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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:39:28 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12273 ***
+
+Grevinde
+
+Roman
+
+von Hermann Heiberg
+
+
+Berlin
+
+
+
+
+Endlich, nach langer, heißstaubiger Fahrt hielt die Postkutsche, und
+mit den rauh betonten Worten:
+
+„Hier geht's nach Schloß Rankholm —“ öffnete der Schwager den
+Wagenschlag und bedeutete einem darin sitzenden Herrn, daß er ansteigen
+müsse. Und während dieser, ein junger, vornehm ansehender Mann seiner
+Aufforderung folgte, wandte sich derselbe Postillon zu dem Gepäckkasten,
+riß des Reisenden Koffer heraus, stieß ihn unsanft auf den Erdboden und
+ließ ihn dort liegen.
+
+Und als der Fahrgast, Graf Axel Dehn, ein Wort über Wegrichtung und
+Weiterbeförderung seines Gepäcks hinwarf, setzte er statt zu antworten,
+die Finger an den Mund und ließ in der Richtung eines von Knicken
+eingefaßten Seitenweges dreimal hintereinander einen scharfschrillen
+Pfiff ertönen.
+
+Alsbald erschien ein alter, gebückt gehender Mann oben an der Biegung
+des Pfades, erhob mit phlegmatischer Bewegung die Hand zum Zeichen, daß
+er gehört habe, und näherte sich mit derselben Gemächlichkeit dem
+seiner Wartenden.
+
+„Denne Mand besorger alt —“ warf der sich nunmehr erst wieder zu Worten
+anfragende mundfaule Rosselenker hin, nickte obenhin und schritt mit
+einem mürrischen Ausdruck das ihm gebotene Trinkgeld wegsteckend, dem
+Wagen mit den beiden Braunen zu. Alsdann schwang er sich abermals auf
+den Bock und hieb, nunmehr taktmäßig mit der Peitsche ausholend, auf die
+dann auch rasch im Staub der Landstraße verschwindenden Gäule ein.
+
+„Wie weit ist's noch nach dem Schloß?“ warf Graf Dehn, während sich der
+Alte, nach ehrerbietiger Verneigung, den schweren Koffer auf die
+Schultern packte, hin.
+
+„Saa omtrent ti Minuter!“ (So ungefähr zehn Minuten) gab der Alte, in
+auffallend plattem Dänisch sprechend, zurück.
+
+Und dann setzen sie sich in Bewegung, und je mehr sie sich dem zwischen
+mächtigen Parkbäumen hervorschimmernden Rankholmer Schloß näherten,
+desto unfreier wurde dem jungen Fremden zu Mute.
+
+Schon als Knabe hatte er von seinen Eltern von dieser großen, dänischen
+Besitzung vernommen und jedesmal mit einem Gefühl der Beklemmung
+zugehört. So viel Absonderliches und Unheimliches hatte sich in den
+dunklen Prachtsälen, den verschwiegenen Kemenaten, den dickwandigen
+Turmzimmern und Fremdengemächern, aber auch auf den versteckten Treppen
+dieses seit Jahrhunderten bestehenden und allezeit in dem Besitz der
+Grafen Lavard befindlich gewesenen Schlosses abgespielt! Ein wild
+trotziges Geschlecht hatte dort gehaust, um Erbschaften, Geld und schöne
+Frauen Ränke geschmiedet und sich nicht selten ingrimmig angefeindet.
+
+Die Frau des nunmehrigen alleinigen Besitzers, des Grafen Lavard, war
+eine Französin aus vornehmem Geschlecht! Er hatte die sehr begüterte
+Vikomtesse von Verdeuil bei seiner Anwesenheit in Paris auf einem Balle
+beim dänischen Gesandten vor zwanzig Jahren als fünfzehnjähriges Mädchen
+kennen gelernt, und sie war ihm, mit einem schwermütigem Verzicht auf
+die unvergleichbaren Reize ihrer Heimat, hierher in die einsame
+nordische Welt gefolgt.
+
+Lavards besaßen zwei Töchter, Imgjor und Lucile, von denen sich die
+erstere, etwas ältere, zur Zeit auf Rankholm aufhielt, während sich
+Lucile gegenwärtig auf Reisen befand.
+
+Graf Dehns Vater und Graf Lavard hatten einst zusammen bei den dänischen
+Dragonern in Kopenhagen gestanden, aber ihren Abschied genommen, nachdem
+sie beide gelegentlich einer Urlaubsreise die ihren Augen und Herzen
+genehmen Frauen gefunden.
+
+Graf Dehn war eine Ehe mit einer Baronesse von Berg eingegangen. Mit ihr
+hatte er reiche Güter in der Lausitz geerbt und war infolgedessen nicht
+nur aus dem dänischen Unterthanenverbande ausgeschieden, sondern auch
+dorthin übergesiedelt. Immer waren jedoch die beiden Freunde in
+Verbindung geblieben, und nun eben ging der junge Graf Axel von Dehn,
+der einzige Nachkomme dieser Familie, nach Rankholm zur Brautschau. —
+Mitten in der Einsamkeit lag das mächtige Schloß. Nur ein zu der
+Herrschaft gehörendes, in einer Thalmulde malerisch hingestrecktes Dorf,
+mit Namen Kneedeholm, teilte diese stille Abgeschlossenheit von der Welt
+und der großen Heerstraße.
+
+Noch bevor die beiden Wanderer in die zu dem Schloß führende Allee
+eintraten, nahm Graf Dehn das Wort und richtete einige Fragen an seinen
+Führer. Und da er's geschickt begann, empfing er, wenn auch knappe, doch
+allerlei für ihn wertvolle Mitteilungen aus dem Munde des Alten.
+
+Und unter solchen lebhaften Reden gelangten sie dann an das Kastell, das
+seine Front einem mächtigen, freien Platz zuwandte.
+
+Da aber dieser und das Gebäude ringsum von hohen, laubreichen Bäumen und
+dichtem Gebüsch umschlossen waren, erschien's dem Auge, als ob Rankholm
+— wie ein Dornröschenschloß — mitten in einem Walde liege.
+
+Freilich war's anders! Aus den Hinterfenstern schaute man durch den zu
+solchem Zwecke gelichteten Park ins Thal hinab, und da lag in
+malerischer Schönheit und in solcher Nähe, daß man bei hellem Wetter die
+Häuser, Wege und Menschen aus den Schloßfenstern genau zu erkennen
+vermochte, das Dorf Kneedeholm mit seiner schlanken Kirche, seinen
+reichen Bauerhäusern und einem alten romantisch gebauten Jagdschloß vor
+einem.
+
+Einen überwältigenden Eindruck empfing Graf Dehn, als er nach
+Ueberschreiten der Schloßbrücke, die auf einen peinlich sauber
+gepflasterten Vorhof führte, durch das mächtige, von zwei Steinernen
+Löwen flankierte Portal in das Innere eintrat.
+
+Er befand sich auf einem großen, in der Mitte durch einen sprudelnden
+Neptunbrunnen geschmückten und von den Mauern des stolzen Gebäudes
+eingeschlossenen Innenhof.
+
+Zu Seiten einer im Mittelbau befindlichen, mit dem Wappen der Grafen
+Lavard gezierten Rampe — eine Faust, die einen Dolch hielt, zückte ihn
+gegen einen sich wild anlehnenden Geier — strebten mächtige Säulen
+empor.
+
+Auf ihnen erhoben sich Marmorgestalten aus der Antike, und zu ihren
+Füßen streckten zwei Tiger aus Bronze ihre Leiber und Tatzen aufs
+Pflaster aus.
+
+Und zwischen diesen mit Vorsprungtürmen, zahlreichen hohen
+Eingangspforten, bogenförmigen, von Epheu und Schlinggewächsen
+umzingelten Fenstern und Altanen geschmückten Mauerwänden herrschte eine
+lautlose, gleichsam furchterregende Stille. Sie wurde nur jetzt
+unterbrochen durch das Geräusch einer sich öffnenden Thür im
+Portierhause, der sich der Alte soeben genähert hatte, um den Gast beim
+Pförtner anzumelden.
+
+Nachdem das geschehen, verabschiedete er sich, nach Empfang eines
+reichlich bemessenen Trinkgeldes, mit still verbindlicher Miene, und der
+Pförtner, ein ebenfalls gebückt einhergehender Alter, stellte sich
+entblößten Hauptes vor dem Fremden auf und zog, nachdem er gehört, wer
+er sei, wiederholt kräftig an einer Schelle.
+
+Laut und zudringlich, ja, schreckhaft tönte sie über den einsamen Hof,
+und im Nu erschien der Haushofmeister in einem schwarzen Frack oben auf
+der Schloßtreppe, eilte die Stufen hinab und geleitete den Grafen mit
+einer Ehrerbietung, wie sie nur Königen dargebracht zu werden pflegt, in
+das Schloß.
+
+„Nein, es ist kein Brief eingetroffen, sonst würde jedenfalls Fuhrwerk
+am Bahnhof oder am Wege gewesen und ohne Zweifel der Herr Graf selbst
+zum Empfang des gnädigen Herrn, der schon seit mehreren Tagen erwartet
+wurde, erschienen sein,“ erklärte der Haushofmeister Frederik, als
+welcher er sich, unter bescheidener Verneigung, dem Grafen vorstellte.
+
+Und der Graf sei nicht zu Hause, auch die Komtesse Imgjor sei nicht
+anwesend. Aber die gnädige Frau befänden sich in ihren Gemächern. Er
+bitte, daß der gnädige Herr geruhen möge, in seine Zimmer einzutreten,
+er werde inzwischen dessen Ankunft der Herrschaft zu melden sich
+beeilen.
+
+Unter solchen Erklärungen schritt der Haushofmeister, ein hagerer Mann
+mit grauschwarz meliertem Haar und ernsten, überaus vertrauenerweckenden
+Mienen, neben dem Grafen Dehn die große Freitreppe im Innern empor und
+führte ihn hinten links durch einen durch zahlreiche Familiengemälde
+etwas verdunkelten, hohen und langen Korridor. Am Ende desselben
+befanden sich die für den Gast bestimmten Räume.
+
+Und gleichzeitig erschienen auch schon zwei rotlivrierte Lakaien und
+luden des Grafen Gepäck ab, und nachdem dies geschehen, entfernte sich
+Frederik unter ehrerbietiger Verneigung.
+
+Die Gemächer waren ebenso reich, wie geschmackvoll und bequem
+eingerichtet.
+
+Blaue, venetianische Seidentapeten bedeckten die Wände, helle,
+sanftgeblümte Fußteppiche den Fußboden und dunkle Möbel fesselten das
+Auge.
+
+Auch boten die Räume einen Ausblick auf die Gärten, den Park und das
+Dorf, das gleich einem Zauberbilde in dieses entzückende Tableau hinein
+geschoben schien.
+
+Nach einer Viertelstunde, nach Auspacken und Ordnen der Toilette,
+erschien auch schon Frederik wieder, verbeugte sich mit der ihm eigenen
+natürlichen Würde und meldete, daß die gnädige Frau sehr glücklich sei,
+den Herrn Grafen empfangen zu dürfen. Sie würde schon gleich diese
+Botschaft gesandt haben, wenn sie nicht geglaubt hätte, daß ihm eine
+Pause der Erholung angenehm sein werde.
+
+Sie durchschritten denselben Korridor, machten einen kurzen Halt auf dem
+mit mächtigen Jagdbildern geschmückten, in weißem Marmor getäfelten Flur
+und nahmen den Weg durch einen großen, mit grünseidenen Tapeten,
+schmalen, hohen Spiegeln und seidenen Polstermöbeln ausgestatteten Saal.
+
+Und nachdem sie diesen verlassen und noch zwei daranstoßende
+Prunkgemächer durchmessen, traten sie in einen kleineren Gartensalon,
+der mit verschwenderischer Pracht eingerichtet war. An diesen stieß
+wieder ein zweifenstriges Kabinett, und in ihm lag, umgeben von
+französischen Möbeln, blühenden Blumen, Statuetten und Bequemlichkeiten,
+auf einem hellen, seidenbezogenen Divan die Gräfin Lucile Lavard.
+
+Sie hatte braunes Haar, braune Augen und ebensolche Wimpern. Ueber einer
+geschmeidigen Figur hob sich eine volle Büste, und die Formen und die
+Linien ihres Körpers zeigten überhaupt jene üppigeren Reize, durch die
+sich die gesättigte Fülle einer verheirateten Frau von der sprossenden
+Schönheit junger Mädchen unterscheidet.
+
+Als sie des Grafen ansichtig wurde, erhob sie sich mit dem ruhig
+ausgeglichenen Wesen einer Huldigungen gewohnten Frau, und reichte ihm
+gleichzeitig mit einem so bezaubernden Ausdruck und einem so
+bestrickenden Lächeln die Hand, daß sich der sympathische Eindruck ihres
+jede Wirkung verschmähenden, liebenswürdig einfachen Wesens nur noch
+erhöhte.
+
+„Ich bin wirklich sehr unglücklich, daß niemand zu Ihrem Empfange da
+war, lieber Herr Graf —“ stieß sie heraus. „Aber Sie haben schon von
+Frederik gehört, daß wir wirklich nicht schuld sind. Lassen Sie mich in
+jedem Falle hoffen, daß sich die Ihnen dadurch gewordenen ungünstigen
+Eindrücke inzwischen bereits wieder verwischt haben!“
+
+Freilich trat nach diesen Einleitungsworten ein anderer Ausdruck in ihre
+Züge, ein abwartender, etwas forschender.
+
+Auch sprach sie, nachdem er ihr geantwortet, auch kavaliermäßig den Arm
+geboten und sie gebeten hatte, die frühere bequeme Lage wieder
+einzunehmen, fast ein wenig schroff:
+
+„Nein, nein, ich danke! Ich habe genug geruht. Auch möchte ich mich nach
+Ihren Wünschen erkundigen. Sie werden flau sein, lieber Herr Graf. Wir
+speisen erst in einigen Stunden. Darf ich Ihnen nicht irgend etwas
+anbieten? Vielleicht nehmen Sie ein wenig alten Portwein und scharfen
+Käse?“
+
+Und als Graf Dehn erklärte, keinen Hunger zu haben, hörte sie nicht
+einmal hin, zog vielmehr an einer breiten, seidenen Glockenschnur und
+hieß einem sogleich durch die Korridorthür eintretenden Diener das von
+ihr Erwähnte bringen.
+
+„Es ist besser, Sie genießen etwas, lieber Herr Graf. Die Zunge wird
+freier, das Gemüt belebter, wenn man eine gewisse Nüchternheit verbannt.
+Ich möchte, daß Sie sich gleich heimisch, behaglich fühlen. Ich kenne
+die Indisposition nach einer Reise. Niemals ist eine Erfrischung
+angebrachter —“
+
+„Schon Ihre wenigen gütigen Worte haben alles Unbehagliche verscheucht,
+gnädigste Gräfin. In der That, man kann liebenswürdiger, herzlicher
+nicht empfangen werden. Mir ist, als ob ich schon jahrelang das Glück
+gehabt hätte, Sie zu kennen —“
+
+„Ich freue mich, daß Sie so sprechen, Graf Dehn. Aber mit derselben
+Offenheit: Sie gehören zu jenen Menschen, bei deren Anblick man den
+Eindruck empfängt, man könne nie enttäuscht werden, bei welcher
+Gelegenheit man immer die Hand nach Ihnen ausstreckt. Werden Sie nicht
+sehr geliebt von Ihrer Umgebung, von Ihren Freunden — von den Frauen?
+Gewiß, gewiß, Sie sind ein Sonnenkind! Und hoffen wir, daß wir noch weit
+engere Freundschaft schließen —“ fügte sie mit einer Anspielung auf die
+Zwecke seines Kommens hinzu und lud ihn zugleich durch eine
+liebenswürdige Geste ein, sich des inzwischen gebrachten Frühstücks zu
+bedienen.
+
+„Bringen Sie auch Champagner und die Florentiner Krystallgläser! Vite!“
+befahl sie dem Diener, ließ sich neben dem Grafen nieder, schenkte ihm
+ein und goß sich, als nach wenigen Minuten Champagner erschien, selbst
+das kühl sprudelnde Getränk in das ungewöhnlich geformte, unten und oben
+schmale, in der Mitte sanft ausgebogene und hier hellgold, sonst aber
+krystallhell schimmernde Glas und setzte es an die Lippen.
+
+Aber auch Axels Glas hatte sie gefüllt, und als sie das ihrige abermals
+voll gegossen, stieß sie mit ihm an und sagte:
+
+„Nehmen wir uns vor, daß wir die kommenden Tage besonders vergnügt
+zusammen verleben wollen. An mir soll's nicht fehlen, lieber Graf.
+Rankholm ist sehr schön, aber die Einsamkeit tötet doch bisweilen die
+Lebensgeister. Es ist eine wahre Wohlthat, wenn uns jemand besucht. Die
+ländliche Bevölkerung gleicht einer Familie von Schnecken. Auch die
+meisten Gebildeten haben Bleikugeln in ihren Seelen, Köpfen und Beinen.
+Natürlich, ich habe Dienstboten, die Feuerwerkskörper in sich bergen. —
+Sie werden nichts von der Langsamkeit der Jüten bei ihnen finden.
+Anfangs versuchte ich es mit hiesigen, aber gab's bald auf. Brave
+Menschen, ehrlich, gutherzig, aber strafbar phlegmatisch und von einem
+Trotz, wenn sie einmal ihren Kopf aussetzen, der an Starrheit grenzt.
+Ach, lieber Graf, wie ist das Dasein zu ertragen, wenn man es so
+ernsthaft nimmt, wenn man immer daran denkt, was kommt darnach, statt
+die Lebenslust zu pflegen, sich für sie geistig und körperlichen
+schmücken!“
+
+„Es fehlt den meisten leider dazu die Veranlagung, Frau Gräfin. Besäße
+die Welt Ihr Temperament, Ihre Gesundheit, Ihre Schönheit und Ihren
+Reichtum, würde sie schon Ihren Lehren folgen. — Zum Leben im feineren
+Sinne gehört wenigstens Geist und Temperament: die besitzen nur
+Auserwählte.“
+
+„Ich freue mich, daß Sie nicht, wie alle, lediglich die günstigen
+materiellen Verhältnisse als Bedingung hervorheben. Es beweist eine
+geringe Erfahrung und wenig Erhabenheit des Geistes, wenn man vermeint,
+es könne uns der durch den Reichtum herbeigeführte Genuß mit dem Dasein
+versöhnen. Ich möchte das Gegenteil behaupten. Man muß etwas entbehren,
+man muß noch etwas Verlangen und Sehnsucht empfinden, nicht nach dem
+Unbestimmten, das nie Erfüllung findet, sondern nach den kleinen
+Freuden, die uns durch die Natur, durch Eindrücke, durch den Verkehr mit
+Menschen, durch Thätigkeit, durch unsere behaglichen Reflexionen, unsere
+Wünsche und Erwartungen, endlich auch durch die Fähigkeit werden, immer
+eine stille Hoffnung in unseren Herzen zu pflegen —“
+
+Und als Graf Dehn, der diesen Ausführungen mit starker Beipflichtung
+zugenickt hatte, bei den letzten Worten fragend das Auge erhob, schloß
+die Gräfin:
+
+„Ja, es ist die Wahrheit: Wir können ohne irgend eine stete, starke
+Hoffnung nicht glücklich sein.“
+
+Sie wurden in ihrem Gespräch unterbrochen, weil plötzlich in der nach
+dem Korridor führenden Thür die Gestalt eines jungen Mädchens erschien.
+
+Der Ausdruck in ihren Zügen war gemessen, aber eine solche Fülle zarter
+Schönheit war über ihrem ganzen Wesen ausgegossen, daß der Gedanke
+emporstieg, hier habe die Natur alles zusammengemischt, was sie nur
+immer einem lebendigen Geschöpf an Bevorzugungen zu verleihen vermöge.
+
+Trotz der fröhlichen Jahreszeit war sie schwarz gekleidet; auch ein
+dunkler Spitzenschleier umhüllte ihren von rotbraunen Haaren umflossenen
+Kopf, und rasch zog sie die Umhüllung von diesem herab.
+
+Nach der durch die Gräfin herbeigeführten Vorstellung, verschönte
+vorübergehend ein freundlicher Ausdruck ihren reizend geschnittenen
+Mund, dem zwar ebenso rasch wieder ein solcher stolzer Kälte wich. Auch
+wandte sie sich nach einigen, flüchtig an ihre Mutter gerichteten Worten
+und nach einer steif gemessenen Verneigung gegen den Gast, derselben
+Thür, durch die sie eingetreten, wieder zu und war seinen Augen
+entschwunden, bevor er sich noch von der bezwingenden Gewalt des
+Eindrucks ihrer Erscheinung zu lösen vermochte.
+
+Und seltsam! Die Gräfin gab zu diesem ausfallenden Verhalten keine
+Erklärung.
+
+Sie sah nur Graf Dehn mit einem eigentümlich forschenden Blick an und
+zog, als er zu einer Frage anheben wollte, mit einer Miene die
+Schultern, als ob sie ihm durch diese stumme Geberde eine Antwort
+erteilen, ihn aber zugleich ersuchen wollte, sich mit dieser Erwiderung
+zu begnügen.
+
+Sie erhob sich jedoch nunmehr und sagte:
+
+„Trinken wir das letzte Glas, lieber Graf, auf die Erfüllung unserer
+Hoffnungen, gleichviel, welche sie sein mögen. Und nun, ich bitte,
+kommen Sie, Sie müssen unseren Garten und unseren Park bewundern —“
+
+Und nachdem auf ihr Zeichen ein Kammermädchen erschienen war und beider
+Garderobe gebracht hatte, schritt sie ihm, einen weißseidenen
+Sonnenschirm über sich, seidengraue, bis über die Arme fallende
+Handschuhe an den Händen und ein grauseidenes, zartes Tuch mit langen,
+schneeweißen Seidenfranzen um die Schultern geschlungen, von dem
+hochgelegenen freien Balkon herab in den Garten voran. —
+
+Noch vor Tisch erschien Graf Lavard in Axels Gemächern. Er klopfte kurz
+und stark an die Thür, trat mit einem gleichsam von ihm ausstrahlenden
+Freimut auf den Sohn seines besten Jugendfreundes zu, sah ihm
+liebenswürdig in die Augen und schüttelte ihm mit jener lebhaft
+höflichen Herzlichkeit die Hand, welche den Dänen und den Franzosen
+gemeinsam eigen ist.
+
+Er bot eine überaus vornehme, aber auffallende Erscheinung. Auf einem
+geschmeidigen, noch jugendlichen Körper saß ein mit weißem Haar
+bedeckter, kurzglatt geschorener Kopf, auch der Schnurrbart war weiß,
+während die Farbe des Angesichts nicht spurenweise, wie bei anderen
+Menschen, gerötete Farben, sondern ein über und über gesund gerötetes,
+feuriges Kolorit zeigte. Und alles, was er trug und wie er's trug, paßte
+zu seiner Persönlichkeit. Ueber Lackstiefeln saßen kreideweiße
+Gamaschen, auch die Weste war aus weißem Stoff, während den übrigen
+Körper ein loser, grauer, sogenannter englischer Anzug umschloß. In der
+That, ein schönes, vornehmes Geschlecht, diese Lavards! Graf Dehn fühlte
+sich fast ein wenig herabgedrückt neben diesen überall von den
+Erscheinungen ungewöhnlichen Reichtums umgebenen Menschen.
+
+„Ich habe,“ hub er an, „meinen Freund den alten Grafen Knut, und den
+Doktor unten aus unserm Dorf Kneedeholm zu Tisch geladen. — Ist Ihnen
+hoffentlich nicht unangenehm, lieber Graf Dehn?
+
+O nein, o nein, ich weiß! Gleich am ersten Tage mag man nicht gleich von
+zu vielen Eindrücken bestürmt werden. Haben Sie Imgjor schon gesehen? —
+So — so — Hm vortrefflich! — Ich sprach meine Frau nur flüchtig. Also,
+auf Wiedersehen in einer Viertelstunde!“
+
+Und dann ging er, Axel warmherzig zunickend, und dieser, die Brust voll
+von unruhigen Erwartungen blieb allein. —
+
+Das Speisegemach in Rankholm lag zu Seiten des großen Empfangssalons,
+welcher wegen seiner Spiegelwände der Spiegelsaal genannt wurde. Als
+Axel von dem in einem tadellosen Frack und weißer Binde steckenden
+Frederik zunächst in den ersteren geleitet wurde, fand er die
+Herrschaften schon versammelt.
+
+Die Gräfin, die ihm gleich liebenswürdig zunickte, befand sich in einem
+Gespräch mit dem Grafen Knut, einem kleinen, starken, beweglichen Herrn
+mit hinkendem Bein und tiefer Schmarre in dem sehr ausdrucksvollen,
+dänisch geschnittenen Gesicht.
+
+Graf Lavard unterhielt sich dagegen mit dem jungen Doktor Prestö, einem
+Mann, der wie ein Korpsbursch aussah und durch die dunklen Farben seines
+Angesichts und durch das tiefe Schwarz seines Haares eher einem
+Italiener, als einem Bewohner des Nordens glich.
+
+Imgjor endlich stand vor einem großen, reich vergoldeten Käfig und
+beschäftigte sich mit einem prachtvollen, buntgefiederten Papagei, den
+sie zärtlich verhätschelte und der auch ihr sehr zugethan zu sein
+schien.
+
+Sogleich fand die allgemeine Vorstellung und ein lebhafter Wortaustausch
+zwischen Axel und dem Grafen Knut statt, und nur Imgjor blieb nach steif
+formeller Verneigung neben dem Bauer stehen und trat erst von diesem
+zurück, als Frederik die Flügelthüren zu dem Speisegemach und der dort
+aufgehellten, in Krystall und Silber strahlenden Tafel aufstieß.
+
+Graf Knut führte die Gräfin, der Graf gab einer noch eben
+hinzugetretenen, als Imgjors Lehrerin vorgestellten, älteren Hausdame
+den Arm, und Axel erhielt seinen Platz zwischen Imgjor und dem Doktor
+Prestö, in der Art, daß er und die übrigen, mit Ausnahme von Imgjor, für
+die an dem unteren Ende der Tafel ein Kouvert gedeckt war, einander
+gegenübersaßen.
+
+Das Gespräch wurde zunächst so ausschließlich von der Gräfin in Anspruch
+genommen, daß die anderen zu einer Einzelkonversation keine Gelegenheit
+fanden. Erst später gelang es Axel, sich mit Imgjor zu beschäftigen und
+mit dem Doktor eine Unterhaltung anzuknüpfen. Allerdings zeigte dieser
+eine ähnliche unhöfliche Zürückhaltung wie Imgjor.
+
+Es giebt junge Leute, die ohne ein zu Tage tretendes Bestreben, sich
+vordrängen zu wollen, mit einer Geschlossenheit und Sicherheit des
+Wesens auftreten, als ob alle Geheim- und Weisheitsbücher der Welt schon
+vor ihnen aufschlagen gewesen seien. Ein solcher Mensch war der Doktor.
+Er gab sich Axel gegenüber sehr unbiegsam und nichts weniger als
+zuvorkommend. Von seinem mit bürgerlichem Hochmut gepaarten Selbstgefühl
+wurde Axel in solcher Weise abgestoßen, daß er es sehr bald ablehnte,
+seinen Nachbar überhaupt noch zu beachten. Er redete ihn nicht mehr an
+und hörte auch nicht mehr zu, wenn jener sprach. Allerdings kehrte
+Prestö auch eine ziemlich unpersönliche Art gegen Imgjor hervor. Er
+sprach zwar sehr viel mit ihr, aber über Gegenstände, die sonst nur
+zwischen Männern erörtert werden. Er machte ihr in keiner Weise den Hof,
+legte vielmehr an den Tag, daß ein Prestö gerade so viel Beachtung in
+der Welt verdiene und dasselbe Recht auf Selbstgefühl besitze, wie die
+Familie Lavard auf Schloß Rankholm. Und Imgjor hörte ihm zu, als ob ein
+Evangelium von seinen Lippen flösse; sie richtete ihre Augen und
+Gedanken so ausschließlich auf ihn und wich Axel so geflissentlich aus,
+daß dieser zuletzt wie ein Freitischschüler neben ihnen saß.
+
+Allerdings hielt das nicht lange an. Graf Dehn verband mit Geist und
+sehr großer Gewandtheit eine starke Initiative, und sie und seine
+Menschenkenntnis gaben ihm stets die Mittel an die Hand, sich, wenn er
+es wollte, zum Herrn der Situation zu machen. Und so geschah's auch
+heute.
+
+Im Nu wußte er an der anderen Seite des Tisches das Gespräch an sich zu
+ziehen und entwickelte einen so anziehenden, von den Beifallsbezeugungen
+jener begleiteten Redefluß, daß auch Prestö und Imgjor zum Zuhören
+gezwungen wurden.
+
+Er erzählte mit packendem Humor von einer Jagd in der Lausitz und
+charakterisierte die Personen, die dabei zugegen gewesen, mit solcher
+Meisterschaft, daß ihm Graf Lavard und Graf Knut unter lebhaftem
+Gelächter und mit sehr beifälligen Mienen zutranken.
+
+Aber Axel benutzte auch diese Gelegenheit, um dem Doktor Prestö einen
+Denkzettel zu geben.
+
+Indem er Prestö lediglich einen anderen Namen beilegte, entwarf er ein
+so sprechendes Bild von dessen äußeren Erscheinung, seinem Auftreten und
+Wesen und führte solche Kolbenschläge gegen dessen Ueberhebung und
+Erziehungsmangel, daß die Hausdame, Fräulein Merville, die offenbar
+Axels Abneigung gegen Prestö teilte, zunächst mit einem Ausdruck
+höchsten Erschreckens, dann aber mit einem solchen höchster Befriedigung
+die Lippen verzog.
+
+Nicht weniger schien die Gräfin durch diese Abfertigung angemutet.
+Nachdem sie anfangs mit einer Miene des Zweifels, ob die Betreibung nur
+zufällig auf Prestö passe oder ob Axel jenen bewußt charakterisiere,
+zugehört, erschien in der Folge etwas in ihren Zügen, das Axel nicht nur
+über ihre Meinungen bezüglich Prestös belehrte, sondern die auch sagten,
+daß sie ihm deshalb durchaus nicht gram sei.
+
+Anders aber Imgjor, in der es sichtlich vor Aufregung kochte.
+
+Ganz abweichend von ihrer bisherigen stummen Gleichgültigkeit gegen die
+Vorgänge ihrer Umgebung, brach sie das Schweigen und mischte sich
+in das Gespräch, indem sie nicht nur spöttisch Zweifel an der
+Wahrscheinlichkeit der von Axel erzählten Vorgänge äußerte, sondern auch
+zum offenen Angriff vorging. „Die Personen, die Sie uns schilderten,
+Herr Graf, sind, wie ich es garnicht bezweifle, wirklich lebende
+Menschen, und Sie erreichen Ihren Zweck, zu beweisen, daß Sie scharf zu
+beobachten verstehen. Aber Sie beweisen auch, daß Sie besser in fremde
+Spiegel zu schauen vermögen, als in den eigenen. Letzterer schafft
+nachsichtige Urteile. Diejenigen, die sich anmaßen, über andere den Stab
+zu brechen, vergessen allzu oft bei ihren Vorträgen, daß sich den
+Zuhörern eine nicht zu ihrem Vorteil ausfallende Betrachtung über ihre
+Einseitigkeit aufdrängt —“
+
+„Sie haben vollkommen recht, gnädigste Komtesse —“ entgegnete Axel auf
+diese herausfordernde Rede mit vollendeter Höflichkeit. „Nur glaube ich,
+daß ich diese Unvollkommenheit, oder, wie Sie liebenswürdig äußern,
+diese Einseitigkeit, mit fast allen meinen Mitbrüdern und Mitschwestern
+teile. — Nur eine Ausnahme giebt's — ich spreche nicht, um Komplimente
+zu sagen, gnädigste Komtesse — und diese fand ich hier auf Schloß
+Rankholm. Sie sind's! Sie geben jedem, was ihm zukommt und gelangen
+sicher stets zu gerechten, wenn auch nicht immer völlig milde klingenden
+Richtersprüchen!“
+
+Der Eindruck dieser Rede war ein sehr verschiedener.
+
+Imgjors Wangen bedeckten sich mit der Blässe des Zorns. Die schwarzen
+Augen in ihrem bleichen Angesicht mit dem braunrötlichen Haar funkelten
+unheimlich. Der Doktor aber, zugleich erregt an einem Brotkügelchen
+knetend, riß den Mund jähzornig zur Seite. Die anderen standen vorläufig
+noch unter dem Eindruck, daß es sich vielmehr um eine scharf zugespitzte
+Neckerei handelte, als daß jene sich bekämpfen wollten.
+
+Der Graf äußerte sich auch in diesem Sinne, indem er hinwarf:
+
+„So, Imgjor! Nun weißt du, aus welchen Himmelshöhen du zu uns
+hinabgestiegen bist. Werde noch etwas milder und du kannst einst als
+Heilige verehrt werden!“
+
+Und die Gräfin warf Axel einen ihrer forschenden Blicke zu, einen jener,
+durch den sie zugleich verriet, daß ihr Interesse für Axel sich immer
+mehr steigerte.
+
+Wie sehr übrigens diese Zurückweisung Imgjor getroffen hatte, bewies ihr
+ferneres Verhalten bei Tisch. Sie hörte zwar auch ferner dem zu, was ihr
+der Doktor vortrug, aber ihre Gedanken waren offenbar nur halb oder gar
+nicht bei der Sache. Sie sann sichtlich über einen Racheakt nach und
+mußte doch ihren heißen Drang bezähmen, weil sie Axel auf diese höfliche
+Abfertigung nicht beizukommen vermochte.
+
+Aber nicht ein einziges Mal richtete sie das Antlitz ihm zu, und ebenso
+verharrte der Doktor in einer feindselig stummen Abwehr. Axel wußte sich
+auch in der Folge lediglich den übrigen zuzuwenden, blieb bis zum
+Tafelschluß in einer lebhaften Konversation mit jenen und entging
+dadurch der Pflicht, Höflichkeitsakte gegen Imgjor zu üben, und irgend
+welche Notiz von seinem Gegenüber zu nehmen.
+
+Nach Tisch empfahl sich der Doktor, indem er Krankenbesuche vorschützte,
+und auch Imgjor verschwand. Erst beim Thee, den sie zu bereiten hatte,
+erschien sie wieder.
+
+Sie hatte aus irgend einer Laune nunmehr wieder ein schwarzes Kleid
+angelegt und sah in diesem mit ihrem bleichen, kaltstummen Gesicht wie
+eine trotzige Büßerin aus.
+
+„Wo warst du, Imgjor?“ forschte die Gräfin, die mit den drei Herren nach
+Tisch einen Spaziergang im Park unternommen, später eine Partie Boston
+gespielt und diese jetzt eben beendigt hatte.
+
+„Ich bin nach Mönkegjor durch den Wald geritten —“ gab Imgjor kurz
+zurück.
+
+Als sich Axel noch vor dem Schlafengehen und allgemeinen Aufbruch Imgjor
+näherte — sie saß mit einem Buch für sich in einer durch eine Hängelampe
+erleuchteten Ecke des Kabinetts — und sie fragte, welche Lektüre sie so
+sehr beschäftige, entgegnete sie tonlos und ohne seinen auf das Buch
+gerichteten Bewegungen zu entsprechen und es ihm zur Prüfung anzubieten:
+
+„Ich lese Geist in der Natur von Oersted —“
+
+„Und eine so schwere Lektüre fesselt Sie?“
+
+„Mich fesselt alles, was mich über die einseitige Enge des Daseins zu
+erheben vermag!“
+
+„Sie betonen Ihre Worte so stark! Haben Sie bereits so unerfreuliche
+Erfahrungen gemacht, Komtesse?“
+
+Aber sie gab auf diese Frage keine Antwort. Sie zuckte nur die Achseln.
+— Aber deshalb trieb's ihn, die Schranke gewaltsam zu durchbrechen, die
+sie trennte.
+
+Sanft sprechend, sagte er:
+
+„Ich würde gern Ihre Freundschaft erringen, Komtesse! Aber Sie weichen
+mir schroff aus, Sie gebrauchen sogar Waffen gegen mich. Ich sinne über
+die Gründe nach, die Sie so handeln lassen. Giebt's keinen Weg, der uns
+zusammenführen könnte?“
+
+Aber was er erhoffte, ward ihm nicht.
+
+Indem sie ihn kalt und unbeugsam anblickte, sagte sie kurz und hart im
+Ton:
+
+„Nein, keinen, Graf Dehn!“
+
+Nach diesen Worten benutzte sie einen Anruf von Fräulein Merville,
+machte eine kühl entschuldigende Geste, stand auf und entfernte sich
+rasch.
+
+Er aber schaute ihr nach, umfing mit seinen Blicken ihre Psychegestalt,
+seufzte auf und trat zu den übrigen zurück.
+
+Die Herren waren eben im Nebenzimmer beschäftigt, die Gräfin aber, die
+zu einer Handarbeit gegriffen, erhob bei seiner Annäherung den Kopf und
+sagte mit liebenswürdiger Milde:
+
+„Ja, leicht ist, lieber Graf, diese Festung nicht zu nehmen. Wären wir
+beide in gleichem Alter, wäre es Ihnen bequemer geworden!“
+
+„Ich besitze also Ihr Wohlwollen, verehrteste Frau Gräfin? Darf ich Ihre
+Worte so deuten?“ stieß Axel heraus.
+
+„Ja, Graf Dehn!“ Sie sprachs und streckte ihm gütig die Hand entgegen.
+
+Und Axel ergriff sie und drückte einen festen Kuß auf die weiße, weiche
+Fläche, die unter der Berührung seiner Lippen leicht zu beben schien.
+
+ * * * * *
+
+Als Axel am nächsten Vormittage der Gräfin nach dem zweiten Frühstück im
+Park Gesellschaft leistete, erklärte er ihr nach einer vorsichtigen
+Einleitung, daß Imgjor einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn
+hervorgerufen habe, daß er aber eine Werbung als gänzlich aussichtslos
+ansehen müsse.
+
+Mit größter Offenherzigkeit erzählte er ihr von dem, was ihm begegnet
+war, und was er dabei empfunden hatte, auch verschwieg er ihr nicht, daß
+er bereits am gestrigen Abend einen Anlauf genommen und dabei eine
+Antwort empfangen, der an schroffer Deutlichkeit nichts gefehlt habe.
+
+Die Gräfin hatte seinem Bericht wohl mit steigendem Interesse, aber
+doch ohne Befremden, zugehört.
+
+Nachdem er den letzten Satz gesprochen, sagte sie:
+
+„Ah, das war schade! Das ist übel. Hätten wir uns früher gesprochen! Ich
+durfte, ich konnte ja nicht reden, durfte Ihnen keinen Wink geben, ohne
+mich eines Mangels an Zartgefühl schuldig zu machen. Nachdem Sie aber
+die Initiative ergriffen, mir erklärt haben, daß Sie sich für Imgjor
+interessieren, möchte ich Ihnen folgendes sagen:
+
+Sie wäre von selbst gekommen, wenn Sie die Taktik, die Sie gestern bei
+Tische beobachteten, fortgesetzt hätten. Man muß sie gar nicht beachten.
+Sie kommt schließlich immer, wenn es sich um wertvolle Menschen handelt.
+Aber ihr Mißtrauen, daß man sie um ihres Geldes willen umwirbt, ist so
+groß, daß sie von vornherein gegen alle jungen Leute die schroffste
+Seite hervorkehrt. Erst nach Wochen, vielleicht nach Monaten, hätten Sie
+ihr ein warmes Wort sagen müssen, dann wäre es nicht nur wahrscheinlich,
+sondern sicher auf einen fruchtbaren Boden gefallen.“
+
+„Und Sie fürchten, daß ich nun keine Aussichten mehr habe, Frau Gräfin?“
+
+„Ich traue Ihnen sehr viel zu. Sie besitzen goldene Schlüssel, lieber
+Graf. Sie öffnen, ich glaube es, die verschlossensten Herzen. Hoffen wir
+also —“
+
+„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin, und ich bitte, entwerfen Sie mir ein Bild
+von ihrer Tochter. Ich möchte es mit demjenigen vergleichen, das sich in
+mir gebildet hat, ich möchte mich berichtigen, sofern es nötig. Ich
+werde leichter den Kampf aufnehmen, wenn ich weiß, mit welchem Gegner
+ich zu thun habe.“
+
+Die Gräfin nickte, beugte sich ein wenig vor und sagte stark betonend:
+
+„Sie ist ein besonderer Mensch. Sie ist absolut wahr, besitzt sehr viel
+Charakter, ein trotziges Unabhängigkeitsgefühl und eine seltene
+Objektivität. Jedem Adligen begegnet sie mit Mißtrauen, obschon sie
+stolzer ist als irgend ein Lavard und ein Verdeuil, die je lebten. Wo
+sie einmal liebt, besitzt sie die Treue eines Kindes und die
+Opferfreudigkeit eines Engels.“
+
+„Also ist sie wirklich das, was ich vermutete —“ stieß Graf Axel erfreut
+heraus.
+
+„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin. Wahrlich, also ein Kleinod, nicht nur
+schöner als fast irgend ein Weib, sondern innerlich von edelster Art,
+ein nur der Glätte bedürfender Diamant —“
+
+„Sie finden Imgjor so schön?“ fiel die Gräfin ein.
+
+„Ja, gnädige Gräfin! Ich sah nie etwas gleiches, weder auf Bildern, noch
+im Leben, und ich glaube auch, einem schöneren weiblichen Wesen kaum je
+wieder begegnen zu können —“
+
+„Dann müssen Sie Lucile kennen lernen! Nun, sie kommt ja nächstens. Da
+können Sie sich entscheiden!“
+
+Axel machte eine Verneigung, dann sagte er:
+
+„Können, wollen Sie mir also — ich bitte, noch einmal auf Komtesse
+Imgjor zurückkommen zu dürfen — bei meiner Werbung behilflich sein, Frau
+Gräfin?“
+
+„Natürlich! Doch auf meine Weise und erst, wenn Sie sich wirklich
+entschieden haben. Es muß die Bekanntschaft mit Lucile vorangehen. Und
+eins ist gleich zu sagen, da ich Sie bereits als einen vertrauenswerten
+Freund betrachte: direkt kann ich Ihnen bei Imgjor nicht helfen!“
+
+„Darf ich den Grund wissen?“
+
+Der Gräfin Züge veränderten sich durch einen Ausdruck von düsterem
+Ernst. Dann sprach sie in einem sanft gekränkten Ton:
+
+„Mich — mich — meidet sie eher, denn daß sie mich sucht —“
+
+„Wie, Frau Gräfin? Imgjor — Sie — Ich bitte — erklären Sie —?“
+
+Aber was er noch sagen und was sie ihm vielleicht erwidern wollte, wurde
+nicht gesprochen, weil sich gerade der Graf näherte und ihnen schon aus
+der Ferne in dänischer Sprache einige Worte hinüberrief.
+
+„Hesterne staae beredt!“ (Die Pferde stehen bereit!)
+
+Und da es sich um einen Reitausflug nach dem Gehölz von Mönkegjor
+handelte, verabschiedeten sie sich sehr bald von der Gräfin und nahmen
+den Weg vorn vors Schloß, woselbst der Reitknecht mit den beiden weißen
+Hengsten ihrer wartete. —
+
+ * * * * *
+
+Der Rest der Woche und die Hälfte der folgenden verliefen Graf Axel
+sehr rasch, ja, die Tage flogen förmlich dahin. Bald nahm ihn die Gräfin
+gefangen, indem sie mit ihm in langen Gesprächen auf weitausgedehnten
+Spaziergängen philosophierte oder ihn zu einer Partie Schach heranzog.
+Zu anderer Zeit mußte er dem Grafen in seine mit vielen interessanten
+Dingen angefüllten Gemächer folgen oder Wagen und Reitausflüge mit ihm
+und dem Grafen Knut unternehmen. Dazwischen lagen die Mahlzeiten mit
+ihren Leckerbissen, Weinen und anregenden Gesprächen.
+
+Graf Knut — ein früherer dänischer Reiteroberst — besaß im Dorf,
+abseits, ein höchst malerisch belegenes Herrenhaus mit Garten und Park,
+das er nebst einem nicht unbedeutenden Kapital von einer verstorbenen
+Tante geerbt hatte.
+
+Er führte ein sorgenfreies, äußerst behagliches Leben und gehörte zu
+jenen Menschen, die schon durch ihre bloße Anwesenheit eine angenehme
+Atmosphäre um sich verbreiten. Er war ein sehr konzilianter, maßvoll
+veranlagter Mann, der in allen die Menschheit beschäftigenden Fragen
+jederzeit einen vermittelnden Standpunkt einnahm und zudem stets
+aufgelegt war, sich an den Abwechslungen, die ihm dargeboten wurden, zu
+beteiligen.
+
+Nicht nur das zu der ungeheuren Herrschaft gehörende Gebiet: die
+Vorwerke, die Fischteiche, die Waldungen und die Förstereien wurden
+während dieser Woche durchmessen und in Augenschein genommen, sondern
+auch das eigentliche Gut mit all' seinen Einzelheiten und das zu dessen
+Füßen hingelagerte Kneedeholm.
+
+Dem Prediger, dem Ortsvorsteher und Apotheker, aber auch, aus Gründen
+kluger Ueberlegung, dem Doktor Prestö, stattete Axel Besuche ab, und
+wenn der Abend kam, wurde geplaudert, musiziert, etwas vorgelesen oder
+eine Partie gemacht.
+
+An all' diesem nahm Imgjor garnicht teil oder sie gab nur die Zuhörerin
+ab. Entweder hielt sie sich für sich auf ihrem Zimmer auf oder sie
+durchschweifte, allein oder von einem Reitknecht gefolgt, zu Pferde die
+Umgegend. Auch machte sie viele Spaziergänge ins Dorf, besuchte hier die
+Bauern und fühlte sich unter ihnen offenbar am glücklichsten.
+
+Und daß sie sich so absonderte, ward von ihrer Umgebung als so
+selbstverständlich angesehen, daß sie auch jetzt bei des Grafen
+Anwesenheit zu einer Aenderung ihres Verhaltens garnicht angefordert
+wurde.
+
+Der Graf schien auf demselben Standpunkt wie seine Gemahlin zu stehen.
+
+Eine Annäherung zwischen ihr und Axel mußte sich nach und nach ergeben.
+Jeder Zwang war von Uebel.
+
+Am Freitag der folgenden Woche traf endlich Lucile ein.
+
+Alle fuhren ihr in einem mit zwei schwarzen und zwei weißen Rennern
+bespannten, offenen Gefährt bis zur Landstraße entgegen. Sie kam mit der
+Post, ebenso wie Graf Dehn; sie hatte es so gewollt.
+
+Komtesse Lucile Lavard war eine ungemein schlanke Dame mit einer
+außerordentlich vornehmen Haltung. Ihr Gesicht besaß eine vollendete
+Regelmäßigkeit; sie glich einer edlen Römerin, die den Schönheitspreis
+davongetragen. Die Nase war leicht gebogen, die schwarzen Augen glühten
+in einem dunklen Feuer, die Lippen waren sein geschnitten. Gleich der
+Abendröte Anhauch lagen sauste Farben auf den weichen Wangen, und ihre
+Zähne blitzten in dem Weiß der Fischgräte.
+
+Die Gräfin hatte recht, sie war blendend schön und zugleich von einer
+Liebenswürdigkeit, die etwas wahrhaft Bestrickendes besaß. —
+
+Als man das Schloß erreicht hatte, zog sich Axel absichtlich zurück und
+wanderte ins Dorf.
+
+Mitten in diesem lag, zurückgelehnt, der Besitz des Grafen Kunt, ein
+zweistöckiges, schneeweiß angestrichenes Haus mitten unter Grün und
+Tannen.
+
+Er fand den Besitzer in seinem Garten bei den Blumen, und nachdem ein im
+Hause eingenommenes Glas Wein und eine Zigarre bereits die Gemütlichkeit
+erhöht hatten, unternahmen sie zusammen einen Spaziergang durch den sehr
+ausgedehnten, mit stattlichen Gehöften und Bauerhäusern, aber auch mit
+vielen ärmlichen Katen besetzten Ort. Bei dieser Gelegenheit ließ sich
+Axel möglichst viel von Lavards und auch von Lucile erzählen.
+
+Graf Knut berichtete, daß Lucile vor anderthalb Jahren mit einem
+französischen Gesandtschaftsattaché in Kopenhagen, dem jungen Marquis
+von Rebullion, verlobt gewesen sei und diese Verbindung wieder gelöst
+habe.
+
+Dem wäre es zuzuschreiben, daß sie seither keine Ehe eingegangen sei.
+
+Er bezeichnete sie als ein vollendetes Mädchen, sie besitze aber einen
+unbeugsamen Standesstolz.
+
+Während sie noch sprachen, kam Doktor Prestö vorüber, machte eine
+Bewegung, als ob er stehen bleiben wolle, besann sich aber und grüßte
+den Grafen mit großer Artigkeit, Axel aber mit steifer Gemessenheit. Es
+geschah, obschon Prestö Axels Besuch noch nicht erwidert hatte.
+
+„Ein recht unangenehmer Mensch!“ warf Axel hin.
+
+Graf Knut bewegte stumm die Schultern.
+
+„Sie scheinen meine Auffassung nicht zu teilen?“
+
+„Man muß den Zusammenhang der Dinge kennen, um ein gerechtes Urteil zu
+fällen —“ entgegnete Graf Knut. „Prestös Eltern fanden unter dem Druck
+eines maßlos hochmütigen und gegen seine Untergebenen rücksichtslos
+harten Gutsherrn, des Grafen Vedelsborg auf Bornholm. Prestös Vater war
+dort Guts-Inspektor. So sog der Sohn den Haß gegen den tyrannischen
+Gutsherrn seit seiner Kindheit in sich ein. Prestö ist völlig mittellos;
+die unvermögenden Eltern sind lange gestorben; nur durch eisernen Fleiß,
+Stipendien und Stundengeben hat er sein Studium ermöglicht. Durch solche
+Thaten, durch solches Ringen um die Existenz bilden sich Charaktere,
+allerdings selten liebenswürdige, eher einseitige und selbstsüchtige.
+Als unser alter Doktor vor sechs Monaten starb, gab ich die
+Veranlassung, daß sich Prestö hier niederließ. Ich interessierte mich
+von jeher für die Eltern. Gewiß, seine Manieren lassen recht sehr zu
+wünschen übrig, ich gestehe das zu. Auch gären in ihm die Ideen der
+neuen Zeit. Ich bedaure diese Richtung. Aber — was will man machen?
+Wechsel regiert die Welt, und mit ihm treten neue Anschauungen und
+Erscheinungen zu Tage. Wir — die Gutsherren — haben die gute Zeit
+gehabt, nun wollen auch die Bauern einmal leben!“
+
+„Ah, nun verstehe ich! Deshalb Imgjors Eintreten für ihn! Sie begegnen
+sich in ihren Anschauungen. Jetzt ist mir alles klar. Nun weiß ich, wer
+meinem Werben um sie entgegengeht.“
+
+„Sie interessieren sich für die Komtesse Imgjor, Herr Graf?“
+
+„Ich gestehe es — außerordentlich! Ich habe auch des Grafen und der
+Gräfin Beifall für meine Pläne. Bisher glaubte ich nur gegen Vorurteile
+zu kämpfen. Nun bin ich überzeugt, daß ich in Prestö meinen eigentlichen
+Widersacher zu suchen habe. Gewiß, sie lieben sich!“
+
+„Vielleicht doch _nicht_ —“ betonte der Graf, auf das Gespräch ohne
+Umschweife eingehend. „Daß Imgjor Interesse für ihn besitzt, will mich
+wohl auch bedünken. Aber er für sie? Er war schon als Student verlobt
+und ist es, soviel ich weiß, noch —“
+
+„Ah welch' eine gute Nachricht! Erzählen Sie, ich bitte!“ fiel Axel
+lebhaft ein und zog den alten Herrn über das Dorfgebiet hinaus. —
+
+Am folgenden Tage, nach dem zweiten Frühstück, wußte es Axel so
+einzurichten, daß er mit Lucile im Garten auf- und abwandelte. Der Graf
+hatte wegen seiner Geschäfte auf eins der Vorwerke fahren müssen, die
+Gräfin — eine selten vorkommende Erscheinung — mußte wegen einer
+Migräne das Zimmer hüten.
+
+Lucile war, in Vertretung ihrer Mama, beim Frühstück sehr liebenswürdig
+um Axel bemüht gewesen. Sie besaß ähnliche Eigenschaften wie ihre
+Mutter. Mit Verstand und Geist verband sie große Lebhaftigkeit. Wie sie
+sonst zu beurteilen sei, mußte er erst ergründen.
+
+Es giebt Frauen, die bei aller sonstigen Beweglichkeit eine stolze
+Prüderei hervorkehren, sobald ein Mann eine über das Konventionelle
+hinausgehende Annäherung wagt.
+
+Zu einer engeren Berührung im ersteren Sinne gehört nach ihrer
+Auffassung die Prüfung eines halben Menschenalters, und Artigkeiten, die
+ein Interesse verraten, weisen sie mit einer verletzenden Schroffheit
+zurück.
+
+Der Graf hatte recht: zu diesen schien Lucile zu gehören.
+
+Lucile sprach mit Vorliebe über ihren Aufenthalt in den großen Städten
+und ihren Verkehr mit den Personen der bevorzugten Stände. Es geschah
+das aber in einer Weise, die keinerlei Absichtlichkeit durchschimmern
+ließ; sie behandelte die Dinge als etwas naturgemäß zu ihr gehöriges.
+Aber es ging aus allem hervor, daß sie Umgang und Beziehungen zu solchen
+Personen über alles stellte, daß das Leben in diesen Kreisen mit dem
+Interesse für Toilette, Korsos, Jagden, Pferde und geräuschvolle
+Geselligkeiten ihr Eldorado war. Und dieses Hervorkehren und dieses
+Wertlegen auf Dinge, die Axel als minderwertige ansah, reizte ihn und
+verführte ihn zu starkem Widerspruch.
+
+„Was Sie besonders anzuziehen scheint, Komtesse, stößt mich geradezu ab
+—“ warf er, herabsetzend im Tone, hin.
+
+Und mit einem „So, so! Ja, der Geschmack ist eben ein verschiedener —“
+antwortete sie darauf.
+
+Statt daß Lucile, wie Axel erwartet hatte, ein Erstaunen darüber an den
+Tag legte, daß er, der doch zu diesem Kreise gehörte, einen solchen
+abweichenden Geschmack bekundete, schien sie das hinzunehmen, wie das
+Zwitschern eines Vögelchens, das über ihnen in den Zweigen huschte.
+
+Sie rechnete mit dem, was einmal vorhanden war; sie entwickelte keinen
+Eifer darüber, daß es mit ihren Neigungen nicht übereinstimmte.
+
+Während sie sich eben wieder dem Schloß näherten, in dem sie ein
+Waffenzimmer besichtigen wollten, von dem beim Frühstück die Rede
+gewesen war, sagte er:
+
+„Sie ziehen also wohl jedenfalls die Stadt dem Lande vor. Sie finden
+wahrscheinlich gar keinen Geschmack an dem einförmig-stillen Leben auf
+Rankholm, Komtesse?“
+
+Statt einzutreten — eben hatten sie eine Pforte im Souterrain erreicht,
+durch die man von hinten ins Schloß gelangen konnte — blieb sie stehen,
+richtete den Blick geradeaus und sagte, zunächst durch eine Kopfbewegung
+seinen Worten begegnend:
+
+„Nein, ich bin hier sehr gern. Im Sommer ist mir die Stadt nichts. Aber
+— ich spreche offen — ich finde die Personen hier wenig anziehend. Wäre
+nicht mein Vater —“ Sie hielt inne und während sie die Lippen schloß,
+reckte sie den schlanken Hals rückwärts, wie jemand, der einer starken
+Empfindung Herr zu werden versucht.
+
+Nun wurde Axel aufmerksam.
+
+Scheinbar arglos sprechend, fiel er ein:
+
+„Ja, Ihre Eltern, Ihr Herr Papa, Ihre Frau Mama, die müssen jedermann
+fesseln!“
+
+„Meine Mutter —?“ Lucile zog die Schultern, und in ihren Zügen erschien
+ein eigentümlicher Ausdruck. Doch sprach sie nicht aus, was sie dachte,
+und offenbar empfand sie Reue, daß sie sich so weit vergessen hatte.
+
+Auch suchte sie den von ihr hervorgerufenen Eindruck rasch wieder zu
+verwischen, indem sie sagte:
+
+„Ich wollte betonen, daß ich mit meinem Vater besser hamoniere als mit
+Mama und Imgjor“ — Und plötzlich abschweifend:
+
+„Wie finden Sie Imgjor?“
+
+„Bezaubernd!“
+
+„So —!? Ja, das ist ein Mädchen, um das alle Männer werben. Es
+geschieht, weil sie ihnen nicht einen Finger giebt. Solche strecken
+ganze Scharen zu ihren Füßen.“
+
+Dann schwieg sie. Als sie aber oben in das Waffenzimmer getreten waren
+und sich hier, nach Besichtigung der Gegenstände, noch einmal
+niedergelassen hatten, sagte Lucile Lavard:
+
+„Ich gehe gern hier hinauf, weil meine Vorstellungen rege werden. Ich
+wollte, ich hätte damals leben können, als noch Rankholm der Mittelpunkt
+der vornehmen Welt war, als noch unsere Vorfahren Gesandte,
+Staatsminister und Feldmarschälle waren, als sie die Herrscher Dänemarks
+wochenlang zum Besuch bei sich sahen!“
+
+„Sie sind offenbar sehr ehrgeizig, Komtesse! — Sie sind aus dem alten
+Lavardschen Blut.“
+
+„Ja, ich bin ehrgeizig, Sie haben recht, Graf Dehn! Ich leugne es nicht.
+Ich lege Wert auf meinen Stamm, auf unser Ansehen und unsern Reichtum.
+Ich bin aber —“ hier lächelte Lucile Lavard mit einem liebenswürdig
+anschmiegenden Lächeln — „durchaus nicht so äußerlich, wie Sie glauben
+mögen. Ja, ja, ich hab's schon bemerkt, Herr Graf, daß Sie mich recht
+abfällig beurteilen. — Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ich denke! Ich
+wünsche mich auszusprechen, da ich Sie bereits zu uns zähle: Ich
+überhebe mich über niemanden, das wäre eine Beschränktheit. Gott gab mir
+objektiven Verstand. Aber ich leugne nicht, daß ich, je höher die
+Verfeinerung der Sitten und je vornehmer, sorgloser die
+Lebensverhältnisse sind, um so größeren Geschmack an den Menschen und
+Verhältnissen finde. Das Leben mit den gesellschaftlich Auserwählten ist
+mir Bedürfnis, ich teile durchweg ihre Interessen und Neigungen.
+Freilich unterscheide ich stark. Der Oberflächlichkeit gehe ich
+möglichst aus dem Wege; die Männer, die unthätig nur in den Tag hinein
+leben, verabscheue ich. Finde ich Verstand, Streben, Geist und wahrhaft
+kavaliermäßige Eigenschaften, so suche ich eine Annäherung. Mein Ziel
+ist das Bündnis mit einem Mitglied der höchsten Stände. Eine Lavard hat
+das Recht, ihre Hand nach einer Fürstenkrone auszustrecken. Und wenn ich
+das erreicht habe, so will ich mir Beachtung erwerben durch die Pflege
+der Künste und Wissenschaften, durch Wohlthun, durch die Förderung alles
+dessen, was im wahren Sinne wertvoll und sittlich ist. So denke ich mir
+mein künftiges Leben, dahin geht mein Ehrgeiz.“
+
+Axel hatte ihr aufmerksam zugehört, und so sehr wuchs durch die
+Verminderung seiner Vorurteile ihre Persönlichkeit in seinen Augen, daß
+er sich zu einer eifersüchtigen Regung fortreißen ließ.
+
+„Wahrlich, ich bewundere Sie, Komtesse!“ stieß er heraus. „Aber ich
+empfinde einen starken Schmerz um die, welche mit keiner Krone im Wappen
+zur Welt kamen und deshalb nicht einmal Ihre Fingerspitzen berühren
+dürfen.“
+
+Sie sah ihn an, und ein reizvoll gütiges Lächeln umspielte ihren Mund.
+Dann sagte sie:
+
+„Sie dürfen es, Graf Dehn! Auch dahin wollte ich noch Ihre
+Voraussetzungen berichtigen. Ich bin nicht stolz oder gar hochmütig in
+Ihrem Sinne. Ich hab' etwas Selbstgefühl, weil ich mir bewußt bin, daß
+ich stets vernünftig zu handeln suchte, weil ich Grundsätze habe und dem
+Besseren — wenn auch nur in meiner Weise — ehrlich nachstrebe. Aber
+glauben Sie es mir, ich bin für meine Leute ein guter Kamerad. Ihnen
+will und werde ich es jederzeit sein, wenn Sie mich brauchen können.“
+
+„Ah, welche Musik für mein Ohr, gnädigste Komtesse! So sprach auch Ihre
+Frau Mama.
+
+„Ich danke Ihnen, danke Ihnen von Herzen! Ich bitte Ihre Hand zum
+Zeichen meiner Verehrung berühren zu dürfen!“
+
+Ein stiller, freundlicher Blick traf ihn, während sie gewahrte, worum er
+bat, ein Blick, ähnlich wie der, welcher in den Augen ihrer Mutter
+bisweilen erschien. Voll Nachdenken über diese Frauen, die sich so offen
+gaben und in denen allen sich doch etwas Rätselhaftes verbarg, stieg
+Graf Axel an der Seite Luciles wieder in die unteren Räume hinab. —
+
+Nach dem Frühstück am folgenden Tage wurde über eine, einem geplanten
+größeren Fest noch vorherzugehende, kleine Abendfête beraten.
+
+Man wollte Lucile nach ihrer langen Abwesenheit Gelegenheit geben, mit
+den gesellschaftsfähigen Personen in Kneedeholm und einigen der höheren
+Gutsangestellten ein Wiedersehen zu feiern. Ueber das Erscheinen der
+letzteren, des Pastors Nielsen und des Apothekers war man sich einig.
+Die Hinzuziehung des Doktor Prestö stieß auf Schwierigkeiten.
+
+„Wenn's nicht Graf Knut gewesen, würde ich mich in diesen Ersatz für
+unsern alten, vortrefflichen Doktor Kröde nicht so willig gefügt haben
+—“ warf die Gräfin hin.
+
+„Der Prestö ist mir eigentlich sehr unsympathisch, er besitzt gar keine
+Lebensart, und sollte ich krank werden, würde mich sein Kommen eher
+beschweren, als erleichtern!“
+
+„Ja, Manieren hat er wenig, oder eigentlich keine —“ bestätigte der
+Graf. „Er ist ein selbstbewußter Herr, und, wie der Gutsförster schon
+neulich behauptete, sicherlich ein fanatischer Bauernfreund. Gestern
+erhielt ich auch wieder eine Probe von seiner alles bekrittelnden Art.
+Als ich beim alten Peder Ohlsen vorsprach, fand ich ihn dort mit der
+kleinen Sine beschäftigt, und als ich ihn fragte, was ihr fehle, zuckte
+er, ohne mich überhaupt zu begrüßen, die Achseln und sagte: „Sie hat
+sich den Magen mit Obst vollgepfropft, und statt ihr einen Finger in den
+Hals zu stecken, schickt man nach dem Arzt, als ob's ans Sterben ginge!“
+Und auf eine vermittelnde Aeußerung von meiner Seite, die nämlich, daß
+der Laie doch den Zustand des Patienten nicht beurteilen könne,
+entgegnete er in seiner belehrenden Art: „Ja, man sollte die Bauern zu
+selbständigem Denken erziehen. Statt dessen wird womöglich ihre Dummheit
+noch gefördert. Der Schulmeister hier im Dorfe macht tiefe Katzenbuckel
+vor der Gutsherrschaft, er ist nichts anderes als ein Streber, der
+längst hätte wieder zurückgeschickt werden müssen.“
+
+Graf Axel hatte während dieser Erörterung absichtlich seine Blicke auf
+Imgjor gerichtet. Schon bei ihrer Mutter Einwände war ein Ausdruck der
+Auflehnung in ihre Züge getreten. Axel sah's an ihren Mienen. Nun hielt
+sie's nicht mehr. Indem sie das Buch, auf das sie trotz des Gespräches
+ihre Augen geheftet, in den Schoß gleiten ließ, fiel sie mit deutlicher
+Gereiztheit im Tone ein:
+
+„Der Doktor Prestö hat doch ganz recht, Papa. Markholm ist ein
+widerwärtiger Augendiener und ein Schulmeister zum Erbarmen. Nichts,
+nichts weiß die Jugend. Und daß man einen Arzt um jeden Quark bemüht,
+ist doch in der That ein Mangel an praktischer Schulung. Prestö ist eine
+tüchtige, energische Natur mit vielen neuen, wahrhaft reformierenden
+Ideen.“
+
+„Ja, ja — reformierende Ideen! Das ist das glückselige Schlagwort, das
+einst nicht nur die Gutshäuser, sondern auch die Hütten der Bauern
+zertrümmern wird!“ fiel Lucile erregt ein. „Solche Menschen, wie dieser
+Doktor einer zu sein scheint, sind ein wahres Unglück. Sie wollen alles
+verbessern. Sie müssen des Schöpfers Weisheit, die auf eine besonnene,
+nicht überstürzende Entwickelung aller Dinge im Natur- und Menschenleben
+hinausgeht, übertrumpfen. Im Grunde aber lauert hinter diesen
+Weltverbesserern nichts anderes als die ewig sich wiederholende
+Unzufriedenheit des Subjekts mit seinem Schicksal oder eine grenzenlose
+Eitelkeit. Nicht die Sache — einige unpraktische Schwärmer abgerechnet —
+leitet sie, sondern ihre Person. Innerster Ingrimm darüber, daß sie in
+den Thälern marschieren müssen, statt auf den Gipfeln zu stehen, wo
+ihnen das Schicksal nun einmal keinen Platz eingeräumt, ist das Motiv
+ihrer Handlungen. Ging's Jahre und Jahre so und in Frieden, wird's auch
+mit allmählichen, aus den Erfordernissen herauswachsenden Umgestaltungen
+so gehen, ohne daß der Herr Doktor den Bauern, dem Lehrer und Papa
+schulmeisterliche Unterweisungen erteilt.“
+
+Imgjors Augen sprühten, während Lucile sprach.
+
+Ihre weißen Hände fieberten, sie ballten sich in ihrem Schoß, und sie
+konnte es nicht erwarten, ihrer Schwester zu antworten.
+
+Aber statt ihrer wußte die Gräfin, die Lucile durch ihre Mienen bereits
+zugestimmt hatte, rasch das Wort zu nehmen.
+
+„Ja, ich teile vollkommen deine Ansicht, Lucile. Und ich glaube, wir
+alle! Was meinen Sie, Graf Dehn? Wie finden Sie unsern neuen Aeskulap?“
+
+„Ich beurteile ihn milder, nachdem ich näheres über ihn durch den Grafen
+Knut vernahm. Aber ich muß — ich gestehe es — meiner Objektivität stark
+aufhelfen. Wenn ich meinen Geschmack sprechen lasse, sage ich: Dieser
+junge Mann besitzt weder äußere noch innere Erziehung. Er sollte erst
+einmal bei sich beginnen, bevor er über andere schulmeisternd urteilt
+oder gar gegen ältere Leute den Präceptor spielt.
+
+Vielleicht wird seine künftige Frau — ich höre vom Grafen Knut, daß er
+mit einer Kopenhagenerin verlobt ist — vorteilhaft auf ihn einwirken,
+sie und der Einfluß so verstandesreicher und humaner Personen, wie dies
+Schloß sie birgt.“
+
+Graf Dehn richtete nach diesen Worten einen gespannten Blick auf Imgjor.
+Er wünschte den Eindruck seiner letzten Rede auf sie zu beobachten. In
+der That schien sie etwas beunruhigt, aber es war offenbar nicht
+Enttäuschung, die ihre Wangen verfärbte, sondern etwas anderes, das sie
+trieb, sich zu entfernen.
+
+Sie fingierte einen sie plötzlich überfallenden Hustenanfall, stand auf,
+drückte die Hand auf die arbeitende Brust und verließ, als ob sie die
+Anwesenden von der lästigen Störung befreien wolle, das Zimmer.
+
+Aber eben die Zweifel über das, was in Imgjor vorging, veranlaßte Axel
+für des Doktors Erscheinen an dem geplanten Besuchsabend einzutreten. Es
+lag ihm daran, Prestö und Imgjor noch einmal beisammen zu beobachten, um
+daraus seine Schlüsse zu ziehen und darnach seine künftige
+Handlungsweise einzurichten.
+
+Er betonte der Gräfin gegenüber, daß eine Umgehung des Doktors bei einer
+Gelegenheit, wo alle übrigen eingeladen würden, eine allzu stark
+hervortretende Zurücksetzung an sich trage. Wenn Prestö auch zur Kritik
+stark herausfordere, so habe er sich doch gegen die Familie bisher
+eigentlich nichts zu Schulden kommen lassen. Er wage deshalb zu bitten,
+daß man ihn hinzuziehe.
+
+„Ihr Wunsch entscheidet, lieber Graf!“ erklärte Graf Lavard verbindlich,
+und die beiden Damen neigten nicht weniger bereitwillig den Kopf, nun,
+da es sich um die Bitte des Gastes handelte.
+
+Als Axel eine Stunde vor dem Diner sein Zimmer betrat, um Toilette zu
+machen, fand er auf seinem Schreibtisch eine Karte von Prestö, erfuhr
+aber durch seine an Frederik gerichtete Frage, daß niemand den Doktor im
+Schloß gesehen habe.
+
+„Er wird hinten durchs Haus eingetreten sein, Frederik —“
+
+Der Angeredete schüttelte den Kopf.
+
+„Es kann keiner unbemerkt eintreten. Ich war fortwährend unten
+beschäftigt, und oben hat Christian heute den Dienst.“
+
+„Es liegt mir daran, zu wissen, wann der Doktor hier war. Vielleicht
+weiß der Portier auf dem Schloßhof von des Doktors Hiersein. Bitte,
+fragen Sie ihn und Christian! Es liegt mir daran —“
+
+Aber Frederik kehrte mit dem Bescheide zurück, daß Doktor Prestö während
+des Tages Rankholm nicht besucht habe. Es mußte also jemand im Schloß
+die Karte in des Grafen Zimmer gelegt haben, und es mußte während des
+Reitausfluges geschehen sein, den Axel mit dem Grafen zwischen dem
+zweiten Frühstück und dieser Stunde unternommen hatte. Vor Verlassen des
+Schlosses war Axel noch in seinen Räumen gewesen und hatte keine Karte
+gefunden.
+
+Nachdem Axel den Kammerdiener entlassen und zur Vermeidung falscher
+Auffassungen noch vorher hingeworfen hatte, daß es sich nur um eine
+kleine, lustige Wette handle, und daß er nur deshalb nachgefragt habe,
+kam ihm bei fernerem Grübeln über diesen Fall plötzlich die Idee, daß —
+Imgjor in seinem Zimmer gewesen, daß sie die Ueberbringerin der Karte
+war.
+
+Man hatte Prestö Mangel an Lebensart vorgeworfen, man hatte ihn
+überhaupt aufs schärfste verurteilt, und er, Axel, war der einzige
+gewesen, der ihm das Wort geredet. So war die nachträgliche
+Aufmerksamkeit vielleicht der Dank, und Imgjor, die sich schon einmal
+als Prestös Verteidigerin aufgeworfen, hatte dem Doktor möglicherweise
+einen Wink gegeben.
+
+Und wenn Axel in solcher Annahme das rechte traf, so waren diese beiden
+Menschen also im stillen mit einander einig. Freundschaft macht
+erfinderisch, wie Not.
+
+Als Axel den Weg in den Speisesaal nahm, war er überzeugt, daß sich die
+Dinge so verhielten, und er beschloß, nicht zu ruhen, bis er über Imgjor
+und Prestö völlige Klarheit gewonnen. —
+
+Indessen fand er bei Tisch keine Gelegenheit, Imgjor zu beobachten.
+Lucile erklärte kurz vor dem Niedersitzen, daß ihre Schwester nicht
+erscheinen werde. Sie sei bei ihr im Zimmer gewesen, und Imgjor habe
+erklärt, daß sie sich unwohl fühle und bis zum Abend das Bett hüten
+müsse. Es sei nichts Erhebliches, sie wünsche nur zu ruhen und habe
+keinen Appetit.
+
+Da man Axel bereits so sehr zu der Familie rechnete, daß in seiner
+Gegenwart alles Vorkommende besprochen wurde, so nahmen der Graf, die
+Gräfin und Lucile auch heute keinen Anstand, sich über Imgjor zu äußern.
+
+„Sie wird immer unzugänglicher und geht immer mehr ihren Kapricen nach
+—“ warf die Gräfin hin. „Du müßtest einmal energisch mit ihr reden,
+Lavard! Sie sollte sich doch wenigstens anders verhalten, wenn wir Gäste
+haben.“
+
+Der Graf nickte.
+
+„Wenn sie nicht zugleich ein solcher Engel für die Kranken und Armen auf
+der Herrschaft wäre, hätte ich ihr schon ihre fortwährenden
+Entfernungen verboten. Das ist's ja! Man kann ihr eigentlich keinen
+anderen Vorwurf machen, als daß sie sich für sich hält und ihren
+besonderen Neigungen nachgeht.“
+
+„Es schickt sich doch wirklich nicht, daß sie fortwährend
+umherflankiert, mit den Bauern und oft mit den Knechten verkehrt.
+Gestern wurde sie, wie ich weiß, im Dorfwirtshaus gesehen, wo sie ihre
+bauernfreundlichen Ansichten zum Besten gegeben hat,“ fiel Lucile ein.
+
+„Wer hat dir das mitgeteilt?“ rief der Graf nunmehr in erheblicher
+Erregung.
+
+„Vom Gutsförster von Kilde hörte ich es, Papa.“
+
+„Da siehst du's, Lavard! Es geht wirklich nicht mehr. Sie rührt uns das
+ohnehin aufsässige Bauernvolk noch mehr auf. Und der Doktor agitiert
+auch schon seit seiner Niederlassung im Dorf. Du weißt doch, daß Pastor
+Nielsen ganz außer sich darüber ist, welche Ideen er vor den Bauern
+entwickelt. Greife ein! Sprich morgen mit dem Doktor und stelle ihm die
+Wahl, sich solcher Dinge streng zu enthalten oder seinen Stab wieder in
+die Hand zu nehmen!“
+
+Graf Lavard nickte.
+
+„Ja, es soll geschehen. Nur morgen geht's nicht. Er ist unser Gast; da
+wäre es unzart, ihm grade Vorhaltungen zu machen.“
+
+„Und Imgjor?“ fiel Lucile ein.
+
+„Willst du ihr nicht auch gebieten, daß sie ihre Besuche in den
+Wirtshäusern einstellt? Nächstens erscheint das Bauernvolk auf dem
+Schloßhof und stellt dir Forderungen, und wenn du sie nicht erfüllst,
+stecken sie uns das Dach über dem Kopfe an!“
+
+„Na, na — Ihr seht allzu schwarz! Ich bewege mich doch auch unter ihnen
+— ich kenne sie —“
+
+„Es mag sein, Lavard! Aber daß hier vom Schloß aus durch unsere eigene
+Tochter die neuen Ideen gefördert werden, daß sie indirekt gegen ihre
+eigene Familie zum Widerstand aufreizt, geht doch wahrlich nicht mehr —“
+
+„Ich bin derselben Ansicht, Papa, und willst du gründlich vorgehen, so
+schicke Imgjor einmal fort. Und bevor sie zurückkehrt, gieb dem Monsieur
+Prestö auch den Laufpaß!“
+
+„Warum so lange warten, Lucile?“ fiel die Gräfin ein. „Will er sich
+nicht fügen, mag er auch gehen, gleich —“
+
+Lucile zog die Lippen. — Sie zögerte noch eine Weile, dann sagte sie und
+warf zugleich einen stillen Blick auf Axel:
+
+„Ich riet nicht ohne Absicht so, wie ich riet, liebe Mama. Denn wisset,
+beide, alle: Seit der Scene gestern habe ich die feste Ueberzeugung, daß
+Imgjor völlig unter dem Einfluß Prestös steht. Als ich vorher mit ihr
+sprach und auf sie einredete, Graf Dehns halber sie ermahnte, sich mehr
+zu Hause zu halten, liebenswürdiger, entgegenkommender sich zu geben und
+den ganzen, sich nicht für sie schickenden Verkehr drunten aufzugeben,
+entwickelte sie geradezu erstaunliche Ansichten. Wir gerieten aufs
+heftigste aneinander. Sie warf mir Beschränktheit, Hochmut und
+lächerlichen Adelsstolz vor. — Die Zeiten seien vorüber, wo man sich so
+geben dürfe wie ich. Sie, Imgjor, würde, wenn es an ihr läge, den Adel
+abthun, das Schloß verlassen und sich ganz den armen, geknechteten
+Bauern widmen. Es müßte in ganz Dänemark von Männern und Frauen der
+besseren Stände das Veredelungs- und Samariterwerk für die niedere
+Klasse, für die Armen und Elenden, ins Werk gesetzt werden. Zu diesem
+Zwecke sei das Land in Distrikte einzuteilen, und in diesen habe dann
+die Wirksamkeit der Brüder und Schwestern des neuen Vereins zu beginnen.
+Volksprediger sollten Vorträge halten, um Menschenliebe,
+Pflichterfüllung und ein von allem ceremoniellen Beiwerk befreites
+Christentum zu predigen. Der Arbeitslosigkeit, Not und Krankheit solle
+Einhalt gethan werden, es sei durch Errichtung von öffentlichen
+Versorgungs- und Krankenanstalten in jedem Ort, sowie durch öffentliche
+Speisehäuser überall den Armen zu helfen und damit den Forderungen der
+Neuzeit gerecht zu werden.“
+
+„Wie? Mit solchen Dingen beschäftigt sie sich? Das alles hat sie dir
+erklärt?“ fielen beide Lavards ein, und auch Axel erhob mit nicht
+geringerem Erstaunen das Haupt.
+
+„Ja, das und noch anderes! Man könnte einen gelehrten Vortrag daraus
+machen.“
+
+Nachdem Lucile geendigt hatte, verharrten die Anwesenden zunächst in
+Schweigen. Was sie gehört hatten, beschäftigte sie ausschließlich.
+
+„Ach ja, nun verstehe ich auch vieles —“ nahm sinnend die Gräfin wieder
+das Wort. „Wahrhaftig es ist höchste Zeit zum Einschreiten,“ fuhr sie,
+gegen ihren Mann gewendet, fort, — „wenn wir nicht einen großen Affront
+erleben sollen. Du mußt deine Rechte üben und noch im Beginn durch
+geeignete Mittel zu mildern oder auszumerzen suchen, was sich in ihr für
+sie selbst Verderbliches festgesetzt hat. — Was sagen Sie, Graf Dehn,
+was sagen Sie? Hätten Sie das gedacht, das in Imgjor gesucht?“
+
+Axel bewegte die Schultern und sagte: „Was die Komtesse will, ehrt sie
+und hebt sie in meinen Augen! Aber allerdings glaube ich auch, daß sie
+starke Enttäuschungen erleben und sehr unglücklich werden wird, wenn's
+keine Mittel giebt, ihr schönes Menschentum auf ein richtiges Maß
+herabzumindern.“
+
+Er wollte noch mehr sprechen, aber nun öffnete eben Frederik, den die
+Gräfin beim Beginn der Unterredung für eine Zeit lang abgewinkt hatte,
+von neuem die Thür und brachte, von Christian und einem anderen Lakaien
+gefolgt, die dampfenden Schüsseln des nun folgenden Ganges.
+
+Er hob die silbernen Deckel ab, und ein auf portugiesische Art
+bereiteter, gebratener Fisch aus dem Teiche des Gutsgebiets mit einer
+dazu gehörenden duftenden Sauce verbreitete einen so köstlichen Hauch,
+daß die Sinne für diesen Leckerbissen das Interesse für Imgjors
+Umgestaltungsideen vorläufig verschlangen.
+
+ * * * * *
+
+Als Graf Dehn am folgenden Vormittag zwischen dem ersten und zweiten
+Frühstück von einem Spaziergang aus dem Park heimkehrte, hörte er in der
+Gegend des Schlosses ein lautes Wimmern und bemerkte, als er
+nachforschte, Hektor, den Hund von Imgjor, mit mühsam hinkenden
+Bewegungen dem hinteren Eingang zustreben.
+
+Aber bevor der Hund noch die Thür erreicht hatte, verließen ihn die
+Kräfte; er blieb, vor Schmerzen wimmernd, liegen und erfüllte mit seinen
+Wehlauten die Luft.
+
+Rasch eilte Graf Dehn herbei, spähte nach, was dem armen Geschöpf fehlte
+und sah, daß nicht nur die eine Pfote gebrochen, sondern daß dem Tier
+auch noch das eine Auge derart verletzt war, daß nur noch eine blutige
+Höhlung unter der Stirn klaffte.
+
+Und während Graf Dehn noch sorgend um das Tier bemüht war, erschien,
+durch die Klagetöne von oben herbeigelockt, Komtesse Imgjor, erkannte,
+nach einem Graf Dehn gespendeten, flüchtig höflichen Gruß, was
+vorgefallen war, und erging sich, ihren Liebling liebevoll streichelnd
+und tröstend, in aufgeregten Worten über das Geschehene. Aber sie nickte
+auch erkenntlich, als Dehn sich bereit erklärte, Wasser, Schwamm und
+Leinewand herbeizuholen, und hob, nachdem dies herbeigeschafft und das
+Tier verbunden war, solches zur Bettung im Schloß auf ihre eigenen Arme.
+
+„Bitte, begleiten Sie mich und öffnen Sie mir die Thüren!“ bat sie. „Ich
+will ihn in mein eigenes Zimmer bringen, ihn dort selbst pflegen,“ fügte
+sie, sich zu dem ihr dankbar die Hand leckenden Hunde liebevoll
+herabbeugend, hinzu.
+
+Imgjors Gemächer befanden sich in der ersten Etage in einem Vorbau, der
+in Form eines Turmes die linke, äußerste Zwischenecke des Schlosses
+flankierte. Man konnte sie vom Hofe aus, aber auch von demselben
+Korridor erreichen, in dem sich Graf Dehns Zimmer befanden.
+
+Unmittelbar neben dem Eingang zu seinen Gemächern führte eine Treppe
+zunächst zu einem halbrunden Flur empor, und auf diesen mündete die vom
+Hofe emporstrebende Wendeltreppe.
+
+Graf Dehn hatte lange schon das lebhaftere Verlangen gespürt, einmal
+einen Blick in die Räume zu werfen, in denen das seine Gedanken und
+seine Sinne so ausschließlich beschäftigende junge Mädchen wohnte. Nun
+sollte ihm das werden, und mit einer gewissen Hast folgte er Imgjor und
+ihrer Bürde.
+
+Sie ging aber nicht ins Schloß, sondern wählte den Weg, der über den Hof
+und von dort hinauf zu ihrer Wohnung führte.
+
+„Bitte, hier!“ unterwies sie Axel, als sie oben angekommen waren, und
+zeigte auf einen verborgenen Winkel, in dem an einem verdeckt
+angebrachten Haken ein Schlüssel hing.
+
+Und Graf Dehn beeilte sich, ihrem Befehl zu entsprechen. Er öffnete das
+Gemach.
+
+Es war aber erst ein einen Blick auf den inneren Schloßhof gewährendes
+Vorzimmer mit Tapetenthüren und altmodischen Möbeln.
+
+Die eigentlichen beiden Wohnstuben befanden sich nach der Parkseite.
+Graf Dehn war völlig benommen von der reizvollen Eigenart des ersten
+Gemaches, das Imgjor als ihr Wohnzimmer bezeichnete.
+
+Ein großer Tisch, bedeckt mit Büchern und allerlei kostbaren
+Gebrauchsgegenständen, stand in der Mitte. Ihn umgaben eine Anzahl
+kleiner Sofas, die mit rosenroten, blumendurchwirkten Seidenstoffen
+bezogen waren, und ebensolche Divans standen zwischen den das Zimmer
+füllenden schneeweiß und goldfarbigen Rokokomöbeln.
+
+Auch eine reiche Bibliothek in kostbaren Einbänden befand sich in der
+einen Wandseite, und sie ward halb beschützt von einem weißseidenen
+Vorhang. Blumen und Vogelkäfige standen in den tiefen Fenstern, und
+prachtvolle, rosaseidene Gardinen fielen, um besser Licht zu lassen,
+ungerafft von oben bis auf den Fußboden herab.
+
+„Wie feenhaft wohnen Sie hier, Komtesse!“ nahm Graf Dehn das Wort,
+nachdem Imgjor das Tier nebenan in ihrem Schlafgemach gebettet hatte und
+nun, rasch zurückkehrend, ihm wieder gegenüberstand.
+
+„Ja, viel zu schön! — Wer hat ein Recht, derartig sich einzurichten,
+wenn in der Welt so viele arme Geschöpfe darben —“ entgegnen sie herb im
+Ton. „Ich lerne den Luxus immer mehr hassen. Wäre nicht der die Seele
+belebende, schöne Ausblick, könnte ich nicht in mein geliebtes Thal und
+ins Dorf hinabschauen, wäre ich schon ausgezogen und hätte mir Räume
+gesucht, die mich an Einfachheit und Entsagung gewöhnen —“ Und dann kurz
+abbrechend, nachdem sie ihm nochmals ihren Dank wiederholt hatte, sagte
+sie: „Sie können gleich rechts die Treppe hinuntergehen, um Ihre Zimmer
+zu erreichen. Wir sind sozusagen Nachbarn, das heißt Nachbarn von oben
+und unten —“
+
+Hierauf neigte sie mit gewohnter, kaum gemilderter Ausdruckslosigkeit
+den Kopf und begab sich — Axel hörte es, während er die Thür hinter sich
+schloß — eilends wieder zu dem kranken Tiere in ihr Schlafgemach.
+
+Aber diese Sicherheit, nicht beobachtet zu werden, veranlaßte Graf Dehn,
+nicht so gleich das Vorzimmer zu verlassen, sondern sich noch einen
+Augenblick darin umzuschauen, ja, sogar die Klinke einer der beiden
+Tapetenthüren zu berühren.
+
+Da nach seiner Berechnung die Wände des Gemachs zugleich die Außenmauern
+des Turms bilden mußten, war er sehr neugierig, zu erfahren, wohin die
+Eingänge führten.
+
+Zu seiner Ueberraschung gab das von ihm geprüfte Schloß nach, und vor
+ihm lag eine dunkle Treppe.
+
+Das beschäftigte ihn dermaßen, daß er, — unten in seinen Gemächern
+angelangt, — alle Wände untersuchte. Aber er fand nichts. Wahrscheinlich
+führte diese in die dicke Mauer eingelassene, geheime Treppe in den
+Garten hinab, und auffallend war's nur, daß die Thür unverschlossen war,
+daß sie also noch gebraucht wurde. —
+
+Daß übrigens Imgjor ihre Stellung zu Axel nicht verändern wollte, zeigte
+sich schon an demselben Tage sowohl bei Tisch, wie beim Abendessen. Sie
+begegnete Graf Dehn, trotz dieses sie enger verknüpfenden Vorfalles,
+mit derselben kühlen Gemessenheit wie bisher, und als von dem Hunde die
+Rede war, erwähnte sie seiner Hilfeleistung mit keiner Silbe.
+
+Die beiden folgenden Tage boten wiederum allerlei Abwechslungen, durch
+die Graf Dehns Gedanken vorübergehend von Imgjor abgelenkt wurden.
+
+Er machte mit dem Grafen, der Gräfin und Lucile und mit diesen allein,
+da Imgjor heftige Migräne vorschützte, eine Wagenpartie nach einem der
+umliegenden Güter, wohin die Herrschaften schon zum Frühstück geladen
+waren, und am folgenden Tage fuhr er mit dem Grafen Knut und dem Herrn
+des Hauses in das zwei Meilen entlegene Städtchen Oerebye, woselbst sie
+an einem Diner bei einem Herrn von Kjärholm teilnehmen sollten.
+
+Am letzten Abend vor der angesetzten Gesellschaft hatten sich der Graf,
+Lucile und Imgjor früher zurückgezogen. Graf Lavard fühlte sich durch
+eine Erkältung beschwert, und Lucile und Imgjor hatten sich, über starke
+Müdigkeit klagend, schon bald nach Aufhebung der Tafel in ihre Gemächer
+begeben.
+
+Nur Graf Dehn blieb, durch eine Partie Schach gefesselt, neben der
+Gräfin sitzen.
+
+Sie sei noch durchaus nicht schläfrig, sie bitte, ihr Gesellschaft zu
+leisten, hatte sie erklärt.
+
+Nachdem Graf Dehn als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen war, lehnte
+sie sich zurück, sah ihn mit dem ihr eigenen forschenden Blick an und
+warf plötzlich unvermittelt hin:
+
+„Nun, wie sieht's, Graf Dehn? Wer gefällt Ihnen besser, Lucile oder
+Imgjor? Nicht wahr, Lucile ist ungewöhnlich schön?“
+
+Graf Dehn bejahte stumm, dann sagte er:
+
+„Um die Komtesse Lucile zu werben, würde, selbst wenn man meinen möchte,
+ohne sie nicht leben zu können, zwecklos sein. Sie wird niemals einen
+Mann meiner Art heiraten.“
+
+Die Gräfin schärfte erst das Auge in einer Art, als ob sie in des
+Sprechers Inneres dringen wolle. Dann sagte sie stark betonend:
+
+„Ist Ihrer Antwort zu entnehmen, daß Ihnen auch Lucile gefährlich werden
+könnte?“
+
+„Ich kann nur jüngst Gesagtes wiederholen, Frau Gräfin. Ich liebe
+Komtesse Imgjor leidenschaftlich. Noch will ich einige Zeit prüfen, ich
+will nicht so leichten Kaufes meine Wünsche begraben. Ist's aber
+entschieden, werde ich Rankholm verlassen. Ich würde mich innerlich
+verzehren, sollte ich ferner aussichtslos neben ihr hergehen.“
+
+„Seltsam!“ stieß die Gräfin heraus. „Was die Männer haben können, das
+verschmähen sie. Nur das Unerreichbare hat Reize für sie —“
+
+„Sie meinen —?“ setzte Graf Dehn an; — stockte aber, weil er der Gräfin
+Auge begegnete.
+
+Sie sah ihn mit einem Blick an, der ihn befangen machte, und der
+Widerschein seiner Verwirrung spiegelte sich in seinen Mienen. „Ah — Sie
+Kind — Sie gutes Kind!“ warf sie überlegen, aber nicht ungütig hin.
+
+Doch gab sie sich unmittelbar darauf wieder mit der sonstigen Geradheit
+ihres Wesens.
+
+„Lucile will hoch hinaus, gewiß! Aber sie wird doch nie einen Mann
+heiraten, den sie nicht liebt“ — fügte sie, an Axels vordem hingeworfene
+Aeußerungen anknüpfend, hinzu. — „Und deshalb glaube ich auch, daß sie
+ihre unfruchtbaren Pläne aufgeben und sicher einen anderen ehrenwerten
+Mann aus einem weniger bevorzugten Stande heiraten würde.
+
+Daß Lucile sich für Sie interessiert, weiß ich. Aber Sie — Sie —
+empfinden nichts für sie —?“
+
+Nun erschien ein überaus forschender Ausdruck in ihren Zügen.
+
+„Ja, Frau Gräfin —“ entgegnete Graf Dehn halb ernst, halb leicht im Ton,
+um dem Gespräch einen möglichst unbefangenen Charakter zu verleihen —
+„ich müßte ein Stein sein, wenn ich nicht ein so vollendetes, junges
+Mädchen, wenn ich nicht jede Tochter einer Gräfin Lavard anbetete. Aber
+es steigt ein Wunsch nach ihrem Besitz nicht auf, weil mich, ich
+wiederhole es, Komtesse Imgjor ganz gefangen nimmt. Komtesse Lucile hat
+mir überdies rückhaltlos erklärt, sie werde nur einem Manne die Hand
+reichen, der eine Fürstenkrone im Wappen führt.“
+
+„Haben meine Töchter —“ stieß die Gräfin, die nachdenklich zugehört,
+stark betonend heraus, „Ihnen gegenüber ein Urteil über mich gefällt?“
+
+Graf Dehn sah befremdet empor.
+
+„Ich bitte, sprechen Sie, Graf Dehn! Ich bin Ihnen für ein offenes Wort
+dankbar. — Ich werde dann auch reden, nicht heute, aber ein andermal —“
+
+„Da Sie mich fragen — ja, Frau Gräfin! Es scheint mir bei aller
+Verehrung eine kleine Einschränkung vorhanden zu sein. Ich habe schon
+darüber gegrübelt, wie es möglich ist, Sie nicht schwärmerisch zu lieben
+—“
+
+Die Gräfin sah eine Weile still vor sich hin. Dann sagte sie mit einem
+Seufzer:
+
+„Glücklich der, welcher im Familienleben das findet, was er erwartet.
+Wenige sind ganz glücklich! Würden die Eheakten einmal hervorgeholt,
+statt der Vergessenheit übergeben zu werden, würde man erstaunen, wie
+oft Frauen gelitten haben, wie groß ihre Seelen waren!“
+
+Graf Dehn richtete einen gespannten Blick auf die Gräfin, die durch
+diese Worte die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses vorbereitete.
+
+Aber heute vernahm er nichts mehr. Mit einem sanften gütigen Ausdruck
+bot sie ihm zum Abschied die Hand und begab sich, ihm noch einmal
+freundlich zunickend, in ihre Gemächer. —
+
+ * * * * *
+
+Als sich Graf Dehn am folgenden Vormittag nach Imgjor erkundigte, wurde
+ihm von Frederik gesagt, daß sie schon früh und zwar, wie er zu hören
+geglaubt habe, nach dem Mönkegjorer Gehölz fortgeritten sei.
+
+Das veranlaßte Axel, sich ebenfalls ein Reitpferd zu bestellen und, des
+Weges kundig, dieselbe Richtung einzuklagen. Dem schönen Mädchen
+möglichst oft zu begegnen, sie durch einen häufigen Verkehr allmählich
+von ihren Vorurteilen zu heilen, endlich ihre Freundschaft zu gewinnen,
+lag in seinem Plan.
+
+Zwar hatte die Gräfin geäußert, daß man sie gehen lassen müsse, sie
+komme dann zuletzt ganz von selbst; aber er wollte es doch auf seine
+Weise versuchen. Wie konnte er warten, bis sie ihm auch nur einige
+Beachtung schenkte!
+
+An dem heutigen Morgen beherrschte ihn zudem die Vorstellung, daß sie
+nicht nur fortgeritten sei, um sich eine Abwechslung zu verschaffen,
+sondern daß sie irgend etwas vorhabe, das sie zu verbergen wünschte.
+Vielleicht hing es mit dem Doktor Prestö zusammen. —
+
+Er hielt auch, als er zunächst durch das Dorf trabte, einen Augenblick
+vor des Arztes Hause still, um sich unter irgend einem Vorwande nach
+Prestö zu erkundigen.
+
+Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er abwesend sein werde.
+
+Anfänglich war sein Rufen vergeblich. Es erschien niemand, und schon
+wollte er sich zum Absteigen bequemen.
+
+Dann aber öffnete Prestös Wirtschafterin, eine einfache, alte Frau aus
+einem der umliegenden Dörfer, die Hausthür und gab auf Graf Dehns Frage
+Antwort.
+
+„Der Doktor sei vor reichlich einer halben Stunde nach Oerebye geritten.
+Er kehre wahrscheinlich erst gegen den Spätnachmittag zurück,“ erklärte
+sie.
+
+„Nach Oerebye? Besitzt der Herr Doktor dort auch Praxis?“
+
+„Nein — das nicht. Ich hab' etwas von einer Bauernversammlung gehört,
+wo er dabei sein will. Ich weiß es aber nicht genau. Kann ich etwas
+bestellen?“
+
+„Nein, ich danke! Es liegt nichts Besonderes vor. Sie brauchen nicht
+einmal zu sagen, daß ich mich nach ihm erkundigt habe.“
+
+Hierauf nickte die Alte zustimmend, und Graf Dehn setzte seinem Tier
+wieder die Sporen in die Weichen.
+
+Oerebye und der große Forst Mönkegjor lagen in derselben Wegrichtung.
+
+Nachdem Graf Dehn diesen, scharf trabend, nach Verlauf einer halben
+Stunde erreicht hatte, durcheilte er ihn von einem Ende zum anderen,
+hielt auch auf einem mitten im Gehölz auf einer Anhöhe befindlichen
+Pavillon an und sah sich hier nach Imgjor um. Aber es war nichts von ihr
+zu bemerken, und er nahm daher, rasch entschlossen, die Richtung nach
+Oerebye.
+
+Freilich konnte er, wenn er seinen Ritt soweit ausdehnte, nicht zum
+Frühstück in Rankholm zurück sein. Aber das ungeduldige Verlangen,
+festzustellen, ob wirklich Imgjor und der Doktor beisammen seien, ließ
+das in ihm aufsteigende Bedenken, ohne Entschuldigung fortzubleiben,
+rasch zurückdrängen.
+
+Unterwegs, während er dahin galoppierte, bestürmten ihn seine Gedanken.
+
+War's nicht im Grunde eine Thorheit, sich auf ein Mädchen zu
+kaprizieren, das ihm so entschieden auswich?
+
+Und war's, wenn er wirklich ihre Zuneigung gewann, wünschens- und
+lohnenswert, ein weibliches Wesen solcher Art an sich zu fesseln? Er
+hatte sich eine ganz andere Vorstellung von der jungen Dame gemacht, von
+welcher ihm sein Vater gesprochen.
+
+Er hatte ein mit Schönheit: Sanftmut und Liebenswürdigkeit verbindendes
+junges Mädchen zu finden erwartet und sah sich einer fanatischen
+Vertreterin der neuen Ideen gegenüber.
+
+Und dann redeten doch wieder andere Stimmen, und sie flüsterten ihm zu,
+daß Nummern überall zu finden seien, daß er es hier mit einem
+charakterstarken und trotz aller Schroffheit warm fühlenden,
+edeldenkenden Wesen zu thun habe. Von einem solchen bevorzugt, gar
+auserwählt zu werden, erschien ihm des Ringens wert.
+
+Und diese Vorstellung gab dann seinen Gedanken wieder eine andere
+Richtung.
+
+In Oerebye angelangt, hielt Graf Dehn vor demselben Gasthofe, in dem er
+kurz vorher mit Imgjors Vater und dem Grafen Knut eingekehrt war, und
+schon während des Eintritts in die gemütlichen Vorräume des Gebäudes
+warf er die Frage hin, ob jemand aus Schloß Rankholm anwesend sei.
+
+Der sorgfältig rasierte, höfliche Oberkellner nickte bejahend.
+
+„Ja wohl, Herr Graf. Komtesse von Luvard ist vor einer halben Stunde
+angekommen.“
+
+„So — so!?“ fiel Axel lebhaft ein. „Und — und — ist sie im Hotel?“
+
+„Nein, Herr Graf! Sie ist auch nach dem Landhof gegangen —“
+
+„Nach dem Landhof? Was ist das?“
+
+„Der Landhof ist ein öffentliches Lokal. Um ein Uhr spricht da der
+Volksredner Jens Uesholm. Sämtliche Einwohner und Bauern der Umgegend
+sind hingelaufen —“
+
+„In der That? Ist man diesen Lehren hier so zugeneigt? Und die
+Landarbeiter? Werden sie dabei sein? Die haben doch sicher um diese Zeit
+keine Erlaubnis von ihren Gutsherren —?“
+
+„Sie haben sie sich genommen, Herr Graf. Die Sache ist schon lange im
+Gange. Das giebt überhaupt gewiß noch ein böses Nachspiel —“
+
+Diese Auskunft bestimmte Axel, nach rasch eingenommenen Imbiß den Weg
+nach dem Landhof zu nehmen.
+
+Nun war's auch zweifellos: — Prestö und Imgjor — beide würden dort
+anwesend sein! —
+
+Der Landhof lag mitten in der Stadt, aber nicht unmittelbar an der
+Hauptstraßenlinie. Man mußte eine große Allee durchmessen, um das auf
+einer sanft emporsteigenden Anhöhe belegene, eine weite Umschau bietende
+Vergnügungslokal zu erreichen.
+
+Es war auch ersichtlich, daß die Einwohner etwas Besonderes dahinzog.
+
+Dicht gedrängte Gruppen von Bürgern, Bauern und Feldarbeitern bewegten
+sich durch den Baumgang, alle waren in Eile, und aus der Umgegend kam
+noch fortwährend neuer Zuzug.
+
+Axel beschloß, sich einen Platz drinnen zu suchen, auf dem er möglichst
+unbeachtet zuschauen konnte. Da er aber der Gelegenheit unkundig war,
+redete er einen älteren Bürger in dänischer Sprache an und erkundigte
+sich nach der inneren Einrichtung des Landhofes.
+
+Da war ihm dann die Auskunft sehr erwünscht, daß sich eine große
+Gallerie rings um den Saal ziehe, und daß man sie durch einen
+vorhandenen, gesonderten Eingang betreten könne.
+
+Und so machte er es. Unter der Führung seines Begleiters, eines ehrsamen
+Klempnermeisters, betrat er die Gallerie und fand bald einen Platz, von
+dem aus er den Redner ins Auge fassen und die Zuhörerschaft genügend
+übersehen konnte.
+
+Vorläufig wogte unten noch alles durcheinander. Menschen drängten sich,
+Stühle wurden eingeschoben. Das Geräusch lebhaften Schwatzens erfüllte
+den Raum; nur der Redner selbst war noch nicht sichtbar.
+
+Aber endlich erschien er, von dem brausenden Zuruf der Versammelten
+empfangen, und sprach mit einer lauten, wohlklingenden Stimme über das
+von ihm angekündigte Thema.
+
+Und was er sagte, machte Eindruck, weil er seine Worte geschickt zu
+wählen wußte, weil er niemals den ruhigen Ton verließ, und weil er mit
+solcher Ueberzeugung von der Berechtigung der Forderungen und von der
+zweifellosen endlichen Erreichung des zu erstrebenden Zieles sprach, daß
+er die Zuhörerschaft völlig in seinen Bann schlug.
+
+Zum Schluß entwickelte er, was zunächst zu geschehen habe, und eben das
+deckte sich genau mit dem Inhalt des Gespräches, das zwischen Imgjor und
+Lucile stattgefunden hatte.
+
+Nachdem der Redner, ein Mann mit blondhellem Bart, tiefliegenden,
+dunklen Augen und blassen Zügen, unter nicht endenwollendem Beifall der
+Versammelten seine Ansprache beendet hatte, erklärte ein Bauer, der als
+Präsident der Versammlung vorstand, daß nunmehr die Redefreiheit
+eröffnet sei und daß zunächst Herr Doktor Prestö aus Kneedeholm das Wort
+nehmen werde.
+
+Und Prestö bestieg — aus einer Seitenloge tretend, woselbst nunmehr Graf
+Dehn auch Imgjor entdeckte — so gleich die Rednerbühne und hielt unter
+dem lautlosen Aufhorchen der Menge ebenfalls einen Vortrag.
+
+Und Imgjor, die Graf Dehn fortdauernd scharf beobachtete, folgte diesem
+mit funkelnden Augen und mit gespanntester Miene. Sie hing gleichsam an
+seinem Munde, sie verschlang seine Worte.
+
+Prestö sprach über den Landadel, und sein Vortrag zündete deshalb noch
+mehr, weil er aus dem Munde eines Mannes kam, der selbst unter ihm
+lebte.
+
+Nachdem er denselben Vorschlägen, die Jens Uesholm gemacht, das Wort
+geredet und die Inscenierung solcher werkthätigen Reformen noch des
+Näheren beleuchtet hatte, trat er zurück und begab sich unter dem
+Jubelruf der Arbeiter und Landbevölkerung auf seinen Platz zurück.
+
+Hatte es schon bisher in Graf Dehn gegärt, hatte er sich förmlich
+zurückhalten müssen, das Wort zu verlangen und Uesholms Ausführungen
+entgegenzutreten, durch seine Auslassungen das Erreichbare von dem
+absolut Unverständigen und deshalb Unerreichbaren zu scheiden, so glühte
+es ihm jetzt in den Adern, Prestö heimzuführen.
+
+Es hielt ihn auch nicht. Völlig unbekümmert um das teils neugierige,
+teils feindselige Mustern derjenigen, durch deren Reihen er sich
+drängte, trat er vor den von ihm vorher ins Auge gefaßten Präsidenten
+und ersuchte diesen, ihm das Wort erteilen zu wollen.
+
+Des Dänischen war er so gut Herr wie des Deutschen und Französischen.
+Dennoch leitete er die ihm von dem Leiter der Versammlung gewährte Rede
+mit einer Entschuldigung ein, wenn er sich etwas unvollkommen ausdrücken
+werde.
+
+Er wolle, hub er an, sprechen über die Gefahren, einen Himmel zu
+eröffnen, statt als Mensch beim Irdischen zu bleiben. Bei allem, was der
+Vernunftbegabte thue, müsse er sich nach seiner Mutter, der Erde,
+richten. Sie müsse ihm ein Vorbild sein und bleiben. Sie lehre ihn zwar
+auch täglich und stündlich das Bestreben nach Ausgleich und einer immer
+höheren Vervollkommnung, aber auch fortwährend das ewige Gesetz des
+Rechtes des Stärkeren und Begabteren über den von der Natur minder
+Bevorzugten. Er stelle sich mit den Vorrednern auf denselben Standpunkt,
+daß werkthätiges Christentum zu üben, nicht nur jedermanns Pflicht,
+sondern daß es auch weise sei, da alle im Grunde nur einer großen, durch
+gemeinsame Interessen verbundenen Familie angehörten. Insofern seien
+die Vorschläge, die gemacht worden, wertvoll und deren teilweise
+Ausführung durchaus wünschenswert. Aber eben dabei müsse es sein
+Bewenden haben, und auch dieses Bessere sei in einer ruhigen Weise zu
+erstreben. Das Geschlecht, das heute lebe, ergehe sich in einem völligen
+Irrtum, wenn es glaube, daß es zu etwas anderem berufen sei, als
+zunächst Opfer zu bringen. Die Resultate würden erst, weil sie nur
+allmählich reifen könnten, den späteren Generationen zu gute kommen
+können. Und nochmals weise er auf die Natur hin, wenn er vor jeder
+Ueberstürzung warne. Brauche sie, die große Zauberin, nicht auch für
+alles Zeit und Vorsicht? Bedürfe nicht jedes Blatt am Baume Licht, Sonne
+und Regen? Würde es nicht durch Stürme und Kälte, also durch Gewalt,
+vernichtet? Eine Perspektive zu eröffnen, wie es der erste Redner
+gethan, sei ein Unrecht. Er verheiße etwas, das eben mit dem Hinblick
+auf sie, deren Sein und Wesen den Menschen die Gesetze für ihr Thun
+vorschreibe, unerreichbar sei. Der Staat der völlig Gleichberechtigten
+werde nach einem Tage zerfließen. Der Adler herrsche in der Natur über
+den Sperber. Bei den Menschen habe die höhere Intelligenz und das
+kräftigere Ringen der Vorwärtsstrebenden das Uebergewicht über den
+Trägen. Wie denn? Solle der Fleißige und Rührige das Ergebnis seiner
+Anstrengungen den Müßigen in den Schoß werfen? Er werde sich bedanken!
+Der Fleißige besitze Ehrgeiz und habe den Drang nach Erfolg, Fortkommen
+und nach gesondertem Besitz. — „Meine Freunde! Wenn ihr heute eine
+Erbschaft macht, oder wenn ihr durch Erfindung, die euch Jahre lang
+beschäftigte, ein großes Vermögen erwerben könnt, wollt ihr das ohne
+weiteres hingeben, wollt ihr euch mit einem Tausendstel begnügen? Nein,
+das wollt ihr nicht, und niemand wird's euch verdenken, daß ihr euch
+dessen weigert. Die Zukunft, eine bessere, liegt nur in der Pflege der
+Vervollkommnung des sittlichen Menschen, in der Hebung der Schulen, in
+der Ausübung einer Religion, die zu Thaten der Pflicht und Thaten der
+Liebe und Duldsamkeit gegen die Mitmenschen auffordert. Wo war heute
+hier von Nächstenliebe die Rede? Nirgend! Selbst die Befürwortung der
+Förderung des Humanismus und der Wohlfahrt in Gestalt von
+Arbeitsstätten, Krankenhäusern, Nächtigungsanstalten, öffentlichen
+Speisehäusern, Unfallentschädigungen und Altersversorgungen ward nur aus
+dem Gesichtspunkt einer Forderungsberechtigung an den Geldbeutel der
+Gutsherrn erörtert! Was aus dieser Klasse der Gesellschaft wird, ist
+Herrn Doktor Prestö gleichgiltig. Sie mag untergehen. Ja, Freunde, seid
+ihr Heilige? Nehmt ihr nicht auch einmal ein Gläschen mehr? Seid ihr
+allezeit voll Christentum gegen eure Umgebung? Liegt ihr nicht auch
+lieber auf einem weichen Bett als auf Steinen? Wird einer von euch das
+Anerbieten abschlagen, mehr zu werden und mehr zu verdienen, und ist er
+nicht auch ein Streber in seiner Art, in solcher Art, daß er sich
+möglichst gut betten will? Sprecht ihr allezeit die Wahrheit? Erfüllt
+euch niemals der Neid gegen eure Nachbarn? Seid ihr nicht ebenso
+hochmütig wie die sogenannten Großen? Hand aufs Herz! Haltet ihr euch
+nicht für besser, als sie? Habt ihr nicht euren Bauernstolz? Ein Unglück
+für das Volk ist ein Redner wie der Herr Doktor Prestö. Er möchte euch —
+ich muß es seiner Rede entnehmen — am liebsten anführen, damit alles
+vernichtet werde, die Güter und die Bauerngehöfte dazu! Ja, was dann?
+Die Einöde bietet doch nichts als Hunger und Jammer und Elend! Und wie
+will der Bauer und Feldarbeiter leben, wenn er den Gutsherrn in den
+Brunnen versenkt? Ihr könnt alles kaufen für Geld. Aber wenn ihr keines
+habt, und wenn ihr dem Staat die Möglichkeit nehmt, durch den
+Wechselverkehr zwischen Angebot und Nachfrage die Lebensfrage und somit
+die Existenzfrage zu regeln — was erblüht euch dann Gutes? Elend — Elend
+ist euer Loos! Was uns heute der Staat Schützendes und Förderndes
+bietet, ist ein Ergebnis des Ringens der Jahrhunderte. Allmählich hat
+sich die Erkenntnis des Zweckmäßigen entwickelt. Wir müssen säen, die
+Saat behüten, indem wir das Unkraut von der Frucht scheiden, und müssen
+zur rechten Zeit ernten. Nur _eine_ verständige Volkswirtschaftslehre
+giebt es: Daß jeder durch strenge Pflichterfüllung seinen Teil zum
+Allgemeinbesten beiträgt, daß wir unsere engeren Aufgaben darin
+erkennen, unsere Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, sie sowohl
+etwas Ausreichendes lernen lassen, als auch sie anzuweisen suchen,
+solches fürs Leben praktisch und möglichst günstig zu verwerten, damit
+sie dadurch und lediglich dadurch befähigt werden, möglichst sichere
+materielle Vorteile zu erzielen; daß wir uns fühlen als größere und
+kleinere Glieder eines Ganzen; daß wir endlich stets alle erst vor
+unserer eigenen Thür fegen und dann erst den Besen in die Hand nehmen,
+um unseres Nachbars Schwelle zu säubern! Und so schließe ich: Laßt euch
+nicht bethören durch Hinweise auf Paradiese, die sich nie eröffnen, die
+sich nie eröffnen _können_! Bleibt auf der Erde und helfet, daß schon
+durch gutes Beispiel euern Kindern und Kindeskindern das werde, was zu
+erstreben möglich ist! Eines schickt sich nicht für alle. Den Sieg, den
+materiellen und moralischen, trägt allezeit der davon, der einfach,
+tüchtig und weise ist, der etwas im besten Sinne, im Umfang seiner
+Kräfte — leistet!“
+
+Graf Dehn hatte nach Beendigung seiner, von eisigem Schweigen
+begleiteten Rede große Mühe, den Saal zu verlassen.
+
+Niemand machte ihm bei seinem Versuch, durchzudringen, gutwillig Platz;
+jeder zeigte vielmehr feindselige Mienen, oder drängte ihn wie zufällig
+zur Seite, in der Art, daß er zweimal fast gestolpert und hingestürzt
+wäre. Aber er wußte seine Erregung darüber zu bemeistern, er that, als
+ob er's nicht bemerke.
+
+Draußen angelangt, stieg er rasch die Anhöhe hinab und begab sich auf
+direktem Wege ins Wirtshaus. Und hier angekommen, ließ er sogleich
+satteln, berichtigte seine Rechnung und ritt, rasch trabend, nach
+Rankholm zurück.
+
+Zartsinn hielt ihn ab, vorher noch eine Begegnung mit Imgjor
+herbeizuführen, auch wünschte er dem Doktor, der ihm noch widerwärtiger
+geworden, unter allen Umständen auszuweichen.
+
+Er hatte ihn genau beobachtet. Diesen Menschen verzehrte ein wilder
+Fanatismus. Die Begierde, sich zu rächen an der Gesellschaftsklasse, von
+der einst ein Mitglied seine Eltern in die Fesseln der Abhängigkeit
+geschlagen, durchglühte ihn allein. Und neben dem Rachegefühl verzehrte
+ihn der Ehrgeiz.
+
+Er wollte herrschen, und daß er als Herrscher einen Stab aus Eisen
+schwingen, daß er ein weit größerer Tyrann sein würde, als jener, gegen
+den er schon während seiner Knabenzeit Haß und Verachtung eingesogen,
+bewies seine schroffe Ueberhebung, seine kaltherzige Art.
+
+Und diesem Menschen wollte sich Imgjor mit ihrer, wenn auch äußerlich
+rauhen, doch von lauterer Menschenliebe erfüllten Brust zueignen! —
+
+Als Axel ein halbes Stündchen vor Tisch nach Rankholm zurückkehrte,
+berichtete ihm Frederik, daß die Herrschaften sich wegen seines
+Fortbleibens bereits beunruhigt hätten. Er würde sogleich melden, daß
+der Herr Graf eingetroffen sei. Von Imgjor war nicht die Rede. Offenbar
+hatte man sich bei ihr an solche Unregelmäßigkeiten gewöhnt.
+
+Bei Tisch berichtete Graf Dehn über die Geschehnisse in Oerebye.
+
+Er gab den Inhalt der vermiedenen Reden wieder, verschwieg aber in
+vornehmer Gesinnung sowohl Imgjors als auch des Doktors Anwesenheit. Es
+widerstrebte ihm, trotz seiner heftigen Abneigung gegen Prestö, den
+Angeber zu spielen. Die Herrschaften mochten selbst den Zeitungen einen
+Bericht über die Vorkommnisse entnehmen; und gar Imgjor ohne Not in ein
+ungünstiges Licht zu stellen, widersprach vollends seiner Stellung zu
+ihr.
+
+Während noch Graf Dehn sprach, öffnete sich die Thür, und Imgjor trat
+mit dem ihr eigenen, sich gleichsam starrköpfig gegen die eigene
+Schönheit auflehnenden Ausdruck ins Gemach.
+
+Sie sprach eine kurze Entschuldigung aus, sich verspätet zu haben, und
+suchte den Blicken und den Fragen ihrer Umgebung zunächst dadurch
+auszuweichen, daß sie dem ihr unmittelbar darauf von der Dienerschaft
+servierten Vorgericht mit hungrigem Eifer zusprach.
+
+Und nur ganz allgemein hatte sie bei ihrem Eintritt das Haupt zum Gruß
+geneigt. Nichts deutete in ihrem Verhalten darauf hin, daß sie kurz
+vorher mit dem Gast des Hauses unter so ungewöhnlichen Umständen an
+einem fremden Orte zusammengetroffen war.
+
+Aber schöner als je erschien sie dem Manne, dem sie fortgesetzt mit
+solcher Nichtachtung begegnete.
+
+Dieses Uebermaß von finsterer Verschlossenheit, verbunden mit Reizen,
+wie verschwenderischer die Natur sie nicht austeilen kann, machte sie
+für ihn unwiderstehlich; gerade diese Kälte entflammte sein Inneres nur
+noch mehr.
+
+Er schaute mehrmals verhohlen zu ihr hinüber, während nun das Gespräch
+einen regelmäßigen Fortgang nahm, oder auch von den Anwesenden eifrig
+den Speisen zugesprochen wurde.
+
+Heute lag auf ihren Wangen ein zartes Rot, ein fast fieberhaftes, das
+die Erregung zufolge der heutigen Erlebnisse darauf zurückgelassen
+hatte. In ihren Augen aber glühte ein stilles, dunkles Feuer, jenes der
+Begeisterung für die Ideale, welche ihre Brust erfüllten.
+
+Dabei waren ihre Körperlinien so unschuldig, ihre Erscheinung und ihr
+ganzes Wesen so jungfräulich, so unnahbar, ihr Wuchs so edel, die
+kleinen Hände trotz der zarten Farben so fest, so energisch gebildet.
+Mit ihrem schlichten, auf die weiße Stirn fallenden rotblonden Haar
+glich sie einem mit höchster Schönheitsvollendung geschmückten Weibe.
+
+Und dieser überwältigende Eindruck ihrer gesamten Erscheinung machte
+Axel nachdenklich und schweigsam, so völlig anders, daß Lucile, die
+gleich beide argwöhnisch beobachtet hatte, nunmehr wiederholt auf ihre
+Schwerer einredete.
+
+„Wo warst du, Imgjor? Bist du die ganze Zeit unterwegs gewesen?“ warf
+sie forschend hin.
+
+Imgjor erwiderte mit einem kurzen, tonlosen Ja. Da eben von Frederik
+eine Pastete herumgereicht wurde, nahm sie die Gelegenheit wahr, sich
+den Anschein zu geben, als ob sie das Auffüllen dieses Leckerbissens auf
+ihren Teller zu ausschließlich beschäftige.
+
+„Willst du keinen Fisch vorher?“ fiel nun die Gräfin ein, da eben einer
+der Diener mit diesem Gericht zur nachträglichen Darreichung erschien.
+
+„Nein, ich danke! — Ich habe sehr wenig Hunger —“
+
+Und zu jenem, der sich ihr inzwischen ehrerbietig genähert, mit der ihr
+eigenen, steten Freundlichkeit gegen Untergebene: „Vielen Dank,
+Christian! — Ich nehme nicht —“
+
+Nun trat eine Pause ein. Alle waren mit sich beschäftigt, und die Herren
+tranken auf des Grafen Aufforderung einen von Frederik soeben
+eingeschenkten alten, besonders vorzüglichen Rotwein.
+
+Dann sagte die Gräfin: „Nun, Imgjor? Wo warst du also den ganzen Morgen?
+Lucile fragte dich, und du antwortetest nicht.“
+
+Wie aus einem Traume erwachend, erhob Imgjor, die kaum von der Pastete
+gekostet, den Kopf, sammelte sich aber, verfinsterte die Stirn und sagte
+in einem launenhaft ungeduldigen Ton: „Ich bin doch kein Schulkind mehr,
+das man fortwährend examinieren muß, Mama! Deshalb gab ich Lucile keine
+Antwort —“
+
+„Nun ja! Aber wo warst du? Jetzt frage ich dich!“
+
+Imgjor zog mit einer Geberde der Auflehnung die Schultern und spreizte
+die Lippen, entgegnen aber nichts. Eine Lüge widerstrebte ihr, jedoch zu
+bekennen, worum es sich handelte, — gewann sie nicht über sich.
+
+„Nun, antworte doch, wenn deine Mutter mit dir spricht!“ herrschte jetzt
+heftig, ungeduldig der Graf. Imgjors zu Tage tretender Trotz nahm alle
+und auch ihn gegen sie ein, und nur Fräulein Merville — Axel sah's — auf
+Imgjors Seite.
+
+In ihrem Angesicht erschien ein unruhiger, besorgter Ausdruck.
+
+„Bitte! Rede doch — gieb keinen Anlaß zum Verdruß!“ stand in ihrem auf
+Imgjor gerichteten Blick geschrieben, während sich in Luciles Mienen
+Unwille und jene stolze Auflehnung bemerkbar machte, das ihre Schönheit
+zwar beeinträchtigte, aber die Majestät ihrer Erscheinung jederzeit hob.
+
+Was jedoch die Anwesenden erwarteten, geschah auch jetzt nicht.
+
+Zuerst erschien ein hilfloser Ausdruck in Imgjors Kindergesicht. Dann
+schob sie den Teller und die Serviette zurück, erhob sich und verließ,
+während sie durch Zusammenbeißen der Zähne ihre Bewegung und auch die
+aus ihren Augen strömenden Thränen vergeblich zu bannen suchte, das
+Zimmer.
+
+Offenbar erlag sie einer durch die Gewalt der starken Eindrücke des
+Tages hervorgerufenen, krankhaften Abspannung der Nerven, und nicht
+Trotz und böser Wille, sondern diese Unfreiheit und die Auflehnung
+dagegen, daß man ihr in Gegenwart des Gastes und der Dienerschaft so
+begegnete, ließen sie so handeln.
+
+Wenn Graf Dehn vordem durch Schweigen für sie Partei genommen, so
+geschah's jetzt mit Worten.
+
+Er wollte als ihr guter Freund handeln, wie sie ihm auch begegnen
+mochte.
+
+Im Saal des Landhofes hatten sich einmal während seiner Rede ihre Blicke
+getroffen, und beide hatten sich, wie ertappt, abgewendet. Aber eben
+diese Beachtung von ihrer Seite hatte Axel belehrt, daß sie ihm
+gegenüber nicht völlig gefühllos war.
+
+„Komtesse Imgjor ist offenbar nicht wohl —“ hub er in einem
+versöhnlichem Tone an. „Ich sah, während Komtesse Imgjor die Suppe aß,
+daß sie mehreremals auffallend die Farbe wechselte —“
+
+„So — so — In der That?“ fiel der Graf, der offenbar seine Schroffheit
+bereits bereute, mit gutherziger Unbequemung ein.
+
+Und als Axel den Blick auf die übrigen richtete, begegnete er in dem
+Angesicht des Fräulein Merville einem dankbaren Ausdruck, während in den
+Zügen der Gräfin ein unbiegsamer, in denen Luciles ein solcher von
+höchstem Unwillen haftete.
+
+Freilich wich er in Luciles Antlitz sogleich. Er verwandelte sich,
+während sie erst einen tiefen, träumerischen Blick auf den Gast
+richtete, in einen Axel zugewendeten still hingebenden.
+
+Graf Dehn entging das nicht, und er wurde davon so stark berührt, daß
+sich seine Gedanken eine Weile ganz auf Lucile richteten.
+
+Aber ebenso rasch schüttelte er den Kopf, und ein erneuter Blick auf sie
+betätigte auch eine von ihm offenbar nur genährte Illusion.
+
+Umsomehr aber beschäftigten sich seine Gedanken mit Imgjor.
+
+Er würde eine Welt darum gegeben haben, sie jetzt sprechen, mit seinen
+Augen in ihre Seele einmal hinabtauchen zu können.
+
+Die Stunden zwischen dem Essen und dem kleinen Feste nahm sich Graf Dehn
+vor, allein in seinem Gemächern zuzubringen. Er erklärte, daß er Briefe
+schreiben müsse, und man erhob auch keinen Widerspruch. Auch die
+übrigen schienen von demselben Verlangen beherrscht zu werden, sich zu
+vereinsamen.
+
+Als Axel sein Wohngemach betrat und, bevor er sich niederließ, arglos
+Umschau hielt, fand er auf seinem Schreibtisch ein kleines, mit goldenen
+Linien umrändertes Kouvert. Er griff hastig danach, und da ihm ein
+unbestimmtes Gefühl sagte, daß es mit Imgjor zusammenhänge, öffnete er
+es in fiebernder Spannung. In der That fand er einige Worte von ihrer
+Hand.
+
+Aber freilich brachten sie nicht, was er ersehnt, was er fast gehofft
+hatte.
+
+Auf einer zierlichen Karte standen die Worte: „Ich wiederhole, es giebt
+keinen Weg, der uns zusammenführen kann. So lassen Sie mich! Ich bitte,
+ich beschwöre Sie! Für Ihre Diskretion meinen Dank. I.“
+
+So war also doch nichts gewonnen! Axel ließ sich entmutigt in seinen
+Sessel sinken und saß lange, abwesend, seinen Gedanken hingegeben.
+
+Stark benommen und nichts weniger als zu einem Zusammensein mit Menschen
+aufgelegt, nahm er sodann in späterer Stunde die Meldung Frederiks
+entgegen, daß die Gäste im Anzuge seien.
+
+Soeben hätten sie den Schloßhof überschritten.
+
+„Und Doktor Prestö? Ist er auch dabei, Frederik?“
+
+„Jawohl, Herr Graf, er ist schon im Flur, Cristian ist ihm behilflich —“
+
+„Ich danke Ihnen. Ich werde sogleich erscheinen —“ Axel sprach's
+zerstreut und machte sich, mechanisch handelnd, an seine Toilette.
+
+Da die Anwesenden im Schloß schon eine Anzahl von Personen ausmachten,
+so war's nicht zu verwundern, daß der Empfangssalon stark gefüllt war.
+
+Es hatten sich alle höheren Beamten mit ihren Damen eingefunden, der
+Oberverwalter, der Verwalter, der Vorwerk-Inspektor, der Oberförster mit
+seinen zwei Unterbeamten, die Herren aus der Kanzlei und der Kasse, der
+Intendant und die Schreiber, des Grafen Sekretär und zudem die
+Honoratioren aus dem Dorfe.
+
+Es wurde zunächst Thee herumgereicht. Dann musizierten Lucile und die
+Pastorin, und eine Verwandte des Apothekers aus Kopenhagen sang mit
+einer gutgeschulten, sympathischen Stimme.
+
+Das nahm, einschließlich der Empfangsgespräche, denen die Gräfin mit
+vollendetem Geschick einen warmherzigen Charakter zu verleihen wußte,
+eine kleine Stunde in Anspruch. Dann wurde das Zeichen zum Tischgang
+gegeben.
+
+Der Pastor, als ältester und würdigster Herr, führte die Gräfin und der
+Graf die Gemahlin des ersteren. Im übrigen wählte, der hier herrschenden
+Sitte entsprechend, jeder Herr seine Dame selbst, und allezeit fügten
+sich, trotz dieser Uneingeschränktheit, die Dinge den Verhältnissen
+angemessen.
+
+Jeder wußte von selbst, auf welchen Platz er gehörte. Ihn leiteten
+Gewohnheit und natürliches Taktgefühl. Ein gleiches galt von der Wahl
+der Damen selbst.
+
+Axel hatte, schnell entschlossen, Lucile den Arm geboten. Sie sah ihn
+überrascht fragend, aber auch sichtlich angenehm berührt an, und
+lächelte mit einem feinen, überlegenen Lächeln.
+
+„Wie, Herr Graf? Eine Lucile, wo es eine Imgjor giebt?“ neckte sie. Und
+er, während er an der in Silber und Krystall funkelnden Tafel Platz
+nahm: „Darauf darf ich entgegnen, Komtesse: es überraschen und beschämen
+den Grafen Dehn so gütige Worte umsomehr, als so zahlreiche Mitglieder
+aus Fürstengeschlechtern nach Rankholm hinüberschauen!“
+
+„Ah, das war nicht hübsch! Das war boshaft, Graf Dehn —“ entgegnete
+Lucile. „Sie lohnen mir meine Offenherzigkeit mit Spott! Glauben Sie,
+daß ich keinen Wert auf die Erstarkung unserer Freundschaft lege?“
+
+„Ja, ich fühle es, und es macht mich überaus stolz und glücklich,
+Komtesse!“ fiel Axel, den leichten Ton verlassend, ein. „Heute
+namentlich thut mir Güte und Wärme doppelt wohl, da sich — Sie sprachen
+von Ihrem Fräulein Schwester — bereits mein Schicksal entschieden hat.“
+
+„Wie? — Es ist etwas geschehen? Ah — ahnte mir's doch!“ Lucile sprach's
+stark betonend und lehnte mit der ihr eigenen, kurz abweisenden Art eine
+Schüssel ab, die eben einer der Diener beim Anbieten zwischen sie und
+ihren Nachbar schieben wollte.
+
+„O ich bitte, erzählen Sie mir!“ fuhr sie fort und warf zugleich einen
+Blick zu ihrer Schwester hinüber, die neben Prestö saß und trotz
+eifrigen Redens eben mit gespanntem Ausdruck zu ihnen beiden
+hinüberschaute.
+
+Axel hob die Schultern und lächelte schwermütig.
+
+„Erlassen Sie mir Einzelheiten, Komtesse! Die Sache hat ein Vorspiel,
+über das ich noch nicht sprechen, worüber ich auch Ihnen gegenüber mich
+nicht eher auslassen möchte, bis die Geschehnisse von anderer Seite zu
+Ihnen gedrungen sind. Nur soviel: Komtesse Imgjor hat mir heute die
+wiederholte Erklärung gegeben, daß uns keinerlei Wege zusammenführen
+könnten!“
+
+Zuerst blitzte es nach diesen Worten in Luciles Angesicht auf. Dann aber
+wurden ihre Mienen wieder ernst, und indem sie Graf Dehn mit einem sanft
+gelassenen Ausdruck ansah, sagte sie:
+
+„Natürlich vermag ich ohne den Zusammenhang der Dinge keine zutreffende
+Meinung abzugeben. Aber daß solche Erklärungen meiner Schwester oft
+gerade das Gegenteil bedeuten, kann ich Sie versichern. Jeder hat seine
+Art. Sie hat die ihrige. Börne, der deutsche Denker, sagt einmal:
+Ernsthafte Frauen gleichen leeren Koffern mit sieben Schlössern. Ich
+möchte von meiner Schwester sagen, sie gehört zu jener Gattung von
+weiblichen Wesen, von denen man behaupten könnte: Hinter den Eisbergen
+ihrer Mienen lodern tausend heiße Flammen —“
+
+„Wie? Sie glauben —?“
+
+Lucile nickte.
+
+„Einen Fall nehme ich aus. Hat sie bereits die ebenso große
+Unbesonnenheit wie Geschmacklosigkeit begangen, sich mit dem Plebejer
+drüben zu verloben, so ist natürlich nichts zu machen.“
+
+„Ich möchte das als höchst wahrscheinlich annehmen, Komtesse —“
+
+„Ein mehr als schrecklicher Gedanke, Graf Dehn! Worauf stützen Sie Ihre
+Eindrücke, wenn ich bitten darf?“
+
+Graf Dehn zögerte erst, dann kam ihm ein Entschluß, und er sagte:
+
+„Für einen in seinem Geist und Gemüt beschwerten Menschen giebt's kein
+größeres Labsal, als sich aussprechen zu können, einen Vertrauten zu
+besitzen, dem er rückhaltlos über alles zu berichten vermag, was ihn
+beschäftigt.
+
+Dieser Umstand und die Sicherheit, daß meine Eröffnungen Komtesse Imgjor
+nützlich sein können — ich gestatte mir, später zu sagen, in welcher
+Weise ich mir das vorstelle — lassen mich unter der Bitte vorläufiger
+Verschwiegenheit reden!“
+
+Nach dieser Einleitung erzählte Graf Dehn Lucile alles, was geschehen
+war, und schloß mit den Worten:
+
+„Sie äußerten sich jüngst über die Möglichkeit, daß Ihr Fräulein
+Schwester Rankholm verließe — dringen Sie gleich — ich bitte — darauf,
+damit sie von Prestö getrennt wird, und auch darauf, daß man ihn, sobald
+sie zurückkehrt, nicht mehr hier findet!“
+
+„Ja, ja“ — Lucile, die mit größter Spannung zugehört und namentlich bei
+der Schilderung dessen, was Graf Dehn selbst im Landhof gesprochen, mit
+lebhaftem Ausdruck ausgehorcht hatte, nun sinnend zurück.
+
+„Wenn es nur nicht zu spät ist! Ich fürchte nach dem, was Sie mir gesagt
+haben, allerdings, daß sie schon die Thorheit begangen hat. Und ist's
+der Fall, dann giebt's keine Schlösser und Ketten, keine Länder und
+Entfernungen, die sie von ihm und ihren Entschlüssen trennen würden.
+Selbst ein nachträgliches Erkennen seiner Unwürdigkeit würde sie
+abhalten, ihr einmal gegebenes Wort zu brechen; die allerschwersten, die
+größten Selbstaufopferungen mit sich führenden Pflichten würde sie auf
+sich nehmen.“
+
+„Eine Hoffnung besteht vielleicht noch, Komtesse!“ fiel Axel ein.
+
+„Sie erinnern sich, daß Graf Knut mir erzählte, Prestö sei verlobt. So
+hat doch vielleicht nur die gemeinsame Sache sie zusammengeführt.“
+
+„Ja, sie hat sich ihm ursprünglich wohl nur deshalb genähert,“ — betonte
+Lucile — „ihn aber — glauben Sie es — bestimmt ihr Geld und die
+Befriedigung seiner maßlosen Eitelkeit. Um derentwillen wird er ein
+bereits eingegangenes Verlöbnis zu Imgjors Gunsten lösen. Ich halte den
+Menschen zu allem fähig, sofern es sich um die Erlangung von Macht und
+Besitz handelt —“
+
+„Ich beurteile Prestö ebenfalls ungünstig, er ist mir zugleich namenlos
+unsympathisch. Aber das möchte ich doch nicht unterschreiben. Für
+unehrenhaft, für einen Schurken halte ich ihn nicht. Er ist ein krasser
+Egoist und Fanatiker, aber —“
+
+„Ja, ja, das ist ja eben Ihre rührende Art! Obschon Ihnen die Natur
+einen so scharfen Verstand verlieh, obschon Sie einen starken Spürsinn
+besitzen, bewahren Sie sich doch ein vertrauendes Herz und glauben an
+die Menschen! Und eben solche wie Sie, in solcher Mischung, giebt's
+wenige. Wo ist die rechte Harmonie zwischen Verstand und Gemüt, zwischen
+strengen Grundfarben und Koncilianz?“
+
+„Sie beschämen mich, Komtesse —“
+
+„Ich sage, wie ich es meine, Graf Dehn. Und wäre Imgjor nicht krank, —
+ihre überspannten Ideen sind krankhafter Natur — so wäre sie die Rechte
+für einen Mann, wie Sie es sind. — Ach, meine Mutter hat viel
+verschuldet! Sie — sie — hat Imgjor durch eine übergroße Strenge in den
+Kindheitsjahren in diese Welt des Widerstandes getrieben —“
+
+„Wie? Das sagen Sie, Komtesse? Schon einmal deuteten Sie auf dergleichen
+hin! Wie schmerzlich ist es mir, daß Sie an einer, in meinen Augen so
+seltenen Frau, wie Ihre Mama es ist, nicht alles zu loben vermögen, daß
+Sie sie nicht blindlings lieben —“
+
+Lucile bewegte die Schultern, deren vollendete Formen durch ein tadellos
+sitzendes Gewand aus zarter grüner Seide noch mehr gehoben wurden. Auch
+zog sie die ausdrucksvollen Lippen und sagte stark betonend:
+
+„Doch, ich liebe meine Mutter zärtlich. Aber gerade, weil ich sie so
+sehr liebe, möchte ich sie als höchstes Ideal betrachten können. Es
+liegt etwas vor, das ich nicht verstehe. Ich spreche nicht allein über
+Mamas Haltung Imgjor gegenüber —“
+
+In diesem Augenblick schlug Graf Lavard ans Glas, um einen Toast auf die
+Gäste auszubringen. Dadurch wurde Lucile in ihrer Rede unterbrochen.
+Ueberdies bemerkten beide, daß man sie beobachtete. Infolge dessen
+richteten sie ihre Blicke mit unabgewendeter Aufmerksamkeit auf den
+Sprechenden, und nur einmal warf Graf Dehn das Auge auf seine Umgebung.
+Und als dies dann auf Imgjor fiel, sah er erst, daß Prestö ihr etwas
+zuflüsterte, und dann, daß sie ihm rasch mit einem ihrer süßen Blicke
+antwortete, einem jener Blicke, in denen das ganze bestrickende Wesen
+ihrer tiefen, anschmiegenden Seele zum Ausdruck gelangte.
+
+Aber eine noch stärkere Bestätigung seiner schwermütigen Vermutungen
+empfing Graf Dehn, als er kurz vor Schluß des Festes, ohne es zu wollen,
+Zeuge eines Gespräches zwischen ihr und Prestö wurde.
+
+Als er den von allen und auch von ihm inzwischen betretenen Park auf
+Augenblicke verließ, um sich eine Cigarre aus dem neben dem Speisegemach
+befindlichen Rauchzimmer zu holen, sah er in ersterem Imgjor und Prestö
+einander zärtlich die Hände schütteln und hörte das junge Mädchen
+deutlich sagen:
+
+„Also, bitte, übermorgen Abend!“ zugleich aber traten beide, Axel
+bemerkend, verwirrt zurück. Imgjor wandte sich der Gartenseite zu und
+der Doktor, der ohnehin während dieser Stunden Axel fortdauernd
+hochmütig ausgewichen war, verbeugte sich kurz mit eisiger Förmlichkeit
+gegen ihn und verließ das Gemach.
+
+„Ja, Herr Doktor Prestö ist soeben zu einem Kranken gerufen. Er
+begegnete mir hier gerade beim Fortgehen —“ erklärte Imgjor, als sich
+Axel ihr mit kavaliermäßiger Artigkeit anschloß und, um überhaupt etwas
+zu reden, die Frage aufwarf, ob Prestö die Gesellschaft bereits
+verlassen wolle.
+
+Aber einer Erörterung über das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag
+und einen so bedeutungsvollen Inhalt besaß, wußte sie dadurch
+auszuweichen, daß sie, als er eben zu weiteren Worten anheben wollte,
+von ihrem Hunde zu sprechen begann.
+
+Und das geschah mit einer so unbefangenen Miene, daß Graf Dehn überhaupt
+die Möglichkeit abgeschnitten wurde, ein anderes Thema zu berühren. Auch
+neigte sie, nachdem sie die Treppen zum Garten hinabgestiegen waren,
+kurz verbindlich das Haupt und gesellte sich zu der gerade ihnen
+entgegenschreitenden Nichte des Pastors. —
+
+ * * * * *
+
+Am nächstfolgenden Tage wurden die Bewohner von Rankholm durch die sehr
+unerfreuliche Botschaft überrascht, daß im Dorfe das Scharlachfieber
+ausgebrochen und daß bereits zwei Dutzend Personen, Große und Kleine,
+davon ergriffen seien.
+
+Der Graf erzählte davon beim zweiten Frühstück und ermahnte die
+Tischgenossen, den Verkehr mit den Dorfbewohnern vorsichtig zu meiden.
+Es wurde sogar überlegt, ob nicht der sonst stets erfolgende
+Kirchenbesuch für den bevorstehenden Sonntag ausgesetzt werden solle.
+
+Der Graf befürwortete ein Fortbleiben; die übrigen schlossen sich ihm
+stillschweigend an, und nur Imgjor gab keine Meinung ab.
+
+„Nun, Kind — hast du gehört? Halte dich also vom Dorf fern!“ warf die
+Gräfin mit einem auf ihre Tochter gerichteten, auffordernden Blick hin.
+
+Imgjor bewegte den Kopf.
+
+„In die Kirche werde ich auch nicht gehen. Aber ins Dorf möchte ich
+jetzt gleich und möchte mich umsehen, ob ich nicht helfen, vielleicht
+als Krankenpflegerin mich nützlich machen kann.“
+
+„Du wirfst das nicht thun, unter keinen Umständen! Ich wünsche es nicht
+—“ entschied die Gräfin.
+
+„Willst du mich denn hindern, ein gutes Werk zu thun, Mama? Welchen Wert
+hat alle Religion, wenn sie mit keinen Thaten verbunden ist?“
+
+„Du hast —“ entgegnete die Gräfin — „nicht nur auf den Drang, zu helfen,
+den ich gewiß nicht tadle, Rücksicht zu nehmen, sondern auf die ganze
+Familie und sämtliche übrigen Mitbewohner von Rankholm.
+
+Scharlach ist so ansteckend, daß es geradezu Leichtsinn wäre, sich
+unnötig mitten in die Gefahr zu begeben. —“
+
+„Unnötig, Mama? Sollen wir uns nicht der Armen und Notleidenden
+annehmen?“
+
+„Ja, ja, Imgjor! In solchen Antworten liegen deine Phantastereien. Die
+Beschäftigung mit dem Idealsten in der Welt kann verderblich statt
+segensreich wirken, wenn es eine verkehrte Hand zu ungeeigneter Zeit ins
+Praktische zu übertragen sucht.
+
+Wie nun, wenn wir dich gewähren lassen und alle hier von einer
+Ansteckung befallen werden, wenn gar die Krankheit einen tötlichen
+Ausgang nimmt? Meinst du, daß die vom Dorfe heraufeilen werden, um uns
+zu pflegen, selbst wenn wir verkündeten, wir erwarteten, daß sie es thun
+möchten? Keiner, der Pastor ausgenommen, der stillschweigend mit seinem
+Amt solche Samariterpflichten gegen die Gemeinde übernommen hat, wird
+auch nur auf den Gedanken geraten. Und darin steckt's! Fortwährend wird
+von den Bauern der Anspruch an Opferwilligkeit von unserer Seite
+erhoben, und nach Kräften wird diesem Anspruch von den besser Gesinnten
+entsprochen. Aber wer hilft dem Gutsherrn, wenn er der Hilfe bedarf,
+wenn er etwa gar verarmt? Er wird vergeblich die Hände ausstrecken. Du
+solltest endlich deine Vernunft gebrauchen, statt solchen Gefühlsideen
+blindlings Gefolgschaft zu leisten. Stehen wir dir denn näher oder die
+in Kneedeholm? Ja, wenn's wirklich erforderlich wäre! Aber im Dorf haben
+sie Menschen und Kräfte genug, sich gegenseitig auszuhelfen!“
+
+„Ich kann ja in Kneedeholm bleiben, bis alles sich gewendet hat, Mama.
+So bringe ich euch in keine Gefahr —“ fiel Imgjor, ohne dem von ihrer
+Mutter allgemein Gesprochenen eine Antwort zu erteilen, mit trotziger
+Beharrlichkeit ein.
+
+„Nein!“ erklärte nun auch der Graf, bevor die Gräfin zu weiterer Rede
+anzuheben vermochte. „Auch ich verbiete dir das Betreten des Dorfes für
+die nächste Zeit, schon deshalb weil ich nicht wünsche, daß du ferner
+mit Prestö in Berührung gelangst, und das wäre bei solcher Thätigkeit
+unvermeidlich. Eben lese ich in der ‚Orebye Tidende‘, was der Monsieur
+dort vorgestern in einer Versammlung meiner Bauern zusammengesprochen
+hat. Es ist ja die vollkommene Aufreizung gegen den Landadel. Schon
+heute würde ich ihn zur Rede gestellt haben, wenn nicht unten die
+Epidemie ausgebrochen wäre. Ist sie aber beseitigt, so mag er gehen. Ich
+will ihn hier nicht mehr haben!“
+
+„Kannst du ihn gehen heißen, Papa? Er steht doch nicht in deinem Dienst!
+Er kann doch seine Thätigkeit aufnehmen, wo er will. Höchstens als Arzt
+fürs Schloß kannst du ihn abschaffen —“
+
+„Die Entscheidung darüber wirst du mir gefälligst überlassen, meine
+Liebe! Ich habe deine Belehrungen nicht erbeten und erkläre sie für
+völlig unpassend. Aber da aus ihnen und aus deiner fortwährenden
+straffen Parteinahme für diesen Herrn sich nur noch mehr erhärtet,
+welches Gift es für dich ist, mit ihm in Beziehungen zu bleiben — ihm,
+gerade ihm, haben wir offenbar deine Bauernfreundlichkeit auf Kosten des
+Wohlergehens deiner eigenen Familie zu verdanken — so erscheint mir der
+Zeitpunkt gekommen, daß du einmal Rankholm verläßt und in Verhältnisse
+gelangst, die dich solchen Beeinflussungen gründlich entziehen. — Nicht
+wahr, du bist auch neulich in Oerebye gewesen?“
+
+Imgjor sah ihren Vater fest und ohne eine Miene zu verziehen an; nur in
+den Augen zitterte etwas, das auf die Regungen ihres Innern Schlüsse
+ziehen ließ. Aber sie antwortete nicht.
+
+„Ich las Ihre ausgezeichnete Rede, für die ich Ihnen noch aus vollem
+Herzen danken wollte, lieber Graf Dehn —“ fuhr der Graf, ohne auf einer
+besonderen Bestätigung der an seine Tochter gerichteten Frage zu
+beharren, zu Axel gewendet fort: „Sie vermögen Auskunft zu geben, ob
+meine Tochter dort war —?“
+
+„Nein, Herr Graf! Ich vermag darüber nichts zu sagen. Aber ich danke
+Ihnen für Ihr gütiges Lob. Ich bin sehr glücklich, daß Ihnen die
+Ausführungen, zu denen ich infolge der Rede des Doktor Prestö gedrängt
+wurde, gefallen haben.“
+
+In Imgjors Angesicht zuckte es bei Axels Worten auf, aber sie lohnte ihm
+seine Ritterlichkeit auch nicht einmal durch einen Blick.
+
+Wohl aber reckte sie plötzlich den Oberkörper empor und sagte mit großer
+Entschiedenheit im Ton: „Ich werde nachher auf dein Zimmer kommen, Papa.
+Ich bitte, daß du es erlaubst. Dort werde ich dir auf alles Antwort
+geben. Jetzt, jetzt gestatte, daß ich mich entferne.“
+
+Nach diesen Sätzen richtete sie sich, die Serviette von sich streifend,
+empor und war bereits an der Thür, bevor der Graf sie zu hindern
+vermochte. Aber sie hatte nicht mit der Gräfin gerechnet.
+
+„Ich möchte dich jetzt gleich sprechen, Imgjor! Bleibe!“ befahl sie.
+
+„Ich wünsche an der Unterredung teilzunehmen. Ohnehin ist es Zeit,
+aufzustehen. Sie gestatten, lieber Graf Dehn! Und es ist dir recht,
+Lavard?“ fügte die Gräfin biegsam im Ton hinzu und wußte den anfangs
+etwas zögernden Grafen zur Beipflichtung zu veranlassen.
+
+Infolge dessen erhoben sich alle; und alle richteten jetzt den Blick auf
+Imgjor. Sie aber stand wie ein Marmorbild an der Thür und erst, als ihre
+Mutter eine Bewegung machte, durch die sie ihren Befehl wiederholte,
+schoß etwas in ihre Augen, das den unheimlichen Glanz eines unbeugsamen
+Willens besaß.
+
+Alsdann reichten jene, mit Ausnahme von Imgjor, dem Grafen Dehn
+vertraulich die Hand und verließen das Gemach, und nur Lucile, die
+begierig nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte, das der Graf, ihr Papa,
+bei seiner Rede aus der Tasche gezogen, blieb noch im Zimmer.
+
+„Ich kann es kaum erwarten, zu lesen, wie Sie dem widerwärtigen Menschen
+entgegengetreten sind, Graf Dehn!“ begann sie. „Und wie finden Sie
+Imgjors Benehmen?“ fuhr sie fort. „Ist es nicht unerhört, in welcher
+Weise sie die Rücksichten gegen ihre eigene Familie bei Seite schieben
+will? Ich muß sagen, ich stehe ganz auf Mamas Seite. Und es geschieht ja
+auch nun ohne unsere Einwirkung das, was Sie als erforderlich
+bezeichneten. Imgjor wird — ich hoffe, daß Papa darauf besteht —
+Rankholm verlassen. Was wird nun aber aus Ihnen, lieber Graf! Werden Sie
+es allein mit uns aushalten können?“
+
+„Sie wissen, wie ich über Sie alle denke, wie sehr ich Sie alle schätze
+und verehre, Komtesse. Das ist meine Antwort. Aber etwas anderes drängt
+sich mir auf. Wohin wird man Ihr Fräulein Schwester schicken? Soll sie
+Nutzen haben von einer Entfernung, muß sie in keine Umgebung gelangen,
+wo man ihr schroff entgegentritt. Man muß ihr mit Güte begegnen und
+versuchen, sie allmählich von dem Unwert ihrer übertriebenen Ideen zu
+überzeugen.“
+
+„Ja, Sie haben Recht, Graf Dehn. Was raten Sie?“
+
+Ich kenne Ihre Beziehungen nicht, Komtesse. Ich wüßte aber ein Haus, wo
+—“
+
+„Nun?“
+
+„Bei meinen Eltern in Dresden. Sie würden die Komtesse mit Freuden
+aufnehmen!“
+
+In Luciles Angesicht, die wohl aus besserer Ueberzeugung schroff gegen
+ihre Schwester auftreten konnte, sie aber trotzdem zärtlich liebte,
+blitzte es auf.
+
+„Ja, ja! Das wäre eine Idee, eine vortreffliche!“ stieß sie heraus.
+„Gleich will ich mit den Eltern darüber sprechen, wenn wirklich den
+Ihrigen ein solcher Plan genehm sein würde.“
+
+„Meine Eltern werden sehr glücklich sein —“ entgegnete Axel, „wenn Sie
+ihnen Gelegenheit geben, ihre freundschaftlichen Empfindungen zu
+bethätigen. Darüber besteht kein Zweifel. — Aber ob Komtesse Imgjor
+damit einverstanden sein wird, ist mir sehr zweifelhaft, Komtesse. Ich
+fürchte, sie wird sich weigern, bei der Familie desjenigen
+Gastfreundschaft entgegenzunehmen, gegen den sie so unzweideutige
+Beweise ihrer Abneigung an den Tag legt. Ich fürchte sogar, daß sie mich
+seit den letzten Vorgängen haßt —“
+
+Lucile schüttelte diesmal nur sanft den Kopf und sah Axel mit einem
+Ausdruck an, als ob sie sich über die tiefere Bedeutung des von ihm
+Gesagten unterrichten müsse. Und dann noch einmal, aber sie entgegnete
+nichts.
+
+ * * * * *
+
+Daß Imgjor zu dem Doktor Prestö hielt, hatte die Versammlung in Oerebye
+und hatten die übrigen früheren und neueren Vorgänge bewiesen. Aber ob
+ein Liebesverhältnis zwischen ihnen bestand, war noch nicht aufgeklärt.
+Dieser Umstand ließ Graf Dehn alle seine Gedanken darauf richten, wie er
+es anstellen könne, sich darüber eine Gewißheit zu verschaffen.
+
+Da er Zeuge der Verabredung zwischen Imgjor und Prestö gewesen, hatte er
+hin und her überlegt, wo diese Zusammenkunft wohl stattfinden werde, und
+immer wieder war er zu dem Ergebnis gelangt, daß der von ihm entdeckte
+Gang im Turm, dessen Aus- und Einmündung er in der Folge nachgespürt,
+dabei eine Rolle spiele.
+
+In der nach dem Garten gerichteten Seite dieses Zwischenbaues befand
+sich eine kleine, von Epheu umrankte, offenbar sonst seit
+Menschengedenken nicht mehr geöffnete Thür. Sie führte sicher zu dem
+Vorzimmer von Imgjors Räumen; von hier ging die dort mündende, zwischen
+der dicken, mit Lichtspalten versehene Mauer eingefügte Treppe aus.
+
+Und dieser Teil der Turmseite selbst war hinter dichtem Gebüsch
+verborgen; niemand achtete auf diesen verdeckten Winkel.
+
+Auch Axel würde schwerlich jemals dorthin einen Blick geworfen haben,
+wenn er nicht von solchen Voraussetzungen ausgegangen wäre.
+
+Vom Dorf zweigte sich außer dem Fahrwege ein Pfad über die Wiese nach
+dem Gutsgebiet ab. Ihn benutzten die Fußgänger von Kneedeholm und die
+von Rankholm vorzugsweise. Er führte direkt auf den neben dem Schloß zur
+Rechten liegenden Arbeitsgutshof. Hier befanden sich die Wohnhäuser der
+Beamten, und ihn umkränzten in weitem Umfange die Gebäude der Meierei,
+die Kuh-, Pferde- und Schafställe, die Brauerei, das Dampfmaschinenhaus,
+die Remisen für die Herrschafts- und Arbeitswagen und die Häuser für die
+zahlreichen Arbeiterschaften.
+
+Auf diesem Hof, hinter einer gleich den Eingang flankierenden Scheune,
+beschloß Graf Dehn abends zunächst Posto zu fassen, um Prestös Ankunft
+zu beobachten und dessen Schritte zu verfolgen.
+
+Es gab nur diesen einen, direkt zum Park führenden Weg, und falls Prestö
+überhaupt kam, mußte er ihn einschlagen.
+
+Zwischen dem Frühstück und dem Tischgang machte Graf Dehn mit dem Grafen
+einen längeren Spazierritt. Letzterer sprach bei dieser Gelegenheit wohl
+auch über Imgjor, aber er äußerte nichts über Inhalt und Verlauf der
+Unterredung mit ihr. Es machte Axel den Eindruck, als ob Imgjor ein
+Schweigen über ihre Angelegenheiten gefordert habe.
+
+„Wir sprechen noch näher darüber!“ hatte der Graf geschlossen. „Ich
+komme mit Ihrer Erlaubnis auch noch auf das von Ihnen meiner Tochter
+Lucile gemachte gütige Anerbieten zurück. Ich möchte vor entscheidenden
+Schritten erst einmal die Klarheit besitzen, die ich bisher nicht
+gewonnen habe.
+
+Auf dem Plan steht auch, daß wir alle Rankholm verlassen und einige
+Zeit, etwa vier bis sechs Wochen, nach Kopenhagen übersiedeln. Sie
+wissen, daß wir dort ein eigenes Palais besitzen.
+
+Natürlich — Sie begleiten uns! Sie bleiben unser Gast! Nur unter der
+Bedingung verlassen wir Rankholm.“
+
+Später kam der Graf auf die Versammlung in Oerebye zu sprechen.
+
+„Jeder Gutsherr —“ erklärte er — „muß seinen Herd und sein Eigentum
+schützen. Thun das alle, halten sie eben so fest zusammen, wie
+diejenigen, die übertriebene Forderungen erheben, so wird die
+gegenwärtige Bauernbewegung auf ein verständiges Maß herabgedrückt
+werden. Den Schutz erkenne ich in der rücksichtslosen Entfernung aller
+Ruhestörer, der Erhaltung geordneter Zustände, in einem möglichsten
+Entgegenkommen gegen diejenigen, die uns mit verständigen Vorschlägen
+zur Verbesserung der Lage der Bauern und Landarbeiter gegenübertreten —“
+
+Diese Worte bewiesen, daß Graf Knut in seinem gelegentlich gefällten
+Urteil über den Grafen recht hatte. Nur dessen ungemessene, in
+besinnungslosen Jähzorn ausartende Heftigkeit hatte er getadelt.
+
+„Die Lavards sind alle besonders. Sie besitzen eine Starke Eigenart!“
+hatte er geäußert. „Bei den meisten überwiegt Genialität und Energie,
+bei anderen neben hoher Intelligenz starke Erregbarkeit und Hang zum
+luxuriösen Wohlleben. Den hat der Graf lange abgestreift, aber das
+leicht erregte Blut wird ihm bleiben bis zum Tode, und das hat ihm und
+anderen schon viel Herzeleid gebracht.“
+
+Imgjor erschien nicht bei Tisch. Dagegen hatte sich Graf Knut
+eingestellt und wegen der immer stärker um sich greifenden Epidemie im
+Dorfe eine länger andauernde Gastfreundschaft erbeten.
+
+Er regte, wie immer, durch seine gute Laune und seine frische
+Lebendigkeit die Gesellschaft an, und da auch Graf Dehn gewohnheitsmäßig
+einen lebhaften Geist entfaltete, verflossen die Stunden bis zur
+Schlafzeit in der angenehmsten Weise. Nach Tisch, nach einer längeren
+Promenade im Park, setzte sich die Gräfin mit dem Grafen Dehn an den
+Schachtisch, und die beiden Herren spielten eine Partie Pikett. Bei
+dieser Gelegenheit brach jene das von ihr bis dahin beobachtete
+Schweigen und erzählte Axel, daß Imgjor die Forderung gestellt habe, daß
+ihr ihr Erbteil ausgezahlt und völlige Bewegungsfreiheit eingeräumt
+werde.
+
+„Sie sollen morgen alles und noch anderes erfahren —“ sagte sie. „Mein
+Mann könnte hören, was ich spreche. Er wünscht, daß die Dinge
+einstweilen nicht berührt werden —“ schloß sie mit gedämpfter Stimme.
+
+Zu einer Gegenrede, namentlich zu einer Frage, ob Imgjor engere
+Beziehungen zu Prestö eingeräumt habe, vermochte Graf Dehn nicht zu
+gelangen.
+
+Zum Thee erschien Imgjor, und auch an dem heutigen Abend trug sie — Axel
+schob's diesmal auf die bevorstehende Zusammenkunft mit Prestö, für
+welche helle Gewänder nicht geeignet waren, — ein dunkles Kleid. Sie sah
+wieder anbetungswert schön aus und kehrte gegen den Grafen Knut ein
+neckisch anschmiegendes Wesen heraus.
+
+Zum erstenmal sang sie auf Graf Knuts wiederholte, dringende Bitte
+einige Lieder. Graf Dehn befand sich, während er ihren Vorträgen
+lauschte, in einer Art von Verzauberung. Sein Ich lag in ihren Banden.
+Etwas Aehnliches, die Seele Bewegendes, Ergreifenderes konnte man nicht
+hören.
+
+Alle Register, das Gemüt zu rühren und dem Ohr die höchsten,
+einschmeichelndsten Wohllaute darzubieten, standen ihr zur Verfügung.
+Man jauchzte und weinte mit ihr.
+
+Und wie niemals in ihrem Thun und Wesen das Bestreben zum Ausdruck
+gelangte, sich irgendwie besonders zur Geltung zu bringen, durch die ihr
+von der Natur zuerteilten Gaben Beifall oder gar Bewunderung
+einzuernten, so war's auch heute. Sie war frei von jeder Eitelkeit.
+Jedem Spiegel ging sie vorüber. Sich besonders zu schmücken, mußte sie
+jedesmal aufgefordert werden, und doch besaß sie, wie Lucile geäußert
+hatte, Gewänder, die Königinnen tragen konnten. Sie war mit ihrem
+blendenden Hals, ihren schneeigen Armen, ihrer Psychebüste, ihrem
+vollendeten Wuchs und ihrer vornehmen Haltung ein Wunderwerk der Natur.
+
+Und sie so zu sehen, stand Axel in den nächsten Tagen auf Rankholm
+bevor.
+
+Die Gräfin hatte darauf bestanden, daß der von ihr geplante Ball noch
+vor der Abreise nach Kopenhagen Stattfinde. Schon am nächsten Morgen
+sollten die Einladungen erfolgen und die Antworten durch abzusendende
+Stafetten gleich eingeholt werden.
+
+„Noch eins! Ich bitte recht sehr, Komtesse!“ drängte Graf Knut, nachdem
+Imgjor zwei Lieder gesungen hatte. „Singen Sie gütigst zum Schluß noch
+mein Lieblingslied!“ —
+
+„Ihr Lieblingslied? Ich weiß nicht — Welches ist's, Herr Graf?“ gab
+Imgjor erst zögernd, dann, durch seine Blicke willfährig gemacht,
+zurück. Und „Ach ja — gewiß — ich weiß jetzt!“ fügte sie dann äußerst
+bereitwillig hinzu, bat Lucile, sie zu begleiten, und sang nun ein
+kleines, in meinem ungestümen Tempo sich bewegendes andalusisches Lied:
+
+ „Einmal möcht', daß die Traumgedanken
+ Sich verwandelten in Wirklichkeit!
+ Einmal möcht' ich aus den Schranken
+ Eingeh'n in die Seligkeit!
+
+ Seligkeit sind deine Lippen!
+ Seligkeit ist deine Brust!
+ Schenk, o Gott, der durst'gen Seele,
+ _Einmal_ diese trunk'ne Lust!“
+
+Imgjor trug diese Verse mit einer solchen Verve des Ausdrucks vor, in
+ihren Augen erschien ein solch' überirdisches Feuer und ihr geöffneter
+Mund atmete eine solche verzehrende Sehnsucht, daß Graf Dehn, dem heiße
+Ströme durch die Glieder jagten, dabei an Luciles Worte erinnert ward.
+Sie hatte gesagt, daß hinter Imgjors kalt gemessenem Wesen heiße Flammen
+verborgen seien. Aber als sie dann wieder mit ihrem stumm verschlossenen
+Wesen vom Piano zurücktrat und gleich darauf gute Nacht sagte, Graf
+Knuts lautem Lob mit einer sanft bescheidenen Miene und von Graf Dehns
+stummer Bewunderung keine Notiz nahm, ergriffen ihn doch wieder Zweifel,
+ob sie bei diesem Vortrage wirklich Gleiches auch empfunden habe. Sie
+stellte sich offenbar nur in den Dienst ihrer Aufgabe. Ihre Gedanken und
+Sinne richteten sich sicher auf etwas ganz anderes. Ihr Inneres
+durchrieselte keine Leidenschaft für Prestö, sondern sie erfüllte jene
+Märtyrerliebe zur Menschheit, die sich selbst ans Kreuz schlägt. Alles,
+wenn's auch vielleicht einmal in ihr aufflammte, dämmte sie, diesem
+Dienst geweiht, zurück. Aber um so mehr verzehrte Graf Dehn das
+Verlangen, nun endlich Gewißheit zu erlangen. Sobald es irgend
+schicklich erschien, schützte er Kopfschmerzen und Müdigkeit vor und
+empfahl sich.
+
+Nachdem er sich in seinen Gemächern möglichst dunkel gekleidet, benutzte
+er einen ihm alle Zeit zu Gebote stehenden Schlüssel zur Hauptthür des
+Schlosses, betrat den Hof und den diesen und die Gärten verbindenden
+offenen Durchgang, versicherte sich, daß in Imgjors Zimmern noch Licht
+brannte, und begab sich zunächst zu der hinter den Bosketts befindlichen
+Turmpforte. Als er jedoch die Hand auf den Drücker legte, gab dieser
+nicht nach. Er schloß daraus, daß Prestö noch nicht eingetroffen sei und
+eilte nun vorsichtig zur Rechten auf den Arbeitshof. Er lag in einem
+gleichsam geisterhaften Dunkel. Eben hatte sich der Mond, der bis dahin
+ein schwaches Licht verbreitet hatte, hinter schwarze Wolkenmassen
+geschoben. Aber Graf Dehn wurde dadurch nicht gehindert. Er kannte den
+Weg und betrat alsbald die Eckgrenze des Hofes und des Fußpfades, der
+hier in das Thal hinabführte.
+
+Bevor er hinter der großen Scheune Posto faßte, spähte er noch einmal
+vorsichtig in das Dorf hinab.
+
+Aber vorläufig vernahm und sah er nichts. Auch drunten lag die Welt in
+einem mystisch unheimlichen Dunkel und in jenem Schweigen, das häufig
+einer gewaltigen Aufregung in der Natur voranzugehen pflegt. —
+
+ * * * * *
+
+Fast eine halbe Stunde stand Graf Dehn auf seinem Beobachtungsposten,
+ohne daß etwas geschah. Er hörte die Uhr vom Schlosse zehn schlagen, und
+später dröhnte eintönig auch der einzelne Schlag, der den ferneren
+Verlauf einer Viertelstunde verkündete, zu ihm herüber. —
+
+Aber dann rührte sich etwas, jedoch nicht von der Dorfgegend her,
+sondern auf dem Hofe.
+
+Von der Gartenseite her drang das Geräusch von Schritten an sein Ohr.
+Anfänglich nahm Graf Dehn an, daß es der Wächter sei. Es beunruhigte ihn
+dessen Kommen insofern, als der ihn begleitende Hund sehr wachsam war.
+Aber es war nicht der Wächter, der sich dem versteckt Harrenden näherte,
+sondern die Umrisse einer weiblichen Erscheinung tauchten vor den Augen
+des mit seinen Blicken die Dunkelheit durchdringenden Mannes auf.
+
+Und keinem Zweifel unterlag's — es war Imgjor, die, sicher beunruhigt
+durch Prestös langes Fortbleiben, ihre Gemächer verlassen und sich in
+die Nacht hinausgewagt hatte.
+
+Ein heißes Feuer loderte in dem Manne auf. Er hatte Mühe, sein
+klopfendes Herz zu bezwingen, als sie nun demselben Orte zuschritt, an
+dem er sich befand, zuletzt sogar — nur eine Armlänge von ihm entfernt —
+ihre Bewegungen hemmte und unbeweglich stehen blieb.
+
+Eine Welt, Himmel und Erde, wären sie sein gewesen, hätte er darum
+gegeben, wenn sie, die da unruhig ins Thal hinab spähte, um seinetwillen
+sich durch die Nacht geschlichen, um seinetwillen hier verharrt und
+sehnsüchtig aufgeseufzt hätte.
+
+Einmal schien's, als ob sie sich anschicken wolle, ins Dorf
+hinabzusteigen. Aber sie besann sich, wanderte hin und her und holte nur
+mehreremal, von Unruhe übermannt, tief Atem. Aber auch ein Hüsteln, das
+sie vergeblich zu dämpfen suchte, befiel sie. Offenbar von der Nachtluft
+unsanft berührt, zog sie das Tuch, das sie um ihre Glieder geschlungen,
+fester um sich, und rascher wurden ihre Schritte.
+
+Aber nun befiel auch Axel ein Kehlkitzel.
+
+Trotz heftigen Widerstands löste sich ein Laut aus seiner Brust, und
+Imgjor wich — er sah's von seinem Versteck aus — angstvoll erschrocken
+zurück. Aber nur für Sekunden. Dann leuchteten ihre funkelnden Augen
+durch die Nacht und richteten sich furchtlos spähend dahin, woher der
+Ton zu ihr gedrungen.
+
+Schon glaubte sich Graf Dehn entdeckt und blitzschnell überlegte er, ob
+er sich ihrem Gesichtskreis durch ein rasches Entfernen entziehen oder
+sich zu erkennen geben solle, als zu seiner glücklichen Befriedigung
+fast gleichzeitig ein Geräusch — das Geräusch der Schritte einer eilig
+den Berg hinaufklimmenden Person — beider Ohr traf, und gleich darauf
+auch schon Prestö mit hastig gedämpfter Stimme auf die ihm rasch
+Entgegeneilende einsprach:
+
+„Bist du's, Imgjor? Ah, Gottlob! Schon war ich in großer Sorge. Wie
+steht's, meine Imgjor? Habe Dank, daß du hergekommen bist! Aber ich
+vermochte nicht früher zu kommen, bis jetzt war ich bei Kranken und
+Sterbenden —“
+
+Andere Worte, die er sprach, verschlangen die Nacht und die Entfernung.
+Einem übereinstimmenden Antrieb folgend, nahmen beide den Weg gegenüber
+zu den Wirtschaftsgebäuden, und unter dem Schutz ihrer dunklen Mauern
+und Dächer schritten sie dem Schloßgarten zu. Und Graf Dehn folgte ihnen
+in angemessenem Abstand, und als sie sich in seiner Laube niederließen,
+wußte er sich hinzuschleichen, um zu hören, was sie redeten.
+
+Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß Imgjor einwilligen wollte,
+Prestö anzugehören, wenn zweierlei Bedingungen sich erfüllten. Er sollte
+sich ganz in den Dienst der neuen Sache stellen, und er sollte ihr
+nachweisen, daß seine jetzige Braut selbst die Beziehungen zwischen ihm
+und ihr lösen wolle.
+
+„Immer wieder muß ich es dir sagen, daß ich trotz meiner Liebe ein
+anderes Glück nicht zerstören will. Um solchen Preis will ich
+verzichten, muß ich entsagen! Ich würde nie froh werden können. Aus
+Schlechtem kann nichts Gutes entstehen. —“
+
+Und immer von neuem Beteuerungen von seiner Seite, daß sie ihm glauben
+möge. Besondere Beweise beizubringen, sei unmöglich, weil seine frühere
+Braut überhaupt nicht mehr schreibe und frühere Zuschriften von ihrer
+Hand im Zorn von ihm vernichtet seien.
+
+„Ich bin frei, Imgjor! Glaube mir doch! Was willst du mehr? Sie ist
+meiner Liebe nicht wert. Ich hatte sie schon aufgegeben, bevor wir uns
+fanden —“
+
+„Lass' mich sie selbst sprechen! Höre ich aus ihrem Munde, daß sie dich
+frei giebt, gleichviel aus welchem Grunde, gehöre ich dir! — Ich darf,
+ich kann nicht anders, mein Freund! Es ist gegen meine Natur —“
+
+Und dann wieder er. Er wisse nicht, ob jene sich überhaupt noch in
+Kopenhagen aufhalte. Sie habe die Absicht gehabt, als Erzieherin nach
+Lyon zu gehen. Sie sei sicher schon dort. Er wisse ihre Adresse nicht
+und könne, da sie keinen Anhang habe, solche nicht ermitteln.
+
+„So lass' mich an sie schreiben. Wir werden ihren Wohnort durch die
+Polizei feststellen können —“
+
+„Glaubst du mir denn nicht, Imgjor? Du kränkst mich durch dein Mißtrauen
+—“
+
+„Ich glaube, daß du mich liebst und daß du mich mehr liebst als jene.
+Aber im Beginn unserer Bekanntschaft sprachst du von dem Mädchen in
+einem anderen Sinne und thatest einer zwischen euch eingetretenen
+Entfremdung keiner Erwähnung. Diese Thatsache besteht, und daraus leite
+ich ab, daß du doch vielleicht auf falschem Wege bist, nicht aus
+verwerflichen Gründen, vielmehr unter dem Einfluß deiner Liebe zu mir,
+welche dir die Dinge in einem für dich günstigen Lichte erscheinen läßt.
+Weshalb scheust du die Probe? Willst du mit Unrecht beginnen? Muß dir
+nicht auch an Klarheit liegen, mein teurer Freund?“
+
+„Dich kann die rechte Liebe zu mir nicht beseelen, wenn du mich einer
+Schlechtigkeit für fähig hältst, Imgjor! Ich sag' es noch einmal: Ich
+kann und will jene nicht, und ich habe aus ihren Briefen die
+Ueberzeugung gewonnen, daß sie auch nur noch Zwang an mich fesselt.“
+
+„Siehst du also, mein Freund, du besitzest keine unbedingte Sicherheit!
+Lasse uns diese erwerben, und wir werden unsern Bund schließen. Will ich
+denn etwas anderes, als unser volles Glück, erstrebe ich etwas anderes,
+als daß wir es in unserer Liebe und in der Hingabe an unsere Ziele
+finden?“
+
+So und ähnlich gingen die Worte zwischen ihnen hin und her, und nach
+Beendigung dieses Gesprächs, das mit derselben wiederholten Forderung
+Imgjors ausklang, erzählte Prestö von der im Dorf um sich greifenden
+Epidemie. Er betonte, daß es richtiger sei, den Ort zu meiden. Größte
+Vorsicht sei erforderlich. Er, der Arzt, habe die Krankheit früher
+gehabt und sei deshalb immun, aber sie, Imgjor, möge — so edelmütig ihre
+Absichten auch seien — sich keiner Gefahr aussetzen.
+
+Auf ein weiteres Horchen verzichtete Graf Dehn. Was er wissen wollte,
+hatte er soeben vernommen. Zeuge ihrer Zärtlichkeit zu sein, vermochte
+er nicht. Er litt ohnehin namenlos, als Prestö sie in trunkener
+Leidenschaft an sich zog und sie sich mit einem stöhnenden, halb
+hingebenden, halb bangherzigen Laut an ihn schmiegte. Das Innere voll
+Erregung kehrte er durch den Garten nach dem Schlosse zurück.
+
+ * * * * *
+
+Der nächste Tag brachte Axel abermals eine große, mit peinlichen
+Eindrücken verbundene Ueberraschung. Als er mittags nach einem
+Spaziergang sein Zimmer betrat, fand er wiederum einen Brief von Imgjors
+Hand auf seinem Schreibtisch. Er lautete:
+
+„Noch einmal rufe ich den Kavalier in Ihnen an, Graf Dehn! Ich bitte,
+verlassen Sie Rankholm oder befreien Sie mich von dem unerträglichen
+Druck Ihrer zwecklosen und unerbetenen Observationen. Ich wiederhole
+damit eine schon früher ausgesprochene Bitte!“
+
+Lange wanderte Graf Dehn nach dem Lesen dieses Schriftstückes auf und ab
+und erging sich sowohl in Vorstellungen über die Umstände, die seine
+Entdeckung herbeigeführt haben konnten, als auch in Gedanken über dieses
+ihn täglich mehr fesselnde und doch für ihn verlorene, junge Geschöpf.
+
+Ein Roman spielte sich zwischen ihnen ab, in dem beide Teile ohne
+mündlichen Austausch und persönlichen Verkehr handelten und einer Lösung
+zustrebten.
+
+Aber vorläufig stand eine solche noch in weiter Ferne.
+
+Graf Dehn wollte nicht weichen und nicht verzichten. Er wollte dem
+Mädchen, das mit scharfer Logik den Kern aus den Dingen zu ziehen, und
+was sie zu sagen hatte, mit solcher lakonischen, von allem überflüssigem
+Beiwerk befreiten Kürze von sich zu geben wußte, den Beweis liefern, daß
+der von ihr begehrte Mann nichts anderes sei — jetzt stimmte er Luciles
+Auffassung bei — als ein kaltherziger Selbstling, ein zugleich so
+dünkelhafter Mensch, daß er sogar die ihm zu Gebote stehende
+Verstellungskunst, sofern sie nicht seinen Götzen, Macht und Geld, zu
+dienen hatte, verschmähte.
+
+Nach längerer, sorgfältiger Ueberlegung schrieb Graf Dehn die
+nachfolgenden Zeilen an Imgjor:
+
+„Gewähren Sie mir mit Ihrem großen, guten Herzen, das sich nur mir
+gegenüber so kaltherzig versteckt, dennoch die Erlaubnis, noch einige
+Zeit in ihrer Nähe weilen zu dürfen! Meine Liebe und meine Bewunderung
+für Sie erhalten in mir den Drang, Sie vor einem Fehlgriff zu behüten,
+den Sie zu begehen im Begriff stehen. Ich wage zu sagen: Mißtrauen Sie
+dem Charakter und den Beweggründen des Mannes, an den Sie, ein so
+vollendetes Wesen, alle Ihre reichen Schätze verschwenden wollen, aufs
+äußerste! Rechnen Sie mit der Erfahrung und der Menschenkenntnis dessen,
+der Ihr wahrhafter Freund ist, der auf seine eigenen Hoffnungen
+verzichtet, Sie aber wenigstens glücklich wissen möchte! Ziehen Sie,
+wenn Sie ein Zusammengehen mit mir zu diesem Zwecke ablehnen,
+wenigstens, ich bitte, Graf Knut zu Rate! A.D.“
+
+Dieses Schreiben trug Axel selbst zu Imgjors Gemächern hinauf. Er
+hoffte, ihre Zimmer offen zu finden. Aber sie waren verschlossen, und
+der Schlüssel hing nicht mehr auf dem Haken von damals.
+
+Noch im Zögern, wie er es beginnen sollte, ihr das Billet zu
+übermitteln, hörte er Schritte auf der Treppe, und da es keinen Ausweg
+gab, nahm er kurz entschlossen seine Zuflucht zu einer Portiere, hinter
+der er sich verbarg.
+
+Es widerstrebte ihm ein solches Verstecken, aber die Vorstellung, hier
+angetroffen zu werden, machte ihm das Blut heiß.
+
+Gleich darauf erschien einer der Diener des Schlosses, der sonst nur im
+Souterrain beschäftigt war, und klopfte, während er einen Brief aus der
+Tasche zog, an Imgjors Thür. Und noch einmal, da ihm keine Antwort
+wurde, und nun schon unschlüssig um sich spähend. Zuletzt schob er,
+rasch überlegend, mit kräftigem Nachdruck das Schreiben durch die
+Thürspalte, und nachdem das geschehen, stieg er vorsichtig wieder die
+Treppe hinab. Das war also der Mann, der auch ihm, Axel, die Briefe von
+Imgjor aufs Zimmer legte! Und das eben von ihm besorgte Schreiben war —
+Axel zweifelte nicht daran — von Prestö!
+
+Während Graf Dehn noch so überlegte, trat er hinter seinem Versteck
+hervor, machte es mit seinem Brief wie der Diener und nahm auch, wie
+der, lautlos den Weg in sein Zimmer zurück. Sehr begierig war er, wie
+ihm Imgjor bei Tisch begegnen werde. Freilich, er konnte es sich mit
+Sicherheit vorhersagen. Sie verband es, wenn sie mußte, ihre Gefühle
+meisterhaft zu verbergen.
+
+Bei Tisch ereignete sich nichts Besonderes. Es wurde vom Grafen über die
+Scharlachepidemie in Kneedeholm gesprochen. Dann wurde über das
+bevorstehende Fest geredet und zulegt wurde auch der Reise nach
+Kopenhagen und zugleich stets in dem Sinne Erwähnung gethan, daß es
+Lavards als selbstverständlich betrachteten, daß Graf Knut und Graf Dehn
+sich ihnen anschließen würden.
+
+Imgjor war ernst und für sich wie immer, sie gab aber durch ihr
+Verhalten keinen Anlaß zu irgend welcher Verstimmung. Graf Dehn
+begegnete sie — wie er es vorausgesetzt hatte — mit der gewohnten
+völligen Unpersönlichkeit in Blick und Wesen.
+
+Erst nach Tisch fand Axel Gelegenheit, die Gräfin zu sprechen. Sie
+ergänzte, selbst damit beginnend, ihren jüngsten Bericht durch die
+Mitteilung, daß Imgjor auf die Frage ihres Vaters, ob sie Beziehungen zu
+Prestö unterhalte, erwidert habe, es sei möglich, daß sich ernste
+Beziehungen zwischen ihnen entwickeln würden. Vorderhand tausche sie mit
+ihm, dem sie Sympathie, Vertrauen und freundschaftliche Gefühle
+entgegentrage, nur ihre gemeinsamen Ideen aus.
+
+„Und was erwiderten Sie beide, gnädigste Gräfin?“
+
+„Wir erklärten ihr, daß wir nicht nur niemals einer Verbindung zwischen
+ihr und dem fatalen Menschen zustimmen, sondern alles thun würden, um
+ihn — wie es schon gesagt sei — sobald wie möglich aus dem Gutsgebiet zu
+entfernen.“
+
+„Und dann? Was sagte Ihr Fräulein Tochter hierzu?“
+
+„Dann eben forderte sie ihr Erbteil und ihre Freiheit. Sie schlug, da
+ihre Ansichten mit den unsrigen nicht mehr zusammenstimmten, eine
+friedliche Trennung vor. Als mein Mann sie fragte, ob sie denn gar kein
+Zusammenhangsgefühl für die Ihrigen leite, entgegnete sie: Gewiß! Aber
+ich muß mein großes Ziel verfolgen; ihm gegenüber bin ich gezwungen,
+diesen Regungen meines Herzens zu gebieten. Ich gehöre der Menschheit im
+großen an, nicht im einzelnen. Ich bin hier ein nutzloser Esser, der
+weder befriedigt und erfreut, noch selbst glücklich ist.“
+
+„Sie wolle,“ schaltete ich ein, „aber doch nicht auf eine Verbindung
+mit Prestö verzichten, mit einem Manne, von dem jeder ihr sage, daß er
+nichts weniger als ideale, sondern nur selbstsüchtige Gedanken verfolge,
+der sie sicher, wenn der erste Rausch verflogen, grenzenlos unglücklich
+machen werde. Dieses Kleben an einer einzelnen unwürdigen
+Persönlichkeit, zumal auf Kosten der natürlichen Rücksichten gegen die
+Ihrigen, widerstreite doch den von ihr ausgesprochenen Grundsätzen
+durchaus.“
+
+„Und diese Logik entwaffnete sie nicht, Frau Gräfin?“
+
+„Nein. Sie erklärte, daß kein Widerspruch vorhanden sei, weil sich für
+sie in Prestö der Träger der neuen Ideen verkörpere. Zu ihm ziehe sie
+die übereinstimmende Ueberzeugung, aber auch der Wunsch nach einem
+kräftigen Halt und einer männlichen Unterstützung für ihre Pläne. Ihre
+Herzensempfindungen kämen erst in zweiter Linie in Betracht. Würde sich
+herausstellen, daß sie sich nicht angehören könnten, würde sie zu
+verzichten wissen. Eine Entscheidung darüber erstrebe sie. Wenn sie sich
+entschlösse, ihn zu heiraten, bäte sie um gutwillige Zustimmung von
+unserer Seite. Wenn nicht, müsse sie ohne diese handeln. Ihr Gewissen
+spreche sie von jedem Pflichtmangel frei. Sie sei kein lebloser
+Gegenstand, kein Ding, über das man ein ganzes oder beschränktes
+Verfügungsrecht besitze.“
+
+ * * * * *
+
+Die nächstfolgenden Tage der Woche verliefen ohne besondere
+Zwischenfälle. Das bevorstehende Fest nahm die Gedanken und die
+Thätigkeit der Gräfin fast ganz und die des Grafen kaum minder in
+Anspruch. Auch Lucile war wenig zu haben, da sie sich mit
+Ueberraschungen für den Ball trug. Nur abends wurde, wie gewöhnlich,
+eine Partie Boston, Pikett oder Schach gespielt, auch fanden gemeinsame
+Gesprächsaustausche über die die Gesellschaft berührenden Einzelheiten
+statt.
+
+Es trafen Zusagen und Absagen ein, und für letztere mußte noch im
+letzten Augenblick Ersatz geschaffen werden.
+
+Da ging's ans Ueberlegen, welche Form einer nachträglichen Einladung die
+schicklichste und zugleich erfolgreichste sein werde. Auch ließen
+Lieferanten die Küche im Stich. Der Koch hatte seine Not geklagt, und
+die Damen mußten noch Depeschen und Zuschriften entwerfen, welche
+reitende Boten zu besorgen hatten.
+
+Als am Vorabend des Balltages eine gemeinsame Beratung wegen der
+Tischordnung stattfand, stellten sich allerlei Schwierigkeiten heraus.
+Diesmal saßen alle Anwesenden, auch Imgjor, um den im Wohnzimmer
+befindlichen runden Sofatisch und hörten dem Grafen zu, der einen mit
+sämtlichen Plätzen versehenen Entwurf vor sich hatte.
+
+Es fehlten Herren, und es blieb nichts anderes übrig, als noch einige
+von den Gutsbeamten nachträglich hinzuzuziehen.
+
+Aber das war dem Grafen durchaus nicht recht, und da ihn gerade
+Kleinigkeiten sehr aufbringen konnten, so ergriff ihn auch an diesem
+Abend eine Starke Reizbarkeit. Er machte seinem Unmut über die ganze
+Sache in einem wenig rücksichtsvollen Ton Luft.
+
+„Nichts klappt, und ich sehe schon kommen, daß wir statt Vergnügen
+überreichlichen Verdruß von der ganzen Fête haben werden!“ stieß er
+heraus. „Gleich war ich gegen diese Ueberhastung. Was eilte denn die
+Sache so sehr? Solche Affairen kann man nicht über's Knie brechen. Nun
+haben wir's!“
+
+„Aber, lieber Lavard, die Dinge sind doch mit etwas gutem Willen leicht
+zu arrangieren!“ fiel die Gräfin besänftigend ein. „Wir laden noch den
+Oberverwalter, den Oberförster, den Inspektor und den Gutsförster ein.
+Dann sind wir in Ordnung.“
+
+„Ja, ja. Aber das ist mir höchst fatal! Erst sind sie nicht gut genug.
+Nun werden sie herbeikommandiert. Die Leute denken doch nach, sie haben
+ihr Ehrgefühl. Aber du mußt ja immer plötzliche Launen plötzlich
+befriedigen, Lucile!“
+
+Erst schwieg die Gräfin; sie erblaßte und schob den Kopf wortlos zurück.
+Dann sagte sie in sanftem Ton:
+
+„Lucile kam doch früher zurück, weil wir diesen Ball geben wollten. Wir
+waren uns darüber einig, daß wir ihn bei den vielen Verpflichtungen, die
+wir haben, nicht länger aufschieben könnten. Als du die Reise nach
+Kopenhagen anregtest, beschlossen wir gemeinsam, rasch noch die
+Einladungen ergehen zu lassen. Der Vorwurf trifft mich also in keiner
+Weise, Lavard.“
+
+Von der Richtigkeit des Gesagten betroffen, schwieg der Graf. Aber sein
+Mißmut wurde nicht gehoben, sondern verstärkte sich gerade durch diese
+Einwände so sehr, daß er nach einem Gegenstande suchte, auf den er
+seinen Mißmut ablenken konnte. Und da ihn Imgjors zu Tage tretende
+Gleichgültigkeit während dieser Beratungen schon mit starkem Aerger
+erfüllt hatte, da er wußte, daß sie all' dergleichen Festlichkeiten
+mißbilligte und infolgedessen laut oder stumm über ihnen zu Gericht zu
+sitzen sich herausnahm, so wendete er sich, seiner Gemahlin zugleich
+indirekt eine Antwort erteilend, an seine Tochter und sagte:
+
+„Na ja, es bleibt ja dann nichts anderes übrig, und du, Imgjor, kannst
+dann morgen vormittag gleich die Herren ohne ihre Frauen unter passender
+Erklärung einladen!“
+
+Der zornige Mann verschaffte sich durch diese Worte einerseits die
+Vorbefriedigung über die Antwort, die Imgjor erteilen und durch die er
+sie als Partnerin gegen seine Frau gewinnen würde, andererseits fand er
+Gelegenheit, das Feuer des in ihm glimmenden Vulkans über sie selbst
+auszuschütten.
+
+Es verlief auch alles, wie er es erwartet hatte.
+
+„Ich halte es für unmöglich, daß wir die Herren ohne ihre Frauen
+auffordern!“ entgegnete sie. „Eine nachträgliche, in guter Form
+vorgebrachte Einladung an die Familien werden sie nicht übel deuten. Daß
+aber die Männer bloß als Figursäulen an der Tafel sitzen sollen, werden
+sie sehr übel vermerken. Bei der ohnehin herrschenden gärenden Stimmung,
+auch in diesen Kreisen, möchte ich dringend abra —“
+
+„Du hast gar keine Lehren und Anweisungen zu erteilen, sondern zu thun,
+was ich dir sage!“ fuhr's aus des Grafen Munde. „Wenn's richtig gemacht,
+wenn darauf hingewiesen wird, daß wir keinen Platz haben, daß durch eine
+gleichzeitige Invitation der Frauen unser Zweck nicht erreicht, sondern
+die Situation noch verschlimmert wird, werden meine Beamten, denen ich
+stets mit Güte begegne, die mir Dank schulden und durchaus kein Recht
+besitzen, sich in einer gärenden Stimmung zu befinden, schon die
+notwendige Rücksicht üben. Nebenbei wird das wieder eine der zahlreichen
+thörichten Vorstellungen sein, mit denen du deinen Kopf anfüllst, statt
+dich der näheren Pflicht zu erinnern, die du gegen deine Eltern und
+deine Umgebung hast, Pflichten, die in Liebenswürdigkeit, Fügsamkeit,
+Erleichterung ihrer Bürden, Teilnahme an ihrem Thun und Handeln bestehen
+sollten! So, das merke dir!“
+
+Imgjor biß die Zähne zusammen, und man sah's, sie hätte am liebsten
+einmal voll ausgeholt. Aber noch bezwang sie sich. Sie sagte nur:
+
+„Du äußertest doch gegen Mama gerade dieselben Bedenken wie ich, Papa.
+Ich begreife deshalb nicht, daß ich nun für etwas getad —“
+
+„Zum Weiter, schweige jetzt und füge dich oder verlasse das Zimmer!“ —
+sprühte der Graf. „Ich wünsche nicht von dir im Sprechen kontrolliert zu
+werden, ich wünsche keine Lehren zu empfangen. Ich wiederhole früher
+Gesagtes: Ich habe grade genug!
