit +einer gutgeschulten, sympathischen Stimme. + +Das nahm, einschließlich der Empfangsgespräche, denen die Gräfin mit +vollendetem Geschick einen warmherzigen Charakter zu verleihen wußte, +eine kleine Stunde in Anspruch. Dann wurde das Zeichen zum Tischgang +gegeben. + +Der Pastor, als ältester und würdigster Herr, führte die Gräfin und der +Graf die Gemahlin des ersteren. Im übrigen wählte, der hier herrschenden +Sitte entsprechend, jeder Herr seine Dame selbst, und allezeit fügten +sich, trotz dieser Uneingeschränktheit, die Dinge den Verhältnissen +angemessen. + +Jeder wußte von selbst, auf welchen Platz er gehörte. Ihn leiteten +Gewohnheit und natürliches Taktgefühl. Ein gleiches galt von der Wahl +der Damen selbst. + +Axel hatte, schnell entschlossen, Lucile den Arm geboten. Sie sah ihn +überrascht fragend, aber auch sichtlich angenehm berührt an, und +lächelte mit einem feinen, überlegenen Lächeln. + +„Wie, Herr Graf? Eine Lucile, wo es eine Imgjor giebt?“ neckte sie. Und +er, während er an der in Silber und Krystall funkelnden Tafel Platz +nahm: „Darauf darf ich entgegnen, Komtesse: es überraschen und beschämen +den Grafen Dehn so gütige Worte umsomehr, als so zahlreiche Mitglieder +aus Fürstengeschlechtern nach Rankholm hinüberschauen!“ + +„Ah, das war nicht hübsch! Das war boshaft, Graf Dehn —“ entgegnete +Lucile. „Sie lohnen mir meine Offenherzigkeit mit Spott! Glauben Sie, +daß ich keinen Wert auf die Erstarkung unserer Freundschaft lege?“ + +„Ja, ich fühle es, und es macht mich überaus stolz und glücklich, +Komtesse!“ fiel Axel, den leichten Ton verlassend, ein. „Heute +namentlich thut mir Güte und Wärme doppelt wohl, da sich — Sie sprachen +von Ihrem Fräulein Schwester — bereits mein Schicksal entschieden hat.“ + +„Wie? — Es ist etwas geschehen? Ah — ahnte mir's doch!“ Lucile sprach's +stark betonend und lehnte mit der ihr eigenen, kurz abweisenden Art eine +Schüssel ab, die eben einer der Diener beim Anbieten zwischen sie und +ihren Nachbar schieben wollte. + +„O ich bitte, erzählen Sie mir!“ fuhr sie fort und warf zugleich einen +Blick zu ihrer Schwester hinüber, die neben Prestö saß und trotz +eifrigen Redens eben mit gespanntem Ausdruck zu ihnen beiden +hinüberschaute. + +Axel hob die Schultern und lächelte schwermütig. + +„Erlassen Sie mir Einzelheiten, Komtesse! Die Sache hat ein Vorspiel, +über das ich noch nicht sprechen, worüber ich auch Ihnen gegenüber mich +nicht eher auslassen möchte, bis die Geschehnisse von anderer Seite zu +Ihnen gedrungen sind. Nur soviel: Komtesse Imgjor hat mir heute die +wiederholte Erklärung gegeben, daß uns keinerlei Wege zusammenführen +könnten!“ + +Zuerst blitzte es nach diesen Worten in Luciles Angesicht auf. Dann aber +wurden ihre Mienen wieder ernst, und indem sie Graf Dehn mit einem sanft +gelassenen Ausdruck ansah, sagte sie: + +„Natürlich vermag ich ohne den Zusammenhang der Dinge keine zutreffende +Meinung abzugeben. Aber daß solche Erklärungen meiner Schwester oft +gerade das Gegenteil bedeuten, kann ich Sie versichern. Jeder hat seine +Art. Sie hat die ihrige. Börne, der deutsche Denker, sagt einmal: +Ernsthafte Frauen gleichen leeren Koffern mit sieben Schlössern. Ich +möchte von meiner Schwester sagen, sie gehört zu jener Gattung von +weiblichen Wesen, von denen man behaupten könnte: Hinter den Eisbergen +ihrer Mienen lodern tausend heiße Flammen —“ + +„Wie? Sie glauben —?“ + +Lucile nickte. + +„Einen Fall nehme ich aus. Hat sie bereits die ebenso große +Unbesonnenheit wie Geschmacklosigkeit begangen, sich mit dem Plebejer +drüben zu verloben, so ist natürlich nichts zu machen.“ + +„Ich möchte das als höchst wahrscheinlich annehmen, Komtesse —“ + +„Ein mehr als schrecklicher Gedanke, Graf Dehn! Worauf stützen Sie Ihre +Eindrücke, wenn ich bitten darf?“ + +Graf Dehn zögerte erst, dann kam ihm ein Entschluß, und er sagte: + +„Für einen in seinem Geist und Gemüt beschwerten Menschen giebt's kein +größeres Labsal, als sich aussprechen zu können, einen Vertrauten zu +besitzen, dem er rückhaltlos über alles zu berichten vermag, was ihn +beschäftigt. + +Dieser Umstand und die Sicherheit, daß meine Eröffnungen Komtesse Imgjor +nützlich sein können — ich gestatte mir, später zu sagen, in welcher +Weise ich mir das vorstelle — lassen mich unter der Bitte vorläufiger +Verschwiegenheit reden!“ + +Nach dieser Einleitung erzählte Graf Dehn Lucile alles, was geschehen +war, und schloß mit den Worten: + +„Sie äußerten sich jüngst über die Möglichkeit, daß Ihr Fräulein +Schwester Rankholm verließe — dringen Sie gleich — ich bitte — darauf, +damit sie von Prestö getrennt wird, und auch darauf, daß man ihn, sobald +sie zurückkehrt, nicht mehr hier findet!“ + +„Ja, ja“ — Lucile, die mit größter Spannung zugehört und namentlich bei +der Schilderung dessen, was Graf Dehn selbst im Landhof gesprochen, mit +lebhaftem Ausdruck ausgehorcht hatte, nun sinnend zurück. + +„Wenn es nur nicht zu spät ist! Ich fürchte nach dem, was Sie mir gesagt +haben, allerdings, daß sie schon die Thorheit begangen hat. Und ist's +der Fall, dann giebt's keine Schlösser und Ketten, keine Länder und +Entfernungen, die sie von ihm und ihren Entschlüssen trennen würden. +Selbst ein nachträgliches Erkennen seiner Unwürdigkeit würde sie +abhalten, ihr einmal gegebenes Wort zu brechen; die allerschwersten, die +größten Selbstaufopferungen mit sich führenden Pflichten würde sie auf +sich nehmen.“ + +„Eine Hoffnung besteht vielleicht noch, Komtesse!“ fiel Axel ein. + +„Sie erinnern sich, daß Graf Knut mir erzählte, Prestö sei verlobt. So +hat doch vielleicht nur die gemeinsame Sache sie zusammengeführt.“ + +„Ja, sie hat sich ihm ursprünglich wohl nur deshalb genähert,“ — betonte +Lucile — „ihn aber — glauben Sie es — bestimmt ihr Geld und die +Befriedigung seiner maßlosen Eitelkeit. Um derentwillen wird er ein +bereits eingegangenes Verlöbnis zu Imgjors Gunsten lösen. Ich halte den +Menschen zu allem fähig, sofern es sich um die Erlangung von Macht und +Besitz handelt —“ + +„Ich beurteile Prestö ebenfalls ungünstig, er ist mir zugleich namenlos +unsympathisch. Aber das möchte ich doch nicht unterschreiben. Für +unehrenhaft, für einen Schurken halte ich ihn nicht. Er ist ein krasser +Egoist und Fanatiker, aber —“ + +„Ja, ja, das ist ja eben Ihre rührende Art! Obschon Ihnen die Natur +einen so scharfen Verstand verlieh, obschon Sie einen starken Spürsinn +besitzen, bewahren Sie sich doch ein vertrauendes Herz und glauben an +die Menschen! Und eben solche wie Sie, in solcher Mischung, giebt's +wenige. Wo ist die rechte Harmonie zwischen Verstand und Gemüt, zwischen +strengen Grundfarben und Koncilianz?“ + +„Sie beschämen mich, Komtesse —“ + +„Ich sage, wie ich es meine, Graf Dehn. Und wäre Imgjor nicht krank, — +ihre überspannten Ideen sind krankhafter Natur — so wäre sie die Rechte +für einen Mann, wie Sie es sind. — Ach, meine Mutter hat viel +verschuldet! Sie — sie — hat Imgjor durch eine übergroße Strenge in den +Kindheitsjahren in diese Welt des Widerstandes getrieben —“ + +„Wie? Das sagen Sie, Komtesse? Schon einmal deuteten Sie auf dergleichen +hin! Wie schmerzlich ist es mir, daß Sie an einer, in meinen Augen so +seltenen Frau, wie Ihre Mama es ist, nicht alles zu loben vermögen, daß +Sie sie nicht blindlings lieben —“ + +Lucile bewegte die Schultern, deren vollendete Formen durch ein tadellos +sitzendes Gewand aus zarter grüner Seide noch mehr gehoben wurden. Auch +zog sie die ausdrucksvollen Lippen und sagte stark betonend: + +„Doch, ich liebe meine Mutter zärtlich. Aber gerade, weil ich sie so +sehr liebe, möchte ich sie als höchstes Ideal betrachten können. Es +liegt etwas vor, das ich nicht verstehe. Ich spreche nicht allein über +Mamas Haltung Imgjor gegenüber —“ + +In diesem Augenblick schlug Graf Lavard ans Glas, um einen Toast auf die +Gäste auszubringen. Dadurch wurde Lucile in ihrer Rede unterbrochen. +Ueberdies bemerkten beide, daß man sie beobachtete. Infolge dessen +richteten sie ihre Blicke mit unabgewendeter Aufmerksamkeit auf den +Sprechenden, und nur einmal warf Graf Dehn das Auge auf seine Umgebung. +Und als dies dann auf Imgjor fiel, sah er erst, daß Prestö ihr etwas +zuflüsterte, und dann, daß sie ihm rasch mit einem ihrer süßen Blicke +antwortete, einem jener Blicke, in denen das ganze bestrickende Wesen +ihrer tiefen, anschmiegenden Seele zum Ausdruck gelangte. + +Aber eine noch stärkere Bestätigung seiner schwermütigen Vermutungen +empfing Graf Dehn, als er kurz vor Schluß des Festes, ohne es zu wollen, +Zeuge eines Gespräches zwischen ihr und Prestö wurde. + +Als er den von allen und auch von ihm inzwischen betretenen Park auf +Augenblicke verließ, um sich eine Cigarre aus dem neben dem Speisegemach +befindlichen Rauchzimmer zu holen, sah er in ersterem Imgjor und Prestö +einander zärtlich die Hände schütteln und hörte das junge Mädchen +deutlich sagen: + +„Also, bitte, übermorgen Abend!“ zugleich aber traten beide, Axel +bemerkend, verwirrt zurück. Imgjor wandte sich der Gartenseite zu und +der Doktor, der ohnehin während dieser Stunden Axel fortdauernd +hochmütig ausgewichen war, verbeugte sich kurz mit eisiger Förmlichkeit +gegen ihn und verließ das Gemach. + +„Ja, Herr Doktor Prestö ist soeben zu einem Kranken gerufen. Er +begegnete mir hier gerade beim Fortgehen —“ erklärte Imgjor, als sich +Axel ihr mit kavaliermäßiger Artigkeit anschloß und, um überhaupt etwas +zu reden, die Frage aufwarf, ob Prestö die Gesellschaft bereits +verlassen wolle. + +Aber einer Erörterung über das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag +und einen so bedeutungsvollen Inhalt besaß, wußte sie dadurch +auszuweichen, daß sie, als er eben zu weiteren Worten anheben wollte, +von ihrem Hunde zu sprechen begann. + +Und das geschah mit einer so unbefangenen Miene, daß Graf Dehn überhaupt +die Möglichkeit abgeschnitten wurde, ein anderes Thema zu berühren. Auch +neigte sie, nachdem sie die Treppen zum Garten hinabgestiegen waren, +kurz verbindlich das Haupt und gesellte sich zu der gerade ihnen +entgegenschreitenden Nichte des Pastors. — + + * * * * * + +Am nächstfolgenden Tage wurden die Bewohner von Rankholm durch die sehr +unerfreuliche Botschaft überrascht, daß im Dorfe das Scharlachfieber +ausgebrochen und daß bereits zwei Dutzend Personen, Große und Kleine, +davon ergriffen seien. + +Der Graf erzählte davon beim zweiten Frühstück und ermahnte die +Tischgenossen, den Verkehr mit den Dorfbewohnern vorsichtig zu meiden. +Es wurde sogar überlegt, ob nicht der sonst stets erfolgende +Kirchenbesuch für den bevorstehenden Sonntag ausgesetzt werden solle. + +Der Graf befürwortete ein Fortbleiben; die übrigen schlossen sich ihm +stillschweigend an, und nur Imgjor gab keine Meinung ab. + +„Nun, Kind — hast du gehört? Halte dich also vom Dorf fern!“ warf die +Gräfin mit einem auf ihre Tochter gerichteten, auffordernden Blick hin. + +Imgjor bewegte den Kopf. + +„In die Kirche werde ich auch nicht gehen. Aber ins Dorf möchte ich +jetzt gleich und möchte mich umsehen, ob ich nicht helfen, vielleicht +als Krankenpflegerin mich nützlich machen kann.“ + +„Du wirfst das nicht thun, unter keinen Umständen! Ich wünsche es nicht +—“ entschied die Gräfin. + +„Willst du mich denn hindern, ein gutes Werk zu thun, Mama? Welchen Wert +hat alle Religion, wenn sie mit keinen Thaten verbunden ist?“ + +„Du hast —“ entgegnete die Gräfin — „nicht nur auf den Drang, zu helfen, +den ich gewiß nicht tadle, Rücksicht zu nehmen, sondern auf die ganze +Familie und sämtliche übrigen Mitbewohner von Rankholm. + +Scharlach ist so ansteckend, daß es geradezu Leichtsinn wäre, sich +unnötig mitten in die Gefahr zu begeben. —“ + +„Unnötig, Mama? Sollen wir uns nicht der Armen und Notleidenden +annehmen?“ + +„Ja, ja, Imgjor! In solchen Antworten liegen deine Phantastereien. Die +Beschäftigung mit dem Idealsten in der Welt kann verderblich statt +segensreich wirken, wenn es eine verkehrte Hand zu ungeeigneter Zeit ins +Praktische zu übertragen sucht. + +Wie nun, wenn wir dich gewähren lassen und alle hier von einer +Ansteckung befallen werden, wenn gar die Krankheit einen tötlichen +Ausgang nimmt? Meinst du, daß die vom Dorfe heraufeilen werden, um uns +zu pflegen, selbst wenn wir verkündeten, wir erwarteten, daß sie es thun +möchten? Keiner, der Pastor ausgenommen, der stillschweigend mit seinem +Amt solche Samariterpflichten gegen die Gemeinde übernommen hat, wird +auch nur auf den Gedanken geraten. Und darin steckt's! Fortwährend wird +von den Bauern der Anspruch an Opferwilligkeit von unserer Seite +erhoben, und nach Kräften wird diesem Anspruch von den besser Gesinnten +entsprochen. Aber wer hilft dem Gutsherrn, wenn er der Hilfe bedarf, +wenn er etwa gar verarmt? Er wird vergeblich die Hände ausstrecken. Du +solltest endlich deine Vernunft gebrauchen, statt solchen Gefühlsideen +blindlings Gefolgschaft zu leisten. Stehen wir dir denn näher oder die +in Kneedeholm? Ja, wenn's wirklich erforderlich wäre! Aber im Dorf haben +sie Menschen und Kräfte genug, sich gegenseitig auszuhelfen!“ + +„Ich kann ja in Kneedeholm bleiben, bis alles sich gewendet hat, Mama. +So bringe ich euch in keine Gefahr —“ fiel Imgjor, ohne dem von ihrer +Mutter allgemein Gesprochenen eine Antwort zu erteilen, mit trotziger +Beharrlichkeit ein. + +„Nein!“ erklärte nun auch der Graf, bevor die Gräfin zu weiterer Rede +anzuheben vermochte. „Auch ich verbiete dir das Betreten des Dorfes für +die nächste Zeit, schon deshalb weil ich nicht wünsche, daß du ferner +mit Prestö in Berührung gelangst, und das wäre bei solcher Thätigkeit +unvermeidlich. Eben lese ich in der ‚Orebye Tidende‘, was der Monsieur +dort vorgestern in einer Versammlung meiner Bauern zusammengesprochen +hat. Es ist ja die vollkommene Aufreizung gegen den Landadel. Schon +heute würde ich ihn zur Rede gestellt haben, wenn nicht unten die +Epidemie ausgebrochen wäre. Ist sie aber beseitigt, so mag er gehen. Ich +will ihn hier nicht mehr haben!“ + +„Kannst du ihn gehen heißen, Papa? Er steht doch nicht in deinem Dienst! +Er kann doch seine Thätigkeit aufnehmen, wo er will. Höchstens als Arzt +fürs Schloß kannst du ihn abschaffen —“ + +„Die Entscheidung darüber wirst du mir gefälligst überlassen, meine +Liebe! Ich habe deine Belehrungen nicht erbeten und erkläre sie für +völlig unpassend. Aber da aus ihnen und aus deiner fortwährenden +straffen Parteinahme für diesen Herrn sich nur noch mehr erhärtet, +welches Gift es für dich ist, mit ihm in Beziehungen zu bleiben — ihm, +gerade ihm, haben wir offenbar deine Bauernfreundlichkeit auf Kosten des +Wohlergehens deiner eigenen Familie zu verdanken — so erscheint mir der +Zeitpunkt gekommen, daß du einmal Rankholm verläßt und in Verhältnisse +gelangst, die dich solchen Beeinflussungen gründlich entziehen. — Nicht +wahr, du bist auch neulich in Oerebye gewesen?“ + +Imgjor sah ihren Vater fest und ohne eine Miene zu verziehen an; nur in +den Augen zitterte etwas, das auf die Regungen ihres Innern Schlüsse +ziehen ließ. Aber sie antwortete nicht. + +„Ich las Ihre ausgezeichnete Rede, für die ich Ihnen noch aus vollem +Herzen danken wollte, lieber Graf Dehn —“ fuhr der Graf, ohne auf einer +besonderen Bestätigung der an seine Tochter gerichteten Frage zu +beharren, zu Axel gewendet fort: „Sie vermögen Auskunft zu geben, ob +meine Tochter dort war —?“ + +„Nein, Herr Graf! Ich vermag darüber nichts zu sagen. Aber ich danke +Ihnen für Ihr gütiges Lob. Ich bin sehr glücklich, daß Ihnen die +Ausführungen, zu denen ich infolge der Rede des Doktor Prestö gedrängt +wurde, gefallen haben.“ + +In Imgjors Angesicht zuckte es bei Axels Worten auf, aber sie lohnte ihm +seine Ritterlichkeit auch nicht einmal durch einen Blick. + +Wohl aber reckte sie plötzlich den Oberkörper empor und sagte mit großer +Entschiedenheit im Ton: „Ich werde nachher auf dein Zimmer kommen, Papa. +Ich bitte, daß du es erlaubst. Dort werde ich dir auf alles Antwort +geben. Jetzt, jetzt gestatte, daß ich mich entferne.“ + +Nach diesen Sätzen richtete sie sich, die Serviette von sich streifend, +empor und war bereits an der Thür, bevor der Graf sie zu hindern +vermochte. Aber sie hatte nicht mit der Gräfin gerechnet. + +„Ich möchte dich jetzt gleich sprechen, Imgjor! Bleibe!“ befahl sie. + +„Ich wünsche an der Unterredung teilzunehmen. Ohnehin ist es Zeit, +aufzustehen. Sie gestatten, lieber Graf Dehn! Und es ist dir recht, +Lavard?“ fügte die Gräfin biegsam im Ton hinzu und wußte den anfangs +etwas zögernden Grafen zur Beipflichtung zu veranlassen. + +Infolge dessen erhoben sich alle; und alle richteten jetzt den Blick auf +Imgjor. Sie aber stand wie ein Marmorbild an der Thür und erst, als ihre +Mutter eine Bewegung machte, durch die sie ihren Befehl wiederholte, +schoß etwas in ihre Augen, das den unheimlichen Glanz eines unbeugsamen +Willens besaß. + +Alsdann reichten jene, mit Ausnahme von Imgjor, dem Grafen Dehn +vertraulich die Hand und verließen das Gemach, und nur Lucile, die +begierig nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte, das der Graf, ihr Papa, +bei seiner Rede aus der Tasche gezogen, blieb noch im Zimmer. + +„Ich kann es kaum erwarten, zu lesen, wie Sie dem widerwärtigen Menschen +entgegengetreten sind, Graf Dehn!“ begann sie. „Und wie finden Sie +Imgjors Benehmen?“ fuhr sie fort. „Ist es nicht unerhört, in welcher +Weise sie die Rücksichten gegen ihre eigene Familie bei Seite schieben +will? Ich muß sagen, ich stehe ganz auf Mamas Seite. Und es geschieht ja +auch nun ohne unsere Einwirkung das, was Sie als erforderlich +bezeichneten. Imgjor wird — ich hoffe, daß Papa darauf besteht — +Rankholm verlassen. Was wird nun aber aus Ihnen, lieber Graf! Werden Sie +es allein mit uns aushalten können?“ + +„Sie wissen, wie ich über Sie alle denke, wie sehr ich Sie alle schätze +und verehre, Komtesse. Das ist meine Antwort. Aber etwas anderes drängt +sich mir auf. Wohin wird man Ihr Fräulein Schwester schicken? Soll sie +Nutzen haben von einer Entfernung, muß sie in keine Umgebung gelangen, +wo man ihr schroff entgegentritt. Man muß ihr mit Güte begegnen und +versuchen, sie allmählich von dem Unwert ihrer übertriebenen Ideen zu +überzeugen.“ + +„Ja, Sie haben Recht, Graf Dehn. Was raten Sie?“ + +Ich kenne Ihre Beziehungen nicht, Komtesse. Ich wüßte aber ein Haus, wo +—“ + +„Nun?“ + +„Bei meinen Eltern in Dresden. Sie würden die Komtesse mit Freuden +aufnehmen!“ + +In Luciles Angesicht, die wohl aus besserer Ueberzeugung schroff gegen +ihre Schwester auftreten konnte, sie aber trotzdem zärtlich liebte, +blitzte es auf. + +„Ja, ja! Das wäre eine Idee, eine vortreffliche!“ stieß sie heraus. +„Gleich will ich mit den Eltern darüber sprechen, wenn wirklich den +Ihrigen ein solcher Plan genehm sein würde.“ + +„Meine Eltern werden sehr glücklich sein —“ entgegnete Axel, „wenn Sie +ihnen Gelegenheit geben, ihre freundschaftlichen Empfindungen zu +bethätigen. Darüber besteht kein Zweifel. — Aber ob Komtesse Imgjor +damit einverstanden sein wird, ist mir sehr zweifelhaft, Komtesse. Ich +fürchte, sie wird sich weigern, bei der Familie desjenigen +Gastfreundschaft entgegenzunehmen, gegen den sie so unzweideutige +Beweise ihrer Abneigung an den Tag legt. Ich fürchte sogar, daß sie mich +seit den letzten Vorgängen haßt —“ + +Lucile schüttelte diesmal nur sanft den Kopf und sah Axel mit einem +Ausdruck an, als ob sie sich über die tiefere Bedeutung des von ihm +Gesagten unterrichten müsse. Und dann noch einmal, aber sie entgegnete +nichts. + + * * * * * + +Daß Imgjor zu dem Doktor Prestö hielt, hatte die Versammlung in Oerebye +und hatten die übrigen früheren und neueren Vorgänge bewiesen. Aber ob +ein Liebesverhältnis zwischen ihnen bestand, war noch nicht aufgeklärt. +Dieser Umstand ließ Graf Dehn alle seine Gedanken darauf richten, wie er +es anstellen könne, sich darüber eine Gewißheit zu verschaffen. + +Da er Zeuge der Verabredung zwischen Imgjor und Prestö gewesen, hatte er +hin und her überlegt, wo diese Zusammenkunft wohl stattfinden werde, und +immer wieder war er zu dem Ergebnis gelangt, daß der von ihm entdeckte +Gang im Turm, dessen Aus- und Einmündung er in der Folge nachgespürt, +dabei eine Rolle spiele. + +In der nach dem Garten gerichteten Seite dieses Zwischenbaues befand +sich eine kleine, von Epheu umrankte, offenbar sonst seit +Menschengedenken nicht mehr geöffnete Thür. Sie führte sicher zu dem +Vorzimmer von Imgjors Räumen; von hier ging die dort mündende, zwischen +der dicken, mit Lichtspalten versehene Mauer eingefügte Treppe aus. + +Und dieser Teil der Turmseite selbst war hinter dichtem Gebüsch +verborgen; niemand achtete auf diesen verdeckten Winkel. + +Auch Axel würde schwerlich jemals dorthin einen Blick geworfen haben, +wenn er nicht von solchen Voraussetzungen ausgegangen wäre. + +Vom Dorf zweigte sich außer dem Fahrwege ein Pfad über die Wiese nach +dem Gutsgebiet ab. Ihn benutzten die Fußgänger von Kneedeholm und die +von Rankholm vorzugsweise. Er führte direkt auf den neben dem Schloß zur +Rechten liegenden Arbeitsgutshof. Hier befanden sich die Wohnhäuser der +Beamten, und ihn umkränzten in weitem Umfange die Gebäude der Meierei, +die Kuh-, Pferde- und Schafställe, die Brauerei, das Dampfmaschinenhaus, +die Remisen für die Herrschafts- und Arbeitswagen und die Häuser für die +zahlreichen Arbeiterschaften. + +Auf diesem Hof, hinter einer gleich den Eingang flankierenden Scheune, +beschloß Graf Dehn abends zunächst Posto zu fassen, um Prestös Ankunft +zu beobachten und dessen Schritte zu verfolgen. + +Es gab nur diesen einen, direkt zum Park führenden Weg, und falls Prestö +überhaupt kam, mußte er ihn einschlagen. + +Zwischen dem Frühstück und dem Tischgang machte Graf Dehn mit dem Grafen +einen längeren Spazierritt. Letzterer sprach bei dieser Gelegenheit wohl +auch über Imgjor, aber er äußerte nichts über Inhalt und Verlauf der +Unterredung mit ihr. Es machte Axel den Eindruck, als ob Imgjor ein +Schweigen über ihre Angelegenheiten gefordert habe. + +„Wir sprechen noch näher darüber!“ hatte der Graf geschlossen. „Ich +komme mit Ihrer Erlaubnis auch noch auf das von Ihnen meiner Tochter +Lucile gemachte gütige Anerbieten zurück. Ich möchte vor entscheidenden +Schritten erst einmal die Klarheit besitzen, die ich bisher nicht +gewonnen habe. + +Auf dem Plan steht auch, daß wir alle Rankholm verlassen und einige +Zeit, etwa vier bis sechs Wochen, nach Kopenhagen übersiedeln. Sie +wissen, daß wir dort ein eigenes Palais besitzen. + +Natürlich — Sie begleiten uns! Sie bleiben unser Gast! Nur unter der +Bedingung verlassen wir Rankholm.“ + +Später kam der Graf auf die Versammlung in Oerebye zu sprechen. + +„Jeder Gutsherr —“ erklärte er — „muß seinen Herd und sein Eigentum +schützen. Thun das alle, halten sie eben so fest zusammen, wie +diejenigen, die übertriebene Forderungen erheben, so wird die +gegenwärtige Bauernbewegung auf ein verständiges Maß herabgedrückt +werden. Den Schutz erkenne ich in der rücksichtslosen Entfernung aller +Ruhestörer, der Erhaltung geordneter Zustände, in einem möglichsten +Entgegenkommen gegen diejenigen, die uns mit verständigen Vorschlägen +zur Verbesserung der Lage der Bauern und Landarbeiter gegenübertreten —“ + +Diese Worte bewiesen, daß Graf Knut in seinem gelegentlich gefällten +Urteil über den Grafen recht hatte. Nur dessen ungemessene, in +besinnungslosen Jähzorn ausartende Heftigkeit hatte er getadelt. + +„Die Lavards sind alle besonders. Sie besitzen eine Starke Eigenart!“ +hatte er geäußert. „Bei den meisten überwiegt Genialität und Energie, +bei anderen neben hoher Intelligenz starke Erregbarkeit und Hang zum +luxuriösen Wohlleben. Den hat der Graf lange abgestreift, aber das +leicht erregte Blut wird ihm bleiben bis zum Tode, und das hat ihm und +anderen schon viel Herzeleid gebracht.“ + +Imgjor erschien nicht bei Tisch. Dagegen hatte sich Graf Knut +eingestellt und wegen der immer stärker um sich greifenden Epidemie im +Dorfe eine länger andauernde Gastfreundschaft erbeten. + +Er regte, wie immer, durch seine gute Laune und seine frische +Lebendigkeit die Gesellschaft an, und da auch Graf Dehn gewohnheitsmäßig +einen lebhaften Geist entfaltete, verflossen die Stunden bis zur +Schlafzeit in der angenehmsten Weise. Nach Tisch, nach einer längeren +Promenade im Park, setzte sich die Gräfin mit dem Grafen Dehn an den +Schachtisch, und die beiden Herren spielten eine Partie Pikett. Bei +dieser Gelegenheit brach jene das von ihr bis dahin beobachtete +Schweigen und erzählte Axel, daß Imgjor die Forderung gestellt habe, daß +ihr ihr Erbteil ausgezahlt und völlige Bewegungsfreiheit eingeräumt +werde. + +„Sie sollen morgen alles und noch anderes erfahren —“ sagte sie. „Mein +Mann könnte hören, was ich spreche. Er wünscht, daß die Dinge +einstweilen nicht berührt werden —“ schloß sie mit gedämpfter Stimme. + +Zu einer Gegenrede, namentlich zu einer Frage, ob Imgjor engere +Beziehungen zu Prestö eingeräumt habe, vermochte Graf Dehn nicht zu +gelangen. + +Zum Thee erschien Imgjor, und auch an dem heutigen Abend trug sie — Axel +schob's diesmal auf die bevorstehende Zusammenkunft mit Prestö, für +welche helle Gewänder nicht geeignet waren, — ein dunkles Kleid. Sie sah +wieder anbetungswert schön aus und kehrte gegen den Grafen Knut ein +neckisch anschmiegendes Wesen heraus. + +Zum erstenmal sang sie auf Graf Knuts wiederholte, dringende Bitte +einige Lieder. Graf Dehn befand sich, während er ihren Vorträgen +lauschte, in einer Art von Verzauberung. Sein Ich lag in ihren Banden. +Etwas Aehnliches, die Seele Bewegendes, Ergreifenderes konnte man nicht +hören. + +Alle Register, das Gemüt zu rühren und dem Ohr die höchsten, +einschmeichelndsten Wohllaute darzubieten, standen ihr zur Verfügung. +Man jauchzte und weinte mit ihr. + +Und wie niemals in ihrem Thun und Wesen das Bestreben zum Ausdruck +gelangte, sich irgendwie besonders zur Geltung zu bringen, durch die ihr +von der Natur zuerteilten Gaben Beifall oder gar Bewunderung +einzuernten, so war's auch heute. Sie war frei von jeder Eitelkeit. +Jedem Spiegel ging sie vorüber. Sich besonders zu schmücken, mußte sie +jedesmal aufgefordert werden, und doch besaß sie, wie Lucile geäußert +hatte, Gewänder, die Königinnen tragen konnten. Sie war mit ihrem +blendenden Hals, ihren schneeigen Armen, ihrer Psychebüste, ihrem +vollendeten Wuchs und ihrer vornehmen Haltung ein Wunderwerk der Natur. + +Und sie so zu sehen, stand Axel in den nächsten Tagen auf Rankholm +bevor. + +Die Gräfin hatte darauf bestanden, daß der von ihr geplante Ball noch +vor der Abreise nach Kopenhagen Stattfinde. Schon am nächsten Morgen +sollten die Einladungen erfolgen und die Antworten durch abzusendende +Stafetten gleich eingeholt werden. + +„Noch eins! Ich bitte recht sehr, Komtesse!“ drängte Graf Knut, nachdem +Imgjor zwei Lieder gesungen hatte. „Singen Sie gütigst zum Schluß noch +mein Lieblingslied!“ — + +„Ihr Lieblingslied? Ich weiß nicht — Welches ist's, Herr Graf?“ gab +Imgjor erst zögernd, dann, durch seine Blicke willfährig gemacht, +zurück. Und „Ach ja — gewiß — ich weiß jetzt!“ fügte sie dann äußerst +bereitwillig hinzu, bat Lucile, sie zu begleiten, und sang nun ein +kleines, in meinem ungestümen Tempo sich bewegendes andalusisches Lied: + + „Einmal möcht', daß die Traumgedanken + Sich verwandelten in Wirklichkeit! + Einmal möcht' ich aus den Schranken + Eingeh'n in die Seligkeit! + + Seligkeit sind deine Lippen! + Seligkeit ist deine Brust! + Schenk, o Gott, der durst'gen Seele, + _Einmal_ diese trunk'ne Lust!“ + +Imgjor trug diese Verse mit einer solchen Verve des Ausdrucks vor, in +ihren Augen erschien ein solch' überirdisches Feuer und ihr geöffneter +Mund atmete eine solche verzehrende Sehnsucht, daß Graf Dehn, dem heiße +Ströme durch die Glieder jagten, dabei an Luciles Worte erinnert ward. +Sie hatte gesagt, daß hinter Imgjors kalt gemessenem Wesen heiße Flammen +verborgen seien. Aber als sie dann wieder mit ihrem stumm verschlossenen +Wesen vom Piano zurücktrat und gleich darauf gute Nacht sagte, Graf +Knuts lautem Lob mit einer sanft bescheidenen Miene und von Graf Dehns +stummer Bewunderung keine Notiz nahm, ergriffen ihn doch wieder Zweifel, +ob sie bei diesem Vortrage wirklich Gleiches auch empfunden habe. Sie +stellte sich offenbar nur in den Dienst ihrer Aufgabe. Ihre Gedanken und +Sinne richteten sich sicher auf etwas ganz anderes. Ihr Inneres +durchrieselte keine Leidenschaft für Prestö, sondern sie erfüllte jene +Märtyrerliebe zur Menschheit, die sich selbst ans Kreuz schlägt. Alles, +wenn's auch vielleicht einmal in ihr aufflammte, dämmte sie, diesem +Dienst geweiht, zurück. Aber um so mehr verzehrte Graf Dehn das +Verlangen, nun endlich Gewißheit zu erlangen. Sobald es irgend +schicklich erschien, schützte er Kopfschmerzen und Müdigkeit vor und +empfahl sich. + +Nachdem er sich in seinen Gemächern möglichst dunkel gekleidet, benutzte +er einen ihm alle Zeit zu Gebote stehenden Schlüssel zur Hauptthür des +Schlosses, betrat den Hof und den diesen und die Gärten verbindenden +offenen Durchgang, versicherte sich, daß in Imgjors Zimmern noch Licht +brannte, und begab sich zunächst zu der hinter den Bosketts befindlichen +Turmpforte. Als er jedoch die Hand auf den Drücker legte, gab dieser +nicht nach. Er schloß daraus, daß Prestö noch nicht eingetroffen sei und +eilte nun vorsichtig zur Rechten auf den Arbeitshof. Er lag in einem +gleichsam geisterhaften Dunkel. Eben hatte sich der Mond, der bis dahin +ein schwaches Licht verbreitet hatte, hinter schwarze Wolkenmassen +geschoben. Aber Graf Dehn wurde dadurch nicht gehindert. Er kannte den +Weg und betrat alsbald die Eckgrenze des Hofes und des Fußpfades, der +hier in das Thal hinabführte. + +Bevor er hinter der großen Scheune Posto faßte, spähte er noch einmal +vorsichtig in das Dorf hinab. + +Aber vorläufig vernahm und sah er nichts. Auch drunten lag die Welt in +einem mystisch unheimlichen Dunkel und in jenem Schweigen, das häufig +einer gewaltigen Aufregung in der Natur voranzugehen pflegt. — + + * * * * * + +Fast eine halbe Stunde stand Graf Dehn auf seinem Beobachtungsposten, +ohne daß etwas geschah. Er hörte die Uhr vom Schlosse zehn schlagen, und +später dröhnte eintönig auch der einzelne Schlag, der den ferneren +Verlauf einer Viertelstunde verkündete, zu ihm herüber. — + +Aber dann rührte sich etwas, jedoch nicht von der Dorfgegend her, +sondern auf dem Hofe. + +Von der Gartenseite her drang das Geräusch von Schritten an sein Ohr. +Anfänglich nahm Graf Dehn an, daß es der Wächter sei. Es beunruhigte ihn +dessen Kommen insofern, als der ihn begleitende Hund sehr wachsam war. +Aber es war nicht der Wächter, der sich dem versteckt Harrenden näherte, +sondern die Umrisse einer weiblichen Erscheinung tauchten vor den Augen +des mit seinen Blicken die Dunkelheit durchdringenden Mannes auf. + +Und keinem Zweifel unterlag's — es war Imgjor, die, sicher beunruhigt +durch Prestös langes Fortbleiben, ihre Gemächer verlassen und sich in +die Nacht hinausgewagt hatte. + +Ein heißes Feuer loderte in dem Manne auf. Er hatte Mühe, sein +klopfendes Herz zu bezwingen, als sie nun demselben Orte zuschritt, an +dem er sich befand, zuletzt sogar — nur eine Armlänge von ihm entfernt — +ihre Bewegungen hemmte und unbeweglich stehen blieb. + +Eine Welt, Himmel und Erde, wären sie sein gewesen, hätte er darum +gegeben, wenn sie, die da unruhig ins Thal hinab spähte, um seinetwillen +sich durch die Nacht geschlichen, um seinetwillen hier verharrt und +sehnsüchtig aufgeseufzt hätte. + +Einmal schien's, als ob sie sich anschicken wolle, ins Dorf +hinabzusteigen. Aber sie besann sich, wanderte hin und her und holte nur +mehreremal, von Unruhe übermannt, tief Atem. Aber auch ein Hüsteln, das +sie vergeblich zu dämpfen suchte, befiel sie. Offenbar von der Nachtluft +unsanft berührt, zog sie das Tuch, das sie um ihre Glieder geschlungen, +fester um sich, und rascher wurden ihre Schritte. + +Aber nun befiel auch Axel ein Kehlkitzel. + +Trotz heftigen Widerstands löste sich ein Laut aus seiner Brust, und +Imgjor wich — er sah's von seinem Versteck aus — angstvoll erschrocken +zurück. Aber nur für Sekunden. Dann leuchteten ihre funkelnden Augen +durch die Nacht und richteten sich furchtlos spähend dahin, woher der +Ton zu ihr gedrungen. + +Schon glaubte sich Graf Dehn entdeckt und blitzschnell überlegte er, ob +er sich ihrem Gesichtskreis durch ein rasches Entfernen entziehen oder +sich zu erkennen geben solle, als zu seiner glücklichen Befriedigung +fast gleichzeitig ein Geräusch — das Geräusch der Schritte einer eilig +den Berg hinaufklimmenden Person — beider Ohr traf, und gleich darauf +auch schon Prestö mit hastig gedämpfter Stimme auf die ihm rasch +Entgegeneilende einsprach: + +„Bist du's, Imgjor? Ah, Gottlob! Schon war ich in großer Sorge. Wie +steht's, meine Imgjor? Habe Dank, daß du hergekommen bist! Aber ich +vermochte nicht früher zu kommen, bis jetzt war ich bei Kranken und +Sterbenden —“ + +Andere Worte, die er sprach, verschlangen die Nacht und die Entfernung. +Einem übereinstimmenden Antrieb folgend, nahmen beide den Weg gegenüber +zu den Wirtschaftsgebäuden, und unter dem Schutz ihrer dunklen Mauern +und Dächer schritten sie dem Schloßgarten zu. Und Graf Dehn folgte ihnen +in angemessenem Abstand, und als sie sich in seiner Laube niederließen, +wußte er sich hinzuschleichen, um zu hören, was sie redeten. + +Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß Imgjor einwilligen wollte, +Prestö anzugehören, wenn zweierlei Bedingungen sich erfüllten. Er sollte +sich ganz in den Dienst der neuen Sache stellen, und er sollte ihr +nachweisen, daß seine jetzige Braut selbst die Beziehungen zwischen ihm +und ihr lösen wolle. + +„Immer wieder muß ich es dir sagen, daß ich trotz meiner Liebe ein +anderes Glück nicht zerstören will. Um solchen Preis will ich +verzichten, muß ich entsagen! Ich würde nie froh werden können. Aus +Schlechtem kann nichts Gutes entstehen. —“ + +Und immer von neuem Beteuerungen von seiner Seite, daß sie ihm glauben +möge. Besondere Beweise beizubringen, sei unmöglich, weil seine frühere +Braut überhaupt nicht mehr schreibe und frühere Zuschriften von ihrer +Hand im Zorn von ihm vernichtet seien. + +„Ich bin frei, Imgjor! Glaube mir doch! Was willst du mehr? Sie ist +meiner Liebe nicht wert. Ich hatte sie schon aufgegeben, bevor wir uns +fanden —“ + +„Lass' mich sie selbst sprechen! Höre ich aus ihrem Munde, daß sie dich +frei giebt, gleichviel aus welchem Grunde, gehöre ich dir! — Ich darf, +ich kann nicht anders, mein Freund! Es ist gegen meine Natur —“ + +Und dann wieder er. Er wisse nicht, ob jene sich überhaupt noch in +Kopenhagen aufhalte. Sie habe die Absicht gehabt, als Erzieherin nach +Lyon zu gehen. Sie sei sicher schon dort. Er wisse ihre Adresse nicht +und könne, da sie keinen Anhang habe, solche nicht ermitteln. + +„So lass' mich an sie schreiben. Wir werden ihren Wohnort durch die +Polizei feststellen können —“ + +„Glaubst du mir denn nicht, Imgjor? Du kränkst mich durch dein Mißtrauen +—“ + +„Ich glaube, daß du mich liebst und daß du mich mehr liebst als jene. +Aber im Beginn unserer Bekanntschaft sprachst du von dem Mädchen in +einem anderen Sinne und thatest einer zwischen euch eingetretenen +Entfremdung keiner Erwähnung. Diese Thatsache besteht, und daraus leite +ich ab, daß du doch vielleicht auf falschem Wege bist, nicht aus +verwerflichen Gründen, vielmehr unter dem Einfluß deiner Liebe zu mir, +welche dir die Dinge in einem für dich günstigen Lichte erscheinen läßt. +Weshalb scheust du die Probe? Willst du mit Unrecht beginnen? Muß dir +nicht auch an Klarheit liegen, mein teurer Freund?“ + +„Dich kann die rechte Liebe zu mir nicht beseelen, wenn du mich einer +Schlechtigkeit für fähig hältst, Imgjor! Ich sag' es noch einmal: Ich +kann und will jene nicht, und ich habe aus ihren Briefen die +Ueberzeugung gewonnen, daß sie auch nur noch Zwang an mich fesselt.“ + +„Siehst du also, mein Freund, du besitzest keine unbedingte Sicherheit! +Lasse uns diese erwerben, und wir werden unsern Bund schließen. Will ich +denn etwas anderes, als unser volles Glück, erstrebe ich etwas anderes, +als daß wir es in unserer Liebe und in der Hingabe an unsere Ziele +finden?“ + +So und ähnlich gingen die Worte zwischen ihnen hin und her, und nach +Beendigung dieses Gesprächs, das mit derselben wiederholten Forderung +Imgjors ausklang, erzählte Prestö von der im Dorf um sich greifenden +Epidemie. Er betonte, daß es richtiger sei, den Ort zu meiden. Größte +Vorsicht sei erforderlich. Er, der Arzt, habe die Krankheit früher +gehabt und sei deshalb immun, aber sie, Imgjor, möge — so edelmütig ihre +Absichten auch seien — sich keiner Gefahr aussetzen. + +Auf ein weiteres Horchen verzichtete Graf Dehn. Was er wissen wollte, +hatte er soeben vernommen. Zeuge ihrer Zärtlichkeit zu sein, vermochte +er nicht. Er litt ohnehin namenlos, als Prestö sie in trunkener +Leidenschaft an sich zog und sie sich mit einem stöhnenden, halb +hingebenden, halb bangherzigen Laut an ihn schmiegte. Das Innere voll +Erregung kehrte er durch den Garten nach dem Schlosse zurück. + + * * * * * + +Der nächste Tag brachte Axel abermals eine große, mit peinlichen +Eindrücken verbundene Ueberraschung. Als er mittags nach einem +Spaziergang sein Zimmer betrat, fand er wiederum einen Brief von Imgjors +Hand auf seinem Schreibtisch. Er lautete: + +„Noch einmal rufe ich den Kavalier in Ihnen an, Graf Dehn! Ich bitte, +verlassen Sie Rankholm oder befreien Sie mich von dem unerträglichen +Druck Ihrer zwecklosen und unerbetenen Observationen. Ich wiederhole +damit eine schon früher ausgesprochene Bitte!“ + +Lange wanderte Graf Dehn nach dem Lesen dieses Schriftstückes auf und ab +und erging sich sowohl in Vorstellungen über die Umstände, die seine +Entdeckung herbeigeführt haben konnten, als auch in Gedanken über dieses +ihn täglich mehr fesselnde und doch für ihn verlorene, junge Geschöpf. + +Ein Roman spielte sich zwischen ihnen ab, in dem beide Teile ohne +mündlichen Austausch und persönlichen Verkehr handelten und einer Lösung +zustrebten. + +Aber vorläufig stand eine solche noch in weiter Ferne. + +Graf Dehn wollte nicht weichen und nicht verzichten. Er wollte dem +Mädchen, das mit scharfer Logik den Kern aus den Dingen zu ziehen, und +was sie zu sagen hatte, mit solcher lakonischen, von allem überflüssigem +Beiwerk befreiten Kürze von sich zu geben wußte, den Beweis liefern, daß +der von ihr begehrte Mann nichts anderes sei — jetzt stimmte er Luciles +Auffassung bei — als ein kaltherziger Selbstling, ein zugleich so +dünkelhafter Mensch, daß er sogar die ihm zu Gebote stehende +Verstellungskunst, sofern sie nicht seinen Götzen, Macht und Geld, zu +dienen hatte, verschmähte. + +Nach längerer, sorgfältiger Ueberlegung schrieb Graf Dehn die +nachfolgenden Zeilen an Imgjor: + +„Gewähren Sie mir mit Ihrem großen, guten Herzen, das sich nur mir +gegenüber so kaltherzig versteckt, dennoch die Erlaubnis, noch einige +Zeit in ihrer Nähe weilen zu dürfen! Meine Liebe und meine Bewunderung +für Sie erhalten in mir den Drang, Sie vor einem Fehlgriff zu behüten, +den Sie zu begehen im Begriff stehen. Ich wage zu sagen: Mißtrauen Sie +dem Charakter und den Beweggründen des Mannes, an den Sie, ein so +vollendetes Wesen, alle Ihre reichen Schätze verschwenden wollen, aufs +äußerste! Rechnen Sie mit der Erfahrung und der Menschenkenntnis dessen, +der Ihr wahrhafter Freund ist, der auf seine eigenen Hoffnungen +verzichtet, Sie aber wenigstens glücklich wissen möchte! Ziehen Sie, +wenn Sie ein Zusammengehen mit mir zu diesem Zwecke ablehnen, +wenigstens, ich bitte, Graf Knut zu Rate! A.D.“ + +Dieses Schreiben trug Axel selbst zu Imgjors Gemächern hinauf. Er +hoffte, ihre Zimmer offen zu finden. Aber sie waren verschlossen, und +der Schlüssel hing nicht mehr auf dem Haken von damals. + +Noch im Zögern, wie er es beginnen sollte, ihr das Billet zu +übermitteln, hörte er Schritte auf der Treppe, und da es keinen Ausweg +gab, nahm er kurz entschlossen seine Zuflucht zu einer Portiere, hinter +der er sich verbarg. + +Es widerstrebte ihm ein solches Verstecken, aber die Vorstellung, hier +angetroffen zu werden, machte ihm das Blut heiß. + +Gleich darauf erschien einer der Diener des Schlosses, der sonst nur im +Souterrain beschäftigt war, und klopfte, während er einen Brief aus der +Tasche zog, an Imgjors Thür. Und noch einmal, da ihm keine Antwort +wurde, und nun schon unschlüssig um sich spähend. Zuletzt schob er, +rasch überlegend, mit kräftigem Nachdruck das Schreiben durch die +Thürspalte, und nachdem das geschehen, stieg er vorsichtig wieder die +Treppe hinab. Das war also der Mann, der auch ihm, Axel, die Briefe von +Imgjor aufs Zimmer legte! Und das eben von ihm besorgte Schreiben war — +Axel zweifelte nicht daran — von Prestö! + +Während Graf Dehn noch so überlegte, trat er hinter seinem Versteck +hervor, machte es mit seinem Brief wie der Diener und nahm auch, wie +der, lautlos den Weg in sein Zimmer zurück. Sehr begierig war er, wie +ihm Imgjor bei Tisch begegnen werde. Freilich, er konnte es sich mit +Sicherheit vorhersagen. Sie verband es, wenn sie mußte, ihre Gefühle +meisterhaft zu verbergen. + +Bei Tisch ereignete sich nichts Besonderes. Es wurde vom Grafen über die +Scharlachepidemie in Kneedeholm gesprochen. Dann wurde über das +bevorstehende Fest geredet und zulegt wurde auch der Reise nach +Kopenhagen und zugleich stets in dem Sinne Erwähnung gethan, daß es +Lavards als selbstverständlich betrachteten, daß Graf Knut und Graf Dehn +sich ihnen anschließen würden. + +Imgjor war ernst und für sich wie immer, sie gab aber durch ihr +Verhalten keinen Anlaß zu irgend welcher Verstimmung. Graf Dehn +begegnete sie — wie er es vorausgesetzt hatte — mit der gewohnten +völligen Unpersönlichkeit in Blick und Wesen. + +Erst nach Tisch fand Axel Gelegenheit, die Gräfin zu sprechen. Sie +ergänzte, selbst damit beginnend, ihren jüngsten Bericht durch die +Mitteilung, daß Imgjor auf die Frage ihres Vaters, ob sie Beziehungen zu +Prestö unterhalte, erwidert habe, es sei möglich, daß sich ernste +Beziehungen zwischen ihnen entwickeln würden. Vorderhand tausche sie mit +ihm, dem sie Sympathie, Vertrauen und freundschaftliche Gefühle +entgegentrage, nur ihre gemeinsamen Ideen aus. + +„Und was erwiderten Sie beide, gnädigste Gräfin?“ + +„Wir erklärten ihr, daß wir nicht nur niemals einer Verbindung zwischen +ihr und dem fatalen Menschen zustimmen, sondern alles thun würden, um +ihn — wie es schon gesagt sei — sobald wie möglich aus dem Gutsgebiet zu +entfernen.“ + +„Und dann? Was sagte Ihr Fräulein Tochter hierzu?“ + +„Dann eben forderte sie ihr Erbteil und ihre Freiheit. Sie schlug, da +ihre Ansichten mit den unsrigen nicht mehr zusammenstimmten, eine +friedliche Trennung vor. Als mein Mann sie fragte, ob sie denn gar kein +Zusammenhangsgefühl für die Ihrigen leite, entgegnete sie: Gewiß! Aber +ich muß mein großes Ziel verfolgen; ihm gegenüber bin ich gezwungen, +diesen Regungen meines Herzens zu gebieten. Ich gehöre der Menschheit im +großen an, nicht im einzelnen. Ich bin hier ein nutzloser Esser, der +weder befriedigt und erfreut, noch selbst glücklich ist.“ + +„Sie wolle,“ schaltete ich ein, „aber doch nicht auf eine Verbindung +mit Prestö verzichten, mit einem Manne, von dem jeder ihr sage, daß er +nichts weniger als ideale, sondern nur selbstsüchtige Gedanken verfolge, +der sie sicher, wenn der erste Rausch verflogen, grenzenlos unglücklich +machen werde. Dieses Kleben an einer einzelnen unwürdigen +Persönlichkeit, zumal auf Kosten der natürlichen Rücksichten gegen die +Ihrigen, widerstreite doch den von ihr ausgesprochenen Grundsätzen +durchaus.“ + +„Und diese Logik entwaffnete sie nicht, Frau Gräfin?“ + +„Nein. Sie erklärte, daß kein Widerspruch vorhanden sei, weil sich für +sie in Prestö der Träger der neuen Ideen verkörpere. Zu ihm ziehe sie +die übereinstimmende Ueberzeugung, aber auch der Wunsch nach einem +kräftigen Halt und einer männlichen Unterstützung für ihre Pläne. Ihre +Herzensempfindungen kämen erst in zweiter Linie in Betracht. Würde sich +herausstellen, daß sie sich nicht angehören könnten, würde sie zu +verzichten wissen. Eine Entscheidung darüber erstrebe sie. Wenn sie sich +entschlösse, ihn zu heiraten, bäte sie um gutwillige Zustimmung von +unserer Seite. Wenn nicht, müsse sie ohne diese handeln. Ihr Gewissen +spreche sie von jedem Pflichtmangel frei. Sie sei kein lebloser +Gegenstand, kein Ding, über das man ein ganzes oder beschränktes +Verfügungsrecht besitze.“ + + * * * * * + +Die nächstfolgenden Tage der Woche verliefen ohne besondere +Zwischenfälle. Das bevorstehende Fest nahm die Gedanken und die +Thätigkeit der Gräfin fast ganz und die des Grafen kaum minder in +Anspruch. Auch Lucile war wenig zu haben, da sie sich mit +Ueberraschungen für den Ball trug. Nur abends wurde, wie gewöhnlich, +eine Partie Boston, Pikett oder Schach gespielt, auch fanden gemeinsame +Gesprächsaustausche über die die Gesellschaft berührenden Einzelheiten +statt. + +Es trafen Zusagen und Absagen ein, und für letztere mußte noch im +letzten Augenblick Ersatz geschaffen werden. + +Da ging's ans Ueberlegen, welche Form einer nachträglichen Einladung die +schicklichste und zugleich erfolgreichste sein werde. Auch ließen +Lieferanten die Küche im Stich. Der Koch hatte seine Not geklagt, und +die Damen mußten noch Depeschen und Zuschriften entwerfen, welche +reitende Boten zu besorgen hatten. + +Als am Vorabend des Balltages eine gemeinsame Beratung wegen der +Tischordnung stattfand, stellten sich allerlei Schwierigkeiten heraus. +Diesmal saßen alle Anwesenden, auch Imgjor, um den im Wohnzimmer +befindlichen runden Sofatisch und hörten dem Grafen zu, der einen mit +sämtlichen Plätzen versehenen Entwurf vor sich hatte. + +Es fehlten Herren, und es blieb nichts anderes übrig, als noch einige +von den Gutsbeamten nachträglich hinzuzuziehen. + +Aber das war dem Grafen durchaus nicht recht, und da ihn gerade +Kleinigkeiten sehr aufbringen konnten, so ergriff ihn auch an diesem +Abend eine Starke Reizbarkeit. Er machte seinem Unmut über die ganze +Sache in einem wenig rücksichtsvollen Ton Luft. + +„Nichts klappt, und ich sehe schon kommen, daß wir statt Vergnügen +überreichlichen Verdruß von der ganzen Fête haben werden!“ stieß er +heraus. „Gleich war ich gegen diese Ueberhastung. Was eilte denn die +Sache so sehr? Solche Affairen kann man nicht über's Knie brechen. Nun +haben wir's!“ + +„Aber, lieber Lavard, die Dinge sind doch mit etwas gutem Willen leicht +zu arrangieren!“ fiel die Gräfin besänftigend ein. „Wir laden noch den +Oberverwalter, den Oberförster, den Inspektor und den Gutsförster ein. +Dann sind wir in Ordnung.“ + +„Ja, ja. Aber das ist mir höchst fatal! Erst sind sie nicht gut genug. +Nun werden sie herbeikommandiert. Die Leute denken doch nach, sie haben +ihr Ehrgefühl. Aber du mußt ja immer plötzliche Launen plötzlich +befriedigen, Lucile!“ + +Erst schwieg die Gräfin; sie erblaßte und schob den Kopf wortlos zurück. +Dann sagte sie in sanftem Ton: + +„Lucile kam doch früher zurück, weil wir diesen Ball geben wollten. Wir +waren uns darüber einig, daß wir ihn bei den vielen Verpflichtungen, die +wir haben, nicht länger aufschieben könnten. Als du die Reise nach +Kopenhagen anregtest, beschlossen wir gemeinsam, rasch noch die +Einladungen ergehen zu lassen. Der Vorwurf trifft mich also in keiner +Weise, Lavard.“ + +Von der Richtigkeit des Gesagten betroffen, schwieg der Graf. Aber sein +Mißmut wurde nicht gehoben, sondern verstärkte sich gerade durch diese +Einwände so sehr, daß er nach einem Gegenstande suchte, auf den er +seinen Mißmut ablenken konnte. Und da ihn Imgjors zu Tage tretende +Gleichgültigkeit während dieser Beratungen schon mit starkem Aerger +erfüllt hatte, da er wußte, daß sie all' dergleichen Festlichkeiten +mißbilligte und infolgedessen laut oder stumm über ihnen zu Gericht zu +sitzen sich herausnahm, so wendete er sich, seiner Gemahlin zugleich +indirekt eine Antwort erteilend, an seine Tochter und sagte: + +„Na ja, es bleibt ja dann nichts anderes übrig, und du, Imgjor, kannst +dann morgen vormittag gleich die Herren ohne ihre Frauen unter passender +Erklärung einladen!“ + +Der zornige Mann verschaffte sich durch diese Worte einerseits die +Vorbefriedigung über die Antwort, die Imgjor erteilen und durch die er +sie als Partnerin gegen seine Frau gewinnen würde, andererseits fand er +Gelegenheit, das Feuer des in ihm glimmenden Vulkans über sie selbst +auszuschütten. + +Es verlief auch alles, wie er es erwartet hatte. + +„Ich halte es für unmöglich, daß wir die Herren ohne ihre Frauen +auffordern!“ entgegnete sie. „Eine nachträgliche, in guter Form +vorgebrachte Einladung an die Familien werden sie nicht übel deuten. Daß +aber die Männer bloß als Figursäulen an der Tafel sitzen sollen, werden +sie sehr übel vermerken. Bei der ohnehin herrschenden gärenden Stimmung, +auch in diesen Kreisen, möchte ich dringend abra —“ + +„Du hast gar keine Lehren und Anweisungen zu erteilen, sondern zu thun, +was ich dir sage!“ fuhr's aus des Grafen Munde. „Wenn's richtig gemacht, +wenn darauf hingewiesen wird, daß wir keinen Platz haben, daß durch eine +gleichzeitige Invitation der Frauen unser Zweck nicht erreicht, sondern +die Situation noch verschlimmert wird, werden meine Beamten, denen ich +stets mit Güte begegne, die mir Dank schulden und durchaus kein Recht +besitzen, sich in einer gärenden Stimmung zu befinden, schon die +notwendige Rücksicht üben. Nebenbei wird das wieder eine der zahlreichen +thörichten Vorstellungen sein, mit denen du deinen Kopf anfüllst, statt +dich der näheren Pflicht zu erinnern, die du gegen deine Eltern und +deine Umgebung hast, Pflichten, die in Liebenswürdigkeit, Fügsamkeit, +Erleichterung ihrer Bürden, Teilnahme an ihrem Thun und Handeln bestehen +sollten! So, das merke dir!“ + +Imgjor biß die Zähne zusammen, und man sah's, sie hätte am liebsten +einmal voll ausgeholt. Aber noch bezwang sie sich. Sie sagte nur: + +„Du äußertest doch gegen Mama gerade dieselben Bedenken wie ich, Papa. +Ich begreife deshalb nicht, daß ich nun für etwas getad —“ + +„Zum Weiter, schweige jetzt und füge dich oder verlasse das Zimmer!“ — +sprühte der Graf. „Ich wünsche nicht von dir im Sprechen kontrolliert zu +werden, ich wünsche keine Lehren zu empfangen. Ich wiederhole früher +Gesagtes: Ich habe grade genug! + +Und es sei dir bei dieser Gelegenheit gleich einmal notifiziert: Wenn +du nicht den Beziehungen zu dem Menschen da unten in Kneedeholm nunmehr +ein für allemal ein Ende machst, wenn du nicht abläßt von all' dem +Unsinn der Volksbeglückung, der zu keinem anderen Resultat führen wird, +als daß meine Bauern hier oben in Rankholm tafeln und Champagner +trinken, wir aber alle vor den Pflug gespannt werden, so —“ + +„Deine Bauern sind Menschen, die dieselben Rechte auf Wohlfahrt und +Glück besitzen wie wir, Papa,“ fiel Imgjor unerschrocken ein. „Und wenn +du es wünschest, so gehe ich nur zu gern. Es deckt sich ja genau mit dem +dir jüngst vorgetragenen Ersuchen —“ + +„Imgjor — ich warne dich —“ rief der Graf, sprang empor und fiel fast +über seine Tochter her. Der Jähzorn hatte ihn wieder einmal bis zur +Besinnungslosigkeit gepackt, und nur durch ein rasches Dazwischentreten +der Gräfin, die Imgjor schützend in ihre Arme nahm, ward Uebles +verhütet. + +Auch Lucile, wenn schon in heftigstem Gegensatz zu ihrer Schwester, +legte ihre Hand auf des Grafen Arm und bat durch Mienen und Worte, daß +er sich besänftigen möge. + +„Laßt mich!“ rief der Mann und löste sich unsanft von seiner Frau. „Wenn +ich bedenke, daß dieses Mädchen meinen Namen trägt, daß ich das +hinnehmen soll, ohne die Unverschämtheit zu züchtigen!“ Und: „Weißt du, +wer du bist?“ fügte er hinzu, und seine Mienen entstellten sich noch +mehr. + +Aber in diesem Moment flog die Gräfin abermals auf ihren Mann zu, faßte +ihn, der offenbar etwas sprechen wollte, was niemals enthüllt werden +durfte, und verschloß ihm mit der Rechten den Mund. + +Und nachdem das geschehen, wandte sie sich zu Imgjor, nahm sie in ihre +Arme und redete besänftigend mit gedämpfter Stimme, auf sie ein. Man +sah's, sie beschwor ihre Tochter, nachzugeben, aber man sah auch, daß es +etwas war, wogegen sich ihrer Tochter heiße Seele mit trotziger Gewalt +aufbäumte. + +„Thu's mir zu Liebe, Imgjor! Küsse ihm die Hand und bitte um Verzeihung, +daß du dich vergaßest —“ mahnte sie bittend. + +Schon wollte Imgjor nachgeben. Ihr gutes Herz, durch diese liebevolle +Begegnung bezwungen, schien die Oberhand zu gewinnen, als der Graf, der +widerstrebend sich gefügt und zähneknirschend auf und abgegangen war, +bei den letzten Worten der Gräfin abermals von seinem Jähzorn erfaßt +wurde. + +„Nein, nein, Lucile, ich will's nicht in dieser Form! Sie soll kommen +und feierliche Zusagen geben für alles, was ich schon erwähnte. Sie soll +schwören, sich mit dem aufrührischen Bauernvolk da unten nie wieder +abzugeben, die Beschäftigung mit den albernen Phantastereien abzuthun, +sich ihrer Familie zu erinnern, sich ihr zu widmen, wieder die Kirche zu +besuchen, den einfältigen Glauben ihrer Kinderjahre zurückzugewinnen, +ein bescheidenes, fügsames Mädchen zu werden, statt eine Führerin des +Aufruhrs, des Unglaubens und der Sittenverachtung!“ + +„Auch das wird kommen mit der Zeit, Lavard. Nimm heut' fürlieb mit ihrer +Buße für die Geschehnisse des Abends. Ich bitte — ich bitte — und, +Imgjor, hörst du nicht? — Noch einmal — thu's _mir_ zu Liebe, beuge dich +vor deinem Vater, mein liebes Kind!“ + +Nun schwankte Imgjor abermals. Dann aber sagte sie, sich hoheitsvoll +aufrichtend: + +„Nein, ich kann's nicht, Mama, und ich thu's nicht. Nur die Form kann +ich bedauern, wenn ich in ihr wirklich fehlte. Alles andere entspricht +meiner innersten Ueberzeugung und ich bin kein Schilfrohr, das jeder +Wind bewegt. Ich bin ich! Ich bin Imgjor Lavard! —“ + +Aber wenn bisher die Anwesenden bei den Erörterungen nur von +unbehaglichen Empfindungen beherrscht worden waren, so stockte ihnen +nunmehr das Blut. + +Wild, sprungbereit, in einer Wut, die etwas Unmenschliches an sich +hatte, stürzte der Mann auf seine Tochter zu, faßte ihre Handgelenke, +preßte das todesbleiche Geschöpf auf die Erde herab und hauchte: + +„Ja, eine Lavard! Aber — und nun sollst du es wissen — geboren von einer +Mutter, die, eine Jungfrau, ihrer Sitte und Ehre vergebend, ihren Körper +einem Kunstreiter verkaufte, einem Manne von dunkler Herkunft und +niedrigsten Gesinnungen. Aus Mitleid habe ich dich zu dem erhoben, was +du bist. Du bist nicht mein Kind. Ich habe dich als solches nur +adoptiert. Nicht meines, nicht das edle Blut der Lavards, auf das du +trotzest, fließt in deinen Adern, sondern das Zigeunerblut eines +unehrlichen Landstreichers! Und so sollst du es haben! Ich stoße dich +von mir, da du trotz aller Liebe, Zärtlichkeit und Ermahnung kein Reis +sein willst an dem Stamm meines Geschlechts, gar gegen mich, gegen +deinen Wohlthäter und Beschützer die Flinte und die Brandfackel +ergreifen willst! Geh! Geh! Lauf' in die Welt! Thu', was du willst! Aber +rechne nicht mehr auf uns und auf keinerlei Erbe, und wäre es ein +Bettel! Ich bin für dich, du bist für mich gestorben!“ + +Er stieß sie von sich. Imgjor aber erhob sich rasch und eilte hinaus. — + + * * * * * + +Der Eindruck dieser Vorgänge übte auf die Zurückbleibenden eine +beispiellose Wirkung aus. Die Gräfin war erschüttert, verwirrt und +bedrängt, daß ihr Gemahl das seit ihrer Ehe bewahrte Geheimnis in +solcher Weise und bei solcher Gelegenheit gelüftet hatte, und er selbst +erhielt bereits so viel Besinnung zurück, daß ihn ein reuevoller Aerger +ergriff, sich und sein Pflegekind mit dieser Rücksichtslosigkeit vor +fremden Zeugen preisgegeben zu haben. + +Graf Knut und Fräulein Merville empfanden ein Mitleid für Imgjor, und +Graf Dehn und Lucile waren vorläufig überhaupt nicht imstande, sich von +den Eindrücken der Ueberraschung zu erholen. + +Zunächst entfernte sich, taktvoll handelnd, Fräulein Merville. + +Nach ihr brach Graf Knut auf, nachdem er den beiden Ehegatten lediglich +stumm die Hand gedrückt hatte. + +Auch Graf Dehn wollte sich nach des Grafen Fortgang zurückziehen. Schon +erhob er sich und richtete einen bescheidenen Abschiedsblick auf die +beiden Damen. Aber beide hielten ihn durch den Ausdruck ihrer Mienen +zurück. + +„Bitte, bleiben Sie, lieber Graf! Wir wollen gemeinsam beraten. Sie +gehören zu uns!“ stieß dann die Gräfin, warmherzig im Ton heraus. + +„Nicht wahr, Lavard?“ + +Und als er zwar nichts erwiderte, aber, obschon finster vor sich +hinstarrend, auch nicht widersprach, fuhr sie fort: + +„Nachdem du ruhiger geworden bist, Lavard, wirst du mir erlauben, Imgjor +aufzusuchen und ihr mitzuteilen, daß du ihr nochmals Zeit zum Ueberlegen +giebst! Ich bitte dich, thu's! Indem du in solcher Art das Geheimnis +ihrer Geburt enthülltest, statt ihr in ruhiger Stunde und in völligem +Einvernehmen so Wichtiges zu eröffnen, hast du sie, fürchte ich, um so +mehr in ihren Plänen bestärkt —“ + +Und einschmeichelnd, da sie sah, daß der Zeitpunkt, ihm solche +Vorhaltungen zu machen, zu früh gewählt: + +„Nein, nein, Lavard! Ich wollte dir nichts Unangenehmes sagen. Aber +meine Bitte erfülle! Ich darf Imgjor beruhigen?“ + +Dennoch fiel die Antwort auf diese verständige Rede anders aus, als die +Gräfin, die ihres Mannes raschen Zorn kannte, aber auch auf seine ebenso +rasche Versöhnlichkeit bauen zu können gehofft, erwartet hatte. + +Nachdem er sich wortlos erhoben und zunächst mit langen Schritten das +Zimmer durchmessen hatte, sagte er in einem festen Ton: + +„Nein, Lucile, ich wünsche Imgjor nicht mehr entgegenzukommen. Ist sie +bereit, von dem Menschen da und ihren Thorheiten Valet zu sagen, will +ich trotz meiner beleidigten Gefühle vergeben. Sonst bleibt's bei meinen +Worten! Es wird mir wahrlich nicht leicht — und die Gründe brauche ich +nicht darzulegen — mich von diesem meinem Adoptivkind loszusagen. Ich +gedenke auch der Welt, der man nicht unnötig Schauspiele bieten soll. +Aber ich kann, darf und will nicht anders handeln. War ich aus falscher +Liebe oder an anderen in meinem Naturell begründeten Motiven oft schwach +in meinem Leben, in diesem Fall bleibe ich fest! + +Sie geht und wird ihres Erbes verlustig, wenn sie sich nicht fügt! Von +Dingen, wie sie uns solche in der letzten Unterredung vortrug, ist nicht +mehr die Rede!“ + +„Gut, so werde ich mich also zu ihr begeben und in diesem Sinne mit ihr +sprechen.“ + +Unter diesen Worten erhob sich die Gräfin und verließ das Gemach. + +„Verzeihen Sie!“ hub Graf Lavard nach seiner Gemahlin Entfernung an und +streckte Graf Dehn die Hand mit einem freimütigen Ausdruck entgegen. +„Ich hätte gewünscht, daß Ihnen andere Eindrücke auf Rankholm geworden +wären, und ich beklage, daß Sie mich in meiner Schwäche gesehen. Aber +wir Menschen bleiben abhängig von unserm Blut. Jeder hat einen kleineren +oder größeren Defekt in seinem Charakter.“ + +Graf Dehn drückte Lavard stumm die Rechte, Lucile aber, durch die +Selbstentäußerung ihres Vaters bezwungen, eilte gerührt auf ihn zu, +umschlang ihn und küßte ihn zärtlich auf die Wangen. — + +Nach Verlauf von zehn Minuten trat die Gräfin bereits wieder ins Zimmer. +Sie war bleich und erregt, und ihre Mienen verkündeten nichts Gutes. + +„Nun, liebe Mama? Wie ist's geworden?“ stieß Lucile heraus und richtete +mit besorgter Miene den Blick auf ihre Mutter. + +„Ich habe Imgjor garnicht sprechen, wenigstens keine Antwort erhalten +können,“ erklärte die Gräfin und ließ sich, sichtlich erschöpft, in +einen Sessel gleiten. „Imgjor hat heftiges Fieber. Ihr Körper brannte +förmlich, als ich bei ihr eintrat, und nun eben überkam sie ein sehr +starker Schüttelfrost. Sie hatte sich bereits ins Bett gelegt, als +Fräulein Merville sie aufsuchte. So habe ich mich denn auf Trost und +zweckmäßige Anordnungen beschränken müssen. Fräulein Merville wird die +Nacht bei ihr bleiben. Jedenfalls aber muß ein Arzt kommen. Wie soll's +nun werden, Lavard?“ „Ah —“ stieß der Graf, von neuem stark erregt, +heraus, und die Adern schwollen ihm in dem roten Gesicht an. — „Da haben +wir's! Natürlich ist sie doch im Dorf gewesen, und was wir voraussagten, +ist geschehen. Sie hat das Scharlach ins Schloß gebracht! Wahrlich, +unverantwortlich, strafwürdig hat sie gehandelt an sich — und an uns! Da +ist gleich ein Beweis von dem jüngst Gesagten: Das Beste in einer +ungeschickten Hand kann zum Verderben werden. Und ich füge hinzu: Das +Ungünstige, weise verwertet, kann zum Segen gereichen. Ja — welcher +Doktor? Jedenfalls soll kein Prestö jemals diese Schwelle wieder +betreten. Andreas soll sofort nach Oerebye kutschieren. Klingele, +Lucile, nach Frederik! Gleich soll er fort. Ich schreibe ein paar Zeilen +an den Physikus Mangor in Oerebye.“ + +Und Frederik erschien, empfing ein Billet, das der Graf in dem Kabinett +seiner Frau entworfen hatte, und eilte damit fort. + +Und nachdem das erledigt war, richteten die Anwesenden ihre Gedanken auf +das Kommende. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit unter solchen Umständen +den Ball abzuhalten, wurde erörtert. Zuletzt wurde beschlossen, die +Entscheidung von der Erklärung des Doktor Mangor abhängig zu machen. + +War er dagegen, so sollte in der Frühe alles Personal auf dem Guts- und +Arbeitshof entboten werden, um den Eingeladenen abzusagen. — Freilich, +ein umständliches vielleicht nicht einmal völlig erfolgreiches Vorhaben. + +Es waren nicht nur Gäste vom Lande, sondern auch aus den umliegenden +Städten geladen. Im linken Flügel, der an Imgjors Turmgemächer stieß, +waren alle Fremdenzimmer bereits in Stand gesetzt, und auch die unteren +rechtzeitig — oben befanden sich die Festsäle, in denen getafelt und +getanzt werden sollte — waren hergerichtet. + +Einhundertfünfzig Personen hatten Einladungen empfangen, und schon +wehten von den Türmen die Lavardschen Fahnen in den blutroten Farben, +inmitten das Familienwappen: die Faust mit dem Dolch, gezückt gegen +einen wild sich auflehnenden Geier! + + * * * * * + +Diesmal war's noch gut verlaufen. Imgjor war nicht vom Scharlach +ergriffen worden. Mangor, der noch in später Stunde erschienen war, +hatte erklärt, daß es sich nur um eine starke, aber ungefährliche +Verstimmung des Magens handle. Die Komtesse werde bei genügender Ruhe +bereits im Laufe des kommenden Tages die Unpäßlichkeit abgeschüttelt +haben. + +Und wie der Befreiung von einer schweren Sorge allezeit eine um so +Stärkere seelische Aufrichtung zu folgen pflegt, so war's auch hier. Dem +Grafen verlieh die Sicherheit, daß das Gespenst der Epidemie vom +Schlosse abgewendet war, daß er nicht nötig hatte, seinen Gästen +abzusagen, und daß somit auch Mühen und Kosten nicht umsonst gewesen, +eine gehobene Stimmung, und in dieser gab er den Bitten der Gräfin zu +einer Auseinandersetzung mit Imgjor nach. + +Nachdem Lucile und Fräulein Merville um die Mittagszeit gemeldet hatten, +daß Imgjor bereits wieder aufgestanden sei, begab sich die Gräfin zu +ihr aufs Zimmer, und in Axels Gegenwart wiederholte sie dann später +diesem und den übrigen die von dem jungen Mädchen erteilte Antwort. + +Sie wolle eine Unterredung mit Prestö möglichst bald herbeizuführen +suchen und, nachdem diese stattgefunden, ihren Eltern eine Antwort +geben. Sie bäte, ihr diese Frist noch zu gewähren, um jenem gegenüber +nicht wortbrüchig zu werden. + +Werde sie, um nicht das Glück eines anderen Mädchens zu zerstören, auf +Prestö verzichten müssen, so würde sie nochmals die Bitte aussprechen, +Rankholm verlassen und sich ihren Wirkungskreis suchen zu dürfen. Sie +wolle sich eine Samariterthätigkeit suchen, sofern ihr ein Werk im +Großen nicht zu gelingen vermöge. + +Sie schwöre dem Vater zu, daß sie ihm keine Schande machen werde. Sie +bäte, ihr zu verzeihen, wenn sie in der Form gefehlt habe, und auch +deshalb daß sie keine andere Antwort zu erteilen vermöge. + +Endlich hatte sie auf den dringenden Wunsch ihrer Pflegemutter zugesagt, +daß sie heute bei dem Feste erscheinen werde. + +Alle Anwesenden befanden sich nun in einer starken Spannung, wie sich +der Graf zu dieser Erklärung Imgjors verhalten werde. + +Gerechterweise mußte man zugestehen, daß ihre Erklärung verständig und +maßvoll war, daß sie, wenn sie sich nicht selbst verleugnen wollte, eine +andere garnicht geben konnte. + +Nach einer geraumen Frist, in welcher der Graf nachgedacht, sagte er: +„Ich gebe jetzt nur die Erlaubnis, daß sie bis zu einer Entscheidung +über ihre Beziehungen zu Prestö unter gleichen Verhältnissen wie bisher +in Rankholm bleibt, aber es ist selbstverständlich, daß sie sich während +dieser Zeit des Verkehrs mit meinen aufsässigen Bauern enthält. Kommt +noch etwas vor, dann geht sie sofort!“ + +Als sich Axel später mit der Gräfin allein befand, teilte sie ihm mit, +daß Imgjor ursprünglich keineswegs in einer solchen versöhnlichen Art +gesprochen, daß sie, die Gräfin, aus Klugheit vieles verschwiegen und +ihrem Gatten nur das gesagt habe, was sie Imgjor teils nach schweren +Kämpfen abgerungen, teils noch zu erreichen hoffe. — Nur Auflehnung +gegen ihren Pflegevater habe Raum in ihr gehabt, ihr, ihrer +Pflegemutter, aber habe sie unter dem Dankgefühl für deren Verhalten in +den rührendsten Worten alle Schroffheiten, deren sie sich im Laufe der +Jahre schuldig gemacht, abgebeten. + +„Der Zufall hat Ihnen, lieber Graf,“ — schloß sie ihre Rede — „enthüllt, +was ich Ihnen nach einer voranzugehenden, sorgfältigen Prüfung Ihrer +Vertrauenswürdigkeit eröffnen wollte, deshalb eröffnen wollte, damit Sie +erkennen möchten, in wie weit meine Kinder zu Vorwürfen gegen mich +berechtigt waren. — Es ist aber noch nicht alles. Das übrige sollen Sie +später aus meinem Munde vernehmen.“ + +Graf Dehn lohnte diese Worte mit lebhaftem Dank, dann sagte er, +gedrängt, noch mehr zu hören: „Ich bitte, wie faßt Komtesse Imgjor die +Enthüllung ihrer Geburt auf? Darüber äußerten Sie nichts, Frau Gräfin!“ + +„Sie hat sich darüber nur kurz ausgelassen: Ihre Erregung beziehe sich +auf das Unrecht ihres Vaters, solche Dinge in solcher Form vor fremden +Zeugen auszusprechen. + +Ehe ich meinen Vater oder meine Mutter verdamme — äußerte sie — muß ich +wissen, wie ihr Lebensgang war, wer sie zu dem machte, was sie wurden. +Meinem Pflegevater bin ich unauslöschlichen Dank schuldig, weil er mich +nicht dem Elend und dem Zufall preisgegeben, sondern mich gehalten hat +als sein rechtes Kind. Und eben diese Dankbarkeit veranlaßt mich, mich +dir zu fügen, fürder ihm gute Worte zu geben. Diese Dankbarkeit hat mich +abgehalten, sogleich und für immer Rankholm zu verlassen. Ich wünsche in +allen meinen Handlungen möglichst gerecht zu sein, auch mich +unterzuordnen, sofern das, was gefordert wird, nicht mit meinen +Ueberzeugungen und Grundsätzen in Widerstreit steht.“ — + +Und dann kam der Nachmittag, und mit ihm erfolgte das Anfahren der Gäste +im Schloßhof von Rankholm. + +War das Gut in Stille und Einsamkeit ein unvergleichlich idyllischer +Erdenfleck, so hatte es sich nun in ein buntes Zauberbild verwandelt. + +Von allen Zinnen wehten die roten Lavardschen Fahnen. Im Hofe vollzog +sich ein endlos wechselndes Durcheinander von herbeieilenden +Staatskarossen, Fuhrwerken und Landkutschen. Der Treppenaufgang war +geschmückt mit Rosenguirlanden, und da der Abend bereits im Nahen war, +flimmerten hinter allen Fenstern des mächtigen Baues hunderte und +aberhunderte von Lichtern. Und strahlendes Flammenlicht ergoß sich +später von den Kandelabern neben der Freitreppe über den ganzen Hof, und +in einem Glanzmeer schwammen die Eingänge, die Gesellschaftsgemächer und +großen Festsäle im Hauptgebäude und in den Flügeln. + +Aber auch unten in den Souterrains, wo auf den großen Herden die Speisen +dampften und schmorten, war alles voll eifrigen Lebens. Ein Heer von +weißgekleideten Köchen, buntlivrierten Dienern und Lakaien flog hin und +her, treppauf, treppab, und mischte sich unter die in ihren kostbaren +Toiletten und glänzenden Uniformen erschienenen, in den Empfangsräumen +auf und ab wogenden, laut und lebhaft schwatzenden und lachenden Gäste, +bis dann der Haushofmeister Frederik das Zeichen zum Tischgang gab und +sich sämtliche fünfundsiebzig Paare in Bewegung setzten. + +So tafelte und trank man nur in Fürstenhäusern! Ein solcher Glanz und +Prunk war entfaltet, daß selbst Axel, der sich bereits an den Ueberfluß +von Rankholm gewöhnt hatte, des Erstaunens und der Verwunderung voll +war. Tafelgeschirr stand auf den Tischen, das ganze Vermögen gekostet +hatte. — Silber, aber auch Gold überall! Selbst die Gabeln und die +Griffe der Messer blitzten in solchem edlem Metall. + +Massive Vasen und andere kunstreiche, kostbare Schaustücke mit Blumen +aus den Treibhäusern gefüllt, waren zahlreich verteilt, und silberne +Champagnerkühler, jedesmal für zwei Personen, fanden, das zischende, +unruhige Naß in goldumränderten Flaschen bergend, neben dem wundervoll +geschliffenen Krystall und Glas, das den Weinen zu dienen hatte, die bei +jedem Gang besonders gereicht wurden. + +Die Damen Lavard trugen Geschmeide von Diamanten und Perlen, die einen +schier unschätzbaren Wert besaßen, und zudem waren sie die Königinnen +des Festes. + +Die Schönste war Imgjor, die Tochter des Kunstreiters. + +Zum erstenmal sah Graf Dehn ihren reizenden Hals. Es konnte keine +gleichen Schönheitslinien, keine vollendeteren Farben geben. Sie +wetteiferten mit dem Marmorglanz der runden, weißen Arme. + +Und dazu das braunrote, sich in ungeduldigem Wachstum aufbäumende Haar, +dazu die dunkelbewimperten Augen, dazu der Körper mit seinen +schwellenden Formen, die entzückenden Hände, die schneeigen Zähne, die +von einem stürmisch pulsierenden Rot durchglühten, kleinen Ohren! Und +wenn sie lächelte — dieses hinreißende, eine unbekannte Welt von +Klugheit und Güte verheißende Lächeln! + +Und neben ihr saß, trotz seiner gegen ihre Eltern erhobenen Einwände, +Graf Dehn. + +Gleich, als er ihr den Arm geboten, hatte er eine ihrer Enttäuschung +begegnende Erklärung gegeben. + +„Es war der Wunsch des Herrn Grafen, daß ich Sie führen sollte, +Komtesse! Ich bat um Ihretwillen, davon abzusehen. Es geschah, weil ich +mein Möglichstes thun wollte, um Ihrem gegen mich geäußerten Wunsch zu +entsprechen. Vielleicht bezwingen Sie dieses eine Mal Ihre Abneigung, so +lange in meiner Nähe sein zu müssen. Ich verspreche Ihnen, daß ich +versuchen werde, Ihr Ohr durch meine Worte in keiner Weise zu +verletzen.“ + +Schon während Graf Dehn gesprochen, hatte Imgjor den Oberkörper +zusammengeschoben und die Lippen auf einandergepreßt, als ob sie nur so +ihrer Empfindungen Herr zu werden vermöge. Aber als er dann mit einem +sanft versöhnlichen Ausdruck in ihren Zügen forschte, so eine Antwort zu +erheischen suchte, hob sie stolz das Auge zu ihm empor, sah ihn kalt an +und senkte dann wieder die Wimpern mit einer Miene wie jemand, der, weil +des anderen Gefangener, machtlos sich zu fügen hat. + +Zunächst verhielt sich Graf Dehn auf diese stumme Abwehr ebenfalls +wortlos. Aber als von der Dienerschaft bereits die Suppe gereicht worden +war, und nun Imgjor, ohne sie zu berühren, auch ferner in finsterem +Schweigen dasaß, hielt's ihn nicht länger. Zorn und Auflehnung über ihre +Kälte übermannten ihn. + +„Sie haben mich nicht einmal einer Antwort gewürdigt, Komtesse Lavard,“ +hub er an, nachdem er nach vorangegangener Frage, ob er einschenken +dürfe, ihr Glas gefüllt hatte. + +„Wahrlich! Wenn ich nicht so vieles von Ihnen gesehen, jetzt wieder sich +meine Meinung über Sie so vorteilhaft verstärkt hätte, ich könnte +glauben, es sei doch eines wenigstens bei Ihnen Maske — nämlich, daß +Sie ein Herz besitzen. Was that ich Ihnen? Wie begegnen Sie mir, der ich +doch der Gast Ihres Hauses bin? Wie vergelten Sie mir das, was Sie +selbst als vergeltungswert bezeichneten? Es mag Ihnen wenig vornehm +erscheinen, daß ich erwähne, wie sehr ich für Sie stets eintrat, wie +viel ich beigetragen habe, die vorhandenen Gegensätze zu mildern, auch +jetzt den Dingen einen möglichst friedlichen Charakter zu verleihen. Ich +thue es aber, weil ich Ihnen beweisen möchte, daß ich Ihr zu Thaten +bereiter Freund bin. Gewiß, Sie haben mir deutlich an den Tag gelegt, +daß Sie mich verabscheuen, Sie haben mir sogar die Schwelle des +Schlosses gewiesen — aber es drängt sich mir die Frage auf, mit welchem +Recht nach solchem Verhalten von meiner Seite? Ehrerbietung, Rücksicht +und Freundschaft habe ich Ihnen ununterbrochen entgegengetragen! +Erlauben Sie mir ein freies Wort: Sie wollen eine ganze Menschheit +beglücken und besitzen nicht einmal die Fähigkeit, sich einem einzelnen +Menschen in soweit anzubequemen, daß Sie die Gesellschaftssitten zu +beobachten vermögen, aus trotziger Voreingenommenheit, aus Zorn, daß ich +den Doktor Prestö als das hinstellte, was er ist —“ + +„Nun, was ist er denn?“ fiel Imgjor, deren Büste unter dem +freigeschnittenen Ballkleide in eine stürmisch tobende Bewegung geraten +war, also, daß sie schier den Saum des Gewandes zu sprengen drohte, mit +funkelnden Augen heraus. + +„Er ist ein kalter, berechnender Egoist, den nicht Liebe zur Menschheit, +sondern nur Rachsucht erfüllt, der einer anderen, der er sein Wort +verpfändet, lediglich deshalb einen Absagebrief erteilt, um die reiche +und vornehme Erbin heimzuführen. Daß letzteres sich so verhält, klang +durch seine Worte, die ich vernahm in jener Nacht. Nur Sie, in Ihrer +blinden Liebe, entraten der Fähigkeit, ihn zu durchschauen, ihm, wie +sonst den Menschen, ins Herz zu blicken und es auf seinen wahrhaftigen +Wert zu prüfen.“ + +„Ich bestreite jede Ihrer Behauptungen, Herr Graf Dehn. Und wenig +vornehm ist es in der That — Sie mögen es hören! — zu horchen, und +ebenso unkavaliermäßig, auf bloße Eindrücke hin einen Ehrenmann derartig +zu verdächtigen. Und da Sie es wissen wollen: Meine Abneigung gegen Sie +leitet sich uns der Thatsache her, daß, im Gegensatz zu Ihrem +Selbstlobe, mit Ihrem Eintritt in Rankholm sich alles, was mir Freude +und Hoffnung war und was mir Erfüllung schien, in Leid verwandelt hat. +Sie haben von vorneherein gegen Herrn Doktor Prestö Front gemacht, +deshalb gleich ohne Zwang und Not den Gast herabgesetzt, weil er anders +geartet als Sie, sich anders gab als Sie, weil er sich Ihrer +hochgeborenen Erhabenheit nicht unterordnete, weil er gleich an den Tag +legte, daß es für ihn nur Menschen, keine Bauern und keinen Landadel +giebt, weil Sie herausfühlten, daß ich ihm gut war, daß ich ihn Ihnen +vorzog. Und dann haben sich die Meinungen meiner Familie täglich mehr +gegen ihn gekehrt. Früher fand man ihn wohl etwas schroff, aber man +lobte sein kräftiges Selbstgefühl! Man schätzte es hoch, weil es +Charakter und Männlichkeit verriet. Stets stand er voran, wenn es sich +um Einladungen in unser Haus handelte. Als Arzt wußten ihn alle nicht +genug zu loben, und man gewährte mir auch ohne Einschränkungen den +freien Verkehr mit diesem aufgeklärten und zielbewußten Manne. Heute +würde mein Pflegevater ihn am liebsten töten; meine Pflegemutter und +Lucile hassen ihn. Ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich plötzlich +eine Ausgestoßene, Enterbte bin, während ich meinen mir zukommenden +Besitz in den Dienst der großen Sache stellen wollte, in den Dienst der +Veredelung und Aushilfe der Armen und Elenden. So, nun wissen Sie, +weshalb ich den Augenblick verwünsche, in dem Sie über die Schwelle +traten, weshalb ich Sie wegen Ihrer unerbetenen Eingriffe in unsere +Familienangelegenheiten zu hassen ein Recht habe! — Und daß Sie, mein +Herr Graf, heute, nach alledem, noch den Mut und das Wohlgefallen +besitzen, an meiner Seite Platz zu nehmen, beweist mir, daß Sie zwar +sehr viel Selbstgefühl, aber minder Zartsinn besitzen, wenig von dem, +dessen Sie sich selbst so beredt rühmen!“ + +Graf Dehn war weiß geworden wie das Leinen der Serviette, die er in +seiner Hand zerknitterte. + +Das war eine Freiheit der Rede, die neben ihrem ungerechten Inhalt, der +völlig falschen Auslegung, ja Umkehrung der Dinge, eine Maßlosigkeit +enthielt, vor der ein Kavalier einer Dame gegenüber verstummen mußte. +Indem Graf Dehn alles zusammenfaßte, was ihm an Kraft und +Selbstbeherrschung zu Gebote stand, auch zu einem ruhigen Ton und zu +äußerster Sachlichkeit sich zwang, obschon die vor Erregung zitternde +Stimme fast versagen wollte, entgegnete er: + +„Es wird eine Zeit kommen, Komtesse Lavard, in der sie erkennen werden, +wie richtig meine Urteile über die in Betracht kommende Person waren. +Sie werden auch, ich weiß es, die unverdiente, ungeheure Kränkung die +Sie mir eben zugefügt haben, abbitten. Ihr gerechtes Herz wird Sie dazu +drängen! — Doch lassen wir ruhen, was ich nur gezwungen berührte, und +nur eine Frage gestatten Sie mir noch an Sie zu richten: Wollen Sie mir +eine Unterredung gewähren, wenn sich herausstellt, daß der Mann, dem Sie +im Begriff sind, Ihr Lebensglück zu opfern, Sie täuschte?“ + +„Weshalb —? Welchen Zweck soll das haben?“ + +„Liegt Ihnen nicht daran, Komtesse, etwaiges Unrecht gegen mich gut zu +machen? Ist es nicht doch möglich, daß Sie mich und mein Thun falsch +beurteilen? Ist's dann nicht eine natürliche Pflicht, mir eine +Genugthuung zu gewähren? Sie wollen eine Priesterin der Wahrheit, der +Güte, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe sein und wollen schon beim +erstenmal stolpern, wo Sie die Probe auf Ihr Ich zu bestehen haben?“ + +Imgjor biß erst die Zähne zusammen, dann sagte sie: „Wohlan, ich bin +bereit, Sie zu hören, wenn sich das vollzieht, was Sie hoffen — was Sie +aus dieser Hoffnung sogar zur Gewißheit erheben. Sie wird Ihnen zwar nie +werden, und wenn doch, so werde ich, das sei gesagt, nie Ihre Freundin +werden, geschweige mehr —“ + +„Also, wenn Prestö sie betrog, in diesen heilig ernsten Stunden Sie +betrog, so bleibt er immer doch ein Gott und ich ein Unwürdiger, +Komtesse?“ + +Imgjor reckte den Oberkörper, und in ihrem in der Erregung sich +unwillkürlich öffnenden Munde blitzten die Zähne. Dann sagte sie heftig, +und er hörte, wie sie mit ihrem mit dem weißen Seidenschuh bekleideten +Fuß ungeduldig den Fußboden berührte: + +„Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, daß Prestö mich nicht betrügen wird, +daß er ein Ehrenmann, daß er ein anderer Mann ist als die, welche sich +anmaßen, über ihn zu Gericht zu sitzen!“ + +„Wohlan, Komtesse! Wenn Sie so reden, so steht Meinung gegen Meinung! +Ich behaupte, daß der Mann innerlich in demselben Augenblick von Ihnen +abfallen wird, wo er erfährt, daß Sie nicht die Tochter des Grafen, daß +Sie aus Rankholm verbannt und enterbt sind. Und da Sie nun, trotz aller +meiner fügsamen Bitten, den Frieden mir abschlagen, so will ich fürder +gegen diesen Mann rücksichtslos kämpfen! Ich will Sie kurieren, jetzt +kurieren gegen Ihren Willen!“ + +Diesmal entgegnete Imgjor nichts. Sie vermochte es nicht, weil plötzlich +eine Blutwelle ihrem Munde entströmte. Die Serviette, die sie zum Munde +führte, wurde von einem unheimlichen Rot gefärbt. Schrecken ergriff die +Umsitzenden, und ehe noch Graf Dehn helfen, sich um sie bemühen oder gar +am Aufstehen hindern konnte, hatte sie den Saal verlassen. + + * * * * * + +Lange waren die Klänge der Violinen, der Flöten, und Baßgeigen +verklungen. Seit einer Stunde waren sogar die Lichter in dem mächtigen +Rankholmer Schloß mit all' seinen zahlreichen Räumen erloschen, und +alles lag in einem tiefen, festen Schlaf. Nur zwei Personen wachten +noch, sie fanden keinen Schlaf, und er floh sie, weil eine der anderen +unruhvoll gedachte. Freilich geschah's mit sehr verschiedenen +Empfindungen. + +Imgjor haßte nunmehr den Mann, der in ihr Leben und in ihre Pläne einen +solchen Eingriff gethan. Sie haßte ihn, obschon ihr vorurteilfreies Ich +ihr zuflüsterte, daß sie ein Unrecht begehe. Als er damals in Oerebye +die Rede gehalten, hatte sie bei sich gedacht, welch' ein wertvoller +Mann er sei. Aber sie wollte ihm schon deshalb keine Gefolgschaft +leisten, weil sie — wie sie sich vorredete — nichts Halbes, sondern +etwas Ganzes erstreben mußte. Ueberdies lag sie in dem Banne Prestös, +der sie mit den stärksten Fäden an sich zog, sie so fesselte, daß sie +nicht zu entrinnen vermochte. Der Sohn des Unterdrückten, der, gleich +ihr, aufräumen wollte mit dem Unrecht, gehörte zu ihr, und nun, nachdem +sie vernommen, daß sie selbst von jenen abstammte, welche die Armut +treibt, ihr Brot zu suchen, wo und wie sie es finden, fühlte sie sich +zwiefach mit Prestö verknüpft, hundertfältig mit ihm verbunden. + +Voll ingrimmiger Auflehnung biß sie die Zähne zusammen, als sie sich in +diesen Stunden der Nacht der letzten Worte ihres Gegners erinnerte. + +Er würde im Fall Prestö mitteilen, wer sie sei, ihn wissen lassen, daß +ihr Erbe in Gefahr stehe, sicher ihr verloren ginge, wenn sie ihm, +Prestö folge. + +Sie zitterte vor der Wirkung seiner Ausladungen aus denselben Gründen, +die sie veranlaßt hatten, an Prestö die Forderung zu stellen, ihr die +Beweise zu geben, daß er — ohne Zwang und Unrecht — frei sei. + +Ihr Verstand und die Klarheit ihres Geistes fanden auf gleicher Stufe +mit der Tiefe und der Güte ihres Herzens, die sie trieben, sich +selbstlos in den Dienst der Unterdrückten zu stellen. + +Einmal, als sie sich vorstellte, Graf Dehn könnte wirklich Recht +behalten, geriet sie in eine solche Aufregung, daß ihr Herz in +stürmischer Aufwallung pochte. + +Wenn auch Prestö einer der Millionen Durchschnittskreaturen, wenn auch +er einer der erbärmlichen Nützlichkeitsmenschen war, wenn wirklich nur +ihr Stand, ihre Schönheit und ihr großer Reichtum ihn hatte reden und +gar als Schurken gegen seine Braut handeln lassen, dann — dann —! + +Sie atmete tief, tief auf, und ihre Rechte ballte sich, als ob sie eine +Waffe fasse. + +Sie wußte nicht, was geschehen werde — ihr grauste vor sich selbst. + +Unter solchen starken seelischen Erregungen und Kämpfen, denen sich die +irrenden Gedanken über ihre Geburt unruhvoll hinzugesellten, tastete der +Tag mit noch müdem Licht an die Scheiben der Fenster und mahnte sie an +Zeit, Umstände und die noch zu erfüllenden Aufgaben. + +Sich rasch aufraffend, rückte sie sich an den Schreibtisch, stützte, +noch einmal ihre Gedanken sammelnd, das Haupt und schrieb sodann mit +fester Hand einen langen Brief erregten Inhalts an Prestö, in welchem +sie ihn am Schluß ersuchte, nur auf das zu hören, was sie ihm selbst +mitteilen werde, legte dieses Schreiben im Flur in eine versteckte Ecke, +aus welcher der von ihr insgeheim beauftragte Diener jeden Morgen in der +Frühe vorhandene Briefe an sich zu nehmen und sogleich zu besorgen +hatte, und schlüpfte alsdann in ihr Bett. + +Und als eben gerade das Gesinde sich wieder unten im Hause zu rühren +begann, fand sie endlich die Ruhe, nach welcher der erschöpfte Körper +verlangte. — + +Anders Axel. + +Durch sein Gehirn wälzten sich die Vorstellungen über Geschehenes und +Künftiges, und lediglich die Ueberlegung, auf welche Weise er das +ausführen könne, was er sich nunmehr als fiel vorgesetzt hatte, +beschäftigte seine Gedanken. + +Er wollte sich vorläufig von der Familie Lavard nicht trennen, Prestö +als den entlarven, der er nach den von ihm in jener Nacht gewonnenen, +nunmehr mit Luciles Behauptungen übereinstimmenden Ansichten war, und +Imgjor nicht nur zu heilen, sondern mit ihrer Familie vollständig +auszusöhnen suchen. — Ob ein Preis ihm zufiel, mußte sich finden. Seine +Liebe und sein überzeugungsstarker Sinn ließen ihn nicht verzweifeln. + + * * * * * + +Die kommenden Tage verflossen den Rankholmer Schloßbewohnern unter +allerlei Vorbereitungen zu der Kopenhagener Reise. Auch erledigte der +Graf dringliche Gutsgeschäfte mit seinen Beamten und wies unter anderem +auch Unterstützungen für die von der Epidemie noch immer gleich hart +betroffene, ärmere Dorfbevölkerung an. Gegenwärtig gab es kaum ein Haus +mehr in Kneedeholm, in dem sich nicht Schwerkranke befanden oder Tote +täglich hinausgetragen wurden. Der Pastor kam Tag und Nacht kaum mehr +zur Ruhe, da er Sterbende zu trösten, geistliche Handlungen vorzunehmen +und nach den Bedrängten zu sehen hatte. + +Und nicht minder war Doktor Prestö beschäftigt. Wenn er einen der +Betroffenen eben verlassen hatte, rief ihn die Pflicht schon wieder zu +gleichem Zwecke ins Nebenhaus, und so fort. Ueberall Sterbende, +Schwerkranke oder der Genesung Entgegengehende, die der Aufsicht +bedurften. + +Aber jegliches, was er that, geschah in einer kurzen, schroffen, +gefühllosen Art. So kam es nicht selten vor, daß er die Boten der +Erkrankten mit dem barschen Bescheide abfertigte, sie müßten warten, er +sei auch nur ein Mensch, der einen Kopf und zwei Arme habe. + +Ein engeres Zusammenwirken zwischen ihm und seinem ausgesprochenen +Gegner, dem Pastor Nielsen, fand nicht statt. Sie bewegten bloß das +Haupt, wenn sie sich begegneten, und bedienten sich der +Zwischenpersonen, wenn sie sich etwas mitteilen mußten. + +Unter den geizigen und körperlichen Anspannungen war Prestö zu einer +Förderung seiner Verlobungspläne mit Imgjor, die eine Reise nach +Kopenhagen erforderlich machten, gar nicht gelangt, und wenn schon +dieser Umstand seine Laune zu der allerschlechtesten gemacht hatte, so +war seine Stimmung durch die Vorfälle der letzten Tage seine geradezu +feindselige geworden. + +Er behandelte in seiner Verstimmung die Kranken sehr rücksichtslos, sie +mußten büßen, worunter er litt. + +Plötzlich war alles über den Haufen geworfen. Die Mitteilungen, die ihm +von Imgjor geworden, hatten einen geradezu niederschmetternden Eindruck +auf ihn gemacht. Imgjor war die Tochter irgend eines Abenteurers und +keine Lavard; sie war bedroht mit dem Verlust alles dessen, was gerade +eine bestrickende Wirkung auf ihn ausgeübt hatte. + +So lange Imgjor der Glanz ihres ungeheuren Reichtums umgab, war's dem +Manne nicht schwer geworden, sein Gewissen zu beschwichtigen. Um solchen +Lohn glaubte er sich berechtigt, jener, die sein Wort hatte, einen +endgiltigen Absagebrief zu schreiben. + +Um der hohen Ziele willen, die Imgjor im Auge hatte, heiligte der Zweck +die Mittel! + +Nun aber stoppte er plötzlich wie ein vor ein Hindernis gestellter +Reiter. Alle bisherigen Beschwichtigungen verfingen nicht mehr, er sann +vielmehr, wie er sich, wenn Graf Lavard seine Drohungen wirklich wahr +machte, wieder von Imgjor zurückziehen könne. + +Selbst die Schönheit Imgjors, die ihn gereizt und zeitweilig seine Sinne +bereits zur höchsten Leidenschaftlichkeit angefacht hatten, sank nunmehr +zu einem Nichts herab. + +Ihren Enthusiasmus für die große Sache, der er nur aus +Selbstsuchtsgründen und rachsüchtigen Trieben Vorschub geleistet, die er +in ihrem Sinne als Thorheit bespöttelt hatte, belegte er nunmehr mit der +Bezeichnung einer Verrücktheit. Der Gedanke, sie ohne materiellen +Einsatz von ihrer Seite zu heiraten, gar ihren Schwärmereien +Gefolgschaft zu leisten, statt zu raffen, durch Geld und dadurch +gewonnene Macht zu herrschen, schuf eine solche Auflehnung in ihm, daß +er bereits überlegt hatte, ob er nicht ohne alle Versuche, den Grafen +Lavard umzustimmen, der Sache ein Ende machen und Imgjor erklären solle, +er könne nun doch die von ihr geforderten Beweise nicht beibringen. + +Freilich bedurfte es jetzt, da sie vor der Enterbung stand, eines klugen +Verhaltens. Vorläufig mußte er sich geben, wie bisher, mußte er in +Imgjor den Eindruck erhalten, daß seine Gesinnungen in keiner Weise +erschüttert seien. Ungleich regten sich neben diesen Erwägungen auch +wieder Gefühle eines ingrimmigen Verdrusses, so plötzlich um alle +glänzenden Hoffnungen betrogen werden zu sollen. Eine durch den Eintritt +wiedergekehrter, grenzenloser Habsucht hervorgerufene Unruhe +bemächtigte sich des Mannes, die ihn nach Mitteln suchen ließ, wie er +dennoch zum Ziele zu gelangen vermöge. + +Unter solchem Schwanken fiel ihm sein Gönner, Graf Knut ein. Vielleicht +konnte es möglich sein, wenigstens einen Teil des Vermögens, sofern +dessen Höhe der Mühe eines Kampfes wert sein würde, dem Grafen +abzuringen. + +Und da Prestö diese Pläne schließlich zum Entschluß erhob, so zögerte er +auch keinen Augenblick mit deren Ausführung. + +Einerseits richtete er ein Schreiben an Imgjor, in dem er sie um eine +abermalige Unterredung ersuchte, und andererseits bat er den Grafen Knut +in einem eilig beförderten Briefe, ihm eine solche nachmittags gewähren +zu wollen. + +Ohne Antwort zu empfangen, nähme er an, daß ihm der Graf diese +Vergünstigung gewähren wolle. + +Und von dem Eingang dieses Schreibens erzählte Graf Knut, des Grafen und +der Gräfin Meinung einholend, in Gegenwart von Axel und Lucile nach dem +zweiten Frühstück, und alle Teile wurden darüber einig, daß der Graf +diesem Ersuchen Folge leiten müsse. Man wolle hören, was Prestö zu sagen +habe. + +Alles, was einer Klärung der Angelegenheit dienlich sei, dürfe nicht von +der Hand gewiesen werden. Aber während noch dies stetig wieder in den +Vordergrund tretende, die Gemüter beschäftigende Thema behandelt ward, +regte sich ein neuer Gedanke in Axel, und ihn zur Ausführung zu bringen, +dadurch seinen geheimen Plänen Vorschub zu leisten, erfüllte ihn +solchergestalt, daß er das Herannahen der nächsten Stunden kaum +erwarten konnte. + +Sobald sich die Gelegenheit bot, begab er sich in seine Gemächer und +dann später, nachdem die dritte Stunde geschlagen, vom Arbeitshofe aus +ins Dorf hinab. + +Da Graf Dehn als Kind die drunten wütende Krankheit bereits überstanden +hatte, beschlichen ihn keine Bedenken. Zudem wollte er ein Haus +betreten, an das die Epidemie sich wenigstens bisher nicht herangewagt +hatte. Er wollte versuchen, von Prestös Wirtschafterin den Namen der +Braut ihres Herrn in Erfahrung zu bringen. + +Es war nicht undenkbar, daß ihr, die seine Briefe besorgte, dieser und +der Aufenthaltsort der Dame bekannt waren. + +Als Graf Dehn durchs Dorf schritt, fiel ihm auf, wie menschenleer es +war. Wie ausgestorben schien's. Nirgends ein rauchender Schornstein, +nirgends jemand auf der Dorfstraße oder auf den Höfen. + +Nur einmal bemerkte er ein tiefgebeugtes, altes Mütterchen, das aus +einem Bauernhause heraustrat und ein Gefäß an der Pumpe ausspülte. Und +nicht einmal emporschauend, schritt sie sogleich und in einer Art +zurück, die ihr beschäftigtes Gemüt verriet. + +Und noch ein menschliches Wesen, der Postbote, kam ihm später und gerade +dann entgegen, als er die Wohnung des Doktors erreicht hatte. + +Den ehrerbietigen Gruß des Mannes erwidernd, entfuhr Axel unwillkürlich +die Frage nach Briefen fürs Schloß. Er empfing auch solche für die +Herrschaften, sah überdies Posteingänge für Prestö in der Hand des +Angestellten und trat, nachdem er solche ebenfalls abzugeben sich +erboten, in Prestös Haus ein. + +Da war alles still. Er suchte sich bemerkbar zu machen, und als dies +erfolglos blieb, wandte er sich dem hinteren Ausgang in der Hoffnung zu, +die Alte entweder auf dem Hofe oder im Garten zu finden. Und da er +dadurch verhindert wurde, sich weiter ins Innere der Wohnung zu begeben, +steckte er, mechanisch handelnd, vorläufig die Postsachen in seine +Rocktasche. + +Und dann erspähte er hinten im Garten die alte Frau, welche beim +Kartoffelaufnehmen beschäftigt war, und näherte sich ihr. + +Nachdem sie sich bei seinem Anblick aus ihrer gebückten Stellung +erhoben, die erdigen Hände an der Arbeitsschürze abgewischt und ihn +freundlich begrüßt hatte, sagte Graf Dehn, gleich ohne Einleitung aufs +Ziel steuernd: + +„Ich komme mit einer Frage, gute Frau Madsen: Können Sie mir vielleicht +sagen, wie des Herrn Doktor Prestös Braut heißt? Sie haben gewiß +bisweilen Briefe nach dem Postkasten am Wirtshaus unten im Dorf getragen +und kennen ihren Namen —“ + +„Seine Braut? Ja, das weiß ich nicht. Aber er schreibt allerdings ab und +zu an ein Fräulein. Sie heißt — sie heißt — Ingeborg Jensen.“ + +„Hm — Danke! Und die Adresse? Es handelt sich um eine kleine +Ueberraschung vom Schloß, deshalb frage ich bloß —“ + +„Adresse? Adresse? Ja, da kann ich mich allerdings nicht darauf +besinnen. Aber sie wohnt bei einen Etatsrat Estrup in Kopenhagen. Das +steht mit drauf.“ + +„So, so, schön! Das genügt, meine gute Frau Madsen. Und sagen Sie dem +Doktor gar nicht, daß ich gefragt habe, daß ich hier war! Es ist wegen +der Ueberraschung. Sie verstehen?“ + +Und die Alte nickte, und nachdem ihr Axel ein Geldstück in die Hand +gedrückt und sie noch einiges über den Gesundheitszustand im Dorf +gefragt hatte, nahm er Abschied. + +Als er die Straße hinabschritt, klopfte ihm ungestüm das Herz, und als +er wieder in sein Zimmer gelangt war, schrieb er zur Sicherheit sogleich +auf, was er erkundet hatte. Bei dieser Beschäftigung kam ihm auch die +Erinnerung an die Briefschaften, die er dem Postboten abgenommen, und +dabei zugleich, daß er nun doch vergessen hatte, die für Prestö +bestimmten Eingänge an die Alte abzuliefern. + +Er zog eilig alles aus der Tasche, legte die Briefschaften für Lavards +für sich und schob das mit einem Bindfaden verknüpfte Bündel Zeitungen +für Prestö bei Seite. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, daß auch +Briefe vorhanden waren, und als Graf Dehn solche zur besseren Bergung +berührte, sah er, daß auf der Rückseite der Name Ingeborg Jensen als +Absenderin vermerkt war. + +Und da zitterten des Mannes Hände, und seine Brust hob sich in heftiger +Erregung. + +Wie nun, wenn er sie um des Zweckes willen öffnete und ihren Inhalt las? + +Aber ein Briefgeheimnis verletzen, dadurch abermals Imgjor einen Anlaß +geben, ihn einer unkavaliermäßigen Handlung zu zeihen? + +Und doch war ihm durch diesen Zufall das Mittel in die Hand gegeben, mit +einem Schlage völlige Klarheit in die Verhältnisse zu bringen. + +Axel hatte die Abrede getroffen, mit Lucile zwischen vier und sechs Uhr +eine Spazierfahrt nach einem der südlich gelegenen Vorwerke zu +unternehmen. + +Er sah nach der Uhr. Die Zeit war gekommen. Er mußte sich hinaufbegeben. + +Noch in solchem inneren Zwiespalt befangen, begab er sich, vorher die +Briefe in seiner Brusttasche bergend, zu Lucile, bestieg mit ihr das +beide bereits erwartende Gefährt und kutschierte, es selbst lenkend, aus +dem Schloßhof hinaus. + +Und als sie dann jenen Weg erreicht hatten, den Axel damals bei seiner +Ankunft beschritten, trat plötzlich Imgjor aus dem Hause desselben Alten +heraus, der Axel an jenem Mittag das Gepäck getragen hatte. Ein kalter +Blick traf beide, als sie sie freundlich vom Wagen herab grüßten. + +Nach dem Ball hatte sich Imgjor nicht mehr unten sehen lassen. Sie nahm +die Mahlzeiten in ihrem Zimmer ein, sie war gegenwärtig mit einer im +Gewahrsam befindlichen, ihres Schicksals wartenden Persönlichkeit zu +vergleichen. + +Auch an jenem Abend war sie, zum Verdruß all' der jungen Herren, die sie +wie Planeten umkreisten und um ihre Gunst zu werben suchten, nicht +wieder zum Vorschein gekommen. + +„Wenn ich mir diese ganze Angelegenheit überdenke,“ hub Lucile an, +„will's mir nicht wie Wirklichkeit, sondern wie ein Roman erscheinen. +Meine Schwester ist nicht meiner Mutter Kind! Mein Vater führt die +Entlarvung ihrer Geburt herbei! Ich sehe die Möglichkeit, Imgjor +wirklich zu verlieren, sie hinausgehen zu sehen in die Welt als +Predigerin des Umsturzes, zugleich als Frau eines Prestö, eines +rachsüchtigen Fanatikers, eines Unwürdigen! Heute zweifeln Sie doch auch +nicht mehr daran, daß der Mensch ein solcher ist, Graf Dehn?“ + +Zunächst wich Axel Luciles Fragen noch aus. Er wünschte einen anderen, +ruhigeren Ort zu erreichen, um Lucile Mitteilungen zu machen. Erst als +sie das Vorwerk erreicht hatten und sie hier in einen altmodisch +bestellten, hinter dem Wirtschaftshaus befindlichen Garten traten, sagte +er nach schicklicher Einleitung: + +„Ich möchte Ihnen etwas sagen, Komtesse! Ich möchte Sie bitten, mir zu +raten —“ + +Und dann eine von Ulmen eingefaßte Höhe besteigend und Lucile zum +Niedersitzen auf einer hier befindlichen Bank auffordernd, berichtete er +ihr, nachtragend, nicht nur von dem Gespräch, das zwischen ihm und +Imgjor am Ballabend stattgefunden hatte, sondern auch von dem, was heute +im Dorf geschehen war. + +Seinem Vortrage hörte Lucile mit größter Spannung zu, und währenddessen +verrieten ihre Mienen nichts anderes, als ein sachliches Interesse. + +Als Graf Dehn aber die Frage aufwarf, ob es zur möglichen +Wiedergewinnung und Umkehr Imgjors nicht Pflicht sei, den Inhalt der +Briefe zu untersuchen, schüttelte sie den Kopf mit einer Miene, in der +ausgedrückt war, daß sie den bloßen Gedanken schon nicht begreifen +könne. + +Aber noch etwas anderes kam in einem deutlich erregten, Luciles +sonstigem ausgeglichenem Wesen nicht entsprechendem Tone zum Vorschein. + +„Sind Sie denn noch immer nicht kuriert, Graf Dehn? Ich sollte denken, +daß Ihnen nach solchen Erklärungen doch der Geschmack vergehen und — +pardon — Ihr Selbstgefühl Sie zurückhalten sollte, um meine Schwester zu +werben! Sie wissen, wie ich über Imgjor, die ich auch ferner als mir +zugehörig ansehe, denke. Mein Urteil über sie hat sich nicht verändert +und kann sich nicht ändern, aber daß Sie beide nach all' diesen +Vorgängen nicht für einander passen, daß Sie ebenso unglücklich werden +würden, wie sie es mit Prestö sicher wird, erscheint mir ganz +zweifellos.“ + +Graf Dehn wurde durch diese Sprache sehr betroffen, so betroffen, daß er +nicht einmal zu einem ausgleichenden, seine Empfindungen klarstellenden +Gegenwort gelangte. + +Was er sich bei früherer Gelegenheit wieder aus dem Sinn geschlagen, war +in ihm diesmal zur Gewißheit geworden: Ein eifersüchtiges Interesse für +seine Person hatte Lucile sprechen lassen! Aber er sagte sich auch, daß +er eine große Thorheit begangen habe, sie abermals in seine Pläne +einzuweihen, ja, daß er, da es geschehen, fortan auf Rankholm — ohne +Luciles Freundschaft — einen unhaltbaren Stand haben werde. + +Unter solchen Gedanken suchte Graf Dehn vergeblich nach einem Ausgleich. + +Seiner Neigung und seinen Entschlüssen untreu zu werden, weil ein +anderes weibliches Wesen ihn deshalb verurteilte, konnte nicht einmal +Gegenstand seiner Ueberlegung sein. + +Freilich hatte sich auch inzwischen wieder in Lucile eine Wandlung +vollzogen. + +Sie, die Stolze, die ihre Hand nur nach einer Fürstenkrone hatte +ausstrecken wollen, bereute, sich so vergessen, sich so vor ihm +bloßgestellt zu haben. Sie mußte deshalb darauf bedacht sein, ihm so +rasch wie möglich die Eindrücke zu nehmen, die sie aus ihrer von ihrem +Herzen gedrängten Unvorsicht in ihm hervorgerufen hatte. Niemals sollte +er ein Recht haben, zu glauben oder gar zu behaupten, daß sie sich ihm +genähert, durch ihre Haltung um ihn geworben habe. Mit diesem +Augenblick, den er nicht benutzt hatte, ihr wenigstens einen Brosamen zu +gewähren, erstickte sie mit ganzer Kraft ein für allemal ihre Gefühle +für ihn, zwang sie sich, ihrer Natur aber auch insofern zu gebieten, als +sie ungerechte oder gar feindliche Gesinnungen gegen den Mann, der sie +verschmäht hatte, nicht aufkommen lassen wollte. + +Infolgedessen sagte sie, sich zu äußerster Sachlichkeit auch im Ton +zwingend: + +„Mißverstehen Sie mich nicht, Graf Dehn! Wir würden an sich alle sehr +glücklich sein, wenn Sie uns durch eine Verbindung mit Imgjor so nahe +wie möglich rückten, wenn unseren bereits vorhandenen, warmen +Beziehungen noch dieser Stempel aufgedrückt würde. Ich habe Sie nur in +ihrem Interesse warnen wollen, nicht einem Phantom nachzujagen. Wenn +Imgjor Ihnen dennoch ein Jawort geben würde, Sie vor schweren +Enttäuschungen zu behüten. Ich will trotz meiner Ansichten, wenn Sie es +wünschen, dennoch Ihre Verbündete sein. Nur stehen Sie davon ab, in +solcher Weise den Knoten lösen zu wollen! Das, eben das würde eine +Imgjor mit ihrem sein ausgeprägten Gerechtigkeitssinn Ihnen nie +verzeihen. Es ziert Sie nicht. Nur einen Weg gäbe es — und daß wir ihn +beschritten haben, müßte ein unverbrüchliches Geheimnis zwischen uns +bleiben. Wir könnten Imgjor die Briefe zustellen. Sie mag dann thun, was +ihr gutdünkt.“ + +Durch diese Worte wurde Graf Dehnaufs angenehmste berührt. Während er +sich schon der kummervollen Befürchtung hingegeben hatte, daß sie ihm +seine Zurückhaltung mit Feindseligkeit lohnen werde, baute sie Brücken +zu ihm, die von neuem von ihrer Klugheit, ihrem Takt, ihrer Erziehung +und ihrer vornehmen Gesinnung Zeugnis ablegten. + +Aber deshalb ward er auch gedrängt, nichts Unklares mehr zwischen +ihnen bestehen zu lassen, auch seinerseits zu festen, guten +Freundschaftsbeziehungen durch offene Bekenntnisse beizutragen. + +„Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzem Herzen, Komtesse,“ hub er an. + +„Und gestatten Sie, daß ich auf alles, was Sie berührt haben, eine +freimütige Antwort erteile. Unter normalen Verhältnissen würde mir +wahrlich niemals auch nur der Gedanke kommen, ein Schriftgeheimnis zu +verletzen. Ich betrachte es, gleich Ihnen, als ein Vergehen. Aber wir +dürfen, wo es sich um die Wohlfahrt eines uns nahegehenden Menschen +handelt, um ein Wesen, daß wir in dem Sinne lieben, daß wir unser +eigenes Leben ihm opfern würden, Anschauungen und Bedenken, die sich uns +sonst durch unsere Grundsätze aufdrängen, nicht aufkommen lassen. Wie im +Kriege niemand die äußerste List verwerflich finden wird, um den Feind +zu bezwingen, so giebt's Lebensverhältnisse, wo Gewohnheitsanschauungen +zurücktreten müssen. + +Ein Mann wird ein junges Mädchen nicht plötzlich umfangen und an sich +pressen. Aber wenn es ins Wasser stürzt und die Fluten über ihm +zusammenschlagen, hat der Retter das Recht zu einer solchen Berührung. + +Also die Umstände entscheiden über die Handlungen. Die Dinge sind eben +das, wozu jene sie machen und was wir durch unsere Auffassungen in sie +hineinlegen. + +Ich sage das alles, weil ich gerade von Ihnen — die meinem Herzen nach +Imgjor am nächsten unter den Frauen auf der Welt steht — verzeihen Sie +mir diese offene Sprache! — nicht falsch beurteilt werden will. + +Und dann noch eins: Mich treiben mein Mitgefühl und meine Pflicht. Sie +stehen mir über der Sicherheit, dadurch gerade alles, was ich wünsche, +begraben zu müssen. + +Mein Herz zittert schon, wenn ich denke, daß dieses schöne, edle, nur +falsch beratene Mädchen unglücklich werden, daß sie einst weinen und +schluchzen, daß ihre Seele in Nöten liegen könnte, daß ihr wirklich die +fürchterliche Enttäuschung würde, die ich fürchte. Ein Mensch, wie +Prestö, wird sein Weib, wenn es sich ihm nicht willenlos unterordnet, +knechten, gar mißhandeln! Ich stelle mir vor, daß er solches thun +könnte, und mein Inneres schwillt unruhvoll auf in grenzenloser Sorge +und Mitleid um sie. Ich kann's nicht ändern. Ich liebe sie mit heißer +Zärtlichkeit, und eben diese meine Liebe läßt mich handeln. Ich danke +Ihnen im übrigen für Ihre Zustimmung. Vielleicht können wir die Briefe +in ein Kouvert stecken, es mit verstellter Hand überschreiben und Imgjor +zustellen.“ + +Aber Lucile bewegte bei diesem Vorschlag die Schultern und zeigte eine +zweifelnde Miene. Er gefiel ihr nicht. + +„Nein, ich möchte anders raten, lieber Graf,“ hub sie an. „Was Sie +vorschlagen, kann einen Verdacht auf Personen lenken, die +gänzlich unschuldig sind. Das Verfahren kann auch dem Postboten +Unannehmlichkeiten bereiten. Ich meine so: Ich gehe zu meiner Schwester, +sage ihr, daß Briefe für Prestö mit in unsere Post geraten seien, und +überlasse es ihr, durch Oeffnen ihr Schicksal zu entscheiden oder sich +zu bescheiden. Freilich ist auch das nicht ganz der Wahrheit +entsprechend, aber wir handeln so am ehrlichsten.“ + +„Ja, so ist es gut, so ist's noch besser, Komtesse! Auch dafür danke +ich Ihnen!“ stieß Graf Dehn belebt und einen Blick ehrerbietiger +Bewunderung auf das junge Mädchen richtend, heraus. + +„Immer entscheiden Frauen richtig!“ + +Ungleich beugte sich Graf Dehn auf Luciles Hand herab und drückte einen +Kuß darauf. Und Lucile schoß, obschon sie dagegen kämpfte, ein Blutstrom +in die Wangen, und sie zitterte heftig. + +Sie liebte den Mann, und sie litt, weil er sie verschmähte, schwere +Qualen. + + * * * * * + +Wieder saßen sie alle abends im Schlosse Rankholm beisammen, und +abermals war von nichts anderem die Rede als von Imgjor. + +Und jetzt beschäftigte sie ausschließlich der Inhalt der Unterredung, +die zwischen dem Grafen Knut und Prestö stattgefunden hatte. Jetzt eben +erhob sich nach sehr lebhaften Erörterungen Graf Lavard und sagte, +zugleich diese Gelegenheit zu einem Bekenntnis ergreifend: + +„Gewiß! Als ich neulich Imgjor in solcher Weise begegnete, riß mich der +Zorn hin, und im Zorn traf noch niemand das Rechte. Aber ich erkläre +auch jetzt aufs Entschiedenste nochmals, daß ich auf meinen Bedingungen +beharre. Also das, lieber Graf, ist meine, durch nichts zu +erschütternde Antwort. Und Herrn Prestö nochmals oder jemals überhaupt +wieder zu empfangen, lehne ich definitiv ab! Und nun, liebe Merville, +bemühen Sie sich zu Komtesse Imgjor hinauf und bitten Sie sie, zu +erscheinen. Sie soll hören, was ich zu erwidern habe, und ich will nun +gleich ihr letztes Wort vernehmen —“ + +Aber jetzt erlaubte sich Graf Dehn auf den Grafen einzusprechen. + +Indem er sich der vollen Kunst seiner Gewandtheit bediente, bat er ihn +inständig, heute noch keine Entscheidung zu treffen, Imgjor noch eine +größere Frist zu gewähren. Er wisse, daß erst in diesen Tagen Imgjor +Aufklärungen über das Verhältnis Prestös zu seiner bisherigen Braut +empfangen werde. Imgjor sei deshalb noch gar nicht in der Lage, eine +bejahende oder verneinende Antwort zu erteilen. Und zum Grafen Knut +gewendet, den immer noch ein Interesse für Prestö beherrschte, und der +solches auch bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt, fragte er: + +„Hat Ihnen Prestö nicht auch dergleichen gesagt, Herr Graf? Oder hat er +behauptet, daß seine Beziehungen zu seiner Braut völlig gelöst seien?“ + +„Nein und ja,“ entgegnete der Graf. „Es war dies der einzige Punkt, der +mich etwas stutzig machte. Er entgegnete auf meine Frage, ob er Komtesse +Imgjor unter allen Umständen heiraten wolle, daß er darauf heute nicht +antworten könne. Ohne Zustimmung der Eltern sie aus dem Hause zu reißen, +widerstrebe doch seinem Empfinden —“ + +„Ah — ah — oder vielmehr seiner habsüchtigen Seele!“ fiel Graf Dehn +verächtlich ein. + +„Also eine Hinterthür läßt er sich doch offen! Wahrlich, Sie handeln +lediglich in Komtesse Imgjors Interesse, wenn Sie, ihr jeden +Vermögensanspruch verweigern zu wollen, vorgeben, Herr Graf —“ hier +wandte sich Axel an den Hausherrn. „Ich möchte jetzt beinahe einen Eid +darauf ablegen, daß Prestö selbst zurücktritt.“ + + * * * * * + +Im Rankholmer Schloß lagen, wie früher erwähnt, die dem täglichen +Gebrauch dienenden Gesellschaftsgemächer nach der Parkseite hinaus. Im +Flügel zur Linken, wo im Zwischenturm Imgjor wohnte, dehnten sich die +Festräume, und im Flügel rechts, ebenfalls mit dem Ausblick nach +Kneedeholm, befanden sich die Privatzimmer des Grafen. + +Als Lucile in der Absicht, Imgjor die Briefe von Prestös Braut +einzuhändigen, vor dem Abendessen aus ihrem Zimmer trat, gab ihr der ihr +begegnende Frederik auf ihre Frage, ob sich die Komtesse auf ihrem +Zimmer befinde, die Antwort, daß sie nach Tisch das Schloß verlassen +habe und noch nicht zurückgekehrt sei. Aber während Lucile nach +Frederiks Entfernung noch unschlüssig dastand, tauchte gerade Imgjor, +welche die Haupttreppe von der Schloßhofseite her emporgestiegen war, +auf dem Flur auf. Sie begrüßte Lucile durch eine kurze Verneigung des +Kopfes, wandte sich dann aber sogleich, ohne Anrede, dem Korridor zu. + +„Ich möchte dich gern sprechen, Imgjor!“ hub Lucile, sich Imgjor +nähernd, an. + +„Wenn's dir genehm ist, treten wir in mein Zimmer — Ich bitte —!“ + +„Was ist denn?“ fiel ihr Imgjor in einem müden Ton in die Rede. „Willst +du mich auch belehren, Lucile? Es ist besser, du stehst davon ab! Ich +kann dir und euch allen jetzt keine Antwort erteilen. Jedes Sprechen ist +nutzlos. Heute werde ich Prestö sehen, und von dem Ausfall seiner +Erklärungen ist die abhängig, welche ich euch geben werde.“ — Und dann +in einem veränderten Ton: „Ach — glaube mir, Lucile — ich leide! Ich +nehme die Dinge nicht leicht, ich bestehe einen schweren Kampf. Aber ich +kann doch nicht anders!“ + +Und dann brach sie in ein stilles Weinen aus — auch lehnte sie sich +plötzlich — des Ortes nicht achtend — an Luciles Brust. + +„Komm, Imgjor, meine Imgjor! Nicht hier! Tritt zu mir herein! Wir wollen +dort weitem reden. Ah — ah — wie du fassungslos bist! Arme, liebe +Seele!“ + +Unter solchem Zuspruch zog Lucile Imgjor ins Wohngemach, hieß sie dort +sich ans Fenster setzen, rückte gleichfalls einen Stuhl herbei, ergriff +der noch immer heftig Schluchzenden Hände, hielt sie fest und sah ihr +liebevoll in die Augen. + +„Ich bitte dich —“ redete sie auf sie ein — „sprich dich einmal +ordentlich aus! Sieh mich an als deinen besten Freund! Wahrlich, +Imgjor, ich denke nichts anderes als dein Glück. Aber sei gerecht! Thust +du nicht selbst alles, um es zu verscherzen?“ + +„Ich muß so handeln, wie meine Natur es verlangt, Lucile! Ja, wenn's +etwas Schlechtes wäre! Ich will aber doch nur Gutes. Und daß ich den +Doktor liebe, kann ich dafür? Man folgt seinem Trieb und Herzen, und +soviel man auch Vernunft zu Hilfe nimmt, man vermag ihrer Gewalt nicht +zu widerstehen. Was ich will, sagte ich dir: Ich will Prestö nochmals +auffordern, mir die Beweise zu geben, daß er frei ist. Ich will ihn +fragen, ob er auch dann zu mir halten will, wenn mich Papa verläßt. — In +allen Fällen reise ich, wenn er es erlaubt, mit euch nach Kopenhagen. +Wer weiß, ob sich mein Schicksal nicht bereits heute entscheidet. Ich +bin — plötzlich — selbst — irre — geworden. — Vielleicht liebt er mich +gar nicht — wollte er nur mein Geld — wie all' die anderen —“ + +Abermals brach die Stimme, abermals kürzten Thränen aus den Augen des +schönen Mädchens. + +Die Rinde, die sich um ihr Herz gelegt hatte, war geborsten. + +Nun, in diesem Augenblick glich sie einem bedrückten Kinde, das ganz +Gefühl ist, das nach Trost und Hilfe sehnsüchtig verlangend die Hände +ausstreckt. Die Starrheit, der Trotz, der unbeugsame Wille waren +gebrochen. + +Und da schien denn Lucile der Augenblick gekommen, um mit ihren Plänen +hervorzutreten. + +Indem sie Imgjor zärtlich in die Arme nahm, sagte sie: + +„Höre, Imgjor, was ich dir sagen wollte, und lasse mich dir +wiederholen, wie wir alle übereinstimmend denken: Papa wird dir +keinerlei Hindernis in den Weg legen, auch in Ankunft dein edles +Menschentum zu bethätigen. Er will nur nicht, daß du dich in den Dienst +jener Beglückungsideen stellst, die er und die alle Ruhigdenkenden als +verderbliche betrachten. Von Prestö haben wir sämtlich, auf unsere +Eindrücke gestützt — ich wiederhole dir's — die ungünstigste Meinung. +Die Unterredung zwischen ihm und Graf Knut ist resultatlos verlaufen. +Papa will sich auf nichts einlassen. Dich nun also zu überzeugen, daß +Prestö deiner nicht wert, halten wir für unsere Pflicht und Aufgabe. +Unsere Liebe diktiert unsere Schritte. Ich bin zufällig in den Besitz +von Zuschriften gelangt, die Prestös Braut an ihren Verlobten gerichtet +hat. Sie sind durch den Briefträger zwischen unsere Postsachen geraten. +Das junge Mädchen heißt doch Ingeborg Jensen, nicht wahr?“ + +„Ja — ja — gewiß! Allerdings! Und du hast diese Briefe? Und du hast sie +gelesen?“ + +„Nein, Imgjor, ich habe sie nicht geöffnet. Ich fand sie, wie gesagt, +und nahm sie an mich und behielt sie, da ich den Namen Ingeborg Jensen +aus Kopenhagen als Absenderin darauf vermerkt fand. Auch das trifft zu, +nicht wahr? Sie ist doch in Kopenhagen?“ + +Imgjor rückte den Oberkörper und nickte. Ihre Hände aber griffen, indem +sie die Frage Luciles stumm bestätigte, nach den Schriftstücken. — + +„Sieh', Imgjor, wenn du sie öffnet, so wirst du erfahren, wie die Dinge +liegen; du wirst wissen, ob Prestö dich täuschte — oder ob er wenigstens +in diesem Punkte ehrlich war. Ich rate: Lies sie und darnach entscheide! +Mir ahnt es — diese Probe wird dich heilen!“ + +Zunächst gab Imgjor keine Antwort. Nur Laute der Erregung drangen aus +ihrem Munde. + +„Also doch — doch — in Kopenhagen, und mir sagte er —“ stieß sie gegen +ihren Willen heraus. Dann prüfte sie, ihre Thränen trocknend, das +Kouvert und den Absendervermerk und sagte nach kurzem Nachdenken fest: +„Nein, Lucile, niemals werde ich fremde Briefe öffnen! Wenn ich mich +solcher Mittel bediene, bin ich der Freundschaft eines Ehrenmannes nicht +wert. Ich halte Prestö auch jetzt noch für einen solchen, wenn er auch +vielleicht um seiner Liebe, um der höheren Zwecke willen, mir mehr +beschwichtigende, als wahre Erklärungen gegeben hat. Vielleicht wußte +er's selbst nicht besser; vielleicht glaubte er, daß seine Braut nicht +mehr in Kopenhagen sei. + +Aber ich will etwas anderes thun: Ich will ihn auffordern, die Briefe in +meiner Gegenwart zu öffnen und mir vorzulesen. + +Ist er der, für den ich ihn halte, entspricht ihr Inhalt dem, was ich +voraussetze, so wird er keinen Augenblick zögern, meiner Aufforderung zu +entsprechen. — Sträubt er sich aber — nun so —“ Sie unterbrach sich, +richtete den Blick geradeaus und schluchzte: + +„O, lieber Gott, erlöse mich doch von diesen fürchterlichen Zweifeln! +Zeige mir den rechten Weg!“ + +Und wieder innehaltend und Lucile mit einem traurigen Blick anschauend, +sagte sie: + +„Nicht wahr, Lucile, du liebst den Grafen Dehn? Ich bitte dich, schenke +mir dein Vertrauen, sei auch du so aufrichtig, wie ich es in dieser +Stunde gegen dich gewesen bin!“ + +„Weshalb befragst du mich darum, Imgjor?“ + +„Weil ich diesen Mann niemals heiraten werde, ihn aber doch für so +wertvoll halte, daß ich ihn dir von ganzem Herzen gönne. Nähere dich +ihm, suche sein Herz! Ich will dir dadurch helfen, daß ich entweder +Prestös Gattin werde oder mich euch für immer entziehe. Mir bleibt dann +ein anderer, herrlicherer Bräutigam. Mein Bräutigam soll —“ hier flammte +des Mädchens Auge begeistert auf — „auch ferner die leidende Menschheit +sein! Kann ich nicht im Großen wirken, so will ich ein Freund, ein +Retter, ein Helfer der verschämten Armen, der vielen Elenden und Kranken +werden. Ich will zu denen mich begeben, von denen ich ausging. War mein +Vater ein Mann aus dem Volke, sank er, — einer von den Tausenden, welche +Elend und verkehrte Erziehung auf Abwege führten —, so will ich +versuchen, meine gleich bedrängten Mitmenschen vor Gleichem zu bewahren, +will als Kind meiner Eltern in solcher Weise ihre Fehler nach Kräften +sühnen. Ich weiß, der gerechte und barmherzige Schöpfer wird mir +zulächeln, wird meine That mit Erfolg krönen! Und ich bitte dich, +Lucile, gieb mir Antwort auf meine Frage: Liebst du Axel Dehn —?“ + +Einen Augenblick zögerte Lucile noch. Sie schob den Kopf zurück und +drängte die Lippen zusammen. Dann sagte sie: + +„Nun wohlan, Imgjor: Ja, ich liebte ihn! Aber er hat mich nicht gewollt, +mich gar zurückgewiesen. Und das vergißt eine Lavard nie! Verschmähst du +ihn — ich habe seit dem heutigen Tage für immer auf ihn verzichtet —“ + +Imgjor sah Lucile an und forschte in deren verschlossenen Zügen. + +Blässe war auf ihre eigenen Wangen getreten. Es blieb unentschieden, was +sie dachte, wie die Worte Luciles auf sie gewirkt hatten. Bevor sie sich +aber trennten, umarmte sie ihre Schwester in heftiger Bewegung, neigte +sich zu ihr und küßte sie wie ein Mensch, den das Uebermaß des Gefühls +verhindert, zu reden. + + * * * * * + +Am nächsten Spätnachmittage empfing Imgjor, im Einverständnis mit ihrer +Mutter, den Doktor Prestö im Wegwärterhäuschen. + +Heute eilte sie ihm nicht entgegen. Sie saß, das Haupt auf die Hand +gestützt, am offenen Fenster und starrte hinaus. Einer bemerkte sie, +Graf Dehn. Wissend, daß heute die Zusammenkunft mit Prestö stattfinden +werde, hatte er sich nach einem vorhergegangenen Spaziergang dahin +begeben, und sah Imgjor dort sitzen. — + +Prestös Eintritt entriß sie ihren trüben Gedanken. Unruhig ging's durch +ihre Glieder, ihr Herz klopfte stürmisch. Sie wußte es, daß jetzt die +Entscheidung kommen würde. + +Aber in Prestö war bereits alles gefestigt. Das unbedacht geschlossene +Bündnis wieder zu lösen, beschäftigte ihn allein. + +Graf Knut hatte ihm einen Brief gesandt. Durch dessen Inhalt war er +belehrt worden, daß Imgjor nichts zu erwarten habe, daß ihm die Zukunft, +hielt er an ihr fest, eine unerträgliche Last aufbürden werde. + +In solcher inneren Verfassung hatten beider Mienen etwas äußerst +Unfreies. Prestö knüpfte sogleich an die Zeilen des Grafen Knut an. Er +erzählte ihr, was sie schon von Lucile wußte, und gab sich sehr +bedrückt. + +„Was ist uns Geld und Gut, wenn wir einigen Herzens sind, Erik!“ fiel +Imgjor ein. + +„Gewiß, den großen Zielen, die wir verfolgen wollen, ist ein Hemmschuh +angelegt. Aber es bleibt uns das lebendige Wort für die Sache, dadurch +für das große Werk zu wirken, es zu fördern!“ + +„Wirst du aber gegen den Willen der Deinigen dich aufraffen können, +Imgjor? Wird dir nicht die Reue kommen? Alle Brücken brichst du hinter +dir ab! Hier in Kneedeholm können wir nicht bleiben. Ich muß erst einen +neuen Wirkungskreis suchen, wieder einen Erwerb finden. Dann erst können +wir an eine Verbindung denken. Was willst du in der Zwischenzeit +beginnen? Wir sollen beide leben! Ich bin ohne Mittel! Deshalb betonte +ich die Notwendigkeit, deinen Adoptivvater wenigstens zur Herausgabe +eines Bruchteils seines Vermögens zu bewegen. Nach des Grafen Knut +Bericht wird er sich dazu nicht verstehen. Was aber soll dann werden?“ + +Imgjor hatte Prestö mit starrem Ausdruck zugehört. So kalt, so nüchtern, +so voller Bedenken hatte er gesprochen, so gefühllos das alles +vorgebracht! So ganz anders hatte nun, da sie ein armes Geschöpf war, +ärmer als irgend eine Bauerstochter in Kneedeholm, seine Rede gelautet! +Statt der bisherigen stürmischen Worte, statt des zärtlichen Flehens, +statt der Beteuerungen und Bitten, ihm zu folgen, ihm zu glauben und zu +vertrauen, alles leicht zu nehmen, nur ihr künftiges Glück und die +großen Ziele ins Auge zu fassen — saß nun ein feiger Schwächling ihr +gegenüber. Ach, noch weit mehr! Und diese furchtbare Erkenntnis trieb +ihr das Blut gegen das ohnehin erregte Herz. + +Jedes Wort hatte die Absicht verraten, sie so rasch wie möglich wieder +von sich abzuthun, rückgängig zu machen, was er hundertfältig beteuert +hatte. + +Dennoch beschloß sie, zu ihrer völligen Heilung den Becher auszukosten. + +Sie sprach, sich zur Fassung und zu einem freundlichen Gleichmut +zwingend: + +„Ich denke anders als du, Erik! Liebe kennt keine Berge und Abgründe. +Sie überwindet alles. Ich würde jegliches geduldig auf mich nehmen, +wüßte ich mir dadurch den Sieg zu erringen. Aber du bist nicht frei, es +sei denn, daß der Inhalt dieser Briefe —“ hierbei zog sie die +Zuschriften seiner Braut hervor — „Klarheit in deine Angelegenheit +bringt.“ + +Nachdem sie dies vorausgesandt, auch gleich eine Erklärung hinzugefügt +hatte, auf welche Weise sie in den Besitz der Schriftstücke gelangt sei, +bat sie ihn, sie zu öffnen und den Inhalt vorzulesen. + +Mit Augen, die nur zu deutlich seine ungeheure Verwirrung verrieten, sah +Prestö auf die beiden Briefe. Aber ebenso rasch umspielte ein +verächtlich überlegener Zug seine Lippen. + +„Das ist gar nicht Ingeborgs Handschrift. Sicher hat ein Schuft irgend +ein Bubenstück ersonnen, darauf berechnet, deine Meinung über mich irre +zu führen! Und ein sehr plumpes ist es zudem, da diese Briefe von +Kopenhagen adressiert sind, während meine Braut, wie ich dir sagte, gar +nicht mehr dort ist, sondern sich irgendwo in Frankreich befindet.“ + +Im ersten Augenblick wurde Imgjor bei dieser sicheren Sprache stutzig. +In ihrem Herzen wollte es noch einmal aufkeimen; der niederschmetternde +Eindruck seiner kühlen Sprache von vorhin wich, eine selige Hoffnung +bemächtigte sich ihrer. Aber dann sah sie ihm wieder ins Angesicht, und +was sie darin erblickte, das belehrte sie ebenso rasch eines anderen. + +Er öffnete, da er sich durch ein Erheben unbeobachteter glaubte, mit +derselben Unruhe, die sie vorher an ihm wahrgenommen, einen der Briefe, +und sie sah in seinen Zügen ein jähes Erschrecken schon beim Lesen der +ersten Zeilen. + +Und da kam ihr ein Entschluß! + +Durch eine zutraulich gelassene Miene von ihm die Erlaubnis zum Studium +des Schreibens erzwingend, löste sie das Kouvert, nahm das mehrere +Seiten umfassende Schriftstück heraus und durchflog den Inhalt. + +Und als sie dann die Lektüre beendet hatte und in demselben Augenblick +Prestö, die Komödie fortsetzend, in Worten der Empörung über den Grafen +Dehn ausbrach, sprang Imgjor, ihrer Empfindungen nicht mehr Herr, empor +und richtete einen von Verachtung erfüllten Blick auf den Mann. + +„Genug, genug! Nicht noch mehr des fürchterlichen Spiels der Lüge und +der Vernichtung meines Herzens!“ brach's aus ihrem Munde hervor. „Füge +der Schändlichkeit der doppelten Untreue, der Berechnung und unlauteren +Gesinnung, füge der Entwürdigung deiner selbst nicht noch eine neue +hinzu! — Wisse denn: Diese Briefe sind keine Fälschungen! Den Betrug, +die Verworfenheit begingst du, indem du ihre Echtheit leugnetest! Das, +was hier geschrieben steht, was durch die Thränen eines fürchterlichen +Schmerzes fast verwischt wurde, ist das unverfälschte Produkt der +Zuckungen einer verratenen Seele. Dennoch hätte ich dir das vergeben, +dennoch wäre ich friedlich von dir geschieden, dennoch wärest du ohne +Vergeltung durchs Leben gegangen, wenn du nicht jetzt, in dieser heilig +ernsten Stunde, mit solcher Larve mich zu betrügen, auf andere einen +Verdacht zu werfen gesucht hättest. Das war die Handlung einer +niedrigen, erbärmlichen Natur. Das und deine zögernde, bedenkliche +Sprache von vorhin, beweisen mir, daß du nichts anderes warst und bist, +als ein berechnender Egoist, ein Komödiant, daß du alles und jegliches, +Liebe für mich und Enthusiasmus für die großen Ideen nur heucheltest, um +mein Geld an dich zu bringen! So, und nun gehe! Was dir werden soll, +werde ich überlegen! Nach deinem Verhalten werde ich das Maß abmessen!“ + +Aber was Imgjor erwartete, geschah nicht. + +Statt Erschütterung oder gar Zorn an den Tag zu legen, bewegte Prestö +den Kopf und machte eine Miene, als ob eine arme, kranke Irre soeben +geredet habe. + +„Wenn Sie glauben, daß Sie sich in mir getäuscht haben, Komtesse Lavard, +so bin ich noch weit mehr enttäuscht. Auf bloße Eindrücke hin fällen Sie +Urteile und bedienen sich gegen einen Ehrenmann einer Sprache, die, wäre +sie aus dem Munde eines Mannes gedrungen, nur hätte durch den Degen die +verdiente Zurückweisung erfahren können. Ich hielt Sie für ein edles +Wesen. Ihre gelegentlichen Schroffheiten betrachtete ich als das +Unvermögen, der Entrüstung über die die Welt erfüllenden +Ungerechtigkeiten Herr zu werden, als ein Ergebnis Ihres zielbewußten, +von Grundsätzen getragenen Charakters. Was soll mir im ehelichen +Zusammenleben werden, wenn Sie jetzt schon eine solche Sprache führen, +wenn Sie so wenig Ihr Ich zu beherrschen vermögen? Ich wiederhole, daß +diese Briefe nicht von meiner ehemaligen Braut geschrieben wurden. Ich +erhebe dafür die Hand zum Schwur. Das sage ich nicht zu meiner +Rechtfertigung — ich habe mich nicht zu rechtfertigen — sondern um +meinen Entschluß zu begründen, dennoch auf Ihre Hand zu verzichten. Die +Stellungnahme des Herrn Grafen macht ohnehin — ich wiederhole früher +Gesagtes — vor der Hand eine Verbindung unmöglich. Wenn ich alle +Stationen mit Ihnen auch durchmessen wollte, ich sehe, daß wir scheitern +müssen, weil die Macht, der Einfluß und das Geld, jene Gewalten, die ich +hasse und seit meiner Jugend schon bekämpft habe, zu mächtig sind. Diese +Scene aber hat mich belehrt, daß Sie eine andere sind, als ich mir +gedacht habe. Ohne Vertrauen, ohne Mäßigung ist ein Bündnis ein Unding. +Es war eine Prüfung, es war ein Versuch, der gegen Sie ausschlug. — +Leben Sie wohl! Ich trage Ihnen nichts nach. Sollten Sie aber auf Ihren +leidenschaftlichen Vergeltungsplänen beharren, so darf ich Ihnen ins +Gedächtnis zurückrufen, daß ich kein Knabe bin, daß ich mit einem +irregeführten weiblichen Wesen leicht fertig werde!“ + +Nach diesen Worten wollte sich Prestö entfernen. Aber sie, die ihm +zugehört und dagestanden, als ob sich ihr Körper in Stein verwandelt +habe, sagte nach tiefem Atemholen: + +„Waren diese Briefe nicht von Ihrer Braut, so sind Sie von dem Vergehen +dieser Vorspiegelung entlastet! Ich glaube Ihnen aber nicht und werde +forschen. Eine andere Hand mag sie geschrieben haben, der Inhalt stammt +von ihr. Behalte ich aber recht, spielten Sie auch diese Komödie, die +mit Liebesschwüren begann, auf Lüge sich weiter baute, und die Sie nun, +weil meine Armut Sie enttäuschte, noch eben wieder in plumpester Art +erneuerten, indem Sie sich den Mantel der Unschuld umhängten und die +plötzliche Erkenntnis meines Unwertes als Vorwand nahmen — so will ich +Gott anflehen, daß Sie Ihre Strafe dafür finden mögen! So, und nun +ersuche ich Sie, sich zu entfernen! Dies ist mein Gebiet und mein Heim! +Noch heute schließe ich gegen Sie meine Thür und mein Herz. Sie haben +alle Rechte an Imgjor, genannt Imgjor Lavard, verloren, aus diesem Spiel +davongetragen nur ihre Verachtung und — waren Sie ganz ein Schurke — +ihren Haß!“ + +So endete Imgjor, die Hand ausstreckend; und er, der Mann, der noch vor +wenigen Tagen erklärt hatte, daß nie einer ein weibliches Wesen so +selbstlos geliebt habe, daß ihm das Leben nichtig und wertlos ohne +ihren Besitz sei, verließ, kalt verächtlich auf sie herabblickend, das +Gemach. — + + * * * * * + +Da Imgjor in den letzten Tagen ihrer Familie fern geblieben war, +erschien's nicht auffallend, daß sie sich auch an dem dieser aufregenden +Scene folgenden Tage zurückhielt. + +Sie war erst gegen Morgen in einen durch seelische Erschöpfung +geförderten langen, bleiernen Schlaf gesunken, und als sie um die +Mittagsstunde erwachte, war ihr Gemach erfüllt von leuchtendem +Herbstsonnenschein. + +Aber mit dem Wiedereintritt in die Welt der Wirklichkeit stürmten auch +die schweren Gedanken auf sie ein, und von der Erinnerung an das am +vergangenen Tage Geschehene überwältigt, starrte sie vor sich hin. + +So war denn nun das Band zwischen ihr und jenem Manne dennoch und +endgiltig zerrissen; so hatte doch der recht behalten, der sich gegen +ihren Willen in ihr Leben gedrängt hatte! Noch mehr: Alle hatten recht +behalten, und so rasch hatte sich die Prüfung der Unwürdigkeit Prestös +vollzogen, daß zunächst nur der schamvolle Gedanke sie beherrschte, +ihrer Umgebung die Thatsache zu verheimlichen. + +Plötzlich war alles anders geworden. + +Die Enthüllung ihrer Geburt hatte sie belehrt, daß sie geringere Rechte +besaß als Lucile, in der sie eine Schwester zu sehen sich gewöhnt hatte. +Plötzlich war sie eine nur Geduldete da, wo sie bisher das Lavardsche +Scepter geschwungen. + +Ihrer Pflegemutter hatte sie sich demütig unterzuordnen, statt ihr wie +bisher mit stummer oder offener Auflehnung zu begegnen. Da sie sich +verdeutlicht hatte, mit welcher Selbstentäußerung diese an ihr, dem +Adoptivkinde, gehandelt, verwandelte sich ihre Minderachtung in +Hingebung und Bewunderung. Aber gerade aus all diesen Ursachen und weil +sie ein heftiges Unmutsgefühl gegen ihren Pflegevater ergriffen, deshalb +sich ihrer bemächtigt hatte, weil sie sich sagte, daß er einer Lucile +niemals so hart, so grausam begegnet sein würde, daß nur _ihr_ das +geworden, weil er sie als eine Halbwürdige betrachtete — verstärkte +sich in ihr der Entschluß einer Trennung von den Ihrigen. + +Zudem vermochte sie sich durch eine andauernde Entfernung von der +Familie der Gefahr zu entziehen, dem Werben des Grafen Dehn dennoch zu +unterliegen. Ihr Stolz verbot ihr, ihm je zu zeigen, daß sie etwas für +ihn empfand. Sie wollte eine Liebe zu dem nicht aufkommen lassen, der +sie sein Uebergewicht in solcher Weise hatte fühlen lassen. + +Auch war ihre Begeisterung für die große Sache trotz der gemachten +Erfahrungen nicht vermindert. Diese Erfahrungen mußten sie, wie sie sich +sagte, nur von neuem belehren, wie sehr den Besitzenden zu mißtrauen +sei. + +Die Armen und Elenden würden sie niemals enttäuschen, und wenn doch, so +verdienten sie lediglich Mitleid, weil ihnen die Erziehung nicht wie +jenen geworden, weil ein zarteres Empfinden ihnen erst eingeflößt werden +müßte. + +Sie wollte in ihren Pflegevater dringen, ihr eine Freiheit zu gewähren, +in der sie wenigstens im Kleinen ihre Menschenliebe zu bethätigen +vermochte, sie wollte ihn zwingen, sie abzulösen von Verhältnissen, die +ihrer Natur zuwiderliefen. Sie wollte nicht in Prunkgemächern wohnen, +sie wollte keine Genüsse, keine kostbaren Gewänder und Vergnügungen. Sie +wollte überhaupt keinen Ueberfluß, sondern ein auf Arbeit und +hilfreiches Menschentum gerichtetes Leben. Sie erstrebte Beschäftigung +mit edlen Dingen, mit der Natur und den feineren Regungen des +Menschengeistes. + +Und Kopenhagen, die Großstadt, erschien ihr als der rechte Ort dafür. + +Dort wollte sie wohnen, um es zunächst kennen zu lernen, und dazu war +jetzt, wo die Abreise vor der Thür stand, die beste Gelegenheit geboten. +Zuvor aber wollte sie noch völlige Klarheit über das zu erlangen suchen, +was zwischen der Gegenwart und der für sie dunklen Vergangenheit lag. + +Unter solchen Erwägungen wurde geklopft, und Lucile trat zu ihr ins +Wohngemach. + +„Nun, meine liebe Imgjor,“ hub Lucile an und umarmte ihre Schwester +sanft, „wie ist's verlaufen? Lasse uns unser Vertrauen fortsetzen! Mache +mich glücklich und sage mir, daß du Prestö nach Einsicht in die Briefe +den Bescheid erteilst hast, den wir alle herbeisehnen!“ + +In Imgjor erhob sich bei diesen Worten ein schwerer, innerer Kampf. + +Sie sollte von ihrem Thron herabsteigen, sie sollte gestehen, daß ihre +Menschenkenntnis nur allzu winzig, daß ihr stolzes Selbstgefühl nur +allzu unberechtigt gewesen. + +Sich seiner selbst zu entäußern, sich seiner Hoheit um der bloßen +Wahrheit, statt um eines Vorteils willen, zu entkleiden, erfordert einen +starken, sittlichen Fond, ein besonders stark entwickeltes Rechtsgefühl. + +Imgjor fand das, was ihrer zwiefältigen Natur entsprach. Sie gab der +Wahrheit die Ehre und wahrte ihren Stolz. + +Zunächst überwältigte sie allerdings ein machtvolles Gefühl. + +Sie warf sich wie jüngst, einem Kinde gleich, an die Brust ihrer +Halbschwester und brach in ein anhaltendes Schluchzen aus. + +Dann schob sie den Körper zurück und sagte: „Aus irgend einem Grunde +habe ich mich für eine Lösung meiner Beziehungen zu Prestö entschieden. +Erweise mir darin deine Liebe, Lucile, daß du mich nach den Gründen +nicht fragst. Sei eine Fürbitterin bei deinen Eltern, die auch mir +Eltern waren, daß auch sie die Angelegenheit nicht ferner mehr berühren. +Hilf mir, teure Lucile, daß meine Bitten erhört werden! Ich habe mehr +denn je die Sehnsucht, Rankholm zu verlassen und mich irgendwo, fern von +hier, nützlich zu machen. Will dein Vater mir zu solchen Zwecken keine +Mittel zur Verfügung stellen, so möge er mir wenigstens das gewähren, +was er bisher für meine Ausbildung aufwendete. Fräulein Merville hat +ohnehin die Absicht, in ihre Heimat zurückzukehren. So möge er mir die +für sie verausgabte Summe bewilligen und dieser etwa noch so viel +hinzufügen, daß ich auf eigenen Füßen zu stehen vermag!“ + +Lucile, die mit glücklichen Mienen zugehört hatte, nickte rasch und +bereitwillig. + +„Ich will alles thun, Imgjor! Ich will schon deshalb und in weit +größerem Umfange deine Wünsche befürworten, weil ich hoffe, daß dieser +Austritt ins Leben dich gänzlich heilen wird, daß du einsehen wirst, daß +es kein undankbareres Geschäft giebt, als seine Nebenmenschen ohne ihre +Anforderung glücklich machen zu wollen. Also, das möge dich nicht +bekümmern, Imgjor, und wenn du sonst noch —“ + +„Ja, noch etwas, Lucile: Bitte deinen Vater, daß er mir die Aufklärungen +über meine Geburt nicht vorenthält. Ich muß jetzt alles wissen —“ + +Lucile versprach auch das. Dann warf sie zögernd hin: + +„Und Graf Dehn, was wird's mit ihm?“ + +Imgjor preßte die Lippen zusammen. In ihren Augen erschien ein Ausdruck +von Schmerz und Trotz, durch dessen Einwirkung sich die Lider +unwillkürlich schlossen. Und dann sprach sie in einem unbeugsam kalten +Ton: + +„Sage ihm, daß ich auch ferner darauf verzichten muß, in eine engere +Berührung mit ihm zu treten und daß eher über Nacht das Rankholmer +Schloß im Walde von Mönkhorst emporsteigt, als daß ich sein Weib werde!“ + + * * * * * + +Ueber zwei Jahre waren seit diesen Ereignissen verflossen, als an einem +kalten, nebligen Märzmorgen eine wie eine barmherzige Schwester +gekleidete junge Dame den Weg in die Kopenhagener Vorstadt Oesterbro +nahm. In ihren Augen lag jener Verzicht auf irdisches Glück, jene milde +Ruhe und sanfte Ergebung, die nur in den Gesichtern derer beobachten, +welche sich dem Werke der Barmherzigkeit gewidmet und vielleicht die +Hoffnung auf das, was ein Frauenherz bis zu einem gewissen Alter noch +erfüllt, zwar nicht völlig aufgegeben haben, deren Erfüllung aber mit +den gleichen Augen betrachten, mit denen der Erfahrene irgend einem +Zufall vertraut. + +Sie können so existieren; sie finden Befriedigung in der +Pflichterfüllung, sie sehen die dankbaren Blicke der Kranken auf sich +gerichtet, sie finden den köstlichsten Lohn, der einem Menschen durch +seine Thätigkeitstreue werden kann, in der Wiedergenesung ihrer +Pflegebefohlenen. — + +Vor einem alten, großen Dreieckhause mit vielen kümmerlichen Fenstern +und schiefen Mauern hemmte sie den Schritt, bog in einen neben diesem +befindlichen Gang ein und öffnete die Thür eines hinten auf dem +schmutzigen Hofe befindlichen Nebenhäuschens. + +Seine Räume bestanden aus einer winzigen Vorder- und Hinterstube, die +einem alten Ehepaar als Wohn-, Schlafzimmer und Küche dienten. Vorn in +dem Wohnzimmer, das nichts anderes enthielt, als ein paar karge Vorhänge +vor den Fenstern, einen Tisch, eine Kommode, einen Ofen und einen alten +Lehnstuhl, saß in letzterem eine erblindete, alte, hilflose Frau, und +jetzt eben verdunkelte ein solcher erstickender Petroleumdampf das +Gemach, daß Imgjor Lavard, wie sie auch ferner noch vor der Welt hieß, +unwillkürlich zurückprallte. + +„Um's Himmelswillen, Frau Ohlsen, was haben Sie denn gemacht?“ stieß +Imgjor beunruhigt heraus. Gleichzeitig öffnete sie die Fenster und ließ +frische Luft hereindringen. + +„Was ist denn? Was ist denn?“ tönte der Alten Stimme zurück. + +„Merken Sie es nicht? Das Zimmer ist voll Rauch. Sie hätten ja ersticken +können!“ + +„Ich hab' mir was Warmes gemacht. Ich fror so schrecklich. Ich hab' dann +die Maschine wohl zu hoch geschraubt —“ + +Imgjor nickte, obschon die Blinde sie nicht sehen konnte. Sie ließ auch +diesen Gesprächsgegenstand fallen und fragte mit gewohnter Milde: + +„Nun, wie geht's heute, Frau Ohlsen? Haben Sie besser geschlafen?“ + +„Ein bischen, Fräulein. Heute morgen hab' ich aber wieder so +schreckliche Schmerzen in den Füßen.“ + +„So werde ich sie wieder einmal einreiben, arme Alte! Nachher, wenn ich +fertig bin, mache ich mich daran!“ + +Nach diesen Worten entledigte sie sich ihres Hutes und Umhanges und +begab sich gleich einer Dienstmagd an das Reinigen der Wohnung. Sie +fegte aus, sie machte im Schlafzimmer die Betten, sie spülte Geschirr in +der Küche aus. Das alles mußte täglich eine fremde Hand besorgen. Die +blinde Frau konnte nichts thun, da sie, abgesehen von ihrem +Sehunvermögen, ihre Glieder nicht zu bewegen vermochte, und der Mann, +der früh fortging und spät von der Arbeit zurückkehrte, sank, da ihm die +Kräfte für mehr schon fehlten, gleich erschöpft auf sein Lager. + +Seit zweiundzwanzig Jahren war die Frau blind. Während dieser Zeit +hatte er für sich und sie nur so viel verdient, daß sie sich notdürftig +hatten satt essen können. Und zu der Blindheit während dieser Jahre +kamen fortdauernd schwere Krankheiten, die Pflege und Aufwartung, die +Arzt und Apotheke erforderlich gemacht hatten. Seit zweiundzwanzig +Jahren war die Alte kaum je aus dem Häuschen gekommen, hatte nichts +anderes gekannt, als Entbehrungen und Schmerzen. + +Als Imgjor zum erstenmal in dieses Elend eingegriffen hatte, war die +Wohnung durch Schmutz und Unrat förmlich verpestet gewesen. Die Leute +hatten auf faulendem Stroh gelegen, fast kein Gegenstand war ganz +gewesen. Erst neuerdings hatte Imgjor die alte Frau aus einer +Lungenentzündung herausgepflegt, und was diese Krankheit erforderte, aus +ihren Mitteln hergegeben. — + +Nachdem Imgjor ihr tägliches Werk vollbracht hatte, sagte sie: + +„Frau Ohlsen, ich habe jetzt gerade mehr Zeit. Ich will Ihnen nun jeden +Spätnachmittag etwas vorlesen. Wollen Sie es hören?“ + +„O gewiß, mein liebes, gutes Fräulein,“ entgegnete die alte Frau mit +dankbarer Betonung. „Was ist es denn?“ + +„Etwas Ernsthaftes, Gutes, Frau Ohlsen. Sie werden gewiß Vergnügen daran +finden —“ + +„Ja, danke, danke, liebes Fräulein. Wie gut sind Sie gegen mich! Gott, +wenn ich so denke, wie Sie uns geholfen und immer wieder geholfen, mich +arme, hilflose Person in meiner Krankheit gewartet und gepflegt haben, +dann möchte ich schon glauben —“ + +„Nun, meine gute Alte?“ + +„Daß Sie gar kein Mensch, daß Sie ein Engel sind, von Gott in die Welt +gesandt, um die Menschen glücklich zu machen.“ + +„Ach nein! Ich bin kein Engel, meine gute Alte,“ entgegnete Imgjor mit +einem trüben Lächeln. „Ich bin ein Mensch wie Sie. Das eben befähigt +mich ja, Sie zu verstehen, Ihnen ein wenig zu helfen. Nur wer eigenes +Leid erfahren hat, vermag mit seinen leidenden Mitmenschen zu fühlen. +Und so, wie Sie, giebt es viele Kranke und Bedürftige in dieser großen +Stadt, denen, weil sie noch nicht ganz mittellos, noch nicht ganz elend +und verlassen sind, keine öffentliche Unterstützung und keine +Krankenpflege zu teil wird. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es +die Aufgabe sei, das Traurige durch rechtzeitiges Eingreifen abzuwenden. + +Wahrhaftig, wenn unseren Vorstandsdamen so zu handeln gelehrt würde, +dann würden die Armen- und Krankenhäuser nicht so überfüllt sein, wie +sie es sind; es würden weniger Menschen zu Verbrechern und Selbstmördern +werden; das allgemeine Elend würde weniger groß sein. Da giebt es ein +weites, brach liegendes Feld für eine erfolgreiche Betätigung der +Nächstenliebe. + +Und dieses Arbeitsfeld habe ich für mich erwählt. Ich suche zu helfen, +wo ich kann und so weit es in meinen Kräften steht. Des Elends ist ja so +viel auf Erden!“ + +„Ja, ja, liebes Fräulein. Wenn sie alle so dächten und so handelten, +wie Sie! Aber so — Na, es muß aber auch ein schönes Gefühl für Sie sein, +so geliebt zu werden und so viel Dank zu ernten.“ + +„Dank?“ entgegnete Imgjor bitter im Ton. „Ich habe ihn nie erwartet und +kaum gefunden, wohl aber Undank, Neid, Mißgunst und üble Nachrede. So +habe ich mich allmählich äußerlich zu einer kühlen Haltung gezwungen, zu +einer fast rauhen Art. Ich unterdrücke die Regungen meines Herzens, mein +Mitleid, die Rührung und die Thränen über die häufig entsetzliche Not. +Ich thue es schon deshalb, weil die Menschen solche Weichheit garnicht +verstehen. Wenn ich nur nicht auch noch verunglimpft werde, wenn sich +der Undank nur nicht in noch Schlimmeres verwandelt, bin ich schon froh. +Eben jetzt ist wieder etwas geschehen, was die gemeine Gesinnung mancher +Personen zu Tage treten läßt, etwas, das auch in mir den Entschluß zur +Reise gebracht hat, diesmal meiner Empörung Ausdruck zu verleihen.