+
+Und es sei dir bei dieser Gelegenheit gleich einmal notifiziert: Wenn
+du nicht den Beziehungen zu dem Menschen da unten in Kneedeholm nunmehr
+ein für allemal ein Ende machst, wenn du nicht abläßt von all' dem
+Unsinn der Volksbeglückung, der zu keinem anderen Resultat führen wird,
+als daß meine Bauern hier oben in Rankholm tafeln und Champagner
+trinken, wir aber alle vor den Pflug gespannt werden, so —“
+
+„Deine Bauern sind Menschen, die dieselben Rechte auf Wohlfahrt und
+Glück besitzen wie wir, Papa,“ fiel Imgjor unerschrocken ein. „Und wenn
+du es wünschest, so gehe ich nur zu gern. Es deckt sich ja genau mit dem
+dir jüngst vorgetragenen Ersuchen —“
+
+„Imgjor — ich warne dich —“ rief der Graf, sprang empor und fiel fast
+über seine Tochter her. Der Jähzorn hatte ihn wieder einmal bis zur
+Besinnungslosigkeit gepackt, und nur durch ein rasches Dazwischentreten
+der Gräfin, die Imgjor schützend in ihre Arme nahm, ward Uebles
+verhütet.
+
+Auch Lucile, wenn schon in heftigstem Gegensatz zu ihrer Schwester,
+legte ihre Hand auf des Grafen Arm und bat durch Mienen und Worte, daß
+er sich besänftigen möge.
+
+„Laßt mich!“ rief der Mann und löste sich unsanft von seiner Frau. „Wenn
+ich bedenke, daß dieses Mädchen meinen Namen trägt, daß ich das
+hinnehmen soll, ohne die Unverschämtheit zu züchtigen!“ Und: „Weißt du,
+wer du bist?“ fügte er hinzu, und seine Mienen entstellten sich noch
+mehr.
+
+Aber in diesem Moment flog die Gräfin abermals auf ihren Mann zu, faßte
+ihn, der offenbar etwas sprechen wollte, was niemals enthüllt werden
+durfte, und verschloß ihm mit der Rechten den Mund.
+
+Und nachdem das geschehen, wandte sie sich zu Imgjor, nahm sie in ihre
+Arme und redete besänftigend mit gedämpfter Stimme, auf sie ein. Man
+sah's, sie beschwor ihre Tochter, nachzugeben, aber man sah auch, daß es
+etwas war, wogegen sich ihrer Tochter heiße Seele mit trotziger Gewalt
+aufbäumte.
+
+„Thu's mir zu Liebe, Imgjor! Küsse ihm die Hand und bitte um Verzeihung,
+daß du dich vergaßest —“ mahnte sie bittend.
+
+Schon wollte Imgjor nachgeben. Ihr gutes Herz, durch diese liebevolle
+Begegnung bezwungen, schien die Oberhand zu gewinnen, als der Graf, der
+widerstrebend sich gefügt und zähneknirschend auf und abgegangen war,
+bei den letzten Worten der Gräfin abermals von seinem Jähzorn erfaßt
+wurde.
+
+„Nein, nein, Lucile, ich will's nicht in dieser Form! Sie soll kommen
+und feierliche Zusagen geben für alles, was ich schon erwähnte. Sie soll
+schwören, sich mit dem aufrührischen Bauernvolk da unten nie wieder
+abzugeben, die Beschäftigung mit den albernen Phantastereien abzuthun,
+sich ihrer Familie zu erinnern, sich ihr zu widmen, wieder die Kirche zu
+besuchen, den einfältigen Glauben ihrer Kinderjahre zurückzugewinnen,
+ein bescheidenes, fügsames Mädchen zu werden, statt eine Führerin des
+Aufruhrs, des Unglaubens und der Sittenverachtung!“
+
+„Auch das wird kommen mit der Zeit, Lavard. Nimm heut' fürlieb mit ihrer
+Buße für die Geschehnisse des Abends. Ich bitte — ich bitte — und,
+Imgjor, hörst du nicht? — Noch einmal — thu's _mir_ zu Liebe, beuge dich
+vor deinem Vater, mein liebes Kind!“
+
+Nun schwankte Imgjor abermals. Dann aber sagte sie, sich hoheitsvoll
+aufrichtend:
+
+„Nein, ich kann's nicht, Mama, und ich thu's nicht. Nur die Form kann
+ich bedauern, wenn ich in ihr wirklich fehlte. Alles andere entspricht
+meiner innersten Ueberzeugung und ich bin kein Schilfrohr, das jeder
+Wind bewegt. Ich bin ich! Ich bin Imgjor Lavard! —“
+
+Aber wenn bisher die Anwesenden bei den Erörterungen nur von
+unbehaglichen Empfindungen beherrscht worden waren, so stockte ihnen
+nunmehr das Blut.
+
+Wild, sprungbereit, in einer Wut, die etwas Unmenschliches an sich
+hatte, stürzte der Mann auf seine Tochter zu, faßte ihre Handgelenke,
+preßte das todesbleiche Geschöpf auf die Erde herab und hauchte:
+
+„Ja, eine Lavard! Aber — und nun sollst du es wissen — geboren von einer
+Mutter, die, eine Jungfrau, ihrer Sitte und Ehre vergebend, ihren Körper
+einem Kunstreiter verkaufte, einem Manne von dunkler Herkunft und
+niedrigsten Gesinnungen. Aus Mitleid habe ich dich zu dem erhoben, was
+du bist. Du bist nicht mein Kind. Ich habe dich als solches nur
+adoptiert. Nicht meines, nicht das edle Blut der Lavards, auf das du
+trotzest, fließt in deinen Adern, sondern das Zigeunerblut eines
+unehrlichen Landstreichers! Und so sollst du es haben! Ich stoße dich
+von mir, da du trotz aller Liebe, Zärtlichkeit und Ermahnung kein Reis
+sein willst an dem Stamm meines Geschlechts, gar gegen mich, gegen
+deinen Wohlthäter und Beschützer die Flinte und die Brandfackel
+ergreifen willst! Geh! Geh! Lauf' in die Welt! Thu', was du willst! Aber
+rechne nicht mehr auf uns und auf keinerlei Erbe, und wäre es ein
+Bettel! Ich bin für dich, du bist für mich gestorben!“
+
+Er stieß sie von sich. Imgjor aber erhob sich rasch und eilte hinaus. —
+
+ * * * * *
+
+Der Eindruck dieser Vorgänge übte auf die Zurückbleibenden eine
+beispiellose Wirkung aus. Die Gräfin war erschüttert, verwirrt und
+bedrängt, daß ihr Gemahl das seit ihrer Ehe bewahrte Geheimnis in
+solcher Weise und bei solcher Gelegenheit gelüftet hatte, und er selbst
+erhielt bereits so viel Besinnung zurück, daß ihn ein reuevoller Aerger
+ergriff, sich und sein Pflegekind mit dieser Rücksichtslosigkeit vor
+fremden Zeugen preisgegeben zu haben.
+
+Graf Knut und Fräulein Merville empfanden ein Mitleid für Imgjor, und
+Graf Dehn und Lucile waren vorläufig überhaupt nicht imstande, sich von
+den Eindrücken der Ueberraschung zu erholen.
+
+Zunächst entfernte sich, taktvoll handelnd, Fräulein Merville.
+
+Nach ihr brach Graf Knut auf, nachdem er den beiden Ehegatten lediglich
+stumm die Hand gedrückt hatte.
+
+Auch Graf Dehn wollte sich nach des Grafen Fortgang zurückziehen. Schon
+erhob er sich und richtete einen bescheidenen Abschiedsblick auf die
+beiden Damen. Aber beide hielten ihn durch den Ausdruck ihrer Mienen
+zurück.
+
+„Bitte, bleiben Sie, lieber Graf! Wir wollen gemeinsam beraten. Sie
+gehören zu uns!“ stieß dann die Gräfin, warmherzig im Ton heraus.
+
+„Nicht wahr, Lavard?“
+
+Und als er zwar nichts erwiderte, aber, obschon finster vor sich
+hinstarrend, auch nicht widersprach, fuhr sie fort:
+
+„Nachdem du ruhiger geworden bist, Lavard, wirst du mir erlauben, Imgjor
+aufzusuchen und ihr mitzuteilen, daß du ihr nochmals Zeit zum Ueberlegen
+giebst! Ich bitte dich, thu's! Indem du in solcher Art das Geheimnis
+ihrer Geburt enthülltest, statt ihr in ruhiger Stunde und in völligem
+Einvernehmen so Wichtiges zu eröffnen, hast du sie, fürchte ich, um so
+mehr in ihren Plänen bestärkt —“
+
+Und einschmeichelnd, da sie sah, daß der Zeitpunkt, ihm solche
+Vorhaltungen zu machen, zu früh gewählt:
+
+„Nein, nein, Lavard! Ich wollte dir nichts Unangenehmes sagen. Aber
+meine Bitte erfülle! Ich darf Imgjor beruhigen?“
+
+Dennoch fiel die Antwort auf diese verständige Rede anders aus, als die
+Gräfin, die ihres Mannes raschen Zorn kannte, aber auch auf seine ebenso
+rasche Versöhnlichkeit bauen zu können gehofft, erwartet hatte.
+
+Nachdem er sich wortlos erhoben und zunächst mit langen Schritten das
+Zimmer durchmessen hatte, sagte er in einem festen Ton:
+
+„Nein, Lucile, ich wünsche Imgjor nicht mehr entgegenzukommen. Ist sie
+bereit, von dem Menschen da und ihren Thorheiten Valet zu sagen, will
+ich trotz meiner beleidigten Gefühle vergeben. Sonst bleibt's bei meinen
+Worten! Es wird mir wahrlich nicht leicht — und die Gründe brauche ich
+nicht darzulegen — mich von diesem meinem Adoptivkind loszusagen. Ich
+gedenke auch der Welt, der man nicht unnötig Schauspiele bieten soll.
+Aber ich kann, darf und will nicht anders handeln. War ich aus falscher
+Liebe oder an anderen in meinem Naturell begründeten Motiven oft schwach
+in meinem Leben, in diesem Fall bleibe ich fest!
+
+Sie geht und wird ihres Erbes verlustig, wenn sie sich nicht fügt! Von
+Dingen, wie sie uns solche in der letzten Unterredung vortrug, ist nicht
+mehr die Rede!“
+
+„Gut, so werde ich mich also zu ihr begeben und in diesem Sinne mit ihr
+sprechen.“
+
+Unter diesen Worten erhob sich die Gräfin und verließ das Gemach.
+
+„Verzeihen Sie!“ hub Graf Lavard nach seiner Gemahlin Entfernung an und
+streckte Graf Dehn die Hand mit einem freimütigen Ausdruck entgegen.
+„Ich hätte gewünscht, daß Ihnen andere Eindrücke auf Rankholm geworden
+wären, und ich beklage, daß Sie mich in meiner Schwäche gesehen. Aber
+wir Menschen bleiben abhängig von unserm Blut. Jeder hat einen kleineren
+oder größeren Defekt in seinem Charakter.“
+
+Graf Dehn drückte Lavard stumm die Rechte, Lucile aber, durch die
+Selbstentäußerung ihres Vaters bezwungen, eilte gerührt auf ihn zu,
+umschlang ihn und küßte ihn zärtlich auf die Wangen. —
+
+Nach Verlauf von zehn Minuten trat die Gräfin bereits wieder ins Zimmer.
+Sie war bleich und erregt, und ihre Mienen verkündeten nichts Gutes.
+
+„Nun, liebe Mama? Wie ist's geworden?“ stieß Lucile heraus und richtete
+mit besorgter Miene den Blick auf ihre Mutter.
+
+„Ich habe Imgjor garnicht sprechen, wenigstens keine Antwort erhalten
+können,“ erklärte die Gräfin und ließ sich, sichtlich erschöpft, in
+einen Sessel gleiten. „Imgjor hat heftiges Fieber. Ihr Körper brannte
+förmlich, als ich bei ihr eintrat, und nun eben überkam sie ein sehr
+starker Schüttelfrost. Sie hatte sich bereits ins Bett gelegt, als
+Fräulein Merville sie aufsuchte. So habe ich mich denn auf Trost und
+zweckmäßige Anordnungen beschränken müssen. Fräulein Merville wird die
+Nacht bei ihr bleiben. Jedenfalls aber muß ein Arzt kommen. Wie soll's
+nun werden, Lavard?“ „Ah —“ stieß der Graf, von neuem stark erregt,
+heraus, und die Adern schwollen ihm in dem roten Gesicht an. — „Da haben
+wir's! Natürlich ist sie doch im Dorf gewesen, und was wir voraussagten,
+ist geschehen. Sie hat das Scharlach ins Schloß gebracht! Wahrlich,
+unverantwortlich, strafwürdig hat sie gehandelt an sich — und an uns! Da
+ist gleich ein Beweis von dem jüngst Gesagten: Das Beste in einer
+ungeschickten Hand kann zum Verderben werden. Und ich füge hinzu: Das
+Ungünstige, weise verwertet, kann zum Segen gereichen. Ja — welcher
+Doktor? Jedenfalls soll kein Prestö jemals diese Schwelle wieder
+betreten. Andreas soll sofort nach Oerebye kutschieren. Klingele,
+Lucile, nach Frederik! Gleich soll er fort. Ich schreibe ein paar Zeilen
+an den Physikus Mangor in Oerebye.“
+
+Und Frederik erschien, empfing ein Billet, das der Graf in dem Kabinett
+seiner Frau entworfen hatte, und eilte damit fort.
+
+Und nachdem das erledigt war, richteten die Anwesenden ihre Gedanken auf
+das Kommende. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit unter solchen Umständen
+den Ball abzuhalten, wurde erörtert. Zuletzt wurde beschlossen, die
+Entscheidung von der Erklärung des Doktor Mangor abhängig zu machen.
+
+War er dagegen, so sollte in der Frühe alles Personal auf dem Guts- und
+Arbeitshof entboten werden, um den Eingeladenen abzusagen. — Freilich,
+ein umständliches vielleicht nicht einmal völlig erfolgreiches Vorhaben.
+
+Es waren nicht nur Gäste vom Lande, sondern auch aus den umliegenden
+Städten geladen. Im linken Flügel, der an Imgjors Turmgemächer stieß,
+waren alle Fremdenzimmer bereits in Stand gesetzt, und auch die unteren
+rechtzeitig — oben befanden sich die Festsäle, in denen getafelt und
+getanzt werden sollte — waren hergerichtet.
+
+Einhundertfünfzig Personen hatten Einladungen empfangen, und schon
+wehten von den Türmen die Lavardschen Fahnen in den blutroten Farben,
+inmitten das Familienwappen: die Faust mit dem Dolch, gezückt gegen
+einen wild sich auflehnenden Geier!
+
+ * * * * *
+
+Diesmal war's noch gut verlaufen. Imgjor war nicht vom Scharlach
+ergriffen worden. Mangor, der noch in später Stunde erschienen war,
+hatte erklärt, daß es sich nur um eine starke, aber ungefährliche
+Verstimmung des Magens handle. Die Komtesse werde bei genügender Ruhe
+bereits im Laufe des kommenden Tages die Unpäßlichkeit abgeschüttelt
+haben.
+
+Und wie der Befreiung von einer schweren Sorge allezeit eine um so
+Stärkere seelische Aufrichtung zu folgen pflegt, so war's auch hier. Dem
+Grafen verlieh die Sicherheit, daß das Gespenst der Epidemie vom
+Schlosse abgewendet war, daß er nicht nötig hatte, seinen Gästen
+abzusagen, und daß somit auch Mühen und Kosten nicht umsonst gewesen,
+eine gehobene Stimmung, und in dieser gab er den Bitten der Gräfin zu
+einer Auseinandersetzung mit Imgjor nach.
+
+Nachdem Lucile und Fräulein Merville um die Mittagszeit gemeldet hatten,
+daß Imgjor bereits wieder aufgestanden sei, begab sich die Gräfin zu
+ihr aufs Zimmer, und in Axels Gegenwart wiederholte sie dann später
+diesem und den übrigen die von dem jungen Mädchen erteilte Antwort.
+
+Sie wolle eine Unterredung mit Prestö möglichst bald herbeizuführen
+suchen und, nachdem diese stattgefunden, ihren Eltern eine Antwort
+geben. Sie bäte, ihr diese Frist noch zu gewähren, um jenem gegenüber
+nicht wortbrüchig zu werden.
+
+Werde sie, um nicht das Glück eines anderen Mädchens zu zerstören, auf
+Prestö verzichten müssen, so würde sie nochmals die Bitte aussprechen,
+Rankholm verlassen und sich ihren Wirkungskreis suchen zu dürfen. Sie
+wolle sich eine Samariterthätigkeit suchen, sofern ihr ein Werk im
+Großen nicht zu gelingen vermöge.
+
+Sie schwöre dem Vater zu, daß sie ihm keine Schande machen werde. Sie
+bäte, ihr zu verzeihen, wenn sie in der Form gefehlt habe, und auch
+deshalb daß sie keine andere Antwort zu erteilen vermöge.
+
+Endlich hatte sie auf den dringenden Wunsch ihrer Pflegemutter zugesagt,
+daß sie heute bei dem Feste erscheinen werde.
+
+Alle Anwesenden befanden sich nun in einer starken Spannung, wie sich
+der Graf zu dieser Erklärung Imgjors verhalten werde.
+
+Gerechterweise mußte man zugestehen, daß ihre Erklärung verständig und
+maßvoll war, daß sie, wenn sie sich nicht selbst verleugnen wollte, eine
+andere garnicht geben konnte.
+
+Nach einer geraumen Frist, in welcher der Graf nachgedacht, sagte er:
+„Ich gebe jetzt nur die Erlaubnis, daß sie bis zu einer Entscheidung
+über ihre Beziehungen zu Prestö unter gleichen Verhältnissen wie bisher
+in Rankholm bleibt, aber es ist selbstverständlich, daß sie sich während
+dieser Zeit des Verkehrs mit meinen aufsässigen Bauern enthält. Kommt
+noch etwas vor, dann geht sie sofort!“
+
+Als sich Axel später mit der Gräfin allein befand, teilte sie ihm mit,
+daß Imgjor ursprünglich keineswegs in einer solchen versöhnlichen Art
+gesprochen, daß sie, die Gräfin, aus Klugheit vieles verschwiegen und
+ihrem Gatten nur das gesagt habe, was sie Imgjor teils nach schweren
+Kämpfen abgerungen, teils noch zu erreichen hoffe. — Nur Auflehnung
+gegen ihren Pflegevater habe Raum in ihr gehabt, ihr, ihrer
+Pflegemutter, aber habe sie unter dem Dankgefühl für deren Verhalten in
+den rührendsten Worten alle Schroffheiten, deren sie sich im Laufe der
+Jahre schuldig gemacht, abgebeten.
+
+„Der Zufall hat Ihnen, lieber Graf,“ — schloß sie ihre Rede — „enthüllt,
+was ich Ihnen nach einer voranzugehenden, sorgfältigen Prüfung Ihrer
+Vertrauenswürdigkeit eröffnen wollte, deshalb eröffnen wollte, damit Sie
+erkennen möchten, in wie weit meine Kinder zu Vorwürfen gegen mich
+berechtigt waren. — Es ist aber noch nicht alles. Das übrige sollen Sie
+später aus meinem Munde vernehmen.“
+
+Graf Dehn lohnte diese Worte mit lebhaftem Dank, dann sagte er,
+gedrängt, noch mehr zu hören: „Ich bitte, wie faßt Komtesse Imgjor die
+Enthüllung ihrer Geburt auf? Darüber äußerten Sie nichts, Frau Gräfin!“
+
+„Sie hat sich darüber nur kurz ausgelassen: Ihre Erregung beziehe sich
+auf das Unrecht ihres Vaters, solche Dinge in solcher Form vor fremden
+Zeugen auszusprechen.
+
+Ehe ich meinen Vater oder meine Mutter verdamme — äußerte sie — muß ich
+wissen, wie ihr Lebensgang war, wer sie zu dem machte, was sie wurden.
+Meinem Pflegevater bin ich unauslöschlichen Dank schuldig, weil er mich
+nicht dem Elend und dem Zufall preisgegeben, sondern mich gehalten hat
+als sein rechtes Kind. Und eben diese Dankbarkeit veranlaßt mich, mich
+dir zu fügen, fürder ihm gute Worte zu geben. Diese Dankbarkeit hat mich
+abgehalten, sogleich und für immer Rankholm zu verlassen. Ich wünsche in
+allen meinen Handlungen möglichst gerecht zu sein, auch mich
+unterzuordnen, sofern das, was gefordert wird, nicht mit meinen
+Ueberzeugungen und Grundsätzen in Widerstreit steht.“ —
+
+Und dann kam der Nachmittag, und mit ihm erfolgte das Anfahren der Gäste
+im Schloßhof von Rankholm.
+
+War das Gut in Stille und Einsamkeit ein unvergleichlich idyllischer
+Erdenfleck, so hatte es sich nun in ein buntes Zauberbild verwandelt.
+
+Von allen Zinnen wehten die roten Lavardschen Fahnen. Im Hofe vollzog
+sich ein endlos wechselndes Durcheinander von herbeieilenden
+Staatskarossen, Fuhrwerken und Landkutschen. Der Treppenaufgang war
+geschmückt mit Rosenguirlanden, und da der Abend bereits im Nahen war,
+flimmerten hinter allen Fenstern des mächtigen Baues hunderte und
+aberhunderte von Lichtern. Und strahlendes Flammenlicht ergoß sich
+später von den Kandelabern neben der Freitreppe über den ganzen Hof, und
+in einem Glanzmeer schwammen die Eingänge, die Gesellschaftsgemächer und
+großen Festsäle im Hauptgebäude und in den Flügeln.
+
+Aber auch unten in den Souterrains, wo auf den großen Herden die Speisen
+dampften und schmorten, war alles voll eifrigen Lebens. Ein Heer von
+weißgekleideten Köchen, buntlivrierten Dienern und Lakaien flog hin und
+her, treppauf, treppab, und mischte sich unter die in ihren kostbaren
+Toiletten und glänzenden Uniformen erschienenen, in den Empfangsräumen
+auf und ab wogenden, laut und lebhaft schwatzenden und lachenden Gäste,
+bis dann der Haushofmeister Frederik das Zeichen zum Tischgang gab und
+sich sämtliche fünfundsiebzig Paare in Bewegung setzten.
+
+So tafelte und trank man nur in Fürstenhäusern! Ein solcher Glanz und
+Prunk war entfaltet, daß selbst Axel, der sich bereits an den Ueberfluß
+von Rankholm gewöhnt hatte, des Erstaunens und der Verwunderung voll
+war. Tafelgeschirr stand auf den Tischen, das ganze Vermögen gekostet
+hatte. — Silber, aber auch Gold überall! Selbst die Gabeln und die
+Griffe der Messer blitzten in solchem edlem Metall.
+
+Massive Vasen und andere kunstreiche, kostbare Schaustücke mit Blumen
+aus den Treibhäusern gefüllt, waren zahlreich verteilt, und silberne
+Champagnerkühler, jedesmal für zwei Personen, fanden, das zischende,
+unruhige Naß in goldumränderten Flaschen bergend, neben dem wundervoll
+geschliffenen Krystall und Glas, das den Weinen zu dienen hatte, die bei
+jedem Gang besonders gereicht wurden.
+
+Die Damen Lavard trugen Geschmeide von Diamanten und Perlen, die einen
+schier unschätzbaren Wert besaßen, und zudem waren sie die Königinnen
+des Festes.
+
+Die Schönste war Imgjor, die Tochter des Kunstreiters.
+
+Zum erstenmal sah Graf Dehn ihren reizenden Hals. Es konnte keine
+gleichen Schönheitslinien, keine vollendeteren Farben geben. Sie
+wetteiferten mit dem Marmorglanz der runden, weißen Arme.
+
+Und dazu das braunrote, sich in ungeduldigem Wachstum aufbäumende Haar,
+dazu die dunkelbewimperten Augen, dazu der Körper mit seinen
+schwellenden Formen, die entzückenden Hände, die schneeigen Zähne, die
+von einem stürmisch pulsierenden Rot durchglühten, kleinen Ohren! Und
+wenn sie lächelte — dieses hinreißende, eine unbekannte Welt von
+Klugheit und Güte verheißende Lächeln!
+
+Und neben ihr saß, trotz seiner gegen ihre Eltern erhobenen Einwände,
+Graf Dehn.
+
+Gleich, als er ihr den Arm geboten, hatte er eine ihrer Enttäuschung
+begegnende Erklärung gegeben.
+
+„Es war der Wunsch des Herrn Grafen, daß ich Sie führen sollte,
+Komtesse! Ich bat um Ihretwillen, davon abzusehen. Es geschah, weil ich
+mein Möglichstes thun wollte, um Ihrem gegen mich geäußerten Wunsch zu
+entsprechen. Vielleicht bezwingen Sie dieses eine Mal Ihre Abneigung, so
+lange in meiner Nähe sein zu müssen. Ich verspreche Ihnen, daß ich
+versuchen werde, Ihr Ohr durch meine Worte in keiner Weise zu
+verletzen.“
+
+Schon während Graf Dehn gesprochen, hatte Imgjor den Oberkörper
+zusammengeschoben und die Lippen auf einandergepreßt, als ob sie nur so
+ihrer Empfindungen Herr zu werden vermöge. Aber als er dann mit einem
+sanft versöhnlichen Ausdruck in ihren Zügen forschte, so eine Antwort zu
+erheischen suchte, hob sie stolz das Auge zu ihm empor, sah ihn kalt an
+und senkte dann wieder die Wimpern mit einer Miene wie jemand, der, weil
+des anderen Gefangener, machtlos sich zu fügen hat.
+
+Zunächst verhielt sich Graf Dehn auf diese stumme Abwehr ebenfalls
+wortlos. Aber als von der Dienerschaft bereits die Suppe gereicht worden
+war, und nun Imgjor, ohne sie zu berühren, auch ferner in finsterem
+Schweigen dasaß, hielt's ihn nicht länger. Zorn und Auflehnung über ihre
+Kälte übermannten ihn.
+
+„Sie haben mich nicht einmal einer Antwort gewürdigt, Komtesse Lavard,“
+hub er an, nachdem er nach vorangegangener Frage, ob er einschenken
+dürfe, ihr Glas gefüllt hatte.
+
+„Wahrlich! Wenn ich nicht so vieles von Ihnen gesehen, jetzt wieder sich
+meine Meinung über Sie so vorteilhaft verstärkt hätte, ich könnte
+glauben, es sei doch eines wenigstens bei Ihnen Maske — nämlich, daß
+Sie ein Herz besitzen. Was that ich Ihnen? Wie begegnen Sie mir, der ich
+doch der Gast Ihres Hauses bin? Wie vergelten Sie mir das, was Sie
+selbst als vergeltungswert bezeichneten? Es mag Ihnen wenig vornehm
+erscheinen, daß ich erwähne, wie sehr ich für Sie stets eintrat, wie
+viel ich beigetragen habe, die vorhandenen Gegensätze zu mildern, auch
+jetzt den Dingen einen möglichst friedlichen Charakter zu verleihen. Ich
+thue es aber, weil ich Ihnen beweisen möchte, daß ich Ihr zu Thaten
+bereiter Freund bin. Gewiß, Sie haben mir deutlich an den Tag gelegt,
+daß Sie mich verabscheuen, Sie haben mir sogar die Schwelle des
+Schlosses gewiesen — aber es drängt sich mir die Frage auf, mit welchem
+Recht nach solchem Verhalten von meiner Seite? Ehrerbietung, Rücksicht
+und Freundschaft habe ich Ihnen ununterbrochen entgegengetragen!
+Erlauben Sie mir ein freies Wort: Sie wollen eine ganze Menschheit
+beglücken und besitzen nicht einmal die Fähigkeit, sich einem einzelnen
+Menschen in soweit anzubequemen, daß Sie die Gesellschaftssitten zu
+beobachten vermögen, aus trotziger Voreingenommenheit, aus Zorn, daß ich
+den Doktor Prestö als das hinstellte, was er ist —“
+
+„Nun, was ist er denn?“ fiel Imgjor, deren Büste unter dem
+freigeschnittenen Ballkleide in eine stürmisch tobende Bewegung geraten
+war, also, daß sie schier den Saum des Gewandes zu sprengen drohte, mit
+funkelnden Augen heraus.
+
+„Er ist ein kalter, berechnender Egoist, den nicht Liebe zur Menschheit,
+sondern nur Rachsucht erfüllt, der einer anderen, der er sein Wort
+verpfändet, lediglich deshalb einen Absagebrief erteilt, um die reiche
+und vornehme Erbin heimzuführen. Daß letzteres sich so verhält, klang
+durch seine Worte, die ich vernahm in jener Nacht. Nur Sie, in Ihrer
+blinden Liebe, entraten der Fähigkeit, ihn zu durchschauen, ihm, wie
+sonst den Menschen, ins Herz zu blicken und es auf seinen wahrhaftigen
+Wert zu prüfen.“
+
+„Ich bestreite jede Ihrer Behauptungen, Herr Graf Dehn. Und wenig
+vornehm ist es in der That — Sie mögen es hören! — zu horchen, und
+ebenso unkavaliermäßig, auf bloße Eindrücke hin einen Ehrenmann derartig
+zu verdächtigen. Und da Sie es wissen wollen: Meine Abneigung gegen Sie
+leitet sich uns der Thatsache her, daß, im Gegensatz zu Ihrem
+Selbstlobe, mit Ihrem Eintritt in Rankholm sich alles, was mir Freude
+und Hoffnung war und was mir Erfüllung schien, in Leid verwandelt hat.
+Sie haben von vorneherein gegen Herrn Doktor Prestö Front gemacht,
+deshalb gleich ohne Zwang und Not den Gast herabgesetzt, weil er anders
+geartet als Sie, sich anders gab als Sie, weil er sich Ihrer
+hochgeborenen Erhabenheit nicht unterordnete, weil er gleich an den Tag
+legte, daß es für ihn nur Menschen, keine Bauern und keinen Landadel
+giebt, weil Sie herausfühlten, daß ich ihm gut war, daß ich ihn Ihnen
+vorzog. Und dann haben sich die Meinungen meiner Familie täglich mehr
+gegen ihn gekehrt. Früher fand man ihn wohl etwas schroff, aber man
+lobte sein kräftiges Selbstgefühl! Man schätzte es hoch, weil es
+Charakter und Männlichkeit verriet. Stets stand er voran, wenn es sich
+um Einladungen in unser Haus handelte. Als Arzt wußten ihn alle nicht
+genug zu loben, und man gewährte mir auch ohne Einschränkungen den
+freien Verkehr mit diesem aufgeklärten und zielbewußten Manne. Heute
+würde mein Pflegevater ihn am liebsten töten; meine Pflegemutter und
+Lucile hassen ihn. Ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich plötzlich
+eine Ausgestoßene, Enterbte bin, während ich meinen mir zukommenden
+Besitz in den Dienst der großen Sache stellen wollte, in den Dienst der
+Veredelung und Aushilfe der Armen und Elenden. So, nun wissen Sie,
+weshalb ich den Augenblick verwünsche, in dem Sie über die Schwelle
+traten, weshalb ich Sie wegen Ihrer unerbetenen Eingriffe in unsere
+Familienangelegenheiten zu hassen ein Recht habe! — Und daß Sie, mein
+Herr Graf, heute, nach alledem, noch den Mut und das Wohlgefallen
+besitzen, an meiner Seite Platz zu nehmen, beweist mir, daß Sie zwar
+sehr viel Selbstgefühl, aber minder Zartsinn besitzen, wenig von dem,
+dessen Sie sich selbst so beredt rühmen!“
+
+Graf Dehn war weiß geworden wie das Leinen der Serviette, die er in
+seiner Hand zerknitterte.
+
+Das war eine Freiheit der Rede, die neben ihrem ungerechten Inhalt, der
+völlig falschen Auslegung, ja Umkehrung der Dinge, eine Maßlosigkeit
+enthielt, vor der ein Kavalier einer Dame gegenüber verstummen mußte.
+Indem Graf Dehn alles zusammenfaßte, was ihm an Kraft und
+Selbstbeherrschung zu Gebote stand, auch zu einem ruhigen Ton und zu
+äußerster Sachlichkeit sich zwang, obschon die vor Erregung zitternde
+Stimme fast versagen wollte, entgegnete er:
+
+„Es wird eine Zeit kommen, Komtesse Lavard, in der sie erkennen werden,
+wie richtig meine Urteile über die in Betracht kommende Person waren.
+Sie werden auch, ich weiß es, die unverdiente, ungeheure Kränkung die
+Sie mir eben zugefügt haben, abbitten. Ihr gerechtes Herz wird Sie dazu
+drängen! — Doch lassen wir ruhen, was ich nur gezwungen berührte, und
+nur eine Frage gestatten Sie mir noch an Sie zu richten: Wollen Sie mir
+eine Unterredung gewähren, wenn sich herausstellt, daß der Mann, dem Sie
+im Begriff sind, Ihr Lebensglück zu opfern, Sie täuschte?“
+
+„Weshalb —? Welchen Zweck soll das haben?“
+
+„Liegt Ihnen nicht daran, Komtesse, etwaiges Unrecht gegen mich gut zu
+machen? Ist es nicht doch möglich, daß Sie mich und mein Thun falsch
+beurteilen? Ist's dann nicht eine natürliche Pflicht, mir eine
+Genugthuung zu gewähren? Sie wollen eine Priesterin der Wahrheit, der
+Güte, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe sein und wollen schon beim
+erstenmal stolpern, wo Sie die Probe auf Ihr Ich zu bestehen haben?“
+
+Imgjor biß erst die Zähne zusammen, dann sagte sie: „Wohlan, ich bin
+bereit, Sie zu hören, wenn sich das vollzieht, was Sie hoffen — was Sie
+aus dieser Hoffnung sogar zur Gewißheit erheben. Sie wird Ihnen zwar nie
+werden, und wenn doch, so werde ich, das sei gesagt, nie Ihre Freundin
+werden, geschweige mehr —“
+
+„Also, wenn Prestö sie betrog, in diesen heilig ernsten Stunden Sie
+betrog, so bleibt er immer doch ein Gott und ich ein Unwürdiger,
+Komtesse?“
+
+Imgjor reckte den Oberkörper, und in ihrem in der Erregung sich
+unwillkürlich öffnenden Munde blitzten die Zähne. Dann sagte sie heftig,
+und er hörte, wie sie mit ihrem mit dem weißen Seidenschuh bekleideten
+Fuß ungeduldig den Fußboden berührte:
+
+„Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, daß Prestö mich nicht betrügen wird,
+daß er ein Ehrenmann, daß er ein anderer Mann ist als die, welche sich
+anmaßen, über ihn zu Gericht zu sitzen!“
+
+„Wohlan, Komtesse! Wenn Sie so reden, so steht Meinung gegen Meinung!
+Ich behaupte, daß der Mann innerlich in demselben Augenblick von Ihnen
+abfallen wird, wo er erfährt, daß Sie nicht die Tochter des Grafen, daß
+Sie aus Rankholm verbannt und enterbt sind. Und da Sie nun, trotz aller
+meiner fügsamen Bitten, den Frieden mir abschlagen, so will ich fürder
+gegen diesen Mann rücksichtslos kämpfen! Ich will Sie kurieren, jetzt
+kurieren gegen Ihren Willen!“
+
+Diesmal entgegnete Imgjor nichts. Sie vermochte es nicht, weil plötzlich
+eine Blutwelle ihrem Munde entströmte. Die Serviette, die sie zum Munde
+führte, wurde von einem unheimlichen Rot gefärbt. Schrecken ergriff die
+Umsitzenden, und ehe noch Graf Dehn helfen, sich um sie bemühen oder gar
+am Aufstehen hindern konnte, hatte sie den Saal verlassen.
+
+ * * * * *
+
+Lange waren die Klänge der Violinen, der Flöten, und Baßgeigen
+verklungen. Seit einer Stunde waren sogar die Lichter in dem mächtigen
+Rankholmer Schloß mit all' seinen zahlreichen Räumen erloschen, und
+alles lag in einem tiefen, festen Schlaf. Nur zwei Personen wachten
+noch, sie fanden keinen Schlaf, und er floh sie, weil eine der anderen
+unruhvoll gedachte. Freilich geschah's mit sehr verschiedenen
+Empfindungen.
+
+Imgjor haßte nunmehr den Mann, der in ihr Leben und in ihre Pläne einen
+solchen Eingriff gethan. Sie haßte ihn, obschon ihr vorurteilfreies Ich
+ihr zuflüsterte, daß sie ein Unrecht begehe. Als er damals in Oerebye
+die Rede gehalten, hatte sie bei sich gedacht, welch' ein wertvoller
+Mann er sei. Aber sie wollte ihm schon deshalb keine Gefolgschaft
+leisten, weil sie — wie sie sich vorredete — nichts Halbes, sondern
+etwas Ganzes erstreben mußte. Ueberdies lag sie in dem Banne Prestös,
+der sie mit den stärksten Fäden an sich zog, sie so fesselte, daß sie
+nicht zu entrinnen vermochte. Der Sohn des Unterdrückten, der, gleich
+ihr, aufräumen wollte mit dem Unrecht, gehörte zu ihr, und nun, nachdem
+sie vernommen, daß sie selbst von jenen abstammte, welche die Armut
+treibt, ihr Brot zu suchen, wo und wie sie es finden, fühlte sie sich
+zwiefach mit Prestö verknüpft, hundertfältig mit ihm verbunden.
+
+Voll ingrimmiger Auflehnung biß sie die Zähne zusammen, als sie sich in
+diesen Stunden der Nacht der letzten Worte ihres Gegners erinnerte.
+
+Er würde im Fall Prestö mitteilen, wer sie sei, ihn wissen lassen, daß
+ihr Erbe in Gefahr stehe, sicher ihr verloren ginge, wenn sie ihm,
+Prestö folge.
+
+Sie zitterte vor der Wirkung seiner Ausladungen aus denselben Gründen,
+die sie veranlaßt hatten, an Prestö die Forderung zu stellen, ihr die
+Beweise zu geben, daß er — ohne Zwang und Unrecht — frei sei.
+
+Ihr Verstand und die Klarheit ihres Geistes fanden auf gleicher Stufe
+mit der Tiefe und der Güte ihres Herzens, die sie trieben, sich
+selbstlos in den Dienst der Unterdrückten zu stellen.
+
+Einmal, als sie sich vorstellte, Graf Dehn könnte wirklich Recht
+behalten, geriet sie in eine solche Aufregung, daß ihr Herz in
+stürmischer Aufwallung pochte.
+
+Wenn auch Prestö einer der Millionen Durchschnittskreaturen, wenn auch
+er einer der erbärmlichen Nützlichkeitsmenschen war, wenn wirklich nur
+ihr Stand, ihre Schönheit und ihr großer Reichtum ihn hatte reden und
+gar als Schurken gegen seine Braut handeln lassen, dann — dann —!
+
+Sie atmete tief, tief auf, und ihre Rechte ballte sich, als ob sie eine
+Waffe fasse.
+
+Sie wußte nicht, was geschehen werde — ihr grauste vor sich selbst.
+
+Unter solchen starken seelischen Erregungen und Kämpfen, denen sich die
+irrenden Gedanken über ihre Geburt unruhvoll hinzugesellten, tastete der
+Tag mit noch müdem Licht an die Scheiben der Fenster und mahnte sie an
+Zeit, Umstände und die noch zu erfüllenden Aufgaben.
+
+Sich rasch aufraffend, rückte sie sich an den Schreibtisch, stützte,
+noch einmal ihre Gedanken sammelnd, das Haupt und schrieb sodann mit
+fester Hand einen langen Brief erregten Inhalts an Prestö, in welchem
+sie ihn am Schluß ersuchte, nur auf das zu hören, was sie ihm selbst
+mitteilen werde, legte dieses Schreiben im Flur in eine versteckte Ecke,
+aus welcher der von ihr insgeheim beauftragte Diener jeden Morgen in der
+Frühe vorhandene Briefe an sich zu nehmen und sogleich zu besorgen
+hatte, und schlüpfte alsdann in ihr Bett.
+
+Und als eben gerade das Gesinde sich wieder unten im Hause zu rühren
+begann, fand sie endlich die Ruhe, nach welcher der erschöpfte Körper
+verlangte. —
+
+Anders Axel.
+
+Durch sein Gehirn wälzten sich die Vorstellungen über Geschehenes und
+Künftiges, und lediglich die Ueberlegung, auf welche Weise er das
+ausführen könne, was er sich nunmehr als fiel vorgesetzt hatte,
+beschäftigte seine Gedanken.
+
+Er wollte sich vorläufig von der Familie Lavard nicht trennen, Prestö
+als den entlarven, der er nach den von ihm in jener Nacht gewonnenen,
+nunmehr mit Luciles Behauptungen übereinstimmenden Ansichten war, und
+Imgjor nicht nur zu heilen, sondern mit ihrer Familie vollständig
+auszusöhnen suchen. — Ob ein Preis ihm zufiel, mußte sich finden. Seine
+Liebe und sein überzeugungsstarker Sinn ließen ihn nicht verzweifeln.
+
+ * * * * *
+
+Die kommenden Tage verflossen den Rankholmer Schloßbewohnern unter
+allerlei Vorbereitungen zu der Kopenhagener Reise. Auch erledigte der
+Graf dringliche Gutsgeschäfte mit seinen Beamten und wies unter anderem
+auch Unterstützungen für die von der Epidemie noch immer gleich hart
+betroffene, ärmere Dorfbevölkerung an. Gegenwärtig gab es kaum ein Haus
+mehr in Kneedeholm, in dem sich nicht Schwerkranke befanden oder Tote
+täglich hinausgetragen wurden. Der Pastor kam Tag und Nacht kaum mehr
+zur Ruhe, da er Sterbende zu trösten, geistliche Handlungen vorzunehmen
+und nach den Bedrängten zu sehen hatte.
+
+Und nicht minder war Doktor Prestö beschäftigt. Wenn er einen der
+Betroffenen eben verlassen hatte, rief ihn die Pflicht schon wieder zu
+gleichem Zwecke ins Nebenhaus, und so fort. Ueberall Sterbende,
+Schwerkranke oder der Genesung Entgegengehende, die der Aufsicht
+bedurften.
+
+Aber jegliches, was er that, geschah in einer kurzen, schroffen,
+gefühllosen Art. So kam es nicht selten vor, daß er die Boten der
+Erkrankten mit dem barschen Bescheide abfertigte, sie müßten warten, er
+sei auch nur ein Mensch, der einen Kopf und zwei Arme habe.
+
+Ein engeres Zusammenwirken zwischen ihm und seinem ausgesprochenen
+Gegner, dem Pastor Nielsen, fand nicht statt. Sie bewegten bloß das
+Haupt, wenn sie sich begegneten, und bedienten sich der
+Zwischenpersonen, wenn sie sich etwas mitteilen mußten.
+
+Unter den geizigen und körperlichen Anspannungen war Prestö zu einer
+Förderung seiner Verlobungspläne mit Imgjor, die eine Reise nach
+Kopenhagen erforderlich machten, gar nicht gelangt, und wenn schon
+dieser Umstand seine Laune zu der allerschlechtesten gemacht hatte, so
+war seine Stimmung durch die Vorfälle der letzten Tage seine geradezu
+feindselige geworden.
+
+Er behandelte in seiner Verstimmung die Kranken sehr rücksichtslos, sie
+mußten büßen, worunter er litt.
+
+Plötzlich war alles über den Haufen geworfen. Die Mitteilungen, die ihm
+von Imgjor geworden, hatten einen geradezu niederschmetternden Eindruck
+auf ihn gemacht. Imgjor war die Tochter irgend eines Abenteurers und
+keine Lavard; sie war bedroht mit dem Verlust alles dessen, was gerade
+eine bestrickende Wirkung auf ihn ausgeübt hatte.
+
+So lange Imgjor der Glanz ihres ungeheuren Reichtums umgab, war's dem
+Manne nicht schwer geworden, sein Gewissen zu beschwichtigen. Um solchen
+Lohn glaubte er sich berechtigt, jener, die sein Wort hatte, einen
+endgiltigen Absagebrief zu schreiben.
+
+Um der hohen Ziele willen, die Imgjor im Auge hatte, heiligte der Zweck
+die Mittel!
+
+Nun aber stoppte er plötzlich wie ein vor ein Hindernis gestellter
+Reiter. Alle bisherigen Beschwichtigungen verfingen nicht mehr, er sann
+vielmehr, wie er sich, wenn Graf Lavard seine Drohungen wirklich wahr
+machte, wieder von Imgjor zurückziehen könne.
+
+Selbst die Schönheit Imgjors, die ihn gereizt und zeitweilig seine Sinne
+bereits zur höchsten Leidenschaftlichkeit angefacht hatten, sank nunmehr
+zu einem Nichts herab.
+
+Ihren Enthusiasmus für die große Sache, der er nur aus
+Selbstsuchtsgründen und rachsüchtigen Trieben Vorschub geleistet, die er
+in ihrem Sinne als Thorheit bespöttelt hatte, belegte er nunmehr mit der
+Bezeichnung einer Verrücktheit. Der Gedanke, sie ohne materiellen
+Einsatz von ihrer Seite zu heiraten, gar ihren Schwärmereien
+Gefolgschaft zu leisten, statt zu raffen, durch Geld und dadurch
+gewonnene Macht zu herrschen, schuf eine solche Auflehnung in ihm, daß
+er bereits überlegt hatte, ob er nicht ohne alle Versuche, den Grafen
+Lavard umzustimmen, der Sache ein Ende machen und Imgjor erklären solle,
+er könne nun doch die von ihr geforderten Beweise nicht beibringen.
+
+Freilich bedurfte es jetzt, da sie vor der Enterbung stand, eines klugen
+Verhaltens. Vorläufig mußte er sich geben, wie bisher, mußte er in
+Imgjor den Eindruck erhalten, daß seine Gesinnungen in keiner Weise
+erschüttert seien. Ungleich regten sich neben diesen Erwägungen auch
+wieder Gefühle eines ingrimmigen Verdrusses, so plötzlich um alle
+glänzenden Hoffnungen betrogen werden zu sollen. Eine durch den Eintritt
+wiedergekehrter, grenzenloser Habsucht hervorgerufene Unruhe
+bemächtigte sich des Mannes, die ihn nach Mitteln suchen ließ, wie er
+dennoch zum Ziele zu gelangen vermöge.
+
+Unter solchem Schwanken fiel ihm sein Gönner, Graf Knut ein. Vielleicht
+konnte es möglich sein, wenigstens einen Teil des Vermögens, sofern
+dessen Höhe der Mühe eines Kampfes wert sein würde, dem Grafen
+abzuringen.
+
+Und da Prestö diese Pläne schließlich zum Entschluß erhob, so zögerte er
+auch keinen Augenblick mit deren Ausführung.
+
+Einerseits richtete er ein Schreiben an Imgjor, in dem er sie um eine
+abermalige Unterredung ersuchte, und andererseits bat er den Grafen Knut
+in einem eilig beförderten Briefe, ihm eine solche nachmittags gewähren
+zu wollen.
+
+Ohne Antwort zu empfangen, nähme er an, daß ihm der Graf diese
+Vergünstigung gewähren wolle.
+
+Und von dem Eingang dieses Schreibens erzählte Graf Knut, des Grafen und
+der Gräfin Meinung einholend, in Gegenwart von Axel und Lucile nach dem
+zweiten Frühstück, und alle Teile wurden darüber einig, daß der Graf
+diesem Ersuchen Folge leiten müsse. Man wolle hören, was Prestö zu sagen
+habe.
+
+Alles, was einer Klärung der Angelegenheit dienlich sei, dürfe nicht von
+der Hand gewiesen werden. Aber während noch dies stetig wieder in den
+Vordergrund tretende, die Gemüter beschäftigende Thema behandelt ward,
+regte sich ein neuer Gedanke in Axel, und ihn zur Ausführung zu bringen,
+dadurch seinen geheimen Plänen Vorschub zu leisten, erfüllte ihn
+solchergestalt, daß er das Herannahen der nächsten Stunden kaum
+erwarten konnte.
+
+Sobald sich die Gelegenheit bot, begab er sich in seine Gemächer und
+dann später, nachdem die dritte Stunde geschlagen, vom Arbeitshofe aus
+ins Dorf hinab.
+
+Da Graf Dehn als Kind die drunten wütende Krankheit bereits überstanden
+hatte, beschlichen ihn keine Bedenken. Zudem wollte er ein Haus
+betreten, an das die Epidemie sich wenigstens bisher nicht herangewagt
+hatte. Er wollte versuchen, von Prestös Wirtschafterin den Namen der
+Braut ihres Herrn in Erfahrung zu bringen.
+
+Es war nicht undenkbar, daß ihr, die seine Briefe besorgte, dieser und
+der Aufenthaltsort der Dame bekannt waren.
+
+Als Graf Dehn durchs Dorf schritt, fiel ihm auf, wie menschenleer es
+war. Wie ausgestorben schien's. Nirgends ein rauchender Schornstein,
+nirgends jemand auf der Dorfstraße oder auf den Höfen.
+
+Nur einmal bemerkte er ein tiefgebeugtes, altes Mütterchen, das aus
+einem Bauernhause heraustrat und ein Gefäß an der Pumpe ausspülte. Und
+nicht einmal emporschauend, schritt sie sogleich und in einer Art
+zurück, die ihr beschäftigtes Gemüt verriet.
+
+Und noch ein menschliches Wesen, der Postbote, kam ihm später und gerade
+dann entgegen, als er die Wohnung des Doktors erreicht hatte.
+
+Den ehrerbietigen Gruß des Mannes erwidernd, entfuhr Axel unwillkürlich
+die Frage nach Briefen fürs Schloß. Er empfing auch solche für die
+Herrschaften, sah überdies Posteingänge für Prestö in der Hand des
+Angestellten und trat, nachdem er solche ebenfalls abzugeben sich
+erboten, in Prestös Haus ein.
+
+Da war alles still. Er suchte sich bemerkbar zu machen, und als dies
+erfolglos blieb, wandte er sich dem hinteren Ausgang in der Hoffnung zu,
+die Alte entweder auf dem Hofe oder im Garten zu finden. Und da er
+dadurch verhindert wurde, sich weiter ins Innere der Wohnung zu begeben,
+steckte er, mechanisch handelnd, vorläufig die Postsachen in seine
+Rocktasche.
+
+Und dann erspähte er hinten im Garten die alte Frau, welche beim
+Kartoffelaufnehmen beschäftigt war, und näherte sich ihr.
+
+Nachdem sie sich bei seinem Anblick aus ihrer gebückten Stellung
+erhoben, die erdigen Hände an der Arbeitsschürze abgewischt und ihn
+freundlich begrüßt hatte, sagte Graf Dehn, gleich ohne Einleitung aufs
+Ziel steuernd:
+
+„Ich komme mit einer Frage, gute Frau Madsen: Können Sie mir vielleicht
+sagen, wie des Herrn Doktor Prestös Braut heißt? Sie haben gewiß
+bisweilen Briefe nach dem Postkasten am Wirtshaus unten im Dorf getragen
+und kennen ihren Namen —“
+
+„Seine Braut? Ja, das weiß ich nicht. Aber er schreibt allerdings ab und
+zu an ein Fräulein. Sie heißt — sie heißt — Ingeborg Jensen.“
+
+„Hm — Danke! Und die Adresse? Es handelt sich um eine kleine
+Ueberraschung vom Schloß, deshalb frage ich bloß —“
+
+„Adresse? Adresse? Ja, da kann ich mich allerdings nicht darauf
+besinnen. Aber sie wohnt bei einen Etatsrat Estrup in Kopenhagen. Das
+steht mit drauf.“
+
+„So, so, schön! Das genügt, meine gute Frau Madsen. Und sagen Sie dem
+Doktor gar nicht, daß ich gefragt habe, daß ich hier war! Es ist wegen
+der Ueberraschung. Sie verstehen?“
+
+Und die Alte nickte, und nachdem ihr Axel ein Geldstück in die Hand
+gedrückt und sie noch einiges über den Gesundheitszustand im Dorf
+gefragt hatte, nahm er Abschied.
+
+Als er die Straße hinabschritt, klopfte ihm ungestüm das Herz, und als
+er wieder in sein Zimmer gelangt war, schrieb er zur Sicherheit sogleich
+auf, was er erkundet hatte. Bei dieser Beschäftigung kam ihm auch die
+Erinnerung an die Briefschaften, die er dem Postboten abgenommen, und
+dabei zugleich, daß er nun doch vergessen hatte, die für Prestö
+bestimmten Eingänge an die Alte abzuliefern.
+
+Er zog eilig alles aus der Tasche, legte die Briefschaften für Lavards
+für sich und schob das mit einem Bindfaden verknüpfte Bündel Zeitungen
+für Prestö bei Seite. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, daß auch
+Briefe vorhanden waren, und als Graf Dehn solche zur besseren Bergung
+berührte, sah er, daß auf der Rückseite der Name Ingeborg Jensen als
+Absenderin vermerkt war.
+
+Und da zitterten des Mannes Hände, und seine Brust hob sich in heftiger
+Erregung.
+
+Wie nun, wenn er sie um des Zweckes willen öffnete und ihren Inhalt las?
+
+Aber ein Briefgeheimnis verletzen, dadurch abermals Imgjor einen Anlaß
+geben, ihn einer unkavaliermäßigen Handlung zu zeihen?
+
+Und doch war ihm durch diesen Zufall das Mittel in die Hand gegeben, mit
+einem Schlage völlige Klarheit in die Verhältnisse zu bringen.
+
+Axel hatte die Abrede getroffen, mit Lucile zwischen vier und sechs Uhr
+eine Spazierfahrt nach einem der südlich gelegenen Vorwerke zu
+unternehmen.
+
+Er sah nach der Uhr. Die Zeit war gekommen. Er mußte sich hinaufbegeben.
+
+Noch in solchem inneren Zwiespalt befangen, begab er sich, vorher die
+Briefe in seiner Brusttasche bergend, zu Lucile, bestieg mit ihr das
+beide bereits erwartende Gefährt und kutschierte, es selbst lenkend, aus
+dem Schloßhof hinaus.
+
+Und als sie dann jenen Weg erreicht hatten, den Axel damals bei seiner
+Ankunft beschritten, trat plötzlich Imgjor aus dem Hause desselben Alten
+heraus, der Axel an jenem Mittag das Gepäck getragen hatte. Ein kalter
+Blick traf beide, als sie sie freundlich vom Wagen herab grüßten.
+
+Nach dem Ball hatte sich Imgjor nicht mehr unten sehen lassen. Sie nahm
+die Mahlzeiten in ihrem Zimmer ein, sie war gegenwärtig mit einer im
+Gewahrsam befindlichen, ihres Schicksals wartenden Persönlichkeit zu
+vergleichen.
+
+Auch an jenem Abend war sie, zum Verdruß all' der jungen Herren, die sie
+wie Planeten umkreisten und um ihre Gunst zu werben suchten, nicht
+wieder zum Vorschein gekommen.
+
+„Wenn ich mir diese ganze Angelegenheit überdenke,“ hub Lucile an,
+„will's mir nicht wie Wirklichkeit, sondern wie ein Roman erscheinen.
+Meine Schwester ist nicht meiner Mutter Kind! Mein Vater führt die
+Entlarvung ihrer Geburt herbei! Ich sehe die Möglichkeit, Imgjor
+wirklich zu verlieren, sie hinausgehen zu sehen in die Welt als
+Predigerin des Umsturzes, zugleich als Frau eines Prestö, eines
+rachsüchtigen Fanatikers, eines Unwürdigen! Heute zweifeln Sie doch auch
+nicht mehr daran, daß der Mensch ein solcher ist, Graf Dehn?“
+
+Zunächst wich Axel Luciles Fragen noch aus. Er wünschte einen anderen,
+ruhigeren Ort zu erreichen, um Lucile Mitteilungen zu machen. Erst als
+sie das Vorwerk erreicht hatten und sie hier in einen altmodisch
+bestellten, hinter dem Wirtschaftshaus befindlichen Garten traten, sagte
+er nach schicklicher Einleitung:
+
+„Ich möchte Ihnen etwas sagen, Komtesse! Ich möchte Sie bitten, mir zu
+raten —“
+
+Und dann eine von Ulmen eingefaßte Höhe besteigend und Lucile zum
+Niedersitzen auf einer hier befindlichen Bank auffordernd, berichtete er
+ihr, nachtragend, nicht nur von dem Gespräch, das zwischen ihm und
+Imgjor am Ballabend stattgefunden hatte, sondern auch von dem, was heute
+im Dorf geschehen war.
+
+Seinem Vortrage hörte Lucile mit größter Spannung zu, und währenddessen
+verrieten ihre Mienen nichts anderes, als ein sachliches Interesse.
+
+Als Graf Dehn aber die Frage aufwarf, ob es zur möglichen
+Wiedergewinnung und Umkehr Imgjors nicht Pflicht sei, den Inhalt der
+Briefe zu untersuchen, schüttelte sie den Kopf mit einer Miene, in der
+ausgedrückt war, daß sie den bloßen Gedanken schon nicht begreifen
+könne.
+
+Aber noch etwas anderes kam in einem deutlich erregten, Luciles
+sonstigem ausgeglichenem Wesen nicht entsprechendem Tone zum Vorschein.
+
+„Sind Sie denn noch immer nicht kuriert, Graf Dehn? Ich sollte denken,
+daß Ihnen nach solchen Erklärungen doch der Geschmack vergehen und —
+pardon — Ihr Selbstgefühl Sie zurückhalten sollte, um meine Schwester zu
+werben! Sie wissen, wie ich über Imgjor, die ich auch ferner als mir
+zugehörig ansehe, denke. Mein Urteil über sie hat sich nicht verändert
+und kann sich nicht ändern, aber daß Sie beide nach all' diesen
+Vorgängen nicht für einander passen, daß Sie ebenso unglücklich werden
+würden, wie sie es mit Prestö sicher wird, erscheint mir ganz
+zweifellos.“
+
+Graf Dehn wurde durch diese Sprache sehr betroffen, so betroffen, daß er
+nicht einmal zu einem ausgleichenden, seine Empfindungen klarstellenden
+Gegenwort gelangte.
+
+Was er sich bei früherer Gelegenheit wieder aus dem Sinn geschlagen, war
+in ihm diesmal zur Gewißheit geworden: Ein eifersüchtiges Interesse für
+seine Person hatte Lucile sprechen lassen! Aber er sagte sich auch, daß
+er eine große Thorheit begangen habe, sie abermals in seine Pläne
+einzuweihen, ja, daß er, da es geschehen, fortan auf Rankholm — ohne
+Luciles Freundschaft — einen unhaltbaren Stand haben werde.
+
+Unter solchen Gedanken suchte Graf Dehn vergeblich nach einem Ausgleich.
+
+Seiner Neigung und seinen Entschlüssen untreu zu werden, weil ein
+anderes weibliches Wesen ihn deshalb verurteilte, konnte nicht einmal
+Gegenstand seiner Ueberlegung sein.
+
+Freilich hatte sich auch inzwischen wieder in Lucile eine Wandlung
+vollzogen.
+
+Sie, die Stolze, die ihre Hand nur nach einer Fürstenkrone hatte
+ausstrecken wollen, bereute, sich so vergessen, sich so vor ihm
+bloßgestellt zu haben. Sie mußte deshalb darauf bedacht sein, ihm so
+rasch wie möglich die Eindrücke zu nehmen, die sie aus ihrer von ihrem
+Herzen gedrängten Unvorsicht in ihm hervorgerufen hatte. Niemals sollte
+er ein Recht haben, zu glauben oder gar zu behaupten, daß sie sich ihm
+genähert, durch ihre Haltung um ihn geworben habe. Mit diesem
+Augenblick, den er nicht benutzt hatte, ihr wenigstens einen Brosamen zu
+gewähren, erstickte sie mit ganzer Kraft ein für allemal ihre Gefühle
+für ihn, zwang sie sich, ihrer Natur aber auch insofern zu gebieten, als
+sie ungerechte oder gar feindliche Gesinnungen gegen den Mann, der sie
+verschmäht hatte, nicht aufkommen lassen wollte.
+
+Infolgedessen sagte sie, sich zu äußerster Sachlichkeit auch im Ton
+zwingend:
+
+„Mißverstehen Sie mich nicht, Graf Dehn! Wir würden an sich alle sehr
+glücklich sein, wenn Sie uns durch eine Verbindung mit Imgjor so nahe
+wie möglich rückten, wenn unseren bereits vorhandenen, warmen
+Beziehungen noch dieser Stempel aufgedrückt würde. Ich habe Sie nur in
+ihrem Interesse warnen wollen, nicht einem Phantom nachzujagen. Wenn
+Imgjor Ihnen dennoch ein Jawort geben würde, Sie vor schweren
+Enttäuschungen zu behüten. Ich will trotz meiner Ansichten, wenn Sie es
+wünschen, dennoch Ihre Verbündete sein. Nur stehen Sie davon ab, in
+solcher Weise den Knoten lösen zu wollen! Das, eben das würde eine
+Imgjor mit ihrem sein ausgeprägten Gerechtigkeitssinn Ihnen nie
+verzeihen. Es ziert Sie nicht. Nur einen Weg gäbe es — und daß wir ihn
+beschritten haben, müßte ein unverbrüchliches Geheimnis zwischen uns
+bleiben. Wir könnten Imgjor die Briefe zustellen. Sie mag dann thun, was
+ihr gutdünkt.“
+
+Durch diese Worte wurde Graf Dehnaufs angenehmste berührt. Während er
+sich schon der kummervollen Befürchtung hingegeben hatte, daß sie ihm
+seine Zurückhaltung mit Feindseligkeit lohnen werde, baute sie Brücken
+zu ihm, die von neuem von ihrer Klugheit, ihrem Takt, ihrer Erziehung
+und ihrer vornehmen Gesinnung Zeugnis ablegten.
+
+Aber deshalb ward er auch gedrängt, nichts Unklares mehr zwischen
+ihnen bestehen zu lassen, auch seinerseits zu festen, guten
+Freundschaftsbeziehungen durch offene Bekenntnisse beizutragen.
+
+„Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzem Herzen, Komtesse,“ hub er an.
+
+„Und gestatten Sie, daß ich auf alles, was Sie berührt haben, eine
+freimütige Antwort erteile. Unter normalen Verhältnissen würde mir
+wahrlich niemals auch nur der Gedanke kommen, ein Schriftgeheimnis zu
+verletzen. Ich betrachte es, gleich Ihnen, als ein Vergehen. Aber wir
+dürfen, wo es sich um die Wohlfahrt eines uns nahegehenden Menschen
+handelt, um ein Wesen, daß wir in dem Sinne lieben, daß wir unser
+eigenes Leben ihm opfern würden, Anschauungen und Bedenken, die sich uns
+sonst durch unsere Grundsätze aufdrängen, nicht aufkommen lassen. Wie im
+Kriege niemand die äußerste List verwerflich finden wird, um den Feind
+zu bezwingen, so giebt's Lebensverhältnisse, wo Gewohnheitsanschauungen
+zurücktreten müssen.
+
+Ein Mann wird ein junges Mädchen nicht plötzlich umfangen und an sich
+pressen. Aber wenn es ins Wasser stürzt und die Fluten über ihm
+zusammenschlagen, hat der Retter das Recht zu einer solchen Berührung.
+
+Also die Umstände entscheiden über die Handlungen. Die Dinge sind eben
+das, wozu jene sie machen und was wir durch unsere Auffassungen in sie
+hineinlegen.
+
+Ich sage das alles, weil ich gerade von Ihnen — die meinem Herzen nach
+Imgjor am nächsten unter den Frauen auf der Welt steht — verzeihen Sie
+mir diese offene Sprache! — nicht falsch beurteilt werden will.
+
+Und dann noch eins: Mich treiben mein Mitgefühl und meine Pflicht. Sie
+stehen mir über der Sicherheit, dadurch gerade alles, was ich wünsche,
+begraben zu müssen.
+
+Mein Herz zittert schon, wenn ich denke, daß dieses schöne, edle, nur
+falsch beratene Mädchen unglücklich werden, daß sie einst weinen und
+schluchzen, daß ihre Seele in Nöten liegen könnte, daß ihr wirklich die
+fürchterliche Enttäuschung würde, die ich fürchte. Ein Mensch, wie
+Prestö, wird sein Weib, wenn es sich ihm nicht willenlos unterordnet,
+knechten, gar mißhandeln! Ich stelle mir vor, daß er solches thun
+könnte, und mein Inneres schwillt unruhvoll auf in grenzenloser Sorge
+und Mitleid um sie. Ich kann's nicht ändern. Ich liebe sie mit heißer
+Zärtlichkeit, und eben diese meine Liebe läßt mich handeln. Ich danke
+Ihnen im übrigen für Ihre Zustimmung. Vielleicht können wir die Briefe
+in ein Kouvert stecken, es mit verstellter Hand überschreiben und Imgjor
+zustellen.“
+
+Aber Lucile bewegte bei diesem Vorschlag die Schultern und zeigte eine
+zweifelnde Miene. Er gefiel ihr nicht.
+
+„Nein, ich möchte anders raten, lieber Graf,“ hub sie an. „Was Sie
+vorschlagen, kann einen Verdacht auf Personen lenken, die
+gänzlich unschuldig sind. Das Verfahren kann auch dem Postboten
+Unannehmlichkeiten bereiten. Ich meine so: Ich gehe zu meiner Schwester,
+sage ihr, daß Briefe für Prestö mit in unsere Post geraten seien, und
+überlasse es ihr, durch Oeffnen ihr Schicksal zu entscheiden oder sich
+zu bescheiden. Freilich ist auch das nicht ganz der Wahrheit
+entsprechend, aber wir handeln so am ehrlichsten.“
+
+„Ja, so ist es gut, so ist's noch besser, Komtesse! Auch dafür danke
+ich Ihnen!“ stieß Graf Dehn belebt und einen Blick ehrerbietiger
+Bewunderung auf das junge Mädchen richtend, heraus.
+
+„Immer entscheiden Frauen richtig!“
+
+Ungleich beugte sich Graf Dehn auf Luciles Hand herab und drückte einen
+Kuß darauf. Und Lucile schoß, obschon sie dagegen kämpfte, ein Blutstrom
+in die Wangen, und sie zitterte heftig.
+
+Sie liebte den Mann, und sie litt, weil er sie verschmähte, schwere
+Qualen.
+
+ * * * * *
+
+Wieder saßen sie alle abends im Schlosse Rankholm beisammen, und
+abermals war von nichts anderem die Rede als von Imgjor.
+
+Und jetzt beschäftigte sie ausschließlich der Inhalt der Unterredung,
+die zwischen dem Grafen Knut und Prestö stattgefunden hatte. Jetzt eben
+erhob sich nach sehr lebhaften Erörterungen Graf Lavard und sagte,
+zugleich diese Gelegenheit zu einem Bekenntnis ergreifend:
+
+„Gewiß! Als ich neulich Imgjor in solcher Weise begegnete, riß mich der
+Zorn hin, und im Zorn traf noch niemand das Rechte. Aber ich erkläre
+auch jetzt aufs Entschiedenste nochmals, daß ich auf meinen Bedingungen
+beharre. Also das, lieber Graf, ist meine, durch nichts zu
+erschütternde Antwort. Und Herrn Prestö nochmals oder jemals überhaupt
+wieder zu empfangen, lehne ich definitiv ab! Und nun, liebe Merville,
+bemühen Sie sich zu Komtesse Imgjor hinauf und bitten Sie sie, zu
+erscheinen. Sie soll hören, was ich zu erwidern habe, und ich will nun
+gleich ihr letztes Wort vernehmen —“
+
+Aber jetzt erlaubte sich Graf Dehn auf den Grafen einzusprechen.
+
+Indem er sich der vollen Kunst seiner Gewandtheit bediente, bat er ihn
+inständig, heute noch keine Entscheidung zu treffen, Imgjor noch eine
+größere Frist zu gewähren. Er wisse, daß erst in diesen Tagen Imgjor
+Aufklärungen über das Verhältnis Prestös zu seiner bisherigen Braut
+empfangen werde. Imgjor sei deshalb noch gar nicht in der Lage, eine
+bejahende oder verneinende Antwort zu erteilen. Und zum Grafen Knut
+gewendet, den immer noch ein Interesse für Prestö beherrschte, und der
+solches auch bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt, fragte er:
+
+„Hat Ihnen Prestö nicht auch dergleichen gesagt, Herr Graf? Oder hat er
+behauptet, daß seine Beziehungen zu seiner Braut völlig gelöst seien?“
+
+„Nein und ja,“ entgegnete der Graf. „Es war dies der einzige Punkt, der
+mich etwas stutzig machte. Er entgegnete auf meine Frage, ob er Komtesse
+Imgjor unter allen Umständen heiraten wolle, daß er darauf heute nicht
+antworten könne. Ohne Zustimmung der Eltern sie aus dem Hause zu reißen,
+widerstrebe doch seinem Empfinden —“
+
+„Ah — ah — oder vielmehr seiner habsüchtigen Seele!“ fiel Graf Dehn
+verächtlich ein.
+
+„Also eine Hinterthür läßt er sich doch offen! Wahrlich, Sie handeln
+lediglich in Komtesse Imgjors Interesse, wenn Sie, ihr jeden
+Vermögensanspruch verweigern zu wollen, vorgeben, Herr Graf —“ hier
+wandte sich Axel an den Hausherrn. „Ich möchte jetzt beinahe einen Eid
+darauf ablegen, daß Prestö selbst zurücktritt.“
+
+ * * * * *
+
+Im Rankholmer Schloß lagen, wie früher erwähnt, die dem täglichen
+Gebrauch dienenden Gesellschaftsgemächer nach der Parkseite hinaus. Im
+Flügel zur Linken, wo im Zwischenturm Imgjor wohnte, dehnten sich die
+Festräume, und im Flügel rechts, ebenfalls mit dem Ausblick nach
+Kneedeholm, befanden sich die Privatzimmer des Grafen.
+
+Als Lucile in der Absicht, Imgjor die Briefe von Prestös Braut
+einzuhändigen, vor dem Abendessen aus ihrem Zimmer trat, gab ihr der ihr
+begegnende Frederik auf ihre Frage, ob sich die Komtesse auf ihrem
+Zimmer befinde, die Antwort, daß sie nach Tisch das Schloß verlassen
+habe und noch nicht zurückgekehrt sei. Aber während Lucile nach
+Frederiks Entfernung noch unschlüssig dastand, tauchte gerade Imgjor,
+welche die Haupttreppe von der Schloßhofseite her emporgestiegen war,
+auf dem Flur auf. Sie begrüßte Lucile durch eine kurze Verneigung des
+Kopfes, wandte sich dann aber sogleich, ohne Anrede, dem Korridor zu.
+
+„Ich möchte dich gern sprechen, Imgjor!“ hub Lucile, sich Imgjor
+nähernd, an.
+
+„Wenn's dir genehm ist, treten wir in mein Zimmer — Ich bitte —!“
+
+„Was ist denn?“ fiel ihr Imgjor in einem müden Ton in die Rede. „Willst
+du mich auch belehren, Lucile? Es ist besser, du stehst davon ab! Ich
+kann dir und euch allen jetzt keine Antwort erteilen. Jedes Sprechen ist
+nutzlos. Heute werde ich Prestö sehen, und von dem Ausfall seiner
+Erklärungen ist die abhängig, welche ich euch geben werde.“ — Und dann
+in einem veränderten Ton: „Ach — glaube mir, Lucile — ich leide! Ich
+nehme die Dinge nicht leicht, ich bestehe einen schweren Kampf. Aber ich
+kann doch nicht anders!“
+
+Und dann brach sie in ein stilles Weinen aus — auch lehnte sie sich
+plötzlich — des Ortes nicht achtend — an Luciles Brust.
+
+„Komm, Imgjor, meine Imgjor! Nicht hier! Tritt zu mir herein! Wir wollen
+dort weitem reden. Ah — ah — wie du fassungslos bist! Arme, liebe
+Seele!“
+
+Unter solchem Zuspruch zog Lucile Imgjor ins Wohngemach, hieß sie dort
+sich ans Fenster setzen, rückte gleichfalls einen Stuhl herbei, ergriff
+der noch immer heftig Schluchzenden Hände, hielt sie fest und sah ihr
+liebevoll in die Augen.
+
+„Ich bitte dich —“ redete sie auf sie ein — „sprich dich einmal
+ordentlich aus! Sieh mich an als deinen besten Freund! Wahrlich,
+Imgjor, ich denke nichts anderes als dein Glück. Aber sei gerecht! Thust
+du nicht selbst alles, um es zu verscherzen?“
+
+„Ich muß so handeln, wie meine Natur es verlangt, Lucile! Ja, wenn's
+etwas Schlechtes wäre! Ich will aber doch nur Gutes. Und daß ich den
+Doktor liebe, kann ich dafür? Man folgt seinem Trieb und Herzen, und
+soviel man auch Vernunft zu Hilfe nimmt, man vermag ihrer Gewalt nicht
+zu widerstehen. Was ich will, sagte ich dir: Ich will Prestö nochmals
+auffordern, mir die Beweise zu geben, daß er frei ist. Ich will ihn
+fragen, ob er auch dann zu mir halten will, wenn mich Papa verläßt. — In
+allen Fällen reise ich, wenn er es erlaubt, mit euch nach Kopenhagen.
+Wer weiß, ob sich mein Schicksal nicht bereits heute entscheidet. Ich
+bin — plötzlich — selbst — irre — geworden. — Vielleicht liebt er mich
+gar nicht — wollte er nur mein Geld — wie all' die anderen —“
+
+Abermals brach die Stimme, abermals kürzten Thränen aus den Augen des
+schönen Mädchens.
+
+Die Rinde, die sich um ihr Herz gelegt hatte, war geborsten.
+
+Nun, in diesem Augenblick glich sie einem bedrückten Kinde, das ganz
+Gefühl ist, das nach Trost und Hilfe sehnsüchtig verlangend die Hände
+ausstreckt. Die Starrheit, der Trotz, der unbeugsame Wille waren
+gebrochen.
+
+Und da schien denn Lucile der Augenblick gekommen, um mit ihren Plänen
+hervorzutreten.
+
+Indem sie Imgjor zärtlich in die Arme nahm, sagte sie:
+
+„Höre, Imgjor, was ich dir sagen wollte, und lasse mich dir
+wiederholen, wie wir alle übereinstimmend denken: Papa wird dir
+keinerlei Hindernis in den Weg legen, auch in Ankunft dein edles
+Menschentum zu bethätigen. Er will nur nicht, daß du dich in den Dienst
+jener Beglückungsideen stellst, die er und die alle Ruhigdenkenden als
+verderbliche betrachten. Von Prestö haben wir sämtlich, auf unsere
+Eindrücke gestützt — ich wiederhole dir's — die ungünstigste Meinung.
+Die Unterredung zwischen ihm und Graf Knut ist resultatlos verlaufen.
+Papa will sich auf nichts einlassen. Dich nun also zu überzeugen, daß
+Prestö deiner nicht wert, halten wir für unsere Pflicht und Aufgabe.
+Unsere Liebe diktiert unsere Schritte. Ich bin zufällig in den Besitz
+von Zuschriften gelangt, die Prestös Braut an ihren Verlobten gerichtet
+hat. Sie sind durch den Briefträger zwischen unsere Postsachen geraten.
+Das junge Mädchen heißt doch Ingeborg Jensen, nicht wahr?“
+
+„Ja — ja — gewiß! Allerdings! Und du hast diese Briefe? Und du hast sie
+gelesen?“
+
+„Nein, Imgjor, ich habe sie nicht geöffnet. Ich fand sie, wie gesagt,
+und nahm sie an mich und behielt sie, da ich den Namen Ingeborg Jensen
+aus Kopenhagen als Absenderin darauf vermerkt fand. Auch das trifft zu,
+nicht wahr? Sie ist doch in Kopenhagen?“
+
+Imgjor rückte den Oberkörper und nickte. Ihre Hände aber griffen, indem
+sie die Frage Luciles stumm bestätigte, nach den Schriftstücken. —
+
+„Sieh', Imgjor, wenn du sie öffnet, so wirst du erfahren, wie die Dinge
+liegen; du wirst wissen, ob Prestö dich täuschte — oder ob er wenigstens
+in diesem Punkte ehrlich war. Ich rate: Lies sie und darnach entscheide!
+Mir ahnt es — diese Probe wird dich heilen!“
+
+Zunächst gab Imgjor keine Antwort. Nur Laute der Erregung drangen aus
+ihrem Munde.
+
+„Also doch — doch — in Kopenhagen, und mir sagte er —“ stieß sie gegen
+ihren Willen heraus. Dann prüfte sie, ihre Thränen trocknend, das
+Kouvert und den Absendervermerk und sagte nach kurzem Nachdenken fest:
+„Nein, Lucile, niemals werde ich fremde Briefe öffnen! Wenn ich mich
+solcher Mittel bediene, bin ich der Freundschaft eines Ehrenmannes nicht
+wert. Ich halte Prestö auch jetzt noch für einen solchen, wenn er auch
+vielleicht um seiner Liebe, um der höheren Zwecke willen, mir mehr
+beschwichtigende, als wahre Erklärungen gegeben hat. Vielleicht wußte
+er's selbst nicht besser; vielleicht glaubte er, daß seine Braut nicht
+mehr in Kopenhagen sei.
+
+Aber ich will etwas anderes thun: Ich will ihn auffordern, die Briefe in
+meiner Gegenwart zu öffnen und mir vorzulesen.
+
+Ist er der, für den ich ihn halte, entspricht ihr Inhalt dem, was ich
+voraussetze, so wird er keinen Augenblick zögern, meiner Aufforderung zu
+entsprechen. — Sträubt er sich aber — nun so —“ Sie unterbrach sich,
+richtete den Blick geradeaus und schluchzte:
+
+„O, lieber Gott, erlöse mich doch von diesen fürchterlichen Zweifeln!
+Zeige mir den rechten Weg!“
+
+Und wieder innehaltend und Lucile mit einem traurigen Blick anschauend,
+sagte sie:
+
+„Nicht wahr, Lucile, du liebst den Grafen Dehn? Ich bitte dich, schenke
+mir dein Vertrauen, sei auch du so aufrichtig, wie ich es in dieser
+Stunde gegen dich gewesen bin!“
+
+„Weshalb befragst du mich darum, Imgjor?“
+
+„Weil ich diesen Mann niemals heiraten werde, ihn aber doch für so
+wertvoll halte, daß ich ihn dir von ganzem Herzen gönne. Nähere dich
+ihm, suche sein Herz! Ich will dir dadurch helfen, daß ich entweder
+Prestös Gattin werde oder mich euch für immer entziehe. Mir bleibt dann
+ein anderer, herrlicherer Bräutigam. Mein Bräutigam soll —“ hier flammte
+des Mädchens Auge begeistert auf — „auch ferner die leidende Menschheit
+sein! Kann ich nicht im Großen wirken, so will ich ein Freund, ein
+Retter, ein Helfer der verschämten Armen, der vielen Elenden und Kranken
+werden. Ich will zu denen mich begeben, von denen ich ausging. War mein
+Vater ein Mann aus dem Volke, sank er, — einer von den Tausenden, welche
+Elend und verkehrte Erziehung auf Abwege führten —, so will ich
+versuchen, meine gleich bedrängten Mitmenschen vor Gleichem zu bewahren,
+will als Kind meiner Eltern in solcher Weise ihre Fehler nach Kräften
+sühnen. Ich weiß, der gerechte und barmherzige Schöpfer wird mir
+zulächeln, wird meine That mit Erfolg krönen! Und ich bitte dich,
+Lucile, gieb mir Antwort auf meine Frage: Liebst du Axel Dehn —?“
+
+Einen Augenblick zögerte Lucile noch. Sie schob den Kopf zurück und
+drängte die Lippen zusammen. Dann sagte sie:
+
+„Nun wohlan, Imgjor: Ja, ich liebte ihn! Aber er hat mich nicht gewollt,
+mich gar zurückgewiesen. Und das vergißt eine Lavard nie! Verschmähst du
+ihn — ich habe seit dem heutigen Tage für immer auf ihn verzichtet —“
+
+Imgjor sah Lucile an und forschte in deren verschlossenen Zügen.
+
+Blässe war auf ihre eigenen Wangen getreten. Es blieb unentschieden, was
+sie dachte, wie die Worte Luciles auf sie gewirkt hatten. Bevor sie sich
+aber trennten, umarmte sie ihre Schwester in heftiger Bewegung, neigte
+sich zu ihr und küßte sie wie ein Mensch, den das Uebermaß des Gefühls
+verhindert, zu reden.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Spätnachmittage empfing Imgjor, im Einverständnis mit ihrer
+Mutter, den Doktor Prestö im Wegwärterhäuschen.
+
+Heute eilte sie ihm nicht entgegen. Sie saß, das Haupt auf die Hand
+gestützt, am offenen Fenster und starrte hinaus. Einer bemerkte sie,
+Graf Dehn. Wissend, daß heute die Zusammenkunft mit Prestö stattfinden
+werde, hatte er sich nach einem vorhergegangenen Spaziergang dahin
+begeben, und sah Imgjor dort sitzen. —
+
+Prestös Eintritt entriß sie ihren trüben Gedanken. Unruhig ging's durch
+ihre Glieder, ihr Herz klopfte stürmisch. Sie wußte es, daß jetzt die
+Entscheidung kommen würde.
+
+Aber in Prestö war bereits alles gefestigt. Das unbedacht geschlossene
+Bündnis wieder zu lösen, beschäftigte ihn allein.
+
+Graf Knut hatte ihm einen Brief gesandt. Durch dessen Inhalt war er
+belehrt worden, daß Imgjor nichts zu erwarten habe, daß ihm die Zukunft,
+hielt er an ihr fest, eine unerträgliche Last aufbürden werde.
+
+In solcher inneren Verfassung hatten beider Mienen etwas äußerst
+Unfreies. Prestö knüpfte sogleich an die Zeilen des Grafen Knut an. Er
+erzählte ihr, was sie schon von Lucile wußte, und gab sich sehr
+bedrückt.
+
+„Was ist uns Geld und Gut, wenn wir einigen Herzens sind, Erik!“ fiel
+Imgjor ein.
+
+„Gewiß, den großen Zielen, die wir verfolgen wollen, ist ein Hemmschuh
+angelegt. Aber es bleibt uns das lebendige Wort für die Sache, dadurch
+für das große Werk zu wirken, es zu fördern!“
+
+„Wirst du aber gegen den Willen der Deinigen dich aufraffen können,
+Imgjor? Wird dir nicht die Reue kommen? Alle Brücken brichst du hinter
+dir ab! Hier in Kneedeholm können wir nicht bleiben. Ich muß erst einen
+neuen Wirkungskreis suchen, wieder einen Erwerb finden. Dann erst können
+wir an eine Verbindung denken. Was willst du in der Zwischenzeit
+beginnen? Wir sollen beide leben! Ich bin ohne Mittel! Deshalb betonte
+ich die Notwendigkeit, deinen Adoptivvater wenigstens zur Herausgabe
+eines Bruchteils seines Vermögens zu bewegen. Nach des Grafen Knut
+Bericht wird er sich dazu nicht verstehen. Was aber soll dann werden?“
+
+Imgjor hatte Prestö mit starrem Ausdruck zugehört. So kalt, so nüchtern,
+so voller Bedenken hatte er gesprochen, so gefühllos das alles
+vorgebracht! So ganz anders hatte nun, da sie ein armes Geschöpf war,
+ärmer als irgend eine Bauerstochter in Kneedeholm, seine Rede gelautet!
+Statt der bisherigen stürmischen Worte, statt des zärtlichen Flehens,
+statt der Beteuerungen und Bitten, ihm zu folgen, ihm zu glauben und zu
+vertrauen, alles leicht zu nehmen, nur ihr künftiges Glück und die
+großen Ziele ins Auge zu fassen — saß nun ein feiger Schwächling ihr
+gegenüber. Ach, noch weit mehr! Und diese furchtbare Erkenntnis trieb
+ihr das Blut gegen das ohnehin erregte Herz.
+
+Jedes Wort hatte die Absicht verraten, sie so rasch wie möglich wieder
+von sich abzuthun, rückgängig zu machen, was er hundertfältig beteuert
+hatte.
+
+Dennoch beschloß sie, zu ihrer völligen Heilung den Becher auszukosten.
+
+Sie sprach, sich zur Fassung und zu einem freundlichen Gleichmut
+zwingend:
+
+„Ich denke anders als du, Erik! Liebe kennt keine Berge und Abgründe.
+Sie überwindet alles. Ich würde jegliches geduldig auf mich nehmen,
+wüßte ich mir dadurch den Sieg zu erringen. Aber du bist nicht frei, es
+sei denn, daß der Inhalt dieser Briefe —“ hierbei zog sie die
+Zuschriften seiner Braut hervor — „Klarheit in deine Angelegenheit
+bringt.“
+
+Nachdem sie dies vorausgesandt, auch gleich eine Erklärung hinzugefügt
+hatte, auf welche Weise sie in den Besitz der Schriftstücke gelangt sei,
+bat sie ihn, sie zu öffnen und den Inhalt vorzulesen.
+
+Mit Augen, die nur zu deutlich seine ungeheure Verwirrung verrieten, sah
+Prestö auf die beiden Briefe. Aber ebenso rasch umspielte ein
+verächtlich überlegener Zug seine Lippen.
+
+„Das ist gar nicht Ingeborgs Handschrift. Sicher hat ein Schuft irgend
+ein Bubenstück ersonnen, darauf berechnet, deine Meinung über mich irre
+zu führen! Und ein sehr plumpes ist es zudem, da diese Briefe von
+Kopenhagen adressiert sind, während meine Braut, wie ich dir sagte, gar
+nicht mehr dort ist, sondern sich irgendwo in Frankreich befindet.“
+
+Im ersten Augenblick wurde Imgjor bei dieser sicheren Sprache stutzig.
+In ihrem Herzen wollte es noch einmal aufkeimen; der niederschmetternde
+Eindruck seiner kühlen Sprache von vorhin wich, eine selige Hoffnung
+bemächtigte sich ihrer. Aber dann sah sie ihm wieder ins Angesicht, und
+was sie darin erblickte, das belehrte sie ebenso rasch eines anderen.
+
+Er öffnete, da er sich durch ein Erheben unbeobachteter glaubte, mit
+derselben Unruhe, die sie vorher an ihm wahrgenommen, einen der Briefe,
+und sie sah in seinen Zügen ein jähes Erschrecken schon beim Lesen der
+ersten Zeilen.
+
+Und da kam ihr ein Entschluß!
+
+Durch eine zutraulich gelassene Miene von ihm die Erlaubnis zum Studium
+des Schreibens erzwingend, löste sie das Kouvert, nahm das mehrere
+Seiten umfassende Schriftstück heraus und durchflog den Inhalt.
+
+Und als sie dann die Lektüre beendet hatte und in demselben Augenblick
+Prestö, die Komödie fortsetzend, in Worten der Empörung über den Grafen
+Dehn ausbrach, sprang Imgjor, ihrer Empfindungen nicht mehr Herr, empor
+und richtete einen von Verachtung erfüllten Blick auf den Mann.
+
+„Genug, genug! Nicht noch mehr des fürchterlichen Spiels der Lüge und
+der Vernichtung meines Herzens!“ brach's aus ihrem Munde hervor. „Füge
+der Schändlichkeit der doppelten Untreue, der Berechnung und unlauteren
+Gesinnung, füge der Entwürdigung deiner selbst nicht noch eine neue
+hinzu! — Wisse denn: Diese Briefe sind keine Fälschungen! Den Betrug,
+die Verworfenheit begingst du, indem du ihre Echtheit leugnetest! Das,
+was hier geschrieben steht, was durch die Thränen eines fürchterlichen
+Schmerzes fast verwischt wurde, ist das unverfälschte Produkt der
+Zuckungen einer verratenen Seele. Dennoch hätte ich dir das vergeben,
+dennoch wäre ich friedlich von dir geschieden, dennoch wärest du ohne
+Vergeltung durchs Leben gegangen, wenn du nicht jetzt, in dieser heilig
+ernsten Stunde, mit solcher Larve mich zu betrügen, auf andere einen
+Verdacht zu werfen gesucht hättest. Das war die Handlung einer
+niedrigen, erbärmlichen Natur. Das und deine zögernde, bedenkliche
+Sprache von vorhin, beweisen mir, daß du nichts anderes warst und bist,
+als ein berechnender Egoist, ein Komödiant, daß du alles und jegliches,
+Liebe für mich und Enthusiasmus für die großen Ideen nur heucheltest, um
+mein Geld an dich zu bringen! So, und nun gehe! Was dir werden soll,
+werde ich überlegen! Nach deinem Verhalten werde ich das Maß abmessen!“
+
+Aber was Imgjor erwartete, geschah nicht.
+
+Statt Erschütterung oder gar Zorn an den Tag zu legen, bewegte Prestö
+den Kopf und machte eine Miene, als ob eine arme, kranke Irre soeben
+geredet habe.
+
+„Wenn Sie glauben, daß Sie sich in mir getäuscht haben, Komtesse Lavard,
+so bin ich noch weit mehr enttäuscht. Auf bloße Eindrücke hin fällen Sie
+Urteile und bedienen sich gegen einen Ehrenmann einer Sprache, die, wäre
+sie aus dem Munde eines Mannes gedrungen, nur hätte durch den Degen die
+verdiente Zurückweisung erfahren können. Ich hielt Sie für ein edles
+Wesen. Ihre gelegentlichen Schroffheiten betrachtete ich als das
+Unvermögen, der Entrüstung über die die Welt erfüllenden
+Ungerechtigkeiten Herr zu werden, als ein Ergebnis Ihres zielbewußten,
+von Grundsätzen getragenen Charakters. Was soll mir im ehelichen
+Zusammenleben werden, wenn Sie jetzt schon eine solche Sprache führen,
+wenn Sie so wenig Ihr Ich zu beherrschen vermögen? Ich wiederhole, daß
+diese Briefe nicht von meiner ehemaligen Braut geschrieben wurden. Ich
+erhebe dafür die Hand zum Schwur. Das sage ich nicht zu meiner
+Rechtfertigung — ich habe mich nicht zu rechtfertigen — sondern um
+meinen Entschluß zu begründen, dennoch auf Ihre Hand zu verzichten. Die
+Stellungnahme des Herrn Grafen macht ohnehin — ich wiederhole früher
+Gesagtes — vor der Hand eine Verbindung unmöglich. Wenn ich alle
+Stationen mit Ihnen auch durchmessen wollte, ich sehe, daß wir scheitern
+müssen, weil die Macht, der Einfluß und das Geld, jene Gewalten, die ich
+hasse und seit meiner Jugend schon bekämpft habe, zu mächtig sind. Diese
+Scene aber hat mich belehrt, daß Sie eine andere sind, als ich mir
+gedacht habe. Ohne Vertrauen, ohne Mäßigung ist ein Bündnis ein Unding.
+Es war eine Prüfung, es war ein Versuch, der gegen Sie ausschlug. —
+Leben Sie wohl! Ich trage Ihnen nichts nach. Sollten Sie aber auf Ihren
+leidenschaftlichen Vergeltungsplänen beharren, so darf ich Ihnen ins
+Gedächtnis zurückrufen, daß ich kein Knabe bin, daß ich mit einem
+irregeführten weiblichen Wesen leicht fertig werde!“
+
+Nach diesen Worten wollte sich Prestö entfernen. Aber sie, die ihm
+zugehört und dagestanden, als ob sich ihr Körper in Stein verwandelt
+habe, sagte nach tiefem Atemholen:
+
+„Waren diese Briefe nicht von Ihrer Braut, so sind Sie von dem Vergehen
+dieser Vorspiegelung entlastet! Ich glaube Ihnen aber nicht und werde
+forschen. Eine andere Hand mag sie geschrieben haben, der Inhalt stammt
+von ihr. Behalte ich aber recht, spielten Sie auch diese Komödie, die
+mit Liebesschwüren begann, auf Lüge sich weiter baute, und die Sie nun,
+weil meine Armut Sie enttäuschte, noch eben wieder in plumpester Art
+erneuerten, indem Sie sich den Mantel der Unschuld umhängten und die
+plötzliche Erkenntnis meines Unwertes als Vorwand nahmen — so will ich
+Gott anflehen, daß Sie Ihre Strafe dafür finden mögen! So, und nun
+ersuche ich Sie, sich zu entfernen! Dies ist mein Gebiet und mein Heim!
+Noch heute schließe ich gegen Sie meine Thür und mein Herz. Sie haben
+alle Rechte an Imgjor, genannt Imgjor Lavard, verloren, aus diesem Spiel
+davongetragen nur ihre Verachtung und — waren Sie ganz ein Schurke —
+ihren Haß!“
+
+So endete Imgjor, die Hand ausstreckend; und er, der Mann, der noch vor
+wenigen Tagen erklärt hatte, daß nie einer ein weibliches Wesen so
+selbstlos geliebt habe, daß ihm das Leben nichtig und wertlos ohne
+ihren Besitz sei, verließ, kalt verächtlich auf sie herabblickend, das
+Gemach. —
+
+ * * * * *
+
+Da Imgjor in den letzten Tagen ihrer Familie fern geblieben war,
+erschien's nicht auffallend, daß sie sich auch an dem dieser aufregenden
+Scene folgenden Tage zurückhielt.
+
+Sie war erst gegen Morgen in einen durch seelische Erschöpfung
+geförderten langen, bleiernen Schlaf gesunken, und als sie um die
+Mittagsstunde erwachte, war ihr Gemach erfüllt von leuchtendem
+Herbstsonnenschein.
+
+Aber mit dem Wiedereintritt in die Welt der Wirklichkeit stürmten auch
+die schweren Gedanken auf sie ein, und von der Erinnerung an das am
+vergangenen Tage Geschehene überwältigt, starrte sie vor sich hin.
+
+So war denn nun das Band zwischen ihr und jenem Manne dennoch und
+endgiltig zerrissen; so hatte doch der recht behalten, der sich gegen
+ihren Willen in ihr Leben gedrängt hatte! Noch mehr: Alle hatten recht
+behalten, und so rasch hatte sich die Prüfung der Unwürdigkeit Prestös
+vollzogen, daß zunächst nur der schamvolle Gedanke sie beherrschte,
+ihrer Umgebung die Thatsache zu verheimlichen.
+
+Plötzlich war alles anders geworden.
+
+Die Enthüllung ihrer Geburt hatte sie belehrt, daß sie geringere Rechte
+besaß als Lucile, in der sie eine Schwester zu sehen sich gewöhnt hatte.
+Plötzlich war sie eine nur Geduldete da, wo sie bisher das Lavardsche
+Scepter geschwungen.
+
+Ihrer Pflegemutter hatte sie sich demütig unterzuordnen, statt ihr wie
+bisher mit stummer oder offener Auflehnung zu begegnen. Da sie sich
+verdeutlicht hatte, mit welcher Selbstentäußerung diese an ihr, dem
+Adoptivkinde, gehandelt, verwandelte sich ihre Minderachtung in
+Hingebung und Bewunderung. Aber gerade aus all diesen Ursachen und weil
+sie ein heftiges Unmutsgefühl gegen ihren Pflegevater ergriffen, deshalb
+sich ihrer bemächtigt hatte, weil sie sich sagte, daß er einer Lucile
+niemals so hart, so grausam begegnet sein würde, daß nur _ihr_ das
+geworden, weil er sie als eine Halbwürdige betrachtete — verstärkte
+sich in ihr der Entschluß einer Trennung von den Ihrigen.
+
+Zudem vermochte sie sich durch eine andauernde Entfernung von der
+Familie der Gefahr zu entziehen, dem Werben des Grafen Dehn dennoch zu
+unterliegen. Ihr Stolz verbot ihr, ihm je zu zeigen, daß sie etwas für
+ihn empfand. Sie wollte eine Liebe zu dem nicht aufkommen lassen, der
+sie sein Uebergewicht in solcher Weise hatte fühlen lassen.
+
+Auch war ihre Begeisterung für die große Sache trotz der gemachten
+Erfahrungen nicht vermindert. Diese Erfahrungen mußten sie, wie sie sich
+sagte, nur von neuem belehren, wie sehr den Besitzenden zu mißtrauen
+sei.
+
+Die Armen und Elenden würden sie niemals enttäuschen, und wenn doch, so
+verdienten sie lediglich Mitleid, weil ihnen die Erziehung nicht wie
+jenen geworden, weil ein zarteres Empfinden ihnen erst eingeflößt werden
+müßte.
+
+Sie wollte in ihren Pflegevater dringen, ihr eine Freiheit zu gewähren,
+in der sie wenigstens im Kleinen ihre Menschenliebe zu bethätigen
+vermochte, sie wollte ihn zwingen, sie abzulösen von Verhältnissen, die
+ihrer Natur zuwiderliefen. Sie wollte nicht in Prunkgemächern wohnen,
+sie wollte keine Genüsse, keine kostbaren Gewänder und Vergnügungen. Sie
+wollte überhaupt keinen Ueberfluß, sondern ein auf Arbeit und
+hilfreiches Menschentum gerichtetes Leben. Sie erstrebte Beschäftigung
+mit edlen Dingen, mit der Natur und den feineren Regungen des
+Menschengeistes.
+
+Und Kopenhagen, die Großstadt, erschien ihr als der rechte Ort dafür.
+
+Dort wollte sie wohnen, um es zunächst kennen zu lernen, und dazu war
+jetzt, wo die Abreise vor der Thür stand, die beste Gelegenheit geboten.
+Zuvor aber wollte sie noch völlige Klarheit über das zu erlangen suchen,
+was zwischen der Gegenwart und der für sie dunklen Vergangenheit lag.
+
+Unter solchen Erwägungen wurde geklopft, und Lucile trat zu ihr ins
+Wohngemach.
+
+„Nun, meine liebe Imgjor,“ hub Lucile an und umarmte ihre Schwester
+sanft, „wie ist's verlaufen? Lasse uns unser Vertrauen fortsetzen! Mache
+mich glücklich und sage mir, daß du Prestö nach Einsicht in die Briefe
+den Bescheid erteilst hast, den wir alle herbeisehnen!“
+
+In Imgjor erhob sich bei diesen Worten ein schwerer, innerer Kampf.
+
+Sie sollte von ihrem Thron herabsteigen, sie sollte gestehen, daß ihre
+Menschenkenntnis nur allzu winzig, daß ihr stolzes Selbstgefühl nur
+allzu unberechtigt gewesen.
+
+Sich seiner selbst zu entäußern, sich seiner Hoheit um der bloßen
+Wahrheit, statt um eines Vorteils willen, zu entkleiden, erfordert einen
+starken, sittlichen Fond, ein besonders stark entwickeltes Rechtsgefühl.
+
+Imgjor fand das, was ihrer zwiefältigen Natur entsprach. Sie gab der
+Wahrheit die Ehre und wahrte ihren Stolz.
+
+Zunächst überwältigte sie allerdings ein machtvolles Gefühl.
+
+Sie warf sich wie jüngst, einem Kinde gleich, an die Brust ihrer
+Halbschwester und brach in ein anhaltendes Schluchzen aus.
+
+Dann schob sie den Körper zurück und sagte: „Aus irgend einem Grunde
+habe ich mich für eine Lösung meiner Beziehungen zu Prestö entschieden.
+Erweise mir darin deine Liebe, Lucile, daß du mich nach den Gründen
+nicht fragst. Sei eine Fürbitterin bei deinen Eltern, die auch mir
+Eltern waren, daß auch sie die Angelegenheit nicht ferner mehr berühren.
+Hilf mir, teure Lucile, daß meine Bitten erhört werden! Ich habe mehr
+denn je die Sehnsucht, Rankholm zu verlassen und mich irgendwo, fern von
+hier, nützlich zu machen. Will dein Vater mir zu solchen Zwecken keine
+Mittel zur Verfügung stellen, so möge er mir wenigstens das gewähren,
+was er bisher für meine Ausbildung aufwendete. Fräulein Merville hat
+ohnehin die Absicht, in ihre Heimat zurückzukehren. So möge er mir die
+für sie verausgabte Summe bewilligen und dieser etwa noch so viel
+hinzufügen, daß ich auf eigenen Füßen zu stehen vermag!“
+
+Lucile, die mit glücklichen Mienen zugehört hatte, nickte rasch und
+bereitwillig.
+
+„Ich will alles thun, Imgjor! Ich will schon deshalb und in weit
+größerem Umfange deine Wünsche befürworten, weil ich hoffe, daß dieser
+Austritt ins Leben dich gänzlich heilen wird, daß du einsehen wirst, daß
+es kein undankbareres Geschäft giebt, als seine Nebenmenschen ohne ihre
+Anforderung glücklich machen zu wollen. Also, das möge dich nicht
+bekümmern, Imgjor, und wenn du sonst noch —“
+
+„Ja, noch etwas, Lucile: Bitte deinen Vater, daß er mir die Aufklärungen
+über meine Geburt nicht vorenthält. Ich muß jetzt alles wissen —“
+
+Lucile versprach auch das. Dann warf sie zögernd hin:
+
+„Und Graf Dehn, was wird's mit ihm?“
+
+Imgjor preßte die Lippen zusammen. In ihren Augen erschien ein Ausdruck
+von Schmerz und Trotz, durch dessen Einwirkung sich die Lider
+unwillkürlich schlossen. Und dann sprach sie in einem unbeugsam kalten
+Ton:
+
+„Sage ihm, daß ich auch ferner darauf verzichten muß, in eine engere
+Berührung mit ihm zu treten und daß eher über Nacht das Rankholmer
+Schloß im Walde von Mönkhorst emporsteigt, als daß ich sein Weib werde!“
+
+ * * * * *
+
+Ueber zwei Jahre waren seit diesen Ereignissen verflossen, als an einem
+kalten, nebligen Märzmorgen eine wie eine barmherzige Schwester
+gekleidete junge Dame den Weg in die Kopenhagener Vorstadt Oesterbro
+nahm. In ihren Augen lag jener Verzicht auf irdisches Glück, jene milde
+Ruhe und sanfte Ergebung, die nur in den Gesichtern derer beobachten,
+welche sich dem Werke der Barmherzigkeit gewidmet und vielleicht die
+Hoffnung auf das, was ein Frauenherz bis zu einem gewissen Alter noch
+erfüllt, zwar nicht völlig aufgegeben haben, deren Erfüllung aber mit
+den gleichen Augen betrachten, mit denen der Erfahrene irgend einem
+Zufall vertraut.
+
+Sie können so existieren; sie finden Befriedigung in der
+Pflichterfüllung, sie sehen die dankbaren Blicke der Kranken auf sich
+gerichtet, sie finden den köstlichsten Lohn, der einem Menschen durch
+seine Thätigkeitstreue werden kann, in der Wiedergenesung ihrer
+Pflegebefohlenen. —
+
+Vor einem alten, großen Dreieckhause mit vielen kümmerlichen Fenstern
+und schiefen Mauern hemmte sie den Schritt, bog in einen neben diesem
+befindlichen Gang ein und öffnete die Thür eines hinten auf dem
+schmutzigen Hofe befindlichen Nebenhäuschens.
+
+Seine Räume bestanden aus einer winzigen Vorder- und Hinterstube, die
+einem alten Ehepaar als Wohn-, Schlafzimmer und Küche dienten. Vorn in
+dem Wohnzimmer, das nichts anderes enthielt, als ein paar karge Vorhänge
+vor den Fenstern, einen Tisch, eine Kommode, einen Ofen und einen alten
+Lehnstuhl, saß in letzterem eine erblindete, alte, hilflose Frau, und
+jetzt eben verdunkelte ein solcher erstickender Petroleumdampf das
+Gemach, daß Imgjor Lavard, wie sie auch ferner noch vor der Welt hieß,
+unwillkürlich zurückprallte.
+
+„Um's Himmelswillen, Frau Ohlsen, was haben Sie denn gemacht?“ stieß
+Imgjor beunruhigt heraus. Gleichzeitig öffnete sie die Fenster und ließ
+frische Luft hereindringen.
+
+„Was ist denn? Was ist denn?“ tönte der Alten Stimme zurück.
+
+„Merken Sie es nicht? Das Zimmer ist voll Rauch. Sie hätten ja ersticken
+können!“
+
+„Ich hab' mir was Warmes gemacht. Ich fror so schrecklich. Ich hab' dann
+die Maschine wohl zu hoch geschraubt —“
+
+Imgjor nickte, obschon die Blinde sie nicht sehen konnte. Sie ließ auch
+diesen Gesprächsgegenstand fallen und fragte mit gewohnter Milde:
+
+„Nun, wie geht's heute, Frau Ohlsen? Haben Sie besser geschlafen?“
+
+„Ein bischen, Fräulein. Heute morgen hab' ich aber wieder so
+schreckliche Schmerzen in den Füßen.“
+
+„So werde ich sie wieder einmal einreiben, arme Alte! Nachher, wenn ich
+fertig bin, mache ich mich daran!“
+
+Nach diesen Worten entledigte sie sich ihres Hutes und Umhanges und
+begab sich gleich einer Dienstmagd an das Reinigen der Wohnung. Sie
+fegte aus, sie machte im Schlafzimmer die Betten, sie spülte Geschirr in
+der Küche aus. Das alles mußte täglich eine fremde Hand besorgen. Die
+blinde Frau konnte nichts thun, da sie, abgesehen von ihrem
+Sehunvermögen, ihre Glieder nicht zu bewegen vermochte, und der Mann,
+der früh fortging und spät von der Arbeit zurückkehrte, sank, da ihm die
+Kräfte für mehr schon fehlten, gleich erschöpft auf sein Lager.
+
+Seit zweiundzwanzig Jahren war die Frau blind. Während dieser Zeit
+hatte er für sich und sie nur so viel verdient, daß sie sich notdürftig
+hatten satt essen können. Und zu der Blindheit während dieser Jahre
+kamen fortdauernd schwere Krankheiten, die Pflege und Aufwartung, die
+Arzt und Apotheke erforderlich gemacht hatten. Seit zweiundzwanzig
+Jahren war die Alte kaum je aus dem Häuschen gekommen, hatte nichts
+anderes gekannt, als Entbehrungen und Schmerzen.
+
+Als Imgjor zum erstenmal in dieses Elend eingegriffen hatte, war die
+Wohnung durch Schmutz und Unrat förmlich verpestet gewesen. Die Leute
+hatten auf faulendem Stroh gelegen, fast kein Gegenstand war ganz
+gewesen. Erst neuerdings hatte Imgjor die alte Frau aus einer
+Lungenentzündung herausgepflegt, und was diese Krankheit erforderte, aus
+ihren Mitteln hergegeben. —
+
+Nachdem Imgjor ihr tägliches Werk vollbracht hatte, sagte sie:
+
+„Frau Ohlsen, ich habe jetzt gerade mehr Zeit. Ich will Ihnen nun jeden
+Spätnachmittag etwas vorlesen. Wollen Sie es hören?“
+
+„O gewiß, mein liebes, gutes Fräulein,“ entgegnete die alte Frau mit
+dankbarer Betonung. „Was ist es denn?“
+
+„Etwas Ernsthaftes, Gutes, Frau Ohlsen. Sie werden gewiß Vergnügen daran
+finden —“
+
+„Ja, danke, danke, liebes Fräulein. Wie gut sind Sie gegen mich! Gott,
+wenn ich so denke, wie Sie uns geholfen und immer wieder geholfen, mich
+arme, hilflose Person in meiner Krankheit gewartet und gepflegt haben,
+dann möchte ich schon glauben —“
+
+„Nun, meine gute Alte?“
+
+„Daß Sie gar kein Mensch, daß Sie ein Engel sind, von Gott in die Welt
+gesandt, um die Menschen glücklich zu machen.“
+
+„Ach nein! Ich bin kein Engel, meine gute Alte,“ entgegnete Imgjor mit
+einem trüben Lächeln. „Ich bin ein Mensch wie Sie. Das eben befähigt
+mich ja, Sie zu verstehen, Ihnen ein wenig zu helfen. Nur wer eigenes
+Leid erfahren hat, vermag mit seinen leidenden Mitmenschen zu fühlen.
+Und so, wie Sie, giebt es viele Kranke und Bedürftige in dieser großen
+Stadt, denen, weil sie noch nicht ganz mittellos, noch nicht ganz elend
+und verlassen sind, keine öffentliche Unterstützung und keine
+Krankenpflege zu teil wird. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es
+die Aufgabe sei, das Traurige durch rechtzeitiges Eingreifen abzuwenden.
+
+Wahrhaftig, wenn unseren Vorstandsdamen so zu handeln gelehrt würde,
+dann würden die Armen- und Krankenhäuser nicht so überfüllt sein, wie
+sie es sind; es würden weniger Menschen zu Verbrechern und Selbstmördern
+werden; das allgemeine Elend würde weniger groß sein. Da giebt es ein
+weites, brach liegendes Feld für eine erfolgreiche Betätigung der
+Nächstenliebe.
+
+Und dieses Arbeitsfeld habe ich für mich erwählt. Ich suche zu helfen,
+wo ich kann und so weit es in meinen Kräften steht. Des Elends ist ja so
+viel auf Erden!“
+
+„Ja, ja, liebes Fräulein. Wenn sie alle so dächten und so handelten,
+wie Sie! Aber so — Na, es muß aber auch ein schönes Gefühl für Sie sein,
+so geliebt zu werden und so viel Dank zu ernten.“
+
+„Dank?“ entgegnete Imgjor bitter im Ton. „Ich habe ihn nie erwartet und
+kaum gefunden, wohl aber Undank, Neid, Mißgunst und üble Nachrede. So
+habe ich mich allmählich äußerlich zu einer kühlen Haltung gezwungen, zu
+einer fast rauhen Art. Ich unterdrücke die Regungen meines Herzens, mein
+Mitleid, die Rührung und die Thränen über die häufig entsetzliche Not.
+Ich thue es schon deshalb, weil die Menschen solche Weichheit garnicht
+verstehen. Wenn ich nur nicht auch noch verunglimpft werde, wenn sich
+der Undank nur nicht in noch Schlimmeres verwandelt, bin ich schon froh.
+Eben jetzt ist wieder etwas geschehen, was die gemeine Gesinnung mancher
+Personen zu Tage treten läßt, etwas, das auch in mir den Entschluß zur
+Reise gebracht hat, diesmal meiner Empörung Ausdruck zu verleihen.“
+
+Nach diesen fast ebensosehr an sich selbst gerichteten Worten und nach
+Ausführung der von ihr versprochenen Hilfsleistung verabschiedete sich
+Imgjor von der Alten und nahm den Weg in einen anderen Teil der
+Vorstadt. Dort wohnte eine Witwe, eine Wäscherin, mit ihrer Tochter,
+welche letztere unter Imgjors Pflege viele Wochen im Krankenhause
+gelegen und sich für deren Aufopferung dadurch bedankt hatte, daß sie
+einen empörende Verleumdungen gegen Imgjor enthaltenden Brief an den
+Hauptarzt gerichtet hatte.
+
+Nachdem Imgjor zwanzig Minuten gegangen war, gelangte sie an eine
+unsaubere, von vielen kleinen Kindern bevölkerte und zum teil noch
+unbebaute Straße. In der Mitte der Gasse — einem zurückliegenden, von
+einem großen Garten umschlossenen Hause gegenüber — befand sich eine
+Branntweintaberne, und an diese lehnte sich ein kleines, verfallenes,
+auch noch aus früherer Zeit stammendes Gebäude, in dem die Witwe Holm
+mit ihrer Tochter und einer Stieftochter wohnte.
+
+Der Unfriede zwischen Imgjor und Thora Holm, der früheren Kranken, war
+dadurch entstanden, daß jene auf das herz- und gemütlose Geschöpf, das
+seiner Stiefschwester sehr roh begegnet war, bessernd einzuwirken
+gesucht hatte. Auch als Thora das Hospital verlassen, hatte Imgjor sie
+nochmals eindringlichst vermahnt, ihrer alten Mutter fortan eine bessere
+Tochter zu sein, zu arbeiten und ordentlich zu werden. Die Leute litten
+Not, und Imgjor hatte ihren Ermahnungen die Erklärung hinzugefügt, daß
+sie nur dann materiell etwas für sie thun wolle, wenn Thora für die
+Erfüllung der gestellten Forderungen Beweise geliefert habe.
+
+„Die Grevinde,“ wie Imgjor von der gesamten Bevölkerung in Kopenhagen
+schlichtweg genannt wurde, war wegen ihrer Wohlthätigkeit bekannt, und
+selten wendete sich jemand an sie, ohne Hilfe zu erhalten.
+
+Der Ingrimm, daß Imgjor ihr die Wahrheit gesagt, der Aerger, in ihrer
+Erwartung auf eine Unterstützung getäuscht worden zu sein, hatten Thora
+Holm zu der Denunciation veranlaßt. Daß sie und keine andere das
+Schriftstück abgefaßt hatte, war erwiesen. Es störte Imgjor, daß sie den
+Hauptarzt, mit dem sie um diese Zeit hier ein Zusammentreffen verabredet
+hatte, noch nicht erblickte. In seiner Gegenwart wollte sie die Person
+zwingen, ihre Perfidien zurückzunehmen und um Verzeihung zu bitten.
+
+Aber während sie noch unschlüssig verharrte, drangen aus dem offenen
+Hause der Witwe jammernde Wehrufe. So markerschütternd trafen die Laute
+Imgjors Ohr, daß sie förmlich zusammenfuhr. Indessen beendete dieses
+Erschrecken auch ihr Zögern. Blitzschnell eilte sie vorwärts, betrat das
+Haus und wurde hier Zeuge einer wahrhaft entsetzlichen Scene.
+
+Die Frau, ein starkknochiges, rothaariges Weib, und Thora, in einem
+schlumpigen Rock, mißhandelten im Flur die Stieftochter der Frau.
+
+Während Thora die Unglückliche mit der einen Hand an den Haaren gepackt
+hielt und ihr mit der anderen in unbarmherziger Rohheit den Kopf
+bearbeitete, bediente sich das alte Weib einer ledernen Riemenpeitsche
+und brachte ihrem Stiefkinde auf diese Weise blutige Striemen auf dem
+ohnehin verletzten Körper bei.
+
+Im Nu war Imgjor unter ihnen, riß der Alten den Arm herab, stieß Thora
+zur Seite und stellte sich, nachdem das mit ebenso großer Kraft wie
+Furchtlosigkeit geschehen war, mit drohend gebieterischer Miene vor den
+beiden Megären auf.
+
+„Ah, ihr Furien!“ entrang es sich ihrer vor Empörung keuchenden Brust.
+
+In demselben Augenblick eilten auch schon von dem Geschrei
+herbeigezogen, Gäste aus der Taberne herbei, und diese drängten, von
+Imgjor laut und energisch ermuntert, die sich eben zum Kampfe gegen die
+Verteidigerin rüstenden, sich wie tobsüchtig geberdenden Weiber hinten
+in den Flur zurück.
+
+„Die Grevinde! Die Grevinde!“ hatten die Hereindrängenden einander
+zugerufen und sie nahmen auch in der Folge gegen die Holm und ihre
+Tochter Partei.
+
+Freilich geschah's nicht aus irgend welchem Mitleid für die Mißhandelte,
+auch nicht aus einer Abneigung gegen die beiden Holms, sondern lediglich
+unter dem Gesichtspunkt, daß ihnen ihr Eintreten nicht unbelohnt bleiben
+würde.
+
+Aber es wurde Imgjor auch noch andere Hilfe. Den Knäul teilend, erschien
+der Arzt, Doktor Stede, und hinter ihm tauchte der in diesem Viertel
+stationierte Polizeiofficiant auf.
+
+Im Nu erfolgte dann auch eine Verständigung zwischen jenen und Imgjor,
+und ebenso rasch machte sich letztere zur Herrin der Situation.
+
+„Ich danke euch, Leute, daß ihr mir beigestanden habt. Und hier, hier
+ist Geld! Teilt es euch —“ rief sie, einen dänischen Speciesthaler dem
+mitanwesenden Wirt übergebend. „Aber nun entfernt euch! Ich habe etwas
+mit der Familie zu verhandeln, was nicht für eure Ohren ist.“
+
+Und das Kind, das sich zitternd neben ihr aufgerichtet, mitleidig an
+sich ziehend und dann dem Polizeiofficianten zum Schutz übergebend,
+befahl sie der Wäscherin und ihrer Tochter, ins Wohngemach zu treten.
+
+Trotz ihrer feindseligen Mienen mußten sie sich fügen, und nachdem sie
+sich aufgestellt, ergriff Imgjor das Wort und hielt der Verleumderin
+ihre Infamien vor.
+
+„Sie haben die Wahl —“ schloß Imgjor — „alles als erfunden zu bezeichnen
+und mich hier vor diesem Herrn um Verzeihung zu bitten, oder gleich dem
+Polizisten zu folgen. Auch auf Verhaftung Ihrer Mutter wegen Mißhandlung
+der Tochter werde ich dringen. Also reden Sie! Daß Sie den Brief
+geschrieben, hat Ihr früherer Verlobter, der Wärter Vessel, ausgesagt —
+—“
+
+Das Mädchen, eine üppige Blondine, preßte die Lippen zusammen, verzerrte
+den Mund und antwortete nicht. Auch die Mutter verharrte in trotziger
+Auflehnung.
+
+„Niemand hat ein Recht, in mein Haus zu dringen und sich in meine
+Angelegenheiten zu mischen!“ erklärte sie. Sie habe Verhöre nur vor
+Richtern zu bestehen, und deren Untersuchungen würden ergeben, daß ihre
+Tochter den Brief nicht geschrieben, daß sie zur Züchtigung ihrer
+Stieftochter berechtigt gewesen, weil diese sie in frecher Art bestohlen
+habe.
+
+Der Schlußsatz wurde allerdings durch Widerspruchsworte unterbrochen,
+die sich aus dem Munde des weinenden Kindes lösten.
+
+Sie habe nichts genommen. Sie sei unschuldig! Aber Thora, die sie
+beschuldigt, sei's gewesen. Sie habe gesehen, wie diese die Kommode
+geöffnet und das Geld herausgenommen habe.
+
+Freilich folgte dieser Rede wiederum ein maßloser Wutausbruch von Seiten
+der Schwester. Sie flog auf das Kind zu und erhob unter Schimpfworten
+die Faust gegen deren Angesicht. Nur durch ein Dazwischentreten des
+Polizisten ward eine abermalige Züchtigung verhindert.
+
+Aber gerade dieser Zwischenfall verschlechterte die Sache der Familie
+Holm.
+
+Dem Polizeiofficianten, einem energischen Mann, riß die Geduld. Er
+befahl Ruhe und sofortigen Frieden und die von der Komtesse geforderte
+Erklärung.
+
+„Widersprechen Sie nicht, thun Sie, was von Ihnen verlangt wird! Sonst
+nehme ich Sie und Ihre Mutter sofort mit. Sie stehen schon lange auf dem
+Kerbholz wegen anderer Sachen!“
+
+Nun änderte die Alte plötzlich ihre Haltung.
+
+Nach allerlei Redensarten gab sie zu, daß sie wohl etwas zu heftig
+gewesen sei, und was Thora anbelange, so könne die sich ja nun mal
+garnicht im Zaum halten. So sei es wohl möglich, daß sie sich habe
+verleiten lassen, einen solchen Brief zu schreiben, und wenn sie es
+gethan habe, so solle so etwas nicht wieder vorkommen. Die Komtesse möge
+Gnade für Recht ergehen lassen —
+
+„So sagen Sie: Ich habe die Komtesse Lavard zu Unrecht beschuldigt. Ich
+nehme alles zurück, bereue und bitte, mir zu vergeben!“ stieß Imgjor,
+ihre Blicke auf das gemeine Geschöpf richtend, heraus.
+
+Noch kämpfte die Person, dann aber, von ihrer Mutter nunmehr durch
+Blicke und Worte ermuntert sprach sie eine halblaute Entschuldigung.
+
+In Imgjor aber regte sich das Gefühl der Empörung in vollstem Umfange.
+
+Das war also die Menschheit, der sie sich opferte! Faulheit, roheste
+Leidenschaft und Mangel an Dankgefühl und jeder besseren Regung traten
+ihr nur zu oft entgegen, und hier eben hatte sie wieder ein solches
+Beispiel vor Augen.
+
+Waren da nicht erst ganz andere Aufgaben zu lösen? Mußte nicht erst mit
+einer inneren Erziehung begonnen werden?
+
+Nachdem sie zum Einverständnis, daß sie befriedigt sei, stumm das Haupt
+bewegt, sagte sie, zu der Alten gewendet:
+
+„Ich werde Ihre Stieftochter mitnehmen! Ich will sie prüfen, und ist sie
+so viel wert, wie ich hoffe, so will ich künftig für sie sorgen.“
+
+Nach diesen Worten erfaßte sie des selig aufhorchen den Kindes Hand und
+richtete einen auffordernden Blick zum Gehen auf den sich ihr
+ehrerbietig zur Verfügung stellenden Arzt.
+
+Und im Nu knixte und dienerte das faule, alte Weib. Nun wußte sie nicht
+genug die Tugenden des Stiefkindes zu rühmen. Sie sagte zu allem ja,
+machte sich auch noch im letzten Augenblick schmeichelnd an Imgjor heran
+und bat, ihre fürchterliche Not klagend, um Unterstützung. Sie küßte den
+Saum des Kleides der Komtesse, als diese unter der Erklärung, sie sage
+nicht nein, müsse aber Zuwendungen von ihrer und ihrer Tochter
+künftigen Haltung abhängig machen, mit den übrigen das Haus verließ.
+
+Als der Nachmittag gekommen war, saß Imgjor schon wieder in dem kleinen
+Zimmer der Blinden, las ihr nach ihrer Zusage zum erstenmal vor und war
+glücklich, als sie sah, daß jene ihr voll Interesse zuhörte.
+
+ * * * * *
+
+Es war am folgenden Vormittag um die elfte Stunde, als Imgjor die Räume
+des großen Kopenhagener Krankenhauses und zunächst das Gemach des
+dirigierenden Arztes betrat, um mit ihm Rücksprache wegen einer Kranken
+zu nehmen.
+
+Nachdem das geschehen, sagte Doktor Stede, ein Mann mit ernsten Zügen
+und einem milden Ausdruck in den von einer goldenen Brille beschatteten
+Augen:
+
+„Sie wollen uns, wie ich höre, Ihre wertvolle Hilfe im Krankenhause
+entziehen, Komtesse? Haben die letzten Vorfälle Anlaß dazu gegeben?“
+
+„Nein! Wie kommen Sie zu dieser Vermutung Herr Doktor?“
+
+„Eine unserer Schwestern, Elise, hatte davon gehört und sprach mir davon
+—“
+
+„Elise hat schon häufig Gerüchte über mich verbreitet, die erfunden
+waren, Herr Doktor. Ich muß ihr sehr im Wege stehen. Und doch trete ich
+ihr nirgends in den Weg — Wahrlich, dieses Treiben —“
+
+Imgjor sprach's mit starker Auflehnung im Ton, fuhr aber, ihre Erregung
+ebenso rasch wieder abstreifend, gelassen fort:
+
+„In der nächsten Zeit werde ich nicht so häufig kommen können, Herr
+Doktor. Meine Familie trifft heute ein und wird einige Zeit im
+Rankholmer Palais Wohnung nehmen. Ich vermag mich ihr nicht ganz zu
+entziehen. Ueberdies hat sich meine Schwerer verlobt, und es werden
+einige kleine Feste stattfinden, an denen meine Angehörigen wünschen,
+daß ich teilnehme —“
+
+„Ich bedaure natürlich außerordentlich, daß wir Sie entbehren müssen,
+aber ich freue mich, daß Sie sich einmal Ruhe gönnen, Komtesse. Es wird
+Ihnen eine solche Ablösung sehr gut thun.“
+
+Imgjors Lippen umspielte ein trauriges Lächeln.
+
+„Nein, Herr Doktor, für mich wäre es weit besser, wenn ich dort keine
+Ablenkung fände. Vielleicht wäre es sogar das Richtigste, daß ich
+Kopenhagen ganz verließe —“
+
+„Wie? Also Sie tragen sich doch mit solchen Gedanken? Die ganze Stadt
+würde es als einen unersetzlichen Verlust betrachten, wenn der Engel
+unter den Menschen, wenn die Komtesse Lavard Kopenhagen verließe.
+
+Haben Sie den Artikel gelesen, der soeben über Sie in einer deutschen
+Zeitung erschienen ist? Die Berlinske Tidende hat ihn heut' morgen in
+einer Uebersetzung gebracht.“
+
+„Ein Artikel über mich?“ fragte Imgjor betroffen. „Was enthält er? Dem
+Sinne Ihrer Worte nach zu urteilen, nichts Ungünstiges, aber jedenfalls
+eine Unschicklichkeit. Wie wenig giebt meine Thätigkeit Anlaß, darüber
+etwas und noch dazu öffentlich zu sagen!“
+
+„Sie sind allzu bescheiden, Komtesse — Die ungewöhnliche Erscheinung,
+daß sich ein Mitglied der höheren Stände in solcher Weise freiwillig
+seiner Bequemlichkeit entäußert, ist für die Welt Grund genug, sich
+damit zu beschäftigen. Darf ich Ihnen den Artikel besorgen?“
+
+„Ich danke, nein, Herr Doktor! Es ist besser, daß ich dergleichen
+garnicht lese. Es macht mir nur noch mehr Gedanken. Ich habe deren schon
+so viele und solche, die mich nicht erheben —“
+
+„Sie sind noch so jung, Komtesse, und Sie sind schon so ernst, so trübe
+in Ihrem Sinn?“
+
+„Ich bin es, aber nur insofern, als ich die ungeheure Schwierigkeit
+erkenne, mein Vorhaben in Thaten umzusetzen. Ich möchte gern im Großen
+wirken und sehe, daß ich schon im Kleinen überall stolpere.“
+
+„Und was wäre, wenn die Frage gestattet ist, Ihr Ideal? Welche Absichten
+verfolgen Sie?“
+
+„Ich möchte helfen, die Menge von dem Druck der allgemeinen Not zu
+befreien und das Los der arbeitenden Klasse gründlich zu verbessern.“
+
+„So bekennen Sie sich also auch zu den sogenannten „neuen“ Ideen? Sie
+überraschen mich!“
+
+„Kann ein gerechter, guter Mensch, kann ein wahrhaft christlicher Mensch
+anders denken, Herr Doktor?“
+
+„Nein und ja, Komtesse. Die Ziele sind zu weit gesteckt.
+
+Man soll nur Mögliches erstreben wollen, nur Dinge, die sich mit den
+Vorgängen in der Natur decken. Wir sind ihre Produkte, sie ist unsere
+Lehrerin, sie bietet uns alle Beispiele für unsere Handlungen.“
+
+„Schon einmal hörte ich fast ganz dieselben Worte. Seltsam —“ Imgjor
+ließ das Haupt sinken und starrte träumerisch vor sich hin. Aber da in
+diesem Augenblick geklopft ward, wurden die Sprechenden unterbrochen.
+
+Der Doktor richtete noch einige verbindliche Worte an Imgjor, und sie
+selbst lenkte, nachdem sie ihm leicht und unbefangen die Hand gereicht,
+ihre Schritte in einen der Siechensäle.
+
+In diesem befanden sich Kranke, deren spezielle Sorge Imgjor übernommen
+hatte. Augenblicklich waren es solche, die sich bereits in der Besserung
+befanden. Dann schlief Imgjor in ihrer Wohnung, erschien auch nur zwei
+oder dreimal am Tage.
+
+Nur in schweren Fällen blieb sie ganz im Hospital und übernahm auch die
+Nachtwache. Ihr Verhältnis zum Krankenhaus war ein durchaus
+freiwilliges, während die übrigen Schwestern sich streng an die
+Hausvorschriften zu halten hatten.
+
+Auf dem Korridor begegnete Imgjor der Schwester, die von ihr behauptet
+hatte, daß sie ihre Thätigkeit hier aufgeben wolle.
+
+Imgjor neigte ernst das Haupt zum Gruße; jene erwiderte die Höflichkeit
+kalt und wollte ohne Wortaustausch vorüberschreiten.
+
+Nun hielt Imgjor sie auf und redete sie an.
+
+„Ich bitte, Fräulein, einen Augenblick. Ich höre soeben, daß Sie
+abermals eine Erfindung über mich ausgestreut haben. Ich muß wirklich
+sehr dringend bitten, daß Sie sich mit Ihren eigenen Angelegenheiten
+beschäftigen. Ich schließe aus Ihrer Lästersucht eine Starke Mißgunst.
+Daß sie in Ihnen emporsteigt, vermögen Sie wohl nicht zu ändern, aber
+ich sollte meinen, Sie müßten sich äußerlich im Zaum zu halten wissen,
+und jedenfalls — ich wiederhole meine Worte — wünsche ich von Ihren
+eifersüchtigen Launen nicht ferner berührt zu werden.“
+
+„Ich eifersüchtig auf Sie?! Nun, da wären Sie wirklich die letzte,
+Fräulein von Lavard! Und was liegt denn vor? Mir ist erzählt, daß Sie
+hier keine Schwesterdienste mehr versehen wollen! Ich wüßte nicht, daß
+darin etwas Ehrenrühriges liegt. Sie nehmen einen Ton an, als ob ich
+Ihnen wunder was angethan hätte und ich muß Sie meinerseits noch
+dringender ersuchen, daß Sie ihn ändern. Sie sind nicht meine
+Vorgesetzte —“
+
+„Sie wissen sehr gut, daß ich mit meinen Vorwürfen recht habe. Ihre
+Heuchelei verschlimmert nur noch das Geschehene. Sie haben mich schon
+wiederholt verleumdet, man hat es mir unaufgefordert, voll Empörung
+mitgeteilt. Schwieg' ich trotzdem, so war's die Verachtung über solches
+Geschwätz. Jetzt will ich aber ein Ende haben! Man könnte wirklich
+glauben, es sei eine Spur von Wahrheit darin. Auch gestern habe ich ein
+Exempel statuiert, und ich werde damit fortfahren!“
+
+Die Züge der Schwester Elise verzogen sich hämisch.
+
+„Sie sprechen, als ob Sie ein Oberstaatsanwalt seien. Ich sage Ihnen
+nochmals, daß Sie sich mit Ihrem Eifer an eine falsche Adresse wenden.
+
+Ich habe auch besseres zu thun, als mich mit Ihnen zu beschäftigen. Ich
+habe andere Gegenstände für meine Gedanken, als die Komödiantin Fräulein
+Lavard!“
+
+„Ah! Wie niedrig! Und Sie wollen eine Dame sein. Sie gehören zum Adel
+des Landes und würdigen Ihre eigene Standesgenossin herab, indem Sie ihr
+solche Dinge sagen, indem Sie geflissentlich sogar ihren Namen
+entstellen? Ich bin weder Fräulein Lavard, noch Fräulein von Lavard,
+sondern für Sie und jedermann Komtesse Lavard!“
+
+„Nun dann sind Sie auch nichts Besonderes, umsoweniger, als die Spatzen
+von den Dächern pfeifen, daß Ihre Mutter nichts anderes war, als eine
+Dir —“
+
+Aber die Schwester Elise kam nicht weiter. Blitzschnell erhob Imgjor,
+von Schmerz und Entrüstung übermannt, die Hand, sie zitterte für
+Sekunden in der Luft. Und dann standen die beiden Gegnerinnen einander
+gegenüber, als ob nur der Tod über das Schicksal des einen oder anderen
+entscheiden könne. In demselben Augenblicke aber erschien zufällig die
+Oberin, und die Schwester Elise stürzte so gleich auf diese zu und goß
+einen Schwall von Verleumdungen und lügnerischen Anschuldigungen über
+Imgjor und deren Benehmen aus.
+
+Und wiederum gab Imgjor mit stolzer Ruhe Antwort und forderte nach
+Erörterung des Vorgefallenen die Entfernung der Schwerer Elise.
+Anderfalls werde sie gehen!
+
+„Ich darf Sie ersuchen, ins Konferenzzimmer zu treten. Wir werden dort
+weiter und in Ruhe reden! Ich muß erst klarer in der Sache sehen, ehe
+ich meine Entscheidung treffe, Komtesse Lavard!“ entgegnete die Oberin,
+die nichts lieber wünschte, als daß die ihr sehr unbequeme Imgjor, die
+keinerlei Mängel durchgehen ließ, vielmehr stets Unregelmäßigkeiten und
+Pflichtversäumnisse zur Anzeige brachte, das Krankenhaus verließ.
+
+„Warum noch reden!“ betonte Imgjor kalt. „Es unterliegt doch keinem
+Zweifel, wer ein Recht hat, sich zu beklagen!
+
+Ich muß darauf bestehen, daß endlich die Sumpfquellen verstopft werden,
+aus denen die Verleumdungen gegen mich fließen. — Klagen über Fräulein
+Elise erheben sich von allen Seiten und auch in anderer Richtung. —
+
+Anfangs der Woche hat sie der Witwe Romö, aus bloßer persönlicher
+Antipathie, die Hilfe verweigert. Es wäre wohl nicht so schlimm, hat sie
+gesagt! Die arme Person hat einen bedenklichen Rückfall davon bekommen!
+Sind solche Vorkommnisse in einem Krankenhaus erhört?“
+
+„Nun ja, nun ja — es soll alles untersucht werden. Im übrigen will ich
+niemanden hindern, seinen Weg zu gehen —“ stieß, statt auf diese Rede
+einzulenken, die Oberin äußerst gereizt heraus. „Ich darf Sie also nicht
+erwarten, Komtesse?“
+
+„Nein! Ich muß darauf verzichten, Frau Oberin —“ entgegnete Imgjor,
+verbeugte sich gemessen, und ging, ohne die giftsprühende Schwester
+Elise eines Blickes zu würdigen, von dannen. —
+
+ * * * * *
+
+Das Rankholmer Palais lag, von einem auf Marmorpostamenten ruhenden,
+vergoldeten Gitter umschlossen, mitten in der Adelstraße. Ein
+prachtvoller, weißschimmernder Bau mit hoher Aufgangstreppe tauchte
+hinter einem großen Vorplatz mit grünem Rasen auf. Zwischen ihnen
+befanden sich gepflasterte Fahrwege, und zu Seiten befanden sich die
+Stallungen und eine Reitbahn.
+
+Am Abend des nächstfolgenden Tages, an dem sich die vorstehend
+geschilderten Scenen abgespielt hatten, war das Palais von oben bis
+unten hell erleuchtet. Es schwamm gleichsam in einem Lichtmeer. Von den
+mächtigen Treppenkandelabern floß das Licht auf den Vorgarten herab, und
+ein zahlreiches Publikum hatte sich auf der Straße aufgestellt, um der
+Einfahrt der zahlreichen Equipagen mit ihren livrierten Kutschern und
+Dienern beizuwohnen.
+
+An achtzig Personen aus den vornehmsten Kreisen waren Einladungen von
+dem Grafen Lavard und seiner Gemahlin ergangen. Es galt, den Bräutigam
+von Lucile, den Marquis Armand de Curbière de Ramillon der Gesellschaft
+vorzustellen. In Berlin hatte Lucile ihn als Attaché der französischen
+Gesandtschaft in einer Hofgesellschaft kennen gelernt, und bei einem
+Besuch, den der Marquis der Familie in Rankholm abgestattet, war die
+Verlobung zwischen ihnen erfolgt.
+
+Es fehlten noch zehn Minuten vor dem Tischgang, Schon hatte Frederik
+wiederholt forschend die Zahl der Gäste gemustert.
+
+Es ließen noch warten der Stadtkommandant, General Baron von Berling,
+und — Komtesse Imgjor, die auf das dringende Ersuchen des Grafen ihr
+Erscheinen zugesagt hatte.
+
+In verschiedene Gruppen verteilt, standen die Gäste schwatzend umher.
+Neben Lucile und neben dem Marquis von Curbière, dem Musterbilde eines
+vornehmen, ritterlichen Mannes, stand der Premierminister Graf Niels von
+Rosenberg.
+
+Er war klein und korpulent, hatte eine schiefe Schulter und einen
+buckligen Rücken, besaß aber einen so ungewöhnlichen Verstand, und aus
+seinen grünen Augen sprühte es so streng und gebieterisch, daß sich
+unwillkürlich Hoch und Niedrig vor ihm bückten.
+
+Ein leises und lautes „Ah!“ der Bewunderung entrang sich dem Munde der
+Gäste, als dann endlich auch Imgjor, gefolgt von dem General von
+Berling, einem Mann, der einem spanischen Granden glich und dessen
+Brust die Orden kaum fassen konnte, in den Hauptsaal trat.
+
+Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid, dessen eine Hälfte, die linke,
+aus zartgefärbter rosenroter, die andere aus schneeweißer Seide bestand.
+
+Um den Hals, dessen schwanenweiße Farbe das Auge entzückte, lag ein Reif
+von Diamanten, aus dessen Mitte ein Opal seine roten, blauen und grünen
+Blitze schoß; ein ebensolcher Schmuck umschloß die Arme. Das
+braunrötliche Haar war empireartig frisiert, und eine durchsichtige,
+zarte Randspitze umgab da, wo ihre schneeige Brust sich hob und senkte,
+den Saum des ihren vollendet gewachsenen Körper fest und schlank
+umfließenden Seidenleibchens.
+
+Als sich Imgjor nach Begrüßung ihrer Eltern und der sich zu ihr
+drängenden Gäste nach Lucile und dem Marquis umsah — der Zufall hatte es
+gefügt, daß sie den Bräutigam ihrer Schwerer bisher verfehlt hatte —
+löste sich gerade Curbière aus der vorhin beschriebenen Gruppe und eilte
+mit lebhaften Mienen auf Imgjor zu.
+
+Er stutzte. Ersichtlich ging etwas Ungewöhnliches in dem Innern des
+Mannes vor, als er dieses schier unnahbar schöne Geschöpf vor sich sah,
+und als sie ihm mit ihrem süßen, zuvorkommenden Blick die Hand
+entgegenstreckte.
+
+„Ah! Wie schön Sie sind — Psyche und Juno streiten um den Preis!“
+sprang's in höchster Ueberraschung, in französischer Sprache, aus des
+gewandten Mannes Munde.
+
+Er war völlig benommen und wurde enttäuscht, als Imgjor in der
+gewohnten Auflehnung gegen ihre Schönheit und gegen Artigkeiten einen
+gleichgültig verdrossenen Ausdruck in ihren Zügen erscheinen ließ.
+
+„Ah! Sie machen mir solche Komplimente und nennen das größte Juwel Ihr
+Eigentum, das Dänemark besitzt?“ sprach sie dann, den Ausdruck des
+Mißfallens in ihren Zügen absichtlich noch verstärkend.
+
+Jählings kam's über sie, daß sich der Mann für sie interessiere, sich
+ihr zuwendete, sich verlor, obschon er Lucile angehörte. Es war etwas in
+seinen Augen aufgeblitzt, das sie ängstigte und dessen Wiederholung sie
+durch schroffe Begegnung verhindern wollte. Aber Curbière war ihr
+gewachsen. Er fand sich rasch wieder.
+
+Während seinen Mund ein überlegenes Lächeln umspielte, sagte er mit
+rascher, kavaliermäßiger Gewandtheit:
+
+„Wie? Sie spielen den Lehrmeister gegen mich aus, Komtesse! Sie vermuten
+wohl einen jener Bekehrungsbedürftigen, mit denen Sie sich draußen
+beschäftigen. Ich sollte meinen, ich hätte am ehesten da ein Recht zur
+Aeußerung der Bewunderung und glaubte am wenigsten da mißverstanden zu
+werden, wo es sich um die Schwester meiner Braut handelt!“
+
+„Wie sollte es —“ entgegnete Imgjor unbiegsam — „einem Weltmann wie
+Ihnen nicht gelingen, das Uebergewicht zu behalten, gar dem anderen zu
+beweisen, daß seine Rede eine Ungeschicklichkeit gewesen sei, Herr
+Marquis!“
+
+„Sie halten es also nicht für denkbar, daß Sie sich irren, daß das, was
+Sie als eine Ablenkung meiner Gefühle für Lucile bezeichnen wollen — so
+ist's doch, Komtesse? — lediglich ein Ausbruch meines stark entwickelten
+Schönheitssinns war?
+
+Glauben Sie mir das, Komtesse! Ich bitte darum! — Wenn Sie aber trotz
+alledem doch vermeinen, ich sei eines Tadels benötigt, so haben Sie mich
+jedenfalls überaus schnell kuriert. Sie haben es verstanden, in mir die
+Freude an Ihrem inneren Menschen genügend herabzumindern.“
+
+Nun sah Imgjor betroffen empor. Und als sie dann dem ernst gemessenen
+Ausdruck in den Augen ihres künftigen Verwandten begegnete, streckte sie
+ihm, von einem raschen Impuls getrieben, die Hand entgegen und sagte mit
+dem schönen, bezwingenden, allen Lavards eigenen Freimut in Blick und
+Mienen:
+
+„Wohlan! Nach dieser Klärung wollen wir keine mißvergnügten Gegner,
+sondern wahrhaft gute Freunde sein! That ich Ihnen Unrecht, verzeihen
+Sie mir!
+
+Also, ich bitte, Herr Marquis, ich bitte, lieber Armand!“ schloß sie mit
+einem noch bezaubernderen Ausdruck.
+
+Und von dieser ehrlichen Liebenswürdigkeit bezwungen, beugte sich Armand
+de Curbière auf Imgjor Lavards Hand herab, küßte sie ehrerbietig und
+sagte, obgleich sich ihnen in diesem Augenblick Lucile näherte und schon
+von fern eifersüchtig hinüberschaute, laut und mit einem tief
+verinnerlichten Blick auf die Schwester seiner Braut:
+
+„Ich danke Ihnen, teure Imgjor! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen! Ich
+werde Ihnen diesen Augenblick nie vergessen.“
+
+Und nun gab auch Frederik endlich das Zeichen zum Tischgang.
+
+Alle Anwesenden setzten sich in Bewegung, und bald saß die glänzende
+Gesellschaft in dem theegrünen Speisesaal, der sich als Hauptzierde des
+Palais in einem Flügel des Gebäudes befand, bei köstlich duftenden
+Speisen und seltenen Weinen beisammen.
+
+Während des Tafelns warf Lucile, zu ihrem Verlobten gewendet, hin:
+
+„Sieh' einmal, wie Imgjor entzückend ansieht und wie lebhaft sie sich
+mit dem jungen Grafen Kilde unterhält.“
+
+Ach, wenn sie sich doch endlich einmal verliebte und damit auch ihren
+Menschenbeglückungskittel abthun würde!“
+
+„Ist's möglich! Imgjor hat sich noch für niemanden interessiert?“
+
+„Doch, einmal! Aber das war nur ein Flämmchen, welches ebenso rasch
+verglomm, wie's emporgelodert war. Auch spielten andere Dinge mit —“
+
+„Und wer war der Bevorzugte? Wie hieß der Mann, der jedenfalls einen
+ganz superben Geschmack besaß?“
+
+„Es war irgend einer! Der Name ist gleichgültig. Es war einer, der ihr
+vormachte, daß er auf nichts Anderes sinne, als die Welt von den Fesseln
+der Ungleichheit zu befreien. Er verschwand dann und soll sich jetzt in
+Amerika aufhalten.“
+
+„Aber Imgjor ist doch sicherlich von Hunderten umschwärmt worden.“
+
+„Ja, fast von allen Männern. Nur einer war ihrer wert. Ein vorzüglicher
+Mann: Graf Dehn. Aber auch er zog sich aus ihrem Sonnenkreis fort, wenn
+auch aus anderen Gründen. Er liebte sie über alles und wußte sich nur
+durch eine Weltreise von seiner Schwermut zu erlösen. Es ist derselbe,
+der, wie du auf Rankholm hörtest, demnächst von Italien zurückkehrt und
+uns besuchen will —“
+
+„Ah!? Der Lausitzer Graf! Und wirklich ein so vollendeter Mann?“
+
+„Ja, der liebenswertere, vornehmste Mensch, den ich außer dem Marquis
+von Curbière kennen gelernt habe.“
+
+„Sehr verbunden, Komtesse Lavard! Aber wissen Sie, daß ich leicht
+eifersüchtig zu werden vermag?“ warf Curbière liebenswürdig neckend hin.
+
+Lucile spitzte erst lachend den Mund, dann sagte sie ernst:
+
+„Aber weder in diesem noch in irgend einem anderen Falle wirst du je
+dazu Ursache haben! Bleibst du mir ein treuer Kamerad, so hast du bei
+mir auf Felsen gebaut. Wir Lavards —“
+
+In diesem Augenblick wurde Luciles Aufmerksamkeit auf ihre Mutter
+gelenkt, die so lebhaft mit einem der jungen, zu ihrer Rechten sitzenden
+Prinzen des Königlichen Hauses sprach, daß die Laute volltönend zu
+ihnen herüberdrangen.
+
+Sie unterbrach deshalb ihre Rede, und Curbière sagte:
+
+„Wie jung, wie schön ist noch deine Mutter! Lucile. Es ist ein Mirakulum
+in solchem Alter —“
+
+„Ja, und wie man sie lieben und achten muß!“ fiel Lucile ein. „Ich habe
+erst vor einigen Jahren erfahren, welch' eine große, edle Seele sie
+besitzt. Sie hatte eine schwere Versuchung zu bestehen, und hat sich
+unvergleichlich bewährt.“
+
+Curbière hörte gespannt zu, dann sagte er unvermittelt:
+
+„Und so fest seid Ihr alle? Auch Imgjor?“
+
+Lucile drehte sich rasch zu ihrem Verlobten um. Ohne daß sie sich
+Rechenschaft zu geben vermochte, berührten sie seine Worte.
+
+„Weshalb fragst du?“ stieß sie heraus.
+
+„Nun, wie man eben fragt. Aus keinem besonderen Grunde —“
+
+Und da er sah, daß ihre Wangen eine leichte Blässe überzogen hatte,
+erhob er das Champagnerglas, stieß mit ihr an und fuhr neckend, mit
+zärtlichem Ausdruck fort:
+
+„Also auch meine stolze Königin kann eifersüchtig werden!? Dann sind wir
+also quitt, meine liebe, wunderschöne Lucile Lavard!“
+
+ * * * * *
+
+Eine Lavardsche Equipage hatte eben Imgjor — es war halb drei Uhr
+morgens — vor dem Hause das sie seit ihrem Kopenhagener Aufenthalt
+bewohnte, abgesetzt. Stumm und ehrerbietig war Robert seiner früheren
+jungen Herrin beim Aussteigen behilflich gewesen, und nun schleppte sich
+das junge Mädchen, die Brust voll von den widerstreitendsten
+Empfindungen, die Treppe hinauf.
+
+Der Prinz und Curbière hatten wiederholt mit ihr getanzt und sich beide
+außerordentlich eingehend mit ihr beschäftigt.
+
+Der Prinz war ein Mann von Geist und feinen Manieren, aber nicht ohne
+starken Cynismus, Curbière dagegen ein Kavalier von seltener
+Gewandtheit, auserwähltem Geschmack und neben scharfem Verstande von
+einer Unbefangenheit in der Beurteilung menschlicher Dinge, die Imgjor
+in Erstaunen versetzt und außerordentlich angezogen hatte.
+
+Er war ein ganz anderer als der übrige Schwarm der Männer. Lucile hatte
+wohl gewußt, was sie gethan hatte! Er ähnelte dem Grafen Dehn, demselben
+den sie, Imgjor, aus Trotz und Stolz von sich gewiesen.
+
+Ein schwerer Kampf vollzog sich gegenwärtig in Imgjors Innern.
+
+Ein Wesen von Fleisch und Blut, war auch ihr Herz einmal wieder in
+Bewegung geraten! Und gerade der Mann hatte Eindruck auf sie gemacht,
+der seine Hand vergeben und den sie — Scham, Reue und Auflehnung gegen
+sich selbst flogen in heißen Schauern durch ihre Seele — wegen seiner
+Schwärmerei für eine andere so scharf zu tadeln sich unterfangen hatte.
+
+Was sie an ihm so streng gerügt hatte, war nun ihr eigen Teil geworden.
+Sie beschäftigte sich in ihren Gedanken mit dem Verlobten ihrer
+Schwester.
+
+Allerdings gelangte sie zu einem anderen Ergebnis, als sie sich
+vorstellte, sie hätte Curbières Gattin werden können. Dann schob sich
+doch die Gewalt des Grafen Dehn in ihre Vorstellungen. Sie erkannte, daß
+nur die gewaltsam herabgedrückte Leidenschaft für ihn sich geregt, daß
+sie zu Curbière das mit jenem Uebereinstimmende im Wesen hingezogen, daß
+ihr Herz unwillkürlich — ihr unbewußt — Nahrung suchend, nach diesem
+Ersatz gegriffen habe.
+
+Aber diese Probe hatte sie zugleich belehrt, daß sie sich von den Räumen
+der Paläste fern halten mußte. Die Schmeicheleien, die den Sinnen
+gebotenen Reize, die parfümierte Atmosphäre wirkten auf sie.
+
+Reine Gedanken, und durch sie die Wiedererlangung der Ruhe ihrer Seele,
+mußte sie zurückerlangen.
+
+Hatte sie nicht selbst darauf bestanden, daß man ihr eine Freiheit
+eingeräumt, wie sie jetzt sie besaß? Sie war ihr unter schwersten
+Kämpfen geworden. Sie hatte geschworen, auf die Liebe eines Mannes zu
+verzichten, jedenfalls niemals einem Axel Dehn den Triumph zu gönnen,
+das Eingeständnis ihrer Liebe zu hören.
+
+Würde sie sich nicht dem höhnischen Lächeln der wahrsagenden
+Besserwisser preisgeben, wenn sie plötzlich ihren Vorfällen wieder
+untreu wurde, gar von dem Schauplatz ihrer Thätigkeit zurücktrat?
+
+Sprach man doch in ganz Dänemark von Grevinde Lavard! Man hatte sie
+schon mit der heiligen Elisabeth in Deutschland verglichen. Und ihrer
+armen, verdorbenen Mutter hatte sie einen stummen Schwur geleistet, sich
+der unglücklichen, den Verfluchungen ausgesetzten Frauen anzunehmen!
+Sollte sie ihn brechen? Nein, niemals!
+
+Sie preßte gewaltsam alles in sich nieder, was ihre Entschlüsse wankend
+machen konnte.
+
+Und zu all' diesen Vorstellungen gesellte sich heute wieder auch die
+Erinnerung an Prestö.
+
+Noch einmal war Imgjor ihm begegnet, damals, als sie zur bleibenden
+Uebersiedelung nach Kopenhagen unterwegs gewesen.
+
+Sie hatte ihn mit einem jungen Mädchen, sicherlich seiner Braut, auf der
+die beiden dänischen Inseln verbindenden Korsörer Fähre gesehen, und da
+er sie nicht einmal gegrüßt hatte, waren die Gefühle der Empörung, des
+Schmerzes und der Gedanke, jedermann vor diesem gefährlichen Menschen zu
+warnen, wieder in ihr aufgestiegen.
+
+Aber gerade das Mädchen an seinem Arm war als ein Engel zwischen ihn und
+sie getreten. Ihr Erscheinen hatte alle rachsüchtigen Regungen in Imgjor
+erstickt. Ingeborg Jensen hatte ihr damals geschrieben, hatte sie
+beschworen, ihrem Verlobten zu vergeben, und ihren flehenden Worten war
+Imgjor mit ihrem weichen Herzen erlegen. —
+
+Fast eine Stunde hatte Imgjor schon, in solche Gedanken verloren,
+dagesessen. Die Geschmeide hatte sie abgethan, das Kleid von ihrem
+Körper gelöst. Sie glich, als ihr Blick zufällig in den Spiegel fiel,
+einer marmornen Psyche.
+
+Und bevor sie ihr Lager aufsuchte, ergriff sie ein dänisches Buch, das
+auf ihrem Tisch lag.
+
+„Was ist Glück?“ lautete der Titel.
+
+Was ist Glück? Ja, was war Glück? Pflichtübung führte es zunächst
+herbei. Aber Pflichterfüllung war auch ein dehnbarer Begriff. Mit
+Pflichterfüllung verband sich starke Selbstentäußerung — und sie brachte
+Kämpfe, die aber machten doch nicht glücklich! War sie denn überhaupt
+glücklich?
+
+Sie schüttelte wehmütig den Kopf.
+
+Nein! Es hatten die Recht behalten, deren Weisheit sie bespöttelt hatte.
+
+Wo herrschte die größte Vernunft? Ihre Erfahrung hatte ihr darauf die
+Antwort erteilt: Bei denjenigen, welche die Dinge dieser Welt nicht mit
+Ungestüm anfassen, sondern mit besonnener Vernunft, die, ohne daß sie
+stumm oder laut darüber philosophieren, wissen und daran festhalten, daß
+Zeit und Umstände Mitordner der Dinge sind; die den guten Mittelweg
+einschlagen, ihn stetig beschreiten, wenn auch auf den Nebenwegen noch
+so viele Harfen mit süßklingenden Tönen locken; die endlich vom Tage und
+von den Stunden nicht mehr begehren, als sie nach Lage der Dinge
+herzugeben vermögen und wofür sie, die Fordernden, aufnahmefähig sind.
+
+Sie aber, Imgjor, jagte unruhig einem von allen Vernünftigen als
+Phantom bezeichneten Ziele nach, erntete keinen Dank, wohl aber meistens
+das Gegenteil. Die Empfänger ihrer Wohlthaten hatten ihr schon oft
+erklärt, daß man sie ja nicht gerufen, daß sie sich aufgedrängt habe,
+daß man ohne sie auch und besser fertig geworden wäre!
+
+Dann hatte sie sich hingesetzt und wie ein Kind — und immer noch ein
+solches an mangelnder Erfahrung — bitterlich geweint.
+
+Ja, wie anders war die Welt der Vorstellungen und die der Wirklichkeit!
+Curbière hatte ihr gesagt, und aus jedem Wort hatte sie Axel Dehn
+sprechen zu hören vermeint:
+
+„Wir leiden an drei Krankheiten: der einst den Frauen nachgesagten,
+jetzt der Männerwelt anhaftenden Eitelkeit, der Verbesserungs- und
+gegenseitigen Bevormundungssucht.
+
+Die schlimmsten Verderber unserer heutigen Zustände sind diejenigen,
+welche, statt der Zeit ein allmähliches Reisen der Dinge anheimzugeben,
+sich zu Staatsverbesserern aufwerfen, den Eitelkeitsspiegel zur
+Betrachtung ihrer ungeheuren Weisheit und Bedeutung allezeit in der
+Tasche tragen, fast ausnahmslos aus diesem Grunde auch nur handeln,
+selbstgefällig, erhobenen Hauptes, reden, reden und wieder reden,
+begründen und Resolutionen fassen.
+
+Wir besitzen die Mittel zur Verbesserung unserer Lage in nächster Nähe.
+Aber wir stecken so sehr im Sumpf unserer Selbstsucht, gepaart mit
+Verweichlichung und Genußsucht, daß wir durch künstliche Mittel ein
+Gleichgewicht erzwingen wollen. Zu einer Gesundung unserer Zustände
+können wir nur gelangen, wenn wir alle zu einfachen, natürlichen
+Verhältnissen zurückkehren, wenn jeder streng in seinem Wirkungskreise
+seine Pflicht erfüllt, erst sorgsam sein Haus bestellt und dann auch dem
+Nachbar hilfreich die Hand bietet, und wieder letzterer dem nächsten,
+also, daß jeder geduldig, wachsam und treu der Last sich fügt, die
+schwer oder minder schwer auf seinen Schultern ruht; wenn endlich die
+sozial Bedrohten von den Gegnern einer ruhigen Entwickelung der Dinge,
+nämlich den Sozialdemokraten, die Kunst der Einigkeit und
+Opferfreudigkeit erlernen, fest und unzerreißbar sich zusammenscharen
+und handeln, sobald Umstürzler die begehende Ordnung untergraben wollen.
+
+Jedem Menschen gab die Natur, wie dem Tiere, die Werkzeuge zum Kampf um
+seine Existenz mit.
+
+Sie soll er zunächst gebrauchen, nicht nach fremder, künstlicher Hilfe
+sich umschauen.
+
+Auf Beistand von Seeschiffen rechnen, wenn man auf Auen in Kähnen fährt,
+ist das Beginnen von Thoren.
+
+Was war es denn, so fragte sich Imgjor, was sich immer wieder in ihrer
+Seele regte und dennoch Lehren und Erfahrungen beiseite schob? Sie fand
+keine Antwort darauf.
+
+ * * * * *
+
+Als sich Imgjor am nächsten Tage spät erhob und nach Erledigung einiger
+häuslichen Pflichten an ihren Schreibtisch ging, fand sie zu ihrer
+Bestürzung, daß sie bestohlen worden war.
+
+Es fehlten mehrere hundert Kronen, die sie beiseite gelegt hatte, um
+einen beim Zoll angestellten, schwer heimgesuchten Familienvater zu
+unterstützen.
+
+Der Diebstahl mußte während ihrer Abwesenheit am gestrigen Abend
+vollführt worden sein, und da nur ihr Aufwartemädchen ihre Zimmer
+betreten konnte, so mußte sie die Diebin sein.
+
+Dies regte Imgjor abermals außerordentlich auf, besonders deshalb, weil
+sie diesem Dienstboten und deren Eltern sehr viele Wohlthaten erwiesen
+und somit Dankbarkeit, wenigstens Treue von ihr erwartet hatte.
+
+Aber sie fand auch in ihrem Briefkasten, den sie gewohnheitsmäßig nach
+beendetem Frühstück öffnete, einen Brief, dessen Inhalt sie namenlos
+erregte.
+
+Das Schreiben lautete:
+
+„Nichts anderes trieb dich aus den vergoldeten Zimmern in Rankholm fort,
+als deine Sucht, dich breit zu machen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf
+dich zu lenken. Und weshalb? Um deinen kleinlichen Ehrgeiz zu
+befriedigen, damit man von dir spricht, schreibt, kurz — etwas aus dir
+macht, die du doch selbst nichts bist. Du meinst, man durchschaue dich
+nicht. Aber die Welt hat scharfe Augen. Die eine Hälfte bespöttelt und
+belacht deine Narrheiten, die andere, die der Eingeweihten, geht mit dem
+Gedanken um, dem Grafen Lavard mitzuteilen, wie sein Name durch dich
+verunehrt wird.
+
+Solche Emanzipierte wie du gehören in eine Korrektionsanstalt. Du die
+Welt reformieren? Du der Not und dem Elend ein Ende machen? Stille
+deinen eigenen Jammer! Denn man weiß es, du hast genug mit dir zu thun,
+und man weiß auch — warum! Also mache ein Ende mit der Komödie und mit
+den bezahlten Zeitungsartikeln, die auf deine Verherrlichung abgesehen
+sind!
+
+Kehre dahin zurück, woher du gekommen bist, ehe du notgedrungen die
+Flucht ergreifen mußt!“
+
+Imgjor saß während einer längeren Zeit wie gelähmt da. Das war die
+stärkste Infamie, die ihr bisher geworden. Und wenn's auch vielleicht
+aus derselben Quelle stammte, aus der ihr die übrigen Kränkungen
+gekommen waren, so wurden doch durch solche Wahrscheinlichkeit ihre
+unruhvollen Vorstellungen nicht beseitigt.
+
+Die Augen wurden ihr durch dieses Schriftstück völlig geöffnet. So
+urteilte also die Masse; solche Motive schob sie ihr unter!
+
+Und das war so entsetzlich, daß sie sich hätte in diesem Augenblick tief
+in die Erde verkriechen und nie wieder zum Vorschein kommen mögen.
+
+Fort, fort, nur fort aus Kopenhagen mit seinem Undank, seiner Mißgunst
+und Niederträchtigkeit! Zurück nach Rankholm, wo die weißen Tauben um
+die hohen Türme der Einsamkeit flatterten, wo Ruhe, sanfter Friede
+herrschten, wo es kein widerwärtiges Jagen und Haschen nach Geld und
+Stellung, wo es noch einfache Verhältnisse gab; wo man ohne erst Anhöhen
+vor der Stadt zu gewinnen, die Sonne in ihrer unschuldigen, hehren
+Schönheit aufsteigen und niedersinken sah, wo der Mond die stillen Wege
+versilberte, auf denen sie, ein glückliches, von den Wirren der Welt
+unberührtes Kind, einhergewandelt war! Ah! Das Brüllen der Rinder, das
+Wiehern der Pferde, die reinen Laute des Landes, die anheimelnden Düfte,
+der kräftige Erdgeruch; ihr Zimmer oben im Turm, mit einer Aussicht in
+eine Welt, die nicht schöner gedacht werden konnte, in der Menschen
+wohnten, gute, treuherzige, dankbare, keine schlechten wie hier! —
+
+Aber auch dieser Sturm ihres Innern ging vorüber, und Imgjor gelangte zu
+anderen, zu den alten Entschlüssen.
+
+Sie wollte fortfahren, in die Häuser der Armen zu gehen, und trotz aller
+Anfeindungen versuchen, nicht in dem zu erlahmen, was sie sich einmal
+als Lebensaufgabe gewählt hatte. Am nächsten Tage wollte sie in
+Sommerlyst einem Vortrage beiwohnen, den ein aus Schweden
+herübergekommener Reformator Kollund, ein früherer Geistlicher, halten
+würde. Ja, dazu war sie entschlossen! —
+
+Es war am folgenden Abend. Schon seit einer Stunde hatte Kollund, der
+einstige Geistliche und jetzt den neuen Ideen mit feurigem Eifer
+huldigende Wanderprediger seinen Vortrag beendet, hatte der stets nach
+solchen Verheißungen hungernden Welt erklärt, daß Christus im Grunde
+nichts anderes gewollt, als was sie selber jetzt in größerer
+Gemeinschaft anstrebten. Auch er habe gesprochen: „Kommet her zu mir
+alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ und nur durch praktisches
+Christentum seien die Not und das Elend aus der Welt zu schaffen. Seine
+Worte hatten Imgjor deshalb noch mehr ergriffen als alle diejenigen
+seiner Vorgänger, weil sie von dem reinsten Enthusiasmus getragen und
+weil sie von jener Selbstlosigkeit durchhaucht schienen, die ihr selber
+eigen war. So sehr hatte sie das bleiche Erlöserangesicht des Redners
+angezogen, daß sie auch nach Beendigung des Vortrages in Sommerlyst
+blieb. Sie hatte sich ihm vorgestellt und ihm gesagt, wer sie sei. Und
+dann war sie mit ihm in eine Laube des Gartens getreten und hatte hier,
+umfächelt von den sanften Lüften der Frühlingsnacht, ihre Gedanken mit
+ihm ausgetauscht.
+
+Sie sei im Begriff, zu erlahmen, hatte sie ihm, unter den Eindrücken der
+letzten acht Tage, mit einer Offenherzigkeit gestanden, als ob sie ihn
+lange Jahre gekannt, ihm schon immerdar ihr Vertrauen geschenkt habe.
+
+Und der Mann, ein unerschütterlich Ueberzeugter, hatte das Haupt mit
+einer Miene bewegt, als ob er nicht zu hören brauche, als ob er ohnehin
+wisse, was in ihrer Seele sich vollziehe.
+
+„Mir ging es wie Ihnen, Komtesse,“ erklärte er. „Ich habe wohl
+hundertmal alles wieder beiseitewerfen, habe verzagen wollen.
+
+Ich habe so viel Undank und so viele Nichtswürdigkeiten erfahren, daß
+ich im Zorn aufgeschrieen und in die Worte ausgebrochen bin:
+
+„So helft euch selbst! Ihr verdient es nicht, daß ein ehrliches
+Menschenkind auch nur einen einzigen Schritt für euch thut! Ihr seid
+Riesen im Nehmen, im Empfangen und in der Selbstsucht, und kleiner als
+Ameisen in der Erkenntnis dessen, was ihr euch selbst schuldig seid,
+welche Dankpflichten ihr denjenigen zollt, die sich in eure Dienste
+stellen!
+
+Mit dem Essen wächst euer Appetit bis ins Ungemessene. Ihr fordert
+zuletzt, wo ihr zu bitten habt.
+
+Vor Monaten blieb eine Frau, der ich täglich Nahrungsmittel gespendet,
+plötzlich aus. Als ich ihr begegnete und sie fragte, weshalb sie nicht
+mehr komme, erwiderte sie mir in einem geringschätzenden Ton:
+
+Es sei ihr das Essen bei mir nicht mehr gut genug. Sie verkehre jetzt in
+dem Hause eines Großkaufmanns und empfange dort andere, sehr viel
+bessere Speise.
+
+Ich hatte auf der Zunge, ihr zuzurufen:
+
+„Sie soll dir _nicht_ werden, du Unverschämte! Ich werde jenem melden,
+welch' eine Unwürdige du bist!“
+
+Aber ich gedachte des Elends, das dann vielleicht wieder eintreten
+würde, und verwandelte Zorn in Milde. Ich sprach auf sie ein und hielt
+ihr vor, auf welchem verkehrten Wege sie sei. Denn das ist unsere
+Aufgabe! Nicht zürnen, gar rächen, vielmehr vergeben, anleiten, durch
+sittliche Förderung des einzelnen Samen streuen für eine allmählich
+aufgehende, kräftige Frucht. Und glauben Sie:
+
+So niederträchtig die Welt sich oft durchweg giebt, so ungerecht, so
+einseitig, sie meist urteilt, so birgt sie doch auch Edeldenkende. Es
+giebt ein sich an Wahrheit und Wirklichkeit haltendes Urteil, und das
+und das Eintreten jener Gerechten wird am Ende siegen.
+
+Im allgemeinen hat die Welt einen sehr feinen Orientierungssinn, sie
+weiß sehr wohl zwischen den Wertvollen und Wertlosen zu unterscheiden. —
+
+Harren Sie also aus! Schon leuchtet der Name der Grevinde Lavard durch
+die nordischen Lande. Daß sie Anfechtungen zu bestehen hat, daß man sie
+entweder eine Närrin oder eitle Abenteuerin schilt, das ist ein Los, das
+sie mit allen teilt, denen ein höherer Geistesflug innewohnt, die sich
+nicht damit begnügen, blos zu sein.“
+
+Imgjor hatte dem Redner mit Begeisterung zugehört. Sie fing jedes Wort,
+das über seine Lippen ging, wie ein Evangelium auf. So schön, so
+verklärt waren seine Züge! Ueber der bleichen Stirn hing, gleichsam als
+Kennzeichen der Gleichgiltigkeit gegen alles Aeußerliche, eine Locke des
+schwarzen Haares, in seinen dunklen Augen glühte das Feuer der
+Ueberzeugung, und über ein krankes Hüsteln, das seine Rede unterbrach,
+sprach er mit jener milden Ergebenheit, die den Märtyrern eigen.
+
+„Ich schaffe, so lange ich es vermag. Will der Schöpfer, daß ich
+aufhöre, so wird er seine Gründe haben, und einen anderen, Befähigteren,
+Stärkeren senden.“
+
+Jetzt, in seiner Nähe, unter seinem Einfluß lehnte sich Imgjor wieder
+einmal gegen die nüchterne Ueberlegenheit eines Axel Dehn, eines
+Marquis von Curbière auf.
+
+Es war sehr bequem, zu sprechen, wie sie es thaten.
+
+Allmählich würde, nach ihren Worten und Ansichten, vom steten Regen der
+Zeit benetzt, der Felsen der zu großen Ungleichheiten zerbröckeln! Aber
+eben der Regen sollte wirken, damit auf dem Platze, wo das Gestein
+ruhte, fruchtbares Land sich aufthue! Selbst wollten sie sich nicht
+rühren, die Muskeln nicht anstrengen!
+
+In ihm, dem Prediger Kollund, saß das, was einem Christus, einen Mahomed
+den Stab in die Hand gedrückt. Er war der berufene Vorkämpfer für die
+neue Lehre. Endlich hatte sie ihn gefunden.
+
+Nachdem Imgjor mit Kollund verabredet hatte, daß sie sich noch einmal
+wiedertreffen wollten, nahm sie allein den Weg von Sommerlyst zu Fuß
+zurück. Ihre Wohnung lag in der Nähe des Rosenberger Schlosses in der
+Kronprinzeßgade.
+
+Als sie nach einer sie stark beschwerenden Wanderung an die Ecke dieser
+und der Gothergade angelangt war, trat plötzlich ein junger Mensch auf
+sie zu und redete in sehr zudringlicher Weise auf sie ein. Und als sie
+ihm durch rasches Forteilen zu entrinnen suchte, war er ebenso schnell
+nochmals an ihrer Seite, wiederholte, die menschenleere Gegend
+benutzend, seine Anträge, und umfaßte, trotz Imgjors äußerstem
+Widerstand, ihren Leib.
+
+„Sie sind doch Grevinde!“ flüsterte er, sie fester und fester an sich
+ziehend. „So gewähren Sie doch einem armen, sehnsüchtigen Menschen auch
+einmal eine glückliche Stunde. Andere dürfen es! Warum wollen Sie es mir
+versagen? Ach, wie schön Sie sind! Ich sah Sie mit Kollund sitzen. Der
+Glückliche!
+
+Ich bitte, mein süßes Kind — komm mit — komm mit auf die Bank! Laß uns
+plaudern. Höre, wer ich bin, und wisse, ich bin deiner wert!“
+
+Imgjor fehlte der Atem und es versagten ihr die Worte. Sie wollte
+schreien, Hilfe rufen und vermochte es nicht. Mit ungeheurer Kraft hob
+er sie empor, trug sie in das Innere des Parkes und verschwand mit der
+Halbohnmächtigen unter den Bäumen.
+
+ * * * * *
+
+Im Rankholmer Palais saß in seinem dreifenstrigen durch den Anstrich
+sanfter Pfirsichfarben reizvoll gehobenen und mit alten Ovenschen
+Gemälden und seltenen nordischen Möbeln geschmückten Arbeitsgemach Graf
+Peder Lavard und rauchte aus einer kostbaren Meerschaumpfeife. Dem
+silberbeschlagenen Kopf entstiegen in blauen Ringen emporschwebende,
+einen verführerischen Duft verbreitende Wölkchen, und ein Ausdruck
+ausnehmender Behaglichkeit haftete in den Zügen des Besitzers des
+Schlosses.
+
+Ihm gegenüber, in einen hohen Sessel aus dem sechszehnten Jahrhundert
+zurückgelehnt, plauderte der Marquis von Curbière, der heute einen
+schneeweißen Anzug aus einem Pariser Magazin trug, und nun eben eine
+kleine, dünne Cigarette durch rasche Berührung mit einer brennenden
+Wachskerze entzündet hatte.
+
+Die Herren unterhielten sich über eine am kommenden Tage bei Hofe
+Stattfindende Festivität, zu der, mit Ausnahme von Imgjor, sowohl die
+Familie Lavard, wie auch der Marquis, nach vorangegangener Einzeichnung
+seines Namens in das in dem königlichen Vorzimmer ausgelegte Meldebuch,
+Einladungen empfangen hatten.
+
+Und eben, daß man Imgjor ausgeschlossen, daß man, wie stets, von ihr gar
+keine Notiz genommen hatte, brachte das oft erörterte Thema ihrer
+Emanzipation von neuem in Fluß, ließ die Herren überlegen, durch welche
+Mittel man sie endlich von ihren Abenteuerlichkeiten kurieren könne.
+Umsomehr beschäftigte sich die Familie mit Imgjor, als einige Vorfälle
+der letzten Zeit auch ihren Namen wieder in sehr unliebsamer Weise in
+die Oeffentlichkeit gebracht hatten.
+
+Immer stand Graf Lavard unter der Befürchtung, daß seinen guten
+Beziehungen zum Hofe durch Imgjors Verhalten ein Abbruch geschehen
+könne. In den Zeitungen war mitgeteilt worden, daß der frühere
+Geistliche Kollund in Sommerlyst einen von Tausenden besuchten Vortrag
+gehalten und daß die bekannte Grevinde Lavard demselben nicht nur von
+Anfang bis zu Ende beigewohnt und ihm sehr lebhaft Beifall gezollt,
+sondern auch noch mit dem Redner später lange Nachtstunden allein
+konferiert habe.
+
+Und am nächsten Tage hatten dieselben Zeitungen zu erzählen gewußt, daß
+ein Anfall auf die Komtesse verübt sei.
+
+Nach jenem Vortragsabend sei sie unvorsichtigerweise allein nach Hause
+geschritten und, in der Nähe des Rosenborger Parkes angelangt, von einem
+Strolch, dessen Familie sie viele Wohlthaten erwiesen habe, überfallen
+und übel zugerichtet worden. Sie liege an einem Nervenfieber darnieder
+und werde von einer barmherzigen Schwester gepflegt. Auch ihre
+Angehörigen weilten täglich an ihrem Lager.
+
+Seit dieser Zeit waren drei Wochen vergangen. Imgjor war wieder
+aufgestanden und hatte sich erholt.
+
+Bei einem Fest beim Premierminister, dem die königliche Familie
+beigewohnt hatte, war zwar der König dem Grafen und seinen Angehörigen
+sehr gnädig begegnet, aber es waren doch auch zum erstenmale Worte
+gefallen, die seine Ansichten über die junge Gräfin Lavard sehr deutlich
+hatten zu Tage treten lassen.
+
+„Ich bedaure, lieber Graf, daß die Komtesse von einem solchen Unfall
+betroffen worden ist. Aber ich würde es nicht nur in ihrem, sondern eben
+so sehr im Interesse der Familie halten, wenn sie sich solchen
+Extravaganzen nicht aussetzte, überhaupt ihrem Enthusiasmus einige Zügel
+anlegte. Der Polizeipräfekt meldet mir, daß nun auch sie einen
+öffentlichen Vortrag zu halten die Absicht hat. Suchen Sie das mit allen
+Mitteln zu verhindern. Ich rechne darauf. Dergleichen paßt sich nicht
+für das Mitglied einer dänischen Adelsfamilie. Wo kommen wir hin, wenn
+von dort schon solche Beispiele ausgehen!“
+
+Während die Anwesenden noch sprachen, meldete Frederik, daß Komtesse
+Imgjor soeben ins Schloß getreten wäre, zudem benachrichtigte er die
+Herrschaften, daß das zweite Frühstück serviert sei.
+
+Unmittelbar darauf trat auch schon Imgjor ins Zimmer, schritt mit der
+Miene sanfter Unterordnung auf ihren Pflegevater zu und reichte dem
+Marquis mit jenem süßen Blick die Hand, den sie allen denen gönnte, die
+sie lieb hatte. Aber auch Lucile erschien, und da war's, als ob nun erst
+die volle Schönheit die Welt erhelle.
+
+Sie glich der Versinnbildlichung des eben eingezogenen blühenden
+Sommers! Ein weißes, seidenes Gewand umschloß ihren Körper, eine gelbe
+und eine weiße Rose saßen in ihrem nach Empire-Art hochfrisierten Haar.
+Sonst trug sie keinen Schmuck.
+
+„Ah, wie schön du heute wieder aussiehst, meine Lucile!“ flüsterte
+Curbière, voll Bewunderung seine Braut umarmend.
+
+Und während er sie noch mit anderen schmeichelnden Worten überschüttete,
+sprach der Graf, seiner Tochter Imgjor mit liebenswürdiger
+Zuthunlichkeit den Arm reichend, auf diese ein.
+
+„Ich möchte dich nachher sprechen, Imgjor. Nach dem Frühstück, ehe du
+das Palais wieder verläßt, gehen wir noch einmal zu mir hinüber —“
+
+Die Gräfin warf ihr beim Eintritt in den Speisesaal, wohin sie sich
+inzwischen begeben, einen von einem vertraulichen Lächeln begleiteten,
+guten Blick zu, auch umarmte sie Imgjor bevor sie sich an der Tafel
+niederließ.
+
+Es wurde ein zu unternehmender Wagen- und Reitausflug nach Skodsborg
+besprochen. Die Herrschaften wollten auf der Rückkehr in Klampenborg
+speisen. Imgjor wurde von den Ihrigen ebenfalls aufgefordert, wich aber
+aus.
+
+„Stimmen Sie doch zu, schöne Schwägerin!“ ermunterte sie Curbière
+liebenswürdig. „Lassen Sie einmal die Kittelleute für sich selbst
+sorgen! Erinnern Sie sich, wie sie Ihnen jüngst begegneten, und
+vergessen Sie nicht, daß Sie auch Pflichten gegen die Ihrigen haben.“
+
+„Ich würde sehr gern teilnehmen“ — entgegnete Imgjor, bei der Hitze die
+Aermel ihres Kleides etwas zurückgreifend und so ihren reizenden Arm
+freigebend — „aber ich will in diesen Tagen einen öffentlichen Vortrag
+halten, und da brauche ich alle meine Zeit äußerst notwendig.“
+
+„So halten Sie ihn nicht! Das Sternbild des Bären wird nicht vom Himmel
+herabfallen, wenn die Welt sich dessen entraten muß. Glauben Sie denn
+wirklich, daß dergleichen einen praktischen Nutzen hat?“
+
+„Ich hoffe es, lieber Armand.“
+
+„Und welchen?“
+
+„Daß die Menschen zum Nachdenken gelangen.“
+
+„Aber wir haben ja die vielen Orte, die stillen Kämmerlein und
+lauschigen Plätze in der Einsamkeit der Gottesnatur, wo die
+Erdenbewohner selbst dergleichen üben können! Wir haben zudem all' die
+Kirchen und die vielen Prediger —“
+
+Imgjor zog die Schultern.
+
+„Liegt nicht eigentlich eine Vermessenheit darin, fortwährend andere
+belehren zu wollen, Imgjor?“ fuhr er fort. „Wär's nicht besser, jeder
+verwendete seine Zeit auf sich? Jeder hat's dringend nötig! Ich
+wiederhole früher Gesagtes.“
+
+„Ja, darin liegt etwas! Ueberhaupt haben Sie wohl von ihrem Standpunkt
+aus auch recht. Ich kann aber nicht anders, als nach meiner Natur
+handeln. Ist's nicht schon viel wert, wenn es mir gelingt, einige
+Mißgeleitete umzuwandeln?“
+
+„Das ist — pardon! — die stete Rede aller derer, die es für erforderlich
+halten, die Menschen fortwährend auf Tod und Sterben und Buße
+hinzuweisen, anstatt sie das Leben lieben zu lehren, sie zur
+Lebensfreudigkeit anzuhalten, ihnen ein heiteres, sorgloses Gemüt zu
+verschaffen, sie dadurch zu stählen, dem Dasein zu begegnen, so dem
+Schöpfer wohlgefällig zu sein. Nichts Widersinnigeres als das
+Asketentum, nichts, was Gottes Absichten weniger entspricht! Er schuf
+die Sonne und die Helle zum Gedeihen der Welt, uns zur Freude und zum
+fröhlichen Genießen. Und wir? Wir verwandeln seine schöne Erde in ein
+Jammerthal, durch das wir gezwungen hindurchgehen müssen, in einen
+Kerker, in dem wir lebenslänglich zu schmachten verurteilt sind. Wie
+kleinlich machen wir den großen Geist. Wie sehr beweisen wir durch
+unsere Auffassung von der Gottheit, wie wenig wir jemals über sie
+nachgedacht, geschweige ihr innerstes, jedes Geschöpf mit grenzenloser
+Liebe, Güte und Nachsicht umfassendes Wesen ergründet haben. Verdammen
+wir nicht den Lehrer, der immer nur danach ausschaut, ob die Kinder
+fehlen, ihnen ihre Bewegungen beschneidet, sie stetig in solche Fesseln
+spannt, die der Natur des freigeborenen Geschöpfes widerstreben; der
+fortwährend mit Strafen und Vergeltung droht, der ihnen immer nur
+zuruft: „Bedenket, daß der Zeugnistag erscheint!“ Und so fort und so
+fort bis zum Abgang? Und nun behängen wir gar das erhabene Wesen mit
+solchen Eigenschaften! Wahrlich, man weiß nicht, ob man über solche
+Verblendung weinen, oder ob man sich gegen solche Anmaßung der Auslegung
+des göttlichen Wesens empören soll!“
+
+„Sie sprechen —“ entgegnete Imgjor voll Begeisterung, „für eine
+Neugestaltung unserer religiösen Anschauungen. Der geistig höher
+Stehende gelangt, und sicher mit Recht, zu solchen. Wir haben es aber
+mit der breiten Masse zu thun, die an dem Alten hängt und für welche die
+Lehre von Himmel und Verdammnis geeigneter ist. Was ich vorhabe, ist ja
+auch etwas anderes. Ich will reden über die Gleichberechtigung der
+Menschen zum Zweck eines glücklicheren Erdenlebens, über die Mittel, das
+Los der Armen zu verbessern, über die Pflicht der Großen, dazu nach
+Kräften beizutragen! Ich will praktische Religion predigen!“
+
+„Ich möchte, daß du diesen öffentlichen Vortrag nicht hieltest, ja, ich
+wünsche unter allen Umständen, daß es unterbleibt, Imgjor!“ fiel nun der
+Graf ein. Er that's, nachdem eben die Dienerschaft das Zimmer verlassen
+hatte.
+
+„Der König sprach mich in diesen Tagen darauf an, daß du dergleichen
+vorhabest. Er forderte von meiner Loyalität, daß ich es dir verbieten
+möge.“
+
+„Deine Loyalität sollte dich eher bestimmen, mir beizupflichten, lieber
+Papa!“ fiel Imgjor ein. „Ich predige nicht den Umsturz; ich will nur auf
+Grund des Bestehenden reformieren. Und je eher und besser uns das
+gelingt, um so sicherer werden sich gerechte Fürsten ihr angestammtes
+Erbteil bewahren.“
+
+„Wir wollen uns gegenseitig keine Kathedervorträge halten, Imgjor. Du
+kennst meine Ansichten und in diesem speziellen Falle jetzt meinen
+unbedingten Willen. Da ich dir in so vielem nachgab, darf ich wohl auch
+auf einen Gegendienst rechnen. Ich erwarte, daß du noch heute die
+Schritte unternimmst, deinen Vortrag rückgängig zu machen. Ich werde
+dagegen dafür sorgen, daß die Zeitungen eine berichtigende Notiz
+bringen.“
+
+„Das kann nicht sein,“ erklärte Imgjor. „Sage dem König, daß ich fürder
+nicht mehr öffentlich sprechen will. Diese Abrede aber vermag ich nicht
+mehr rückgängig zu machen — unmöglich!“
+
+„Was heißt: kann — unmöglich, wenn ich es erbitte, wenn ich es wünsche,
+wenn ich es will?“ rief der Graf, dem, wie so oft, jählings die Geduld
+riß. Er sprang empor und schlug mit einer Heftigkeit auf den Tisch, daß
+die Gläser zitterten. „Welch' grenzenloser Egoismus, immer nur das Ich
+sprechen zu lassen, niemals sich erinnern zu wollen, daß es Dankgefühle,
+daß es Familienrücksichten giebt! Hast du noch nicht genug? Willst du
+abermals Scenen, wie die im Rosenborger Park, sich wiederholen lassen,
+deren noch böseres Ende nur ein gnädiger Zufall verhinderte? Findest du
+gar Lust daran, dich solchen dich entwürdigenden Dingen auszusetzen, da
+du dich nun abermals öffentlich, wie eine Harfenspielerin, dem
+allgemeinen Anglotzen preisgeben willst? Wahrlich, es scheint fast so!
+Eitelkeit, Eitelkeit bisher! Und nun gar die Sucht nach Beifall auf
+Kosten der weiblichen Würde!“
+
+„O, halt! Halt!“ rief das in ihrem Innern tief betroffene junge
+Geschöpf. Sie flog, ihre Gestalt straff emporreckend, vom Stuhl und
+richtete herausfordernde Blicke auf den Grafen. „Daß du das sagst — mir
+—“
+
+Aber wie einst, schnitt er ihr die Worte ab, sprang auf sie zu, packte
+ihre Handgelenke und rief, während ihm ein heißsprühender Atem aus der
+Brust quoll: „Ja, das sage ich dir, ich, der Graf Lavard! Willst du dich
+meinem Willen nun fügen? Willst du erklären, daß du von dem Vortrage
+abstehst? Noch einmal nein, oder —“
+
+Aber jetzt hielt es auch Curbière, der bisher bleichen Angesichts
+dagesessen und nur durch seine Mienen an den Tag gelegt hatte, was er
+bei dieser Scene empfand, nicht länger. Blitzschnell war er an beider
+Seite, richtete einen bittenden Blick auf den Grafen und suchte ihm
+Imgjor mit sanfter Bewegung zu entreißen.
+
+Aber auf den bis zur Raserei entflammten Mann übte dieses kavaliermäßige
+Dazwischentreten gerade den entgegengesetzten Eindruck.
+
+„In meine häuslichen Angelegenheiten erbitte ich keine Einmischungen!
+Ich muß aufs dringendste bitten!“ stieß er in einem schroff
+entschiedenen Tone heraus, schob auch die Gräfin, die zu vermitteln
+suchte, kurz und rauh zur Seite und faßte Imgjors Handgelenke nur noch
+fester.
+
+Aber nun wußte Imgjor selbst das Schauspiel zu beenden. Indem sie sich
+mit einer plötzlichen Bewegung befreite, sodann an die Thür eilte und
+hier, um sich einen ungefährdeten Abgang zu sichern, mit der Linken die
+Klinke faßte, sagte sie:
+
+„Ich kann nicht, Papa! Ich kann nicht, weil ich nicht alleiniger Herr
+meiner Handlungen bin, weil ich mein Wort gab. Aber ich will mich in
+anderer Weise dir fügen. Ich verzichte von heute an auf alle Rechte, wie
+immer sie heißen mögen, auf die Rechte, deinen Namen zu tragen und auf
+materielle! Ich werde mich fortan nennen, wie mein Vater hieß. So wirst
+du befreit von der, die dir doch nur Schande macht, so streifst du die
+Verantwortung für ihre Handlungen von dir ab. Verzeih' mir! Ich bitte
+dich flehentlich! Nie werde ich vergessen, was du, was ihr alle Gutes an
+mir gethan! Aber ich kann nicht anders. Jeder hat seine Eigenart und
+besitzt ein Recht darauf. Auch ich muß meiner Natur folgen — Adieu!
+Adieu! Nochmals Adieu! Vergebt mir!“
+
+Nach diesen Worten verließ sie mit einem entschlossenen Blick das
+Gemach.
+
+ * * * * *
+
+In einem Hinterzimmer des Wirtshauses in der Nähe des Tivoli saß an
+demselben Abend der Wanderprediger Kollund mit Imgjor Lavard. Sie hatte
+ihm geschrieben, daß sie ihn sprechen wolle, und er hatte geantwortet,
+daß er sich am Abend, nach einem Vortrage in der Umgegend, zu ihrer
+Verfügung halte.
+
+Nun eben hatte er den Kellner gerufen und Speisen und Getränk gefordert,
+während sie, nach ihren Wünschen befragt, ihn nur eine Flasche
+Selterwasser zu bringen ersuchte.
+
+Sie besaß weder Hunger noch Durst. Ihr verlangte lediglich nach
+Aussprache, nach Förderung ihrer während des Tages zu immer stärkerer
+Reise gelangten Pläne. Sie wollte, wie er, das Land durchziehen, aber
+sie wollte sich nicht mit Vorträgen begnügen, sondern mit allen Mitteln
+dahin wirken, daß in jeder Stadt, in jedem Flecken und jedem Dorfe ein
+Wohlfahrtsverein begründet werde.
+
+Diese sollten sich als Aufgabe stellen, eben das ins Leben zu rufen, was
+sie einst mit Prestö geplant hatte.
+
+Da sie sich nun der Fesseln entledigt, da sie keine Rücksichten auf ihre
+Familie mehr zu nehmen hatte, wollte sie wieder die größeren Ideen zu
+verwirklichen suchen.
+
+Vielleicht würde Kollund ihr Partner werden, vielleicht fand sie bei
+diesem, von den reinsten Absichten erfüllten Volksfreunde eine
+Unterstützung ihrer selbstlosen Bestrebungen.
+
+Er hörte ihr auch, ohne sie zu unterbrechen, zu. Seine Augen hingen an
+den ihrigen, als ob ihn eine Verzauberung ergriffen habe. Seine mageren
+Hände griffen immer wieder nach der Flasche. Oft holte er tief Atem. So
+beschwert schien er, daß sie einigemale besorgt fragte, ob ihn etwas
+schmerze.
+
+„Nein, nein, nichts, gnädige Komtesse. Ich bitte, fahren Sie fort!“
+
+Bisweilen schien's auch während des Zuhörens, als ob er in eine Art
+Verzückung geriete, als ob er sich durch ihre Rede so in die Welt der
+Wirklichkeit hineinversetzt habe, daß ihm schon alles Thatsache geworden
+sei.
+
+Und das Ende war, daß er ihr begeistert zustimmte, sich bereit erklärte,
+fortan mit ihr gemeinsam die Lande durchziehen und ihre von ihm
+gutgeheißenen Pläne ins Werk setzen zu wollen.
+
+„Sehen Sie, Komtesse! Mir fehlten ja nur die Mittel, die Sie besitzen!
+Ich mußte mich auf meine Ansprachen beschränken. Von dem Entree, das ich
+erziele, soll ich leben und muß ich meine Reisen bestreiten. Sie haben
+die vollen Kassen. Sie können sogar noch austeilen. Unter solchen
+Voraussetzungen und Eindrücken strömen die Menschen herbei. Da rechnet
+es sich auch die bessere Gesellschaft zur Ehre an, zu erscheinen. Ihr
+Name, Ihre Stellung und Ihr Reichtum ziehen. Denn Sie müssen es wissen,
+schließlich kommt's ja doch bei fast allen nur auf zweierlei an, auf
+Befriedigung der Eitelkeit und auf Erreichung von Vorteilen. Von der
+Sache selbst Durchdrungene giebt's kaum ein Dutzend auf eine Million!“
+
+„Wie? Das sagen Sie, Herr Kollund?“ stieß Imgjor in starker Enttäuschung
+heraus. „Ach! Das drückt mich tief herab. Und lassen Sie mich es Ihnen
+gleich sagen, daß Sie sich irren, wenn Sie meinen, ich sei noch reich,
+ich könne irgend etwas austeilen. Ich besitze nichts, da ich mich mit
+meiner Familie völlig überworfen habe! Wenn ich meinen Schmuck verkaufe
+— das meiste gab ich schon hin — bleibt mir höchstens die Möglichkeit,
+noch einige Zeit zu leben!“
+
+Schon bei den ersten Worten Imgjors war in die Züge des Mannes ein
+Ausdruck von Mattigkeit getreten. Beim Schluß ihrer Erklärungen hielt er
+schon gar nicht mehr mit seinen veränderten Gedanken und Anschauungen
+zurück, zog die Lippen und schüttelte das Haupt.
+
+„Wenn die Dinge so stehen, Komtesse, ist — ist — garnichts zu machen!
+Ich ging natürlich von ganz anderen Voraussetzungen aus. Bei solcher
+Sachlage kann ich Ihnen nicht die geringsten Erfolge Ihrer Vorhaben
+versprechen. Wir würden uns nur gegenseitig im Wege stehen. Jetzt vermag
+ich allein zu existieren; in der Folge würden wir nicht das tägliche
+Brot haben. Ist denn wirklich alles dahin? Ist keine Aussicht, daß Sie
+sich mit Ihrer Familie wieder einigen?“
+
+„Nein,“ erwiderte Imgjor kalt, mit einem solchen eisigen Ausdruck, daß
+der Mann, der sich schon allen möglichen Träumen von Liebesglück und
+Erdenschätzen hingegeben hatte, nunmehr einer völligen Ernüchterung
+erlag.
+
+Im Nu verschwand der bestrickende Zauber, den Imgjor auf ihn ausgeübt
+hatte.
+
+Aber auch Imgjor erlitt entsetzliche Qualen der Enttäuschung, doppelte,
+da sie sich nicht nur in ihren Hoffnungen auf diesen Mann als Mithelfer
+ihrer großen Pläne getäuscht fand, sondern auch durch ihn so
+rücksichtslos belehrt worden war, wie nutzlos alles Mühen ohne
+materielle Mittel sein werde. Sie hatte sich dem unbestimmten Gefühl
+hingegeben, daß dieser edle Enthusiast die Herbeischaffung solcher
+freudig auf seine Schultern nehmen, daß er dazu auch leicht imstande
+sein werde. Sie, die immer aus dem Vollen geschöpft, die stets die Hand
+hatte aufthun können, hatte sich trotz des täglichen Einblicks in die
+Lebensnot der Menschheit auch in dieser Richtung eine Illusionswelt
+aufgebaut.
+
+Und abermals hatte sie ebenso vorschnell, wie unweise gehandelt! Anstatt
+vorher zu prüfen, die Folgen ihres Vorhabens zu überlegen, hatte sie
+ihre Erwartungen ohne weiteres zu Thatsachen erhoben und war nun gleich
+bei den ersten Schritten, die sie unternommen, bis zum Fallen
+gestolpert.
+
+Jetzt stand sie — in furchtbarer Klarheit kam's über sie — wirklich dem
+„Nichts“ gegenüber. Und sie hatte sich, wenn sie ehrlich überlegte,
+während ihrer nun fast zwei und einhalbjährigen Thätigkeit draußen in
+der Welt kaum einen Freund, sondern nur Feindschaft erworben.
+
+Die Freunde, die einzigen, die sie vorher besessen, hatte sie eben in
+ihrem stolzen Uebereifer von sich gestoßen. Ihren Widersachern wollte
+sie sich offenen Auges zugesellen und abermals mit schweren Kränkungen
+und schnödem Undank verbundene Lasten übernehmen. War darin ein Sinn?
+Hatte sie noch nicht Erfahrungen genug gesammelt? War's noch nicht
+genügend erwiesen, daß ihre Umgebung in allem Recht gehabt?
+
+Und eben aus diesen gegen sich selbst gerichteten Ueberlegungen entstand
+jählings eine um so größere Abneigung gegen denselben Mann, dem sie noch
+beim Beginn des Gespräches gleichkam ihr ganzes Ich hatte verschreiben
+wollen, den sie als den plötzlich ihr erstandenen Erlöser betrachtet
+hatte. Sie konnte es nicht erwarten, die Beziehungen zu ihm abzubrechen,
+auch ihm die Erklärung zu geben, daß sie keinen öffentlichen Vortrag
+halten wolle.
+
+Sie nahm deshalb kurz und schroff das Wort und sagte:
+
+„Unser Gespräch hat mich belehrt, daß wir nicht, wie ich hoffte und
+glaubte, zu einander passen, Herr Kollund. Ich bin infolgedessen auch zu
+dem Entschluß gelangt, übermorgen nicht zu sprechen. Ich bitte also, die
+Ankündigung zurückzuziehen. Ich muß es definitiv ablehnen, öffentlich
+aufzutreten!“
+
+Der Mann nickte beipflichtend, ohne sich im geringsten zu ereifern.
+
+„Ich würde,“ hub er mit unangenehm wirkender Ruhe an, „dann nur um den
+Ersatz der Kosten bitten, Geldmittel für die Inserate in den Zeitungen,
+für das Lokal, für die Personen, die ich zu bezahlen habe, und für die
+Ausfälle an Einnahmen.“
+
+„Welche Personen, welche Ausfälle an Einnahmen? Ich bitte!“
+
+„Nun, die Stimmung machen, die mit einem Teller zum Sammeln herumgehen
+sollten.“
+
+„Stimmung machen, sammeln? Für was und für wen?“
+
+„Wie Sie fragen, Gnädige! In solchen Versammlungen braucht man eine
+Claque, und die muß man bezahlen. Die Sammlung wird für meine
+Bedürfnisse aufgebracht — Ich soll doch leben — ich soll doch etwas
+zurücklegen —“
+
+„Gewiß, ersteres sicher! Und Sie lassen das erklären, oder Sie sagen es
+selbst?“
+
+Der Mann schüttelte den Kopf.
+
+„Nein! Das geht nicht. Dann kommt fast nichts ein! Die Beträge müssen
+als Agitationsausgaben für die große Sache bezeichnet werden.“
+
+„Glaubt man Ihnen denn das? Fragt man nicht, wer das Geld verwaltet, wo
+es bleibt?“
+
+„Nein. Ich bin der Verfechter der großen Idee. So ist auch am besten
+angelegt.“
+
+„Hm — hm — aber das ist doch alles nicht ehrlich, Herr Kollund, das
+heißt doch nur an sich denken.“
+
+„Vielleicht! Aber es geht nicht anders, meine Gnädigste. Mit
+Sentimentalitäten kann man das Leben nicht anpacken. Man muß, um
+durchzuringen, zu den Grundsätzen der Heiligung der Mittel greifen.“
+
+„O nein, nein! Nie würde ich dazu meine Hand bieten. Verwerflich finde
+ich solches Ausnützen des Vertrauens, schwindlerisch eine solche
+Vertuschung der Wahrheit!“
+
+„Sie sind eben noch sehr jung, meine Gnädigste! Sie meinen, daß sich
+hier die Welt anders bewähren soll, als sonst allezeit. Und deshalb
+erwarten Sie es, weil Ihre Absichten lauter sind, weil der Gegenstand
+Ihnen groß und erhaben däucht. Ach, wie bald, wie gründlich werden Sie
+belehrt werden! Die Kreatur bleibt sich in allen Lebensverhältnissen
+gleich. Hier, hier erst recht muß man sehr klug sein und klug handeln,
+um die Zwecke, die man im Auge hat, zu erreichen.“
+
+„Nun, so mag es sein! Ich will Ihnen nicht widersprechen,“ stieß Imgjor,
+ihre Empörung nur schwer dämpfend, heraus, „aber ich will jedenfalls
+meinen Geldbeutel dazu nicht öffnen! Ich gebe das, was das Lokal und die
+Annoncen kosten, ich gebe Ihnen eine Entschädigung dafür, daß Sie Ihre
+Zeit mir nutzlos geopfert haben. Sie mögen dann verfahren, wie Sie es zu
+verantworten vermögen. Ich will kein Hehler dieses Verrats und dieser
+Unehre sein!“
+
+„Ich sehe Ihnen Ihre Worte nach, Komtesse, weil ich Ihrer Unerfahrenheit
+Rechnung trage, und wünsche nun auch meinerseits diesen Teil des
+Gespräches zu beendigen. Ich bitte nun nur fragen zu dürfen, wann ich
+mir den Betrag holen darf?“
+
+„Wieviel verlangen Sie?“
+
+„Mit fünfhundert Kronen denke ich zu reichen —“
+
+„Fünfhundert Kronen? Unmöglich! Ich habe kaum so viel, wenn ich mein
+Eigentum veräußere!“
+
+„So geben Sie vierhundert. Ich will mich einzurichten, denen, die zu
+fordern haben, abzudingen suchen. Diese Summe muß ich aber bereits
+morgen Mittag von Ihrer Güte erbitten, wenn nicht für Sie sehr
+unliebsame Zeitungserörterungen die Folge dein sollen. Diese würden auch
+Ihrer Familie wohl wenig angenehm sein!“
+
+„Gut!“ hauchte Imgjor, die weißen Zähne zusammenbeißend. „Sie sollen das
+Geld um zwölf Uhr bei mir finden. Aber schicken Sie darnach. Mit Ihnen
+möchte ich nicht ferner verhandeln —“
+
+Nach diesen Worten reckte sie sich rasch empor, warf eine halbe Krone
+für den Kellner auf den Tisch, griff nach Hut und Umhang und war schon
+mit äußerst gemessener Kopfneigung verschwunden, ehe der Mann auch nur
+Zeit hatte, ihr beim Anziehen des Mantels behilflich zu sein. —
+
+ * * * * *
+
+Nachdem Imgjor ihre Wohnung betreten hatte, schritt sie mit einer
+gewissen Hast an den Briefkasten. Sie erwartete, einen Brief von ihrer
+Pflegemutter oder von Lucile zu finden. Sie hoffte es, während sie noch
+bei ihrem Fortgange überlegt hatte, wie sie sich den Versuchen der
+Ihrigen, ihren Sinn umzustimmen, zu entziehen vermögen werde.
+
+Sie fand auch ein Schreiben und zwei Karten, aber sie waren nicht von
+den Lavards geschrieben.
+
+Die eine Karte war von dem Marquis de Curbière, die andere von dem
+Hospitalarzt Doktor Kropp. Das Schreiben aber trug die ihr bekannte
+Handschrift des Direktors des Krankenhauses, Doktor Stede, der seinem
+lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gab, daß Imgjor nicht mehr in das
+Hospital zurückkehren wolle. Er teilte ihr überdies mit, daß Doktor
+Kropp von dort ebenfalls seinen Abschied genommen und sie besuchen
+werde, um ihr eine Bitte vorzutragen.
+
+Einen Augenblick vertiefte sich Imgjor nach Lesen dieser Zeilen in ein
+stilles Nachdenken, dann griff sie nochmals nach den beiden Karten.
+
+Und da fand sie beim Umwenden auf der Rückseite der vom Doktor Kropp
+abgelegten die mit Bleistift geschriebenen Worte:
+
+„Bitte, Ihnen morgen vormittag gegen zwölf Uhr wieder aufwarten zu
+dürfen —“ und auf derjenigen des Marquis de Curbière die Notiz:
+
+„Bedaure außerordentlich, Sie nicht getroffen zu haben! Wann darf ich
+Sie sprechen?“
+
+Da in diesem Augenblick das neue, von Imgjor statt der diebischen Dirne
+angenommene Mädchen, das Stiefkind der Witwe Holm, Gebine Holm, ins
+Zimmer trat, und nach ihren Befehlen fragte, wurden Imgjors Gedanken von
+ihren eigenen Angelegenheiten abgelenkt.
+
+Sie hatte dem Kinde versprochen, für sein Fortkommen zu sorgen, und
+besaß nun selbst nichts!
+
+Das beschäftigte Imgjor so sehr, daß sie erst Ruhe fand, als sie sich
+vorstellte, sie könne das junge Ding in Rankholm unterbringen.
+
+Und dadurch wieder in ihren Vorstellungen gehoben, richtete sie einige
+bisher verschobene Fragen an Gebine.
+
+„War jemand da, während ich fort war, Kind?“ warf sie hin.
+
+„Ja, gnädige Komtesse! Ein Mann wollte Sie sprechen —“
+
+„Ein Mann oder ein Herr? — Wie sah er aus?“
+
+„Es war — glaube ich — ein Matrose. — Ich fürchtete mich —“
+
+Imgjor schrak heftig zusammen. Sie dachte an den Ueberfall, und
+unwillkürlich brachte sie den Besuch mit diesem Geschehnis in
+Verbindung. Als Imgjor in jener Nacht endlich die Kraft gewonnen, zu
+schreien, waren zwei zufällig nicht weit vom Parkeingang befindliche
+Nachtwächter herbeigeeilt und hatten den Strolch verscheucht. Er hatte
+ihr aber noch zugerufen, daß er sie von neuem zu treffen wissen werde.
+
+„Wie sah er denn aus, Gebine? War's ein großer, starker dunkler Mann?“
+forschte Imgjor stark erregt.
+
+Gebine nickte.
+
+„Ja! Er hatte ein rotes Tuch um den Hals.“
+
+Imgjor fuhr zusammen. So war's also derselbe! Ein rotbraunes Tuch hatte
+jener in der Nacht getragen.
+
+„Und was sagtest du, Gebine?“
+
+„Ich sagte, Komtesse wären verreist. Sie kämen heut' Abend mit einem
+Herrn zurück, mit einem Rittmeister.“
+
+„Weshalb sagtest du das? Wie kamst du darauf?“ Imgjor sprach's
+verwundert.
+
+Das Kind richtete einen ängstlichen Blick auf ihre Gebieterin. Sie
+antwortete nicht.
+
+„Nun? Sprich! Weshalb sprachst du von einem Rittmeister?“
+
+„Ja — ich — hatte so schreckliche Angst — Er guckte mich so sonderbar an
+— und da, da dachte ich, wenn ich das sagte, dann würde er nicht
+wiederkommen, würde er Komtesse nicht belästigen.“
+
+Imgjor sagte zunächst nichts. Sie überlegte, ob sie Gebine schelten oder
+ihr für ihre Fürsorge ein Lob spenden sollte. Jedenfalls hatte sie es
+gut gemeint, hatte sie sehr fürsorglich gehandelt.
+
+Endlich glaubte sie, das Rechte gefunden zu haben. Sie sprach: „In
+diesem Fall war deine Unwahrheit nützlich, Gebine. In der Not mag eine
+solche einmal erlaubt sein. Sonst aber mußt du dich strengster Wahrheit
+befleißigen. Nichts ist so verabscheuenswert wie die Lüge! Aus ihr
+entspringen alle anderen Laster. — Und noch eine Frage: Was äußerte der
+Mann, als du dies sagtest?“
+
+„Er fragte, wie lange der Rittmeister bliebe, und wer er wäre.“
+
+„Und du? du? Was — entgegnetest du, Gebine?“
+
+„Ich sagte — ich sagte — daß es Ihr Bräutigam wäre —“
+
+„Aber das war ja abermals eine Lüge!“ stieß Imgjor nun zornig heraus.
+
+„Was sind das alles für Erfindungen — für Phantasien! — Ich bin außer
+mir, Gebine! Das macht mich sehr betrübt. Hast du mich auch schon
+belogen? Oft? — Heraus mit der Sprache! Du sagtest gestern, ich hätte
+dir nur eine halbe Krone gegeben, als du vom Krämer wiederkamst. Ich
+hätte mich geirrt. Sprich! Und ich warne dich, etwas anderes zu sagen,
+als die Wahrheit! War's doch eine ganze Krone? Hast du die andere Hälfte
+in die Tasche gesteckt?“
+
+„O nein — nein — ganz gewiß nicht, Komtesse! Ich habe der Komtesse immer
+nur die Wahrheit gesagt. — Der Kaufmann schickte mich gleich wieder weg.
+Ich hatte das Geld in Papier gewickelt — ich hatte es gar nicht
+nachgesehen —“
+
+„Kann ich dir glauben, Gebine? Sieh', Kind, wenn du mich betrogen hast —
+ich werde mich erkundigen — mußt du gleich zu deiner Stiefmutter zurück.
+Und wenn du es später thust, ziehe ich meine Hand unwiderruflich wieder
+von dir zurück.“
+
+Und zurücksinkend, weil von all den Eindrücken überwältigt, flüsterte
+Imgjor: „O welche Einblicke in das Innere der Menschen, — täglich,
+stündlich! Wo sind die wahrhaft Reinen, Guten?“ Und dann rief sie das
+Kind heran und sprach:
+
+„Gewiß, ein Beispiel, wie du es im Hause hattest, Gebine, macht schlecht
+und entschuldigt dich eher! Aber da dir das Unterscheidungsvermögen noch
+nicht abhanden gekommen ist, so sage ich dir und wisse und glaube es:
+Nur aus dem Guten vermag Gutes zu ersprießen! Eine Weile mag's gehen,
+aber es kommt die Zeit, wo du dafür schwer büßen mußt, wo dich tiefe
+Reue ergreift, wo du alles hergeben möchtest, um Geschehenes ungeschehen
+zu machen! So — und nun gehe zu Bett! Weine nicht mehr! Nein, nein, ich
+bin dir nicht böse.“
+
+Und Gebine ging. Imgjor Lavards Gedanken aber wanderten, während sie
+noch dasaß, nach Rankholm, und ihr war's abermals jetzt, als ob dort ein
+Eden, ein unvergleichliches Paradies sei — in der großen Welt aber —
+eine Hölle —
+
+ * * * * *
+
+Am kommenden Tage verließ Imgjor schon ihre Wohnung und ging ihren
+Obliegenheiten nach.
+
+Sie besuchte einige Kranke und Rekonvalescenten, sprach in dem Hause
+einer Witwe vor, die eine gelähmte Tochter besaß, welche auf Imgjors
+Kosten in ein deutsches Kurbad gesandt worden war, empfing Nachrichten
+über diese, die sie erfreuten, nahm auch die Dankworte der stotternden
+Frau entgegen und machte sich sodann nach ihrem Bankgeschäft auf den
+Weg, um daselbst die für Kollund erforderliche Summe zu holen.
+
+Sie hatte augenblicklich dort nicht einmal ein Guthaben mehr, aber sie
+wußte, daß man ihr eine nicht zu groß bemessene Summe auch ohne ein
+solches aushändigen werde.
+
+Auf dem Wege dorthin erblickte sie — und das Herz wollte ihr stille
+stehen — jenen Menschen, welcher sie in der mehrerwähnten Nacht
+überfallen hatte. Er wandte sich von einem Buchladen, vor dessen
+Schaufenster er gestanden, gerade wieder der Gasse zu, und nur durch
+einen Zufall wurde verhindert, daß er Imgjor gewahrte. Seine
+Aufmerksamkeit ward durch eine Equipage, deren Pferde scheu geworden,
+abgelenkt.
+
+Diesen Zufall benutzte Imgjor, sich seinen Blicken zu entziehen.
+
+Sie schlüpfte rasch in ein offenstehendes Tabakgeschäft, trat gleich zu
+einem tiefer im Fond befindlichen Kommis und wollte eben ein Pfund Tabak
+für den alten Ohlsen, den Mann der Blinden, einhandeln, als nun auch
+zufällig Doktor Kropp den Laden betrat.
+
+Sehr überrascht, aber mit gewohnter Ehrerbietung sprach er auf Imgjor
+ein, und als sie beide den Handel erledigt hatten, bat er um die
+Erlaubnis, sich ihr anschließen zu dürfen.
+
+Und Imgjor nickte bereitwillig, schritt mit ihm bis zur Landmannsbank,
+woselbst er auf sie wartete, und legte alsdann in seiner Begleitung den
+Weg nach ihrer Wohnung zurück.
+
+Immer drehte sich das Gespräch um die Vorgänge im Hospital, und Doktor
+Kropp berichtete über die Gründe seines Rücktritts, die wesentlich auch
+die ihrigen gewesen.
+
+Zuletzt gelangte er — eben hatten sie die Ecke der Gotersgade erreicht
+und wandten sich in stillschweigender Uebereinstimmung dem botanischen
+Garten zu — auf seine eigenen, von Stede bereits berührten
+Angelegenheiten.
+
+„Ich möchte,“ hub er an und richtete einen etwas verlegenen Blick aus
+den schwarzen Augen seines dunkelgefärbten, schmalen und etwas mageren
+Gesichtes auf Imgjor, „mich bei Ihnen erkundigen, ob wohl in der
+Grafschaft Ihres Herrn Vaters eine Landpraxis frei sein würde. Ich sehne
+mich aus dem hiesigen Wirrwar heraus, und ich komme darauf, weil mir vor
+Jahren ein früherer Universitätsbekannter, ein Herr Doktor Prestö,
+mitteilte, daß eine solche in dem von ihm zu verlassenen Dorfe
+Kneedeholm zu haben sein werde.
+
+Wahrscheinlich hat sich inzwischen längst dort wieder ein Arzt
+niedergelassen, aber ich wollte mich doch vergewissern und im Fall um
+Ihre gütige Unterstützung bitten, Komtesse!“
+
+„Die würde Ihnen auch, soweit meine Kräfte reichen, sehr gern zu
+Diensten stehen, Herr Doktor. Aber wir haben, wie sie richtig vermuten,
+in Kneedeholm einen Arzt, und für zwei reicht die Praxis nicht aus.
+
+Wohl aber weiß ich, daß der schon bejahrte Physikus in der nahe
+gelegenen Stadt Oerebye der Thätigkeit müde ist und sich gern mit einem
+Nachfolger einigen würde. Vielleicht wäre das etwas für Sie?“
+
+„Gewiß und um so besser! Ich danke Ihnen verbindlichst, Komtesse! Dürfte
+ich nach dieser Richtung auf Ihren gütigen Beistand rechnen? Würde mich
+vielleicht Ihr Herr Vater — auf Ihre Empfehlungen gestützt — mit einer
+solchen an den Physikus zu versehen die Liebenswürdigkeit haben?“
+
+Imgjors Züge veränderten sich. Sie überlegte, ob sie Kropp von den
+inzwischen eingetretenen Vorfällen in ihrer Familie Mitteilung machen
+solle.
+
+Sie schwankte aber schon deshalb, weil sie sich vor einer abermaligen
+Enttäuschung fürchtete.
+
+Die furchtbaren Erfahrungen der letzten Zeit hatten ihr Mißtrauen gegen
+jedermann eingeflößt.
+
+Sie hielt es nicht für unmöglich, daß auch Kropp seine Haltung ändern
+werde, wenn sie ihm erklärte, daß sie plötzlich ein armes, des Ansehens,
+ihres vornehmen Namens und Reichtums beraubtes Wesen sei.
+
+Aber weil doch wieder ein trotziges Verlangen in ihr saß, mit allem
+aufzuräumen, zu wissen, was Weizen und was Spreu sei, entschloß sie sich
+schließlich gerade zu einer rückhaltslosen Eröffnung.
+
+„Meine eigene Empfehlung steht Ihnen jederzeit zur Verfügung, Herr
+Doktor,“ begann sie. „Eine solche von meinem Vater vermag ich Ihnen aber
+leider nicht zu verschaffen. Ich bin gänzlich mit ihm auseinander. Ich
+lege sogar meinen Namen ab und werde fortan einen anderen tragen. Noch
+einige Wochen, und ich gehe für immer von hier fort! Wohin, weiß ich
+noch nicht. Es wird sich ein Ort finden, wo ich mir mein Brot werde
+verdienen können.“
+
+„Wie? In der That?“ stieß Kropp in höchster Ueberraschung, aber zugleich
+mit einem Ausdruck heraus, der bewies, daß sich etwas anderes, daß sich
+eine glückselige Hoffnung in ihm regte.
+
+„Ich bitte, ich bitte, schenken Sie mir Ihr Vertrauen! Erzählen Sie mir,
+wie das alles gekommen ist!“ drängte er, während sie sich auf einer vor
+dem kleinen See befindlichen Bank niederließen.
+
+Ehrliches Mitgefühl erfüllte ihn, Sorge und Teilnahme ließen ihn
+sprechen.
+
+Und Imgjor wollte ihm auch Antwort erteilen, aber da es in diesem
+Augenblick bereits zwölf vom Kirchturm schlug, wurde sie daran erinnert,
+daß sie um diese Zeit Kollund das Geld einzuhändigen habe. Sie erhob
+sich deshalb sogleich wieder und gab Kropp die Erklärung, daß sie fort
+müsse, daß ihr jetzt die Zeit fehle. Auch am Nachmittag vermöge sie ihn,
+wegen ihrer Verpflichtungen gegen eine erblindete Frau, nicht zu
+empfangen, aber später am Abend, in ihrer Wohnung, wollte sie ihm gern
+alles mitteilen.
+
+Bei den letzten Worten kamen ihr zwar Bedenken.
+
+Ihr fiel unruhvoll auf die Seele, daß Kropps Besuch bei ihr falsch
+ausgelegt werden könnte, daß sich daraus neue Anschuldigungen entwickeln
+könnten, denen sie unter allen Umständen vorbeugen wollte.
+
+Und als sich dann, während sie dahin schritten, weitere Erörterungen
+entwickelten, als Kropp erfuhr, welche Bewandtnis es mit Kollund und mit
+der Blinden habe, als sich herausstellte, daß Imgjor lediglich aus
+Mitleid der Alten die Wohnung täglich reinige und ihr vorlese, stand er
+plötzlich still und richtete einen bewundernden Blick auf das junge
+Mädchen an seiner Seite.
+
+„Ah, welch' ein edles, selbstloses Wesen sind Sie, Komtesse! Wahrlich,
+man sucht Ihresgleichen vergebens! Aber wie vertrauensvoll sind Sie auch
+noch! Nicht einen Oer dürfen Sie dem Betrüger Kollund geben. Es ist ja
+alles erlogen! Die Umstände benutzt er, um Ihnen Geld aus der Tasche zu
+locken. Ich bitte Sie dringend, geben Sie mir die Sache in die Hand. Ich
+werde dem Schwindler seinen Standpunkt klar machen, ich werde ihn
+veranlagen, auf jeden Schilling zu verzichten! Für bessere Zwecke, für
+nützlichere, für sich selbst, teure, verehrte Komtesse, bewahren Sie Ihr
+Geld! Nun, was meinen Sie? Darf ich Ihr Anwalt sein?“
+
+„Ich gab mein Wort, Herr Doktor! Selbst wenn Sie Recht haben — es ist
+vielleicht möglich — darf, kann ich es doch nicht brechen.“
+
+„Gewiß! Sie sind sogar dazu verpflichtet, solchen Schwindlern nicht noch
+die Wege zu ebnen! Wollen Sie glauben, daß derselbe Mensch sich mir
+verkauft, wenn ich ihm heute im Auftrage eines Konsortiums den Antrag
+Stelle, an anderen Orten Dänemarks Vorträge im entgegengesetzten Sinn zu
+halten? Natürlich! Gold muß die Lockspeife sein!“
+
+„O nein, nein, für so erbärmlich, für so niederträchtig halte ich ihn
+nicht! Sie gehen zu weit!“ rief Imgjor. „Von dem, was er lehrt, ist er
+überzeugt!“
+
+„Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen durch eine anzustellende Probe
+den Beweis der Richtigkeit meiner Behauptungen zu liefern, Komtesse. Es
+fehlen mir die Mittel. Aber ich bitte nochmals, daß Sie mir Ihre Sache
+zur Erledigung anvertrauen! Sagen Sie ihm, oder wenn ein Bote kommt,
+diesem, ein befreundeter Herr werde Herrn Kollund zur Erledigung der
+Angelegenheit besuchen. Ich bringe Ihnen alles in Ordnung, verlassen
+Sie sich darauf! Nur das Lokal, wenn solches wirklich bezahlt werden
+muß, und die Kosten für die Inserate werde ich ihm vergüten, und er wird
+sich damit zufrieden geben. Aus seiner sicher erfolgenden
+Verzichtleistung werden Sie schon erkennen, welch' Geisteskind er ist.“
+
+„Nun wohlan! Ja — ich will! Ich danke Ihnen! Gelingt es Ihnen, so soll
+das Geld denen zukommen, von denen ich weiß, daß sie dessen bedürftig
+sind. Und nun auf Wiedersehen! Gegen sieben Uhr erwarte ich Sie in
+meiner Wohnung. Wir werden dann alles besprechen, was noch der
+Erledigung harrt.“
+
+Nach diesen Worten nahm Imgjor von ihrem Begleiter — eben waren sie an
+ihrer Wohnung angelangt — mit einem freundlichen Blick Abschied.
+
+ * * * * *
+
+Oben angekommen, sah sie einen fremden Mann im Flur stehen, und Gebine
+erklärte sogleich, daß er von Kollund komme. Nachdem er verständigt
+worden war und sich entfernt hatte, begab sich Imgjor in ihr Zimmer, um
+einige Zeilen an Curbière zu schreiben, und als sie den Brief eben
+beendigt hatte, erschien Gebine und meldete, daß ein ihr unbekannter
+Herr sie zu sprechen wünsche.
+
+„Frage erst nach seinem Namen!“ entschied Imgjor, von einer angenehmen
+Ahnung erfaßt. Sie sah forschend empor, als Gebine mit einer Karte in
+der Hand wieder ins Zimmer trat. Auch griff sie mit hastiger Hand
+danach, fand den Namen, den sie erwartet hatte, und nickte zum Zeichen
+ihres Einverständnisses, den Besuch empfangen zu wollen, mit dem Kopfe.
+
+Und dann, wenige Augenblicke später, trat Curbière zu ihr ins Zimmer,
+küßte ihr ehrerbietig die Hand und erklärte, daß er gekommen sei, um von
+ihr Abschied zu nehmen. Sein Vater sei plötzlich gestorben, er,
+Curbière, müsse noch diesen Abend Kopenhagen verlassen, habe aber nicht
+fortgehen wollen, ohne Imgjor noch einmal gesehen und gesprochen zu
+haben.
+
+„Lavards verlassen infolge des Trauerfalles morgen abend ebenfalls
+Kopenhagen und kehrten nach Rankholm zurück,“ schloß der Marquis.
+
+„Bevor sie gehen, möchte Lucile Sie, liebe Imgjor, sprechen, möchte mit
+Ihnen überlegen, ob nicht doch noch ein Weg zum Frieden zu finden ist.
+Allerdings — den Vortrag dürfen Sie nicht halten. Treten Sie heut' Abend
+öffentlich auf, ist der Graf entschlossen, sich unweigerlich von Ihnen
+loszusagen, und dies auch öffentlich bekannt zu geben! Ich bitte, daß
+Sie darin nachgeben, ja, ich beschwöre Sie, teure Imgjor, bringen Sie
+Ihrer Familie zu Liebe dieses Opfer!“
+
+Zunächst gab Imgjor keine Antwort, es war ihr vorerst Bedürfnis, mit
+Curbière über den Tod seines Vaters zu sprechen. Sie ließ sich
+ausführlich von ihm erzählen, hörte aufmerksam zu und drückte ihm voll
+Teilnahme die Hand, als ihn zuletzt eine weiche Stimmung ergriff, als er
+in bewegten Worten betonte, daß er mit dessen Tode das bisher Beste auf
+der Welt verloren habe, was er sein eigen genannt hätte.
+
+„Sie haben Lucile dafür gefunden, lieber Armand! So war das Schicksal
+schon vorher mitleidig für Sie bedacht, Ihnen für das, was es Ihnen
+nehmen mußte, einen Ersatz zu gewähren.“
+
+Curbière bewegte stumm das Haupt, dann sah er Imgjor mit einem tiefem,
+alle seine Gedanken und Sinne auf sie richtenden Blick an und sprach ein
+kurzes, zerstreutes: „Gewiß — allerdings!“
+
+„Ich habe Ihnen noch eine Antwort zu geben,“ lenkte Imgjor rasch und
+umsichtig ab. „Den Vortrag werde ich nicht halten; man hat mich
+unerwartet meines Wortes entbunden. Also beruhigen Sie meinen Vater!
+Aber, lieber Freund, ich werde auch keine Lavard wieder werden. Es sei
+denn —“
+
+„Nun, Imgjor?“ Curbière sprach's gespannt.
+
+„Daß ich allem entsage, und für immer nach Rankholm zurückkehre. Und
+eben das vermag ich nicht, so sehr ich meine Pflegeeltern zu verehren
+Anlaß habe, und so sehr ich es liebe und mich nach jedem Plätzchen
+sehne, wo ich als Kind glücklich war. Ich kann eben nicht im Ueberfluß
+und ich kann nicht ohne Hingabe an meine Mitmenschen leben!“
+
+„Wollen Sie denn in Kopenhagen bleiben, Imgjor?“
+
+„Nein — hier haben mir Verleumdung und Mißgunst den Aufenthalt unmöglich
+gemacht. Ich wüßte nur einen Ort, wohin ich paßte —“
+
+„Und der wäre?“
+
+„Ich möchte nach Paris. Da, glaube ich, würde ich in Thaten umsetzen
+können, was mir als Ideal vorschwebt. Dort ist der Boden für mich, und
+finde ich solche, die gleich mir denken!“
+
+Im ersten Augenblick belebten sich Curbières Augen. Sie sprach mit
+solcher Begeisterung von seiner Vaterstadt, von Paris! Das schmeichelte
+ihm. Aber ebenso rasch gewannen andere Gedanken die Oberhand. Alles war
+verloren, wenn er ihr nicht gerade diese Idee ausredete! Er wußte, daß
+sie dort nicht nur nichts erreichen, sondern sicher untergehen würde. In
+diesem Sinne sprach er auf sie ein. Nachdem er alle ihre Einwendungen
+überzeugend widerlegt hatte, schloß er: „Und wollen Sie uns ein Opfer
+bringen, sich selbst auch Ihrem eigenen Ich zurückgeben, so heiraten Sie
+den Grafen Dehn! Ich verschwieg Ihnen sein Kommen. Er ist gestern
+eingetroffen und kehrt morgen abend mit den Ihrigen nach Rankholm
+zurück. Daß er Sie noch mit der alten Leidenschaft liebt, weiß ich.“
+
+Imgjor hatte mit Leichenblässe im Angesicht die letzten Worte vernommen,
+auch hatten ihre Hände unwillkürlich nach einem Stützpunkt gegriffen. Da
+war nun wieder ein neuer Ansturm auf ihr Inneres, nun kam auch noch
+diese Versuchung!
+
+Aber kurz war nur ihr Kampf. Prestö hatte sie geliebt, weil sie gehofft
+hatte, durch ihn ihre Ideale verwirklichen zu können. Axel Dehn liebte
+sie mit der Stärke jener Liebe, die aus Achtung entspringt. Ein
+lebhaftes Interesse für den Franzosen war in ihr aufgestiegen, weil er
+neben seiner weltmännischen Erziehung wiederholt an den Tag gelegt
+hatte, daß er ein Mann von Verstand und Geist war, und daß er zugleich
+ein edles Herz besaß. Aber Prestö hatte sie inzwischen hassen gelernt,
+Graf Axel Dehn wollte sie nicht lieben — und Curbière gehörte ihrer
+Schwester an! So war alles entschieden. Indem sie Curbière mit einem
+Blick ansah, durch den sie schon voraussandte, daß sie sich nur mit der
+ernsten Seite dieses ernsten Gegenstandes beschäftigte, sagte sie: „Ich
+vermag nicht zu beurteilen, ob Sie den richtigen Weg wählten. Es wäre ja
+auch möglich gewesen, daß Sie durch solche Offenherzigkeit gerade das
+Gegenteil bewirkt hätten! Sie haben mir zu allem, was ich zu tragen
+habe, noch etwas Schweres aufgebürdet. Sie haben aber meine Freundschaft
+angerufen, und das soll nicht umsonst geschehen sein, Armand! Ich
+verzichte darauf, nach Paris zu gehen, aber Ihre Bitte, den Grafen Dehn
+zu heiraten, vermag ich nicht zu erfüllen. Ich werde nie heiraten, weder
+ihn, noch einen anderen!“
+
+Bei diesen Worten sah sie ihn mit einem so unbeugsamen Ausdruck an, daß
+der Mann fernere Versuche, sie umzustimmen, ausgab. Noch einen
+Händedruck tauschten sie beide mit den Gedanken reiner Seelen. Dann ging
+er. Sie aber sank, während das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe
+verklang, in tiefem innerem Verstummen zurück.
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag bestieg Imgjor einen Tramwaywagen und begab sich nach der
+Wohnung der alten Frau Ohlsen. Es war ihr, dort angekommen, schon
+auffallend, daß sie eine Anzahl Frauen und Männer, lebhaft sprechend,
+auf dem Hofe fand, und sie erschrak nicht wenig, als ihr auf ihre Frage,
+ob etwas geschehen sei, erwidert wurde, daß den Alten in der Frühe der
+Schlag gerührt habe.
+
+Durch Zufall habe man es entdeckt, habe auch die Alte davon Kenntnis
+erhalten. Sie habe geglaubt, daß er schon fortgegangen sei, als sie
+einen schweren Fall in der Küche gehört. Imgjors erster Gedanke bei
+diesem Unglück war die Ueberlegung, was jetzt als der hilflosen Witwe
+werden solle. Nun waren ihr durch diesen Tod die Neben-Hilfsmittel zum
+Leben ganz entzogen. Und von dieser Erwägung richteten sich ihre
+Vorstellungen auf das Nächstliegende. Der Mann mußte beerdigt werden.
+Sie gab einem zu solchen Zwecke von ihr bezahlten Mann Auftrag, sich
+sogleich fortzubegeben, um eine Leichenwäscherin zu bestellen und einen
+Tischler zur Anmessung des Sarges herbeizurufen. Und nachdem das
+geschehen war, trat sie zu der Alten, sprach sanfte Trostworte und
+erklärte ihr möglichst schonend, daß sie nunmehr in das Armenfrauenhaus
+übersiedeln müsse. Auch eröffnete sie ihr, daß sie, Imgjor, demnächst
+Kopenhagen verlassen würde und persönlich in keiner Weise mehr für sie
+zu sorgen im stande sei.
+
+Und die Blinde beugte das Haupt wie unter einem Schlage, während Thränen
+aus ihren lichtlosen Augen tropften. Noch begab sich Imgjor dann in die
+Küche um nach dem Toten zu sehen. Freilich, was sich ihr bot, war
+erschütternd. Kalt, steif und unbeweglich lag der alte Mann auf dem
+Fußboden. Ihn zu betten, war erforderlich. Und solches veranlaßte Imgjor
+durch die Nachbarn, und nachdem auch das geschehen, erklärte sie der
+alten Frau, ihr für die nächsten Tage eine Hilfe schicken zu wollen. Sie
+beschloß, ihr Gebine zu senden. Auch ihre Ueberführung in das
+Armenfrauenhaus zu betreiben, versprach sie ihr nochmals, und nachdem
+die Alte dazu mit tief gerührten Gefühlen genickt, nahm Imgjor von ihr
+Abschied.
+
+„Adieu, Adieu, Frau Ohlsen! Tragen Sie, was Gott Ihnen schickte, mit
+Geduld! Viele haben es noch weit schwerer —“
+
+Und die Alte nickte abermals, während sie Imgjors Hände mit ihren
+mageren Fingern fest umklammerte.
+
+„Gott segne Sie, Komtesse!“ schluchzte sie. „Ich werde immer an Sie
+denken, und noch mit meinem letzten Atemzuge werde ich Segen auf Sie,
+als einen menschlichen Engel, herabflehen!“
+
+Imgjors Augen wurden naß. Alle Mühsalen, aller Undank waren vergessen,
+den sie von anderen erfahren hatte, um dieser einen willen, in deren
+geprüftem Herzen noch Gottvertrauen, noch edle Empfindungen, noch
+Dankgefühle Platz hatten. Dann, mit einem letzten Händedruck, sagte sie:
+„Geld und mein Mädchen werde ich Ihnen schicken. So ist für alles
+gesorgt. Adieu! Adieu! Gott schütze Sie, meine gute Alte!“
+
+Und: „Adieu! Adieu!“ schluchzte die Alte, aus derem verdunkeltem Dasein
+mit Imgjor der letzte matte Lichtschimmer schwand.
+
+Imgjor aber richtete, hinaustretend, das Auge nach oben. Sie fand sich
+mit ihrem immer wieder vertrauenden Herzen und mit ihrem heißen Drange
+nach Liebesthaten von neuem gehoben. Es gab doch noch Empfängliche, doch
+noch Dankbare. So überlegte sie abermals.
+
+Nachdem sich Imgjor eben abends in ihrem Wohngemach eingerichtet hatte,
+wurde an der Klingel gezogen, und Doktor Kropp erschien, um
+verabredetermaßen über seinen Besuch bei Kollund Bericht abzustatten.
+Und Imgjor trat ihm mit nicht geringer Spannung entgegen und that schon,
+bevor er noch Platz genommen, eine Frage nach dem Ergebnis.
+
+„Anfangs wies er meine Forderung auf einen Verzicht schroff zurück,“
+entgegnete der Doktor, Platz nehmend. „Er wolle,“ erklärte er, „mit
+Ihnen selbst reden und Sie an Ihr gegebenes Wort erinnern. Dieselben
+Unwahrheiten, die er gegen Sie vorgebracht hatte, erneuerte er; er nahm
+den Mund sogar noch voller. Erst als ich erklärte, daß ich in einer der
+Kopenhagener Zeitungen veröffentlichen würde, welchen Charakter die
+Forderungen hätten, die er an Sie, gnädigste Komtesse, in dieser
+Angelegenheit gestellt habe, gab er, sich krümmend, nach. Aber eine Flut
+von Anschuldigungen folgte sowohl gegen Sie, wie gegen mich, bevor ich
+ihm, nach einer nochmaligen, gründlichen Abfertigung den Rücken kehrte.“
+
+„Ah — also wirklich!“ stieß Imgjor, von tiefem Abscheu ergriffen,
+heraus. Dann reichte sie Kropp bewegt die Hand, sprach ihm ihren Dank
+aus und händigte ihm die Summe ein, die er Kollund bezahlt hatte. Zum
+Schluß bat sie ihn, noch so lange zu verweilen, bis sie ihm eine Tasse
+Thee bereitet habe. Sie umging es, daß er sie sonst noch sprechen
+wollte, weil ihr Zeit und Ort doch nicht geeignet schienen. Im Grunde
+hoffte sie, daß er ihre Aufforderung ablehnen werde. Aber er, der
+überhaupt keine anderen Gedanken hatte als sie, der überdies nichts
+erwarten konnte zu erfahren, durch welche Umstände sie ihres Reichtums
+und ihres Namens verlustig gegangen war, stimmte dankend zu, und saß
+noch neben ihr, als schon die Uhr vom Kirchturm die zehnte Stunde
+verkündet hatte. Dann aber drängte sie ihn selbst zum Gehen, und als er
+dann noch eine mitleidige Frage that, was sie denn nun beginnen, wohin
+sie sich wenden wolle, sagte sie: „Eine Woche brauche ich beinah' noch,
+um hier alles zu ordnen, um auch von denen Abschied zu nehmen, die mir
+im Laufe dieser Jahre näher getreten sind. Dann will ich irgendwo eine
+Stelle als Schwester in einem Krankenhause im Norden oder auch im
+südlichen Deutschland suchen. Was dann später geschieht, müssen Zeit und
+Gelegenheit lehren. Immer hoffe ich noch, daß ich Gleichgesinnte,
+Ehrliche und zugleich Begüterte finde, die sich mit mir zur
+Verwirklichung von Reformen im Großen verbinden. Die Mißerfolge, die
+traurigen Erfahrungen, die mir unter den Armen wurden, dürfen mich nicht
+abschrecken. Auch in meinen Kreisen giebt's wertvolle und minderwertige
+Personen. Ist die Masse auch roh, so ist sie doch bildungsfähig. Man muß
+sie nur auf den rechten Weg leiten.“
+
+„Können Sie sich denn nicht vorstellen, daß es auch fruchtbringend ist,
+im Kleinen zu wirken, gnädigste Komtesse?“ wandte Kropp vermittelnd ein.
+
+„Gewiß, Herr Doktor! Auf Rankholm, der großen Besitzung meines Vaters,
+suchte ich den Armen und Leidenden ein hilfreicher Freund zu sein. Aber
+dort war es das Wohlleben in der Familie, der Luxus, der mich umgab, die
+mich anwiderten. Auch andere Verhältnisse trieben mich fort, und nun —
+ich erzählte Ihnen ja alles — hat sich ja überhaupt die Trennung
+zwischen mir und den Meinigen vollzogen. Ich muß mich jetzt treiben
+lassen — mir bleibt keine Wahl.“
+
+„Doch, doch, Komtesse! — Es giebt sehr viele, die namenlos glücklich
+sein würden, wenn sie ihr Schicksal mit dem Ihrigen verbinden dürften!
+Auch ich gehöre zu ihnen —“ schloß Kropp feurig und einen liebewarmen
+Blick auf Imgjor richtend. „Ich liebte Sie von dem ersten Augenblick an,
+Komtesse! Ihre Stellung, Ihr Ansehen, Ihr Name ließen mich verschweigen,
+was ich für Sie empfand. Wie konnte, durfte ich wagen, um die Hand einer
+Gräfin Lavard zu werben? Heute aber, wo Sie sich selbst zu
+meinesgleichen gemacht, fasse ich den Mut, zu sagen: Werden Sie mein!
+Lassen Sie uns zusammen einen Ort suchen, wo wir uns und der
+Allgemeinheit leben, wo wir in bescheidenerer und guter Weise das zum
+Ausdruck bringen können, was Sie edelmütig anheben. Sie haben mich
+kennen gelernt. Sie wissen, daß ich nicht zu den Wortmachern gehöre, daß
+ich Vernünftiges redlich erstrebe. So bin ich Ihrer vielleicht nicht
+unwert, so darf ich vielleicht hoffen, daß ich auch Ihnen nicht ganz
+gleichgiltig bin —“
+
+„Nein, Sie sind mir nicht gleichgiltig, ich achte Sie hoch, lieber Herr
+Doktor!“ fiel ihm Imgjor, die erst mit gesenkten Wimpern, dann sich mit
+offenen Augen ihm zugewendet und zugehört hatte, in die Rede. „Aber ich
+kann — so schmerzlich mir diese Antwort ist — die Ihrige nicht werden.
+Ich will überhaupt nicht heiraten. Ich liebte einmal und wurde
+grenzenlos betrogen. Da that ich einen Schwur, einem Manne niemals
+wieder die Hand zum Bunde zu bieten.“
+
+„Ist nicht aber das Leben da, um aus ihm zu lernen, Komtesse? Lehrten
+Sie nicht Ihre Erfahrungen, wie hohl die große Masse ist, wie wenig
+glücklich eine Beschäftigung mit ihr macht, wie nur ein treues Streben
+im kleineren Kreise beglückt — und lehrt es nicht, daß das eben auch das
+Richtige ist? Wer herrschen, reformieren will, braucht Macht und zehnmal
+Macht, durch die er allein die Massen zu bezwingen vermag. Und wiederum:
+Wenn Sie in die Weltgeschichte blicken, wie wenige konnten diese Stärke
+und Fülle richtig anwenden, und wie Geringes haben sie, waren ihre
+Absichten noch so ehrlich, erreicht! Sie besitzen diese Macht schon
+deshalb nicht, weil Sie über keine Mittel mehr verfügen, Komtesse!
+Lassen Sie ab von dem Greifen nach Sternen! Wo immer sich in engeren
+Kreisen die Menschen zu Liebeswerken zusammenthun, da wird's etwas. Aus
+diesem Wirken resultieren die großen Errungenschaften der Humanität, die
+praktischen Ergebnisse eines richtig verstandenen Christentums! Und noch
+ein anderer Gesichtspunkt! Will nicht jeder glücklich sein, so lange ihm
+ein Dasein beschieden? Befriedigt Sie denn wirklich dieses Aufgehen ins
+Allgemeine? Was haben Sie erreicht? Man spottet Ihrer als einer
+Ueberspannten! Keiner dankt's Ihnen! Wo die Fähigkeit vorhanden wäre,
+den Wert Ihrer Bestrebungen zu erkennen, macht sich der Neid breit,
+sicher die Oberflächlichkeit, die schon deshalb die Dinge verurteilt,
+weil sie selbst keinen Geschmack daran findet, oder sie zu untersuchen
+zu träge ist. Habe ich nicht recht, Komtesse?“ schloß Kropp, als Imgjor
+nichts erwiderte, als sie, in tiefes Nachdenken versunken, vor sich
+hinstarrte. Sie kämpfte, wie neuerdings schon wiederholt. Für Sekunden
+flog's ihr durch den Sinn, daß er die Wahrheit getroffen, und daß er der
+Mann sei, durch den sie sich und andere glücklich machen könne. Aber wie
+kleine Einwirkungen häufig ein schon hoch aufgerichtetes Gebäude zum
+Fallen bringen können, so war's hier. Als ihr Blick während des Sinnens
+auf ihren Schreibtisch und dabei auf ein Bild von Rankholm fiel, trat
+ihr plötzlich alles dort Geschehene und trat ihr auch wieder Graf Axel
+Dehn ins Gedächtnis. Und das entschied. Da sie diesem ein „Nein“ gesagt,
+wollte, durfte sie auch Kropp kein Jawort geben. So lehnte sie abermals
+ab, und so schied mit ihm wieder ein Freund und ein Mann aus ihrem
+Leben, der ihr von Herzen zugethan war und der es gut mit ihr meinte.
+
+ * * * * *
+
+Im Rankholmer Palais hielt man Familienrat und dessen Gegenstand war,
+wie so oft, Imgjor.
+
+Nur ein Mittel gab's, von dessen Anwendung Lucile und die Gräfin noch
+etwas erwarteten. Sie schöpften aus dem Umstande, daß in dem damaligen
+Gespräch der Geschwister in Rankholm ohne Zweifel ein starkes Interesse
+Imgjors für Axel zum Ausdruck gelangt war, die Hoffnung, er, Axel, werde
+durch einen klugen Anlauf vielleicht doch noch ihr Herz in einem für ihn
+günstigen Sinne rühren können. Daß in ihm die alten Gefühle nicht
+erloschen seien, hatte er gleich bei der ersten zwischen ihm und den
+Damen stattgefundenen Unterredung erklärt. Er hatte geäußert, daß ihn
+eine grenzenlose Sehnsucht beherrsche, sobald wie möglich in Imgjors
+Nähe zu gelangen. Und dieser Drang hatte sich bis ins Ungemessene
+verstärkt, als Lucile ihm nun auch — alle Bedenken, die sie früher mit
+Rücksicht auf sich selbst abgehalten — eröffnet hatte, was in jener
+Unterhaltung für ihn zu Tage getreten war.
+
+Graf Dehn hatte die Neigung der Familie, den Aufenthalt in Kopenhagen
+noch um etwas zu verlängern, mit allen Mitteln zu befestigen und durch
+Unterredungen mit dem Grafen auch dessen Widerstand gegen seine
+Pflegetochter wesentlich zu mildern gewußt. Er hatte in förmlicher Weise
+um Imgjors Hand bei dem Grafen angehalten und von ihm die Erlaubnis
+erwirkt, nach seinem Ermessen die Schritte zu thun.
+
+Zunächst verabredete er mit Lucile, die sich seinen Plänen mit
+liebenswürdigem Eifer widmete, die nun, nachdem ihr Herz durch einen
+anderen Mann, den sie hingebend liebte, ausgefüllt war — alle Bedenken
+und eifersüchtigen Regungen abgestreift hatte, daß sie Imgjor sogleich
+besuchen und ihr unter besonderer Begründung die Bitte vorlegen solle,
+Axel empfangen zu wollen. Lucile ging auch sogleich ans Werk.
+
+Sie ließ sich, vorher noch einige die Trauer angehende Besorgungen
+erledigend, in der Lavardschen Equipage nach Imgjors Wohnung fahren und
+fand ihre Schwester in der vordem erwähnten Gemütsverfinsterung an ihrem
+Arbeitstisch.
+
+Als die durch Gebines Anmeldung aus ihrem dumpfen Sinnen
+Emporschreckende Lucile vor sich sah, legte sie die Feder rasch und
+verlegen bei Seite, auch schob sie ihr Tagebuch, in das sie etwas
+hineingeschrieben, unter andere Papiere. Freilich erlitt der Schwertern
+Begegnung sogleich wieder eine Unterbrechung. Man schickte nach Imgjor,
+und diese eilte unter sanftem Ausdruck ihrer Schwerer Zustimmung
+erbittend, über die Straße an das Krankenbett einer armen Frau.
+
+Und weil Imgjor ein längere Weile fortblieb, griff Lucile nach einem auf
+dem Tisch liegenden Buch und fand in diesem einige von Imgjors Hand
+herrührende, offenbar für das Tagebuch bestimmte, zufällig hier
+hineingeratene Niederschriften, die ihr Interesse fesselten. Sie
+lauteten: „Eine einzige That des Edelmuts und eine einzige
+Unvorsichtigkeit sind genügend, um einem Menschen für immer bei der
+Menge den Stempel seines Wertes oder seines Unwertes aufzudrücken.
+Vielleicht verdienten sie beides nicht. Zu allem gehört Glück, aber auch
+dazu, für etwas anderes zu gelten, als man ist.“
+
+Und noch eine Betrachtung hatte Imgjor auf die andere Seite geschrieben,
+die Lucile las, bevor ihre Schwester wieder ins Zimmer trat: „Gehemmte
+Liebe gleicht einem vergeblich nach einer Flamme ringendem Feuer. Wie
+dort unter kämpfendem Rauch, unheimlichem Schwelen und Qualmen der
+Gegenstand zu Asche verglimmt, so hier allmählich unter dumpfen Qualen
+die Seele.“
+
+Gleich darauf trat Imgjor wieder ins Gemach.
+
+„Ich komme,“ hub Lucile an und richtete einen liebenswürdigen Blick auf
+ihre Schwester, „um dich um etwas zu bitten: Graf Dehn möchte dich
+sprechen! Er beruft sich darauf, daß du ihm einst eine Unterredung
+zugefügt habest, und daß er, da er von diese keinen Gebrauch gemacht,
+noch Anrechte auf deine Zuvorkommenheit besitze. Wann willst du ihn
+empfangen, liebe Imgjor?“
+
+Zunächst fuhr Imgjor zusammen, und ihre Wangen verfärbten sich. Wie von
+einer schweren Denklast bedruckt, senkten sich ihre Augenlider, und die
+Finger griffen, unter dem Druck der Erregung, in die Handflächen.
+
+„Wann wünscht Graf Dehn die Unterredung?“ warf sie tonlos hin. „Und wo?“
+
+„Nun — bei dir — oder besser — bei uns!“
+
+Imgjor schüttelte den Kopf.
+
+„Was habe ich noch bei Euch zu thun, Lucile? Wir haben uns doch für alle
+Zeiten auseinandergesetzt.“
+
+„Nur du hast es Imgjor! Nachdem du von deinem Eigensinn, öffentlich zu
+sprechen, Abstand genommen, ist Papa wieder versöhnlich gestimmt. Du
+wirst ihm sogar ganz die Alte sein, wenn —“
+
+„Ja, ich weiß: Wenn ich allem — allem entsage! — Ach, Lucile —“ setzte
+das seelisch tief bedrückte, junge Mädchen an, brach in Schluchzen aus
+und fiel, wie damals in Rankholm, von ihren Gefühlen übermannt, neben
+ihrer Schwester nieder. Und hier blieb sie liegen, und erst als Lucile
+mit rührender Güte immer von neuem auf sie einsprach, erhob sie sich und
+fand wieder Halt und Fähigkeit zum Sprechen.
+
+„Du zeihst mich des Mangels an Liebe zu Euch!“ stieß Imgjor heraus,
+hielt in der Beklemmung den Atem an und ließ ihn dann langsam wieder der
+Brust entweichen.
+
+„Und doch schwöre ich dir, daß ich Euch allen die die größten Opfer
+bringen würde, die ein Mensch zu bieten vermag, daß ich Euch über alles
+liebe! Wie viele Nächte habe ich durchgeweint, daß ich so beschaffen,
+daß ich nicht bin, wie Ihr wünscht! Ach, könnte ich diesen Drang nach
+Höherem, Befreiendem, könnte ich dies Allgemeingefühl für meine
+Schwestern und Brüder in der Welt aus meiner Brust reißen, mich, wie
+andere, in engeren Grenzen glücklich fühlen, dort für meine Art volle
+Befriedigung finden, ich würde Gott auf den Knieen danken! In solchem
+Sinne — ich bitte — Lucile — fasse mein Naturell auf und so mühe dich,
+den Eltern immer wieder mein Wesen zu erklären. Denket, daß der Schöpfer
+_Euch_ so erschaffen hätte! Dann werdet Ihr mich leichter begreifen.“ —
+
+„Ja — ich will's, meine liebe, arme Imgjor! Aber nun, ich bitte, erteile
+mir eine Antwort für Graf Dehn —“
+
+„Da ich ihm mein Wort gab, will ich es halten, Lucile! Nur weiß ich
+nicht, wo es geschehen kann! Er muß also warten oder hierherkommen. Wann
+wollt Ihr reisen?“
+
+„Die Trauer macht es erforderlich, daß wir wieder nach Rankholm
+übersiedeln. Nur um deinetwillen haben wir unsere Abschiedsvisiten noch
+aufgeschoben. Wir möchten den Kondolenzbesuchen entgehen, mit denen man
+schon beginnt. Auch andere Gründe sprechen dafür, nachdem Curbière
+abgereist ist. Nur Graf Dehn will seinen Aufenthalt noch einige Zeit
+ausdehnen und dann — nach der Lausitz zurückkehren. Er hat die Absicht,
+jetzt das Gut, das ihm sein Onkel vererbt hat, selbst zu übernehmen.“
+
+„Was will er denn noch hier?“ Imgjor sprach's mit ihrer alten
+Schroffheit.
+
+Statt zu antworten, griff Lucile nach dem Schriftstück, das sie in dem
+Buch gefunden, und sagte: „Lasse mich dir als Erwiderung vorlesen, was
+du geschrieben hast, Imgjor!“
+
+Und Lucile las: „Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einer
+Flamme ringenden Feuer. Wie dort unter kämpfendem Schwelen, unheimlichem
+Rauch und Qualmen, der Gegenstand zu Asche verbrennt, so hier unter
+dumpfen Qualen allmählich die — Seele.“
+
+Imgjor schloß erst die Augen. Blässe zog über ihre Wangen. Dann neigte
+sie das Haupt, reichte ihrer Schwester still die Hand und sagte: „Also
+morgen Mittag, Lucile, erwarte ich des Grafen Besuch. Wir werden dann
+für immer einen Abschluß erhalten.“
+
+Lucile sah erschrocken empor. Einen so düsteren Klang hatten die Worte.
+Aber als sie in Imgjors Zügen forschte und dort einen Ausdruck sanfter
+Ergebung begegnete, zerstreuten sich ihre Gedanken.
+
+Noch wenige Sekunden, dann hatten sich beide getrennt.
+
+ * * * * *
+
+In einer herzklopfenden Erregung stieg am folgenden Mittag Graf Dehn zu
+der von Imgjor angesetzten Zeit die Treppe zu deren Wohnung empor. Er
+sah auch gleich die, nach der sein Herz verlangte.
+
+Als er ihre Hand ergriff und sie tiefbewegt an seine Lippen zog, flog
+ein Zittern durch des jungen Mädchens Körper, und zunächst fehlten ihr
+die Worte.
+
+Aber da sie nicht weich werden, da sie diesem Gespräch den Charakter
+nehmen wollte, den Graf Dehn ihm zu geben beabsichtigte, sagte sie mit
+sanfter Unterordnung im Ton:
+
+„Ich bitte Sie inständig, Graf Dehn, mir dieses Wiedersehen nicht zu
+erschweren, mir es vielmehr zu erleichtern! Ich bin durch eine
+Krankenpflege meiner Kräfte so sehr beraubt, daß ich nicht fähig bin —“
+Hier stockte sie, ihre Hände griffen nach der Lehne eines Stuhles und
+fernere Worte versagten.
+
+Und der Mann, tief ergriffen, wollte sie stützen. Aber sie gewann dann
+doch ihre Kraft zurück und sagte, während sie ihn durch eine Bewegung
+ersuchte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, nunmehr fest:
+
+„Ich bitte, sagen Sie mir, was Sie zu mir führt! Ich weiß, die
+Höflichkeit, — die Rücksicht, die man dem Mitglied einer befreundeten
+Familie erweist, in erster Linie. Aber es ist noch etwas anderes. Ich
+entnahm es Luciles Worten. Ich werde Ihnen aufmerksam zuhören und
+glücklich sein, ich versichere Sie, wenn ich Ihnen — falls Sie einen
+Wunsch haben — solchen erfüllen kann! Ich vergaß nie und werde niemals
+vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Ich war damals krank und blind.
+Ich war deshalb namenlos ungerecht gegen Sie, Graf Dehn, obschon meine
+Achtung vor Ihrem Charakter stets dieselbe war. Schon nach der Richtung
+habe ich sehr viel gut zu machen, vielleicht so viel, daß ich die Schuld
+nie abtragen kann. Nehmen Sie dieses Eingeständnis und die Bitte, mir zu
+verzeihen, entgegen! Und nun? Ich höre!“
+
+Nach diesen Worten sprach Graf Dehn in langer Rede, kam zurück auf die
+Vorgänge in Rankholm, erörterte, mit stetem Hinweis auf sie, Imgjor, die
+Gründe, weshalb er sich auf Reisen begeben, erklärte, daß er keinen Tag
+verlebt, ohne ihrer gedacht zu haben, und daß er nun, von Sehnsucht
+getrieben, sie wieder zu sehen, hierher, nach Kopenhagen, gereist sei.
+
+„Ich vermag nur einmal zu lieben, Komtesse. Sie liebte ich seit der
+ersten Begegnung. Ich werde auch nie einem anderen Mädchen mein Herz
+schenken. Das alles wollte ich Ihnen sagen und Sie fragen, ob Sie mir
+nicht ein wenig gut sein könnten! Ich wollte Sie bitten, mir auf meine
+Besitzung zu folgen, um ein Glück zu finden, das in gegenseitiger
+Uebereinstimmung wurzelt und in Thaten der Nächstenliebe einen
+wesentlichen Teil seine Befriedigung findet. In jedem Fall — ich bitte,
+ich beschwöre Sie — entsagen Sie Ihren jetzigen Plänen! Begnügen Sie
+sich mit den Erfahrungen, die Sie einsammelten, die Sie belehrt haben
+müssen, daß nicht wir die Welt regieren können, sondern nur ein Werkzeug
+sind, um in gemessenen Grenzen bei der Ordnung der Dinge mitzuwirken.
+Thuen Sie es auch um Ihren Eltern, die Ihre Rücksicht so sehr verdienen,
+— zu beweisen, daß Sie nicht undankbar sind.
+
+Ihr Pflegevater — es ist ersichtlich — wird sich innerlich und
+körperlich aufreiben, wenn Sie eine mit solchen Ungelegenheiten für Sie
+und die Familie verbundene öffentliche Wirksamkeit fortsetzen. Auch die
+Gräfin leidet unter diesen Verhältnissen mehr, als sie es ausspricht.
+Nur die Furcht, als Stiefmutter parteilich zu erscheinen, hält sie ab,
+sich anders zu geben, und stärker auf Sie, Komtesse, einzuwirken!
+Wahrlich, wir könnten alle von ihr lernen!“
+
+Imgjor hatte aufmerksam zugehört. Nicht einmal war ein abweisender, oder
+spröder Ausdruck in ihre Züge getreten. Sie hatte seine Worte mit einer
+Miene aufgenommen, als ob ein Freund ihr von seinen Leiden erzähle,
+sanft sinnend und denkend, wie sie sich dazu verhalten solle.
+
+Sie streckte ihm auch mit einem rührenden Blick die Hand hin, drückte
+die seinige fest, und sagte:
+
+„Ich wußte, Graf Dehn, daß Sie gerade so sprechen würden. Deshalb wird
+es mir leicht, Ihnen gleich und ruhig zu antworten. In erster Linie
+nochmals Dank! Wenn die Achtung von Ihrer Person sich noch erhöhen
+könnte — ich spreche nicht von einer Zuneigung in anderem Sinne, und Sie
+werden gleich verstehen, aus welchen Gründen ich es unterlassen muß — so
+hätten Sie Ihren Worten keinen Inhalt erteilen können, der meine
+Empfindungen für Sie stärker zu erhöhen imstande gewesen wäre! Meine
+Antwort aber lautet: Ich will noch einen Versuch machen, mich auf eigene
+Füße zu stellen. Gelingt er, muß ich mir selbst treu bleiben. Ich kann
+nicht anders. Verzeihen Sie mir. Mein Entschluß ist unbeugsam!“
+
+Und er fügte sich auf ihre Rede, obschon sie ihm schier das Herz
+zermalmte. Und dann sprach er: „Wohlan denn! Ich habe dann nur den
+innigen Wunsch, daß sich verwirklichen wird, was Sie soeben
+ausgesprochen haben! Mögen Sie einen Wirkungskreis finden, der Sie
+befriedigt, der Sie wahrhaft glücklich macht! Leben Sie wohl — Komtesse
+— Imgjor — Imgjor — teure Imgjor“ —
+
+Und dann geschah doch etwas.
+
+Sie brach in Thränen aus, und er zog sie an sich, und einen Augenblick
+lag sie ohne ihren Willen an seiner Brust. Und dann, zum Bewußtsein
+zurückgekehrt, machte sie sich hastig los und bat sanft, aber fest im
+Ton: „Gehen Sie! Ich bitte! Gehen Sie!“
+
+Noch einen letzten, tief verinnerlichten Blick gönnte sie ihm, dann that
+er, wie sie wünschte.
+
+Nachdem er aber gegangen war, sank sie in ihren Sessel zurück und
+überdachte voll schwerer Wehmut, was geschehen war. Eines fiel ihr bei
+der Betrachtung besonders beklemmend auf die Seele, obgleich sie gerade
+das als nebensächlich hinzustellen, sich zwingen wollte.
+
+Sie war demnächst ohne Mittel zum Leben! Der Graf hatte — vielleicht, um
+sie dadurch eher gefügig zu machen — die sonst am ersten des Monats ihr
+stets überwiesene Summe nicht mehr gesandt. Sie hatte ja deren Empfang
+auch abgelehnt. Sie konnte ihm nicht einmal einen Vorwurf machen! Ihre
+Pretiosen und ihre seidenen Gewänder zu verkaufen, widerstrebte ihr,
+weil sie fürchtete, sich dadurch bloßzustellen. Und wenn beides dahin
+war, so nannte sie nichts mehr ihr Eigentum! Die Sorge schuf bereits
+Vorsicht und Ueberlegungen, die ihr früher fremd gewesen waren. Die
+Begräbniskosten für den Mann der alten Ohlsen, die inzwischen durch
+Imgjors Bemühungen in einem Frauenarmenhaus untergebracht worden war,
+hatten das Geringe, was sie noch besaß, bis auf ganz weniges
+geschmälert, und die Bank mußte überdies noch befriedigt werden.
+
+Täglich kamen, wie bisher, Listen mit Aufforderungen zur Beihilfe für
+gute Zwecke.
+
+Konnte sie die jetzt abweisen? Sie vermochte es nicht; es widersprach
+ihrem stets auf Geben bedachten Herzen.
+
+Auch die Miete für die Wohnung war noch zu berichtigen. Man forderte
+Steuern von ihr.
+
+Der Tag und die Stunde waren abzusehen, wo sie zuletzt vor dem — nichts
+stand! Eine angstvolle Unruhe überkam sie. Man würde sie am Ende auch
+noch in anderer Weise falsch beurteilen! Die Zeitungen würden gar
+verkünden, sie habe wegen Schulden Kopenhagen verlassen. So sei sie
+eigentlich nichts anderes als eine, die habe von sich reden machen
+wollen!
+
+Und eben diese Lebenssorgen drängten zum erstenmal die Gedanken an die
+Ideale, die ihre Brust noch eben wieder erfüllten und deren
+Verwirklichung sie erstreben zu wollen, erklärt hatte, völlig zurück!
+Der Trieb der Selbsterhaltung gelangte zu seinem Recht. Sie erkannte
+plötzlich, welchen Wert der Besitz, welchen Wert das Geld hatte, und wie
+früher flüchtig, so stellten sich jetzt dauernde Vergleiche ein zwischen
+dem Gewesenen, und dem, was ihr geworden! Aber nicht genug mit diesem
+Ansturm auf ihr Inneres: Graf Dehn war wieder da! Und sie hatte ihn,
+obschon sie ihn liebte mit der ganzen Kraft ihrer Seele, für immer von
+sich gestoßen!
+
+Eine grenzenlose Reue überkam sie. Nur ihr Stolz regte sich noch.
+
+Mit welchem Selbstgefühl hatte sie geredet! Wie an einer Mauer waren
+alle seine verständigen, rührenden, flehenden Bitten zerschellt. Und wie
+schwach war doch der Faden gewesen, an dem ihre Festigkeit gehangen!
+
+Jedes Menschenherz war — so überlegte Imgjor — zu rühren, wenn nur der
+Rechte kam und es richtig angesprochen wurde.
+
+Nun sehnte sie sich fort, nun kamen ihr doch die Erinnerungen an
+Rankholm.
+
+Rankholm! Rankholm! Das war das Paradies ihrer Jugend! — Eine namenlose
+Sehnsucht ergriff ihr Inneres jetzt. Erst nach einem todestraurigen
+Sinnen raffte sie sich empor, fand sie die alte Kraft ihrer Seele, ihr
+Pflichtgefühl und ihren opferfreudigen Sinn zurück, und trat mit der
+gewohnten Selbstlosigkeit an das Bett ihrer Kranken. — — —
+
+ * * * * *
+
+Am folgenden morgen empfingen Imgjors immer sich in gleicher Richtung
+bewegenden Gedanken durch den Inhalt eines mit der Post eingegangenen
+Briefes eine Ablenkung.
+
+Eine Dame der vornehmen Gesellschaft, eine Baronin von Kliff, mit der
+Imgjor wiederholt bei Bestrebungen für wohlthätige Zwecke in Berührung
+gelangt war, bat sie in sehr dringender Weise, sich um die Mittagszeit
+in ihrem Palais einfinden zu wollen, um dort einer Sitzung zu Zwecken
+der Begründung eines dänischen Mädchenheims beizuwohnen. In diesem
+sollten der Schule entwachsene, junge, weibliche Personen zu
+Dienstmädchen herangebildet, es sollte ihnen in allem Unterricht erteilt
+werden, was für Küche und Hauswesen erforderlich war. Auch Handarbeit
+und Schneidern wollte man sie lehren und insbesondere auch moralisch auf
+sie einzuwirken suchen.
+
+Die Baronin beabsichtigte durch dieses Heim denen die Hand zu bieten,
+welche infolge ihrer mangelhaften Ausbildung keine Beschäftigung finden
+konnten und deshalb der Gefahr ausgesetzt waren, sittlich zu verkommen.
+Und gerade deshalb ward Imgjors Interesse auf's lebhaftere angefacht.
+
+Im Palais traf sie die Damen, mit denen sie während der
+Jahre ihres Aufenthaltes in der Residenz wiederholt in
+Wohlthätigkeitsangelegenheiten zusammengetroffen war, fast sämtlich
+beisammen, wich deren ihre Person betreffenden Fragen möglich aus, nahm
+aber größten Anteil an den Verhandlungen und trat, etwa drei Stunden
+später, reichlich erschöpft, und sich schon vor dem Palais von den
+übrigen trennend, den Rückweg an.
+
+Als Imgjor die Ecke der Tordenskoldsstraße passierte, drang aus einem
+offenen Schusterkeller ein jammervolles Schreien hervor, und als sie,
+mitleidig beunruhigt, nachforschte, sah sie unten einen Menschen, der in
+unbarmherziger Wut eine zu Boden geworfene Frau mit einem Lederriemen
+prügelte.
+
+In Sekundenschnelle wechselte nun die Scenerie. Imgjor sprang
+blitzschnell die Treppe hinab, riß mit kühn erfolgreichem Ruck den Mann
+zur Seite, befreite dadurch die Frau und schleuderte dem rohen Peiniger
+entrüstete Worte entgegen: Ob er sich nicht schäme, sich so gegen die
+Schwächere und Wehrlose zu vergehen?
+
+Aber alles kam anders, als sie es erwartet hatte. Da durch ihr
+Eingreifen das ohnehin neugierig zusammengelaufene Volk draußen sich
+noch zudringlicher geberdete und, dicht gedrängt, den Erfolg
+beobachtete, ergriff das Weib plötzlich ein weit größerer Ingrimm gegen
+jene draußen und gegen Imgjor, denn gegen den Mann.
+
+Statt „Grevinde“ durch Haltung und Worte Dank an den Tag zu legen,
+reckte sie sich zornsprühend empor, fragte, ob es sie etwas angehe, wenn
+sie sich von ihrem Mann prügeln lassen wolle und unterstützte diese
+herausfordernden Worte durch eine auf die offene Thür gerichtete Geste,
+welcher der dadurch versöhnte Hausherr sich beeilte, noch einen
+besonderen, fast thätlichen Nachdruck, zu verleihen.
+
+Als Imgjor infolgedessen die Treppe hinauf flüchtete, stieß sie auf
+diejenigen Personen, welche zur besseren Beobachtung des interessanten
+Schauspiels bereits einen Teil der Treppenstufen besetzt hatten. Und
+während das geschah und die Ehegatten, zur völligen Abwehr gegen die
+Leute draußen, die Thür verrammelten, drängten die hinteren Reihen des
+Mobs nach vorn und die der Thür zunächst Stehenden rückwärts. Und
+dadurch kam Imgjor zu Fall und erlitt durch Drängen, Stoßen und Treten,
+trotz ihrer Weh- und Abwehrrufe, so schwere Verletzungen, daß sie nach
+Räumung der Treppe durch die Polizei wie tot hinweg getragen wurde. Mit
+noch anderen Verwundeten ward sie nach dem Hospital des Doktor Stede
+geschafft, und eine halbe Stunde später stand mit tief bedenklicher
+Miene an ihrem eigenen Krankenlager derselbe Mann, mit dem sie so oft an
+das Bett der Leidenden und Sterbenden getreten war.
+
+ * * * * *
+
+Der Herbst, der wundervolle nordische Herbst, war seit Wochen
+erschienen, und mit seinen stahlhellen Lüften, seiner Farbenpracht in
+den Wäldern, seinem scharfen Erdgeruch und seinen unvergleichlichen
+Abendsonnenniedergängen auch in Rankholm eingezogen.
+
+Wenn sich in der Frühe die ersten Lichtströme über die Erde ergossen,
+schwammen Schloß, Park und Gärten in einem blauseidenen Dunst. Wenn aber
+der Kampf zwischen der siegreichen Himmelskönigin und den zarten Nebeln
+durch ein plötzliches Oeffnen aller goldenes Licht bergenden Portale
+entschieden war, dann lagen Rankholm und Kneedeholm in einem Sonnenbade
+von solcher unermeßlicher Schönheit, daß die Gegend alle Reize der drei
+Jahreszeiten: die grüne Pracht des lebensprühenden Frühlings, die Fülle
+des blütenschweren Sommers und die krystallhelle Klarheit des
+farbenleuchtenden Herbstes in sich zu bergen schien.
+
+Und alles war wie ehedem.
+
+In ihrem mit all den herrlichen Dingen angefüllten Kabinett ruhte bei
+geöffnetem Fenster auf dem Sofa die Gräfin Lavard und las in einem Buch.
+In seinem geräumigen Arbeitsgemach war, wie sonst, der Graf eifrig mit
+seinen Beamten beschäftigt, Lucile hielt sich, an Curbière schreibend,
+in ihren Gemächern auf, und wie immer webten in dem, von Epheu umrankten
+Mauern eingeschlossenen Schloßhof jene sanften Hausgeister, die von dem
+Streit und Getümmel draußen in der Welt nichts wußten.
+
+Auch Graf Dehns schlanke Gestalt tauchte, wie damals, in den Wegen des
+Parkes auf, und nun eben richtete er die Schritte dem Schloßdurchgang
+zu, trat ins Innere, begab sich in seine Zimmer, und von dort, nach
+Ordnung seiner Toilette, zu der Gräfin.
+
+Einige freie Stunden lagen vor ihnen, und sie wollte die Gräfin heute
+benutzen, um Axel einen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen.
+Sie wollte, daß es geschah, bevor Imgjor kam, die nach einer langen,
+schweren Krankheit so viel Kräfte zurückgewonnen hatte, daß sie in
+Begleitung des Doktor Stede eine Reise nach Rankholm zu unternehmen
+vermochte. Hier wollte sie versuchen, ihre Gesundheit völlig
+zurückzugewinnen.
+
+Stillschweigend war das alte Verhältnis zwischen ihnen wieder
+eingetreten. Solche Not und solche Trübsal, wie sie über Imgjor
+gekommen, — führten von selbst einen Ausgleich herbei.
+
+Wiederholt hatten Lavards an dem Krankenbett Imgjors gestanden, und sie
+hatte ihre Besinnung erst ganz allmählich zurückgewonnen.
+
+„Willst du nach Rankholm kommen, um dich dort ganz zu erholen, Imgjor?
+Papa schickt dir einen herzlichen Gruß und bittet darum —“ hatte Lucile
+eines morgens gesagt, und der Kranken waren die Thränen der Rührung aus
+den Augen gestürzt. —
+
+Nachdem die Gräfin sich zurechtgerückt und einen ihrer gewohnten
+forschenden Blicke auf Graf Dehn geworfen, sagte sie:
+
+„Ich werde mich kurz fassen, Graf Dehn, weit kürzer, als es ursprünglich
+meine Absicht war. Das Wesentlichste: Imgjors Herkunft, wurde Ihnen
+schon durch einen Zufall enthüllt. Ich komme nur auf meine Zusage und
+Ihren Wunsch zurück, weil ich von Ihnen, den ich wie meinen Sohn
+betrachte, so beurteilt werden will, wie ich dazu ein Recht besitze. Ich
+will's aber auch, damit Sie meines Mannes Handlungsweise, richtig
+würdigen.
+
+Endlich spreche ich auch, weil ich die Hoffnung hege, daß Sie diejenigen
+aufklären, denen ich keine Mitteilungen zu geben vermag. Stolz und
+Zartsinn verbieten mir, über solche Dinge mit meinen Töchtern zu reden.
+Es könnte scheinen, als ob ich mich verteidigen wolle.
+
+Zur Einleitung —“ hier zog die Gräfin aus ihrem goldumränderten Nähkorb
+ein kostbar umrahmtes Pastellbild hervor — „betrachten Sie sich dieses
+Porträt. Sie werden dann leichter verstehen, wie mein Mann dazu
+gelangte, sich in Leonie Monier zu verlieben, und welche Kämpfe ich mit
+meinem Ich zu bestehen hatte —“
+
+Graf Dehn griff nach dem Gebotenen und unwillkürlich entglitt seinem
+Munde ein Laut bewundernden Entzückens.
+
+Imgjor wars, aber in noch höherer Vollendung. Ein so süßes, engelhaftes
+Lächeln umspielte den Mund des Bildes, aber auch ein solcher
+schmachtender Glutblick drang aus den Augen, daß man sich von dem
+Anschauen nicht zu trennen vermochte. In ihrem Kostüm erinnerte sie an
+die Watteauschen Rokokobilder. Ein langes Mieder, verziert mit
+Rosenbändern, hob ihre überaus zarte Figur. Um ihren vollendet
+gebildeten, bis zum Ellbogen freien Arm schlang sich ein schwarzer
+Sammetstreifen, und in ihrem hochfrisierten Haar saßen neben Blumen
+kleine blaßblaue Schleifen. Alles aber wurde übertroffen durch die
+Pracht ihrer schneeigen Büste, die blendenden Farben, den durchsichtig
+weißen Schmelz ihrer Zähne und die kleinen, zum Liebkosen geschaffenen
+Hände.
+
+„Nicht wahr? Sie war schön? Man kann etwas gleiches nicht sehen —“ stieß
+die Gräfin in neidloser Bewunderung heraus.
+
+„Und ich kann hinzufügen: sie war wirklich noch schöner. Man lag, wenn
+sie sprach und lächelte, im Bann ihrer bestrickenden Reize, und nicht
+der Tochter eines gascognischen Glasschleifers die sie war, glich sie,
+sondern dem Mitglied einer auf Thronen fixenden Familie.
+
+Aber sie war nicht allein wegen ihrer Schönheit gefährlich, sondern
+ebensosehr wegen des seltsamen Gemisches ihres Wesens. Herzensgüte,
+Trotz, liebenswürdige Naivetät und schlaue Berechnung saßen zugleich in
+ihr und gelangten, den Umständen nach, zum Ausdruck.
+
+Man hätte sie küssen und sie ohrfeigen mögen, einmal wegen ihrer
+bezaubernden Liebenswürdigkeit, und dann wieder wegen ihres kaltherzigen
+Starrsinns.
+
+Doch nun hören Sie, wie alles verlief.
+
+Ich lernte meinen Mann, der damals der französischen Gesandtschaft
+attachiert war, in dem Hause des russischen Fürsten Betzkoy kennen,
+verliebte mich gleich sterblich in ihn und wurde schon nach vier Wochen
+unserer ersten Begegnung seine Braut.
+
+Meine Eltern waren überaus glücklich über diese Verbindung, und meine
+Verwandte, der Vicomte von Choisseuile und seine Frau luden uns zu einem
+mehrwöchentlichen Aufenthalt auf ihrem in der Nähe von Paris
+befindlichen Landsitz ein.
+
+Hier verlebten wir in dem ersten Rausch unserer leidenschaftlichen Liebe
+seelige Tage, durchschweiften zu Wagen und zu Pferde die Umgegend,
+machten oder erneuerten die Bekanntschaft angesehener und interessanter
+Personen, welche sich ebenfalls um diese Zeit auf ihre in dieser Gegend
+belegenen Güter zurückgezogen hatten, fanden aber auch die beste
+Gelegenheit, unsere Charakter zu prüfen, ihnen gegenseitig gerecht zu
+werden, und uns immer mehr ineinander hineinzuleben. Mir wurde klar, daß
+Lavard ein leicht entzündliches Herz besaß, und daß ich infolgedessen
+nicht die erste sei, der er sich genähert.
+
+Er sprach auch mit voller Offenheit über früheres. Er betrachtete mich
+nicht als eine prüde Vestalin, sondern als das, was ich wirklich war:
+ein mit den wirklichen Lebensverhältnissen vertrautes weibliches Wesen,
+das sehr wohl wußte, daß Männer und oft auch Frauen Versuchungen
+unterworfen sind und meist schon etwas erlebt haben, wenn sie an den
+Altar treten.
+
+Als ich eines Tages mit Lavard unter der Linde in dem Garten eines zu
+dem Besitz gehörenden Pachthofes saß, wo wir, nach unserm anstrengenden
+Ritt, eines kleinen Imbisses wartend, plauderten, unterbrach er
+plötzlich das Gesprächsthema, sah mich ungewöhnlich zärtlich an, faßte
+meine Hände und sagte:
+
+„Ich habe eine Bitte an dich, eine große Bitte, Lucile! Willst du sie
+mir gewähren?“
+
+„Gewiß, mein teurer Freund, wenn ich es vermag —“ entgegnete ich ohne
+Besinnen.
+
+„Du sprichst das ja so leicht aus, Lucile! Ich fordere etwas Großes,
+sehr Großes! Es gehört eine opferstarke Liebe dazu!“
+
+„Um so besser vermag ich dir zu beweisen, wie gut ich dir bin, Lavard —
+sprich also — natürlich, ein ritterlicher Mann, wie du, wird von einem
+Mädchen nichts verlangen, was ihren weiblichen Empfindungen
+widerstreitet —“
+
+Ich weiß nicht, wie ich in meiner Entgegnung zu dieser Einschränkung
+gelangte. Jedenfalls hatte sie die Wirkung, daß Lavard trotz meiner
+wiederholten Aufforderungen, nun doch nicht redete.
+
+Und so blieb's, und ich dachte auch schon gar nicht mehr an seinen, wie
+ich angenommen hatte, launenhaften Einfall, als er eines vormittags,
+kurz vor unserer Rückkehr nach Paris, im Park des Schlosses hinter den
+Boskets vor mir niederfiel und mich beschwor, ihm zu gewähren, worum er
+mich ersuchen werde.
+
+Und da er so erregt war, da sein ganzes Wesen eine solche Spannung
+verriet, insbesondere aber, weil es mich drängte, ihm zu beweisen, wie
+sehr ich ihn liebte, sprach ich, ohne vorher zu hören, ein unbedingtes
+ja!
+
+„Was es auch sein mag, Lavard! Ich werde deinen Wunsch erfüllen. Ich
+schwöre es dir!“
+
+Nun schnellte er empor, umfaßte mich mit schmeichelnder Zärtlichkeit,
+zeigte mir dann dieses, eben dieses von Ihnen bewunderte Bild, und
+sagte:
+
+„Diese weibliche Person, Leonie Monier, eine Nähterin der Vorstadt St.
+Antoinne, war vor wenigen Monaten noch das, was du mir heute bist,
+Lucile —
+
+Du begreifst, daß ich mich in sie verlieben konnte! Ich sage, daß ich
+die Beziehungen zu ihr wieder gelöst habe, weil ihr Charakter ein
+Zusammenleben unmöglich macht. Ich würde sie sonst trotz ihres einfachen
+Standes und anderer Umstände vielleicht geheiratet haben.
+
+Es liegen die Dinge nun, wie folgt:
+
+Sie erklärt mir, dann gutwillig ihrer Rechte auf mich sich begeben zu
+wollen, wenn du dich entschließest, sie zu empfangen und ihr eine noch
+zu erörternde bindende Zusicherung zu geben.
+
+Natürlich! Sie vermag nichts gegen mich zu unternehmen.
+
+Mich treibt mein Ich, mich veranlaßt die Erinnerung an die Tage, die ich
+glücklich mit ihr verlebte, aber mich veranlaßt auch ein bestimmter
+Umstand, derselbe, welcher mit ihrer an dich zu richtenden Bitte
+zusammenhängt: alles zu thun, was eine freundliche Lösung unserer
+Beziehungen herbeizuführen vermag!“
+
+„Wohlan, sprich, Lavard. Ich werde hören!“
+
+„Nun denn, Lucile! Leonie Monier ist dieser Tage Mutter eines Kindes
+geworden. Sie verlangt von uns — und deshalb will sie dich sprechen —
+die Auferziehung ihres Kindes und die Sorge für dieses bis zu einem
+gewissen Zeitpunkt. Dann soll's wieder ihr Eigentum sein, oder wir
+sollen ihr's für eine namhafte Summe abkaufen —“
+
+„Ah — ah — welch ein berechnender Handel, und gar mit dem eigenen Kinde!
+Hinter diesen engelhaften Zügen sucht man etwas anderes! Und alles hätte
+ich eher erwartet, als dies. Du erhebst einen Anspruch an mich, zu dem
+eine starke Selbstverleugnung gehört, Lavard. Und was wird sonst noch
+folgen?“ rief ich, meine Erregung nicht verbergend.
+
+Lavard bewegte die Schultern.
+
+„Die Dinge liegen nicht so ungünstig! Sie ist nicht schlecht. Aber
+lassen wir das jetzt, und überlasse auch die Erledigung der materiellen
+Dinge mir, Lucile. Gewähre nur zunächst, warum sie dich bittet —“
+
+Ich zögerte. Dann sagte ich:
+
+„Eines habe ich gewährt, ich versprach die Erfüllung eines Wunsches. Du
+stellst aber jetzt noch andere, sehr weittragende Forderungen an mich.
+
+Du willst gewiß, daß ich dieses Kind, als unseres annehme — es nach
+außen so hinstelle —“
+
+„Ja, Lucile! Wir gehen für die Zeit eines Jahres oder länger auf
+Reisen. Wenn wir zurückkehren, erklären wir, daß wir unterwegs dies Kind
+gefunden und in unsere Obhut genommen haben, daß Mitleid unsere
+Triebfeder war — für alles übrige wollen wir die Zeit sorgen lassen.“
+
+„Warum stellst du eine so schwere Forderung an meine Liebe, Lavard?
+Lasse das Kind von anderen aufziehen. Durch sie wird — durch deinen
+Reichtum unterstützt — dasselbe erreicht. Der Mutter kann's doch nur um
+das Wohl ihres Kindes zu thun sein. Da sie mittellos und einen
+leichtsinnigen Charakter besitzt, will sie das Kind vor doppelten
+Fährnissen behüten. Das verstehe ich! Aber weshalb ein so ungeheures
+Opfer von mir? Oder ist's dein eigenes Kind?“
+
+„Ja und nein, Lucile! Eben das ist's! Sie, Leonie, behauptet es, obschon
+sie auch Beziehungen zu einem anderen, einem Jongleur hatte. Nun weißt
+du alles, nun verstehst du alles. Sei deshalb so hochherzig, wie ich
+dich schätze. Ist's mein eigenes Fleisch und Blut, dann habe ich
+unabwendbare Pflichten!“
+
+Diese Worte entschieden, ich empfing nicht nur die junge Frau, sondern
+ich war auch später einige Zeit in ihrer Nähe. Wir trafen sie in dem
+französischen Seebade Trouville, wohin sie Lavard zur Kräftigung ihrer
+Gesundheit gesandt hatte.
+
+Während dieser Zeit lernte ich sie nicht lieben, aber doch ihre guten
+Eigenschaften schätzen; auch gab ich ihr das Versprechen, das sie
+verlangte.
+
+Wenig später — das Aufgebot hatte bereits bald nach unserer Verlobung
+Stattgefunden — wurden wir in der Madeleine getraut, unternahmen darauf
+eine fast fünfviertel Jahre andauernde Reise, und begaben uns alsdann,
+mit dem kleinen, inzwischen anderweitig in Kost gegebenen, und nun in
+unsere Hände gelangten Kinde nach Rankholm.
+
+Wir verfuhren auch unseren Bekannten gegenüber, wie wir es besprochen
+hatten. Im ganzen wurde wenig nach dem Kinde gefragt. Nach wenigen
+Monaten war überhaupt nicht mehr von dessen Ursprung die Rede und
+allmählich sah man es als unser eigenes, als Erstgeborenes an.
+
+So war also gelungen, was meines Mannes Wunsch gewesen, und ich muß
+gestehen, daß er mir in den zwölf Jahren, während welcher Zeit wir von
+der Mutter niemals wieder hörten, täglich seine Erkenntlichkeit in
+rührendster Weise an den Tag legte.
+
+Dann aber erschien plötzlich, fast ohne vorherige Anmeldung,
+Mademoiselle Monier, um ihr Kind zurückzufordern, und nun begannen die
+Kämpfe zwischen uns dreien.
+
+Es ist mir wie heute! Ich war im Begriff über den Schloßhof zu
+schreiten, als ein Wagen vorfuhr, auch ertönte gleich darauf schon das
+Läuten der Glocke am Portierhause. Ich aber nahm rasch den Weg in das
+Schloß, betrat meine Gemächer, wartete hier und überließ es meinem Mann,
+Frau von Etienne, wie sie sich nach unserer Abrede nennen sollte, zu
+empfangen.
+
+Auch noch anderes war zwischen mir und Lavard abgemacht. Sie sollte
+womöglich noch an demselben Tage Rankholm wieder verlassen und sich
+nach Oerebye begeben. Dort wollte Lavard mit ihr verhandeln. Ihr
+vorzuenthalten, ihre Tochter schon vorher zu sehen, konnten wir nicht
+über uns gewinnen, aber es sollte lediglich aus der Entfernung
+geschehen. Eine eigentliche Annäherung sollte nicht stattfinden. Wir
+wollten sie bewegen, daß sie uns Imgjor gegen ein ferneres Jahresgehalt
+und gegen eine einmalige Abfindungssumme für immer überlasse. Lucile
+hatten wir schon in der Frühe zu Freunden nach Taxholm gesandt. Sie
+sollte von diesem Besuch überhaupt keine Kunde erhalten. Imgjor bewohnte
+damals mit ihrer Erzieherin dieselben Räume, die sie jetzt inne hat, und
+nur hatten angeordnet, daß sie beide bei Tisch nicht erscheinen sollten.
+
+Dies war nicht auffallend, da solches häufiger geschah. Ich hielt Imgjor
+überhaupt streng, weil ich immer ihrer Mutter Charakter im Auge hatte,
+weil ich immer darauf bedacht sein mußte, des Kindes sehr stark
+ausgeprägten Drang nach Selbständigkeit zu dämpfen.
+
+Diese meine große Strenge hat Lucile, weil sie eine ungerechte
+Ungleichheit der Behandlung darin erkannte, Ihnen gegenüber getadelt,
+Graf Dehn. Sie that es eben, weil sie meine Beweggründe nicht kannte. —
+
+Doch nun zurück zu dem plötzlich erschienenen Besuch.
+
+Ueber eine Stunde verhandelte mein Mann mit Madame Etienne, ehe er sie
+mir in meine Gemächer brachte.
+
+Als Frederik ihr Kommen meldete, klopfte mir das Herz. Ohnehin erregt,
+beschäftigte mich dieses lange Beisammensein meines Mannes mit seiner
+ehemaligen Freundin, nicht wenig. Mir ahnte auch, daß sie
+Schwierigkeiten erhob, unsere Wünsche zu erfüllen. Sicher weigerte sie
+sich, uns ihre Tochter zu lassen, machte die Gewährung von unerfüllbaren
+Forderungen abhängig. Wie berechnend sie war, hatte sie hinreichend
+früher bewiesen.
+
+Ich hatte aber Imgjor wegen ihrer trefflichen Eigenschaften so lieb
+gewonnen, daß ich sie wie mein eigenes Kind liebte. Auch leitete mich
+bei dem Verlangen, sie bei uns zu behalten, die Ueberlegung, daß ihre
+Entfernung den Anlaß zu unliebsamen Redereien geben werde. Wir hassen es
+beide, uns in den Mund der Menge zu bringen.
+
+Endlich wollten wir auch mit dieser Angelegenheit einmal ein Ende haben.
+Ich wünschte insbesondere, daß Lavard dem Einfluß dieser Person, die,
+wie ich stets erfuhr, in all den Jahren noch mit ihm korrespondiert
+hatte, für immer entzogen werde.
+
+Mein Erstaunen maß sich sodann mit meiner Abneigung, als sie mir
+gegenübertrat.
+
+Sie war zwar noch immer blendend schön, aber sie besaß nichts von dem
+Wesen einer anständigen Frau, einer wirklichen Dame. Sie war das
+vollendete Bild einer Halbwelt-Circe. Ihr Kostüm war übertrieben modern,
+stark parfümiert, und lächerlich kostbar. Ihre Arme waren mit Schmuck
+behangen, und hinter ihrem sanft schmachtenden Lächeln verbarg sich
+etwas, das den Weltkundigen nicht täuschte.
+
+Und wirklich besaß sie keine echte Empfindung, ihr Gemüt war verdorrt,
+sie war nichts anderes, als eine kalt berechnende Kokette.
+
+Es wäre somit ein Vergehen gewesen, ihr Imgjor auszuliefern.
+
+Aber sie von diesem Gedanken abzubringen, war noch die geringste
+Schwierigkeit. Der große Reichtum meines Mannes konnte noch größere
+Ansprüche befriedigen, als sie sie erhob und auf deren Erzielung es ihr
+überhaupt nur ankam. Aber sie hatte schon gleich am ersten Tage Lavard
+wieder in solche Fesseln zu schlagen gewußt, daß er völlig Wachs in
+ihrer Hand geworden war.
+
+Er bestritt in heftigen Worten die Berechtigung meiner abfälligen
+Kritik. Er fand es, da sie es nicht wollte, völlig überflüssig, daß sie
+nach Oerebye übersiedelte Er verlangte von mir, daß ich sie wochenlang
+auf Rankholm behalten solle. Sie habe Anrechte auf unsere
+Gastfreundschaft und unsere Rücksicht; man müsse der Mutter für eine
+zeitlang ihr Kind gönnen.
+
+Entsetzliche Tage verlebte ich. Lucile, der ich in der Erregung nicht
+mehr gedacht hatte, kehrte wieder zurück. Imgjor näherte sich der
+schönen und sie umschmeichelnden Madame Etienne, der Gattin des Baron
+von Etienne in Brüssel, als welche sie sich auch Imgjor im
+Einverständnis mit meinem Manne vorgestellt hatte.
+
+Zuletzt war mein Entschluß gefaßt.
+
+In einer Scene, der Lucile zufällig beiwohnte, erklärte ich Lavard, mich
+von ihm trennen und zu meiner Familie zurückkehren zu wollen, wenn die
+Fremde nicht innerhalb achtundvierzig Stunden das Haus verlasse.
+
+Lucile führte, weil ihr Vater ihr beipflichtete, mein Verhalten auf
+Eifersucht zurück. Sie nahm für ihren Papa Partei, schalt mich des
+Mangels an Liebe und des Mangels an Duldsamkeit, und ich litt zehnfach,
+da ich meinem Kinde nicht eröffnen konnte, wie die Dinge standen.
+
+Endlich siegte ich. Ich siegte dadurch, daß ich eine Nacht mit dem
+fremden Weibe rang. Sie wohnte damals in den Gemächern, die jetzt meine
+Tochter Lucile inne hat. Mir ist's in der Erinnerung wie heute. Der Tag
+war grau, kalt und nebelig, so unfreundlich, daß man sich nicht einmal
+zu einem Spaziergang in den Park hinauswagen mochte.
+
+Wir waren deshalb mehr denn sonst und bereits vor dem Frühstück auf
+einander angewiesen, und dieses engere Beisammensein benutzte Madame
+Etienne, um allerlei bisher von mir verhinderte Vertraulichkeiten
+zwischen sich und den Kindern herbeizuführen.
+
+Sie gab sich besonders mit ihnen ab, holte verschiedene wertvolle
+Gegenstände aus ihren Koffern heraus, die sie ihnen, trotz deren
+bescheidenen Abwehr, aufdrängte und forderte sie zuletzt gar auf, sie du
+und Tante zu nennen.
+
+Die Mädchen nahmen dieses als eine Bevorzugung hingestellte Anerbieten
+natürlich an. Und dies du machte beide natürlich freier gegen den Gast,
+namentlich die jüngere Lucile. Infolgedessen ließ diese auch eine
+Aeußerung fallen, die sie sonst sicher nicht gemacht haben würde. Sie
+wies, und schon lange hatte ich dies kommen sehen und mich davor
+gefürchtet, auf die große Aehnlichkeit zwischen Madame und Imgjor hin.
+
+„Ihr seht wie Schwestern aus!“ betonte sie lebhaft und richtete auch
+ihre zu meiner Zustimmung auffordernden Blicke auf uns.
+
+In Madame Etiennes Gesicht leuchtete es auf. Ich sah's. Alles, was sie
+irgendwie mit uns in eine nähere Beziehung zu bringen vermochte, danach
+griff sie begierig!
+
+Sie wollte nicht nur die größten materiellen Vorteile daraus ziehen, daß
+sich ihre Tochter bei uns befand, sondern sie strebte, — ihrer
+abenteuerlichen Eitelkeit entsprechend — auch danach, neben uns eine
+gleichberechtigte Rolle zu spielen.
+
+Auf ihre Tochter war sie bald maßlos eitel und überlegte dann, ob sie
+sie doch nicht mit sich nehmen solle, oder sie zeigte eine nicht
+verhüllte, heftige Eifersucht. Dann ergriff sie, — man sah's — ein durch
+die Einsicht in ihre eigene Unwürdigkeit noch mehr geförderter Ingrimm
+gegen ihr eigenes Kind. Dessen reiner Sinn, dessen fester Charakter,
+dessen ungewöhnliche Wahrheitsliebe, dessen Abscheu gegen nichtssagende
+Redensarten, aber auch dessen zutage tretendes Mißtrauen gegen ihre
+aufdringlichen Liebenswürdigkeiten, schufen einen Aerger in ihr, den sie
+nicht bezähmen konnte.
+
+Und eben dieses Gemisch von Gefühlen und Stimmungen, aber vielleicht
+auch die Erwägung, daß es ihren Zwecken förderlich sei, uns in steter
+Unruhe zu halten, verleiteten Madame Etienne an diesem Tage, Luciles
+Aeußerungen aufzunehmen, statt mit einem flüchtigen Wort darüber
+fortzugehen.
+
+Sie sagte überlegen lächelnd:
+
+„So, findest du das? Nun, wer weiß, ob die Etiennes und die Lavards
+nicht, ohne es zu wissen, verwandt sind, — ob sich solches nicht, wenn
+wir einmal gründlich nachforschen, — herausstellen würde —“
+
+Mein Mann warf ihr einen erschrockenen, und weil er in ihren Banden lag,
+flehenden Blick zu. Auch nahm er rasch das Wort und wußte ein anderes
+Thema zu berühren.
+
+Nach Tisch, während wir des Kaffes im Salon warteten, machte sich Madame
+Etienne an Imgjor heran, prüfte eine Handarbeit, mit der sie beschäftigt
+war, lobte die Sorgfalt der Ausführung und fragte sie, ob sie nicht Lust
+habe, sie einmal in Paris, wo sie fürder wohnen werde, zu besuchen. Sie
+habe dort ein sehr schönes Haus, und sicher würde sich Imgjor
+vortrefflich in der Stadt des Vergnügens amüsieren.
+
+Es folgte dann noch eine Beschreibung der Räume und der kostbaren
+Einrichtung, und überhaupt war sie bemüht, Imgjor einen möglichst
+großartigen Eindruck von ihren Einkünften und ihrer gesellschaftlichen
+Stellung beizubringen.
+
+Sie bewies, indem sie diese Mittel anwendete, Imgjors Zuneigung zu
+gewinnen, allerdings eine sehr geringe Fähigkeit, Charaktere zu
+beurteilen. Es war mir unbegreiflich, daß sie nicht erkannt hatte, daß
+dergleichen für dieses ernste, reife und in seinem innersten Wesen
+einfach geartete Wesen gar kein Lockmittel sein werde.
+
+Reichtum und Wohlleben umgaben Imgjor, aber reizten sie durchaus nicht.
+Ihre Pflicht stellte sie stets über das Vergnügen, und auch die Freuden
+des Daseins suchte sie lediglich im Verkehr mit der Natur, mit guten,
+treuherzigen Menschen, in der Pflege geistiger Dinge und im Verkehr mit
+Tieren, mit Vögeln, Pferden und Hunden, die sie zärtlich liebte und
+pflegte.
+
+Tanzen, Kokettieren, den Großen nachzumachen, früh schon die Dame zu
+spielen, sich sinnliche Aufregungen zu verschaffen und den nichtigen
+Vergnügungen nachzujagen, hatte für Imgjor keinen Reiz.
+
+Und demgemäß antwortete sie auch.
+
+„Nein, nein, gnädige Frau. Ich bleibe lieber hier in der Heimat!“
+entgegnete sie nach ihrer Art, kurz und ohne für die durch diese
+Einladung zum Ausdruck gelangte Artigkeit einen besonderen Dank an den
+Tag zu legen. Auch ließ sie absichtlich das „du“ und die „Tante“ dabei
+außer acht. —
+
+„Meinst du denn nicht, daß es für dich vorteilhaft wäre, neues zu sehen,
+zu lernen, dich zu vervollkommnen, zu erkennen, daß es noch eine andere
+größere Welt giebt, als das Pünktchen Rankholm! Hältst du dich bereits
+für vollendet?“ warf die Frau, hämisch im Ton, hin.
+
+Sie vermochte ihren Aerger über diese Unbiegsamkeit, über diese
+offenkundig hervortretende Gleichgiltigkeit gegen ihre Person nicht zu
+bezähmen.
+
+Schier bersten aber wollte sie, als Imgjor, sich äußerlich sanft
+fügend, und nur die Schultern bewegend, einer Antwort auswich.
+
+Sie warf schroff gereizt hin:
+
+„Nun, Kind! Antworte! Hältst du dich für so vollkommen?“
+
+„Nein, gewiß nicht, gnädige Frau. Aber ich möchte Reisen nur in
+Begleitung meiner Eltern unternehmen. Wenn sie nicht dabei sind, wenn
+ich mit ihnen nicht zusammen genießen darf, haben sie keinen Reiz für
+mich!“
+
+Diese Erwiderung klang aus dem Munde einer Dreizehnjährigen recht
+altklug. Sie war nicht artig, aber Inhalt und Form waren zur Belehrung
+über die Stellung, welche Imgjor ihrer Mutter gegenüber einnahm und
+einzunehmen entschlossen war, weise gewählt. Diese ihre Antwort traf
+auch Madame dergestalt, daß sie alle Klugheit außer acht lassend, mit
+boshaft funkelnden Augen herausstieß: „Na ja! Dann mache, wenn du alles
+besser weißt, wie du's willst!“ Worauf sie dann Imgjor sitzen ließ, sich
+mit einer gemacht gleichgiltigen Miene zu mir, und als dann grade mein
+Mann in den Salon trat, mit schmeichelnder Liebenswürdigkeit an ihn
+wandte und zu einer Partie Schach aufforderte.
+
+Und was ich, obschon ich mir nichts merken ließ, dann sah, das gab mir,
+neben der Ueberlegung, daß es keine bessere Gelegenheit geben konnte,
+die Stimmung der Mutter gegen ihr Kind zu unserm Vorteil auszunutzen,
+den Entschluß, noch an diesem Tage mit den Dingen unter allen Umständen
+aufzuräumen.
+
+Mit meinem Manne war sie wie eine Braut. Sie sah ihn fortwährend
+zärtlich an, umschmeichelte ihn, und suchte ihn überhaupt immer mehr in
+ihre Netze zu ziehen. Auf mich, auf die Kinder, die ich dann auch
+möglichst bald fortsandte, auf Graf Knut, der zum Plaudern gekommen,
+nahm sie gar keine Rücksicht.
+
+Sie folgte einerseits rücksichtslos ihren eitlen Plänen, nämlich den
+Mann, der einst ihr erlegen, abermals dauernd in Fesseln zu schlagen,
+und andererseits ihrem rachsüchtigen Bestreben, mir möglichst
+unangenehme Empfindungen zu bereiten.
+
+Da ich die Antwort, die Imgjor ihr gegeben, nicht gerügt hatte, wußte
+sie mich einverstanden. Das genügte, um den schon in ihr lodernden,
+heftigen Ingrimm gegen mich noch mehr anzufachen.
+
+Nachdem endlich, nach Verlauf peinlicher Abendstunden, die Uhr elf
+geworden, Graf Knut sich empfohlen, und auch jene sich zum Aufbruch zu
+rüsten anschickten, erklärte ich, noch ausbleiben und Briefe schreiben
+zu wollen.
+
+Mein Mann erhob auch keinen Widerspruch, befahl der herbeigerufenen
+Kammerjungfer, Madame Etienne in ihre Gemächer zu geleiten, und begab
+sich, — mir in der gereizten Stimmung, die ihn während dieser Zeit
+stetig beherrschte, nur eine kühle, gute Nacht wünschend, — ebenfalls in
+seine Räume.
+
+Ich aber that nicht, wie ich vorgegeben hatte, sondern warf mich aufs
+Horchen, und sobald ich hörte, daß die Jungfer sich wieder aus Madames
+Gemächern entfernt, ich auch abgewartet, daß Frederik die Lichter im
+Flur und auf den Korridoren gelöscht hatte, entzündete ich eine
+Wachskerze, schritt an die Thür meiner Widersacherin und klopfte.
+
+Ein lebhaftes: „Wer ist da?“ erfolgte.
+
+„Ich, Lucile, bin's! Bitte, öffnen Sie!“ gab ich zurück.
+
+„Ah! Sie, liebe Gräfin! Ich komme gleich —“
+
+Und so geschah's. Ich fand sie halb angekleidet, forderte sie auf, mir
+Gehör zu schenken, und setzte mich alsbald ihr gegenüber. —
+
+Alles, was ich auf dem Herzen hatte, sagte ich, nicht gehässig, aber
+entschieden, klar und knapp. Ich betonte, was wir gewollt, was geworden,
+wie sie sich dazu verhalten habe, was sie ohne Zweifel beabsichtigte,
+wie sie meinen Gatten wieder umgarnen wolle und welche beleidigende
+Rolle gegen mich, und welche aussichtslose gegen ihre Tochter sie
+spiele. —
+
+Ich deckte ihr rücksichtslos ihr Inneres auf, baute ihr aber wiederum
+auch Brücken, indem ich sie durch ihre verlorene Jugend zu entschuldigen
+strebte.
+
+Aber ich nahm auch von der Thatsache, daß sie ihres Kindes Herz schon im
+Voraus verloren habe und es bei ihrer Veranlagung, ihren
+Lebensgewohnheiten und Anschauungen nie gewinnen werde, nichts zurück.
+Sodann bot ich ihr, vorher noch betonend, daß ich eher sie oder mich
+töten, als daß ich es — schon um der Kinder willen leiden werde —, daß
+mein Mann zu ihr zurückkehre, eine erhebliche Geldsumme für ihren
+Verzicht auf Imgjor und ihre Nimmerwiederkehr an.
+
+Noch zögerte sie, sie erging sich in einen Schwall von Worten, in denen
+sie sich als eine Heilige, und mich als eine ebenso klein Veranlagte,
+wie thöricht eifersüchtig Geartete hinzustellen suchte. Zuletzt aber,
+als ich ihr einen großen Teil des von mir in die Ehe gebrachten
+Vermögens anbot, unterlag sie ihrer Habgier. Die ungeheure Summe löschte
+alle wirklichen und komödienhaften Regungen in ihrer Seele wie mit einem
+Regenguß aus. Sie nahm auch die von mir als erforderlich hingestellten
+Nebenbedingungen ohne Einwand an. Ich erklärte, ihr die Hälfte gleich
+anweisen, den Rest aber, von dem ihr die Nutznießung der Zinsen werden
+solle, erst nach einer Prüfung von zehn Jahren auszahlen zu wollen. Wenn
+sie sich während dieser Zeit ein einzigesmal meinem Mann oder ihrer
+Tochter ohne meine Zustimmung wieder nähere, gehe sie desselben
+verlustig.
+
+Schon am nächsten Tage verließen wir zusammen Rankholm, und begaben uns
+nach der holsteinischen Stadt Rendsburg. Hier ließ ich nach genauer
+Information einen Rechtsanwalt einen Vertrag in französischer Sprache
+entwerfen, der alle Punkte feststellte, welche zwischen uns vereinbart
+waren.
+
+Nachdem dieser in zwei Exemplaren ausgefertigt war, unterschrieben wir
+ihn beide, reichten uns wie zwei kühle Geschäftsleute die Hand und
+fuhren am folgenden Morgen, — jeder den Abend allein im Hotel
+zubringend, — unseren verschiedenen Zielen zu.
+
+Sie reiste, selig befriedigt, ohne den geringsten Schmerz um ihr Kind,
+nach Paris zurück, und ich trat am Spätnachmittag meinem Manne in
+Rankholm wieder gegenüber.
+
+Ich fand zu meiner glücklichen Befriedigung keinen Zürnenden, sondern
+einen durchaus sanft Gestimmten. Er schloß mich unter der Versicherung
+seiner alten Empfindungen und seines schrankenlosen Dankes für mein
+energisches Verfahren zärtlich in die Arme, erklärte, daß er schon am
+Morgen nach Madames Abreise wieder zur Besinnung zurückgekehrt und jetzt
+förmlich wie erlöst sei.
+
+Der Zauber war gewichen. Geradezu dämonisch hatte sie ihn umstrickt. Als
+ein schwer Kranker war er in diesen Wochen umhergegangen, und als ein
+Neugeborener atmete er auf, als dieses ekle Parfüm, als dieses Girren
+und Werben, als diese auf seine Sinne berechnenden Künste auf ihn nicht
+mehr wirkten.
+
+So, lieber Graf, das ist in großen Zügen der Bericht, aus dem Sie
+ersehen werden, daß Menschen allezeit Menschen bleiben, irren, sich
+gegen ihre Freunde und die Verhältnisse auflehnen, sich aber wieder
+besinnen und je nach dem Wert ihres Ich einen zufriedenen Zustand
+zurückzugewinnen vermögen. Auch ich habe mir mein Glück suchen müssen,
+und ich habe es gefunden, weil ich das Gute erstrebte für ihn, Lavard,
+für das Kind, das ich wahrhaft liebte, und für mich selbst!
+
+Mein Schlußwort soll sein:
+
+Möchte es Ihnen nun gelingen, dieses treffliche, wenn auch zeitweise
+irregeleitete Mädchen heimzuführen, ihr das Glück zu verschaffen, was
+wir ihr alle sehnsüchtig wünschen!“
+
+Graf Dehn hatte mit außerordentlicher Spannung und mit steigender
+Bewunderung den Ausführungen der Gräfin zugehört. Als sie die letzten
+Worte gesprochen, beugte er sich auf ihre Hand herab und drückte einen
+Kuß darauf.
+
+„Ihnen, Frau Gräfin, nahe bleiben zu dürfen, ist fast so viel, wie der
+Wert, einer Imgjor Gatte zu werden —“ stieß er warmherzig heraus.
+
+Er suchte bei diesen Worten ihr Auge und sie gab ihm den Blick mit dem
+alten vertieften Ausdruck, der ihr eigen war, zurück.
+
+Und nun wußte er auch ihr Wesen zu deuten, das ihm so oft rätselhaft
+erschienen war. Die Erfahrungen des Lebens hatten ihr Vorsicht
+auferlegt. So empfing ihr Blick etwas Spürendes, ein Bestreben, das
+Innere ihrer Nebenmenschen erst zu durchdringen, bevor sie ihnen ihre
+Zuneigung und ihr Vertrauen schenkte.
+
+ * * * * *
+
+In einem Gehölz, das sich an den Rankholmer Park anlehnte, befand sich
+neben einer Höhe ein kleiner Thalkessel, und in diesem lag einsam,
+idyllisch, umschlossen von hohen, grünen Fichten auf der einen Seite,
+und umzingelt von Buchen, Eichen und dichtem Gebüsch auf der anderen,
+ein blauer, stiller See. Libellen umschwärmten ihn, und tausend andere,
+die Wonnen des Daseins genießende, geflügelte kleine Geschöpfe führten
+schwebende Tänze über seinem silberklaren Spiegel aus. Aber auch eine
+entzückende Flora hatte hier eine Heimstätte gefunden. Immer neue
+Gebilde und Farben entdeckte das Auge, und süße Düfte berauschten die
+Sinne derer, die sich auf den, an den Ufern befindlichen, mit zierlich
+durchbrochenen Rücksitzen versehenen Waldbänken niederließen.
+
+Zur Linken erhob sich ein hoher, von Epheu anmutig umsponnener
+Granitstein, auf dessen glatt polierter Fläche zahlreiche Namen in
+deutscher und lateinischer Schrift eingegraben waren, Namen, deren
+Inhaber sich hier auf diesem Platze im Laufe der Zeiten niedergelassen
+oder mit ihren Herzen gefunden hatten.
+
+Gleichsam ein Zauber zog die jeweiligen Bewohner des Schlosses hierher,
+und ein ähnlicher, heftiger Drang, der Drang nach Vereinsamung leitete
+auch die Schritte des Grafen Axel Dehn, der nun eben — es war um die
+Nachmittagsstunde — aus dem Gehölz hervortrat und sich einer der Bänke
+näherte. Seine Gedanken waren so ausschließlich auf einen Punkt
+gerichtet, daß er mit bewußten Sinnen keinen Eindruck in sich aufnahm,
+daß seine Augen alle die Schönheiten, die ihn umgaben, nur mechanisch
+aufsogen.
+
+Imgjor hatte sich angemeldet und war nun doch nicht gekommen, auch
+fehlte jede Nachricht von ihr. Den ganzen Mittag hatte sich das Gespräch
+darum gedreht, zulegt war man zu der Meinung gelangt, daß sie am Abend,
+den letzten Zug von Norden benutzend, eintreffen würde.
+
+Unerfüllte Sehnsucht macht krank. Von der Höhe der Erwartung
+herabgestürzt zu werden, völlig in Ungewißheit zu schweben, ist für die
+stärksten Naturen ein qualvoller Zustand.
+
+Um der grenzenlosen Unruhe leichter Herr zu werden, war Graf Dehn die
+Treppe zu Imgjors Zimmer hinaufgestiegen. Wie damals hing, obschon
+sorgsame Hände die Räume für die Kommende neuerdings in Stand gesetzt
+hatten, der Schlüssel an dem versteckten Haken hinter der Thür. Graf
+Dehn wagte ihn herabzunehmen und die Gemächer zu öffnen.
+
+Herbstsonnenschein ruhte auf all' den reizenden, unberührten
+Gegenständen, auf den Möbeln und zahlreichen Kleinigkeiten, den
+seidenbezogenen Sesseln, und den seidenen Vorhängen. Ein eigener Duft
+von eingeschlossener Luft und Blumen wirkte berauschend auf die Sinne,
+ein berückender Duft von Imgjors Wesen, einer, der ihren Kleidern meist
+entströmt war, haftete noch in den Räumen. Und zu Seiten standen die
+Flügelthüren zu demselben Gemach offen, in das sie damals ihren kranken
+Hund gebettet hatte. Graf Dehn richtete, sehnsüchtig angezogen, auch in
+dieses einen raschen Blick. Die Tapeten befanden aus rosendurchwirkter
+Seide, die Polsterstühle waren mit weißem Rips bezogen, und alle übrigen
+Möbel trugen eine blitzend weiße, mit zarten Goldlinien geschmückte
+Farbe.
+
+Das Heim einer Prinzessin, aber auch das Heim eines sinnereinen,
+weiblichen Wesens! Nur über dem Ruhelager eines solchen konnte so viel
+saubere, gleichsam unschuldige Schönheit ausgebreitet sein. Und daneben
+ein schlanker, von der Decke bis zur Erde reichender Spiegel in weißer
+Umrahmung und eine Toilette, umzingelt von Gardinen und Spitzen auf
+rosenfarbenem Hintergrunde. Und als Graf Dehn aus dem Fenster schaute,
+lag der Park und lag Kneedeholm vor ihm wie ein Paradies, und hinter
+ihnen blaute der Horizont, und über allem lag ein stillseliger Friede.
+
+War's möglich, daß irgend jemand, noch dazu ein junges, lebensfrohes
+Mädchen, das alles freiwillig aufgegeben hatte, um in schlaflosen
+Nächten neben in Schmerzen stöhnenden Kranken zu wachen, Wunden zu
+verbinden, in schmutzige Hütten zu kriechen, Arme und Elende zu pflegen,
+sich zu gemeinen Dienten zu erniedrigen und den Undank der Masse auf
+seine Schultern zu nehmen?
+
+Wonach Millionen mit den Händen begierig greifen würden, nach einem
+solchen Wohlleben, einer solchen Heimstätte, einer solchen Welt des
+Reichtums, der glücklichen Beschaulichkeit und erquicklichen
+Abwechslung, — das alles hatte sie mit ihrem selbstlosen Herzen als
+unnützen Tand von sich geworfen!
+
+Und doch liebte sie die Genüsse: die Natur, die Musik, die schönen
+Künste, doch saß sie beseeligt auf ihrem Renner und durchflog die
+Gegend, faßte, selbst kutschierend, die Zügel und durchmaß das
+Gutsgebiet mit seinen herrlichen Wäldern, Auen und Seen!
+
+„O, Imgjor, Imgjor, du rätselhafte Seele, du edles, nun doch betrogenes,
+aus dem Weltgetriebe verbittert und krank zurückkehrendes Herz!“
+
+Und niederknieend in diesen, für ihn heiligen Räumen, flüsterte der
+Mann: „Gieb ihr, gütiger Gott, ich flehe dich an, die Ruhe ihres Innern
+und ihre Gesundheit zurück! Schaffe ihr auch ein frohes Genügen hier,
+die Freude am Menschentum im Kleinen, die Einsicht, daß zwar der
+Vernunftbegabte den Sinn auf die Sterne richten, aber danach nicht
+thöricht greifen soll!“ —
+
+Während Graf Dehn jetzt hier auf der Bank saß und die Erinnerungen an
+die letzte Begegnung zwischen sich und Imgjor an seinem Geiste
+vorüberziehen ließ, überlegte er die Möglichkeit eines Erfolges seiner
+Werbung oder einer endgiltigen Enttäuschung.
+
+Imgjor Lavard war stillschweigend ausgesöhnt mit den Ihrigen. Alles
+wartete ihrer bis auf den Grafen Knut drunten im Dorf und den mit
+gewohnter Ehrerbietung und Dienstfertigkeit einherschreitenden Frederik.
+
+Die Vögel konnte keine Willkommenskonzerte anstimmen, sie waren schon
+gen Süden gezogen, aber die Lavardschen Fahnen wehten von den Zinnen,
+und von Oerebye war eine Kapelle bestellt, die Imgjor am ersten
+Frühmorgen vom Park aus durch sanfte Töne begrüßen sollte.
+
+Und kam sie nun als eine Geheilte, eine Sehnsüchtige, Friedensuchende,
+oder war doch wieder etwas in ihr aufgequollen, das sie mit der großen
+Welt in Verbindung hielt?! Niemand wußte es in Rankholm, und auch Graf
+Dehn wußte keine Schlüsse auf ihr Herz zu ziehen. —
+
+Langsam wanderte er nach dem Schloß zurück. Jetzt sah er, was um ihn her
+vorging.
+
+Als er aus dem Gehölz heraustrat und sich umblickte, ging die Sonne eben
+zur Rüste und warf solche zauberischen Lichter auf Wald, Wiesen und
+Felder, daß er wie gebannt stillstand. Vom Dorf her tönte das
+Kirchenglöcklein durch die Stille, fröhliches, einmaliges Hundegebell
+erklang, und auch das sehnsüchtige Brüllen nach Hause wandernder Rinder
+schlug an sein Ohr.
+
+Das waren die Laute des Landes!
+
+Erst um die Dämmerstunde gelangte er wieder in das Schloß.
+
+Als er das Innere betrat, war's ihm auffallend, daß Frederik und zwei
+der Diener an Gepäckstücken vor der großen Treppe beschäftigt waren und
+daß die Thür zur Halle offen stand. —
+
+„Wer ist's, Portier? Die Komtesse?“.
+
+„Ja! Zu Befehl, Herr Graf!“
+
+Axel flog die Stufen empor. Sie schon da und er nicht anwesend!
+
+Sturmschnell betrat er die Hintergemächer. Lautes Sprechen drang aus
+dem Kabinett der Gräfin, demselben, das er damals bei dem ersten Besuch
+mit klopfendem Herzen betreten hatte.
+
+Und wieder klopfte es heute aus anderen Gründen so ungestüm, daß ihm
+plötzlich die Kraft fehlte, jetzt, in diesem Augenblick — Imgjor
+gegenüberzutreten.
+
+Leise schlich er sich wieder aus dem Zimmer fort, eilte in seine
+Gemächer, riß die Fenster auf und holte tief, tief Atem.
+
+So verharrte er wohl zehn Minuten.
+
+Und dann hörte er Geräusch auf der Treppe, Luciles und Imgjors Stimmen,
+und dann sagte die letztere:
+
+„Nein, nein — danke, liebste Lucile! Ich habe ja alles; auch bei
+Kofferauspacken brauche ich keine Hilfe — in fünf Minuten bin ich wieder
+bei euch. — Lasse nur anrichten, daß Papa nicht länger zu warten
+braucht!“
+
+Und nun Schritte — ihre Schritte empor!
+
+Ah, wie ihm das Herz hämmerte, — wie die Glieder flogen, wie ihn alles
+zu ihr hintrieb!
+
+Und als sie dann im Begriff stand, den vor seinen Räumen sich dehnender
+Vorflur zu betreten, und nun eben emporeilen wollte, öffnete er die
+Thür, zog ihre Gewalt mit seinen sehnsüchtigen Augen an sich und —
+stürzte an ihr nieder.
+
+„Imgjor! Imgjor!“ bracht aus der heißarbeitenden Brust. Im Nu hatte er
+sie umschlungen und geleitete sie in sein Gemach.
+
+Und als sie dann dort einander in die Augen schauten und ihm die Worte:
+„Liebst du mich, Imgjor?“ aus der trunkenen Brust zitterten, da riß sie
+ihn an sich.
+
+„Ach — du fragst — teurer Mann! Hier, hier, dein Kind, deine Demut,
+deine bezwungene Liebe! Hier deine Imgjor, geheilt, zurückgegeben der
+Vernunft und dem, den sie liebte, trotz aller Auflehnung und aller
+Schroffheiten beim ersten Sehen!“
+
+Und der berauschte Mann stöhnte auf und zog das blasse, schöne Geschöpf
+an das Fenster.
+
+„Hier vor Gottes unvergänglicher Natur schwöre ich dir, daß ich dich zu
+beglücken suchen werde, wie kein Mann je ein Weib zuvor! Und ist's denn
+wirklich Wahrheit? Du bist es selbst, du kehrst bekehrt zurück, du,
+Imgjor Lavard?“
+
+„Ja, mein Freund! Bewahrheitet hat sich an mir des Dichters Wort:
+
+ Wie Ueberfüllung strenge Fasten zeugt,
+ So wird die Freiheit, ohne Maß gebraucht,
+ In Zwang verkehrt!
+
+Hier in diesem Eden der Schönheit und des Friedens, hier bei denen,
+deren hohen Wert ich erst durch die Erfahrungen und Vergleiche erkannte,
+wollen wir leben, wirken und streben, wollen wir uns — und anderen
+leben! Und nun küsse mich noch einmal, und dann will ich vor dir
+niederknieen und deine Hände voll Dank berühren, daß du einen solchen
+Reichtum an Nachsicht und Geduld mit deiner — deiner Imgjor gehabt!“
+
+Und sie that, nachdem er sie umschlungen, wie sie gesprochen, und dann
+hob er sie empor und trug sie auf den Armen zu ihren Gemächern empor. —
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Grevinde, by Hermann Heiberg
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12273 ***
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
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+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #12273 (https://www.gutenberg.org/ebooks/12273)
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--- /dev/null
+++ b/old/12273-0.txt
@@ -0,0 +1,8495 @@
+The Project Gutenberg EBook of Grevinde, by Hermann Heiberg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Grevinde
+
+Author: Hermann Heiberg
+
+Release Date: May 6, 2004 [EBook #12273]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GREVINDE ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+
+
+Grevinde
+
+Roman
+
+von Hermann Heiberg
+
+
+Berlin
+
+
+
+
+Endlich, nach langer, heißstaubiger Fahrt hielt die Postkutsche, und
+mit den rauh betonten Worten:
+
+„Hier geht's nach Schloß Rankholm —“ öffnete der Schwager den
+Wagenschlag und bedeutete einem darin sitzenden Herrn, daß er ansteigen
+müsse. Und während dieser, ein junger, vornehm ansehender Mann seiner
+Aufforderung folgte, wandte sich derselbe Postillon zu dem Gepäckkasten,
+riß des Reisenden Koffer heraus, stieß ihn unsanft auf den Erdboden und
+ließ ihn dort liegen.
+
+Und als der Fahrgast, Graf Axel Dehn, ein Wort über Wegrichtung und
+Weiterbeförderung seines Gepäcks hinwarf, setzte er statt zu antworten,
+die Finger an den Mund und ließ in der Richtung eines von Knicken
+eingefaßten Seitenweges dreimal hintereinander einen scharfschrillen
+Pfiff ertönen.
+
+Alsbald erschien ein alter, gebückt gehender Mann oben an der Biegung
+des Pfades, erhob mit phlegmatischer Bewegung die Hand zum Zeichen, daß
+er gehört habe, und näherte sich mit derselben Gemächlichkeit dem
+seiner Wartenden.
+
+„Denne Mand besorger alt —“ warf der sich nunmehr erst wieder zu Worten
+anfragende mundfaule Rosselenker hin, nickte obenhin und schritt mit
+einem mürrischen Ausdruck das ihm gebotene Trinkgeld wegsteckend, dem
+Wagen mit den beiden Braunen zu. Alsdann schwang er sich abermals auf
+den Bock und hieb, nunmehr taktmäßig mit der Peitsche ausholend, auf die
+dann auch rasch im Staub der Landstraße verschwindenden Gäule ein.
+
+„Wie weit ist's noch nach dem Schloß?“ warf Graf Dehn, während sich der
+Alte, nach ehrerbietiger Verneigung, den schweren Koffer auf die
+Schultern packte, hin.
+
+„Saa omtrent ti Minuter!“ (So ungefähr zehn Minuten) gab der Alte, in
+auffallend plattem Dänisch sprechend, zurück.
+
+Und dann setzen sie sich in Bewegung, und je mehr sie sich dem zwischen
+mächtigen Parkbäumen hervorschimmernden Rankholmer Schloß näherten,
+desto unfreier wurde dem jungen Fremden zu Mute.
+
+Schon als Knabe hatte er von seinen Eltern von dieser großen, dänischen
+Besitzung vernommen und jedesmal mit einem Gefühl der Beklemmung
+zugehört. So viel Absonderliches und Unheimliches hatte sich in den
+dunklen Prachtsälen, den verschwiegenen Kemenaten, den dickwandigen
+Turmzimmern und Fremdengemächern, aber auch auf den versteckten Treppen
+dieses seit Jahrhunderten bestehenden und allezeit in dem Besitz der
+Grafen Lavard befindlich gewesenen Schlosses abgespielt! Ein wild
+trotziges Geschlecht hatte dort gehaust, um Erbschaften, Geld und schöne
+Frauen Ränke geschmiedet und sich nicht selten ingrimmig angefeindet.
+
+Die Frau des nunmehrigen alleinigen Besitzers, des Grafen Lavard, war
+eine Französin aus vornehmem Geschlecht! Er hatte die sehr begüterte
+Vikomtesse von Verdeuil bei seiner Anwesenheit in Paris auf einem Balle
+beim dänischen Gesandten vor zwanzig Jahren als fünfzehnjähriges Mädchen
+kennen gelernt, und sie war ihm, mit einem schwermütigem Verzicht auf
+die unvergleichbaren Reize ihrer Heimat, hierher in die einsame
+nordische Welt gefolgt.
+
+Lavards besaßen zwei Töchter, Imgjor und Lucile, von denen sich die
+erstere, etwas ältere, zur Zeit auf Rankholm aufhielt, während sich
+Lucile gegenwärtig auf Reisen befand.
+
+Graf Dehns Vater und Graf Lavard hatten einst zusammen bei den dänischen
+Dragonern in Kopenhagen gestanden, aber ihren Abschied genommen, nachdem
+sie beide gelegentlich einer Urlaubsreise die ihren Augen und Herzen
+genehmen Frauen gefunden.
+
+Graf Dehn war eine Ehe mit einer Baronesse von Berg eingegangen. Mit ihr
+hatte er reiche Güter in der Lausitz geerbt und war infolgedessen nicht
+nur aus dem dänischen Unterthanenverbande ausgeschieden, sondern auch
+dorthin übergesiedelt. Immer waren jedoch die beiden Freunde in
+Verbindung geblieben, und nun eben ging der junge Graf Axel von Dehn,
+der einzige Nachkomme dieser Familie, nach Rankholm zur Brautschau. —
+Mitten in der Einsamkeit lag das mächtige Schloß. Nur ein zu der
+Herrschaft gehörendes, in einer Thalmulde malerisch hingestrecktes Dorf,
+mit Namen Kneedeholm, teilte diese stille Abgeschlossenheit von der Welt
+und der großen Heerstraße.
+
+Noch bevor die beiden Wanderer in die zu dem Schloß führende Allee
+eintraten, nahm Graf Dehn das Wort und richtete einige Fragen an seinen
+Führer. Und da er's geschickt begann, empfing er, wenn auch knappe, doch
+allerlei für ihn wertvolle Mitteilungen aus dem Munde des Alten.
+
+Und unter solchen lebhaften Reden gelangten sie dann an das Kastell, das
+seine Front einem mächtigen, freien Platz zuwandte.
+
+Da aber dieser und das Gebäude ringsum von hohen, laubreichen Bäumen und
+dichtem Gebüsch umschlossen waren, erschien's dem Auge, als ob Rankholm
+— wie ein Dornröschenschloß — mitten in einem Walde liege.
+
+Freilich war's anders! Aus den Hinterfenstern schaute man durch den zu
+solchem Zwecke gelichteten Park ins Thal hinab, und da lag in
+malerischer Schönheit und in solcher Nähe, daß man bei hellem Wetter die
+Häuser, Wege und Menschen aus den Schloßfenstern genau zu erkennen
+vermochte, das Dorf Kneedeholm mit seiner schlanken Kirche, seinen
+reichen Bauerhäusern und einem alten romantisch gebauten Jagdschloß vor
+einem.
+
+Einen überwältigenden Eindruck empfing Graf Dehn, als er nach
+Ueberschreiten der Schloßbrücke, die auf einen peinlich sauber
+gepflasterten Vorhof führte, durch das mächtige, von zwei Steinernen
+Löwen flankierte Portal in das Innere eintrat.
+
+Er befand sich auf einem großen, in der Mitte durch einen sprudelnden
+Neptunbrunnen geschmückten und von den Mauern des stolzen Gebäudes
+eingeschlossenen Innenhof.
+
+Zu Seiten einer im Mittelbau befindlichen, mit dem Wappen der Grafen
+Lavard gezierten Rampe — eine Faust, die einen Dolch hielt, zückte ihn
+gegen einen sich wild anlehnenden Geier — strebten mächtige Säulen
+empor.
+
+Auf ihnen erhoben sich Marmorgestalten aus der Antike, und zu ihren
+Füßen streckten zwei Tiger aus Bronze ihre Leiber und Tatzen aufs
+Pflaster aus.
+
+Und zwischen diesen mit Vorsprungtürmen, zahlreichen hohen
+Eingangspforten, bogenförmigen, von Epheu und Schlinggewächsen
+umzingelten Fenstern und Altanen geschmückten Mauerwänden herrschte eine
+lautlose, gleichsam furchterregende Stille. Sie wurde nur jetzt
+unterbrochen durch das Geräusch einer sich öffnenden Thür im
+Portierhause, der sich der Alte soeben genähert hatte, um den Gast beim
+Pförtner anzumelden.
+
+Nachdem das geschehen, verabschiedete er sich, nach Empfang eines
+reichlich bemessenen Trinkgeldes, mit still verbindlicher Miene, und der
+Pförtner, ein ebenfalls gebückt einhergehender Alter, stellte sich
+entblößten Hauptes vor dem Fremden auf und zog, nachdem er gehört, wer
+er sei, wiederholt kräftig an einer Schelle.
+
+Laut und zudringlich, ja, schreckhaft tönte sie über den einsamen Hof,
+und im Nu erschien der Haushofmeister in einem schwarzen Frack oben auf
+der Schloßtreppe, eilte die Stufen hinab und geleitete den Grafen mit
+einer Ehrerbietung, wie sie nur Königen dargebracht zu werden pflegt, in
+das Schloß.
+
+„Nein, es ist kein Brief eingetroffen, sonst würde jedenfalls Fuhrwerk
+am Bahnhof oder am Wege gewesen und ohne Zweifel der Herr Graf selbst
+zum Empfang des gnädigen Herrn, der schon seit mehreren Tagen erwartet
+wurde, erschienen sein,“ erklärte der Haushofmeister Frederik, als
+welcher er sich, unter bescheidener Verneigung, dem Grafen vorstellte.
+
+Und der Graf sei nicht zu Hause, auch die Komtesse Imgjor sei nicht
+anwesend. Aber die gnädige Frau befänden sich in ihren Gemächern. Er
+bitte, daß der gnädige Herr geruhen möge, in seine Zimmer einzutreten,
+er werde inzwischen dessen Ankunft der Herrschaft zu melden sich
+beeilen.
+
+Unter solchen Erklärungen schritt der Haushofmeister, ein hagerer Mann
+mit grauschwarz meliertem Haar und ernsten, überaus vertrauenerweckenden
+Mienen, neben dem Grafen Dehn die große Freitreppe im Innern empor und
+führte ihn hinten links durch einen durch zahlreiche Familiengemälde
+etwas verdunkelten, hohen und langen Korridor. Am Ende desselben
+befanden sich die für den Gast bestimmten Räume.
+
+Und gleichzeitig erschienen auch schon zwei rotlivrierte Lakaien und
+luden des Grafen Gepäck ab, und nachdem dies geschehen, entfernte sich
+Frederik unter ehrerbietiger Verneigung.
+
+Die Gemächer waren ebenso reich, wie geschmackvoll und bequem
+eingerichtet.
+
+Blaue, venetianische Seidentapeten bedeckten die Wände, helle,
+sanftgeblümte Fußteppiche den Fußboden und dunkle Möbel fesselten das
+Auge.
+
+Auch boten die Räume einen Ausblick auf die Gärten, den Park und das
+Dorf, das gleich einem Zauberbilde in dieses entzückende Tableau hinein
+geschoben schien.
+
+Nach einer Viertelstunde, nach Auspacken und Ordnen der Toilette,
+erschien auch schon Frederik wieder, verbeugte sich mit der ihm eigenen
+natürlichen Würde und meldete, daß die gnädige Frau sehr glücklich sei,
+den Herrn Grafen empfangen zu dürfen. Sie würde schon gleich diese
+Botschaft gesandt haben, wenn sie nicht geglaubt hätte, daß ihm eine
+Pause der Erholung angenehm sein werde.
+
+Sie durchschritten denselben Korridor, machten einen kurzen Halt auf dem
+mit mächtigen Jagdbildern geschmückten, in weißem Marmor getäfelten Flur
+und nahmen den Weg durch einen großen, mit grünseidenen Tapeten,
+schmalen, hohen Spiegeln und seidenen Polstermöbeln ausgestatteten Saal.
+
+Und nachdem sie diesen verlassen und noch zwei daranstoßende
+Prunkgemächer durchmessen, traten sie in einen kleineren Gartensalon,
+der mit verschwenderischer Pracht eingerichtet war. An diesen stieß
+wieder ein zweifenstriges Kabinett, und in ihm lag, umgeben von
+französischen Möbeln, blühenden Blumen, Statuetten und Bequemlichkeiten,
+auf einem hellen, seidenbezogenen Divan die Gräfin Lucile Lavard.
+
+Sie hatte braunes Haar, braune Augen und ebensolche Wimpern. Ueber einer
+geschmeidigen Figur hob sich eine volle Büste, und die Formen und die
+Linien ihres Körpers zeigten überhaupt jene üppigeren Reize, durch die
+sich die gesättigte Fülle einer verheirateten Frau von der sprossenden
+Schönheit junger Mädchen unterscheidet.
+
+Als sie des Grafen ansichtig wurde, erhob sie sich mit dem ruhig
+ausgeglichenen Wesen einer Huldigungen gewohnten Frau, und reichte ihm
+gleichzeitig mit einem so bezaubernden Ausdruck und einem so
+bestrickenden Lächeln die Hand, daß sich der sympathische Eindruck ihres
+jede Wirkung verschmähenden, liebenswürdig einfachen Wesens nur noch
+erhöhte.
+
+„Ich bin wirklich sehr unglücklich, daß niemand zu Ihrem Empfange da
+war, lieber Herr Graf —“ stieß sie heraus. „Aber Sie haben schon von
+Frederik gehört, daß wir wirklich nicht schuld sind. Lassen Sie mich in
+jedem Falle hoffen, daß sich die Ihnen dadurch gewordenen ungünstigen
+Eindrücke inzwischen bereits wieder verwischt haben!“
+
+Freilich trat nach diesen Einleitungsworten ein anderer Ausdruck in ihre
+Züge, ein abwartender, etwas forschender.
+
+Auch sprach sie, nachdem er ihr geantwortet, auch kavaliermäßig den Arm
+geboten und sie gebeten hatte, die frühere bequeme Lage wieder
+einzunehmen, fast ein wenig schroff:
+
+„Nein, nein, ich danke! Ich habe genug geruht. Auch möchte ich mich nach
+Ihren Wünschen erkundigen. Sie werden flau sein, lieber Herr Graf. Wir
+speisen erst in einigen Stunden. Darf ich Ihnen nicht irgend etwas
+anbieten? Vielleicht nehmen Sie ein wenig alten Portwein und scharfen
+Käse?“
+
+Und als Graf Dehn erklärte, keinen Hunger zu haben, hörte sie nicht
+einmal hin, zog vielmehr an einer breiten, seidenen Glockenschnur und
+hieß einem sogleich durch die Korridorthür eintretenden Diener das von
+ihr Erwähnte bringen.
+
+„Es ist besser, Sie genießen etwas, lieber Herr Graf. Die Zunge wird
+freier, das Gemüt belebter, wenn man eine gewisse Nüchternheit verbannt.
+Ich möchte, daß Sie sich gleich heimisch, behaglich fühlen. Ich kenne
+die Indisposition nach einer Reise. Niemals ist eine Erfrischung
+angebrachter —“
+
+„Schon Ihre wenigen gütigen Worte haben alles Unbehagliche verscheucht,
+gnädigste Gräfin. In der That, man kann liebenswürdiger, herzlicher
+nicht empfangen werden. Mir ist, als ob ich schon jahrelang das Glück
+gehabt hätte, Sie zu kennen —“
+
+„Ich freue mich, daß Sie so sprechen, Graf Dehn. Aber mit derselben
+Offenheit: Sie gehören zu jenen Menschen, bei deren Anblick man den
+Eindruck empfängt, man könne nie enttäuscht werden, bei welcher
+Gelegenheit man immer die Hand nach Ihnen ausstreckt. Werden Sie nicht
+sehr geliebt von Ihrer Umgebung, von Ihren Freunden — von den Frauen?
+Gewiß, gewiß, Sie sind ein Sonnenkind! Und hoffen wir, daß wir noch weit
+engere Freundschaft schließen —“ fügte sie mit einer Anspielung auf die
+Zwecke seines Kommens hinzu und lud ihn zugleich durch eine
+liebenswürdige Geste ein, sich des inzwischen gebrachten Frühstücks zu
+bedienen.
+
+„Bringen Sie auch Champagner und die Florentiner Krystallgläser! Vite!“
+befahl sie dem Diener, ließ sich neben dem Grafen nieder, schenkte ihm
+ein und goß sich, als nach wenigen Minuten Champagner erschien, selbst
+das kühl sprudelnde Getränk in das ungewöhnlich geformte, unten und oben
+schmale, in der Mitte sanft ausgebogene und hier hellgold, sonst aber
+krystallhell schimmernde Glas und setzte es an die Lippen.
+
+Aber auch Axels Glas hatte sie gefüllt, und als sie das ihrige abermals
+voll gegossen, stieß sie mit ihm an und sagte:
+
+„Nehmen wir uns vor, daß wir die kommenden Tage besonders vergnügt
+zusammen verleben wollen. An mir soll's nicht fehlen, lieber Graf.
+Rankholm ist sehr schön, aber die Einsamkeit tötet doch bisweilen die
+Lebensgeister. Es ist eine wahre Wohlthat, wenn uns jemand besucht. Die
+ländliche Bevölkerung gleicht einer Familie von Schnecken. Auch die
+meisten Gebildeten haben Bleikugeln in ihren Seelen, Köpfen und Beinen.
+Natürlich, ich habe Dienstboten, die Feuerwerkskörper in sich bergen. —
+Sie werden nichts von der Langsamkeit der Jüten bei ihnen finden.
+Anfangs versuchte ich es mit hiesigen, aber gab's bald auf. Brave
+Menschen, ehrlich, gutherzig, aber strafbar phlegmatisch und von einem
+Trotz, wenn sie einmal ihren Kopf aussetzen, der an Starrheit grenzt.
+Ach, lieber Graf, wie ist das Dasein zu ertragen, wenn man es so
+ernsthaft nimmt, wenn man immer daran denkt, was kommt darnach, statt
+die Lebenslust zu pflegen, sich für sie geistig und körperlichen
+schmücken!“
+
+„Es fehlt den meisten leider dazu die Veranlagung, Frau Gräfin. Besäße
+die Welt Ihr Temperament, Ihre Gesundheit, Ihre Schönheit und Ihren
+Reichtum, würde sie schon Ihren Lehren folgen. — Zum Leben im feineren
+Sinne gehört wenigstens Geist und Temperament: die besitzen nur
+Auserwählte.“
+
+„Ich freue mich, daß Sie nicht, wie alle, lediglich die günstigen
+materiellen Verhältnisse als Bedingung hervorheben. Es beweist eine
+geringe Erfahrung und wenig Erhabenheit des Geistes, wenn man vermeint,
+es könne uns der durch den Reichtum herbeigeführte Genuß mit dem Dasein
+versöhnen. Ich möchte das Gegenteil behaupten. Man muß etwas entbehren,
+man muß noch etwas Verlangen und Sehnsucht empfinden, nicht nach dem
+Unbestimmten, das nie Erfüllung findet, sondern nach den kleinen
+Freuden, die uns durch die Natur, durch Eindrücke, durch den Verkehr mit
+Menschen, durch Thätigkeit, durch unsere behaglichen Reflexionen, unsere
+Wünsche und Erwartungen, endlich auch durch die Fähigkeit werden, immer
+eine stille Hoffnung in unseren Herzen zu pflegen —“
+
+Und als Graf Dehn, der diesen Ausführungen mit starker Beipflichtung
+zugenickt hatte, bei den letzten Worten fragend das Auge erhob, schloß
+die Gräfin:
+
+„Ja, es ist die Wahrheit: Wir können ohne irgend eine stete, starke
+Hoffnung nicht glücklich sein.“
+
+Sie wurden in ihrem Gespräch unterbrochen, weil plötzlich in der nach
+dem Korridor führenden Thür die Gestalt eines jungen Mädchens erschien.
+
+Der Ausdruck in ihren Zügen war gemessen, aber eine solche Fülle zarter
+Schönheit war über ihrem ganzen Wesen ausgegossen, daß der Gedanke
+emporstieg, hier habe die Natur alles zusammengemischt, was sie nur
+immer einem lebendigen Geschöpf an Bevorzugungen zu verleihen vermöge.
+
+Trotz der fröhlichen Jahreszeit war sie schwarz gekleidet; auch ein
+dunkler Spitzenschleier umhüllte ihren von rotbraunen Haaren umflossenen
+Kopf, und rasch zog sie die Umhüllung von diesem herab.
+
+Nach der durch die Gräfin herbeigeführten Vorstellung, verschönte
+vorübergehend ein freundlicher Ausdruck ihren reizend geschnittenen
+Mund, dem zwar ebenso rasch wieder ein solcher stolzer Kälte wich. Auch
+wandte sie sich nach einigen, flüchtig an ihre Mutter gerichteten Worten
+und nach einer steif gemessenen Verneigung gegen den Gast, derselben
+Thür, durch die sie eingetreten, wieder zu und war seinen Augen
+entschwunden, bevor er sich noch von der bezwingenden Gewalt des
+Eindrucks ihrer Erscheinung zu lösen vermochte.
+
+Und seltsam! Die Gräfin gab zu diesem ausfallenden Verhalten keine
+Erklärung.
+
+Sie sah nur Graf Dehn mit einem eigentümlich forschenden Blick an und
+zog, als er zu einer Frage anheben wollte, mit einer Miene die
+Schultern, als ob sie ihm durch diese stumme Geberde eine Antwort
+erteilen, ihn aber zugleich ersuchen wollte, sich mit dieser Erwiderung
+zu begnügen.
+
+Sie erhob sich jedoch nunmehr und sagte:
+
+„Trinken wir das letzte Glas, lieber Graf, auf die Erfüllung unserer
+Hoffnungen, gleichviel, welche sie sein mögen. Und nun, ich bitte,
+kommen Sie, Sie müssen unseren Garten und unseren Park bewundern —“
+
+Und nachdem auf ihr Zeichen ein Kammermädchen erschienen war und beider
+Garderobe gebracht hatte, schritt sie ihm, einen weißseidenen
+Sonnenschirm über sich, seidengraue, bis über die Arme fallende
+Handschuhe an den Händen und ein grauseidenes, zartes Tuch mit langen,
+schneeweißen Seidenfranzen um die Schultern geschlungen, von dem
+hochgelegenen freien Balkon herab in den Garten voran. —
+
+Noch vor Tisch erschien Graf Lavard in Axels Gemächern. Er klopfte kurz
+und stark an die Thür, trat mit einem gleichsam von ihm ausstrahlenden
+Freimut auf den Sohn seines besten Jugendfreundes zu, sah ihm
+liebenswürdig in die Augen und schüttelte ihm mit jener lebhaft
+höflichen Herzlichkeit die Hand, welche den Dänen und den Franzosen
+gemeinsam eigen ist.
+
+Er bot eine überaus vornehme, aber auffallende Erscheinung. Auf einem
+geschmeidigen, noch jugendlichen Körper saß ein mit weißem Haar
+bedeckter, kurzglatt geschorener Kopf, auch der Schnurrbart war weiß,
+während die Farbe des Angesichts nicht spurenweise, wie bei anderen
+Menschen, gerötete Farben, sondern ein über und über gesund gerötetes,
+feuriges Kolorit zeigte. Und alles, was er trug und wie er's trug, paßte
+zu seiner Persönlichkeit. Ueber Lackstiefeln saßen kreideweiße
+Gamaschen, auch die Weste war aus weißem Stoff, während den übrigen
+Körper ein loser, grauer, sogenannter englischer Anzug umschloß. In der
+That, ein schönes, vornehmes Geschlecht, diese Lavards! Graf Dehn fühlte
+sich fast ein wenig herabgedrückt neben diesen überall von den
+Erscheinungen ungewöhnlichen Reichtums umgebenen Menschen.
+
+„Ich habe,“ hub er an, „meinen Freund den alten Grafen Knut, und den
+Doktor unten aus unserm Dorf Kneedeholm zu Tisch geladen. — Ist Ihnen
+hoffentlich nicht unangenehm, lieber Graf Dehn?
+
+O nein, o nein, ich weiß! Gleich am ersten Tage mag man nicht gleich von
+zu vielen Eindrücken bestürmt werden. Haben Sie Imgjor schon gesehen? —
+So — so — Hm vortrefflich! — Ich sprach meine Frau nur flüchtig. Also,
+auf Wiedersehen in einer Viertelstunde!“
+
+Und dann ging er, Axel warmherzig zunickend, und dieser, die Brust voll
+von unruhigen Erwartungen blieb allein. —
+
+Das Speisegemach in Rankholm lag zu Seiten des großen Empfangssalons,
+welcher wegen seiner Spiegelwände der Spiegelsaal genannt wurde. Als
+Axel von dem in einem tadellosen Frack und weißer Binde steckenden
+Frederik zunächst in den ersteren geleitet wurde, fand er die
+Herrschaften schon versammelt.
+
+Die Gräfin, die ihm gleich liebenswürdig zunickte, befand sich in einem
+Gespräch mit dem Grafen Knut, einem kleinen, starken, beweglichen Herrn
+mit hinkendem Bein und tiefer Schmarre in dem sehr ausdrucksvollen,
+dänisch geschnittenen Gesicht.
+
+Graf Lavard unterhielt sich dagegen mit dem jungen Doktor Prestö, einem
+Mann, der wie ein Korpsbursch aussah und durch die dunklen Farben seines
+Angesichts und durch das tiefe Schwarz seines Haares eher einem
+Italiener, als einem Bewohner des Nordens glich.
+
+Imgjor endlich stand vor einem großen, reich vergoldeten Käfig und
+beschäftigte sich mit einem prachtvollen, buntgefiederten Papagei, den
+sie zärtlich verhätschelte und der auch ihr sehr zugethan zu sein
+schien.
+
+Sogleich fand die allgemeine Vorstellung und ein lebhafter Wortaustausch
+zwischen Axel und dem Grafen Knut statt, und nur Imgjor blieb nach steif
+formeller Verneigung neben dem Bauer stehen und trat erst von diesem
+zurück, als Frederik die Flügelthüren zu dem Speisegemach und der dort
+aufgehellten, in Krystall und Silber strahlenden Tafel aufstieß.
+
+Graf Knut führte die Gräfin, der Graf gab einer noch eben
+hinzugetretenen, als Imgjors Lehrerin vorgestellten, älteren Hausdame
+den Arm, und Axel erhielt seinen Platz zwischen Imgjor und dem Doktor
+Prestö, in der Art, daß er und die übrigen, mit Ausnahme von Imgjor, für
+die an dem unteren Ende der Tafel ein Kouvert gedeckt war, einander
+gegenübersaßen.
+
+Das Gespräch wurde zunächst so ausschließlich von der Gräfin in Anspruch
+genommen, daß die anderen zu einer Einzelkonversation keine Gelegenheit
+fanden. Erst später gelang es Axel, sich mit Imgjor zu beschäftigen und
+mit dem Doktor eine Unterhaltung anzuknüpfen. Allerdings zeigte dieser
+eine ähnliche unhöfliche Zürückhaltung wie Imgjor.
+
+Es giebt junge Leute, die ohne ein zu Tage tretendes Bestreben, sich
+vordrängen zu wollen, mit einer Geschlossenheit und Sicherheit des
+Wesens auftreten, als ob alle Geheim- und Weisheitsbücher der Welt schon
+vor ihnen aufschlagen gewesen seien. Ein solcher Mensch war der Doktor.
+Er gab sich Axel gegenüber sehr unbiegsam und nichts weniger als
+zuvorkommend. Von seinem mit bürgerlichem Hochmut gepaarten Selbstgefühl
+wurde Axel in solcher Weise abgestoßen, daß er es sehr bald ablehnte,
+seinen Nachbar überhaupt noch zu beachten. Er redete ihn nicht mehr an
+und hörte auch nicht mehr zu, wenn jener sprach. Allerdings kehrte
+Prestö auch eine ziemlich unpersönliche Art gegen Imgjor hervor. Er
+sprach zwar sehr viel mit ihr, aber über Gegenstände, die sonst nur
+zwischen Männern erörtert werden. Er machte ihr in keiner Weise den Hof,
+legte vielmehr an den Tag, daß ein Prestö gerade so viel Beachtung in
+der Welt verdiene und dasselbe Recht auf Selbstgefühl besitze, wie die
+Familie Lavard auf Schloß Rankholm. Und Imgjor hörte ihm zu, als ob ein
+Evangelium von seinen Lippen flösse; sie richtete ihre Augen und
+Gedanken so ausschließlich auf ihn und wich Axel so geflissentlich aus,
+daß dieser zuletzt wie ein Freitischschüler neben ihnen saß.
+
+Allerdings hielt das nicht lange an. Graf Dehn verband mit Geist und
+sehr großer Gewandtheit eine starke Initiative, und sie und seine
+Menschenkenntnis gaben ihm stets die Mittel an die Hand, sich, wenn er
+es wollte, zum Herrn der Situation zu machen. Und so geschah's auch
+heute.
+
+Im Nu wußte er an der anderen Seite des Tisches das Gespräch an sich zu
+ziehen und entwickelte einen so anziehenden, von den Beifallsbezeugungen
+jener begleiteten Redefluß, daß auch Prestö und Imgjor zum Zuhören
+gezwungen wurden.
+
+Er erzählte mit packendem Humor von einer Jagd in der Lausitz und
+charakterisierte die Personen, die dabei zugegen gewesen, mit solcher
+Meisterschaft, daß ihm Graf Lavard und Graf Knut unter lebhaftem
+Gelächter und mit sehr beifälligen Mienen zutranken.
+
+Aber Axel benutzte auch diese Gelegenheit, um dem Doktor Prestö einen
+Denkzettel zu geben.
+
+Indem er Prestö lediglich einen anderen Namen beilegte, entwarf er ein
+so sprechendes Bild von dessen äußeren Erscheinung, seinem Auftreten und
+Wesen und führte solche Kolbenschläge gegen dessen Ueberhebung und
+Erziehungsmangel, daß die Hausdame, Fräulein Merville, die offenbar
+Axels Abneigung gegen Prestö teilte, zunächst mit einem Ausdruck
+höchsten Erschreckens, dann aber mit einem solchen höchster Befriedigung
+die Lippen verzog.
+
+Nicht weniger schien die Gräfin durch diese Abfertigung angemutet.
+Nachdem sie anfangs mit einer Miene des Zweifels, ob die Betreibung nur
+zufällig auf Prestö passe oder ob Axel jenen bewußt charakterisiere,
+zugehört, erschien in der Folge etwas in ihren Zügen, das Axel nicht nur
+über ihre Meinungen bezüglich Prestös belehrte, sondern die auch sagten,
+daß sie ihm deshalb durchaus nicht gram sei.
+
+Anders aber Imgjor, in der es sichtlich vor Aufregung kochte.
+
+Ganz abweichend von ihrer bisherigen stummen Gleichgültigkeit gegen die
+Vorgänge ihrer Umgebung, brach sie das Schweigen und mischte sich
+in das Gespräch, indem sie nicht nur spöttisch Zweifel an der
+Wahrscheinlichkeit der von Axel erzählten Vorgänge äußerte, sondern auch
+zum offenen Angriff vorging. „Die Personen, die Sie uns schilderten,
+Herr Graf, sind, wie ich es garnicht bezweifle, wirklich lebende
+Menschen, und Sie erreichen Ihren Zweck, zu beweisen, daß Sie scharf zu
+beobachten verstehen. Aber Sie beweisen auch, daß Sie besser in fremde
+Spiegel zu schauen vermögen, als in den eigenen. Letzterer schafft
+nachsichtige Urteile. Diejenigen, die sich anmaßen, über andere den Stab
+zu brechen, vergessen allzu oft bei ihren Vorträgen, daß sich den
+Zuhörern eine nicht zu ihrem Vorteil ausfallende Betrachtung über ihre
+Einseitigkeit aufdrängt —“
+
+„Sie haben vollkommen recht, gnädigste Komtesse —“ entgegnete Axel auf
+diese herausfordernde Rede mit vollendeter Höflichkeit. „Nur glaube ich,
+daß ich diese Unvollkommenheit, oder, wie Sie liebenswürdig äußern,
+diese Einseitigkeit, mit fast allen meinen Mitbrüdern und Mitschwestern
+teile. — Nur eine Ausnahme giebt's — ich spreche nicht, um Komplimente
+zu sagen, gnädigste Komtesse — und diese fand ich hier auf Schloß
+Rankholm. Sie sind's! Sie geben jedem, was ihm zukommt und gelangen
+sicher stets zu gerechten, wenn auch nicht immer völlig milde klingenden
+Richtersprüchen!“
+
+Der Eindruck dieser Rede war ein sehr verschiedener.
+
+Imgjors Wangen bedeckten sich mit der Blässe des Zorns. Die schwarzen
+Augen in ihrem bleichen Angesicht mit dem braunrötlichen Haar funkelten
+unheimlich. Der Doktor aber, zugleich erregt an einem Brotkügelchen
+knetend, riß den Mund jähzornig zur Seite. Die anderen standen vorläufig
+noch unter dem Eindruck, daß es sich vielmehr um eine scharf zugespitzte
+Neckerei handelte, als daß jene sich bekämpfen wollten.
+
+Der Graf äußerte sich auch in diesem Sinne, indem er hinwarf:
+
+„So, Imgjor! Nun weißt du, aus welchen Himmelshöhen du zu uns
+hinabgestiegen bist. Werde noch etwas milder und du kannst einst als
+Heilige verehrt werden!“
+
+Und die Gräfin warf Axel einen ihrer forschenden Blicke zu, einen jener,
+durch den sie zugleich verriet, daß ihr Interesse für Axel sich immer
+mehr steigerte.
+
+Wie sehr übrigens diese Zurückweisung Imgjor getroffen hatte, bewies ihr
+ferneres Verhalten bei Tisch. Sie hörte zwar auch ferner dem zu, was ihr
+der Doktor vortrug, aber ihre Gedanken waren offenbar nur halb oder gar
+nicht bei der Sache. Sie sann sichtlich über einen Racheakt nach und
+mußte doch ihren heißen Drang bezähmen, weil sie Axel auf diese höfliche
+Abfertigung nicht beizukommen vermochte.
+
+Aber nicht ein einziges Mal richtete sie das Antlitz ihm zu, und ebenso
+verharrte der Doktor in einer feindselig stummen Abwehr. Axel wußte sich
+auch in der Folge lediglich den übrigen zuzuwenden, blieb bis zum
+Tafelschluß in einer lebhaften Konversation mit jenen und entging
+dadurch der Pflicht, Höflichkeitsakte gegen Imgjor zu üben, und irgend
+welche Notiz von seinem Gegenüber zu nehmen.
+
+Nach Tisch empfahl sich der Doktor, indem er Krankenbesuche vorschützte,
+und auch Imgjor verschwand. Erst beim Thee, den sie zu bereiten hatte,
+erschien sie wieder.
+
+Sie hatte aus irgend einer Laune nunmehr wieder ein schwarzes Kleid
+angelegt und sah in diesem mit ihrem bleichen, kaltstummen Gesicht wie
+eine trotzige Büßerin aus.
+
+„Wo warst du, Imgjor?“ forschte die Gräfin, die mit den drei Herren nach
+Tisch einen Spaziergang im Park unternommen, später eine Partie Boston
+gespielt und diese jetzt eben beendigt hatte.
+
+„Ich bin nach Mönkegjor durch den Wald geritten —“ gab Imgjor kurz
+zurück.
+
+Als sich Axel noch vor dem Schlafengehen und allgemeinen Aufbruch Imgjor
+näherte — sie saß mit einem Buch für sich in einer durch eine Hängelampe
+erleuchteten Ecke des Kabinetts — und sie fragte, welche Lektüre sie so
+sehr beschäftige, entgegnete sie tonlos und ohne seinen auf das Buch
+gerichteten Bewegungen zu entsprechen und es ihm zur Prüfung anzubieten:
+
+„Ich lese Geist in der Natur von Oersted —“
+
+„Und eine so schwere Lektüre fesselt Sie?“
+
+„Mich fesselt alles, was mich über die einseitige Enge des Daseins zu
+erheben vermag!“
+
+„Sie betonen Ihre Worte so stark! Haben Sie bereits so unerfreuliche
+Erfahrungen gemacht, Komtesse?“
+
+Aber sie gab auf diese Frage keine Antwort. Sie zuckte nur die Achseln.
+— Aber deshalb trieb's ihn, die Schranke gewaltsam zu durchbrechen, die
+sie trennte.
+
+Sanft sprechend, sagte er:
+
+„Ich würde gern Ihre Freundschaft erringen, Komtesse! Aber Sie weichen
+mir schroff aus, Sie gebrauchen sogar Waffen gegen mich. Ich sinne über
+die Gründe nach, die Sie so handeln lassen. Giebt's keinen Weg, der uns
+zusammenführen könnte?“
+
+Aber was er erhoffte, ward ihm nicht.
+
+Indem sie ihn kalt und unbeugsam anblickte, sagte sie kurz und hart im
+Ton:
+
+„Nein, keinen, Graf Dehn!“
+
+Nach diesen Worten benutzte sie einen Anruf von Fräulein Merville,
+machte eine kühl entschuldigende Geste, stand auf und entfernte sich
+rasch.
+
+Er aber schaute ihr nach, umfing mit seinen Blicken ihre Psychegestalt,
+seufzte auf und trat zu den übrigen zurück.
+
+Die Herren waren eben im Nebenzimmer beschäftigt, die Gräfin aber, die
+zu einer Handarbeit gegriffen, erhob bei seiner Annäherung den Kopf und
+sagte mit liebenswürdiger Milde:
+
+„Ja, leicht ist, lieber Graf, diese Festung nicht zu nehmen. Wären wir
+beide in gleichem Alter, wäre es Ihnen bequemer geworden!“
+
+„Ich besitze also Ihr Wohlwollen, verehrteste Frau Gräfin? Darf ich Ihre
+Worte so deuten?“ stieß Axel heraus.
+
+„Ja, Graf Dehn!“ Sie sprachs und streckte ihm gütig die Hand entgegen.
+
+Und Axel ergriff sie und drückte einen festen Kuß auf die weiße, weiche
+Fläche, die unter der Berührung seiner Lippen leicht zu beben schien.
+
+ * * * * *
+
+Als Axel am nächsten Vormittage der Gräfin nach dem zweiten Frühstück im
+Park Gesellschaft leistete, erklärte er ihr nach einer vorsichtigen
+Einleitung, daß Imgjor einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn
+hervorgerufen habe, daß er aber eine Werbung als gänzlich aussichtslos
+ansehen müsse.
+
+Mit größter Offenherzigkeit erzählte er ihr von dem, was ihm begegnet
+war, und was er dabei empfunden hatte, auch verschwieg er ihr nicht, daß
+er bereits am gestrigen Abend einen Anlauf genommen und dabei eine
+Antwort empfangen, der an schroffer Deutlichkeit nichts gefehlt habe.
+
+Die Gräfin hatte seinem Bericht wohl mit steigendem Interesse, aber
+doch ohne Befremden, zugehört.
+
+Nachdem er den letzten Satz gesprochen, sagte sie:
+
+„Ah, das war schade! Das ist übel. Hätten wir uns früher gesprochen! Ich
+durfte, ich konnte ja nicht reden, durfte Ihnen keinen Wink geben, ohne
+mich eines Mangels an Zartgefühl schuldig zu machen. Nachdem Sie aber
+die Initiative ergriffen, mir erklärt haben, daß Sie sich für Imgjor
+interessieren, möchte ich Ihnen folgendes sagen:
+
+Sie wäre von selbst gekommen, wenn Sie die Taktik, die Sie gestern bei
+Tische beobachteten, fortgesetzt hätten. Man muß sie gar nicht beachten.
+Sie kommt schließlich immer, wenn es sich um wertvolle Menschen handelt.
+Aber ihr Mißtrauen, daß man sie um ihres Geldes willen umwirbt, ist so
+groß, daß sie von vornherein gegen alle jungen Leute die schroffste
+Seite hervorkehrt. Erst nach Wochen, vielleicht nach Monaten, hätten Sie
+ihr ein warmes Wort sagen müssen, dann wäre es nicht nur wahrscheinlich,
+sondern sicher auf einen fruchtbaren Boden gefallen.“
+
+„Und Sie fürchten, daß ich nun keine Aussichten mehr habe, Frau Gräfin?“
+
+„Ich traue Ihnen sehr viel zu. Sie besitzen goldene Schlüssel, lieber
+Graf. Sie öffnen, ich glaube es, die verschlossensten Herzen. Hoffen wir
+also —“
+
+„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin, und ich bitte, entwerfen Sie mir ein Bild
+von ihrer Tochter. Ich möchte es mit demjenigen vergleichen, das sich in
+mir gebildet hat, ich möchte mich berichtigen, sofern es nötig. Ich
+werde leichter den Kampf aufnehmen, wenn ich weiß, mit welchem Gegner
+ich zu thun habe.“
+
+Die Gräfin nickte, beugte sich ein wenig vor und sagte stark betonend:
+
+„Sie ist ein besonderer Mensch. Sie ist absolut wahr, besitzt sehr viel
+Charakter, ein trotziges Unabhängigkeitsgefühl und eine seltene
+Objektivität. Jedem Adligen begegnet sie mit Mißtrauen, obschon sie
+stolzer ist als irgend ein Lavard und ein Verdeuil, die je lebten. Wo
+sie einmal liebt, besitzt sie die Treue eines Kindes und die
+Opferfreudigkeit eines Engels.“
+
+„Also ist sie wirklich das, was ich vermutete —“ stieß Graf Axel erfreut
+heraus.
+
+„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin. Wahrlich, also ein Kleinod, nicht nur
+schöner als fast irgend ein Weib, sondern innerlich von edelster Art,
+ein nur der Glätte bedürfender Diamant —“
+
+„Sie finden Imgjor so schön?“ fiel die Gräfin ein.
+
+„Ja, gnädige Gräfin! Ich sah nie etwas gleiches, weder auf Bildern, noch
+im Leben, und ich glaube auch, einem schöneren weiblichen Wesen kaum je
+wieder begegnen zu können —“
+
+„Dann müssen Sie Lucile kennen lernen! Nun, sie kommt ja nächstens. Da
+können Sie sich entscheiden!“
+
+Axel machte eine Verneigung, dann sagte er:
+
+„Können, wollen Sie mir also — ich bitte, noch einmal auf Komtesse
+Imgjor zurückkommen zu dürfen — bei meiner Werbung behilflich sein, Frau
+Gräfin?“
+
+„Natürlich! Doch auf meine Weise und erst, wenn Sie sich wirklich
+entschieden haben. Es muß die Bekanntschaft mit Lucile vorangehen. Und
+eins ist gleich zu sagen, da ich Sie bereits als einen vertrauenswerten
+Freund betrachte: direkt kann ich Ihnen bei Imgjor nicht helfen!“
+
+„Darf ich den Grund wissen?“
+
+Der Gräfin Züge veränderten sich durch einen Ausdruck von düsterem
+Ernst. Dann sprach sie in einem sanft gekränkten Ton:
+
+„Mich — mich — meidet sie eher, denn daß sie mich sucht —“
+
+„Wie, Frau Gräfin? Imgjor — Sie — Ich bitte — erklären Sie —?“
+
+Aber was er noch sagen und was sie ihm vielleicht erwidern wollte, wurde
+nicht gesprochen, weil sich gerade der Graf näherte und ihnen schon aus
+der Ferne in dänischer Sprache einige Worte hinüberrief.
+
+„Hesterne staae beredt!“ (Die Pferde stehen bereit!)
+
+Und da es sich um einen Reitausflug nach dem Gehölz von Mönkegjor
+handelte, verabschiedeten sie sich sehr bald von der Gräfin und nahmen
+den Weg vorn vors Schloß, woselbst der Reitknecht mit den beiden weißen
+Hengsten ihrer wartete. —
+
+ * * * * *
+
+Der Rest der Woche und die Hälfte der folgenden verliefen Graf Axel
+sehr rasch, ja, die Tage flogen förmlich dahin. Bald nahm ihn die Gräfin
+gefangen, indem sie mit ihm in langen Gesprächen auf weitausgedehnten
+Spaziergängen philosophierte oder ihn zu einer Partie Schach heranzog.
+Zu anderer Zeit mußte er dem Grafen in seine mit vielen interessanten
+Dingen angefüllten Gemächer folgen oder Wagen und Reitausflüge mit ihm
+und dem Grafen Knut unternehmen. Dazwischen lagen die Mahlzeiten mit
+ihren Leckerbissen, Weinen und anregenden Gesprächen.
+
+Graf Knut — ein früherer dänischer Reiteroberst — besaß im Dorf,
+abseits, ein höchst malerisch belegenes Herrenhaus mit Garten und Park,
+das er nebst einem nicht unbedeutenden Kapital von einer verstorbenen
+Tante geerbt hatte.
+
+Er führte ein sorgenfreies, äußerst behagliches Leben und gehörte zu
+jenen Menschen, die schon durch ihre bloße Anwesenheit eine angenehme
+Atmosphäre um sich verbreiten. Er war ein sehr konzilianter, maßvoll
+veranlagter Mann, der in allen die Menschheit beschäftigenden Fragen
+jederzeit einen vermittelnden Standpunkt einnahm und zudem stets
+aufgelegt war, sich an den Abwechslungen, die ihm dargeboten wurden, zu
+beteiligen.
+
+Nicht nur das zu der ungeheuren Herrschaft gehörende Gebiet: die
+Vorwerke, die Fischteiche, die Waldungen und die Förstereien wurden
+während dieser Woche durchmessen und in Augenschein genommen, sondern
+auch das eigentliche Gut mit all' seinen Einzelheiten und das zu dessen
+Füßen hingelagerte Kneedeholm.
+
+Dem Prediger, dem Ortsvorsteher und Apotheker, aber auch, aus Gründen
+kluger Ueberlegung, dem Doktor Prestö, stattete Axel Besuche ab, und
+wenn der Abend kam, wurde geplaudert, musiziert, etwas vorgelesen oder
+eine Partie gemacht.
+
+An all' diesem nahm Imgjor garnicht teil oder sie gab nur die Zuhörerin
+ab. Entweder hielt sie sich für sich auf ihrem Zimmer auf oder sie
+durchschweifte, allein oder von einem Reitknecht gefolgt, zu Pferde die
+Umgegend. Auch machte sie viele Spaziergänge ins Dorf, besuchte hier die
+Bauern und fühlte sich unter ihnen offenbar am glücklichsten.
+
+Und daß sie sich so absonderte, ward von ihrer Umgebung als so
+selbstverständlich angesehen, daß sie auch jetzt bei des Grafen
+Anwesenheit zu einer Aenderung ihres Verhaltens garnicht angefordert
+wurde.
+
+Der Graf schien auf demselben Standpunkt wie seine Gemahlin zu stehen.
+
+Eine Annäherung zwischen ihr und Axel mußte sich nach und nach ergeben.
+Jeder Zwang war von Uebel.
+
+Am Freitag der folgenden Woche traf endlich Lucile ein.
+
+Alle fuhren ihr in einem mit zwei schwarzen und zwei weißen Rennern
+bespannten, offenen Gefährt bis zur Landstraße entgegen. Sie kam mit der
+Post, ebenso wie Graf Dehn; sie hatte es so gewollt.
+
+Komtesse Lucile Lavard war eine ungemein schlanke Dame mit einer
+außerordentlich vornehmen Haltung. Ihr Gesicht besaß eine vollendete
+Regelmäßigkeit; sie glich einer edlen Römerin, die den Schönheitspreis
+davongetragen. Die Nase war leicht gebogen, die schwarzen Augen glühten
+in einem dunklen Feuer, die Lippen waren sein geschnitten. Gleich der
+Abendröte Anhauch lagen sauste Farben auf den weichen Wangen, und ihre
+Zähne blitzten in dem Weiß der Fischgräte.
+
+Die Gräfin hatte recht, sie war blendend schön und zugleich von einer
+Liebenswürdigkeit, die etwas wahrhaft Bestrickendes besaß. —
+
+Als man das Schloß erreicht hatte, zog sich Axel absichtlich zurück und
+wanderte ins Dorf.
+
+Mitten in diesem lag, zurückgelehnt, der Besitz des Grafen Kunt, ein
+zweistöckiges, schneeweiß angestrichenes Haus mitten unter Grün und
+Tannen.
+
+Er fand den Besitzer in seinem Garten bei den Blumen, und nachdem ein im
+Hause eingenommenes Glas Wein und eine Zigarre bereits die Gemütlichkeit
+erhöht hatten, unternahmen sie zusammen einen Spaziergang durch den sehr
+ausgedehnten, mit stattlichen Gehöften und Bauerhäusern, aber auch mit
+vielen ärmlichen Katen besetzten Ort. Bei dieser Gelegenheit ließ sich
+Axel möglichst viel von Lavards und auch von Lucile erzählen.
+
+Graf Knut berichtete, daß Lucile vor anderthalb Jahren mit einem
+französischen Gesandtschaftsattaché in Kopenhagen, dem jungen Marquis
+von Rebullion, verlobt gewesen sei und diese Verbindung wieder gelöst
+habe.
+
+Dem wäre es zuzuschreiben, daß sie seither keine Ehe eingegangen sei.
+
+Er bezeichnete sie als ein vollendetes Mädchen, sie besitze aber einen
+unbeugsamen Standesstolz.
+
+Während sie noch sprachen, kam Doktor Prestö vorüber, machte eine
+Bewegung, als ob er stehen bleiben wolle, besann sich aber und grüßte
+den Grafen mit großer Artigkeit, Axel aber mit steifer Gemessenheit. Es
+geschah, obschon Prestö Axels Besuch noch nicht erwidert hatte.
+
+„Ein recht unangenehmer Mensch!“ warf Axel hin.
+
+Graf Knut bewegte stumm die Schultern.
+
+„Sie scheinen meine Auffassung nicht zu teilen?“
+
+„Man muß den Zusammenhang der Dinge kennen, um ein gerechtes Urteil zu
+fällen —“ entgegnete Graf Knut. „Prestös Eltern fanden unter dem Druck
+eines maßlos hochmütigen und gegen seine Untergebenen rücksichtslos
+harten Gutsherrn, des Grafen Vedelsborg auf Bornholm. Prestös Vater war
+dort Guts-Inspektor. So sog der Sohn den Haß gegen den tyrannischen
+Gutsherrn seit seiner Kindheit in sich ein. Prestö ist völlig mittellos;
+die unvermögenden Eltern sind lange gestorben; nur durch eisernen Fleiß,
+Stipendien und Stundengeben hat er sein Studium ermöglicht. Durch solche
+Thaten, durch solches Ringen um die Existenz bilden sich Charaktere,
+allerdings selten liebenswürdige, eher einseitige und selbstsüchtige.
+Als unser alter Doktor vor sechs Monaten starb, gab ich die
+Veranlassung, daß sich Prestö hier niederließ. Ich interessierte mich
+von jeher für die Eltern. Gewiß, seine Manieren lassen recht sehr zu
+wünschen übrig, ich gestehe das zu. Auch gären in ihm die Ideen der
+neuen Zeit. Ich bedaure diese Richtung. Aber — was will man machen?
+Wechsel regiert die Welt, und mit ihm treten neue Anschauungen und
+Erscheinungen zu Tage. Wir — die Gutsherren — haben die gute Zeit
+gehabt, nun wollen auch die Bauern einmal leben!“
+
+„Ah, nun verstehe ich! Deshalb Imgjors Eintreten für ihn! Sie begegnen
+sich in ihren Anschauungen. Jetzt ist mir alles klar. Nun weiß ich, wer
+meinem Werben um sie entgegengeht.“
+
+„Sie interessieren sich für die Komtesse Imgjor, Herr Graf?“
+
+„Ich gestehe es — außerordentlich! Ich habe auch des Grafen und der
+Gräfin Beifall für meine Pläne. Bisher glaubte ich nur gegen Vorurteile
+zu kämpfen. Nun bin ich überzeugt, daß ich in Prestö meinen eigentlichen
+Widersacher zu suchen habe. Gewiß, sie lieben sich!“
+
+„Vielleicht doch _nicht_ —“ betonte der Graf, auf das Gespräch ohne
+Umschweife eingehend. „Daß Imgjor Interesse für ihn besitzt, will mich
+wohl auch bedünken. Aber er für sie? Er war schon als Student verlobt
+und ist es, soviel ich weiß, noch —“
+
+„Ah welch' eine gute Nachricht! Erzählen Sie, ich bitte!“ fiel Axel
+lebhaft ein und zog den alten Herrn über das Dorfgebiet hinaus. —
+
+Am folgenden Tage, nach dem zweiten Frühstück, wußte es Axel so
+einzurichten, daß er mit Lucile im Garten auf- und abwandelte. Der Graf
+hatte wegen seiner Geschäfte auf eins der Vorwerke fahren müssen, die
+Gräfin — eine selten vorkommende Erscheinung — mußte wegen einer
+Migräne das Zimmer hüten.
+
+Lucile war, in Vertretung ihrer Mama, beim Frühstück sehr liebenswürdig
+um Axel bemüht gewesen. Sie besaß ähnliche Eigenschaften wie ihre
+Mutter. Mit Verstand und Geist verband sie große Lebhaftigkeit. Wie sie
+sonst zu beurteilen sei, mußte er erst ergründen.
+
+Es giebt Frauen, die bei aller sonstigen Beweglichkeit eine stolze
+Prüderei hervorkehren, sobald ein Mann eine über das Konventionelle
+hinausgehende Annäherung wagt.
+
+Zu einer engeren Berührung im ersteren Sinne gehört nach ihrer
+Auffassung die Prüfung eines halben Menschenalters, und Artigkeiten, die
+ein Interesse verraten, weisen sie mit einer verletzenden Schroffheit
+zurück.
+
+Der Graf hatte recht: zu diesen schien Lucile zu gehören.
+
+Lucile sprach mit Vorliebe über ihren Aufenthalt in den großen Städten
+und ihren Verkehr mit den Personen der bevorzugten Stände. Es geschah
+das aber in einer Weise, die keinerlei Absichtlichkeit durchschimmern
+ließ; sie behandelte die Dinge als etwas naturgemäß zu ihr gehöriges.
+Aber es ging aus allem hervor, daß sie Umgang und Beziehungen zu solchen
+Personen über alles stellte, daß das Leben in diesen Kreisen mit dem
+Interesse für Toilette, Korsos, Jagden, Pferde und geräuschvolle
+Geselligkeiten ihr Eldorado war. Und dieses Hervorkehren und dieses
+Wertlegen auf Dinge, die Axel als minderwertige ansah, reizte ihn und
+verführte ihn zu starkem Widerspruch.
+
+„Was Sie besonders anzuziehen scheint, Komtesse, stößt mich geradezu ab
+—“ warf er, herabsetzend im Tone, hin.
+
+Und mit einem „So, so! Ja, der Geschmack ist eben ein verschiedener —“
+antwortete sie darauf.
+
+Statt daß Lucile, wie Axel erwartet hatte, ein Erstaunen darüber an den
+Tag legte, daß er, der doch zu diesem Kreise gehörte, einen solchen
+abweichenden Geschmack bekundete, schien sie das hinzunehmen, wie das
+Zwitschern eines Vögelchens, das über ihnen in den Zweigen huschte.
+
+Sie rechnete mit dem, was einmal vorhanden war; sie entwickelte keinen
+Eifer darüber, daß es mit ihren Neigungen nicht übereinstimmte.
+
+Während sie sich eben wieder dem Schloß näherten, in dem sie ein
+Waffenzimmer besichtigen wollten, von dem beim Frühstück die Rede
+gewesen war, sagte er:
+
+„Sie ziehen also wohl jedenfalls die Stadt dem Lande vor. Sie finden
+wahrscheinlich gar keinen Geschmack an dem einförmig-stillen Leben auf
+Rankholm, Komtesse?“
+
+Statt einzutreten — eben hatten sie eine Pforte im Souterrain erreicht,
+durch die man von hinten ins Schloß gelangen konnte — blieb sie stehen,
+richtete den Blick geradeaus und sagte, zunächst durch eine Kopfbewegung
+seinen Worten begegnend:
+
+„Nein, ich bin hier sehr gern. Im Sommer ist mir die Stadt nichts. Aber
+— ich spreche offen — ich finde die Personen hier wenig anziehend. Wäre
+nicht mein Vater —“ Sie hielt inne und während sie die Lippen schloß,
+reckte sie den schlanken Hals rückwärts, wie jemand, der einer starken
+Empfindung Herr zu werden versucht.
+
+Nun wurde Axel aufmerksam.
+
+Scheinbar arglos sprechend, fiel er ein:
+
+„Ja, Ihre Eltern, Ihr Herr Papa, Ihre Frau Mama, die müssen jedermann
+fesseln!“
+
+„Meine Mutter —?“ Lucile zog die Schultern, und in ihren Zügen erschien
+ein eigentümlicher Ausdruck. Doch sprach sie nicht aus, was sie dachte,
+und offenbar empfand sie Reue, daß sie sich so weit vergessen hatte.
+
+Auch suchte sie den von ihr hervorgerufenen Eindruck rasch wieder zu
+verwischen, indem sie sagte:
+
+„Ich wollte betonen, daß ich mit meinem Vater besser hamoniere als mit
+Mama und Imgjor“ — Und plötzlich abschweifend:
+
+„Wie finden Sie Imgjor?“
+
+„Bezaubernd!“
+
+„So —!? Ja, das ist ein Mädchen, um das alle Männer werben. Es
+geschieht, weil sie ihnen nicht einen Finger giebt. Solche strecken
+ganze Scharen zu ihren Füßen.“
+
+Dann schwieg sie. Als sie aber oben in das Waffenzimmer getreten waren
+und sich hier, nach Besichtigung der Gegenstände, noch einmal
+niedergelassen hatten, sagte Lucile Lavard:
+
+„Ich gehe gern hier hinauf, weil meine Vorstellungen rege werden. Ich
+wollte, ich hätte damals leben können, als noch Rankholm der Mittelpunkt
+der vornehmen Welt war, als noch unsere Vorfahren Gesandte,
+Staatsminister und Feldmarschälle waren, als sie die Herrscher Dänemarks
+wochenlang zum Besuch bei sich sahen!“
+
+„Sie sind offenbar sehr ehrgeizig, Komtesse! — Sie sind aus dem alten
+Lavardschen Blut.“
+
+„Ja, ich bin ehrgeizig, Sie haben recht, Graf Dehn! Ich leugne es nicht.
+Ich lege Wert auf meinen Stamm, auf unser Ansehen und unsern Reichtum.
+Ich bin aber —“ hier lächelte Lucile Lavard mit einem liebenswürdig
+anschmiegenden Lächeln — „durchaus nicht so äußerlich, wie Sie glauben
+mögen. Ja, ja, ich hab's schon bemerkt, Herr Graf, daß Sie mich recht
+abfällig beurteilen. — Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ich denke! Ich
+wünsche mich auszusprechen, da ich Sie bereits zu uns zähle: Ich
+überhebe mich über niemanden, das wäre eine Beschränktheit. Gott gab mir
+objektiven Verstand. Aber ich leugne nicht, daß ich, je höher die
+Verfeinerung der Sitten und je vornehmer, sorgloser die
+Lebensverhältnisse sind, um so größeren Geschmack an den Menschen und
+Verhältnissen finde. Das Leben mit den gesellschaftlich Auserwählten ist
+mir Bedürfnis, ich teile durchweg ihre Interessen und Neigungen.
+Freilich unterscheide ich stark. Der Oberflächlichkeit gehe ich
+möglichst aus dem Wege; die Männer, die unthätig nur in den Tag hinein
+leben, verabscheue ich. Finde ich Verstand, Streben, Geist und wahrhaft
+kavaliermäßige Eigenschaften, so suche ich eine Annäherung. Mein Ziel
+ist das Bündnis mit einem Mitglied der höchsten Stände. Eine Lavard hat
+das Recht, ihre Hand nach einer Fürstenkrone auszustrecken. Und wenn ich
+das erreicht habe, so will ich mir Beachtung erwerben durch die Pflege
+der Künste und Wissenschaften, durch Wohlthun, durch die Förderung alles
+dessen, was im wahren Sinne wertvoll und sittlich ist. So denke ich mir
+mein künftiges Leben, dahin geht mein Ehrgeiz.“
+
+Axel hatte ihr aufmerksam zugehört, und so sehr wuchs durch die
+Verminderung seiner Vorurteile ihre Persönlichkeit in seinen Augen, daß
+er sich zu einer eifersüchtigen Regung fortreißen ließ.
+
+„Wahrlich, ich bewundere Sie, Komtesse!“ stieß er heraus. „Aber ich
+empfinde einen starken Schmerz um die, welche mit keiner Krone im Wappen
+zur Welt kamen und deshalb nicht einmal Ihre Fingerspitzen berühren
+dürfen.“
+
+Sie sah ihn an, und ein reizvoll gütiges Lächeln umspielte ihren Mund.
+Dann sagte sie:
+
+„Sie dürfen es, Graf Dehn! Auch dahin wollte ich noch Ihre
+Voraussetzungen berichtigen. Ich bin nicht stolz oder gar hochmütig in
+Ihrem Sinne. Ich hab' etwas Selbstgefühl, weil ich mir bewußt bin, daß
+ich stets vernünftig zu handeln suchte, weil ich Grundsätze habe und dem
+Besseren — wenn auch nur in meiner Weise — ehrlich nachstrebe. Aber
+glauben Sie es mir, ich bin für meine Leute ein guter Kamerad. Ihnen
+will und werde ich es jederzeit sein, wenn Sie mich brauchen können.“
+
+„Ah, welche Musik für mein Ohr, gnädigste Komtesse! So sprach auch Ihre
+Frau Mama.
+
+„Ich danke Ihnen, danke Ihnen von Herzen! Ich bitte Ihre Hand zum
+Zeichen meiner Verehrung berühren zu dürfen!“
+
+Ein stiller, freundlicher Blick traf ihn, während sie gewahrte, worum er
+bat, ein Blick, ähnlich wie der, welcher in den Augen ihrer Mutter
+bisweilen erschien. Voll Nachdenken über diese Frauen, die sich so offen
+gaben und in denen allen sich doch etwas Rätselhaftes verbarg, stieg
+Graf Axel an der Seite Luciles wieder in die unteren Räume hinab. —
+
+Nach dem Frühstück am folgenden Tage wurde über eine, einem geplanten
+größeren Fest noch vorherzugehende, kleine Abendfête beraten.
+
+Man wollte Lucile nach ihrer langen Abwesenheit Gelegenheit geben, mit
+den gesellschaftsfähigen Personen in Kneedeholm und einigen der höheren
+Gutsangestellten ein Wiedersehen zu feiern. Ueber das Erscheinen der
+letzteren, des Pastors Nielsen und des Apothekers war man sich einig.
+Die Hinzuziehung des Doktor Prestö stieß auf Schwierigkeiten.
+
+„Wenn's nicht Graf Knut gewesen, würde ich mich in diesen Ersatz für
+unsern alten, vortrefflichen Doktor Kröde nicht so willig gefügt haben
+—“ warf die Gräfin hin.
+
+„Der Prestö ist mir eigentlich sehr unsympathisch, er besitzt gar keine
+Lebensart, und sollte ich krank werden, würde mich sein Kommen eher
+beschweren, als erleichtern!“
+
+„Ja, Manieren hat er wenig, oder eigentlich keine —“ bestätigte der
+Graf. „Er ist ein selbstbewußter Herr, und, wie der Gutsförster schon
+neulich behauptete, sicherlich ein fanatischer Bauernfreund. Gestern
+erhielt ich auch wieder eine Probe von seiner alles bekrittelnden Art.