“ + +Nach diesen fast ebensosehr an sich selbst gerichteten Worten und nach +Ausführung der von ihr versprochenen Hilfsleistung verabschiedete sich +Imgjor von der Alten und nahm den Weg in einen anderen Teil der +Vorstadt. Dort wohnte eine Witwe, eine Wäscherin, mit ihrer Tochter, +welche letztere unter Imgjors Pflege viele Wochen im Krankenhause +gelegen und sich für deren Aufopferung dadurch bedankt hatte, daß sie +einen empörende Verleumdungen gegen Imgjor enthaltenden Brief an den +Hauptarzt gerichtet hatte. + +Nachdem Imgjor zwanzig Minuten gegangen war, gelangte sie an eine +unsaubere, von vielen kleinen Kindern bevölkerte und zum teil noch +unbebaute Straße. In der Mitte der Gasse — einem zurückliegenden, von +einem großen Garten umschlossenen Hause gegenüber — befand sich eine +Branntweintaberne, und an diese lehnte sich ein kleines, verfallenes, +auch noch aus früherer Zeit stammendes Gebäude, in dem die Witwe Holm +mit ihrer Tochter und einer Stieftochter wohnte. + +Der Unfriede zwischen Imgjor und Thora Holm, der früheren Kranken, war +dadurch entstanden, daß jene auf das herz- und gemütlose Geschöpf, das +seiner Stiefschwester sehr roh begegnet war, bessernd einzuwirken +gesucht hatte. Auch als Thora das Hospital verlassen, hatte Imgjor sie +nochmals eindringlichst vermahnt, ihrer alten Mutter fortan eine bessere +Tochter zu sein, zu arbeiten und ordentlich zu werden. Die Leute litten +Not, und Imgjor hatte ihren Ermahnungen die Erklärung hinzugefügt, daß +sie nur dann materiell etwas für sie thun wolle, wenn Thora für die +Erfüllung der gestellten Forderungen Beweise geliefert habe. + +„Die Grevinde,“ wie Imgjor von der gesamten Bevölkerung in Kopenhagen +schlichtweg genannt wurde, war wegen ihrer Wohlthätigkeit bekannt, und +selten wendete sich jemand an sie, ohne Hilfe zu erhalten. + +Der Ingrimm, daß Imgjor ihr die Wahrheit gesagt, der Aerger, in ihrer +Erwartung auf eine Unterstützung getäuscht worden zu sein, hatten Thora +Holm zu der Denunciation veranlaßt. Daß sie und keine andere das +Schriftstück abgefaßt hatte, war erwiesen. Es störte Imgjor, daß sie den +Hauptarzt, mit dem sie um diese Zeit hier ein Zusammentreffen verabredet +hatte, noch nicht erblickte. In seiner Gegenwart wollte sie die Person +zwingen, ihre Perfidien zurückzunehmen und um Verzeihung zu bitten. + +Aber während sie noch unschlüssig verharrte, drangen aus dem offenen +Hause der Witwe jammernde Wehrufe. So markerschütternd trafen die Laute +Imgjors Ohr, daß sie förmlich zusammenfuhr. Indessen beendete dieses +Erschrecken auch ihr Zögern. Blitzschnell eilte sie vorwärts, betrat das +Haus und wurde hier Zeuge einer wahrhaft entsetzlichen Scene. + +Die Frau, ein starkknochiges, rothaariges Weib, und Thora, in einem +schlumpigen Rock, mißhandelten im Flur die Stieftochter der Frau. + +Während Thora die Unglückliche mit der einen Hand an den Haaren gepackt +hielt und ihr mit der anderen in unbarmherziger Rohheit den Kopf +bearbeitete, bediente sich das alte Weib einer ledernen Riemenpeitsche +und brachte ihrem Stiefkinde auf diese Weise blutige Striemen auf dem +ohnehin verletzten Körper bei. + +Im Nu war Imgjor unter ihnen, riß der Alten den Arm herab, stieß Thora +zur Seite und stellte sich, nachdem das mit ebenso großer Kraft wie +Furchtlosigkeit geschehen war, mit drohend gebieterischer Miene vor den +beiden Megären auf. + +„Ah, ihr Furien!“ entrang es sich ihrer vor Empörung keuchenden Brust. + +In demselben Augenblick eilten auch schon von dem Geschrei +herbeigezogen, Gäste aus der Taberne herbei, und diese drängten, von +Imgjor laut und energisch ermuntert, die sich eben zum Kampfe gegen die +Verteidigerin rüstenden, sich wie tobsüchtig geberdenden Weiber hinten +in den Flur zurück. + +„Die Grevinde! Die Grevinde!“ hatten die Hereindrängenden einander +zugerufen und sie nahmen auch in der Folge gegen die Holm und ihre +Tochter Partei. + +Freilich geschah's nicht aus irgend welchem Mitleid für die Mißhandelte, +auch nicht aus einer Abneigung gegen die beiden Holms, sondern lediglich +unter dem Gesichtspunkt, daß ihnen ihr Eintreten nicht unbelohnt bleiben +würde. + +Aber es wurde Imgjor auch noch andere Hilfe. Den Knäul teilend, erschien +der Arzt, Doktor Stede, und hinter ihm tauchte der in diesem Viertel +stationierte Polizeiofficiant auf. + +Im Nu erfolgte dann auch eine Verständigung zwischen jenen und Imgjor, +und ebenso rasch machte sich letztere zur Herrin der Situation. + +„Ich danke euch, Leute, daß ihr mir beigestanden habt. Und hier, hier +ist Geld! Teilt es euch —“ rief sie, einen dänischen Speciesthaler dem +mitanwesenden Wirt übergebend. „Aber nun entfernt euch! Ich habe etwas +mit der Familie zu verhandeln, was nicht für eure Ohren ist.“ + +Und das Kind, das sich zitternd neben ihr aufgerichtet, mitleidig an +sich ziehend und dann dem Polizeiofficianten zum Schutz übergebend, +befahl sie der Wäscherin und ihrer Tochter, ins Wohngemach zu treten. + +Trotz ihrer feindseligen Mienen mußten sie sich fügen, und nachdem sie +sich aufgestellt, ergriff Imgjor das Wort und hielt der Verleumderin +ihre Infamien vor. + +„Sie haben die Wahl —“ schloß Imgjor — „alles als erfunden zu bezeichnen +und mich hier vor diesem Herrn um Verzeihung zu bitten, oder gleich dem +Polizisten zu folgen. Auch auf Verhaftung Ihrer Mutter wegen Mißhandlung +der Tochter werde ich dringen. Also reden Sie! Daß Sie den Brief +geschrieben, hat Ihr früherer Verlobter, der Wärter Vessel, ausgesagt — +—“ + +Das Mädchen, eine üppige Blondine, preßte die Lippen zusammen, verzerrte +den Mund und antwortete nicht. Auch die Mutter verharrte in trotziger +Auflehnung. + +„Niemand hat ein Recht, in mein Haus zu dringen und sich in meine +Angelegenheiten zu mischen!“ erklärte sie. Sie habe Verhöre nur vor +Richtern zu bestehen, und deren Untersuchungen würden ergeben, daß ihre +Tochter den Brief nicht geschrieben, daß sie zur Züchtigung ihrer +Stieftochter berechtigt gewesen, weil diese sie in frecher Art bestohlen +habe. + +Der Schlußsatz wurde allerdings durch Widerspruchsworte unterbrochen, +die sich aus dem Munde des weinenden Kindes lösten. + +Sie habe nichts genommen. Sie sei unschuldig! Aber Thora, die sie +beschuldigt, sei's gewesen. Sie habe gesehen, wie diese die Kommode +geöffnet und das Geld herausgenommen habe. + +Freilich folgte dieser Rede wiederum ein maßloser Wutausbruch von Seiten +der Schwester. Sie flog auf das Kind zu und erhob unter Schimpfworten +die Faust gegen deren Angesicht. Nur durch ein Dazwischentreten des +Polizisten ward eine abermalige Züchtigung verhindert. + +Aber gerade dieser Zwischenfall verschlechterte die Sache der Familie +Holm. + +Dem Polizeiofficianten, einem energischen Mann, riß die Geduld. Er +befahl Ruhe und sofortigen Frieden und die von der Komtesse geforderte +Erklärung. + +„Widersprechen Sie nicht, thun Sie, was von Ihnen verlangt wird! Sonst +nehme ich Sie und Ihre Mutter sofort mit. Sie stehen schon lange auf dem +Kerbholz wegen anderer Sachen!“ + +Nun änderte die Alte plötzlich ihre Haltung. + +Nach allerlei Redensarten gab sie zu, daß sie wohl etwas zu heftig +gewesen sei, und was Thora anbelange, so könne die sich ja nun mal +garnicht im Zaum halten. So sei es wohl möglich, daß sie sich habe +verleiten lassen, einen solchen Brief zu schreiben, und wenn sie es +gethan habe, so solle so etwas nicht wieder vorkommen. Die Komtesse möge +Gnade für Recht ergehen lassen — + +„So sagen Sie: Ich habe die Komtesse Lavard zu Unrecht beschuldigt. Ich +nehme alles zurück, bereue und bitte, mir zu vergeben!“ stieß Imgjor, +ihre Blicke auf das gemeine Geschöpf richtend, heraus. + +Noch kämpfte die Person, dann aber, von ihrer Mutter nunmehr durch +Blicke und Worte ermuntert sprach sie eine halblaute Entschuldigung. + +In Imgjor aber regte sich das Gefühl der Empörung in vollstem Umfange. + +Das war also die Menschheit, der sie sich opferte! Faulheit, roheste +Leidenschaft und Mangel an Dankgefühl und jeder besseren Regung traten +ihr nur zu oft entgegen, und hier eben hatte sie wieder ein solches +Beispiel vor Augen. + +Waren da nicht erst ganz andere Aufgaben zu lösen? Mußte nicht erst mit +einer inneren Erziehung begonnen werden? + +Nachdem sie zum Einverständnis, daß sie befriedigt sei, stumm das Haupt +bewegt, sagte sie, zu der Alten gewendet: + +„Ich werde Ihre Stieftochter mitnehmen! Ich will sie prüfen, und ist sie +so viel wert, wie ich hoffe, so will ich künftig für sie sorgen.“ + +Nach diesen Worten erfaßte sie des selig aufhorchen den Kindes Hand und +richtete einen auffordernden Blick zum Gehen auf den sich ihr +ehrerbietig zur Verfügung stellenden Arzt. + +Und im Nu knixte und dienerte das faule, alte Weib. Nun wußte sie nicht +genug die Tugenden des Stiefkindes zu rühmen. Sie sagte zu allem ja, +machte sich auch noch im letzten Augenblick schmeichelnd an Imgjor heran +und bat, ihre fürchterliche Not klagend, um Unterstützung. Sie küßte den +Saum des Kleides der Komtesse, als diese unter der Erklärung, sie sage +nicht nein, müsse aber Zuwendungen von ihrer und ihrer Tochter +künftigen Haltung abhängig machen, mit den übrigen das Haus verließ. + +Als der Nachmittag gekommen war, saß Imgjor schon wieder in dem kleinen +Zimmer der Blinden, las ihr nach ihrer Zusage zum erstenmal vor und war +glücklich, als sie sah, daß jene ihr voll Interesse zuhörte. + + * * * * * + +Es war am folgenden Vormittag um die elfte Stunde, als Imgjor die Räume +des großen Kopenhagener Krankenhauses und zunächst das Gemach des +dirigierenden Arztes betrat, um mit ihm Rücksprache wegen einer Kranken +zu nehmen. + +Nachdem das geschehen, sagte Doktor Stede, ein Mann mit ernsten Zügen +und einem milden Ausdruck in den von einer goldenen Brille beschatteten +Augen: + +„Sie wollen uns, wie ich höre, Ihre wertvolle Hilfe im Krankenhause +entziehen, Komtesse? Haben die letzten Vorfälle Anlaß dazu gegeben?“ + +„Nein! Wie kommen Sie zu dieser Vermutung Herr Doktor?“ + +„Eine unserer Schwestern, Elise, hatte davon gehört und sprach mir davon +—“ + +„Elise hat schon häufig Gerüchte über mich verbreitet, die erfunden +waren, Herr Doktor. Ich muß ihr sehr im Wege stehen. Und doch trete ich +ihr nirgends in den Weg — Wahrlich, dieses Treiben —“ + +Imgjor sprach's mit starker Auflehnung im Ton, fuhr aber, ihre Erregung +ebenso rasch wieder abstreifend, gelassen fort: + +„In der nächsten Zeit werde ich nicht so häufig kommen können, Herr +Doktor. Meine Familie trifft heute ein und wird einige Zeit im +Rankholmer Palais Wohnung nehmen. Ich vermag mich ihr nicht ganz zu +entziehen. Ueberdies hat sich meine Schwerer verlobt, und es werden +einige kleine Feste stattfinden, an denen meine Angehörigen wünschen, +daß ich teilnehme —“ + +„Ich bedaure natürlich außerordentlich, daß wir Sie entbehren müssen, +aber ich freue mich, daß Sie sich einmal Ruhe gönnen, Komtesse. Es wird +Ihnen eine solche Ablösung sehr gut thun.“ + +Imgjors Lippen umspielte ein trauriges Lächeln. + +„Nein, Herr Doktor, für mich wäre es weit besser, wenn ich dort keine +Ablenkung fände. Vielleicht wäre es sogar das Richtigste, daß ich +Kopenhagen ganz verließe —“ + +„Wie? Also Sie tragen sich doch mit solchen Gedanken? Die ganze Stadt +würde es als einen unersetzlichen Verlust betrachten, wenn der Engel +unter den Menschen, wenn die Komtesse Lavard Kopenhagen verließe. + +Haben Sie den Artikel gelesen, der soeben über Sie in einer deutschen +Zeitung erschienen ist? Die Berlinske Tidende hat ihn heut' morgen in +einer Uebersetzung gebracht.“ + +„Ein Artikel über mich?“ fragte Imgjor betroffen. „Was enthält er? Dem +Sinne Ihrer Worte nach zu urteilen, nichts Ungünstiges, aber jedenfalls +eine Unschicklichkeit. Wie wenig giebt meine Thätigkeit Anlaß, darüber +etwas und noch dazu öffentlich zu sagen!“ + +„Sie sind allzu bescheiden, Komtesse — Die ungewöhnliche Erscheinung, +daß sich ein Mitglied der höheren Stände in solcher Weise freiwillig +seiner Bequemlichkeit entäußert, ist für die Welt Grund genug, sich +damit zu beschäftigen. Darf ich Ihnen den Artikel besorgen?“ + +„Ich danke, nein, Herr Doktor! Es ist besser, daß ich dergleichen +garnicht lese. Es macht mir nur noch mehr Gedanken. Ich habe deren schon +so viele und solche, die mich nicht erheben —“ + +„Sie sind noch so jung, Komtesse, und Sie sind schon so ernst, so trübe +in Ihrem Sinn?“ + +„Ich bin es, aber nur insofern, als ich die ungeheure Schwierigkeit +erkenne, mein Vorhaben in Thaten umzusetzen. Ich möchte gern im Großen +wirken und sehe, daß ich schon im Kleinen überall stolpere.“ + +„Und was wäre, wenn die Frage gestattet ist, Ihr Ideal? Welche Absichten +verfolgen Sie?“ + +„Ich möchte helfen, die Menge von dem Druck der allgemeinen Not zu +befreien und das Los der arbeitenden Klasse gründlich zu verbessern.“ + +„So bekennen Sie sich also auch zu den sogenannten „neuen“ Ideen? Sie +überraschen mich!“ + +„Kann ein gerechter, guter Mensch, kann ein wahrhaft christlicher Mensch +anders denken, Herr Doktor?“ + +„Nein und ja, Komtesse. Die Ziele sind zu weit gesteckt. + +Man soll nur Mögliches erstreben wollen, nur Dinge, die sich mit den +Vorgängen in der Natur decken. Wir sind ihre Produkte, sie ist unsere +Lehrerin, sie bietet uns alle Beispiele für unsere Handlungen.“ + +„Schon einmal hörte ich fast ganz dieselben Worte. Seltsam —“ Imgjor +ließ das Haupt sinken und starrte träumerisch vor sich hin. Aber da in +diesem Augenblick geklopft ward, wurden die Sprechenden unterbrochen. + +Der Doktor richtete noch einige verbindliche Worte an Imgjor, und sie +selbst lenkte, nachdem sie ihm leicht und unbefangen die Hand gereicht, +ihre Schritte in einen der Siechensäle. + +In diesem befanden sich Kranke, deren spezielle Sorge Imgjor übernommen +hatte. Augenblicklich waren es solche, die sich bereits in der Besserung +befanden. Dann schlief Imgjor in ihrer Wohnung, erschien auch nur zwei +oder dreimal am Tage. + +Nur in schweren Fällen blieb sie ganz im Hospital und übernahm auch die +Nachtwache. Ihr Verhältnis zum Krankenhaus war ein durchaus +freiwilliges, während die übrigen Schwestern sich streng an die +Hausvorschriften zu halten hatten. + +Auf dem Korridor begegnete Imgjor der Schwester, die von ihr behauptet +hatte, daß sie ihre Thätigkeit hier aufgeben wolle. + +Imgjor neigte ernst das Haupt zum Gruße; jene erwiderte die Höflichkeit +kalt und wollte ohne Wortaustausch vorüberschreiten. + +Nun hielt Imgjor sie auf und redete sie an. + +„Ich bitte, Fräulein, einen Augenblick. Ich höre soeben, daß Sie +abermals eine Erfindung über mich ausgestreut haben. Ich muß wirklich +sehr dringend bitten, daß Sie sich mit Ihren eigenen Angelegenheiten +beschäftigen. Ich schließe aus Ihrer Lästersucht eine Starke Mißgunst. +Daß sie in Ihnen emporsteigt, vermögen Sie wohl nicht zu ändern, aber +ich sollte meinen, Sie müßten sich äußerlich im Zaum zu halten wissen, +und jedenfalls — ich wiederhole meine Worte — wünsche ich von Ihren +eifersüchtigen Launen nicht ferner berührt zu werden.“ + +„Ich eifersüchtig auf Sie?! Nun, da wären Sie wirklich die letzte, +Fräulein von Lavard! Und was liegt denn vor? Mir ist erzählt, daß Sie +hier keine Schwesterdienste mehr versehen wollen! Ich wüßte nicht, daß +darin etwas Ehrenrühriges liegt. Sie nehmen einen Ton an, als ob ich +Ihnen wunder was angethan hätte und ich muß Sie meinerseits noch +dringender ersuchen, daß Sie ihn ändern. Sie sind nicht meine +Vorgesetzte —“ + +„Sie wissen sehr gut, daß ich mit meinen Vorwürfen recht habe. Ihre +Heuchelei verschlimmert nur noch das Geschehene. Sie haben mich schon +wiederholt verleumdet, man hat es mir unaufgefordert, voll Empörung +mitgeteilt. Schwieg' ich trotzdem, so war's die Verachtung über solches +Geschwätz. Jetzt will ich aber ein Ende haben! Man könnte wirklich +glauben, es sei eine Spur von Wahrheit darin. Auch gestern habe ich ein +Exempel statuiert, und ich werde damit fortfahren!“ + +Die Züge der Schwester Elise verzogen sich hämisch. + +„Sie sprechen, als ob Sie ein Oberstaatsanwalt seien. Ich sage Ihnen +nochmals, daß Sie sich mit Ihrem Eifer an eine falsche Adresse wenden. + +Ich habe auch besseres zu thun, als mich mit Ihnen zu beschäftigen. Ich +habe andere Gegenstände für meine Gedanken, als die Komödiantin Fräulein +Lavard!“ + +„Ah! Wie niedrig! Und Sie wollen eine Dame sein. Sie gehören zum Adel +des Landes und würdigen Ihre eigene Standesgenossin herab, indem Sie ihr +solche Dinge sagen, indem Sie geflissentlich sogar ihren Namen +entstellen? Ich bin weder Fräulein Lavard, noch Fräulein von Lavard, +sondern für Sie und jedermann Komtesse Lavard!“ + +„Nun dann sind Sie auch nichts Besonderes, umsoweniger, als die Spatzen +von den Dächern pfeifen, daß Ihre Mutter nichts anderes war, als eine +Dir —“ + +Aber die Schwester Elise kam nicht weiter. Blitzschnell erhob Imgjor, +von Schmerz und Entrüstung übermannt, die Hand, sie zitterte für +Sekunden in der Luft. Und dann standen die beiden Gegnerinnen einander +gegenüber, als ob nur der Tod über das Schicksal des einen oder anderen +entscheiden könne. In demselben Augenblicke aber erschien zufällig die +Oberin, und die Schwester Elise stürzte so gleich auf diese zu und goß +einen Schwall von Verleumdungen und lügnerischen Anschuldigungen über +Imgjor und deren Benehmen aus. + +Und wiederum gab Imgjor mit stolzer Ruhe Antwort und forderte nach +Erörterung des Vorgefallenen die Entfernung der Schwerer Elise. +Anderfalls werde sie gehen! + +„Ich darf Sie ersuchen, ins Konferenzzimmer zu treten. Wir werden dort +weiter und in Ruhe reden! Ich muß erst klarer in der Sache sehen, ehe +ich meine Entscheidung treffe, Komtesse Lavard!“ entgegnete die Oberin, +die nichts lieber wünschte, als daß die ihr sehr unbequeme Imgjor, die +keinerlei Mängel durchgehen ließ, vielmehr stets Unregelmäßigkeiten und +Pflichtversäumnisse zur Anzeige brachte, das Krankenhaus verließ. + +„Warum noch reden!“ betonte Imgjor kalt. „Es unterliegt doch keinem +Zweifel, wer ein Recht hat, sich zu beklagen! + +Ich muß darauf bestehen, daß endlich die Sumpfquellen verstopft werden, +aus denen die Verleumdungen gegen mich fließen. — Klagen über Fräulein +Elise erheben sich von allen Seiten und auch in anderer Richtung. — + +Anfangs der Woche hat sie der Witwe Romö, aus bloßer persönlicher +Antipathie, die Hilfe verweigert. Es wäre wohl nicht so schlimm, hat sie +gesagt! Die arme Person hat einen bedenklichen Rückfall davon bekommen! +Sind solche Vorkommnisse in einem Krankenhaus erhört?“ + +„Nun ja, nun ja — es soll alles untersucht werden. Im übrigen will ich +niemanden hindern, seinen Weg zu gehen —“ stieß, statt auf diese Rede +einzulenken, die Oberin äußerst gereizt heraus. „Ich darf Sie also nicht +erwarten, Komtesse?“ + +„Nein! Ich muß darauf verzichten, Frau Oberin —“ entgegnete Imgjor, +verbeugte sich gemessen, und ging, ohne die giftsprühende Schwester +Elise eines Blickes zu würdigen, von dannen. — + + * * * * * + +Das Rankholmer Palais lag, von einem auf Marmorpostamenten ruhenden, +vergoldeten Gitter umschlossen, mitten in der Adelstraße. Ein +prachtvoller, weißschimmernder Bau mit hoher Aufgangstreppe tauchte +hinter einem großen Vorplatz mit grünem Rasen auf. Zwischen ihnen +befanden sich gepflasterte Fahrwege, und zu Seiten befanden sich die +Stallungen und eine Reitbahn. + +Am Abend des nächstfolgenden Tages, an dem sich die vorstehend +geschilderten Scenen abgespielt hatten, war das Palais von oben bis +unten hell erleuchtet. Es schwamm gleichsam in einem Lichtmeer. Von den +mächtigen Treppenkandelabern floß das Licht auf den Vorgarten herab, und +ein zahlreiches Publikum hatte sich auf der Straße aufgestellt, um der +Einfahrt der zahlreichen Equipagen mit ihren livrierten Kutschern und +Dienern beizuwohnen. + +An achtzig Personen aus den vornehmsten Kreisen waren Einladungen von +dem Grafen Lavard und seiner Gemahlin ergangen. Es galt, den Bräutigam +von Lucile, den Marquis Armand de Curbière de Ramillon der Gesellschaft +vorzustellen. In Berlin hatte Lucile ihn als Attaché der französischen +Gesandtschaft in einer Hofgesellschaft kennen gelernt, und bei einem +Besuch, den der Marquis der Familie in Rankholm abgestattet, war die +Verlobung zwischen ihnen erfolgt. + +Es fehlten noch zehn Minuten vor dem Tischgang, Schon hatte Frederik +wiederholt forschend die Zahl der Gäste gemustert. + +Es ließen noch warten der Stadtkommandant, General Baron von Berling, +und — Komtesse Imgjor, die auf das dringende Ersuchen des Grafen ihr +Erscheinen zugesagt hatte. + +In verschiedene Gruppen verteilt, standen die Gäste schwatzend umher. +Neben Lucile und neben dem Marquis von Curbière, dem Musterbilde eines +vornehmen, ritterlichen Mannes, stand der Premierminister Graf Niels von +Rosenberg. + +Er war klein und korpulent, hatte eine schiefe Schulter und einen +buckligen Rücken, besaß aber einen so ungewöhnlichen Verstand, und aus +seinen grünen Augen sprühte es so streng und gebieterisch, daß sich +unwillkürlich Hoch und Niedrig vor ihm bückten. + +Ein leises und lautes „Ah!“ der Bewunderung entrang sich dem Munde der +Gäste, als dann endlich auch Imgjor, gefolgt von dem General von +Berling, einem Mann, der einem spanischen Granden glich und dessen +Brust die Orden kaum fassen konnte, in den Hauptsaal trat. + +Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid, dessen eine Hälfte, die linke, +aus zartgefärbter rosenroter, die andere aus schneeweißer Seide bestand. + +Um den Hals, dessen schwanenweiße Farbe das Auge entzückte, lag ein Reif +von Diamanten, aus dessen Mitte ein Opal seine roten, blauen und grünen +Blitze schoß; ein ebensolcher Schmuck umschloß die Arme. Das +braunrötliche Haar war empireartig frisiert, und eine durchsichtige, +zarte Randspitze umgab da, wo ihre schneeige Brust sich hob und senkte, +den Saum des ihren vollendet gewachsenen Körper fest und schlank +umfließenden Seidenleibchens. + +Als sich Imgjor nach Begrüßung ihrer Eltern und der sich zu ihr +drängenden Gäste nach Lucile und dem Marquis umsah — der Zufall hatte es +gefügt, daß sie den Bräutigam ihrer Schwerer bisher verfehlt hatte — +löste sich gerade Curbière aus der vorhin beschriebenen Gruppe und eilte +mit lebhaften Mienen auf Imgjor zu. + +Er stutzte. Ersichtlich ging etwas Ungewöhnliches in dem Innern des +Mannes vor, als er dieses schier unnahbar schöne Geschöpf vor sich sah, +und als sie ihm mit ihrem süßen, zuvorkommenden Blick die Hand +entgegenstreckte. + +„Ah! Wie schön Sie sind — Psyche und Juno streiten um den Preis!“ +sprang's in höchster Ueberraschung, in französischer Sprache, aus des +gewandten Mannes Munde. + +Er war völlig benommen und wurde enttäuscht, als Imgjor in der +gewohnten Auflehnung gegen ihre Schönheit und gegen Artigkeiten einen +gleichgültig verdrossenen Ausdruck in ihren Zügen erscheinen ließ. + +„Ah! Sie machen mir solche Komplimente und nennen das größte Juwel Ihr +Eigentum, das Dänemark besitzt?“ sprach sie dann, den Ausdruck des +Mißfallens in ihren Zügen absichtlich noch verstärkend. + +Jählings kam's über sie, daß sich der Mann für sie interessiere, sich +ihr zuwendete, sich verlor, obschon er Lucile angehörte. Es war etwas in +seinen Augen aufgeblitzt, das sie ängstigte und dessen Wiederholung sie +durch schroffe Begegnung verhindern wollte. Aber Curbière war ihr +gewachsen. Er fand sich rasch wieder. + +Während seinen Mund ein überlegenes Lächeln umspielte, sagte er mit +rascher, kavaliermäßiger Gewandtheit: + +„Wie? Sie spielen den Lehrmeister gegen mich aus, Komtesse! Sie vermuten +wohl einen jener Bekehrungsbedürftigen, mit denen Sie sich draußen +beschäftigen. Ich sollte meinen, ich hätte am ehesten da ein Recht zur +Aeußerung der Bewunderung und glaubte am wenigsten da mißverstanden zu +werden, wo es sich um die Schwester meiner Braut handelt!“ + +„Wie sollte es —“ entgegnete Imgjor unbiegsam — „einem Weltmann wie +Ihnen nicht gelingen, das Uebergewicht zu behalten, gar dem anderen zu +beweisen, daß seine Rede eine Ungeschicklichkeit gewesen sei, Herr +Marquis!“ + +„Sie halten es also nicht für denkbar, daß Sie sich irren, daß das, was +Sie als eine Ablenkung meiner Gefühle für Lucile bezeichnen wollen — so +ist's doch, Komtesse? — lediglich ein Ausbruch meines stark entwickelten +Schönheitssinns war? + +Glauben Sie mir das, Komtesse! Ich bitte darum! — Wenn Sie aber trotz +alledem doch vermeinen, ich sei eines Tadels benötigt, so haben Sie mich +jedenfalls überaus schnell kuriert. Sie haben es verstanden, in mir die +Freude an Ihrem inneren Menschen genügend herabzumindern.“ + +Nun sah Imgjor betroffen empor. Und als sie dann dem ernst gemessenen +Ausdruck in den Augen ihres künftigen Verwandten begegnete, streckte sie +ihm, von einem raschen Impuls getrieben, die Hand entgegen und sagte mit +dem schönen, bezwingenden, allen Lavards eigenen Freimut in Blick und +Mienen: + +„Wohlan! Nach dieser Klärung wollen wir keine mißvergnügten Gegner, +sondern wahrhaft gute Freunde sein! That ich Ihnen Unrecht, verzeihen +Sie mir! + +Also, ich bitte, Herr Marquis, ich bitte, lieber Armand!“ schloß sie mit +einem noch bezaubernderen Ausdruck. + +Und von dieser ehrlichen Liebenswürdigkeit bezwungen, beugte sich Armand +de Curbière auf Imgjor Lavards Hand herab, küßte sie ehrerbietig und +sagte, obgleich sich ihnen in diesem Augenblick Lucile näherte und schon +von fern eifersüchtig hinüberschaute, laut und mit einem tief +verinnerlichten Blick auf die Schwester seiner Braut: + +„Ich danke Ihnen, teure Imgjor! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen! Ich +werde Ihnen diesen Augenblick nie vergessen.“ + +Und nun gab auch Frederik endlich das Zeichen zum Tischgang. + +Alle Anwesenden setzten sich in Bewegung, und bald saß die glänzende +Gesellschaft in dem theegrünen Speisesaal, der sich als Hauptzierde des +Palais in einem Flügel des Gebäudes befand, bei köstlich duftenden +Speisen und seltenen Weinen beisammen. + +Während des Tafelns warf Lucile, zu ihrem Verlobten gewendet, hin: + +„Sieh' einmal, wie Imgjor entzückend ansieht und wie lebhaft sie sich +mit dem jungen Grafen Kilde unterhält.“ + +Ach, wenn sie sich doch endlich einmal verliebte und damit auch ihren +Menschenbeglückungskittel abthun würde!“ + +„Ist's möglich! Imgjor hat sich noch für niemanden interessiert?“ + +„Doch, einmal! Aber das war nur ein Flämmchen, welches ebenso rasch +verglomm, wie's emporgelodert war. Auch spielten andere Dinge mit —“ + +„Und wer war der Bevorzugte? Wie hieß der Mann, der jedenfalls einen +ganz superben Geschmack besaß?“ + +„Es war irgend einer! Der Name ist gleichgültig. Es war einer, der ihr +vormachte, daß er auf nichts Anderes sinne, als die Welt von den Fesseln +der Ungleichheit zu befreien. Er verschwand dann und soll sich jetzt in +Amerika aufhalten.“ + +„Aber Imgjor ist doch sicherlich von Hunderten umschwärmt worden.“ + +„Ja, fast von allen Männern. Nur einer war ihrer wert. Ein vorzüglicher +Mann: Graf Dehn. Aber auch er zog sich aus ihrem Sonnenkreis fort, wenn +auch aus anderen Gründen. Er liebte sie über alles und wußte sich nur +durch eine Weltreise von seiner Schwermut zu erlösen. Es ist derselbe, +der, wie du auf Rankholm hörtest, demnächst von Italien zurückkehrt und +uns besuchen will —“ + +„Ah!? Der Lausitzer Graf! Und wirklich ein so vollendeter Mann?“ + +„Ja, der liebenswertere, vornehmste Mensch, den ich außer dem Marquis +von Curbière kennen gelernt habe.“ + +„Sehr verbunden, Komtesse Lavard! Aber wissen Sie, daß ich leicht +eifersüchtig zu werden vermag?“ warf Curbière liebenswürdig neckend hin. + +Lucile spitzte erst lachend den Mund, dann sagte sie ernst: + +„Aber weder in diesem noch in irgend einem anderen Falle wirst du je +dazu Ursache haben! Bleibst du mir ein treuer Kamerad, so hast du bei +mir auf Felsen gebaut. Wir Lavards —“ + +In diesem Augenblick wurde Luciles Aufmerksamkeit auf ihre Mutter +gelenkt, die so lebhaft mit einem der jungen, zu ihrer Rechten sitzenden +Prinzen des Königlichen Hauses sprach, daß die Laute volltönend zu +ihnen herüberdrangen. + +Sie unterbrach deshalb ihre Rede, und Curbière sagte: + +„Wie jung, wie schön ist noch deine Mutter! Lucile. Es ist ein Mirakulum +in solchem Alter —“ + +„Ja, und wie man sie lieben und achten muß!“ fiel Lucile ein. „Ich habe +erst vor einigen Jahren erfahren, welch' eine große, edle Seele sie +besitzt. Sie hatte eine schwere Versuchung zu bestehen, und hat sich +unvergleichlich bewährt.“ + +Curbière hörte gespannt zu, dann sagte er unvermittelt: + +„Und so fest seid Ihr alle? Auch Imgjor?“ + +Lucile drehte sich rasch zu ihrem Verlobten um. Ohne daß sie sich +Rechenschaft zu geben vermochte, berührten sie seine Worte. + +„Weshalb fragst du?“ stieß sie heraus. + +„Nun, wie man eben fragt. Aus keinem besonderen Grunde —“ + +Und da er sah, daß ihre Wangen eine leichte Blässe überzogen hatte, +erhob er das Champagnerglas, stieß mit ihr an und fuhr neckend, mit +zärtlichem Ausdruck fort: + +„Also auch meine stolze Königin kann eifersüchtig werden!? Dann sind wir +also quitt, meine liebe, wunderschöne Lucile Lavard!“ + + * * * * * + +Eine Lavardsche Equipage hatte eben Imgjor — es war halb drei Uhr +morgens — vor dem Hause das sie seit ihrem Kopenhagener Aufenthalt +bewohnte, abgesetzt. Stumm und ehrerbietig war Robert seiner früheren +jungen Herrin beim Aussteigen behilflich gewesen, und nun schleppte sich +das junge Mädchen, die Brust voll von den widerstreitendsten +Empfindungen, die Treppe hinauf. + +Der Prinz und Curbière hatten wiederholt mit ihr getanzt und sich beide +außerordentlich eingehend mit ihr beschäftigt. + +Der Prinz war ein Mann von Geist und feinen Manieren, aber nicht ohne +starken Cynismus, Curbière dagegen ein Kavalier von seltener +Gewandtheit, auserwähltem Geschmack und neben scharfem Verstande von +einer Unbefangenheit in der Beurteilung menschlicher Dinge, die Imgjor +in Erstaunen versetzt und außerordentlich angezogen hatte. + +Er war ein ganz anderer als der übrige Schwarm der Männer. Lucile hatte +wohl gewußt, was sie gethan hatte! Er ähnelte dem Grafen Dehn, demselben +den sie, Imgjor, aus Trotz und Stolz von sich gewiesen. + +Ein schwerer Kampf vollzog sich gegenwärtig in Imgjors Innern. + +Ein Wesen von Fleisch und Blut, war auch ihr Herz einmal wieder in +Bewegung geraten! Und gerade der Mann hatte Eindruck auf sie gemacht, +der seine Hand vergeben und den sie — Scham, Reue und Auflehnung gegen +sich selbst flogen in heißen Schauern durch ihre Seele — wegen seiner +Schwärmerei für eine andere so scharf zu tadeln sich unterfangen hatte. + +Was sie an ihm so streng gerügt hatte, war nun ihr eigen Teil geworden. +Sie beschäftigte sich in ihren Gedanken mit dem Verlobten ihrer +Schwester. + +Allerdings gelangte sie zu einem anderen Ergebnis, als sie sich +vorstellte, sie hätte Curbières Gattin werden können. Dann schob sich +doch die Gewalt des Grafen Dehn in ihre Vorstellungen. Sie erkannte, daß +nur die gewaltsam herabgedrückte Leidenschaft für ihn sich geregt, daß +sie zu Curbière das mit jenem Uebereinstimmende im Wesen hingezogen, daß +ihr Herz unwillkürlich — ihr unbewußt — Nahrung suchend, nach diesem +Ersatz gegriffen habe. + +Aber diese Probe hatte sie zugleich belehrt, daß sie sich von den Räumen +der Paläste fern halten mußte. Die Schmeicheleien, die den Sinnen +gebotenen Reize, die parfümierte Atmosphäre wirkten auf sie. + +Reine Gedanken, und durch sie die Wiedererlangung der Ruhe ihrer Seele, +mußte sie zurückerlangen. + +Hatte sie nicht selbst darauf bestanden, daß man ihr eine Freiheit +eingeräumt, wie sie jetzt sie besaß? Sie war ihr unter schwersten +Kämpfen geworden. Sie hatte geschworen, auf die Liebe eines Mannes zu +verzichten, jedenfalls niemals einem Axel Dehn den Triumph zu gönnen, +das Eingeständnis ihrer Liebe zu hören. + +Würde sie sich nicht dem höhnischen Lächeln der wahrsagenden +Besserwisser preisgeben, wenn sie plötzlich ihren Vorfällen wieder +untreu wurde, gar von dem Schauplatz ihrer Thätigkeit zurücktrat? + +Sprach man doch in ganz Dänemark von Grevinde Lavard! Man hatte sie +schon mit der heiligen Elisabeth in Deutschland verglichen. Und ihrer +armen, verdorbenen Mutter hatte sie einen stummen Schwur geleistet, sich +der unglücklichen, den Verfluchungen ausgesetzten Frauen anzunehmen! +Sollte sie ihn brechen? Nein, niemals! + +Sie preßte gewaltsam alles in sich nieder, was ihre Entschlüsse wankend +machen konnte. + +Und zu all' diesen Vorstellungen gesellte sich heute wieder auch die +Erinnerung an Prestö. + +Noch einmal war Imgjor ihm begegnet, damals, als sie zur bleibenden +Uebersiedelung nach Kopenhagen unterwegs gewesen. + +Sie hatte ihn mit einem jungen Mädchen, sicherlich seiner Braut, auf der +die beiden dänischen Inseln verbindenden Korsörer Fähre gesehen, und da +er sie nicht einmal gegrüßt hatte, waren die Gefühle der Empörung, des +Schmerzes und der Gedanke, jedermann vor diesem gefährlichen Menschen zu +warnen, wieder in ihr aufgestiegen. + +Aber gerade das Mädchen an seinem Arm war als ein Engel zwischen ihn und +sie getreten. Ihr Erscheinen hatte alle rachsüchtigen Regungen in Imgjor +erstickt. Ingeborg Jensen hatte ihr damals geschrieben, hatte sie +beschworen, ihrem Verlobten zu vergeben, und ihren flehenden Worten war +Imgjor mit ihrem weichen Herzen erlegen. — + +Fast eine Stunde hatte Imgjor schon, in solche Gedanken verloren, +dagesessen. Die Geschmeide hatte sie abgethan, das Kleid von ihrem +Körper gelöst. Sie glich, als ihr Blick zufällig in den Spiegel fiel, +einer marmornen Psyche. + +Und bevor sie ihr Lager aufsuchte, ergriff sie ein dänisches Buch, das +auf ihrem Tisch lag. + +„Was ist Glück?“ lautete der Titel. + +Was ist Glück? Ja, was war Glück? Pflichtübung führte es zunächst +herbei. Aber Pflichterfüllung war auch ein dehnbarer Begriff. Mit +Pflichterfüllung verband sich starke Selbstentäußerung — und sie brachte +Kämpfe, die aber machten doch nicht glücklich! War sie denn überhaupt +glücklich? + +Sie schüttelte wehmütig den Kopf. + +Nein! Es hatten die Recht behalten, deren Weisheit sie bespöttelt hatte. + +Wo herrschte die größte Vernunft? Ihre Erfahrung hatte ihr darauf die +Antwort erteilt: Bei denjenigen, welche die Dinge dieser Welt nicht mit +Ungestüm anfassen, sondern mit besonnener Vernunft, die, ohne daß sie +stumm oder laut darüber philosophieren, wissen und daran festhalten, daß +Zeit und Umstände Mitordner der Dinge sind; die den guten Mittelweg +einschlagen, ihn stetig beschreiten, wenn auch auf den Nebenwegen noch +so viele Harfen mit süßklingenden Tönen locken; die endlich vom Tage und +von den Stunden nicht mehr begehren, als sie nach Lage der Dinge +herzugeben vermögen und wofür sie, die Fordernden, aufnahmefähig sind. + +Sie aber, Imgjor, jagte unruhig einem von allen Vernünftigen als +Phantom bezeichneten Ziele nach, erntete keinen Dank, wohl aber meistens +das Gegenteil. Die Empfänger ihrer Wohlthaten hatten ihr schon oft +erklärt, daß man sie ja nicht gerufen, daß sie sich aufgedrängt habe, +daß man ohne sie auch und besser fertig geworden wäre! + +Dann hatte sie sich hingesetzt und wie ein Kind — und immer noch ein +solches an mangelnder Erfahrung — bitterlich geweint. + +Ja, wie anders war die Welt der Vorstellungen und die der Wirklichkeit! +Curbière hatte ihr gesagt, und aus jedem Wort hatte sie Axel Dehn +sprechen zu hören vermeint: + +„Wir leiden an drei Krankheiten: der einst den Frauen nachgesagten, +jetzt der Männerwelt anhaftenden Eitelkeit, der Verbesserungs- und +gegenseitigen Bevormundungssucht. + +Die schlimmsten Verderber unserer heutigen Zustände sind diejenigen, +welche, statt der Zeit ein allmähliches Reisen der Dinge anheimzugeben, +sich zu Staatsverbesserern aufwerfen, den Eitelkeitsspiegel zur +Betrachtung ihrer ungeheuren Weisheit und Bedeutung allezeit in der +Tasche tragen, fast ausnahmslos aus diesem Grunde auch nur handeln, +selbstgefällig, erhobenen Hauptes, reden, reden und wieder reden, +begründen und Resolutionen fassen. + +Wir besitzen die Mittel zur Verbesserung unserer Lage in nächster Nähe. +Aber wir stecken so sehr im Sumpf unserer Selbstsucht, gepaart mit +Verweichlichung und Genußsucht, daß wir durch künstliche Mittel ein +Gleichgewicht erzwingen wollen. Zu einer Gesundung unserer Zustände +können wir nur gelangen, wenn wir alle zu einfachen, natürlichen +Verhältnissen zurückkehren, wenn jeder streng in seinem Wirkungskreise +seine Pflicht erfüllt, erst sorgsam sein Haus bestellt und dann auch dem +Nachbar hilfreich die Hand bietet, und wieder letzterer dem nächsten, +also, daß jeder geduldig, wachsam und treu der Last sich fügt, die +schwer oder minder schwer auf seinen Schultern ruht; wenn endlich die +sozial Bedrohten von den Gegnern einer ruhigen Entwickelung der Dinge, +nämlich den Sozialdemokraten, die Kunst der Einigkeit und +Opferfreudigkeit erlernen, fest und unzerreißbar sich zusammenscharen +und handeln, sobald Umstürzler die begehende Ordnung untergraben wollen. + +Jedem Menschen gab die Natur, wie dem Tiere, die Werkzeuge zum Kampf um +seine Existenz mit. + +Sie soll er zunächst gebrauchen, nicht nach fremder, künstlicher Hilfe +sich umschauen. + +Auf Beistand von Seeschiffen rechnen, wenn man auf Auen in Kähnen fährt, +ist das Beginnen von Thoren. + +Was war es denn, so fragte sich Imgjor, was sich immer wieder in ihrer +Seele regte und dennoch Lehren und Erfahrungen beiseite schob? Sie fand +keine Antwort darauf. + + * * * * * + +Als sich Imgjor am nächsten Tage spät erhob und nach Erledigung einiger +häuslichen Pflichten an ihren Schreibtisch ging, fand sie zu ihrer +Bestürzung, daß sie bestohlen worden war. + +Es fehlten mehrere hundert Kronen, die sie beiseite gelegt hatte, um +einen beim Zoll angestellten, schwer heimgesuchten Familienvater zu +unterstützen. + +Der Diebstahl mußte während ihrer Abwesenheit am gestrigen Abend +vollführt worden sein, und da nur ihr Aufwartemädchen ihre Zimmer +betreten konnte, so mußte sie die Diebin sein. + +Dies regte Imgjor abermals außerordentlich auf, besonders deshalb, weil +sie diesem Dienstboten und deren Eltern sehr viele Wohlthaten erwiesen +und somit Dankbarkeit, wenigstens Treue von ihr erwartet hatte. + +Aber sie fand auch in ihrem Briefkasten, den sie gewohnheitsmäßig nach +beendetem Frühstück öffnete, einen Brief, dessen Inhalt sie namenlos +erregte. + +Das Schreiben lautete: + +„Nichts anderes trieb dich aus den vergoldeten Zimmern in Rankholm fort, +als deine Sucht, dich breit zu machen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf +dich zu lenken. Und weshalb? Um deinen kleinlichen Ehrgeiz zu +befriedigen, damit man von dir spricht, schreibt, kurz — etwas aus dir +macht, die du doch selbst nichts bist. Du meinst, man durchschaue dich +nicht. Aber die Welt hat scharfe Augen. Die eine Hälfte bespöttelt und +belacht deine Narrheiten, die andere, die der Eingeweihten, geht mit dem +Gedanken um, dem Grafen Lavard mitzuteilen, wie sein Name durch dich +verunehrt wird. + +Solche Emanzipierte wie du gehören in eine Korrektionsanstalt. Du die +Welt reformieren? Du der Not und dem Elend ein Ende machen? Stille +deinen eigenen Jammer! Denn man weiß es, du hast genug mit dir zu thun, +und man weiß auch — warum! Also mache ein Ende mit der Komödie und mit +den bezahlten Zeitungsartikeln, die auf deine Verherrlichung abgesehen +sind! + +Kehre dahin zurück, woher du gekommen bist, ehe du notgedrungen die +Flucht ergreifen mußt!“ + +Imgjor saß während einer längeren Zeit wie gelähmt da. Das war die +stärkste Infamie, die ihr bisher geworden. Und wenn's auch vielleicht +aus derselben Quelle stammte, aus der ihr die übrigen Kränkungen +gekommen waren, so wurden doch durch solche Wahrscheinlichkeit ihre +unruhvollen Vorstellungen nicht beseitigt. + +Die Augen wurden ihr durch dieses Schriftstück völlig geöffnet. So +urteilte also die Masse; solche Motive schob sie ihr unter! + +Und das war so entsetzlich, daß sie sich hätte in diesem Augenblick tief +in die Erde verkriechen und nie wieder zum Vorschein kommen mögen. + +Fort, fort, nur fort aus Kopenhagen mit seinem Undank, seiner Mißgunst +und Niederträchtigkeit! Zurück nach Rankholm, wo die weißen Tauben um +die hohen Türme der Einsamkeit flatterten, wo Ruhe, sanfter Friede +herrschten, wo es kein widerwärtiges Jagen und Haschen nach Geld und +Stellung, wo es noch einfache Verhältnisse gab; wo man ohne erst Anhöhen +vor der Stadt zu gewinnen, die Sonne in ihrer unschuldigen, hehren +Schönheit aufsteigen und niedersinken sah, wo der Mond die stillen Wege +versilberte, auf denen sie, ein glückliches, von den Wirren der Welt +unberührtes Kind, einhergewandelt war! Ah! Das Brüllen der Rinder, das +Wiehern der Pferde, die reinen Laute des Landes, die anheimelnden Düfte, +der kräftige Erdgeruch; ihr Zimmer oben im Turm, mit einer Aussicht in +eine Welt, die nicht schöner gedacht werden konnte, in der Menschen +wohnten, gute, treuherzige, dankbare, keine schlechten wie hier! — + +Aber auch dieser Sturm ihres Innern ging vorüber, und Imgjor gelangte zu +anderen, zu den alten Entschlüssen. + +Sie wollte fortfahren, in die Häuser der Armen zu gehen, und trotz aller +Anfeindungen versuchen, nicht in dem zu erlahmen, was sie sich einmal +als Lebensaufgabe gewählt hatte. Am nächsten Tage wollte sie in +Sommerlyst einem Vortrage beiwohnen, den ein aus Schweden +herübergekommener Reformator Kollund, ein früherer Geistlicher, halten +würde. Ja, dazu war sie entschlossen! — + +Es war am folgenden Abend. Schon seit einer Stunde hatte Kollund, der +einstige Geistliche und jetzt den neuen Ideen mit feurigem Eifer +huldigende Wanderprediger seinen Vortrag beendet, hatte der stets nach +solchen Verheißungen hungernden Welt erklärt, daß Christus im Grunde +nichts anderes gewollt, als was sie selber jetzt in größerer +Gemeinschaft anstrebten. Auch er habe gesprochen: „Kommet her zu mir +alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ und nur durch praktisches +Christentum seien die Not und das Elend aus der Welt zu schaffen. Seine +Worte hatten Imgjor deshalb noch mehr ergriffen als alle diejenigen +seiner Vorgänger, weil sie von dem reinsten Enthusiasmus getragen und +weil sie von jener Selbstlosigkeit durchhaucht schienen, die ihr selber +eigen war. So sehr hatte sie das bleiche Erlöserangesicht des Redners +angezogen, daß sie auch nach Beendigung des Vortrages in Sommerlyst +blieb. Sie hatte sich ihm vorgestellt und ihm gesagt, wer sie sei. Und +dann war sie mit ihm in eine Laube des Gartens getreten und hatte hier, +umfächelt von den sanften Lüften der Frühlingsnacht, ihre Gedanken mit +ihm ausgetauscht. + +Sie sei im Begriff, zu erlahmen, hatte sie ihm, unter den Eindrücken der +letzten acht Tage, mit einer Offenherzigkeit gestanden, als ob sie ihn +lange Jahre gekannt, ihm schon immerdar ihr Vertrauen geschenkt habe. + +Und der Mann, ein unerschütterlich Ueberzeugter, hatte das Haupt mit +einer Miene bewegt, als ob er nicht zu hören brauche, als ob er ohnehin +wisse, was in ihrer Seele sich vollziehe. + +„Mir ging es wie Ihnen, Komtesse,“ erklärte er. „Ich habe wohl +hundertmal alles wieder beiseitewerfen, habe verzagen wollen. + +Ich habe so viel Undank und so viele Nichtswürdigkeiten erfahren, daß +ich im Zorn aufgeschrieen und in die Worte ausgebrochen bin: + +„So helft euch selbst! Ihr verdient es nicht, daß ein ehrliches +Menschenkind auch nur einen einzigen Schritt für euch thut! Ihr seid +Riesen im Nehmen, im Empfangen und in der Selbstsucht, und kleiner als +Ameisen in der Erkenntnis dessen, was ihr euch selbst schuldig seid, +welche Dankpflichten ihr denjenigen zollt, die sich in eure Dienste +stellen! + +Mit dem Essen wächst euer Appetit bis ins Ungemessene. Ihr fordert +zuletzt, wo ihr zu bitten habt. + +Vor Monaten blieb eine Frau, der ich täglich Nahrungsmittel gespendet, +plötzlich aus. Als ich ihr begegnete und sie fragte, weshalb sie nicht +mehr komme, erwiderte sie mir in einem geringschätzenden Ton: + +Es sei ihr das Essen bei mir nicht mehr gut genug. Sie verkehre jetzt in +dem Hause eines Großkaufmanns und empfange dort andere, sehr viel +bessere Speise. + +Ich hatte auf der Zunge, ihr zuzurufen: + +„Sie soll dir _nicht_ werden, du Unverschämte! Ich werde jenem melden, +welch' eine Unwürdige du bist!“ + +Aber ich gedachte des Elends, das dann vielleicht wieder eintreten +würde, und verwandelte Zorn in Milde. Ich sprach auf sie ein und hielt +ihr vor, auf welchem verkehrten Wege sie sei. Denn das ist unsere +Aufgabe! Nicht zürnen, gar rächen, vielmehr vergeben, anleiten, durch +sittliche Förderung des einzelnen Samen streuen für eine allmählich +aufgehende, kräftige Frucht. Und glauben Sie: + +So niederträchtig die Welt sich oft durchweg giebt, so ungerecht, so +einseitig, sie meist urteilt, so birgt sie doch auch Edeldenkende. Es +giebt ein sich an Wahrheit und Wirklichkeit haltendes Urteil, und das +und das Eintreten jener Gerechten wird am Ende siegen. + +Im allgemeinen hat die Welt einen sehr feinen Orientierungssinn, sie +weiß sehr wohl zwischen den Wertvollen und Wertlosen zu unterscheiden. — + +Harren Sie also aus! Schon leuchtet der Name der Grevinde Lavard durch +die nordischen Lande. Daß sie Anfechtungen zu bestehen hat, daß man sie +entweder eine Närrin oder eitle Abenteuerin schilt, das ist ein Los, das +sie mit allen teilt, denen ein höherer Geistesflug innewohnt, die sich +nicht damit begnügen, blos zu sein.“ + +Imgjor hatte dem Redner mit Begeisterung zugehört. Sie fing jedes Wort, +das über seine Lippen ging, wie ein Evangelium auf. So schön, so +verklärt waren seine Züge! Ueber der bleichen Stirn hing, gleichsam als +Kennzeichen der Gleichgiltigkeit gegen alles Aeußerliche, eine Locke des +schwarzen Haares, in seinen dunklen Augen glühte das Feuer der +Ueberzeugung, und über ein krankes Hüsteln, das seine Rede unterbrach, +sprach er mit jener milden Ergebenheit, die den Märtyrern eigen. + +„Ich schaffe, so lange ich es vermag. Will der Schöpfer, daß ich +aufhöre, so wird er seine Gründe haben, und einen anderen, Befähigteren, +Stärkeren senden.“ + +Jetzt, in seiner Nähe, unter seinem Einfluß lehnte sich Imgjor wieder +einmal gegen die nüchterne Ueberlegenheit eines Axel Dehn, eines +Marquis von Curbière auf. + +Es war sehr bequem, zu sprechen, wie sie es thaten. + +Allmählich würde, nach ihren Worten und Ansichten, vom steten Regen der +Zeit benetzt, der Felsen der zu großen Ungleichheiten zerbröckeln! Aber +eben der Regen sollte wirken, damit auf dem Platze, wo das Gestein +ruhte, fruchtbares Land sich aufthue! Selbst wollten sie sich nicht +rühren, die Muskeln nicht anstrengen! + +In ihm, dem Prediger Kollund, saß das, was einem Christus, einen Mahomed +den Stab in die Hand gedrückt. Er war der berufene Vorkämpfer für die +neue Lehre. Endlich hatte sie ihn gefunden. + +Nachdem Imgjor mit Kollund verabredet hatte, daß sie sich noch einmal +wiedertreffen wollten, nahm sie allein den Weg von Sommerlyst zu Fuß +zurück. Ihre Wohnung lag in der Nähe des Rosenberger Schlosses in der +Kronprinzeßgade. + +Als sie nach einer sie stark beschwerenden Wanderung an die Ecke dieser +und der Gothergade angelangt war, trat plötzlich ein junger Mensch auf +sie zu und redete in sehr zudringlicher Weise auf sie ein. Und als sie +ihm durch rasches Forteilen zu entrinnen suchte, war er ebenso schnell +nochmals an ihrer Seite, wiederholte, die menschenleere Gegend +benutzend, seine Anträge, und umfaßte, trotz Imgjors äußerstem +Widerstand, ihren Leib. + +„Sie sind doch Grevinde!“ flüsterte er, sie fester und fester an sich +ziehend. „So gewähren Sie doch einem armen, sehnsüchtigen Menschen auch +einmal eine glückliche Stunde. Andere dürfen es! Warum wollen Sie es mir +versagen? Ach, wie schön Sie sind! Ich sah Sie mit Kollund sitzen. Der +Glückliche! + +Ich bitte, mein süßes Kind — komm mit — komm mit auf die Bank! Laß uns +plaudern. Höre, wer ich bin, und wisse, ich bin deiner wert!“ + +Imgjor fehlte der Atem und es versagten ihr die Worte. Sie wollte +schreien, Hilfe rufen und vermochte es nicht. Mit ungeheurer Kraft hob +er sie empor, trug sie in das Innere des Parkes und verschwand mit der +Halbohnmächtigen unter den Bäumen. + + * * * * * + +Im Rankholmer Palais saß in seinem dreifenstrigen durch den Anstrich +sanfter Pfirsichfarben reizvoll gehobenen und mit alten Ovenschen +Gemälden und seltenen nordischen Möbeln geschmückten Arbeitsgemach Graf +Peder Lavard und rauchte aus einer kostbaren Meerschaumpfeife. Dem +silberbeschlagenen Kopf entstiegen in blauen Ringen emporschwebende, +einen verführerischen Duft verbreitende Wölkchen, und ein Ausdruck +ausnehmender Behaglichkeit haftete in den Zügen des Besitzers des +Schlosses. + +Ihm gegenüber, in einen hohen Sessel aus dem sechszehnten Jahrhundert +zurückgelehnt, plauderte der Marquis von Curbière, der heute einen +schneeweißen Anzug aus einem Pariser Magazin trug, und nun eben eine +kleine, dünne Cigarette durch rasche Berührung mit einer brennenden +Wachskerze entzündet hatte. + +Die Herren unterhielten sich über eine am kommenden Tage bei Hofe +Stattfindende Festivität, zu der, mit Ausnahme von Imgjor, sowohl die +Familie Lavard, wie auch der Marquis, nach vorangegangener Einzeichnung +seines Namens in das in dem königlichen Vorzimmer ausgelegte Meldebuch, +Einladungen empfangen hatten. + +Und eben, daß man Imgjor ausgeschlossen, daß man, wie stets, von ihr gar +keine Notiz genommen hatte, brachte das oft erörterte Thema ihrer +Emanzipation von neuem in Fluß, ließ die Herren überlegen, durch welche +Mittel man sie endlich von ihren Abenteuerlichkeiten kurieren könne. +Umsomehr beschäftigte sich die Familie mit Imgjor, als einige Vorfälle +der letzten Zeit auch ihren Namen wieder in sehr unliebsamer Weise in +die Oeffentlichkeit gebracht hatten. + +Immer stand Graf Lavard unter der Befürchtung, daß seinen guten +Beziehungen zum Hofe durch Imgjors Verhalten ein Abbruch geschehen +könne. In den Zeitungen war mitgeteilt worden, daß der frühere +Geistliche Kollund in Sommerlyst einen von Tausenden besuchten Vortrag +gehalten und daß die bekannte Grevinde Lavard demselben nicht nur von +Anfang bis zu Ende beigewohnt und ihm sehr lebhaft Beifall gezollt, +sondern auch noch mit dem Redner später lange Nachtstunden allein +konferiert habe. + +Und am nächsten Tage hatten dieselben Zeitungen zu erzählen gewußt, daß +ein Anfall auf die Komtesse verübt sei. + +Nach jenem Vortragsabend sei sie unvorsichtigerweise allein nach Hause +geschritten und, in der Nähe des Rosenborger Parkes angelangt, von einem +Strolch, dessen Familie sie viele Wohlthaten erwiesen habe, überfallen +und übel zugerichtet worden. Sie liege an einem Nervenfieber darnieder +und werde von einer barmherzigen Schwester gepflegt. Auch ihre +Angehörigen weilten täglich an ihrem Lager. + +Seit dieser Zeit waren drei Wochen vergangen. Imgjor war wieder +aufgestanden und hatte sich erholt. + +Bei einem Fest beim Premierminister, dem die königliche Familie +beigewohnt hatte, war zwar der König dem Grafen und seinen Angehörigen +sehr gnädig begegnet, aber es waren doch auch zum erstenmale Worte +gefallen, die seine Ansichten über die junge Gräfin Lavard sehr deutlich +hatten zu Tage treten lassen. + +„Ich bedaure, lieber Graf, daß die Komtesse von einem solchen Unfall +betroffen worden ist. Aber ich würde es nicht nur in ihrem, sondern eben +so sehr im Interesse der Familie halten, wenn sie sich solchen +Extravaganzen nicht aussetzte, überhaupt ihrem Enthusiasmus einige Zügel +anlegte. Der Polizeipräfekt meldet mir, daß nun auch sie einen +öffentlichen Vortrag zu halten die Absicht hat. Suchen Sie das mit allen +Mitteln zu verhindern. Ich rechne darauf. Dergleichen paßt sich nicht +für das Mitglied einer dänischen Adelsfamilie. Wo kommen wir hin, wenn +von dort schon solche Beispiele ausgehen!“ + +Während die Anwesenden noch sprachen, meldete Frederik, daß Komtesse +Imgjor soeben ins Schloß getreten wäre, zudem benachrichtigte er die +Herrschaften, daß das zweite Frühstück serviert sei. + +Unmittelbar darauf trat auch schon Imgjor ins Zimmer, schritt mit der +Miene sanfter Unterordnung auf ihren Pflegevater zu und reichte dem +Marquis mit jenem süßen Blick die Hand, den sie allen denen gönnte, die +sie lieb hatte. Aber auch Lucile erschien, und da war's, als ob nun erst +die volle Schönheit die Welt erhelle. + +Sie glich der Versinnbildlichung des eben eingezogenen blühenden +Sommers! Ein weißes, seidenes Gewand umschloß ihren Körper, eine gelbe +und eine weiße Rose saßen in ihrem nach Empire-Art hochfrisierten Haar. +Sonst trug sie keinen Schmuck. + +„Ah, wie schön du heute wieder aussiehst, meine Lucile!“ flüsterte +Curbière, voll Bewunderung seine Braut umarmend. + +Und während er sie noch mit anderen schmeichelnden Worten überschüttete, +sprach der Graf, seiner Tochter Imgjor mit liebenswürdiger +Zuthunlichkeit den Arm reichend, auf diese ein. + +„Ich möchte dich nachher sprechen, Imgjor. Nach dem Frühstück, ehe du +das Palais wieder verläßt, gehen wir noch einmal zu mir hinüber —“ + +Die Gräfin warf ihr beim Eintritt in den Speisesaal, wohin sie sich +inzwischen begeben, einen von einem vertraulichen Lächeln begleiteten, +guten Blick zu, auch umarmte sie Imgjor bevor sie sich an der Tafel +niederließ. + +Es wurde ein zu unternehmender Wagen- und Reitausflug nach Skodsborg +besprochen. Die Herrschaften wollten auf der Rückkehr in Klampenborg +speisen. Imgjor wurde von den Ihrigen ebenfalls aufgefordert, wich aber +aus. + +„Stimmen Sie doch zu, schöne Schwägerin!“ ermunterte sie Curbière +liebenswürdig. „Lassen Sie einmal die Kittelleute für sich selbst +sorgen! Erinnern Sie sich, wie sie Ihnen jüngst begegneten, und +vergessen Sie nicht, daß Sie auch Pflichten gegen die Ihrigen haben.“ + +„Ich würde sehr gern teilnehmen“ — entgegnete Imgjor, bei der Hitze die +Aermel ihres Kleides etwas zurückgreifend und so ihren reizenden Arm +freigebend — „aber ich will in diesen Tagen einen öffentlichen Vortrag +halten, und da brauche ich alle meine Zeit äußerst notwendig.“ + +„So halten Sie ihn nicht! Das Sternbild des Bären wird nicht vom Himmel +herabfallen, wenn die Welt sich dessen entraten muß. Glauben Sie denn +wirklich, daß dergleichen einen praktischen Nutzen hat?“ + +„Ich hoffe es, lieber Armand.“ + +„Und welchen?“ + +„Daß die Menschen zum Nachdenken gelangen.“ + +„Aber wir haben ja die vielen Orte, die stillen Kämmerlein und +lauschigen Plätze in der Einsamkeit der Gottesnatur, wo die +Erdenbewohner selbst dergleichen üben können! Wir haben zudem all' die +Kirchen und die vielen Prediger —“ + +Imgjor zog die Schultern. + +„Liegt nicht eigentlich eine Vermessenheit darin, fortwährend andere +belehren zu wollen, Imgjor?“ fuhr er fort. „Wär's nicht besser, jeder +verwendete seine Zeit auf sich? Jeder hat's dringend nötig! Ich +wiederhole früher Gesagtes.“ + +„Ja, darin liegt etwas! Ueberhaupt haben Sie wohl von ihrem Standpunkt +aus auch recht. Ich kann aber nicht anders, als nach meiner Natur +handeln. Ist's nicht schon viel wert, wenn es mir gelingt, einige +Mißgeleitete umzuwandeln?“ + +„Das ist — pardon! — die stete Rede aller derer, die es für erforderlich +halten, die Menschen fortwährend auf Tod und Sterben und Buße +hinzuweisen, anstatt sie das Leben lieben zu lehren, sie zur +Lebensfreudigkeit anzuhalten, ihnen ein heiteres, sorgloses Gemüt zu +verschaffen, sie dadurch zu stählen, dem Dasein zu begegnen, so dem +Schöpfer wohlgefällig zu sein. Nichts Widersinnigeres als das +Asketentum, nichts, was Gottes Absichten weniger entspricht! Er schuf +die Sonne und die Helle zum Gedeihen der Welt, uns zur Freude und zum +fröhlichen Genießen. Und wir? Wir verwandeln seine schöne Erde in ein +Jammerthal, durch das wir gezwungen hindurchgehen müssen, in einen +Kerker, in dem wir lebenslänglich zu schmachten verurteilt sind. Wie +kleinlich machen wir den großen Geist. Wie sehr beweisen wir durch +unsere Auffassung von der Gottheit, wie wenig wir jemals über sie +nachgedacht, geschweige ihr innerstes, jedes Geschöpf mit grenzenloser +Liebe, Güte und Nachsicht umfassendes Wesen ergründet haben. Verdammen +wir nicht den Lehrer, der immer nur danach ausschaut, ob die Kinder +fehlen, ihnen ihre Bewegungen beschneidet, sie stetig in solche Fesseln +spannt, die der Natur des freigeborenen Geschöpfes widerstreben; der +fortwährend mit Strafen und Vergeltung droht, der ihnen immer nur +zuruft: „Bedenket, daß der Zeugnistag erscheint!“ Und so fort und so +fort bis zum Abgang? Und nun behängen wir gar das erhabene Wesen mit +solchen Eigenschaften! Wahrlich, man weiß nicht, ob man über solche +Verblendung weinen, oder ob man sich gegen solche Anmaßung der Auslegung +des göttlichen Wesens empören soll!“ + +„Sie sprechen —“ entgegnete Imgjor voll Begeisterung, „für eine +Neugestaltung unserer religiösen Anschauungen. Der geistig höher +Stehende gelangt, und sicher mit Recht, zu solchen. Wir haben es aber +mit der breiten Masse zu thun, die an dem Alten hängt und für welche die +Lehre von Himmel und Verdammnis geeigneter ist. Was ich vorhabe, ist ja +auch etwas anderes. Ich will reden über die Gleichberechtigung der +Menschen zum Zweck eines glücklicheren Erdenlebens, über die Mittel, das +Los der Armen zu verbessern, über die Pflicht der Großen, dazu nach +Kräften beizutragen! Ich will praktische Religion predigen!“ + +„Ich möchte, daß du diesen öffentlichen Vortrag nicht hieltest, ja, ich +wünsche unter allen Umständen, daß es unterbleibt, Imgjor!“ fiel nun der +Graf ein. Er that's, nachdem eben die Dienerschaft das Zimmer verlassen +hatte. + +„Der König sprach mich in diesen Tagen darauf an, daß du dergleichen +vorhabest. Er forderte von meiner Loyalität, daß ich es dir verbieten +möge.“ + +„Deine Loyalität sollte dich eher bestimmen, mir beizupflichten, lieber +Papa!“ fiel Imgjor ein. „Ich predige nicht den Umsturz; ich will nur auf +Grund des Bestehenden reformieren. Und je eher und besser uns das +gelingt, um so sicherer werden sich gerechte Fürsten ihr angestammtes +Erbteil bewahren.“ + +„Wir wollen uns gegenseitig keine Kathedervorträge halten, Imgjor. Du +kennst meine Ansichten und in diesem speziellen Falle jetzt meinen +unbedingten Willen. Da ich dir in so vielem nachgab, darf ich wohl auch +auf einen Gegendienst rechnen. Ich erwarte, daß du noch heute die +Schritte unternimmst, deinen Vortrag rückgängig zu machen. Ich werde +dagegen dafür sorgen, daß die Zeitungen eine berichtigende Notiz +bringen.“ + +„Das kann nicht sein,“ erklärte Imgjor. „Sage dem König, daß ich fürder +nicht mehr öffentlich sprechen will. Diese Abrede aber vermag ich nicht +mehr rückgängig zu machen — unmöglich!“ + +„Was heißt: kann — unmöglich, wenn ich es erbitte, wenn ich es wünsche, +wenn ich es will?“ rief der Graf, dem, wie so oft, jählings die Geduld +riß. Er sprang empor und schlug mit einer Heftigkeit auf den Tisch, daß +die Gläser zitterten. „Welch' grenzenloser Egoismus, immer nur das Ich +sprechen zu lassen, niemals sich erinnern zu wollen, daß es Dankgefühle, +daß es Familienrücksichten giebt! Hast du noch nicht genug? Willst du +abermals Scenen, wie die im Rosenborger Park, sich wiederholen lassen, +deren noch böseres Ende nur ein gnädiger Zufall verhinderte? Findest du +gar Lust daran, dich solchen dich entwürdigenden Dingen auszusetzen, da +du dich nun abermals öffentlich, wie eine Harfenspielerin, dem +allgemeinen Anglotzen preisgeben willst? Wahrlich, es scheint fast so! +Eitelkeit, Eitelkeit bisher! Und nun gar die Sucht nach Beifall auf +Kosten der weiblichen Würde!“ + +„O, halt! Halt!“ rief das in ihrem Innern tief betroffene junge +Geschöpf. Sie flog, ihre Gestalt straff emporreckend, vom Stuhl und +richtete herausfordernde Blicke auf den Grafen. „Daß du das sagst — mir +—“ + +Aber wie einst, schnitt er ihr die Worte ab, sprang auf sie zu, packte +ihre Handgelenke und rief, während ihm ein heißsprühender Atem aus der +Brust quoll: „Ja, das sage ich dir, ich, der Graf Lavard! Willst du dich +meinem Willen nun fügen? Willst du erklären, daß du von dem Vortrage +abstehst? Noch einmal nein, oder —“ + +Aber jetzt hielt es auch Curbière, der bisher bleichen Angesichts +dagesessen und nur durch seine Mienen an den Tag gelegt hatte, was er +bei dieser Scene empfand, nicht länger. Blitzschnell war er an beider +Seite, richtete einen bittenden Blick auf den Grafen und suchte ihm +Imgjor mit sanfter Bewegung zu entreißen. + +Aber auf den bis zur Raserei entflammten Mann übte dieses kavaliermäßige +Dazwischentreten gerade den entgegengesetzten Eindruck. + +„In meine häuslichen Angelegenheiten erbitte ich keine Einmischungen! +Ich muß aufs dringendste bitten!“ stieß er in einem schroff +entschiedenen Tone heraus, schob auch die Gräfin, die zu vermitteln +suchte, kurz und rauh zur Seite und faßte Imgjors Handgelenke nur noch +fester. + +Aber nun wußte Imgjor selbst das Schauspiel zu beenden. Indem sie sich +mit einer plötzlichen Bewegung befreite, sodann an die Thür eilte und +hier, um sich einen ungefährdeten Abgang zu sichern, mit der Linken die +Klinke faßte, sagte sie: + +„Ich kann nicht, Papa! Ich kann nicht, weil ich nicht alleiniger Herr +meiner Handlungen bin, weil ich mein Wort gab. Aber ich will mich in +anderer Weise dir fügen. Ich verzichte von heute an auf alle Rechte, wie +immer sie heißen mögen, auf die Rechte, deinen Namen zu tragen und auf +materielle! Ich werde mich fortan nennen, wie mein Vater hieß. So wirst +du befreit von der, die dir doch nur Schande macht, so streifst du die +Verantwortung für ihre Handlungen von dir ab. Verzeih' mir! Ich bitte +dich flehentlich! Nie werde ich vergessen, was du, was ihr alle Gutes an +mir gethan! Aber ich kann nicht anders. Jeder hat seine Eigenart und +besitzt ein Recht darauf. Auch ich muß meiner Natur folgen — Adieu! +Adieu! Nochmals Adieu! Vergebt mir!“ + +Nach diesen Worten verließ sie mit einem entschlossenen Blick das +Gemach. + + * * * * * + +In einem Hinterzimmer des Wirtshauses in der Nähe des Tivoli saß an +demselben Abend der Wanderprediger Kollund mit Imgjor Lavard. Sie hatte +ihm geschrieben, daß sie ihn sprechen wolle, und er hatte geantwortet, +daß er sich am Abend, nach einem Vortrage in der Umgegend, zu ihrer +Verfügung halte. + +Nun eben hatte er den Kellner gerufen und Speisen und Getränk gefordert, +während sie, nach ihren Wünschen befragt, ihn nur eine Flasche +Selterwasser zu bringen ersuchte. + +Sie besaß weder Hunger noch Durst. Ihr verlangte lediglich nach +Aussprache, nach Förderung ihrer während des Tages zu immer stärkerer +Reise gelangten Pläne. Sie wollte, wie er, das Land durchziehen, aber +sie wollte sich nicht mit Vorträgen begnügen, sondern mit allen Mitteln +dahin wirken, daß in jeder Stadt, in jedem Flecken und jedem Dorfe ein +Wohlfahrtsverein begründet werde. + +Diese sollten sich als Aufgabe stellen, eben das ins Leben zu rufen, was +sie einst mit Prestö geplant hatte. + +Da sie sich nun der Fesseln entledigt, da sie keine Rücksichten auf ihre +Familie mehr zu nehmen hatte, wollte sie wieder die größeren Ideen zu +verwirklichen suchen. + +Vielleicht würde Kollund ihr Partner werden, vielleicht fand sie bei +diesem, von den reinsten Absichten erfüllten Volksfreunde eine +Unterstützung ihrer selbstlosen Bestrebungen. + +Er hörte ihr auch, ohne sie zu unterbrechen, zu. Seine Augen hingen an +den ihrigen, als ob ihn eine Verzauberung ergriffen habe. Seine mageren +Hände griffen immer wieder nach der Flasche. Oft holte er tief Atem. So +beschwert schien er, daß sie einigemale besorgt fragte, ob ihn etwas +schmerze. + +„Nein, nein, nichts, gnädige Komtesse. Ich bitte, fahren Sie fort!“ + +Bisweilen schien's auch während des Zuhörens, als ob er in eine Art +Verzückung geriete, als ob er sich durch ihre Rede so in die Welt der +Wirklichkeit hineinversetzt habe, daß ihm schon alles Thatsache geworden +sei. + +Und das Ende war, daß er ihr begeistert zustimmte, sich bereit erklärte, +fortan mit ihr gemeinsam die Lande durchziehen und ihre von ihm +gutgeheißenen Pläne ins Werk setzen zu wollen. + +„Sehen Sie, Komtesse! Mir fehlten ja nur die Mittel, die Sie besitzen! +Ich mußte mich auf meine Ansprachen beschränken. Von dem Entree, das ich +erziele, soll ich leben und muß ich meine Reisen bestreiten. Sie haben +die vollen Kassen. Sie können sogar noch austeilen. Unter solchen +Voraussetzungen und Eindrücken strömen die Menschen herbei. Da rechnet +es sich auch die bessere Gesellschaft zur Ehre an, zu erscheinen. Ihr +Name, Ihre Stellung und Ihr Reichtum ziehen. Denn Sie müssen es wissen, +schließlich kommt's ja doch bei fast allen nur auf zweierlei an, auf +Befriedigung der Eitelkeit und auf Erreichung von Vorteilen. Von der +Sache selbst Durchdrungene giebt's kaum ein Dutzend auf eine Million!“ + +„Wie? Das sagen Sie, Herr Kollund?“ stieß Imgjor in starker Enttäuschung +heraus. „Ach! Das drückt mich tief herab. Und lassen Sie mich es Ihnen +gleich sagen, daß Sie sich irren, wenn Sie meinen, ich sei noch reich, +ich könne irgend etwas austeilen. Ich besitze nichts, da ich mich mit +meiner Familie völlig überworfen habe! Wenn ich meinen Schmuck verkaufe +— das meiste gab ich schon hin — bleibt mir höchstens die Möglichkeit, +noch einige Zeit zu leben!“ + +Schon bei den ersten Worten Imgjors war in die Züge des Mannes ein +Ausdruck von Mattigkeit getreten. Beim Schluß ihrer Erklärungen hielt er +schon gar nicht mehr mit seinen veränderten Gedanken und Anschauungen +zurück, zog die Lippen und schüttelte das Haupt. + +„Wenn die Dinge so stehen, Komtesse, ist — ist — garnichts zu machen! +Ich ging natürlich von ganz anderen Voraussetzungen aus. Bei solcher +Sachlage kann ich Ihnen nicht die geringsten Erfolge Ihrer Vorhaben +versprechen. Wir würden uns nur gegenseitig im Wege stehen. Jetzt vermag +ich allein zu existieren; in der Folge würden wir nicht das tägliche +Brot haben. Ist denn wirklich alles dahin? Ist keine Aussicht, daß Sie +sich mit Ihrer Familie wieder einigen?“ + +„Nein,“ erwiderte Imgjor kalt, mit einem solchen eisigen Ausdruck, daß +der Mann, der sich schon allen möglichen Träumen von Liebesglück und +Erdenschätzen hingegeben hatte, nunmehr einer völligen Ernüchterung +erlag. + +Im Nu verschwand der bestrickende Zauber, den Imgjor auf ihn ausgeübt +hatte. + +Aber auch Imgjor erlitt entsetzliche Qualen der Enttäuschung, doppelte, +da sie sich nicht nur in ihren Hoffnungen auf diesen Mann als Mithelfer +ihrer großen Pläne getäuscht fand, sondern auch durch ihn so +rücksichtslos belehrt worden war, wie nutzlos alles Mühen ohne +materielle Mittel sein werde. Sie hatte sich dem unbestimmten Gefühl +hingegeben, daß dieser edle Enthusiast die Herbeischaffung solcher +freudig auf seine Schultern nehmen, daß er dazu auch leicht imstande +sein werde. Sie, die immer aus dem Vollen geschöpft, die stets die Hand +hatte aufthun können, hatte sich trotz des täglichen Einblicks in die +Lebensnot der Menschheit auch in dieser Richtung eine Illusionswelt +aufgebaut. + +Und abermals hatte sie ebenso vorschnell, wie unweise gehandelt! Anstatt +vorher zu prüfen, die Folgen ihres Vorhabens zu überlegen, hatte sie +ihre Erwartungen ohne weiteres zu Thatsachen erhoben und war nun gleich +bei den ersten Schritten, die sie unternommen, bis zum Fallen +gestolpert. + +Jetzt stand sie — in furchtbarer Klarheit kam's über sie — wirklich dem +„Nichts“ gegenüber. Und sie hatte sich, wenn sie ehrlich überlegte, +während ihrer nun fast zwei und einhalbjährigen Thätigkeit draußen in +der Welt kaum einen Freund, sondern nur Feindschaft erworben. + +Die Freunde, die einzigen, die sie vorher besessen, hatte sie eben in +ihrem stolzen Uebereifer von sich gestoßen. Ihren Widersachern wollte +sie sich offenen Auges zugesellen und abermals mit schweren Kränkungen +und schnödem Undank verbundene Lasten übernehmen. War darin ein Sinn? +Hatte sie noch nicht Erfahrungen genug gesammelt? War's noch nicht +genügend erwiesen, daß ihre Umgebung in allem Recht gehabt? + +Und eben aus diesen gegen sich selbst gerichteten Ueberlegungen entstand +jählings eine um so größere Abneigung gegen denselben Mann, dem sie noch +beim Beginn des Gespräches gleichkam ihr ganzes Ich hatte verschreiben +wollen, den sie als den plötzlich ihr erstandenen Erlöser betrachtet +hatte. Sie konnte es nicht erwarten, die Beziehungen zu ihm abzubrechen, +auch ihm die Erklärung zu geben, daß sie keinen öffentlichen Vortrag +halten wolle. + +Sie nahm deshalb kurz und schroff das Wort und sagte: + +„Unser Gespräch hat mich belehrt, daß wir nicht, wie ich hoffte und +glaubte, zu einander passen, Herr Kollund. Ich bin infolgedessen auch zu +dem Entschluß gelangt, übermorgen nicht zu sprechen. Ich bitte also, die +Ankündigung zurückzuziehen. Ich muß es definitiv ablehnen, öffentlich +aufzutreten!“ + +Der Mann nickte beipflichtend, ohne sich im geringsten zu ereifern. + +„Ich würde,“ hub er mit unangenehm wirkender Ruhe an, „dann nur um den +Ersatz der Kosten bitten, Geldmittel für die Inserate in den Zeitungen, +für das Lokal, für die Personen, die ich zu bezahlen habe, und für die +Ausfälle an Einnahmen.“ + +„Welche Personen, welche Ausfälle an Einnahmen? Ich bitte!“ + +„Nun, die Stimmung machen, die mit einem Teller zum Sammeln herumgehen +sollten.“ + +„Stimmung machen, sammeln? Für was und für wen?“ + +„Wie Sie fragen, Gnädige! In solchen Versammlungen braucht man eine +Claque, und die muß man bezahlen. Die Sammlung wird für meine +Bedürfnisse aufgebracht — Ich soll doch leben — ich soll doch etwas +zurücklegen —“ + +„Gewiß, ersteres sicher! Und Sie lassen das erklären, oder Sie sagen es +selbst?“ + +Der Mann schüttelte den Kopf. + +„Nein! Das geht nicht. Dann kommt fast nichts ein! Die Beträge müssen +als Agitationsausgaben für die große Sache bezeichnet werden.“ + +„Glaubt man Ihnen denn das? Fragt man nicht, wer das Geld verwaltet, wo +es bleibt?“ + +„Nein. Ich bin der Verfechter der großen Idee. So ist auch am besten +angelegt.“ + +„Hm — hm — aber das ist doch alles nicht ehrlich, Herr Kollund, das +heißt doch nur an sich denken.“ + +„Vielleicht! Aber es geht nicht anders, meine Gnädigste. Mit +Sentimentalitäten kann man das Leben nicht anpacken. Man muß, um +durchzuringen, zu den Grundsätzen der Heiligung der Mittel greifen.“ + +„O nein, nein! Nie würde ich dazu meine Hand bieten. Verwerflich finde +ich solches Ausnützen des Vertrauens, schwindlerisch eine solche +Vertuschung der Wahrheit!“ + +„Sie sind eben noch sehr jung, meine Gnädigste! Sie meinen, daß sich +hier die Welt anders bewähren soll, als sonst allezeit. Und deshalb +erwarten Sie es, weil Ihre Absichten lauter sind, weil der Gegenstand +Ihnen groß und erhaben däucht. Ach, wie bald, wie gründlich werden Sie +belehrt werden! Die Kreatur bleibt sich in allen Lebensverhältnissen +gleich. Hier, hier erst recht muß man sehr klug sein und klug handeln, +um die Zwecke, die man im Auge hat, zu erreichen.“ + +„Nun, so mag es sein! Ich will Ihnen nicht widersprechen,“ stieß Imgjor, +ihre Empörung nur schwer dämpfend, heraus, „aber ich will jedenfalls +meinen Geldbeutel dazu nicht öffnen! Ich gebe das, was das Lokal und die +Annoncen kosten, ich gebe Ihnen eine Entschädigung dafür, daß Sie Ihre +Zeit mir nutzlos geopfert haben. Sie mögen dann verfahren, wie Sie es zu +verantworten vermögen. Ich will kein Hehler dieses Verrats und dieser +Unehre sein!“ + +„Ich sehe Ihnen Ihre Worte nach, Komtesse, weil ich Ihrer Unerfahrenheit +Rechnung trage, und wünsche nun auch meinerseits diesen Teil des +Gespräches zu beendigen. Ich bitte nun nur fragen zu dürfen, wann ich +mir den Betrag holen darf?“ + +„Wieviel verlangen Sie?“ + +„Mit fünfhundert Kronen denke ich zu reichen —“ + +„Fünfhundert Kronen? Unmöglich! Ich habe kaum so viel, wenn ich mein +Eigentum veräußere!“ + +„So geben Sie vierhundert. Ich will mich einzurichten, denen, die zu +fordern haben, abzudingen suchen. Diese Summe muß ich aber bereits +morgen Mittag von Ihrer Güte erbitten, wenn nicht für Sie sehr +unliebsame Zeitungserörterungen die Folge dein sollen. Diese würden auch +Ihrer Familie wohl wenig angenehm sein!“ + +„Gut!“ hauchte Imgjor, die weißen Zähne zusammenbeißend. „Sie sollen das +Geld um zwölf Uhr bei mir finden. Aber schicken Sie darnach. Mit Ihnen +möchte ich nicht ferner verhandeln —“ + +Nach diesen Worten reckte sie sich rasch empor, warf eine halbe Krone +für den Kellner auf den Tisch, griff nach Hut und Umhang und war schon +mit äußerst gemessener Kopfneigung verschwunden, ehe der Mann auch nur +Zeit hatte, ihr beim Anziehen des Mantels behilflich zu sein. — + + * * * * * + +Nachdem Imgjor ihre Wohnung betreten hatte, schritt sie mit einer +gewissen Hast an den Briefkasten. Sie erwartete, einen Brief von ihrer +Pflegemutter oder von Lucile zu finden. Sie hoffte es, während sie noch +bei ihrem Fortgange überlegt hatte, wie sie sich den Versuchen der +Ihrigen, ihren Sinn umzustimmen, zu entziehen vermögen werde. + +Sie fand auch ein Schreiben und zwei Karten, aber sie waren nicht von +den Lavards geschrieben. + +Die eine Karte war von dem Marquis de Curbière, die andere von dem +Hospitalarzt Doktor Kropp. Das Schreiben aber trug die ihr bekannte +Handschrift des Direktors des Krankenhauses, Doktor Stede, der seinem +lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gab, daß Imgjor nicht mehr in das +Hospital zurückkehren wolle. Er teilte ihr überdies mit, daß Doktor +Kropp von dort ebenfalls seinen Abschied genommen und sie besuchen +werde, um ihr eine Bitte vorzutragen. + +Einen Augenblick vertiefte sich Imgjor nach Lesen dieser Zeilen in ein +stilles Nachdenken, dann griff sie nochmals nach den beiden Karten. + +Und da fand sie beim Umwenden auf der Rückseite der vom Doktor Kropp +abgelegten die mit Bleistift geschriebenen Worte: + +„Bitte, Ihnen morgen vormittag gegen zwölf Uhr wieder aufwarten zu +dürfen —“ und auf derjenigen des Marquis de Curbière die Notiz: + +„Bedaure außerordentlich, Sie nicht getroffen zu haben! Wann darf ich +Sie sprechen?“ + +Da in diesem Augenblick das neue, von Imgjor statt der diebischen Dirne +angenommene Mädchen, das Stiefkind der Witwe Holm, Gebine Holm, ins +Zimmer trat, und nach ihren Befehlen fragte, wurden Imgjors Gedanken von +ihren eigenen Angelegenheiten abgelenkt. + +Sie hatte dem Kinde versprochen, für sein Fortkommen zu sorgen, und +besaß nun selbst nichts! + +Das beschäftigte Imgjor so sehr, daß sie erst Ruhe fand, als sie sich +vorstellte, sie könne das junge Ding in Rankholm unterbringen. + +Und dadurch wieder in ihren Vorstellungen gehoben, richtete sie einige +bisher verschobene Fragen an Gebine. + +„War jemand da, während ich fort war, Kind?“ warf sie hin. + +„Ja, gnädige Komtesse! Ein Mann wollte Sie sprechen —“ + +„Ein Mann oder ein Herr? — Wie sah er aus?“ + +„Es war — glaube ich — ein Matrose. — Ich fürchtete mich —“ + +Imgjor schrak heftig zusammen. Sie dachte an den Ueberfall, und +unwillkürlich brachte sie den Besuch mit diesem Geschehnis in +Verbindung. Als Imgjor in jener Nacht endlich die Kraft gewonnen, zu +schreien, waren zwei zufällig nicht weit vom Parkeingang befindliche +Nachtwächter herbeigeeilt und hatten den Strolch verscheucht. Er hatte +ihr aber noch zugerufen, daß er sie von neuem zu treffen wissen werde. + +„Wie sah er denn aus, Gebine? War's ein großer, starker dunkler Mann?“ +forschte Imgjor stark erregt. + +Gebine nickte. + +„Ja! Er hatte ein rotes Tuch um den Hals.“ + +Imgjor fuhr zusammen. So war's also derselbe! Ein rotbraunes Tuch hatte +jener in der Nacht getragen. + +„Und was sagtest du, Gebine?“ + +„Ich sagte, Komtesse wären verreist. Sie kämen heut' Abend mit einem +Herrn zurück, mit einem Rittmeister.“ + +„Weshalb sagtest du das? Wie kamst du darauf?“ Imgjor sprach's +verwundert. + +Das Kind richtete einen ängstlichen Blick auf ihre Gebieterin. Sie +antwortete nicht. + +„Nun? Sprich! Weshalb sprachst du von einem Rittmeister?“ + +„Ja — ich — hatte so schreckliche Angst — Er guckte mich so sonderbar an +— und da, da dachte ich, wenn ich das sagte, dann würde er nicht +wiederkommen, würde er Komtesse nicht belästigen.“ + +Imgjor sagte zunächst nichts. Sie überlegte, ob sie Gebine schelten oder +ihr für ihre Fürsorge ein Lob spenden sollte. Jedenfalls hatte sie es +gut gemeint, hatte sie sehr fürsorglich gehandelt. + +Endlich glaubte sie, das Rechte gefunden zu haben. Sie sprach: „In +diesem Fall war deine Unwahrheit nützlich, Gebine. In der Not mag eine +solche einmal erlaubt sein. Sonst aber mußt du dich strengster Wahrheit +befleißigen. Nichts ist so verabscheuenswert wie die Lüge! Aus ihr +entspringen alle anderen Laster. — Und noch eine Frage: Was äußerte der +Mann, als du dies sagtest?“ + +„Er fragte, wie lange der Rittmeister bliebe, und wer er wäre.“ + +„Und du? du? Was — entgegnetest du, Gebine?“ + +„Ich sagte — ich sagte — daß es Ihr Bräutigam wäre —“ + +„Aber das war ja abermals eine Lüge!“ stieß Imgjor nun zornig heraus. + +„Was sind das alles für Erfindungen — für Phantasien! — Ich bin außer +mir, Gebine! Das macht mich sehr betrübt. Hast du mich auch schon +belogen? Oft? — Heraus mit der Sprache! Du sagtest gestern, ich hätte +dir nur eine halbe Krone gegeben, als du vom Krämer wiederkamst. Ich +hätte mich geirrt. Sprich! Und ich warne dich, etwas anderes zu sagen, +als die Wahrheit! War's doch eine ganze Krone? Hast du die andere Hälfte +in die Tasche gesteckt?“ + +„O nein — nein — ganz gewiß nicht, Komtesse! Ich habe der Komtesse immer +nur die Wahrheit gesagt. — Der Kaufmann schickte mich gleich wieder weg. +Ich hatte das Geld in Papier gewickelt — ich hatte es gar nicht +nachgesehen —“ + +„Kann ich dir glauben, Gebine? Sieh', Kind, wenn du mich betrogen hast — +ich werde mich erkundigen — mußt du gleich zu deiner Stiefmutter zurück. +Und wenn du es später thust, ziehe ich meine Hand unwiderruflich wieder +von dir zurück.“ + +Und zurücksinkend, weil von all den Eindrücken überwältigt, flüsterte +Imgjor: „O welche Einblicke in das Innere der Menschen, — täglich, +stündlich! Wo sind die wahrhaft Reinen, Guten?“ Und dann rief sie das +Kind heran und sprach: + +„Gewiß, ein Beispiel, wie du es im Hause hattest, Gebine, macht schlecht +und entschuldigt dich eher! Aber da dir das Unterscheidungsvermögen noch +nicht abhanden gekommen ist, so sage ich dir und wisse und glaube es: +Nur aus dem Guten vermag Gutes zu ersprießen! Eine Weile mag's gehen, +aber es kommt die Zeit, wo du dafür schwer büßen mußt, wo dich tiefe +Reue ergreift, wo du alles hergeben möchtest, um Geschehenes ungeschehen +zu machen! So — und nun gehe zu Bett! Weine nicht mehr! Nein, nein, ich +bin dir nicht böse.“ + +Und Gebine ging. Imgjor Lavards Gedanken aber wanderten, während sie +noch dasaß, nach Rankholm, und ihr war's abermals jetzt, als ob dort ein +Eden, ein unvergleichliches Paradies sei — in der großen Welt aber — +eine Hölle — + + * * * * * + +Am kommenden Tage verließ Imgjor schon ihre Wohnung und ging ihren +Obliegenheiten nach. + +Sie besuchte einige Kranke und Rekonvalescenten, sprach in dem Hause +einer Witwe vor, die eine gelähmte Tochter besaß, welche auf Imgjors +Kosten in ein deutsches Kurbad gesandt worden war, empfing Nachrichten +über diese, die sie erfreuten, nahm auch die Dankworte der stotternden +Frau entgegen und machte sich sodann nach ihrem Bankgeschäft auf den +Weg, um daselbst die für Kollund erforderliche Summe zu holen. + +Sie hatte augenblicklich dort nicht einmal ein Guthaben mehr, aber sie +wußte, daß man ihr eine nicht zu groß bemessene Summe auch ohne ein +solches aushändigen werde. + +Auf dem Wege dorthin erblickte sie — und das Herz wollte ihr stille +stehen — jenen Menschen, welcher sie in der mehrerwähnten Nacht +überfallen hatte. Er wandte sich von einem Buchladen, vor dessen +Schaufenster er gestanden, gerade wieder der Gasse zu, und nur durch +einen Zufall wurde verhindert, daß er Imgjor gewahrte. Seine +Aufmerksamkeit ward durch eine Equipage, deren Pferde scheu geworden, +abgelenkt. + +Diesen Zufall benutzte Imgjor, sich seinen Blicken zu entziehen. + +Sie schlüpfte rasch in ein offenstehendes Tabakgeschäft, trat gleich zu +einem tiefer im Fond befindlichen Kommis und wollte eben ein Pfund Tabak +für den alten Ohlsen, den Mann der Blinden, einhandeln, als nun auch +zufällig Doktor Kropp den Laden betrat. + +Sehr überrascht, aber mit gewohnter Ehrerbietung sprach er auf Imgjor +ein, und als sie beide den Handel erledigt hatten, bat er um die +Erlaubnis, sich ihr anschließen zu dürfen. + +Und Imgjor nickte bereitwillig, schritt mit ihm bis zur Landmannsbank, +woselbst er auf sie wartete, und legte alsdann in seiner Begleitung den +Weg nach ihrer Wohnung zurück. + +Immer drehte sich das Gespräch um die Vorgänge im Hospital, und Doktor +Kropp berichtete über die Gründe seines Rücktritts, die wesentlich auch +die ihrigen gewesen. + +Zuletzt gelangte er — eben hatten sie die Ecke der Gotersgade erreicht +und wandten sich in stillschweigender Uebereinstimmung dem botanischen +Garten zu — auf seine eigenen, von Stede bereits berührten +Angelegenheiten. + +„Ich möchte,“ hub er an und richtete einen etwas verlegenen Blick aus +den schwarzen Augen seines dunkelgefärbten, schmalen und etwas mageren +Gesichtes auf Imgjor, „mich bei Ihnen erkundigen, ob wohl in der +Grafschaft Ihres Herrn Vaters eine Landpraxis frei sein würde. Ich sehne +mich aus dem hiesigen Wirrwar heraus, und ich komme darauf, weil mir vor +Jahren ein früherer Universitätsbekannter, ein Herr Doktor Prestö, +mitteilte, daß eine solche in dem von ihm zu verlassenen Dorfe +Kneedeholm zu haben sein werde. + +Wahrscheinlich hat sich inzwischen längst dort wieder ein Arzt +niedergelassen, aber ich wollte mich doch vergewissern und im Fall um +Ihre gütige Unterstützung bitten, Komtesse!“ + +„Die würde Ihnen auch, soweit meine Kräfte reichen, sehr gern zu +Diensten stehen, Herr Doktor. Aber wir haben, wie sie richtig vermuten, +in Kneedeholm einen Arzt, und für zwei reicht die Praxis nicht aus. + +Wohl aber weiß ich, daß der schon bejahrte Physikus in der nahe +gelegenen Stadt Oerebye der Thätigkeit müde ist und sich gern mit einem +Nachfolger einigen würde. Vielleicht wäre das etwas für Sie?“ + +„Gewiß und um so besser! Ich danke Ihnen verbindlichst, Komtesse! Dürfte +ich nach dieser Richtung auf Ihren gütigen Beistand rechnen? Würde mich +vielleicht Ihr Herr Vater — auf Ihre Empfehlungen gestützt — mit einer +solchen an den Physikus zu versehen die Liebenswürdigkeit haben?“ + +Imgjors Züge veränderten sich. Sie überlegte, ob sie Kropp von den +inzwischen eingetretenen Vorfällen in ihrer Familie Mitteilung machen +solle. + +Sie schwankte aber schon deshalb, weil sie sich vor einer abermaligen +Enttäuschung fürchtete. + +Die furchtbaren Erfahrungen der letzten Zeit hatten ihr Mißtrauen gegen +jedermann eingeflößt. + +Sie hielt es nicht für unmöglich, daß auch Kropp seine Haltung ändern +werde, wenn sie ihm erklärte, daß sie plötzlich ein armes, des Ansehens, +ihres vornehmen Namens und Reichtums beraubtes Wesen sei. + +Aber weil doch wieder ein trotziges Verlangen in ihr saß, mit allem +aufzuräumen, zu wissen, was Weizen und was Spreu sei, entschloß sie sich +schließlich gerade zu einer rückhaltslosen Eröffnung. + +„Meine eigene Empfehlung steht Ihnen jederzeit zur Verfügung, Herr +Doktor,“ begann sie. „Eine solche von meinem Vater vermag ich Ihnen aber +leider nicht zu verschaffen. Ich bin gänzlich mit ihm auseinander. Ich +lege sogar meinen Namen ab und werde fortan einen anderen tragen. Noch +einige Wochen, und ich gehe für immer von hier fort! Wohin, weiß ich +noch nicht. Es wird sich ein Ort finden, wo ich mir mein Brot werde +verdienen können.“ + +„Wie? In der That?“ stieß Kropp in höchster Ueberraschung, aber zugleich +mit einem Ausdruck heraus, der bewies, daß sich etwas anderes, daß sich +eine glückselige Hoffnung in ihm regte. + +„Ich bitte, ich bitte, schenken Sie mir Ihr Vertrauen! Erzählen Sie mir, +wie das alles gekommen ist!“ drängte er, während sie sich auf einer vor +dem kleinen See befindlichen Bank niederließen. + +Ehrliches Mitgefühl erfüllte ihn, Sorge und Teilnahme ließen ihn +sprechen. + +Und Imgjor wollte ihm auch Antwort erteilen, aber da es in diesem +Augenblick bereits zwölf vom Kirchturm schlug, wurde sie daran erinnert, +daß sie um diese Zeit Kollund das Geld einzuhändigen habe. Sie erhob +sich deshalb sogleich wieder und gab Kropp die Erklärung, daß sie fort +müsse, daß ihr jetzt die Zeit fehle. Auch am Nachmittag vermöge sie ihn, +wegen ihrer Verpflichtungen gegen eine erblindete Frau, nicht zu +empfangen, aber später am Abend, in ihrer Wohnung, wollte sie ihm gern +alles mitteilen. + +Bei den letzten Worten kamen ihr zwar Bedenken. + +Ihr fiel unruhvoll auf die Seele, daß Kropps Besuch bei ihr falsch +ausgelegt werden könnte, daß sich daraus neue Anschuldigungen entwickeln +könnten, denen sie unter allen Umständen vorbeugen wollte. + +Und als sich dann, während sie dahin schritten, weitere Erörterungen +entwickelten, als Kropp erfuhr, welche Bewandtnis es mit Kollund und mit +der Blinden habe, als sich herausstellte, daß Imgjor lediglich aus +Mitleid der Alten die Wohnung täglich reinige und ihr vorlese, stand er +plötzlich still und richtete einen bewundernden Blick auf das junge +Mädchen an seiner Seite. + +„Ah, welch' ein edles, selbstloses Wesen sind Sie, Komtesse! Wahrlich, +man sucht Ihresgleichen vergebens! Aber wie vertrauensvoll sind Sie auch +noch! Nicht einen Oer dürfen Sie dem Betrüger Kollund geben. Es ist ja +alles erlogen! Die Umstände benutzt er, um Ihnen Geld aus der Tasche zu +locken. Ich bitte Sie dringend, geben Sie mir die Sache in die Hand. Ich +werde dem Schwindler seinen Standpunkt klar machen, ich werde ihn +veranlagen, auf jeden Schilling zu verzichten! Für bessere Zwecke, für +nützlichere, für sich selbst, teure, verehrte Komtesse, bewahren Sie Ihr +Geld! Nun, was meinen Sie? Darf ich Ihr Anwalt sein?“ + +„Ich gab mein Wort, Herr Doktor! Selbst wenn Sie Recht haben — es ist +vielleicht möglich — darf, kann ich es doch nicht brechen.“ + +„Gewiß! Sie sind sogar dazu verpflichtet, solchen Schwindlern nicht noch +die Wege zu ebnen! Wollen Sie glauben, daß derselbe Mensch sich mir +verkauft, wenn ich ihm heute im Auftrage eines Konsortiums den Antrag +Stelle, an anderen Orten Dänemarks Vorträge im entgegengesetzten Sinn zu +halten? Natürlich! Gold muß die Lockspeife sein!“ + +„O nein, nein, für so erbärmlich, für so niederträchtig halte ich ihn +nicht! Sie gehen zu weit!“ rief Imgjor. „Von dem, was er lehrt, ist er +überzeugt!“ + +„Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen durch eine anzustellende Probe +den Beweis der Richtigkeit meiner Behauptungen zu liefern, Komtesse. Es +fehlen mir die Mittel. Aber ich bitte nochmals, daß Sie mir Ihre Sache +zur Erledigung anvertrauen! Sagen Sie ihm, oder wenn ein Bote kommt, +diesem, ein befreundeter Herr werde Herrn Kollund zur Erledigung der +Angelegenheit besuchen. Ich bringe Ihnen alles in Ordnung, verlassen +Sie sich darauf! Nur das Lokal, wenn solches wirklich bezahlt werden +muß, und die Kosten für die Inserate werde ich ihm vergüten, und er wird +sich damit zufrieden geben. Aus seiner sicher erfolgenden +Verzichtleistung werden Sie schon erkennen, welch' Geisteskind er ist.“ + +„Nun wohlan! Ja — ich will! Ich danke Ihnen! Gelingt es Ihnen, so soll +das Geld denen zukommen, von denen ich weiß, daß sie dessen bedürftig +sind. Und nun auf Wiedersehen! Gegen sieben Uhr erwarte ich Sie in +meiner Wohnung. Wir werden dann alles besprechen, was noch der +Erledigung harrt.“ + +Nach diesen Worten nahm Imgjor von ihrem Begleiter — eben waren sie an +ihrer Wohnung angelangt — mit einem freundlichen Blick Abschied. + + * * * * * + +Oben angekommen, sah sie einen fremden Mann im Flur stehen, und Gebine +erklärte sogleich, daß er von Kollund komme. Nachdem er verständigt +worden war und sich entfernt hatte, begab sich Imgjor in ihr Zimmer, um +einige Zeilen an Curbière zu schreiben, und als sie den Brief eben +beendigt hatte, erschien Gebine und meldete, daß ein ihr unbekannter +Herr sie zu sprechen wünsche. + +„Frage erst nach seinem Namen!“ entschied Imgjor, von einer angenehmen +Ahnung erfaßt. Sie sah forschend empor, als Gebine mit einer Karte in +der Hand wieder ins Zimmer trat. Auch griff sie mit hastiger Hand +danach, fand den Namen, den sie erwartet hatte, und nickte zum Zeichen +ihres Einverständnisses, den Besuch empfangen zu wollen, mit dem Kopfe. + +Und dann, wenige Augenblicke später, trat Curbière zu ihr ins Zimmer, +küßte ihr ehrerbietig die Hand und erklärte, daß er gekommen sei, um von +ihr Abschied zu nehmen. Sein Vater sei plötzlich gestorben, er, +Curbière, müsse noch diesen Abend Kopenhagen verlassen, habe aber nicht +fortgehen wollen, ohne Imgjor noch einmal gesehen und gesprochen zu +haben. + +„Lavards verlassen infolge des Trauerfalles morgen abend ebenfalls +Kopenhagen und kehrten nach Rankholm zurück,“ schloß der Marquis. + +„Bevor sie gehen, möchte Lucile Sie, liebe Imgjor, sprechen, möchte mit +Ihnen überlegen, ob nicht doch noch ein Weg zum Frieden zu finden ist. +Allerdings — den Vortrag dürfen Sie nicht halten. Treten Sie heut' Abend +öffentlich auf, ist der Graf entschlossen, sich unweigerlich von Ihnen +loszusagen, und dies auch öffentlich bekannt zu geben! Ich bitte, daß +Sie darin nachgeben, ja, ich beschwöre Sie, teure Imgjor, bringen Sie +Ihrer Familie zu Liebe dieses Opfer!“ + +Zunächst gab Imgjor keine Antwort, es war ihr vorerst Bedürfnis, mit +Curbière über den Tod seines Vaters zu sprechen. Sie ließ sich +ausführlich von ihm erzählen, hörte aufmerksam zu und drückte ihm voll +Teilnahme die Hand, als ihn zuletzt eine weiche Stimmung ergriff, als er +in bewegten Worten betonte, daß er mit dessen Tode das bisher Beste auf +der Welt verloren habe, was er sein eigen genannt hätte. + +„Sie haben Lucile dafür gefunden, lieber Armand! So war das Schicksal +schon vorher mitleidig für Sie bedacht, Ihnen für das, was es Ihnen +nehmen mußte, einen Ersatz zu gewähren.“ + +Curbière bewegte stumm das Haupt, dann sah er Imgjor mit einem tiefem, +alle seine Gedanken und Sinne auf sie richtenden Blick an und sprach ein +kurzes, zerstreutes: „Gewiß — allerdings!“ + +„Ich habe Ihnen noch eine Antwort zu geben,“ lenkte Imgjor rasch und +umsichtig ab. „Den Vortrag werde ich nicht halten; man hat mich +unerwartet meines Wortes entbunden. Also beruhigen Sie meinen Vater! +Aber, lieber Freund, ich werde auch keine Lavard wieder werden. Es sei +denn —“ + +„Nun, Imgjor?“ Curbière sprach's gespannt. + +„Daß ich allem entsage, und für immer nach Rankholm zurückkehre. Und +eben das vermag ich nicht, so sehr ich meine Pflegeeltern zu verehren +Anlaß habe, und so sehr ich es liebe und mich nach jedem Plätzchen +sehne, wo ich als Kind glücklich war. Ich kann eben nicht im Ueberfluß +und ich kann nicht ohne Hingabe an meine Mitmenschen leben!“ + +„Wollen Sie denn in Kopenhagen bleiben, Imgjor?“ + +„Nein — hier haben mir Verleumdung und Mißgunst den Aufenthalt unmöglich +gemacht. Ich wüßte nur einen Ort, wohin ich paßte —“ + +„Und der wäre?“ + +„Ich möchte nach Paris. Da, glaube ich, würde ich in Thaten umsetzen +können, was mir als Ideal vorschwebt. Dort ist der Boden für mich, und +finde ich solche, die gleich mir denken!“ + +Im ersten Augenblick belebten sich Curbières Augen. Sie sprach mit +solcher Begeisterung von seiner Vaterstadt, von Paris! Das schmeichelte +ihm. Aber ebenso rasch gewannen andere Gedanken die Oberhand. Alles war +verloren, wenn er ihr nicht gerade diese Idee ausredete! Er wußte, daß +sie dort nicht nur nichts erreichen, sondern sicher untergehen würde. In +diesem Sinne sprach er auf sie ein. Nachdem er alle ihre Einwendungen +überzeugend widerlegt hatte, schloß er: „Und wollen Sie uns ein Opfer +bringen, sich selbst auch Ihrem eigenen Ich zurückgeben, so heiraten Sie +den Grafen Dehn! Ich verschwieg Ihnen sein Kommen. Er ist gestern +eingetroffen und kehrt morgen abend mit den Ihrigen nach Rankholm +zurück. Daß er Sie noch mit der alten Leidenschaft liebt, weiß ich.“ + +Imgjor hatte mit Leichenblässe im Angesicht die letzten Worte vernommen, +auch hatten ihre Hände unwillkürlich nach einem Stützpunkt gegriffen. Da +war nun wieder ein neuer Ansturm auf ihr Inneres, nun kam auch noch +diese Versuchung! + +Aber kurz war nur ihr Kampf. Prestö hatte sie geliebt, weil sie gehofft +hatte, durch ihn ihre Ideale verwirklichen zu können. Axel Dehn liebte +sie mit der Stärke jener Liebe, die aus Achtung entspringt. Ein +lebhaftes Interesse für den Franzosen war in ihr aufgestiegen, weil er +neben seiner weltmännischen Erziehung wiederholt an den Tag gelegt +hatte, daß er ein Mann von Verstand und Geist war, und daß er zugleich +ein edles Herz besaß. Aber Prestö hatte sie inzwischen hassen gelernt, +Graf Axel Dehn wollte sie nicht lieben — und Curbière gehörte ihrer +Schwester an! So war alles entschieden. Indem sie Curbière mit einem +Blick ansah, durch den sie schon voraussandte, daß sie sich nur mit der +ernsten Seite dieses ernsten Gegenstandes beschäftigte, sagte sie: „Ich +vermag nicht zu beurteilen, ob Sie den richtigen Weg wählten. Es wäre ja +auch möglich gewesen, daß Sie durch solche Offenherzigkeit gerade das +Gegenteil bewirkt hätten! Sie haben mir zu allem, was ich zu tragen +habe, noch etwas Schweres aufgebürdet. Sie haben aber meine Freundschaft +angerufen, und das soll nicht umsonst geschehen sein, Armand! Ich +verzichte darauf, nach Paris zu gehen, aber Ihre Bitte, den Grafen Dehn +zu heiraten, vermag ich nicht zu erfüllen. Ich werde nie heiraten, weder +ihn, noch einen anderen!“ + +Bei diesen Worten sah sie ihn mit einem so unbeugsamen Ausdruck an, daß +der Mann fernere Versuche, sie umzustimmen, ausgab. Noch einen +Händedruck tauschten sie beide mit den Gedanken reiner Seelen. Dann ging +er. Sie aber sank, während das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe +verklang, in tiefem innerem Verstummen zurück. + + * * * * * + +Am Nachmittag bestieg Imgjor einen Tramwaywagen und begab sich nach der +Wohnung der alten Frau Ohlsen. Es war ihr, dort angekommen, schon +auffallend, daß sie eine Anzahl Frauen und Männer, lebhaft sprechend, +auf dem Hofe fand, und sie erschrak nicht wenig, als ihr auf ihre Frage, +ob etwas geschehen sei, erwidert wurde, daß den Alten in der Frühe der +Schlag gerührt habe. + +Durch Zufall habe man es entdeckt, habe auch die Alte davon Kenntnis +erhalten. Sie habe geglaubt, daß er schon fortgegangen sei, als sie +einen schweren Fall in der Küche gehört. Imgjors erster Gedanke bei +diesem Unglück war die Ueberlegung, was jetzt als der hilflosen Witwe +werden solle. Nun waren ihr durch diesen Tod die Neben-Hilfsmittel zum +Leben ganz entzogen. Und von dieser Erwägung richteten sich ihre +Vorstellungen auf das Nächstliegende. Der Mann mußte beerdigt werden. +Sie gab einem zu solchen Zwecke von ihr bezahlten Mann Auftrag, sich +sogleich fortzubegeben, um eine Leichenwäscherin zu bestellen und einen +Tischler zur Anmessung des Sarges herbeizurufen. Und nachdem das +geschehen war, trat sie zu der Alten, sprach sanfte Trostworte und +erklärte ihr möglichst schonend, daß sie nunmehr in das Armenfrauenhaus +übersiedeln müsse. Auch eröffnete sie ihr, daß sie, Imgjor, demnächst +Kopenhagen verlassen würde und persönlich in keiner Weise mehr für sie +zu sorgen im stande sei. + +Und die Blinde beugte das Haupt wie unter einem Schlage, während Thränen +aus ihren lichtlosen Augen tropften. Noch begab sich Imgjor dann in die +Küche um nach dem Toten zu sehen. Freilich, was sich ihr bot, war +erschütternd. Kalt, steif und unbeweglich lag der alte Mann auf dem +Fußboden. Ihn zu betten, war erforderlich. Und solches veranlaßte Imgjor +durch die Nachbarn, und nachdem auch das geschehen, erklärte sie der +alten Frau, ihr für die nächsten Tage eine Hilfe schicken zu wollen. Sie +beschloß, ihr Gebine zu senden. Auch ihre Ueberführung in das +Armenfrauenhaus zu betreiben, versprach sie ihr nochmals, und nachdem +die Alte dazu mit tief gerührten Gefühlen genickt, nahm Imgjor von ihr +Abschied. + +„Adieu, Adieu, Frau Ohlsen! Tragen Sie, was Gott Ihnen schickte, mit +Geduld! Viele haben es noch weit schwerer —“ + +Und die Alte nickte abermals, während sie Imgjors Hände mit ihren +mageren Fingern fest umklammerte. + +„Gott segne Sie, Komtesse!“ schluchzte sie. „Ich werde immer an Sie +denken, und noch mit meinem letzten Atemzuge werde ich Segen auf Sie, +als einen menschlichen Engel, herabflehen!“ + +Imgjors Augen wurden naß. Alle Mühsalen, aller Undank waren vergessen, +den sie von anderen erfahren hatte, um dieser einen willen, in deren +geprüftem Herzen noch Gottvertrauen, noch edle Empfindungen, noch +Dankgefühle Platz hatten. Dann, mit einem letzten Händedruck, sagte sie: +„Geld und mein Mädchen werde ich Ihnen schicken. So ist für alles +gesorgt. Adieu! Adieu! Gott schütze Sie, meine gute Alte!“ + +Und: „Adieu! Adieu!“ schluchzte die Alte, aus derem verdunkeltem Dasein +mit Imgjor der letzte matte Lichtschimmer schwand. + +Imgjor aber richtete, hinaustretend, das Auge nach oben. Sie fand sich +mit ihrem immer wieder vertrauenden Herzen und mit ihrem heißen Drange +nach Liebesthaten von neuem gehoben. Es gab doch noch Empfängliche, doch +noch Dankbare. So überlegte sie abermals. + +Nachdem sich Imgjor eben abends in ihrem Wohngemach eingerichtet hatte, +wurde an der Klingel gezogen, und Doktor Kropp erschien, um +verabredetermaßen über seinen Besuch bei Kollund Bericht abzustatten. +Und Imgjor trat ihm mit nicht geringer Spannung entgegen und that schon, +bevor er noch Platz genommen, eine Frage nach dem Ergebnis. + +„Anfangs wies er meine Forderung auf einen Verzicht schroff zurück,“ +entgegnete der Doktor, Platz nehmend. „Er wolle,“ erklärte er, „mit +Ihnen selbst reden und Sie an Ihr gegebenes Wort erinnern. Dieselben +Unwahrheiten, die er gegen Sie vorgebracht hatte, erneuerte er; er nahm +den Mund sogar noch voller. Erst als ich erklärte, daß ich in einer der +Kopenhagener Zeitungen veröffentlichen würde, welchen Charakter die +Forderungen hätten, die er an Sie, gnädigste Komtesse, in dieser +Angelegenheit gestellt habe, gab er, sich krümmend, nach. Aber eine Flut +von Anschuldigungen folgte sowohl gegen Sie, wie gegen mich, bevor ich +ihm, nach einer nochmaligen, gründlichen Abfertigung den Rücken kehrte.“ + +„Ah — also wirklich!“ stieß Imgjor, von tiefem Abscheu ergriffen, +heraus. Dann reichte sie Kropp bewegt die Hand, sprach ihm ihren Dank +aus und händigte ihm die Summe ein, die er Kollund bezahlt hatte. Zum +Schluß bat sie ihn, noch so lange zu verweilen, bis sie ihm eine Tasse +Thee bereitet habe. Sie umging es, daß er sie sonst noch sprechen +wollte, weil ihr Zeit und Ort doch nicht geeignet schienen. Im Grunde +hoffte sie, daß er ihre Aufforderung ablehnen werde. Aber er, der +überhaupt keine anderen Gedanken hatte als sie, der überdies nichts +erwarten konnte zu erfahren, durch welche Umstände sie ihres Reichtums +und ihres Namens verlustig gegangen war, stimmte dankend zu, und saß +noch neben ihr, als schon die Uhr vom Kirchturm die zehnte Stunde +verkündet hatte. Dann aber drängte sie ihn selbst zum Gehen, und als er +dann noch eine mitleidige Frage that, was sie denn nun beginnen, wohin +sie sich wenden wolle, sagte sie: „Eine Woche brauche ich beinah' noch, +um hier alles zu ordnen, um auch von denen Abschied zu nehmen, die mir +im Laufe dieser Jahre näher getreten sind. Dann will ich irgendwo eine +Stelle als Schwester in einem Krankenhause im Norden oder auch im +südlichen Deutschland suchen. Was dann später geschieht, müssen Zeit und +Gelegenheit lehren. Immer hoffe ich noch, daß ich Gleichgesinnte, +Ehrliche und zugleich Begüterte finde, die sich mit mir zur +Verwirklichung von Reformen im Großen verbinden. Die Mißerfolge, die +traurigen Erfahrungen, die mir unter den Armen wurden, dürfen mich nicht +abschrecken. Auch in meinen Kreisen giebt's wertvolle und minderwertige +Personen. Ist die Masse auch roh, so ist sie doch bildungsfähig. Man muß +sie nur auf den rechten Weg leiten.“ + +„Können Sie sich denn nicht vorstellen, daß es auch fruchtbringend ist, +im Kleinen zu wirken, gnädigste Komtesse?“ wandte Kropp vermittelnd ein. + +„Gewiß, Herr Doktor! Auf Rankholm, der großen Besitzung meines Vaters, +suchte ich den Armen und Leidenden ein hilfreicher Freund zu sein. Aber +dort war es das Wohlleben in der Familie, der Luxus, der mich umgab, die +mich anwiderten. Auch andere Verhältnisse trieben mich fort, und nun — +ich erzählte Ihnen ja alles — hat sich ja überhaupt die Trennung +zwischen mir und den Meinigen vollzogen. Ich muß mich jetzt treiben +lassen — mir bleibt keine Wahl.“ + +„Doch, doch, Komtesse! — Es giebt sehr viele, die namenlos glücklich +sein würden, wenn sie ihr Schicksal mit dem Ihrigen verbinden dürften! +Auch ich gehöre zu ihnen —“ schloß Kropp feurig und einen liebewarmen +Blick auf Imgjor richtend. „Ich liebte Sie von dem ersten Augenblick an, +Komtesse! Ihre Stellung, Ihr Ansehen, Ihr Name ließen mich verschweigen, +was ich für Sie empfand. Wie konnte, durfte ich wagen, um die Hand einer +Gräfin Lavard zu werben? Heute aber, wo Sie sich selbst zu +meinesgleichen gemacht, fasse ich den Mut, zu sagen: Werden Sie mein! +Lassen Sie uns zusammen einen Ort suchen, wo wir uns und der +Allgemeinheit leben, wo wir in bescheidenerer und guter Weise das zum +Ausdruck bringen können, was Sie edelmütig anheben. Sie haben mich +kennen gelernt. Sie wissen, daß ich nicht zu den Wortmachern gehöre, daß +ich Vernünftiges redlich erstrebe. So bin ich Ihrer vielleicht nicht +unwert, so darf ich vielleicht hoffen, daß ich auch Ihnen nicht ganz +gleichgiltig bin —“ + +„Nein, Sie sind mir nicht gleichgiltig, ich achte Sie hoch, lieber Herr +Doktor!“ fiel ihm Imgjor, die erst mit gesenkten Wimpern, dann sich mit +offenen Augen ihm zugewendet und zugehört hatte, in die Rede. „Aber ich +kann — so schmerzlich mir diese Antwort ist — die Ihrige nicht werden. +Ich will überhaupt nicht heiraten. Ich liebte einmal und wurde +grenzenlos betrogen. Da that ich einen Schwur, einem Manne niemals +wieder die Hand zum Bunde zu bieten.“ + +„Ist nicht aber das Leben da, um aus ihm zu lernen, Komtesse? Lehrten +Sie nicht Ihre Erfahrungen, wie hohl die große Masse ist, wie wenig +glücklich eine Beschäftigung mit ihr macht, wie nur ein treues Streben +im kleineren Kreise beglückt — und lehrt es nicht, daß das eben auch das +Richtige ist? Wer herrschen, reformieren will, braucht Macht und zehnmal +Macht, durch die er allein die Massen zu bezwingen vermag. Und wiederum: +Wenn Sie in die Weltgeschichte blicken, wie wenige konnten diese Stärke +und Fülle richtig anwenden, und wie Geringes haben sie, waren ihre +Absichten noch so ehrlich, erreicht! Sie besitzen diese Macht schon +deshalb nicht, weil Sie über keine Mittel mehr verfügen, Komtesse! +Lassen Sie ab von dem Greifen nach Sternen! Wo immer sich in engeren +Kreisen die Menschen zu Liebeswerken zusammenthun, da wird's etwas. Aus +diesem Wirken resultieren die großen Errungenschaften der Humanität, die +praktischen Ergebnisse eines richtig verstandenen Christentums! Und noch +ein anderer Gesichtspunkt! Will nicht jeder glücklich sein, so lange ihm +ein Dasein beschieden? Befriedigt Sie denn wirklich dieses Aufgehen ins +Allgemeine? Was haben Sie erreicht? Man spottet Ihrer als einer +Ueberspannten! Keiner dankt's Ihnen! Wo die Fähigkeit vorhanden wäre, +den Wert Ihrer Bestrebungen zu erkennen, macht sich der Neid breit, +sicher die Oberflächlichkeit, die schon deshalb die Dinge verurteilt, +weil sie selbst keinen Geschmack daran findet, oder sie zu untersuchen +zu träge ist. Habe ich nicht recht, Komtesse?“ schloß Kropp, als Imgjor +nichts erwiderte, als sie, in tiefes Nachdenken versunken, vor sich +hinstarrte. Sie kämpfte, wie neuerdings schon wiederholt. Für Sekunden +flog's ihr durch den Sinn, daß er die Wahrheit getroffen, und daß er der +Mann sei, durch den sie sich und andere glücklich machen könne. Aber wie +kleine Einwirkungen häufig ein schon hoch aufgerichtetes Gebäude zum +Fallen bringen können, so war's hier. Als ihr Blick während des Sinnens +auf ihren Schreibtisch und dabei auf ein Bild von Rankholm fiel, trat +ihr plötzlich alles dort Geschehene und trat ihr auch wieder Graf Axel +Dehn ins Gedächtnis. Und das entschied. Da sie diesem ein „Nein“ gesagt, +wollte, durfte sie auch Kropp kein Jawort geben. So lehnte sie abermals +ab, und so schied mit ihm wieder ein Freund und ein Mann aus ihrem +Leben, der ihr von Herzen zugethan war und der es gut mit ihr meinte. + + * * * * * + +Im Rankholmer Palais hielt man Familienrat und dessen Gegenstand war, +wie so oft, Imgjor. + +Nur ein Mittel gab's, von dessen Anwendung Lucile und die Gräfin noch +etwas erwarteten. Sie schöpften aus dem Umstande, daß in dem damaligen +Gespräch der Geschwister in Rankholm ohne Zweifel ein starkes Interesse +Imgjors für Axel zum Ausdruck gelangt war, die Hoffnung, er, Axel, werde +durch einen klugen Anlauf vielleicht doch noch ihr Herz in einem für ihn +günstigen Sinne rühren können. Daß in ihm die alten Gefühle nicht +erloschen seien, hatte er gleich bei der ersten zwischen ihm und den +Damen stattgefundenen Unterredung erklärt. Er hatte geäußert, daß ihn +eine grenzenlose Sehnsucht beherrsche, sobald wie möglich in Imgjors +Nähe zu gelangen. Und dieser Drang hatte sich bis ins Ungemessene +verstärkt, als Lucile ihm nun auch — alle Bedenken, die sie früher mit +Rücksicht auf sich selbst abgehalten — eröffnet hatte, was in jener +Unterhaltung für ihn zu Tage getreten war. + +Graf Dehn hatte die Neigung der Familie, den Aufenthalt in Kopenhagen +noch um etwas zu verlängern, mit allen Mitteln zu befestigen und durch +Unterredungen mit dem Grafen auch dessen Widerstand gegen seine +Pflegetochter wesentlich zu mildern gewußt. Er hatte in förmlicher Weise +um Imgjors Hand bei dem Grafen angehalten und von ihm die Erlaubnis +erwirkt, nach seinem Ermessen die Schritte zu thun. + +Zunächst verabredete er mit Lucile, die sich seinen Plänen mit +liebenswürdigem Eifer widmete, die nun, nachdem ihr Herz durch einen +anderen Mann, den sie hingebend liebte, ausgefüllt war — alle Bedenken +und eifersüchtigen Regungen abgestreift hatte, daß sie Imgjor sogleich +besuchen und ihr unter besonderer Begründung die Bitte vorlegen solle, +Axel empfangen zu wollen. Lucile ging auch sogleich ans Werk. + +Sie ließ sich, vorher noch einige die Trauer angehende Besorgungen +erledigend, in der Lavardschen Equipage nach Imgjors Wohnung fahren und +fand ihre Schwester in der vordem erwähnten Gemütsverfinsterung an ihrem +Arbeitstisch. + +Als die durch Gebines Anmeldung aus ihrem dumpfen Sinnen +Emporschreckende Lucile vor sich sah, legte sie die Feder rasch und +verlegen bei Seite, auch schob sie ihr Tagebuch, in das sie etwas +hineingeschrieben, unter andere Papiere. Freilich erlitt der Schwertern +Begegnung sogleich wieder eine Unterbrechung. Man schickte nach Imgjor, +und diese eilte unter sanftem Ausdruck ihrer Schwerer Zustimmung +erbittend, über die Straße an das Krankenbett einer armen Frau. + +Und weil Imgjor ein längere Weile fortblieb, griff Lucile nach einem auf +dem Tisch liegenden Buch und fand in diesem einige von Imgjors Hand +herrührende, offenbar für das Tagebuch bestimmte, zufällig hier +hineingeratene Niederschriften, die ihr Interesse fesselten. Sie +lauteten: „Eine einzige That des Edelmuts und eine einzige +Unvorsichtigkeit sind genügend, um einem Menschen für immer bei der +Menge den Stempel seines Wertes oder seines Unwertes aufzudrücken. +Vielleicht verdienten sie beides nicht. Zu allem gehört Glück, aber auch +dazu, für etwas anderes zu gelten, als man ist.“ + +Und noch eine Betrachtung hatte Imgjor auf die andere Seite geschrieben, +die Lucile las, bevor ihre Schwester wieder ins Zimmer trat: „Gehemmte +Liebe gleicht einem vergeblich nach einer Flamme ringendem Feuer. Wie +dort unter kämpfendem Rauch, unheimlichem Schwelen und Qualmen der +Gegenstand zu Asche verglimmt, so hier allmählich unter dumpfen Qualen +die Seele.“ + +Gleich darauf trat Imgjor wieder ins Gemach. + +„Ich komme,“ hub Lucile an und richtete einen liebenswürdigen Blick auf +ihre Schwester, „um dich um etwas zu bitten: Graf Dehn möchte dich +sprechen! Er beruft sich darauf, daß du ihm einst eine Unterredung +zugefügt habest, und daß er, da er von diese keinen Gebrauch gemacht, +noch Anrechte auf deine Zuvorkommenheit besitze. Wann willst du ihn +empfangen, liebe Imgjor?“ + +Zunächst fuhr Imgjor zusammen, und ihre Wangen verfärbten sich. Wie von +einer schweren Denklast bedruckt, senkten sich ihre Augenlider, und die +Finger griffen, unter dem Druck der Erregung, in die Handflächen. + +„Wann wünscht Graf Dehn die Unterredung?“ warf sie tonlos hin. „Und wo?“ + +„Nun — bei dir — oder besser — bei uns!“ + +Imgjor schüttelte den Kopf. + +„Was habe ich noch bei Euch zu thun, Lucile? Wir haben uns doch für alle +Zeiten auseinandergesetzt.“ + +„Nur du hast es Imgjor! Nachdem du von deinem Eigensinn, öffentlich zu +sprechen, Abstand genommen, ist Papa wieder versöhnlich gestimmt. Du +wirst ihm sogar ganz die Alte sein, wenn —“ + +„Ja, ich weiß: Wenn ich allem — allem entsage! — Ach, Lucile —“ setzte +das seelisch tief bedrückte, junge Mädchen an, brach in Schluchzen aus +und fiel, wie damals in Rankholm, von ihren Gefühlen übermannt, neben +ihrer Schwester nieder. Und hier blieb sie liegen, und erst als Lucile +mit rührender Güte immer von neuem auf sie einsprach, erhob sie sich und +fand wieder Halt und Fähigkeit zum Sprechen. + +„Du zeihst mich des Mangels an Liebe zu Euch!“ stieß Imgjor heraus, +hielt in der Beklemmung den Atem an und ließ ihn dann langsam wieder der +Brust entweichen. + +„Und doch schwöre ich dir, daß ich Euch allen die die größten Opfer +bringen würde, die ein Mensch zu bieten vermag, daß ich Euch über alles +liebe! Wie viele Nächte habe ich durchgeweint, daß ich so beschaffen, +daß ich nicht bin, wie Ihr wünscht! Ach, könnte ich diesen Drang nach +Höherem, Befreiendem, könnte ich dies Allgemeingefühl für meine +Schwestern und Brüder in der Welt aus meiner Brust reißen, mich, wie +andere, in engeren Grenzen glücklich fühlen, dort für meine Art volle +Befriedigung finden, ich würde Gott auf den Knieen danken! In solchem +Sinne — ich bitte — Lucile — fasse mein Naturell auf und so mühe dich, +den Eltern immer wieder mein Wesen zu erklären. Denket, daß der Schöpfer +_Euch_ so erschaffen hätte! Dann werdet Ihr mich leichter begreifen.“ — + +„Ja — ich will's, meine liebe, arme Imgjor! Aber nun, ich bitte, erteile +mir eine Antwort für Graf Dehn —“ + +„Da ich ihm mein Wort gab, will ich es halten, Lucile! Nur weiß ich +nicht, wo es geschehen kann! Er muß also warten oder hierherkommen. Wann +wollt Ihr reisen?“ + +„Die Trauer macht es erforderlich, daß wir wieder nach Rankholm +übersiedeln. Nur um deinetwillen haben wir unsere Abschiedsvisiten noch +aufgeschoben. Wir möchten den Kondolenzbesuchen entgehen, mit denen man +schon beginnt. Auch andere Gründe sprechen dafür, nachdem Curbière +abgereist ist. Nur Graf Dehn will seinen Aufenthalt noch einige Zeit +ausdehnen und dann — nach der Lausitz zurückkehren. Er hat die Absicht, +jetzt das Gut, das ihm sein Onkel vererbt hat, selbst zu übernehmen.“ + +„Was will er denn noch hier?“ Imgjor sprach's mit ihrer alten +Schroffheit. + +Statt zu antworten, griff Lucile nach dem Schriftstück, das sie in dem +Buch gefunden, und sagte: „Lasse mich dir als Erwiderung vorlesen, was +du geschrieben hast, Imgjor!“ + +Und Lucile las: „Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einer +Flamme ringenden Feuer. Wie dort unter kämpfendem Schwelen, unheimlichem +Rauch und Qualmen, der Gegenstand zu Asche verbrennt, so hier unter +dumpfen Qualen allmählich die — Seele.“ + +Imgjor schloß erst die Augen. Blässe zog über ihre Wangen. Dann neigte +sie das Haupt, reichte ihrer Schwester still die Hand und sagte: „Also +morgen Mittag, Lucile, erwarte ich des Grafen Besuch. Wir werden dann +für immer einen Abschluß erhalten.“ + +Lucile sah erschrocken empor. Einen so düsteren Klang hatten die Worte. +Aber als sie in Imgjors Zügen forschte und dort einen Ausdruck sanfter +Ergebung begegnete, zerstreuten sich ihre Gedanken. + +Noch wenige Sekunden, dann hatten sich beide getrennt. + + * * * * * + +In einer herzklopfenden Erregung stieg am folgenden Mittag Graf Dehn zu +der von Imgjor angesetzten Zeit die Treppe zu deren Wohnung empor. Er +sah auch gleich die, nach der sein Herz verlangte. + +Als er ihre Hand ergriff und sie tiefbewegt an seine Lippen zog, flog +ein Zittern durch des jungen Mädchens Körper, und zunächst fehlten ihr +die Worte. + +Aber da sie nicht weich werden, da sie diesem Gespräch den Charakter +nehmen wollte, den Graf Dehn ihm zu geben beabsichtigte, sagte sie mit +sanfter Unterordnung im Ton: + +„Ich bitte Sie inständig, Graf Dehn, mir dieses Wiedersehen nicht zu +erschweren, mir es vielmehr zu erleichtern! Ich bin durch eine +Krankenpflege meiner Kräfte so sehr beraubt, daß ich nicht fähig bin —“ +Hier stockte sie, ihre Hände griffen nach der Lehne eines Stuhles und +fernere Worte versagten. + +Und der Mann, tief ergriffen, wollte sie stützen. Aber sie gewann dann +doch ihre Kraft zurück und sagte, während sie ihn durch eine Bewegung +ersuchte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, nunmehr fest: + +„Ich bitte, sagen Sie mir, was Sie zu mir führt! Ich weiß, die +Höflichkeit, — die Rücksicht, die man dem Mitglied einer befreundeten +Familie erweist, in erster Linie. Aber es ist noch etwas anderes. Ich +entnahm es Luciles Worten. Ich werde Ihnen aufmerksam zuhören und +glücklich sein, ich versichere Sie, wenn ich Ihnen — falls Sie einen +Wunsch haben — solchen erfüllen kann! Ich vergaß nie und werde niemals +vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Ich war damals krank und blind. +Ich war deshalb namenlos ungerecht gegen Sie, Graf Dehn, obschon meine +Achtung vor Ihrem Charakter stets dieselbe war. Schon nach der Richtung +habe ich sehr viel gut zu machen, vielleicht so viel, daß ich die Schuld +nie abtragen kann. Nehmen Sie dieses Eingeständnis und die Bitte, mir zu +verzeihen, entgegen! Und nun? Ich höre!“ + +Nach diesen Worten sprach Graf Dehn in langer Rede, kam zurück auf die +Vorgänge in Rankholm, erörterte, mit stetem Hinweis auf sie, Imgjor, die +Gründe, weshalb er sich auf Reisen begeben, erklärte, daß er keinen Tag +verlebt, ohne ihrer gedacht zu haben, und daß er nun, von Sehnsucht +getrieben, sie wieder zu sehen, hierher, nach Kopenhagen, gereist sei. + +„Ich vermag nur einmal zu lieben, Komtesse. Sie liebte ich seit der +ersten Begegnung. Ich werde auch nie einem anderen Mädchen mein Herz +schenken. Das alles wollte ich Ihnen sagen und Sie fragen, ob Sie mir +nicht ein wenig gut sein könnten! Ich wollte Sie bitten, mir auf meine +Besitzung zu folgen, um ein Glück zu finden, das in gegenseitiger +Uebereinstimmung wurzelt und in Thaten der Nächstenliebe einen +wesentlichen Teil seine Befriedigung findet. In jedem Fall — ich bitte, +ich beschwöre Sie — entsagen Sie Ihren jetzigen Plänen! Begnügen Sie +sich mit den Erfahrungen, die Sie einsammelten, die Sie belehrt haben +müssen, daß nicht wir die Welt regieren können, sondern nur ein Werkzeug +sind, um in gemessenen Grenzen bei der Ordnung der Dinge mitzuwirken. +Thuen Sie es auch um Ihren Eltern, die Ihre Rücksicht so sehr verdienen, +— zu beweisen, daß Sie nicht undankbar sind. + +Ihr Pflegevater — es ist ersichtlich — wird sich innerlich und +körperlich aufreiben, wenn Sie eine mit solchen Ungelegenheiten für Sie +und die Familie verbundene öffentliche Wirksamkeit fortsetzen. Auch die +Gräfin leidet unter diesen Verhältnissen mehr, als sie es ausspricht. +Nur die Furcht, als Stiefmutter parteilich zu erscheinen, hält sie ab, +sich anders zu geben, und stärker auf Sie, Komtesse, einzuwirken! +Wahrlich, wir könnten alle von ihr lernen!“ + +Imgjor hatte aufmerksam zugehört. Nicht einmal war ein abweisender, oder +spröder Ausdruck in ihre Züge getreten. Sie hatte seine Worte mit einer +Miene aufgenommen, als ob ein Freund ihr von seinen Leiden erzähle, +sanft sinnend und denkend, wie sie sich dazu verhalten solle. + +Sie streckte ihm auch mit einem rührenden Blick die Hand hin, drückte +die seinige fest, und sagte: + +„Ich wußte, Graf Dehn, daß Sie gerade so sprechen würden. Deshalb wird +es mir leicht, Ihnen gleich und ruhig zu antworten. In erster Linie +nochmals Dank! Wenn die Achtung von Ihrer Person sich noch erhöhen +könnte — ich spreche nicht von einer Zuneigung in anderem Sinne, und Sie +werden gleich verstehen, aus welchen Gründen ich es unterlassen muß — so +hätten Sie Ihren Worten keinen Inhalt erteilen können, der meine +Empfindungen für Sie stärker zu erhöhen imstande gewesen wäre! Meine +Antwort aber lautet: Ich will noch einen Versuch machen, mich auf eigene +Füße zu stellen. Gelingt er, muß ich mir selbst treu bleiben. Ich kann +nicht anders. Verzeihen Sie mir. Mein Entschluß ist unbeugsam!“ + +Und er fügte sich auf ihre Rede, obschon sie ihm schier das Herz +zermalmte. Und dann sprach er: „Wohlan denn! Ich habe dann nur den +innigen Wunsch, daß sich verwirklichen wird, was Sie soeben +ausgesprochen haben! Mögen Sie einen Wirkungskreis finden, der Sie +befriedigt, der Sie wahrhaft glücklich macht! Leben Sie wohl — Komtesse +— Imgjor — Imgjor — teure Imgjor“ — + +Und dann geschah doch etwas. + +Sie brach in Thränen aus, und er zog sie an sich, und einen Augenblick +lag sie ohne ihren Willen an seiner Brust. Und dann, zum Bewußtsein +zurückgekehrt, machte sie sich hastig los und bat sanft, aber fest im +Ton: „Gehen Sie! Ich bitte! Gehen Sie!“ + +Noch einen letzten, tief verinnerlichten Blick gönnte sie ihm, dann that +er, wie sie wünschte. + +Nachdem er aber gegangen war, sank sie in ihren Sessel zurück und +überdachte voll schwerer Wehmut, was geschehen war. Eines fiel ihr bei +der Betrachtung besonders beklemmend auf die Seele, obgleich sie gerade +das als nebensächlich hinzustellen, sich zwingen wollte. + +Sie war demnächst ohne Mittel zum Leben! Der Graf hatte — vielleicht, um +sie dadurch eher gefügig zu machen — die sonst am ersten des Monats ihr +stets überwiesene Summe nicht mehr gesandt. Sie hatte ja deren Empfang +auch abgelehnt. Sie konnte ihm nicht einmal einen Vorwurf machen! Ihre +Pretiosen und ihre seidenen Gewänder zu verkaufen, widerstrebte ihr, +weil sie fürchtete, sich dadurch bloßzustellen. Und wenn beides dahin +war, so nannte sie nichts mehr ihr Eigentum! Die Sorge schuf bereits +Vorsicht und Ueberlegungen, die ihr früher fremd gewesen waren. Die +Begräbniskosten für den Mann der alten Ohlsen, die inzwischen durch +Imgjors Bemühungen in einem Frauenarmenhaus untergebracht worden war, +hatten das Geringe, was sie noch besaß, bis auf ganz weniges +geschmälert, und die Bank mußte überdies noch befriedigt werden. + +Täglich kamen, wie bisher, Listen mit Aufforderungen zur Beihilfe für +gute Zwecke. + +Konnte sie die jetzt abweisen? Sie vermochte es nicht; es widersprach +ihrem stets auf Geben bedachten Herzen. + +Auch die Miete für die Wohnung war noch zu berichtigen. Man forderte +Steuern von ihr. + +Der Tag und die Stunde waren abzusehen, wo sie zuletzt vor dem — nichts +stand! Eine angstvolle Unruhe überkam sie. Man würde sie am Ende auch +noch in anderer Weise falsch beurteilen! Die Zeitungen würden gar +verkünden, sie habe wegen Schulden Kopenhagen verlassen. So sei sie +eigentlich nichts anderes als eine, die habe von sich reden machen +wollen! + +Und eben diese Lebenssorgen drängten zum erstenmal die Gedanken an die +Ideale, die ihre Brust noch eben wieder erfüllten und deren +Verwirklichung sie erstreben zu wollen, erklärt hatte, völlig zurück! +Der Trieb der Selbsterhaltung gelangte zu seinem Recht. Sie erkannte +plötzlich, welchen Wert der Besitz, welchen Wert das Geld hatte, und wie +früher flüchtig, so stellten sich jetzt dauernde Vergleiche ein zwischen +dem Gewesenen, und dem, was ihr geworden! Aber nicht genug mit diesem +Ansturm auf ihr Inneres: Graf Dehn war wieder da! Und sie hatte ihn, +obschon sie ihn liebte mit der ganzen Kraft ihrer Seele, für immer von +sich gestoßen! + +Eine grenzenlose Reue überkam sie. Nur ihr Stolz regte sich noch. + +Mit welchem Selbstgefühl hatte sie geredet! Wie an einer Mauer waren +alle seine verständigen, rührenden, flehenden Bitten zerschellt. Und wie +schwach war doch der Faden gewesen, an dem ihre Festigkeit gehangen! + +Jedes Menschenherz war — so überlegte Imgjor — zu rühren, wenn nur der +Rechte kam und es richtig angesprochen wurde. + +Nun sehnte sie sich fort, nun kamen ihr doch die Erinnerungen an +Rankholm. + +Rankholm! Rankholm! Das war das Paradies ihrer Jugend! — Eine namenlose +Sehnsucht ergriff ihr Inneres jetzt. Erst nach einem todestraurigen +Sinnen raffte sie sich empor, fand sie die alte Kraft ihrer Seele, ihr +Pflichtgefühl und ihren opferfreudigen Sinn zurück, und trat mit der +gewohnten Selbstlosigkeit an das Bett ihrer Kranken. — — — + + * * * * * + +Am folgenden morgen empfingen Imgjors immer sich in gleicher Richtung +bewegenden Gedanken durch den Inhalt eines mit der Post eingegangenen +Briefes eine Ablenkung. + +Eine Dame der vornehmen Gesellschaft, eine Baronin von Kliff, mit der +Imgjor wiederholt bei Bestrebungen für wohlthätige Zwecke in Berührung +gelangt war, bat sie in sehr dringender Weise, sich um die Mittagszeit +in ihrem Palais einfinden zu wollen, um dort einer Sitzung zu Zwecken +der Begründung eines dänischen Mädchenheims beizuwohnen. In diesem +sollten der Schule entwachsene, junge, weibliche Personen zu +Dienstmädchen herangebildet, es sollte ihnen in allem Unterricht erteilt +werden, was für Küche und Hauswesen erforderlich war. Auch Handarbeit +und Schneidern wollte man sie lehren und insbesondere auch moralisch auf +sie einzuwirken suchen. + +Die Baronin beabsichtigte durch dieses Heim denen die Hand zu bieten, +welche infolge ihrer mangelhaften Ausbildung keine Beschäftigung finden +konnten und deshalb der Gefahr ausgesetzt waren, sittlich zu verkommen. +Und gerade deshalb ward Imgjors Interesse auf's lebhaftere angefacht. + +Im Palais traf sie die Damen, mit denen sie während der +Jahre ihres Aufenthaltes in der Residenz wiederholt in +Wohlthätigkeitsangelegenheiten zusammengetroffen war, fast sämtlich +beisammen, wich deren ihre Person betreffenden Fragen möglich aus, nahm +aber größten Anteil an den Verhandlungen und trat, etwa drei Stunden +später, reichlich erschöpft, und sich schon vor dem Palais von den +übrigen trennend, den Rückweg an. + +Als Imgjor die Ecke der Tordenskoldsstraße passierte, drang aus einem +offenen Schusterkeller ein jammervolles Schreien hervor, und als sie, +mitleidig beunruhigt, nachforschte, sah sie unten einen Menschen, der in +unbarmherziger Wut eine zu Boden geworfene Frau mit einem Lederriemen +prügelte. + +In Sekundenschnelle wechselte nun die Scenerie. Imgjor sprang +blitzschnell die Treppe hinab, riß mit kühn erfolgreichem Ruck den Mann +zur Seite, befreite dadurch die Frau und schleuderte dem rohen Peiniger +entrüstete Worte entgegen: Ob er sich nicht schäme, sich so gegen die +Schwächere und Wehrlose zu vergehen? + +Aber alles kam anders, als sie es erwartet hatte. Da durch ihr +Eingreifen das ohnehin neugierig zusammengelaufene Volk draußen sich +noch zudringlicher geberdete und, dicht gedrängt, den Erfolg +beobachtete, ergriff das Weib plötzlich ein weit größerer Ingrimm gegen +jene draußen und gegen Imgjor, denn gegen den Mann. + +Statt „Grevinde“ durch Haltung und Worte Dank an den Tag zu legen, +reckte sie sich zornsprühend empor, fragte, ob es sie etwas angehe, wenn +sie sich von ihrem Mann prügeln lassen wolle und unterstützte diese +herausfordernden Worte durch eine auf die offene Thür gerichtete Geste, +welcher der dadurch versöhnte Hausherr sich beeilte, noch einen +besonderen, fast thätlichen Nachdruck, zu verleihen. + +Als Imgjor infolgedessen die Treppe hinauf flüchtete, stieß sie auf +diejenigen Personen, welche zur besseren Beobachtung des interessanten +Schauspiels bereits einen Teil der Treppenstufen besetzt hatten. Und +während das geschah und die Ehegatten, zur völligen Abwehr gegen die +Leute draußen, die Thür verrammelten, drängten die hinteren Reihen des +Mobs nach vorn und die der Thür zunächst Stehenden rückwärts. Und +dadurch kam Imgjor zu Fall und erlitt durch Drängen, Stoßen und Treten, +trotz ihrer Weh- und Abwehrrufe, so schwere Verletzungen, daß sie nach +Räumung der Treppe durch die Polizei wie tot hinweg getragen wurde. Mit +noch anderen Verwundeten ward sie nach dem Hospital des Doktor Stede +geschafft, und eine halbe Stunde später stand mit tief bedenklicher +Miene an ihrem eigenen Krankenlager derselbe Mann, mit dem sie so oft an +das Bett der Leidenden und Sterbenden getreten war. + + * * * * * + +Der Herbst, der wundervolle nordische Herbst, war seit Wochen +erschienen, und mit seinen stahlhellen Lüften, seiner Farbenpracht in +den Wäldern, seinem scharfen Erdgeruch und seinen unvergleichlichen +Abendsonnenniedergängen auch in Rankholm eingezogen. + +Wenn sich in der Frühe die ersten Lichtströme über die Erde ergossen, +schwammen Schloß, Park und Gärten in einem blauseidenen Dunst. Wenn aber +der Kampf zwischen der siegreichen Himmelskönigin und den zarten Nebeln +durch ein plötzliches Oeffnen aller goldenes Licht bergenden Portale +entschieden war, dann lagen Rankholm und Kneedeholm in einem Sonnenbade +von solcher unermeßlicher Schönheit, daß die Gegend alle Reize der drei +Jahreszeiten: die grüne Pracht des lebensprühenden Frühlings, die Fülle +des blütenschweren Sommers und die krystallhelle Klarheit des +farbenleuchtenden Herbstes in sich zu bergen schien. + +Und alles war wie ehedem. + +In ihrem mit all den herrlichen Dingen angefüllten Kabinett ruhte bei +geöffnetem Fenster auf dem Sofa die Gräfin Lavard und las in einem Buch. +In seinem geräumigen Arbeitsgemach war, wie sonst, der Graf eifrig mit +seinen Beamten beschäftigt, Lucile hielt sich, an Curbière schreibend, +in ihren Gemächern auf, und wie immer webten in dem, von Epheu umrankten +Mauern eingeschlossenen Schloßhof jene sanften Hausgeister, die von dem +Streit und Getümmel draußen in der Welt nichts wußten. + +Auch Graf Dehns schlanke Gestalt tauchte, wie damals, in den Wegen des +Parkes auf, und nun eben richtete er die Schritte dem Schloßdurchgang +zu, trat ins Innere, begab sich in seine Zimmer, und von dort, nach +Ordnung seiner Toilette, zu der Gräfin. + +Einige freie Stunden lagen vor ihnen, und sie wollte die Gräfin heute +benutzen, um Axel einen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen. +Sie wollte, daß es geschah, bevor Imgjor kam, die nach einer langen, +schweren Krankheit so viel Kräfte zurückgewonnen hatte, daß sie in +Begleitung des Doktor Stede eine Reise nach Rankholm zu unternehmen +vermochte. Hier wollte sie versuchen, ihre Gesundheit völlig +zurückzugewinnen. + +Stillschweigend war das alte Verhältnis zwischen ihnen wieder +eingetreten. Solche Not und solche Trübsal, wie sie über Imgjor +gekommen, — führten von selbst einen Ausgleich herbei. + +Wiederholt hatten Lavards an dem Krankenbett Imgjors gestanden, und sie +hatte ihre Besinnung erst ganz allmählich zurückgewonnen. + +„Willst du nach Rankholm kommen, um dich dort ganz zu erholen, Imgjor? +Papa schickt dir einen herzlichen Gruß und bittet darum —“ hatte Lucile +eines morgens gesagt, und der Kranken waren die Thränen der Rührung aus +den Augen gestürzt. — + +Nachdem die Gräfin sich zurechtgerückt und einen ihrer gewohnten +forschenden Blicke auf Graf Dehn geworfen, sagte sie: + +„Ich werde mich kurz fassen, Graf Dehn, weit kürzer, als es ursprünglich +meine Absicht war. Das Wesentlichste: Imgjors Herkunft, wurde Ihnen +schon durch einen Zufall enthüllt. Ich komme nur auf meine Zusage und +Ihren Wunsch zurück, weil ich von Ihnen, den ich wie meinen Sohn +betrachte, so beurteilt werden will, wie ich dazu ein Recht besitze. Ich +will's aber auch, damit Sie meines Mannes Handlungsweise, richtig +würdigen. + +Endlich spreche ich auch, weil ich die Hoffnung hege, daß Sie diejenigen +aufklären, denen ich keine Mitteilungen zu geben vermag. Stolz und +Zartsinn verbieten mir, über solche Dinge mit meinen Töchtern zu reden. +Es könnte scheinen, als ob ich mich verteidigen wolle. + +Zur Einleitung —“ hier zog die Gräfin aus ihrem goldumränderten Nähkorb +ein kostbar umrahmtes Pastellbild hervor — „betrachten Sie sich dieses +Porträt. Sie werden dann leichter verstehen, wie mein Mann dazu +gelangte, sich in Leonie Monier zu verlieben, und welche Kämpfe ich mit +meinem Ich zu bestehen hatte —“ + +Graf Dehn griff nach dem Gebotenen und unwillkürlich entglitt seinem +Munde ein Laut bewundernden Entzückens. + +Imgjor wars, aber in noch höherer Vollendung. Ein so süßes, engelhaftes +Lächeln umspielte den Mund des Bildes, aber auch ein solcher +schmachtender Glutblick drang aus den Augen, daß man sich von dem +Anschauen nicht zu trennen vermochte. In ihrem Kostüm erinnerte sie an +die Watteauschen Rokokobilder. Ein langes Mieder, verziert mit +Rosenbändern, hob ihre überaus zarte Figur. Um ihren vollendet +gebildeten, bis zum Ellbogen freien Arm schlang sich ein schwarzer +Sammetstreifen, und in ihrem hochfrisierten Haar saßen neben Blumen +kleine blaßblaue Schleifen. Alles aber wurde übertroffen durch die +Pracht ihrer schneeigen Büste, die blendenden Farben, den durchsichtig +weißen Schmelz ihrer Zähne und die kleinen, zum Liebkosen geschaffenen +Hände. + +„Nicht wahr? Sie war schön? Man kann etwas gleiches nicht sehen —“ stieß +die Gräfin in neidloser Bewunderung heraus. + +„Und ich kann hinzufügen: sie war wirklich noch schöner. Man lag, wenn +sie sprach und lächelte, im Bann ihrer bestrickenden Reize, und nicht +der Tochter eines gascognischen Glasschleifers die sie war, glich sie, +sondern dem Mitglied einer auf Thronen fixenden Familie. + +Aber sie war nicht allein wegen ihrer Schönheit gefährlich, sondern +ebensosehr wegen des seltsamen Gemisches ihres Wesens. Herzensgüte, +Trotz, liebenswürdige Naivetät und schlaue Berechnung saßen zugleich in +ihr und gelangten, den Umständen nach, zum Ausdruck. + +Man hätte sie küssen und sie ohrfeigen mögen, einmal wegen ihrer +bezaubernden Liebenswürdigkeit, und dann wieder wegen ihres kaltherzigen +Starrsinns. + +Doch nun hören Sie, wie alles verlief. + +Ich lernte meinen Mann, der damals der französischen Gesandtschaft +attachiert war, in dem Hause des russischen Fürsten Betzkoy kennen, +verliebte mich gleich sterblich in ihn und wurde schon nach vier Wochen +unserer ersten Begegnung seine Braut. + +Meine Eltern waren überaus glücklich über diese Verbindung, und meine +Verwandte, der Vicomte von Choisseuile und seine Frau luden uns zu einem +mehrwöchentlichen Aufenthalt auf ihrem in der Nähe von Paris +befindlichen Landsitz ein. + +Hier verlebten wir in dem ersten Rausch unserer leidenschaftlichen Liebe +seelige Tage, durchschweiften zu Wagen und zu Pferde die Umgegend, +machten oder erneuerten die Bekanntschaft angesehener und interessanter +Personen, welche sich ebenfalls um diese Zeit auf ihre in dieser Gegend +belegenen Güter zurückgezogen hatten, fanden aber auch die beste +Gelegenheit, unsere Charakter zu prüfen, ihnen gegenseitig gerecht zu +werden, und uns immer mehr ineinander hineinzuleben. Mir wurde klar, daß +Lavard ein leicht entzündliches Herz besaß, und daß ich infolgedessen +nicht die erste sei, der er sich genähert. + +Er sprach auch mit voller Offenheit über früheres. Er betrachtete mich +nicht als eine prüde Vestalin, sondern als das, was ich wirklich war: +ein mit den wirklichen Lebensverhältnissen vertrautes weibliches Wesen, +das sehr wohl wußte, daß Männer und oft auch Frauen Versuchungen +unterworfen sind und meist schon etwas erlebt haben, wenn sie an den +Altar treten. + +Als ich eines Tages mit Lavard unter der Linde in dem Garten eines zu +dem Besitz gehörenden Pachthofes saß, wo wir, nach unserm anstrengenden +Ritt, eines kleinen Imbisses wartend, plauderten, unterbrach er +plötzlich das Gesprächsthema, sah mich ungewöhnlich zärtlich an, faßte +meine Hände und sagte: + +„Ich habe eine Bitte an dich, eine große Bitte, Lucile! Willst du sie +mir gewähren?“ + +„Gewiß, mein teurer Freund, wenn ich es vermag —“ entgegnete ich ohne +Besinnen. + +„Du sprichst das ja so leicht aus, Lucile! Ich fordere etwas Großes, +sehr Großes! Es gehört eine opferstarke Liebe dazu!“ + +„Um so besser vermag ich dir zu beweisen, wie gut ich dir bin, Lavard — +sprich also — natürlich, ein ritterlicher Mann, wie du, wird von einem +Mädchen nichts verlangen, was ihren weiblichen Empfindungen +widerstreitet —“ + +Ich weiß nicht, wie ich in meiner Entgegnung zu dieser Einschränkung +gelangte. Jedenfalls hatte sie die Wirkung, daß Lavard trotz meiner +wiederholten Aufforderungen, nun doch nicht redete. + +Und so blieb's, und ich dachte auch schon gar nicht mehr an seinen, wie +ich angenommen hatte, launenhaften Einfall, als er eines vormittags, +kurz vor unserer Rückkehr nach Paris, im Park des Schlosses hinter den +Boskets vor mir niederfiel und mich beschwor, ihm zu gewähren, worum er +mich ersuchen werde. + +Und da er so erregt war, da sein ganzes Wesen eine solche Spannung +verriet, insbesondere aber, weil es mich drängte, ihm zu beweisen, wie +sehr ich ihn liebte, sprach ich, ohne vorher zu hören, ein unbedingtes +ja! + +„Was es auch sein mag, Lavard! Ich werde deinen Wunsch erfüllen. Ich +schwöre es dir!“ + +Nun schnellte er empor, umfaßte mich mit schmeichelnder Zärtlichkeit, +zeigte mir dann dieses, eben dieses von Ihnen bewunderte Bild, und +sagte: + +„Diese weibliche Person, Leonie Monier, eine Nähterin der Vorstadt St. +Antoinne, war vor wenigen Monaten noch das, was du mir heute bist, +Lucile — + +Du begreifst, daß ich mich in sie verlieben konnte! Ich sage, daß ich +die Beziehungen zu ihr wieder gelöst habe, weil ihr Charakter ein +Zusammenleben unmöglich macht. Ich würde sie sonst trotz ihres einfachen +Standes und anderer Umstände vielleicht geheiratet haben. + +Es liegen die Dinge nun, wie folgt: + +Sie erklärt mir, dann gutwillig ihrer Rechte auf mich sich begeben zu +wollen, wenn du dich entschließest, sie zu empfangen und ihr eine noch +zu erörternde bindende Zusicherung zu geben. + +Natürlich! Sie vermag nichts gegen mich zu unternehmen. + +Mich treibt mein Ich, mich veranlaßt die Erinnerung an die Tage, die ich +glücklich mit ihr verlebte, aber mich veranlaßt auch ein bestimmter +Umstand, derselbe, welcher mit ihrer an dich zu richtenden Bitte +zusammenhängt: alles zu thun, was eine freundliche Lösung unserer +Beziehungen herbeizuführen vermag!“ + +„Wohlan, sprich, Lavard. Ich werde hören!“ + +„Nun denn, Lucile! Leonie Monier ist dieser Tage Mutter eines Kindes +geworden. Sie verlangt von uns — und deshalb will sie dich sprechen — +die Auferziehung ihres Kindes und die Sorge für dieses bis zu einem +gewissen Zeitpunkt. Dann soll's wieder ihr Eigentum sein, oder wir +sollen ihr's für eine namhafte Summe abkaufen —“ + +„Ah — ah — welch ein berechnender Handel, und gar mit dem eigenen Kinde! +Hinter diesen engelhaften Zügen sucht man etwas anderes! Und alles hätte +ich eher erwartet, als dies. Du erhebst einen Anspruch an mich, zu dem +eine starke Selbstverleugnung gehört, Lavard. Und was wird sonst noch +folgen?“ rief ich, meine Erregung nicht verbergend. + +Lavard bewegte die Schultern. + +„Die Dinge liegen nicht so ungünstig! Sie ist nicht schlecht. Aber +lassen wir das jetzt, und überlasse auch die Erledigung der materiellen +Dinge mir, Lucile. Gewähre nur zunächst, warum sie dich bittet —“ + +Ich zögerte. Dann sagte ich: + +„Eines habe ich gewährt, ich versprach die Erfüllung eines Wunsches. Du +stellst aber jetzt noch andere, sehr weittragende Forderungen an mich. + +Du willst gewiß, daß ich dieses Kind, als unseres annehme — es nach +außen so hinstelle —“ + +„Ja, Lucile! Wir gehen für die Zeit eines Jahres oder länger auf +Reisen. Wenn wir zurückkehren, erklären wir, daß wir unterwegs dies Kind +gefunden und in unsere Obhut genommen haben, daß Mitleid unsere +Triebfeder war — für alles übrige wollen wir die Zeit sorgen lassen.“ + +„Warum stellst du eine so schwere Forderung an meine Liebe, Lavard? +Lasse das Kind von anderen aufziehen. Durch sie wird — durch deinen +Reichtum unterstützt — dasselbe erreicht. Der Mutter kann's doch nur um +das Wohl ihres Kindes zu thun sein. Da sie mittellos und einen +leichtsinnigen Charakter besitzt, will sie das Kind vor doppelten +Fährnissen behüten. Das verstehe ich! Aber weshalb ein so ungeheures +Opfer von mir? Oder ist's dein eigenes Kind?“ + +„Ja und nein, Lucile! Eben das ist's! Sie, Leonie, behauptet es, obschon +sie auch Beziehungen zu einem anderen, einem Jongleur hatte. Nun weißt +du alles, nun verstehst du alles. Sei deshalb so hochherzig, wie ich +dich schätze. Ist's mein eigenes Fleisch und Blut, dann habe ich +unabwendbare Pflichten!“ + +Diese Worte entschieden, ich empfing nicht nur die junge Frau, sondern +ich war auch später einige Zeit in ihrer Nähe. Wir trafen sie in dem +französischen Seebade Trouville, wohin sie Lavard zur Kräftigung ihrer +Gesundheit gesandt hatte. + +Während dieser Zeit lernte ich sie nicht lieben, aber doch ihre guten +Eigenschaften schätzen; auch gab ich ihr das Versprechen, das sie +verlangte. + +Wenig später — das Aufgebot hatte bereits bald nach unserer Verlobung +Stattgefunden — wurden wir in der Madeleine getraut, unternahmen darauf +eine fast fünfviertel Jahre andauernde Reise, und begaben uns alsdann, +mit dem kleinen, inzwischen anderweitig in Kost gegebenen, und nun in +unsere Hände gelangten Kinde nach Rankholm. + +Wir verfuhren auch unseren Bekannten gegenüber, wie wir es besprochen +hatten. Im ganzen wurde wenig nach dem Kinde gefragt. Nach wenigen +Monaten war überhaupt nicht mehr von dessen Ursprung die Rede und +allmählich sah man es als unser eigenes, als Erstgeborenes an. + +So war also gelungen, was meines Mannes Wunsch gewesen, und ich muß +gestehen, daß er mir in den zwölf Jahren, während welcher Zeit wir von +der Mutter niemals wieder hörten, täglich seine Erkenntlichkeit in +rührendster Weise an den Tag legte. + +Dann aber erschien plötzlich, fast ohne vorherige Anmeldung, +Mademoiselle Monier, um ihr Kind zurückzufordern, und nun begannen die +Kämpfe zwischen uns dreien. + +Es ist mir wie heute! Ich war im Begriff über den Schloßhof zu +schreiten, als ein Wagen vorfuhr, auch ertönte gleich darauf schon das +Läuten der Glocke am Portierhause. Ich aber nahm rasch den Weg in das +Schloß, betrat meine Gemächer, wartete hier und überließ es meinem Mann, +Frau von Etienne, wie sie sich nach unserer Abrede nennen sollte, zu +empfangen. + +Auch noch anderes war zwischen mir und Lavard abgemacht. Sie sollte +womöglich noch an demselben Tage Rankholm wieder verlassen und sich +nach Oerebye begeben. Dort wollte Lavard mit ihr verhandeln. Ihr +vorzuenthalten, ihre Tochter schon vorher zu sehen, konnten wir nicht +über uns gewinnen, aber es sollte lediglich aus der Entfernung +geschehen. Eine eigentliche Annäherung sollte nicht stattfinden. Wir +wollten sie bewegen, daß sie uns Imgjor gegen ein ferneres Jahresgehalt +und gegen eine einmalige Abfindungssumme für immer überlasse. Lucile +hatten wir schon in der Frühe zu Freunden nach Taxholm gesandt. Sie +sollte von diesem Besuch überhaupt keine Kunde erhalten. Imgjor bewohnte +damals mit ihrer Erzieherin dieselben Räume, die sie jetzt inne hat, und +nur hatten angeordnet, daß sie beide bei Tisch nicht erscheinen sollten. + +Dies war nicht auffallend, da solches häufiger geschah. Ich hielt Imgjor +überhaupt streng, weil ich immer ihrer Mutter Charakter im Auge hatte, +weil ich immer darauf bedacht sein mußte, des Kindes sehr stark +ausgeprägten Drang nach Selbständigkeit zu dämpfen. + +Diese meine große Strenge hat Lucile, weil sie eine ungerechte +Ungleichheit der Behandlung darin erkannte, Ihnen gegenüber getadelt, +Graf Dehn. Sie that es eben, weil sie meine Beweggründe nicht kannte. — + +Doch nun zurück zu dem plötzlich erschienenen Besuch. + +Ueber eine Stunde verhandelte mein Mann mit Madame Etienne, ehe er sie +mir in meine Gemächer brachte. + +Als Frederik ihr Kommen meldete, klopfte mir das Herz. Ohnehin erregt, +beschäftigte mich dieses lange Beisammensein meines Mannes mit seiner +ehemaligen Freundin, nicht wenig. Mir ahnte auch, daß sie +Schwierigkeiten erhob, unsere Wünsche zu erfüllen. Sicher weigerte sie +sich, uns ihre Tochter zu lassen, machte die Gewährung von unerfüllbaren +Forderungen abhängig. Wie berechnend sie war, hatte sie hinreichend +früher bewiesen. + +Ich hatte aber Imgjor wegen ihrer trefflichen Eigenschaften so lieb +gewonnen, daß ich sie wie mein eigenes Kind liebte. Auch leitete mich +bei dem Verlangen, sie bei uns zu behalten, die Ueberlegung, daß ihre +Entfernung den Anlaß zu unliebsamen Redereien geben werde. Wir hassen es +beide, uns in den Mund der Menge zu bringen. + +Endlich wollten wir auch mit dieser Angelegenheit einmal ein Ende haben. +Ich wünschte insbesondere, daß Lavard dem Einfluß dieser Person, die, +wie ich stets erfuhr, in all den Jahren noch mit ihm korrespondiert +hatte, für immer entzogen werde. + +Mein Erstaunen maß sich sodann mit meiner Abneigung, als sie mir +gegenübertrat. + +Sie war zwar noch immer blendend schön, aber sie besaß nichts von dem +Wesen einer anständigen Frau, einer wirklichen Dame. Sie war das +vollendete Bild einer Halbwelt-Circe. Ihr Kostüm war übertrieben modern, +stark parfümiert, und lächerlich kostbar. Ihre Arme waren mit Schmuck +behangen, und hinter ihrem sanft schmachtenden Lächeln verbarg sich +etwas, das den Weltkundigen nicht täuschte. + +Und wirklich besaß sie keine echte Empfindung, ihr Gemüt war verdorrt, +sie war nichts anderes, als eine kalt berechnende Kokette. + +Es wäre somit ein Vergehen gewesen, ihr Imgjor auszuliefern. + +Aber sie von diesem Gedanken abzubringen, war noch die geringste +Schwierigkeit. Der große Reichtum meines Mannes konnte noch größere +Ansprüche befriedigen, als sie sie erhob und auf deren Erzielung es ihr +überhaupt nur ankam. Aber sie hatte schon gleich am ersten Tage Lavard +wieder in solche Fesseln zu schlagen gewußt, daß er völlig Wachs in +ihrer Hand geworden war. + +Er bestritt in heftigen Worten die Berechtigung meiner abfälligen +Kritik. Er fand es, da sie es nicht wollte, völlig überflüssig, daß sie +nach Oerebye übersiedelte Er verlangte von mir, daß ich sie wochenlang +auf Rankholm behalten solle. Sie habe Anrechte auf unsere +Gastfreundschaft und unsere Rücksicht; man müsse der Mutter für eine +zeitlang ihr Kind gönnen. + +Entsetzliche Tage verlebte ich. Lucile, der ich in der Erregung nicht +mehr gedacht hatte, kehrte wieder zurück. Imgjor näherte sich der +schönen und sie umschmeichelnden Madame Etienne, der Gattin des Baron +von Etienne in Brüssel, als welche sie sich auch Imgjor im +Einverständnis mit meinem Manne vorgestellt hatte. + +Zuletzt war mein Entschluß gefaßt. + +In einer Scene, der Lucile zufällig beiwohnte, erklärte ich Lavard, mich +von ihm trennen und zu meiner Familie zurückkehren zu wollen, wenn die +Fremde nicht innerhalb achtundvierzig Stunden das Haus verlasse. + +Lucile führte, weil ihr Vater ihr beipflichtete, mein Verhalten auf +Eifersucht zurück. Sie nahm für ihren Papa Partei, schalt mich des +Mangels an Liebe und des Mangels an Duldsamkeit, und ich litt zehnfach, +da ich meinem Kinde nicht eröffnen konnte, wie die Dinge standen. + +Endlich siegte ich. Ich siegte dadurch, daß ich eine Nacht mit dem +fremden Weibe rang. Sie wohnte damals in den Gemächern, die jetzt meine +Tochter Lucile inne hat. Mir ist's in der Erinnerung wie heute. Der Tag +war grau, kalt und nebelig, so unfreundlich, daß man sich nicht einmal +zu einem Spaziergang in den Park hinauswagen mochte. + +Wir waren deshalb mehr denn sonst und bereits vor dem Frühstück auf +einander angewiesen, und dieses engere Beisammensein benutzte Madame +Etienne, um allerlei bisher von mir verhinderte Vertraulichkeiten +zwischen sich und den Kindern herbeizuführen. + +Sie gab sich besonders mit ihnen ab, holte verschiedene wertvolle +Gegenstände aus ihren Koffern heraus, die sie ihnen, trotz deren +bescheidenen Abwehr, aufdrängte und forderte sie zuletzt gar auf, sie du +und Tante zu nennen. + +Die Mädchen nahmen dieses als eine Bevorzugung hingestellte Anerbieten +natürlich an. Und dies du machte beide natürlich freier gegen den Gast, +namentlich die jüngere Lucile. Infolgedessen ließ diese auch eine +Aeußerung fallen, die sie sonst sicher nicht gemacht haben würde. Sie +wies, und schon lange hatte ich dies kommen sehen und mich davor +gefürchtet, auf die große Aehnlichkeit zwischen Madame und Imgjor hin. + +„Ihr seht wie Schwestern aus!