+Als ich beim alten Peder Ohlsen vorsprach, fand ich ihn dort mit der
+kleinen Sine beschäftigt, und als ich ihn fragte, was ihr fehle, zuckte
+er, ohne mich überhaupt zu begrüßen, die Achseln und sagte: „Sie hat
+sich den Magen mit Obst vollgepfropft, und statt ihr einen Finger in den
+Hals zu stecken, schickt man nach dem Arzt, als ob's ans Sterben ginge!“
+Und auf eine vermittelnde Aeußerung von meiner Seite, die nämlich, daß
+der Laie doch den Zustand des Patienten nicht beurteilen könne,
+entgegnete er in seiner belehrenden Art: „Ja, man sollte die Bauern zu
+selbständigem Denken erziehen. Statt dessen wird womöglich ihre Dummheit
+noch gefördert. Der Schulmeister hier im Dorfe macht tiefe Katzenbuckel
+vor der Gutsherrschaft, er ist nichts anderes als ein Streber, der
+längst hätte wieder zurückgeschickt werden müssen.“
+
+Graf Axel hatte während dieser Erörterung absichtlich seine Blicke auf
+Imgjor gerichtet. Schon bei ihrer Mutter Einwände war ein Ausdruck der
+Auflehnung in ihre Züge getreten. Axel sah's an ihren Mienen. Nun hielt
+sie's nicht mehr. Indem sie das Buch, auf das sie trotz des Gespräches
+ihre Augen geheftet, in den Schoß gleiten ließ, fiel sie mit deutlicher
+Gereiztheit im Tone ein:
+
+„Der Doktor Prestö hat doch ganz recht, Papa. Markholm ist ein
+widerwärtiger Augendiener und ein Schulmeister zum Erbarmen. Nichts,
+nichts weiß die Jugend. Und daß man einen Arzt um jeden Quark bemüht,
+ist doch in der That ein Mangel an praktischer Schulung. Prestö ist eine
+tüchtige, energische Natur mit vielen neuen, wahrhaft reformierenden
+Ideen.“
+
+„Ja, ja — reformierende Ideen! Das ist das glückselige Schlagwort, das
+einst nicht nur die Gutshäuser, sondern auch die Hütten der Bauern
+zertrümmern wird!“ fiel Lucile erregt ein. „Solche Menschen, wie dieser
+Doktor einer zu sein scheint, sind ein wahres Unglück. Sie wollen alles
+verbessern. Sie müssen des Schöpfers Weisheit, die auf eine besonnene,
+nicht überstürzende Entwickelung aller Dinge im Natur- und Menschenleben
+hinausgeht, übertrumpfen. Im Grunde aber lauert hinter diesen
+Weltverbesserern nichts anderes als die ewig sich wiederholende
+Unzufriedenheit des Subjekts mit seinem Schicksal oder eine grenzenlose
+Eitelkeit. Nicht die Sache — einige unpraktische Schwärmer abgerechnet —
+leitet sie, sondern ihre Person. Innerster Ingrimm darüber, daß sie in
+den Thälern marschieren müssen, statt auf den Gipfeln zu stehen, wo
+ihnen das Schicksal nun einmal keinen Platz eingeräumt, ist das Motiv
+ihrer Handlungen. Ging's Jahre und Jahre so und in Frieden, wird's auch
+mit allmählichen, aus den Erfordernissen herauswachsenden Umgestaltungen
+so gehen, ohne daß der Herr Doktor den Bauern, dem Lehrer und Papa
+schulmeisterliche Unterweisungen erteilt.“
+
+Imgjors Augen sprühten, während Lucile sprach.
+
+Ihre weißen Hände fieberten, sie ballten sich in ihrem Schoß, und sie
+konnte es nicht erwarten, ihrer Schwester zu antworten.
+
+Aber statt ihrer wußte die Gräfin, die Lucile durch ihre Mienen bereits
+zugestimmt hatte, rasch das Wort zu nehmen.
+
+„Ja, ich teile vollkommen deine Ansicht, Lucile. Und ich glaube, wir
+alle! Was meinen Sie, Graf Dehn? Wie finden Sie unsern neuen Aeskulap?“
+
+„Ich beurteile ihn milder, nachdem ich näheres über ihn durch den Grafen
+Knut vernahm. Aber ich muß — ich gestehe es — meiner Objektivität stark
+aufhelfen. Wenn ich meinen Geschmack sprechen lasse, sage ich: Dieser
+junge Mann besitzt weder äußere noch innere Erziehung. Er sollte erst
+einmal bei sich beginnen, bevor er über andere schulmeisternd urteilt
+oder gar gegen ältere Leute den Präceptor spielt.
+
+Vielleicht wird seine künftige Frau — ich höre vom Grafen Knut, daß er
+mit einer Kopenhagenerin verlobt ist — vorteilhaft auf ihn einwirken,
+sie und der Einfluß so verstandesreicher und humaner Personen, wie dies
+Schloß sie birgt.“
+
+Graf Dehn richtete nach diesen Worten einen gespannten Blick auf Imgjor.
+Er wünschte den Eindruck seiner letzten Rede auf sie zu beobachten. In
+der That schien sie etwas beunruhigt, aber es war offenbar nicht
+Enttäuschung, die ihre Wangen verfärbte, sondern etwas anderes, das sie
+trieb, sich zu entfernen.
+
+Sie fingierte einen sie plötzlich überfallenden Hustenanfall, stand auf,
+drückte die Hand auf die arbeitende Brust und verließ, als ob sie die
+Anwesenden von der lästigen Störung befreien wolle, das Zimmer.
+
+Aber eben die Zweifel über das, was in Imgjor vorging, veranlaßte Axel
+für des Doktors Erscheinen an dem geplanten Besuchsabend einzutreten. Es
+lag ihm daran, Prestö und Imgjor noch einmal beisammen zu beobachten, um
+daraus seine Schlüsse zu ziehen und darnach seine künftige
+Handlungsweise einzurichten.
+
+Er betonte der Gräfin gegenüber, daß eine Umgehung des Doktors bei einer
+Gelegenheit, wo alle übrigen eingeladen würden, eine allzu stark
+hervortretende Zurücksetzung an sich trage. Wenn Prestö auch zur Kritik
+stark herausfordere, so habe er sich doch gegen die Familie bisher
+eigentlich nichts zu Schulden kommen lassen. Er wage deshalb zu bitten,
+daß man ihn hinzuziehe.
+
+„Ihr Wunsch entscheidet, lieber Graf!“ erklärte Graf Lavard verbindlich,
+und die beiden Damen neigten nicht weniger bereitwillig den Kopf, nun,
+da es sich um die Bitte des Gastes handelte.
+
+Als Axel eine Stunde vor dem Diner sein Zimmer betrat, um Toilette zu
+machen, fand er auf seinem Schreibtisch eine Karte von Prestö, erfuhr
+aber durch seine an Frederik gerichtete Frage, daß niemand den Doktor im
+Schloß gesehen habe.
+
+„Er wird hinten durchs Haus eingetreten sein, Frederik —“
+
+Der Angeredete schüttelte den Kopf.
+
+„Es kann keiner unbemerkt eintreten. Ich war fortwährend unten
+beschäftigt, und oben hat Christian heute den Dienst.“
+
+„Es liegt mir daran, zu wissen, wann der Doktor hier war. Vielleicht
+weiß der Portier auf dem Schloßhof von des Doktors Hiersein. Bitte,
+fragen Sie ihn und Christian! Es liegt mir daran —“
+
+Aber Frederik kehrte mit dem Bescheide zurück, daß Doktor Prestö während
+des Tages Rankholm nicht besucht habe. Es mußte also jemand im Schloß
+die Karte in des Grafen Zimmer gelegt haben, und es mußte während des
+Reitausfluges geschehen sein, den Axel mit dem Grafen zwischen dem
+zweiten Frühstück und dieser Stunde unternommen hatte. Vor Verlassen des
+Schlosses war Axel noch in seinen Räumen gewesen und hatte keine Karte
+gefunden.
+
+Nachdem Axel den Kammerdiener entlassen und zur Vermeidung falscher
+Auffassungen noch vorher hingeworfen hatte, daß es sich nur um eine
+kleine, lustige Wette handle, und daß er nur deshalb nachgefragt habe,
+kam ihm bei fernerem Grübeln über diesen Fall plötzlich die Idee, daß —
+Imgjor in seinem Zimmer gewesen, daß sie die Ueberbringerin der Karte
+war.
+
+Man hatte Prestö Mangel an Lebensart vorgeworfen, man hatte ihn
+überhaupt aufs schärfste verurteilt, und er, Axel, war der einzige
+gewesen, der ihm das Wort geredet. So war die nachträgliche
+Aufmerksamkeit vielleicht der Dank, und Imgjor, die sich schon einmal
+als Prestös Verteidigerin aufgeworfen, hatte dem Doktor möglicherweise
+einen Wink gegeben.
+
+Und wenn Axel in solcher Annahme das rechte traf, so waren diese beiden
+Menschen also im stillen mit einander einig. Freundschaft macht
+erfinderisch, wie Not.
+
+Als Axel den Weg in den Speisesaal nahm, war er überzeugt, daß sich die
+Dinge so verhielten, und er beschloß, nicht zu ruhen, bis er über Imgjor
+und Prestö völlige Klarheit gewonnen. —
+
+Indessen fand er bei Tisch keine Gelegenheit, Imgjor zu beobachten.
+Lucile erklärte kurz vor dem Niedersitzen, daß ihre Schwester nicht
+erscheinen werde. Sie sei bei ihr im Zimmer gewesen, und Imgjor habe
+erklärt, daß sie sich unwohl fühle und bis zum Abend das Bett hüten
+müsse. Es sei nichts Erhebliches, sie wünsche nur zu ruhen und habe
+keinen Appetit.
+
+Da man Axel bereits so sehr zu der Familie rechnete, daß in seiner
+Gegenwart alles Vorkommende besprochen wurde, so nahmen der Graf, die
+Gräfin und Lucile auch heute keinen Anstand, sich über Imgjor zu äußern.
+
+„Sie wird immer unzugänglicher und geht immer mehr ihren Kapricen nach
+—“ warf die Gräfin hin. „Du müßtest einmal energisch mit ihr reden,
+Lavard! Sie sollte sich doch wenigstens anders verhalten, wenn wir Gäste
+haben.“
+
+Der Graf nickte.
+
+„Wenn sie nicht zugleich ein solcher Engel für die Kranken und Armen auf
+der Herrschaft wäre, hätte ich ihr schon ihre fortwährenden
+Entfernungen verboten. Das ist's ja! Man kann ihr eigentlich keinen
+anderen Vorwurf machen, als daß sie sich für sich hält und ihren
+besonderen Neigungen nachgeht.“
+
+„Es schickt sich doch wirklich nicht, daß sie fortwährend
+umherflankiert, mit den Bauern und oft mit den Knechten verkehrt.
+Gestern wurde sie, wie ich weiß, im Dorfwirtshaus gesehen, wo sie ihre
+bauernfreundlichen Ansichten zum Besten gegeben hat,“ fiel Lucile ein.
+
+„Wer hat dir das mitgeteilt?“ rief der Graf nunmehr in erheblicher
+Erregung.
+
+„Vom Gutsförster von Kilde hörte ich es, Papa.“
+
+„Da siehst du's, Lavard! Es geht wirklich nicht mehr. Sie rührt uns das
+ohnehin aufsässige Bauernvolk noch mehr auf. Und der Doktor agitiert
+auch schon seit seiner Niederlassung im Dorf. Du weißt doch, daß Pastor
+Nielsen ganz außer sich darüber ist, welche Ideen er vor den Bauern
+entwickelt. Greife ein! Sprich morgen mit dem Doktor und stelle ihm die
+Wahl, sich solcher Dinge streng zu enthalten oder seinen Stab wieder in
+die Hand zu nehmen!“
+
+Graf Lavard nickte.
+
+„Ja, es soll geschehen. Nur morgen geht's nicht. Er ist unser Gast; da
+wäre es unzart, ihm grade Vorhaltungen zu machen.“
+
+„Und Imgjor?“ fiel Lucile ein.
+
+„Willst du ihr nicht auch gebieten, daß sie ihre Besuche in den
+Wirtshäusern einstellt? Nächstens erscheint das Bauernvolk auf dem
+Schloßhof und stellt dir Forderungen, und wenn du sie nicht erfüllst,
+stecken sie uns das Dach über dem Kopfe an!“
+
+„Na, na — Ihr seht allzu schwarz! Ich bewege mich doch auch unter ihnen
+— ich kenne sie —“
+
+„Es mag sein, Lavard! Aber daß hier vom Schloß aus durch unsere eigene
+Tochter die neuen Ideen gefördert werden, daß sie indirekt gegen ihre
+eigene Familie zum Widerstand aufreizt, geht doch wahrlich nicht mehr —“
+
+„Ich bin derselben Ansicht, Papa, und willst du gründlich vorgehen, so
+schicke Imgjor einmal fort. Und bevor sie zurückkehrt, gieb dem Monsieur
+Prestö auch den Laufpaß!“
+
+„Warum so lange warten, Lucile?“ fiel die Gräfin ein. „Will er sich
+nicht fügen, mag er auch gehen, gleich —“
+
+Lucile zog die Lippen. — Sie zögerte noch eine Weile, dann sagte sie und
+warf zugleich einen stillen Blick auf Axel:
+
+„Ich riet nicht ohne Absicht so, wie ich riet, liebe Mama. Denn wisset,
+beide, alle: Seit der Scene gestern habe ich die feste Ueberzeugung, daß
+Imgjor völlig unter dem Einfluß Prestös steht. Als ich vorher mit ihr
+sprach und auf sie einredete, Graf Dehns halber sie ermahnte, sich mehr
+zu Hause zu halten, liebenswürdiger, entgegenkommender sich zu geben und
+den ganzen, sich nicht für sie schickenden Verkehr drunten aufzugeben,
+entwickelte sie geradezu erstaunliche Ansichten. Wir gerieten aufs
+heftigste aneinander. Sie warf mir Beschränktheit, Hochmut und
+lächerlichen Adelsstolz vor. — Die Zeiten seien vorüber, wo man sich so
+geben dürfe wie ich. Sie, Imgjor, würde, wenn es an ihr läge, den Adel
+abthun, das Schloß verlassen und sich ganz den armen, geknechteten
+Bauern widmen. Es müßte in ganz Dänemark von Männern und Frauen der
+besseren Stände das Veredelungs- und Samariterwerk für die niedere
+Klasse, für die Armen und Elenden, ins Werk gesetzt werden. Zu diesem
+Zwecke sei das Land in Distrikte einzuteilen, und in diesen habe dann
+die Wirksamkeit der Brüder und Schwestern des neuen Vereins zu beginnen.
+Volksprediger sollten Vorträge halten, um Menschenliebe,
+Pflichterfüllung und ein von allem ceremoniellen Beiwerk befreites
+Christentum zu predigen. Der Arbeitslosigkeit, Not und Krankheit solle
+Einhalt gethan werden, es sei durch Errichtung von öffentlichen
+Versorgungs- und Krankenanstalten in jedem Ort, sowie durch öffentliche
+Speisehäuser überall den Armen zu helfen und damit den Forderungen der
+Neuzeit gerecht zu werden.“
+
+„Wie? Mit solchen Dingen beschäftigt sie sich? Das alles hat sie dir
+erklärt?“ fielen beide Lavards ein, und auch Axel erhob mit nicht
+geringerem Erstaunen das Haupt.
+
+„Ja, das und noch anderes! Man könnte einen gelehrten Vortrag daraus
+machen.“
+
+Nachdem Lucile geendigt hatte, verharrten die Anwesenden zunächst in
+Schweigen. Was sie gehört hatten, beschäftigte sie ausschließlich.
+
+„Ach ja, nun verstehe ich auch vieles —“ nahm sinnend die Gräfin wieder
+das Wort. „Wahrhaftig es ist höchste Zeit zum Einschreiten,“ fuhr sie,
+gegen ihren Mann gewendet, fort, — „wenn wir nicht einen großen Affront
+erleben sollen. Du mußt deine Rechte üben und noch im Beginn durch
+geeignete Mittel zu mildern oder auszumerzen suchen, was sich in ihr für
+sie selbst Verderbliches festgesetzt hat. — Was sagen Sie, Graf Dehn,
+was sagen Sie? Hätten Sie das gedacht, das in Imgjor gesucht?“
+
+Axel bewegte die Schultern und sagte: „Was die Komtesse will, ehrt sie
+und hebt sie in meinen Augen! Aber allerdings glaube ich auch, daß sie
+starke Enttäuschungen erleben und sehr unglücklich werden wird, wenn's
+keine Mittel giebt, ihr schönes Menschentum auf ein richtiges Maß
+herabzumindern.“
+
+Er wollte noch mehr sprechen, aber nun öffnete eben Frederik, den die
+Gräfin beim Beginn der Unterredung für eine Zeit lang abgewinkt hatte,
+von neuem die Thür und brachte, von Christian und einem anderen Lakaien
+gefolgt, die dampfenden Schüsseln des nun folgenden Ganges.
+
+Er hob die silbernen Deckel ab, und ein auf portugiesische Art
+bereiteter, gebratener Fisch aus dem Teiche des Gutsgebiets mit einer
+dazu gehörenden duftenden Sauce verbreitete einen so köstlichen Hauch,
+daß die Sinne für diesen Leckerbissen das Interesse für Imgjors
+Umgestaltungsideen vorläufig verschlangen.
+
+ * * * * *
+
+Als Graf Dehn am folgenden Vormittag zwischen dem ersten und zweiten
+Frühstück von einem Spaziergang aus dem Park heimkehrte, hörte er in der
+Gegend des Schlosses ein lautes Wimmern und bemerkte, als er
+nachforschte, Hektor, den Hund von Imgjor, mit mühsam hinkenden
+Bewegungen dem hinteren Eingang zustreben.
+
+Aber bevor der Hund noch die Thür erreicht hatte, verließen ihn die
+Kräfte; er blieb, vor Schmerzen wimmernd, liegen und erfüllte mit seinen
+Wehlauten die Luft.
+
+Rasch eilte Graf Dehn herbei, spähte nach, was dem armen Geschöpf fehlte
+und sah, daß nicht nur die eine Pfote gebrochen, sondern daß dem Tier
+auch noch das eine Auge derart verletzt war, daß nur noch eine blutige
+Höhlung unter der Stirn klaffte.
+
+Und während Graf Dehn noch sorgend um das Tier bemüht war, erschien,
+durch die Klagetöne von oben herbeigelockt, Komtesse Imgjor, erkannte,
+nach einem Graf Dehn gespendeten, flüchtig höflichen Gruß, was
+vorgefallen war, und erging sich, ihren Liebling liebevoll streichelnd
+und tröstend, in aufgeregten Worten über das Geschehene. Aber sie nickte
+auch erkenntlich, als Dehn sich bereit erklärte, Wasser, Schwamm und
+Leinewand herbeizuholen, und hob, nachdem dies herbeigeschafft und das
+Tier verbunden war, solches zur Bettung im Schloß auf ihre eigenen Arme.
+
+„Bitte, begleiten Sie mich und öffnen Sie mir die Thüren!“ bat sie. „Ich
+will ihn in mein eigenes Zimmer bringen, ihn dort selbst pflegen,“ fügte
+sie, sich zu dem ihr dankbar die Hand leckenden Hunde liebevoll
+herabbeugend, hinzu.
+
+Imgjors Gemächer befanden sich in der ersten Etage in einem Vorbau, der
+in Form eines Turmes die linke, äußerste Zwischenecke des Schlosses
+flankierte. Man konnte sie vom Hofe aus, aber auch von demselben
+Korridor erreichen, in dem sich Graf Dehns Zimmer befanden.
+
+Unmittelbar neben dem Eingang zu seinen Gemächern führte eine Treppe
+zunächst zu einem halbrunden Flur empor, und auf diesen mündete die vom
+Hofe emporstrebende Wendeltreppe.
+
+Graf Dehn hatte lange schon das lebhaftere Verlangen gespürt, einmal
+einen Blick in die Räume zu werfen, in denen das seine Gedanken und
+seine Sinne so ausschließlich beschäftigende junge Mädchen wohnte. Nun
+sollte ihm das werden, und mit einer gewissen Hast folgte er Imgjor und
+ihrer Bürde.
+
+Sie ging aber nicht ins Schloß, sondern wählte den Weg, der über den Hof
+und von dort hinauf zu ihrer Wohnung führte.
+
+„Bitte, hier!“ unterwies sie Axel, als sie oben angekommen waren, und
+zeigte auf einen verborgenen Winkel, in dem an einem verdeckt
+angebrachten Haken ein Schlüssel hing.
+
+Und Graf Dehn beeilte sich, ihrem Befehl zu entsprechen. Er öffnete das
+Gemach.
+
+Es war aber erst ein einen Blick auf den inneren Schloßhof gewährendes
+Vorzimmer mit Tapetenthüren und altmodischen Möbeln.
+
+Die eigentlichen beiden Wohnstuben befanden sich nach der Parkseite.
+Graf Dehn war völlig benommen von der reizvollen Eigenart des ersten
+Gemaches, das Imgjor als ihr Wohnzimmer bezeichnete.
+
+Ein großer Tisch, bedeckt mit Büchern und allerlei kostbaren
+Gebrauchsgegenständen, stand in der Mitte. Ihn umgaben eine Anzahl
+kleiner Sofas, die mit rosenroten, blumendurchwirkten Seidenstoffen
+bezogen waren, und ebensolche Divans standen zwischen den das Zimmer
+füllenden schneeweiß und goldfarbigen Rokokomöbeln.
+
+Auch eine reiche Bibliothek in kostbaren Einbänden befand sich in der
+einen Wandseite, und sie ward halb beschützt von einem weißseidenen
+Vorhang. Blumen und Vogelkäfige standen in den tiefen Fenstern, und
+prachtvolle, rosaseidene Gardinen fielen, um besser Licht zu lassen,
+ungerafft von oben bis auf den Fußboden herab.
+
+„Wie feenhaft wohnen Sie hier, Komtesse!“ nahm Graf Dehn das Wort,
+nachdem Imgjor das Tier nebenan in ihrem Schlafgemach gebettet hatte und
+nun, rasch zurückkehrend, ihm wieder gegenüberstand.
+
+„Ja, viel zu schön! — Wer hat ein Recht, derartig sich einzurichten,
+wenn in der Welt so viele arme Geschöpfe darben —“ entgegnen sie herb im
+Ton. „Ich lerne den Luxus immer mehr hassen. Wäre nicht der die Seele
+belebende, schöne Ausblick, könnte ich nicht in mein geliebtes Thal und
+ins Dorf hinabschauen, wäre ich schon ausgezogen und hätte mir Räume
+gesucht, die mich an Einfachheit und Entsagung gewöhnen —“ Und dann kurz
+abbrechend, nachdem sie ihm nochmals ihren Dank wiederholt hatte, sagte
+sie: „Sie können gleich rechts die Treppe hinuntergehen, um Ihre Zimmer
+zu erreichen. Wir sind sozusagen Nachbarn, das heißt Nachbarn von oben
+und unten —“
+
+Hierauf neigte sie mit gewohnter, kaum gemilderter Ausdruckslosigkeit
+den Kopf und begab sich — Axel hörte es, während er die Thür hinter sich
+schloß — eilends wieder zu dem kranken Tiere in ihr Schlafgemach.
+
+Aber diese Sicherheit, nicht beobachtet zu werden, veranlaßte Graf Dehn,
+nicht so gleich das Vorzimmer zu verlassen, sondern sich noch einen
+Augenblick darin umzuschauen, ja, sogar die Klinke einer der beiden
+Tapetenthüren zu berühren.
+
+Da nach seiner Berechnung die Wände des Gemachs zugleich die Außenmauern
+des Turms bilden mußten, war er sehr neugierig, zu erfahren, wohin die
+Eingänge führten.
+
+Zu seiner Ueberraschung gab das von ihm geprüfte Schloß nach, und vor
+ihm lag eine dunkle Treppe.
+
+Das beschäftigte ihn dermaßen, daß er, — unten in seinen Gemächern
+angelangt, — alle Wände untersuchte. Aber er fand nichts. Wahrscheinlich
+führte diese in die dicke Mauer eingelassene, geheime Treppe in den
+Garten hinab, und auffallend war's nur, daß die Thür unverschlossen war,
+daß sie also noch gebraucht wurde. —
+
+Daß übrigens Imgjor ihre Stellung zu Axel nicht verändern wollte, zeigte
+sich schon an demselben Tage sowohl bei Tisch, wie beim Abendessen. Sie
+begegnete Graf Dehn, trotz dieses sie enger verknüpfenden Vorfalles,
+mit derselben kühlen Gemessenheit wie bisher, und als von dem Hunde die
+Rede war, erwähnte sie seiner Hilfeleistung mit keiner Silbe.
+
+Die beiden folgenden Tage boten wiederum allerlei Abwechslungen, durch
+die Graf Dehns Gedanken vorübergehend von Imgjor abgelenkt wurden.
+
+Er machte mit dem Grafen, der Gräfin und Lucile und mit diesen allein,
+da Imgjor heftige Migräne vorschützte, eine Wagenpartie nach einem der
+umliegenden Güter, wohin die Herrschaften schon zum Frühstück geladen
+waren, und am folgenden Tage fuhr er mit dem Grafen Knut und dem Herrn
+des Hauses in das zwei Meilen entlegene Städtchen Oerebye, woselbst sie
+an einem Diner bei einem Herrn von Kjärholm teilnehmen sollten.
+
+Am letzten Abend vor der angesetzten Gesellschaft hatten sich der Graf,
+Lucile und Imgjor früher zurückgezogen. Graf Lavard fühlte sich durch
+eine Erkältung beschwert, und Lucile und Imgjor hatten sich, über starke
+Müdigkeit klagend, schon bald nach Aufhebung der Tafel in ihre Gemächer
+begeben.
+
+Nur Graf Dehn blieb, durch eine Partie Schach gefesselt, neben der
+Gräfin sitzen.
+
+Sie sei noch durchaus nicht schläfrig, sie bitte, ihr Gesellschaft zu
+leisten, hatte sie erklärt.
+
+Nachdem Graf Dehn als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen war, lehnte
+sie sich zurück, sah ihn mit dem ihr eigenen forschenden Blick an und
+warf plötzlich unvermittelt hin:
+
+„Nun, wie sieht's, Graf Dehn? Wer gefällt Ihnen besser, Lucile oder
+Imgjor? Nicht wahr, Lucile ist ungewöhnlich schön?“
+
+Graf Dehn bejahte stumm, dann sagte er:
+
+„Um die Komtesse Lucile zu werben, würde, selbst wenn man meinen möchte,
+ohne sie nicht leben zu können, zwecklos sein. Sie wird niemals einen
+Mann meiner Art heiraten.“
+
+Die Gräfin schärfte erst das Auge in einer Art, als ob sie in des
+Sprechers Inneres dringen wolle. Dann sagte sie stark betonend:
+
+„Ist Ihrer Antwort zu entnehmen, daß Ihnen auch Lucile gefährlich werden
+könnte?“
+
+„Ich kann nur jüngst Gesagtes wiederholen, Frau Gräfin. Ich liebe
+Komtesse Imgjor leidenschaftlich. Noch will ich einige Zeit prüfen, ich
+will nicht so leichten Kaufes meine Wünsche begraben. Ist's aber
+entschieden, werde ich Rankholm verlassen. Ich würde mich innerlich
+verzehren, sollte ich ferner aussichtslos neben ihr hergehen.“
+
+„Seltsam!“ stieß die Gräfin heraus. „Was die Männer haben können, das
+verschmähen sie. Nur das Unerreichbare hat Reize für sie —“
+
+„Sie meinen —?“ setzte Graf Dehn an; — stockte aber, weil er der Gräfin
+Auge begegnete.
+
+Sie sah ihn mit einem Blick an, der ihn befangen machte, und der
+Widerschein seiner Verwirrung spiegelte sich in seinen Mienen. „Ah — Sie
+Kind — Sie gutes Kind!“ warf sie überlegen, aber nicht ungütig hin.
+
+Doch gab sie sich unmittelbar darauf wieder mit der sonstigen Geradheit
+ihres Wesens.
+
+„Lucile will hoch hinaus, gewiß! Aber sie wird doch nie einen Mann
+heiraten, den sie nicht liebt“ — fügte sie, an Axels vordem hingeworfene
+Aeußerungen anknüpfend, hinzu. — „Und deshalb glaube ich auch, daß sie
+ihre unfruchtbaren Pläne aufgeben und sicher einen anderen ehrenwerten
+Mann aus einem weniger bevorzugten Stande heiraten würde.
+
+Daß Lucile sich für Sie interessiert, weiß ich. Aber Sie — Sie —
+empfinden nichts für sie —?“
+
+Nun erschien ein überaus forschender Ausdruck in ihren Zügen.
+
+„Ja, Frau Gräfin —“ entgegnete Graf Dehn halb ernst, halb leicht im Ton,
+um dem Gespräch einen möglichst unbefangenen Charakter zu verleihen —
+„ich müßte ein Stein sein, wenn ich nicht ein so vollendetes, junges
+Mädchen, wenn ich nicht jede Tochter einer Gräfin Lavard anbetete. Aber
+es steigt ein Wunsch nach ihrem Besitz nicht auf, weil mich, ich
+wiederhole es, Komtesse Imgjor ganz gefangen nimmt. Komtesse Lucile hat
+mir überdies rückhaltlos erklärt, sie werde nur einem Manne die Hand
+reichen, der eine Fürstenkrone im Wappen führt.“
+
+„Haben meine Töchter —“ stieß die Gräfin, die nachdenklich zugehört,
+stark betonend heraus, „Ihnen gegenüber ein Urteil über mich gefällt?“
+
+Graf Dehn sah befremdet empor.
+
+„Ich bitte, sprechen Sie, Graf Dehn! Ich bin Ihnen für ein offenes Wort
+dankbar. — Ich werde dann auch reden, nicht heute, aber ein andermal —“
+
+„Da Sie mich fragen — ja, Frau Gräfin! Es scheint mir bei aller
+Verehrung eine kleine Einschränkung vorhanden zu sein. Ich habe schon
+darüber gegrübelt, wie es möglich ist, Sie nicht schwärmerisch zu lieben
+—“
+
+Die Gräfin sah eine Weile still vor sich hin. Dann sagte sie mit einem
+Seufzer:
+
+„Glücklich der, welcher im Familienleben das findet, was er erwartet.
+Wenige sind ganz glücklich! Würden die Eheakten einmal hervorgeholt,
+statt der Vergessenheit übergeben zu werden, würde man erstaunen, wie
+oft Frauen gelitten haben, wie groß ihre Seelen waren!“
+
+Graf Dehn richtete einen gespannten Blick auf die Gräfin, die durch
+diese Worte die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses vorbereitete.
+
+Aber heute vernahm er nichts mehr. Mit einem sanften gütigen Ausdruck
+bot sie ihm zum Abschied die Hand und begab sich, ihm noch einmal
+freundlich zunickend, in ihre Gemächer. —
+
+ * * * * *
+
+Als sich Graf Dehn am folgenden Vormittag nach Imgjor erkundigte, wurde
+ihm von Frederik gesagt, daß sie schon früh und zwar, wie er zu hören
+geglaubt habe, nach dem Mönkegjorer Gehölz fortgeritten sei.
+
+Das veranlaßte Axel, sich ebenfalls ein Reitpferd zu bestellen und, des
+Weges kundig, dieselbe Richtung einzuklagen. Dem schönen Mädchen
+möglichst oft zu begegnen, sie durch einen häufigen Verkehr allmählich
+von ihren Vorurteilen zu heilen, endlich ihre Freundschaft zu gewinnen,
+lag in seinem Plan.
+
+Zwar hatte die Gräfin geäußert, daß man sie gehen lassen müsse, sie
+komme dann zuletzt ganz von selbst; aber er wollte es doch auf seine
+Weise versuchen. Wie konnte er warten, bis sie ihm auch nur einige
+Beachtung schenkte!
+
+An dem heutigen Morgen beherrschte ihn zudem die Vorstellung, daß sie
+nicht nur fortgeritten sei, um sich eine Abwechslung zu verschaffen,
+sondern daß sie irgend etwas vorhabe, das sie zu verbergen wünschte.
+Vielleicht hing es mit dem Doktor Prestö zusammen. —
+
+Er hielt auch, als er zunächst durch das Dorf trabte, einen Augenblick
+vor des Arztes Hause still, um sich unter irgend einem Vorwande nach
+Prestö zu erkundigen.
+
+Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er abwesend sein werde.
+
+Anfänglich war sein Rufen vergeblich. Es erschien niemand, und schon
+wollte er sich zum Absteigen bequemen.
+
+Dann aber öffnete Prestös Wirtschafterin, eine einfache, alte Frau aus
+einem der umliegenden Dörfer, die Hausthür und gab auf Graf Dehns Frage
+Antwort.
+
+„Der Doktor sei vor reichlich einer halben Stunde nach Oerebye geritten.
+Er kehre wahrscheinlich erst gegen den Spätnachmittag zurück,“ erklärte
+sie.
+
+„Nach Oerebye? Besitzt der Herr Doktor dort auch Praxis?“
+
+„Nein — das nicht. Ich hab' etwas von einer Bauernversammlung gehört,
+wo er dabei sein will. Ich weiß es aber nicht genau. Kann ich etwas
+bestellen?“
+
+„Nein, ich danke! Es liegt nichts Besonderes vor. Sie brauchen nicht
+einmal zu sagen, daß ich mich nach ihm erkundigt habe.“
+
+Hierauf nickte die Alte zustimmend, und Graf Dehn setzte seinem Tier
+wieder die Sporen in die Weichen.
+
+Oerebye und der große Forst Mönkegjor lagen in derselben Wegrichtung.
+
+Nachdem Graf Dehn diesen, scharf trabend, nach Verlauf einer halben
+Stunde erreicht hatte, durcheilte er ihn von einem Ende zum anderen,
+hielt auch auf einem mitten im Gehölz auf einer Anhöhe befindlichen
+Pavillon an und sah sich hier nach Imgjor um. Aber es war nichts von ihr
+zu bemerken, und er nahm daher, rasch entschlossen, die Richtung nach
+Oerebye.
+
+Freilich konnte er, wenn er seinen Ritt soweit ausdehnte, nicht zum
+Frühstück in Rankholm zurück sein. Aber das ungeduldige Verlangen,
+festzustellen, ob wirklich Imgjor und der Doktor beisammen seien, ließ
+das in ihm aufsteigende Bedenken, ohne Entschuldigung fortzubleiben,
+rasch zurückdrängen.
+
+Unterwegs, während er dahin galoppierte, bestürmten ihn seine Gedanken.
+
+War's nicht im Grunde eine Thorheit, sich auf ein Mädchen zu
+kaprizieren, das ihm so entschieden auswich?
+
+Und war's, wenn er wirklich ihre Zuneigung gewann, wünschens- und
+lohnenswert, ein weibliches Wesen solcher Art an sich zu fesseln? Er
+hatte sich eine ganz andere Vorstellung von der jungen Dame gemacht, von
+welcher ihm sein Vater gesprochen.
+
+Er hatte ein mit Schönheit: Sanftmut und Liebenswürdigkeit verbindendes
+junges Mädchen zu finden erwartet und sah sich einer fanatischen
+Vertreterin der neuen Ideen gegenüber.
+
+Und dann redeten doch wieder andere Stimmen, und sie flüsterten ihm zu,
+daß Nummern überall zu finden seien, daß er es hier mit einem
+charakterstarken und trotz aller Schroffheit warm fühlenden,
+edeldenkenden Wesen zu thun habe. Von einem solchen bevorzugt, gar
+auserwählt zu werden, erschien ihm des Ringens wert.
+
+Und diese Vorstellung gab dann seinen Gedanken wieder eine andere
+Richtung.
+
+In Oerebye angelangt, hielt Graf Dehn vor demselben Gasthofe, in dem er
+kurz vorher mit Imgjors Vater und dem Grafen Knut eingekehrt war, und
+schon während des Eintritts in die gemütlichen Vorräume des Gebäudes
+warf er die Frage hin, ob jemand aus Schloß Rankholm anwesend sei.
+
+Der sorgfältig rasierte, höfliche Oberkellner nickte bejahend.
+
+„Ja wohl, Herr Graf. Komtesse von Luvard ist vor einer halben Stunde
+angekommen.“
+
+„So — so!?“ fiel Axel lebhaft ein. „Und — und — ist sie im Hotel?“
+
+„Nein, Herr Graf! Sie ist auch nach dem Landhof gegangen —“
+
+„Nach dem Landhof? Was ist das?“
+
+„Der Landhof ist ein öffentliches Lokal. Um ein Uhr spricht da der
+Volksredner Jens Uesholm. Sämtliche Einwohner und Bauern der Umgegend
+sind hingelaufen —“
+
+„In der That? Ist man diesen Lehren hier so zugeneigt? Und die
+Landarbeiter? Werden sie dabei sein? Die haben doch sicher um diese Zeit
+keine Erlaubnis von ihren Gutsherren —?“
+
+„Sie haben sie sich genommen, Herr Graf. Die Sache ist schon lange im
+Gange. Das giebt überhaupt gewiß noch ein böses Nachspiel —“
+
+Diese Auskunft bestimmte Axel, nach rasch eingenommenen Imbiß den Weg
+nach dem Landhof zu nehmen.
+
+Nun war's auch zweifellos: — Prestö und Imgjor — beide würden dort
+anwesend sein! —
+
+Der Landhof lag mitten in der Stadt, aber nicht unmittelbar an der
+Hauptstraßenlinie. Man mußte eine große Allee durchmessen, um das auf
+einer sanft emporsteigenden Anhöhe belegene, eine weite Umschau bietende
+Vergnügungslokal zu erreichen.
+
+Es war auch ersichtlich, daß die Einwohner etwas Besonderes dahinzog.
+
+Dicht gedrängte Gruppen von Bürgern, Bauern und Feldarbeitern bewegten
+sich durch den Baumgang, alle waren in Eile, und aus der Umgegend kam
+noch fortwährend neuer Zuzug.
+
+Axel beschloß, sich einen Platz drinnen zu suchen, auf dem er möglichst
+unbeachtet zuschauen konnte. Da er aber der Gelegenheit unkundig war,
+redete er einen älteren Bürger in dänischer Sprache an und erkundigte
+sich nach der inneren Einrichtung des Landhofes.
+
+Da war ihm dann die Auskunft sehr erwünscht, daß sich eine große
+Gallerie rings um den Saal ziehe, und daß man sie durch einen
+vorhandenen, gesonderten Eingang betreten könne.
+
+Und so machte er es. Unter der Führung seines Begleiters, eines ehrsamen
+Klempnermeisters, betrat er die Gallerie und fand bald einen Platz, von
+dem aus er den Redner ins Auge fassen und die Zuhörerschaft genügend
+übersehen konnte.
+
+Vorläufig wogte unten noch alles durcheinander. Menschen drängten sich,
+Stühle wurden eingeschoben. Das Geräusch lebhaften Schwatzens erfüllte
+den Raum; nur der Redner selbst war noch nicht sichtbar.
+
+Aber endlich erschien er, von dem brausenden Zuruf der Versammelten
+empfangen, und sprach mit einer lauten, wohlklingenden Stimme über das
+von ihm angekündigte Thema.
+
+Und was er sagte, machte Eindruck, weil er seine Worte geschickt zu
+wählen wußte, weil er niemals den ruhigen Ton verließ, und weil er mit
+solcher Ueberzeugung von der Berechtigung der Forderungen und von der
+zweifellosen endlichen Erreichung des zu erstrebenden Zieles sprach, daß
+er die Zuhörerschaft völlig in seinen Bann schlug.
+
+Zum Schluß entwickelte er, was zunächst zu geschehen habe, und eben das
+deckte sich genau mit dem Inhalt des Gespräches, das zwischen Imgjor und
+Lucile stattgefunden hatte.
+
+Nachdem der Redner, ein Mann mit blondhellem Bart, tiefliegenden,
+dunklen Augen und blassen Zügen, unter nicht endenwollendem Beifall der
+Versammelten seine Ansprache beendet hatte, erklärte ein Bauer, der als
+Präsident der Versammlung vorstand, daß nunmehr die Redefreiheit
+eröffnet sei und daß zunächst Herr Doktor Prestö aus Kneedeholm das Wort
+nehmen werde.
+
+Und Prestö bestieg — aus einer Seitenloge tretend, woselbst nunmehr Graf
+Dehn auch Imgjor entdeckte — so gleich die Rednerbühne und hielt unter
+dem lautlosen Aufhorchen der Menge ebenfalls einen Vortrag.
+
+Und Imgjor, die Graf Dehn fortdauernd scharf beobachtete, folgte diesem
+mit funkelnden Augen und mit gespanntester Miene. Sie hing gleichsam an
+seinem Munde, sie verschlang seine Worte.
+
+Prestö sprach über den Landadel, und sein Vortrag zündete deshalb noch
+mehr, weil er aus dem Munde eines Mannes kam, der selbst unter ihm
+lebte.
+
+Nachdem er denselben Vorschlägen, die Jens Uesholm gemacht, das Wort
+geredet und die Inscenierung solcher werkthätigen Reformen noch des
+Näheren beleuchtet hatte, trat er zurück und begab sich unter dem
+Jubelruf der Arbeiter und Landbevölkerung auf seinen Platz zurück.
+
+Hatte es schon bisher in Graf Dehn gegärt, hatte er sich förmlich
+zurückhalten müssen, das Wort zu verlangen und Uesholms Ausführungen
+entgegenzutreten, durch seine Auslassungen das Erreichbare von dem
+absolut Unverständigen und deshalb Unerreichbaren zu scheiden, so glühte
+es ihm jetzt in den Adern, Prestö heimzuführen.
+
+Es hielt ihn auch nicht. Völlig unbekümmert um das teils neugierige,
+teils feindselige Mustern derjenigen, durch deren Reihen er sich
+drängte, trat er vor den von ihm vorher ins Auge gefaßten Präsidenten
+und ersuchte diesen, ihm das Wort erteilen zu wollen.
+
+Des Dänischen war er so gut Herr wie des Deutschen und Französischen.
+Dennoch leitete er die ihm von dem Leiter der Versammlung gewährte Rede
+mit einer Entschuldigung ein, wenn er sich etwas unvollkommen ausdrücken
+werde.
+
+Er wolle, hub er an, sprechen über die Gefahren, einen Himmel zu
+eröffnen, statt als Mensch beim Irdischen zu bleiben. Bei allem, was der
+Vernunftbegabte thue, müsse er sich nach seiner Mutter, der Erde,
+richten. Sie müsse ihm ein Vorbild sein und bleiben. Sie lehre ihn zwar
+auch täglich und stündlich das Bestreben nach Ausgleich und einer immer
+höheren Vervollkommnung, aber auch fortwährend das ewige Gesetz des
+Rechtes des Stärkeren und Begabteren über den von der Natur minder
+Bevorzugten. Er stelle sich mit den Vorrednern auf denselben Standpunkt,
+daß werkthätiges Christentum zu üben, nicht nur jedermanns Pflicht,
+sondern daß es auch weise sei, da alle im Grunde nur einer großen, durch
+gemeinsame Interessen verbundenen Familie angehörten. Insofern seien
+die Vorschläge, die gemacht worden, wertvoll und deren teilweise
+Ausführung durchaus wünschenswert. Aber eben dabei müsse es sein
+Bewenden haben, und auch dieses Bessere sei in einer ruhigen Weise zu
+erstreben. Das Geschlecht, das heute lebe, ergehe sich in einem völligen
+Irrtum, wenn es glaube, daß es zu etwas anderem berufen sei, als
+zunächst Opfer zu bringen. Die Resultate würden erst, weil sie nur
+allmählich reifen könnten, den späteren Generationen zu gute kommen
+können. Und nochmals weise er auf die Natur hin, wenn er vor jeder
+Ueberstürzung warne. Brauche sie, die große Zauberin, nicht auch für
+alles Zeit und Vorsicht? Bedürfe nicht jedes Blatt am Baume Licht, Sonne
+und Regen? Würde es nicht durch Stürme und Kälte, also durch Gewalt,
+vernichtet? Eine Perspektive zu eröffnen, wie es der erste Redner
+gethan, sei ein Unrecht. Er verheiße etwas, das eben mit dem Hinblick
+auf sie, deren Sein und Wesen den Menschen die Gesetze für ihr Thun
+vorschreibe, unerreichbar sei. Der Staat der völlig Gleichberechtigten
+werde nach einem Tage zerfließen. Der Adler herrsche in der Natur über
+den Sperber. Bei den Menschen habe die höhere Intelligenz und das
+kräftigere Ringen der Vorwärtsstrebenden das Uebergewicht über den
+Trägen. Wie denn? Solle der Fleißige und Rührige das Ergebnis seiner
+Anstrengungen den Müßigen in den Schoß werfen? Er werde sich bedanken!
+Der Fleißige besitze Ehrgeiz und habe den Drang nach Erfolg, Fortkommen
+und nach gesondertem Besitz. — „Meine Freunde! Wenn ihr heute eine
+Erbschaft macht, oder wenn ihr durch Erfindung, die euch Jahre lang
+beschäftigte, ein großes Vermögen erwerben könnt, wollt ihr das ohne
+weiteres hingeben, wollt ihr euch mit einem Tausendstel begnügen? Nein,
+das wollt ihr nicht, und niemand wird's euch verdenken, daß ihr euch
+dessen weigert. Die Zukunft, eine bessere, liegt nur in der Pflege der
+Vervollkommnung des sittlichen Menschen, in der Hebung der Schulen, in
+der Ausübung einer Religion, die zu Thaten der Pflicht und Thaten der
+Liebe und Duldsamkeit gegen die Mitmenschen auffordert. Wo war heute
+hier von Nächstenliebe die Rede? Nirgend! Selbst die Befürwortung der
+Förderung des Humanismus und der Wohlfahrt in Gestalt von
+Arbeitsstätten, Krankenhäusern, Nächtigungsanstalten, öffentlichen
+Speisehäusern, Unfallentschädigungen und Altersversorgungen ward nur aus
+dem Gesichtspunkt einer Forderungsberechtigung an den Geldbeutel der
+Gutsherrn erörtert! Was aus dieser Klasse der Gesellschaft wird, ist
+Herrn Doktor Prestö gleichgiltig. Sie mag untergehen. Ja, Freunde, seid
+ihr Heilige? Nehmt ihr nicht auch einmal ein Gläschen mehr? Seid ihr
+allezeit voll Christentum gegen eure Umgebung? Liegt ihr nicht auch
+lieber auf einem weichen Bett als auf Steinen? Wird einer von euch das
+Anerbieten abschlagen, mehr zu werden und mehr zu verdienen, und ist er
+nicht auch ein Streber in seiner Art, in solcher Art, daß er sich
+möglichst gut betten will? Sprecht ihr allezeit die Wahrheit? Erfüllt
+euch niemals der Neid gegen eure Nachbarn? Seid ihr nicht ebenso
+hochmütig wie die sogenannten Großen? Hand aufs Herz! Haltet ihr euch
+nicht für besser, als sie? Habt ihr nicht euren Bauernstolz? Ein Unglück
+für das Volk ist ein Redner wie der Herr Doktor Prestö. Er möchte euch —
+ich muß es seiner Rede entnehmen — am liebsten anführen, damit alles
+vernichtet werde, die Güter und die Bauerngehöfte dazu! Ja, was dann?
+Die Einöde bietet doch nichts als Hunger und Jammer und Elend! Und wie
+will der Bauer und Feldarbeiter leben, wenn er den Gutsherrn in den
+Brunnen versenkt? Ihr könnt alles kaufen für Geld. Aber wenn ihr keines
+habt, und wenn ihr dem Staat die Möglichkeit nehmt, durch den
+Wechselverkehr zwischen Angebot und Nachfrage die Lebensfrage und somit
+die Existenzfrage zu regeln — was erblüht euch dann Gutes? Elend — Elend
+ist euer Loos! Was uns heute der Staat Schützendes und Förderndes
+bietet, ist ein Ergebnis des Ringens der Jahrhunderte. Allmählich hat
+sich die Erkenntnis des Zweckmäßigen entwickelt. Wir müssen säen, die
+Saat behüten, indem wir das Unkraut von der Frucht scheiden, und müssen
+zur rechten Zeit ernten. Nur _eine_ verständige Volkswirtschaftslehre
+giebt es: Daß jeder durch strenge Pflichterfüllung seinen Teil zum
+Allgemeinbesten beiträgt, daß wir unsere engeren Aufgaben darin
+erkennen, unsere Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, sie sowohl
+etwas Ausreichendes lernen lassen, als auch sie anzuweisen suchen,
+solches fürs Leben praktisch und möglichst günstig zu verwerten, damit
+sie dadurch und lediglich dadurch befähigt werden, möglichst sichere
+materielle Vorteile zu erzielen; daß wir uns fühlen als größere und
+kleinere Glieder eines Ganzen; daß wir endlich stets alle erst vor
+unserer eigenen Thür fegen und dann erst den Besen in die Hand nehmen,
+um unseres Nachbars Schwelle zu säubern! Und so schließe ich: Laßt euch
+nicht bethören durch Hinweise auf Paradiese, die sich nie eröffnen, die
+sich nie eröffnen _können_! Bleibt auf der Erde und helfet, daß schon
+durch gutes Beispiel euern Kindern und Kindeskindern das werde, was zu
+erstreben möglich ist! Eines schickt sich nicht für alle. Den Sieg, den
+materiellen und moralischen, trägt allezeit der davon, der einfach,
+tüchtig und weise ist, der etwas im besten Sinne, im Umfang seiner
+Kräfte — leistet!“
+
+Graf Dehn hatte nach Beendigung seiner, von eisigem Schweigen
+begleiteten Rede große Mühe, den Saal zu verlassen.
+
+Niemand machte ihm bei seinem Versuch, durchzudringen, gutwillig Platz;
+jeder zeigte vielmehr feindselige Mienen, oder drängte ihn wie zufällig
+zur Seite, in der Art, daß er zweimal fast gestolpert und hingestürzt
+wäre. Aber er wußte seine Erregung darüber zu bemeistern, er that, als
+ob er's nicht bemerke.
+
+Draußen angelangt, stieg er rasch die Anhöhe hinab und begab sich auf
+direktem Wege ins Wirtshaus. Und hier angekommen, ließ er sogleich
+satteln, berichtigte seine Rechnung und ritt, rasch trabend, nach
+Rankholm zurück.
+
+Zartsinn hielt ihn ab, vorher noch eine Begegnung mit Imgjor
+herbeizuführen, auch wünschte er dem Doktor, der ihm noch widerwärtiger
+geworden, unter allen Umständen auszuweichen.
+
+Er hatte ihn genau beobachtet. Diesen Menschen verzehrte ein wilder
+Fanatismus. Die Begierde, sich zu rächen an der Gesellschaftsklasse, von
+der einst ein Mitglied seine Eltern in die Fesseln der Abhängigkeit
+geschlagen, durchglühte ihn allein. Und neben dem Rachegefühl verzehrte
+ihn der Ehrgeiz.
+
+Er wollte herrschen, und daß er als Herrscher einen Stab aus Eisen
+schwingen, daß er ein weit größerer Tyrann sein würde, als jener, gegen
+den er schon während seiner Knabenzeit Haß und Verachtung eingesogen,
+bewies seine schroffe Ueberhebung, seine kaltherzige Art.
+
+Und diesem Menschen wollte sich Imgjor mit ihrer, wenn auch äußerlich
+rauhen, doch von lauterer Menschenliebe erfüllten Brust zueignen! —
+
+Als Axel ein halbes Stündchen vor Tisch nach Rankholm zurückkehrte,
+berichtete ihm Frederik, daß die Herrschaften sich wegen seines
+Fortbleibens bereits beunruhigt hätten. Er würde sogleich melden, daß
+der Herr Graf eingetroffen sei. Von Imgjor war nicht die Rede. Offenbar
+hatte man sich bei ihr an solche Unregelmäßigkeiten gewöhnt.
+
+Bei Tisch berichtete Graf Dehn über die Geschehnisse in Oerebye.
+
+Er gab den Inhalt der vermiedenen Reden wieder, verschwieg aber in
+vornehmer Gesinnung sowohl Imgjors als auch des Doktors Anwesenheit. Es
+widerstrebte ihm, trotz seiner heftigen Abneigung gegen Prestö, den
+Angeber zu spielen. Die Herrschaften mochten selbst den Zeitungen einen
+Bericht über die Vorkommnisse entnehmen; und gar Imgjor ohne Not in ein
+ungünstiges Licht zu stellen, widersprach vollends seiner Stellung zu
+ihr.
+
+Während noch Graf Dehn sprach, öffnete sich die Thür, und Imgjor trat
+mit dem ihr eigenen, sich gleichsam starrköpfig gegen die eigene
+Schönheit auflehnenden Ausdruck ins Gemach.
+
+Sie sprach eine kurze Entschuldigung aus, sich verspätet zu haben, und
+suchte den Blicken und den Fragen ihrer Umgebung zunächst dadurch
+auszuweichen, daß sie dem ihr unmittelbar darauf von der Dienerschaft
+servierten Vorgericht mit hungrigem Eifer zusprach.
+
+Und nur ganz allgemein hatte sie bei ihrem Eintritt das Haupt zum Gruß
+geneigt. Nichts deutete in ihrem Verhalten darauf hin, daß sie kurz
+vorher mit dem Gast des Hauses unter so ungewöhnlichen Umständen an
+einem fremden Orte zusammengetroffen war.
+
+Aber schöner als je erschien sie dem Manne, dem sie fortgesetzt mit
+solcher Nichtachtung begegnete.
+
+Dieses Uebermaß von finsterer Verschlossenheit, verbunden mit Reizen,
+wie verschwenderischer die Natur sie nicht austeilen kann, machte sie
+für ihn unwiderstehlich; gerade diese Kälte entflammte sein Inneres nur
+noch mehr.
+
+Er schaute mehrmals verhohlen zu ihr hinüber, während nun das Gespräch
+einen regelmäßigen Fortgang nahm, oder auch von den Anwesenden eifrig
+den Speisen zugesprochen wurde.
+
+Heute lag auf ihren Wangen ein zartes Rot, ein fast fieberhaftes, das
+die Erregung zufolge der heutigen Erlebnisse darauf zurückgelassen
+hatte. In ihren Augen aber glühte ein stilles, dunkles Feuer, jenes der
+Begeisterung für die Ideale, welche ihre Brust erfüllten.
+
+Dabei waren ihre Körperlinien so unschuldig, ihre Erscheinung und ihr
+ganzes Wesen so jungfräulich, so unnahbar, ihr Wuchs so edel, die
+kleinen Hände trotz der zarten Farben so fest, so energisch gebildet.
+Mit ihrem schlichten, auf die weiße Stirn fallenden rotblonden Haar
+glich sie einem mit höchster Schönheitsvollendung geschmückten Weibe.
+
+Und dieser überwältigende Eindruck ihrer gesamten Erscheinung machte
+Axel nachdenklich und schweigsam, so völlig anders, daß Lucile, die
+gleich beide argwöhnisch beobachtet hatte, nunmehr wiederholt auf ihre
+Schwerer einredete.
+
+„Wo warst du, Imgjor? Bist du die ganze Zeit unterwegs gewesen?“ warf
+sie forschend hin.
+
+Imgjor erwiderte mit einem kurzen, tonlosen Ja. Da eben von Frederik
+eine Pastete herumgereicht wurde, nahm sie die Gelegenheit wahr, sich
+den Anschein zu geben, als ob sie das Auffüllen dieses Leckerbissens auf
+ihren Teller zu ausschließlich beschäftige.
+
+„Willst du keinen Fisch vorher?“ fiel nun die Gräfin ein, da eben einer
+der Diener mit diesem Gericht zur nachträglichen Darreichung erschien.
+
+„Nein, ich danke! — Ich habe sehr wenig Hunger —“
+
+Und zu jenem, der sich ihr inzwischen ehrerbietig genähert, mit der ihr
+eigenen, steten Freundlichkeit gegen Untergebene: „Vielen Dank,
+Christian! — Ich nehme nicht —“
+
+Nun trat eine Pause ein. Alle waren mit sich beschäftigt, und die Herren
+tranken auf des Grafen Aufforderung einen von Frederik soeben
+eingeschenkten alten, besonders vorzüglichen Rotwein.
+
+Dann sagte die Gräfin: „Nun, Imgjor? Wo warst du also den ganzen Morgen?
+Lucile fragte dich, und du antwortetest nicht.“
+
+Wie aus einem Traume erwachend, erhob Imgjor, die kaum von der Pastete
+gekostet, den Kopf, sammelte sich aber, verfinsterte die Stirn und sagte
+in einem launenhaft ungeduldigen Ton: „Ich bin doch kein Schulkind mehr,
+das man fortwährend examinieren muß, Mama! Deshalb gab ich Lucile keine
+Antwort —“
+
+„Nun ja! Aber wo warst du? Jetzt frage ich dich!“
+
+Imgjor zog mit einer Geberde der Auflehnung die Schultern und spreizte
+die Lippen, entgegnen aber nichts. Eine Lüge widerstrebte ihr, jedoch zu
+bekennen, worum es sich handelte, — gewann sie nicht über sich.
+
+„Nun, antworte doch, wenn deine Mutter mit dir spricht!“ herrschte jetzt
+heftig, ungeduldig der Graf. Imgjors zu Tage tretender Trotz nahm alle
+und auch ihn gegen sie ein, und nur Fräulein Merville — Axel sah's — auf
+Imgjors Seite.
+
+In ihrem Angesicht erschien ein unruhiger, besorgter Ausdruck.
+
+„Bitte! Rede doch — gieb keinen Anlaß zum Verdruß!“ stand in ihrem auf
+Imgjor gerichteten Blick geschrieben, während sich in Luciles Mienen
+Unwille und jene stolze Auflehnung bemerkbar machte, das ihre Schönheit
+zwar beeinträchtigte, aber die Majestät ihrer Erscheinung jederzeit hob.
+
+Was jedoch die Anwesenden erwarteten, geschah auch jetzt nicht.
+
+Zuerst erschien ein hilfloser Ausdruck in Imgjors Kindergesicht. Dann
+schob sie den Teller und die Serviette zurück, erhob sich und verließ,
+während sie durch Zusammenbeißen der Zähne ihre Bewegung und auch die
+aus ihren Augen strömenden Thränen vergeblich zu bannen suchte, das
+Zimmer.
+
+Offenbar erlag sie einer durch die Gewalt der starken Eindrücke des
+Tages hervorgerufenen, krankhaften Abspannung der Nerven, und nicht
+Trotz und böser Wille, sondern diese Unfreiheit und die Auflehnung
+dagegen, daß man ihr in Gegenwart des Gastes und der Dienerschaft so
+begegnete, ließen sie so handeln.
+
+Wenn Graf Dehn vordem durch Schweigen für sie Partei genommen, so
+geschah's jetzt mit Worten.
+
+Er wollte als ihr guter Freund handeln, wie sie ihm auch begegnen
+mochte.
+
+Im Saal des Landhofes hatten sich einmal während seiner Rede ihre Blicke
+getroffen, und beide hatten sich, wie ertappt, abgewendet. Aber eben
+diese Beachtung von ihrer Seite hatte Axel belehrt, daß sie ihm
+gegenüber nicht völlig gefühllos war.
+
+„Komtesse Imgjor ist offenbar nicht wohl —“ hub er in einem
+versöhnlichem Tone an. „Ich sah, während Komtesse Imgjor die Suppe aß,
+daß sie mehreremals auffallend die Farbe wechselte —“
+
+„So — so — In der That?“ fiel der Graf, der offenbar seine Schroffheit
+bereits bereute, mit gutherziger Unbequemung ein.
+
+Und als Axel den Blick auf die übrigen richtete, begegnete er in dem
+Angesicht des Fräulein Merville einem dankbaren Ausdruck, während in den
+Zügen der Gräfin ein unbiegsamer, in denen Luciles ein solcher von
+höchstem Unwillen haftete.
+
+Freilich wich er in Luciles Antlitz sogleich. Er verwandelte sich,
+während sie erst einen tiefen, träumerischen Blick auf den Gast
+richtete, in einen Axel zugewendeten still hingebenden.
+
+Graf Dehn entging das nicht, und er wurde davon so stark berührt, daß
+sich seine Gedanken eine Weile ganz auf Lucile richteten.
+
+Aber ebenso rasch schüttelte er den Kopf, und ein erneuter Blick auf sie
+betätigte auch eine von ihm offenbar nur genährte Illusion.
+
+Umsomehr aber beschäftigten sich seine Gedanken mit Imgjor.
+
+Er würde eine Welt darum gegeben haben, sie jetzt sprechen, mit seinen
+Augen in ihre Seele einmal hinabtauchen zu können.
+
+Die Stunden zwischen dem Essen und dem kleinen Feste nahm sich Graf Dehn
+vor, allein in seinem Gemächern zuzubringen. Er erklärte, daß er Briefe
+schreiben müsse, und man erhob auch keinen Widerspruch. Auch die
+übrigen schienen von demselben Verlangen beherrscht zu werden, sich zu
+vereinsamen.
+
+Als Axel sein Wohngemach betrat und, bevor er sich niederließ, arglos
+Umschau hielt, fand er auf seinem Schreibtisch ein kleines, mit goldenen
+Linien umrändertes Kouvert. Er griff hastig danach, und da ihm ein
+unbestimmtes Gefühl sagte, daß es mit Imgjor zusammenhänge, öffnete er
+es in fiebernder Spannung. In der That fand er einige Worte von ihrer
+Hand.
+
+Aber freilich brachten sie nicht, was er ersehnt, was er fast gehofft
+hatte.
+
+Auf einer zierlichen Karte standen die Worte: „Ich wiederhole, es giebt
+keinen Weg, der uns zusammenführen kann. So lassen Sie mich! Ich bitte,
+ich beschwöre Sie! Für Ihre Diskretion meinen Dank. I.“
+
+So war also doch nichts gewonnen! Axel ließ sich entmutigt in seinen
+Sessel sinken und saß lange, abwesend, seinen Gedanken hingegeben.
+
+Stark benommen und nichts weniger als zu einem Zusammensein mit Menschen
+aufgelegt, nahm er sodann in späterer Stunde die Meldung Frederiks
+entgegen, daß die Gäste im Anzuge seien.
+
+Soeben hätten sie den Schloßhof überschritten.
+
+„Und Doktor Prestö? Ist er auch dabei, Frederik?“
+
+„Jawohl, Herr Graf, er ist schon im Flur, Cristian ist ihm behilflich —“
+
+„Ich danke Ihnen. Ich werde sogleich erscheinen —“ Axel sprach's
+zerstreut und machte sich, mechanisch handelnd, an seine Toilette.
+
+Da die Anwesenden im Schloß schon eine Anzahl von Personen ausmachten,
+so war's nicht zu verwundern, daß der Empfangssalon stark gefüllt war.
+
+Es hatten sich alle höheren Beamten mit ihren Damen eingefunden, der
+Oberverwalter, der Verwalter, der Vorwerk-Inspektor, der Oberförster mit
+seinen zwei Unterbeamten, die Herren aus der Kanzlei und der Kasse, der
+Intendant und die Schreiber, des Grafen Sekretär und zudem die
+Honoratioren aus dem Dorfe.
+
+Es wurde zunächst Thee herumgereicht. Dann musizierten Lucile und die
+Pastorin, und eine Verwandte des Apothekers aus Kopenhagen sang mit
+einer gutgeschulten, sympathischen Stimme.
+
+Das nahm, einschließlich der Empfangsgespräche, denen die Gräfin mit
+vollendetem Geschick einen warmherzigen Charakter zu verleihen wußte,
+eine kleine Stunde in Anspruch. Dann wurde das Zeichen zum Tischgang
+gegeben.
+
+Der Pastor, als ältester und würdigster Herr, führte die Gräfin und der
+Graf die Gemahlin des ersteren. Im übrigen wählte, der hier herrschenden
+Sitte entsprechend, jeder Herr seine Dame selbst, und allezeit fügten
+sich, trotz dieser Uneingeschränktheit, die Dinge den Verhältnissen
+angemessen.
+
+Jeder wußte von selbst, auf welchen Platz er gehörte. Ihn leiteten
+Gewohnheit und natürliches Taktgefühl. Ein gleiches galt von der Wahl
+der Damen selbst.
+
+Axel hatte, schnell entschlossen, Lucile den Arm geboten. Sie sah ihn
+überrascht fragend, aber auch sichtlich angenehm berührt an, und
+lächelte mit einem feinen, überlegenen Lächeln.
+
+„Wie, Herr Graf? Eine Lucile, wo es eine Imgjor giebt?“ neckte sie. Und
+er, während er an der in Silber und Krystall funkelnden Tafel Platz
+nahm: „Darauf darf ich entgegnen, Komtesse: es überraschen und beschämen
+den Grafen Dehn so gütige Worte umsomehr, als so zahlreiche Mitglieder
+aus Fürstengeschlechtern nach Rankholm hinüberschauen!“
+
+„Ah, das war nicht hübsch! Das war boshaft, Graf Dehn —“ entgegnete
+Lucile. „Sie lohnen mir meine Offenherzigkeit mit Spott! Glauben Sie,
+daß ich keinen Wert auf die Erstarkung unserer Freundschaft lege?“
+
+„Ja, ich fühle es, und es macht mich überaus stolz und glücklich,
+Komtesse!“ fiel Axel, den leichten Ton verlassend, ein. „Heute
+namentlich thut mir Güte und Wärme doppelt wohl, da sich — Sie sprachen
+von Ihrem Fräulein Schwester — bereits mein Schicksal entschieden hat.“
+
+„Wie? — Es ist etwas geschehen? Ah — ahnte mir's doch!“ Lucile sprach's
+stark betonend und lehnte mit der ihr eigenen, kurz abweisenden Art eine
+Schüssel ab, die eben einer der Diener beim Anbieten zwischen sie und
+ihren Nachbar schieben wollte.
+
+„O ich bitte, erzählen Sie mir!“ fuhr sie fort und warf zugleich einen
+Blick zu ihrer Schwester hinüber, die neben Prestö saß und trotz
+eifrigen Redens eben mit gespanntem Ausdruck zu ihnen beiden
+hinüberschaute.
+
+Axel hob die Schultern und lächelte schwermütig.
+
+„Erlassen Sie mir Einzelheiten, Komtesse! Die Sache hat ein Vorspiel,
+über das ich noch nicht sprechen, worüber ich auch Ihnen gegenüber mich
+nicht eher auslassen möchte, bis die Geschehnisse von anderer Seite zu
+Ihnen gedrungen sind. Nur soviel: Komtesse Imgjor hat mir heute die
+wiederholte Erklärung gegeben, daß uns keinerlei Wege zusammenführen
+könnten!“
+
+Zuerst blitzte es nach diesen Worten in Luciles Angesicht auf. Dann aber
+wurden ihre Mienen wieder ernst, und indem sie Graf Dehn mit einem sanft
+gelassenen Ausdruck ansah, sagte sie:
+
+„Natürlich vermag ich ohne den Zusammenhang der Dinge keine zutreffende
+Meinung abzugeben. Aber daß solche Erklärungen meiner Schwester oft
+gerade das Gegenteil bedeuten, kann ich Sie versichern. Jeder hat seine
+Art. Sie hat die ihrige. Börne, der deutsche Denker, sagt einmal:
+Ernsthafte Frauen gleichen leeren Koffern mit sieben Schlössern. Ich
+möchte von meiner Schwester sagen, sie gehört zu jener Gattung von
+weiblichen Wesen, von denen man behaupten könnte: Hinter den Eisbergen
+ihrer Mienen lodern tausend heiße Flammen —“
+
+„Wie? Sie glauben —?“
+
+Lucile nickte.
+
+„Einen Fall nehme ich aus. Hat sie bereits die ebenso große
+Unbesonnenheit wie Geschmacklosigkeit begangen, sich mit dem Plebejer
+drüben zu verloben, so ist natürlich nichts zu machen.“
+
+„Ich möchte das als höchst wahrscheinlich annehmen, Komtesse —“
+
+„Ein mehr als schrecklicher Gedanke, Graf Dehn! Worauf stützen Sie Ihre
+Eindrücke, wenn ich bitten darf?“
+
+Graf Dehn zögerte erst, dann kam ihm ein Entschluß, und er sagte:
+
+„Für einen in seinem Geist und Gemüt beschwerten Menschen giebt's kein
+größeres Labsal, als sich aussprechen zu können, einen Vertrauten zu
+besitzen, dem er rückhaltlos über alles zu berichten vermag, was ihn
+beschäftigt.
+
+Dieser Umstand und die Sicherheit, daß meine Eröffnungen Komtesse Imgjor
+nützlich sein können — ich gestatte mir, später zu sagen, in welcher
+Weise ich mir das vorstelle — lassen mich unter der Bitte vorläufiger
+Verschwiegenheit reden!“
+
+Nach dieser Einleitung erzählte Graf Dehn Lucile alles, was geschehen
+war, und schloß mit den Worten:
+
+„Sie äußerten sich jüngst über die Möglichkeit, daß Ihr Fräulein
+Schwester Rankholm verließe — dringen Sie gleich — ich bitte — darauf,
+damit sie von Prestö getrennt wird, und auch darauf, daß man ihn, sobald
+sie zurückkehrt, nicht mehr hier findet!“
+
+„Ja, ja“ — Lucile, die mit größter Spannung zugehört und namentlich bei
+der Schilderung dessen, was Graf Dehn selbst im Landhof gesprochen, mit
+lebhaftem Ausdruck ausgehorcht hatte, nun sinnend zurück.
+
+„Wenn es nur nicht zu spät ist! Ich fürchte nach dem, was Sie mir gesagt
+haben, allerdings, daß sie schon die Thorheit begangen hat. Und ist's
+der Fall, dann giebt's keine Schlösser und Ketten, keine Länder und
+Entfernungen, die sie von ihm und ihren Entschlüssen trennen würden.
+Selbst ein nachträgliches Erkennen seiner Unwürdigkeit würde sie
+abhalten, ihr einmal gegebenes Wort zu brechen; die allerschwersten, die
+größten Selbstaufopferungen mit sich führenden Pflichten würde sie auf
+sich nehmen.“
+
+„Eine Hoffnung besteht vielleicht noch, Komtesse!“ fiel Axel ein.
+
+„Sie erinnern sich, daß Graf Knut mir erzählte, Prestö sei verlobt. So
+hat doch vielleicht nur die gemeinsame Sache sie zusammengeführt.“
+
+„Ja, sie hat sich ihm ursprünglich wohl nur deshalb genähert,“ — betonte
+Lucile — „ihn aber — glauben Sie es — bestimmt ihr Geld und die
+Befriedigung seiner maßlosen Eitelkeit. Um derentwillen wird er ein
+bereits eingegangenes Verlöbnis zu Imgjors Gunsten lösen. Ich halte den
+Menschen zu allem fähig, sofern es sich um die Erlangung von Macht und
+Besitz handelt —“
+
+„Ich beurteile Prestö ebenfalls ungünstig, er ist mir zugleich namenlos
+unsympathisch. Aber das möchte ich doch nicht unterschreiben. Für
+unehrenhaft, für einen Schurken halte ich ihn nicht. Er ist ein krasser
+Egoist und Fanatiker, aber —“
+
+„Ja, ja, das ist ja eben Ihre rührende Art! Obschon Ihnen die Natur
+einen so scharfen Verstand verlieh, obschon Sie einen starken Spürsinn
+besitzen, bewahren Sie sich doch ein vertrauendes Herz und glauben an
+die Menschen! Und eben solche wie Sie, in solcher Mischung, giebt's
+wenige. Wo ist die rechte Harmonie zwischen Verstand und Gemüt, zwischen
+strengen Grundfarben und Koncilianz?“
+
+„Sie beschämen mich, Komtesse —“
+
+„Ich sage, wie ich es meine, Graf Dehn. Und wäre Imgjor nicht krank, —
+ihre überspannten Ideen sind krankhafter Natur — so wäre sie die Rechte
+für einen Mann, wie Sie es sind. — Ach, meine Mutter hat viel
+verschuldet! Sie — sie — hat Imgjor durch eine übergroße Strenge in den
+Kindheitsjahren in diese Welt des Widerstandes getrieben —“
+
+„Wie? Das sagen Sie, Komtesse? Schon einmal deuteten Sie auf dergleichen
+hin! Wie schmerzlich ist es mir, daß Sie an einer, in meinen Augen so
+seltenen Frau, wie Ihre Mama es ist, nicht alles zu loben vermögen, daß
+Sie sie nicht blindlings lieben —“
+
+Lucile bewegte die Schultern, deren vollendete Formen durch ein tadellos
+sitzendes Gewand aus zarter grüner Seide noch mehr gehoben wurden. Auch
+zog sie die ausdrucksvollen Lippen und sagte stark betonend:
+
+„Doch, ich liebe meine Mutter zärtlich. Aber gerade, weil ich sie so
+sehr liebe, möchte ich sie als höchstes Ideal betrachten können. Es
+liegt etwas vor, das ich nicht verstehe. Ich spreche nicht allein über
+Mamas Haltung Imgjor gegenüber —“
+
+In diesem Augenblick schlug Graf Lavard ans Glas, um einen Toast auf die
+Gäste auszubringen. Dadurch wurde Lucile in ihrer Rede unterbrochen.
+Ueberdies bemerkten beide, daß man sie beobachtete. Infolge dessen
+richteten sie ihre Blicke mit unabgewendeter Aufmerksamkeit auf den
+Sprechenden, und nur einmal warf Graf Dehn das Auge auf seine Umgebung.
+Und als dies dann auf Imgjor fiel, sah er erst, daß Prestö ihr etwas
+zuflüsterte, und dann, daß sie ihm rasch mit einem ihrer süßen Blicke
+antwortete, einem jener Blicke, in denen das ganze bestrickende Wesen
+ihrer tiefen, anschmiegenden Seele zum Ausdruck gelangte.
+
+Aber eine noch stärkere Bestätigung seiner schwermütigen Vermutungen
+empfing Graf Dehn, als er kurz vor Schluß des Festes, ohne es zu wollen,
+Zeuge eines Gespräches zwischen ihr und Prestö wurde.
+
+Als er den von allen und auch von ihm inzwischen betretenen Park auf
+Augenblicke verließ, um sich eine Cigarre aus dem neben dem Speisegemach
+befindlichen Rauchzimmer zu holen, sah er in ersterem Imgjor und Prestö
+einander zärtlich die Hände schütteln und hörte das junge Mädchen
+deutlich sagen:
+
+„Also, bitte, übermorgen Abend!“ zugleich aber traten beide, Axel
+bemerkend, verwirrt zurück. Imgjor wandte sich der Gartenseite zu und
+der Doktor, der ohnehin während dieser Stunden Axel fortdauernd
+hochmütig ausgewichen war, verbeugte sich kurz mit eisiger Förmlichkeit
+gegen ihn und verließ das Gemach.
+
+„Ja, Herr Doktor Prestö ist soeben zu einem Kranken gerufen. Er
+begegnete mir hier gerade beim Fortgehen —“ erklärte Imgjor, als sich
+Axel ihr mit kavaliermäßiger Artigkeit anschloß und, um überhaupt etwas
+zu reden, die Frage aufwarf, ob Prestö die Gesellschaft bereits
+verlassen wolle.
+
+Aber einer Erörterung über das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag
+und einen so bedeutungsvollen Inhalt besaß, wußte sie dadurch
+auszuweichen, daß sie, als er eben zu weiteren Worten anheben wollte,
+von ihrem Hunde zu sprechen begann.
+
+Und das geschah mit einer so unbefangenen Miene, daß Graf Dehn überhaupt
+die Möglichkeit abgeschnitten wurde, ein anderes Thema zu berühren. Auch
+neigte sie, nachdem sie die Treppen zum Garten hinabgestiegen waren,
+kurz verbindlich das Haupt und gesellte sich zu der gerade ihnen
+entgegenschreitenden Nichte des Pastors. —
+
+ * * * * *
+
+Am nächstfolgenden Tage wurden die Bewohner von Rankholm durch die sehr
+unerfreuliche Botschaft überrascht, daß im Dorfe das Scharlachfieber
+ausgebrochen und daß bereits zwei Dutzend Personen, Große und Kleine,
+davon ergriffen seien.
+
+Der Graf erzählte davon beim zweiten Frühstück und ermahnte die
+Tischgenossen, den Verkehr mit den Dorfbewohnern vorsichtig zu meiden.
+Es wurde sogar überlegt, ob nicht der sonst stets erfolgende
+Kirchenbesuch für den bevorstehenden Sonntag ausgesetzt werden solle.
+
+Der Graf befürwortete ein Fortbleiben; die übrigen schlossen sich ihm
+stillschweigend an, und nur Imgjor gab keine Meinung ab.
+
+„Nun, Kind — hast du gehört? Halte dich also vom Dorf fern!“ warf die
+Gräfin mit einem auf ihre Tochter gerichteten, auffordernden Blick hin.
+
+Imgjor bewegte den Kopf.
+
+„In die Kirche werde ich auch nicht gehen. Aber ins Dorf möchte ich
+jetzt gleich und möchte mich umsehen, ob ich nicht helfen, vielleicht
+als Krankenpflegerin mich nützlich machen kann.“
+
+„Du wirfst das nicht thun, unter keinen Umständen! Ich wünsche es nicht
+—“ entschied die Gräfin.
+
+„Willst du mich denn hindern, ein gutes Werk zu thun, Mama? Welchen Wert
+hat alle Religion, wenn sie mit keinen Thaten verbunden ist?“
+
+„Du hast —“ entgegnete die Gräfin — „nicht nur auf den Drang, zu helfen,
+den ich gewiß nicht tadle, Rücksicht zu nehmen, sondern auf die ganze
+Familie und sämtliche übrigen Mitbewohner von Rankholm.
+
+Scharlach ist so ansteckend, daß es geradezu Leichtsinn wäre, sich
+unnötig mitten in die Gefahr zu begeben. —“
+
+„Unnötig, Mama? Sollen wir uns nicht der Armen und Notleidenden
+annehmen?“
+
+„Ja, ja, Imgjor! In solchen Antworten liegen deine Phantastereien. Die
+Beschäftigung mit dem Idealsten in der Welt kann verderblich statt
+segensreich wirken, wenn es eine verkehrte Hand zu ungeeigneter Zeit ins
+Praktische zu übertragen sucht.
+
+Wie nun, wenn wir dich gewähren lassen und alle hier von einer
+Ansteckung befallen werden, wenn gar die Krankheit einen tötlichen
+Ausgang nimmt? Meinst du, daß die vom Dorfe heraufeilen werden, um uns
+zu pflegen, selbst wenn wir verkündeten, wir erwarteten, daß sie es thun
+möchten? Keiner, der Pastor ausgenommen, der stillschweigend mit seinem
+Amt solche Samariterpflichten gegen die Gemeinde übernommen hat, wird
+auch nur auf den Gedanken geraten. Und darin steckt's! Fortwährend wird
+von den Bauern der Anspruch an Opferwilligkeit von unserer Seite
+erhoben, und nach Kräften wird diesem Anspruch von den besser Gesinnten
+entsprochen. Aber wer hilft dem Gutsherrn, wenn er der Hilfe bedarf,
+wenn er etwa gar verarmt? Er wird vergeblich die Hände ausstrecken. Du
+solltest endlich deine Vernunft gebrauchen, statt solchen Gefühlsideen
+blindlings Gefolgschaft zu leisten. Stehen wir dir denn näher oder die
+in Kneedeholm? Ja, wenn's wirklich erforderlich wäre! Aber im Dorf haben
+sie Menschen und Kräfte genug, sich gegenseitig auszuhelfen!“
+
+„Ich kann ja in Kneedeholm bleiben, bis alles sich gewendet hat, Mama.
+So bringe ich euch in keine Gefahr —“ fiel Imgjor, ohne dem von ihrer
+Mutter allgemein Gesprochenen eine Antwort zu erteilen, mit trotziger
+Beharrlichkeit ein.
+
+„Nein!“ erklärte nun auch der Graf, bevor die Gräfin zu weiterer Rede
+anzuheben vermochte. „Auch ich verbiete dir das Betreten des Dorfes für
+die nächste Zeit, schon deshalb weil ich nicht wünsche, daß du ferner
+mit Prestö in Berührung gelangst, und das wäre bei solcher Thätigkeit
+unvermeidlich. Eben lese ich in der ‚Orebye Tidende‘, was der Monsieur
+dort vorgestern in einer Versammlung meiner Bauern zusammengesprochen
+hat. Es ist ja die vollkommene Aufreizung gegen den Landadel. Schon
+heute würde ich ihn zur Rede gestellt haben, wenn nicht unten die
+Epidemie ausgebrochen wäre. Ist sie aber beseitigt, so mag er gehen. Ich
+will ihn hier nicht mehr haben!“
+
+„Kannst du ihn gehen heißen, Papa? Er steht doch nicht in deinem Dienst!
+Er kann doch seine Thätigkeit aufnehmen, wo er will. Höchstens als Arzt
+fürs Schloß kannst du ihn abschaffen —“
+
+„Die Entscheidung darüber wirst du mir gefälligst überlassen, meine
+Liebe! Ich habe deine Belehrungen nicht erbeten und erkläre sie für
+völlig unpassend. Aber da aus ihnen und aus deiner fortwährenden
+straffen Parteinahme für diesen Herrn sich nur noch mehr erhärtet,
+welches Gift es für dich ist, mit ihm in Beziehungen zu bleiben — ihm,
+gerade ihm, haben wir offenbar deine Bauernfreundlichkeit auf Kosten des
+Wohlergehens deiner eigenen Familie zu verdanken — so erscheint mir der
+Zeitpunkt gekommen, daß du einmal Rankholm verläßt und in Verhältnisse
+gelangst, die dich solchen Beeinflussungen gründlich entziehen. — Nicht
+wahr, du bist auch neulich in Oerebye gewesen?“
+
+Imgjor sah ihren Vater fest und ohne eine Miene zu verziehen an; nur in
+den Augen zitterte etwas, das auf die Regungen ihres Innern Schlüsse
+ziehen ließ. Aber sie antwortete nicht.
+
+„Ich las Ihre ausgezeichnete Rede, für die ich Ihnen noch aus vollem
+Herzen danken wollte, lieber Graf Dehn —“ fuhr der Graf, ohne auf einer
+besonderen Bestätigung der an seine Tochter gerichteten Frage zu
+beharren, zu Axel gewendet fort: „Sie vermögen Auskunft zu geben, ob
+meine Tochter dort war —?“
+
+„Nein, Herr Graf! Ich vermag darüber nichts zu sagen. Aber ich danke
+Ihnen für Ihr gütiges Lob. Ich bin sehr glücklich, daß Ihnen die
+Ausführungen, zu denen ich infolge der Rede des Doktor Prestö gedrängt
+wurde, gefallen haben.“
+
+In Imgjors Angesicht zuckte es bei Axels Worten auf, aber sie lohnte ihm
+seine Ritterlichkeit auch nicht einmal durch einen Blick.
+
+Wohl aber reckte sie plötzlich den Oberkörper empor und sagte mit großer
+Entschiedenheit im Ton: „Ich werde nachher auf dein Zimmer kommen, Papa.
+Ich bitte, daß du es erlaubst. Dort werde ich dir auf alles Antwort
+geben. Jetzt, jetzt gestatte, daß ich mich entferne.“
+
+Nach diesen Sätzen richtete sie sich, die Serviette von sich streifend,
+empor und war bereits an der Thür, bevor der Graf sie zu hindern
+vermochte. Aber sie hatte nicht mit der Gräfin gerechnet.
+
+„Ich möchte dich jetzt gleich sprechen, Imgjor! Bleibe!“ befahl sie.
+
+„Ich wünsche an der Unterredung teilzunehmen. Ohnehin ist es Zeit,
+aufzustehen. Sie gestatten, lieber Graf Dehn! Und es ist dir recht,
+Lavard?“ fügte die Gräfin biegsam im Ton hinzu und wußte den anfangs
+etwas zögernden Grafen zur Beipflichtung zu veranlassen.
+
+Infolge dessen erhoben sich alle; und alle richteten jetzt den Blick auf
+Imgjor. Sie aber stand wie ein Marmorbild an der Thür und erst, als ihre
+Mutter eine Bewegung machte, durch die sie ihren Befehl wiederholte,
+schoß etwas in ihre Augen, das den unheimlichen Glanz eines unbeugsamen
+Willens besaß.
+
+Alsdann reichten jene, mit Ausnahme von Imgjor, dem Grafen Dehn
+vertraulich die Hand und verließen das Gemach, und nur Lucile, die
+begierig nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte, das der Graf, ihr Papa,
+bei seiner Rede aus der Tasche gezogen, blieb noch im Zimmer.
+
+„Ich kann es kaum erwarten, zu lesen, wie Sie dem widerwärtigen Menschen
+entgegengetreten sind, Graf Dehn!“ begann sie. „Und wie finden Sie
+Imgjors Benehmen?“ fuhr sie fort. „Ist es nicht unerhört, in welcher
+Weise sie die Rücksichten gegen ihre eigene Familie bei Seite schieben
+will? Ich muß sagen, ich stehe ganz auf Mamas Seite. Und es geschieht ja
+auch nun ohne unsere Einwirkung das, was Sie als erforderlich
+bezeichneten. Imgjor wird — ich hoffe, daß Papa darauf besteht —
+Rankholm verlassen. Was wird nun aber aus Ihnen, lieber Graf! Werden Sie
+es allein mit uns aushalten können?“
+
+„Sie wissen, wie ich über Sie alle denke, wie sehr ich Sie alle schätze
+und verehre, Komtesse. Das ist meine Antwort. Aber etwas anderes drängt
+sich mir auf. Wohin wird man Ihr Fräulein Schwester schicken? Soll sie
+Nutzen haben von einer Entfernung, muß sie in keine Umgebung gelangen,
+wo man ihr schroff entgegentritt. Man muß ihr mit Güte begegnen und
+versuchen, sie allmählich von dem Unwert ihrer übertriebenen Ideen zu
+überzeugen.“
+
+„Ja, Sie haben Recht, Graf Dehn. Was raten Sie?“
+
+Ich kenne Ihre Beziehungen nicht, Komtesse. Ich wüßte aber ein Haus, wo
+—“
+
+„Nun?“
+
+„Bei meinen Eltern in Dresden. Sie würden die Komtesse mit Freuden
+aufnehmen!“
+
+In Luciles Angesicht, die wohl aus besserer Ueberzeugung schroff gegen
+ihre Schwester auftreten konnte, sie aber trotzdem zärtlich liebte,
+blitzte es auf.
+
+„Ja, ja! Das wäre eine Idee, eine vortreffliche!“ stieß sie heraus.
+„Gleich will ich mit den Eltern darüber sprechen, wenn wirklich den
+Ihrigen ein solcher Plan genehm sein würde.“
+
+„Meine Eltern werden sehr glücklich sein —“ entgegnete Axel, „wenn Sie
+ihnen Gelegenheit geben, ihre freundschaftlichen Empfindungen zu
+bethätigen. Darüber besteht kein Zweifel. — Aber ob Komtesse Imgjor
+damit einverstanden sein wird, ist mir sehr zweifelhaft, Komtesse. Ich
+fürchte, sie wird sich weigern, bei der Familie desjenigen
+Gastfreundschaft entgegenzunehmen, gegen den sie so unzweideutige
+Beweise ihrer Abneigung an den Tag legt. Ich fürchte sogar, daß sie mich
+seit den letzten Vorgängen haßt —“
+
+Lucile schüttelte diesmal nur sanft den Kopf und sah Axel mit einem
+Ausdruck an, als ob sie sich über die tiefere Bedeutung des von ihm
+Gesagten unterrichten müsse. Und dann noch einmal, aber sie entgegnete
+nichts.
+
+ * * * * *
+
+Daß Imgjor zu dem Doktor Prestö hielt, hatte die Versammlung in Oerebye
+und hatten die übrigen früheren und neueren Vorgänge bewiesen. Aber ob
+ein Liebesverhältnis zwischen ihnen bestand, war noch nicht aufgeklärt.
+Dieser Umstand ließ Graf Dehn alle seine Gedanken darauf richten, wie er
+es anstellen könne, sich darüber eine Gewißheit zu verschaffen.
+
+Da er Zeuge der Verabredung zwischen Imgjor und Prestö gewesen, hatte er
+hin und her überlegt, wo diese Zusammenkunft wohl stattfinden werde, und
+immer wieder war er zu dem Ergebnis gelangt, daß der von ihm entdeckte
+Gang im Turm, dessen Aus- und Einmündung er in der Folge nachgespürt,
+dabei eine Rolle spiele.
+
+In der nach dem Garten gerichteten Seite dieses Zwischenbaues befand
+sich eine kleine, von Epheu umrankte, offenbar sonst seit
+Menschengedenken nicht mehr geöffnete Thür. Sie führte sicher zu dem
+Vorzimmer von Imgjors Räumen; von hier ging die dort mündende, zwischen
+der dicken, mit Lichtspalten versehene Mauer eingefügte Treppe aus.
+
+Und dieser Teil der Turmseite selbst war hinter dichtem Gebüsch
+verborgen; niemand achtete auf diesen verdeckten Winkel.
+
+Auch Axel würde schwerlich jemals dorthin einen Blick geworfen haben,
+wenn er nicht von solchen Voraussetzungen ausgegangen wäre.
+
+Vom Dorf zweigte sich außer dem Fahrwege ein Pfad über die Wiese nach
+dem Gutsgebiet ab. Ihn benutzten die Fußgänger von Kneedeholm und die
+von Rankholm vorzugsweise. Er führte direkt auf den neben dem Schloß zur
+Rechten liegenden Arbeitsgutshof. Hier befanden sich die Wohnhäuser der
+Beamten, und ihn umkränzten in weitem Umfange die Gebäude der Meierei,
+die Kuh-, Pferde- und Schafställe, die Brauerei, das Dampfmaschinenhaus,
+die Remisen für die Herrschafts- und Arbeitswagen und die Häuser für die
+zahlreichen Arbeiterschaften.
+
+Auf diesem Hof, hinter einer gleich den Eingang flankierenden Scheune,
+beschloß Graf Dehn abends zunächst Posto zu fassen, um Prestös Ankunft
+zu beobachten und dessen Schritte zu verfolgen.
+
+Es gab nur diesen einen, direkt zum Park führenden Weg, und falls Prestö
+überhaupt kam, mußte er ihn einschlagen.
+
+Zwischen dem Frühstück und dem Tischgang machte Graf Dehn mit dem Grafen
+einen längeren Spazierritt. Letzterer sprach bei dieser Gelegenheit wohl
+auch über Imgjor, aber er äußerte nichts über Inhalt und Verlauf der
+Unterredung mit ihr. Es machte Axel den Eindruck, als ob Imgjor ein
+Schweigen über ihre Angelegenheiten gefordert habe.
+
+„Wir sprechen noch näher darüber!“ hatte der Graf geschlossen. „Ich
+komme mit Ihrer Erlaubnis auch noch auf das von Ihnen meiner Tochter
+Lucile gemachte gütige Anerbieten zurück. Ich möchte vor entscheidenden
+Schritten erst einmal die Klarheit besitzen, die ich bisher nicht
+gewonnen habe.
+
+Auf dem Plan steht auch, daß wir alle Rankholm verlassen und einige
+Zeit, etwa vier bis sechs Wochen, nach Kopenhagen übersiedeln. Sie
+wissen, daß wir dort ein eigenes Palais besitzen.
+
+Natürlich — Sie begleiten uns! Sie bleiben unser Gast! Nur unter der
+Bedingung verlassen wir Rankholm.“
+
+Später kam der Graf auf die Versammlung in Oerebye zu sprechen.
+
+„Jeder Gutsherr —“ erklärte er — „muß seinen Herd und sein Eigentum
+schützen. Thun das alle, halten sie eben so fest zusammen, wie
+diejenigen, die übertriebene Forderungen erheben, so wird die
+gegenwärtige Bauernbewegung auf ein verständiges Maß herabgedrückt
+werden. Den Schutz erkenne ich in der rücksichtslosen Entfernung aller
+Ruhestörer, der Erhaltung geordneter Zustände, in einem möglichsten
+Entgegenkommen gegen diejenigen, die uns mit verständigen Vorschlägen
+zur Verbesserung der Lage der Bauern und Landarbeiter gegenübertreten —“
+
+Diese Worte bewiesen, daß Graf Knut in seinem gelegentlich gefällten
+Urteil über den Grafen recht hatte. Nur dessen ungemessene, in
+besinnungslosen Jähzorn ausartende Heftigkeit hatte er getadelt.
+
+„Die Lavards sind alle besonders. Sie besitzen eine Starke Eigenart!“
+hatte er geäußert. „Bei den meisten überwiegt Genialität und Energie,
+bei anderen neben hoher Intelligenz starke Erregbarkeit und Hang zum
+luxuriösen Wohlleben. Den hat der Graf lange abgestreift, aber das
+leicht erregte Blut wird ihm bleiben bis zum Tode, und das hat ihm und
+anderen schon viel Herzeleid gebracht.“
+
+Imgjor erschien nicht bei Tisch. Dagegen hatte sich Graf Knut
+eingestellt und wegen der immer stärker um sich greifenden Epidemie im
+Dorfe eine länger andauernde Gastfreundschaft erbeten.
+
+Er regte, wie immer, durch seine gute Laune und seine frische
+Lebendigkeit die Gesellschaft an, und da auch Graf Dehn gewohnheitsmäßig
+einen lebhaften Geist entfaltete, verflossen die Stunden bis zur
+Schlafzeit in der angenehmsten Weise. Nach Tisch, nach einer längeren
+Promenade im Park, setzte sich die Gräfin mit dem Grafen Dehn an den
+Schachtisch, und die beiden Herren spielten eine Partie Pikett. Bei
+dieser Gelegenheit brach jene das von ihr bis dahin beobachtete
+Schweigen und erzählte Axel, daß Imgjor die Forderung gestellt habe, daß
+ihr ihr Erbteil ausgezahlt und völlige Bewegungsfreiheit eingeräumt
+werde.
+
+„Sie sollen morgen alles und noch anderes erfahren —“ sagte sie. „Mein
+Mann könnte hören, was ich spreche. Er wünscht, daß die Dinge
+einstweilen nicht berührt werden —“ schloß sie mit gedämpfter Stimme.
+
+Zu einer Gegenrede, namentlich zu einer Frage, ob Imgjor engere
+Beziehungen zu Prestö eingeräumt habe, vermochte Graf Dehn nicht zu
+gelangen.
+
+Zum Thee erschien Imgjor, und auch an dem heutigen Abend trug sie — Axel
+schob's diesmal auf die bevorstehende Zusammenkunft mit Prestö, für
+welche helle Gewänder nicht geeignet waren, — ein dunkles Kleid. Sie sah
+wieder anbetungswert schön aus und kehrte gegen den Grafen Knut ein
+neckisch anschmiegendes Wesen heraus.
+
+Zum erstenmal sang sie auf Graf Knuts wiederholte, dringende Bitte
+einige Lieder. Graf Dehn befand sich, während er ihren Vorträgen
+lauschte, in einer Art von Verzauberung. Sein Ich lag in ihren Banden.
+Etwas Aehnliches, die Seele Bewegendes, Ergreifenderes konnte man nicht
+hören.
+
+Alle Register, das Gemüt zu rühren und dem Ohr die höchsten,
+einschmeichelndsten Wohllaute darzubieten, standen ihr zur Verfügung.
+Man jauchzte und weinte mit ihr.
+
+Und wie niemals in ihrem Thun und Wesen das Bestreben zum Ausdruck
+gelangte, sich irgendwie besonders zur Geltung zu bringen, durch die ihr
+von der Natur zuerteilten Gaben Beifall oder gar Bewunderung
+einzuernten, so war's auch heute. Sie war frei von jeder Eitelkeit.
+Jedem Spiegel ging sie vorüber. Sich besonders zu schmücken, mußte sie
+jedesmal aufgefordert werden, und doch besaß sie, wie Lucile geäußert
+hatte, Gewänder, die Königinnen tragen konnten. Sie war mit ihrem
+blendenden Hals, ihren schneeigen Armen, ihrer Psychebüste, ihrem
+vollendeten Wuchs und ihrer vornehmen Haltung ein Wunderwerk der Natur.
+
+Und sie so zu sehen, stand Axel in den nächsten Tagen auf Rankholm
+bevor.
+
+Die Gräfin hatte darauf bestanden, daß der von ihr geplante Ball noch
+vor der Abreise nach Kopenhagen Stattfinde. Schon am nächsten Morgen
+sollten die Einladungen erfolgen und die Antworten durch abzusendende
+Stafetten gleich eingeholt werden.
+
+„Noch eins! Ich bitte recht sehr, Komtesse!“ drängte Graf Knut, nachdem
+Imgjor zwei Lieder gesungen hatte. „Singen Sie gütigst zum Schluß noch
+mein Lieblingslied!“ —
+
+„Ihr Lieblingslied? Ich weiß nicht — Welches ist's, Herr Graf?“ gab
+Imgjor erst zögernd, dann, durch seine Blicke willfährig gemacht,
+zurück. Und „Ach ja — gewiß — ich weiß jetzt!“ fügte sie dann äußerst
+bereitwillig hinzu, bat Lucile, sie zu begleiten, und sang nun ein
+kleines, in meinem ungestümen Tempo sich bewegendes andalusisches Lied:
+
+ „Einmal möcht', daß die Traumgedanken
+ Sich verwandelten in Wirklichkeit!
+ Einmal möcht' ich aus den Schranken
+ Eingeh'n in die Seligkeit!
+
+ Seligkeit sind deine Lippen!
+ Seligkeit ist deine Brust!
+ Schenk, o Gott, der durst'gen Seele,
+ _Einmal_ diese trunk'ne Lust!“
+
+Imgjor trug diese Verse mit einer solchen Verve des Ausdrucks vor, in
+ihren Augen erschien ein solch' überirdisches Feuer und ihr geöffneter
+Mund atmete eine solche verzehrende Sehnsucht, daß Graf Dehn, dem heiße
+Ströme durch die Glieder jagten, dabei an Luciles Worte erinnert ward.
+Sie hatte gesagt, daß hinter Imgjors kalt gemessenem Wesen heiße Flammen
+verborgen seien. Aber als sie dann wieder mit ihrem stumm verschlossenen
+Wesen vom Piano zurücktrat und gleich darauf gute Nacht sagte, Graf
+Knuts lautem Lob mit einer sanft bescheidenen Miene und von Graf Dehns
+stummer Bewunderung keine Notiz nahm, ergriffen ihn doch wieder Zweifel,
+ob sie bei diesem Vortrage wirklich Gleiches auch empfunden habe. Sie
+stellte sich offenbar nur in den Dienst ihrer Aufgabe. Ihre Gedanken und
+Sinne richteten sich sicher auf etwas ganz anderes. Ihr Inneres
+durchrieselte keine Leidenschaft für Prestö, sondern sie erfüllte jene
+Märtyrerliebe zur Menschheit, die sich selbst ans Kreuz schlägt. Alles,
+wenn's auch vielleicht einmal in ihr aufflammte, dämmte sie, diesem
+Dienst geweiht, zurück. Aber um so mehr verzehrte Graf Dehn das
+Verlangen, nun endlich Gewißheit zu erlangen. Sobald es irgend
+schicklich erschien, schützte er Kopfschmerzen und Müdigkeit vor und
+empfahl sich.
+
+Nachdem er sich in seinen Gemächern möglichst dunkel gekleidet, benutzte
+er einen ihm alle Zeit zu Gebote stehenden Schlüssel zur Hauptthür des
+Schlosses, betrat den Hof und den diesen und die Gärten verbindenden
+offenen Durchgang, versicherte sich, daß in Imgjors Zimmern noch Licht
+brannte, und begab sich zunächst zu der hinter den Bosketts befindlichen
+Turmpforte. Als er jedoch die Hand auf den Drücker legte, gab dieser
+nicht nach. Er schloß daraus, daß Prestö noch nicht eingetroffen sei und
+eilte nun vorsichtig zur Rechten auf den Arbeitshof. Er lag in einem
+gleichsam geisterhaften Dunkel. Eben hatte sich der Mond, der bis dahin
+ein schwaches Licht verbreitet hatte, hinter schwarze Wolkenmassen
+geschoben. Aber Graf Dehn wurde dadurch nicht gehindert. Er kannte den
+Weg und betrat alsbald die Eckgrenze des Hofes und des Fußpfades, der
+hier in das Thal hinabführte.
+
+Bevor er hinter der großen Scheune Posto faßte, spähte er noch einmal
+vorsichtig in das Dorf hinab.
+
+Aber vorläufig vernahm und sah er nichts. Auch drunten lag die Welt in
+einem mystisch unheimlichen Dunkel und in jenem Schweigen, das häufig
+einer gewaltigen Aufregung in der Natur voranzugehen pflegt. —
+
+ * * * * *
+
+Fast eine halbe Stunde stand Graf Dehn auf seinem Beobachtungsposten,
+ohne daß etwas geschah. Er hörte die Uhr vom Schlosse zehn schlagen, und
+später dröhnte eintönig auch der einzelne Schlag, der den ferneren
+Verlauf einer Viertelstunde verkündete, zu ihm herüber. —
+
+Aber dann rührte sich etwas, jedoch nicht von der Dorfgegend her,
+sondern auf dem Hofe.
+
+Von der Gartenseite her drang das Geräusch von Schritten an sein Ohr.
+Anfänglich nahm Graf Dehn an, daß es der Wächter sei. Es beunruhigte ihn
+dessen Kommen insofern, als der ihn begleitende Hund sehr wachsam war.
+Aber es war nicht der Wächter, der sich dem versteckt Harrenden näherte,
+sondern die Umrisse einer weiblichen Erscheinung tauchten vor den Augen
+des mit seinen Blicken die Dunkelheit durchdringenden Mannes auf.
+
+Und keinem Zweifel unterlag's — es war Imgjor, die, sicher beunruhigt
+durch Prestös langes Fortbleiben, ihre Gemächer verlassen und sich in
+die Nacht hinausgewagt hatte.
+
+Ein heißes Feuer loderte in dem Manne auf. Er hatte Mühe, sein
+klopfendes Herz zu bezwingen, als sie nun demselben Orte zuschritt, an
+dem er sich befand, zuletzt sogar — nur eine Armlänge von ihm entfernt —
+ihre Bewegungen hemmte und unbeweglich stehen blieb.
+
+Eine Welt, Himmel und Erde, wären sie sein gewesen, hätte er darum
+gegeben, wenn sie, die da unruhig ins Thal hinab spähte, um seinetwillen
+sich durch die Nacht geschlichen, um seinetwillen hier verharrt und
+sehnsüchtig aufgeseufzt hätte.
+
+Einmal schien's, als ob sie sich anschicken wolle, ins Dorf
+hinabzusteigen. Aber sie besann sich, wanderte hin und her und holte nur
+mehreremal, von Unruhe übermannt, tief Atem. Aber auch ein Hüsteln, das
+sie vergeblich zu dämpfen suchte, befiel sie. Offenbar von der Nachtluft
+unsanft berührt, zog sie das Tuch, das sie um ihre Glieder geschlungen,
+fester um sich, und rascher wurden ihre Schritte.
+
+Aber nun befiel auch Axel ein Kehlkitzel.
+
+Trotz heftigen Widerstands löste sich ein Laut aus seiner Brust, und
+Imgjor wich — er sah's von seinem Versteck aus — angstvoll erschrocken
+zurück. Aber nur für Sekunden. Dann leuchteten ihre funkelnden Augen
+durch die Nacht und richteten sich furchtlos spähend dahin, woher der
+Ton zu ihr gedrungen.
+
+Schon glaubte sich Graf Dehn entdeckt und blitzschnell überlegte er, ob
+er sich ihrem Gesichtskreis durch ein rasches Entfernen entziehen oder
+sich zu erkennen geben solle, als zu seiner glücklichen Befriedigung
+fast gleichzeitig ein Geräusch — das Geräusch der Schritte einer eilig
+den Berg hinaufklimmenden Person — beider Ohr traf, und gleich darauf
+auch schon Prestö mit hastig gedämpfter Stimme auf die ihm rasch
+Entgegeneilende einsprach:
+
+„Bist du's, Imgjor? Ah, Gottlob! Schon war ich in großer Sorge. Wie
+steht's, meine Imgjor? Habe Dank, daß du hergekommen bist! Aber ich
+vermochte nicht früher zu kommen, bis jetzt war ich bei Kranken und
+Sterbenden —“
+
+Andere Worte, die er sprach, verschlangen die Nacht und die Entfernung.
+Einem übereinstimmenden Antrieb folgend, nahmen beide den Weg gegenüber
+zu den Wirtschaftsgebäuden, und unter dem Schutz ihrer dunklen Mauern
+und Dächer schritten sie dem Schloßgarten zu. Und Graf Dehn folgte ihnen
+in angemessenem Abstand, und als sie sich in seiner Laube niederließen,
+wußte er sich hinzuschleichen, um zu hören, was sie redeten.
+
+Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß Imgjor einwilligen wollte,
+Prestö anzugehören, wenn zweierlei Bedingungen sich erfüllten. Er sollte
+sich ganz in den Dienst der neuen Sache stellen, und er sollte ihr
+nachweisen, daß seine jetzige Braut selbst die Beziehungen zwischen ihm
+und ihr lösen wolle.
+
+„Immer wieder muß ich es dir sagen, daß ich trotz meiner Liebe ein
+anderes Glück nicht zerstören will. Um solchen Preis will ich
+verzichten, muß ich entsagen! Ich würde nie froh werden können. Aus
+Schlechtem kann nichts Gutes entstehen. —“
+
+Und immer von neuem Beteuerungen von seiner Seite, daß sie ihm glauben
+möge. Besondere Beweise beizubringen, sei unmöglich, weil seine frühere
+Braut überhaupt nicht mehr schreibe und frühere Zuschriften von ihrer
+Hand im Zorn von ihm vernichtet seien.
+
+„Ich bin frei, Imgjor! Glaube mir doch! Was willst du mehr? Sie ist
+meiner Liebe nicht wert. Ich hatte sie schon aufgegeben, bevor wir uns
+fanden —“
+
+„Lass' mich sie selbst sprechen! Höre ich aus ihrem Munde, daß sie dich
+frei giebt, gleichviel aus welchem Grunde, gehöre ich dir! — Ich darf,
+ich kann nicht anders, mein Freund! Es ist gegen meine Natur —“
+
+Und dann wieder er. Er wisse nicht, ob jene sich überhaupt noch in
+Kopenhagen aufhalte. Sie habe die Absicht gehabt, als Erzieherin nach
+Lyon zu gehen. Sie sei sicher schon dort. Er wisse ihre Adresse nicht
+und könne, da sie keinen Anhang habe, solche nicht ermitteln.
+
+„So lass' mich an sie schreiben. Wir werden ihren Wohnort durch die
+Polizei feststellen können —“
+
+„Glaubst du mir denn nicht, Imgjor? Du kränkst mich durch dein Mißtrauen
+—“
+
+„Ich glaube, daß du mich liebst und daß du mich mehr liebst als jene.
+Aber im Beginn unserer Bekanntschaft sprachst du von dem Mädchen in
+einem anderen Sinne und thatest einer zwischen euch eingetretenen
+Entfremdung keiner Erwähnung. Diese Thatsache besteht, und daraus leite
+ich ab, daß du doch vielleicht auf falschem Wege bist, nicht aus
+verwerflichen Gründen, vielmehr unter dem Einfluß deiner Liebe zu mir,
+welche dir die Dinge in einem für dich günstigen Lichte erscheinen läßt.
+Weshalb scheust du die Probe? Willst du mit Unrecht beginnen? Muß dir
+nicht auch an Klarheit liegen, mein teurer Freund?“
+
+„Dich kann die rechte Liebe zu mir nicht beseelen, wenn du mich einer
+Schlechtigkeit für fähig hältst, Imgjor! Ich sag' es noch einmal: Ich
+kann und will jene nicht, und ich habe aus ihren Briefen die
+Ueberzeugung gewonnen, daß sie auch nur noch Zwang an mich fesselt.“
+
+„Siehst du also, mein Freund, du besitzest keine unbedingte Sicherheit!
+Lasse uns diese erwerben, und wir werden unsern Bund schließen. Will ich
+denn etwas anderes, als unser volles Glück, erstrebe ich etwas anderes,
+als daß wir es in unserer Liebe und in der Hingabe an unsere Ziele
+finden?“
+
+So und ähnlich gingen die Worte zwischen ihnen hin und her, und nach
+Beendigung dieses Gesprächs, das mit derselben wiederholten Forderung
+Imgjors ausklang, erzählte Prestö von der im Dorf um sich greifenden
+Epidemie. Er betonte, daß es richtiger sei, den Ort zu meiden. Größte
+Vorsicht sei erforderlich. Er, der Arzt, habe die Krankheit früher
+gehabt und sei deshalb immun, aber sie, Imgjor, möge — so edelmütig ihre
+Absichten auch seien — sich keiner Gefahr aussetzen.
+
+Auf ein weiteres Horchen verzichtete Graf Dehn. Was er wissen wollte,
+hatte er soeben vernommen. Zeuge ihrer Zärtlichkeit zu sein, vermochte
+er nicht. Er litt ohnehin namenlos, als Prestö sie in trunkener
+Leidenschaft an sich zog und sie sich mit einem stöhnenden, halb
+hingebenden, halb bangherzigen Laut an ihn schmiegte. Das Innere voll
+Erregung kehrte er durch den Garten nach dem Schlosse zurück.
+
+ * * * * *
+
+Der nächste Tag brachte Axel abermals eine große, mit peinlichen
+Eindrücken verbundene Ueberraschung. Als er mittags nach einem
+Spaziergang sein Zimmer betrat, fand er wiederum einen Brief von Imgjors
+Hand auf seinem Schreibtisch. Er lautete:
+
+„Noch einmal rufe ich den Kavalier in Ihnen an, Graf Dehn! Ich bitte,
+verlassen Sie Rankholm oder befreien Sie mich von dem unerträglichen
+Druck Ihrer zwecklosen und unerbetenen Observationen. Ich wiederhole
+damit eine schon früher ausgesprochene Bitte!“
+
+Lange wanderte Graf Dehn nach dem Lesen dieses Schriftstückes auf und ab
+und erging sich sowohl in Vorstellungen über die Umstände, die seine
+Entdeckung herbeigeführt haben konnten, als auch in Gedanken über dieses
+ihn täglich mehr fesselnde und doch für ihn verlorene, junge Geschöpf.
+
+Ein Roman spielte sich zwischen ihnen ab, in dem beide Teile ohne
+mündlichen Austausch und persönlichen Verkehr handelten und einer Lösung
+zustrebten.
+
+Aber vorläufig stand eine solche noch in weiter Ferne.
+
+Graf Dehn wollte nicht weichen und nicht verzichten. Er wollte dem
+Mädchen, das mit scharfer Logik den Kern aus den Dingen zu ziehen, und
+was sie zu sagen hatte, mit solcher lakonischen, von allem überflüssigem
+Beiwerk befreiten Kürze von sich zu geben wußte, den Beweis liefern, daß
+der von ihr begehrte Mann nichts anderes sei — jetzt stimmte er Luciles
+Auffassung bei — als ein kaltherziger Selbstling, ein zugleich so
+dünkelhafter Mensch, daß er sogar die ihm zu Gebote stehende
+Verstellungskunst, sofern sie nicht seinen Götzen, Macht und Geld, zu
+dienen hatte, verschmähte.
+
+Nach längerer, sorgfältiger Ueberlegung schrieb Graf Dehn die
+nachfolgenden Zeilen an Imgjor:
+
+„Gewähren Sie mir mit Ihrem großen, guten Herzen, das sich nur mir
+gegenüber so kaltherzig versteckt, dennoch die Erlaubnis, noch einige
+Zeit in ihrer Nähe weilen zu dürfen! Meine Liebe und meine Bewunderung
+für Sie erhalten in mir den Drang, Sie vor einem Fehlgriff zu behüten,
+den Sie zu begehen im Begriff stehen. Ich wage zu sagen: Mißtrauen Sie
+dem Charakter und den Beweggründen des Mannes, an den Sie, ein so
+vollendetes Wesen, alle Ihre reichen Schätze verschwenden wollen, aufs
+äußerste! Rechnen Sie mit der Erfahrung und der Menschenkenntnis dessen,
+der Ihr wahrhafter Freund ist, der auf seine eigenen Hoffnungen
+verzichtet, Sie aber wenigstens glücklich wissen möchte! Ziehen Sie,
+wenn Sie ein Zusammengehen mit mir zu diesem Zwecke ablehnen,
+wenigstens, ich bitte, Graf Knut zu Rate! A.D.“
+
+Dieses Schreiben trug Axel selbst zu Imgjors Gemächern hinauf. Er
+hoffte, ihre Zimmer offen zu finden. Aber sie waren verschlossen, und
+der Schlüssel hing nicht mehr auf dem Haken von damals.
+
+Noch im Zögern, wie er es beginnen sollte, ihr das Billet zu
+übermitteln, hörte er Schritte auf der Treppe, und da es keinen Ausweg
+gab, nahm er kurz entschlossen seine Zuflucht zu einer Portiere, hinter
+der er sich verbarg.
+
+Es widerstrebte ihm ein solches Verstecken, aber die Vorstellung, hier
+angetroffen zu werden, machte ihm das Blut heiß.
+
+Gleich darauf erschien einer der Diener des Schlosses, der sonst nur im
+Souterrain beschäftigt war, und klopfte, während er einen Brief aus der
+Tasche zog, an Imgjors Thür. Und noch einmal, da ihm keine Antwort
+wurde, und nun schon unschlüssig um sich spähend. Zuletzt schob er,
+rasch überlegend, mit kräftigem Nachdruck das Schreiben durch die
+Thürspalte, und nachdem das geschehen, stieg er vorsichtig wieder die
+Treppe hinab. Das war also der Mann, der auch ihm, Axel, die Briefe von
+Imgjor aufs Zimmer legte! Und das eben von ihm besorgte Schreiben war —
+Axel zweifelte nicht daran — von Prestö!
+
+Während Graf Dehn noch so überlegte, trat er hinter seinem Versteck
+hervor, machte es mit seinem Brief wie der Diener und nahm auch, wie
+der, lautlos den Weg in sein Zimmer zurück. Sehr begierig war er, wie
+ihm Imgjor bei Tisch begegnen werde. Freilich, er konnte es sich mit
+Sicherheit vorhersagen. Sie verband es, wenn sie mußte, ihre Gefühle
+meisterhaft zu verbergen.
+
+Bei Tisch ereignete sich nichts Besonderes. Es wurde vom Grafen über die
+Scharlachepidemie in Kneedeholm gesprochen. Dann wurde über das
+bevorstehende Fest geredet und zulegt wurde auch der Reise nach
+Kopenhagen und zugleich stets in dem Sinne Erwähnung gethan, daß es
+Lavards als selbstverständlich betrachteten, daß Graf Knut und Graf Dehn
+sich ihnen anschließen würden.
+
+Imgjor war ernst und für sich wie immer, sie gab aber durch ihr
+Verhalten keinen Anlaß zu irgend welcher Verstimmung. Graf Dehn
+begegnete sie — wie er es vorausgesetzt hatte — mit der gewohnten
+völligen Unpersönlichkeit in Blick und Wesen.
+
+Erst nach Tisch fand Axel Gelegenheit, die Gräfin zu sprechen. Sie
+ergänzte, selbst damit beginnend, ihren jüngsten Bericht durch die
+Mitteilung, daß Imgjor auf die Frage ihres Vaters, ob sie Beziehungen zu
+Prestö unterhalte, erwidert habe, es sei möglich, daß sich ernste
+Beziehungen zwischen ihnen entwickeln würden. Vorderhand tausche sie mit
+ihm, dem sie Sympathie, Vertrauen und freundschaftliche Gefühle
+entgegentrage, nur ihre gemeinsamen Ideen aus.
+
+„Und was erwiderten Sie beide, gnädigste Gräfin?“
+
+„Wir erklärten ihr, daß wir nicht nur niemals einer Verbindung zwischen
+ihr und dem fatalen Menschen zustimmen, sondern alles thun würden, um
+ihn — wie es schon gesagt sei — sobald wie möglich aus dem Gutsgebiet zu
+entfernen.“
+
+„Und dann? Was sagte Ihr Fräulein Tochter hierzu?“
+
+„Dann eben forderte sie ihr Erbteil und ihre Freiheit. Sie schlug, da
+ihre Ansichten mit den unsrigen nicht mehr zusammenstimmten, eine
+friedliche Trennung vor. Als mein Mann sie fragte, ob sie denn gar kein
+Zusammenhangsgefühl für die Ihrigen leite, entgegnete sie: Gewiß! Aber
+ich muß mein großes Ziel verfolgen; ihm gegenüber bin ich gezwungen,
+diesen Regungen meines Herzens zu gebieten. Ich gehöre der Menschheit im
+großen an, nicht im einzelnen. Ich bin hier ein nutzloser Esser, der
+weder befriedigt und erfreut, noch selbst glücklich ist.“
+
+„Sie wolle,“ schaltete ich ein, „aber doch nicht auf eine Verbindung
+mit Prestö verzichten, mit einem Manne, von dem jeder ihr sage, daß er
+nichts weniger als ideale, sondern nur selbstsüchtige Gedanken verfolge,
+der sie sicher, wenn der erste Rausch verflogen, grenzenlos unglücklich
+machen werde. Dieses Kleben an einer einzelnen unwürdigen
+Persönlichkeit, zumal auf Kosten der natürlichen Rücksichten gegen die
+Ihrigen, widerstreite doch den von ihr ausgesprochenen Grundsätzen
+durchaus.“
+
+„Und diese Logik entwaffnete sie nicht, Frau Gräfin?“
+
+„Nein. Sie erklärte, daß kein Widerspruch vorhanden sei, weil sich für
+sie in Prestö der Träger der neuen Ideen verkörpere. Zu ihm ziehe sie
+die übereinstimmende Ueberzeugung, aber auch der Wunsch nach einem
+kräftigen Halt und einer männlichen Unterstützung für ihre Pläne. Ihre
+Herzensempfindungen kämen erst in zweiter Linie in Betracht. Würde sich
+herausstellen, daß sie sich nicht angehören könnten, würde sie zu
+verzichten wissen. Eine Entscheidung darüber erstrebe sie. Wenn sie sich
+entschlösse, ihn zu heiraten, bäte sie um gutwillige Zustimmung von
+unserer Seite. Wenn nicht, müsse sie ohne diese handeln. Ihr Gewissen
+spreche sie von jedem Pflichtmangel frei. Sie sei kein lebloser
+Gegenstand, kein Ding, über das man ein ganzes oder beschränktes
+Verfügungsrecht besitze.“
+
+ * * * * *
+
+Die nächstfolgenden Tage der Woche verliefen ohne besondere
+Zwischenfälle. Das bevorstehende Fest nahm die Gedanken und die
+Thätigkeit der Gräfin fast ganz und die des Grafen kaum minder in
+Anspruch. Auch Lucile war wenig zu haben, da sie sich mit
+Ueberraschungen für den Ball trug. Nur abends wurde, wie gewöhnlich,
+eine Partie Boston, Pikett oder Schach gespielt, auch fanden gemeinsame
+Gesprächsaustausche über die die Gesellschaft berührenden Einzelheiten
+statt.
+
+Es trafen Zusagen und Absagen ein, und für letztere mußte noch im
+letzten Augenblick Ersatz geschaffen werden.
+
+Da ging's ans Ueberlegen, welche Form einer nachträglichen Einladung die
+schicklichste und zugleich erfolgreichste sein werde. Auch ließen
+Lieferanten die Küche im Stich. Der Koch hatte seine Not geklagt, und
+die Damen mußten noch Depeschen und Zuschriften entwerfen, welche
+reitende Boten zu besorgen hatten.
+
+Als am Vorabend des Balltages eine gemeinsame Beratung wegen der
+Tischordnung stattfand, stellten sich allerlei Schwierigkeiten heraus.
+Diesmal saßen alle Anwesenden, auch Imgjor, um den im Wohnzimmer
+befindlichen runden Sofatisch und hörten dem Grafen zu, der einen mit
+sämtlichen Plätzen versehenen Entwurf vor sich hatte.
+
+Es fehlten Herren, und es blieb nichts anderes übrig, als noch einige
+von den Gutsbeamten nachträglich hinzuzuziehen.
+
+Aber das war dem Grafen durchaus nicht recht, und da ihn gerade
+Kleinigkeiten sehr aufbringen konnten, so ergriff ihn auch an diesem
+Abend eine Starke Reizbarkeit. Er machte seinem Unmut über die ganze
+Sache in einem wenig rücksichtsvollen Ton Luft.
+
+„Nichts klappt, und ich sehe schon kommen, daß wir statt Vergnügen
+überreichlichen Verdruß von der ganzen Fête haben werden!“ stieß er
+heraus. „Gleich war ich gegen diese Ueberhastung. Was eilte denn die
+Sache so sehr? Solche Affairen kann man nicht über's Knie brechen. Nun
+haben wir's!“
+
+„Aber, lieber Lavard, die Dinge sind doch mit etwas gutem Willen leicht
+zu arrangieren!“ fiel die Gräfin besänftigend ein. „Wir laden noch den
+Oberverwalter, den Oberförster, den Inspektor und den Gutsförster ein.
+Dann sind wir in Ordnung.“
+
+„Ja, ja. Aber das ist mir höchst fatal! Erst sind sie nicht gut genug.
+Nun werden sie herbeikommandiert. Die Leute denken doch nach, sie haben
+ihr Ehrgefühl. Aber du mußt ja immer plötzliche Launen plötzlich
+befriedigen, Lucile!“
+
+Erst schwieg die Gräfin; sie erblaßte und schob den Kopf wortlos zurück.
+Dann sagte sie in sanftem Ton:
+
+„Lucile kam doch früher zurück, weil wir diesen Ball geben wollten. Wir
+waren uns darüber einig, daß wir ihn bei den vielen Verpflichtungen, die
+wir haben, nicht länger aufschieben könnten. Als du die Reise nach
+Kopenhagen anregtest, beschlossen wir gemeinsam, rasch noch die
+Einladungen ergehen zu lassen. Der Vorwurf trifft mich also in keiner
+Weise, Lavard.“
+
+Von der Richtigkeit des Gesagten betroffen, schwieg der Graf. Aber sein
+Mißmut wurde nicht gehoben, sondern verstärkte sich gerade durch diese
+Einwände so sehr, daß er nach einem Gegenstande suchte, auf den er
+seinen Mißmut ablenken konnte. Und da ihn Imgjors zu Tage tretende
+Gleichgültigkeit während dieser Beratungen schon mit starkem Aerger
+erfüllt hatte, da er wußte, daß sie all' dergleichen Festlichkeiten
+mißbilligte und infolgedessen laut oder stumm über ihnen zu Gericht zu
+sitzen sich herausnahm, so wendete er sich, seiner Gemahlin zugleich
+indirekt eine Antwort erteilend, an seine Tochter und sagte:
+
+„Na ja, es bleibt ja dann nichts anderes übrig, und du, Imgjor, kannst
+dann morgen vormittag gleich die Herren ohne ihre Frauen unter passender
+Erklärung einladen!“
+
+Der zornige Mann verschaffte sich durch diese Worte einerseits die
+Vorbefriedigung über die Antwort, die Imgjor erteilen und durch die er
+sie als Partnerin gegen seine Frau gewinnen würde, andererseits fand er
+Gelegenheit, das Feuer des in ihm glimmenden Vulkans über sie selbst
+auszuschütten.
+
+Es verlief auch alles, wie er es erwartet hatte.
+
+„Ich halte es für unmöglich, daß wir die Herren ohne ihre Frauen
+auffordern!“ entgegnete sie. „Eine nachträgliche, in guter Form
+vorgebrachte Einladung an die Familien werden sie nicht übel deuten. Daß
+aber die Männer bloß als Figursäulen an der Tafel sitzen sollen, werden
+sie sehr übel vermerken. Bei der ohnehin herrschenden gärenden Stimmung,
+auch in diesen Kreisen, möchte ich dringend abra —“
+
+„Du hast gar keine Lehren und Anweisungen zu erteilen, sondern zu thun,
+was ich dir sage!“ fuhr's aus des Grafen Munde. „Wenn's richtig gemacht,
+wenn darauf hingewiesen wird, daß wir keinen Platz haben, daß durch eine
+gleichzeitige Invitation der Frauen unser Zweck nicht erreicht, sondern
+die Situation noch verschlimmert wird, werden meine Beamten, denen ich
+stets mit Güte begegne, die mir Dank schulden und durchaus kein Recht
+besitzen, sich in einer gärenden Stimmung zu befinden, schon die
+notwendige Rücksicht üben. Nebenbei wird das wieder eine der zahlreichen
+thörichten Vorstellungen sein, mit denen du deinen Kopf anfüllst, statt
+dich der näheren Pflicht zu erinnern, die du gegen deine Eltern und
+deine Umgebung hast, Pflichten, die in Liebenswürdigkeit, Fügsamkeit,
+Erleichterung ihrer Bürden, Teilnahme an ihrem Thun und Handeln bestehen
+sollten! So, das merke dir!“
+
+Imgjor biß die Zähne zusammen, und man sah's, sie hätte am liebsten
+einmal voll ausgeholt. Aber noch bezwang sie sich. Sie sagte nur:
+
+„Du äußertest doch gegen Mama gerade dieselben Bedenken wie ich, Papa.
+Ich begreife deshalb nicht, daß ich nun für etwas getad —“
+
+„Zum Weiter, schweige jetzt und füge dich oder verlasse das Zimmer!“ —
+sprühte der Graf. „Ich wünsche nicht von dir im Sprechen kontrolliert zu
+werden, ich wünsche keine Lehren zu empfangen. Ich wiederhole früher
+Gesagtes: Ich habe grade genug!
+
+Und es sei dir bei dieser Gelegenheit gleich einmal notifiziert: Wenn
+du nicht den Beziehungen zu dem Menschen da unten in Kneedeholm nunmehr
+ein für allemal ein Ende machst, wenn du nicht abläßt von all' dem
+Unsinn der Volksbeglückung, der zu keinem anderen Resultat führen wird,
+als daß meine Bauern hier oben in Rankholm tafeln und Champagner
+trinken, wir aber alle vor den Pflug gespannt werden, so —“
+
+„Deine Bauern sind Menschen, die dieselben Rechte auf Wohlfahrt und
+Glück besitzen wie wir, Papa,“ fiel Imgjor unerschrocken ein. „Und wenn
+du es wünschest, so gehe ich nur zu gern. Es deckt sich ja genau mit dem
+dir jüngst vorgetragenen Ersuchen —“
+
+„Imgjor — ich warne dich —“ rief der Graf, sprang empor und fiel fast
+über seine Tochter her. Der Jähzorn hatte ihn wieder einmal bis zur
+Besinnungslosigkeit gepackt, und nur durch ein rasches Dazwischentreten
+der Gräfin, die Imgjor schützend in ihre Arme nahm, ward Uebles
+verhütet.
+
+Auch Lucile, wenn schon in heftigstem Gegensatz zu ihrer Schwester,
+legte ihre Hand auf des Grafen Arm und bat durch Mienen und Worte, daß
+er sich besänftigen möge.
+
+„Laßt mich!“ rief der Mann und löste sich unsanft von seiner Frau. „Wenn
+ich bedenke, daß dieses Mädchen meinen Namen trägt, daß ich das
+hinnehmen soll, ohne die Unverschämtheit zu züchtigen!“ Und: „Weißt du,
+wer du bist?“ fügte er hinzu, und seine Mienen entstellten sich noch
+mehr.
+
+Aber in diesem Moment flog die Gräfin abermals auf ihren Mann zu, faßte
+ihn, der offenbar etwas sprechen wollte, was niemals enthüllt werden
+durfte, und verschloß ihm mit der Rechten den Mund.
+
+Und nachdem das geschehen, wandte sie sich zu Imgjor, nahm sie in ihre
+Arme und redete besänftigend mit gedämpfter Stimme, auf sie ein. Man
+sah's, sie beschwor ihre Tochter, nachzugeben, aber man sah auch, daß es
+etwas war, wogegen sich ihrer Tochter heiße Seele mit trotziger Gewalt
+aufbäumte.
+
+„Thu's mir zu Liebe, Imgjor! Küsse ihm die Hand und bitte um Verzeihung,
+daß du dich vergaßest —“ mahnte sie bittend.
+
+Schon wollte Imgjor nachgeben. Ihr gutes Herz, durch diese liebevolle
+Begegnung bezwungen, schien die Oberhand zu gewinnen, als der Graf, der
+widerstrebend sich gefügt und zähneknirschend auf und abgegangen war,
+bei den letzten Worten der Gräfin abermals von seinem Jähzorn erfaßt
+wurde.
+
+„Nein, nein, Lucile, ich will's nicht in dieser Form! Sie soll kommen
+und feierliche Zusagen geben für alles, was ich schon erwähnte. Sie soll
+schwören, sich mit dem aufrührischen Bauernvolk da unten nie wieder
+abzugeben, die Beschäftigung mit den albernen Phantastereien abzuthun,
+sich ihrer Familie zu erinnern, sich ihr zu widmen, wieder die Kirche zu
+besuchen, den einfältigen Glauben ihrer Kinderjahre zurückzugewinnen,
+ein bescheidenes, fügsames Mädchen zu werden, statt eine Führerin des
+Aufruhrs, des Unglaubens und der Sittenverachtung!“
+
+„Auch das wird kommen mit der Zeit, Lavard. Nimm heut' fürlieb mit ihrer
+Buße für die Geschehnisse des Abends. Ich bitte — ich bitte — und,
+Imgjor, hörst du nicht? — Noch einmal — thu's _mir_ zu Liebe, beuge dich
+vor deinem Vater, mein liebes Kind!“
+
+Nun schwankte Imgjor abermals. Dann aber sagte sie, sich hoheitsvoll
+aufrichtend:
+
+„Nein, ich kann's nicht, Mama, und ich thu's nicht. Nur die Form kann
+ich bedauern, wenn ich in ihr wirklich fehlte. Alles andere entspricht
+meiner innersten Ueberzeugung und ich bin kein Schilfrohr, das jeder
+Wind bewegt. Ich bin ich! Ich bin Imgjor Lavard! —“
+
+Aber wenn bisher die Anwesenden bei den Erörterungen nur von
+unbehaglichen Empfindungen beherrscht worden waren, so stockte ihnen
+nunmehr das Blut.
+
+Wild, sprungbereit, in einer Wut, die etwas Unmenschliches an sich
+hatte, stürzte der Mann auf seine Tochter zu, faßte ihre Handgelenke,
+preßte das todesbleiche Geschöpf auf die Erde herab und hauchte:
+
+„Ja, eine Lavard! Aber — und nun sollst du es wissen — geboren von einer
+Mutter, die, eine Jungfrau, ihrer Sitte und Ehre vergebend, ihren Körper
+einem Kunstreiter verkaufte, einem Manne von dunkler Herkunft und
+niedrigsten Gesinnungen. Aus Mitleid habe ich dich zu dem erhoben, was
+du bist. Du bist nicht mein Kind. Ich habe dich als solches nur
+adoptiert. Nicht meines, nicht das edle Blut der Lavards, auf das du
+trotzest, fließt in deinen Adern, sondern das Zigeunerblut eines
+unehrlichen Landstreichers! Und so sollst du es haben! Ich stoße dich
+von mir, da du trotz aller Liebe, Zärtlichkeit und Ermahnung kein Reis
+sein willst an dem Stamm meines Geschlechts, gar gegen mich, gegen
+deinen Wohlthäter und Beschützer die Flinte und die Brandfackel
+ergreifen willst! Geh! Geh! Lauf' in die Welt! Thu', was du willst! Aber
+rechne nicht mehr auf uns und auf keinerlei Erbe, und wäre es ein
+Bettel! Ich bin für dich, du bist für mich gestorben!“
+
+Er stieß sie von sich. Imgjor aber erhob sich rasch und eilte hinaus. —
+
+ * * * * *
+
+Der Eindruck dieser Vorgänge übte auf die Zurückbleibenden eine
+beispiellose Wirkung aus. Die Gräfin war erschüttert, verwirrt und
+bedrängt, daß ihr Gemahl das seit ihrer Ehe bewahrte Geheimnis in
+solcher Weise und bei solcher Gelegenheit gelüftet hatte, und er selbst
+erhielt bereits so viel Besinnung zurück, daß ihn ein reuevoller Aerger
+ergriff, sich und sein Pflegekind mit dieser Rücksichtslosigkeit vor
+fremden Zeugen preisgegeben zu haben.
+
+Graf Knut und Fräulein Merville empfanden ein Mitleid für Imgjor, und
+Graf Dehn und Lucile waren vorläufig überhaupt nicht imstande, sich von
+den Eindrücken der Ueberraschung zu erholen.
+
+Zunächst entfernte sich, taktvoll handelnd, Fräulein Merville.
+
+Nach ihr brach Graf Knut auf, nachdem er den beiden Ehegatten lediglich
+stumm die Hand gedrückt hatte.
+
+Auch Graf Dehn wollte sich nach des Grafen Fortgang zurückziehen. Schon
+erhob er sich und richtete einen bescheidenen Abschiedsblick auf die
+beiden Damen. Aber beide hielten ihn durch den Ausdruck ihrer Mienen
+zurück.
+
+„Bitte, bleiben Sie, lieber Graf! Wir wollen gemeinsam beraten. Sie
+gehören zu uns!“ stieß dann die Gräfin, warmherzig im Ton heraus.
+
+„Nicht wahr, Lavard?“
+
+Und als er zwar nichts erwiderte, aber, obschon finster vor sich
+hinstarrend, auch nicht widersprach, fuhr sie fort:
+
+„Nachdem du ruhiger geworden bist, Lavard, wirst du mir erlauben, Imgjor
+aufzusuchen und ihr mitzuteilen, daß du ihr nochmals Zeit zum Ueberlegen
+giebst! Ich bitte dich, thu's! Indem du in solcher Art das Geheimnis
+ihrer Geburt enthülltest, statt ihr in ruhiger Stunde und in völligem
+Einvernehmen so Wichtiges zu eröffnen, hast du sie, fürchte ich, um so
+mehr in ihren Plänen bestärkt —“
+
+Und einschmeichelnd, da sie sah, daß der Zeitpunkt, ihm solche
+Vorhaltungen zu machen, zu früh gewählt:
+
+„Nein, nein, Lavard! Ich wollte dir nichts Unangenehmes sagen. Aber
+meine Bitte erfülle! Ich darf Imgjor beruhigen?“
+
+Dennoch fiel die Antwort auf diese verständige Rede anders aus, als die
+Gräfin, die ihres Mannes raschen Zorn kannte, aber auch auf seine ebenso
+rasche Versöhnlichkeit bauen zu können gehofft, erwartet hatte.
+
+Nachdem er sich wortlos erhoben und zunächst mit langen Schritten das
+Zimmer durchmessen hatte, sagte er in einem festen Ton:
+
+„Nein, Lucile, ich wünsche Imgjor nicht mehr entgegenzukommen. Ist sie
+bereit, von dem Menschen da und ihren Thorheiten Valet zu sagen, will
+ich trotz meiner beleidigten Gefühle vergeben. Sonst bleibt's bei meinen
+Worten! Es wird mir wahrlich nicht leicht — und die Gründe brauche ich
+nicht darzulegen — mich von diesem meinem Adoptivkind loszusagen. Ich
+gedenke auch der Welt, der man nicht unnötig Schauspiele bieten soll.
+Aber ich kann, darf und will nicht anders handeln. War ich aus falscher
+Liebe oder an anderen in meinem Naturell begründeten Motiven oft schwach
+in meinem Leben, in diesem Fall bleibe ich fest!
+
+Sie geht und wird ihres Erbes verlustig, wenn sie sich nicht fügt! Von
+Dingen, wie sie uns solche in der letzten Unterredung vortrug, ist nicht
+mehr die Rede!“
+
+„Gut, so werde ich mich also zu ihr begeben und in diesem Sinne mit ihr
+sprechen.“
+
+Unter diesen Worten erhob sich die Gräfin und verließ das Gemach.
+
+„Verzeihen Sie!“ hub Graf Lavard nach seiner Gemahlin Entfernung an und
+streckte Graf Dehn die Hand mit einem freimütigen Ausdruck entgegen.
+„Ich hätte gewünscht, daß Ihnen andere Eindrücke auf Rankholm geworden
+wären, und ich beklage, daß Sie mich in meiner Schwäche gesehen. Aber
+wir Menschen bleiben abhängig von unserm Blut. Jeder hat einen kleineren
+oder größeren Defekt in seinem Charakter.“
+
+Graf Dehn drückte Lavard stumm die Rechte, Lucile aber, durch die
+Selbstentäußerung ihres Vaters bezwungen, eilte gerührt auf ihn zu,
+umschlang ihn und küßte ihn zärtlich auf die Wangen. —
+
+Nach Verlauf von zehn Minuten trat die Gräfin bereits wieder ins Zimmer.
+Sie war bleich und erregt, und ihre Mienen verkündeten nichts Gutes.
+
+„Nun, liebe Mama? Wie ist's geworden?“ stieß Lucile heraus und richtete
+mit besorgter Miene den Blick auf ihre Mutter.
+
+„Ich habe Imgjor garnicht sprechen, wenigstens keine Antwort erhalten
+können,“ erklärte die Gräfin und ließ sich, sichtlich erschöpft, in
+einen Sessel gleiten. „Imgjor hat heftiges Fieber. Ihr Körper brannte
+förmlich, als ich bei ihr eintrat, und nun eben überkam sie ein sehr
+starker Schüttelfrost. Sie hatte sich bereits ins Bett gelegt, als
+Fräulein Merville sie aufsuchte. So habe ich mich denn auf Trost und
+zweckmäßige Anordnungen beschränken müssen. Fräulein Merville wird die
+Nacht bei ihr bleiben. Jedenfalls aber muß ein Arzt kommen. Wie soll's
+nun werden, Lavard?“ „Ah —“ stieß der Graf, von neuem stark erregt,
+heraus, und die Adern schwollen ihm in dem roten Gesicht an. — „Da haben
+wir's! Natürlich ist sie doch im Dorf gewesen, und was wir voraussagten,
+ist geschehen. Sie hat das Scharlach ins Schloß gebracht! Wahrlich,
+unverantwortlich, strafwürdig hat sie gehandelt an sich — und an uns! Da
+ist gleich ein Beweis von dem jüngst Gesagten: Das Beste in einer
+ungeschickten Hand kann zum Verderben werden. Und ich füge hinzu: Das
+Ungünstige, weise verwertet, kann zum Segen gereichen. Ja — welcher
+Doktor? Jedenfalls soll kein Prestö jemals diese Schwelle wieder
+betreten. Andreas soll sofort nach Oerebye kutschieren. Klingele,
+Lucile, nach Frederik! Gleich soll er fort. Ich schreibe ein paar Zeilen
+an den Physikus Mangor in Oerebye.“
+
+Und Frederik erschien, empfing ein Billet, das der Graf in dem Kabinett
+seiner Frau entworfen hatte, und eilte damit fort.
+
+Und nachdem das erledigt war, richteten die Anwesenden ihre Gedanken auf
+das Kommende. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit unter solchen Umständen
+den Ball abzuhalten, wurde erörtert. Zuletzt wurde beschlossen, die
+Entscheidung von der Erklärung des Doktor Mangor abhängig zu machen.
+
+War er dagegen, so sollte in der Frühe alles Personal auf dem Guts- und
+Arbeitshof entboten werden, um den Eingeladenen abzusagen. — Freilich,
+ein umständliches vielleicht nicht einmal völlig erfolgreiches Vorhaben.
+
+Es waren nicht nur Gäste vom Lande, sondern auch aus den umliegenden
+Städten geladen. Im linken Flügel, der an Imgjors Turmgemächer stieß,
+waren alle Fremdenzimmer bereits in Stand gesetzt, und auch die unteren
+rechtzeitig — oben befanden sich die Festsäle, in denen getafelt und
+getanzt werden sollte — waren hergerichtet.
+
+Einhundertfünfzig Personen hatten Einladungen empfangen, und schon
+wehten von den Türmen die Lavardschen Fahnen in den blutroten Farben,
+inmitten das Familienwappen: die Faust mit dem Dolch, gezückt gegen
+einen wild sich auflehnenden Geier!
+
+ * * * * *
+
+Diesmal war's noch gut verlaufen. Imgjor war nicht vom Scharlach
+ergriffen worden. Mangor, der noch in später Stunde erschienen war,
+hatte erklärt, daß es sich nur um eine starke, aber ungefährliche
+Verstimmung des Magens handle. Die Komtesse werde bei genügender Ruhe
+bereits im Laufe des kommenden Tages die Unpäßlichkeit abgeschüttelt
+haben.
+
+Und wie der Befreiung von einer schweren Sorge allezeit eine um so
+Stärkere seelische Aufrichtung zu folgen pflegt, so war's auch hier. Dem
+Grafen verlieh die Sicherheit, daß das Gespenst der Epidemie vom
+Schlosse abgewendet war, daß er nicht nötig hatte, seinen Gästen
+abzusagen, und daß somit auch Mühen und Kosten nicht umsonst gewesen,
+eine gehobene Stimmung, und in dieser gab er den Bitten der Gräfin zu
+einer Auseinandersetzung mit Imgjor nach.
+
+Nachdem Lucile und Fräulein Merville um die Mittagszeit gemeldet hatten,
+daß Imgjor bereits wieder aufgestanden sei, begab sich die Gräfin zu
+ihr aufs Zimmer, und in Axels Gegenwart wiederholte sie dann später
+diesem und den übrigen die von dem jungen Mädchen erteilte Antwort.
+
+Sie wolle eine Unterredung mit Prestö möglichst bald herbeizuführen
+suchen und, nachdem diese stattgefunden, ihren Eltern eine Antwort
+geben. Sie bäte, ihr diese Frist noch zu gewähren, um jenem gegenüber
+nicht wortbrüchig zu werden.
+
+Werde sie, um nicht das Glück eines anderen Mädchens zu zerstören, auf
+Prestö verzichten müssen, so würde sie nochmals die Bitte aussprechen,
+Rankholm verlassen und sich ihren Wirkungskreis suchen zu dürfen. Sie
+wolle sich eine Samariterthätigkeit suchen, sofern ihr ein Werk im
+Großen nicht zu gelingen vermöge.
+
+Sie schwöre dem Vater zu, daß sie ihm keine Schande machen werde. Sie
+bäte, ihr zu verzeihen, wenn sie in der Form gefehlt habe, und auch
+deshalb daß sie keine andere Antwort zu erteilen vermöge.
+
+Endlich hatte sie auf den dringenden Wunsch ihrer Pflegemutter zugesagt,
+daß sie heute bei dem Feste erscheinen werde.
+
+Alle Anwesenden befanden sich nun in einer starken Spannung, wie sich
+der Graf zu dieser Erklärung Imgjors verhalten werde.
+
+Gerechterweise mußte man zugestehen, daß ihre Erklärung verständig und
+maßvoll war, daß sie, wenn sie sich nicht selbst verleugnen wollte, eine
+andere garnicht geben konnte.
+
+Nach einer geraumen Frist, in welcher der Graf nachgedacht, sagte er:
+„Ich gebe jetzt nur die Erlaubnis, daß sie bis zu einer Entscheidung
+über ihre Beziehungen zu Prestö unter gleichen Verhältnissen wie bisher
+in Rankholm bleibt, aber es ist selbstverständlich, daß sie sich während
+dieser Zeit des Verkehrs mit meinen aufsässigen Bauern enthält. Kommt
+noch etwas vor, dann geht sie sofort!“
+
+Als sich Axel später mit der Gräfin allein befand, teilte sie ihm mit,
+daß Imgjor ursprünglich keineswegs in einer solchen versöhnlichen Art
+gesprochen, daß sie, die Gräfin, aus Klugheit vieles verschwiegen und
+ihrem Gatten nur das gesagt habe, was sie Imgjor teils nach schweren
+Kämpfen abgerungen, teils noch zu erreichen hoffe. — Nur Auflehnung
+gegen ihren Pflegevater habe Raum in ihr gehabt, ihr, ihrer
+Pflegemutter, aber habe sie unter dem Dankgefühl für deren Verhalten in
+den rührendsten Worten alle Schroffheiten, deren sie sich im Laufe der
+Jahre schuldig gemacht, abgebeten.
+
+„Der Zufall hat Ihnen, lieber Graf,“ — schloß sie ihre Rede — „enthüllt,
+was ich Ihnen nach einer voranzugehenden, sorgfältigen Prüfung Ihrer
+Vertrauenswürdigkeit eröffnen wollte, deshalb eröffnen wollte, damit Sie
+erkennen möchten, in wie weit meine Kinder zu Vorwürfen gegen mich
+berechtigt waren. — Es ist aber noch nicht alles. Das übrige sollen Sie
+später aus meinem Munde vernehmen.“
+
+Graf Dehn lohnte diese Worte mit lebhaftem Dank, dann sagte er,
+gedrängt, noch mehr zu hören: „Ich bitte, wie faßt Komtesse Imgjor die
+Enthüllung ihrer Geburt auf? Darüber äußerten Sie nichts, Frau Gräfin!“
+
+„Sie hat sich darüber nur kurz ausgelassen: Ihre Erregung beziehe sich
+auf das Unrecht ihres Vaters, solche Dinge in solcher Form vor fremden
+Zeugen auszusprechen.
+
+Ehe ich meinen Vater oder meine Mutter verdamme — äußerte sie — muß ich
+wissen, wie ihr Lebensgang war, wer sie zu dem machte, was sie wurden.
+Meinem Pflegevater bin ich unauslöschlichen Dank schuldig, weil er mich
+nicht dem Elend und dem Zufall preisgegeben, sondern mich gehalten hat
+als sein rechtes Kind. Und eben diese Dankbarkeit veranlaßt mich, mich
+dir zu fügen, fürder ihm gute Worte zu geben. Diese Dankbarkeit hat mich
+abgehalten, sogleich und für immer Rankholm zu verlassen. Ich wünsche in
+allen meinen Handlungen möglichst gerecht zu sein, auch mich
+unterzuordnen, sofern das, was gefordert wird, nicht mit meinen
+Ueberzeugungen und Grundsätzen in Widerstreit steht.“ —
+
+Und dann kam der Nachmittag, und mit ihm erfolgte das Anfahren der Gäste
+im Schloßhof von Rankholm.
+
+War das Gut in Stille und Einsamkeit ein unvergleichlich idyllischer
+Erdenfleck, so hatte es sich nun in ein buntes Zauberbild verwandelt.
+
+Von allen Zinnen wehten die roten Lavardschen Fahnen. Im Hofe vollzog
+sich ein endlos wechselndes Durcheinander von herbeieilenden
+Staatskarossen, Fuhrwerken und Landkutschen. Der Treppenaufgang war
+geschmückt mit Rosenguirlanden, und da der Abend bereits im Nahen war,
+flimmerten hinter allen Fenstern des mächtigen Baues hunderte und
+aberhunderte von Lichtern. Und strahlendes Flammenlicht ergoß sich
+später von den Kandelabern neben der Freitreppe über den ganzen Hof, und
+in einem Glanzmeer schwammen die Eingänge, die Gesellschaftsgemächer und
+großen Festsäle im Hauptgebäude und in den Flügeln.
+
+Aber auch unten in den Souterrains, wo auf den großen Herden die Speisen
+dampften und schmorten, war alles voll eifrigen Lebens. Ein Heer von
+weißgekleideten Köchen, buntlivrierten Dienern und Lakaien flog hin und
+her, treppauf, treppab, und mischte sich unter die in ihren kostbaren
+Toiletten und glänzenden Uniformen erschienenen, in den Empfangsräumen
+auf und ab wogenden, laut und lebhaft schwatzenden und lachenden Gäste,
+bis dann der Haushofmeister Frederik das Zeichen zum Tischgang gab und
+sich sämtliche fünfundsiebzig Paare in Bewegung setzten.
+
+So tafelte und trank man nur in Fürstenhäusern! Ein solcher Glanz und
+Prunk war entfaltet, daß selbst Axel, der sich bereits an den Ueberfluß
+von Rankholm gewöhnt hatte, des Erstaunens und der Verwunderung voll
+war. Tafelgeschirr stand auf den Tischen, das ganze Vermögen gekostet
+hatte. — Silber, aber auch Gold überall! Selbst die Gabeln und die
+Griffe der Messer blitzten in solchem edlem Metall.
+
+Massive Vasen und andere kunstreiche, kostbare Schaustücke mit Blumen
+aus den Treibhäusern gefüllt, waren zahlreich verteilt, und silberne
+Champagnerkühler, jedesmal für zwei Personen, fanden, das zischende,
+unruhige Naß in goldumränderten Flaschen bergend, neben dem wundervoll
+geschliffenen Krystall und Glas, das den Weinen zu dienen hatte, die bei
+jedem Gang besonders gereicht wurden.
+
+Die Damen Lavard trugen Geschmeide von Diamanten und Perlen, die einen
+schier unschätzbaren Wert besaßen, und zudem waren sie die Königinnen
+des Festes.
+
+Die Schönste war Imgjor, die Tochter des Kunstreiters.
+
+Zum erstenmal sah Graf Dehn ihren reizenden Hals. Es konnte keine
+gleichen Schönheitslinien, keine vollendeteren Farben geben. Sie
+wetteiferten mit dem Marmorglanz der runden, weißen Arme.
+
+Und dazu das braunrote, sich in ungeduldigem Wachstum aufbäumende Haar,
+dazu die dunkelbewimperten Augen, dazu der Körper mit seinen
+schwellenden Formen, die entzückenden Hände, die schneeigen Zähne, die
+von einem stürmisch pulsierenden Rot durchglühten, kleinen Ohren! Und
+wenn sie lächelte — dieses hinreißende, eine unbekannte Welt von
+Klugheit und Güte verheißende Lächeln!
+
+Und neben ihr saß, trotz seiner gegen ihre Eltern erhobenen Einwände,
+Graf Dehn.
+
+Gleich, als er ihr den Arm geboten, hatte er eine ihrer Enttäuschung
+begegnende Erklärung gegeben.
+
+„Es war der Wunsch des Herrn Grafen, daß ich Sie führen sollte,
+Komtesse! Ich bat um Ihretwillen, davon abzusehen. Es geschah, weil ich
+mein Möglichstes thun wollte, um Ihrem gegen mich geäußerten Wunsch zu
+entsprechen. Vielleicht bezwingen Sie dieses eine Mal Ihre Abneigung, so
+lange in meiner Nähe sein zu müssen. Ich verspreche Ihnen, daß ich
+versuchen werde, Ihr Ohr durch meine Worte in keiner Weise zu
+verletzen.“
+
+Schon während Graf Dehn gesprochen, hatte Imgjor den Oberkörper
+zusammengeschoben und die Lippen auf einandergepreßt, als ob sie nur so
+ihrer Empfindungen Herr zu werden vermöge. Aber als er dann mit einem
+sanft versöhnlichen Ausdruck in ihren Zügen forschte, so eine Antwort zu
+erheischen suchte, hob sie stolz das Auge zu ihm empor, sah ihn kalt an
+und senkte dann wieder die Wimpern mit einer Miene wie jemand, der, weil
+des anderen Gefangener, machtlos sich zu fügen hat.
+
+Zunächst verhielt sich Graf Dehn auf diese stumme Abwehr ebenfalls
+wortlos. Aber als von der Dienerschaft bereits die Suppe gereicht worden
+war, und nun Imgjor, ohne sie zu berühren, auch ferner in finsterem
+Schweigen dasaß, hielt's ihn nicht länger. Zorn und Auflehnung über ihre
+Kälte übermannten ihn.
+
+„Sie haben mich nicht einmal einer Antwort gewürdigt, Komtesse Lavard,“
+hub er an, nachdem er nach vorangegangener Frage, ob er einschenken
+dürfe, ihr Glas gefüllt hatte.
+
+„Wahrlich! Wenn ich nicht so vieles von Ihnen gesehen, jetzt wieder sich
+meine Meinung über Sie so vorteilhaft verstärkt hätte, ich könnte
+glauben, es sei doch eines wenigstens bei Ihnen Maske — nämlich, daß
+Sie ein Herz besitzen. Was that ich Ihnen? Wie begegnen Sie mir, der ich
+doch der Gast Ihres Hauses bin? Wie vergelten Sie mir das, was Sie
+selbst als vergeltungswert bezeichneten? Es mag Ihnen wenig vornehm
+erscheinen, daß ich erwähne, wie sehr ich für Sie stets eintrat, wie
+viel ich beigetragen habe, die vorhandenen Gegensätze zu mildern, auch
+jetzt den Dingen einen möglichst friedlichen Charakter zu verleihen. Ich
+thue es aber, weil ich Ihnen beweisen möchte, daß ich Ihr zu Thaten
+bereiter Freund bin. Gewiß, Sie haben mir deutlich an den Tag gelegt,
+daß Sie mich verabscheuen, Sie haben mir sogar die Schwelle des
+Schlosses gewiesen — aber es drängt sich mir die Frage auf, mit welchem
+Recht nach solchem Verhalten von meiner Seite? Ehrerbietung, Rücksicht
+und Freundschaft habe ich Ihnen ununterbrochen entgegengetragen!
+Erlauben Sie mir ein freies Wort: Sie wollen eine ganze Menschheit
+beglücken und besitzen nicht einmal die Fähigkeit, sich einem einzelnen
+Menschen in soweit anzubequemen, daß Sie die Gesellschaftssitten zu
+beobachten vermögen, aus trotziger Voreingenommenheit, aus Zorn, daß ich
+den Doktor Prestö als das hinstellte, was er ist —“
+
+„Nun, was ist er denn?“ fiel Imgjor, deren Büste unter dem
+freigeschnittenen Ballkleide in eine stürmisch tobende Bewegung geraten
+war, also, daß sie schier den Saum des Gewandes zu sprengen drohte, mit
+funkelnden Augen heraus.
+
+„Er ist ein kalter, berechnender Egoist, den nicht Liebe zur Menschheit,
+sondern nur Rachsucht erfüllt, der einer anderen, der er sein Wort
+verpfändet, lediglich deshalb einen Absagebrief erteilt, um die reiche
+und vornehme Erbin heimzuführen. Daß letzteres sich so verhält, klang
+durch seine Worte, die ich vernahm in jener Nacht. Nur Sie, in Ihrer
+blinden Liebe, entraten der Fähigkeit, ihn zu durchschauen, ihm, wie
+sonst den Menschen, ins Herz zu blicken und es auf seinen wahrhaftigen
+Wert zu prüfen.“
+
+„Ich bestreite jede Ihrer Behauptungen, Herr Graf Dehn. Und wenig
+vornehm ist es in der That — Sie mögen es hören! — zu horchen, und
+ebenso unkavaliermäßig, auf bloße Eindrücke hin einen Ehrenmann derartig
+zu verdächtigen. Und da Sie es wissen wollen: Meine Abneigung gegen Sie
+leitet sich uns der Thatsache her, daß, im Gegensatz zu Ihrem
+Selbstlobe, mit Ihrem Eintritt in Rankholm sich alles, was mir Freude
+und Hoffnung war und was mir Erfüllung schien, in Leid verwandelt hat.
+Sie haben von vorneherein gegen Herrn Doktor Prestö Front gemacht,
+deshalb gleich ohne Zwang und Not den Gast herabgesetzt, weil er anders
+geartet als Sie, sich anders gab als Sie, weil er sich Ihrer
+hochgeborenen Erhabenheit nicht unterordnete, weil er gleich an den Tag
+legte, daß es für ihn nur Menschen, keine Bauern und keinen Landadel
+giebt, weil Sie herausfühlten, daß ich ihm gut war, daß ich ihn Ihnen
+vorzog. Und dann haben sich die Meinungen meiner Familie täglich mehr
+gegen ihn gekehrt. Früher fand man ihn wohl etwas schroff, aber man
+lobte sein kräftiges Selbstgefühl! Man schätzte es hoch, weil es
+Charakter und Männlichkeit verriet. Stets stand er voran, wenn es sich
+um Einladungen in unser Haus handelte. Als Arzt wußten ihn alle nicht
+genug zu loben, und man gewährte mir auch ohne Einschränkungen den
+freien Verkehr mit diesem aufgeklärten und zielbewußten Manne. Heute
+würde mein Pflegevater ihn am liebsten töten; meine Pflegemutter und
+Lucile hassen ihn. Ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich plötzlich
+eine Ausgestoßene, Enterbte bin, während ich meinen mir zukommenden
+Besitz in den Dienst der großen Sache stellen wollte, in den Dienst der
+Veredelung und Aushilfe der Armen und Elenden. So, nun wissen Sie,
+weshalb ich den Augenblick verwünsche, in dem Sie über die Schwelle
+traten, weshalb ich Sie wegen Ihrer unerbetenen Eingriffe in unsere
+Familienangelegenheiten zu hassen ein Recht habe! — Und daß Sie, mein
+Herr Graf, heute, nach alledem, noch den Mut und das Wohlgefallen
+besitzen, an meiner Seite Platz zu nehmen, beweist mir, daß Sie zwar
+sehr viel Selbstgefühl, aber minder Zartsinn besitzen, wenig von dem,
+dessen Sie sich selbst so beredt rühmen!“
+
+Graf Dehn war weiß geworden wie das Leinen der Serviette, die er in
+seiner Hand zerknitterte.
+
+Das war eine Freiheit der Rede, die neben ihrem ungerechten Inhalt, der
+völlig falschen Auslegung, ja Umkehrung der Dinge, eine Maßlosigkeit
+enthielt, vor der ein Kavalier einer Dame gegenüber verstummen mußte.
+Indem Graf Dehn alles zusammenfaßte, was ihm an Kraft und
+Selbstbeherrschung zu Gebote stand, auch zu einem ruhigen Ton und zu
+äußerster Sachlichkeit sich zwang, obschon die vor Erregung zitternde
+Stimme fast versagen wollte, entgegnete er:
+
+„Es wird eine Zeit kommen, Komtesse Lavard, in der sie erkennen werden,
+wie richtig meine Urteile über die in Betracht kommende Person waren.
+Sie werden auch, ich weiß es, die unverdiente, ungeheure Kränkung die
+Sie mir eben zugefügt haben, abbitten. Ihr gerechtes Herz wird Sie dazu
+drängen! — Doch lassen wir ruhen, was ich nur gezwungen berührte, und
+nur eine Frage gestatten Sie mir noch an Sie zu richten: Wollen Sie mir
+eine Unterredung gewähren, wenn sich herausstellt, daß der Mann, dem Sie
+im Begriff sind, Ihr Lebensglück zu opfern, Sie täuschte?“
+
+„Weshalb —? Welchen Zweck soll das haben?“
+
+„Liegt Ihnen nicht daran, Komtesse, etwaiges Unrecht gegen mich gut zu
+machen? Ist es nicht doch möglich, daß Sie mich und mein Thun falsch
+beurteilen? Ist's dann nicht eine natürliche Pflicht, mir eine
+Genugthuung zu gewähren? Sie wollen eine Priesterin der Wahrheit, der
+Güte, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe sein und wollen schon beim
+erstenmal stolpern, wo Sie die Probe auf Ihr Ich zu bestehen haben?“
+
+Imgjor biß erst die Zähne zusammen, dann sagte sie: „Wohlan, ich bin
+bereit, Sie zu hören, wenn sich das vollzieht, was Sie hoffen — was Sie
+aus dieser Hoffnung sogar zur Gewißheit erheben. Sie wird Ihnen zwar nie
+werden, und wenn doch, so werde ich, das sei gesagt, nie Ihre Freundin
+werden, geschweige mehr —“
+
+„Also, wenn Prestö sie betrog, in diesen heilig ernsten Stunden Sie
+betrog, so bleibt er immer doch ein Gott und ich ein Unwürdiger,
+Komtesse?“
+
+Imgjor reckte den Oberkörper, und in ihrem in der Erregung sich
+unwillkürlich öffnenden Munde blitzten die Zähne. Dann sagte sie heftig,
+und er hörte, wie sie mit ihrem mit dem weißen Seidenschuh bekleideten
+Fuß ungeduldig den Fußboden berührte:
+
+„Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, daß Prestö mich nicht betrügen wird,
+daß er ein Ehrenmann, daß er ein anderer Mann ist als die, welche sich
+anmaßen, über ihn zu Gericht zu sitzen!“
+
+„Wohlan, Komtesse! Wenn Sie so reden, so steht Meinung gegen Meinung!
+Ich behaupte, daß der Mann innerlich in demselben Augenblick von Ihnen
+abfallen wird, wo er erfährt, daß Sie nicht die Tochter des Grafen, daß
+Sie aus Rankholm verbannt und enterbt sind. Und da Sie nun, trotz aller
+meiner fügsamen Bitten, den Frieden mir abschlagen, so will ich fürder
+gegen diesen Mann rücksichtslos kämpfen! Ich will Sie kurieren, jetzt
+kurieren gegen Ihren Willen!“
+
+Diesmal entgegnete Imgjor nichts. Sie vermochte es nicht, weil plötzlich
+eine Blutwelle ihrem Munde entströmte. Die Serviette, die sie zum Munde
+führte, wurde von einem unheimlichen Rot gefärbt. Schrecken ergriff die
+Umsitzenden, und ehe noch Graf Dehn helfen, sich um sie bemühen oder gar
+am Aufstehen hindern konnte, hatte sie den Saal verlassen.
+
+ * * * * *
+
+Lange waren die Klänge der Violinen, der Flöten, und Baßgeigen
+verklungen. Seit einer Stunde waren sogar die Lichter in dem mächtigen
+Rankholmer Schloß mit all' seinen zahlreichen Räumen erloschen, und
+alles lag in einem tiefen, festen Schlaf. Nur zwei Personen wachten
+noch, sie fanden keinen Schlaf, und er floh sie, weil eine der anderen
+unruhvoll gedachte. Freilich geschah's mit sehr verschiedenen
+Empfindungen.
+
+Imgjor haßte nunmehr den Mann, der in ihr Leben und in ihre Pläne einen
+solchen Eingriff gethan. Sie haßte ihn, obschon ihr vorurteilfreies Ich
+ihr zuflüsterte, daß sie ein Unrecht begehe. Als er damals in Oerebye
+die Rede gehalten, hatte sie bei sich gedacht, welch' ein wertvoller
+Mann er sei. Aber sie wollte ihm schon deshalb keine Gefolgschaft
+leisten, weil sie — wie sie sich vorredete — nichts Halbes, sondern
+etwas Ganzes erstreben mußte. Ueberdies lag sie in dem Banne Prestös,
+der sie mit den stärksten Fäden an sich zog, sie so fesselte, daß sie
+nicht zu entrinnen vermochte. Der Sohn des Unterdrückten, der, gleich
+ihr, aufräumen wollte mit dem Unrecht, gehörte zu ihr, und nun, nachdem
+sie vernommen, daß sie selbst von jenen abstammte, welche die Armut
+treibt, ihr Brot zu suchen, wo und wie sie es finden, fühlte sie sich
+zwiefach mit Prestö verknüpft, hundertfältig mit ihm verbunden.
+
+Voll ingrimmiger Auflehnung biß sie die Zähne zusammen, als sie sich in
+diesen Stunden der Nacht der letzten Worte ihres Gegners erinnerte.
+
+Er würde im Fall Prestö mitteilen, wer sie sei, ihn wissen lassen, daß
+ihr Erbe in Gefahr stehe, sicher ihr verloren ginge, wenn sie ihm,
+Prestö folge.
+
+Sie zitterte vor der Wirkung seiner Ausladungen aus denselben Gründen,
+die sie veranlaßt hatten, an Prestö die Forderung zu stellen, ihr die
+Beweise zu geben, daß er — ohne Zwang und Unrecht — frei sei.
+
+Ihr Verstand und die Klarheit ihres Geistes fanden auf gleicher Stufe
+mit der Tiefe und der Güte ihres Herzens, die sie trieben, sich
+selbstlos in den Dienst der Unterdrückten zu stellen.
+
+Einmal, als sie sich vorstellte, Graf Dehn könnte wirklich Recht
+behalten, geriet sie in eine solche Aufregung, daß ihr Herz in
+stürmischer Aufwallung pochte.
+
+Wenn auch Prestö einer der Millionen Durchschnittskreaturen, wenn auch
+er einer der erbärmlichen Nützlichkeitsmenschen war, wenn wirklich nur
+ihr Stand, ihre Schönheit und ihr großer Reichtum ihn hatte reden und
+gar als Schurken gegen seine Braut handeln lassen, dann — dann —!
+
+Sie atmete tief, tief auf, und ihre Rechte ballte sich, als ob sie eine
+Waffe fasse.
+
+Sie wußte nicht, was geschehen werde — ihr grauste vor sich selbst.
+
+Unter solchen starken seelischen Erregungen und Kämpfen, denen sich die
+irrenden Gedanken über ihre Geburt unruhvoll hinzugesellten, tastete der
+Tag mit noch müdem Licht an die Scheiben der Fenster und mahnte sie an
+Zeit, Umstände und die noch zu erfüllenden Aufgaben.
+
+Sich rasch aufraffend, rückte sie sich an den Schreibtisch, stützte,
+noch einmal ihre Gedanken sammelnd, das Haupt und schrieb sodann mit
+fester Hand einen langen Brief erregten Inhalts an Prestö, in welchem
+sie ihn am Schluß ersuchte, nur auf das zu hören, was sie ihm selbst
+mitteilen werde, legte dieses Schreiben im Flur in eine versteckte Ecke,
+aus welcher der von ihr insgeheim beauftragte Diener jeden Morgen in der
+Frühe vorhandene Briefe an sich zu nehmen und sogleich zu besorgen
+hatte, und schlüpfte alsdann in ihr Bett.
+
+Und als eben gerade das Gesinde sich wieder unten im Hause zu rühren
+begann, fand sie endlich die Ruhe, nach welcher der erschöpfte Körper
+verlangte. —
+
+Anders Axel.
+
+Durch sein Gehirn wälzten sich die Vorstellungen über Geschehenes und
+Künftiges, und lediglich die Ueberlegung, auf welche Weise er das
+ausführen könne, was er sich nunmehr als fiel vorgesetzt hatte,
+beschäftigte seine Gedanken.
+
+Er wollte sich vorläufig von der Familie Lavard nicht trennen, Prestö
+als den entlarven, der er nach den von ihm in jener Nacht gewonnenen,
+nunmehr mit Luciles Behauptungen übereinstimmenden Ansichten war, und
+Imgjor nicht nur zu heilen, sondern mit ihrer Familie vollständig
+auszusöhnen suchen. — Ob ein Preis ihm zufiel, mußte sich finden. Seine
+Liebe und sein überzeugungsstarker Sinn ließen ihn nicht verzweifeln.
+
+ * * * * *
+
+Die kommenden Tage verflossen den Rankholmer Schloßbewohnern unter
+allerlei Vorbereitungen zu der Kopenhagener Reise. Auch erledigte der
+Graf dringliche Gutsgeschäfte mit seinen Beamten und wies unter anderem
+auch Unterstützungen für die von der Epidemie noch immer gleich hart
+betroffene, ärmere Dorfbevölkerung an. Gegenwärtig gab es kaum ein Haus
+mehr in Kneedeholm, in dem sich nicht Schwerkranke befanden oder Tote
+täglich hinausgetragen wurden. Der Pastor kam Tag und Nacht kaum mehr
+zur Ruhe, da er Sterbende zu trösten, geistliche Handlungen vorzunehmen
+und nach den Bedrängten zu sehen hatte.
+
+Und nicht minder war Doktor Prestö beschäftigt. Wenn er einen der
+Betroffenen eben verlassen hatte, rief ihn die Pflicht schon wieder zu
+gleichem Zwecke ins Nebenhaus, und so fort. Ueberall Sterbende,
+Schwerkranke oder der Genesung Entgegengehende, die der Aufsicht
+bedurften.
+
+Aber jegliches, was er that, geschah in einer kurzen, schroffen,
+gefühllosen Art. So kam es nicht selten vor, daß er die Boten der
+Erkrankten mit dem barschen Bescheide abfertigte, sie müßten warten, er
+sei auch nur ein Mensch, der einen Kopf und zwei Arme habe.
+
+Ein engeres Zusammenwirken zwischen ihm und seinem ausgesprochenen
+Gegner, dem Pastor Nielsen, fand nicht statt. Sie bewegten bloß das
+Haupt, wenn sie sich begegneten, und bedienten sich der
+Zwischenpersonen, wenn sie sich etwas mitteilen mußten.
+
+Unter den geizigen und körperlichen Anspannungen war Prestö zu einer
+Förderung seiner Verlobungspläne mit Imgjor, die eine Reise nach
+Kopenhagen erforderlich machten, gar nicht gelangt, und wenn schon
+dieser Umstand seine Laune zu der allerschlechtesten gemacht hatte, so
+war seine Stimmung durch die Vorfälle der letzten Tage seine geradezu
+feindselige geworden.
+
+Er behandelte in seiner Verstimmung die Kranken sehr rücksichtslos, sie
+mußten büßen, worunter er litt.
+
+Plötzlich war alles über den Haufen geworfen. Die Mitteilungen, die ihm
+von Imgjor geworden, hatten einen geradezu niederschmetternden Eindruck
+auf ihn gemacht. Imgjor war die Tochter irgend eines Abenteurers und
+keine Lavard; sie war bedroht mit dem Verlust alles dessen, was gerade
+eine bestrickende Wirkung auf ihn ausgeübt hatte.
+
+So lange Imgjor der Glanz ihres ungeheuren Reichtums umgab, war's dem
+Manne nicht schwer geworden, sein Gewissen zu beschwichtigen. Um solchen
+Lohn glaubte er sich berechtigt, jener, die sein Wort hatte, einen
+endgiltigen Absagebrief zu schreiben.
+
+Um der hohen Ziele willen, die Imgjor im Auge hatte, heiligte der Zweck
+die Mittel!
+
+Nun aber stoppte er plötzlich wie ein vor ein Hindernis gestellter
+Reiter. Alle bisherigen Beschwichtigungen verfingen nicht mehr, er sann
+vielmehr, wie er sich, wenn Graf Lavard seine Drohungen wirklich wahr
+machte, wieder von Imgjor zurückziehen könne.
+
+Selbst die Schönheit Imgjors, die ihn gereizt und zeitweilig seine Sinne
+bereits zur höchsten Leidenschaftlichkeit angefacht hatten, sank nunmehr
+zu einem Nichts herab.
+
+Ihren Enthusiasmus für die große Sache, der er nur aus
+Selbstsuchtsgründen und rachsüchtigen Trieben Vorschub geleistet, die er
+in ihrem Sinne als Thorheit bespöttelt hatte, belegte er nunmehr mit der
+Bezeichnung einer Verrücktheit. Der Gedanke, sie ohne materiellen
+Einsatz von ihrer Seite zu heiraten, gar ihren Schwärmereien
+Gefolgschaft zu leisten, statt zu raffen, durch Geld und dadurch
+gewonnene Macht zu herrschen, schuf eine solche Auflehnung in ihm, daß
+er bereits überlegt hatte, ob er nicht ohne alle Versuche, den Grafen
+Lavard umzustimmen, der Sache ein Ende machen und Imgjor erklären solle,
+er könne nun doch die von ihr geforderten Beweise nicht beibringen.
+
+Freilich bedurfte es jetzt, da sie vor der Enterbung stand, eines klugen
+Verhaltens. Vorläufig mußte er sich geben, wie bisher, mußte er in
+Imgjor den Eindruck erhalten, daß seine Gesinnungen in keiner Weise
+erschüttert seien. Ungleich regten sich neben diesen Erwägungen auch
+wieder Gefühle eines ingrimmigen Verdrusses, so plötzlich um alle
+glänzenden Hoffnungen betrogen werden zu sollen. Eine durch den Eintritt
+wiedergekehrter, grenzenloser Habsucht hervorgerufene Unruhe
+bemächtigte sich des Mannes, die ihn nach Mitteln suchen ließ, wie er
+dennoch zum Ziele zu gelangen vermöge.
+
+Unter solchem Schwanken fiel ihm sein Gönner, Graf Knut ein. Vielleicht
+konnte es möglich sein, wenigstens einen Teil des Vermögens, sofern
+dessen Höhe der Mühe eines Kampfes wert sein würde, dem Grafen
+abzuringen.
+
+Und da Prestö diese Pläne schließlich zum Entschluß erhob, so zögerte er
+auch keinen Augenblick mit deren Ausführung.
+
+Einerseits richtete er ein Schreiben an Imgjor, in dem er sie um eine
+abermalige Unterredung ersuchte, und andererseits bat er den Grafen Knut
+in einem eilig beförderten Briefe, ihm eine solche nachmittags gewähren
+zu wollen.
+
+Ohne Antwort zu empfangen, nähme er an, daß ihm der Graf diese
+Vergünstigung gewähren wolle.
+
+Und von dem Eingang dieses Schreibens erzählte Graf Knut, des Grafen und
+der Gräfin Meinung einholend, in Gegenwart von Axel und Lucile nach dem
+zweiten Frühstück, und alle Teile wurden darüber einig, daß der Graf
+diesem Ersuchen Folge leiten müsse. Man wolle hören, was Prestö zu sagen
+habe.
+
+Alles, was einer Klärung der Angelegenheit dienlich sei, dürfe nicht von
+der Hand gewiesen werden. Aber während noch dies stetig wieder in den
+Vordergrund tretende, die Gemüter beschäftigende Thema behandelt ward,
+regte sich ein neuer Gedanke in Axel, und ihn zur Ausführung zu bringen,
+dadurch seinen geheimen Plänen Vorschub zu leisten, erfüllte ihn
+solchergestalt, daß er das Herannahen der nächsten Stunden kaum
+erwarten konnte.
+
+Sobald sich die Gelegenheit bot, begab er sich in seine Gemächer und
+dann später, nachdem die dritte Stunde geschlagen, vom Arbeitshofe aus
+ins Dorf hinab.
+
+Da Graf Dehn als Kind die drunten wütende Krankheit bereits überstanden
+hatte, beschlichen ihn keine Bedenken. Zudem wollte er ein Haus
+betreten, an das die Epidemie sich wenigstens bisher nicht herangewagt
+hatte. Er wollte versuchen, von Prestös Wirtschafterin den Namen der
+Braut ihres Herrn in Erfahrung zu bringen.
+
+Es war nicht undenkbar, daß ihr, die seine Briefe besorgte, dieser und
+der Aufenthaltsort der Dame bekannt waren.
+
+Als Graf Dehn durchs Dorf schritt, fiel ihm auf, wie menschenleer es
+war. Wie ausgestorben schien's. Nirgends ein rauchender Schornstein,
+nirgends jemand auf der Dorfstraße oder auf den Höfen.
+
+Nur einmal bemerkte er ein tiefgebeugtes, altes Mütterchen, das aus
+einem Bauernhause heraustrat und ein Gefäß an der Pumpe ausspülte. Und
+nicht einmal emporschauend, schritt sie sogleich und in einer Art
+zurück, die ihr beschäftigtes Gemüt verriet.
+
+Und noch ein menschliches Wesen, der Postbote, kam ihm später und gerade
+dann entgegen, als er die Wohnung des Doktors erreicht hatte.
+
+Den ehrerbietigen Gruß des Mannes erwidernd, entfuhr Axel unwillkürlich
+die Frage nach Briefen fürs Schloß. Er empfing auch solche für die
+Herrschaften, sah überdies Posteingänge für Prestö in der Hand des
+Angestellten und trat, nachdem er solche ebenfalls abzugeben sich
+erboten, in Prestös Haus ein.
+
+Da war alles still. Er suchte sich bemerkbar zu machen, und als dies
+erfolglos blieb, wandte er sich dem hinteren Ausgang in der Hoffnung zu,
+die Alte entweder auf dem Hofe oder im Garten zu finden. Und da er
+dadurch verhindert wurde, sich weiter ins Innere der Wohnung zu begeben,
+steckte er, mechanisch handelnd, vorläufig die Postsachen in seine
+Rocktasche.
+
+Und dann erspähte er hinten im Garten die alte Frau, welche beim
+Kartoffelaufnehmen beschäftigt war, und näherte sich ihr.
+
+Nachdem sie sich bei seinem Anblick aus ihrer gebückten Stellung
+erhoben, die erdigen Hände an der Arbeitsschürze abgewischt und ihn
+freundlich begrüßt hatte, sagte Graf Dehn, gleich ohne Einleitung aufs
+Ziel steuernd:
+
+„Ich komme mit einer Frage, gute Frau Madsen: Können Sie mir vielleicht
+sagen, wie des Herrn Doktor Prestös Braut heißt? Sie haben gewiß
+bisweilen Briefe nach dem Postkasten am Wirtshaus unten im Dorf getragen
+und kennen ihren Namen —“
+
+„Seine Braut? Ja, das weiß ich nicht. Aber er schreibt allerdings ab und
+zu an ein Fräulein. Sie heißt — sie heißt — Ingeborg Jensen.“
+
+„Hm — Danke! Und die Adresse? Es handelt sich um eine kleine
+Ueberraschung vom Schloß, deshalb frage ich bloß —“
+
+„Adresse? Adresse? Ja, da kann ich mich allerdings nicht darauf
+besinnen. Aber sie wohnt bei einen Etatsrat Estrup in Kopenhagen. Das
+steht mit drauf.“
+
+„So, so, schön! Das genügt, meine gute Frau Madsen. Und sagen Sie dem
+Doktor gar nicht, daß ich gefragt habe, daß ich hier war! Es ist wegen
+der Ueberraschung. Sie verstehen?“
+
+Und die Alte nickte, und nachdem ihr Axel ein Geldstück in die Hand
+gedrückt und sie noch einiges über den Gesundheitszustand im Dorf
+gefragt hatte, nahm er Abschied.
+
+Als er die Straße hinabschritt, klopfte ihm ungestüm das Herz, und als
+er wieder in sein Zimmer gelangt war, schrieb er zur Sicherheit sogleich
+auf, was er erkundet hatte. Bei dieser Beschäftigung kam ihm auch die
+Erinnerung an die Briefschaften, die er dem Postboten abgenommen, und
+dabei zugleich, daß er nun doch vergessen hatte, die für Prestö
+bestimmten Eingänge an die Alte abzuliefern.
+
+Er zog eilig alles aus der Tasche, legte die Briefschaften für Lavards
+für sich und schob das mit einem Bindfaden verknüpfte Bündel Zeitungen
+für Prestö bei Seite. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, daß auch
+Briefe vorhanden waren, und als Graf Dehn solche zur besseren Bergung
+berührte, sah er, daß auf der Rückseite der Name Ingeborg Jensen als
+Absenderin vermerkt war.
+
+Und da zitterten des Mannes Hände, und seine Brust hob sich in heftiger
+Erregung.
+
+Wie nun, wenn er sie um des Zweckes willen öffnete und ihren Inhalt las?
+
+Aber ein Briefgeheimnis verletzen, dadurch abermals Imgjor einen Anlaß
+geben, ihn einer unkavaliermäßigen Handlung zu zeihen?
+
+Und doch war ihm durch diesen Zufall das Mittel in die Hand gegeben, mit
+einem Schlage völlige Klarheit in die Verhältnisse zu bringen.
+
+Axel hatte die Abrede getroffen, mit Lucile zwischen vier und sechs Uhr
+eine Spazierfahrt nach einem der südlich gelegenen Vorwerke zu
+unternehmen.
+
+Er sah nach der Uhr. Die Zeit war gekommen. Er mußte sich hinaufbegeben.
+
+Noch in solchem inneren Zwiespalt befangen, begab er sich, vorher die
+Briefe in seiner Brusttasche bergend, zu Lucile, bestieg mit ihr das
+beide bereits erwartende Gefährt und kutschierte, es selbst lenkend, aus
+dem Schloßhof hinaus.
+
+Und als sie dann jenen Weg erreicht hatten, den Axel damals bei seiner
+Ankunft beschritten, trat plötzlich Imgjor aus dem Hause desselben Alten
+heraus, der Axel an jenem Mittag das Gepäck getragen hatte. Ein kalter
+Blick traf beide, als sie sie freundlich vom Wagen herab grüßten.
+
+Nach dem Ball hatte sich Imgjor nicht mehr unten sehen lassen. Sie nahm
+die Mahlzeiten in ihrem Zimmer ein, sie war gegenwärtig mit einer im
+Gewahrsam befindlichen, ihres Schicksals wartenden Persönlichkeit zu
+vergleichen.
+
+Auch an jenem Abend war sie, zum Verdruß all' der jungen Herren, die sie
+wie Planeten umkreisten und um ihre Gunst zu werben suchten, nicht
+wieder zum Vorschein gekommen.
+
+„Wenn ich mir diese ganze Angelegenheit überdenke,“ hub Lucile an,
+„will's mir nicht wie Wirklichkeit, sondern wie ein Roman erscheinen.
+Meine Schwester ist nicht meiner Mutter Kind! Mein Vater führt die
+Entlarvung ihrer Geburt herbei! Ich sehe die Möglichkeit, Imgjor
+wirklich zu verlieren, sie hinausgehen zu sehen in die Welt als
+Predigerin des Umsturzes, zugleich als Frau eines Prestö, eines
+rachsüchtigen Fanatikers, eines Unwürdigen! Heute zweifeln Sie doch auch
+nicht mehr daran, daß der Mensch ein solcher ist, Graf Dehn?“
+
+Zunächst wich Axel Luciles Fragen noch aus. Er wünschte einen anderen,
+ruhigeren Ort zu erreichen, um Lucile Mitteilungen zu machen. Erst als
+sie das Vorwerk erreicht hatten und sie hier in einen altmodisch
+bestellten, hinter dem Wirtschaftshaus befindlichen Garten traten, sagte
+er nach schicklicher Einleitung:
+
+„Ich möchte Ihnen etwas sagen, Komtesse! Ich möchte Sie bitten, mir zu
+raten —“
+
+Und dann eine von Ulmen eingefaßte Höhe besteigend und Lucile zum
+Niedersitzen auf einer hier befindlichen Bank auffordernd, berichtete er
+ihr, nachtragend, nicht nur von dem Gespräch, das zwischen ihm und
+Imgjor am Ballabend stattgefunden hatte, sondern auch von dem, was heute
+im Dorf geschehen war.
+
+Seinem Vortrage hörte Lucile mit größter Spannung zu, und währenddessen
+verrieten ihre Mienen nichts anderes, als ein sachliches Interesse.
+
+Als Graf Dehn aber die Frage aufwarf, ob es zur möglichen
+Wiedergewinnung und Umkehr Imgjors nicht Pflicht sei, den Inhalt der
+Briefe zu untersuchen, schüttelte sie den Kopf mit einer Miene, in der
+ausgedrückt war, daß sie den bloßen Gedanken schon nicht begreifen
+könne.
+
+Aber noch etwas anderes kam in einem deutlich erregten, Luciles
+sonstigem ausgeglichenem Wesen nicht entsprechendem Tone zum Vorschein.
+
+„Sind Sie denn noch immer nicht kuriert, Graf Dehn? Ich sollte denken,
+daß Ihnen nach solchen Erklärungen doch der Geschmack vergehen und —
+pardon — Ihr Selbstgefühl Sie zurückhalten sollte, um meine Schwester zu
+werben! Sie wissen, wie ich über Imgjor, die ich auch ferner als mir
+zugehörig ansehe, denke. Mein Urteil über sie hat sich nicht verändert
+und kann sich nicht ändern, aber daß Sie beide nach all' diesen
+Vorgängen nicht für einander passen, daß Sie ebenso unglücklich werden
+würden, wie sie es mit Prestö sicher wird, erscheint mir ganz
+zweifellos.“
+
+Graf Dehn wurde durch diese Sprache sehr betroffen, so betroffen, daß er
+nicht einmal zu einem ausgleichenden, seine Empfindungen klarstellenden
+Gegenwort gelangte.
+
+Was er sich bei früherer Gelegenheit wieder aus dem Sinn geschlagen, war
+in ihm diesmal zur Gewißheit geworden: Ein eifersüchtiges Interesse für
+seine Person hatte Lucile sprechen lassen! Aber er sagte sich auch, daß
+er eine große Thorheit begangen habe, sie abermals in seine Pläne
+einzuweihen, ja, daß er, da es geschehen, fortan auf Rankholm — ohne
+Luciles Freundschaft — einen unhaltbaren Stand haben werde.
+
+Unter solchen Gedanken suchte Graf Dehn vergeblich nach einem Ausgleich.
+
+Seiner Neigung und seinen Entschlüssen untreu zu werden, weil ein
+anderes weibliches Wesen ihn deshalb verurteilte, konnte nicht einmal
+Gegenstand seiner Ueberlegung sein.
+
+Freilich hatte sich auch inzwischen wieder in Lucile eine Wandlung
+vollzogen.
+
+Sie, die Stolze, die ihre Hand nur nach einer Fürstenkrone hatte
+ausstrecken wollen, bereute, sich so vergessen, sich so vor ihm
+bloßgestellt zu haben. Sie mußte deshalb darauf bedacht sein, ihm so
+rasch wie möglich die Eindrücke zu nehmen, die sie aus ihrer von ihrem
+Herzen gedrängten Unvorsicht in ihm hervorgerufen hatte. Niemals sollte
+er ein Recht haben, zu glauben oder gar zu behaupten, daß sie sich ihm
+genähert, durch ihre Haltung um ihn geworben habe. Mit diesem
+Augenblick, den er nicht benutzt hatte, ihr wenigstens einen Brosamen zu
+gewähren, erstickte sie mit ganzer Kraft ein für allemal ihre Gefühle
+für ihn, zwang sie sich, ihrer Natur aber auch insofern zu gebieten, als
+sie ungerechte oder gar feindliche Gesinnungen gegen den Mann, der sie
+verschmäht hatte, nicht aufkommen lassen wollte.
+
+Infolgedessen sagte sie, sich zu äußerster Sachlichkeit auch im Ton
+zwingend:
+
+„Mißverstehen Sie mich nicht, Graf Dehn! Wir würden an sich alle sehr
+glücklich sein, wenn Sie uns durch eine Verbindung mit Imgjor so nahe
+wie möglich rückten, wenn unseren bereits vorhandenen, warmen
+Beziehungen noch dieser Stempel aufgedrückt würde. Ich habe Sie nur in
+ihrem Interesse warnen wollen, nicht einem Phantom nachzujagen. Wenn
+Imgjor Ihnen dennoch ein Jawort geben würde, Sie vor schweren
+Enttäuschungen zu behüten. Ich will trotz meiner Ansichten, wenn Sie es
+wünschen, dennoch Ihre Verbündete sein. Nur stehen Sie davon ab, in
+solcher Weise den Knoten lösen zu wollen! Das, eben das würde eine
+Imgjor mit ihrem sein ausgeprägten Gerechtigkeitssinn Ihnen nie
+verzeihen. Es ziert Sie nicht. Nur einen Weg gäbe es — und daß wir ihn
+beschritten haben, müßte ein unverbrüchliches Geheimnis zwischen uns
+bleiben. Wir könnten Imgjor die Briefe zustellen. Sie mag dann thun, was
+ihr gutdünkt.“
+
+Durch diese Worte wurde Graf Dehnaufs angenehmste berührt. Während er
+sich schon der kummervollen Befürchtung hingegeben hatte, daß sie ihm
+seine Zurückhaltung mit Feindseligkeit lohnen werde, baute sie Brücken
+zu ihm, die von neuem von ihrer Klugheit, ihrem Takt, ihrer Erziehung
+und ihrer vornehmen Gesinnung Zeugnis ablegten.
+
+Aber deshalb ward er auch gedrängt, nichts Unklares mehr zwischen
+ihnen bestehen zu lassen, auch seinerseits zu festen, guten
+Freundschaftsbeziehungen durch offene Bekenntnisse beizutragen.
+
+„Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzem Herzen, Komtesse,“ hub er an.
+
+„Und gestatten Sie, daß ich auf alles, was Sie berührt haben, eine
+freimütige Antwort erteile. Unter normalen Verhältnissen würde mir
+wahrlich niemals auch nur der Gedanke kommen, ein Schriftgeheimnis zu
+verletzen. Ich betrachte es, gleich Ihnen, als ein Vergehen. Aber wir
+dürfen, wo es sich um die Wohlfahrt eines uns nahegehenden Menschen
+handelt, um ein Wesen, daß wir in dem Sinne lieben, daß wir unser
+eigenes Leben ihm opfern würden, Anschauungen und Bedenken, die sich uns
+sonst durch unsere Grundsätze aufdrängen, nicht aufkommen lassen. Wie im
+Kriege niemand die äußerste List verwerflich finden wird, um den Feind
+zu bezwingen, so giebt's Lebensverhältnisse, wo Gewohnheitsanschauungen
+zurücktreten müssen.
+
+Ein Mann wird ein junges Mädchen nicht plötzlich umfangen und an sich
+pressen. Aber wenn es ins Wasser stürzt und die Fluten über ihm
+zusammenschlagen, hat der Retter das Recht zu einer solchen Berührung.