“ betonte sie lebhaft und richtete auch +ihre zu meiner Zustimmung auffordernden Blicke auf uns. + +In Madame Etiennes Gesicht leuchtete es auf. Ich sah's. Alles, was sie +irgendwie mit uns in eine nähere Beziehung zu bringen vermochte, danach +griff sie begierig! + +Sie wollte nicht nur die größten materiellen Vorteile daraus ziehen, daß +sich ihre Tochter bei uns befand, sondern sie strebte, — ihrer +abenteuerlichen Eitelkeit entsprechend — auch danach, neben uns eine +gleichberechtigte Rolle zu spielen. + +Auf ihre Tochter war sie bald maßlos eitel und überlegte dann, ob sie +sie doch nicht mit sich nehmen solle, oder sie zeigte eine nicht +verhüllte, heftige Eifersucht. Dann ergriff sie, — man sah's — ein durch +die Einsicht in ihre eigene Unwürdigkeit noch mehr geförderter Ingrimm +gegen ihr eigenes Kind. Dessen reiner Sinn, dessen fester Charakter, +dessen ungewöhnliche Wahrheitsliebe, dessen Abscheu gegen nichtssagende +Redensarten, aber auch dessen zutage tretendes Mißtrauen gegen ihre +aufdringlichen Liebenswürdigkeiten, schufen einen Aerger in ihr, den sie +nicht bezähmen konnte. + +Und eben dieses Gemisch von Gefühlen und Stimmungen, aber vielleicht +auch die Erwägung, daß es ihren Zwecken förderlich sei, uns in steter +Unruhe zu halten, verleiteten Madame Etienne an diesem Tage, Luciles +Aeußerungen aufzunehmen, statt mit einem flüchtigen Wort darüber +fortzugehen. + +Sie sagte überlegen lächelnd: + +„So, findest du das? Nun, wer weiß, ob die Etiennes und die Lavards +nicht, ohne es zu wissen, verwandt sind, — ob sich solches nicht, wenn +wir einmal gründlich nachforschen, — herausstellen würde —“ + +Mein Mann warf ihr einen erschrockenen, und weil er in ihren Banden lag, +flehenden Blick zu. Auch nahm er rasch das Wort und wußte ein anderes +Thema zu berühren. + +Nach Tisch, während wir des Kaffes im Salon warteten, machte sich Madame +Etienne an Imgjor heran, prüfte eine Handarbeit, mit der sie beschäftigt +war, lobte die Sorgfalt der Ausführung und fragte sie, ob sie nicht Lust +habe, sie einmal in Paris, wo sie fürder wohnen werde, zu besuchen. Sie +habe dort ein sehr schönes Haus, und sicher würde sich Imgjor +vortrefflich in der Stadt des Vergnügens amüsieren. + +Es folgte dann noch eine Beschreibung der Räume und der kostbaren +Einrichtung, und überhaupt war sie bemüht, Imgjor einen möglichst +großartigen Eindruck von ihren Einkünften und ihrer gesellschaftlichen +Stellung beizubringen. + +Sie bewies, indem sie diese Mittel anwendete, Imgjors Zuneigung zu +gewinnen, allerdings eine sehr geringe Fähigkeit, Charaktere zu +beurteilen. Es war mir unbegreiflich, daß sie nicht erkannt hatte, daß +dergleichen für dieses ernste, reife und in seinem innersten Wesen +einfach geartete Wesen gar kein Lockmittel sein werde. + +Reichtum und Wohlleben umgaben Imgjor, aber reizten sie durchaus nicht. +Ihre Pflicht stellte sie stets über das Vergnügen, und auch die Freuden +des Daseins suchte sie lediglich im Verkehr mit der Natur, mit guten, +treuherzigen Menschen, in der Pflege geistiger Dinge und im Verkehr mit +Tieren, mit Vögeln, Pferden und Hunden, die sie zärtlich liebte und +pflegte. + +Tanzen, Kokettieren, den Großen nachzumachen, früh schon die Dame zu +spielen, sich sinnliche Aufregungen zu verschaffen und den nichtigen +Vergnügungen nachzujagen, hatte für Imgjor keinen Reiz. + +Und demgemäß antwortete sie auch. + +„Nein, nein, gnädige Frau. Ich bleibe lieber hier in der Heimat!“ +entgegnete sie nach ihrer Art, kurz und ohne für die durch diese +Einladung zum Ausdruck gelangte Artigkeit einen besonderen Dank an den +Tag zu legen. Auch ließ sie absichtlich das „du“ und die „Tante“ dabei +außer acht. — + +„Meinst du denn nicht, daß es für dich vorteilhaft wäre, neues zu sehen, +zu lernen, dich zu vervollkommnen, zu erkennen, daß es noch eine andere +größere Welt giebt, als das Pünktchen Rankholm! Hältst du dich bereits +für vollendet?“ warf die Frau, hämisch im Ton, hin. + +Sie vermochte ihren Aerger über diese Unbiegsamkeit, über diese +offenkundig hervortretende Gleichgiltigkeit gegen ihre Person nicht zu +bezähmen. + +Schier bersten aber wollte sie, als Imgjor, sich äußerlich sanft +fügend, und nur die Schultern bewegend, einer Antwort auswich. + +Sie warf schroff gereizt hin: + +„Nun, Kind! Antworte! Hältst du dich für so vollkommen?“ + +„Nein, gewiß nicht, gnädige Frau. Aber ich möchte Reisen nur in +Begleitung meiner Eltern unternehmen. Wenn sie nicht dabei sind, wenn +ich mit ihnen nicht zusammen genießen darf, haben sie keinen Reiz für +mich!“ + +Diese Erwiderung klang aus dem Munde einer Dreizehnjährigen recht +altklug. Sie war nicht artig, aber Inhalt und Form waren zur Belehrung +über die Stellung, welche Imgjor ihrer Mutter gegenüber einnahm und +einzunehmen entschlossen war, weise gewählt. Diese ihre Antwort traf +auch Madame dergestalt, daß sie alle Klugheit außer acht lassend, mit +boshaft funkelnden Augen herausstieß: „Na ja! Dann mache, wenn du alles +besser weißt, wie du's willst!“ Worauf sie dann Imgjor sitzen ließ, sich +mit einer gemacht gleichgiltigen Miene zu mir, und als dann grade mein +Mann in den Salon trat, mit schmeichelnder Liebenswürdigkeit an ihn +wandte und zu einer Partie Schach aufforderte. + +Und was ich, obschon ich mir nichts merken ließ, dann sah, das gab mir, +neben der Ueberlegung, daß es keine bessere Gelegenheit geben konnte, +die Stimmung der Mutter gegen ihr Kind zu unserm Vorteil auszunutzen, +den Entschluß, noch an diesem Tage mit den Dingen unter allen Umständen +aufzuräumen. + +Mit meinem Manne war sie wie eine Braut. Sie sah ihn fortwährend +zärtlich an, umschmeichelte ihn, und suchte ihn überhaupt immer mehr in +ihre Netze zu ziehen. Auf mich, auf die Kinder, die ich dann auch +möglichst bald fortsandte, auf Graf Knut, der zum Plaudern gekommen, +nahm sie gar keine Rücksicht. + +Sie folgte einerseits rücksichtslos ihren eitlen Plänen, nämlich den +Mann, der einst ihr erlegen, abermals dauernd in Fesseln zu schlagen, +und andererseits ihrem rachsüchtigen Bestreben, mir möglichst +unangenehme Empfindungen zu bereiten. + +Da ich die Antwort, die Imgjor ihr gegeben, nicht gerügt hatte, wußte +sie mich einverstanden. Das genügte, um den schon in ihr lodernden, +heftigen Ingrimm gegen mich noch mehr anzufachen. + +Nachdem endlich, nach Verlauf peinlicher Abendstunden, die Uhr elf +geworden, Graf Knut sich empfohlen, und auch jene sich zum Aufbruch zu +rüsten anschickten, erklärte ich, noch ausbleiben und Briefe schreiben +zu wollen. + +Mein Mann erhob auch keinen Widerspruch, befahl der herbeigerufenen +Kammerjungfer, Madame Etienne in ihre Gemächer zu geleiten, und begab +sich, — mir in der gereizten Stimmung, die ihn während dieser Zeit +stetig beherrschte, nur eine kühle, gute Nacht wünschend, — ebenfalls in +seine Räume. + +Ich aber that nicht, wie ich vorgegeben hatte, sondern warf mich aufs +Horchen, und sobald ich hörte, daß die Jungfer sich wieder aus Madames +Gemächern entfernt, ich auch abgewartet, daß Frederik die Lichter im +Flur und auf den Korridoren gelöscht hatte, entzündete ich eine +Wachskerze, schritt an die Thür meiner Widersacherin und klopfte. + +Ein lebhaftes: „Wer ist da?“ erfolgte. + +„Ich, Lucile, bin's! Bitte, öffnen Sie!“ gab ich zurück. + +„Ah! Sie, liebe Gräfin! Ich komme gleich —“ + +Und so geschah's. Ich fand sie halb angekleidet, forderte sie auf, mir +Gehör zu schenken, und setzte mich alsbald ihr gegenüber. — + +Alles, was ich auf dem Herzen hatte, sagte ich, nicht gehässig, aber +entschieden, klar und knapp. Ich betonte, was wir gewollt, was geworden, +wie sie sich dazu verhalten habe, was sie ohne Zweifel beabsichtigte, +wie sie meinen Gatten wieder umgarnen wolle und welche beleidigende +Rolle gegen mich, und welche aussichtslose gegen ihre Tochter sie +spiele. — + +Ich deckte ihr rücksichtslos ihr Inneres auf, baute ihr aber wiederum +auch Brücken, indem ich sie durch ihre verlorene Jugend zu entschuldigen +strebte. + +Aber ich nahm auch von der Thatsache, daß sie ihres Kindes Herz schon im +Voraus verloren habe und es bei ihrer Veranlagung, ihren +Lebensgewohnheiten und Anschauungen nie gewinnen werde, nichts zurück. +Sodann bot ich ihr, vorher noch betonend, daß ich eher sie oder mich +töten, als daß ich es — schon um der Kinder willen leiden werde —, daß +mein Mann zu ihr zurückkehre, eine erhebliche Geldsumme für ihren +Verzicht auf Imgjor und ihre Nimmerwiederkehr an. + +Noch zögerte sie, sie erging sich in einen Schwall von Worten, in denen +sie sich als eine Heilige, und mich als eine ebenso klein Veranlagte, +wie thöricht eifersüchtig Geartete hinzustellen suchte. Zuletzt aber, +als ich ihr einen großen Teil des von mir in die Ehe gebrachten +Vermögens anbot, unterlag sie ihrer Habgier. Die ungeheure Summe löschte +alle wirklichen und komödienhaften Regungen in ihrer Seele wie mit einem +Regenguß aus. Sie nahm auch die von mir als erforderlich hingestellten +Nebenbedingungen ohne Einwand an. Ich erklärte, ihr die Hälfte gleich +anweisen, den Rest aber, von dem ihr die Nutznießung der Zinsen werden +solle, erst nach einer Prüfung von zehn Jahren auszahlen zu wollen. Wenn +sie sich während dieser Zeit ein einzigesmal meinem Mann oder ihrer +Tochter ohne meine Zustimmung wieder nähere, gehe sie desselben +verlustig. + +Schon am nächsten Tage verließen wir zusammen Rankholm, und begaben uns +nach der holsteinischen Stadt Rendsburg. Hier ließ ich nach genauer +Information einen Rechtsanwalt einen Vertrag in französischer Sprache +entwerfen, der alle Punkte feststellte, welche zwischen uns vereinbart +waren. + +Nachdem dieser in zwei Exemplaren ausgefertigt war, unterschrieben wir +ihn beide, reichten uns wie zwei kühle Geschäftsleute die Hand und +fuhren am folgenden Morgen, — jeder den Abend allein im Hotel +zubringend, — unseren verschiedenen Zielen zu. + +Sie reiste, selig befriedigt, ohne den geringsten Schmerz um ihr Kind, +nach Paris zurück, und ich trat am Spätnachmittag meinem Manne in +Rankholm wieder gegenüber. + +Ich fand zu meiner glücklichen Befriedigung keinen Zürnenden, sondern +einen durchaus sanft Gestimmten. Er schloß mich unter der Versicherung +seiner alten Empfindungen und seines schrankenlosen Dankes für mein +energisches Verfahren zärtlich in die Arme, erklärte, daß er schon am +Morgen nach Madames Abreise wieder zur Besinnung zurückgekehrt und jetzt +förmlich wie erlöst sei. + +Der Zauber war gewichen. Geradezu dämonisch hatte sie ihn umstrickt. Als +ein schwer Kranker war er in diesen Wochen umhergegangen, und als ein +Neugeborener atmete er auf, als dieses ekle Parfüm, als dieses Girren +und Werben, als diese auf seine Sinne berechnenden Künste auf ihn nicht +mehr wirkten. + +So, lieber Graf, das ist in großen Zügen der Bericht, aus dem Sie +ersehen werden, daß Menschen allezeit Menschen bleiben, irren, sich +gegen ihre Freunde und die Verhältnisse auflehnen, sich aber wieder +besinnen und je nach dem Wert ihres Ich einen zufriedenen Zustand +zurückzugewinnen vermögen. Auch ich habe mir mein Glück suchen müssen, +und ich habe es gefunden, weil ich das Gute erstrebte für ihn, Lavard, +für das Kind, das ich wahrhaft liebte, und für mich selbst! + +Mein Schlußwort soll sein: + +Möchte es Ihnen nun gelingen, dieses treffliche, wenn auch zeitweise +irregeleitete Mädchen heimzuführen, ihr das Glück zu verschaffen, was +wir ihr alle sehnsüchtig wünschen!“ + +Graf Dehn hatte mit außerordentlicher Spannung und mit steigender +Bewunderung den Ausführungen der Gräfin zugehört. Als sie die letzten +Worte gesprochen, beugte er sich auf ihre Hand herab und drückte einen +Kuß darauf. + +„Ihnen, Frau Gräfin, nahe bleiben zu dürfen, ist fast so viel, wie der +Wert, einer Imgjor Gatte zu werden —“ stieß er warmherzig heraus. + +Er suchte bei diesen Worten ihr Auge und sie gab ihm den Blick mit dem +alten vertieften Ausdruck, der ihr eigen war, zurück. + +Und nun wußte er auch ihr Wesen zu deuten, das ihm so oft rätselhaft +erschienen war. Die Erfahrungen des Lebens hatten ihr Vorsicht +auferlegt. So empfing ihr Blick etwas Spürendes, ein Bestreben, das +Innere ihrer Nebenmenschen erst zu durchdringen, bevor sie ihnen ihre +Zuneigung und ihr Vertrauen schenkte. + + * * * * * + +In einem Gehölz, das sich an den Rankholmer Park anlehnte, befand sich +neben einer Höhe ein kleiner Thalkessel, und in diesem lag einsam, +idyllisch, umschlossen von hohen, grünen Fichten auf der einen Seite, +und umzingelt von Buchen, Eichen und dichtem Gebüsch auf der anderen, +ein blauer, stiller See. Libellen umschwärmten ihn, und tausend andere, +die Wonnen des Daseins genießende, geflügelte kleine Geschöpfe führten +schwebende Tänze über seinem silberklaren Spiegel aus. Aber auch eine +entzückende Flora hatte hier eine Heimstätte gefunden. Immer neue +Gebilde und Farben entdeckte das Auge, und süße Düfte berauschten die +Sinne derer, die sich auf den, an den Ufern befindlichen, mit zierlich +durchbrochenen Rücksitzen versehenen Waldbänken niederließen. + +Zur Linken erhob sich ein hoher, von Epheu anmutig umsponnener +Granitstein, auf dessen glatt polierter Fläche zahlreiche Namen in +deutscher und lateinischer Schrift eingegraben waren, Namen, deren +Inhaber sich hier auf diesem Platze im Laufe der Zeiten niedergelassen +oder mit ihren Herzen gefunden hatten. + +Gleichsam ein Zauber zog die jeweiligen Bewohner des Schlosses hierher, +und ein ähnlicher, heftiger Drang, der Drang nach Vereinsamung leitete +auch die Schritte des Grafen Axel Dehn, der nun eben — es war um die +Nachmittagsstunde — aus dem Gehölz hervortrat und sich einer der Bänke +näherte. Seine Gedanken waren so ausschließlich auf einen Punkt +gerichtet, daß er mit bewußten Sinnen keinen Eindruck in sich aufnahm, +daß seine Augen alle die Schönheiten, die ihn umgaben, nur mechanisch +aufsogen. + +Imgjor hatte sich angemeldet und war nun doch nicht gekommen, auch +fehlte jede Nachricht von ihr. Den ganzen Mittag hatte sich das Gespräch +darum gedreht, zulegt war man zu der Meinung gelangt, daß sie am Abend, +den letzten Zug von Norden benutzend, eintreffen würde. + +Unerfüllte Sehnsucht macht krank. Von der Höhe der Erwartung +herabgestürzt zu werden, völlig in Ungewißheit zu schweben, ist für die +stärksten Naturen ein qualvoller Zustand. + +Um der grenzenlosen Unruhe leichter Herr zu werden, war Graf Dehn die +Treppe zu Imgjors Zimmer hinaufgestiegen. Wie damals hing, obschon +sorgsame Hände die Räume für die Kommende neuerdings in Stand gesetzt +hatten, der Schlüssel an dem versteckten Haken hinter der Thür. Graf +Dehn wagte ihn herabzunehmen und die Gemächer zu öffnen. + +Herbstsonnenschein ruhte auf all' den reizenden, unberührten +Gegenständen, auf den Möbeln und zahlreichen Kleinigkeiten, den +seidenbezogenen Sesseln, und den seidenen Vorhängen. Ein eigener Duft +von eingeschlossener Luft und Blumen wirkte berauschend auf die Sinne, +ein berückender Duft von Imgjors Wesen, einer, der ihren Kleidern meist +entströmt war, haftete noch in den Räumen. Und zu Seiten standen die +Flügelthüren zu demselben Gemach offen, in das sie damals ihren kranken +Hund gebettet hatte. Graf Dehn richtete, sehnsüchtig angezogen, auch in +dieses einen raschen Blick. Die Tapeten befanden aus rosendurchwirkter +Seide, die Polsterstühle waren mit weißem Rips bezogen, und alle übrigen +Möbel trugen eine blitzend weiße, mit zarten Goldlinien geschmückte +Farbe. + +Das Heim einer Prinzessin, aber auch das Heim eines sinnereinen, +weiblichen Wesens! Nur über dem Ruhelager eines solchen konnte so viel +saubere, gleichsam unschuldige Schönheit ausgebreitet sein. Und daneben +ein schlanker, von der Decke bis zur Erde reichender Spiegel in weißer +Umrahmung und eine Toilette, umzingelt von Gardinen und Spitzen auf +rosenfarbenem Hintergrunde. Und als Graf Dehn aus dem Fenster schaute, +lag der Park und lag Kneedeholm vor ihm wie ein Paradies, und hinter +ihnen blaute der Horizont, und über allem lag ein stillseliger Friede. + +War's möglich, daß irgend jemand, noch dazu ein junges, lebensfrohes +Mädchen, das alles freiwillig aufgegeben hatte, um in schlaflosen +Nächten neben in Schmerzen stöhnenden Kranken zu wachen, Wunden zu +verbinden, in schmutzige Hütten zu kriechen, Arme und Elende zu pflegen, +sich zu gemeinen Dienten zu erniedrigen und den Undank der Masse auf +seine Schultern zu nehmen? + +Wonach Millionen mit den Händen begierig greifen würden, nach einem +solchen Wohlleben, einer solchen Heimstätte, einer solchen Welt des +Reichtums, der glücklichen Beschaulichkeit und erquicklichen +Abwechslung, — das alles hatte sie mit ihrem selbstlosen Herzen als +unnützen Tand von sich geworfen! + +Und doch liebte sie die Genüsse: die Natur, die Musik, die schönen +Künste, doch saß sie beseeligt auf ihrem Renner und durchflog die +Gegend, faßte, selbst kutschierend, die Zügel und durchmaß das +Gutsgebiet mit seinen herrlichen Wäldern, Auen und Seen! + +„O, Imgjor, Imgjor, du rätselhafte Seele, du edles, nun doch betrogenes, +aus dem Weltgetriebe verbittert und krank zurückkehrendes Herz!“ + +Und niederknieend in diesen, für ihn heiligen Räumen, flüsterte der +Mann: „Gieb ihr, gütiger Gott, ich flehe dich an, die Ruhe ihres Innern +und ihre Gesundheit zurück! Schaffe ihr auch ein frohes Genügen hier, +die Freude am Menschentum im Kleinen, die Einsicht, daß zwar der +Vernunftbegabte den Sinn auf die Sterne richten, aber danach nicht +thöricht greifen soll!“ — + +Während Graf Dehn jetzt hier auf der Bank saß und die Erinnerungen an +die letzte Begegnung zwischen sich und Imgjor an seinem Geiste +vorüberziehen ließ, überlegte er die Möglichkeit eines Erfolges seiner +Werbung oder einer endgiltigen Enttäuschung. + +Imgjor Lavard war stillschweigend ausgesöhnt mit den Ihrigen. Alles +wartete ihrer bis auf den Grafen Knut drunten im Dorf und den mit +gewohnter Ehrerbietung und Dienstfertigkeit einherschreitenden Frederik. + +Die Vögel konnte keine Willkommenskonzerte anstimmen, sie waren schon +gen Süden gezogen, aber die Lavardschen Fahnen wehten von den Zinnen, +und von Oerebye war eine Kapelle bestellt, die Imgjor am ersten +Frühmorgen vom Park aus durch sanfte Töne begrüßen sollte. + +Und kam sie nun als eine Geheilte, eine Sehnsüchtige, Friedensuchende, +oder war doch wieder etwas in ihr aufgequollen, das sie mit der großen +Welt in Verbindung hielt?! Niemand wußte es in Rankholm, und auch Graf +Dehn wußte keine Schlüsse auf ihr Herz zu ziehen. — + +Langsam wanderte er nach dem Schloß zurück. Jetzt sah er, was um ihn her +vorging. + +Als er aus dem Gehölz heraustrat und sich umblickte, ging die Sonne eben +zur Rüste und warf solche zauberischen Lichter auf Wald, Wiesen und +Felder, daß er wie gebannt stillstand. Vom Dorf her tönte das +Kirchenglöcklein durch die Stille, fröhliches, einmaliges Hundegebell +erklang, und auch das sehnsüchtige Brüllen nach Hause wandernder Rinder +schlug an sein Ohr. + +Das waren die Laute des Landes! + +Erst um die Dämmerstunde gelangte er wieder in das Schloß. + +Als er das Innere betrat, war's ihm auffallend, daß Frederik und zwei +der Diener an Gepäckstücken vor der großen Treppe beschäftigt waren und +daß die Thür zur Halle offen stand. — + +„Wer ist's, Portier? Die Komtesse?“. + +„Ja! Zu Befehl, Herr Graf!“ + +Axel flog die Stufen empor. Sie schon da und er nicht anwesend! + +Sturmschnell betrat er die Hintergemächer. Lautes Sprechen drang aus +dem Kabinett der Gräfin, demselben, das er damals bei dem ersten Besuch +mit klopfendem Herzen betreten hatte. + +Und wieder klopfte es heute aus anderen Gründen so ungestüm, daß ihm +plötzlich die Kraft fehlte, jetzt, in diesem Augenblick — Imgjor +gegenüberzutreten. + +Leise schlich er sich wieder aus dem Zimmer fort, eilte in seine +Gemächer, riß die Fenster auf und holte tief, tief Atem. + +So verharrte er wohl zehn Minuten. + +Und dann hörte er Geräusch auf der Treppe, Luciles und Imgjors Stimmen, +und dann sagte die letztere: + +„Nein, nein — danke, liebste Lucile! Ich habe ja alles; auch bei +Kofferauspacken brauche ich keine Hilfe — in fünf Minuten bin ich wieder +bei euch. — Lasse nur anrichten, daß Papa nicht länger zu warten +braucht!“ + +Und nun Schritte — ihre Schritte empor! + +Ah, wie ihm das Herz hämmerte, — wie die Glieder flogen, wie ihn alles +zu ihr hintrieb! + +Und als sie dann im Begriff stand, den vor seinen Räumen sich dehnender +Vorflur zu betreten, und nun eben emporeilen wollte, öffnete er die +Thür, zog ihre Gewalt mit seinen sehnsüchtigen Augen an sich und — +stürzte an ihr nieder. + +„Imgjor! Imgjor!“ bracht aus der heißarbeitenden Brust. Im Nu hatte er +sie umschlungen und geleitete sie in sein Gemach. + +Und als sie dann dort einander in die Augen schauten und ihm die Worte: +„Liebst du mich, Imgjor?“ aus der trunkenen Brust zitterten, da riß sie +ihn an sich. + +„Ach — du fragst — teurer Mann! Hier, hier, dein Kind, deine Demut, +deine bezwungene Liebe! Hier deine Imgjor, geheilt, zurückgegeben der +Vernunft und dem, den sie liebte, trotz aller Auflehnung und aller +Schroffheiten beim ersten Sehen!“ + +Und der berauschte Mann stöhnte auf und zog das blasse, schöne Geschöpf +an das Fenster. + +„Hier vor Gottes unvergänglicher Natur schwöre ich dir, daß ich dich zu +beglücken suchen werde, wie kein Mann je ein Weib zuvor! Und ist's denn +wirklich Wahrheit? Du bist es selbst, du kehrst bekehrt zurück, du, +Imgjor Lavard?“ + +„Ja, mein Freund! Bewahrheitet hat sich an mir des Dichters Wort: + + Wie Ueberfüllung strenge Fasten zeugt, + So wird die Freiheit, ohne Maß gebraucht, + In Zwang verkehrt! + +Hier in diesem Eden der Schönheit und des Friedens, hier bei denen, +deren hohen Wert ich erst durch die Erfahrungen und Vergleiche erkannte, +wollen wir leben, wirken und streben, wollen wir uns — und anderen +leben! Und nun küsse mich noch einmal, und dann will ich vor dir +niederknieen und deine Hände voll Dank berühren, daß du einen solchen +Reichtum an Nachsicht und Geduld mit deiner — deiner Imgjor gehabt!“ + +Und sie that, nachdem er sie umschlungen, wie sie gesprochen, und dann +hob er sie empor und trug sie auf den Armen zu ihren Gemächern empor. — + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Grevinde, by Hermann Heiberg + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12273 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Grevinde + +Author: Hermann Heiberg + +Release Date: May 6, 2004 [EBook #12273] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GREVINDE *** + + + + +Produced by Charles Franks and the DP Team + + + + +Grevinde + +Roman + +von Hermann Heiberg + + +Berlin + + + + +Endlich, nach langer, heißstaubiger Fahrt hielt die Postkutsche, und +mit den rauh betonten Worten: + +„Hier geht's nach Schloß Rankholm —“ öffnete der Schwager den +Wagenschlag und bedeutete einem darin sitzenden Herrn, daß er ansteigen +müsse. Und während dieser, ein junger, vornehm ansehender Mann seiner +Aufforderung folgte, wandte sich derselbe Postillon zu dem Gepäckkasten, +riß des Reisenden Koffer heraus, stieß ihn unsanft auf den Erdboden und +ließ ihn dort liegen. + +Und als der Fahrgast, Graf Axel Dehn, ein Wort über Wegrichtung und +Weiterbeförderung seines Gepäcks hinwarf, setzte er statt zu antworten, +die Finger an den Mund und ließ in der Richtung eines von Knicken +eingefaßten Seitenweges dreimal hintereinander einen scharfschrillen +Pfiff ertönen. + +Alsbald erschien ein alter, gebückt gehender Mann oben an der Biegung +des Pfades, erhob mit phlegmatischer Bewegung die Hand zum Zeichen, daß +er gehört habe, und näherte sich mit derselben Gemächlichkeit dem +seiner Wartenden. + +„Denne Mand besorger alt —“ warf der sich nunmehr erst wieder zu Worten +anfragende mundfaule Rosselenker hin, nickte obenhin und schritt mit +einem mürrischen Ausdruck das ihm gebotene Trinkgeld wegsteckend, dem +Wagen mit den beiden Braunen zu. Alsdann schwang er sich abermals auf +den Bock und hieb, nunmehr taktmäßig mit der Peitsche ausholend, auf die +dann auch rasch im Staub der Landstraße verschwindenden Gäule ein. + +„Wie weit ist's noch nach dem Schloß?“ warf Graf Dehn, während sich der +Alte, nach ehrerbietiger Verneigung, den schweren Koffer auf die +Schultern packte, hin. + +„Saa omtrent ti Minuter!“ (So ungefähr zehn Minuten) gab der Alte, in +auffallend plattem Dänisch sprechend, zurück. + +Und dann setzen sie sich in Bewegung, und je mehr sie sich dem zwischen +mächtigen Parkbäumen hervorschimmernden Rankholmer Schloß näherten, +desto unfreier wurde dem jungen Fremden zu Mute. + +Schon als Knabe hatte er von seinen Eltern von dieser großen, dänischen +Besitzung vernommen und jedesmal mit einem Gefühl der Beklemmung +zugehört. So viel Absonderliches und Unheimliches hatte sich in den +dunklen Prachtsälen, den verschwiegenen Kemenaten, den dickwandigen +Turmzimmern und Fremdengemächern, aber auch auf den versteckten Treppen +dieses seit Jahrhunderten bestehenden und allezeit in dem Besitz der +Grafen Lavard befindlich gewesenen Schlosses abgespielt! Ein wild +trotziges Geschlecht hatte dort gehaust, um Erbschaften, Geld und schöne +Frauen Ränke geschmiedet und sich nicht selten ingrimmig angefeindet. + +Die Frau des nunmehrigen alleinigen Besitzers, des Grafen Lavard, war +eine Französin aus vornehmem Geschlecht! Er hatte die sehr begüterte +Vikomtesse von Verdeuil bei seiner Anwesenheit in Paris auf einem Balle +beim dänischen Gesandten vor zwanzig Jahren als fünfzehnjähriges Mädchen +kennen gelernt, und sie war ihm, mit einem schwermütigem Verzicht auf +die unvergleichbaren Reize ihrer Heimat, hierher in die einsame +nordische Welt gefolgt. + +Lavards besaßen zwei Töchter, Imgjor und Lucile, von denen sich die +erstere, etwas ältere, zur Zeit auf Rankholm aufhielt, während sich +Lucile gegenwärtig auf Reisen befand. + +Graf Dehns Vater und Graf Lavard hatten einst zusammen bei den dänischen +Dragonern in Kopenhagen gestanden, aber ihren Abschied genommen, nachdem +sie beide gelegentlich einer Urlaubsreise die ihren Augen und Herzen +genehmen Frauen gefunden. + +Graf Dehn war eine Ehe mit einer Baronesse von Berg eingegangen. Mit ihr +hatte er reiche Güter in der Lausitz geerbt und war infolgedessen nicht +nur aus dem dänischen Unterthanenverbande ausgeschieden, sondern auch +dorthin übergesiedelt. Immer waren jedoch die beiden Freunde in +Verbindung geblieben, und nun eben ging der junge Graf Axel von Dehn, +der einzige Nachkomme dieser Familie, nach Rankholm zur Brautschau. — +Mitten in der Einsamkeit lag das mächtige Schloß. Nur ein zu der +Herrschaft gehörendes, in einer Thalmulde malerisch hingestrecktes Dorf, +mit Namen Kneedeholm, teilte diese stille Abgeschlossenheit von der Welt +und der großen Heerstraße. + +Noch bevor die beiden Wanderer in die zu dem Schloß führende Allee +eintraten, nahm Graf Dehn das Wort und richtete einige Fragen an seinen +Führer. Und da er's geschickt begann, empfing er, wenn auch knappe, doch +allerlei für ihn wertvolle Mitteilungen aus dem Munde des Alten. + +Und unter solchen lebhaften Reden gelangten sie dann an das Kastell, das +seine Front einem mächtigen, freien Platz zuwandte. + +Da aber dieser und das Gebäude ringsum von hohen, laubreichen Bäumen und +dichtem Gebüsch umschlossen waren, erschien's dem Auge, als ob Rankholm +— wie ein Dornröschenschloß — mitten in einem Walde liege. + +Freilich war's anders! Aus den Hinterfenstern schaute man durch den zu +solchem Zwecke gelichteten Park ins Thal hinab, und da lag in +malerischer Schönheit und in solcher Nähe, daß man bei hellem Wetter die +Häuser, Wege und Menschen aus den Schloßfenstern genau zu erkennen +vermochte, das Dorf Kneedeholm mit seiner schlanken Kirche, seinen +reichen Bauerhäusern und einem alten romantisch gebauten Jagdschloß vor +einem. + +Einen überwältigenden Eindruck empfing Graf Dehn, als er nach +Ueberschreiten der Schloßbrücke, die auf einen peinlich sauber +gepflasterten Vorhof führte, durch das mächtige, von zwei Steinernen +Löwen flankierte Portal in das Innere eintrat. + +Er befand sich auf einem großen, in der Mitte durch einen sprudelnden +Neptunbrunnen geschmückten und von den Mauern des stolzen Gebäudes +eingeschlossenen Innenhof. + +Zu Seiten einer im Mittelbau befindlichen, mit dem Wappen der Grafen +Lavard gezierten Rampe — eine Faust, die einen Dolch hielt, zückte ihn +gegen einen sich wild anlehnenden Geier — strebten mächtige Säulen +empor. + +Auf ihnen erhoben sich Marmorgestalten aus der Antike, und zu ihren +Füßen streckten zwei Tiger aus Bronze ihre Leiber und Tatzen aufs +Pflaster aus. + +Und zwischen diesen mit Vorsprungtürmen, zahlreichen hohen +Eingangspforten, bogenförmigen, von Epheu und Schlinggewächsen +umzingelten Fenstern und Altanen geschmückten Mauerwänden herrschte eine +lautlose, gleichsam furchterregende Stille. Sie wurde nur jetzt +unterbrochen durch das Geräusch einer sich öffnenden Thür im +Portierhause, der sich der Alte soeben genähert hatte, um den Gast beim +Pförtner anzumelden. + +Nachdem das geschehen, verabschiedete er sich, nach Empfang eines +reichlich bemessenen Trinkgeldes, mit still verbindlicher Miene, und der +Pförtner, ein ebenfalls gebückt einhergehender Alter, stellte sich +entblößten Hauptes vor dem Fremden auf und zog, nachdem er gehört, wer +er sei, wiederholt kräftig an einer Schelle. + +Laut und zudringlich, ja, schreckhaft tönte sie über den einsamen Hof, +und im Nu erschien der Haushofmeister in einem schwarzen Frack oben auf +der Schloßtreppe, eilte die Stufen hinab und geleitete den Grafen mit +einer Ehrerbietung, wie sie nur Königen dargebracht zu werden pflegt, in +das Schloß. + +„Nein, es ist kein Brief eingetroffen, sonst würde jedenfalls Fuhrwerk +am Bahnhof oder am Wege gewesen und ohne Zweifel der Herr Graf selbst +zum Empfang des gnädigen Herrn, der schon seit mehreren Tagen erwartet +wurde, erschienen sein,“ erklärte der Haushofmeister Frederik, als +welcher er sich, unter bescheidener Verneigung, dem Grafen vorstellte. + +Und der Graf sei nicht zu Hause, auch die Komtesse Imgjor sei nicht +anwesend. Aber die gnädige Frau befänden sich in ihren Gemächern. Er +bitte, daß der gnädige Herr geruhen möge, in seine Zimmer einzutreten, +er werde inzwischen dessen Ankunft der Herrschaft zu melden sich +beeilen. + +Unter solchen Erklärungen schritt der Haushofmeister, ein hagerer Mann +mit grauschwarz meliertem Haar und ernsten, überaus vertrauenerweckenden +Mienen, neben dem Grafen Dehn die große Freitreppe im Innern empor und +führte ihn hinten links durch einen durch zahlreiche Familiengemälde +etwas verdunkelten, hohen und langen Korridor. Am Ende desselben +befanden sich die für den Gast bestimmten Räume. + +Und gleichzeitig erschienen auch schon zwei rotlivrierte Lakaien und +luden des Grafen Gepäck ab, und nachdem dies geschehen, entfernte sich +Frederik unter ehrerbietiger Verneigung. + +Die Gemächer waren ebenso reich, wie geschmackvoll und bequem +eingerichtet. + +Blaue, venetianische Seidentapeten bedeckten die Wände, helle, +sanftgeblümte Fußteppiche den Fußboden und dunkle Möbel fesselten das +Auge. + +Auch boten die Räume einen Ausblick auf die Gärten, den Park und das +Dorf, das gleich einem Zauberbilde in dieses entzückende Tableau hinein +geschoben schien. + +Nach einer Viertelstunde, nach Auspacken und Ordnen der Toilette, +erschien auch schon Frederik wieder, verbeugte sich mit der ihm eigenen +natürlichen Würde und meldete, daß die gnädige Frau sehr glücklich sei, +den Herrn Grafen empfangen zu dürfen. Sie würde schon gleich diese +Botschaft gesandt haben, wenn sie nicht geglaubt hätte, daß ihm eine +Pause der Erholung angenehm sein werde. + +Sie durchschritten denselben Korridor, machten einen kurzen Halt auf dem +mit mächtigen Jagdbildern geschmückten, in weißem Marmor getäfelten Flur +und nahmen den Weg durch einen großen, mit grünseidenen Tapeten, +schmalen, hohen Spiegeln und seidenen Polstermöbeln ausgestatteten Saal. + +Und nachdem sie diesen verlassen und noch zwei daranstoßende +Prunkgemächer durchmessen, traten sie in einen kleineren Gartensalon, +der mit verschwenderischer Pracht eingerichtet war. An diesen stieß +wieder ein zweifenstriges Kabinett, und in ihm lag, umgeben von +französischen Möbeln, blühenden Blumen, Statuetten und Bequemlichkeiten, +auf einem hellen, seidenbezogenen Divan die Gräfin Lucile Lavard. + +Sie hatte braunes Haar, braune Augen und ebensolche Wimpern. Ueber einer +geschmeidigen Figur hob sich eine volle Büste, und die Formen und die +Linien ihres Körpers zeigten überhaupt jene üppigeren Reize, durch die +sich die gesättigte Fülle einer verheirateten Frau von der sprossenden +Schönheit junger Mädchen unterscheidet. + +Als sie des Grafen ansichtig wurde, erhob sie sich mit dem ruhig +ausgeglichenen Wesen einer Huldigungen gewohnten Frau, und reichte ihm +gleichzeitig mit einem so bezaubernden Ausdruck und einem so +bestrickenden Lächeln die Hand, daß sich der sympathische Eindruck ihres +jede Wirkung verschmähenden, liebenswürdig einfachen Wesens nur noch +erhöhte. + +„Ich bin wirklich sehr unglücklich, daß niemand zu Ihrem Empfange da +war, lieber Herr Graf —“ stieß sie heraus. „Aber Sie haben schon von +Frederik gehört, daß wir wirklich nicht schuld sind. Lassen Sie mich in +jedem Falle hoffen, daß sich die Ihnen dadurch gewordenen ungünstigen +Eindrücke inzwischen bereits wieder verwischt haben!“ + +Freilich trat nach diesen Einleitungsworten ein anderer Ausdruck in ihre +Züge, ein abwartender, etwas forschender. + +Auch sprach sie, nachdem er ihr geantwortet, auch kavaliermäßig den Arm +geboten und sie gebeten hatte, die frühere bequeme Lage wieder +einzunehmen, fast ein wenig schroff: + +„Nein, nein, ich danke! Ich habe genug geruht. Auch möchte ich mich nach +Ihren Wünschen erkundigen. Sie werden flau sein, lieber Herr Graf. Wir +speisen erst in einigen Stunden. Darf ich Ihnen nicht irgend etwas +anbieten? Vielleicht nehmen Sie ein wenig alten Portwein und scharfen +Käse?“ + +Und als Graf Dehn erklärte, keinen Hunger zu haben, hörte sie nicht +einmal hin, zog vielmehr an einer breiten, seidenen Glockenschnur und +hieß einem sogleich durch die Korridorthür eintretenden Diener das von +ihr Erwähnte bringen. + +„Es ist besser, Sie genießen etwas, lieber Herr Graf. Die Zunge wird +freier, das Gemüt belebter, wenn man eine gewisse Nüchternheit verbannt. +Ich möchte, daß Sie sich gleich heimisch, behaglich fühlen. Ich kenne +die Indisposition nach einer Reise. Niemals ist eine Erfrischung +angebrachter —“ + +„Schon Ihre wenigen gütigen Worte haben alles Unbehagliche verscheucht, +gnädigste Gräfin. In der That, man kann liebenswürdiger, herzlicher +nicht empfangen werden. Mir ist, als ob ich schon jahrelang das Glück +gehabt hätte, Sie zu kennen —“ + +„Ich freue mich, daß Sie so sprechen, Graf Dehn. Aber mit derselben +Offenheit: Sie gehören zu jenen Menschen, bei deren Anblick man den +Eindruck empfängt, man könne nie enttäuscht werden, bei welcher +Gelegenheit man immer die Hand nach Ihnen ausstreckt. Werden Sie nicht +sehr geliebt von Ihrer Umgebung, von Ihren Freunden — von den Frauen? +Gewiß, gewiß, Sie sind ein Sonnenkind! Und hoffen wir, daß wir noch weit +engere Freundschaft schließen —“ fügte sie mit einer Anspielung auf die +Zwecke seines Kommens hinzu und lud ihn zugleich durch eine +liebenswürdige Geste ein, sich des inzwischen gebrachten Frühstücks zu +bedienen. + +„Bringen Sie auch Champagner und die Florentiner Krystallgläser! Vite!“ +befahl sie dem Diener, ließ sich neben dem Grafen nieder, schenkte ihm +ein und goß sich, als nach wenigen Minuten Champagner erschien, selbst +das kühl sprudelnde Getränk in das ungewöhnlich geformte, unten und oben +schmale, in der Mitte sanft ausgebogene und hier hellgold, sonst aber +krystallhell schimmernde Glas und setzte es an die Lippen. + +Aber auch Axels Glas hatte sie gefüllt, und als sie das ihrige abermals +voll gegossen, stieß sie mit ihm an und sagte: + +„Nehmen wir uns vor, daß wir die kommenden Tage besonders vergnügt +zusammen verleben wollen. An mir soll's nicht fehlen, lieber Graf. +Rankholm ist sehr schön, aber die Einsamkeit tötet doch bisweilen die +Lebensgeister. Es ist eine wahre Wohlthat, wenn uns jemand besucht. Die +ländliche Bevölkerung gleicht einer Familie von Schnecken. Auch die +meisten Gebildeten haben Bleikugeln in ihren Seelen, Köpfen und Beinen. +Natürlich, ich habe Dienstboten, die Feuerwerkskörper in sich bergen. — +Sie werden nichts von der Langsamkeit der Jüten bei ihnen finden. +Anfangs versuchte ich es mit hiesigen, aber gab's bald auf. Brave +Menschen, ehrlich, gutherzig, aber strafbar phlegmatisch und von einem +Trotz, wenn sie einmal ihren Kopf aussetzen, der an Starrheit grenzt. +Ach, lieber Graf, wie ist das Dasein zu ertragen, wenn man es so +ernsthaft nimmt, wenn man immer daran denkt, was kommt darnach, statt +die Lebenslust zu pflegen, sich für sie geistig und körperlichen +schmücken!“ + +„Es fehlt den meisten leider dazu die Veranlagung, Frau Gräfin. Besäße +die Welt Ihr Temperament, Ihre Gesundheit, Ihre Schönheit und Ihren +Reichtum, würde sie schon Ihren Lehren folgen. — Zum Leben im feineren +Sinne gehört wenigstens Geist und Temperament: die besitzen nur +Auserwählte.“ + +„Ich freue mich, daß Sie nicht, wie alle, lediglich die günstigen +materiellen Verhältnisse als Bedingung hervorheben. Es beweist eine +geringe Erfahrung und wenig Erhabenheit des Geistes, wenn man vermeint, +es könne uns der durch den Reichtum herbeigeführte Genuß mit dem Dasein +versöhnen. Ich möchte das Gegenteil behaupten. Man muß etwas entbehren, +man muß noch etwas Verlangen und Sehnsucht empfinden, nicht nach dem +Unbestimmten, das nie Erfüllung findet, sondern nach den kleinen +Freuden, die uns durch die Natur, durch Eindrücke, durch den Verkehr mit +Menschen, durch Thätigkeit, durch unsere behaglichen Reflexionen, unsere +Wünsche und Erwartungen, endlich auch durch die Fähigkeit werden, immer +eine stille Hoffnung in unseren Herzen zu pflegen —“ + +Und als Graf Dehn, der diesen Ausführungen mit starker Beipflichtung +zugenickt hatte, bei den letzten Worten fragend das Auge erhob, schloß +die Gräfin: + +„Ja, es ist die Wahrheit: Wir können ohne irgend eine stete, starke +Hoffnung nicht glücklich sein.“ + +Sie wurden in ihrem Gespräch unterbrochen, weil plötzlich in der nach +dem Korridor führenden Thür die Gestalt eines jungen Mädchens erschien. + +Der Ausdruck in ihren Zügen war gemessen, aber eine solche Fülle zarter +Schönheit war über ihrem ganzen Wesen ausgegossen, daß der Gedanke +emporstieg, hier habe die Natur alles zusammengemischt, was sie nur +immer einem lebendigen Geschöpf an Bevorzugungen zu verleihen vermöge. + +Trotz der fröhlichen Jahreszeit war sie schwarz gekleidet; auch ein +dunkler Spitzenschleier umhüllte ihren von rotbraunen Haaren umflossenen +Kopf, und rasch zog sie die Umhüllung von diesem herab. + +Nach der durch die Gräfin herbeigeführten Vorstellung, verschönte +vorübergehend ein freundlicher Ausdruck ihren reizend geschnittenen +Mund, dem zwar ebenso rasch wieder ein solcher stolzer Kälte wich. Auch +wandte sie sich nach einigen, flüchtig an ihre Mutter gerichteten Worten +und nach einer steif gemessenen Verneigung gegen den Gast, derselben +Thür, durch die sie eingetreten, wieder zu und war seinen Augen +entschwunden, bevor er sich noch von der bezwingenden Gewalt des +Eindrucks ihrer Erscheinung zu lösen vermochte. + +Und seltsam! Die Gräfin gab zu diesem ausfallenden Verhalten keine +Erklärung. + +Sie sah nur Graf Dehn mit einem eigentümlich forschenden Blick an und +zog, als er zu einer Frage anheben wollte, mit einer Miene die +Schultern, als ob sie ihm durch diese stumme Geberde eine Antwort +erteilen, ihn aber zugleich ersuchen wollte, sich mit dieser Erwiderung +zu begnügen. + +Sie erhob sich jedoch nunmehr und sagte: + +„Trinken wir das letzte Glas, lieber Graf, auf die Erfüllung unserer +Hoffnungen, gleichviel, welche sie sein mögen. Und nun, ich bitte, +kommen Sie, Sie müssen unseren Garten und unseren Park bewundern —“ + +Und nachdem auf ihr Zeichen ein Kammermädchen erschienen war und beider +Garderobe gebracht hatte, schritt sie ihm, einen weißseidenen +Sonnenschirm über sich, seidengraue, bis über die Arme fallende +Handschuhe an den Händen und ein grauseidenes, zartes Tuch mit langen, +schneeweißen Seidenfranzen um die Schultern geschlungen, von dem +hochgelegenen freien Balkon herab in den Garten voran. — + +Noch vor Tisch erschien Graf Lavard in Axels Gemächern. Er klopfte kurz +und stark an die Thür, trat mit einem gleichsam von ihm ausstrahlenden +Freimut auf den Sohn seines besten Jugendfreundes zu, sah ihm +liebenswürdig in die Augen und schüttelte ihm mit jener lebhaft +höflichen Herzlichkeit die Hand, welche den Dänen und den Franzosen +gemeinsam eigen ist. + +Er bot eine überaus vornehme, aber auffallende Erscheinung. Auf einem +geschmeidigen, noch jugendlichen Körper saß ein mit weißem Haar +bedeckter, kurzglatt geschorener Kopf, auch der Schnurrbart war weiß, +während die Farbe des Angesichts nicht spurenweise, wie bei anderen +Menschen, gerötete Farben, sondern ein über und über gesund gerötetes, +feuriges Kolorit zeigte. Und alles, was er trug und wie er's trug, paßte +zu seiner Persönlichkeit. Ueber Lackstiefeln saßen kreideweiße +Gamaschen, auch die Weste war aus weißem Stoff, während den übrigen +Körper ein loser, grauer, sogenannter englischer Anzug umschloß. In der +That, ein schönes, vornehmes Geschlecht, diese Lavards! Graf Dehn fühlte +sich fast ein wenig herabgedrückt neben diesen überall von den +Erscheinungen ungewöhnlichen Reichtums umgebenen Menschen. + +„Ich habe,“ hub er an, „meinen Freund den alten Grafen Knut, und den +Doktor unten aus unserm Dorf Kneedeholm zu Tisch geladen. — Ist Ihnen +hoffentlich nicht unangenehm, lieber Graf Dehn? + +O nein, o nein, ich weiß! Gleich am ersten Tage mag man nicht gleich von +zu vielen Eindrücken bestürmt werden. Haben Sie Imgjor schon gesehen? — +So — so — Hm vortrefflich! — Ich sprach meine Frau nur flüchtig. Also, +auf Wiedersehen in einer Viertelstunde!“ + +Und dann ging er, Axel warmherzig zunickend, und dieser, die Brust voll +von unruhigen Erwartungen blieb allein. — + +Das Speisegemach in Rankholm lag zu Seiten des großen Empfangssalons, +welcher wegen seiner Spiegelwände der Spiegelsaal genannt wurde. Als +Axel von dem in einem tadellosen Frack und weißer Binde steckenden +Frederik zunächst in den ersteren geleitet wurde, fand er die +Herrschaften schon versammelt. + +Die Gräfin, die ihm gleich liebenswürdig zunickte, befand sich in einem +Gespräch mit dem Grafen Knut, einem kleinen, starken, beweglichen Herrn +mit hinkendem Bein und tiefer Schmarre in dem sehr ausdrucksvollen, +dänisch geschnittenen Gesicht. + +Graf Lavard unterhielt sich dagegen mit dem jungen Doktor Prestö, einem +Mann, der wie ein Korpsbursch aussah und durch die dunklen Farben seines +Angesichts und durch das tiefe Schwarz seines Haares eher einem +Italiener, als einem Bewohner des Nordens glich. + +Imgjor endlich stand vor einem großen, reich vergoldeten Käfig und +beschäftigte sich mit einem prachtvollen, buntgefiederten Papagei, den +sie zärtlich verhätschelte und der auch ihr sehr zugethan zu sein +schien. + +Sogleich fand die allgemeine Vorstellung und ein lebhafter Wortaustausch +zwischen Axel und dem Grafen Knut statt, und nur Imgjor blieb nach steif +formeller Verneigung neben dem Bauer stehen und trat erst von diesem +zurück, als Frederik die Flügelthüren zu dem Speisegemach und der dort +aufgehellten, in Krystall und Silber strahlenden Tafel aufstieß. + +Graf Knut führte die Gräfin, der Graf gab einer noch eben +hinzugetretenen, als Imgjors Lehrerin vorgestellten, älteren Hausdame +den Arm, und Axel erhielt seinen Platz zwischen Imgjor und dem Doktor +Prestö, in der Art, daß er und die übrigen, mit Ausnahme von Imgjor, für +die an dem unteren Ende der Tafel ein Kouvert gedeckt war, einander +gegenübersaßen. + +Das Gespräch wurde zunächst so ausschließlich von der Gräfin in Anspruch +genommen, daß die anderen zu einer Einzelkonversation keine Gelegenheit +fanden. Erst später gelang es Axel, sich mit Imgjor zu beschäftigen und +mit dem Doktor eine Unterhaltung anzuknüpfen. Allerdings zeigte dieser +eine ähnliche unhöfliche Zürückhaltung wie Imgjor. + +Es giebt junge Leute, die ohne ein zu Tage tretendes Bestreben, sich +vordrängen zu wollen, mit einer Geschlossenheit und Sicherheit des +Wesens auftreten, als ob alle Geheim- und Weisheitsbücher der Welt schon +vor ihnen aufschlagen gewesen seien. Ein solcher Mensch war der Doktor. +Er gab sich Axel gegenüber sehr unbiegsam und nichts weniger als +zuvorkommend. Von seinem mit bürgerlichem Hochmut gepaarten Selbstgefühl +wurde Axel in solcher Weise abgestoßen, daß er es sehr bald ablehnte, +seinen Nachbar überhaupt noch zu beachten. Er redete ihn nicht mehr an +und hörte auch nicht mehr zu, wenn jener sprach. Allerdings kehrte +Prestö auch eine ziemlich unpersönliche Art gegen Imgjor hervor. Er +sprach zwar sehr viel mit ihr, aber über Gegenstände, die sonst nur +zwischen Männern erörtert werden. Er machte ihr in keiner Weise den Hof, +legte vielmehr an den Tag, daß ein Prestö gerade so viel Beachtung in +der Welt verdiene und dasselbe Recht auf Selbstgefühl besitze, wie die +Familie Lavard auf Schloß Rankholm. Und Imgjor hörte ihm zu, als ob ein +Evangelium von seinen Lippen flösse; sie richtete ihre Augen und +Gedanken so ausschließlich auf ihn und wich Axel so geflissentlich aus, +daß dieser zuletzt wie ein Freitischschüler neben ihnen saß. + +Allerdings hielt das nicht lange an. Graf Dehn verband mit Geist und +sehr großer Gewandtheit eine starke Initiative, und sie und seine +Menschenkenntnis gaben ihm stets die Mittel an die Hand, sich, wenn er +es wollte, zum Herrn der Situation zu machen. Und so geschah's auch +heute. + +Im Nu wußte er an der anderen Seite des Tisches das Gespräch an sich zu +ziehen und entwickelte einen so anziehenden, von den Beifallsbezeugungen +jener begleiteten Redefluß, daß auch Prestö und Imgjor zum Zuhören +gezwungen wurden. + +Er erzählte mit packendem Humor von einer Jagd in der Lausitz und +charakterisierte die Personen, die dabei zugegen gewesen, mit solcher +Meisterschaft, daß ihm Graf Lavard und Graf Knut unter lebhaftem +Gelächter und mit sehr beifälligen Mienen zutranken. + +Aber Axel benutzte auch diese Gelegenheit, um dem Doktor Prestö einen +Denkzettel zu geben. + +Indem er Prestö lediglich einen anderen Namen beilegte, entwarf er ein +so sprechendes Bild von dessen äußeren Erscheinung, seinem Auftreten und +Wesen und führte solche Kolbenschläge gegen dessen Ueberhebung und +Erziehungsmangel, daß die Hausdame, Fräulein Merville, die offenbar +Axels Abneigung gegen Prestö teilte, zunächst mit einem Ausdruck +höchsten Erschreckens, dann aber mit einem solchen höchster Befriedigung +die Lippen verzog. + +Nicht weniger schien die Gräfin durch diese Abfertigung angemutet. +Nachdem sie anfangs mit einer Miene des Zweifels, ob die Betreibung nur +zufällig auf Prestö passe oder ob Axel jenen bewußt charakterisiere, +zugehört, erschien in der Folge etwas in ihren Zügen, das Axel nicht nur +über ihre Meinungen bezüglich Prestös belehrte, sondern die auch sagten, +daß sie ihm deshalb durchaus nicht gram sei. + +Anders aber Imgjor, in der es sichtlich vor Aufregung kochte. + +Ganz abweichend von ihrer bisherigen stummen Gleichgültigkeit gegen die +Vorgänge ihrer Umgebung, brach sie das Schweigen und mischte sich +in das Gespräch, indem sie nicht nur spöttisch Zweifel an der +Wahrscheinlichkeit der von Axel erzählten Vorgänge äußerte, sondern auch +zum offenen Angriff vorging. „Die Personen, die Sie uns schilderten, +Herr Graf, sind, wie ich es garnicht bezweifle, wirklich lebende +Menschen, und Sie erreichen Ihren Zweck, zu beweisen, daß Sie scharf zu +beobachten verstehen. Aber Sie beweisen auch, daß Sie besser in fremde +Spiegel zu schauen vermögen, als in den eigenen. Letzterer schafft +nachsichtige Urteile. Diejenigen, die sich anmaßen, über andere den Stab +zu brechen, vergessen allzu oft bei ihren Vorträgen, daß sich den +Zuhörern eine nicht zu ihrem Vorteil ausfallende Betrachtung über ihre +Einseitigkeit aufdrängt —“ + +„Sie haben vollkommen recht, gnädigste Komtesse —“ entgegnete Axel auf +diese herausfordernde Rede mit vollendeter Höflichkeit. „Nur glaube ich, +daß ich diese Unvollkommenheit, oder, wie Sie liebenswürdig äußern, +diese Einseitigkeit, mit fast allen meinen Mitbrüdern und Mitschwestern +teile. — Nur eine Ausnahme giebt's — ich spreche nicht, um Komplimente +zu sagen, gnädigste Komtesse — und diese fand ich hier auf Schloß +Rankholm. Sie sind's! Sie geben jedem, was ihm zukommt und gelangen +sicher stets zu gerechten, wenn auch nicht immer völlig milde klingenden +Richtersprüchen!“ + +Der Eindruck dieser Rede war ein sehr verschiedener. + +Imgjors Wangen bedeckten sich mit der Blässe des Zorns. Die schwarzen +Augen in ihrem bleichen Angesicht mit dem braunrötlichen Haar funkelten +unheimlich. Der Doktor aber, zugleich erregt an einem Brotkügelchen +knetend, riß den Mund jähzornig zur Seite. Die anderen standen vorläufig +noch unter dem Eindruck, daß es sich vielmehr um eine scharf zugespitzte +Neckerei handelte, als daß jene sich bekämpfen wollten. + +Der Graf äußerte sich auch in diesem Sinne, indem er hinwarf: + +„So, Imgjor! Nun weißt du, aus welchen Himmelshöhen du zu uns +hinabgestiegen bist. Werde noch etwas milder und du kannst einst als +Heilige verehrt werden!“ + +Und die Gräfin warf Axel einen ihrer forschenden Blicke zu, einen jener, +durch den sie zugleich verriet, daß ihr Interesse für Axel sich immer +mehr steigerte. + +Wie sehr übrigens diese Zurückweisung Imgjor getroffen hatte, bewies ihr +ferneres Verhalten bei Tisch. Sie hörte zwar auch ferner dem zu, was ihr +der Doktor vortrug, aber ihre Gedanken waren offenbar nur halb oder gar +nicht bei der Sache. Sie sann sichtlich über einen Racheakt nach und +mußte doch ihren heißen Drang bezähmen, weil sie Axel auf diese höfliche +Abfertigung nicht beizukommen vermochte. + +Aber nicht ein einziges Mal richtete sie das Antlitz ihm zu, und ebenso +verharrte der Doktor in einer feindselig stummen Abwehr. Axel wußte sich +auch in der Folge lediglich den übrigen zuzuwenden, blieb bis zum +Tafelschluß in einer lebhaften Konversation mit jenen und entging +dadurch der Pflicht, Höflichkeitsakte gegen Imgjor zu üben, und irgend +welche Notiz von seinem Gegenüber zu nehmen. + +Nach Tisch empfahl sich der Doktor, indem er Krankenbesuche vorschützte, +und auch Imgjor verschwand. Erst beim Thee, den sie zu bereiten hatte, +erschien sie wieder. + +Sie hatte aus irgend einer Laune nunmehr wieder ein schwarzes Kleid +angelegt und sah in diesem mit ihrem bleichen, kaltstummen Gesicht wie +eine trotzige Büßerin aus. + +„Wo warst du, Imgjor?“ forschte die Gräfin, die mit den drei Herren nach +Tisch einen Spaziergang im Park unternommen, später eine Partie Boston +gespielt und diese jetzt eben beendigt hatte. + +„Ich bin nach Mönkegjor durch den Wald geritten —“ gab Imgjor kurz +zurück. + +Als sich Axel noch vor dem Schlafengehen und allgemeinen Aufbruch Imgjor +näherte — sie saß mit einem Buch für sich in einer durch eine Hängelampe +erleuchteten Ecke des Kabinetts — und sie fragte, welche Lektüre sie so +sehr beschäftige, entgegnete sie tonlos und ohne seinen auf das Buch +gerichteten Bewegungen zu entsprechen und es ihm zur Prüfung anzubieten: + +„Ich lese Geist in der Natur von Oersted —“ + +„Und eine so schwere Lektüre fesselt Sie?“ + +„Mich fesselt alles, was mich über die einseitige Enge des Daseins zu +erheben vermag!“ + +„Sie betonen Ihre Worte so stark! Haben Sie bereits so unerfreuliche +Erfahrungen gemacht, Komtesse?“ + +Aber sie gab auf diese Frage keine Antwort. Sie zuckte nur die Achseln. +— Aber deshalb trieb's ihn, die Schranke gewaltsam zu durchbrechen, die +sie trennte. + +Sanft sprechend, sagte er: + +„Ich würde gern Ihre Freundschaft erringen, Komtesse! Aber Sie weichen +mir schroff aus, Sie gebrauchen sogar Waffen gegen mich. Ich sinne über +die Gründe nach, die Sie so handeln lassen. Giebt's keinen Weg, der uns +zusammenführen könnte?“ + +Aber was er erhoffte, ward ihm nicht. + +Indem sie ihn kalt und unbeugsam anblickte, sagte sie kurz und hart im +Ton: + +„Nein, keinen, Graf Dehn!“ + +Nach diesen Worten benutzte sie einen Anruf von Fräulein Merville, +machte eine kühl entschuldigende Geste, stand auf und entfernte sich +rasch. + +Er aber schaute ihr nach, umfing mit seinen Blicken ihre Psychegestalt, +seufzte auf und trat zu den übrigen zurück. + +Die Herren waren eben im Nebenzimmer beschäftigt, die Gräfin aber, die +zu einer Handarbeit gegriffen, erhob bei seiner Annäherung den Kopf und +sagte mit liebenswürdiger Milde: + +„Ja, leicht ist, lieber Graf, diese Festung nicht zu nehmen. Wären wir +beide in gleichem Alter, wäre es Ihnen bequemer geworden!“ + +„Ich besitze also Ihr Wohlwollen, verehrteste Frau Gräfin? Darf ich Ihre +Worte so deuten?“ stieß Axel heraus. + +„Ja, Graf Dehn!“ Sie sprachs und streckte ihm gütig die Hand entgegen. + +Und Axel ergriff sie und drückte einen festen Kuß auf die weiße, weiche +Fläche, die unter der Berührung seiner Lippen leicht zu beben schien. + + * * * * * + +Als Axel am nächsten Vormittage der Gräfin nach dem zweiten Frühstück im +Park Gesellschaft leistete, erklärte er ihr nach einer vorsichtigen +Einleitung, daß Imgjor einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn +hervorgerufen habe, daß er aber eine Werbung als gänzlich aussichtslos +ansehen müsse. + +Mit größter Offenherzigkeit erzählte er ihr von dem, was ihm begegnet +war, und was er dabei empfunden hatte, auch verschwieg er ihr nicht, daß +er bereits am gestrigen Abend einen Anlauf genommen und dabei eine +Antwort empfangen, der an schroffer Deutlichkeit nichts gefehlt habe. + +Die Gräfin hatte seinem Bericht wohl mit steigendem Interesse, aber +doch ohne Befremden, zugehört. + +Nachdem er den letzten Satz gesprochen, sagte sie: + +„Ah, das war schade! Das ist übel. Hätten wir uns früher gesprochen! Ich +durfte, ich konnte ja nicht reden, durfte Ihnen keinen Wink geben, ohne +mich eines Mangels an Zartgefühl schuldig zu machen. Nachdem Sie aber +die Initiative ergriffen, mir erklärt haben, daß Sie sich für Imgjor +interessieren, möchte ich Ihnen folgendes sagen: + +Sie wäre von selbst gekommen, wenn Sie die Taktik, die Sie gestern bei +Tische beobachteten, fortgesetzt hätten. Man muß sie gar nicht beachten. +Sie kommt schließlich immer, wenn es sich um wertvolle Menschen handelt. +Aber ihr Mißtrauen, daß man sie um ihres Geldes willen umwirbt, ist so +groß, daß sie von vornherein gegen alle jungen Leute die schroffste +Seite hervorkehrt. Erst nach Wochen, vielleicht nach Monaten, hätten Sie +ihr ein warmes Wort sagen müssen, dann wäre es nicht nur wahrscheinlich, +sondern sicher auf einen fruchtbaren Boden gefallen.“ + +„Und Sie fürchten, daß ich nun keine Aussichten mehr habe, Frau Gräfin?“ + +„Ich traue Ihnen sehr viel zu. Sie besitzen goldene Schlüssel, lieber +Graf. Sie öffnen, ich glaube es, die verschlossensten Herzen. Hoffen wir +also —“ + +„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin, und ich bitte, entwerfen Sie mir ein Bild +von ihrer Tochter. Ich möchte es mit demjenigen vergleichen, das sich in +mir gebildet hat, ich möchte mich berichtigen, sofern es nötig. Ich +werde leichter den Kampf aufnehmen, wenn ich weiß, mit welchem Gegner +ich zu thun habe.“ + +Die Gräfin nickte, beugte sich ein wenig vor und sagte stark betonend: + +„Sie ist ein besonderer Mensch. Sie ist absolut wahr, besitzt sehr viel +Charakter, ein trotziges Unabhängigkeitsgefühl und eine seltene +Objektivität. Jedem Adligen begegnet sie mit Mißtrauen, obschon sie +stolzer ist als irgend ein Lavard und ein Verdeuil, die je lebten. Wo +sie einmal liebt, besitzt sie die Treue eines Kindes und die +Opferfreudigkeit eines Engels.“ + +„Also ist sie wirklich das, was ich vermutete —“ stieß Graf Axel erfreut +heraus. + +„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin. Wahrlich, also ein Kleinod, nicht nur +schöner als fast irgend ein Weib, sondern innerlich von edelster Art, +ein nur der Glätte bedürfender Diamant —“ + +„Sie finden Imgjor so schön?“ fiel die Gräfin ein. + +„Ja, gnädige Gräfin! Ich sah nie etwas gleiches, weder auf Bildern, noch +im Leben, und ich glaube auch, einem schöneren weiblichen Wesen kaum je +wieder begegnen zu können —“ + +„Dann müssen Sie Lucile kennen lernen! Nun, sie kommt ja nächstens. Da +können Sie sich entscheiden!“ + +Axel machte eine Verneigung, dann sagte er: + +„Können, wollen Sie mir also — ich bitte, noch einmal auf Komtesse +Imgjor zurückkommen zu dürfen — bei meiner Werbung behilflich sein, Frau +Gräfin?“ + +„Natürlich! Doch auf meine Weise und erst, wenn Sie sich wirklich +entschieden haben. Es muß die Bekanntschaft mit Lucile vorangehen. Und +eins ist gleich zu sagen, da ich Sie bereits als einen vertrauenswerten +Freund betrachte: direkt kann ich Ihnen bei Imgjor nicht helfen!“ + +„Darf ich den Grund wissen?“ + +Der Gräfin Züge veränderten sich durch einen Ausdruck von düsterem +Ernst. Dann sprach sie in einem sanft gekränkten Ton: + +„Mich — mich — meidet sie eher, denn daß sie mich sucht —“ + +„Wie, Frau Gräfin? Imgjor — Sie — Ich bitte — erklären Sie —?“ + +Aber was er noch sagen und was sie ihm vielleicht erwidern wollte, wurde +nicht gesprochen, weil sich gerade der Graf näherte und ihnen schon aus +der Ferne in dänischer Sprache einige Worte hinüberrief. + +„Hesterne staae beredt!“ (Die Pferde stehen bereit!) + +Und da es sich um einen Reitausflug nach dem Gehölz von Mönkegjor +handelte, verabschiedeten sie sich sehr bald von der Gräfin und nahmen +den Weg vorn vors Schloß, woselbst der Reitknecht mit den beiden weißen +Hengsten ihrer wartete. — + + * * * * * + +Der Rest der Woche und die Hälfte der folgenden verliefen Graf Axel +sehr rasch, ja, die Tage flogen förmlich dahin. Bald nahm ihn die Gräfin +gefangen, indem sie mit ihm in langen Gesprächen auf weitausgedehnten +Spaziergängen philosophierte oder ihn zu einer Partie Schach heranzog. +Zu anderer Zeit mußte er dem Grafen in seine mit vielen interessanten +Dingen angefüllten Gemächer folgen oder Wagen und Reitausflüge mit ihm +und dem Grafen Knut unternehmen. Dazwischen lagen die Mahlzeiten mit +ihren Leckerbissen, Weinen und anregenden Gesprächen. + +Graf Knut — ein früherer dänischer Reiteroberst — besaß im Dorf, +abseits, ein höchst malerisch belegenes Herrenhaus mit Garten und Park, +das er nebst einem nicht unbedeutenden Kapital von einer verstorbenen +Tante geerbt hatte. + +Er führte ein sorgenfreies, äußerst behagliches Leben und gehörte zu +jenen Menschen, die schon durch ihre bloße Anwesenheit eine angenehme +Atmosphäre um sich verbreiten. Er war ein sehr konzilianter, maßvoll +veranlagter Mann, der in allen die Menschheit beschäftigenden Fragen +jederzeit einen vermittelnden Standpunkt einnahm und zudem stets +aufgelegt war, sich an den Abwechslungen, die ihm dargeboten wurden, zu +beteiligen. + +Nicht nur das zu der ungeheuren Herrschaft gehörende Gebiet: die +Vorwerke, die Fischteiche, die Waldungen und die Förstereien wurden +während dieser Woche durchmessen und in Augenschein genommen, sondern +auch das eigentliche Gut mit all' seinen Einzelheiten und das zu dessen +Füßen hingelagerte Kneedeholm. + +Dem Prediger, dem Ortsvorsteher und Apotheker, aber auch, aus Gründen +kluger Ueberlegung, dem Doktor Prestö, stattete Axel Besuche ab, und +wenn der Abend kam, wurde geplaudert, musiziert, etwas vorgelesen oder +eine Partie gemacht. + +An all' diesem nahm Imgjor garnicht teil oder sie gab nur die Zuhörerin +ab. Entweder hielt sie sich für sich auf ihrem Zimmer auf oder sie +durchschweifte, allein oder von einem Reitknecht gefolgt, zu Pferde die +Umgegend. Auch machte sie viele Spaziergänge ins Dorf, besuchte hier die +Bauern und fühlte sich unter ihnen offenbar am glücklichsten. + +Und daß sie sich so absonderte, ward von ihrer Umgebung als so +selbstverständlich angesehen, daß sie auch jetzt bei des Grafen +Anwesenheit zu einer Aenderung ihres Verhaltens garnicht angefordert +wurde. + +Der Graf schien auf demselben Standpunkt wie seine Gemahlin zu stehen. + +Eine Annäherung zwischen ihr und Axel mußte sich nach und nach ergeben. +Jeder Zwang war von Uebel. + +Am Freitag der folgenden Woche traf endlich Lucile ein. + +Alle fuhren ihr in einem mit zwei schwarzen und zwei weißen Rennern +bespannten, offenen Gefährt bis zur Landstraße entgegen. Sie kam mit der +Post, ebenso wie Graf Dehn; sie hatte es so gewollt. + +Komtesse Lucile Lavard war eine ungemein schlanke Dame mit einer +außerordentlich vornehmen Haltung. Ihr Gesicht besaß eine vollendete +Regelmäßigkeit; sie glich einer edlen Römerin, die den Schönheitspreis +davongetragen. Die Nase war leicht gebogen, die schwarzen Augen glühten +in einem dunklen Feuer, die Lippen waren sein geschnitten. Gleich der +Abendröte Anhauch lagen sauste Farben auf den weichen Wangen, und ihre +Zähne blitzten in dem Weiß der Fischgräte. + +Die Gräfin hatte recht, sie war blendend schön und zugleich von einer +Liebenswürdigkeit, die etwas wahrhaft Bestrickendes besaß. — + +Als man das Schloß erreicht hatte, zog sich Axel absichtlich zurück und +wanderte ins Dorf. + +Mitten in diesem lag, zurückgelehnt, der Besitz des Grafen Kunt, ein +zweistöckiges, schneeweiß angestrichenes Haus mitten unter Grün und +Tannen. + +Er fand den Besitzer in seinem Garten bei den Blumen, und nachdem ein im +Hause eingenommenes Glas Wein und eine Zigarre bereits die Gemütlichkeit +erhöht hatten, unternahmen sie zusammen einen Spaziergang durch den sehr +ausgedehnten, mit stattlichen Gehöften und Bauerhäusern, aber auch mit +vielen ärmlichen Katen besetzten Ort. Bei dieser Gelegenheit ließ sich +Axel möglichst viel von Lavards und auch von Lucile erzählen. + +Graf Knut berichtete, daß Lucile vor anderthalb Jahren mit einem +französischen Gesandtschaftsattaché in Kopenhagen, dem jungen Marquis +von Rebullion, verlobt gewesen sei und diese Verbindung wieder gelöst +habe. + +Dem wäre es zuzuschreiben, daß sie seither keine Ehe eingegangen sei. + +Er bezeichnete sie als ein vollendetes Mädchen, sie besitze aber einen +unbeugsamen Standesstolz. + +Während sie noch sprachen, kam Doktor Prestö vorüber, machte eine +Bewegung, als ob er stehen bleiben wolle, besann sich aber und grüßte +den Grafen mit großer Artigkeit, Axel aber mit steifer Gemessenheit. Es +geschah, obschon Prestö Axels Besuch noch nicht erwidert hatte. + +„Ein recht unangenehmer Mensch!“ warf Axel hin. + +Graf Knut bewegte stumm die Schultern. + +„Sie scheinen meine Auffassung nicht zu teilen?“ + +„Man muß den Zusammenhang der Dinge kennen, um ein gerechtes Urteil zu +fällen —“ entgegnete Graf Knut. „Prestös Eltern fanden unter dem Druck +eines maßlos hochmütigen und gegen seine Untergebenen rücksichtslos +harten Gutsherrn, des Grafen Vedelsborg auf Bornholm. Prestös Vater war +dort Guts-Inspektor. So sog der Sohn den Haß gegen den tyrannischen +Gutsherrn seit seiner Kindheit in sich ein. Prestö ist völlig mittellos; +die unvermögenden Eltern sind lange gestorben; nur durch eisernen Fleiß, +Stipendien und Stundengeben hat er sein Studium ermöglicht. Durch solche +Thaten, durch solches Ringen um die Existenz bilden sich Charaktere, +allerdings selten liebenswürdige, eher einseitige und selbstsüchtige. +Als unser alter Doktor vor sechs Monaten starb, gab ich die +Veranlassung, daß sich Prestö hier niederließ. Ich interessierte mich +von jeher für die Eltern. Gewiß, seine Manieren lassen recht sehr zu +wünschen übrig, ich gestehe das zu. Auch gären in ihm die Ideen der +neuen Zeit. Ich bedaure diese Richtung. Aber — was will man machen? +Wechsel regiert die Welt, und mit ihm treten neue Anschauungen und +Erscheinungen zu Tage. Wir — die Gutsherren — haben die gute Zeit +gehabt, nun wollen auch die Bauern einmal leben!“ + +„Ah, nun verstehe ich! Deshalb Imgjors Eintreten für ihn! Sie begegnen +sich in ihren Anschauungen. Jetzt ist mir alles klar. Nun weiß ich, wer +meinem Werben um sie entgegengeht.“ + +„Sie interessieren sich für die Komtesse Imgjor, Herr Graf?“ + +„Ich gestehe es — außerordentlich! Ich habe auch des Grafen und der +Gräfin Beifall für meine Pläne. Bisher glaubte ich nur gegen Vorurteile +zu kämpfen. Nun bin ich überzeugt, daß ich in Prestö meinen eigentlichen +Widersacher zu suchen habe. Gewiß, sie lieben sich!“ + +„Vielleicht doch _nicht_ —“ betonte der Graf, auf das Gespräch ohne +Umschweife eingehend. „Daß Imgjor Interesse für ihn besitzt, will mich +wohl auch bedünken. Aber er für sie? Er war schon als Student verlobt +und ist es, soviel ich weiß, noch —“ + +„Ah welch' eine gute Nachricht! Erzählen Sie, ich bitte!“ fiel Axel +lebhaft ein und zog den alten Herrn über das Dorfgebiet hinaus. — + +Am folgenden Tage, nach dem zweiten Frühstück, wußte es Axel so +einzurichten, daß er mit Lucile im Garten auf- und abwandelte. Der Graf +hatte wegen seiner Geschäfte auf eins der Vorwerke fahren müssen, die +Gräfin — eine selten vorkommende Erscheinung — mußte wegen einer +Migräne das Zimmer hüten. + +Lucile war, in Vertretung ihrer Mama, beim Frühstück sehr liebenswürdig +um Axel bemüht gewesen. Sie besaß ähnliche Eigenschaften wie ihre +Mutter. Mit Verstand und Geist verband sie große Lebhaftigkeit. Wie sie +sonst zu beurteilen sei, mußte er erst ergründen. + +Es giebt Frauen, die bei aller sonstigen Beweglichkeit eine stolze +Prüderei hervorkehren, sobald ein Mann eine über das Konventionelle +hinausgehende Annäherung wagt. + +Zu einer engeren Berührung im ersteren Sinne gehört nach ihrer +Auffassung die Prüfung eines halben Menschenalters, und Artigkeiten, die +ein Interesse verraten, weisen sie mit einer verletzenden Schroffheit +zurück. + +Der Graf hatte recht: zu diesen schien Lucile zu gehören. + +Lucile sprach mit Vorliebe über ihren Aufenthalt in den großen Städten +und ihren Verkehr mit den Personen der bevorzugten Stände. Es geschah +das aber in einer Weise, die keinerlei Absichtlichkeit durchschimmern +ließ; sie behandelte die Dinge als etwas naturgemäß zu ihr gehöriges. +Aber es ging aus allem hervor, daß sie Umgang und Beziehungen zu solchen +Personen über alles stellte, daß das Leben in diesen Kreisen mit dem +Interesse für Toilette, Korsos, Jagden, Pferde und geräuschvolle +Geselligkeiten ihr Eldorado war. Und dieses Hervorkehren und dieses +Wertlegen auf Dinge, die Axel als minderwertige ansah, reizte ihn und +verführte ihn zu starkem Widerspruch. + +„Was Sie besonders anzuziehen scheint, Komtesse, stößt mich geradezu ab +—“ warf er, herabsetzend im Tone, hin. + +Und mit einem „So, so! Ja, der Geschmack ist eben ein verschiedener —“ +antwortete sie darauf. + +Statt daß Lucile, wie Axel erwartet hatte, ein Erstaunen darüber an den +Tag legte, daß er, der doch zu diesem Kreise gehörte, einen solchen +abweichenden Geschmack bekundete, schien sie das hinzunehmen, wie das +Zwitschern eines Vögelchens, das über ihnen in den Zweigen huschte. + +Sie rechnete mit dem, was einmal vorhanden war; sie entwickelte keinen +Eifer darüber, daß es mit ihren Neigungen nicht übereinstimmte. + +Während sie sich eben wieder dem Schloß näherten, in dem sie ein +Waffenzimmer besichtigen wollten, von dem beim Frühstück die Rede +gewesen war, sagte er: + +„Sie ziehen also wohl jedenfalls die Stadt dem Lande vor. Sie finden +wahrscheinlich gar keinen Geschmack an dem einförmig-stillen Leben auf +Rankholm, Komtesse?“ + +Statt einzutreten — eben hatten sie eine Pforte im Souterrain erreicht, +durch die man von hinten ins Schloß gelangen konnte — blieb sie stehen, +richtete den Blick geradeaus und sagte, zunächst durch eine Kopfbewegung +seinen Worten begegnend: + +„Nein, ich bin hier sehr gern. Im Sommer ist mir die Stadt nichts. Aber +— ich spreche offen — ich finde die Personen hier wenig anziehend. Wäre +nicht mein Vater —“ Sie hielt inne und während sie die Lippen schloß, +reckte sie den schlanken Hals rückwärts, wie jemand, der einer starken +Empfindung Herr zu werden versucht. + +Nun wurde Axel aufmerksam. + +Scheinbar arglos sprechend, fiel er ein: + +„Ja, Ihre Eltern, Ihr Herr Papa, Ihre Frau Mama, die müssen jedermann +fesseln!“ + +„Meine Mutter —?“ Lucile zog die Schultern, und in ihren Zügen erschien +ein eigentümlicher Ausdruck. Doch sprach sie nicht aus, was sie dachte, +und offenbar empfand sie Reue, daß sie sich so weit vergessen hatte. + +Auch suchte sie den von ihr hervorgerufenen Eindruck rasch wieder zu +verwischen, indem sie sagte: + +„Ich wollte betonen, daß ich mit meinem Vater besser hamoniere als mit +Mama und Imgjor“ — Und plötzlich abschweifend: + +„Wie finden Sie Imgjor?“ + +„Bezaubernd!“ + +„So —!? Ja, das ist ein Mädchen, um das alle Männer werben. Es +geschieht, weil sie ihnen nicht einen Finger giebt. Solche strecken +ganze Scharen zu ihren Füßen.“ + +Dann schwieg sie. Als sie aber oben in das Waffenzimmer getreten waren +und sich hier, nach Besichtigung der Gegenstände, noch einmal +niedergelassen hatten, sagte Lucile Lavard: + +„Ich gehe gern hier hinauf, weil meine Vorstellungen rege werden. Ich +wollte, ich hätte damals leben können, als noch Rankholm der Mittelpunkt +der vornehmen Welt war, als noch unsere Vorfahren Gesandte, +Staatsminister und Feldmarschälle waren, als sie die Herrscher Dänemarks +wochenlang zum Besuch bei sich sahen!“ + +„Sie sind offenbar sehr ehrgeizig, Komtesse! — Sie sind aus dem alten +Lavardschen Blut.“ + +„Ja, ich bin ehrgeizig, Sie haben recht, Graf Dehn! Ich leugne es nicht. +Ich lege Wert auf meinen Stamm, auf unser Ansehen und unsern Reichtum. +Ich bin aber —“ hier lächelte Lucile Lavard mit einem liebenswürdig +anschmiegenden Lächeln — „durchaus nicht so äußerlich, wie Sie glauben +mögen. Ja, ja, ich hab's schon bemerkt, Herr Graf, daß Sie mich recht +abfällig beurteilen. — Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ich denke! Ich +wünsche mich auszusprechen, da ich Sie bereits zu uns zähle: Ich +überhebe mich über niemanden, das wäre eine Beschränktheit. Gott gab mir +objektiven Verstand. Aber ich leugne nicht, daß ich, je höher die +Verfeinerung der Sitten und je vornehmer, sorgloser die +Lebensverhältnisse sind, um so größeren Geschmack an den Menschen und +Verhältnissen finde. Das Leben mit den gesellschaftlich Auserwählten ist +mir Bedürfnis, ich teile durchweg ihre Interessen und Neigungen. +Freilich unterscheide ich stark. Der Oberflächlichkeit gehe ich +möglichst aus dem Wege; die Männer, die unthätig nur in den Tag hinein +leben, verabscheue ich. Finde ich Verstand, Streben, Geist und wahrhaft +kavaliermäßige Eigenschaften, so suche ich eine Annäherung. Mein Ziel +ist das Bündnis mit einem Mitglied der höchsten Stände. Eine Lavard hat +das Recht, ihre Hand nach einer Fürstenkrone auszustrecken. Und wenn ich +das erreicht habe, so will ich mir Beachtung erwerben durch die Pflege +der Künste und Wissenschaften, durch Wohlthun, durch die Förderung alles +dessen, was im wahren Sinne wertvoll und sittlich ist. So denke ich mir +mein künftiges Leben, dahin geht mein Ehrgeiz.“ + +Axel hatte ihr aufmerksam zugehört, und so sehr wuchs durch die +Verminderung seiner Vorurteile ihre Persönlichkeit in seinen Augen, daß +er sich zu einer eifersüchtigen Regung fortreißen ließ. + +„Wahrlich, ich bewundere Sie, Komtesse!“ stieß er heraus. „Aber ich +empfinde einen starken Schmerz um die, welche mit keiner Krone im Wappen +zur Welt kamen und deshalb nicht einmal Ihre Fingerspitzen berühren +dürfen.“ + +Sie sah ihn an, und ein reizvoll gütiges Lächeln umspielte ihren Mund. +Dann sagte sie: + +„Sie dürfen es, Graf Dehn! Auch dahin wollte ich noch Ihre +Voraussetzungen berichtigen. Ich bin nicht stolz oder gar hochmütig in +Ihrem Sinne. Ich hab' etwas Selbstgefühl, weil ich mir bewußt bin, daß +ich stets vernünftig zu handeln suchte, weil ich Grundsätze habe und dem +Besseren — wenn auch nur in meiner Weise — ehrlich nachstrebe. Aber +glauben Sie es mir, ich bin für meine Leute ein guter Kamerad. Ihnen +will und werde ich es jederzeit sein, wenn Sie mich brauchen können.“ + +„Ah, welche Musik für mein Ohr, gnädigste Komtesse! So sprach auch Ihre +Frau Mama. + +„Ich danke Ihnen, danke Ihnen von Herzen! Ich bitte Ihre Hand zum +Zeichen meiner Verehrung berühren zu dürfen!“ + +Ein stiller, freundlicher Blick traf ihn, während sie gewahrte, worum er +bat, ein Blick, ähnlich wie der, welcher in den Augen ihrer Mutter +bisweilen erschien. Voll Nachdenken über diese Frauen, die sich so offen +gaben und in denen allen sich doch etwas Rätselhaftes verbarg, stieg +Graf Axel an der Seite Luciles wieder in die unteren Räume hinab. — + +Nach dem Frühstück am folgenden Tage wurde über eine, einem geplanten +größeren Fest noch vorherzugehende, kleine Abendfête beraten. + +Man wollte Lucile nach ihrer langen Abwesenheit Gelegenheit geben, mit +den gesellschaftsfähigen Personen in Kneedeholm und einigen der höheren +Gutsangestellten ein Wiedersehen zu feiern. Ueber das Erscheinen der +letzteren, des Pastors Nielsen und des Apothekers war man sich einig. +Die Hinzuziehung des Doktor Prestö stieß auf Schwierigkeiten. + +„Wenn's nicht Graf Knut gewesen, würde ich mich in diesen Ersatz für +unsern alten, vortrefflichen Doktor Kröde nicht so willig gefügt haben +—“ warf die Gräfin hin. + +„Der Prestö ist mir eigentlich sehr unsympathisch, er besitzt gar keine +Lebensart, und sollte ich krank werden, würde mich sein Kommen eher +beschweren, als erleichtern!“ + +„Ja, Manieren hat er wenig, oder eigentlich keine —“ bestätigte der +Graf. „Er ist ein selbstbewußter Herr, und, wie der Gutsförster schon +neulich behauptete, sicherlich ein fanatischer Bauernfreund. Gestern +erhielt ich auch wieder eine Probe von seiner alles bekrittelnden Art. +Als ich beim alten Peder Ohlsen vorsprach, fand ich ihn dort mit der +kleinen Sine beschäftigt, und als ich ihn fragte, was ihr fehle, zuckte +er, ohne mich überhaupt zu begrüßen, die Achseln und sagte: „Sie hat +sich den Magen mit Obst vollgepfropft, und statt ihr einen Finger in den +Hals zu stecken, schickt man nach dem Arzt, als ob's ans Sterben ginge!“ +Und auf eine vermittelnde Aeußerung von meiner Seite, die nämlich, daß +der Laie doch den Zustand des Patienten nicht beurteilen könne, +entgegnete er in seiner belehrenden Art: „Ja, man sollte die Bauern zu +selbständigem Denken erziehen. Statt dessen wird womöglich ihre Dummheit +noch gefördert. Der Schulmeister hier im Dorfe macht tiefe Katzenbuckel +vor der Gutsherrschaft, er ist nichts anderes als ein Streber, der +längst hätte wieder zurückgeschickt werden müssen.“ + +Graf Axel hatte während dieser Erörterung absichtlich seine Blicke auf +Imgjor gerichtet. Schon bei ihrer Mutter Einwände war ein Ausdruck der +Auflehnung in ihre Züge getreten. Axel sah's an ihren Mienen. Nun hielt +sie's nicht mehr. Indem sie das Buch, auf das sie trotz des Gespräches +ihre Augen geheftet, in den Schoß gleiten ließ, fiel sie mit deutlicher +Gereiztheit im Tone ein: + +„Der Doktor Prestö hat doch ganz recht, Papa. Markholm ist ein +widerwärtiger Augendiener und ein Schulmeister zum Erbarmen. Nichts, +nichts weiß die Jugend. Und daß man einen Arzt um jeden Quark bemüht, +ist doch in der That ein Mangel an praktischer Schulung. Prestö ist eine +tüchtige, energische Natur mit vielen neuen, wahrhaft reformierenden +Ideen.“ + +„Ja, ja — reformierende Ideen! Das ist das glückselige Schlagwort, das +einst nicht nur die Gutshäuser, sondern auch die Hütten der Bauern +zertrümmern wird!“ fiel Lucile erregt ein. „Solche Menschen, wie dieser +Doktor einer zu sein scheint, sind ein wahres Unglück. Sie wollen alles +verbessern. Sie müssen des Schöpfers Weisheit, die auf eine besonnene, +nicht überstürzende Entwickelung aller Dinge im Natur- und Menschenleben +hinausgeht, übertrumpfen. Im Grunde aber lauert hinter diesen +Weltverbesserern nichts anderes als die ewig sich wiederholende +Unzufriedenheit des Subjekts mit seinem Schicksal oder eine grenzenlose +Eitelkeit. Nicht die Sache — einige unpraktische Schwärmer abgerechnet — +leitet sie, sondern ihre Person. Innerster Ingrimm darüber, daß sie in +den Thälern marschieren müssen, statt auf den Gipfeln zu stehen, wo +ihnen das Schicksal nun einmal keinen Platz eingeräumt, ist das Motiv +ihrer Handlungen. Ging's Jahre und Jahre so und in Frieden, wird's auch +mit allmählichen, aus den Erfordernissen herauswachsenden Umgestaltungen +so gehen, ohne daß der Herr Doktor den Bauern, dem Lehrer und Papa +schulmeisterliche Unterweisungen erteilt.“ + +Imgjors Augen sprühten, während Lucile sprach. + +Ihre weißen Hände fieberten, sie ballten sich in ihrem Schoß, und sie +konnte es nicht erwarten, ihrer Schwester zu antworten. + +Aber statt ihrer wußte die Gräfin, die Lucile durch ihre Mienen bereits +zugestimmt hatte, rasch das Wort zu nehmen. + +„Ja, ich teile vollkommen deine Ansicht, Lucile. Und ich glaube, wir +alle! Was meinen Sie, Graf Dehn? Wie finden Sie unsern neuen Aeskulap?“ + +„Ich beurteile ihn milder, nachdem ich näheres über ihn durch den Grafen +Knut vernahm. Aber ich muß — ich gestehe es — meiner Objektivität stark +aufhelfen. Wenn ich meinen Geschmack sprechen lasse, sage ich: Dieser +junge Mann besitzt weder äußere noch innere Erziehung. Er sollte erst +einmal bei sich beginnen, bevor er über andere schulmeisternd urteilt +oder gar gegen ältere Leute den Präceptor spielt. + +Vielleicht wird seine künftige Frau — ich höre vom Grafen Knut, daß er +mit einer Kopenhagenerin verlobt ist — vorteilhaft auf ihn einwirken, +sie und der Einfluß so verstandesreicher und humaner Personen, wie dies +Schloß sie birgt.“ + +Graf Dehn richtete nach diesen Worten einen gespannten Blick auf Imgjor. +Er wünschte den Eindruck seiner letzten Rede auf sie zu beobachten. In +der That schien sie etwas beunruhigt, aber es war offenbar nicht +Enttäuschung, die ihre Wangen verfärbte, sondern etwas anderes, das sie +trieb, sich zu entfernen. + +Sie fingierte einen sie plötzlich überfallenden Hustenanfall, stand auf, +drückte die Hand auf die arbeitende Brust und verließ, als ob sie die +Anwesenden von der lästigen Störung befreien wolle, das Zimmer. + +Aber eben die Zweifel über das, was in Imgjor vorging, veranlaßte Axel +für des Doktors Erscheinen an dem geplanten Besuchsabend einzutreten. Es +lag ihm daran, Prestö und Imgjor noch einmal beisammen zu beobachten, um +daraus seine Schlüsse zu ziehen und darnach seine künftige +Handlungsweise einzurichten. + +Er betonte der Gräfin gegenüber, daß eine Umgehung des Doktors bei einer +Gelegenheit, wo alle übrigen eingeladen würden, eine allzu stark +hervortretende Zurücksetzung an sich trage. Wenn Prestö auch zur Kritik +stark herausfordere, so habe er sich doch gegen die Familie bisher +eigentlich nichts zu Schulden kommen lassen. Er wage deshalb zu bitten, +daß man ihn hinzuziehe. + +„Ihr Wunsch entscheidet, lieber Graf!“ erklärte Graf Lavard verbindlich, +und die beiden Damen neigten nicht weniger bereitwillig den Kopf, nun, +da es sich um die Bitte des Gastes handelte. + +Als Axel eine Stunde vor dem Diner sein Zimmer betrat, um Toilette zu +machen, fand er auf seinem Schreibtisch eine Karte von Prestö, erfuhr +aber durch seine an Frederik gerichtete Frage, daß niemand den Doktor im +Schloß gesehen habe. + +„Er wird hinten durchs Haus eingetreten sein, Frederik —“ + +Der Angeredete schüttelte den Kopf. + +„Es kann keiner unbemerkt eintreten. Ich war fortwährend unten +beschäftigt, und oben hat Christian heute den Dienst.“ + +„Es liegt mir daran, zu wissen, wann der Doktor hier war. Vielleicht +weiß der Portier auf dem Schloßhof von des Doktors Hiersein. Bitte, +fragen Sie ihn und Christian! Es liegt mir daran —“ + +Aber Frederik kehrte mit dem Bescheide zurück, daß Doktor Prestö während +des Tages Rankholm nicht besucht habe. Es mußte also jemand im Schloß +die Karte in des Grafen Zimmer gelegt haben, und es mußte während des +Reitausfluges geschehen sein, den Axel mit dem Grafen zwischen dem +zweiten Frühstück und dieser Stunde unternommen hatte. Vor Verlassen des +Schlosses war Axel noch in seinen Räumen gewesen und hatte keine Karte +gefunden. + +Nachdem Axel den Kammerdiener entlassen und zur Vermeidung falscher +Auffassungen noch vorher hingeworfen hatte, daß es sich nur um eine +kleine, lustige Wette handle, und daß er nur deshalb nachgefragt habe, +kam ihm bei fernerem Grübeln über diesen Fall plötzlich die Idee, daß — +Imgjor in seinem Zimmer gewesen, daß sie die Ueberbringerin der Karte +war. + +Man hatte Prestö Mangel an Lebensart vorgeworfen, man hatte ihn +überhaupt aufs schärfste verurteilt, und er, Axel, war der einzige +gewesen, der ihm das Wort geredet. So war die nachträgliche +Aufmerksamkeit vielleicht der Dank, und Imgjor, die sich schon einmal +als Prestös Verteidigerin aufgeworfen, hatte dem Doktor möglicherweise +einen Wink gegeben. + +Und wenn Axel in solcher Annahme das rechte traf, so waren diese beiden +Menschen also im stillen mit einander einig. Freundschaft macht +erfinderisch, wie Not. + +Als Axel den Weg in den Speisesaal nahm, war er überzeugt, daß sich die +Dinge so verhielten, und er beschloß, nicht zu ruhen, bis er über Imgjor +und Prestö völlige Klarheit gewonnen. — + +Indessen fand er bei Tisch keine Gelegenheit, Imgjor zu beobachten. +Lucile erklärte kurz vor dem Niedersitzen, daß ihre Schwester nicht +erscheinen werde. Sie sei bei ihr im Zimmer gewesen, und Imgjor habe +erklärt, daß sie sich unwohl fühle und bis zum Abend das Bett hüten +müsse. Es sei nichts Erhebliches, sie wünsche nur zu ruhen und habe +keinen Appetit. + +Da man Axel bereits so sehr zu der Familie rechnete, daß in seiner +Gegenwart alles Vorkommende besprochen wurde, so nahmen der Graf, die +Gräfin und Lucile auch heute keinen Anstand, sich über Imgjor zu äußern. + +„Sie wird immer unzugänglicher und geht immer mehr ihren Kapricen nach +—“ warf die Gräfin hin. „Du müßtest einmal energisch mit ihr reden, +Lavard! Sie sollte sich doch wenigstens anders verhalten, wenn wir Gäste +haben.“ + +Der Graf nickte. + +„Wenn sie nicht zugleich ein solcher Engel für die Kranken und Armen auf +der Herrschaft wäre, hätte ich ihr schon ihre fortwährenden +Entfernungen verboten. Das ist's ja! Man kann ihr eigentlich keinen +anderen Vorwurf machen, als daß sie sich für sich hält und ihren +besonderen Neigungen nachgeht.“ + +„Es schickt sich doch wirklich nicht, daß sie fortwährend +umherflankiert, mit den Bauern und oft mit den Knechten verkehrt. +Gestern wurde sie, wie ich weiß, im Dorfwirtshaus gesehen, wo sie ihre +bauernfreundlichen Ansichten zum Besten gegeben hat,“ fiel Lucile ein. + +„Wer hat dir das mitgeteilt?“ rief der Graf nunmehr in erheblicher +Erregung. + +„Vom Gutsförster von Kilde hörte ich es, Papa.“ + +„Da siehst du's, Lavard! Es geht wirklich nicht mehr. Sie rührt uns das +ohnehin aufsässige Bauernvolk noch mehr auf. Und der Doktor agitiert +auch schon seit seiner Niederlassung im Dorf. Du weißt doch, daß Pastor +Nielsen ganz außer sich darüber ist, welche Ideen er vor den Bauern +entwickelt. Greife ein! Sprich morgen mit dem Doktor und stelle ihm die +Wahl, sich solcher Dinge streng zu enthalten oder seinen Stab wieder in +die Hand zu nehmen!“ + +Graf Lavard nickte. + +„Ja, es soll geschehen. Nur morgen geht's nicht. Er ist unser Gast; da +wäre es unzart, ihm grade Vorhaltungen zu machen.“ + +„Und Imgjor?“ fiel Lucile ein. + +„Willst du ihr nicht auch gebieten, daß sie ihre Besuche in den +Wirtshäusern einstellt? Nächstens erscheint das Bauernvolk auf dem +Schloßhof und stellt dir Forderungen, und wenn du sie nicht erfüllst, +stecken sie uns das Dach über dem Kopfe an!“ + +„Na, na — Ihr seht allzu schwarz! Ich bewege mich doch auch unter ihnen +— ich kenne sie —“ + +„Es mag sein, Lavard! Aber daß hier vom Schloß aus durch unsere eigene +Tochter die neuen Ideen gefördert werden, daß sie indirekt gegen ihre +eigene Familie zum Widerstand aufreizt, geht doch wahrlich nicht mehr —“ + +„Ich bin derselben Ansicht, Papa, und willst du gründlich vorgehen, so +schicke Imgjor einmal fort. Und bevor sie zurückkehrt, gieb dem Monsieur +Prestö auch den Laufpaß!“ + +„Warum so lange warten, Lucile?“ fiel die Gräfin ein. „Will er sich +nicht fügen, mag er auch gehen, gleich —“ + +Lucile zog die Lippen. — Sie zögerte noch eine Weile, dann sagte sie und +warf zugleich einen stillen Blick auf Axel: + +„Ich riet nicht ohne Absicht so, wie ich riet, liebe Mama. Denn wisset, +beide, alle: Seit der Scene gestern habe ich die feste Ueberzeugung, daß +Imgjor völlig unter dem Einfluß Prestös steht. Als ich vorher mit ihr +sprach und auf sie einredete, Graf Dehns halber sie ermahnte, sich mehr +zu Hause zu halten, liebenswürdiger, entgegenkommender sich zu geben und +den ganzen, sich nicht für sie schickenden Verkehr drunten aufzugeben, +entwickelte sie geradezu erstaunliche Ansichten. Wir gerieten aufs +heftigste aneinander. Sie warf mir Beschränktheit, Hochmut und +lächerlichen Adelsstolz vor. — Die Zeiten seien vorüber, wo man sich so +geben dürfe wie ich. Sie, Imgjor, würde, wenn es an ihr läge, den Adel +abthun, das Schloß verlassen und sich ganz den armen, geknechteten +Bauern widmen. Es müßte in ganz Dänemark von Männern und Frauen der +besseren Stände das Veredelungs- und Samariterwerk für die niedere +Klasse, für die Armen und Elenden, ins Werk gesetzt werden. Zu diesem +Zwecke sei das Land in Distrikte einzuteilen, und in diesen habe dann +die Wirksamkeit der Brüder und Schwestern des neuen Vereins zu beginnen. +Volksprediger sollten Vorträge halten, um Menschenliebe, +Pflichterfüllung und ein von allem ceremoniellen Beiwerk befreites +Christentum zu predigen. Der Arbeitslosigkeit, Not und Krankheit solle +Einhalt gethan werden, es sei durch Errichtung von öffentlichen +Versorgungs- und Krankenanstalten in jedem Ort, sowie durch öffentliche +Speisehäuser überall den Armen zu helfen und damit den Forderungen der +Neuzeit gerecht zu werden.“ + +„Wie? Mit solchen Dingen beschäftigt sie sich? Das alles hat sie dir +erklärt?“ fielen beide Lavards ein, und auch Axel erhob mit nicht +geringerem Erstaunen das Haupt. + +„Ja, das und noch anderes! Man könnte einen gelehrten Vortrag daraus +machen.“ + +Nachdem Lucile geendigt hatte, verharrten die Anwesenden zunächst in +Schweigen. Was sie gehört hatten, beschäftigte sie ausschließlich. + +„Ach ja, nun verstehe ich auch vieles —“ nahm sinnend die Gräfin wieder +das Wort. „Wahrhaftig es ist höchste Zeit zum Einschreiten,“ fuhr sie, +gegen ihren Mann gewendet, fort, — „wenn wir nicht einen großen Affront +erleben sollen. Du mußt deine Rechte üben und noch im Beginn durch +geeignete Mittel zu mildern oder auszumerzen suchen, was sich in ihr für +sie selbst Verderbliches festgesetzt hat. — Was sagen Sie, Graf Dehn, +was sagen Sie? Hätten Sie das gedacht, das in Imgjor gesucht?“ + +Axel bewegte die Schultern und sagte: „Was die Komtesse will, ehrt sie +und hebt sie in meinen Augen! Aber allerdings glaube ich auch, daß sie +starke Enttäuschungen erleben und sehr unglücklich werden wird, wenn's +keine Mittel giebt, ihr schönes Menschentum auf ein richtiges Maß +herabzumindern.“ + +Er wollte noch mehr sprechen, aber nun öffnete eben Frederik, den die +Gräfin beim Beginn der Unterredung für eine Zeit lang abgewinkt hatte, +von neuem die Thür und brachte, von Christian und einem anderen Lakaien +gefolgt, die dampfenden Schüsseln des nun folgenden Ganges. + +Er hob die silbernen Deckel ab, und ein auf portugiesische Art +bereiteter, gebratener Fisch aus dem Teiche des Gutsgebiets mit einer +dazu gehörenden duftenden Sauce verbreitete einen so köstlichen Hauch, +daß die Sinne für diesen Leckerbissen das Interesse für Imgjors +Umgestaltungsideen vorläufig verschlangen. + + * * * * * + +Als Graf Dehn am folgenden Vormittag zwischen dem ersten und zweiten +Frühstück von einem Spaziergang aus dem Park heimkehrte, hörte er in der +Gegend des Schlosses ein lautes Wimmern und bemerkte, als er +nachforschte, Hektor, den Hund von Imgjor, mit mühsam hinkenden +Bewegungen dem hinteren Eingang zustreben. + +Aber bevor der Hund noch die Thür erreicht hatte, verließen ihn die +Kräfte; er blieb, vor Schmerzen wimmernd, liegen und erfüllte mit seinen +Wehlauten die Luft. + +Rasch eilte Graf Dehn herbei, spähte nach, was dem armen Geschöpf fehlte +und sah, daß nicht nur die eine Pfote gebrochen, sondern daß dem Tier +auch noch das eine Auge derart verletzt war, daß nur noch eine blutige +Höhlung unter der Stirn klaffte. + +Und während Graf Dehn noch sorgend um das Tier bemüht war, erschien, +durch die Klagetöne von oben herbeigelockt, Komtesse Imgjor, erkannte, +nach einem Graf Dehn gespendeten, flüchtig höflichen Gruß, was +vorgefallen war, und erging sich, ihren Liebling liebevoll streichelnd +und tröstend, in aufgeregten Worten über das Geschehene. Aber sie nickte +auch erkenntlich, als Dehn sich bereit erklärte, Wasser, Schwamm und +Leinewand herbeizuholen, und hob, nachdem dies herbeigeschafft und das +Tier verbunden war, solches zur Bettung im Schloß auf ihre eigenen Arme. + +„Bitte, begleiten Sie mich und öffnen Sie mir die Thüren!“ bat sie. „Ich +will ihn in mein eigenes Zimmer bringen, ihn dort selbst pflegen,“ fügte +sie, sich zu dem ihr dankbar die Hand leckenden Hunde liebevoll +herabbeugend, hinzu. + +Imgjors Gemächer befanden sich in der ersten Etage in einem Vorbau, der +in Form eines Turmes die linke, äußerste Zwischenecke des Schlosses +flankierte. Man konnte sie vom Hofe aus, aber auch von demselben +Korridor erreichen, in dem sich Graf Dehns Zimmer befanden. + +Unmittelbar neben dem Eingang zu seinen Gemächern führte eine Treppe +zunächst zu einem halbrunden Flur empor, und auf diesen mündete die vom +Hofe emporstrebende Wendeltreppe. + +Graf Dehn hatte lange schon das lebhaftere Verlangen gespürt, einmal +einen Blick in die Räume zu werfen, in denen das seine Gedanken und +seine Sinne so ausschließlich beschäftigende junge Mädchen wohnte. Nun +sollte ihm das werden, und mit einer gewissen Hast folgte er Imgjor und +ihrer Bürde. + +Sie ging aber nicht ins Schloß, sondern wählte den Weg, der über den Hof +und von dort hinauf zu ihrer Wohnung führte. + +„Bitte, hier!“ unterwies sie Axel, als sie oben angekommen waren, und +zeigte auf einen verborgenen Winkel, in dem an einem verdeckt +angebrachten Haken ein Schlüssel hing. + +Und Graf Dehn beeilte sich, ihrem Befehl zu entsprechen. Er öffnete das +Gemach. + +Es war aber erst ein einen Blick auf den inneren Schloßhof gewährendes +Vorzimmer mit Tapetenthüren und altmodischen Möbeln. + +Die eigentlichen beiden Wohnstuben befanden sich nach der Parkseite. +Graf Dehn war völlig benommen von der reizvollen Eigenart des ersten +Gemaches, das Imgjor als ihr Wohnzimmer bezeichnete. + +Ein großer Tisch, bedeckt mit Büchern und allerlei kostbaren +Gebrauchsgegenständen, stand in der Mitte. Ihn umgaben eine Anzahl +kleiner Sofas, die mit rosenroten, blumendurchwirkten Seidenstoffen +bezogen waren, und ebensolche Divans standen zwischen den das Zimmer +füllenden schneeweiß und goldfarbigen Rokokomöbeln. + +Auch eine reiche Bibliothek in kostbaren Einbänden befand sich in der +einen Wandseite, und sie ward halb beschützt von einem weißseidenen +Vorhang. Blumen und Vogelkäfige standen in den tiefen Fenstern, und +prachtvolle, rosaseidene Gardinen fielen, um besser Licht zu lassen, +ungerafft von oben bis auf den Fußboden herab. + +„Wie feenhaft wohnen Sie hier, Komtesse!“ nahm Graf Dehn das Wort, +nachdem Imgjor das Tier nebenan in ihrem Schlafgemach gebettet hatte und +nun, rasch zurückkehrend, ihm wieder gegenüberstand. + +„Ja, viel zu schön! — Wer hat ein Recht, derartig sich einzurichten, +wenn in der Welt so viele arme Geschöpfe darben —“ entgegnen sie herb im +Ton. „Ich lerne den Luxus immer mehr hassen. Wäre nicht der die Seele +belebende, schöne Ausblick, könnte ich nicht in mein geliebtes Thal und +ins Dorf hinabschauen, wäre ich schon ausgezogen und hätte mir Räume +gesucht, die mich an Einfachheit und Entsagung gewöhnen —“ Und dann kurz +abbrechend, nachdem sie ihm nochmals ihren Dank wiederholt hatte, sagte +sie: „Sie können gleich rechts die Treppe hinuntergehen, um Ihre Zimmer +zu erreichen. Wir sind sozusagen Nachbarn, das heißt Nachbarn von oben +und unten —“ + +Hierauf neigte sie mit gewohnter, kaum gemilderter Ausdruckslosigkeit +den Kopf und begab sich — Axel hörte es, während er die Thür hinter sich +schloß — eilends wieder zu dem kranken Tiere in ihr Schlafgemach. + +Aber diese Sicherheit, nicht beobachtet zu werden, veranlaßte Graf Dehn, +nicht so gleich das Vorzimmer zu verlassen, sondern sich noch einen +Augenblick darin umzuschauen, ja, sogar die Klinke einer der beiden +Tapetenthüren zu berühren. + +Da nach seiner Berechnung die Wände des Gemachs zugleich die Außenmauern +des Turms bilden mußten, war er sehr neugierig, zu erfahren, wohin die +Eingänge führten. + +Zu seiner Ueberraschung gab das von ihm geprüfte Schloß nach, und vor +ihm lag eine dunkle Treppe. + +Das beschäftigte ihn dermaßen, daß er, — unten in seinen Gemächern +angelangt, — alle Wände untersuchte. Aber er fand nichts. Wahrscheinlich +führte diese in die dicke Mauer eingelassene, geheime Treppe in den +Garten hinab, und auffallend war's nur, daß die Thür unverschlossen war, +daß sie also noch gebraucht wurde. — + +Daß übrigens Imgjor ihre Stellung zu Axel nicht verändern wollte, zeigte +sich schon an demselben Tage sowohl bei Tisch, wie beim Abendessen. Sie +begegnete Graf Dehn, trotz dieses sie enger verknüpfenden Vorfalles, +mit derselben kühlen Gemessenheit wie bisher, und als von dem Hunde die +Rede war, erwähnte sie seiner Hilfeleistung mit keiner Silbe. + +Die beiden folgenden Tage boten wiederum allerlei Abwechslungen, durch +die Graf Dehns Gedanken vorübergehend von Imgjor abgelenkt wurden. + +Er machte mit dem Grafen, der Gräfin und Lucile und mit diesen allein, +da Imgjor heftige Migräne vorschützte, eine Wagenpartie nach einem der +umliegenden Güter, wohin die Herrschaften schon zum Frühstück geladen +waren, und am folgenden Tage fuhr er mit dem Grafen Knut und dem Herrn +des Hauses in das zwei Meilen entlegene Städtchen Oerebye, woselbst sie +an einem Diner bei einem Herrn von Kjärholm teilnehmen sollten. + +Am letzten Abend vor der angesetzten Gesellschaft hatten sich der Graf, +Lucile und Imgjor früher zurückgezogen. Graf Lavard fühlte sich durch +eine Erkältung beschwert, und Lucile und Imgjor hatten sich, über starke +Müdigkeit klagend, schon bald nach Aufhebung der Tafel in ihre Gemächer +begeben. + +Nur Graf Dehn blieb, durch eine Partie Schach gefesselt, neben der +Gräfin sitzen. + +Sie sei noch durchaus nicht schläfrig, sie bitte, ihr Gesellschaft zu +leisten, hatte sie erklärt. + +Nachdem Graf Dehn als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen war, lehnte +sie sich zurück, sah ihn mit dem ihr eigenen forschenden Blick an und +warf plötzlich unvermittelt hin: + +„Nun, wie sieht's, Graf Dehn? Wer gefällt Ihnen besser, Lucile oder +Imgjor? Nicht wahr, Lucile ist ungewöhnlich schön?“ + +Graf Dehn bejahte stumm, dann sagte er: + +„Um die Komtesse Lucile zu werben, würde, selbst wenn man meinen möchte, +ohne sie nicht leben zu können, zwecklos sein. Sie wird niemals einen +Mann meiner Art heiraten.“ + +Die Gräfin schärfte erst das Auge in einer Art, als ob sie in des +Sprechers Inneres dringen wolle. Dann sagte sie stark betonend: + +„Ist Ihrer Antwort zu entnehmen, daß Ihnen auch Lucile gefährlich werden +könnte?“ + +„Ich kann nur jüngst Gesagtes wiederholen, Frau Gräfin. Ich liebe +Komtesse Imgjor leidenschaftlich. Noch will ich einige Zeit prüfen, ich +will nicht so leichten Kaufes meine Wünsche begraben. Ist's aber +entschieden, werde ich Rankholm verlassen. Ich würde mich innerlich +verzehren, sollte ich ferner aussichtslos neben ihr hergehen.“ + +„Seltsam!“ stieß die Gräfin heraus. „Was die Männer haben können, das +verschmähen sie. Nur das Unerreichbare hat Reize für sie —“ + +„Sie meinen —?“ setzte Graf Dehn an; — stockte aber, weil er der Gräfin +Auge begegnete. + +Sie sah ihn mit einem Blick an, der ihn befangen machte, und der +Widerschein seiner Verwirrung spiegelte sich in seinen Mienen. „Ah — Sie +Kind — Sie gutes Kind!“ warf sie überlegen, aber nicht ungütig hin. + +Doch gab sie sich unmittelbar darauf wieder mit der sonstigen Geradheit +ihres Wesens. + +„Lucile will hoch hinaus, gewiß! Aber sie wird doch nie einen Mann +heiraten, den sie nicht liebt“ — fügte sie, an Axels vordem hingeworfene +Aeußerungen anknüpfend, hinzu. — „Und deshalb glaube ich auch, daß sie +ihre unfruchtbaren Pläne aufgeben und sicher einen anderen ehrenwerten +Mann aus einem weniger bevorzugten Stande heiraten würde. + +Daß Lucile sich für Sie interessiert, weiß ich. Aber Sie — Sie — +empfinden nichts für sie —?“ + +Nun erschien ein überaus forschender Ausdruck in ihren Zügen. + +„Ja, Frau Gräfin —“ entgegnete Graf Dehn halb ernst, halb leicht im Ton, +um dem Gespräch einen möglichst unbefangenen Charakter zu verleihen — +„ich müßte ein Stein sein, wenn ich nicht ein so vollendetes, junges +Mädchen, wenn ich nicht jede Tochter einer Gräfin Lavard anbetete. Aber +es steigt ein Wunsch nach ihrem Besitz nicht auf, weil mich, ich +wiederhole es, Komtesse Imgjor ganz gefangen nimmt. Komtesse Lucile hat +mir überdies rückhaltlos erklärt, sie werde nur einem Manne die Hand +reichen, der eine Fürstenkrone im Wappen führt.“ + +„Haben meine Töchter —“ stieß die Gräfin, die nachdenklich zugehört, +stark betonend heraus, „Ihnen gegenüber ein Urteil über mich gefällt?“ + +Graf Dehn sah befremdet empor. + +„Ich bitte, sprechen Sie, Graf Dehn! Ich bin Ihnen für ein offenes Wort +dankbar. — Ich werde dann auch reden, nicht heute, aber ein andermal —“ + +„Da Sie mich fragen — ja, Frau Gräfin! Es scheint mir bei aller +Verehrung eine kleine Einschränkung vorhanden zu sein. Ich habe schon +darüber gegrübelt, wie es möglich ist, Sie nicht schwärmerisch zu lieben +—“ + +Die Gräfin sah eine Weile still vor sich hin. Dann sagte sie mit einem +Seufzer: + +„Glücklich der, welcher im Familienleben das findet, was er erwartet. +Wenige sind ganz glücklich! Würden die Eheakten einmal hervorgeholt, +statt der Vergessenheit übergeben zu werden, würde man erstaunen, wie +oft Frauen gelitten haben, wie groß ihre Seelen waren!“ + +Graf Dehn richtete einen gespannten Blick auf die Gräfin, die durch +diese Worte die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses vorbereitete. + +Aber heute vernahm er nichts mehr. Mit einem sanften gütigen Ausdruck +bot sie ihm zum Abschied die Hand und begab sich, ihm noch einmal +freundlich zunickend, in ihre Gemächer. — + + * * * * * + +Als sich Graf Dehn am folgenden Vormittag nach Imgjor erkundigte, wurde +ihm von Frederik gesagt, daß sie schon früh und zwar, wie er zu hören +geglaubt habe, nach dem Mönkegjorer Gehölz fortgeritten sei. + +Das veranlaßte Axel, sich ebenfalls ein Reitpferd zu bestellen und, des +Weges kundig, dieselbe Richtung einzuklagen. Dem schönen Mädchen +möglichst oft zu begegnen, sie durch einen häufigen Verkehr allmählich +von ihren Vorurteilen zu heilen, endlich ihre Freundschaft zu gewinnen, +lag in seinem Plan. + +Zwar hatte die Gräfin geäußert, daß man sie gehen lassen müsse, sie +komme dann zuletzt ganz von selbst; aber er wollte es doch auf seine +Weise versuchen. Wie konnte er warten, bis sie ihm auch nur einige +Beachtung schenkte! + +An dem heutigen Morgen beherrschte ihn zudem die Vorstellung, daß sie +nicht nur fortgeritten sei, um sich eine Abwechslung zu verschaffen, +sondern daß sie irgend etwas vorhabe, das sie zu verbergen wünschte. +Vielleicht hing es mit dem Doktor Prestö zusammen. — + +Er hielt auch, als er zunächst durch das Dorf trabte, einen Augenblick +vor des Arztes Hause still, um sich unter irgend einem Vorwande nach +Prestö zu erkundigen. + +Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er abwesend sein werde. + +Anfänglich war sein Rufen vergeblich. Es erschien niemand, und schon +wollte er sich zum Absteigen bequemen. + +Dann aber öffnete Prestös Wirtschafterin, eine einfache, alte Frau aus +einem der umliegenden Dörfer, die Hausthür und gab auf Graf Dehns Frage +Antwort. + +„Der Doktor sei vor reichlich einer halben Stunde nach Oerebye geritten. +Er kehre wahrscheinlich erst gegen den Spätnachmittag zurück,“ erklärte +sie. + +„Nach Oerebye? Besitzt der Herr Doktor dort auch Praxis?“ + +„Nein — das nicht. Ich hab' etwas von einer Bauernversammlung gehört, +wo er dabei sein will. Ich weiß es aber nicht genau. Kann ich etwas +bestellen?“ + +„Nein, ich danke! Es liegt nichts Besonderes vor. Sie brauchen nicht +einmal zu sagen, daß ich mich nach ihm erkundigt habe.“ + +Hierauf nickte die Alte zustimmend, und Graf Dehn setzte seinem Tier +wieder die Sporen in die Weichen. + +Oerebye und der große Forst Mönkegjor lagen in derselben Wegrichtung. + +Nachdem Graf Dehn diesen, scharf trabend, nach Verlauf einer halben +Stunde erreicht hatte, durcheilte er ihn von einem Ende zum anderen, +hielt auch auf einem mitten im Gehölz auf einer Anhöhe befindlichen +Pavillon an und sah sich hier nach Imgjor um. Aber es war nichts von ihr +zu bemerken, und er nahm daher, rasch entschlossen, die Richtung nach +Oerebye. + +Freilich konnte er, wenn er seinen Ritt soweit ausdehnte, nicht zum +Frühstück in Rankholm zurück sein. Aber das ungeduldige Verlangen, +festzustellen, ob wirklich Imgjor und der Doktor beisammen seien, ließ +das in ihm aufsteigende Bedenken, ohne Entschuldigung fortzubleiben, +rasch zurückdrängen. + +Unterwegs, während er dahin galoppierte, bestürmten ihn seine Gedanken. + +War's nicht im Grunde eine Thorheit, sich auf ein Mädchen zu +kaprizieren, das ihm so entschieden auswich? + +Und war's, wenn er wirklich ihre Zuneigung gewann, wünschens- und +lohnenswert, ein weibliches Wesen solcher Art an sich zu fesseln? Er +hatte sich eine ganz andere Vorstellung von der jungen Dame gemacht, von +welcher ihm sein Vater gesprochen. + +Er hatte ein mit Schönheit: Sanftmut und Liebenswürdigkeit verbindendes +junges Mädchen zu finden erwartet und sah sich einer fanatischen +Vertreterin der neuen Ideen gegenüber. + +Und dann redeten doch wieder andere Stimmen, und sie flüsterten ihm zu, +daß Nummern überall zu finden seien, daß er es hier mit einem +charakterstarken und trotz aller Schroffheit warm fühlenden, +edeldenkenden Wesen zu thun habe. Von einem solchen bevorzugt, gar +auserwählt zu werden, erschien ihm des Ringens wert. + +Und diese Vorstellung gab dann seinen Gedanken wieder eine andere +Richtung. + +In Oerebye angelangt, hielt Graf Dehn vor demselben Gasthofe, in dem er +kurz vorher mit Imgjors Vater und dem Grafen Knut eingekehrt war, und +schon während des Eintritts in die gemütlichen Vorräume des Gebäudes +warf er die Frage hin, ob jemand aus Schloß Rankholm anwesend sei. + +Der sorgfältig rasierte, höfliche Oberkellner nickte bejahend. + +„Ja wohl, Herr Graf. Komtesse von Luvard ist vor einer halben Stunde +angekommen.“ + +„So — so!?“ fiel Axel lebhaft ein. „Und — und — ist sie im Hotel?“ + +„Nein, Herr Graf! Sie ist auch nach dem Landhof gegangen —“ + +„Nach dem Landhof? Was ist das?“ + +„Der Landhof ist ein öffentliches Lokal. Um ein Uhr spricht da der +Volksredner Jens Uesholm. Sämtliche Einwohner und Bauern der Umgegend +sind hingelaufen —“ + +„In der That? Ist man diesen Lehren hier so zugeneigt? Und die +Landarbeiter? Werden sie dabei sein? Die haben doch sicher um diese Zeit +keine Erlaubnis von ihren Gutsherren —?“ + +„Sie haben sie sich genommen, Herr Graf. Die Sache ist schon lange im +Gange. Das giebt überhaupt gewiß noch ein böses Nachspiel —“ + +Diese Auskunft bestimmte Axel, nach rasch eingenommenen Imbiß den Weg +nach dem Landhof zu nehmen. + +Nun war's auch zweifellos: — Prestö und Imgjor — beide würden dort +anwesend sein! — + +Der Landhof lag mitten in der Stadt, aber nicht unmittelbar an der +Hauptstraßenlinie. Man mußte eine große Allee durchmessen, um das auf +einer sanft emporsteigenden Anhöhe belegene, eine weite Umschau bietende +Vergnügungslokal zu erreichen. + +Es war auch ersichtlich, daß die Einwohner etwas Besonderes dahinzog. + +Dicht gedrängte Gruppen von Bürgern, Bauern und Feldarbeitern bewegten +sich durch den Baumgang, alle waren in Eile, und aus der Umgegend kam +noch fortwährend neuer Zuzug. + +Axel beschloß, sich einen Platz drinnen zu suchen, auf dem er möglichst +unbeachtet zuschauen konnte. Da er aber der Gelegenheit unkundig war, +redete er einen älteren Bürger in dänischer Sprache an und erkundigte +sich nach der inneren Einrichtung des Landhofes. + +Da war ihm dann die Auskunft sehr erwünscht, daß sich eine große +Gallerie rings um den Saal ziehe, und daß man sie durch einen +vorhandenen, gesonderten Eingang betreten könne. + +Und so machte er es. Unter der Führung seines Begleiters, eines ehrsamen +Klempnermeisters, betrat er die Gallerie und fand bald einen Platz, von +dem aus er den Redner ins Auge fassen und die Zuhörerschaft genügend +übersehen konnte. + +Vorläufig wogte unten noch alles durcheinander. Menschen drängten sich, +Stühle wurden eingeschoben. Das Geräusch lebhaften Schwatzens erfüllte +den Raum; nur der Redner selbst war noch nicht sichtbar. + +Aber endlich erschien er, von dem brausenden Zuruf der Versammelten +empfangen, und sprach mit einer lauten, wohlklingenden Stimme über das +von ihm angekündigte Thema. + +Und was er sagte, machte Eindruck, weil er seine Worte geschickt zu +wählen wußte, weil er niemals den ruhigen Ton verließ, und weil er mit +solcher Ueberzeugung von der Berechtigung der Forderungen und von der +zweifellosen endlichen Erreichung des zu erstrebenden Zieles sprach, daß +er die Zuhörerschaft völlig in seinen Bann schlug. + +Zum Schluß entwickelte er, was zunächst zu geschehen habe, und eben das +deckte sich genau mit dem Inhalt des Gespräches, das zwischen Imgjor und +Lucile stattgefunden hatte. + +Nachdem der Redner, ein Mann mit blondhellem Bart, tiefliegenden, +dunklen Augen und blassen Zügen, unter nicht endenwollendem Beifall der +Versammelten seine Ansprache beendet hatte, erklärte ein Bauer, der als +Präsident der Versammlung vorstand, daß nunmehr die Redefreiheit +eröffnet sei und daß zunächst Herr Doktor Prestö aus Kneedeholm das Wort +nehmen werde. + +Und Prestö bestieg — aus einer Seitenloge tretend, woselbst nunmehr Graf +Dehn auch Imgjor entdeckte — so gleich die Rednerbühne und hielt unter +dem lautlosen Aufhorchen der Menge ebenfalls einen Vortrag. + +Und Imgjor, die Graf Dehn fortdauernd scharf beobachtete, folgte diesem +mit funkelnden Augen und mit gespanntester Miene. Sie hing gleichsam an +seinem Munde, sie verschlang seine Worte. + +Prestö sprach über den Landadel, und sein Vortrag zündete deshalb noch +mehr, weil er aus dem Munde eines Mannes kam, der selbst unter ihm +lebte. + +Nachdem er denselben Vorschlägen, die Jens Uesholm gemacht, das Wort +geredet und die Inscenierung solcher werkthätigen Reformen noch des +Näheren beleuchtet hatte, trat er zurück und begab sich unter dem +Jubelruf der Arbeiter und Landbevölkerung auf seinen Platz zurück. + +Hatte es schon bisher in Graf Dehn gegärt, hatte er sich förmlich +zurückhalten müssen, das Wort zu verlangen und Uesholms Ausführungen +entgegenzutreten, durch seine Auslassungen das Erreichbare von dem +absolut Unverständigen und deshalb Unerreichbaren zu scheiden, so glühte +es ihm jetzt in den Adern, Prestö heimzuführen. + +Es hielt ihn auch nicht. Völlig unbekümmert um das teils neugierige, +teils feindselige Mustern derjenigen, durch deren Reihen er sich +drängte, trat er vor den von ihm vorher ins Auge gefaßten Präsidenten +und ersuchte diesen, ihm das Wort erteilen zu wollen. + +Des Dänischen war er so gut Herr wie des Deutschen und Französischen. +Dennoch leitete er die ihm von dem Leiter der Versammlung gewährte Rede +mit einer Entschuldigung ein, wenn er sich etwas unvollkommen ausdrücken +werde. + +Er wolle, hub er an, sprechen über die Gefahren, einen Himmel zu +eröffnen, statt als Mensch beim Irdischen zu bleiben. Bei allem, was der +Vernunftbegabte thue, müsse er sich nach seiner Mutter, der Erde, +richten. Sie müsse ihm ein Vorbild sein und bleiben. Sie lehre ihn zwar +auch täglich und stündlich das Bestreben nach Ausgleich und einer immer +höheren Vervollkommnung, aber auch fortwährend das ewige Gesetz des +Rechtes des Stärkeren und Begabteren über den von der Natur minder +Bevorzugten. Er stelle sich mit den Vorrednern auf denselben Standpunkt, +daß werkthätiges Christentum zu üben, nicht nur jedermanns Pflicht, +sondern daß es auch weise sei, da alle im Grunde nur einer großen, durch +gemeinsame Interessen verbundenen Familie angehörten. Insofern seien +die Vorschläge, die gemacht worden, wertvoll und deren teilweise +Ausführung durchaus wünschenswert. Aber eben dabei müsse es sein +Bewenden haben, und auch dieses Bessere sei in einer ruhigen Weise zu +erstreben. Das Geschlecht, das heute lebe, ergehe sich in einem völligen +Irrtum, wenn es glaube, daß es zu etwas anderem berufen sei, als +zunächst Opfer zu bringen. Die Resultate würden erst, weil sie nur +allmählich reifen könnten, den späteren Generationen zu gute kommen +können. Und nochmals weise er auf die Natur hin, wenn er vor jeder +Ueberstürzung warne. Brauche sie, die große Zauberin, nicht auch für +alles Zeit und Vorsicht? Bedürfe nicht jedes Blatt am Baume Licht, Sonne +und Regen? Würde es nicht durch Stürme und Kälte, also durch Gewalt, +vernichtet? Eine Perspektive zu eröffnen, wie es der erste Redner +gethan, sei ein Unrecht. Er verheiße etwas, das eben mit dem Hinblick +auf sie, deren Sein und Wesen den Menschen die Gesetze für ihr Thun +vorschreibe, unerreichbar sei. Der Staat der völlig Gleichberechtigten +werde nach einem Tage zerfließen. Der Adler herrsche in der Natur über +den Sperber. Bei den Menschen habe die höhere Intelligenz und das +kräftigere Ringen der Vorwärtsstrebenden das Uebergewicht über den +Trägen. Wie denn? Solle der Fleißige und Rührige das Ergebnis seiner +Anstrengungen den Müßigen in den Schoß werfen? Er werde sich bedanken! +Der Fleißige besitze Ehrgeiz und habe den Drang nach Erfolg, Fortkommen +und nach gesondertem Besitz. — „Meine Freunde! Wenn ihr heute eine +Erbschaft macht, oder wenn ihr durch Erfindung, die euch Jahre lang +beschäftigte, ein großes Vermögen erwerben könnt, wollt ihr das ohne +weiteres hingeben, wollt ihr euch mit einem Tausendstel begnügen? Nein, +das wollt ihr nicht, und niemand wird's euch verdenken, daß ihr euch +dessen weigert. Die Zukunft, eine bessere, liegt nur in der Pflege der +Vervollkommnung des sittlichen Menschen, in der Hebung der Schulen, in +der Ausübung einer Religion, die zu Thaten der Pflicht und Thaten der +Liebe und Duldsamkeit gegen die Mitmenschen auffordert. Wo war heute +hier von Nächstenliebe die Rede? Nirgend! Selbst die Befürwortung der +Förderung des Humanismus und der Wohlfahrt in Gestalt von +Arbeitsstätten, Krankenhäusern, Nächtigungsanstalten, öffentlichen +Speisehäusern, Unfallentschädigungen und Altersversorgungen ward nur aus +dem Gesichtspunkt einer Forderungsberechtigung an den Geldbeutel der +Gutsherrn erörtert! Was aus dieser Klasse der Gesellschaft wird, ist +Herrn Doktor Prestö gleichgiltig. Sie mag untergehen. Ja, Freunde, seid +ihr Heilige? Nehmt ihr nicht auch einmal ein Gläschen mehr? Seid ihr +allezeit voll Christentum gegen eure Umgebung? Liegt ihr nicht auch +lieber auf einem weichen Bett als auf Steinen? Wird einer von euch das +Anerbieten abschlagen, mehr zu werden und mehr zu verdienen, und ist er +nicht auch ein Streber in seiner Art, in solcher Art, daß er sich +möglichst gut betten will? Sprecht ihr allezeit die Wahrheit? Erfüllt +euch niemals der Neid gegen eure Nachbarn? Seid ihr nicht ebenso +hochmütig wie die sogenannten Großen? Hand aufs Herz! Haltet ihr euch +nicht für besser, als sie? Habt ihr nicht euren Bauernstolz? Ein Unglück +für das Volk ist ein Redner wie der Herr Doktor Prestö. Er möchte euch — +ich muß es seiner Rede entnehmen — am liebsten anführen, damit alles +vernichtet werde, die Güter und die Bauerngehöfte dazu! Ja, was dann? +Die Einöde bietet doch nichts als Hunger und Jammer und Elend! Und wie +will der Bauer und Feldarbeiter leben, wenn er den Gutsherrn in den +Brunnen versenkt? Ihr könnt alles kaufen für Geld. Aber wenn ihr keines +habt, und wenn ihr dem Staat die Möglichkeit nehmt, durch den +Wechselverkehr zwischen Angebot und Nachfrage die Lebensfrage und somit +die Existenzfrage zu regeln — was erblüht euch dann Gutes? Elend — Elend +ist euer Loos! Was uns heute der Staat Schützendes und Förderndes +bietet, ist ein Ergebnis des Ringens der Jahrhunderte. Allmählich hat +sich die Erkenntnis des Zweckmäßigen entwickelt. Wir müssen säen, die +Saat behüten, indem wir das Unkraut von der Frucht scheiden, und müssen +zur rechten Zeit ernten. Nur _eine_ verständige Volkswirtschaftslehre +giebt es: Daß jeder durch strenge Pflichterfüllung seinen Teil zum +Allgemeinbesten beiträgt, daß wir unsere engeren Aufgaben darin +erkennen, unsere Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, sie sowohl +etwas Ausreichendes lernen lassen, als auch sie anzuweisen suchen, +solches fürs Leben praktisch und möglichst günstig zu verwerten, damit +sie dadurch und lediglich dadurch befähigt werden, möglichst sichere +materielle Vorteile zu erzielen; daß wir uns fühlen als größere und +kleinere Glieder eines Ganzen; daß wir endlich stets alle erst vor +unserer eigenen Thür fegen und dann erst den Besen in die Hand nehmen, +um unseres Nachbars Schwelle zu säubern! Und so schließe ich: Laßt euch +nicht bethören durch Hinweise auf Paradiese, die sich nie eröffnen, die +sich nie eröffnen _können_! Bleibt auf der Erde und helfet, daß schon +durch gutes Beispiel euern Kindern und Kindeskindern das werde, was zu +erstreben möglich ist! Eines schickt sich nicht für alle. Den Sieg, den +materiellen und moralischen, trägt allezeit der davon, der einfach, +tüchtig und weise ist, der etwas im besten Sinne, im Umfang seiner +Kräfte — leistet!“ + +Graf Dehn hatte nach Beendigung seiner, von eisigem Schweigen +begleiteten Rede große Mühe, den Saal zu verlassen. + +Niemand machte ihm bei seinem Versuch, durchzudringen, gutwillig Platz; +jeder zeigte vielmehr feindselige Mienen, oder drängte ihn wie zufällig +zur Seite, in der Art, daß er zweimal fast gestolpert und hingestürzt +wäre. Aber er wußte seine Erregung darüber zu bemeistern, er that, als +ob er's nicht bemerke. + +Draußen angelangt, stieg er rasch die Anhöhe hinab und begab sich auf +direktem Wege ins Wirtshaus. Und hier angekommen, ließ er sogleich +satteln, berichtigte seine Rechnung und ritt, rasch trabend, nach +Rankholm zurück. + +Zartsinn hielt ihn ab, vorher noch eine Begegnung mit Imgjor +herbeizuführen, auch wünschte er dem Doktor, der ihm noch widerwärtiger +geworden, unter allen Umständen auszuweichen. + +Er hatte ihn genau beobachtet. Diesen Menschen verzehrte ein wilder +Fanatismus. Die Begierde, sich zu rächen an der Gesellschaftsklasse, von +der einst ein Mitglied seine Eltern in die Fesseln der Abhängigkeit +geschlagen, durchglühte ihn allein. Und neben dem Rachegefühl verzehrte +ihn der Ehrgeiz. + +Er wollte herrschen, und daß er als Herrscher einen Stab aus Eisen +schwingen, daß er ein weit größerer Tyrann sein würde, als jener, gegen +den er schon während seiner Knabenzeit Haß und Verachtung eingesogen, +bewies seine schroffe Ueberhebung, seine kaltherzige Art. + +Und diesem Menschen wollte sich Imgjor mit ihrer, wenn auch äußerlich +rauhen, doch von lauterer Menschenliebe erfüllten Brust zueignen! — + +Als Axel ein halbes Stündchen vor Tisch nach Rankholm zurückkehrte, +berichtete ihm Frederik, daß die Herrschaften sich wegen seines +Fortbleibens bereits beunruhigt hätten. Er würde sogleich melden, daß +der Herr Graf eingetroffen sei. Von Imgjor war nicht die Rede. Offenbar +hatte man sich bei ihr an solche Unregelmäßigkeiten gewöhnt. + +Bei Tisch berichtete Graf Dehn über die Geschehnisse in Oerebye. + +Er gab den Inhalt der vermiedenen Reden wieder, verschwieg aber in +vornehmer Gesinnung sowohl Imgjors als auch des Doktors Anwesenheit. Es +widerstrebte ihm, trotz seiner heftigen Abneigung gegen Prestö, den +Angeber zu spielen. Die Herrschaften mochten selbst den Zeitungen einen +Bericht über die Vorkommnisse entnehmen; und gar Imgjor ohne Not in ein +ungünstiges Licht zu stellen, widersprach vollends seiner Stellung zu +ihr. + +Während noch Graf Dehn sprach, öffnete sich die Thür, und Imgjor trat +mit dem ihr eigenen, sich gleichsam starrköpfig gegen die eigene +Schönheit auflehnenden Ausdruck ins Gemach. + +Sie sprach eine kurze Entschuldigung aus, sich verspätet zu haben, und +suchte den Blicken und den Fragen ihrer Umgebung zunächst dadurch +auszuweichen, daß sie dem ihr unmittelbar darauf von der Dienerschaft +servierten Vorgericht mit hungrigem Eifer zusprach. + +Und nur ganz allgemein hatte sie bei ihrem Eintritt das Haupt zum Gruß +geneigt. Nichts deutete in ihrem Verhalten darauf hin, daß sie kurz +vorher mit dem Gast des Hauses unter so ungewöhnlichen Umständen an +einem fremden Orte zusammengetroffen war. + +Aber schöner als je erschien sie dem Manne, dem sie fortgesetzt mit +solcher Nichtachtung begegnete. + +Dieses Uebermaß von finsterer Verschlossenheit, verbunden mit Reizen, +wie verschwenderischer die Natur sie nicht austeilen kann, machte sie +für ihn unwiderstehlich; gerade diese Kälte entflammte sein Inneres nur +noch mehr. + +Er schaute mehrmals verhohlen zu ihr hinüber, während nun das Gespräch +einen regelmäßigen Fortgang nahm, oder auch von den Anwesenden eifrig +den Speisen zugesprochen wurde. + +Heute lag auf ihren Wangen ein zartes Rot, ein fast fieberhaftes, das +die Erregung zufolge der heutigen Erlebnisse darauf zurückgelassen +hatte. In ihren Augen aber glühte ein stilles, dunkles Feuer, jenes der +Begeisterung für die Ideale, welche ihre Brust erfüllten. + +Dabei waren ihre Körperlinien so unschuldig, ihre Erscheinung und ihr +ganzes Wesen so jungfräulich, so unnahbar, ihr Wuchs so edel, die +kleinen Hände trotz der zarten Farben so fest, so energisch gebildet. +Mit ihrem schlichten, auf die weiße Stirn fallenden rotblonden Haar +glich sie einem mit höchster Schönheitsvollendung geschmückten Weibe. + +Und dieser überwältigende Eindruck ihrer gesamten Erscheinung machte +Axel nachdenklich und schweigsam, so völlig anders, daß Lucile, die +gleich beide argwöhnisch beobachtet hatte, nunmehr wiederholt auf ihre +Schwerer einredete. + +„Wo warst du, Imgjor? Bist du die ganze Zeit unterwegs gewesen?“ warf +sie forschend hin. + +Imgjor erwiderte mit einem kurzen, tonlosen Ja. Da eben von Frederik +eine Pastete herumgereicht wurde, nahm sie die Gelegenheit wahr, sich +den Anschein zu geben, als ob sie das Auffüllen dieses Leckerbissens auf +ihren Teller zu ausschließlich beschäftige. + +„Willst du keinen Fisch vorher?“ fiel nun die Gräfin ein, da eben einer +der Diener mit diesem Gericht zur nachträglichen Darreichung erschien. + +„Nein, ich danke! — Ich habe sehr wenig Hunger —“ + +Und zu jenem, der sich ihr inzwischen ehrerbietig genähert, mit der ihr +eigenen, steten Freundlichkeit gegen Untergebene: „Vielen Dank, +Christian! — Ich nehme nicht —“ + +Nun trat eine Pause ein. Alle waren mit sich beschäftigt, und die Herren +tranken auf des Grafen Aufforderung einen von Frederik soeben +eingeschenkten alten, besonders vorzüglichen Rotwein. + +Dann sagte die Gräfin: „Nun, Imgjor? Wo warst du also den ganzen Morgen? +Lucile fragte dich, und du antwortetest nicht.“ + +Wie aus einem Traume erwachend, erhob Imgjor, die kaum von der Pastete +gekostet, den Kopf, sammelte sich aber, verfinsterte die Stirn und sagte +in einem launenhaft ungeduldigen Ton: „Ich bin doch kein Schulkind mehr, +das man fortwährend examinieren muß, Mama! Deshalb gab ich Lucile keine +Antwort —“ + +„Nun ja! Aber wo warst du? Jetzt frage ich dich!“ + +Imgjor zog mit einer Geberde der Auflehnung die Schultern und spreizte +die Lippen, entgegnen aber nichts. Eine Lüge widerstrebte ihr, jedoch zu +bekennen, worum es sich handelte, — gewann sie nicht über sich. + +„Nun, antworte doch, wenn deine Mutter mit dir spricht!“ herrschte jetzt +heftig, ungeduldig der Graf. Imgjors zu Tage tretender Trotz nahm alle +und auch ihn gegen sie ein, und nur Fräulein Merville — Axel sah's — auf +Imgjors Seite. + +In ihrem Angesicht erschien ein unruhiger, besorgter Ausdruck. + +„Bitte! Rede doch — gieb keinen Anlaß zum Verdruß!“ stand in ihrem auf +Imgjor gerichteten Blick geschrieben, während sich in Luciles Mienen +Unwille und jene stolze Auflehnung bemerkbar machte, das ihre Schönheit +zwar beeinträchtigte, aber die Majestät ihrer Erscheinung jederzeit hob. + +Was jedoch die Anwesenden erwarteten, geschah auch jetzt nicht. + +Zuerst erschien ein hilfloser Ausdruck in Imgjors Kindergesicht. Dann +schob sie den Teller und die Serviette zurück, erhob sich und verließ, +während sie durch Zusammenbeißen der Zähne ihre Bewegung und auch die +aus ihren Augen strömenden Thränen vergeblich zu bannen suchte, das +Zimmer. + +Offenbar erlag sie einer durch die Gewalt der starken Eindrücke des +Tages hervorgerufenen, krankhaften Abspannung der Nerven, und nicht +Trotz und böser Wille, sondern diese Unfreiheit und die Auflehnung +dagegen, daß man ihr in Gegenwart des Gastes und der Dienerschaft so +begegnete, ließen sie so handeln. + +Wenn Graf Dehn vordem durch Schweigen für sie Partei genommen, so +geschah's jetzt mit Worten. + +Er wollte als ihr guter Freund handeln, wie sie ihm auch begegnen +mochte. + +Im Saal des Landhofes hatten sich einmal während seiner Rede ihre Blicke +getroffen, und beide hatten sich, wie ertappt, abgewendet. Aber eben +diese Beachtung von ihrer Seite hatte Axel belehrt, daß sie ihm +gegenüber nicht völlig gefühllos war. + +„Komtesse Imgjor ist offenbar nicht wohl —“ hub er in einem +versöhnlichem Tone an. „Ich sah, während Komtesse Imgjor die Suppe aß, +daß sie mehreremals auffallend die Farbe wechselte —“ + +„So — so — In der That?“ fiel der Graf, der offenbar seine Schroffheit +bereits bereute, mit gutherziger Unbequemung ein. + +Und als Axel den Blick auf die übrigen richtete, begegnete er in dem +Angesicht des Fräulein Merville einem dankbaren Ausdruck, während in den +Zügen der Gräfin ein unbiegsamer, in denen Luciles ein solcher von +höchstem Unwillen haftete. + +Freilich wich er in Luciles Antlitz sogleich. Er verwandelte sich, +während sie erst einen tiefen, träumerischen Blick auf den Gast +richtete, in einen Axel zugewendeten still hingebenden. + +Graf Dehn entging das nicht, und er wurde davon so stark berührt, daß +sich seine Gedanken eine Weile ganz auf Lucile richteten. + +Aber ebenso rasch schüttelte er den Kopf, und ein erneuter Blick auf sie +betätigte auch eine von ihm offenbar nur genährte Illusion. + +Umsomehr aber beschäftigten sich seine Gedanken mit Imgjor. + +Er würde eine Welt darum gegeben haben, sie jetzt sprechen, mit seinen +Augen in ihre Seele einmal hinabtauchen zu können. + +Die Stunden zwischen dem Essen und dem kleinen Feste nahm sich Graf Dehn +vor, allein in seinem Gemächern zuzubringen. Er erklärte, daß er Briefe +schreiben müsse, und man erhob auch keinen Widerspruch. Auch die +übrigen schienen von demselben Verlangen beherrscht zu werden, sich zu +vereinsamen. + +Als Axel sein Wohngemach betrat und, bevor er sich niederließ, arglos +Umschau hielt, fand er auf seinem Schreibtisch ein kleines, mit goldenen +Linien umrändertes Kouvert. Er griff hastig danach, und da ihm ein +unbestimmtes Gefühl sagte, daß es mit Imgjor zusammenhänge, öffnete er +es in fiebernder Spannung. In der That fand er einige Worte von ihrer +Hand. + +Aber freilich brachten sie nicht, was er ersehnt, was er fast gehofft +hatte. + +Auf einer zierlichen Karte standen die Worte: „Ich wiederhole, es giebt +keinen Weg, der uns zusammenführen kann. So lassen Sie mich! Ich bitte, +ich beschwöre Sie! Für Ihre Diskretion meinen Dank. I.“ + +So war also doch nichts gewonnen! Axel ließ sich entmutigt in seinen +Sessel sinken und saß lange, abwesend, seinen Gedanken hingegeben. + +Stark benommen und nichts weniger als zu einem Zusammensein mit Menschen +aufgelegt, nahm er sodann in späterer Stunde die Meldung Frederiks +entgegen, daß die Gäste im Anzuge seien. + +Soeben hätten sie den Schloßhof überschritten. + +„Und Doktor Prestö? Ist er auch dabei, Frederik?“ + +„Jawohl, Herr Graf, er ist schon im Flur, Cristian ist ihm behilflich —“ + +„Ich danke Ihnen. Ich werde sogleich erscheinen —“ Axel sprach's +zerstreut und machte sich, mechanisch handelnd, an seine Toilette. + +Da die Anwesenden im Schloß schon eine Anzahl von Personen ausmachten, +so war's nicht zu verwundern, daß der Empfangssalon stark gefüllt war. + +Es hatten sich alle höheren Beamten mit ihren Damen eingefunden, der +Oberverwalter, der Verwalter, der Vorwerk-Inspektor, der Oberförster mit +seinen zwei Unterbeamten, die Herren aus der Kanzlei und der Kasse, der +Intendant und die Schreiber, des Grafen Sekretär und zudem die +Honoratioren aus dem Dorfe. + +Es wurde zunächst Thee herumgereicht. Dann musizierten Lucile und die +Pastorin, und eine Verwandte des Apothekers aus Kopenhagen sang mit +einer gutgeschulten, sympathischen Stimme. + +Das nahm, einschließlich der Empfangsgespräche, denen die Gräfin mit +vollendetem Geschick einen warmherzigen Charakter zu verleihen wußte, +eine kleine Stunde in Anspruch. Dann wurde das Zeichen zum Tischgang +gegeben. + +Der Pastor, als ältester und würdigster Herr, führte die Gräfin und der +Graf die Gemahlin des ersteren. Im übrigen wählte, der hier herrschenden +Sitte entsprechend, jeder Herr seine Dame selbst, und allezeit fügten +sich, trotz dieser Uneingeschränktheit, die Dinge den Verhältnissen +angemessen. + +Jeder wußte von selbst, auf welchen Platz er gehörte. Ihn leiteten +Gewohnheit und natürliches Taktgefühl. Ein gleiches galt von der Wahl +der Damen selbst. + +Axel hatte, schnell entschlossen, Lucile den Arm geboten. Sie sah ihn +überrascht fragend, aber auch sichtlich angenehm berührt an, und +lächelte mit einem feinen, überlegenen Lächeln. + +„Wie, Herr Graf? Eine Lucile, wo es eine Imgjor giebt?“ neckte sie. Und +er, während er an der in Silber und Krystall funkelnden Tafel Platz +nahm: „Darauf darf ich entgegnen, Komtesse: es überraschen und beschämen +den Grafen Dehn so gütige Worte umsomehr, als so zahlreiche Mitglieder +aus Fürstengeschlechtern nach Rankholm hinüberschauen!“ + +„Ah, das war nicht hübsch! Das war boshaft, Graf Dehn —“ entgegnete +Lucile. „Sie lohnen mir meine Offenherzigkeit mit Spott! Glauben Sie, +daß ich keinen Wert auf die Erstarkung unserer Freundschaft lege?“ + +„Ja, ich fühle es, und es macht mich überaus stolz und glücklich, +Komtesse!“ fiel Axel, den leichten Ton verlassend, ein. „Heute +namentlich thut mir Güte und Wärme doppelt wohl, da sich — Sie sprachen +von Ihrem Fräulein Schwester — bereits mein Schicksal entschieden hat.“ + +„Wie? — Es ist etwas geschehen? Ah — ahnte mir's doch!“ Lucile sprach's +stark betonend und lehnte mit der ihr eigenen, kurz abweisenden Art eine +Schüssel ab, die eben einer der Diener beim Anbieten zwischen sie und +ihren Nachbar schieben wollte. + +„O ich bitte, erzählen Sie mir!“ fuhr sie fort und warf zugleich einen +Blick zu ihrer Schwester hinüber, die neben Prestö saß und trotz +eifrigen Redens eben mit gespanntem Ausdruck zu ihnen beiden +hinüberschaute. + +Axel hob die Schultern und lächelte schwermütig. + +„Erlassen Sie mir Einzelheiten, Komtesse! Die Sache hat ein Vorspiel, +über das ich noch nicht sprechen, worüber ich auch Ihnen gegenüber mich +nicht eher auslassen möchte, bis die Geschehnisse von anderer Seite zu +Ihnen gedrungen sind. Nur soviel: Komtesse Imgjor hat mir heute die +wiederholte Erklärung gegeben, daß uns keinerlei Wege zusammenführen +könnten!“ + +Zuerst blitzte es nach diesen Worten in Luciles Angesicht auf. Dann aber +wurden ihre Mienen wieder ernst, und indem sie Graf Dehn mit einem sanft +gelassenen Ausdruck ansah, sagte sie: + +„Natürlich vermag ich ohne den Zusammenhang der Dinge keine zutreffende +Meinung abzugeben. Aber daß solche Erklärungen meiner Schwester oft +gerade das Gegenteil bedeuten, kann ich Sie versichern. Jeder hat seine +Art. Sie hat die ihrige. Börne, der deutsche Denker, sagt einmal: +Ernsthafte Frauen gleichen leeren Koffern mit sieben Schlössern. Ich +möchte von meiner Schwester sagen, sie gehört zu jener Gattung von +weiblichen Wesen, von denen man behaupten könnte: Hinter den Eisbergen +ihrer Mienen lodern tausend heiße Flammen —“ + +„Wie? Sie glauben —?“ + +Lucile nickte. + +„Einen Fall nehme ich aus. Hat sie bereits die ebenso große +Unbesonnenheit wie Geschmacklosigkeit begangen, sich mit dem Plebejer +drüben zu verloben, so ist natürlich nichts zu machen.“ + +„Ich möchte das als höchst wahrscheinlich annehmen, Komtesse —“ + +„Ein mehr als schrecklicher Gedanke, Graf Dehn! Worauf stützen Sie Ihre +Eindrücke, wenn ich bitten darf?“ + +Graf Dehn zögerte erst, dann kam ihm ein Entschluß, und er sagte: + +„Für einen in seinem Geist und Gemüt beschwerten Menschen giebt's kein +größeres Labsal, als sich aussprechen zu können, einen Vertrauten zu +besitzen, dem er rückhaltlos über alles zu berichten vermag, was ihn +beschäftigt. + +Dieser Umstand und die Sicherheit, daß meine Eröffnungen Komtesse Imgjor +nützlich sein können — ich gestatte mir, später zu sagen, in welcher +Weise ich mir das vorstelle — lassen mich unter der Bitte vorläufiger +Verschwiegenheit reden!“ + +Nach dieser Einleitung erzählte Graf Dehn Lucile alles, was geschehen +war, und schloß mit den Worten: + +„Sie äußerten sich jüngst über die Möglichkeit, daß Ihr Fräulein +Schwester Rankholm verließe — dringen Sie gleich — ich bitte — darauf, +damit sie von Prestö getrennt wird, und auch darauf, daß man ihn, sobald +sie zurückkehrt, nicht mehr hier findet!“ + +„Ja, ja“ — Lucile, die mit größter Spannung zugehört und namentlich bei +der Schilderung dessen, was Graf Dehn selbst im Landhof gesprochen, mit +lebhaftem Ausdruck ausgehorcht hatte, nun sinnend zurück. + +„Wenn es nur nicht zu spät ist! Ich fürchte nach dem, was Sie mir gesagt +haben, allerdings, daß sie schon die Thorheit begangen hat. Und ist's +der Fall, dann giebt's keine Schlösser und Ketten, keine Länder und +Entfernungen, die sie von ihm und ihren Entschlüssen trennen würden. +Selbst ein nachträgliches Erkennen seiner Unwürdigkeit würde sie +abhalten, ihr einmal gegebenes Wort zu brechen; die allerschwersten, die +größten Selbstaufopferungen mit sich führenden Pflichten würde sie auf +sich nehmen.“ + +„Eine Hoffnung besteht vielleicht noch, Komtesse!“ fiel Axel ein. + +„Sie erinnern sich, daß Graf Knut mir erzählte, Prestö sei verlobt. So +hat doch vielleicht nur die gemeinsame Sache sie zusammengeführt.“ + +„Ja, sie hat sich ihm ursprünglich wohl nur deshalb genähert,“ — betonte +Lucile — „ihn aber — glauben Sie es — bestimmt ihr Geld und die +Befriedigung seiner maßlosen Eitelkeit. Um derentwillen wird er ein +bereits eingegangenes Verlöbnis zu Imgjors Gunsten lösen. Ich halte den +Menschen zu allem fähig, sofern es sich um die Erlangung von Macht und +Besitz handelt —“ + +„Ich beurteile Prestö ebenfalls ungünstig, er ist mir zugleich namenlos +unsympathisch. Aber das möchte ich doch nicht unterschreiben. Für +unehrenhaft, für einen Schurken halte ich ihn nicht. Er ist ein krasser +Egoist und Fanatiker, aber —“ + +„Ja, ja, das ist ja eben Ihre rührende Art! Obschon Ihnen die Natur +einen so scharfen Verstand verlieh, obschon Sie einen starken Spürsinn +besitzen, bewahren Sie sich doch ein vertrauendes Herz und glauben an +die Menschen! Und eben solche wie Sie, in solcher Mischung, giebt's +wenige. Wo ist die rechte Harmonie zwischen Verstand und Gemüt, zwischen +strengen Grundfarben und Koncilianz?“ + +„Sie beschämen mich, Komtesse —“ + +„Ich sage, wie ich es meine, Graf Dehn. Und wäre Imgjor nicht krank, — +ihre überspannten Ideen sind krankhafter Natur — so wäre sie die Rechte +für einen Mann, wie Sie es sind. — Ach, meine Mutter hat viel +verschuldet! Sie — sie — hat Imgjor durch eine übergroße Strenge in den +Kindheitsjahren in diese Welt des Widerstandes getrieben —“ + +„Wie? Das sagen Sie, Komtesse? Schon einmal deuteten Sie auf dergleichen +hin! Wie schmerzlich ist es mir, daß Sie an einer, in meinen Augen so +seltenen Frau, wie Ihre Mama es ist, nicht alles zu loben vermögen, daß +Sie sie nicht blindlings lieben —“ + +Lucile bewegte die Schultern, deren vollendete Formen durch ein tadellos +sitzendes Gewand aus zarter grüner Seide noch mehr gehoben wurden. Auch +zog sie die ausdrucksvollen Lippen und sagte stark betonend: + +„Doch, ich liebe meine Mutter zärtlich. Aber gerade, weil ich sie so +sehr liebe, möchte ich sie als höchstes Ideal betrachten können. Es +liegt etwas vor, das ich nicht verstehe. Ich spreche nicht allein über +Mamas Haltung Imgjor gegenüber —“ + +In diesem Augenblick schlug Graf Lavard ans Glas, um einen Toast auf die +Gäste auszubringen. Dadurch wurde Lucile in ihrer Rede unterbrochen. +Ueberdies bemerkten beide, daß man sie beobachtete. Infolge dessen +richteten sie ihre Blicke mit unabgewendeter Aufmerksamkeit auf den +Sprechenden, und nur einmal warf Graf Dehn das Auge auf seine Umgebung. +Und als dies dann auf Imgjor fiel, sah er erst, daß Prestö ihr etwas +zuflüsterte, und dann, daß sie ihm rasch mit einem ihrer süßen Blicke +antwortete, einem jener Blicke, in denen das ganze bestrickende Wesen +ihrer tiefen, anschmiegenden Seele zum Ausdruck gelangte. + +Aber eine noch stärkere Bestätigung seiner schwermütigen Vermutungen +empfing Graf Dehn, als er kurz vor Schluß des Festes, ohne es zu wollen, +Zeuge eines Gespräches zwischen ihr und Prestö wurde. + +Als er den von allen und auch von ihm inzwischen betretenen Park auf +Augenblicke verließ, um sich eine Cigarre aus dem neben dem Speisegemach +befindlichen Rauchzimmer zu holen, sah er in ersterem Imgjor und Prestö +einander zärtlich die Hände schütteln und hörte das junge Mädchen +deutlich sagen: + +„Also, bitte, übermorgen Abend!“ zugleich aber traten beide, Axel +bemerkend, verwirrt zurück. Imgjor wandte sich der Gartenseite zu und +der Doktor, der ohnehin während dieser Stunden Axel fortdauernd +hochmütig ausgewichen war, verbeugte sich kurz mit eisiger Förmlichkeit +gegen ihn und verließ das Gemach. + +„Ja, Herr Doktor Prestö ist soeben zu einem Kranken gerufen. Er +begegnete mir hier gerade beim Fortgehen —“ erklärte Imgjor, als sich +Axel ihr mit kavaliermäßiger Artigkeit anschloß und, um überhaupt etwas +zu reden, die Frage aufwarf, ob Prestö die Gesellschaft bereits +verlassen wolle. + +Aber einer Erörterung über das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag +und einen so bedeutungsvollen Inhalt besaß, wußte sie dadurch +auszuweichen, daß sie, als er eben zu weiteren Worten anheben wollte, +von ihrem Hunde zu sprechen begann. + +Und das geschah mit einer so unbefangenen Miene, daß Graf Dehn überhaupt +die Möglichkeit abgeschnitten wurde, ein anderes Thema zu berühren. Auch +neigte sie, nachdem sie die Treppen zum Garten hinabgestiegen waren, +kurz verbindlich das Haupt und gesellte sich zu der gerade ihnen +entgegenschreitenden Nichte des Pastors. — + + * * * * * + +Am nächstfolgenden Tage wurden die Bewohner von Rankholm durch die sehr +unerfreuliche Botschaft überrascht, daß im Dorfe das Scharlachfieber +ausgebrochen und daß bereits zwei Dutzend Personen, Große und Kleine, +davon ergriffen seien. + +Der Graf erzählte davon beim zweiten Frühstück und ermahnte die +Tischgenossen, den Verkehr mit den Dorfbewohnern vorsichtig zu meiden. +Es wurde sogar überlegt, ob nicht der sonst stets erfolgende +Kirchenbesuch für den bevorstehenden Sonntag ausgesetzt werden solle. + +Der Graf befürwortete ein Fortbleiben; die übrigen schlossen sich ihm +stillschweigend an, und nur Imgjor gab keine Meinung ab. + +„Nun, Kind — hast du gehört? Halte dich also vom Dorf fern!“ warf die +Gräfin mit einem auf ihre Tochter gerichteten, auffordernden Blick hin. + +Imgjor bewegte den Kopf. + +„In die Kirche werde ich auch nicht gehen. Aber ins Dorf möchte ich +jetzt gleich und möchte mich umsehen, ob ich nicht helfen, vielleicht +als Krankenpflegerin mich nützlich machen kann.“ + +„Du wirfst das nicht thun, unter keinen Umständen! Ich wünsche es nicht +—“ entschied die Gräfin. + +„Willst du mich denn hindern, ein gutes Werk zu thun, Mama? Welchen Wert +hat alle Religion, wenn sie mit keinen Thaten verbunden ist?“ + +„Du hast —“ entgegnete die Gräfin — „nicht nur auf den Drang, zu helfen, +den ich gewiß nicht tadle, Rücksicht zu nehmen, sondern auf die ganze +Familie und sämtliche übrigen Mitbewohner von Rankholm. + +Scharlach ist so ansteckend, daß es geradezu Leichtsinn wäre, sich +unnötig mitten in die Gefahr zu begeben. —“ + +„Unnötig, Mama? Sollen wir uns nicht der Armen und Notleidenden +annehmen?“ + +„Ja, ja, Imgjor! In solchen Antworten liegen deine Phantastereien. Die +Beschäftigung mit dem Idealsten in der Welt kann verderblich statt +segensreich wirken, wenn es eine verkehrte Hand zu ungeeigneter Zeit ins +Praktische zu übertragen sucht. + +Wie nun, wenn wir dich gewähren lassen und alle hier von einer +Ansteckung befallen werden, wenn gar die Krankheit einen tötlichen +Ausgang nimmt? Meinst du, daß die vom Dorfe heraufeilen werden, um uns +zu pflegen, selbst wenn wir verkündeten, wir erwarteten, daß sie es thun +möchten? Keiner, der Pastor ausgenommen, der stillschweigend mit seinem +Amt solche Samariterpflichten gegen die Gemeinde übernommen hat, wird +auch nur auf den Gedanken geraten. Und darin steckt's! Fortwährend wird +von den Bauern der Anspruch an Opferwilligkeit von unserer Seite +erhoben, und nach Kräften wird diesem Anspruch von den besser Gesinnten +entsprochen. Aber wer hilft dem Gutsherrn, wenn er der Hilfe bedarf, +wenn er etwa gar verarmt? Er wird vergeblich die Hände ausstrecken. Du +solltest endlich deine Vernunft gebrauchen, statt solchen Gefühlsideen +blindlings Gefolgschaft zu leisten. Stehen wir dir denn näher oder die +in Kneedeholm? Ja, wenn's wirklich erforderlich wäre! Aber im Dorf haben +sie Menschen und Kräfte genug, sich gegenseitig auszuhelfen!