+
+Also die Umstände entscheiden über die Handlungen. Die Dinge sind eben
+das, wozu jene sie machen und was wir durch unsere Auffassungen in sie
+hineinlegen.
+
+Ich sage das alles, weil ich gerade von Ihnen — die meinem Herzen nach
+Imgjor am nächsten unter den Frauen auf der Welt steht — verzeihen Sie
+mir diese offene Sprache! — nicht falsch beurteilt werden will.
+
+Und dann noch eins: Mich treiben mein Mitgefühl und meine Pflicht. Sie
+stehen mir über der Sicherheit, dadurch gerade alles, was ich wünsche,
+begraben zu müssen.
+
+Mein Herz zittert schon, wenn ich denke, daß dieses schöne, edle, nur
+falsch beratene Mädchen unglücklich werden, daß sie einst weinen und
+schluchzen, daß ihre Seele in Nöten liegen könnte, daß ihr wirklich die
+fürchterliche Enttäuschung würde, die ich fürchte. Ein Mensch, wie
+Prestö, wird sein Weib, wenn es sich ihm nicht willenlos unterordnet,
+knechten, gar mißhandeln! Ich stelle mir vor, daß er solches thun
+könnte, und mein Inneres schwillt unruhvoll auf in grenzenloser Sorge
+und Mitleid um sie. Ich kann's nicht ändern. Ich liebe sie mit heißer
+Zärtlichkeit, und eben diese meine Liebe läßt mich handeln. Ich danke
+Ihnen im übrigen für Ihre Zustimmung. Vielleicht können wir die Briefe
+in ein Kouvert stecken, es mit verstellter Hand überschreiben und Imgjor
+zustellen.“
+
+Aber Lucile bewegte bei diesem Vorschlag die Schultern und zeigte eine
+zweifelnde Miene. Er gefiel ihr nicht.
+
+„Nein, ich möchte anders raten, lieber Graf,“ hub sie an. „Was Sie
+vorschlagen, kann einen Verdacht auf Personen lenken, die
+gänzlich unschuldig sind. Das Verfahren kann auch dem Postboten
+Unannehmlichkeiten bereiten. Ich meine so: Ich gehe zu meiner Schwester,
+sage ihr, daß Briefe für Prestö mit in unsere Post geraten seien, und
+überlasse es ihr, durch Oeffnen ihr Schicksal zu entscheiden oder sich
+zu bescheiden. Freilich ist auch das nicht ganz der Wahrheit
+entsprechend, aber wir handeln so am ehrlichsten.“
+
+„Ja, so ist es gut, so ist's noch besser, Komtesse! Auch dafür danke
+ich Ihnen!“ stieß Graf Dehn belebt und einen Blick ehrerbietiger
+Bewunderung auf das junge Mädchen richtend, heraus.
+
+„Immer entscheiden Frauen richtig!“
+
+Ungleich beugte sich Graf Dehn auf Luciles Hand herab und drückte einen
+Kuß darauf. Und Lucile schoß, obschon sie dagegen kämpfte, ein Blutstrom
+in die Wangen, und sie zitterte heftig.
+
+Sie liebte den Mann, und sie litt, weil er sie verschmähte, schwere
+Qualen.
+
+ * * * * *
+
+Wieder saßen sie alle abends im Schlosse Rankholm beisammen, und
+abermals war von nichts anderem die Rede als von Imgjor.
+
+Und jetzt beschäftigte sie ausschließlich der Inhalt der Unterredung,
+die zwischen dem Grafen Knut und Prestö stattgefunden hatte. Jetzt eben
+erhob sich nach sehr lebhaften Erörterungen Graf Lavard und sagte,
+zugleich diese Gelegenheit zu einem Bekenntnis ergreifend:
+
+„Gewiß! Als ich neulich Imgjor in solcher Weise begegnete, riß mich der
+Zorn hin, und im Zorn traf noch niemand das Rechte. Aber ich erkläre
+auch jetzt aufs Entschiedenste nochmals, daß ich auf meinen Bedingungen
+beharre. Also das, lieber Graf, ist meine, durch nichts zu
+erschütternde Antwort. Und Herrn Prestö nochmals oder jemals überhaupt
+wieder zu empfangen, lehne ich definitiv ab! Und nun, liebe Merville,
+bemühen Sie sich zu Komtesse Imgjor hinauf und bitten Sie sie, zu
+erscheinen. Sie soll hören, was ich zu erwidern habe, und ich will nun
+gleich ihr letztes Wort vernehmen —“
+
+Aber jetzt erlaubte sich Graf Dehn auf den Grafen einzusprechen.
+
+Indem er sich der vollen Kunst seiner Gewandtheit bediente, bat er ihn
+inständig, heute noch keine Entscheidung zu treffen, Imgjor noch eine
+größere Frist zu gewähren. Er wisse, daß erst in diesen Tagen Imgjor
+Aufklärungen über das Verhältnis Prestös zu seiner bisherigen Braut
+empfangen werde. Imgjor sei deshalb noch gar nicht in der Lage, eine
+bejahende oder verneinende Antwort zu erteilen. Und zum Grafen Knut
+gewendet, den immer noch ein Interesse für Prestö beherrschte, und der
+solches auch bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt, fragte er:
+
+„Hat Ihnen Prestö nicht auch dergleichen gesagt, Herr Graf? Oder hat er
+behauptet, daß seine Beziehungen zu seiner Braut völlig gelöst seien?“
+
+„Nein und ja,“ entgegnete der Graf. „Es war dies der einzige Punkt, der
+mich etwas stutzig machte. Er entgegnete auf meine Frage, ob er Komtesse
+Imgjor unter allen Umständen heiraten wolle, daß er darauf heute nicht
+antworten könne. Ohne Zustimmung der Eltern sie aus dem Hause zu reißen,
+widerstrebe doch seinem Empfinden —“
+
+„Ah — ah — oder vielmehr seiner habsüchtigen Seele!“ fiel Graf Dehn
+verächtlich ein.
+
+„Also eine Hinterthür läßt er sich doch offen! Wahrlich, Sie handeln
+lediglich in Komtesse Imgjors Interesse, wenn Sie, ihr jeden
+Vermögensanspruch verweigern zu wollen, vorgeben, Herr Graf —“ hier
+wandte sich Axel an den Hausherrn. „Ich möchte jetzt beinahe einen Eid
+darauf ablegen, daß Prestö selbst zurücktritt.“
+
+ * * * * *
+
+Im Rankholmer Schloß lagen, wie früher erwähnt, die dem täglichen
+Gebrauch dienenden Gesellschaftsgemächer nach der Parkseite hinaus. Im
+Flügel zur Linken, wo im Zwischenturm Imgjor wohnte, dehnten sich die
+Festräume, und im Flügel rechts, ebenfalls mit dem Ausblick nach
+Kneedeholm, befanden sich die Privatzimmer des Grafen.
+
+Als Lucile in der Absicht, Imgjor die Briefe von Prestös Braut
+einzuhändigen, vor dem Abendessen aus ihrem Zimmer trat, gab ihr der ihr
+begegnende Frederik auf ihre Frage, ob sich die Komtesse auf ihrem
+Zimmer befinde, die Antwort, daß sie nach Tisch das Schloß verlassen
+habe und noch nicht zurückgekehrt sei. Aber während Lucile nach
+Frederiks Entfernung noch unschlüssig dastand, tauchte gerade Imgjor,
+welche die Haupttreppe von der Schloßhofseite her emporgestiegen war,
+auf dem Flur auf. Sie begrüßte Lucile durch eine kurze Verneigung des
+Kopfes, wandte sich dann aber sogleich, ohne Anrede, dem Korridor zu.
+
+„Ich möchte dich gern sprechen, Imgjor!“ hub Lucile, sich Imgjor
+nähernd, an.
+
+„Wenn's dir genehm ist, treten wir in mein Zimmer — Ich bitte —!“
+
+„Was ist denn?“ fiel ihr Imgjor in einem müden Ton in die Rede. „Willst
+du mich auch belehren, Lucile? Es ist besser, du stehst davon ab! Ich
+kann dir und euch allen jetzt keine Antwort erteilen. Jedes Sprechen ist
+nutzlos. Heute werde ich Prestö sehen, und von dem Ausfall seiner
+Erklärungen ist die abhängig, welche ich euch geben werde.“ — Und dann
+in einem veränderten Ton: „Ach — glaube mir, Lucile — ich leide! Ich
+nehme die Dinge nicht leicht, ich bestehe einen schweren Kampf. Aber ich
+kann doch nicht anders!“
+
+Und dann brach sie in ein stilles Weinen aus — auch lehnte sie sich
+plötzlich — des Ortes nicht achtend — an Luciles Brust.
+
+„Komm, Imgjor, meine Imgjor! Nicht hier! Tritt zu mir herein! Wir wollen
+dort weitem reden. Ah — ah — wie du fassungslos bist! Arme, liebe
+Seele!“
+
+Unter solchem Zuspruch zog Lucile Imgjor ins Wohngemach, hieß sie dort
+sich ans Fenster setzen, rückte gleichfalls einen Stuhl herbei, ergriff
+der noch immer heftig Schluchzenden Hände, hielt sie fest und sah ihr
+liebevoll in die Augen.
+
+„Ich bitte dich —“ redete sie auf sie ein — „sprich dich einmal
+ordentlich aus! Sieh mich an als deinen besten Freund! Wahrlich,
+Imgjor, ich denke nichts anderes als dein Glück. Aber sei gerecht! Thust
+du nicht selbst alles, um es zu verscherzen?“
+
+„Ich muß so handeln, wie meine Natur es verlangt, Lucile! Ja, wenn's
+etwas Schlechtes wäre! Ich will aber doch nur Gutes. Und daß ich den
+Doktor liebe, kann ich dafür? Man folgt seinem Trieb und Herzen, und
+soviel man auch Vernunft zu Hilfe nimmt, man vermag ihrer Gewalt nicht
+zu widerstehen. Was ich will, sagte ich dir: Ich will Prestö nochmals
+auffordern, mir die Beweise zu geben, daß er frei ist. Ich will ihn
+fragen, ob er auch dann zu mir halten will, wenn mich Papa verläßt. — In
+allen Fällen reise ich, wenn er es erlaubt, mit euch nach Kopenhagen.
+Wer weiß, ob sich mein Schicksal nicht bereits heute entscheidet. Ich
+bin — plötzlich — selbst — irre — geworden. — Vielleicht liebt er mich
+gar nicht — wollte er nur mein Geld — wie all' die anderen —“
+
+Abermals brach die Stimme, abermals kürzten Thränen aus den Augen des
+schönen Mädchens.
+
+Die Rinde, die sich um ihr Herz gelegt hatte, war geborsten.
+
+Nun, in diesem Augenblick glich sie einem bedrückten Kinde, das ganz
+Gefühl ist, das nach Trost und Hilfe sehnsüchtig verlangend die Hände
+ausstreckt. Die Starrheit, der Trotz, der unbeugsame Wille waren
+gebrochen.
+
+Und da schien denn Lucile der Augenblick gekommen, um mit ihren Plänen
+hervorzutreten.
+
+Indem sie Imgjor zärtlich in die Arme nahm, sagte sie:
+
+„Höre, Imgjor, was ich dir sagen wollte, und lasse mich dir
+wiederholen, wie wir alle übereinstimmend denken: Papa wird dir
+keinerlei Hindernis in den Weg legen, auch in Ankunft dein edles
+Menschentum zu bethätigen. Er will nur nicht, daß du dich in den Dienst
+jener Beglückungsideen stellst, die er und die alle Ruhigdenkenden als
+verderbliche betrachten. Von Prestö haben wir sämtlich, auf unsere
+Eindrücke gestützt — ich wiederhole dir's — die ungünstigste Meinung.
+Die Unterredung zwischen ihm und Graf Knut ist resultatlos verlaufen.
+Papa will sich auf nichts einlassen. Dich nun also zu überzeugen, daß
+Prestö deiner nicht wert, halten wir für unsere Pflicht und Aufgabe.
+Unsere Liebe diktiert unsere Schritte. Ich bin zufällig in den Besitz
+von Zuschriften gelangt, die Prestös Braut an ihren Verlobten gerichtet
+hat. Sie sind durch den Briefträger zwischen unsere Postsachen geraten.
+Das junge Mädchen heißt doch Ingeborg Jensen, nicht wahr?“
+
+„Ja — ja — gewiß! Allerdings! Und du hast diese Briefe? Und du hast sie
+gelesen?“
+
+„Nein, Imgjor, ich habe sie nicht geöffnet. Ich fand sie, wie gesagt,
+und nahm sie an mich und behielt sie, da ich den Namen Ingeborg Jensen
+aus Kopenhagen als Absenderin darauf vermerkt fand. Auch das trifft zu,
+nicht wahr? Sie ist doch in Kopenhagen?“
+
+Imgjor rückte den Oberkörper und nickte. Ihre Hände aber griffen, indem
+sie die Frage Luciles stumm bestätigte, nach den Schriftstücken. —
+
+„Sieh', Imgjor, wenn du sie öffnet, so wirst du erfahren, wie die Dinge
+liegen; du wirst wissen, ob Prestö dich täuschte — oder ob er wenigstens
+in diesem Punkte ehrlich war. Ich rate: Lies sie und darnach entscheide!
+Mir ahnt es — diese Probe wird dich heilen!“
+
+Zunächst gab Imgjor keine Antwort. Nur Laute der Erregung drangen aus
+ihrem Munde.
+
+„Also doch — doch — in Kopenhagen, und mir sagte er —“ stieß sie gegen
+ihren Willen heraus. Dann prüfte sie, ihre Thränen trocknend, das
+Kouvert und den Absendervermerk und sagte nach kurzem Nachdenken fest:
+„Nein, Lucile, niemals werde ich fremde Briefe öffnen! Wenn ich mich
+solcher Mittel bediene, bin ich der Freundschaft eines Ehrenmannes nicht
+wert. Ich halte Prestö auch jetzt noch für einen solchen, wenn er auch
+vielleicht um seiner Liebe, um der höheren Zwecke willen, mir mehr
+beschwichtigende, als wahre Erklärungen gegeben hat. Vielleicht wußte
+er's selbst nicht besser; vielleicht glaubte er, daß seine Braut nicht
+mehr in Kopenhagen sei.
+
+Aber ich will etwas anderes thun: Ich will ihn auffordern, die Briefe in
+meiner Gegenwart zu öffnen und mir vorzulesen.
+
+Ist er der, für den ich ihn halte, entspricht ihr Inhalt dem, was ich
+voraussetze, so wird er keinen Augenblick zögern, meiner Aufforderung zu
+entsprechen. — Sträubt er sich aber — nun so —“ Sie unterbrach sich,
+richtete den Blick geradeaus und schluchzte:
+
+„O, lieber Gott, erlöse mich doch von diesen fürchterlichen Zweifeln!
+Zeige mir den rechten Weg!“
+
+Und wieder innehaltend und Lucile mit einem traurigen Blick anschauend,
+sagte sie:
+
+„Nicht wahr, Lucile, du liebst den Grafen Dehn? Ich bitte dich, schenke
+mir dein Vertrauen, sei auch du so aufrichtig, wie ich es in dieser
+Stunde gegen dich gewesen bin!“
+
+„Weshalb befragst du mich darum, Imgjor?“
+
+„Weil ich diesen Mann niemals heiraten werde, ihn aber doch für so
+wertvoll halte, daß ich ihn dir von ganzem Herzen gönne. Nähere dich
+ihm, suche sein Herz! Ich will dir dadurch helfen, daß ich entweder
+Prestös Gattin werde oder mich euch für immer entziehe. Mir bleibt dann
+ein anderer, herrlicherer Bräutigam. Mein Bräutigam soll —“ hier flammte
+des Mädchens Auge begeistert auf — „auch ferner die leidende Menschheit
+sein! Kann ich nicht im Großen wirken, so will ich ein Freund, ein
+Retter, ein Helfer der verschämten Armen, der vielen Elenden und Kranken
+werden. Ich will zu denen mich begeben, von denen ich ausging. War mein
+Vater ein Mann aus dem Volke, sank er, — einer von den Tausenden, welche
+Elend und verkehrte Erziehung auf Abwege führten —, so will ich
+versuchen, meine gleich bedrängten Mitmenschen vor Gleichem zu bewahren,
+will als Kind meiner Eltern in solcher Weise ihre Fehler nach Kräften
+sühnen. Ich weiß, der gerechte und barmherzige Schöpfer wird mir
+zulächeln, wird meine That mit Erfolg krönen! Und ich bitte dich,
+Lucile, gieb mir Antwort auf meine Frage: Liebst du Axel Dehn —?“
+
+Einen Augenblick zögerte Lucile noch. Sie schob den Kopf zurück und
+drängte die Lippen zusammen. Dann sagte sie:
+
+„Nun wohlan, Imgjor: Ja, ich liebte ihn! Aber er hat mich nicht gewollt,
+mich gar zurückgewiesen. Und das vergißt eine Lavard nie! Verschmähst du
+ihn — ich habe seit dem heutigen Tage für immer auf ihn verzichtet —“
+
+Imgjor sah Lucile an und forschte in deren verschlossenen Zügen.
+
+Blässe war auf ihre eigenen Wangen getreten. Es blieb unentschieden, was
+sie dachte, wie die Worte Luciles auf sie gewirkt hatten. Bevor sie sich
+aber trennten, umarmte sie ihre Schwester in heftiger Bewegung, neigte
+sich zu ihr und küßte sie wie ein Mensch, den das Uebermaß des Gefühls
+verhindert, zu reden.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Spätnachmittage empfing Imgjor, im Einverständnis mit ihrer
+Mutter, den Doktor Prestö im Wegwärterhäuschen.
+
+Heute eilte sie ihm nicht entgegen. Sie saß, das Haupt auf die Hand
+gestützt, am offenen Fenster und starrte hinaus. Einer bemerkte sie,
+Graf Dehn. Wissend, daß heute die Zusammenkunft mit Prestö stattfinden
+werde, hatte er sich nach einem vorhergegangenen Spaziergang dahin
+begeben, und sah Imgjor dort sitzen. —
+
+Prestös Eintritt entriß sie ihren trüben Gedanken. Unruhig ging's durch
+ihre Glieder, ihr Herz klopfte stürmisch. Sie wußte es, daß jetzt die
+Entscheidung kommen würde.
+
+Aber in Prestö war bereits alles gefestigt. Das unbedacht geschlossene
+Bündnis wieder zu lösen, beschäftigte ihn allein.
+
+Graf Knut hatte ihm einen Brief gesandt. Durch dessen Inhalt war er
+belehrt worden, daß Imgjor nichts zu erwarten habe, daß ihm die Zukunft,
+hielt er an ihr fest, eine unerträgliche Last aufbürden werde.
+
+In solcher inneren Verfassung hatten beider Mienen etwas äußerst
+Unfreies. Prestö knüpfte sogleich an die Zeilen des Grafen Knut an. Er
+erzählte ihr, was sie schon von Lucile wußte, und gab sich sehr
+bedrückt.
+
+„Was ist uns Geld und Gut, wenn wir einigen Herzens sind, Erik!“ fiel
+Imgjor ein.
+
+„Gewiß, den großen Zielen, die wir verfolgen wollen, ist ein Hemmschuh
+angelegt. Aber es bleibt uns das lebendige Wort für die Sache, dadurch
+für das große Werk zu wirken, es zu fördern!“
+
+„Wirst du aber gegen den Willen der Deinigen dich aufraffen können,
+Imgjor? Wird dir nicht die Reue kommen? Alle Brücken brichst du hinter
+dir ab! Hier in Kneedeholm können wir nicht bleiben. Ich muß erst einen
+neuen Wirkungskreis suchen, wieder einen Erwerb finden. Dann erst können
+wir an eine Verbindung denken. Was willst du in der Zwischenzeit
+beginnen? Wir sollen beide leben! Ich bin ohne Mittel! Deshalb betonte
+ich die Notwendigkeit, deinen Adoptivvater wenigstens zur Herausgabe
+eines Bruchteils seines Vermögens zu bewegen. Nach des Grafen Knut
+Bericht wird er sich dazu nicht verstehen. Was aber soll dann werden?“
+
+Imgjor hatte Prestö mit starrem Ausdruck zugehört. So kalt, so nüchtern,
+so voller Bedenken hatte er gesprochen, so gefühllos das alles
+vorgebracht! So ganz anders hatte nun, da sie ein armes Geschöpf war,
+ärmer als irgend eine Bauerstochter in Kneedeholm, seine Rede gelautet!
+Statt der bisherigen stürmischen Worte, statt des zärtlichen Flehens,
+statt der Beteuerungen und Bitten, ihm zu folgen, ihm zu glauben und zu
+vertrauen, alles leicht zu nehmen, nur ihr künftiges Glück und die
+großen Ziele ins Auge zu fassen — saß nun ein feiger Schwächling ihr
+gegenüber. Ach, noch weit mehr! Und diese furchtbare Erkenntnis trieb
+ihr das Blut gegen das ohnehin erregte Herz.
+
+Jedes Wort hatte die Absicht verraten, sie so rasch wie möglich wieder
+von sich abzuthun, rückgängig zu machen, was er hundertfältig beteuert
+hatte.
+
+Dennoch beschloß sie, zu ihrer völligen Heilung den Becher auszukosten.
+
+Sie sprach, sich zur Fassung und zu einem freundlichen Gleichmut
+zwingend:
+
+„Ich denke anders als du, Erik! Liebe kennt keine Berge und Abgründe.
+Sie überwindet alles. Ich würde jegliches geduldig auf mich nehmen,
+wüßte ich mir dadurch den Sieg zu erringen. Aber du bist nicht frei, es
+sei denn, daß der Inhalt dieser Briefe —“ hierbei zog sie die
+Zuschriften seiner Braut hervor — „Klarheit in deine Angelegenheit
+bringt.“
+
+Nachdem sie dies vorausgesandt, auch gleich eine Erklärung hinzugefügt
+hatte, auf welche Weise sie in den Besitz der Schriftstücke gelangt sei,
+bat sie ihn, sie zu öffnen und den Inhalt vorzulesen.
+
+Mit Augen, die nur zu deutlich seine ungeheure Verwirrung verrieten, sah
+Prestö auf die beiden Briefe. Aber ebenso rasch umspielte ein
+verächtlich überlegener Zug seine Lippen.
+
+„Das ist gar nicht Ingeborgs Handschrift. Sicher hat ein Schuft irgend
+ein Bubenstück ersonnen, darauf berechnet, deine Meinung über mich irre
+zu führen! Und ein sehr plumpes ist es zudem, da diese Briefe von
+Kopenhagen adressiert sind, während meine Braut, wie ich dir sagte, gar
+nicht mehr dort ist, sondern sich irgendwo in Frankreich befindet.“
+
+Im ersten Augenblick wurde Imgjor bei dieser sicheren Sprache stutzig.
+In ihrem Herzen wollte es noch einmal aufkeimen; der niederschmetternde
+Eindruck seiner kühlen Sprache von vorhin wich, eine selige Hoffnung
+bemächtigte sich ihrer. Aber dann sah sie ihm wieder ins Angesicht, und
+was sie darin erblickte, das belehrte sie ebenso rasch eines anderen.
+
+Er öffnete, da er sich durch ein Erheben unbeobachteter glaubte, mit
+derselben Unruhe, die sie vorher an ihm wahrgenommen, einen der Briefe,
+und sie sah in seinen Zügen ein jähes Erschrecken schon beim Lesen der
+ersten Zeilen.
+
+Und da kam ihr ein Entschluß!
+
+Durch eine zutraulich gelassene Miene von ihm die Erlaubnis zum Studium
+des Schreibens erzwingend, löste sie das Kouvert, nahm das mehrere
+Seiten umfassende Schriftstück heraus und durchflog den Inhalt.
+
+Und als sie dann die Lektüre beendet hatte und in demselben Augenblick
+Prestö, die Komödie fortsetzend, in Worten der Empörung über den Grafen
+Dehn ausbrach, sprang Imgjor, ihrer Empfindungen nicht mehr Herr, empor
+und richtete einen von Verachtung erfüllten Blick auf den Mann.
+
+„Genug, genug! Nicht noch mehr des fürchterlichen Spiels der Lüge und
+der Vernichtung meines Herzens!“ brach's aus ihrem Munde hervor. „Füge
+der Schändlichkeit der doppelten Untreue, der Berechnung und unlauteren
+Gesinnung, füge der Entwürdigung deiner selbst nicht noch eine neue
+hinzu! — Wisse denn: Diese Briefe sind keine Fälschungen! Den Betrug,
+die Verworfenheit begingst du, indem du ihre Echtheit leugnetest! Das,
+was hier geschrieben steht, was durch die Thränen eines fürchterlichen
+Schmerzes fast verwischt wurde, ist das unverfälschte Produkt der
+Zuckungen einer verratenen Seele. Dennoch hätte ich dir das vergeben,
+dennoch wäre ich friedlich von dir geschieden, dennoch wärest du ohne
+Vergeltung durchs Leben gegangen, wenn du nicht jetzt, in dieser heilig
+ernsten Stunde, mit solcher Larve mich zu betrügen, auf andere einen
+Verdacht zu werfen gesucht hättest. Das war die Handlung einer
+niedrigen, erbärmlichen Natur. Das und deine zögernde, bedenkliche
+Sprache von vorhin, beweisen mir, daß du nichts anderes warst und bist,
+als ein berechnender Egoist, ein Komödiant, daß du alles und jegliches,
+Liebe für mich und Enthusiasmus für die großen Ideen nur heucheltest, um
+mein Geld an dich zu bringen! So, und nun gehe! Was dir werden soll,
+werde ich überlegen! Nach deinem Verhalten werde ich das Maß abmessen!“
+
+Aber was Imgjor erwartete, geschah nicht.
+
+Statt Erschütterung oder gar Zorn an den Tag zu legen, bewegte Prestö
+den Kopf und machte eine Miene, als ob eine arme, kranke Irre soeben
+geredet habe.
+
+„Wenn Sie glauben, daß Sie sich in mir getäuscht haben, Komtesse Lavard,
+so bin ich noch weit mehr enttäuscht. Auf bloße Eindrücke hin fällen Sie
+Urteile und bedienen sich gegen einen Ehrenmann einer Sprache, die, wäre
+sie aus dem Munde eines Mannes gedrungen, nur hätte durch den Degen die
+verdiente Zurückweisung erfahren können. Ich hielt Sie für ein edles
+Wesen. Ihre gelegentlichen Schroffheiten betrachtete ich als das
+Unvermögen, der Entrüstung über die die Welt erfüllenden
+Ungerechtigkeiten Herr zu werden, als ein Ergebnis Ihres zielbewußten,
+von Grundsätzen getragenen Charakters. Was soll mir im ehelichen
+Zusammenleben werden, wenn Sie jetzt schon eine solche Sprache führen,
+wenn Sie so wenig Ihr Ich zu beherrschen vermögen? Ich wiederhole, daß
+diese Briefe nicht von meiner ehemaligen Braut geschrieben wurden. Ich
+erhebe dafür die Hand zum Schwur. Das sage ich nicht zu meiner
+Rechtfertigung — ich habe mich nicht zu rechtfertigen — sondern um
+meinen Entschluß zu begründen, dennoch auf Ihre Hand zu verzichten. Die
+Stellungnahme des Herrn Grafen macht ohnehin — ich wiederhole früher
+Gesagtes — vor der Hand eine Verbindung unmöglich. Wenn ich alle
+Stationen mit Ihnen auch durchmessen wollte, ich sehe, daß wir scheitern
+müssen, weil die Macht, der Einfluß und das Geld, jene Gewalten, die ich
+hasse und seit meiner Jugend schon bekämpft habe, zu mächtig sind. Diese
+Scene aber hat mich belehrt, daß Sie eine andere sind, als ich mir
+gedacht habe. Ohne Vertrauen, ohne Mäßigung ist ein Bündnis ein Unding.
+Es war eine Prüfung, es war ein Versuch, der gegen Sie ausschlug. —
+Leben Sie wohl! Ich trage Ihnen nichts nach. Sollten Sie aber auf Ihren
+leidenschaftlichen Vergeltungsplänen beharren, so darf ich Ihnen ins
+Gedächtnis zurückrufen, daß ich kein Knabe bin, daß ich mit einem
+irregeführten weiblichen Wesen leicht fertig werde!“
+
+Nach diesen Worten wollte sich Prestö entfernen. Aber sie, die ihm
+zugehört und dagestanden, als ob sich ihr Körper in Stein verwandelt
+habe, sagte nach tiefem Atemholen:
+
+„Waren diese Briefe nicht von Ihrer Braut, so sind Sie von dem Vergehen
+dieser Vorspiegelung entlastet! Ich glaube Ihnen aber nicht und werde
+forschen. Eine andere Hand mag sie geschrieben haben, der Inhalt stammt
+von ihr. Behalte ich aber recht, spielten Sie auch diese Komödie, die
+mit Liebesschwüren begann, auf Lüge sich weiter baute, und die Sie nun,
+weil meine Armut Sie enttäuschte, noch eben wieder in plumpester Art
+erneuerten, indem Sie sich den Mantel der Unschuld umhängten und die
+plötzliche Erkenntnis meines Unwertes als Vorwand nahmen — so will ich
+Gott anflehen, daß Sie Ihre Strafe dafür finden mögen! So, und nun
+ersuche ich Sie, sich zu entfernen! Dies ist mein Gebiet und mein Heim!
+Noch heute schließe ich gegen Sie meine Thür und mein Herz. Sie haben
+alle Rechte an Imgjor, genannt Imgjor Lavard, verloren, aus diesem Spiel
+davongetragen nur ihre Verachtung und — waren Sie ganz ein Schurke —
+ihren Haß!“
+
+So endete Imgjor, die Hand ausstreckend; und er, der Mann, der noch vor
+wenigen Tagen erklärt hatte, daß nie einer ein weibliches Wesen so
+selbstlos geliebt habe, daß ihm das Leben nichtig und wertlos ohne
+ihren Besitz sei, verließ, kalt verächtlich auf sie herabblickend, das
+Gemach. —
+
+ * * * * *
+
+Da Imgjor in den letzten Tagen ihrer Familie fern geblieben war,
+erschien's nicht auffallend, daß sie sich auch an dem dieser aufregenden
+Scene folgenden Tage zurückhielt.
+
+Sie war erst gegen Morgen in einen durch seelische Erschöpfung
+geförderten langen, bleiernen Schlaf gesunken, und als sie um die
+Mittagsstunde erwachte, war ihr Gemach erfüllt von leuchtendem
+Herbstsonnenschein.
+
+Aber mit dem Wiedereintritt in die Welt der Wirklichkeit stürmten auch
+die schweren Gedanken auf sie ein, und von der Erinnerung an das am
+vergangenen Tage Geschehene überwältigt, starrte sie vor sich hin.
+
+So war denn nun das Band zwischen ihr und jenem Manne dennoch und
+endgiltig zerrissen; so hatte doch der recht behalten, der sich gegen
+ihren Willen in ihr Leben gedrängt hatte! Noch mehr: Alle hatten recht
+behalten, und so rasch hatte sich die Prüfung der Unwürdigkeit Prestös
+vollzogen, daß zunächst nur der schamvolle Gedanke sie beherrschte,
+ihrer Umgebung die Thatsache zu verheimlichen.
+
+Plötzlich war alles anders geworden.
+
+Die Enthüllung ihrer Geburt hatte sie belehrt, daß sie geringere Rechte
+besaß als Lucile, in der sie eine Schwester zu sehen sich gewöhnt hatte.
+Plötzlich war sie eine nur Geduldete da, wo sie bisher das Lavardsche
+Scepter geschwungen.
+
+Ihrer Pflegemutter hatte sie sich demütig unterzuordnen, statt ihr wie
+bisher mit stummer oder offener Auflehnung zu begegnen. Da sie sich
+verdeutlicht hatte, mit welcher Selbstentäußerung diese an ihr, dem
+Adoptivkinde, gehandelt, verwandelte sich ihre Minderachtung in
+Hingebung und Bewunderung. Aber gerade aus all diesen Ursachen und weil
+sie ein heftiges Unmutsgefühl gegen ihren Pflegevater ergriffen, deshalb
+sich ihrer bemächtigt hatte, weil sie sich sagte, daß er einer Lucile
+niemals so hart, so grausam begegnet sein würde, daß nur _ihr_ das
+geworden, weil er sie als eine Halbwürdige betrachtete — verstärkte
+sich in ihr der Entschluß einer Trennung von den Ihrigen.
+
+Zudem vermochte sie sich durch eine andauernde Entfernung von der
+Familie der Gefahr zu entziehen, dem Werben des Grafen Dehn dennoch zu
+unterliegen. Ihr Stolz verbot ihr, ihm je zu zeigen, daß sie etwas für
+ihn empfand. Sie wollte eine Liebe zu dem nicht aufkommen lassen, der
+sie sein Uebergewicht in solcher Weise hatte fühlen lassen.
+
+Auch war ihre Begeisterung für die große Sache trotz der gemachten
+Erfahrungen nicht vermindert. Diese Erfahrungen mußten sie, wie sie sich
+sagte, nur von neuem belehren, wie sehr den Besitzenden zu mißtrauen
+sei.
+
+Die Armen und Elenden würden sie niemals enttäuschen, und wenn doch, so
+verdienten sie lediglich Mitleid, weil ihnen die Erziehung nicht wie
+jenen geworden, weil ein zarteres Empfinden ihnen erst eingeflößt werden
+müßte.
+
+Sie wollte in ihren Pflegevater dringen, ihr eine Freiheit zu gewähren,
+in der sie wenigstens im Kleinen ihre Menschenliebe zu bethätigen
+vermochte, sie wollte ihn zwingen, sie abzulösen von Verhältnissen, die
+ihrer Natur zuwiderliefen. Sie wollte nicht in Prunkgemächern wohnen,
+sie wollte keine Genüsse, keine kostbaren Gewänder und Vergnügungen. Sie
+wollte überhaupt keinen Ueberfluß, sondern ein auf Arbeit und
+hilfreiches Menschentum gerichtetes Leben. Sie erstrebte Beschäftigung
+mit edlen Dingen, mit der Natur und den feineren Regungen des
+Menschengeistes.
+
+Und Kopenhagen, die Großstadt, erschien ihr als der rechte Ort dafür.
+
+Dort wollte sie wohnen, um es zunächst kennen zu lernen, und dazu war
+jetzt, wo die Abreise vor der Thür stand, die beste Gelegenheit geboten.
+Zuvor aber wollte sie noch völlige Klarheit über das zu erlangen suchen,
+was zwischen der Gegenwart und der für sie dunklen Vergangenheit lag.
+
+Unter solchen Erwägungen wurde geklopft, und Lucile trat zu ihr ins
+Wohngemach.
+
+„Nun, meine liebe Imgjor,“ hub Lucile an und umarmte ihre Schwester
+sanft, „wie ist's verlaufen? Lasse uns unser Vertrauen fortsetzen! Mache
+mich glücklich und sage mir, daß du Prestö nach Einsicht in die Briefe
+den Bescheid erteilst hast, den wir alle herbeisehnen!“
+
+In Imgjor erhob sich bei diesen Worten ein schwerer, innerer Kampf.
+
+Sie sollte von ihrem Thron herabsteigen, sie sollte gestehen, daß ihre
+Menschenkenntnis nur allzu winzig, daß ihr stolzes Selbstgefühl nur
+allzu unberechtigt gewesen.
+
+Sich seiner selbst zu entäußern, sich seiner Hoheit um der bloßen
+Wahrheit, statt um eines Vorteils willen, zu entkleiden, erfordert einen
+starken, sittlichen Fond, ein besonders stark entwickeltes Rechtsgefühl.
+
+Imgjor fand das, was ihrer zwiefältigen Natur entsprach. Sie gab der
+Wahrheit die Ehre und wahrte ihren Stolz.
+
+Zunächst überwältigte sie allerdings ein machtvolles Gefühl.
+
+Sie warf sich wie jüngst, einem Kinde gleich, an die Brust ihrer
+Halbschwester und brach in ein anhaltendes Schluchzen aus.
+
+Dann schob sie den Körper zurück und sagte: „Aus irgend einem Grunde
+habe ich mich für eine Lösung meiner Beziehungen zu Prestö entschieden.
+Erweise mir darin deine Liebe, Lucile, daß du mich nach den Gründen
+nicht fragst. Sei eine Fürbitterin bei deinen Eltern, die auch mir
+Eltern waren, daß auch sie die Angelegenheit nicht ferner mehr berühren.
+Hilf mir, teure Lucile, daß meine Bitten erhört werden! Ich habe mehr
+denn je die Sehnsucht, Rankholm zu verlassen und mich irgendwo, fern von
+hier, nützlich zu machen. Will dein Vater mir zu solchen Zwecken keine
+Mittel zur Verfügung stellen, so möge er mir wenigstens das gewähren,
+was er bisher für meine Ausbildung aufwendete. Fräulein Merville hat
+ohnehin die Absicht, in ihre Heimat zurückzukehren. So möge er mir die
+für sie verausgabte Summe bewilligen und dieser etwa noch so viel
+hinzufügen, daß ich auf eigenen Füßen zu stehen vermag!“
+
+Lucile, die mit glücklichen Mienen zugehört hatte, nickte rasch und
+bereitwillig.
+
+„Ich will alles thun, Imgjor! Ich will schon deshalb und in weit
+größerem Umfange deine Wünsche befürworten, weil ich hoffe, daß dieser
+Austritt ins Leben dich gänzlich heilen wird, daß du einsehen wirst, daß
+es kein undankbareres Geschäft giebt, als seine Nebenmenschen ohne ihre
+Anforderung glücklich machen zu wollen. Also, das möge dich nicht
+bekümmern, Imgjor, und wenn du sonst noch —“
+
+„Ja, noch etwas, Lucile: Bitte deinen Vater, daß er mir die Aufklärungen
+über meine Geburt nicht vorenthält. Ich muß jetzt alles wissen —“
+
+Lucile versprach auch das. Dann warf sie zögernd hin:
+
+„Und Graf Dehn, was wird's mit ihm?“
+
+Imgjor preßte die Lippen zusammen. In ihren Augen erschien ein Ausdruck
+von Schmerz und Trotz, durch dessen Einwirkung sich die Lider
+unwillkürlich schlossen. Und dann sprach sie in einem unbeugsam kalten
+Ton:
+
+„Sage ihm, daß ich auch ferner darauf verzichten muß, in eine engere
+Berührung mit ihm zu treten und daß eher über Nacht das Rankholmer
+Schloß im Walde von Mönkhorst emporsteigt, als daß ich sein Weib werde!“
+
+ * * * * *
+
+Ueber zwei Jahre waren seit diesen Ereignissen verflossen, als an einem
+kalten, nebligen Märzmorgen eine wie eine barmherzige Schwester
+gekleidete junge Dame den Weg in die Kopenhagener Vorstadt Oesterbro
+nahm. In ihren Augen lag jener Verzicht auf irdisches Glück, jene milde
+Ruhe und sanfte Ergebung, die nur in den Gesichtern derer beobachten,
+welche sich dem Werke der Barmherzigkeit gewidmet und vielleicht die
+Hoffnung auf das, was ein Frauenherz bis zu einem gewissen Alter noch
+erfüllt, zwar nicht völlig aufgegeben haben, deren Erfüllung aber mit
+den gleichen Augen betrachten, mit denen der Erfahrene irgend einem
+Zufall vertraut.
+
+Sie können so existieren; sie finden Befriedigung in der
+Pflichterfüllung, sie sehen die dankbaren Blicke der Kranken auf sich
+gerichtet, sie finden den köstlichsten Lohn, der einem Menschen durch
+seine Thätigkeitstreue werden kann, in der Wiedergenesung ihrer
+Pflegebefohlenen. —
+
+Vor einem alten, großen Dreieckhause mit vielen kümmerlichen Fenstern
+und schiefen Mauern hemmte sie den Schritt, bog in einen neben diesem
+befindlichen Gang ein und öffnete die Thür eines hinten auf dem
+schmutzigen Hofe befindlichen Nebenhäuschens.
+
+Seine Räume bestanden aus einer winzigen Vorder- und Hinterstube, die
+einem alten Ehepaar als Wohn-, Schlafzimmer und Küche dienten. Vorn in
+dem Wohnzimmer, das nichts anderes enthielt, als ein paar karge Vorhänge
+vor den Fenstern, einen Tisch, eine Kommode, einen Ofen und einen alten
+Lehnstuhl, saß in letzterem eine erblindete, alte, hilflose Frau, und
+jetzt eben verdunkelte ein solcher erstickender Petroleumdampf das
+Gemach, daß Imgjor Lavard, wie sie auch ferner noch vor der Welt hieß,
+unwillkürlich zurückprallte.
+
+„Um's Himmelswillen, Frau Ohlsen, was haben Sie denn gemacht?“ stieß
+Imgjor beunruhigt heraus. Gleichzeitig öffnete sie die Fenster und ließ
+frische Luft hereindringen.
+
+„Was ist denn? Was ist denn?“ tönte der Alten Stimme zurück.
+
+„Merken Sie es nicht? Das Zimmer ist voll Rauch. Sie hätten ja ersticken
+können!“
+
+„Ich hab' mir was Warmes gemacht. Ich fror so schrecklich. Ich hab' dann
+die Maschine wohl zu hoch geschraubt —“
+
+Imgjor nickte, obschon die Blinde sie nicht sehen konnte. Sie ließ auch
+diesen Gesprächsgegenstand fallen und fragte mit gewohnter Milde:
+
+„Nun, wie geht's heute, Frau Ohlsen? Haben Sie besser geschlafen?“
+
+„Ein bischen, Fräulein. Heute morgen hab' ich aber wieder so
+schreckliche Schmerzen in den Füßen.“
+
+„So werde ich sie wieder einmal einreiben, arme Alte! Nachher, wenn ich
+fertig bin, mache ich mich daran!“
+
+Nach diesen Worten entledigte sie sich ihres Hutes und Umhanges und
+begab sich gleich einer Dienstmagd an das Reinigen der Wohnung. Sie
+fegte aus, sie machte im Schlafzimmer die Betten, sie spülte Geschirr in
+der Küche aus. Das alles mußte täglich eine fremde Hand besorgen. Die
+blinde Frau konnte nichts thun, da sie, abgesehen von ihrem
+Sehunvermögen, ihre Glieder nicht zu bewegen vermochte, und der Mann,
+der früh fortging und spät von der Arbeit zurückkehrte, sank, da ihm die
+Kräfte für mehr schon fehlten, gleich erschöpft auf sein Lager.
+
+Seit zweiundzwanzig Jahren war die Frau blind. Während dieser Zeit
+hatte er für sich und sie nur so viel verdient, daß sie sich notdürftig
+hatten satt essen können. Und zu der Blindheit während dieser Jahre
+kamen fortdauernd schwere Krankheiten, die Pflege und Aufwartung, die
+Arzt und Apotheke erforderlich gemacht hatten. Seit zweiundzwanzig
+Jahren war die Alte kaum je aus dem Häuschen gekommen, hatte nichts
+anderes gekannt, als Entbehrungen und Schmerzen.
+
+Als Imgjor zum erstenmal in dieses Elend eingegriffen hatte, war die
+Wohnung durch Schmutz und Unrat förmlich verpestet gewesen. Die Leute
+hatten auf faulendem Stroh gelegen, fast kein Gegenstand war ganz
+gewesen. Erst neuerdings hatte Imgjor die alte Frau aus einer
+Lungenentzündung herausgepflegt, und was diese Krankheit erforderte, aus
+ihren Mitteln hergegeben. —
+
+Nachdem Imgjor ihr tägliches Werk vollbracht hatte, sagte sie:
+
+„Frau Ohlsen, ich habe jetzt gerade mehr Zeit. Ich will Ihnen nun jeden
+Spätnachmittag etwas vorlesen. Wollen Sie es hören?“
+
+„O gewiß, mein liebes, gutes Fräulein,“ entgegnete die alte Frau mit
+dankbarer Betonung. „Was ist es denn?“
+
+„Etwas Ernsthaftes, Gutes, Frau Ohlsen. Sie werden gewiß Vergnügen daran
+finden —“
+
+„Ja, danke, danke, liebes Fräulein. Wie gut sind Sie gegen mich! Gott,
+wenn ich so denke, wie Sie uns geholfen und immer wieder geholfen, mich
+arme, hilflose Person in meiner Krankheit gewartet und gepflegt haben,
+dann möchte ich schon glauben —“
+
+„Nun, meine gute Alte?“
+
+„Daß Sie gar kein Mensch, daß Sie ein Engel sind, von Gott in die Welt
+gesandt, um die Menschen glücklich zu machen.“
+
+„Ach nein! Ich bin kein Engel, meine gute Alte,“ entgegnete Imgjor mit
+einem trüben Lächeln. „Ich bin ein Mensch wie Sie. Das eben befähigt
+mich ja, Sie zu verstehen, Ihnen ein wenig zu helfen. Nur wer eigenes
+Leid erfahren hat, vermag mit seinen leidenden Mitmenschen zu fühlen.
+Und so, wie Sie, giebt es viele Kranke und Bedürftige in dieser großen
+Stadt, denen, weil sie noch nicht ganz mittellos, noch nicht ganz elend
+und verlassen sind, keine öffentliche Unterstützung und keine
+Krankenpflege zu teil wird. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es
+die Aufgabe sei, das Traurige durch rechtzeitiges Eingreifen abzuwenden.
+
+Wahrhaftig, wenn unseren Vorstandsdamen so zu handeln gelehrt würde,
+dann würden die Armen- und Krankenhäuser nicht so überfüllt sein, wie
+sie es sind; es würden weniger Menschen zu Verbrechern und Selbstmördern
+werden; das allgemeine Elend würde weniger groß sein. Da giebt es ein
+weites, brach liegendes Feld für eine erfolgreiche Betätigung der
+Nächstenliebe.
+
+Und dieses Arbeitsfeld habe ich für mich erwählt. Ich suche zu helfen,
+wo ich kann und so weit es in meinen Kräften steht. Des Elends ist ja so
+viel auf Erden!“
+
+„Ja, ja, liebes Fräulein. Wenn sie alle so dächten und so handelten,
+wie Sie! Aber so — Na, es muß aber auch ein schönes Gefühl für Sie sein,
+so geliebt zu werden und so viel Dank zu ernten.“
+
+„Dank?“ entgegnete Imgjor bitter im Ton. „Ich habe ihn nie erwartet und
+kaum gefunden, wohl aber Undank, Neid, Mißgunst und üble Nachrede. So
+habe ich mich allmählich äußerlich zu einer kühlen Haltung gezwungen, zu
+einer fast rauhen Art. Ich unterdrücke die Regungen meines Herzens, mein
+Mitleid, die Rührung und die Thränen über die häufig entsetzliche Not.
+Ich thue es schon deshalb, weil die Menschen solche Weichheit garnicht
+verstehen. Wenn ich nur nicht auch noch verunglimpft werde, wenn sich
+der Undank nur nicht in noch Schlimmeres verwandelt, bin ich schon froh.
+Eben jetzt ist wieder etwas geschehen, was die gemeine Gesinnung mancher
+Personen zu Tage treten läßt, etwas, das auch in mir den Entschluß zur
+Reise gebracht hat, diesmal meiner Empörung Ausdruck zu verleihen.“
+
+Nach diesen fast ebensosehr an sich selbst gerichteten Worten und nach
+Ausführung der von ihr versprochenen Hilfsleistung verabschiedete sich
+Imgjor von der Alten und nahm den Weg in einen anderen Teil der
+Vorstadt. Dort wohnte eine Witwe, eine Wäscherin, mit ihrer Tochter,
+welche letztere unter Imgjors Pflege viele Wochen im Krankenhause
+gelegen und sich für deren Aufopferung dadurch bedankt hatte, daß sie
+einen empörende Verleumdungen gegen Imgjor enthaltenden Brief an den
+Hauptarzt gerichtet hatte.
+
+Nachdem Imgjor zwanzig Minuten gegangen war, gelangte sie an eine
+unsaubere, von vielen kleinen Kindern bevölkerte und zum teil noch
+unbebaute Straße. In der Mitte der Gasse — einem zurückliegenden, von
+einem großen Garten umschlossenen Hause gegenüber — befand sich eine
+Branntweintaberne, und an diese lehnte sich ein kleines, verfallenes,
+auch noch aus früherer Zeit stammendes Gebäude, in dem die Witwe Holm
+mit ihrer Tochter und einer Stieftochter wohnte.
+
+Der Unfriede zwischen Imgjor und Thora Holm, der früheren Kranken, war
+dadurch entstanden, daß jene auf das herz- und gemütlose Geschöpf, das
+seiner Stiefschwester sehr roh begegnet war, bessernd einzuwirken
+gesucht hatte. Auch als Thora das Hospital verlassen, hatte Imgjor sie
+nochmals eindringlichst vermahnt, ihrer alten Mutter fortan eine bessere
+Tochter zu sein, zu arbeiten und ordentlich zu werden. Die Leute litten
+Not, und Imgjor hatte ihren Ermahnungen die Erklärung hinzugefügt, daß
+sie nur dann materiell etwas für sie thun wolle, wenn Thora für die
+Erfüllung der gestellten Forderungen Beweise geliefert habe.
+
+„Die Grevinde,“ wie Imgjor von der gesamten Bevölkerung in Kopenhagen
+schlichtweg genannt wurde, war wegen ihrer Wohlthätigkeit bekannt, und
+selten wendete sich jemand an sie, ohne Hilfe zu erhalten.
+
+Der Ingrimm, daß Imgjor ihr die Wahrheit gesagt, der Aerger, in ihrer
+Erwartung auf eine Unterstützung getäuscht worden zu sein, hatten Thora
+Holm zu der Denunciation veranlaßt. Daß sie und keine andere das
+Schriftstück abgefaßt hatte, war erwiesen. Es störte Imgjor, daß sie den
+Hauptarzt, mit dem sie um diese Zeit hier ein Zusammentreffen verabredet
+hatte, noch nicht erblickte. In seiner Gegenwart wollte sie die Person
+zwingen, ihre Perfidien zurückzunehmen und um Verzeihung zu bitten.
+
+Aber während sie noch unschlüssig verharrte, drangen aus dem offenen
+Hause der Witwe jammernde Wehrufe. So markerschütternd trafen die Laute
+Imgjors Ohr, daß sie förmlich zusammenfuhr. Indessen beendete dieses
+Erschrecken auch ihr Zögern. Blitzschnell eilte sie vorwärts, betrat das
+Haus und wurde hier Zeuge einer wahrhaft entsetzlichen Scene.
+
+Die Frau, ein starkknochiges, rothaariges Weib, und Thora, in einem
+schlumpigen Rock, mißhandelten im Flur die Stieftochter der Frau.
+
+Während Thora die Unglückliche mit der einen Hand an den Haaren gepackt
+hielt und ihr mit der anderen in unbarmherziger Rohheit den Kopf
+bearbeitete, bediente sich das alte Weib einer ledernen Riemenpeitsche
+und brachte ihrem Stiefkinde auf diese Weise blutige Striemen auf dem
+ohnehin verletzten Körper bei.
+
+Im Nu war Imgjor unter ihnen, riß der Alten den Arm herab, stieß Thora
+zur Seite und stellte sich, nachdem das mit ebenso großer Kraft wie
+Furchtlosigkeit geschehen war, mit drohend gebieterischer Miene vor den
+beiden Megären auf.
+
+„Ah, ihr Furien!“ entrang es sich ihrer vor Empörung keuchenden Brust.
+
+In demselben Augenblick eilten auch schon von dem Geschrei
+herbeigezogen, Gäste aus der Taberne herbei, und diese drängten, von
+Imgjor laut und energisch ermuntert, die sich eben zum Kampfe gegen die
+Verteidigerin rüstenden, sich wie tobsüchtig geberdenden Weiber hinten
+in den Flur zurück.
+
+„Die Grevinde! Die Grevinde!“ hatten die Hereindrängenden einander
+zugerufen und sie nahmen auch in der Folge gegen die Holm und ihre
+Tochter Partei.
+
+Freilich geschah's nicht aus irgend welchem Mitleid für die Mißhandelte,
+auch nicht aus einer Abneigung gegen die beiden Holms, sondern lediglich
+unter dem Gesichtspunkt, daß ihnen ihr Eintreten nicht unbelohnt bleiben
+würde.
+
+Aber es wurde Imgjor auch noch andere Hilfe. Den Knäul teilend, erschien
+der Arzt, Doktor Stede, und hinter ihm tauchte der in diesem Viertel
+stationierte Polizeiofficiant auf.
+
+Im Nu erfolgte dann auch eine Verständigung zwischen jenen und Imgjor,
+und ebenso rasch machte sich letztere zur Herrin der Situation.
+
+„Ich danke euch, Leute, daß ihr mir beigestanden habt. Und hier, hier
+ist Geld! Teilt es euch —“ rief sie, einen dänischen Speciesthaler dem
+mitanwesenden Wirt übergebend. „Aber nun entfernt euch! Ich habe etwas
+mit der Familie zu verhandeln, was nicht für eure Ohren ist.“
+
+Und das Kind, das sich zitternd neben ihr aufgerichtet, mitleidig an
+sich ziehend und dann dem Polizeiofficianten zum Schutz übergebend,
+befahl sie der Wäscherin und ihrer Tochter, ins Wohngemach zu treten.
+
+Trotz ihrer feindseligen Mienen mußten sie sich fügen, und nachdem sie
+sich aufgestellt, ergriff Imgjor das Wort und hielt der Verleumderin
+ihre Infamien vor.
+
+„Sie haben die Wahl —“ schloß Imgjor — „alles als erfunden zu bezeichnen
+und mich hier vor diesem Herrn um Verzeihung zu bitten, oder gleich dem
+Polizisten zu folgen. Auch auf Verhaftung Ihrer Mutter wegen Mißhandlung
+der Tochter werde ich dringen. Also reden Sie! Daß Sie den Brief
+geschrieben, hat Ihr früherer Verlobter, der Wärter Vessel, ausgesagt —
+—“
+
+Das Mädchen, eine üppige Blondine, preßte die Lippen zusammen, verzerrte
+den Mund und antwortete nicht. Auch die Mutter verharrte in trotziger
+Auflehnung.
+
+„Niemand hat ein Recht, in mein Haus zu dringen und sich in meine
+Angelegenheiten zu mischen!“ erklärte sie. Sie habe Verhöre nur vor
+Richtern zu bestehen, und deren Untersuchungen würden ergeben, daß ihre
+Tochter den Brief nicht geschrieben, daß sie zur Züchtigung ihrer
+Stieftochter berechtigt gewesen, weil diese sie in frecher Art bestohlen
+habe.
+
+Der Schlußsatz wurde allerdings durch Widerspruchsworte unterbrochen,
+die sich aus dem Munde des weinenden Kindes lösten.
+
+Sie habe nichts genommen. Sie sei unschuldig! Aber Thora, die sie
+beschuldigt, sei's gewesen. Sie habe gesehen, wie diese die Kommode
+geöffnet und das Geld herausgenommen habe.
+
+Freilich folgte dieser Rede wiederum ein maßloser Wutausbruch von Seiten
+der Schwester. Sie flog auf das Kind zu und erhob unter Schimpfworten
+die Faust gegen deren Angesicht. Nur durch ein Dazwischentreten des
+Polizisten ward eine abermalige Züchtigung verhindert.
+
+Aber gerade dieser Zwischenfall verschlechterte die Sache der Familie
+Holm.
+
+Dem Polizeiofficianten, einem energischen Mann, riß die Geduld. Er
+befahl Ruhe und sofortigen Frieden und die von der Komtesse geforderte
+Erklärung.
+
+„Widersprechen Sie nicht, thun Sie, was von Ihnen verlangt wird! Sonst
+nehme ich Sie und Ihre Mutter sofort mit. Sie stehen schon lange auf dem
+Kerbholz wegen anderer Sachen!“
+
+Nun änderte die Alte plötzlich ihre Haltung.
+
+Nach allerlei Redensarten gab sie zu, daß sie wohl etwas zu heftig
+gewesen sei, und was Thora anbelange, so könne die sich ja nun mal
+garnicht im Zaum halten. So sei es wohl möglich, daß sie sich habe
+verleiten lassen, einen solchen Brief zu schreiben, und wenn sie es
+gethan habe, so solle so etwas nicht wieder vorkommen. Die Komtesse möge
+Gnade für Recht ergehen lassen —
+
+„So sagen Sie: Ich habe die Komtesse Lavard zu Unrecht beschuldigt. Ich
+nehme alles zurück, bereue und bitte, mir zu vergeben!“ stieß Imgjor,
+ihre Blicke auf das gemeine Geschöpf richtend, heraus.
+
+Noch kämpfte die Person, dann aber, von ihrer Mutter nunmehr durch
+Blicke und Worte ermuntert sprach sie eine halblaute Entschuldigung.
+
+In Imgjor aber regte sich das Gefühl der Empörung in vollstem Umfange.
+
+Das war also die Menschheit, der sie sich opferte! Faulheit, roheste
+Leidenschaft und Mangel an Dankgefühl und jeder besseren Regung traten
+ihr nur zu oft entgegen, und hier eben hatte sie wieder ein solches
+Beispiel vor Augen.
+
+Waren da nicht erst ganz andere Aufgaben zu lösen? Mußte nicht erst mit
+einer inneren Erziehung begonnen werden?
+
+Nachdem sie zum Einverständnis, daß sie befriedigt sei, stumm das Haupt
+bewegt, sagte sie, zu der Alten gewendet:
+
+„Ich werde Ihre Stieftochter mitnehmen! Ich will sie prüfen, und ist sie
+so viel wert, wie ich hoffe, so will ich künftig für sie sorgen.“
+
+Nach diesen Worten erfaßte sie des selig aufhorchen den Kindes Hand und
+richtete einen auffordernden Blick zum Gehen auf den sich ihr
+ehrerbietig zur Verfügung stellenden Arzt.
+
+Und im Nu knixte und dienerte das faule, alte Weib. Nun wußte sie nicht
+genug die Tugenden des Stiefkindes zu rühmen. Sie sagte zu allem ja,
+machte sich auch noch im letzten Augenblick schmeichelnd an Imgjor heran
+und bat, ihre fürchterliche Not klagend, um Unterstützung. Sie küßte den
+Saum des Kleides der Komtesse, als diese unter der Erklärung, sie sage
+nicht nein, müsse aber Zuwendungen von ihrer und ihrer Tochter
+künftigen Haltung abhängig machen, mit den übrigen das Haus verließ.
+
+Als der Nachmittag gekommen war, saß Imgjor schon wieder in dem kleinen
+Zimmer der Blinden, las ihr nach ihrer Zusage zum erstenmal vor und war
+glücklich, als sie sah, daß jene ihr voll Interesse zuhörte.
+
+ * * * * *
+
+Es war am folgenden Vormittag um die elfte Stunde, als Imgjor die Räume
+des großen Kopenhagener Krankenhauses und zunächst das Gemach des
+dirigierenden Arztes betrat, um mit ihm Rücksprache wegen einer Kranken
+zu nehmen.
+
+Nachdem das geschehen, sagte Doktor Stede, ein Mann mit ernsten Zügen
+und einem milden Ausdruck in den von einer goldenen Brille beschatteten
+Augen:
+
+„Sie wollen uns, wie ich höre, Ihre wertvolle Hilfe im Krankenhause
+entziehen, Komtesse? Haben die letzten Vorfälle Anlaß dazu gegeben?“
+
+„Nein! Wie kommen Sie zu dieser Vermutung Herr Doktor?“
+
+„Eine unserer Schwestern, Elise, hatte davon gehört und sprach mir davon
+—“
+
+„Elise hat schon häufig Gerüchte über mich verbreitet, die erfunden
+waren, Herr Doktor. Ich muß ihr sehr im Wege stehen. Und doch trete ich
+ihr nirgends in den Weg — Wahrlich, dieses Treiben —“
+
+Imgjor sprach's mit starker Auflehnung im Ton, fuhr aber, ihre Erregung
+ebenso rasch wieder abstreifend, gelassen fort:
+
+„In der nächsten Zeit werde ich nicht so häufig kommen können, Herr
+Doktor. Meine Familie trifft heute ein und wird einige Zeit im
+Rankholmer Palais Wohnung nehmen. Ich vermag mich ihr nicht ganz zu
+entziehen. Ueberdies hat sich meine Schwerer verlobt, und es werden
+einige kleine Feste stattfinden, an denen meine Angehörigen wünschen,
+daß ich teilnehme —“
+
+„Ich bedaure natürlich außerordentlich, daß wir Sie entbehren müssen,
+aber ich freue mich, daß Sie sich einmal Ruhe gönnen, Komtesse. Es wird
+Ihnen eine solche Ablösung sehr gut thun.“
+
+Imgjors Lippen umspielte ein trauriges Lächeln.
+
+„Nein, Herr Doktor, für mich wäre es weit besser, wenn ich dort keine
+Ablenkung fände. Vielleicht wäre es sogar das Richtigste, daß ich
+Kopenhagen ganz verließe —“
+
+„Wie? Also Sie tragen sich doch mit solchen Gedanken? Die ganze Stadt
+würde es als einen unersetzlichen Verlust betrachten, wenn der Engel
+unter den Menschen, wenn die Komtesse Lavard Kopenhagen verließe.
+
+Haben Sie den Artikel gelesen, der soeben über Sie in einer deutschen
+Zeitung erschienen ist? Die Berlinske Tidende hat ihn heut' morgen in
+einer Uebersetzung gebracht.“
+
+„Ein Artikel über mich?“ fragte Imgjor betroffen. „Was enthält er? Dem
+Sinne Ihrer Worte nach zu urteilen, nichts Ungünstiges, aber jedenfalls
+eine Unschicklichkeit. Wie wenig giebt meine Thätigkeit Anlaß, darüber
+etwas und noch dazu öffentlich zu sagen!“
+
+„Sie sind allzu bescheiden, Komtesse — Die ungewöhnliche Erscheinung,
+daß sich ein Mitglied der höheren Stände in solcher Weise freiwillig
+seiner Bequemlichkeit entäußert, ist für die Welt Grund genug, sich
+damit zu beschäftigen. Darf ich Ihnen den Artikel besorgen?“
+
+„Ich danke, nein, Herr Doktor! Es ist besser, daß ich dergleichen
+garnicht lese. Es macht mir nur noch mehr Gedanken. Ich habe deren schon
+so viele und solche, die mich nicht erheben —“
+
+„Sie sind noch so jung, Komtesse, und Sie sind schon so ernst, so trübe
+in Ihrem Sinn?“
+
+„Ich bin es, aber nur insofern, als ich die ungeheure Schwierigkeit
+erkenne, mein Vorhaben in Thaten umzusetzen. Ich möchte gern im Großen
+wirken und sehe, daß ich schon im Kleinen überall stolpere.“
+
+„Und was wäre, wenn die Frage gestattet ist, Ihr Ideal? Welche Absichten
+verfolgen Sie?“
+
+„Ich möchte helfen, die Menge von dem Druck der allgemeinen Not zu
+befreien und das Los der arbeitenden Klasse gründlich zu verbessern.“
+
+„So bekennen Sie sich also auch zu den sogenannten „neuen“ Ideen? Sie
+überraschen mich!“
+
+„Kann ein gerechter, guter Mensch, kann ein wahrhaft christlicher Mensch
+anders denken, Herr Doktor?“
+
+„Nein und ja, Komtesse. Die Ziele sind zu weit gesteckt.
+
+Man soll nur Mögliches erstreben wollen, nur Dinge, die sich mit den
+Vorgängen in der Natur decken. Wir sind ihre Produkte, sie ist unsere
+Lehrerin, sie bietet uns alle Beispiele für unsere Handlungen.“
+
+„Schon einmal hörte ich fast ganz dieselben Worte. Seltsam —“ Imgjor
+ließ das Haupt sinken und starrte träumerisch vor sich hin. Aber da in
+diesem Augenblick geklopft ward, wurden die Sprechenden unterbrochen.
+
+Der Doktor richtete noch einige verbindliche Worte an Imgjor, und sie
+selbst lenkte, nachdem sie ihm leicht und unbefangen die Hand gereicht,
+ihre Schritte in einen der Siechensäle.
+
+In diesem befanden sich Kranke, deren spezielle Sorge Imgjor übernommen
+hatte. Augenblicklich waren es solche, die sich bereits in der Besserung
+befanden. Dann schlief Imgjor in ihrer Wohnung, erschien auch nur zwei
+oder dreimal am Tage.
+
+Nur in schweren Fällen blieb sie ganz im Hospital und übernahm auch die
+Nachtwache. Ihr Verhältnis zum Krankenhaus war ein durchaus
+freiwilliges, während die übrigen Schwestern sich streng an die
+Hausvorschriften zu halten hatten.
+
+Auf dem Korridor begegnete Imgjor der Schwester, die von ihr behauptet
+hatte, daß sie ihre Thätigkeit hier aufgeben wolle.
+
+Imgjor neigte ernst das Haupt zum Gruße; jene erwiderte die Höflichkeit
+kalt und wollte ohne Wortaustausch vorüberschreiten.
+
+Nun hielt Imgjor sie auf und redete sie an.
+
+„Ich bitte, Fräulein, einen Augenblick. Ich höre soeben, daß Sie
+abermals eine Erfindung über mich ausgestreut haben. Ich muß wirklich
+sehr dringend bitten, daß Sie sich mit Ihren eigenen Angelegenheiten
+beschäftigen. Ich schließe aus Ihrer Lästersucht eine Starke Mißgunst.
+Daß sie in Ihnen emporsteigt, vermögen Sie wohl nicht zu ändern, aber
+ich sollte meinen, Sie müßten sich äußerlich im Zaum zu halten wissen,
+und jedenfalls — ich wiederhole meine Worte — wünsche ich von Ihren
+eifersüchtigen Launen nicht ferner berührt zu werden.“
+
+„Ich eifersüchtig auf Sie?! Nun, da wären Sie wirklich die letzte,
+Fräulein von Lavard! Und was liegt denn vor? Mir ist erzählt, daß Sie
+hier keine Schwesterdienste mehr versehen wollen! Ich wüßte nicht, daß
+darin etwas Ehrenrühriges liegt. Sie nehmen einen Ton an, als ob ich
+Ihnen wunder was angethan hätte und ich muß Sie meinerseits noch
+dringender ersuchen, daß Sie ihn ändern. Sie sind nicht meine
+Vorgesetzte —“
+
+„Sie wissen sehr gut, daß ich mit meinen Vorwürfen recht habe. Ihre
+Heuchelei verschlimmert nur noch das Geschehene. Sie haben mich schon
+wiederholt verleumdet, man hat es mir unaufgefordert, voll Empörung
+mitgeteilt. Schwieg' ich trotzdem, so war's die Verachtung über solches
+Geschwätz. Jetzt will ich aber ein Ende haben! Man könnte wirklich
+glauben, es sei eine Spur von Wahrheit darin. Auch gestern habe ich ein
+Exempel statuiert, und ich werde damit fortfahren!“
+
+Die Züge der Schwester Elise verzogen sich hämisch.
+
+„Sie sprechen, als ob Sie ein Oberstaatsanwalt seien. Ich sage Ihnen
+nochmals, daß Sie sich mit Ihrem Eifer an eine falsche Adresse wenden.
+
+Ich habe auch besseres zu thun, als mich mit Ihnen zu beschäftigen. Ich
+habe andere Gegenstände für meine Gedanken, als die Komödiantin Fräulein
+Lavard!“
+
+„Ah! Wie niedrig! Und Sie wollen eine Dame sein. Sie gehören zum Adel
+des Landes und würdigen Ihre eigene Standesgenossin herab, indem Sie ihr
+solche Dinge sagen, indem Sie geflissentlich sogar ihren Namen
+entstellen? Ich bin weder Fräulein Lavard, noch Fräulein von Lavard,
+sondern für Sie und jedermann Komtesse Lavard!“
+
+„Nun dann sind Sie auch nichts Besonderes, umsoweniger, als die Spatzen
+von den Dächern pfeifen, daß Ihre Mutter nichts anderes war, als eine
+Dir —“
+
+Aber die Schwester Elise kam nicht weiter. Blitzschnell erhob Imgjor,
+von Schmerz und Entrüstung übermannt, die Hand, sie zitterte für
+Sekunden in der Luft. Und dann standen die beiden Gegnerinnen einander
+gegenüber, als ob nur der Tod über das Schicksal des einen oder anderen
+entscheiden könne. In demselben Augenblicke aber erschien zufällig die
+Oberin, und die Schwester Elise stürzte so gleich auf diese zu und goß
+einen Schwall von Verleumdungen und lügnerischen Anschuldigungen über
+Imgjor und deren Benehmen aus.
+
+Und wiederum gab Imgjor mit stolzer Ruhe Antwort und forderte nach
+Erörterung des Vorgefallenen die Entfernung der Schwerer Elise.
+Anderfalls werde sie gehen!
+
+„Ich darf Sie ersuchen, ins Konferenzzimmer zu treten. Wir werden dort
+weiter und in Ruhe reden! Ich muß erst klarer in der Sache sehen, ehe
+ich meine Entscheidung treffe, Komtesse Lavard!“ entgegnete die Oberin,
+die nichts lieber wünschte, als daß die ihr sehr unbequeme Imgjor, die
+keinerlei Mängel durchgehen ließ, vielmehr stets Unregelmäßigkeiten und
+Pflichtversäumnisse zur Anzeige brachte, das Krankenhaus verließ.
+
+„Warum noch reden!“ betonte Imgjor kalt. „Es unterliegt doch keinem
+Zweifel, wer ein Recht hat, sich zu beklagen!
+
+Ich muß darauf bestehen, daß endlich die Sumpfquellen verstopft werden,
+aus denen die Verleumdungen gegen mich fließen. — Klagen über Fräulein
+Elise erheben sich von allen Seiten und auch in anderer Richtung. —
+
+Anfangs der Woche hat sie der Witwe Romö, aus bloßer persönlicher
+Antipathie, die Hilfe verweigert. Es wäre wohl nicht so schlimm, hat sie
+gesagt! Die arme Person hat einen bedenklichen Rückfall davon bekommen!
+Sind solche Vorkommnisse in einem Krankenhaus erhört?“
+
+„Nun ja, nun ja — es soll alles untersucht werden. Im übrigen will ich
+niemanden hindern, seinen Weg zu gehen —“ stieß, statt auf diese Rede
+einzulenken, die Oberin äußerst gereizt heraus. „Ich darf Sie also nicht
+erwarten, Komtesse?“
+
+„Nein! Ich muß darauf verzichten, Frau Oberin —“ entgegnete Imgjor,
+verbeugte sich gemessen, und ging, ohne die giftsprühende Schwester
+Elise eines Blickes zu würdigen, von dannen. —
+
+ * * * * *
+
+Das Rankholmer Palais lag, von einem auf Marmorpostamenten ruhenden,
+vergoldeten Gitter umschlossen, mitten in der Adelstraße. Ein
+prachtvoller, weißschimmernder Bau mit hoher Aufgangstreppe tauchte
+hinter einem großen Vorplatz mit grünem Rasen auf. Zwischen ihnen
+befanden sich gepflasterte Fahrwege, und zu Seiten befanden sich die
+Stallungen und eine Reitbahn.
+
+Am Abend des nächstfolgenden Tages, an dem sich die vorstehend
+geschilderten Scenen abgespielt hatten, war das Palais von oben bis
+unten hell erleuchtet. Es schwamm gleichsam in einem Lichtmeer. Von den
+mächtigen Treppenkandelabern floß das Licht auf den Vorgarten herab, und
+ein zahlreiches Publikum hatte sich auf der Straße aufgestellt, um der
+Einfahrt der zahlreichen Equipagen mit ihren livrierten Kutschern und
+Dienern beizuwohnen.
+
+An achtzig Personen aus den vornehmsten Kreisen waren Einladungen von
+dem Grafen Lavard und seiner Gemahlin ergangen. Es galt, den Bräutigam
+von Lucile, den Marquis Armand de Curbière de Ramillon der Gesellschaft
+vorzustellen. In Berlin hatte Lucile ihn als Attaché der französischen
+Gesandtschaft in einer Hofgesellschaft kennen gelernt, und bei einem
+Besuch, den der Marquis der Familie in Rankholm abgestattet, war die
+Verlobung zwischen ihnen erfolgt.
+
+Es fehlten noch zehn Minuten vor dem Tischgang, Schon hatte Frederik
+wiederholt forschend die Zahl der Gäste gemustert.
+
+Es ließen noch warten der Stadtkommandant, General Baron von Berling,
+und — Komtesse Imgjor, die auf das dringende Ersuchen des Grafen ihr
+Erscheinen zugesagt hatte.
+
+In verschiedene Gruppen verteilt, standen die Gäste schwatzend umher.
+Neben Lucile und neben dem Marquis von Curbière, dem Musterbilde eines
+vornehmen, ritterlichen Mannes, stand der Premierminister Graf Niels von
+Rosenberg.
+
+Er war klein und korpulent, hatte eine schiefe Schulter und einen
+buckligen Rücken, besaß aber einen so ungewöhnlichen Verstand, und aus
+seinen grünen Augen sprühte es so streng und gebieterisch, daß sich
+unwillkürlich Hoch und Niedrig vor ihm bückten.
+
+Ein leises und lautes „Ah!“ der Bewunderung entrang sich dem Munde der
+Gäste, als dann endlich auch Imgjor, gefolgt von dem General von
+Berling, einem Mann, der einem spanischen Granden glich und dessen
+Brust die Orden kaum fassen konnte, in den Hauptsaal trat.
+
+Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid, dessen eine Hälfte, die linke,
+aus zartgefärbter rosenroter, die andere aus schneeweißer Seide bestand.
+
+Um den Hals, dessen schwanenweiße Farbe das Auge entzückte, lag ein Reif
+von Diamanten, aus dessen Mitte ein Opal seine roten, blauen und grünen
+Blitze schoß; ein ebensolcher Schmuck umschloß die Arme. Das
+braunrötliche Haar war empireartig frisiert, und eine durchsichtige,
+zarte Randspitze umgab da, wo ihre schneeige Brust sich hob und senkte,
+den Saum des ihren vollendet gewachsenen Körper fest und schlank
+umfließenden Seidenleibchens.
+
+Als sich Imgjor nach Begrüßung ihrer Eltern und der sich zu ihr
+drängenden Gäste nach Lucile und dem Marquis umsah — der Zufall hatte es
+gefügt, daß sie den Bräutigam ihrer Schwerer bisher verfehlt hatte —
+löste sich gerade Curbière aus der vorhin beschriebenen Gruppe und eilte
+mit lebhaften Mienen auf Imgjor zu.
+
+Er stutzte. Ersichtlich ging etwas Ungewöhnliches in dem Innern des
+Mannes vor, als er dieses schier unnahbar schöne Geschöpf vor sich sah,
+und als sie ihm mit ihrem süßen, zuvorkommenden Blick die Hand
+entgegenstreckte.
+
+„Ah! Wie schön Sie sind — Psyche und Juno streiten um den Preis!“
+sprang's in höchster Ueberraschung, in französischer Sprache, aus des
+gewandten Mannes Munde.
+
+Er war völlig benommen und wurde enttäuscht, als Imgjor in der
+gewohnten Auflehnung gegen ihre Schönheit und gegen Artigkeiten einen
+gleichgültig verdrossenen Ausdruck in ihren Zügen erscheinen ließ.
+
+„Ah! Sie machen mir solche Komplimente und nennen das größte Juwel Ihr
+Eigentum, das Dänemark besitzt?“ sprach sie dann, den Ausdruck des
+Mißfallens in ihren Zügen absichtlich noch verstärkend.
+
+Jählings kam's über sie, daß sich der Mann für sie interessiere, sich
+ihr zuwendete, sich verlor, obschon er Lucile angehörte. Es war etwas in
+seinen Augen aufgeblitzt, das sie ängstigte und dessen Wiederholung sie
+durch schroffe Begegnung verhindern wollte. Aber Curbière war ihr
+gewachsen. Er fand sich rasch wieder.
+
+Während seinen Mund ein überlegenes Lächeln umspielte, sagte er mit
+rascher, kavaliermäßiger Gewandtheit:
+
+„Wie? Sie spielen den Lehrmeister gegen mich aus, Komtesse! Sie vermuten
+wohl einen jener Bekehrungsbedürftigen, mit denen Sie sich draußen
+beschäftigen. Ich sollte meinen, ich hätte am ehesten da ein Recht zur
+Aeußerung der Bewunderung und glaubte am wenigsten da mißverstanden zu
+werden, wo es sich um die Schwester meiner Braut handelt!“
+
+„Wie sollte es —“ entgegnete Imgjor unbiegsam — „einem Weltmann wie
+Ihnen nicht gelingen, das Uebergewicht zu behalten, gar dem anderen zu
+beweisen, daß seine Rede eine Ungeschicklichkeit gewesen sei, Herr
+Marquis!“
+
+„Sie halten es also nicht für denkbar, daß Sie sich irren, daß das, was
+Sie als eine Ablenkung meiner Gefühle für Lucile bezeichnen wollen — so
+ist's doch, Komtesse? — lediglich ein Ausbruch meines stark entwickelten
+Schönheitssinns war?
+
+Glauben Sie mir das, Komtesse! Ich bitte darum! — Wenn Sie aber trotz
+alledem doch vermeinen, ich sei eines Tadels benötigt, so haben Sie mich
+jedenfalls überaus schnell kuriert. Sie haben es verstanden, in mir die
+Freude an Ihrem inneren Menschen genügend herabzumindern.“
+
+Nun sah Imgjor betroffen empor. Und als sie dann dem ernst gemessenen
+Ausdruck in den Augen ihres künftigen Verwandten begegnete, streckte sie
+ihm, von einem raschen Impuls getrieben, die Hand entgegen und sagte mit
+dem schönen, bezwingenden, allen Lavards eigenen Freimut in Blick und
+Mienen:
+
+„Wohlan! Nach dieser Klärung wollen wir keine mißvergnügten Gegner,
+sondern wahrhaft gute Freunde sein! That ich Ihnen Unrecht, verzeihen
+Sie mir!
+
+Also, ich bitte, Herr Marquis, ich bitte, lieber Armand!“ schloß sie mit
+einem noch bezaubernderen Ausdruck.
+
+Und von dieser ehrlichen Liebenswürdigkeit bezwungen, beugte sich Armand
+de Curbière auf Imgjor Lavards Hand herab, küßte sie ehrerbietig und
+sagte, obgleich sich ihnen in diesem Augenblick Lucile näherte und schon
+von fern eifersüchtig hinüberschaute, laut und mit einem tief
+verinnerlichten Blick auf die Schwester seiner Braut:
+
+„Ich danke Ihnen, teure Imgjor! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen! Ich
+werde Ihnen diesen Augenblick nie vergessen.“
+
+Und nun gab auch Frederik endlich das Zeichen zum Tischgang.
+
+Alle Anwesenden setzten sich in Bewegung, und bald saß die glänzende
+Gesellschaft in dem theegrünen Speisesaal, der sich als Hauptzierde des
+Palais in einem Flügel des Gebäudes befand, bei köstlich duftenden
+Speisen und seltenen Weinen beisammen.
+
+Während des Tafelns warf Lucile, zu ihrem Verlobten gewendet, hin:
+
+„Sieh' einmal, wie Imgjor entzückend ansieht und wie lebhaft sie sich
+mit dem jungen Grafen Kilde unterhält.“
+
+Ach, wenn sie sich doch endlich einmal verliebte und damit auch ihren
+Menschenbeglückungskittel abthun würde!“
+
+„Ist's möglich! Imgjor hat sich noch für niemanden interessiert?“
+
+„Doch, einmal! Aber das war nur ein Flämmchen, welches ebenso rasch
+verglomm, wie's emporgelodert war. Auch spielten andere Dinge mit —“
+
+„Und wer war der Bevorzugte? Wie hieß der Mann, der jedenfalls einen
+ganz superben Geschmack besaß?“
+
+„Es war irgend einer! Der Name ist gleichgültig. Es war einer, der ihr
+vormachte, daß er auf nichts Anderes sinne, als die Welt von den Fesseln
+der Ungleichheit zu befreien. Er verschwand dann und soll sich jetzt in
+Amerika aufhalten.“
+
+„Aber Imgjor ist doch sicherlich von Hunderten umschwärmt worden.“
+
+„Ja, fast von allen Männern. Nur einer war ihrer wert. Ein vorzüglicher
+Mann: Graf Dehn. Aber auch er zog sich aus ihrem Sonnenkreis fort, wenn
+auch aus anderen Gründen. Er liebte sie über alles und wußte sich nur
+durch eine Weltreise von seiner Schwermut zu erlösen. Es ist derselbe,
+der, wie du auf Rankholm hörtest, demnächst von Italien zurückkehrt und
+uns besuchen will —“
+
+„Ah!? Der Lausitzer Graf! Und wirklich ein so vollendeter Mann?“
+
+„Ja, der liebenswertere, vornehmste Mensch, den ich außer dem Marquis
+von Curbière kennen gelernt habe.“
+
+„Sehr verbunden, Komtesse Lavard! Aber wissen Sie, daß ich leicht
+eifersüchtig zu werden vermag?“ warf Curbière liebenswürdig neckend hin.
+
+Lucile spitzte erst lachend den Mund, dann sagte sie ernst:
+
+„Aber weder in diesem noch in irgend einem anderen Falle wirst du je
+dazu Ursache haben! Bleibst du mir ein treuer Kamerad, so hast du bei
+mir auf Felsen gebaut. Wir Lavards —“
+
+In diesem Augenblick wurde Luciles Aufmerksamkeit auf ihre Mutter
+gelenkt, die so lebhaft mit einem der jungen, zu ihrer Rechten sitzenden
+Prinzen des Königlichen Hauses sprach, daß die Laute volltönend zu
+ihnen herüberdrangen.
+
+Sie unterbrach deshalb ihre Rede, und Curbière sagte:
+
+„Wie jung, wie schön ist noch deine Mutter! Lucile. Es ist ein Mirakulum
+in solchem Alter —“
+
+„Ja, und wie man sie lieben und achten muß!“ fiel Lucile ein. „Ich habe
+erst vor einigen Jahren erfahren, welch' eine große, edle Seele sie
+besitzt. Sie hatte eine schwere Versuchung zu bestehen, und hat sich
+unvergleichlich bewährt.“
+
+Curbière hörte gespannt zu, dann sagte er unvermittelt:
+
+„Und so fest seid Ihr alle? Auch Imgjor?“
+
+Lucile drehte sich rasch zu ihrem Verlobten um. Ohne daß sie sich
+Rechenschaft zu geben vermochte, berührten sie seine Worte.
+
+„Weshalb fragst du?“ stieß sie heraus.
+
+„Nun, wie man eben fragt. Aus keinem besonderen Grunde —“
+
+Und da er sah, daß ihre Wangen eine leichte Blässe überzogen hatte,
+erhob er das Champagnerglas, stieß mit ihr an und fuhr neckend, mit
+zärtlichem Ausdruck fort:
+
+„Also auch meine stolze Königin kann eifersüchtig werden!? Dann sind wir
+also quitt, meine liebe, wunderschöne Lucile Lavard!“
+
+ * * * * *
+
+Eine Lavardsche Equipage hatte eben Imgjor — es war halb drei Uhr
+morgens — vor dem Hause das sie seit ihrem Kopenhagener Aufenthalt
+bewohnte, abgesetzt. Stumm und ehrerbietig war Robert seiner früheren
+jungen Herrin beim Aussteigen behilflich gewesen, und nun schleppte sich
+das junge Mädchen, die Brust voll von den widerstreitendsten
+Empfindungen, die Treppe hinauf.
+
+Der Prinz und Curbière hatten wiederholt mit ihr getanzt und sich beide
+außerordentlich eingehend mit ihr beschäftigt.
+
+Der Prinz war ein Mann von Geist und feinen Manieren, aber nicht ohne
+starken Cynismus, Curbière dagegen ein Kavalier von seltener
+Gewandtheit, auserwähltem Geschmack und neben scharfem Verstande von
+einer Unbefangenheit in der Beurteilung menschlicher Dinge, die Imgjor
+in Erstaunen versetzt und außerordentlich angezogen hatte.
+
+Er war ein ganz anderer als der übrige Schwarm der Männer. Lucile hatte
+wohl gewußt, was sie gethan hatte! Er ähnelte dem Grafen Dehn, demselben
+den sie, Imgjor, aus Trotz und Stolz von sich gewiesen.
+
+Ein schwerer Kampf vollzog sich gegenwärtig in Imgjors Innern.
+
+Ein Wesen von Fleisch und Blut, war auch ihr Herz einmal wieder in
+Bewegung geraten! Und gerade der Mann hatte Eindruck auf sie gemacht,
+der seine Hand vergeben und den sie — Scham, Reue und Auflehnung gegen
+sich selbst flogen in heißen Schauern durch ihre Seele — wegen seiner
+Schwärmerei für eine andere so scharf zu tadeln sich unterfangen hatte.
+
+Was sie an ihm so streng gerügt hatte, war nun ihr eigen Teil geworden.
+Sie beschäftigte sich in ihren Gedanken mit dem Verlobten ihrer
+Schwester.
+
+Allerdings gelangte sie zu einem anderen Ergebnis, als sie sich
+vorstellte, sie hätte Curbières Gattin werden können. Dann schob sich
+doch die Gewalt des Grafen Dehn in ihre Vorstellungen. Sie erkannte, daß
+nur die gewaltsam herabgedrückte Leidenschaft für ihn sich geregt, daß
+sie zu Curbière das mit jenem Uebereinstimmende im Wesen hingezogen, daß
+ihr Herz unwillkürlich — ihr unbewußt — Nahrung suchend, nach diesem
+Ersatz gegriffen habe.
+
+Aber diese Probe hatte sie zugleich belehrt, daß sie sich von den Räumen
+der Paläste fern halten mußte. Die Schmeicheleien, die den Sinnen
+gebotenen Reize, die parfümierte Atmosphäre wirkten auf sie.
+
+Reine Gedanken, und durch sie die Wiedererlangung der Ruhe ihrer Seele,
+mußte sie zurückerlangen.
+
+Hatte sie nicht selbst darauf bestanden, daß man ihr eine Freiheit
+eingeräumt, wie sie jetzt sie besaß? Sie war ihr unter schwersten
+Kämpfen geworden. Sie hatte geschworen, auf die Liebe eines Mannes zu
+verzichten, jedenfalls niemals einem Axel Dehn den Triumph zu gönnen,
+das Eingeständnis ihrer Liebe zu hören.
+
+Würde sie sich nicht dem höhnischen Lächeln der wahrsagenden
+Besserwisser preisgeben, wenn sie plötzlich ihren Vorfällen wieder
+untreu wurde, gar von dem Schauplatz ihrer Thätigkeit zurücktrat?
+
+Sprach man doch in ganz Dänemark von Grevinde Lavard! Man hatte sie
+schon mit der heiligen Elisabeth in Deutschland verglichen. Und ihrer
+armen, verdorbenen Mutter hatte sie einen stummen Schwur geleistet, sich
+der unglücklichen, den Verfluchungen ausgesetzten Frauen anzunehmen!
+Sollte sie ihn brechen? Nein, niemals!
+
+Sie preßte gewaltsam alles in sich nieder, was ihre Entschlüsse wankend
+machen konnte.
+
+Und zu all' diesen Vorstellungen gesellte sich heute wieder auch die
+Erinnerung an Prestö.
+
+Noch einmal war Imgjor ihm begegnet, damals, als sie zur bleibenden
+Uebersiedelung nach Kopenhagen unterwegs gewesen.
+
+Sie hatte ihn mit einem jungen Mädchen, sicherlich seiner Braut, auf der
+die beiden dänischen Inseln verbindenden Korsörer Fähre gesehen, und da
+er sie nicht einmal gegrüßt hatte, waren die Gefühle der Empörung, des
+Schmerzes und der Gedanke, jedermann vor diesem gefährlichen Menschen zu
+warnen, wieder in ihr aufgestiegen.
+
+Aber gerade das Mädchen an seinem Arm war als ein Engel zwischen ihn und
+sie getreten. Ihr Erscheinen hatte alle rachsüchtigen Regungen in Imgjor
+erstickt. Ingeborg Jensen hatte ihr damals geschrieben, hatte sie
+beschworen, ihrem Verlobten zu vergeben, und ihren flehenden Worten war
+Imgjor mit ihrem weichen Herzen erlegen. —
+
+Fast eine Stunde hatte Imgjor schon, in solche Gedanken verloren,
+dagesessen. Die Geschmeide hatte sie abgethan, das Kleid von ihrem
+Körper gelöst. Sie glich, als ihr Blick zufällig in den Spiegel fiel,
+einer marmornen Psyche.
+
+Und bevor sie ihr Lager aufsuchte, ergriff sie ein dänisches Buch, das
+auf ihrem Tisch lag.
+
+„Was ist Glück?“ lautete der Titel.
+
+Was ist Glück? Ja, was war Glück? Pflichtübung führte es zunächst
+herbei. Aber Pflichterfüllung war auch ein dehnbarer Begriff. Mit
+Pflichterfüllung verband sich starke Selbstentäußerung — und sie brachte
+Kämpfe, die aber machten doch nicht glücklich! War sie denn überhaupt
+glücklich?
+
+Sie schüttelte wehmütig den Kopf.
+
+Nein! Es hatten die Recht behalten, deren Weisheit sie bespöttelt hatte.
+
+Wo herrschte die größte Vernunft? Ihre Erfahrung hatte ihr darauf die
+Antwort erteilt: Bei denjenigen, welche die Dinge dieser Welt nicht mit
+Ungestüm anfassen, sondern mit besonnener Vernunft, die, ohne daß sie
+stumm oder laut darüber philosophieren, wissen und daran festhalten, daß
+Zeit und Umstände Mitordner der Dinge sind; die den guten Mittelweg
+einschlagen, ihn stetig beschreiten, wenn auch auf den Nebenwegen noch
+so viele Harfen mit süßklingenden Tönen locken; die endlich vom Tage und
+von den Stunden nicht mehr begehren, als sie nach Lage der Dinge
+herzugeben vermögen und wofür sie, die Fordernden, aufnahmefähig sind.
+
+Sie aber, Imgjor, jagte unruhig einem von allen Vernünftigen als
+Phantom bezeichneten Ziele nach, erntete keinen Dank, wohl aber meistens
+das Gegenteil. Die Empfänger ihrer Wohlthaten hatten ihr schon oft
+erklärt, daß man sie ja nicht gerufen, daß sie sich aufgedrängt habe,
+daß man ohne sie auch und besser fertig geworden wäre!
+
+Dann hatte sie sich hingesetzt und wie ein Kind — und immer noch ein
+solches an mangelnder Erfahrung — bitterlich geweint.
+
+Ja, wie anders war die Welt der Vorstellungen und die der Wirklichkeit!
+Curbière hatte ihr gesagt, und aus jedem Wort hatte sie Axel Dehn
+sprechen zu hören vermeint:
+
+„Wir leiden an drei Krankheiten: der einst den Frauen nachgesagten,
+jetzt der Männerwelt anhaftenden Eitelkeit, der Verbesserungs- und
+gegenseitigen Bevormundungssucht.
+
+Die schlimmsten Verderber unserer heutigen Zustände sind diejenigen,
+welche, statt der Zeit ein allmähliches Reisen der Dinge anheimzugeben,
+sich zu Staatsverbesserern aufwerfen, den Eitelkeitsspiegel zur
+Betrachtung ihrer ungeheuren Weisheit und Bedeutung allezeit in der
+Tasche tragen, fast ausnahmslos aus diesem Grunde auch nur handeln,
+selbstgefällig, erhobenen Hauptes, reden, reden und wieder reden,
+begründen und Resolutionen fassen.
+
+Wir besitzen die Mittel zur Verbesserung unserer Lage in nächster Nähe.
+Aber wir stecken so sehr im Sumpf unserer Selbstsucht, gepaart mit
+Verweichlichung und Genußsucht, daß wir durch künstliche Mittel ein
+Gleichgewicht erzwingen wollen. Zu einer Gesundung unserer Zustände
+können wir nur gelangen, wenn wir alle zu einfachen, natürlichen
+Verhältnissen zurückkehren, wenn jeder streng in seinem Wirkungskreise
+seine Pflicht erfüllt, erst sorgsam sein Haus bestellt und dann auch dem
+Nachbar hilfreich die Hand bietet, und wieder letzterer dem nächsten,
+also, daß jeder geduldig, wachsam und treu der Last sich fügt, die
+schwer oder minder schwer auf seinen Schultern ruht; wenn endlich die
+sozial Bedrohten von den Gegnern einer ruhigen Entwickelung der Dinge,
+nämlich den Sozialdemokraten, die Kunst der Einigkeit und
+Opferfreudigkeit erlernen, fest und unzerreißbar sich zusammenscharen
+und handeln, sobald Umstürzler die begehende Ordnung untergraben wollen.
+
+Jedem Menschen gab die Natur, wie dem Tiere, die Werkzeuge zum Kampf um
+seine Existenz mit.
+
+Sie soll er zunächst gebrauchen, nicht nach fremder, künstlicher Hilfe
+sich umschauen.
+
+Auf Beistand von Seeschiffen rechnen, wenn man auf Auen in Kähnen fährt,
+ist das Beginnen von Thoren.
+
+Was war es denn, so fragte sich Imgjor, was sich immer wieder in ihrer
+Seele regte und dennoch Lehren und Erfahrungen beiseite schob? Sie fand
+keine Antwort darauf.
+
+ * * * * *
+
+Als sich Imgjor am nächsten Tage spät erhob und nach Erledigung einiger
+häuslichen Pflichten an ihren Schreibtisch ging, fand sie zu ihrer
+Bestürzung, daß sie bestohlen worden war.
+
+Es fehlten mehrere hundert Kronen, die sie beiseite gelegt hatte, um
+einen beim Zoll angestellten, schwer heimgesuchten Familienvater zu
+unterstützen.
+
+Der Diebstahl mußte während ihrer Abwesenheit am gestrigen Abend
+vollführt worden sein, und da nur ihr Aufwartemädchen ihre Zimmer
+betreten konnte, so mußte sie die Diebin sein.
+
+Dies regte Imgjor abermals außerordentlich auf, besonders deshalb, weil
+sie diesem Dienstboten und deren Eltern sehr viele Wohlthaten erwiesen
+und somit Dankbarkeit, wenigstens Treue von ihr erwartet hatte.
+
+Aber sie fand auch in ihrem Briefkasten, den sie gewohnheitsmäßig nach
+beendetem Frühstück öffnete, einen Brief, dessen Inhalt sie namenlos
+erregte.
+
+Das Schreiben lautete:
+
+„Nichts anderes trieb dich aus den vergoldeten Zimmern in Rankholm fort,
+als deine Sucht, dich breit zu machen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf
+dich zu lenken. Und weshalb? Um deinen kleinlichen Ehrgeiz zu
+befriedigen, damit man von dir spricht, schreibt, kurz — etwas aus dir
+macht, die du doch selbst nichts bist. Du meinst, man durchschaue dich
+nicht. Aber die Welt hat scharfe Augen. Die eine Hälfte bespöttelt und
+belacht deine Narrheiten, die andere, die der Eingeweihten, geht mit dem
+Gedanken um, dem Grafen Lavard mitzuteilen, wie sein Name durch dich
+verunehrt wird.
+
+Solche Emanzipierte wie du gehören in eine Korrektionsanstalt. Du die
+Welt reformieren? Du der Not und dem Elend ein Ende machen? Stille
+deinen eigenen Jammer! Denn man weiß es, du hast genug mit dir zu thun,
+und man weiß auch — warum! Also mache ein Ende mit der Komödie und mit
+den bezahlten Zeitungsartikeln, die auf deine Verherrlichung abgesehen
+sind!
+
+Kehre dahin zurück, woher du gekommen bist, ehe du notgedrungen die
+Flucht ergreifen mußt!“
+
+Imgjor saß während einer längeren Zeit wie gelähmt da. Das war die
+stärkste Infamie, die ihr bisher geworden. Und wenn's auch vielleicht
+aus derselben Quelle stammte, aus der ihr die übrigen Kränkungen
+gekommen waren, so wurden doch durch solche Wahrscheinlichkeit ihre
+unruhvollen Vorstellungen nicht beseitigt.
+
+Die Augen wurden ihr durch dieses Schriftstück völlig geöffnet. So
+urteilte also die Masse; solche Motive schob sie ihr unter!
+
+Und das war so entsetzlich, daß sie sich hätte in diesem Augenblick tief
+in die Erde verkriechen und nie wieder zum Vorschein kommen mögen.
+
+Fort, fort, nur fort aus Kopenhagen mit seinem Undank, seiner Mißgunst
+und Niederträchtigkeit! Zurück nach Rankholm, wo die weißen Tauben um
+die hohen Türme der Einsamkeit flatterten, wo Ruhe, sanfter Friede
+herrschten, wo es kein widerwärtiges Jagen und Haschen nach Geld und
+Stellung, wo es noch einfache Verhältnisse gab; wo man ohne erst Anhöhen
+vor der Stadt zu gewinnen, die Sonne in ihrer unschuldigen, hehren
+Schönheit aufsteigen und niedersinken sah, wo der Mond die stillen Wege
+versilberte, auf denen sie, ein glückliches, von den Wirren der Welt
+unberührtes Kind, einhergewandelt war! Ah! Das Brüllen der Rinder, das
+Wiehern der Pferde, die reinen Laute des Landes, die anheimelnden Düfte,
+der kräftige Erdgeruch; ihr Zimmer oben im Turm, mit einer Aussicht in
+eine Welt, die nicht schöner gedacht werden konnte, in der Menschen
+wohnten, gute, treuherzige, dankbare, keine schlechten wie hier! —
+
+Aber auch dieser Sturm ihres Innern ging vorüber, und Imgjor gelangte zu
+anderen, zu den alten Entschlüssen.
+
+Sie wollte fortfahren, in die Häuser der Armen zu gehen, und trotz aller
+Anfeindungen versuchen, nicht in dem zu erlahmen, was sie sich einmal
+als Lebensaufgabe gewählt hatte. Am nächsten Tage wollte sie in
+Sommerlyst einem Vortrage beiwohnen, den ein aus Schweden
+herübergekommener Reformator Kollund, ein früherer Geistlicher, halten
+würde. Ja, dazu war sie entschlossen! —
+
+Es war am folgenden Abend. Schon seit einer Stunde hatte Kollund, der
+einstige Geistliche und jetzt den neuen Ideen mit feurigem Eifer
+huldigende Wanderprediger seinen Vortrag beendet, hatte der stets nach
+solchen Verheißungen hungernden Welt erklärt, daß Christus im Grunde
+nichts anderes gewollt, als was sie selber jetzt in größerer
+Gemeinschaft anstrebten. Auch er habe gesprochen: „Kommet her zu mir
+alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ und nur durch praktisches
+Christentum seien die Not und das Elend aus der Welt zu schaffen. Seine
+Worte hatten Imgjor deshalb noch mehr ergriffen als alle diejenigen
+seiner Vorgänger, weil sie von dem reinsten Enthusiasmus getragen und
+weil sie von jener Selbstlosigkeit durchhaucht schienen, die ihr selber
+eigen war. So sehr hatte sie das bleiche Erlöserangesicht des Redners
+angezogen, daß sie auch nach Beendigung des Vortrages in Sommerlyst
+blieb. Sie hatte sich ihm vorgestellt und ihm gesagt, wer sie sei. Und
+dann war sie mit ihm in eine Laube des Gartens getreten und hatte hier,
+umfächelt von den sanften Lüften der Frühlingsnacht, ihre Gedanken mit
+ihm ausgetauscht.
+
+Sie sei im Begriff, zu erlahmen, hatte sie ihm, unter den Eindrücken der
+letzten acht Tage, mit einer Offenherzigkeit gestanden, als ob sie ihn
+lange Jahre gekannt, ihm schon immerdar ihr Vertrauen geschenkt habe.
+
+Und der Mann, ein unerschütterlich Ueberzeugter, hatte das Haupt mit
+einer Miene bewegt, als ob er nicht zu hören brauche, als ob er ohnehin
+wisse, was in ihrer Seele sich vollziehe.
+
+„Mir ging es wie Ihnen, Komtesse,“ erklärte er. „Ich habe wohl
+hundertmal alles wieder beiseitewerfen, habe verzagen wollen.
+
+Ich habe so viel Undank und so viele Nichtswürdigkeiten erfahren, daß
+ich im Zorn aufgeschrieen und in die Worte ausgebrochen bin:
+
+„So helft euch selbst! Ihr verdient es nicht, daß ein ehrliches
+Menschenkind auch nur einen einzigen Schritt für euch thut! Ihr seid
+Riesen im Nehmen, im Empfangen und in der Selbstsucht, und kleiner als
+Ameisen in der Erkenntnis dessen, was ihr euch selbst schuldig seid,
+welche Dankpflichten ihr denjenigen zollt, die sich in eure Dienste
+stellen!
+
+Mit dem Essen wächst euer Appetit bis ins Ungemessene. Ihr fordert
+zuletzt, wo ihr zu bitten habt.
+
+Vor Monaten blieb eine Frau, der ich täglich Nahrungsmittel gespendet,
+plötzlich aus. Als ich ihr begegnete und sie fragte, weshalb sie nicht
+mehr komme, erwiderte sie mir in einem geringschätzenden Ton:
+
+Es sei ihr das Essen bei mir nicht mehr gut genug. Sie verkehre jetzt in
+dem Hause eines Großkaufmanns und empfange dort andere, sehr viel
+bessere Speise.
+
+Ich hatte auf der Zunge, ihr zuzurufen:
+
+„Sie soll dir _nicht_ werden, du Unverschämte! Ich werde jenem melden,
+welch' eine Unwürdige du bist!“
+
+Aber ich gedachte des Elends, das dann vielleicht wieder eintreten
+würde, und verwandelte Zorn in Milde. Ich sprach auf sie ein und hielt
+ihr vor, auf welchem verkehrten Wege sie sei. Denn das ist unsere
+Aufgabe! Nicht zürnen, gar rächen, vielmehr vergeben, anleiten, durch
+sittliche Förderung des einzelnen Samen streuen für eine allmählich
+aufgehende, kräftige Frucht. Und glauben Sie:
+
+So niederträchtig die Welt sich oft durchweg giebt, so ungerecht, so
+einseitig, sie meist urteilt, so birgt sie doch auch Edeldenkende. Es
+giebt ein sich an Wahrheit und Wirklichkeit haltendes Urteil, und das
+und das Eintreten jener Gerechten wird am Ende siegen.
+
+Im allgemeinen hat die Welt einen sehr feinen Orientierungssinn, sie
+weiß sehr wohl zwischen den Wertvollen und Wertlosen zu unterscheiden. —
+
+Harren Sie also aus! Schon leuchtet der Name der Grevinde Lavard durch
+die nordischen Lande. Daß sie Anfechtungen zu bestehen hat, daß man sie
+entweder eine Närrin oder eitle Abenteuerin schilt, das ist ein Los, das
+sie mit allen teilt, denen ein höherer Geistesflug innewohnt, die sich
+nicht damit begnügen, blos zu sein.“
+
+Imgjor hatte dem Redner mit Begeisterung zugehört. Sie fing jedes Wort,
+das über seine Lippen ging, wie ein Evangelium auf. So schön, so
+verklärt waren seine Züge! Ueber der bleichen Stirn hing, gleichsam als
+Kennzeichen der Gleichgiltigkeit gegen alles Aeußerliche, eine Locke des
+schwarzen Haares, in seinen dunklen Augen glühte das Feuer der
+Ueberzeugung, und über ein krankes Hüsteln, das seine Rede unterbrach,
+sprach er mit jener milden Ergebenheit, die den Märtyrern eigen.
+
+„Ich schaffe, so lange ich es vermag. Will der Schöpfer, daß ich
+aufhöre, so wird er seine Gründe haben, und einen anderen, Befähigteren,
+Stärkeren senden.“
+
+Jetzt, in seiner Nähe, unter seinem Einfluß lehnte sich Imgjor wieder
+einmal gegen die nüchterne Ueberlegenheit eines Axel Dehn, eines
+Marquis von Curbière auf.
+
+Es war sehr bequem, zu sprechen, wie sie es thaten.
+
+Allmählich würde, nach ihren Worten und Ansichten, vom steten Regen der
+Zeit benetzt, der Felsen der zu großen Ungleichheiten zerbröckeln! Aber
+eben der Regen sollte wirken, damit auf dem Platze, wo das Gestein
+ruhte, fruchtbares Land sich aufthue! Selbst wollten sie sich nicht
+rühren, die Muskeln nicht anstrengen!
+
+In ihm, dem Prediger Kollund, saß das, was einem Christus, einen Mahomed
+den Stab in die Hand gedrückt. Er war der berufene Vorkämpfer für die
+neue Lehre. Endlich hatte sie ihn gefunden.
+
+Nachdem Imgjor mit Kollund verabredet hatte, daß sie sich noch einmal
+wiedertreffen wollten, nahm sie allein den Weg von Sommerlyst zu Fuß
+zurück. Ihre Wohnung lag in der Nähe des Rosenberger Schlosses in der
+Kronprinzeßgade.
+
+Als sie nach einer sie stark beschwerenden Wanderung an die Ecke dieser
+und der Gothergade angelangt war, trat plötzlich ein junger Mensch auf
+sie zu und redete in sehr zudringlicher Weise auf sie ein. Und als sie
+ihm durch rasches Forteilen zu entrinnen suchte, war er ebenso schnell
+nochmals an ihrer Seite, wiederholte, die menschenleere Gegend
+benutzend, seine Anträge, und umfaßte, trotz Imgjors äußerstem
+Widerstand, ihren Leib.
+
+„Sie sind doch Grevinde!“ flüsterte er, sie fester und fester an sich
+ziehend. „So gewähren Sie doch einem armen, sehnsüchtigen Menschen auch
+einmal eine glückliche Stunde. Andere dürfen es! Warum wollen Sie es mir
+versagen? Ach, wie schön Sie sind! Ich sah Sie mit Kollund sitzen. Der
+Glückliche!
+
+Ich bitte, mein süßes Kind — komm mit — komm mit auf die Bank! Laß uns
+plaudern. Höre, wer ich bin, und wisse, ich bin deiner wert!“
+
+Imgjor fehlte der Atem und es versagten ihr die Worte. Sie wollte
+schreien, Hilfe rufen und vermochte es nicht. Mit ungeheurer Kraft hob
+er sie empor, trug sie in das Innere des Parkes und verschwand mit der
+Halbohnmächtigen unter den Bäumen.
+
+ * * * * *
+
+Im Rankholmer Palais saß in seinem dreifenstrigen durch den Anstrich
+sanfter Pfirsichfarben reizvoll gehobenen und mit alten Ovenschen
+Gemälden und seltenen nordischen Möbeln geschmückten Arbeitsgemach Graf
+Peder Lavard und rauchte aus einer kostbaren Meerschaumpfeife. Dem
+silberbeschlagenen Kopf entstiegen in blauen Ringen emporschwebende,
+einen verführerischen Duft verbreitende Wölkchen, und ein Ausdruck
+ausnehmender Behaglichkeit haftete in den Zügen des Besitzers des
+Schlosses.
+
+Ihm gegenüber, in einen hohen Sessel aus dem sechszehnten Jahrhundert
+zurückgelehnt, plauderte der Marquis von Curbière, der heute einen
+schneeweißen Anzug aus einem Pariser Magazin trug, und nun eben eine
+kleine, dünne Cigarette durch rasche Berührung mit einer brennenden
+Wachskerze entzündet hatte.
+
+Die Herren unterhielten sich über eine am kommenden Tage bei Hofe
+Stattfindende Festivität, zu der, mit Ausnahme von Imgjor, sowohl die
+Familie Lavard, wie auch der Marquis, nach vorangegangener Einzeichnung
+seines Namens in das in dem königlichen Vorzimmer ausgelegte Meldebuch,
+Einladungen empfangen hatten.
+
+Und eben, daß man Imgjor ausgeschlossen, daß man, wie stets, von ihr gar
+keine Notiz genommen hatte, brachte das oft erörterte Thema ihrer
+Emanzipation von neuem in Fluß, ließ die Herren überlegen, durch welche
+Mittel man sie endlich von ihren Abenteuerlichkeiten kurieren könne.
+Umsomehr beschäftigte sich die Familie mit Imgjor, als einige Vorfälle
+der letzten Zeit auch ihren Namen wieder in sehr unliebsamer Weise in
+die Oeffentlichkeit gebracht hatten.
+
+Immer stand Graf Lavard unter der Befürchtung, daß seinen guten
+Beziehungen zum Hofe durch Imgjors Verhalten ein Abbruch geschehen
+könne. In den Zeitungen war mitgeteilt worden, daß der frühere
+Geistliche Kollund in Sommerlyst einen von Tausenden besuchten Vortrag
+gehalten und daß die bekannte Grevinde Lavard demselben nicht nur von
+Anfang bis zu Ende beigewohnt und ihm sehr lebhaft Beifall gezollt,
+sondern auch noch mit dem Redner später lange Nachtstunden allein
+konferiert habe.
+
+Und am nächsten Tage hatten dieselben Zeitungen zu erzählen gewußt, daß
+ein Anfall auf die Komtesse verübt sei.
+
+Nach jenem Vortragsabend sei sie unvorsichtigerweise allein nach Hause
+geschritten und, in der Nähe des Rosenborger Parkes angelangt, von einem
+Strolch, dessen Familie sie viele Wohlthaten erwiesen habe, überfallen
+und übel zugerichtet worden. Sie liege an einem Nervenfieber darnieder
+und werde von einer barmherzigen Schwester gepflegt. Auch ihre
+Angehörigen weilten täglich an ihrem Lager.
+
+Seit dieser Zeit waren drei Wochen vergangen. Imgjor war wieder
+aufgestanden und hatte sich erholt.
+
+Bei einem Fest beim Premierminister, dem die königliche Familie
+beigewohnt hatte, war zwar der König dem Grafen und seinen Angehörigen
+sehr gnädig begegnet, aber es waren doch auch zum erstenmale Worte
+gefallen, die seine Ansichten über die junge Gräfin Lavard sehr deutlich
+hatten zu Tage treten lassen.
+
+„Ich bedaure, lieber Graf, daß die Komtesse von einem solchen Unfall
+betroffen worden ist. Aber ich würde es nicht nur in ihrem, sondern eben
+so sehr im Interesse der Familie halten, wenn sie sich solchen
+Extravaganzen nicht aussetzte, überhaupt ihrem Enthusiasmus einige Zügel
+anlegte. Der Polizeipräfekt meldet mir, daß nun auch sie einen
+öffentlichen Vortrag zu halten die Absicht hat. Suchen Sie das mit allen
+Mitteln zu verhindern. Ich rechne darauf. Dergleichen paßt sich nicht
+für das Mitglied einer dänischen Adelsfamilie. Wo kommen wir hin, wenn
+von dort schon solche Beispiele ausgehen!“
+
+Während die Anwesenden noch sprachen, meldete Frederik, daß Komtesse
+Imgjor soeben ins Schloß getreten wäre, zudem benachrichtigte er die
+Herrschaften, daß das zweite Frühstück serviert sei.
+
+Unmittelbar darauf trat auch schon Imgjor ins Zimmer, schritt mit der
+Miene sanfter Unterordnung auf ihren Pflegevater zu und reichte dem
+Marquis mit jenem süßen Blick die Hand, den sie allen denen gönnte, die
+sie lieb hatte. Aber auch Lucile erschien, und da war's, als ob nun erst
+die volle Schönheit die Welt erhelle.
+
+Sie glich der Versinnbildlichung des eben eingezogenen blühenden
+Sommers! Ein weißes, seidenes Gewand umschloß ihren Körper, eine gelbe
+und eine weiße Rose saßen in ihrem nach Empire-Art hochfrisierten Haar.
+Sonst trug sie keinen Schmuck.
+
+„Ah, wie schön du heute wieder aussiehst, meine Lucile!“ flüsterte
+Curbière, voll Bewunderung seine Braut umarmend.
+
+Und während er sie noch mit anderen schmeichelnden Worten überschüttete,
+sprach der Graf, seiner Tochter Imgjor mit liebenswürdiger
+Zuthunlichkeit den Arm reichend, auf diese ein.
+
+„Ich möchte dich nachher sprechen, Imgjor. Nach dem Frühstück, ehe du
+das Palais wieder verläßt, gehen wir noch einmal zu mir hinüber —“
+
+Die Gräfin warf ihr beim Eintritt in den Speisesaal, wohin sie sich
+inzwischen begeben, einen von einem vertraulichen Lächeln begleiteten,
+guten Blick zu, auch umarmte sie Imgjor bevor sie sich an der Tafel
+niederließ.
+
+Es wurde ein zu unternehmender Wagen- und Reitausflug nach Skodsborg
+besprochen. Die Herrschaften wollten auf der Rückkehr in Klampenborg
+speisen. Imgjor wurde von den Ihrigen ebenfalls aufgefordert, wich aber
+aus.
+
+„Stimmen Sie doch zu, schöne Schwägerin!“ ermunterte sie Curbière
+liebenswürdig. „Lassen Sie einmal die Kittelleute für sich selbst
+sorgen! Erinnern Sie sich, wie sie Ihnen jüngst begegneten, und
+vergessen Sie nicht, daß Sie auch Pflichten gegen die Ihrigen haben.“
+
+„Ich würde sehr gern teilnehmen“ — entgegnete Imgjor, bei der Hitze die
+Aermel ihres Kleides etwas zurückgreifend und so ihren reizenden Arm
+freigebend — „aber ich will in diesen Tagen einen öffentlichen Vortrag
+halten, und da brauche ich alle meine Zeit äußerst notwendig.“
+
+„So halten Sie ihn nicht! Das Sternbild des Bären wird nicht vom Himmel
+herabfallen, wenn die Welt sich dessen entraten muß. Glauben Sie denn
+wirklich, daß dergleichen einen praktischen Nutzen hat?“
+
+„Ich hoffe es, lieber Armand.“
+
+„Und welchen?“
+
+„Daß die Menschen zum Nachdenken gelangen.“
+
+„Aber wir haben ja die vielen Orte, die stillen Kämmerlein und
+lauschigen Plätze in der Einsamkeit der Gottesnatur, wo die
+Erdenbewohner selbst dergleichen üben können! Wir haben zudem all' die
+Kirchen und die vielen Prediger —“
+
+Imgjor zog die Schultern.
+
+„Liegt nicht eigentlich eine Vermessenheit darin, fortwährend andere
+belehren zu wollen, Imgjor?“ fuhr er fort. „Wär's nicht besser, jeder
+verwendete seine Zeit auf sich? Jeder hat's dringend nötig! Ich
+wiederhole früher Gesagtes.“
+
+„Ja, darin liegt etwas! Ueberhaupt haben Sie wohl von ihrem Standpunkt
+aus auch recht. Ich kann aber nicht anders, als nach meiner Natur
+handeln. Ist's nicht schon viel wert, wenn es mir gelingt, einige
+Mißgeleitete umzuwandeln?“
+
+„Das ist — pardon! — die stete Rede aller derer, die es für erforderlich
+halten, die Menschen fortwährend auf Tod und Sterben und Buße
+hinzuweisen, anstatt sie das Leben lieben zu lehren, sie zur
+Lebensfreudigkeit anzuhalten, ihnen ein heiteres, sorgloses Gemüt zu
+verschaffen, sie dadurch zu stählen, dem Dasein zu begegnen, so dem
+Schöpfer wohlgefällig zu sein. Nichts Widersinnigeres als das
+Asketentum, nichts, was Gottes Absichten weniger entspricht! Er schuf
+die Sonne und die Helle zum Gedeihen der Welt, uns zur Freude und zum
+fröhlichen Genießen. Und wir? Wir verwandeln seine schöne Erde in ein
+Jammerthal, durch das wir gezwungen hindurchgehen müssen, in einen
+Kerker, in dem wir lebenslänglich zu schmachten verurteilt sind. Wie
+kleinlich machen wir den großen Geist. Wie sehr beweisen wir durch
+unsere Auffassung von der Gottheit, wie wenig wir jemals über sie
+nachgedacht, geschweige ihr innerstes, jedes Geschöpf mit grenzenloser
+Liebe, Güte und Nachsicht umfassendes Wesen ergründet haben. Verdammen
+wir nicht den Lehrer, der immer nur danach ausschaut, ob die Kinder
+fehlen, ihnen ihre Bewegungen beschneidet, sie stetig in solche Fesseln
+spannt, die der Natur des freigeborenen Geschöpfes widerstreben; der
+fortwährend mit Strafen und Vergeltung droht, der ihnen immer nur
+zuruft: „Bedenket, daß der Zeugnistag erscheint!“ Und so fort und so
+fort bis zum Abgang? Und nun behängen wir gar das erhabene Wesen mit
+solchen Eigenschaften! Wahrlich, man weiß nicht, ob man über solche
+Verblendung weinen, oder ob man sich gegen solche Anmaßung der Auslegung
+des göttlichen Wesens empören soll!“
+
+„Sie sprechen —“ entgegnete Imgjor voll Begeisterung, „für eine
+Neugestaltung unserer religiösen Anschauungen. Der geistig höher
+Stehende gelangt, und sicher mit Recht, zu solchen. Wir haben es aber
+mit der breiten Masse zu thun, die an dem Alten hängt und für welche die
+Lehre von Himmel und Verdammnis geeigneter ist. Was ich vorhabe, ist ja
+auch etwas anderes. Ich will reden über die Gleichberechtigung der
+Menschen zum Zweck eines glücklicheren Erdenlebens, über die Mittel, das
+Los der Armen zu verbessern, über die Pflicht der Großen, dazu nach
+Kräften beizutragen! Ich will praktische Religion predigen!“
+
+„Ich möchte, daß du diesen öffentlichen Vortrag nicht hieltest, ja, ich
+wünsche unter allen Umständen, daß es unterbleibt, Imgjor!“ fiel nun der
+Graf ein. Er that's, nachdem eben die Dienerschaft das Zimmer verlassen
+hatte.
+
+„Der König sprach mich in diesen Tagen darauf an, daß du dergleichen
+vorhabest. Er forderte von meiner Loyalität, daß ich es dir verbieten
+möge.“
+
+„Deine Loyalität sollte dich eher bestimmen, mir beizupflichten, lieber
+Papa!“ fiel Imgjor ein. „Ich predige nicht den Umsturz; ich will nur auf
+Grund des Bestehenden reformieren. Und je eher und besser uns das
+gelingt, um so sicherer werden sich gerechte Fürsten ihr angestammtes
+Erbteil bewahren.“
+
+„Wir wollen uns gegenseitig keine Kathedervorträge halten, Imgjor. Du
+kennst meine Ansichten und in diesem speziellen Falle jetzt meinen
+unbedingten Willen. Da ich dir in so vielem nachgab, darf ich wohl auch
+auf einen Gegendienst rechnen. Ich erwarte, daß du noch heute die
+Schritte unternimmst, deinen Vortrag rückgängig zu machen. Ich werde
+dagegen dafür sorgen, daß die Zeitungen eine berichtigende Notiz
+bringen.“
+
+„Das kann nicht sein,“ erklärte Imgjor. „Sage dem König, daß ich fürder
+nicht mehr öffentlich sprechen will. Diese Abrede aber vermag ich nicht
+mehr rückgängig zu machen — unmöglich!“
+
+„Was heißt: kann — unmöglich, wenn ich es erbitte, wenn ich es wünsche,
+wenn ich es will?“ rief der Graf, dem, wie so oft, jählings die Geduld
+riß. Er sprang empor und schlug mit einer Heftigkeit auf den Tisch, daß
+die Gläser zitterten. „Welch' grenzenloser Egoismus, immer nur das Ich
+sprechen zu lassen, niemals sich erinnern zu wollen, daß es Dankgefühle,
+daß es Familienrücksichten giebt! Hast du noch nicht genug? Willst du
+abermals Scenen, wie die im Rosenborger Park, sich wiederholen lassen,
+deren noch böseres Ende nur ein gnädiger Zufall verhinderte? Findest du
+gar Lust daran, dich solchen dich entwürdigenden Dingen auszusetzen, da
+du dich nun abermals öffentlich, wie eine Harfenspielerin, dem
+allgemeinen Anglotzen preisgeben willst? Wahrlich, es scheint fast so!
+Eitelkeit, Eitelkeit bisher! Und nun gar die Sucht nach Beifall auf
+Kosten der weiblichen Würde!“
+
+„O, halt! Halt!“ rief das in ihrem Innern tief betroffene junge
+Geschöpf. Sie flog, ihre Gestalt straff emporreckend, vom Stuhl und
+richtete herausfordernde Blicke auf den Grafen. „Daß du das sagst — mir
+—“
+
+Aber wie einst, schnitt er ihr die Worte ab, sprang auf sie zu, packte
+ihre Handgelenke und rief, während ihm ein heißsprühender Atem aus der
+Brust quoll: „Ja, das sage ich dir, ich, der Graf Lavard! Willst du dich
+meinem Willen nun fügen? Willst du erklären, daß du von dem Vortrage
+abstehst? Noch einmal nein, oder —“
+
+Aber jetzt hielt es auch Curbière, der bisher bleichen Angesichts
+dagesessen und nur durch seine Mienen an den Tag gelegt hatte, was er
+bei dieser Scene empfand, nicht länger. Blitzschnell war er an beider
+Seite, richtete einen bittenden Blick auf den Grafen und suchte ihm
+Imgjor mit sanfter Bewegung zu entreißen.
+
+Aber auf den bis zur Raserei entflammten Mann übte dieses kavaliermäßige
+Dazwischentreten gerade den entgegengesetzten Eindruck.
+
+„In meine häuslichen Angelegenheiten erbitte ich keine Einmischungen!
+Ich muß aufs dringendste bitten!“ stieß er in einem schroff
+entschiedenen Tone heraus, schob auch die Gräfin, die zu vermitteln
+suchte, kurz und rauh zur Seite und faßte Imgjors Handgelenke nur noch
+fester.
+
+Aber nun wußte Imgjor selbst das Schauspiel zu beenden. Indem sie sich
+mit einer plötzlichen Bewegung befreite, sodann an die Thür eilte und
+hier, um sich einen ungefährdeten Abgang zu sichern, mit der Linken die
+Klinke faßte, sagte sie:
+
+„Ich kann nicht, Papa! Ich kann nicht, weil ich nicht alleiniger Herr
+meiner Handlungen bin, weil ich mein Wort gab. Aber ich will mich in
+anderer Weise dir fügen. Ich verzichte von heute an auf alle Rechte, wie
+immer sie heißen mögen, auf die Rechte, deinen Namen zu tragen und auf
+materielle! Ich werde mich fortan nennen, wie mein Vater hieß. So wirst
+du befreit von der, die dir doch nur Schande macht, so streifst du die
+Verantwortung für ihre Handlungen von dir ab. Verzeih' mir! Ich bitte
+dich flehentlich! Nie werde ich vergessen, was du, was ihr alle Gutes an
+mir gethan! Aber ich kann nicht anders. Jeder hat seine Eigenart und
+besitzt ein Recht darauf. Auch ich muß meiner Natur folgen — Adieu!
+Adieu! Nochmals Adieu! Vergebt mir!“
+
+Nach diesen Worten verließ sie mit einem entschlossenen Blick das
+Gemach.
+
+ * * * * *
+
+In einem Hinterzimmer des Wirtshauses in der Nähe des Tivoli saß an
+demselben Abend der Wanderprediger Kollund mit Imgjor Lavard. Sie hatte
+ihm geschrieben, daß sie ihn sprechen wolle, und er hatte geantwortet,
+daß er sich am Abend, nach einem Vortrage in der Umgegend, zu ihrer
+Verfügung halte.
+
+Nun eben hatte er den Kellner gerufen und Speisen und Getränk gefordert,
+während sie, nach ihren Wünschen befragt, ihn nur eine Flasche
+Selterwasser zu bringen ersuchte.
+
+Sie besaß weder Hunger noch Durst. Ihr verlangte lediglich nach
+Aussprache, nach Förderung ihrer während des Tages zu immer stärkerer
+Reise gelangten Pläne. Sie wollte, wie er, das Land durchziehen, aber
+sie wollte sich nicht mit Vorträgen begnügen, sondern mit allen Mitteln
+dahin wirken, daß in jeder Stadt, in jedem Flecken und jedem Dorfe ein
+Wohlfahrtsverein begründet werde.
+
+Diese sollten sich als Aufgabe stellen, eben das ins Leben zu rufen, was
+sie einst mit Prestö geplant hatte.
+
+Da sie sich nun der Fesseln entledigt, da sie keine Rücksichten auf ihre
+Familie mehr zu nehmen hatte, wollte sie wieder die größeren Ideen zu
+verwirklichen suchen.
+
+Vielleicht würde Kollund ihr Partner werden, vielleicht fand sie bei
+diesem, von den reinsten Absichten erfüllten Volksfreunde eine
+Unterstützung ihrer selbstlosen Bestrebungen.
+
+Er hörte ihr auch, ohne sie zu unterbrechen, zu. Seine Augen hingen an
+den ihrigen, als ob ihn eine Verzauberung ergriffen habe. Seine mageren
+Hände griffen immer wieder nach der Flasche. Oft holte er tief Atem. So
+beschwert schien er, daß sie einigemale besorgt fragte, ob ihn etwas
+schmerze.
+
+„Nein, nein, nichts, gnädige Komtesse. Ich bitte, fahren Sie fort!“
+
+Bisweilen schien's auch während des Zuhörens, als ob er in eine Art
+Verzückung geriete, als ob er sich durch ihre Rede so in die Welt der
+Wirklichkeit hineinversetzt habe, daß ihm schon alles Thatsache geworden
+sei.
+
+Und das Ende war, daß er ihr begeistert zustimmte, sich bereit erklärte,
+fortan mit ihr gemeinsam die Lande durchziehen und ihre von ihm
+gutgeheißenen Pläne ins Werk setzen zu wollen.
+
+„Sehen Sie, Komtesse! Mir fehlten ja nur die Mittel, die Sie besitzen!
+Ich mußte mich auf meine Ansprachen beschränken. Von dem Entree, das ich
+erziele, soll ich leben und muß ich meine Reisen bestreiten. Sie haben
+die vollen Kassen. Sie können sogar noch austeilen. Unter solchen
+Voraussetzungen und Eindrücken strömen die Menschen herbei. Da rechnet
+es sich auch die bessere Gesellschaft zur Ehre an, zu erscheinen. Ihr
+Name, Ihre Stellung und Ihr Reichtum ziehen. Denn Sie müssen es wissen,
+schließlich kommt's ja doch bei fast allen nur auf zweierlei an, auf
+Befriedigung der Eitelkeit und auf Erreichung von Vorteilen. Von der
+Sache selbst Durchdrungene giebt's kaum ein Dutzend auf eine Million!“
+
+„Wie? Das sagen Sie, Herr Kollund?“ stieß Imgjor in starker Enttäuschung
+heraus. „Ach! Das drückt mich tief herab. Und lassen Sie mich es Ihnen
+gleich sagen, daß Sie sich irren, wenn Sie meinen, ich sei noch reich,
+ich könne irgend etwas austeilen. Ich besitze nichts, da ich mich mit
+meiner Familie völlig überworfen habe! Wenn ich meinen Schmuck verkaufe
+— das meiste gab ich schon hin — bleibt mir höchstens die Möglichkeit,
+noch einige Zeit zu leben!“
+
+Schon bei den ersten Worten Imgjors war in die Züge des Mannes ein
+Ausdruck von Mattigkeit getreten. Beim Schluß ihrer Erklärungen hielt er
+schon gar nicht mehr mit seinen veränderten Gedanken und Anschauungen
+zurück, zog die Lippen und schüttelte das Haupt.
+
+„Wenn die Dinge so stehen, Komtesse, ist — ist — garnichts zu machen!
+Ich ging natürlich von ganz anderen Voraussetzungen aus. Bei solcher
+Sachlage kann ich Ihnen nicht die geringsten Erfolge Ihrer Vorhaben
+versprechen. Wir würden uns nur gegenseitig im Wege stehen. Jetzt vermag
+ich allein zu existieren; in der Folge würden wir nicht das tägliche
+Brot haben. Ist denn wirklich alles dahin? Ist keine Aussicht, daß Sie
+sich mit Ihrer Familie wieder einigen?“
+
+„Nein,“ erwiderte Imgjor kalt, mit einem solchen eisigen Ausdruck, daß
+der Mann, der sich schon allen möglichen Träumen von Liebesglück und
+Erdenschätzen hingegeben hatte, nunmehr einer völligen Ernüchterung
+erlag.
+
+Im Nu verschwand der bestrickende Zauber, den Imgjor auf ihn ausgeübt
+hatte.
+
+Aber auch Imgjor erlitt entsetzliche Qualen der Enttäuschung, doppelte,
+da sie sich nicht nur in ihren Hoffnungen auf diesen Mann als Mithelfer
+ihrer großen Pläne getäuscht fand, sondern auch durch ihn so
+rücksichtslos belehrt worden war, wie nutzlos alles Mühen ohne
+materielle Mittel sein werde. Sie hatte sich dem unbestimmten Gefühl
+hingegeben, daß dieser edle Enthusiast die Herbeischaffung solcher
+freudig auf seine Schultern nehmen, daß er dazu auch leicht imstande
+sein werde. Sie, die immer aus dem Vollen geschöpft, die stets die Hand
+hatte aufthun können, hatte sich trotz des täglichen Einblicks in die
+Lebensnot der Menschheit auch in dieser Richtung eine Illusionswelt
+aufgebaut.
+
+Und abermals hatte sie ebenso vorschnell, wie unweise gehandelt! Anstatt
+vorher zu prüfen, die Folgen ihres Vorhabens zu überlegen, hatte sie
+ihre Erwartungen ohne weiteres zu Thatsachen erhoben und war nun gleich
+bei den ersten Schritten, die sie unternommen, bis zum Fallen
+gestolpert.
+
+Jetzt stand sie — in furchtbarer Klarheit kam's über sie — wirklich dem
+„Nichts“ gegenüber. Und sie hatte sich, wenn sie ehrlich überlegte,
+während ihrer nun fast zwei und einhalbjährigen Thätigkeit draußen in
+der Welt kaum einen Freund, sondern nur Feindschaft erworben.
+
+Die Freunde, die einzigen, die sie vorher besessen, hatte sie eben in
+ihrem stolzen Uebereifer von sich gestoßen. Ihren Widersachern wollte
+sie sich offenen Auges zugesellen und abermals mit schweren Kränkungen
+und schnödem Undank verbundene Lasten übernehmen. War darin ein Sinn?
+Hatte sie noch nicht Erfahrungen genug gesammelt? War's noch nicht
+genügend erwiesen, daß ihre Umgebung in allem Recht gehabt?
+
+Und eben aus diesen gegen sich selbst gerichteten Ueberlegungen entstand
+jählings eine um so größere Abneigung gegen denselben Mann, dem sie noch
+beim Beginn des Gespräches gleichkam ihr ganzes Ich hatte verschreiben
+wollen, den sie als den plötzlich ihr erstandenen Erlöser betrachtet
+hatte. Sie konnte es nicht erwarten, die Beziehungen zu ihm abzubrechen,
+auch ihm die Erklärung zu geben, daß sie keinen öffentlichen Vortrag
+halten wolle.
+
+Sie nahm deshalb kurz und schroff das Wort und sagte:
+
+„Unser Gespräch hat mich belehrt, daß wir nicht, wie ich hoffte und
+glaubte, zu einander passen, Herr Kollund. Ich bin infolgedessen auch zu
+dem Entschluß gelangt, übermorgen nicht zu sprechen. Ich bitte also, die
+Ankündigung zurückzuziehen. Ich muß es definitiv ablehnen, öffentlich
+aufzutreten!“
+
+Der Mann nickte beipflichtend, ohne sich im geringsten zu ereifern.
+
+„Ich würde,“ hub er mit unangenehm wirkender Ruhe an, „dann nur um den
+Ersatz der Kosten bitten, Geldmittel für die Inserate in den Zeitungen,
+für das Lokal, für die Personen, die ich zu bezahlen habe, und für die
+Ausfälle an Einnahmen.“
+
+„Welche Personen, welche Ausfälle an Einnahmen? Ich bitte!“
+
+„Nun, die Stimmung machen, die mit einem Teller zum Sammeln herumgehen
+sollten.“
+
+„Stimmung machen, sammeln? Für was und für wen?“
+
+„Wie Sie fragen, Gnädige! In solchen Versammlungen braucht man eine
+Claque, und die muß man bezahlen. Die Sammlung wird für meine
+Bedürfnisse aufgebracht — Ich soll doch leben — ich soll doch etwas
+zurücklegen —“
+
+„Gewiß, ersteres sicher! Und Sie lassen das erklären, oder Sie sagen es
+selbst?“
+
+Der Mann schüttelte den Kopf.
+
+„Nein! Das geht nicht. Dann kommt fast nichts ein! Die Beträge müssen
+als Agitationsausgaben für die große Sache bezeichnet werden.“
+
+„Glaubt man Ihnen denn das? Fragt man nicht, wer das Geld verwaltet, wo
+es bleibt?“
+
+„Nein. Ich bin der Verfechter der großen Idee. So ist auch am besten
+angelegt.“
+
+„Hm — hm — aber das ist doch alles nicht ehrlich, Herr Kollund, das
+heißt doch nur an sich denken.“
+
+„Vielleicht! Aber es geht nicht anders, meine Gnädigste. Mit
+Sentimentalitäten kann man das Leben nicht anpacken. Man muß, um
+durchzuringen, zu den Grundsätzen der Heiligung der Mittel greifen.“
+
+„O nein, nein! Nie würde ich dazu meine Hand bieten. Verwerflich finde
+ich solches Ausnützen des Vertrauens, schwindlerisch eine solche
+Vertuschung der Wahrheit!“
+
+„Sie sind eben noch sehr jung, meine Gnädigste! Sie meinen, daß sich
+hier die Welt anders bewähren soll, als sonst allezeit. Und deshalb
+erwarten Sie es, weil Ihre Absichten lauter sind, weil der Gegenstand
+Ihnen groß und erhaben däucht. Ach, wie bald, wie gründlich werden Sie
+belehrt werden! Die Kreatur bleibt sich in allen Lebensverhältnissen
+gleich. Hier, hier erst recht muß man sehr klug sein und klug handeln,
+um die Zwecke, die man im Auge hat, zu erreichen.“
+
+„Nun, so mag es sein! Ich will Ihnen nicht widersprechen,“ stieß Imgjor,
+ihre Empörung nur schwer dämpfend, heraus, „aber ich will jedenfalls
+meinen Geldbeutel dazu nicht öffnen! Ich gebe das, was das Lokal und die
+Annoncen kosten, ich gebe Ihnen eine Entschädigung dafür, daß Sie Ihre
+Zeit mir nutzlos geopfert haben. Sie mögen dann verfahren, wie Sie es zu
+verantworten vermögen. Ich will kein Hehler dieses Verrats und dieser
+Unehre sein!“
+
+„Ich sehe Ihnen Ihre Worte nach, Komtesse, weil ich Ihrer Unerfahrenheit
+Rechnung trage, und wünsche nun auch meinerseits diesen Teil des
+Gespräches zu beendigen. Ich bitte nun nur fragen zu dürfen, wann ich
+mir den Betrag holen darf?“
+
+„Wieviel verlangen Sie?“
+
+„Mit fünfhundert Kronen denke ich zu reichen —“
+
+„Fünfhundert Kronen? Unmöglich! Ich habe kaum so viel, wenn ich mein
+Eigentum veräußere!“
+
+„So geben Sie vierhundert. Ich will mich einzurichten, denen, die zu
+fordern haben, abzudingen suchen. Diese Summe muß ich aber bereits
+morgen Mittag von Ihrer Güte erbitten, wenn nicht für Sie sehr
+unliebsame Zeitungserörterungen die Folge dein sollen. Diese würden auch
+Ihrer Familie wohl wenig angenehm sein!“
+
+„Gut!“ hauchte Imgjor, die weißen Zähne zusammenbeißend. „Sie sollen das
+Geld um zwölf Uhr bei mir finden. Aber schicken Sie darnach. Mit Ihnen
+möchte ich nicht ferner verhandeln —“
+
+Nach diesen Worten reckte sie sich rasch empor, warf eine halbe Krone
+für den Kellner auf den Tisch, griff nach Hut und Umhang und war schon
+mit äußerst gemessener Kopfneigung verschwunden, ehe der Mann auch nur
+Zeit hatte, ihr beim Anziehen des Mantels behilflich zu sein. —
+
+ * * * * *
+
+Nachdem Imgjor ihre Wohnung betreten hatte, schritt sie mit einer
+gewissen Hast an den Briefkasten. Sie erwartete, einen Brief von ihrer
+Pflegemutter oder von Lucile zu finden. Sie hoffte es, während sie noch
+bei ihrem Fortgange überlegt hatte, wie sie sich den Versuchen der
+Ihrigen, ihren Sinn umzustimmen, zu entziehen vermögen werde.
+
+Sie fand auch ein Schreiben und zwei Karten, aber sie waren nicht von
+den Lavards geschrieben.
+
+Die eine Karte war von dem Marquis de Curbière, die andere von dem
+Hospitalarzt Doktor Kropp. Das Schreiben aber trug die ihr bekannte
+Handschrift des Direktors des Krankenhauses, Doktor Stede, der seinem
+lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gab, daß Imgjor nicht mehr in das
+Hospital zurückkehren wolle. Er teilte ihr überdies mit, daß Doktor
+Kropp von dort ebenfalls seinen Abschied genommen und sie besuchen
+werde, um ihr eine Bitte vorzutragen.
+
+Einen Augenblick vertiefte sich Imgjor nach Lesen dieser Zeilen in ein
+stilles Nachdenken, dann griff sie nochmals nach den beiden Karten.
+
+Und da fand sie beim Umwenden auf der Rückseite der vom Doktor Kropp
+abgelegten die mit Bleistift geschriebenen Worte:
+
+„Bitte, Ihnen morgen vormittag gegen zwölf Uhr wieder aufwarten zu
+dürfen —“ und auf derjenigen des Marquis de Curbière die Notiz:
+
+„Bedaure außerordentlich, Sie nicht getroffen zu haben! Wann darf ich
+Sie sprechen?“
+
+Da in diesem Augenblick das neue, von Imgjor statt der diebischen Dirne
+angenommene Mädchen, das Stiefkind der Witwe Holm, Gebine Holm, ins
+Zimmer trat, und nach ihren Befehlen fragte, wurden Imgjors Gedanken von
+ihren eigenen Angelegenheiten abgelenkt.
+
+Sie hatte dem Kinde versprochen, für sein Fortkommen zu sorgen, und
+besaß nun selbst nichts!
+
+Das beschäftigte Imgjor so sehr, daß sie erst Ruhe fand, als sie sich
+vorstellte, sie könne das junge Ding in Rankholm unterbringen.
+
+Und dadurch wieder in ihren Vorstellungen gehoben, richtete sie einige
+bisher verschobene Fragen an Gebine.
+
+„War jemand da, während ich fort war, Kind?“ warf sie hin.
+
+„Ja, gnädige Komtesse! Ein Mann wollte Sie sprechen —“
+
+„Ein Mann oder ein Herr? — Wie sah er aus?“
+
+„Es war — glaube ich — ein Matrose. — Ich fürchtete mich —“
+
+Imgjor schrak heftig zusammen. Sie dachte an den Ueberfall, und
+unwillkürlich brachte sie den Besuch mit diesem Geschehnis in
+Verbindung. Als Imgjor in jener Nacht endlich die Kraft gewonnen, zu
+schreien, waren zwei zufällig nicht weit vom Parkeingang befindliche
+Nachtwächter herbeigeeilt und hatten den Strolch verscheucht. Er hatte
+ihr aber noch zugerufen, daß er sie von neuem zu treffen wissen werde.
+
+„Wie sah er denn aus, Gebine? War's ein großer, starker dunkler Mann?“
+forschte Imgjor stark erregt.
+
+Gebine nickte.
+
+„Ja! Er hatte ein rotes Tuch um den Hals.“
+
+Imgjor fuhr zusammen. So war's also derselbe! Ein rotbraunes Tuch hatte
+jener in der Nacht getragen.
+
+„Und was sagtest du, Gebine?“
+
+„Ich sagte, Komtesse wären verreist. Sie kämen heut' Abend mit einem
+Herrn zurück, mit einem Rittmeister.“
+
+„Weshalb sagtest du das? Wie kamst du darauf?“ Imgjor sprach's
+verwundert.
+
+Das Kind richtete einen ängstlichen Blick auf ihre Gebieterin. Sie
+antwortete nicht.
+
+„Nun? Sprich! Weshalb sprachst du von einem Rittmeister?“
+
+„Ja — ich — hatte so schreckliche Angst — Er guckte mich so sonderbar an
+— und da, da dachte ich, wenn ich das sagte, dann würde er nicht
+wiederkommen, würde er Komtesse nicht belästigen.“
+
+Imgjor sagte zunächst nichts. Sie überlegte, ob sie Gebine schelten oder
+ihr für ihre Fürsorge ein Lob spenden sollte. Jedenfalls hatte sie es
+gut gemeint, hatte sie sehr fürsorglich gehandelt.
+
+Endlich glaubte sie, das Rechte gefunden zu haben. Sie sprach: „In
+diesem Fall war deine Unwahrheit nützlich, Gebine. In der Not mag eine
+solche einmal erlaubt sein. Sonst aber mußt du dich strengster Wahrheit
+befleißigen. Nichts ist so verabscheuenswert wie die Lüge! Aus ihr
+entspringen alle anderen Laster. — Und noch eine Frage: Was äußerte der
+Mann, als du dies sagtest?“
+
+„Er fragte, wie lange der Rittmeister bliebe, und wer er wäre.“
+
+„Und du? du? Was — entgegnetest du, Gebine?“
+
+„Ich sagte — ich sagte — daß es Ihr Bräutigam wäre —“
+
+„Aber das war ja abermals eine Lüge!“ stieß Imgjor nun zornig heraus.
+
+„Was sind das alles für Erfindungen — für Phantasien! — Ich bin außer
+mir, Gebine! Das macht mich sehr betrübt. Hast du mich auch schon
+belogen? Oft? — Heraus mit der Sprache! Du sagtest gestern, ich hätte
+dir nur eine halbe Krone gegeben, als du vom Krämer wiederkamst. Ich
+hätte mich geirrt. Sprich! Und ich warne dich, etwas anderes zu sagen,
+als die Wahrheit! War's doch eine ganze Krone? Hast du die andere Hälfte
+in die Tasche gesteckt?“
+
+„O nein — nein — ganz gewiß nicht, Komtesse! Ich habe der Komtesse immer
+nur die Wahrheit gesagt. — Der Kaufmann schickte mich gleich wieder weg.
+Ich hatte das Geld in Papier gewickelt — ich hatte es gar nicht
+nachgesehen —“
+
+„Kann ich dir glauben, Gebine? Sieh', Kind, wenn du mich betrogen hast —
+ich werde mich erkundigen — mußt du gleich zu deiner Stiefmutter zurück.
+Und wenn du es später thust, ziehe ich meine Hand unwiderruflich wieder
+von dir zurück.“
+
+Und zurücksinkend, weil von all den Eindrücken überwältigt, flüsterte
+Imgjor: „O welche Einblicke in das Innere der Menschen, — täglich,
+stündlich! Wo sind die wahrhaft Reinen, Guten?“ Und dann rief sie das
+Kind heran und sprach:
+
+„Gewiß, ein Beispiel, wie du es im Hause hattest, Gebine, macht schlecht
+und entschuldigt dich eher! Aber da dir das Unterscheidungsvermögen noch
+nicht abhanden gekommen ist, so sage ich dir und wisse und glaube es:
+Nur aus dem Guten vermag Gutes zu ersprießen! Eine Weile mag's gehen,
+aber es kommt die Zeit, wo du dafür schwer büßen mußt, wo dich tiefe
+Reue ergreift, wo du alles hergeben möchtest, um Geschehenes ungeschehen
+zu machen! So — und nun gehe zu Bett! Weine nicht mehr! Nein, nein, ich
+bin dir nicht böse.“
+
+Und Gebine ging. Imgjor Lavards Gedanken aber wanderten, während sie
+noch dasaß, nach Rankholm, und ihr war's abermals jetzt, als ob dort ein
+Eden, ein unvergleichliches Paradies sei — in der großen Welt aber —
+eine Hölle —
+
+ * * * * *
+
+Am kommenden Tage verließ Imgjor schon ihre Wohnung und ging ihren
+Obliegenheiten nach.
+
+Sie besuchte einige Kranke und Rekonvalescenten, sprach in dem Hause
+einer Witwe vor, die eine gelähmte Tochter besaß, welche auf Imgjors
+Kosten in ein deutsches Kurbad gesandt worden war, empfing Nachrichten
+über diese, die sie erfreuten, nahm auch die Dankworte der stotternden
+Frau entgegen und machte sich sodann nach ihrem Bankgeschäft auf den
+Weg, um daselbst die für Kollund erforderliche Summe zu holen.
+
+Sie hatte augenblicklich dort nicht einmal ein Guthaben mehr, aber sie
+wußte, daß man ihr eine nicht zu groß bemessene Summe auch ohne ein
+solches aushändigen werde.
+
+Auf dem Wege dorthin erblickte sie — und das Herz wollte ihr stille
+stehen — jenen Menschen, welcher sie in der mehrerwähnten Nacht
+überfallen hatte. Er wandte sich von einem Buchladen, vor dessen
+Schaufenster er gestanden, gerade wieder der Gasse zu, und nur durch
+einen Zufall wurde verhindert, daß er Imgjor gewahrte. Seine
+Aufmerksamkeit ward durch eine Equipage, deren Pferde scheu geworden,
+abgelenkt.
+
+Diesen Zufall benutzte Imgjor, sich seinen Blicken zu entziehen.
+
+Sie schlüpfte rasch in ein offenstehendes Tabakgeschäft, trat gleich zu
+einem tiefer im Fond befindlichen Kommis und wollte eben ein Pfund Tabak
+für den alten Ohlsen, den Mann der Blinden, einhandeln, als nun auch
+zufällig Doktor Kropp den Laden betrat.
+
+Sehr überrascht, aber mit gewohnter Ehrerbietung sprach er auf Imgjor
+ein, und als sie beide den Handel erledigt hatten, bat er um die
+Erlaubnis, sich ihr anschließen zu dürfen.
+
+Und Imgjor nickte bereitwillig, schritt mit ihm bis zur Landmannsbank,
+woselbst er auf sie wartete, und legte alsdann in seiner Begleitung den
+Weg nach ihrer Wohnung zurück.
+
+Immer drehte sich das Gespräch um die Vorgänge im Hospital, und Doktor
+Kropp berichtete über die Gründe seines Rücktritts, die wesentlich auch
+die ihrigen gewesen.
+
+Zuletzt gelangte er — eben hatten sie die Ecke der Gotersgade erreicht
+und wandten sich in stillschweigender Uebereinstimmung dem botanischen
+Garten zu — auf seine eigenen, von Stede bereits berührten
+Angelegenheiten.
+
+„Ich möchte,“ hub er an und richtete einen etwas verlegenen Blick aus
+den schwarzen Augen seines dunkelgefärbten, schmalen und etwas mageren
+Gesichtes auf Imgjor, „mich bei Ihnen erkundigen, ob wohl in der
+Grafschaft Ihres Herrn Vaters eine Landpraxis frei sein würde. Ich sehne
+mich aus dem hiesigen Wirrwar heraus, und ich komme darauf, weil mir vor
+Jahren ein früherer Universitätsbekannter, ein Herr Doktor Prestö,
+mitteilte, daß eine solche in dem von ihm zu verlassenen Dorfe
+Kneedeholm zu haben sein werde.
+
+Wahrscheinlich hat sich inzwischen längst dort wieder ein Arzt
+niedergelassen, aber ich wollte mich doch vergewissern und im Fall um
+Ihre gütige Unterstützung bitten, Komtesse!“
+
+„Die würde Ihnen auch, soweit meine Kräfte reichen, sehr gern zu
+Diensten stehen, Herr Doktor. Aber wir haben, wie sie richtig vermuten,
+in Kneedeholm einen Arzt, und für zwei reicht die Praxis nicht aus.
+
+Wohl aber weiß ich, daß der schon bejahrte Physikus in der nahe
+gelegenen Stadt Oerebye der Thätigkeit müde ist und sich gern mit einem
+Nachfolger einigen würde. Vielleicht wäre das etwas für Sie?“
+
+„Gewiß und um so besser! Ich danke Ihnen verbindlichst, Komtesse! Dürfte
+ich nach dieser Richtung auf Ihren gütigen Beistand rechnen? Würde mich
+vielleicht Ihr Herr Vater — auf Ihre Empfehlungen gestützt — mit einer
+solchen an den Physikus zu versehen die Liebenswürdigkeit haben?“
+
+Imgjors Züge veränderten sich. Sie überlegte, ob sie Kropp von den
+inzwischen eingetretenen Vorfällen in ihrer Familie Mitteilung machen
+solle.
+
+Sie schwankte aber schon deshalb, weil sie sich vor einer abermaligen
+Enttäuschung fürchtete.
+
+Die furchtbaren Erfahrungen der letzten Zeit hatten ihr Mißtrauen gegen
+jedermann eingeflößt.
+
+Sie hielt es nicht für unmöglich, daß auch Kropp seine Haltung ändern
+werde, wenn sie ihm erklärte, daß sie plötzlich ein armes, des Ansehens,
+ihres vornehmen Namens und Reichtums beraubtes Wesen sei.
+
+Aber weil doch wieder ein trotziges Verlangen in ihr saß, mit allem
+aufzuräumen, zu wissen, was Weizen und was Spreu sei, entschloß sie sich
+schließlich gerade zu einer rückhaltslosen Eröffnung.
+
+„Meine eigene Empfehlung steht Ihnen jederzeit zur Verfügung, Herr
+Doktor,“ begann sie. „Eine solche von meinem Vater vermag ich Ihnen aber
+leider nicht zu verschaffen. Ich bin gänzlich mit ihm auseinander. Ich
+lege sogar meinen Namen ab und werde fortan einen anderen tragen. Noch
+einige Wochen, und ich gehe für immer von hier fort! Wohin, weiß ich
+noch nicht. Es wird sich ein Ort finden, wo ich mir mein Brot werde
+verdienen können.“
+
+„Wie? In der That?“ stieß Kropp in höchster Ueberraschung, aber zugleich
+mit einem Ausdruck heraus, der bewies, daß sich etwas anderes, daß sich
+eine glückselige Hoffnung in ihm regte.
+
+„Ich bitte, ich bitte, schenken Sie mir Ihr Vertrauen! Erzählen Sie mir,
+wie das alles gekommen ist!“ drängte er, während sie sich auf einer vor
+dem kleinen See befindlichen Bank niederließen.
+
+Ehrliches Mitgefühl erfüllte ihn, Sorge und Teilnahme ließen ihn
+sprechen.
+
+Und Imgjor wollte ihm auch Antwort erteilen, aber da es in diesem
+Augenblick bereits zwölf vom Kirchturm schlug, wurde sie daran erinnert,
+daß sie um diese Zeit Kollund das Geld einzuhändigen habe. Sie erhob
+sich deshalb sogleich wieder und gab Kropp die Erklärung, daß sie fort
+müsse, daß ihr jetzt die Zeit fehle. Auch am Nachmittag vermöge sie ihn,
+wegen ihrer Verpflichtungen gegen eine erblindete Frau, nicht zu
+empfangen, aber später am Abend, in ihrer Wohnung, wollte sie ihm gern
+alles mitteilen.
+
+Bei den letzten Worten kamen ihr zwar Bedenken.
+
+Ihr fiel unruhvoll auf die Seele, daß Kropps Besuch bei ihr falsch
+ausgelegt werden könnte, daß sich daraus neue Anschuldigungen entwickeln
+könnten, denen sie unter allen Umständen vorbeugen wollte.
+
+Und als sich dann, während sie dahin schritten, weitere Erörterungen
+entwickelten, als Kropp erfuhr, welche Bewandtnis es mit Kollund und mit
+der Blinden habe, als sich herausstellte, daß Imgjor lediglich aus
+Mitleid der Alten die Wohnung täglich reinige und ihr vorlese, stand er
+plötzlich still und richtete einen bewundernden Blick auf das junge
+Mädchen an seiner Seite.
+
+„Ah, welch' ein edles, selbstloses Wesen sind Sie, Komtesse! Wahrlich,
+man sucht Ihresgleichen vergebens! Aber wie vertrauensvoll sind Sie auch
+noch! Nicht einen Oer dürfen Sie dem Betrüger Kollund geben. Es ist ja
+alles erlogen! Die Umstände benutzt er, um Ihnen Geld aus der Tasche zu
+locken. Ich bitte Sie dringend, geben Sie mir die Sache in die Hand. Ich
+werde dem Schwindler seinen Standpunkt klar machen, ich werde ihn
+veranlagen, auf jeden Schilling zu verzichten! Für bessere Zwecke, für
+nützlichere, für sich selbst, teure, verehrte Komtesse, bewahren Sie Ihr
+Geld! Nun, was meinen Sie? Darf ich Ihr Anwalt sein?“
+
+„Ich gab mein Wort, Herr Doktor! Selbst wenn Sie Recht haben — es ist
+vielleicht möglich — darf, kann ich es doch nicht brechen.“
+
+„Gewiß! Sie sind sogar dazu verpflichtet, solchen Schwindlern nicht noch
+die Wege zu ebnen! Wollen Sie glauben, daß derselbe Mensch sich mir
+verkauft, wenn ich ihm heute im Auftrage eines Konsortiums den Antrag
+Stelle, an anderen Orten Dänemarks Vorträge im entgegengesetzten Sinn zu
+halten? Natürlich! Gold muß die Lockspeife sein!“
+
+„O nein, nein, für so erbärmlich, für so niederträchtig halte ich ihn
+nicht! Sie gehen zu weit!“ rief Imgjor. „Von dem, was er lehrt, ist er
+überzeugt!“
+
+„Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen durch eine anzustellende Probe
+den Beweis der Richtigkeit meiner Behauptungen zu liefern, Komtesse. Es
+fehlen mir die Mittel. Aber ich bitte nochmals, daß Sie mir Ihre Sache
+zur Erledigung anvertrauen! Sagen Sie ihm, oder wenn ein Bote kommt,
+diesem, ein befreundeter Herr werde Herrn Kollund zur Erledigung der
+Angelegenheit besuchen. Ich bringe Ihnen alles in Ordnung, verlassen
+Sie sich darauf! Nur das Lokal, wenn solches wirklich bezahlt werden
+muß, und die Kosten für die Inserate werde ich ihm vergüten, und er wird
+sich damit zufrieden geben. Aus seiner sicher erfolgenden
+Verzichtleistung werden Sie schon erkennen, welch' Geisteskind er ist.“
+
+„Nun wohlan! Ja — ich will! Ich danke Ihnen! Gelingt es Ihnen, so soll
+das Geld denen zukommen, von denen ich weiß, daß sie dessen bedürftig
+sind. Und nun auf Wiedersehen! Gegen sieben Uhr erwarte ich Sie in
+meiner Wohnung. Wir werden dann alles besprechen, was noch der
+Erledigung harrt.“
+
+Nach diesen Worten nahm Imgjor von ihrem Begleiter — eben waren sie an
+ihrer Wohnung angelangt — mit einem freundlichen Blick Abschied.
+
+ * * * * *
+
+Oben angekommen, sah sie einen fremden Mann im Flur stehen, und Gebine
+erklärte sogleich, daß er von Kollund komme. Nachdem er verständigt
+worden war und sich entfernt hatte, begab sich Imgjor in ihr Zimmer, um
+einige Zeilen an Curbière zu schreiben, und als sie den Brief eben
+beendigt hatte, erschien Gebine und meldete, daß ein ihr unbekannter
+Herr sie zu sprechen wünsche.
+
+„Frage erst nach seinem Namen!“ entschied Imgjor, von einer angenehmen
+Ahnung erfaßt. Sie sah forschend empor, als Gebine mit einer Karte in
+der Hand wieder ins Zimmer trat. Auch griff sie mit hastiger Hand
+danach, fand den Namen, den sie erwartet hatte, und nickte zum Zeichen
+ihres Einverständnisses, den Besuch empfangen zu wollen, mit dem Kopfe.
+
+Und dann, wenige Augenblicke später, trat Curbière zu ihr ins Zimmer,
+küßte ihr ehrerbietig die Hand und erklärte, daß er gekommen sei, um von
+ihr Abschied zu nehmen. Sein Vater sei plötzlich gestorben, er,
+Curbière, müsse noch diesen Abend Kopenhagen verlassen, habe aber nicht
+fortgehen wollen, ohne Imgjor noch einmal gesehen und gesprochen zu
+haben.
+
+„Lavards verlassen infolge des Trauerfalles morgen abend ebenfalls
+Kopenhagen und kehrten nach Rankholm zurück,“ schloß der Marquis.
+
+„Bevor sie gehen, möchte Lucile Sie, liebe Imgjor, sprechen, möchte mit
+Ihnen überlegen, ob nicht doch noch ein Weg zum Frieden zu finden ist.
+Allerdings — den Vortrag dürfen Sie nicht halten. Treten Sie heut' Abend
+öffentlich auf, ist der Graf entschlossen, sich unweigerlich von Ihnen
+loszusagen, und dies auch öffentlich bekannt zu geben! Ich bitte, daß
+Sie darin nachgeben, ja, ich beschwöre Sie, teure Imgjor, bringen Sie
+Ihrer Familie zu Liebe dieses Opfer!“
+
+Zunächst gab Imgjor keine Antwort, es war ihr vorerst Bedürfnis, mit
+Curbière über den Tod seines Vaters zu sprechen. Sie ließ sich
+ausführlich von ihm erzählen, hörte aufmerksam zu und drückte ihm voll
+Teilnahme die Hand, als ihn zuletzt eine weiche Stimmung ergriff, als er
+in bewegten Worten betonte, daß er mit dessen Tode das bisher Beste auf
+der Welt verloren habe, was er sein eigen genannt hätte.
+
+„Sie haben Lucile dafür gefunden, lieber Armand! So war das Schicksal
+schon vorher mitleidig für Sie bedacht, Ihnen für das, was es Ihnen
+nehmen mußte, einen Ersatz zu gewähren.“
+
+Curbière bewegte stumm das Haupt, dann sah er Imgjor mit einem tiefem,
+alle seine Gedanken und Sinne auf sie richtenden Blick an und sprach ein
+kurzes, zerstreutes: „Gewiß — allerdings!“
+
+„Ich habe Ihnen noch eine Antwort zu geben,“ lenkte Imgjor rasch und
+umsichtig ab. „Den Vortrag werde ich nicht halten; man hat mich
+unerwartet meines Wortes entbunden. Also beruhigen Sie meinen Vater!
+Aber, lieber Freund, ich werde auch keine Lavard wieder werden. Es sei
+denn —“
+
+„Nun, Imgjor?“ Curbière sprach's gespannt.
+
+„Daß ich allem entsage, und für immer nach Rankholm zurückkehre. Und
+eben das vermag ich nicht, so sehr ich meine Pflegeeltern zu verehren
+Anlaß habe, und so sehr ich es liebe und mich nach jedem Plätzchen
+sehne, wo ich als Kind glücklich war. Ich kann eben nicht im Ueberfluß
+und ich kann nicht ohne Hingabe an meine Mitmenschen leben!“
+
+„Wollen Sie denn in Kopenhagen bleiben, Imgjor?“
+
+„Nein — hier haben mir Verleumdung und Mißgunst den Aufenthalt unmöglich
+gemacht. Ich wüßte nur einen Ort, wohin ich paßte —“
+
+„Und der wäre?“
+
+„Ich möchte nach Paris. Da, glaube ich, würde ich in Thaten umsetzen
+können, was mir als Ideal vorschwebt. Dort ist der Boden für mich, und
+finde ich solche, die gleich mir denken!“
+
+Im ersten Augenblick belebten sich Curbières Augen. Sie sprach mit
+solcher Begeisterung von seiner Vaterstadt, von Paris! Das schmeichelte
+ihm. Aber ebenso rasch gewannen andere Gedanken die Oberhand. Alles war
+verloren, wenn er ihr nicht gerade diese Idee ausredete! Er wußte, daß
+sie dort nicht nur nichts erreichen, sondern sicher untergehen würde. In
+diesem Sinne sprach er auf sie ein. Nachdem er alle ihre Einwendungen
+überzeugend widerlegt hatte, schloß er: „Und wollen Sie uns ein Opfer
+bringen, sich selbst auch Ihrem eigenen Ich zurückgeben, so heiraten Sie
+den Grafen Dehn! Ich verschwieg Ihnen sein Kommen. Er ist gestern
+eingetroffen und kehrt morgen abend mit den Ihrigen nach Rankholm
+zurück. Daß er Sie noch mit der alten Leidenschaft liebt, weiß ich.“
+
+Imgjor hatte mit Leichenblässe im Angesicht die letzten Worte vernommen,
+auch hatten ihre Hände unwillkürlich nach einem Stützpunkt gegriffen. Da
+war nun wieder ein neuer Ansturm auf ihr Inneres, nun kam auch noch
+diese Versuchung!
+
+Aber kurz war nur ihr Kampf. Prestö hatte sie geliebt, weil sie gehofft
+hatte, durch ihn ihre Ideale verwirklichen zu können. Axel Dehn liebte
+sie mit der Stärke jener Liebe, die aus Achtung entspringt. Ein
+lebhaftes Interesse für den Franzosen war in ihr aufgestiegen, weil er
+neben seiner weltmännischen Erziehung wiederholt an den Tag gelegt
+hatte, daß er ein Mann von Verstand und Geist war, und daß er zugleich
+ein edles Herz besaß. Aber Prestö hatte sie inzwischen hassen gelernt,
+Graf Axel Dehn wollte sie nicht lieben — und Curbière gehörte ihrer
+Schwester an! So war alles entschieden. Indem sie Curbière mit einem
+Blick ansah, durch den sie schon voraussandte, daß sie sich nur mit der
+ernsten Seite dieses ernsten Gegenstandes beschäftigte, sagte sie: „Ich
+vermag nicht zu beurteilen, ob Sie den richtigen Weg wählten. Es wäre ja
+auch möglich gewesen, daß Sie durch solche Offenherzigkeit gerade das
+Gegenteil bewirkt hätten! Sie haben mir zu allem, was ich zu tragen
+habe, noch etwas Schweres aufgebürdet. Sie haben aber meine Freundschaft
+angerufen, und das soll nicht umsonst geschehen sein, Armand! Ich
+verzichte darauf, nach Paris zu gehen, aber Ihre Bitte, den Grafen Dehn
+zu heiraten, vermag ich nicht zu erfüllen. Ich werde nie heiraten, weder
+ihn, noch einen anderen!“
+
+Bei diesen Worten sah sie ihn mit einem so unbeugsamen Ausdruck an, daß
+der Mann fernere Versuche, sie umzustimmen, ausgab. Noch einen
+Händedruck tauschten sie beide mit den Gedanken reiner Seelen. Dann ging
+er. Sie aber sank, während das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe
+verklang, in tiefem innerem Verstummen zurück.
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag bestieg Imgjor einen Tramwaywagen und begab sich nach der
+Wohnung der alten Frau Ohlsen. Es war ihr, dort angekommen, schon
+auffallend, daß sie eine Anzahl Frauen und Männer, lebhaft sprechend,
+auf dem Hofe fand, und sie erschrak nicht wenig, als ihr auf ihre Frage,
+ob etwas geschehen sei, erwidert wurde, daß den Alten in der Frühe der
+Schlag gerührt habe.
+
+Durch Zufall habe man es entdeckt, habe auch die Alte davon Kenntnis
+erhalten. Sie habe geglaubt, daß er schon fortgegangen sei, als sie
+einen schweren Fall in der Küche gehört. Imgjors erster Gedanke bei
+diesem Unglück war die Ueberlegung, was jetzt als der hilflosen Witwe
+werden solle. Nun waren ihr durch diesen Tod die Neben-Hilfsmittel zum
+Leben ganz entzogen. Und von dieser Erwägung richteten sich ihre
+Vorstellungen auf das Nächstliegende. Der Mann mußte beerdigt werden.
+Sie gab einem zu solchen Zwecke von ihr bezahlten Mann Auftrag, sich
+sogleich fortzubegeben, um eine Leichenwäscherin zu bestellen und einen
+Tischler zur Anmessung des Sarges herbeizurufen. Und nachdem das
+geschehen war, trat sie zu der Alten, sprach sanfte Trostworte und
+erklärte ihr möglichst schonend, daß sie nunmehr in das Armenfrauenhaus
+übersiedeln müsse. Auch eröffnete sie ihr, daß sie, Imgjor, demnächst
+Kopenhagen verlassen würde und persönlich in keiner Weise mehr für sie
+zu sorgen im stande sei.
+
+Und die Blinde beugte das Haupt wie unter einem Schlage, während Thränen
+aus ihren lichtlosen Augen tropften. Noch begab sich Imgjor dann in die
+Küche um nach dem Toten zu sehen. Freilich, was sich ihr bot, war
+erschütternd. Kalt, steif und unbeweglich lag der alte Mann auf dem
+Fußboden. Ihn zu betten, war erforderlich. Und solches veranlaßte Imgjor
+durch die Nachbarn, und nachdem auch das geschehen, erklärte sie der
+alten Frau, ihr für die nächsten Tage eine Hilfe schicken zu wollen. Sie
+beschloß, ihr Gebine zu senden. Auch ihre Ueberführung in das
+Armenfrauenhaus zu betreiben, versprach sie ihr nochmals, und nachdem
+die Alte dazu mit tief gerührten Gefühlen genickt, nahm Imgjor von ihr
+Abschied.
+
+„Adieu, Adieu, Frau Ohlsen! Tragen Sie, was Gott Ihnen schickte, mit
+Geduld! Viele haben es noch weit schwerer —“
+
+Und die Alte nickte abermals, während sie Imgjors Hände mit ihren
+mageren Fingern fest umklammerte.
+
+„Gott segne Sie, Komtesse!“ schluchzte sie. „Ich werde immer an Sie
+denken, und noch mit meinem letzten Atemzuge werde ich Segen auf Sie,
+als einen menschlichen Engel, herabflehen!“
+
+Imgjors Augen wurden naß. Alle Mühsalen, aller Undank waren vergessen,
+den sie von anderen erfahren hatte, um dieser einen willen, in deren
+geprüftem Herzen noch Gottvertrauen, noch edle Empfindungen, noch
+Dankgefühle Platz hatten. Dann, mit einem letzten Händedruck, sagte sie:
+„Geld und mein Mädchen werde ich Ihnen schicken. So ist für alles
+gesorgt. Adieu! Adieu! Gott schütze Sie, meine gute Alte!“
+
+Und: „Adieu! Adieu!“ schluchzte die Alte, aus derem verdunkeltem Dasein
+mit Imgjor der letzte matte Lichtschimmer schwand.
+
+Imgjor aber richtete, hinaustretend, das Auge nach oben. Sie fand sich
+mit ihrem immer wieder vertrauenden Herzen und mit ihrem heißen Drange
+nach Liebesthaten von neuem gehoben. Es gab doch noch Empfängliche, doch
+noch Dankbare. So überlegte sie abermals.
+
+Nachdem sich Imgjor eben abends in ihrem Wohngemach eingerichtet hatte,
+wurde an der Klingel gezogen, und Doktor Kropp erschien, um
+verabredetermaßen über seinen Besuch bei Kollund Bericht abzustatten.
+Und Imgjor trat ihm mit nicht geringer Spannung entgegen und that schon,
+bevor er noch Platz genommen, eine Frage nach dem Ergebnis.
+
+„Anfangs wies er meine Forderung auf einen Verzicht schroff zurück,“
+entgegnete der Doktor, Platz nehmend. „Er wolle,“ erklärte er, „mit
+Ihnen selbst reden und Sie an Ihr gegebenes Wort erinnern. Dieselben
+Unwahrheiten, die er gegen Sie vorgebracht hatte, erneuerte er; er nahm
+den Mund sogar noch voller. Erst als ich erklärte, daß ich in einer der
+Kopenhagener Zeitungen veröffentlichen würde, welchen Charakter die
+Forderungen hätten, die er an Sie, gnädigste Komtesse, in dieser
+Angelegenheit gestellt habe, gab er, sich krümmend, nach. Aber eine Flut
+von Anschuldigungen folgte sowohl gegen Sie, wie gegen mich, bevor ich
+ihm, nach einer nochmaligen, gründlichen Abfertigung den Rücken kehrte.“
+
+„Ah — also wirklich!“ stieß Imgjor, von tiefem Abscheu ergriffen,
+heraus. Dann reichte sie Kropp bewegt die Hand, sprach ihm ihren Dank
+aus und händigte ihm die Summe ein, die er Kollund bezahlt hatte. Zum
+Schluß bat sie ihn, noch so lange zu verweilen, bis sie ihm eine Tasse
+Thee bereitet habe. Sie umging es, daß er sie sonst noch sprechen
+wollte, weil ihr Zeit und Ort doch nicht geeignet schienen. Im Grunde
+hoffte sie, daß er ihre Aufforderung ablehnen werde. Aber er, der
+überhaupt keine anderen Gedanken hatte als sie, der überdies nichts
+erwarten konnte zu erfahren, durch welche Umstände sie ihres Reichtums
+und ihres Namens verlustig gegangen war, stimmte dankend zu, und saß
+noch neben ihr, als schon die Uhr vom Kirchturm die zehnte Stunde
+verkündet hatte. Dann aber drängte sie ihn selbst zum Gehen, und als er
+dann noch eine mitleidige Frage that, was sie denn nun beginnen, wohin
+sie sich wenden wolle, sagte sie: „Eine Woche brauche ich beinah' noch,
+um hier alles zu ordnen, um auch von denen Abschied zu nehmen, die mir
+im Laufe dieser Jahre näher getreten sind. Dann will ich irgendwo eine
+Stelle als Schwester in einem Krankenhause im Norden oder auch im
+südlichen Deutschland suchen. Was dann später geschieht, müssen Zeit und
+Gelegenheit lehren. Immer hoffe ich noch, daß ich Gleichgesinnte,
+Ehrliche und zugleich Begüterte finde, die sich mit mir zur
+Verwirklichung von Reformen im Großen verbinden. Die Mißerfolge, die
+traurigen Erfahrungen, die mir unter den Armen wurden, dürfen mich nicht
+abschrecken. Auch in meinen Kreisen giebt's wertvolle und minderwertige
+Personen. Ist die Masse auch roh, so ist sie doch bildungsfähig. Man muß
+sie nur auf den rechten Weg leiten.“
+
+„Können Sie sich denn nicht vorstellen, daß es auch fruchtbringend ist,
+im Kleinen zu wirken, gnädigste Komtesse?“ wandte Kropp vermittelnd ein.
+
+„Gewiß, Herr Doktor! Auf Rankholm, der großen Besitzung meines Vaters,
+suchte ich den Armen und Leidenden ein hilfreicher Freund zu sein. Aber
+dort war es das Wohlleben in der Familie, der Luxus, der mich umgab, die
+mich anwiderten. Auch andere Verhältnisse trieben mich fort, und nun —
+ich erzählte Ihnen ja alles — hat sich ja überhaupt die Trennung
+zwischen mir und den Meinigen vollzogen. Ich muß mich jetzt treiben
+lassen — mir bleibt keine Wahl.“
+
+„Doch, doch, Komtesse! — Es giebt sehr viele, die namenlos glücklich
+sein würden, wenn sie ihr Schicksal mit dem Ihrigen verbinden dürften!
+Auch ich gehöre zu ihnen —“ schloß Kropp feurig und einen liebewarmen
+Blick auf Imgjor richtend. „Ich liebte Sie von dem ersten Augenblick an,
+Komtesse! Ihre Stellung, Ihr Ansehen, Ihr Name ließen mich verschweigen,
+was ich für Sie empfand. Wie konnte, durfte ich wagen, um die Hand einer
+Gräfin Lavard zu werben? Heute aber, wo Sie sich selbst zu
+meinesgleichen gemacht, fasse ich den Mut, zu sagen: Werden Sie mein!
+Lassen Sie uns zusammen einen Ort suchen, wo wir uns und der
+Allgemeinheit leben, wo wir in bescheidenerer und guter Weise das zum
+Ausdruck bringen können, was Sie edelmütig anheben. Sie haben mich
+kennen gelernt. Sie wissen, daß ich nicht zu den Wortmachern gehöre, daß
+ich Vernünftiges redlich erstrebe. So bin ich Ihrer vielleicht nicht
+unwert, so darf ich vielleicht hoffen, daß ich auch Ihnen nicht ganz
+gleichgiltig bin —“
+
+„Nein, Sie sind mir nicht gleichgiltig, ich achte Sie hoch, lieber Herr
+Doktor!“ fiel ihm Imgjor, die erst mit gesenkten Wimpern, dann sich mit
+offenen Augen ihm zugewendet und zugehört hatte, in die Rede. „Aber ich
+kann — so schmerzlich mir diese Antwort ist — die Ihrige nicht werden.
+Ich will überhaupt nicht heiraten. Ich liebte einmal und wurde
+grenzenlos betrogen. Da that ich einen Schwur, einem Manne niemals
+wieder die Hand zum Bunde zu bieten.“
+
+„Ist nicht aber das Leben da, um aus ihm zu lernen, Komtesse? Lehrten
+Sie nicht Ihre Erfahrungen, wie hohl die große Masse ist, wie wenig
+glücklich eine Beschäftigung mit ihr macht, wie nur ein treues Streben
+im kleineren Kreise beglückt — und lehrt es nicht, daß das eben auch das
+Richtige ist? Wer herrschen, reformieren will, braucht Macht und zehnmal
+Macht, durch die er allein die Massen zu bezwingen vermag. Und wiederum:
+Wenn Sie in die Weltgeschichte blicken, wie wenige konnten diese Stärke
+und Fülle richtig anwenden, und wie Geringes haben sie, waren ihre
+Absichten noch so ehrlich, erreicht! Sie besitzen diese Macht schon
+deshalb nicht, weil Sie über keine Mittel mehr verfügen, Komtesse!
+Lassen Sie ab von dem Greifen nach Sternen! Wo immer sich in engeren
+Kreisen die Menschen zu Liebeswerken zusammenthun, da wird's etwas. Aus
+diesem Wirken resultieren die großen Errungenschaften der Humanität, die
+praktischen Ergebnisse eines richtig verstandenen Christentums! Und noch
+ein anderer Gesichtspunkt! Will nicht jeder glücklich sein, so lange ihm
+ein Dasein beschieden? Befriedigt Sie denn wirklich dieses Aufgehen ins
+Allgemeine? Was haben Sie erreicht? Man spottet Ihrer als einer
+Ueberspannten! Keiner dankt's Ihnen! Wo die Fähigkeit vorhanden wäre,
+den Wert Ihrer Bestrebungen zu erkennen, macht sich der Neid breit,
+sicher die Oberflächlichkeit, die schon deshalb die Dinge verurteilt,
+weil sie selbst keinen Geschmack daran findet, oder sie zu untersuchen
+zu träge ist. Habe ich nicht recht, Komtesse?“ schloß Kropp, als Imgjor
+nichts erwiderte, als sie, in tiefes Nachdenken versunken, vor sich
+hinstarrte. Sie kämpfte, wie neuerdings schon wiederholt. Für Sekunden
+flog's ihr durch den Sinn, daß er die Wahrheit getroffen, und daß er der
+Mann sei, durch den sie sich und andere glücklich machen könne. Aber wie
+kleine Einwirkungen häufig ein schon hoch aufgerichtetes Gebäude zum
+Fallen bringen können, so war's hier. Als ihr Blick während des Sinnens
+auf ihren Schreibtisch und dabei auf ein Bild von Rankholm fiel, trat
+ihr plötzlich alles dort Geschehene und trat ihr auch wieder Graf Axel
+Dehn ins Gedächtnis. Und das entschied. Da sie diesem ein „Nein“ gesagt,
+wollte, durfte sie auch Kropp kein Jawort geben. So lehnte sie abermals
+ab, und so schied mit ihm wieder ein Freund und ein Mann aus ihrem
+Leben, der ihr von Herzen zugethan war und der es gut mit ihr meinte.
+
+ * * * * *
+
+Im Rankholmer Palais hielt man Familienrat und dessen Gegenstand war,
+wie so oft, Imgjor.
+
+Nur ein Mittel gab's, von dessen Anwendung Lucile und die Gräfin noch
+etwas erwarteten. Sie schöpften aus dem Umstande, daß in dem damaligen
+Gespräch der Geschwister in Rankholm ohne Zweifel ein starkes Interesse
+Imgjors für Axel zum Ausdruck gelangt war, die Hoffnung, er, Axel, werde
+durch einen klugen Anlauf vielleicht doch noch ihr Herz in einem für ihn
+günstigen Sinne rühren können. Daß in ihm die alten Gefühle nicht
+erloschen seien, hatte er gleich bei der ersten zwischen ihm und den
+Damen stattgefundenen Unterredung erklärt. Er hatte geäußert, daß ihn
+eine grenzenlose Sehnsucht beherrsche, sobald wie möglich in Imgjors
+Nähe zu gelangen. Und dieser Drang hatte sich bis ins Ungemessene
+verstärkt, als Lucile ihm nun auch — alle Bedenken, die sie früher mit
+Rücksicht auf sich selbst abgehalten — eröffnet hatte, was in jener
+Unterhaltung für ihn zu Tage getreten war.
+
+Graf Dehn hatte die Neigung der Familie, den Aufenthalt in Kopenhagen
+noch um etwas zu verlängern, mit allen Mitteln zu befestigen und durch
+Unterredungen mit dem Grafen auch dessen Widerstand gegen seine
+Pflegetochter wesentlich zu mildern gewußt. Er hatte in förmlicher Weise
+um Imgjors Hand bei dem Grafen angehalten und von ihm die Erlaubnis
+erwirkt, nach seinem Ermessen die Schritte zu thun.
+
+Zunächst verabredete er mit Lucile, die sich seinen Plänen mit
+liebenswürdigem Eifer widmete, die nun, nachdem ihr Herz durch einen
+anderen Mann, den sie hingebend liebte, ausgefüllt war — alle Bedenken
+und eifersüchtigen Regungen abgestreift hatte, daß sie Imgjor sogleich
+besuchen und ihr unter besonderer Begründung die Bitte vorlegen solle,
+Axel empfangen zu wollen. Lucile ging auch sogleich ans Werk.
+
+Sie ließ sich, vorher noch einige die Trauer angehende Besorgungen
+erledigend, in der Lavardschen Equipage nach Imgjors Wohnung fahren und
+fand ihre Schwester in der vordem erwähnten Gemütsverfinsterung an ihrem
+Arbeitstisch.
+
+Als die durch Gebines Anmeldung aus ihrem dumpfen Sinnen
+Emporschreckende Lucile vor sich sah, legte sie die Feder rasch und
+verlegen bei Seite, auch schob sie ihr Tagebuch, in das sie etwas
+hineingeschrieben, unter andere Papiere. Freilich erlitt der Schwertern
+Begegnung sogleich wieder eine Unterbrechung. Man schickte nach Imgjor,
+und diese eilte unter sanftem Ausdruck ihrer Schwerer Zustimmung
+erbittend, über die Straße an das Krankenbett einer armen Frau.
+
+Und weil Imgjor ein längere Weile fortblieb, griff Lucile nach einem auf
+dem Tisch liegenden Buch und fand in diesem einige von Imgjors Hand
+herrührende, offenbar für das Tagebuch bestimmte, zufällig hier
+hineingeratene Niederschriften, die ihr Interesse fesselten. Sie
+lauteten: „Eine einzige That des Edelmuts und eine einzige
+Unvorsichtigkeit sind genügend, um einem Menschen für immer bei der
+Menge den Stempel seines Wertes oder seines Unwertes aufzudrücken.
+Vielleicht verdienten sie beides nicht. Zu allem gehört Glück, aber auch
+dazu, für etwas anderes zu gelten, als man ist.“
+
+Und noch eine Betrachtung hatte Imgjor auf die andere Seite geschrieben,
+die Lucile las, bevor ihre Schwester wieder ins Zimmer trat: „Gehemmte
+Liebe gleicht einem vergeblich nach einer Flamme ringendem Feuer. Wie
+dort unter kämpfendem Rauch, unheimlichem Schwelen und Qualmen der
+Gegenstand zu Asche verglimmt, so hier allmählich unter dumpfen Qualen
+die Seele.“
+
+Gleich darauf trat Imgjor wieder ins Gemach.
+
+„Ich komme,“ hub Lucile an und richtete einen liebenswürdigen Blick auf
+ihre Schwester, „um dich um etwas zu bitten: Graf Dehn möchte dich
+sprechen! Er beruft sich darauf, daß du ihm einst eine Unterredung
+zugefügt habest, und daß er, da er von diese keinen Gebrauch gemacht,
+noch Anrechte auf deine Zuvorkommenheit besitze. Wann willst du ihn
+empfangen, liebe Imgjor?“
+
+Zunächst fuhr Imgjor zusammen, und ihre Wangen verfärbten sich. Wie von
+einer schweren Denklast bedruckt, senkten sich ihre Augenlider, und die
+Finger griffen, unter dem Druck der Erregung, in die Handflächen.
+
+„Wann wünscht Graf Dehn die Unterredung?“ warf sie tonlos hin. „Und wo?“
+
+„Nun — bei dir — oder besser — bei uns!“
+
+Imgjor schüttelte den Kopf.
+
+„Was habe ich noch bei Euch zu thun, Lucile? Wir haben uns doch für alle
+Zeiten auseinandergesetzt.“
+
+„Nur du hast es Imgjor! Nachdem du von deinem Eigensinn, öffentlich zu
+sprechen, Abstand genommen, ist Papa wieder versöhnlich gestimmt. Du
+wirst ihm sogar ganz die Alte sein, wenn —“
+
+„Ja, ich weiß: Wenn ich allem — allem entsage! — Ach, Lucile —“ setzte
+das seelisch tief bedrückte, junge Mädchen an, brach in Schluchzen aus
+und fiel, wie damals in Rankholm, von ihren Gefühlen übermannt, neben
+ihrer Schwester nieder. Und hier blieb sie liegen, und erst als Lucile
+mit rührender Güte immer von neuem auf sie einsprach, erhob sie sich und
+fand wieder Halt und Fähigkeit zum Sprechen.
+
+„Du zeihst mich des Mangels an Liebe zu Euch!“ stieß Imgjor heraus,
+hielt in der Beklemmung den Atem an und ließ ihn dann langsam wieder der
+Brust entweichen.
+
+„Und doch schwöre ich dir, daß ich Euch allen die die größten Opfer
+bringen würde, die ein Mensch zu bieten vermag, daß ich Euch über alles
+liebe! Wie viele Nächte habe ich durchgeweint, daß ich so beschaffen,
+daß ich nicht bin, wie Ihr wünscht! Ach, könnte ich diesen Drang nach
+Höherem, Befreiendem, könnte ich dies Allgemeingefühl für meine
+Schwestern und Brüder in der Welt aus meiner Brust reißen, mich, wie
+andere, in engeren Grenzen glücklich fühlen, dort für meine Art volle
+Befriedigung finden, ich würde Gott auf den Knieen danken! In solchem
+Sinne — ich bitte — Lucile — fasse mein Naturell auf und so mühe dich,
+den Eltern immer wieder mein Wesen zu erklären. Denket, daß der Schöpfer
+_Euch_ so erschaffen hätte! Dann werdet Ihr mich leichter begreifen.“ —
+
+„Ja — ich will's, meine liebe, arme Imgjor! Aber nun, ich bitte, erteile
+mir eine Antwort für Graf Dehn —“
+
+„Da ich ihm mein Wort gab, will ich es halten, Lucile! Nur weiß ich
+nicht, wo es geschehen kann! Er muß also warten oder hierherkommen. Wann
+wollt Ihr reisen?“
+
+„Die Trauer macht es erforderlich, daß wir wieder nach Rankholm
+übersiedeln. Nur um deinetwillen haben wir unsere Abschiedsvisiten noch
+aufgeschoben. Wir möchten den Kondolenzbesuchen entgehen, mit denen man
+schon beginnt. Auch andere Gründe sprechen dafür, nachdem Curbière
+abgereist ist. Nur Graf Dehn will seinen Aufenthalt noch einige Zeit
+ausdehnen und dann — nach der Lausitz zurückkehren. Er hat die Absicht,
+jetzt das Gut, das ihm sein Onkel vererbt hat, selbst zu übernehmen.“
+
+„Was will er denn noch hier?“ Imgjor sprach's mit ihrer alten
+Schroffheit.
+
+Statt zu antworten, griff Lucile nach dem Schriftstück, das sie in dem
+Buch gefunden, und sagte: „Lasse mich dir als Erwiderung vorlesen, was
+du geschrieben hast, Imgjor!“
+
+Und Lucile las: „Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einer
+Flamme ringenden Feuer. Wie dort unter kämpfendem Schwelen, unheimlichem
+Rauch und Qualmen, der Gegenstand zu Asche verbrennt, so hier unter
+dumpfen Qualen allmählich die — Seele.“
+
+Imgjor schloß erst die Augen. Blässe zog über ihre Wangen. Dann neigte
+sie das Haupt, reichte ihrer Schwester still die Hand und sagte: „Also
+morgen Mittag, Lucile, erwarte ich des Grafen Besuch. Wir werden dann
+für immer einen Abschluß erhalten.“
+
+Lucile sah erschrocken empor. Einen so düsteren Klang hatten die Worte.
+Aber als sie in Imgjors Zügen forschte und dort einen Ausdruck sanfter
+Ergebung begegnete, zerstreuten sich ihre Gedanken.
+
+Noch wenige Sekunden, dann hatten sich beide getrennt.
+
+ * * * * *
+
+In einer herzklopfenden Erregung stieg am folgenden Mittag Graf Dehn zu
+der von Imgjor angesetzten Zeit die Treppe zu deren Wohnung empor. Er
+sah auch gleich die, nach der sein Herz verlangte.
+
+Als er ihre Hand ergriff und sie tiefbewegt an seine Lippen zog, flog
+ein Zittern durch des jungen Mädchens Körper, und zunächst fehlten ihr
+die Worte.
+
+Aber da sie nicht weich werden, da sie diesem Gespräch den Charakter
+nehmen wollte, den Graf Dehn ihm zu geben beabsichtigte, sagte sie mit
+sanfter Unterordnung im Ton:
+
+„Ich bitte Sie inständig, Graf Dehn, mir dieses Wiedersehen nicht zu
+erschweren, mir es vielmehr zu erleichtern! Ich bin durch eine
+Krankenpflege meiner Kräfte so sehr beraubt, daß ich nicht fähig bin —“
+Hier stockte sie, ihre Hände griffen nach der Lehne eines Stuhles und
+fernere Worte versagten.
+
+Und der Mann, tief ergriffen, wollte sie stützen. Aber sie gewann dann
+doch ihre Kraft zurück und sagte, während sie ihn durch eine Bewegung
+ersuchte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, nunmehr fest:
+
+„Ich bitte, sagen Sie mir, was Sie zu mir führt! Ich weiß, die
+Höflichkeit, — die Rücksicht, die man dem Mitglied einer befreundeten
+Familie erweist, in erster Linie. Aber es ist noch etwas anderes. Ich
+entnahm es Luciles Worten. Ich werde Ihnen aufmerksam zuhören und
+glücklich sein, ich versichere Sie, wenn ich Ihnen — falls Sie einen
+Wunsch haben — solchen erfüllen kann! Ich vergaß nie und werde niemals
+vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Ich war damals krank und blind.
+Ich war deshalb namenlos ungerecht gegen Sie, Graf Dehn, obschon meine
+Achtung vor Ihrem Charakter stets dieselbe war. Schon nach der Richtung
+habe ich sehr viel gut zu machen, vielleicht so viel, daß ich die Schuld
+nie abtragen kann. Nehmen Sie dieses Eingeständnis und die Bitte, mir zu
+verzeihen, entgegen! Und nun? Ich höre!“
+
+Nach diesen Worten sprach Graf Dehn in langer Rede, kam zurück auf die
+Vorgänge in Rankholm, erörterte, mit stetem Hinweis auf sie, Imgjor, die
+Gründe, weshalb er sich auf Reisen begeben, erklärte, daß er keinen Tag
+verlebt, ohne ihrer gedacht zu haben, und daß er nun, von Sehnsucht
+getrieben, sie wieder zu sehen, hierher, nach Kopenhagen, gereist sei.
+
+„Ich vermag nur einmal zu lieben, Komtesse. Sie liebte ich seit der
+ersten Begegnung. Ich werde auch nie einem anderen Mädchen mein Herz
+schenken. Das alles wollte ich Ihnen sagen und Sie fragen, ob Sie mir
+nicht ein wenig gut sein könnten! Ich wollte Sie bitten, mir auf meine
+Besitzung zu folgen, um ein Glück zu finden, das in gegenseitiger
+Uebereinstimmung wurzelt und in Thaten der Nächstenliebe einen
+wesentlichen Teil seine Befriedigung findet. In jedem Fall — ich bitte,
+ich beschwöre Sie — entsagen Sie Ihren jetzigen Plänen! Begnügen Sie
+sich mit den Erfahrungen, die Sie einsammelten, die Sie belehrt haben
+müssen, daß nicht wir die Welt regieren können, sondern nur ein Werkzeug
+sind, um in gemessenen Grenzen bei der Ordnung der Dinge mitzuwirken.
+Thuen Sie es auch um Ihren Eltern, die Ihre Rücksicht so sehr verdienen,
+— zu beweisen, daß Sie nicht undankbar sind.
+
+Ihr Pflegevater — es ist ersichtlich — wird sich innerlich und
+körperlich aufreiben, wenn Sie eine mit solchen Ungelegenheiten für Sie
+und die Familie verbundene öffentliche Wirksamkeit fortsetzen. Auch die
+Gräfin leidet unter diesen Verhältnissen mehr, als sie es ausspricht.
+Nur die Furcht, als Stiefmutter parteilich zu erscheinen, hält sie ab,
+sich anders zu geben, und stärker auf Sie, Komtesse, einzuwirken!
+Wahrlich, wir könnten alle von ihr lernen!“
+
+Imgjor hatte aufmerksam zugehört. Nicht einmal war ein abweisender, oder
+spröder Ausdruck in ihre Züge getreten. Sie hatte seine Worte mit einer
+Miene aufgenommen, als ob ein Freund ihr von seinen Leiden erzähle,
+sanft sinnend und denkend, wie sie sich dazu verhalten solle.
+
+Sie streckte ihm auch mit einem rührenden Blick die Hand hin, drückte
+die seinige fest, und sagte:
+
+„Ich wußte, Graf Dehn, daß Sie gerade so sprechen würden. Deshalb wird
+es mir leicht, Ihnen gleich und ruhig zu antworten. In erster Linie
+nochmals Dank! Wenn die Achtung von Ihrer Person sich noch erhöhen
+könnte — ich spreche nicht von einer Zuneigung in anderem Sinne, und Sie
+werden gleich verstehen, aus welchen Gründen ich es unterlassen muß — so
+hätten Sie Ihren Worten keinen Inhalt erteilen können, der meine
+Empfindungen für Sie stärker zu erhöhen imstande gewesen wäre! Meine
+Antwort aber lautet: Ich will noch einen Versuch machen, mich auf eigene
+Füße zu stellen. Gelingt er, muß ich mir selbst treu bleiben. Ich kann
+nicht anders. Verzeihen Sie mir. Mein Entschluß ist unbeugsam!“
+
+Und er fügte sich auf ihre Rede, obschon sie ihm schier das Herz
+zermalmte. Und dann sprach er: „Wohlan denn! Ich habe dann nur den
+innigen Wunsch, daß sich verwirklichen wird, was Sie soeben
+ausgesprochen haben! Mögen Sie einen Wirkungskreis finden, der Sie
+befriedigt, der Sie wahrhaft glücklich macht! Leben Sie wohl — Komtesse
+— Imgjor — Imgjor — teure Imgjor“ —
+
+Und dann geschah doch etwas.
+
+Sie brach in Thränen aus, und er zog sie an sich, und einen Augenblick
+lag sie ohne ihren Willen an seiner Brust. Und dann, zum Bewußtsein
+zurückgekehrt, machte sie sich hastig los und bat sanft, aber fest im
+Ton: „Gehen Sie! Ich bitte! Gehen Sie!“
+
+Noch einen letzten, tief verinnerlichten Blick gönnte sie ihm, dann that
+er, wie sie wünschte.
+
+Nachdem er aber gegangen war, sank sie in ihren Sessel zurück und
+überdachte voll schwerer Wehmut, was geschehen war. Eines fiel ihr bei
+der Betrachtung besonders beklemmend auf die Seele, obgleich sie gerade
+das als nebensächlich hinzustellen, sich zwingen wollte.
+
+Sie war demnächst ohne Mittel zum Leben! Der Graf hatte — vielleicht, um
+sie dadurch eher gefügig zu machen — die sonst am ersten des Monats ihr
+stets überwiesene Summe nicht mehr gesandt. Sie hatte ja deren Empfang
+auch abgelehnt. Sie konnte ihm nicht einmal einen Vorwurf machen! Ihre
+Pretiosen und ihre seidenen Gewänder zu verkaufen, widerstrebte ihr,
+weil sie fürchtete, sich dadurch bloßzustellen. Und wenn beides dahin
+war, so nannte sie nichts mehr ihr Eigentum! Die Sorge schuf bereits
+Vorsicht und Ueberlegungen, die ihr früher fremd gewesen waren. Die
+Begräbniskosten für den Mann der alten Ohlsen, die inzwischen durch
+Imgjors Bemühungen in einem Frauenarmenhaus untergebracht worden war,
+hatten das Geringe, was sie noch besaß, bis auf ganz weniges
+geschmälert, und die Bank mußte überdies noch befriedigt werden.
+
+Täglich kamen, wie bisher, Listen mit Aufforderungen zur Beihilfe für
+gute Zwecke.
+
+Konnte sie die jetzt abweisen? Sie vermochte es nicht; es widersprach
+ihrem stets auf Geben bedachten Herzen.
+
+Auch die Miete für die Wohnung war noch zu berichtigen. Man forderte
+Steuern von ihr.
+
+Der Tag und die Stunde waren abzusehen, wo sie zuletzt vor dem — nichts
+stand! Eine angstvolle Unruhe überkam sie. Man würde sie am Ende auch
+noch in anderer Weise falsch beurteilen! Die Zeitungen würden gar
+verkünden, sie habe wegen Schulden Kopenhagen verlassen. So sei sie
+eigentlich nichts anderes als eine, die habe von sich reden machen
+wollen!
+
+Und eben diese Lebenssorgen drängten zum erstenmal die Gedanken an die
+Ideale, die ihre Brust noch eben wieder erfüllten und deren
+Verwirklichung sie erstreben zu wollen, erklärt hatte, völlig zurück!
+Der Trieb der Selbsterhaltung gelangte zu seinem Recht. Sie erkannte
+plötzlich, welchen Wert der Besitz, welchen Wert das Geld hatte, und wie
+früher flüchtig, so stellten sich jetzt dauernde Vergleiche ein zwischen
+dem Gewesenen, und dem, was ihr geworden! Aber nicht genug mit diesem
+Ansturm auf ihr Inneres: Graf Dehn war wieder da! Und sie hatte ihn,
+obschon sie ihn liebte mit der ganzen Kraft ihrer Seele, für immer von
+sich gestoßen!
+
+Eine grenzenlose Reue überkam sie. Nur ihr Stolz regte sich noch.
+
+Mit welchem Selbstgefühl hatte sie geredet! Wie an einer Mauer waren
+alle seine verständigen, rührenden, flehenden Bitten zerschellt. Und wie
+schwach war doch der Faden gewesen, an dem ihre Festigkeit gehangen!
+
+Jedes Menschenherz war — so überlegte Imgjor — zu rühren, wenn nur der
+Rechte kam und es richtig angesprochen wurde.
+
+Nun sehnte sie sich fort, nun kamen ihr doch die Erinnerungen an
+Rankholm.
+
+Rankholm! Rankholm! Das war das Paradies ihrer Jugend! — Eine namenlose
+Sehnsucht ergriff ihr Inneres jetzt. Erst nach einem todestraurigen
+Sinnen raffte sie sich empor, fand sie die alte Kraft ihrer Seele, ihr
+Pflichtgefühl und ihren opferfreudigen Sinn zurück, und trat mit der
+gewohnten Selbstlosigkeit an das Bett ihrer Kranken. — — —
+
+ * * * * *
+
+Am folgenden morgen empfingen Imgjors immer sich in gleicher Richtung
+bewegenden Gedanken durch den Inhalt eines mit der Post eingegangenen
+Briefes eine Ablenkung.
+
+Eine Dame der vornehmen Gesellschaft, eine Baronin von Kliff, mit der
+Imgjor wiederholt bei Bestrebungen für wohlthätige Zwecke in Berührung
+gelangt war, bat sie in sehr dringender Weise, sich um die Mittagszeit
+in ihrem Palais einfinden zu wollen, um dort einer Sitzung zu Zwecken
+der Begründung eines dänischen Mädchenheims beizuwohnen. In diesem
+sollten der Schule entwachsene, junge, weibliche Personen zu
+Dienstmädchen herangebildet, es sollte ihnen in allem Unterricht erteilt
+werden, was für Küche und Hauswesen erforderlich war. Auch Handarbeit
+und Schneidern wollte man sie lehren und insbesondere auch moralisch auf
+sie einzuwirken suchen.
+
+Die Baronin beabsichtigte durch dieses Heim denen die Hand zu bieten,
+welche infolge ihrer mangelhaften Ausbildung keine Beschäftigung finden
+konnten und deshalb der Gefahr ausgesetzt waren, sittlich zu verkommen.
+Und gerade deshalb ward Imgjors Interesse auf's lebhaftere angefacht.
+
+Im Palais traf sie die Damen, mit denen sie während der
+Jahre ihres Aufenthaltes in der Residenz wiederholt in
+Wohlthätigkeitsangelegenheiten zusammengetroffen war, fast sämtlich
+beisammen, wich deren ihre Person betreffenden Fragen möglich aus, nahm
+aber größten Anteil an den Verhandlungen und trat, etwa drei Stunden
+später, reichlich erschöpft, und sich schon vor dem Palais von den
+übrigen trennend, den Rückweg an.
+
+Als Imgjor die Ecke der Tordenskoldsstraße passierte, drang aus einem
+offenen Schusterkeller ein jammervolles Schreien hervor, und als sie,
+mitleidig beunruhigt, nachforschte, sah sie unten einen Menschen, der in
+unbarmherziger Wut eine zu Boden geworfene Frau mit einem Lederriemen
+prügelte.
+
+In Sekundenschnelle wechselte nun die Scenerie. Imgjor sprang
+blitzschnell die Treppe hinab, riß mit kühn erfolgreichem Ruck den Mann
+zur Seite, befreite dadurch die Frau und schleuderte dem rohen Peiniger
+entrüstete Worte entgegen: Ob er sich nicht schäme, sich so gegen die
+Schwächere und Wehrlose zu vergehen?
+
+Aber alles kam anders, als sie es erwartet hatte. Da durch ihr
+Eingreifen das ohnehin neugierig zusammengelaufene Volk draußen sich
+noch zudringlicher geberdete und, dicht gedrängt, den Erfolg
+beobachtete, ergriff das Weib plötzlich ein weit größerer Ingrimm gegen
+jene draußen und gegen Imgjor, denn gegen den Mann.
+
+Statt „Grevinde“ durch Haltung und Worte Dank an den Tag zu legen,
+reckte sie sich zornsprühend empor, fragte, ob es sie etwas angehe, wenn
+sie sich von ihrem Mann prügeln lassen wolle und unterstützte diese
+herausfordernden Worte durch eine auf die offene Thür gerichtete Geste,
+welcher der dadurch versöhnte Hausherr sich beeilte, noch einen
+besonderen, fast thätlichen Nachdruck, zu verleihen.
+
+Als Imgjor infolgedessen die Treppe hinauf flüchtete, stieß sie auf
+diejenigen Personen, welche zur besseren Beobachtung des interessanten
+Schauspiels bereits einen Teil der Treppenstufen besetzt hatten. Und
+während das geschah und die Ehegatten, zur völligen Abwehr gegen die
+Leute draußen, die Thür verrammelten, drängten die hinteren Reihen des
+Mobs nach vorn und die der Thür zunächst Stehenden rückwärts. Und
+dadurch kam Imgjor zu Fall und erlitt durch Drängen, Stoßen und Treten,
+trotz ihrer Weh- und Abwehrrufe, so schwere Verletzungen, daß sie nach
+Räumung der Treppe durch die Polizei wie tot hinweg getragen wurde. Mit
+noch anderen Verwundeten ward sie nach dem Hospital des Doktor Stede
+geschafft, und eine halbe Stunde später stand mit tief bedenklicher
+Miene an ihrem eigenen Krankenlager derselbe Mann, mit dem sie so oft an
+das Bett der Leidenden und Sterbenden getreten war.
+
+ * * * * *
+
+Der Herbst, der wundervolle nordische Herbst, war seit Wochen
+erschienen, und mit seinen stahlhellen Lüften, seiner Farbenpracht in
+den Wäldern, seinem scharfen Erdgeruch und seinen unvergleichlichen
+Abendsonnenniedergängen auch in Rankholm eingezogen.
+
+Wenn sich in der Frühe die ersten Lichtströme über die Erde ergossen,
+schwammen Schloß, Park und Gärten in einem blauseidenen Dunst. Wenn aber
+der Kampf zwischen der siegreichen Himmelskönigin und den zarten Nebeln
+durch ein plötzliches Oeffnen aller goldenes Licht bergenden Portale
+entschieden war, dann lagen Rankholm und Kneedeholm in einem Sonnenbade
+von solcher unermeßlicher Schönheit, daß die Gegend alle Reize der drei
+Jahreszeiten: die grüne Pracht des lebensprühenden Frühlings, die Fülle
+des blütenschweren Sommers und die krystallhelle Klarheit des
+farbenleuchtenden Herbstes in sich zu bergen schien.
+
+Und alles war wie ehedem.
+
+In ihrem mit all den herrlichen Dingen angefüllten Kabinett ruhte bei
+geöffnetem Fenster auf dem Sofa die Gräfin Lavard und las in einem Buch.
+In seinem geräumigen Arbeitsgemach war, wie sonst, der Graf eifrig mit
+seinen Beamten beschäftigt, Lucile hielt sich, an Curbière schreibend,
+in ihren Gemächern auf, und wie immer webten in dem, von Epheu umrankten
+Mauern eingeschlossenen Schloßhof jene sanften Hausgeister, die von dem
+Streit und Getümmel draußen in der Welt nichts wußten.
+
+Auch Graf Dehns schlanke Gestalt tauchte, wie damals, in den Wegen des
+Parkes auf, und nun eben richtete er die Schritte dem Schloßdurchgang
+zu, trat ins Innere, begab sich in seine Zimmer, und von dort, nach
+Ordnung seiner Toilette, zu der Gräfin.
+
+Einige freie Stunden lagen vor ihnen, und sie wollte die Gräfin heute
+benutzen, um Axel einen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen.
+Sie wollte, daß es geschah, bevor Imgjor kam, die nach einer langen,
+schweren Krankheit so viel Kräfte zurückgewonnen hatte, daß sie in
+Begleitung des Doktor Stede eine Reise nach Rankholm zu unternehmen
+vermochte. Hier wollte sie versuchen, ihre Gesundheit völlig
+zurückzugewinnen.
+
+Stillschweigend war das alte Verhältnis zwischen ihnen wieder
+eingetreten. Solche Not und solche Trübsal, wie sie über Imgjor
+gekommen, — führten von selbst einen Ausgleich herbei.
+
+Wiederholt hatten Lavards an dem Krankenbett Imgjors gestanden, und sie
+hatte ihre Besinnung erst ganz allmählich zurückgewonnen.
+
+„Willst du nach Rankholm kommen, um dich dort ganz zu erholen, Imgjor?
+Papa schickt dir einen herzlichen Gruß und bittet darum —“ hatte Lucile
+eines morgens gesagt, und der Kranken waren die Thränen der Rührung aus
+den Augen gestürzt. —
+
+Nachdem die Gräfin sich zurechtgerückt und einen ihrer gewohnten
+forschenden Blicke auf Graf Dehn geworfen, sagte sie:
+
+„Ich werde mich kurz fassen, Graf Dehn, weit kürzer, als es ursprünglich
+meine Absicht war. Das Wesentlichste: Imgjors Herkunft, wurde Ihnen
+schon durch einen Zufall enthüllt. Ich komme nur auf meine Zusage und
+Ihren Wunsch zurück, weil ich von Ihnen, den ich wie meinen Sohn
+betrachte, so beurteilt werden will, wie ich dazu ein Recht besitze. Ich
+will's aber auch, damit Sie meines Mannes Handlungsweise, richtig
+würdigen.
+
+Endlich spreche ich auch, weil ich die Hoffnung hege, daß Sie diejenigen
+aufklären, denen ich keine Mitteilungen zu geben vermag. Stolz und
+Zartsinn verbieten mir, über solche Dinge mit meinen Töchtern zu reden.
+Es könnte scheinen, als ob ich mich verteidigen wolle.
+
+Zur Einleitung —“ hier zog die Gräfin aus ihrem goldumränderten Nähkorb
+ein kostbar umrahmtes Pastellbild hervor — „betrachten Sie sich dieses
+Porträt. Sie werden dann leichter verstehen, wie mein Mann dazu
+gelangte, sich in Leonie Monier zu verlieben, und welche Kämpfe ich mit
+meinem Ich zu bestehen hatte —“
+
+Graf Dehn griff nach dem Gebotenen und unwillkürlich entglitt seinem
+Munde ein Laut bewundernden Entzückens.
+
+Imgjor wars, aber in noch höherer Vollendung. Ein so süßes, engelhaftes
+Lächeln umspielte den Mund des Bildes, aber auch ein solcher
+schmachtender Glutblick drang aus den Augen, daß man sich von dem
+Anschauen nicht zu trennen vermochte. In ihrem Kostüm erinnerte sie an
+die Watteauschen Rokokobilder. Ein langes Mieder, verziert mit
+Rosenbändern, hob ihre überaus zarte Figur. Um ihren vollendet
+gebildeten, bis zum Ellbogen freien Arm schlang sich ein schwarzer
+Sammetstreifen, und in ihrem hochfrisierten Haar saßen neben Blumen
+kleine blaßblaue Schleifen. Alles aber wurde übertroffen durch die
+Pracht ihrer schneeigen Büste, die blendenden Farben, den durchsichtig
+weißen Schmelz ihrer Zähne und die kleinen, zum Liebkosen geschaffenen
+Hände.
+
+„Nicht wahr? Sie war schön? Man kann etwas gleiches nicht sehen —“ stieß
+die Gräfin in neidloser Bewunderung heraus.
+
+„Und ich kann hinzufügen: sie war wirklich noch schöner. Man lag, wenn
+sie sprach und lächelte, im Bann ihrer bestrickenden Reize, und nicht
+der Tochter eines gascognischen Glasschleifers die sie war, glich sie,
+sondern dem Mitglied einer auf Thronen fixenden Familie.
+
+Aber sie war nicht allein wegen ihrer Schönheit gefährlich, sondern
+ebensosehr wegen des seltsamen Gemisches ihres Wesens. Herzensgüte,
+Trotz, liebenswürdige Naivetät und schlaue Berechnung saßen zugleich in
+ihr und gelangten, den Umständen nach, zum Ausdruck.
+
+Man hätte sie küssen und sie ohrfeigen mögen, einmal wegen ihrer
+bezaubernden Liebenswürdigkeit, und dann wieder wegen ihres kaltherzigen
+Starrsinns.
+
+Doch nun hören Sie, wie alles verlief.
+
+Ich lernte meinen Mann, der damals der französischen Gesandtschaft
+attachiert war, in dem Hause des russischen Fürsten Betzkoy kennen,
+verliebte mich gleich sterblich in ihn und wurde schon nach vier Wochen
+unserer ersten Begegnung seine Braut.
+
+Meine Eltern waren überaus glücklich über diese Verbindung, und meine
+Verwandte, der Vicomte von Choisseuile und seine Frau luden uns zu einem
+mehrwöchentlichen Aufenthalt auf ihrem in der Nähe von Paris
+befindlichen Landsitz ein.
+
+Hier verlebten wir in dem ersten Rausch unserer leidenschaftlichen Liebe
+seelige Tage, durchschweiften zu Wagen und zu Pferde die Umgegend,
+machten oder erneuerten die Bekanntschaft angesehener und interessanter
+Personen, welche sich ebenfalls um diese Zeit auf ihre in dieser Gegend
+belegenen Güter zurückgezogen hatten, fanden aber auch die beste
+Gelegenheit, unsere Charakter zu prüfen, ihnen gegenseitig gerecht zu
+werden, und uns immer mehr ineinander hineinzuleben. Mir wurde klar, daß
+Lavard ein leicht entzündliches Herz besaß, und daß ich infolgedessen
+nicht die erste sei, der er sich genähert.
+
+Er sprach auch mit voller Offenheit über früheres. Er betrachtete mich
+nicht als eine prüde Vestalin, sondern als das, was ich wirklich war:
+ein mit den wirklichen Lebensverhältnissen vertrautes weibliches Wesen,
+das sehr wohl wußte, daß Männer und oft auch Frauen Versuchungen
+unterworfen sind und meist schon etwas erlebt haben, wenn sie an den
+Altar treten.
+
+Als ich eines Tages mit Lavard unter der Linde in dem Garten eines zu
+dem Besitz gehörenden Pachthofes saß, wo wir, nach unserm anstrengenden
+Ritt, eines kleinen Imbisses wartend, plauderten, unterbrach er
+plötzlich das Gesprächsthema, sah mich ungewöhnlich zärtlich an, faßte
+meine Hände und sagte:
+
+„Ich habe eine Bitte an dich, eine große Bitte, Lucile! Willst du sie
+mir gewähren?“
+
+„Gewiß, mein teurer Freund, wenn ich es vermag —“ entgegnete ich ohne
+Besinnen.
+
+„Du sprichst das ja so leicht aus, Lucile! Ich fordere etwas Großes,
+sehr Großes! Es gehört eine opferstarke Liebe dazu!“
+
+„Um so besser vermag ich dir zu beweisen, wie gut ich dir bin, Lavard —
+sprich also — natürlich, ein ritterlicher Mann, wie du, wird von einem
+Mädchen nichts verlangen, was ihren weiblichen Empfindungen
+widerstreitet —“
+
+Ich weiß nicht, wie ich in meiner Entgegnung zu dieser Einschränkung
+gelangte. Jedenfalls hatte sie die Wirkung, daß Lavard trotz meiner
+wiederholten Aufforderungen, nun doch nicht redete.
+
+Und so blieb's, und ich dachte auch schon gar nicht mehr an seinen, wie
+ich angenommen hatte, launenhaften Einfall, als er eines vormittags,
+kurz vor unserer Rückkehr nach Paris, im Park des Schlosses hinter den
+Boskets vor mir niederfiel und mich beschwor, ihm zu gewähren, worum er
+mich ersuchen werde.
+
+Und da er so erregt war, da sein ganzes Wesen eine solche Spannung
+verriet, insbesondere aber, weil es mich drängte, ihm zu beweisen, wie
+sehr ich ihn liebte, sprach ich, ohne vorher zu hören, ein unbedingtes
+ja!
+
+„Was es auch sein mag, Lavard! Ich werde deinen Wunsch erfüllen. Ich
+schwöre es dir!“
+
+Nun schnellte er empor, umfaßte mich mit schmeichelnder Zärtlichkeit,
+zeigte mir dann dieses, eben dieses von Ihnen bewunderte Bild, und
+sagte:
+
+„Diese weibliche Person, Leonie Monier, eine Nähterin der Vorstadt St.
+Antoinne, war vor wenigen Monaten noch das, was du mir heute bist,
+Lucile —
+
+Du begreifst, daß ich mich in sie verlieben konnte! Ich sage, daß ich
+die Beziehungen zu ihr wieder gelöst habe, weil ihr Charakter ein
+Zusammenleben unmöglich macht. Ich würde sie sonst trotz ihres einfachen
+Standes und anderer Umstände vielleicht geheiratet haben.
+
+Es liegen die Dinge nun, wie folgt:
+
+Sie erklärt mir, dann gutwillig ihrer Rechte auf mich sich begeben zu
+wollen, wenn du dich entschließest, sie zu empfangen und ihr eine noch
+zu erörternde bindende Zusicherung zu geben.
+
+Natürlich! Sie vermag nichts gegen mich zu unternehmen.
+
+Mich treibt mein Ich, mich veranlaßt die Erinnerung an die Tage, die ich
+glücklich mit ihr verlebte, aber mich veranlaßt auch ein bestimmter
+Umstand, derselbe, welcher mit ihrer an dich zu richtenden Bitte
+zusammenhängt: alles zu thun, was eine freundliche Lösung unserer
+Beziehungen herbeizuführen vermag!“
+
+„Wohlan, sprich, Lavard. Ich werde hören!“
+
+„Nun denn, Lucile! Leonie Monier ist dieser Tage Mutter eines Kindes
+geworden. Sie verlangt von uns — und deshalb will sie dich sprechen —
+die Auferziehung ihres Kindes und die Sorge für dieses bis zu einem
+gewissen Zeitpunkt. Dann soll's wieder ihr Eigentum sein, oder wir
+sollen ihr's für eine namhafte Summe abkaufen —“
+
+„Ah — ah — welch ein berechnender Handel, und gar mit dem eigenen Kinde!
+Hinter diesen engelhaften Zügen sucht man etwas anderes! Und alles hätte
+ich eher erwartet, als dies. Du erhebst einen Anspruch an mich, zu dem
+eine starke Selbstverleugnung gehört, Lavard. Und was wird sonst noch
+folgen?“ rief ich, meine Erregung nicht verbergend.
+
+Lavard bewegte die Schultern.
+
+„Die Dinge liegen nicht so ungünstig! Sie ist nicht schlecht. Aber
+lassen wir das jetzt, und überlasse auch die Erledigung der materiellen
+Dinge mir, Lucile. Gewähre nur zunächst, warum sie dich bittet —“
+
+Ich zögerte. Dann sagte ich:
+
+„Eines habe ich gewährt, ich versprach die Erfüllung eines Wunsches. Du
+stellst aber jetzt noch andere, sehr weittragende Forderungen an mich.
+
+Du willst gewiß, daß ich dieses Kind, als unseres annehme — es nach
+außen so hinstelle —“
+
+„Ja, Lucile! Wir gehen für die Zeit eines Jahres oder länger auf
+Reisen. Wenn wir zurückkehren, erklären wir, daß wir unterwegs dies Kind
+gefunden und in unsere Obhut genommen haben, daß Mitleid unsere
+Triebfeder war — für alles übrige wollen wir die Zeit sorgen lassen.“
+
+„Warum stellst du eine so schwere Forderung an meine Liebe, Lavard?
+Lasse das Kind von anderen aufziehen. Durch sie wird — durch deinen
+Reichtum unterstützt — dasselbe erreicht. Der Mutter kann's doch nur um
+das Wohl ihres Kindes zu thun sein. Da sie mittellos und einen
+leichtsinnigen Charakter besitzt, will sie das Kind vor doppelten
+Fährnissen behüten. Das verstehe ich! Aber weshalb ein so ungeheures
+Opfer von mir? Oder ist's dein eigenes Kind?“
+
+„Ja und nein, Lucile! Eben das ist's! Sie, Leonie, behauptet es, obschon
+sie auch Beziehungen zu einem anderen, einem Jongleur hatte. Nun weißt
+du alles, nun verstehst du alles. Sei deshalb so hochherzig, wie ich
+dich schätze. Ist's mein eigenes Fleisch und Blut, dann habe ich
+unabwendbare Pflichten!“
+
+Diese Worte entschieden, ich empfing nicht nur die junge Frau, sondern
+ich war auch später einige Zeit in ihrer Nähe. Wir trafen sie in dem
+französischen Seebade Trouville, wohin sie Lavard zur Kräftigung ihrer
+Gesundheit gesandt hatte.
+
+Während dieser Zeit lernte ich sie nicht lieben, aber doch ihre guten
+Eigenschaften schätzen; auch gab ich ihr das Versprechen, das sie
+verlangte.
+
+Wenig später — das Aufgebot hatte bereits bald nach unserer Verlobung
+Stattgefunden — wurden wir in der Madeleine getraut, unternahmen darauf
+eine fast fünfviertel Jahre andauernde Reise, und begaben uns alsdann,
+mit dem kleinen, inzwischen anderweitig in Kost gegebenen, und nun in
+unsere Hände gelangten Kinde nach Rankholm.
+
+Wir verfuhren auch unseren Bekannten gegenüber, wie wir es besprochen
+hatten. Im ganzen wurde wenig nach dem Kinde gefragt. Nach wenigen
+Monaten war überhaupt nicht mehr von dessen Ursprung die Rede und
+allmählich sah man es als unser eigenes, als Erstgeborenes an.
+
+So war also gelungen, was meines Mannes Wunsch gewesen, und ich muß
+gestehen, daß er mir in den zwölf Jahren, während welcher Zeit wir von
+der Mutter niemals wieder hörten, täglich seine Erkenntlichkeit in
+rührendster Weise an den Tag legte.
+
+Dann aber erschien plötzlich, fast ohne vorherige Anmeldung,
+Mademoiselle Monier, um ihr Kind zurückzufordern, und nun begannen die
+Kämpfe zwischen uns dreien.
+
+Es ist mir wie heute! Ich war im Begriff über den Schloßhof zu
+schreiten, als ein Wagen vorfuhr, auch ertönte gleich darauf schon das
+Läuten der Glocke am Portierhause. Ich aber nahm rasch den Weg in das
+Schloß, betrat meine Gemächer, wartete hier und überließ es meinem Mann,
+Frau von Etienne, wie sie sich nach unserer Abrede nennen sollte, zu
+empfangen.
+
+Auch noch anderes war zwischen mir und Lavard abgemacht. Sie sollte
+womöglich noch an demselben Tage Rankholm wieder verlassen und sich
+nach Oerebye begeben. Dort wollte Lavard mit ihr verhandeln. Ihr
+vorzuenthalten, ihre Tochter schon vorher zu sehen, konnten wir nicht
+über uns gewinnen, aber es sollte lediglich aus der Entfernung
+geschehen. Eine eigentliche Annäherung sollte nicht stattfinden. Wir
+wollten sie bewegen, daß sie uns Imgjor gegen ein ferneres Jahresgehalt
+und gegen eine einmalige Abfindungssumme für immer überlasse. Lucile
+hatten wir schon in der Frühe zu Freunden nach Taxholm gesandt. Sie
+sollte von diesem Besuch überhaupt keine Kunde erhalten. Imgjor bewohnte
+damals mit ihrer Erzieherin dieselben Räume, die sie jetzt inne hat, und
+nur hatten angeordnet, daß sie beide bei Tisch nicht erscheinen sollten.
+
+Dies war nicht auffallend, da solches häufiger geschah. Ich hielt Imgjor
+überhaupt streng, weil ich immer ihrer Mutter Charakter im Auge hatte,
+weil ich immer darauf bedacht sein mußte, des Kindes sehr stark
+ausgeprägten Drang nach Selbständigkeit zu dämpfen.
+
+Diese meine große Strenge hat Lucile, weil sie eine ungerechte
+Ungleichheit der Behandlung darin erkannte, Ihnen gegenüber getadelt,
+Graf Dehn. Sie that es eben, weil sie meine Beweggründe nicht kannte. —
+
+Doch nun zurück zu dem plötzlich erschienenen Besuch.
+
+Ueber eine Stunde verhandelte mein Mann mit Madame Etienne, ehe er sie
+mir in meine Gemächer brachte.
+
+Als Frederik ihr Kommen meldete, klopfte mir das Herz. Ohnehin erregt,
+beschäftigte mich dieses lange Beisammensein meines Mannes mit seiner
+ehemaligen Freundin, nicht wenig. Mir ahnte auch, daß sie
+Schwierigkeiten erhob, unsere Wünsche zu erfüllen. Sicher weigerte sie
+sich, uns ihre Tochter zu lassen, machte die Gewährung von unerfüllbaren
+Forderungen abhängig. Wie berechnend sie war, hatte sie hinreichend
+früher bewiesen.
+
+Ich hatte aber Imgjor wegen ihrer trefflichen Eigenschaften so lieb
+gewonnen, daß ich sie wie mein eigenes Kind liebte. Auch leitete mich
+bei dem Verlangen, sie bei uns zu behalten, die Ueberlegung, daß ihre
+Entfernung den Anlaß zu unliebsamen Redereien geben werde. Wir hassen es
+beide, uns in den Mund der Menge zu bringen.
+
+Endlich wollten wir auch mit dieser Angelegenheit einmal ein Ende haben.
+Ich wünschte insbesondere, daß Lavard dem Einfluß dieser Person, die,
+wie ich stets erfuhr, in all den Jahren noch mit ihm korrespondiert
+hatte, für immer entzogen werde.
+
+Mein Erstaunen maß sich sodann mit meiner Abneigung, als sie mir
+gegenübertrat.
+
+Sie war zwar noch immer blendend schön, aber sie besaß nichts von dem
+Wesen einer anständigen Frau, einer wirklichen Dame. Sie war das
+vollendete Bild einer Halbwelt-Circe. Ihr Kostüm war übertrieben modern,
+stark parfümiert, und lächerlich kostbar. Ihre Arme waren mit Schmuck
+behangen, und hinter ihrem sanft schmachtenden Lächeln verbarg sich
+etwas, das den Weltkundigen nicht täuschte.
+
+Und wirklich besaß sie keine echte Empfindung, ihr Gemüt war verdorrt,
+sie war nichts anderes, als eine kalt berechnende Kokette.
+
+Es wäre somit ein Vergehen gewesen, ihr Imgjor auszuliefern.
+
+Aber sie von diesem Gedanken abzubringen, war noch die geringste
+Schwierigkeit. Der große Reichtum meines Mannes konnte noch größere
+Ansprüche befriedigen, als sie sie erhob und auf deren Erzielung es ihr
+überhaupt nur ankam. Aber sie hatte schon gleich am ersten Tage Lavard
+wieder in solche Fesseln zu schlagen gewußt, daß er völlig Wachs in
+ihrer Hand geworden war.
+
+Er bestritt in heftigen Worten die Berechtigung meiner abfälligen
+Kritik. Er fand es, da sie es nicht wollte, völlig überflüssig, daß sie
+nach Oerebye übersiedelte Er verlangte von mir, daß ich sie wochenlang
+auf Rankholm behalten solle. Sie habe Anrechte auf unsere
+Gastfreundschaft und unsere Rücksicht; man müsse der Mutter für eine
+zeitlang ihr Kind gönnen.
+
+Entsetzliche Tage verlebte ich. Lucile, der ich in der Erregung nicht
+mehr gedacht hatte, kehrte wieder zurück. Imgjor näherte sich der
+schönen und sie umschmeichelnden Madame Etienne, der Gattin des Baron
+von Etienne in Brüssel, als welche sie sich auch Imgjor im
+Einverständnis mit meinem Manne vorgestellt hatte.
+
+Zuletzt war mein Entschluß gefaßt.
+
+In einer Scene, der Lucile zufällig beiwohnte, erklärte ich Lavard, mich
+von ihm trennen und zu meiner Familie zurückkehren zu wollen, wenn die
+Fremde nicht innerhalb achtundvierzig Stunden das Haus verlasse.
+
+Lucile führte, weil ihr Vater ihr beipflichtete, mein Verhalten auf
+Eifersucht zurück. Sie nahm für ihren Papa Partei, schalt mich des
+Mangels an Liebe und des Mangels an Duldsamkeit, und ich litt zehnfach,
+da ich meinem Kinde nicht eröffnen konnte, wie die Dinge standen.
+
+Endlich siegte ich. Ich siegte dadurch, daß ich eine Nacht mit dem
+fremden Weibe rang. Sie wohnte damals in den Gemächern, die jetzt meine
+Tochter Lucile inne hat. Mir ist's in der Erinnerung wie heute. Der Tag
+war grau, kalt und nebelig, so unfreundlich, daß man sich nicht einmal
+zu einem Spaziergang in den Park hinauswagen mochte.
+
+Wir waren deshalb mehr denn sonst und bereits vor dem Frühstück auf
+einander angewiesen, und dieses engere Beisammensein benutzte Madame
+Etienne, um allerlei bisher von mir verhinderte Vertraulichkeiten
+zwischen sich und den Kindern herbeizuführen.
+
+Sie gab sich besonders mit ihnen ab, holte verschiedene wertvolle
+Gegenstände aus ihren Koffern heraus, die sie ihnen, trotz deren
+bescheidenen Abwehr, aufdrängte und forderte sie zuletzt gar auf, sie du
+und Tante zu nennen.
+
+Die Mädchen nahmen dieses als eine Bevorzugung hingestellte Anerbieten
+natürlich an. Und dies du machte beide natürlich freier gegen den Gast,
+namentlich die jüngere Lucile. Infolgedessen ließ diese auch eine
+Aeußerung fallen, die sie sonst sicher nicht gemacht haben würde. Sie
+wies, und schon lange hatte ich dies kommen sehen und mich davor
+gefürchtet, auf die große Aehnlichkeit zwischen Madame und Imgjor hin.
+
+„Ihr seht wie Schwestern aus!“ betonte sie lebhaft und richtete auch
+ihre zu meiner Zustimmung auffordernden Blicke auf uns.
+
+In Madame Etiennes Gesicht leuchtete es auf. Ich sah's. Alles, was sie
+irgendwie mit uns in eine nähere Beziehung zu bringen vermochte, danach
+griff sie begierig!
+
+Sie wollte nicht nur die größten materiellen Vorteile daraus ziehen, daß
+sich ihre Tochter bei uns befand, sondern sie strebte, — ihrer
+abenteuerlichen Eitelkeit entsprechend — auch danach, neben uns eine
+gleichberechtigte Rolle zu spielen.
+
+Auf ihre Tochter war sie bald maßlos eitel und überlegte dann, ob sie
+sie doch nicht mit sich nehmen solle, oder sie zeigte eine nicht
+verhüllte, heftige Eifersucht. Dann ergriff sie, — man sah's — ein durch
+die Einsicht in ihre eigene Unwürdigkeit noch mehr geförderter Ingrimm
+gegen ihr eigenes Kind. Dessen reiner Sinn, dessen fester Charakter,
+dessen ungewöhnliche Wahrheitsliebe, dessen Abscheu gegen nichtssagende
+Redensarten, aber auch dessen zutage tretendes Mißtrauen gegen ihre
+aufdringlichen Liebenswürdigkeiten, schufen einen Aerger in ihr, den sie
+nicht bezähmen konnte.
+
+Und eben dieses Gemisch von Gefühlen und Stimmungen, aber vielleicht
+auch die Erwägung, daß es ihren Zwecken förderlich sei, uns in steter
+Unruhe zu halten, verleiteten Madame Etienne an diesem Tage, Luciles
+Aeußerungen aufzunehmen, statt mit einem flüchtigen Wort darüber
+fortzugehen.
+
+Sie sagte überlegen lächelnd:
+
+„So, findest du das? Nun, wer weiß, ob die Etiennes und die Lavards
+nicht, ohne es zu wissen, verwandt sind, — ob sich solches nicht, wenn
+wir einmal gründlich nachforschen, — herausstellen würde —“
+
+Mein Mann warf ihr einen erschrockenen, und weil er in ihren Banden lag,
+flehenden Blick zu. Auch nahm er rasch das Wort und wußte ein anderes
+Thema zu berühren.
+
+Nach Tisch, während wir des Kaffes im Salon warteten, machte sich Madame
+Etienne an Imgjor heran, prüfte eine Handarbeit, mit der sie beschäftigt
+war, lobte die Sorgfalt der Ausführung und fragte sie, ob sie nicht Lust
+habe, sie einmal in Paris, wo sie fürder wohnen werde, zu besuchen. Sie
+habe dort ein sehr schönes Haus, und sicher würde sich Imgjor
+vortrefflich in der Stadt des Vergnügens amüsieren.
+
+Es folgte dann noch eine Beschreibung der Räume und der kostbaren
+Einrichtung, und überhaupt war sie bemüht, Imgjor einen möglichst
+großartigen Eindruck von ihren Einkünften und ihrer gesellschaftlichen
+Stellung beizubringen.
+
+Sie bewies, indem sie diese Mittel anwendete, Imgjors Zuneigung zu
+gewinnen, allerdings eine sehr geringe Fähigkeit, Charaktere zu
+beurteilen. Es war mir unbegreiflich, daß sie nicht erkannt hatte, daß
+dergleichen für dieses ernste, reife und in seinem innersten Wesen
+einfach geartete Wesen gar kein Lockmittel sein werde.
+
+Reichtum und Wohlleben umgaben Imgjor, aber reizten sie durchaus nicht.
+Ihre Pflicht stellte sie stets über das Vergnügen, und auch die Freuden
+des Daseins suchte sie lediglich im Verkehr mit der Natur, mit guten,
+treuherzigen Menschen, in der Pflege geistiger Dinge und im Verkehr mit
+Tieren, mit Vögeln, Pferden und Hunden, die sie zärtlich liebte und
+pflegte.
+
+Tanzen, Kokettieren, den Großen nachzumachen, früh schon die Dame zu
+spielen, sich sinnliche Aufregungen zu verschaffen und den nichtigen
+Vergnügungen nachzujagen, hatte für Imgjor keinen Reiz.
+
+Und demgemäß antwortete sie auch.
+
+„Nein, nein, gnädige Frau. Ich bleibe lieber hier in der Heimat!“
+entgegnete sie nach ihrer Art, kurz und ohne für die durch diese
+Einladung zum Ausdruck gelangte Artigkeit einen besonderen Dank an den
+Tag zu legen. Auch ließ sie absichtlich das „du“ und die „Tante“ dabei
+außer acht. —
+
+„Meinst du denn nicht, daß es für dich vorteilhaft wäre, neues zu sehen,
+zu lernen, dich zu vervollkommnen, zu erkennen, daß es noch eine andere
+größere Welt giebt, als das Pünktchen Rankholm! Hältst du dich bereits
+für vollendet?“ warf die Frau, hämisch im Ton, hin.
+
+Sie vermochte ihren Aerger über diese Unbiegsamkeit, über diese
+offenkundig hervortretende Gleichgiltigkeit gegen ihre Person nicht zu
+bezähmen.
+
+Schier bersten aber wollte sie, als Imgjor, sich äußerlich sanft
+fügend, und nur die Schultern bewegend, einer Antwort auswich.
+
+Sie warf schroff gereizt hin:
+
+„Nun, Kind! Antworte! Hältst du dich für so vollkommen?“
+
+„Nein, gewiß nicht, gnädige Frau. Aber ich möchte Reisen nur in
+Begleitung meiner Eltern unternehmen. Wenn sie nicht dabei sind, wenn
+ich mit ihnen nicht zusammen genießen darf, haben sie keinen Reiz für
+mich!“
+
+Diese Erwiderung klang aus dem Munde einer Dreizehnjährigen recht
+altklug. Sie war nicht artig, aber Inhalt und Form waren zur Belehrung
+über die Stellung, welche Imgjor ihrer Mutter gegenüber einnahm und
+einzunehmen entschlossen war, weise gewählt. Diese ihre Antwort traf
+auch Madame dergestalt, daß sie alle Klugheit außer acht lassend, mit
+boshaft funkelnden Augen herausstieß: „Na ja! Dann mache, wenn du alles
+besser weißt, wie du's willst!“ Worauf sie dann Imgjor sitzen ließ, sich
+mit einer gemacht gleichgiltigen Miene zu mir, und als dann grade mein
+Mann in den Salon trat, mit schmeichelnder Liebenswürdigkeit an ihn
+wandte und zu einer Partie Schach aufforderte.
+
+Und was ich, obschon ich mir nichts merken ließ, dann sah, das gab mir,
+neben der Ueberlegung, daß es keine bessere Gelegenheit geben konnte,
+die Stimmung der Mutter gegen ihr Kind zu unserm Vorteil auszunutzen,
+den Entschluß, noch an diesem Tage mit den Dingen unter allen Umständen
+aufzuräumen.
+
+Mit meinem Manne war sie wie eine Braut. Sie sah ihn fortwährend
+zärtlich an, umschmeichelte ihn, und suchte ihn überhaupt immer mehr in
+ihre Netze zu ziehen. Auf mich, auf die Kinder, die ich dann auch
+möglichst bald fortsandte, auf Graf Knut, der zum Plaudern gekommen,
+nahm sie gar keine Rücksicht.
+
+Sie folgte einerseits rücksichtslos ihren eitlen Plänen, nämlich den
+Mann, der einst ihr erlegen, abermals dauernd in Fesseln zu schlagen,
+und andererseits ihrem rachsüchtigen Bestreben, mir möglichst
+unangenehme Empfindungen zu bereiten.
+
+Da ich die Antwort, die Imgjor ihr gegeben, nicht gerügt hatte, wußte
+sie mich einverstanden. Das genügte, um den schon in ihr lodernden,
+heftigen Ingrimm gegen mich noch mehr anzufachen.
+
+Nachdem endlich, nach Verlauf peinlicher Abendstunden, die Uhr elf
+geworden, Graf Knut sich empfohlen, und auch jene sich zum Aufbruch zu
+rüsten anschickten, erklärte ich, noch ausbleiben und Briefe schreiben
+zu wollen.
+
+Mein Mann erhob auch keinen Widerspruch, befahl der herbeigerufenen
+Kammerjungfer, Madame Etienne in ihre Gemächer zu geleiten, und begab
+sich, — mir in der gereizten Stimmung, die ihn während dieser Zeit
+stetig beherrschte, nur eine kühle, gute Nacht wünschend, — ebenfalls in
+seine Räume.
+
+Ich aber that nicht, wie ich vorgegeben hatte, sondern warf mich aufs
+Horchen, und sobald ich hörte, daß die Jungfer sich wieder aus Madames
+Gemächern entfernt, ich auch abgewartet, daß Frederik die Lichter im
+Flur und auf den Korridoren gelöscht hatte, entzündete ich eine
+Wachskerze, schritt an die Thür meiner Widersacherin und klopfte.
+
+Ein lebhaftes: „Wer ist da?“ erfolgte.
+
+„Ich, Lucile, bin's! Bitte, öffnen Sie!“ gab ich zurück.
+
+„Ah! Sie, liebe Gräfin! Ich komme gleich —“
+
+Und so geschah's. Ich fand sie halb angekleidet, forderte sie auf, mir
+Gehör zu schenken, und setzte mich alsbald ihr gegenüber. —
+
+Alles, was ich auf dem Herzen hatte, sagte ich, nicht gehässig, aber
+entschieden, klar und knapp. Ich betonte, was wir gewollt, was geworden,
+wie sie sich dazu verhalten habe, was sie ohne Zweifel beabsichtigte,
+wie sie meinen Gatten wieder umgarnen wolle und welche beleidigende
+Rolle gegen mich, und welche aussichtslose gegen ihre Tochter sie
+spiele. —
+
+Ich deckte ihr rücksichtslos ihr Inneres auf, baute ihr aber wiederum
+auch Brücken, indem ich sie durch ihre verlorene Jugend zu entschuldigen
+strebte.
+
+Aber ich nahm auch von der Thatsache, daß sie ihres Kindes Herz schon im
+Voraus verloren habe und es bei ihrer Veranlagung, ihren
+Lebensgewohnheiten und Anschauungen nie gewinnen werde, nichts zurück.
+Sodann bot ich ihr, vorher noch betonend, daß ich eher sie oder mich
+töten, als daß ich es — schon um der Kinder willen leiden werde —, daß
+mein Mann zu ihr zurückkehre, eine erhebliche Geldsumme für ihren
+Verzicht auf Imgjor und ihre Nimmerwiederkehr an.
+
+Noch zögerte sie, sie erging sich in einen Schwall von Worten, in denen
+sie sich als eine Heilige, und mich als eine ebenso klein Veranlagte,
+wie thöricht eifersüchtig Geartete hinzustellen suchte. Zuletzt aber,
+als ich ihr einen großen Teil des von mir in die Ehe gebrachten
+Vermögens anbot, unterlag sie ihrer Habgier. Die ungeheure Summe löschte
+alle wirklichen und komödienhaften Regungen in ihrer Seele wie mit einem
+Regenguß aus. Sie nahm auch die von mir als erforderlich hingestellten
+Nebenbedingungen ohne Einwand an. Ich erklärte, ihr die Hälfte gleich
+anweisen, den Rest aber, von dem ihr die Nutznießung der Zinsen werden
+solle, erst nach einer Prüfung von zehn Jahren auszahlen zu wollen. Wenn
+sie sich während dieser Zeit ein einzigesmal meinem Mann oder ihrer
+Tochter ohne meine Zustimmung wieder nähere, gehe sie desselben
+verlustig.
+
+Schon am nächsten Tage verließen wir zusammen Rankholm, und begaben uns
+nach der holsteinischen Stadt Rendsburg. Hier ließ ich nach genauer
+Information einen Rechtsanwalt einen Vertrag in französischer Sprache
+entwerfen, der alle Punkte feststellte, welche zwischen uns vereinbart
+waren.
+
+Nachdem dieser in zwei Exemplaren ausgefertigt war, unterschrieben wir
+ihn beide, reichten uns wie zwei kühle Geschäftsleute die Hand und
+fuhren am folgenden Morgen, — jeder den Abend allein im Hotel
+zubringend, — unseren verschiedenen Zielen zu.
+
+Sie reiste, selig befriedigt, ohne den geringsten Schmerz um ihr Kind,
+nach Paris zurück, und ich trat am Spätnachmittag meinem Manne in
+Rankholm wieder gegenüber.
+
+Ich fand zu meiner glücklichen Befriedigung keinen Zürnenden, sondern
+einen durchaus sanft Gestimmten. Er schloß mich unter der Versicherung
+seiner alten Empfindungen und seines schrankenlosen Dankes für mein
+energisches Verfahren zärtlich in die Arme, erklärte, daß er schon am
+Morgen nach Madames Abreise wieder zur Besinnung zurückgekehrt und jetzt
+förmlich wie erlöst sei.
+
+Der Zauber war gewichen. Geradezu dämonisch hatte sie ihn umstrickt. Als
+ein schwer Kranker war er in diesen Wochen umhergegangen, und als ein
+Neugeborener atmete er auf, als dieses ekle Parfüm, als dieses Girren
+und Werben, als diese auf seine Sinne berechnenden Künste auf ihn nicht
+mehr wirkten.
+
+So, lieber Graf, das ist in großen Zügen der Bericht, aus dem Sie
+ersehen werden, daß Menschen allezeit Menschen bleiben, irren, sich
+gegen ihre Freunde und die Verhältnisse auflehnen, sich aber wieder
+besinnen und je nach dem Wert ihres Ich einen zufriedenen Zustand
+zurückzugewinnen vermögen. Auch ich habe mir mein Glück suchen müssen,
+und ich habe es gefunden, weil ich das Gute erstrebte für ihn, Lavard,
+für das Kind, das ich wahrhaft liebte, und für mich selbst!
+
+Mein Schlußwort soll sein:
+
+Möchte es Ihnen nun gelingen, dieses treffliche, wenn auch zeitweise
+irregeleitete Mädchen heimzuführen, ihr das Glück zu verschaffen, was
+wir ihr alle sehnsüchtig wünschen!“
+
+Graf Dehn hatte mit außerordentlicher Spannung und mit steigender
+Bewunderung den Ausführungen der Gräfin zugehört. Als sie die letzten
+Worte gesprochen, beugte er sich auf ihre Hand herab und drückte einen
+Kuß darauf.
+
+„Ihnen, Frau Gräfin, nahe bleiben zu dürfen, ist fast so viel, wie der
+Wert, einer Imgjor Gatte zu werden —“ stieß er warmherzig heraus.
+
+Er suchte bei diesen Worten ihr Auge und sie gab ihm den Blick mit dem
+alten vertieften Ausdruck, der ihr eigen war, zurück.
+
+Und nun wußte er auch ihr Wesen zu deuten, das ihm so oft rätselhaft
+erschienen war. Die Erfahrungen des Lebens hatten ihr Vorsicht
+auferlegt. So empfing ihr Blick etwas Spürendes, ein Bestreben, das
+Innere ihrer Nebenmenschen erst zu durchdringen, bevor sie ihnen ihre
+Zuneigung und ihr Vertrauen schenkte.
+
+ * * * * *
+
+In einem Gehölz, das sich an den Rankholmer Park anlehnte, befand sich
+neben einer Höhe ein kleiner Thalkessel, und in diesem lag einsam,
+idyllisch, umschlossen von hohen, grünen Fichten auf der einen Seite,
+und umzingelt von Buchen, Eichen und dichtem Gebüsch auf der anderen,
+ein blauer, stiller See. Libellen umschwärmten ihn, und tausend andere,
+die Wonnen des Daseins genießende, geflügelte kleine Geschöpfe führten
+schwebende Tänze über seinem silberklaren Spiegel aus. Aber auch eine
+entzückende Flora hatte hier eine Heimstätte gefunden. Immer neue
+Gebilde und Farben entdeckte das Auge, und süße Düfte berauschten die
+Sinne derer, die sich auf den, an den Ufern befindlichen, mit zierlich
+durchbrochenen Rücksitzen versehenen Waldbänken niederließen.
+
+Zur Linken erhob sich ein hoher, von Epheu anmutig umsponnener
+Granitstein, auf dessen glatt polierter Fläche zahlreiche Namen in
+deutscher und lateinischer Schrift eingegraben waren, Namen, deren
+Inhaber sich hier auf diesem Platze im Laufe der Zeiten niedergelassen
+oder mit ihren Herzen gefunden hatten.
+
+Gleichsam ein Zauber zog die jeweiligen Bewohner des Schlosses hierher,
+und ein ähnlicher, heftiger Drang, der Drang nach Vereinsamung leitete
+auch die Schritte des Grafen Axel Dehn, der nun eben — es war um die
+Nachmittagsstunde — aus dem Gehölz hervortrat und sich einer der Bänke
+näherte. Seine Gedanken waren so ausschließlich auf einen Punkt
+gerichtet, daß er mit bewußten Sinnen keinen Eindruck in sich aufnahm,
+daß seine Augen alle die Schönheiten, die ihn umgaben, nur mechanisch
+aufsogen.
+
+Imgjor hatte sich angemeldet und war nun doch nicht gekommen, auch
+fehlte jede Nachricht von ihr. Den ganzen Mittag hatte sich das Gespräch
+darum gedreht, zulegt war man zu der Meinung gelangt, daß sie am Abend,
+den letzten Zug von Norden benutzend, eintreffen würde.
+
+Unerfüllte Sehnsucht macht krank. Von der Höhe der Erwartung
+herabgestürzt zu werden, völlig in Ungewißheit zu schweben, ist für die
+stärksten Naturen ein qualvoller Zustand.
+
+Um der grenzenlosen Unruhe leichter Herr zu werden, war Graf Dehn die
+Treppe zu Imgjors Zimmer hinaufgestiegen. Wie damals hing, obschon
+sorgsame Hände die Räume für die Kommende neuerdings in Stand gesetzt
+hatten, der Schlüssel an dem versteckten Haken hinter der Thür. Graf
+Dehn wagte ihn herabzunehmen und die Gemächer zu öffnen.
+
+Herbstsonnenschein ruhte auf all' den reizenden, unberührten
+Gegenständen, auf den Möbeln und zahlreichen Kleinigkeiten, den
+seidenbezogenen Sesseln, und den seidenen Vorhängen. Ein eigener Duft
+von eingeschlossener Luft und Blumen wirkte berauschend auf die Sinne,
+ein berückender Duft von Imgjors Wesen, einer, der ihren Kleidern meist
+entströmt war, haftete noch in den Räumen. Und zu Seiten standen die
+Flügelthüren zu demselben Gemach offen, in das sie damals ihren kranken
+Hund gebettet hatte. Graf Dehn richtete, sehnsüchtig angezogen, auch in
+dieses einen raschen Blick. Die Tapeten befanden aus rosendurchwirkter
+Seide, die Polsterstühle waren mit weißem Rips bezogen, und alle übrigen
+Möbel trugen eine blitzend weiße, mit zarten Goldlinien geschmückte
+Farbe.
+
+Das Heim einer Prinzessin, aber auch das Heim eines sinnereinen,
+weiblichen Wesens! Nur über dem Ruhelager eines solchen konnte so viel
+saubere, gleichsam unschuldige Schönheit ausgebreitet sein. Und daneben
+ein schlanker, von der Decke bis zur Erde reichender Spiegel in weißer
+Umrahmung und eine Toilette, umzingelt von Gardinen und Spitzen auf
+rosenfarbenem Hintergrunde. Und als Graf Dehn aus dem Fenster schaute,
+lag der Park und lag Kneedeholm vor ihm wie ein Paradies, und hinter
+ihnen blaute der Horizont, und über allem lag ein stillseliger Friede.
+
+War's möglich, daß irgend jemand, noch dazu ein junges, lebensfrohes
+Mädchen, das alles freiwillig aufgegeben hatte, um in schlaflosen
+Nächten neben in Schmerzen stöhnenden Kranken zu wachen, Wunden zu
+verbinden, in schmutzige Hütten zu kriechen, Arme und Elende zu pflegen,
+sich zu gemeinen Dienten zu erniedrigen und den Undank der Masse auf
+seine Schultern zu nehmen?
+
+Wonach Millionen mit den Händen begierig greifen würden, nach einem
+solchen Wohlleben, einer solchen Heimstätte, einer solchen Welt des
+Reichtums, der glücklichen Beschaulichkeit und erquicklichen
+Abwechslung, — das alles hatte sie mit ihrem selbstlosen Herzen als
+unnützen Tand von sich geworfen!
+
+Und doch liebte sie die Genüsse: die Natur, die Musik, die schönen
+Künste, doch saß sie beseeligt auf ihrem Renner und durchflog die
+Gegend, faßte, selbst kutschierend, die Zügel und durchmaß das
+Gutsgebiet mit seinen herrlichen Wäldern, Auen und Seen!
+
+„O, Imgjor, Imgjor, du rätselhafte Seele, du edles, nun doch betrogenes,
+aus dem Weltgetriebe verbittert und krank zurückkehrendes Herz!“
+
+Und niederknieend in diesen, für ihn heiligen Räumen, flüsterte der
+Mann: „Gieb ihr, gütiger Gott, ich flehe dich an, die Ruhe ihres Innern
+und ihre Gesundheit zurück! Schaffe ihr auch ein frohes Genügen hier,
+die Freude am Menschentum im Kleinen, die Einsicht, daß zwar der
+Vernunftbegabte den Sinn auf die Sterne richten, aber danach nicht
+thöricht greifen soll!“ —
+
+Während Graf Dehn jetzt hier auf der Bank saß und die Erinnerungen an
+die letzte Begegnung zwischen sich und Imgjor an seinem Geiste
+vorüberziehen ließ, überlegte er die Möglichkeit eines Erfolges seiner
+Werbung oder einer endgiltigen Enttäuschung.
+
+Imgjor Lavard war stillschweigend ausgesöhnt mit den Ihrigen. Alles
+wartete ihrer bis auf den Grafen Knut drunten im Dorf und den mit
+gewohnter Ehrerbietung und Dienstfertigkeit einherschreitenden Frederik.
+
+Die Vögel konnte keine Willkommenskonzerte anstimmen, sie waren schon
+gen Süden gezogen, aber die Lavardschen Fahnen wehten von den Zinnen,
+und von Oerebye war eine Kapelle bestellt, die Imgjor am ersten
+Frühmorgen vom Park aus durch sanfte Töne begrüßen sollte.
+
+Und kam sie nun als eine Geheilte, eine Sehnsüchtige, Friedensuchende,
+oder war doch wieder etwas in ihr aufgequollen, das sie mit der großen
+Welt in Verbindung hielt?! Niemand wußte es in Rankholm, und auch Graf
+Dehn wußte keine Schlüsse auf ihr Herz zu ziehen. —
+
+Langsam wanderte er nach dem Schloß zurück. Jetzt sah er, was um ihn her
+vorging.
+
+Als er aus dem Gehölz heraustrat und sich umblickte, ging die Sonne eben
+zur Rüste und warf solche zauberischen Lichter auf Wald, Wiesen und
+Felder, daß er wie gebannt stillstand. Vom Dorf her tönte das
+Kirchenglöcklein durch die Stille, fröhliches, einmaliges Hundegebell
+erklang, und auch das sehnsüchtige Brüllen nach Hause wandernder Rinder
+schlug an sein Ohr.
+
+Das waren die Laute des Landes!
+
+Erst um die Dämmerstunde gelangte er wieder in das Schloß.
+
+Als er das Innere betrat, war's ihm auffallend, daß Frederik und zwei
+der Diener an Gepäckstücken vor der großen Treppe beschäftigt waren und
+daß die Thür zur Halle offen stand. —
+
+„Wer ist's, Portier? Die Komtesse?“.
+
+„Ja! Zu Befehl, Herr Graf!“
+
+Axel flog die Stufen empor. Sie schon da und er nicht anwesend!
+
+Sturmschnell betrat er die Hintergemächer. Lautes Sprechen drang aus
+dem Kabinett der Gräfin, demselben, das er damals bei dem ersten Besuch
+mit klopfendem Herzen betreten hatte.
+
+Und wieder klopfte es heute aus anderen Gründen so ungestüm, daß ihm
+plötzlich die Kraft fehlte, jetzt, in diesem Augenblick — Imgjor
+gegenüberzutreten.
+
+Leise schlich er sich wieder aus dem Zimmer fort, eilte in seine
+Gemächer, riß die Fenster auf und holte tief, tief Atem.
+
+So verharrte er wohl zehn Minuten.
+
+Und dann hörte er Geräusch auf der Treppe, Luciles und Imgjors Stimmen,
+und dann sagte die letztere:
+
+„Nein, nein — danke, liebste Lucile! Ich habe ja alles; auch bei
+Kofferauspacken brauche ich keine Hilfe — in fünf Minuten bin ich wieder
+bei euch. — Lasse nur anrichten, daß Papa nicht länger zu warten
+braucht!“
+
+Und nun Schritte — ihre Schritte empor!
+
+Ah, wie ihm das Herz hämmerte, — wie die Glieder flogen, wie ihn alles
+zu ihr hintrieb!
+
+Und als sie dann im Begriff stand, den vor seinen Räumen sich dehnender
+Vorflur zu betreten, und nun eben emporeilen wollte, öffnete er die
+Thür, zog ihre Gewalt mit seinen sehnsüchtigen Augen an sich und —
+stürzte an ihr nieder.
+
+„Imgjor! Imgjor!“ bracht aus der heißarbeitenden Brust. Im Nu hatte er
+sie umschlungen und geleitete sie in sein Gemach.
+
+Und als sie dann dort einander in die Augen schauten und ihm die Worte:
+„Liebst du mich, Imgjor?“ aus der trunkenen Brust zitterten, da riß sie
+ihn an sich.
+
+„Ach — du fragst — teurer Mann! Hier, hier, dein Kind, deine Demut,
+deine bezwungene Liebe! Hier deine Imgjor, geheilt, zurückgegeben der
+Vernunft und dem, den sie liebte, trotz aller Auflehnung und aller
+Schroffheiten beim ersten Sehen!“
+
+Und der berauschte Mann stöhnte auf und zog das blasse, schöne Geschöpf
+an das Fenster.
+
+„Hier vor Gottes unvergänglicher Natur schwöre ich dir, daß ich dich zu
+beglücken suchen werde, wie kein Mann je ein Weib zuvor! Und ist's denn
+wirklich Wahrheit? Du bist es selbst, du kehrst bekehrt zurück, du,
+Imgjor Lavard?“
+
+„Ja, mein Freund! Bewahrheitet hat sich an mir des Dichters Wort:
+
+ Wie Ueberfüllung strenge Fasten zeugt,
+ So wird die Freiheit, ohne Maß gebraucht,
+ In Zwang verkehrt!
+
+Hier in diesem Eden der Schönheit und des Friedens, hier bei denen,
+deren hohen Wert ich erst durch die Erfahrungen und Vergleiche erkannte,
+wollen wir leben, wirken und streben, wollen wir uns — und anderen
+leben! Und nun küsse mich noch einmal, und dann will ich vor dir
+niederknieen und deine Hände voll Dank berühren, daß du einen solchen
+Reichtum an Nachsicht und Geduld mit deiner — deiner Imgjor gehabt!“
+
+Und sie that, nachdem er sie umschlungen, wie sie gesprochen, und dann
+hob er sie empor und trug sie auf den Armen zu ihren Gemächern empor. —
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Grevinde, by Hermann Heiberg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GREVINDE ***
+
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+Produced by Charles Franks and the DP Team
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
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diff --git a/old/12273-0.zip b/old/12273-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..108694e
--- /dev/null
+++ b/old/12273-0.zip
Binary files differ
diff --git a/old/12273-8.txt b/old/12273-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..b9a6584
--- /dev/null
+++ b/old/12273-8.txt
@@ -0,0 +1,8485 @@
+The Project Gutenberg EBook of Grevinde, by Hermann Heiberg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Grevinde
+
+Author: Hermann Heiberg
+
+Release Date: May 6, 2004 [EBook #12273]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GREVINDE ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+
+
+Grevinde
+
+Roman
+
+von Hermann Heiberg
+
+
+Berlin
+
+
+
+
+Endlich, nach langer, heißstaubiger Fahrt hielt die Postkutsche, und
+mit den rauh betonten Worten:
+
+"Hier geht's nach Schloß Rankholm--" öffnete der Schwager den
+Wagenschlag und bedeutete einem darin sitzenden Herrn, daß er ansteigen
+müsse. Und während dieser, ein junger, vornehm ansehender Mann seiner
+Aufforderung folgte, wandte sich derselbe Postillon zu dem Gepäckkasten,
+riß des Reisenden Koffer heraus, stieß ihn unsanft auf den Erdboden und
+ließ ihn dort liegen.
+
+Und als der Fahrgast, Graf Axel Dehn, ein Wort über Wegrichtung und
+Weiterbeförderung seines Gepäcks hinwarf, setzte er statt zu antworten,
+die Finger an den Mund und ließ in der Richtung eines von Knicken
+eingefaßten Seitenweges dreimal hintereinander einen scharfschrillen
+Pfiff ertönen.
+
+Alsbald erschien ein alter, gebückt gehender Mann oben an der Biegung
+des Pfades, erhob mit phlegmatischer Bewegung die Hand zum Zeichen, daß
+er gehört habe, und näherte sich mit derselben Gemächlichkeit dem
+seiner Wartenden.
+
+"Denne Mand besorger alt--" warf der sich nunmehr erst wieder zu Worten
+anfragende mundfaule Rosselenker hin, nickte obenhin und schritt mit
+einem mürrischen Ausdruck das ihm gebotene Trinkgeld wegsteckend, dem
+Wagen mit den beiden Braunen zu. Alsdann schwang er sich abermals auf
+den Bock und hieb, nunmehr taktmäßig mit der Peitsche ausholend, auf die
+dann auch rasch im Staub der Landstraße verschwindenden Gäule ein.
+
+"Wie weit ist's noch nach dem Schloß?" warf Graf Dehn, während sich der
+Alte, nach ehrerbietiger Verneigung, den schweren Koffer auf die
+Schultern packte, hin.
+
+"Saa omtrent ti Minuter!" (So ungefähr zehn Minuten) gab der Alte, in
+auffallend plattem Dänisch sprechend, zurück.
+
+Und dann setzen sie sich in Bewegung, und je mehr sie sich dem zwischen
+mächtigen Parkbäumen hervorschimmernden Rankholmer Schloß näherten,
+desto unfreier wurde dem jungen Fremden zu Mute.
+
+Schon als Knabe hatte er von seinen Eltern von dieser großen, dänischen
+Besitzung vernommen und jedesmal mit einem Gefühl der Beklemmung
+zugehört. So viel Absonderliches und Unheimliches hatte sich in den
+dunklen Prachtsälen, den verschwiegenen Kemenaten, den dickwandigen
+Turmzimmern und Fremdengemächern, aber auch auf den versteckten Treppen
+dieses seit Jahrhunderten bestehenden und allezeit in dem Besitz der
+Grafen Lavard befindlich gewesenen Schlosses abgespielt! Ein wild
+trotziges Geschlecht hatte dort gehaust, um Erbschaften, Geld und schöne
+Frauen Ränke geschmiedet und sich nicht selten ingrimmig angefeindet.
+
+Die Frau des nunmehrigen alleinigen Besitzers, des Grafen Lavard, war
+eine Französin aus vornehmem Geschlecht! Er hatte die sehr begüterte
+Vikomtesse von Verdeuil bei seiner Anwesenheit in Paris auf einem Balle
+beim dänischen Gesandten vor zwanzig Jahren als fünfzehnjähriges Mädchen
+kennen gelernt, und sie war ihm, mit einem schwermütigem Verzicht auf
+die unvergleichbaren Reize ihrer Heimat, hierher in die einsame
+nordische Welt gefolgt.
+
+Lavards besaßen zwei Töchter, Imgjor und Lucile, von denen sich die
+erstere, etwas ältere, zur Zeit auf Rankholm aufhielt, während sich
+Lucile gegenwärtig auf Reisen befand.
+
+Graf Dehns Vater und Graf Lavard hatten einst zusammen bei den dänischen
+Dragonern in Kopenhagen gestanden, aber ihren Abschied genommen, nachdem
+sie beide gelegentlich einer Urlaubsreise die ihren Augen und Herzen
+genehmen Frauen gefunden.
+
+Graf Dehn war eine Ehe mit einer Baronesse von Berg eingegangen. Mit ihr
+hatte er reiche Güter in der Lausitz geerbt und war infolgedessen nicht
+nur aus dem dänischen Unterthanenverbande ausgeschieden, sondern auch
+dorthin übergesiedelt. Immer waren jedoch die beiden Freunde in
+Verbindung geblieben, und nun eben ging der junge Graf Axel von Dehn,
+der einzige Nachkomme dieser Familie, nach Rankholm zur Brautschau.--
+
+Mitten in der Einsamkeit lag das mächtige Schloß. Nur ein zu der
+Herrschaft gehörendes, in einer Thalmulde malerisch hingestrecktes Dorf,
+mit Namen Kneedeholm, teilte diese stille Abgeschlossenheit von der Welt
+und der großen Heerstraße.
+
+Noch bevor die beiden Wanderer in die zu dem Schloß führende Allee
+eintraten, nahm Graf Dehn das Wort und richtete einige Fragen an seinen
+Führer. Und da er's geschickt begann, empfing er, wenn auch knappe, doch
+allerlei für ihn wertvolle Mitteilungen aus dem Munde des Alten.
+
+Und unter solchen lebhaften Reden gelangten sie dann an das Kastell, das
+seine Front einem mächtigen, freien Platz zuwandte.
+
+Da aber dieser und das Gebäude ringsum von hohen, laubreichen Bäumen und
+dichtem Gebüsch umschlossen waren, erschien's dem Auge, als ob
+Rankholm--wie ein Dornröschenschloß--mitten in einem Walde liege.
+
+Freilich war's anders! Aus den Hinterfenstern schaute man durch den zu
+solchem Zwecke gelichteten Park ins Thal hinab, und da lag in
+malerischer Schönheit und in solcher Nähe, daß man bei hellem Wetter die
+Häuser, Wege und Menschen aus den Schloßfenstern genau zu erkennen
+vermochte, das Dorf Kneedeholm mit seiner schlanken Kirche, seinen
+reichen Bauerhäusern und einem alten romantisch gebauten Jagdschloß vor
+einem.
+
+Einen überwältigenden Eindruck empfing Graf Dehn, als er nach
+Ueberschreiten der Schloßbrücke, die auf einen peinlich sauber
+gepflasterten Vorhof führte, durch das mächtige, von zwei Steinernen
+Löwen flankierte Portal in das Innere eintrat.
+
+Er befand sich auf einem großen, in der Mitte durch einen sprudelnden
+Neptunbrunnen geschmückten und von den Mauern des stolzen Gebäudes
+eingeschlossenen Innenhof.
+
+Zu Seiten einer im Mittelbau befindlichen, mit dem Wappen der Grafen
+Lavard gezierten Rampe--eine Faust, die einen Dolch hielt, zückte ihn
+gegen einen sich wild anlehnenden Geier--strebten mächtige Säulen empor.
+
+Auf ihnen erhoben sich Marmorgestalten aus der Antike, und zu ihren
+Füßen streckten zwei Tiger aus Bronze ihre Leiber und Tatzen aufs
+Pflaster aus.
+
+Und zwischen diesen mit Vorsprungtürmen, zahlreichen hohen
+Eingangspforten, bogenförmigen, von Epheu und Schlinggewächsen
+umzingelten Fenstern und Altanen geschmückten Mauerwänden herrschte eine
+lautlose, gleichsam furchterregende Stille. Sie wurde nur jetzt
+unterbrochen durch das Geräusch einer sich öffnenden Thür im
+Portierhause, der sich der Alte soeben genähert hatte, um den Gast beim
+Pförtner anzumelden.
+
+Nachdem das geschehen, verabschiedete er sich, nach Empfang eines
+reichlich bemessenen Trinkgeldes, mit still verbindlicher Miene, und der
+Pförtner, ein ebenfalls gebückt einhergehender Alter, stellte sich
+entblößten Hauptes vor dem Fremden auf und zog, nachdem er gehört, wer
+er sei, wiederholt kräftig an einer Schelle.
+
+Laut und zudringlich, ja, schreckhaft tönte sie über den einsamen Hof,
+und im Nu erschien der Haushofmeister in einem schwarzen Frack oben auf
+der Schloßtreppe, eilte die Stufen hinab und geleitete den Grafen mit
+einer Ehrerbietung, wie sie nur Königen dargebracht zu werden pflegt, in
+das Schloß.
+
+"Nein, es ist kein Brief eingetroffen, sonst würde jedenfalls Fuhrwerk
+am Bahnhof oder am Wege gewesen und ohne Zweifel der Herr Graf selbst
+zum Empfang des gnädigen Herrn, der schon seit mehreren Tagen erwartet
+wurde, erschienen sein," erklärte der Haushofmeister Frederik, als
+welcher er sich, unter bescheidener Verneigung, dem Grafen vorstellte.
+
+Und der Graf sei nicht zu Hause, auch die Komtesse Imgjor sei nicht
+anwesend. Aber die gnädige Frau befänden sich in ihren Gemächern. Er
+bitte, daß der gnädige Herr geruhen möge, in seine Zimmer einzutreten,
+er werde inzwischen dessen Ankunft der Herrschaft zu melden sich
+beeilen.
+
+Unter solchen Erklärungen schritt der Haushofmeister, ein hagerer Mann
+mit grauschwarz meliertem Haar und ernsten, überaus vertrauenerweckenden
+Mienen, neben dem Grafen Dehn die große Freitreppe im Innern empor und
+führte ihn hinten links durch einen durch zahlreiche Familiengemälde
+etwas verdunkelten, hohen und langen Korridor. Am Ende desselben
+befanden sich die für den Gast bestimmten Räume.
+
+Und gleichzeitig erschienen auch schon zwei rotlivrierte Lakaien und
+luden des Grafen Gepäck ab, und nachdem dies geschehen, entfernte sich
+Frederik unter ehrerbietiger Verneigung.
+
+Die Gemächer waren ebenso reich, wie geschmackvoll und bequem
+eingerichtet.
+
+Blaue, venetianische Seidentapeten bedeckten die Wände, helle,
+sanftgeblümte Fußteppiche den Fußboden und dunkle Möbel fesselten das
+Auge.
+
+Auch boten die Räume einen Ausblick auf die Gärten, den Park und das
+Dorf, das gleich einem Zauberbilde in dieses entzückende Tableau hinein
+geschoben schien.
+
+Nach einer Viertelstunde, nach Auspacken und Ordnen der Toilette,
+erschien auch schon Frederik wieder, verbeugte sich mit der ihm eigenen
+natürlichen Würde und meldete, daß die gnädige Frau sehr glücklich sei,
+den Herrn Grafen empfangen zu dürfen. Sie würde schon gleich diese
+Botschaft gesandt haben, wenn sie nicht geglaubt hätte, daß ihm eine
+Pause der Erholung angenehm sein werde.
+
+Sie durchschritten denselben Korridor, machten einen kurzen Halt auf dem
+mit mächtigen Jagdbildern geschmückten, in weißem Marmor getäfelten Flur
+und nahmen den Weg durch einen großen, mit grünseidenen Tapeten,
+schmalen, hohen Spiegeln und seidenen Polstermöbeln ausgestatteten Saal.
+
+Und nachdem sie diesen verlassen und noch zwei daranstoßende
+Prunkgemächer durchmessen, traten sie in einen kleineren Gartensalon,
+der mit verschwenderischer Pracht eingerichtet war. An diesen stieß
+wieder ein zweifenstriges Kabinett, und in ihm lag, umgeben von
+französischen Möbeln, blühenden Blumen, Statuetten und Bequemlichkeiten,
+auf einem hellen, seidenbezogenen Divan die Gräfin Lucile Lavard.
+
+Sie hatte braunes Haar, braune Augen und ebensolche Wimpern. Ueber einer
+geschmeidigen Figur hob sich eine volle Büste, und die Formen und die
+Linien ihres Körpers zeigten überhaupt jene üppigeren Reize, durch die
+sich die gesättigte Fülle einer verheirateten Frau von der sprossenden
+Schönheit junger Mädchen unterscheidet.
+
+Als sie des Grafen ansichtig wurde, erhob sie sich mit dem ruhig
+ausgeglichenen Wesen einer Huldigungen gewohnten Frau, und reichte ihm
+gleichzeitig mit einem so bezaubernden Ausdruck und einem so
+bestrickenden Lächeln die Hand, daß sich der sympathische Eindruck ihres
+jede Wirkung verschmähenden, liebenswürdig einfachen Wesens nur noch
+erhöhte.
+
+"Ich bin wirklich sehr unglücklich, daß niemand zu Ihrem Empfange da
+war, lieber Herr Graf--" stieß sie heraus. "Aber Sie haben schon von
+Frederik gehört, daß wir wirklich nicht schuld sind. Lassen Sie mich in
+jedem Falle hoffen, daß sich die Ihnen dadurch gewordenen ungünstigen
+Eindrücke inzwischen bereits wieder verwischt haben!"
+
+Freilich trat nach diesen Einleitungsworten ein anderer Ausdruck in ihre
+Züge, ein abwartender, etwas forschender.
+
+Auch sprach sie, nachdem er ihr geantwortet, auch kavaliermäßig den Arm
+geboten und sie gebeten hatte, die frühere bequeme Lage wieder
+einzunehmen, fast ein wenig schroff:
+
+"Nein, nein, ich danke! Ich habe genug geruht. Auch möchte ich mich nach
+Ihren Wünschen erkundigen. Sie werden flau sein, lieber Herr Graf. Wir
+speisen erst in einigen Stunden. Darf ich Ihnen nicht irgend etwas
+anbieten? Vielleicht nehmen Sie ein wenig alten Portwein und scharfen
+Käse?"
+
+Und als Graf Dehn erklärte, keinen Hunger zu haben, hörte sie nicht
+einmal hin, zog vielmehr an einer breiten, seidenen Glockenschnur und
+hieß einem sogleich durch die Korridorthür eintretenden Diener das von
+ihr Erwähnte bringen.
+
+"Es ist besser, Sie genießen etwas, lieber Herr Graf. Die Zunge wird
+freier, das Gemüt belebter, wenn man eine gewisse Nüchternheit verbannt.
+Ich möchte, daß Sie sich gleich heimisch, behaglich fühlen. Ich kenne
+die Indisposition nach einer Reise. Niemals ist eine Erfrischung
+angebrachter--"
+
+"Schon Ihre wenigen gütigen Worte haben alles Unbehagliche verscheucht,
+gnädigste Gräfin. In der That, man kann liebenswürdiger, herzlicher
+nicht empfangen werden. Mir ist, als ob ich schon jahrelang das Glück
+gehabt hätte, Sie zu kennen--"
+
+"Ich freue mich, daß Sie so sprechen, Graf Dehn. Aber mit derselben
+Offenheit: Sie gehören zu jenen Menschen, bei deren Anblick man den
+Eindruck empfängt, man könne nie enttäuscht werden, bei welcher
+Gelegenheit man immer die Hand nach Ihnen ausstreckt. Werden Sie nicht
+sehr geliebt von Ihrer Umgebung, von Ihren Freunden--von den Frauen?
+Gewiß, gewiß, Sie sind ein Sonnenkind! Und hoffen wir, daß wir noch weit
+engere Freundschaft schließen--" fügte sie mit einer Anspielung auf die
+Zwecke seines Kommens hinzu und lud ihn zugleich durch eine
+liebenswürdige Geste ein, sich des inzwischen gebrachten Frühstücks zu
+bedienen.
+
+"Bringen Sie auch Champagner und die Florentiner Krystallgläser! Vite!"
+befahl sie dem Diener, ließ sich neben dem Grafen nieder, schenkte ihm
+ein und goß sich, als nach wenigen Minuten Champagner erschien, selbst
+das kühl sprudelnde Getränk in das ungewöhnlich geformte, unten und oben
+schmale, in der Mitte sanft ausgebogene und hier hellgold, sonst aber
+krystallhell schimmernde Glas und setzte es an die Lippen.
+
+Aber auch Axels Glas hatte sie gefüllt, und als sie das ihrige abermals
+voll gegossen, stieß sie mit ihm an und sagte:
+
+"Nehmen wir uns vor, daß wir die kommenden Tage besonders vergnügt
+zusammen verleben wollen. An mir soll's nicht fehlen, lieber Graf.
+Rankholm ist sehr schön, aber die Einsamkeit tötet doch bisweilen die
+Lebensgeister. Es ist eine wahre Wohlthat, wenn uns jemand besucht. Die
+ländliche Bevölkerung gleicht einer Familie von Schnecken. Auch die
+meisten Gebildeten haben Bleikugeln in ihren Seelen, Köpfen und Beinen.
+Natürlich, ich habe Dienstboten, die Feuerwerkskörper in sich
+bergen.--Sie werden nichts von der Langsamkeit der Jüten bei ihnen
+finden. Anfangs versuchte ich es mit hiesigen, aber gab's bald auf.
+Brave Menschen, ehrlich, gutherzig, aber strafbar phlegmatisch und von
+einem Trotz, wenn sie einmal ihren Kopf aussetzen, der an Starrheit
+grenzt. Ach, lieber Graf, wie ist das Dasein zu ertragen, wenn man es so
+ernsthaft nimmt, wenn man immer daran denkt, was kommt darnach, statt
+die Lebenslust zu pflegen, sich für sie geistig und körperlichen
+schmücken!"
+
+"Es fehlt den meisten leider dazu die Veranlagung, Frau Gräfin. Besäße
+die Welt Ihr Temperament, Ihre Gesundheit, Ihre Schönheit und Ihren
+Reichtum, würde sie schon Ihren Lehren folgen.--Zum Leben im feineren
+Sinne gehört wenigstens Geist und Temperament: die besitzen nur
+Auserwählte."
+
+"Ich freue mich, daß Sie nicht, wie alle, lediglich die günstigen
+materiellen Verhältnisse als Bedingung hervorheben. Es beweist eine
+geringe Erfahrung und wenig Erhabenheit des Geistes, wenn man vermeint,
+es könne uns der durch den Reichtum herbeigeführte Genuß mit dem Dasein
+versöhnen. Ich möchte das Gegenteil behaupten. Man muß etwas entbehren,
+man muß noch etwas Verlangen und Sehnsucht empfinden, nicht nach dem
+Unbestimmten, das nie Erfüllung findet, sondern nach den kleinen
+Freuden, die uns durch die Natur, durch Eindrücke, durch den Verkehr mit
+Menschen, durch Thätigkeit, durch unsere behaglichen Reflexionen, unsere
+Wünsche und Erwartungen, endlich auch durch die Fähigkeit werden, immer
+eine stille Hoffnung in unseren Herzen zu pflegen--"
+
+Und als Graf Dehn, der diesen Ausführungen mit starker Beipflichtung
+zugenickt hatte, bei den letzten Worten fragend das Auge erhob, schloß
+die Gräfin:
+
+"Ja, es ist die Wahrheit: Wir können ohne irgend eine stete, starke
+Hoffnung nicht glücklich sein."
+
+Sie wurden in ihrem Gespräch unterbrochen, weil plötzlich in der nach
+dem Korridor führenden Thür die Gestalt eines jungen Mädchens erschien.
+
+Der Ausdruck in ihren Zügen war gemessen, aber eine solche Fülle zarter
+Schönheit war über ihrem ganzen Wesen ausgegossen, daß der Gedanke
+emporstieg, hier habe die Natur alles zusammengemischt, was sie nur
+immer einem lebendigen Geschöpf an Bevorzugungen zu verleihen vermöge.
+
+Trotz der fröhlichen Jahreszeit war sie schwarz gekleidet; auch ein
+dunkler Spitzenschleier umhüllte ihren von rotbraunen Haaren umflossenen
+Kopf, und rasch zog sie die Umhüllung von diesem herab.
+
+Nach der durch die Gräfin herbeigeführten Vorstellung, verschönte
+vorübergehend ein freundlicher Ausdruck ihren reizend geschnittenen
+Mund, dem zwar ebenso rasch wieder ein solcher stolzer Kälte wich. Auch
+wandte sie sich nach einigen, flüchtig an ihre Mutter gerichteten Worten
+und nach einer steif gemessenen Verneigung gegen den Gast, derselben
+Thür, durch die sie eingetreten, wieder zu und war seinen Augen
+entschwunden, bevor er sich noch von der bezwingenden Gewalt des
+Eindrucks ihrer Erscheinung zu lösen vermochte.
+
+Und seltsam! Die Gräfin gab zu diesem ausfallenden Verhalten keine
+Erklärung.
+
+Sie sah nur Graf Dehn mit einem eigentümlich forschenden Blick an und
+zog, als er zu einer Frage anheben wollte, mit einer Miene die
+Schultern, als ob sie ihm durch diese stumme Geberde eine Antwort
+erteilen, ihn aber zugleich ersuchen wollte, sich mit dieser Erwiderung
+zu begnügen.
+
+Sie erhob sich jedoch nunmehr und sagte:
+
+"Trinken wir das letzte Glas, lieber Graf, auf die Erfüllung unserer
+Hoffnungen, gleichviel, welche sie sein mögen. Und nun, ich bitte,
+kommen Sie, Sie müssen unseren Garten und unseren Park bewundern--"
+
+Und nachdem auf ihr Zeichen ein Kammermädchen erschienen war und beider
+Garderobe gebracht hatte, schritt sie ihm, einen weißseidenen
+Sonnenschirm über sich, seidengraue, bis über die Arme fallende
+Handschuhe an den Händen und ein grauseidenes, zartes Tuch mit langen,
+schneeweißen Seidenfranzen um die Schultern geschlungen, von dem
+hochgelegenen freien Balkon herab in den Garten voran.--
+
+Noch vor Tisch erschien Graf Lavard in Axels Gemächern. Er klopfte kurz
+und stark an die Thür, trat mit einem gleichsam von ihm ausstrahlenden
+Freimut auf den Sohn seines besten Jugendfreundes zu, sah ihm
+liebenswürdig in die Augen und schüttelte ihm mit jener lebhaft
+höflichen Herzlichkeit die Hand, welche den Dänen und den Franzosen
+gemeinsam eigen ist.
+
+Er bot eine überaus vornehme, aber auffallende Erscheinung. Auf einem
+geschmeidigen, noch jugendlichen Körper saß ein mit weißem Haar
+bedeckter, kurzglatt geschorener Kopf, auch der Schnurrbart war weiß,
+während die Farbe des Angesichts nicht spurenweise, wie bei anderen
+Menschen, gerötete Farben, sondern ein über und über gesund gerötetes,
+feuriges Kolorit zeigte. Und alles, was er trug und wie er's trug, paßte
+zu seiner Persönlichkeit. Ueber Lackstiefeln saßen kreideweiße
+Gamaschen, auch die Weste war aus weißem Stoff, während den übrigen
+Körper ein loser, grauer, sogenannter englischer Anzug umschloß. In der
+That, ein schönes, vornehmes Geschlecht, diese Lavards! Graf Dehn fühlte
+sich fast ein wenig herabgedrückt neben diesen überall von den
+Erscheinungen ungewöhnlichen Reichtums umgebenen Menschen.
+
+"Ich habe," hub er an, "meinen Freund den alten Grafen Knut, und den
+Doktor unten aus unserm Dorf Kneedeholm zu Tisch geladen.--Ist Ihnen
+hoffentlich nicht unangenehm, lieber Graf Dehn?
+
+O nein, o nein, ich weiß! Gleich am ersten Tage mag man nicht gleich von
+zu vielen Eindrücken bestürmt werden. Haben Sie Imgjor schon
+gesehen?--So--so--Hm vortrefflich!--Ich sprach meine Frau nur flüchtig.
+Also, auf Wiedersehen in einer Viertelstunde!"
+
+Und dann ging er, Axel warmherzig zunickend, und dieser, die Brust voll
+von unruhigen Erwartungen blieb allein.--
+
+Das Speisegemach in Rankholm lag zu Seiten des großen Empfangssalons,
+welcher wegen seiner Spiegelwände der Spiegelsaal genannt wurde. Als
+Axel von dem in einem tadellosen Frack und weißer Binde steckenden
+Frederik zunächst in den ersteren geleitet wurde, fand er die
+Herrschaften schon versammelt.
+
+Die Gräfin, die ihm gleich liebenswürdig zunickte, befand sich in einem
+Gespräch mit dem Grafen Knut, einem kleinen, starken, beweglichen Herrn
+mit hinkendem Bein und tiefer Schmarre in dem sehr ausdrucksvollen,
+dänisch geschnittenen Gesicht.
+
+Graf Lavard unterhielt sich dagegen mit dem jungen Doktor Prestö, einem
+Mann, der wie ein Korpsbursch aussah und durch die dunklen Farben seines
+Angesichts und durch das tiefe Schwarz seines Haares eher einem
+Italiener, als einem Bewohner des Nordens glich.
+
+Imgjor endlich stand vor einem großen, reich vergoldeten Käfig und
+beschäftigte sich mit einem prachtvollen, buntgefiederten Papagei, den
+sie zärtlich verhätschelte und der auch ihr sehr zugethan zu sein
+schien.
+
+Sogleich fand die allgemeine Vorstellung und ein lebhafter Wortaustausch
+zwischen Axel und dem Grafen Knut statt, und nur Imgjor blieb nach steif
+formeller Verneigung neben dem Bauer stehen und trat erst von diesem
+zurück, als Frederik die Flügelthüren zu dem Speisegemach und der dort
+aufgehellten, in Krystall und Silber strahlenden Tafel aufstieß.
+
+Graf Knut führte die Gräfin, der Graf gab einer noch eben
+hinzugetretenen, als Imgjors Lehrerin vorgestellten, älteren Hausdame
+den Arm, und Axel erhielt seinen Platz zwischen Imgjor und dem Doktor
+Prestö, in der Art, daß er und die übrigen, mit Ausnahme von Imgjor, für
+die an dem unteren Ende der Tafel ein Kouvert gedeckt war, einander
+gegenübersaßen.
+
+Das Gespräch wurde zunächst so ausschließlich von der Gräfin in Anspruch
+genommen, daß die anderen zu einer Einzelkonversation keine Gelegenheit
+fanden. Erst später gelang es Axel, sich mit Imgjor zu beschäftigen und
+mit dem Doktor eine Unterhaltung anzuknüpfen. Allerdings zeigte dieser
+eine ähnliche unhöfliche Zürückhaltung wie Imgjor.
+
+Es giebt junge Leute, die ohne ein zu Tage tretendes Bestreben, sich
+vordrängen zu wollen, mit einer Geschlossenheit und Sicherheit des
+Wesens auftreten, als ob alle Geheim- und Weisheitsbücher der Welt schon
+vor ihnen aufschlagen gewesen seien. Ein solcher Mensch war der Doktor.
+Er gab sich Axel gegenüber sehr unbiegsam und nichts weniger als
+zuvorkommend. Von seinem mit bürgerlichem Hochmut gepaarten Selbstgefühl
+wurde Axel in solcher Weise abgestoßen, daß er es sehr bald ablehnte,
+seinen Nachbar überhaupt noch zu beachten. Er redete ihn nicht mehr an
+und hörte auch nicht mehr zu, wenn jener sprach. Allerdings kehrte
+Prestö auch eine ziemlich unpersönliche Art gegen Imgjor hervor. Er
+sprach zwar sehr viel mit ihr, aber über Gegenstände, die sonst nur
+zwischen Männern erörtert werden. Er machte ihr in keiner Weise den Hof,
+legte vielmehr an den Tag, daß ein Prestö gerade so viel Beachtung in
+der Welt verdiene und dasselbe Recht auf Selbstgefühl besitze, wie die
+Familie Lavard auf Schloß Rankholm. Und Imgjor hörte ihm zu, als ob ein
+Evangelium von seinen Lippen flösse; sie richtete ihre Augen und
+Gedanken so ausschließlich auf ihn und wich Axel so geflissentlich aus,
+daß dieser zuletzt wie ein Freitischschüler neben ihnen saß.
+
+Allerdings hielt das nicht lange an. Graf Dehn verband mit Geist und
+sehr großer Gewandtheit eine starke Initiative, und sie und seine
+Menschenkenntnis gaben ihm stets die Mittel an die Hand, sich, wenn er
+es wollte, zum Herrn der Situation zu machen. Und so geschah's auch
+heute.
+
+Im Nu wußte er an der anderen Seite des Tisches das Gespräch an sich zu
+ziehen und entwickelte einen so anziehenden, von den Beifallsbezeugungen
+jener begleiteten Redefluß, daß auch Prestö und Imgjor zum Zuhören
+gezwungen wurden.
+
+Er erzählte mit packendem Humor von einer Jagd in der Lausitz und
+charakterisierte die Personen, die dabei zugegen gewesen, mit solcher
+Meisterschaft, daß ihm Graf Lavard und Graf Knut unter lebhaftem
+Gelächter und mit sehr beifälligen Mienen zutranken.
+
+Aber Axel benutzte auch diese Gelegenheit, um dem Doktor Prestö einen
+Denkzettel zu geben.
+
+Indem er Prestö lediglich einen anderen Namen beilegte, entwarf er ein
+so sprechendes Bild von dessen äußeren Erscheinung, seinem Auftreten und
+Wesen und führte solche Kolbenschläge gegen dessen Ueberhebung und
+Erziehungsmangel, daß die Hausdame, Fräulein Merville, die offenbar
+Axels Abneigung gegen Prestö teilte, zunächst mit einem Ausdruck
+höchsten Erschreckens, dann aber mit einem solchen höchster Befriedigung
+die Lippen verzog.
+
+Nicht weniger schien die Gräfin durch diese Abfertigung angemutet.
+Nachdem sie anfangs mit einer Miene des Zweifels, ob die Betreibung nur
+zufällig auf Prestö passe oder ob Axel jenen bewußt charakterisiere,
+zugehört, erschien in der Folge etwas in ihren Zügen, das Axel nicht nur
+über ihre Meinungen bezüglich Prestös belehrte, sondern die auch sagten,
+daß sie ihm deshalb durchaus nicht gram sei.
+
+Anders aber Imgjor, in der es sichtlich vor Aufregung kochte.
+
+Ganz abweichend von ihrer bisherigen stummen Gleichgültigkeit gegen die
+Vorgänge ihrer Umgebung, brach sie das Schweigen und mischte sich
+in das Gespräch, indem sie nicht nur spöttisch Zweifel an der
+Wahrscheinlichkeit der von Axel erzählten Vorgänge äußerte, sondern auch
+zum offenen Angriff vorging. "Die Personen, die Sie uns schilderten,
+Herr Graf, sind, wie ich es garnicht bezweifle, wirklich lebende
+Menschen, und Sie erreichen Ihren Zweck, zu beweisen, daß Sie scharf zu
+beobachten verstehen. Aber Sie beweisen auch, daß Sie besser in fremde
+Spiegel zu schauen vermögen, als in den eigenen. Letzterer schafft
+nachsichtige Urteile. Diejenigen, die sich anmaßen, über andere den Stab
+zu brechen, vergessen allzu oft bei ihren Vorträgen, daß sich den
+Zuhörern eine nicht zu ihrem Vorteil ausfallende Betrachtung über ihre
+Einseitigkeit aufdrängt--"
+
+"Sie haben vollkommen recht, gnädigste Komtesse--" entgegnete Axel auf
+diese herausfordernde Rede mit vollendeter Höflichkeit. "Nur glaube ich,
+daß ich diese Unvollkommenheit, oder, wie Sie liebenswürdig äußern,
+diese Einseitigkeit, mit fast allen meinen Mitbrüdern und Mitschwestern
+teile.--Nur eine Ausnahme giebt's--ich spreche nicht, um Komplimente zu
+sagen, gnädigste Komtesse--und diese fand ich hier auf Schloß Rankholm.
+Sie sind's! Sie geben jedem, was ihm zukommt und gelangen sicher stets
+zu gerechten, wenn auch nicht immer völlig milde klingenden
+Richtersprüchen!"
+
+Der Eindruck dieser Rede war ein sehr verschiedener.
+
+Imgjors Wangen bedeckten sich mit der Blässe des Zorns. Die schwarzen
+Augen in ihrem bleichen Angesicht mit dem braunrötlichen Haar funkelten
+unheimlich. Der Doktor aber, zugleich erregt an einem Brotkügelchen
+knetend, riß den Mund jähzornig zur Seite. Die anderen standen vorläufig
+noch unter dem Eindruck, daß es sich vielmehr um eine scharf zugespitzte
+Neckerei handelte, als daß jene sich bekämpfen wollten.
+
+Der Graf äußerte sich auch in diesem Sinne, indem er hinwarf:
+
+"So, Imgjor! Nun weißt du, aus welchen Himmelshöhen du zu uns
+hinabgestiegen bist. Werde noch etwas milder und du kannst einst als
+Heilige verehrt werden!"
+
+Und die Gräfin warf Axel einen ihrer forschenden Blicke zu, einen jener,
+durch den sie zugleich verriet, daß ihr Interesse für Axel sich immer
+mehr steigerte.
+
+Wie sehr übrigens diese Zurückweisung Imgjor getroffen hatte, bewies ihr
+ferneres Verhalten bei Tisch. Sie hörte zwar auch ferner dem zu, was ihr
+der Doktor vortrug, aber ihre Gedanken waren offenbar nur halb oder gar
+nicht bei der Sache. Sie sann sichtlich über einen Racheakt nach und
+mußte doch ihren heißen Drang bezähmen, weil sie Axel auf diese höfliche
+Abfertigung nicht beizukommen vermochte.
+
+Aber nicht ein einziges Mal richtete sie das Antlitz ihm zu, und ebenso
+verharrte der Doktor in einer feindselig stummen Abwehr. Axel wußte sich
+auch in der Folge lediglich den übrigen zuzuwenden, blieb bis zum
+Tafelschluß in einer lebhaften Konversation mit jenen und entging
+dadurch der Pflicht, Höflichkeitsakte gegen Imgjor zu üben, und irgend
+welche Notiz von seinem Gegenüber zu nehmen.
+
+Nach Tisch empfahl sich der Doktor, indem er Krankenbesuche vorschützte,
+und auch Imgjor verschwand. Erst beim Thee, den sie zu bereiten hatte,
+erschien sie wieder.
+
+Sie hatte aus irgend einer Laune nunmehr wieder ein schwarzes Kleid
+angelegt und sah in diesem mit ihrem bleichen, kaltstummen Gesicht wie
+eine trotzige Büßerin aus.
+
+"Wo warst du, Imgjor?" forschte die Gräfin, die mit den drei Herren nach
+Tisch einen Spaziergang im Park unternommen, später eine Partie Boston
+gespielt und diese jetzt eben beendigt hatte.
+
+"Ich bin nach Mönkegjor durch den Wald geritten--" gab Imgjor kurz
+zurück.
+
+Als sich Axel noch vor dem Schlafengehen und allgemeinen Aufbruch Imgjor
+näherte--sie saß mit einem Buch für sich in einer durch eine Hängelampe
+erleuchteten Ecke des Kabinetts--und sie fragte, welche Lektüre sie so
+sehr beschäftige, entgegnete sie tonlos und ohne seinen auf das Buch
+gerichteten Bewegungen zu entsprechen und es ihm zur Prüfung anzubieten:
+
+"Ich lese Geist in der Natur von Oersted--"
+
+"Und eine so schwere Lektüre fesselt Sie?"
+
+"Mich fesselt alles, was mich über die einseitige Enge des Daseins zu
+erheben vermag!"
+
+"Sie betonen Ihre Worte so stark! Haben Sie bereits so unerfreuliche
+Erfahrungen gemacht, Komtesse?"
+
+Aber sie gab auf diese Frage keine Antwort. Sie zuckte nur die
+Achseln.--Aber deshalb trieb's ihn, die Schranke gewaltsam zu
+durchbrechen, die sie trennte.
+
+Sanft sprechend, sagte er:
+
+"Ich würde gern Ihre Freundschaft erringen, Komtesse! Aber Sie weichen
+mir schroff aus, Sie gebrauchen sogar Waffen gegen mich. Ich sinne über
+die Gründe nach, die Sie so handeln lassen. Giebt's keinen Weg, der uns
+zusammenführen könnte?"
+
+Aber was er erhoffte, ward ihm nicht.
+
+Indem sie ihn kalt und unbeugsam anblickte, sagte sie kurz und hart im
+Ton:
+
+"Nein, keinen, Graf Dehn!"
+
+Nach diesen Worten benutzte sie einen Anruf von Fräulein Merville,
+machte eine kühl entschuldigende Geste, stand auf und entfernte sich
+rasch.
+
+Er aber schaute ihr nach, umfing mit seinen Blicken ihre Psychegestalt,
+seufzte auf und trat zu den übrigen zurück.
+
+Die Herren waren eben im Nebenzimmer beschäftigt, die Gräfin aber, die
+zu einer Handarbeit gegriffen, erhob bei seiner Annäherung den Kopf und
+sagte mit liebenswürdiger Milde:
+
+"Ja, leicht ist, lieber Graf, diese Festung nicht zu nehmen. Wären wir
+beide in gleichem Alter, wäre es Ihnen bequemer geworden!"
+
+"Ich besitze also Ihr Wohlwollen, verehrteste Frau Gräfin? Darf ich Ihre
+Worte so deuten?" stieß Axel heraus.
+
+"Ja, Graf Dehn!" Sie sprachs und streckte ihm gütig die Hand entgegen.
+
+Und Axel ergriff sie und drückte einen festen Kuß auf die weiße, weiche
+Fläche, die unter der Berührung seiner Lippen leicht zu beben schien.
+
+ * * * * *
+
+Als Axel am nächsten Vormittage der Gräfin nach dem zweiten Frühstück im
+Park Gesellschaft leistete, erklärte er ihr nach einer vorsichtigen
+Einleitung, daß Imgjor einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn
+hervorgerufen habe, daß er aber eine Werbung als gänzlich aussichtslos
+ansehen müsse.
+
+Mit größter Offenherzigkeit erzählte er ihr von dem, was ihm begegnet
+war, und was er dabei empfunden hatte, auch verschwieg er ihr nicht, daß
+er bereits am gestrigen Abend einen Anlauf genommen und dabei eine
+Antwort empfangen, der an schroffer Deutlichkeit nichts gefehlt habe.
+
+Die Gräfin hatte seinem Bericht wohl mit steigendem Interesse, aber
+doch ohne Befremden, zugehört.
+
+Nachdem er den letzten Satz gesprochen, sagte sie:
+
+"Ah, das war schade! Das ist übel. Hätten wir uns früher gesprochen! Ich
+durfte, ich konnte ja nicht reden, durfte Ihnen keinen Wink geben, ohne
+mich eines Mangels an Zartgefühl schuldig zu machen. Nachdem Sie aber
+die Initiative ergriffen, mir erklärt haben, daß Sie sich für Imgjor
+interessieren, möchte ich Ihnen folgendes sagen:
+
+Sie wäre von selbst gekommen, wenn Sie die Taktik, die Sie gestern bei
+Tische beobachteten, fortgesetzt hätten. Man muß sie gar nicht beachten.
+Sie kommt schließlich immer, wenn es sich um wertvolle Menschen handelt.
+Aber ihr Mißtrauen, daß man sie um ihres Geldes willen umwirbt, ist so
+groß, daß sie von vornherein gegen alle jungen Leute die schroffste
+Seite hervorkehrt. Erst nach Wochen, vielleicht nach Monaten, hätten Sie
+ihr ein warmes Wort sagen müssen, dann wäre es nicht nur wahrscheinlich,
+sondern sicher auf einen fruchtbaren Boden gefallen."
+
+"Und Sie fürchten, daß ich nun keine Aussichten mehr habe, Frau Gräfin?"
+
+"Ich traue Ihnen sehr viel zu. Sie besitzen goldene Schlüssel, lieber
+Graf. Sie öffnen, ich glaube es, die verschlossensten Herzen. Hoffen wir
+also--"
+
+"Ich danke Ihnen, Frau Gräfin, und ich bitte, entwerfen Sie mir ein Bild
+von ihrer Tochter. Ich möchte es mit demjenigen vergleichen, das sich in
+mir gebildet hat, ich möchte mich berichtigen, sofern es nötig. Ich
+werde leichter den Kampf aufnehmen, wenn ich weiß, mit welchem Gegner
+ich zu thun habe."
+
+Die Gräfin nickte, beugte sich ein wenig vor und sagte stark betonend:
+
+"Sie ist ein besonderer Mensch. Sie ist absolut wahr, besitzt sehr viel
+Charakter, ein trotziges Unabhängigkeitsgefühl und eine seltene
+Objektivität. Jedem Adligen begegnet sie mit Mißtrauen, obschon sie
+stolzer ist als irgend ein Lavard und ein Verdeuil, die je lebten. Wo
+sie einmal liebt, besitzt sie die Treue eines Kindes und die
+Opferfreudigkeit eines Engels."
+
+"Also ist sie wirklich das, was ich vermutete--" stieß Graf Axel erfreut
+heraus.
+
+"Ich danke Ihnen, Frau Gräfin. Wahrlich, also ein Kleinod, nicht nur
+schöner als fast irgend ein Weib, sondern innerlich von edelster Art,
+ein nur der Glätte bedürfender Diamant--"
+
+"Sie finden Imgjor so schön?" fiel die Gräfin ein.
+
+"Ja, gnädige Gräfin! Ich sah nie etwas gleiches, weder auf Bildern, noch
+im Leben, und ich glaube auch, einem schöneren weiblichen Wesen kaum je
+wieder begegnen zu können--"
+
+"Dann müssen Sie Lucile kennen lernen! Nun, sie kommt ja nächstens. Da
+können Sie sich entscheiden!"
+
+Axel machte eine Verneigung, dann sagte er:
+
+"Können, wollen Sie mir also--ich bitte, noch einmal auf Komtesse Imgjor
+zurückkommen zu dürfen--bei meiner Werbung behilflich sein, Frau
+Gräfin?"
+
+"Natürlich! Doch auf meine Weise und erst, wenn Sie sich wirklich
+entschieden haben. Es muß die Bekanntschaft mit Lucile vorangehen. Und
+eins ist gleich zu sagen, da ich Sie bereits als einen vertrauenswerten
+Freund betrachte: direkt kann ich Ihnen bei Imgjor nicht helfen!"
+
+"Darf ich den Grund wissen?"
+
+Der Gräfin Züge veränderten sich durch einen Ausdruck von düsterem
+Ernst. Dann sprach sie in einem sanft gekränkten Ton:
+
+"Mich--mich--meidet sie eher, denn daß sie mich sucht--"
+
+"Wie, Frau Gräfin? Imgjor--Sie--Ich bitte--erklären Sie--?"
+
+Aber was er noch sagen und was sie ihm vielleicht erwidern wollte, wurde
+nicht gesprochen, weil sich gerade der Graf näherte und ihnen schon aus
+der Ferne in dänischer Sprache einige Worte hinüberrief.
+
+"Hesterne staae beredt!" (Die Pferde stehen bereit!)
+
+Und da es sich um einen Reitausflug nach dem Gehölz von Mönkegjor
+handelte, verabschiedeten sie sich sehr bald von der Gräfin und nahmen
+den Weg vorn vors Schloß, woselbst der Reitknecht mit den beiden weißen
+Hengsten ihrer wartete.--
+
+ * * * * *
+
+Der Rest der Woche und die Hälfte der folgenden verliefen Graf Axel
+sehr rasch, ja, die Tage flogen förmlich dahin. Bald nahm ihn die Gräfin
+gefangen, indem sie mit ihm in langen Gesprächen auf weitausgedehnten
+Spaziergängen philosophierte oder ihn zu einer Partie Schach heranzog.
+Zu anderer Zeit mußte er dem Grafen in seine mit vielen interessanten
+Dingen angefüllten Gemächer folgen oder Wagen und Reitausflüge mit ihm
+und dem Grafen Knut unternehmen. Dazwischen lagen die Mahlzeiten mit
+ihren Leckerbissen, Weinen und anregenden Gesprächen.
+
+Graf Knut--ein früherer dänischer Reiteroberst--besaß im Dorf, abseits,
+ein höchst malerisch belegenes Herrenhaus mit Garten und Park, das er
+nebst einem nicht unbedeutenden Kapital von einer verstorbenen Tante
+geerbt hatte.
+
+Er führte ein sorgenfreies, äußerst behagliches Leben und gehörte zu
+jenen Menschen, die schon durch ihre bloße Anwesenheit eine angenehme
+Atmosphäre um sich verbreiten. Er war ein sehr konzilianter, maßvoll
+veranlagter Mann, der in allen die Menschheit beschäftigenden Fragen
+jederzeit einen vermittelnden Standpunkt einnahm und zudem stets
+aufgelegt war, sich an den Abwechslungen, die ihm dargeboten wurden, zu
+beteiligen.
+
+Nicht nur das zu der ungeheuren Herrschaft gehörende Gebiet: die
+Vorwerke, die Fischteiche, die Waldungen und die Förstereien wurden
+während dieser Woche durchmessen und in Augenschein genommen, sondern
+auch das eigentliche Gut mit all' seinen Einzelheiten und das zu dessen
+Füßen hingelagerte Kneedeholm.
+
+Dem Prediger, dem Ortsvorsteher und Apotheker, aber auch, aus Gründen
+kluger Ueberlegung, dem Doktor Prestö, stattete Axel Besuche ab, und
+wenn der Abend kam, wurde geplaudert, musiziert, etwas vorgelesen oder
+eine Partie gemacht.
+
+An all' diesem nahm Imgjor garnicht teil oder sie gab nur die Zuhörerin
+ab. Entweder hielt sie sich für sich auf ihrem Zimmer auf oder sie
+durchschweifte, allein oder von einem Reitknecht gefolgt, zu Pferde die
+Umgegend. Auch machte sie viele Spaziergänge ins Dorf, besuchte hier die
+Bauern und fühlte sich unter ihnen offenbar am glücklichsten.
+
+Und daß sie sich so absonderte, ward von ihrer Umgebung als so
+selbstverständlich angesehen, daß sie auch jetzt bei des Grafen
+Anwesenheit zu einer Aenderung ihres Verhaltens garnicht angefordert
+wurde.
+
+Der Graf schien auf demselben Standpunkt wie seine Gemahlin zu stehen.
+
+Eine Annäherung zwischen ihr und Axel mußte sich nach und nach ergeben.
+Jeder Zwang war von Uebel.
+
+Am Freitag der folgenden Woche traf endlich Lucile ein.
+
+Alle fuhren ihr in einem mit zwei schwarzen und zwei weißen Rennern
+bespannten, offenen Gefährt bis zur Landstraße entgegen. Sie kam mit der
+Post, ebenso wie Graf Dehn; sie hatte es so gewollt.
+
+Komtesse Lucile Lavard war eine ungemein schlanke Dame mit einer
+außerordentlich vornehmen Haltung. Ihr Gesicht besaß eine vollendete
+Regelmäßigkeit; sie glich einer edlen Römerin, die den Schönheitspreis
+davongetragen. Die Nase war leicht gebogen, die schwarzen Augen glühten
+in einem dunklen Feuer, die Lippen waren sein geschnitten. Gleich der
+Abendröte Anhauch lagen sauste Farben auf den weichen Wangen, und ihre
+Zähne blitzten in dem Weiß der Fischgräte.
+
+Die Gräfin hatte recht, sie war blendend schön und zugleich von einer
+Liebenswürdigkeit, die etwas wahrhaft Bestrickendes besaß.--
+
+Als man das Schloß erreicht hatte, zog sich Axel absichtlich zurück und
+wanderte ins Dorf.
+
+Mitten in diesem lag, zurückgelehnt, der Besitz des Grafen Kunt, ein
+zweistöckiges, schneeweiß angestrichenes Haus mitten unter Grün und
+Tannen.
+
+Er fand den Besitzer in seinem Garten bei den Blumen, und nachdem ein im
+Hause eingenommenes Glas Wein und eine Zigarre bereits die Gemütlichkeit
+erhöht hatten, unternahmen sie zusammen einen Spaziergang durch den sehr
+ausgedehnten, mit stattlichen Gehöften und Bauerhäusern, aber auch mit
+vielen ärmlichen Katen besetzten Ort. Bei dieser Gelegenheit ließ sich
+Axel möglichst viel von Lavards und auch von Lucile erzählen.
+
+Graf Knut berichtete, daß Lucile vor anderthalb Jahren mit einem
+französischen Gesandtschaftsattaché in Kopenhagen, dem jungen Marquis
+von Rebullion, verlobt gewesen sei und diese Verbindung wieder gelöst
+habe.
+
+Dem wäre es zuzuschreiben, daß sie seither keine Ehe eingegangen sei.
+
+Er bezeichnete sie als ein vollendetes Mädchen, sie besitze aber einen
+unbeugsamen Standesstolz.
+
+Während sie noch sprachen, kam Doktor Prestö vorüber, machte eine
+Bewegung, als ob er stehen bleiben wolle, besann sich aber und grüßte
+den Grafen mit großer Artigkeit, Axel aber mit steifer Gemessenheit. Es
+geschah, obschon Prestö Axels Besuch noch nicht erwidert hatte.
+
+"Ein recht unangenehmer Mensch!" warf Axel hin.
+
+Graf Knut bewegte stumm die Schultern.
+
+"Sie scheinen meine Auffassung nicht zu teilen?"
+
+"Man muß den Zusammenhang der Dinge kennen, um ein gerechtes Urteil zu
+fällen--" entgegnete Graf Knut. "Prestös Eltern fanden unter dem Druck
+eines maßlos hochmütigen und gegen seine Untergebenen rücksichtslos
+harten Gutsherrn, des Grafen Vedelsborg auf Bornholm. Prestös Vater war
+dort Guts-Inspektor. So sog der Sohn den Haß gegen den tyrannischen
+Gutsherrn seit seiner Kindheit in sich ein. Prestö ist völlig mittellos;
+die unvermögenden Eltern sind lange gestorben; nur durch eisernen Fleiß,
+Stipendien und Stundengeben hat er sein Studium ermöglicht. Durch solche
+Thaten, durch solches Ringen um die Existenz bilden sich Charaktere,
+allerdings selten liebenswürdige, eher einseitige und selbstsüchtige.
+Als unser alter Doktor vor sechs Monaten starb, gab ich die
+Veranlassung, daß sich Prestö hier niederließ. Ich interessierte mich
+von jeher für die Eltern. Gewiß, seine Manieren lassen recht sehr zu
+wünschen übrig, ich gestehe das zu. Auch gären in ihm die Ideen der
+neuen Zeit. Ich bedaure diese Richtung. Aber--was will man machen?
+Wechsel regiert die Welt, und mit ihm treten neue Anschauungen und
+Erscheinungen zu Tage. Wir--die Gutsherren--haben die gute Zeit gehabt,
+nun wollen auch die Bauern einmal leben!"
+
+"Ah, nun verstehe ich! Deshalb Imgjors Eintreten für ihn! Sie begegnen
+sich in ihren Anschauungen. Jetzt ist mir alles klar. Nun weiß ich, wer
+meinem Werben um sie entgegengeht."
+
+"Sie interessieren sich für die Komtesse Imgjor, Herr Graf?"
+
+"Ich gestehe es--außerordentlich! Ich habe auch des Grafen und der
+Gräfin Beifall für meine Pläne. Bisher glaubte ich nur gegen Vorurteile
+zu kämpfen. Nun bin ich überzeugt, daß ich in Prestö meinen eigentlichen
+Widersacher zu suchen habe. Gewiß, sie lieben sich!"
+
+"Vielleicht doch _nicht_--" betonte der Graf, auf das Gespräch ohne
+Umschweife eingehend. "Daß Imgjor Interesse für ihn besitzt, will mich
+wohl auch bedünken. Aber er für sie? Er war schon als Student verlobt
+und ist es, soviel ich weiß, noch--"
+
+"Ah welch' eine gute Nachricht! Erzählen Sie, ich bitte!" fiel Axel
+lebhaft ein und zog den alten Herrn über das Dorfgebiet hinaus.--
+
+Am folgenden Tage, nach dem zweiten Frühstück, wußte es Axel so
+einzurichten, daß er mit Lucile im Garten auf- und abwandelte. Der Graf
+hatte wegen seiner Geschäfte auf eins der Vorwerke fahren müssen, die
+Gräfin--eine selten vorkommende Erscheinung--mußte wegen einer Migräne
+das Zimmer hüten.
+
+Lucile war, in Vertretung ihrer Mama, beim Frühstück sehr liebenswürdig
+um Axel bemüht gewesen. Sie besaß ähnliche Eigenschaften wie ihre
+Mutter. Mit Verstand und Geist verband sie große Lebhaftigkeit. Wie sie
+sonst zu beurteilen sei, mußte er erst ergründen.
+
+Es giebt Frauen, die bei aller sonstigen Beweglichkeit eine stolze
+Prüderei hervorkehren, sobald ein Mann eine über das Konventionelle
+hinausgehende Annäherung wagt.
+
+Zu einer engeren Berührung im ersteren Sinne gehört nach ihrer
+Auffassung die Prüfung eines halben Menschenalters, und Artigkeiten, die
+ein Interesse verraten, weisen sie mit einer verletzenden Schroffheit
+zurück.
+
+Der Graf hatte recht: zu diesen schien Lucile zu gehören.
+
+Lucile sprach mit Vorliebe über ihren Aufenthalt in den großen Städten
+und ihren Verkehr mit den Personen der bevorzugten Stände. Es geschah
+das aber in einer Weise, die keinerlei Absichtlichkeit durchschimmern
+ließ; sie behandelte die Dinge als etwas naturgemäß zu ihr gehöriges.
+Aber es ging aus allem hervor, daß sie Umgang und Beziehungen zu solchen
+Personen über alles stellte, daß das Leben in diesen Kreisen mit dem
+Interesse für Toilette, Korsos, Jagden, Pferde und geräuschvolle
+Geselligkeiten ihr Eldorado war. Und dieses Hervorkehren und dieses
+Wertlegen auf Dinge, die Axel als minderwertige ansah, reizte ihn und
+verführte ihn zu starkem Widerspruch.
+
+"Was Sie besonders anzuziehen scheint, Komtesse, stößt mich geradezu
+ab--" warf er, herabsetzend im Tone, hin.
+
+Und mit einem "So, so! Ja, der Geschmack ist eben ein verschiedener--"
+antwortete sie darauf.
+
+Statt daß Lucile, wie Axel erwartet hatte, ein Erstaunen darüber an den
+Tag legte, daß er, der doch zu diesem Kreise gehörte, einen solchen
+abweichenden Geschmack bekundete, schien sie das hinzunehmen, wie das
+Zwitschern eines Vögelchens, das über ihnen in den Zweigen huschte.
+
+Sie rechnete mit dem, was einmal vorhanden war; sie entwickelte keinen
+Eifer darüber, daß es mit ihren Neigungen nicht übereinstimmte.
+
+Während sie sich eben wieder dem Schloß näherten, in dem sie ein
+Waffenzimmer besichtigen wollten, von dem beim Frühstück die Rede
+gewesen war, sagte er:
+
+"Sie ziehen also wohl jedenfalls die Stadt dem Lande vor. Sie finden
+wahrscheinlich gar keinen Geschmack an dem einförmig-stillen Leben auf
+Rankholm, Komtesse?"
+
+Statt einzutreten--eben hatten sie eine Pforte im Souterrain erreicht,
+durch die man von hinten ins Schloß gelangen konnte--blieb sie stehen,
+richtete den Blick geradeaus und sagte, zunächst durch eine Kopfbewegung
+seinen Worten begegnend:
+
+"Nein, ich bin hier sehr gern. Im Sommer ist mir die Stadt nichts.
+Aber--ich spreche offen--ich finde die Personen hier wenig anziehend.
+Wäre nicht mein Vater--" Sie hielt inne und während sie die Lippen
+schloß, reckte sie den schlanken Hals rückwärts, wie jemand, der einer
+starken Empfindung Herr zu werden versucht.
+
+Nun wurde Axel aufmerksam.
+
+Scheinbar arglos sprechend, fiel er ein:
+
+"Ja, Ihre Eltern, Ihr Herr Papa, Ihre Frau Mama, die müssen jedermann
+fesseln!"
+
+"Meine Mutter--?" Lucile zog die Schultern, und in ihren Zügen erschien
+ein eigentümlicher Ausdruck. Doch sprach sie nicht aus, was sie dachte,
+und offenbar empfand sie Reue, daß sie sich so weit vergessen hatte.
+
+Auch suchte sie den von ihr hervorgerufenen Eindruck rasch wieder zu
+verwischen, indem sie sagte:
+
+"Ich wollte betonen, daß ich mit meinem Vater besser hamoniere als mit
+Mama und Imgjor"--Und plötzlich abschweifend:
+
+"Wie finden Sie Imgjor?"
+
+"Bezaubernd!"
+
+"So--!? Ja, das ist ein Mädchen, um das alle Männer werben. Es
+geschieht, weil sie ihnen nicht einen Finger giebt. Solche strecken
+ganze Scharen zu ihren Füßen."
+
+Dann schwieg sie. Als sie aber oben in das Waffenzimmer getreten waren
+und sich hier, nach Besichtigung der Gegenstände, noch einmal
+niedergelassen hatten, sagte Lucile Lavard:
+
+"Ich gehe gern hier hinauf, weil meine Vorstellungen rege werden. Ich
+wollte, ich hätte damals leben können, als noch Rankholm der Mittelpunkt
+der vornehmen Welt war, als noch unsere Vorfahren Gesandte,
+Staatsminister und Feldmarschälle waren, als sie die Herrscher Dänemarks
+wochenlang zum Besuch bei sich sahen!"
+
+"Sie sind offenbar sehr ehrgeizig, Komtesse!--Sie sind aus dem alten
+Lavardschen Blut."
+
+"Ja, ich bin ehrgeizig, Sie haben recht, Graf Dehn! Ich leugne es nicht.
+Ich lege Wert auf meinen Stamm, auf unser Ansehen und unsern Reichtum.
+Ich bin aber--" hier lächelte Lucile Lavard mit einem liebenswürdig
+anschmiegenden Lächeln--"durchaus nicht so äußerlich, wie Sie glauben
+mögen. Ja, ja, ich hab's schon bemerkt, Herr Graf, daß Sie mich recht
+abfällig beurteilen.--Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ich denke! Ich
+wünsche mich auszusprechen, da ich Sie bereits zu uns zähle: Ich
+überhebe mich über niemanden, das wäre eine Beschränktheit. Gott gab mir
+objektiven Verstand. Aber ich leugne nicht, daß ich, je höher die
+Verfeinerung der Sitten und je vornehmer, sorgloser die
+Lebensverhältnisse sind, um so größeren Geschmack an den Menschen und
+Verhältnissen finde. Das Leben mit den gesellschaftlich Auserwählten ist
+mir Bedürfnis, ich teile durchweg ihre Interessen und Neigungen.
+Freilich unterscheide ich stark. Der Oberflächlichkeit gehe ich
+möglichst aus dem Wege; die Männer, die unthätig nur in den Tag hinein
+leben, verabscheue ich. Finde ich Verstand, Streben, Geist und wahrhaft
+kavaliermäßige Eigenschaften, so suche ich eine Annäherung. Mein Ziel
+ist das Bündnis mit einem Mitglied der höchsten Stände. Eine Lavard hat
+das Recht, ihre Hand nach einer Fürstenkrone auszustrecken. Und wenn ich
+das erreicht habe, so will ich mir Beachtung erwerben durch die Pflege
+der Künste und Wissenschaften, durch Wohlthun, durch die Förderung alles
+dessen, was im wahren Sinne wertvoll und sittlich ist. So denke ich mir
+mein künftiges Leben, dahin geht mein Ehrgeiz."
+
+Axel hatte ihr aufmerksam zugehört, und so sehr wuchs durch die
+Verminderung seiner Vorurteile ihre Persönlichkeit in seinen Augen, daß
+er sich zu einer eifersüchtigen Regung fortreißen ließ.
+
+"Wahrlich, ich bewundere Sie, Komtesse!" stieß er heraus. "Aber ich
+empfinde einen starken Schmerz um die, welche mit keiner Krone im Wappen
+zur Welt kamen und deshalb nicht einmal Ihre Fingerspitzen berühren
+dürfen."
+
+Sie sah ihn an, und ein reizvoll gütiges Lächeln umspielte ihren Mund.
+Dann sagte sie:
+
+"Sie dürfen es, Graf Dehn! Auch dahin wollte ich noch Ihre
+Voraussetzungen berichtigen. Ich bin nicht stolz oder gar hochmütig in
+Ihrem Sinne. Ich hab' etwas Selbstgefühl, weil ich mir bewußt bin, daß
+ich stets vernünftig zu handeln suchte, weil ich Grundsätze habe und dem
+Besseren--wenn auch nur in meiner Weise--ehrlich nachstrebe. Aber
+glauben Sie es mir, ich bin für meine Leute ein guter Kamerad. Ihnen
+will und werde ich es jederzeit sein, wenn Sie mich brauchen können."
+
+"Ah, welche Musik für mein Ohr, gnädigste Komtesse! So sprach auch Ihre
+Frau Mama.
+
+"Ich danke Ihnen, danke Ihnen von Herzen! Ich bitte Ihre Hand zum
+Zeichen meiner Verehrung berühren zu dürfen!"
+
+Ein stiller, freundlicher Blick traf ihn, während sie gewahrte, worum er
+bat, ein Blick, ähnlich wie der, welcher in den Augen ihrer Mutter
+bisweilen erschien. Voll Nachdenken über diese Frauen, die sich so offen
+gaben und in denen allen sich doch etwas Rätselhaftes verbarg, stieg
+Graf Axel an der Seite Luciles wieder in die unteren Räume hinab.--
+
+Nach dem Frühstück am folgenden Tage wurde über eine, einem geplanten
+größeren Fest noch vorherzugehende, kleine Abendfête beraten.
+
+Man wollte Lucile nach ihrer langen Abwesenheit Gelegenheit geben, mit
+den gesellschaftsfähigen Personen in Kneedeholm und einigen der höheren
+Gutsangestellten ein Wiedersehen zu feiern. Ueber das Erscheinen der
+letzteren, des Pastors Nielsen und des Apothekers war man sich einig.
+Die Hinzuziehung des Doktor Prestö stieß auf Schwierigkeiten.
+
+"Wenn's nicht Graf Knut gewesen, würde ich mich in diesen Ersatz für
+unsern alten, vortrefflichen Doktor Kröde nicht so willig gefügt
+haben--" warf die Gräfin hin.
+
+"Der Prestö ist mir eigentlich sehr unsympathisch, er besitzt gar keine
+Lebensart, und sollte ich krank werden, würde mich sein Kommen eher
+beschweren, als erleichtern!"
+
+"Ja, Manieren hat er wenig, oder eigentlich keine--" bestätigte der
+Graf. "Er ist ein selbstbewußter Herr, und, wie der Gutsförster schon
+neulich behauptete, sicherlich ein fanatischer Bauernfreund. Gestern
+erhielt ich auch wieder eine Probe von seiner alles bekrittelnden Art.
+Als ich beim alten Peder Ohlsen vorsprach, fand ich ihn dort mit der
+kleinen Sine beschäftigt, und als ich ihn fragte, was ihr fehle, zuckte
+er, ohne mich überhaupt zu begrüßen, die Achseln und sagte: "Sie hat
+sich den Magen mit Obst vollgepfropft, und statt ihr einen Finger in den
+Hals zu stecken, schickt man nach dem Arzt, als ob's ans Sterben ginge!"
+Und auf eine vermittelnde Aeußerung von meiner Seite, die nämlich, daß
+der Laie doch den Zustand des Patienten nicht beurteilen könne,
+entgegnete er in seiner belehrenden Art: "Ja, man sollte die Bauern zu
+selbständigem Denken erziehen. Statt dessen wird womöglich ihre Dummheit
+noch gefördert. Der Schulmeister hier im Dorfe macht tiefe Katzenbuckel
+vor der Gutsherrschaft, er ist nichts anderes als ein Streber, der
+längst hätte wieder zurückgeschickt werden müssen."
+
+Graf Axel hatte während dieser Erörterung absichtlich seine Blicke auf
+Imgjor gerichtet. Schon bei ihrer Mutter Einwände war ein Ausdruck der
+Auflehnung in ihre Züge getreten. Axel sah's an ihren Mienen. Nun hielt
+sie's nicht mehr. Indem sie das Buch, auf das sie trotz des Gespräches
+ihre Augen geheftet, in den Schoß gleiten ließ, fiel sie mit deutlicher
+Gereiztheit im Tone ein:
+
+"Der Doktor Prestö hat doch ganz recht, Papa. Markholm ist ein
+widerwärtiger Augendiener und ein Schulmeister zum Erbarmen. Nichts,
+nichts weiß die Jugend. Und daß man einen Arzt um jeden Quark bemüht,
+ist doch in der That ein Mangel an praktischer Schulung. Prestö ist eine
+tüchtige, energische Natur mit vielen neuen, wahrhaft reformierenden
+Ideen."
+
+"Ja, ja--reformierende Ideen! Das ist das glückselige Schlagwort, das
+einst nicht nur die Gutshäuser, sondern auch die Hütten der Bauern
+zertrümmern wird!" fiel Lucile erregt ein. "Solche Menschen, wie dieser
+Doktor einer zu sein scheint, sind ein wahres Unglück. Sie wollen alles
+verbessern. Sie müssen des Schöpfers Weisheit, die auf eine besonnene,
+nicht überstürzende Entwickelung aller Dinge im Natur- und Menschenleben
+hinausgeht, übertrumpfen. Im Grunde aber lauert hinter diesen
+Weltverbesserern nichts anderes als die ewig sich wiederholende
+Unzufriedenheit des Subjekts mit seinem Schicksal oder eine grenzenlose
+Eitelkeit. Nicht die Sache--einige unpraktische Schwärmer
+abgerechnet--leitet sie, sondern ihre Person. Innerster Ingrimm darüber,
+daß sie in den Thälern marschieren müssen, statt auf den Gipfeln zu
+stehen, wo ihnen das Schicksal nun einmal keinen Platz eingeräumt, ist
+das Motiv ihrer Handlungen. Ging's Jahre und Jahre so und in Frieden,
+wird's auch mit allmählichen, aus den Erfordernissen herauswachsenden
+Umgestaltungen so gehen, ohne daß der Herr Doktor den Bauern, dem
+Lehrer und Papa schulmeisterliche Unterweisungen erteilt."
+
+Imgjors Augen sprühten, während Lucile sprach.
+
+Ihre weißen Hände fieberten, sie ballten sich in ihrem Schoß, und sie
+konnte es nicht erwarten, ihrer Schwester zu antworten.
+
+Aber statt ihrer wußte die Gräfin, die Lucile durch ihre Mienen bereits
+zugestimmt hatte, rasch das Wort zu nehmen.
+
+"Ja, ich teile vollkommen deine Ansicht, Lucile. Und ich glaube, wir
+alle! Was meinen Sie, Graf Dehn? Wie finden Sie unsern neuen Aeskulap?"
+
+"Ich beurteile ihn milder, nachdem ich näheres über ihn durch den Grafen
+Knut vernahm. Aber ich muß--ich gestehe es--meiner Objektivität stark
+aufhelfen. Wenn ich meinen Geschmack sprechen lasse, sage ich: Dieser
+junge Mann besitzt weder äußere noch innere Erziehung. Er sollte erst
+einmal bei sich beginnen, bevor er über andere schulmeisternd urteilt
+oder gar gegen ältere Leute den Präceptor spielt.
+
+Vielleicht wird seine künftige Frau--ich höre vom Grafen Knut, daß er
+mit einer Kopenhagenerin verlobt ist--vorteilhaft auf ihn einwirken, sie
+und der Einfluß so verstandesreicher und humaner Personen, wie dies
+Schloß sie birgt."
+
+Graf Dehn richtete nach diesen Worten einen gespannten Blick auf Imgjor.
+Er wünschte den Eindruck seiner letzten Rede auf sie zu beobachten. In
+der That schien sie etwas beunruhigt, aber es war offenbar nicht
+Enttäuschung, die ihre Wangen verfärbte, sondern etwas anderes, das sie
+trieb, sich zu entfernen.
+
+Sie fingierte einen sie plötzlich überfallenden Hustenanfall, stand auf,
+drückte die Hand auf die arbeitende Brust und verließ, als ob sie die
+Anwesenden von der lästigen Störung befreien wolle, das Zimmer.
+
+Aber eben die Zweifel über das, was in Imgjor vorging, veranlaßte Axel
+für des Doktors Erscheinen an dem geplanten Besuchsabend einzutreten. Es
+lag ihm daran, Prestö und Imgjor noch einmal beisammen zu beobachten, um
+daraus seine Schlüsse zu ziehen und darnach seine künftige
+Handlungsweise einzurichten.
+
+Er betonte der Gräfin gegenüber, daß eine Umgehung des Doktors bei einer
+Gelegenheit, wo alle übrigen eingeladen würden, eine allzu stark
+hervortretende Zurücksetzung an sich trage. Wenn Prestö auch zur Kritik
+stark herausfordere, so habe er sich doch gegen die Familie bisher
+eigentlich nichts zu Schulden kommen lassen. Er wage deshalb zu bitten,
+daß man ihn hinzuziehe.
+
+"Ihr Wunsch entscheidet, lieber Graf!" erklärte Graf Lavard verbindlich,
+und die beiden Damen neigten nicht weniger bereitwillig den Kopf, nun,
+da es sich um die Bitte des Gastes handelte.
+
+Als Axel eine Stunde vor dem Diner sein Zimmer betrat, um Toilette zu
+machen, fand er auf seinem Schreibtisch eine Karte von Prestö, erfuhr
+aber durch seine an Frederik gerichtete Frage, daß niemand den Doktor im
+Schloß gesehen habe.
+
+"Er wird hinten durchs Haus eingetreten sein, Frederik--"
+
+Der Angeredete schüttelte den Kopf.
+
+"Es kann keiner unbemerkt eintreten. Ich war fortwährend unten
+beschäftigt, und oben hat Christian heute den Dienst."
+
+"Es liegt mir daran, zu wissen, wann der Doktor hier war. Vielleicht
+weiß der Portier auf dem Schloßhof von des Doktors Hiersein. Bitte,
+fragen Sie ihn und Christian! Es liegt mir daran--"
+
+Aber Frederik kehrte mit dem Bescheide zurück, daß Doktor Prestö während
+des Tages Rankholm nicht besucht habe. Es mußte also jemand im Schloß
+die Karte in des Grafen Zimmer gelegt haben, und es mußte während des
+Reitausfluges geschehen sein, den Axel mit dem Grafen zwischen dem
+zweiten Frühstück und dieser Stunde unternommen hatte. Vor Verlassen des
+Schlosses war Axel noch in seinen Räumen gewesen und hatte keine Karte
+gefunden.
+
+Nachdem Axel den Kammerdiener entlassen und zur Vermeidung falscher
+Auffassungen noch vorher hingeworfen hatte, daß es sich nur um eine
+kleine, lustige Wette handle, und daß er nur deshalb nachgefragt habe,
+kam ihm bei fernerem Grübeln über diesen Fall plötzlich die Idee,
+daß--Imgjor in seinem Zimmer gewesen, daß sie die Ueberbringerin der
+Karte war.
+
+Man hatte Prestö Mangel an Lebensart vorgeworfen, man hatte ihn
+überhaupt aufs schärfste verurteilt, und er, Axel, war der einzige
+gewesen, der ihm das Wort geredet. So war die nachträgliche
+Aufmerksamkeit vielleicht der Dank, und Imgjor, die sich schon einmal
+als Prestös Verteidigerin aufgeworfen, hatte dem Doktor möglicherweise
+einen Wink gegeben.
+
+Und wenn Axel in solcher Annahme das rechte traf, so waren diese beiden
+Menschen also im stillen mit einander einig. Freundschaft macht
+erfinderisch, wie Not.
+
+Als Axel den Weg in den Speisesaal nahm, war er überzeugt, daß sich die
+Dinge so verhielten, und er beschloß, nicht zu ruhen, bis er über Imgjor
+und Prestö völlige Klarheit gewonnen.--
+
+Indessen fand er bei Tisch keine Gelegenheit, Imgjor zu beobachten.
+Lucile erklärte kurz vor dem Niedersitzen, daß ihre Schwester nicht
+erscheinen werde. Sie sei bei ihr im Zimmer gewesen, und Imgjor habe
+erklärt, daß sie sich unwohl fühle und bis zum Abend das Bett hüten
+müsse. Es sei nichts Erhebliches, sie wünsche nur zu ruhen und habe
+keinen Appetit.
+
+Da man Axel bereits so sehr zu der Familie rechnete, daß in seiner
+Gegenwart alles Vorkommende besprochen wurde, so nahmen der Graf, die
+Gräfin und Lucile auch heute keinen Anstand, sich über Imgjor zu äußern.
+
+"Sie wird immer unzugänglicher und geht immer mehr ihren Kapricen
+nach--" warf die Gräfin hin. "Du müßtest einmal energisch mit ihr reden,
+Lavard! Sie sollte sich doch wenigstens anders verhalten, wenn wir Gäste
+haben."
+
+Der Graf nickte.
+
+"Wenn sie nicht zugleich ein solcher Engel für die Kranken und Armen auf
+der Herrschaft wäre, hätte ich ihr schon ihre fortwährenden
+Entfernungen verboten. Das ist's ja! Man kann ihr eigentlich keinen
+anderen Vorwurf machen, als daß sie sich für sich hält und ihren
+besonderen Neigungen nachgeht."
+
+"Es schickt sich doch wirklich nicht, daß sie fortwährend
+umherflankiert, mit den Bauern und oft mit den Knechten verkehrt.
+Gestern wurde sie, wie ich weiß, im Dorfwirtshaus gesehen, wo sie ihre
+bauernfreundlichen Ansichten zum Besten gegeben hat," fiel Lucile ein.
+
+"Wer hat dir das mitgeteilt?" rief der Graf nunmehr in erheblicher
+Erregung.
+
+"Vom Gutsförster von Kilde hörte ich es, Papa."
+
+"Da siehst du's, Lavard! Es geht wirklich nicht mehr. Sie rührt uns das
+ohnehin aufsässige Bauernvolk noch mehr auf. Und der Doktor agitiert
+auch schon seit seiner Niederlassung im Dorf. Du weißt doch, daß Pastor
+Nielsen ganz außer sich darüber ist, welche Ideen er vor den Bauern
+entwickelt. Greife ein! Sprich morgen mit dem Doktor und stelle ihm die
+Wahl, sich solcher Dinge streng zu enthalten oder seinen Stab wieder in
+die Hand zu nehmen!"
+
+Graf Lavard nickte.
+
+"Ja, es soll geschehen. Nur morgen geht's nicht. Er ist unser Gast; da
+wäre es unzart, ihm grade Vorhaltungen zu machen."
+
+"Und Imgjor?" fiel Lucile ein.
+
+"Willst du ihr nicht auch gebieten, daß sie ihre Besuche in den
+Wirtshäusern einstellt? Nächstens erscheint das Bauernvolk auf dem
+Schloßhof und stellt dir Forderungen, und wenn du sie nicht erfüllst,
+stecken sie uns das Dach über dem Kopfe an!"
+
+"Na, na--Ihr seht allzu schwarz! Ich bewege mich doch auch unter
+ihnen--ich kenne sie--"
+
+"Es mag sein, Lavard! Aber daß hier vom Schloß aus durch unsere eigene
+Tochter die neuen Ideen gefördert werden, daß sie indirekt gegen ihre
+eigene Familie zum Widerstand aufreizt, geht doch wahrlich nicht mehr--"
+
+"Ich bin derselben Ansicht, Papa, und willst du gründlich vorgehen, so
+schicke Imgjor einmal fort. Und bevor sie zurückkehrt, gieb dem Monsieur
+Prestö auch den Laufpaß!"
+
+"Warum so lange warten, Lucile?" fiel die Gräfin ein. "Will er sich
+nicht fügen, mag er auch gehen, gleich--"
+
+Lucile zog die Lippen.--Sie zögerte noch eine Weile, dann sagte sie und
+warf zugleich einen stillen Blick auf Axel:
+
+"Ich riet nicht ohne Absicht so, wie ich riet, liebe Mama. Denn wisset,
+beide, alle: Seit der Scene gestern habe ich die feste Ueberzeugung, daß
+Imgjor völlig unter dem Einfluß Prestös steht. Als ich vorher mit ihr
+sprach und auf sie einredete, Graf Dehns halber sie ermahnte, sich mehr
+zu Hause zu halten, liebenswürdiger, entgegenkommender sich zu geben und
+den ganzen, sich nicht für sie schickenden Verkehr drunten aufzugeben,
+entwickelte sie geradezu erstaunliche Ansichten. Wir gerieten aufs
+heftigste aneinander. Sie warf mir Beschränktheit, Hochmut und
+lächerlichen Adelsstolz vor.--Die Zeiten seien vorüber, wo man sich so
+geben dürfe wie ich. Sie, Imgjor, würde, wenn es an ihr läge, den Adel
+abthun, das Schloß verlassen und sich ganz den armen, geknechteten
+Bauern widmen. Es müßte in ganz Dänemark von Männern und Frauen der
+besseren Stände das Veredelungs- und Samariterwerk für die niedere
+Klasse, für die Armen und Elenden, ins Werk gesetzt werden. Zu diesem
+Zwecke sei das Land in Distrikte einzuteilen, und in diesen habe dann
+die Wirksamkeit der Brüder und Schwestern des neuen Vereins zu beginnen.
+Volksprediger sollten Vorträge halten, um Menschenliebe,
+Pflichterfüllung und ein von allem ceremoniellen Beiwerk befreites
+Christentum zu predigen. Der Arbeitslosigkeit, Not und Krankheit solle
+Einhalt gethan werden, es sei durch Errichtung von öffentlichen
+Versorgungs- und Krankenanstalten in jedem Ort, sowie durch öffentliche
+Speisehäuser überall den Armen zu helfen und damit den Forderungen der
+Neuzeit gerecht zu werden."
+
+"Wie? Mit solchen Dingen beschäftigt sie sich? Das alles hat sie dir
+erklärt?" fielen beide Lavards ein, und auch Axel erhob mit nicht
+geringerem Erstaunen das Haupt.
+
+"Ja, das und noch anderes! Man könnte einen gelehrten Vortrag daraus
+machen."
+
+Nachdem Lucile geendigt hatte, verharrten die Anwesenden zunächst in
+Schweigen. Was sie gehört hatten, beschäftigte sie ausschließlich.
+
+"Ach ja, nun verstehe ich auch vieles--" nahm sinnend die Gräfin wieder
+das Wort. "Wahrhaftig es ist höchste Zeit zum Einschreiten," fuhr sie,
+gegen ihren Mann gewendet, fort,--"wenn wir nicht einen großen Affront
+erleben sollen. Du mußt deine Rechte üben und noch im Beginn durch
+geeignete Mittel zu mildern oder auszumerzen suchen, was sich in ihr für
+sie selbst Verderbliches festgesetzt hat.--Was sagen Sie, Graf Dehn, was
+sagen Sie? Hätten Sie das gedacht, das in Imgjor gesucht?"
+
+Axel bewegte die Schultern und sagte: "Was die Komtesse will, ehrt sie
+und hebt sie in meinen Augen! Aber allerdings glaube ich auch, daß sie
+starke Enttäuschungen erleben und sehr unglücklich werden wird, wenn's
+keine Mittel giebt, ihr schönes Menschentum auf ein richtiges Maß
+herabzumindern."
+
+Er wollte noch mehr sprechen, aber nun öffnete eben Frederik, den die
+Gräfin beim Beginn der Unterredung für eine Zeit lang abgewinkt hatte,
+von neuem die Thür und brachte, von Christian und einem anderen Lakaien
+gefolgt, die dampfenden Schüsseln des nun folgenden Ganges.
+
+Er hob die silbernen Deckel ab, und ein auf portugiesische Art
+bereiteter, gebratener Fisch aus dem Teiche des Gutsgebiets mit einer
+dazu gehörenden duftenden Sauce verbreitete einen so köstlichen Hauch,
+daß die Sinne für diesen Leckerbissen das Interesse für Imgjors
+Umgestaltungsideen vorläufig verschlangen.
+
+ * * * * *
+
+Als Graf Dehn am folgenden Vormittag zwischen dem ersten und zweiten
+Frühstück von einem Spaziergang aus dem Park heimkehrte, hörte er in der
+Gegend des Schlosses ein lautes Wimmern und bemerkte, als er
+nachforschte, Hektor, den Hund von Imgjor, mit mühsam hinkenden
+Bewegungen dem hinteren Eingang zustreben.
+
+Aber bevor der Hund noch die Thür erreicht hatte, verließen ihn die
+Kräfte; er blieb, vor Schmerzen wimmernd, liegen und erfüllte mit seinen
+Wehlauten die Luft.
+
+Rasch eilte Graf Dehn herbei, spähte nach, was dem armen Geschöpf fehlte
+und sah, daß nicht nur die eine Pfote gebrochen, sondern daß dem Tier
+auch noch das eine Auge derart verletzt war, daß nur noch eine blutige
+Höhlung unter der Stirn klaffte.
+
+Und während Graf Dehn noch sorgend um das Tier bemüht war, erschien,
+durch die Klagetöne von oben herbeigelockt, Komtesse Imgjor, erkannte,
+nach einem Graf Dehn gespendeten, flüchtig höflichen Gruß, was
+vorgefallen war, und erging sich, ihren Liebling liebevoll streichelnd
+und tröstend, in aufgeregten Worten über das Geschehene. Aber sie nickte
+auch erkenntlich, als Dehn sich bereit erklärte, Wasser, Schwamm und
+Leinewand herbeizuholen, und hob, nachdem dies herbeigeschafft und das
+Tier verbunden war, solches zur Bettung im Schloß auf ihre eigenen Arme.
+
+"Bitte, begleiten Sie mich und öffnen Sie mir die Thüren!" bat sie. "Ich
+will ihn in mein eigenes Zimmer bringen, ihn dort selbst pflegen," fügte
+sie, sich zu dem ihr dankbar die Hand leckenden Hunde liebevoll
+herabbeugend, hinzu.
+
+Imgjors Gemächer befanden sich in der ersten Etage in einem Vorbau, der
+in Form eines Turmes die linke, äußerste Zwischenecke des Schlosses
+flankierte. Man konnte sie vom Hofe aus, aber auch von demselben
+Korridor erreichen, in dem sich Graf Dehns Zimmer befanden.
+
+Unmittelbar neben dem Eingang zu seinen Gemächern führte eine Treppe
+zunächst zu einem halbrunden Flur empor, und auf diesen mündete die vom
+Hofe emporstrebende Wendeltreppe.
+
+Graf Dehn hatte lange schon das lebhaftere Verlangen gespürt, einmal
+einen Blick in die Räume zu werfen, in denen das seine Gedanken und
+seine Sinne so ausschließlich beschäftigende junge Mädchen wohnte. Nun
+sollte ihm das werden, und mit einer gewissen Hast folgte er Imgjor und
+ihrer Bürde.
+
+Sie ging aber nicht ins Schloß, sondern wählte den Weg, der über den Hof
+und von dort hinauf zu ihrer Wohnung führte.
+
+"Bitte, hier!" unterwies sie Axel, als sie oben angekommen waren, und
+zeigte auf einen verborgenen Winkel, in dem an einem verdeckt
+angebrachten Haken ein Schlüssel hing.
+
+Und Graf Dehn beeilte sich, ihrem Befehl zu entsprechen. Er öffnete das
+Gemach.
+
+Es war aber erst ein einen Blick auf den inneren Schloßhof gewährendes
+Vorzimmer mit Tapetenthüren und altmodischen Möbeln.
+
+Die eigentlichen beiden Wohnstuben befanden sich nach der Parkseite.
+Graf Dehn war völlig benommen von der reizvollen Eigenart des ersten
+Gemaches, das Imgjor als ihr Wohnzimmer bezeichnete.
+
+Ein großer Tisch, bedeckt mit Büchern und allerlei kostbaren
+Gebrauchsgegenständen, stand in der Mitte. Ihn umgaben eine Anzahl
+kleiner Sofas, die mit rosenroten, blumendurchwirkten Seidenstoffen
+bezogen waren, und ebensolche Divans standen zwischen den das Zimmer
+füllenden schneeweiß und goldfarbigen Rokokomöbeln.
+
+Auch eine reiche Bibliothek in kostbaren Einbänden befand sich in der
+einen Wandseite, und sie ward halb beschützt von einem weißseidenen
+Vorhang. Blumen und Vogelkäfige standen in den tiefen Fenstern, und
+prachtvolle, rosaseidene Gardinen fielen, um besser Licht zu lassen,
+ungerafft von oben bis auf den Fußboden herab.
+
+"Wie feenhaft wohnen Sie hier, Komtesse!" nahm Graf Dehn das Wort,
+nachdem Imgjor das Tier nebenan in ihrem Schlafgemach gebettet hatte und
+nun, rasch zurückkehrend, ihm wieder gegenüberstand.
+
+"Ja, viel zu schön!--Wer hat ein Recht, derartig sich einzurichten, wenn
+in der Welt so viele arme Geschöpfe darben--" entgegnen sie herb im Ton.
+"Ich lerne den Luxus immer mehr hassen. Wäre nicht der die Seele
+belebende, schöne Ausblick, könnte ich nicht in mein geliebtes Thal und
+ins Dorf hinabschauen, wäre ich schon ausgezogen und hätte mir Räume
+gesucht, die mich an Einfachheit und Entsagung gewöhnen--" Und dann kurz
+abbrechend, nachdem sie ihm nochmals ihren Dank wiederholt hatte, sagte
+sie: "Sie können gleich rechts die Treppe hinuntergehen, um Ihre Zimmer
+zu erreichen. Wir sind sozusagen Nachbarn, das heißt Nachbarn von oben
+und unten--"
+
+Hierauf neigte sie mit gewohnter, kaum gemilderter Ausdruckslosigkeit
+den Kopf und begab sich--Axel hörte es, während er die Thür hinter sich
+schloß--eilends wieder zu dem kranken Tiere in ihr Schlafgemach.
+
+Aber diese Sicherheit, nicht beobachtet zu werden, veranlaßte Graf Dehn,
+nicht so gleich das Vorzimmer zu verlassen, sondern sich noch einen
+Augenblick darin umzuschauen, ja, sogar die Klinke einer der beiden
+Tapetenthüren zu berühren.
+
+Da nach seiner Berechnung die Wände des Gemachs zugleich die Außenmauern
+des Turms bilden mußten, war er sehr neugierig, zu erfahren, wohin die
+Eingänge führten.
+
+Zu seiner Ueberraschung gab das von ihm geprüfte Schloß nach, und vor
+ihm lag eine dunkle Treppe.
+
+Das beschäftigte ihn dermaßen, daß er,--unten in seinen Gemächern
+angelangt,--alle Wände untersuchte. Aber er fand nichts. Wahrscheinlich
+führte diese in die dicke Mauer eingelassene, geheime Treppe in den
+Garten hinab, und auffallend war's nur, daß die Thür unverschlossen war,
+daß sie also noch gebraucht wurde.--
+
+Daß übrigens Imgjor ihre Stellung zu Axel nicht verändern wollte, zeigte
+sich schon an demselben Tage sowohl bei Tisch, wie beim Abendessen. Sie
+begegnete Graf Dehn, trotz dieses sie enger verknüpfenden Vorfalles,
+mit derselben kühlen Gemessenheit wie bisher, und als von dem Hunde die
+Rede war, erwähnte sie seiner Hilfeleistung mit keiner Silbe.
+
+Die beiden folgenden Tage boten wiederum allerlei Abwechslungen, durch
+die Graf Dehns Gedanken vorübergehend von Imgjor abgelenkt wurden.
+
+Er machte mit dem Grafen, der Gräfin und Lucile und mit diesen allein,
+da Imgjor heftige Migräne vorschützte, eine Wagenpartie nach einem der
+umliegenden Güter, wohin die Herrschaften schon zum Frühstück geladen
+waren, und am folgenden Tage fuhr er mit dem Grafen Knut und dem Herrn
+des Hauses in das zwei Meilen entlegene Städtchen Oerebye, woselbst sie
+an einem Diner bei einem Herrn von Kjärholm teilnehmen sollten.
+
+Am letzten Abend vor der angesetzten Gesellschaft hatten sich der Graf,
+Lucile und Imgjor früher zurückgezogen. Graf Lavard fühlte sich durch
+eine Erkältung beschwert, und Lucile und Imgjor hatten sich, über starke
+Müdigkeit klagend, schon bald nach Aufhebung der Tafel in ihre Gemächer
+begeben.
+
+Nur Graf Dehn blieb, durch eine Partie Schach gefesselt, neben der
+Gräfin sitzen.
+
+Sie sei noch durchaus nicht schläfrig, sie bitte, ihr Gesellschaft zu
+leisten, hatte sie erklärt.
+
+Nachdem Graf Dehn als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen war, lehnte
+sie sich zurück, sah ihn mit dem ihr eigenen forschenden Blick an und
+warf plötzlich unvermittelt hin:
+
+"Nun, wie sieht's, Graf Dehn? Wer gefällt Ihnen besser, Lucile oder
+Imgjor? Nicht wahr, Lucile ist ungewöhnlich schön?"
+
+Graf Dehn bejahte stumm, dann sagte er:
+
+"Um die Komtesse Lucile zu werben, würde, selbst wenn man meinen möchte,
+ohne sie nicht leben zu können, zwecklos sein. Sie wird niemals einen
+Mann meiner Art heiraten."
+
+Die Gräfin schärfte erst das Auge in einer Art, als ob sie in des
+Sprechers Inneres dringen wolle. Dann sagte sie stark betonend:
+
+"Ist Ihrer Antwort zu entnehmen, daß Ihnen auch Lucile gefährlich werden
+könnte?"
+
+"Ich kann nur jüngst Gesagtes wiederholen, Frau Gräfin. Ich liebe
+Komtesse Imgjor leidenschaftlich. Noch will ich einige Zeit prüfen, ich
+will nicht so leichten Kaufes meine Wünsche begraben. Ist's aber
+entschieden, werde ich Rankholm verlassen. Ich würde mich innerlich
+verzehren, sollte ich ferner aussichtslos neben ihr hergehen."
+
+"Seltsam!" stieß die Gräfin heraus. "Was die Männer haben können, das
+verschmähen sie. Nur das Unerreichbare hat Reize für sie--"
+
+"Sie meinen--?" setzte Graf Dehn an;--stockte aber, weil er der Gräfin
+Auge begegnete.
+
+Sie sah ihn mit einem Blick an, der ihn befangen machte, und der
+Widerschein seiner Verwirrung spiegelte sich in seinen Mienen. "Ah--Sie
+Kind--Sie gutes Kind!" warf sie überlegen, aber nicht ungütig hin.
+
+Doch gab sie sich unmittelbar darauf wieder mit der sonstigen Geradheit
+ihres Wesens.
+
+"Lucile will hoch hinaus, gewiß! Aber sie wird doch nie einen Mann
+heiraten, den sie nicht liebt"--fügte sie, an Axels vordem hingeworfene
+Aeußerungen anknüpfend, hinzu.--"Und deshalb glaube ich auch, daß sie
+ihre unfruchtbaren Pläne aufgeben und sicher einen anderen ehrenwerten
+Mann aus einem weniger bevorzugten Stande heiraten würde.
+
+Daß Lucile sich für Sie interessiert, weiß ich. Aber Sie--Sie--empfinden
+nichts für sie--?"
+
+Nun erschien ein überaus forschender Ausdruck in ihren Zügen.
+
+"Ja, Frau Gräfin--" entgegnete Graf Dehn halb ernst, halb leicht im Ton,
+um dem Gespräch einen möglichst unbefangenen Charakter zu
+verleihen--"ich müßte ein Stein sein, wenn ich nicht ein so vollendetes,
+junges Mädchen, wenn ich nicht jede Tochter einer Gräfin Lavard
+anbetete. Aber es steigt ein Wunsch nach ihrem Besitz nicht auf, weil
+mich, ich wiederhole es, Komtesse Imgjor ganz gefangen nimmt. Komtesse
+Lucile hat mir überdies rückhaltlos erklärt, sie werde nur einem Manne
+die Hand reichen, der eine Fürstenkrone im Wappen führt."
+
+"Haben meine Töchter--" stieß die Gräfin, die nachdenklich zugehört,
+stark betonend heraus, "Ihnen gegenüber ein Urteil über mich gefällt?"
+
+Graf Dehn sah befremdet empor.
+
+"Ich bitte, sprechen Sie, Graf Dehn! Ich bin Ihnen für ein offenes Wort
+dankbar.--Ich werde dann auch reden, nicht heute, aber ein andermal--"
+
+"Da Sie mich fragen--ja, Frau Gräfin! Es scheint mir bei aller
+Verehrung eine kleine Einschränkung vorhanden zu sein. Ich habe schon
+darüber gegrübelt, wie es möglich ist, Sie nicht schwärmerisch zu
+lieben--"
+
+Die Gräfin sah eine Weile still vor sich hin. Dann sagte sie mit einem
+Seufzer:
+
+"Glücklich der, welcher im Familienleben das findet, was er erwartet.
+Wenige sind ganz glücklich! Würden die Eheakten einmal hervorgeholt,
+statt der Vergessenheit übergeben zu werden, würde man erstaunen, wie
+oft Frauen gelitten haben, wie groß ihre Seelen waren!"
+
+Graf Dehn richtete einen gespannten Blick auf die Gräfin, die durch
+diese Worte die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses vorbereitete.
+
+Aber heute vernahm er nichts mehr. Mit einem sanften gütigen Ausdruck
+bot sie ihm zum Abschied die Hand und begab sich, ihm noch einmal
+freundlich zunickend, in ihre Gemächer.--
+
+ * * * * *
+
+Als sich Graf Dehn am folgenden Vormittag nach Imgjor erkundigte, wurde
+ihm von Frederik gesagt, daß sie schon früh und zwar, wie er zu hören
+geglaubt habe, nach dem Mönkegjorer Gehölz fortgeritten sei.
+
+Das veranlaßte Axel, sich ebenfalls ein Reitpferd zu bestellen und, des
+Weges kundig, dieselbe Richtung einzuklagen. Dem schönen Mädchen
+möglichst oft zu begegnen, sie durch einen häufigen Verkehr allmählich
+von ihren Vorurteilen zu heilen, endlich ihre Freundschaft zu gewinnen,
+lag in seinem Plan.
+
+Zwar hatte die Gräfin geäußert, daß man sie gehen lassen müsse, sie
+komme dann zuletzt ganz von selbst; aber er wollte es doch auf seine
+Weise versuchen. Wie konnte er warten, bis sie ihm auch nur einige
+Beachtung schenkte!
+
+An dem heutigen Morgen beherrschte ihn zudem die Vorstellung, daß sie
+nicht nur fortgeritten sei, um sich eine Abwechslung zu verschaffen,
+sondern daß sie irgend etwas vorhabe, das sie zu verbergen wünschte.
+Vielleicht hing es mit dem Doktor Prestö zusammen.--
+
+Er hielt auch, als er zunächst durch das Dorf trabte, einen Augenblick
+vor des Arztes Hause still, um sich unter irgend einem Vorwande nach
+Prestö zu erkundigen.
+
+Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er abwesend sein werde.
+
+Anfänglich war sein Rufen vergeblich. Es erschien niemand, und schon
+wollte er sich zum Absteigen bequemen.
+
+Dann aber öffnete Prestös Wirtschafterin, eine einfache, alte Frau aus
+einem der umliegenden Dörfer, die Hausthür und gab auf Graf Dehns Frage
+Antwort.
+
+"Der Doktor sei vor reichlich einer halben Stunde nach Oerebye geritten.
+Er kehre wahrscheinlich erst gegen den Spätnachmittag zurück," erklärte
+sie.
+
+"Nach Oerebye? Besitzt der Herr Doktor dort auch Praxis?"
+
+"Nein--das nicht. Ich hab' etwas von einer Bauernversammlung gehört, wo
+er dabei sein will. Ich weiß es aber nicht genau. Kann ich etwas
+bestellen?"
+
+"Nein, ich danke! Es liegt nichts Besonderes vor. Sie brauchen nicht
+einmal zu sagen, daß ich mich nach ihm erkundigt habe."
+
+Hierauf nickte die Alte zustimmend, und Graf Dehn setzte seinem Tier
+wieder die Sporen in die Weichen.
+
+Oerebye und der große Forst Mönkegjor lagen in derselben Wegrichtung.
+
+Nachdem Graf Dehn diesen, scharf trabend, nach Verlauf einer halben
+Stunde erreicht hatte, durcheilte er ihn von einem Ende zum anderen,
+hielt auch auf einem mitten im Gehölz auf einer Anhöhe befindlichen
+Pavillon an und sah sich hier nach Imgjor um. Aber es war nichts von ihr
+zu bemerken, und er nahm daher, rasch entschlossen, die Richtung nach
+Oerebye.
+
+Freilich konnte er, wenn er seinen Ritt soweit ausdehnte, nicht zum
+Frühstück in Rankholm zurück sein. Aber das ungeduldige Verlangen,
+festzustellen, ob wirklich Imgjor und der Doktor beisammen seien, ließ
+das in ihm aufsteigende Bedenken, ohne Entschuldigung fortzubleiben,
+rasch zurückdrängen.
+
+Unterwegs, während er dahin galoppierte, bestürmten ihn seine Gedanken.
+
+War's nicht im Grunde eine Thorheit, sich auf ein Mädchen zu
+kaprizieren, das ihm so entschieden auswich?
+
+Und war's, wenn er wirklich ihre Zuneigung gewann, wünschens- und
+lohnenswert, ein weibliches Wesen solcher Art an sich zu fesseln? Er
+hatte sich eine ganz andere Vorstellung von der jungen Dame gemacht, von
+welcher ihm sein Vater gesprochen.
+
+Er hatte ein mit Schönheit: Sanftmut und Liebenswürdigkeit verbindendes
+junges Mädchen zu finden erwartet und sah sich einer fanatischen
+Vertreterin der neuen Ideen gegenüber.
+
+Und dann redeten doch wieder andere Stimmen, und sie flüsterten ihm zu,
+daß Nummern überall zu finden seien, daß er es hier mit einem
+charakterstarken und trotz aller Schroffheit warm fühlenden,
+edeldenkenden Wesen zu thun habe. Von einem solchen bevorzugt, gar
+auserwählt zu werden, erschien ihm des Ringens wert.
+
+Und diese Vorstellung gab dann seinen Gedanken wieder eine andere
+Richtung.
+
+In Oerebye angelangt, hielt Graf Dehn vor demselben Gasthofe, in dem er
+kurz vorher mit Imgjors Vater und dem Grafen Knut eingekehrt war, und
+schon während des Eintritts in die gemütlichen Vorräume des Gebäudes
+warf er die Frage hin, ob jemand aus Schloß Rankholm anwesend sei.
+
+Der sorgfältig rasierte, höfliche Oberkellner nickte bejahend.
+
+"Ja wohl, Herr Graf. Komtesse von Luvard ist vor einer halben Stunde
+angekommen."
+
+"So--so!?" fiel Axel lebhaft ein. "Und--und--ist sie im Hotel?"
+
+"Nein, Herr Graf! Sie ist auch nach dem Landhof gegangen--"
+
+"Nach dem Landhof? Was ist das?"
+
+"Der Landhof ist ein öffentliches Lokal. Um ein Uhr spricht da der
+Volksredner Jens Uesholm. Sämtliche Einwohner und Bauern der Umgegend
+sind hingelaufen--"
+
+"In der That? Ist man diesen Lehren hier so zugeneigt? Und die
+Landarbeiter? Werden sie dabei sein? Die haben doch sicher um diese Zeit
+keine Erlaubnis von ihren Gutsherren--?"
+
+"Sie haben sie sich genommen, Herr Graf. Die Sache ist schon lange im
+Gange. Das giebt überhaupt gewiß noch ein böses Nachspiel--"
+
+Diese Auskunft bestimmte Axel, nach rasch eingenommenen Imbiß den Weg
+nach dem Landhof zu nehmen.
+
+Nun war's auch zweifellos:--Prestö und Imgjor--beide würden dort
+anwesend sein!--
+
+Der Landhof lag mitten in der Stadt, aber nicht unmittelbar an der
+Hauptstraßenlinie. Man mußte eine große Allee durchmessen, um das auf
+einer sanft emporsteigenden Anhöhe belegene, eine weite Umschau bietende
+Vergnügungslokal zu erreichen.
+
+Es war auch ersichtlich, daß die Einwohner etwas Besonderes dahinzog.
+
+Dicht gedrängte Gruppen von Bürgern, Bauern und Feldarbeitern bewegten
+sich durch den Baumgang, alle waren in Eile, und aus der Umgegend kam
+noch fortwährend neuer Zuzug.
+
+Axel beschloß, sich einen Platz drinnen zu suchen, auf dem er möglichst
+unbeachtet zuschauen konnte. Da er aber der Gelegenheit unkundig war,
+redete er einen älteren Bürger in dänischer Sprache an und erkundigte
+sich nach der inneren Einrichtung des Landhofes.
+
+Da war ihm dann die Auskunft sehr erwünscht, daß sich eine große
+Gallerie rings um den Saal ziehe, und daß man sie durch einen
+vorhandenen, gesonderten Eingang betreten könne.
+
+Und so machte er es. Unter der Führung seines Begleiters, eines ehrsamen
+Klempnermeisters, betrat er die Gallerie und fand bald einen Platz, von
+dem aus er den Redner ins Auge fassen und die Zuhörerschaft genügend
+übersehen konnte.
+
+Vorläufig wogte unten noch alles durcheinander. Menschen drängten sich,
+Stühle wurden eingeschoben. Das Geräusch lebhaften Schwatzens erfüllte
+den Raum; nur der Redner selbst war noch nicht sichtbar.
+
+Aber endlich erschien er, von dem brausenden Zuruf der Versammelten
+empfangen, und sprach mit einer lauten, wohlklingenden Stimme über das
+von ihm angekündigte Thema.
+
+Und was er sagte, machte Eindruck, weil er seine Worte geschickt zu
+wählen wußte, weil er niemals den ruhigen Ton verließ, und weil er mit
+solcher Ueberzeugung von der Berechtigung der Forderungen und von der
+zweifellosen endlichen Erreichung des zu erstrebenden Zieles sprach, daß
+er die Zuhörerschaft völlig in seinen Bann schlug.
+
+Zum Schluß entwickelte er, was zunächst zu geschehen habe, und eben das
+deckte sich genau mit dem Inhalt des Gespräches, das zwischen Imgjor und
+Lucile stattgefunden hatte.
+
+Nachdem der Redner, ein Mann mit blondhellem Bart, tiefliegenden,
+dunklen Augen und blassen Zügen, unter nicht endenwollendem Beifall der
+Versammelten seine Ansprache beendet hatte, erklärte ein Bauer, der als
+Präsident der Versammlung vorstand, daß nunmehr die Redefreiheit
+eröffnet sei und daß zunächst Herr Doktor Prestö aus Kneedeholm das Wort
+nehmen werde.
+
+Und Prestö bestieg--aus einer Seitenloge tretend, woselbst nunmehr Graf
+Dehn auch Imgjor entdeckte--so gleich die Rednerbühne und hielt unter
+dem lautlosen Aufhorchen der Menge ebenfalls einen Vortrag.
+
+Und Imgjor, die Graf Dehn fortdauernd scharf beobachtete, folgte diesem
+mit funkelnden Augen und mit gespanntester Miene. Sie hing gleichsam an
+seinem Munde, sie verschlang seine Worte.
+
+Prestö sprach über den Landadel, und sein Vortrag zündete deshalb noch
+mehr, weil er aus dem Munde eines Mannes kam, der selbst unter ihm
+lebte.
+
+Nachdem er denselben Vorschlägen, die Jens Uesholm gemacht, das Wort
+geredet und die Inscenierung solcher werkthätigen Reformen noch des
+Näheren beleuchtet hatte, trat er zurück und begab sich unter dem
+Jubelruf der Arbeiter und Landbevölkerung auf seinen Platz zurück.
+
+Hatte es schon bisher in Graf Dehn gegärt, hatte er sich förmlich
+zurückhalten müssen, das Wort zu verlangen und Uesholms Ausführungen
+entgegenzutreten, durch seine Auslassungen das Erreichbare von dem
+absolut Unverständigen und deshalb Unerreichbaren zu scheiden, so glühte
+es ihm jetzt in den Adern, Prestö heimzuführen.
+
+Es hielt ihn auch nicht. Völlig unbekümmert um das teils neugierige,
+teils feindselige Mustern derjenigen, durch deren Reihen er sich
+drängte, trat er vor den von ihm vorher ins Auge gefaßten Präsidenten
+und ersuchte diesen, ihm das Wort erteilen zu wollen.
+
+Des Dänischen war er so gut Herr wie des Deutschen und Französischen.
+Dennoch leitete er die ihm von dem Leiter der Versammlung gewährte Rede
+mit einer Entschuldigung ein, wenn er sich etwas unvollkommen ausdrücken
+werde.
+
+Er wolle, hub er an, sprechen über die Gefahren, einen Himmel zu
+eröffnen, statt als Mensch beim Irdischen zu bleiben. Bei allem, was der
+Vernunftbegabte thue, müsse er sich nach seiner Mutter, der Erde,
+richten. Sie müsse ihm ein Vorbild sein und bleiben. Sie lehre ihn zwar
+auch täglich und stündlich das Bestreben nach Ausgleich und einer immer
+höheren Vervollkommnung, aber auch fortwährend das ewige Gesetz des
+Rechtes des Stärkeren und Begabteren über den von der Natur minder
+Bevorzugten. Er stelle sich mit den Vorrednern auf denselben Standpunkt,
+daß werkthätiges Christentum zu üben, nicht nur jedermanns Pflicht,
+sondern daß es auch weise sei, da alle im Grunde nur einer großen, durch
+gemeinsame Interessen verbundenen Familie angehörten. Insofern seien
+die Vorschläge, die gemacht worden, wertvoll und deren teilweise
+Ausführung durchaus wünschenswert. Aber eben dabei müsse es sein
+Bewenden haben, und auch dieses Bessere sei in einer ruhigen Weise zu
+erstreben. Das Geschlecht, das heute lebe, ergehe sich in einem völligen
+Irrtum, wenn es glaube, daß es zu etwas anderem berufen sei, als
+zunächst Opfer zu bringen. Die Resultate würden erst, weil sie nur
+allmählich reifen könnten, den späteren Generationen zu gute kommen
+können. Und nochmals weise er auf die Natur hin, wenn er vor jeder
+Ueberstürzung warne. Brauche sie, die große Zauberin, nicht auch für
+alles Zeit und Vorsicht? Bedürfe nicht jedes Blatt am Baume Licht, Sonne
+und Regen? Würde es nicht durch Stürme und Kälte, also durch Gewalt,
+vernichtet? Eine Perspektive zu eröffnen, wie es der erste Redner
+gethan, sei ein Unrecht. Er verheiße etwas, das eben mit dem Hinblick
+auf sie, deren Sein und Wesen den Menschen die Gesetze für ihr Thun
+vorschreibe, unerreichbar sei. Der Staat der völlig Gleichberechtigten
+werde nach einem Tage zerfließen. Der Adler herrsche in der Natur über
+den Sperber. Bei den Menschen habe die höhere Intelligenz und das
+kräftigere Ringen der Vorwärtsstrebenden das Uebergewicht über den
+Trägen. Wie denn? Solle der Fleißige und Rührige das Ergebnis seiner
+Anstrengungen den Müßigen in den Schoß werfen? Er werde sich bedanken!
+Der Fleißige besitze Ehrgeiz und habe den Drang nach Erfolg, Fortkommen
+und nach gesondertem Besitz.--"Meine Freunde! Wenn ihr heute eine
+Erbschaft macht, oder wenn ihr durch Erfindung, die euch Jahre lang
+beschäftigte, ein großes Vermögen erwerben könnt, wollt ihr das ohne
+weiteres hingeben, wollt ihr euch mit einem Tausendstel begnügen? Nein,
+das wollt ihr nicht, und niemand wird's euch verdenken, daß ihr euch
+dessen weigert. Die Zukunft, eine bessere, liegt nur in der Pflege der
+Vervollkommnung des sittlichen Menschen, in der Hebung der Schulen, in
+der Ausübung einer Religion, die zu Thaten der Pflicht und Thaten der
+Liebe und Duldsamkeit gegen die Mitmenschen auffordert. Wo war heute
+hier von Nächstenliebe die Rede? Nirgend! Selbst die Befürwortung der
+Förderung des Humanismus und der Wohlfahrt in Gestalt von
+Arbeitsstätten, Krankenhäusern, Nächtigungsanstalten, öffentlichen
+Speisehäusern, Unfallentschädigungen und Altersversorgungen ward nur aus
+dem Gesichtspunkt einer Forderungsberechtigung an den Geldbeutel der
+Gutsherrn erörtert! Was aus dieser Klasse der Gesellschaft wird, ist
+Herrn Doktor Prestö gleichgiltig. Sie mag untergehen. Ja, Freunde, seid
+ihr Heilige? Nehmt ihr nicht auch einmal ein Gläschen mehr? Seid ihr
+allezeit voll Christentum gegen eure Umgebung? Liegt ihr nicht auch
+lieber auf einem weichen Bett als auf Steinen? Wird einer von euch das
+Anerbieten abschlagen, mehr zu werden und mehr zu verdienen, und ist er
+nicht auch ein Streber in seiner Art, in solcher Art, daß er sich
+möglichst gut betten will? Sprecht ihr allezeit die Wahrheit? Erfüllt
+euch niemals der Neid gegen eure Nachbarn? Seid ihr nicht ebenso
+hochmütig wie die sogenannten Großen? Hand aufs Herz! Haltet ihr euch
+nicht für besser, als sie? Habt ihr nicht euren Bauernstolz? Ein Unglück
+für das Volk ist ein Redner wie der Herr Doktor Prestö. Er möchte
+euch--ich muß es seiner Rede entnehmen--am liebsten anführen, damit
+alles vernichtet werde, die Güter und die Bauerngehöfte dazu! Ja, was
+dann? Die Einöde bietet doch nichts als Hunger und Jammer und Elend! Und
+wie will der Bauer und Feldarbeiter leben, wenn er den Gutsherrn in den
+Brunnen versenkt? Ihr könnt alles kaufen für Geld. Aber wenn ihr keines
+habt, und wenn ihr dem Staat die Möglichkeit nehmt, durch den
+Wechselverkehr zwischen Angebot und Nachfrage die Lebensfrage und somit
+die Existenzfrage zu regeln--was erblüht euch dann Gutes? Elend--Elend
+ist euer Loos! Was uns heute der Staat Schützendes und Förderndes
+bietet, ist ein Ergebnis des Ringens der Jahrhunderte. Allmählich hat
+sich die Erkenntnis des Zweckmäßigen entwickelt. Wir müssen säen, die
+Saat behüten, indem wir das Unkraut von der Frucht scheiden, und müssen
+zur rechten Zeit ernten. Nur _eine_ verständige Volkswirtschaftslehre
+giebt es: Daß jeder durch strenge Pflichterfüllung seinen Teil zum
+Allgemeinbesten beiträgt, daß wir unsere engeren Aufgaben darin
+erkennen, unsere Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, sie sowohl
+etwas Ausreichendes lernen lassen, als auch sie anzuweisen suchen,
+solches fürs Leben praktisch und möglichst günstig zu verwerten, damit
+sie dadurch und lediglich dadurch befähigt werden, möglichst sichere
+materielle Vorteile zu erzielen; daß wir uns fühlen als größere und
+kleinere Glieder eines Ganzen; daß wir endlich stets alle erst vor
+unserer eigenen Thür fegen und dann erst den Besen in die Hand nehmen,
+um unseres Nachbars Schwelle zu säubern! Und so schließe ich: Laßt euch
+nicht bethören durch Hinweise auf Paradiese, die sich nie eröffnen, die
+sich nie eröffnen _können_! Bleibt auf der Erde und helfet, daß schon
+durch gutes Beispiel euern Kindern und Kindeskindern das werde, was zu
+erstreben möglich ist! Eines schickt sich nicht für alle. Den Sieg, den
+materiellen und moralischen, trägt allezeit der davon, der einfach,
+tüchtig und weise ist, der etwas im besten Sinne, im Umfang seiner
+Kräfte--leistet!"
+
+Graf Dehn hatte nach Beendigung seiner, von eisigem Schweigen
+begleiteten Rede große Mühe, den Saal zu verlassen.
+
+Niemand machte ihm bei seinem Versuch, durchzudringen, gutwillig Platz;
+jeder zeigte vielmehr feindselige Mienen, oder drängte ihn wie zufällig
+zur Seite, in der Art, daß er zweimal fast gestolpert und hingestürzt
+wäre. Aber er wußte seine Erregung darüber zu bemeistern, er that, als
+ob er's nicht bemerke.
+
+Draußen angelangt, stieg er rasch die Anhöhe hinab und begab sich auf
+direktem Wege ins Wirtshaus. Und hier angekommen, ließ er sogleich
+satteln, berichtigte seine Rechnung und ritt, rasch trabend, nach
+Rankholm zurück.
+
+Zartsinn hielt ihn ab, vorher noch eine Begegnung mit Imgjor
+herbeizuführen, auch wünschte er dem Doktor, der ihm noch widerwärtiger
+geworden, unter allen Umständen auszuweichen.
+
+Er hatte ihn genau beobachtet. Diesen Menschen verzehrte ein wilder
+Fanatismus. Die Begierde, sich zu rächen an der Gesellschaftsklasse, von
+der einst ein Mitglied seine Eltern in die Fesseln der Abhängigkeit
+geschlagen, durchglühte ihn allein. Und neben dem Rachegefühl verzehrte
+ihn der Ehrgeiz.
+
+Er wollte herrschen, und daß er als Herrscher einen Stab aus Eisen
+schwingen, daß er ein weit größerer Tyrann sein würde, als jener, gegen
+den er schon während seiner Knabenzeit Haß und Verachtung eingesogen,
+bewies seine schroffe Ueberhebung, seine kaltherzige Art.
+
+Und diesem Menschen wollte sich Imgjor mit ihrer, wenn auch äußerlich
+rauhen, doch von lauterer Menschenliebe erfüllten Brust zueignen!--
+
+Als Axel ein halbes Stündchen vor Tisch nach Rankholm zurückkehrte,
+berichtete ihm Frederik, daß die Herrschaften sich wegen seines
+Fortbleibens bereits beunruhigt hätten. Er würde sogleich melden, daß
+der Herr Graf eingetroffen sei. Von Imgjor war nicht die Rede. Offenbar
+hatte man sich bei ihr an solche Unregelmäßigkeiten gewöhnt.
+
+Bei Tisch berichtete Graf Dehn über die Geschehnisse in Oerebye.
+
+Er gab den Inhalt der vermiedenen Reden wieder, verschwieg aber in
+vornehmer Gesinnung sowohl Imgjors als auch des Doktors Anwesenheit. Es
+widerstrebte ihm, trotz seiner heftigen Abneigung gegen Prestö, den
+Angeber zu spielen. Die Herrschaften mochten selbst den Zeitungen einen
+Bericht über die Vorkommnisse entnehmen; und gar Imgjor ohne Not in ein
+ungünstiges Licht zu stellen, widersprach vollends seiner Stellung zu
+ihr.
+
+Während noch Graf Dehn sprach, öffnete sich die Thür, und Imgjor trat
+mit dem ihr eigenen, sich gleichsam starrköpfig gegen die eigene
+Schönheit auflehnenden Ausdruck ins Gemach.
+
+Sie sprach eine kurze Entschuldigung aus, sich verspätet zu haben, und
+suchte den Blicken und den Fragen ihrer Umgebung zunächst dadurch
+auszuweichen, daß sie dem ihr unmittelbar darauf von der Dienerschaft
+servierten Vorgericht mit hungrigem Eifer zusprach.
+
+Und nur ganz allgemein hatte sie bei ihrem Eintritt das Haupt zum Gruß
+geneigt. Nichts deutete in ihrem Verhalten darauf hin, daß sie kurz
+vorher mit dem Gast des Hauses unter so ungewöhnlichen Umständen an
+einem fremden Orte zusammengetroffen war.
+
+Aber schöner als je erschien sie dem Manne, dem sie fortgesetzt mit
+solcher Nichtachtung begegnete.
+
+Dieses Uebermaß von finsterer Verschlossenheit, verbunden mit Reizen,
+wie verschwenderischer die Natur sie nicht austeilen kann, machte sie
+für ihn unwiderstehlich; gerade diese Kälte entflammte sein Inneres nur
+noch mehr.
+
+Er schaute mehrmals verhohlen zu ihr hinüber, während nun das Gespräch
+einen regelmäßigen Fortgang nahm, oder auch von den Anwesenden eifrig
+den Speisen zugesprochen wurde.
+
+Heute lag auf ihren Wangen ein zartes Rot, ein fast fieberhaftes, das
+die Erregung zufolge der heutigen Erlebnisse darauf zurückgelassen
+hatte. In ihren Augen aber glühte ein stilles, dunkles Feuer, jenes der
+Begeisterung für die Ideale, welche ihre Brust erfüllten.
+
+Dabei waren ihre Körperlinien so unschuldig, ihre Erscheinung und ihr
+ganzes Wesen so jungfräulich, so unnahbar, ihr Wuchs so edel, die
+kleinen Hände trotz der zarten Farben so fest, so energisch gebildet.
+Mit ihrem schlichten, auf die weiße Stirn fallenden rotblonden Haar
+glich sie einem mit höchster Schönheitsvollendung geschmückten Weibe.
+
+Und dieser überwältigende Eindruck ihrer gesamten Erscheinung machte
+Axel nachdenklich und schweigsam, so völlig anders, daß Lucile, die
+gleich beide argwöhnisch beobachtet hatte, nunmehr wiederholt auf ihre
+Schwerer einredete.
+
+"Wo warst du, Imgjor? Bist du die ganze Zeit unterwegs gewesen?" warf
+sie forschend hin.
+
+Imgjor erwiderte mit einem kurzen, tonlosen Ja. Da eben von Frederik
+eine Pastete herumgereicht wurde, nahm sie die Gelegenheit wahr, sich
+den Anschein zu geben, als ob sie das Auffüllen dieses Leckerbissens auf
+ihren Teller zu ausschließlich beschäftige.
+
+"Willst du keinen Fisch vorher?" fiel nun die Gräfin ein, da eben einer
+der Diener mit diesem Gericht zur nachträglichen Darreichung erschien.
+
+"Nein, ich danke!--Ich habe sehr wenig Hunger--"
+
+Und zu jenem, der sich ihr inzwischen ehrerbietig genähert, mit der ihr
+eigenen, steten Freundlichkeit gegen Untergebene: "Vielen Dank,
+Christian!--Ich nehme nicht--"
+
+Nun trat eine Pause ein. Alle waren mit sich beschäftigt, und die Herren
+tranken auf des Grafen Aufforderung einen von Frederik soeben
+eingeschenkten alten, besonders vorzüglichen Rotwein.
+
+Dann sagte die Gräfin: "Nun, Imgjor? Wo warst du also den ganzen Morgen?
+Lucile fragte dich, und du antwortetest nicht."
+
+Wie aus einem Traume erwachend, erhob Imgjor, die kaum von der Pastete
+gekostet, den Kopf, sammelte sich aber, verfinsterte die Stirn und sagte
+in einem launenhaft ungeduldigen Ton: "Ich bin doch kein Schulkind mehr,
+das man fortwährend examinieren muß, Mama! Deshalb gab ich Lucile keine
+Antwort--"
+
+"Nun ja! Aber wo warst du? Jetzt frage ich dich!"
+
+Imgjor zog mit einer Geberde der Auflehnung die Schultern und spreizte
+die Lippen, entgegnen aber nichts. Eine Lüge widerstrebte ihr, jedoch zu
+bekennen, worum es sich handelte,--gewann sie nicht über sich.
+
+"Nun, antworte doch, wenn deine Mutter mit dir spricht!" herrschte jetzt
+heftig, ungeduldig der Graf. Imgjors zu Tage tretender Trotz nahm alle
+und auch ihn gegen sie ein, und nur Fräulein Merville--Axel sah's--auf
+Imgjors Seite.
+
+In ihrem Angesicht erschien ein unruhiger, besorgter Ausdruck.
+
+"Bitte! Rede doch--gieb keinen Anlaß zum Verdruß!" stand in ihrem auf
+Imgjor gerichteten Blick geschrieben, während sich in Luciles Mienen
+Unwille und jene stolze Auflehnung bemerkbar machte, das ihre Schönheit
+zwar beeinträchtigte, aber die Majestät ihrer Erscheinung jederzeit hob.
+
+Was jedoch die Anwesenden erwarteten, geschah auch jetzt nicht.
+
+Zuerst erschien ein hilfloser Ausdruck in Imgjors Kindergesicht. Dann
+schob sie den Teller und die Serviette zurück, erhob sich und verließ,
+während sie durch Zusammenbeißen der Zähne ihre Bewegung und auch die
+aus ihren Augen strömenden Thränen vergeblich zu bannen suchte, das
+Zimmer.
+
+Offenbar erlag sie einer durch die Gewalt der starken Eindrücke des
+Tages hervorgerufenen, krankhaften Abspannung der Nerven, und nicht
+Trotz und böser Wille, sondern diese Unfreiheit und die Auflehnung
+dagegen, daß man ihr in Gegenwart des Gastes und der Dienerschaft so
+begegnete, ließen sie so handeln.
+
+Wenn Graf Dehn vordem durch Schweigen für sie Partei genommen, so
+geschah's jetzt mit Worten.
+
+Er wollte als ihr guter Freund handeln, wie sie ihm auch begegnen
+mochte.
+
+Im Saal des Landhofes hatten sich einmal während seiner Rede ihre Blicke
+getroffen, und beide hatten sich, wie ertappt, abgewendet. Aber eben
+diese Beachtung von ihrer Seite hatte Axel belehrt, daß sie ihm
+gegenüber nicht völlig gefühllos war.
+
+"Komtesse Imgjor ist offenbar nicht wohl--" hub er in einem
+versöhnlichem Tone an. "Ich sah, während Komtesse Imgjor die Suppe aß,
+daß sie mehreremals auffallend die Farbe wechselte--"
+
+"So--so--In der That?" fiel der Graf, der offenbar seine Schroffheit
+bereits bereute, mit gutherziger Unbequemung ein.
+
+Und als Axel den Blick auf die übrigen richtete, begegnete er in dem
+Angesicht des Fräulein Merville einem dankbaren Ausdruck, während in den
+Zügen der Gräfin ein unbiegsamer, in denen Luciles ein solcher von
+höchstem Unwillen haftete.
+
+Freilich wich er in Luciles Antlitz sogleich. Er verwandelte sich,
+während sie erst einen tiefen, träumerischen Blick auf den Gast
+richtete, in einen Axel zugewendeten still hingebenden.
+
+Graf Dehn entging das nicht, und er wurde davon so stark berührt, daß
+sich seine Gedanken eine Weile ganz auf Lucile richteten.
+
+Aber ebenso rasch schüttelte er den Kopf, und ein erneuter Blick auf sie
+betätigte auch eine von ihm offenbar nur genährte Illusion.
+
+Umsomehr aber beschäftigten sich seine Gedanken mit Imgjor.
+
+Er würde eine Welt darum gegeben haben, sie jetzt sprechen, mit seinen
+Augen in ihre Seele einmal hinabtauchen zu können.
+
+Die Stunden zwischen dem Essen und dem kleinen Feste nahm sich Graf Dehn
+vor, allein in seinem Gemächern zuzubringen. Er erklärte, daß er Briefe
+schreiben müsse, und man erhob auch keinen Widerspruch. Auch die
+übrigen schienen von demselben Verlangen beherrscht zu werden, sich zu
+vereinsamen.
+
+Als Axel sein Wohngemach betrat und, bevor er sich niederließ, arglos
+Umschau hielt, fand er auf seinem Schreibtisch ein kleines, mit goldenen
+Linien umrändertes Kouvert. Er griff hastig danach, und da ihm ein
+unbestimmtes Gefühl sagte, daß es mit Imgjor zusammenhänge, öffnete er
+es in fiebernder Spannung. In der That fand er einige Worte von ihrer
+Hand.
+
+Aber freilich brachten sie nicht, was er ersehnt, was er fast gehofft
+hatte.
+
+Auf einer zierlichen Karte standen die Worte: "Ich wiederhole, es giebt
+keinen Weg, der uns zusammenführen kann. So lassen Sie mich! Ich bitte,
+ich beschwöre Sie! Für Ihre Diskretion meinen Dank. I."
+
+So war also doch nichts gewonnen! Axel ließ sich entmutigt in seinen
+Sessel sinken und saß lange, abwesend, seinen Gedanken hingegeben.
+
+Stark benommen und nichts weniger als zu einem Zusammensein mit Menschen
+aufgelegt, nahm er sodann in späterer Stunde die Meldung Frederiks
+entgegen, daß die Gäste im Anzuge seien.
+
+Soeben hätten sie den Schloßhof überschritten.
+
+"Und Doktor Prestö? Ist er auch dabei, Frederik?"
+
+"Jawohl, Herr Graf, er ist schon im Flur, Cristian ist ihm behilflich--"
+
+"Ich danke Ihnen. Ich werde sogleich erscheinen--" Axel sprach's
+zerstreut und machte sich, mechanisch handelnd, an seine Toilette.