“ + +„Ich kann ja in Kneedeholm bleiben, bis alles sich gewendet hat, Mama. +So bringe ich euch in keine Gefahr —“ fiel Imgjor, ohne dem von ihrer +Mutter allgemein Gesprochenen eine Antwort zu erteilen, mit trotziger +Beharrlichkeit ein. + +„Nein!“ erklärte nun auch der Graf, bevor die Gräfin zu weiterer Rede +anzuheben vermochte. „Auch ich verbiete dir das Betreten des Dorfes für +die nächste Zeit, schon deshalb weil ich nicht wünsche, daß du ferner +mit Prestö in Berührung gelangst, und das wäre bei solcher Thätigkeit +unvermeidlich. Eben lese ich in der ‚Orebye Tidende‘, was der Monsieur +dort vorgestern in einer Versammlung meiner Bauern zusammengesprochen +hat. Es ist ja die vollkommene Aufreizung gegen den Landadel. Schon +heute würde ich ihn zur Rede gestellt haben, wenn nicht unten die +Epidemie ausgebrochen wäre. Ist sie aber beseitigt, so mag er gehen. Ich +will ihn hier nicht mehr haben!“ + +„Kannst du ihn gehen heißen, Papa? Er steht doch nicht in deinem Dienst! +Er kann doch seine Thätigkeit aufnehmen, wo er will. Höchstens als Arzt +fürs Schloß kannst du ihn abschaffen —“ + +„Die Entscheidung darüber wirst du mir gefälligst überlassen, meine +Liebe! Ich habe deine Belehrungen nicht erbeten und erkläre sie für +völlig unpassend. Aber da aus ihnen und aus deiner fortwährenden +straffen Parteinahme für diesen Herrn sich nur noch mehr erhärtet, +welches Gift es für dich ist, mit ihm in Beziehungen zu bleiben — ihm, +gerade ihm, haben wir offenbar deine Bauernfreundlichkeit auf Kosten des +Wohlergehens deiner eigenen Familie zu verdanken — so erscheint mir der +Zeitpunkt gekommen, daß du einmal Rankholm verläßt und in Verhältnisse +gelangst, die dich solchen Beeinflussungen gründlich entziehen. — Nicht +wahr, du bist auch neulich in Oerebye gewesen?“ + +Imgjor sah ihren Vater fest und ohne eine Miene zu verziehen an; nur in +den Augen zitterte etwas, das auf die Regungen ihres Innern Schlüsse +ziehen ließ. Aber sie antwortete nicht. + +„Ich las Ihre ausgezeichnete Rede, für die ich Ihnen noch aus vollem +Herzen danken wollte, lieber Graf Dehn —“ fuhr der Graf, ohne auf einer +besonderen Bestätigung der an seine Tochter gerichteten Frage zu +beharren, zu Axel gewendet fort: „Sie vermögen Auskunft zu geben, ob +meine Tochter dort war —?“ + +„Nein, Herr Graf! Ich vermag darüber nichts zu sagen. Aber ich danke +Ihnen für Ihr gütiges Lob. Ich bin sehr glücklich, daß Ihnen die +Ausführungen, zu denen ich infolge der Rede des Doktor Prestö gedrängt +wurde, gefallen haben.“ + +In Imgjors Angesicht zuckte es bei Axels Worten auf, aber sie lohnte ihm +seine Ritterlichkeit auch nicht einmal durch einen Blick. + +Wohl aber reckte sie plötzlich den Oberkörper empor und sagte mit großer +Entschiedenheit im Ton: „Ich werde nachher auf dein Zimmer kommen, Papa. +Ich bitte, daß du es erlaubst. Dort werde ich dir auf alles Antwort +geben. Jetzt, jetzt gestatte, daß ich mich entferne.“ + +Nach diesen Sätzen richtete sie sich, die Serviette von sich streifend, +empor und war bereits an der Thür, bevor der Graf sie zu hindern +vermochte. Aber sie hatte nicht mit der Gräfin gerechnet. + +„Ich möchte dich jetzt gleich sprechen, Imgjor! Bleibe!“ befahl sie. + +„Ich wünsche an der Unterredung teilzunehmen. Ohnehin ist es Zeit, +aufzustehen. Sie gestatten, lieber Graf Dehn! Und es ist dir recht, +Lavard?“ fügte die Gräfin biegsam im Ton hinzu und wußte den anfangs +etwas zögernden Grafen zur Beipflichtung zu veranlassen. + +Infolge dessen erhoben sich alle; und alle richteten jetzt den Blick auf +Imgjor. Sie aber stand wie ein Marmorbild an der Thür und erst, als ihre +Mutter eine Bewegung machte, durch die sie ihren Befehl wiederholte, +schoß etwas in ihre Augen, das den unheimlichen Glanz eines unbeugsamen +Willens besaß. + +Alsdann reichten jene, mit Ausnahme von Imgjor, dem Grafen Dehn +vertraulich die Hand und verließen das Gemach, und nur Lucile, die +begierig nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte, das der Graf, ihr Papa, +bei seiner Rede aus der Tasche gezogen, blieb noch im Zimmer. + +„Ich kann es kaum erwarten, zu lesen, wie Sie dem widerwärtigen Menschen +entgegengetreten sind, Graf Dehn!“ begann sie. „Und wie finden Sie +Imgjors Benehmen?“ fuhr sie fort. „Ist es nicht unerhört, in welcher +Weise sie die Rücksichten gegen ihre eigene Familie bei Seite schieben +will? Ich muß sagen, ich stehe ganz auf Mamas Seite. Und es geschieht ja +auch nun ohne unsere Einwirkung das, was Sie als erforderlich +bezeichneten. Imgjor wird — ich hoffe, daß Papa darauf besteht — +Rankholm verlassen. Was wird nun aber aus Ihnen, lieber Graf! Werden Sie +es allein mit uns aushalten können?“ + +„Sie wissen, wie ich über Sie alle denke, wie sehr ich Sie alle schätze +und verehre, Komtesse. Das ist meine Antwort. Aber etwas anderes drängt +sich mir auf. Wohin wird man Ihr Fräulein Schwester schicken? Soll sie +Nutzen haben von einer Entfernung, muß sie in keine Umgebung gelangen, +wo man ihr schroff entgegentritt. Man muß ihr mit Güte begegnen und +versuchen, sie allmählich von dem Unwert ihrer übertriebenen Ideen zu +überzeugen.“ + +„Ja, Sie haben Recht, Graf Dehn. Was raten Sie?“ + +Ich kenne Ihre Beziehungen nicht, Komtesse. Ich wüßte aber ein Haus, wo +—“ + +„Nun?“ + +„Bei meinen Eltern in Dresden. Sie würden die Komtesse mit Freuden +aufnehmen!“ + +In Luciles Angesicht, die wohl aus besserer Ueberzeugung schroff gegen +ihre Schwester auftreten konnte, sie aber trotzdem zärtlich liebte, +blitzte es auf. + +„Ja, ja! Das wäre eine Idee, eine vortreffliche!“ stieß sie heraus. +„Gleich will ich mit den Eltern darüber sprechen, wenn wirklich den +Ihrigen ein solcher Plan genehm sein würde.“ + +„Meine Eltern werden sehr glücklich sein —“ entgegnete Axel, „wenn Sie +ihnen Gelegenheit geben, ihre freundschaftlichen Empfindungen zu +bethätigen. Darüber besteht kein Zweifel. — Aber ob Komtesse Imgjor +damit einverstanden sein wird, ist mir sehr zweifelhaft, Komtesse. Ich +fürchte, sie wird sich weigern, bei der Familie desjenigen +Gastfreundschaft entgegenzunehmen, gegen den sie so unzweideutige +Beweise ihrer Abneigung an den Tag legt. Ich fürchte sogar, daß sie mich +seit den letzten Vorgängen haßt —“ + +Lucile schüttelte diesmal nur sanft den Kopf und sah Axel mit einem +Ausdruck an, als ob sie sich über die tiefere Bedeutung des von ihm +Gesagten unterrichten müsse. Und dann noch einmal, aber sie entgegnete +nichts. + + * * * * * + +Daß Imgjor zu dem Doktor Prestö hielt, hatte die Versammlung in Oerebye +und hatten die übrigen früheren und neueren Vorgänge bewiesen. Aber ob +ein Liebesverhältnis zwischen ihnen bestand, war noch nicht aufgeklärt. +Dieser Umstand ließ Graf Dehn alle seine Gedanken darauf richten, wie er +es anstellen könne, sich darüber eine Gewißheit zu verschaffen. + +Da er Zeuge der Verabredung zwischen Imgjor und Prestö gewesen, hatte er +hin und her überlegt, wo diese Zusammenkunft wohl stattfinden werde, und +immer wieder war er zu dem Ergebnis gelangt, daß der von ihm entdeckte +Gang im Turm, dessen Aus- und Einmündung er in der Folge nachgespürt, +dabei eine Rolle spiele. + +In der nach dem Garten gerichteten Seite dieses Zwischenbaues befand +sich eine kleine, von Epheu umrankte, offenbar sonst seit +Menschengedenken nicht mehr geöffnete Thür. Sie führte sicher zu dem +Vorzimmer von Imgjors Räumen; von hier ging die dort mündende, zwischen +der dicken, mit Lichtspalten versehene Mauer eingefügte Treppe aus. + +Und dieser Teil der Turmseite selbst war hinter dichtem Gebüsch +verborgen; niemand achtete auf diesen verdeckten Winkel. + +Auch Axel würde schwerlich jemals dorthin einen Blick geworfen haben, +wenn er nicht von solchen Voraussetzungen ausgegangen wäre. + +Vom Dorf zweigte sich außer dem Fahrwege ein Pfad über die Wiese nach +dem Gutsgebiet ab. Ihn benutzten die Fußgänger von Kneedeholm und die +von Rankholm vorzugsweise. Er führte direkt auf den neben dem Schloß zur +Rechten liegenden Arbeitsgutshof. Hier befanden sich die Wohnhäuser der +Beamten, und ihn umkränzten in weitem Umfange die Gebäude der Meierei, +die Kuh-, Pferde- und Schafställe, die Brauerei, das Dampfmaschinenhaus, +die Remisen für die Herrschafts- und Arbeitswagen und die Häuser für die +zahlreichen Arbeiterschaften. + +Auf diesem Hof, hinter einer gleich den Eingang flankierenden Scheune, +beschloß Graf Dehn abends zunächst Posto zu fassen, um Prestös Ankunft +zu beobachten und dessen Schritte zu verfolgen. + +Es gab nur diesen einen, direkt zum Park führenden Weg, und falls Prestö +überhaupt kam, mußte er ihn einschlagen. + +Zwischen dem Frühstück und dem Tischgang machte Graf Dehn mit dem Grafen +einen längeren Spazierritt. Letzterer sprach bei dieser Gelegenheit wohl +auch über Imgjor, aber er äußerte nichts über Inhalt und Verlauf der +Unterredung mit ihr. Es machte Axel den Eindruck, als ob Imgjor ein +Schweigen über ihre Angelegenheiten gefordert habe. + +„Wir sprechen noch näher darüber!“ hatte der Graf geschlossen. „Ich +komme mit Ihrer Erlaubnis auch noch auf das von Ihnen meiner Tochter +Lucile gemachte gütige Anerbieten zurück. Ich möchte vor entscheidenden +Schritten erst einmal die Klarheit besitzen, die ich bisher nicht +gewonnen habe. + +Auf dem Plan steht auch, daß wir alle Rankholm verlassen und einige +Zeit, etwa vier bis sechs Wochen, nach Kopenhagen übersiedeln. Sie +wissen, daß wir dort ein eigenes Palais besitzen. + +Natürlich — Sie begleiten uns! Sie bleiben unser Gast! Nur unter der +Bedingung verlassen wir Rankholm.“ + +Später kam der Graf auf die Versammlung in Oerebye zu sprechen. + +„Jeder Gutsherr —“ erklärte er — „muß seinen Herd und sein Eigentum +schützen. Thun das alle, halten sie eben so fest zusammen, wie +diejenigen, die übertriebene Forderungen erheben, so wird die +gegenwärtige Bauernbewegung auf ein verständiges Maß herabgedrückt +werden. Den Schutz erkenne ich in der rücksichtslosen Entfernung aller +Ruhestörer, der Erhaltung geordneter Zustände, in einem möglichsten +Entgegenkommen gegen diejenigen, die uns mit verständigen Vorschlägen +zur Verbesserung der Lage der Bauern und Landarbeiter gegenübertreten —“ + +Diese Worte bewiesen, daß Graf Knut in seinem gelegentlich gefällten +Urteil über den Grafen recht hatte. Nur dessen ungemessene, in +besinnungslosen Jähzorn ausartende Heftigkeit hatte er getadelt. + +„Die Lavards sind alle besonders. Sie besitzen eine Starke Eigenart!“ +hatte er geäußert. „Bei den meisten überwiegt Genialität und Energie, +bei anderen neben hoher Intelligenz starke Erregbarkeit und Hang zum +luxuriösen Wohlleben. Den hat der Graf lange abgestreift, aber das +leicht erregte Blut wird ihm bleiben bis zum Tode, und das hat ihm und +anderen schon viel Herzeleid gebracht.“ + +Imgjor erschien nicht bei Tisch. Dagegen hatte sich Graf Knut +eingestellt und wegen der immer stärker um sich greifenden Epidemie im +Dorfe eine länger andauernde Gastfreundschaft erbeten. + +Er regte, wie immer, durch seine gute Laune und seine frische +Lebendigkeit die Gesellschaft an, und da auch Graf Dehn gewohnheitsmäßig +einen lebhaften Geist entfaltete, verflossen die Stunden bis zur +Schlafzeit in der angenehmsten Weise. Nach Tisch, nach einer längeren +Promenade im Park, setzte sich die Gräfin mit dem Grafen Dehn an den +Schachtisch, und die beiden Herren spielten eine Partie Pikett. Bei +dieser Gelegenheit brach jene das von ihr bis dahin beobachtete +Schweigen und erzählte Axel, daß Imgjor die Forderung gestellt habe, daß +ihr ihr Erbteil ausgezahlt und völlige Bewegungsfreiheit eingeräumt +werde. + +„Sie sollen morgen alles und noch anderes erfahren —“ sagte sie. „Mein +Mann könnte hören, was ich spreche. Er wünscht, daß die Dinge +einstweilen nicht berührt werden —“ schloß sie mit gedämpfter Stimme. + +Zu einer Gegenrede, namentlich zu einer Frage, ob Imgjor engere +Beziehungen zu Prestö eingeräumt habe, vermochte Graf Dehn nicht zu +gelangen. + +Zum Thee erschien Imgjor, und auch an dem heutigen Abend trug sie — Axel +schob's diesmal auf die bevorstehende Zusammenkunft mit Prestö, für +welche helle Gewänder nicht geeignet waren, — ein dunkles Kleid. Sie sah +wieder anbetungswert schön aus und kehrte gegen den Grafen Knut ein +neckisch anschmiegendes Wesen heraus. + +Zum erstenmal sang sie auf Graf Knuts wiederholte, dringende Bitte +einige Lieder. Graf Dehn befand sich, während er ihren Vorträgen +lauschte, in einer Art von Verzauberung. Sein Ich lag in ihren Banden. +Etwas Aehnliches, die Seele Bewegendes, Ergreifenderes konnte man nicht +hören. + +Alle Register, das Gemüt zu rühren und dem Ohr die höchsten, +einschmeichelndsten Wohllaute darzubieten, standen ihr zur Verfügung. +Man jauchzte und weinte mit ihr. + +Und wie niemals in ihrem Thun und Wesen das Bestreben zum Ausdruck +gelangte, sich irgendwie besonders zur Geltung zu bringen, durch die ihr +von der Natur zuerteilten Gaben Beifall oder gar Bewunderung +einzuernten, so war's auch heute. Sie war frei von jeder Eitelkeit. +Jedem Spiegel ging sie vorüber. Sich besonders zu schmücken, mußte sie +jedesmal aufgefordert werden, und doch besaß sie, wie Lucile geäußert +hatte, Gewänder, die Königinnen tragen konnten. Sie war mit ihrem +blendenden Hals, ihren schneeigen Armen, ihrer Psychebüste, ihrem +vollendeten Wuchs und ihrer vornehmen Haltung ein Wunderwerk der Natur. + +Und sie so zu sehen, stand Axel in den nächsten Tagen auf Rankholm +bevor. + +Die Gräfin hatte darauf bestanden, daß der von ihr geplante Ball noch +vor der Abreise nach Kopenhagen Stattfinde. Schon am nächsten Morgen +sollten die Einladungen erfolgen und die Antworten durch abzusendende +Stafetten gleich eingeholt werden. + +„Noch eins! Ich bitte recht sehr, Komtesse!“ drängte Graf Knut, nachdem +Imgjor zwei Lieder gesungen hatte. „Singen Sie gütigst zum Schluß noch +mein Lieblingslied!“ — + +„Ihr Lieblingslied? Ich weiß nicht — Welches ist's, Herr Graf?“ gab +Imgjor erst zögernd, dann, durch seine Blicke willfährig gemacht, +zurück. Und „Ach ja — gewiß — ich weiß jetzt!“ fügte sie dann äußerst +bereitwillig hinzu, bat Lucile, sie zu begleiten, und sang nun ein +kleines, in meinem ungestümen Tempo sich bewegendes andalusisches Lied: + + „Einmal möcht', daß die Traumgedanken + Sich verwandelten in Wirklichkeit! + Einmal möcht' ich aus den Schranken + Eingeh'n in die Seligkeit! + + Seligkeit sind deine Lippen! + Seligkeit ist deine Brust! + Schenk, o Gott, der durst'gen Seele, + _Einmal_ diese trunk'ne Lust!“ + +Imgjor trug diese Verse mit einer solchen Verve des Ausdrucks vor, in +ihren Augen erschien ein solch' überirdisches Feuer und ihr geöffneter +Mund atmete eine solche verzehrende Sehnsucht, daß Graf Dehn, dem heiße +Ströme durch die Glieder jagten, dabei an Luciles Worte erinnert ward. +Sie hatte gesagt, daß hinter Imgjors kalt gemessenem Wesen heiße Flammen +verborgen seien. Aber als sie dann wieder mit ihrem stumm verschlossenen +Wesen vom Piano zurücktrat und gleich darauf gute Nacht sagte, Graf +Knuts lautem Lob mit einer sanft bescheidenen Miene und von Graf Dehns +stummer Bewunderung keine Notiz nahm, ergriffen ihn doch wieder Zweifel, +ob sie bei diesem Vortrage wirklich Gleiches auch empfunden habe. Sie +stellte sich offenbar nur in den Dienst ihrer Aufgabe. Ihre Gedanken und +Sinne richteten sich sicher auf etwas ganz anderes. Ihr Inneres +durchrieselte keine Leidenschaft für Prestö, sondern sie erfüllte jene +Märtyrerliebe zur Menschheit, die sich selbst ans Kreuz schlägt. Alles, +wenn's auch vielleicht einmal in ihr aufflammte, dämmte sie, diesem +Dienst geweiht, zurück. Aber um so mehr verzehrte Graf Dehn das +Verlangen, nun endlich Gewißheit zu erlangen. Sobald es irgend +schicklich erschien, schützte er Kopfschmerzen und Müdigkeit vor und +empfahl sich. + +Nachdem er sich in seinen Gemächern möglichst dunkel gekleidet, benutzte +er einen ihm alle Zeit zu Gebote stehenden Schlüssel zur Hauptthür des +Schlosses, betrat den Hof und den diesen und die Gärten verbindenden +offenen Durchgang, versicherte sich, daß in Imgjors Zimmern noch Licht +brannte, und begab sich zunächst zu der hinter den Bosketts befindlichen +Turmpforte. Als er jedoch die Hand auf den Drücker legte, gab dieser +nicht nach. Er schloß daraus, daß Prestö noch nicht eingetroffen sei und +eilte nun vorsichtig zur Rechten auf den Arbeitshof. Er lag in einem +gleichsam geisterhaften Dunkel. Eben hatte sich der Mond, der bis dahin +ein schwaches Licht verbreitet hatte, hinter schwarze Wolkenmassen +geschoben. Aber Graf Dehn wurde dadurch nicht gehindert. Er kannte den +Weg und betrat alsbald die Eckgrenze des Hofes und des Fußpfades, der +hier in das Thal hinabführte. + +Bevor er hinter der großen Scheune Posto faßte, spähte er noch einmal +vorsichtig in das Dorf hinab. + +Aber vorläufig vernahm und sah er nichts. Auch drunten lag die Welt in +einem mystisch unheimlichen Dunkel und in jenem Schweigen, das häufig +einer gewaltigen Aufregung in der Natur voranzugehen pflegt. — + + * * * * * + +Fast eine halbe Stunde stand Graf Dehn auf seinem Beobachtungsposten, +ohne daß etwas geschah. Er hörte die Uhr vom Schlosse zehn schlagen, und +später dröhnte eintönig auch der einzelne Schlag, der den ferneren +Verlauf einer Viertelstunde verkündete, zu ihm herüber. — + +Aber dann rührte sich etwas, jedoch nicht von der Dorfgegend her, +sondern auf dem Hofe. + +Von der Gartenseite her drang das Geräusch von Schritten an sein Ohr. +Anfänglich nahm Graf Dehn an, daß es der Wächter sei. Es beunruhigte ihn +dessen Kommen insofern, als der ihn begleitende Hund sehr wachsam war. +Aber es war nicht der Wächter, der sich dem versteckt Harrenden näherte, +sondern die Umrisse einer weiblichen Erscheinung tauchten vor den Augen +des mit seinen Blicken die Dunkelheit durchdringenden Mannes auf. + +Und keinem Zweifel unterlag's — es war Imgjor, die, sicher beunruhigt +durch Prestös langes Fortbleiben, ihre Gemächer verlassen und sich in +die Nacht hinausgewagt hatte. + +Ein heißes Feuer loderte in dem Manne auf. Er hatte Mühe, sein +klopfendes Herz zu bezwingen, als sie nun demselben Orte zuschritt, an +dem er sich befand, zuletzt sogar — nur eine Armlänge von ihm entfernt — +ihre Bewegungen hemmte und unbeweglich stehen blieb. + +Eine Welt, Himmel und Erde, wären sie sein gewesen, hätte er darum +gegeben, wenn sie, die da unruhig ins Thal hinab spähte, um seinetwillen +sich durch die Nacht geschlichen, um seinetwillen hier verharrt und +sehnsüchtig aufgeseufzt hätte. + +Einmal schien's, als ob sie sich anschicken wolle, ins Dorf +hinabzusteigen. Aber sie besann sich, wanderte hin und her und holte nur +mehreremal, von Unruhe übermannt, tief Atem. Aber auch ein Hüsteln, das +sie vergeblich zu dämpfen suchte, befiel sie. Offenbar von der Nachtluft +unsanft berührt, zog sie das Tuch, das sie um ihre Glieder geschlungen, +fester um sich, und rascher wurden ihre Schritte. + +Aber nun befiel auch Axel ein Kehlkitzel. + +Trotz heftigen Widerstands löste sich ein Laut aus seiner Brust, und +Imgjor wich — er sah's von seinem Versteck aus — angstvoll erschrocken +zurück. Aber nur für Sekunden. Dann leuchteten ihre funkelnden Augen +durch die Nacht und richteten sich furchtlos spähend dahin, woher der +Ton zu ihr gedrungen. + +Schon glaubte sich Graf Dehn entdeckt und blitzschnell überlegte er, ob +er sich ihrem Gesichtskreis durch ein rasches Entfernen entziehen oder +sich zu erkennen geben solle, als zu seiner glücklichen Befriedigung +fast gleichzeitig ein Geräusch — das Geräusch der Schritte einer eilig +den Berg hinaufklimmenden Person — beider Ohr traf, und gleich darauf +auch schon Prestö mit hastig gedämpfter Stimme auf die ihm rasch +Entgegeneilende einsprach: + +„Bist du's, Imgjor? Ah, Gottlob! Schon war ich in großer Sorge. Wie +steht's, meine Imgjor? Habe Dank, daß du hergekommen bist! Aber ich +vermochte nicht früher zu kommen, bis jetzt war ich bei Kranken und +Sterbenden —“ + +Andere Worte, die er sprach, verschlangen die Nacht und die Entfernung. +Einem übereinstimmenden Antrieb folgend, nahmen beide den Weg gegenüber +zu den Wirtschaftsgebäuden, und unter dem Schutz ihrer dunklen Mauern +und Dächer schritten sie dem Schloßgarten zu. Und Graf Dehn folgte ihnen +in angemessenem Abstand, und als sie sich in seiner Laube niederließen, +wußte er sich hinzuschleichen, um zu hören, was sie redeten. + +Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß Imgjor einwilligen wollte, +Prestö anzugehören, wenn zweierlei Bedingungen sich erfüllten. Er sollte +sich ganz in den Dienst der neuen Sache stellen, und er sollte ihr +nachweisen, daß seine jetzige Braut selbst die Beziehungen zwischen ihm +und ihr lösen wolle. + +„Immer wieder muß ich es dir sagen, daß ich trotz meiner Liebe ein +anderes Glück nicht zerstören will. Um solchen Preis will ich +verzichten, muß ich entsagen! Ich würde nie froh werden können. Aus +Schlechtem kann nichts Gutes entstehen. —“ + +Und immer von neuem Beteuerungen von seiner Seite, daß sie ihm glauben +möge. Besondere Beweise beizubringen, sei unmöglich, weil seine frühere +Braut überhaupt nicht mehr schreibe und frühere Zuschriften von ihrer +Hand im Zorn von ihm vernichtet seien. + +„Ich bin frei, Imgjor! Glaube mir doch! Was willst du mehr? Sie ist +meiner Liebe nicht wert. Ich hatte sie schon aufgegeben, bevor wir uns +fanden —“ + +„Lass' mich sie selbst sprechen! Höre ich aus ihrem Munde, daß sie dich +frei giebt, gleichviel aus welchem Grunde, gehöre ich dir! — Ich darf, +ich kann nicht anders, mein Freund! Es ist gegen meine Natur —“ + +Und dann wieder er. Er wisse nicht, ob jene sich überhaupt noch in +Kopenhagen aufhalte. Sie habe die Absicht gehabt, als Erzieherin nach +Lyon zu gehen. Sie sei sicher schon dort. Er wisse ihre Adresse nicht +und könne, da sie keinen Anhang habe, solche nicht ermitteln. + +„So lass' mich an sie schreiben. Wir werden ihren Wohnort durch die +Polizei feststellen können —“ + +„Glaubst du mir denn nicht, Imgjor? Du kränkst mich durch dein Mißtrauen +—“ + +„Ich glaube, daß du mich liebst und daß du mich mehr liebst als jene. +Aber im Beginn unserer Bekanntschaft sprachst du von dem Mädchen in +einem anderen Sinne und thatest einer zwischen euch eingetretenen +Entfremdung keiner Erwähnung. Diese Thatsache besteht, und daraus leite +ich ab, daß du doch vielleicht auf falschem Wege bist, nicht aus +verwerflichen Gründen, vielmehr unter dem Einfluß deiner Liebe zu mir, +welche dir die Dinge in einem für dich günstigen Lichte erscheinen läßt. +Weshalb scheust du die Probe? Willst du mit Unrecht beginnen? Muß dir +nicht auch an Klarheit liegen, mein teurer Freund?“ + +„Dich kann die rechte Liebe zu mir nicht beseelen, wenn du mich einer +Schlechtigkeit für fähig hältst, Imgjor! Ich sag' es noch einmal: Ich +kann und will jene nicht, und ich habe aus ihren Briefen die +Ueberzeugung gewonnen, daß sie auch nur noch Zwang an mich fesselt.“ + +„Siehst du also, mein Freund, du besitzest keine unbedingte Sicherheit! +Lasse uns diese erwerben, und wir werden unsern Bund schließen. Will ich +denn etwas anderes, als unser volles Glück, erstrebe ich etwas anderes, +als daß wir es in unserer Liebe und in der Hingabe an unsere Ziele +finden?“ + +So und ähnlich gingen die Worte zwischen ihnen hin und her, und nach +Beendigung dieses Gesprächs, das mit derselben wiederholten Forderung +Imgjors ausklang, erzählte Prestö von der im Dorf um sich greifenden +Epidemie. Er betonte, daß es richtiger sei, den Ort zu meiden. Größte +Vorsicht sei erforderlich. Er, der Arzt, habe die Krankheit früher +gehabt und sei deshalb immun, aber sie, Imgjor, möge — so edelmütig ihre +Absichten auch seien — sich keiner Gefahr aussetzen. + +Auf ein weiteres Horchen verzichtete Graf Dehn. Was er wissen wollte, +hatte er soeben vernommen. Zeuge ihrer Zärtlichkeit zu sein, vermochte +er nicht. Er litt ohnehin namenlos, als Prestö sie in trunkener +Leidenschaft an sich zog und sie sich mit einem stöhnenden, halb +hingebenden, halb bangherzigen Laut an ihn schmiegte. Das Innere voll +Erregung kehrte er durch den Garten nach dem Schlosse zurück. + + * * * * * + +Der nächste Tag brachte Axel abermals eine große, mit peinlichen +Eindrücken verbundene Ueberraschung. Als er mittags nach einem +Spaziergang sein Zimmer betrat, fand er wiederum einen Brief von Imgjors +Hand auf seinem Schreibtisch. Er lautete: + +„Noch einmal rufe ich den Kavalier in Ihnen an, Graf Dehn! Ich bitte, +verlassen Sie Rankholm oder befreien Sie mich von dem unerträglichen +Druck Ihrer zwecklosen und unerbetenen Observationen. Ich wiederhole +damit eine schon früher ausgesprochene Bitte!“ + +Lange wanderte Graf Dehn nach dem Lesen dieses Schriftstückes auf und ab +und erging sich sowohl in Vorstellungen über die Umstände, die seine +Entdeckung herbeigeführt haben konnten, als auch in Gedanken über dieses +ihn täglich mehr fesselnde und doch für ihn verlorene, junge Geschöpf. + +Ein Roman spielte sich zwischen ihnen ab, in dem beide Teile ohne +mündlichen Austausch und persönlichen Verkehr handelten und einer Lösung +zustrebten. + +Aber vorläufig stand eine solche noch in weiter Ferne. + +Graf Dehn wollte nicht weichen und nicht verzichten. Er wollte dem +Mädchen, das mit scharfer Logik den Kern aus den Dingen zu ziehen, und +was sie zu sagen hatte, mit solcher lakonischen, von allem überflüssigem +Beiwerk befreiten Kürze von sich zu geben wußte, den Beweis liefern, daß +der von ihr begehrte Mann nichts anderes sei — jetzt stimmte er Luciles +Auffassung bei — als ein kaltherziger Selbstling, ein zugleich so +dünkelhafter Mensch, daß er sogar die ihm zu Gebote stehende +Verstellungskunst, sofern sie nicht seinen Götzen, Macht und Geld, zu +dienen hatte, verschmähte. + +Nach längerer, sorgfältiger Ueberlegung schrieb Graf Dehn die +nachfolgenden Zeilen an Imgjor: + +„Gewähren Sie mir mit Ihrem großen, guten Herzen, das sich nur mir +gegenüber so kaltherzig versteckt, dennoch die Erlaubnis, noch einige +Zeit in ihrer Nähe weilen zu dürfen! Meine Liebe und meine Bewunderung +für Sie erhalten in mir den Drang, Sie vor einem Fehlgriff zu behüten, +den Sie zu begehen im Begriff stehen. Ich wage zu sagen: Mißtrauen Sie +dem Charakter und den Beweggründen des Mannes, an den Sie, ein so +vollendetes Wesen, alle Ihre reichen Schätze verschwenden wollen, aufs +äußerste! Rechnen Sie mit der Erfahrung und der Menschenkenntnis dessen, +der Ihr wahrhafter Freund ist, der auf seine eigenen Hoffnungen +verzichtet, Sie aber wenigstens glücklich wissen möchte! Ziehen Sie, +wenn Sie ein Zusammengehen mit mir zu diesem Zwecke ablehnen, +wenigstens, ich bitte, Graf Knut zu Rate! A.D.“ + +Dieses Schreiben trug Axel selbst zu Imgjors Gemächern hinauf. Er +hoffte, ihre Zimmer offen zu finden. Aber sie waren verschlossen, und +der Schlüssel hing nicht mehr auf dem Haken von damals. + +Noch im Zögern, wie er es beginnen sollte, ihr das Billet zu +übermitteln, hörte er Schritte auf der Treppe, und da es keinen Ausweg +gab, nahm er kurz entschlossen seine Zuflucht zu einer Portiere, hinter +der er sich verbarg. + +Es widerstrebte ihm ein solches Verstecken, aber die Vorstellung, hier +angetroffen zu werden, machte ihm das Blut heiß. + +Gleich darauf erschien einer der Diener des Schlosses, der sonst nur im +Souterrain beschäftigt war, und klopfte, während er einen Brief aus der +Tasche zog, an Imgjors Thür. Und noch einmal, da ihm keine Antwort +wurde, und nun schon unschlüssig um sich spähend. Zuletzt schob er, +rasch überlegend, mit kräftigem Nachdruck das Schreiben durch die +Thürspalte, und nachdem das geschehen, stieg er vorsichtig wieder die +Treppe hinab. Das war also der Mann, der auch ihm, Axel, die Briefe von +Imgjor aufs Zimmer legte! Und das eben von ihm besorgte Schreiben war — +Axel zweifelte nicht daran — von Prestö! + +Während Graf Dehn noch so überlegte, trat er hinter seinem Versteck +hervor, machte es mit seinem Brief wie der Diener und nahm auch, wie +der, lautlos den Weg in sein Zimmer zurück. Sehr begierig war er, wie +ihm Imgjor bei Tisch begegnen werde. Freilich, er konnte es sich mit +Sicherheit vorhersagen. Sie verband es, wenn sie mußte, ihre Gefühle +meisterhaft zu verbergen. + +Bei Tisch ereignete sich nichts Besonderes. Es wurde vom Grafen über die +Scharlachepidemie in Kneedeholm gesprochen. Dann wurde über das +bevorstehende Fest geredet und zulegt wurde auch der Reise nach +Kopenhagen und zugleich stets in dem Sinne Erwähnung gethan, daß es +Lavards als selbstverständlich betrachteten, daß Graf Knut und Graf Dehn +sich ihnen anschließen würden. + +Imgjor war ernst und für sich wie immer, sie gab aber durch ihr +Verhalten keinen Anlaß zu irgend welcher Verstimmung. Graf Dehn +begegnete sie — wie er es vorausgesetzt hatte — mit der gewohnten +völligen Unpersönlichkeit in Blick und Wesen. + +Erst nach Tisch fand Axel Gelegenheit, die Gräfin zu sprechen. Sie +ergänzte, selbst damit beginnend, ihren jüngsten Bericht durch die +Mitteilung, daß Imgjor auf die Frage ihres Vaters, ob sie Beziehungen zu +Prestö unterhalte, erwidert habe, es sei möglich, daß sich ernste +Beziehungen zwischen ihnen entwickeln würden. Vorderhand tausche sie mit +ihm, dem sie Sympathie, Vertrauen und freundschaftliche Gefühle +entgegentrage, nur ihre gemeinsamen Ideen aus. + +„Und was erwiderten Sie beide, gnädigste Gräfin?“ + +„Wir erklärten ihr, daß wir nicht nur niemals einer Verbindung zwischen +ihr und dem fatalen Menschen zustimmen, sondern alles thun würden, um +ihn — wie es schon gesagt sei — sobald wie möglich aus dem Gutsgebiet zu +entfernen.“ + +„Und dann? Was sagte Ihr Fräulein Tochter hierzu?“ + +„Dann eben forderte sie ihr Erbteil und ihre Freiheit. Sie schlug, da +ihre Ansichten mit den unsrigen nicht mehr zusammenstimmten, eine +friedliche Trennung vor. Als mein Mann sie fragte, ob sie denn gar kein +Zusammenhangsgefühl für die Ihrigen leite, entgegnete sie: Gewiß! Aber +ich muß mein großes Ziel verfolgen; ihm gegenüber bin ich gezwungen, +diesen Regungen meines Herzens zu gebieten. Ich gehöre der Menschheit im +großen an, nicht im einzelnen. Ich bin hier ein nutzloser Esser, der +weder befriedigt und erfreut, noch selbst glücklich ist.“ + +„Sie wolle,“ schaltete ich ein, „aber doch nicht auf eine Verbindung +mit Prestö verzichten, mit einem Manne, von dem jeder ihr sage, daß er +nichts weniger als ideale, sondern nur selbstsüchtige Gedanken verfolge, +der sie sicher, wenn der erste Rausch verflogen, grenzenlos unglücklich +machen werde. Dieses Kleben an einer einzelnen unwürdigen +Persönlichkeit, zumal auf Kosten der natürlichen Rücksichten gegen die +Ihrigen, widerstreite doch den von ihr ausgesprochenen Grundsätzen +durchaus.“ + +„Und diese Logik entwaffnete sie nicht, Frau Gräfin?“ + +„Nein. Sie erklärte, daß kein Widerspruch vorhanden sei, weil sich für +sie in Prestö der Träger der neuen Ideen verkörpere. Zu ihm ziehe sie +die übereinstimmende Ueberzeugung, aber auch der Wunsch nach einem +kräftigen Halt und einer männlichen Unterstützung für ihre Pläne. Ihre +Herzensempfindungen kämen erst in zweiter Linie in Betracht. Würde sich +herausstellen, daß sie sich nicht angehören könnten, würde sie zu +verzichten wissen. Eine Entscheidung darüber erstrebe sie. Wenn sie sich +entschlösse, ihn zu heiraten, bäte sie um gutwillige Zustimmung von +unserer Seite. Wenn nicht, müsse sie ohne diese handeln. Ihr Gewissen +spreche sie von jedem Pflichtmangel frei. Sie sei kein lebloser +Gegenstand, kein Ding, über das man ein ganzes oder beschränktes +Verfügungsrecht besitze.“ + + * * * * * + +Die nächstfolgenden Tage der Woche verliefen ohne besondere +Zwischenfälle. Das bevorstehende Fest nahm die Gedanken und die +Thätigkeit der Gräfin fast ganz und die des Grafen kaum minder in +Anspruch. Auch Lucile war wenig zu haben, da sie sich mit +Ueberraschungen für den Ball trug. Nur abends wurde, wie gewöhnlich, +eine Partie Boston, Pikett oder Schach gespielt, auch fanden gemeinsame +Gesprächsaustausche über die die Gesellschaft berührenden Einzelheiten +statt. + +Es trafen Zusagen und Absagen ein, und für letztere mußte noch im +letzten Augenblick Ersatz geschaffen werden. + +Da ging's ans Ueberlegen, welche Form einer nachträglichen Einladung die +schicklichste und zugleich erfolgreichste sein werde. Auch ließen +Lieferanten die Küche im Stich. Der Koch hatte seine Not geklagt, und +die Damen mußten noch Depeschen und Zuschriften entwerfen, welche +reitende Boten zu besorgen hatten. + +Als am Vorabend des Balltages eine gemeinsame Beratung wegen der +Tischordnung stattfand, stellten sich allerlei Schwierigkeiten heraus. +Diesmal saßen alle Anwesenden, auch Imgjor, um den im Wohnzimmer +befindlichen runden Sofatisch und hörten dem Grafen zu, der einen mit +sämtlichen Plätzen versehenen Entwurf vor sich hatte. + +Es fehlten Herren, und es blieb nichts anderes übrig, als noch einige +von den Gutsbeamten nachträglich hinzuzuziehen. + +Aber das war dem Grafen durchaus nicht recht, und da ihn gerade +Kleinigkeiten sehr aufbringen konnten, so ergriff ihn auch an diesem +Abend eine Starke Reizbarkeit. Er machte seinem Unmut über die ganze +Sache in einem wenig rücksichtsvollen Ton Luft. + +„Nichts klappt, und ich sehe schon kommen, daß wir statt Vergnügen +überreichlichen Verdruß von der ganzen Fête haben werden!“ stieß er +heraus. „Gleich war ich gegen diese Ueberhastung. Was eilte denn die +Sache so sehr? Solche Affairen kann man nicht über's Knie brechen. Nun +haben wir's!“ + +„Aber, lieber Lavard, die Dinge sind doch mit etwas gutem Willen leicht +zu arrangieren!“ fiel die Gräfin besänftigend ein. „Wir laden noch den +Oberverwalter, den Oberförster, den Inspektor und den Gutsförster ein. +Dann sind wir in Ordnung.“ + +„Ja, ja. Aber das ist mir höchst fatal! Erst sind sie nicht gut genug. +Nun werden sie herbeikommandiert. Die Leute denken doch nach, sie haben +ihr Ehrgefühl. Aber du mußt ja immer plötzliche Launen plötzlich +befriedigen, Lucile!“ + +Erst schwieg die Gräfin; sie erblaßte und schob den Kopf wortlos zurück. +Dann sagte sie in sanftem Ton: + +„Lucile kam doch früher zurück, weil wir diesen Ball geben wollten. Wir +waren uns darüber einig, daß wir ihn bei den vielen Verpflichtungen, die +wir haben, nicht länger aufschieben könnten. Als du die Reise nach +Kopenhagen anregtest, beschlossen wir gemeinsam, rasch noch die +Einladungen ergehen zu lassen. Der Vorwurf trifft mich also in keiner +Weise, Lavard.“ + +Von der Richtigkeit des Gesagten betroffen, schwieg der Graf. Aber sein +Mißmut wurde nicht gehoben, sondern verstärkte sich gerade durch diese +Einwände so sehr, daß er nach einem Gegenstande suchte, auf den er +seinen Mißmut ablenken konnte. Und da ihn Imgjors zu Tage tretende +Gleichgültigkeit während dieser Beratungen schon mit starkem Aerger +erfüllt hatte, da er wußte, daß sie all' dergleichen Festlichkeiten +mißbilligte und infolgedessen laut oder stumm über ihnen zu Gericht zu +sitzen sich herausnahm, so wendete er sich, seiner Gemahlin zugleich +indirekt eine Antwort erteilend, an seine Tochter und sagte: + +„Na ja, es bleibt ja dann nichts anderes übrig, und du, Imgjor, kannst +dann morgen vormittag gleich die Herren ohne ihre Frauen unter passender +Erklärung einladen!“ + +Der zornige Mann verschaffte sich durch diese Worte einerseits die +Vorbefriedigung über die Antwort, die Imgjor erteilen und durch die er +sie als Partnerin gegen seine Frau gewinnen würde, andererseits fand er +Gelegenheit, das Feuer des in ihm glimmenden Vulkans über sie selbst +auszuschütten. + +Es verlief auch alles, wie er es erwartet hatte. + +„Ich halte es für unmöglich, daß wir die Herren ohne ihre Frauen +auffordern!“ entgegnete sie. „Eine nachträgliche, in guter Form +vorgebrachte Einladung an die Familien werden sie nicht übel deuten. Daß +aber die Männer bloß als Figursäulen an der Tafel sitzen sollen, werden +sie sehr übel vermerken. Bei der ohnehin herrschenden gärenden Stimmung, +auch in diesen Kreisen, möchte ich dringend abra —“ + +„Du hast gar keine Lehren und Anweisungen zu erteilen, sondern zu thun, +was ich dir sage!“ fuhr's aus des Grafen Munde. „Wenn's richtig gemacht, +wenn darauf hingewiesen wird, daß wir keinen Platz haben, daß durch eine +gleichzeitige Invitation der Frauen unser Zweck nicht erreicht, sondern +die Situation noch verschlimmert wird, werden meine Beamten, denen ich +stets mit Güte begegne, die mir Dank schulden und durchaus kein Recht +besitzen, sich in einer gärenden Stimmung zu befinden, schon die +notwendige Rücksicht üben. Nebenbei wird das wieder eine der zahlreichen +thörichten Vorstellungen sein, mit denen du deinen Kopf anfüllst, statt +dich der näheren Pflicht zu erinnern, die du gegen deine Eltern und +deine Umgebung hast, Pflichten, die in Liebenswürdigkeit, Fügsamkeit, +Erleichterung ihrer Bürden, Teilnahme an ihrem Thun und Handeln bestehen +sollten! So, das merke dir!“ + +Imgjor biß die Zähne zusammen, und man sah's, sie hätte am liebsten +einmal voll ausgeholt. Aber noch bezwang sie sich. Sie sagte nur: + +„Du äußertest doch gegen Mama gerade dieselben Bedenken wie ich, Papa. +Ich begreife deshalb nicht, daß ich nun für etwas getad —“ + +„Zum Weiter, schweige jetzt und füge dich oder verlasse das Zimmer!“ — +sprühte der Graf. „Ich wünsche nicht von dir im Sprechen kontrolliert zu +werden, ich wünsche keine Lehren zu empfangen. Ich wiederhole früher +Gesagtes: Ich habe grade genug! + +Und es sei dir bei dieser Gelegenheit gleich einmal notifiziert: Wenn +du nicht den Beziehungen zu dem Menschen da unten in Kneedeholm nunmehr +ein für allemal ein Ende machst, wenn du nicht abläßt von all' dem +Unsinn der Volksbeglückung, der zu keinem anderen Resultat führen wird, +als daß meine Bauern hier oben in Rankholm tafeln und Champagner +trinken, wir aber alle vor den Pflug gespannt werden, so —“ + +„Deine Bauern sind Menschen, die dieselben Rechte auf Wohlfahrt und +Glück besitzen wie wir, Papa,“ fiel Imgjor unerschrocken ein. „Und wenn +du es wünschest, so gehe ich nur zu gern. Es deckt sich ja genau mit dem +dir jüngst vorgetragenen Ersuchen —“ + +„Imgjor — ich warne dich —“ rief der Graf, sprang empor und fiel fast +über seine Tochter her. Der Jähzorn hatte ihn wieder einmal bis zur +Besinnungslosigkeit gepackt, und nur durch ein rasches Dazwischentreten +der Gräfin, die Imgjor schützend in ihre Arme nahm, ward Uebles +verhütet. + +Auch Lucile, wenn schon in heftigstem Gegensatz zu ihrer Schwester, +legte ihre Hand auf des Grafen Arm und bat durch Mienen und Worte, daß +er sich besänftigen möge. + +„Laßt mich!“ rief der Mann und löste sich unsanft von seiner Frau. „Wenn +ich bedenke, daß dieses Mädchen meinen Namen trägt, daß ich das +hinnehmen soll, ohne die Unverschämtheit zu züchtigen!“ Und: „Weißt du, +wer du bist?“ fügte er hinzu, und seine Mienen entstellten sich noch +mehr. + +Aber in diesem Moment flog die Gräfin abermals auf ihren Mann zu, faßte +ihn, der offenbar etwas sprechen wollte, was niemals enthüllt werden +durfte, und verschloß ihm mit der Rechten den Mund. + +Und nachdem das geschehen, wandte sie sich zu Imgjor, nahm sie in ihre +Arme und redete besänftigend mit gedämpfter Stimme, auf sie ein. Man +sah's, sie beschwor ihre Tochter, nachzugeben, aber man sah auch, daß es +etwas war, wogegen sich ihrer Tochter heiße Seele mit trotziger Gewalt +aufbäumte. + +„Thu's mir zu Liebe, Imgjor! Küsse ihm die Hand und bitte um Verzeihung, +daß du dich vergaßest —“ mahnte sie bittend. + +Schon wollte Imgjor nachgeben. Ihr gutes Herz, durch diese liebevolle +Begegnung bezwungen, schien die Oberhand zu gewinnen, als der Graf, der +widerstrebend sich gefügt und zähneknirschend auf und abgegangen war, +bei den letzten Worten der Gräfin abermals von seinem Jähzorn erfaßt +wurde. + +„Nein, nein, Lucile, ich will's nicht in dieser Form! Sie soll kommen +und feierliche Zusagen geben für alles, was ich schon erwähnte. Sie soll +schwören, sich mit dem aufrührischen Bauernvolk da unten nie wieder +abzugeben, die Beschäftigung mit den albernen Phantastereien abzuthun, +sich ihrer Familie zu erinnern, sich ihr zu widmen, wieder die Kirche zu +besuchen, den einfältigen Glauben ihrer Kinderjahre zurückzugewinnen, +ein bescheidenes, fügsames Mädchen zu werden, statt eine Führerin des +Aufruhrs, des Unglaubens und der Sittenverachtung!“ + +„Auch das wird kommen mit der Zeit, Lavard. Nimm heut' fürlieb mit ihrer +Buße für die Geschehnisse des Abends. Ich bitte — ich bitte — und, +Imgjor, hörst du nicht? — Noch einmal — thu's _mir_ zu Liebe, beuge dich +vor deinem Vater, mein liebes Kind!“ + +Nun schwankte Imgjor abermals. Dann aber sagte sie, sich hoheitsvoll +aufrichtend: + +„Nein, ich kann's nicht, Mama, und ich thu's nicht. Nur die Form kann +ich bedauern, wenn ich in ihr wirklich fehlte. Alles andere entspricht +meiner innersten Ueberzeugung und ich bin kein Schilfrohr, das jeder +Wind bewegt. Ich bin ich! Ich bin Imgjor Lavard! —“ + +Aber wenn bisher die Anwesenden bei den Erörterungen nur von +unbehaglichen Empfindungen beherrscht worden waren, so stockte ihnen +nunmehr das Blut. + +Wild, sprungbereit, in einer Wut, die etwas Unmenschliches an sich +hatte, stürzte der Mann auf seine Tochter zu, faßte ihre Handgelenke, +preßte das todesbleiche Geschöpf auf die Erde herab und hauchte: + +„Ja, eine Lavard! Aber — und nun sollst du es wissen — geboren von einer +Mutter, die, eine Jungfrau, ihrer Sitte und Ehre vergebend, ihren Körper +einem Kunstreiter verkaufte, einem Manne von dunkler Herkunft und +niedrigsten Gesinnungen. Aus Mitleid habe ich dich zu dem erhoben, was +du bist. Du bist nicht mein Kind. Ich habe dich als solches nur +adoptiert. Nicht meines, nicht das edle Blut der Lavards, auf das du +trotzest, fließt in deinen Adern, sondern das Zigeunerblut eines +unehrlichen Landstreichers! Und so sollst du es haben! Ich stoße dich +von mir, da du trotz aller Liebe, Zärtlichkeit und Ermahnung kein Reis +sein willst an dem Stamm meines Geschlechts, gar gegen mich, gegen +deinen Wohlthäter und Beschützer die Flinte und die Brandfackel +ergreifen willst! Geh! Geh! Lauf' in die Welt! Thu', was du willst! Aber +rechne nicht mehr auf uns und auf keinerlei Erbe, und wäre es ein +Bettel! Ich bin für dich, du bist für mich gestorben!“ + +Er stieß sie von sich. Imgjor aber erhob sich rasch und eilte hinaus. — + + * * * * * + +Der Eindruck dieser Vorgänge übte auf die Zurückbleibenden eine +beispiellose Wirkung aus. Die Gräfin war erschüttert, verwirrt und +bedrängt, daß ihr Gemahl das seit ihrer Ehe bewahrte Geheimnis in +solcher Weise und bei solcher Gelegenheit gelüftet hatte, und er selbst +erhielt bereits so viel Besinnung zurück, daß ihn ein reuevoller Aerger +ergriff, sich und sein Pflegekind mit dieser Rücksichtslosigkeit vor +fremden Zeugen preisgegeben zu haben. + +Graf Knut und Fräulein Merville empfanden ein Mitleid für Imgjor, und +Graf Dehn und Lucile waren vorläufig überhaupt nicht imstande, sich von +den Eindrücken der Ueberraschung zu erholen. + +Zunächst entfernte sich, taktvoll handelnd, Fräulein Merville. + +Nach ihr brach Graf Knut auf, nachdem er den beiden Ehegatten lediglich +stumm die Hand gedrückt hatte. + +Auch Graf Dehn wollte sich nach des Grafen Fortgang zurückziehen. Schon +erhob er sich und richtete einen bescheidenen Abschiedsblick auf die +beiden Damen. Aber beide hielten ihn durch den Ausdruck ihrer Mienen +zurück. + +„Bitte, bleiben Sie, lieber Graf! Wir wollen gemeinsam beraten. Sie +gehören zu uns!“ stieß dann die Gräfin, warmherzig im Ton heraus. + +„Nicht wahr, Lavard?“ + +Und als er zwar nichts erwiderte, aber, obschon finster vor sich +hinstarrend, auch nicht widersprach, fuhr sie fort: + +„Nachdem du ruhiger geworden bist, Lavard, wirst du mir erlauben, Imgjor +aufzusuchen und ihr mitzuteilen, daß du ihr nochmals Zeit zum Ueberlegen +giebst! Ich bitte dich, thu's! Indem du in solcher Art das Geheimnis +ihrer Geburt enthülltest, statt ihr in ruhiger Stunde und in völligem +Einvernehmen so Wichtiges zu eröffnen, hast du sie, fürchte ich, um so +mehr in ihren Plänen bestärkt —“ + +Und einschmeichelnd, da sie sah, daß der Zeitpunkt, ihm solche +Vorhaltungen zu machen, zu früh gewählt: + +„Nein, nein, Lavard! Ich wollte dir nichts Unangenehmes sagen. Aber +meine Bitte erfülle! Ich darf Imgjor beruhigen?“ + +Dennoch fiel die Antwort auf diese verständige Rede anders aus, als die +Gräfin, die ihres Mannes raschen Zorn kannte, aber auch auf seine ebenso +rasche Versöhnlichkeit bauen zu können gehofft, erwartet hatte. + +Nachdem er sich wortlos erhoben und zunächst mit langen Schritten das +Zimmer durchmessen hatte, sagte er in einem festen Ton: + +„Nein, Lucile, ich wünsche Imgjor nicht mehr entgegenzukommen. Ist sie +bereit, von dem Menschen da und ihren Thorheiten Valet zu sagen, will +ich trotz meiner beleidigten Gefühle vergeben. Sonst bleibt's bei meinen +Worten! Es wird mir wahrlich nicht leicht — und die Gründe brauche ich +nicht darzulegen — mich von diesem meinem Adoptivkind loszusagen. Ich +gedenke auch der Welt, der man nicht unnötig Schauspiele bieten soll. +Aber ich kann, darf und will nicht anders handeln. War ich aus falscher +Liebe oder an anderen in meinem Naturell begründeten Motiven oft schwach +in meinem Leben, in diesem Fall bleibe ich fest! + +Sie geht und wird ihres Erbes verlustig, wenn sie sich nicht fügt! Von +Dingen, wie sie uns solche in der letzten Unterredung vortrug, ist nicht +mehr die Rede!“ + +„Gut, so werde ich mich also zu ihr begeben und in diesem Sinne mit ihr +sprechen.“ + +Unter diesen Worten erhob sich die Gräfin und verließ das Gemach. + +„Verzeihen Sie!“ hub Graf Lavard nach seiner Gemahlin Entfernung an und +streckte Graf Dehn die Hand mit einem freimütigen Ausdruck entgegen. +„Ich hätte gewünscht, daß Ihnen andere Eindrücke auf Rankholm geworden +wären, und ich beklage, daß Sie mich in meiner Schwäche gesehen. Aber +wir Menschen bleiben abhängig von unserm Blut. Jeder hat einen kleineren +oder größeren Defekt in seinem Charakter.“ + +Graf Dehn drückte Lavard stumm die Rechte, Lucile aber, durch die +Selbstentäußerung ihres Vaters bezwungen, eilte gerührt auf ihn zu, +umschlang ihn und küßte ihn zärtlich auf die Wangen. — + +Nach Verlauf von zehn Minuten trat die Gräfin bereits wieder ins Zimmer. +Sie war bleich und erregt, und ihre Mienen verkündeten nichts Gutes. + +„Nun, liebe Mama? Wie ist's geworden?“ stieß Lucile heraus und richtete +mit besorgter Miene den Blick auf ihre Mutter. + +„Ich habe Imgjor garnicht sprechen, wenigstens keine Antwort erhalten +können,“ erklärte die Gräfin und ließ sich, sichtlich erschöpft, in +einen Sessel gleiten. „Imgjor hat heftiges Fieber. Ihr Körper brannte +förmlich, als ich bei ihr eintrat, und nun eben überkam sie ein sehr +starker Schüttelfrost. Sie hatte sich bereits ins Bett gelegt, als +Fräulein Merville sie aufsuchte. So habe ich mich denn auf Trost und +zweckmäßige Anordnungen beschränken müssen. Fräulein Merville wird die +Nacht bei ihr bleiben. Jedenfalls aber muß ein Arzt kommen. Wie soll's +nun werden, Lavard?“ „Ah —“ stieß der Graf, von neuem stark erregt, +heraus, und die Adern schwollen ihm in dem roten Gesicht an. — „Da haben +wir's! Natürlich ist sie doch im Dorf gewesen, und was wir voraussagten, +ist geschehen. Sie hat das Scharlach ins Schloß gebracht! Wahrlich, +unverantwortlich, strafwürdig hat sie gehandelt an sich — und an uns! Da +ist gleich ein Beweis von dem jüngst Gesagten: Das Beste in einer +ungeschickten Hand kann zum Verderben werden. Und ich füge hinzu: Das +Ungünstige, weise verwertet, kann zum Segen gereichen. Ja — welcher +Doktor? Jedenfalls soll kein Prestö jemals diese Schwelle wieder +betreten. Andreas soll sofort nach Oerebye kutschieren. Klingele, +Lucile, nach Frederik! Gleich soll er fort. Ich schreibe ein paar Zeilen +an den Physikus Mangor in Oerebye.“ + +Und Frederik erschien, empfing ein Billet, das der Graf in dem Kabinett +seiner Frau entworfen hatte, und eilte damit fort. + +Und nachdem das erledigt war, richteten die Anwesenden ihre Gedanken auf +das Kommende. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit unter solchen Umständen +den Ball abzuhalten, wurde erörtert. Zuletzt wurde beschlossen, die +Entscheidung von der Erklärung des Doktor Mangor abhängig zu machen. + +War er dagegen, so sollte in der Frühe alles Personal auf dem Guts- und +Arbeitshof entboten werden, um den Eingeladenen abzusagen. — Freilich, +ein umständliches vielleicht nicht einmal völlig erfolgreiches Vorhaben. + +Es waren nicht nur Gäste vom Lande, sondern auch aus den umliegenden +Städten geladen. Im linken Flügel, der an Imgjors Turmgemächer stieß, +waren alle Fremdenzimmer bereits in Stand gesetzt, und auch die unteren +rechtzeitig — oben befanden sich die Festsäle, in denen getafelt und +getanzt werden sollte — waren hergerichtet. + +Einhundertfünfzig Personen hatten Einladungen empfangen, und schon +wehten von den Türmen die Lavardschen Fahnen in den blutroten Farben, +inmitten das Familienwappen: die Faust mit dem Dolch, gezückt gegen +einen wild sich auflehnenden Geier! + + * * * * * + +Diesmal war's noch gut verlaufen. Imgjor war nicht vom Scharlach +ergriffen worden. Mangor, der noch in später Stunde erschienen war, +hatte erklärt, daß es sich nur um eine starke, aber ungefährliche +Verstimmung des Magens handle. Die Komtesse werde bei genügender Ruhe +bereits im Laufe des kommenden Tages die Unpäßlichkeit abgeschüttelt +haben. + +Und wie der Befreiung von einer schweren Sorge allezeit eine um so +Stärkere seelische Aufrichtung zu folgen pflegt, so war's auch hier. Dem +Grafen verlieh die Sicherheit, daß das Gespenst der Epidemie vom +Schlosse abgewendet war, daß er nicht nötig hatte, seinen Gästen +abzusagen, und daß somit auch Mühen und Kosten nicht umsonst gewesen, +eine gehobene Stimmung, und in dieser gab er den Bitten der Gräfin zu +einer Auseinandersetzung mit Imgjor nach. + +Nachdem Lucile und Fräulein Merville um die Mittagszeit gemeldet hatten, +daß Imgjor bereits wieder aufgestanden sei, begab sich die Gräfin zu +ihr aufs Zimmer, und in Axels Gegenwart wiederholte sie dann später +diesem und den übrigen die von dem jungen Mädchen erteilte Antwort. + +Sie wolle eine Unterredung mit Prestö möglichst bald herbeizuführen +suchen und, nachdem diese stattgefunden, ihren Eltern eine Antwort +geben. Sie bäte, ihr diese Frist noch zu gewähren, um jenem gegenüber +nicht wortbrüchig zu werden. + +Werde sie, um nicht das Glück eines anderen Mädchens zu zerstören, auf +Prestö verzichten müssen, so würde sie nochmals die Bitte aussprechen, +Rankholm verlassen und sich ihren Wirkungskreis suchen zu dürfen. Sie +wolle sich eine Samariterthätigkeit suchen, sofern ihr ein Werk im +Großen nicht zu gelingen vermöge. + +Sie schwöre dem Vater zu, daß sie ihm keine Schande machen werde. Sie +bäte, ihr zu verzeihen, wenn sie in der Form gefehlt habe, und auch +deshalb daß sie keine andere Antwort zu erteilen vermöge. + +Endlich hatte sie auf den dringenden Wunsch ihrer Pflegemutter zugesagt, +daß sie heute bei dem Feste erscheinen werde. + +Alle Anwesenden befanden sich nun in einer starken Spannung, wie sich +der Graf zu dieser Erklärung Imgjors verhalten werde. + +Gerechterweise mußte man zugestehen, daß ihre Erklärung verständig und +maßvoll war, daß sie, wenn sie sich nicht selbst verleugnen wollte, eine +andere garnicht geben konnte. + +Nach einer geraumen Frist, in welcher der Graf nachgedacht, sagte er: +„Ich gebe jetzt nur die Erlaubnis, daß sie bis zu einer Entscheidung +über ihre Beziehungen zu Prestö unter gleichen Verhältnissen wie bisher +in Rankholm bleibt, aber es ist selbstverständlich, daß sie sich während +dieser Zeit des Verkehrs mit meinen aufsässigen Bauern enthält. Kommt +noch etwas vor, dann geht sie sofort!“ + +Als sich Axel später mit der Gräfin allein befand, teilte sie ihm mit, +daß Imgjor ursprünglich keineswegs in einer solchen versöhnlichen Art +gesprochen, daß sie, die Gräfin, aus Klugheit vieles verschwiegen und +ihrem Gatten nur das gesagt habe, was sie Imgjor teils nach schweren +Kämpfen abgerungen, teils noch zu erreichen hoffe. — Nur Auflehnung +gegen ihren Pflegevater habe Raum in ihr gehabt, ihr, ihrer +Pflegemutter, aber habe sie unter dem Dankgefühl für deren Verhalten in +den rührendsten Worten alle Schroffheiten, deren sie sich im Laufe der +Jahre schuldig gemacht, abgebeten. + +„Der Zufall hat Ihnen, lieber Graf,“ — schloß sie ihre Rede — „enthüllt, +was ich Ihnen nach einer voranzugehenden, sorgfältigen Prüfung Ihrer +Vertrauenswürdigkeit eröffnen wollte, deshalb eröffnen wollte, damit Sie +erkennen möchten, in wie weit meine Kinder zu Vorwürfen gegen mich +berechtigt waren. — Es ist aber noch nicht alles. Das übrige sollen Sie +später aus meinem Munde vernehmen.“ + +Graf Dehn lohnte diese Worte mit lebhaftem Dank, dann sagte er, +gedrängt, noch mehr zu hören: „Ich bitte, wie faßt Komtesse Imgjor die +Enthüllung ihrer Geburt auf? Darüber äußerten Sie nichts, Frau Gräfin!“ + +„Sie hat sich darüber nur kurz ausgelassen: Ihre Erregung beziehe sich +auf das Unrecht ihres Vaters, solche Dinge in solcher Form vor fremden +Zeugen auszusprechen. + +Ehe ich meinen Vater oder meine Mutter verdamme — äußerte sie — muß ich +wissen, wie ihr Lebensgang war, wer sie zu dem machte, was sie wurden. +Meinem Pflegevater bin ich unauslöschlichen Dank schuldig, weil er mich +nicht dem Elend und dem Zufall preisgegeben, sondern mich gehalten hat +als sein rechtes Kind. Und eben diese Dankbarkeit veranlaßt mich, mich +dir zu fügen, fürder ihm gute Worte zu geben. Diese Dankbarkeit hat mich +abgehalten, sogleich und für immer Rankholm zu verlassen. Ich wünsche in +allen meinen Handlungen möglichst gerecht zu sein, auch mich +unterzuordnen, sofern das, was gefordert wird, nicht mit meinen +Ueberzeugungen und Grundsätzen in Widerstreit steht.“ — + +Und dann kam der Nachmittag, und mit ihm erfolgte das Anfahren der Gäste +im Schloßhof von Rankholm. + +War das Gut in Stille und Einsamkeit ein unvergleichlich idyllischer +Erdenfleck, so hatte es sich nun in ein buntes Zauberbild verwandelt. + +Von allen Zinnen wehten die roten Lavardschen Fahnen. Im Hofe vollzog +sich ein endlos wechselndes Durcheinander von herbeieilenden +Staatskarossen, Fuhrwerken und Landkutschen. Der Treppenaufgang war +geschmückt mit Rosenguirlanden, und da der Abend bereits im Nahen war, +flimmerten hinter allen Fenstern des mächtigen Baues hunderte und +aberhunderte von Lichtern. Und strahlendes Flammenlicht ergoß sich +später von den Kandelabern neben der Freitreppe über den ganzen Hof, und +in einem Glanzmeer schwammen die Eingänge, die Gesellschaftsgemächer und +großen Festsäle im Hauptgebäude und in den Flügeln. + +Aber auch unten in den Souterrains, wo auf den großen Herden die Speisen +dampften und schmorten, war alles voll eifrigen Lebens. Ein Heer von +weißgekleideten Köchen, buntlivrierten Dienern und Lakaien flog hin und +her, treppauf, treppab, und mischte sich unter die in ihren kostbaren +Toiletten und glänzenden Uniformen erschienenen, in den Empfangsräumen +auf und ab wogenden, laut und lebhaft schwatzenden und lachenden Gäste, +bis dann der Haushofmeister Frederik das Zeichen zum Tischgang gab und +sich sämtliche fünfundsiebzig Paare in Bewegung setzten. + +So tafelte und trank man nur in Fürstenhäusern! Ein solcher Glanz und +Prunk war entfaltet, daß selbst Axel, der sich bereits an den Ueberfluß +von Rankholm gewöhnt hatte, des Erstaunens und der Verwunderung voll +war. Tafelgeschirr stand auf den Tischen, das ganze Vermögen gekostet +hatte. — Silber, aber auch Gold überall! Selbst die Gabeln und die +Griffe der Messer blitzten in solchem edlem Metall. + +Massive Vasen und andere kunstreiche, kostbare Schaustücke mit Blumen +aus den Treibhäusern gefüllt, waren zahlreich verteilt, und silberne +Champagnerkühler, jedesmal für zwei Personen, fanden, das zischende, +unruhige Naß in goldumränderten Flaschen bergend, neben dem wundervoll +geschliffenen Krystall und Glas, das den Weinen zu dienen hatte, die bei +jedem Gang besonders gereicht wurden. + +Die Damen Lavard trugen Geschmeide von Diamanten und Perlen, die einen +schier unschätzbaren Wert besaßen, und zudem waren sie die Königinnen +des Festes. + +Die Schönste war Imgjor, die Tochter des Kunstreiters. + +Zum erstenmal sah Graf Dehn ihren reizenden Hals. Es konnte keine +gleichen Schönheitslinien, keine vollendeteren Farben geben. Sie +wetteiferten mit dem Marmorglanz der runden, weißen Arme. + +Und dazu das braunrote, sich in ungeduldigem Wachstum aufbäumende Haar, +dazu die dunkelbewimperten Augen, dazu der Körper mit seinen +schwellenden Formen, die entzückenden Hände, die schneeigen Zähne, die +von einem stürmisch pulsierenden Rot durchglühten, kleinen Ohren! Und +wenn sie lächelte — dieses hinreißende, eine unbekannte Welt von +Klugheit und Güte verheißende Lächeln! + +Und neben ihr saß, trotz seiner gegen ihre Eltern erhobenen Einwände, +Graf Dehn. + +Gleich, als er ihr den Arm geboten, hatte er eine ihrer Enttäuschung +begegnende Erklärung gegeben. + +„Es war der Wunsch des Herrn Grafen, daß ich Sie führen sollte, +Komtesse! Ich bat um Ihretwillen, davon abzusehen. Es geschah, weil ich +mein Möglichstes thun wollte, um Ihrem gegen mich geäußerten Wunsch zu +entsprechen. Vielleicht bezwingen Sie dieses eine Mal Ihre Abneigung, so +lange in meiner Nähe sein zu müssen. Ich verspreche Ihnen, daß ich +versuchen werde, Ihr Ohr durch meine Worte in keiner Weise zu +verletzen.“ + +Schon während Graf Dehn gesprochen, hatte Imgjor den Oberkörper +zusammengeschoben und die Lippen auf einandergepreßt, als ob sie nur so +ihrer Empfindungen Herr zu werden vermöge. Aber als er dann mit einem +sanft versöhnlichen Ausdruck in ihren Zügen forschte, so eine Antwort zu +erheischen suchte, hob sie stolz das Auge zu ihm empor, sah ihn kalt an +und senkte dann wieder die Wimpern mit einer Miene wie jemand, der, weil +des anderen Gefangener, machtlos sich zu fügen hat. + +Zunächst verhielt sich Graf Dehn auf diese stumme Abwehr ebenfalls +wortlos. Aber als von der Dienerschaft bereits die Suppe gereicht worden +war, und nun Imgjor, ohne sie zu berühren, auch ferner in finsterem +Schweigen dasaß, hielt's ihn nicht länger. Zorn und Auflehnung über ihre +Kälte übermannten ihn. + +„Sie haben mich nicht einmal einer Antwort gewürdigt, Komtesse Lavard,“ +hub er an, nachdem er nach vorangegangener Frage, ob er einschenken +dürfe, ihr Glas gefüllt hatte. + +„Wahrlich! Wenn ich nicht so vieles von Ihnen gesehen, jetzt wieder sich +meine Meinung über Sie so vorteilhaft verstärkt hätte, ich könnte +glauben, es sei doch eines wenigstens bei Ihnen Maske — nämlich, daß +Sie ein Herz besitzen. Was that ich Ihnen? Wie begegnen Sie mir, der ich +doch der Gast Ihres Hauses bin? Wie vergelten Sie mir das, was Sie +selbst als vergeltungswert bezeichneten? Es mag Ihnen wenig vornehm +erscheinen, daß ich erwähne, wie sehr ich für Sie stets eintrat, wie +viel ich beigetragen habe, die vorhandenen Gegensätze zu mildern, auch +jetzt den Dingen einen möglichst friedlichen Charakter zu verleihen. Ich +thue es aber, weil ich Ihnen beweisen möchte, daß ich Ihr zu Thaten +bereiter Freund bin. Gewiß, Sie haben mir deutlich an den Tag gelegt, +daß Sie mich verabscheuen, Sie haben mir sogar die Schwelle des +Schlosses gewiesen — aber es drängt sich mir die Frage auf, mit welchem +Recht nach solchem Verhalten von meiner Seite? Ehrerbietung, Rücksicht +und Freundschaft habe ich Ihnen ununterbrochen entgegengetragen! +Erlauben Sie mir ein freies Wort: Sie wollen eine ganze Menschheit +beglücken und besitzen nicht einmal die Fähigkeit, sich einem einzelnen +Menschen in soweit anzubequemen, daß Sie die Gesellschaftssitten zu +beobachten vermögen, aus trotziger Voreingenommenheit, aus Zorn, daß ich +den Doktor Prestö als das hinstellte, was er ist —“ + +„Nun, was ist er denn?“ fiel Imgjor, deren Büste unter dem +freigeschnittenen Ballkleide in eine stürmisch tobende Bewegung geraten +war, also, daß sie schier den Saum des Gewandes zu sprengen drohte, mit +funkelnden Augen heraus. + +„Er ist ein kalter, berechnender Egoist, den nicht Liebe zur Menschheit, +sondern nur Rachsucht erfüllt, der einer anderen, der er sein Wort +verpfändet, lediglich deshalb einen Absagebrief erteilt, um die reiche +und vornehme Erbin heimzuführen. Daß letzteres sich so verhält, klang +durch seine Worte, die ich vernahm in jener Nacht. Nur Sie, in Ihrer +blinden Liebe, entraten der Fähigkeit, ihn zu durchschauen, ihm, wie +sonst den Menschen, ins Herz zu blicken und es auf seinen wahrhaftigen +Wert zu prüfen.“ + +„Ich bestreite jede Ihrer Behauptungen, Herr Graf Dehn. Und wenig +vornehm ist es in der That — Sie mögen es hören! — zu horchen, und +ebenso unkavaliermäßig, auf bloße Eindrücke hin einen Ehrenmann derartig +zu verdächtigen. Und da Sie es wissen wollen: Meine Abneigung gegen Sie +leitet sich uns der Thatsache her, daß, im Gegensatz zu Ihrem +Selbstlobe, mit Ihrem Eintritt in Rankholm sich alles, was mir Freude +und Hoffnung war und was mir Erfüllung schien, in Leid verwandelt hat. +Sie haben von vorneherein gegen Herrn Doktor Prestö Front gemacht, +deshalb gleich ohne Zwang und Not den Gast herabgesetzt, weil er anders +geartet als Sie, sich anders gab als Sie, weil er sich Ihrer +hochgeborenen Erhabenheit nicht unterordnete, weil er gleich an den Tag +legte, daß es für ihn nur Menschen, keine Bauern und keinen Landadel +giebt, weil Sie herausfühlten, daß ich ihm gut war, daß ich ihn Ihnen +vorzog. Und dann haben sich die Meinungen meiner Familie täglich mehr +gegen ihn gekehrt. Früher fand man ihn wohl etwas schroff, aber man +lobte sein kräftiges Selbstgefühl! Man schätzte es hoch, weil es +Charakter und Männlichkeit verriet. Stets stand er voran, wenn es sich +um Einladungen in unser Haus handelte. Als Arzt wußten ihn alle nicht +genug zu loben, und man gewährte mir auch ohne Einschränkungen den +freien Verkehr mit diesem aufgeklärten und zielbewußten Manne. Heute +würde mein Pflegevater ihn am liebsten töten; meine Pflegemutter und +Lucile hassen ihn. Ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich plötzlich +eine Ausgestoßene, Enterbte bin, während ich meinen mir zukommenden +Besitz in den Dienst der großen Sache stellen wollte, in den Dienst der +Veredelung und Aushilfe der Armen und Elenden. So, nun wissen Sie, +weshalb ich den Augenblick verwünsche, in dem Sie über die Schwelle +traten, weshalb ich Sie wegen Ihrer unerbetenen Eingriffe in unsere +Familienangelegenheiten zu hassen ein Recht habe! — Und daß Sie, mein +Herr Graf, heute, nach alledem, noch den Mut und das Wohlgefallen +besitzen, an meiner Seite Platz zu nehmen, beweist mir, daß Sie zwar +sehr viel Selbstgefühl, aber minder Zartsinn besitzen, wenig von dem, +dessen Sie sich selbst so beredt rühmen!“ + +Graf Dehn war weiß geworden wie das Leinen der Serviette, die er in +seiner Hand zerknitterte. + +Das war eine Freiheit der Rede, die neben ihrem ungerechten Inhalt, der +völlig falschen Auslegung, ja Umkehrung der Dinge, eine Maßlosigkeit +enthielt, vor der ein Kavalier einer Dame gegenüber verstummen mußte. +Indem Graf Dehn alles zusammenfaßte, was ihm an Kraft und +Selbstbeherrschung zu Gebote stand, auch zu einem ruhigen Ton und zu +äußerster Sachlichkeit sich zwang, obschon die vor Erregung zitternde +Stimme fast versagen wollte, entgegnete er: + +„Es wird eine Zeit kommen, Komtesse Lavard, in der sie erkennen werden, +wie richtig meine Urteile über die in Betracht kommende Person waren. +Sie werden auch, ich weiß es, die unverdiente, ungeheure Kränkung die +Sie mir eben zugefügt haben, abbitten. Ihr gerechtes Herz wird Sie dazu +drängen! — Doch lassen wir ruhen, was ich nur gezwungen berührte, und +nur eine Frage gestatten Sie mir noch an Sie zu richten: Wollen Sie mir +eine Unterredung gewähren, wenn sich herausstellt, daß der Mann, dem Sie +im Begriff sind, Ihr Lebensglück zu opfern, Sie täuschte?“ + +„Weshalb —? Welchen Zweck soll das haben?“ + +„Liegt Ihnen nicht daran, Komtesse, etwaiges Unrecht gegen mich gut zu +machen? Ist es nicht doch möglich, daß Sie mich und mein Thun falsch +beurteilen? Ist's dann nicht eine natürliche Pflicht, mir eine +Genugthuung zu gewähren? Sie wollen eine Priesterin der Wahrheit, der +Güte, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe sein und wollen schon beim +erstenmal stolpern, wo Sie die Probe auf Ihr Ich zu bestehen haben?“ + +Imgjor biß erst die Zähne zusammen, dann sagte sie: „Wohlan, ich bin +bereit, Sie zu hören, wenn sich das vollzieht, was Sie hoffen — was Sie +aus dieser Hoffnung sogar zur Gewißheit erheben. Sie wird Ihnen zwar nie +werden, und wenn doch, so werde ich, das sei gesagt, nie Ihre Freundin +werden, geschweige mehr —“ + +„Also, wenn Prestö sie betrog, in diesen heilig ernsten Stunden Sie +betrog, so bleibt er immer doch ein Gott und ich ein Unwürdiger, +Komtesse?“ + +Imgjor reckte den Oberkörper, und in ihrem in der Erregung sich +unwillkürlich öffnenden Munde blitzten die Zähne. Dann sagte sie heftig, +und er hörte, wie sie mit ihrem mit dem weißen Seidenschuh bekleideten +Fuß ungeduldig den Fußboden berührte: + +„Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, daß Prestö mich nicht betrügen wird, +daß er ein Ehrenmann, daß er ein anderer Mann ist als die, welche sich +anmaßen, über ihn zu Gericht zu sitzen!“ + +„Wohlan, Komtesse! Wenn Sie so reden, so steht Meinung gegen Meinung! +Ich behaupte, daß der Mann innerlich in demselben Augenblick von Ihnen +abfallen wird, wo er erfährt, daß Sie nicht die Tochter des Grafen, daß +Sie aus Rankholm verbannt und enterbt sind. Und da Sie nun, trotz aller +meiner fügsamen Bitten, den Frieden mir abschlagen, so will ich fürder +gegen diesen Mann rücksichtslos kämpfen! Ich will Sie kurieren, jetzt +kurieren gegen Ihren Willen!“ + +Diesmal entgegnete Imgjor nichts. Sie vermochte es nicht, weil plötzlich +eine Blutwelle ihrem Munde entströmte. Die Serviette, die sie zum Munde +führte, wurde von einem unheimlichen Rot gefärbt. Schrecken ergriff die +Umsitzenden, und ehe noch Graf Dehn helfen, sich um sie bemühen oder gar +am Aufstehen hindern konnte, hatte sie den Saal verlassen. + + * * * * * + +Lange waren die Klänge der Violinen, der Flöten, und Baßgeigen +verklungen. Seit einer Stunde waren sogar die Lichter in dem mächtigen +Rankholmer Schloß mit all' seinen zahlreichen Räumen erloschen, und +alles lag in einem tiefen, festen Schlaf. Nur zwei Personen wachten +noch, sie fanden keinen Schlaf, und er floh sie, weil eine der anderen +unruhvoll gedachte. Freilich geschah's mit sehr verschiedenen +Empfindungen. + +Imgjor haßte nunmehr den Mann, der in ihr Leben und in ihre Pläne einen +solchen Eingriff gethan. Sie haßte ihn, obschon ihr vorurteilfreies Ich +ihr zuflüsterte, daß sie ein Unrecht begehe. Als er damals in Oerebye +die Rede gehalten, hatte sie bei sich gedacht, welch' ein wertvoller +Mann er sei. Aber sie wollte ihm schon deshalb keine Gefolgschaft +leisten, weil sie — wie sie sich vorredete — nichts Halbes, sondern +etwas Ganzes erstreben mußte. Ueberdies lag sie in dem Banne Prestös, +der sie mit den stärksten Fäden an sich zog, sie so fesselte, daß sie +nicht zu entrinnen vermochte. Der Sohn des Unterdrückten, der, gleich +ihr, aufräumen wollte mit dem Unrecht, gehörte zu ihr, und nun, nachdem +sie vernommen, daß sie selbst von jenen abstammte, welche die Armut +treibt, ihr Brot zu suchen, wo und wie sie es finden, fühlte sie sich +zwiefach mit Prestö verknüpft, hundertfältig mit ihm verbunden. + +Voll ingrimmiger Auflehnung biß sie die Zähne zusammen, als sie sich in +diesen Stunden der Nacht der letzten Worte ihres Gegners erinnerte. + +Er würde im Fall Prestö mitteilen, wer sie sei, ihn wissen lassen, daß +ihr Erbe in Gefahr stehe, sicher ihr verloren ginge, wenn sie ihm, +Prestö folge. + +Sie zitterte vor der Wirkung seiner Ausladungen aus denselben Gründen, +die sie veranlaßt hatten, an Prestö die Forderung zu stellen, ihr die +Beweise zu geben, daß er — ohne Zwang und Unrecht — frei sei. + +Ihr Verstand und die Klarheit ihres Geistes fanden auf gleicher Stufe +mit der Tiefe und der Güte ihres Herzens, die sie trieben, sich +selbstlos in den Dienst der Unterdrückten zu stellen. + +Einmal, als sie sich vorstellte, Graf Dehn könnte wirklich Recht +behalten, geriet sie in eine solche Aufregung, daß ihr Herz in +stürmischer Aufwallung pochte. + +Wenn auch Prestö einer der Millionen Durchschnittskreaturen, wenn auch +er einer der erbärmlichen Nützlichkeitsmenschen war, wenn wirklich nur +ihr Stand, ihre Schönheit und ihr großer Reichtum ihn hatte reden und +gar als Schurken gegen seine Braut handeln lassen, dann — dann —! + +Sie atmete tief, tief auf, und ihre Rechte ballte sich, als ob sie eine +Waffe fasse. + +Sie wußte nicht, was geschehen werde — ihr grauste vor sich selbst. + +Unter solchen starken seelischen Erregungen und Kämpfen, denen sich die +irrenden Gedanken über ihre Geburt unruhvoll hinzugesellten, tastete der +Tag mit noch müdem Licht an die Scheiben der Fenster und mahnte sie an +Zeit, Umstände und die noch zu erfüllenden Aufgaben. + +Sich rasch aufraffend, rückte sie sich an den Schreibtisch, stützte, +noch einmal ihre Gedanken sammelnd, das Haupt und schrieb sodann mit +fester Hand einen langen Brief erregten Inhalts an Prestö, in welchem +sie ihn am Schluß ersuchte, nur auf das zu hören, was sie ihm selbst +mitteilen werde, legte dieses Schreiben im Flur in eine versteckte Ecke, +aus welcher der von ihr insgeheim beauftragte Diener jeden Morgen in der +Frühe vorhandene Briefe an sich zu nehmen und sogleich zu besorgen +hatte, und schlüpfte alsdann in ihr Bett. + +Und als eben gerade das Gesinde sich wieder unten im Hause zu rühren +begann, fand sie endlich die Ruhe, nach welcher der erschöpfte Körper +verlangte. — + +Anders Axel. + +Durch sein Gehirn wälzten sich die Vorstellungen über Geschehenes und +Künftiges, und lediglich die Ueberlegung, auf welche Weise er das +ausführen könne, was er sich nunmehr als fiel vorgesetzt hatte, +beschäftigte seine Gedanken. + +Er wollte sich vorläufig von der Familie Lavard nicht trennen, Prestö +als den entlarven, der er nach den von ihm in jener Nacht gewonnenen, +nunmehr mit Luciles Behauptungen übereinstimmenden Ansichten war, und +Imgjor nicht nur zu heilen, sondern mit ihrer Familie vollständig +auszusöhnen suchen. — Ob ein Preis ihm zufiel, mußte sich finden. Seine +Liebe und sein überzeugungsstarker Sinn ließen ihn nicht verzweifeln. + + * * * * * + +Die kommenden Tage verflossen den Rankholmer Schloßbewohnern unter +allerlei Vorbereitungen zu der Kopenhagener Reise. Auch erledigte der +Graf dringliche Gutsgeschäfte mit seinen Beamten und wies unter anderem +auch Unterstützungen für die von der Epidemie noch immer gleich hart +betroffene, ärmere Dorfbevölkerung an. Gegenwärtig gab es kaum ein Haus +mehr in Kneedeholm, in dem sich nicht Schwerkranke befanden oder Tote +täglich hinausgetragen wurden. Der Pastor kam Tag und Nacht kaum mehr +zur Ruhe, da er Sterbende zu trösten, geistliche Handlungen vorzunehmen +und nach den Bedrängten zu sehen hatte. + +Und nicht minder war Doktor Prestö beschäftigt. Wenn er einen der +Betroffenen eben verlassen hatte, rief ihn die Pflicht schon wieder zu +gleichem Zwecke ins Nebenhaus, und so fort. Ueberall Sterbende, +Schwerkranke oder der Genesung Entgegengehende, die der Aufsicht +bedurften. + +Aber jegliches, was er that, geschah in einer kurzen, schroffen, +gefühllosen Art. So kam es nicht selten vor, daß er die Boten der +Erkrankten mit dem barschen Bescheide abfertigte, sie müßten warten, er +sei auch nur ein Mensch, der einen Kopf und zwei Arme habe. + +Ein engeres Zusammenwirken zwischen ihm und seinem ausgesprochenen +Gegner, dem Pastor Nielsen, fand nicht statt. Sie bewegten bloß das +Haupt, wenn sie sich begegneten, und bedienten sich der +Zwischenpersonen, wenn sie sich etwas mitteilen mußten. + +Unter den geizigen und körperlichen Anspannungen war Prestö zu einer +Förderung seiner Verlobungspläne mit Imgjor, die eine Reise nach +Kopenhagen erforderlich machten, gar nicht gelangt, und wenn schon +dieser Umstand seine Laune zu der allerschlechtesten gemacht hatte, so +war seine Stimmung durch die Vorfälle der letzten Tage seine geradezu +feindselige geworden. + +Er behandelte in seiner Verstimmung die Kranken sehr rücksichtslos, sie +mußten büßen, worunter er litt. + +Plötzlich war alles über den Haufen geworfen. Die Mitteilungen, die ihm +von Imgjor geworden, hatten einen geradezu niederschmetternden Eindruck +auf ihn gemacht. Imgjor war die Tochter irgend eines Abenteurers und +keine Lavard; sie war bedroht mit dem Verlust alles dessen, was gerade +eine bestrickende Wirkung auf ihn ausgeübt hatte. + +So lange Imgjor der Glanz ihres ungeheuren Reichtums umgab, war's dem +Manne nicht schwer geworden, sein Gewissen zu beschwichtigen. Um solchen +Lohn glaubte er sich berechtigt, jener, die sein Wort hatte, einen +endgiltigen Absagebrief zu schreiben. + +Um der hohen Ziele willen, die Imgjor im Auge hatte, heiligte der Zweck +die Mittel! + +Nun aber stoppte er plötzlich wie ein vor ein Hindernis gestellter +Reiter. Alle bisherigen Beschwichtigungen verfingen nicht mehr, er sann +vielmehr, wie er sich, wenn Graf Lavard seine Drohungen wirklich wahr +machte, wieder von Imgjor zurückziehen könne. + +Selbst die Schönheit Imgjors, die ihn gereizt und zeitweilig seine Sinne +bereits zur höchsten Leidenschaftlichkeit angefacht hatten, sank nunmehr +zu einem Nichts herab. + +Ihren Enthusiasmus für die große Sache, der er nur aus +Selbstsuchtsgründen und rachsüchtigen Trieben Vorschub geleistet, die er +in ihrem Sinne als Thorheit bespöttelt hatte, belegte er nunmehr mit der +Bezeichnung einer Verrücktheit. Der Gedanke, sie ohne materiellen +Einsatz von ihrer Seite zu heiraten, gar ihren Schwärmereien +Gefolgschaft zu leisten, statt zu raffen, durch Geld und dadurch +gewonnene Macht zu herrschen, schuf eine solche Auflehnung in ihm, daß +er bereits überlegt hatte, ob er nicht ohne alle Versuche, den Grafen +Lavard umzustimmen, der Sache ein Ende machen und Imgjor erklären solle, +er könne nun doch die von ihr geforderten Beweise nicht beibringen. + +Freilich bedurfte es jetzt, da sie vor der Enterbung stand, eines klugen +Verhaltens. Vorläufig mußte er sich geben, wie bisher, mußte er in +Imgjor den Eindruck erhalten, daß seine Gesinnungen in keiner Weise +erschüttert seien. Ungleich regten sich neben diesen Erwägungen auch +wieder Gefühle eines ingrimmigen Verdrusses, so plötzlich um alle +glänzenden Hoffnungen betrogen werden zu sollen. Eine durch den Eintritt +wiedergekehrter, grenzenloser Habsucht hervorgerufene Unruhe +bemächtigte sich des Mannes, die ihn nach Mitteln suchen ließ, wie er +dennoch zum Ziele zu gelangen vermöge. + +Unter solchem Schwanken fiel ihm sein Gönner, Graf Knut ein. Vielleicht +konnte es möglich sein, wenigstens einen Teil des Vermögens, sofern +dessen Höhe der Mühe eines Kampfes wert sein würde, dem Grafen +abzuringen. + +Und da Prestö diese Pläne schließlich zum Entschluß erhob, so zögerte er +auch keinen Augenblick mit deren Ausführung. + +Einerseits richtete er ein Schreiben an Imgjor, in dem er sie um eine +abermalige Unterredung ersuchte, und andererseits bat er den Grafen Knut +in einem eilig beförderten Briefe, ihm eine solche nachmittags gewähren +zu wollen. + +Ohne Antwort zu empfangen, nähme er an, daß ihm der Graf diese +Vergünstigung gewähren wolle. + +Und von dem Eingang dieses Schreibens erzählte Graf Knut, des Grafen und +der Gräfin Meinung einholend, in Gegenwart von Axel und Lucile nach dem +zweiten Frühstück, und alle Teile wurden darüber einig, daß der Graf +diesem Ersuchen Folge leiten müsse. Man wolle hören, was Prestö zu sagen +habe. + +Alles, was einer Klärung der Angelegenheit dienlich sei, dürfe nicht von +der Hand gewiesen werden. Aber während noch dies stetig wieder in den +Vordergrund tretende, die Gemüter beschäftigende Thema behandelt ward, +regte sich ein neuer Gedanke in Axel, und ihn zur Ausführung zu bringen, +dadurch seinen geheimen Plänen Vorschub zu leisten, erfüllte ihn +solchergestalt, daß er das Herannahen der nächsten Stunden kaum +erwarten konnte. + +Sobald sich die Gelegenheit bot, begab er sich in seine Gemächer und +dann später, nachdem die dritte Stunde geschlagen, vom Arbeitshofe aus +ins Dorf hinab. + +Da Graf Dehn als Kind die drunten wütende Krankheit bereits überstanden +hatte, beschlichen ihn keine Bedenken. Zudem wollte er ein Haus +betreten, an das die Epidemie sich wenigstens bisher nicht herangewagt +hatte. Er wollte versuchen, von Prestös Wirtschafterin den Namen der +Braut ihres Herrn in Erfahrung zu bringen. + +Es war nicht undenkbar, daß ihr, die seine Briefe besorgte, dieser und +der Aufenthaltsort der Dame bekannt waren. + +Als Graf Dehn durchs Dorf schritt, fiel ihm auf, wie menschenleer es +war. Wie ausgestorben schien's. Nirgends ein rauchender Schornstein, +nirgends jemand auf der Dorfstraße oder auf den Höfen. + +Nur einmal bemerkte er ein tiefgebeugtes, altes Mütterchen, das aus +einem Bauernhause heraustrat und ein Gefäß an der Pumpe ausspülte. Und +nicht einmal emporschauend, schritt sie sogleich und in einer Art +zurück, die ihr beschäftigtes Gemüt verriet. + +Und noch ein menschliches Wesen, der Postbote, kam ihm später und gerade +dann entgegen, als er die Wohnung des Doktors erreicht hatte. + +Den ehrerbietigen Gruß des Mannes erwidernd, entfuhr Axel unwillkürlich +die Frage nach Briefen fürs Schloß. Er empfing auch solche für die +Herrschaften, sah überdies Posteingänge für Prestö in der Hand des +Angestellten und trat, nachdem er solche ebenfalls abzugeben sich +erboten, in Prestös Haus ein. + +Da war alles still. Er suchte sich bemerkbar zu machen, und als dies +erfolglos blieb, wandte er sich dem hinteren Ausgang in der Hoffnung zu, +die Alte entweder auf dem Hofe oder im Garten zu finden. Und da er +dadurch verhindert wurde, sich weiter ins Innere der Wohnung zu begeben, +steckte er, mechanisch handelnd, vorläufig die Postsachen in seine +Rocktasche. + +Und dann erspähte er hinten im Garten die alte Frau, welche beim +Kartoffelaufnehmen beschäftigt war, und näherte sich ihr. + +Nachdem sie sich bei seinem Anblick aus ihrer gebückten Stellung +erhoben, die erdigen Hände an der Arbeitsschürze abgewischt und ihn +freundlich begrüßt hatte, sagte Graf Dehn, gleich ohne Einleitung aufs +Ziel steuernd: + +„Ich komme mit einer Frage, gute Frau Madsen: Können Sie mir vielleicht +sagen, wie des Herrn Doktor Prestös Braut heißt? Sie haben gewiß +bisweilen Briefe nach dem Postkasten am Wirtshaus unten im Dorf getragen +und kennen ihren Namen —“ + +„Seine Braut? Ja, das weiß ich nicht. Aber er schreibt allerdings ab und +zu an ein Fräulein. Sie heißt — sie heißt — Ingeborg Jensen.“ + +„Hm — Danke! Und die Adresse? Es handelt sich um eine kleine +Ueberraschung vom Schloß, deshalb frage ich bloß —“ + +„Adresse? Adresse? Ja, da kann ich mich allerdings nicht darauf +besinnen. Aber sie wohnt bei einen Etatsrat Estrup in Kopenhagen. Das +steht mit drauf.“ + +„So, so, schön! Das genügt, meine gute Frau Madsen. Und sagen Sie dem +Doktor gar nicht, daß ich gefragt habe, daß ich hier war! Es ist wegen +der Ueberraschung. Sie verstehen?“ + +Und die Alte nickte, und nachdem ihr Axel ein Geldstück in die Hand +gedrückt und sie noch einiges über den Gesundheitszustand im Dorf +gefragt hatte, nahm er Abschied. + +Als er die Straße hinabschritt, klopfte ihm ungestüm das Herz, und als +er wieder in sein Zimmer gelangt war, schrieb er zur Sicherheit sogleich +auf, was er erkundet hatte. Bei dieser Beschäftigung kam ihm auch die +Erinnerung an die Briefschaften, die er dem Postboten abgenommen, und +dabei zugleich, daß er nun doch vergessen hatte, die für Prestö +bestimmten Eingänge an die Alte abzuliefern. + +Er zog eilig alles aus der Tasche, legte die Briefschaften für Lavards +für sich und schob das mit einem Bindfaden verknüpfte Bündel Zeitungen +für Prestö bei Seite. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, daß auch +Briefe vorhanden waren, und als Graf Dehn solche zur besseren Bergung +berührte, sah er, daß auf der Rückseite der Name Ingeborg Jensen als +Absenderin vermerkt war. + +Und da zitterten des Mannes Hände, und seine Brust hob sich in heftiger +Erregung. + +Wie nun, wenn er sie um des Zweckes willen öffnete und ihren Inhalt las? + +Aber ein Briefgeheimnis verletzen, dadurch abermals Imgjor einen Anlaß +geben, ihn einer unkavaliermäßigen Handlung zu zeihen? + +Und doch war ihm durch diesen Zufall das Mittel in die Hand gegeben, mit +einem Schlage völlige Klarheit in die Verhältnisse zu bringen. + +Axel hatte die Abrede getroffen, mit Lucile zwischen vier und sechs Uhr +eine Spazierfahrt nach einem der südlich gelegenen Vorwerke zu +unternehmen. + +Er sah nach der Uhr. Die Zeit war gekommen. Er mußte sich hinaufbegeben. + +Noch in solchem inneren Zwiespalt befangen, begab er sich, vorher die +Briefe in seiner Brusttasche bergend, zu Lucile, bestieg mit ihr das +beide bereits erwartende Gefährt und kutschierte, es selbst lenkend, aus +dem Schloßhof hinaus. + +Und als sie dann jenen Weg erreicht hatten, den Axel damals bei seiner +Ankunft beschritten, trat plötzlich Imgjor aus dem Hause desselben Alten +heraus, der Axel an jenem Mittag das Gepäck getragen hatte. Ein kalter +Blick traf beide, als sie sie freundlich vom Wagen herab grüßten. + +Nach dem Ball hatte sich Imgjor nicht mehr unten sehen lassen. Sie nahm +die Mahlzeiten in ihrem Zimmer ein, sie war gegenwärtig mit einer im +Gewahrsam befindlichen, ihres Schicksals wartenden Persönlichkeit zu +vergleichen. + +Auch an jenem Abend war sie, zum Verdruß all' der jungen Herren, die sie +wie Planeten umkreisten und um ihre Gunst zu werben suchten, nicht +wieder zum Vorschein gekommen. + +„Wenn ich mir diese ganze Angelegenheit überdenke,“ hub Lucile an, +„will's mir nicht wie Wirklichkeit, sondern wie ein Roman erscheinen. +Meine Schwester ist nicht meiner Mutter Kind! Mein Vater führt die +Entlarvung ihrer Geburt herbei! Ich sehe die Möglichkeit, Imgjor +wirklich zu verlieren, sie hinausgehen zu sehen in die Welt als +Predigerin des Umsturzes, zugleich als Frau eines Prestö, eines +rachsüchtigen Fanatikers, eines Unwürdigen! Heute zweifeln Sie doch auch +nicht mehr daran, daß der Mensch ein solcher ist, Graf Dehn?“ + +Zunächst wich Axel Luciles Fragen noch aus. Er wünschte einen anderen, +ruhigeren Ort zu erreichen, um Lucile Mitteilungen zu machen. Erst als +sie das Vorwerk erreicht hatten und sie hier in einen altmodisch +bestellten, hinter dem Wirtschaftshaus befindlichen Garten traten, sagte +er nach schicklicher Einleitung: + +„Ich möchte Ihnen etwas sagen, Komtesse! Ich möchte Sie bitten, mir zu +raten —“ + +Und dann eine von Ulmen eingefaßte Höhe besteigend und Lucile zum +Niedersitzen auf einer hier befindlichen Bank auffordernd, berichtete er +ihr, nachtragend, nicht nur von dem Gespräch, das zwischen ihm und +Imgjor am Ballabend stattgefunden hatte, sondern auch von dem, was heute +im Dorf geschehen war. + +Seinem Vortrage hörte Lucile mit größter Spannung zu, und währenddessen +verrieten ihre Mienen nichts anderes, als ein sachliches Interesse. + +Als Graf Dehn aber die Frage aufwarf, ob es zur möglichen +Wiedergewinnung und Umkehr Imgjors nicht Pflicht sei, den Inhalt der +Briefe zu untersuchen, schüttelte sie den Kopf mit einer Miene, in der +ausgedrückt war, daß sie den bloßen Gedanken schon nicht begreifen +könne. + +Aber noch etwas anderes kam in einem deutlich erregten, Luciles +sonstigem ausgeglichenem Wesen nicht entsprechendem Tone zum Vorschein. + +„Sind Sie denn noch immer nicht kuriert, Graf Dehn? Ich sollte denken, +daß Ihnen nach solchen Erklärungen doch der Geschmack vergehen und — +pardon — Ihr Selbstgefühl Sie zurückhalten sollte, um meine Schwester zu +werben! Sie wissen, wie ich über Imgjor, die ich auch ferner als mir +zugehörig ansehe, denke. Mein Urteil über sie hat sich nicht verändert +und kann sich nicht ändern, aber daß Sie beide nach all' diesen +Vorgängen nicht für einander passen, daß Sie ebenso unglücklich werden +würden, wie sie es mit Prestö sicher wird, erscheint mir ganz +zweifellos.“ + +Graf Dehn wurde durch diese Sprache sehr betroffen, so betroffen, daß er +nicht einmal zu einem ausgleichenden, seine Empfindungen klarstellenden +Gegenwort gelangte. + +Was er sich bei früherer Gelegenheit wieder aus dem Sinn geschlagen, war +in ihm diesmal zur Gewißheit geworden: Ein eifersüchtiges Interesse für +seine Person hatte Lucile sprechen lassen! Aber er sagte sich auch, daß +er eine große Thorheit begangen habe, sie abermals in seine Pläne +einzuweihen, ja, daß er, da es geschehen, fortan auf Rankholm — ohne +Luciles Freundschaft — einen unhaltbaren Stand haben werde. + +Unter solchen Gedanken suchte Graf Dehn vergeblich nach einem Ausgleich. + +Seiner Neigung und seinen Entschlüssen untreu zu werden, weil ein +anderes weibliches Wesen ihn deshalb verurteilte, konnte nicht einmal +Gegenstand seiner Ueberlegung sein. + +Freilich hatte sich auch inzwischen wieder in Lucile eine Wandlung +vollzogen. + +Sie, die Stolze, die ihre Hand nur nach einer Fürstenkrone hatte +ausstrecken wollen, bereute, sich so vergessen, sich so vor ihm +bloßgestellt zu haben. Sie mußte deshalb darauf bedacht sein, ihm so +rasch wie möglich die Eindrücke zu nehmen, die sie aus ihrer von ihrem +Herzen gedrängten Unvorsicht in ihm hervorgerufen hatte. Niemals sollte +er ein Recht haben, zu glauben oder gar zu behaupten, daß sie sich ihm +genähert, durch ihre Haltung um ihn geworben habe. Mit diesem +Augenblick, den er nicht benutzt hatte, ihr wenigstens einen Brosamen zu +gewähren, erstickte sie mit ganzer Kraft ein für allemal ihre Gefühle +für ihn, zwang sie sich, ihrer Natur aber auch insofern zu gebieten, als +sie ungerechte oder gar feindliche Gesinnungen gegen den Mann, der sie +verschmäht hatte, nicht aufkommen lassen wollte. + +Infolgedessen sagte sie, sich zu äußerster Sachlichkeit auch im Ton +zwingend: + +„Mißverstehen Sie mich nicht, Graf Dehn! Wir würden an sich alle sehr +glücklich sein, wenn Sie uns durch eine Verbindung mit Imgjor so nahe +wie möglich rückten, wenn unseren bereits vorhandenen, warmen +Beziehungen noch dieser Stempel aufgedrückt würde. Ich habe Sie nur in +ihrem Interesse warnen wollen, nicht einem Phantom nachzujagen. Wenn +Imgjor Ihnen dennoch ein Jawort geben würde, Sie vor schweren +Enttäuschungen zu behüten. Ich will trotz meiner Ansichten, wenn Sie es +wünschen, dennoch Ihre Verbündete sein. Nur stehen Sie davon ab, in +solcher Weise den Knoten lösen zu wollen! Das, eben das würde eine +Imgjor mit ihrem sein ausgeprägten Gerechtigkeitssinn Ihnen nie +verzeihen. Es ziert Sie nicht. Nur einen Weg gäbe es — und daß wir ihn +beschritten haben, müßte ein unverbrüchliches Geheimnis zwischen uns +bleiben. Wir könnten Imgjor die Briefe zustellen. Sie mag dann thun, was +ihr gutdünkt.“ + +Durch diese Worte wurde Graf Dehnaufs angenehmste berührt. Während er +sich schon der kummervollen Befürchtung hingegeben hatte, daß sie ihm +seine Zurückhaltung mit Feindseligkeit lohnen werde, baute sie Brücken +zu ihm, die von neuem von ihrer Klugheit, ihrem Takt, ihrer Erziehung +und ihrer vornehmen Gesinnung Zeugnis ablegten. + +Aber deshalb ward er auch gedrängt, nichts Unklares mehr zwischen +ihnen bestehen zu lassen, auch seinerseits zu festen, guten +Freundschaftsbeziehungen durch offene Bekenntnisse beizutragen. + +„Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzem Herzen, Komtesse,“ hub er an. + +„Und gestatten Sie, daß ich auf alles, was Sie berührt haben, eine +freimütige Antwort erteile. Unter normalen Verhältnissen würde mir +wahrlich niemals auch nur der Gedanke kommen, ein Schriftgeheimnis zu +verletzen. Ich betrachte es, gleich Ihnen, als ein Vergehen. Aber wir +dürfen, wo es sich um die Wohlfahrt eines uns nahegehenden Menschen +handelt, um ein Wesen, daß wir in dem Sinne lieben, daß wir unser +eigenes Leben ihm opfern würden, Anschauungen und Bedenken, die sich uns +sonst durch unsere Grundsätze aufdrängen, nicht aufkommen lassen. Wie im +Kriege niemand die äußerste List verwerflich finden wird, um den Feind +zu bezwingen, so giebt's Lebensverhältnisse, wo Gewohnheitsanschauungen +zurücktreten müssen. + +Ein Mann wird ein junges Mädchen nicht plötzlich umfangen und an sich +pressen. Aber wenn es ins Wasser stürzt und die Fluten über ihm +zusammenschlagen, hat der Retter das Recht zu einer solchen Berührung. + +Also die Umstände entscheiden über die Handlungen. Die Dinge sind eben +das, wozu jene sie machen und was wir durch unsere Auffassungen in sie +hineinlegen. + +Ich sage das alles, weil ich gerade von Ihnen — die meinem Herzen nach +Imgjor am nächsten unter den Frauen auf der Welt steht — verzeihen Sie +mir diese offene Sprache! — nicht falsch beurteilt werden will. + +Und dann noch eins: Mich treiben mein Mitgefühl und meine Pflicht. Sie +stehen mir über der Sicherheit, dadurch gerade alles, was ich wünsche, +begraben zu müssen. + +Mein Herz zittert schon, wenn ich denke, daß dieses schöne, edle, nur +falsch beratene Mädchen unglücklich werden, daß sie einst weinen und +schluchzen, daß ihre Seele in Nöten liegen könnte, daß ihr wirklich die +fürchterliche Enttäuschung würde, die ich fürchte. Ein Mensch, wie +Prestö, wird sein Weib, wenn es sich ihm nicht willenlos unterordnet, +knechten, gar mißhandeln! Ich stelle mir vor, daß er solches thun +könnte, und mein Inneres schwillt unruhvoll auf in grenzenloser Sorge +und Mitleid um sie. Ich kann's nicht ändern. Ich liebe sie mit heißer +Zärtlichkeit, und eben diese meine Liebe läßt mich handeln. Ich danke +Ihnen im übrigen für Ihre Zustimmung. Vielleicht können wir die Briefe +in ein Kouvert stecken, es mit verstellter Hand überschreiben und Imgjor +zustellen.“ + +Aber Lucile bewegte bei diesem Vorschlag die Schultern und zeigte eine +zweifelnde Miene. Er gefiel ihr nicht. + +„Nein, ich möchte anders raten, lieber Graf,“ hub sie an. „Was Sie +vorschlagen, kann einen Verdacht auf Personen lenken, die +gänzlich unschuldig sind. Das Verfahren kann auch dem Postboten +Unannehmlichkeiten bereiten. Ich meine so: Ich gehe zu meiner Schwester, +sage ihr, daß Briefe für Prestö mit in unsere Post geraten seien, und +überlasse es ihr, durch Oeffnen ihr Schicksal zu entscheiden oder sich +zu bescheiden. Freilich ist auch das nicht ganz der Wahrheit +entsprechend, aber wir handeln so am ehrlichsten.“ + +„Ja, so ist es gut, so ist's noch besser, Komtesse! Auch dafür danke +ich Ihnen!“ stieß Graf Dehn belebt und einen Blick ehrerbietiger +Bewunderung auf das junge Mädchen richtend, heraus. + +„Immer entscheiden Frauen richtig!“ + +Ungleich beugte sich Graf Dehn auf Luciles Hand herab und drückte einen +Kuß darauf. Und Lucile schoß, obschon sie dagegen kämpfte, ein Blutstrom +in die Wangen, und sie zitterte heftig. + +Sie liebte den Mann, und sie litt, weil er sie verschmähte, schwere +Qualen. + + * * * * * + +Wieder saßen sie alle abends im Schlosse Rankholm beisammen, und +abermals war von nichts anderem die Rede als von Imgjor. + +Und jetzt beschäftigte sie ausschließlich der Inhalt der Unterredung, +die zwischen dem Grafen Knut und Prestö stattgefunden hatte. Jetzt eben +erhob sich nach sehr lebhaften Erörterungen Graf Lavard und sagte, +zugleich diese Gelegenheit zu einem Bekenntnis ergreifend: + +„Gewiß! Als ich neulich Imgjor in solcher Weise begegnete, riß mich der +Zorn hin, und im Zorn traf noch niemand das Rechte. Aber ich erkläre +auch jetzt aufs Entschiedenste nochmals, daß ich auf meinen Bedingungen +beharre. Also das, lieber Graf, ist meine, durch nichts zu +erschütternde Antwort. Und Herrn Prestö nochmals oder jemals überhaupt +wieder zu empfangen, lehne ich definitiv ab! Und nun, liebe Merville, +bemühen Sie sich zu Komtesse Imgjor hinauf und bitten Sie sie, zu +erscheinen. Sie soll hören, was ich zu erwidern habe, und ich will nun +gleich ihr letztes Wort vernehmen —“ + +Aber jetzt erlaubte sich Graf Dehn auf den Grafen einzusprechen. + +Indem er sich der vollen Kunst seiner Gewandtheit bediente, bat er ihn +inständig, heute noch keine Entscheidung zu treffen, Imgjor noch eine +größere Frist zu gewähren. Er wisse, daß erst in diesen Tagen Imgjor +Aufklärungen über das Verhältnis Prestös zu seiner bisherigen Braut +empfangen werde. Imgjor sei deshalb noch gar nicht in der Lage, eine +bejahende oder verneinende Antwort zu erteilen. Und zum Grafen Knut +gewendet, den immer noch ein Interesse für Prestö beherrschte, und der +solches auch bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt, fragte er: + +„Hat Ihnen Prestö nicht auch dergleichen gesagt, Herr Graf? Oder hat er +behauptet, daß seine Beziehungen zu seiner Braut völlig gelöst seien?“ + +„Nein und ja,“ entgegnete der Graf. „Es war dies der einzige Punkt, der +mich etwas stutzig machte. Er entgegnete auf meine Frage, ob er Komtesse +Imgjor unter allen Umständen heiraten wolle, daß er darauf heute nicht +antworten könne. Ohne Zustimmung der Eltern sie aus dem Hause zu reißen, +widerstrebe doch seinem Empfinden —“ + +„Ah — ah — oder vielmehr seiner habsüchtigen Seele!“ fiel Graf Dehn +verächtlich ein. + +„Also eine Hinterthür läßt er sich doch offen! Wahrlich, Sie handeln +lediglich in Komtesse Imgjors Interesse, wenn Sie, ihr jeden +Vermögensanspruch verweigern zu wollen, vorgeben, Herr Graf —“ hier +wandte sich Axel an den Hausherrn. „Ich möchte jetzt beinahe einen Eid +darauf ablegen, daß Prestö selbst zurücktritt.“ + + * * * * * + +Im Rankholmer Schloß lagen, wie früher erwähnt, die dem täglichen +Gebrauch dienenden Gesellschaftsgemächer nach der Parkseite hinaus. Im +Flügel zur Linken, wo im Zwischenturm Imgjor wohnte, dehnten sich die +Festräume, und im Flügel rechts, ebenfalls mit dem Ausblick nach +Kneedeholm, befanden sich die Privatzimmer des Grafen. + +Als Lucile in der Absicht, Imgjor die Briefe von Prestös Braut +einzuhändigen, vor dem Abendessen aus ihrem Zimmer trat, gab ihr der ihr +begegnende Frederik auf ihre Frage, ob sich die Komtesse auf ihrem +Zimmer befinde, die Antwort, daß sie nach Tisch das Schloß verlassen +habe und noch nicht zurückgekehrt sei. Aber während Lucile nach +Frederiks Entfernung noch unschlüssig dastand, tauchte gerade Imgjor, +welche die Haupttreppe von der Schloßhofseite her emporgestiegen war, +auf dem Flur auf. Sie begrüßte Lucile durch eine kurze Verneigung des +Kopfes, wandte sich dann aber sogleich, ohne Anrede, dem Korridor zu. + +„Ich möchte dich gern sprechen, Imgjor!“ hub Lucile, sich Imgjor +nähernd, an. + +„Wenn's dir genehm ist, treten wir in mein Zimmer — Ich bitte —!“ + +„Was ist denn?“ fiel ihr Imgjor in einem müden Ton in die Rede. „Willst +du mich auch belehren, Lucile? Es ist besser, du stehst davon ab! Ich +kann dir und euch allen jetzt keine Antwort erteilen. Jedes Sprechen ist +nutzlos. Heute werde ich Prestö sehen, und von dem Ausfall seiner +Erklärungen ist die abhängig, welche ich euch geben werde.“ — Und dann +in einem veränderten Ton: „Ach — glaube mir, Lucile — ich leide! Ich +nehme die Dinge nicht leicht, ich bestehe einen schweren Kampf. Aber ich +kann doch nicht anders!“ + +Und dann brach sie in ein stilles Weinen aus — auch lehnte sie sich +plötzlich — des Ortes nicht achtend — an Luciles Brust. + +„Komm, Imgjor, meine Imgjor! Nicht hier! Tritt zu mir herein! Wir wollen +dort weitem reden. Ah — ah — wie du fassungslos bist! Arme, liebe +Seele!“ + +Unter solchem Zuspruch zog Lucile Imgjor ins Wohngemach, hieß sie dort +sich ans Fenster setzen, rückte gleichfalls einen Stuhl herbei, ergriff +der noch immer heftig Schluchzenden Hände, hielt sie fest und sah ihr +liebevoll in die Augen. + +„Ich bitte dich —“ redete sie auf sie ein — „sprich dich einmal +ordentlich aus! Sieh mich an als deinen besten Freund! Wahrlich, +Imgjor, ich denke nichts anderes als dein Glück. Aber sei gerecht! Thust +du nicht selbst alles, um es zu verscherzen?“ + +„Ich muß so handeln, wie meine Natur es verlangt, Lucile! Ja, wenn's +etwas Schlechtes wäre! Ich will aber doch nur Gutes. Und daß ich den +Doktor liebe, kann ich dafür? Man folgt seinem Trieb und Herzen, und +soviel man auch Vernunft zu Hilfe nimmt, man vermag ihrer Gewalt nicht +zu widerstehen. Was ich will, sagte ich dir: Ich will Prestö nochmals +auffordern, mir die Beweise zu geben, daß er frei ist. Ich will ihn +fragen, ob er auch dann zu mir halten will, wenn mich Papa verläßt. — In +allen Fällen reise ich, wenn er es erlaubt, mit euch nach Kopenhagen. +Wer weiß, ob sich mein Schicksal nicht bereits heute entscheidet. Ich +bin — plötzlich — selbst — irre — geworden. — Vielleicht liebt er mich +gar nicht — wollte er nur mein Geld — wie all' die anderen —“ + +Abermals brach die Stimme, abermals kürzten Thränen aus den Augen des +schönen Mädchens. + +Die Rinde, die sich um ihr Herz gelegt hatte, war geborsten. + +Nun, in diesem Augenblick glich sie einem bedrückten Kinde, das ganz +Gefühl ist, das nach Trost und Hilfe sehnsüchtig verlangend die Hände +ausstreckt. Die Starrheit, der Trotz, der unbeugsame Wille waren +gebrochen. + +Und da schien denn Lucile der Augenblick gekommen, um mit ihren Plänen +hervorzutreten. + +Indem sie Imgjor zärtlich in die Arme nahm, sagte sie: + +„Höre, Imgjor, was ich dir sagen wollte, und lasse mich dir +wiederholen, wie wir alle übereinstimmend denken: Papa wird dir +keinerlei Hindernis in den Weg legen, auch in Ankunft dein edles +Menschentum zu bethätigen. Er will nur nicht, daß du dich in den Dienst +jener Beglückungsideen stellst, die er und die alle Ruhigdenkenden als +verderbliche betrachten. Von Prestö haben wir sämtlich, auf unsere +Eindrücke gestützt — ich wiederhole dir's — die ungünstigste Meinung. +Die Unterredung zwischen ihm und Graf Knut ist resultatlos verlaufen. +Papa will sich auf nichts einlassen. Dich nun also zu überzeugen, daß +Prestö deiner nicht wert, halten wir für unsere Pflicht und Aufgabe. +Unsere Liebe diktiert unsere Schritte. Ich bin zufällig in den Besitz +von Zuschriften gelangt, die Prestös Braut an ihren Verlobten gerichtet +hat. Sie sind durch den Briefträger zwischen unsere Postsachen geraten. +Das junge Mädchen heißt doch Ingeborg Jensen, nicht wahr?“ + +„Ja — ja — gewiß! Allerdings! Und du hast diese Briefe? Und du hast sie +gelesen?“ + +„Nein, Imgjor, ich habe sie nicht geöffnet. Ich fand sie, wie gesagt, +und nahm sie an mich und behielt sie, da ich den Namen Ingeborg Jensen +aus Kopenhagen als Absenderin darauf vermerkt fand. Auch das trifft zu, +nicht wahr? Sie ist doch in Kopenhagen?“ + +Imgjor rückte den Oberkörper und nickte. Ihre Hände aber griffen, indem +sie die Frage Luciles stumm bestätigte, nach den Schriftstücken. — + +„Sieh', Imgjor, wenn du sie öffnet, so wirst du erfahren, wie die Dinge +liegen; du wirst wissen, ob Prestö dich täuschte — oder ob er wenigstens +in diesem Punkte ehrlich war. Ich rate: Lies sie und darnach entscheide! +Mir ahnt es — diese Probe wird dich heilen!“ + +Zunächst gab Imgjor keine Antwort. Nur Laute der Erregung drangen aus +ihrem Munde. + +„Also doch — doch — in Kopenhagen, und mir sagte er —“ stieß sie gegen +ihren Willen heraus. Dann prüfte sie, ihre Thränen trocknend, das +Kouvert und den Absendervermerk und sagte nach kurzem Nachdenken fest: +„Nein, Lucile, niemals werde ich fremde Briefe öffnen! Wenn ich mich +solcher Mittel bediene, bin ich der Freundschaft eines Ehrenmannes nicht +wert. Ich halte Prestö auch jetzt noch für einen solchen, wenn er auch +vielleicht um seiner Liebe, um der höheren Zwecke willen, mir mehr +beschwichtigende, als wahre Erklärungen gegeben hat. Vielleicht wußte +er's selbst nicht besser; vielleicht glaubte er, daß seine Braut nicht +mehr in Kopenhagen sei. + +Aber ich will etwas anderes thun: Ich will ihn auffordern, die Briefe in +meiner Gegenwart zu öffnen und mir vorzulesen. + +Ist er der, für den ich ihn halte, entspricht ihr Inhalt dem, was ich +voraussetze, so wird er keinen Augenblick zögern, meiner Aufforderung zu +entsprechen. — Sträubt er sich aber — nun so —“ Sie unterbrach sich, +richtete den Blick geradeaus und schluchzte: + +„O, lieber Gott, erlöse mich doch von diesen fürchterlichen Zweifeln! +Zeige mir den rechten Weg!“ + +Und wieder innehaltend und Lucile mit einem traurigen Blick anschauend, +sagte sie: + +„Nicht wahr, Lucile, du liebst den Grafen Dehn? Ich bitte dich, schenke +mir dein Vertrauen, sei auch du so aufrichtig, wie ich es in dieser +Stunde gegen dich gewesen bin!“ + +„Weshalb befragst du mich darum, Imgjor?“ + +„Weil ich diesen Mann niemals heiraten werde, ihn aber doch für so +wertvoll halte, daß ich ihn dir von ganzem Herzen gönne. Nähere dich +ihm, suche sein Herz! Ich will dir dadurch helfen, daß ich entweder +Prestös Gattin werde oder mich euch für immer entziehe. Mir bleibt dann +ein anderer, herrlicherer Bräutigam. Mein Bräutigam soll —“ hier flammte +des Mädchens Auge begeistert auf — „auch ferner die leidende Menschheit +sein! Kann ich nicht im Großen wirken, so will ich ein Freund, ein +Retter, ein Helfer der verschämten Armen, der vielen Elenden und Kranken +werden. Ich will zu denen mich begeben, von denen ich ausging. War mein +Vater ein Mann aus dem Volke, sank er, — einer von den Tausenden, welche +Elend und verkehrte Erziehung auf Abwege führten —, so will ich +versuchen, meine gleich bedrängten Mitmenschen vor Gleichem zu bewahren, +will als Kind meiner Eltern in solcher Weise ihre Fehler nach Kräften +sühnen. Ich weiß, der gerechte und barmherzige Schöpfer wird mir +zulächeln, wird meine That mit Erfolg krönen! Und ich bitte dich, +Lucile, gieb mir Antwort auf meine Frage: Liebst du Axel Dehn —?“ + +Einen Augenblick zögerte Lucile noch. Sie schob den Kopf zurück und +drängte die Lippen zusammen. Dann sagte sie: + +„Nun wohlan, Imgjor: Ja, ich liebte ihn! Aber er hat mich nicht gewollt, +mich gar zurückgewiesen. Und das vergißt eine Lavard nie! Verschmähst du +ihn — ich habe seit dem heutigen Tage für immer auf ihn verzichtet —“ + +Imgjor sah Lucile an und forschte in deren verschlossenen Zügen. + +Blässe war auf ihre eigenen Wangen getreten. Es blieb unentschieden, was +sie dachte, wie die Worte Luciles auf sie gewirkt hatten. Bevor sie sich +aber trennten, umarmte sie ihre Schwester in heftiger Bewegung, neigte +sich zu ihr und küßte sie wie ein Mensch, den das Uebermaß des Gefühls +verhindert, zu reden. + + * * * * * + +Am nächsten Spätnachmittage empfing Imgjor, im Einverständnis mit ihrer +Mutter, den Doktor Prestö im Wegwärterhäuschen. + +Heute eilte sie ihm nicht entgegen. Sie saß, das Haupt auf die Hand +gestützt, am offenen Fenster und starrte hinaus. Einer bemerkte sie, +Graf Dehn. Wissend, daß heute die Zusammenkunft mit Prestö stattfinden +werde, hatte er sich nach einem vorhergegangenen Spaziergang dahin +begeben, und sah Imgjor dort sitzen. — + +Prestös Eintritt entriß sie ihren trüben Gedanken. Unruhig ging's durch +ihre Glieder, ihr Herz klopfte stürmisch. Sie wußte es, daß jetzt die +Entscheidung kommen würde. + +Aber in Prestö war bereits alles gefestigt. Das unbedacht geschlossene +Bündnis wieder zu lösen, beschäftigte ihn allein. + +Graf Knut hatte ihm einen Brief gesandt. Durch dessen Inhalt war er +belehrt worden, daß Imgjor nichts zu erwarten habe, daß ihm die Zukunft, +hielt er an ihr fest, eine unerträgliche Last aufbürden werde. + +In solcher inneren Verfassung hatten beider Mienen etwas äußerst +Unfreies. Prestö knüpfte sogleich an die Zeilen des Grafen Knut an. Er +erzählte ihr, was sie schon von Lucile wußte, und gab sich sehr +bedrückt. + +„Was ist uns Geld und Gut, wenn wir einigen Herzens sind, Erik!“ fiel +Imgjor ein. + +„Gewiß, den großen Zielen, die wir verfolgen wollen, ist ein Hemmschuh +angelegt. Aber es bleibt uns das lebendige Wort für die Sache, dadurch +für das große Werk zu wirken, es zu fördern!“ + +„Wirst du aber gegen den Willen der Deinigen dich aufraffen können, +Imgjor? Wird dir nicht die Reue kommen? Alle Brücken brichst du hinter +dir ab! Hier in Kneedeholm können wir nicht bleiben. Ich muß erst einen +neuen Wirkungskreis suchen, wieder einen Erwerb finden. Dann erst können +wir an eine Verbindung denken. Was willst du in der Zwischenzeit +beginnen? Wir sollen beide leben! Ich bin ohne Mittel! Deshalb betonte +ich die Notwendigkeit, deinen Adoptivvater wenigstens zur Herausgabe +eines Bruchteils seines Vermögens zu bewegen. Nach des Grafen Knut +Bericht wird er sich dazu nicht verstehen. Was aber soll dann werden?“ + +Imgjor hatte Prestö mit starrem Ausdruck zugehört. So kalt, so nüchtern, +so voller Bedenken hatte er gesprochen, so gefühllos das alles +vorgebracht! So ganz anders hatte nun, da sie ein armes Geschöpf war, +ärmer als irgend eine Bauerstochter in Kneedeholm, seine Rede gelautet! +Statt der bisherigen stürmischen Worte, statt des zärtlichen Flehens, +statt der Beteuerungen und Bitten, ihm zu folgen, ihm zu glauben und zu +vertrauen, alles leicht zu nehmen, nur ihr künftiges Glück und die +großen Ziele ins Auge zu fassen — saß nun ein feiger Schwächling ihr +gegenüber. Ach, noch weit mehr! Und diese furchtbare Erkenntnis trieb +ihr das Blut gegen das ohnehin erregte Herz. + +Jedes Wort hatte die Absicht verraten, sie so rasch wie möglich wieder +von sich abzuthun, rückgängig zu machen, was er hundertfältig beteuert +hatte. + +Dennoch beschloß sie, zu ihrer völligen Heilung den Becher auszukosten. + +Sie sprach, sich zur Fassung und zu einem freundlichen Gleichmut +zwingend: + +„Ich denke anders als du, Erik! Liebe kennt keine Berge und Abgründe. +Sie überwindet alles. Ich würde jegliches geduldig auf mich nehmen, +wüßte ich mir dadurch den Sieg zu erringen. Aber du bist nicht frei, es +sei denn, daß der Inhalt dieser Briefe —“ hierbei zog sie die +Zuschriften seiner Braut hervor — „Klarheit in deine Angelegenheit +bringt.“ + +Nachdem sie dies vorausgesandt, auch gleich eine Erklärung hinzugefügt +hatte, auf welche Weise sie in den Besitz der Schriftstücke gelangt sei, +bat sie ihn, sie zu öffnen und den Inhalt vorzulesen. + +Mit Augen, die nur zu deutlich seine ungeheure Verwirrung verrieten, sah +Prestö auf die beiden Briefe. Aber ebenso rasch umspielte ein +verächtlich überlegener Zug seine Lippen. + +„Das ist gar nicht Ingeborgs Handschrift. Sicher hat ein Schuft irgend +ein Bubenstück ersonnen, darauf berechnet, deine Meinung über mich irre +zu führen! Und ein sehr plumpes ist es zudem, da diese Briefe von +Kopenhagen adressiert sind, während meine Braut, wie ich dir sagte, gar +nicht mehr dort ist, sondern sich irgendwo in Frankreich befindet.“ + +Im ersten Augenblick wurde Imgjor bei dieser sicheren Sprache stutzig. +In ihrem Herzen wollte es noch einmal aufkeimen; der niederschmetternde +Eindruck seiner kühlen Sprache von vorhin wich, eine selige Hoffnung +bemächtigte sich ihrer. Aber dann sah sie ihm wieder ins Angesicht, und +was sie darin erblickte, das belehrte sie ebenso rasch eines anderen. + +Er öffnete, da er sich durch ein Erheben unbeobachteter glaubte, mit +derselben Unruhe, die sie vorher an ihm wahrgenommen, einen der Briefe, +und sie sah in seinen Zügen ein jähes Erschrecken schon beim Lesen der +ersten Zeilen. + +Und da kam ihr ein Entschluß! + +Durch eine zutraulich gelassene Miene von ihm die Erlaubnis zum Studium +des Schreibens erzwingend, löste sie das Kouvert, nahm das mehrere +Seiten umfassende Schriftstück heraus und durchflog den Inhalt. + +Und als sie dann die Lektüre beendet hatte und in demselben Augenblick +Prestö, die Komödie fortsetzend, in Worten der Empörung über den Grafen +Dehn ausbrach, sprang Imgjor, ihrer Empfindungen nicht mehr Herr, empor +und richtete einen von Verachtung erfüllten Blick auf den Mann. + +„Genug, genug! Nicht noch mehr des fürchterlichen Spiels der Lüge und +der Vernichtung meines Herzens!“ brach's aus ihrem Munde hervor. „Füge +der Schändlichkeit der doppelten Untreue, der Berechnung und unlauteren +Gesinnung, füge der Entwürdigung deiner selbst nicht noch eine neue +hinzu! — Wisse denn: Diese Briefe sind keine Fälschungen! Den Betrug, +die Verworfenheit begingst du, indem du ihre Echtheit leugnetest! Das, +was hier geschrieben steht, was durch die Thränen eines fürchterlichen +Schmerzes fast verwischt wurde, ist das unverfälschte Produkt der +Zuckungen einer verratenen Seele. Dennoch hätte ich dir das vergeben, +dennoch wäre ich friedlich von dir geschieden, dennoch wärest du ohne +Vergeltung durchs Leben gegangen, wenn du nicht jetzt, in dieser heilig +ernsten Stunde, mit solcher Larve mich zu betrügen, auf andere einen +Verdacht zu werfen gesucht hättest. Das war die Handlung einer +niedrigen, erbärmlichen Natur. Das und deine zögernde, bedenkliche +Sprache von vorhin, beweisen mir, daß du nichts anderes warst und bist, +als ein berechnender Egoist, ein Komödiant, daß du alles und jegliches, +Liebe für mich und Enthusiasmus für die großen Ideen nur heucheltest, um +mein Geld an dich zu bringen! So, und nun gehe! Was dir werden soll, +werde ich überlegen! Nach deinem Verhalten werde ich das Maß abmessen!“ + +Aber was Imgjor erwartete, geschah nicht. + +Statt Erschütterung oder gar Zorn an den Tag zu legen, bewegte Prestö +den Kopf und machte eine Miene, als ob eine arme, kranke Irre soeben +geredet habe. + +„Wenn Sie glauben, daß Sie sich in mir getäuscht haben, Komtesse Lavard, +so bin ich noch weit mehr enttäuscht. Auf bloße Eindrücke hin fällen Sie +Urteile und bedienen sich gegen einen Ehrenmann einer Sprache, die, wäre +sie aus dem Munde eines Mannes gedrungen, nur hätte durch den Degen die +verdiente Zurückweisung erfahren können. Ich hielt Sie für ein edles +Wesen. Ihre gelegentlichen Schroffheiten betrachtete ich als das +Unvermögen, der Entrüstung über die die Welt erfüllenden +Ungerechtigkeiten Herr zu werden, als ein Ergebnis Ihres zielbewußten, +von Grundsätzen getragenen Charakters. Was soll mir im ehelichen +Zusammenleben werden, wenn Sie jetzt schon eine solche Sprache führen, +wenn Sie so wenig Ihr Ich zu beherrschen vermögen? Ich wiederhole, daß +diese Briefe nicht von meiner ehemaligen Braut geschrieben wurden. Ich +erhebe dafür die Hand zum Schwur. Das sage ich nicht zu meiner +Rechtfertigung — ich habe mich nicht zu rechtfertigen — sondern um +meinen Entschluß zu begründen, dennoch auf Ihre Hand zu verzichten. Die +Stellungnahme des Herrn Grafen macht ohnehin — ich wiederhole früher +Gesagtes — vor der Hand eine Verbindung unmöglich. Wenn ich alle +Stationen mit Ihnen auch durchmessen wollte, ich sehe, daß wir scheitern +müssen, weil die Macht, der Einfluß und das Geld, jene Gewalten, die ich +hasse und seit meiner Jugend schon bekämpft habe, zu mächtig sind. Diese +Scene aber hat mich belehrt, daß Sie eine andere sind, als ich mir +gedacht habe. Ohne Vertrauen, ohne Mäßigung ist ein Bündnis ein Unding. +Es war eine Prüfung, es war ein Versuch, der gegen Sie ausschlug. — +Leben Sie wohl! Ich trage Ihnen nichts nach. Sollten Sie aber auf Ihren +leidenschaftlichen Vergeltungsplänen beharren, so darf ich Ihnen ins +Gedächtnis zurückrufen, daß ich kein Knabe bin, daß ich mit einem +irregeführten weiblichen Wesen leicht fertig werde!“ + +Nach diesen Worten wollte sich Prestö entfernen. Aber sie, die ihm +zugehört und dagestanden, als ob sich ihr Körper in Stein verwandelt +habe, sagte nach tiefem Atemholen: + +„Waren diese Briefe nicht von Ihrer Braut, so sind Sie von dem Vergehen +dieser Vorspiegelung entlastet! Ich glaube Ihnen aber nicht und werde +forschen. Eine andere Hand mag sie geschrieben haben, der Inhalt stammt +von ihr. Behalte ich aber recht, spielten Sie auch diese Komödie, die +mit Liebesschwüren begann, auf Lüge sich weiter baute, und die Sie nun, +weil meine Armut Sie enttäuschte, noch eben wieder in plumpester Art +erneuerten, indem Sie sich den Mantel der Unschuld umhängten und die +plötzliche Erkenntnis meines Unwertes als Vorwand nahmen — so will ich +Gott anflehen, daß Sie Ihre Strafe dafür finden mögen! So, und nun +ersuche ich Sie, sich zu entfernen! Dies ist mein Gebiet und mein Heim! +Noch heute schließe ich gegen Sie meine Thür und mein Herz. Sie haben +alle Rechte an Imgjor, genannt Imgjor Lavard, verloren, aus diesem Spiel +davongetragen nur ihre Verachtung und — waren Sie ganz ein Schurke — +ihren Haß!“ + +So endete Imgjor, die Hand ausstreckend; und er, der Mann, der noch vor +wenigen Tagen erklärt hatte, daß nie einer ein weibliches Wesen so +selbstlos geliebt habe, daß ihm das Leben nichtig und wertlos ohne +ihren Besitz sei, verließ, kalt verächtlich auf sie herabblickend, das +Gemach. — + + * * * * * + +Da Imgjor in den letzten Tagen ihrer Familie fern geblieben war, +erschien's nicht auffallend, daß sie sich auch an dem dieser aufregenden +Scene folgenden Tage zurückhielt. + +Sie war erst gegen Morgen in einen durch seelische Erschöpfung +geförderten langen, bleiernen Schlaf gesunken, und als sie um die +Mittagsstunde erwachte, war ihr Gemach erfüllt von leuchtendem +Herbstsonnenschein. + +Aber mit dem Wiedereintritt in die Welt der Wirklichkeit stürmten auch +die schweren Gedanken auf sie ein, und von der Erinnerung an das am +vergangenen Tage Geschehene überwältigt, starrte sie vor sich hin. + +So war denn nun das Band zwischen ihr und jenem Manne dennoch und +endgiltig zerrissen; so hatte doch der recht behalten, der sich gegen +ihren Willen in ihr Leben gedrängt hatte! Noch mehr: Alle hatten recht +behalten, und so rasch hatte sich die Prüfung der Unwürdigkeit Prestös +vollzogen, daß zunächst nur der schamvolle Gedanke sie beherrschte, +ihrer Umgebung die Thatsache zu verheimlichen. + +Plötzlich war alles anders geworden. + +Die Enthüllung ihrer Geburt hatte sie belehrt, daß sie geringere Rechte +besaß als Lucile, in der sie eine Schwester zu sehen sich gewöhnt hatte. +Plötzlich war sie eine nur Geduldete da, wo sie bisher das Lavardsche +Scepter geschwungen. + +Ihrer Pflegemutter hatte sie sich demütig unterzuordnen, statt ihr wie +bisher mit stummer oder offener Auflehnung zu begegnen. Da sie sich +verdeutlicht hatte, mit welcher Selbstentäußerung diese an ihr, dem +Adoptivkinde, gehandelt, verwandelte sich ihre Minderachtung in +Hingebung und Bewunderung. Aber gerade aus all diesen Ursachen und weil +sie ein heftiges Unmutsgefühl gegen ihren Pflegevater ergriffen, deshalb +sich ihrer bemächtigt hatte, weil sie sich sagte, daß er einer Lucile +niemals so hart, so grausam begegnet sein würde, daß nur _ihr_ das +geworden, weil er sie als eine Halbwürdige betrachtete — verstärkte +sich in ihr der Entschluß einer Trennung von den Ihrigen. + +Zudem vermochte sie sich durch eine andauernde Entfernung von der +Familie der Gefahr zu entziehen, dem Werben des Grafen Dehn dennoch zu +unterliegen. Ihr Stolz verbot ihr, ihm je zu zeigen, daß sie etwas für +ihn empfand. Sie wollte eine Liebe zu dem nicht aufkommen lassen, der +sie sein Uebergewicht in solcher Weise hatte fühlen lassen. + +Auch war ihre Begeisterung für die große Sache trotz der gemachten +Erfahrungen nicht vermindert. Diese Erfahrungen mußten sie, wie sie sich +sagte, nur von neuem belehren, wie sehr den Besitzenden zu mißtrauen +sei. + +Die Armen und Elenden würden sie niemals enttäuschen, und wenn doch, so +verdienten sie lediglich Mitleid, weil ihnen die Erziehung nicht wie +jenen geworden, weil ein zarteres Empfinden ihnen erst eingeflößt werden +müßte. + +Sie wollte in ihren Pflegevater dringen, ihr eine Freiheit zu gewähren, +in der sie wenigstens im Kleinen ihre Menschenliebe zu bethätigen +vermochte, sie wollte ihn zwingen, sie abzulösen von Verhältnissen, die +ihrer Natur zuwiderliefen. Sie wollte nicht in Prunkgemächern wohnen, +sie wollte keine Genüsse, keine kostbaren Gewänder und Vergnügungen. Sie +wollte überhaupt keinen Ueberfluß, sondern ein auf Arbeit und +hilfreiches Menschentum gerichtetes Leben. Sie erstrebte Beschäftigung +mit edlen Dingen, mit der Natur und den feineren Regungen des +Menschengeistes. + +Und Kopenhagen, die Großstadt, erschien ihr als der rechte Ort dafür. + +Dort wollte sie wohnen, um es zunächst kennen zu lernen, und dazu war +jetzt, wo die Abreise vor der Thür stand, die beste Gelegenheit geboten. +Zuvor aber wollte sie noch völlige Klarheit über das zu erlangen suchen, +was zwischen der Gegenwart und der für sie dunklen Vergangenheit lag. + +Unter solchen Erwägungen wurde geklopft, und Lucile trat zu ihr ins +Wohngemach. + +„Nun, meine liebe Imgjor,“ hub Lucile an und umarmte ihre Schwester +sanft, „wie ist's verlaufen? Lasse uns unser Vertrauen fortsetzen! Mache +mich glücklich und sage mir, daß du Prestö nach Einsicht in die Briefe +den Bescheid erteilst hast, den wir alle herbeisehnen!“ + +In Imgjor erhob sich bei diesen Worten ein schwerer, innerer Kampf. + +Sie sollte von ihrem Thron herabsteigen, sie sollte gestehen, daß ihre +Menschenkenntnis nur allzu winzig, daß ihr stolzes Selbstgefühl nur +allzu unberechtigt gewesen. + +Sich seiner selbst zu entäußern, sich seiner Hoheit um der bloßen +Wahrheit, statt um eines Vorteils willen, zu entkleiden, erfordert einen +starken, sittlichen Fond, ein besonders stark entwickeltes Rechtsgefühl. + +Imgjor fand das, was ihrer zwiefältigen Natur entsprach. Sie gab der +Wahrheit die Ehre und wahrte ihren Stolz. + +Zunächst überwältigte sie allerdings ein machtvolles Gefühl. + +Sie warf sich wie jüngst, einem Kinde gleich, an die Brust ihrer +Halbschwester und brach in ein anhaltendes Schluchzen aus. + +Dann schob sie den Körper zurück und sagte: „Aus irgend einem Grunde +habe ich mich für eine Lösung meiner Beziehungen zu Prestö entschieden. +Erweise mir darin deine Liebe, Lucile, daß du mich nach den Gründen +nicht fragst. Sei eine Fürbitterin bei deinen Eltern, die auch mir +Eltern waren, daß auch sie die Angelegenheit nicht ferner mehr berühren. +Hilf mir, teure Lucile, daß meine Bitten erhört werden! Ich habe mehr +denn je die Sehnsucht, Rankholm zu verlassen und mich irgendwo, fern von +hier, nützlich zu machen. Will dein Vater mir zu solchen Zwecken keine +Mittel zur Verfügung stellen, so möge er mir wenigstens das gewähren, +was er bisher für meine Ausbildung aufwendete. Fräulein Merville hat +ohnehin die Absicht, in ihre Heimat zurückzukehren. So möge er mir die +für sie verausgabte Summe bewilligen und dieser etwa noch so viel +hinzufügen, daß ich auf eigenen Füßen zu stehen vermag!“ + +Lucile, die mit glücklichen Mienen zugehört hatte, nickte rasch und +bereitwillig. + +„Ich will alles thun, Imgjor! Ich will schon deshalb und in weit +größerem Umfange deine Wünsche befürworten, weil ich hoffe, daß dieser +Austritt ins Leben dich gänzlich heilen wird, daß du einsehen wirst, daß +es kein undankbareres Geschäft giebt, als seine Nebenmenschen ohne ihre +Anforderung glücklich machen zu wollen. Also, das möge dich nicht +bekümmern, Imgjor, und wenn du sonst noch —“ + +„Ja, noch etwas, Lucile: Bitte deinen Vater, daß er mir die Aufklärungen +über meine Geburt nicht vorenthält. Ich muß jetzt alles wissen —“ + +Lucile versprach auch das. Dann warf sie zögernd hin: + +„Und Graf Dehn, was wird's mit ihm?“ + +Imgjor preßte die Lippen zusammen. In ihren Augen erschien ein Ausdruck +von Schmerz und Trotz, durch dessen Einwirkung sich die Lider +unwillkürlich schlossen. Und dann sprach sie in einem unbeugsam kalten +Ton: + +„Sage ihm, daß ich auch ferner darauf verzichten muß, in eine engere +Berührung mit ihm zu treten und daß eher über Nacht das Rankholmer +Schloß im Walde von Mönkhorst emporsteigt, als daß ich sein Weib werde!“ + + * * * * * + +Ueber zwei Jahre waren seit diesen Ereignissen verflossen, als an einem +kalten, nebligen Märzmorgen eine wie eine barmherzige Schwester +gekleidete junge Dame den Weg in die Kopenhagener Vorstadt Oesterbro +nahm. In ihren Augen lag jener Verzicht auf irdisches Glück, jene milde +Ruhe und sanfte Ergebung, die nur in den Gesichtern derer beobachten, +welche sich dem Werke der Barmherzigkeit gewidmet und vielleicht die +Hoffnung auf das, was ein Frauenherz bis zu einem gewissen Alter noch +erfüllt, zwar nicht völlig aufgegeben haben, deren Erfüllung aber mit +den gleichen Augen betrachten, mit denen der Erfahrene irgend einem +Zufall vertraut. + +Sie können so existieren; sie finden Befriedigung in der +Pflichterfüllung, sie sehen die dankbaren Blicke der Kranken auf sich +gerichtet, sie finden den köstlichsten Lohn, der einem Menschen durch +seine Thätigkeitstreue werden kann, in der Wiedergenesung ihrer +Pflegebefohlenen. — + +Vor einem alten, großen Dreieckhause mit vielen kümmerlichen Fenstern +und schiefen Mauern hemmte sie den Schritt, bog in einen neben diesem +befindlichen Gang ein und öffnete die Thür eines hinten auf dem +schmutzigen Hofe befindlichen Nebenhäuschens. + +Seine Räume bestanden aus einer winzigen Vorder- und Hinterstube, die +einem alten Ehepaar als Wohn-, Schlafzimmer und Küche dienten. Vorn in +dem Wohnzimmer, das nichts anderes enthielt, als ein paar karge Vorhänge +vor den Fenstern, einen Tisch, eine Kommode, einen Ofen und einen alten +Lehnstuhl, saß in letzterem eine erblindete, alte, hilflose Frau, und +jetzt eben verdunkelte ein solcher erstickender Petroleumdampf das +Gemach, daß Imgjor Lavard, wie sie auch ferner noch vor der Welt hieß, +unwillkürlich zurückprallte. + +„Um's Himmelswillen, Frau Ohlsen, was haben Sie denn gemacht?“ stieß +Imgjor beunruhigt heraus. Gleichzeitig öffnete sie die Fenster und ließ +frische Luft hereindringen. + +„Was ist denn? Was ist denn?“ tönte der Alten Stimme zurück. + +„Merken Sie es nicht? Das Zimmer ist voll Rauch. Sie hätten ja ersticken +können!“ + +„Ich hab' mir was Warmes gemacht. Ich fror so schrecklich. Ich hab' dann +die Maschine wohl zu hoch geschraubt —“ + +Imgjor nickte, obschon die Blinde sie nicht sehen konnte. Sie ließ auch +diesen Gesprächsgegenstand fallen und fragte mit gewohnter Milde: + +„Nun, wie geht's heute, Frau Ohlsen? Haben Sie besser geschlafen?“ + +„Ein bischen, Fräulein. Heute morgen hab' ich aber wieder so +schreckliche Schmerzen in den Füßen.“ + +„So werde ich sie wieder einmal einreiben, arme Alte! Nachher, wenn ich +fertig bin, mache ich mich daran!“ + +Nach diesen Worten entledigte sie sich ihres Hutes und Umhanges und +begab sich gleich einer Dienstmagd an das Reinigen der Wohnung. Sie +fegte aus, sie machte im Schlafzimmer die Betten, sie spülte Geschirr in +der Küche aus. Das alles mußte täglich eine fremde Hand besorgen. Die +blinde Frau konnte nichts thun, da sie, abgesehen von ihrem +Sehunvermögen, ihre Glieder nicht zu bewegen vermochte, und der Mann, +der früh fortging und spät von der Arbeit zurückkehrte, sank, da ihm die +Kräfte für mehr schon fehlten, gleich erschöpft auf sein Lager. + +Seit zweiundzwanzig Jahren war die Frau blind. Während dieser Zeit +hatte er für sich und sie nur so viel verdient, daß sie sich notdürftig +hatten satt essen können. Und zu der Blindheit während dieser Jahre +kamen fortdauernd schwere Krankheiten, die Pflege und Aufwartung, die +Arzt und Apotheke erforderlich gemacht hatten. Seit zweiundzwanzig +Jahren war die Alte kaum je aus dem Häuschen gekommen, hatte nichts +anderes gekannt, als Entbehrungen und Schmerzen. + +Als Imgjor zum erstenmal in dieses Elend eingegriffen hatte, war die +Wohnung durch Schmutz und Unrat förmlich verpestet gewesen. Die Leute +hatten auf faulendem Stroh gelegen, fast kein Gegenstand war ganz +gewesen. Erst neuerdings hatte Imgjor die alte Frau aus einer +Lungenentzündung herausgepflegt, und was diese Krankheit erforderte, aus +ihren Mitteln hergegeben. — + +Nachdem Imgjor ihr tägliches Werk vollbracht hatte, sagte sie: + +„Frau Ohlsen, ich habe jetzt gerade mehr Zeit. Ich will Ihnen nun jeden +Spätnachmittag etwas vorlesen. Wollen Sie es hören?“ + +„O gewiß, mein liebes, gutes Fräulein,“ entgegnete die alte Frau mit +dankbarer Betonung. „Was ist es denn?“ + +„Etwas Ernsthaftes, Gutes, Frau Ohlsen. Sie werden gewiß Vergnügen daran +finden —“ + +„Ja, danke, danke, liebes Fräulein. Wie gut sind Sie gegen mich! Gott, +wenn ich so denke, wie Sie uns geholfen und immer wieder geholfen, mich +arme, hilflose Person in meiner Krankheit gewartet und gepflegt haben, +dann möchte ich schon glauben —“ + +„Nun, meine gute Alte?“ + +„Daß Sie gar kein Mensch, daß Sie ein Engel sind, von Gott in die Welt +gesandt, um die Menschen glücklich zu machen.“ + +„Ach nein! Ich bin kein Engel, meine gute Alte,“ entgegnete Imgjor mit +einem trüben Lächeln. „Ich bin ein Mensch wie Sie. Das eben befähigt +mich ja, Sie zu verstehen, Ihnen ein wenig zu helfen. Nur wer eigenes +Leid erfahren hat, vermag mit seinen leidenden Mitmenschen zu fühlen. +Und so, wie Sie, giebt es viele Kranke und Bedürftige in dieser großen +Stadt, denen, weil sie noch nicht ganz mittellos, noch nicht ganz elend +und verlassen sind, keine öffentliche Unterstützung und keine +Krankenpflege zu teil wird. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es +die Aufgabe sei, das Traurige durch rechtzeitiges Eingreifen abzuwenden. + +Wahrhaftig, wenn unseren Vorstandsdamen so zu handeln gelehrt würde, +dann würden die Armen- und Krankenhäuser nicht so überfüllt sein, wie +sie es sind; es würden weniger Menschen zu Verbrechern und Selbstmördern +werden; das allgemeine Elend würde weniger groß sein. Da giebt es ein +weites, brach liegendes Feld für eine erfolgreiche Betätigung der +Nächstenliebe. + +Und dieses Arbeitsfeld habe ich für mich erwählt. Ich suche zu helfen, +wo ich kann und so weit es in meinen Kräften steht. Des Elends ist ja so +viel auf Erden!“ + +„Ja, ja, liebes Fräulein. Wenn sie alle so dächten und so handelten, +wie Sie! Aber so — Na, es muß aber auch ein schönes Gefühl für Sie sein, +so geliebt zu werden und so viel Dank zu ernten.“ + +„Dank?“ entgegnete Imgjor bitter im Ton. „Ich habe ihn nie erwartet und +kaum gefunden, wohl aber Undank, Neid, Mißgunst und üble Nachrede. So +habe ich mich allmählich äußerlich zu einer kühlen Haltung gezwungen, zu +einer fast rauhen Art. Ich unterdrücke die Regungen meines Herzens, mein +Mitleid, die Rührung und die Thränen über die häufig entsetzliche Not. +Ich thue es schon deshalb, weil die Menschen solche Weichheit garnicht +verstehen. Wenn ich nur nicht auch noch verunglimpft werde, wenn sich +der Undank nur nicht in noch Schlimmeres verwandelt, bin ich schon froh. +Eben jetzt ist wieder etwas geschehen, was die gemeine Gesinnung mancher +Personen zu Tage treten läßt, etwas, das auch in mir den Entschluß zur +Reise gebracht hat, diesmal meiner Empörung Ausdruck zu verleihen.“ + +Nach diesen fast ebensosehr an sich selbst gerichteten Worten und nach +Ausführung der von ihr versprochenen Hilfsleistung verabschiedete sich +Imgjor von der Alten und nahm den Weg in einen anderen Teil der +Vorstadt. Dort wohnte eine Witwe, eine Wäscherin, mit ihrer Tochter, +welche letztere unter Imgjors Pflege viele Wochen im Krankenhause +gelegen und sich für deren Aufopferung dadurch bedankt hatte, daß sie +einen empörende Verleumdungen gegen Imgjor enthaltenden Brief an den +Hauptarzt gerichtet hatte. + +Nachdem Imgjor zwanzig Minuten gegangen war, gelangte sie an eine +unsaubere, von vielen kleinen Kindern bevölkerte und zum teil noch +unbebaute Straße. In der Mitte der Gasse — einem zurückliegenden, von +einem großen Garten umschlossenen Hause gegenüber — befand sich eine +Branntweintaberne, und an diese lehnte sich ein kleines, verfallenes, +auch noch aus früherer Zeit stammendes Gebäude, in dem die Witwe Holm +mit ihrer Tochter und einer Stieftochter wohnte. + +Der Unfriede zwischen Imgjor und Thora Holm, der früheren Kranken, war +dadurch entstanden, daß jene auf das herz- und gemütlose Geschöpf, das +seiner Stiefschwester sehr roh begegnet war, bessernd einzuwirken +gesucht hatte. Auch als Thora das Hospital verlassen, hatte Imgjor sie +nochmals eindringlichst vermahnt, ihrer alten Mutter fortan eine bessere +Tochter zu sein, zu arbeiten und ordentlich zu werden. Die Leute litten +Not, und Imgjor hatte ihren Ermahnungen die Erklärung hinzugefügt, daß +sie nur dann materiell etwas für sie thun wolle, wenn Thora für die +Erfüllung der gestellten Forderungen Beweise geliefert habe. + +„Die Grevinde,“ wie Imgjor von der gesamten Bevölkerung in Kopenhagen +schlichtweg genannt wurde, war wegen ihrer Wohlthätigkeit bekannt, und +selten wendete sich jemand an sie, ohne Hilfe zu erhalten. + +Der Ingrimm, daß Imgjor ihr die Wahrheit gesagt, der Aerger, in ihrer +Erwartung auf eine Unterstützung getäuscht worden zu sein, hatten Thora +Holm zu der Denunciation veranlaßt. Daß sie und keine andere das +Schriftstück abgefaßt hatte, war erwiesen. Es störte Imgjor, daß sie den +Hauptarzt, mit dem sie um diese Zeit hier ein Zusammentreffen verabredet +hatte, noch nicht erblickte. In seiner Gegenwart wollte sie die Person +zwingen, ihre Perfidien zurückzunehmen und um Verzeihung zu bitten. + +Aber während sie noch unschlüssig verharrte, drangen aus dem offenen +Hause der Witwe jammernde Wehrufe. So markerschütternd trafen die Laute +Imgjors Ohr, daß sie förmlich zusammenfuhr. Indessen beendete dieses +Erschrecken auch ihr Zögern. Blitzschnell eilte sie vorwärts, betrat das +Haus und wurde hier Zeuge einer wahrhaft entsetzlichen Scene. + +Die Frau, ein starkknochiges, rothaariges Weib, und Thora, in einem +schlumpigen Rock, mißhandelten im Flur die Stieftochter der Frau. + +Während Thora die Unglückliche mit der einen Hand an den Haaren gepackt +hielt und ihr mit der anderen in unbarmherziger Rohheit den Kopf +bearbeitete, bediente sich das alte Weib einer ledernen Riemenpeitsche +und brachte ihrem Stiefkinde auf diese Weise blutige Striemen auf dem +ohnehin verletzten Körper bei. + +Im Nu war Imgjor unter ihnen, riß der Alten den Arm herab, stieß Thora +zur Seite und stellte sich, nachdem das mit ebenso großer Kraft wie +Furchtlosigkeit geschehen war, mit drohend gebieterischer Miene vor den +beiden Megären auf. + +„Ah, ihr Furien!“ entrang es sich ihrer vor Empörung keuchenden Brust. + +In demselben Augenblick eilten auch schon von dem Geschrei +herbeigezogen, Gäste aus der Taberne herbei, und diese drängten, von +Imgjor laut und energisch ermuntert, die sich eben zum Kampfe gegen die +Verteidigerin rüstenden, sich wie tobsüchtig geberdenden Weiber hinten +in den Flur zurück. + +„Die Grevinde! Die Grevinde!“ hatten die Hereindrängenden einander +zugerufen und sie nahmen auch in der Folge gegen die Holm und ihre +Tochter Partei. + +Freilich geschah's nicht aus irgend welchem Mitleid für die Mißhandelte, +auch nicht aus einer Abneigung gegen die beiden Holms, sondern lediglich +unter dem Gesichtspunkt, daß ihnen ihr Eintreten nicht unbelohnt bleiben +würde. + +Aber es wurde Imgjor auch noch andere Hilfe. Den Knäul teilend, erschien +der Arzt, Doktor Stede, und hinter ihm tauchte der in diesem Viertel +stationierte Polizeiofficiant auf. + +Im Nu erfolgte dann auch eine Verständigung zwischen jenen und Imgjor, +und ebenso rasch machte sich letztere zur Herrin der Situation. + +„Ich danke euch, Leute, daß ihr mir beigestanden habt. Und hier, hier +ist Geld! Teilt es euch —“ rief sie, einen dänischen Speciesthaler dem +mitanwesenden Wirt übergebend. „Aber nun entfernt euch! Ich habe etwas +mit der Familie zu verhandeln, was nicht für eure Ohren ist.“ + +Und das Kind, das sich zitternd neben ihr aufgerichtet, mitleidig an +sich ziehend und dann dem Polizeiofficianten zum Schutz übergebend, +befahl sie der Wäscherin und ihrer Tochter, ins Wohngemach zu treten. + +Trotz ihrer feindseligen Mienen mußten sie sich fügen, und nachdem sie +sich aufgestellt, ergriff Imgjor das Wort und hielt der Verleumderin +ihre Infamien vor. + +„Sie haben die Wahl —“ schloß Imgjor — „alles als erfunden zu bezeichnen +und mich hier vor diesem Herrn um Verzeihung zu bitten, oder gleich dem +Polizisten zu folgen. Auch auf Verhaftung Ihrer Mutter wegen Mißhandlung +der Tochter werde ich dringen. Also reden Sie! Daß Sie den Brief +geschrieben, hat Ihr früherer Verlobter, der Wärter Vessel, ausgesagt — +—“ + +Das Mädchen, eine üppige Blondine, preßte die Lippen zusammen, verzerrte +den Mund und antwortete nicht. Auch die Mutter verharrte in trotziger +Auflehnung. + +„Niemand hat ein Recht, in mein Haus zu dringen und sich in meine +Angelegenheiten zu mischen!“ erklärte sie. Sie habe Verhöre nur vor +Richtern zu bestehen, und deren Untersuchungen würden ergeben, daß ihre +Tochter den Brief nicht geschrieben, daß sie zur Züchtigung ihrer +Stieftochter berechtigt gewesen, weil diese sie in frecher Art bestohlen +habe. + +Der Schlußsatz wurde allerdings durch Widerspruchsworte unterbrochen, +die sich aus dem Munde des weinenden Kindes lösten. + +Sie habe nichts genommen. Sie sei unschuldig! Aber Thora, die sie +beschuldigt, sei's gewesen. Sie habe gesehen, wie diese die Kommode +geöffnet und das Geld herausgenommen habe. + +Freilich folgte dieser Rede wiederum ein maßloser Wutausbruch von Seiten +der Schwester. Sie flog auf das Kind zu und erhob unter Schimpfworten +die Faust gegen deren Angesicht. Nur durch ein Dazwischentreten des +Polizisten ward eine abermalige Züchtigung verhindert. + +Aber gerade dieser Zwischenfall verschlechterte die Sache der Familie +Holm. + +Dem Polizeiofficianten, einem energischen Mann, riß die Geduld. Er +befahl Ruhe und sofortigen Frieden und die von der Komtesse geforderte +Erklärung. + +„Widersprechen Sie nicht, thun Sie, was von Ihnen verlangt wird! Sonst +nehme ich Sie und Ihre Mutter sofort mit. Sie stehen schon lange auf dem +Kerbholz wegen anderer Sachen!“ + +Nun änderte die Alte plötzlich ihre Haltung. + +Nach allerlei Redensarten gab sie zu, daß sie wohl etwas zu heftig +gewesen sei, und was Thora anbelange, so könne die sich ja nun mal +garnicht im Zaum halten. So sei es wohl möglich, daß sie sich habe +verleiten lassen, einen solchen Brief zu schreiben, und wenn sie es +gethan habe, so solle so etwas nicht wieder vorkommen. Die Komtesse möge +Gnade für Recht ergehen lassen — + +„So sagen Sie: Ich habe die Komtesse Lavard zu Unrecht beschuldigt. Ich +nehme alles zurück, bereue und bitte, mir zu vergeben!“ stieß Imgjor, +ihre Blicke auf das gemeine Geschöpf richtend, heraus. + +Noch kämpfte die Person, dann aber, von ihrer Mutter nunmehr durch +Blicke und Worte ermuntert sprach sie eine halblaute Entschuldigung. + +In Imgjor aber regte sich das Gefühl der Empörung in vollstem Umfange. + +Das war also die Menschheit, der sie sich opferte! Faulheit, roheste +Leidenschaft und Mangel an Dankgefühl und jeder besseren Regung traten +ihr nur zu oft entgegen, und hier eben hatte sie wieder ein solches +Beispiel vor Augen. + +Waren da nicht erst ganz andere Aufgaben zu lösen? Mußte nicht erst mit +einer inneren Erziehung begonnen werden? + +Nachdem sie zum Einverständnis, daß sie befriedigt sei, stumm das Haupt +bewegt, sagte sie, zu der Alten gewendet: + +„Ich werde Ihre Stieftochter mitnehmen! Ich will sie prüfen, und ist sie +so viel wert, wie ich hoffe, so will ich künftig für sie sorgen.“ + +Nach diesen Worten erfaßte sie des selig aufhorchen den Kindes Hand und +richtete einen auffordernden Blick zum Gehen auf den sich ihr +ehrerbietig zur Verfügung stellenden Arzt. + +Und im Nu knixte und dienerte das faule, alte Weib. Nun wußte sie nicht +genug die Tugenden des Stiefkindes zu rühmen. Sie sagte zu allem ja, +machte sich auch noch im letzten Augenblick schmeichelnd an Imgjor heran +und bat, ihre fürchterliche Not klagend, um Unterstützung. Sie küßte den +Saum des Kleides der Komtesse, als diese unter der Erklärung, sie sage +nicht nein, müsse aber Zuwendungen von ihrer und ihrer Tochter +künftigen Haltung abhängig machen, mit den übrigen das Haus verließ. + +Als der Nachmittag gekommen war, saß Imgjor schon wieder in dem kleinen +Zimmer der Blinden, las ihr nach ihrer Zusage zum erstenmal vor und war +glücklich, als sie sah, daß jene ihr voll Interesse zuhörte. + + * * * * * + +Es war am folgenden Vormittag um die elfte Stunde, als Imgjor die Räume +des großen Kopenhagener Krankenhauses und zunächst das Gemach des +dirigierenden Arztes betrat, um mit ihm Rücksprache wegen einer Kranken +zu nehmen. + +Nachdem das geschehen, sagte Doktor Stede, ein Mann mit ernsten Zügen +und einem milden Ausdruck in den von einer goldenen Brille beschatteten +Augen: + +„Sie wollen uns, wie ich höre, Ihre wertvolle Hilfe im Krankenhause +entziehen, Komtesse? Haben die letzten Vorfälle Anlaß dazu gegeben?“ + +„Nein! Wie kommen Sie zu dieser Vermutung Herr Doktor?“ + +„Eine unserer Schwestern, Elise, hatte davon gehört und sprach mir davon +—“ + +„Elise hat schon häufig Gerüchte über mich verbreitet, die erfunden +waren, Herr Doktor. Ich muß ihr sehr im Wege stehen. Und doch trete ich +ihr nirgends in den Weg — Wahrlich, dieses Treiben —“ + +Imgjor sprach's mit starker Auflehnung im Ton, fuhr aber, ihre Erregung +ebenso rasch wieder abstreifend, gelassen fort: + +„In der nächsten Zeit werde ich nicht so häufig kommen können, Herr +Doktor. Meine Familie trifft heute ein und wird einige Zeit im +Rankholmer Palais Wohnung nehmen. Ich vermag mich ihr nicht ganz zu +entziehen. Ueberdies hat sich meine Schwerer verlobt, und es werden +einige kleine Feste stattfinden, an denen meine Angehörigen wünschen, +daß ich teilnehme —“ + +„Ich bedaure natürlich außerordentlich, daß wir Sie entbehren müssen, +aber ich freue mich, daß Sie sich einmal Ruhe gönnen, Komtesse. Es wird +Ihnen eine solche Ablösung sehr gut thun.“ + +Imgjors Lippen umspielte ein trauriges Lächeln. + +„Nein, Herr Doktor, für mich wäre es weit besser, wenn ich dort keine +Ablenkung fände. Vielleicht wäre es sogar das Richtigste, daß ich +Kopenhagen ganz verließe —“ + +„Wie? Also Sie tragen sich doch mit solchen Gedanken? Die ganze Stadt +würde es als einen unersetzlichen Verlust betrachten, wenn der Engel +unter den Menschen, wenn die Komtesse Lavard Kopenhagen verließe. + +Haben Sie den Artikel gelesen, der soeben über Sie in einer deutschen +Zeitung erschienen ist? Die Berlinske Tidende hat ihn heut' morgen in +einer Uebersetzung gebracht.“ + +„Ein Artikel über mich?“ fragte Imgjor betroffen. „Was enthält er? Dem +Sinne Ihrer Worte nach zu urteilen, nichts Ungünstiges, aber jedenfalls +eine Unschicklichkeit. Wie wenig giebt meine Thätigkeit Anlaß, darüber +etwas und noch dazu öffentlich zu sagen!“ + +„Sie sind allzu bescheiden, Komtesse — Die ungewöhnliche Erscheinung, +daß sich ein Mitglied der höheren Stände in solcher Weise freiwillig +seiner Bequemlichkeit entäußert, ist für die Welt Grund genug, sich +damit zu beschäftigen. Darf ich Ihnen den Artikel besorgen?“ + +„Ich danke, nein, Herr Doktor! Es ist besser, daß ich dergleichen +garnicht lese. Es macht mir nur noch mehr Gedanken. Ich habe deren schon +so viele und solche, die mich nicht erheben —“ + +„Sie sind noch so jung, Komtesse, und Sie sind schon so ernst, so trübe +in Ihrem Sinn?“ + +„Ich bin es, aber nur insofern, als ich die ungeheure Schwierigkeit +erkenne, mein Vorhaben in Thaten umzusetzen. Ich möchte gern im Großen +wirken und sehe, daß ich schon im Kleinen überall stolpere.“ + +„Und was wäre, wenn die Frage gestattet ist, Ihr Ideal? Welche Absichten +verfolgen Sie?“ + +„Ich möchte helfen, die Menge von dem Druck der allgemeinen Not zu +befreien und das Los der arbeitenden Klasse gründlich zu verbessern.“ + +„So bekennen Sie sich also auch zu den sogenannten „neuen“ Ideen? Sie +überraschen mich!“ + +„Kann ein gerechter, guter Mensch, kann ein wahrhaft christlicher Mensch +anders denken, Herr Doktor?“ + +„Nein und ja, Komtesse. Die Ziele sind zu weit gesteckt. + +Man soll nur Mögliches erstreben wollen, nur Dinge, die sich mit den +Vorgängen in der Natur decken. Wir sind ihre Produkte, sie ist unsere +Lehrerin, sie bietet uns alle Beispiele für unsere Handlungen.