+
+Da die Anwesenden im Schloß schon eine Anzahl von Personen ausmachten,
+so war's nicht zu verwundern, daß der Empfangssalon stark gefüllt war.
+
+Es hatten sich alle höheren Beamten mit ihren Damen eingefunden, der
+Oberverwalter, der Verwalter, der Vorwerk-Inspektor, der Oberförster mit
+seinen zwei Unterbeamten, die Herren aus der Kanzlei und der Kasse, der
+Intendant und die Schreiber, des Grafen Sekretär und zudem die
+Honoratioren aus dem Dorfe.
+
+Es wurde zunächst Thee herumgereicht. Dann musizierten Lucile und die
+Pastorin, und eine Verwandte des Apothekers aus Kopenhagen sang mit
+einer gutgeschulten, sympathischen Stimme.
+
+Das nahm, einschließlich der Empfangsgespräche, denen die Gräfin mit
+vollendetem Geschick einen warmherzigen Charakter zu verleihen wußte,
+eine kleine Stunde in Anspruch. Dann wurde das Zeichen zum Tischgang
+gegeben.
+
+Der Pastor, als ältester und würdigster Herr, führte die Gräfin und der
+Graf die Gemahlin des ersteren. Im übrigen wählte, der hier herrschenden
+Sitte entsprechend, jeder Herr seine Dame selbst, und allezeit fügten
+sich, trotz dieser Uneingeschränktheit, die Dinge den Verhältnissen
+angemessen.
+
+Jeder wußte von selbst, auf welchen Platz er gehörte. Ihn leiteten
+Gewohnheit und natürliches Taktgefühl. Ein gleiches galt von der Wahl
+der Damen selbst.
+
+Axel hatte, schnell entschlossen, Lucile den Arm geboten. Sie sah ihn
+überrascht fragend, aber auch sichtlich angenehm berührt an, und
+lächelte mit einem feinen, überlegenen Lächeln.
+
+"Wie, Herr Graf? Eine Lucile, wo es eine Imgjor giebt?" neckte sie. Und
+er, während er an der in Silber und Krystall funkelnden Tafel Platz
+nahm: "Darauf darf ich entgegnen, Komtesse: es überraschen und beschämen
+den Grafen Dehn so gütige Worte umsomehr, als so zahlreiche Mitglieder
+aus Fürstengeschlechtern nach Rankholm hinüberschauen!"
+
+"Ah, das war nicht hübsch! Das war boshaft, Graf Dehn--" entgegnete
+Lucile. "Sie lohnen mir meine Offenherzigkeit mit Spott! Glauben Sie,
+daß ich keinen Wert auf die Erstarkung unserer Freundschaft lege?"
+
+"Ja, ich fühle es, und es macht mich überaus stolz und glücklich,
+Komtesse!" fiel Axel, den leichten Ton verlassend, ein. "Heute
+namentlich thut mir Güte und Wärme doppelt wohl, da sich--Sie sprachen
+von Ihrem Fräulein Schwester--bereits mein Schicksal entschieden hat."
+
+"Wie?--Es ist etwas geschehen? Ah--ahnte mir's doch!" Lucile sprach's
+stark betonend und lehnte mit der ihr eigenen, kurz abweisenden Art eine
+Schüssel ab, die eben einer der Diener beim Anbieten zwischen sie und
+ihren Nachbar schieben wollte.
+
+"O ich bitte, erzählen Sie mir!" fuhr sie fort und warf zugleich einen
+Blick zu ihrer Schwester hinüber, die neben Prestö saß und trotz
+eifrigen Redens eben mit gespanntem Ausdruck zu ihnen beiden
+hinüberschaute.
+
+Axel hob die Schultern und lächelte schwermütig.
+
+"Erlassen Sie mir Einzelheiten, Komtesse! Die Sache hat ein Vorspiel,
+über das ich noch nicht sprechen, worüber ich auch Ihnen gegenüber mich
+nicht eher auslassen möchte, bis die Geschehnisse von anderer Seite zu
+Ihnen gedrungen sind. Nur soviel: Komtesse Imgjor hat mir heute die
+wiederholte Erklärung gegeben, daß uns keinerlei Wege zusammenführen
+könnten!"
+
+Zuerst blitzte es nach diesen Worten in Luciles Angesicht auf. Dann aber
+wurden ihre Mienen wieder ernst, und indem sie Graf Dehn mit einem sanft
+gelassenen Ausdruck ansah, sagte sie:
+
+"Natürlich vermag ich ohne den Zusammenhang der Dinge keine zutreffende
+Meinung abzugeben. Aber daß solche Erklärungen meiner Schwester oft
+gerade das Gegenteil bedeuten, kann ich Sie versichern. Jeder hat seine
+Art. Sie hat die ihrige. Börne, der deutsche Denker, sagt einmal:
+Ernsthafte Frauen gleichen leeren Koffern mit sieben Schlössern. Ich
+möchte von meiner Schwester sagen, sie gehört zu jener Gattung von
+weiblichen Wesen, von denen man behaupten könnte: Hinter den Eisbergen
+ihrer Mienen lodern tausend heiße Flammen--"
+
+"Wie? Sie glauben--?"
+
+Lucile nickte.
+
+"Einen Fall nehme ich aus. Hat sie bereits die ebenso große
+Unbesonnenheit wie Geschmacklosigkeit begangen, sich mit dem Plebejer
+drüben zu verloben, so ist natürlich nichts zu machen."
+
+"Ich möchte das als höchst wahrscheinlich annehmen, Komtesse--"
+
+"Ein mehr als schrecklicher Gedanke, Graf Dehn! Worauf stützen Sie Ihre
+Eindrücke, wenn ich bitten darf?"
+
+Graf Dehn zögerte erst, dann kam ihm ein Entschluß, und er sagte:
+
+"Für einen in seinem Geist und Gemüt beschwerten Menschen giebt's kein
+größeres Labsal, als sich aussprechen zu können, einen Vertrauten zu
+besitzen, dem er rückhaltlos über alles zu berichten vermag, was ihn
+beschäftigt.
+
+Dieser Umstand und die Sicherheit, daß meine Eröffnungen Komtesse Imgjor
+nützlich sein können--ich gestatte mir, später zu sagen, in welcher
+Weise ich mir das vorstelle--lassen mich unter der Bitte vorläufiger
+Verschwiegenheit reden!"
+
+Nach dieser Einleitung erzählte Graf Dehn Lucile alles, was geschehen
+war, und schloß mit den Worten:
+
+"Sie äußerten sich jüngst über die Möglichkeit, daß Ihr Fräulein
+Schwester Rankholm verließe--dringen Sie gleich--ich bitte--darauf,
+damit sie von Prestö getrennt wird, und auch darauf, daß man ihn, sobald
+sie zurückkehrt, nicht mehr hier findet!"
+
+"Ja, ja"--Lucile, die mit größter Spannung zugehört und namentlich bei
+der Schilderung dessen, was Graf Dehn selbst im Landhof gesprochen, mit
+lebhaftem Ausdruck ausgehorcht hatte, nun sinnend zurück.
+
+"Wenn es nur nicht zu spät ist! Ich fürchte nach dem, was Sie mir gesagt
+haben, allerdings, daß sie schon die Thorheit begangen hat. Und ist's
+der Fall, dann giebt's keine Schlösser und Ketten, keine Länder und
+Entfernungen, die sie von ihm und ihren Entschlüssen trennen würden.
+Selbst ein nachträgliches Erkennen seiner Unwürdigkeit würde sie
+abhalten, ihr einmal gegebenes Wort zu brechen; die allerschwersten, die
+größten Selbstaufopferungen mit sich führenden Pflichten würde sie auf
+sich nehmen."
+
+"Eine Hoffnung besteht vielleicht noch, Komtesse!" fiel Axel ein.
+
+"Sie erinnern sich, daß Graf Knut mir erzählte, Prestö sei verlobt. So
+hat doch vielleicht nur die gemeinsame Sache sie zusammengeführt."
+
+"Ja, sie hat sich ihm ursprünglich wohl nur deshalb genähert,"--betonte
+Lucile--"ihn aber--glauben Sie es--bestimmt ihr Geld und die
+Befriedigung seiner maßlosen Eitelkeit. Um derentwillen wird er ein
+bereits eingegangenes Verlöbnis zu Imgjors Gunsten lösen. Ich halte den
+Menschen zu allem fähig, sofern es sich um die Erlangung von Macht und
+Besitz handelt--"
+
+"Ich beurteile Prestö ebenfalls ungünstig, er ist mir zugleich namenlos
+unsympathisch. Aber das möchte ich doch nicht unterschreiben. Für
+unehrenhaft, für einen Schurken halte ich ihn nicht. Er ist ein krasser
+Egoist und Fanatiker, aber--"
+
+"Ja, ja, das ist ja eben Ihre rührende Art! Obschon Ihnen die Natur
+einen so scharfen Verstand verlieh, obschon Sie einen starken Spürsinn
+besitzen, bewahren Sie sich doch ein vertrauendes Herz und glauben an
+die Menschen! Und eben solche wie Sie, in solcher Mischung, giebt's
+wenige. Wo ist die rechte Harmonie zwischen Verstand und Gemüt, zwischen
+strengen Grundfarben und Koncilianz?"
+
+"Sie beschämen mich, Komtesse--"
+
+"Ich sage, wie ich es meine, Graf Dehn. Und wäre Imgjor nicht
+krank,--ihre überspannten Ideen sind krankhafter Natur--so wäre sie die
+Rechte für einen Mann, wie Sie es sind.--Ach, meine Mutter hat viel
+verschuldet! Sie--sie--hat Imgjor durch eine übergroße Strenge in den
+Kindheitsjahren in diese Welt des Widerstandes getrieben--"
+
+"Wie? Das sagen Sie, Komtesse? Schon einmal deuteten Sie auf dergleichen
+hin! Wie schmerzlich ist es mir, daß Sie an einer, in meinen Augen so
+seltenen Frau, wie Ihre Mama es ist, nicht alles zu loben vermögen, daß
+Sie sie nicht blindlings lieben--"
+
+Lucile bewegte die Schultern, deren vollendete Formen durch ein tadellos
+sitzendes Gewand aus zarter grüner Seide noch mehr gehoben wurden. Auch
+zog sie die ausdrucksvollen Lippen und sagte stark betonend:
+
+"Doch, ich liebe meine Mutter zärtlich. Aber gerade, weil ich sie so
+sehr liebe, möchte ich sie als höchstes Ideal betrachten können. Es
+liegt etwas vor, das ich nicht verstehe. Ich spreche nicht allein über
+Mamas Haltung Imgjor gegenüber--"
+
+In diesem Augenblick schlug Graf Lavard ans Glas, um einen Toast auf die
+Gäste auszubringen. Dadurch wurde Lucile in ihrer Rede unterbrochen.
+Ueberdies bemerkten beide, daß man sie beobachtete. Infolge dessen
+richteten sie ihre Blicke mit unabgewendeter Aufmerksamkeit auf den
+Sprechenden, und nur einmal warf Graf Dehn das Auge auf seine Umgebung.
+Und als dies dann auf Imgjor fiel, sah er erst, daß Prestö ihr etwas
+zuflüsterte, und dann, daß sie ihm rasch mit einem ihrer süßen Blicke
+antwortete, einem jener Blicke, in denen das ganze bestrickende Wesen
+ihrer tiefen, anschmiegenden Seele zum Ausdruck gelangte.
+
+Aber eine noch stärkere Bestätigung seiner schwermütigen Vermutungen
+empfing Graf Dehn, als er kurz vor Schluß des Festes, ohne es zu wollen,
+Zeuge eines Gespräches zwischen ihr und Prestö wurde.
+
+Als er den von allen und auch von ihm inzwischen betretenen Park auf
+Augenblicke verließ, um sich eine Cigarre aus dem neben dem Speisegemach
+befindlichen Rauchzimmer zu holen, sah er in ersterem Imgjor und Prestö
+einander zärtlich die Hände schütteln und hörte das junge Mädchen
+deutlich sagen:
+
+"Also, bitte, übermorgen Abend!" zugleich aber traten beide, Axel
+bemerkend, verwirrt zurück. Imgjor wandte sich der Gartenseite zu und
+der Doktor, der ohnehin während dieser Stunden Axel fortdauernd
+hochmütig ausgewichen war, verbeugte sich kurz mit eisiger Förmlichkeit
+gegen ihn und verließ das Gemach.
+
+"Ja, Herr Doktor Prestö ist soeben zu einem Kranken gerufen. Er
+begegnete mir hier gerade beim Fortgehen--" erklärte Imgjor, als sich
+Axel ihr mit kavaliermäßiger Artigkeit anschloß und, um überhaupt etwas
+zu reden, die Frage aufwarf, ob Prestö die Gesellschaft bereits
+verlassen wolle.
+
+Aber einer Erörterung über das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag
+und einen so bedeutungsvollen Inhalt besaß, wußte sie dadurch
+auszuweichen, daß sie, als er eben zu weiteren Worten anheben wollte,
+von ihrem Hunde zu sprechen begann.
+
+Und das geschah mit einer so unbefangenen Miene, daß Graf Dehn überhaupt
+die Möglichkeit abgeschnitten wurde, ein anderes Thema zu berühren. Auch
+neigte sie, nachdem sie die Treppen zum Garten hinabgestiegen waren,
+kurz verbindlich das Haupt und gesellte sich zu der gerade ihnen
+entgegenschreitenden Nichte des Pastors.--
+
+ * * * * *
+
+Am nächstfolgenden Tage wurden die Bewohner von Rankholm durch die sehr
+unerfreuliche Botschaft überrascht, daß im Dorfe das Scharlachfieber
+ausgebrochen und daß bereits zwei Dutzend Personen, Große und Kleine,
+davon ergriffen seien.
+
+Der Graf erzählte davon beim zweiten Frühstück und ermahnte die
+Tischgenossen, den Verkehr mit den Dorfbewohnern vorsichtig zu meiden.
+Es wurde sogar überlegt, ob nicht der sonst stets erfolgende
+Kirchenbesuch für den bevorstehenden Sonntag ausgesetzt werden solle.
+
+Der Graf befürwortete ein Fortbleiben; die übrigen schlossen sich ihm
+stillschweigend an, und nur Imgjor gab keine Meinung ab.
+
+"Nun, Kind--hast du gehört? Halte dich also vom Dorf fern!" warf die
+Gräfin mit einem auf ihre Tochter gerichteten, auffordernden Blick hin.
+
+Imgjor bewegte den Kopf.
+
+"In die Kirche werde ich auch nicht gehen. Aber ins Dorf möchte ich
+jetzt gleich und möchte mich umsehen, ob ich nicht helfen, vielleicht
+als Krankenpflegerin mich nützlich machen kann."
+
+"Du wirfst das nicht thun, unter keinen Umständen! Ich wünsche es
+nicht--" entschied die Gräfin.
+
+"Willst du mich denn hindern, ein gutes Werk zu thun, Mama? Welchen Wert
+hat alle Religion, wenn sie mit keinen Thaten verbunden ist?"
+
+"Du hast--" entgegnete die Gräfin--"nicht nur auf den Drang, zu helfen,
+den ich gewiß nicht tadle, Rücksicht zu nehmen, sondern auf die ganze
+Familie und sämtliche übrigen Mitbewohner von Rankholm.
+
+Scharlach ist so ansteckend, daß es geradezu Leichtsinn wäre, sich
+unnötig mitten in die Gefahr zu begeben.--"
+
+"Unnötig, Mama? Sollen wir uns nicht der Armen und Notleidenden
+annehmen?"
+
+"Ja, ja, Imgjor! In solchen Antworten liegen deine Phantastereien. Die
+Beschäftigung mit dem Idealsten in der Welt kann verderblich statt
+segensreich wirken, wenn es eine verkehrte Hand zu ungeeigneter Zeit ins
+Praktische zu übertragen sucht.
+
+Wie nun, wenn wir dich gewähren lassen und alle hier von einer
+Ansteckung befallen werden, wenn gar die Krankheit einen tötlichen
+Ausgang nimmt? Meinst du, daß die vom Dorfe heraufeilen werden, um uns
+zu pflegen, selbst wenn wir verkündeten, wir erwarteten, daß sie es thun
+möchten? Keiner, der Pastor ausgenommen, der stillschweigend mit seinem
+Amt solche Samariterpflichten gegen die Gemeinde übernommen hat, wird
+auch nur auf den Gedanken geraten. Und darin steckt's! Fortwährend wird
+von den Bauern der Anspruch an Opferwilligkeit von unserer Seite
+erhoben, und nach Kräften wird diesem Anspruch von den besser Gesinnten
+entsprochen. Aber wer hilft dem Gutsherrn, wenn er der Hilfe bedarf,
+wenn er etwa gar verarmt? Er wird vergeblich die Hände ausstrecken. Du
+solltest endlich deine Vernunft gebrauchen, statt solchen Gefühlsideen
+blindlings Gefolgschaft zu leisten. Stehen wir dir denn näher oder die
+in Kneedeholm? Ja, wenn's wirklich erforderlich wäre! Aber im Dorf haben
+sie Menschen und Kräfte genug, sich gegenseitig auszuhelfen!"
+
+"Ich kann ja in Kneedeholm bleiben, bis alles sich gewendet hat, Mama.
+So bringe ich euch in keine Gefahr--" fiel Imgjor, ohne dem von ihrer
+Mutter allgemein Gesprochenen eine Antwort zu erteilen, mit trotziger
+Beharrlichkeit ein.
+
+"Nein!" erklärte nun auch der Graf, bevor die Gräfin zu weiterer Rede
+anzuheben vermochte. "Auch ich verbiete dir das Betreten des Dorfes für
+die nächste Zeit, schon deshalb weil ich nicht wünsche, daß du ferner
+mit Prestö in Berührung gelangst, und das wäre bei solcher Thätigkeit
+unvermeidlich. Eben lese ich in der 'Orebye Tidende', was der Monsieur
+dort vorgestern in einer Versammlung meiner Bauern zusammengesprochen
+hat. Es ist ja die vollkommene Aufreizung gegen den Landadel. Schon
+heute würde ich ihn zur Rede gestellt haben, wenn nicht unten die
+Epidemie ausgebrochen wäre. Ist sie aber beseitigt, so mag er gehen. Ich
+will ihn hier nicht mehr haben!"
+
+"Kannst du ihn gehen heißen, Papa? Er steht doch nicht in deinem Dienst!
+Er kann doch seine Thätigkeit aufnehmen, wo er will. Höchstens als Arzt
+fürs Schloß kannst du ihn abschaffen--"
+
+"Die Entscheidung darüber wirst du mir gefälligst überlassen, meine
+Liebe! Ich habe deine Belehrungen nicht erbeten und erkläre sie für
+völlig unpassend. Aber da aus ihnen und aus deiner fortwährenden
+straffen Parteinahme für diesen Herrn sich nur noch mehr erhärtet,
+welches Gift es für dich ist, mit ihm in Beziehungen zu bleiben--ihm,
+gerade ihm, haben wir offenbar deine Bauernfreundlichkeit auf Kosten des
+Wohlergehens deiner eigenen Familie zu verdanken--so erscheint mir der
+Zeitpunkt gekommen, daß du einmal Rankholm verläßt und in Verhältnisse
+gelangst, die dich solchen Beeinflussungen gründlich entziehen.--Nicht
+wahr, du bist auch neulich in Oerebye gewesen?"
+
+Imgjor sah ihren Vater fest und ohne eine Miene zu verziehen an; nur in
+den Augen zitterte etwas, das auf die Regungen ihres Innern Schlüsse
+ziehen ließ. Aber sie antwortete nicht.
+
+"Ich las Ihre ausgezeichnete Rede, für die ich Ihnen noch aus vollem
+Herzen danken wollte, lieber Graf Dehn--" fuhr der Graf, ohne auf einer
+besonderen Bestätigung der an seine Tochter gerichteten Frage zu
+beharren, zu Axel gewendet fort: "Sie vermögen Auskunft zu geben, ob
+meine Tochter dort war--?"
+
+"Nein, Herr Graf! Ich vermag darüber nichts zu sagen. Aber ich danke
+Ihnen für Ihr gütiges Lob. Ich bin sehr glücklich, daß Ihnen die
+Ausführungen, zu denen ich infolge der Rede des Doktor Prestö gedrängt
+wurde, gefallen haben."
+
+In Imgjors Angesicht zuckte es bei Axels Worten auf, aber sie lohnte ihm
+seine Ritterlichkeit auch nicht einmal durch einen Blick.
+
+Wohl aber reckte sie plötzlich den Oberkörper empor und sagte mit großer
+Entschiedenheit im Ton: "Ich werde nachher auf dein Zimmer kommen, Papa.
+Ich bitte, daß du es erlaubst. Dort werde ich dir auf alles Antwort
+geben. Jetzt, jetzt gestatte, daß ich mich entferne."
+
+Nach diesen Sätzen richtete sie sich, die Serviette von sich streifend,
+empor und war bereits an der Thür, bevor der Graf sie zu hindern
+vermochte. Aber sie hatte nicht mit der Gräfin gerechnet.
+
+"Ich möchte dich jetzt gleich sprechen, Imgjor! Bleibe!" befahl sie.
+
+"Ich wünsche an der Unterredung teilzunehmen. Ohnehin ist es Zeit,
+aufzustehen. Sie gestatten, lieber Graf Dehn! Und es ist dir recht,
+Lavard?" fügte die Gräfin biegsam im Ton hinzu und wußte den anfangs
+etwas zögernden Grafen zur Beipflichtung zu veranlassen.
+
+Infolge dessen erhoben sich alle; und alle richteten jetzt den Blick auf
+Imgjor. Sie aber stand wie ein Marmorbild an der Thür und erst, als ihre
+Mutter eine Bewegung machte, durch die sie ihren Befehl wiederholte,
+schoß etwas in ihre Augen, das den unheimlichen Glanz eines unbeugsamen
+Willens besaß.
+
+Alsdann reichten jene, mit Ausnahme von Imgjor, dem Grafen Dehn
+vertraulich die Hand und verließen das Gemach, und nur Lucile, die
+begierig nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte, das der Graf, ihr Papa,
+bei seiner Rede aus der Tasche gezogen, blieb noch im Zimmer.
+
+"Ich kann es kaum erwarten, zu lesen, wie Sie dem widerwärtigen Menschen
+entgegengetreten sind, Graf Dehn!" begann sie. "Und wie finden Sie
+Imgjors Benehmen?" fuhr sie fort. "Ist es nicht unerhört, in welcher
+Weise sie die Rücksichten gegen ihre eigene Familie bei Seite schieben
+will? Ich muß sagen, ich stehe ganz auf Mamas Seite. Und es geschieht ja
+auch nun ohne unsere Einwirkung das, was Sie als erforderlich
+bezeichneten. Imgjor wird--ich hoffe, daß Papa darauf besteht--Rankholm
+verlassen. Was wird nun aber aus Ihnen, lieber Graf! Werden Sie es
+allein mit uns aushalten können?"
+
+"Sie wissen, wie ich über Sie alle denke, wie sehr ich Sie alle schätze
+und verehre, Komtesse. Das ist meine Antwort. Aber etwas anderes drängt
+sich mir auf. Wohin wird man Ihr Fräulein Schwester schicken? Soll sie
+Nutzen haben von einer Entfernung, muß sie in keine Umgebung gelangen,
+wo man ihr schroff entgegentritt. Man muß ihr mit Güte begegnen und
+versuchen, sie allmählich von dem Unwert ihrer übertriebenen Ideen zu
+überzeugen."
+
+"Ja, Sie haben Recht, Graf Dehn. Was raten Sie?"
+
+Ich kenne Ihre Beziehungen nicht, Komtesse. Ich wüßte aber ein Haus,
+wo--"
+
+"Nun?"
+
+"Bei meinen Eltern in Dresden. Sie würden die Komtesse mit Freuden
+aufnehmen!"
+
+In Luciles Angesicht, die wohl aus besserer Ueberzeugung schroff gegen
+ihre Schwester auftreten konnte, sie aber trotzdem zärtlich liebte,
+blitzte es auf.
+
+"Ja, ja! Das wäre eine Idee, eine vortreffliche!" stieß sie heraus.
+"Gleich will ich mit den Eltern darüber sprechen, wenn wirklich den
+Ihrigen ein solcher Plan genehm sein würde."
+
+"Meine Eltern werden sehr glücklich sein--" entgegnete Axel, "wenn Sie
+ihnen Gelegenheit geben, ihre freundschaftlichen Empfindungen zu
+bethätigen. Darüber besteht kein Zweifel.--Aber ob Komtesse Imgjor damit
+einverstanden sein wird, ist mir sehr zweifelhaft, Komtesse. Ich
+fürchte, sie wird sich weigern, bei der Familie desjenigen
+Gastfreundschaft entgegenzunehmen, gegen den sie so unzweideutige
+Beweise ihrer Abneigung an den Tag legt. Ich fürchte sogar, daß sie mich
+seit den letzten Vorgängen haßt--"
+
+Lucile schüttelte diesmal nur sanft den Kopf und sah Axel mit einem
+Ausdruck an, als ob sie sich über die tiefere Bedeutung des von ihm
+Gesagten unterrichten müsse. Und dann noch einmal, aber sie entgegnete
+nichts.
+
+ * * * * *
+
+Daß Imgjor zu dem Doktor Prestö hielt, hatte die Versammlung in Oerebye
+und hatten die übrigen früheren und neueren Vorgänge bewiesen. Aber ob
+ein Liebesverhältnis zwischen ihnen bestand, war noch nicht aufgeklärt.
+Dieser Umstand ließ Graf Dehn alle seine Gedanken darauf richten, wie er
+es anstellen könne, sich darüber eine Gewißheit zu verschaffen.
+
+Da er Zeuge der Verabredung zwischen Imgjor und Prestö gewesen, hatte er
+hin und her überlegt, wo diese Zusammenkunft wohl stattfinden werde, und
+immer wieder war er zu dem Ergebnis gelangt, daß der von ihm entdeckte
+Gang im Turm, dessen Aus- und Einmündung er in der Folge nachgespürt,
+dabei eine Rolle spiele.
+
+In der nach dem Garten gerichteten Seite dieses Zwischenbaues befand
+sich eine kleine, von Epheu umrankte, offenbar sonst seit
+Menschengedenken nicht mehr geöffnete Thür. Sie führte sicher zu dem
+Vorzimmer von Imgjors Räumen; von hier ging die dort mündende, zwischen
+der dicken, mit Lichtspalten versehene Mauer eingefügte Treppe aus.
+
+Und dieser Teil der Turmseite selbst war hinter dichtem Gebüsch
+verborgen; niemand achtete auf diesen verdeckten Winkel.
+
+Auch Axel würde schwerlich jemals dorthin einen Blick geworfen haben,
+wenn er nicht von solchen Voraussetzungen ausgegangen wäre.
+
+Vom Dorf zweigte sich außer dem Fahrwege ein Pfad über die Wiese nach
+dem Gutsgebiet ab. Ihn benutzten die Fußgänger von Kneedeholm und die
+von Rankholm vorzugsweise. Er führte direkt auf den neben dem Schloß zur
+Rechten liegenden Arbeitsgutshof. Hier befanden sich die Wohnhäuser der
+Beamten, und ihn umkränzten in weitem Umfange die Gebäude der Meierei,
+die Kuh-, Pferde- und Schafställe, die Brauerei, das Dampfmaschinenhaus,
+die Remisen für die Herrschafts- und Arbeitswagen und die Häuser für die
+zahlreichen Arbeiterschaften.
+
+Auf diesem Hof, hinter einer gleich den Eingang flankierenden Scheune,
+beschloß Graf Dehn abends zunächst Posto zu fassen, um Prestös Ankunft
+zu beobachten und dessen Schritte zu verfolgen.
+
+Es gab nur diesen einen, direkt zum Park führenden Weg, und falls Prestö
+überhaupt kam, mußte er ihn einschlagen.
+
+Zwischen dem Frühstück und dem Tischgang machte Graf Dehn mit dem Grafen
+einen längeren Spazierritt. Letzterer sprach bei dieser Gelegenheit wohl
+auch über Imgjor, aber er äußerte nichts über Inhalt und Verlauf der
+Unterredung mit ihr. Es machte Axel den Eindruck, als ob Imgjor ein
+Schweigen über ihre Angelegenheiten gefordert habe.
+
+"Wir sprechen noch näher darüber!" hatte der Graf geschlossen. "Ich
+komme mit Ihrer Erlaubnis auch noch auf das von Ihnen meiner Tochter
+Lucile gemachte gütige Anerbieten zurück. Ich möchte vor entscheidenden
+Schritten erst einmal die Klarheit besitzen, die ich bisher nicht
+gewonnen habe.
+
+Auf dem Plan steht auch, daß wir alle Rankholm verlassen und einige
+Zeit, etwa vier bis sechs Wochen, nach Kopenhagen übersiedeln. Sie
+wissen, daß wir dort ein eigenes Palais besitzen.
+
+Natürlich--Sie begleiten uns! Sie bleiben unser Gast! Nur unter der
+Bedingung verlassen wir Rankholm."
+
+Später kam der Graf auf die Versammlung in Oerebye zu sprechen.
+
+"Jeder Gutsherr--" erklärte er--"muß seinen Herd und sein Eigentum
+schützen. Thun das alle, halten sie eben so fest zusammen, wie
+diejenigen, die übertriebene Forderungen erheben, so wird die
+gegenwärtige Bauernbewegung auf ein verständiges Maß herabgedrückt
+werden. Den Schutz erkenne ich in der rücksichtslosen Entfernung aller
+Ruhestörer, der Erhaltung geordneter Zustände, in einem möglichsten
+Entgegenkommen gegen diejenigen, die uns mit verständigen Vorschlägen
+zur Verbesserung der Lage der Bauern und Landarbeiter gegenübertreten--"
+
+Diese Worte bewiesen, daß Graf Knut in seinem gelegentlich gefällten
+Urteil über den Grafen recht hatte. Nur dessen ungemessene, in
+besinnungslosen Jähzorn ausartende Heftigkeit hatte er getadelt.
+
+"Die Lavards sind alle besonders. Sie besitzen eine Starke Eigenart!"
+hatte er geäußert. "Bei den meisten überwiegt Genialität und Energie,
+bei anderen neben hoher Intelligenz starke Erregbarkeit und Hang zum
+luxuriösen Wohlleben. Den hat der Graf lange abgestreift, aber das
+leicht erregte Blut wird ihm bleiben bis zum Tode, und das hat ihm und
+anderen schon viel Herzeleid gebracht."
+
+Imgjor erschien nicht bei Tisch. Dagegen hatte sich Graf Knut
+eingestellt und wegen der immer stärker um sich greifenden Epidemie im
+Dorfe eine länger andauernde Gastfreundschaft erbeten.
+
+Er regte, wie immer, durch seine gute Laune und seine frische
+Lebendigkeit die Gesellschaft an, und da auch Graf Dehn gewohnheitsmäßig
+einen lebhaften Geist entfaltete, verflossen die Stunden bis zur
+Schlafzeit in der angenehmsten Weise. Nach Tisch, nach einer längeren
+Promenade im Park, setzte sich die Gräfin mit dem Grafen Dehn an den
+Schachtisch, und die beiden Herren spielten eine Partie Pikett. Bei
+dieser Gelegenheit brach jene das von ihr bis dahin beobachtete
+Schweigen und erzählte Axel, daß Imgjor die Forderung gestellt habe, daß
+ihr ihr Erbteil ausgezahlt und völlige Bewegungsfreiheit eingeräumt
+werde.
+
+"Sie sollen morgen alles und noch anderes erfahren--" sagte sie. "Mein
+Mann könnte hören, was ich spreche. Er wünscht, daß die Dinge
+einstweilen nicht berührt werden--" schloß sie mit gedämpfter Stimme.
+
+Zu einer Gegenrede, namentlich zu einer Frage, ob Imgjor engere
+Beziehungen zu Prestö eingeräumt habe, vermochte Graf Dehn nicht zu
+gelangen.
+
+Zum Thee erschien Imgjor, und auch an dem heutigen Abend trug sie--Axel
+schob's diesmal auf die bevorstehende Zusammenkunft mit Prestö, für
+welche helle Gewänder nicht geeignet waren,--ein dunkles Kleid. Sie sah
+wieder anbetungswert schön aus und kehrte gegen den Grafen Knut ein
+neckisch anschmiegendes Wesen heraus.
+
+Zum erstenmal sang sie auf Graf Knuts wiederholte, dringende Bitte
+einige Lieder. Graf Dehn befand sich, während er ihren Vorträgen
+lauschte, in einer Art von Verzauberung. Sein Ich lag in ihren Banden.
+Etwas Aehnliches, die Seele Bewegendes, Ergreifenderes konnte man nicht
+hören.
+
+Alle Register, das Gemüt zu rühren und dem Ohr die höchsten,
+einschmeichelndsten Wohllaute darzubieten, standen ihr zur Verfügung.
+Man jauchzte und weinte mit ihr.
+
+Und wie niemals in ihrem Thun und Wesen das Bestreben zum Ausdruck
+gelangte, sich irgendwie besonders zur Geltung zu bringen, durch die ihr
+von der Natur zuerteilten Gaben Beifall oder gar Bewunderung
+einzuernten, so war's auch heute. Sie war frei von jeder Eitelkeit.
+Jedem Spiegel ging sie vorüber. Sich besonders zu schmücken, mußte sie
+jedesmal aufgefordert werden, und doch besaß sie, wie Lucile geäußert
+hatte, Gewänder, die Königinnen tragen konnten. Sie war mit ihrem
+blendenden Hals, ihren schneeigen Armen, ihrer Psychebüste, ihrem
+vollendeten Wuchs und ihrer vornehmen Haltung ein Wunderwerk der Natur.
+
+Und sie so zu sehen, stand Axel in den nächsten Tagen auf Rankholm
+bevor.
+
+Die Gräfin hatte darauf bestanden, daß der von ihr geplante Ball noch
+vor der Abreise nach Kopenhagen Stattfinde. Schon am nächsten Morgen
+sollten die Einladungen erfolgen und die Antworten durch abzusendende
+Stafetten gleich eingeholt werden.
+
+"Noch eins! Ich bitte recht sehr, Komtesse!" drängte Graf Knut, nachdem
+Imgjor zwei Lieder gesungen hatte. "Singen Sie gütigst zum Schluß noch
+mein Lieblingslied!"--
+
+"Ihr Lieblingslied? Ich weiß nicht--Welches ist's, Herr Graf?" gab
+Imgjor erst zögernd, dann, durch seine Blicke willfährig gemacht,
+zurück. Und "Ach ja--gewiß--ich weiß jetzt!" fügte sie dann äußerst
+bereitwillig hinzu, bat Lucile, sie zu begleiten, und sang nun ein
+kleines, in meinem ungestümen Tempo sich bewegendes andalusisches Lied:
+
+ "Einmal möcht', daß die Traumgedanken
+ Sich verwandelten in Wirklichkeit!
+ Einmal möcht' ich aus den Schranken
+ Eingeh'n in die Seligkeit!
+
+ Seligkeit sind deine Lippen!
+ Seligkeit ist deine Brust!
+ Schenk, o Gott, der durst'gen Seele,
+ _Einmal_ diese trunk'ne Lust!"
+
+Imgjor trug diese Verse mit einer solchen Verve des Ausdrucks vor, in
+ihren Augen erschien ein solch' überirdisches Feuer und ihr geöffneter
+Mund atmete eine solche verzehrende Sehnsucht, daß Graf Dehn, dem heiße
+Ströme durch die Glieder jagten, dabei an Luciles Worte erinnert ward.
+Sie hatte gesagt, daß hinter Imgjors kalt gemessenem Wesen heiße Flammen
+verborgen seien. Aber als sie dann wieder mit ihrem stumm verschlossenen
+Wesen vom Piano zurücktrat und gleich darauf gute Nacht sagte, Graf
+Knuts lautem Lob mit einer sanft bescheidenen Miene und von Graf Dehns
+stummer Bewunderung keine Notiz nahm, ergriffen ihn doch wieder Zweifel,
+ob sie bei diesem Vortrage wirklich Gleiches auch empfunden habe. Sie
+stellte sich offenbar nur in den Dienst ihrer Aufgabe. Ihre Gedanken und
+Sinne richteten sich sicher auf etwas ganz anderes. Ihr Inneres
+durchrieselte keine Leidenschaft für Prestö, sondern sie erfüllte jene
+Märtyrerliebe zur Menschheit, die sich selbst ans Kreuz schlägt. Alles,
+wenn's auch vielleicht einmal in ihr aufflammte, dämmte sie, diesem
+Dienst geweiht, zurück. Aber um so mehr verzehrte Graf Dehn das
+Verlangen, nun endlich Gewißheit zu erlangen. Sobald es irgend
+schicklich erschien, schützte er Kopfschmerzen und Müdigkeit vor und
+empfahl sich.
+
+Nachdem er sich in seinen Gemächern möglichst dunkel gekleidet, benutzte
+er einen ihm alle Zeit zu Gebote stehenden Schlüssel zur Hauptthür des
+Schlosses, betrat den Hof und den diesen und die Gärten verbindenden
+offenen Durchgang, versicherte sich, daß in Imgjors Zimmern noch Licht
+brannte, und begab sich zunächst zu der hinter den Bosketts befindlichen
+Turmpforte. Als er jedoch die Hand auf den Drücker legte, gab dieser
+nicht nach. Er schloß daraus, daß Prestö noch nicht eingetroffen sei und
+eilte nun vorsichtig zur Rechten auf den Arbeitshof. Er lag in einem
+gleichsam geisterhaften Dunkel. Eben hatte sich der Mond, der bis dahin
+ein schwaches Licht verbreitet hatte, hinter schwarze Wolkenmassen
+geschoben. Aber Graf Dehn wurde dadurch nicht gehindert. Er kannte den
+Weg und betrat alsbald die Eckgrenze des Hofes und des Fußpfades, der
+hier in das Thal hinabführte.
+
+Bevor er hinter der großen Scheune Posto faßte, spähte er noch einmal
+vorsichtig in das Dorf hinab.
+
+Aber vorläufig vernahm und sah er nichts. Auch drunten lag die Welt in
+einem mystisch unheimlichen Dunkel und in jenem Schweigen, das häufig
+einer gewaltigen Aufregung in der Natur voranzugehen pflegt.--
+
+ * * * * *
+
+Fast eine halbe Stunde stand Graf Dehn auf seinem Beobachtungsposten,
+ohne daß etwas geschah. Er hörte die Uhr vom Schlosse zehn schlagen, und
+später dröhnte eintönig auch der einzelne Schlag, der den ferneren
+Verlauf einer Viertelstunde verkündete, zu ihm herüber.--
+
+Aber dann rührte sich etwas, jedoch nicht von der Dorfgegend her,
+sondern auf dem Hofe.
+
+Von der Gartenseite her drang das Geräusch von Schritten an sein Ohr.
+Anfänglich nahm Graf Dehn an, daß es der Wächter sei. Es beunruhigte ihn
+dessen Kommen insofern, als der ihn begleitende Hund sehr wachsam war.
+Aber es war nicht der Wächter, der sich dem versteckt Harrenden näherte,
+sondern die Umrisse einer weiblichen Erscheinung tauchten vor den Augen
+des mit seinen Blicken die Dunkelheit durchdringenden Mannes auf.
+
+Und keinem Zweifel unterlag's--es war Imgjor, die, sicher beunruhigt
+durch Prestös langes Fortbleiben, ihre Gemächer verlassen und sich in
+die Nacht hinausgewagt hatte.
+
+Ein heißes Feuer loderte in dem Manne auf. Er hatte Mühe, sein
+klopfendes Herz zu bezwingen, als sie nun demselben Orte zuschritt, an
+dem er sich befand, zuletzt sogar--nur eine Armlänge von ihm
+entfernt--ihre Bewegungen hemmte und unbeweglich stehen blieb.
+
+Eine Welt, Himmel und Erde, wären sie sein gewesen, hätte er darum
+gegeben, wenn sie, die da unruhig ins Thal hinab spähte, um seinetwillen
+sich durch die Nacht geschlichen, um seinetwillen hier verharrt und
+sehnsüchtig aufgeseufzt hätte.
+
+Einmal schien's, als ob sie sich anschicken wolle, ins Dorf
+hinabzusteigen. Aber sie besann sich, wanderte hin und her und holte nur
+mehreremal, von Unruhe übermannt, tief Atem. Aber auch ein Hüsteln, das
+sie vergeblich zu dämpfen suchte, befiel sie. Offenbar von der Nachtluft
+unsanft berührt, zog sie das Tuch, das sie um ihre Glieder geschlungen,
+fester um sich, und rascher wurden ihre Schritte.
+
+Aber nun befiel auch Axel ein Kehlkitzel.
+
+Trotz heftigen Widerstands löste sich ein Laut aus seiner Brust, und
+Imgjor wich--er sah's von seinem Versteck aus--angstvoll erschrocken
+zurück. Aber nur für Sekunden. Dann leuchteten ihre funkelnden Augen
+durch die Nacht und richteten sich furchtlos spähend dahin, woher der
+Ton zu ihr gedrungen.
+
+Schon glaubte sich Graf Dehn entdeckt und blitzschnell überlegte er, ob
+er sich ihrem Gesichtskreis durch ein rasches Entfernen entziehen oder
+sich zu erkennen geben solle, als zu seiner glücklichen Befriedigung
+fast gleichzeitig ein Geräusch--das Geräusch der Schritte einer eilig
+den Berg hinaufklimmenden Person--beider Ohr traf, und gleich darauf
+auch schon Prestö mit hastig gedämpfter Stimme auf die ihm rasch
+Entgegeneilende einsprach:
+
+"Bist du's, Imgjor? Ah, Gottlob! Schon war ich in großer Sorge. Wie
+steht's, meine Imgjor? Habe Dank, daß du hergekommen bist! Aber ich
+vermochte nicht früher zu kommen, bis jetzt war ich bei Kranken und
+Sterbenden--"
+
+Andere Worte, die er sprach, verschlangen die Nacht und die Entfernung.
+Einem übereinstimmenden Antrieb folgend, nahmen beide den Weg gegenüber
+zu den Wirtschaftsgebäuden, und unter dem Schutz ihrer dunklen Mauern
+und Dächer schritten sie dem Schloßgarten zu. Und Graf Dehn folgte ihnen
+in angemessenem Abstand, und als sie sich in seiner Laube niederließen,
+wußte er sich hinzuschleichen, um zu hören, was sie redeten.
+
+Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß Imgjor einwilligen wollte,
+Prestö anzugehören, wenn zweierlei Bedingungen sich erfüllten. Er sollte
+sich ganz in den Dienst der neuen Sache stellen, und er sollte ihr
+nachweisen, daß seine jetzige Braut selbst die Beziehungen zwischen ihm
+und ihr lösen wolle.
+
+"Immer wieder muß ich es dir sagen, daß ich trotz meiner Liebe ein
+anderes Glück nicht zerstören will. Um solchen Preis will ich
+verzichten, muß ich entsagen! Ich würde nie froh werden können. Aus
+Schlechtem kann nichts Gutes entstehen.--"
+
+Und immer von neuem Beteuerungen von seiner Seite, daß sie ihm glauben
+möge. Besondere Beweise beizubringen, sei unmöglich, weil seine frühere
+Braut überhaupt nicht mehr schreibe und frühere Zuschriften von ihrer
+Hand im Zorn von ihm vernichtet seien.
+
+"Ich bin frei, Imgjor! Glaube mir doch! Was willst du mehr? Sie ist
+meiner Liebe nicht wert. Ich hatte sie schon aufgegeben, bevor wir uns
+fanden--"
+
+"Lass' mich sie selbst sprechen! Höre ich aus ihrem Munde, daß sie dich
+frei giebt, gleichviel aus welchem Grunde, gehöre ich dir!--Ich darf,
+ich kann nicht anders, mein Freund! Es ist gegen meine Natur--"
+
+Und dann wieder er. Er wisse nicht, ob jene sich überhaupt noch in
+Kopenhagen aufhalte. Sie habe die Absicht gehabt, als Erzieherin nach
+Lyon zu gehen. Sie sei sicher schon dort. Er wisse ihre Adresse nicht
+und könne, da sie keinen Anhang habe, solche nicht ermitteln.
+
+"So lass' mich an sie schreiben. Wir werden ihren Wohnort durch die
+Polizei feststellen können--"
+
+"Glaubst du mir denn nicht, Imgjor? Du kränkst mich durch dein
+Mißtrauen--"
+
+"Ich glaube, daß du mich liebst und daß du mich mehr liebst als jene.
+Aber im Beginn unserer Bekanntschaft sprachst du von dem Mädchen in
+einem anderen Sinne und thatest einer zwischen euch eingetretenen
+Entfremdung keiner Erwähnung. Diese Thatsache besteht, und daraus leite
+ich ab, daß du doch vielleicht auf falschem Wege bist, nicht aus
+verwerflichen Gründen, vielmehr unter dem Einfluß deiner Liebe zu mir,
+welche dir die Dinge in einem für dich günstigen Lichte erscheinen läßt.
+Weshalb scheust du die Probe? Willst du mit Unrecht beginnen? Muß dir
+nicht auch an Klarheit liegen, mein teurer Freund?"
+
+"Dich kann die rechte Liebe zu mir nicht beseelen, wenn du mich einer
+Schlechtigkeit für fähig hältst, Imgjor! Ich sag' es noch einmal: Ich
+kann und will jene nicht, und ich habe aus ihren Briefen die
+Ueberzeugung gewonnen, daß sie auch nur noch Zwang an mich fesselt."
+
+"Siehst du also, mein Freund, du besitzest keine unbedingte Sicherheit!
+Lasse uns diese erwerben, und wir werden unsern Bund schließen. Will ich
+denn etwas anderes, als unser volles Glück, erstrebe ich etwas anderes,
+als daß wir es in unserer Liebe und in der Hingabe an unsere Ziele
+finden?"
+
+So und ähnlich gingen die Worte zwischen ihnen hin und her, und nach
+Beendigung dieses Gesprächs, das mit derselben wiederholten Forderung
+Imgjors ausklang, erzählte Prestö von der im Dorf um sich greifenden
+Epidemie. Er betonte, daß es richtiger sei, den Ort zu meiden. Größte
+Vorsicht sei erforderlich. Er, der Arzt, habe die Krankheit früher
+gehabt und sei deshalb immun, aber sie, Imgjor, möge--so edelmütig ihre
+Absichten auch seien--sich keiner Gefahr aussetzen.
+
+Auf ein weiteres Horchen verzichtete Graf Dehn. Was er wissen wollte,
+hatte er soeben vernommen. Zeuge ihrer Zärtlichkeit zu sein, vermochte
+er nicht. Er litt ohnehin namenlos, als Prestö sie in trunkener
+Leidenschaft an sich zog und sie sich mit einem stöhnenden, halb
+hingebenden, halb bangherzigen Laut an ihn schmiegte. Das Innere voll
+Erregung kehrte er durch den Garten nach dem Schlosse zurück.
+
+ * * * * *
+
+Der nächste Tag brachte Axel abermals eine große, mit peinlichen
+Eindrücken verbundene Ueberraschung. Als er mittags nach einem
+Spaziergang sein Zimmer betrat, fand er wiederum einen Brief von Imgjors
+Hand auf seinem Schreibtisch. Er lautete:
+
+"Noch einmal rufe ich den Kavalier in Ihnen an, Graf Dehn! Ich bitte,
+verlassen Sie Rankholm oder befreien Sie mich von dem unerträglichen
+Druck Ihrer zwecklosen und unerbetenen Observationen. Ich wiederhole
+damit eine schon früher ausgesprochene Bitte!"
+
+Lange wanderte Graf Dehn nach dem Lesen dieses Schriftstückes auf und ab
+und erging sich sowohl in Vorstellungen über die Umstände, die seine
+Entdeckung herbeigeführt haben konnten, als auch in Gedanken über dieses
+ihn täglich mehr fesselnde und doch für ihn verlorene, junge Geschöpf.
+
+Ein Roman spielte sich zwischen ihnen ab, in dem beide Teile ohne
+mündlichen Austausch und persönlichen Verkehr handelten und einer Lösung
+zustrebten.
+
+Aber vorläufig stand eine solche noch in weiter Ferne.
+
+Graf Dehn wollte nicht weichen und nicht verzichten. Er wollte dem
+Mädchen, das mit scharfer Logik den Kern aus den Dingen zu ziehen, und
+was sie zu sagen hatte, mit solcher lakonischen, von allem überflüssigem
+Beiwerk befreiten Kürze von sich zu geben wußte, den Beweis liefern, daß
+der von ihr begehrte Mann nichts anderes sei--jetzt stimmte er Luciles
+Auffassung bei--als ein kaltherziger Selbstling, ein zugleich so
+dünkelhafter Mensch, daß er sogar die ihm zu Gebote stehende
+Verstellungskunst, sofern sie nicht seinen Götzen, Macht und Geld, zu
+dienen hatte, verschmähte.
+
+Nach längerer, sorgfältiger Ueberlegung schrieb Graf Dehn die
+nachfolgenden Zeilen an Imgjor:
+
+"Gewähren Sie mir mit Ihrem großen, guten Herzen, das sich nur mir
+gegenüber so kaltherzig versteckt, dennoch die Erlaubnis, noch einige
+Zeit in ihrer Nähe weilen zu dürfen! Meine Liebe und meine Bewunderung
+für Sie erhalten in mir den Drang, Sie vor einem Fehlgriff zu behüten,
+den Sie zu begehen im Begriff stehen. Ich wage zu sagen: Mißtrauen Sie
+dem Charakter und den Beweggründen des Mannes, an den Sie, ein so
+vollendetes Wesen, alle Ihre reichen Schätze verschwenden wollen, aufs
+äußerste! Rechnen Sie mit der Erfahrung und der Menschenkenntnis dessen,
+der Ihr wahrhafter Freund ist, der auf seine eigenen Hoffnungen
+verzichtet, Sie aber wenigstens glücklich wissen möchte! Ziehen Sie,
+wenn Sie ein Zusammengehen mit mir zu diesem Zwecke ablehnen,
+wenigstens, ich bitte, Graf Knut zu Rate! A.D."
+
+Dieses Schreiben trug Axel selbst zu Imgjors Gemächern hinauf. Er
+hoffte, ihre Zimmer offen zu finden. Aber sie waren verschlossen, und
+der Schlüssel hing nicht mehr auf dem Haken von damals.
+
+Noch im Zögern, wie er es beginnen sollte, ihr das Billet zu
+übermitteln, hörte er Schritte auf der Treppe, und da es keinen Ausweg
+gab, nahm er kurz entschlossen seine Zuflucht zu einer Portiere, hinter
+der er sich verbarg.
+
+Es widerstrebte ihm ein solches Verstecken, aber die Vorstellung, hier
+angetroffen zu werden, machte ihm das Blut heiß.
+
+Gleich darauf erschien einer der Diener des Schlosses, der sonst nur im
+Souterrain beschäftigt war, und klopfte, während er einen Brief aus der
+Tasche zog, an Imgjors Thür. Und noch einmal, da ihm keine Antwort
+wurde, und nun schon unschlüssig um sich spähend. Zuletzt schob er,
+rasch überlegend, mit kräftigem Nachdruck das Schreiben durch die
+Thürspalte, und nachdem das geschehen, stieg er vorsichtig wieder die
+Treppe hinab. Das war also der Mann, der auch ihm, Axel, die Briefe von
+Imgjor aufs Zimmer legte! Und das eben von ihm besorgte Schreiben
+war--Axel zweifelte nicht daran--von Prestö!
+
+Während Graf Dehn noch so überlegte, trat er hinter seinem Versteck
+hervor, machte es mit seinem Brief wie der Diener und nahm auch, wie
+der, lautlos den Weg in sein Zimmer zurück. Sehr begierig war er, wie
+ihm Imgjor bei Tisch begegnen werde. Freilich, er konnte es sich mit
+Sicherheit vorhersagen. Sie verband es, wenn sie mußte, ihre Gefühle
+meisterhaft zu verbergen.
+
+Bei Tisch ereignete sich nichts Besonderes. Es wurde vom Grafen über die
+Scharlachepidemie in Kneedeholm gesprochen. Dann wurde über das
+bevorstehende Fest geredet und zulegt wurde auch der Reise nach
+Kopenhagen und zugleich stets in dem Sinne Erwähnung gethan, daß es
+Lavards als selbstverständlich betrachteten, daß Graf Knut und Graf Dehn
+sich ihnen anschließen würden.
+
+Imgjor war ernst und für sich wie immer, sie gab aber durch ihr
+Verhalten keinen Anlaß zu irgend welcher Verstimmung. Graf Dehn
+begegnete sie--wie er es vorausgesetzt hatte--mit der gewohnten
+völligen Unpersönlichkeit in Blick und Wesen.
+
+Erst nach Tisch fand Axel Gelegenheit, die Gräfin zu sprechen. Sie
+ergänzte, selbst damit beginnend, ihren jüngsten Bericht durch die
+Mitteilung, daß Imgjor auf die Frage ihres Vaters, ob sie Beziehungen zu
+Prestö unterhalte, erwidert habe, es sei möglich, daß sich ernste
+Beziehungen zwischen ihnen entwickeln würden. Vorderhand tausche sie mit
+ihm, dem sie Sympathie, Vertrauen und freundschaftliche Gefühle
+entgegentrage, nur ihre gemeinsamen Ideen aus.
+
+"Und was erwiderten Sie beide, gnädigste Gräfin?"
+
+"Wir erklärten ihr, daß wir nicht nur niemals einer Verbindung zwischen
+ihr und dem fatalen Menschen zustimmen, sondern alles thun würden, um
+ihn--wie es schon gesagt sei--sobald wie möglich aus dem Gutsgebiet zu
+entfernen."
+
+"Und dann? Was sagte Ihr Fräulein Tochter hierzu?"
+
+"Dann eben forderte sie ihr Erbteil und ihre Freiheit. Sie schlug, da
+ihre Ansichten mit den unsrigen nicht mehr zusammenstimmten, eine
+friedliche Trennung vor. Als mein Mann sie fragte, ob sie denn gar kein
+Zusammenhangsgefühl für die Ihrigen leite, entgegnete sie: Gewiß! Aber
+ich muß mein großes Ziel verfolgen; ihm gegenüber bin ich gezwungen,
+diesen Regungen meines Herzens zu gebieten. Ich gehöre der Menschheit im
+großen an, nicht im einzelnen. Ich bin hier ein nutzloser Esser, der
+weder befriedigt und erfreut, noch selbst glücklich ist."
+
+"Sie wolle," schaltete ich ein, "aber doch nicht auf eine Verbindung
+mit Prestö verzichten, mit einem Manne, von dem jeder ihr sage, daß er
+nichts weniger als ideale, sondern nur selbstsüchtige Gedanken verfolge,
+der sie sicher, wenn der erste Rausch verflogen, grenzenlos unglücklich
+machen werde. Dieses Kleben an einer einzelnen unwürdigen
+Persönlichkeit, zumal auf Kosten der natürlichen Rücksichten gegen die
+Ihrigen, widerstreite doch den von ihr ausgesprochenen Grundsätzen
+durchaus."
+
+"Und diese Logik entwaffnete sie nicht, Frau Gräfin?"
+
+"Nein. Sie erklärte, daß kein Widerspruch vorhanden sei, weil sich für
+sie in Prestö der Träger der neuen Ideen verkörpere. Zu ihm ziehe sie
+die übereinstimmende Ueberzeugung, aber auch der Wunsch nach einem
+kräftigen Halt und einer männlichen Unterstützung für ihre Pläne. Ihre
+Herzensempfindungen kämen erst in zweiter Linie in Betracht. Würde sich
+herausstellen, daß sie sich nicht angehören könnten, würde sie zu
+verzichten wissen. Eine Entscheidung darüber erstrebe sie. Wenn sie sich
+entschlösse, ihn zu heiraten, bäte sie um gutwillige Zustimmung von
+unserer Seite. Wenn nicht, müsse sie ohne diese handeln. Ihr Gewissen
+spreche sie von jedem Pflichtmangel frei. Sie sei kein lebloser
+Gegenstand, kein Ding, über das man ein ganzes oder beschränktes
+Verfügungsrecht besitze."
+
+ * * * * *
+
+Die nächstfolgenden Tage der Woche verliefen ohne besondere
+Zwischenfälle. Das bevorstehende Fest nahm die Gedanken und die
+Thätigkeit der Gräfin fast ganz und die des Grafen kaum minder in
+Anspruch. Auch Lucile war wenig zu haben, da sie sich mit
+Ueberraschungen für den Ball trug. Nur abends wurde, wie gewöhnlich,
+eine Partie Boston, Pikett oder Schach gespielt, auch fanden gemeinsame
+Gesprächsaustausche über die die Gesellschaft berührenden Einzelheiten
+statt.
+
+Es trafen Zusagen und Absagen ein, und für letztere mußte noch im
+letzten Augenblick Ersatz geschaffen werden.
+
+Da ging's ans Ueberlegen, welche Form einer nachträglichen Einladung die
+schicklichste und zugleich erfolgreichste sein werde. Auch ließen
+Lieferanten die Küche im Stich. Der Koch hatte seine Not geklagt, und
+die Damen mußten noch Depeschen und Zuschriften entwerfen, welche
+reitende Boten zu besorgen hatten.
+
+Als am Vorabend des Balltages eine gemeinsame Beratung wegen der
+Tischordnung stattfand, stellten sich allerlei Schwierigkeiten heraus.
+Diesmal saßen alle Anwesenden, auch Imgjor, um den im Wohnzimmer
+befindlichen runden Sofatisch und hörten dem Grafen zu, der einen mit
+sämtlichen Plätzen versehenen Entwurf vor sich hatte.
+
+Es fehlten Herren, und es blieb nichts anderes übrig, als noch einige
+von den Gutsbeamten nachträglich hinzuzuziehen.
+
+Aber das war dem Grafen durchaus nicht recht, und da ihn gerade
+Kleinigkeiten sehr aufbringen konnten, so ergriff ihn auch an diesem
+Abend eine Starke Reizbarkeit. Er machte seinem Unmut über die ganze
+Sache in einem wenig rücksichtsvollen Ton Luft.
+
+"Nichts klappt, und ich sehe schon kommen, daß wir statt Vergnügen
+überreichlichen Verdruß von der ganzen Fête haben werden!" stieß er
+heraus. "Gleich war ich gegen diese Ueberhastung. Was eilte denn die
+Sache so sehr? Solche Affairen kann man nicht über's Knie brechen. Nun
+haben wir's!"
+
+"Aber, lieber Lavard, die Dinge sind doch mit etwas gutem Willen leicht
+zu arrangieren!" fiel die Gräfin besänftigend ein. "Wir laden noch den
+Oberverwalter, den Oberförster, den Inspektor und den Gutsförster ein.
+Dann sind wir in Ordnung."
+
+"Ja, ja. Aber das ist mir höchst fatal! Erst sind sie nicht gut genug.
+Nun werden sie herbeikommandiert. Die Leute denken doch nach, sie haben
+ihr Ehrgefühl. Aber du mußt ja immer plötzliche Launen plötzlich
+befriedigen, Lucile!"
+
+Erst schwieg die Gräfin; sie erblaßte und schob den Kopf wortlos zurück.
+Dann sagte sie in sanftem Ton:
+
+"Lucile kam doch früher zurück, weil wir diesen Ball geben wollten. Wir
+waren uns darüber einig, daß wir ihn bei den vielen Verpflichtungen, die
+wir haben, nicht länger aufschieben könnten. Als du die Reise nach
+Kopenhagen anregtest, beschlossen wir gemeinsam, rasch noch die
+Einladungen ergehen zu lassen. Der Vorwurf trifft mich also in keiner
+Weise, Lavard."
+
+Von der Richtigkeit des Gesagten betroffen, schwieg der Graf. Aber sein
+Mißmut wurde nicht gehoben, sondern verstärkte sich gerade durch diese
+Einwände so sehr, daß er nach einem Gegenstande suchte, auf den er
+seinen Mißmut ablenken konnte. Und da ihn Imgjors zu Tage tretende
+Gleichgültigkeit während dieser Beratungen schon mit starkem Aerger
+erfüllt hatte, da er wußte, daß sie all' dergleichen Festlichkeiten
+mißbilligte und infolgedessen laut oder stumm über ihnen zu Gericht zu
+sitzen sich herausnahm, so wendete er sich, seiner Gemahlin zugleich
+indirekt eine Antwort erteilend, an seine Tochter und sagte:
+
+"Na ja, es bleibt ja dann nichts anderes übrig, und du, Imgjor, kannst
+dann morgen vormittag gleich die Herren ohne ihre Frauen unter passender
+Erklärung einladen!"
+
+Der zornige Mann verschaffte sich durch diese Worte einerseits die
+Vorbefriedigung über die Antwort, die Imgjor erteilen und durch die er
+sie als Partnerin gegen seine Frau gewinnen würde, andererseits fand er
+Gelegenheit, das Feuer des in ihm glimmenden Vulkans über sie selbst
+auszuschütten.
+
+Es verlief auch alles, wie er es erwartet hatte.
+
+"Ich halte es für unmöglich, daß wir die Herren ohne ihre Frauen
+auffordern!" entgegnete sie. "Eine nachträgliche, in guter Form
+vorgebrachte Einladung an die Familien werden sie nicht übel deuten. Daß
+aber die Männer bloß als Figursäulen an der Tafel sitzen sollen, werden
+sie sehr übel vermerken. Bei der ohnehin herrschenden gärenden Stimmung,
+auch in diesen Kreisen, möchte ich dringend abra--"
+
+"Du hast gar keine Lehren und Anweisungen zu erteilen, sondern zu thun,
+was ich dir sage!" fuhr's aus des Grafen Munde. "Wenn's richtig gemacht,
+wenn darauf hingewiesen wird, daß wir keinen Platz haben, daß durch eine
+gleichzeitige Invitation der Frauen unser Zweck nicht erreicht, sondern
+die Situation noch verschlimmert wird, werden meine Beamten, denen ich
+stets mit Güte begegne, die mir Dank schulden und durchaus kein Recht
+besitzen, sich in einer gärenden Stimmung zu befinden, schon die
+notwendige Rücksicht üben. Nebenbei wird das wieder eine der zahlreichen
+thörichten Vorstellungen sein, mit denen du deinen Kopf anfüllst, statt
+dich der näheren Pflicht zu erinnern, die du gegen deine Eltern und
+deine Umgebung hast, Pflichten, die in Liebenswürdigkeit, Fügsamkeit,
+Erleichterung ihrer Bürden, Teilnahme an ihrem Thun und Handeln bestehen
+sollten! So, das merke dir!"
+
+Imgjor biß die Zähne zusammen, und man sah's, sie hätte am liebsten
+einmal voll ausgeholt. Aber noch bezwang sie sich. Sie sagte nur:
+
+"Du äußertest doch gegen Mama gerade dieselben Bedenken wie ich, Papa.
+Ich begreife deshalb nicht, daß ich nun für etwas getad--"
+
+"Zum Weiter, schweige jetzt und füge dich oder verlasse das
+Zimmer!"--sprühte der Graf. "Ich wünsche nicht von dir im Sprechen
+kontrolliert zu werden, ich wünsche keine Lehren zu empfangen. Ich
+wiederhole früher Gesagtes: Ich habe grade genug!
+
+Und es sei dir bei dieser Gelegenheit gleich einmal notifiziert: Wenn
+du nicht den Beziehungen zu dem Menschen da unten in Kneedeholm nunmehr
+ein für allemal ein Ende machst, wenn du nicht abläßt von all' dem
+Unsinn der Volksbeglückung, der zu keinem anderen Resultat führen wird,
+als daß meine Bauern hier oben in Rankholm tafeln und Champagner
+trinken, wir aber alle vor den Pflug gespannt werden, so--"
+
+"Deine Bauern sind Menschen, die dieselben Rechte auf Wohlfahrt und
+Glück besitzen wie wir, Papa," fiel Imgjor unerschrocken ein. "Und wenn
+du es wünschest, so gehe ich nur zu gern. Es deckt sich ja genau mit dem
+dir jüngst vorgetragenen Ersuchen--"
+
+"Imgjor--ich warne dich--" rief der Graf, sprang empor und fiel fast
+über seine Tochter her. Der Jähzorn hatte ihn wieder einmal bis zur
+Besinnungslosigkeit gepackt, und nur durch ein rasches Dazwischentreten
+der Gräfin, die Imgjor schützend in ihre Arme nahm, ward Uebles
+verhütet.
+
+Auch Lucile, wenn schon in heftigstem Gegensatz zu ihrer Schwester,
+legte ihre Hand auf des Grafen Arm und bat durch Mienen und Worte, daß
+er sich besänftigen möge.
+
+"Laßt mich!" rief der Mann und löste sich unsanft von seiner Frau. "Wenn
+ich bedenke, daß dieses Mädchen meinen Namen trägt, daß ich das
+hinnehmen soll, ohne die Unverschämtheit zu züchtigen!" Und: "Weißt du,
+wer du bist?" fügte er hinzu, und seine Mienen entstellten sich noch
+mehr.
+
+Aber in diesem Moment flog die Gräfin abermals auf ihren Mann zu, faßte
+ihn, der offenbar etwas sprechen wollte, was niemals enthüllt werden
+durfte, und verschloß ihm mit der Rechten den Mund.
+
+Und nachdem das geschehen, wandte sie sich zu Imgjor, nahm sie in ihre
+Arme und redete besänftigend mit gedämpfter Stimme, auf sie ein. Man
+sah's, sie beschwor ihre Tochter, nachzugeben, aber man sah auch, daß es
+etwas war, wogegen sich ihrer Tochter heiße Seele mit trotziger Gewalt
+aufbäumte.
+
+"Thu's mir zu Liebe, Imgjor! Küsse ihm die Hand und bitte um Verzeihung,
+daß du dich vergaßest--" mahnte sie bittend.
+
+Schon wollte Imgjor nachgeben. Ihr gutes Herz, durch diese liebevolle
+Begegnung bezwungen, schien die Oberhand zu gewinnen, als der Graf, der
+widerstrebend sich gefügt und zähneknirschend auf und abgegangen war,
+bei den letzten Worten der Gräfin abermals von seinem Jähzorn erfaßt
+wurde.
+
+"Nein, nein, Lucile, ich will's nicht in dieser Form! Sie soll kommen
+und feierliche Zusagen geben für alles, was ich schon erwähnte. Sie soll
+schwören, sich mit dem aufrührischen Bauernvolk da unten nie wieder
+abzugeben, die Beschäftigung mit den albernen Phantastereien abzuthun,
+sich ihrer Familie zu erinnern, sich ihr zu widmen, wieder die Kirche zu
+besuchen, den einfältigen Glauben ihrer Kinderjahre zurückzugewinnen,
+ein bescheidenes, fügsames Mädchen zu werden, statt eine Führerin des
+Aufruhrs, des Unglaubens und der Sittenverachtung!"
+
+"Auch das wird kommen mit der Zeit, Lavard. Nimm heut' fürlieb mit ihrer
+Buße für die Geschehnisse des Abends. Ich bitte--ich bitte--und,
+Imgjor, hörst du nicht?--Noch einmal--thu's _mir_ zu Liebe, beuge dich
+vor deinem Vater, mein liebes Kind!"
+
+Nun schwankte Imgjor abermals. Dann aber sagte sie, sich hoheitsvoll
+aufrichtend:
+
+"Nein, ich kann's nicht, Mama, und ich thu's nicht. Nur die Form kann
+ich bedauern, wenn ich in ihr wirklich fehlte. Alles andere entspricht
+meiner innersten Ueberzeugung und ich bin kein Schilfrohr, das jeder
+Wind bewegt. Ich bin ich! Ich bin Imgjor Lavard!--"
+
+Aber wenn bisher die Anwesenden bei den Erörterungen nur von
+unbehaglichen Empfindungen beherrscht worden waren, so stockte ihnen
+nunmehr das Blut.
+
+Wild, sprungbereit, in einer Wut, die etwas Unmenschliches an sich
+hatte, stürzte der Mann auf seine Tochter zu, faßte ihre Handgelenke,
+preßte das todesbleiche Geschöpf auf die Erde herab und hauchte:
+
+"Ja, eine Lavard! Aber--und nun sollst du es wissen--geboren von einer
+Mutter, die, eine Jungfrau, ihrer Sitte und Ehre vergebend, ihren Körper
+einem Kunstreiter verkaufte, einem Manne von dunkler Herkunft und
+niedrigsten Gesinnungen. Aus Mitleid habe ich dich zu dem erhoben, was
+du bist. Du bist nicht mein Kind. Ich habe dich als solches nur
+adoptiert. Nicht meines, nicht das edle Blut der Lavards, auf das du
+trotzest, fließt in deinen Adern, sondern das Zigeunerblut eines
+unehrlichen Landstreichers! Und so sollst du es haben! Ich stoße dich
+von mir, da du trotz aller Liebe, Zärtlichkeit und Ermahnung kein Reis
+sein willst an dem Stamm meines Geschlechts, gar gegen mich, gegen
+deinen Wohlthäter und Beschützer die Flinte und die Brandfackel
+ergreifen willst! Geh! Geh! Lauf' in die Welt! Thu', was du willst! Aber
+rechne nicht mehr auf uns und auf keinerlei Erbe, und wäre es ein
+Bettel! Ich bin für dich, du bist für mich gestorben!"
+
+Er stieß sie von sich. Imgjor aber erhob sich rasch und eilte hinaus.--
+
+ * * * * *
+
+Der Eindruck dieser Vorgänge übte auf die Zurückbleibenden eine
+beispiellose Wirkung aus. Die Gräfin war erschüttert, verwirrt und
+bedrängt, daß ihr Gemahl das seit ihrer Ehe bewahrte Geheimnis in
+solcher Weise und bei solcher Gelegenheit gelüftet hatte, und er selbst
+erhielt bereits so viel Besinnung zurück, daß ihn ein reuevoller Aerger
+ergriff, sich und sein Pflegekind mit dieser Rücksichtslosigkeit vor
+fremden Zeugen preisgegeben zu haben.
+
+Graf Knut und Fräulein Merville empfanden ein Mitleid für Imgjor, und
+Graf Dehn und Lucile waren vorläufig überhaupt nicht imstande, sich von
+den Eindrücken der Ueberraschung zu erholen.
+
+Zunächst entfernte sich, taktvoll handelnd, Fräulein Merville.
+
+Nach ihr brach Graf Knut auf, nachdem er den beiden Ehegatten lediglich
+stumm die Hand gedrückt hatte.
+
+Auch Graf Dehn wollte sich nach des Grafen Fortgang zurückziehen. Schon
+erhob er sich und richtete einen bescheidenen Abschiedsblick auf die
+beiden Damen. Aber beide hielten ihn durch den Ausdruck ihrer Mienen
+zurück.
+
+"Bitte, bleiben Sie, lieber Graf! Wir wollen gemeinsam beraten. Sie
+gehören zu uns!" stieß dann die Gräfin, warmherzig im Ton heraus.
+
+"Nicht wahr, Lavard?"
+
+Und als er zwar nichts erwiderte, aber, obschon finster vor sich
+hinstarrend, auch nicht widersprach, fuhr sie fort:
+
+"Nachdem du ruhiger geworden bist, Lavard, wirst du mir erlauben, Imgjor
+aufzusuchen und ihr mitzuteilen, daß du ihr nochmals Zeit zum Ueberlegen
+giebst! Ich bitte dich, thu's! Indem du in solcher Art das Geheimnis
+ihrer Geburt enthülltest, statt ihr in ruhiger Stunde und in völligem
+Einvernehmen so Wichtiges zu eröffnen, hast du sie, fürchte ich, um so
+mehr in ihren Plänen bestärkt--"
+
+Und einschmeichelnd, da sie sah, daß der Zeitpunkt, ihm solche
+Vorhaltungen zu machen, zu früh gewählt:
+
+"Nein, nein, Lavard! Ich wollte dir nichts Unangenehmes sagen. Aber
+meine Bitte erfülle! Ich darf Imgjor beruhigen?"
+
+Dennoch fiel die Antwort auf diese verständige Rede anders aus, als die
+Gräfin, die ihres Mannes raschen Zorn kannte, aber auch auf seine ebenso
+rasche Versöhnlichkeit bauen zu können gehofft, erwartet hatte.
+
+Nachdem er sich wortlos erhoben und zunächst mit langen Schritten das
+Zimmer durchmessen hatte, sagte er in einem festen Ton:
+
+"Nein, Lucile, ich wünsche Imgjor nicht mehr entgegenzukommen. Ist sie
+bereit, von dem Menschen da und ihren Thorheiten Valet zu sagen, will
+ich trotz meiner beleidigten Gefühle vergeben. Sonst bleibt's bei meinen
+Worten! Es wird mir wahrlich nicht leicht--und die Gründe brauche ich
+nicht darzulegen--mich von diesem meinem Adoptivkind loszusagen. Ich
+gedenke auch der Welt, der man nicht unnötig Schauspiele bieten soll.
+Aber ich kann, darf und will nicht anders handeln. War ich aus falscher
+Liebe oder an anderen in meinem Naturell begründeten Motiven oft schwach
+in meinem Leben, in diesem Fall bleibe ich fest!
+
+Sie geht und wird ihres Erbes verlustig, wenn sie sich nicht fügt! Von
+Dingen, wie sie uns solche in der letzten Unterredung vortrug, ist nicht
+mehr die Rede!"
+
+"Gut, so werde ich mich also zu ihr begeben und in diesem Sinne mit ihr
+sprechen."
+
+Unter diesen Worten erhob sich die Gräfin und verließ das Gemach.
+
+"Verzeihen Sie!" hub Graf Lavard nach seiner Gemahlin Entfernung an und
+streckte Graf Dehn die Hand mit einem freimütigen Ausdruck entgegen.
+"Ich hätte gewünscht, daß Ihnen andere Eindrücke auf Rankholm geworden
+wären, und ich beklage, daß Sie mich in meiner Schwäche gesehen. Aber
+wir Menschen bleiben abhängig von unserm Blut. Jeder hat einen kleineren
+oder größeren Defekt in seinem Charakter."
+
+Graf Dehn drückte Lavard stumm die Rechte, Lucile aber, durch die
+Selbstentäußerung ihres Vaters bezwungen, eilte gerührt auf ihn zu,
+umschlang ihn und küßte ihn zärtlich auf die Wangen.--
+
+Nach Verlauf von zehn Minuten trat die Gräfin bereits wieder ins Zimmer.
+Sie war bleich und erregt, und ihre Mienen verkündeten nichts Gutes.
+
+"Nun, liebe Mama? Wie ist's geworden?" stieß Lucile heraus und richtete
+mit besorgter Miene den Blick auf ihre Mutter.
+
+"Ich habe Imgjor garnicht sprechen, wenigstens keine Antwort erhalten
+können," erklärte die Gräfin und ließ sich, sichtlich erschöpft, in
+einen Sessel gleiten. "Imgjor hat heftiges Fieber. Ihr Körper brannte
+förmlich, als ich bei ihr eintrat, und nun eben überkam sie ein sehr
+starker Schüttelfrost. Sie hatte sich bereits ins Bett gelegt, als
+Fräulein Merville sie aufsuchte. So habe ich mich denn auf Trost und
+zweckmäßige Anordnungen beschränken müssen. Fräulein Merville wird die
+Nacht bei ihr bleiben. Jedenfalls aber muß ein Arzt kommen. Wie soll's
+nun werden, Lavard?" "Ah--" stieß der Graf, von neuem stark erregt,
+heraus, und die Adern schwollen ihm in dem roten Gesicht an.--"Da haben
+wir's! Natürlich ist sie doch im Dorf gewesen, und was wir voraussagten,
+ist geschehen. Sie hat das Scharlach ins Schloß gebracht! Wahrlich,
+unverantwortlich, strafwürdig hat sie gehandelt an sich--und an uns! Da
+ist gleich ein Beweis von dem jüngst Gesagten: Das Beste in einer
+ungeschickten Hand kann zum Verderben werden. Und ich füge hinzu: Das
+Ungünstige, weise verwertet, kann zum Segen gereichen. Ja--welcher
+Doktor? Jedenfalls soll kein Prestö jemals diese Schwelle wieder
+betreten. Andreas soll sofort nach Oerebye kutschieren. Klingele,
+Lucile, nach Frederik! Gleich soll er fort. Ich schreibe ein paar Zeilen
+an den Physikus Mangor in Oerebye."
+
+Und Frederik erschien, empfing ein Billet, das der Graf in dem Kabinett
+seiner Frau entworfen hatte, und eilte damit fort.
+
+Und nachdem das erledigt war, richteten die Anwesenden ihre Gedanken auf
+das Kommende. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit unter solchen Umständen
+den Ball abzuhalten, wurde erörtert. Zuletzt wurde beschlossen, die
+Entscheidung von der Erklärung des Doktor Mangor abhängig zu machen.
+
+War er dagegen, so sollte in der Frühe alles Personal auf dem Guts- und
+Arbeitshof entboten werden, um den Eingeladenen abzusagen.--Freilich,
+ein umständliches vielleicht nicht einmal völlig erfolgreiches Vorhaben.
+
+Es waren nicht nur Gäste vom Lande, sondern auch aus den umliegenden
+Städten geladen. Im linken Flügel, der an Imgjors Turmgemächer stieß,
+waren alle Fremdenzimmer bereits in Stand gesetzt, und auch die unteren
+rechtzeitig--oben befanden sich die Festsäle, in denen getafelt und
+getanzt werden sollte--waren hergerichtet.
+
+Einhundertfünfzig Personen hatten Einladungen empfangen, und schon
+wehten von den Türmen die Lavardschen Fahnen in den blutroten Farben,
+inmitten das Familienwappen: die Faust mit dem Dolch, gezückt gegen
+einen wild sich auflehnenden Geier!
+
+ * * * * *
+
+Diesmal war's noch gut verlaufen. Imgjor war nicht vom Scharlach
+ergriffen worden. Mangor, der noch in später Stunde erschienen war,
+hatte erklärt, daß es sich nur um eine starke, aber ungefährliche
+Verstimmung des Magens handle. Die Komtesse werde bei genügender Ruhe
+bereits im Laufe des kommenden Tages die Unpäßlichkeit abgeschüttelt
+haben.
+
+Und wie der Befreiung von einer schweren Sorge allezeit eine um so
+Stärkere seelische Aufrichtung zu folgen pflegt, so war's auch hier. Dem
+Grafen verlieh die Sicherheit, daß das Gespenst der Epidemie vom
+Schlosse abgewendet war, daß er nicht nötig hatte, seinen Gästen
+abzusagen, und daß somit auch Mühen und Kosten nicht umsonst gewesen,
+eine gehobene Stimmung, und in dieser gab er den Bitten der Gräfin zu
+einer Auseinandersetzung mit Imgjor nach.
+
+Nachdem Lucile und Fräulein Merville um die Mittagszeit gemeldet hatten,
+daß Imgjor bereits wieder aufgestanden sei, begab sich die Gräfin zu
+ihr aufs Zimmer, und in Axels Gegenwart wiederholte sie dann später
+diesem und den übrigen die von dem jungen Mädchen erteilte Antwort.
+
+Sie wolle eine Unterredung mit Prestö möglichst bald herbeizuführen
+suchen und, nachdem diese stattgefunden, ihren Eltern eine Antwort
+geben. Sie bäte, ihr diese Frist noch zu gewähren, um jenem gegenüber
+nicht wortbrüchig zu werden.
+
+Werde sie, um nicht das Glück eines anderen Mädchens zu zerstören, auf
+Prestö verzichten müssen, so würde sie nochmals die Bitte aussprechen,
+Rankholm verlassen und sich ihren Wirkungskreis suchen zu dürfen. Sie
+wolle sich eine Samariterthätigkeit suchen, sofern ihr ein Werk im
+Großen nicht zu gelingen vermöge.
+
+Sie schwöre dem Vater zu, daß sie ihm keine Schande machen werde. Sie
+bäte, ihr zu verzeihen, wenn sie in der Form gefehlt habe, und auch
+deshalb daß sie keine andere Antwort zu erteilen vermöge.
+
+Endlich hatte sie auf den dringenden Wunsch ihrer Pflegemutter zugesagt,
+daß sie heute bei dem Feste erscheinen werde.
+
+Alle Anwesenden befanden sich nun in einer starken Spannung, wie sich
+der Graf zu dieser Erklärung Imgjors verhalten werde.
+
+Gerechterweise mußte man zugestehen, daß ihre Erklärung verständig und
+maßvoll war, daß sie, wenn sie sich nicht selbst verleugnen wollte, eine
+andere garnicht geben konnte.
+
+Nach einer geraumen Frist, in welcher der Graf nachgedacht, sagte er:
+"Ich gebe jetzt nur die Erlaubnis, daß sie bis zu einer Entscheidung
+über ihre Beziehungen zu Prestö unter gleichen Verhältnissen wie bisher
+in Rankholm bleibt, aber es ist selbstverständlich, daß sie sich während
+dieser Zeit des Verkehrs mit meinen aufsässigen Bauern enthält. Kommt
+noch etwas vor, dann geht sie sofort!"
+
+Als sich Axel später mit der Gräfin allein befand, teilte sie ihm mit,
+daß Imgjor ursprünglich keineswegs in einer solchen versöhnlichen Art
+gesprochen, daß sie, die Gräfin, aus Klugheit vieles verschwiegen und
+ihrem Gatten nur das gesagt habe, was sie Imgjor teils nach schweren
+Kämpfen abgerungen, teils noch zu erreichen hoffe.--Nur Auflehnung gegen
+ihren Pflegevater habe Raum in ihr gehabt, ihr, ihrer Pflegemutter, aber
+habe sie unter dem Dankgefühl für deren Verhalten in den rührendsten
+Worten alle Schroffheiten, deren sie sich im Laufe der Jahre schuldig
+gemacht, abgebeten.
+
+"Der Zufall hat Ihnen, lieber Graf,"--schloß sie ihre Rede--"enthüllt,
+was ich Ihnen nach einer voranzugehenden, sorgfältigen Prüfung Ihrer
+Vertrauenswürdigkeit eröffnen wollte, deshalb eröffnen wollte, damit Sie
+erkennen möchten, in wie weit meine Kinder zu Vorwürfen gegen mich
+berechtigt waren.--Es ist aber noch nicht alles. Das übrige sollen Sie
+später aus meinem Munde vernehmen."
+
+Graf Dehn lohnte diese Worte mit lebhaftem Dank, dann sagte er,
+gedrängt, noch mehr zu hören: "Ich bitte, wie faßt Komtesse Imgjor die
+Enthüllung ihrer Geburt auf? Darüber äußerten Sie nichts, Frau Gräfin!"
+
+"Sie hat sich darüber nur kurz ausgelassen: Ihre Erregung beziehe sich
+auf das Unrecht ihres Vaters, solche Dinge in solcher Form vor fremden
+Zeugen auszusprechen.
+
+Ehe ich meinen Vater oder meine Mutter verdamme--äußerte sie--muß ich
+wissen, wie ihr Lebensgang war, wer sie zu dem machte, was sie wurden.
+Meinem Pflegevater bin ich unauslöschlichen Dank schuldig, weil er mich
+nicht dem Elend und dem Zufall preisgegeben, sondern mich gehalten hat
+als sein rechtes Kind. Und eben diese Dankbarkeit veranlaßt mich, mich
+dir zu fügen, fürder ihm gute Worte zu geben. Diese Dankbarkeit hat mich
+abgehalten, sogleich und für immer Rankholm zu verlassen. Ich wünsche in
+allen meinen Handlungen möglichst gerecht zu sein, auch mich
+unterzuordnen, sofern das, was gefordert wird, nicht mit meinen
+Ueberzeugungen und Grundsätzen in Widerstreit steht."--
+
+Und dann kam der Nachmittag, und mit ihm erfolgte das Anfahren der Gäste
+im Schloßhof von Rankholm.
+
+War das Gut in Stille und Einsamkeit ein unvergleichlich idyllischer
+Erdenfleck, so hatte es sich nun in ein buntes Zauberbild verwandelt.
+
+Von allen Zinnen wehten die roten Lavardschen Fahnen. Im Hofe vollzog
+sich ein endlos wechselndes Durcheinander von herbeieilenden
+Staatskarossen, Fuhrwerken und Landkutschen. Der Treppenaufgang war
+geschmückt mit Rosenguirlanden, und da der Abend bereits im Nahen war,
+flimmerten hinter allen Fenstern des mächtigen Baues hunderte und
+aberhunderte von Lichtern. Und strahlendes Flammenlicht ergoß sich
+später von den Kandelabern neben der Freitreppe über den ganzen Hof, und
+in einem Glanzmeer schwammen die Eingänge, die Gesellschaftsgemächer und
+großen Festsäle im Hauptgebäude und in den Flügeln.
+
+Aber auch unten in den Souterrains, wo auf den großen Herden die Speisen
+dampften und schmorten, war alles voll eifrigen Lebens. Ein Heer von
+weißgekleideten Köchen, buntlivrierten Dienern und Lakaien flog hin und
+her, treppauf, treppab, und mischte sich unter die in ihren kostbaren
+Toiletten und glänzenden Uniformen erschienenen, in den Empfangsräumen
+auf und ab wogenden, laut und lebhaft schwatzenden und lachenden Gäste,
+bis dann der Haushofmeister Frederik das Zeichen zum Tischgang gab und
+sich sämtliche fünfundsiebzig Paare in Bewegung setzten.
+
+So tafelte und trank man nur in Fürstenhäusern! Ein solcher Glanz und
+Prunk war entfaltet, daß selbst Axel, der sich bereits an den Ueberfluß
+von Rankholm gewöhnt hatte, des Erstaunens und der Verwunderung voll
+war. Tafelgeschirr stand auf den Tischen, das ganze Vermögen gekostet
+hatte.--Silber, aber auch Gold überall! Selbst die Gabeln und die Griffe
+der Messer blitzten in solchem edlem Metall.
+
+Massive Vasen und andere kunstreiche, kostbare Schaustücke mit Blumen
+aus den Treibhäusern gefüllt, waren zahlreich verteilt, und silberne
+Champagnerkühler, jedesmal für zwei Personen, fanden, das zischende,
+unruhige Naß in goldumränderten Flaschen bergend, neben dem wundervoll
+geschliffenen Krystall und Glas, das den Weinen zu dienen hatte, die bei
+jedem Gang besonders gereicht wurden.
+
+Die Damen Lavard trugen Geschmeide von Diamanten und Perlen, die einen
+schier unschätzbaren Wert besaßen, und zudem waren sie die Königinnen
+des Festes.
+
+Die Schönste war Imgjor, die Tochter des Kunstreiters.
+
+Zum erstenmal sah Graf Dehn ihren reizenden Hals. Es konnte keine
+gleichen Schönheitslinien, keine vollendeteren Farben geben. Sie
+wetteiferten mit dem Marmorglanz der runden, weißen Arme.
+
+Und dazu das braunrote, sich in ungeduldigem Wachstum aufbäumende Haar,
+dazu die dunkelbewimperten Augen, dazu der Körper mit seinen
+schwellenden Formen, die entzückenden Hände, die schneeigen Zähne, die
+von einem stürmisch pulsierenden Rot durchglühten, kleinen Ohren! Und
+wenn sie lächelte--dieses hinreißende, eine unbekannte Welt von Klugheit
+und Güte verheißende Lächeln!
+
+Und neben ihr saß, trotz seiner gegen ihre Eltern erhobenen Einwände,
+Graf Dehn.
+
+Gleich, als er ihr den Arm geboten, hatte er eine ihrer Enttäuschung
+begegnende Erklärung gegeben.
+
+"Es war der Wunsch des Herrn Grafen, daß ich Sie führen sollte,
+Komtesse! Ich bat um Ihretwillen, davon abzusehen. Es geschah, weil ich
+mein Möglichstes thun wollte, um Ihrem gegen mich geäußerten Wunsch zu
+entsprechen. Vielleicht bezwingen Sie dieses eine Mal Ihre Abneigung, so
+lange in meiner Nähe sein zu müssen. Ich verspreche Ihnen, daß ich
+versuchen werde, Ihr Ohr durch meine Worte in keiner Weise zu
+verletzen."
+
+Schon während Graf Dehn gesprochen, hatte Imgjor den Oberkörper
+zusammengeschoben und die Lippen auf einandergepreßt, als ob sie nur so
+ihrer Empfindungen Herr zu werden vermöge. Aber als er dann mit einem
+sanft versöhnlichen Ausdruck in ihren Zügen forschte, so eine Antwort zu
+erheischen suchte, hob sie stolz das Auge zu ihm empor, sah ihn kalt an
+und senkte dann wieder die Wimpern mit einer Miene wie jemand, der, weil
+des anderen Gefangener, machtlos sich zu fügen hat.
+
+Zunächst verhielt sich Graf Dehn auf diese stumme Abwehr ebenfalls
+wortlos. Aber als von der Dienerschaft bereits die Suppe gereicht worden
+war, und nun Imgjor, ohne sie zu berühren, auch ferner in finsterem
+Schweigen dasaß, hielt's ihn nicht länger. Zorn und Auflehnung über ihre
+Kälte übermannten ihn.
+
+"Sie haben mich nicht einmal einer Antwort gewürdigt, Komtesse Lavard,"
+hub er an, nachdem er nach vorangegangener Frage, ob er einschenken
+dürfe, ihr Glas gefüllt hatte.
+
+"Wahrlich! Wenn ich nicht so vieles von Ihnen gesehen, jetzt wieder sich
+meine Meinung über Sie so vorteilhaft verstärkt hätte, ich könnte
+glauben, es sei doch eines wenigstens bei Ihnen Maske--nämlich, daß Sie
+ein Herz besitzen. Was that ich Ihnen? Wie begegnen Sie mir, der ich
+doch der Gast Ihres Hauses bin? Wie vergelten Sie mir das, was Sie
+selbst als vergeltungswert bezeichneten? Es mag Ihnen wenig vornehm
+erscheinen, daß ich erwähne, wie sehr ich für Sie stets eintrat, wie
+viel ich beigetragen habe, die vorhandenen Gegensätze zu mildern, auch
+jetzt den Dingen einen möglichst friedlichen Charakter zu verleihen. Ich
+thue es aber, weil ich Ihnen beweisen möchte, daß ich Ihr zu Thaten
+bereiter Freund bin. Gewiß, Sie haben mir deutlich an den Tag gelegt,
+daß Sie mich verabscheuen, Sie haben mir sogar die Schwelle des
+Schlosses gewiesen--aber es drängt sich mir die Frage auf, mit welchem
+Recht nach solchem Verhalten von meiner Seite? Ehrerbietung, Rücksicht
+und Freundschaft habe ich Ihnen ununterbrochen entgegengetragen!
+Erlauben Sie mir ein freies Wort: Sie wollen eine ganze Menschheit
+beglücken und besitzen nicht einmal die Fähigkeit, sich einem einzelnen
+Menschen in soweit anzubequemen, daß Sie die Gesellschaftssitten zu
+beobachten vermögen, aus trotziger Voreingenommenheit, aus Zorn, daß ich
+den Doktor Prestö als das hinstellte, was er ist--"
+
+"Nun, was ist er denn?" fiel Imgjor, deren Büste unter dem
+freigeschnittenen Ballkleide in eine stürmisch tobende Bewegung geraten
+war, also, daß sie schier den Saum des Gewandes zu sprengen drohte, mit
+funkelnden Augen heraus.
+
+"Er ist ein kalter, berechnender Egoist, den nicht Liebe zur Menschheit,
+sondern nur Rachsucht erfüllt, der einer anderen, der er sein Wort
+verpfändet, lediglich deshalb einen Absagebrief erteilt, um die reiche
+und vornehme Erbin heimzuführen. Daß letzteres sich so verhält, klang
+durch seine Worte, die ich vernahm in jener Nacht. Nur Sie, in Ihrer
+blinden Liebe, entraten der Fähigkeit, ihn zu durchschauen, ihm, wie
+sonst den Menschen, ins Herz zu blicken und es auf seinen wahrhaftigen
+Wert zu prüfen."
+
+"Ich bestreite jede Ihrer Behauptungen, Herr Graf Dehn. Und wenig
+vornehm ist es in der That--Sie mögen es hören!--zu horchen, und ebenso
+unkavaliermäßig, auf bloße Eindrücke hin einen Ehrenmann derartig zu
+verdächtigen. Und da Sie es wissen wollen: Meine Abneigung gegen Sie
+leitet sich uns der Thatsache her, daß, im Gegensatz zu Ihrem
+Selbstlobe, mit Ihrem Eintritt in Rankholm sich alles, was mir Freude
+und Hoffnung war und was mir Erfüllung schien, in Leid verwandelt hat.
+Sie haben von vorneherein gegen Herrn Doktor Prestö Front gemacht,
+deshalb gleich ohne Zwang und Not den Gast herabgesetzt, weil er anders
+geartet als Sie, sich anders gab als Sie, weil er sich Ihrer
+hochgeborenen Erhabenheit nicht unterordnete, weil er gleich an den Tag
+legte, daß es für ihn nur Menschen, keine Bauern und keinen Landadel
+giebt, weil Sie herausfühlten, daß ich ihm gut war, daß ich ihn Ihnen
+vorzog. Und dann haben sich die Meinungen meiner Familie täglich mehr
+gegen ihn gekehrt. Früher fand man ihn wohl etwas schroff, aber man
+lobte sein kräftiges Selbstgefühl! Man schätzte es hoch, weil es
+Charakter und Männlichkeit verriet. Stets stand er voran, wenn es sich
+um Einladungen in unser Haus handelte. Als Arzt wußten ihn alle nicht
+genug zu loben, und man gewährte mir auch ohne Einschränkungen den
+freien Verkehr mit diesem aufgeklärten und zielbewußten Manne. Heute
+würde mein Pflegevater ihn am liebsten töten; meine Pflegemutter und
+Lucile hassen ihn. Ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich plötzlich
+eine Ausgestoßene, Enterbte bin, während ich meinen mir zukommenden
+Besitz in den Dienst der großen Sache stellen wollte, in den Dienst der
+Veredelung und Aushilfe der Armen und Elenden. So, nun wissen Sie,
+weshalb ich den Augenblick verwünsche, in dem Sie über die Schwelle
+traten, weshalb ich Sie wegen Ihrer unerbetenen Eingriffe in unsere
+Familienangelegenheiten zu hassen ein Recht habe!--Und daß Sie, mein
+Herr Graf, heute, nach alledem, noch den Mut und das Wohlgefallen
+besitzen, an meiner Seite Platz zu nehmen, beweist mir, daß Sie zwar
+sehr viel Selbstgefühl, aber minder Zartsinn besitzen, wenig von dem,
+dessen Sie sich selbst so beredt rühmen!"
+
+Graf Dehn war weiß geworden wie das Leinen der Serviette, die er in
+seiner Hand zerknitterte.
+
+Das war eine Freiheit der Rede, die neben ihrem ungerechten Inhalt, der
+völlig falschen Auslegung, ja Umkehrung der Dinge, eine Maßlosigkeit
+enthielt, vor der ein Kavalier einer Dame gegenüber verstummen mußte.
+Indem Graf Dehn alles zusammenfaßte, was ihm an Kraft und
+Selbstbeherrschung zu Gebote stand, auch zu einem ruhigen Ton und zu
+äußerster Sachlichkeit sich zwang, obschon die vor Erregung zitternde
+Stimme fast versagen wollte, entgegnete er:
+
+"Es wird eine Zeit kommen, Komtesse Lavard, in der sie erkennen werden,
+wie richtig meine Urteile über die in Betracht kommende Person waren.
+Sie werden auch, ich weiß es, die unverdiente, ungeheure Kränkung die
+Sie mir eben zugefügt haben, abbitten. Ihr gerechtes Herz wird Sie dazu
+drängen!--Doch lassen wir ruhen, was ich nur gezwungen berührte, und nur
+eine Frage gestatten Sie mir noch an Sie zu richten: Wollen Sie mir eine
+Unterredung gewähren, wenn sich herausstellt, daß der Mann, dem Sie im
+Begriff sind, Ihr Lebensglück zu opfern, Sie täuschte?"
+
+"Weshalb--? Welchen Zweck soll das haben?"
+
+"Liegt Ihnen nicht daran, Komtesse, etwaiges Unrecht gegen mich gut zu
+machen? Ist es nicht doch möglich, daß Sie mich und mein Thun falsch
+beurteilen? Ist's dann nicht eine natürliche Pflicht, mir eine
+Genugthuung zu gewähren? Sie wollen eine Priesterin der Wahrheit, der
+Güte, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe sein und wollen schon beim
+erstenmal stolpern, wo Sie die Probe auf Ihr Ich zu bestehen haben?"
+
+Imgjor biß erst die Zähne zusammen, dann sagte sie: "Wohlan, ich bin
+bereit, Sie zu hören, wenn sich das vollzieht, was Sie hoffen--was Sie
+aus dieser Hoffnung sogar zur Gewißheit erheben. Sie wird Ihnen zwar nie
+werden, und wenn doch, so werde ich, das sei gesagt, nie Ihre Freundin
+werden, geschweige mehr--"
+
+"Also, wenn Prestö sie betrog, in diesen heilig ernsten Stunden Sie
+betrog, so bleibt er immer doch ein Gott und ich ein Unwürdiger,
+Komtesse?"
+
+Imgjor reckte den Oberkörper, und in ihrem in der Erregung sich
+unwillkürlich öffnenden Munde blitzten die Zähne. Dann sagte sie heftig,
+und er hörte, wie sie mit ihrem mit dem weißen Seidenschuh bekleideten
+Fuß ungeduldig den Fußboden berührte:
+
+"Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, daß Prestö mich nicht betrügen wird,
+daß er ein Ehrenmann, daß er ein anderer Mann ist als die, welche sich
+anmaßen, über ihn zu Gericht zu sitzen!"
+
+"Wohlan, Komtesse! Wenn Sie so reden, so steht Meinung gegen Meinung!
+Ich behaupte, daß der Mann innerlich in demselben Augenblick von Ihnen
+abfallen wird, wo er erfährt, daß Sie nicht die Tochter des Grafen, daß
+Sie aus Rankholm verbannt und enterbt sind. Und da Sie nun, trotz aller
+meiner fügsamen Bitten, den Frieden mir abschlagen, so will ich fürder
+gegen diesen Mann rücksichtslos kämpfen! Ich will Sie kurieren, jetzt
+kurieren gegen Ihren Willen!"
+
+Diesmal entgegnete Imgjor nichts. Sie vermochte es nicht, weil plötzlich
+eine Blutwelle ihrem Munde entströmte. Die Serviette, die sie zum Munde
+führte, wurde von einem unheimlichen Rot gefärbt. Schrecken ergriff die
+Umsitzenden, und ehe noch Graf Dehn helfen, sich um sie bemühen oder gar
+am Aufstehen hindern konnte, hatte sie den Saal verlassen.
+
+ * * * * *
+
+Lange waren die Klänge der Violinen, der Flöten, und Baßgeigen
+verklungen. Seit einer Stunde waren sogar die Lichter in dem mächtigen
+Rankholmer Schloß mit all' seinen zahlreichen Räumen erloschen, und
+alles lag in einem tiefen, festen Schlaf. Nur zwei Personen wachten
+noch, sie fanden keinen Schlaf, und er floh sie, weil eine der anderen
+unruhvoll gedachte. Freilich geschah's mit sehr verschiedenen
+Empfindungen.
+
+Imgjor haßte nunmehr den Mann, der in ihr Leben und in ihre Pläne einen
+solchen Eingriff gethan. Sie haßte ihn, obschon ihr vorurteilfreies Ich
+ihr zuflüsterte, daß sie ein Unrecht begehe. Als er damals in Oerebye
+die Rede gehalten, hatte sie bei sich gedacht, welch' ein wertvoller
+Mann er sei. Aber sie wollte ihm schon deshalb keine Gefolgschaft
+leisten, weil sie--wie sie sich vorredete--nichts Halbes, sondern etwas
+Ganzes erstreben mußte. Ueberdies lag sie in dem Banne Prestös, der sie
+mit den stärksten Fäden an sich zog, sie so fesselte, daß sie nicht zu
+entrinnen vermochte. Der Sohn des Unterdrückten, der, gleich ihr,
+aufräumen wollte mit dem Unrecht, gehörte zu ihr, und nun, nachdem sie
+vernommen, daß sie selbst von jenen abstammte, welche die Armut treibt,
+ihr Brot zu suchen, wo und wie sie es finden, fühlte sie sich zwiefach
+mit Prestö verknüpft, hundertfältig mit ihm verbunden.
+
+Voll ingrimmiger Auflehnung biß sie die Zähne zusammen, als sie sich in
+diesen Stunden der Nacht der letzten Worte ihres Gegners erinnerte.
+
+Er würde im Fall Prestö mitteilen, wer sie sei, ihn wissen lassen, daß
+ihr Erbe in Gefahr stehe, sicher ihr verloren ginge, wenn sie ihm,
+Prestö folge.
+
+Sie zitterte vor der Wirkung seiner Ausladungen aus denselben Gründen,
+die sie veranlaßt hatten, an Prestö die Forderung zu stellen, ihr die
+Beweise zu geben, daß er--ohne Zwang und Unrecht--frei sei.
+
+Ihr Verstand und die Klarheit ihres Geistes fanden auf gleicher Stufe
+mit der Tiefe und der Güte ihres Herzens, die sie trieben, sich
+selbstlos in den Dienst der Unterdrückten zu stellen.
+
+Einmal, als sie sich vorstellte, Graf Dehn könnte wirklich Recht
+behalten, geriet sie in eine solche Aufregung, daß ihr Herz in
+stürmischer Aufwallung pochte.
+
+Wenn auch Prestö einer der Millionen Durchschnittskreaturen, wenn auch
+er einer der erbärmlichen Nützlichkeitsmenschen war, wenn wirklich nur
+ihr Stand, ihre Schönheit und ihr großer Reichtum ihn hatte reden und
+gar als Schurken gegen seine Braut handeln lassen, dann--dann--!
+
+Sie atmete tief, tief auf, und ihre Rechte ballte sich, als ob sie eine
+Waffe fasse.
+
+Sie wußte nicht, was geschehen werde--ihr grauste vor sich selbst.
+
+Unter solchen starken seelischen Erregungen und Kämpfen, denen sich die
+irrenden Gedanken über ihre Geburt unruhvoll hinzugesellten, tastete der
+Tag mit noch müdem Licht an die Scheiben der Fenster und mahnte sie an
+Zeit, Umstände und die noch zu erfüllenden Aufgaben.
+
+Sich rasch aufraffend, rückte sie sich an den Schreibtisch, stützte,
+noch einmal ihre Gedanken sammelnd, das Haupt und schrieb sodann mit
+fester Hand einen langen Brief erregten Inhalts an Prestö, in welchem
+sie ihn am Schluß ersuchte, nur auf das zu hören, was sie ihm selbst
+mitteilen werde, legte dieses Schreiben im Flur in eine versteckte Ecke,
+aus welcher der von ihr insgeheim beauftragte Diener jeden Morgen in der
+Frühe vorhandene Briefe an sich zu nehmen und sogleich zu besorgen
+hatte, und schlüpfte alsdann in ihr Bett.
+
+Und als eben gerade das Gesinde sich wieder unten im Hause zu rühren
+begann, fand sie endlich die Ruhe, nach welcher der erschöpfte Körper
+verlangte.--
+
+Anders Axel.
+
+Durch sein Gehirn wälzten sich die Vorstellungen über Geschehenes und
+Künftiges, und lediglich die Ueberlegung, auf welche Weise er das
+ausführen könne, was er sich nunmehr als fiel vorgesetzt hatte,
+beschäftigte seine Gedanken.
+
+Er wollte sich vorläufig von der Familie Lavard nicht trennen, Prestö
+als den entlarven, der er nach den von ihm in jener Nacht gewonnenen,
+nunmehr mit Luciles Behauptungen übereinstimmenden Ansichten war, und
+Imgjor nicht nur zu heilen, sondern mit ihrer Familie vollständig
+auszusöhnen suchen.--Ob ein Preis ihm zufiel, mußte sich finden. Seine
+Liebe und sein überzeugungsstarker Sinn ließen ihn nicht verzweifeln.
+
+ * * * * *
+
+Die kommenden Tage verflossen den Rankholmer Schloßbewohnern unter
+allerlei Vorbereitungen zu der Kopenhagener Reise. Auch erledigte der
+Graf dringliche Gutsgeschäfte mit seinen Beamten und wies unter anderem
+auch Unterstützungen für die von der Epidemie noch immer gleich hart
+betroffene, ärmere Dorfbevölkerung an. Gegenwärtig gab es kaum ein Haus
+mehr in Kneedeholm, in dem sich nicht Schwerkranke befanden oder Tote
+täglich hinausgetragen wurden. Der Pastor kam Tag und Nacht kaum mehr
+zur Ruhe, da er Sterbende zu trösten, geistliche Handlungen vorzunehmen
+und nach den Bedrängten zu sehen hatte.
+
+Und nicht minder war Doktor Prestö beschäftigt. Wenn er einen der
+Betroffenen eben verlassen hatte, rief ihn die Pflicht schon wieder zu
+gleichem Zwecke ins Nebenhaus, und so fort. Ueberall Sterbende,
+Schwerkranke oder der Genesung Entgegengehende, die der Aufsicht
+bedurften.
+
+Aber jegliches, was er that, geschah in einer kurzen, schroffen,
+gefühllosen Art. So kam es nicht selten vor, daß er die Boten der
+Erkrankten mit dem barschen Bescheide abfertigte, sie müßten warten, er
+sei auch nur ein Mensch, der einen Kopf und zwei Arme habe.
+
+Ein engeres Zusammenwirken zwischen ihm und seinem ausgesprochenen
+Gegner, dem Pastor Nielsen, fand nicht statt. Sie bewegten bloß das
+Haupt, wenn sie sich begegneten, und bedienten sich der
+Zwischenpersonen, wenn sie sich etwas mitteilen mußten.
+
+Unter den geizigen und körperlichen Anspannungen war Prestö zu einer
+Förderung seiner Verlobungspläne mit Imgjor, die eine Reise nach
+Kopenhagen erforderlich machten, gar nicht gelangt, und wenn schon
+dieser Umstand seine Laune zu der allerschlechtesten gemacht hatte, so
+war seine Stimmung durch die Vorfälle der letzten Tage seine geradezu
+feindselige geworden.
+
+Er behandelte in seiner Verstimmung die Kranken sehr rücksichtslos, sie
+mußten büßen, worunter er litt.
+
+Plötzlich war alles über den Haufen geworfen. Die Mitteilungen, die ihm
+von Imgjor geworden, hatten einen geradezu niederschmetternden Eindruck
+auf ihn gemacht. Imgjor war die Tochter irgend eines Abenteurers und
+keine Lavard; sie war bedroht mit dem Verlust alles dessen, was gerade
+eine bestrickende Wirkung auf ihn ausgeübt hatte.
+
+So lange Imgjor der Glanz ihres ungeheuren Reichtums umgab, war's dem
+Manne nicht schwer geworden, sein Gewissen zu beschwichtigen. Um solchen
+Lohn glaubte er sich berechtigt, jener, die sein Wort hatte, einen
+endgiltigen Absagebrief zu schreiben.
+
+Um der hohen Ziele willen, die Imgjor im Auge hatte, heiligte der Zweck
+die Mittel!
+
+Nun aber stoppte er plötzlich wie ein vor ein Hindernis gestellter
+Reiter. Alle bisherigen Beschwichtigungen verfingen nicht mehr, er sann
+vielmehr, wie er sich, wenn Graf Lavard seine Drohungen wirklich wahr
+machte, wieder von Imgjor zurückziehen könne.
+
+Selbst die Schönheit Imgjors, die ihn gereizt und zeitweilig seine Sinne
+bereits zur höchsten Leidenschaftlichkeit angefacht hatten, sank nunmehr
+zu einem Nichts herab.
+
+Ihren Enthusiasmus für die große Sache, der er nur aus
+Selbstsuchtsgründen und rachsüchtigen Trieben Vorschub geleistet, die er
+in ihrem Sinne als Thorheit bespöttelt hatte, belegte er nunmehr mit der
+Bezeichnung einer Verrücktheit. Der Gedanke, sie ohne materiellen
+Einsatz von ihrer Seite zu heiraten, gar ihren Schwärmereien
+Gefolgschaft zu leisten, statt zu raffen, durch Geld und dadurch
+gewonnene Macht zu herrschen, schuf eine solche Auflehnung in ihm, daß
+er bereits überlegt hatte, ob er nicht ohne alle Versuche, den Grafen
+Lavard umzustimmen, der Sache ein Ende machen und Imgjor erklären solle,
+er könne nun doch die von ihr geforderten Beweise nicht beibringen.
+
+Freilich bedurfte es jetzt, da sie vor der Enterbung stand, eines klugen
+Verhaltens. Vorläufig mußte er sich geben, wie bisher, mußte er in
+Imgjor den Eindruck erhalten, daß seine Gesinnungen in keiner Weise
+erschüttert seien. Ungleich regten sich neben diesen Erwägungen auch
+wieder Gefühle eines ingrimmigen Verdrusses, so plötzlich um alle
+glänzenden Hoffnungen betrogen werden zu sollen. Eine durch den Eintritt
+wiedergekehrter, grenzenloser Habsucht hervorgerufene Unruhe
+bemächtigte sich des Mannes, die ihn nach Mitteln suchen ließ, wie er
+dennoch zum Ziele zu gelangen vermöge.
+
+Unter solchem Schwanken fiel ihm sein Gönner, Graf Knut ein. Vielleicht
+konnte es möglich sein, wenigstens einen Teil des Vermögens, sofern
+dessen Höhe der Mühe eines Kampfes wert sein würde, dem Grafen
+abzuringen.
+
+Und da Prestö diese Pläne schließlich zum Entschluß erhob, so zögerte er
+auch keinen Augenblick mit deren Ausführung.
+
+Einerseits richtete er ein Schreiben an Imgjor, in dem er sie um eine
+abermalige Unterredung ersuchte, und andererseits bat er den Grafen Knut
+in einem eilig beförderten Briefe, ihm eine solche nachmittags gewähren
+zu wollen.
+
+Ohne Antwort zu empfangen, nähme er an, daß ihm der Graf diese
+Vergünstigung gewähren wolle.
+
+Und von dem Eingang dieses Schreibens erzählte Graf Knut, des Grafen und
+der Gräfin Meinung einholend, in Gegenwart von Axel und Lucile nach dem
+zweiten Frühstück, und alle Teile wurden darüber einig, daß der Graf
+diesem Ersuchen Folge leiten müsse. Man wolle hören, was Prestö zu sagen
+habe.
+
+Alles, was einer Klärung der Angelegenheit dienlich sei, dürfe nicht von
+der Hand gewiesen werden. Aber während noch dies stetig wieder in den
+Vordergrund tretende, die Gemüter beschäftigende Thema behandelt ward,
+regte sich ein neuer Gedanke in Axel, und ihn zur Ausführung zu bringen,
+dadurch seinen geheimen Plänen Vorschub zu leisten, erfüllte ihn
+solchergestalt, daß er das Herannahen der nächsten Stunden kaum
+erwarten konnte.
+
+Sobald sich die Gelegenheit bot, begab er sich in seine Gemächer und
+dann später, nachdem die dritte Stunde geschlagen, vom Arbeitshofe aus
+ins Dorf hinab.
+
+Da Graf Dehn als Kind die drunten wütende Krankheit bereits überstanden
+hatte, beschlichen ihn keine Bedenken. Zudem wollte er ein Haus
+betreten, an das die Epidemie sich wenigstens bisher nicht herangewagt
+hatte. Er wollte versuchen, von Prestös Wirtschafterin den Namen der
+Braut ihres Herrn in Erfahrung zu bringen.
+
+Es war nicht undenkbar, daß ihr, die seine Briefe besorgte, dieser und
+der Aufenthaltsort der Dame bekannt waren.
+
+Als Graf Dehn durchs Dorf schritt, fiel ihm auf, wie menschenleer es
+war. Wie ausgestorben schien's. Nirgends ein rauchender Schornstein,
+nirgends jemand auf der Dorfstraße oder auf den Höfen.
+
+Nur einmal bemerkte er ein tiefgebeugtes, altes Mütterchen, das aus
+einem Bauernhause heraustrat und ein Gefäß an der Pumpe ausspülte. Und
+nicht einmal emporschauend, schritt sie sogleich und in einer Art
+zurück, die ihr beschäftigtes Gemüt verriet.
+
+Und noch ein menschliches Wesen, der Postbote, kam ihm später und gerade
+dann entgegen, als er die Wohnung des Doktors erreicht hatte.
+
+Den ehrerbietigen Gruß des Mannes erwidernd, entfuhr Axel unwillkürlich
+die Frage nach Briefen fürs Schloß. Er empfing auch solche für die
+Herrschaften, sah überdies Posteingänge für Prestö in der Hand des
+Angestellten und trat, nachdem er solche ebenfalls abzugeben sich
+erboten, in Prestös Haus ein.
+
+Da war alles still. Er suchte sich bemerkbar zu machen, und als dies
+erfolglos blieb, wandte er sich dem hinteren Ausgang in der Hoffnung zu,
+die Alte entweder auf dem Hofe oder im Garten zu finden. Und da er
+dadurch verhindert wurde, sich weiter ins Innere der Wohnung zu begeben,
+steckte er, mechanisch handelnd, vorläufig die Postsachen in seine
+Rocktasche.
+
+Und dann erspähte er hinten im Garten die alte Frau, welche beim
+Kartoffelaufnehmen beschäftigt war, und näherte sich ihr.
+
+Nachdem sie sich bei seinem Anblick aus ihrer gebückten Stellung
+erhoben, die erdigen Hände an der Arbeitsschürze abgewischt und ihn
+freundlich begrüßt hatte, sagte Graf Dehn, gleich ohne Einleitung aufs
+Ziel steuernd:
+
+"Ich komme mit einer Frage, gute Frau Madsen: Können Sie mir vielleicht
+sagen, wie des Herrn Doktor Prestös Braut heißt? Sie haben gewiß
+bisweilen Briefe nach dem Postkasten am Wirtshaus unten im Dorf getragen
+und kennen ihren Namen--"
+
+"Seine Braut? Ja, das weiß ich nicht. Aber er schreibt allerdings ab und
+zu an ein Fräulein. Sie heißt--sie heißt--Ingeborg Jensen."
+
+"Hm--Danke! Und die Adresse? Es handelt sich um eine kleine
+Ueberraschung vom Schloß, deshalb frage ich bloß--"
+
+"Adresse? Adresse? Ja, da kann ich mich allerdings nicht darauf
+besinnen. Aber sie wohnt bei einen Etatsrat Estrup in Kopenhagen. Das
+steht mit drauf."
+
+"So, so, schön! Das genügt, meine gute Frau Madsen. Und sagen Sie dem
+Doktor gar nicht, daß ich gefragt habe, daß ich hier war! Es ist wegen
+der Ueberraschung. Sie verstehen?"
+
+Und die Alte nickte, und nachdem ihr Axel ein Geldstück in die Hand
+gedrückt und sie noch einiges über den Gesundheitszustand im Dorf
+gefragt hatte, nahm er Abschied.
+
+Als er die Straße hinabschritt, klopfte ihm ungestüm das Herz, und als
+er wieder in sein Zimmer gelangt war, schrieb er zur Sicherheit sogleich
+auf, was er erkundet hatte. Bei dieser Beschäftigung kam ihm auch die
+Erinnerung an die Briefschaften, die er dem Postboten abgenommen, und
+dabei zugleich, daß er nun doch vergessen hatte, die für Prestö
+bestimmten Eingänge an die Alte abzuliefern.
+
+Er zog eilig alles aus der Tasche, legte die Briefschaften für Lavards
+für sich und schob das mit einem Bindfaden verknüpfte Bündel Zeitungen
+für Prestö bei Seite. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, daß auch
+Briefe vorhanden waren, und als Graf Dehn solche zur besseren Bergung
+berührte, sah er, daß auf der Rückseite der Name Ingeborg Jensen als
+Absenderin vermerkt war.
+
+Und da zitterten des Mannes Hände, und seine Brust hob sich in heftiger
+Erregung.
+
+Wie nun, wenn er sie um des Zweckes willen öffnete und ihren Inhalt las?
+
+Aber ein Briefgeheimnis verletzen, dadurch abermals Imgjor einen Anlaß
+geben, ihn einer unkavaliermäßigen Handlung zu zeihen?
+
+Und doch war ihm durch diesen Zufall das Mittel in die Hand gegeben, mit
+einem Schlage völlige Klarheit in die Verhältnisse zu bringen.
+
+Axel hatte die Abrede getroffen, mit Lucile zwischen vier und sechs Uhr
+eine Spazierfahrt nach einem der südlich gelegenen Vorwerke zu
+unternehmen.
+
+Er sah nach der Uhr. Die Zeit war gekommen. Er mußte sich hinaufbegeben.
+
+Noch in solchem inneren Zwiespalt befangen, begab er sich, vorher die
+Briefe in seiner Brusttasche bergend, zu Lucile, bestieg mit ihr das
+beide bereits erwartende Gefährt und kutschierte, es selbst lenkend, aus
+dem Schloßhof hinaus.
+
+Und als sie dann jenen Weg erreicht hatten, den Axel damals bei seiner
+Ankunft beschritten, trat plötzlich Imgjor aus dem Hause desselben Alten
+heraus, der Axel an jenem Mittag das Gepäck getragen hatte. Ein kalter
+Blick traf beide, als sie sie freundlich vom Wagen herab grüßten.
+
+Nach dem Ball hatte sich Imgjor nicht mehr unten sehen lassen. Sie nahm
+die Mahlzeiten in ihrem Zimmer ein, sie war gegenwärtig mit einer im
+Gewahrsam befindlichen, ihres Schicksals wartenden Persönlichkeit zu
+vergleichen.
+
+Auch an jenem Abend war sie, zum Verdruß all' der jungen Herren, die sie
+wie Planeten umkreisten und um ihre Gunst zu werben suchten, nicht
+wieder zum Vorschein gekommen.
+
+"Wenn ich mir diese ganze Angelegenheit überdenke," hub Lucile an,
+"will's mir nicht wie Wirklichkeit, sondern wie ein Roman erscheinen.
+Meine Schwester ist nicht meiner Mutter Kind! Mein Vater führt die
+Entlarvung ihrer Geburt herbei! Ich sehe die Möglichkeit, Imgjor
+wirklich zu verlieren, sie hinausgehen zu sehen in die Welt als
+Predigerin des Umsturzes, zugleich als Frau eines Prestö, eines
+rachsüchtigen Fanatikers, eines Unwürdigen! Heute zweifeln Sie doch auch
+nicht mehr daran, daß der Mensch ein solcher ist, Graf Dehn?"
+
+Zunächst wich Axel Luciles Fragen noch aus. Er wünschte einen anderen,
+ruhigeren Ort zu erreichen, um Lucile Mitteilungen zu machen. Erst als
+sie das Vorwerk erreicht hatten und sie hier in einen altmodisch
+bestellten, hinter dem Wirtschaftshaus befindlichen Garten traten, sagte
+er nach schicklicher Einleitung:
+
+"Ich möchte Ihnen etwas sagen, Komtesse! Ich möchte Sie bitten, mir zu
+raten--"
+
+Und dann eine von Ulmen eingefaßte Höhe besteigend und Lucile zum
+Niedersitzen auf einer hier befindlichen Bank auffordernd, berichtete er
+ihr, nachtragend, nicht nur von dem Gespräch, das zwischen ihm und
+Imgjor am Ballabend stattgefunden hatte, sondern auch von dem, was heute
+im Dorf geschehen war.
+
+Seinem Vortrage hörte Lucile mit größter Spannung zu, und währenddessen
+verrieten ihre Mienen nichts anderes, als ein sachliches Interesse.
+
+Als Graf Dehn aber die Frage aufwarf, ob es zur möglichen
+Wiedergewinnung und Umkehr Imgjors nicht Pflicht sei, den Inhalt der
+Briefe zu untersuchen, schüttelte sie den Kopf mit einer Miene, in der
+ausgedrückt war, daß sie den bloßen Gedanken schon nicht begreifen
+könne.
+
+Aber noch etwas anderes kam in einem deutlich erregten, Luciles
+sonstigem ausgeglichenem Wesen nicht entsprechendem Tone zum Vorschein.
+
+"Sind Sie denn noch immer nicht kuriert, Graf Dehn? Ich sollte denken,
+daß Ihnen nach solchen Erklärungen doch der Geschmack vergehen
+und--pardon--Ihr Selbstgefühl Sie zurückhalten sollte, um meine
+Schwester zu werben! Sie wissen, wie ich über Imgjor, die ich auch
+ferner als mir zugehörig ansehe, denke. Mein Urteil über sie hat sich
+nicht verändert und kann sich nicht ändern, aber daß Sie beide nach all'
+diesen Vorgängen nicht für einander passen, daß Sie ebenso unglücklich
+werden würden, wie sie es mit Prestö sicher wird, erscheint mir ganz
+zweifellos."
+
+Graf Dehn wurde durch diese Sprache sehr betroffen, so betroffen, daß er
+nicht einmal zu einem ausgleichenden, seine Empfindungen klarstellenden
+Gegenwort gelangte.
+
+Was er sich bei früherer Gelegenheit wieder aus dem Sinn geschlagen, war
+in ihm diesmal zur Gewißheit geworden: Ein eifersüchtiges Interesse für
+seine Person hatte Lucile sprechen lassen! Aber er sagte sich auch, daß
+er eine große Thorheit begangen habe, sie abermals in seine Pläne
+einzuweihen, ja, daß er, da es geschehen, fortan auf Rankholm--ohne
+Luciles Freundschaft--einen unhaltbaren Stand haben werde.
+
+Unter solchen Gedanken suchte Graf Dehn vergeblich nach einem Ausgleich.
+
+Seiner Neigung und seinen Entschlüssen untreu zu werden, weil ein
+anderes weibliches Wesen ihn deshalb verurteilte, konnte nicht einmal
+Gegenstand seiner Ueberlegung sein.
+
+Freilich hatte sich auch inzwischen wieder in Lucile eine Wandlung
+vollzogen.
+
+Sie, die Stolze, die ihre Hand nur nach einer Fürstenkrone hatte
+ausstrecken wollen, bereute, sich so vergessen, sich so vor ihm
+bloßgestellt zu haben. Sie mußte deshalb darauf bedacht sein, ihm so
+rasch wie möglich die Eindrücke zu nehmen, die sie aus ihrer von ihrem
+Herzen gedrängten Unvorsicht in ihm hervorgerufen hatte. Niemals sollte
+er ein Recht haben, zu glauben oder gar zu behaupten, daß sie sich ihm
+genähert, durch ihre Haltung um ihn geworben habe. Mit diesem
+Augenblick, den er nicht benutzt hatte, ihr wenigstens einen Brosamen zu
+gewähren, erstickte sie mit ganzer Kraft ein für allemal ihre Gefühle
+für ihn, zwang sie sich, ihrer Natur aber auch insofern zu gebieten, als
+sie ungerechte oder gar feindliche Gesinnungen gegen den Mann, der sie
+verschmäht hatte, nicht aufkommen lassen wollte.
+
+Infolgedessen sagte sie, sich zu äußerster Sachlichkeit auch im Ton
+zwingend:
+
+"Mißverstehen Sie mich nicht, Graf Dehn! Wir würden an sich alle sehr
+glücklich sein, wenn Sie uns durch eine Verbindung mit Imgjor so nahe
+wie möglich rückten, wenn unseren bereits vorhandenen, warmen
+Beziehungen noch dieser Stempel aufgedrückt würde. Ich habe Sie nur in
+ihrem Interesse warnen wollen, nicht einem Phantom nachzujagen. Wenn
+Imgjor Ihnen dennoch ein Jawort geben würde, Sie vor schweren
+Enttäuschungen zu behüten. Ich will trotz meiner Ansichten, wenn Sie es
+wünschen, dennoch Ihre Verbündete sein. Nur stehen Sie davon ab, in
+solcher Weise den Knoten lösen zu wollen! Das, eben das würde eine
+Imgjor mit ihrem sein ausgeprägten Gerechtigkeitssinn Ihnen nie
+verzeihen. Es ziert Sie nicht. Nur einen Weg gäbe es--und daß wir ihn
+beschritten haben, müßte ein unverbrüchliches Geheimnis zwischen uns
+bleiben. Wir könnten Imgjor die Briefe zustellen. Sie mag dann thun, was
+ihr gutdünkt."
+
+Durch diese Worte wurde Graf Dehnaufs angenehmste berührt. Während er
+sich schon der kummervollen Befürchtung hingegeben hatte, daß sie ihm
+seine Zurückhaltung mit Feindseligkeit lohnen werde, baute sie Brücken
+zu ihm, die von neuem von ihrer Klugheit, ihrem Takt, ihrer Erziehung
+und ihrer vornehmen Gesinnung Zeugnis ablegten.
+
+Aber deshalb ward er auch gedrängt, nichts Unklares mehr zwischen
+ihnen bestehen zu lassen, auch seinerseits zu festen, guten
+Freundschaftsbeziehungen durch offene Bekenntnisse beizutragen.
+
+"Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzem Herzen, Komtesse," hub er an.
+
+"Und gestatten Sie, daß ich auf alles, was Sie berührt haben, eine
+freimütige Antwort erteile. Unter normalen Verhältnissen würde mir
+wahrlich niemals auch nur der Gedanke kommen, ein Schriftgeheimnis zu
+verletzen. Ich betrachte es, gleich Ihnen, als ein Vergehen. Aber wir
+dürfen, wo es sich um die Wohlfahrt eines uns nahegehenden Menschen
+handelt, um ein Wesen, daß wir in dem Sinne lieben, daß wir unser
+eigenes Leben ihm opfern würden, Anschauungen und Bedenken, die sich uns
+sonst durch unsere Grundsätze aufdrängen, nicht aufkommen lassen. Wie im
+Kriege niemand die äußerste List verwerflich finden wird, um den Feind
+zu bezwingen, so giebt's Lebensverhältnisse, wo Gewohnheitsanschauungen
+zurücktreten müssen.
+
+Ein Mann wird ein junges Mädchen nicht plötzlich umfangen und an sich
+pressen. Aber wenn es ins Wasser stürzt und die Fluten über ihm
+zusammenschlagen, hat der Retter das Recht zu einer solchen Berührung.
+
+Also die Umstände entscheiden über die Handlungen. Die Dinge sind eben
+das, wozu jene sie machen und was wir durch unsere Auffassungen in sie
+hineinlegen.
+
+Ich sage das alles, weil ich gerade von Ihnen--die meinem Herzen nach
+Imgjor am nächsten unter den Frauen auf der Welt steht--verzeihen Sie
+mir diese offene Sprache!--nicht falsch beurteilt werden will.
+
+Und dann noch eins: Mich treiben mein Mitgefühl und meine Pflicht. Sie
+stehen mir über der Sicherheit, dadurch gerade alles, was ich wünsche,
+begraben zu müssen.
+
+Mein Herz zittert schon, wenn ich denke, daß dieses schöne, edle, nur
+falsch beratene Mädchen unglücklich werden, daß sie einst weinen und
+schluchzen, daß ihre Seele in Nöten liegen könnte, daß ihr wirklich die
+fürchterliche Enttäuschung würde, die ich fürchte. Ein Mensch, wie
+Prestö, wird sein Weib, wenn es sich ihm nicht willenlos unterordnet,
+knechten, gar mißhandeln! Ich stelle mir vor, daß er solches thun
+könnte, und mein Inneres schwillt unruhvoll auf in grenzenloser Sorge
+und Mitleid um sie. Ich kann's nicht ändern. Ich liebe sie mit heißer
+Zärtlichkeit, und eben diese meine Liebe läßt mich handeln. Ich danke
+Ihnen im übrigen für Ihre Zustimmung. Vielleicht können wir die Briefe
+in ein Kouvert stecken, es mit verstellter Hand überschreiben und Imgjor
+zustellen."
+
+Aber Lucile bewegte bei diesem Vorschlag die Schultern und zeigte eine
+zweifelnde Miene. Er gefiel ihr nicht.
+
+"Nein, ich möchte anders raten, lieber Graf," hub sie an. "Was Sie
+vorschlagen, kann einen Verdacht auf Personen lenken, die
+gänzlich unschuldig sind. Das Verfahren kann auch dem Postboten
+Unannehmlichkeiten bereiten. Ich meine so: Ich gehe zu meiner Schwester,
+sage ihr, daß Briefe für Prestö mit in unsere Post geraten seien, und
+überlasse es ihr, durch Oeffnen ihr Schicksal zu entscheiden oder sich
+zu bescheiden. Freilich ist auch das nicht ganz der Wahrheit
+entsprechend, aber wir handeln so am ehrlichsten."
+
+"Ja, so ist es gut, so ist's noch besser, Komtesse! Auch dafür danke
+ich Ihnen!" stieß Graf Dehn belebt und einen Blick ehrerbietiger
+Bewunderung auf das junge Mädchen richtend, heraus.
+
+"Immer entscheiden Frauen richtig!"
+
+Ungleich beugte sich Graf Dehn auf Luciles Hand herab und drückte einen
+Kuß darauf. Und Lucile schoß, obschon sie dagegen kämpfte, ein Blutstrom
+in die Wangen, und sie zitterte heftig.
+
+Sie liebte den Mann, und sie litt, weil er sie verschmähte, schwere
+Qualen.
+
+ * * * * *
+
+Wieder saßen sie alle abends im Schlosse Rankholm beisammen, und
+abermals war von nichts anderem die Rede als von Imgjor.
+
+Und jetzt beschäftigte sie ausschließlich der Inhalt der Unterredung,
+die zwischen dem Grafen Knut und Prestö stattgefunden hatte. Jetzt eben
+erhob sich nach sehr lebhaften Erörterungen Graf Lavard und sagte,
+zugleich diese Gelegenheit zu einem Bekenntnis ergreifend:
+
+"Gewiß! Als ich neulich Imgjor in solcher Weise begegnete, riß mich der
+Zorn hin, und im Zorn traf noch niemand das Rechte. Aber ich erkläre
+auch jetzt aufs Entschiedenste nochmals, daß ich auf meinen Bedingungen
+beharre. Also das, lieber Graf, ist meine, durch nichts zu
+erschütternde Antwort. Und Herrn Prestö nochmals oder jemals überhaupt
+wieder zu empfangen, lehne ich definitiv ab! Und nun, liebe Merville,
+bemühen Sie sich zu Komtesse Imgjor hinauf und bitten Sie sie, zu
+erscheinen. Sie soll hören, was ich zu erwidern habe, und ich will nun
+gleich ihr letztes Wort vernehmen--"
+
+Aber jetzt erlaubte sich Graf Dehn auf den Grafen einzusprechen.
+
+Indem er sich der vollen Kunst seiner Gewandtheit bediente, bat er ihn
+inständig, heute noch keine Entscheidung zu treffen, Imgjor noch eine
+größere Frist zu gewähren. Er wisse, daß erst in diesen Tagen Imgjor
+Aufklärungen über das Verhältnis Prestös zu seiner bisherigen Braut
+empfangen werde. Imgjor sei deshalb noch gar nicht in der Lage, eine
+bejahende oder verneinende Antwort zu erteilen. Und zum Grafen Knut
+gewendet, den immer noch ein Interesse für Prestö beherrschte, und der
+solches auch bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt, fragte er:
+
+"Hat Ihnen Prestö nicht auch dergleichen gesagt, Herr Graf? Oder hat er
+behauptet, daß seine Beziehungen zu seiner Braut völlig gelöst seien?"
+
+"Nein und ja," entgegnete der Graf. "Es war dies der einzige Punkt, der
+mich etwas stutzig machte. Er entgegnete auf meine Frage, ob er Komtesse
+Imgjor unter allen Umständen heiraten wolle, daß er darauf heute nicht
+antworten könne. Ohne Zustimmung der Eltern sie aus dem Hause zu reißen,
+widerstrebe doch seinem Empfinden--"
+
+"Ah--ah--oder vielmehr seiner habsüchtigen Seele!" fiel Graf Dehn
+verächtlich ein.
+
+"Also eine Hinterthür läßt er sich doch offen! Wahrlich, Sie handeln
+lediglich in Komtesse Imgjors Interesse, wenn Sie, ihr jeden
+Vermögensanspruch verweigern zu wollen, vorgeben, Herr Graf--" hier
+wandte sich Axel an den Hausherrn. "Ich möchte jetzt beinahe einen Eid
+darauf ablegen, daß Prestö selbst zurücktritt."
+
+ * * * * *
+
+Im Rankholmer Schloß lagen, wie früher erwähnt, die dem täglichen
+Gebrauch dienenden Gesellschaftsgemächer nach der Parkseite hinaus. Im
+Flügel zur Linken, wo im Zwischenturm Imgjor wohnte, dehnten sich die
+Festräume, und im Flügel rechts, ebenfalls mit dem Ausblick nach
+Kneedeholm, befanden sich die Privatzimmer des Grafen.
+
+Als Lucile in der Absicht, Imgjor die Briefe von Prestös Braut
+einzuhändigen, vor dem Abendessen aus ihrem Zimmer trat, gab ihr der ihr
+begegnende Frederik auf ihre Frage, ob sich die Komtesse auf ihrem
+Zimmer befinde, die Antwort, daß sie nach Tisch das Schloß verlassen
+habe und noch nicht zurückgekehrt sei. Aber während Lucile nach
+Frederiks Entfernung noch unschlüssig dastand, tauchte gerade Imgjor,
+welche die Haupttreppe von der Schloßhofseite her emporgestiegen war,
+auf dem Flur auf. Sie begrüßte Lucile durch eine kurze Verneigung des
+Kopfes, wandte sich dann aber sogleich, ohne Anrede, dem Korridor zu.
+
+"Ich möchte dich gern sprechen, Imgjor!" hub Lucile, sich Imgjor
+nähernd, an.
+
+"Wenn's dir genehm ist, treten wir in mein Zimmer--Ich bitte--!"
+
+"Was ist denn?" fiel ihr Imgjor in einem müden Ton in die Rede. "Willst
+du mich auch belehren, Lucile? Es ist besser, du stehst davon ab! Ich
+kann dir und euch allen jetzt keine Antwort erteilen. Jedes Sprechen ist
+nutzlos. Heute werde ich Prestö sehen, und von dem Ausfall seiner
+Erklärungen ist die abhängig, welche ich euch geben werde."--Und dann in
+einem veränderten Ton: "Ach--glaube mir, Lucile--ich leide! Ich nehme
+die Dinge nicht leicht, ich bestehe einen schweren Kampf. Aber ich kann
+doch nicht anders!"
+
+Und dann brach sie in ein stilles Weinen aus--auch lehnte sie sich
+plötzlich--des Ortes nicht achtend--an Luciles Brust.
+
+"Komm, Imgjor, meine Imgjor! Nicht hier! Tritt zu mir herein! Wir wollen
+dort weitem reden. Ah--ah--wie du fassungslos bist! Arme, liebe Seele!"
+
+Unter solchem Zuspruch zog Lucile Imgjor ins Wohngemach, hieß sie dort
+sich ans Fenster setzen, rückte gleichfalls einen Stuhl herbei, ergriff
+der noch immer heftig Schluchzenden Hände, hielt sie fest und sah ihr
+liebevoll in die Augen.
+
+"Ich bitte dich--" redete sie auf sie ein--"sprich dich einmal
+ordentlich aus! Sieh mich an als deinen besten Freund! Wahrlich,
+Imgjor, ich denke nichts anderes als dein Glück. Aber sei gerecht! Thust
+du nicht selbst alles, um es zu verscherzen?"
+
+"Ich muß so handeln, wie meine Natur es verlangt, Lucile! Ja, wenn's
+etwas Schlechtes wäre! Ich will aber doch nur Gutes. Und daß ich den
+Doktor liebe, kann ich dafür? Man folgt seinem Trieb und Herzen, und
+soviel man auch Vernunft zu Hilfe nimmt, man vermag ihrer Gewalt nicht
+zu widerstehen. Was ich will, sagte ich dir: Ich will Prestö nochmals
+auffordern, mir die Beweise zu geben, daß er frei ist. Ich will ihn
+fragen, ob er auch dann zu mir halten will, wenn mich Papa verläßt.--In
+allen Fällen reise ich, wenn er es erlaubt, mit euch nach Kopenhagen.
+Wer weiß, ob sich mein Schicksal nicht bereits heute entscheidet. Ich
+bin--plötzlich--selbst--irre--geworden.--Vielleicht liebt er mich gar
+nicht--wollte er nur mein Geld--wie all' die anderen--"
+
+Abermals brach die Stimme, abermals kürzten Thränen aus den Augen des
+schönen Mädchens.
+
+Die Rinde, die sich um ihr Herz gelegt hatte, war geborsten.
+
+Nun, in diesem Augenblick glich sie einem bedrückten Kinde, das ganz
+Gefühl ist, das nach Trost und Hilfe sehnsüchtig verlangend die Hände
+ausstreckt. Die Starrheit, der Trotz, der unbeugsame Wille waren
+gebrochen.
+
+Und da schien denn Lucile der Augenblick gekommen, um mit ihren Plänen
+hervorzutreten.
+
+Indem sie Imgjor zärtlich in die Arme nahm, sagte sie:
+
+"Höre, Imgjor, was ich dir sagen wollte, und lasse mich dir
+wiederholen, wie wir alle übereinstimmend denken: Papa wird dir
+keinerlei Hindernis in den Weg legen, auch in Ankunft dein edles
+Menschentum zu bethätigen. Er will nur nicht, daß du dich in den Dienst
+jener Beglückungsideen stellst, die er und die alle Ruhigdenkenden als
+verderbliche betrachten. Von Prestö haben wir sämtlich, auf unsere
+Eindrücke gestützt--ich wiederhole dir's--die ungünstigste Meinung. Die
+Unterredung zwischen ihm und Graf Knut ist resultatlos verlaufen. Papa
+will sich auf nichts einlassen. Dich nun also zu überzeugen, daß Prestö
+deiner nicht wert, halten wir für unsere Pflicht und Aufgabe. Unsere
+Liebe diktiert unsere Schritte. Ich bin zufällig in den Besitz von
+Zuschriften gelangt, die Prestös Braut an ihren Verlobten gerichtet hat.
+Sie sind durch den Briefträger zwischen unsere Postsachen geraten. Das
+junge Mädchen heißt doch Ingeborg Jensen, nicht wahr?"
+
+"Ja--ja--gewiß! Allerdings! Und du hast diese Briefe? Und du hast sie
+gelesen?"
+
+"Nein, Imgjor, ich habe sie nicht geöffnet. Ich fand sie, wie gesagt,
+und nahm sie an mich und behielt sie, da ich den Namen Ingeborg Jensen
+aus Kopenhagen als Absenderin darauf vermerkt fand. Auch das trifft zu,
+nicht wahr? Sie ist doch in Kopenhagen?"
+
+Imgjor rückte den Oberkörper und nickte. Ihre Hände aber griffen, indem
+sie die Frage Luciles stumm bestätigte, nach den Schriftstücken.--
+
+"Sieh', Imgjor, wenn du sie öffnet, so wirst du erfahren, wie die Dinge
+liegen; du wirst wissen, ob Prestö dich täuschte--oder ob er wenigstens
+in diesem Punkte ehrlich war. Ich rate: Lies sie und darnach entscheide!
+Mir ahnt es--diese Probe wird dich heilen!"
+
+Zunächst gab Imgjor keine Antwort. Nur Laute der Erregung drangen aus
+ihrem Munde.
+
+"Also doch--doch--in Kopenhagen, und mir sagte er--" stieß sie gegen
+ihren Willen heraus. Dann prüfte sie, ihre Thränen trocknend, das
+Kouvert und den Absendervermerk und sagte nach kurzem Nachdenken fest:
+"Nein, Lucile, niemals werde ich fremde Briefe öffnen! Wenn ich mich
+solcher Mittel bediene, bin ich der Freundschaft eines Ehrenmannes nicht
+wert. Ich halte Prestö auch jetzt noch für einen solchen, wenn er auch
+vielleicht um seiner Liebe, um der höheren Zwecke willen, mir mehr
+beschwichtigende, als wahre Erklärungen gegeben hat. Vielleicht wußte
+er's selbst nicht besser; vielleicht glaubte er, daß seine Braut nicht
+mehr in Kopenhagen sei.
+
+Aber ich will etwas anderes thun: Ich will ihn auffordern, die Briefe in
+meiner Gegenwart zu öffnen und mir vorzulesen.
+
+Ist er der, für den ich ihn halte, entspricht ihr Inhalt dem, was ich
+voraussetze, so wird er keinen Augenblick zögern, meiner Aufforderung zu
+entsprechen.--Sträubt er sich aber--nun so--" Sie unterbrach sich,
+richtete den Blick geradeaus und schluchzte:
+
+"O, lieber Gott, erlöse mich doch von diesen fürchterlichen Zweifeln!
+Zeige mir den rechten Weg!"
+
+Und wieder innehaltend und Lucile mit einem traurigen Blick anschauend,
+sagte sie:
+
+"Nicht wahr, Lucile, du liebst den Grafen Dehn? Ich bitte dich, schenke
+mir dein Vertrauen, sei auch du so aufrichtig, wie ich es in dieser
+Stunde gegen dich gewesen bin!"
+
+"Weshalb befragst du mich darum, Imgjor?"
+
+"Weil ich diesen Mann niemals heiraten werde, ihn aber doch für so
+wertvoll halte, daß ich ihn dir von ganzem Herzen gönne. Nähere dich
+ihm, suche sein Herz! Ich will dir dadurch helfen, daß ich entweder
+Prestös Gattin werde oder mich euch für immer entziehe. Mir bleibt dann
+ein anderer, herrlicherer Bräutigam. Mein Bräutigam soll--" hier flammte
+des Mädchens Auge begeistert auf--"auch ferner die leidende Menschheit
+sein! Kann ich nicht im Großen wirken, so will ich ein Freund, ein
+Retter, ein Helfer der verschämten Armen, der vielen Elenden und Kranken
+werden. Ich will zu denen mich begeben, von denen ich ausging. War mein
+Vater ein Mann aus dem Volke, sank er,--einer von den Tausenden, welche
+Elend und verkehrte Erziehung auf Abwege führten--, so will ich
+versuchen, meine gleich bedrängten Mitmenschen vor Gleichem zu bewahren,
+will als Kind meiner Eltern in solcher Weise ihre Fehler nach Kräften
+sühnen. Ich weiß, der gerechte und barmherzige Schöpfer wird mir
+zulächeln, wird meine That mit Erfolg krönen! Und ich bitte dich,
+Lucile, gieb mir Antwort auf meine Frage: Liebst du Axel Dehn--?"
+
+Einen Augenblick zögerte Lucile noch. Sie schob den Kopf zurück und
+drängte die Lippen zusammen. Dann sagte sie:
+
+"Nun wohlan, Imgjor: Ja, ich liebte ihn! Aber er hat mich nicht gewollt,
+mich gar zurückgewiesen. Und das vergißt eine Lavard nie! Verschmähst du
+ihn--ich habe seit dem heutigen Tage für immer auf ihn verzichtet--"
+
+Imgjor sah Lucile an und forschte in deren verschlossenen Zügen.
+
+Blässe war auf ihre eigenen Wangen getreten. Es blieb unentschieden, was
+sie dachte, wie die Worte Luciles auf sie gewirkt hatten. Bevor sie sich
+aber trennten, umarmte sie ihre Schwester in heftiger Bewegung, neigte
+sich zu ihr und küßte sie wie ein Mensch, den das Uebermaß des Gefühls
+verhindert, zu reden.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Spätnachmittage empfing Imgjor, im Einverständnis mit ihrer
+Mutter, den Doktor Prestö im Wegwärterhäuschen.
+
+Heute eilte sie ihm nicht entgegen. Sie saß, das Haupt auf die Hand
+gestützt, am offenen Fenster und starrte hinaus. Einer bemerkte sie,
+Graf Dehn. Wissend, daß heute die Zusammenkunft mit Prestö stattfinden
+werde, hatte er sich nach einem vorhergegangenen Spaziergang dahin
+begeben, und sah Imgjor dort sitzen.--
+
+Prestös Eintritt entriß sie ihren trüben Gedanken. Unruhig ging's durch
+ihre Glieder, ihr Herz klopfte stürmisch. Sie wußte es, daß jetzt die
+Entscheidung kommen würde.
+
+Aber in Prestö war bereits alles gefestigt. Das unbedacht geschlossene
+Bündnis wieder zu lösen, beschäftigte ihn allein.
+
+Graf Knut hatte ihm einen Brief gesandt. Durch dessen Inhalt war er
+belehrt worden, daß Imgjor nichts zu erwarten habe, daß ihm die Zukunft,
+hielt er an ihr fest, eine unerträgliche Last aufbürden werde.
+
+In solcher inneren Verfassung hatten beider Mienen etwas äußerst
+Unfreies. Prestö knüpfte sogleich an die Zeilen des Grafen Knut an. Er
+erzählte ihr, was sie schon von Lucile wußte, und gab sich sehr
+bedrückt.
+
+"Was ist uns Geld und Gut, wenn wir einigen Herzens sind, Erik!" fiel
+Imgjor ein.
+
+"Gewiß, den großen Zielen, die wir verfolgen wollen, ist ein Hemmschuh
+angelegt. Aber es bleibt uns das lebendige Wort für die Sache, dadurch
+für das große Werk zu wirken, es zu fördern!"
+
+"Wirst du aber gegen den Willen der Deinigen dich aufraffen können,
+Imgjor? Wird dir nicht die Reue kommen? Alle Brücken brichst du hinter
+dir ab! Hier in Kneedeholm können wir nicht bleiben. Ich muß erst einen
+neuen Wirkungskreis suchen, wieder einen Erwerb finden. Dann erst können
+wir an eine Verbindung denken. Was willst du in der Zwischenzeit
+beginnen? Wir sollen beide leben! Ich bin ohne Mittel! Deshalb betonte
+ich die Notwendigkeit, deinen Adoptivvater wenigstens zur Herausgabe
+eines Bruchteils seines Vermögens zu bewegen. Nach des Grafen Knut
+Bericht wird er sich dazu nicht verstehen. Was aber soll dann werden?"
+
+Imgjor hatte Prestö mit starrem Ausdruck zugehört. So kalt, so nüchtern,
+so voller Bedenken hatte er gesprochen, so gefühllos das alles
+vorgebracht! So ganz anders hatte nun, da sie ein armes Geschöpf war,
+ärmer als irgend eine Bauerstochter in Kneedeholm, seine Rede gelautet!
+Statt der bisherigen stürmischen Worte, statt des zärtlichen Flehens,
+statt der Beteuerungen und Bitten, ihm zu folgen, ihm zu glauben und zu
+vertrauen, alles leicht zu nehmen, nur ihr künftiges Glück und die
+großen Ziele ins Auge zu fassen--saß nun ein feiger Schwächling ihr
+gegenüber. Ach, noch weit mehr! Und diese furchtbare Erkenntnis trieb
+ihr das Blut gegen das ohnehin erregte Herz.
+
+Jedes Wort hatte die Absicht verraten, sie so rasch wie möglich wieder
+von sich abzuthun, rückgängig zu machen, was er hundertfältig beteuert
+hatte.
+
+Dennoch beschloß sie, zu ihrer völligen Heilung den Becher auszukosten.
+
+Sie sprach, sich zur Fassung und zu einem freundlichen Gleichmut
+zwingend:
+
+"Ich denke anders als du, Erik! Liebe kennt keine Berge und Abgründe.
+Sie überwindet alles. Ich würde jegliches geduldig auf mich nehmen,
+wüßte ich mir dadurch den Sieg zu erringen. Aber du bist nicht frei, es
+sei denn, daß der Inhalt dieser Briefe--" hierbei zog sie die
+Zuschriften seiner Braut hervor--"Klarheit in deine Angelegenheit
+bringt."
+
+Nachdem sie dies vorausgesandt, auch gleich eine Erklärung hinzugefügt
+hatte, auf welche Weise sie in den Besitz der Schriftstücke gelangt sei,
+bat sie ihn, sie zu öffnen und den Inhalt vorzulesen.
+
+Mit Augen, die nur zu deutlich seine ungeheure Verwirrung verrieten, sah
+Prestö auf die beiden Briefe. Aber ebenso rasch umspielte ein
+verächtlich überlegener Zug seine Lippen.
+
+"Das ist gar nicht Ingeborgs Handschrift. Sicher hat ein Schuft irgend
+ein Bubenstück ersonnen, darauf berechnet, deine Meinung über mich irre
+zu führen! Und ein sehr plumpes ist es zudem, da diese Briefe von
+Kopenhagen adressiert sind, während meine Braut, wie ich dir sagte, gar
+nicht mehr dort ist, sondern sich irgendwo in Frankreich befindet."
+
+Im ersten Augenblick wurde Imgjor bei dieser sicheren Sprache stutzig.
+In ihrem Herzen wollte es noch einmal aufkeimen; der niederschmetternde
+Eindruck seiner kühlen Sprache von vorhin wich, eine selige Hoffnung
+bemächtigte sich ihrer. Aber dann sah sie ihm wieder ins Angesicht, und
+was sie darin erblickte, das belehrte sie ebenso rasch eines anderen.
+
+Er öffnete, da er sich durch ein Erheben unbeobachteter glaubte, mit
+derselben Unruhe, die sie vorher an ihm wahrgenommen, einen der Briefe,
+und sie sah in seinen Zügen ein jähes Erschrecken schon beim Lesen der
+ersten Zeilen.
+
+Und da kam ihr ein Entschluß!
+
+Durch eine zutraulich gelassene Miene von ihm die Erlaubnis zum Studium
+des Schreibens erzwingend, löste sie das Kouvert, nahm das mehrere
+Seiten umfassende Schriftstück heraus und durchflog den Inhalt.
+
+Und als sie dann die Lektüre beendet hatte und in demselben Augenblick
+Prestö, die Komödie fortsetzend, in Worten der Empörung über den Grafen
+Dehn ausbrach, sprang Imgjor, ihrer Empfindungen nicht mehr Herr, empor
+und richtete einen von Verachtung erfüllten Blick auf den Mann.
+
+"Genug, genug! Nicht noch mehr des fürchterlichen Spiels der Lüge und
+der Vernichtung meines Herzens!" brach's aus ihrem Munde hervor. "Füge
+der Schändlichkeit der doppelten Untreue, der Berechnung und unlauteren
+Gesinnung, füge der Entwürdigung deiner selbst nicht noch eine neue
+hinzu!--Wisse denn: Diese Briefe sind keine Fälschungen! Den Betrug, die
+Verworfenheit begingst du, indem du ihre Echtheit leugnetest! Das, was
+hier geschrieben steht, was durch die Thränen eines fürchterlichen
+Schmerzes fast verwischt wurde, ist das unverfälschte Produkt der
+Zuckungen einer verratenen Seele. Dennoch hätte ich dir das vergeben,
+dennoch wäre ich friedlich von dir geschieden, dennoch wärest du ohne
+Vergeltung durchs Leben gegangen, wenn du nicht jetzt, in dieser heilig
+ernsten Stunde, mit solcher Larve mich zu betrügen, auf andere einen
+Verdacht zu werfen gesucht hättest. Das war die Handlung einer
+niedrigen, erbärmlichen Natur. Das und deine zögernde, bedenkliche
+Sprache von vorhin, beweisen mir, daß du nichts anderes warst und bist,
+als ein berechnender Egoist, ein Komödiant, daß du alles und jegliches,
+Liebe für mich und Enthusiasmus für die großen Ideen nur heucheltest, um
+mein Geld an dich zu bringen! So, und nun gehe! Was dir werden soll,
+werde ich überlegen! Nach deinem Verhalten werde ich das Maß abmessen!"
+
+Aber was Imgjor erwartete, geschah nicht.
+
+Statt Erschütterung oder gar Zorn an den Tag zu legen, bewegte Prestö
+den Kopf und machte eine Miene, als ob eine arme, kranke Irre soeben
+geredet habe.
+
+"Wenn Sie glauben, daß Sie sich in mir getäuscht haben, Komtesse Lavard,
+so bin ich noch weit mehr enttäuscht. Auf bloße Eindrücke hin fällen Sie
+Urteile und bedienen sich gegen einen Ehrenmann einer Sprache, die, wäre
+sie aus dem Munde eines Mannes gedrungen, nur hätte durch den Degen die
+verdiente Zurückweisung erfahren können. Ich hielt Sie für ein edles
+Wesen. Ihre gelegentlichen Schroffheiten betrachtete ich als das
+Unvermögen, der Entrüstung über die die Welt erfüllenden
+Ungerechtigkeiten Herr zu werden, als ein Ergebnis Ihres zielbewußten,
+von Grundsätzen getragenen Charakters. Was soll mir im ehelichen
+Zusammenleben werden, wenn Sie jetzt schon eine solche Sprache führen,
+wenn Sie so wenig Ihr Ich zu beherrschen vermögen? Ich wiederhole, daß
+diese Briefe nicht von meiner ehemaligen Braut geschrieben wurden. Ich
+erhebe dafür die Hand zum Schwur. Das sage ich nicht zu meiner
+Rechtfertigung--ich habe mich nicht zu rechtfertigen--sondern um meinen
+Entschluß zu begründen, dennoch auf Ihre Hand zu verzichten. Die
+Stellungnahme des Herrn Grafen macht ohnehin--ich wiederhole früher
+Gesagtes--vor der Hand eine Verbindung unmöglich. Wenn ich alle
+Stationen mit Ihnen auch durchmessen wollte, ich sehe, daß wir scheitern
+müssen, weil die Macht, der Einfluß und das Geld, jene Gewalten, die ich
+hasse und seit meiner Jugend schon bekämpft habe, zu mächtig sind. Diese
+Scene aber hat mich belehrt, daß Sie eine andere sind, als ich mir
+gedacht habe. Ohne Vertrauen, ohne Mäßigung ist ein Bündnis ein Unding.
+Es war eine Prüfung, es war ein Versuch, der gegen Sie ausschlug.--Leben
+Sie wohl! Ich trage Ihnen nichts nach. Sollten Sie aber auf Ihren
+leidenschaftlichen Vergeltungsplänen beharren, so darf ich Ihnen ins
+Gedächtnis zurückrufen, daß ich kein Knabe bin, daß ich mit einem
+irregeführten weiblichen Wesen leicht fertig werde!"
+
+Nach diesen Worten wollte sich Prestö entfernen. Aber sie, die ihm
+zugehört und dagestanden, als ob sich ihr Körper in Stein verwandelt
+habe, sagte nach tiefem Atemholen:
+
+"Waren diese Briefe nicht von Ihrer Braut, so sind Sie von dem Vergehen
+dieser Vorspiegelung entlastet! Ich glaube Ihnen aber nicht und werde
+forschen. Eine andere Hand mag sie geschrieben haben, der Inhalt stammt
+von ihr. Behalte ich aber recht, spielten Sie auch diese Komödie, die
+mit Liebesschwüren begann, auf Lüge sich weiter baute, und die Sie nun,
+weil meine Armut Sie enttäuschte, noch eben wieder in plumpester Art
+erneuerten, indem Sie sich den Mantel der Unschuld umhängten und die
+plötzliche Erkenntnis meines Unwertes als Vorwand nahmen--so will ich
+Gott anflehen, daß Sie Ihre Strafe dafür finden mögen! So, und nun
+ersuche ich Sie, sich zu entfernen! Dies ist mein Gebiet und mein Heim!
+Noch heute schließe ich gegen Sie meine Thür und mein Herz. Sie haben
+alle Rechte an Imgjor, genannt Imgjor Lavard, verloren, aus diesem Spiel
+davongetragen nur ihre Verachtung und--waren Sie ganz ein Schurke--ihren
+Haß!"
+
+So endete Imgjor, die Hand ausstreckend; und er, der Mann, der noch vor
+wenigen Tagen erklärt hatte, daß nie einer ein weibliches Wesen so
+selbstlos geliebt habe, daß ihm das Leben nichtig und wertlos ohne ihren
+Besitz sei, verließ, kalt verächtlich auf sie herabblickend, das
+Gemach.--
+
+ * * * * *
+
+Da Imgjor in den letzten Tagen ihrer Familie fern geblieben war,
+erschien's nicht auffallend, daß sie sich auch an dem dieser aufregenden
+Scene folgenden Tage zurückhielt.
+
+Sie war erst gegen Morgen in einen durch seelische Erschöpfung
+geförderten langen, bleiernen Schlaf gesunken, und als sie um die
+Mittagsstunde erwachte, war ihr Gemach erfüllt von leuchtendem
+Herbstsonnenschein.
+
+Aber mit dem Wiedereintritt in die Welt der Wirklichkeit stürmten auch
+die schweren Gedanken auf sie ein, und von der Erinnerung an das am
+vergangenen Tage Geschehene überwältigt, starrte sie vor sich hin.
+
+So war denn nun das Band zwischen ihr und jenem Manne dennoch und
+endgiltig zerrissen; so hatte doch der recht behalten, der sich gegen
+ihren Willen in ihr Leben gedrängt hatte! Noch mehr: Alle hatten recht
+behalten, und so rasch hatte sich die Prüfung der Unwürdigkeit Prestös
+vollzogen, daß zunächst nur der schamvolle Gedanke sie beherrschte,
+ihrer Umgebung die Thatsache zu verheimlichen.
+
+Plötzlich war alles anders geworden.
+
+Die Enthüllung ihrer Geburt hatte sie belehrt, daß sie geringere Rechte
+besaß als Lucile, in der sie eine Schwester zu sehen sich gewöhnt hatte.
+Plötzlich war sie eine nur Geduldete da, wo sie bisher das Lavardsche
+Scepter geschwungen.
+
+Ihrer Pflegemutter hatte sie sich demütig unterzuordnen, statt ihr wie
+bisher mit stummer oder offener Auflehnung zu begegnen. Da sie sich
+verdeutlicht hatte, mit welcher Selbstentäußerung diese an ihr, dem
+Adoptivkinde, gehandelt, verwandelte sich ihre Minderachtung in
+Hingebung und Bewunderung. Aber gerade aus all diesen Ursachen und weil
+sie ein heftiges Unmutsgefühl gegen ihren Pflegevater ergriffen, deshalb
+sich ihrer bemächtigt hatte, weil sie sich sagte, daß er einer Lucile
+niemals so hart, so grausam begegnet sein würde, daß nur _ihr_ das
+geworden, weil er sie als eine Halbwürdige betrachtete--verstärkte sich
+in ihr der Entschluß einer Trennung von den Ihrigen.
+
+Zudem vermochte sie sich durch eine andauernde Entfernung von der
+Familie der Gefahr zu entziehen, dem Werben des Grafen Dehn dennoch zu
+unterliegen. Ihr Stolz verbot ihr, ihm je zu zeigen, daß sie etwas für
+ihn empfand. Sie wollte eine Liebe zu dem nicht aufkommen lassen, der
+sie sein Uebergewicht in solcher Weise hatte fühlen lassen.
+
+Auch war ihre Begeisterung für die große Sache trotz der gemachten
+Erfahrungen nicht vermindert. Diese Erfahrungen mußten sie, wie sie sich
+sagte, nur von neuem belehren, wie sehr den Besitzenden zu mißtrauen
+sei.
+
+Die Armen und Elenden würden sie niemals enttäuschen, und wenn doch, so
+verdienten sie lediglich Mitleid, weil ihnen die Erziehung nicht wie
+jenen geworden, weil ein zarteres Empfinden ihnen erst eingeflößt werden
+müßte.
+
+Sie wollte in ihren Pflegevater dringen, ihr eine Freiheit zu gewähren,
+in der sie wenigstens im Kleinen ihre Menschenliebe zu bethätigen
+vermochte, sie wollte ihn zwingen, sie abzulösen von Verhältnissen, die
+ihrer Natur zuwiderliefen. Sie wollte nicht in Prunkgemächern wohnen,
+sie wollte keine Genüsse, keine kostbaren Gewänder und Vergnügungen. Sie
+wollte überhaupt keinen Ueberfluß, sondern ein auf Arbeit und
+hilfreiches Menschentum gerichtetes Leben. Sie erstrebte Beschäftigung
+mit edlen Dingen, mit der Natur und den feineren Regungen des
+Menschengeistes.
+
+Und Kopenhagen, die Großstadt, erschien ihr als der rechte Ort dafür.
+
+Dort wollte sie wohnen, um es zunächst kennen zu lernen, und dazu war
+jetzt, wo die Abreise vor der Thür stand, die beste Gelegenheit geboten.
+Zuvor aber wollte sie noch völlige Klarheit über das zu erlangen suchen,
+was zwischen der Gegenwart und der für sie dunklen Vergangenheit lag.
+
+Unter solchen Erwägungen wurde geklopft, und Lucile trat zu ihr ins
+Wohngemach.
+
+"Nun, meine liebe Imgjor," hub Lucile an und umarmte ihre Schwester
+sanft, "wie ist's verlaufen? Lasse uns unser Vertrauen fortsetzen! Mache
+mich glücklich und sage mir, daß du Prestö nach Einsicht in die Briefe
+den Bescheid erteilst hast, den wir alle herbeisehnen!"
+
+In Imgjor erhob sich bei diesen Worten ein schwerer, innerer Kampf.
+
+Sie sollte von ihrem Thron herabsteigen, sie sollte gestehen, daß ihre
+Menschenkenntnis nur allzu winzig, daß ihr stolzes Selbstgefühl nur
+allzu unberechtigt gewesen.
+
+Sich seiner selbst zu entäußern, sich seiner Hoheit um der bloßen
+Wahrheit, statt um eines Vorteils willen, zu entkleiden, erfordert einen
+starken, sittlichen Fond, ein besonders stark entwickeltes Rechtsgefühl.
+
+Imgjor fand das, was ihrer zwiefältigen Natur entsprach. Sie gab der
+Wahrheit die Ehre und wahrte ihren Stolz.
+
+Zunächst überwältigte sie allerdings ein machtvolles Gefühl.
+
+Sie warf sich wie jüngst, einem Kinde gleich, an die Brust ihrer
+Halbschwester und brach in ein anhaltendes Schluchzen aus.
+
+Dann schob sie den Körper zurück und sagte: "Aus irgend einem Grunde
+habe ich mich für eine Lösung meiner Beziehungen zu Prestö entschieden.
+Erweise mir darin deine Liebe, Lucile, daß du mich nach den Gründen
+nicht fragst. Sei eine Fürbitterin bei deinen Eltern, die auch mir
+Eltern waren, daß auch sie die Angelegenheit nicht ferner mehr berühren.
+Hilf mir, teure Lucile, daß meine Bitten erhört werden! Ich habe mehr
+denn je die Sehnsucht, Rankholm zu verlassen und mich irgendwo, fern von
+hier, nützlich zu machen. Will dein Vater mir zu solchen Zwecken keine
+Mittel zur Verfügung stellen, so möge er mir wenigstens das gewähren,
+was er bisher für meine Ausbildung aufwendete. Fräulein Merville hat
+ohnehin die Absicht, in ihre Heimat zurückzukehren. So möge er mir die
+für sie verausgabte Summe bewilligen und dieser etwa noch so viel
+hinzufügen, daß ich auf eigenen Füßen zu stehen vermag!"
+
+Lucile, die mit glücklichen Mienen zugehört hatte, nickte rasch und
+bereitwillig.
+
+"Ich will alles thun, Imgjor! Ich will schon deshalb und in weit
+größerem Umfange deine Wünsche befürworten, weil ich hoffe, daß dieser
+Austritt ins Leben dich gänzlich heilen wird, daß du einsehen wirst, daß
+es kein undankbareres Geschäft giebt, als seine Nebenmenschen ohne ihre
+Anforderung glücklich machen zu wollen. Also, das möge dich nicht
+bekümmern, Imgjor, und wenn du sonst noch--"
+
+"Ja, noch etwas, Lucile: Bitte deinen Vater, daß er mir die Aufklärungen
+über meine Geburt nicht vorenthält. Ich muß jetzt alles wissen--"
+
+Lucile versprach auch das. Dann warf sie zögernd hin:
+
+"Und Graf Dehn, was wird's mit ihm?"
+
+Imgjor preßte die Lippen zusammen. In ihren Augen erschien ein Ausdruck
+von Schmerz und Trotz, durch dessen Einwirkung sich die Lider
+unwillkürlich schlossen. Und dann sprach sie in einem unbeugsam kalten
+Ton:
+
+"Sage ihm, daß ich auch ferner darauf verzichten muß, in eine engere
+Berührung mit ihm zu treten und daß eher über Nacht das Rankholmer
+Schloß im Walde von Mönkhorst emporsteigt, als daß ich sein Weib werde!"
+
+ * * * * *
+
+Ueber zwei Jahre waren seit diesen Ereignissen verflossen, als an einem
+kalten, nebligen Märzmorgen eine wie eine barmherzige Schwester
+gekleidete junge Dame den Weg in die Kopenhagener Vorstadt Oesterbro
+nahm. In ihren Augen lag jener Verzicht auf irdisches Glück, jene milde
+Ruhe und sanfte Ergebung, die nur in den Gesichtern derer beobachten,
+welche sich dem Werke der Barmherzigkeit gewidmet und vielleicht die
+Hoffnung auf das, was ein Frauenherz bis zu einem gewissen Alter noch
+erfüllt, zwar nicht völlig aufgegeben haben, deren Erfüllung aber mit
+den gleichen Augen betrachten, mit denen der Erfahrene irgend einem
+Zufall vertraut.
+
+Sie können so existieren; sie finden Befriedigung in der
+Pflichterfüllung, sie sehen die dankbaren Blicke der Kranken auf sich
+gerichtet, sie finden den köstlichsten Lohn, der einem Menschen durch
+seine Thätigkeitstreue werden kann, in der Wiedergenesung ihrer
+Pflegebefohlenen.--
+
+Vor einem alten, großen Dreieckhause mit vielen kümmerlichen Fenstern
+und schiefen Mauern hemmte sie den Schritt, bog in einen neben diesem
+befindlichen Gang ein und öffnete die Thür eines hinten auf dem
+schmutzigen Hofe befindlichen Nebenhäuschens.
+
+Seine Räume bestanden aus einer winzigen Vorder- und Hinterstube, die
+einem alten Ehepaar als Wohn-, Schlafzimmer und Küche dienten. Vorn in
+dem Wohnzimmer, das nichts anderes enthielt, als ein paar karge Vorhänge
+vor den Fenstern, einen Tisch, eine Kommode, einen Ofen und einen alten
+Lehnstuhl, saß in letzterem eine erblindete, alte, hilflose Frau, und
+jetzt eben verdunkelte ein solcher erstickender Petroleumdampf das
+Gemach, daß Imgjor Lavard, wie sie auch ferner noch vor der Welt hieß,
+unwillkürlich zurückprallte.
+
+"Um's Himmelswillen, Frau Ohlsen, was haben Sie denn gemacht?" stieß
+Imgjor beunruhigt heraus. Gleichzeitig öffnete sie die Fenster und ließ
+frische Luft hereindringen.
+
+"Was ist denn? Was ist denn?" tönte der Alten Stimme zurück.
+
+"Merken Sie es nicht? Das Zimmer ist voll Rauch. Sie hätten ja ersticken
+können!"
+
+"Ich hab' mir was Warmes gemacht. Ich fror so schrecklich. Ich hab' dann
+die Maschine wohl zu hoch geschraubt--"
+
+Imgjor nickte, obschon die Blinde sie nicht sehen konnte. Sie ließ auch
+diesen Gesprächsgegenstand fallen und fragte mit gewohnter Milde:
+
+"Nun, wie geht's heute, Frau Ohlsen? Haben Sie besser geschlafen?"
+
+"Ein bischen, Fräulein. Heute morgen hab' ich aber wieder so
+schreckliche Schmerzen in den Füßen."
+
+"So werde ich sie wieder einmal einreiben, arme Alte! Nachher, wenn ich
+fertig bin, mache ich mich daran!"
+
+Nach diesen Worten entledigte sie sich ihres Hutes und Umhanges und
+begab sich gleich einer Dienstmagd an das Reinigen der Wohnung. Sie
+fegte aus, sie machte im Schlafzimmer die Betten, sie spülte Geschirr in
+der Küche aus. Das alles mußte täglich eine fremde Hand besorgen. Die
+blinde Frau konnte nichts thun, da sie, abgesehen von ihrem
+Sehunvermögen, ihre Glieder nicht zu bewegen vermochte, und der Mann,
+der früh fortging und spät von der Arbeit zurückkehrte, sank, da ihm die
+Kräfte für mehr schon fehlten, gleich erschöpft auf sein Lager.
+
+Seit zweiundzwanzig Jahren war die Frau blind. Während dieser Zeit
+hatte er für sich und sie nur so viel verdient, daß sie sich notdürftig
+hatten satt essen können. Und zu der Blindheit während dieser Jahre
+kamen fortdauernd schwere Krankheiten, die Pflege und Aufwartung, die
+Arzt und Apotheke erforderlich gemacht hatten. Seit zweiundzwanzig
+Jahren war die Alte kaum je aus dem Häuschen gekommen, hatte nichts
+anderes gekannt, als Entbehrungen und Schmerzen.
+
+Als Imgjor zum erstenmal in dieses Elend eingegriffen hatte, war die
+Wohnung durch Schmutz und Unrat förmlich verpestet gewesen. Die Leute
+hatten auf faulendem Stroh gelegen, fast kein Gegenstand war ganz
+gewesen. Erst neuerdings hatte Imgjor die alte Frau aus einer
+Lungenentzündung herausgepflegt, und was diese Krankheit erforderte, aus
+ihren Mitteln hergegeben.--
+
+Nachdem Imgjor ihr tägliches Werk vollbracht hatte, sagte sie:
+
+"Frau Ohlsen, ich habe jetzt gerade mehr Zeit. Ich will Ihnen nun jeden
+Spätnachmittag etwas vorlesen. Wollen Sie es hören?"
+
+"O gewiß, mein liebes, gutes Fräulein," entgegnete die alte Frau mit
+dankbarer Betonung. "Was ist es denn?"
+
+"Etwas Ernsthaftes, Gutes, Frau Ohlsen. Sie werden gewiß Vergnügen daran
+finden--"
+
+"Ja, danke, danke, liebes Fräulein. Wie gut sind Sie gegen mich! Gott,
+wenn ich so denke, wie Sie uns geholfen und immer wieder geholfen, mich
+arme, hilflose Person in meiner Krankheit gewartet und gepflegt haben,
+dann möchte ich schon glauben--"
+
+"Nun, meine gute Alte?"
+
+"Daß Sie gar kein Mensch, daß Sie ein Engel sind, von Gott in die Welt
+gesandt, um die Menschen glücklich zu machen."
+
+"Ach nein! Ich bin kein Engel, meine gute Alte," entgegnete Imgjor mit
+einem trüben Lächeln. "Ich bin ein Mensch wie Sie. Das eben befähigt
+mich ja, Sie zu verstehen, Ihnen ein wenig zu helfen. Nur wer eigenes
+Leid erfahren hat, vermag mit seinen leidenden Mitmenschen zu fühlen.
+Und so, wie Sie, giebt es viele Kranke und Bedürftige in dieser großen
+Stadt, denen, weil sie noch nicht ganz mittellos, noch nicht ganz elend
+und verlassen sind, keine öffentliche Unterstützung und keine
+Krankenpflege zu teil wird. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es
+die Aufgabe sei, das Traurige durch rechtzeitiges Eingreifen abzuwenden.
+
+Wahrhaftig, wenn unseren Vorstandsdamen so zu handeln gelehrt würde,
+dann würden die Armen- und Krankenhäuser nicht so überfüllt sein, wie
+sie es sind; es würden weniger Menschen zu Verbrechern und Selbstmördern
+werden; das allgemeine Elend würde weniger groß sein. Da giebt es ein
+weites, brach liegendes Feld für eine erfolgreiche Betätigung der
+Nächstenliebe.
+
+Und dieses Arbeitsfeld habe ich für mich erwählt. Ich suche zu helfen,
+wo ich kann und so weit es in meinen Kräften steht. Des Elends ist ja so
+viel auf Erden!"
+
+"Ja, ja, liebes Fräulein. Wenn sie alle so dächten und so handelten,
+wie Sie! Aber so--Na, es muß aber auch ein schönes Gefühl für Sie sein,
+so geliebt zu werden und so viel Dank zu ernten."
+
+"Dank?" entgegnete Imgjor bitter im Ton. "Ich habe ihn nie erwartet und
+kaum gefunden, wohl aber Undank, Neid, Mißgunst und üble Nachrede. So
+habe ich mich allmählich äußerlich zu einer kühlen Haltung gezwungen, zu
+einer fast rauhen Art. Ich unterdrücke die Regungen meines Herzens, mein
+Mitleid, die Rührung und die Thränen über die häufig entsetzliche Not.
+Ich thue es schon deshalb, weil die Menschen solche Weichheit garnicht
+verstehen. Wenn ich nur nicht auch noch verunglimpft werde, wenn sich
+der Undank nur nicht in noch Schlimmeres verwandelt, bin ich schon froh.
+Eben jetzt ist wieder etwas geschehen, was die gemeine Gesinnung mancher
+Personen zu Tage treten läßt, etwas, das auch in mir den Entschluß zur
+Reise gebracht hat, diesmal meiner Empörung Ausdruck zu verleihen."
+
+Nach diesen fast ebensosehr an sich selbst gerichteten Worten und nach
+Ausführung der von ihr versprochenen Hilfsleistung verabschiedete sich
+Imgjor von der Alten und nahm den Weg in einen anderen Teil der
+Vorstadt. Dort wohnte eine Witwe, eine Wäscherin, mit ihrer Tochter,
+welche letztere unter Imgjors Pflege viele Wochen im Krankenhause
+gelegen und sich für deren Aufopferung dadurch bedankt hatte, daß sie
+einen empörende Verleumdungen gegen Imgjor enthaltenden Brief an den
+Hauptarzt gerichtet hatte.
+
+Nachdem Imgjor zwanzig Minuten gegangen war, gelangte sie an eine
+unsaubere, von vielen kleinen Kindern bevölkerte und zum teil noch
+unbebaute Straße. In der Mitte der Gasse--einem zurückliegenden, von
+einem großen Garten umschlossenen Hause gegenüber--befand sich eine
+Branntweintaberne, und an diese lehnte sich ein kleines, verfallenes,
+auch noch aus früherer Zeit stammendes Gebäude, in dem die Witwe Holm
+mit ihrer Tochter und einer Stieftochter wohnte.
+
+Der Unfriede zwischen Imgjor und Thora Holm, der früheren Kranken, war
+dadurch entstanden, daß jene auf das herz- und gemütlose Geschöpf, das
+seiner Stiefschwester sehr roh begegnet war, bessernd einzuwirken
+gesucht hatte. Auch als Thora das Hospital verlassen, hatte Imgjor sie
+nochmals eindringlichst vermahnt, ihrer alten Mutter fortan eine bessere
+Tochter zu sein, zu arbeiten und ordentlich zu werden. Die Leute litten
+Not, und Imgjor hatte ihren Ermahnungen die Erklärung hinzugefügt, daß
+sie nur dann materiell etwas für sie thun wolle, wenn Thora für die
+Erfüllung der gestellten Forderungen Beweise geliefert habe.
+
+"Die Grevinde," wie Imgjor von der gesamten Bevölkerung in Kopenhagen
+schlichtweg genannt wurde, war wegen ihrer Wohlthätigkeit bekannt, und
+selten wendete sich jemand an sie, ohne Hilfe zu erhalten.
+
+Der Ingrimm, daß Imgjor ihr die Wahrheit gesagt, der Aerger, in ihrer
+Erwartung auf eine Unterstützung getäuscht worden zu sein, hatten Thora
+Holm zu der Denunciation veranlaßt. Daß sie und keine andere das
+Schriftstück abgefaßt hatte, war erwiesen. Es störte Imgjor, daß sie den
+Hauptarzt, mit dem sie um diese Zeit hier ein Zusammentreffen verabredet
+hatte, noch nicht erblickte. In seiner Gegenwart wollte sie die Person
+zwingen, ihre Perfidien zurückzunehmen und um Verzeihung zu bitten.
+
+Aber während sie noch unschlüssig verharrte, drangen aus dem offenen
+Hause der Witwe jammernde Wehrufe. So markerschütternd trafen die Laute
+Imgjors Ohr, daß sie förmlich zusammenfuhr. Indessen beendete dieses
+Erschrecken auch ihr Zögern. Blitzschnell eilte sie vorwärts, betrat das
+Haus und wurde hier Zeuge einer wahrhaft entsetzlichen Scene.
+
+Die Frau, ein starkknochiges, rothaariges Weib, und Thora, in einem
+schlumpigen Rock, mißhandelten im Flur die Stieftochter der Frau.
+
+Während Thora die Unglückliche mit der einen Hand an den Haaren gepackt
+hielt und ihr mit der anderen in unbarmherziger Rohheit den Kopf
+bearbeitete, bediente sich das alte Weib einer ledernen Riemenpeitsche
+und brachte ihrem Stiefkinde auf diese Weise blutige Striemen auf dem
+ohnehin verletzten Körper bei.
+
+Im Nu war Imgjor unter ihnen, riß der Alten den Arm herab, stieß Thora
+zur Seite und stellte sich, nachdem das mit ebenso großer Kraft wie
+Furchtlosigkeit geschehen war, mit drohend gebieterischer Miene vor den
+beiden Megären auf.
+
+"Ah, ihr Furien!" entrang es sich ihrer vor Empörung keuchenden Brust.
+
+In demselben Augenblick eilten auch schon von dem Geschrei
+herbeigezogen, Gäste aus der Taberne herbei, und diese drängten, von
+Imgjor laut und energisch ermuntert, die sich eben zum Kampfe gegen die
+Verteidigerin rüstenden, sich wie tobsüchtig geberdenden Weiber hinten
+in den Flur zurück.
+
+"Die Grevinde! Die Grevinde!" hatten die Hereindrängenden einander
+zugerufen und sie nahmen auch in der Folge gegen die Holm und ihre
+Tochter Partei.
+
+Freilich geschah's nicht aus irgend welchem Mitleid für die Mißhandelte,
+auch nicht aus einer Abneigung gegen die beiden Holms, sondern lediglich
+unter dem Gesichtspunkt, daß ihnen ihr Eintreten nicht unbelohnt bleiben
+würde.
+
+Aber es wurde Imgjor auch noch andere Hilfe. Den Knäul teilend, erschien
+der Arzt, Doktor Stede, und hinter ihm tauchte der in diesem Viertel
+stationierte Polizeiofficiant auf.
+
+Im Nu erfolgte dann auch eine Verständigung zwischen jenen und Imgjor,
+und ebenso rasch machte sich letztere zur Herrin der Situation.
+
+"Ich danke euch, Leute, daß ihr mir beigestanden habt. Und hier, hier
+ist Geld! Teilt es euch--" rief sie, einen dänischen Speciesthaler dem
+mitanwesenden Wirt übergebend. "Aber nun entfernt euch! Ich habe etwas
+mit der Familie zu verhandeln, was nicht für eure Ohren ist."
+
+Und das Kind, das sich zitternd neben ihr aufgerichtet, mitleidig an
+sich ziehend und dann dem Polizeiofficianten zum Schutz übergebend,
+befahl sie der Wäscherin und ihrer Tochter, ins Wohngemach zu treten.
+
+Trotz ihrer feindseligen Mienen mußten sie sich fügen, und nachdem sie
+sich aufgestellt, ergriff Imgjor das Wort und hielt der Verleumderin
+ihre Infamien vor.
+
+"Sie haben die Wahl--" schloß Imgjor--"alles als erfunden zu bezeichnen
+und mich hier vor diesem Herrn um Verzeihung zu bitten, oder gleich dem
+Polizisten zu folgen. Auch auf Verhaftung Ihrer Mutter wegen Mißhandlung
+der Tochter werde ich dringen. Also reden Sie! Daß Sie den Brief
+geschrieben, hat Ihr früherer Verlobter, der Wärter Vessel,
+ausgesagt----"
+
+Das Mädchen, eine üppige Blondine, preßte die Lippen zusammen, verzerrte
+den Mund und antwortete nicht. Auch die Mutter verharrte in trotziger
+Auflehnung.
+
+"Niemand hat ein Recht, in mein Haus zu dringen und sich in meine
+Angelegenheiten zu mischen!" erklärte sie. Sie habe Verhöre nur vor
+Richtern zu bestehen, und deren Untersuchungen würden ergeben, daß ihre
+Tochter den Brief nicht geschrieben, daß sie zur Züchtigung ihrer
+Stieftochter berechtigt gewesen, weil diese sie in frecher Art bestohlen
+habe.
+
+Der Schlußsatz wurde allerdings durch Widerspruchsworte unterbrochen,
+die sich aus dem Munde des weinenden Kindes lösten.
+
+Sie habe nichts genommen. Sie sei unschuldig! Aber Thora, die sie
+beschuldigt, sei's gewesen. Sie habe gesehen, wie diese die Kommode
+geöffnet und das Geld herausgenommen habe.
+
+Freilich folgte dieser Rede wiederum ein maßloser Wutausbruch von Seiten
+der Schwester. Sie flog auf das Kind zu und erhob unter Schimpfworten
+die Faust gegen deren Angesicht. Nur durch ein Dazwischentreten des
+Polizisten ward eine abermalige Züchtigung verhindert.
+
+Aber gerade dieser Zwischenfall verschlechterte die Sache der Familie
+Holm.
+
+Dem Polizeiofficianten, einem energischen Mann, riß die Geduld. Er
+befahl Ruhe und sofortigen Frieden und die von der Komtesse geforderte
+Erklärung.
+
+"Widersprechen Sie nicht, thun Sie, was von Ihnen verlangt wird! Sonst
+nehme ich Sie und Ihre Mutter sofort mit. Sie stehen schon lange auf dem
+Kerbholz wegen anderer Sachen!"
+
+Nun änderte die Alte plötzlich ihre Haltung.
+
+Nach allerlei Redensarten gab sie zu, daß sie wohl etwas zu heftig
+gewesen sei, und was Thora anbelange, so könne die sich ja nun mal
+garnicht im Zaum halten. So sei es wohl möglich, daß sie sich habe
+verleiten lassen, einen solchen Brief zu schreiben, und wenn sie es
+gethan habe, so solle so etwas nicht wieder vorkommen. Die Komtesse möge
+Gnade für Recht ergehen lassen--
+
+"So sagen Sie: Ich habe die Komtesse Lavard zu Unrecht beschuldigt. Ich
+nehme alles zurück, bereue und bitte, mir zu vergeben!" stieß Imgjor,
+ihre Blicke auf das gemeine Geschöpf richtend, heraus.
+
+Noch kämpfte die Person, dann aber, von ihrer Mutter nunmehr durch
+Blicke und Worte ermuntert sprach sie eine halblaute Entschuldigung.
+
+In Imgjor aber regte sich das Gefühl der Empörung in vollstem Umfange.
+
+Das war also die Menschheit, der sie sich opferte! Faulheit, roheste
+Leidenschaft und Mangel an Dankgefühl und jeder besseren Regung traten
+ihr nur zu oft entgegen, und hier eben hatte sie wieder ein solches
+Beispiel vor Augen.
+
+Waren da nicht erst ganz andere Aufgaben zu lösen? Mußte nicht erst mit
+einer inneren Erziehung begonnen werden?
+
+Nachdem sie zum Einverständnis, daß sie befriedigt sei, stumm das Haupt
+bewegt, sagte sie, zu der Alten gewendet:
+
+"Ich werde Ihre Stieftochter mitnehmen! Ich will sie prüfen, und ist sie
+so viel wert, wie ich hoffe, so will ich künftig für sie sorgen."
+
+Nach diesen Worten erfaßte sie des selig aufhorchen den Kindes Hand und
+richtete einen auffordernden Blick zum Gehen auf den sich ihr
+ehrerbietig zur Verfügung stellenden Arzt.
+
+Und im Nu knixte und dienerte das faule, alte Weib. Nun wußte sie nicht
+genug die Tugenden des Stiefkindes zu rühmen. Sie sagte zu allem ja,
+machte sich auch noch im letzten Augenblick schmeichelnd an Imgjor heran
+und bat, ihre fürchterliche Not klagend, um Unterstützung. Sie küßte den
+Saum des Kleides der Komtesse, als diese unter der Erklärung, sie sage
+nicht nein, müsse aber Zuwendungen von ihrer und ihrer Tochter künftigen
+Haltung abhängig machen, mit den übrigen das Haus verließ.
+
+Als der Nachmittag gekommen war, saß Imgjor schon wieder in dem kleinen
+Zimmer der Blinden, las ihr nach ihrer Zusage zum erstenmal vor und war
+glücklich, als sie sah, daß jene ihr voll Interesse zuhörte.
+
+ * * * * *
+
+Es war am folgenden Vormittag um die elfte Stunde, als Imgjor die Räume
+des großen Kopenhagener Krankenhauses und zunächst das Gemach des
+dirigierenden Arztes betrat, um mit ihm Rücksprache wegen einer Kranken
+zu nehmen.
+
+Nachdem das geschehen, sagte Doktor Stede, ein Mann mit ernsten Zügen
+und einem milden Ausdruck in den von einer goldenen Brille beschatteten
+Augen:
+
+"Sie wollen uns, wie ich höre, Ihre wertvolle Hilfe im Krankenhause
+entziehen, Komtesse? Haben die letzten Vorfälle Anlaß dazu gegeben?"
+
+"Nein! Wie kommen Sie zu dieser Vermutung Herr Doktor?"
+
+"Eine unserer Schwestern, Elise, hatte davon gehört und sprach mir
+davon--"
+
+"Elise hat schon häufig Gerüchte über mich verbreitet, die erfunden
+waren, Herr Doktor. Ich muß ihr sehr im Wege stehen. Und doch trete ich
+ihr nirgends in den Weg--Wahrlich, dieses Treiben--"
+
+Imgjor sprach's mit starker Auflehnung im Ton, fuhr aber, ihre Erregung
+ebenso rasch wieder abstreifend, gelassen fort:
+
+"In der nächsten Zeit werde ich nicht so häufig kommen können, Herr
+Doktor. Meine Familie trifft heute ein und wird einige Zeit im
+Rankholmer Palais Wohnung nehmen. Ich vermag mich ihr nicht ganz zu
+entziehen. Ueberdies hat sich meine Schwerer verlobt, und es werden
+einige kleine Feste stattfinden, an denen meine Angehörigen wünschen,
+daß ich teilnehme--"
+
+"Ich bedaure natürlich außerordentlich, daß wir Sie entbehren müssen,
+aber ich freue mich, daß Sie sich einmal Ruhe gönnen, Komtesse. Es wird
+Ihnen eine solche Ablösung sehr gut thun."
+
+Imgjors Lippen umspielte ein trauriges Lächeln.
+
+"Nein, Herr Doktor, für mich wäre es weit besser, wenn ich dort keine
+Ablenkung fände. Vielleicht wäre es sogar das Richtigste, daß ich
+Kopenhagen ganz verließe--"
+
+"Wie? Also Sie tragen sich doch mit solchen Gedanken? Die ganze Stadt
+würde es als einen unersetzlichen Verlust betrachten, wenn der Engel
+unter den Menschen, wenn die Komtesse Lavard Kopenhagen verließe.
+
+Haben Sie den Artikel gelesen, der soeben über Sie in einer deutschen
+Zeitung erschienen ist? Die Berlinske Tidende hat ihn heut' morgen in
+einer Uebersetzung gebracht."
+
+"Ein Artikel über mich?" fragte Imgjor betroffen. "Was enthält er? Dem
+Sinne Ihrer Worte nach zu urteilen, nichts Ungünstiges, aber jedenfalls
+eine Unschicklichkeit. Wie wenig giebt meine Thätigkeit Anlaß, darüber
+etwas und noch dazu öffentlich zu sagen!"
+
+"Sie sind allzu bescheiden, Komtesse--Die ungewöhnliche Erscheinung, daß
+sich ein Mitglied der höheren Stände in solcher Weise freiwillig seiner
+Bequemlichkeit entäußert, ist für die Welt Grund genug, sich damit zu
+beschäftigen. Darf ich Ihnen den Artikel besorgen?"
+
+"Ich danke, nein, Herr Doktor! Es ist besser, daß ich dergleichen
+garnicht lese. Es macht mir nur noch mehr Gedanken. Ich habe deren schon
+so viele und solche, die mich nicht erheben--"
+
+"Sie sind noch so jung, Komtesse, und Sie sind schon so ernst, so trübe
+in Ihrem Sinn?"
+
+"Ich bin es, aber nur insofern, als ich die ungeheure Schwierigkeit
+erkenne, mein Vorhaben in Thaten umzusetzen. Ich möchte gern im Großen
+wirken und sehe, daß ich schon im Kleinen überall stolpere."
+
+"Und was wäre, wenn die Frage gestattet ist, Ihr Ideal? Welche Absichten
+verfolgen Sie?"
+
+"Ich möchte helfen, die Menge von dem Druck der allgemeinen Not zu
+befreien und das Los der arbeitenden Klasse gründlich zu verbessern."
+
+"So bekennen Sie sich also auch zu den sogenannten "neuen" Ideen? Sie
+überraschen mich!"
+
+"Kann ein gerechter, guter Mensch, kann ein wahrhaft christlicher Mensch
+anders denken, Herr Doktor?"
+
+"Nein und ja, Komtesse. Die Ziele sind zu weit gesteckt.