“ + +„Schon einmal hörte ich fast ganz dieselben Worte. Seltsam —“ Imgjor +ließ das Haupt sinken und starrte träumerisch vor sich hin. Aber da in +diesem Augenblick geklopft ward, wurden die Sprechenden unterbrochen. + +Der Doktor richtete noch einige verbindliche Worte an Imgjor, und sie +selbst lenkte, nachdem sie ihm leicht und unbefangen die Hand gereicht, +ihre Schritte in einen der Siechensäle. + +In diesem befanden sich Kranke, deren spezielle Sorge Imgjor übernommen +hatte. Augenblicklich waren es solche, die sich bereits in der Besserung +befanden. Dann schlief Imgjor in ihrer Wohnung, erschien auch nur zwei +oder dreimal am Tage. + +Nur in schweren Fällen blieb sie ganz im Hospital und übernahm auch die +Nachtwache. Ihr Verhältnis zum Krankenhaus war ein durchaus +freiwilliges, während die übrigen Schwestern sich streng an die +Hausvorschriften zu halten hatten. + +Auf dem Korridor begegnete Imgjor der Schwester, die von ihr behauptet +hatte, daß sie ihre Thätigkeit hier aufgeben wolle. + +Imgjor neigte ernst das Haupt zum Gruße; jene erwiderte die Höflichkeit +kalt und wollte ohne Wortaustausch vorüberschreiten. + +Nun hielt Imgjor sie auf und redete sie an. + +„Ich bitte, Fräulein, einen Augenblick. Ich höre soeben, daß Sie +abermals eine Erfindung über mich ausgestreut haben. Ich muß wirklich +sehr dringend bitten, daß Sie sich mit Ihren eigenen Angelegenheiten +beschäftigen. Ich schließe aus Ihrer Lästersucht eine Starke Mißgunst. +Daß sie in Ihnen emporsteigt, vermögen Sie wohl nicht zu ändern, aber +ich sollte meinen, Sie müßten sich äußerlich im Zaum zu halten wissen, +und jedenfalls — ich wiederhole meine Worte — wünsche ich von Ihren +eifersüchtigen Launen nicht ferner berührt zu werden.“ + +„Ich eifersüchtig auf Sie?! Nun, da wären Sie wirklich die letzte, +Fräulein von Lavard! Und was liegt denn vor? Mir ist erzählt, daß Sie +hier keine Schwesterdienste mehr versehen wollen! Ich wüßte nicht, daß +darin etwas Ehrenrühriges liegt. Sie nehmen einen Ton an, als ob ich +Ihnen wunder was angethan hätte und ich muß Sie meinerseits noch +dringender ersuchen, daß Sie ihn ändern. Sie sind nicht meine +Vorgesetzte —“ + +„Sie wissen sehr gut, daß ich mit meinen Vorwürfen recht habe. Ihre +Heuchelei verschlimmert nur noch das Geschehene. Sie haben mich schon +wiederholt verleumdet, man hat es mir unaufgefordert, voll Empörung +mitgeteilt. Schwieg' ich trotzdem, so war's die Verachtung über solches +Geschwätz. Jetzt will ich aber ein Ende haben! Man könnte wirklich +glauben, es sei eine Spur von Wahrheit darin. Auch gestern habe ich ein +Exempel statuiert, und ich werde damit fortfahren!“ + +Die Züge der Schwester Elise verzogen sich hämisch. + +„Sie sprechen, als ob Sie ein Oberstaatsanwalt seien. Ich sage Ihnen +nochmals, daß Sie sich mit Ihrem Eifer an eine falsche Adresse wenden. + +Ich habe auch besseres zu thun, als mich mit Ihnen zu beschäftigen. Ich +habe andere Gegenstände für meine Gedanken, als die Komödiantin Fräulein +Lavard!“ + +„Ah! Wie niedrig! Und Sie wollen eine Dame sein. Sie gehören zum Adel +des Landes und würdigen Ihre eigene Standesgenossin herab, indem Sie ihr +solche Dinge sagen, indem Sie geflissentlich sogar ihren Namen +entstellen? Ich bin weder Fräulein Lavard, noch Fräulein von Lavard, +sondern für Sie und jedermann Komtesse Lavard!“ + +„Nun dann sind Sie auch nichts Besonderes, umsoweniger, als die Spatzen +von den Dächern pfeifen, daß Ihre Mutter nichts anderes war, als eine +Dir —“ + +Aber die Schwester Elise kam nicht weiter. Blitzschnell erhob Imgjor, +von Schmerz und Entrüstung übermannt, die Hand, sie zitterte für +Sekunden in der Luft. Und dann standen die beiden Gegnerinnen einander +gegenüber, als ob nur der Tod über das Schicksal des einen oder anderen +entscheiden könne. In demselben Augenblicke aber erschien zufällig die +Oberin, und die Schwester Elise stürzte so gleich auf diese zu und goß +einen Schwall von Verleumdungen und lügnerischen Anschuldigungen über +Imgjor und deren Benehmen aus. + +Und wiederum gab Imgjor mit stolzer Ruhe Antwort und forderte nach +Erörterung des Vorgefallenen die Entfernung der Schwerer Elise. +Anderfalls werde sie gehen! + +„Ich darf Sie ersuchen, ins Konferenzzimmer zu treten. Wir werden dort +weiter und in Ruhe reden! Ich muß erst klarer in der Sache sehen, ehe +ich meine Entscheidung treffe, Komtesse Lavard!“ entgegnete die Oberin, +die nichts lieber wünschte, als daß die ihr sehr unbequeme Imgjor, die +keinerlei Mängel durchgehen ließ, vielmehr stets Unregelmäßigkeiten und +Pflichtversäumnisse zur Anzeige brachte, das Krankenhaus verließ. + +„Warum noch reden!“ betonte Imgjor kalt. „Es unterliegt doch keinem +Zweifel, wer ein Recht hat, sich zu beklagen! + +Ich muß darauf bestehen, daß endlich die Sumpfquellen verstopft werden, +aus denen die Verleumdungen gegen mich fließen. — Klagen über Fräulein +Elise erheben sich von allen Seiten und auch in anderer Richtung. — + +Anfangs der Woche hat sie der Witwe Romö, aus bloßer persönlicher +Antipathie, die Hilfe verweigert. Es wäre wohl nicht so schlimm, hat sie +gesagt! Die arme Person hat einen bedenklichen Rückfall davon bekommen! +Sind solche Vorkommnisse in einem Krankenhaus erhört?“ + +„Nun ja, nun ja — es soll alles untersucht werden. Im übrigen will ich +niemanden hindern, seinen Weg zu gehen —“ stieß, statt auf diese Rede +einzulenken, die Oberin äußerst gereizt heraus. „Ich darf Sie also nicht +erwarten, Komtesse?“ + +„Nein! Ich muß darauf verzichten, Frau Oberin —“ entgegnete Imgjor, +verbeugte sich gemessen, und ging, ohne die giftsprühende Schwester +Elise eines Blickes zu würdigen, von dannen. — + + * * * * * + +Das Rankholmer Palais lag, von einem auf Marmorpostamenten ruhenden, +vergoldeten Gitter umschlossen, mitten in der Adelstraße. Ein +prachtvoller, weißschimmernder Bau mit hoher Aufgangstreppe tauchte +hinter einem großen Vorplatz mit grünem Rasen auf. Zwischen ihnen +befanden sich gepflasterte Fahrwege, und zu Seiten befanden sich die +Stallungen und eine Reitbahn. + +Am Abend des nächstfolgenden Tages, an dem sich die vorstehend +geschilderten Scenen abgespielt hatten, war das Palais von oben bis +unten hell erleuchtet. Es schwamm gleichsam in einem Lichtmeer. Von den +mächtigen Treppenkandelabern floß das Licht auf den Vorgarten herab, und +ein zahlreiches Publikum hatte sich auf der Straße aufgestellt, um der +Einfahrt der zahlreichen Equipagen mit ihren livrierten Kutschern und +Dienern beizuwohnen. + +An achtzig Personen aus den vornehmsten Kreisen waren Einladungen von +dem Grafen Lavard und seiner Gemahlin ergangen. Es galt, den Bräutigam +von Lucile, den Marquis Armand de Curbière de Ramillon der Gesellschaft +vorzustellen. In Berlin hatte Lucile ihn als Attaché der französischen +Gesandtschaft in einer Hofgesellschaft kennen gelernt, und bei einem +Besuch, den der Marquis der Familie in Rankholm abgestattet, war die +Verlobung zwischen ihnen erfolgt. + +Es fehlten noch zehn Minuten vor dem Tischgang, Schon hatte Frederik +wiederholt forschend die Zahl der Gäste gemustert. + +Es ließen noch warten der Stadtkommandant, General Baron von Berling, +und — Komtesse Imgjor, die auf das dringende Ersuchen des Grafen ihr +Erscheinen zugesagt hatte. + +In verschiedene Gruppen verteilt, standen die Gäste schwatzend umher. +Neben Lucile und neben dem Marquis von Curbière, dem Musterbilde eines +vornehmen, ritterlichen Mannes, stand der Premierminister Graf Niels von +Rosenberg. + +Er war klein und korpulent, hatte eine schiefe Schulter und einen +buckligen Rücken, besaß aber einen so ungewöhnlichen Verstand, und aus +seinen grünen Augen sprühte es so streng und gebieterisch, daß sich +unwillkürlich Hoch und Niedrig vor ihm bückten. + +Ein leises und lautes „Ah!“ der Bewunderung entrang sich dem Munde der +Gäste, als dann endlich auch Imgjor, gefolgt von dem General von +Berling, einem Mann, der einem spanischen Granden glich und dessen +Brust die Orden kaum fassen konnte, in den Hauptsaal trat. + +Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid, dessen eine Hälfte, die linke, +aus zartgefärbter rosenroter, die andere aus schneeweißer Seide bestand. + +Um den Hals, dessen schwanenweiße Farbe das Auge entzückte, lag ein Reif +von Diamanten, aus dessen Mitte ein Opal seine roten, blauen und grünen +Blitze schoß; ein ebensolcher Schmuck umschloß die Arme. Das +braunrötliche Haar war empireartig frisiert, und eine durchsichtige, +zarte Randspitze umgab da, wo ihre schneeige Brust sich hob und senkte, +den Saum des ihren vollendet gewachsenen Körper fest und schlank +umfließenden Seidenleibchens. + +Als sich Imgjor nach Begrüßung ihrer Eltern und der sich zu ihr +drängenden Gäste nach Lucile und dem Marquis umsah — der Zufall hatte es +gefügt, daß sie den Bräutigam ihrer Schwerer bisher verfehlt hatte — +löste sich gerade Curbière aus der vorhin beschriebenen Gruppe und eilte +mit lebhaften Mienen auf Imgjor zu. + +Er stutzte. Ersichtlich ging etwas Ungewöhnliches in dem Innern des +Mannes vor, als er dieses schier unnahbar schöne Geschöpf vor sich sah, +und als sie ihm mit ihrem süßen, zuvorkommenden Blick die Hand +entgegenstreckte. + +„Ah! Wie schön Sie sind — Psyche und Juno streiten um den Preis!“ +sprang's in höchster Ueberraschung, in französischer Sprache, aus des +gewandten Mannes Munde. + +Er war völlig benommen und wurde enttäuscht, als Imgjor in der +gewohnten Auflehnung gegen ihre Schönheit und gegen Artigkeiten einen +gleichgültig verdrossenen Ausdruck in ihren Zügen erscheinen ließ. + +„Ah! Sie machen mir solche Komplimente und nennen das größte Juwel Ihr +Eigentum, das Dänemark besitzt?“ sprach sie dann, den Ausdruck des +Mißfallens in ihren Zügen absichtlich noch verstärkend. + +Jählings kam's über sie, daß sich der Mann für sie interessiere, sich +ihr zuwendete, sich verlor, obschon er Lucile angehörte. Es war etwas in +seinen Augen aufgeblitzt, das sie ängstigte und dessen Wiederholung sie +durch schroffe Begegnung verhindern wollte. Aber Curbière war ihr +gewachsen. Er fand sich rasch wieder. + +Während seinen Mund ein überlegenes Lächeln umspielte, sagte er mit +rascher, kavaliermäßiger Gewandtheit: + +„Wie? Sie spielen den Lehrmeister gegen mich aus, Komtesse! Sie vermuten +wohl einen jener Bekehrungsbedürftigen, mit denen Sie sich draußen +beschäftigen. Ich sollte meinen, ich hätte am ehesten da ein Recht zur +Aeußerung der Bewunderung und glaubte am wenigsten da mißverstanden zu +werden, wo es sich um die Schwester meiner Braut handelt!“ + +„Wie sollte es —“ entgegnete Imgjor unbiegsam — „einem Weltmann wie +Ihnen nicht gelingen, das Uebergewicht zu behalten, gar dem anderen zu +beweisen, daß seine Rede eine Ungeschicklichkeit gewesen sei, Herr +Marquis!“ + +„Sie halten es also nicht für denkbar, daß Sie sich irren, daß das, was +Sie als eine Ablenkung meiner Gefühle für Lucile bezeichnen wollen — so +ist's doch, Komtesse? — lediglich ein Ausbruch meines stark entwickelten +Schönheitssinns war? + +Glauben Sie mir das, Komtesse! Ich bitte darum! — Wenn Sie aber trotz +alledem doch vermeinen, ich sei eines Tadels benötigt, so haben Sie mich +jedenfalls überaus schnell kuriert. Sie haben es verstanden, in mir die +Freude an Ihrem inneren Menschen genügend herabzumindern.“ + +Nun sah Imgjor betroffen empor. Und als sie dann dem ernst gemessenen +Ausdruck in den Augen ihres künftigen Verwandten begegnete, streckte sie +ihm, von einem raschen Impuls getrieben, die Hand entgegen und sagte mit +dem schönen, bezwingenden, allen Lavards eigenen Freimut in Blick und +Mienen: + +„Wohlan! Nach dieser Klärung wollen wir keine mißvergnügten Gegner, +sondern wahrhaft gute Freunde sein! That ich Ihnen Unrecht, verzeihen +Sie mir! + +Also, ich bitte, Herr Marquis, ich bitte, lieber Armand!“ schloß sie mit +einem noch bezaubernderen Ausdruck. + +Und von dieser ehrlichen Liebenswürdigkeit bezwungen, beugte sich Armand +de Curbière auf Imgjor Lavards Hand herab, küßte sie ehrerbietig und +sagte, obgleich sich ihnen in diesem Augenblick Lucile näherte und schon +von fern eifersüchtig hinüberschaute, laut und mit einem tief +verinnerlichten Blick auf die Schwester seiner Braut: + +„Ich danke Ihnen, teure Imgjor! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen! Ich +werde Ihnen diesen Augenblick nie vergessen.“ + +Und nun gab auch Frederik endlich das Zeichen zum Tischgang. + +Alle Anwesenden setzten sich in Bewegung, und bald saß die glänzende +Gesellschaft in dem theegrünen Speisesaal, der sich als Hauptzierde des +Palais in einem Flügel des Gebäudes befand, bei köstlich duftenden +Speisen und seltenen Weinen beisammen. + +Während des Tafelns warf Lucile, zu ihrem Verlobten gewendet, hin: + +„Sieh' einmal, wie Imgjor entzückend ansieht und wie lebhaft sie sich +mit dem jungen Grafen Kilde unterhält.“ + +Ach, wenn sie sich doch endlich einmal verliebte und damit auch ihren +Menschenbeglückungskittel abthun würde!“ + +„Ist's möglich! Imgjor hat sich noch für niemanden interessiert?“ + +„Doch, einmal! Aber das war nur ein Flämmchen, welches ebenso rasch +verglomm, wie's emporgelodert war. Auch spielten andere Dinge mit —“ + +„Und wer war der Bevorzugte? Wie hieß der Mann, der jedenfalls einen +ganz superben Geschmack besaß?“ + +„Es war irgend einer! Der Name ist gleichgültig. Es war einer, der ihr +vormachte, daß er auf nichts Anderes sinne, als die Welt von den Fesseln +der Ungleichheit zu befreien. Er verschwand dann und soll sich jetzt in +Amerika aufhalten.“ + +„Aber Imgjor ist doch sicherlich von Hunderten umschwärmt worden.“ + +„Ja, fast von allen Männern. Nur einer war ihrer wert. Ein vorzüglicher +Mann: Graf Dehn. Aber auch er zog sich aus ihrem Sonnenkreis fort, wenn +auch aus anderen Gründen. Er liebte sie über alles und wußte sich nur +durch eine Weltreise von seiner Schwermut zu erlösen. Es ist derselbe, +der, wie du auf Rankholm hörtest, demnächst von Italien zurückkehrt und +uns besuchen will —“ + +„Ah!? Der Lausitzer Graf! Und wirklich ein so vollendeter Mann?“ + +„Ja, der liebenswertere, vornehmste Mensch, den ich außer dem Marquis +von Curbière kennen gelernt habe.“ + +„Sehr verbunden, Komtesse Lavard! Aber wissen Sie, daß ich leicht +eifersüchtig zu werden vermag?“ warf Curbière liebenswürdig neckend hin. + +Lucile spitzte erst lachend den Mund, dann sagte sie ernst: + +„Aber weder in diesem noch in irgend einem anderen Falle wirst du je +dazu Ursache haben! Bleibst du mir ein treuer Kamerad, so hast du bei +mir auf Felsen gebaut. Wir Lavards —“ + +In diesem Augenblick wurde Luciles Aufmerksamkeit auf ihre Mutter +gelenkt, die so lebhaft mit einem der jungen, zu ihrer Rechten sitzenden +Prinzen des Königlichen Hauses sprach, daß die Laute volltönend zu +ihnen herüberdrangen. + +Sie unterbrach deshalb ihre Rede, und Curbière sagte: + +„Wie jung, wie schön ist noch deine Mutter! Lucile. Es ist ein Mirakulum +in solchem Alter —“ + +„Ja, und wie man sie lieben und achten muß!“ fiel Lucile ein. „Ich habe +erst vor einigen Jahren erfahren, welch' eine große, edle Seele sie +besitzt. Sie hatte eine schwere Versuchung zu bestehen, und hat sich +unvergleichlich bewährt.“ + +Curbière hörte gespannt zu, dann sagte er unvermittelt: + +„Und so fest seid Ihr alle? Auch Imgjor?“ + +Lucile drehte sich rasch zu ihrem Verlobten um. Ohne daß sie sich +Rechenschaft zu geben vermochte, berührten sie seine Worte. + +„Weshalb fragst du?“ stieß sie heraus. + +„Nun, wie man eben fragt. Aus keinem besonderen Grunde —“ + +Und da er sah, daß ihre Wangen eine leichte Blässe überzogen hatte, +erhob er das Champagnerglas, stieß mit ihr an und fuhr neckend, mit +zärtlichem Ausdruck fort: + +„Also auch meine stolze Königin kann eifersüchtig werden!? Dann sind wir +also quitt, meine liebe, wunderschöne Lucile Lavard!“ + + * * * * * + +Eine Lavardsche Equipage hatte eben Imgjor — es war halb drei Uhr +morgens — vor dem Hause das sie seit ihrem Kopenhagener Aufenthalt +bewohnte, abgesetzt. Stumm und ehrerbietig war Robert seiner früheren +jungen Herrin beim Aussteigen behilflich gewesen, und nun schleppte sich +das junge Mädchen, die Brust voll von den widerstreitendsten +Empfindungen, die Treppe hinauf. + +Der Prinz und Curbière hatten wiederholt mit ihr getanzt und sich beide +außerordentlich eingehend mit ihr beschäftigt. + +Der Prinz war ein Mann von Geist und feinen Manieren, aber nicht ohne +starken Cynismus, Curbière dagegen ein Kavalier von seltener +Gewandtheit, auserwähltem Geschmack und neben scharfem Verstande von +einer Unbefangenheit in der Beurteilung menschlicher Dinge, die Imgjor +in Erstaunen versetzt und außerordentlich angezogen hatte. + +Er war ein ganz anderer als der übrige Schwarm der Männer. Lucile hatte +wohl gewußt, was sie gethan hatte! Er ähnelte dem Grafen Dehn, demselben +den sie, Imgjor, aus Trotz und Stolz von sich gewiesen. + +Ein schwerer Kampf vollzog sich gegenwärtig in Imgjors Innern. + +Ein Wesen von Fleisch und Blut, war auch ihr Herz einmal wieder in +Bewegung geraten! Und gerade der Mann hatte Eindruck auf sie gemacht, +der seine Hand vergeben und den sie — Scham, Reue und Auflehnung gegen +sich selbst flogen in heißen Schauern durch ihre Seele — wegen seiner +Schwärmerei für eine andere so scharf zu tadeln sich unterfangen hatte. + +Was sie an ihm so streng gerügt hatte, war nun ihr eigen Teil geworden. +Sie beschäftigte sich in ihren Gedanken mit dem Verlobten ihrer +Schwester. + +Allerdings gelangte sie zu einem anderen Ergebnis, als sie sich +vorstellte, sie hätte Curbières Gattin werden können. Dann schob sich +doch die Gewalt des Grafen Dehn in ihre Vorstellungen. Sie erkannte, daß +nur die gewaltsam herabgedrückte Leidenschaft für ihn sich geregt, daß +sie zu Curbière das mit jenem Uebereinstimmende im Wesen hingezogen, daß +ihr Herz unwillkürlich — ihr unbewußt — Nahrung suchend, nach diesem +Ersatz gegriffen habe. + +Aber diese Probe hatte sie zugleich belehrt, daß sie sich von den Räumen +der Paläste fern halten mußte. Die Schmeicheleien, die den Sinnen +gebotenen Reize, die parfümierte Atmosphäre wirkten auf sie. + +Reine Gedanken, und durch sie die Wiedererlangung der Ruhe ihrer Seele, +mußte sie zurückerlangen. + +Hatte sie nicht selbst darauf bestanden, daß man ihr eine Freiheit +eingeräumt, wie sie jetzt sie besaß? Sie war ihr unter schwersten +Kämpfen geworden. Sie hatte geschworen, auf die Liebe eines Mannes zu +verzichten, jedenfalls niemals einem Axel Dehn den Triumph zu gönnen, +das Eingeständnis ihrer Liebe zu hören. + +Würde sie sich nicht dem höhnischen Lächeln der wahrsagenden +Besserwisser preisgeben, wenn sie plötzlich ihren Vorfällen wieder +untreu wurde, gar von dem Schauplatz ihrer Thätigkeit zurücktrat? + +Sprach man doch in ganz Dänemark von Grevinde Lavard! Man hatte sie +schon mit der heiligen Elisabeth in Deutschland verglichen. Und ihrer +armen, verdorbenen Mutter hatte sie einen stummen Schwur geleistet, sich +der unglücklichen, den Verfluchungen ausgesetzten Frauen anzunehmen! +Sollte sie ihn brechen? Nein, niemals! + +Sie preßte gewaltsam alles in sich nieder, was ihre Entschlüsse wankend +machen konnte. + +Und zu all' diesen Vorstellungen gesellte sich heute wieder auch die +Erinnerung an Prestö. + +Noch einmal war Imgjor ihm begegnet, damals, als sie zur bleibenden +Uebersiedelung nach Kopenhagen unterwegs gewesen. + +Sie hatte ihn mit einem jungen Mädchen, sicherlich seiner Braut, auf der +die beiden dänischen Inseln verbindenden Korsörer Fähre gesehen, und da +er sie nicht einmal gegrüßt hatte, waren die Gefühle der Empörung, des +Schmerzes und der Gedanke, jedermann vor diesem gefährlichen Menschen zu +warnen, wieder in ihr aufgestiegen. + +Aber gerade das Mädchen an seinem Arm war als ein Engel zwischen ihn und +sie getreten. Ihr Erscheinen hatte alle rachsüchtigen Regungen in Imgjor +erstickt. Ingeborg Jensen hatte ihr damals geschrieben, hatte sie +beschworen, ihrem Verlobten zu vergeben, und ihren flehenden Worten war +Imgjor mit ihrem weichen Herzen erlegen. — + +Fast eine Stunde hatte Imgjor schon, in solche Gedanken verloren, +dagesessen. Die Geschmeide hatte sie abgethan, das Kleid von ihrem +Körper gelöst. Sie glich, als ihr Blick zufällig in den Spiegel fiel, +einer marmornen Psyche. + +Und bevor sie ihr Lager aufsuchte, ergriff sie ein dänisches Buch, das +auf ihrem Tisch lag. + +„Was ist Glück?“ lautete der Titel. + +Was ist Glück? Ja, was war Glück? Pflichtübung führte es zunächst +herbei. Aber Pflichterfüllung war auch ein dehnbarer Begriff. Mit +Pflichterfüllung verband sich starke Selbstentäußerung — und sie brachte +Kämpfe, die aber machten doch nicht glücklich! War sie denn überhaupt +glücklich? + +Sie schüttelte wehmütig den Kopf. + +Nein! Es hatten die Recht behalten, deren Weisheit sie bespöttelt hatte. + +Wo herrschte die größte Vernunft? Ihre Erfahrung hatte ihr darauf die +Antwort erteilt: Bei denjenigen, welche die Dinge dieser Welt nicht mit +Ungestüm anfassen, sondern mit besonnener Vernunft, die, ohne daß sie +stumm oder laut darüber philosophieren, wissen und daran festhalten, daß +Zeit und Umstände Mitordner der Dinge sind; die den guten Mittelweg +einschlagen, ihn stetig beschreiten, wenn auch auf den Nebenwegen noch +so viele Harfen mit süßklingenden Tönen locken; die endlich vom Tage und +von den Stunden nicht mehr begehren, als sie nach Lage der Dinge +herzugeben vermögen und wofür sie, die Fordernden, aufnahmefähig sind. + +Sie aber, Imgjor, jagte unruhig einem von allen Vernünftigen als +Phantom bezeichneten Ziele nach, erntete keinen Dank, wohl aber meistens +das Gegenteil. Die Empfänger ihrer Wohlthaten hatten ihr schon oft +erklärt, daß man sie ja nicht gerufen, daß sie sich aufgedrängt habe, +daß man ohne sie auch und besser fertig geworden wäre! + +Dann hatte sie sich hingesetzt und wie ein Kind — und immer noch ein +solches an mangelnder Erfahrung — bitterlich geweint. + +Ja, wie anders war die Welt der Vorstellungen und die der Wirklichkeit! +Curbière hatte ihr gesagt, und aus jedem Wort hatte sie Axel Dehn +sprechen zu hören vermeint: + +„Wir leiden an drei Krankheiten: der einst den Frauen nachgesagten, +jetzt der Männerwelt anhaftenden Eitelkeit, der Verbesserungs- und +gegenseitigen Bevormundungssucht. + +Die schlimmsten Verderber unserer heutigen Zustände sind diejenigen, +welche, statt der Zeit ein allmähliches Reisen der Dinge anheimzugeben, +sich zu Staatsverbesserern aufwerfen, den Eitelkeitsspiegel zur +Betrachtung ihrer ungeheuren Weisheit und Bedeutung allezeit in der +Tasche tragen, fast ausnahmslos aus diesem Grunde auch nur handeln, +selbstgefällig, erhobenen Hauptes, reden, reden und wieder reden, +begründen und Resolutionen fassen. + +Wir besitzen die Mittel zur Verbesserung unserer Lage in nächster Nähe. +Aber wir stecken so sehr im Sumpf unserer Selbstsucht, gepaart mit +Verweichlichung und Genußsucht, daß wir durch künstliche Mittel ein +Gleichgewicht erzwingen wollen. Zu einer Gesundung unserer Zustände +können wir nur gelangen, wenn wir alle zu einfachen, natürlichen +Verhältnissen zurückkehren, wenn jeder streng in seinem Wirkungskreise +seine Pflicht erfüllt, erst sorgsam sein Haus bestellt und dann auch dem +Nachbar hilfreich die Hand bietet, und wieder letzterer dem nächsten, +also, daß jeder geduldig, wachsam und treu der Last sich fügt, die +schwer oder minder schwer auf seinen Schultern ruht; wenn endlich die +sozial Bedrohten von den Gegnern einer ruhigen Entwickelung der Dinge, +nämlich den Sozialdemokraten, die Kunst der Einigkeit und +Opferfreudigkeit erlernen, fest und unzerreißbar sich zusammenscharen +und handeln, sobald Umstürzler die begehende Ordnung untergraben wollen. + +Jedem Menschen gab die Natur, wie dem Tiere, die Werkzeuge zum Kampf um +seine Existenz mit. + +Sie soll er zunächst gebrauchen, nicht nach fremder, künstlicher Hilfe +sich umschauen. + +Auf Beistand von Seeschiffen rechnen, wenn man auf Auen in Kähnen fährt, +ist das Beginnen von Thoren. + +Was war es denn, so fragte sich Imgjor, was sich immer wieder in ihrer +Seele regte und dennoch Lehren und Erfahrungen beiseite schob? Sie fand +keine Antwort darauf. + + * * * * * + +Als sich Imgjor am nächsten Tage spät erhob und nach Erledigung einiger +häuslichen Pflichten an ihren Schreibtisch ging, fand sie zu ihrer +Bestürzung, daß sie bestohlen worden war. + +Es fehlten mehrere hundert Kronen, die sie beiseite gelegt hatte, um +einen beim Zoll angestellten, schwer heimgesuchten Familienvater zu +unterstützen. + +Der Diebstahl mußte während ihrer Abwesenheit am gestrigen Abend +vollführt worden sein, und da nur ihr Aufwartemädchen ihre Zimmer +betreten konnte, so mußte sie die Diebin sein. + +Dies regte Imgjor abermals außerordentlich auf, besonders deshalb, weil +sie diesem Dienstboten und deren Eltern sehr viele Wohlthaten erwiesen +und somit Dankbarkeit, wenigstens Treue von ihr erwartet hatte. + +Aber sie fand auch in ihrem Briefkasten, den sie gewohnheitsmäßig nach +beendetem Frühstück öffnete, einen Brief, dessen Inhalt sie namenlos +erregte. + +Das Schreiben lautete: + +„Nichts anderes trieb dich aus den vergoldeten Zimmern in Rankholm fort, +als deine Sucht, dich breit zu machen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf +dich zu lenken. Und weshalb? Um deinen kleinlichen Ehrgeiz zu +befriedigen, damit man von dir spricht, schreibt, kurz — etwas aus dir +macht, die du doch selbst nichts bist. Du meinst, man durchschaue dich +nicht. Aber die Welt hat scharfe Augen. Die eine Hälfte bespöttelt und +belacht deine Narrheiten, die andere, die der Eingeweihten, geht mit dem +Gedanken um, dem Grafen Lavard mitzuteilen, wie sein Name durch dich +verunehrt wird. + +Solche Emanzipierte wie du gehören in eine Korrektionsanstalt. Du die +Welt reformieren? Du der Not und dem Elend ein Ende machen? Stille +deinen eigenen Jammer! Denn man weiß es, du hast genug mit dir zu thun, +und man weiß auch — warum! Also mache ein Ende mit der Komödie und mit +den bezahlten Zeitungsartikeln, die auf deine Verherrlichung abgesehen +sind! + +Kehre dahin zurück, woher du gekommen bist, ehe du notgedrungen die +Flucht ergreifen mußt!“ + +Imgjor saß während einer längeren Zeit wie gelähmt da. Das war die +stärkste Infamie, die ihr bisher geworden. Und wenn's auch vielleicht +aus derselben Quelle stammte, aus der ihr die übrigen Kränkungen +gekommen waren, so wurden doch durch solche Wahrscheinlichkeit ihre +unruhvollen Vorstellungen nicht beseitigt. + +Die Augen wurden ihr durch dieses Schriftstück völlig geöffnet. So +urteilte also die Masse; solche Motive schob sie ihr unter! + +Und das war so entsetzlich, daß sie sich hätte in diesem Augenblick tief +in die Erde verkriechen und nie wieder zum Vorschein kommen mögen. + +Fort, fort, nur fort aus Kopenhagen mit seinem Undank, seiner Mißgunst +und Niederträchtigkeit! Zurück nach Rankholm, wo die weißen Tauben um +die hohen Türme der Einsamkeit flatterten, wo Ruhe, sanfter Friede +herrschten, wo es kein widerwärtiges Jagen und Haschen nach Geld und +Stellung, wo es noch einfache Verhältnisse gab; wo man ohne erst Anhöhen +vor der Stadt zu gewinnen, die Sonne in ihrer unschuldigen, hehren +Schönheit aufsteigen und niedersinken sah, wo der Mond die stillen Wege +versilberte, auf denen sie, ein glückliches, von den Wirren der Welt +unberührtes Kind, einhergewandelt war! Ah! Das Brüllen der Rinder, das +Wiehern der Pferde, die reinen Laute des Landes, die anheimelnden Düfte, +der kräftige Erdgeruch; ihr Zimmer oben im Turm, mit einer Aussicht in +eine Welt, die nicht schöner gedacht werden konnte, in der Menschen +wohnten, gute, treuherzige, dankbare, keine schlechten wie hier! — + +Aber auch dieser Sturm ihres Innern ging vorüber, und Imgjor gelangte zu +anderen, zu den alten Entschlüssen. + +Sie wollte fortfahren, in die Häuser der Armen zu gehen, und trotz aller +Anfeindungen versuchen, nicht in dem zu erlahmen, was sie sich einmal +als Lebensaufgabe gewählt hatte. Am nächsten Tage wollte sie in +Sommerlyst einem Vortrage beiwohnen, den ein aus Schweden +herübergekommener Reformator Kollund, ein früherer Geistlicher, halten +würde. Ja, dazu war sie entschlossen! — + +Es war am folgenden Abend. Schon seit einer Stunde hatte Kollund, der +einstige Geistliche und jetzt den neuen Ideen mit feurigem Eifer +huldigende Wanderprediger seinen Vortrag beendet, hatte der stets nach +solchen Verheißungen hungernden Welt erklärt, daß Christus im Grunde +nichts anderes gewollt, als was sie selber jetzt in größerer +Gemeinschaft anstrebten. Auch er habe gesprochen: „Kommet her zu mir +alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ und nur durch praktisches +Christentum seien die Not und das Elend aus der Welt zu schaffen. Seine +Worte hatten Imgjor deshalb noch mehr ergriffen als alle diejenigen +seiner Vorgänger, weil sie von dem reinsten Enthusiasmus getragen und +weil sie von jener Selbstlosigkeit durchhaucht schienen, die ihr selber +eigen war. So sehr hatte sie das bleiche Erlöserangesicht des Redners +angezogen, daß sie auch nach Beendigung des Vortrages in Sommerlyst +blieb. Sie hatte sich ihm vorgestellt und ihm gesagt, wer sie sei. Und +dann war sie mit ihm in eine Laube des Gartens getreten und hatte hier, +umfächelt von den sanften Lüften der Frühlingsnacht, ihre Gedanken mit +ihm ausgetauscht. + +Sie sei im Begriff, zu erlahmen, hatte sie ihm, unter den Eindrücken der +letzten acht Tage, mit einer Offenherzigkeit gestanden, als ob sie ihn +lange Jahre gekannt, ihm schon immerdar ihr Vertrauen geschenkt habe. + +Und der Mann, ein unerschütterlich Ueberzeugter, hatte das Haupt mit +einer Miene bewegt, als ob er nicht zu hören brauche, als ob er ohnehin +wisse, was in ihrer Seele sich vollziehe. + +„Mir ging es wie Ihnen, Komtesse,“ erklärte er. „Ich habe wohl +hundertmal alles wieder beiseitewerfen, habe verzagen wollen. + +Ich habe so viel Undank und so viele Nichtswürdigkeiten erfahren, daß +ich im Zorn aufgeschrieen und in die Worte ausgebrochen bin: + +„So helft euch selbst! Ihr verdient es nicht, daß ein ehrliches +Menschenkind auch nur einen einzigen Schritt für euch thut! Ihr seid +Riesen im Nehmen, im Empfangen und in der Selbstsucht, und kleiner als +Ameisen in der Erkenntnis dessen, was ihr euch selbst schuldig seid, +welche Dankpflichten ihr denjenigen zollt, die sich in eure Dienste +stellen! + +Mit dem Essen wächst euer Appetit bis ins Ungemessene. Ihr fordert +zuletzt, wo ihr zu bitten habt. + +Vor Monaten blieb eine Frau, der ich täglich Nahrungsmittel gespendet, +plötzlich aus. Als ich ihr begegnete und sie fragte, weshalb sie nicht +mehr komme, erwiderte sie mir in einem geringschätzenden Ton: + +Es sei ihr das Essen bei mir nicht mehr gut genug. Sie verkehre jetzt in +dem Hause eines Großkaufmanns und empfange dort andere, sehr viel +bessere Speise. + +Ich hatte auf der Zunge, ihr zuzurufen: + +„Sie soll dir _nicht_ werden, du Unverschämte! Ich werde jenem melden, +welch' eine Unwürdige du bist!“ + +Aber ich gedachte des Elends, das dann vielleicht wieder eintreten +würde, und verwandelte Zorn in Milde. Ich sprach auf sie ein und hielt +ihr vor, auf welchem verkehrten Wege sie sei. Denn das ist unsere +Aufgabe! Nicht zürnen, gar rächen, vielmehr vergeben, anleiten, durch +sittliche Förderung des einzelnen Samen streuen für eine allmählich +aufgehende, kräftige Frucht. Und glauben Sie: + +So niederträchtig die Welt sich oft durchweg giebt, so ungerecht, so +einseitig, sie meist urteilt, so birgt sie doch auch Edeldenkende. Es +giebt ein sich an Wahrheit und Wirklichkeit haltendes Urteil, und das +und das Eintreten jener Gerechten wird am Ende siegen. + +Im allgemeinen hat die Welt einen sehr feinen Orientierungssinn, sie +weiß sehr wohl zwischen den Wertvollen und Wertlosen zu unterscheiden. — + +Harren Sie also aus! Schon leuchtet der Name der Grevinde Lavard durch +die nordischen Lande. Daß sie Anfechtungen zu bestehen hat, daß man sie +entweder eine Närrin oder eitle Abenteuerin schilt, das ist ein Los, das +sie mit allen teilt, denen ein höherer Geistesflug innewohnt, die sich +nicht damit begnügen, blos zu sein.“ + +Imgjor hatte dem Redner mit Begeisterung zugehört. Sie fing jedes Wort, +das über seine Lippen ging, wie ein Evangelium auf. So schön, so +verklärt waren seine Züge! Ueber der bleichen Stirn hing, gleichsam als +Kennzeichen der Gleichgiltigkeit gegen alles Aeußerliche, eine Locke des +schwarzen Haares, in seinen dunklen Augen glühte das Feuer der +Ueberzeugung, und über ein krankes Hüsteln, das seine Rede unterbrach, +sprach er mit jener milden Ergebenheit, die den Märtyrern eigen. + +„Ich schaffe, so lange ich es vermag. Will der Schöpfer, daß ich +aufhöre, so wird er seine Gründe haben, und einen anderen, Befähigteren, +Stärkeren senden.“ + +Jetzt, in seiner Nähe, unter seinem Einfluß lehnte sich Imgjor wieder +einmal gegen die nüchterne Ueberlegenheit eines Axel Dehn, eines +Marquis von Curbière auf. + +Es war sehr bequem, zu sprechen, wie sie es thaten. + +Allmählich würde, nach ihren Worten und Ansichten, vom steten Regen der +Zeit benetzt, der Felsen der zu großen Ungleichheiten zerbröckeln! Aber +eben der Regen sollte wirken, damit auf dem Platze, wo das Gestein +ruhte, fruchtbares Land sich aufthue! Selbst wollten sie sich nicht +rühren, die Muskeln nicht anstrengen! + +In ihm, dem Prediger Kollund, saß das, was einem Christus, einen Mahomed +den Stab in die Hand gedrückt. Er war der berufene Vorkämpfer für die +neue Lehre. Endlich hatte sie ihn gefunden. + +Nachdem Imgjor mit Kollund verabredet hatte, daß sie sich noch einmal +wiedertreffen wollten, nahm sie allein den Weg von Sommerlyst zu Fuß +zurück. Ihre Wohnung lag in der Nähe des Rosenberger Schlosses in der +Kronprinzeßgade. + +Als sie nach einer sie stark beschwerenden Wanderung an die Ecke dieser +und der Gothergade angelangt war, trat plötzlich ein junger Mensch auf +sie zu und redete in sehr zudringlicher Weise auf sie ein. Und als sie +ihm durch rasches Forteilen zu entrinnen suchte, war er ebenso schnell +nochmals an ihrer Seite, wiederholte, die menschenleere Gegend +benutzend, seine Anträge, und umfaßte, trotz Imgjors äußerstem +Widerstand, ihren Leib. + +„Sie sind doch Grevinde!“ flüsterte er, sie fester und fester an sich +ziehend. „So gewähren Sie doch einem armen, sehnsüchtigen Menschen auch +einmal eine glückliche Stunde. Andere dürfen es! Warum wollen Sie es mir +versagen? Ach, wie schön Sie sind! Ich sah Sie mit Kollund sitzen. Der +Glückliche! + +Ich bitte, mein süßes Kind — komm mit — komm mit auf die Bank! Laß uns +plaudern. Höre, wer ich bin, und wisse, ich bin deiner wert!“ + +Imgjor fehlte der Atem und es versagten ihr die Worte. Sie wollte +schreien, Hilfe rufen und vermochte es nicht. Mit ungeheurer Kraft hob +er sie empor, trug sie in das Innere des Parkes und verschwand mit der +Halbohnmächtigen unter den Bäumen. + + * * * * * + +Im Rankholmer Palais saß in seinem dreifenstrigen durch den Anstrich +sanfter Pfirsichfarben reizvoll gehobenen und mit alten Ovenschen +Gemälden und seltenen nordischen Möbeln geschmückten Arbeitsgemach Graf +Peder Lavard und rauchte aus einer kostbaren Meerschaumpfeife. Dem +silberbeschlagenen Kopf entstiegen in blauen Ringen emporschwebende, +einen verführerischen Duft verbreitende Wölkchen, und ein Ausdruck +ausnehmender Behaglichkeit haftete in den Zügen des Besitzers des +Schlosses. + +Ihm gegenüber, in einen hohen Sessel aus dem sechszehnten Jahrhundert +zurückgelehnt, plauderte der Marquis von Curbière, der heute einen +schneeweißen Anzug aus einem Pariser Magazin trug, und nun eben eine +kleine, dünne Cigarette durch rasche Berührung mit einer brennenden +Wachskerze entzündet hatte. + +Die Herren unterhielten sich über eine am kommenden Tage bei Hofe +Stattfindende Festivität, zu der, mit Ausnahme von Imgjor, sowohl die +Familie Lavard, wie auch der Marquis, nach vorangegangener Einzeichnung +seines Namens in das in dem königlichen Vorzimmer ausgelegte Meldebuch, +Einladungen empfangen hatten. + +Und eben, daß man Imgjor ausgeschlossen, daß man, wie stets, von ihr gar +keine Notiz genommen hatte, brachte das oft erörterte Thema ihrer +Emanzipation von neuem in Fluß, ließ die Herren überlegen, durch welche +Mittel man sie endlich von ihren Abenteuerlichkeiten kurieren könne. +Umsomehr beschäftigte sich die Familie mit Imgjor, als einige Vorfälle +der letzten Zeit auch ihren Namen wieder in sehr unliebsamer Weise in +die Oeffentlichkeit gebracht hatten. + +Immer stand Graf Lavard unter der Befürchtung, daß seinen guten +Beziehungen zum Hofe durch Imgjors Verhalten ein Abbruch geschehen +könne. In den Zeitungen war mitgeteilt worden, daß der frühere +Geistliche Kollund in Sommerlyst einen von Tausenden besuchten Vortrag +gehalten und daß die bekannte Grevinde Lavard demselben nicht nur von +Anfang bis zu Ende beigewohnt und ihm sehr lebhaft Beifall gezollt, +sondern auch noch mit dem Redner später lange Nachtstunden allein +konferiert habe. + +Und am nächsten Tage hatten dieselben Zeitungen zu erzählen gewußt, daß +ein Anfall auf die Komtesse verübt sei. + +Nach jenem Vortragsabend sei sie unvorsichtigerweise allein nach Hause +geschritten und, in der Nähe des Rosenborger Parkes angelangt, von einem +Strolch, dessen Familie sie viele Wohlthaten erwiesen habe, überfallen +und übel zugerichtet worden. Sie liege an einem Nervenfieber darnieder +und werde von einer barmherzigen Schwester gepflegt. Auch ihre +Angehörigen weilten täglich an ihrem Lager. + +Seit dieser Zeit waren drei Wochen vergangen. Imgjor war wieder +aufgestanden und hatte sich erholt. + +Bei einem Fest beim Premierminister, dem die königliche Familie +beigewohnt hatte, war zwar der König dem Grafen und seinen Angehörigen +sehr gnädig begegnet, aber es waren doch auch zum erstenmale Worte +gefallen, die seine Ansichten über die junge Gräfin Lavard sehr deutlich +hatten zu Tage treten lassen. + +„Ich bedaure, lieber Graf, daß die Komtesse von einem solchen Unfall +betroffen worden ist. Aber ich würde es nicht nur in ihrem, sondern eben +so sehr im Interesse der Familie halten, wenn sie sich solchen +Extravaganzen nicht aussetzte, überhaupt ihrem Enthusiasmus einige Zügel +anlegte. Der Polizeipräfekt meldet mir, daß nun auch sie einen +öffentlichen Vortrag zu halten die Absicht hat. Suchen Sie das mit allen +Mitteln zu verhindern. Ich rechne darauf. Dergleichen paßt sich nicht +für das Mitglied einer dänischen Adelsfamilie. Wo kommen wir hin, wenn +von dort schon solche Beispiele ausgehen!“ + +Während die Anwesenden noch sprachen, meldete Frederik, daß Komtesse +Imgjor soeben ins Schloß getreten wäre, zudem benachrichtigte er die +Herrschaften, daß das zweite Frühstück serviert sei. + +Unmittelbar darauf trat auch schon Imgjor ins Zimmer, schritt mit der +Miene sanfter Unterordnung auf ihren Pflegevater zu und reichte dem +Marquis mit jenem süßen Blick die Hand, den sie allen denen gönnte, die +sie lieb hatte. Aber auch Lucile erschien, und da war's, als ob nun erst +die volle Schönheit die Welt erhelle. + +Sie glich der Versinnbildlichung des eben eingezogenen blühenden +Sommers! Ein weißes, seidenes Gewand umschloß ihren Körper, eine gelbe +und eine weiße Rose saßen in ihrem nach Empire-Art hochfrisierten Haar. +Sonst trug sie keinen Schmuck. + +„Ah, wie schön du heute wieder aussiehst, meine Lucile!“ flüsterte +Curbière, voll Bewunderung seine Braut umarmend. + +Und während er sie noch mit anderen schmeichelnden Worten überschüttete, +sprach der Graf, seiner Tochter Imgjor mit liebenswürdiger +Zuthunlichkeit den Arm reichend, auf diese ein. + +„Ich möchte dich nachher sprechen, Imgjor. Nach dem Frühstück, ehe du +das Palais wieder verläßt, gehen wir noch einmal zu mir hinüber —“ + +Die Gräfin warf ihr beim Eintritt in den Speisesaal, wohin sie sich +inzwischen begeben, einen von einem vertraulichen Lächeln begleiteten, +guten Blick zu, auch umarmte sie Imgjor bevor sie sich an der Tafel +niederließ. + +Es wurde ein zu unternehmender Wagen- und Reitausflug nach Skodsborg +besprochen. Die Herrschaften wollten auf der Rückkehr in Klampenborg +speisen. Imgjor wurde von den Ihrigen ebenfalls aufgefordert, wich aber +aus. + +„Stimmen Sie doch zu, schöne Schwägerin!“ ermunterte sie Curbière +liebenswürdig. „Lassen Sie einmal die Kittelleute für sich selbst +sorgen! Erinnern Sie sich, wie sie Ihnen jüngst begegneten, und +vergessen Sie nicht, daß Sie auch Pflichten gegen die Ihrigen haben.“ + +„Ich würde sehr gern teilnehmen“ — entgegnete Imgjor, bei der Hitze die +Aermel ihres Kleides etwas zurückgreifend und so ihren reizenden Arm +freigebend — „aber ich will in diesen Tagen einen öffentlichen Vortrag +halten, und da brauche ich alle meine Zeit äußerst notwendig.“ + +„So halten Sie ihn nicht! Das Sternbild des Bären wird nicht vom Himmel +herabfallen, wenn die Welt sich dessen entraten muß. Glauben Sie denn +wirklich, daß dergleichen einen praktischen Nutzen hat?“ + +„Ich hoffe es, lieber Armand.“ + +„Und welchen?“ + +„Daß die Menschen zum Nachdenken gelangen.“ + +„Aber wir haben ja die vielen Orte, die stillen Kämmerlein und +lauschigen Plätze in der Einsamkeit der Gottesnatur, wo die +Erdenbewohner selbst dergleichen üben können! Wir haben zudem all' die +Kirchen und die vielen Prediger —“ + +Imgjor zog die Schultern. + +„Liegt nicht eigentlich eine Vermessenheit darin, fortwährend andere +belehren zu wollen, Imgjor?“ fuhr er fort. „Wär's nicht besser, jeder +verwendete seine Zeit auf sich? Jeder hat's dringend nötig! Ich +wiederhole früher Gesagtes.“ + +„Ja, darin liegt etwas! Ueberhaupt haben Sie wohl von ihrem Standpunkt +aus auch recht. Ich kann aber nicht anders, als nach meiner Natur +handeln. Ist's nicht schon viel wert, wenn es mir gelingt, einige +Mißgeleitete umzuwandeln?“ + +„Das ist — pardon! — die stete Rede aller derer, die es für erforderlich +halten, die Menschen fortwährend auf Tod und Sterben und Buße +hinzuweisen, anstatt sie das Leben lieben zu lehren, sie zur +Lebensfreudigkeit anzuhalten, ihnen ein heiteres, sorgloses Gemüt zu +verschaffen, sie dadurch zu stählen, dem Dasein zu begegnen, so dem +Schöpfer wohlgefällig zu sein. Nichts Widersinnigeres als das +Asketentum, nichts, was Gottes Absichten weniger entspricht! Er schuf +die Sonne und die Helle zum Gedeihen der Welt, uns zur Freude und zum +fröhlichen Genießen. Und wir? Wir verwandeln seine schöne Erde in ein +Jammerthal, durch das wir gezwungen hindurchgehen müssen, in einen +Kerker, in dem wir lebenslänglich zu schmachten verurteilt sind. Wie +kleinlich machen wir den großen Geist. Wie sehr beweisen wir durch +unsere Auffassung von der Gottheit, wie wenig wir jemals über sie +nachgedacht, geschweige ihr innerstes, jedes Geschöpf mit grenzenloser +Liebe, Güte und Nachsicht umfassendes Wesen ergründet haben. Verdammen +wir nicht den Lehrer, der immer nur danach ausschaut, ob die Kinder +fehlen, ihnen ihre Bewegungen beschneidet, sie stetig in solche Fesseln +spannt, die der Natur des freigeborenen Geschöpfes widerstreben; der +fortwährend mit Strafen und Vergeltung droht, der ihnen immer nur +zuruft: „Bedenket, daß der Zeugnistag erscheint!“ Und so fort und so +fort bis zum Abgang? Und nun behängen wir gar das erhabene Wesen mit +solchen Eigenschaften! Wahrlich, man weiß nicht, ob man über solche +Verblendung weinen, oder ob man sich gegen solche Anmaßung der Auslegung +des göttlichen Wesens empören soll!“ + +„Sie sprechen —“ entgegnete Imgjor voll Begeisterung, „für eine +Neugestaltung unserer religiösen Anschauungen. Der geistig höher +Stehende gelangt, und sicher mit Recht, zu solchen. Wir haben es aber +mit der breiten Masse zu thun, die an dem Alten hängt und für welche die +Lehre von Himmel und Verdammnis geeigneter ist. Was ich vorhabe, ist ja +auch etwas anderes. Ich will reden über die Gleichberechtigung der +Menschen zum Zweck eines glücklicheren Erdenlebens, über die Mittel, das +Los der Armen zu verbessern, über die Pflicht der Großen, dazu nach +Kräften beizutragen! Ich will praktische Religion predigen!“ + +„Ich möchte, daß du diesen öffentlichen Vortrag nicht hieltest, ja, ich +wünsche unter allen Umständen, daß es unterbleibt, Imgjor!“ fiel nun der +Graf ein. Er that's, nachdem eben die Dienerschaft das Zimmer verlassen +hatte. + +„Der König sprach mich in diesen Tagen darauf an, daß du dergleichen +vorhabest. Er forderte von meiner Loyalität, daß ich es dir verbieten +möge.“ + +„Deine Loyalität sollte dich eher bestimmen, mir beizupflichten, lieber +Papa!“ fiel Imgjor ein. „Ich predige nicht den Umsturz; ich will nur auf +Grund des Bestehenden reformieren. Und je eher und besser uns das +gelingt, um so sicherer werden sich gerechte Fürsten ihr angestammtes +Erbteil bewahren.“ + +„Wir wollen uns gegenseitig keine Kathedervorträge halten, Imgjor. Du +kennst meine Ansichten und in diesem speziellen Falle jetzt meinen +unbedingten Willen. Da ich dir in so vielem nachgab, darf ich wohl auch +auf einen Gegendienst rechnen. Ich erwarte, daß du noch heute die +Schritte unternimmst, deinen Vortrag rückgängig zu machen. Ich werde +dagegen dafür sorgen, daß die Zeitungen eine berichtigende Notiz +bringen.“ + +„Das kann nicht sein,“ erklärte Imgjor. „Sage dem König, daß ich fürder +nicht mehr öffentlich sprechen will. Diese Abrede aber vermag ich nicht +mehr rückgängig zu machen — unmöglich!“ + +„Was heißt: kann — unmöglich, wenn ich es erbitte, wenn ich es wünsche, +wenn ich es will?“ rief der Graf, dem, wie so oft, jählings die Geduld +riß. Er sprang empor und schlug mit einer Heftigkeit auf den Tisch, daß +die Gläser zitterten. „Welch' grenzenloser Egoismus, immer nur das Ich +sprechen zu lassen, niemals sich erinnern zu wollen, daß es Dankgefühle, +daß es Familienrücksichten giebt! Hast du noch nicht genug? Willst du +abermals Scenen, wie die im Rosenborger Park, sich wiederholen lassen, +deren noch böseres Ende nur ein gnädiger Zufall verhinderte? Findest du +gar Lust daran, dich solchen dich entwürdigenden Dingen auszusetzen, da +du dich nun abermals öffentlich, wie eine Harfenspielerin, dem +allgemeinen Anglotzen preisgeben willst? Wahrlich, es scheint fast so! +Eitelkeit, Eitelkeit bisher! Und nun gar die Sucht nach Beifall auf +Kosten der weiblichen Würde!“ + +„O, halt! Halt!“ rief das in ihrem Innern tief betroffene junge +Geschöpf. Sie flog, ihre Gestalt straff emporreckend, vom Stuhl und +richtete herausfordernde Blicke auf den Grafen. „Daß du das sagst — mir +—“ + +Aber wie einst, schnitt er ihr die Worte ab, sprang auf sie zu, packte +ihre Handgelenke und rief, während ihm ein heißsprühender Atem aus der +Brust quoll: „Ja, das sage ich dir, ich, der Graf Lavard! Willst du dich +meinem Willen nun fügen? Willst du erklären, daß du von dem Vortrage +abstehst? Noch einmal nein, oder —“ + +Aber jetzt hielt es auch Curbière, der bisher bleichen Angesichts +dagesessen und nur durch seine Mienen an den Tag gelegt hatte, was er +bei dieser Scene empfand, nicht länger. Blitzschnell war er an beider +Seite, richtete einen bittenden Blick auf den Grafen und suchte ihm +Imgjor mit sanfter Bewegung zu entreißen. + +Aber auf den bis zur Raserei entflammten Mann übte dieses kavaliermäßige +Dazwischentreten gerade den entgegengesetzten Eindruck. + +„In meine häuslichen Angelegenheiten erbitte ich keine Einmischungen! +Ich muß aufs dringendste bitten!“ stieß er in einem schroff +entschiedenen Tone heraus, schob auch die Gräfin, die zu vermitteln +suchte, kurz und rauh zur Seite und faßte Imgjors Handgelenke nur noch +fester. + +Aber nun wußte Imgjor selbst das Schauspiel zu beenden. Indem sie sich +mit einer plötzlichen Bewegung befreite, sodann an die Thür eilte und +hier, um sich einen ungefährdeten Abgang zu sichern, mit der Linken die +Klinke faßte, sagte sie: + +„Ich kann nicht, Papa! Ich kann nicht, weil ich nicht alleiniger Herr +meiner Handlungen bin, weil ich mein Wort gab. Aber ich will mich in +anderer Weise dir fügen. Ich verzichte von heute an auf alle Rechte, wie +immer sie heißen mögen, auf die Rechte, deinen Namen zu tragen und auf +materielle! Ich werde mich fortan nennen, wie mein Vater hieß. So wirst +du befreit von der, die dir doch nur Schande macht, so streifst du die +Verantwortung für ihre Handlungen von dir ab. Verzeih' mir! Ich bitte +dich flehentlich! Nie werde ich vergessen, was du, was ihr alle Gutes an +mir gethan! Aber ich kann nicht anders. Jeder hat seine Eigenart und +besitzt ein Recht darauf. Auch ich muß meiner Natur folgen — Adieu! +Adieu! Nochmals Adieu! Vergebt mir!“ + +Nach diesen Worten verließ sie mit einem entschlossenen Blick das +Gemach. + + * * * * * + +In einem Hinterzimmer des Wirtshauses in der Nähe des Tivoli saß an +demselben Abend der Wanderprediger Kollund mit Imgjor Lavard. Sie hatte +ihm geschrieben, daß sie ihn sprechen wolle, und er hatte geantwortet, +daß er sich am Abend, nach einem Vortrage in der Umgegend, zu ihrer +Verfügung halte. + +Nun eben hatte er den Kellner gerufen und Speisen und Getränk gefordert, +während sie, nach ihren Wünschen befragt, ihn nur eine Flasche +Selterwasser zu bringen ersuchte. + +Sie besaß weder Hunger noch Durst. Ihr verlangte lediglich nach +Aussprache, nach Förderung ihrer während des Tages zu immer stärkerer +Reise gelangten Pläne. Sie wollte, wie er, das Land durchziehen, aber +sie wollte sich nicht mit Vorträgen begnügen, sondern mit allen Mitteln +dahin wirken, daß in jeder Stadt, in jedem Flecken und jedem Dorfe ein +Wohlfahrtsverein begründet werde. + +Diese sollten sich als Aufgabe stellen, eben das ins Leben zu rufen, was +sie einst mit Prestö geplant hatte. + +Da sie sich nun der Fesseln entledigt, da sie keine Rücksichten auf ihre +Familie mehr zu nehmen hatte, wollte sie wieder die größeren Ideen zu +verwirklichen suchen. + +Vielleicht würde Kollund ihr Partner werden, vielleicht fand sie bei +diesem, von den reinsten Absichten erfüllten Volksfreunde eine +Unterstützung ihrer selbstlosen Bestrebungen. + +Er hörte ihr auch, ohne sie zu unterbrechen, zu. Seine Augen hingen an +den ihrigen, als ob ihn eine Verzauberung ergriffen habe. Seine mageren +Hände griffen immer wieder nach der Flasche. Oft holte er tief Atem. So +beschwert schien er, daß sie einigemale besorgt fragte, ob ihn etwas +schmerze. + +„Nein, nein, nichts, gnädige Komtesse. Ich bitte, fahren Sie fort!“ + +Bisweilen schien's auch während des Zuhörens, als ob er in eine Art +Verzückung geriete, als ob er sich durch ihre Rede so in die Welt der +Wirklichkeit hineinversetzt habe, daß ihm schon alles Thatsache geworden +sei. + +Und das Ende war, daß er ihr begeistert zustimmte, sich bereit erklärte, +fortan mit ihr gemeinsam die Lande durchziehen und ihre von ihm +gutgeheißenen Pläne ins Werk setzen zu wollen. + +„Sehen Sie, Komtesse! Mir fehlten ja nur die Mittel, die Sie besitzen! +Ich mußte mich auf meine Ansprachen beschränken. Von dem Entree, das ich +erziele, soll ich leben und muß ich meine Reisen bestreiten. Sie haben +die vollen Kassen. Sie können sogar noch austeilen. Unter solchen +Voraussetzungen und Eindrücken strömen die Menschen herbei. Da rechnet +es sich auch die bessere Gesellschaft zur Ehre an, zu erscheinen. Ihr +Name, Ihre Stellung und Ihr Reichtum ziehen. Denn Sie müssen es wissen, +schließlich kommt's ja doch bei fast allen nur auf zweierlei an, auf +Befriedigung der Eitelkeit und auf Erreichung von Vorteilen. Von der +Sache selbst Durchdrungene giebt's kaum ein Dutzend auf eine Million!“ + +„Wie? Das sagen Sie, Herr Kollund?“ stieß Imgjor in starker Enttäuschung +heraus. „Ach! Das drückt mich tief herab. Und lassen Sie mich es Ihnen +gleich sagen, daß Sie sich irren, wenn Sie meinen, ich sei noch reich, +ich könne irgend etwas austeilen. Ich besitze nichts, da ich mich mit +meiner Familie völlig überworfen habe! Wenn ich meinen Schmuck verkaufe +— das meiste gab ich schon hin — bleibt mir höchstens die Möglichkeit, +noch einige Zeit zu leben!“ + +Schon bei den ersten Worten Imgjors war in die Züge des Mannes ein +Ausdruck von Mattigkeit getreten. Beim Schluß ihrer Erklärungen hielt er +schon gar nicht mehr mit seinen veränderten Gedanken und Anschauungen +zurück, zog die Lippen und schüttelte das Haupt. + +„Wenn die Dinge so stehen, Komtesse, ist — ist — garnichts zu machen! +Ich ging natürlich von ganz anderen Voraussetzungen aus. Bei solcher +Sachlage kann ich Ihnen nicht die geringsten Erfolge Ihrer Vorhaben +versprechen. Wir würden uns nur gegenseitig im Wege stehen. Jetzt vermag +ich allein zu existieren; in der Folge würden wir nicht das tägliche +Brot haben. Ist denn wirklich alles dahin? Ist keine Aussicht, daß Sie +sich mit Ihrer Familie wieder einigen?“ + +„Nein,“ erwiderte Imgjor kalt, mit einem solchen eisigen Ausdruck, daß +der Mann, der sich schon allen möglichen Träumen von Liebesglück und +Erdenschätzen hingegeben hatte, nunmehr einer völligen Ernüchterung +erlag. + +Im Nu verschwand der bestrickende Zauber, den Imgjor auf ihn ausgeübt +hatte. + +Aber auch Imgjor erlitt entsetzliche Qualen der Enttäuschung, doppelte, +da sie sich nicht nur in ihren Hoffnungen auf diesen Mann als Mithelfer +ihrer großen Pläne getäuscht fand, sondern auch durch ihn so +rücksichtslos belehrt worden war, wie nutzlos alles Mühen ohne +materielle Mittel sein werde. Sie hatte sich dem unbestimmten Gefühl +hingegeben, daß dieser edle Enthusiast die Herbeischaffung solcher +freudig auf seine Schultern nehmen, daß er dazu auch leicht imstande +sein werde. Sie, die immer aus dem Vollen geschöpft, die stets die Hand +hatte aufthun können, hatte sich trotz des täglichen Einblicks in die +Lebensnot der Menschheit auch in dieser Richtung eine Illusionswelt +aufgebaut. + +Und abermals hatte sie ebenso vorschnell, wie unweise gehandelt! Anstatt +vorher zu prüfen, die Folgen ihres Vorhabens zu überlegen, hatte sie +ihre Erwartungen ohne weiteres zu Thatsachen erhoben und war nun gleich +bei den ersten Schritten, die sie unternommen, bis zum Fallen +gestolpert. + +Jetzt stand sie — in furchtbarer Klarheit kam's über sie — wirklich dem +„Nichts“ gegenüber. Und sie hatte sich, wenn sie ehrlich überlegte, +während ihrer nun fast zwei und einhalbjährigen Thätigkeit draußen in +der Welt kaum einen Freund, sondern nur Feindschaft erworben. + +Die Freunde, die einzigen, die sie vorher besessen, hatte sie eben in +ihrem stolzen Uebereifer von sich gestoßen. Ihren Widersachern wollte +sie sich offenen Auges zugesellen und abermals mit schweren Kränkungen +und schnödem Undank verbundene Lasten übernehmen. War darin ein Sinn? +Hatte sie noch nicht Erfahrungen genug gesammelt? War's noch nicht +genügend erwiesen, daß ihre Umgebung in allem Recht gehabt? + +Und eben aus diesen gegen sich selbst gerichteten Ueberlegungen entstand +jählings eine um so größere Abneigung gegen denselben Mann, dem sie noch +beim Beginn des Gespräches gleichkam ihr ganzes Ich hatte verschreiben +wollen, den sie als den plötzlich ihr erstandenen Erlöser betrachtet +hatte. Sie konnte es nicht erwarten, die Beziehungen zu ihm abzubrechen, +auch ihm die Erklärung zu geben, daß sie keinen öffentlichen Vortrag +halten wolle. + +Sie nahm deshalb kurz und schroff das Wort und sagte: + +„Unser Gespräch hat mich belehrt, daß wir nicht, wie ich hoffte und +glaubte, zu einander passen, Herr Kollund. Ich bin infolgedessen auch zu +dem Entschluß gelangt, übermorgen nicht zu sprechen. Ich bitte also, die +Ankündigung zurückzuziehen. Ich muß es definitiv ablehnen, öffentlich +aufzutreten!“ + +Der Mann nickte beipflichtend, ohne sich im geringsten zu ereifern. + +„Ich würde,“ hub er mit unangenehm wirkender Ruhe an, „dann nur um den +Ersatz der Kosten bitten, Geldmittel für die Inserate in den Zeitungen, +für das Lokal, für die Personen, die ich zu bezahlen habe, und für die +Ausfälle an Einnahmen.“ + +„Welche Personen, welche Ausfälle an Einnahmen? Ich bitte!“ + +„Nun, die Stimmung machen, die mit einem Teller zum Sammeln herumgehen +sollten.“ + +„Stimmung machen, sammeln? Für was und für wen?“ + +„Wie Sie fragen, Gnädige! In solchen Versammlungen braucht man eine +Claque, und die muß man bezahlen. Die Sammlung wird für meine +Bedürfnisse aufgebracht — Ich soll doch leben — ich soll doch etwas +zurücklegen —“ + +„Gewiß, ersteres sicher! Und Sie lassen das erklären, oder Sie sagen es +selbst?“ + +Der Mann schüttelte den Kopf. + +„Nein! Das geht nicht. Dann kommt fast nichts ein! Die Beträge müssen +als Agitationsausgaben für die große Sache bezeichnet werden.“ + +„Glaubt man Ihnen denn das? Fragt man nicht, wer das Geld verwaltet, wo +es bleibt?“ + +„Nein. Ich bin der Verfechter der großen Idee. So ist auch am besten +angelegt.“ + +„Hm — hm — aber das ist doch alles nicht ehrlich, Herr Kollund, das +heißt doch nur an sich denken.“ + +„Vielleicht! Aber es geht nicht anders, meine Gnädigste. Mit +Sentimentalitäten kann man das Leben nicht anpacken. Man muß, um +durchzuringen, zu den Grundsätzen der Heiligung der Mittel greifen.“ + +„O nein, nein! Nie würde ich dazu meine Hand bieten. Verwerflich finde +ich solches Ausnützen des Vertrauens, schwindlerisch eine solche +Vertuschung der Wahrheit!“ + +„Sie sind eben noch sehr jung, meine Gnädigste! Sie meinen, daß sich +hier die Welt anders bewähren soll, als sonst allezeit. Und deshalb +erwarten Sie es, weil Ihre Absichten lauter sind, weil der Gegenstand +Ihnen groß und erhaben däucht. Ach, wie bald, wie gründlich werden Sie +belehrt werden! Die Kreatur bleibt sich in allen Lebensverhältnissen +gleich. Hier, hier erst recht muß man sehr klug sein und klug handeln, +um die Zwecke, die man im Auge hat, zu erreichen.“ + +„Nun, so mag es sein! Ich will Ihnen nicht widersprechen,“ stieß Imgjor, +ihre Empörung nur schwer dämpfend, heraus, „aber ich will jedenfalls +meinen Geldbeutel dazu nicht öffnen! Ich gebe das, was das Lokal und die +Annoncen kosten, ich gebe Ihnen eine Entschädigung dafür, daß Sie Ihre +Zeit mir nutzlos geopfert haben. Sie mögen dann verfahren, wie Sie es zu +verantworten vermögen. Ich will kein Hehler dieses Verrats und dieser +Unehre sein!“ + +„Ich sehe Ihnen Ihre Worte nach, Komtesse, weil ich Ihrer Unerfahrenheit +Rechnung trage, und wünsche nun auch meinerseits diesen Teil des +Gespräches zu beendigen. Ich bitte nun nur fragen zu dürfen, wann ich +mir den Betrag holen darf?“ + +„Wieviel verlangen Sie?“ + +„Mit fünfhundert Kronen denke ich zu reichen —“ + +„Fünfhundert Kronen? Unmöglich! Ich habe kaum so viel, wenn ich mein +Eigentum veräußere!“ + +„So geben Sie vierhundert. Ich will mich einzurichten, denen, die zu +fordern haben, abzudingen suchen. Diese Summe muß ich aber bereits +morgen Mittag von Ihrer Güte erbitten, wenn nicht für Sie sehr +unliebsame Zeitungserörterungen die Folge dein sollen. Diese würden auch +Ihrer Familie wohl wenig angenehm sein!“ + +„Gut!“ hauchte Imgjor, die weißen Zähne zusammenbeißend. „Sie sollen das +Geld um zwölf Uhr bei mir finden. Aber schicken Sie darnach. Mit Ihnen +möchte ich nicht ferner verhandeln —“ + +Nach diesen Worten reckte sie sich rasch empor, warf eine halbe Krone +für den Kellner auf den Tisch, griff nach Hut und Umhang und war schon +mit äußerst gemessener Kopfneigung verschwunden, ehe der Mann auch nur +Zeit hatte, ihr beim Anziehen des Mantels behilflich zu sein. — + + * * * * * + +Nachdem Imgjor ihre Wohnung betreten hatte, schritt sie mit einer +gewissen Hast an den Briefkasten. Sie erwartete, einen Brief von ihrer +Pflegemutter oder von Lucile zu finden. Sie hoffte es, während sie noch +bei ihrem Fortgange überlegt hatte, wie sie sich den Versuchen der +Ihrigen, ihren Sinn umzustimmen, zu entziehen vermögen werde. + +Sie fand auch ein Schreiben und zwei Karten, aber sie waren nicht von +den Lavards geschrieben. + +Die eine Karte war von dem Marquis de Curbière, die andere von dem +Hospitalarzt Doktor Kropp. Das Schreiben aber trug die ihr bekannte +Handschrift des Direktors des Krankenhauses, Doktor Stede, der seinem +lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gab, daß Imgjor nicht mehr in das +Hospital zurückkehren wolle. Er teilte ihr überdies mit, daß Doktor +Kropp von dort ebenfalls seinen Abschied genommen und sie besuchen +werde, um ihr eine Bitte vorzutragen. + +Einen Augenblick vertiefte sich Imgjor nach Lesen dieser Zeilen in ein +stilles Nachdenken, dann griff sie nochmals nach den beiden Karten. + +Und da fand sie beim Umwenden auf der Rückseite der vom Doktor Kropp +abgelegten die mit Bleistift geschriebenen Worte: + +„Bitte, Ihnen morgen vormittag gegen zwölf Uhr wieder aufwarten zu +dürfen —“ und auf derjenigen des Marquis de Curbière die Notiz: + +„Bedaure außerordentlich, Sie nicht getroffen zu haben! Wann darf ich +Sie sprechen?“ + +Da in diesem Augenblick das neue, von Imgjor statt der diebischen Dirne +angenommene Mädchen, das Stiefkind der Witwe Holm, Gebine Holm, ins +Zimmer trat, und nach ihren Befehlen fragte, wurden Imgjors Gedanken von +ihren eigenen Angelegenheiten abgelenkt. + +Sie hatte dem Kinde versprochen, für sein Fortkommen zu sorgen, und +besaß nun selbst nichts! + +Das beschäftigte Imgjor so sehr, daß sie erst Ruhe fand, als sie sich +vorstellte, sie könne das junge Ding in Rankholm unterbringen. + +Und dadurch wieder in ihren Vorstellungen gehoben, richtete sie einige +bisher verschobene Fragen an Gebine. + +„War jemand da, während ich fort war, Kind?“ warf sie hin. + +„Ja, gnädige Komtesse! Ein Mann wollte Sie sprechen —“ + +„Ein Mann oder ein Herr? — Wie sah er aus?“ + +„Es war — glaube ich — ein Matrose. — Ich fürchtete mich —“ + +Imgjor schrak heftig zusammen. Sie dachte an den Ueberfall, und +unwillkürlich brachte sie den Besuch mit diesem Geschehnis in +Verbindung. Als Imgjor in jener Nacht endlich die Kraft gewonnen, zu +schreien, waren zwei zufällig nicht weit vom Parkeingang befindliche +Nachtwächter herbeigeeilt und hatten den Strolch verscheucht. Er hatte +ihr aber noch zugerufen, daß er sie von neuem zu treffen wissen werde. + +„Wie sah er denn aus, Gebine? War's ein großer, starker dunkler Mann?“ +forschte Imgjor stark erregt. + +Gebine nickte. + +„Ja! Er hatte ein rotes Tuch um den Hals.“ + +Imgjor fuhr zusammen. So war's also derselbe! Ein rotbraunes Tuch hatte +jener in der Nacht getragen. + +„Und was sagtest du, Gebine?“ + +„Ich sagte, Komtesse wären verreist. Sie kämen heut' Abend mit einem +Herrn zurück, mit einem Rittmeister.“ + +„Weshalb sagtest du das? Wie kamst du darauf?“ Imgjor sprach's +verwundert. + +Das Kind richtete einen ängstlichen Blick auf ihre Gebieterin. Sie +antwortete nicht. + +„Nun? Sprich! Weshalb sprachst du von einem Rittmeister?“ + +„Ja — ich — hatte so schreckliche Angst — Er guckte mich so sonderbar an +— und da, da dachte ich, wenn ich das sagte, dann würde er nicht +wiederkommen, würde er Komtesse nicht belästigen.“ + +Imgjor sagte zunächst nichts. Sie überlegte, ob sie Gebine schelten oder +ihr für ihre Fürsorge ein Lob spenden sollte. Jedenfalls hatte sie es +gut gemeint, hatte sie sehr fürsorglich gehandelt. + +Endlich glaubte sie, das Rechte gefunden zu haben. Sie sprach: „In +diesem Fall war deine Unwahrheit nützlich, Gebine. In der Not mag eine +solche einmal erlaubt sein. Sonst aber mußt du dich strengster Wahrheit +befleißigen. Nichts ist so verabscheuenswert wie die Lüge! Aus ihr +entspringen alle anderen Laster. — Und noch eine Frage: Was äußerte der +Mann, als du dies sagtest?“ + +„Er fragte, wie lange der Rittmeister bliebe, und wer er wäre.“ + +„Und du? du? Was — entgegnetest du, Gebine?“ + +„Ich sagte — ich sagte — daß es Ihr Bräutigam wäre —“ + +„Aber das war ja abermals eine Lüge!“ stieß Imgjor nun zornig heraus. + +„Was sind das alles für Erfindungen — für Phantasien! — Ich bin außer +mir, Gebine! Das macht mich sehr betrübt. Hast du mich auch schon +belogen? Oft? — Heraus mit der Sprache! Du sagtest gestern, ich hätte +dir nur eine halbe Krone gegeben, als du vom Krämer wiederkamst. Ich +hätte mich geirrt. Sprich! Und ich warne dich, etwas anderes zu sagen, +als die Wahrheit! War's doch eine ganze Krone? Hast du die andere Hälfte +in die Tasche gesteckt?“ + +„O nein — nein — ganz gewiß nicht, Komtesse! Ich habe der Komtesse immer +nur die Wahrheit gesagt. — Der Kaufmann schickte mich gleich wieder weg. +Ich hatte das Geld in Papier gewickelt — ich hatte es gar nicht +nachgesehen —“ + +„Kann ich dir glauben, Gebine? Sieh', Kind, wenn du mich betrogen hast — +ich werde mich erkundigen — mußt du gleich zu deiner Stiefmutter zurück. +Und wenn du es später thust, ziehe ich meine Hand unwiderruflich wieder +von dir zurück.“ + +Und zurücksinkend, weil von all den Eindrücken überwältigt, flüsterte +Imgjor: „O welche Einblicke in das Innere der Menschen, — täglich, +stündlich! Wo sind die wahrhaft Reinen, Guten?“ Und dann rief sie das +Kind heran und sprach: + +„Gewiß, ein Beispiel, wie du es im Hause hattest, Gebine, macht schlecht +und entschuldigt dich eher! Aber da dir das Unterscheidungsvermögen noch +nicht abhanden gekommen ist, so sage ich dir und wisse und glaube es: +Nur aus dem Guten vermag Gutes zu ersprießen! Eine Weile mag's gehen, +aber es kommt die Zeit, wo du dafür schwer büßen mußt, wo dich tiefe +Reue ergreift, wo du alles hergeben möchtest, um Geschehenes ungeschehen +zu machen! So — und nun gehe zu Bett! Weine nicht mehr! Nein, nein, ich +bin dir nicht böse.“ + +Und Gebine ging. Imgjor Lavards Gedanken aber wanderten, während sie +noch dasaß, nach Rankholm, und ihr war's abermals jetzt, als ob dort ein +Eden, ein unvergleichliches Paradies sei — in der großen Welt aber — +eine Hölle — + + * * * * * + +Am kommenden Tage verließ Imgjor schon ihre Wohnung und ging ihren +Obliegenheiten nach. + +Sie besuchte einige Kranke und Rekonvalescenten, sprach in dem Hause +einer Witwe vor, die eine gelähmte Tochter besaß, welche auf Imgjors +Kosten in ein deutsches Kurbad gesandt worden war, empfing Nachrichten +über diese, die sie erfreuten, nahm auch die Dankworte der stotternden +Frau entgegen und machte sich sodann nach ihrem Bankgeschäft auf den +Weg, um daselbst die für Kollund erforderliche Summe zu holen. + +Sie hatte augenblicklich dort nicht einmal ein Guthaben mehr, aber sie +wußte, daß man ihr eine nicht zu groß bemessene Summe auch ohne ein +solches aushändigen werde. + +Auf dem Wege dorthin erblickte sie — und das Herz wollte ihr stille +stehen — jenen Menschen, welcher sie in der mehrerwähnten Nacht +überfallen hatte. Er wandte sich von einem Buchladen, vor dessen +Schaufenster er gestanden, gerade wieder der Gasse zu, und nur durch +einen Zufall wurde verhindert, daß er Imgjor gewahrte. Seine +Aufmerksamkeit ward durch eine Equipage, deren Pferde scheu geworden, +abgelenkt. + +Diesen Zufall benutzte Imgjor, sich seinen Blicken zu entziehen. + +Sie schlüpfte rasch in ein offenstehendes Tabakgeschäft, trat gleich zu +einem tiefer im Fond befindlichen Kommis und wollte eben ein Pfund Tabak +für den alten Ohlsen, den Mann der Blinden, einhandeln, als nun auch +zufällig Doktor Kropp den Laden betrat. + +Sehr überrascht, aber mit gewohnter Ehrerbietung sprach er auf Imgjor +ein, und als sie beide den Handel erledigt hatten, bat er um die +Erlaubnis, sich ihr anschließen zu dürfen. + +Und Imgjor nickte bereitwillig, schritt mit ihm bis zur Landmannsbank, +woselbst er auf sie wartete, und legte alsdann in seiner Begleitung den +Weg nach ihrer Wohnung zurück. + +Immer drehte sich das Gespräch um die Vorgänge im Hospital, und Doktor +Kropp berichtete über die Gründe seines Rücktritts, die wesentlich auch +die ihrigen gewesen. + +Zuletzt gelangte er — eben hatten sie die Ecke der Gotersgade erreicht +und wandten sich in stillschweigender Uebereinstimmung dem botanischen +Garten zu — auf seine eigenen, von Stede bereits berührten +Angelegenheiten. + +„Ich möchte,“ hub er an und richtete einen etwas verlegenen Blick aus +den schwarzen Augen seines dunkelgefärbten, schmalen und etwas mageren +Gesichtes auf Imgjor, „mich bei Ihnen erkundigen, ob wohl in der +Grafschaft Ihres Herrn Vaters eine Landpraxis frei sein würde. Ich sehne +mich aus dem hiesigen Wirrwar heraus, und ich komme darauf, weil mir vor +Jahren ein früherer Universitätsbekannter, ein Herr Doktor Prestö, +mitteilte, daß eine solche in dem von ihm zu verlassenen Dorfe +Kneedeholm zu haben sein werde. + +Wahrscheinlich hat sich inzwischen längst dort wieder ein Arzt +niedergelassen, aber ich wollte mich doch vergewissern und im Fall um +Ihre gütige Unterstützung bitten, Komtesse!“ + +„Die würde Ihnen auch, soweit meine Kräfte reichen, sehr gern zu +Diensten stehen, Herr Doktor. Aber wir haben, wie sie richtig vermuten, +in Kneedeholm einen Arzt, und für zwei reicht die Praxis nicht aus. + +Wohl aber weiß ich, daß der schon bejahrte Physikus in der nahe +gelegenen Stadt Oerebye der Thätigkeit müde ist und sich gern mit einem +Nachfolger einigen würde. Vielleicht wäre das etwas für Sie?“ + +„Gewiß und um so besser! Ich danke Ihnen verbindlichst, Komtesse! Dürfte +ich nach dieser Richtung auf Ihren gütigen Beistand rechnen? Würde mich +vielleicht Ihr Herr Vater — auf Ihre Empfehlungen gestützt — mit einer +solchen an den Physikus zu versehen die Liebenswürdigkeit haben?“ + +Imgjors Züge veränderten sich. Sie überlegte, ob sie Kropp von den +inzwischen eingetretenen Vorfällen in ihrer Familie Mitteilung machen +solle. + +Sie schwankte aber schon deshalb, weil sie sich vor einer abermaligen +Enttäuschung fürchtete. + +Die furchtbaren Erfahrungen der letzten Zeit hatten ihr Mißtrauen gegen +jedermann eingeflößt. + +Sie hielt es nicht für unmöglich, daß auch Kropp seine Haltung ändern +werde, wenn sie ihm erklärte, daß sie plötzlich ein armes, des Ansehens, +ihres vornehmen Namens und Reichtums beraubtes Wesen sei. + +Aber weil doch wieder ein trotziges Verlangen in ihr saß, mit allem +aufzuräumen, zu wissen, was Weizen und was Spreu sei, entschloß sie sich +schließlich gerade zu einer rückhaltslosen Eröffnung. + +„Meine eigene Empfehlung steht Ihnen jederzeit zur Verfügung, Herr +Doktor,“ begann sie. „Eine solche von meinem Vater vermag ich Ihnen aber +leider nicht zu verschaffen. Ich bin gänzlich mit ihm auseinander. Ich +lege sogar meinen Namen ab und werde fortan einen anderen tragen. Noch +einige Wochen, und ich gehe für immer von hier fort! Wohin, weiß ich +noch nicht. Es wird sich ein Ort finden, wo ich mir mein Brot werde +verdienen können.“ + +„Wie? In der That?“ stieß Kropp in höchster Ueberraschung, aber zugleich +mit einem Ausdruck heraus, der bewies, daß sich etwas anderes, daß sich +eine glückselige Hoffnung in ihm regte. + +„Ich bitte, ich bitte, schenken Sie mir Ihr Vertrauen! Erzählen Sie mir, +wie das alles gekommen ist!“ drängte er, während sie sich auf einer vor +dem kleinen See befindlichen Bank niederließen. + +Ehrliches Mitgefühl erfüllte ihn, Sorge und Teilnahme ließen ihn +sprechen. + +Und Imgjor wollte ihm auch Antwort erteilen, aber da es in diesem +Augenblick bereits zwölf vom Kirchturm schlug, wurde sie daran erinnert, +daß sie um diese Zeit Kollund das Geld einzuhändigen habe. Sie erhob +sich deshalb sogleich wieder und gab Kropp die Erklärung, daß sie fort +müsse, daß ihr jetzt die Zeit fehle. Auch am Nachmittag vermöge sie ihn, +wegen ihrer Verpflichtungen gegen eine erblindete Frau, nicht zu +empfangen, aber später am Abend, in ihrer Wohnung, wollte sie ihm gern +alles mitteilen. + +Bei den letzten Worten kamen ihr zwar Bedenken. + +Ihr fiel unruhvoll auf die Seele, daß Kropps Besuch bei ihr falsch +ausgelegt werden könnte, daß sich daraus neue Anschuldigungen entwickeln +könnten, denen sie unter allen Umständen vorbeugen wollte. + +Und als sich dann, während sie dahin schritten, weitere Erörterungen +entwickelten, als Kropp erfuhr, welche Bewandtnis es mit Kollund und mit +der Blinden habe, als sich herausstellte, daß Imgjor lediglich aus +Mitleid der Alten die Wohnung täglich reinige und ihr vorlese, stand er +plötzlich still und richtete einen bewundernden Blick auf das junge +Mädchen an seiner Seite. + +„Ah, welch' ein edles, selbstloses Wesen sind Sie, Komtesse! Wahrlich, +man sucht Ihresgleichen vergebens! Aber wie vertrauensvoll sind Sie auch +noch! Nicht einen Oer dürfen Sie dem Betrüger Kollund geben. Es ist ja +alles erlogen! Die Umstände benutzt er, um Ihnen Geld aus der Tasche zu +locken. Ich bitte Sie dringend, geben Sie mir die Sache in die Hand. Ich +werde dem Schwindler seinen Standpunkt klar machen, ich werde ihn +veranlagen, auf jeden Schilling zu verzichten! Für bessere Zwecke, für +nützlichere, für sich selbst, teure, verehrte Komtesse, bewahren Sie Ihr +Geld! Nun, was meinen Sie? Darf ich Ihr Anwalt sein?“ + +„Ich gab mein Wort, Herr Doktor! Selbst wenn Sie Recht haben — es ist +vielleicht möglich — darf, kann ich es doch nicht brechen.“ + +„Gewiß! Sie sind sogar dazu verpflichtet, solchen Schwindlern nicht noch +die Wege zu ebnen! Wollen Sie glauben, daß derselbe Mensch sich mir +verkauft, wenn ich ihm heute im Auftrage eines Konsortiums den Antrag +Stelle, an anderen Orten Dänemarks Vorträge im entgegengesetzten Sinn zu +halten? Natürlich! Gold muß die Lockspeife sein!“ + +„O nein, nein, für so erbärmlich, für so niederträchtig halte ich ihn +nicht! Sie gehen zu weit!“ rief Imgjor. „Von dem, was er lehrt, ist er +überzeugt!“ + +„Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen durch eine anzustellende Probe +den Beweis der Richtigkeit meiner Behauptungen zu liefern, Komtesse. Es +fehlen mir die Mittel. Aber ich bitte nochmals, daß Sie mir Ihre Sache +zur Erledigung anvertrauen! Sagen Sie ihm, oder wenn ein Bote kommt, +diesem, ein befreundeter Herr werde Herrn Kollund zur Erledigung der +Angelegenheit besuchen. Ich bringe Ihnen alles in Ordnung, verlassen +Sie sich darauf! Nur das Lokal, wenn solches wirklich bezahlt werden +muß, und die Kosten für die Inserate werde ich ihm vergüten, und er wird +sich damit zufrieden geben. Aus seiner sicher erfolgenden +Verzichtleistung werden Sie schon erkennen, welch' Geisteskind er ist.“ + +„Nun wohlan! Ja — ich will! Ich danke Ihnen! Gelingt es Ihnen, so soll +das Geld denen zukommen, von denen ich weiß, daß sie dessen bedürftig +sind. Und nun auf Wiedersehen! Gegen sieben Uhr erwarte ich Sie in +meiner Wohnung. Wir werden dann alles besprechen, was noch der +Erledigung harrt.“ + +Nach diesen Worten nahm Imgjor von ihrem Begleiter — eben waren sie an +ihrer Wohnung angelangt — mit einem freundlichen Blick Abschied. + + * * * * * + +Oben angekommen, sah sie einen fremden Mann im Flur stehen, und Gebine +erklärte sogleich, daß er von Kollund komme. Nachdem er verständigt +worden war und sich entfernt hatte, begab sich Imgjor in ihr Zimmer, um +einige Zeilen an Curbière zu schreiben, und als sie den Brief eben +beendigt hatte, erschien Gebine und meldete, daß ein ihr unbekannter +Herr sie zu sprechen wünsche. + +„Frage erst nach seinem Namen!“ entschied Imgjor, von einer angenehmen +Ahnung erfaßt. Sie sah forschend empor, als Gebine mit einer Karte in +der Hand wieder ins Zimmer trat. Auch griff sie mit hastiger Hand +danach, fand den Namen, den sie erwartet hatte, und nickte zum Zeichen +ihres Einverständnisses, den Besuch empfangen zu wollen, mit dem Kopfe. + +Und dann, wenige Augenblicke später, trat Curbière zu ihr ins Zimmer, +küßte ihr ehrerbietig die Hand und erklärte, daß er gekommen sei, um von +ihr Abschied zu nehmen. Sein Vater sei plötzlich gestorben, er, +Curbière, müsse noch diesen Abend Kopenhagen verlassen, habe aber nicht +fortgehen wollen, ohne Imgjor noch einmal gesehen und gesprochen zu +haben. + +„Lavards verlassen infolge des Trauerfalles morgen abend ebenfalls +Kopenhagen und kehrten nach Rankholm zurück,“ schloß der Marquis. + +„Bevor sie gehen, möchte Lucile Sie, liebe Imgjor, sprechen, möchte mit +Ihnen überlegen, ob nicht doch noch ein Weg zum Frieden zu finden ist. +Allerdings — den Vortrag dürfen Sie nicht halten. Treten Sie heut' Abend +öffentlich auf, ist der Graf entschlossen, sich unweigerlich von Ihnen +loszusagen, und dies auch öffentlich bekannt zu geben! Ich bitte, daß +Sie darin nachgeben, ja, ich beschwöre Sie, teure Imgjor, bringen Sie +Ihrer Familie zu Liebe dieses Opfer!“ + +Zunächst gab Imgjor keine Antwort, es war ihr vorerst Bedürfnis, mit +Curbière über den Tod seines Vaters zu sprechen. Sie ließ sich +ausführlich von ihm erzählen, hörte aufmerksam zu und drückte ihm voll +Teilnahme die Hand, als ihn zuletzt eine weiche Stimmung ergriff, als er +in bewegten Worten betonte, daß er mit dessen Tode das bisher Beste auf +der Welt verloren habe, was er sein eigen genannt hätte. + +„Sie haben Lucile dafür gefunden, lieber Armand! So war das Schicksal +schon vorher mitleidig für Sie bedacht, Ihnen für das, was es Ihnen +nehmen mußte, einen Ersatz zu gewähren.“ + +Curbière bewegte stumm das Haupt, dann sah er Imgjor mit einem tiefem, +alle seine Gedanken und Sinne auf sie richtenden Blick an und sprach ein +kurzes, zerstreutes: „Gewiß — allerdings!“ + +„Ich habe Ihnen noch eine Antwort zu geben,“ lenkte Imgjor rasch und +umsichtig ab. „Den Vortrag werde ich nicht halten; man hat mich +unerwartet meines Wortes entbunden. Also beruhigen Sie meinen Vater! +Aber, lieber Freund, ich werde auch keine Lavard wieder werden. Es sei +denn —“ + +„Nun, Imgjor?“ Curbière sprach's gespannt. + +„Daß ich allem entsage, und für immer nach Rankholm zurückkehre. Und +eben das vermag ich nicht, so sehr ich meine Pflegeeltern zu verehren +Anlaß habe, und so sehr ich es liebe und mich nach jedem Plätzchen +sehne, wo ich als Kind glücklich war. Ich kann eben nicht im Ueberfluß +und ich kann nicht ohne Hingabe an meine Mitmenschen leben!“ + +„Wollen Sie denn in Kopenhagen bleiben, Imgjor?“ + +„Nein — hier haben mir Verleumdung und Mißgunst den Aufenthalt unmöglich +gemacht. Ich wüßte nur einen Ort, wohin ich paßte —“ + +„Und der wäre?“ + +„Ich möchte nach Paris. Da, glaube ich, würde ich in Thaten umsetzen +können, was mir als Ideal vorschwebt. Dort ist der Boden für mich, und +finde ich solche, die gleich mir denken!“ + +Im ersten Augenblick belebten sich Curbières Augen. Sie sprach mit +solcher Begeisterung von seiner Vaterstadt, von Paris! Das schmeichelte +ihm. Aber ebenso rasch gewannen andere Gedanken die Oberhand. Alles war +verloren, wenn er ihr nicht gerade diese Idee ausredete! Er wußte, daß +sie dort nicht nur nichts erreichen, sondern sicher untergehen würde. In +diesem Sinne sprach er auf sie ein. Nachdem er alle ihre Einwendungen +überzeugend widerlegt hatte, schloß er: „Und wollen Sie uns ein Opfer +bringen, sich selbst auch Ihrem eigenen Ich zurückgeben, so heiraten Sie +den Grafen Dehn! Ich verschwieg Ihnen sein Kommen. Er ist gestern +eingetroffen und kehrt morgen abend mit den Ihrigen nach Rankholm +zurück. Daß er Sie noch mit der alten Leidenschaft liebt, weiß ich.“ + +Imgjor hatte mit Leichenblässe im Angesicht die letzten Worte vernommen, +auch hatten ihre Hände unwillkürlich nach einem Stützpunkt gegriffen. Da +war nun wieder ein neuer Ansturm auf ihr Inneres, nun kam auch noch +diese Versuchung! + +Aber kurz war nur ihr Kampf. Prestö hatte sie geliebt, weil sie gehofft +hatte, durch ihn ihre Ideale verwirklichen zu können. Axel Dehn liebte +sie mit der Stärke jener Liebe, die aus Achtung entspringt. Ein +lebhaftes Interesse für den Franzosen war in ihr aufgestiegen, weil er +neben seiner weltmännischen Erziehung wiederholt an den Tag gelegt +hatte, daß er ein Mann von Verstand und Geist war, und daß er zugleich +ein edles Herz besaß. Aber Prestö hatte sie inzwischen hassen gelernt, +Graf Axel Dehn wollte sie nicht lieben — und Curbière gehörte ihrer +Schwester an! So war alles entschieden. Indem sie Curbière mit einem +Blick ansah, durch den sie schon voraussandte, daß sie sich nur mit der +ernsten Seite dieses ernsten Gegenstandes beschäftigte, sagte sie: „Ich +vermag nicht zu beurteilen, ob Sie den richtigen Weg wählten. Es wäre ja +auch möglich gewesen, daß Sie durch solche Offenherzigkeit gerade das +Gegenteil bewirkt hätten! Sie haben mir zu allem, was ich zu tragen +habe, noch etwas Schweres aufgebürdet. Sie haben aber meine Freundschaft +angerufen, und das soll nicht umsonst geschehen sein, Armand! Ich +verzichte darauf, nach Paris zu gehen, aber Ihre Bitte, den Grafen Dehn +zu heiraten, vermag ich nicht zu erfüllen. Ich werde nie heiraten, weder +ihn, noch einen anderen!“ + +Bei diesen Worten sah sie ihn mit einem so unbeugsamen Ausdruck an, daß +der Mann fernere Versuche, sie umzustimmen, ausgab. Noch einen +Händedruck tauschten sie beide mit den Gedanken reiner Seelen. Dann ging +er. Sie aber sank, während das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe +verklang, in tiefem innerem Verstummen zurück. + + * * * * * + +Am Nachmittag bestieg Imgjor einen Tramwaywagen und begab sich nach der +Wohnung der alten Frau Ohlsen. Es war ihr, dort angekommen, schon +auffallend, daß sie eine Anzahl Frauen und Männer, lebhaft sprechend, +auf dem Hofe fand, und sie erschrak nicht wenig, als ihr auf ihre Frage, +ob etwas geschehen sei, erwidert wurde, daß den Alten in der Frühe der +Schlag gerührt habe. + +Durch Zufall habe man es entdeckt, habe auch die Alte davon Kenntnis +erhalten. Sie habe geglaubt, daß er schon fortgegangen sei, als sie +einen schweren Fall in der Küche gehört. Imgjors erster Gedanke bei +diesem Unglück war die Ueberlegung, was jetzt als der hilflosen Witwe +werden solle. Nun waren ihr durch diesen Tod die Neben-Hilfsmittel zum +Leben ganz entzogen. Und von dieser Erwägung richteten sich ihre +Vorstellungen auf das Nächstliegende. Der Mann mußte beerdigt werden. +Sie gab einem zu solchen Zwecke von ihr bezahlten Mann Auftrag, sich +sogleich fortzubegeben, um eine Leichenwäscherin zu bestellen und einen +Tischler zur Anmessung des Sarges herbeizurufen. Und nachdem das +geschehen war, trat sie zu der Alten, sprach sanfte Trostworte und +erklärte ihr möglichst schonend, daß sie nunmehr in das Armenfrauenhaus +übersiedeln müsse. Auch eröffnete sie ihr, daß sie, Imgjor, demnächst +Kopenhagen verlassen würde und persönlich in keiner Weise mehr für sie +zu sorgen im stande sei. + +Und die Blinde beugte das Haupt wie unter einem Schlage, während Thränen +aus ihren lichtlosen Augen tropften. Noch begab sich Imgjor dann in die +Küche um nach dem Toten zu sehen. Freilich, was sich ihr bot, war +erschütternd. Kalt, steif und unbeweglich lag der alte Mann auf dem +Fußboden. Ihn zu betten, war erforderlich. Und solches veranlaßte Imgjor +durch die Nachbarn, und nachdem auch das geschehen, erklärte sie der +alten Frau, ihr für die nächsten Tage eine Hilfe schicken zu wollen. Sie +beschloß, ihr Gebine zu senden. Auch ihre Ueberführung in das +Armenfrauenhaus zu betreiben, versprach sie ihr nochmals, und nachdem +die Alte dazu mit tief gerührten Gefühlen genickt, nahm Imgjor von ihr +Abschied. + +„Adieu, Adieu, Frau Ohlsen! Tragen Sie, was Gott Ihnen schickte, mit +Geduld! Viele haben es noch weit schwerer —“ + +Und die Alte nickte abermals, während sie Imgjors Hände mit ihren +mageren Fingern fest umklammerte. + +„Gott segne Sie, Komtesse!“ schluchzte sie. „Ich werde immer an Sie +denken, und noch mit meinem letzten Atemzuge werde ich Segen auf Sie, +als einen menschlichen Engel, herabflehen!“ + +Imgjors Augen wurden naß. Alle Mühsalen, aller Undank waren vergessen, +den sie von anderen erfahren hatte, um dieser einen willen, in deren +geprüftem Herzen noch Gottvertrauen, noch edle Empfindungen, noch +Dankgefühle Platz hatten. Dann, mit einem letzten Händedruck, sagte sie: +„Geld und mein Mädchen werde ich Ihnen schicken. So ist für alles +gesorgt. Adieu! Adieu! Gott schütze Sie, meine gute Alte!“ + +Und: „Adieu! Adieu!“ schluchzte die Alte, aus derem verdunkeltem Dasein +mit Imgjor der letzte matte Lichtschimmer schwand. + +Imgjor aber richtete, hinaustretend, das Auge nach oben. Sie fand sich +mit ihrem immer wieder vertrauenden Herzen und mit ihrem heißen Drange +nach Liebesthaten von neuem gehoben. Es gab doch noch Empfängliche, doch +noch Dankbare. So überlegte sie abermals. + +Nachdem sich Imgjor eben abends in ihrem Wohngemach eingerichtet hatte, +wurde an der Klingel gezogen, und Doktor Kropp erschien, um +verabredetermaßen über seinen Besuch bei Kollund Bericht abzustatten. +Und Imgjor trat ihm mit nicht geringer Spannung entgegen und that schon, +bevor er noch Platz genommen, eine Frage nach dem Ergebnis. + +„Anfangs wies er meine Forderung auf einen Verzicht schroff zurück,“ +entgegnete der Doktor, Platz nehmend. „Er wolle,“ erklärte er, „mit +Ihnen selbst reden und Sie an Ihr gegebenes Wort erinnern. Dieselben +Unwahrheiten, die er gegen Sie vorgebracht hatte, erneuerte er; er nahm +den Mund sogar noch voller. Erst als ich erklärte, daß ich in einer der +Kopenhagener Zeitungen veröffentlichen würde, welchen Charakter die +Forderungen hätten, die er an Sie, gnädigste Komtesse, in dieser +Angelegenheit gestellt habe, gab er, sich krümmend, nach. Aber eine Flut +von Anschuldigungen folgte sowohl gegen Sie, wie gegen mich, bevor ich +ihm, nach einer nochmaligen, gründlichen Abfertigung den Rücken kehrte.“ + +„Ah — also wirklich!“ stieß Imgjor, von tiefem Abscheu ergriffen, +heraus. Dann reichte sie Kropp bewegt die Hand, sprach ihm ihren Dank +aus und händigte ihm die Summe ein, die er Kollund bezahlt hatte. Zum +Schluß bat sie ihn, noch so lange zu verweilen, bis sie ihm eine Tasse +Thee bereitet habe. Sie umging es, daß er sie sonst noch sprechen +wollte, weil ihr Zeit und Ort doch nicht geeignet schienen. Im Grunde +hoffte sie, daß er ihre Aufforderung ablehnen werde. Aber er, der +überhaupt keine anderen Gedanken hatte als sie, der überdies nichts +erwarten konnte zu erfahren, durch welche Umstände sie ihres Reichtums +und ihres Namens verlustig gegangen war, stimmte dankend zu, und saß +noch neben ihr, als schon die Uhr vom Kirchturm die zehnte Stunde +verkündet hatte. Dann aber drängte sie ihn selbst zum Gehen, und als er +dann noch eine mitleidige Frage that, was sie denn nun beginnen, wohin +sie sich wenden wolle, sagte sie: „Eine Woche brauche ich beinah' noch, +um hier alles zu ordnen, um auch von denen Abschied zu nehmen, die mir +im Laufe dieser Jahre näher getreten sind. Dann will ich irgendwo eine +Stelle als Schwester in einem Krankenhause im Norden oder auch im +südlichen Deutschland suchen. Was dann später geschieht, müssen Zeit und +Gelegenheit lehren. Immer hoffe ich noch, daß ich Gleichgesinnte, +Ehrliche und zugleich Begüterte finde, die sich mit mir zur +Verwirklichung von Reformen im Großen verbinden. Die Mißerfolge, die +traurigen Erfahrungen, die mir unter den Armen wurden, dürfen mich nicht +abschrecken. Auch in meinen Kreisen giebt's wertvolle und minderwertige +Personen. Ist die Masse auch roh, so ist sie doch bildungsfähig. Man muß +sie nur auf den rechten Weg leiten.“ + +„Können Sie sich denn nicht vorstellen, daß es auch fruchtbringend ist, +im Kleinen zu wirken, gnädigste Komtesse?“ wandte Kropp vermittelnd ein. + +„Gewiß, Herr Doktor! Auf Rankholm, der großen Besitzung meines Vaters, +suchte ich den Armen und Leidenden ein hilfreicher Freund zu sein. Aber +dort war es das Wohlleben in der Familie, der Luxus, der mich umgab, die +mich anwiderten. Auch andere Verhältnisse trieben mich fort, und nun — +ich erzählte Ihnen ja alles — hat sich ja überhaupt die Trennung +zwischen mir und den Meinigen vollzogen. Ich muß mich jetzt treiben +lassen — mir bleibt keine Wahl.“ + +„Doch, doch, Komtesse! — Es giebt sehr viele, die namenlos glücklich +sein würden, wenn sie ihr Schicksal mit dem Ihrigen verbinden dürften! +Auch ich gehöre zu ihnen —“ schloß Kropp feurig und einen liebewarmen +Blick auf Imgjor richtend. „Ich liebte Sie von dem ersten Augenblick an, +Komtesse! Ihre Stellung, Ihr Ansehen, Ihr Name ließen mich verschweigen, +was ich für Sie empfand. Wie konnte, durfte ich wagen, um die Hand einer +Gräfin Lavard zu werben? Heute aber, wo Sie sich selbst zu +meinesgleichen gemacht, fasse ich den Mut, zu sagen: Werden Sie mein! +Lassen Sie uns zusammen einen Ort suchen, wo wir uns und der +Allgemeinheit leben, wo wir in bescheidenerer und guter Weise das zum +Ausdruck bringen können, was Sie edelmütig anheben. Sie haben mich +kennen gelernt. Sie wissen, daß ich nicht zu den Wortmachern gehöre, daß +ich Vernünftiges redlich erstrebe. So bin ich Ihrer vielleicht nicht +unwert, so darf ich vielleicht hoffen, daß ich auch Ihnen nicht ganz +gleichgiltig bin —“ + +„Nein, Sie sind mir nicht gleichgiltig, ich achte Sie hoch, lieber Herr +Doktor!“ fiel ihm Imgjor, die erst mit gesenkten Wimpern, dann sich mit +offenen Augen ihm zugewendet und zugehört hatte, in die Rede. „Aber ich +kann — so schmerzlich mir diese Antwort ist — die Ihrige nicht werden. +Ich will überhaupt nicht heiraten. Ich liebte einmal und wurde +grenzenlos betrogen. Da that ich einen Schwur, einem Manne niemals +wieder die Hand zum Bunde zu bieten.“ + +„Ist nicht aber das Leben da, um aus ihm zu lernen, Komtesse? Lehrten +Sie nicht Ihre Erfahrungen, wie hohl die große Masse ist, wie wenig +glücklich eine Beschäftigung mit ihr macht, wie nur ein treues Streben +im kleineren Kreise beglückt — und lehrt es nicht, daß das eben auch das +Richtige ist? Wer herrschen, reformieren will, braucht Macht und zehnmal +Macht, durch die er allein die Massen zu bezwingen vermag. Und wiederum: +Wenn Sie in die Weltgeschichte blicken, wie wenige konnten diese Stärke +und Fülle richtig anwenden, und wie Geringes haben sie, waren ihre +Absichten noch so ehrlich, erreicht! Sie besitzen diese Macht schon +deshalb nicht, weil Sie über keine Mittel mehr verfügen, Komtesse! +Lassen Sie ab von dem Greifen nach Sternen! Wo immer sich in engeren +Kreisen die Menschen zu Liebeswerken zusammenthun, da wird's etwas. Aus +diesem Wirken resultieren die großen Errungenschaften der Humanität, die +praktischen Ergebnisse eines richtig verstandenen Christentums! Und noch +ein anderer Gesichtspunkt! Will nicht jeder glücklich sein, so lange ihm +ein Dasein beschieden? Befriedigt Sie denn wirklich dieses Aufgehen ins +Allgemeine? Was haben Sie erreicht? Man spottet Ihrer als einer +Ueberspannten! Keiner dankt's Ihnen! Wo die Fähigkeit vorhanden wäre, +den Wert Ihrer Bestrebungen zu erkennen, macht sich der Neid breit, +sicher die Oberflächlichkeit, die schon deshalb die Dinge verurteilt, +weil sie selbst keinen Geschmack daran findet, oder sie zu untersuchen +zu träge ist. Habe ich nicht recht, Komtesse?“ schloß Kropp, als Imgjor +nichts erwiderte, als sie, in tiefes Nachdenken versunken, vor sich +hinstarrte. Sie kämpfte, wie neuerdings schon wiederholt. Für Sekunden +flog's ihr durch den Sinn, daß er die Wahrheit getroffen, und daß er der +Mann sei, durch den sie sich und andere glücklich machen könne. Aber wie +kleine Einwirkungen häufig ein schon hoch aufgerichtetes Gebäude zum +Fallen bringen können, so war's hier. Als ihr Blick während des Sinnens +auf ihren Schreibtisch und dabei auf ein Bild von Rankholm fiel, trat +ihr plötzlich alles dort Geschehene und trat ihr auch wieder Graf Axel +Dehn ins Gedächtnis. Und das entschied. Da sie diesem ein „Nein“ gesagt, +wollte, durfte sie auch Kropp kein Jawort geben. So lehnte sie abermals +ab, und so schied mit ihm wieder ein Freund und ein Mann aus ihrem +Leben, der ihr von Herzen zugethan war und der es gut mit ihr meinte. + + * * * * * + +Im Rankholmer Palais hielt man Familienrat und dessen Gegenstand war, +wie so oft, Imgjor. + +Nur ein Mittel gab's, von dessen Anwendung Lucile und die Gräfin noch +etwas erwarteten. Sie schöpften aus dem Umstande, daß in dem damaligen +Gespräch der Geschwister in Rankholm ohne Zweifel ein starkes Interesse +Imgjors für Axel zum Ausdruck gelangt war, die Hoffnung, er, Axel, werde +durch einen klugen Anlauf vielleicht doch noch ihr Herz in einem für ihn +günstigen Sinne rühren können. Daß in ihm die alten Gefühle nicht +erloschen seien, hatte er gleich bei der ersten zwischen ihm und den +Damen stattgefundenen Unterredung erklärt. Er hatte geäußert, daß ihn +eine grenzenlose Sehnsucht beherrsche, sobald wie möglich in Imgjors +Nähe zu gelangen. Und dieser Drang hatte sich bis ins Ungemessene +verstärkt, als Lucile ihm nun auch — alle Bedenken, die sie früher mit +Rücksicht auf sich selbst abgehalten — eröffnet hatte, was in jener +Unterhaltung für ihn zu Tage getreten war. + +Graf Dehn hatte die Neigung der Familie, den Aufenthalt in Kopenhagen +noch um etwas zu verlängern, mit allen Mitteln zu befestigen und durch +Unterredungen mit dem Grafen auch dessen Widerstand gegen seine +Pflegetochter wesentlich zu mildern gewußt. Er hatte in förmlicher Weise +um Imgjors Hand bei dem Grafen angehalten und von ihm die Erlaubnis +erwirkt, nach seinem Ermessen die Schritte zu thun. + +Zunächst verabredete er mit Lucile, die sich seinen Plänen mit +liebenswürdigem Eifer widmete, die nun, nachdem ihr Herz durch einen +anderen Mann, den sie hingebend liebte, ausgefüllt war — alle Bedenken +und eifersüchtigen Regungen abgestreift hatte, daß sie Imgjor sogleich +besuchen und ihr unter besonderer Begründung die Bitte vorlegen solle, +Axel empfangen zu wollen. Lucile ging auch sogleich ans Werk. + +Sie ließ sich, vorher noch einige die Trauer angehende Besorgungen +erledigend, in der Lavardschen Equipage nach Imgjors Wohnung fahren und +fand ihre Schwester in der vordem erwähnten Gemütsverfinsterung an ihrem +Arbeitstisch. + +Als die durch Gebines Anmeldung aus ihrem dumpfen Sinnen +Emporschreckende Lucile vor sich sah, legte sie die Feder rasch und +verlegen bei Seite, auch schob sie ihr Tagebuch, in das sie etwas +hineingeschrieben, unter andere Papiere. Freilich erlitt der Schwertern +Begegnung sogleich wieder eine Unterbrechung. Man schickte nach Imgjor, +und diese eilte unter sanftem Ausdruck ihrer Schwerer Zustimmung +erbittend, über die Straße an das Krankenbett einer armen Frau. + +Und weil Imgjor ein längere Weile fortblieb, griff Lucile nach einem auf +dem Tisch liegenden Buch und fand in diesem einige von Imgjors Hand +herrührende, offenbar für das Tagebuch bestimmte, zufällig hier +hineingeratene Niederschriften, die ihr Interesse fesselten. Sie +lauteten: „Eine einzige That des Edelmuts und eine einzige +Unvorsichtigkeit sind genügend, um einem Menschen für immer bei der +Menge den Stempel seines Wertes oder seines Unwertes aufzudrücken. +Vielleicht verdienten sie beides nicht. Zu allem gehört Glück, aber auch +dazu, für etwas anderes zu gelten, als man ist.“ + +Und noch eine Betrachtung hatte Imgjor auf die andere Seite geschrieben, +die Lucile las, bevor ihre Schwester wieder ins Zimmer trat: „Gehemmte +Liebe gleicht einem vergeblich nach einer Flamme ringendem Feuer. Wie +dort unter kämpfendem Rauch, unheimlichem Schwelen und Qualmen der +Gegenstand zu Asche verglimmt, so hier allmählich unter dumpfen Qualen +die Seele.“ + +Gleich darauf trat Imgjor wieder ins Gemach. + +„Ich komme,“ hub Lucile an und richtete einen liebenswürdigen Blick auf +ihre Schwester, „um dich um etwas zu bitten: Graf Dehn möchte dich +sprechen! Er beruft sich darauf, daß du ihm einst eine Unterredung +zugefügt habest, und daß er, da er von diese keinen Gebrauch gemacht, +noch Anrechte auf deine Zuvorkommenheit besitze. Wann willst du ihn +empfangen, liebe Imgjor?“ + +Zunächst fuhr Imgjor zusammen, und ihre Wangen verfärbten sich. Wie von +einer schweren Denklast bedruckt, senkten sich ihre Augenlider, und die +Finger griffen, unter dem Druck der Erregung, in die Handflächen. + +„Wann wünscht Graf Dehn die Unterredung?“ warf sie tonlos hin. „Und wo?“ + +„Nun — bei dir — oder besser — bei uns!“ + +Imgjor schüttelte den Kopf. + +„Was habe ich noch bei Euch zu thun, Lucile? Wir haben uns doch für alle +Zeiten auseinandergesetzt.“ + +„Nur du hast es Imgjor! Nachdem du von deinem Eigensinn, öffentlich zu +sprechen, Abstand genommen, ist Papa wieder versöhnlich gestimmt. Du +wirst ihm sogar ganz die Alte sein, wenn —“ + +„Ja, ich weiß: Wenn ich allem — allem entsage! — Ach, Lucile —“ setzte +das seelisch tief bedrückte, junge Mädchen an, brach in Schluchzen aus +und fiel, wie damals in Rankholm, von ihren Gefühlen übermannt, neben +ihrer Schwester nieder. Und hier blieb sie liegen, und erst als Lucile +mit rührender Güte immer von neuem auf sie einsprach, erhob sie sich und +fand wieder Halt und Fähigkeit zum Sprechen. + +„Du zeihst mich des Mangels an Liebe zu Euch!“ stieß Imgjor heraus, +hielt in der Beklemmung den Atem an und ließ ihn dann langsam wieder der +Brust entweichen. + +„Und doch schwöre ich dir, daß ich Euch allen die die größten Opfer +bringen würde, die ein Mensch zu bieten vermag, daß ich Euch über alles +liebe! Wie viele Nächte habe ich durchgeweint, daß ich so beschaffen, +daß ich nicht bin, wie Ihr wünscht! Ach, könnte ich diesen Drang nach +Höherem, Befreiendem, könnte ich dies Allgemeingefühl für meine +Schwestern und Brüder in der Welt aus meiner Brust reißen, mich, wie +andere, in engeren Grenzen glücklich fühlen, dort für meine Art volle +Befriedigung finden, ich würde Gott auf den Knieen danken! In solchem +Sinne — ich bitte — Lucile — fasse mein Naturell auf und so mühe dich, +den Eltern immer wieder mein Wesen zu erklären. Denket, daß der Schöpfer +_Euch_ so erschaffen hätte! Dann werdet Ihr mich leichter begreifen.“ — + +„Ja — ich will's, meine liebe, arme Imgjor! Aber nun, ich bitte, erteile +mir eine Antwort für Graf Dehn —“ + +„Da ich ihm mein Wort gab, will ich es halten, Lucile! Nur weiß ich +nicht, wo es geschehen kann! Er muß also warten oder hierherkommen. Wann +wollt Ihr reisen?“ + +„Die Trauer macht es erforderlich, daß wir wieder nach Rankholm +übersiedeln. Nur um deinetwillen haben wir unsere Abschiedsvisiten noch +aufgeschoben. Wir möchten den Kondolenzbesuchen entgehen, mit denen man +schon beginnt. Auch andere Gründe sprechen dafür, nachdem Curbière +abgereist ist. Nur Graf Dehn will seinen Aufenthalt noch einige Zeit +ausdehnen und dann — nach der Lausitz zurückkehren. Er hat die Absicht, +jetzt das Gut, das ihm sein Onkel vererbt hat, selbst zu übernehmen.“ + +„Was will er denn noch hier?“ Imgjor sprach's mit ihrer alten +Schroffheit. + +Statt zu antworten, griff Lucile nach dem Schriftstück, das sie in dem +Buch gefunden, und sagte: „Lasse mich dir als Erwiderung vorlesen, was +du geschrieben hast, Imgjor!“ + +Und Lucile las: „Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einer +Flamme ringenden Feuer. Wie dort unter kämpfendem Schwelen, unheimlichem +Rauch und Qualmen, der Gegenstand zu Asche verbrennt, so hier unter +dumpfen Qualen allmählich die — Seele.“ + +Imgjor schloß erst die Augen. Blässe zog über ihre Wangen. Dann neigte +sie das Haupt, reichte ihrer Schwester still die Hand und sagte: „Also +morgen Mittag, Lucile, erwarte ich des Grafen Besuch. Wir werden dann +für immer einen Abschluß erhalten.“ + +Lucile sah erschrocken empor. Einen so düsteren Klang hatten die Worte. +Aber als sie in Imgjors Zügen forschte und dort einen Ausdruck sanfter +Ergebung begegnete, zerstreuten sich ihre Gedanken. + +Noch wenige Sekunden, dann hatten sich beide getrennt. + + * * * * * + +In einer herzklopfenden Erregung stieg am folgenden Mittag Graf Dehn zu +der von Imgjor angesetzten Zeit die Treppe zu deren Wohnung empor. Er +sah auch gleich die, nach der sein Herz verlangte. + +Als er ihre Hand ergriff und sie tiefbewegt an seine Lippen zog, flog +ein Zittern durch des jungen Mädchens Körper, und zunächst fehlten ihr +die Worte. + +Aber da sie nicht weich werden, da sie diesem Gespräch den Charakter +nehmen wollte, den Graf Dehn ihm zu geben beabsichtigte, sagte sie mit +sanfter Unterordnung im Ton: + +„Ich bitte Sie inständig, Graf Dehn, mir dieses Wiedersehen nicht zu +erschweren, mir es vielmehr zu erleichtern! Ich bin durch eine +Krankenpflege meiner Kräfte so sehr beraubt, daß ich nicht fähig bin —“ +Hier stockte sie, ihre Hände griffen nach der Lehne eines Stuhles und +fernere Worte versagten. + +Und der Mann, tief ergriffen, wollte sie stützen. Aber sie gewann dann +doch ihre Kraft zurück und sagte, während sie ihn durch eine Bewegung +ersuchte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, nunmehr fest: + +„Ich bitte, sagen Sie mir, was Sie zu mir führt! Ich weiß, die +Höflichkeit, — die Rücksicht, die man dem Mitglied einer befreundeten +Familie erweist, in erster Linie. Aber es ist noch etwas anderes. Ich +entnahm es Luciles Worten. Ich werde Ihnen aufmerksam zuhören und +glücklich sein, ich versichere Sie, wenn ich Ihnen — falls Sie einen +Wunsch haben — solchen erfüllen kann! Ich vergaß nie und werde niemals +vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Ich war damals krank und blind. +Ich war deshalb namenlos ungerecht gegen Sie, Graf Dehn, obschon meine +Achtung vor Ihrem Charakter stets dieselbe war. Schon nach der Richtung +habe ich sehr viel gut zu machen, vielleicht so viel, daß ich die Schuld +nie abtragen kann. Nehmen Sie dieses Eingeständnis und die Bitte, mir zu +verzeihen, entgegen! Und nun? Ich höre!“ + +Nach diesen Worten sprach Graf Dehn in langer Rede, kam zurück auf die +Vorgänge in Rankholm, erörterte, mit stetem Hinweis auf sie, Imgjor, die +Gründe, weshalb er sich auf Reisen begeben, erklärte, daß er keinen Tag +verlebt, ohne ihrer gedacht zu haben, und daß er nun, von Sehnsucht +getrieben, sie wieder zu sehen, hierher, nach Kopenhagen, gereist sei. + +„Ich vermag nur einmal zu lieben, Komtesse. Sie liebte ich seit der +ersten Begegnung. Ich werde auch nie einem anderen Mädchen mein Herz +schenken. Das alles wollte ich Ihnen sagen und Sie fragen, ob Sie mir +nicht ein wenig gut sein könnten! Ich wollte Sie bitten, mir auf meine +Besitzung zu folgen, um ein Glück zu finden, das in gegenseitiger +Uebereinstimmung wurzelt und in Thaten der Nächstenliebe einen +wesentlichen Teil seine Befriedigung findet. In jedem Fall — ich bitte, +ich beschwöre Sie — entsagen Sie Ihren jetzigen Plänen! Begnügen Sie +sich mit den Erfahrungen, die Sie einsammelten, die Sie belehrt haben +müssen, daß nicht wir die Welt regieren können, sondern nur ein Werkzeug +sind, um in gemessenen Grenzen bei der Ordnung der Dinge mitzuwirken. +Thuen Sie es auch um Ihren Eltern, die Ihre Rücksicht so sehr verdienen, +— zu beweisen, daß Sie nicht undankbar sind. + +Ihr Pflegevater — es ist ersichtlich — wird sich innerlich und +körperlich aufreiben, wenn Sie eine mit solchen Ungelegenheiten für Sie +und die Familie verbundene öffentliche Wirksamkeit fortsetzen. Auch die +Gräfin leidet unter diesen Verhältnissen mehr, als sie es ausspricht. +Nur die Furcht, als Stiefmutter parteilich zu erscheinen, hält sie ab, +sich anders zu geben, und stärker auf Sie, Komtesse, einzuwirken! +Wahrlich, wir könnten alle von ihr lernen!“ + +Imgjor hatte aufmerksam zugehört. Nicht einmal war ein abweisender, oder +spröder Ausdruck in ihre Züge getreten. Sie hatte seine Worte mit einer +Miene aufgenommen, als ob ein Freund ihr von seinen Leiden erzähle, +sanft sinnend und denkend, wie sie sich dazu verhalten solle. + +Sie streckte ihm auch mit einem rührenden Blick die Hand hin, drückte +die seinige fest, und sagte: + +„Ich wußte, Graf Dehn, daß Sie gerade so sprechen würden. Deshalb wird +es mir leicht, Ihnen gleich und ruhig zu antworten. In erster Linie +nochmals Dank! Wenn die Achtung von Ihrer Person sich noch erhöhen +könnte — ich spreche nicht von einer Zuneigung in anderem Sinne, und Sie +werden gleich verstehen, aus welchen Gründen ich es unterlassen muß — so +hätten Sie Ihren Worten keinen Inhalt erteilen können, der meine +Empfindungen für Sie stärker zu erhöhen imstande gewesen wäre! Meine +Antwort aber lautet: Ich will noch einen Versuch machen, mich auf eigene +Füße zu stellen. Gelingt er, muß ich mir selbst treu bleiben. Ich kann +nicht anders. Verzeihen Sie mir. Mein Entschluß ist unbeugsam!“ + +Und er fügte sich auf ihre Rede, obschon sie ihm schier das Herz +zermalmte. Und dann sprach er: „Wohlan denn! Ich habe dann nur den +innigen Wunsch, daß sich verwirklichen wird, was Sie soeben +ausgesprochen haben! Mögen Sie einen Wirkungskreis finden, der Sie +befriedigt, der Sie wahrhaft glücklich macht! Leben Sie wohl — Komtesse +— Imgjor — Imgjor — teure Imgjor“ — + +Und dann geschah doch etwas. + +Sie brach in Thränen aus, und er zog sie an sich, und einen Augenblick +lag sie ohne ihren Willen an seiner Brust. Und dann, zum Bewußtsein +zurückgekehrt, machte sie sich hastig los und bat sanft, aber fest im +Ton: „Gehen Sie! Ich bitte! Gehen Sie!“ + +Noch einen letzten, tief verinnerlichten Blick gönnte sie ihm, dann that +er, wie sie wünschte. + +Nachdem er aber gegangen war, sank sie in ihren Sessel zurück und +überdachte voll schwerer Wehmut, was geschehen war. Eines fiel ihr bei +der Betrachtung besonders beklemmend auf die Seele, obgleich sie gerade +das als nebensächlich hinzustellen, sich zwingen wollte. + +Sie war demnächst ohne Mittel zum Leben! Der Graf hatte — vielleicht, um +sie dadurch eher gefügig zu machen — die sonst am ersten des Monats ihr +stets überwiesene Summe nicht mehr gesandt. Sie hatte ja deren Empfang +auch abgelehnt. Sie konnte ihm nicht einmal einen Vorwurf machen! Ihre +Pretiosen und ihre seidenen Gewänder zu verkaufen, widerstrebte ihr, +weil sie fürchtete, sich dadurch bloßzustellen. Und wenn beides dahin +war, so nannte sie nichts mehr ihr Eigentum! Die Sorge schuf bereits +Vorsicht und Ueberlegungen, die ihr früher fremd gewesen waren. Die +Begräbniskosten für den Mann der alten Ohlsen, die inzwischen durch +Imgjors Bemühungen in einem Frauenarmenhaus untergebracht worden war, +hatten das Geringe, was sie noch besaß, bis auf ganz weniges +geschmälert, und die Bank mußte überdies noch befriedigt werden. + +Täglich kamen, wie bisher, Listen mit Aufforderungen zur Beihilfe für +gute Zwecke. + +Konnte sie die jetzt abweisen? Sie vermochte es nicht; es widersprach +ihrem stets auf Geben bedachten Herzen. + +Auch die Miete für die Wohnung war noch zu berichtigen. Man forderte +Steuern von ihr. + +Der Tag und die Stunde waren abzusehen, wo sie zuletzt vor dem — nichts +stand! Eine angstvolle Unruhe überkam sie. Man würde sie am Ende auch +noch in anderer Weise falsch beurteilen! Die Zeitungen würden gar +verkünden, sie habe wegen Schulden Kopenhagen verlassen. So sei sie +eigentlich nichts anderes als eine, die habe von sich reden machen +wollen! + +Und eben diese Lebenssorgen drängten zum erstenmal die Gedanken an die +Ideale, die ihre Brust noch eben wieder erfüllten und deren +Verwirklichung sie erstreben zu wollen, erklärt hatte, völlig zurück! +Der Trieb der Selbsterhaltung gelangte zu seinem Recht. Sie erkannte +plötzlich, welchen Wert der Besitz, welchen Wert das Geld hatte, und wie +früher flüchtig, so stellten sich jetzt dauernde Vergleiche ein zwischen +dem Gewesenen, und dem, was ihr geworden! Aber nicht genug mit diesem +Ansturm auf ihr Inneres: Graf Dehn war wieder da! Und sie hatte ihn, +obschon sie ihn liebte mit der ganzen Kraft ihrer Seele, für immer von +sich gestoßen! + +Eine grenzenlose Reue überkam sie. Nur ihr Stolz regte sich noch. + +Mit welchem Selbstgefühl hatte sie geredet! Wie an einer Mauer waren +alle seine verständigen, rührenden, flehenden Bitten zerschellt. Und wie +schwach war doch der Faden gewesen, an dem ihre Festigkeit gehangen! + +Jedes Menschenherz war — so überlegte Imgjor — zu rühren, wenn nur der +Rechte kam und es richtig angesprochen wurde. + +Nun sehnte sie sich fort, nun kamen ihr doch die Erinnerungen an +Rankholm. + +Rankholm! Rankholm! Das war das Paradies ihrer Jugend! — Eine namenlose +Sehnsucht ergriff ihr Inneres jetzt. Erst nach einem todestraurigen +Sinnen raffte sie sich empor, fand sie die alte Kraft ihrer Seele, ihr +Pflichtgefühl und ihren opferfreudigen Sinn zurück, und trat mit der +gewohnten Selbstlosigkeit an das Bett ihrer Kranken. — — — + + * * * * * + +Am folgenden morgen empfingen Imgjors immer sich in gleicher Richtung +bewegenden Gedanken durch den Inhalt eines mit der Post eingegangenen +Briefes eine Ablenkung. + +Eine Dame der vornehmen Gesellschaft, eine Baronin von Kliff, mit der +Imgjor wiederholt bei Bestrebungen für wohlthätige Zwecke in Berührung +gelangt war, bat sie in sehr dringender Weise, sich um die Mittagszeit +in ihrem Palais einfinden zu wollen, um dort einer Sitzung zu Zwecken +der Begründung eines dänischen Mädchenheims beizuwohnen. In diesem +sollten der Schule entwachsene, junge, weibliche Personen zu +Dienstmädchen herangebildet, es sollte ihnen in allem Unterricht erteilt +werden, was für Küche und Hauswesen erforderlich war. Auch Handarbeit +und Schneidern wollte man sie lehren und insbesondere auch moralisch auf +sie einzuwirken suchen. + +Die Baronin beabsichtigte durch dieses Heim denen die Hand zu bieten, +welche infolge ihrer mangelhaften Ausbildung keine Beschäftigung finden +konnten und deshalb der Gefahr ausgesetzt waren, sittlich zu verkommen. +Und gerade deshalb ward Imgjors Interesse auf's lebhaftere angefacht. + +Im Palais traf sie die Damen, mit denen sie während der +Jahre ihres Aufenthaltes in der Residenz wiederholt in +Wohlthätigkeitsangelegenheiten zusammengetroffen war, fast sämtlich +beisammen, wich deren ihre Person betreffenden Fragen möglich aus, nahm +aber größten Anteil an den Verhandlungen und trat, etwa drei Stunden +später, reichlich erschöpft, und sich schon vor dem Palais von den +übrigen trennend, den Rückweg an. + +Als Imgjor die Ecke der Tordenskoldsstraße passierte, drang aus einem +offenen Schusterkeller ein jammervolles Schreien hervor, und als sie, +mitleidig beunruhigt, nachforschte, sah sie unten einen Menschen, der in +unbarmherziger Wut eine zu Boden geworfene Frau mit einem Lederriemen +prügelte. + +In Sekundenschnelle wechselte nun die Scenerie. Imgjor sprang +blitzschnell die Treppe hinab, riß mit kühn erfolgreichem Ruck den Mann +zur Seite, befreite dadurch die Frau und schleuderte dem rohen Peiniger +entrüstete Worte entgegen: Ob er sich nicht schäme, sich so gegen die +Schwächere und Wehrlose zu vergehen? + +Aber alles kam anders, als sie es erwartet hatte. Da durch ihr +Eingreifen das ohnehin neugierig zusammengelaufene Volk draußen sich +noch zudringlicher geberdete und, dicht gedrängt, den Erfolg +beobachtete, ergriff das Weib plötzlich ein weit größerer Ingrimm gegen +jene draußen und gegen Imgjor, denn gegen den Mann. + +Statt „Grevinde“ durch Haltung und Worte Dank an den Tag zu legen, +reckte sie sich zornsprühend empor, fragte, ob es sie etwas angehe, wenn +sie sich von ihrem Mann prügeln lassen wolle und unterstützte diese +herausfordernden Worte durch eine auf die offene Thür gerichtete Geste, +welcher der dadurch versöhnte Hausherr sich beeilte, noch einen +besonderen, fast thätlichen Nachdruck, zu verleihen. + +Als Imgjor infolgedessen die Treppe hinauf flüchtete, stieß sie auf +diejenigen Personen, welche zur besseren Beobachtung des interessanten +Schauspiels bereits einen Teil der Treppenstufen besetzt hatten. Und +während das geschah und die Ehegatten, zur völligen Abwehr gegen die +Leute draußen, die Thür verrammelten, drängten die hinteren Reihen des +Mobs nach vorn und die der Thür zunächst Stehenden rückwärts. Und +dadurch kam Imgjor zu Fall und erlitt durch Drängen, Stoßen und Treten, +trotz ihrer Weh- und Abwehrrufe, so schwere Verletzungen, daß sie nach +Räumung der Treppe durch die Polizei wie tot hinweg getragen wurde. Mit +noch anderen Verwundeten ward sie nach dem Hospital des Doktor Stede +geschafft, und eine halbe Stunde später stand mit tief bedenklicher +Miene an ihrem eigenen Krankenlager derselbe Mann, mit dem sie so oft an +das Bett der Leidenden und Sterbenden getreten war. + + * * * * * + +Der Herbst, der wundervolle nordische Herbst, war seit Wochen +erschienen, und mit seinen stahlhellen Lüften, seiner Farbenpracht in +den Wäldern, seinem scharfen Erdgeruch und seinen unvergleichlichen +Abendsonnenniedergängen auch in Rankholm eingezogen. + +Wenn sich in der Frühe die ersten Lichtströme über die Erde ergossen, +schwammen Schloß, Park und Gärten in einem blauseidenen Dunst. Wenn aber +der Kampf zwischen der siegreichen Himmelskönigin und den zarten Nebeln +durch ein plötzliches Oeffnen aller goldenes Licht bergenden Portale +entschieden war, dann lagen Rankholm und Kneedeholm in einem Sonnenbade +von solcher unermeßlicher Schönheit, daß die Gegend alle Reize der drei +Jahreszeiten: die grüne Pracht des lebensprühenden Frühlings, die Fülle +des blütenschweren Sommers und die krystallhelle Klarheit des +farbenleuchtenden Herbstes in sich zu bergen schien. + +Und alles war wie ehedem. + +In ihrem mit all den herrlichen Dingen angefüllten Kabinett ruhte bei +geöffnetem Fenster auf dem Sofa die Gräfin Lavard und las in einem Buch. +In seinem geräumigen Arbeitsgemach war, wie sonst, der Graf eifrig mit +seinen Beamten beschäftigt, Lucile hielt sich, an Curbière schreibend, +in ihren Gemächern auf, und wie immer webten in dem, von Epheu umrankten +Mauern eingeschlossenen Schloßhof jene sanften Hausgeister, die von dem +Streit und Getümmel draußen in der Welt nichts wußten. + +Auch Graf Dehns schlanke Gestalt tauchte, wie damals, in den Wegen des +Parkes auf, und nun eben richtete er die Schritte dem Schloßdurchgang +zu, trat ins Innere, begab sich in seine Zimmer, und von dort, nach +Ordnung seiner Toilette, zu der Gräfin. + +Einige freie Stunden lagen vor ihnen, und sie wollte die Gräfin heute +benutzen, um Axel einen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen. +Sie wollte, daß es geschah, bevor Imgjor kam, die nach einer langen, +schweren Krankheit so viel Kräfte zurückgewonnen hatte, daß sie in +Begleitung des Doktor Stede eine Reise nach Rankholm zu unternehmen +vermochte. Hier wollte sie versuchen, ihre Gesundheit völlig +zurückzugewinnen. + +Stillschweigend war das alte Verhältnis zwischen ihnen wieder +eingetreten. Solche Not und solche Trübsal, wie sie über Imgjor +gekommen, — führten von selbst einen Ausgleich herbei. + +Wiederholt hatten Lavards an dem Krankenbett Imgjors gestanden, und sie +hatte ihre Besinnung erst ganz allmählich zurückgewonnen. + +„Willst du nach Rankholm kommen, um dich dort ganz zu erholen, Imgjor? +Papa schickt dir einen herzlichen Gruß und bittet darum —“ hatte Lucile +eines morgens gesagt, und der Kranken waren die Thränen der Rührung aus +den Augen gestürzt. — + +Nachdem die Gräfin sich zurechtgerückt und einen ihrer gewohnten +forschenden Blicke auf Graf Dehn geworfen, sagte sie: + +„Ich werde mich kurz fassen, Graf Dehn, weit kürzer, als es ursprünglich +meine Absicht war. Das Wesentlichste: Imgjors Herkunft, wurde Ihnen +schon durch einen Zufall enthüllt. Ich komme nur auf meine Zusage und +Ihren Wunsch zurück, weil ich von Ihnen, den ich wie meinen Sohn +betrachte, so beurteilt werden will, wie ich dazu ein Recht besitze. Ich +will's aber auch, damit Sie meines Mannes Handlungsweise, richtig +würdigen. + +Endlich spreche ich auch, weil ich die Hoffnung hege, daß Sie diejenigen +aufklären, denen ich keine Mitteilungen zu geben vermag. Stolz und +Zartsinn verbieten mir, über solche Dinge mit meinen Töchtern zu reden. +Es könnte scheinen, als ob ich mich verteidigen wolle. + +Zur Einleitung —“ hier zog die Gräfin aus ihrem goldumränderten Nähkorb +ein kostbar umrahmtes Pastellbild hervor — „betrachten Sie sich dieses +Porträt. Sie werden dann leichter verstehen, wie mein Mann dazu +gelangte, sich in Leonie Monier zu verlieben, und welche Kämpfe ich mit +meinem Ich zu bestehen hatte —“ + +Graf Dehn griff nach dem Gebotenen und unwillkürlich entglitt seinem +Munde ein Laut bewundernden Entzückens. + +Imgjor wars, aber in noch höherer Vollendung. Ein so süßes, engelhaftes +Lächeln umspielte den Mund des Bildes, aber auch ein solcher +schmachtender Glutblick drang aus den Augen, daß man sich von dem +Anschauen nicht zu trennen vermochte. In ihrem Kostüm erinnerte sie an +die Watteauschen Rokokobilder. Ein langes Mieder, verziert mit +Rosenbändern, hob ihre überaus zarte Figur. Um ihren vollendet +gebildeten, bis zum Ellbogen freien Arm schlang sich ein schwarzer +Sammetstreifen, und in ihrem hochfrisierten Haar saßen neben Blumen +kleine blaßblaue Schleifen. Alles aber wurde übertroffen durch die +Pracht ihrer schneeigen Büste, die blendenden Farben, den durchsichtig +weißen Schmelz ihrer Zähne und die kleinen, zum Liebkosen geschaffenen +Hände. + +„Nicht wahr? Sie war schön? Man kann etwas gleiches nicht sehen —“ stieß +die Gräfin in neidloser Bewunderung heraus. + +„Und ich kann hinzufügen: sie war wirklich noch schöner. Man lag, wenn +sie sprach und lächelte, im Bann ihrer bestrickenden Reize, und nicht +der Tochter eines gascognischen Glasschleifers die sie war, glich sie, +sondern dem Mitglied einer auf Thronen fixenden Familie. + +Aber sie war nicht allein wegen ihrer Schönheit gefährlich, sondern +ebensosehr wegen des seltsamen Gemisches ihres Wesens. Herzensgüte, +Trotz, liebenswürdige Naivetät und schlaue Berechnung saßen zugleich in +ihr und gelangten, den Umständen nach, zum Ausdruck. + +Man hätte sie küssen und sie ohrfeigen mögen, einmal wegen ihrer +bezaubernden Liebenswürdigkeit, und dann wieder wegen ihres kaltherzigen +Starrsinns. + +Doch nun hören Sie, wie alles verlief. + +Ich lernte meinen Mann, der damals der französischen Gesandtschaft +attachiert war, in dem Hause des russischen Fürsten Betzkoy kennen, +verliebte mich gleich sterblich in ihn und wurde schon nach vier Wochen +unserer ersten Begegnung seine Braut. + +Meine Eltern waren überaus glücklich über diese Verbindung, und meine +Verwandte, der Vicomte von Choisseuile und seine Frau luden uns zu einem +mehrwöchentlichen Aufenthalt auf ihrem in der Nähe von Paris +befindlichen Landsitz ein. + +Hier verlebten wir in dem ersten Rausch unserer leidenschaftlichen Liebe +seelige Tage, durchschweiften zu Wagen und zu Pferde die Umgegend, +machten oder erneuerten die Bekanntschaft angesehener und interessanter +Personen, welche sich ebenfalls um diese Zeit auf ihre in dieser Gegend +belegenen Güter zurückgezogen hatten, fanden aber auch die beste +Gelegenheit, unsere Charakter zu prüfen, ihnen gegenseitig gerecht zu +werden, und uns immer mehr ineinander hineinzuleben. Mir wurde klar, daß +Lavard ein leicht entzündliches Herz besaß, und daß ich infolgedessen +nicht die erste sei, der er sich genähert. + +Er sprach auch mit voller Offenheit über früheres. Er betrachtete mich +nicht als eine prüde Vestalin, sondern als das, was ich wirklich war: +ein mit den wirklichen Lebensverhältnissen vertrautes weibliches Wesen, +das sehr wohl wußte, daß Männer und oft auch Frauen Versuchungen +unterworfen sind und meist schon etwas erlebt haben, wenn sie an den +Altar treten. + +Als ich eines Tages mit Lavard unter der Linde in dem Garten eines zu +dem Besitz gehörenden Pachthofes saß, wo wir, nach unserm anstrengenden +Ritt, eines kleinen Imbisses wartend, plauderten, unterbrach er +plötzlich das Gesprächsthema, sah mich ungewöhnlich zärtlich an, faßte +meine Hände und sagte: + +„Ich habe eine Bitte an dich, eine große Bitte, Lucile! Willst du sie +mir gewähren?“ + +„Gewiß, mein teurer Freund, wenn ich es vermag —“ entgegnete ich ohne +Besinnen. + +„Du sprichst das ja so leicht aus, Lucile! Ich fordere etwas Großes, +sehr Großes! Es gehört eine opferstarke Liebe dazu!“ + +„Um so besser vermag ich dir zu beweisen, wie gut ich dir bin, Lavard — +sprich also — natürlich, ein ritterlicher Mann, wie du, wird von einem +Mädchen nichts verlangen, was ihren weiblichen Empfindungen +widerstreitet —“ + +Ich weiß nicht, wie ich in meiner Entgegnung zu dieser Einschränkung +gelangte. Jedenfalls hatte sie die Wirkung, daß Lavard trotz meiner +wiederholten Aufforderungen, nun doch nicht redete. + +Und so blieb's, und ich dachte auch schon gar nicht mehr an seinen, wie +ich angenommen hatte, launenhaften Einfall, als er eines vormittags, +kurz vor unserer Rückkehr nach Paris, im Park des Schlosses hinter den +Boskets vor mir niederfiel und mich beschwor, ihm zu gewähren, worum er +mich ersuchen werde. + +Und da er so erregt war, da sein ganzes Wesen eine solche Spannung +verriet, insbesondere aber, weil es mich drängte, ihm zu beweisen, wie +sehr ich ihn liebte, sprach ich, ohne vorher zu hören, ein unbedingtes +ja! + +„Was es auch sein mag, Lavard! Ich werde deinen Wunsch erfüllen. Ich +schwöre es dir!“ + +Nun schnellte er empor, umfaßte mich mit schmeichelnder Zärtlichkeit, +zeigte mir dann dieses, eben dieses von Ihnen bewunderte Bild, und +sagte: + +„Diese weibliche Person, Leonie Monier, eine Nähterin der Vorstadt St. +Antoinne, war vor wenigen Monaten noch das, was du mir heute bist, +Lucile — + +Du begreifst, daß ich mich in sie verlieben konnte! Ich sage, daß ich +die Beziehungen zu ihr wieder gelöst habe, weil ihr Charakter ein +Zusammenleben unmöglich macht. Ich würde sie sonst trotz ihres einfachen +Standes und anderer Umstände vielleicht geheiratet haben. + +Es liegen die Dinge nun, wie folgt: + +Sie erklärt mir, dann gutwillig ihrer Rechte auf mich sich begeben zu +wollen, wenn du dich entschließest, sie zu empfangen und ihr eine noch +zu erörternde bindende Zusicherung zu geben. + +Natürlich! Sie vermag nichts gegen mich zu unternehmen. + +Mich treibt mein Ich, mich veranlaßt die Erinnerung an die Tage, die ich +glücklich mit ihr verlebte, aber mich veranlaßt auch ein bestimmter +Umstand, derselbe, welcher mit ihrer an dich zu richtenden Bitte +zusammenhängt: alles zu thun, was eine freundliche Lösung unserer +Beziehungen herbeizuführen vermag!“ + +„Wohlan, sprich, Lavard. Ich werde hören!“ + +„Nun denn, Lucile! Leonie Monier ist dieser Tage Mutter eines Kindes +geworden. Sie verlangt von uns — und deshalb will sie dich sprechen — +die Auferziehung ihres Kindes und die Sorge für dieses bis zu einem +gewissen Zeitpunkt. Dann soll's wieder ihr Eigentum sein, oder wir +sollen ihr's für eine namhafte Summe abkaufen —“ + +„Ah — ah — welch ein berechnender Handel, und gar mit dem eigenen Kinde! +Hinter diesen engelhaften Zügen sucht man etwas anderes! Und alles hätte +ich eher erwartet, als dies. Du erhebst einen Anspruch an mich, zu dem +eine starke Selbstverleugnung gehört, Lavard. Und was wird sonst noch +folgen?“ rief ich, meine Erregung nicht verbergend. + +Lavard bewegte die Schultern. + +„Die Dinge liegen nicht so ungünstig! Sie ist nicht schlecht. Aber +lassen wir das jetzt, und überlasse auch die Erledigung der materiellen +Dinge mir, Lucile. Gewähre nur zunächst, warum sie dich bittet —“ + +Ich zögerte. Dann sagte ich: + +„Eines habe ich gewährt, ich versprach die Erfüllung eines Wunsches. Du +stellst aber jetzt noch andere, sehr weittragende Forderungen an mich. + +Du willst gewiß, daß ich dieses Kind, als unseres annehme — es nach +außen so hinstelle —“ + +„Ja, Lucile! Wir gehen für die Zeit eines Jahres oder länger auf +Reisen. Wenn wir zurückkehren, erklären wir, daß wir unterwegs dies Kind +gefunden und in unsere Obhut genommen haben, daß Mitleid unsere +Triebfeder war — für alles übrige wollen wir die Zeit sorgen lassen.“ + +„Warum stellst du eine so schwere Forderung an meine Liebe, Lavard? +Lasse das Kind von anderen aufziehen. Durch sie wird — durch deinen +Reichtum unterstützt — dasselbe erreicht. Der Mutter kann's doch nur um +das Wohl ihres Kindes zu thun sein. Da sie mittellos und einen +leichtsinnigen Charakter besitzt, will sie das Kind vor doppelten +Fährnissen behüten. Das verstehe ich! Aber weshalb ein so ungeheures +Opfer von mir? Oder ist's dein eigenes Kind?“ + +„Ja und nein, Lucile! Eben das ist's! Sie, Leonie, behauptet es, obschon +sie auch Beziehungen zu einem anderen, einem Jongleur hatte. Nun weißt +du alles, nun verstehst du alles. Sei deshalb so hochherzig, wie ich +dich schätze. Ist's mein eigenes Fleisch und Blut, dann habe ich +unabwendbare Pflichten!“ + +Diese Worte entschieden, ich empfing nicht nur die junge Frau, sondern +ich war auch später einige Zeit in ihrer Nähe. Wir trafen sie in dem +französischen Seebade Trouville, wohin sie Lavard zur Kräftigung ihrer +Gesundheit gesandt hatte. + +Während dieser Zeit lernte ich sie nicht lieben, aber doch ihre guten +Eigenschaften schätzen; auch gab ich ihr das Versprechen, das sie +verlangte. + +Wenig später — das Aufgebot hatte bereits bald nach unserer Verlobung +Stattgefunden — wurden wir in der Madeleine getraut, unternahmen darauf +eine fast fünfviertel Jahre andauernde Reise, und begaben uns alsdann, +mit dem kleinen, inzwischen anderweitig in Kost gegebenen, und nun in +unsere Hände gelangten Kinde nach Rankholm. + +Wir verfuhren auch unseren Bekannten gegenüber, wie wir es besprochen +hatten. Im ganzen wurde wenig nach dem Kinde gefragt. Nach wenigen +Monaten war überhaupt nicht mehr von dessen Ursprung die Rede und +allmählich sah man es als unser eigenes, als Erstgeborenes an. + +So war also gelungen, was meines Mannes Wunsch gewesen, und ich muß +gestehen, daß er mir in den zwölf Jahren, während welcher Zeit wir von +der Mutter niemals wieder hörten, täglich seine Erkenntlichkeit in +rührendster Weise an den Tag legte. + +Dann aber erschien plötzlich, fast ohne vorherige Anmeldung, +Mademoiselle Monier, um ihr Kind zurückzufordern, und nun begannen die +Kämpfe zwischen uns dreien. + +Es ist mir wie heute! Ich war im Begriff über den Schloßhof zu +schreiten, als ein Wagen vorfuhr, auch ertönte gleich darauf schon das +Läuten der Glocke am Portierhause. Ich aber nahm rasch den Weg in das +Schloß, betrat meine Gemächer, wartete hier und überließ es meinem Mann, +Frau von Etienne, wie sie sich nach unserer Abrede nennen sollte, zu +empfangen. + +Auch noch anderes war zwischen mir und Lavard abgemacht. Sie sollte +womöglich noch an demselben Tage Rankholm wieder verlassen und sich +nach Oerebye begeben. Dort wollte Lavard mit ihr verhandeln. Ihr +vorzuenthalten, ihre Tochter schon vorher zu sehen, konnten wir nicht +über uns gewinnen, aber es sollte lediglich aus der Entfernung +geschehen. Eine eigentliche Annäherung sollte nicht stattfinden. Wir +wollten sie bewegen, daß sie uns Imgjor gegen ein ferneres Jahresgehalt +und gegen eine einmalige Abfindungssumme für immer überlasse. Lucile +hatten wir schon in der Frühe zu Freunden nach Taxholm gesandt. Sie +sollte von diesem Besuch überhaupt keine Kunde erhalten. Imgjor bewohnte +damals mit ihrer Erzieherin dieselben Räume, die sie jetzt inne hat, und +nur hatten angeordnet, daß sie beide bei Tisch nicht erscheinen sollten. + +Dies war nicht auffallend, da solches häufiger geschah. Ich hielt Imgjor +überhaupt streng, weil ich immer ihrer Mutter Charakter im Auge hatte, +weil ich immer darauf bedacht sein mußte, des Kindes sehr stark +ausgeprägten Drang nach Selbständigkeit zu dämpfen. + +Diese meine große Strenge hat Lucile, weil sie eine ungerechte +Ungleichheit der Behandlung darin erkannte, Ihnen gegenüber getadelt, +Graf Dehn. Sie that es eben, weil sie meine Beweggründe nicht kannte. — + +Doch nun zurück zu dem plötzlich erschienenen Besuch. + +Ueber eine Stunde verhandelte mein Mann mit Madame Etienne, ehe er sie +mir in meine Gemächer brachte. + +Als Frederik ihr Kommen meldete, klopfte mir das Herz. Ohnehin erregt, +beschäftigte mich dieses lange Beisammensein meines Mannes mit seiner +ehemaligen Freundin, nicht wenig. Mir ahnte auch, daß sie +Schwierigkeiten erhob, unsere Wünsche zu erfüllen. Sicher weigerte sie +sich, uns ihre Tochter zu lassen, machte die Gewährung von unerfüllbaren +Forderungen abhängig. Wie berechnend sie war, hatte sie hinreichend +früher bewiesen. + +Ich hatte aber Imgjor wegen ihrer trefflichen Eigenschaften so lieb +gewonnen, daß ich sie wie mein eigenes Kind liebte. Auch leitete mich +bei dem Verlangen, sie bei uns zu behalten, die Ueberlegung, daß ihre +Entfernung den Anlaß zu unliebsamen Redereien geben werde. Wir hassen es +beide, uns in den Mund der Menge zu bringen. + +Endlich wollten wir auch mit dieser Angelegenheit einmal ein Ende haben. +Ich wünschte insbesondere, daß Lavard dem Einfluß dieser Person, die, +wie ich stets erfuhr, in all den Jahren noch mit ihm korrespondiert +hatte, für immer entzogen werde. + +Mein Erstaunen maß sich sodann mit meiner Abneigung, als sie mir +gegenübertrat. + +Sie war zwar noch immer blendend schön, aber sie besaß nichts von dem +Wesen einer anständigen Frau, einer wirklichen Dame. Sie war das +vollendete Bild einer Halbwelt-Circe. Ihr Kostüm war übertrieben modern, +stark parfümiert, und lächerlich kostbar. Ihre Arme waren mit Schmuck +behangen, und hinter ihrem sanft schmachtenden Lächeln verbarg sich +etwas, das den Weltkundigen nicht täuschte. + +Und wirklich besaß sie keine echte Empfindung, ihr Gemüt war verdorrt, +sie war nichts anderes, als eine kalt berechnende Kokette. + +Es wäre somit ein Vergehen gewesen, ihr Imgjor auszuliefern. + +Aber sie von diesem Gedanken abzubringen, war noch die geringste +Schwierigkeit. Der große Reichtum meines Mannes konnte noch größere +Ansprüche befriedigen, als sie sie erhob und auf deren Erzielung es ihr +überhaupt nur ankam. Aber sie hatte schon gleich am ersten Tage Lavard +wieder in solche Fesseln zu schlagen gewußt, daß er völlig Wachs in +ihrer Hand geworden war. + +Er bestritt in heftigen Worten die Berechtigung meiner abfälligen +Kritik. Er fand es, da sie es nicht wollte, völlig überflüssig, daß sie +nach Oerebye übersiedelte Er verlangte von mir, daß ich sie wochenlang +auf Rankholm behalten solle. Sie habe Anrechte auf unsere +Gastfreundschaft und unsere Rücksicht; man müsse der Mutter für eine +zeitlang ihr Kind gönnen. + +Entsetzliche Tage verlebte ich. Lucile, der ich in der Erregung nicht +mehr gedacht hatte, kehrte wieder zurück. Imgjor näherte sich der +schönen und sie umschmeichelnden Madame Etienne, der Gattin des Baron +von Etienne in Brüssel, als welche sie sich auch Imgjor im +Einverständnis mit meinem Manne vorgestellt hatte. + +Zuletzt war mein Entschluß gefaßt. + +In einer Scene, der Lucile zufällig beiwohnte, erklärte ich Lavard, mich +von ihm trennen und zu meiner Familie zurückkehren zu wollen, wenn die +Fremde nicht innerhalb achtundvierzig Stunden das Haus verlasse. + +Lucile führte, weil ihr Vater ihr beipflichtete, mein Verhalten auf +Eifersucht zurück. Sie nahm für ihren Papa Partei, schalt mich des +Mangels an Liebe und des Mangels an Duldsamkeit, und ich litt zehnfach, +da ich meinem Kinde nicht eröffnen konnte, wie die Dinge standen. + +Endlich siegte ich. Ich siegte dadurch, daß ich eine Nacht mit dem +fremden Weibe rang. Sie wohnte damals in den Gemächern, die jetzt meine +Tochter Lucile inne hat. Mir ist's in der Erinnerung wie heute. Der Tag +war grau, kalt und nebelig, so unfreundlich, daß man sich nicht einmal +zu einem Spaziergang in den Park hinauswagen mochte. + +Wir waren deshalb mehr denn sonst und bereits vor dem Frühstück auf +einander angewiesen, und dieses engere Beisammensein benutzte Madame +Etienne, um allerlei bisher von mir verhinderte Vertraulichkeiten +zwischen sich und den Kindern herbeizuführen. + +Sie gab sich besonders mit ihnen ab, holte verschiedene wertvolle +Gegenstände aus ihren Koffern heraus, die sie ihnen, trotz deren +bescheidenen Abwehr, aufdrängte und forderte sie zuletzt gar auf, sie du +und Tante zu nennen. + +Die Mädchen nahmen dieses als eine Bevorzugung hingestellte Anerbieten +natürlich an. Und dies du machte beide natürlich freier gegen den Gast, +namentlich die jüngere Lucile. Infolgedessen ließ diese auch eine +Aeußerung fallen, die sie sonst sicher nicht gemacht haben würde. Sie +wies, und schon lange hatte ich dies kommen sehen und mich davor +gefürchtet, auf die große Aehnlichkeit zwischen Madame und Imgjor hin. + +„Ihr seht wie Schwestern aus!“ betonte sie lebhaft und richtete auch +ihre zu meiner Zustimmung auffordernden Blicke auf uns. + +In Madame Etiennes Gesicht leuchtete es auf. Ich sah's. Alles, was sie +irgendwie mit uns in eine nähere Beziehung zu bringen vermochte, danach +griff sie begierig! + +Sie wollte nicht nur die größten materiellen Vorteile daraus ziehen, daß +sich ihre Tochter bei uns befand, sondern sie strebte, — ihrer +abenteuerlichen Eitelkeit entsprechend — auch danach, neben uns eine +gleichberechtigte Rolle zu spielen. + +Auf ihre Tochter war sie bald maßlos eitel und überlegte dann, ob sie +sie doch nicht mit sich nehmen solle, oder sie zeigte eine nicht +verhüllte, heftige Eifersucht. Dann ergriff sie, — man sah's — ein durch +die Einsicht in ihre eigene Unwürdigkeit noch mehr geförderter Ingrimm +gegen ihr eigenes Kind. Dessen reiner Sinn, dessen fester Charakter, +dessen ungewöhnliche Wahrheitsliebe, dessen Abscheu gegen nichtssagende +Redensarten, aber auch dessen zutage tretendes Mißtrauen gegen ihre +aufdringlichen Liebenswürdigkeiten, schufen einen Aerger in ihr, den sie +nicht bezähmen konnte. + +Und eben dieses Gemisch von Gefühlen und Stimmungen, aber vielleicht +auch die Erwägung, daß es ihren Zwecken förderlich sei, uns in steter +Unruhe zu halten, verleiteten Madame Etienne an diesem Tage, Luciles +Aeußerungen aufzunehmen, statt mit einem flüchtigen Wort darüber +fortzugehen. + +Sie sagte überlegen lächelnd: + +„So, findest du das? Nun, wer weiß, ob die Etiennes und die Lavards +nicht, ohne es zu wissen, verwandt sind, — ob sich solches nicht, wenn +wir einmal gründlich nachforschen, — herausstellen würde —“ + +Mein Mann warf ihr einen erschrockenen, und weil er in ihren Banden lag, +flehenden Blick zu. Auch nahm er rasch das Wort und wußte ein anderes +Thema zu berühren. + +Nach Tisch, während wir des Kaffes im Salon warteten, machte sich Madame +Etienne an Imgjor heran, prüfte eine Handarbeit, mit der sie beschäftigt +war, lobte die Sorgfalt der Ausführung und fragte sie, ob sie nicht Lust +habe, sie einmal in Paris, wo sie fürder wohnen werde, zu besuchen. Sie +habe dort ein sehr schönes Haus, und sicher würde sich Imgjor +vortrefflich in der Stadt des Vergnügens amüsieren. + +Es folgte dann noch eine Beschreibung der Räume und der kostbaren +Einrichtung, und überhaupt war sie bemüht, Imgjor einen möglichst +großartigen Eindruck von ihren Einkünften und ihrer gesellschaftlichen +Stellung beizubringen. + +Sie bewies, indem sie diese Mittel anwendete, Imgjors Zuneigung zu +gewinnen, allerdings eine sehr geringe Fähigkeit, Charaktere zu +beurteilen. Es war mir unbegreiflich, daß sie nicht erkannt hatte, daß +dergleichen für dieses ernste, reife und in seinem innersten Wesen +einfach geartete Wesen gar kein Lockmittel sein werde. + +Reichtum und Wohlleben umgaben Imgjor, aber reizten sie durchaus nicht. +Ihre Pflicht stellte sie stets über das Vergnügen, und auch die Freuden +des Daseins suchte sie lediglich im Verkehr mit der Natur, mit guten, +treuherzigen Menschen, in der Pflege geistiger Dinge und im Verkehr mit +Tieren, mit Vögeln, Pferden und Hunden, die sie zärtlich liebte und +pflegte. + +Tanzen, Kokettieren, den Großen nachzumachen, früh schon die Dame zu +spielen, sich sinnliche Aufregungen zu verschaffen und den nichtigen +Vergnügungen nachzujagen, hatte für Imgjor keinen Reiz. + +Und demgemäß antwortete sie auch. + +„Nein, nein, gnädige Frau. Ich bleibe lieber hier in der Heimat!“ +entgegnete sie nach ihrer Art, kurz und ohne für die durch diese +Einladung zum Ausdruck gelangte Artigkeit einen besonderen Dank an den +Tag zu legen. Auch ließ sie absichtlich das „du“ und die „Tante“ dabei +außer acht. — + +„Meinst du denn nicht, daß es für dich vorteilhaft wäre, neues zu sehen, +zu lernen, dich zu vervollkommnen, zu erkennen, daß es noch eine andere +größere Welt giebt, als das Pünktchen Rankholm! Hältst du dich bereits +für vollendet?“ warf die Frau, hämisch im Ton, hin. + +Sie vermochte ihren Aerger über diese Unbiegsamkeit, über diese +offenkundig hervortretende Gleichgiltigkeit gegen ihre Person nicht zu +bezähmen. + +Schier bersten aber wollte sie, als Imgjor, sich äußerlich sanft +fügend, und nur die Schultern bewegend, einer Antwort auswich. + +Sie warf schroff gereizt hin: + +„Nun, Kind! Antworte! Hältst du dich für so vollkommen?“ + +„Nein, gewiß nicht, gnädige Frau. Aber ich möchte Reisen nur in +Begleitung meiner Eltern unternehmen. Wenn sie nicht dabei sind, wenn +ich mit ihnen nicht zusammen genießen darf, haben sie keinen Reiz für +mich!“ + +Diese Erwiderung klang aus dem Munde einer Dreizehnjährigen recht +altklug. Sie war nicht artig, aber Inhalt und Form waren zur Belehrung +über die Stellung, welche Imgjor ihrer Mutter gegenüber einnahm und +einzunehmen entschlossen war, weise gewählt. Diese ihre Antwort traf +auch Madame dergestalt, daß sie alle Klugheit außer acht lassend, mit +boshaft funkelnden Augen herausstieß: „Na ja! Dann mache, wenn du alles +besser weißt, wie du's willst!“ Worauf sie dann Imgjor sitzen ließ, sich +mit einer gemacht gleichgiltigen Miene zu mir, und als dann grade mein +Mann in den Salon trat, mit schmeichelnder Liebenswürdigkeit an ihn +wandte und zu einer Partie Schach aufforderte. + +Und was ich, obschon ich mir nichts merken ließ, dann sah, das gab mir, +neben der Ueberlegung, daß es keine bessere Gelegenheit geben konnte, +die Stimmung der Mutter gegen ihr Kind zu unserm Vorteil auszunutzen, +den Entschluß, noch an diesem Tage mit den Dingen unter allen Umständen +aufzuräumen. + +Mit meinem Manne war sie wie eine Braut. Sie sah ihn fortwährend +zärtlich an, umschmeichelte ihn, und suchte ihn überhaupt immer mehr in +ihre Netze zu ziehen. Auf mich, auf die Kinder, die ich dann auch +möglichst bald fortsandte, auf Graf Knut, der zum Plaudern gekommen, +nahm sie gar keine Rücksicht. + +Sie folgte einerseits rücksichtslos ihren eitlen Plänen, nämlich den +Mann, der einst ihr erlegen, abermals dauernd in Fesseln zu schlagen, +und andererseits ihrem rachsüchtigen Bestreben, mir möglichst +unangenehme Empfindungen zu bereiten. + +Da ich die Antwort, die Imgjor ihr gegeben, nicht gerügt hatte, wußte +sie mich einverstanden. Das genügte, um den schon in ihr lodernden, +heftigen Ingrimm gegen mich noch mehr anzufachen. + +Nachdem endlich, nach Verlauf peinlicher Abendstunden, die Uhr elf +geworden, Graf Knut sich empfohlen, und auch jene sich zum Aufbruch zu +rüsten anschickten, erklärte ich, noch ausbleiben und Briefe schreiben +zu wollen. + +Mein Mann erhob auch keinen Widerspruch, befahl der herbeigerufenen +Kammerjungfer, Madame Etienne in ihre Gemächer zu geleiten, und begab +sich, — mir in der gereizten Stimmung, die ihn während dieser Zeit +stetig beherrschte, nur eine kühle, gute Nacht wünschend, — ebenfalls in +seine Räume. + +Ich aber that nicht, wie ich vorgegeben hatte, sondern warf mich aufs +Horchen, und sobald ich hörte, daß die Jungfer sich wieder aus Madames +Gemächern entfernt, ich auch abgewartet, daß Frederik die Lichter im +Flur und auf den Korridoren gelöscht hatte, entzündete ich eine +Wachskerze, schritt an die Thür meiner Widersacherin und klopfte. + +Ein lebhaftes: „Wer ist da?“ erfolgte. + +„Ich, Lucile, bin's! Bitte, öffnen Sie!“ gab ich zurück. + +„Ah! Sie, liebe Gräfin! Ich komme gleich —“ + +Und so geschah's. Ich fand sie halb angekleidet, forderte sie auf, mir +Gehör zu schenken, und setzte mich alsbald ihr gegenüber. — + +Alles, was ich auf dem Herzen hatte, sagte ich, nicht gehässig, aber +entschieden, klar und knapp. Ich betonte, was wir gewollt, was geworden, +wie sie sich dazu verhalten habe, was sie ohne Zweifel beabsichtigte, +wie sie meinen Gatten wieder umgarnen wolle und welche beleidigende +Rolle gegen mich, und welche aussichtslose gegen ihre Tochter sie +spiele. — + +Ich deckte ihr rücksichtslos ihr Inneres auf, baute ihr aber wiederum +auch Brücken, indem ich sie durch ihre verlorene Jugend zu entschuldigen +strebte. + +Aber ich nahm auch von der Thatsache, daß sie ihres Kindes Herz schon im +Voraus verloren habe und es bei ihrer Veranlagung, ihren +Lebensgewohnheiten und Anschauungen nie gewinnen werde, nichts zurück. +Sodann bot ich ihr, vorher noch betonend, daß ich eher sie oder mich +töten, als daß ich es — schon um der Kinder willen leiden werde —, daß +mein Mann zu ihr zurückkehre, eine erhebliche Geldsumme für ihren +Verzicht auf Imgjor und ihre Nimmerwiederkehr an. + +Noch zögerte sie, sie erging sich in einen Schwall von Worten, in denen +sie sich als eine Heilige, und mich als eine ebenso klein Veranlagte, +wie thöricht eifersüchtig Geartete hinzustellen suchte. Zuletzt aber, +als ich ihr einen großen Teil des von mir in die Ehe gebrachten +Vermögens anbot, unterlag sie ihrer Habgier. Die ungeheure Summe löschte +alle wirklichen und komödienhaften Regungen in ihrer Seele wie mit einem +Regenguß aus. Sie nahm auch die von mir als erforderlich hingestellten +Nebenbedingungen ohne Einwand an. Ich erklärte, ihr die Hälfte gleich +anweisen, den Rest aber, von dem ihr die Nutznießung der Zinsen werden +solle, erst nach einer Prüfung von zehn Jahren auszahlen zu wollen. Wenn +sie sich während dieser Zeit ein einzigesmal meinem Mann oder ihrer +Tochter ohne meine Zustimmung wieder nähere, gehe sie desselben +verlustig. + +Schon am nächsten Tage verließen wir zusammen Rankholm, und begaben uns +nach der holsteinischen Stadt Rendsburg. Hier ließ ich nach genauer +Information einen Rechtsanwalt einen Vertrag in französischer Sprache +entwerfen, der alle Punkte feststellte, welche zwischen uns vereinbart +waren. + +Nachdem dieser in zwei Exemplaren ausgefertigt war, unterschrieben wir +ihn beide, reichten uns wie zwei kühle Geschäftsleute die Hand und +fuhren am folgenden Morgen, — jeder den Abend allein im Hotel +zubringend, — unseren verschiedenen Zielen zu. + +Sie reiste, selig befriedigt, ohne den geringsten Schmerz um ihr Kind, +nach Paris zurück, und ich trat am Spätnachmittag meinem Manne in +Rankholm wieder gegenüber. + +Ich fand zu meiner glücklichen Befriedigung keinen Zürnenden, sondern +einen durchaus sanft Gestimmten. Er schloß mich unter der Versicherung +seiner alten Empfindungen und seines schrankenlosen Dankes für mein +energisches Verfahren zärtlich in die Arme, erklärte, daß er schon am +Morgen nach Madames Abreise wieder zur Besinnung zurückgekehrt und jetzt +förmlich wie erlöst sei. + +Der Zauber war gewichen. Geradezu dämonisch hatte sie ihn umstrickt. Als +ein schwer Kranker war er in diesen Wochen umhergegangen, und als ein +Neugeborener atmete er auf, als dieses ekle Parfüm, als dieses Girren +und Werben, als diese auf seine Sinne berechnenden Künste auf ihn nicht +mehr wirkten. + +So, lieber Graf, das ist in großen Zügen der Bericht, aus dem Sie +ersehen werden, daß Menschen allezeit Menschen bleiben, irren, sich +gegen ihre Freunde und die Verhältnisse auflehnen, sich aber wieder +besinnen und je nach dem Wert ihres Ich einen zufriedenen Zustand +zurückzugewinnen vermögen. Auch ich habe mir mein Glück suchen müssen, +und ich habe es gefunden, weil ich das Gute erstrebte für ihn, Lavard, +für das Kind, das ich wahrhaft liebte, und für mich selbst! + +Mein Schlußwort soll sein: + +Möchte es Ihnen nun gelingen, dieses treffliche, wenn auch zeitweise +irregeleitete Mädchen heimzuführen, ihr das Glück zu verschaffen, was +wir ihr alle sehnsüchtig wünschen!“ + +Graf Dehn hatte mit außerordentlicher Spannung und mit steigender +Bewunderung den Ausführungen der Gräfin zugehört. Als sie die letzten +Worte gesprochen, beugte er sich auf ihre Hand herab und drückte einen +Kuß darauf. + +„Ihnen, Frau Gräfin, nahe bleiben zu dürfen, ist fast so viel, wie der +Wert, einer Imgjor Gatte zu werden —“ stieß er warmherzig heraus. + +Er suchte bei diesen Worten ihr Auge und sie gab ihm den Blick mit dem +alten vertieften Ausdruck, der ihr eigen war, zurück. + +Und nun wußte er auch ihr Wesen zu deuten, das ihm so oft rätselhaft +erschienen war. Die Erfahrungen des Lebens hatten ihr Vorsicht +auferlegt. So empfing ihr Blick etwas Spürendes, ein Bestreben, das +Innere ihrer Nebenmenschen erst zu durchdringen, bevor sie ihnen ihre +Zuneigung und ihr Vertrauen schenkte. + + * * * * * + +In einem Gehölz, das sich an den Rankholmer Park anlehnte, befand sich +neben einer Höhe ein kleiner Thalkessel, und in diesem lag einsam, +idyllisch, umschlossen von hohen, grünen Fichten auf der einen Seite, +und umzingelt von Buchen, Eichen und dichtem Gebüsch auf der anderen, +ein blauer, stiller See. Libellen umschwärmten ihn, und tausend andere, +die Wonnen des Daseins genießende, geflügelte kleine Geschöpfe führten +schwebende Tänze über seinem silberklaren Spiegel aus. Aber auch eine +entzückende Flora hatte hier eine Heimstätte gefunden. Immer neue +Gebilde und Farben entdeckte das Auge, und süße Düfte berauschten die +Sinne derer, die sich auf den, an den Ufern befindlichen, mit zierlich +durchbrochenen Rücksitzen versehenen Waldbänken niederließen. + +Zur Linken erhob sich ein hoher, von Epheu anmutig umsponnener +Granitstein, auf dessen glatt polierter Fläche zahlreiche Namen in +deutscher und lateinischer Schrift eingegraben waren, Namen, deren +Inhaber sich hier auf diesem Platze im Laufe der Zeiten niedergelassen +oder mit ihren Herzen gefunden hatten. + +Gleichsam ein Zauber zog die jeweiligen Bewohner des Schlosses hierher, +und ein ähnlicher, heftiger Drang, der Drang nach Vereinsamung leitete +auch die Schritte des Grafen Axel Dehn, der nun eben — es war um die +Nachmittagsstunde — aus dem Gehölz hervortrat und sich einer der Bänke +näherte. Seine Gedanken waren so ausschließlich auf einen Punkt +gerichtet, daß er mit bewußten Sinnen keinen Eindruck in sich aufnahm, +daß seine Augen alle die Schönheiten, die ihn umgaben, nur mechanisch +aufsogen. + +Imgjor hatte sich angemeldet und war nun doch nicht gekommen, auch +fehlte jede Nachricht von ihr. Den ganzen Mittag hatte sich das Gespräch +darum gedreht, zulegt war man zu der Meinung gelangt, daß sie am Abend, +den letzten Zug von Norden benutzend, eintreffen würde. + +Unerfüllte Sehnsucht macht krank. Von der Höhe der Erwartung +herabgestürzt zu werden, völlig in Ungewißheit zu schweben, ist für die +stärksten Naturen ein qualvoller Zustand. + +Um der grenzenlosen Unruhe leichter Herr zu werden, war Graf Dehn die +Treppe zu Imgjors Zimmer hinaufgestiegen. Wie damals hing, obschon +sorgsame Hände die Räume für die Kommende neuerdings in Stand gesetzt +hatten, der Schlüssel an dem versteckten Haken hinter der Thür. Graf +Dehn wagte ihn herabzunehmen und die Gemächer zu öffnen. + +Herbstsonnenschein ruhte auf all' den reizenden, unberührten +Gegenständen, auf den Möbeln und zahlreichen Kleinigkeiten, den +seidenbezogenen Sesseln, und den seidenen Vorhängen. Ein eigener Duft +von eingeschlossener Luft und Blumen wirkte berauschend auf die Sinne, +ein berückender Duft von Imgjors Wesen, einer, der ihren Kleidern meist +entströmt war, haftete noch in den Räumen. Und zu Seiten standen die +Flügelthüren zu demselben Gemach offen, in das sie damals ihren kranken +Hund gebettet hatte. Graf Dehn richtete, sehnsüchtig angezogen, auch in +dieses einen raschen Blick. Die Tapeten befanden aus rosendurchwirkter +Seide, die Polsterstühle waren mit weißem Rips bezogen, und alle übrigen +Möbel trugen eine blitzend weiße, mit zarten Goldlinien geschmückte +Farbe. + +Das Heim einer Prinzessin, aber auch das Heim eines sinnereinen, +weiblichen Wesens! Nur über dem Ruhelager eines solchen konnte so viel +saubere, gleichsam unschuldige Schönheit ausgebreitet sein. Und daneben +ein schlanker, von der Decke bis zur Erde reichender Spiegel in weißer +Umrahmung und eine Toilette, umzingelt von Gardinen und Spitzen auf +rosenfarbenem Hintergrunde. Und als Graf Dehn aus dem Fenster schaute, +lag der Park und lag Kneedeholm vor ihm wie ein Paradies, und hinter +ihnen blaute der Horizont, und über allem lag ein stillseliger Friede. + +War's möglich, daß irgend jemand, noch dazu ein junges, lebensfrohes +Mädchen, das alles freiwillig aufgegeben hatte, um in schlaflosen +Nächten neben in Schmerzen stöhnenden Kranken zu wachen, Wunden zu +verbinden, in schmutzige Hütten zu kriechen, Arme und Elende zu pflegen, +sich zu gemeinen Dienten zu erniedrigen und den Undank der Masse auf +seine Schultern zu nehmen? + +Wonach Millionen mit den Händen begierig greifen würden, nach einem +solchen Wohlleben, einer solchen Heimstätte, einer solchen Welt des +Reichtums, der glücklichen Beschaulichkeit und erquicklichen +Abwechslung, — das alles hatte sie mit ihrem selbstlosen Herzen als +unnützen Tand von sich geworfen! + +Und doch liebte sie die Genüsse: die Natur, die Musik, die schönen +Künste, doch saß sie beseeligt auf ihrem Renner und durchflog die +Gegend, faßte, selbst kutschierend, die Zügel und durchmaß das +Gutsgebiet mit seinen herrlichen Wäldern, Auen und Seen! + +„O, Imgjor, Imgjor, du rätselhafte Seele, du edles, nun doch betrogenes, +aus dem Weltgetriebe verbittert und krank zurückkehrendes Herz!“ + +Und niederknieend in diesen, für ihn heiligen Räumen, flüsterte der +Mann: „Gieb ihr, gütiger Gott, ich flehe dich an, die Ruhe ihres Innern +und ihre Gesundheit zurück! Schaffe ihr auch ein frohes Genügen hier, +die Freude am Menschentum im Kleinen, die Einsicht, daß zwar der +Vernunftbegabte den Sinn auf die Sterne richten, aber danach nicht +thöricht greifen soll!“ — + +Während Graf Dehn jetzt hier auf der Bank saß und die Erinnerungen an +die letzte Begegnung zwischen sich und Imgjor an seinem Geiste +vorüberziehen ließ, überlegte er die Möglichkeit eines Erfolges seiner +Werbung oder einer endgiltigen Enttäuschung. + +Imgjor Lavard war stillschweigend ausgesöhnt mit den Ihrigen. Alles +wartete ihrer bis auf den Grafen Knut drunten im Dorf und den mit +gewohnter Ehrerbietung und Dienstfertigkeit einherschreitenden Frederik. + +Die Vögel konnte keine Willkommenskonzerte anstimmen, sie waren schon +gen Süden gezogen, aber die Lavardschen Fahnen wehten von den Zinnen, +und von Oerebye war eine Kapelle bestellt, die Imgjor am ersten +Frühmorgen vom Park aus durch sanfte Töne begrüßen sollte. + +Und kam sie nun als eine Geheilte, eine Sehnsüchtige, Friedensuchende, +oder war doch wieder etwas in ihr aufgequollen, das sie mit der großen +Welt in Verbindung hielt?! Niemand wußte es in Rankholm, und auch Graf +Dehn wußte keine Schlüsse auf ihr Herz zu ziehen. — + +Langsam wanderte er nach dem Schloß zurück. Jetzt sah er, was um ihn her +vorging. + +Als er aus dem Gehölz heraustrat und sich umblickte, ging die Sonne eben +zur Rüste und warf solche zauberischen Lichter auf Wald, Wiesen und +Felder, daß er wie gebannt stillstand. Vom Dorf her tönte das +Kirchenglöcklein durch die Stille, fröhliches, einmaliges Hundegebell +erklang, und auch das sehnsüchtige Brüllen nach Hause wandernder Rinder +schlug an sein Ohr. + +Das waren die Laute des Landes! + +Erst um die Dämmerstunde gelangte er wieder in das Schloß. + +Als er das Innere betrat, war's ihm auffallend, daß Frederik und zwei +der Diener an Gepäckstücken vor der großen Treppe beschäftigt waren und +daß die Thür zur Halle offen stand. — + +„Wer ist's, Portier? Die Komtesse?“. + +„Ja! Zu Befehl, Herr Graf!“ + +Axel flog die Stufen empor. Sie schon da und er nicht anwesend! + +Sturmschnell betrat er die Hintergemächer. Lautes Sprechen drang aus +dem Kabinett der Gräfin, demselben, das er damals bei dem ersten Besuch +mit klopfendem Herzen betreten hatte. + +Und wieder klopfte es heute aus anderen Gründen so ungestüm, daß ihm +plötzlich die Kraft fehlte, jetzt, in diesem Augenblick — Imgjor +gegenüberzutreten. + +Leise schlich er sich wieder aus dem Zimmer fort, eilte in seine +Gemächer, riß die Fenster auf und holte tief, tief Atem. + +So verharrte er wohl zehn Minuten. + +Und dann hörte er Geräusch auf der Treppe, Luciles und Imgjors Stimmen, +und dann sagte die letztere: + +„Nein, nein — danke, liebste Lucile! Ich habe ja alles; auch bei +Kofferauspacken brauche ich keine Hilfe — in fünf Minuten bin ich wieder +bei euch. — Lasse nur anrichten, daß Papa nicht länger zu warten +braucht!“ + +Und nun Schritte — ihre Schritte empor! + +Ah, wie ihm das Herz hämmerte, — wie die Glieder flogen, wie ihn alles +zu ihr hintrieb! + +Und als sie dann im Begriff stand, den vor seinen Räumen sich dehnender +Vorflur zu betreten, und nun eben emporeilen wollte, öffnete er die +Thür, zog ihre Gewalt mit seinen sehnsüchtigen Augen an sich und — +stürzte an ihr nieder. + +„Imgjor! Imgjor!“ bracht aus der heißarbeitenden Brust. Im Nu hatte er +sie umschlungen und geleitete sie in sein Gemach. + +Und als sie dann dort einander in die Augen schauten und ihm die Worte: +„Liebst du mich, Imgjor?“ aus der trunkenen Brust zitterten, da riß sie +ihn an sich. + +„Ach — du fragst — teurer Mann! Hier, hier, dein Kind, deine Demut, +deine bezwungene Liebe! Hier deine Imgjor, geheilt, zurückgegeben der +Vernunft und dem, den sie liebte, trotz aller Auflehnung und aller +Schroffheiten beim ersten Sehen!“ + +Und der berauschte Mann stöhnte auf und zog das blasse, schöne Geschöpf +an das Fenster. + +„Hier vor Gottes unvergänglicher Natur schwöre ich dir, daß ich dich zu +beglücken suchen werde, wie kein Mann je ein Weib zuvor! Und ist's denn +wirklich Wahrheit? Du bist es selbst, du kehrst bekehrt zurück, du, +Imgjor Lavard?“ + +„Ja, mein Freund! Bewahrheitet hat sich an mir des Dichters Wort: + + Wie Ueberfüllung strenge Fasten zeugt, + So wird die Freiheit, ohne Maß gebraucht, + In Zwang verkehrt! + +Hier in diesem Eden der Schönheit und des Friedens, hier bei denen, +deren hohen Wert ich erst durch die Erfahrungen und Vergleiche erkannte, +wollen wir leben, wirken und streben, wollen wir uns — und anderen +leben! Und nun küsse mich noch einmal, und dann will ich vor dir +niederknieen und deine Hände voll Dank berühren, daß du einen solchen +Reichtum an Nachsicht und Geduld mit deiner — deiner Imgjor gehabt!“ + +Und sie that, nachdem er sie umschlungen, wie sie gesprochen, und dann +hob er sie empor und trug sie auf den Armen zu ihren Gemächern empor. — + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Grevinde, by Hermann Heiberg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GREVINDE *** + +***** This file should be named 12273-0.txt or 12273-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/2/7/12273/ + +Produced by Charles Franks and the DP Team + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Grevinde + +Author: Hermann Heiberg + +Release Date: May 6, 2004 [EBook #12273] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GREVINDE *** + + + + +Produced by Charles Franks and the DP Team + + + + +Grevinde + +Roman + +von Hermann Heiberg + + +Berlin + + + + +Endlich, nach langer, heißstaubiger Fahrt hielt die Postkutsche, und +mit den rauh betonten Worten: + +"Hier geht's nach Schloß Rankholm--" öffnete der Schwager den +Wagenschlag und bedeutete einem darin sitzenden Herrn, daß er ansteigen +müsse. Und während dieser, ein junger, vornehm ansehender Mann seiner +Aufforderung folgte, wandte sich derselbe Postillon zu dem Gepäckkasten, +riß des Reisenden Koffer heraus, stieß ihn unsanft auf den Erdboden und +ließ ihn dort liegen. + +Und als der Fahrgast, Graf Axel Dehn, ein Wort über Wegrichtung und +Weiterbeförderung seines Gepäcks hinwarf, setzte er statt zu antworten, +die Finger an den Mund und ließ in der Richtung eines von Knicken +eingefaßten Seitenweges dreimal hintereinander einen scharfschrillen +Pfiff ertönen. + +Alsbald erschien ein alter, gebückt gehender Mann oben an der Biegung +des Pfades, erhob mit phlegmatischer Bewegung die Hand zum Zeichen, daß +er gehört habe, und näherte sich mit derselben Gemächlichkeit dem +seiner Wartenden. + +"Denne Mand besorger alt--" warf der sich nunmehr erst wieder zu Worten +anfragende mundfaule Rosselenker hin, nickte obenhin und schritt mit +einem mürrischen Ausdruck das ihm gebotene Trinkgeld wegsteckend, dem +Wagen mit den beiden Braunen zu. Alsdann schwang er sich abermals auf +den Bock und hieb, nunmehr taktmäßig mit der Peitsche ausholend, auf die +dann auch rasch im Staub der Landstraße verschwindenden Gäule ein. + +"Wie weit ist's noch nach dem Schloß?" warf Graf Dehn, während sich der +Alte, nach ehrerbietiger Verneigung, den schweren Koffer auf die +Schultern packte, hin. + +"Saa omtrent ti Minuter!" (So ungefähr zehn Minuten) gab der Alte, in +auffallend plattem Dänisch sprechend, zurück. + +Und dann setzen sie sich in Bewegung, und je mehr sie sich dem zwischen +mächtigen Parkbäumen hervorschimmernden Rankholmer Schloß näherten, +desto unfreier wurde dem jungen Fremden zu Mute. + +Schon als Knabe hatte er von seinen Eltern von dieser großen, dänischen +Besitzung vernommen und jedesmal mit einem Gefühl der Beklemmung +zugehört. So viel Absonderliches und Unheimliches hatte sich in den +dunklen Prachtsälen, den verschwiegenen Kemenaten, den dickwandigen +Turmzimmern und Fremdengemächern, aber auch auf den versteckten Treppen +dieses seit Jahrhunderten bestehenden und allezeit in dem Besitz der +Grafen Lavard befindlich gewesenen Schlosses abgespielt! Ein wild +trotziges Geschlecht hatte dort gehaust, um Erbschaften, Geld und schöne +Frauen Ränke geschmiedet und sich nicht selten ingrimmig angefeindet. + +Die Frau des nunmehrigen alleinigen Besitzers, des Grafen Lavard, war +eine Französin aus vornehmem Geschlecht! Er hatte die sehr begüterte +Vikomtesse von Verdeuil bei seiner Anwesenheit in Paris auf einem Balle +beim dänischen Gesandten vor zwanzig Jahren als fünfzehnjähriges Mädchen +kennen gelernt, und sie war ihm, mit einem schwermütigem Verzicht auf +die unvergleichbaren Reize ihrer Heimat, hierher in die einsame +nordische Welt gefolgt. + +Lavards besaßen zwei Töchter, Imgjor und Lucile, von denen sich die +erstere, etwas ältere, zur Zeit auf Rankholm aufhielt, während sich +Lucile gegenwärtig auf Reisen befand. + +Graf Dehns Vater und Graf Lavard hatten einst zusammen bei den dänischen +Dragonern in Kopenhagen gestanden, aber ihren Abschied genommen, nachdem +sie beide gelegentlich einer Urlaubsreise die ihren Augen und Herzen +genehmen Frauen gefunden. + +Graf Dehn war eine Ehe mit einer Baronesse von Berg eingegangen. Mit ihr +hatte er reiche Güter in der Lausitz geerbt und war infolgedessen nicht +nur aus dem dänischen Unterthanenverbande ausgeschieden, sondern auch +dorthin übergesiedelt. Immer waren jedoch die beiden Freunde in +Verbindung geblieben, und nun eben ging der junge Graf Axel von Dehn, +der einzige Nachkomme dieser Familie, nach Rankholm zur Brautschau.-- + +Mitten in der Einsamkeit lag das mächtige Schloß. Nur ein zu der +Herrschaft gehörendes, in einer Thalmulde malerisch hingestrecktes Dorf, +mit Namen Kneedeholm, teilte diese stille Abgeschlossenheit von der Welt +und der großen Heerstraße. + +Noch bevor die beiden Wanderer in die zu dem Schloß führende Allee +eintraten, nahm Graf Dehn das Wort und richtete einige Fragen an seinen +Führer. Und da er's geschickt begann, empfing er, wenn auch knappe, doch +allerlei für ihn wertvolle Mitteilungen aus dem Munde des Alten. + +Und unter solchen lebhaften Reden gelangten sie dann an das Kastell, das +seine Front einem mächtigen, freien Platz zuwandte. + +Da aber dieser und das Gebäude ringsum von hohen, laubreichen Bäumen und +dichtem Gebüsch umschlossen waren, erschien's dem Auge, als ob +Rankholm--wie ein Dornröschenschloß--mitten in einem Walde liege. + +Freilich war's anders! Aus den Hinterfenstern schaute man durch den zu +solchem Zwecke gelichteten Park ins Thal hinab, und da lag in +malerischer Schönheit und in solcher Nähe, daß man bei hellem Wetter die +Häuser, Wege und Menschen aus den Schloßfenstern genau zu erkennen +vermochte, das Dorf Kneedeholm mit seiner schlanken Kirche, seinen +reichen Bauerhäusern und einem alten romantisch gebauten Jagdschloß vor +einem. + +Einen überwältigenden Eindruck empfing Graf Dehn, als er nach +Ueberschreiten der Schloßbrücke, die auf einen peinlich sauber +gepflasterten Vorhof führte, durch das mächtige, von zwei Steinernen +Löwen flankierte Portal in das Innere eintrat. + +Er befand sich auf einem großen, in der Mitte durch einen sprudelnden +Neptunbrunnen geschmückten und von den Mauern des stolzen Gebäudes +eingeschlossenen Innenhof. + +Zu Seiten einer im Mittelbau befindlichen, mit dem Wappen der Grafen +Lavard gezierten Rampe--eine Faust, die einen Dolch hielt, zückte ihn +gegen einen sich wild anlehnenden Geier--strebten mächtige Säulen empor. + +Auf ihnen erhoben sich Marmorgestalten aus der Antike, und zu ihren +Füßen streckten zwei Tiger aus Bronze ihre Leiber und Tatzen aufs +Pflaster aus. + +Und zwischen diesen mit Vorsprungtürmen, zahlreichen hohen +Eingangspforten, bogenförmigen, von Epheu und Schlinggewächsen +umzingelten Fenstern und Altanen geschmückten Mauerwänden herrschte eine +lautlose, gleichsam furchterregende Stille. Sie wurde nur jetzt +unterbrochen durch das Geräusch einer sich öffnenden Thür im +Portierhause, der sich der Alte soeben genähert hatte, um den Gast beim +Pförtner anzumelden. + +Nachdem das geschehen, verabschiedete er sich, nach Empfang eines +reichlich bemessenen Trinkgeldes, mit still verbindlicher Miene, und der +Pförtner, ein ebenfalls gebückt einhergehender Alter, stellte sich +entblößten Hauptes vor dem Fremden auf und zog, nachdem er gehört, wer +er sei, wiederholt kräftig an einer Schelle. + +Laut und zudringlich, ja, schreckhaft tönte sie über den einsamen Hof, +und im Nu erschien der Haushofmeister in einem schwarzen Frack oben auf +der Schloßtreppe, eilte die Stufen hinab und geleitete den Grafen mit +einer Ehrerbietung, wie sie nur Königen dargebracht zu werden pflegt, in +das Schloß. + +"Nein, es ist kein Brief eingetroffen, sonst würde jedenfalls Fuhrwerk +am Bahnhof oder am Wege gewesen und ohne Zweifel der Herr Graf selbst +zum Empfang des gnädigen Herrn, der schon seit mehreren Tagen erwartet +wurde, erschienen sein," erklärte der Haushofmeister Frederik, als +welcher er sich, unter bescheidener Verneigung, dem Grafen vorstellte. + +Und der Graf sei nicht zu Hause, auch die Komtesse Imgjor sei nicht +anwesend. Aber die gnädige Frau befänden sich in ihren Gemächern. Er +bitte, daß der gnädige Herr geruhen möge, in seine Zimmer einzutreten, +er werde inzwischen dessen Ankunft der Herrschaft zu melden sich +beeilen. + +Unter solchen Erklärungen schritt der Haushofmeister, ein hagerer Mann +mit grauschwarz meliertem Haar und ernsten, überaus vertrauenerweckenden +Mienen, neben dem Grafen Dehn die große Freitreppe im Innern empor und +führte ihn hinten links durch einen durch zahlreiche Familiengemälde +etwas verdunkelten, hohen und langen Korridor. Am Ende desselben +befanden sich die für den Gast bestimmten Räume. + +Und gleichzeitig erschienen auch schon zwei rotlivrierte Lakaien und +luden des Grafen Gepäck ab, und nachdem dies geschehen, entfernte sich +Frederik unter ehrerbietiger Verneigung. + +Die Gemächer waren ebenso reich, wie geschmackvoll und bequem +eingerichtet. + +Blaue, venetianische Seidentapeten bedeckten die Wände, helle, +sanftgeblümte Fußteppiche den Fußboden und dunkle Möbel fesselten das +Auge. + +Auch boten die Räume einen Ausblick auf die Gärten, den Park und das +Dorf, das gleich einem Zauberbilde in dieses entzückende Tableau hinein +geschoben schien. + +Nach einer Viertelstunde, nach Auspacken und Ordnen der Toilette, +erschien auch schon Frederik wieder, verbeugte sich mit der ihm eigenen +natürlichen Würde und meldete, daß die gnädige Frau sehr glücklich sei, +den Herrn Grafen empfangen zu dürfen. Sie würde schon gleich diese +Botschaft gesandt haben, wenn sie nicht geglaubt hätte, daß ihm eine +Pause der Erholung angenehm sein werde. + +Sie durchschritten denselben Korridor, machten einen kurzen Halt auf dem +mit mächtigen Jagdbildern geschmückten, in weißem Marmor getäfelten Flur +und nahmen den Weg durch einen großen, mit grünseidenen Tapeten, +schmalen, hohen Spiegeln und seidenen Polstermöbeln ausgestatteten Saal. + +Und nachdem sie diesen verlassen und noch zwei daranstoßende +Prunkgemächer durchmessen, traten sie in einen kleineren Gartensalon, +der mit verschwenderischer Pracht eingerichtet war. An diesen stieß +wieder ein zweifenstriges Kabinett, und in ihm lag, umgeben von +französischen Möbeln, blühenden Blumen, Statuetten und Bequemlichkeiten, +auf einem hellen, seidenbezogenen Divan die Gräfin Lucile Lavard. + +Sie hatte braunes Haar, braune Augen und ebensolche Wimpern. Ueber einer +geschmeidigen Figur hob sich eine volle Büste, und die Formen und die +Linien ihres Körpers zeigten überhaupt jene üppigeren Reize, durch die +sich die gesättigte Fülle einer verheirateten Frau von der sprossenden +Schönheit junger Mädchen unterscheidet. + +Als sie des Grafen ansichtig wurde, erhob sie sich mit dem ruhig +ausgeglichenen Wesen einer Huldigungen gewohnten Frau, und reichte ihm +gleichzeitig mit einem so bezaubernden Ausdruck und einem so +bestrickenden Lächeln die Hand, daß sich der sympathische Eindruck ihres +jede Wirkung verschmähenden, liebenswürdig einfachen Wesens nur noch +erhöhte. + +"Ich bin wirklich sehr unglücklich, daß niemand zu Ihrem Empfange da +war, lieber Herr Graf--" stieß sie heraus. "Aber Sie haben schon von +Frederik gehört, daß wir wirklich nicht schuld sind. Lassen Sie mich in +jedem Falle hoffen, daß sich die Ihnen dadurch gewordenen ungünstigen +Eindrücke inzwischen bereits wieder verwischt haben!" + +Freilich trat nach diesen Einleitungsworten ein anderer Ausdruck in ihre +Züge, ein abwartender, etwas forschender. + +Auch sprach sie, nachdem er ihr geantwortet, auch kavaliermäßig den Arm +geboten und sie gebeten hatte, die frühere bequeme Lage wieder +einzunehmen, fast ein wenig schroff: + +"Nein, nein, ich danke! Ich habe genug geruht. Auch möchte ich mich nach +Ihren Wünschen erkundigen. Sie werden flau sein, lieber Herr Graf. Wir +speisen erst in einigen Stunden. Darf ich Ihnen nicht irgend etwas +anbieten? Vielleicht nehmen Sie ein wenig alten Portwein und scharfen +Käse?" + +Und als Graf Dehn erklärte, keinen Hunger zu haben, hörte sie nicht +einmal hin, zog vielmehr an einer breiten, seidenen Glockenschnur und +hieß einem sogleich durch die Korridorthür eintretenden Diener das von +ihr Erwähnte bringen. + +"Es ist besser, Sie genießen etwas, lieber Herr Graf. Die Zunge wird +freier, das Gemüt belebter, wenn man eine gewisse Nüchternheit verbannt. +Ich möchte, daß Sie sich gleich heimisch, behaglich fühlen. Ich kenne +die Indisposition nach einer Reise. Niemals ist eine Erfrischung +angebrachter--" + +"Schon Ihre wenigen gütigen Worte haben alles Unbehagliche verscheucht, +gnädigste Gräfin. In der That, man kann liebenswürdiger, herzlicher +nicht empfangen werden. Mir ist, als ob ich schon jahrelang das Glück +gehabt hätte, Sie zu kennen--" + +"Ich freue mich, daß Sie so sprechen, Graf Dehn. Aber mit derselben +Offenheit: Sie gehören zu jenen Menschen, bei deren Anblick man den +Eindruck empfängt, man könne nie enttäuscht werden, bei welcher +Gelegenheit man immer die Hand nach Ihnen ausstreckt. Werden Sie nicht +sehr geliebt von Ihrer Umgebung, von Ihren Freunden--von den Frauen? +Gewiß, gewiß, Sie sind ein Sonnenkind! Und hoffen wir, daß wir noch weit +engere Freundschaft schließen--" fügte sie mit einer Anspielung auf die +Zwecke seines Kommens hinzu und lud ihn zugleich durch eine +liebenswürdige Geste ein, sich des inzwischen gebrachten Frühstücks zu +bedienen. + +"Bringen Sie auch Champagner und die Florentiner Krystallgläser! Vite!" +befahl sie dem Diener, ließ sich neben dem Grafen nieder, schenkte ihm +ein und goß sich, als nach wenigen Minuten Champagner erschien, selbst +das kühl sprudelnde Getränk in das ungewöhnlich geformte, unten und oben +schmale, in der Mitte sanft ausgebogene und hier hellgold, sonst aber +krystallhell schimmernde Glas und setzte es an die Lippen. + +Aber auch Axels Glas hatte sie gefüllt, und als sie das ihrige abermals +voll gegossen, stieß sie mit ihm an und sagte: + +"Nehmen wir uns vor, daß wir die kommenden Tage besonders vergnügt +zusammen verleben wollen. An mir soll's nicht fehlen, lieber Graf. +Rankholm ist sehr schön, aber die Einsamkeit tötet doch bisweilen die +Lebensgeister. Es ist eine wahre Wohlthat, wenn uns jemand besucht. Die +ländliche Bevölkerung gleicht einer Familie von Schnecken. Auch die +meisten Gebildeten haben Bleikugeln in ihren Seelen, Köpfen und Beinen. +Natürlich, ich habe Dienstboten, die Feuerwerkskörper in sich +bergen.--Sie werden nichts von der Langsamkeit der Jüten bei ihnen +finden. Anfangs versuchte ich es mit hiesigen, aber gab's bald auf. +Brave Menschen, ehrlich, gutherzig, aber strafbar phlegmatisch und von +einem Trotz, wenn sie einmal ihren Kopf aussetzen, der an Starrheit +grenzt. Ach, lieber Graf, wie ist das Dasein zu ertragen, wenn man es so +ernsthaft nimmt, wenn man immer daran denkt, was kommt darnach, statt +die Lebenslust zu pflegen, sich für sie geistig und körperlichen +schmücken!" + +"Es fehlt den meisten leider dazu die Veranlagung, Frau Gräfin. Besäße +die Welt Ihr Temperament, Ihre Gesundheit, Ihre Schönheit und Ihren +Reichtum, würde sie schon Ihren Lehren folgen.--Zum Leben im feineren +Sinne gehört wenigstens Geist und Temperament: die besitzen nur +Auserwählte." + +"Ich freue mich, daß Sie nicht, wie alle, lediglich die günstigen +materiellen Verhältnisse als Bedingung hervorheben. Es beweist eine +geringe Erfahrung und wenig Erhabenheit des Geistes, wenn man vermeint, +es könne uns der durch den Reichtum herbeigeführte Genuß mit dem Dasein +versöhnen. Ich möchte das Gegenteil behaupten. Man muß etwas entbehren, +man muß noch etwas Verlangen und Sehnsucht empfinden, nicht nach dem +Unbestimmten, das nie Erfüllung findet, sondern nach den kleinen +Freuden, die uns durch die Natur, durch Eindrücke, durch den Verkehr mit +Menschen, durch Thätigkeit, durch unsere behaglichen Reflexionen, unsere +Wünsche und Erwartungen, endlich auch durch die Fähigkeit werden, immer +eine stille Hoffnung in unseren Herzen zu pflegen--" + +Und als Graf Dehn, der diesen Ausführungen mit starker Beipflichtung +zugenickt hatte, bei den letzten Worten fragend das Auge erhob, schloß +die Gräfin: + +"Ja, es ist die Wahrheit: Wir können ohne irgend eine stete, starke +Hoffnung nicht glücklich sein." + +Sie wurden in ihrem Gespräch unterbrochen, weil plötzlich in der nach +dem Korridor führenden Thür die Gestalt eines jungen Mädchens erschien. + +Der Ausdruck in ihren Zügen war gemessen, aber eine solche Fülle zarter +Schönheit war über ihrem ganzen Wesen ausgegossen, daß der Gedanke +emporstieg, hier habe die Natur alles zusammengemischt, was sie nur +immer einem lebendigen Geschöpf an Bevorzugungen zu verleihen vermöge. + +Trotz der fröhlichen Jahreszeit war sie schwarz gekleidet; auch ein +dunkler Spitzenschleier umhüllte ihren von rotbraunen Haaren umflossenen +Kopf, und rasch zog sie die Umhüllung von diesem herab. + +Nach der durch die Gräfin herbeigeführten Vorstellung, verschönte +vorübergehend ein freundlicher Ausdruck ihren reizend geschnittenen +Mund, dem zwar ebenso rasch wieder ein solcher stolzer Kälte wich. Auch +wandte sie sich nach einigen, flüchtig an ihre Mutter gerichteten Worten +und nach einer steif gemessenen Verneigung gegen den Gast, derselben +Thür, durch die sie eingetreten, wieder zu und war seinen Augen +entschwunden, bevor er sich noch von der bezwingenden Gewalt des +Eindrucks ihrer Erscheinung zu lösen vermochte. + +Und seltsam! Die Gräfin gab zu diesem ausfallenden Verhalten keine +Erklärung. + +Sie sah nur Graf Dehn mit einem eigentümlich forschenden Blick an und +zog, als er zu einer Frage anheben wollte, mit einer Miene die +Schultern, als ob sie ihm durch diese stumme Geberde eine Antwort +erteilen, ihn aber zugleich ersuchen wollte, sich mit dieser Erwiderung +zu begnügen. + +Sie erhob sich jedoch nunmehr und sagte: + +"Trinken wir das letzte Glas, lieber Graf, auf die Erfüllung unserer +Hoffnungen, gleichviel, welche sie sein mögen. Und nun, ich bitte, +kommen Sie, Sie müssen unseren Garten und unseren Park bewundern--" + +Und nachdem auf ihr Zeichen ein Kammermädchen erschienen war und beider +Garderobe gebracht hatte, schritt sie ihm, einen weißseidenen +Sonnenschirm über sich, seidengraue, bis über die Arme fallende +Handschuhe an den Händen und ein grauseidenes, zartes Tuch mit langen, +schneeweißen Seidenfranzen um die Schultern geschlungen, von dem +hochgelegenen freien Balkon herab in den Garten voran.-- + +Noch vor Tisch erschien Graf Lavard in Axels Gemächern. Er klopfte kurz +und stark an die Thür, trat mit einem gleichsam von ihm ausstrahlenden +Freimut auf den Sohn seines besten Jugendfreundes zu, sah ihm +liebenswürdig in die Augen und schüttelte ihm mit jener lebhaft +höflichen Herzlichkeit die Hand, welche den Dänen und den Franzosen +gemeinsam eigen ist. + +Er bot eine überaus vornehme, aber auffallende Erscheinung. Auf einem +geschmeidigen, noch jugendlichen Körper saß ein mit weißem Haar +bedeckter, kurzglatt geschorener Kopf, auch der Schnurrbart war weiß, +während die Farbe des Angesichts nicht spurenweise, wie bei anderen +Menschen, gerötete Farben, sondern ein über und über gesund gerötetes, +feuriges Kolorit zeigte. Und alles, was er trug und wie er's trug, paßte +zu seiner Persönlichkeit. Ueber Lackstiefeln saßen kreideweiße +Gamaschen, auch die Weste war aus weißem Stoff, während den übrigen +Körper ein loser, grauer, sogenannter englischer Anzug umschloß. In der +That, ein schönes, vornehmes Geschlecht, diese Lavards! Graf Dehn fühlte +sich fast ein wenig herabgedrückt neben diesen überall von den +Erscheinungen ungewöhnlichen Reichtums umgebenen Menschen. + +"Ich habe," hub er an, "meinen Freund den alten Grafen Knut, und den +Doktor unten aus unserm Dorf Kneedeholm zu Tisch geladen.--Ist Ihnen +hoffentlich nicht unangenehm, lieber Graf Dehn? + +O nein, o nein, ich weiß! Gleich am ersten Tage mag man nicht gleich von +zu vielen Eindrücken bestürmt werden. Haben Sie Imgjor schon +gesehen?--So--so--Hm vortrefflich!--Ich sprach meine Frau nur flüchtig. +Also, auf Wiedersehen in einer Viertelstunde!" + +Und dann ging er, Axel warmherzig zunickend, und dieser, die Brust voll +von unruhigen Erwartungen blieb allein.-- + +Das Speisegemach in Rankholm lag zu Seiten des großen Empfangssalons, +welcher wegen seiner Spiegelwände der Spiegelsaal genannt wurde. Als +Axel von dem in einem tadellosen Frack und weißer Binde steckenden +Frederik zunächst in den ersteren geleitet wurde, fand er die +Herrschaften schon versammelt. + +Die Gräfin, die ihm gleich liebenswürdig zunickte, befand sich in einem +Gespräch mit dem Grafen Knut, einem kleinen, starken, beweglichen Herrn +mit hinkendem Bein und tiefer Schmarre in dem sehr ausdrucksvollen, +dänisch geschnittenen Gesicht. + +Graf Lavard unterhielt sich dagegen mit dem jungen Doktor Prestö, einem +Mann, der wie ein Korpsbursch aussah und durch die dunklen Farben seines +Angesichts und durch das tiefe Schwarz seines Haares eher einem +Italiener, als einem Bewohner des Nordens glich. + +Imgjor endlich stand vor einem großen, reich vergoldeten Käfig und +beschäftigte sich mit einem prachtvollen, buntgefiederten Papagei, den +sie zärtlich verhätschelte und der auch ihr sehr zugethan zu sein +schien. + +Sogleich fand die allgemeine Vorstellung und ein lebhafter Wortaustausch +zwischen Axel und dem Grafen Knut statt, und nur Imgjor blieb nach steif +formeller Verneigung neben dem Bauer stehen und trat erst von diesem +zurück, als Frederik die Flügelthüren zu dem Speisegemach und der dort +aufgehellten, in Krystall und Silber strahlenden Tafel aufstieß. + +Graf Knut führte die Gräfin, der Graf gab einer noch eben +hinzugetretenen, als Imgjors Lehrerin vorgestellten, älteren Hausdame +den Arm, und Axel erhielt seinen Platz zwischen Imgjor und dem Doktor +Prestö, in der Art, daß er und die übrigen, mit Ausnahme von Imgjor, für +die an dem unteren Ende der Tafel ein Kouvert gedeckt war, einander +gegenübersaßen. + +Das Gespräch wurde zunächst so ausschließlich von der Gräfin in Anspruch +genommen, daß die anderen zu einer Einzelkonversation keine Gelegenheit +fanden. Erst später gelang es Axel, sich mit Imgjor zu beschäftigen und +mit dem Doktor eine Unterhaltung anzuknüpfen. Allerdings zeigte dieser +eine ähnliche unhöfliche Zürückhaltung wie Imgjor. + +Es giebt junge Leute, die ohne ein zu Tage tretendes Bestreben, sich +vordrängen zu wollen, mit einer Geschlossenheit und Sicherheit des +Wesens auftreten, als ob alle Geheim- und Weisheitsbücher der Welt schon +vor ihnen aufschlagen gewesen seien. Ein solcher Mensch war der Doktor. +Er gab sich Axel gegenüber sehr unbiegsam und nichts weniger als +zuvorkommend. Von seinem mit bürgerlichem Hochmut gepaarten Selbstgefühl +wurde Axel in solcher Weise abgestoßen, daß er es sehr bald ablehnte, +seinen Nachbar überhaupt noch zu beachten. Er redete ihn nicht mehr an +und hörte auch nicht mehr zu, wenn jener sprach. Allerdings kehrte +Prestö auch eine ziemlich unpersönliche Art gegen Imgjor hervor. Er +sprach zwar sehr viel mit ihr, aber über Gegenstände, die sonst nur +zwischen Männern erörtert werden. Er machte ihr in keiner Weise den Hof, +legte vielmehr an den Tag, daß ein Prestö gerade so viel Beachtung in +der Welt verdiene und dasselbe Recht auf Selbstgefühl besitze, wie die +Familie Lavard auf Schloß Rankholm. Und Imgjor hörte ihm zu, als ob ein +Evangelium von seinen Lippen flösse; sie richtete ihre Augen und +Gedanken so ausschließlich auf ihn und wich Axel so geflissentlich aus, +daß dieser zuletzt wie ein Freitischschüler neben ihnen saß. + +Allerdings hielt das nicht lange an. Graf Dehn verband mit Geist und +sehr großer Gewandtheit eine starke Initiative, und sie und seine +Menschenkenntnis gaben ihm stets die Mittel an die Hand, sich, wenn er +es wollte, zum Herrn der Situation zu machen. Und so geschah's auch +heute. + +Im Nu wußte er an der anderen Seite des Tisches das Gespräch an sich zu +ziehen und entwickelte einen so anziehenden, von den Beifallsbezeugungen +jener begleiteten Redefluß, daß auch Prestö und Imgjor zum Zuhören +gezwungen wurden. + +Er erzählte mit packendem Humor von einer Jagd in der Lausitz und +charakterisierte die Personen, die dabei zugegen gewesen, mit solcher +Meisterschaft, daß ihm Graf Lavard und Graf Knut unter lebhaftem +Gelächter und mit sehr beifälligen Mienen zutranken. + +Aber Axel benutzte auch diese Gelegenheit, um dem Doktor Prestö einen +Denkzettel zu geben. + +Indem er Prestö lediglich einen anderen Namen beilegte, entwarf er ein +so sprechendes Bild von dessen äußeren Erscheinung, seinem Auftreten und +Wesen und führte solche Kolbenschläge gegen dessen Ueberhebung und +Erziehungsmangel, daß die Hausdame, Fräulein Merville, die offenbar +Axels Abneigung gegen Prestö teilte, zunächst mit einem Ausdruck +höchsten Erschreckens, dann aber mit einem solchen höchster Befriedigung +die Lippen verzog. + +Nicht weniger schien die Gräfin durch diese Abfertigung angemutet. +Nachdem sie anfangs mit einer Miene des Zweifels, ob die Betreibung nur +zufällig auf Prestö passe oder ob Axel jenen bewußt charakterisiere, +zugehört, erschien in der Folge etwas in ihren Zügen, das Axel nicht nur +über ihre Meinungen bezüglich Prestös belehrte, sondern die auch sagten, +daß sie ihm deshalb durchaus nicht gram sei. + +Anders aber Imgjor, in der es sichtlich vor Aufregung kochte. + +Ganz abweichend von ihrer bisherigen stummen Gleichgültigkeit gegen die +Vorgänge ihrer Umgebung, brach sie das Schweigen und mischte sich +in das Gespräch, indem sie nicht nur spöttisch Zweifel an der +Wahrscheinlichkeit der von Axel erzählten Vorgänge äußerte, sondern auch +zum offenen Angriff vorging. "Die Personen, die Sie uns schilderten, +Herr Graf, sind, wie ich es garnicht bezweifle, wirklich lebende +Menschen, und Sie erreichen Ihren Zweck, zu beweisen, daß Sie scharf zu +beobachten verstehen. Aber Sie beweisen auch, daß Sie besser in fremde +Spiegel zu schauen vermögen, als in den eigenen. Letzterer schafft +nachsichtige Urteile. Diejenigen, die sich anmaßen, über andere den Stab +zu brechen, vergessen allzu oft bei ihren Vorträgen, daß sich den +Zuhörern eine nicht zu ihrem Vorteil ausfallende Betrachtung über ihre +Einseitigkeit aufdrängt--" + +"Sie haben vollkommen recht, gnädigste Komtesse--" entgegnete Axel auf +diese herausfordernde Rede mit vollendeter Höflichkeit. "Nur glaube ich, +daß ich diese Unvollkommenheit, oder, wie Sie liebenswürdig äußern, +diese Einseitigkeit, mit fast allen meinen Mitbrüdern und Mitschwestern +teile.--Nur eine Ausnahme giebt's--ich spreche nicht, um Komplimente zu +sagen, gnädigste Komtesse--und diese fand ich hier auf Schloß Rankholm. +Sie sind's! Sie geben jedem, was ihm zukommt und gelangen sicher stets +zu gerechten, wenn auch nicht immer völlig milde klingenden +Richtersprüchen!" + +Der Eindruck dieser Rede war ein sehr verschiedener. + +Imgjors Wangen bedeckten sich mit der Blässe des Zorns. Die schwarzen +Augen in ihrem bleichen Angesicht mit dem braunrötlichen Haar funkelten +unheimlich. Der Doktor aber, zugleich erregt an einem Brotkügelchen +knetend, riß den Mund jähzornig zur Seite. Die anderen standen vorläufig +noch unter dem Eindruck, daß es sich vielmehr um eine scharf zugespitzte +Neckerei handelte, als daß jene sich bekämpfen wollten. + +Der Graf äußerte sich auch in diesem Sinne, indem er hinwarf: + +"So, Imgjor! Nun weißt du, aus welchen Himmelshöhen du zu uns +hinabgestiegen bist. Werde noch etwas milder und du kannst einst als +Heilige verehrt werden!" + +Und die Gräfin warf Axel einen ihrer forschenden Blicke zu, einen jener, +durch den sie zugleich verriet, daß ihr Interesse für Axel sich immer +mehr steigerte. + +Wie sehr übrigens diese Zurückweisung Imgjor getroffen hatte, bewies ihr +ferneres Verhalten bei Tisch. Sie hörte zwar auch ferner dem zu, was ihr +der Doktor vortrug, aber ihre Gedanken waren offenbar nur halb oder gar +nicht bei der Sache. Sie sann sichtlich über einen Racheakt nach und +mußte doch ihren heißen Drang bezähmen, weil sie Axel auf diese höfliche +Abfertigung nicht beizukommen vermochte. + +Aber nicht ein einziges Mal richtete sie das Antlitz ihm zu, und ebenso +verharrte der Doktor in einer feindselig stummen Abwehr. Axel wußte sich +auch in der Folge lediglich den übrigen zuzuwenden, blieb bis zum +Tafelschluß in einer lebhaften Konversation mit jenen und entging +dadurch der Pflicht, Höflichkeitsakte gegen Imgjor zu üben, und irgend +welche Notiz von seinem Gegenüber zu nehmen. + +Nach Tisch empfahl sich der Doktor, indem er Krankenbesuche vorschützte, +und auch Imgjor verschwand. Erst beim Thee, den sie zu bereiten hatte, +erschien sie wieder. + +Sie hatte aus irgend einer Laune nunmehr wieder ein schwarzes Kleid +angelegt und sah in diesem mit ihrem bleichen, kaltstummen Gesicht wie +eine trotzige Büßerin aus. + +"Wo warst du, Imgjor?" forschte die Gräfin, die mit den drei Herren nach +Tisch einen Spaziergang im Park unternommen, später eine Partie Boston +gespielt und diese jetzt eben beendigt hatte. + +"Ich bin nach Mönkegjor durch den Wald geritten--" gab Imgjor kurz +zurück. + +Als sich Axel noch vor dem Schlafengehen und allgemeinen Aufbruch Imgjor +näherte--sie saß mit einem Buch für sich in einer durch eine Hängelampe +erleuchteten Ecke des Kabinetts--und sie fragte, welche Lektüre sie so +sehr beschäftige, entgegnete sie tonlos und ohne seinen auf das Buch +gerichteten Bewegungen zu entsprechen und es ihm zur Prüfung anzubieten: + +"Ich lese Geist in der Natur von Oersted--" + +"Und eine so schwere Lektüre fesselt Sie?" + +"Mich fesselt alles, was mich über die einseitige Enge des Daseins zu +erheben vermag!" + +"Sie betonen Ihre Worte so stark! Haben Sie bereits so unerfreuliche +Erfahrungen gemacht, Komtesse?" + +Aber sie gab auf diese Frage keine Antwort. Sie zuckte nur die +Achseln.--Aber deshalb trieb's ihn, die Schranke gewaltsam zu +durchbrechen, die sie trennte. + +Sanft sprechend, sagte er: + +"Ich würde gern Ihre Freundschaft erringen, Komtesse! Aber Sie weichen +mir schroff aus, Sie gebrauchen sogar Waffen gegen mich. Ich sinne über +die Gründe nach, die Sie so handeln lassen. Giebt's keinen Weg, der uns +zusammenführen könnte?" + +Aber was er erhoffte, ward ihm nicht. + +Indem sie ihn kalt und unbeugsam anblickte, sagte sie kurz und hart im +Ton: + +"Nein, keinen, Graf Dehn!" + +Nach diesen Worten benutzte sie einen Anruf von Fräulein Merville, +machte eine kühl entschuldigende Geste, stand auf und entfernte sich +rasch. + +Er aber schaute ihr nach, umfing mit seinen Blicken ihre Psychegestalt, +seufzte auf und trat zu den übrigen zurück. + +Die Herren waren eben im Nebenzimmer beschäftigt, die Gräfin aber, die +zu einer Handarbeit gegriffen, erhob bei seiner Annäherung den Kopf und +sagte mit liebenswürdiger Milde: + +"Ja, leicht ist, lieber Graf, diese Festung nicht zu nehmen. Wären wir +beide in gleichem Alter, wäre es Ihnen bequemer geworden!" + +"Ich besitze also Ihr Wohlwollen, verehrteste Frau Gräfin? Darf ich Ihre +Worte so deuten?" stieß Axel heraus. + +"Ja, Graf Dehn!" Sie sprachs und streckte ihm gütig die Hand entgegen. + +Und Axel ergriff sie und drückte einen festen Kuß auf die weiße, weiche +Fläche, die unter der Berührung seiner Lippen leicht zu beben schien. + + * * * * * + +Als Axel am nächsten Vormittage der Gräfin nach dem zweiten Frühstück im +Park Gesellschaft leistete, erklärte er ihr nach einer vorsichtigen +Einleitung, daß Imgjor einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn +hervorgerufen habe, daß er aber eine Werbung als gänzlich aussichtslos +ansehen müsse. + +Mit größter Offenherzigkeit erzählte er ihr von dem, was ihm begegnet +war, und was er dabei empfunden hatte, auch verschwieg er ihr nicht, daß +er bereits am gestrigen Abend einen Anlauf genommen und dabei eine +Antwort empfangen, der an schroffer Deutlichkeit nichts gefehlt habe. + +Die Gräfin hatte seinem Bericht wohl mit steigendem Interesse, aber +doch ohne Befremden, zugehört. + +Nachdem er den letzten Satz gesprochen, sagte sie: + +"Ah, das war schade! Das ist übel. Hätten wir uns früher gesprochen! Ich +durfte, ich konnte ja nicht reden, durfte Ihnen keinen Wink geben, ohne +mich eines Mangels an Zartgefühl schuldig zu machen. Nachdem Sie aber +die Initiative ergriffen, mir erklärt haben, daß Sie sich für Imgjor +interessieren, möchte ich Ihnen folgendes sagen: + +Sie wäre von selbst gekommen, wenn Sie die Taktik, die Sie gestern bei +Tische beobachteten, fortgesetzt hätten. Man muß sie gar nicht beachten. +Sie kommt schließlich immer, wenn es sich um wertvolle Menschen handelt. +Aber ihr Mißtrauen, daß man sie um ihres Geldes willen umwirbt, ist so +groß, daß sie von vornherein gegen alle jungen Leute die schroffste +Seite hervorkehrt. Erst nach Wochen, vielleicht nach Monaten, hätten Sie +ihr ein warmes Wort sagen müssen, dann wäre es nicht nur wahrscheinlich, +sondern sicher auf einen fruchtbaren Boden gefallen." + +"Und Sie fürchten, daß ich nun keine Aussichten mehr habe, Frau Gräfin?" + +"Ich traue Ihnen sehr viel zu. Sie besitzen goldene Schlüssel, lieber +Graf. Sie öffnen, ich glaube es, die verschlossensten Herzen. Hoffen wir +also--" + +"Ich danke Ihnen, Frau Gräfin, und ich bitte, entwerfen Sie mir ein Bild +von ihrer Tochter. Ich möchte es mit demjenigen vergleichen, das sich in +mir gebildet hat, ich möchte mich berichtigen, sofern es nötig. Ich +werde leichter den Kampf aufnehmen, wenn ich weiß, mit welchem Gegner +ich zu thun habe." + +Die Gräfin nickte, beugte sich ein wenig vor und sagte stark betonend: + +"Sie ist ein besonderer Mensch. Sie ist absolut wahr, besitzt sehr viel +Charakter, ein trotziges Unabhängigkeitsgefühl und eine seltene +Objektivität. Jedem Adligen begegnet sie mit Mißtrauen, obschon sie +stolzer ist als irgend ein Lavard und ein Verdeuil, die je lebten. Wo +sie einmal liebt, besitzt sie die Treue eines Kindes und die +Opferfreudigkeit eines Engels." + +"Also ist sie wirklich das, was ich vermutete--" stieß Graf Axel erfreut +heraus. + +"Ich danke Ihnen, Frau Gräfin. Wahrlich, also ein Kleinod, nicht nur +schöner als fast irgend ein Weib, sondern innerlich von edelster Art, +ein nur der Glätte bedürfender Diamant--" + +"Sie finden Imgjor so schön?" fiel die Gräfin ein. + +"Ja, gnädige Gräfin! Ich sah nie etwas gleiches, weder auf Bildern, noch +im Leben, und ich glaube auch, einem schöneren weiblichen Wesen kaum je +wieder begegnen zu können--" + +"Dann müssen Sie Lucile kennen lernen! Nun, sie kommt ja nächstens. Da +können Sie sich entscheiden!" + +Axel machte eine Verneigung, dann sagte er: + +"Können, wollen Sie mir also--ich bitte, noch einmal auf Komtesse Imgjor +zurückkommen zu dürfen--bei meiner Werbung behilflich sein, Frau +Gräfin?" + +"Natürlich! Doch auf meine Weise und erst, wenn Sie sich wirklich +entschieden haben. Es muß die Bekanntschaft mit Lucile vorangehen. Und +eins ist gleich zu sagen, da ich Sie bereits als einen vertrauenswerten +Freund betrachte: direkt kann ich Ihnen bei Imgjor nicht helfen!" + +"Darf ich den Grund wissen?" + +Der Gräfin Züge veränderten sich durch einen Ausdruck von düsterem +Ernst. Dann sprach sie in einem sanft gekränkten Ton: + +"Mich--mich--meidet sie eher, denn daß sie mich sucht--" + +"Wie, Frau Gräfin? Imgjor--Sie--Ich bitte--erklären Sie--?" + +Aber was er noch sagen und was sie ihm vielleicht erwidern wollte, wurde +nicht gesprochen, weil sich gerade der Graf näherte und ihnen schon aus +der Ferne in dänischer Sprache einige Worte hinüberrief. + +"Hesterne staae beredt!" (Die Pferde stehen bereit!) + +Und da es sich um einen Reitausflug nach dem Gehölz von Mönkegjor +handelte, verabschiedeten sie sich sehr bald von der Gräfin und nahmen +den Weg vorn vors Schloß, woselbst der Reitknecht mit den beiden weißen +Hengsten ihrer wartete.-- + + * * * * * + +Der Rest der Woche und die Hälfte der folgenden verliefen Graf Axel +sehr rasch, ja, die Tage flogen förmlich dahin. Bald nahm ihn die Gräfin +gefangen, indem sie mit ihm in langen Gesprächen auf weitausgedehnten +Spaziergängen philosophierte oder ihn zu einer Partie Schach heranzog. +Zu anderer Zeit mußte er dem Grafen in seine mit vielen interessanten +Dingen angefüllten Gemächer folgen oder Wagen und Reitausflüge mit ihm +und dem Grafen Knut unternehmen. Dazwischen lagen die Mahlzeiten mit +ihren Leckerbissen, Weinen und anregenden Gesprächen. + +Graf Knut--ein früherer dänischer Reiteroberst--besaß im Dorf, abseits, +ein höchst malerisch belegenes Herrenhaus mit Garten und Park, das er +nebst einem nicht unbedeutenden Kapital von einer verstorbenen Tante +geerbt hatte. + +Er führte ein sorgenfreies, äußerst behagliches Leben und gehörte zu +jenen Menschen, die schon durch ihre bloße Anwesenheit eine angenehme +Atmosphäre um sich verbreiten. Er war ein sehr konzilianter, maßvoll +veranlagter Mann, der in allen die Menschheit beschäftigenden Fragen +jederzeit einen vermittelnden Standpunkt einnahm und zudem stets +aufgelegt war, sich an den Abwechslungen, die ihm dargeboten wurden, zu +beteiligen. + +Nicht nur das zu der ungeheuren Herrschaft gehörende Gebiet: die +Vorwerke, die Fischteiche, die Waldungen und die Förstereien wurden +während dieser Woche durchmessen und in Augenschein genommen, sondern +auch das eigentliche Gut mit all' seinen Einzelheiten und das zu dessen +Füßen hingelagerte Kneedeholm. + +Dem Prediger, dem Ortsvorsteher und Apotheker, aber auch, aus Gründen +kluger Ueberlegung, dem Doktor Prestö, stattete Axel Besuche ab, und +wenn der Abend kam, wurde geplaudert, musiziert, etwas vorgelesen oder +eine Partie gemacht. + +An all' diesem nahm Imgjor garnicht teil oder sie gab nur die Zuhörerin +ab. Entweder hielt sie sich für sich auf ihrem Zimmer auf oder sie +durchschweifte, allein oder von einem Reitknecht gefolgt, zu Pferde die +Umgegend. Auch machte sie viele Spaziergänge ins Dorf, besuchte hier die +Bauern und fühlte sich unter ihnen offenbar am glücklichsten. + +Und daß sie sich so absonderte, ward von ihrer Umgebung als so +selbstverständlich angesehen, daß sie auch jetzt bei des Grafen +Anwesenheit zu einer Aenderung ihres Verhaltens garnicht angefordert +wurde. + +Der Graf schien auf demselben Standpunkt wie seine Gemahlin zu stehen. + +Eine Annäherung zwischen ihr und Axel mußte sich nach und nach ergeben. +Jeder Zwang war von Uebel. + +Am Freitag der folgenden Woche traf endlich Lucile ein. + +Alle fuhren ihr in einem mit zwei schwarzen und zwei weißen Rennern +bespannten, offenen Gefährt bis zur Landstraße entgegen. Sie kam mit der +Post, ebenso wie Graf Dehn; sie hatte es so gewollt. + +Komtesse Lucile Lavard war eine ungemein schlanke Dame mit einer +außerordentlich vornehmen Haltung. Ihr Gesicht besaß eine vollendete +Regelmäßigkeit; sie glich einer edlen Römerin, die den Schönheitspreis +davongetragen. Die Nase war leicht gebogen, die schwarzen Augen glühten +in einem dunklen Feuer, die Lippen waren sein geschnitten. Gleich der +Abendröte Anhauch lagen sauste Farben auf den weichen Wangen, und ihre +Zähne blitzten in dem Weiß der Fischgräte. + +Die Gräfin hatte recht, sie war blendend schön und zugleich von einer +Liebenswürdigkeit, die etwas wahrhaft Bestrickendes besaß.-- + +Als man das Schloß erreicht hatte, zog sich Axel absichtlich zurück und +wanderte ins Dorf. + +Mitten in diesem lag, zurückgelehnt, der Besitz des Grafen Kunt, ein +zweistöckiges, schneeweiß angestrichenes Haus mitten unter Grün und +Tannen. + +Er fand den Besitzer in seinem Garten bei den Blumen, und nachdem ein im +Hause eingenommenes Glas Wein und eine Zigarre bereits die Gemütlichkeit +erhöht hatten, unternahmen sie zusammen einen Spaziergang durch den sehr +ausgedehnten, mit stattlichen Gehöften und Bauerhäusern, aber auch mit +vielen ärmlichen Katen besetzten Ort. Bei dieser Gelegenheit ließ sich +Axel möglichst viel von Lavards und auch von Lucile erzählen. + +Graf Knut berichtete, daß Lucile vor anderthalb Jahren mit einem +französischen Gesandtschaftsattaché in Kopenhagen, dem jungen Marquis +von Rebullion, verlobt gewesen sei und diese Verbindung wieder gelöst +habe. + +Dem wäre es zuzuschreiben, daß sie seither keine Ehe eingegangen sei. + +Er bezeichnete sie als ein vollendetes Mädchen, sie besitze aber einen +unbeugsamen Standesstolz. + +Während sie noch sprachen, kam Doktor Prestö vorüber, machte eine +Bewegung, als ob er stehen bleiben wolle, besann sich aber und grüßte +den Grafen mit großer Artigkeit, Axel aber mit steifer Gemessenheit. Es +geschah, obschon Prestö Axels Besuch noch nicht erwidert hatte. + +"Ein recht unangenehmer Mensch!" warf Axel hin. + +Graf Knut bewegte stumm die Schultern. + +"Sie scheinen meine Auffassung nicht zu teilen?" + +"Man muß den Zusammenhang der Dinge kennen, um ein gerechtes Urteil zu +fällen--" entgegnete Graf Knut. "Prestös Eltern fanden unter dem Druck +eines maßlos hochmütigen und gegen seine Untergebenen rücksichtslos +harten Gutsherrn, des Grafen Vedelsborg auf Bornholm. Prestös Vater war +dort Guts-Inspektor. So sog der Sohn den Haß gegen den tyrannischen +Gutsherrn seit seiner Kindheit in sich ein. Prestö ist völlig mittellos; +die unvermögenden Eltern sind lange gestorben; nur durch eisernen Fleiß, +Stipendien und Stundengeben hat er sein Studium ermöglicht. Durch solche +Thaten, durch solches Ringen um die Existenz bilden sich Charaktere, +allerdings selten liebenswürdige, eher einseitige und selbstsüchtige. +Als unser alter Doktor vor sechs Monaten starb, gab ich die +Veranlassung, daß sich Prestö hier niederließ. Ich interessierte mich +von jeher für die Eltern. Gewiß, seine Manieren lassen recht sehr zu +wünschen übrig, ich gestehe das zu. Auch gären in ihm die Ideen der +neuen Zeit. Ich bedaure diese Richtung. Aber--was will man machen? +Wechsel regiert die Welt, und mit ihm treten neue Anschauungen und +Erscheinungen zu Tage. Wir--die Gutsherren--haben die gute Zeit gehabt, +nun wollen auch die Bauern einmal leben!" + +"Ah, nun verstehe ich! Deshalb Imgjors Eintreten für ihn! Sie begegnen +sich in ihren Anschauungen. Jetzt ist mir alles klar. Nun weiß ich, wer +meinem Werben um sie entgegengeht." + +"Sie interessieren sich für die Komtesse Imgjor, Herr Graf?" + +"Ich gestehe es--außerordentlich! Ich habe auch des Grafen und der +Gräfin Beifall für meine Pläne. Bisher glaubte ich nur gegen Vorurteile +zu kämpfen. Nun bin ich überzeugt, daß ich in Prestö meinen eigentlichen +Widersacher zu suchen habe. Gewiß, sie lieben sich!" + +"Vielleicht doch _nicht_--" betonte der Graf, auf das Gespräch ohne +Umschweife eingehend. "Daß Imgjor Interesse für ihn besitzt, will mich +wohl auch bedünken. Aber er für sie? Er war schon als Student verlobt +und ist es, soviel ich weiß, noch--" + +"Ah welch' eine gute Nachricht! Erzählen Sie, ich bitte!" fiel Axel +lebhaft ein und zog den alten Herrn über das Dorfgebiet hinaus.-- + +Am folgenden Tage, nach dem zweiten Frühstück, wußte es Axel so +einzurichten, daß er mit Lucile im Garten auf- und abwandelte. Der Graf +hatte wegen seiner Geschäfte auf eins der Vorwerke fahren müssen, die +Gräfin--eine selten vorkommende Erscheinung--mußte wegen einer Migräne +das Zimmer hüten. + +Lucile war, in Vertretung ihrer Mama, beim Frühstück sehr liebenswürdig +um Axel bemüht gewesen. Sie besaß ähnliche Eigenschaften wie ihre +Mutter. Mit Verstand und Geist verband sie große Lebhaftigkeit. Wie sie +sonst zu beurteilen sei, mußte er erst ergründen. + +Es giebt Frauen, die bei aller sonstigen Beweglichkeit eine stolze +Prüderei hervorkehren, sobald ein Mann eine über das Konventionelle +hinausgehende Annäherung wagt. + +Zu einer engeren Berührung im ersteren Sinne gehört nach ihrer +Auffassung die Prüfung eines halben Menschenalters, und Artigkeiten, die +ein Interesse verraten, weisen sie mit einer verletzenden Schroffheit +zurück. + +Der Graf hatte recht: zu diesen schien Lucile zu gehören. + +Lucile sprach mit Vorliebe über ihren Aufenthalt in den großen Städten +und ihren Verkehr mit den Personen der bevorzugten Stände. Es geschah +das aber in einer Weise, die keinerlei Absichtlichkeit durchschimmern +ließ; sie behandelte die Dinge als etwas naturgemäß zu ihr gehöriges. +Aber es ging aus allem hervor, daß sie Umgang und Beziehungen zu solchen +Personen über alles stellte, daß das Leben in diesen Kreisen mit dem +Interesse für Toilette, Korsos, Jagden, Pferde und geräuschvolle +Geselligkeiten ihr Eldorado war. Und dieses Hervorkehren und dieses +Wertlegen auf Dinge, die Axel als minderwertige ansah, reizte ihn und +verführte ihn zu starkem Widerspruch. + +"Was Sie besonders anzuziehen scheint, Komtesse, stößt mich geradezu +ab--" warf er, herabsetzend im Tone, hin. + +Und mit einem "So, so! Ja, der Geschmack ist eben ein verschiedener--" +antwortete sie darauf. + +Statt daß Lucile, wie Axel erwartet hatte, ein Erstaunen darüber an den +Tag legte, daß er, der doch zu diesem Kreise gehörte, einen solchen +abweichenden Geschmack bekundete, schien sie das hinzunehmen, wie das +Zwitschern eines Vögelchens, das über ihnen in den Zweigen huschte. + +Sie rechnete mit dem, was einmal vorhanden war; sie entwickelte keinen +Eifer darüber, daß es mit ihren Neigungen nicht übereinstimmte. + +Während sie sich eben wieder dem Schloß näherten, in dem sie ein +Waffenzimmer besichtigen wollten, von dem beim Frühstück die Rede +gewesen war, sagte er: + +"Sie ziehen also wohl jedenfalls die Stadt dem Lande vor. Sie finden +wahrscheinlich gar keinen Geschmack an dem einförmig-stillen Leben auf +Rankholm, Komtesse?" + +Statt einzutreten--eben hatten sie eine Pforte im Souterrain erreicht, +durch die man von hinten ins Schloß gelangen konnte--blieb sie stehen, +richtete den Blick geradeaus und sagte, zunächst durch eine Kopfbewegung +seinen Worten begegnend: + +"Nein, ich bin hier sehr gern. Im Sommer ist mir die Stadt nichts. +Aber--ich spreche offen--ich finde die Personen hier wenig anziehend. +Wäre nicht mein Vater--" Sie hielt inne und während sie die Lippen +schloß, reckte sie den schlanken Hals rückwärts, wie jemand, der einer +starken Empfindung Herr zu werden versucht. + +Nun wurde Axel aufmerksam. + +Scheinbar arglos sprechend, fiel er ein: + +"Ja, Ihre Eltern, Ihr Herr Papa, Ihre Frau Mama, die müssen jedermann +fesseln!" + +"Meine Mutter--?" Lucile zog die Schultern, und in ihren Zügen erschien +ein eigentümlicher Ausdruck. Doch sprach sie nicht aus, was sie dachte, +und offenbar empfand sie Reue, daß sie sich so weit vergessen hatte. + +Auch suchte sie den von ihr hervorgerufenen Eindruck rasch wieder zu +verwischen, indem sie sagte: + +"Ich wollte betonen, daß ich mit meinem Vater besser hamoniere als mit +Mama und Imgjor"--Und plötzlich abschweifend: + +"Wie finden Sie Imgjor?" + +"Bezaubernd!" + +"So--!? Ja, das ist ein Mädchen, um das alle Männer werben. Es +geschieht, weil sie ihnen nicht einen Finger giebt. Solche strecken +ganze Scharen zu ihren Füßen." + +Dann schwieg sie. Als sie aber oben in das Waffenzimmer getreten waren +und sich hier, nach Besichtigung der Gegenstände, noch einmal +niedergelassen hatten, sagte Lucile Lavard: + +"Ich gehe gern hier hinauf, weil meine Vorstellungen rege werden. Ich +wollte, ich hätte damals leben können, als noch Rankholm der Mittelpunkt +der vornehmen Welt war, als noch unsere Vorfahren Gesandte, +Staatsminister und Feldmarschälle waren, als sie die Herrscher Dänemarks +wochenlang zum Besuch bei sich sahen!" + +"Sie sind offenbar sehr ehrgeizig, Komtesse!--Sie sind aus dem alten +Lavardschen Blut." + +"Ja, ich bin ehrgeizig, Sie haben recht, Graf Dehn! Ich leugne es nicht. +Ich lege Wert auf meinen Stamm, auf unser Ansehen und unsern Reichtum. +Ich bin aber--" hier lächelte Lucile Lavard mit einem liebenswürdig +anschmiegenden Lächeln--"durchaus nicht so äußerlich, wie Sie glauben +mögen. Ja, ja, ich hab's schon bemerkt, Herr Graf, daß Sie mich recht +abfällig beurteilen.--Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ich denke! Ich +wünsche mich auszusprechen, da ich Sie bereits zu uns zähle: Ich +überhebe mich über niemanden, das wäre eine Beschränktheit. Gott gab mir +objektiven Verstand. Aber ich leugne nicht, daß ich, je höher die +Verfeinerung der Sitten und je vornehmer, sorgloser die +Lebensverhältnisse sind, um so größeren Geschmack an den Menschen und +Verhältnissen finde. Das Leben mit den gesellschaftlich Auserwählten ist +mir Bedürfnis, ich teile durchweg ihre Interessen und Neigungen. +Freilich unterscheide ich stark. Der Oberflächlichkeit gehe ich +möglichst aus dem Wege; die Männer, die unthätig nur in den Tag hinein +leben, verabscheue ich. Finde ich Verstand, Streben, Geist und wahrhaft +kavaliermäßige Eigenschaften, so suche ich eine Annäherung. Mein Ziel +ist das Bündnis mit einem Mitglied der höchsten Stände. Eine Lavard hat +das Recht, ihre Hand nach einer Fürstenkrone auszustrecken. Und wenn ich +das erreicht habe, so will ich mir Beachtung erwerben durch die Pflege +der Künste und Wissenschaften, durch Wohlthun, durch die Förderung alles +dessen, was im wahren Sinne wertvoll und sittlich ist. So denke ich mir +mein künftiges Leben, dahin geht mein Ehrgeiz." + +Axel hatte ihr aufmerksam zugehört, und so sehr wuchs durch die +Verminderung seiner Vorurteile ihre Persönlichkeit in seinen Augen, daß +er sich zu einer eifersüchtigen Regung fortreißen ließ. + +"Wahrlich, ich bewundere Sie, Komtesse!" stieß er heraus. "Aber ich +empfinde einen starken Schmerz um die, welche mit keiner Krone im Wappen +zur Welt kamen und deshalb nicht einmal Ihre Fingerspitzen berühren +dürfen." + +Sie sah ihn an, und ein reizvoll gütiges Lächeln umspielte ihren Mund. +Dann sagte sie: + +"Sie dürfen es, Graf Dehn! Auch dahin wollte ich noch Ihre +Voraussetzungen berichtigen. Ich bin nicht stolz oder gar hochmütig in +Ihrem Sinne. Ich hab' etwas Selbstgefühl, weil ich mir bewußt bin, daß +ich stets vernünftig zu handeln suchte, weil ich Grundsätze habe und dem +Besseren--wenn auch nur in meiner Weise--ehrlich nachstrebe. Aber +glauben Sie es mir, ich bin für meine Leute ein guter Kamerad. Ihnen +will und werde ich es jederzeit sein, wenn Sie mich brauchen können." + +"Ah, welche Musik für mein Ohr, gnädigste Komtesse! So sprach auch Ihre +Frau Mama. + +"Ich danke Ihnen, danke Ihnen von Herzen! Ich bitte Ihre Hand zum +Zeichen meiner Verehrung berühren zu dürfen!" + +Ein stiller, freundlicher Blick traf ihn, während sie gewahrte, worum er +bat, ein Blick, ähnlich wie der, welcher in den Augen ihrer Mutter +bisweilen erschien. Voll Nachdenken über diese Frauen, die sich so offen +gaben und in denen allen sich doch etwas Rätselhaftes verbarg, stieg +Graf Axel an der Seite Luciles wieder in die unteren Räume hinab.-- + +Nach dem Frühstück am folgenden Tage wurde über eine, einem geplanten +größeren Fest noch vorherzugehende, kleine Abendfête beraten. + +Man wollte Lucile nach ihrer langen Abwesenheit Gelegenheit geben, mit +den gesellschaftsfähigen Personen in Kneedeholm und einigen der höheren +Gutsangestellten ein Wiedersehen zu feiern. Ueber das Erscheinen der +letzteren, des Pastors Nielsen und des Apothekers war man sich einig. +Die Hinzuziehung des Doktor Prestö stieß auf Schwierigkeiten. + +"Wenn's nicht Graf Knut gewesen, würde ich mich in diesen Ersatz für +unsern alten, vortrefflichen Doktor Kröde nicht so willig gefügt +haben--" warf die Gräfin hin. + +"Der Prestö ist mir eigentlich sehr unsympathisch, er besitzt gar keine +Lebensart, und sollte ich krank werden, würde mich sein Kommen eher +beschweren, als erleichtern!" + +"Ja, Manieren hat er wenig, oder eigentlich keine--" bestätigte der +Graf. "Er ist ein selbstbewußter Herr, und, wie der Gutsförster schon +neulich behauptete, sicherlich ein fanatischer Bauernfreund. Gestern +erhielt ich auch wieder eine Probe von seiner alles bekrittelnden Art. +Als ich beim alten Peder Ohlsen vorsprach, fand ich ihn dort mit der +kleinen Sine beschäftigt, und als ich ihn fragte, was ihr fehle, zuckte +er, ohne mich überhaupt zu begrüßen, die Achseln und sagte: "Sie hat +sich den Magen mit Obst vollgepfropft, und statt ihr einen Finger in den +Hals zu stecken, schickt man nach dem Arzt, als ob's ans Sterben ginge!" +Und auf eine vermittelnde Aeußerung von meiner Seite, die nämlich, daß +der Laie doch den Zustand des Patienten nicht beurteilen könne, +entgegnete er in seiner belehrenden Art: "Ja, man sollte die Bauern zu +selbständigem Denken erziehen. Statt dessen wird womöglich ihre Dummheit +noch gefördert. Der Schulmeister hier im Dorfe macht tiefe Katzenbuckel +vor der Gutsherrschaft, er ist nichts anderes als ein Streber, der +längst hätte wieder zurückgeschickt werden müssen." + +Graf Axel hatte während dieser Erörterung absichtlich seine Blicke auf +Imgjor gerichtet. Schon bei ihrer Mutter Einwände war ein Ausdruck der +Auflehnung in ihre Züge getreten. Axel sah's an ihren Mienen. Nun hielt +sie's nicht mehr. Indem sie das Buch, auf das sie trotz des Gespräches +ihre Augen geheftet, in den Schoß gleiten ließ, fiel sie mit deutlicher +Gereiztheit im Tone ein: + +"Der Doktor Prestö hat doch ganz recht, Papa. Markholm ist ein +widerwärtiger Augendiener und ein Schulmeister zum Erbarmen. Nichts, +nichts weiß die Jugend. Und daß man einen Arzt um jeden Quark bemüht, +ist doch in der That ein Mangel an praktischer Schulung. Prestö ist eine +tüchtige, energische Natur mit vielen neuen, wahrhaft reformierenden +Ideen." + +"Ja, ja--reformierende Ideen! Das ist das glückselige Schlagwort, das +einst nicht nur die Gutshäuser, sondern auch die Hütten der Bauern +zertrümmern wird!" fiel Lucile erregt ein. "Solche Menschen, wie dieser +Doktor einer zu sein scheint, sind ein wahres Unglück. Sie wollen alles +verbessern. Sie müssen des Schöpfers Weisheit, die auf eine besonnene, +nicht überstürzende Entwickelung aller Dinge im Natur- und Menschenleben +hinausgeht, übertrumpfen. Im Grunde aber lauert hinter diesen +Weltverbesserern nichts anderes als die ewig sich wiederholende +Unzufriedenheit des Subjekts mit seinem Schicksal oder eine grenzenlose +Eitelkeit. Nicht die Sache--einige unpraktische Schwärmer +abgerechnet--leitet sie, sondern ihre Person. Innerster Ingrimm darüber, +daß sie in den Thälern marschieren müssen, statt auf den Gipfeln zu +stehen, wo ihnen das Schicksal nun einmal keinen Platz eingeräumt, ist +das Motiv ihrer Handlungen. Ging's Jahre und Jahre so und in Frieden, +wird's auch mit allmählichen, aus den Erfordernissen herauswachsenden +Umgestaltungen so gehen, ohne daß der Herr Doktor den Bauern, dem +Lehrer und Papa schulmeisterliche Unterweisungen erteilt." + +Imgjors Augen sprühten, während Lucile sprach. + +Ihre weißen Hände fieberten, sie ballten sich in ihrem Schoß, und sie +konnte es nicht erwarten, ihrer Schwester zu antworten. + +Aber statt ihrer wußte die Gräfin, die Lucile durch ihre Mienen bereits +zugestimmt hatte, rasch das Wort zu nehmen. + +"Ja, ich teile vollkommen deine Ansicht, Lucile. Und ich glaube, wir +alle! Was meinen Sie, Graf Dehn? Wie finden Sie unsern neuen Aeskulap?" + +"Ich beurteile ihn milder, nachdem ich näheres über ihn durch den Grafen +Knut vernahm. Aber ich muß--ich gestehe es--meiner Objektivität stark +aufhelfen. Wenn ich meinen Geschmack sprechen lasse, sage ich: Dieser +junge Mann besitzt weder äußere noch innere Erziehung. Er sollte erst +einmal bei sich beginnen, bevor er über andere schulmeisternd urteilt +oder gar gegen ältere Leute den Präceptor spielt. + +Vielleicht wird seine künftige Frau--ich höre vom Grafen Knut, daß er +mit einer Kopenhagenerin verlobt ist--vorteilhaft auf ihn einwirken, sie +und der Einfluß so verstandesreicher und humaner Personen, wie dies +Schloß sie birgt." + +Graf Dehn richtete nach diesen Worten einen gespannten Blick auf Imgjor. +Er wünschte den Eindruck seiner letzten Rede auf sie zu beobachten. In +der That schien sie etwas beunruhigt, aber es war offenbar nicht +Enttäuschung, die ihre Wangen verfärbte, sondern etwas anderes, das sie +trieb, sich zu entfernen. + +Sie fingierte einen sie plötzlich überfallenden Hustenanfall, stand auf, +drückte die Hand auf die arbeitende Brust und verließ, als ob sie die +Anwesenden von der lästigen Störung befreien wolle, das Zimmer. + +Aber eben die Zweifel über das, was in Imgjor vorging, veranlaßte Axel +für des Doktors Erscheinen an dem geplanten Besuchsabend einzutreten. Es +lag ihm daran, Prestö und Imgjor noch einmal beisammen zu beobachten, um +daraus seine Schlüsse zu ziehen und darnach seine künftige +Handlungsweise einzurichten. + +Er betonte der Gräfin gegenüber, daß eine Umgehung des Doktors bei einer +Gelegenheit, wo alle übrigen eingeladen würden, eine allzu stark +hervortretende Zurücksetzung an sich trage. Wenn Prestö auch zur Kritik +stark herausfordere, so habe er sich doch gegen die Familie bisher +eigentlich nichts zu Schulden kommen lassen. Er wage deshalb zu bitten, +daß man ihn hinzuziehe. + +"Ihr Wunsch entscheidet, lieber Graf!" erklärte Graf Lavard verbindlich, +und die beiden Damen neigten nicht weniger bereitwillig den Kopf, nun, +da es sich um die Bitte des Gastes handelte. + +Als Axel eine Stunde vor dem Diner sein Zimmer betrat, um Toilette zu +machen, fand er auf seinem Schreibtisch eine Karte von Prestö, erfuhr +aber durch seine an Frederik gerichtete Frage, daß niemand den Doktor im +Schloß gesehen habe. + +"Er wird hinten durchs Haus eingetreten sein, Frederik--" + +Der Angeredete schüttelte den Kopf. + +"Es kann keiner unbemerkt eintreten. Ich war fortwährend unten +beschäftigt, und oben hat Christian heute den Dienst." + +"Es liegt mir daran, zu wissen, wann der Doktor hier war. Vielleicht +weiß der Portier auf dem Schloßhof von des Doktors Hiersein. Bitte, +fragen Sie ihn und Christian! Es liegt mir daran--" + +Aber Frederik kehrte mit dem Bescheide zurück, daß Doktor Prestö während +des Tages Rankholm nicht besucht habe. Es mußte also jemand im Schloß +die Karte in des Grafen Zimmer gelegt haben, und es mußte während des +Reitausfluges geschehen sein, den Axel mit dem Grafen zwischen dem +zweiten Frühstück und dieser Stunde unternommen hatte. Vor Verlassen des +Schlosses war Axel noch in seinen Räumen gewesen und hatte keine Karte +gefunden. + +Nachdem Axel den Kammerdiener entlassen und zur Vermeidung falscher +Auffassungen noch vorher hingeworfen hatte, daß es sich nur um eine +kleine, lustige Wette handle, und daß er nur deshalb nachgefragt habe, +kam ihm bei fernerem Grübeln über diesen Fall plötzlich die Idee, +daß--Imgjor in seinem Zimmer gewesen, daß sie die Ueberbringerin der +Karte war. + +Man hatte Prestö Mangel an Lebensart vorgeworfen, man hatte ihn +überhaupt aufs schärfste verurteilt, und er, Axel, war der einzige +gewesen, der ihm das Wort geredet. So war die nachträgliche +Aufmerksamkeit vielleicht der Dank, und Imgjor, die sich schon einmal +als Prestös Verteidigerin aufgeworfen, hatte dem Doktor möglicherweise +einen Wink gegeben. + +Und wenn Axel in solcher Annahme das rechte traf, so waren diese beiden +Menschen also im stillen mit einander einig. Freundschaft macht +erfinderisch, wie Not. + +Als Axel den Weg in den Speisesaal nahm, war er überzeugt, daß sich die +Dinge so verhielten, und er beschloß, nicht zu ruhen, bis er über Imgjor +und Prestö völlige Klarheit gewonnen.-- + +Indessen fand er bei Tisch keine Gelegenheit, Imgjor zu beobachten. +Lucile erklärte kurz vor dem Niedersitzen, daß ihre Schwester nicht +erscheinen werde. Sie sei bei ihr im Zimmer gewesen, und Imgjor habe +erklärt, daß sie sich unwohl fühle und bis zum Abend das Bett hüten +müsse. Es sei nichts Erhebliches, sie wünsche nur zu ruhen und habe +keinen Appetit. + +Da man Axel bereits so sehr zu der Familie rechnete, daß in seiner +Gegenwart alles Vorkommende besprochen wurde, so nahmen der Graf, die +Gräfin und Lucile auch heute keinen Anstand, sich über Imgjor zu äußern. + +"Sie wird immer unzugänglicher und geht immer mehr ihren Kapricen +nach--" warf die Gräfin hin. "Du müßtest einmal energisch mit ihr reden, +Lavard! Sie sollte sich doch wenigstens anders verhalten, wenn wir Gäste +haben." + +Der Graf nickte. + +"Wenn sie nicht zugleich ein solcher Engel für die Kranken und Armen auf +der Herrschaft wäre, hätte ich ihr schon ihre fortwährenden +Entfernungen verboten. Das ist's ja! Man kann ihr eigentlich keinen +anderen Vorwurf machen, als daß sie sich für sich hält und ihren +besonderen Neigungen nachgeht." + +"Es schickt sich doch wirklich nicht, daß sie fortwährend +umherflankiert, mit den Bauern und oft mit den Knechten verkehrt. +Gestern wurde sie, wie ich weiß, im Dorfwirtshaus gesehen, wo sie ihre +bauernfreundlichen Ansichten zum Besten gegeben hat," fiel Lucile ein. + +"Wer hat dir das mitgeteilt?" rief der Graf nunmehr in erheblicher +Erregung. + +"Vom Gutsförster von Kilde hörte ich es, Papa." + +"Da siehst du's, Lavard! Es geht wirklich nicht mehr. Sie rührt uns das +ohnehin aufsässige Bauernvolk noch mehr auf. Und der Doktor agitiert +auch schon seit seiner Niederlassung im Dorf. Du weißt doch, daß Pastor +Nielsen ganz außer sich darüber ist, welche Ideen er vor den Bauern +entwickelt. Greife ein! Sprich morgen mit dem Doktor und stelle ihm die +Wahl, sich solcher Dinge streng zu enthalten oder seinen Stab wieder in +die Hand zu nehmen!" + +Graf Lavard nickte. + +"Ja, es soll geschehen. Nur morgen geht's nicht. Er ist unser Gast; da +wäre es unzart, ihm grade Vorhaltungen zu machen." + +"Und Imgjor?" fiel Lucile ein. + +"Willst du ihr nicht auch gebieten, daß sie ihre Besuche in den +Wirtshäusern einstellt? Nächstens erscheint das Bauernvolk auf dem +Schloßhof und stellt dir Forderungen, und wenn du sie nicht erfüllst, +stecken sie uns das Dach über dem Kopfe an!" + +"Na, na--Ihr seht allzu schwarz! Ich bewege mich doch auch unter +ihnen--ich kenne sie--" + +"Es mag sein, Lavard! Aber daß hier vom Schloß aus durch unsere eigene +Tochter die neuen Ideen gefördert werden, daß sie indirekt gegen ihre +eigene Familie zum Widerstand aufreizt, geht doch wahrlich nicht mehr--" + +"Ich bin derselben Ansicht, Papa, und willst du gründlich vorgehen, so +schicke Imgjor einmal fort. Und bevor sie zurückkehrt, gieb dem Monsieur +Prestö auch den Laufpaß!" + +"Warum so lange warten, Lucile?" fiel die Gräfin ein. "Will er sich +nicht fügen, mag er auch gehen, gleich--" + +Lucile zog die Lippen.--Sie zögerte noch eine Weile, dann sagte sie und +warf zugleich einen stillen Blick auf Axel: + +"Ich riet nicht ohne Absicht so, wie ich riet, liebe Mama. Denn wisset, +beide, alle: Seit der Scene gestern habe ich die feste Ueberzeugung, daß +Imgjor völlig unter dem Einfluß Prestös steht. Als ich vorher mit ihr +sprach und auf sie einredete, Graf Dehns halber sie ermahnte, sich mehr +zu Hause zu halten, liebenswürdiger, entgegenkommender sich zu geben und +den ganzen, sich nicht für sie schickenden Verkehr drunten aufzugeben, +entwickelte sie geradezu erstaunliche Ansichten. Wir gerieten aufs +heftigste aneinander. Sie warf mir Beschränktheit, Hochmut und +lächerlichen Adelsstolz vor.--Die Zeiten seien vorüber, wo man sich so +geben dürfe wie ich. Sie, Imgjor, würde, wenn es an ihr läge, den Adel +abthun, das Schloß verlassen und sich ganz den armen, geknechteten +Bauern widmen. Es müßte in ganz Dänemark von Männern und Frauen der +besseren Stände das Veredelungs- und Samariterwerk für die niedere +Klasse, für die Armen und Elenden, ins Werk gesetzt werden. Zu diesem +Zwecke sei das Land in Distrikte einzuteilen, und in diesen habe dann +die Wirksamkeit der Brüder und Schwestern des neuen Vereins zu beginnen. +Volksprediger sollten Vorträge halten, um Menschenliebe, +Pflichterfüllung und ein von allem ceremoniellen Beiwerk befreites +Christentum zu predigen. Der Arbeitslosigkeit, Not und Krankheit solle +Einhalt gethan werden, es sei durch Errichtung von öffentlichen +Versorgungs- und Krankenanstalten in jedem Ort, sowie durch öffentliche +Speisehäuser überall den Armen zu helfen und damit den Forderungen der +Neuzeit gerecht zu werden." + +"Wie? Mit solchen Dingen beschäftigt sie sich? Das alles hat sie dir +erklärt?" fielen beide Lavards ein, und auch Axel erhob mit nicht +geringerem Erstaunen das Haupt. + +"Ja, das und noch anderes! Man könnte einen gelehrten Vortrag daraus +machen." + +Nachdem Lucile geendigt hatte, verharrten die Anwesenden zunächst in +Schweigen. Was sie gehört hatten, beschäftigte sie ausschließlich. + +"Ach ja, nun verstehe ich auch vieles--" nahm sinnend die Gräfin wieder +das Wort. "Wahrhaftig es ist höchste Zeit zum Einschreiten," fuhr sie, +gegen ihren Mann gewendet, fort,--"wenn wir nicht einen großen Affront +erleben sollen. Du mußt deine Rechte üben und noch im Beginn durch +geeignete Mittel zu mildern oder auszumerzen suchen, was sich in ihr für +sie selbst Verderbliches festgesetzt hat.--Was sagen Sie, Graf Dehn, was +sagen Sie? Hätten Sie das gedacht, das in Imgjor gesucht?" + +Axel bewegte die Schultern und sagte: "Was die Komtesse will, ehrt sie +und hebt sie in meinen Augen! Aber allerdings glaube ich auch, daß sie +starke Enttäuschungen erleben und sehr unglücklich werden wird, wenn's +keine Mittel giebt, ihr schönes Menschentum auf ein richtiges Maß +herabzumindern." + +Er wollte noch mehr sprechen, aber nun öffnete eben Frederik, den die +Gräfin beim Beginn der Unterredung für eine Zeit lang abgewinkt hatte, +von neuem die Thür und brachte, von Christian und einem anderen Lakaien +gefolgt, die dampfenden Schüsseln des nun folgenden Ganges. + +Er hob die silbernen Deckel ab, und ein auf portugiesische Art +bereiteter, gebratener Fisch aus dem Teiche des Gutsgebiets mit einer +dazu gehörenden duftenden Sauce verbreitete einen so köstlichen Hauch, +daß die Sinne für diesen Leckerbissen das Interesse für Imgjors +Umgestaltungsideen vorläufig verschlangen. + + * * * * * + +Als Graf Dehn am folgenden Vormittag zwischen dem ersten und zweiten +Frühstück von einem Spaziergang aus dem Park heimkehrte, hörte er in der +Gegend des Schlosses ein lautes Wimmern und bemerkte, als er +nachforschte, Hektor, den Hund von Imgjor, mit mühsam hinkenden +Bewegungen dem hinteren Eingang zustreben. + +Aber bevor der Hund noch die Thür erreicht hatte, verließen ihn die +Kräfte; er blieb, vor Schmerzen wimmernd, liegen und erfüllte mit seinen +Wehlauten die Luft. + +Rasch eilte Graf Dehn herbei, spähte nach, was dem armen Geschöpf fehlte +und sah, daß nicht nur die eine Pfote gebrochen, sondern daß dem Tier +auch noch das eine Auge derart verletzt war, daß nur noch eine blutige +Höhlung unter der Stirn klaffte. + +Und während Graf Dehn noch sorgend um das Tier bemüht war, erschien, +durch die Klagetöne von oben herbeigelockt, Komtesse Imgjor, erkannte, +nach einem Graf Dehn gespendeten, flüchtig höflichen Gruß, was +vorgefallen war, und erging sich, ihren Liebling liebevoll streichelnd +und tröstend, in aufgeregten Worten über das Geschehene. Aber sie nickte +auch erkenntlich, als Dehn sich bereit erklärte, Wasser, Schwamm und +Leinewand herbeizuholen, und hob, nachdem dies herbeigeschafft und das +Tier verbunden war, solches zur Bettung im Schloß auf ihre eigenen Arme. + +"Bitte, begleiten Sie mich und öffnen Sie mir die Thüren!" bat sie. "Ich +will ihn in mein eigenes Zimmer bringen, ihn dort selbst pflegen," fügte +sie, sich zu dem ihr dankbar die Hand leckenden Hunde liebevoll +herabbeugend, hinzu. + +Imgjors Gemächer befanden sich in der ersten Etage in einem Vorbau, der +in Form eines Turmes die linke, äußerste Zwischenecke des Schlosses +flankierte. Man konnte sie vom Hofe aus, aber auch von demselben +Korridor erreichen, in dem sich Graf Dehns Zimmer befanden. + +Unmittelbar neben dem Eingang zu seinen Gemächern führte eine Treppe +zunächst zu einem halbrunden Flur empor, und auf diesen mündete die vom +Hofe emporstrebende Wendeltreppe. + +Graf Dehn hatte lange schon das lebhaftere Verlangen gespürt, einmal +einen Blick in die Räume zu werfen, in denen das seine Gedanken und +seine Sinne so ausschließlich beschäftigende junge Mädchen wohnte. Nun +sollte ihm das werden, und mit einer gewissen Hast folgte er Imgjor und +ihrer Bürde. + +Sie ging aber nicht ins Schloß, sondern wählte den Weg, der über den Hof +und von dort hinauf zu ihrer Wohnung führte. + +"Bitte, hier!" unterwies sie Axel, als sie oben angekommen waren, und +zeigte auf einen verborgenen Winkel, in dem an einem verdeckt +angebrachten Haken ein Schlüssel hing. + +Und Graf Dehn beeilte sich, ihrem Befehl zu entsprechen. Er öffnete das +Gemach. + +Es war aber erst ein einen Blick auf den inneren Schloßhof gewährendes +Vorzimmer mit Tapetenthüren und altmodischen Möbeln. + +Die eigentlichen beiden Wohnstuben befanden sich nach der Parkseite. +Graf Dehn war völlig benommen von der reizvollen Eigenart des ersten +Gemaches, das Imgjor als ihr Wohnzimmer bezeichnete. + +Ein großer Tisch, bedeckt mit Büchern und allerlei kostbaren +Gebrauchsgegenständen, stand in der Mitte. Ihn umgaben eine Anzahl +kleiner Sofas, die mit rosenroten, blumendurchwirkten Seidenstoffen +bezogen waren, und ebensolche Divans standen zwischen den das Zimmer +füllenden schneeweiß und goldfarbigen Rokokomöbeln. + +Auch eine reiche Bibliothek in kostbaren Einbänden befand sich in der +einen Wandseite, und sie ward halb beschützt von einem weißseidenen +Vorhang. Blumen und Vogelkäfige standen in den tiefen Fenstern, und +prachtvolle, rosaseidene Gardinen fielen, um besser Licht zu lassen, +ungerafft von oben bis auf den Fußboden herab. + +"Wie feenhaft wohnen Sie hier, Komtesse!" nahm Graf Dehn das Wort, +nachdem Imgjor das Tier nebenan in ihrem Schlafgemach gebettet hatte und +nun, rasch zurückkehrend, ihm wieder gegenüberstand. + +"Ja, viel zu schön!--Wer hat ein Recht, derartig sich einzurichten, wenn +in der Welt so viele arme Geschöpfe darben--" entgegnen sie herb im Ton. +"Ich lerne den Luxus immer mehr hassen. Wäre nicht der die Seele +belebende, schöne Ausblick, könnte ich nicht in mein geliebtes Thal und +ins Dorf hinabschauen, wäre ich schon ausgezogen und hätte mir Räume +gesucht, die mich an Einfachheit und Entsagung gewöhnen--" Und dann kurz +abbrechend, nachdem sie ihm nochmals ihren Dank wiederholt hatte, sagte +sie: "Sie können gleich rechts die Treppe hinuntergehen, um Ihre Zimmer +zu erreichen. Wir sind sozusagen Nachbarn, das heißt Nachbarn von oben +und unten--" + +Hierauf neigte sie mit gewohnter, kaum gemilderter Ausdruckslosigkeit +den Kopf und begab sich--Axel hörte es, während er die Thür hinter sich +schloß--eilends wieder zu dem kranken Tiere in ihr Schlafgemach. + +Aber diese Sicherheit, nicht beobachtet zu werden, veranlaßte Graf Dehn, +nicht so gleich das Vorzimmer zu verlassen, sondern sich noch einen +Augenblick darin umzuschauen, ja, sogar die Klinke einer der beiden +Tapetenthüren zu berühren. + +Da nach seiner Berechnung die Wände des Gemachs zugleich die Außenmauern +des Turms bilden mußten, war er sehr neugierig, zu erfahren, wohin die +Eingänge führten. + +Zu seiner Ueberraschung gab das von ihm geprüfte Schloß nach, und vor +ihm lag eine dunkle Treppe. + +Das beschäftigte ihn dermaßen, daß er,--unten in seinen Gemächern +angelangt,--alle Wände untersuchte. Aber er fand nichts. Wahrscheinlich +führte diese in die dicke Mauer eingelassene, geheime Treppe in den +Garten hinab, und auffallend war's nur, daß die Thür unverschlossen war, +daß sie also noch gebraucht wurde.-- + +Daß übrigens Imgjor ihre Stellung zu Axel nicht verändern wollte, zeigte +sich schon an demselben Tage sowohl bei Tisch, wie beim Abendessen. Sie +begegnete Graf Dehn, trotz dieses sie enger verknüpfenden Vorfalles, +mit derselben kühlen Gemessenheit wie bisher, und als von dem Hunde die +Rede war, erwähnte sie seiner Hilfeleistung mit keiner Silbe. + +Die beiden folgenden Tage boten wiederum allerlei Abwechslungen, durch +die Graf Dehns Gedanken vorübergehend von Imgjor abgelenkt wurden. + +Er machte mit dem Grafen, der Gräfin und Lucile und mit diesen allein, +da Imgjor heftige Migräne vorschützte, eine Wagenpartie nach einem der +umliegenden Güter, wohin die Herrschaften schon zum Frühstück geladen +waren, und am folgenden Tage fuhr er mit dem Grafen Knut und dem Herrn +des Hauses in das zwei Meilen entlegene Städtchen Oerebye, woselbst sie +an einem Diner bei einem Herrn von Kjärholm teilnehmen sollten. + +Am letzten Abend vor der angesetzten Gesellschaft hatten sich der Graf, +Lucile und Imgjor früher zurückgezogen. Graf Lavard fühlte sich durch +eine Erkältung beschwert, und Lucile und Imgjor hatten sich, über starke +Müdigkeit klagend, schon bald nach Aufhebung der Tafel in ihre Gemächer +begeben. + +Nur Graf Dehn blieb, durch eine Partie Schach gefesselt, neben der +Gräfin sitzen. + +Sie sei noch durchaus nicht schläfrig, sie bitte, ihr Gesellschaft zu +leisten, hatte sie erklärt. + +Nachdem Graf Dehn als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen war, lehnte +sie sich zurück, sah ihn mit dem ihr eigenen forschenden Blick an und +warf plötzlich unvermittelt hin: + +"Nun, wie sieht's, Graf Dehn? Wer gefällt Ihnen besser, Lucile oder +Imgjor? Nicht wahr, Lucile ist ungewöhnlich schön?" + +Graf Dehn bejahte stumm, dann sagte er: + +"Um die Komtesse Lucile zu werben, würde, selbst wenn man meinen möchte, +ohne sie nicht leben zu können, zwecklos sein. Sie wird niemals einen +Mann meiner Art heiraten." + +Die Gräfin schärfte erst das Auge in einer Art, als ob sie in des +Sprechers Inneres dringen wolle. Dann sagte sie stark betonend: + +"Ist Ihrer Antwort zu entnehmen, daß Ihnen auch Lucile gefährlich werden +könnte?" + +"Ich kann nur jüngst Gesagtes wiederholen, Frau Gräfin. Ich liebe +Komtesse Imgjor leidenschaftlich. Noch will ich einige Zeit prüfen, ich +will nicht so leichten Kaufes meine Wünsche begraben. Ist's aber +entschieden, werde ich Rankholm verlassen. Ich würde mich innerlich +verzehren, sollte ich ferner aussichtslos neben ihr hergehen." + +"Seltsam!" stieß die Gräfin heraus. "Was die Männer haben können, das +verschmähen sie. Nur das Unerreichbare hat Reize für sie--" + +"Sie meinen--?" setzte Graf Dehn an;--stockte aber, weil er der Gräfin +Auge begegnete. + +Sie sah ihn mit einem Blick an, der ihn befangen machte, und der +Widerschein seiner Verwirrung spiegelte sich in seinen Mienen. "Ah--Sie +Kind--Sie gutes Kind!" warf sie überlegen, aber nicht ungütig hin. + +Doch gab sie sich unmittelbar darauf wieder mit der sonstigen Geradheit +ihres Wesens. + +"Lucile will hoch hinaus, gewiß! Aber sie wird doch nie einen Mann +heiraten, den sie nicht liebt"--fügte sie, an Axels vordem hingeworfene +Aeußerungen anknüpfend, hinzu.--"Und deshalb glaube ich auch, daß sie +ihre unfruchtbaren Pläne aufgeben und sicher einen anderen ehrenwerten +Mann aus einem weniger bevorzugten Stande heiraten würde. + +Daß Lucile sich für Sie interessiert, weiß ich. Aber Sie--Sie--empfinden +nichts für sie--?" + +Nun erschien ein überaus forschender Ausdruck in ihren Zügen. + +"Ja, Frau Gräfin--" entgegnete Graf Dehn halb ernst, halb leicht im Ton, +um dem Gespräch einen möglichst unbefangenen Charakter zu +verleihen--"ich müßte ein Stein sein, wenn ich nicht ein so vollendetes, +junges Mädchen, wenn ich nicht jede Tochter einer Gräfin Lavard +anbetete. Aber es steigt ein Wunsch nach ihrem Besitz nicht auf, weil +mich, ich wiederhole es, Komtesse Imgjor ganz gefangen nimmt. Komtesse +Lucile hat mir überdies rückhaltlos erklärt, sie werde nur einem Manne +die Hand reichen, der eine Fürstenkrone im Wappen führt." + +"Haben meine Töchter--" stieß die Gräfin, die nachdenklich zugehört, +stark betonend heraus, "Ihnen gegenüber ein Urteil über mich gefällt?" + +Graf Dehn sah befremdet empor. + +"Ich bitte, sprechen Sie, Graf Dehn! Ich bin Ihnen für ein offenes Wort +dankbar.--Ich werde dann auch reden, nicht heute, aber ein andermal--" + +"Da Sie mich fragen--ja, Frau Gräfin! Es scheint mir bei aller +Verehrung eine kleine Einschränkung vorhanden zu sein. Ich habe schon +darüber gegrübelt, wie es möglich ist, Sie nicht schwärmerisch zu +lieben--" + +Die Gräfin sah eine Weile still vor sich hin. Dann sagte sie mit einem +Seufzer: + +"Glücklich der, welcher im Familienleben das findet, was er erwartet. +Wenige sind ganz glücklich! Würden die Eheakten einmal hervorgeholt, +statt der Vergessenheit übergeben zu werden, würde man erstaunen, wie +oft Frauen gelitten haben, wie groß ihre Seelen waren!" + +Graf Dehn richtete einen gespannten Blick auf die Gräfin, die durch +diese Worte die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses vorbereitete. + +Aber heute vernahm er nichts mehr. Mit einem sanften gütigen Ausdruck +bot sie ihm zum Abschied die Hand und begab sich, ihm noch einmal +freundlich zunickend, in ihre Gemächer.-- + + * * * * * + +Als sich Graf Dehn am folgenden Vormittag nach Imgjor erkundigte, wurde +ihm von Frederik gesagt, daß sie schon früh und zwar, wie er zu hören +geglaubt habe, nach dem Mönkegjorer Gehölz fortgeritten sei. + +Das veranlaßte Axel, sich ebenfalls ein Reitpferd zu bestellen und, des +Weges kundig, dieselbe Richtung einzuklagen. Dem schönen Mädchen +möglichst oft zu begegnen, sie durch einen häufigen Verkehr allmählich +von ihren Vorurteilen zu heilen, endlich ihre Freundschaft zu gewinnen, +lag in seinem Plan. + +Zwar hatte die Gräfin geäußert, daß man sie gehen lassen müsse, sie +komme dann zuletzt ganz von selbst; aber er wollte es doch auf seine +Weise versuchen. Wie konnte er warten, bis sie ihm auch nur einige +Beachtung schenkte! + +An dem heutigen Morgen beherrschte ihn zudem die Vorstellung, daß sie +nicht nur fortgeritten sei, um sich eine Abwechslung zu verschaffen, +sondern daß sie irgend etwas vorhabe, das sie zu verbergen wünschte. +Vielleicht hing es mit dem Doktor Prestö zusammen.-- + +Er hielt auch, als er zunächst durch das Dorf trabte, einen Augenblick +vor des Arztes Hause still, um sich unter irgend einem Vorwande nach +Prestö zu erkundigen. + +Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er abwesend sein werde. + +Anfänglich war sein Rufen vergeblich. Es erschien niemand, und schon +wollte er sich zum Absteigen bequemen. + +Dann aber öffnete Prestös Wirtschafterin, eine einfache, alte Frau aus +einem der umliegenden Dörfer, die Hausthür und gab auf Graf Dehns Frage +Antwort. + +"Der Doktor sei vor reichlich einer halben Stunde nach Oerebye geritten. +Er kehre wahrscheinlich erst gegen den Spätnachmittag zurück," erklärte +sie. + +"Nach Oerebye? Besitzt der Herr Doktor dort auch Praxis?" + +"Nein--das nicht. Ich hab' etwas von einer Bauernversammlung gehört, wo +er dabei sein will. Ich weiß es aber nicht genau. Kann ich etwas +bestellen?" + +"Nein, ich danke! Es liegt nichts Besonderes vor. Sie brauchen nicht +einmal zu sagen, daß ich mich nach ihm erkundigt habe." + +Hierauf nickte die Alte zustimmend, und Graf Dehn setzte seinem Tier +wieder die Sporen in die Weichen. + +Oerebye und der große Forst Mönkegjor lagen in derselben Wegrichtung. + +Nachdem Graf Dehn diesen, scharf trabend, nach Verlauf einer halben +Stunde erreicht hatte, durcheilte er ihn von einem Ende zum anderen, +hielt auch auf einem mitten im Gehölz auf einer Anhöhe befindlichen +Pavillon an und sah sich hier nach Imgjor um. Aber es war nichts von ihr +zu bemerken, und er nahm daher, rasch entschlossen, die Richtung nach +Oerebye. + +Freilich konnte er, wenn er seinen Ritt soweit ausdehnte, nicht zum +Frühstück in Rankholm zurück sein. Aber das ungeduldige Verlangen, +festzustellen, ob wirklich Imgjor und der Doktor beisammen seien, ließ +das in ihm aufsteigende Bedenken, ohne Entschuldigung fortzubleiben, +rasch zurückdrängen. + +Unterwegs, während er dahin galoppierte, bestürmten ihn seine Gedanken. + +War's nicht im Grunde eine Thorheit, sich auf ein Mädchen zu +kaprizieren, das ihm so entschieden auswich? + +Und war's, wenn er wirklich ihre Zuneigung gewann, wünschens- und +lohnenswert, ein weibliches Wesen solcher Art an sich zu fesseln? Er +hatte sich eine ganz andere Vorstellung von der jungen Dame gemacht, von +welcher ihm sein Vater gesprochen. + +Er hatte ein mit Schönheit: Sanftmut und Liebenswürdigkeit verbindendes +junges Mädchen zu finden erwartet und sah sich einer fanatischen +Vertreterin der neuen Ideen gegenüber. + +Und dann redeten doch wieder andere Stimmen, und sie flüsterten ihm zu, +daß Nummern überall zu finden seien, daß er es hier mit einem +charakterstarken und trotz aller Schroffheit warm fühlenden, +edeldenkenden Wesen zu thun habe. Von einem solchen bevorzugt, gar +auserwählt zu werden, erschien ihm des Ringens wert. + +Und diese Vorstellung gab dann seinen Gedanken wieder eine andere +Richtung. + +In Oerebye angelangt, hielt Graf Dehn vor demselben Gasthofe, in dem er +kurz vorher mit Imgjors Vater und dem Grafen Knut eingekehrt war, und +schon während des Eintritts in die gemütlichen Vorräume des Gebäudes +warf er die Frage hin, ob jemand aus Schloß Rankholm anwesend sei. + +Der sorgfältig rasierte, höfliche Oberkellner nickte bejahend. + +"Ja wohl, Herr Graf. Komtesse von Luvard ist vor einer halben Stunde +angekommen." + +"So--so!?" fiel Axel lebhaft ein. "Und--und--ist sie im Hotel?" + +"Nein, Herr Graf! Sie ist auch nach dem Landhof gegangen--" + +"Nach dem Landhof? Was ist das?" + +"Der Landhof ist ein öffentliches Lokal. Um ein Uhr spricht da der +Volksredner Jens Uesholm. Sämtliche Einwohner und Bauern der Umgegend +sind hingelaufen--" + +"In der That? Ist man diesen Lehren hier so zugeneigt? Und die +Landarbeiter? Werden sie dabei sein? Die haben doch sicher um diese Zeit +keine Erlaubnis von ihren Gutsherren--?" + +"Sie haben sie sich genommen, Herr Graf. Die Sache ist schon lange im +Gange. Das giebt überhaupt gewiß noch ein böses Nachspiel--" + +Diese Auskunft bestimmte Axel, nach rasch eingenommenen Imbiß den Weg +nach dem Landhof zu nehmen. + +Nun war's auch zweifellos:--Prestö und Imgjor--beide würden dort +anwesend sein!-- + +Der Landhof lag mitten in der Stadt, aber nicht unmittelbar an der +Hauptstraßenlinie. Man mußte eine große Allee durchmessen, um das auf +einer sanft emporsteigenden Anhöhe belegene, eine weite Umschau bietende +Vergnügungslokal zu erreichen. + +Es war auch ersichtlich, daß die Einwohner etwas Besonderes dahinzog. + +Dicht gedrängte Gruppen von Bürgern, Bauern und Feldarbeitern bewegten +sich durch den Baumgang, alle waren in Eile, und aus der Umgegend kam +noch fortwährend neuer Zuzug. + +Axel beschloß, sich einen Platz drinnen zu suchen, auf dem er möglichst +unbeachtet zuschauen konnte. Da er aber der Gelegenheit unkundig war, +redete er einen älteren Bürger in dänischer Sprache an und erkundigte +sich nach der inneren Einrichtung des Landhofes. + +Da war ihm dann die Auskunft sehr erwünscht, daß sich eine große +Gallerie rings um den Saal ziehe, und daß man sie durch einen +vorhandenen, gesonderten Eingang betreten könne. + +Und so machte er es. Unter der Führung seines Begleiters, eines ehrsamen +Klempnermeisters, betrat er die Gallerie und fand bald einen Platz, von +dem aus er den Redner ins Auge fassen und die Zuhörerschaft genügend +übersehen konnte. + +Vorläufig wogte unten noch alles durcheinander. Menschen drängten sich, +Stühle wurden eingeschoben. Das Geräusch lebhaften Schwatzens erfüllte +den Raum; nur der Redner selbst war noch nicht sichtbar. + +Aber endlich erschien er, von dem brausenden Zuruf der Versammelten +empfangen, und sprach mit einer lauten, wohlklingenden Stimme über das +von ihm angekündigte Thema. + +Und was er sagte, machte Eindruck, weil er seine Worte geschickt zu +wählen wußte, weil er niemals den ruhigen Ton verließ, und weil er mit +solcher Ueberzeugung von der Berechtigung der Forderungen und von der +zweifellosen endlichen Erreichung des zu erstrebenden Zieles sprach, daß +er die Zuhörerschaft völlig in seinen Bann schlug. + +Zum Schluß entwickelte er, was zunächst zu geschehen habe, und eben das +deckte sich genau mit dem Inhalt des Gespräches, das zwischen Imgjor und +Lucile stattgefunden hatte. + +Nachdem der Redner, ein Mann mit blondhellem Bart, tiefliegenden, +dunklen Augen und blassen Zügen, unter nicht endenwollendem Beifall der +Versammelten seine Ansprache beendet hatte, erklärte ein Bauer, der als +Präsident der Versammlung vorstand, daß nunmehr die Redefreiheit +eröffnet sei und daß zunächst Herr Doktor Prestö aus Kneedeholm das Wort +nehmen werde. + +Und Prestö bestieg--aus einer Seitenloge tretend, woselbst nunmehr Graf +Dehn auch Imgjor entdeckte--so gleich die Rednerbühne und hielt unter +dem lautlosen Aufhorchen der Menge ebenfalls einen Vortrag. + +Und Imgjor, die Graf Dehn fortdauernd scharf beobachtete, folgte diesem +mit funkelnden Augen und mit gespanntester Miene. Sie hing gleichsam an +seinem Munde, sie verschlang seine Worte. + +Prestö sprach über den Landadel, und sein Vortrag zündete deshalb noch +mehr, weil er aus dem Munde eines Mannes kam, der selbst unter ihm +lebte. + +Nachdem er denselben Vorschlägen, die Jens Uesholm gemacht, das Wort +geredet und die Inscenierung solcher werkthätigen Reformen noch des +Näheren beleuchtet hatte, trat er zurück und begab sich unter dem +Jubelruf der Arbeiter und Landbevölkerung auf seinen Platz zurück. + +Hatte es schon bisher in Graf Dehn gegärt, hatte er sich förmlich +zurückhalten müssen, das Wort zu verlangen und Uesholms Ausführungen +entgegenzutreten, durch seine Auslassungen das Erreichbare von dem +absolut Unverständigen und deshalb Unerreichbaren zu scheiden, so glühte +es ihm jetzt in den Adern, Prestö heimzuführen. + +Es hielt ihn auch nicht. Völlig unbekümmert um das teils neugierige, +teils feindselige Mustern derjenigen, durch deren Reihen er sich +drängte, trat er vor den von ihm vorher ins Auge gefaßten Präsidenten +und ersuchte diesen, ihm das Wort erteilen zu wollen. + +Des Dänischen war er so gut Herr wie des Deutschen und Französischen. +Dennoch leitete er die ihm von dem Leiter der Versammlung gewährte Rede +mit einer Entschuldigung ein, wenn er sich etwas unvollkommen ausdrücken +werde. + +Er wolle, hub er an, sprechen über die Gefahren, einen Himmel zu +eröffnen, statt als Mensch beim Irdischen zu bleiben. Bei allem, was der +Vernunftbegabte thue, müsse er sich nach seiner Mutter, der Erde, +richten. Sie müsse ihm ein Vorbild sein und bleiben. Sie lehre ihn zwar +auch täglich und stündlich das Bestreben nach Ausgleich und einer immer +höheren Vervollkommnung, aber auch fortwährend das ewige Gesetz des +Rechtes des Stärkeren und Begabteren über den von der Natur minder +Bevorzugten. Er stelle sich mit den Vorrednern auf denselben Standpunkt, +daß werkthätiges Christentum zu üben, nicht nur jedermanns Pflicht, +sondern daß es auch weise sei, da alle im Grunde nur einer großen, durch +gemeinsame Interessen verbundenen Familie angehörten. Insofern seien +die Vorschläge, die gemacht worden, wertvoll und deren teilweise +Ausführung durchaus wünschenswert. Aber eben dabei müsse es sein +Bewenden haben, und auch dieses Bessere sei in einer ruhigen Weise zu +erstreben. Das Geschlecht, das heute lebe, ergehe sich in einem völligen +Irrtum, wenn es glaube, daß es zu etwas anderem berufen sei, als +zunächst Opfer zu bringen. Die Resultate würden erst, weil sie nur +allmählich reifen könnten, den späteren Generationen zu gute kommen +können. Und nochmals weise er auf die Natur hin, wenn er vor jeder +Ueberstürzung warne. Brauche sie, die große Zauberin, nicht auch für +alles Zeit und Vorsicht? Bedürfe nicht jedes Blatt am Baume Licht, Sonne +und Regen? Würde es nicht durch Stürme und Kälte, also durch Gewalt, +vernichtet? Eine Perspektive zu eröffnen, wie es der erste Redner +gethan, sei ein Unrecht. Er verheiße etwas, das eben mit dem Hinblick +auf sie, deren Sein und Wesen den Menschen die Gesetze für ihr Thun +vorschreibe, unerreichbar sei. Der Staat der völlig Gleichberechtigten +werde nach einem Tage zerfließen. Der Adler herrsche in der Natur über +den Sperber. Bei den Menschen habe die höhere Intelligenz und das +kräftigere Ringen der Vorwärtsstrebenden das Uebergewicht über den +Trägen. Wie denn? Solle der Fleißige und Rührige das Ergebnis seiner +Anstrengungen den Müßigen in den Schoß werfen? Er werde sich bedanken! +Der Fleißige besitze Ehrgeiz und habe den Drang nach Erfolg, Fortkommen +und nach gesondertem Besitz.--"Meine Freunde! Wenn ihr heute eine +Erbschaft macht, oder wenn ihr durch Erfindung, die euch Jahre lang +beschäftigte, ein großes Vermögen erwerben könnt, wollt ihr das ohne +weiteres hingeben, wollt ihr euch mit einem Tausendstel begnügen? Nein, +das wollt ihr nicht, und niemand wird's euch verdenken, daß ihr euch +dessen weigert. Die Zukunft, eine bessere, liegt nur in der Pflege der +Vervollkommnung des sittlichen Menschen, in der Hebung der Schulen, in +der Ausübung einer Religion, die zu Thaten der Pflicht und Thaten der +Liebe und Duldsamkeit gegen die Mitmenschen auffordert. Wo war heute +hier von Nächstenliebe die Rede? Nirgend! Selbst die Befürwortung der +Förderung des Humanismus und der Wohlfahrt in Gestalt von +Arbeitsstätten, Krankenhäusern, Nächtigungsanstalten, öffentlichen +Speisehäusern, Unfallentschädigungen und Altersversorgungen ward nur aus +dem Gesichtspunkt einer Forderungsberechtigung an den Geldbeutel der +Gutsherrn erörtert! Was aus dieser Klasse der Gesellschaft wird, ist +Herrn Doktor Prestö gleichgiltig. Sie mag untergehen. Ja, Freunde, seid +ihr Heilige? Nehmt ihr nicht auch einmal ein Gläschen mehr? Seid ihr +allezeit voll Christentum gegen eure Umgebung? Liegt ihr nicht auch +lieber auf einem weichen Bett als auf Steinen? Wird einer von euch das +Anerbieten abschlagen, mehr zu werden und mehr zu verdienen, und ist er +nicht auch ein Streber in seiner Art, in solcher Art, daß er sich +möglichst gut betten will? Sprecht ihr allezeit die Wahrheit? Erfüllt +euch niemals der Neid gegen eure Nachbarn? Seid ihr nicht ebenso +hochmütig wie die sogenannten Großen? Hand aufs Herz! Haltet ihr euch +nicht für besser, als sie? Habt ihr nicht euren Bauernstolz? Ein Unglück +für das Volk ist ein Redner wie der Herr Doktor Prestö. Er möchte +euch--ich muß es seiner Rede entnehmen--am liebsten anführen, damit +alles vernichtet werde, die Güter und die Bauerngehöfte dazu! Ja, was +dann? Die Einöde bietet doch nichts als Hunger und Jammer und Elend! Und +wie will der Bauer und Feldarbeiter leben, wenn er den Gutsherrn in den +Brunnen versenkt? Ihr könnt alles kaufen für Geld. Aber wenn ihr keines +habt, und wenn ihr dem Staat die Möglichkeit nehmt, durch den +Wechselverkehr zwischen Angebot und Nachfrage die Lebensfrage und somit +die Existenzfrage zu regeln--was erblüht euch dann Gutes? Elend--Elend +ist euer Loos! Was uns heute der Staat Schützendes und Förderndes +bietet, ist ein Ergebnis des Ringens der Jahrhunderte. Allmählich hat +sich die Erkenntnis des Zweckmäßigen entwickelt. Wir müssen säen, die +Saat behüten, indem wir das Unkraut von der Frucht scheiden, und müssen +zur rechten Zeit ernten. Nur _eine_ verständige Volkswirtschaftslehre +giebt es: Daß jeder durch strenge Pflichterfüllung seinen Teil zum +Allgemeinbesten beiträgt, daß wir unsere engeren Aufgaben darin +erkennen, unsere Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, sie sowohl +etwas Ausreichendes lernen lassen, als auch sie anzuweisen suchen, +solches fürs Leben praktisch und möglichst günstig zu verwerten, damit +sie dadurch und lediglich dadurch befähigt werden, möglichst sichere +materielle Vorteile zu erzielen; daß wir uns fühlen als größere und +kleinere Glieder eines Ganzen; daß wir endlich stets alle erst vor +unserer eigenen Thür fegen und dann erst den Besen in die Hand nehmen, +um unseres Nachbars Schwelle zu säubern! Und so schließe ich: Laßt euch +nicht bethören durch Hinweise auf Paradiese, die sich nie eröffnen, die +sich nie eröffnen _können_! Bleibt auf der Erde und helfet, daß schon +durch gutes Beispiel euern Kindern und Kindeskindern das werde, was zu +erstreben möglich ist! Eines schickt sich nicht für alle. Den Sieg, den +materiellen und moralischen, trägt allezeit der davon, der einfach, +tüchtig und weise ist, der etwas im besten Sinne, im Umfang seiner +Kräfte--leistet!" + +Graf Dehn hatte nach Beendigung seiner, von eisigem Schweigen +begleiteten Rede große Mühe, den Saal zu verlassen. + +Niemand machte ihm bei seinem Versuch, durchzudringen, gutwillig Platz; +jeder zeigte vielmehr feindselige Mienen, oder drängte ihn wie zufällig +zur Seite, in der Art, daß er zweimal fast gestolpert und hingestürzt +wäre. Aber er wußte seine Erregung darüber zu bemeistern, er that, als +ob er's nicht bemerke. + +Draußen angelangt, stieg er rasch die Anhöhe hinab und begab sich auf +direktem Wege ins Wirtshaus. Und hier angekommen, ließ er sogleich +satteln, berichtigte seine Rechnung und ritt, rasch trabend, nach +Rankholm zurück. + +Zartsinn hielt ihn ab, vorher noch eine Begegnung mit Imgjor +herbeizuführen, auch wünschte er dem Doktor, der ihm noch widerwärtiger +geworden, unter allen Umständen auszuweichen. + +Er hatte ihn genau beobachtet. Diesen Menschen verzehrte ein wilder +Fanatismus. Die Begierde, sich zu rächen an der Gesellschaftsklasse, von +der einst ein Mitglied seine Eltern in die Fesseln der Abhängigkeit +geschlagen, durchglühte ihn allein. Und neben dem Rachegefühl verzehrte +ihn der Ehrgeiz. + +Er wollte herrschen, und daß er als Herrscher einen Stab aus Eisen +schwingen, daß er ein weit größerer Tyrann sein würde, als jener, gegen +den er schon während seiner Knabenzeit Haß und Verachtung eingesogen, +bewies seine schroffe Ueberhebung, seine kaltherzige Art. + +Und diesem Menschen wollte sich Imgjor mit ihrer, wenn auch äußerlich +rauhen, doch von lauterer Menschenliebe erfüllten Brust zueignen!-- + +Als Axel ein halbes Stündchen vor Tisch nach Rankholm zurückkehrte, +berichtete ihm Frederik, daß die Herrschaften sich wegen seines +Fortbleibens bereits beunruhigt hätten. Er würde sogleich melden, daß +der Herr Graf eingetroffen sei. Von Imgjor war nicht die Rede. Offenbar +hatte man sich bei ihr an solche Unregelmäßigkeiten gewöhnt. + +Bei Tisch berichtete Graf Dehn über die Geschehnisse in Oerebye. + +Er gab den Inhalt der vermiedenen Reden wieder, verschwieg aber in +vornehmer Gesinnung sowohl Imgjors als auch des Doktors Anwesenheit. Es +widerstrebte ihm, trotz seiner heftigen Abneigung gegen Prestö, den +Angeber zu spielen. Die Herrschaften mochten selbst den Zeitungen einen +Bericht über die Vorkommnisse entnehmen; und gar Imgjor ohne Not in ein +ungünstiges Licht zu stellen, widersprach vollends seiner Stellung zu +ihr. + +Während noch Graf Dehn sprach, öffnete sich die Thür, und Imgjor trat +mit dem ihr eigenen, sich gleichsam starrköpfig gegen die eigene +Schönheit auflehnenden Ausdruck ins Gemach. + +Sie sprach eine kurze Entschuldigung aus, sich verspätet zu haben, und +suchte den Blicken und den Fragen ihrer Umgebung zunächst dadurch +auszuweichen, daß sie dem ihr unmittelbar darauf von der Dienerschaft +servierten Vorgericht mit hungrigem Eifer zusprach. + +Und nur ganz allgemein hatte sie bei ihrem Eintritt das Haupt zum Gruß +geneigt. Nichts deutete in ihrem Verhalten darauf hin, daß sie kurz +vorher mit dem Gast des Hauses unter so ungewöhnlichen Umständen an +einem fremden Orte zusammengetroffen war. + +Aber schöner als je erschien sie dem Manne, dem sie fortgesetzt mit +solcher Nichtachtung begegnete. + +Dieses Uebermaß von finsterer Verschlossenheit, verbunden mit Reizen, +wie verschwenderischer die Natur sie nicht austeilen kann, machte sie +für ihn unwiderstehlich; gerade diese Kälte entflammte sein Inneres nur +noch mehr. + +Er schaute mehrmals verhohlen zu ihr hinüber, während nun das Gespräch +einen regelmäßigen Fortgang nahm, oder auch von den Anwesenden eifrig +den Speisen zugesprochen wurde. + +Heute lag auf ihren Wangen ein zartes Rot, ein fast fieberhaftes, das +die Erregung zufolge der heutigen Erlebnisse darauf zurückgelassen +hatte. In ihren Augen aber glühte ein stilles, dunkles Feuer, jenes der +Begeisterung für die Ideale, welche ihre Brust erfüllten. + +Dabei waren ihre Körperlinien so unschuldig, ihre Erscheinung und ihr +ganzes Wesen so jungfräulich, so unnahbar, ihr Wuchs so edel, die +kleinen Hände trotz der zarten Farben so fest, so energisch gebildet. +Mit ihrem schlichten, auf die weiße Stirn fallenden rotblonden Haar +glich sie einem mit höchster Schönheitsvollendung geschmückten Weibe. + +Und dieser überwältigende Eindruck ihrer gesamten Erscheinung machte +Axel nachdenklich und schweigsam, so völlig anders, daß Lucile, die +gleich beide argwöhnisch beobachtet hatte, nunmehr wiederholt auf ihre +Schwerer einredete. + +"Wo warst du, Imgjor? Bist du die ganze Zeit unterwegs gewesen?" warf +sie forschend hin. + +Imgjor erwiderte mit einem kurzen, tonlosen Ja. Da eben von Frederik +eine Pastete herumgereicht wurde, nahm sie die Gelegenheit wahr, sich +den Anschein zu geben, als ob sie das Auffüllen dieses Leckerbissens auf +ihren Teller zu ausschließlich beschäftige. + +"Willst du keinen Fisch vorher?" fiel nun die Gräfin ein, da eben einer +der Diener mit diesem Gericht zur nachträglichen Darreichung erschien. + +"Nein, ich danke!--Ich habe sehr wenig Hunger--" + +Und zu jenem, der sich ihr inzwischen ehrerbietig genähert, mit der ihr +eigenen, steten Freundlichkeit gegen Untergebene: "Vielen Dank, +Christian!--Ich nehme nicht--" + +Nun trat eine Pause ein. Alle waren mit sich beschäftigt, und die Herren +tranken auf des Grafen Aufforderung einen von Frederik soeben +eingeschenkten alten, besonders vorzüglichen Rotwein. + +Dann sagte die Gräfin: "Nun, Imgjor? Wo warst du also den ganzen Morgen? +Lucile fragte dich, und du antwortetest nicht." + +Wie aus einem Traume erwachend, erhob Imgjor, die kaum von der Pastete +gekostet, den Kopf, sammelte sich aber, verfinsterte die Stirn und sagte +in einem launenhaft ungeduldigen Ton: "Ich bin doch kein Schulkind mehr, +das man fortwährend examinieren muß, Mama! Deshalb gab ich Lucile keine +Antwort--" + +"Nun ja! Aber wo warst du? Jetzt frage ich dich!" + +Imgjor zog mit einer Geberde der Auflehnung die Schultern und spreizte +die Lippen, entgegnen aber nichts. Eine Lüge widerstrebte ihr, jedoch zu +bekennen, worum es sich handelte,--gewann sie nicht über sich. + +"Nun, antworte doch, wenn deine Mutter mit dir spricht!" herrschte jetzt +heftig, ungeduldig der Graf. Imgjors zu Tage tretender Trotz nahm alle +und auch ihn gegen sie ein, und nur Fräulein Merville--Axel sah's--auf +Imgjors Seite. + +In ihrem Angesicht erschien ein unruhiger, besorgter Ausdruck. + +"Bitte! Rede doch--gieb keinen Anlaß zum Verdruß!" stand in ihrem auf +Imgjor gerichteten Blick geschrieben, während sich in Luciles Mienen +Unwille und jene stolze Auflehnung bemerkbar machte, das ihre Schönheit +zwar beeinträchtigte, aber die Majestät ihrer Erscheinung jederzeit hob. + +Was jedoch die Anwesenden erwarteten, geschah auch jetzt nicht. + +Zuerst erschien ein hilfloser Ausdruck in Imgjors Kindergesicht. Dann +schob sie den Teller und die Serviette zurück, erhob sich und verließ, +während sie durch Zusammenbeißen der Zähne ihre Bewegung und auch die +aus ihren Augen strömenden Thränen vergeblich zu bannen suchte, das +Zimmer. + +Offenbar erlag sie einer durch die Gewalt der starken Eindrücke des +Tages hervorgerufenen, krankhaften Abspannung der Nerven, und nicht +Trotz und böser Wille, sondern diese Unfreiheit und die Auflehnung +dagegen, daß man ihr in Gegenwart des Gastes und der Dienerschaft so +begegnete, ließen sie so handeln. + +Wenn Graf Dehn vordem durch Schweigen für sie Partei genommen, so +geschah's jetzt mit Worten. + +Er wollte als ihr guter Freund handeln, wie sie ihm auch begegnen +mochte. + +Im Saal des Landhofes hatten sich einmal während seiner Rede ihre Blicke +getroffen, und beide hatten sich, wie ertappt, abgewendet. Aber eben +diese Beachtung von ihrer Seite hatte Axel belehrt, daß sie ihm +gegenüber nicht völlig gefühllos war. + +"Komtesse Imgjor ist offenbar nicht wohl--" hub er in einem +versöhnlichem Tone an. "Ich sah, während Komtesse Imgjor die Suppe aß, +daß sie mehreremals auffallend die Farbe wechselte--" + +"So--so--In der That?" fiel der Graf, der offenbar seine Schroffheit +bereits bereute, mit gutherziger Unbequemung ein. + +Und als Axel den Blick auf die übrigen richtete, begegnete er in dem +Angesicht des Fräulein Merville einem dankbaren Ausdruck, während in den +Zügen der Gräfin ein unbiegsamer, in denen Luciles ein solcher von +höchstem Unwillen haftete. + +Freilich wich er in Luciles Antlitz sogleich. Er verwandelte sich, +während sie erst einen tiefen, träumerischen Blick auf den Gast +richtete, in einen Axel zugewendeten still hingebenden. + +Graf Dehn entging das nicht, und er wurde davon so stark berührt, daß +sich seine Gedanken eine Weile ganz auf Lucile richteten. + +Aber ebenso rasch schüttelte er den Kopf, und ein erneuter Blick auf sie +betätigte auch eine von ihm offenbar nur genährte Illusion. + +Umsomehr aber beschäftigten sich seine Gedanken mit Imgjor. + +Er würde eine Welt darum gegeben haben, sie jetzt sprechen, mit seinen +Augen in ihre Seele einmal hinabtauchen zu können. + +Die Stunden zwischen dem Essen und dem kleinen Feste nahm sich Graf Dehn +vor, allein in seinem Gemächern zuzubringen. Er erklärte, daß er Briefe +schreiben müsse, und man erhob auch keinen Widerspruch. Auch die +übrigen schienen von demselben Verlangen beherrscht zu werden, sich zu +vereinsamen. + +Als Axel sein Wohngemach betrat und, bevor er sich niederließ, arglos +Umschau hielt, fand er auf seinem Schreibtisch ein kleines, mit goldenen +Linien umrändertes Kouvert. Er griff hastig danach, und da ihm ein +unbestimmtes Gefühl sagte, daß es mit Imgjor zusammenhänge, öffnete er +es in fiebernder Spannung. In der That fand er einige Worte von ihrer +Hand. + +Aber freilich brachten sie nicht, was er ersehnt, was er fast gehofft +hatte. + +Auf einer zierlichen Karte standen die Worte: "Ich wiederhole, es giebt +keinen Weg, der uns zusammenführen kann. So lassen Sie mich! Ich bitte, +ich beschwöre Sie! Für Ihre Diskretion meinen Dank. I." + +So war also doch nichts gewonnen! Axel ließ sich entmutigt in seinen +Sessel sinken und saß lange, abwesend, seinen Gedanken hingegeben. + +Stark benommen und nichts weniger als zu einem Zusammensein mit Menschen +aufgelegt, nahm er sodann in späterer Stunde die Meldung Frederiks +entgegen, daß die Gäste im Anzuge seien. + +Soeben hätten sie den Schloßhof überschritten. + +"Und Doktor Prestö? Ist er auch dabei, Frederik?" + +"Jawohl, Herr Graf, er ist schon im Flur, Cristian ist ihm behilflich--" + +"Ich danke Ihnen. Ich werde sogleich erscheinen--" Axel sprach's +zerstreut und machte sich, mechanisch handelnd, an seine Toilette. + +Da die Anwesenden im Schloß schon eine Anzahl von Personen ausmachten, +so war's nicht zu verwundern, daß der Empfangssalon stark gefüllt war. + +Es hatten sich alle höheren Beamten mit ihren Damen eingefunden, der +Oberverwalter, der Verwalter, der Vorwerk-Inspektor, der Oberförster mit +seinen zwei Unterbeamten, die Herren aus der Kanzlei und der Kasse, der +Intendant und die Schreiber, des Grafen Sekretär und zudem die +Honoratioren aus dem Dorfe. + +Es wurde zunächst Thee herumgereicht. Dann musizierten Lucile und die +Pastorin, und eine Verwandte des Apothekers aus Kopenhagen sang mit +einer gutgeschulten, sympathischen Stimme. + +Das nahm, einschließlich der Empfangsgespräche, denen die Gräfin mit +vollendetem Geschick einen warmherzigen Charakter zu verleihen wußte, +eine kleine Stunde in Anspruch. Dann wurde das Zeichen zum Tischgang +gegeben. + +Der Pastor, als ältester und würdigster Herr, führte die Gräfin und der +Graf die Gemahlin des ersteren. Im übrigen wählte, der hier herrschenden +Sitte entsprechend, jeder Herr seine Dame selbst, und allezeit fügten +sich, trotz dieser Uneingeschränktheit, die Dinge den Verhältnissen +angemessen. + +Jeder wußte von selbst, auf welchen Platz er gehörte. Ihn leiteten +Gewohnheit und natürliches Taktgefühl. Ein gleiches galt von der Wahl +der Damen selbst. + +Axel hatte, schnell entschlossen, Lucile den Arm geboten. Sie sah ihn +überrascht fragend, aber auch sichtlich angenehm berührt an, und +lächelte mit einem feinen, überlegenen Lächeln. + +"Wie, Herr Graf? Eine Lucile, wo es eine Imgjor giebt?" neckte sie. Und +er, während er an der in Silber und Krystall funkelnden Tafel Platz +nahm: "Darauf darf ich entgegnen, Komtesse: es überraschen und beschämen +den Grafen Dehn so gütige Worte umsomehr, als so zahlreiche Mitglieder +aus Fürstengeschlechtern nach Rankholm hinüberschauen!" + +"Ah, das war nicht hübsch! Das war boshaft, Graf Dehn--" entgegnete +Lucile. "Sie lohnen mir meine Offenherzigkeit mit Spott! Glauben Sie, +daß ich keinen Wert auf die Erstarkung unserer Freundschaft lege?" + +"Ja, ich fühle es, und es macht mich überaus stolz und glücklich, +Komtesse!" fiel Axel, den leichten Ton verlassend, ein. "Heute +namentlich thut mir Güte und Wärme doppelt wohl, da sich--Sie sprachen +von Ihrem Fräulein Schwester--bereits mein Schicksal entschieden hat." + +"Wie?--Es ist etwas geschehen? Ah--ahnte mir's doch!" Lucile sprach's +stark betonend und lehnte mit der ihr eigenen, kurz abweisenden Art eine +Schüssel ab, die eben einer der Diener beim Anbieten zwischen sie und +ihren Nachbar schieben wollte. + +"O ich bitte, erzählen Sie mir!" fuhr sie fort und warf zugleich einen +Blick zu ihrer Schwester hinüber, die neben Prestö saß und trotz +eifrigen Redens eben mit gespanntem Ausdruck zu ihnen beiden +hinüberschaute. + +Axel hob die Schultern und lächelte schwermütig. + +"Erlassen Sie mir Einzelheiten, Komtesse! Die Sache hat ein Vorspiel, +über das ich noch nicht sprechen, worüber ich auch Ihnen gegenüber mich +nicht eher auslassen möchte, bis die Geschehnisse von anderer Seite zu +Ihnen gedrungen sind. Nur soviel: Komtesse Imgjor hat mir heute die +wiederholte Erklärung gegeben, daß uns keinerlei Wege zusammenführen +könnten!" + +Zuerst blitzte es nach diesen Worten in Luciles Angesicht auf. Dann aber +wurden ihre Mienen wieder ernst, und indem sie Graf Dehn mit einem sanft +gelassenen Ausdruck ansah, sagte sie: + +"Natürlich vermag ich ohne den Zusammenhang der Dinge keine zutreffende +Meinung abzugeben. Aber daß solche Erklärungen meiner Schwester oft +gerade das Gegenteil bedeuten, kann ich Sie versichern. Jeder hat seine +Art. Sie hat die ihrige. Börne, der deutsche Denker, sagt einmal: +Ernsthafte Frauen gleichen leeren Koffern mit sieben Schlössern. Ich +möchte von meiner Schwester sagen, sie gehört zu jener Gattung von +weiblichen Wesen, von denen man behaupten könnte: Hinter den Eisbergen +ihrer Mienen lodern tausend heiße Flammen--" + +"Wie? Sie glauben--?" + +Lucile nickte. + +"Einen Fall nehme ich aus. Hat sie bereits die ebenso große +Unbesonnenheit wie Geschmacklosigkeit begangen, sich mit dem Plebejer +drüben zu verloben, so ist natürlich nichts zu machen." + +"Ich möchte das als höchst wahrscheinlich annehmen, Komtesse--" + +"Ein mehr als schrecklicher Gedanke, Graf Dehn! Worauf stützen Sie Ihre +Eindrücke, wenn ich bitten darf?" + +Graf Dehn zögerte erst, dann kam ihm ein Entschluß, und er sagte: + +"Für einen in seinem Geist und Gemüt beschwerten Menschen giebt's kein +größeres Labsal, als sich aussprechen zu können, einen Vertrauten zu +besitzen, dem er rückhaltlos über alles zu berichten vermag, was ihn +beschäftigt. + +Dieser Umstand und die Sicherheit, daß meine Eröffnungen Komtesse Imgjor +nützlich sein können--ich gestatte mir, später zu sagen, in welcher +Weise ich mir das vorstelle--lassen mich unter der Bitte vorläufiger +Verschwiegenheit reden!" + +Nach dieser Einleitung erzählte Graf Dehn Lucile alles, was geschehen +war, und schloß mit den Worten: + +"Sie äußerten sich jüngst über die Möglichkeit, daß Ihr Fräulein +Schwester Rankholm verließe--dringen Sie gleich--ich bitte--darauf, +damit sie von Prestö getrennt wird, und auch darauf, daß man ihn, sobald +sie zurückkehrt, nicht mehr hier findet!" + +"Ja, ja"--Lucile, die mit größter Spannung zugehört und namentlich bei +der Schilderung dessen, was Graf Dehn selbst im Landhof gesprochen, mit +lebhaftem Ausdruck ausgehorcht hatte, nun sinnend zurück. + +"Wenn es nur nicht zu spät ist! Ich fürchte nach dem, was Sie mir gesagt +haben, allerdings, daß sie schon die Thorheit begangen hat. Und ist's +der Fall, dann giebt's keine Schlösser und Ketten, keine Länder und +Entfernungen, die sie von ihm und ihren Entschlüssen trennen würden. +Selbst ein nachträgliches Erkennen seiner Unwürdigkeit würde sie +abhalten, ihr einmal gegebenes Wort zu brechen; die allerschwersten, die +größten Selbstaufopferungen mit sich führenden Pflichten würde sie auf +sich nehmen." + +"Eine Hoffnung besteht vielleicht noch, Komtesse!" fiel Axel ein. + +"Sie erinnern sich, daß Graf Knut mir erzählte, Prestö sei verlobt. So +hat doch vielleicht nur die gemeinsame Sache sie zusammengeführt." + +"Ja, sie hat sich ihm ursprünglich wohl nur deshalb genähert,"--betonte +Lucile--"ihn aber--glauben Sie es--bestimmt ihr Geld und die +Befriedigung seiner maßlosen Eitelkeit. Um derentwillen wird er ein +bereits eingegangenes Verlöbnis zu Imgjors Gunsten lösen. Ich halte den +Menschen zu allem fähig, sofern es sich um die Erlangung von Macht und +Besitz handelt--" + +"Ich beurteile Prestö ebenfalls ungünstig, er ist mir zugleich namenlos +unsympathisch. Aber das möchte ich doch nicht unterschreiben. Für +unehrenhaft, für einen Schurken halte ich ihn nicht. Er ist ein krasser +Egoist und Fanatiker, aber--" + +"Ja, ja, das ist ja eben Ihre rührende Art! Obschon Ihnen die Natur +einen so scharfen Verstand verlieh, obschon Sie einen starken Spürsinn +besitzen, bewahren Sie sich doch ein vertrauendes Herz und glauben an +die Menschen! Und eben solche wie Sie, in solcher Mischung, giebt's +wenige. Wo ist die rechte Harmonie zwischen Verstand und Gemüt, zwischen +strengen Grundfarben und Koncilianz?" + +"Sie beschämen mich, Komtesse--" + +"Ich sage, wie ich es meine, Graf Dehn. Und wäre Imgjor nicht +krank,--ihre überspannten Ideen sind krankhafter Natur--so wäre sie die +Rechte für einen Mann, wie Sie es sind.--Ach, meine Mutter hat viel +verschuldet! Sie--sie--hat Imgjor durch eine übergroße Strenge in den +Kindheitsjahren in diese Welt des Widerstandes getrieben--" + +"Wie? Das sagen Sie, Komtesse? Schon einmal deuteten Sie auf dergleichen +hin! Wie schmerzlich ist es mir, daß Sie an einer, in meinen Augen so +seltenen Frau, wie Ihre Mama es ist, nicht alles zu loben vermögen, daß +Sie sie nicht blindlings lieben--" + +Lucile bewegte die Schultern, deren vollendete Formen durch ein tadellos +sitzendes Gewand aus zarter grüner Seide noch mehr gehoben wurden. Auch +zog sie die ausdrucksvollen Lippen und sagte stark betonend: + +"Doch, ich liebe meine Mutter zärtlich. Aber gerade, weil ich sie so +sehr liebe, möchte ich sie als höchstes Ideal betrachten können. Es +liegt etwas vor, das ich nicht verstehe. Ich spreche nicht allein über +Mamas Haltung Imgjor gegenüber--" + +In diesem Augenblick schlug Graf Lavard ans Glas, um einen Toast auf die +Gäste auszubringen. Dadurch wurde Lucile in ihrer Rede unterbrochen. +Ueberdies bemerkten beide, daß man sie beobachtete. Infolge dessen +richteten sie ihre Blicke mit unabgewendeter Aufmerksamkeit auf den +Sprechenden, und nur einmal warf Graf Dehn das Auge auf seine Umgebung. +Und als dies dann auf Imgjor fiel, sah er erst, daß Prestö ihr etwas +zuflüsterte, und dann, daß sie ihm rasch mit einem ihrer süßen Blicke +antwortete, einem jener Blicke, in denen das ganze bestrickende Wesen +ihrer tiefen, anschmiegenden Seele zum Ausdruck gelangte. + +Aber eine noch stärkere Bestätigung seiner schwermütigen Vermutungen +empfing Graf Dehn, als er kurz vor Schluß des Festes, ohne es zu wollen, +Zeuge eines Gespräches zwischen ihr und Prestö wurde. + +Als er den von allen und auch von ihm inzwischen betretenen Park auf +Augenblicke verließ, um sich eine Cigarre aus dem neben dem Speisegemach +befindlichen Rauchzimmer zu holen, sah er in ersterem Imgjor und Prestö +einander zärtlich die Hände schütteln und hörte das junge Mädchen +deutlich sagen: + +"Also, bitte, übermorgen Abend!" zugleich aber traten beide, Axel +bemerkend, verwirrt zurück. Imgjor wandte sich der Gartenseite zu und +der Doktor, der ohnehin während dieser Stunden Axel fortdauernd +hochmütig ausgewichen war, verbeugte sich kurz mit eisiger Förmlichkeit +gegen ihn und verließ das Gemach. + +"Ja, Herr Doktor Prestö ist soeben zu einem Kranken gerufen. Er +begegnete mir hier gerade beim Fortgehen--" erklärte Imgjor, als sich +Axel ihr mit kavaliermäßiger Artigkeit anschloß und, um überhaupt etwas +zu reden, die Frage aufwarf, ob Prestö die Gesellschaft bereits +verlassen wolle. + +Aber einer Erörterung über das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag +und einen so bedeutungsvollen Inhalt besaß, wußte sie dadurch +auszuweichen, daß sie, als er eben zu weiteren Worten anheben wollte, +von ihrem Hunde zu sprechen begann. + +Und das geschah mit einer so unbefangenen Miene, daß Graf Dehn überhaupt +die Möglichkeit abgeschnitten wurde, ein anderes Thema zu berühren. Auch +neigte sie, nachdem sie die Treppen zum Garten hinabgestiegen waren, +kurz verbindlich das Haupt und gesellte sich zu der gerade ihnen +entgegenschreitenden Nichte des Pastors.-- + + * * * * * + +Am nächstfolgenden Tage wurden die Bewohner von Rankholm durch die sehr +unerfreuliche Botschaft überrascht, daß im Dorfe das Scharlachfieber +ausgebrochen und daß bereits zwei Dutzend Personen, Große und Kleine, +davon ergriffen seien. + +Der Graf erzählte davon beim zweiten Frühstück und ermahnte die +Tischgenossen, den Verkehr mit den Dorfbewohnern vorsichtig zu meiden. +Es wurde sogar überlegt, ob nicht der sonst stets erfolgende +Kirchenbesuch für den bevorstehenden Sonntag ausgesetzt werden solle. + +Der Graf befürwortete ein Fortbleiben; die übrigen schlossen sich ihm +stillschweigend an, und nur Imgjor gab keine Meinung ab. + +"Nun, Kind--hast du gehört? Halte dich also vom Dorf fern!" warf die +Gräfin mit einem auf ihre Tochter gerichteten, auffordernden Blick hin. + +Imgjor bewegte den Kopf. + +"In die Kirche werde ich auch nicht gehen. Aber ins Dorf möchte ich +jetzt gleich und möchte mich umsehen, ob ich nicht helfen, vielleicht +als Krankenpflegerin mich nützlich machen kann." + +"Du wirfst das nicht thun, unter keinen Umständen! Ich wünsche es +nicht--" entschied die Gräfin. + +"Willst du mich denn hindern, ein gutes Werk zu thun, Mama? Welchen Wert +hat alle Religion, wenn sie mit keinen Thaten verbunden ist?" + +"Du hast--" entgegnete die Gräfin--"nicht nur auf den Drang, zu helfen, +den ich gewiß nicht tadle, Rücksicht zu nehmen, sondern auf die ganze +Familie und sämtliche übrigen Mitbewohner von Rankholm. + +Scharlach ist so ansteckend, daß es geradezu Leichtsinn wäre, sich +unnötig mitten in die Gefahr zu begeben.--" + +"Unnötig, Mama? Sollen wir uns nicht der Armen und Notleidenden +annehmen?" + +"Ja, ja, Imgjor! In solchen Antworten liegen deine Phantastereien. Die +Beschäftigung mit dem Idealsten in der Welt kann verderblich statt +segensreich wirken, wenn es eine verkehrte Hand zu ungeeigneter Zeit ins +Praktische zu übertragen sucht. + +Wie nun, wenn wir dich gewähren lassen und alle hier von einer +Ansteckung befallen werden, wenn gar die Krankheit einen tötlichen +Ausgang nimmt? Meinst du, daß die vom Dorfe heraufeilen werden, um uns +zu pflegen, selbst wenn wir verkündeten, wir erwarteten, daß sie es thun +möchten? Keiner, der Pastor ausgenommen, der stillschweigend mit seinem +Amt solche Samariterpflichten gegen die Gemeinde übernommen hat, wird +auch nur auf den Gedanken geraten. Und darin steckt's! Fortwährend wird +von den Bauern der Anspruch an Opferwilligkeit von unserer Seite +erhoben, und nach Kräften wird diesem Anspruch von den besser Gesinnten +entsprochen. Aber wer hilft dem Gutsherrn, wenn er der Hilfe bedarf, +wenn er etwa gar verarmt? Er wird vergeblich die Hände ausstrecken. Du +solltest endlich deine Vernunft gebrauchen, statt solchen Gefühlsideen +blindlings Gefolgschaft zu leisten. Stehen wir dir denn näher oder die +in Kneedeholm? Ja, wenn's wirklich erforderlich wäre! Aber im Dorf haben +sie Menschen und Kräfte genug, sich gegenseitig auszuhelfen!" + +"Ich kann ja in Kneedeholm bleiben, bis alles sich gewendet hat, Mama. +So bringe ich euch in keine Gefahr--" fiel Imgjor, ohne dem von ihrer +Mutter allgemein Gesprochenen eine Antwort zu erteilen, mit trotziger +Beharrlichkeit ein. + +"Nein!" erklärte nun auch der Graf, bevor die Gräfin zu weiterer Rede +anzuheben vermochte. "Auch ich verbiete dir das Betreten des Dorfes für +die nächste Zeit, schon deshalb weil ich nicht wünsche, daß du ferner +mit Prestö in Berührung gelangst, und das wäre bei solcher Thätigkeit +unvermeidlich. Eben lese ich in der 'Orebye Tidende', was der Monsieur +dort vorgestern in einer Versammlung meiner Bauern zusammengesprochen +hat. Es ist ja die vollkommene Aufreizung gegen den Landadel. Schon +heute würde ich ihn zur Rede gestellt haben, wenn nicht unten die +Epidemie ausgebrochen wäre. Ist sie aber beseitigt, so mag er gehen. Ich +will ihn hier nicht mehr haben!" + +"Kannst du ihn gehen heißen, Papa? Er steht doch nicht in deinem Dienst! +Er kann doch seine Thätigkeit aufnehmen, wo er will. Höchstens als Arzt +fürs Schloß kannst du ihn abschaffen--" + +"Die Entscheidung darüber wirst du mir gefälligst überlassen, meine +Liebe! Ich habe deine Belehrungen nicht erbeten und erkläre sie für +völlig unpassend. Aber da aus ihnen und aus deiner fortwährenden +straffen Parteinahme für diesen Herrn sich nur noch mehr erhärtet, +welches Gift es für dich ist, mit ihm in Beziehungen zu bleiben--ihm, +gerade ihm, haben wir offenbar deine Bauernfreundlichkeit auf Kosten des +Wohlergehens deiner eigenen Familie zu verdanken--so erscheint mir der +Zeitpunkt gekommen, daß du einmal Rankholm verläßt und in Verhältnisse +gelangst, die dich solchen Beeinflussungen gründlich entziehen.--Nicht +wahr, du bist auch neulich in Oerebye gewesen?" + +Imgjor sah ihren Vater fest und ohne eine Miene zu verziehen an; nur in +den Augen zitterte etwas, das auf die Regungen ihres Innern Schlüsse +ziehen ließ. Aber sie antwortete nicht. + +"Ich las Ihre ausgezeichnete Rede, für die ich Ihnen noch aus vollem +Herzen danken wollte, lieber Graf Dehn--" fuhr der Graf, ohne auf einer +besonderen Bestätigung der an seine Tochter gerichteten Frage zu +beharren, zu Axel gewendet fort: "Sie vermögen Auskunft zu geben, ob +meine Tochter dort war--?" + +"Nein, Herr Graf! Ich vermag darüber nichts zu sagen. Aber ich danke +Ihnen für Ihr gütiges Lob. Ich bin sehr glücklich, daß Ihnen die +Ausführungen, zu denen ich infolge der Rede des Doktor Prestö gedrängt +wurde, gefallen haben." + +In Imgjors Angesicht zuckte es bei Axels Worten auf, aber sie lohnte ihm +seine Ritterlichkeit auch nicht einmal durch einen Blick. + +Wohl aber reckte sie plötzlich den Oberkörper empor und sagte mit großer +Entschiedenheit im Ton: "Ich werde nachher auf dein Zimmer kommen, Papa. +Ich bitte, daß du es erlaubst. Dort werde ich dir auf alles Antwort +geben. Jetzt, jetzt gestatte, daß ich mich entferne." + +Nach diesen Sätzen richtete sie sich, die Serviette von sich streifend, +empor und war bereits an der Thür, bevor der Graf sie zu hindern +vermochte. Aber sie hatte nicht mit der Gräfin gerechnet. + +"Ich möchte dich jetzt gleich sprechen, Imgjor! Bleibe!" befahl sie. + +"Ich wünsche an der Unterredung teilzunehmen. Ohnehin ist es Zeit, +aufzustehen. Sie gestatten, lieber Graf Dehn! Und es ist dir recht, +Lavard?" fügte die Gräfin biegsam im Ton hinzu und wußte den anfangs +etwas zögernden Grafen zur Beipflichtung zu veranlassen. + +Infolge dessen erhoben sich alle; und alle richteten jetzt den Blick auf +Imgjor. Sie aber stand wie ein Marmorbild an der Thür und erst, als ihre +Mutter eine Bewegung machte, durch die sie ihren Befehl wiederholte, +schoß etwas in ihre Augen, das den unheimlichen Glanz eines unbeugsamen +Willens besaß. + +Alsdann reichten jene, mit Ausnahme von Imgjor, dem Grafen Dehn +vertraulich die Hand und verließen das Gemach, und nur Lucile, die +begierig nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte, das der Graf, ihr Papa, +bei seiner Rede aus der Tasche gezogen, blieb noch im Zimmer. + +"Ich kann es kaum erwarten, zu lesen, wie Sie dem widerwärtigen Menschen +entgegengetreten sind, Graf Dehn!" begann sie. "Und wie finden Sie +Imgjors Benehmen?" fuhr sie fort. "Ist es nicht unerhört, in welcher +Weise sie die Rücksichten gegen ihre eigene Familie bei Seite schieben +will? Ich muß sagen, ich stehe ganz auf Mamas Seite. Und es geschieht ja +auch nun ohne unsere Einwirkung das, was Sie als erforderlich +bezeichneten. Imgjor wird--ich hoffe, daß Papa darauf besteht--Rankholm +verlassen. Was wird nun aber aus Ihnen, lieber Graf! Werden Sie es +allein mit uns aushalten können?" + +"Sie wissen, wie ich über Sie alle denke, wie sehr ich Sie alle schätze +und verehre, Komtesse. Das ist meine Antwort. Aber etwas anderes drängt +sich mir auf. Wohin wird man Ihr Fräulein Schwester schicken? Soll sie +Nutzen haben von einer Entfernung, muß sie in keine Umgebung gelangen, +wo man ihr schroff entgegentritt. Man muß ihr mit Güte begegnen und +versuchen, sie allmählich von dem Unwert ihrer übertriebenen Ideen zu +überzeugen." + +"Ja, Sie haben Recht, Graf Dehn. Was raten Sie?" + +Ich kenne Ihre Beziehungen nicht, Komtesse. Ich wüßte aber ein Haus, +wo--" + +"Nun?" + +"Bei meinen Eltern in Dresden. Sie würden die Komtesse mit Freuden +aufnehmen!" + +In Luciles Angesicht, die wohl aus besserer Ueberzeugung schroff gegen +ihre Schwester auftreten konnte, sie aber trotzdem zärtlich liebte, +blitzte es auf. + +"Ja, ja! Das wäre eine Idee, eine vortreffliche!" stieß sie heraus. +"Gleich will ich mit den Eltern darüber sprechen, wenn wirklich den +Ihrigen ein solcher Plan genehm sein würde." + +"Meine Eltern werden sehr glücklich sein--" entgegnete Axel, "wenn Sie +ihnen Gelegenheit geben, ihre freundschaftlichen Empfindungen zu +bethätigen. Darüber besteht kein Zweifel.--Aber ob Komtesse Imgjor damit +einverstanden sein wird, ist mir sehr zweifelhaft, Komtesse. Ich +fürchte, sie wird sich weigern, bei der Familie desjenigen +Gastfreundschaft entgegenzunehmen, gegen den sie so unzweideutige +Beweise ihrer Abneigung an den Tag legt. Ich fürchte sogar, daß sie mich +seit den letzten Vorgängen haßt--" + +Lucile schüttelte diesmal nur sanft den Kopf und sah Axel mit einem +Ausdruck an, als ob sie sich über die tiefere Bedeutung des von ihm +Gesagten unterrichten müsse. Und dann noch einmal, aber sie entgegnete +nichts. + + * * * * * + +Daß Imgjor zu dem Doktor Prestö hielt, hatte die Versammlung in Oerebye +und hatten die übrigen früheren und neueren Vorgänge bewiesen. Aber ob +ein Liebesverhältnis zwischen ihnen bestand, war noch nicht aufgeklärt. +Dieser Umstand ließ Graf Dehn alle seine Gedanken darauf richten, wie er +es anstellen könne, sich darüber eine Gewißheit zu verschaffen. + +Da er Zeuge der Verabredung zwischen Imgjor und Prestö gewesen, hatte er +hin und her überlegt, wo diese Zusammenkunft wohl stattfinden werde, und +immer wieder war er zu dem Ergebnis gelangt, daß der von ihm entdeckte +Gang im Turm, dessen Aus- und Einmündung er in der Folge nachgespürt, +dabei eine Rolle spiele. + +In der nach dem Garten gerichteten Seite dieses Zwischenbaues befand +sich eine kleine, von Epheu umrankte, offenbar sonst seit +Menschengedenken nicht mehr geöffnete Thür. Sie führte sicher zu dem +Vorzimmer von Imgjors Räumen; von hier ging die dort mündende, zwischen +der dicken, mit Lichtspalten versehene Mauer eingefügte Treppe aus. + +Und dieser Teil der Turmseite selbst war hinter dichtem Gebüsch +verborgen; niemand achtete auf diesen verdeckten Winkel. + +Auch Axel würde schwerlich jemals dorthin einen Blick geworfen haben, +wenn er nicht von solchen Voraussetzungen ausgegangen wäre. + +Vom Dorf zweigte sich außer dem Fahrwege ein Pfad über die Wiese nach +dem Gutsgebiet ab. Ihn benutzten die Fußgänger von Kneedeholm und die +von Rankholm vorzugsweise. Er führte direkt auf den neben dem Schloß zur +Rechten liegenden Arbeitsgutshof. Hier befanden sich die Wohnhäuser der +Beamten, und ihn umkränzten in weitem Umfange die Gebäude der Meierei, +die Kuh-, Pferde- und Schafställe, die Brauerei, das Dampfmaschinenhaus, +die Remisen für die Herrschafts- und Arbeitswagen und die Häuser für die +zahlreichen Arbeiterschaften. + +Auf diesem Hof, hinter einer gleich den Eingang flankierenden Scheune, +beschloß Graf Dehn abends zunächst Posto zu fassen, um Prestös Ankunft +zu beobachten und dessen Schritte zu verfolgen. + +Es gab nur diesen einen, direkt zum Park führenden Weg, und falls Prestö +überhaupt kam, mußte er ihn einschlagen. + +Zwischen dem Frühstück und dem Tischgang machte Graf Dehn mit dem Grafen +einen längeren Spazierritt. Letzterer sprach bei dieser Gelegenheit wohl +auch über Imgjor, aber er äußerte nichts über Inhalt und Verlauf der +Unterredung mit ihr. Es machte Axel den Eindruck, als ob Imgjor ein +Schweigen über ihre Angelegenheiten gefordert habe. + +"Wir sprechen noch näher darüber!" hatte der Graf geschlossen. "Ich +komme mit Ihrer Erlaubnis auch noch auf das von Ihnen meiner Tochter +Lucile gemachte gütige Anerbieten zurück. Ich möchte vor entscheidenden +Schritten erst einmal die Klarheit besitzen, die ich bisher nicht +gewonnen habe. + +Auf dem Plan steht auch, daß wir alle Rankholm verlassen und einige +Zeit, etwa vier bis sechs Wochen, nach Kopenhagen übersiedeln. Sie +wissen, daß wir dort ein eigenes Palais besitzen. + +Natürlich--Sie begleiten uns! Sie bleiben unser Gast! Nur unter der +Bedingung verlassen wir Rankholm." + +Später kam der Graf auf die Versammlung in Oerebye zu sprechen. + +"Jeder Gutsherr--" erklärte er--"muß seinen Herd und sein Eigentum +schützen. Thun das alle, halten sie eben so fest zusammen, wie +diejenigen, die übertriebene Forderungen erheben, so wird die +gegenwärtige Bauernbewegung auf ein verständiges Maß herabgedrückt +werden. Den Schutz erkenne ich in der rücksichtslosen Entfernung aller +Ruhestörer, der Erhaltung geordneter Zustände, in einem möglichsten +Entgegenkommen gegen diejenigen, die uns mit verständigen Vorschlägen +zur Verbesserung der Lage der Bauern und Landarbeiter gegenübertreten--" + +Diese Worte bewiesen, daß Graf Knut in seinem gelegentlich gefällten +Urteil über den Grafen recht hatte. Nur dessen ungemessene, in +besinnungslosen Jähzorn ausartende Heftigkeit hatte er getadelt. + +"Die Lavards sind alle besonders. Sie besitzen eine Starke Eigenart!" +hatte er geäußert. "Bei den meisten überwiegt Genialität und Energie, +bei anderen neben hoher Intelligenz starke Erregbarkeit und Hang zum +luxuriösen Wohlleben. Den hat der Graf lange abgestreift, aber das +leicht erregte Blut wird ihm bleiben bis zum Tode, und das hat ihm und +anderen schon viel Herzeleid gebracht." + +Imgjor erschien nicht bei Tisch. Dagegen hatte sich Graf Knut +eingestellt und wegen der immer stärker um sich greifenden Epidemie im +Dorfe eine länger andauernde Gastfreundschaft erbeten. + +Er regte, wie immer, durch seine gute Laune und seine frische +Lebendigkeit die Gesellschaft an, und da auch Graf Dehn gewohnheitsmäßig +einen lebhaften Geist entfaltete, verflossen die Stunden bis zur +Schlafzeit in der angenehmsten Weise. Nach Tisch, nach einer längeren +Promenade im Park, setzte sich die Gräfin mit dem Grafen Dehn an den +Schachtisch, und die beiden Herren spielten eine Partie Pikett. Bei +dieser Gelegenheit brach jene das von ihr bis dahin beobachtete +Schweigen und erzählte Axel, daß Imgjor die Forderung gestellt habe, daß +ihr ihr Erbteil ausgezahlt und völlige Bewegungsfreiheit eingeräumt +werde. + +"Sie sollen morgen alles und noch anderes erfahren--" sagte sie. "Mein +Mann könnte hören, was ich spreche. Er wünscht, daß die Dinge +einstweilen nicht berührt werden--" schloß sie mit gedämpfter Stimme. + +Zu einer Gegenrede, namentlich zu einer Frage, ob Imgjor engere +Beziehungen zu Prestö eingeräumt habe, vermochte Graf Dehn nicht zu +gelangen. + +Zum Thee erschien Imgjor, und auch an dem heutigen Abend trug sie--Axel +schob's diesmal auf die bevorstehende Zusammenkunft mit Prestö, für +welche helle Gewänder nicht geeignet waren,--ein dunkles Kleid. Sie sah +wieder anbetungswert schön aus und kehrte gegen den Grafen Knut ein +neckisch anschmiegendes Wesen heraus. + +Zum erstenmal sang sie auf Graf Knuts wiederholte, dringende Bitte +einige Lieder. Graf Dehn befand sich, während er ihren Vorträgen +lauschte, in einer Art von Verzauberung. Sein Ich lag in ihren Banden. +Etwas Aehnliches, die Seele Bewegendes, Ergreifenderes konnte man nicht +hören. + +Alle Register, das Gemüt zu rühren und dem Ohr die höchsten, +einschmeichelndsten Wohllaute darzubieten, standen ihr zur Verfügung. +Man jauchzte und weinte mit ihr. + +Und wie niemals in ihrem Thun und Wesen das Bestreben zum Ausdruck +gelangte, sich irgendwie besonders zur Geltung zu bringen, durch die ihr +von der Natur zuerteilten Gaben Beifall oder gar Bewunderung +einzuernten, so war's auch heute. Sie war frei von jeder Eitelkeit. +Jedem Spiegel ging sie vorüber. Sich besonders zu schmücken, mußte sie +jedesmal aufgefordert werden, und doch besaß sie, wie Lucile geäußert +hatte, Gewänder, die Königinnen tragen konnten. Sie war mit ihrem +blendenden Hals, ihren schneeigen Armen, ihrer Psychebüste, ihrem +vollendeten Wuchs und ihrer vornehmen Haltung ein Wunderwerk der Natur. + +Und sie so zu sehen, stand Axel in den nächsten Tagen auf Rankholm +bevor. + +Die Gräfin hatte darauf bestanden, daß der von ihr geplante Ball noch +vor der Abreise nach Kopenhagen Stattfinde. Schon am nächsten Morgen +sollten die Einladungen erfolgen und die Antworten durch abzusendende +Stafetten gleich eingeholt werden. + +"Noch eins! Ich bitte recht sehr, Komtesse!" drängte Graf Knut, nachdem +Imgjor zwei Lieder gesungen hatte. "Singen Sie gütigst zum Schluß noch +mein Lieblingslied!"