+
+Man soll nur Mögliches erstreben wollen, nur Dinge, die sich mit den
+Vorgängen in der Natur decken. Wir sind ihre Produkte, sie ist unsere
+Lehrerin, sie bietet uns alle Beispiele für unsere Handlungen."
+
+"Schon einmal hörte ich fast ganz dieselben Worte. Seltsam--" Imgjor
+ließ das Haupt sinken und starrte träumerisch vor sich hin. Aber da in
+diesem Augenblick geklopft ward, wurden die Sprechenden unterbrochen.
+
+Der Doktor richtete noch einige verbindliche Worte an Imgjor, und sie
+selbst lenkte, nachdem sie ihm leicht und unbefangen die Hand gereicht,
+ihre Schritte in einen der Siechensäle.
+
+In diesem befanden sich Kranke, deren spezielle Sorge Imgjor übernommen
+hatte. Augenblicklich waren es solche, die sich bereits in der Besserung
+befanden. Dann schlief Imgjor in ihrer Wohnung, erschien auch nur zwei
+oder dreimal am Tage.
+
+Nur in schweren Fällen blieb sie ganz im Hospital und übernahm auch die
+Nachtwache. Ihr Verhältnis zum Krankenhaus war ein durchaus
+freiwilliges, während die übrigen Schwestern sich streng an die
+Hausvorschriften zu halten hatten.
+
+Auf dem Korridor begegnete Imgjor der Schwester, die von ihr behauptet
+hatte, daß sie ihre Thätigkeit hier aufgeben wolle.
+
+Imgjor neigte ernst das Haupt zum Gruße; jene erwiderte die Höflichkeit
+kalt und wollte ohne Wortaustausch vorüberschreiten.
+
+Nun hielt Imgjor sie auf und redete sie an.
+
+"Ich bitte, Fräulein, einen Augenblick. Ich höre soeben, daß Sie
+abermals eine Erfindung über mich ausgestreut haben. Ich muß wirklich
+sehr dringend bitten, daß Sie sich mit Ihren eigenen Angelegenheiten
+beschäftigen. Ich schließe aus Ihrer Lästersucht eine Starke Mißgunst.
+Daß sie in Ihnen emporsteigt, vermögen Sie wohl nicht zu ändern, aber
+ich sollte meinen, Sie müßten sich äußerlich im Zaum zu halten wissen,
+und jedenfalls--ich wiederhole meine Worte--wünsche ich von Ihren
+eifersüchtigen Launen nicht ferner berührt zu werden."
+
+"Ich eifersüchtig auf Sie?! Nun, da wären Sie wirklich die letzte,
+Fräulein von Lavard! Und was liegt denn vor? Mir ist erzählt, daß Sie
+hier keine Schwesterdienste mehr versehen wollen! Ich wüßte nicht, daß
+darin etwas Ehrenrühriges liegt. Sie nehmen einen Ton an, als ob ich
+Ihnen wunder was angethan hätte und ich muß Sie meinerseits noch
+dringender ersuchen, daß Sie ihn ändern. Sie sind nicht meine
+Vorgesetzte--"
+
+"Sie wissen sehr gut, daß ich mit meinen Vorwürfen recht habe. Ihre
+Heuchelei verschlimmert nur noch das Geschehene. Sie haben mich schon
+wiederholt verleumdet, man hat es mir unaufgefordert, voll Empörung
+mitgeteilt. Schwieg' ich trotzdem, so war's die Verachtung über solches
+Geschwätz. Jetzt will ich aber ein Ende haben! Man könnte wirklich
+glauben, es sei eine Spur von Wahrheit darin. Auch gestern habe ich ein
+Exempel statuiert, und ich werde damit fortfahren!"
+
+Die Züge der Schwester Elise verzogen sich hämisch.
+
+"Sie sprechen, als ob Sie ein Oberstaatsanwalt seien. Ich sage Ihnen
+nochmals, daß Sie sich mit Ihrem Eifer an eine falsche Adresse wenden.
+
+Ich habe auch besseres zu thun, als mich mit Ihnen zu beschäftigen. Ich
+habe andere Gegenstände für meine Gedanken, als die Komödiantin Fräulein
+Lavard!"
+
+"Ah! Wie niedrig! Und Sie wollen eine Dame sein. Sie gehören zum Adel
+des Landes und würdigen Ihre eigene Standesgenossin herab, indem Sie ihr
+solche Dinge sagen, indem Sie geflissentlich sogar ihren Namen
+entstellen? Ich bin weder Fräulein Lavard, noch Fräulein von Lavard,
+sondern für Sie und jedermann Komtesse Lavard!"
+
+"Nun dann sind Sie auch nichts Besonderes, umsoweniger, als die Spatzen
+von den Dächern pfeifen, daß Ihre Mutter nichts anderes war, als eine
+Dir--"
+
+Aber die Schwester Elise kam nicht weiter. Blitzschnell erhob Imgjor,
+von Schmerz und Entrüstung übermannt, die Hand, sie zitterte für
+Sekunden in der Luft. Und dann standen die beiden Gegnerinnen einander
+gegenüber, als ob nur der Tod über das Schicksal des einen oder anderen
+entscheiden könne. In demselben Augenblicke aber erschien zufällig die
+Oberin, und die Schwester Elise stürzte so gleich auf diese zu und goß
+einen Schwall von Verleumdungen und lügnerischen Anschuldigungen über
+Imgjor und deren Benehmen aus.
+
+Und wiederum gab Imgjor mit stolzer Ruhe Antwort und forderte nach
+Erörterung des Vorgefallenen die Entfernung der Schwerer Elise.
+Anderfalls werde sie gehen!
+
+"Ich darf Sie ersuchen, ins Konferenzzimmer zu treten. Wir werden dort
+weiter und in Ruhe reden! Ich muß erst klarer in der Sache sehen, ehe
+ich meine Entscheidung treffe, Komtesse Lavard!" entgegnete die Oberin,
+die nichts lieber wünschte, als daß die ihr sehr unbequeme Imgjor, die
+keinerlei Mängel durchgehen ließ, vielmehr stets Unregelmäßigkeiten und
+Pflichtversäumnisse zur Anzeige brachte, das Krankenhaus verließ.
+
+"Warum noch reden!" betonte Imgjor kalt. "Es unterliegt doch keinem
+Zweifel, wer ein Recht hat, sich zu beklagen!
+
+Ich muß darauf bestehen, daß endlich die Sumpfquellen verstopft werden,
+aus denen die Verleumdungen gegen mich fließen.--Klagen über Fräulein
+Elise erheben sich von allen Seiten und auch in anderer Richtung.--
+
+Anfangs der Woche hat sie der Witwe Romö, aus bloßer persönlicher
+Antipathie, die Hilfe verweigert. Es wäre wohl nicht so schlimm, hat sie
+gesagt! Die arme Person hat einen bedenklichen Rückfall davon bekommen!
+Sind solche Vorkommnisse in einem Krankenhaus erhört?"
+
+"Nun ja, nun ja--es soll alles untersucht werden. Im übrigen will ich
+niemanden hindern, seinen Weg zu gehen--" stieß, statt auf diese Rede
+einzulenken, die Oberin äußerst gereizt heraus. "Ich darf Sie also nicht
+erwarten, Komtesse?"
+
+"Nein! Ich muß darauf verzichten, Frau Oberin--" entgegnete Imgjor,
+verbeugte sich gemessen, und ging, ohne die giftsprühende Schwester
+Elise eines Blickes zu würdigen, von dannen.--
+
+ * * * * *
+
+Das Rankholmer Palais lag, von einem auf Marmorpostamenten ruhenden,
+vergoldeten Gitter umschlossen, mitten in der Adelstraße. Ein
+prachtvoller, weißschimmernder Bau mit hoher Aufgangstreppe tauchte
+hinter einem großen Vorplatz mit grünem Rasen auf. Zwischen ihnen
+befanden sich gepflasterte Fahrwege, und zu Seiten befanden sich die
+Stallungen und eine Reitbahn.
+
+Am Abend des nächstfolgenden Tages, an dem sich die vorstehend
+geschilderten Scenen abgespielt hatten, war das Palais von oben bis
+unten hell erleuchtet. Es schwamm gleichsam in einem Lichtmeer. Von den
+mächtigen Treppenkandelabern floß das Licht auf den Vorgarten herab, und
+ein zahlreiches Publikum hatte sich auf der Straße aufgestellt, um der
+Einfahrt der zahlreichen Equipagen mit ihren livrierten Kutschern und
+Dienern beizuwohnen.
+
+An achtzig Personen aus den vornehmsten Kreisen waren Einladungen von
+dem Grafen Lavard und seiner Gemahlin ergangen. Es galt, den Bräutigam
+von Lucile, den Marquis Armand de Curbière de Ramillon der Gesellschaft
+vorzustellen. In Berlin hatte Lucile ihn als Attaché der französischen
+Gesandtschaft in einer Hofgesellschaft kennen gelernt, und bei einem
+Besuch, den der Marquis der Familie in Rankholm abgestattet, war die
+Verlobung zwischen ihnen erfolgt.
+
+Es fehlten noch zehn Minuten vor dem Tischgang, Schon hatte Frederik
+wiederholt forschend die Zahl der Gäste gemustert.
+
+Es ließen noch warten der Stadtkommandant, General Baron von Berling,
+und--Komtesse Imgjor, die auf das dringende Ersuchen des Grafen ihr
+Erscheinen zugesagt hatte.
+
+In verschiedene Gruppen verteilt, standen die Gäste schwatzend umher.
+Neben Lucile und neben dem Marquis von Curbière, dem Musterbilde eines
+vornehmen, ritterlichen Mannes, stand der Premierminister Graf Niels von
+Rosenberg.
+
+Er war klein und korpulent, hatte eine schiefe Schulter und einen
+buckligen Rücken, besaß aber einen so ungewöhnlichen Verstand, und aus
+seinen grünen Augen sprühte es so streng und gebieterisch, daß sich
+unwillkürlich Hoch und Niedrig vor ihm bückten.
+
+Ein leises und lautes "Ah!" der Bewunderung entrang sich dem Munde der
+Gäste, als dann endlich auch Imgjor, gefolgt von dem General von
+Berling, einem Mann, der einem spanischen Granden glich und dessen
+Brust die Orden kaum fassen konnte, in den Hauptsaal trat.
+
+Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid, dessen eine Hälfte, die linke,
+aus zartgefärbter rosenroter, die andere aus schneeweißer Seide bestand.
+
+Um den Hals, dessen schwanenweiße Farbe das Auge entzückte, lag ein Reif
+von Diamanten, aus dessen Mitte ein Opal seine roten, blauen und grünen
+Blitze schoß; ein ebensolcher Schmuck umschloß die Arme. Das
+braunrötliche Haar war empireartig frisiert, und eine durchsichtige,
+zarte Randspitze umgab da, wo ihre schneeige Brust sich hob und senkte,
+den Saum des ihren vollendet gewachsenen Körper fest und schlank
+umfließenden Seidenleibchens.
+
+Als sich Imgjor nach Begrüßung ihrer Eltern und der sich zu ihr
+drängenden Gäste nach Lucile und dem Marquis umsah--der Zufall hatte es
+gefügt, daß sie den Bräutigam ihrer Schwerer bisher verfehlt
+hatte--löste sich gerade Curbière aus der vorhin beschriebenen Gruppe
+und eilte mit lebhaften Mienen auf Imgjor zu.
+
+Er stutzte. Ersichtlich ging etwas Ungewöhnliches in dem Innern des
+Mannes vor, als er dieses schier unnahbar schöne Geschöpf vor sich sah,
+und als sie ihm mit ihrem süßen, zuvorkommenden Blick die Hand
+entgegenstreckte.
+
+"Ah! Wie schön Sie sind--Psyche und Juno streiten um den Preis!"
+sprang's in höchster Ueberraschung, in französischer Sprache, aus des
+gewandten Mannes Munde.
+
+Er war völlig benommen und wurde enttäuscht, als Imgjor in der
+gewohnten Auflehnung gegen ihre Schönheit und gegen Artigkeiten einen
+gleichgültig verdrossenen Ausdruck in ihren Zügen erscheinen ließ.
+
+"Ah! Sie machen mir solche Komplimente und nennen das größte Juwel Ihr
+Eigentum, das Dänemark besitzt?" sprach sie dann, den Ausdruck des
+Mißfallens in ihren Zügen absichtlich noch verstärkend.
+
+Jählings kam's über sie, daß sich der Mann für sie interessiere, sich
+ihr zuwendete, sich verlor, obschon er Lucile angehörte. Es war etwas in
+seinen Augen aufgeblitzt, das sie ängstigte und dessen Wiederholung sie
+durch schroffe Begegnung verhindern wollte. Aber Curbière war ihr
+gewachsen. Er fand sich rasch wieder.
+
+Während seinen Mund ein überlegenes Lächeln umspielte, sagte er mit
+rascher, kavaliermäßiger Gewandtheit:
+
+"Wie? Sie spielen den Lehrmeister gegen mich aus, Komtesse! Sie vermuten
+wohl einen jener Bekehrungsbedürftigen, mit denen Sie sich draußen
+beschäftigen. Ich sollte meinen, ich hätte am ehesten da ein Recht zur
+Aeußerung der Bewunderung und glaubte am wenigsten da mißverstanden zu
+werden, wo es sich um die Schwester meiner Braut handelt!"
+
+"Wie sollte es--" entgegnete Imgjor unbiegsam--"einem Weltmann wie Ihnen
+nicht gelingen, das Uebergewicht zu behalten, gar dem anderen zu
+beweisen, daß seine Rede eine Ungeschicklichkeit gewesen sei, Herr
+Marquis!"
+
+"Sie halten es also nicht für denkbar, daß Sie sich irren, daß das, was
+Sie als eine Ablenkung meiner Gefühle für Lucile bezeichnen wollen--so
+ist's doch, Komtesse?--lediglich ein Ausbruch meines stark entwickelten
+Schönheitssinns war?
+
+Glauben Sie mir das, Komtesse! Ich bitte darum!--Wenn Sie aber trotz
+alledem doch vermeinen, ich sei eines Tadels benötigt, so haben Sie mich
+jedenfalls überaus schnell kuriert. Sie haben es verstanden, in mir die
+Freude an Ihrem inneren Menschen genügend herabzumindern."
+
+Nun sah Imgjor betroffen empor. Und als sie dann dem ernst gemessenen
+Ausdruck in den Augen ihres künftigen Verwandten begegnete, streckte sie
+ihm, von einem raschen Impuls getrieben, die Hand entgegen und sagte mit
+dem schönen, bezwingenden, allen Lavards eigenen Freimut in Blick und
+Mienen:
+
+"Wohlan! Nach dieser Klärung wollen wir keine mißvergnügten Gegner,
+sondern wahrhaft gute Freunde sein! That ich Ihnen Unrecht, verzeihen
+Sie mir!
+
+Also, ich bitte, Herr Marquis, ich bitte, lieber Armand!" schloß sie mit
+einem noch bezaubernderen Ausdruck.
+
+Und von dieser ehrlichen Liebenswürdigkeit bezwungen, beugte sich Armand
+de Curbière auf Imgjor Lavards Hand herab, küßte sie ehrerbietig und
+sagte, obgleich sich ihnen in diesem Augenblick Lucile näherte und schon
+von fern eifersüchtig hinüberschaute, laut und mit einem tief
+verinnerlichten Blick auf die Schwester seiner Braut:
+
+"Ich danke Ihnen, teure Imgjor! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen! Ich
+werde Ihnen diesen Augenblick nie vergessen."
+
+Und nun gab auch Frederik endlich das Zeichen zum Tischgang.
+
+Alle Anwesenden setzten sich in Bewegung, und bald saß die glänzende
+Gesellschaft in dem theegrünen Speisesaal, der sich als Hauptzierde des
+Palais in einem Flügel des Gebäudes befand, bei köstlich duftenden
+Speisen und seltenen Weinen beisammen.
+
+Während des Tafelns warf Lucile, zu ihrem Verlobten gewendet, hin:
+
+"Sieh' einmal, wie Imgjor entzückend ansieht und wie lebhaft sie sich
+mit dem jungen Grafen Kilde unterhält."
+
+Ach, wenn sie sich doch endlich einmal verliebte und damit auch ihren
+Menschenbeglückungskittel abthun würde!"
+
+"Ist's möglich! Imgjor hat sich noch für niemanden interessiert?"
+
+"Doch, einmal! Aber das war nur ein Flämmchen, welches ebenso rasch
+verglomm, wie's emporgelodert war. Auch spielten andere Dinge mit--"
+
+"Und wer war der Bevorzugte? Wie hieß der Mann, der jedenfalls einen
+ganz superben Geschmack besaß?"
+
+"Es war irgend einer! Der Name ist gleichgültig. Es war einer, der ihr
+vormachte, daß er auf nichts Anderes sinne, als die Welt von den Fesseln
+der Ungleichheit zu befreien. Er verschwand dann und soll sich jetzt in
+Amerika aufhalten."
+
+"Aber Imgjor ist doch sicherlich von Hunderten umschwärmt worden."
+
+"Ja, fast von allen Männern. Nur einer war ihrer wert. Ein vorzüglicher
+Mann: Graf Dehn. Aber auch er zog sich aus ihrem Sonnenkreis fort, wenn
+auch aus anderen Gründen. Er liebte sie über alles und wußte sich nur
+durch eine Weltreise von seiner Schwermut zu erlösen. Es ist derselbe,
+der, wie du auf Rankholm hörtest, demnächst von Italien zurückkehrt und
+uns besuchen will--"
+
+"Ah!? Der Lausitzer Graf! Und wirklich ein so vollendeter Mann?"
+
+"Ja, der liebenswertere, vornehmste Mensch, den ich außer dem Marquis
+von Curbière kennen gelernt habe."
+
+"Sehr verbunden, Komtesse Lavard! Aber wissen Sie, daß ich leicht
+eifersüchtig zu werden vermag?" warf Curbière liebenswürdig neckend hin.
+
+Lucile spitzte erst lachend den Mund, dann sagte sie ernst:
+
+"Aber weder in diesem noch in irgend einem anderen Falle wirst du je
+dazu Ursache haben! Bleibst du mir ein treuer Kamerad, so hast du bei
+mir auf Felsen gebaut. Wir Lavards--"
+
+In diesem Augenblick wurde Luciles Aufmerksamkeit auf ihre Mutter
+gelenkt, die so lebhaft mit einem der jungen, zu ihrer Rechten sitzenden
+Prinzen des Königlichen Hauses sprach, daß die Laute volltönend zu
+ihnen herüberdrangen.
+
+Sie unterbrach deshalb ihre Rede, und Curbière sagte:
+
+"Wie jung, wie schön ist noch deine Mutter! Lucile. Es ist ein Mirakulum
+in solchem Alter--"
+
+"Ja, und wie man sie lieben und achten muß!" fiel Lucile ein. "Ich habe
+erst vor einigen Jahren erfahren, welch' eine große, edle Seele sie
+besitzt. Sie hatte eine schwere Versuchung zu bestehen, und hat sich
+unvergleichlich bewährt."
+
+Curbière hörte gespannt zu, dann sagte er unvermittelt:
+
+"Und so fest seid Ihr alle? Auch Imgjor?"
+
+Lucile drehte sich rasch zu ihrem Verlobten um. Ohne daß sie sich
+Rechenschaft zu geben vermochte, berührten sie seine Worte.
+
+"Weshalb fragst du?" stieß sie heraus.
+
+"Nun, wie man eben fragt. Aus keinem besonderen Grunde--"
+
+Und da er sah, daß ihre Wangen eine leichte Blässe überzogen hatte,
+erhob er das Champagnerglas, stieß mit ihr an und fuhr neckend, mit
+zärtlichem Ausdruck fort:
+
+"Also auch meine stolze Königin kann eifersüchtig werden!? Dann sind wir
+also quitt, meine liebe, wunderschöne Lucile Lavard!"
+
+ * * * * *
+
+Eine Lavardsche Equipage hatte eben Imgjor--es war halb drei Uhr
+morgens--vor dem Hause das sie seit ihrem Kopenhagener Aufenthalt
+bewohnte, abgesetzt. Stumm und ehrerbietig war Robert seiner früheren
+jungen Herrin beim Aussteigen behilflich gewesen, und nun schleppte sich
+das junge Mädchen, die Brust voll von den widerstreitendsten
+Empfindungen, die Treppe hinauf.
+
+Der Prinz und Curbière hatten wiederholt mit ihr getanzt und sich beide
+außerordentlich eingehend mit ihr beschäftigt.
+
+Der Prinz war ein Mann von Geist und feinen Manieren, aber nicht ohne
+starken Cynismus, Curbière dagegen ein Kavalier von seltener
+Gewandtheit, auserwähltem Geschmack und neben scharfem Verstande von
+einer Unbefangenheit in der Beurteilung menschlicher Dinge, die Imgjor
+in Erstaunen versetzt und außerordentlich angezogen hatte.
+
+Er war ein ganz anderer als der übrige Schwarm der Männer. Lucile hatte
+wohl gewußt, was sie gethan hatte! Er ähnelte dem Grafen Dehn, demselben
+den sie, Imgjor, aus Trotz und Stolz von sich gewiesen.
+
+Ein schwerer Kampf vollzog sich gegenwärtig in Imgjors Innern.
+
+Ein Wesen von Fleisch und Blut, war auch ihr Herz einmal wieder in
+Bewegung geraten! Und gerade der Mann hatte Eindruck auf sie gemacht,
+der seine Hand vergeben und den sie--Scham, Reue und Auflehnung gegen
+sich selbst flogen in heißen Schauern durch ihre Seele--wegen seiner
+Schwärmerei für eine andere so scharf zu tadeln sich unterfangen hatte.
+
+Was sie an ihm so streng gerügt hatte, war nun ihr eigen Teil geworden.
+Sie beschäftigte sich in ihren Gedanken mit dem Verlobten ihrer
+Schwester.
+
+Allerdings gelangte sie zu einem anderen Ergebnis, als sie sich
+vorstellte, sie hätte Curbières Gattin werden können. Dann schob sich
+doch die Gewalt des Grafen Dehn in ihre Vorstellungen. Sie erkannte, daß
+nur die gewaltsam herabgedrückte Leidenschaft für ihn sich geregt, daß
+sie zu Curbière das mit jenem Uebereinstimmende im Wesen hingezogen, daß
+ihr Herz unwillkürlich--ihr unbewußt--Nahrung suchend, nach diesem
+Ersatz gegriffen habe.
+
+Aber diese Probe hatte sie zugleich belehrt, daß sie sich von den Räumen
+der Paläste fern halten mußte. Die Schmeicheleien, die den Sinnen
+gebotenen Reize, die parfümierte Atmosphäre wirkten auf sie.
+
+Reine Gedanken, und durch sie die Wiedererlangung der Ruhe ihrer Seele,
+mußte sie zurückerlangen.
+
+Hatte sie nicht selbst darauf bestanden, daß man ihr eine Freiheit
+eingeräumt, wie sie jetzt sie besaß? Sie war ihr unter schwersten
+Kämpfen geworden. Sie hatte geschworen, auf die Liebe eines Mannes zu
+verzichten, jedenfalls niemals einem Axel Dehn den Triumph zu gönnen,
+das Eingeständnis ihrer Liebe zu hören.
+
+Würde sie sich nicht dem höhnischen Lächeln der wahrsagenden
+Besserwisser preisgeben, wenn sie plötzlich ihren Vorfällen wieder
+untreu wurde, gar von dem Schauplatz ihrer Thätigkeit zurücktrat?
+
+Sprach man doch in ganz Dänemark von Grevinde Lavard! Man hatte sie
+schon mit der heiligen Elisabeth in Deutschland verglichen. Und ihrer
+armen, verdorbenen Mutter hatte sie einen stummen Schwur geleistet, sich
+der unglücklichen, den Verfluchungen ausgesetzten Frauen anzunehmen!
+Sollte sie ihn brechen? Nein, niemals!
+
+Sie preßte gewaltsam alles in sich nieder, was ihre Entschlüsse wankend
+machen konnte.
+
+Und zu all' diesen Vorstellungen gesellte sich heute wieder auch die
+Erinnerung an Prestö.
+
+Noch einmal war Imgjor ihm begegnet, damals, als sie zur bleibenden
+Uebersiedelung nach Kopenhagen unterwegs gewesen.
+
+Sie hatte ihn mit einem jungen Mädchen, sicherlich seiner Braut, auf der
+die beiden dänischen Inseln verbindenden Korsörer Fähre gesehen, und da
+er sie nicht einmal gegrüßt hatte, waren die Gefühle der Empörung, des
+Schmerzes und der Gedanke, jedermann vor diesem gefährlichen Menschen zu
+warnen, wieder in ihr aufgestiegen.
+
+Aber gerade das Mädchen an seinem Arm war als ein Engel zwischen ihn und
+sie getreten. Ihr Erscheinen hatte alle rachsüchtigen Regungen in Imgjor
+erstickt. Ingeborg Jensen hatte ihr damals geschrieben, hatte sie
+beschworen, ihrem Verlobten zu vergeben, und ihren flehenden Worten war
+Imgjor mit ihrem weichen Herzen erlegen.--
+
+Fast eine Stunde hatte Imgjor schon, in solche Gedanken verloren,
+dagesessen. Die Geschmeide hatte sie abgethan, das Kleid von ihrem
+Körper gelöst. Sie glich, als ihr Blick zufällig in den Spiegel fiel,
+einer marmornen Psyche.
+
+Und bevor sie ihr Lager aufsuchte, ergriff sie ein dänisches Buch, das
+auf ihrem Tisch lag.
+
+"Was ist Glück?" lautete der Titel.
+
+Was ist Glück? Ja, was war Glück? Pflichtübung führte es zunächst
+herbei. Aber Pflichterfüllung war auch ein dehnbarer Begriff. Mit
+Pflichterfüllung verband sich starke Selbstentäußerung--und sie brachte
+Kämpfe, die aber machten doch nicht glücklich! War sie denn überhaupt
+glücklich?
+
+Sie schüttelte wehmütig den Kopf.
+
+Nein! Es hatten die Recht behalten, deren Weisheit sie bespöttelt hatte.
+
+Wo herrschte die größte Vernunft? Ihre Erfahrung hatte ihr darauf die
+Antwort erteilt: Bei denjenigen, welche die Dinge dieser Welt nicht mit
+Ungestüm anfassen, sondern mit besonnener Vernunft, die, ohne daß sie
+stumm oder laut darüber philosophieren, wissen und daran festhalten, daß
+Zeit und Umstände Mitordner der Dinge sind; die den guten Mittelweg
+einschlagen, ihn stetig beschreiten, wenn auch auf den Nebenwegen noch
+so viele Harfen mit süßklingenden Tönen locken; die endlich vom Tage und
+von den Stunden nicht mehr begehren, als sie nach Lage der Dinge
+herzugeben vermögen und wofür sie, die Fordernden, aufnahmefähig sind.
+
+Sie aber, Imgjor, jagte unruhig einem von allen Vernünftigen als
+Phantom bezeichneten Ziele nach, erntete keinen Dank, wohl aber meistens
+das Gegenteil. Die Empfänger ihrer Wohlthaten hatten ihr schon oft
+erklärt, daß man sie ja nicht gerufen, daß sie sich aufgedrängt habe,
+daß man ohne sie auch und besser fertig geworden wäre!
+
+Dann hatte sie sich hingesetzt und wie ein Kind--und immer noch ein
+solches an mangelnder Erfahrung--bitterlich geweint.
+
+Ja, wie anders war die Welt der Vorstellungen und die der Wirklichkeit!
+Curbière hatte ihr gesagt, und aus jedem Wort hatte sie Axel Dehn
+sprechen zu hören vermeint:
+
+"Wir leiden an drei Krankheiten: der einst den Frauen nachgesagten,
+jetzt der Männerwelt anhaftenden Eitelkeit, der Verbesserungs- und
+gegenseitigen Bevormundungssucht.
+
+Die schlimmsten Verderber unserer heutigen Zustände sind diejenigen,
+welche, statt der Zeit ein allmähliches Reisen der Dinge anheimzugeben,
+sich zu Staatsverbesserern aufwerfen, den Eitelkeitsspiegel zur
+Betrachtung ihrer ungeheuren Weisheit und Bedeutung allezeit in der
+Tasche tragen, fast ausnahmslos aus diesem Grunde auch nur handeln,
+selbstgefällig, erhobenen Hauptes, reden, reden und wieder reden,
+begründen und Resolutionen fassen.
+
+Wir besitzen die Mittel zur Verbesserung unserer Lage in nächster Nähe.
+Aber wir stecken so sehr im Sumpf unserer Selbstsucht, gepaart mit
+Verweichlichung und Genußsucht, daß wir durch künstliche Mittel ein
+Gleichgewicht erzwingen wollen. Zu einer Gesundung unserer Zustände
+können wir nur gelangen, wenn wir alle zu einfachen, natürlichen
+Verhältnissen zurückkehren, wenn jeder streng in seinem Wirkungskreise
+seine Pflicht erfüllt, erst sorgsam sein Haus bestellt und dann auch dem
+Nachbar hilfreich die Hand bietet, und wieder letzterer dem nächsten,
+also, daß jeder geduldig, wachsam und treu der Last sich fügt, die
+schwer oder minder schwer auf seinen Schultern ruht; wenn endlich die
+sozial Bedrohten von den Gegnern einer ruhigen Entwickelung der Dinge,
+nämlich den Sozialdemokraten, die Kunst der Einigkeit und
+Opferfreudigkeit erlernen, fest und unzerreißbar sich zusammenscharen
+und handeln, sobald Umstürzler die begehende Ordnung untergraben wollen.
+
+Jedem Menschen gab die Natur, wie dem Tiere, die Werkzeuge zum Kampf um
+seine Existenz mit.
+
+Sie soll er zunächst gebrauchen, nicht nach fremder, künstlicher Hilfe
+sich umschauen.
+
+Auf Beistand von Seeschiffen rechnen, wenn man auf Auen in Kähnen fährt,
+ist das Beginnen von Thoren.
+
+Was war es denn, so fragte sich Imgjor, was sich immer wieder in ihrer
+Seele regte und dennoch Lehren und Erfahrungen beiseite schob? Sie fand
+keine Antwort darauf.
+
+ * * * * *
+
+Als sich Imgjor am nächsten Tage spät erhob und nach Erledigung einiger
+häuslichen Pflichten an ihren Schreibtisch ging, fand sie zu ihrer
+Bestürzung, daß sie bestohlen worden war.
+
+Es fehlten mehrere hundert Kronen, die sie beiseite gelegt hatte, um
+einen beim Zoll angestellten, schwer heimgesuchten Familienvater zu
+unterstützen.
+
+Der Diebstahl mußte während ihrer Abwesenheit am gestrigen Abend
+vollführt worden sein, und da nur ihr Aufwartemädchen ihre Zimmer
+betreten konnte, so mußte sie die Diebin sein.
+
+Dies regte Imgjor abermals außerordentlich auf, besonders deshalb, weil
+sie diesem Dienstboten und deren Eltern sehr viele Wohlthaten erwiesen
+und somit Dankbarkeit, wenigstens Treue von ihr erwartet hatte.
+
+Aber sie fand auch in ihrem Briefkasten, den sie gewohnheitsmäßig nach
+beendetem Frühstück öffnete, einen Brief, dessen Inhalt sie namenlos
+erregte.
+
+Das Schreiben lautete:
+
+"Nichts anderes trieb dich aus den vergoldeten Zimmern in Rankholm fort,
+als deine Sucht, dich breit zu machen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf
+dich zu lenken. Und weshalb? Um deinen kleinlichen Ehrgeiz zu
+befriedigen, damit man von dir spricht, schreibt, kurz--etwas aus dir
+macht, die du doch selbst nichts bist. Du meinst, man durchschaue dich
+nicht. Aber die Welt hat scharfe Augen. Die eine Hälfte bespöttelt und
+belacht deine Narrheiten, die andere, die der Eingeweihten, geht mit dem
+Gedanken um, dem Grafen Lavard mitzuteilen, wie sein Name durch dich
+verunehrt wird.
+
+Solche Emanzipierte wie du gehören in eine Korrektionsanstalt. Du die
+Welt reformieren? Du der Not und dem Elend ein Ende machen? Stille
+deinen eigenen Jammer! Denn man weiß es, du hast genug mit dir zu thun,
+und man weiß auch--warum! Also mache ein Ende mit der Komödie und mit
+den bezahlten Zeitungsartikeln, die auf deine Verherrlichung abgesehen
+sind!
+
+Kehre dahin zurück, woher du gekommen bist, ehe du notgedrungen die
+Flucht ergreifen mußt!"
+
+Imgjor saß während einer längeren Zeit wie gelähmt da. Das war die
+stärkste Infamie, die ihr bisher geworden. Und wenn's auch vielleicht
+aus derselben Quelle stammte, aus der ihr die übrigen Kränkungen
+gekommen waren, so wurden doch durch solche Wahrscheinlichkeit ihre
+unruhvollen Vorstellungen nicht beseitigt.
+
+Die Augen wurden ihr durch dieses Schriftstück völlig geöffnet. So
+urteilte also die Masse; solche Motive schob sie ihr unter!
+
+Und das war so entsetzlich, daß sie sich hätte in diesem Augenblick tief
+in die Erde verkriechen und nie wieder zum Vorschein kommen mögen.
+
+Fort, fort, nur fort aus Kopenhagen mit seinem Undank, seiner Mißgunst
+und Niederträchtigkeit! Zurück nach Rankholm, wo die weißen Tauben um
+die hohen Türme der Einsamkeit flatterten, wo Ruhe, sanfter Friede
+herrschten, wo es kein widerwärtiges Jagen und Haschen nach Geld und
+Stellung, wo es noch einfache Verhältnisse gab; wo man ohne erst Anhöhen
+vor der Stadt zu gewinnen, die Sonne in ihrer unschuldigen, hehren
+Schönheit aufsteigen und niedersinken sah, wo der Mond die stillen Wege
+versilberte, auf denen sie, ein glückliches, von den Wirren der Welt
+unberührtes Kind, einhergewandelt war! Ah! Das Brüllen der Rinder, das
+Wiehern der Pferde, die reinen Laute des Landes, die anheimelnden Düfte,
+der kräftige Erdgeruch; ihr Zimmer oben im Turm, mit einer Aussicht in
+eine Welt, die nicht schöner gedacht werden konnte, in der Menschen
+wohnten, gute, treuherzige, dankbare, keine schlechten wie hier!--
+
+Aber auch dieser Sturm ihres Innern ging vorüber, und Imgjor gelangte zu
+anderen, zu den alten Entschlüssen.
+
+Sie wollte fortfahren, in die Häuser der Armen zu gehen, und trotz aller
+Anfeindungen versuchen, nicht in dem zu erlahmen, was sie sich einmal
+als Lebensaufgabe gewählt hatte. Am nächsten Tage wollte sie in
+Sommerlyst einem Vortrage beiwohnen, den ein aus Schweden
+herübergekommener Reformator Kollund, ein früherer Geistlicher, halten
+würde. Ja, dazu war sie entschlossen!--
+
+Es war am folgenden Abend. Schon seit einer Stunde hatte Kollund, der
+einstige Geistliche und jetzt den neuen Ideen mit feurigem Eifer
+huldigende Wanderprediger seinen Vortrag beendet, hatte der stets nach
+solchen Verheißungen hungernden Welt erklärt, daß Christus im Grunde
+nichts anderes gewollt, als was sie selber jetzt in größerer
+Gemeinschaft anstrebten. Auch er habe gesprochen: "Kommet her zu mir
+alle, die ihr mühselig und beladen seid!" und nur durch praktisches
+Christentum seien die Not und das Elend aus der Welt zu schaffen. Seine
+Worte hatten Imgjor deshalb noch mehr ergriffen als alle diejenigen
+seiner Vorgänger, weil sie von dem reinsten Enthusiasmus getragen und
+weil sie von jener Selbstlosigkeit durchhaucht schienen, die ihr selber
+eigen war. So sehr hatte sie das bleiche Erlöserangesicht des Redners
+angezogen, daß sie auch nach Beendigung des Vortrages in Sommerlyst
+blieb. Sie hatte sich ihm vorgestellt und ihm gesagt, wer sie sei. Und
+dann war sie mit ihm in eine Laube des Gartens getreten und hatte hier,
+umfächelt von den sanften Lüften der Frühlingsnacht, ihre Gedanken mit
+ihm ausgetauscht.
+
+Sie sei im Begriff, zu erlahmen, hatte sie ihm, unter den Eindrücken der
+letzten acht Tage, mit einer Offenherzigkeit gestanden, als ob sie ihn
+lange Jahre gekannt, ihm schon immerdar ihr Vertrauen geschenkt habe.
+
+Und der Mann, ein unerschütterlich Ueberzeugter, hatte das Haupt mit
+einer Miene bewegt, als ob er nicht zu hören brauche, als ob er ohnehin
+wisse, was in ihrer Seele sich vollziehe.
+
+"Mir ging es wie Ihnen, Komtesse," erklärte er. "Ich habe wohl
+hundertmal alles wieder beiseitewerfen, habe verzagen wollen.
+
+Ich habe so viel Undank und so viele Nichtswürdigkeiten erfahren, daß
+ich im Zorn aufgeschrieen und in die Worte ausgebrochen bin:
+
+"So helft euch selbst! Ihr verdient es nicht, daß ein ehrliches
+Menschenkind auch nur einen einzigen Schritt für euch thut! Ihr seid
+Riesen im Nehmen, im Empfangen und in der Selbstsucht, und kleiner als
+Ameisen in der Erkenntnis dessen, was ihr euch selbst schuldig seid,
+welche Dankpflichten ihr denjenigen zollt, die sich in eure Dienste
+stellen!
+
+Mit dem Essen wächst euer Appetit bis ins Ungemessene. Ihr fordert
+zuletzt, wo ihr zu bitten habt.
+
+Vor Monaten blieb eine Frau, der ich täglich Nahrungsmittel gespendet,
+plötzlich aus. Als ich ihr begegnete und sie fragte, weshalb sie nicht
+mehr komme, erwiderte sie mir in einem geringschätzenden Ton:
+
+Es sei ihr das Essen bei mir nicht mehr gut genug. Sie verkehre jetzt in
+dem Hause eines Großkaufmanns und empfange dort andere, sehr viel
+bessere Speise.
+
+Ich hatte auf der Zunge, ihr zuzurufen:
+
+"Sie soll dir _nicht_ werden, du Unverschämte! Ich werde jenem melden,
+welch' eine Unwürdige du bist!"
+
+Aber ich gedachte des Elends, das dann vielleicht wieder eintreten
+würde, und verwandelte Zorn in Milde. Ich sprach auf sie ein und hielt
+ihr vor, auf welchem verkehrten Wege sie sei. Denn das ist unsere
+Aufgabe! Nicht zürnen, gar rächen, vielmehr vergeben, anleiten, durch
+sittliche Förderung des einzelnen Samen streuen für eine allmählich
+aufgehende, kräftige Frucht. Und glauben Sie:
+
+So niederträchtig die Welt sich oft durchweg giebt, so ungerecht, so
+einseitig, sie meist urteilt, so birgt sie doch auch Edeldenkende. Es
+giebt ein sich an Wahrheit und Wirklichkeit haltendes Urteil, und das
+und das Eintreten jener Gerechten wird am Ende siegen.
+
+Im allgemeinen hat die Welt einen sehr feinen Orientierungssinn, sie
+weiß sehr wohl zwischen den Wertvollen und Wertlosen zu unterscheiden.--
+
+Harren Sie also aus! Schon leuchtet der Name der Grevinde Lavard durch
+die nordischen Lande. Daß sie Anfechtungen zu bestehen hat, daß man sie
+entweder eine Närrin oder eitle Abenteuerin schilt, das ist ein Los, das
+sie mit allen teilt, denen ein höherer Geistesflug innewohnt, die sich
+nicht damit begnügen, blos zu sein."
+
+Imgjor hatte dem Redner mit Begeisterung zugehört. Sie fing jedes Wort,
+das über seine Lippen ging, wie ein Evangelium auf. So schön, so
+verklärt waren seine Züge! Ueber der bleichen Stirn hing, gleichsam als
+Kennzeichen der Gleichgiltigkeit gegen alles Aeußerliche, eine Locke des
+schwarzen Haares, in seinen dunklen Augen glühte das Feuer der
+Ueberzeugung, und über ein krankes Hüsteln, das seine Rede unterbrach,
+sprach er mit jener milden Ergebenheit, die den Märtyrern eigen.
+
+"Ich schaffe, so lange ich es vermag. Will der Schöpfer, daß ich
+aufhöre, so wird er seine Gründe haben, und einen anderen, Befähigteren,
+Stärkeren senden."
+
+Jetzt, in seiner Nähe, unter seinem Einfluß lehnte sich Imgjor wieder
+einmal gegen die nüchterne Ueberlegenheit eines Axel Dehn, eines
+Marquis von Curbière auf.
+
+Es war sehr bequem, zu sprechen, wie sie es thaten.
+
+Allmählich würde, nach ihren Worten und Ansichten, vom steten Regen der
+Zeit benetzt, der Felsen der zu großen Ungleichheiten zerbröckeln! Aber
+eben der Regen sollte wirken, damit auf dem Platze, wo das Gestein
+ruhte, fruchtbares Land sich aufthue! Selbst wollten sie sich nicht
+rühren, die Muskeln nicht anstrengen!
+
+In ihm, dem Prediger Kollund, saß das, was einem Christus, einen Mahomed
+den Stab in die Hand gedrückt. Er war der berufene Vorkämpfer für die
+neue Lehre. Endlich hatte sie ihn gefunden.
+
+Nachdem Imgjor mit Kollund verabredet hatte, daß sie sich noch einmal
+wiedertreffen wollten, nahm sie allein den Weg von Sommerlyst zu Fuß
+zurück. Ihre Wohnung lag in der Nähe des Rosenberger Schlosses in der
+Kronprinzeßgade.
+
+Als sie nach einer sie stark beschwerenden Wanderung an die Ecke dieser
+und der Gothergade angelangt war, trat plötzlich ein junger Mensch auf
+sie zu und redete in sehr zudringlicher Weise auf sie ein. Und als sie
+ihm durch rasches Forteilen zu entrinnen suchte, war er ebenso schnell
+nochmals an ihrer Seite, wiederholte, die menschenleere Gegend
+benutzend, seine Anträge, und umfaßte, trotz Imgjors äußerstem
+Widerstand, ihren Leib.
+
+"Sie sind doch Grevinde!" flüsterte er, sie fester und fester an sich
+ziehend. "So gewähren Sie doch einem armen, sehnsüchtigen Menschen auch
+einmal eine glückliche Stunde. Andere dürfen es! Warum wollen Sie es mir
+versagen? Ach, wie schön Sie sind! Ich sah Sie mit Kollund sitzen. Der
+Glückliche!
+
+Ich bitte, mein süßes Kind--komm mit--komm mit auf die Bank! Laß uns
+plaudern. Höre, wer ich bin, und wisse, ich bin deiner wert!"
+
+Imgjor fehlte der Atem und es versagten ihr die Worte. Sie wollte
+schreien, Hilfe rufen und vermochte es nicht. Mit ungeheurer Kraft hob
+er sie empor, trug sie in das Innere des Parkes und verschwand mit der
+Halbohnmächtigen unter den Bäumen.
+
+ * * * * *
+
+Im Rankholmer Palais saß in seinem dreifenstrigen durch den Anstrich
+sanfter Pfirsichfarben reizvoll gehobenen und mit alten Ovenschen
+Gemälden und seltenen nordischen Möbeln geschmückten Arbeitsgemach Graf
+Peder Lavard und rauchte aus einer kostbaren Meerschaumpfeife. Dem
+silberbeschlagenen Kopf entstiegen in blauen Ringen emporschwebende,
+einen verführerischen Duft verbreitende Wölkchen, und ein Ausdruck
+ausnehmender Behaglichkeit haftete in den Zügen des Besitzers des
+Schlosses.
+
+Ihm gegenüber, in einen hohen Sessel aus dem sechszehnten Jahrhundert
+zurückgelehnt, plauderte der Marquis von Curbière, der heute einen
+schneeweißen Anzug aus einem Pariser Magazin trug, und nun eben eine
+kleine, dünne Cigarette durch rasche Berührung mit einer brennenden
+Wachskerze entzündet hatte.
+
+Die Herren unterhielten sich über eine am kommenden Tage bei Hofe
+Stattfindende Festivität, zu der, mit Ausnahme von Imgjor, sowohl die
+Familie Lavard, wie auch der Marquis, nach vorangegangener Einzeichnung
+seines Namens in das in dem königlichen Vorzimmer ausgelegte Meldebuch,
+Einladungen empfangen hatten.
+
+Und eben, daß man Imgjor ausgeschlossen, daß man, wie stets, von ihr gar
+keine Notiz genommen hatte, brachte das oft erörterte Thema ihrer
+Emanzipation von neuem in Fluß, ließ die Herren überlegen, durch welche
+Mittel man sie endlich von ihren Abenteuerlichkeiten kurieren könne.
+Umsomehr beschäftigte sich die Familie mit Imgjor, als einige Vorfälle
+der letzten Zeit auch ihren Namen wieder in sehr unliebsamer Weise in
+die Oeffentlichkeit gebracht hatten.
+
+Immer stand Graf Lavard unter der Befürchtung, daß seinen guten
+Beziehungen zum Hofe durch Imgjors Verhalten ein Abbruch geschehen
+könne. In den Zeitungen war mitgeteilt worden, daß der frühere
+Geistliche Kollund in Sommerlyst einen von Tausenden besuchten Vortrag
+gehalten und daß die bekannte Grevinde Lavard demselben nicht nur von
+Anfang bis zu Ende beigewohnt und ihm sehr lebhaft Beifall gezollt,
+sondern auch noch mit dem Redner später lange Nachtstunden allein
+konferiert habe.
+
+Und am nächsten Tage hatten dieselben Zeitungen zu erzählen gewußt, daß
+ein Anfall auf die Komtesse verübt sei.
+
+Nach jenem Vortragsabend sei sie unvorsichtigerweise allein nach Hause
+geschritten und, in der Nähe des Rosenborger Parkes angelangt, von einem
+Strolch, dessen Familie sie viele Wohlthaten erwiesen habe, überfallen
+und übel zugerichtet worden. Sie liege an einem Nervenfieber darnieder
+und werde von einer barmherzigen Schwester gepflegt. Auch ihre
+Angehörigen weilten täglich an ihrem Lager.
+
+Seit dieser Zeit waren drei Wochen vergangen. Imgjor war wieder
+aufgestanden und hatte sich erholt.
+
+Bei einem Fest beim Premierminister, dem die königliche Familie
+beigewohnt hatte, war zwar der König dem Grafen und seinen Angehörigen
+sehr gnädig begegnet, aber es waren doch auch zum erstenmale Worte
+gefallen, die seine Ansichten über die junge Gräfin Lavard sehr deutlich
+hatten zu Tage treten lassen.
+
+"Ich bedaure, lieber Graf, daß die Komtesse von einem solchen Unfall
+betroffen worden ist. Aber ich würde es nicht nur in ihrem, sondern eben
+so sehr im Interesse der Familie halten, wenn sie sich solchen
+Extravaganzen nicht aussetzte, überhaupt ihrem Enthusiasmus einige Zügel
+anlegte. Der Polizeipräfekt meldet mir, daß nun auch sie einen
+öffentlichen Vortrag zu halten die Absicht hat. Suchen Sie das mit allen
+Mitteln zu verhindern. Ich rechne darauf. Dergleichen paßt sich nicht
+für das Mitglied einer dänischen Adelsfamilie. Wo kommen wir hin, wenn
+von dort schon solche Beispiele ausgehen!"
+
+Während die Anwesenden noch sprachen, meldete Frederik, daß Komtesse
+Imgjor soeben ins Schloß getreten wäre, zudem benachrichtigte er die
+Herrschaften, daß das zweite Frühstück serviert sei.
+
+Unmittelbar darauf trat auch schon Imgjor ins Zimmer, schritt mit der
+Miene sanfter Unterordnung auf ihren Pflegevater zu und reichte dem
+Marquis mit jenem süßen Blick die Hand, den sie allen denen gönnte, die
+sie lieb hatte. Aber auch Lucile erschien, und da war's, als ob nun erst
+die volle Schönheit die Welt erhelle.
+
+Sie glich der Versinnbildlichung des eben eingezogenen blühenden
+Sommers! Ein weißes, seidenes Gewand umschloß ihren Körper, eine gelbe
+und eine weiße Rose saßen in ihrem nach Empire-Art hochfrisierten Haar.
+Sonst trug sie keinen Schmuck.
+
+"Ah, wie schön du heute wieder aussiehst, meine Lucile!" flüsterte
+Curbière, voll Bewunderung seine Braut umarmend.
+
+Und während er sie noch mit anderen schmeichelnden Worten überschüttete,
+sprach der Graf, seiner Tochter Imgjor mit liebenswürdiger
+Zuthunlichkeit den Arm reichend, auf diese ein.
+
+"Ich möchte dich nachher sprechen, Imgjor. Nach dem Frühstück, ehe du
+das Palais wieder verläßt, gehen wir noch einmal zu mir hinüber--"
+
+Die Gräfin warf ihr beim Eintritt in den Speisesaal, wohin sie sich
+inzwischen begeben, einen von einem vertraulichen Lächeln begleiteten,
+guten Blick zu, auch umarmte sie Imgjor bevor sie sich an der Tafel
+niederließ.
+
+Es wurde ein zu unternehmender Wagen- und Reitausflug nach Skodsborg
+besprochen. Die Herrschaften wollten auf der Rückkehr in Klampenborg
+speisen. Imgjor wurde von den Ihrigen ebenfalls aufgefordert, wich aber
+aus.
+
+"Stimmen Sie doch zu, schöne Schwägerin!" ermunterte sie Curbière
+liebenswürdig. "Lassen Sie einmal die Kittelleute für sich selbst
+sorgen! Erinnern Sie sich, wie sie Ihnen jüngst begegneten, und
+vergessen Sie nicht, daß Sie auch Pflichten gegen die Ihrigen haben."
+
+"Ich würde sehr gern teilnehmen"--entgegnete Imgjor, bei der Hitze die
+Aermel ihres Kleides etwas zurückgreifend und so ihren reizenden Arm
+freigebend--"aber ich will in diesen Tagen einen öffentlichen Vortrag
+halten, und da brauche ich alle meine Zeit äußerst notwendig."
+
+"So halten Sie ihn nicht! Das Sternbild des Bären wird nicht vom Himmel
+herabfallen, wenn die Welt sich dessen entraten muß. Glauben Sie denn
+wirklich, daß dergleichen einen praktischen Nutzen hat?"
+
+"Ich hoffe es, lieber Armand."
+
+"Und welchen?"
+
+"Daß die Menschen zum Nachdenken gelangen."
+
+"Aber wir haben ja die vielen Orte, die stillen Kämmerlein und
+lauschigen Plätze in der Einsamkeit der Gottesnatur, wo die
+Erdenbewohner selbst dergleichen üben können! Wir haben zudem all' die
+Kirchen und die vielen Prediger--"
+
+Imgjor zog die Schultern.
+
+"Liegt nicht eigentlich eine Vermessenheit darin, fortwährend andere
+belehren zu wollen, Imgjor?" fuhr er fort. "Wär's nicht besser, jeder
+verwendete seine Zeit auf sich? Jeder hat's dringend nötig! Ich
+wiederhole früher Gesagtes."
+
+"Ja, darin liegt etwas! Ueberhaupt haben Sie wohl von ihrem Standpunkt
+aus auch recht. Ich kann aber nicht anders, als nach meiner Natur
+handeln. Ist's nicht schon viel wert, wenn es mir gelingt, einige
+Mißgeleitete umzuwandeln?"
+
+"Das ist--pardon!--die stete Rede aller derer, die es für erforderlich
+halten, die Menschen fortwährend auf Tod und Sterben und Buße
+hinzuweisen, anstatt sie das Leben lieben zu lehren, sie zur
+Lebensfreudigkeit anzuhalten, ihnen ein heiteres, sorgloses Gemüt zu
+verschaffen, sie dadurch zu stählen, dem Dasein zu begegnen, so dem
+Schöpfer wohlgefällig zu sein. Nichts Widersinnigeres als das
+Asketentum, nichts, was Gottes Absichten weniger entspricht! Er schuf
+die Sonne und die Helle zum Gedeihen der Welt, uns zur Freude und zum
+fröhlichen Genießen. Und wir? Wir verwandeln seine schöne Erde in ein
+Jammerthal, durch das wir gezwungen hindurchgehen müssen, in einen
+Kerker, in dem wir lebenslänglich zu schmachten verurteilt sind. Wie
+kleinlich machen wir den großen Geist. Wie sehr beweisen wir durch
+unsere Auffassung von der Gottheit, wie wenig wir jemals über sie
+nachgedacht, geschweige ihr innerstes, jedes Geschöpf mit grenzenloser
+Liebe, Güte und Nachsicht umfassendes Wesen ergründet haben. Verdammen
+wir nicht den Lehrer, der immer nur danach ausschaut, ob die Kinder
+fehlen, ihnen ihre Bewegungen beschneidet, sie stetig in solche Fesseln
+spannt, die der Natur des freigeborenen Geschöpfes widerstreben; der
+fortwährend mit Strafen und Vergeltung droht, der ihnen immer nur
+zuruft: "Bedenket, daß der Zeugnistag erscheint!" Und so fort und so
+fort bis zum Abgang? Und nun behängen wir gar das erhabene Wesen mit
+solchen Eigenschaften! Wahrlich, man weiß nicht, ob man über solche
+Verblendung weinen, oder ob man sich gegen solche Anmaßung der Auslegung
+des göttlichen Wesens empören soll!"
+
+"Sie sprechen--" entgegnete Imgjor voll Begeisterung, "für eine
+Neugestaltung unserer religiösen Anschauungen. Der geistig höher
+Stehende gelangt, und sicher mit Recht, zu solchen. Wir haben es aber
+mit der breiten Masse zu thun, die an dem Alten hängt und für welche die
+Lehre von Himmel und Verdammnis geeigneter ist. Was ich vorhabe, ist ja
+auch etwas anderes. Ich will reden über die Gleichberechtigung der
+Menschen zum Zweck eines glücklicheren Erdenlebens, über die Mittel, das
+Los der Armen zu verbessern, über die Pflicht der Großen, dazu nach
+Kräften beizutragen! Ich will praktische Religion predigen!"
+
+"Ich möchte, daß du diesen öffentlichen Vortrag nicht hieltest, ja, ich
+wünsche unter allen Umständen, daß es unterbleibt, Imgjor!" fiel nun der
+Graf ein. Er that's, nachdem eben die Dienerschaft das Zimmer verlassen
+hatte.
+
+"Der König sprach mich in diesen Tagen darauf an, daß du dergleichen
+vorhabest. Er forderte von meiner Loyalität, daß ich es dir verbieten
+möge."
+
+"Deine Loyalität sollte dich eher bestimmen, mir beizupflichten, lieber
+Papa!" fiel Imgjor ein. "Ich predige nicht den Umsturz; ich will nur auf
+Grund des Bestehenden reformieren. Und je eher und besser uns das
+gelingt, um so sicherer werden sich gerechte Fürsten ihr angestammtes
+Erbteil bewahren."
+
+"Wir wollen uns gegenseitig keine Kathedervorträge halten, Imgjor. Du
+kennst meine Ansichten und in diesem speziellen Falle jetzt meinen
+unbedingten Willen. Da ich dir in so vielem nachgab, darf ich wohl auch
+auf einen Gegendienst rechnen. Ich erwarte, daß du noch heute die
+Schritte unternimmst, deinen Vortrag rückgängig zu machen. Ich werde
+dagegen dafür sorgen, daß die Zeitungen eine berichtigende Notiz
+bringen."
+
+"Das kann nicht sein," erklärte Imgjor. "Sage dem König, daß ich fürder
+nicht mehr öffentlich sprechen will. Diese Abrede aber vermag ich nicht
+mehr rückgängig zu machen--unmöglich!"
+
+"Was heißt: kann--unmöglich, wenn ich es erbitte, wenn ich es wünsche,
+wenn ich es will?" rief der Graf, dem, wie so oft, jählings die Geduld
+riß. Er sprang empor und schlug mit einer Heftigkeit auf den Tisch, daß
+die Gläser zitterten. "Welch' grenzenloser Egoismus, immer nur das Ich
+sprechen zu lassen, niemals sich erinnern zu wollen, daß es Dankgefühle,
+daß es Familienrücksichten giebt! Hast du noch nicht genug? Willst du
+abermals Scenen, wie die im Rosenborger Park, sich wiederholen lassen,
+deren noch böseres Ende nur ein gnädiger Zufall verhinderte? Findest du
+gar Lust daran, dich solchen dich entwürdigenden Dingen auszusetzen, da
+du dich nun abermals öffentlich, wie eine Harfenspielerin, dem
+allgemeinen Anglotzen preisgeben willst? Wahrlich, es scheint fast so!
+Eitelkeit, Eitelkeit bisher! Und nun gar die Sucht nach Beifall auf
+Kosten der weiblichen Würde!"
+
+"O, halt! Halt!" rief das in ihrem Innern tief betroffene junge
+Geschöpf. Sie flog, ihre Gestalt straff emporreckend, vom Stuhl und
+richtete herausfordernde Blicke auf den Grafen. "Daß du das
+sagst--mir--"
+
+Aber wie einst, schnitt er ihr die Worte ab, sprang auf sie zu, packte
+ihre Handgelenke und rief, während ihm ein heißsprühender Atem aus der
+Brust quoll: "Ja, das sage ich dir, ich, der Graf Lavard! Willst du dich
+meinem Willen nun fügen? Willst du erklären, daß du von dem Vortrage
+abstehst? Noch einmal nein, oder--"
+
+Aber jetzt hielt es auch Curbière, der bisher bleichen Angesichts
+dagesessen und nur durch seine Mienen an den Tag gelegt hatte, was er
+bei dieser Scene empfand, nicht länger. Blitzschnell war er an beider
+Seite, richtete einen bittenden Blick auf den Grafen und suchte ihm
+Imgjor mit sanfter Bewegung zu entreißen.
+
+Aber auf den bis zur Raserei entflammten Mann übte dieses kavaliermäßige
+Dazwischentreten gerade den entgegengesetzten Eindruck.
+
+"In meine häuslichen Angelegenheiten erbitte ich keine Einmischungen!
+Ich muß aufs dringendste bitten!" stieß er in einem schroff
+entschiedenen Tone heraus, schob auch die Gräfin, die zu vermitteln
+suchte, kurz und rauh zur Seite und faßte Imgjors Handgelenke nur noch
+fester.
+
+Aber nun wußte Imgjor selbst das Schauspiel zu beenden. Indem sie sich
+mit einer plötzlichen Bewegung befreite, sodann an die Thür eilte und
+hier, um sich einen ungefährdeten Abgang zu sichern, mit der Linken die
+Klinke faßte, sagte sie:
+
+"Ich kann nicht, Papa! Ich kann nicht, weil ich nicht alleiniger Herr
+meiner Handlungen bin, weil ich mein Wort gab. Aber ich will mich in
+anderer Weise dir fügen. Ich verzichte von heute an auf alle Rechte, wie
+immer sie heißen mögen, auf die Rechte, deinen Namen zu tragen und auf
+materielle! Ich werde mich fortan nennen, wie mein Vater hieß. So wirst
+du befreit von der, die dir doch nur Schande macht, so streifst du die
+Verantwortung für ihre Handlungen von dir ab. Verzeih' mir! Ich bitte
+dich flehentlich! Nie werde ich vergessen, was du, was ihr alle Gutes an
+mir gethan! Aber ich kann nicht anders. Jeder hat seine Eigenart und
+besitzt ein Recht darauf. Auch ich muß meiner Natur folgen--Adieu!
+Adieu! Nochmals Adieu! Vergebt mir!"
+
+Nach diesen Worten verließ sie mit einem entschlossenen Blick das
+Gemach.
+
+ * * * * *
+
+In einem Hinterzimmer des Wirtshauses in der Nähe des Tivoli saß an
+demselben Abend der Wanderprediger Kollund mit Imgjor Lavard. Sie hatte
+ihm geschrieben, daß sie ihn sprechen wolle, und er hatte geantwortet,
+daß er sich am Abend, nach einem Vortrage in der Umgegend, zu ihrer
+Verfügung halte.
+
+Nun eben hatte er den Kellner gerufen und Speisen und Getränk gefordert,
+während sie, nach ihren Wünschen befragt, ihn nur eine Flasche
+Selterwasser zu bringen ersuchte.
+
+Sie besaß weder Hunger noch Durst. Ihr verlangte lediglich nach
+Aussprache, nach Förderung ihrer während des Tages zu immer stärkerer
+Reise gelangten Pläne. Sie wollte, wie er, das Land durchziehen, aber
+sie wollte sich nicht mit Vorträgen begnügen, sondern mit allen Mitteln
+dahin wirken, daß in jeder Stadt, in jedem Flecken und jedem Dorfe ein
+Wohlfahrtsverein begründet werde.
+
+Diese sollten sich als Aufgabe stellen, eben das ins Leben zu rufen, was
+sie einst mit Prestö geplant hatte.
+
+Da sie sich nun der Fesseln entledigt, da sie keine Rücksichten auf ihre
+Familie mehr zu nehmen hatte, wollte sie wieder die größeren Ideen zu
+verwirklichen suchen.
+
+Vielleicht würde Kollund ihr Partner werden, vielleicht fand sie bei
+diesem, von den reinsten Absichten erfüllten Volksfreunde eine
+Unterstützung ihrer selbstlosen Bestrebungen.
+
+Er hörte ihr auch, ohne sie zu unterbrechen, zu. Seine Augen hingen an
+den ihrigen, als ob ihn eine Verzauberung ergriffen habe. Seine mageren
+Hände griffen immer wieder nach der Flasche. Oft holte er tief Atem. So
+beschwert schien er, daß sie einigemale besorgt fragte, ob ihn etwas
+schmerze.
+
+"Nein, nein, nichts, gnädige Komtesse. Ich bitte, fahren Sie fort!"
+
+Bisweilen schien's auch während des Zuhörens, als ob er in eine Art
+Verzückung geriete, als ob er sich durch ihre Rede so in die Welt der
+Wirklichkeit hineinversetzt habe, daß ihm schon alles Thatsache geworden
+sei.
+
+Und das Ende war, daß er ihr begeistert zustimmte, sich bereit erklärte,
+fortan mit ihr gemeinsam die Lande durchziehen und ihre von ihm
+gutgeheißenen Pläne ins Werk setzen zu wollen.
+
+"Sehen Sie, Komtesse! Mir fehlten ja nur die Mittel, die Sie besitzen!
+Ich mußte mich auf meine Ansprachen beschränken. Von dem Entree, das ich
+erziele, soll ich leben und muß ich meine Reisen bestreiten. Sie haben
+die vollen Kassen. Sie können sogar noch austeilen. Unter solchen
+Voraussetzungen und Eindrücken strömen die Menschen herbei. Da rechnet
+es sich auch die bessere Gesellschaft zur Ehre an, zu erscheinen. Ihr
+Name, Ihre Stellung und Ihr Reichtum ziehen. Denn Sie müssen es wissen,
+schließlich kommt's ja doch bei fast allen nur auf zweierlei an, auf
+Befriedigung der Eitelkeit und auf Erreichung von Vorteilen. Von der
+Sache selbst Durchdrungene giebt's kaum ein Dutzend auf eine Million!"
+
+"Wie? Das sagen Sie, Herr Kollund?" stieß Imgjor in starker Enttäuschung
+heraus. "Ach! Das drückt mich tief herab. Und lassen Sie mich es Ihnen
+gleich sagen, daß Sie sich irren, wenn Sie meinen, ich sei noch reich,
+ich könne irgend etwas austeilen. Ich besitze nichts, da ich mich mit
+meiner Familie völlig überworfen habe! Wenn ich meinen Schmuck
+verkaufe--das meiste gab ich schon hin--bleibt mir höchstens die
+Möglichkeit, noch einige Zeit zu leben!"
+
+Schon bei den ersten Worten Imgjors war in die Züge des Mannes ein
+Ausdruck von Mattigkeit getreten. Beim Schluß ihrer Erklärungen hielt er
+schon gar nicht mehr mit seinen veränderten Gedanken und Anschauungen
+zurück, zog die Lippen und schüttelte das Haupt.
+
+"Wenn die Dinge so stehen, Komtesse, ist--ist--garnichts zu machen! Ich
+ging natürlich von ganz anderen Voraussetzungen aus. Bei solcher
+Sachlage kann ich Ihnen nicht die geringsten Erfolge Ihrer Vorhaben
+versprechen. Wir würden uns nur gegenseitig im Wege stehen. Jetzt vermag
+ich allein zu existieren; in der Folge würden wir nicht das tägliche
+Brot haben. Ist denn wirklich alles dahin? Ist keine Aussicht, daß Sie
+sich mit Ihrer Familie wieder einigen?"
+
+"Nein," erwiderte Imgjor kalt, mit einem solchen eisigen Ausdruck, daß
+der Mann, der sich schon allen möglichen Träumen von Liebesglück und
+Erdenschätzen hingegeben hatte, nunmehr einer völligen Ernüchterung
+erlag.
+
+Im Nu verschwand der bestrickende Zauber, den Imgjor auf ihn ausgeübt
+hatte.
+
+Aber auch Imgjor erlitt entsetzliche Qualen der Enttäuschung, doppelte,
+da sie sich nicht nur in ihren Hoffnungen auf diesen Mann als Mithelfer
+ihrer großen Pläne getäuscht fand, sondern auch durch ihn so
+rücksichtslos belehrt worden war, wie nutzlos alles Mühen ohne
+materielle Mittel sein werde. Sie hatte sich dem unbestimmten Gefühl
+hingegeben, daß dieser edle Enthusiast die Herbeischaffung solcher
+freudig auf seine Schultern nehmen, daß er dazu auch leicht imstande
+sein werde. Sie, die immer aus dem Vollen geschöpft, die stets die Hand
+hatte aufthun können, hatte sich trotz des täglichen Einblicks in die
+Lebensnot der Menschheit auch in dieser Richtung eine Illusionswelt
+aufgebaut.
+
+Und abermals hatte sie ebenso vorschnell, wie unweise gehandelt! Anstatt
+vorher zu prüfen, die Folgen ihres Vorhabens zu überlegen, hatte sie
+ihre Erwartungen ohne weiteres zu Thatsachen erhoben und war nun gleich
+bei den ersten Schritten, die sie unternommen, bis zum Fallen
+gestolpert.
+
+Jetzt stand sie--in furchtbarer Klarheit kam's über sie--wirklich dem
+"Nichts" gegenüber. Und sie hatte sich, wenn sie ehrlich überlegte,
+während ihrer nun fast zwei und einhalbjährigen Thätigkeit draußen in
+der Welt kaum einen Freund, sondern nur Feindschaft erworben.
+
+Die Freunde, die einzigen, die sie vorher besessen, hatte sie eben in
+ihrem stolzen Uebereifer von sich gestoßen. Ihren Widersachern wollte
+sie sich offenen Auges zugesellen und abermals mit schweren Kränkungen
+und schnödem Undank verbundene Lasten übernehmen. War darin ein Sinn?
+Hatte sie noch nicht Erfahrungen genug gesammelt? War's noch nicht
+genügend erwiesen, daß ihre Umgebung in allem Recht gehabt?
+
+Und eben aus diesen gegen sich selbst gerichteten Ueberlegungen entstand
+jählings eine um so größere Abneigung gegen denselben Mann, dem sie noch
+beim Beginn des Gespräches gleichkam ihr ganzes Ich hatte verschreiben
+wollen, den sie als den plötzlich ihr erstandenen Erlöser betrachtet
+hatte. Sie konnte es nicht erwarten, die Beziehungen zu ihm abzubrechen,
+auch ihm die Erklärung zu geben, daß sie keinen öffentlichen Vortrag
+halten wolle.
+
+Sie nahm deshalb kurz und schroff das Wort und sagte:
+
+"Unser Gespräch hat mich belehrt, daß wir nicht, wie ich hoffte und
+glaubte, zu einander passen, Herr Kollund. Ich bin infolgedessen auch zu
+dem Entschluß gelangt, übermorgen nicht zu sprechen. Ich bitte also, die
+Ankündigung zurückzuziehen. Ich muß es definitiv ablehnen, öffentlich
+aufzutreten!"
+
+Der Mann nickte beipflichtend, ohne sich im geringsten zu ereifern.
+
+"Ich würde," hub er mit unangenehm wirkender Ruhe an, "dann nur um den
+Ersatz der Kosten bitten, Geldmittel für die Inserate in den Zeitungen,
+für das Lokal, für die Personen, die ich zu bezahlen habe, und für die
+Ausfälle an Einnahmen."
+
+"Welche Personen, welche Ausfälle an Einnahmen? Ich bitte!"
+
+"Nun, die Stimmung machen, die mit einem Teller zum Sammeln herumgehen
+sollten."
+
+"Stimmung machen, sammeln? Für was und für wen?"
+
+"Wie Sie fragen, Gnädige! In solchen Versammlungen braucht man eine
+Claque, und die muß man bezahlen. Die Sammlung wird für meine
+Bedürfnisse aufgebracht--Ich soll doch leben--ich soll doch etwas
+zurücklegen--"
+
+"Gewiß, ersteres sicher! Und Sie lassen das erklären, oder Sie sagen es
+selbst?"
+
+Der Mann schüttelte den Kopf.
+
+"Nein! Das geht nicht. Dann kommt fast nichts ein! Die Beträge müssen
+als Agitationsausgaben für die große Sache bezeichnet werden."
+
+"Glaubt man Ihnen denn das? Fragt man nicht, wer das Geld verwaltet, wo
+es bleibt?"
+
+"Nein. Ich bin der Verfechter der großen Idee. So ist auch am besten
+angelegt."
+
+"Hm--hm--aber das ist doch alles nicht ehrlich, Herr Kollund, das heißt
+doch nur an sich denken."
+
+"Vielleicht! Aber es geht nicht anders, meine Gnädigste. Mit
+Sentimentalitäten kann man das Leben nicht anpacken. Man muß, um
+durchzuringen, zu den Grundsätzen der Heiligung der Mittel greifen."
+
+"O nein, nein! Nie würde ich dazu meine Hand bieten. Verwerflich finde
+ich solches Ausnützen des Vertrauens, schwindlerisch eine solche
+Vertuschung der Wahrheit!"
+
+"Sie sind eben noch sehr jung, meine Gnädigste! Sie meinen, daß sich
+hier die Welt anders bewähren soll, als sonst allezeit. Und deshalb
+erwarten Sie es, weil Ihre Absichten lauter sind, weil der Gegenstand
+Ihnen groß und erhaben däucht. Ach, wie bald, wie gründlich werden Sie
+belehrt werden! Die Kreatur bleibt sich in allen Lebensverhältnissen
+gleich. Hier, hier erst recht muß man sehr klug sein und klug handeln,
+um die Zwecke, die man im Auge hat, zu erreichen."
+
+"Nun, so mag es sein! Ich will Ihnen nicht widersprechen," stieß Imgjor,
+ihre Empörung nur schwer dämpfend, heraus, "aber ich will jedenfalls
+meinen Geldbeutel dazu nicht öffnen! Ich gebe das, was das Lokal und die
+Annoncen kosten, ich gebe Ihnen eine Entschädigung dafür, daß Sie Ihre
+Zeit mir nutzlos geopfert haben. Sie mögen dann verfahren, wie Sie es zu
+verantworten vermögen. Ich will kein Hehler dieses Verrats und dieser
+Unehre sein!"
+
+"Ich sehe Ihnen Ihre Worte nach, Komtesse, weil ich Ihrer Unerfahrenheit
+Rechnung trage, und wünsche nun auch meinerseits diesen Teil des
+Gespräches zu beendigen. Ich bitte nun nur fragen zu dürfen, wann ich
+mir den Betrag holen darf?"
+
+"Wieviel verlangen Sie?"
+
+"Mit fünfhundert Kronen denke ich zu reichen--"
+
+"Fünfhundert Kronen? Unmöglich! Ich habe kaum so viel, wenn ich mein
+Eigentum veräußere!"
+
+"So geben Sie vierhundert. Ich will mich einzurichten, denen, die zu
+fordern haben, abzudingen suchen. Diese Summe muß ich aber bereits
+morgen Mittag von Ihrer Güte erbitten, wenn nicht für Sie sehr
+unliebsame Zeitungserörterungen die Folge dein sollen. Diese würden auch
+Ihrer Familie wohl wenig angenehm sein!"
+
+"Gut!" hauchte Imgjor, die weißen Zähne zusammenbeißend. "Sie sollen das
+Geld um zwölf Uhr bei mir finden. Aber schicken Sie darnach. Mit Ihnen
+möchte ich nicht ferner verhandeln--"
+
+Nach diesen Worten reckte sie sich rasch empor, warf eine halbe Krone
+für den Kellner auf den Tisch, griff nach Hut und Umhang und war schon
+mit äußerst gemessener Kopfneigung verschwunden, ehe der Mann auch nur
+Zeit hatte, ihr beim Anziehen des Mantels behilflich zu sein.--
+
+ * * * * *
+
+Nachdem Imgjor ihre Wohnung betreten hatte, schritt sie mit einer
+gewissen Hast an den Briefkasten. Sie erwartete, einen Brief von ihrer
+Pflegemutter oder von Lucile zu finden. Sie hoffte es, während sie noch
+bei ihrem Fortgange überlegt hatte, wie sie sich den Versuchen der
+Ihrigen, ihren Sinn umzustimmen, zu entziehen vermögen werde.
+
+Sie fand auch ein Schreiben und zwei Karten, aber sie waren nicht von
+den Lavards geschrieben.
+
+Die eine Karte war von dem Marquis de Curbière, die andere von dem
+Hospitalarzt Doktor Kropp. Das Schreiben aber trug die ihr bekannte
+Handschrift des Direktors des Krankenhauses, Doktor Stede, der seinem
+lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gab, daß Imgjor nicht mehr in das
+Hospital zurückkehren wolle. Er teilte ihr überdies mit, daß Doktor
+Kropp von dort ebenfalls seinen Abschied genommen und sie besuchen
+werde, um ihr eine Bitte vorzutragen.
+
+Einen Augenblick vertiefte sich Imgjor nach Lesen dieser Zeilen in ein
+stilles Nachdenken, dann griff sie nochmals nach den beiden Karten.
+
+Und da fand sie beim Umwenden auf der Rückseite der vom Doktor Kropp
+abgelegten die mit Bleistift geschriebenen Worte:
+
+"Bitte, Ihnen morgen vormittag gegen zwölf Uhr wieder aufwarten zu
+dürfen--" und auf derjenigen des Marquis de Curbière die Notiz:
+
+"Bedaure außerordentlich, Sie nicht getroffen zu haben! Wann darf ich
+Sie sprechen?"
+
+Da in diesem Augenblick das neue, von Imgjor statt der diebischen Dirne
+angenommene Mädchen, das Stiefkind der Witwe Holm, Gebine Holm, ins
+Zimmer trat, und nach ihren Befehlen fragte, wurden Imgjors Gedanken von
+ihren eigenen Angelegenheiten abgelenkt.
+
+Sie hatte dem Kinde versprochen, für sein Fortkommen zu sorgen, und
+besaß nun selbst nichts!
+
+Das beschäftigte Imgjor so sehr, daß sie erst Ruhe fand, als sie sich
+vorstellte, sie könne das junge Ding in Rankholm unterbringen.
+
+Und dadurch wieder in ihren Vorstellungen gehoben, richtete sie einige
+bisher verschobene Fragen an Gebine.
+
+"War jemand da, während ich fort war, Kind?" warf sie hin.
+
+"Ja, gnädige Komtesse! Ein Mann wollte Sie sprechen--"
+
+"Ein Mann oder ein Herr?--Wie sah er aus?"
+
+"Es war--glaube ich--ein Matrose.--Ich fürchtete mich--"
+
+Imgjor schrak heftig zusammen. Sie dachte an den Ueberfall, und
+unwillkürlich brachte sie den Besuch mit diesem Geschehnis in
+Verbindung. Als Imgjor in jener Nacht endlich die Kraft gewonnen, zu
+schreien, waren zwei zufällig nicht weit vom Parkeingang befindliche
+Nachtwächter herbeigeeilt und hatten den Strolch verscheucht. Er hatte
+ihr aber noch zugerufen, daß er sie von neuem zu treffen wissen werde.
+
+"Wie sah er denn aus, Gebine? War's ein großer, starker dunkler Mann?"
+forschte Imgjor stark erregt.
+
+Gebine nickte.
+
+"Ja! Er hatte ein rotes Tuch um den Hals."
+
+Imgjor fuhr zusammen. So war's also derselbe! Ein rotbraunes Tuch hatte
+jener in der Nacht getragen.
+
+"Und was sagtest du, Gebine?"
+
+"Ich sagte, Komtesse wären verreist. Sie kämen heut' Abend mit einem
+Herrn zurück, mit einem Rittmeister."
+
+"Weshalb sagtest du das? Wie kamst du darauf?" Imgjor sprach's
+verwundert.
+
+Das Kind richtete einen ängstlichen Blick auf ihre Gebieterin. Sie
+antwortete nicht.
+
+"Nun? Sprich! Weshalb sprachst du von einem Rittmeister?"
+
+"Ja--ich--hatte so schreckliche Angst--Er guckte mich so sonderbar
+an--und da, da dachte ich, wenn ich das sagte, dann würde er nicht
+wiederkommen, würde er Komtesse nicht belästigen."
+
+Imgjor sagte zunächst nichts. Sie überlegte, ob sie Gebine schelten oder
+ihr für ihre Fürsorge ein Lob spenden sollte. Jedenfalls hatte sie es
+gut gemeint, hatte sie sehr fürsorglich gehandelt.
+
+Endlich glaubte sie, das Rechte gefunden zu haben. Sie sprach: "In
+diesem Fall war deine Unwahrheit nützlich, Gebine. In der Not mag eine
+solche einmal erlaubt sein. Sonst aber mußt du dich strengster Wahrheit
+befleißigen. Nichts ist so verabscheuenswert wie die Lüge! Aus ihr
+entspringen alle anderen Laster.--Und noch eine Frage: Was äußerte der
+Mann, als du dies sagtest?"
+
+"Er fragte, wie lange der Rittmeister bliebe, und wer er wäre."
+
+"Und du? du? Was--entgegnetest du, Gebine?"
+
+"Ich sagte--ich sagte--daß es Ihr Bräutigam wäre--"
+
+"Aber das war ja abermals eine Lüge!" stieß Imgjor nun zornig heraus.
+
+"Was sind das alles für Erfindungen--für Phantasien!--Ich bin außer mir,
+Gebine! Das macht mich sehr betrübt. Hast du mich auch schon belogen?
+Oft?--Heraus mit der Sprache! Du sagtest gestern, ich hätte dir nur eine
+halbe Krone gegeben, als du vom Krämer wiederkamst. Ich hätte mich
+geirrt. Sprich! Und ich warne dich, etwas anderes zu sagen, als die
+Wahrheit! War's doch eine ganze Krone? Hast du die andere Hälfte in die
+Tasche gesteckt?"
+
+"O nein--nein--ganz gewiß nicht, Komtesse! Ich habe der Komtesse immer
+nur die Wahrheit gesagt.--Der Kaufmann schickte mich gleich wieder weg.
+Ich hatte das Geld in Papier gewickelt--ich hatte es gar nicht
+nachgesehen--"
+
+"Kann ich dir glauben, Gebine? Sieh', Kind, wenn du mich betrogen
+hast--ich werde mich erkundigen--mußt du gleich zu deiner Stiefmutter
+zurück. Und wenn du es später thust, ziehe ich meine Hand unwiderruflich
+wieder von dir zurück."
+
+Und zurücksinkend, weil von all den Eindrücken überwältigt, flüsterte
+Imgjor: "O welche Einblicke in das Innere der Menschen,--täglich,
+stündlich! Wo sind die wahrhaft Reinen, Guten?" Und dann rief sie das
+Kind heran und sprach:
+
+"Gewiß, ein Beispiel, wie du es im Hause hattest, Gebine, macht schlecht
+und entschuldigt dich eher! Aber da dir das Unterscheidungsvermögen noch
+nicht abhanden gekommen ist, so sage ich dir und wisse und glaube es:
+Nur aus dem Guten vermag Gutes zu ersprießen! Eine Weile mag's gehen,
+aber es kommt die Zeit, wo du dafür schwer büßen mußt, wo dich tiefe
+Reue ergreift, wo du alles hergeben möchtest, um Geschehenes ungeschehen
+zu machen! So--und nun gehe zu Bett! Weine nicht mehr! Nein, nein, ich
+bin dir nicht böse."
+
+Und Gebine ging. Imgjor Lavards Gedanken aber wanderten, während sie
+noch dasaß, nach Rankholm, und ihr war's abermals jetzt, als ob dort ein
+Eden, ein unvergleichliches Paradies sei--in der großen Welt aber--eine
+Hölle--
+
+ * * * * *
+
+Am kommenden Tage verließ Imgjor schon ihre Wohnung und ging ihren
+Obliegenheiten nach.
+
+Sie besuchte einige Kranke und Rekonvalescenten, sprach in dem Hause
+einer Witwe vor, die eine gelähmte Tochter besaß, welche auf Imgjors
+Kosten in ein deutsches Kurbad gesandt worden war, empfing Nachrichten
+über diese, die sie erfreuten, nahm auch die Dankworte der stotternden
+Frau entgegen und machte sich sodann nach ihrem Bankgeschäft auf den
+Weg, um daselbst die für Kollund erforderliche Summe zu holen.
+
+Sie hatte augenblicklich dort nicht einmal ein Guthaben mehr, aber sie
+wußte, daß man ihr eine nicht zu groß bemessene Summe auch ohne ein
+solches aushändigen werde.
+
+Auf dem Wege dorthin erblickte sie--und das Herz wollte ihr stille
+stehen--jenen Menschen, welcher sie in der mehrerwähnten Nacht
+überfallen hatte. Er wandte sich von einem Buchladen, vor dessen
+Schaufenster er gestanden, gerade wieder der Gasse zu, und nur durch
+einen Zufall wurde verhindert, daß er Imgjor gewahrte. Seine
+Aufmerksamkeit ward durch eine Equipage, deren Pferde scheu geworden,
+abgelenkt.
+
+Diesen Zufall benutzte Imgjor, sich seinen Blicken zu entziehen.
+
+Sie schlüpfte rasch in ein offenstehendes Tabakgeschäft, trat gleich zu
+einem tiefer im Fond befindlichen Kommis und wollte eben ein Pfund Tabak
+für den alten Ohlsen, den Mann der Blinden, einhandeln, als nun auch
+zufällig Doktor Kropp den Laden betrat.
+
+Sehr überrascht, aber mit gewohnter Ehrerbietung sprach er auf Imgjor
+ein, und als sie beide den Handel erledigt hatten, bat er um die
+Erlaubnis, sich ihr anschließen zu dürfen.
+
+Und Imgjor nickte bereitwillig, schritt mit ihm bis zur Landmannsbank,
+woselbst er auf sie wartete, und legte alsdann in seiner Begleitung den
+Weg nach ihrer Wohnung zurück.
+
+Immer drehte sich das Gespräch um die Vorgänge im Hospital, und Doktor
+Kropp berichtete über die Gründe seines Rücktritts, die wesentlich auch
+die ihrigen gewesen.
+
+Zuletzt gelangte er--eben hatten sie die Ecke der Gotersgade erreicht
+und wandten sich in stillschweigender Uebereinstimmung dem botanischen
+Garten zu--auf seine eigenen, von Stede bereits berührten
+Angelegenheiten.
+
+"Ich möchte," hub er an und richtete einen etwas verlegenen Blick aus
+den schwarzen Augen seines dunkelgefärbten, schmalen und etwas mageren
+Gesichtes auf Imgjor, "mich bei Ihnen erkundigen, ob wohl in der
+Grafschaft Ihres Herrn Vaters eine Landpraxis frei sein würde. Ich sehne
+mich aus dem hiesigen Wirrwar heraus, und ich komme darauf, weil mir vor
+Jahren ein früherer Universitätsbekannter, ein Herr Doktor Prestö,
+mitteilte, daß eine solche in dem von ihm zu verlassenen Dorfe
+Kneedeholm zu haben sein werde.
+
+Wahrscheinlich hat sich inzwischen längst dort wieder ein Arzt
+niedergelassen, aber ich wollte mich doch vergewissern und im Fall um
+Ihre gütige Unterstützung bitten, Komtesse!"
+
+"Die würde Ihnen auch, soweit meine Kräfte reichen, sehr gern zu
+Diensten stehen, Herr Doktor. Aber wir haben, wie sie richtig vermuten,
+in Kneedeholm einen Arzt, und für zwei reicht die Praxis nicht aus.
+
+Wohl aber weiß ich, daß der schon bejahrte Physikus in der nahe
+gelegenen Stadt Oerebye der Thätigkeit müde ist und sich gern mit einem
+Nachfolger einigen würde. Vielleicht wäre das etwas für Sie?"
+
+"Gewiß und um so besser! Ich danke Ihnen verbindlichst, Komtesse! Dürfte
+ich nach dieser Richtung auf Ihren gütigen Beistand rechnen? Würde mich
+vielleicht Ihr Herr Vater--auf Ihre Empfehlungen gestützt--mit einer
+solchen an den Physikus zu versehen die Liebenswürdigkeit haben?"
+
+Imgjors Züge veränderten sich. Sie überlegte, ob sie Kropp von den
+inzwischen eingetretenen Vorfällen in ihrer Familie Mitteilung machen
+solle.
+
+Sie schwankte aber schon deshalb, weil sie sich vor einer abermaligen
+Enttäuschung fürchtete.
+
+Die furchtbaren Erfahrungen der letzten Zeit hatten ihr Mißtrauen gegen
+jedermann eingeflößt.
+
+Sie hielt es nicht für unmöglich, daß auch Kropp seine Haltung ändern
+werde, wenn sie ihm erklärte, daß sie plötzlich ein armes, des Ansehens,
+ihres vornehmen Namens und Reichtums beraubtes Wesen sei.
+
+Aber weil doch wieder ein trotziges Verlangen in ihr saß, mit allem
+aufzuräumen, zu wissen, was Weizen und was Spreu sei, entschloß sie sich
+schließlich gerade zu einer rückhaltslosen Eröffnung.
+
+"Meine eigene Empfehlung steht Ihnen jederzeit zur Verfügung, Herr
+Doktor," begann sie. "Eine solche von meinem Vater vermag ich Ihnen aber
+leider nicht zu verschaffen. Ich bin gänzlich mit ihm auseinander. Ich
+lege sogar meinen Namen ab und werde fortan einen anderen tragen. Noch
+einige Wochen, und ich gehe für immer von hier fort! Wohin, weiß ich
+noch nicht. Es wird sich ein Ort finden, wo ich mir mein Brot werde
+verdienen können."
+
+"Wie? In der That?" stieß Kropp in höchster Ueberraschung, aber zugleich
+mit einem Ausdruck heraus, der bewies, daß sich etwas anderes, daß sich
+eine glückselige Hoffnung in ihm regte.
+
+"Ich bitte, ich bitte, schenken Sie mir Ihr Vertrauen! Erzählen Sie mir,
+wie das alles gekommen ist!" drängte er, während sie sich auf einer vor
+dem kleinen See befindlichen Bank niederließen.
+
+Ehrliches Mitgefühl erfüllte ihn, Sorge und Teilnahme ließen ihn
+sprechen.
+
+Und Imgjor wollte ihm auch Antwort erteilen, aber da es in diesem
+Augenblick bereits zwölf vom Kirchturm schlug, wurde sie daran erinnert,
+daß sie um diese Zeit Kollund das Geld einzuhändigen habe. Sie erhob
+sich deshalb sogleich wieder und gab Kropp die Erklärung, daß sie fort
+müsse, daß ihr jetzt die Zeit fehle. Auch am Nachmittag vermöge sie ihn,
+wegen ihrer Verpflichtungen gegen eine erblindete Frau, nicht zu
+empfangen, aber später am Abend, in ihrer Wohnung, wollte sie ihm gern
+alles mitteilen.
+
+Bei den letzten Worten kamen ihr zwar Bedenken.
+
+Ihr fiel unruhvoll auf die Seele, daß Kropps Besuch bei ihr falsch
+ausgelegt werden könnte, daß sich daraus neue Anschuldigungen entwickeln
+könnten, denen sie unter allen Umständen vorbeugen wollte.
+
+Und als sich dann, während sie dahin schritten, weitere Erörterungen
+entwickelten, als Kropp erfuhr, welche Bewandtnis es mit Kollund und mit
+der Blinden habe, als sich herausstellte, daß Imgjor lediglich aus
+Mitleid der Alten die Wohnung täglich reinige und ihr vorlese, stand er
+plötzlich still und richtete einen bewundernden Blick auf das junge
+Mädchen an seiner Seite.
+
+"Ah, welch' ein edles, selbstloses Wesen sind Sie, Komtesse! Wahrlich,
+man sucht Ihresgleichen vergebens! Aber wie vertrauensvoll sind Sie auch
+noch! Nicht einen Oer dürfen Sie dem Betrüger Kollund geben. Es ist ja
+alles erlogen! Die Umstände benutzt er, um Ihnen Geld aus der Tasche zu
+locken. Ich bitte Sie dringend, geben Sie mir die Sache in die Hand. Ich
+werde dem Schwindler seinen Standpunkt klar machen, ich werde ihn
+veranlagen, auf jeden Schilling zu verzichten! Für bessere Zwecke, für
+nützlichere, für sich selbst, teure, verehrte Komtesse, bewahren Sie Ihr
+Geld! Nun, was meinen Sie? Darf ich Ihr Anwalt sein?"
+
+"Ich gab mein Wort, Herr Doktor! Selbst wenn Sie Recht haben--es ist
+vielleicht möglich--darf, kann ich es doch nicht brechen."
+
+"Gewiß! Sie sind sogar dazu verpflichtet, solchen Schwindlern nicht noch
+die Wege zu ebnen! Wollen Sie glauben, daß derselbe Mensch sich mir
+verkauft, wenn ich ihm heute im Auftrage eines Konsortiums den Antrag
+Stelle, an anderen Orten Dänemarks Vorträge im entgegengesetzten Sinn zu
+halten? Natürlich! Gold muß die Lockspeife sein!"
+
+"O nein, nein, für so erbärmlich, für so niederträchtig halte ich ihn
+nicht! Sie gehen zu weit!" rief Imgjor. "Von dem, was er lehrt, ist er
+überzeugt!"
+
+"Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen durch eine anzustellende Probe
+den Beweis der Richtigkeit meiner Behauptungen zu liefern, Komtesse. Es
+fehlen mir die Mittel. Aber ich bitte nochmals, daß Sie mir Ihre Sache
+zur Erledigung anvertrauen! Sagen Sie ihm, oder wenn ein Bote kommt,
+diesem, ein befreundeter Herr werde Herrn Kollund zur Erledigung der
+Angelegenheit besuchen. Ich bringe Ihnen alles in Ordnung, verlassen
+Sie sich darauf! Nur das Lokal, wenn solches wirklich bezahlt werden
+muß, und die Kosten für die Inserate werde ich ihm vergüten, und er wird
+sich damit zufrieden geben. Aus seiner sicher erfolgenden
+Verzichtleistung werden Sie schon erkennen, welch' Geisteskind er ist."
+
+"Nun wohlan! Ja--ich will! Ich danke Ihnen! Gelingt es Ihnen, so soll
+das Geld denen zukommen, von denen ich weiß, daß sie dessen bedürftig
+sind. Und nun auf Wiedersehen! Gegen sieben Uhr erwarte ich Sie in
+meiner Wohnung. Wir werden dann alles besprechen, was noch der
+Erledigung harrt."
+
+Nach diesen Worten nahm Imgjor von ihrem Begleiter--eben waren sie an
+ihrer Wohnung angelangt--mit einem freundlichen Blick Abschied.
+
+ * * * * *
+
+Oben angekommen, sah sie einen fremden Mann im Flur stehen, und Gebine
+erklärte sogleich, daß er von Kollund komme. Nachdem er verständigt
+worden war und sich entfernt hatte, begab sich Imgjor in ihr Zimmer, um
+einige Zeilen an Curbière zu schreiben, und als sie den Brief eben
+beendigt hatte, erschien Gebine und meldete, daß ein ihr unbekannter
+Herr sie zu sprechen wünsche.
+
+"Frage erst nach seinem Namen!" entschied Imgjor, von einer angenehmen
+Ahnung erfaßt. Sie sah forschend empor, als Gebine mit einer Karte in
+der Hand wieder ins Zimmer trat. Auch griff sie mit hastiger Hand
+danach, fand den Namen, den sie erwartet hatte, und nickte zum Zeichen
+ihres Einverständnisses, den Besuch empfangen zu wollen, mit dem Kopfe.
+
+Und dann, wenige Augenblicke später, trat Curbière zu ihr ins Zimmer,
+küßte ihr ehrerbietig die Hand und erklärte, daß er gekommen sei, um von
+ihr Abschied zu nehmen. Sein Vater sei plötzlich gestorben, er,
+Curbière, müsse noch diesen Abend Kopenhagen verlassen, habe aber nicht
+fortgehen wollen, ohne Imgjor noch einmal gesehen und gesprochen zu
+haben.
+
+"Lavards verlassen infolge des Trauerfalles morgen abend ebenfalls
+Kopenhagen und kehrten nach Rankholm zurück," schloß der Marquis.
+
+"Bevor sie gehen, möchte Lucile Sie, liebe Imgjor, sprechen, möchte mit
+Ihnen überlegen, ob nicht doch noch ein Weg zum Frieden zu finden ist.
+Allerdings--den Vortrag dürfen Sie nicht halten. Treten Sie heut' Abend
+öffentlich auf, ist der Graf entschlossen, sich unweigerlich von Ihnen
+loszusagen, und dies auch öffentlich bekannt zu geben! Ich bitte, daß
+Sie darin nachgeben, ja, ich beschwöre Sie, teure Imgjor, bringen Sie
+Ihrer Familie zu Liebe dieses Opfer!"
+
+Zunächst gab Imgjor keine Antwort, es war ihr vorerst Bedürfnis, mit
+Curbière über den Tod seines Vaters zu sprechen. Sie ließ sich
+ausführlich von ihm erzählen, hörte aufmerksam zu und drückte ihm voll
+Teilnahme die Hand, als ihn zuletzt eine weiche Stimmung ergriff, als er
+in bewegten Worten betonte, daß er mit dessen Tode das bisher Beste auf
+der Welt verloren habe, was er sein eigen genannt hätte.
+
+"Sie haben Lucile dafür gefunden, lieber Armand! So war das Schicksal
+schon vorher mitleidig für Sie bedacht, Ihnen für das, was es Ihnen
+nehmen mußte, einen Ersatz zu gewähren."
+
+Curbière bewegte stumm das Haupt, dann sah er Imgjor mit einem tiefem,
+alle seine Gedanken und Sinne auf sie richtenden Blick an und sprach ein
+kurzes, zerstreutes: "Gewiß--allerdings!"
+
+"Ich habe Ihnen noch eine Antwort zu geben," lenkte Imgjor rasch und
+umsichtig ab. "Den Vortrag werde ich nicht halten; man hat mich
+unerwartet meines Wortes entbunden. Also beruhigen Sie meinen Vater!
+Aber, lieber Freund, ich werde auch keine Lavard wieder werden. Es sei
+denn--"
+
+"Nun, Imgjor?" Curbière sprach's gespannt.
+
+"Daß ich allem entsage, und für immer nach Rankholm zurückkehre. Und
+eben das vermag ich nicht, so sehr ich meine Pflegeeltern zu verehren
+Anlaß habe, und so sehr ich es liebe und mich nach jedem Plätzchen
+sehne, wo ich als Kind glücklich war. Ich kann eben nicht im Ueberfluß
+und ich kann nicht ohne Hingabe an meine Mitmenschen leben!"
+
+"Wollen Sie denn in Kopenhagen bleiben, Imgjor?"
+
+"Nein--hier haben mir Verleumdung und Mißgunst den Aufenthalt unmöglich
+gemacht. Ich wüßte nur einen Ort, wohin ich paßte--"
+
+"Und der wäre?"
+
+"Ich möchte nach Paris. Da, glaube ich, würde ich in Thaten umsetzen
+können, was mir als Ideal vorschwebt. Dort ist der Boden für mich, und
+finde ich solche, die gleich mir denken!"
+
+Im ersten Augenblick belebten sich Curbières Augen. Sie sprach mit
+solcher Begeisterung von seiner Vaterstadt, von Paris! Das schmeichelte
+ihm. Aber ebenso rasch gewannen andere Gedanken die Oberhand. Alles war
+verloren, wenn er ihr nicht gerade diese Idee ausredete! Er wußte, daß
+sie dort nicht nur nichts erreichen, sondern sicher untergehen würde. In
+diesem Sinne sprach er auf sie ein. Nachdem er alle ihre Einwendungen
+überzeugend widerlegt hatte, schloß er: "Und wollen Sie uns ein Opfer
+bringen, sich selbst auch Ihrem eigenen Ich zurückgeben, so heiraten Sie
+den Grafen Dehn! Ich verschwieg Ihnen sein Kommen. Er ist gestern
+eingetroffen und kehrt morgen abend mit den Ihrigen nach Rankholm
+zurück. Daß er Sie noch mit der alten Leidenschaft liebt, weiß ich."
+
+Imgjor hatte mit Leichenblässe im Angesicht die letzten Worte vernommen,
+auch hatten ihre Hände unwillkürlich nach einem Stützpunkt gegriffen. Da
+war nun wieder ein neuer Ansturm auf ihr Inneres, nun kam auch noch
+diese Versuchung!
+
+Aber kurz war nur ihr Kampf. Prestö hatte sie geliebt, weil sie gehofft
+hatte, durch ihn ihre Ideale verwirklichen zu können. Axel Dehn liebte
+sie mit der Stärke jener Liebe, die aus Achtung entspringt. Ein
+lebhaftes Interesse für den Franzosen war in ihr aufgestiegen, weil er
+neben seiner weltmännischen Erziehung wiederholt an den Tag gelegt
+hatte, daß er ein Mann von Verstand und Geist war, und daß er zugleich
+ein edles Herz besaß. Aber Prestö hatte sie inzwischen hassen gelernt,
+Graf Axel Dehn wollte sie nicht lieben--und Curbière gehörte ihrer
+Schwester an! So war alles entschieden. Indem sie Curbière mit einem
+Blick ansah, durch den sie schon voraussandte, daß sie sich nur mit der
+ernsten Seite dieses ernsten Gegenstandes beschäftigte, sagte sie: "Ich
+vermag nicht zu beurteilen, ob Sie den richtigen Weg wählten. Es wäre ja
+auch möglich gewesen, daß Sie durch solche Offenherzigkeit gerade das
+Gegenteil bewirkt hätten! Sie haben mir zu allem, was ich zu tragen
+habe, noch etwas Schweres aufgebürdet. Sie haben aber meine Freundschaft
+angerufen, und das soll nicht umsonst geschehen sein, Armand! Ich
+verzichte darauf, nach Paris zu gehen, aber Ihre Bitte, den Grafen Dehn
+zu heiraten, vermag ich nicht zu erfüllen. Ich werde nie heiraten, weder
+ihn, noch einen anderen!"
+
+Bei diesen Worten sah sie ihn mit einem so unbeugsamen Ausdruck an, daß
+der Mann fernere Versuche, sie umzustimmen, ausgab. Noch einen
+Händedruck tauschten sie beide mit den Gedanken reiner Seelen. Dann ging
+er. Sie aber sank, während das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe
+verklang, in tiefem innerem Verstummen zurück.
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag bestieg Imgjor einen Tramwaywagen und begab sich nach der
+Wohnung der alten Frau Ohlsen. Es war ihr, dort angekommen, schon
+auffallend, daß sie eine Anzahl Frauen und Männer, lebhaft sprechend,
+auf dem Hofe fand, und sie erschrak nicht wenig, als ihr auf ihre Frage,
+ob etwas geschehen sei, erwidert wurde, daß den Alten in der Frühe der
+Schlag gerührt habe.
+
+Durch Zufall habe man es entdeckt, habe auch die Alte davon Kenntnis
+erhalten. Sie habe geglaubt, daß er schon fortgegangen sei, als sie
+einen schweren Fall in der Küche gehört. Imgjors erster Gedanke bei
+diesem Unglück war die Ueberlegung, was jetzt als der hilflosen Witwe
+werden solle. Nun waren ihr durch diesen Tod die Neben-Hilfsmittel zum
+Leben ganz entzogen. Und von dieser Erwägung richteten sich ihre
+Vorstellungen auf das Nächstliegende. Der Mann mußte beerdigt werden.
+Sie gab einem zu solchen Zwecke von ihr bezahlten Mann Auftrag, sich
+sogleich fortzubegeben, um eine Leichenwäscherin zu bestellen und einen
+Tischler zur Anmessung des Sarges herbeizurufen. Und nachdem das
+geschehen war, trat sie zu der Alten, sprach sanfte Trostworte und
+erklärte ihr möglichst schonend, daß sie nunmehr in das Armenfrauenhaus
+übersiedeln müsse. Auch eröffnete sie ihr, daß sie, Imgjor, demnächst
+Kopenhagen verlassen würde und persönlich in keiner Weise mehr für sie
+zu sorgen im stande sei.
+
+Und die Blinde beugte das Haupt wie unter einem Schlage, während Thränen
+aus ihren lichtlosen Augen tropften. Noch begab sich Imgjor dann in die
+Küche um nach dem Toten zu sehen. Freilich, was sich ihr bot, war
+erschütternd. Kalt, steif und unbeweglich lag der alte Mann auf dem
+Fußboden. Ihn zu betten, war erforderlich. Und solches veranlaßte Imgjor
+durch die Nachbarn, und nachdem auch das geschehen, erklärte sie der
+alten Frau, ihr für die nächsten Tage eine Hilfe schicken zu wollen. Sie
+beschloß, ihr Gebine zu senden. Auch ihre Ueberführung in das
+Armenfrauenhaus zu betreiben, versprach sie ihr nochmals, und nachdem
+die Alte dazu mit tief gerührten Gefühlen genickt, nahm Imgjor von ihr
+Abschied.
+
+"Adieu, Adieu, Frau Ohlsen! Tragen Sie, was Gott Ihnen schickte, mit
+Geduld! Viele haben es noch weit schwerer--"
+
+Und die Alte nickte abermals, während sie Imgjors Hände mit ihren
+mageren Fingern fest umklammerte.
+
+"Gott segne Sie, Komtesse!" schluchzte sie. "Ich werde immer an Sie
+denken, und noch mit meinem letzten Atemzuge werde ich Segen auf Sie,
+als einen menschlichen Engel, herabflehen!"
+
+Imgjors Augen wurden naß. Alle Mühsalen, aller Undank waren vergessen,
+den sie von anderen erfahren hatte, um dieser einen willen, in deren
+geprüftem Herzen noch Gottvertrauen, noch edle Empfindungen, noch
+Dankgefühle Platz hatten. Dann, mit einem letzten Händedruck, sagte sie:
+"Geld und mein Mädchen werde ich Ihnen schicken. So ist für alles
+gesorgt. Adieu! Adieu! Gott schütze Sie, meine gute Alte!"
+
+Und: "Adieu! Adieu!" schluchzte die Alte, aus derem verdunkeltem Dasein
+mit Imgjor der letzte matte Lichtschimmer schwand.
+
+Imgjor aber richtete, hinaustretend, das Auge nach oben. Sie fand sich
+mit ihrem immer wieder vertrauenden Herzen und mit ihrem heißen Drange
+nach Liebesthaten von neuem gehoben. Es gab doch noch Empfängliche, doch
+noch Dankbare. So überlegte sie abermals.
+
+Nachdem sich Imgjor eben abends in ihrem Wohngemach eingerichtet hatte,
+wurde an der Klingel gezogen, und Doktor Kropp erschien, um
+verabredetermaßen über seinen Besuch bei Kollund Bericht abzustatten.
+Und Imgjor trat ihm mit nicht geringer Spannung entgegen und that schon,
+bevor er noch Platz genommen, eine Frage nach dem Ergebnis.
+
+"Anfangs wies er meine Forderung auf einen Verzicht schroff zurück,"
+entgegnete der Doktor, Platz nehmend. "Er wolle," erklärte er, "mit
+Ihnen selbst reden und Sie an Ihr gegebenes Wort erinnern. Dieselben
+Unwahrheiten, die er gegen Sie vorgebracht hatte, erneuerte er; er nahm
+den Mund sogar noch voller. Erst als ich erklärte, daß ich in einer der
+Kopenhagener Zeitungen veröffentlichen würde, welchen Charakter die
+Forderungen hätten, die er an Sie, gnädigste Komtesse, in dieser
+Angelegenheit gestellt habe, gab er, sich krümmend, nach. Aber eine Flut
+von Anschuldigungen folgte sowohl gegen Sie, wie gegen mich, bevor ich
+ihm, nach einer nochmaligen, gründlichen Abfertigung den Rücken kehrte."
+
+"Ah--also wirklich!" stieß Imgjor, von tiefem Abscheu ergriffen,
+heraus. Dann reichte sie Kropp bewegt die Hand, sprach ihm ihren Dank
+aus und händigte ihm die Summe ein, die er Kollund bezahlt hatte. Zum
+Schluß bat sie ihn, noch so lange zu verweilen, bis sie ihm eine Tasse
+Thee bereitet habe. Sie umging es, daß er sie sonst noch sprechen
+wollte, weil ihr Zeit und Ort doch nicht geeignet schienen. Im Grunde
+hoffte sie, daß er ihre Aufforderung ablehnen werde. Aber er, der
+überhaupt keine anderen Gedanken hatte als sie, der überdies nichts
+erwarten konnte zu erfahren, durch welche Umstände sie ihres Reichtums
+und ihres Namens verlustig gegangen war, stimmte dankend zu, und saß
+noch neben ihr, als schon die Uhr vom Kirchturm die zehnte Stunde
+verkündet hatte. Dann aber drängte sie ihn selbst zum Gehen, und als er
+dann noch eine mitleidige Frage that, was sie denn nun beginnen, wohin
+sie sich wenden wolle, sagte sie: "Eine Woche brauche ich beinah' noch,
+um hier alles zu ordnen, um auch von denen Abschied zu nehmen, die mir
+im Laufe dieser Jahre näher getreten sind. Dann will ich irgendwo eine
+Stelle als Schwester in einem Krankenhause im Norden oder auch im
+südlichen Deutschland suchen. Was dann später geschieht, müssen Zeit und
+Gelegenheit lehren. Immer hoffe ich noch, daß ich Gleichgesinnte,
+Ehrliche und zugleich Begüterte finde, die sich mit mir zur
+Verwirklichung von Reformen im Großen verbinden. Die Mißerfolge, die
+traurigen Erfahrungen, die mir unter den Armen wurden, dürfen mich nicht
+abschrecken. Auch in meinen Kreisen giebt's wertvolle und minderwertige
+Personen. Ist die Masse auch roh, so ist sie doch bildungsfähig. Man muß
+sie nur auf den rechten Weg leiten."
+
+"Können Sie sich denn nicht vorstellen, daß es auch fruchtbringend ist,
+im Kleinen zu wirken, gnädigste Komtesse?" wandte Kropp vermittelnd ein.
+
+"Gewiß, Herr Doktor! Auf Rankholm, der großen Besitzung meines Vaters,
+suchte ich den Armen und Leidenden ein hilfreicher Freund zu sein. Aber
+dort war es das Wohlleben in der Familie, der Luxus, der mich umgab, die
+mich anwiderten. Auch andere Verhältnisse trieben mich fort, und
+nun--ich erzählte Ihnen ja alles--hat sich ja überhaupt die Trennung
+zwischen mir und den Meinigen vollzogen. Ich muß mich jetzt treiben
+lassen--mir bleibt keine Wahl."
+
+"Doch, doch, Komtesse!--Es giebt sehr viele, die namenlos glücklich sein
+würden, wenn sie ihr Schicksal mit dem Ihrigen verbinden dürften! Auch
+ich gehöre zu ihnen--" schloß Kropp feurig und einen liebewarmen Blick
+auf Imgjor richtend. "Ich liebte Sie von dem ersten Augenblick an,
+Komtesse! Ihre Stellung, Ihr Ansehen, Ihr Name ließen mich verschweigen,
+was ich für Sie empfand. Wie konnte, durfte ich wagen, um die Hand einer
+Gräfin Lavard zu werben? Heute aber, wo Sie sich selbst zu
+meinesgleichen gemacht, fasse ich den Mut, zu sagen: Werden Sie mein!
+Lassen Sie uns zusammen einen Ort suchen, wo wir uns und der
+Allgemeinheit leben, wo wir in bescheidenerer und guter Weise das zum
+Ausdruck bringen können, was Sie edelmütig anheben. Sie haben mich
+kennen gelernt. Sie wissen, daß ich nicht zu den Wortmachern gehöre, daß
+ich Vernünftiges redlich erstrebe. So bin ich Ihrer vielleicht nicht
+unwert, so darf ich vielleicht hoffen, daß ich auch Ihnen nicht ganz
+gleichgiltig bin--"
+
+"Nein, Sie sind mir nicht gleichgiltig, ich achte Sie hoch, lieber Herr
+Doktor!" fiel ihm Imgjor, die erst mit gesenkten Wimpern, dann sich mit
+offenen Augen ihm zugewendet und zugehört hatte, in die Rede. "Aber ich
+kann--so schmerzlich mir diese Antwort ist--die Ihrige nicht werden. Ich
+will überhaupt nicht heiraten. Ich liebte einmal und wurde grenzenlos
+betrogen. Da that ich einen Schwur, einem Manne niemals wieder die Hand
+zum Bunde zu bieten."
+
+"Ist nicht aber das Leben da, um aus ihm zu lernen, Komtesse? Lehrten
+Sie nicht Ihre Erfahrungen, wie hohl die große Masse ist, wie wenig
+glücklich eine Beschäftigung mit ihr macht, wie nur ein treues Streben
+im kleineren Kreise beglückt--und lehrt es nicht, daß das eben auch das
+Richtige ist? Wer herrschen, reformieren will, braucht Macht und zehnmal
+Macht, durch die er allein die Massen zu bezwingen vermag. Und wiederum:
+Wenn Sie in die Weltgeschichte blicken, wie wenige konnten diese Stärke
+und Fülle richtig anwenden, und wie Geringes haben sie, waren ihre
+Absichten noch so ehrlich, erreicht! Sie besitzen diese Macht schon
+deshalb nicht, weil Sie über keine Mittel mehr verfügen, Komtesse!
+Lassen Sie ab von dem Greifen nach Sternen! Wo immer sich in engeren
+Kreisen die Menschen zu Liebeswerken zusammenthun, da wird's etwas. Aus
+diesem Wirken resultieren die großen Errungenschaften der Humanität, die
+praktischen Ergebnisse eines richtig verstandenen Christentums! Und noch
+ein anderer Gesichtspunkt! Will nicht jeder glücklich sein, so lange ihm
+ein Dasein beschieden? Befriedigt Sie denn wirklich dieses Aufgehen ins
+Allgemeine? Was haben Sie erreicht? Man spottet Ihrer als einer
+Ueberspannten! Keiner dankt's Ihnen! Wo die Fähigkeit vorhanden wäre,
+den Wert Ihrer Bestrebungen zu erkennen, macht sich der Neid breit,
+sicher die Oberflächlichkeit, die schon deshalb die Dinge verurteilt,
+weil sie selbst keinen Geschmack daran findet, oder sie zu untersuchen
+zu träge ist. Habe ich nicht recht, Komtesse?" schloß Kropp, als Imgjor
+nichts erwiderte, als sie, in tiefes Nachdenken versunken, vor sich
+hinstarrte. Sie kämpfte, wie neuerdings schon wiederholt. Für Sekunden
+flog's ihr durch den Sinn, daß er die Wahrheit getroffen, und daß er der
+Mann sei, durch den sie sich und andere glücklich machen könne. Aber wie
+kleine Einwirkungen häufig ein schon hoch aufgerichtetes Gebäude zum
+Fallen bringen können, so war's hier. Als ihr Blick während des Sinnens
+auf ihren Schreibtisch und dabei auf ein Bild von Rankholm fiel, trat
+ihr plötzlich alles dort Geschehene und trat ihr auch wieder Graf Axel
+Dehn ins Gedächtnis. Und das entschied. Da sie diesem ein "Nein" gesagt,
+wollte, durfte sie auch Kropp kein Jawort geben. So lehnte sie abermals
+ab, und so schied mit ihm wieder ein Freund und ein Mann aus ihrem
+Leben, der ihr von Herzen zugethan war und der es gut mit ihr meinte.
+
+ * * * * *
+
+Im Rankholmer Palais hielt man Familienrat und dessen Gegenstand war,
+wie so oft, Imgjor.
+
+Nur ein Mittel gab's, von dessen Anwendung Lucile und die Gräfin noch
+etwas erwarteten. Sie schöpften aus dem Umstande, daß in dem damaligen
+Gespräch der Geschwister in Rankholm ohne Zweifel ein starkes Interesse
+Imgjors für Axel zum Ausdruck gelangt war, die Hoffnung, er, Axel, werde
+durch einen klugen Anlauf vielleicht doch noch ihr Herz in einem für ihn
+günstigen Sinne rühren können. Daß in ihm die alten Gefühle nicht
+erloschen seien, hatte er gleich bei der ersten zwischen ihm und den
+Damen stattgefundenen Unterredung erklärt. Er hatte geäußert, daß ihn
+eine grenzenlose Sehnsucht beherrsche, sobald wie möglich in Imgjors
+Nähe zu gelangen. Und dieser Drang hatte sich bis ins Ungemessene
+verstärkt, als Lucile ihm nun auch--alle Bedenken, die sie früher mit
+Rücksicht auf sich selbst abgehalten--eröffnet hatte, was in jener
+Unterhaltung für ihn zu Tage getreten war.
+
+Graf Dehn hatte die Neigung der Familie, den Aufenthalt in Kopenhagen
+noch um etwas zu verlängern, mit allen Mitteln zu befestigen und durch
+Unterredungen mit dem Grafen auch dessen Widerstand gegen seine
+Pflegetochter wesentlich zu mildern gewußt. Er hatte in förmlicher Weise
+um Imgjors Hand bei dem Grafen angehalten und von ihm die Erlaubnis
+erwirkt, nach seinem Ermessen die Schritte zu thun.
+
+Zunächst verabredete er mit Lucile, die sich seinen Plänen mit
+liebenswürdigem Eifer widmete, die nun, nachdem ihr Herz durch einen
+anderen Mann, den sie hingebend liebte, ausgefüllt war--alle Bedenken
+und eifersüchtigen Regungen abgestreift hatte, daß sie Imgjor sogleich
+besuchen und ihr unter besonderer Begründung die Bitte vorlegen solle,
+Axel empfangen zu wollen. Lucile ging auch sogleich ans Werk.
+
+Sie ließ sich, vorher noch einige die Trauer angehende Besorgungen
+erledigend, in der Lavardschen Equipage nach Imgjors Wohnung fahren und
+fand ihre Schwester in der vordem erwähnten Gemütsverfinsterung an ihrem
+Arbeitstisch.
+
+Als die durch Gebines Anmeldung aus ihrem dumpfen Sinnen
+Emporschreckende Lucile vor sich sah, legte sie die Feder rasch und
+verlegen bei Seite, auch schob sie ihr Tagebuch, in das sie etwas
+hineingeschrieben, unter andere Papiere. Freilich erlitt der Schwertern
+Begegnung sogleich wieder eine Unterbrechung. Man schickte nach Imgjor,
+und diese eilte unter sanftem Ausdruck ihrer Schwerer Zustimmung
+erbittend, über die Straße an das Krankenbett einer armen Frau.
+
+Und weil Imgjor ein längere Weile fortblieb, griff Lucile nach einem auf
+dem Tisch liegenden Buch und fand in diesem einige von Imgjors Hand
+herrührende, offenbar für das Tagebuch bestimmte, zufällig hier
+hineingeratene Niederschriften, die ihr Interesse fesselten. Sie
+lauteten: "Eine einzige That des Edelmuts und eine einzige
+Unvorsichtigkeit sind genügend, um einem Menschen für immer bei der
+Menge den Stempel seines Wertes oder seines Unwertes aufzudrücken.
+Vielleicht verdienten sie beides nicht. Zu allem gehört Glück, aber auch
+dazu, für etwas anderes zu gelten, als man ist."
+
+Und noch eine Betrachtung hatte Imgjor auf die andere Seite geschrieben,
+die Lucile las, bevor ihre Schwester wieder ins Zimmer trat: "Gehemmte
+Liebe gleicht einem vergeblich nach einer Flamme ringendem Feuer. Wie
+dort unter kämpfendem Rauch, unheimlichem Schwelen und Qualmen der
+Gegenstand zu Asche verglimmt, so hier allmählich unter dumpfen Qualen
+die Seele."
+
+Gleich darauf trat Imgjor wieder ins Gemach.
+
+"Ich komme," hub Lucile an und richtete einen liebenswürdigen Blick auf
+ihre Schwester, "um dich um etwas zu bitten: Graf Dehn möchte dich
+sprechen! Er beruft sich darauf, daß du ihm einst eine Unterredung
+zugefügt habest, und daß er, da er von diese keinen Gebrauch gemacht,
+noch Anrechte auf deine Zuvorkommenheit besitze. Wann willst du ihn
+empfangen, liebe Imgjor?"
+
+Zunächst fuhr Imgjor zusammen, und ihre Wangen verfärbten sich. Wie von
+einer schweren Denklast bedruckt, senkten sich ihre Augenlider, und die
+Finger griffen, unter dem Druck der Erregung, in die Handflächen.
+
+"Wann wünscht Graf Dehn die Unterredung?" warf sie tonlos hin. "Und wo?"
+
+"Nun--bei dir--oder besser--bei uns!"
+
+Imgjor schüttelte den Kopf.
+
+"Was habe ich noch bei Euch zu thun, Lucile? Wir haben uns doch für alle
+Zeiten auseinandergesetzt."
+
+"Nur du hast es Imgjor! Nachdem du von deinem Eigensinn, öffentlich zu
+sprechen, Abstand genommen, ist Papa wieder versöhnlich gestimmt. Du
+wirst ihm sogar ganz die Alte sein, wenn--"
+
+"Ja, ich weiß: Wenn ich allem--allem entsage!--Ach, Lucile--" setzte das
+seelisch tief bedrückte, junge Mädchen an, brach in Schluchzen aus und
+fiel, wie damals in Rankholm, von ihren Gefühlen übermannt, neben ihrer
+Schwester nieder. Und hier blieb sie liegen, und erst als Lucile mit
+rührender Güte immer von neuem auf sie einsprach, erhob sie sich und
+fand wieder Halt und Fähigkeit zum Sprechen.
+
+"Du zeihst mich des Mangels an Liebe zu Euch!" stieß Imgjor heraus,
+hielt in der Beklemmung den Atem an und ließ ihn dann langsam wieder der
+Brust entweichen.
+
+"Und doch schwöre ich dir, daß ich Euch allen die die größten Opfer
+bringen würde, die ein Mensch zu bieten vermag, daß ich Euch über alles
+liebe! Wie viele Nächte habe ich durchgeweint, daß ich so beschaffen,
+daß ich nicht bin, wie Ihr wünscht! Ach, könnte ich diesen Drang nach
+Höherem, Befreiendem, könnte ich dies Allgemeingefühl für meine
+Schwestern und Brüder in der Welt aus meiner Brust reißen, mich, wie
+andere, in engeren Grenzen glücklich fühlen, dort für meine Art volle
+Befriedigung finden, ich würde Gott auf den Knieen danken! In solchem
+Sinne--ich bitte--Lucile--fasse mein Naturell auf und so mühe dich, den
+Eltern immer wieder mein Wesen zu erklären. Denket, daß der Schöpfer
+_Euch_ so erschaffen hätte! Dann werdet Ihr mich leichter begreifen."--
+
+"Ja--ich will's, meine liebe, arme Imgjor! Aber nun, ich bitte, erteile
+mir eine Antwort für Graf Dehn--"
+
+"Da ich ihm mein Wort gab, will ich es halten, Lucile! Nur weiß ich
+nicht, wo es geschehen kann! Er muß also warten oder hierherkommen. Wann
+wollt Ihr reisen?"
+
+"Die Trauer macht es erforderlich, daß wir wieder nach Rankholm
+übersiedeln. Nur um deinetwillen haben wir unsere Abschiedsvisiten noch
+aufgeschoben. Wir möchten den Kondolenzbesuchen entgehen, mit denen man
+schon beginnt. Auch andere Gründe sprechen dafür, nachdem Curbière
+abgereist ist. Nur Graf Dehn will seinen Aufenthalt noch einige Zeit
+ausdehnen und dann--nach der Lausitz zurückkehren. Er hat die Absicht,
+jetzt das Gut, das ihm sein Onkel vererbt hat, selbst zu übernehmen."
+
+"Was will er denn noch hier?" Imgjor sprach's mit ihrer alten
+Schroffheit.
+
+Statt zu antworten, griff Lucile nach dem Schriftstück, das sie in dem
+Buch gefunden, und sagte: "Lasse mich dir als Erwiderung vorlesen, was
+du geschrieben hast, Imgjor!"
+
+Und Lucile las: "Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einer
+Flamme ringenden Feuer. Wie dort unter kämpfendem Schwelen, unheimlichem
+Rauch und Qualmen, der Gegenstand zu Asche verbrennt, so hier unter
+dumpfen Qualen allmählich die--Seele."
+
+Imgjor schloß erst die Augen. Blässe zog über ihre Wangen. Dann neigte
+sie das Haupt, reichte ihrer Schwester still die Hand und sagte: "Also
+morgen Mittag, Lucile, erwarte ich des Grafen Besuch. Wir werden dann
+für immer einen Abschluß erhalten."
+
+Lucile sah erschrocken empor. Einen so düsteren Klang hatten die Worte.
+Aber als sie in Imgjors Zügen forschte und dort einen Ausdruck sanfter
+Ergebung begegnete, zerstreuten sich ihre Gedanken.
+
+Noch wenige Sekunden, dann hatten sich beide getrennt.
+
+ * * * * *
+
+In einer herzklopfenden Erregung stieg am folgenden Mittag Graf Dehn zu
+der von Imgjor angesetzten Zeit die Treppe zu deren Wohnung empor. Er
+sah auch gleich die, nach der sein Herz verlangte.
+
+Als er ihre Hand ergriff und sie tiefbewegt an seine Lippen zog, flog
+ein Zittern durch des jungen Mädchens Körper, und zunächst fehlten ihr
+die Worte.
+
+Aber da sie nicht weich werden, da sie diesem Gespräch den Charakter
+nehmen wollte, den Graf Dehn ihm zu geben beabsichtigte, sagte sie mit
+sanfter Unterordnung im Ton:
+
+"Ich bitte Sie inständig, Graf Dehn, mir dieses Wiedersehen nicht zu
+erschweren, mir es vielmehr zu erleichtern! Ich bin durch eine
+Krankenpflege meiner Kräfte so sehr beraubt, daß ich nicht fähig bin--"
+Hier stockte sie, ihre Hände griffen nach der Lehne eines Stuhles und
+fernere Worte versagten.
+
+Und der Mann, tief ergriffen, wollte sie stützen. Aber sie gewann dann
+doch ihre Kraft zurück und sagte, während sie ihn durch eine Bewegung
+ersuchte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, nunmehr fest:
+
+"Ich bitte, sagen Sie mir, was Sie zu mir führt! Ich weiß, die
+Höflichkeit,--die Rücksicht, die man dem Mitglied einer befreundeten
+Familie erweist, in erster Linie. Aber es ist noch etwas anderes. Ich
+entnahm es Luciles Worten. Ich werde Ihnen aufmerksam zuhören und
+glücklich sein, ich versichere Sie, wenn ich Ihnen--falls Sie einen
+Wunsch haben--solchen erfüllen kann! Ich vergaß nie und werde niemals
+vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Ich war damals krank und blind.
+Ich war deshalb namenlos ungerecht gegen Sie, Graf Dehn, obschon meine
+Achtung vor Ihrem Charakter stets dieselbe war. Schon nach der Richtung
+habe ich sehr viel gut zu machen, vielleicht so viel, daß ich die Schuld
+nie abtragen kann. Nehmen Sie dieses Eingeständnis und die Bitte, mir zu
+verzeihen, entgegen! Und nun? Ich höre!"
+
+Nach diesen Worten sprach Graf Dehn in langer Rede, kam zurück auf die
+Vorgänge in Rankholm, erörterte, mit stetem Hinweis auf sie, Imgjor, die
+Gründe, weshalb er sich auf Reisen begeben, erklärte, daß er keinen Tag
+verlebt, ohne ihrer gedacht zu haben, und daß er nun, von Sehnsucht
+getrieben, sie wieder zu sehen, hierher, nach Kopenhagen, gereist sei.
+
+"Ich vermag nur einmal zu lieben, Komtesse. Sie liebte ich seit der
+ersten Begegnung. Ich werde auch nie einem anderen Mädchen mein Herz
+schenken. Das alles wollte ich Ihnen sagen und Sie fragen, ob Sie mir
+nicht ein wenig gut sein könnten! Ich wollte Sie bitten, mir auf meine
+Besitzung zu folgen, um ein Glück zu finden, das in gegenseitiger
+Uebereinstimmung wurzelt und in Thaten der Nächstenliebe einen
+wesentlichen Teil seine Befriedigung findet. In jedem Fall--ich bitte,
+ich beschwöre Sie--entsagen Sie Ihren jetzigen Plänen! Begnügen Sie sich
+mit den Erfahrungen, die Sie einsammelten, die Sie belehrt haben müssen,
+daß nicht wir die Welt regieren können, sondern nur ein Werkzeug sind,
+um in gemessenen Grenzen bei der Ordnung der Dinge mitzuwirken. Thuen
+Sie es auch um Ihren Eltern, die Ihre Rücksicht so sehr verdienen,--zu
+beweisen, daß Sie nicht undankbar sind.
+
+Ihr Pflegevater--es ist ersichtlich--wird sich innerlich und körperlich
+aufreiben, wenn Sie eine mit solchen Ungelegenheiten für Sie und die
+Familie verbundene öffentliche Wirksamkeit fortsetzen. Auch die Gräfin
+leidet unter diesen Verhältnissen mehr, als sie es ausspricht. Nur die
+Furcht, als Stiefmutter parteilich zu erscheinen, hält sie ab, sich
+anders zu geben, und stärker auf Sie, Komtesse, einzuwirken! Wahrlich,
+wir könnten alle von ihr lernen!"
+
+Imgjor hatte aufmerksam zugehört. Nicht einmal war ein abweisender, oder
+spröder Ausdruck in ihre Züge getreten. Sie hatte seine Worte mit einer
+Miene aufgenommen, als ob ein Freund ihr von seinen Leiden erzähle,
+sanft sinnend und denkend, wie sie sich dazu verhalten solle.
+
+Sie streckte ihm auch mit einem rührenden Blick die Hand hin, drückte
+die seinige fest, und sagte:
+
+"Ich wußte, Graf Dehn, daß Sie gerade so sprechen würden. Deshalb wird
+es mir leicht, Ihnen gleich und ruhig zu antworten. In erster Linie
+nochmals Dank! Wenn die Achtung von Ihrer Person sich noch erhöhen
+könnte--ich spreche nicht von einer Zuneigung in anderem Sinne, und Sie
+werden gleich verstehen, aus welchen Gründen ich es unterlassen muß--so
+hätten Sie Ihren Worten keinen Inhalt erteilen können, der meine
+Empfindungen für Sie stärker zu erhöhen imstande gewesen wäre! Meine
+Antwort aber lautet: Ich will noch einen Versuch machen, mich auf eigene
+Füße zu stellen. Gelingt er, muß ich mir selbst treu bleiben. Ich kann
+nicht anders. Verzeihen Sie mir. Mein Entschluß ist unbeugsam!"
+
+Und er fügte sich auf ihre Rede, obschon sie ihm schier das Herz
+zermalmte. Und dann sprach er: "Wohlan denn! Ich habe dann nur den
+innigen Wunsch, daß sich verwirklichen wird, was Sie soeben
+ausgesprochen haben! Mögen Sie einen Wirkungskreis finden, der Sie
+befriedigt, der Sie wahrhaft glücklich macht! Leben Sie
+wohl--Komtesse--Imgjor--Imgjor--teure Imgjor"--
+
+Und dann geschah doch etwas.
+
+Sie brach in Thränen aus, und er zog sie an sich, und einen Augenblick
+lag sie ohne ihren Willen an seiner Brust. Und dann, zum Bewußtsein
+zurückgekehrt, machte sie sich hastig los und bat sanft, aber fest im
+Ton: "Gehen Sie! Ich bitte! Gehen Sie!"
+
+Noch einen letzten, tief verinnerlichten Blick gönnte sie ihm, dann that
+er, wie sie wünschte.
+
+Nachdem er aber gegangen war, sank sie in ihren Sessel zurück und
+überdachte voll schwerer Wehmut, was geschehen war. Eines fiel ihr bei
+der Betrachtung besonders beklemmend auf die Seele, obgleich sie gerade
+das als nebensächlich hinzustellen, sich zwingen wollte.
+
+Sie war demnächst ohne Mittel zum Leben! Der Graf hatte--vielleicht, um
+sie dadurch eher gefügig zu machen--die sonst am ersten des Monats ihr
+stets überwiesene Summe nicht mehr gesandt. Sie hatte ja deren Empfang
+auch abgelehnt. Sie konnte ihm nicht einmal einen Vorwurf machen! Ihre
+Pretiosen und ihre seidenen Gewänder zu verkaufen, widerstrebte ihr,
+weil sie fürchtete, sich dadurch bloßzustellen. Und wenn beides dahin
+war, so nannte sie nichts mehr ihr Eigentum! Die Sorge schuf bereits
+Vorsicht und Ueberlegungen, die ihr früher fremd gewesen waren. Die
+Begräbniskosten für den Mann der alten Ohlsen, die inzwischen durch
+Imgjors Bemühungen in einem Frauenarmenhaus untergebracht worden war,
+hatten das Geringe, was sie noch besaß, bis auf ganz weniges
+geschmälert, und die Bank mußte überdies noch befriedigt werden.
+
+Täglich kamen, wie bisher, Listen mit Aufforderungen zur Beihilfe für
+gute Zwecke.
+
+Konnte sie die jetzt abweisen? Sie vermochte es nicht; es widersprach
+ihrem stets auf Geben bedachten Herzen.
+
+Auch die Miete für die Wohnung war noch zu berichtigen. Man forderte
+Steuern von ihr.
+
+Der Tag und die Stunde waren abzusehen, wo sie zuletzt vor dem--nichts
+stand! Eine angstvolle Unruhe überkam sie. Man würde sie am Ende auch
+noch in anderer Weise falsch beurteilen! Die Zeitungen würden gar
+verkünden, sie habe wegen Schulden Kopenhagen verlassen. So sei sie
+eigentlich nichts anderes als eine, die habe von sich reden machen
+wollen!
+
+Und eben diese Lebenssorgen drängten zum erstenmal die Gedanken an die
+Ideale, die ihre Brust noch eben wieder erfüllten und deren
+Verwirklichung sie erstreben zu wollen, erklärt hatte, völlig zurück!
+Der Trieb der Selbsterhaltung gelangte zu seinem Recht. Sie erkannte
+plötzlich, welchen Wert der Besitz, welchen Wert das Geld hatte, und wie
+früher flüchtig, so stellten sich jetzt dauernde Vergleiche ein zwischen
+dem Gewesenen, und dem, was ihr geworden! Aber nicht genug mit diesem
+Ansturm auf ihr Inneres: Graf Dehn war wieder da! Und sie hatte ihn,
+obschon sie ihn liebte mit der ganzen Kraft ihrer Seele, für immer von
+sich gestoßen!
+
+Eine grenzenlose Reue überkam sie. Nur ihr Stolz regte sich noch.
+
+Mit welchem Selbstgefühl hatte sie geredet! Wie an einer Mauer waren
+alle seine verständigen, rührenden, flehenden Bitten zerschellt. Und wie
+schwach war doch der Faden gewesen, an dem ihre Festigkeit gehangen!
+
+Jedes Menschenherz war--so überlegte Imgjor--zu rühren, wenn nur der
+Rechte kam und es richtig angesprochen wurde.
+
+Nun sehnte sie sich fort, nun kamen ihr doch die Erinnerungen an
+Rankholm.
+
+Rankholm! Rankholm! Das war das Paradies ihrer Jugend!--Eine namenlose
+Sehnsucht ergriff ihr Inneres jetzt. Erst nach einem todestraurigen
+Sinnen raffte sie sich empor, fand sie die alte Kraft ihrer Seele, ihr
+Pflichtgefühl und ihren opferfreudigen Sinn zurück, und trat mit der
+gewohnten Selbstlosigkeit an das Bett ihrer Kranken.------
+
+ * * * * *
+
+Am folgenden morgen empfingen Imgjors immer sich in gleicher Richtung
+bewegenden Gedanken durch den Inhalt eines mit der Post eingegangenen
+Briefes eine Ablenkung.
+
+Eine Dame der vornehmen Gesellschaft, eine Baronin von Kliff, mit der
+Imgjor wiederholt bei Bestrebungen für wohlthätige Zwecke in Berührung
+gelangt war, bat sie in sehr dringender Weise, sich um die Mittagszeit
+in ihrem Palais einfinden zu wollen, um dort einer Sitzung zu Zwecken
+der Begründung eines dänischen Mädchenheims beizuwohnen. In diesem
+sollten der Schule entwachsene, junge, weibliche Personen zu
+Dienstmädchen herangebildet, es sollte ihnen in allem Unterricht erteilt
+werden, was für Küche und Hauswesen erforderlich war. Auch Handarbeit
+und Schneidern wollte man sie lehren und insbesondere auch moralisch auf
+sie einzuwirken suchen.
+
+Die Baronin beabsichtigte durch dieses Heim denen die Hand zu bieten,
+welche infolge ihrer mangelhaften Ausbildung keine Beschäftigung finden
+konnten und deshalb der Gefahr ausgesetzt waren, sittlich zu verkommen.
+Und gerade deshalb ward Imgjors Interesse auf's lebhaftere angefacht.
+
+Im Palais traf sie die Damen, mit denen sie während der
+Jahre ihres Aufenthaltes in der Residenz wiederholt in
+Wohlthätigkeitsangelegenheiten zusammengetroffen war, fast sämtlich
+beisammen, wich deren ihre Person betreffenden Fragen möglich aus, nahm
+aber größten Anteil an den Verhandlungen und trat, etwa drei Stunden
+später, reichlich erschöpft, und sich schon vor dem Palais von den
+übrigen trennend, den Rückweg an.
+
+Als Imgjor die Ecke der Tordenskoldsstraße passierte, drang aus einem
+offenen Schusterkeller ein jammervolles Schreien hervor, und als sie,
+mitleidig beunruhigt, nachforschte, sah sie unten einen Menschen, der in
+unbarmherziger Wut eine zu Boden geworfene Frau mit einem Lederriemen
+prügelte.
+
+In Sekundenschnelle wechselte nun die Scenerie. Imgjor sprang
+blitzschnell die Treppe hinab, riß mit kühn erfolgreichem Ruck den Mann
+zur Seite, befreite dadurch die Frau und schleuderte dem rohen Peiniger
+entrüstete Worte entgegen: Ob er sich nicht schäme, sich so gegen die
+Schwächere und Wehrlose zu vergehen?
+
+Aber alles kam anders, als sie es erwartet hatte. Da durch ihr
+Eingreifen das ohnehin neugierig zusammengelaufene Volk draußen sich
+noch zudringlicher geberdete und, dicht gedrängt, den Erfolg
+beobachtete, ergriff das Weib plötzlich ein weit größerer Ingrimm gegen
+jene draußen und gegen Imgjor, denn gegen den Mann.
+
+Statt "Grevinde" durch Haltung und Worte Dank an den Tag zu legen,
+reckte sie sich zornsprühend empor, fragte, ob es sie etwas angehe, wenn
+sie sich von ihrem Mann prügeln lassen wolle und unterstützte diese
+herausfordernden Worte durch eine auf die offene Thür gerichtete Geste,
+welcher der dadurch versöhnte Hausherr sich beeilte, noch einen
+besonderen, fast thätlichen Nachdruck, zu verleihen.
+
+Als Imgjor infolgedessen die Treppe hinauf flüchtete, stieß sie auf
+diejenigen Personen, welche zur besseren Beobachtung des interessanten
+Schauspiels bereits einen Teil der Treppenstufen besetzt hatten. Und
+während das geschah und die Ehegatten, zur völligen Abwehr gegen die
+Leute draußen, die Thür verrammelten, drängten die hinteren Reihen des
+Mobs nach vorn und die der Thür zunächst Stehenden rückwärts. Und
+dadurch kam Imgjor zu Fall und erlitt durch Drängen, Stoßen und Treten,
+trotz ihrer Weh- und Abwehrrufe, so schwere Verletzungen, daß sie nach
+Räumung der Treppe durch die Polizei wie tot hinweg getragen wurde. Mit
+noch anderen Verwundeten ward sie nach dem Hospital des Doktor Stede
+geschafft, und eine halbe Stunde später stand mit tief bedenklicher
+Miene an ihrem eigenen Krankenlager derselbe Mann, mit dem sie so oft an
+das Bett der Leidenden und Sterbenden getreten war.
+
+ * * * * *
+
+Der Herbst, der wundervolle nordische Herbst, war seit Wochen
+erschienen, und mit seinen stahlhellen Lüften, seiner Farbenpracht in
+den Wäldern, seinem scharfen Erdgeruch und seinen unvergleichlichen
+Abendsonnenniedergängen auch in Rankholm eingezogen.
+
+Wenn sich in der Frühe die ersten Lichtströme über die Erde ergossen,
+schwammen Schloß, Park und Gärten in einem blauseidenen Dunst. Wenn aber
+der Kampf zwischen der siegreichen Himmelskönigin und den zarten Nebeln
+durch ein plötzliches Oeffnen aller goldenes Licht bergenden Portale
+entschieden war, dann lagen Rankholm und Kneedeholm in einem Sonnenbade
+von solcher unermeßlicher Schönheit, daß die Gegend alle Reize der drei
+Jahreszeiten: die grüne Pracht des lebensprühenden Frühlings, die Fülle
+des blütenschweren Sommers und die krystallhelle Klarheit des
+farbenleuchtenden Herbstes in sich zu bergen schien.
+
+Und alles war wie ehedem.
+
+In ihrem mit all den herrlichen Dingen angefüllten Kabinett ruhte bei
+geöffnetem Fenster auf dem Sofa die Gräfin Lavard und las in einem Buch.
+In seinem geräumigen Arbeitsgemach war, wie sonst, der Graf eifrig mit
+seinen Beamten beschäftigt, Lucile hielt sich, an Curbière schreibend,
+in ihren Gemächern auf, und wie immer webten in dem, von Epheu umrankten
+Mauern eingeschlossenen Schloßhof jene sanften Hausgeister, die von dem
+Streit und Getümmel draußen in der Welt nichts wußten.
+
+Auch Graf Dehns schlanke Gestalt tauchte, wie damals, in den Wegen des
+Parkes auf, und nun eben richtete er die Schritte dem Schloßdurchgang
+zu, trat ins Innere, begab sich in seine Zimmer, und von dort, nach
+Ordnung seiner Toilette, zu der Gräfin.
+
+Einige freie Stunden lagen vor ihnen, und sie wollte die Gräfin heute
+benutzen, um Axel einen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen.
+Sie wollte, daß es geschah, bevor Imgjor kam, die nach einer langen,
+schweren Krankheit so viel Kräfte zurückgewonnen hatte, daß sie in
+Begleitung des Doktor Stede eine Reise nach Rankholm zu unternehmen
+vermochte. Hier wollte sie versuchen, ihre Gesundheit völlig
+zurückzugewinnen.
+
+Stillschweigend war das alte Verhältnis zwischen ihnen wieder
+eingetreten. Solche Not und solche Trübsal, wie sie über Imgjor
+gekommen,--führten von selbst einen Ausgleich herbei.
+
+Wiederholt hatten Lavards an dem Krankenbett Imgjors gestanden, und sie
+hatte ihre Besinnung erst ganz allmählich zurückgewonnen.
+
+"Willst du nach Rankholm kommen, um dich dort ganz zu erholen, Imgjor?
+Papa schickt dir einen herzlichen Gruß und bittet darum--" hatte Lucile
+eines morgens gesagt, und der Kranken waren die Thränen der Rührung aus
+den Augen gestürzt.--
+
+Nachdem die Gräfin sich zurechtgerückt und einen ihrer gewohnten
+forschenden Blicke auf Graf Dehn geworfen, sagte sie:
+
+"Ich werde mich kurz fassen, Graf Dehn, weit kürzer, als es ursprünglich
+meine Absicht war. Das Wesentlichste: Imgjors Herkunft, wurde Ihnen
+schon durch einen Zufall enthüllt. Ich komme nur auf meine Zusage und
+Ihren Wunsch zurück, weil ich von Ihnen, den ich wie meinen Sohn
+betrachte, so beurteilt werden will, wie ich dazu ein Recht besitze. Ich
+will's aber auch, damit Sie meines Mannes Handlungsweise, richtig
+würdigen.
+
+Endlich spreche ich auch, weil ich die Hoffnung hege, daß Sie diejenigen
+aufklären, denen ich keine Mitteilungen zu geben vermag. Stolz und
+Zartsinn verbieten mir, über solche Dinge mit meinen Töchtern zu reden.
+Es könnte scheinen, als ob ich mich verteidigen wolle.
+
+Zur Einleitung--" hier zog die Gräfin aus ihrem goldumränderten Nähkorb
+ein kostbar umrahmtes Pastellbild hervor--"betrachten Sie sich dieses
+Porträt. Sie werden dann leichter verstehen, wie mein Mann dazu
+gelangte, sich in Leonie Monier zu verlieben, und welche Kämpfe ich mit
+meinem Ich zu bestehen hatte--"
+
+Graf Dehn griff nach dem Gebotenen und unwillkürlich entglitt seinem
+Munde ein Laut bewundernden Entzückens.
+
+Imgjor wars, aber in noch höherer Vollendung. Ein so süßes, engelhaftes
+Lächeln umspielte den Mund des Bildes, aber auch ein solcher
+schmachtender Glutblick drang aus den Augen, daß man sich von dem
+Anschauen nicht zu trennen vermochte. In ihrem Kostüm erinnerte sie an
+die Watteauschen Rokokobilder. Ein langes Mieder, verziert mit
+Rosenbändern, hob ihre überaus zarte Figur. Um ihren vollendet
+gebildeten, bis zum Ellbogen freien Arm schlang sich ein schwarzer
+Sammetstreifen, und in ihrem hochfrisierten Haar saßen neben Blumen
+kleine blaßblaue Schleifen. Alles aber wurde übertroffen durch die
+Pracht ihrer schneeigen Büste, die blendenden Farben, den durchsichtig
+weißen Schmelz ihrer Zähne und die kleinen, zum Liebkosen geschaffenen
+Hände.
+
+"Nicht wahr? Sie war schön? Man kann etwas gleiches nicht sehen--" stieß
+die Gräfin in neidloser Bewunderung heraus.
+
+"Und ich kann hinzufügen: sie war wirklich noch schöner. Man lag, wenn
+sie sprach und lächelte, im Bann ihrer bestrickenden Reize, und nicht
+der Tochter eines gascognischen Glasschleifers die sie war, glich sie,
+sondern dem Mitglied einer auf Thronen fixenden Familie.
+
+Aber sie war nicht allein wegen ihrer Schönheit gefährlich, sondern
+ebensosehr wegen des seltsamen Gemisches ihres Wesens. Herzensgüte,
+Trotz, liebenswürdige Naivetät und schlaue Berechnung saßen zugleich in
+ihr und gelangten, den Umständen nach, zum Ausdruck.
+
+Man hätte sie küssen und sie ohrfeigen mögen, einmal wegen ihrer
+bezaubernden Liebenswürdigkeit, und dann wieder wegen ihres kaltherzigen
+Starrsinns.
+
+Doch nun hören Sie, wie alles verlief.
+
+Ich lernte meinen Mann, der damals der französischen Gesandtschaft
+attachiert war, in dem Hause des russischen Fürsten Betzkoy kennen,
+verliebte mich gleich sterblich in ihn und wurde schon nach vier Wochen
+unserer ersten Begegnung seine Braut.
+
+Meine Eltern waren überaus glücklich über diese Verbindung, und meine
+Verwandte, der Vicomte von Choisseuile und seine Frau luden uns zu einem
+mehrwöchentlichen Aufenthalt auf ihrem in der Nähe von Paris
+befindlichen Landsitz ein.
+
+Hier verlebten wir in dem ersten Rausch unserer leidenschaftlichen Liebe
+seelige Tage, durchschweiften zu Wagen und zu Pferde die Umgegend,
+machten oder erneuerten die Bekanntschaft angesehener und interessanter
+Personen, welche sich ebenfalls um diese Zeit auf ihre in dieser Gegend
+belegenen Güter zurückgezogen hatten, fanden aber auch die beste
+Gelegenheit, unsere Charakter zu prüfen, ihnen gegenseitig gerecht zu
+werden, und uns immer mehr ineinander hineinzuleben. Mir wurde klar, daß
+Lavard ein leicht entzündliches Herz besaß, und daß ich infolgedessen
+nicht die erste sei, der er sich genähert.
+
+Er sprach auch mit voller Offenheit über früheres. Er betrachtete mich
+nicht als eine prüde Vestalin, sondern als das, was ich wirklich war:
+ein mit den wirklichen Lebensverhältnissen vertrautes weibliches Wesen,
+das sehr wohl wußte, daß Männer und oft auch Frauen Versuchungen
+unterworfen sind und meist schon etwas erlebt haben, wenn sie an den
+Altar treten.
+
+Als ich eines Tages mit Lavard unter der Linde in dem Garten eines zu
+dem Besitz gehörenden Pachthofes saß, wo wir, nach unserm anstrengenden
+Ritt, eines kleinen Imbisses wartend, plauderten, unterbrach er
+plötzlich das Gesprächsthema, sah mich ungewöhnlich zärtlich an, faßte
+meine Hände und sagte:
+
+"Ich habe eine Bitte an dich, eine große Bitte, Lucile! Willst du sie
+mir gewähren?"
+
+"Gewiß, mein teurer Freund, wenn ich es vermag--" entgegnete ich ohne
+Besinnen.
+
+"Du sprichst das ja so leicht aus, Lucile! Ich fordere etwas Großes,
+sehr Großes! Es gehört eine opferstarke Liebe dazu!"
+
+"Um so besser vermag ich dir zu beweisen, wie gut ich dir bin,
+Lavard--sprich also--natürlich, ein ritterlicher Mann, wie du, wird von
+einem Mädchen nichts verlangen, was ihren weiblichen Empfindungen
+widerstreitet--"
+
+Ich weiß nicht, wie ich in meiner Entgegnung zu dieser Einschränkung
+gelangte. Jedenfalls hatte sie die Wirkung, daß Lavard trotz meiner
+wiederholten Aufforderungen, nun doch nicht redete.
+
+Und so blieb's, und ich dachte auch schon gar nicht mehr an seinen, wie
+ich angenommen hatte, launenhaften Einfall, als er eines vormittags,
+kurz vor unserer Rückkehr nach Paris, im Park des Schlosses hinter den
+Boskets vor mir niederfiel und mich beschwor, ihm zu gewähren, worum er
+mich ersuchen werde.
+
+Und da er so erregt war, da sein ganzes Wesen eine solche Spannung
+verriet, insbesondere aber, weil es mich drängte, ihm zu beweisen, wie
+sehr ich ihn liebte, sprach ich, ohne vorher zu hören, ein unbedingtes
+ja!
+
+"Was es auch sein mag, Lavard! Ich werde deinen Wunsch erfüllen. Ich
+schwöre es dir!"
+
+Nun schnellte er empor, umfaßte mich mit schmeichelnder Zärtlichkeit,
+zeigte mir dann dieses, eben dieses von Ihnen bewunderte Bild, und
+sagte:
+
+"Diese weibliche Person, Leonie Monier, eine Nähterin der Vorstadt St.
+Antoinne, war vor wenigen Monaten noch das, was du mir heute bist,
+Lucile--
+
+Du begreifst, daß ich mich in sie verlieben konnte! Ich sage, daß ich
+die Beziehungen zu ihr wieder gelöst habe, weil ihr Charakter ein
+Zusammenleben unmöglich macht. Ich würde sie sonst trotz ihres einfachen
+Standes und anderer Umstände vielleicht geheiratet haben.
+
+Es liegen die Dinge nun, wie folgt:
+
+Sie erklärt mir, dann gutwillig ihrer Rechte auf mich sich begeben zu
+wollen, wenn du dich entschließest, sie zu empfangen und ihr eine noch
+zu erörternde bindende Zusicherung zu geben.
+
+Natürlich! Sie vermag nichts gegen mich zu unternehmen.
+
+Mich treibt mein Ich, mich veranlaßt die Erinnerung an die Tage, die ich
+glücklich mit ihr verlebte, aber mich veranlaßt auch ein bestimmter
+Umstand, derselbe, welcher mit ihrer an dich zu richtenden Bitte
+zusammenhängt: alles zu thun, was eine freundliche Lösung unserer
+Beziehungen herbeizuführen vermag!"
+
+"Wohlan, sprich, Lavard. Ich werde hören!"
+
+"Nun denn, Lucile! Leonie Monier ist dieser Tage Mutter eines Kindes
+geworden. Sie verlangt von uns--und deshalb will sie dich sprechen--die
+Auferziehung ihres Kindes und die Sorge für dieses bis zu einem gewissen
+Zeitpunkt. Dann soll's wieder ihr Eigentum sein, oder wir sollen ihr's
+für eine namhafte Summe abkaufen--"
+
+"Ah--ah--welch ein berechnender Handel, und gar mit dem eigenen Kinde!
+Hinter diesen engelhaften Zügen sucht man etwas anderes! Und alles hätte
+ich eher erwartet, als dies. Du erhebst einen Anspruch an mich, zu dem
+eine starke Selbstverleugnung gehört, Lavard. Und was wird sonst noch
+folgen?" rief ich, meine Erregung nicht verbergend.
+
+Lavard bewegte die Schultern.
+
+"Die Dinge liegen nicht so ungünstig! Sie ist nicht schlecht. Aber
+lassen wir das jetzt, und überlasse auch die Erledigung der materiellen
+Dinge mir, Lucile. Gewähre nur zunächst, warum sie dich bittet--"
+
+Ich zögerte. Dann sagte ich:
+
+"Eines habe ich gewährt, ich versprach die Erfüllung eines Wunsches. Du
+stellst aber jetzt noch andere, sehr weittragende Forderungen an mich.
+
+Du willst gewiß, daß ich dieses Kind, als unseres annehme--es nach außen
+so hinstelle--"
+
+"Ja, Lucile! Wir gehen für die Zeit eines Jahres oder länger auf
+Reisen. Wenn wir zurückkehren, erklären wir, daß wir unterwegs dies Kind
+gefunden und in unsere Obhut genommen haben, daß Mitleid unsere
+Triebfeder war--für alles übrige wollen wir die Zeit sorgen lassen."
+
+"Warum stellst du eine so schwere Forderung an meine Liebe, Lavard?
+Lasse das Kind von anderen aufziehen. Durch sie wird--durch deinen
+Reichtum unterstützt--dasselbe erreicht. Der Mutter kann's doch nur um
+das Wohl ihres Kindes zu thun sein. Da sie mittellos und einen
+leichtsinnigen Charakter besitzt, will sie das Kind vor doppelten
+Fährnissen behüten. Das verstehe ich! Aber weshalb ein so ungeheures
+Opfer von mir? Oder ist's dein eigenes Kind?"
+
+"Ja und nein, Lucile! Eben das ist's! Sie, Leonie, behauptet es, obschon
+sie auch Beziehungen zu einem anderen, einem Jongleur hatte. Nun weißt
+du alles, nun verstehst du alles. Sei deshalb so hochherzig, wie ich
+dich schätze. Ist's mein eigenes Fleisch und Blut, dann habe ich
+unabwendbare Pflichten!"
+
+Diese Worte entschieden, ich empfing nicht nur die junge Frau, sondern
+ich war auch später einige Zeit in ihrer Nähe. Wir trafen sie in dem
+französischen Seebade Trouville, wohin sie Lavard zur Kräftigung ihrer
+Gesundheit gesandt hatte.
+
+Während dieser Zeit lernte ich sie nicht lieben, aber doch ihre guten
+Eigenschaften schätzen; auch gab ich ihr das Versprechen, das sie
+verlangte.
+
+Wenig später--das Aufgebot hatte bereits bald nach unserer Verlobung
+Stattgefunden--wurden wir in der Madeleine getraut, unternahmen darauf
+eine fast fünfviertel Jahre andauernde Reise, und begaben uns alsdann,
+mit dem kleinen, inzwischen anderweitig in Kost gegebenen, und nun in
+unsere Hände gelangten Kinde nach Rankholm.
+
+Wir verfuhren auch unseren Bekannten gegenüber, wie wir es besprochen
+hatten. Im ganzen wurde wenig nach dem Kinde gefragt. Nach wenigen
+Monaten war überhaupt nicht mehr von dessen Ursprung die Rede und
+allmählich sah man es als unser eigenes, als Erstgeborenes an.
+
+So war also gelungen, was meines Mannes Wunsch gewesen, und ich muß
+gestehen, daß er mir in den zwölf Jahren, während welcher Zeit wir von
+der Mutter niemals wieder hörten, täglich seine Erkenntlichkeit in
+rührendster Weise an den Tag legte.
+
+Dann aber erschien plötzlich, fast ohne vorherige Anmeldung,
+Mademoiselle Monier, um ihr Kind zurückzufordern, und nun begannen die
+Kämpfe zwischen uns dreien.
+
+Es ist mir wie heute! Ich war im Begriff über den Schloßhof zu
+schreiten, als ein Wagen vorfuhr, auch ertönte gleich darauf schon das
+Läuten der Glocke am Portierhause. Ich aber nahm rasch den Weg in das
+Schloß, betrat meine Gemächer, wartete hier und überließ es meinem Mann,
+Frau von Etienne, wie sie sich nach unserer Abrede nennen sollte, zu
+empfangen.
+
+Auch noch anderes war zwischen mir und Lavard abgemacht. Sie sollte
+womöglich noch an demselben Tage Rankholm wieder verlassen und sich
+nach Oerebye begeben. Dort wollte Lavard mit ihr verhandeln. Ihr
+vorzuenthalten, ihre Tochter schon vorher zu sehen, konnten wir nicht
+über uns gewinnen, aber es sollte lediglich aus der Entfernung
+geschehen. Eine eigentliche Annäherung sollte nicht stattfinden. Wir
+wollten sie bewegen, daß sie uns Imgjor gegen ein ferneres Jahresgehalt
+und gegen eine einmalige Abfindungssumme für immer überlasse. Lucile
+hatten wir schon in der Frühe zu Freunden nach Taxholm gesandt. Sie
+sollte von diesem Besuch überhaupt keine Kunde erhalten. Imgjor bewohnte
+damals mit ihrer Erzieherin dieselben Räume, die sie jetzt inne hat, und
+nur hatten angeordnet, daß sie beide bei Tisch nicht erscheinen sollten.
+
+Dies war nicht auffallend, da solches häufiger geschah. Ich hielt Imgjor
+überhaupt streng, weil ich immer ihrer Mutter Charakter im Auge hatte,
+weil ich immer darauf bedacht sein mußte, des Kindes sehr stark
+ausgeprägten Drang nach Selbständigkeit zu dämpfen.
+
+Diese meine große Strenge hat Lucile, weil sie eine ungerechte
+Ungleichheit der Behandlung darin erkannte, Ihnen gegenüber getadelt,
+Graf Dehn. Sie that es eben, weil sie meine Beweggründe nicht kannte.--
+
+Doch nun zurück zu dem plötzlich erschienenen Besuch.
+
+Ueber eine Stunde verhandelte mein Mann mit Madame Etienne, ehe er sie
+mir in meine Gemächer brachte.
+
+Als Frederik ihr Kommen meldete, klopfte mir das Herz. Ohnehin erregt,
+beschäftigte mich dieses lange Beisammensein meines Mannes mit seiner
+ehemaligen Freundin, nicht wenig. Mir ahnte auch, daß sie
+Schwierigkeiten erhob, unsere Wünsche zu erfüllen. Sicher weigerte sie
+sich, uns ihre Tochter zu lassen, machte die Gewährung von unerfüllbaren
+Forderungen abhängig. Wie berechnend sie war, hatte sie hinreichend
+früher bewiesen.
+
+Ich hatte aber Imgjor wegen ihrer trefflichen Eigenschaften so lieb
+gewonnen, daß ich sie wie mein eigenes Kind liebte. Auch leitete mich
+bei dem Verlangen, sie bei uns zu behalten, die Ueberlegung, daß ihre
+Entfernung den Anlaß zu unliebsamen Redereien geben werde. Wir hassen es
+beide, uns in den Mund der Menge zu bringen.
+
+Endlich wollten wir auch mit dieser Angelegenheit einmal ein Ende haben.
+Ich wünschte insbesondere, daß Lavard dem Einfluß dieser Person, die,
+wie ich stets erfuhr, in all den Jahren noch mit ihm korrespondiert
+hatte, für immer entzogen werde.
+
+Mein Erstaunen maß sich sodann mit meiner Abneigung, als sie mir
+gegenübertrat.
+
+Sie war zwar noch immer blendend schön, aber sie besaß nichts von dem
+Wesen einer anständigen Frau, einer wirklichen Dame. Sie war das
+vollendete Bild einer Halbwelt-Circe. Ihr Kostüm war übertrieben modern,
+stark parfümiert, und lächerlich kostbar. Ihre Arme waren mit Schmuck
+behangen, und hinter ihrem sanft schmachtenden Lächeln verbarg sich
+etwas, das den Weltkundigen nicht täuschte.
+
+Und wirklich besaß sie keine echte Empfindung, ihr Gemüt war verdorrt,
+sie war nichts anderes, als eine kalt berechnende Kokette.
+
+Es wäre somit ein Vergehen gewesen, ihr Imgjor auszuliefern.
+
+Aber sie von diesem Gedanken abzubringen, war noch die geringste
+Schwierigkeit. Der große Reichtum meines Mannes konnte noch größere
+Ansprüche befriedigen, als sie sie erhob und auf deren Erzielung es ihr
+überhaupt nur ankam. Aber sie hatte schon gleich am ersten Tage Lavard
+wieder in solche Fesseln zu schlagen gewußt, daß er völlig Wachs in
+ihrer Hand geworden war.
+
+Er bestritt in heftigen Worten die Berechtigung meiner abfälligen
+Kritik. Er fand es, da sie es nicht wollte, völlig überflüssig, daß sie
+nach Oerebye übersiedelte Er verlangte von mir, daß ich sie wochenlang
+auf Rankholm behalten solle. Sie habe Anrechte auf unsere
+Gastfreundschaft und unsere Rücksicht; man müsse der Mutter für eine
+zeitlang ihr Kind gönnen.
+
+Entsetzliche Tage verlebte ich. Lucile, der ich in der Erregung nicht
+mehr gedacht hatte, kehrte wieder zurück. Imgjor näherte sich der
+schönen und sie umschmeichelnden Madame Etienne, der Gattin des Baron
+von Etienne in Brüssel, als welche sie sich auch Imgjor im
+Einverständnis mit meinem Manne vorgestellt hatte.
+
+Zuletzt war mein Entschluß gefaßt.
+
+In einer Scene, der Lucile zufällig beiwohnte, erklärte ich Lavard, mich
+von ihm trennen und zu meiner Familie zurückkehren zu wollen, wenn die
+Fremde nicht innerhalb achtundvierzig Stunden das Haus verlasse.
+
+Lucile führte, weil ihr Vater ihr beipflichtete, mein Verhalten auf
+Eifersucht zurück. Sie nahm für ihren Papa Partei, schalt mich des
+Mangels an Liebe und des Mangels an Duldsamkeit, und ich litt zehnfach,
+da ich meinem Kinde nicht eröffnen konnte, wie die Dinge standen.
+
+Endlich siegte ich. Ich siegte dadurch, daß ich eine Nacht mit dem
+fremden Weibe rang. Sie wohnte damals in den Gemächern, die jetzt meine
+Tochter Lucile inne hat. Mir ist's in der Erinnerung wie heute. Der Tag
+war grau, kalt und nebelig, so unfreundlich, daß man sich nicht einmal
+zu einem Spaziergang in den Park hinauswagen mochte.
+
+Wir waren deshalb mehr denn sonst und bereits vor dem Frühstück auf
+einander angewiesen, und dieses engere Beisammensein benutzte Madame
+Etienne, um allerlei bisher von mir verhinderte Vertraulichkeiten
+zwischen sich und den Kindern herbeizuführen.
+
+Sie gab sich besonders mit ihnen ab, holte verschiedene wertvolle
+Gegenstände aus ihren Koffern heraus, die sie ihnen, trotz deren
+bescheidenen Abwehr, aufdrängte und forderte sie zuletzt gar auf, sie du
+und Tante zu nennen.
+
+Die Mädchen nahmen dieses als eine Bevorzugung hingestellte Anerbieten
+natürlich an. Und dies du machte beide natürlich freier gegen den Gast,
+namentlich die jüngere Lucile. Infolgedessen ließ diese auch eine
+Aeußerung fallen, die sie sonst sicher nicht gemacht haben würde. Sie
+wies, und schon lange hatte ich dies kommen sehen und mich davor
+gefürchtet, auf die große Aehnlichkeit zwischen Madame und Imgjor hin.
+
+"Ihr seht wie Schwestern aus!" betonte sie lebhaft und richtete auch
+ihre zu meiner Zustimmung auffordernden Blicke auf uns.
+
+In Madame Etiennes Gesicht leuchtete es auf. Ich sah's. Alles, was sie
+irgendwie mit uns in eine nähere Beziehung zu bringen vermochte, danach
+griff sie begierig!
+
+Sie wollte nicht nur die größten materiellen Vorteile daraus ziehen, daß
+sich ihre Tochter bei uns befand, sondern sie strebte,--ihrer
+abenteuerlichen Eitelkeit entsprechend--auch danach, neben uns eine
+gleichberechtigte Rolle zu spielen.
+
+Auf ihre Tochter war sie bald maßlos eitel und überlegte dann, ob sie
+sie doch nicht mit sich nehmen solle, oder sie zeigte eine nicht
+verhüllte, heftige Eifersucht. Dann ergriff sie,--man sah's--ein durch
+die Einsicht in ihre eigene Unwürdigkeit noch mehr geförderter Ingrimm
+gegen ihr eigenes Kind. Dessen reiner Sinn, dessen fester Charakter,
+dessen ungewöhnliche Wahrheitsliebe, dessen Abscheu gegen nichtssagende
+Redensarten, aber auch dessen zutage tretendes Mißtrauen gegen ihre
+aufdringlichen Liebenswürdigkeiten, schufen einen Aerger in ihr, den sie
+nicht bezähmen konnte.
+
+Und eben dieses Gemisch von Gefühlen und Stimmungen, aber vielleicht
+auch die Erwägung, daß es ihren Zwecken förderlich sei, uns in steter
+Unruhe zu halten, verleiteten Madame Etienne an diesem Tage, Luciles
+Aeußerungen aufzunehmen, statt mit einem flüchtigen Wort darüber
+fortzugehen.
+
+Sie sagte überlegen lächelnd:
+
+"So, findest du das? Nun, wer weiß, ob die Etiennes und die Lavards
+nicht, ohne es zu wissen, verwandt sind,--ob sich solches nicht, wenn
+wir einmal gründlich nachforschen,--herausstellen würde--"
+
+Mein Mann warf ihr einen erschrockenen, und weil er in ihren Banden lag,
+flehenden Blick zu. Auch nahm er rasch das Wort und wußte ein anderes
+Thema zu berühren.
+
+Nach Tisch, während wir des Kaffes im Salon warteten, machte sich Madame
+Etienne an Imgjor heran, prüfte eine Handarbeit, mit der sie beschäftigt
+war, lobte die Sorgfalt der Ausführung und fragte sie, ob sie nicht Lust
+habe, sie einmal in Paris, wo sie fürder wohnen werde, zu besuchen. Sie
+habe dort ein sehr schönes Haus, und sicher würde sich Imgjor
+vortrefflich in der Stadt des Vergnügens amüsieren.
+
+Es folgte dann noch eine Beschreibung der Räume und der kostbaren
+Einrichtung, und überhaupt war sie bemüht, Imgjor einen möglichst
+großartigen Eindruck von ihren Einkünften und ihrer gesellschaftlichen
+Stellung beizubringen.
+
+Sie bewies, indem sie diese Mittel anwendete, Imgjors Zuneigung zu
+gewinnen, allerdings eine sehr geringe Fähigkeit, Charaktere zu
+beurteilen. Es war mir unbegreiflich, daß sie nicht erkannt hatte, daß
+dergleichen für dieses ernste, reife und in seinem innersten Wesen
+einfach geartete Wesen gar kein Lockmittel sein werde.
+
+Reichtum und Wohlleben umgaben Imgjor, aber reizten sie durchaus nicht.
+Ihre Pflicht stellte sie stets über das Vergnügen, und auch die Freuden
+des Daseins suchte sie lediglich im Verkehr mit der Natur, mit guten,
+treuherzigen Menschen, in der Pflege geistiger Dinge und im Verkehr mit
+Tieren, mit Vögeln, Pferden und Hunden, die sie zärtlich liebte und
+pflegte.
+
+Tanzen, Kokettieren, den Großen nachzumachen, früh schon die Dame zu
+spielen, sich sinnliche Aufregungen zu verschaffen und den nichtigen
+Vergnügungen nachzujagen, hatte für Imgjor keinen Reiz.
+
+Und demgemäß antwortete sie auch.
+
+"Nein, nein, gnädige Frau. Ich bleibe lieber hier in der Heimat!"
+entgegnete sie nach ihrer Art, kurz und ohne für die durch diese
+Einladung zum Ausdruck gelangte Artigkeit einen besonderen Dank an den
+Tag zu legen. Auch ließ sie absichtlich das "du" und die "Tante" dabei
+außer acht.--
+
+"Meinst du denn nicht, daß es für dich vorteilhaft wäre, neues zu sehen,
+zu lernen, dich zu vervollkommnen, zu erkennen, daß es noch eine andere
+größere Welt giebt, als das Pünktchen Rankholm! Hältst du dich bereits
+für vollendet?" warf die Frau, hämisch im Ton, hin.
+
+Sie vermochte ihren Aerger über diese Unbiegsamkeit, über diese
+offenkundig hervortretende Gleichgiltigkeit gegen ihre Person nicht zu
+bezähmen.
+
+Schier bersten aber wollte sie, als Imgjor, sich äußerlich sanft
+fügend, und nur die Schultern bewegend, einer Antwort auswich.
+
+Sie warf schroff gereizt hin:
+
+"Nun, Kind! Antworte! Hältst du dich für so vollkommen?"
+
+"Nein, gewiß nicht, gnädige Frau. Aber ich möchte Reisen nur in
+Begleitung meiner Eltern unternehmen. Wenn sie nicht dabei sind, wenn
+ich mit ihnen nicht zusammen genießen darf, haben sie keinen Reiz für
+mich!"
+
+Diese Erwiderung klang aus dem Munde einer Dreizehnjährigen recht
+altklug. Sie war nicht artig, aber Inhalt und Form waren zur Belehrung
+über die Stellung, welche Imgjor ihrer Mutter gegenüber einnahm und
+einzunehmen entschlossen war, weise gewählt. Diese ihre Antwort traf
+auch Madame dergestalt, daß sie alle Klugheit außer acht lassend, mit
+boshaft funkelnden Augen herausstieß: "Na ja! Dann mache, wenn du alles
+besser weißt, wie du's willst!" Worauf sie dann Imgjor sitzen ließ, sich
+mit einer gemacht gleichgiltigen Miene zu mir, und als dann grade mein
+Mann in den Salon trat, mit schmeichelnder Liebenswürdigkeit an ihn
+wandte und zu einer Partie Schach aufforderte.
+
+Und was ich, obschon ich mir nichts merken ließ, dann sah, das gab mir,
+neben der Ueberlegung, daß es keine bessere Gelegenheit geben konnte,
+die Stimmung der Mutter gegen ihr Kind zu unserm Vorteil auszunutzen,
+den Entschluß, noch an diesem Tage mit den Dingen unter allen Umständen
+aufzuräumen.
+
+Mit meinem Manne war sie wie eine Braut. Sie sah ihn fortwährend
+zärtlich an, umschmeichelte ihn, und suchte ihn überhaupt immer mehr in
+ihre Netze zu ziehen. Auf mich, auf die Kinder, die ich dann auch
+möglichst bald fortsandte, auf Graf Knut, der zum Plaudern gekommen,
+nahm sie gar keine Rücksicht.
+
+Sie folgte einerseits rücksichtslos ihren eitlen Plänen, nämlich den
+Mann, der einst ihr erlegen, abermals dauernd in Fesseln zu schlagen,
+und andererseits ihrem rachsüchtigen Bestreben, mir möglichst
+unangenehme Empfindungen zu bereiten.
+
+Da ich die Antwort, die Imgjor ihr gegeben, nicht gerügt hatte, wußte
+sie mich einverstanden. Das genügte, um den schon in ihr lodernden,
+heftigen Ingrimm gegen mich noch mehr anzufachen.
+
+Nachdem endlich, nach Verlauf peinlicher Abendstunden, die Uhr elf
+geworden, Graf Knut sich empfohlen, und auch jene sich zum Aufbruch zu
+rüsten anschickten, erklärte ich, noch ausbleiben und Briefe schreiben
+zu wollen.
+
+Mein Mann erhob auch keinen Widerspruch, befahl der herbeigerufenen
+Kammerjungfer, Madame Etienne in ihre Gemächer zu geleiten, und begab
+sich,--mir in der gereizten Stimmung, die ihn während dieser Zeit stetig
+beherrschte, nur eine kühle, gute Nacht wünschend,--ebenfalls in seine
+Räume.
+
+Ich aber that nicht, wie ich vorgegeben hatte, sondern warf mich aufs
+Horchen, und sobald ich hörte, daß die Jungfer sich wieder aus Madames
+Gemächern entfernt, ich auch abgewartet, daß Frederik die Lichter im
+Flur und auf den Korridoren gelöscht hatte, entzündete ich eine
+Wachskerze, schritt an die Thür meiner Widersacherin und klopfte.
+
+Ein lebhaftes: "Wer ist da?" erfolgte.
+
+"Ich, Lucile, bin's! Bitte, öffnen Sie!" gab ich zurück.
+
+"Ah! Sie, liebe Gräfin! Ich komme gleich--"
+
+Und so geschah's. Ich fand sie halb angekleidet, forderte sie auf, mir
+Gehör zu schenken, und setzte mich alsbald ihr gegenüber.--
+
+Alles, was ich auf dem Herzen hatte, sagte ich, nicht gehässig, aber
+entschieden, klar und knapp. Ich betonte, was wir gewollt, was geworden,
+wie sie sich dazu verhalten habe, was sie ohne Zweifel beabsichtigte,
+wie sie meinen Gatten wieder umgarnen wolle und welche beleidigende
+Rolle gegen mich, und welche aussichtslose gegen ihre Tochter sie
+spiele.--
+
+Ich deckte ihr rücksichtslos ihr Inneres auf, baute ihr aber wiederum
+auch Brücken, indem ich sie durch ihre verlorene Jugend zu entschuldigen
+strebte.
+
+Aber ich nahm auch von der Thatsache, daß sie ihres Kindes Herz schon im
+Voraus verloren habe und es bei ihrer Veranlagung, ihren
+Lebensgewohnheiten und Anschauungen nie gewinnen werde, nichts zurück.
+Sodann bot ich ihr, vorher noch betonend, daß ich eher sie oder mich
+töten, als daß ich es--schon um der Kinder willen leiden werde--, daß
+mein Mann zu ihr zurückkehre, eine erhebliche Geldsumme für ihren
+Verzicht auf Imgjor und ihre Nimmerwiederkehr an.
+
+Noch zögerte sie, sie erging sich in einen Schwall von Worten, in denen
+sie sich als eine Heilige, und mich als eine ebenso klein Veranlagte,
+wie thöricht eifersüchtig Geartete hinzustellen suchte. Zuletzt aber,
+als ich ihr einen großen Teil des von mir in die Ehe gebrachten
+Vermögens anbot, unterlag sie ihrer Habgier. Die ungeheure Summe löschte
+alle wirklichen und komödienhaften Regungen in ihrer Seele wie mit einem
+Regenguß aus. Sie nahm auch die von mir als erforderlich hingestellten
+Nebenbedingungen ohne Einwand an. Ich erklärte, ihr die Hälfte gleich
+anweisen, den Rest aber, von dem ihr die Nutznießung der Zinsen werden
+solle, erst nach einer Prüfung von zehn Jahren auszahlen zu wollen. Wenn
+sie sich während dieser Zeit ein einzigesmal meinem Mann oder ihrer
+Tochter ohne meine Zustimmung wieder nähere, gehe sie desselben
+verlustig.
+
+Schon am nächsten Tage verließen wir zusammen Rankholm, und begaben uns
+nach der holsteinischen Stadt Rendsburg. Hier ließ ich nach genauer
+Information einen Rechtsanwalt einen Vertrag in französischer Sprache
+entwerfen, der alle Punkte feststellte, welche zwischen uns vereinbart
+waren.
+
+Nachdem dieser in zwei Exemplaren ausgefertigt war, unterschrieben wir
+ihn beide, reichten uns wie zwei kühle Geschäftsleute die Hand und
+fuhren am folgenden Morgen,--jeder den Abend allein im Hotel
+zubringend,--unseren verschiedenen Zielen zu.
+
+Sie reiste, selig befriedigt, ohne den geringsten Schmerz um ihr Kind,
+nach Paris zurück, und ich trat am Spätnachmittag meinem Manne in
+Rankholm wieder gegenüber.
+
+Ich fand zu meiner glücklichen Befriedigung keinen Zürnenden, sondern
+einen durchaus sanft Gestimmten. Er schloß mich unter der Versicherung
+seiner alten Empfindungen und seines schrankenlosen Dankes für mein
+energisches Verfahren zärtlich in die Arme, erklärte, daß er schon am
+Morgen nach Madames Abreise wieder zur Besinnung zurückgekehrt und jetzt
+förmlich wie erlöst sei.
+
+Der Zauber war gewichen. Geradezu dämonisch hatte sie ihn umstrickt. Als
+ein schwer Kranker war er in diesen Wochen umhergegangen, und als ein
+Neugeborener atmete er auf, als dieses ekle Parfüm, als dieses Girren
+und Werben, als diese auf seine Sinne berechnenden Künste auf ihn nicht
+mehr wirkten.
+
+So, lieber Graf, das ist in großen Zügen der Bericht, aus dem Sie
+ersehen werden, daß Menschen allezeit Menschen bleiben, irren, sich
+gegen ihre Freunde und die Verhältnisse auflehnen, sich aber wieder
+besinnen und je nach dem Wert ihres Ich einen zufriedenen Zustand
+zurückzugewinnen vermögen. Auch ich habe mir mein Glück suchen müssen,
+und ich habe es gefunden, weil ich das Gute erstrebte für ihn, Lavard,
+für das Kind, das ich wahrhaft liebte, und für mich selbst!
+
+Mein Schlußwort soll sein:
+
+Möchte es Ihnen nun gelingen, dieses treffliche, wenn auch zeitweise
+irregeleitete Mädchen heimzuführen, ihr das Glück zu verschaffen, was
+wir ihr alle sehnsüchtig wünschen!"
+
+Graf Dehn hatte mit außerordentlicher Spannung und mit steigender
+Bewunderung den Ausführungen der Gräfin zugehört. Als sie die letzten
+Worte gesprochen, beugte er sich auf ihre Hand herab und drückte einen
+Kuß darauf.
+
+"Ihnen, Frau Gräfin, nahe bleiben zu dürfen, ist fast so viel, wie der
+Wert, einer Imgjor Gatte zu werden--" stieß er warmherzig heraus.
+
+Er suchte bei diesen Worten ihr Auge und sie gab ihm den Blick mit dem
+alten vertieften Ausdruck, der ihr eigen war, zurück.
+
+Und nun wußte er auch ihr Wesen zu deuten, das ihm so oft rätselhaft
+erschienen war. Die Erfahrungen des Lebens hatten ihr Vorsicht
+auferlegt. So empfing ihr Blick etwas Spürendes, ein Bestreben, das
+Innere ihrer Nebenmenschen erst zu durchdringen, bevor sie ihnen ihre
+Zuneigung und ihr Vertrauen schenkte.
+
+ * * * * *
+
+In einem Gehölz, das sich an den Rankholmer Park anlehnte, befand sich
+neben einer Höhe ein kleiner Thalkessel, und in diesem lag einsam,
+idyllisch, umschlossen von hohen, grünen Fichten auf der einen Seite,
+und umzingelt von Buchen, Eichen und dichtem Gebüsch auf der anderen,
+ein blauer, stiller See. Libellen umschwärmten ihn, und tausend andere,
+die Wonnen des Daseins genießende, geflügelte kleine Geschöpfe führten
+schwebende Tänze über seinem silberklaren Spiegel aus. Aber auch eine
+entzückende Flora hatte hier eine Heimstätte gefunden. Immer neue
+Gebilde und Farben entdeckte das Auge, und süße Düfte berauschten die
+Sinne derer, die sich auf den, an den Ufern befindlichen, mit zierlich
+durchbrochenen Rücksitzen versehenen Waldbänken niederließen.
+
+Zur Linken erhob sich ein hoher, von Epheu anmutig umsponnener
+Granitstein, auf dessen glatt polierter Fläche zahlreiche Namen in
+deutscher und lateinischer Schrift eingegraben waren, Namen, deren
+Inhaber sich hier auf diesem Platze im Laufe der Zeiten niedergelassen
+oder mit ihren Herzen gefunden hatten.
+
+Gleichsam ein Zauber zog die jeweiligen Bewohner des Schlosses hierher,
+und ein ähnlicher, heftiger Drang, der Drang nach Vereinsamung leitete
+auch die Schritte des Grafen Axel Dehn, der nun eben--es war um die
+Nachmittagsstunde--aus dem Gehölz hervortrat und sich einer der Bänke
+näherte. Seine Gedanken waren so ausschließlich auf einen Punkt
+gerichtet, daß er mit bewußten Sinnen keinen Eindruck in sich aufnahm,
+daß seine Augen alle die Schönheiten, die ihn umgaben, nur mechanisch
+aufsogen.
+
+Imgjor hatte sich angemeldet und war nun doch nicht gekommen, auch
+fehlte jede Nachricht von ihr. Den ganzen Mittag hatte sich das Gespräch
+darum gedreht, zulegt war man zu der Meinung gelangt, daß sie am Abend,
+den letzten Zug von Norden benutzend, eintreffen würde.
+
+Unerfüllte Sehnsucht macht krank. Von der Höhe der Erwartung
+herabgestürzt zu werden, völlig in Ungewißheit zu schweben, ist für die
+stärksten Naturen ein qualvoller Zustand.
+
+Um der grenzenlosen Unruhe leichter Herr zu werden, war Graf Dehn die
+Treppe zu Imgjors Zimmer hinaufgestiegen. Wie damals hing, obschon
+sorgsame Hände die Räume für die Kommende neuerdings in Stand gesetzt
+hatten, der Schlüssel an dem versteckten Haken hinter der Thür. Graf
+Dehn wagte ihn herabzunehmen und die Gemächer zu öffnen.
+
+Herbstsonnenschein ruhte auf all' den reizenden, unberührten
+Gegenständen, auf den Möbeln und zahlreichen Kleinigkeiten, den
+seidenbezogenen Sesseln, und den seidenen Vorhängen. Ein eigener Duft
+von eingeschlossener Luft und Blumen wirkte berauschend auf die Sinne,
+ein berückender Duft von Imgjors Wesen, einer, der ihren Kleidern meist
+entströmt war, haftete noch in den Räumen. Und zu Seiten standen die
+Flügelthüren zu demselben Gemach offen, in das sie damals ihren kranken
+Hund gebettet hatte. Graf Dehn richtete, sehnsüchtig angezogen, auch in
+dieses einen raschen Blick. Die Tapeten befanden aus rosendurchwirkter
+Seide, die Polsterstühle waren mit weißem Rips bezogen, und alle übrigen
+Möbel trugen eine blitzend weiße, mit zarten Goldlinien geschmückte
+Farbe.
+
+Das Heim einer Prinzessin, aber auch das Heim eines sinnereinen,
+weiblichen Wesens! Nur über dem Ruhelager eines solchen konnte so viel
+saubere, gleichsam unschuldige Schönheit ausgebreitet sein. Und daneben
+ein schlanker, von der Decke bis zur Erde reichender Spiegel in weißer
+Umrahmung und eine Toilette, umzingelt von Gardinen und Spitzen auf
+rosenfarbenem Hintergrunde. Und als Graf Dehn aus dem Fenster schaute,
+lag der Park und lag Kneedeholm vor ihm wie ein Paradies, und hinter
+ihnen blaute der Horizont, und über allem lag ein stillseliger Friede.
+
+War's möglich, daß irgend jemand, noch dazu ein junges, lebensfrohes
+Mädchen, das alles freiwillig aufgegeben hatte, um in schlaflosen
+Nächten neben in Schmerzen stöhnenden Kranken zu wachen, Wunden zu
+verbinden, in schmutzige Hütten zu kriechen, Arme und Elende zu pflegen,
+sich zu gemeinen Dienten zu erniedrigen und den Undank der Masse auf
+seine Schultern zu nehmen?
+
+Wonach Millionen mit den Händen begierig greifen würden, nach einem
+solchen Wohlleben, einer solchen Heimstätte, einer solchen Welt des
+Reichtums, der glücklichen Beschaulichkeit und erquicklichen
+Abwechslung,--das alles hatte sie mit ihrem selbstlosen Herzen als
+unnützen Tand von sich geworfen!
+
+Und doch liebte sie die Genüsse: die Natur, die Musik, die schönen
+Künste, doch saß sie beseeligt auf ihrem Renner und durchflog die
+Gegend, faßte, selbst kutschierend, die Zügel und durchmaß das
+Gutsgebiet mit seinen herrlichen Wäldern, Auen und Seen!
+
+"O, Imgjor, Imgjor, du rätselhafte Seele, du edles, nun doch betrogenes,
+aus dem Weltgetriebe verbittert und krank zurückkehrendes Herz!"
+
+Und niederknieend in diesen, für ihn heiligen Räumen, flüsterte der
+Mann: "Gieb ihr, gütiger Gott, ich flehe dich an, die Ruhe ihres Innern
+und ihre Gesundheit zurück! Schaffe ihr auch ein frohes Genügen hier,
+die Freude am Menschentum im Kleinen, die Einsicht, daß zwar der
+Vernunftbegabte den Sinn auf die Sterne richten, aber danach nicht
+thöricht greifen soll!"--
+
+Während Graf Dehn jetzt hier auf der Bank saß und die Erinnerungen an
+die letzte Begegnung zwischen sich und Imgjor an seinem Geiste
+vorüberziehen ließ, überlegte er die Möglichkeit eines Erfolges seiner
+Werbung oder einer endgiltigen Enttäuschung.
+
+Imgjor Lavard war stillschweigend ausgesöhnt mit den Ihrigen. Alles
+wartete ihrer bis auf den Grafen Knut drunten im Dorf und den mit
+gewohnter Ehrerbietung und Dienstfertigkeit einherschreitenden Frederik.
+
+Die Vögel konnte keine Willkommenskonzerte anstimmen, sie waren schon
+gen Süden gezogen, aber die Lavardschen Fahnen wehten von den Zinnen,
+und von Oerebye war eine Kapelle bestellt, die Imgjor am ersten
+Frühmorgen vom Park aus durch sanfte Töne begrüßen sollte.
+
+Und kam sie nun als eine Geheilte, eine Sehnsüchtige, Friedensuchende,
+oder war doch wieder etwas in ihr aufgequollen, das sie mit der großen
+Welt in Verbindung hielt?! Niemand wußte es in Rankholm, und auch Graf
+Dehn wußte keine Schlüsse auf ihr Herz zu ziehen.--
+
+Langsam wanderte er nach dem Schloß zurück. Jetzt sah er, was um ihn her
+vorging.
+
+Als er aus dem Gehölz heraustrat und sich umblickte, ging die Sonne eben
+zur Rüste und warf solche zauberischen Lichter auf Wald, Wiesen und
+Felder, daß er wie gebannt stillstand. Vom Dorf her tönte das
+Kirchenglöcklein durch die Stille, fröhliches, einmaliges Hundegebell
+erklang, und auch das sehnsüchtige Brüllen nach Hause wandernder Rinder
+schlug an sein Ohr.
+
+Das waren die Laute des Landes!
+
+Erst um die Dämmerstunde gelangte er wieder in das Schloß.
+
+Als er das Innere betrat, war's ihm auffallend, daß Frederik und zwei
+der Diener an Gepäckstücken vor der großen Treppe beschäftigt waren und
+daß die Thür zur Halle offen stand.--
+
+"Wer ist's, Portier? Die Komtesse?".
+
+"Ja! Zu Befehl, Herr Graf!"
+
+Axel flog die Stufen empor. Sie schon da und er nicht anwesend!
+
+Sturmschnell betrat er die Hintergemächer. Lautes Sprechen drang aus
+dem Kabinett der Gräfin, demselben, das er damals bei dem ersten Besuch
+mit klopfendem Herzen betreten hatte.
+
+Und wieder klopfte es heute aus anderen Gründen so ungestüm, daß ihm
+plötzlich die Kraft fehlte, jetzt, in diesem Augenblick--Imgjor
+gegenüberzutreten.
+
+Leise schlich er sich wieder aus dem Zimmer fort, eilte in seine
+Gemächer, riß die Fenster auf und holte tief, tief Atem.
+
+So verharrte er wohl zehn Minuten.
+
+Und dann hörte er Geräusch auf der Treppe, Luciles und Imgjors Stimmen,
+und dann sagte die letztere:
+
+"Nein, nein--danke, liebste Lucile! Ich habe ja alles; auch bei
+Kofferauspacken brauche ich keine Hilfe--in fünf Minuten bin ich wieder
+bei euch.--Lasse nur anrichten, daß Papa nicht länger zu warten
+braucht!"
+
+Und nun Schritte--ihre Schritte empor!
+
+Ah, wie ihm das Herz hämmerte,--wie die Glieder flogen, wie ihn alles zu
+ihr hintrieb!
+
+Und als sie dann im Begriff stand, den vor seinen Räumen sich dehnender
+Vorflur zu betreten, und nun eben emporeilen wollte, öffnete er die
+Thür, zog ihre Gewalt mit seinen sehnsüchtigen Augen an sich
+und--stürzte an ihr nieder.
+
+"Imgjor! Imgjor!" bracht aus der heißarbeitenden Brust. Im Nu hatte er
+sie umschlungen und geleitete sie in sein Gemach.
+
+Und als sie dann dort einander in die Augen schauten und ihm die Worte:
+"Liebst du mich, Imgjor?" aus der trunkenen Brust zitterten, da riß sie
+ihn an sich.
+
+"Ach--du fragst--teurer Mann! Hier, hier, dein Kind, deine Demut, deine
+bezwungene Liebe! Hier deine Imgjor, geheilt, zurückgegeben der Vernunft
+und dem, den sie liebte, trotz aller Auflehnung und aller Schroffheiten
+beim ersten Sehen!"
+
+Und der berauschte Mann stöhnte auf und zog das blasse, schöne Geschöpf
+an das Fenster.
+
+"Hier vor Gottes unvergänglicher Natur schwöre ich dir, daß ich dich zu
+beglücken suchen werde, wie kein Mann je ein Weib zuvor! Und ist's denn
+wirklich Wahrheit? Du bist es selbst, du kehrst bekehrt zurück, du,
+Imgjor Lavard?"
+
+"Ja, mein Freund! Bewahrheitet hat sich an mir des Dichters Wort:
+
+ Wie Ueberfüllung strenge Fasten zeugt,
+ So wird die Freiheit, ohne Maß gebraucht,
+ In Zwang verkehrt!
+
+Hier in diesem Eden der Schönheit und des Friedens, hier bei denen,
+deren hohen Wert ich erst durch die Erfahrungen und Vergleiche erkannte,
+wollen wir leben, wirken und streben, wollen wir uns--und anderen leben!
+Und nun küsse mich noch einmal, und dann will ich vor dir niederknieen
+und deine Hände voll Dank berühren, daß du einen solchen Reichtum an
+Nachsicht und Geduld mit deiner--deiner Imgjor gehabt!"
+
+Und sie that, nachdem er sie umschlungen, wie sie gesprochen, und dann
+hob er sie empor und trug sie auf den Armen zu ihren Gemächern empor.--
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Grevinde, by Hermann Heiberg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GREVINDE ***
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
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+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
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