-- + +"Ihr Lieblingslied? Ich weiß nicht--Welches ist's, Herr Graf?" gab +Imgjor erst zögernd, dann, durch seine Blicke willfährig gemacht, +zurück. Und "Ach ja--gewiß--ich weiß jetzt!" fügte sie dann äußerst +bereitwillig hinzu, bat Lucile, sie zu begleiten, und sang nun ein +kleines, in meinem ungestümen Tempo sich bewegendes andalusisches Lied: + + "Einmal möcht', daß die Traumgedanken + Sich verwandelten in Wirklichkeit! + Einmal möcht' ich aus den Schranken + Eingeh'n in die Seligkeit! + + Seligkeit sind deine Lippen! + Seligkeit ist deine Brust! + Schenk, o Gott, der durst'gen Seele, + _Einmal_ diese trunk'ne Lust!" + +Imgjor trug diese Verse mit einer solchen Verve des Ausdrucks vor, in +ihren Augen erschien ein solch' überirdisches Feuer und ihr geöffneter +Mund atmete eine solche verzehrende Sehnsucht, daß Graf Dehn, dem heiße +Ströme durch die Glieder jagten, dabei an Luciles Worte erinnert ward. +Sie hatte gesagt, daß hinter Imgjors kalt gemessenem Wesen heiße Flammen +verborgen seien. Aber als sie dann wieder mit ihrem stumm verschlossenen +Wesen vom Piano zurücktrat und gleich darauf gute Nacht sagte, Graf +Knuts lautem Lob mit einer sanft bescheidenen Miene und von Graf Dehns +stummer Bewunderung keine Notiz nahm, ergriffen ihn doch wieder Zweifel, +ob sie bei diesem Vortrage wirklich Gleiches auch empfunden habe. Sie +stellte sich offenbar nur in den Dienst ihrer Aufgabe. Ihre Gedanken und +Sinne richteten sich sicher auf etwas ganz anderes. Ihr Inneres +durchrieselte keine Leidenschaft für Prestö, sondern sie erfüllte jene +Märtyrerliebe zur Menschheit, die sich selbst ans Kreuz schlägt. Alles, +wenn's auch vielleicht einmal in ihr aufflammte, dämmte sie, diesem +Dienst geweiht, zurück. Aber um so mehr verzehrte Graf Dehn das +Verlangen, nun endlich Gewißheit zu erlangen. Sobald es irgend +schicklich erschien, schützte er Kopfschmerzen und Müdigkeit vor und +empfahl sich. + +Nachdem er sich in seinen Gemächern möglichst dunkel gekleidet, benutzte +er einen ihm alle Zeit zu Gebote stehenden Schlüssel zur Hauptthür des +Schlosses, betrat den Hof und den diesen und die Gärten verbindenden +offenen Durchgang, versicherte sich, daß in Imgjors Zimmern noch Licht +brannte, und begab sich zunächst zu der hinter den Bosketts befindlichen +Turmpforte. Als er jedoch die Hand auf den Drücker legte, gab dieser +nicht nach. Er schloß daraus, daß Prestö noch nicht eingetroffen sei und +eilte nun vorsichtig zur Rechten auf den Arbeitshof. Er lag in einem +gleichsam geisterhaften Dunkel. Eben hatte sich der Mond, der bis dahin +ein schwaches Licht verbreitet hatte, hinter schwarze Wolkenmassen +geschoben. Aber Graf Dehn wurde dadurch nicht gehindert. Er kannte den +Weg und betrat alsbald die Eckgrenze des Hofes und des Fußpfades, der +hier in das Thal hinabführte. + +Bevor er hinter der großen Scheune Posto faßte, spähte er noch einmal +vorsichtig in das Dorf hinab. + +Aber vorläufig vernahm und sah er nichts. Auch drunten lag die Welt in +einem mystisch unheimlichen Dunkel und in jenem Schweigen, das häufig +einer gewaltigen Aufregung in der Natur voranzugehen pflegt.-- + + * * * * * + +Fast eine halbe Stunde stand Graf Dehn auf seinem Beobachtungsposten, +ohne daß etwas geschah. Er hörte die Uhr vom Schlosse zehn schlagen, und +später dröhnte eintönig auch der einzelne Schlag, der den ferneren +Verlauf einer Viertelstunde verkündete, zu ihm herüber.-- + +Aber dann rührte sich etwas, jedoch nicht von der Dorfgegend her, +sondern auf dem Hofe. + +Von der Gartenseite her drang das Geräusch von Schritten an sein Ohr. +Anfänglich nahm Graf Dehn an, daß es der Wächter sei. Es beunruhigte ihn +dessen Kommen insofern, als der ihn begleitende Hund sehr wachsam war. +Aber es war nicht der Wächter, der sich dem versteckt Harrenden näherte, +sondern die Umrisse einer weiblichen Erscheinung tauchten vor den Augen +des mit seinen Blicken die Dunkelheit durchdringenden Mannes auf. + +Und keinem Zweifel unterlag's--es war Imgjor, die, sicher beunruhigt +durch Prestös langes Fortbleiben, ihre Gemächer verlassen und sich in +die Nacht hinausgewagt hatte. + +Ein heißes Feuer loderte in dem Manne auf. Er hatte Mühe, sein +klopfendes Herz zu bezwingen, als sie nun demselben Orte zuschritt, an +dem er sich befand, zuletzt sogar--nur eine Armlänge von ihm +entfernt--ihre Bewegungen hemmte und unbeweglich stehen blieb. + +Eine Welt, Himmel und Erde, wären sie sein gewesen, hätte er darum +gegeben, wenn sie, die da unruhig ins Thal hinab spähte, um seinetwillen +sich durch die Nacht geschlichen, um seinetwillen hier verharrt und +sehnsüchtig aufgeseufzt hätte. + +Einmal schien's, als ob sie sich anschicken wolle, ins Dorf +hinabzusteigen. Aber sie besann sich, wanderte hin und her und holte nur +mehreremal, von Unruhe übermannt, tief Atem. Aber auch ein Hüsteln, das +sie vergeblich zu dämpfen suchte, befiel sie. Offenbar von der Nachtluft +unsanft berührt, zog sie das Tuch, das sie um ihre Glieder geschlungen, +fester um sich, und rascher wurden ihre Schritte. + +Aber nun befiel auch Axel ein Kehlkitzel. + +Trotz heftigen Widerstands löste sich ein Laut aus seiner Brust, und +Imgjor wich--er sah's von seinem Versteck aus--angstvoll erschrocken +zurück. Aber nur für Sekunden. Dann leuchteten ihre funkelnden Augen +durch die Nacht und richteten sich furchtlos spähend dahin, woher der +Ton zu ihr gedrungen. + +Schon glaubte sich Graf Dehn entdeckt und blitzschnell überlegte er, ob +er sich ihrem Gesichtskreis durch ein rasches Entfernen entziehen oder +sich zu erkennen geben solle, als zu seiner glücklichen Befriedigung +fast gleichzeitig ein Geräusch--das Geräusch der Schritte einer eilig +den Berg hinaufklimmenden Person--beider Ohr traf, und gleich darauf +auch schon Prestö mit hastig gedämpfter Stimme auf die ihm rasch +Entgegeneilende einsprach: + +"Bist du's, Imgjor? Ah, Gottlob! Schon war ich in großer Sorge. Wie +steht's, meine Imgjor? Habe Dank, daß du hergekommen bist! Aber ich +vermochte nicht früher zu kommen, bis jetzt war ich bei Kranken und +Sterbenden--" + +Andere Worte, die er sprach, verschlangen die Nacht und die Entfernung. +Einem übereinstimmenden Antrieb folgend, nahmen beide den Weg gegenüber +zu den Wirtschaftsgebäuden, und unter dem Schutz ihrer dunklen Mauern +und Dächer schritten sie dem Schloßgarten zu. Und Graf Dehn folgte ihnen +in angemessenem Abstand, und als sie sich in seiner Laube niederließen, +wußte er sich hinzuschleichen, um zu hören, was sie redeten. + +Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß Imgjor einwilligen wollte, +Prestö anzugehören, wenn zweierlei Bedingungen sich erfüllten. Er sollte +sich ganz in den Dienst der neuen Sache stellen, und er sollte ihr +nachweisen, daß seine jetzige Braut selbst die Beziehungen zwischen ihm +und ihr lösen wolle. + +"Immer wieder muß ich es dir sagen, daß ich trotz meiner Liebe ein +anderes Glück nicht zerstören will. Um solchen Preis will ich +verzichten, muß ich entsagen! Ich würde nie froh werden können. Aus +Schlechtem kann nichts Gutes entstehen.--" + +Und immer von neuem Beteuerungen von seiner Seite, daß sie ihm glauben +möge. Besondere Beweise beizubringen, sei unmöglich, weil seine frühere +Braut überhaupt nicht mehr schreibe und frühere Zuschriften von ihrer +Hand im Zorn von ihm vernichtet seien. + +"Ich bin frei, Imgjor! Glaube mir doch! Was willst du mehr? Sie ist +meiner Liebe nicht wert. Ich hatte sie schon aufgegeben, bevor wir uns +fanden--" + +"Lass' mich sie selbst sprechen! Höre ich aus ihrem Munde, daß sie dich +frei giebt, gleichviel aus welchem Grunde, gehöre ich dir!--Ich darf, +ich kann nicht anders, mein Freund! Es ist gegen meine Natur--" + +Und dann wieder er. Er wisse nicht, ob jene sich überhaupt noch in +Kopenhagen aufhalte. Sie habe die Absicht gehabt, als Erzieherin nach +Lyon zu gehen. Sie sei sicher schon dort. Er wisse ihre Adresse nicht +und könne, da sie keinen Anhang habe, solche nicht ermitteln. + +"So lass' mich an sie schreiben. Wir werden ihren Wohnort durch die +Polizei feststellen können--" + +"Glaubst du mir denn nicht, Imgjor? Du kränkst mich durch dein +Mißtrauen--" + +"Ich glaube, daß du mich liebst und daß du mich mehr liebst als jene. +Aber im Beginn unserer Bekanntschaft sprachst du von dem Mädchen in +einem anderen Sinne und thatest einer zwischen euch eingetretenen +Entfremdung keiner Erwähnung. Diese Thatsache besteht, und daraus leite +ich ab, daß du doch vielleicht auf falschem Wege bist, nicht aus +verwerflichen Gründen, vielmehr unter dem Einfluß deiner Liebe zu mir, +welche dir die Dinge in einem für dich günstigen Lichte erscheinen läßt. +Weshalb scheust du die Probe? Willst du mit Unrecht beginnen? Muß dir +nicht auch an Klarheit liegen, mein teurer Freund?" + +"Dich kann die rechte Liebe zu mir nicht beseelen, wenn du mich einer +Schlechtigkeit für fähig hältst, Imgjor! Ich sag' es noch einmal: Ich +kann und will jene nicht, und ich habe aus ihren Briefen die +Ueberzeugung gewonnen, daß sie auch nur noch Zwang an mich fesselt." + +"Siehst du also, mein Freund, du besitzest keine unbedingte Sicherheit! +Lasse uns diese erwerben, und wir werden unsern Bund schließen. Will ich +denn etwas anderes, als unser volles Glück, erstrebe ich etwas anderes, +als daß wir es in unserer Liebe und in der Hingabe an unsere Ziele +finden?" + +So und ähnlich gingen die Worte zwischen ihnen hin und her, und nach +Beendigung dieses Gesprächs, das mit derselben wiederholten Forderung +Imgjors ausklang, erzählte Prestö von der im Dorf um sich greifenden +Epidemie. Er betonte, daß es richtiger sei, den Ort zu meiden. Größte +Vorsicht sei erforderlich. Er, der Arzt, habe die Krankheit früher +gehabt und sei deshalb immun, aber sie, Imgjor, möge--so edelmütig ihre +Absichten auch seien--sich keiner Gefahr aussetzen. + +Auf ein weiteres Horchen verzichtete Graf Dehn. Was er wissen wollte, +hatte er soeben vernommen. Zeuge ihrer Zärtlichkeit zu sein, vermochte +er nicht. Er litt ohnehin namenlos, als Prestö sie in trunkener +Leidenschaft an sich zog und sie sich mit einem stöhnenden, halb +hingebenden, halb bangherzigen Laut an ihn schmiegte. Das Innere voll +Erregung kehrte er durch den Garten nach dem Schlosse zurück. + + * * * * * + +Der nächste Tag brachte Axel abermals eine große, mit peinlichen +Eindrücken verbundene Ueberraschung. Als er mittags nach einem +Spaziergang sein Zimmer betrat, fand er wiederum einen Brief von Imgjors +Hand auf seinem Schreibtisch. Er lautete: + +"Noch einmal rufe ich den Kavalier in Ihnen an, Graf Dehn! Ich bitte, +verlassen Sie Rankholm oder befreien Sie mich von dem unerträglichen +Druck Ihrer zwecklosen und unerbetenen Observationen. Ich wiederhole +damit eine schon früher ausgesprochene Bitte!" + +Lange wanderte Graf Dehn nach dem Lesen dieses Schriftstückes auf und ab +und erging sich sowohl in Vorstellungen über die Umstände, die seine +Entdeckung herbeigeführt haben konnten, als auch in Gedanken über dieses +ihn täglich mehr fesselnde und doch für ihn verlorene, junge Geschöpf. + +Ein Roman spielte sich zwischen ihnen ab, in dem beide Teile ohne +mündlichen Austausch und persönlichen Verkehr handelten und einer Lösung +zustrebten. + +Aber vorläufig stand eine solche noch in weiter Ferne. + +Graf Dehn wollte nicht weichen und nicht verzichten. Er wollte dem +Mädchen, das mit scharfer Logik den Kern aus den Dingen zu ziehen, und +was sie zu sagen hatte, mit solcher lakonischen, von allem überflüssigem +Beiwerk befreiten Kürze von sich zu geben wußte, den Beweis liefern, daß +der von ihr begehrte Mann nichts anderes sei--jetzt stimmte er Luciles +Auffassung bei--als ein kaltherziger Selbstling, ein zugleich so +dünkelhafter Mensch, daß er sogar die ihm zu Gebote stehende +Verstellungskunst, sofern sie nicht seinen Götzen, Macht und Geld, zu +dienen hatte, verschmähte. + +Nach längerer, sorgfältiger Ueberlegung schrieb Graf Dehn die +nachfolgenden Zeilen an Imgjor: + +"Gewähren Sie mir mit Ihrem großen, guten Herzen, das sich nur mir +gegenüber so kaltherzig versteckt, dennoch die Erlaubnis, noch einige +Zeit in ihrer Nähe weilen zu dürfen! Meine Liebe und meine Bewunderung +für Sie erhalten in mir den Drang, Sie vor einem Fehlgriff zu behüten, +den Sie zu begehen im Begriff stehen. Ich wage zu sagen: Mißtrauen Sie +dem Charakter und den Beweggründen des Mannes, an den Sie, ein so +vollendetes Wesen, alle Ihre reichen Schätze verschwenden wollen, aufs +äußerste! Rechnen Sie mit der Erfahrung und der Menschenkenntnis dessen, +der Ihr wahrhafter Freund ist, der auf seine eigenen Hoffnungen +verzichtet, Sie aber wenigstens glücklich wissen möchte! Ziehen Sie, +wenn Sie ein Zusammengehen mit mir zu diesem Zwecke ablehnen, +wenigstens, ich bitte, Graf Knut zu Rate! A.D." + +Dieses Schreiben trug Axel selbst zu Imgjors Gemächern hinauf. Er +hoffte, ihre Zimmer offen zu finden. Aber sie waren verschlossen, und +der Schlüssel hing nicht mehr auf dem Haken von damals. + +Noch im Zögern, wie er es beginnen sollte, ihr das Billet zu +übermitteln, hörte er Schritte auf der Treppe, und da es keinen Ausweg +gab, nahm er kurz entschlossen seine Zuflucht zu einer Portiere, hinter +der er sich verbarg. + +Es widerstrebte ihm ein solches Verstecken, aber die Vorstellung, hier +angetroffen zu werden, machte ihm das Blut heiß. + +Gleich darauf erschien einer der Diener des Schlosses, der sonst nur im +Souterrain beschäftigt war, und klopfte, während er einen Brief aus der +Tasche zog, an Imgjors Thür. Und noch einmal, da ihm keine Antwort +wurde, und nun schon unschlüssig um sich spähend. Zuletzt schob er, +rasch überlegend, mit kräftigem Nachdruck das Schreiben durch die +Thürspalte, und nachdem das geschehen, stieg er vorsichtig wieder die +Treppe hinab. Das war also der Mann, der auch ihm, Axel, die Briefe von +Imgjor aufs Zimmer legte! Und das eben von ihm besorgte Schreiben +war--Axel zweifelte nicht daran--von Prestö! + +Während Graf Dehn noch so überlegte, trat er hinter seinem Versteck +hervor, machte es mit seinem Brief wie der Diener und nahm auch, wie +der, lautlos den Weg in sein Zimmer zurück. Sehr begierig war er, wie +ihm Imgjor bei Tisch begegnen werde. Freilich, er konnte es sich mit +Sicherheit vorhersagen. Sie verband es, wenn sie mußte, ihre Gefühle +meisterhaft zu verbergen. + +Bei Tisch ereignete sich nichts Besonderes. Es wurde vom Grafen über die +Scharlachepidemie in Kneedeholm gesprochen. Dann wurde über das +bevorstehende Fest geredet und zulegt wurde auch der Reise nach +Kopenhagen und zugleich stets in dem Sinne Erwähnung gethan, daß es +Lavards als selbstverständlich betrachteten, daß Graf Knut und Graf Dehn +sich ihnen anschließen würden. + +Imgjor war ernst und für sich wie immer, sie gab aber durch ihr +Verhalten keinen Anlaß zu irgend welcher Verstimmung. Graf Dehn +begegnete sie--wie er es vorausgesetzt hatte--mit der gewohnten +völligen Unpersönlichkeit in Blick und Wesen. + +Erst nach Tisch fand Axel Gelegenheit, die Gräfin zu sprechen. Sie +ergänzte, selbst damit beginnend, ihren jüngsten Bericht durch die +Mitteilung, daß Imgjor auf die Frage ihres Vaters, ob sie Beziehungen zu +Prestö unterhalte, erwidert habe, es sei möglich, daß sich ernste +Beziehungen zwischen ihnen entwickeln würden. Vorderhand tausche sie mit +ihm, dem sie Sympathie, Vertrauen und freundschaftliche Gefühle +entgegentrage, nur ihre gemeinsamen Ideen aus. + +"Und was erwiderten Sie beide, gnädigste Gräfin?" + +"Wir erklärten ihr, daß wir nicht nur niemals einer Verbindung zwischen +ihr und dem fatalen Menschen zustimmen, sondern alles thun würden, um +ihn--wie es schon gesagt sei--sobald wie möglich aus dem Gutsgebiet zu +entfernen." + +"Und dann? Was sagte Ihr Fräulein Tochter hierzu?" + +"Dann eben forderte sie ihr Erbteil und ihre Freiheit. Sie schlug, da +ihre Ansichten mit den unsrigen nicht mehr zusammenstimmten, eine +friedliche Trennung vor. Als mein Mann sie fragte, ob sie denn gar kein +Zusammenhangsgefühl für die Ihrigen leite, entgegnete sie: Gewiß! Aber +ich muß mein großes Ziel verfolgen; ihm gegenüber bin ich gezwungen, +diesen Regungen meines Herzens zu gebieten. Ich gehöre der Menschheit im +großen an, nicht im einzelnen. Ich bin hier ein nutzloser Esser, der +weder befriedigt und erfreut, noch selbst glücklich ist." + +"Sie wolle," schaltete ich ein, "aber doch nicht auf eine Verbindung +mit Prestö verzichten, mit einem Manne, von dem jeder ihr sage, daß er +nichts weniger als ideale, sondern nur selbstsüchtige Gedanken verfolge, +der sie sicher, wenn der erste Rausch verflogen, grenzenlos unglücklich +machen werde. Dieses Kleben an einer einzelnen unwürdigen +Persönlichkeit, zumal auf Kosten der natürlichen Rücksichten gegen die +Ihrigen, widerstreite doch den von ihr ausgesprochenen Grundsätzen +durchaus." + +"Und diese Logik entwaffnete sie nicht, Frau Gräfin?" + +"Nein. Sie erklärte, daß kein Widerspruch vorhanden sei, weil sich für +sie in Prestö der Träger der neuen Ideen verkörpere. Zu ihm ziehe sie +die übereinstimmende Ueberzeugung, aber auch der Wunsch nach einem +kräftigen Halt und einer männlichen Unterstützung für ihre Pläne. Ihre +Herzensempfindungen kämen erst in zweiter Linie in Betracht. Würde sich +herausstellen, daß sie sich nicht angehören könnten, würde sie zu +verzichten wissen. Eine Entscheidung darüber erstrebe sie. Wenn sie sich +entschlösse, ihn zu heiraten, bäte sie um gutwillige Zustimmung von +unserer Seite. Wenn nicht, müsse sie ohne diese handeln. Ihr Gewissen +spreche sie von jedem Pflichtmangel frei. Sie sei kein lebloser +Gegenstand, kein Ding, über das man ein ganzes oder beschränktes +Verfügungsrecht besitze." + + * * * * * + +Die nächstfolgenden Tage der Woche verliefen ohne besondere +Zwischenfälle. Das bevorstehende Fest nahm die Gedanken und die +Thätigkeit der Gräfin fast ganz und die des Grafen kaum minder in +Anspruch. Auch Lucile war wenig zu haben, da sie sich mit +Ueberraschungen für den Ball trug. Nur abends wurde, wie gewöhnlich, +eine Partie Boston, Pikett oder Schach gespielt, auch fanden gemeinsame +Gesprächsaustausche über die die Gesellschaft berührenden Einzelheiten +statt. + +Es trafen Zusagen und Absagen ein, und für letztere mußte noch im +letzten Augenblick Ersatz geschaffen werden. + +Da ging's ans Ueberlegen, welche Form einer nachträglichen Einladung die +schicklichste und zugleich erfolgreichste sein werde. Auch ließen +Lieferanten die Küche im Stich. Der Koch hatte seine Not geklagt, und +die Damen mußten noch Depeschen und Zuschriften entwerfen, welche +reitende Boten zu besorgen hatten. + +Als am Vorabend des Balltages eine gemeinsame Beratung wegen der +Tischordnung stattfand, stellten sich allerlei Schwierigkeiten heraus. +Diesmal saßen alle Anwesenden, auch Imgjor, um den im Wohnzimmer +befindlichen runden Sofatisch und hörten dem Grafen zu, der einen mit +sämtlichen Plätzen versehenen Entwurf vor sich hatte. + +Es fehlten Herren, und es blieb nichts anderes übrig, als noch einige +von den Gutsbeamten nachträglich hinzuzuziehen. + +Aber das war dem Grafen durchaus nicht recht, und da ihn gerade +Kleinigkeiten sehr aufbringen konnten, so ergriff ihn auch an diesem +Abend eine Starke Reizbarkeit. Er machte seinem Unmut über die ganze +Sache in einem wenig rücksichtsvollen Ton Luft. + +"Nichts klappt, und ich sehe schon kommen, daß wir statt Vergnügen +überreichlichen Verdruß von der ganzen Fête haben werden!" stieß er +heraus. "Gleich war ich gegen diese Ueberhastung. Was eilte denn die +Sache so sehr? Solche Affairen kann man nicht über's Knie brechen. Nun +haben wir's!" + +"Aber, lieber Lavard, die Dinge sind doch mit etwas gutem Willen leicht +zu arrangieren!" fiel die Gräfin besänftigend ein. "Wir laden noch den +Oberverwalter, den Oberförster, den Inspektor und den Gutsförster ein. +Dann sind wir in Ordnung." + +"Ja, ja. Aber das ist mir höchst fatal! Erst sind sie nicht gut genug. +Nun werden sie herbeikommandiert. Die Leute denken doch nach, sie haben +ihr Ehrgefühl. Aber du mußt ja immer plötzliche Launen plötzlich +befriedigen, Lucile!" + +Erst schwieg die Gräfin; sie erblaßte und schob den Kopf wortlos zurück. +Dann sagte sie in sanftem Ton: + +"Lucile kam doch früher zurück, weil wir diesen Ball geben wollten. Wir +waren uns darüber einig, daß wir ihn bei den vielen Verpflichtungen, die +wir haben, nicht länger aufschieben könnten. Als du die Reise nach +Kopenhagen anregtest, beschlossen wir gemeinsam, rasch noch die +Einladungen ergehen zu lassen. Der Vorwurf trifft mich also in keiner +Weise, Lavard." + +Von der Richtigkeit des Gesagten betroffen, schwieg der Graf. Aber sein +Mißmut wurde nicht gehoben, sondern verstärkte sich gerade durch diese +Einwände so sehr, daß er nach einem Gegenstande suchte, auf den er +seinen Mißmut ablenken konnte. Und da ihn Imgjors zu Tage tretende +Gleichgültigkeit während dieser Beratungen schon mit starkem Aerger +erfüllt hatte, da er wußte, daß sie all' dergleichen Festlichkeiten +mißbilligte und infolgedessen laut oder stumm über ihnen zu Gericht zu +sitzen sich herausnahm, so wendete er sich, seiner Gemahlin zugleich +indirekt eine Antwort erteilend, an seine Tochter und sagte: + +"Na ja, es bleibt ja dann nichts anderes übrig, und du, Imgjor, kannst +dann morgen vormittag gleich die Herren ohne ihre Frauen unter passender +Erklärung einladen!" + +Der zornige Mann verschaffte sich durch diese Worte einerseits die +Vorbefriedigung über die Antwort, die Imgjor erteilen und durch die er +sie als Partnerin gegen seine Frau gewinnen würde, andererseits fand er +Gelegenheit, das Feuer des in ihm glimmenden Vulkans über sie selbst +auszuschütten. + +Es verlief auch alles, wie er es erwartet hatte. + +"Ich halte es für unmöglich, daß wir die Herren ohne ihre Frauen +auffordern!" entgegnete sie. "Eine nachträgliche, in guter Form +vorgebrachte Einladung an die Familien werden sie nicht übel deuten. Daß +aber die Männer bloß als Figursäulen an der Tafel sitzen sollen, werden +sie sehr übel vermerken. Bei der ohnehin herrschenden gärenden Stimmung, +auch in diesen Kreisen, möchte ich dringend abra--" + +"Du hast gar keine Lehren und Anweisungen zu erteilen, sondern zu thun, +was ich dir sage!" fuhr's aus des Grafen Munde. "Wenn's richtig gemacht, +wenn darauf hingewiesen wird, daß wir keinen Platz haben, daß durch eine +gleichzeitige Invitation der Frauen unser Zweck nicht erreicht, sondern +die Situation noch verschlimmert wird, werden meine Beamten, denen ich +stets mit Güte begegne, die mir Dank schulden und durchaus kein Recht +besitzen, sich in einer gärenden Stimmung zu befinden, schon die +notwendige Rücksicht üben. Nebenbei wird das wieder eine der zahlreichen +thörichten Vorstellungen sein, mit denen du deinen Kopf anfüllst, statt +dich der näheren Pflicht zu erinnern, die du gegen deine Eltern und +deine Umgebung hast, Pflichten, die in Liebenswürdigkeit, Fügsamkeit, +Erleichterung ihrer Bürden, Teilnahme an ihrem Thun und Handeln bestehen +sollten! So, das merke dir!" + +Imgjor biß die Zähne zusammen, und man sah's, sie hätte am liebsten +einmal voll ausgeholt. Aber noch bezwang sie sich. Sie sagte nur: + +"Du äußertest doch gegen Mama gerade dieselben Bedenken wie ich, Papa. +Ich begreife deshalb nicht, daß ich nun für etwas getad--" + +"Zum Weiter, schweige jetzt und füge dich oder verlasse das +Zimmer!"--sprühte der Graf. "Ich wünsche nicht von dir im Sprechen +kontrolliert zu werden, ich wünsche keine Lehren zu empfangen. Ich +wiederhole früher Gesagtes: Ich habe grade genug! + +Und es sei dir bei dieser Gelegenheit gleich einmal notifiziert: Wenn +du nicht den Beziehungen zu dem Menschen da unten in Kneedeholm nunmehr +ein für allemal ein Ende machst, wenn du nicht abläßt von all' dem +Unsinn der Volksbeglückung, der zu keinem anderen Resultat führen wird, +als daß meine Bauern hier oben in Rankholm tafeln und Champagner +trinken, wir aber alle vor den Pflug gespannt werden, so--" + +"Deine Bauern sind Menschen, die dieselben Rechte auf Wohlfahrt und +Glück besitzen wie wir, Papa," fiel Imgjor unerschrocken ein. "Und wenn +du es wünschest, so gehe ich nur zu gern. Es deckt sich ja genau mit dem +dir jüngst vorgetragenen Ersuchen--" + +"Imgjor--ich warne dich--" rief der Graf, sprang empor und fiel fast +über seine Tochter her. Der Jähzorn hatte ihn wieder einmal bis zur +Besinnungslosigkeit gepackt, und nur durch ein rasches Dazwischentreten +der Gräfin, die Imgjor schützend in ihre Arme nahm, ward Uebles +verhütet. + +Auch Lucile, wenn schon in heftigstem Gegensatz zu ihrer Schwester, +legte ihre Hand auf des Grafen Arm und bat durch Mienen und Worte, daß +er sich besänftigen möge. + +"Laßt mich!" rief der Mann und löste sich unsanft von seiner Frau. "Wenn +ich bedenke, daß dieses Mädchen meinen Namen trägt, daß ich das +hinnehmen soll, ohne die Unverschämtheit zu züchtigen!" Und: "Weißt du, +wer du bist?" fügte er hinzu, und seine Mienen entstellten sich noch +mehr. + +Aber in diesem Moment flog die Gräfin abermals auf ihren Mann zu, faßte +ihn, der offenbar etwas sprechen wollte, was niemals enthüllt werden +durfte, und verschloß ihm mit der Rechten den Mund. + +Und nachdem das geschehen, wandte sie sich zu Imgjor, nahm sie in ihre +Arme und redete besänftigend mit gedämpfter Stimme, auf sie ein. Man +sah's, sie beschwor ihre Tochter, nachzugeben, aber man sah auch, daß es +etwas war, wogegen sich ihrer Tochter heiße Seele mit trotziger Gewalt +aufbäumte. + +"Thu's mir zu Liebe, Imgjor! Küsse ihm die Hand und bitte um Verzeihung, +daß du dich vergaßest--" mahnte sie bittend. + +Schon wollte Imgjor nachgeben. Ihr gutes Herz, durch diese liebevolle +Begegnung bezwungen, schien die Oberhand zu gewinnen, als der Graf, der +widerstrebend sich gefügt und zähneknirschend auf und abgegangen war, +bei den letzten Worten der Gräfin abermals von seinem Jähzorn erfaßt +wurde. + +"Nein, nein, Lucile, ich will's nicht in dieser Form! Sie soll kommen +und feierliche Zusagen geben für alles, was ich schon erwähnte. Sie soll +schwören, sich mit dem aufrührischen Bauernvolk da unten nie wieder +abzugeben, die Beschäftigung mit den albernen Phantastereien abzuthun, +sich ihrer Familie zu erinnern, sich ihr zu widmen, wieder die Kirche zu +besuchen, den einfältigen Glauben ihrer Kinderjahre zurückzugewinnen, +ein bescheidenes, fügsames Mädchen zu werden, statt eine Führerin des +Aufruhrs, des Unglaubens und der Sittenverachtung!" + +"Auch das wird kommen mit der Zeit, Lavard. Nimm heut' fürlieb mit ihrer +Buße für die Geschehnisse des Abends. Ich bitte--ich bitte--und, +Imgjor, hörst du nicht?--Noch einmal--thu's _mir_ zu Liebe, beuge dich +vor deinem Vater, mein liebes Kind!" + +Nun schwankte Imgjor abermals. Dann aber sagte sie, sich hoheitsvoll +aufrichtend: + +"Nein, ich kann's nicht, Mama, und ich thu's nicht. Nur die Form kann +ich bedauern, wenn ich in ihr wirklich fehlte. Alles andere entspricht +meiner innersten Ueberzeugung und ich bin kein Schilfrohr, das jeder +Wind bewegt. Ich bin ich! Ich bin Imgjor Lavard!--" + +Aber wenn bisher die Anwesenden bei den Erörterungen nur von +unbehaglichen Empfindungen beherrscht worden waren, so stockte ihnen +nunmehr das Blut. + +Wild, sprungbereit, in einer Wut, die etwas Unmenschliches an sich +hatte, stürzte der Mann auf seine Tochter zu, faßte ihre Handgelenke, +preßte das todesbleiche Geschöpf auf die Erde herab und hauchte: + +"Ja, eine Lavard! Aber--und nun sollst du es wissen--geboren von einer +Mutter, die, eine Jungfrau, ihrer Sitte und Ehre vergebend, ihren Körper +einem Kunstreiter verkaufte, einem Manne von dunkler Herkunft und +niedrigsten Gesinnungen. Aus Mitleid habe ich dich zu dem erhoben, was +du bist. Du bist nicht mein Kind. Ich habe dich als solches nur +adoptiert. Nicht meines, nicht das edle Blut der Lavards, auf das du +trotzest, fließt in deinen Adern, sondern das Zigeunerblut eines +unehrlichen Landstreichers! Und so sollst du es haben! Ich stoße dich +von mir, da du trotz aller Liebe, Zärtlichkeit und Ermahnung kein Reis +sein willst an dem Stamm meines Geschlechts, gar gegen mich, gegen +deinen Wohlthäter und Beschützer die Flinte und die Brandfackel +ergreifen willst! Geh! Geh! Lauf' in die Welt! Thu', was du willst! Aber +rechne nicht mehr auf uns und auf keinerlei Erbe, und wäre es ein +Bettel! Ich bin für dich, du bist für mich gestorben!" + +Er stieß sie von sich. Imgjor aber erhob sich rasch und eilte hinaus.-- + + * * * * * + +Der Eindruck dieser Vorgänge übte auf die Zurückbleibenden eine +beispiellose Wirkung aus. Die Gräfin war erschüttert, verwirrt und +bedrängt, daß ihr Gemahl das seit ihrer Ehe bewahrte Geheimnis in +solcher Weise und bei solcher Gelegenheit gelüftet hatte, und er selbst +erhielt bereits so viel Besinnung zurück, daß ihn ein reuevoller Aerger +ergriff, sich und sein Pflegekind mit dieser Rücksichtslosigkeit vor +fremden Zeugen preisgegeben zu haben. + +Graf Knut und Fräulein Merville empfanden ein Mitleid für Imgjor, und +Graf Dehn und Lucile waren vorläufig überhaupt nicht imstande, sich von +den Eindrücken der Ueberraschung zu erholen. + +Zunächst entfernte sich, taktvoll handelnd, Fräulein Merville. + +Nach ihr brach Graf Knut auf, nachdem er den beiden Ehegatten lediglich +stumm die Hand gedrückt hatte. + +Auch Graf Dehn wollte sich nach des Grafen Fortgang zurückziehen. Schon +erhob er sich und richtete einen bescheidenen Abschiedsblick auf die +beiden Damen. Aber beide hielten ihn durch den Ausdruck ihrer Mienen +zurück. + +"Bitte, bleiben Sie, lieber Graf! Wir wollen gemeinsam beraten. Sie +gehören zu uns!" stieß dann die Gräfin, warmherzig im Ton heraus. + +"Nicht wahr, Lavard?" + +Und als er zwar nichts erwiderte, aber, obschon finster vor sich +hinstarrend, auch nicht widersprach, fuhr sie fort: + +"Nachdem du ruhiger geworden bist, Lavard, wirst du mir erlauben, Imgjor +aufzusuchen und ihr mitzuteilen, daß du ihr nochmals Zeit zum Ueberlegen +giebst! Ich bitte dich, thu's! Indem du in solcher Art das Geheimnis +ihrer Geburt enthülltest, statt ihr in ruhiger Stunde und in völligem +Einvernehmen so Wichtiges zu eröffnen, hast du sie, fürchte ich, um so +mehr in ihren Plänen bestärkt--" + +Und einschmeichelnd, da sie sah, daß der Zeitpunkt, ihm solche +Vorhaltungen zu machen, zu früh gewählt: + +"Nein, nein, Lavard! Ich wollte dir nichts Unangenehmes sagen. Aber +meine Bitte erfülle! Ich darf Imgjor beruhigen?" + +Dennoch fiel die Antwort auf diese verständige Rede anders aus, als die +Gräfin, die ihres Mannes raschen Zorn kannte, aber auch auf seine ebenso +rasche Versöhnlichkeit bauen zu können gehofft, erwartet hatte. + +Nachdem er sich wortlos erhoben und zunächst mit langen Schritten das +Zimmer durchmessen hatte, sagte er in einem festen Ton: + +"Nein, Lucile, ich wünsche Imgjor nicht mehr entgegenzukommen. Ist sie +bereit, von dem Menschen da und ihren Thorheiten Valet zu sagen, will +ich trotz meiner beleidigten Gefühle vergeben. Sonst bleibt's bei meinen +Worten! Es wird mir wahrlich nicht leicht--und die Gründe brauche ich +nicht darzulegen--mich von diesem meinem Adoptivkind loszusagen. Ich +gedenke auch der Welt, der man nicht unnötig Schauspiele bieten soll. +Aber ich kann, darf und will nicht anders handeln. War ich aus falscher +Liebe oder an anderen in meinem Naturell begründeten Motiven oft schwach +in meinem Leben, in diesem Fall bleibe ich fest! + +Sie geht und wird ihres Erbes verlustig, wenn sie sich nicht fügt! Von +Dingen, wie sie uns solche in der letzten Unterredung vortrug, ist nicht +mehr die Rede!" + +"Gut, so werde ich mich also zu ihr begeben und in diesem Sinne mit ihr +sprechen." + +Unter diesen Worten erhob sich die Gräfin und verließ das Gemach. + +"Verzeihen Sie!" hub Graf Lavard nach seiner Gemahlin Entfernung an und +streckte Graf Dehn die Hand mit einem freimütigen Ausdruck entgegen. +"Ich hätte gewünscht, daß Ihnen andere Eindrücke auf Rankholm geworden +wären, und ich beklage, daß Sie mich in meiner Schwäche gesehen. Aber +wir Menschen bleiben abhängig von unserm Blut. Jeder hat einen kleineren +oder größeren Defekt in seinem Charakter." + +Graf Dehn drückte Lavard stumm die Rechte, Lucile aber, durch die +Selbstentäußerung ihres Vaters bezwungen, eilte gerührt auf ihn zu, +umschlang ihn und küßte ihn zärtlich auf die Wangen.-- + +Nach Verlauf von zehn Minuten trat die Gräfin bereits wieder ins Zimmer. +Sie war bleich und erregt, und ihre Mienen verkündeten nichts Gutes. + +"Nun, liebe Mama? Wie ist's geworden?" stieß Lucile heraus und richtete +mit besorgter Miene den Blick auf ihre Mutter. + +"Ich habe Imgjor garnicht sprechen, wenigstens keine Antwort erhalten +können," erklärte die Gräfin und ließ sich, sichtlich erschöpft, in +einen Sessel gleiten. "Imgjor hat heftiges Fieber. Ihr Körper brannte +förmlich, als ich bei ihr eintrat, und nun eben überkam sie ein sehr +starker Schüttelfrost. Sie hatte sich bereits ins Bett gelegt, als +Fräulein Merville sie aufsuchte. So habe ich mich denn auf Trost und +zweckmäßige Anordnungen beschränken müssen. Fräulein Merville wird die +Nacht bei ihr bleiben. Jedenfalls aber muß ein Arzt kommen. Wie soll's +nun werden, Lavard?" "Ah--" stieß der Graf, von neuem stark erregt, +heraus, und die Adern schwollen ihm in dem roten Gesicht an.--"Da haben +wir's! Natürlich ist sie doch im Dorf gewesen, und was wir voraussagten, +ist geschehen. Sie hat das Scharlach ins Schloß gebracht! Wahrlich, +unverantwortlich, strafwürdig hat sie gehandelt an sich--und an uns! Da +ist gleich ein Beweis von dem jüngst Gesagten: Das Beste in einer +ungeschickten Hand kann zum Verderben werden. Und ich füge hinzu: Das +Ungünstige, weise verwertet, kann zum Segen gereichen. Ja--welcher +Doktor? Jedenfalls soll kein Prestö jemals diese Schwelle wieder +betreten. Andreas soll sofort nach Oerebye kutschieren. Klingele, +Lucile, nach Frederik! Gleich soll er fort. Ich schreibe ein paar Zeilen +an den Physikus Mangor in Oerebye." + +Und Frederik erschien, empfing ein Billet, das der Graf in dem Kabinett +seiner Frau entworfen hatte, und eilte damit fort. + +Und nachdem das erledigt war, richteten die Anwesenden ihre Gedanken auf +das Kommende. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit unter solchen Umständen +den Ball abzuhalten, wurde erörtert. Zuletzt wurde beschlossen, die +Entscheidung von der Erklärung des Doktor Mangor abhängig zu machen. + +War er dagegen, so sollte in der Frühe alles Personal auf dem Guts- und +Arbeitshof entboten werden, um den Eingeladenen abzusagen.--Freilich, +ein umständliches vielleicht nicht einmal völlig erfolgreiches Vorhaben. + +Es waren nicht nur Gäste vom Lande, sondern auch aus den umliegenden +Städten geladen. Im linken Flügel, der an Imgjors Turmgemächer stieß, +waren alle Fremdenzimmer bereits in Stand gesetzt, und auch die unteren +rechtzeitig--oben befanden sich die Festsäle, in denen getafelt und +getanzt werden sollte--waren hergerichtet. + +Einhundertfünfzig Personen hatten Einladungen empfangen, und schon +wehten von den Türmen die Lavardschen Fahnen in den blutroten Farben, +inmitten das Familienwappen: die Faust mit dem Dolch, gezückt gegen +einen wild sich auflehnenden Geier! + + * * * * * + +Diesmal war's noch gut verlaufen. Imgjor war nicht vom Scharlach +ergriffen worden. Mangor, der noch in später Stunde erschienen war, +hatte erklärt, daß es sich nur um eine starke, aber ungefährliche +Verstimmung des Magens handle. Die Komtesse werde bei genügender Ruhe +bereits im Laufe des kommenden Tages die Unpäßlichkeit abgeschüttelt +haben. + +Und wie der Befreiung von einer schweren Sorge allezeit eine um so +Stärkere seelische Aufrichtung zu folgen pflegt, so war's auch hier. Dem +Grafen verlieh die Sicherheit, daß das Gespenst der Epidemie vom +Schlosse abgewendet war, daß er nicht nötig hatte, seinen Gästen +abzusagen, und daß somit auch Mühen und Kosten nicht umsonst gewesen, +eine gehobene Stimmung, und in dieser gab er den Bitten der Gräfin zu +einer Auseinandersetzung mit Imgjor nach. + +Nachdem Lucile und Fräulein Merville um die Mittagszeit gemeldet hatten, +daß Imgjor bereits wieder aufgestanden sei, begab sich die Gräfin zu +ihr aufs Zimmer, und in Axels Gegenwart wiederholte sie dann später +diesem und den übrigen die von dem jungen Mädchen erteilte Antwort. + +Sie wolle eine Unterredung mit Prestö möglichst bald herbeizuführen +suchen und, nachdem diese stattgefunden, ihren Eltern eine Antwort +geben. Sie bäte, ihr diese Frist noch zu gewähren, um jenem gegenüber +nicht wortbrüchig zu werden. + +Werde sie, um nicht das Glück eines anderen Mädchens zu zerstören, auf +Prestö verzichten müssen, so würde sie nochmals die Bitte aussprechen, +Rankholm verlassen und sich ihren Wirkungskreis suchen zu dürfen. Sie +wolle sich eine Samariterthätigkeit suchen, sofern ihr ein Werk im +Großen nicht zu gelingen vermöge. + +Sie schwöre dem Vater zu, daß sie ihm keine Schande machen werde. Sie +bäte, ihr zu verzeihen, wenn sie in der Form gefehlt habe, und auch +deshalb daß sie keine andere Antwort zu erteilen vermöge. + +Endlich hatte sie auf den dringenden Wunsch ihrer Pflegemutter zugesagt, +daß sie heute bei dem Feste erscheinen werde. + +Alle Anwesenden befanden sich nun in einer starken Spannung, wie sich +der Graf zu dieser Erklärung Imgjors verhalten werde. + +Gerechterweise mußte man zugestehen, daß ihre Erklärung verständig und +maßvoll war, daß sie, wenn sie sich nicht selbst verleugnen wollte, eine +andere garnicht geben konnte. + +Nach einer geraumen Frist, in welcher der Graf nachgedacht, sagte er: +"Ich gebe jetzt nur die Erlaubnis, daß sie bis zu einer Entscheidung +über ihre Beziehungen zu Prestö unter gleichen Verhältnissen wie bisher +in Rankholm bleibt, aber es ist selbstverständlich, daß sie sich während +dieser Zeit des Verkehrs mit meinen aufsässigen Bauern enthält. Kommt +noch etwas vor, dann geht sie sofort!" + +Als sich Axel später mit der Gräfin allein befand, teilte sie ihm mit, +daß Imgjor ursprünglich keineswegs in einer solchen versöhnlichen Art +gesprochen, daß sie, die Gräfin, aus Klugheit vieles verschwiegen und +ihrem Gatten nur das gesagt habe, was sie Imgjor teils nach schweren +Kämpfen abgerungen, teils noch zu erreichen hoffe.--Nur Auflehnung gegen +ihren Pflegevater habe Raum in ihr gehabt, ihr, ihrer Pflegemutter, aber +habe sie unter dem Dankgefühl für deren Verhalten in den rührendsten +Worten alle Schroffheiten, deren sie sich im Laufe der Jahre schuldig +gemacht, abgebeten. + +"Der Zufall hat Ihnen, lieber Graf,"--schloß sie ihre Rede--"enthüllt, +was ich Ihnen nach einer voranzugehenden, sorgfältigen Prüfung Ihrer +Vertrauenswürdigkeit eröffnen wollte, deshalb eröffnen wollte, damit Sie +erkennen möchten, in wie weit meine Kinder zu Vorwürfen gegen mich +berechtigt waren.--Es ist aber noch nicht alles. Das übrige sollen Sie +später aus meinem Munde vernehmen." + +Graf Dehn lohnte diese Worte mit lebhaftem Dank, dann sagte er, +gedrängt, noch mehr zu hören: "Ich bitte, wie faßt Komtesse Imgjor die +Enthüllung ihrer Geburt auf? Darüber äußerten Sie nichts, Frau Gräfin!" + +"Sie hat sich darüber nur kurz ausgelassen: Ihre Erregung beziehe sich +auf das Unrecht ihres Vaters, solche Dinge in solcher Form vor fremden +Zeugen auszusprechen. + +Ehe ich meinen Vater oder meine Mutter verdamme--äußerte sie--muß ich +wissen, wie ihr Lebensgang war, wer sie zu dem machte, was sie wurden. +Meinem Pflegevater bin ich unauslöschlichen Dank schuldig, weil er mich +nicht dem Elend und dem Zufall preisgegeben, sondern mich gehalten hat +als sein rechtes Kind. Und eben diese Dankbarkeit veranlaßt mich, mich +dir zu fügen, fürder ihm gute Worte zu geben. Diese Dankbarkeit hat mich +abgehalten, sogleich und für immer Rankholm zu verlassen. Ich wünsche in +allen meinen Handlungen möglichst gerecht zu sein, auch mich +unterzuordnen, sofern das, was gefordert wird, nicht mit meinen +Ueberzeugungen und Grundsätzen in Widerstreit steht."-- + +Und dann kam der Nachmittag, und mit ihm erfolgte das Anfahren der Gäste +im Schloßhof von Rankholm. + +War das Gut in Stille und Einsamkeit ein unvergleichlich idyllischer +Erdenfleck, so hatte es sich nun in ein buntes Zauberbild verwandelt. + +Von allen Zinnen wehten die roten Lavardschen Fahnen. Im Hofe vollzog +sich ein endlos wechselndes Durcheinander von herbeieilenden +Staatskarossen, Fuhrwerken und Landkutschen. Der Treppenaufgang war +geschmückt mit Rosenguirlanden, und da der Abend bereits im Nahen war, +flimmerten hinter allen Fenstern des mächtigen Baues hunderte und +aberhunderte von Lichtern. Und strahlendes Flammenlicht ergoß sich +später von den Kandelabern neben der Freitreppe über den ganzen Hof, und +in einem Glanzmeer schwammen die Eingänge, die Gesellschaftsgemächer und +großen Festsäle im Hauptgebäude und in den Flügeln. + +Aber auch unten in den Souterrains, wo auf den großen Herden die Speisen +dampften und schmorten, war alles voll eifrigen Lebens. Ein Heer von +weißgekleideten Köchen, buntlivrierten Dienern und Lakaien flog hin und +her, treppauf, treppab, und mischte sich unter die in ihren kostbaren +Toiletten und glänzenden Uniformen erschienenen, in den Empfangsräumen +auf und ab wogenden, laut und lebhaft schwatzenden und lachenden Gäste, +bis dann der Haushofmeister Frederik das Zeichen zum Tischgang gab und +sich sämtliche fünfundsiebzig Paare in Bewegung setzten. + +So tafelte und trank man nur in Fürstenhäusern! Ein solcher Glanz und +Prunk war entfaltet, daß selbst Axel, der sich bereits an den Ueberfluß +von Rankholm gewöhnt hatte, des Erstaunens und der Verwunderung voll +war. Tafelgeschirr stand auf den Tischen, das ganze Vermögen gekostet +hatte.--Silber, aber auch Gold überall! Selbst die Gabeln und die Griffe +der Messer blitzten in solchem edlem Metall. + +Massive Vasen und andere kunstreiche, kostbare Schaustücke mit Blumen +aus den Treibhäusern gefüllt, waren zahlreich verteilt, und silberne +Champagnerkühler, jedesmal für zwei Personen, fanden, das zischende, +unruhige Naß in goldumränderten Flaschen bergend, neben dem wundervoll +geschliffenen Krystall und Glas, das den Weinen zu dienen hatte, die bei +jedem Gang besonders gereicht wurden. + +Die Damen Lavard trugen Geschmeide von Diamanten und Perlen, die einen +schier unschätzbaren Wert besaßen, und zudem waren sie die Königinnen +des Festes. + +Die Schönste war Imgjor, die Tochter des Kunstreiters. + +Zum erstenmal sah Graf Dehn ihren reizenden Hals. Es konnte keine +gleichen Schönheitslinien, keine vollendeteren Farben geben. Sie +wetteiferten mit dem Marmorglanz der runden, weißen Arme. + +Und dazu das braunrote, sich in ungeduldigem Wachstum aufbäumende Haar, +dazu die dunkelbewimperten Augen, dazu der Körper mit seinen +schwellenden Formen, die entzückenden Hände, die schneeigen Zähne, die +von einem stürmisch pulsierenden Rot durchglühten, kleinen Ohren! Und +wenn sie lächelte--dieses hinreißende, eine unbekannte Welt von Klugheit +und Güte verheißende Lächeln! + +Und neben ihr saß, trotz seiner gegen ihre Eltern erhobenen Einwände, +Graf Dehn. + +Gleich, als er ihr den Arm geboten, hatte er eine ihrer Enttäuschung +begegnende Erklärung gegeben. + +"Es war der Wunsch des Herrn Grafen, daß ich Sie führen sollte, +Komtesse! Ich bat um Ihretwillen, davon abzusehen. Es geschah, weil ich +mein Möglichstes thun wollte, um Ihrem gegen mich geäußerten Wunsch zu +entsprechen. Vielleicht bezwingen Sie dieses eine Mal Ihre Abneigung, so +lange in meiner Nähe sein zu müssen. Ich verspreche Ihnen, daß ich +versuchen werde, Ihr Ohr durch meine Worte in keiner Weise zu +verletzen." + +Schon während Graf Dehn gesprochen, hatte Imgjor den Oberkörper +zusammengeschoben und die Lippen auf einandergepreßt, als ob sie nur so +ihrer Empfindungen Herr zu werden vermöge. Aber als er dann mit einem +sanft versöhnlichen Ausdruck in ihren Zügen forschte, so eine Antwort zu +erheischen suchte, hob sie stolz das Auge zu ihm empor, sah ihn kalt an +und senkte dann wieder die Wimpern mit einer Miene wie jemand, der, weil +des anderen Gefangener, machtlos sich zu fügen hat. + +Zunächst verhielt sich Graf Dehn auf diese stumme Abwehr ebenfalls +wortlos. Aber als von der Dienerschaft bereits die Suppe gereicht worden +war, und nun Imgjor, ohne sie zu berühren, auch ferner in finsterem +Schweigen dasaß, hielt's ihn nicht länger. Zorn und Auflehnung über ihre +Kälte übermannten ihn. + +"Sie haben mich nicht einmal einer Antwort gewürdigt, Komtesse Lavard," +hub er an, nachdem er nach vorangegangener Frage, ob er einschenken +dürfe, ihr Glas gefüllt hatte. + +"Wahrlich! Wenn ich nicht so vieles von Ihnen gesehen, jetzt wieder sich +meine Meinung über Sie so vorteilhaft verstärkt hätte, ich könnte +glauben, es sei doch eines wenigstens bei Ihnen Maske--nämlich, daß Sie +ein Herz besitzen. Was that ich Ihnen? Wie begegnen Sie mir, der ich +doch der Gast Ihres Hauses bin? Wie vergelten Sie mir das, was Sie +selbst als vergeltungswert bezeichneten? Es mag Ihnen wenig vornehm +erscheinen, daß ich erwähne, wie sehr ich für Sie stets eintrat, wie +viel ich beigetragen habe, die vorhandenen Gegensätze zu mildern, auch +jetzt den Dingen einen möglichst friedlichen Charakter zu verleihen. Ich +thue es aber, weil ich Ihnen beweisen möchte, daß ich Ihr zu Thaten +bereiter Freund bin. Gewiß, Sie haben mir deutlich an den Tag gelegt, +daß Sie mich verabscheuen, Sie haben mir sogar die Schwelle des +Schlosses gewiesen--aber es drängt sich mir die Frage auf, mit welchem +Recht nach solchem Verhalten von meiner Seite? Ehrerbietung, Rücksicht +und Freundschaft habe ich Ihnen ununterbrochen entgegengetragen! +Erlauben Sie mir ein freies Wort: Sie wollen eine ganze Menschheit +beglücken und besitzen nicht einmal die Fähigkeit, sich einem einzelnen +Menschen in soweit anzubequemen, daß Sie die Gesellschaftssitten zu +beobachten vermögen, aus trotziger Voreingenommenheit, aus Zorn, daß ich +den Doktor Prestö als das hinstellte, was er ist--" + +"Nun, was ist er denn?" fiel Imgjor, deren Büste unter dem +freigeschnittenen Ballkleide in eine stürmisch tobende Bewegung geraten +war, also, daß sie schier den Saum des Gewandes zu sprengen drohte, mit +funkelnden Augen heraus. + +"Er ist ein kalter, berechnender Egoist, den nicht Liebe zur Menschheit, +sondern nur Rachsucht erfüllt, der einer anderen, der er sein Wort +verpfändet, lediglich deshalb einen Absagebrief erteilt, um die reiche +und vornehme Erbin heimzuführen. Daß letzteres sich so verhält, klang +durch seine Worte, die ich vernahm in jener Nacht. Nur Sie, in Ihrer +blinden Liebe, entraten der Fähigkeit, ihn zu durchschauen, ihm, wie +sonst den Menschen, ins Herz zu blicken und es auf seinen wahrhaftigen +Wert zu prüfen." + +"Ich bestreite jede Ihrer Behauptungen, Herr Graf Dehn. Und wenig +vornehm ist es in der That--Sie mögen es hören!--zu horchen, und ebenso +unkavaliermäßig, auf bloße Eindrücke hin einen Ehrenmann derartig zu +verdächtigen. Und da Sie es wissen wollen: Meine Abneigung gegen Sie +leitet sich uns der Thatsache her, daß, im Gegensatz zu Ihrem +Selbstlobe, mit Ihrem Eintritt in Rankholm sich alles, was mir Freude +und Hoffnung war und was mir Erfüllung schien, in Leid verwandelt hat. +Sie haben von vorneherein gegen Herrn Doktor Prestö Front gemacht, +deshalb gleich ohne Zwang und Not den Gast herabgesetzt, weil er anders +geartet als Sie, sich anders gab als Sie, weil er sich Ihrer +hochgeborenen Erhabenheit nicht unterordnete, weil er gleich an den Tag +legte, daß es für ihn nur Menschen, keine Bauern und keinen Landadel +giebt, weil Sie herausfühlten, daß ich ihm gut war, daß ich ihn Ihnen +vorzog. Und dann haben sich die Meinungen meiner Familie täglich mehr +gegen ihn gekehrt. Früher fand man ihn wohl etwas schroff, aber man +lobte sein kräftiges Selbstgefühl! Man schätzte es hoch, weil es +Charakter und Männlichkeit verriet. Stets stand er voran, wenn es sich +um Einladungen in unser Haus handelte. Als Arzt wußten ihn alle nicht +genug zu loben, und man gewährte mir auch ohne Einschränkungen den +freien Verkehr mit diesem aufgeklärten und zielbewußten Manne. Heute +würde mein Pflegevater ihn am liebsten töten; meine Pflegemutter und +Lucile hassen ihn. Ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich plötzlich +eine Ausgestoßene, Enterbte bin, während ich meinen mir zukommenden +Besitz in den Dienst der großen Sache stellen wollte, in den Dienst der +Veredelung und Aushilfe der Armen und Elenden. So, nun wissen Sie, +weshalb ich den Augenblick verwünsche, in dem Sie über die Schwelle +traten, weshalb ich Sie wegen Ihrer unerbetenen Eingriffe in unsere +Familienangelegenheiten zu hassen ein Recht habe!--Und daß Sie, mein +Herr Graf, heute, nach alledem, noch den Mut und das Wohlgefallen +besitzen, an meiner Seite Platz zu nehmen, beweist mir, daß Sie zwar +sehr viel Selbstgefühl, aber minder Zartsinn besitzen, wenig von dem, +dessen Sie sich selbst so beredt rühmen!" + +Graf Dehn war weiß geworden wie das Leinen der Serviette, die er in +seiner Hand zerknitterte. + +Das war eine Freiheit der Rede, die neben ihrem ungerechten Inhalt, der +völlig falschen Auslegung, ja Umkehrung der Dinge, eine Maßlosigkeit +enthielt, vor der ein Kavalier einer Dame gegenüber verstummen mußte. +Indem Graf Dehn alles zusammenfaßte, was ihm an Kraft und +Selbstbeherrschung zu Gebote stand, auch zu einem ruhigen Ton und zu +äußerster Sachlichkeit sich zwang, obschon die vor Erregung zitternde +Stimme fast versagen wollte, entgegnete er: + +"Es wird eine Zeit kommen, Komtesse Lavard, in der sie erkennen werden, +wie richtig meine Urteile über die in Betracht kommende Person waren. +Sie werden auch, ich weiß es, die unverdiente, ungeheure Kränkung die +Sie mir eben zugefügt haben, abbitten. Ihr gerechtes Herz wird Sie dazu +drängen!--Doch lassen wir ruhen, was ich nur gezwungen berührte, und nur +eine Frage gestatten Sie mir noch an Sie zu richten: Wollen Sie mir eine +Unterredung gewähren, wenn sich herausstellt, daß der Mann, dem Sie im +Begriff sind, Ihr Lebensglück zu opfern, Sie täuschte?" + +"Weshalb--? Welchen Zweck soll das haben?" + +"Liegt Ihnen nicht daran, Komtesse, etwaiges Unrecht gegen mich gut zu +machen? Ist es nicht doch möglich, daß Sie mich und mein Thun falsch +beurteilen? Ist's dann nicht eine natürliche Pflicht, mir eine +Genugthuung zu gewähren? Sie wollen eine Priesterin der Wahrheit, der +Güte, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe sein und wollen schon beim +erstenmal stolpern, wo Sie die Probe auf Ihr Ich zu bestehen haben?" + +Imgjor biß erst die Zähne zusammen, dann sagte sie: "Wohlan, ich bin +bereit, Sie zu hören, wenn sich das vollzieht, was Sie hoffen--was Sie +aus dieser Hoffnung sogar zur Gewißheit erheben. Sie wird Ihnen zwar nie +werden, und wenn doch, so werde ich, das sei gesagt, nie Ihre Freundin +werden, geschweige mehr--" + +"Also, wenn Prestö sie betrog, in diesen heilig ernsten Stunden Sie +betrog, so bleibt er immer doch ein Gott und ich ein Unwürdiger, +Komtesse?" + +Imgjor reckte den Oberkörper, und in ihrem in der Erregung sich +unwillkürlich öffnenden Munde blitzten die Zähne. Dann sagte sie heftig, +und er hörte, wie sie mit ihrem mit dem weißen Seidenschuh bekleideten +Fuß ungeduldig den Fußboden berührte: + +"Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, daß Prestö mich nicht betrügen wird, +daß er ein Ehrenmann, daß er ein anderer Mann ist als die, welche sich +anmaßen, über ihn zu Gericht zu sitzen!" + +"Wohlan, Komtesse! Wenn Sie so reden, so steht Meinung gegen Meinung! +Ich behaupte, daß der Mann innerlich in demselben Augenblick von Ihnen +abfallen wird, wo er erfährt, daß Sie nicht die Tochter des Grafen, daß +Sie aus Rankholm verbannt und enterbt sind. Und da Sie nun, trotz aller +meiner fügsamen Bitten, den Frieden mir abschlagen, so will ich fürder +gegen diesen Mann rücksichtslos kämpfen! Ich will Sie kurieren, jetzt +kurieren gegen Ihren Willen!" + +Diesmal entgegnete Imgjor nichts. Sie vermochte es nicht, weil plötzlich +eine Blutwelle ihrem Munde entströmte. Die Serviette, die sie zum Munde +führte, wurde von einem unheimlichen Rot gefärbt. Schrecken ergriff die +Umsitzenden, und ehe noch Graf Dehn helfen, sich um sie bemühen oder gar +am Aufstehen hindern konnte, hatte sie den Saal verlassen. + + * * * * * + +Lange waren die Klänge der Violinen, der Flöten, und Baßgeigen +verklungen. Seit einer Stunde waren sogar die Lichter in dem mächtigen +Rankholmer Schloß mit all' seinen zahlreichen Räumen erloschen, und +alles lag in einem tiefen, festen Schlaf. Nur zwei Personen wachten +noch, sie fanden keinen Schlaf, und er floh sie, weil eine der anderen +unruhvoll gedachte. Freilich geschah's mit sehr verschiedenen +Empfindungen. + +Imgjor haßte nunmehr den Mann, der in ihr Leben und in ihre Pläne einen +solchen Eingriff gethan. Sie haßte ihn, obschon ihr vorurteilfreies Ich +ihr zuflüsterte, daß sie ein Unrecht begehe. Als er damals in Oerebye +die Rede gehalten, hatte sie bei sich gedacht, welch' ein wertvoller +Mann er sei. Aber sie wollte ihm schon deshalb keine Gefolgschaft +leisten, weil sie--wie sie sich vorredete--nichts Halbes, sondern etwas +Ganzes erstreben mußte. Ueberdies lag sie in dem Banne Prestös, der sie +mit den stärksten Fäden an sich zog, sie so fesselte, daß sie nicht zu +entrinnen vermochte. Der Sohn des Unterdrückten, der, gleich ihr, +aufräumen wollte mit dem Unrecht, gehörte zu ihr, und nun, nachdem sie +vernommen, daß sie selbst von jenen abstammte, welche die Armut treibt, +ihr Brot zu suchen, wo und wie sie es finden, fühlte sie sich zwiefach +mit Prestö verknüpft, hundertfältig mit ihm verbunden. + +Voll ingrimmiger Auflehnung biß sie die Zähne zusammen, als sie sich in +diesen Stunden der Nacht der letzten Worte ihres Gegners erinnerte. + +Er würde im Fall Prestö mitteilen, wer sie sei, ihn wissen lassen, daß +ihr Erbe in Gefahr stehe, sicher ihr verloren ginge, wenn sie ihm, +Prestö folge. + +Sie zitterte vor der Wirkung seiner Ausladungen aus denselben Gründen, +die sie veranlaßt hatten, an Prestö die Forderung zu stellen, ihr die +Beweise zu geben, daß er--ohne Zwang und Unrecht--frei sei. + +Ihr Verstand und die Klarheit ihres Geistes fanden auf gleicher Stufe +mit der Tiefe und der Güte ihres Herzens, die sie trieben, sich +selbstlos in den Dienst der Unterdrückten zu stellen. + +Einmal, als sie sich vorstellte, Graf Dehn könnte wirklich Recht +behalten, geriet sie in eine solche Aufregung, daß ihr Herz in +stürmischer Aufwallung pochte. + +Wenn auch Prestö einer der Millionen Durchschnittskreaturen, wenn auch +er einer der erbärmlichen Nützlichkeitsmenschen war, wenn wirklich nur +ihr Stand, ihre Schönheit und ihr großer Reichtum ihn hatte reden und +gar als Schurken gegen seine Braut handeln lassen, dann--dann--! + +Sie atmete tief, tief auf, und ihre Rechte ballte sich, als ob sie eine +Waffe fasse. + +Sie wußte nicht, was geschehen werde--ihr grauste vor sich selbst. + +Unter solchen starken seelischen Erregungen und Kämpfen, denen sich die +irrenden Gedanken über ihre Geburt unruhvoll hinzugesellten, tastete der +Tag mit noch müdem Licht an die Scheiben der Fenster und mahnte sie an +Zeit, Umstände und die noch zu erfüllenden Aufgaben. + +Sich rasch aufraffend, rückte sie sich an den Schreibtisch, stützte, +noch einmal ihre Gedanken sammelnd, das Haupt und schrieb sodann mit +fester Hand einen langen Brief erregten Inhalts an Prestö, in welchem +sie ihn am Schluß ersuchte, nur auf das zu hören, was sie ihm selbst +mitteilen werde, legte dieses Schreiben im Flur in eine versteckte Ecke, +aus welcher der von ihr insgeheim beauftragte Diener jeden Morgen in der +Frühe vorhandene Briefe an sich zu nehmen und sogleich zu besorgen +hatte, und schlüpfte alsdann in ihr Bett. + +Und als eben gerade das Gesinde sich wieder unten im Hause zu rühren +begann, fand sie endlich die Ruhe, nach welcher der erschöpfte Körper +verlangte.-- + +Anders Axel. + +Durch sein Gehirn wälzten sich die Vorstellungen über Geschehenes und +Künftiges, und lediglich die Ueberlegung, auf welche Weise er das +ausführen könne, was er sich nunmehr als fiel vorgesetzt hatte, +beschäftigte seine Gedanken. + +Er wollte sich vorläufig von der Familie Lavard nicht trennen, Prestö +als den entlarven, der er nach den von ihm in jener Nacht gewonnenen, +nunmehr mit Luciles Behauptungen übereinstimmenden Ansichten war, und +Imgjor nicht nur zu heilen, sondern mit ihrer Familie vollständig +auszusöhnen suchen.--Ob ein Preis ihm zufiel, mußte sich finden. Seine +Liebe und sein überzeugungsstarker Sinn ließen ihn nicht verzweifeln. + + * * * * * + +Die kommenden Tage verflossen den Rankholmer Schloßbewohnern unter +allerlei Vorbereitungen zu der Kopenhagener Reise. Auch erledigte der +Graf dringliche Gutsgeschäfte mit seinen Beamten und wies unter anderem +auch Unterstützungen für die von der Epidemie noch immer gleich hart +betroffene, ärmere Dorfbevölkerung an. Gegenwärtig gab es kaum ein Haus +mehr in Kneedeholm, in dem sich nicht Schwerkranke befanden oder Tote +täglich hinausgetragen wurden. Der Pastor kam Tag und Nacht kaum mehr +zur Ruhe, da er Sterbende zu trösten, geistliche Handlungen vorzunehmen +und nach den Bedrängten zu sehen hatte. + +Und nicht minder war Doktor Prestö beschäftigt. Wenn er einen der +Betroffenen eben verlassen hatte, rief ihn die Pflicht schon wieder zu +gleichem Zwecke ins Nebenhaus, und so fort. Ueberall Sterbende, +Schwerkranke oder der Genesung Entgegengehende, die der Aufsicht +bedurften. + +Aber jegliches, was er that, geschah in einer kurzen, schroffen, +gefühllosen Art. So kam es nicht selten vor, daß er die Boten der +Erkrankten mit dem barschen Bescheide abfertigte, sie müßten warten, er +sei auch nur ein Mensch, der einen Kopf und zwei Arme habe. + +Ein engeres Zusammenwirken zwischen ihm und seinem ausgesprochenen +Gegner, dem Pastor Nielsen, fand nicht statt. Sie bewegten bloß das +Haupt, wenn sie sich begegneten, und bedienten sich der +Zwischenpersonen, wenn sie sich etwas mitteilen mußten. + +Unter den geizigen und körperlichen Anspannungen war Prestö zu einer +Förderung seiner Verlobungspläne mit Imgjor, die eine Reise nach +Kopenhagen erforderlich machten, gar nicht gelangt, und wenn schon +dieser Umstand seine Laune zu der allerschlechtesten gemacht hatte, so +war seine Stimmung durch die Vorfälle der letzten Tage seine geradezu +feindselige geworden. + +Er behandelte in seiner Verstimmung die Kranken sehr rücksichtslos, sie +mußten büßen, worunter er litt. + +Plötzlich war alles über den Haufen geworfen. Die Mitteilungen, die ihm +von Imgjor geworden, hatten einen geradezu niederschmetternden Eindruck +auf ihn gemacht. Imgjor war die Tochter irgend eines Abenteurers und +keine Lavard; sie war bedroht mit dem Verlust alles dessen, was gerade +eine bestrickende Wirkung auf ihn ausgeübt hatte. + +So lange Imgjor der Glanz ihres ungeheuren Reichtums umgab, war's dem +Manne nicht schwer geworden, sein Gewissen zu beschwichtigen. Um solchen +Lohn glaubte er sich berechtigt, jener, die sein Wort hatte, einen +endgiltigen Absagebrief zu schreiben. + +Um der hohen Ziele willen, die Imgjor im Auge hatte, heiligte der Zweck +die Mittel! + +Nun aber stoppte er plötzlich wie ein vor ein Hindernis gestellter +Reiter. Alle bisherigen Beschwichtigungen verfingen nicht mehr, er sann +vielmehr, wie er sich, wenn Graf Lavard seine Drohungen wirklich wahr +machte, wieder von Imgjor zurückziehen könne. + +Selbst die Schönheit Imgjors, die ihn gereizt und zeitweilig seine Sinne +bereits zur höchsten Leidenschaftlichkeit angefacht hatten, sank nunmehr +zu einem Nichts herab. + +Ihren Enthusiasmus für die große Sache, der er nur aus +Selbstsuchtsgründen und rachsüchtigen Trieben Vorschub geleistet, die er +in ihrem Sinne als Thorheit bespöttelt hatte, belegte er nunmehr mit der +Bezeichnung einer Verrücktheit. Der Gedanke, sie ohne materiellen +Einsatz von ihrer Seite zu heiraten, gar ihren Schwärmereien +Gefolgschaft zu leisten, statt zu raffen, durch Geld und dadurch +gewonnene Macht zu herrschen, schuf eine solche Auflehnung in ihm, daß +er bereits überlegt hatte, ob er nicht ohne alle Versuche, den Grafen +Lavard umzustimmen, der Sache ein Ende machen und Imgjor erklären solle, +er könne nun doch die von ihr geforderten Beweise nicht beibringen. + +Freilich bedurfte es jetzt, da sie vor der Enterbung stand, eines klugen +Verhaltens. Vorläufig mußte er sich geben, wie bisher, mußte er in +Imgjor den Eindruck erhalten, daß seine Gesinnungen in keiner Weise +erschüttert seien. Ungleich regten sich neben diesen Erwägungen auch +wieder Gefühle eines ingrimmigen Verdrusses, so plötzlich um alle +glänzenden Hoffnungen betrogen werden zu sollen. Eine durch den Eintritt +wiedergekehrter, grenzenloser Habsucht hervorgerufene Unruhe +bemächtigte sich des Mannes, die ihn nach Mitteln suchen ließ, wie er +dennoch zum Ziele zu gelangen vermöge. + +Unter solchem Schwanken fiel ihm sein Gönner, Graf Knut ein. Vielleicht +konnte es möglich sein, wenigstens einen Teil des Vermögens, sofern +dessen Höhe der Mühe eines Kampfes wert sein würde, dem Grafen +abzuringen. + +Und da Prestö diese Pläne schließlich zum Entschluß erhob, so zögerte er +auch keinen Augenblick mit deren Ausführung. + +Einerseits richtete er ein Schreiben an Imgjor, in dem er sie um eine +abermalige Unterredung ersuchte, und andererseits bat er den Grafen Knut +in einem eilig beförderten Briefe, ihm eine solche nachmittags gewähren +zu wollen. + +Ohne Antwort zu empfangen, nähme er an, daß ihm der Graf diese +Vergünstigung gewähren wolle. + +Und von dem Eingang dieses Schreibens erzählte Graf Knut, des Grafen und +der Gräfin Meinung einholend, in Gegenwart von Axel und Lucile nach dem +zweiten Frühstück, und alle Teile wurden darüber einig, daß der Graf +diesem Ersuchen Folge leiten müsse. Man wolle hören, was Prestö zu sagen +habe. + +Alles, was einer Klärung der Angelegenheit dienlich sei, dürfe nicht von +der Hand gewiesen werden. Aber während noch dies stetig wieder in den +Vordergrund tretende, die Gemüter beschäftigende Thema behandelt ward, +regte sich ein neuer Gedanke in Axel, und ihn zur Ausführung zu bringen, +dadurch seinen geheimen Plänen Vorschub zu leisten, erfüllte ihn +solchergestalt, daß er das Herannahen der nächsten Stunden kaum +erwarten konnte. + +Sobald sich die Gelegenheit bot, begab er sich in seine Gemächer und +dann später, nachdem die dritte Stunde geschlagen, vom Arbeitshofe aus +ins Dorf hinab. + +Da Graf Dehn als Kind die drunten wütende Krankheit bereits überstanden +hatte, beschlichen ihn keine Bedenken. Zudem wollte er ein Haus +betreten, an das die Epidemie sich wenigstens bisher nicht herangewagt +hatte. Er wollte versuchen, von Prestös Wirtschafterin den Namen der +Braut ihres Herrn in Erfahrung zu bringen. + +Es war nicht undenkbar, daß ihr, die seine Briefe besorgte, dieser und +der Aufenthaltsort der Dame bekannt waren. + +Als Graf Dehn durchs Dorf schritt, fiel ihm auf, wie menschenleer es +war. Wie ausgestorben schien's. Nirgends ein rauchender Schornstein, +nirgends jemand auf der Dorfstraße oder auf den Höfen. + +Nur einmal bemerkte er ein tiefgebeugtes, altes Mütterchen, das aus +einem Bauernhause heraustrat und ein Gefäß an der Pumpe ausspülte. Und +nicht einmal emporschauend, schritt sie sogleich und in einer Art +zurück, die ihr beschäftigtes Gemüt verriet. + +Und noch ein menschliches Wesen, der Postbote, kam ihm später und gerade +dann entgegen, als er die Wohnung des Doktors erreicht hatte. + +Den ehrerbietigen Gruß des Mannes erwidernd, entfuhr Axel unwillkürlich +die Frage nach Briefen fürs Schloß. Er empfing auch solche für die +Herrschaften, sah überdies Posteingänge für Prestö in der Hand des +Angestellten und trat, nachdem er solche ebenfalls abzugeben sich +erboten, in Prestös Haus ein. + +Da war alles still. Er suchte sich bemerkbar zu machen, und als dies +erfolglos blieb, wandte er sich dem hinteren Ausgang in der Hoffnung zu, +die Alte entweder auf dem Hofe oder im Garten zu finden. Und da er +dadurch verhindert wurde, sich weiter ins Innere der Wohnung zu begeben, +steckte er, mechanisch handelnd, vorläufig die Postsachen in seine +Rocktasche. + +Und dann erspähte er hinten im Garten die alte Frau, welche beim +Kartoffelaufnehmen beschäftigt war, und näherte sich ihr. + +Nachdem sie sich bei seinem Anblick aus ihrer gebückten Stellung +erhoben, die erdigen Hände an der Arbeitsschürze abgewischt und ihn +freundlich begrüßt hatte, sagte Graf Dehn, gleich ohne Einleitung aufs +Ziel steuernd: + +"Ich komme mit einer Frage, gute Frau Madsen: Können Sie mir vielleicht +sagen, wie des Herrn Doktor Prestös Braut heißt? Sie haben gewiß +bisweilen Briefe nach dem Postkasten am Wirtshaus unten im Dorf getragen +und kennen ihren Namen--" + +"Seine Braut? Ja, das weiß ich nicht. Aber er schreibt allerdings ab und +zu an ein Fräulein. Sie heißt--sie heißt--Ingeborg Jensen." + +"Hm--Danke! Und die Adresse? Es handelt sich um eine kleine +Ueberraschung vom Schloß, deshalb frage ich bloß--" + +"Adresse? Adresse? Ja, da kann ich mich allerdings nicht darauf +besinnen. Aber sie wohnt bei einen Etatsrat Estrup in Kopenhagen. Das +steht mit drauf." + +"So, so, schön! Das genügt, meine gute Frau Madsen. Und sagen Sie dem +Doktor gar nicht, daß ich gefragt habe, daß ich hier war! Es ist wegen +der Ueberraschung. Sie verstehen?" + +Und die Alte nickte, und nachdem ihr Axel ein Geldstück in die Hand +gedrückt und sie noch einiges über den Gesundheitszustand im Dorf +gefragt hatte, nahm er Abschied. + +Als er die Straße hinabschritt, klopfte ihm ungestüm das Herz, und als +er wieder in sein Zimmer gelangt war, schrieb er zur Sicherheit sogleich +auf, was er erkundet hatte. Bei dieser Beschäftigung kam ihm auch die +Erinnerung an die Briefschaften, die er dem Postboten abgenommen, und +dabei zugleich, daß er nun doch vergessen hatte, die für Prestö +bestimmten Eingänge an die Alte abzuliefern. + +Er zog eilig alles aus der Tasche, legte die Briefschaften für Lavards +für sich und schob das mit einem Bindfaden verknüpfte Bündel Zeitungen +für Prestö bei Seite. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, daß auch +Briefe vorhanden waren, und als Graf Dehn solche zur besseren Bergung +berührte, sah er, daß auf der Rückseite der Name Ingeborg Jensen als +Absenderin vermerkt war. + +Und da zitterten des Mannes Hände, und seine Brust hob sich in heftiger +Erregung. + +Wie nun, wenn er sie um des Zweckes willen öffnete und ihren Inhalt las? + +Aber ein Briefgeheimnis verletzen, dadurch abermals Imgjor einen Anlaß +geben, ihn einer unkavaliermäßigen Handlung zu zeihen? + +Und doch war ihm durch diesen Zufall das Mittel in die Hand gegeben, mit +einem Schlage völlige Klarheit in die Verhältnisse zu bringen. + +Axel hatte die Abrede getroffen, mit Lucile zwischen vier und sechs Uhr +eine Spazierfahrt nach einem der südlich gelegenen Vorwerke zu +unternehmen. + +Er sah nach der Uhr. Die Zeit war gekommen. Er mußte sich hinaufbegeben. + +Noch in solchem inneren Zwiespalt befangen, begab er sich, vorher die +Briefe in seiner Brusttasche bergend, zu Lucile, bestieg mit ihr das +beide bereits erwartende Gefährt und kutschierte, es selbst lenkend, aus +dem Schloßhof hinaus. + +Und als sie dann jenen Weg erreicht hatten, den Axel damals bei seiner +Ankunft beschritten, trat plötzlich Imgjor aus dem Hause desselben Alten +heraus, der Axel an jenem Mittag das Gepäck getragen hatte. Ein kalter +Blick traf beide, als sie sie freundlich vom Wagen herab grüßten. + +Nach dem Ball hatte sich Imgjor nicht mehr unten sehen lassen. Sie nahm +die Mahlzeiten in ihrem Zimmer ein, sie war gegenwärtig mit einer im +Gewahrsam befindlichen, ihres Schicksals wartenden Persönlichkeit zu +vergleichen. + +Auch an jenem Abend war sie, zum Verdruß all' der jungen Herren, die sie +wie Planeten umkreisten und um ihre Gunst zu werben suchten, nicht +wieder zum Vorschein gekommen. + +"Wenn ich mir diese ganze Angelegenheit überdenke," hub Lucile an, +"will's mir nicht wie Wirklichkeit, sondern wie ein Roman erscheinen. +Meine Schwester ist nicht meiner Mutter Kind! Mein Vater führt die +Entlarvung ihrer Geburt herbei! Ich sehe die Möglichkeit, Imgjor +wirklich zu verlieren, sie hinausgehen zu sehen in die Welt als +Predigerin des Umsturzes, zugleich als Frau eines Prestö, eines +rachsüchtigen Fanatikers, eines Unwürdigen! Heute zweifeln Sie doch auch +nicht mehr daran, daß der Mensch ein solcher ist, Graf Dehn?" + +Zunächst wich Axel Luciles Fragen noch aus. Er wünschte einen anderen, +ruhigeren Ort zu erreichen, um Lucile Mitteilungen zu machen. Erst als +sie das Vorwerk erreicht hatten und sie hier in einen altmodisch +bestellten, hinter dem Wirtschaftshaus befindlichen Garten traten, sagte +er nach schicklicher Einleitung: + +"Ich möchte Ihnen etwas sagen, Komtesse! Ich möchte Sie bitten, mir zu +raten--" + +Und dann eine von Ulmen eingefaßte Höhe besteigend und Lucile zum +Niedersitzen auf einer hier befindlichen Bank auffordernd, berichtete er +ihr, nachtragend, nicht nur von dem Gespräch, das zwischen ihm und +Imgjor am Ballabend stattgefunden hatte, sondern auch von dem, was heute +im Dorf geschehen war. + +Seinem Vortrage hörte Lucile mit größter Spannung zu, und währenddessen +verrieten ihre Mienen nichts anderes, als ein sachliches Interesse. + +Als Graf Dehn aber die Frage aufwarf, ob es zur möglichen +Wiedergewinnung und Umkehr Imgjors nicht Pflicht sei, den Inhalt der +Briefe zu untersuchen, schüttelte sie den Kopf mit einer Miene, in der +ausgedrückt war, daß sie den bloßen Gedanken schon nicht begreifen +könne. + +Aber noch etwas anderes kam in einem deutlich erregten, Luciles +sonstigem ausgeglichenem Wesen nicht entsprechendem Tone zum Vorschein. + +"Sind Sie denn noch immer nicht kuriert, Graf Dehn? Ich sollte denken, +daß Ihnen nach solchen Erklärungen doch der Geschmack vergehen +und--pardon--Ihr Selbstgefühl Sie zurückhalten sollte, um meine +Schwester zu werben! Sie wissen, wie ich über Imgjor, die ich auch +ferner als mir zugehörig ansehe, denke. Mein Urteil über sie hat sich +nicht verändert und kann sich nicht ändern, aber daß Sie beide nach all' +diesen Vorgängen nicht für einander passen, daß Sie ebenso unglücklich +werden würden, wie sie es mit Prestö sicher wird, erscheint mir ganz +zweifellos." + +Graf Dehn wurde durch diese Sprache sehr betroffen, so betroffen, daß er +nicht einmal zu einem ausgleichenden, seine Empfindungen klarstellenden +Gegenwort gelangte. + +Was er sich bei früherer Gelegenheit wieder aus dem Sinn geschlagen, war +in ihm diesmal zur Gewißheit geworden: Ein eifersüchtiges Interesse für +seine Person hatte Lucile sprechen lassen! Aber er sagte sich auch, daß +er eine große Thorheit begangen habe, sie abermals in seine Pläne +einzuweihen, ja, daß er, da es geschehen, fortan auf Rankholm--ohne +Luciles Freundschaft--einen unhaltbaren Stand haben werde. + +Unter solchen Gedanken suchte Graf Dehn vergeblich nach einem Ausgleich. + +Seiner Neigung und seinen Entschlüssen untreu zu werden, weil ein +anderes weibliches Wesen ihn deshalb verurteilte, konnte nicht einmal +Gegenstand seiner Ueberlegung sein. + +Freilich hatte sich auch inzwischen wieder in Lucile eine Wandlung +vollzogen. + +Sie, die Stolze, die ihre Hand nur nach einer Fürstenkrone hatte +ausstrecken wollen, bereute, sich so vergessen, sich so vor ihm +bloßgestellt zu haben. Sie mußte deshalb darauf bedacht sein, ihm so +rasch wie möglich die Eindrücke zu nehmen, die sie aus ihrer von ihrem +Herzen gedrängten Unvorsicht in ihm hervorgerufen hatte. Niemals sollte +er ein Recht haben, zu glauben oder gar zu behaupten, daß sie sich ihm +genähert, durch ihre Haltung um ihn geworben habe. Mit diesem +Augenblick, den er nicht benutzt hatte, ihr wenigstens einen Brosamen zu +gewähren, erstickte sie mit ganzer Kraft ein für allemal ihre Gefühle +für ihn, zwang sie sich, ihrer Natur aber auch insofern zu gebieten, als +sie ungerechte oder gar feindliche Gesinnungen gegen den Mann, der sie +verschmäht hatte, nicht aufkommen lassen wollte. + +Infolgedessen sagte sie, sich zu äußerster Sachlichkeit auch im Ton +zwingend: + +"Mißverstehen Sie mich nicht, Graf Dehn! Wir würden an sich alle sehr +glücklich sein, wenn Sie uns durch eine Verbindung mit Imgjor so nahe +wie möglich rückten, wenn unseren bereits vorhandenen, warmen +Beziehungen noch dieser Stempel aufgedrückt würde. Ich habe Sie nur in +ihrem Interesse warnen wollen, nicht einem Phantom nachzujagen. Wenn +Imgjor Ihnen dennoch ein Jawort geben würde, Sie vor schweren +Enttäuschungen zu behüten. Ich will trotz meiner Ansichten, wenn Sie es +wünschen, dennoch Ihre Verbündete sein. Nur stehen Sie davon ab, in +solcher Weise den Knoten lösen zu wollen! Das, eben das würde eine +Imgjor mit ihrem sein ausgeprägten Gerechtigkeitssinn Ihnen nie +verzeihen. Es ziert Sie nicht. Nur einen Weg gäbe es--und daß wir ihn +beschritten haben, müßte ein unverbrüchliches Geheimnis zwischen uns +bleiben. Wir könnten Imgjor die Briefe zustellen. Sie mag dann thun, was +ihr gutdünkt." + +Durch diese Worte wurde Graf Dehnaufs angenehmste berührt. Während er +sich schon der kummervollen Befürchtung hingegeben hatte, daß sie ihm +seine Zurückhaltung mit Feindseligkeit lohnen werde, baute sie Brücken +zu ihm, die von neuem von ihrer Klugheit, ihrem Takt, ihrer Erziehung +und ihrer vornehmen Gesinnung Zeugnis ablegten. + +Aber deshalb ward er auch gedrängt, nichts Unklares mehr zwischen +ihnen bestehen zu lassen, auch seinerseits zu festen, guten +Freundschaftsbeziehungen durch offene Bekenntnisse beizutragen. + +"Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzem Herzen, Komtesse," hub er an. + +"Und gestatten Sie, daß ich auf alles, was Sie berührt haben, eine +freimütige Antwort erteile. Unter normalen Verhältnissen würde mir +wahrlich niemals auch nur der Gedanke kommen, ein Schriftgeheimnis zu +verletzen. Ich betrachte es, gleich Ihnen, als ein Vergehen. Aber wir +dürfen, wo es sich um die Wohlfahrt eines uns nahegehenden Menschen +handelt, um ein Wesen, daß wir in dem Sinne lieben, daß wir unser +eigenes Leben ihm opfern würden, Anschauungen und Bedenken, die sich uns +sonst durch unsere Grundsätze aufdrängen, nicht aufkommen lassen. Wie im +Kriege niemand die äußerste List verwerflich finden wird, um den Feind +zu bezwingen, so giebt's Lebensverhältnisse, wo Gewohnheitsanschauungen +zurücktreten müssen. + +Ein Mann wird ein junges Mädchen nicht plötzlich umfangen und an sich +pressen. Aber wenn es ins Wasser stürzt und die Fluten über ihm +zusammenschlagen, hat der Retter das Recht zu einer solchen Berührung. + +Also die Umstände entscheiden über die Handlungen. Die Dinge sind eben +das, wozu jene sie machen und was wir durch unsere Auffassungen in sie +hineinlegen. + +Ich sage das alles, weil ich gerade von Ihnen--die meinem Herzen nach +Imgjor am nächsten unter den Frauen auf der Welt steht--verzeihen Sie +mir diese offene Sprache!--nicht falsch beurteilt werden will. + +Und dann noch eins: Mich treiben mein Mitgefühl und meine Pflicht. Sie +stehen mir über der Sicherheit, dadurch gerade alles, was ich wünsche, +begraben zu müssen. + +Mein Herz zittert schon, wenn ich denke, daß dieses schöne, edle, nur +falsch beratene Mädchen unglücklich werden, daß sie einst weinen und +schluchzen, daß ihre Seele in Nöten liegen könnte, daß ihr wirklich die +fürchterliche Enttäuschung würde, die ich fürchte. Ein Mensch, wie +Prestö, wird sein Weib, wenn es sich ihm nicht willenlos unterordnet, +knechten, gar mißhandeln! Ich stelle mir vor, daß er solches thun +könnte, und mein Inneres schwillt unruhvoll auf in grenzenloser Sorge +und Mitleid um sie. Ich kann's nicht ändern. Ich liebe sie mit heißer +Zärtlichkeit, und eben diese meine Liebe läßt mich handeln. Ich danke +Ihnen im übrigen für Ihre Zustimmung. Vielleicht können wir die Briefe +in ein Kouvert stecken, es mit verstellter Hand überschreiben und Imgjor +zustellen." + +Aber Lucile bewegte bei diesem Vorschlag die Schultern und zeigte eine +zweifelnde Miene. Er gefiel ihr nicht. + +"Nein, ich möchte anders raten, lieber Graf," hub sie an. "Was Sie +vorschlagen, kann einen Verdacht auf Personen lenken, die +gänzlich unschuldig sind. Das Verfahren kann auch dem Postboten +Unannehmlichkeiten bereiten. Ich meine so: Ich gehe zu meiner Schwester, +sage ihr, daß Briefe für Prestö mit in unsere Post geraten seien, und +überlasse es ihr, durch Oeffnen ihr Schicksal zu entscheiden oder sich +zu bescheiden. Freilich ist auch das nicht ganz der Wahrheit +entsprechend, aber wir handeln so am ehrlichsten." + +"Ja, so ist es gut, so ist's noch besser, Komtesse! Auch dafür danke +ich Ihnen!" stieß Graf Dehn belebt und einen Blick ehrerbietiger +Bewunderung auf das junge Mädchen richtend, heraus. + +"Immer entscheiden Frauen richtig!" + +Ungleich beugte sich Graf Dehn auf Luciles Hand herab und drückte einen +Kuß darauf. Und Lucile schoß, obschon sie dagegen kämpfte, ein Blutstrom +in die Wangen, und sie zitterte heftig. + +Sie liebte den Mann, und sie litt, weil er sie verschmähte, schwere +Qualen. + + * * * * * + +Wieder saßen sie alle abends im Schlosse Rankholm beisammen, und +abermals war von nichts anderem die Rede als von Imgjor. + +Und jetzt beschäftigte sie ausschließlich der Inhalt der Unterredung, +die zwischen dem Grafen Knut und Prestö stattgefunden hatte. Jetzt eben +erhob sich nach sehr lebhaften Erörterungen Graf Lavard und sagte, +zugleich diese Gelegenheit zu einem Bekenntnis ergreifend: + +"Gewiß! Als ich neulich Imgjor in solcher Weise begegnete, riß mich der +Zorn hin, und im Zorn traf noch niemand das Rechte. Aber ich erkläre +auch jetzt aufs Entschiedenste nochmals, daß ich auf meinen Bedingungen +beharre. Also das, lieber Graf, ist meine, durch nichts zu +erschütternde Antwort. Und Herrn Prestö nochmals oder jemals überhaupt +wieder zu empfangen, lehne ich definitiv ab! Und nun, liebe Merville, +bemühen Sie sich zu Komtesse Imgjor hinauf und bitten Sie sie, zu +erscheinen. Sie soll hören, was ich zu erwidern habe, und ich will nun +gleich ihr letztes Wort vernehmen--" + +Aber jetzt erlaubte sich Graf Dehn auf den Grafen einzusprechen. + +Indem er sich der vollen Kunst seiner Gewandtheit bediente, bat er ihn +inständig, heute noch keine Entscheidung zu treffen, Imgjor noch eine +größere Frist zu gewähren. Er wisse, daß erst in diesen Tagen Imgjor +Aufklärungen über das Verhältnis Prestös zu seiner bisherigen Braut +empfangen werde. Imgjor sei deshalb noch gar nicht in der Lage, eine +bejahende oder verneinende Antwort zu erteilen. Und zum Grafen Knut +gewendet, den immer noch ein Interesse für Prestö beherrschte, und der +solches auch bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt, fragte er: + +"Hat Ihnen Prestö nicht auch dergleichen gesagt, Herr Graf? Oder hat er +behauptet, daß seine Beziehungen zu seiner Braut völlig gelöst seien?" + +"Nein und ja," entgegnete der Graf. "Es war dies der einzige Punkt, der +mich etwas stutzig machte. Er entgegnete auf meine Frage, ob er Komtesse +Imgjor unter allen Umständen heiraten wolle, daß er darauf heute nicht +antworten könne. Ohne Zustimmung der Eltern sie aus dem Hause zu reißen, +widerstrebe doch seinem Empfinden--" + +"Ah--ah--oder vielmehr seiner habsüchtigen Seele!" fiel Graf Dehn +verächtlich ein. + +"Also eine Hinterthür läßt er sich doch offen! Wahrlich, Sie handeln +lediglich in Komtesse Imgjors Interesse, wenn Sie, ihr jeden +Vermögensanspruch verweigern zu wollen, vorgeben, Herr Graf--" hier +wandte sich Axel an den Hausherrn. "Ich möchte jetzt beinahe einen Eid +darauf ablegen, daß Prestö selbst zurücktritt." + + * * * * * + +Im Rankholmer Schloß lagen, wie früher erwähnt, die dem täglichen +Gebrauch dienenden Gesellschaftsgemächer nach der Parkseite hinaus. Im +Flügel zur Linken, wo im Zwischenturm Imgjor wohnte, dehnten sich die +Festräume, und im Flügel rechts, ebenfalls mit dem Ausblick nach +Kneedeholm, befanden sich die Privatzimmer des Grafen. + +Als Lucile in der Absicht, Imgjor die Briefe von Prestös Braut +einzuhändigen, vor dem Abendessen aus ihrem Zimmer trat, gab ihr der ihr +begegnende Frederik auf ihre Frage, ob sich die Komtesse auf ihrem +Zimmer befinde, die Antwort, daß sie nach Tisch das Schloß verlassen +habe und noch nicht zurückgekehrt sei. Aber während Lucile nach +Frederiks Entfernung noch unschlüssig dastand, tauchte gerade Imgjor, +welche die Haupttreppe von der Schloßhofseite her emporgestiegen war, +auf dem Flur auf. Sie begrüßte Lucile durch eine kurze Verneigung des +Kopfes, wandte sich dann aber sogleich, ohne Anrede, dem Korridor zu. + +"Ich möchte dich gern sprechen, Imgjor!" hub Lucile, sich Imgjor +nähernd, an. + +"Wenn's dir genehm ist, treten wir in mein Zimmer--Ich bitte--!" + +"Was ist denn?" fiel ihr Imgjor in einem müden Ton in die Rede. "Willst +du mich auch belehren, Lucile? Es ist besser, du stehst davon ab! Ich +kann dir und euch allen jetzt keine Antwort erteilen. Jedes Sprechen ist +nutzlos. Heute werde ich Prestö sehen, und von dem Ausfall seiner +Erklärungen ist die abhängig, welche ich euch geben werde."--Und dann in +einem veränderten Ton: "Ach--glaube mir, Lucile--ich leide! Ich nehme +die Dinge nicht leicht, ich bestehe einen schweren Kampf. Aber ich kann +doch nicht anders!" + +Und dann brach sie in ein stilles Weinen aus--auch lehnte sie sich +plötzlich--des Ortes nicht achtend--an Luciles Brust. + +"Komm, Imgjor, meine Imgjor! Nicht hier! Tritt zu mir herein! Wir wollen +dort weitem reden. Ah--ah--wie du fassungslos bist! Arme, liebe Seele!" + +Unter solchem Zuspruch zog Lucile Imgjor ins Wohngemach, hieß sie dort +sich ans Fenster setzen, rückte gleichfalls einen Stuhl herbei, ergriff +der noch immer heftig Schluchzenden Hände, hielt sie fest und sah ihr +liebevoll in die Augen. + +"Ich bitte dich--" redete sie auf sie ein--"sprich dich einmal +ordentlich aus! Sieh mich an als deinen besten Freund! Wahrlich, +Imgjor, ich denke nichts anderes als dein Glück. Aber sei gerecht! Thust +du nicht selbst alles, um es zu verscherzen?" + +"Ich muß so handeln, wie meine Natur es verlangt, Lucile! Ja, wenn's +etwas Schlechtes wäre! Ich will aber doch nur Gutes. Und daß ich den +Doktor liebe, kann ich dafür? Man folgt seinem Trieb und Herzen, und +soviel man auch Vernunft zu Hilfe nimmt, man vermag ihrer Gewalt nicht +zu widerstehen. Was ich will, sagte ich dir: Ich will Prestö nochmals +auffordern, mir die Beweise zu geben, daß er frei ist. Ich will ihn +fragen, ob er auch dann zu mir halten will, wenn mich Papa verläßt.--In +allen Fällen reise ich, wenn er es erlaubt, mit euch nach Kopenhagen. +Wer weiß, ob sich mein Schicksal nicht bereits heute entscheidet. Ich +bin--plötzlich--selbst--irre--geworden.--Vielleicht liebt er mich gar +nicht--wollte er nur mein Geld--wie all' die anderen--" + +Abermals brach die Stimme, abermals kürzten Thränen aus den Augen des +schönen Mädchens. + +Die Rinde, die sich um ihr Herz gelegt hatte, war geborsten. + +Nun, in diesem Augenblick glich sie einem bedrückten Kinde, das ganz +Gefühl ist, das nach Trost und Hilfe sehnsüchtig verlangend die Hände +ausstreckt. Die Starrheit, der Trotz, der unbeugsame Wille waren +gebrochen. + +Und da schien denn Lucile der Augenblick gekommen, um mit ihren Plänen +hervorzutreten. + +Indem sie Imgjor zärtlich in die Arme nahm, sagte sie: + +"Höre, Imgjor, was ich dir sagen wollte, und lasse mich dir +wiederholen, wie wir alle übereinstimmend denken: Papa wird dir +keinerlei Hindernis in den Weg legen, auch in Ankunft dein edles +Menschentum zu bethätigen. Er will nur nicht, daß du dich in den Dienst +jener Beglückungsideen stellst, die er und die alle Ruhigdenkenden als +verderbliche betrachten. Von Prestö haben wir sämtlich, auf unsere +Eindrücke gestützt--ich wiederhole dir's--die ungünstigste Meinung. Die +Unterredung zwischen ihm und Graf Knut ist resultatlos verlaufen. Papa +will sich auf nichts einlassen. Dich nun also zu überzeugen, daß Prestö +deiner nicht wert, halten wir für unsere Pflicht und Aufgabe. Unsere +Liebe diktiert unsere Schritte. Ich bin zufällig in den Besitz von +Zuschriften gelangt, die Prestös Braut an ihren Verlobten gerichtet hat. +Sie sind durch den Briefträger zwischen unsere Postsachen geraten. Das +junge Mädchen heißt doch Ingeborg Jensen, nicht wahr?" + +"Ja--ja--gewiß! Allerdings! Und du hast diese Briefe? Und du hast sie +gelesen?" + +"Nein, Imgjor, ich habe sie nicht geöffnet. Ich fand sie, wie gesagt, +und nahm sie an mich und behielt sie, da ich den Namen Ingeborg Jensen +aus Kopenhagen als Absenderin darauf vermerkt fand. Auch das trifft zu, +nicht wahr? Sie ist doch in Kopenhagen?" + +Imgjor rückte den Oberkörper und nickte. Ihre Hände aber griffen, indem +sie die Frage Luciles stumm bestätigte, nach den Schriftstücken.-- + +"Sieh', Imgjor, wenn du sie öffnet, so wirst du erfahren, wie die Dinge +liegen; du wirst wissen, ob Prestö dich täuschte--oder ob er wenigstens +in diesem Punkte ehrlich war. Ich rate: Lies sie und darnach entscheide! +Mir ahnt es--diese Probe wird dich heilen!" + +Zunächst gab Imgjor keine Antwort. Nur Laute der Erregung drangen aus +ihrem Munde. + +"Also doch--doch--in Kopenhagen, und mir sagte er--" stieß sie gegen +ihren Willen heraus. Dann prüfte sie, ihre Thränen trocknend, das +Kouvert und den Absendervermerk und sagte nach kurzem Nachdenken fest: +"Nein, Lucile, niemals werde ich fremde Briefe öffnen! Wenn ich mich +solcher Mittel bediene, bin ich der Freundschaft eines Ehrenmannes nicht +wert. Ich halte Prestö auch jetzt noch für einen solchen, wenn er auch +vielleicht um seiner Liebe, um der höheren Zwecke willen, mir mehr +beschwichtigende, als wahre Erklärungen gegeben hat. Vielleicht wußte +er's selbst nicht besser; vielleicht glaubte er, daß seine Braut nicht +mehr in Kopenhagen sei. + +Aber ich will etwas anderes thun: Ich will ihn auffordern, die Briefe in +meiner Gegenwart zu öffnen und mir vorzulesen. + +Ist er der, für den ich ihn halte, entspricht ihr Inhalt dem, was ich +voraussetze, so wird er keinen Augenblick zögern, meiner Aufforderung zu +entsprechen.--Sträubt er sich aber--nun so--" Sie unterbrach sich, +richtete den Blick geradeaus und schluchzte: + +"O, lieber Gott, erlöse mich doch von diesen fürchterlichen Zweifeln! +Zeige mir den rechten Weg!" + +Und wieder innehaltend und Lucile mit einem traurigen Blick anschauend, +sagte sie: + +"Nicht wahr, Lucile, du liebst den Grafen Dehn? Ich bitte dich, schenke +mir dein Vertrauen, sei auch du so aufrichtig, wie ich es in dieser +Stunde gegen dich gewesen bin!" + +"Weshalb befragst du mich darum, Imgjor?" + +"Weil ich diesen Mann niemals heiraten werde, ihn aber doch für so +wertvoll halte, daß ich ihn dir von ganzem Herzen gönne. Nähere dich +ihm, suche sein Herz! Ich will dir dadurch helfen, daß ich entweder +Prestös Gattin werde oder mich euch für immer entziehe. Mir bleibt dann +ein anderer, herrlicherer Bräutigam. Mein Bräutigam soll--" hier flammte +des Mädchens Auge begeistert auf--"auch ferner die leidende Menschheit +sein! Kann ich nicht im Großen wirken, so will ich ein Freund, ein +Retter, ein Helfer der verschämten Armen, der vielen Elenden und Kranken +werden. Ich will zu denen mich begeben, von denen ich ausging. War mein +Vater ein Mann aus dem Volke, sank er,--einer von den Tausenden, welche +Elend und verkehrte Erziehung auf Abwege führten--, so will ich +versuchen, meine gleich bedrängten Mitmenschen vor Gleichem zu bewahren, +will als Kind meiner Eltern in solcher Weise ihre Fehler nach Kräften +sühnen. Ich weiß, der gerechte und barmherzige Schöpfer wird mir +zulächeln, wird meine That mit Erfolg krönen! Und ich bitte dich, +Lucile, gieb mir Antwort auf meine Frage: Liebst du Axel Dehn--?" + +Einen Augenblick zögerte Lucile noch. Sie schob den Kopf zurück und +drängte die Lippen zusammen. Dann sagte sie: + +"Nun wohlan, Imgjor: Ja, ich liebte ihn! Aber er hat mich nicht gewollt, +mich gar zurückgewiesen. Und das vergißt eine Lavard nie! Verschmähst du +ihn--ich habe seit dem heutigen Tage für immer auf ihn verzichtet--" + +Imgjor sah Lucile an und forschte in deren verschlossenen Zügen. + +Blässe war auf ihre eigenen Wangen getreten. Es blieb unentschieden, was +sie dachte, wie die Worte Luciles auf sie gewirkt hatten. Bevor sie sich +aber trennten, umarmte sie ihre Schwester in heftiger Bewegung, neigte +sich zu ihr und küßte sie wie ein Mensch, den das Uebermaß des Gefühls +verhindert, zu reden. + + * * * * * + +Am nächsten Spätnachmittage empfing Imgjor, im Einverständnis mit ihrer +Mutter, den Doktor Prestö im Wegwärterhäuschen. + +Heute eilte sie ihm nicht entgegen. Sie saß, das Haupt auf die Hand +gestützt, am offenen Fenster und starrte hinaus. Einer bemerkte sie, +Graf Dehn. Wissend, daß heute die Zusammenkunft mit Prestö stattfinden +werde, hatte er sich nach einem vorhergegangenen Spaziergang dahin +begeben, und sah Imgjor dort sitzen.-- + +Prestös Eintritt entriß sie ihren trüben Gedanken. Unruhig ging's durch +ihre Glieder, ihr Herz klopfte stürmisch. Sie wußte es, daß jetzt die +Entscheidung kommen würde. + +Aber in Prestö war bereits alles gefestigt. Das unbedacht geschlossene +Bündnis wieder zu lösen, beschäftigte ihn allein. + +Graf Knut hatte ihm einen Brief gesandt. Durch dessen Inhalt war er +belehrt worden, daß Imgjor nichts zu erwarten habe, daß ihm die Zukunft, +hielt er an ihr fest, eine unerträgliche Last aufbürden werde. + +In solcher inneren Verfassung hatten beider Mienen etwas äußerst +Unfreies. Prestö knüpfte sogleich an die Zeilen des Grafen Knut an. Er +erzählte ihr, was sie schon von Lucile wußte, und gab sich sehr +bedrückt. + +"Was ist uns Geld und Gut, wenn wir einigen Herzens sind, Erik!" fiel +Imgjor ein. + +"Gewiß, den großen Zielen, die wir verfolgen wollen, ist ein Hemmschuh +angelegt. Aber es bleibt uns das lebendige Wort für die Sache, dadurch +für das große Werk zu wirken, es zu fördern!" + +"Wirst du aber gegen den Willen der Deinigen dich aufraffen können, +Imgjor? Wird dir nicht die Reue kommen? Alle Brücken brichst du hinter +dir ab! Hier in Kneedeholm können wir nicht bleiben. Ich muß erst einen +neuen Wirkungskreis suchen, wieder einen Erwerb finden. Dann erst können +wir an eine Verbindung denken. Was willst du in der Zwischenzeit +beginnen? Wir sollen beide leben! Ich bin ohne Mittel! Deshalb betonte +ich die Notwendigkeit, deinen Adoptivvater wenigstens zur Herausgabe +eines Bruchteils seines Vermögens zu bewegen. Nach des Grafen Knut +Bericht wird er sich dazu nicht verstehen. Was aber soll dann werden?" + +Imgjor hatte Prestö mit starrem Ausdruck zugehört. So kalt, so nüchtern, +so voller Bedenken hatte er gesprochen, so gefühllos das alles +vorgebracht! So ganz anders hatte nun, da sie ein armes Geschöpf war, +ärmer als irgend eine Bauerstochter in Kneedeholm, seine Rede gelautet! +Statt der bisherigen stürmischen Worte, statt des zärtlichen Flehens, +statt der Beteuerungen und Bitten, ihm zu folgen, ihm zu glauben und zu +vertrauen, alles leicht zu nehmen, nur ihr künftiges Glück und die +großen Ziele ins Auge zu fassen--saß nun ein feiger Schwächling ihr +gegenüber. Ach, noch weit mehr! Und diese furchtbare Erkenntnis trieb +ihr das Blut gegen das ohnehin erregte Herz. + +Jedes Wort hatte die Absicht verraten, sie so rasch wie möglich wieder +von sich abzuthun, rückgängig zu machen, was er hundertfältig beteuert +hatte. + +Dennoch beschloß sie, zu ihrer völligen Heilung den Becher auszukosten. + +Sie sprach, sich zur Fassung und zu einem freundlichen Gleichmut +zwingend: + +"Ich denke anders als du, Erik! Liebe kennt keine Berge und Abgründe. +Sie überwindet alles. Ich würde jegliches geduldig auf mich nehmen, +wüßte ich mir dadurch den Sieg zu erringen. Aber du bist nicht frei, es +sei denn, daß der Inhalt dieser Briefe--" hierbei zog sie die +Zuschriften seiner Braut hervor--"Klarheit in deine Angelegenheit +bringt." + +Nachdem sie dies vorausgesandt, auch gleich eine Erklärung hinzugefügt +hatte, auf welche Weise sie in den Besitz der Schriftstücke gelangt sei, +bat sie ihn, sie zu öffnen und den Inhalt vorzulesen. + +Mit Augen, die nur zu deutlich seine ungeheure Verwirrung verrieten, sah +Prestö auf die beiden Briefe. Aber ebenso rasch umspielte ein +verächtlich überlegener Zug seine Lippen. + +"Das ist gar nicht Ingeborgs Handschrift. Sicher hat ein Schuft irgend +ein Bubenstück ersonnen, darauf berechnet, deine Meinung über mich irre +zu führen! Und ein sehr plumpes ist es zudem, da diese Briefe von +Kopenhagen adressiert sind, während meine Braut, wie ich dir sagte, gar +nicht mehr dort ist, sondern sich irgendwo in Frankreich befindet." + +Im ersten Augenblick wurde Imgjor bei dieser sicheren Sprache stutzig. +In ihrem Herzen wollte es noch einmal aufkeimen; der niederschmetternde +Eindruck seiner kühlen Sprache von vorhin wich, eine selige Hoffnung +bemächtigte sich ihrer. Aber dann sah sie ihm wieder ins Angesicht, und +was sie darin erblickte, das belehrte sie ebenso rasch eines anderen. + +Er öffnete, da er sich durch ein Erheben unbeobachteter glaubte, mit +derselben Unruhe, die sie vorher an ihm wahrgenommen, einen der Briefe, +und sie sah in seinen Zügen ein jähes Erschrecken schon beim Lesen der +ersten Zeilen. + +Und da kam ihr ein Entschluß! + +Durch eine zutraulich gelassene Miene von ihm die Erlaubnis zum Studium +des Schreibens erzwingend, löste sie das Kouvert, nahm das mehrere +Seiten umfassende Schriftstück heraus und durchflog den Inhalt. + +Und als sie dann die Lektüre beendet hatte und in demselben Augenblick +Prestö, die Komödie fortsetzend, in Worten der Empörung über den Grafen +Dehn ausbrach, sprang Imgjor, ihrer Empfindungen nicht mehr Herr, empor +und richtete einen von Verachtung erfüllten Blick auf den Mann. + +"Genug, genug! Nicht noch mehr des fürchterlichen Spiels der Lüge und +der Vernichtung meines Herzens!" brach's aus ihrem Munde hervor. "Füge +der Schändlichkeit der doppelten Untreue, der Berechnung und unlauteren +Gesinnung, füge der Entwürdigung deiner selbst nicht noch eine neue +hinzu!--Wisse denn: Diese Briefe sind keine Fälschungen! Den Betrug, die +Verworfenheit begingst du, indem du ihre Echtheit leugnetest! Das, was +hier geschrieben steht, was durch die Thränen eines fürchterlichen +Schmerzes fast verwischt wurde, ist das unverfälschte Produkt der +Zuckungen einer verratenen Seele. Dennoch hätte ich dir das vergeben, +dennoch wäre ich friedlich von dir geschieden, dennoch wärest du ohne +Vergeltung durchs Leben gegangen, wenn du nicht jetzt, in dieser heilig +ernsten Stunde, mit solcher Larve mich zu betrügen, auf andere einen +Verdacht zu werfen gesucht hättest. Das war die Handlung einer +niedrigen, erbärmlichen Natur. Das und deine zögernde, bedenkliche +Sprache von vorhin, beweisen mir, daß du nichts anderes warst und bist, +als ein berechnender Egoist, ein Komödiant, daß du alles und jegliches, +Liebe für mich und Enthusiasmus für die großen Ideen nur heucheltest, um +mein Geld an dich zu bringen! So, und nun gehe! Was dir werden soll, +werde ich überlegen! Nach deinem Verhalten werde ich das Maß abmessen!" + +Aber was Imgjor erwartete, geschah nicht. + +Statt Erschütterung oder gar Zorn an den Tag zu legen, bewegte Prestö +den Kopf und machte eine Miene, als ob eine arme, kranke Irre soeben +geredet habe. + +"Wenn Sie glauben, daß Sie sich in mir getäuscht haben, Komtesse Lavard, +so bin ich noch weit mehr enttäuscht. Auf bloße Eindrücke hin fällen Sie +Urteile und bedienen sich gegen einen Ehrenmann einer Sprache, die, wäre +sie aus dem Munde eines Mannes gedrungen, nur hätte durch den Degen die +verdiente Zurückweisung erfahren können. Ich hielt Sie für ein edles +Wesen. Ihre gelegentlichen Schroffheiten betrachtete ich als das +Unvermögen, der Entrüstung über die die Welt erfüllenden +Ungerechtigkeiten Herr zu werden, als ein Ergebnis Ihres zielbewußten, +von Grundsätzen getragenen Charakters. Was soll mir im ehelichen +Zusammenleben werden, wenn Sie jetzt schon eine solche Sprache führen, +wenn Sie so wenig Ihr Ich zu beherrschen vermögen? Ich wiederhole, daß +diese Briefe nicht von meiner ehemaligen Braut geschrieben wurden. Ich +erhebe dafür die Hand zum Schwur. Das sage ich nicht zu meiner +Rechtfertigung--ich habe mich nicht zu rechtfertigen--sondern um meinen +Entschluß zu begründen, dennoch auf Ihre Hand zu verzichten. Die +Stellungnahme des Herrn Grafen macht ohnehin--ich wiederhole früher +Gesagtes--vor der Hand eine Verbindung unmöglich. Wenn ich alle +Stationen mit Ihnen auch durchmessen wollte, ich sehe, daß wir scheitern +müssen, weil die Macht, der Einfluß und das Geld, jene Gewalten, die ich +hasse und seit meiner Jugend schon bekämpft habe, zu mächtig sind. Diese +Scene aber hat mich belehrt, daß Sie eine andere sind, als ich mir +gedacht habe. Ohne Vertrauen, ohne Mäßigung ist ein Bündnis ein Unding. +Es war eine Prüfung, es war ein Versuch, der gegen Sie ausschlug.--Leben +Sie wohl! Ich trage Ihnen nichts nach. Sollten Sie aber auf Ihren +leidenschaftlichen Vergeltungsplänen beharren, so darf ich Ihnen ins +Gedächtnis zurückrufen, daß ich kein Knabe bin, daß ich mit einem +irregeführten weiblichen Wesen leicht fertig werde!" + +Nach diesen Worten wollte sich Prestö entfernen. Aber sie, die ihm +zugehört und dagestanden, als ob sich ihr Körper in Stein verwandelt +habe, sagte nach tiefem Atemholen: + +"Waren diese Briefe nicht von Ihrer Braut, so sind Sie von dem Vergehen +dieser Vorspiegelung entlastet! Ich glaube Ihnen aber nicht und werde +forschen. Eine andere Hand mag sie geschrieben haben, der Inhalt stammt +von ihr. Behalte ich aber recht, spielten Sie auch diese Komödie, die +mit Liebesschwüren begann, auf Lüge sich weiter baute, und die Sie nun, +weil meine Armut Sie enttäuschte, noch eben wieder in plumpester Art +erneuerten, indem Sie sich den Mantel der Unschuld umhängten und die +plötzliche Erkenntnis meines Unwertes als Vorwand nahmen--so will ich +Gott anflehen, daß Sie Ihre Strafe dafür finden mögen! So, und nun +ersuche ich Sie, sich zu entfernen! Dies ist mein Gebiet und mein Heim! +Noch heute schließe ich gegen Sie meine Thür und mein Herz. Sie haben +alle Rechte an Imgjor, genannt Imgjor Lavard, verloren, aus diesem Spiel +davongetragen nur ihre Verachtung und--waren Sie ganz ein Schurke--ihren +Haß!" + +So endete Imgjor, die Hand ausstreckend; und er, der Mann, der noch vor +wenigen Tagen erklärt hatte, daß nie einer ein weibliches Wesen so +selbstlos geliebt habe, daß ihm das Leben nichtig und wertlos ohne ihren +Besitz sei, verließ, kalt verächtlich auf sie herabblickend, das +Gemach.-- + + * * * * * + +Da Imgjor in den letzten Tagen ihrer Familie fern geblieben war, +erschien's nicht auffallend, daß sie sich auch an dem dieser aufregenden +Scene folgenden Tage zurückhielt. + +Sie war erst gegen Morgen in einen durch seelische Erschöpfung +geförderten langen, bleiernen Schlaf gesunken, und als sie um die +Mittagsstunde erwachte, war ihr Gemach erfüllt von leuchtendem +Herbstsonnenschein. + +Aber mit dem Wiedereintritt in die Welt der Wirklichkeit stürmten auch +die schweren Gedanken auf sie ein, und von der Erinnerung an das am +vergangenen Tage Geschehene überwältigt, starrte sie vor sich hin. + +So war denn nun das Band zwischen ihr und jenem Manne dennoch und +endgiltig zerrissen; so hatte doch der recht behalten, der sich gegen +ihren Willen in ihr Leben gedrängt hatte! Noch mehr: Alle hatten recht +behalten, und so rasch hatte sich die Prüfung der Unwürdigkeit Prestös +vollzogen, daß zunächst nur der schamvolle Gedanke sie beherrschte, +ihrer Umgebung die Thatsache zu verheimlichen. + +Plötzlich war alles anders geworden. + +Die Enthüllung ihrer Geburt hatte sie belehrt, daß sie geringere Rechte +besaß als Lucile, in der sie eine Schwester zu sehen sich gewöhnt hatte. +Plötzlich war sie eine nur Geduldete da, wo sie bisher das Lavardsche +Scepter geschwungen. + +Ihrer Pflegemutter hatte sie sich demütig unterzuordnen, statt ihr wie +bisher mit stummer oder offener Auflehnung zu begegnen. Da sie sich +verdeutlicht hatte, mit welcher Selbstentäußerung diese an ihr, dem +Adoptivkinde, gehandelt, verwandelte sich ihre Minderachtung in +Hingebung und Bewunderung. Aber gerade aus all diesen Ursachen und weil +sie ein heftiges Unmutsgefühl gegen ihren Pflegevater ergriffen, deshalb +sich ihrer bemächtigt hatte, weil sie sich sagte, daß er einer Lucile +niemals so hart, so grausam begegnet sein würde, daß nur _ihr_ das +geworden, weil er sie als eine Halbwürdige betrachtete--verstärkte sich +in ihr der Entschluß einer Trennung von den Ihrigen. + +Zudem vermochte sie sich durch eine andauernde Entfernung von der +Familie der Gefahr zu entziehen, dem Werben des Grafen Dehn dennoch zu +unterliegen. Ihr Stolz verbot ihr, ihm je zu zeigen, daß sie etwas für +ihn empfand. Sie wollte eine Liebe zu dem nicht aufkommen lassen, der +sie sein Uebergewicht in solcher Weise hatte fühlen lassen. + +Auch war ihre Begeisterung für die große Sache trotz der gemachten +Erfahrungen nicht vermindert. Diese Erfahrungen mußten sie, wie sie sich +sagte, nur von neuem belehren, wie sehr den Besitzenden zu mißtrauen +sei. + +Die Armen und Elenden würden sie niemals enttäuschen, und wenn doch, so +verdienten sie lediglich Mitleid, weil ihnen die Erziehung nicht wie +jenen geworden, weil ein zarteres Empfinden ihnen erst eingeflößt werden +müßte. + +Sie wollte in ihren Pflegevater dringen, ihr eine Freiheit zu gewähren, +in der sie wenigstens im Kleinen ihre Menschenliebe zu bethätigen +vermochte, sie wollte ihn zwingen, sie abzulösen von Verhältnissen, die +ihrer Natur zuwiderliefen. Sie wollte nicht in Prunkgemächern wohnen, +sie wollte keine Genüsse, keine kostbaren Gewänder und Vergnügungen. Sie +wollte überhaupt keinen Ueberfluß, sondern ein auf Arbeit und +hilfreiches Menschentum gerichtetes Leben. Sie erstrebte Beschäftigung +mit edlen Dingen, mit der Natur und den feineren Regungen des +Menschengeistes. + +Und Kopenhagen, die Großstadt, erschien ihr als der rechte Ort dafür. + +Dort wollte sie wohnen, um es zunächst kennen zu lernen, und dazu war +jetzt, wo die Abreise vor der Thür stand, die beste Gelegenheit geboten. +Zuvor aber wollte sie noch völlige Klarheit über das zu erlangen suchen, +was zwischen der Gegenwart und der für sie dunklen Vergangenheit lag. + +Unter solchen Erwägungen wurde geklopft, und Lucile trat zu ihr ins +Wohngemach. + +"Nun, meine liebe Imgjor," hub Lucile an und umarmte ihre Schwester +sanft, "wie ist's verlaufen? Lasse uns unser Vertrauen fortsetzen! Mache +mich glücklich und sage mir, daß du Prestö nach Einsicht in die Briefe +den Bescheid erteilst hast, den wir alle herbeisehnen!" + +In Imgjor erhob sich bei diesen Worten ein schwerer, innerer Kampf. + +Sie sollte von ihrem Thron herabsteigen, sie sollte gestehen, daß ihre +Menschenkenntnis nur allzu winzig, daß ihr stolzes Selbstgefühl nur +allzu unberechtigt gewesen. + +Sich seiner selbst zu entäußern, sich seiner Hoheit um der bloßen +Wahrheit, statt um eines Vorteils willen, zu entkleiden, erfordert einen +starken, sittlichen Fond, ein besonders stark entwickeltes Rechtsgefühl. + +Imgjor fand das, was ihrer zwiefältigen Natur entsprach. Sie gab der +Wahrheit die Ehre und wahrte ihren Stolz. + +Zunächst überwältigte sie allerdings ein machtvolles Gefühl. + +Sie warf sich wie jüngst, einem Kinde gleich, an die Brust ihrer +Halbschwester und brach in ein anhaltendes Schluchzen aus. + +Dann schob sie den Körper zurück und sagte: "Aus irgend einem Grunde +habe ich mich für eine Lösung meiner Beziehungen zu Prestö entschieden. +Erweise mir darin deine Liebe, Lucile, daß du mich nach den Gründen +nicht fragst. Sei eine Fürbitterin bei deinen Eltern, die auch mir +Eltern waren, daß auch sie die Angelegenheit nicht ferner mehr berühren. +Hilf mir, teure Lucile, daß meine Bitten erhört werden! Ich habe mehr +denn je die Sehnsucht, Rankholm zu verlassen und mich irgendwo, fern von +hier, nützlich zu machen. Will dein Vater mir zu solchen Zwecken keine +Mittel zur Verfügung stellen, so möge er mir wenigstens das gewähren, +was er bisher für meine Ausbildung aufwendete. Fräulein Merville hat +ohnehin die Absicht, in ihre Heimat zurückzukehren. So möge er mir die +für sie verausgabte Summe bewilligen und dieser etwa noch so viel +hinzufügen, daß ich auf eigenen Füßen zu stehen vermag!" + +Lucile, die mit glücklichen Mienen zugehört hatte, nickte rasch und +bereitwillig. + +"Ich will alles thun, Imgjor! Ich will schon deshalb und in weit +größerem Umfange deine Wünsche befürworten, weil ich hoffe, daß dieser +Austritt ins Leben dich gänzlich heilen wird, daß du einsehen wirst, daß +es kein undankbareres Geschäft giebt, als seine Nebenmenschen ohne ihre +Anforderung glücklich machen zu wollen. Also, das möge dich nicht +bekümmern, Imgjor, und wenn du sonst noch--" + +"Ja, noch etwas, Lucile: Bitte deinen Vater, daß er mir die Aufklärungen +über meine Geburt nicht vorenthält. Ich muß jetzt alles wissen--" + +Lucile versprach auch das. Dann warf sie zögernd hin: + +"Und Graf Dehn, was wird's mit ihm?" + +Imgjor preßte die Lippen zusammen. In ihren Augen erschien ein Ausdruck +von Schmerz und Trotz, durch dessen Einwirkung sich die Lider +unwillkürlich schlossen. Und dann sprach sie in einem unbeugsam kalten +Ton: + +"Sage ihm, daß ich auch ferner darauf verzichten muß, in eine engere +Berührung mit ihm zu treten und daß eher über Nacht das Rankholmer +Schloß im Walde von Mönkhorst emporsteigt, als daß ich sein Weib werde!" + + * * * * * + +Ueber zwei Jahre waren seit diesen Ereignissen verflossen, als an einem +kalten, nebligen Märzmorgen eine wie eine barmherzige Schwester +gekleidete junge Dame den Weg in die Kopenhagener Vorstadt Oesterbro +nahm. In ihren Augen lag jener Verzicht auf irdisches Glück, jene milde +Ruhe und sanfte Ergebung, die nur in den Gesichtern derer beobachten, +welche sich dem Werke der Barmherzigkeit gewidmet und vielleicht die +Hoffnung auf das, was ein Frauenherz bis zu einem gewissen Alter noch +erfüllt, zwar nicht völlig aufgegeben haben, deren Erfüllung aber mit +den gleichen Augen betrachten, mit denen der Erfahrene irgend einem +Zufall vertraut. + +Sie können so existieren; sie finden Befriedigung in der +Pflichterfüllung, sie sehen die dankbaren Blicke der Kranken auf sich +gerichtet, sie finden den köstlichsten Lohn, der einem Menschen durch +seine Thätigkeitstreue werden kann, in der Wiedergenesung ihrer +Pflegebefohlenen.-- + +Vor einem alten, großen Dreieckhause mit vielen kümmerlichen Fenstern +und schiefen Mauern hemmte sie den Schritt, bog in einen neben diesem +befindlichen Gang ein und öffnete die Thür eines hinten auf dem +schmutzigen Hofe befindlichen Nebenhäuschens. + +Seine Räume bestanden aus einer winzigen Vorder- und Hinterstube, die +einem alten Ehepaar als Wohn-, Schlafzimmer und Küche dienten. Vorn in +dem Wohnzimmer, das nichts anderes enthielt, als ein paar karge Vorhänge +vor den Fenstern, einen Tisch, eine Kommode, einen Ofen und einen alten +Lehnstuhl, saß in letzterem eine erblindete, alte, hilflose Frau, und +jetzt eben verdunkelte ein solcher erstickender Petroleumdampf das +Gemach, daß Imgjor Lavard, wie sie auch ferner noch vor der Welt hieß, +unwillkürlich zurückprallte. + +"Um's Himmelswillen, Frau Ohlsen, was haben Sie denn gemacht?" stieß +Imgjor beunruhigt heraus. Gleichzeitig öffnete sie die Fenster und ließ +frische Luft hereindringen. + +"Was ist denn? Was ist denn?" tönte der Alten Stimme zurück. + +"Merken Sie es nicht? Das Zimmer ist voll Rauch. Sie hätten ja ersticken +können!" + +"Ich hab' mir was Warmes gemacht. Ich fror so schrecklich. Ich hab' dann +die Maschine wohl zu hoch geschraubt--" + +Imgjor nickte, obschon die Blinde sie nicht sehen konnte. Sie ließ auch +diesen Gesprächsgegenstand fallen und fragte mit gewohnter Milde: + +"Nun, wie geht's heute, Frau Ohlsen? Haben Sie besser geschlafen?" + +"Ein bischen, Fräulein. Heute morgen hab' ich aber wieder so +schreckliche Schmerzen in den Füßen." + +"So werde ich sie wieder einmal einreiben, arme Alte! Nachher, wenn ich +fertig bin, mache ich mich daran!" + +Nach diesen Worten entledigte sie sich ihres Hutes und Umhanges und +begab sich gleich einer Dienstmagd an das Reinigen der Wohnung. Sie +fegte aus, sie machte im Schlafzimmer die Betten, sie spülte Geschirr in +der Küche aus. Das alles mußte täglich eine fremde Hand besorgen. Die +blinde Frau konnte nichts thun, da sie, abgesehen von ihrem +Sehunvermögen, ihre Glieder nicht zu bewegen vermochte, und der Mann, +der früh fortging und spät von der Arbeit zurückkehrte, sank, da ihm die +Kräfte für mehr schon fehlten, gleich erschöpft auf sein Lager. + +Seit zweiundzwanzig Jahren war die Frau blind. Während dieser Zeit +hatte er für sich und sie nur so viel verdient, daß sie sich notdürftig +hatten satt essen können. Und zu der Blindheit während dieser Jahre +kamen fortdauernd schwere Krankheiten, die Pflege und Aufwartung, die +Arzt und Apotheke erforderlich gemacht hatten. Seit zweiundzwanzig +Jahren war die Alte kaum je aus dem Häuschen gekommen, hatte nichts +anderes gekannt, als Entbehrungen und Schmerzen. + +Als Imgjor zum erstenmal in dieses Elend eingegriffen hatte, war die +Wohnung durch Schmutz und Unrat förmlich verpestet gewesen. Die Leute +hatten auf faulendem Stroh gelegen, fast kein Gegenstand war ganz +gewesen. Erst neuerdings hatte Imgjor die alte Frau aus einer +Lungenentzündung herausgepflegt, und was diese Krankheit erforderte, aus +ihren Mitteln hergegeben.-- + +Nachdem Imgjor ihr tägliches Werk vollbracht hatte, sagte sie: + +"Frau Ohlsen, ich habe jetzt gerade mehr Zeit. Ich will Ihnen nun jeden +Spätnachmittag etwas vorlesen. Wollen Sie es hören?" + +"O gewiß, mein liebes, gutes Fräulein," entgegnete die alte Frau mit +dankbarer Betonung. "Was ist es denn?" + +"Etwas Ernsthaftes, Gutes, Frau Ohlsen. Sie werden gewiß Vergnügen daran +finden--" + +"Ja, danke, danke, liebes Fräulein. Wie gut sind Sie gegen mich! Gott, +wenn ich so denke, wie Sie uns geholfen und immer wieder geholfen, mich +arme, hilflose Person in meiner Krankheit gewartet und gepflegt haben, +dann möchte ich schon glauben--" + +"Nun, meine gute Alte?" + +"Daß Sie gar kein Mensch, daß Sie ein Engel sind, von Gott in die Welt +gesandt, um die Menschen glücklich zu machen." + +"Ach nein! Ich bin kein Engel, meine gute Alte," entgegnete Imgjor mit +einem trüben Lächeln. "Ich bin ein Mensch wie Sie. Das eben befähigt +mich ja, Sie zu verstehen, Ihnen ein wenig zu helfen. Nur wer eigenes +Leid erfahren hat, vermag mit seinen leidenden Mitmenschen zu fühlen. +Und so, wie Sie, giebt es viele Kranke und Bedürftige in dieser großen +Stadt, denen, weil sie noch nicht ganz mittellos, noch nicht ganz elend +und verlassen sind, keine öffentliche Unterstützung und keine +Krankenpflege zu teil wird. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es +die Aufgabe sei, das Traurige durch rechtzeitiges Eingreifen abzuwenden. + +Wahrhaftig, wenn unseren Vorstandsdamen so zu handeln gelehrt würde, +dann würden die Armen- und Krankenhäuser nicht so überfüllt sein, wie +sie es sind; es würden weniger Menschen zu Verbrechern und Selbstmördern +werden; das allgemeine Elend würde weniger groß sein. Da giebt es ein +weites, brach liegendes Feld für eine erfolgreiche Betätigung der +Nächstenliebe. + +Und dieses Arbeitsfeld habe ich für mich erwählt. Ich suche zu helfen, +wo ich kann und so weit es in meinen Kräften steht. Des Elends ist ja so +viel auf Erden!" + +"Ja, ja, liebes Fräulein. Wenn sie alle so dächten und so handelten, +wie Sie! Aber so--Na, es muß aber auch ein schönes Gefühl für Sie sein, +so geliebt zu werden und so viel Dank zu ernten." + +"Dank?" entgegnete Imgjor bitter im Ton. "Ich habe ihn nie erwartet und +kaum gefunden, wohl aber Undank, Neid, Mißgunst und üble Nachrede. So +habe ich mich allmählich äußerlich zu einer kühlen Haltung gezwungen, zu +einer fast rauhen Art. Ich unterdrücke die Regungen meines Herzens, mein +Mitleid, die Rührung und die Thränen über die häufig entsetzliche Not. +Ich thue es schon deshalb, weil die Menschen solche Weichheit garnicht +verstehen. Wenn ich nur nicht auch noch verunglimpft werde, wenn sich +der Undank nur nicht in noch Schlimmeres verwandelt, bin ich schon froh. +Eben jetzt ist wieder etwas geschehen, was die gemeine Gesinnung mancher +Personen zu Tage treten läßt, etwas, das auch in mir den Entschluß zur +Reise gebracht hat, diesmal meiner Empörung Ausdruck zu verleihen." + +Nach diesen fast ebensosehr an sich selbst gerichteten Worten und nach +Ausführung der von ihr versprochenen Hilfsleistung verabschiedete sich +Imgjor von der Alten und nahm den Weg in einen anderen Teil der +Vorstadt. Dort wohnte eine Witwe, eine Wäscherin, mit ihrer Tochter, +welche letztere unter Imgjors Pflege viele Wochen im Krankenhause +gelegen und sich für deren Aufopferung dadurch bedankt hatte, daß sie +einen empörende Verleumdungen gegen Imgjor enthaltenden Brief an den +Hauptarzt gerichtet hatte. + +Nachdem Imgjor zwanzig Minuten gegangen war, gelangte sie an eine +unsaubere, von vielen kleinen Kindern bevölkerte und zum teil noch +unbebaute Straße. In der Mitte der Gasse--einem zurückliegenden, von +einem großen Garten umschlossenen Hause gegenüber--befand sich eine +Branntweintaberne, und an diese lehnte sich ein kleines, verfallenes, +auch noch aus früherer Zeit stammendes Gebäude, in dem die Witwe Holm +mit ihrer Tochter und einer Stieftochter wohnte. + +Der Unfriede zwischen Imgjor und Thora Holm, der früheren Kranken, war +dadurch entstanden, daß jene auf das herz- und gemütlose Geschöpf, das +seiner Stiefschwester sehr roh begegnet war, bessernd einzuwirken +gesucht hatte. Auch als Thora das Hospital verlassen, hatte Imgjor sie +nochmals eindringlichst vermahnt, ihrer alten Mutter fortan eine bessere +Tochter zu sein, zu arbeiten und ordentlich zu werden. Die Leute litten +Not, und Imgjor hatte ihren Ermahnungen die Erklärung hinzugefügt, daß +sie nur dann materiell etwas für sie thun wolle, wenn Thora für die +Erfüllung der gestellten Forderungen Beweise geliefert habe. + +"Die Grevinde," wie Imgjor von der gesamten Bevölkerung in Kopenhagen +schlichtweg genannt wurde, war wegen ihrer Wohlthätigkeit bekannt, und +selten wendete sich jemand an sie, ohne Hilfe zu erhalten. + +Der Ingrimm, daß Imgjor ihr die Wahrheit gesagt, der Aerger, in ihrer +Erwartung auf eine Unterstützung getäuscht worden zu sein, hatten Thora +Holm zu der Denunciation veranlaßt. Daß sie und keine andere das +Schriftstück abgefaßt hatte, war erwiesen. Es störte Imgjor, daß sie den +Hauptarzt, mit dem sie um diese Zeit hier ein Zusammentreffen verabredet +hatte, noch nicht erblickte. In seiner Gegenwart wollte sie die Person +zwingen, ihre Perfidien zurückzunehmen und um Verzeihung zu bitten. + +Aber während sie noch unschlüssig verharrte, drangen aus dem offenen +Hause der Witwe jammernde Wehrufe. So markerschütternd trafen die Laute +Imgjors Ohr, daß sie förmlich zusammenfuhr. Indessen beendete dieses +Erschrecken auch ihr Zögern. Blitzschnell eilte sie vorwärts, betrat das +Haus und wurde hier Zeuge einer wahrhaft entsetzlichen Scene. + +Die Frau, ein starkknochiges, rothaariges Weib, und Thora, in einem +schlumpigen Rock, mißhandelten im Flur die Stieftochter der Frau. + +Während Thora die Unglückliche mit der einen Hand an den Haaren gepackt +hielt und ihr mit der anderen in unbarmherziger Rohheit den Kopf +bearbeitete, bediente sich das alte Weib einer ledernen Riemenpeitsche +und brachte ihrem Stiefkinde auf diese Weise blutige Striemen auf dem +ohnehin verletzten Körper bei. + +Im Nu war Imgjor unter ihnen, riß der Alten den Arm herab, stieß Thora +zur Seite und stellte sich, nachdem das mit ebenso großer Kraft wie +Furchtlosigkeit geschehen war, mit drohend gebieterischer Miene vor den +beiden Megären auf. + +"Ah, ihr Furien!" entrang es sich ihrer vor Empörung keuchenden Brust. + +In demselben Augenblick eilten auch schon von dem Geschrei +herbeigezogen, Gäste aus der Taberne herbei, und diese drängten, von +Imgjor laut und energisch ermuntert, die sich eben zum Kampfe gegen die +Verteidigerin rüstenden, sich wie tobsüchtig geberdenden Weiber hinten +in den Flur zurück. + +"Die Grevinde! Die Grevinde!" hatten die Hereindrängenden einander +zugerufen und sie nahmen auch in der Folge gegen die Holm und ihre +Tochter Partei. + +Freilich geschah's nicht aus irgend welchem Mitleid für die Mißhandelte, +auch nicht aus einer Abneigung gegen die beiden Holms, sondern lediglich +unter dem Gesichtspunkt, daß ihnen ihr Eintreten nicht unbelohnt bleiben +würde. + +Aber es wurde Imgjor auch noch andere Hilfe. Den Knäul teilend, erschien +der Arzt, Doktor Stede, und hinter ihm tauchte der in diesem Viertel +stationierte Polizeiofficiant auf. + +Im Nu erfolgte dann auch eine Verständigung zwischen jenen und Imgjor, +und ebenso rasch machte sich letztere zur Herrin der Situation. + +"Ich danke euch, Leute, daß ihr mir beigestanden habt. Und hier, hier +ist Geld! Teilt es euch--" rief sie, einen dänischen Speciesthaler dem +mitanwesenden Wirt übergebend. "Aber nun entfernt euch! Ich habe etwas +mit der Familie zu verhandeln, was nicht für eure Ohren ist." + +Und das Kind, das sich zitternd neben ihr aufgerichtet, mitleidig an +sich ziehend und dann dem Polizeiofficianten zum Schutz übergebend, +befahl sie der Wäscherin und ihrer Tochter, ins Wohngemach zu treten. + +Trotz ihrer feindseligen Mienen mußten sie sich fügen, und nachdem sie +sich aufgestellt, ergriff Imgjor das Wort und hielt der Verleumderin +ihre Infamien vor. + +"Sie haben die Wahl--" schloß Imgjor--"alles als erfunden zu bezeichnen +und mich hier vor diesem Herrn um Verzeihung zu bitten, oder gleich dem +Polizisten zu folgen. Auch auf Verhaftung Ihrer Mutter wegen Mißhandlung +der Tochter werde ich dringen. Also reden Sie! Daß Sie den Brief +geschrieben, hat Ihr früherer Verlobter, der Wärter Vessel, +ausgesagt----" + +Das Mädchen, eine üppige Blondine, preßte die Lippen zusammen, verzerrte +den Mund und antwortete nicht. Auch die Mutter verharrte in trotziger +Auflehnung. + +"Niemand hat ein Recht, in mein Haus zu dringen und sich in meine +Angelegenheiten zu mischen!" erklärte sie. Sie habe Verhöre nur vor +Richtern zu bestehen, und deren Untersuchungen würden ergeben, daß ihre +Tochter den Brief nicht geschrieben, daß sie zur Züchtigung ihrer +Stieftochter berechtigt gewesen, weil diese sie in frecher Art bestohlen +habe. + +Der Schlußsatz wurde allerdings durch Widerspruchsworte unterbrochen, +die sich aus dem Munde des weinenden Kindes lösten. + +Sie habe nichts genommen. Sie sei unschuldig! Aber Thora, die sie +beschuldigt, sei's gewesen. Sie habe gesehen, wie diese die Kommode +geöffnet und das Geld herausgenommen habe. + +Freilich folgte dieser Rede wiederum ein maßloser Wutausbruch von Seiten +der Schwester. Sie flog auf das Kind zu und erhob unter Schimpfworten +die Faust gegen deren Angesicht. Nur durch ein Dazwischentreten des +Polizisten ward eine abermalige Züchtigung verhindert. + +Aber gerade dieser Zwischenfall verschlechterte die Sache der Familie +Holm. + +Dem Polizeiofficianten, einem energischen Mann, riß die Geduld. Er +befahl Ruhe und sofortigen Frieden und die von der Komtesse geforderte +Erklärung. + +"Widersprechen Sie nicht, thun Sie, was von Ihnen verlangt wird! Sonst +nehme ich Sie und Ihre Mutter sofort mit. Sie stehen schon lange auf dem +Kerbholz wegen anderer Sachen!" + +Nun änderte die Alte plötzlich ihre Haltung. + +Nach allerlei Redensarten gab sie zu, daß sie wohl etwas zu heftig +gewesen sei, und was Thora anbelange, so könne die sich ja nun mal +garnicht im Zaum halten. So sei es wohl möglich, daß sie sich habe +verleiten lassen, einen solchen Brief zu schreiben, und wenn sie es +gethan habe, so solle so etwas nicht wieder vorkommen. Die Komtesse möge +Gnade für Recht ergehen lassen-- + +"So sagen Sie: Ich habe die Komtesse Lavard zu Unrecht beschuldigt. Ich +nehme alles zurück, bereue und bitte, mir zu vergeben!" stieß Imgjor, +ihre Blicke auf das gemeine Geschöpf richtend, heraus. + +Noch kämpfte die Person, dann aber, von ihrer Mutter nunmehr durch +Blicke und Worte ermuntert sprach sie eine halblaute Entschuldigung. + +In Imgjor aber regte sich das Gefühl der Empörung in vollstem Umfange. + +Das war also die Menschheit, der sie sich opferte! Faulheit, roheste +Leidenschaft und Mangel an Dankgefühl und jeder besseren Regung traten +ihr nur zu oft entgegen, und hier eben hatte sie wieder ein solches +Beispiel vor Augen. + +Waren da nicht erst ganz andere Aufgaben zu lösen? Mußte nicht erst mit +einer inneren Erziehung begonnen werden? + +Nachdem sie zum Einverständnis, daß sie befriedigt sei, stumm das Haupt +bewegt, sagte sie, zu der Alten gewendet: + +"Ich werde Ihre Stieftochter mitnehmen! Ich will sie prüfen, und ist sie +so viel wert, wie ich hoffe, so will ich künftig für sie sorgen." + +Nach diesen Worten erfaßte sie des selig aufhorchen den Kindes Hand und +richtete einen auffordernden Blick zum Gehen auf den sich ihr +ehrerbietig zur Verfügung stellenden Arzt. + +Und im Nu knixte und dienerte das faule, alte Weib. Nun wußte sie nicht +genug die Tugenden des Stiefkindes zu rühmen. Sie sagte zu allem ja, +machte sich auch noch im letzten Augenblick schmeichelnd an Imgjor heran +und bat, ihre fürchterliche Not klagend, um Unterstützung. Sie küßte den +Saum des Kleides der Komtesse, als diese unter der Erklärung, sie sage +nicht nein, müsse aber Zuwendungen von ihrer und ihrer Tochter künftigen +Haltung abhängig machen, mit den übrigen das Haus verließ. + +Als der Nachmittag gekommen war, saß Imgjor schon wieder in dem kleinen +Zimmer der Blinden, las ihr nach ihrer Zusage zum erstenmal vor und war +glücklich, als sie sah, daß jene ihr voll Interesse zuhörte. + + * * * * * + +Es war am folgenden Vormittag um die elfte Stunde, als Imgjor die Räume +des großen Kopenhagener Krankenhauses und zunächst das Gemach des +dirigierenden Arztes betrat, um mit ihm Rücksprache wegen einer Kranken +zu nehmen. + +Nachdem das geschehen, sagte Doktor Stede, ein Mann mit ernsten Zügen +und einem milden Ausdruck in den von einer goldenen Brille beschatteten +Augen: + +"Sie wollen uns, wie ich höre, Ihre wertvolle Hilfe im Krankenhause +entziehen, Komtesse? Haben die letzten Vorfälle Anlaß dazu gegeben?" + +"Nein! Wie kommen Sie zu dieser Vermutung Herr Doktor?" + +"Eine unserer Schwestern, Elise, hatte davon gehört und sprach mir +davon--" + +"Elise hat schon häufig Gerüchte über mich verbreitet, die erfunden +waren, Herr Doktor. Ich muß ihr sehr im Wege stehen. Und doch trete ich +ihr nirgends in den Weg--Wahrlich, dieses Treiben--" + +Imgjor sprach's mit starker Auflehnung im Ton, fuhr aber, ihre Erregung +ebenso rasch wieder abstreifend, gelassen fort: + +"In der nächsten Zeit werde ich nicht so häufig kommen können, Herr +Doktor. Meine Familie trifft heute ein und wird einige Zeit im +Rankholmer Palais Wohnung nehmen. Ich vermag mich ihr nicht ganz zu +entziehen. Ueberdies hat sich meine Schwerer verlobt, und es werden +einige kleine Feste stattfinden, an denen meine Angehörigen wünschen, +daß ich teilnehme--" + +"Ich bedaure natürlich außerordentlich, daß wir Sie entbehren müssen, +aber ich freue mich, daß Sie sich einmal Ruhe gönnen, Komtesse. Es wird +Ihnen eine solche Ablösung sehr gut thun." + +Imgjors Lippen umspielte ein trauriges Lächeln. + +"Nein, Herr Doktor, für mich wäre es weit besser, wenn ich dort keine +Ablenkung fände. Vielleicht wäre es sogar das Richtigste, daß ich +Kopenhagen ganz verließe--" + +"Wie? Also Sie tragen sich doch mit solchen Gedanken? Die ganze Stadt +würde es als einen unersetzlichen Verlust betrachten, wenn der Engel +unter den Menschen, wenn die Komtesse Lavard Kopenhagen verließe. + +Haben Sie den Artikel gelesen, der soeben über Sie in einer deutschen +Zeitung erschienen ist? Die Berlinske Tidende hat ihn heut' morgen in +einer Uebersetzung gebracht." + +"Ein Artikel über mich?" fragte Imgjor betroffen. "Was enthält er? Dem +Sinne Ihrer Worte nach zu urteilen, nichts Ungünstiges, aber jedenfalls +eine Unschicklichkeit. Wie wenig giebt meine Thätigkeit Anlaß, darüber +etwas und noch dazu öffentlich zu sagen!" + +"Sie sind allzu bescheiden, Komtesse--Die ungewöhnliche Erscheinung, daß +sich ein Mitglied der höheren Stände in solcher Weise freiwillig seiner +Bequemlichkeit entäußert, ist für die Welt Grund genug, sich damit zu +beschäftigen. Darf ich Ihnen den Artikel besorgen?" + +"Ich danke, nein, Herr Doktor! Es ist besser, daß ich dergleichen +garnicht lese. Es macht mir nur noch mehr Gedanken. Ich habe deren schon +so viele und solche, die mich nicht erheben--" + +"Sie sind noch so jung, Komtesse, und Sie sind schon so ernst, so trübe +in Ihrem Sinn?" + +"Ich bin es, aber nur insofern, als ich die ungeheure Schwierigkeit +erkenne, mein Vorhaben in Thaten umzusetzen. Ich möchte gern im Großen +wirken und sehe, daß ich schon im Kleinen überall stolpere." + +"Und was wäre, wenn die Frage gestattet ist, Ihr Ideal? Welche Absichten +verfolgen Sie?" + +"Ich möchte helfen, die Menge von dem Druck der allgemeinen Not zu +befreien und das Los der arbeitenden Klasse gründlich zu verbessern." + +"So bekennen Sie sich also auch zu den sogenannten "neuen" Ideen? Sie +überraschen mich!" + +"Kann ein gerechter, guter Mensch, kann ein wahrhaft christlicher Mensch +anders denken, Herr Doktor?" + +"Nein und ja, Komtesse. Die Ziele sind zu weit gesteckt. + +Man soll nur Mögliches erstreben wollen, nur Dinge, die sich mit den +Vorgängen in der Natur decken. Wir sind ihre Produkte, sie ist unsere +Lehrerin, sie bietet uns alle Beispiele für unsere Handlungen." + +"Schon einmal hörte ich fast ganz dieselben Worte. Seltsam--" Imgjor +ließ das Haupt sinken und starrte träumerisch vor sich hin. Aber da in +diesem Augenblick geklopft ward, wurden die Sprechenden unterbrochen. + +Der Doktor richtete noch einige verbindliche Worte an Imgjor, und sie +selbst lenkte, nachdem sie ihm leicht und unbefangen die Hand gereicht, +ihre Schritte in einen der Siechensäle. + +In diesem befanden sich Kranke, deren spezielle Sorge Imgjor übernommen +hatte. Augenblicklich waren es solche, die sich bereits in der Besserung +befanden. Dann schlief Imgjor in ihrer Wohnung, erschien auch nur zwei +oder dreimal am Tage. + +Nur in schweren Fällen blieb sie ganz im Hospital und übernahm auch die +Nachtwache. Ihr Verhältnis zum Krankenhaus war ein durchaus +freiwilliges, während die übrigen Schwestern sich streng an die +Hausvorschriften zu halten hatten. + +Auf dem Korridor begegnete Imgjor der Schwester, die von ihr behauptet +hatte, daß sie ihre Thätigkeit hier aufgeben wolle. + +Imgjor neigte ernst das Haupt zum Gruße; jene erwiderte die Höflichkeit +kalt und wollte ohne Wortaustausch vorüberschreiten. + +Nun hielt Imgjor sie auf und redete sie an. + +"Ich bitte, Fräulein, einen Augenblick. Ich höre soeben, daß Sie +abermals eine Erfindung über mich ausgestreut haben. Ich muß wirklich +sehr dringend bitten, daß Sie sich mit Ihren eigenen Angelegenheiten +beschäftigen. Ich schließe aus Ihrer Lästersucht eine Starke Mißgunst. +Daß sie in Ihnen emporsteigt, vermögen Sie wohl nicht zu ändern, aber +ich sollte meinen, Sie müßten sich äußerlich im Zaum zu halten wissen, +und jedenfalls--ich wiederhole meine Worte--wünsche ich von Ihren +eifersüchtigen Launen nicht ferner berührt zu werden." + +"Ich eifersüchtig auf Sie?! Nun, da wären Sie wirklich die letzte, +Fräulein von Lavard! Und was liegt denn vor? Mir ist erzählt, daß Sie +hier keine Schwesterdienste mehr versehen wollen! Ich wüßte nicht, daß +darin etwas Ehrenrühriges liegt. Sie nehmen einen Ton an, als ob ich +Ihnen wunder was angethan hätte und ich muß Sie meinerseits noch +dringender ersuchen, daß Sie ihn ändern. Sie sind nicht meine +Vorgesetzte--" + +"Sie wissen sehr gut, daß ich mit meinen Vorwürfen recht habe. Ihre +Heuchelei verschlimmert nur noch das Geschehene. Sie haben mich schon +wiederholt verleumdet, man hat es mir unaufgefordert, voll Empörung +mitgeteilt. Schwieg' ich trotzdem, so war's die Verachtung über solches +Geschwätz. Jetzt will ich aber ein Ende haben! Man könnte wirklich +glauben, es sei eine Spur von Wahrheit darin. Auch gestern habe ich ein +Exempel statuiert, und ich werde damit fortfahren!" + +Die Züge der Schwester Elise verzogen sich hämisch. + +"Sie sprechen, als ob Sie ein Oberstaatsanwalt seien. Ich sage Ihnen +nochmals, daß Sie sich mit Ihrem Eifer an eine falsche Adresse wenden. + +Ich habe auch besseres zu thun, als mich mit Ihnen zu beschäftigen. Ich +habe andere Gegenstände für meine Gedanken, als die Komödiantin Fräulein +Lavard!" + +"Ah! Wie niedrig! Und Sie wollen eine Dame sein. Sie gehören zum Adel +des Landes und würdigen Ihre eigene Standesgenossin herab, indem Sie ihr +solche Dinge sagen, indem Sie geflissentlich sogar ihren Namen +entstellen? Ich bin weder Fräulein Lavard, noch Fräulein von Lavard, +sondern für Sie und jedermann Komtesse Lavard!" + +"Nun dann sind Sie auch nichts Besonderes, umsoweniger, als die Spatzen +von den Dächern pfeifen, daß Ihre Mutter nichts anderes war, als eine +Dir--" + +Aber die Schwester Elise kam nicht weiter. Blitzschnell erhob Imgjor, +von Schmerz und Entrüstung übermannt, die Hand, sie zitterte für +Sekunden in der Luft. Und dann standen die beiden Gegnerinnen einander +gegenüber, als ob nur der Tod über das Schicksal des einen oder anderen +entscheiden könne. In demselben Augenblicke aber erschien zufällig die +Oberin, und die Schwester Elise stürzte so gleich auf diese zu und goß +einen Schwall von Verleumdungen und lügnerischen Anschuldigungen über +Imgjor und deren Benehmen aus. + +Und wiederum gab Imgjor mit stolzer Ruhe Antwort und forderte nach +Erörterung des Vorgefallenen die Entfernung der Schwerer Elise. +Anderfalls werde sie gehen! + +"Ich darf Sie ersuchen, ins Konferenzzimmer zu treten. Wir werden dort +weiter und in Ruhe reden! Ich muß erst klarer in der Sache sehen, ehe +ich meine Entscheidung treffe, Komtesse Lavard!" entgegnete die Oberin, +die nichts lieber wünschte, als daß die ihr sehr unbequeme Imgjor, die +keinerlei Mängel durchgehen ließ, vielmehr stets Unregelmäßigkeiten und +Pflichtversäumnisse zur Anzeige brachte, das Krankenhaus verließ. + +"Warum noch reden!" betonte Imgjor kalt. "Es unterliegt doch keinem +Zweifel, wer ein Recht hat, sich zu beklagen! + +Ich muß darauf bestehen, daß endlich die Sumpfquellen verstopft werden, +aus denen die Verleumdungen gegen mich fließen.--Klagen über Fräulein +Elise erheben sich von allen Seiten und auch in anderer Richtung.-- + +Anfangs der Woche hat sie der Witwe Romö, aus bloßer persönlicher +Antipathie, die Hilfe verweigert. Es wäre wohl nicht so schlimm, hat sie +gesagt! Die arme Person hat einen bedenklichen Rückfall davon bekommen! +Sind solche Vorkommnisse in einem Krankenhaus erhört?" + +"Nun ja, nun ja--es soll alles untersucht werden. Im übrigen will ich +niemanden hindern, seinen Weg zu gehen--" stieß, statt auf diese Rede +einzulenken, die Oberin äußerst gereizt heraus. "Ich darf Sie also nicht +erwarten, Komtesse?" + +"Nein! Ich muß darauf verzichten, Frau Oberin--" entgegnete Imgjor, +verbeugte sich gemessen, und ging, ohne die giftsprühende Schwester +Elise eines Blickes zu würdigen, von dannen.-- + + * * * * * + +Das Rankholmer Palais lag, von einem auf Marmorpostamenten ruhenden, +vergoldeten Gitter umschlossen, mitten in der Adelstraße. Ein +prachtvoller, weißschimmernder Bau mit hoher Aufgangstreppe tauchte +hinter einem großen Vorplatz mit grünem Rasen auf. Zwischen ihnen +befanden sich gepflasterte Fahrwege, und zu Seiten befanden sich die +Stallungen und eine Reitbahn. + +Am Abend des nächstfolgenden Tages, an dem sich die vorstehend +geschilderten Scenen abgespielt hatten, war das Palais von oben bis +unten hell erleuchtet. Es schwamm gleichsam in einem Lichtmeer. Von den +mächtigen Treppenkandelabern floß das Licht auf den Vorgarten herab, und +ein zahlreiches Publikum hatte sich auf der Straße aufgestellt, um der +Einfahrt der zahlreichen Equipagen mit ihren livrierten Kutschern und +Dienern beizuwohnen. + +An achtzig Personen aus den vornehmsten Kreisen waren Einladungen von +dem Grafen Lavard und seiner Gemahlin ergangen. Es galt, den Bräutigam +von Lucile, den Marquis Armand de Curbière de Ramillon der Gesellschaft +vorzustellen. In Berlin hatte Lucile ihn als Attaché der französischen +Gesandtschaft in einer Hofgesellschaft kennen gelernt, und bei einem +Besuch, den der Marquis der Familie in Rankholm abgestattet, war die +Verlobung zwischen ihnen erfolgt. + +Es fehlten noch zehn Minuten vor dem Tischgang, Schon hatte Frederik +wiederholt forschend die Zahl der Gäste gemustert. + +Es ließen noch warten der Stadtkommandant, General Baron von Berling, +und--Komtesse Imgjor, die auf das dringende Ersuchen des Grafen ihr +Erscheinen zugesagt hatte. + +In verschiedene Gruppen verteilt, standen die Gäste schwatzend umher. +Neben Lucile und neben dem Marquis von Curbière, dem Musterbilde eines +vornehmen, ritterlichen Mannes, stand der Premierminister Graf Niels von +Rosenberg. + +Er war klein und korpulent, hatte eine schiefe Schulter und einen +buckligen Rücken, besaß aber einen so ungewöhnlichen Verstand, und aus +seinen grünen Augen sprühte es so streng und gebieterisch, daß sich +unwillkürlich Hoch und Niedrig vor ihm bückten. + +Ein leises und lautes "Ah!" der Bewunderung entrang sich dem Munde der +Gäste, als dann endlich auch Imgjor, gefolgt von dem General von +Berling, einem Mann, der einem spanischen Granden glich und dessen +Brust die Orden kaum fassen konnte, in den Hauptsaal trat. + +Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid, dessen eine Hälfte, die linke, +aus zartgefärbter rosenroter, die andere aus schneeweißer Seide bestand. + +Um den Hals, dessen schwanenweiße Farbe das Auge entzückte, lag ein Reif +von Diamanten, aus dessen Mitte ein Opal seine roten, blauen und grünen +Blitze schoß; ein ebensolcher Schmuck umschloß die Arme. Das +braunrötliche Haar war empireartig frisiert, und eine durchsichtige, +zarte Randspitze umgab da, wo ihre schneeige Brust sich hob und senkte, +den Saum des ihren vollendet gewachsenen Körper fest und schlank +umfließenden Seidenleibchens. + +Als sich Imgjor nach Begrüßung ihrer Eltern und der sich zu ihr +drängenden Gäste nach Lucile und dem Marquis umsah--der Zufall hatte es +gefügt, daß sie den Bräutigam ihrer Schwerer bisher verfehlt +hatte--löste sich gerade Curbière aus der vorhin beschriebenen Gruppe +und eilte mit lebhaften Mienen auf Imgjor zu. + +Er stutzte. Ersichtlich ging etwas Ungewöhnliches in dem Innern des +Mannes vor, als er dieses schier unnahbar schöne Geschöpf vor sich sah, +und als sie ihm mit ihrem süßen, zuvorkommenden Blick die Hand +entgegenstreckte. + +"Ah! Wie schön Sie sind--Psyche und Juno streiten um den Preis!" +sprang's in höchster Ueberraschung, in französischer Sprache, aus des +gewandten Mannes Munde. + +Er war völlig benommen und wurde enttäuscht, als Imgjor in der +gewohnten Auflehnung gegen ihre Schönheit und gegen Artigkeiten einen +gleichgültig verdrossenen Ausdruck in ihren Zügen erscheinen ließ. + +"Ah! Sie machen mir solche Komplimente und nennen das größte Juwel Ihr +Eigentum, das Dänemark besitzt?" sprach sie dann, den Ausdruck des +Mißfallens in ihren Zügen absichtlich noch verstärkend. + +Jählings kam's über sie, daß sich der Mann für sie interessiere, sich +ihr zuwendete, sich verlor, obschon er Lucile angehörte. Es war etwas in +seinen Augen aufgeblitzt, das sie ängstigte und dessen Wiederholung sie +durch schroffe Begegnung verhindern wollte. Aber Curbière war ihr +gewachsen. Er fand sich rasch wieder. + +Während seinen Mund ein überlegenes Lächeln umspielte, sagte er mit +rascher, kavaliermäßiger Gewandtheit: + +"Wie? Sie spielen den Lehrmeister gegen mich aus, Komtesse! Sie vermuten +wohl einen jener Bekehrungsbedürftigen, mit denen Sie sich draußen +beschäftigen. Ich sollte meinen, ich hätte am ehesten da ein Recht zur +Aeußerung der Bewunderung und glaubte am wenigsten da mißverstanden zu +werden, wo es sich um die Schwester meiner Braut handelt!" + +"Wie sollte es--" entgegnete Imgjor unbiegsam--"einem Weltmann wie Ihnen +nicht gelingen, das Uebergewicht zu behalten, gar dem anderen zu +beweisen, daß seine Rede eine Ungeschicklichkeit gewesen sei, Herr +Marquis!" + +"Sie halten es also nicht für denkbar, daß Sie sich irren, daß das, was +Sie als eine Ablenkung meiner Gefühle für Lucile bezeichnen wollen--so +ist's doch, Komtesse?--lediglich ein Ausbruch meines stark entwickelten +Schönheitssinns war? + +Glauben Sie mir das, Komtesse! Ich bitte darum!--Wenn Sie aber trotz +alledem doch vermeinen, ich sei eines Tadels benötigt, so haben Sie mich +jedenfalls überaus schnell kuriert. Sie haben es verstanden, in mir die +Freude an Ihrem inneren Menschen genügend herabzumindern." + +Nun sah Imgjor betroffen empor. Und als sie dann dem ernst gemessenen +Ausdruck in den Augen ihres künftigen Verwandten begegnete, streckte sie +ihm, von einem raschen Impuls getrieben, die Hand entgegen und sagte mit +dem schönen, bezwingenden, allen Lavards eigenen Freimut in Blick und +Mienen: + +"Wohlan! Nach dieser Klärung wollen wir keine mißvergnügten Gegner, +sondern wahrhaft gute Freunde sein! That ich Ihnen Unrecht, verzeihen +Sie mir! + +Also, ich bitte, Herr Marquis, ich bitte, lieber Armand!" schloß sie mit +einem noch bezaubernderen Ausdruck. + +Und von dieser ehrlichen Liebenswürdigkeit bezwungen, beugte sich Armand +de Curbière auf Imgjor Lavards Hand herab, küßte sie ehrerbietig und +sagte, obgleich sich ihnen in diesem Augenblick Lucile näherte und schon +von fern eifersüchtig hinüberschaute, laut und mit einem tief +verinnerlichten Blick auf die Schwester seiner Braut: + +"Ich danke Ihnen, teure Imgjor! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen! Ich +werde Ihnen diesen Augenblick nie vergessen." + +Und nun gab auch Frederik endlich das Zeichen zum Tischgang. + +Alle Anwesenden setzten sich in Bewegung, und bald saß die glänzende +Gesellschaft in dem theegrünen Speisesaal, der sich als Hauptzierde des +Palais in einem Flügel des Gebäudes befand, bei köstlich duftenden +Speisen und seltenen Weinen beisammen. + +Während des Tafelns warf Lucile, zu ihrem Verlobten gewendet, hin: + +"Sieh' einmal, wie Imgjor entzückend ansieht und wie lebhaft sie sich +mit dem jungen Grafen Kilde unterhält." + +Ach, wenn sie sich doch endlich einmal verliebte und damit auch ihren +Menschenbeglückungskittel abthun würde!" + +"Ist's möglich! Imgjor hat sich noch für niemanden interessiert?" + +"Doch, einmal! Aber das war nur ein Flämmchen, welches ebenso rasch +verglomm, wie's emporgelodert war. Auch spielten andere Dinge mit--" + +"Und wer war der Bevorzugte? Wie hieß der Mann, der jedenfalls einen +ganz superben Geschmack besaß?" + +"Es war irgend einer! Der Name ist gleichgültig. Es war einer, der ihr +vormachte, daß er auf nichts Anderes sinne, als die Welt von den Fesseln +der Ungleichheit zu befreien. Er verschwand dann und soll sich jetzt in +Amerika aufhalten." + +"Aber Imgjor ist doch sicherlich von Hunderten umschwärmt worden." + +"Ja, fast von allen Männern. Nur einer war ihrer wert. Ein vorzüglicher +Mann: Graf Dehn. Aber auch er zog sich aus ihrem Sonnenkreis fort, wenn +auch aus anderen Gründen. Er liebte sie über alles und wußte sich nur +durch eine Weltreise von seiner Schwermut zu erlösen. Es ist derselbe, +der, wie du auf Rankholm hörtest, demnächst von Italien zurückkehrt und +uns besuchen will--" + +"Ah!? Der Lausitzer Graf! Und wirklich ein so vollendeter Mann?" + +"Ja, der liebenswertere, vornehmste Mensch, den ich außer dem Marquis +von Curbière kennen gelernt habe." + +"Sehr verbunden, Komtesse Lavard! Aber wissen Sie, daß ich leicht +eifersüchtig zu werden vermag?" warf Curbière liebenswürdig neckend hin. + +Lucile spitzte erst lachend den Mund, dann sagte sie ernst: + +"Aber weder in diesem noch in irgend einem anderen Falle wirst du je +dazu Ursache haben! Bleibst du mir ein treuer Kamerad, so hast du bei +mir auf Felsen gebaut. Wir Lavards--" + +In diesem Augenblick wurde Luciles Aufmerksamkeit auf ihre Mutter +gelenkt, die so lebhaft mit einem der jungen, zu ihrer Rechten sitzenden +Prinzen des Königlichen Hauses sprach, daß die Laute volltönend zu +ihnen herüberdrangen. + +Sie unterbrach deshalb ihre Rede, und Curbière sagte: + +"Wie jung, wie schön ist noch deine Mutter! Lucile. Es ist ein Mirakulum +in solchem Alter--" + +"Ja, und wie man sie lieben und achten muß!" fiel Lucile ein. "Ich habe +erst vor einigen Jahren erfahren, welch' eine große, edle Seele sie +besitzt. Sie hatte eine schwere Versuchung zu bestehen, und hat sich +unvergleichlich bewährt." + +Curbière hörte gespannt zu, dann sagte er unvermittelt: + +"Und so fest seid Ihr alle? Auch Imgjor?" + +Lucile drehte sich rasch zu ihrem Verlobten um. Ohne daß sie sich +Rechenschaft zu geben vermochte, berührten sie seine Worte. + +"Weshalb fragst du?" stieß sie heraus. + +"Nun, wie man eben fragt. Aus keinem besonderen Grunde--" + +Und da er sah, daß ihre Wangen eine leichte Blässe überzogen hatte, +erhob er das Champagnerglas, stieß mit ihr an und fuhr neckend, mit +zärtlichem Ausdruck fort: + +"Also auch meine stolze Königin kann eifersüchtig werden!? Dann sind wir +also quitt, meine liebe, wunderschöne Lucile Lavard!" + + * * * * * + +Eine Lavardsche Equipage hatte eben Imgjor--es war halb drei Uhr +morgens--vor dem Hause das sie seit ihrem Kopenhagener Aufenthalt +bewohnte, abgesetzt. Stumm und ehrerbietig war Robert seiner früheren +jungen Herrin beim Aussteigen behilflich gewesen, und nun schleppte sich +das junge Mädchen, die Brust voll von den widerstreitendsten +Empfindungen, die Treppe hinauf. + +Der Prinz und Curbière hatten wiederholt mit ihr getanzt und sich beide +außerordentlich eingehend mit ihr beschäftigt. + +Der Prinz war ein Mann von Geist und feinen Manieren, aber nicht ohne +starken Cynismus, Curbière dagegen ein Kavalier von seltener +Gewandtheit, auserwähltem Geschmack und neben scharfem Verstande von +einer Unbefangenheit in der Beurteilung menschlicher Dinge, die Imgjor +in Erstaunen versetzt und außerordentlich angezogen hatte. + +Er war ein ganz anderer als der übrige Schwarm der Männer. Lucile hatte +wohl gewußt, was sie gethan hatte! Er ähnelte dem Grafen Dehn, demselben +den sie, Imgjor, aus Trotz und Stolz von sich gewiesen. + +Ein schwerer Kampf vollzog sich gegenwärtig in Imgjors Innern. + +Ein Wesen von Fleisch und Blut, war auch ihr Herz einmal wieder in +Bewegung geraten! Und gerade der Mann hatte Eindruck auf sie gemacht, +der seine Hand vergeben und den sie--Scham, Reue und Auflehnung gegen +sich selbst flogen in heißen Schauern durch ihre Seele--wegen seiner +Schwärmerei für eine andere so scharf zu tadeln sich unterfangen hatte. + +Was sie an ihm so streng gerügt hatte, war nun ihr eigen Teil geworden. +Sie beschäftigte sich in ihren Gedanken mit dem Verlobten ihrer +Schwester. + +Allerdings gelangte sie zu einem anderen Ergebnis, als sie sich +vorstellte, sie hätte Curbières Gattin werden können. Dann schob sich +doch die Gewalt des Grafen Dehn in ihre Vorstellungen. Sie erkannte, daß +nur die gewaltsam herabgedrückte Leidenschaft für ihn sich geregt, daß +sie zu Curbière das mit jenem Uebereinstimmende im Wesen hingezogen, daß +ihr Herz unwillkürlich--ihr unbewußt--Nahrung suchend, nach diesem +Ersatz gegriffen habe. + +Aber diese Probe hatte sie zugleich belehrt, daß sie sich von den Räumen +der Paläste fern halten mußte. Die Schmeicheleien, die den Sinnen +gebotenen Reize, die parfümierte Atmosphäre wirkten auf sie. + +Reine Gedanken, und durch sie die Wiedererlangung der Ruhe ihrer Seele, +mußte sie zurückerlangen. + +Hatte sie nicht selbst darauf bestanden, daß man ihr eine Freiheit +eingeräumt, wie sie jetzt sie besaß? Sie war ihr unter schwersten +Kämpfen geworden. Sie hatte geschworen, auf die Liebe eines Mannes zu +verzichten, jedenfalls niemals einem Axel Dehn den Triumph zu gönnen, +das Eingeständnis ihrer Liebe zu hören. + +Würde sie sich nicht dem höhnischen Lächeln der wahrsagenden +Besserwisser preisgeben, wenn sie plötzlich ihren Vorfällen wieder +untreu wurde, gar von dem Schauplatz ihrer Thätigkeit zurücktrat? + +Sprach man doch in ganz Dänemark von Grevinde Lavard! Man hatte sie +schon mit der heiligen Elisabeth in Deutschland verglichen. Und ihrer +armen, verdorbenen Mutter hatte sie einen stummen Schwur geleistet, sich +der unglücklichen, den Verfluchungen ausgesetzten Frauen anzunehmen! +Sollte sie ihn brechen? Nein, niemals! + +Sie preßte gewaltsam alles in sich nieder, was ihre Entschlüsse wankend +machen konnte. + +Und zu all' diesen Vorstellungen gesellte sich heute wieder auch die +Erinnerung an Prestö. + +Noch einmal war Imgjor ihm begegnet, damals, als sie zur bleibenden +Uebersiedelung nach Kopenhagen unterwegs gewesen. + +Sie hatte ihn mit einem jungen Mädchen, sicherlich seiner Braut, auf der +die beiden dänischen Inseln verbindenden Korsörer Fähre gesehen, und da +er sie nicht einmal gegrüßt hatte, waren die Gefühle der Empörung, des +Schmerzes und der Gedanke, jedermann vor diesem gefährlichen Menschen zu +warnen, wieder in ihr aufgestiegen. + +Aber gerade das Mädchen an seinem Arm war als ein Engel zwischen ihn und +sie getreten. Ihr Erscheinen hatte alle rachsüchtigen Regungen in Imgjor +erstickt. Ingeborg Jensen hatte ihr damals geschrieben, hatte sie +beschworen, ihrem Verlobten zu vergeben, und ihren flehenden Worten war +Imgjor mit ihrem weichen Herzen erlegen.-- + +Fast eine Stunde hatte Imgjor schon, in solche Gedanken verloren, +dagesessen. Die Geschmeide hatte sie abgethan, das Kleid von ihrem +Körper gelöst. Sie glich, als ihr Blick zufällig in den Spiegel fiel, +einer marmornen Psyche. + +Und bevor sie ihr Lager aufsuchte, ergriff sie ein dänisches Buch, das +auf ihrem Tisch lag. + +"Was ist Glück?" lautete der Titel. + +Was ist Glück? Ja, was war Glück? Pflichtübung führte es zunächst +herbei. Aber Pflichterfüllung war auch ein dehnbarer Begriff. Mit +Pflichterfüllung verband sich starke Selbstentäußerung--und sie brachte +Kämpfe, die aber machten doch nicht glücklich! War sie denn überhaupt +glücklich? + +Sie schüttelte wehmütig den Kopf. + +Nein! Es hatten die Recht behalten, deren Weisheit sie bespöttelt hatte. + +Wo herrschte die größte Vernunft? Ihre Erfahrung hatte ihr darauf die +Antwort erteilt: Bei denjenigen, welche die Dinge dieser Welt nicht mit +Ungestüm anfassen, sondern mit besonnener Vernunft, die, ohne daß sie +stumm oder laut darüber philosophieren, wissen und daran festhalten, daß +Zeit und Umstände Mitordner der Dinge sind; die den guten Mittelweg +einschlagen, ihn stetig beschreiten, wenn auch auf den Nebenwegen noch +so viele Harfen mit süßklingenden Tönen locken; die endlich vom Tage und +von den Stunden nicht mehr begehren, als sie nach Lage der Dinge +herzugeben vermögen und wofür sie, die Fordernden, aufnahmefähig sind. + +Sie aber, Imgjor, jagte unruhig einem von allen Vernünftigen als +Phantom bezeichneten Ziele nach, erntete keinen Dank, wohl aber meistens +das Gegenteil. Die Empfänger ihrer Wohlthaten hatten ihr schon oft +erklärt, daß man sie ja nicht gerufen, daß sie sich aufgedrängt habe, +daß man ohne sie auch und besser fertig geworden wäre! + +Dann hatte sie sich hingesetzt und wie ein Kind--und immer noch ein +solches an mangelnder Erfahrung--bitterlich geweint. + +Ja, wie anders war die Welt der Vorstellungen und die der Wirklichkeit! +Curbière hatte ihr gesagt, und aus jedem Wort hatte sie Axel Dehn +sprechen zu hören vermeint: + +"Wir leiden an drei Krankheiten: der einst den Frauen nachgesagten, +jetzt der Männerwelt anhaftenden Eitelkeit, der Verbesserungs- und +gegenseitigen Bevormundungssucht. + +Die schlimmsten Verderber unserer heutigen Zustände sind diejenigen, +welche, statt der Zeit ein allmähliches Reisen der Dinge anheimzugeben, +sich zu Staatsverbesserern aufwerfen, den Eitelkeitsspiegel zur +Betrachtung ihrer ungeheuren Weisheit und Bedeutung allezeit in der +Tasche tragen, fast ausnahmslos aus diesem Grunde auch nur handeln, +selbstgefällig, erhobenen Hauptes, reden, reden und wieder reden, +begründen und Resolutionen fassen. + +Wir besitzen die Mittel zur Verbesserung unserer Lage in nächster Nähe. +Aber wir stecken so sehr im Sumpf unserer Selbstsucht, gepaart mit +Verweichlichung und Genußsucht, daß wir durch künstliche Mittel ein +Gleichgewicht erzwingen wollen. Zu einer Gesundung unserer Zustände +können wir nur gelangen, wenn wir alle zu einfachen, natürlichen +Verhältnissen zurückkehren, wenn jeder streng in seinem Wirkungskreise +seine Pflicht erfüllt, erst sorgsam sein Haus bestellt und dann auch dem +Nachbar hilfreich die Hand bietet, und wieder letzterer dem nächsten, +also, daß jeder geduldig, wachsam und treu der Last sich fügt, die +schwer oder minder schwer auf seinen Schultern ruht; wenn endlich die +sozial Bedrohten von den Gegnern einer ruhigen Entwickelung der Dinge, +nämlich den Sozialdemokraten, die Kunst der Einigkeit und +Opferfreudigkeit erlernen, fest und unzerreißbar sich zusammenscharen +und handeln, sobald Umstürzler die begehende Ordnung untergraben wollen. + +Jedem Menschen gab die Natur, wie dem Tiere, die Werkzeuge zum Kampf um +seine Existenz mit. + +Sie soll er zunächst gebrauchen, nicht nach fremder, künstlicher Hilfe +sich umschauen. + +Auf Beistand von Seeschiffen rechnen, wenn man auf Auen in Kähnen fährt, +ist das Beginnen von Thoren. + +Was war es denn, so fragte sich Imgjor, was sich immer wieder in ihrer +Seele regte und dennoch Lehren und Erfahrungen beiseite schob? Sie fand +keine Antwort darauf. + + * * * * * + +Als sich Imgjor am nächsten Tage spät erhob und nach Erledigung einiger +häuslichen Pflichten an ihren Schreibtisch ging, fand sie zu ihrer +Bestürzung, daß sie bestohlen worden war. + +Es fehlten mehrere hundert Kronen, die sie beiseite gelegt hatte, um +einen beim Zoll angestellten, schwer heimgesuchten Familienvater zu +unterstützen. + +Der Diebstahl mußte während ihrer Abwesenheit am gestrigen Abend +vollführt worden sein, und da nur ihr Aufwartemädchen ihre Zimmer +betreten konnte, so mußte sie die Diebin sein. + +Dies regte Imgjor abermals außerordentlich auf, besonders deshalb, weil +sie diesem Dienstboten und deren Eltern sehr viele Wohlthaten erwiesen +und somit Dankbarkeit, wenigstens Treue von ihr erwartet hatte. + +Aber sie fand auch in ihrem Briefkasten, den sie gewohnheitsmäßig nach +beendetem Frühstück öffnete, einen Brief, dessen Inhalt sie namenlos +erregte. + +Das Schreiben lautete: + +"Nichts anderes trieb dich aus den vergoldeten Zimmern in Rankholm fort, +als deine Sucht, dich breit zu machen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf +dich zu lenken. Und weshalb? Um deinen kleinlichen Ehrgeiz zu +befriedigen, damit man von dir spricht, schreibt, kurz--etwas aus dir +macht, die du doch selbst nichts bist. Du meinst, man durchschaue dich +nicht. Aber die Welt hat scharfe Augen. Die eine Hälfte bespöttelt und +belacht deine Narrheiten, die andere, die der Eingeweihten, geht mit dem +Gedanken um, dem Grafen Lavard mitzuteilen, wie sein Name durch dich +verunehrt wird. + +Solche Emanzipierte wie du gehören in eine Korrektionsanstalt. Du die +Welt reformieren? Du der Not und dem Elend ein Ende machen? Stille +deinen eigenen Jammer! Denn man weiß es, du hast genug mit dir zu thun, +und man weiß auch--warum! Also mache ein Ende mit der Komödie und mit +den bezahlten Zeitungsartikeln, die auf deine Verherrlichung abgesehen +sind! + +Kehre dahin zurück, woher du gekommen bist, ehe du notgedrungen die +Flucht ergreifen mußt!" + +Imgjor saß während einer längeren Zeit wie gelähmt da. Das war die +stärkste Infamie, die ihr bisher geworden. Und wenn's auch vielleicht +aus derselben Quelle stammte, aus der ihr die übrigen Kränkungen +gekommen waren, so wurden doch durch solche Wahrscheinlichkeit ihre +unruhvollen Vorstellungen nicht beseitigt. + +Die Augen wurden ihr durch dieses Schriftstück völlig geöffnet. So +urteilte also die Masse; solche Motive schob sie ihr unter! + +Und das war so entsetzlich, daß sie sich hätte in diesem Augenblick tief +in die Erde verkriechen und nie wieder zum Vorschein kommen mögen. + +Fort, fort, nur fort aus Kopenhagen mit seinem Undank, seiner Mißgunst +und Niederträchtigkeit! Zurück nach Rankholm, wo die weißen Tauben um +die hohen Türme der Einsamkeit flatterten, wo Ruhe, sanfter Friede +herrschten, wo es kein widerwärtiges Jagen und Haschen nach Geld und +Stellung, wo es noch einfache Verhältnisse gab; wo man ohne erst Anhöhen +vor der Stadt zu gewinnen, die Sonne in ihrer unschuldigen, hehren +Schönheit aufsteigen und niedersinken sah, wo der Mond die stillen Wege +versilberte, auf denen sie, ein glückliches, von den Wirren der Welt +unberührtes Kind, einhergewandelt war! Ah! Das Brüllen der Rinder, das +Wiehern der Pferde, die reinen Laute des Landes, die anheimelnden Düfte, +der kräftige Erdgeruch; ihr Zimmer oben im Turm, mit einer Aussicht in +eine Welt, die nicht schöner gedacht werden konnte, in der Menschen +wohnten, gute, treuherzige, dankbare, keine schlechten wie hier!-- + +Aber auch dieser Sturm ihres Innern ging vorüber, und Imgjor gelangte zu +anderen, zu den alten Entschlüssen. + +Sie wollte fortfahren, in die Häuser der Armen zu gehen, und trotz aller +Anfeindungen versuchen, nicht in dem zu erlahmen, was sie sich einmal +als Lebensaufgabe gewählt hatte. Am nächsten Tage wollte sie in +Sommerlyst einem Vortrage beiwohnen, den ein aus Schweden +herübergekommener Reformator Kollund, ein früherer Geistlicher, halten +würde. Ja, dazu war sie entschlossen!-- + +Es war am folgenden Abend. Schon seit einer Stunde hatte Kollund, der +einstige Geistliche und jetzt den neuen Ideen mit feurigem Eifer +huldigende Wanderprediger seinen Vortrag beendet, hatte der stets nach +solchen Verheißungen hungernden Welt erklärt, daß Christus im Grunde +nichts anderes gewollt, als was sie selber jetzt in größerer +Gemeinschaft anstrebten. Auch er habe gesprochen: "Kommet her zu mir +alle, die ihr mühselig und beladen seid!" und nur durch praktisches +Christentum seien die Not und das Elend aus der Welt zu schaffen. Seine +Worte hatten Imgjor deshalb noch mehr ergriffen als alle diejenigen +seiner Vorgänger, weil sie von dem reinsten Enthusiasmus getragen und +weil sie von jener Selbstlosigkeit durchhaucht schienen, die ihr selber +eigen war. So sehr hatte sie das bleiche Erlöserangesicht des Redners +angezogen, daß sie auch nach Beendigung des Vortrages in Sommerlyst +blieb. Sie hatte sich ihm vorgestellt und ihm gesagt, wer sie sei. Und +dann war sie mit ihm in eine Laube des Gartens getreten und hatte hier, +umfächelt von den sanften Lüften der Frühlingsnacht, ihre Gedanken mit +ihm ausgetauscht. + +Sie sei im Begriff, zu erlahmen, hatte sie ihm, unter den Eindrücken der +letzten acht Tage, mit einer Offenherzigkeit gestanden, als ob sie ihn +lange Jahre gekannt, ihm schon immerdar ihr Vertrauen geschenkt habe. + +Und der Mann, ein unerschütterlich Ueberzeugter, hatte das Haupt mit +einer Miene bewegt, als ob er nicht zu hören brauche, als ob er ohnehin +wisse, was in ihrer Seele sich vollziehe. + +"Mir ging es wie Ihnen, Komtesse," erklärte er. "Ich habe wohl +hundertmal alles wieder beiseitewerfen, habe verzagen wollen. + +Ich habe so viel Undank und so viele Nichtswürdigkeiten erfahren, daß +ich im Zorn aufgeschrieen und in die Worte ausgebrochen bin: + +"So helft euch selbst! Ihr verdient es nicht, daß ein ehrliches +Menschenkind auch nur einen einzigen Schritt für euch thut! Ihr seid +Riesen im Nehmen, im Empfangen und in der Selbstsucht, und kleiner als +Ameisen in der Erkenntnis dessen, was ihr euch selbst schuldig seid, +welche Dankpflichten ihr denjenigen zollt, die sich in eure Dienste +stellen! + +Mit dem Essen wächst euer Appetit bis ins Ungemessene. Ihr fordert +zuletzt, wo ihr zu bitten habt. + +Vor Monaten blieb eine Frau, der ich täglich Nahrungsmittel gespendet, +plötzlich aus. Als ich ihr begegnete und sie fragte, weshalb sie nicht +mehr komme, erwiderte sie mir in einem geringschätzenden Ton: + +Es sei ihr das Essen bei mir nicht mehr gut genug. Sie verkehre jetzt in +dem Hause eines Großkaufmanns und empfange dort andere, sehr viel +bessere Speise. + +Ich hatte auf der Zunge, ihr zuzurufen: + +"Sie soll dir _nicht_ werden, du Unverschämte! Ich werde jenem melden, +welch' eine Unwürdige du bist!" + +Aber ich gedachte des Elends, das dann vielleicht wieder eintreten +würde, und verwandelte Zorn in Milde. Ich sprach auf sie ein und hielt +ihr vor, auf welchem verkehrten Wege sie sei. Denn das ist unsere +Aufgabe! Nicht zürnen, gar rächen, vielmehr vergeben, anleiten, durch +sittliche Förderung des einzelnen Samen streuen für eine allmählich +aufgehende, kräftige Frucht. Und glauben Sie: + +So niederträchtig die Welt sich oft durchweg giebt, so ungerecht, so +einseitig, sie meist urteilt, so birgt sie doch auch Edeldenkende. Es +giebt ein sich an Wahrheit und Wirklichkeit haltendes Urteil, und das +und das Eintreten jener Gerechten wird am Ende siegen. + +Im allgemeinen hat die Welt einen sehr feinen Orientierungssinn, sie +weiß sehr wohl zwischen den Wertvollen und Wertlosen zu unterscheiden.-- + +Harren Sie also aus! Schon leuchtet der Name der Grevinde Lavard durch +die nordischen Lande. Daß sie Anfechtungen zu bestehen hat, daß man sie +entweder eine Närrin oder eitle Abenteuerin schilt, das ist ein Los, das +sie mit allen teilt, denen ein höherer Geistesflug innewohnt, die sich +nicht damit begnügen, blos zu sein." + +Imgjor hatte dem Redner mit Begeisterung zugehört. Sie fing jedes Wort, +das über seine Lippen ging, wie ein Evangelium auf. So schön, so +verklärt waren seine Züge! Ueber der bleichen Stirn hing, gleichsam als +Kennzeichen der Gleichgiltigkeit gegen alles Aeußerliche, eine Locke des +schwarzen Haares, in seinen dunklen Augen glühte das Feuer der +Ueberzeugung, und über ein krankes Hüsteln, das seine Rede unterbrach, +sprach er mit jener milden Ergebenheit, die den Märtyrern eigen. + +"Ich schaffe, so lange ich es vermag. Will der Schöpfer, daß ich +aufhöre, so wird er seine Gründe haben, und einen anderen, Befähigteren, +Stärkeren senden." + +Jetzt, in seiner Nähe, unter seinem Einfluß lehnte sich Imgjor wieder +einmal gegen die nüchterne Ueberlegenheit eines Axel Dehn, eines +Marquis von Curbière auf. + +Es war sehr bequem, zu sprechen, wie sie es thaten. + +Allmählich würde, nach ihren Worten und Ansichten, vom steten Regen der +Zeit benetzt, der Felsen der zu großen Ungleichheiten zerbröckeln! Aber +eben der Regen sollte wirken, damit auf dem Platze, wo das Gestein +ruhte, fruchtbares Land sich aufthue! Selbst wollten sie sich nicht +rühren, die Muskeln nicht anstrengen! + +In ihm, dem Prediger Kollund, saß das, was einem Christus, einen Mahomed +den Stab in die Hand gedrückt. Er war der berufene Vorkämpfer für die +neue Lehre. Endlich hatte sie ihn gefunden. + +Nachdem Imgjor mit Kollund verabredet hatte, daß sie sich noch einmal +wiedertreffen wollten, nahm sie allein den Weg von Sommerlyst zu Fuß +zurück. Ihre Wohnung lag in der Nähe des Rosenberger Schlosses in der +Kronprinzeßgade. + +Als sie nach einer sie stark beschwerenden Wanderung an die Ecke dieser +und der Gothergade angelangt war, trat plötzlich ein junger Mensch auf +sie zu und redete in sehr zudringlicher Weise auf sie ein. Und als sie +ihm durch rasches Forteilen zu entrinnen suchte, war er ebenso schnell +nochmals an ihrer Seite, wiederholte, die menschenleere Gegend +benutzend, seine Anträge, und umfaßte, trotz Imgjors äußerstem +Widerstand, ihren Leib. + +"Sie sind doch Grevinde!" flüsterte er, sie fester und fester an sich +ziehend. "So gewähren Sie doch einem armen, sehnsüchtigen Menschen auch +einmal eine glückliche Stunde. Andere dürfen es! Warum wollen Sie es mir +versagen? Ach, wie schön Sie sind! Ich sah Sie mit Kollund sitzen. Der +Glückliche! + +Ich bitte, mein süßes Kind--komm mit--komm mit auf die Bank! Laß uns +plaudern. Höre, wer ich bin, und wisse, ich bin deiner wert!" + +Imgjor fehlte der Atem und es versagten ihr die Worte. Sie wollte +schreien, Hilfe rufen und vermochte es nicht. Mit ungeheurer Kraft hob +er sie empor, trug sie in das Innere des Parkes und verschwand mit der +Halbohnmächtigen unter den Bäumen. + + * * * * * + +Im Rankholmer Palais saß in seinem dreifenstrigen durch den Anstrich +sanfter Pfirsichfarben reizvoll gehobenen und mit alten Ovenschen +Gemälden und seltenen nordischen Möbeln geschmückten Arbeitsgemach Graf +Peder Lavard und rauchte aus einer kostbaren Meerschaumpfeife. Dem +silberbeschlagenen Kopf entstiegen in blauen Ringen emporschwebende, +einen verführerischen Duft verbreitende Wölkchen, und ein Ausdruck +ausnehmender Behaglichkeit haftete in den Zügen des Besitzers des +Schlosses. + +Ihm gegenüber, in einen hohen Sessel aus dem sechszehnten Jahrhundert +zurückgelehnt, plauderte der Marquis von Curbière, der heute einen +schneeweißen Anzug aus einem Pariser Magazin trug, und nun eben eine +kleine, dünne Cigarette durch rasche Berührung mit einer brennenden +Wachskerze entzündet hatte. + +Die Herren unterhielten sich über eine am kommenden Tage bei Hofe +Stattfindende Festivität, zu der, mit Ausnahme von Imgjor, sowohl die +Familie Lavard, wie auch der Marquis, nach vorangegangener Einzeichnung +seines Namens in das in dem königlichen Vorzimmer ausgelegte Meldebuch, +Einladungen empfangen hatten. + +Und eben, daß man Imgjor ausgeschlossen, daß man, wie stets, von ihr gar +keine Notiz genommen hatte, brachte das oft erörterte Thema ihrer +Emanzipation von neuem in Fluß, ließ die Herren überlegen, durch welche +Mittel man sie endlich von ihren Abenteuerlichkeiten kurieren könne. +Umsomehr beschäftigte sich die Familie mit Imgjor, als einige Vorfälle +der letzten Zeit auch ihren Namen wieder in sehr unliebsamer Weise in +die Oeffentlichkeit gebracht hatten. + +Immer stand Graf Lavard unter der Befürchtung, daß seinen guten +Beziehungen zum Hofe durch Imgjors Verhalten ein Abbruch geschehen +könne. In den Zeitungen war mitgeteilt worden, daß der frühere +Geistliche Kollund in Sommerlyst einen von Tausenden besuchten Vortrag +gehalten und daß die bekannte Grevinde Lavard demselben nicht nur von +Anfang bis zu Ende beigewohnt und ihm sehr lebhaft Beifall gezollt, +sondern auch noch mit dem Redner später lange Nachtstunden allein +konferiert habe. + +Und am nächsten Tage hatten dieselben Zeitungen zu erzählen gewußt, daß +ein Anfall auf die Komtesse verübt sei. + +Nach jenem Vortragsabend sei sie unvorsichtigerweise allein nach Hause +geschritten und, in der Nähe des Rosenborger Parkes angelangt, von einem +Strolch, dessen Familie sie viele Wohlthaten erwiesen habe, überfallen +und übel zugerichtet worden. Sie liege an einem Nervenfieber darnieder +und werde von einer barmherzigen Schwester gepflegt. Auch ihre +Angehörigen weilten täglich an ihrem Lager. + +Seit dieser Zeit waren drei Wochen vergangen. Imgjor war wieder +aufgestanden und hatte sich erholt. + +Bei einem Fest beim Premierminister, dem die königliche Familie +beigewohnt hatte, war zwar der König dem Grafen und seinen Angehörigen +sehr gnädig begegnet, aber es waren doch auch zum erstenmale Worte +gefallen, die seine Ansichten über die junge Gräfin Lavard sehr deutlich +hatten zu Tage treten lassen. + +"Ich bedaure, lieber Graf, daß die Komtesse von einem solchen Unfall +betroffen worden ist. Aber ich würde es nicht nur in ihrem, sondern eben +so sehr im Interesse der Familie halten, wenn sie sich solchen +Extravaganzen nicht aussetzte, überhaupt ihrem Enthusiasmus einige Zügel +anlegte. Der Polizeipräfekt meldet mir, daß nun auch sie einen +öffentlichen Vortrag zu halten die Absicht hat. Suchen Sie das mit allen +Mitteln zu verhindern. Ich rechne darauf. Dergleichen paßt sich nicht +für das Mitglied einer dänischen Adelsfamilie. Wo kommen wir hin, wenn +von dort schon solche Beispiele ausgehen!" + +Während die Anwesenden noch sprachen, meldete Frederik, daß Komtesse +Imgjor soeben ins Schloß getreten wäre, zudem benachrichtigte er die +Herrschaften, daß das zweite Frühstück serviert sei. + +Unmittelbar darauf trat auch schon Imgjor ins Zimmer, schritt mit der +Miene sanfter Unterordnung auf ihren Pflegevater zu und reichte dem +Marquis mit jenem süßen Blick die Hand, den sie allen denen gönnte, die +sie lieb hatte. Aber auch Lucile erschien, und da war's, als ob nun erst +die volle Schönheit die Welt erhelle. + +Sie glich der Versinnbildlichung des eben eingezogenen blühenden +Sommers! Ein weißes, seidenes Gewand umschloß ihren Körper, eine gelbe +und eine weiße Rose saßen in ihrem nach Empire-Art hochfrisierten Haar. +Sonst trug sie keinen Schmuck. + +"Ah, wie schön du heute wieder aussiehst, meine Lucile!" flüsterte +Curbière, voll Bewunderung seine Braut umarmend. + +Und während er sie noch mit anderen schmeichelnden Worten überschüttete, +sprach der Graf, seiner Tochter Imgjor mit liebenswürdiger +Zuthunlichkeit den Arm reichend, auf diese ein. + +"Ich möchte dich nachher sprechen, Imgjor. Nach dem Frühstück, ehe du +das Palais wieder verläßt, gehen wir noch einmal zu mir hinüber--" + +Die Gräfin warf ihr beim Eintritt in den Speisesaal, wohin sie sich +inzwischen begeben, einen von einem vertraulichen Lächeln begleiteten, +guten Blick zu, auch umarmte sie Imgjor bevor sie sich an der Tafel +niederließ. + +Es wurde ein zu unternehmender Wagen- und Reitausflug nach Skodsborg +besprochen. Die Herrschaften wollten auf der Rückkehr in Klampenborg +speisen. Imgjor wurde von den Ihrigen ebenfalls aufgefordert, wich aber +aus. + +"Stimmen Sie doch zu, schöne Schwägerin!" ermunterte sie Curbière +liebenswürdig. "Lassen Sie einmal die Kittelleute für sich selbst +sorgen! Erinnern Sie sich, wie sie Ihnen jüngst begegneten, und +vergessen Sie nicht, daß Sie auch Pflichten gegen die Ihrigen haben." + +"Ich würde sehr gern teilnehmen"--entgegnete Imgjor, bei der Hitze die +Aermel ihres Kleides etwas zurückgreifend und so ihren reizenden Arm +freigebend--"aber ich will in diesen Tagen einen öffentlichen Vortrag +halten, und da brauche ich alle meine Zeit äußerst notwendig." + +"So halten Sie ihn nicht! Das Sternbild des Bären wird nicht vom Himmel +herabfallen, wenn die Welt sich dessen entraten muß. Glauben Sie denn +wirklich, daß dergleichen einen praktischen Nutzen hat?" + +"Ich hoffe es, lieber Armand." + +"Und welchen?" + +"Daß die Menschen zum Nachdenken gelangen." + +"Aber wir haben ja die vielen Orte, die stillen Kämmerlein und +lauschigen Plätze in der Einsamkeit der Gottesnatur, wo die +Erdenbewohner selbst dergleichen üben können! Wir haben zudem all' die +Kirchen und die vielen Prediger--" + +Imgjor zog die Schultern. + +"Liegt nicht eigentlich eine Vermessenheit darin, fortwährend andere +belehren zu wollen, Imgjor?" fuhr er fort. "Wär's nicht besser, jeder +verwendete seine Zeit auf sich? Jeder hat's dringend nötig! Ich +wiederhole früher Gesagtes." + +"Ja, darin liegt etwas! Ueberhaupt haben Sie wohl von ihrem Standpunkt +aus auch recht. Ich kann aber nicht anders, als nach meiner Natur +handeln. Ist's nicht schon viel wert, wenn es mir gelingt, einige +Mißgeleitete umzuwandeln?" + +"Das ist--pardon!--die stete Rede aller derer, die es für erforderlich +halten, die Menschen fortwährend auf Tod und Sterben und Buße +hinzuweisen, anstatt sie das Leben lieben zu lehren, sie zur +Lebensfreudigkeit anzuhalten, ihnen ein heiteres, sorgloses Gemüt zu +verschaffen, sie dadurch zu stählen, dem Dasein zu begegnen, so dem +Schöpfer wohlgefällig zu sein. Nichts Widersinnigeres als das +Asketentum, nichts, was Gottes Absichten weniger entspricht! Er schuf +die Sonne und die Helle zum Gedeihen der Welt, uns zur Freude und zum +fröhlichen Genießen. Und wir? Wir verwandeln seine schöne Erde in ein +Jammerthal, durch das wir gezwungen hindurchgehen müssen, in einen +Kerker, in dem wir lebenslänglich zu schmachten verurteilt sind. Wie +kleinlich machen wir den großen Geist. Wie sehr beweisen wir durch +unsere Auffassung von der Gottheit, wie wenig wir jemals über sie +nachgedacht, geschweige ihr innerstes, jedes Geschöpf mit grenzenloser +Liebe, Güte und Nachsicht umfassendes Wesen ergründet haben. Verdammen +wir nicht den Lehrer, der immer nur danach ausschaut, ob die Kinder +fehlen, ihnen ihre Bewegungen beschneidet, sie stetig in solche Fesseln +spannt, die der Natur des freigeborenen Geschöpfes widerstreben; der +fortwährend mit Strafen und Vergeltung droht, der ihnen immer nur +zuruft: "Bedenket, daß der Zeugnistag erscheint!" Und so fort und so +fort bis zum Abgang? Und nun behängen wir gar das erhabene Wesen mit +solchen Eigenschaften! Wahrlich, man weiß nicht, ob man über solche +Verblendung weinen, oder ob man sich gegen solche Anmaßung der Auslegung +des göttlichen Wesens empören soll!" + +"Sie sprechen--" entgegnete Imgjor voll Begeisterung, "für eine +Neugestaltung unserer religiösen Anschauungen. Der geistig höher +Stehende gelangt, und sicher mit Recht, zu solchen. Wir haben es aber +mit der breiten Masse zu thun, die an dem Alten hängt und für welche die +Lehre von Himmel und Verdammnis geeigneter ist. Was ich vorhabe, ist ja +auch etwas anderes. Ich will reden über die Gleichberechtigung der +Menschen zum Zweck eines glücklicheren Erdenlebens, über die Mittel, das +Los der Armen zu verbessern, über die Pflicht der Großen, dazu nach +Kräften beizutragen! Ich will praktische Religion predigen!" + +"Ich möchte, daß du diesen öffentlichen Vortrag nicht hieltest, ja, ich +wünsche unter allen Umständen, daß es unterbleibt, Imgjor!" fiel nun der +Graf ein. Er that's, nachdem eben die Dienerschaft das Zimmer verlassen +hatte. + +"Der König sprach mich in diesen Tagen darauf an, daß du dergleichen +vorhabest. Er forderte von meiner Loyalität, daß ich es dir verbieten +möge." + +"Deine Loyalität sollte dich eher bestimmen, mir beizupflichten, lieber +Papa!" fiel Imgjor ein. "Ich predige nicht den Umsturz; ich will nur auf +Grund des Bestehenden reformieren. Und je eher und besser uns das +gelingt, um so sicherer werden sich gerechte Fürsten ihr angestammtes +Erbteil bewahren." + +"Wir wollen uns gegenseitig keine Kathedervorträge halten, Imgjor. Du +kennst meine Ansichten und in diesem speziellen Falle jetzt meinen +unbedingten Willen. Da ich dir in so vielem nachgab, darf ich wohl auch +auf einen Gegendienst rechnen. Ich erwarte, daß du noch heute die +Schritte unternimmst, deinen Vortrag rückgängig zu machen. Ich werde +dagegen dafür sorgen, daß die Zeitungen eine berichtigende Notiz +bringen." + +"Das kann nicht sein," erklärte Imgjor. "Sage dem König, daß ich fürder +nicht mehr öffentlich sprechen will. Diese Abrede aber vermag ich nicht +mehr rückgängig zu machen--unmöglich!" + +"Was heißt: kann--unmöglich, wenn ich es erbitte, wenn ich es wünsche, +wenn ich es will?" rief der Graf, dem, wie so oft, jählings die Geduld +riß. Er sprang empor und schlug mit einer Heftigkeit auf den Tisch, daß +die Gläser zitterten. "Welch' grenzenloser Egoismus, immer nur das Ich +sprechen zu lassen, niemals sich erinnern zu wollen, daß es Dankgefühle, +daß es Familienrücksichten giebt! Hast du noch nicht genug? Willst du +abermals Scenen, wie die im Rosenborger Park, sich wiederholen lassen, +deren noch böseres Ende nur ein gnädiger Zufall verhinderte? Findest du +gar Lust daran, dich solchen dich entwürdigenden Dingen auszusetzen, da +du dich nun abermals öffentlich, wie eine Harfenspielerin, dem +allgemeinen Anglotzen preisgeben willst? Wahrlich, es scheint fast so! +Eitelkeit, Eitelkeit bisher! Und nun gar die Sucht nach Beifall auf +Kosten der weiblichen Würde!" + +"O, halt! Halt!" rief das in ihrem Innern tief betroffene junge +Geschöpf. Sie flog, ihre Gestalt straff emporreckend, vom Stuhl und +richtete herausfordernde Blicke auf den Grafen. "Daß du das +sagst--mir--" + +Aber wie einst, schnitt er ihr die Worte ab, sprang auf sie zu, packte +ihre Handgelenke und rief, während ihm ein heißsprühender Atem aus der +Brust quoll: "Ja, das sage ich dir, ich, der Graf Lavard! Willst du dich +meinem Willen nun fügen? Willst du erklären, daß du von dem Vortrage +abstehst? Noch einmal nein, oder--" + +Aber jetzt hielt es auch Curbière, der bisher bleichen Angesichts +dagesessen und nur durch seine Mienen an den Tag gelegt hatte, was er +bei dieser Scene empfand, nicht länger. Blitzschnell war er an beider +Seite, richtete einen bittenden Blick auf den Grafen und suchte ihm +Imgjor mit sanfter Bewegung zu entreißen. + +Aber auf den bis zur Raserei entflammten Mann übte dieses kavaliermäßige +Dazwischentreten gerade den entgegengesetzten Eindruck. + +"In meine häuslichen Angelegenheiten erbitte ich keine Einmischungen! +Ich muß aufs dringendste bitten!" stieß er in einem schroff +entschiedenen Tone heraus, schob auch die Gräfin, die zu vermitteln +suchte, kurz und rauh zur Seite und faßte Imgjors Handgelenke nur noch +fester. + +Aber nun wußte Imgjor selbst das Schauspiel zu beenden. Indem sie sich +mit einer plötzlichen Bewegung befreite, sodann an die Thür eilte und +hier, um sich einen ungefährdeten Abgang zu sichern, mit der Linken die +Klinke faßte, sagte sie: + +"Ich kann nicht, Papa! Ich kann nicht, weil ich nicht alleiniger Herr +meiner Handlungen bin, weil ich mein Wort gab. Aber ich will mich in +anderer Weise dir fügen. Ich verzichte von heute an auf alle Rechte, wie +immer sie heißen mögen, auf die Rechte, deinen Namen zu tragen und auf +materielle! Ich werde mich fortan nennen, wie mein Vater hieß. So wirst +du befreit von der, die dir doch nur Schande macht, so streifst du die +Verantwortung für ihre Handlungen von dir ab. Verzeih' mir! Ich bitte +dich flehentlich! Nie werde ich vergessen, was du, was ihr alle Gutes an +mir gethan! Aber ich kann nicht anders. Jeder hat seine Eigenart und +besitzt ein Recht darauf. Auch ich muß meiner Natur folgen--Adieu! +Adieu! Nochmals Adieu! Vergebt mir!" + +Nach diesen Worten verließ sie mit einem entschlossenen Blick das +Gemach. + + * * * * * + +In einem Hinterzimmer des Wirtshauses in der Nähe des Tivoli saß an +demselben Abend der Wanderprediger Kollund mit Imgjor Lavard. Sie hatte +ihm geschrieben, daß sie ihn sprechen wolle, und er hatte geantwortet, +daß er sich am Abend, nach einem Vortrage in der Umgegend, zu ihrer +Verfügung halte. + +Nun eben hatte er den Kellner gerufen und Speisen und Getränk gefordert, +während sie, nach ihren Wünschen befragt, ihn nur eine Flasche +Selterwasser zu bringen ersuchte. + +Sie besaß weder Hunger noch Durst. Ihr verlangte lediglich nach +Aussprache, nach Förderung ihrer während des Tages zu immer stärkerer +Reise gelangten Pläne. Sie wollte, wie er, das Land durchziehen, aber +sie wollte sich nicht mit Vorträgen begnügen, sondern mit allen Mitteln +dahin wirken, daß in jeder Stadt, in jedem Flecken und jedem Dorfe ein +Wohlfahrtsverein begründet werde. + +Diese sollten sich als Aufgabe stellen, eben das ins Leben zu rufen, was +sie einst mit Prestö geplant hatte. + +Da sie sich nun der Fesseln entledigt, da sie keine Rücksichten auf ihre +Familie mehr zu nehmen hatte, wollte sie wieder die größeren Ideen zu +verwirklichen suchen. + +Vielleicht würde Kollund ihr Partner werden, vielleicht fand sie bei +diesem, von den reinsten Absichten erfüllten Volksfreunde eine +Unterstützung ihrer selbstlosen Bestrebungen. + +Er hörte ihr auch, ohne sie zu unterbrechen, zu. Seine Augen hingen an +den ihrigen, als ob ihn eine Verzauberung ergriffen habe. Seine mageren +Hände griffen immer wieder nach der Flasche. Oft holte er tief Atem. So +beschwert schien er, daß sie einigemale besorgt fragte, ob ihn etwas +schmerze. + +"Nein, nein, nichts, gnädige Komtesse. Ich bitte, fahren Sie fort!" + +Bisweilen schien's auch während des Zuhörens, als ob er in eine Art +Verzückung geriete, als ob er sich durch ihre Rede so in die Welt der +Wirklichkeit hineinversetzt habe, daß ihm schon alles Thatsache geworden +sei. + +Und das Ende war, daß er ihr begeistert zustimmte, sich bereit erklärte, +fortan mit ihr gemeinsam die Lande durchziehen und ihre von ihm +gutgeheißenen Pläne ins Werk setzen zu wollen. + +"Sehen Sie, Komtesse! Mir fehlten ja nur die Mittel, die Sie besitzen! +Ich mußte mich auf meine Ansprachen beschränken. Von dem Entree, das ich +erziele, soll ich leben und muß ich meine Reisen bestreiten. Sie haben +die vollen Kassen. Sie können sogar noch austeilen. Unter solchen +Voraussetzungen und Eindrücken strömen die Menschen herbei. Da rechnet +es sich auch die bessere Gesellschaft zur Ehre an, zu erscheinen. Ihr +Name, Ihre Stellung und Ihr Reichtum ziehen. Denn Sie müssen es wissen, +schließlich kommt's ja doch bei fast allen nur auf zweierlei an, auf +Befriedigung der Eitelkeit und auf Erreichung von Vorteilen. Von der +Sache selbst Durchdrungene giebt's kaum ein Dutzend auf eine Million!" + +"Wie? Das sagen Sie, Herr Kollund?" stieß Imgjor in starker Enttäuschung +heraus. "Ach! Das drückt mich tief herab. Und lassen Sie mich es Ihnen +gleich sagen, daß Sie sich irren, wenn Sie meinen, ich sei noch reich, +ich könne irgend etwas austeilen. Ich besitze nichts, da ich mich mit +meiner Familie völlig überworfen habe! Wenn ich meinen Schmuck +verkaufe--das meiste gab ich schon hin--bleibt mir höchstens die +Möglichkeit, noch einige Zeit zu leben!" + +Schon bei den ersten Worten Imgjors war in die Züge des Mannes ein +Ausdruck von Mattigkeit getreten. Beim Schluß ihrer Erklärungen hielt er +schon gar nicht mehr mit seinen veränderten Gedanken und Anschauungen +zurück, zog die Lippen und schüttelte das Haupt. + +"Wenn die Dinge so stehen, Komtesse, ist--ist--garnichts zu machen! Ich +ging natürlich von ganz anderen Voraussetzungen aus. Bei solcher +Sachlage kann ich Ihnen nicht die geringsten Erfolge Ihrer Vorhaben +versprechen. Wir würden uns nur gegenseitig im Wege stehen. Jetzt vermag +ich allein zu existieren; in der Folge würden wir nicht das tägliche +Brot haben. Ist denn wirklich alles dahin? Ist keine Aussicht, daß Sie +sich mit Ihrer Familie wieder einigen?" + +"Nein," erwiderte Imgjor kalt, mit einem solchen eisigen Ausdruck, daß +der Mann, der sich schon allen möglichen Träumen von Liebesglück und +Erdenschätzen hingegeben hatte, nunmehr einer völligen Ernüchterung +erlag. + +Im Nu verschwand der bestrickende Zauber, den Imgjor auf ihn ausgeübt +hatte. + +Aber auch Imgjor erlitt entsetzliche Qualen der Enttäuschung, doppelte, +da sie sich nicht nur in ihren Hoffnungen auf diesen Mann als Mithelfer +ihrer großen Pläne getäuscht fand, sondern auch durch ihn so +rücksichtslos belehrt worden war, wie nutzlos alles Mühen ohne +materielle Mittel sein werde. Sie hatte sich dem unbestimmten Gefühl +hingegeben, daß dieser edle Enthusiast die Herbeischaffung solcher +freudig auf seine Schultern nehmen, daß er dazu auch leicht imstande +sein werde. Sie, die immer aus dem Vollen geschöpft, die stets die Hand +hatte aufthun können, hatte sich trotz des täglichen Einblicks in die +Lebensnot der Menschheit auch in dieser Richtung eine Illusionswelt +aufgebaut. + +Und abermals hatte sie ebenso vorschnell, wie unweise gehandelt! Anstatt +vorher zu prüfen, die Folgen ihres Vorhabens zu überlegen, hatte sie +ihre Erwartungen ohne weiteres zu Thatsachen erhoben und war nun gleich +bei den ersten Schritten, die sie unternommen, bis zum Fallen +gestolpert. + +Jetzt stand sie--in furchtbarer Klarheit kam's über sie--wirklich dem +"Nichts" gegenüber. Und sie hatte sich, wenn sie ehrlich überlegte, +während ihrer nun fast zwei und einhalbjährigen Thätigkeit draußen in +der Welt kaum einen Freund, sondern nur Feindschaft erworben. + +Die Freunde, die einzigen, die sie vorher besessen, hatte sie eben in +ihrem stolzen Uebereifer von sich gestoßen. Ihren Widersachern wollte +sie sich offenen Auges zugesellen und abermals mit schweren Kränkungen +und schnödem Undank verbundene Lasten übernehmen. War darin ein Sinn? +Hatte sie noch nicht Erfahrungen genug gesammelt? War's noch nicht +genügend erwiesen, daß ihre Umgebung in allem Recht gehabt? + +Und eben aus diesen gegen sich selbst gerichteten Ueberlegungen entstand +jählings eine um so größere Abneigung gegen denselben Mann, dem sie noch +beim Beginn des Gespräches gleichkam ihr ganzes Ich hatte verschreiben +wollen, den sie als den plötzlich ihr erstandenen Erlöser betrachtet +hatte. Sie konnte es nicht erwarten, die Beziehungen zu ihm abzubrechen, +auch ihm die Erklärung zu geben, daß sie keinen öffentlichen Vortrag +halten wolle. + +Sie nahm deshalb kurz und schroff das Wort und sagte: + +"Unser Gespräch hat mich belehrt, daß wir nicht, wie ich hoffte und +glaubte, zu einander passen, Herr Kollund. Ich bin infolgedessen auch zu +dem Entschluß gelangt, übermorgen nicht zu sprechen. Ich bitte also, die +Ankündigung zurückzuziehen. Ich muß es definitiv ablehnen, öffentlich +aufzutreten!" + +Der Mann nickte beipflichtend, ohne sich im geringsten zu ereifern. + +"Ich würde," hub er mit unangenehm wirkender Ruhe an, "dann nur um den +Ersatz der Kosten bitten, Geldmittel für die Inserate in den Zeitungen, +für das Lokal, für die Personen, die ich zu bezahlen habe, und für die +Ausfälle an Einnahmen." + +"Welche Personen, welche Ausfälle an Einnahmen? Ich bitte!" + +"Nun, die Stimmung machen, die mit einem Teller zum Sammeln herumgehen +sollten." + +"Stimmung machen, sammeln? Für was und für wen?" + +"Wie Sie fragen, Gnädige! In solchen Versammlungen braucht man eine +Claque, und die muß man bezahlen. Die Sammlung wird für meine +Bedürfnisse aufgebracht--Ich soll doch leben--ich soll doch etwas +zurücklegen--" + +"Gewiß, ersteres sicher! Und Sie lassen das erklären, oder Sie sagen es +selbst?" + +Der Mann schüttelte den Kopf. + +"Nein! Das geht nicht. Dann kommt fast nichts ein! Die Beträge müssen +als Agitationsausgaben für die große Sache bezeichnet werden." + +"Glaubt man Ihnen denn das? Fragt man nicht, wer das Geld verwaltet, wo +es bleibt?" + +"Nein. Ich bin der Verfechter der großen Idee. So ist auch am besten +angelegt." + +"Hm--hm--aber das ist doch alles nicht ehrlich, Herr Kollund, das heißt +doch nur an sich denken." + +"Vielleicht! Aber es geht nicht anders, meine Gnädigste. Mit +Sentimentalitäten kann man das Leben nicht anpacken. Man muß, um +durchzuringen, zu den Grundsätzen der Heiligung der Mittel greifen." + +"O nein, nein! Nie würde ich dazu meine Hand bieten. Verwerflich finde +ich solches Ausnützen des Vertrauens, schwindlerisch eine solche +Vertuschung der Wahrheit!" + +"Sie sind eben noch sehr jung, meine Gnädigste! Sie meinen, daß sich +hier die Welt anders bewähren soll, als sonst allezeit. Und deshalb +erwarten Sie es, weil Ihre Absichten lauter sind, weil der Gegenstand +Ihnen groß und erhaben däucht. Ach, wie bald, wie gründlich werden Sie +belehrt werden! Die Kreatur bleibt sich in allen Lebensverhältnissen +gleich. Hier, hier erst recht muß man sehr klug sein und klug handeln, +um die Zwecke, die man im Auge hat, zu erreichen." + +"Nun, so mag es sein! Ich will Ihnen nicht widersprechen," stieß Imgjor, +ihre Empörung nur schwer dämpfend, heraus, "aber ich will jedenfalls +meinen Geldbeutel dazu nicht öffnen! Ich gebe das, was das Lokal und die +Annoncen kosten, ich gebe Ihnen eine Entschädigung dafür, daß Sie Ihre +Zeit mir nutzlos geopfert haben. Sie mögen dann verfahren, wie Sie es zu +verantworten vermögen. Ich will kein Hehler dieses Verrats und dieser +Unehre sein!" + +"Ich sehe Ihnen Ihre Worte nach, Komtesse, weil ich Ihrer Unerfahrenheit +Rechnung trage, und wünsche nun auch meinerseits diesen Teil des +Gespräches zu beendigen. Ich bitte nun nur fragen zu dürfen, wann ich +mir den Betrag holen darf?" + +"Wieviel verlangen Sie?" + +"Mit fünfhundert Kronen denke ich zu reichen--" + +"Fünfhundert Kronen? Unmöglich! Ich habe kaum so viel, wenn ich mein +Eigentum veräußere!" + +"So geben Sie vierhundert. Ich will mich einzurichten, denen, die zu +fordern haben, abzudingen suchen. Diese Summe muß ich aber bereits +morgen Mittag von Ihrer Güte erbitten, wenn nicht für Sie sehr +unliebsame Zeitungserörterungen die Folge dein sollen. Diese würden auch +Ihrer Familie wohl wenig angenehm sein!" + +"Gut!" hauchte Imgjor, die weißen Zähne zusammenbeißend. "Sie sollen das +Geld um zwölf Uhr bei mir finden. Aber schicken Sie darnach. Mit Ihnen +möchte ich nicht ferner verhandeln--" + +Nach diesen Worten reckte sie sich rasch empor, warf eine halbe Krone +für den Kellner auf den Tisch, griff nach Hut und Umhang und war schon +mit äußerst gemessener Kopfneigung verschwunden, ehe der Mann auch nur +Zeit hatte, ihr beim Anziehen des Mantels behilflich zu sein.-- + + * * * * * + +Nachdem Imgjor ihre Wohnung betreten hatte, schritt sie mit einer +gewissen Hast an den Briefkasten. Sie erwartete, einen Brief von ihrer +Pflegemutter oder von Lucile zu finden. Sie hoffte es, während sie noch +bei ihrem Fortgange überlegt hatte, wie sie sich den Versuchen der +Ihrigen, ihren Sinn umzustimmen, zu entziehen vermögen werde. + +Sie fand auch ein Schreiben und zwei Karten, aber sie waren nicht von +den Lavards geschrieben. + +Die eine Karte war von dem Marquis de Curbière, die andere von dem +Hospitalarzt Doktor Kropp. Das Schreiben aber trug die ihr bekannte +Handschrift des Direktors des Krankenhauses, Doktor Stede, der seinem +lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gab, daß Imgjor nicht mehr in das +Hospital zurückkehren wolle. Er teilte ihr überdies mit, daß Doktor +Kropp von dort ebenfalls seinen Abschied genommen und sie besuchen +werde, um ihr eine Bitte vorzutragen. + +Einen Augenblick vertiefte sich Imgjor nach Lesen dieser Zeilen in ein +stilles Nachdenken, dann griff sie nochmals nach den beiden Karten. + +Und da fand sie beim Umwenden auf der Rückseite der vom Doktor Kropp +abgelegten die mit Bleistift geschriebenen Worte: + +"Bitte, Ihnen morgen vormittag gegen zwölf Uhr wieder aufwarten zu +dürfen--" und auf derjenigen des Marquis de Curbière die Notiz: + +"Bedaure außerordentlich, Sie nicht getroffen zu haben! Wann darf ich +Sie sprechen?" + +Da in diesem Augenblick das neue, von Imgjor statt der diebischen Dirne +angenommene Mädchen, das Stiefkind der Witwe Holm, Gebine Holm, ins +Zimmer trat, und nach ihren Befehlen fragte, wurden Imgjors Gedanken von +ihren eigenen Angelegenheiten abgelenkt. + +Sie hatte dem Kinde versprochen, für sein Fortkommen zu sorgen, und +besaß nun selbst nichts! + +Das beschäftigte Imgjor so sehr, daß sie erst Ruhe fand, als sie sich +vorstellte, sie könne das junge Ding in Rankholm unterbringen. + +Und dadurch wieder in ihren Vorstellungen gehoben, richtete sie einige +bisher verschobene Fragen an Gebine. + +"War jemand da, während ich fort war, Kind?" warf sie hin. + +"Ja, gnädige Komtesse! Ein Mann wollte Sie sprechen--" + +"Ein Mann oder ein Herr?--Wie sah er aus?" + +"Es war--glaube ich--ein Matrose.--Ich fürchtete mich--" + +Imgjor schrak heftig zusammen. Sie dachte an den Ueberfall, und +unwillkürlich brachte sie den Besuch mit diesem Geschehnis in +Verbindung. Als Imgjor in jener Nacht endlich die Kraft gewonnen, zu +schreien, waren zwei zufällig nicht weit vom Parkeingang befindliche +Nachtwächter herbeigeeilt und hatten den Strolch verscheucht. Er hatte +ihr aber noch zugerufen, daß er sie von neuem zu treffen wissen werde. + +"Wie sah er denn aus, Gebine? War's ein großer, starker dunkler Mann?" +forschte Imgjor stark erregt. + +Gebine nickte. + +"Ja! Er hatte ein rotes Tuch um den Hals." + +Imgjor fuhr zusammen. So war's also derselbe! Ein rotbraunes Tuch hatte +jener in der Nacht getragen. + +"Und was sagtest du, Gebine?" + +"Ich sagte, Komtesse wären verreist. Sie kämen heut' Abend mit einem +Herrn zurück, mit einem Rittmeister." + +"Weshalb sagtest du das? Wie kamst du darauf?" Imgjor sprach's +verwundert. + +Das Kind richtete einen ängstlichen Blick auf ihre Gebieterin. Sie +antwortete nicht. + +"Nun? Sprich! Weshalb sprachst du von einem Rittmeister?" + +"Ja--ich--hatte so schreckliche Angst--Er guckte mich so sonderbar +an--und da, da dachte ich, wenn ich das sagte, dann würde er nicht +wiederkommen, würde er Komtesse nicht belästigen." + +Imgjor sagte zunächst nichts. Sie überlegte, ob sie Gebine schelten oder +ihr für ihre Fürsorge ein Lob spenden sollte. Jedenfalls hatte sie es +gut gemeint, hatte sie sehr fürsorglich gehandelt. + +Endlich glaubte sie, das Rechte gefunden zu haben. Sie sprach: "In +diesem Fall war deine Unwahrheit nützlich, Gebine. In der Not mag eine +solche einmal erlaubt sein. Sonst aber mußt du dich strengster Wahrheit +befleißigen. Nichts ist so verabscheuenswert wie die Lüge! Aus ihr +entspringen alle anderen Laster.--Und noch eine Frage: Was äußerte der +Mann, als du dies sagtest?" + +"Er fragte, wie lange der Rittmeister bliebe, und wer er wäre." + +"Und du? du? Was--entgegnetest du, Gebine?" + +"Ich sagte--ich sagte--daß es Ihr Bräutigam wäre--" + +"Aber das war ja abermals eine Lüge!" stieß Imgjor nun zornig heraus. + +"Was sind das alles für Erfindungen--für Phantasien!--Ich bin außer mir, +Gebine! Das macht mich sehr betrübt. Hast du mich auch schon belogen? +Oft?--Heraus mit der Sprache! Du sagtest gestern, ich hätte dir nur eine +halbe Krone gegeben, als du vom Krämer wiederkamst. Ich hätte mich +geirrt. Sprich! Und ich warne dich, etwas anderes zu sagen, als die +Wahrheit! War's doch eine ganze Krone? Hast du die andere Hälfte in die +Tasche gesteckt?" + +"O nein--nein--ganz gewiß nicht, Komtesse! Ich habe der Komtesse immer +nur die Wahrheit gesagt.--Der Kaufmann schickte mich gleich wieder weg. +Ich hatte das Geld in Papier gewickelt--ich hatte es gar nicht +nachgesehen--" + +"Kann ich dir glauben, Gebine? Sieh', Kind, wenn du mich betrogen +hast--ich werde mich erkundigen--mußt du gleich zu deiner Stiefmutter +zurück. Und wenn du es später thust, ziehe ich meine Hand unwiderruflich +wieder von dir zurück." + +Und zurücksinkend, weil von all den Eindrücken überwältigt, flüsterte +Imgjor: "O welche Einblicke in das Innere der Menschen,--täglich, +stündlich! Wo sind die wahrhaft Reinen, Guten?" Und dann rief sie das +Kind heran und sprach: + +"Gewiß, ein Beispiel, wie du es im Hause hattest, Gebine, macht schlecht +und entschuldigt dich eher! Aber da dir das Unterscheidungsvermögen noch +nicht abhanden gekommen ist, so sage ich dir und wisse und glaube es: +Nur aus dem Guten vermag Gutes zu ersprießen! Eine Weile mag's gehen, +aber es kommt die Zeit, wo du dafür schwer büßen mußt, wo dich tiefe +Reue ergreift, wo du alles hergeben möchtest, um Geschehenes ungeschehen +zu machen! So--und nun gehe zu Bett! Weine nicht mehr! Nein, nein, ich +bin dir nicht böse." + +Und Gebine ging. Imgjor Lavards Gedanken aber wanderten, während sie +noch dasaß, nach Rankholm, und ihr war's abermals jetzt, als ob dort ein +Eden, ein unvergleichliches Paradies sei--in der großen Welt aber--eine +Hölle-- + + * * * * * + +Am kommenden Tage verließ Imgjor schon ihre Wohnung und ging ihren +Obliegenheiten nach. + +Sie besuchte einige Kranke und Rekonvalescenten, sprach in dem Hause +einer Witwe vor, die eine gelähmte Tochter besaß, welche auf Imgjors +Kosten in ein deutsches Kurbad gesandt worden war, empfing Nachrichten +über diese, die sie erfreuten, nahm auch die Dankworte der stotternden +Frau entgegen und machte sich sodann nach ihrem Bankgeschäft auf den +Weg, um daselbst die für Kollund erforderliche Summe zu holen. + +Sie hatte augenblicklich dort nicht einmal ein Guthaben mehr, aber sie +wußte, daß man ihr eine nicht zu groß bemessene Summe auch ohne ein +solches aushändigen werde. + +Auf dem Wege dorthin erblickte sie--und das Herz wollte ihr stille +stehen--jenen Menschen, welcher sie in der mehrerwähnten Nacht +überfallen hatte. Er wandte sich von einem Buchladen, vor dessen +Schaufenster er gestanden, gerade wieder der Gasse zu, und nur durch +einen Zufall wurde verhindert, daß er Imgjor gewahrte. Seine +Aufmerksamkeit ward durch eine Equipage, deren Pferde scheu geworden, +abgelenkt. + +Diesen Zufall benutzte Imgjor, sich seinen Blicken zu entziehen. + +Sie schlüpfte rasch in ein offenstehendes Tabakgeschäft, trat gleich zu +einem tiefer im Fond befindlichen Kommis und wollte eben ein Pfund Tabak +für den alten Ohlsen, den Mann der Blinden, einhandeln, als nun auch +zufällig Doktor Kropp den Laden betrat. + +Sehr überrascht, aber mit gewohnter Ehrerbietung sprach er auf Imgjor +ein, und als sie beide den Handel erledigt hatten, bat er um die +Erlaubnis, sich ihr anschließen zu dürfen. + +Und Imgjor nickte bereitwillig, schritt mit ihm bis zur Landmannsbank, +woselbst er auf sie wartete, und legte alsdann in seiner Begleitung den +Weg nach ihrer Wohnung zurück. + +Immer drehte sich das Gespräch um die Vorgänge im Hospital, und Doktor +Kropp berichtete über die Gründe seines Rücktritts, die wesentlich auch +die ihrigen gewesen. + +Zuletzt gelangte er--eben hatten sie die Ecke der Gotersgade erreicht +und wandten sich in stillschweigender Uebereinstimmung dem botanischen +Garten zu--auf seine eigenen, von Stede bereits berührten +Angelegenheiten. + +"Ich möchte," hub er an und richtete einen etwas verlegenen Blick aus +den schwarzen Augen seines dunkelgefärbten, schmalen und etwas mageren +Gesichtes auf Imgjor, "mich bei Ihnen erkundigen, ob wohl in der +Grafschaft Ihres Herrn Vaters eine Landpraxis frei sein würde. Ich sehne +mich aus dem hiesigen Wirrwar heraus, und ich komme darauf, weil mir vor +Jahren ein früherer Universitätsbekannter, ein Herr Doktor Prestö, +mitteilte, daß eine solche in dem von ihm zu verlassenen Dorfe +Kneedeholm zu haben sein werde. + +Wahrscheinlich hat sich inzwischen längst dort wieder ein Arzt +niedergelassen, aber ich wollte mich doch vergewissern und im Fall um +Ihre gütige Unterstützung bitten, Komtesse!" + +"Die würde Ihnen auch, soweit meine Kräfte reichen, sehr gern zu +Diensten stehen, Herr Doktor. Aber wir haben, wie sie richtig vermuten, +in Kneedeholm einen Arzt, und für zwei reicht die Praxis nicht aus. + +Wohl aber weiß ich, daß der schon bejahrte Physikus in der nahe +gelegenen Stadt Oerebye der Thätigkeit müde ist und sich gern mit einem +Nachfolger einigen würde. Vielleicht wäre das etwas für Sie?" + +"Gewiß und um so besser! Ich danke Ihnen verbindlichst, Komtesse! Dürfte +ich nach dieser Richtung auf Ihren gütigen Beistand rechnen? Würde mich +vielleicht Ihr Herr Vater--auf Ihre Empfehlungen gestützt--mit einer +solchen an den Physikus zu versehen die Liebenswürdigkeit haben?" + +Imgjors Züge veränderten sich. Sie überlegte, ob sie Kropp von den +inzwischen eingetretenen Vorfällen in ihrer Familie Mitteilung machen +solle. + +Sie schwankte aber schon deshalb, weil sie sich vor einer abermaligen +Enttäuschung fürchtete. + +Die furchtbaren Erfahrungen der letzten Zeit hatten ihr Mißtrauen gegen +jedermann eingeflößt. + +Sie hielt es nicht für unmöglich, daß auch Kropp seine Haltung ändern +werde, wenn sie ihm erklärte, daß sie plötzlich ein armes, des Ansehens, +ihres vornehmen Namens und Reichtums beraubtes Wesen sei. + +Aber weil doch wieder ein trotziges Verlangen in ihr saß, mit allem +aufzuräumen, zu wissen, was Weizen und was Spreu sei, entschloß sie sich +schließlich gerade zu einer rückhaltslosen Eröffnung. + +"Meine eigene Empfehlung steht Ihnen jederzeit zur Verfügung, Herr +Doktor," begann sie. "Eine solche von meinem Vater vermag ich Ihnen aber +leider nicht zu verschaffen. Ich bin gänzlich mit ihm auseinander. Ich +lege sogar meinen Namen ab und werde fortan einen anderen tragen. Noch +einige Wochen, und ich gehe für immer von hier fort! Wohin, weiß ich +noch nicht. Es wird sich ein Ort finden, wo ich mir mein Brot werde +verdienen können." + +"Wie? In der That?" stieß Kropp in höchster Ueberraschung, aber zugleich +mit einem Ausdruck heraus, der bewies, daß sich etwas anderes, daß sich +eine glückselige Hoffnung in ihm regte. + +"Ich bitte, ich bitte, schenken Sie mir Ihr Vertrauen! Erzählen Sie mir, +wie das alles gekommen ist!" drängte er, während sie sich auf einer vor +dem kleinen See befindlichen Bank niederließen. + +Ehrliches Mitgefühl erfüllte ihn, Sorge und Teilnahme ließen ihn +sprechen. + +Und Imgjor wollte ihm auch Antwort erteilen, aber da es in diesem +Augenblick bereits zwölf vom Kirchturm schlug, wurde sie daran erinnert, +daß sie um diese Zeit Kollund das Geld einzuhändigen habe. Sie erhob +sich deshalb sogleich wieder und gab Kropp die Erklärung, daß sie fort +müsse, daß ihr jetzt die Zeit fehle. Auch am Nachmittag vermöge sie ihn, +wegen ihrer Verpflichtungen gegen eine erblindete Frau, nicht zu +empfangen, aber später am Abend, in ihrer Wohnung, wollte sie ihm gern +alles mitteilen. + +Bei den letzten Worten kamen ihr zwar Bedenken. + +Ihr fiel unruhvoll auf die Seele, daß Kropps Besuch bei ihr falsch +ausgelegt werden könnte, daß sich daraus neue Anschuldigungen entwickeln +könnten, denen sie unter allen Umständen vorbeugen wollte. + +Und als sich dann, während sie dahin schritten, weitere Erörterungen +entwickelten, als Kropp erfuhr, welche Bewandtnis es mit Kollund und mit +der Blinden habe, als sich herausstellte, daß Imgjor lediglich aus +Mitleid der Alten die Wohnung täglich reinige und ihr vorlese, stand er +plötzlich still und richtete einen bewundernden Blick auf das junge +Mädchen an seiner Seite. + +"Ah, welch' ein edles, selbstloses Wesen sind Sie, Komtesse! Wahrlich, +man sucht Ihresgleichen vergebens! Aber wie vertrauensvoll sind Sie auch +noch! Nicht einen Oer dürfen Sie dem Betrüger Kollund geben. Es ist ja +alles erlogen! Die Umstände benutzt er, um Ihnen Geld aus der Tasche zu +locken. Ich bitte Sie dringend, geben Sie mir die Sache in die Hand. Ich +werde dem Schwindler seinen Standpunkt klar machen, ich werde ihn +veranlagen, auf jeden Schilling zu verzichten! Für bessere Zwecke, für +nützlichere, für sich selbst, teure, verehrte Komtesse, bewahren Sie Ihr +Geld! Nun, was meinen Sie? Darf ich Ihr Anwalt sein?" + +"Ich gab mein Wort, Herr Doktor! Selbst wenn Sie Recht haben--es ist +vielleicht möglich--darf, kann ich es doch nicht brechen." + +"Gewiß! Sie sind sogar dazu verpflichtet, solchen Schwindlern nicht noch +die Wege zu ebnen! Wollen Sie glauben, daß derselbe Mensch sich mir +verkauft, wenn ich ihm heute im Auftrage eines Konsortiums den Antrag +Stelle, an anderen Orten Dänemarks Vorträge im entgegengesetzten Sinn zu +halten? Natürlich! Gold muß die Lockspeife sein!" + +"O nein, nein, für so erbärmlich, für so niederträchtig halte ich ihn +nicht! Sie gehen zu weit!" rief Imgjor. "Von dem, was er lehrt, ist er +überzeugt!" + +"Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen durch eine anzustellende Probe +den Beweis der Richtigkeit meiner Behauptungen zu liefern, Komtesse. Es +fehlen mir die Mittel. Aber ich bitte nochmals, daß Sie mir Ihre Sache +zur Erledigung anvertrauen! Sagen Sie ihm, oder wenn ein Bote kommt, +diesem, ein befreundeter Herr werde Herrn Kollund zur Erledigung der +Angelegenheit besuchen. Ich bringe Ihnen alles in Ordnung, verlassen +Sie sich darauf! Nur das Lokal, wenn solches wirklich bezahlt werden +muß, und die Kosten für die Inserate werde ich ihm vergüten, und er wird +sich damit zufrieden geben. Aus seiner sicher erfolgenden +Verzichtleistung werden Sie schon erkennen, welch' Geisteskind er ist." + +"Nun wohlan! Ja--ich will! Ich danke Ihnen! Gelingt es Ihnen, so soll +das Geld denen zukommen, von denen ich weiß, daß sie dessen bedürftig +sind. Und nun auf Wiedersehen! Gegen sieben Uhr erwarte ich Sie in +meiner Wohnung. Wir werden dann alles besprechen, was noch der +Erledigung harrt." + +Nach diesen Worten nahm Imgjor von ihrem Begleiter--eben waren sie an +ihrer Wohnung angelangt--mit einem freundlichen Blick Abschied. + + * * * * * + +Oben angekommen, sah sie einen fremden Mann im Flur stehen, und Gebine +erklärte sogleich, daß er von Kollund komme. Nachdem er verständigt +worden war und sich entfernt hatte, begab sich Imgjor in ihr Zimmer, um +einige Zeilen an Curbière zu schreiben, und als sie den Brief eben +beendigt hatte, erschien Gebine und meldete, daß ein ihr unbekannter +Herr sie zu sprechen wünsche. + +"Frage erst nach seinem Namen!" entschied Imgjor, von einer angenehmen +Ahnung erfaßt. Sie sah forschend empor, als Gebine mit einer Karte in +der Hand wieder ins Zimmer trat. Auch griff sie mit hastiger Hand +danach, fand den Namen, den sie erwartet hatte, und nickte zum Zeichen +ihres Einverständnisses, den Besuch empfangen zu wollen, mit dem Kopfe. + +Und dann, wenige Augenblicke später, trat Curbière zu ihr ins Zimmer, +küßte ihr ehrerbietig die Hand und erklärte, daß er gekommen sei, um von +ihr Abschied zu nehmen. Sein Vater sei plötzlich gestorben, er, +Curbière, müsse noch diesen Abend Kopenhagen verlassen, habe aber nicht +fortgehen wollen, ohne Imgjor noch einmal gesehen und gesprochen zu +haben. + +"Lavards verlassen infolge des Trauerfalles morgen abend ebenfalls +Kopenhagen und kehrten nach Rankholm zurück," schloß der Marquis. + +"Bevor sie gehen, möchte Lucile Sie, liebe Imgjor, sprechen, möchte mit +Ihnen überlegen, ob nicht doch noch ein Weg zum Frieden zu finden ist. +Allerdings--den Vortrag dürfen Sie nicht halten. Treten Sie heut' Abend +öffentlich auf, ist der Graf entschlossen, sich unweigerlich von Ihnen +loszusagen, und dies auch öffentlich bekannt zu geben! Ich bitte, daß +Sie darin nachgeben, ja, ich beschwöre Sie, teure Imgjor, bringen Sie +Ihrer Familie zu Liebe dieses Opfer!" + +Zunächst gab Imgjor keine Antwort, es war ihr vorerst Bedürfnis, mit +Curbière über den Tod seines Vaters zu sprechen. Sie ließ sich +ausführlich von ihm erzählen, hörte aufmerksam zu und drückte ihm voll +Teilnahme die Hand, als ihn zuletzt eine weiche Stimmung ergriff, als er +in bewegten Worten betonte, daß er mit dessen Tode das bisher Beste auf +der Welt verloren habe, was er sein eigen genannt hätte. + +"Sie haben Lucile dafür gefunden, lieber Armand! So war das Schicksal +schon vorher mitleidig für Sie bedacht, Ihnen für das, was es Ihnen +nehmen mußte, einen Ersatz zu gewähren." + +Curbière bewegte stumm das Haupt, dann sah er Imgjor mit einem tiefem, +alle seine Gedanken und Sinne auf sie richtenden Blick an und sprach ein +kurzes, zerstreutes: "Gewiß--allerdings!" + +"Ich habe Ihnen noch eine Antwort zu geben," lenkte Imgjor rasch und +umsichtig ab. "Den Vortrag werde ich nicht halten; man hat mich +unerwartet meines Wortes entbunden. Also beruhigen Sie meinen Vater! +Aber, lieber Freund, ich werde auch keine Lavard wieder werden. Es sei +denn--" + +"Nun, Imgjor?" Curbière sprach's gespannt. + +"Daß ich allem entsage, und für immer nach Rankholm zurückkehre. Und +eben das vermag ich nicht, so sehr ich meine Pflegeeltern zu verehren +Anlaß habe, und so sehr ich es liebe und mich nach jedem Plätzchen +sehne, wo ich als Kind glücklich war. Ich kann eben nicht im Ueberfluß +und ich kann nicht ohne Hingabe an meine Mitmenschen leben!" + +"Wollen Sie denn in Kopenhagen bleiben, Imgjor?" + +"Nein--hier haben mir Verleumdung und Mißgunst den Aufenthalt unmöglich +gemacht. Ich wüßte nur einen Ort, wohin ich paßte--" + +"Und der wäre?" + +"Ich möchte nach Paris. Da, glaube ich, würde ich in Thaten umsetzen +können, was mir als Ideal vorschwebt. Dort ist der Boden für mich, und +finde ich solche, die gleich mir denken!" + +Im ersten Augenblick belebten sich Curbières Augen. Sie sprach mit +solcher Begeisterung von seiner Vaterstadt, von Paris! Das schmeichelte +ihm. Aber ebenso rasch gewannen andere Gedanken die Oberhand. Alles war +verloren, wenn er ihr nicht gerade diese Idee ausredete! Er wußte, daß +sie dort nicht nur nichts erreichen, sondern sicher untergehen würde. In +diesem Sinne sprach er auf sie ein. Nachdem er alle ihre Einwendungen +überzeugend widerlegt hatte, schloß er: "Und wollen Sie uns ein Opfer +bringen, sich selbst auch Ihrem eigenen Ich zurückgeben, so heiraten Sie +den Grafen Dehn! Ich verschwieg Ihnen sein Kommen. Er ist gestern +eingetroffen und kehrt morgen abend mit den Ihrigen nach Rankholm +zurück. Daß er Sie noch mit der alten Leidenschaft liebt, weiß ich." + +Imgjor hatte mit Leichenblässe im Angesicht die letzten Worte vernommen, +auch hatten ihre Hände unwillkürlich nach einem Stützpunkt gegriffen. Da +war nun wieder ein neuer Ansturm auf ihr Inneres, nun kam auch noch +diese Versuchung! + +Aber kurz war nur ihr Kampf. Prestö hatte sie geliebt, weil sie gehofft +hatte, durch ihn ihre Ideale verwirklichen zu können. Axel Dehn liebte +sie mit der Stärke jener Liebe, die aus Achtung entspringt. Ein +lebhaftes Interesse für den Franzosen war in ihr aufgestiegen, weil er +neben seiner weltmännischen Erziehung wiederholt an den Tag gelegt +hatte, daß er ein Mann von Verstand und Geist war, und daß er zugleich +ein edles Herz besaß. Aber Prestö hatte sie inzwischen hassen gelernt, +Graf Axel Dehn wollte sie nicht lieben--und Curbière gehörte ihrer +Schwester an! So war alles entschieden. Indem sie Curbière mit einem +Blick ansah, durch den sie schon voraussandte, daß sie sich nur mit der +ernsten Seite dieses ernsten Gegenstandes beschäftigte, sagte sie: "Ich +vermag nicht zu beurteilen, ob Sie den richtigen Weg wählten. Es wäre ja +auch möglich gewesen, daß Sie durch solche Offenherzigkeit gerade das +Gegenteil bewirkt hätten! Sie haben mir zu allem, was ich zu tragen +habe, noch etwas Schweres aufgebürdet. Sie haben aber meine Freundschaft +angerufen, und das soll nicht umsonst geschehen sein, Armand! Ich +verzichte darauf, nach Paris zu gehen, aber Ihre Bitte, den Grafen Dehn +zu heiraten, vermag ich nicht zu erfüllen. Ich werde nie heiraten, weder +ihn, noch einen anderen!" + +Bei diesen Worten sah sie ihn mit einem so unbeugsamen Ausdruck an, daß +der Mann fernere Versuche, sie umzustimmen, ausgab. Noch einen +Händedruck tauschten sie beide mit den Gedanken reiner Seelen. Dann ging +er. Sie aber sank, während das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe +verklang, in tiefem innerem Verstummen zurück. + + * * * * * + +Am Nachmittag bestieg Imgjor einen Tramwaywagen und begab sich nach der +Wohnung der alten Frau Ohlsen. Es war ihr, dort angekommen, schon +auffallend, daß sie eine Anzahl Frauen und Männer, lebhaft sprechend, +auf dem Hofe fand, und sie erschrak nicht wenig, als ihr auf ihre Frage, +ob etwas geschehen sei, erwidert wurde, daß den Alten in der Frühe der +Schlag gerührt habe. + +Durch Zufall habe man es entdeckt, habe auch die Alte davon Kenntnis +erhalten. Sie habe geglaubt, daß er schon fortgegangen sei, als sie +einen schweren Fall in der Küche gehört. Imgjors erster Gedanke bei +diesem Unglück war die Ueberlegung, was jetzt als der hilflosen Witwe +werden solle. Nun waren ihr durch diesen Tod die Neben-Hilfsmittel zum +Leben ganz entzogen. Und von dieser Erwägung richteten sich ihre +Vorstellungen auf das Nächstliegende. Der Mann mußte beerdigt werden. +Sie gab einem zu solchen Zwecke von ihr bezahlten Mann Auftrag, sich +sogleich fortzubegeben, um eine Leichenwäscherin zu bestellen und einen +Tischler zur Anmessung des Sarges herbeizurufen. Und nachdem das +geschehen war, trat sie zu der Alten, sprach sanfte Trostworte und +erklärte ihr möglichst schonend, daß sie nunmehr in das Armenfrauenhaus +übersiedeln müsse. Auch eröffnete sie ihr, daß sie, Imgjor, demnächst +Kopenhagen verlassen würde und persönlich in keiner Weise mehr für sie +zu sorgen im stande sei. + +Und die Blinde beugte das Haupt wie unter einem Schlage, während Thränen +aus ihren lichtlosen Augen tropften. Noch begab sich Imgjor dann in die +Küche um nach dem Toten zu sehen. Freilich, was sich ihr bot, war +erschütternd. Kalt, steif und unbeweglich lag der alte Mann auf dem +Fußboden. Ihn zu betten, war erforderlich. Und solches veranlaßte Imgjor +durch die Nachbarn, und nachdem auch das geschehen, erklärte sie der +alten Frau, ihr für die nächsten Tage eine Hilfe schicken zu wollen. Sie +beschloß, ihr Gebine zu senden. Auch ihre Ueberführung in das +Armenfrauenhaus zu betreiben, versprach sie ihr nochmals, und nachdem +die Alte dazu mit tief gerührten Gefühlen genickt, nahm Imgjor von ihr +Abschied. + +"Adieu, Adieu, Frau Ohlsen! Tragen Sie, was Gott Ihnen schickte, mit +Geduld! Viele haben es noch weit schwerer--" + +Und die Alte nickte abermals, während sie Imgjors Hände mit ihren +mageren Fingern fest umklammerte. + +"Gott segne Sie, Komtesse!" schluchzte sie. "Ich werde immer an Sie +denken, und noch mit meinem letzten Atemzuge werde ich Segen auf Sie, +als einen menschlichen Engel, herabflehen!" + +Imgjors Augen wurden naß. Alle Mühsalen, aller Undank waren vergessen, +den sie von anderen erfahren hatte, um dieser einen willen, in deren +geprüftem Herzen noch Gottvertrauen, noch edle Empfindungen, noch +Dankgefühle Platz hatten. Dann, mit einem letzten Händedruck, sagte sie: +"Geld und mein Mädchen werde ich Ihnen schicken. So ist für alles +gesorgt. Adieu! Adieu! Gott schütze Sie, meine gute Alte!" + +Und: "Adieu! Adieu!" schluchzte die Alte, aus derem verdunkeltem Dasein +mit Imgjor der letzte matte Lichtschimmer schwand. + +Imgjor aber richtete, hinaustretend, das Auge nach oben. Sie fand sich +mit ihrem immer wieder vertrauenden Herzen und mit ihrem heißen Drange +nach Liebesthaten von neuem gehoben. Es gab doch noch Empfängliche, doch +noch Dankbare. So überlegte sie abermals. + +Nachdem sich Imgjor eben abends in ihrem Wohngemach eingerichtet hatte, +wurde an der Klingel gezogen, und Doktor Kropp erschien, um +verabredetermaßen über seinen Besuch bei Kollund Bericht abzustatten. +Und Imgjor trat ihm mit nicht geringer Spannung entgegen und that schon, +bevor er noch Platz genommen, eine Frage nach dem Ergebnis. + +"Anfangs wies er meine Forderung auf einen Verzicht schroff zurück," +entgegnete der Doktor, Platz nehmend. "Er wolle," erklärte er, "mit +Ihnen selbst reden und Sie an Ihr gegebenes Wort erinnern. Dieselben +Unwahrheiten, die er gegen Sie vorgebracht hatte, erneuerte er; er nahm +den Mund sogar noch voller. Erst als ich erklärte, daß ich in einer der +Kopenhagener Zeitungen veröffentlichen würde, welchen Charakter die +Forderungen hätten, die er an Sie, gnädigste Komtesse, in dieser +Angelegenheit gestellt habe, gab er, sich krümmend, nach. Aber eine Flut +von Anschuldigungen folgte sowohl gegen Sie, wie gegen mich, bevor ich +ihm, nach einer nochmaligen, gründlichen Abfertigung den Rücken kehrte." + +"Ah--also wirklich!" stieß Imgjor, von tiefem Abscheu ergriffen, +heraus. Dann reichte sie Kropp bewegt die Hand, sprach ihm ihren Dank +aus und händigte ihm die Summe ein, die er Kollund bezahlt hatte. Zum +Schluß bat sie ihn, noch so lange zu verweilen, bis sie ihm eine Tasse +Thee bereitet habe. Sie umging es, daß er sie sonst noch sprechen +wollte, weil ihr Zeit und Ort doch nicht geeignet schienen. Im Grunde +hoffte sie, daß er ihre Aufforderung ablehnen werde. Aber er, der +überhaupt keine anderen Gedanken hatte als sie, der überdies nichts +erwarten konnte zu erfahren, durch welche Umstände sie ihres Reichtums +und ihres Namens verlustig gegangen war, stimmte dankend zu, und saß +noch neben ihr, als schon die Uhr vom Kirchturm die zehnte Stunde +verkündet hatte. Dann aber drängte sie ihn selbst zum Gehen, und als er +dann noch eine mitleidige Frage that, was sie denn nun beginnen, wohin +sie sich wenden wolle, sagte sie: "Eine Woche brauche ich beinah' noch, +um hier alles zu ordnen, um auch von denen Abschied zu nehmen, die mir +im Laufe dieser Jahre näher getreten sind. Dann will ich irgendwo eine +Stelle als Schwester in einem Krankenhause im Norden oder auch im +südlichen Deutschland suchen. Was dann später geschieht, müssen Zeit und +Gelegenheit lehren. Immer hoffe ich noch, daß ich Gleichgesinnte, +Ehrliche und zugleich Begüterte finde, die sich mit mir zur +Verwirklichung von Reformen im Großen verbinden. Die Mißerfolge, die +traurigen Erfahrungen, die mir unter den Armen wurden, dürfen mich nicht +abschrecken. Auch in meinen Kreisen giebt's wertvolle und minderwertige +Personen. Ist die Masse auch roh, so ist sie doch bildungsfähig. Man muß +sie nur auf den rechten Weg leiten." + +"Können Sie sich denn nicht vorstellen, daß es auch fruchtbringend ist, +im Kleinen zu wirken, gnädigste Komtesse?" wandte Kropp vermittelnd ein. + +"Gewiß, Herr Doktor! Auf Rankholm, der großen Besitzung meines Vaters, +suchte ich den Armen und Leidenden ein hilfreicher Freund zu sein. Aber +dort war es das Wohlleben in der Familie, der Luxus, der mich umgab, die +mich anwiderten. Auch andere Verhältnisse trieben mich fort, und +nun--ich erzählte Ihnen ja alles--hat sich ja überhaupt die Trennung +zwischen mir und den Meinigen vollzogen. Ich muß mich jetzt treiben +lassen--mir bleibt keine Wahl." + +"Doch, doch, Komtesse!--Es giebt sehr viele, die namenlos glücklich sein +würden, wenn sie ihr Schicksal mit dem Ihrigen verbinden dürften! Auch +ich gehöre zu ihnen--" schloß Kropp feurig und einen liebewarmen Blick +auf Imgjor richtend. "Ich liebte Sie von dem ersten Augenblick an, +Komtesse! Ihre Stellung, Ihr Ansehen, Ihr Name ließen mich verschweigen, +was ich für Sie empfand. Wie konnte, durfte ich wagen, um die Hand einer +Gräfin Lavard zu werben? Heute aber, wo Sie sich selbst zu +meinesgleichen gemacht, fasse ich den Mut, zu sagen: Werden Sie mein! +Lassen Sie uns zusammen einen Ort suchen, wo wir uns und der +Allgemeinheit leben, wo wir in bescheidenerer und guter Weise das zum +Ausdruck bringen können, was Sie edelmütig anheben. Sie haben mich +kennen gelernt. Sie wissen, daß ich nicht zu den Wortmachern gehöre, daß +ich Vernünftiges redlich erstrebe. So bin ich Ihrer vielleicht nicht +unwert, so darf ich vielleicht hoffen, daß ich auch Ihnen nicht ganz +gleichgiltig bin--" + +"Nein, Sie sind mir nicht gleichgiltig, ich achte Sie hoch, lieber Herr +Doktor!" fiel ihm Imgjor, die erst mit gesenkten Wimpern, dann sich mit +offenen Augen ihm zugewendet und zugehört hatte, in die Rede. "Aber ich +kann--so schmerzlich mir diese Antwort ist--die Ihrige nicht werden. Ich +will überhaupt nicht heiraten. Ich liebte einmal und wurde grenzenlos +betrogen. Da that ich einen Schwur, einem Manne niemals wieder die Hand +zum Bunde zu bieten." + +"Ist nicht aber das Leben da, um aus ihm zu lernen, Komtesse? Lehrten +Sie nicht Ihre Erfahrungen, wie hohl die große Masse ist, wie wenig +glücklich eine Beschäftigung mit ihr macht, wie nur ein treues Streben +im kleineren Kreise beglückt--und lehrt es nicht, daß das eben auch das +Richtige ist? Wer herrschen, reformieren will, braucht Macht und zehnmal +Macht, durch die er allein die Massen zu bezwingen vermag. Und wiederum: +Wenn Sie in die Weltgeschichte blicken, wie wenige konnten diese Stärke +und Fülle richtig anwenden, und wie Geringes haben sie, waren ihre +Absichten noch so ehrlich, erreicht! Sie besitzen diese Macht schon +deshalb nicht, weil Sie über keine Mittel mehr verfügen, Komtesse! +Lassen Sie ab von dem Greifen nach Sternen! Wo immer sich in engeren +Kreisen die Menschen zu Liebeswerken zusammenthun, da wird's etwas. Aus +diesem Wirken resultieren die großen Errungenschaften der Humanität, die +praktischen Ergebnisse eines richtig verstandenen Christentums! Und noch +ein anderer Gesichtspunkt! Will nicht jeder glücklich sein, so lange ihm +ein Dasein beschieden? Befriedigt Sie denn wirklich dieses Aufgehen ins +Allgemeine? Was haben Sie erreicht? Man spottet Ihrer als einer +Ueberspannten! Keiner dankt's Ihnen! Wo die Fähigkeit vorhanden wäre, +den Wert Ihrer Bestrebungen zu erkennen, macht sich der Neid breit, +sicher die Oberflächlichkeit, die schon deshalb die Dinge verurteilt, +weil sie selbst keinen Geschmack daran findet, oder sie zu untersuchen +zu träge ist. Habe ich nicht recht, Komtesse?" schloß Kropp, als Imgjor +nichts erwiderte, als sie, in tiefes Nachdenken versunken, vor sich +hinstarrte. Sie kämpfte, wie neuerdings schon wiederholt. Für Sekunden +flog's ihr durch den Sinn, daß er die Wahrheit getroffen, und daß er der +Mann sei, durch den sie sich und andere glücklich machen könne. Aber wie +kleine Einwirkungen häufig ein schon hoch aufgerichtetes Gebäude zum +Fallen bringen können, so war's hier. Als ihr Blick während des Sinnens +auf ihren Schreibtisch und dabei auf ein Bild von Rankholm fiel, trat +ihr plötzlich alles dort Geschehene und trat ihr auch wieder Graf Axel +Dehn ins Gedächtnis. Und das entschied. Da sie diesem ein "Nein" gesagt, +wollte, durfte sie auch Kropp kein Jawort geben. So lehnte sie abermals +ab, und so schied mit ihm wieder ein Freund und ein Mann aus ihrem +Leben, der ihr von Herzen zugethan war und der es gut mit ihr meinte. + + * * * * * + +Im Rankholmer Palais hielt man Familienrat und dessen Gegenstand war, +wie so oft, Imgjor. + +Nur ein Mittel gab's, von dessen Anwendung Lucile und die Gräfin noch +etwas erwarteten. Sie schöpften aus dem Umstande, daß in dem damaligen +Gespräch der Geschwister in Rankholm ohne Zweifel ein starkes Interesse +Imgjors für Axel zum Ausdruck gelangt war, die Hoffnung, er, Axel, werde +durch einen klugen Anlauf vielleicht doch noch ihr Herz in einem für ihn +günstigen Sinne rühren können. Daß in ihm die alten Gefühle nicht +erloschen seien, hatte er gleich bei der ersten zwischen ihm und den +Damen stattgefundenen Unterredung erklärt. Er hatte geäußert, daß ihn +eine grenzenlose Sehnsucht beherrsche, sobald wie möglich in Imgjors +Nähe zu gelangen. Und dieser Drang hatte sich bis ins Ungemessene +verstärkt, als Lucile ihm nun auch--alle Bedenken, die sie früher mit +Rücksicht auf sich selbst abgehalten--eröffnet hatte, was in jener +Unterhaltung für ihn zu Tage getreten war. + +Graf Dehn hatte die Neigung der Familie, den Aufenthalt in Kopenhagen +noch um etwas zu verlängern, mit allen Mitteln zu befestigen und durch +Unterredungen mit dem Grafen auch dessen Widerstand gegen seine +Pflegetochter wesentlich zu mildern gewußt. Er hatte in förmlicher Weise +um Imgjors Hand bei dem Grafen angehalten und von ihm die Erlaubnis +erwirkt, nach seinem Ermessen die Schritte zu thun. + +Zunächst verabredete er mit Lucile, die sich seinen Plänen mit +liebenswürdigem Eifer widmete, die nun, nachdem ihr Herz durch einen +anderen Mann, den sie hingebend liebte, ausgefüllt war--alle Bedenken +und eifersüchtigen Regungen abgestreift hatte, daß sie Imgjor sogleich +besuchen und ihr unter besonderer Begründung die Bitte vorlegen solle, +Axel empfangen zu wollen. Lucile ging auch sogleich ans Werk. + +Sie ließ sich, vorher noch einige die Trauer angehende Besorgungen +erledigend, in der Lavardschen Equipage nach Imgjors Wohnung fahren und +fand ihre Schwester in der vordem erwähnten Gemütsverfinsterung an ihrem +Arbeitstisch. + +Als die durch Gebines Anmeldung aus ihrem dumpfen Sinnen +Emporschreckende Lucile vor sich sah, legte sie die Feder rasch und +verlegen bei Seite, auch schob sie ihr Tagebuch, in das sie etwas +hineingeschrieben, unter andere Papiere. Freilich erlitt der Schwertern +Begegnung sogleich wieder eine Unterbrechung. Man schickte nach Imgjor, +und diese eilte unter sanftem Ausdruck ihrer Schwerer Zustimmung +erbittend, über die Straße an das Krankenbett einer armen Frau. + +Und weil Imgjor ein längere Weile fortblieb, griff Lucile nach einem auf +dem Tisch liegenden Buch und fand in diesem einige von Imgjors Hand +herrührende, offenbar für das Tagebuch bestimmte, zufällig hier +hineingeratene Niederschriften, die ihr Interesse fesselten. Sie +lauteten: "Eine einzige That des Edelmuts und eine einzige +Unvorsichtigkeit sind genügend, um einem Menschen für immer bei der +Menge den Stempel seines Wertes oder seines Unwertes aufzudrücken. +Vielleicht verdienten sie beides nicht. Zu allem gehört Glück, aber auch +dazu, für etwas anderes zu gelten, als man ist." + +Und noch eine Betrachtung hatte Imgjor auf die andere Seite geschrieben, +die Lucile las, bevor ihre Schwester wieder ins Zimmer trat: "Gehemmte +Liebe gleicht einem vergeblich nach einer Flamme ringendem Feuer. Wie +dort unter kämpfendem Rauch, unheimlichem Schwelen und Qualmen der +Gegenstand zu Asche verglimmt, so hier allmählich unter dumpfen Qualen +die Seele." + +Gleich darauf trat Imgjor wieder ins Gemach. + +"Ich komme," hub Lucile an und richtete einen liebenswürdigen Blick auf +ihre Schwester, "um dich um etwas zu bitten: Graf Dehn möchte dich +sprechen! Er beruft sich darauf, daß du ihm einst eine Unterredung +zugefügt habest, und daß er, da er von diese keinen Gebrauch gemacht, +noch Anrechte auf deine Zuvorkommenheit besitze. Wann willst du ihn +empfangen, liebe Imgjor?" + +Zunächst fuhr Imgjor zusammen, und ihre Wangen verfärbten sich. Wie von +einer schweren Denklast bedruckt, senkten sich ihre Augenlider, und die +Finger griffen, unter dem Druck der Erregung, in die Handflächen. + +"Wann wünscht Graf Dehn die Unterredung?" warf sie tonlos hin. "Und wo?" + +"Nun--bei dir--oder besser--bei uns!" + +Imgjor schüttelte den Kopf. + +"Was habe ich noch bei Euch zu thun, Lucile? Wir haben uns doch für alle +Zeiten auseinandergesetzt." + +"Nur du hast es Imgjor! Nachdem du von deinem Eigensinn, öffentlich zu +sprechen, Abstand genommen, ist Papa wieder versöhnlich gestimmt. Du +wirst ihm sogar ganz die Alte sein, wenn--" + +"Ja, ich weiß: Wenn ich allem--allem entsage!--Ach, Lucile--" setzte das +seelisch tief bedrückte, junge Mädchen an, brach in Schluchzen aus und +fiel, wie damals in Rankholm, von ihren Gefühlen übermannt, neben ihrer +Schwester nieder. Und hier blieb sie liegen, und erst als Lucile mit +rührender Güte immer von neuem auf sie einsprach, erhob sie sich und +fand wieder Halt und Fähigkeit zum Sprechen. + +"Du zeihst mich des Mangels an Liebe zu Euch!" stieß Imgjor heraus, +hielt in der Beklemmung den Atem an und ließ ihn dann langsam wieder der +Brust entweichen. + +"Und doch schwöre ich dir, daß ich Euch allen die die größten Opfer +bringen würde, die ein Mensch zu bieten vermag, daß ich Euch über alles +liebe! Wie viele Nächte habe ich durchgeweint, daß ich so beschaffen, +daß ich nicht bin, wie Ihr wünscht! Ach, könnte ich diesen Drang nach +Höherem, Befreiendem, könnte ich dies Allgemeingefühl für meine +Schwestern und Brüder in der Welt aus meiner Brust reißen, mich, wie +andere, in engeren Grenzen glücklich fühlen, dort für meine Art volle +Befriedigung finden, ich würde Gott auf den Knieen danken! In solchem +Sinne--ich bitte--Lucile--fasse mein Naturell auf und so mühe dich, den +Eltern immer wieder mein Wesen zu erklären. Denket, daß der Schöpfer +_Euch_ so erschaffen hätte! Dann werdet Ihr mich leichter begreifen."-- + +"Ja--ich will's, meine liebe, arme Imgjor! Aber nun, ich bitte, erteile +mir eine Antwort für Graf Dehn--" + +"Da ich ihm mein Wort gab, will ich es halten, Lucile! Nur weiß ich +nicht, wo es geschehen kann! Er muß also warten oder hierherkommen. Wann +wollt Ihr reisen?" + +"Die Trauer macht es erforderlich, daß wir wieder nach Rankholm +übersiedeln. Nur um deinetwillen haben wir unsere Abschiedsvisiten noch +aufgeschoben. Wir möchten den Kondolenzbesuchen entgehen, mit denen man +schon beginnt. Auch andere Gründe sprechen dafür, nachdem Curbière +abgereist ist. Nur Graf Dehn will seinen Aufenthalt noch einige Zeit +ausdehnen und dann--nach der Lausitz zurückkehren. Er hat die Absicht, +jetzt das Gut, das ihm sein Onkel vererbt hat, selbst zu übernehmen." + +"Was will er denn noch hier?" Imgjor sprach's mit ihrer alten +Schroffheit. + +Statt zu antworten, griff Lucile nach dem Schriftstück, das sie in dem +Buch gefunden, und sagte: "Lasse mich dir als Erwiderung vorlesen, was +du geschrieben hast, Imgjor!" + +Und Lucile las: "Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einer +Flamme ringenden Feuer. Wie dort unter kämpfendem Schwelen, unheimlichem +Rauch und Qualmen, der Gegenstand zu Asche verbrennt, so hier unter +dumpfen Qualen allmählich die--Seele." + +Imgjor schloß erst die Augen. Blässe zog über ihre Wangen. Dann neigte +sie das Haupt, reichte ihrer Schwester still die Hand und sagte: "Also +morgen Mittag, Lucile, erwarte ich des Grafen Besuch. Wir werden dann +für immer einen Abschluß erhalten." + +Lucile sah erschrocken empor. Einen so düsteren Klang hatten die Worte. +Aber als sie in Imgjors Zügen forschte und dort einen Ausdruck sanfter +Ergebung begegnete, zerstreuten sich ihre Gedanken. + +Noch wenige Sekunden, dann hatten sich beide getrennt. + + * * * * * + +In einer herzklopfenden Erregung stieg am folgenden Mittag Graf Dehn zu +der von Imgjor angesetzten Zeit die Treppe zu deren Wohnung empor. Er +sah auch gleich die, nach der sein Herz verlangte. + +Als er ihre Hand ergriff und sie tiefbewegt an seine Lippen zog, flog +ein Zittern durch des jungen Mädchens Körper, und zunächst fehlten ihr +die Worte. + +Aber da sie nicht weich werden, da sie diesem Gespräch den Charakter +nehmen wollte, den Graf Dehn ihm zu geben beabsichtigte, sagte sie mit +sanfter Unterordnung im Ton: + +"Ich bitte Sie inständig, Graf Dehn, mir dieses Wiedersehen nicht zu +erschweren, mir es vielmehr zu erleichtern! Ich bin durch eine +Krankenpflege meiner Kräfte so sehr beraubt, daß ich nicht fähig bin--" +Hier stockte sie, ihre Hände griffen nach der Lehne eines Stuhles und +fernere Worte versagten. + +Und der Mann, tief ergriffen, wollte sie stützen. Aber sie gewann dann +doch ihre Kraft zurück und sagte, während sie ihn durch eine Bewegung +ersuchte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, nunmehr fest: + +"Ich bitte, sagen Sie mir, was Sie zu mir führt! Ich weiß, die +Höflichkeit,--die Rücksicht, die man dem Mitglied einer befreundeten +Familie erweist, in erster Linie. Aber es ist noch etwas anderes. Ich +entnahm es Luciles Worten. Ich werde Ihnen aufmerksam zuhören und +glücklich sein, ich versichere Sie, wenn ich Ihnen--falls Sie einen +Wunsch haben--solchen erfüllen kann! Ich vergaß nie und werde niemals +vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Ich war damals krank und blind. +Ich war deshalb namenlos ungerecht gegen Sie, Graf Dehn, obschon meine +Achtung vor Ihrem Charakter stets dieselbe war. Schon nach der Richtung +habe ich sehr viel gut zu machen, vielleicht so viel, daß ich die Schuld +nie abtragen kann. Nehmen Sie dieses Eingeständnis und die Bitte, mir zu +verzeihen, entgegen! Und nun? Ich höre!" + +Nach diesen Worten sprach Graf Dehn in langer Rede, kam zurück auf die +Vorgänge in Rankholm, erörterte, mit stetem Hinweis auf sie, Imgjor, die +Gründe, weshalb er sich auf Reisen begeben, erklärte, daß er keinen Tag +verlebt, ohne ihrer gedacht zu haben, und daß er nun, von Sehnsucht +getrieben, sie wieder zu sehen, hierher, nach Kopenhagen, gereist sei. + +"Ich vermag nur einmal zu lieben, Komtesse. Sie liebte ich seit der +ersten Begegnung. Ich werde auch nie einem anderen Mädchen mein Herz +schenken. Das alles wollte ich Ihnen sagen und Sie fragen, ob Sie mir +nicht ein wenig gut sein könnten! Ich wollte Sie bitten, mir auf meine +Besitzung zu folgen, um ein Glück zu finden, das in gegenseitiger +Uebereinstimmung wurzelt und in Thaten der Nächstenliebe einen +wesentlichen Teil seine Befriedigung findet. In jedem Fall--ich bitte, +ich beschwöre Sie--entsagen Sie Ihren jetzigen Plänen! Begnügen Sie sich +mit den Erfahrungen, die Sie einsammelten, die Sie belehrt haben müssen, +daß nicht wir die Welt regieren können, sondern nur ein Werkzeug sind, +um in gemessenen Grenzen bei der Ordnung der Dinge mitzuwirken. Thuen +Sie es auch um Ihren Eltern, die Ihre Rücksicht so sehr verdienen,--zu +beweisen, daß Sie nicht undankbar sind. + +Ihr Pflegevater--es ist ersichtlich--wird sich innerlich und körperlich +aufreiben, wenn Sie eine mit solchen Ungelegenheiten für Sie und die +Familie verbundene öffentliche Wirksamkeit fortsetzen. Auch die Gräfin +leidet unter diesen Verhältnissen mehr, als sie es ausspricht. Nur die +Furcht, als Stiefmutter parteilich zu erscheinen, hält sie ab, sich +anders zu geben, und stärker auf Sie, Komtesse, einzuwirken! Wahrlich, +wir könnten alle von ihr lernen!" + +Imgjor hatte aufmerksam zugehört. Nicht einmal war ein abweisender, oder +spröder Ausdruck in ihre Züge getreten. Sie hatte seine Worte mit einer +Miene aufgenommen, als ob ein Freund ihr von seinen Leiden erzähle, +sanft sinnend und denkend, wie sie sich dazu verhalten solle. + +Sie streckte ihm auch mit einem rührenden Blick die Hand hin, drückte +die seinige fest, und sagte: + +"Ich wußte, Graf Dehn, daß Sie gerade so sprechen würden. Deshalb wird +es mir leicht, Ihnen gleich und ruhig zu antworten. In erster Linie +nochmals Dank! Wenn die Achtung von Ihrer Person sich noch erhöhen +könnte--ich spreche nicht von einer Zuneigung in anderem Sinne, und Sie +werden gleich verstehen, aus welchen Gründen ich es unterlassen muß--so +hätten Sie Ihren Worten keinen Inhalt erteilen können, der meine +Empfindungen für Sie stärker zu erhöhen imstande gewesen wäre! Meine +Antwort aber lautet: Ich will noch einen Versuch machen, mich auf eigene +Füße zu stellen. Gelingt er, muß ich mir selbst treu bleiben. Ich kann +nicht anders. Verzeihen Sie mir. Mein Entschluß ist unbeugsam!" + +Und er fügte sich auf ihre Rede, obschon sie ihm schier das Herz +zermalmte. Und dann sprach er: "Wohlan denn! Ich habe dann nur den +innigen Wunsch, daß sich verwirklichen wird, was Sie soeben +ausgesprochen haben! Mögen Sie einen Wirkungskreis finden, der Sie +befriedigt, der Sie wahrhaft glücklich macht! Leben Sie +wohl--Komtesse--Imgjor--Imgjor--teure Imgjor"-- + +Und dann geschah doch etwas. + +Sie brach in Thränen aus, und er zog sie an sich, und einen Augenblick +lag sie ohne ihren Willen an seiner Brust. Und dann, zum Bewußtsein +zurückgekehrt, machte sie sich hastig los und bat sanft, aber fest im +Ton: "Gehen Sie! Ich bitte! Gehen Sie!" + +Noch einen letzten, tief verinnerlichten Blick gönnte sie ihm, dann that +er, wie sie wünschte. + +Nachdem er aber gegangen war, sank sie in ihren Sessel zurück und +überdachte voll schwerer Wehmut, was geschehen war. Eines fiel ihr bei +der Betrachtung besonders beklemmend auf die Seele, obgleich sie gerade +das als nebensächlich hinzustellen, sich zwingen wollte. + +Sie war demnächst ohne Mittel zum Leben! Der Graf hatte--vielleicht, um +sie dadurch eher gefügig zu machen--die sonst am ersten des Monats ihr +stets überwiesene Summe nicht mehr gesandt. Sie hatte ja deren Empfang +auch abgelehnt. Sie konnte ihm nicht einmal einen Vorwurf machen! Ihre +Pretiosen und ihre seidenen Gewänder zu verkaufen, widerstrebte ihr, +weil sie fürchtete, sich dadurch bloßzustellen. Und wenn beides dahin +war, so nannte sie nichts mehr ihr Eigentum! Die Sorge schuf bereits +Vorsicht und Ueberlegungen, die ihr früher fremd gewesen waren. Die +Begräbniskosten für den Mann der alten Ohlsen, die inzwischen durch +Imgjors Bemühungen in einem Frauenarmenhaus untergebracht worden war, +hatten das Geringe, was sie noch besaß, bis auf ganz weniges +geschmälert, und die Bank mußte überdies noch befriedigt werden. + +Täglich kamen, wie bisher, Listen mit Aufforderungen zur Beihilfe für +gute Zwecke. + +Konnte sie die jetzt abweisen? Sie vermochte es nicht; es widersprach +ihrem stets auf Geben bedachten Herzen. + +Auch die Miete für die Wohnung war noch zu berichtigen. Man forderte +Steuern von ihr. + +Der Tag und die Stunde waren abzusehen, wo sie zuletzt vor dem--nichts +stand! Eine angstvolle Unruhe überkam sie. Man würde sie am Ende auch +noch in anderer Weise falsch beurteilen! Die Zeitungen würden gar +verkünden, sie habe wegen Schulden Kopenhagen verlassen. So sei sie +eigentlich nichts anderes als eine, die habe von sich reden machen +wollen! + +Und eben diese Lebenssorgen drängten zum erstenmal die Gedanken an die +Ideale, die ihre Brust noch eben wieder erfüllten und deren +Verwirklichung sie erstreben zu wollen, erklärt hatte, völlig zurück! +Der Trieb der Selbsterhaltung gelangte zu seinem Recht. Sie erkannte +plötzlich, welchen Wert der Besitz, welchen Wert das Geld hatte, und wie +früher flüchtig, so stellten sich jetzt dauernde Vergleiche ein zwischen +dem Gewesenen, und dem, was ihr geworden! Aber nicht genug mit diesem +Ansturm auf ihr Inneres: Graf Dehn war wieder da! Und sie hatte ihn, +obschon sie ihn liebte mit der ganzen Kraft ihrer Seele, für immer von +sich gestoßen! + +Eine grenzenlose Reue überkam sie. Nur ihr Stolz regte sich noch. + +Mit welchem Selbstgefühl hatte sie geredet! Wie an einer Mauer waren +alle seine verständigen, rührenden, flehenden Bitten zerschellt. Und wie +schwach war doch der Faden gewesen, an dem ihre Festigkeit gehangen! + +Jedes Menschenherz war--so überlegte Imgjor--zu rühren, wenn nur der +Rechte kam und es richtig angesprochen wurde. + +Nun sehnte sie sich fort, nun kamen ihr doch die Erinnerungen an +Rankholm. + +Rankholm! Rankholm! Das war das Paradies ihrer Jugend!--Eine namenlose +Sehnsucht ergriff ihr Inneres jetzt. Erst nach einem todestraurigen +Sinnen raffte sie sich empor, fand sie die alte Kraft ihrer Seele, ihr +Pflichtgefühl und ihren opferfreudigen Sinn zurück, und trat mit der +gewohnten Selbstlosigkeit an das Bett ihrer Kranken.------ + + * * * * * + +Am folgenden morgen empfingen Imgjors immer sich in gleicher Richtung +bewegenden Gedanken durch den Inhalt eines mit der Post eingegangenen +Briefes eine Ablenkung. + +Eine Dame der vornehmen Gesellschaft, eine Baronin von Kliff, mit der +Imgjor wiederholt bei Bestrebungen für wohlthätige Zwecke in Berührung +gelangt war, bat sie in sehr dringender Weise, sich um die Mittagszeit +in ihrem Palais einfinden zu wollen, um dort einer Sitzung zu Zwecken +der Begründung eines dänischen Mädchenheims beizuwohnen. In diesem +sollten der Schule entwachsene, junge, weibliche Personen zu +Dienstmädchen herangebildet, es sollte ihnen in allem Unterricht erteilt +werden, was für Küche und Hauswesen erforderlich war. Auch Handarbeit +und Schneidern wollte man sie lehren und insbesondere auch moralisch auf +sie einzuwirken suchen. + +Die Baronin beabsichtigte durch dieses Heim denen die Hand zu bieten, +welche infolge ihrer mangelhaften Ausbildung keine Beschäftigung finden +konnten und deshalb der Gefahr ausgesetzt waren, sittlich zu verkommen. +Und gerade deshalb ward Imgjors Interesse auf's lebhaftere angefacht. + +Im Palais traf sie die Damen, mit denen sie während der +Jahre ihres Aufenthaltes in der Residenz wiederholt in +Wohlthätigkeitsangelegenheiten zusammengetroffen war, fast sämtlich +beisammen, wich deren ihre Person betreffenden Fragen möglich aus, nahm +aber größten Anteil an den Verhandlungen und trat, etwa drei Stunden +später, reichlich erschöpft, und sich schon vor dem Palais von den +übrigen trennend, den Rückweg an. + +Als Imgjor die Ecke der Tordenskoldsstraße passierte, drang aus einem +offenen Schusterkeller ein jammervolles Schreien hervor, und als sie, +mitleidig beunruhigt, nachforschte, sah sie unten einen Menschen, der in +unbarmherziger Wut eine zu Boden geworfene Frau mit einem Lederriemen +prügelte. + +In Sekundenschnelle wechselte nun die Scenerie. Imgjor sprang +blitzschnell die Treppe hinab, riß mit kühn erfolgreichem Ruck den Mann +zur Seite, befreite dadurch die Frau und schleuderte dem rohen Peiniger +entrüstete Worte entgegen: Ob er sich nicht schäme, sich so gegen die +Schwächere und Wehrlose zu vergehen? + +Aber alles kam anders, als sie es erwartet hatte. Da durch ihr +Eingreifen das ohnehin neugierig zusammengelaufene Volk draußen sich +noch zudringlicher geberdete und, dicht gedrängt, den Erfolg +beobachtete, ergriff das Weib plötzlich ein weit größerer Ingrimm gegen +jene draußen und gegen Imgjor, denn gegen den Mann. + +Statt "Grevinde" durch Haltung und Worte Dank an den Tag zu legen, +reckte sie sich zornsprühend empor, fragte, ob es sie etwas angehe, wenn +sie sich von ihrem Mann prügeln lassen wolle und unterstützte diese +herausfordernden Worte durch eine auf die offene Thür gerichtete Geste, +welcher der dadurch versöhnte Hausherr sich beeilte, noch einen +besonderen, fast thätlichen Nachdruck, zu verleihen. + +Als Imgjor infolgedessen die Treppe hinauf flüchtete, stieß sie auf +diejenigen Personen, welche zur besseren Beobachtung des interessanten +Schauspiels bereits einen Teil der Treppenstufen besetzt hatten. Und +während das geschah und die Ehegatten, zur völligen Abwehr gegen die +Leute draußen, die Thür verrammelten, drängten die hinteren Reihen des +Mobs nach vorn und die der Thür zunächst Stehenden rückwärts. Und +dadurch kam Imgjor zu Fall und erlitt durch Drängen, Stoßen und Treten, +trotz ihrer Weh- und Abwehrrufe, so schwere Verletzungen, daß sie nach +Räumung der Treppe durch die Polizei wie tot hinweg getragen wurde. Mit +noch anderen Verwundeten ward sie nach dem Hospital des Doktor Stede +geschafft, und eine halbe Stunde später stand mit tief bedenklicher +Miene an ihrem eigenen Krankenlager derselbe Mann, mit dem sie so oft an +das Bett der Leidenden und Sterbenden getreten war. + + * * * * * + +Der Herbst, der wundervolle nordische Herbst, war seit Wochen +erschienen, und mit seinen stahlhellen Lüften, seiner Farbenpracht in +den Wäldern, seinem scharfen Erdgeruch und seinen unvergleichlichen +Abendsonnenniedergängen auch in Rankholm eingezogen. + +Wenn sich in der Frühe die ersten Lichtströme über die Erde ergossen, +schwammen Schloß, Park und Gärten in einem blauseidenen Dunst. Wenn aber +der Kampf zwischen der siegreichen Himmelskönigin und den zarten Nebeln +durch ein plötzliches Oeffnen aller goldenes Licht bergenden Portale +entschieden war, dann lagen Rankholm und Kneedeholm in einem Sonnenbade +von solcher unermeßlicher Schönheit, daß die Gegend alle Reize der drei +Jahreszeiten: die grüne Pracht des lebensprühenden Frühlings, die Fülle +des blütenschweren Sommers und die krystallhelle Klarheit des +farbenleuchtenden Herbstes in sich zu bergen schien. + +Und alles war wie ehedem. + +In ihrem mit all den herrlichen Dingen angefüllten Kabinett ruhte bei +geöffnetem Fenster auf dem Sofa die Gräfin Lavard und las in einem Buch. +In seinem geräumigen Arbeitsgemach war, wie sonst, der Graf eifrig mit +seinen Beamten beschäftigt, Lucile hielt sich, an Curbière schreibend, +in ihren Gemächern auf, und wie immer webten in dem, von Epheu umrankten +Mauern eingeschlossenen Schloßhof jene sanften Hausgeister, die von dem +Streit und Getümmel draußen in der Welt nichts wußten. + +Auch Graf Dehns schlanke Gestalt tauchte, wie damals, in den Wegen des +Parkes auf, und nun eben richtete er die Schritte dem Schloßdurchgang +zu, trat ins Innere, begab sich in seine Zimmer, und von dort, nach +Ordnung seiner Toilette, zu der Gräfin. + +Einige freie Stunden lagen vor ihnen, und sie wollte die Gräfin heute +benutzen, um Axel einen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen. +Sie wollte, daß es geschah, bevor Imgjor kam, die nach einer langen, +schweren Krankheit so viel Kräfte zurückgewonnen hatte, daß sie in +Begleitung des Doktor Stede eine Reise nach Rankholm zu unternehmen +vermochte. Hier wollte sie versuchen, ihre Gesundheit völlig +zurückzugewinnen. + +Stillschweigend war das alte Verhältnis zwischen ihnen wieder +eingetreten. Solche Not und solche Trübsal, wie sie über Imgjor +gekommen,--führten von selbst einen Ausgleich herbei. + +Wiederholt hatten Lavards an dem Krankenbett Imgjors gestanden, und sie +hatte ihre Besinnung erst ganz allmählich zurückgewonnen. + +"Willst du nach Rankholm kommen, um dich dort ganz zu erholen, Imgjor? +Papa schickt dir einen herzlichen Gruß und bittet darum--" hatte Lucile +eines morgens gesagt, und der Kranken waren die Thränen der Rührung aus +den Augen gestürzt.-- + +Nachdem die Gräfin sich zurechtgerückt und einen ihrer gewohnten +forschenden Blicke auf Graf Dehn geworfen, sagte sie: + +"Ich werde mich kurz fassen, Graf Dehn, weit kürzer, als es ursprünglich +meine Absicht war. Das Wesentlichste: Imgjors Herkunft, wurde Ihnen +schon durch einen Zufall enthüllt. Ich komme nur auf meine Zusage und +Ihren Wunsch zurück, weil ich von Ihnen, den ich wie meinen Sohn +betrachte, so beurteilt werden will, wie ich dazu ein Recht besitze. Ich +will's aber auch, damit Sie meines Mannes Handlungsweise, richtig +würdigen. + +Endlich spreche ich auch, weil ich die Hoffnung hege, daß Sie diejenigen +aufklären, denen ich keine Mitteilungen zu geben vermag. Stolz und +Zartsinn verbieten mir, über solche Dinge mit meinen Töchtern zu reden. +Es könnte scheinen, als ob ich mich verteidigen wolle. + +Zur Einleitung--" hier zog die Gräfin aus ihrem goldumränderten Nähkorb +ein kostbar umrahmtes Pastellbild hervor--"betrachten Sie sich dieses +Porträt. Sie werden dann leichter verstehen, wie mein Mann dazu +gelangte, sich in Leonie Monier zu verlieben, und welche Kämpfe ich mit +meinem Ich zu bestehen hatte--" + +Graf Dehn griff nach dem Gebotenen und unwillkürlich entglitt seinem +Munde ein Laut bewundernden Entzückens. + +Imgjor wars, aber in noch höherer Vollendung. Ein so süßes, engelhaftes +Lächeln umspielte den Mund des Bildes, aber auch ein solcher +schmachtender Glutblick drang aus den Augen, daß man sich von dem +Anschauen nicht zu trennen vermochte. In ihrem Kostüm erinnerte sie an +die Watteauschen Rokokobilder. Ein langes Mieder, verziert mit +Rosenbändern, hob ihre überaus zarte Figur. Um ihren vollendet +gebildeten, bis zum Ellbogen freien Arm schlang sich ein schwarzer +Sammetstreifen, und in ihrem hochfrisierten Haar saßen neben Blumen +kleine blaßblaue Schleifen. Alles aber wurde übertroffen durch die +Pracht ihrer schneeigen Büste, die blendenden Farben, den durchsichtig +weißen Schmelz ihrer Zähne und die kleinen, zum Liebkosen geschaffenen +Hände. + +"Nicht wahr? Sie war schön? Man kann etwas gleiches nicht sehen--" stieß +die Gräfin in neidloser Bewunderung heraus. + +"Und ich kann hinzufügen: sie war wirklich noch schöner. Man lag, wenn +sie sprach und lächelte, im Bann ihrer bestrickenden Reize, und nicht +der Tochter eines gascognischen Glasschleifers die sie war, glich sie, +sondern dem Mitglied einer auf Thronen fixenden Familie. + +Aber sie war nicht allein wegen ihrer Schönheit gefährlich, sondern +ebensosehr wegen des seltsamen Gemisches ihres Wesens. Herzensgüte, +Trotz, liebenswürdige Naivetät und schlaue Berechnung saßen zugleich in +ihr und gelangten, den Umständen nach, zum Ausdruck. + +Man hätte sie küssen und sie ohrfeigen mögen, einmal wegen ihrer +bezaubernden Liebenswürdigkeit, und dann wieder wegen ihres kaltherzigen +Starrsinns. + +Doch nun hören Sie, wie alles verlief. + +Ich lernte meinen Mann, der damals der französischen Gesandtschaft +attachiert war, in dem Hause des russischen Fürsten Betzkoy kennen, +verliebte mich gleich sterblich in ihn und wurde schon nach vier Wochen +unserer ersten Begegnung seine Braut. + +Meine Eltern waren überaus glücklich über diese Verbindung, und meine +Verwandte, der Vicomte von Choisseuile und seine Frau luden uns zu einem +mehrwöchentlichen Aufenthalt auf ihrem in der Nähe von Paris +befindlichen Landsitz ein. + +Hier verlebten wir in dem ersten Rausch unserer leidenschaftlichen Liebe +seelige Tage, durchschweiften zu Wagen und zu Pferde die Umgegend, +machten oder erneuerten die Bekanntschaft angesehener und interessanter +Personen, welche sich ebenfalls um diese Zeit auf ihre in dieser Gegend +belegenen Güter zurückgezogen hatten, fanden aber auch die beste +Gelegenheit, unsere Charakter zu prüfen, ihnen gegenseitig gerecht zu +werden, und uns immer mehr ineinander hineinzuleben. Mir wurde klar, daß +Lavard ein leicht entzündliches Herz besaß, und daß ich infolgedessen +nicht die erste sei, der er sich genähert. + +Er sprach auch mit voller Offenheit über früheres. Er betrachtete mich +nicht als eine prüde Vestalin, sondern als das, was ich wirklich war: +ein mit den wirklichen Lebensverhältnissen vertrautes weibliches Wesen, +das sehr wohl wußte, daß Männer und oft auch Frauen Versuchungen +unterworfen sind und meist schon etwas erlebt haben, wenn sie an den +Altar treten. + +Als ich eines Tages mit Lavard unter der Linde in dem Garten eines zu +dem Besitz gehörenden Pachthofes saß, wo wir, nach unserm anstrengenden +Ritt, eines kleinen Imbisses wartend, plauderten, unterbrach er +plötzlich das Gesprächsthema, sah mich ungewöhnlich zärtlich an, faßte +meine Hände und sagte: + +"Ich habe eine Bitte an dich, eine große Bitte, Lucile! Willst du sie +mir gewähren?" + +"Gewiß, mein teurer Freund, wenn ich es vermag--" entgegnete ich ohne +Besinnen. + +"Du sprichst das ja so leicht aus, Lucile! Ich fordere etwas Großes, +sehr Großes! Es gehört eine opferstarke Liebe dazu!" + +"Um so besser vermag ich dir zu beweisen, wie gut ich dir bin, +Lavard--sprich also--natürlich, ein ritterlicher Mann, wie du, wird von +einem Mädchen nichts verlangen, was ihren weiblichen Empfindungen +widerstreitet--" + +Ich weiß nicht, wie ich in meiner Entgegnung zu dieser Einschränkung +gelangte. Jedenfalls hatte sie die Wirkung, daß Lavard trotz meiner +wiederholten Aufforderungen, nun doch nicht redete. + +Und so blieb's, und ich dachte auch schon gar nicht mehr an seinen, wie +ich angenommen hatte, launenhaften Einfall, als er eines vormittags, +kurz vor unserer Rückkehr nach Paris, im Park des Schlosses hinter den +Boskets vor mir niederfiel und mich beschwor, ihm zu gewähren, worum er +mich ersuchen werde. + +Und da er so erregt war, da sein ganzes Wesen eine solche Spannung +verriet, insbesondere aber, weil es mich drängte, ihm zu beweisen, wie +sehr ich ihn liebte, sprach ich, ohne vorher zu hören, ein unbedingtes +ja! + +"Was es auch sein mag, Lavard! Ich werde deinen Wunsch erfüllen. Ich +schwöre es dir!" + +Nun schnellte er empor, umfaßte mich mit schmeichelnder Zärtlichkeit, +zeigte mir dann dieses, eben dieses von Ihnen bewunderte Bild, und +sagte: + +"Diese weibliche Person, Leonie Monier, eine Nähterin der Vorstadt St. +Antoinne, war vor wenigen Monaten noch das, was du mir heute bist, +Lucile-- + +Du begreifst, daß ich mich in sie verlieben konnte! Ich sage, daß ich +die Beziehungen zu ihr wieder gelöst habe, weil ihr Charakter ein +Zusammenleben unmöglich macht. Ich würde sie sonst trotz ihres einfachen +Standes und anderer Umstände vielleicht geheiratet haben. + +Es liegen die Dinge nun, wie folgt: + +Sie erklärt mir, dann gutwillig ihrer Rechte auf mich sich begeben zu +wollen, wenn du dich entschließest, sie zu empfangen und ihr eine noch +zu erörternde bindende Zusicherung zu geben. + +Natürlich! Sie vermag nichts gegen mich zu unternehmen. + +Mich treibt mein Ich, mich veranlaßt die Erinnerung an die Tage, die ich +glücklich mit ihr verlebte, aber mich veranlaßt auch ein bestimmter +Umstand, derselbe, welcher mit ihrer an dich zu richtenden Bitte +zusammenhängt: alles zu thun, was eine freundliche Lösung unserer +Beziehungen herbeizuführen vermag!" + +"Wohlan, sprich, Lavard. Ich werde hören!" + +"Nun denn, Lucile! Leonie Monier ist dieser Tage Mutter eines Kindes +geworden. Sie verlangt von uns--und deshalb will sie dich sprechen--die +Auferziehung ihres Kindes und die Sorge für dieses bis zu einem gewissen +Zeitpunkt. Dann soll's wieder ihr Eigentum sein, oder wir sollen ihr's +für eine namhafte Summe abkaufen--" + +"Ah--ah--welch ein berechnender Handel, und gar mit dem eigenen Kinde! +Hinter diesen engelhaften Zügen sucht man etwas anderes! Und alles hätte +ich eher erwartet, als dies. Du erhebst einen Anspruch an mich, zu dem +eine starke Selbstverleugnung gehört, Lavard. Und was wird sonst noch +folgen?" rief ich, meine Erregung nicht verbergend. + +Lavard bewegte die Schultern. + +"Die Dinge liegen nicht so ungünstig! Sie ist nicht schlecht. Aber +lassen wir das jetzt, und überlasse auch die Erledigung der materiellen +Dinge mir, Lucile. Gewähre nur zunächst, warum sie dich bittet--" + +Ich zögerte. Dann sagte ich: + +"Eines habe ich gewährt, ich versprach die Erfüllung eines Wunsches. Du +stellst aber jetzt noch andere, sehr weittragende Forderungen an mich. + +Du willst gewiß, daß ich dieses Kind, als unseres annehme--es nach außen +so hinstelle--" + +"Ja, Lucile! Wir gehen für die Zeit eines Jahres oder länger auf +Reisen. Wenn wir zurückkehren, erklären wir, daß wir unterwegs dies Kind +gefunden und in unsere Obhut genommen haben, daß Mitleid unsere +Triebfeder war--für alles übrige wollen wir die Zeit sorgen lassen." + +"Warum stellst du eine so schwere Forderung an meine Liebe, Lavard? +Lasse das Kind von anderen aufziehen. Durch sie wird--durch deinen +Reichtum unterstützt--dasselbe erreicht. Der Mutter kann's doch nur um +das Wohl ihres Kindes zu thun sein. Da sie mittellos und einen +leichtsinnigen Charakter besitzt, will sie das Kind vor doppelten +Fährnissen behüten. Das verstehe ich! Aber weshalb ein so ungeheures +Opfer von mir? Oder ist's dein eigenes Kind?" + +"Ja und nein, Lucile! Eben das ist's! Sie, Leonie, behauptet es, obschon +sie auch Beziehungen zu einem anderen, einem Jongleur hatte. Nun weißt +du alles, nun verstehst du alles. Sei deshalb so hochherzig, wie ich +dich schätze. Ist's mein eigenes Fleisch und Blut, dann habe ich +unabwendbare Pflichten!" + +Diese Worte entschieden, ich empfing nicht nur die junge Frau, sondern +ich war auch später einige Zeit in ihrer Nähe. Wir trafen sie in dem +französischen Seebade Trouville, wohin sie Lavard zur Kräftigung ihrer +Gesundheit gesandt hatte. + +Während dieser Zeit lernte ich sie nicht lieben, aber doch ihre guten +Eigenschaften schätzen; auch gab ich ihr das Versprechen, das sie +verlangte. + +Wenig später--das Aufgebot hatte bereits bald nach unserer Verlobung +Stattgefunden--wurden wir in der Madeleine getraut, unternahmen darauf +eine fast fünfviertel Jahre andauernde Reise, und begaben uns alsdann, +mit dem kleinen, inzwischen anderweitig in Kost gegebenen, und nun in +unsere Hände gelangten Kinde nach Rankholm. + +Wir verfuhren auch unseren Bekannten gegenüber, wie wir es besprochen +hatten. Im ganzen wurde wenig nach dem Kinde gefragt. Nach wenigen +Monaten war überhaupt nicht mehr von dessen Ursprung die Rede und +allmählich sah man es als unser eigenes, als Erstgeborenes an. + +So war also gelungen, was meines Mannes Wunsch gewesen, und ich muß +gestehen, daß er mir in den zwölf Jahren, während welcher Zeit wir von +der Mutter niemals wieder hörten, täglich seine Erkenntlichkeit in +rührendster Weise an den Tag legte. + +Dann aber erschien plötzlich, fast ohne vorherige Anmeldung, +Mademoiselle Monier, um ihr Kind zurückzufordern, und nun begannen die +Kämpfe zwischen uns dreien. + +Es ist mir wie heute! Ich war im Begriff über den Schloßhof zu +schreiten, als ein Wagen vorfuhr, auch ertönte gleich darauf schon das +Läuten der Glocke am Portierhause. Ich aber nahm rasch den Weg in das +Schloß, betrat meine Gemächer, wartete hier und überließ es meinem Mann, +Frau von Etienne, wie sie sich nach unserer Abrede nennen sollte, zu +empfangen. + +Auch noch anderes war zwischen mir und Lavard abgemacht. Sie sollte +womöglich noch an demselben Tage Rankholm wieder verlassen und sich +nach Oerebye begeben. Dort wollte Lavard mit ihr verhandeln. Ihr +vorzuenthalten, ihre Tochter schon vorher zu sehen, konnten wir nicht +über uns gewinnen, aber es sollte lediglich aus der Entfernung +geschehen. Eine eigentliche Annäherung sollte nicht stattfinden. Wir +wollten sie bewegen, daß sie uns Imgjor gegen ein ferneres Jahresgehalt +und gegen eine einmalige Abfindungssumme für immer überlasse. Lucile +hatten wir schon in der Frühe zu Freunden nach Taxholm gesandt. Sie +sollte von diesem Besuch überhaupt keine Kunde erhalten. Imgjor bewohnte +damals mit ihrer Erzieherin dieselben Räume, die sie jetzt inne hat, und +nur hatten angeordnet, daß sie beide bei Tisch nicht erscheinen sollten. + +Dies war nicht auffallend, da solches häufiger geschah. Ich hielt Imgjor +überhaupt streng, weil ich immer ihrer Mutter Charakter im Auge hatte, +weil ich immer darauf bedacht sein mußte, des Kindes sehr stark +ausgeprägten Drang nach Selbständigkeit zu dämpfen. + +Diese meine große Strenge hat Lucile, weil sie eine ungerechte +Ungleichheit der Behandlung darin erkannte, Ihnen gegenüber getadelt, +Graf Dehn. Sie that es eben, weil sie meine Beweggründe nicht kannte.-- + +Doch nun zurück zu dem plötzlich erschienenen Besuch. + +Ueber eine Stunde verhandelte mein Mann mit Madame Etienne, ehe er sie +mir in meine Gemächer brachte. + +Als Frederik ihr Kommen meldete, klopfte mir das Herz. Ohnehin erregt, +beschäftigte mich dieses lange Beisammensein meines Mannes mit seiner +ehemaligen Freundin, nicht wenig. Mir ahnte auch, daß sie +Schwierigkeiten erhob, unsere Wünsche zu erfüllen. Sicher weigerte sie +sich, uns ihre Tochter zu lassen, machte die Gewährung von unerfüllbaren +Forderungen abhängig. Wie berechnend sie war, hatte sie hinreichend +früher bewiesen. + +Ich hatte aber Imgjor wegen ihrer trefflichen Eigenschaften so lieb +gewonnen, daß ich sie wie mein eigenes Kind liebte. Auch leitete mich +bei dem Verlangen, sie bei uns zu behalten, die Ueberlegung, daß ihre +Entfernung den Anlaß zu unliebsamen Redereien geben werde. Wir hassen es +beide, uns in den Mund der Menge zu bringen. + +Endlich wollten wir auch mit dieser Angelegenheit einmal ein Ende haben. +Ich wünschte insbesondere, daß Lavard dem Einfluß dieser Person, die, +wie ich stets erfuhr, in all den Jahren noch mit ihm korrespondiert +hatte, für immer entzogen werde. + +Mein Erstaunen maß sich sodann mit meiner Abneigung, als sie mir +gegenübertrat. + +Sie war zwar noch immer blendend schön, aber sie besaß nichts von dem +Wesen einer anständigen Frau, einer wirklichen Dame. Sie war das +vollendete Bild einer Halbwelt-Circe. Ihr Kostüm war übertrieben modern, +stark parfümiert, und lächerlich kostbar. Ihre Arme waren mit Schmuck +behangen, und hinter ihrem sanft schmachtenden Lächeln verbarg sich +etwas, das den Weltkundigen nicht täuschte. + +Und wirklich besaß sie keine echte Empfindung, ihr Gemüt war verdorrt, +sie war nichts anderes, als eine kalt berechnende Kokette. + +Es wäre somit ein Vergehen gewesen, ihr Imgjor auszuliefern. + +Aber sie von diesem Gedanken abzubringen, war noch die geringste +Schwierigkeit. Der große Reichtum meines Mannes konnte noch größere +Ansprüche befriedigen, als sie sie erhob und auf deren Erzielung es ihr +überhaupt nur ankam. Aber sie hatte schon gleich am ersten Tage Lavard +wieder in solche Fesseln zu schlagen gewußt, daß er völlig Wachs in +ihrer Hand geworden war. + +Er bestritt in heftigen Worten die Berechtigung meiner abfälligen +Kritik. Er fand es, da sie es nicht wollte, völlig überflüssig, daß sie +nach Oerebye übersiedelte Er verlangte von mir, daß ich sie wochenlang +auf Rankholm behalten solle. Sie habe Anrechte auf unsere +Gastfreundschaft und unsere Rücksicht; man müsse der Mutter für eine +zeitlang ihr Kind gönnen. + +Entsetzliche Tage verlebte ich. Lucile, der ich in der Erregung nicht +mehr gedacht hatte, kehrte wieder zurück. Imgjor näherte sich der +schönen und sie umschmeichelnden Madame Etienne, der Gattin des Baron +von Etienne in Brüssel, als welche sie sich auch Imgjor im +Einverständnis mit meinem Manne vorgestellt hatte. + +Zuletzt war mein Entschluß gefaßt. + +In einer Scene, der Lucile zufällig beiwohnte, erklärte ich Lavard, mich +von ihm trennen und zu meiner Familie zurückkehren zu wollen, wenn die +Fremde nicht innerhalb achtundvierzig Stunden das Haus verlasse. + +Lucile führte, weil ihr Vater ihr beipflichtete, mein Verhalten auf +Eifersucht zurück. Sie nahm für ihren Papa Partei, schalt mich des +Mangels an Liebe und des Mangels an Duldsamkeit, und ich litt zehnfach, +da ich meinem Kinde nicht eröffnen konnte, wie die Dinge standen. + +Endlich siegte ich. Ich siegte dadurch, daß ich eine Nacht mit dem +fremden Weibe rang. Sie wohnte damals in den Gemächern, die jetzt meine +Tochter Lucile inne hat. Mir ist's in der Erinnerung wie heute. Der Tag +war grau, kalt und nebelig, so unfreundlich, daß man sich nicht einmal +zu einem Spaziergang in den Park hinauswagen mochte. + +Wir waren deshalb mehr denn sonst und bereits vor dem Frühstück auf +einander angewiesen, und dieses engere Beisammensein benutzte Madame +Etienne, um allerlei bisher von mir verhinderte Vertraulichkeiten +zwischen sich und den Kindern herbeizuführen. + +Sie gab sich besonders mit ihnen ab, holte verschiedene wertvolle +Gegenstände aus ihren Koffern heraus, die sie ihnen, trotz deren +bescheidenen Abwehr, aufdrängte und forderte sie zuletzt gar auf, sie du +und Tante zu nennen. + +Die Mädchen nahmen dieses als eine Bevorzugung hingestellte Anerbieten +natürlich an. Und dies du machte beide natürlich freier gegen den Gast, +namentlich die jüngere Lucile. Infolgedessen ließ diese auch eine +Aeußerung fallen, die sie sonst sicher nicht gemacht haben würde. Sie +wies, und schon lange hatte ich dies kommen sehen und mich davor +gefürchtet, auf die große Aehnlichkeit zwischen Madame und Imgjor hin. + +"Ihr seht wie Schwestern aus!" betonte sie lebhaft und richtete auch +ihre zu meiner Zustimmung auffordernden Blicke auf uns. + +In Madame Etiennes Gesicht leuchtete es auf. Ich sah's. Alles, was sie +irgendwie mit uns in eine nähere Beziehung zu bringen vermochte, danach +griff sie begierig! + +Sie wollte nicht nur die größten materiellen Vorteile daraus ziehen, daß +sich ihre Tochter bei uns befand, sondern sie strebte,--ihrer +abenteuerlichen Eitelkeit entsprechend--auch danach, neben uns eine +gleichberechtigte Rolle zu spielen. + +Auf ihre Tochter war sie bald maßlos eitel und überlegte dann, ob sie +sie doch nicht mit sich nehmen solle, oder sie zeigte eine nicht +verhüllte, heftige Eifersucht. Dann ergriff sie,--man sah's--ein durch +die Einsicht in ihre eigene Unwürdigkeit noch mehr geförderter Ingrimm +gegen ihr eigenes Kind. Dessen reiner Sinn, dessen fester Charakter, +dessen ungewöhnliche Wahrheitsliebe, dessen Abscheu gegen nichtssagende +Redensarten, aber auch dessen zutage tretendes Mißtrauen gegen ihre +aufdringlichen Liebenswürdigkeiten, schufen einen Aerger in ihr, den sie +nicht bezähmen konnte. + +Und eben dieses Gemisch von Gefühlen und Stimmungen, aber vielleicht +auch die Erwägung, daß es ihren Zwecken förderlich sei, uns in steter +Unruhe zu halten, verleiteten Madame Etienne an diesem Tage, Luciles +Aeußerungen aufzunehmen, statt mit einem flüchtigen Wort darüber +fortzugehen. + +Sie sagte überlegen lächelnd: + +"So, findest du das? Nun, wer weiß, ob die Etiennes und die Lavards +nicht, ohne es zu wissen, verwandt sind,--ob sich solches nicht, wenn +wir einmal gründlich nachforschen,--herausstellen würde--" + +Mein Mann warf ihr einen erschrockenen, und weil er in ihren Banden lag, +flehenden Blick zu. Auch nahm er rasch das Wort und wußte ein anderes +Thema zu berühren. + +Nach Tisch, während wir des Kaffes im Salon warteten, machte sich Madame +Etienne an Imgjor heran, prüfte eine Handarbeit, mit der sie beschäftigt +war, lobte die Sorgfalt der Ausführung und fragte sie, ob sie nicht Lust +habe, sie einmal in Paris, wo sie fürder wohnen werde, zu besuchen. Sie +habe dort ein sehr schönes Haus, und sicher würde sich Imgjor +vortrefflich in der Stadt des Vergnügens amüsieren. + +Es folgte dann noch eine Beschreibung der Räume und der kostbaren +Einrichtung, und überhaupt war sie bemüht, Imgjor einen möglichst +großartigen Eindruck von ihren Einkünften und ihrer gesellschaftlichen +Stellung beizubringen. + +Sie bewies, indem sie diese Mittel anwendete, Imgjors Zuneigung zu +gewinnen, allerdings eine sehr geringe Fähigkeit, Charaktere zu +beurteilen. Es war mir unbegreiflich, daß sie nicht erkannt hatte, daß +dergleichen für dieses ernste, reife und in seinem innersten Wesen +einfach geartete Wesen gar kein Lockmittel sein werde. + +Reichtum und Wohlleben umgaben Imgjor, aber reizten sie durchaus nicht. +Ihre Pflicht stellte sie stets über das Vergnügen, und auch die Freuden +des Daseins suchte sie lediglich im Verkehr mit der Natur, mit guten, +treuherzigen Menschen, in der Pflege geistiger Dinge und im Verkehr mit +Tieren, mit Vögeln, Pferden und Hunden, die sie zärtlich liebte und +pflegte. + +Tanzen, Kokettieren, den Großen nachzumachen, früh schon die Dame zu +spielen, sich sinnliche Aufregungen zu verschaffen und den nichtigen +Vergnügungen nachzujagen, hatte für Imgjor keinen Reiz. + +Und demgemäß antwortete sie auch. + +"Nein, nein, gnädige Frau. Ich bleibe lieber hier in der Heimat!" +entgegnete sie nach ihrer Art, kurz und ohne für die durch diese +Einladung zum Ausdruck gelangte Artigkeit einen besonderen Dank an den +Tag zu legen. Auch ließ sie absichtlich das "du" und die "Tante" dabei +außer acht.-- + +"Meinst du denn nicht, daß es für dich vorteilhaft wäre, neues zu sehen, +zu lernen, dich zu vervollkommnen, zu erkennen, daß es noch eine andere +größere Welt giebt, als das Pünktchen Rankholm! Hältst du dich bereits +für vollendet?" warf die Frau, hämisch im Ton, hin. + +Sie vermochte ihren Aerger über diese Unbiegsamkeit, über diese +offenkundig hervortretende Gleichgiltigkeit gegen ihre Person nicht zu +bezähmen. + +Schier bersten aber wollte sie, als Imgjor, sich äußerlich sanft +fügend, und nur die Schultern bewegend, einer Antwort auswich. + +Sie warf schroff gereizt hin: + +"Nun, Kind! Antworte! Hältst du dich für so vollkommen?" + +"Nein, gewiß nicht, gnädige Frau. Aber ich möchte Reisen nur in +Begleitung meiner Eltern unternehmen. Wenn sie nicht dabei sind, wenn +ich mit ihnen nicht zusammen genießen darf, haben sie keinen Reiz für +mich!" + +Diese Erwiderung klang aus dem Munde einer Dreizehnjährigen recht +altklug. Sie war nicht artig, aber Inhalt und Form waren zur Belehrung +über die Stellung, welche Imgjor ihrer Mutter gegenüber einnahm und +einzunehmen entschlossen war, weise gewählt. Diese ihre Antwort traf +auch Madame dergestalt, daß sie alle Klugheit außer acht lassend, mit +boshaft funkelnden Augen herausstieß: "Na ja! Dann mache, wenn du alles +besser weißt, wie du's willst!" Worauf sie dann Imgjor sitzen ließ, sich +mit einer gemacht gleichgiltigen Miene zu mir, und als dann grade mein +Mann in den Salon trat, mit schmeichelnder Liebenswürdigkeit an ihn +wandte und zu einer Partie Schach aufforderte. + +Und was ich, obschon ich mir nichts merken ließ, dann sah, das gab mir, +neben der Ueberlegung, daß es keine bessere Gelegenheit geben konnte, +die Stimmung der Mutter gegen ihr Kind zu unserm Vorteil auszunutzen, +den Entschluß, noch an diesem Tage mit den Dingen unter allen Umständen +aufzuräumen. + +Mit meinem Manne war sie wie eine Braut. Sie sah ihn fortwährend +zärtlich an, umschmeichelte ihn, und suchte ihn überhaupt immer mehr in +ihre Netze zu ziehen. Auf mich, auf die Kinder, die ich dann auch +möglichst bald fortsandte, auf Graf Knut, der zum Plaudern gekommen, +nahm sie gar keine Rücksicht. + +Sie folgte einerseits rücksichtslos ihren eitlen Plänen, nämlich den +Mann, der einst ihr erlegen, abermals dauernd in Fesseln zu schlagen, +und andererseits ihrem rachsüchtigen Bestreben, mir möglichst +unangenehme Empfindungen zu bereiten. + +Da ich die Antwort, die Imgjor ihr gegeben, nicht gerügt hatte, wußte +sie mich einverstanden. Das genügte, um den schon in ihr lodernden, +heftigen Ingrimm gegen mich noch mehr anzufachen. + +Nachdem endlich, nach Verlauf peinlicher Abendstunden, die Uhr elf +geworden, Graf Knut sich empfohlen, und auch jene sich zum Aufbruch zu +rüsten anschickten, erklärte ich, noch ausbleiben und Briefe schreiben +zu wollen. + +Mein Mann erhob auch keinen Widerspruch, befahl der herbeigerufenen +Kammerjungfer, Madame Etienne in ihre Gemächer zu geleiten, und begab +sich,--mir in der gereizten Stimmung, die ihn während dieser Zeit stetig +beherrschte, nur eine kühle, gute Nacht wünschend,--ebenfalls in seine +Räume. + +Ich aber that nicht, wie ich vorgegeben hatte, sondern warf mich aufs +Horchen, und sobald ich hörte, daß die Jungfer sich wieder aus Madames +Gemächern entfernt, ich auch abgewartet, daß Frederik die Lichter im +Flur und auf den Korridoren gelöscht hatte, entzündete ich eine +Wachskerze, schritt an die Thür meiner Widersacherin und klopfte. + +Ein lebhaftes: "Wer ist da?" erfolgte. + +"Ich, Lucile, bin's! Bitte, öffnen Sie!" gab ich zurück. + +"Ah! Sie, liebe Gräfin! Ich komme gleich--" + +Und so geschah's. Ich fand sie halb angekleidet, forderte sie auf, mir +Gehör zu schenken, und setzte mich alsbald ihr gegenüber.-- + +Alles, was ich auf dem Herzen hatte, sagte ich, nicht gehässig, aber +entschieden, klar und knapp. Ich betonte, was wir gewollt, was geworden, +wie sie sich dazu verhalten habe, was sie ohne Zweifel beabsichtigte, +wie sie meinen Gatten wieder umgarnen wolle und welche beleidigende +Rolle gegen mich, und welche aussichtslose gegen ihre Tochter sie +spiele.-- + +Ich deckte ihr rücksichtslos ihr Inneres auf, baute ihr aber wiederum +auch Brücken, indem ich sie durch ihre verlorene Jugend zu entschuldigen +strebte. + +Aber ich nahm auch von der Thatsache, daß sie ihres Kindes Herz schon im +Voraus verloren habe und es bei ihrer Veranlagung, ihren +Lebensgewohnheiten und Anschauungen nie gewinnen werde, nichts zurück. +Sodann bot ich ihr, vorher noch betonend, daß ich eher sie oder mich +töten, als daß ich es--schon um der Kinder willen leiden werde--, daß +mein Mann zu ihr zurückkehre, eine erhebliche Geldsumme für ihren +Verzicht auf Imgjor und ihre Nimmerwiederkehr an. + +Noch zögerte sie, sie erging sich in einen Schwall von Worten, in denen +sie sich als eine Heilige, und mich als eine ebenso klein Veranlagte, +wie thöricht eifersüchtig Geartete hinzustellen suchte. Zuletzt aber, +als ich ihr einen großen Teil des von mir in die Ehe gebrachten +Vermögens anbot, unterlag sie ihrer Habgier. Die ungeheure Summe löschte +alle wirklichen und komödienhaften Regungen in ihrer Seele wie mit einem +Regenguß aus. Sie nahm auch die von mir als erforderlich hingestellten +Nebenbedingungen ohne Einwand an. Ich erklärte, ihr die Hälfte gleich +anweisen, den Rest aber, von dem ihr die Nutznießung der Zinsen werden +solle, erst nach einer Prüfung von zehn Jahren auszahlen zu wollen. Wenn +sie sich während dieser Zeit ein einzigesmal meinem Mann oder ihrer +Tochter ohne meine Zustimmung wieder nähere, gehe sie desselben +verlustig. + +Schon am nächsten Tage verließen wir zusammen Rankholm, und begaben uns +nach der holsteinischen Stadt Rendsburg. Hier ließ ich nach genauer +Information einen Rechtsanwalt einen Vertrag in französischer Sprache +entwerfen, der alle Punkte feststellte, welche zwischen uns vereinbart +waren. + +Nachdem dieser in zwei Exemplaren ausgefertigt war, unterschrieben wir +ihn beide, reichten uns wie zwei kühle Geschäftsleute die Hand und +fuhren am folgenden Morgen,--jeder den Abend allein im Hotel +zubringend,--unseren verschiedenen Zielen zu. + +Sie reiste, selig befriedigt, ohne den geringsten Schmerz um ihr Kind, +nach Paris zurück, und ich trat am Spätnachmittag meinem Manne in +Rankholm wieder gegenüber. + +Ich fand zu meiner glücklichen Befriedigung keinen Zürnenden, sondern +einen durchaus sanft Gestimmten. Er schloß mich unter der Versicherung +seiner alten Empfindungen und seines schrankenlosen Dankes für mein +energisches Verfahren zärtlich in die Arme, erklärte, daß er schon am +Morgen nach Madames Abreise wieder zur Besinnung zurückgekehrt und jetzt +förmlich wie erlöst sei. + +Der Zauber war gewichen. Geradezu dämonisch hatte sie ihn umstrickt. Als +ein schwer Kranker war er in diesen Wochen umhergegangen, und als ein +Neugeborener atmete er auf, als dieses ekle Parfüm, als dieses Girren +und Werben, als diese auf seine Sinne berechnenden Künste auf ihn nicht +mehr wirkten. + +So, lieber Graf, das ist in großen Zügen der Bericht, aus dem Sie +ersehen werden, daß Menschen allezeit Menschen bleiben, irren, sich +gegen ihre Freunde und die Verhältnisse auflehnen, sich aber wieder +besinnen und je nach dem Wert ihres Ich einen zufriedenen Zustand +zurückzugewinnen vermögen. Auch ich habe mir mein Glück suchen müssen, +und ich habe es gefunden, weil ich das Gute erstrebte für ihn, Lavard, +für das Kind, das ich wahrhaft liebte, und für mich selbst! + +Mein Schlußwort soll sein: + +Möchte es Ihnen nun gelingen, dieses treffliche, wenn auch zeitweise +irregeleitete Mädchen heimzuführen, ihr das Glück zu verschaffen, was +wir ihr alle sehnsüchtig wünschen!" + +Graf Dehn hatte mit außerordentlicher Spannung und mit steigender +Bewunderung den Ausführungen der Gräfin zugehört. Als sie die letzten +Worte gesprochen, beugte er sich auf ihre Hand herab und drückte einen +Kuß darauf. + +"Ihnen, Frau Gräfin, nahe bleiben zu dürfen, ist fast so viel, wie der +Wert, einer Imgjor Gatte zu werden--" stieß er warmherzig heraus. + +Er suchte bei diesen Worten ihr Auge und sie gab ihm den Blick mit dem +alten vertieften Ausdruck, der ihr eigen war, zurück. + +Und nun wußte er auch ihr Wesen zu deuten, das ihm so oft rätselhaft +erschienen war. Die Erfahrungen des Lebens hatten ihr Vorsicht +auferlegt. So empfing ihr Blick etwas Spürendes, ein Bestreben, das +Innere ihrer Nebenmenschen erst zu durchdringen, bevor sie ihnen ihre +Zuneigung und ihr Vertrauen schenkte. + + * * * * * + +In einem Gehölz, das sich an den Rankholmer Park anlehnte, befand sich +neben einer Höhe ein kleiner Thalkessel, und in diesem lag einsam, +idyllisch, umschlossen von hohen, grünen Fichten auf der einen Seite, +und umzingelt von Buchen, Eichen und dichtem Gebüsch auf der anderen, +ein blauer, stiller See. Libellen umschwärmten ihn, und tausend andere, +die Wonnen des Daseins genießende, geflügelte kleine Geschöpfe führten +schwebende Tänze über seinem silberklaren Spiegel aus. Aber auch eine +entzückende Flora hatte hier eine Heimstätte gefunden. Immer neue +Gebilde und Farben entdeckte das Auge, und süße Düfte berauschten die +Sinne derer, die sich auf den, an den Ufern befindlichen, mit zierlich +durchbrochenen Rücksitzen versehenen Waldbänken niederließen. + +Zur Linken erhob sich ein hoher, von Epheu anmutig umsponnener +Granitstein, auf dessen glatt polierter Fläche zahlreiche Namen in +deutscher und lateinischer Schrift eingegraben waren, Namen, deren +Inhaber sich hier auf diesem Platze im Laufe der Zeiten niedergelassen +oder mit ihren Herzen gefunden hatten. + +Gleichsam ein Zauber zog die jeweiligen Bewohner des Schlosses hierher, +und ein ähnlicher, heftiger Drang, der Drang nach Vereinsamung leitete +auch die Schritte des Grafen Axel Dehn, der nun eben--es war um die +Nachmittagsstunde--aus dem Gehölz hervortrat und sich einer der Bänke +näherte. Seine Gedanken waren so ausschließlich auf einen Punkt +gerichtet, daß er mit bewußten Sinnen keinen Eindruck in sich aufnahm, +daß seine Augen alle die Schönheiten, die ihn umgaben, nur mechanisch +aufsogen. + +Imgjor hatte sich angemeldet und war nun doch nicht gekommen, auch +fehlte jede Nachricht von ihr. Den ganzen Mittag hatte sich das Gespräch +darum gedreht, zulegt war man zu der Meinung gelangt, daß sie am Abend, +den letzten Zug von Norden benutzend, eintreffen würde. + +Unerfüllte Sehnsucht macht krank. Von der Höhe der Erwartung +herabgestürzt zu werden, völlig in Ungewißheit zu schweben, ist für die +stärksten Naturen ein qualvoller Zustand. + +Um der grenzenlosen Unruhe leichter Herr zu werden, war Graf Dehn die +Treppe zu Imgjors Zimmer hinaufgestiegen. Wie damals hing, obschon +sorgsame Hände die Räume für die Kommende neuerdings in Stand gesetzt +hatten, der Schlüssel an dem versteckten Haken hinter der Thür. Graf +Dehn wagte ihn herabzunehmen und die Gemächer zu öffnen. + +Herbstsonnenschein ruhte auf all' den reizenden, unberührten +Gegenständen, auf den Möbeln und zahlreichen Kleinigkeiten, den +seidenbezogenen Sesseln, und den seidenen Vorhängen. Ein eigener Duft +von eingeschlossener Luft und Blumen wirkte berauschend auf die Sinne, +ein berückender Duft von Imgjors Wesen, einer, der ihren Kleidern meist +entströmt war, haftete noch in den Räumen. Und zu Seiten standen die +Flügelthüren zu demselben Gemach offen, in das sie damals ihren kranken +Hund gebettet hatte. Graf Dehn richtete, sehnsüchtig angezogen, auch in +dieses einen raschen Blick. Die Tapeten befanden aus rosendurchwirkter +Seide, die Polsterstühle waren mit weißem Rips bezogen, und alle übrigen +Möbel trugen eine blitzend weiße, mit zarten Goldlinien geschmückte +Farbe. + +Das Heim einer Prinzessin, aber auch das Heim eines sinnereinen, +weiblichen Wesens! Nur über dem Ruhelager eines solchen konnte so viel +saubere, gleichsam unschuldige Schönheit ausgebreitet sein. Und daneben +ein schlanker, von der Decke bis zur Erde reichender Spiegel in weißer +Umrahmung und eine Toilette, umzingelt von Gardinen und Spitzen auf +rosenfarbenem Hintergrunde. Und als Graf Dehn aus dem Fenster schaute, +lag der Park und lag Kneedeholm vor ihm wie ein Paradies, und hinter +ihnen blaute der Horizont, und über allem lag ein stillseliger Friede. + +War's möglich, daß irgend jemand, noch dazu ein junges, lebensfrohes +Mädchen, das alles freiwillig aufgegeben hatte, um in schlaflosen +Nächten neben in Schmerzen stöhnenden Kranken zu wachen, Wunden zu +verbinden, in schmutzige Hütten zu kriechen, Arme und Elende zu pflegen, +sich zu gemeinen Dienten zu erniedrigen und den Undank der Masse auf +seine Schultern zu nehmen? + +Wonach Millionen mit den Händen begierig greifen würden, nach einem +solchen Wohlleben, einer solchen Heimstätte, einer solchen Welt des +Reichtums, der glücklichen Beschaulichkeit und erquicklichen +Abwechslung,--das alles hatte sie mit ihrem selbstlosen Herzen als +unnützen Tand von sich geworfen! + +Und doch liebte sie die Genüsse: die Natur, die Musik, die schönen +Künste, doch saß sie beseeligt auf ihrem Renner und durchflog die +Gegend, faßte, selbst kutschierend, die Zügel und durchmaß das +Gutsgebiet mit seinen herrlichen Wäldern, Auen und Seen! + +"O, Imgjor, Imgjor, du rätselhafte Seele, du edles, nun doch betrogenes, +aus dem Weltgetriebe verbittert und krank zurückkehrendes Herz!" + +Und niederknieend in diesen, für ihn heiligen Räumen, flüsterte der +Mann: "Gieb ihr, gütiger Gott, ich flehe dich an, die Ruhe ihres Innern +und ihre Gesundheit zurück! Schaffe ihr auch ein frohes Genügen hier, +die Freude am Menschentum im Kleinen, die Einsicht, daß zwar der +Vernunftbegabte den Sinn auf die Sterne richten, aber danach nicht +thöricht greifen soll!"-- + +Während Graf Dehn jetzt hier auf der Bank saß und die Erinnerungen an +die letzte Begegnung zwischen sich und Imgjor an seinem Geiste +vorüberziehen ließ, überlegte er die Möglichkeit eines Erfolges seiner +Werbung oder einer endgiltigen Enttäuschung. + +Imgjor Lavard war stillschweigend ausgesöhnt mit den Ihrigen. Alles +wartete ihrer bis auf den Grafen Knut drunten im Dorf und den mit +gewohnter Ehrerbietung und Dienstfertigkeit einherschreitenden Frederik. + +Die Vögel konnte keine Willkommenskonzerte anstimmen, sie waren schon +gen Süden gezogen, aber die Lavardschen Fahnen wehten von den Zinnen, +und von Oerebye war eine Kapelle bestellt, die Imgjor am ersten +Frühmorgen vom Park aus durch sanfte Töne begrüßen sollte. + +Und kam sie nun als eine Geheilte, eine Sehnsüchtige, Friedensuchende, +oder war doch wieder etwas in ihr aufgequollen, das sie mit der großen +Welt in Verbindung hielt?! Niemand wußte es in Rankholm, und auch Graf +Dehn wußte keine Schlüsse auf ihr Herz zu ziehen.-- + +Langsam wanderte er nach dem Schloß zurück. Jetzt sah er, was um ihn her +vorging. + +Als er aus dem Gehölz heraustrat und sich umblickte, ging die Sonne eben +zur Rüste und warf solche zauberischen Lichter auf Wald, Wiesen und +Felder, daß er wie gebannt stillstand. Vom Dorf her tönte das +Kirchenglöcklein durch die Stille, fröhliches, einmaliges Hundegebell +erklang, und auch das sehnsüchtige Brüllen nach Hause wandernder Rinder +schlug an sein Ohr. + +Das waren die Laute des Landes! + +Erst um die Dämmerstunde gelangte er wieder in das Schloß. + +Als er das Innere betrat, war's ihm auffallend, daß Frederik und zwei +der Diener an Gepäckstücken vor der großen Treppe beschäftigt waren und +daß die Thür zur Halle offen stand.-- + +"Wer ist's, Portier? Die Komtesse?". + +"Ja! Zu Befehl, Herr Graf!" + +Axel flog die Stufen empor. Sie schon da und er nicht anwesend! + +Sturmschnell betrat er die Hintergemächer. Lautes Sprechen drang aus +dem Kabinett der Gräfin, demselben, das er damals bei dem ersten Besuch +mit klopfendem Herzen betreten hatte. + +Und wieder klopfte es heute aus anderen Gründen so ungestüm, daß ihm +plötzlich die Kraft fehlte, jetzt, in diesem Augenblick--Imgjor +gegenüberzutreten. + +Leise schlich er sich wieder aus dem Zimmer fort, eilte in seine +Gemächer, riß die Fenster auf und holte tief, tief Atem. + +So verharrte er wohl zehn Minuten. + +Und dann hörte er Geräusch auf der Treppe, Luciles und Imgjors Stimmen, +und dann sagte die letztere: + +"Nein, nein--danke, liebste Lucile! Ich habe ja alles; auch bei +Kofferauspacken brauche ich keine Hilfe--in fünf Minuten bin ich wieder +bei euch.--Lasse nur anrichten, daß Papa nicht länger zu warten +braucht!" + +Und nun Schritte--ihre Schritte empor! + +Ah, wie ihm das Herz hämmerte,--wie die Glieder flogen, wie ihn alles zu +ihr hintrieb! + +Und als sie dann im Begriff stand, den vor seinen Räumen sich dehnender +Vorflur zu betreten, und nun eben emporeilen wollte, öffnete er die +Thür, zog ihre Gewalt mit seinen sehnsüchtigen Augen an sich +und--stürzte an ihr nieder. + +"Imgjor! Imgjor!" bracht aus der heißarbeitenden Brust. Im Nu hatte er +sie umschlungen und geleitete sie in sein Gemach. + +Und als sie dann dort einander in die Augen schauten und ihm die Worte: +"Liebst du mich, Imgjor?" aus der trunkenen Brust zitterten, da riß sie +ihn an sich. + +"Ach--du fragst--teurer Mann! Hier, hier, dein Kind, deine Demut, deine +bezwungene Liebe! Hier deine Imgjor, geheilt, zurückgegeben der Vernunft +und dem, den sie liebte, trotz aller Auflehnung und aller Schroffheiten +beim ersten Sehen!" + +Und der berauschte Mann stöhnte auf und zog das blasse, schöne Geschöpf +an das Fenster. + +"Hier vor Gottes unvergänglicher Natur schwöre ich dir, daß ich dich zu +beglücken suchen werde, wie kein Mann je ein Weib zuvor! Und ist's denn +wirklich Wahrheit? Du bist es selbst, du kehrst bekehrt zurück, du, +Imgjor Lavard?" + +"Ja, mein Freund! Bewahrheitet hat sich an mir des Dichters Wort: + + Wie Ueberfüllung strenge Fasten zeugt, + So wird die Freiheit, ohne Maß gebraucht, + In Zwang verkehrt! + +Hier in diesem Eden der Schönheit und des Friedens, hier bei denen, +deren hohen Wert ich erst durch die Erfahrungen und Vergleiche erkannte, +wollen wir leben, wirken und streben, wollen wir uns--und anderen leben! +Und nun küsse mich noch einmal, und dann will ich vor dir niederknieen +und deine Hände voll Dank berühren, daß du einen solchen Reichtum an +Nachsicht und Geduld mit deiner--deiner Imgjor gehabt!" + +Und sie that, nachdem er sie umschlungen, wie sie gesprochen, und dann +hob er sie empor und trug sie auf den Armen zu ihren Gemächern empor.-- + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Grevinde, by Hermann Heiberg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GREVINDE *** + +***** This file should be named 12273-8.txt or 12273-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/2/7/12273/ + +Produced by Charles Franks and the DP Team + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. 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